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Lieutenant
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Noch so ein Sieg, und wir sind verloren…
Der gewaltige Kreuzer ragte wie eine uneinnehmbare Festung vor dem kleinen Shuttle auf. Seine Flanken waren von Gefechtsschäden zernarbt, vor allem in der Bugsektion. Einzelne Geschütztürme waren nur noch geschmolzene Ruinen, rußgeschwärzt dort, wo austretende Luft kurzzeitig Nahrung für Feuer geboten hatte. Doch die verbleibenden Türme rotierten wachsam, bereit, beim geringsten Anzeichen von Gefahr erneut brutal zuzuschlagen. Und die gewaltigen Triebwerke schoben den kampfgezeichneten Giganten unvermindert durch die lichtlose Schwärze. Der Kreuzer nahm sich nicht die Zeit, zu stoppen, um seine „Kinder“ aufzunehmen. Die terranische Flotte musste sich absetzen, denn noch war nicht gewiss, ob die Akarii ihnen nicht doch folgen würden. Die meisten Schiffe hatten sich verschossen, waren beschädigt, hatten Tote und Verluste zu beklagen. Da musste jeder sehen, wo er blieb. Obwohl First Lieutenant Robert Stanford normalerweise zu einer gewissen Skepsis gegenüber Vorgesetzten neigte – zumindest so lange die ihn nicht hörten – zeigte er sich von dem Anblick gebührend beeindruckt: „Möchte wetten, der alte Mann ist immer noch auf der Brücke. Den werden die Akarii vermutlich ein halbes Dutzend Mal töten müssen, damit er ihnen nicht mehr auf die Nerven geht.“ Ihm wurde klar, wie pathetisch nassforsch das klang, und er räusperte sich etwas peinlich berührt. Doch seine Untergebene schien diesmal nicht hinzufügen zu wollen. Vermutlich war sie sogar froh, das er etwas sagte. Ihnen beiden lastete noch die Erinnerung an den letzten Verlust der Schwadron auf der Stimmung. Die Repulse war zerstört wurden, während der Rückzug schon lief, kurz vor dem rettenden Sprung. Sie war nicht so lange wie viele andere Kreuzer Teil des Geschwaders gewesen, aber dennoch war der Tod jedes der so unbezwingbar wirkenden Ungetüme ein schwerer Schock. Er zwang dazu daran zu denken, dass auch die eigene Heimat vielleicht eines Tages diesen Weg gehen würde.
Der Pilot wandte sich etwas verlegen wieder seinen Pflichten zu. Das Andockmanöver war ein vielfach geübter Vorgang, den er mehrfach auch unter Beschuss hatte durchführen müssen. R-3 setzte behutsam auf dem Landedeck auf. Der Hangar der Relentless wirkte ein ganzes Stück leerer als sonst. Er war viel kleiner als der eines Trägers, doch er musste ja normalerweise nur ein Dutzend Shuttles aufnehmen. Und heute würden drei der kleinen Schiffe fehlen, abgeschossen im Kampfeinsatz, beim Betanken, Bergen und beim Dienst als Aufklärer und Kommunikationsrelais. Ein viertes hatte man aufgeben müssen, zu gefährlich wäre die Landung geworden, mitten in der Schlacht. Und nicht jede Besatzung hatte aussteigen können und war aufgesammelt worden. Damit hatte die Shuttleschwadron ein Drittel ihrer Einsatzstärke verloren.
Der Schwadronschef hatte gewartet, bis die letzte seiner Maschinen gelandet war, bis er über den letzten seiner Untergebenen Auskunft erhalten hatte – wer verletzt, wer verschollen und wer an Bord eines anderen Schiffes gebracht worden war. Sebastian Lefranque war ein erfahrener Kommandeur, und sein Posten an Bord der Relentless hatte ihn dazu genötigt, sich an harte Einsätze zu gewöhnen. Der Kapitän des Schiffes hatte vom ersten Tag an klargemacht, dass er von seinen Untergebenen nie mehr erwarten und fordern würde, als von sich selbst – doch das war das Äußerste. Dennoch, es wurde niemals wirklich einfach. Nicht, wenn man nur für ein paar Dutzend Leute zuständig war, wo jedes fehlende Gesicht sofort auffiel. Doch ein Kommandeur bewies sich nicht allein daran, dass er sich um seine Leute sorgte, dass er sie in die Schlacht führte und dass seine Untergebenen wussten, dass sie sich auf ihn verlassen konnten. Er musste auch ein Anker und Rückhalt für sie in der Niederlage sein, jemand, der das Unerträgliche bewältigen half. EINEN Vater – oder Mutter – musste auch die Niederlage haben. Der Schwadronschef der Shuttles hatte diese Fähigkeit. Wie den meisten anderen Offizieren war sie ihm nicht in den Schoß gefallen. Er hatte sie sich erarbeitet, als er sich Schritt für Schritt hochgedient hatte. Er hatte seine Untergebenen Stolz eingeimpft, was sie als kaum gerühmte Arbeitspferde dringend nötig hatten, hatte sie angetrieben und hatte mit ihnen an den Siegen und Rückschlägen dieses Krieges teilgehabt. Heute war einer der schwereren Tage. Leider hatte es dieser Krieg an sich, dass man sich langsam an solche Tage gewöhnte, denn sie waren mindestens so häufig wie Augenblicke der Freude und des Triumphes. Zumindest fühlte es sich so an.
Dennoch hatte er für jeden seiner Untergebenen ein Schulterklopfen, ein paar Worte. Vor allem ließ er sich nicht anmerken wie es in ihm wirklich aussah. Das bedeutete nicht, dass er keine Gefühle hatte oder keine zeigte. Er zeigte Ernst, wo es nötig war, auch Trauer, und er musste sie nicht einmal heucheln – aber er ließ keine Verzweiflung spüren. Ein guter Kommandant musste wie ein Zerrspiegel sein, in dem der Untergebene stets das Gefühl, die Regung oder das Bild erblickte, das er brauchte, um als Teil der Kriegsmaschinerie weiter zu funktionieren.
So war sein Gesichtsausdruck zwar ernst, aber nicht niedergeschlagen, als R-3 als letztes aufsetzte. Er wartete, bis die zwei Besatzungsmitglieder ausstiegen. Der Pilot salutierte müde, und wie immer war nicht ganz einfach zu sagen, ob das ironisch oder ehrlich gemeint war. Die Stimme von Robert Stanford klang bei aller Zackigkeit schleppend und etwas schwerfällig: „R-3 meldet sich zurück. Ein bestätigter Abschuss, Deltavogel, vier feindliche Marschflugkörper zerstört. Attestiert bei einem Abschuss eines Shuttles. Bewaffnung zu 50 Prozent ausgefallen, Triebwerkschäden. Geschätzte Reparaturzeit 24 Personenstunden mindestens. Keiner ernsthaft verletzt.“ Der Commander grinste schief – er war so gut, dass es direkt echt wirkte: „Das hast du wohl schon ein paar Mal geübt? Das Strammstehen spar dir mal für die Siegesfeier.“ Er ließ sich seine eigene Erschöpfung ansehen – das verband ihn mit seinen Untergebenen. Und sein Lob klang noch einmal so ehrlich: „Das war heute gute Arbeit da draußen, von euch beiden. Ihr habt euch schon für die erste Schlacht eine Belobigung verdient, doch zusammen mit dem hier…nun warten wir ab, was der Alte dazu sagt.“ Maria Hernandez strahlte breit. Als Second Lieutenant war sie Lob nicht gewöhnt, außerdem wollte sie ja nicht immer auf diesem Rang stehen bleiben. Und sogar ihr Pilot wirkte aufrichtig dankbar für die moralische Streicheleinheit. Er wurde aber schnell wieder ernst: „Wen haben wir verloren?“ Der Staffelchef schüttelte leicht den Kopf: „Peter und Chong haben es nicht geschafft, als die Akarii sie abgeschossen haben. Katharina ist auf der Krankenstation gestorben. Helena, Osku und Stiv sind verletzt, aber das wird wieder. Wir haben vier Shuttles verloren, aber sie machen die anderen sicherheitshalber wieder einsatzbereit.“ Maria zog eine Grimasse, wie eine Maske eingefrorener Gefühle, die nicht durchbrechen durften. Katharina Calapan war ihre Freundin gewesen. Kriegsfreundschaften beinhalteten immer das Wissen darum, dass es morgen schon vorbei seien konnte. Doch deshalb tat es nicht weniger weh. Ihre hasserfüllte Miene war nur der Versuch, keine Tränen zu zeigen. Ihre Stimme klang kratzig von der Mühe, ein Zittern zu unterdrücken: „Ich hatte ja so etwas vermutet, als ihre Maschine getroffen wurde. Aber ich hatte gehofft…“ Lieutenant Commander Lefranque wollte etwas sagen, doch er schwieg, als er sah, dass Robert Stanford seiner Copilotin bereits den Arm um die Schulter legte. Er sagte nichts, denn Worte halfen in so einer Situation wenig. Seine Untergebene hatte ihm in einem ähnlichen Fall den gleichen Dienst erwiesen. Tränen waren keine Schande, doch viele – auch Robert Stanford und seine Copilotin – hatten dennoch Schwierigkeiten, ihnen freien Lauf zu lassen. Lieber ein Zähnfletschen, als ein Schluchzen. Und das galt für Frauen wie für Männer.
Schweigend verharrten die drei einen Moment. Dann räusperte sich der Staffelchef: „Sieht nicht so aus, als ob die Echsen uns folgen werden. Aber sicher sind wir noch nicht. Ruht euch etwas aus – dann wieder Einsatzbereitschaft halten. Mithel hat durchgeben lassen, wenn die Akarii hinterherkommen, will er alles draußen haben, was schießt und fliegen kann – und wenn es eine Wartungskapsel mit Schweißlaser ist.“ Er lächelte schief: „Kein Mann für halbe Sachen oder Kapitulation, der Commodore.“ Maria Hernandez schnaubte scharf, eindeutig ein Versuch, ihrer Gefühle wieder Herrin zu werden: „Ist er nicht der einzige hier!“
Der Staffelchef schüttelte den Kopf, aber sein Tonfall war noch immer respektvoll, als spräche er nicht mit Untergebenen: „Für heute genug Heldentaten vollbracht – das Flying Cross ist euch ohnehin sicher. Ruht euch aus – das ist ein Befehl.“ Mit einem letzten halb trotzigen, halb traurigen Nicken, drehte er sich um und ging. Er vermisste es, dass es keinen gab, der ihm Halt bot, wie er für seine Untergebenen da sein konnte und musste. Aber dies war der Preis des hohen Ranges. Dann schritt er über das fast verwaist wirkende Hangardeck davon.
First Lieutenant Robert Stanford unterdrückte ein Gähnen. Er musterte beinahe liebevoll das kampfgezeichnete Shuttle, das ihm in der Schlacht so gute Dienste geleistet hatte. Wie seine Untergebene hatte er den Helm abgenommen. Mit seinem schweißnassen Haaren und dem von Erschöpfung gezeichneten Gesicht bot er nicht gerade einen beeindruckenden Anblick. Aber er hatte schnell ein Stück weit seine gute Laune wiedergefunden. Ungeachtet der hohen Verluste gab es wenigstens etwas, dass Grund zur Freude gab. Er selbst lebte, seine Untergebene lebte auch, und vor allem ließen die Akarii bisher kein Anzeichen erkennen, an diesem Zustand demnächst etwas ändern zu wollen. Der Tod seiner Kameraden, das Schicksal des Jägerpiloten, den er hatte zurücklassen musste – sie ließen ihn nicht kalt. Doch er hatte gelernt, wie man den Schmerz irgendwo wegschloss, an eine Stelle, die man ignorieren konnte. Sie alle hatten das gelernt, oder waren daran zerbrochen. Im Moment gab er sich aufgeräumt, auch weil er annahm, dass seine Untergebenen Aufmunterung brauchte – oder einen Grund, auf ihn wütend zu sein, denn das war immer noch besser als Verzweiflung: „Ein Stück weit werde ich es vermissen, wenn ich das nächste Mal wieder als Weltallkutscher und Sanifahrer hinaus muss. Ist schon ein anderes Gefühl, mit so einer gepanzerten und bewaffneten Mühle zu fliegen. Und Akarii zu grillen.“ Seine Untergebene verzog ihre Lippen nur zu einer Grimasse, doch ihre Worte deuteten darauf hin, dass sie sich langsam wieder in den Griff bekam: „Wir haben doch beides oft genug gemacht, aber du spulst diese Platte beinahe jedes Mal ab, nachdem wir einen scharfen Einsatz hatten. Ist das wieder so ein Männer-und-ihr-Spielzeug-Ding? Je mehr Waffen, desto besser? Was habt ihr bloß alle auszugleichen?“ Ihr halb liebevoll, halb hämischen Grinsen zeigte deutlich, dass sie ganz eigene Vorstellungen über die Kompensationsfunktion von Shuttles für ihre männlichen Kollegen hatte. Der Pilot gab sich empört: „Du solltest nicht immer diese billigen Amateurpsychologiemasche abziehen. Ich bin einfach ein paar Mal zu oft in den Hintern getreten worden. Im Zweifelsfall trete ich lieber selber zu, direkt in den Echsenarsch.“ Als ihm aufging, warum seine Untergebene auf einmal doppelt so breit grinste, hob er die Hände in eine Geste der hilflosen Kapitulation: „Es würde ja wohl nichts bringen zu versichern, dass dies keine sadoreptiloerotische Wunschvorstellung ist.“ Maria Hernandez lachte nur schallend. Er wartete, bis sie sich beruhigt hatte, was eine Weile dauerte, vor allem, da sie sofort wieder loslachte, wenn sie einen Blick auf ihn warf. Aber schließlich hatte sie sich wieder weit genug gefasst. Es war beinahe grotesk zu beobachten, wie schnell die Gefühlslagen vieler Piloten nach einem Einsatz wechselten, so als ob ihre Psyche versuchte, mit Hochtouren die Eindrücke zu verarbeiten oder zu verdrängen.
Der First Lieutenant wartete, bis seine Copilotin schwieg und nur noch leicht vor sich hingrinste. Robert Stanfords Stimme klang mit einem Mal beinahe schüchtern, ein verdächtiges Zeichen, vor allem da er nicht verlegen war, ihr direkt ins Gesicht zu blicken: „Erinnerst du dich, was ich zu Anfang der Schlacht gesagt habe?“ Sie wusste es offenbar in der Tat noch. Erstaunlicherweise wurde seine Untergebene sogar rot, aber ob vor Verlegenheit oder aus Wut, das war schwer zu sagen. Ihre Antwort ließ allerdings an Schärfe nichts zu wünschen übrig: „Wenn ich mir jeden Unsinn merken würde, den du vor, während, nach oder zwischen einer Schlacht und der nächsten von dir gibst, müsste ich mehr Speicherplatz als der Hauptcomputer der Relentless haben! Inzwischen habe ich gelernt, das meiste einfach auszublenden.“ Der First Lieutenant lachte: „Dein Ausbruch zeigt mir, dass du genau weißt, was ich meine, sonst würdest du nicht so in die Luft gehen. Du wirst doch jetzt nicht kneifen wollen?“ Die Copilotin zog ein abwehrendes Gesicht: „Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich die MÖGLICHKEIT eingeräumt habe, dich nicht krankenhausreif zu prügeln. Das war ja wohl keine Wette oder Versprechen!“ „Na, aus deinem Mund ist das doch praktisch eine Einladung.“ Der Gesichtsausdruck von Maria Hernandez zeigte deutlich, wie unbehaglich sie sich fühlte – immerhin an sich bereits eine Besonderheit, wenn man bedachte, dass ein Gefecht gegen Jäger sie nicht sonderlich aus der Ruhe brachte. Ihre Stimme klang unsicher: „Robert, ich denke nicht…“ Doch ihr Vorgesetzter schnitt ihr einfach das Wort ab, wenn auch in freundlichem Tonfall: „He, du kannst es mir hinterher doch immer noch heimzahlen, oder?“ Die Gefühle im Gesicht seiner Untergebenen waren unmöglich zu deuten. Sie wirkte alles andere ein einladend, aber weder versuchte sie davonzulaufen, noch erhob sie die geballten Fäuste. Sie stand stocksteif mit dem Rücken zum Shuttle und rührte sich nicht. Ebenso regungslos blieb sie – sah man von den Atemzügen ab – als Robert Stanford sich über sie beugte. Im letzten Augenblick schloss sie die Augen, ob als Geste der genervten Resignation oder Einverständnis, das war unmöglich zu sagen.
Ihre Lippen berührten sich nicht einmal. Stattdessen streifte der Pilot nur ganz leicht ihre Wange. Ein Begrüßungskuss unter Freunden oder auch höchstens flüchtig bekannten Menschen hätte nicht harmloser und unschuldiger seien können, als dies. Dann wich er einen Schritt zurück. Die junge Pilotin riss die Augen abrupt wieder auf und starrte ihren Vorgesetzten an. Der grinste nur leicht – nicht etwa arrogant, einfach so, als habe er gerade einen Witz gemacht, auf ihre wie auf seine eigenen Kosten, wie es gelegentlich seine Art war.
„Enttäuscht?“ säuselte er spöttisch, nur um hinzuzufügen: „Ich würde doch nie die ausgestandene gemeinsame Todesangst und die Erregung des Kampfes missbrauchen, um mit dir vor allen Augen im Hangar rumzuknutschen – dafür halte ich denn doch zu große Stücke auf dich. Und auf mich übrigens auch.“ Maria Hernandez erwiderte nichts. Sie starrte ihn nur einen Moment an, dann entgegnete, als sei nichts vorgefallen: „Wir treffen uns in fünf Stunden hier – oder wenn die Echsen vorher eintreffen. Und damit machte sie sich davon. Robert Stanford genoss noch für einen Moment den Anblick, den sie bot – obwohl sie eckig wie ein Soldat im Paradeschritt marschierte, bevor er sich auf den Weg zu seinem Quartier machte. Sonderbarerweise grinste er die ganze Zeit, als hätte er einen Sieg errungen.
Krankenstation Columbia
First Lieutenant Ina „Imp“ Richter hatte wirklich einen harten Tag hinter sich. In den letztern 48 Stunden war ihre beste Freundin verletzt worden, sie hatte sich mit besagter Freundin gestritten, sie dann beinahe wirklich verloren, zwei Piloten waren unter ihrem Kommando gefallen, und einen dritten hatte man zurücklassen müssen. Mehrere andere Staffelmitglieder wiesen leichtere Blessuren auf. Von einem miesen Tag zu sprechen, war eigentlich ein Fall von krassem Understatement. Aber dennoch hatte sie die Kraft, breit zu grinsen, wohl eine Folge ihres immer noch relativ sonnigen Gemütes – vor allem verglichen mit ihrer Vorgesetzten. Im Moment grinste sie, weil ein weiteres verlorenes Schaf zur Herde zurückgefunden hatte. Vor ihr lag Second Lieutenant Evan Harold „Knight“ Alexander in einem Bett der eigentlich voll belegten Krankenstation. Was ein Wunder war, bedachte man, wie gesund er wirkte, abgesehen von den üblichen Anzeichen von Erschöpfung, nervlicher Anspannung und in diesem Fall akuter Unterkühlung. Aber wenn man alle Leute mit ähnlichen Problemen ins Bett gesteckt hätte, wäre an Bord der Columbia momentan wohl nicht mal mehr eine Rumpfcrew übrig geblieben.
„Ich kann einfach nicht verstehen, wie und warum du von der Lady Kong ´rübergekommen bist.“ Meinte sie.
Knight grinste schwach: „Einfach Bestechung. Ich rieche so was zehn Lichtjahre gegen den Sonnenwind, welchem Sani ich nur etwas vorspielen, vorjammern und versprechen muss. Und schon bin ich nicht mehr kv und werde auf die Columbia abgeschoben. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja noch nicht, dass die alte Dame so schwer getroffen ist.“ Er verzog die Mundwinkel noch etwas mehr: „Immerhin habe ich hier meine Klamotten – was meinst du, wie lange das braucht, bis ich die nachgeschickt bekäme, wenn man mich jetzt mitgenommen habe. Und ich will meines Lebenslauf nicht schon wieder einem neuen Dutzend Typen erzählen müssen, wenn man mich einer neuen Staffel zuteilt.“ Er wurde ernst: „Außerdem ist der Zossen hier meine Heimat – und es bringt Unglück, wenn ein einzelner aussteigt.“ Imp lachte nur, froh, nicht noch ein bekanntes, wenngleich noch nicht allzu vertrautes, Gesicht zu verlieren: „Dann schaue ich mal, dass ich dich hier loseisen kann. Der Onkel Doktor ist zwar momentan wegen vorzeitiger Entlassungen von Leuten der Staffel Grün etwas pingelig, aber noch grantiger dürfte er werden, wenn er rauskriegt, dass du dich zu Unrecht in einem Bett breitgemacht hast.“ Auch sie wurde ernst, wenn auch nur halb: „Keine schlechte Arbeit da draußen, auch wenn dein eigener Jäger Schrott ist. Schön zu wissen, dass du es trotz Etappendienst noch drauf hast.“ Sie feixte breit: „Aber da dein Erlebnis als eigener Abschuss gilt, erwarte ich, dass du dich demnächst bei La Reine meldest. In unserer Staffel wird nicht vor Wettschulden gekniffen.“ Der ehemalige Bewährungspilot schnitt eine Grimasse: „Ich wusste ja nicht, dass es schon SO herum ist. Aber okay…Mama.“ Imp lachte noch einmal hell auf, ehe sie das Zimmer verließ. Natürlich war es unfair, zu lachen – angesichts dieser Verluste. Der Tod von Vasco… nun, sie hatte mit dem Piloten ihre Schwierigkeiten gehabt, wie jede Frau, die ihm vorgesetzt war. Aber dennoch, dass er einfach nicht mehr da war… Und Dragon, der war schon so etwas wie fester Teil der Staffel gewesen. Aber Spirfire vor allem, der war schon richtig lange mit von der Partie. Und jetzt wusste sie nicht einmal, ob er es geschafft hatte, würde es vielleicht auch nie erfahren. Vor allem, die Gefangenschaft bei den Akarii war alles andere als eine leichte Sache. Die Echsen hatten in der Hinsicht einen sehr schlechten Ruf. Aber sie hätte nichts tun können, so sagte sie sich zumindest. Jäger waren nicht dazu gebaut, Piloten zu bergen – und zu dem Zeitpunkt, an dem ihr klargeworden war, dass es für Spitfire kein Shuttle geben würde, war die Flotte schon in vollem Rückzug gewesen. Es war einfach keine Zeit gewesen – und sie hatte auch nicht das Recht gehabt, etwas zu versuchen, was zwei oder mehr Menschen mit ziemlicher Sicherheit den Tod gebracht hatte. „Wir lassen keinen Mann zurück“, das war seit jeher nicht mehr als eine Absichtserklärung gewesen, nie eine Garantie. Oft nicht einmal so viel, sondern nur eine leere Worthülse. Doch das machte es nicht leichter.
Sie wusste nicht, dass die bemühte Fröhlichkeit aus Knights Gesicht abfiel, sowie sie den Raum verlassen hatte. Der Pilot fühlte etwas, was er gewöhnlich nicht kannte – ein schlechtes Gewissen. Natürlich, er war auch zur Columbia zurückgekehrt, weil er sich hier halbwegs akzeptiert fühlte, selbst von dieser Schreckschraube von Staffelchefin, die ihm Direktiven für sein Privatleben aufstellte. Aber er war nur nicht deswegen zurückgekehrt, oder aus anderen vergleichsweise akzeptablen Gründen. Er hatte geahnt, dass die Hongkong wieder in den Einsatz gehen würde, die Columbia aber – deren schwere Beschädigung auf der Krankenstation des kleineren Schwesterschiffes schnell die Runde machte – eine längere Werftliegezeit vor sich hatte. In dem Moment, in dem er zu dieser Schlussfolgerung gekommen war, hatte er alles in seiner Macht liegende getan, um wieder auf sein Schiff verlegt zu werden. Er wusste, er war einfach nicht bereit, so bald wieder in den Einsatz geschickt zu werden. Nicht nach diesem Kampf und seiner Zeit im Anzug „draußen“. Er akzeptierte die Gefahr des Fliegens, aber dieses Ereignis hier war etwas anderes gewesen. Vor allem, als zunächst keiner gekommen war, um ihn einzusammeln. Die Aussicht, vielleicht auf ewig zu treiben, oder von den Akarii aufgesammelt zu werden… Er brauchte nur daran zu denken, und der kalte Schweiß brach ihm aus, sein Puls raste und die Zähne klapperten. Der Gedanke, in einer Woche wieder hinauszumüssen, war unerträglich gewesen. Deshalb hatte er alle Register gezogen. Nicht nur Überredungskunst und eine dezente kleine Bestechung – er war noch etwas weiter gegangen. Knight kannte auch ein paar Tricks, wie man erheblich schlechter aussah, als man sich wirklich fühlte. Tricks, die auch die Temperatur und Herzschlag ausreichend beeinflussten, ohne gleich als Manipulationen aufzufallen. Er hatte sich das in seiner Grundausbildung angewöhnt und seitdem sparsam eingesetzt. Sein Gefängnisaufenthalt hatte ihm weitere Übung verschafft. Aber seit Kriegsausbruch ging es bei so etwas nicht mehr nur um eine Rüge oder ein paar Tage Arrest. Jetzt konnte man im ungünstigsten Fall als Simulant und Feigling vor dem Feind behandelt werden. Nun, so wie es gerade aussah, hatten die Ärzte zu viel zu tun, um sich auch noch darum Gedanken zu machen. Er machte sich keine Vorwürfe wegen seiner Simulation. Aber Imp, die ja eigentlich eine nette Kameradin war, anzulügen… nun, das fiel nicht einmal ihm leicht.
Vor dem nächsten Zimmer verlangsamte Imp, die von den Problemen Knights keine Ahnung hatte, ihren Schritt. Das war zwar vermutlich unnötig, aber sie bemühte sich, so leise wie möglich auszuschreiten. Die Tür glitt leise auf, und sie schlüpfte hinein. Der Raum war in Zwielicht getaucht, das Piepen und Fauchen zahlreicher Maschinen übertönte vollständig die Atemzüge der Insassen. Es waren ohnehin zumeist sehr schwache Atemzüge. Hier lagen größtenteils schwere Fälle, sediert, zum Teil künstlich in ein Langzeitkoma versetzt, vollkommen abhängig von den Maschinen, die sie erscheinen ließen, als seien sie selbst Teil der Apparaturen, nicht umgekehrt. Sie warf nur einen flüchtigen Blick auf die Schlafenden in den anderen Betten, bevor sie zu der Patientin, wegen der sie hergekommen war. Lilja wirkte – wie immer – im Schlaf wesentlich entspannter und auch freundlicher, als sie es im Wachen für gewöhnlich war. Ihre Wachsamkeit, das Abweisende, Unterkühlte, mit dem sie die meisten Menschen von sich fernhielt und ihre eigene Autorität unterstrich, war gänzlich verschwunden. Jetzt sah man, dass sie im Grunde nicht viel älter war als viele ihrer Untergebenen und jünger als einige. Fixiermanschetten verbanden sie mit dem Bett. Imp verzog ihre Lippen zu einem zynischen Lächeln. Sie persönlich hatte Lilja für ihr leichtsinniges Verhalten geradezu angegiftet, aber wenn man genau hinschaute, machte sich der Schiffsarzt mit seiner Reaktion in ihren Augen nur lächerlich. Er konnte seine Patienten, die immer wieder ihre Haut zum Markte trugen, wohl kaum mit Appellen an ihre Gesundheit überzeugen – denn sonst hätten sie sich einen anderen Beruf gesucht. Vor allem war seiner Autorität Grenzen gesetzt. Im normalen, alltäglichen Leben waren diese Piloten, besonders wenn es um solche wie Lilja ging, Offiziere. Und das wog schwer in einem Militär wie der TSN. Den Doktor als eigenständige, autonome Person an Bord eines Raumschiffes, auch in der Lage, dem Kapitän in einer Notlage Paroli zu bieten – das war etwas für Science-Fiction-Filme, in der Realität war es etwas ganz anderes. Ein wirklich dauerhaftes Zerwürfnis zwischen einer Staffelchefin und einem Arzt, das war wirklich keine gute Idee. Das Problem war eben, dass Lilja mit Vorliebe mit solchen Leuten zusammenrasselte, die so stur waren wie sie selbst. Natürlich, denn wer das nicht war, der ging einer Auseinandersetzung mit ihr lieber aus dem Weg. Nun, blieb abzuwarten, wie es in diesem Fall ausging.
Die Russin hatte großes Glück gehabt. Ihre Verletzung war durch die Belastungen des Raumkampfes erheblich kompliziert worden. Die Fliehkräfte und Erschütterungen des Raumkampfes hatten inneren Blutungen und weiteren Verletzungen verursacht, vor allem da die Drogen, die Lilja zusätzlich eingeworfen hatte, ihr Nervensystem zusätzlich durcheinander gerüttelt hatten. Einige der Mittel erhöhten auch die Blutzirkulation, keine gute Idee für jemanden in Liljas Zustand. Sie hatte fast so etwas wie einen Zusammenbruch gehabt, ihr Bein war in Gefahr gewesen. Aber inzwischen war sie stabilisiert und befand sich auf dem Weg der Besserung. Allerdings war das eine lange Straße, und es half nicht gerade, dass Lilja meinte, regelmäßig rennen zu müssen, wenn sie auf ihr schritt.
Imp gönnte sich einen zitternden Seufzer. Manchmal fragte sie sich wirklich, warum sie sich ausgerechnet mit jemand hatte anfreunden müssen, der nach außen nach Möglichkeit so viel Gefühle wie ein Eisblock zeigte, nach innen eine Menge psychischer Probleme mit sich herumschleppt und mit der eigenen Gesundheit umging, als hätte sie mindestens sieben Leben. Andererseits, wenn Lilja nicht gewesen wäre, stünde sie selbst vermutlich nicht hier – wie auch umgedreht. Und wenn die Russin erst einmal Vertrauen zu jemandem gefasst hatte, hielt sie vorbehaltlos zu ihm oder ihr, egal in welcher Lebenslage. Nicht einmal, als Imp sich mit Liljas Staffelkameraden vom Anfang des Krieges eingelassen hatte, war ein Schatten auf die Freundschaft gefallen, obwohl sich Imp im Rückblick bis heute nicht sicher war, ob Lilja „mehr“ für Sokol empfunden hatte, als Freundschaft. Das alles war die gelegentlichen Zitterpartien wert. Sie seufzte noch einmal, während sie die schlafende Lilja beobachtete: „Ich mag dich ja wirklich – mehr als eine Schwester, nehme ich an. Aber warum kannst du eigentlich nicht etwas mehr von dem zeigen, was man dir jetzt ansieht? Glaubst du, du gehst ein zu großes Risiko ein? Wie kann jemand, der sein Leben so riskiert, in anderer Hinsicht so verletzlich und vorsichtig sein?“
Natürlich gab es darauf keine Antwort, und selbst im Wachen hätte Lilja nichts zu entgegnen gewusst, nicht einmal wenn Imp es sich getraut hätte, sie zu fragen. Die Russin redete nicht nur so gut wie nie über ihre Gefühle, sie verdrängte und ignorierte sie offenbar auch vor sich selbst. Imp beugte sich noch einmal über ihre Freundin und zog die Decke zureckt. Lilja murmelte irgendetwas in ihrer Muttersprache, grub den Kopf etwas tiefer ins Kissen und lächelte sogar für einen Augenblick, von allen Schmerzen und Sorgen befreit durch die Medikamente in ihrem Blutkreislauf. Offenbar störte die Fixierung sie im Moment nicht im Geringsten, obwohl beim Aufwachen möglicherweise der nächste Wutanfall bevorstand. Imp spürte ein leichtes Brennen in den Augenwinkeln, aber sie ignorierte es. Ihr wurde mit einmal klar, dass dies zu Kriegsfreundschaften gehörte. Früher oder später – und meist eher früher – stand man am Krankenbett des Menschen, der einem etwas bedeutete, und fragte sich, was noch alles geschehen würde. Am Bett oder am Sarg, wenn es denn einen gab. Sie selbst hatte eine Szene wie diese mehr als einmal erlebt, und Lilja ebenfalls. Vielleicht war es dass, was die Kanten am spröden Charakter der Russin geschärft hatte.
Ebenso leise, wie sie gekommen war, schlich Imp wieder hinaus. Ihre Freundin war in Sicherheit, ihr Geliebter lebte, die Columbia war auf dem Weg nach Hause – nur darauf kam es an. Die Kosten der Schlacht, nun, mit denen würde man leben müssen.
TRS Relentless, auf dem Rückzug, Büro des Kapitäns
Commodore Mithel hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt. Er hatte für einen Moment die Augen geschlossen, und wirkte in diesen Sekunden wie das, was er in Wahrheit auch war – ein alternder Mann, der sich in den letzten Jahren so hart angetrieben hatte, dass viele Jüngere daran zerbrochen wären. Nun, Jüngere waren tatsächlich daran zerbrochen, wenn man es genau nahm. Seit der Flucht von Karrashin waren erst wenige Stunden vergangen. Mithel hatte nur wenig Zeit für Schlaf gefunden, und die Zeiten, an denen ein oder zwei Stunden zur Regeneration genügt hatten, waren für ihn endgültig vorbei. Der Schreibtisch wirkte akkurat und ordentlich, und der Commodore in seiner frischen Uniform schien perfekt ins Bild zu passen, wenn man die Anzeichen physischer und psychischer Erschöpfung ignorierte. Mit einer müden Bewegung – immer noch die Augen geschlossen – griff er zu der Teetasse, von der leichter Dampf aufstieg. Das heiße, stark gesüßte Getränk gehörte zu seinen wenigen Lastern. Er nahm einige Schlucke, dann öffnete er die blutunterlaufenen Augen. Mit einem sarkastischen Gesichtsausdruck warf er einen Blick in die Tasse. Als gebildeter Mann wusste er, dass es Menschen gab, die unter anderem aus solchen Dingen wie Teeblättern die Zukunft lesen wollten. Mithel beneidete solche Toren fast für ihre Illusion, das Kommende ließe sich voraussagen. Wenn er etwas gelernt hatte in Frieden und Krieg, dann dass es letztendliche Sicherheit nicht gab. Aber wie hieß es so schön – der Narr glaubte, die Zukunft zu kennen. Der Vermessene glaubte, sie gestalten zu können.
Der Commodore räusperte sich, dann griff er zum Interkom: „Achtung, Kommandozentrale: Commander Liu Shan-Lee, vertrauliche Konferenzschaltung – die Lieutenant Commander Alverado und Rogulski und Dr. Argyris sofort zu mir.“ Er hätte die Einzelheiten gerne in kleiner Runde besprochen, doch entweder er oder seine XO mussten natürlich auf der Gefechtsbrücke sein. Immerhin war ein neuerliches Zusammentreffen mit den Akarii nicht auszuschließen. Sollte es dazu kommen, war der Ausgang zwar abzusehen, aber die terranischen Schiffe würden gewiss nicht aus Unachtsamkeit kampflos untergehen. Das war auch der Grund, aus dem er lieber die Leiterin der Schadensbekämpfung als seinen Leitenden Ingenieur herbeizitierte. Über die Schäden und den Zustand wusste sie ebenso gut Bescheid, doch seitdem die schlimmsten Schäden unter Kontrolle waren, wurde sie nur noch „dringend“ an vorderster Front gebraucht, nicht mehr „verzweifelt“.
Obwohl alle vier Adressaten der Nachricht im Moment vermutlich ebenso erschöpft und ausgelaugt waren wie der Commodore, und sicher mehr als genug zu tun hatten, brauchte Mithel nicht lange zu warten. Das war weniger eine Folge der berüchtigt strengen Disziplin an Bord der Relentless – seine Untergebenen wussten, dass Mithel nicht zu Überdramatisierungen neigte. Wenn er das Wort „sofort“ benutzte, hatte er zumeist gute Gründe.
So dauerte es nicht lange, bis ein Blinken auf der Konsole an seinem Schreibtisch die Verbindung mit der Brücke signalisierte. Seine XO würde einfach über einen Headset mit ihm sprechen, codiert, und leise genug, dass keiner ihrer Untergebenen das Gespräch verfolgen konnte. Mithel aktivierte die Verbindung: „Die anderen müssen gleich eintreffen…Ja, sie sind hier.“ Tatsächlich kündigte ein energisches Klopfen die Ankunft seiner Offiziere an. Einer nach dem anderen traten sie.
Wenn Mithel damit gerechnet hatte, ähnliche Spuren der Erschöpfung bei seinen Untergebenen vorzufinden wie bei sich selbst, so wurden seine Erwartungen von der Wirklichkeit übertroffen. Die drei – die lationstämmige Leiterin der Schadensbekämpfung, der polnische Waffenoffizier und die griechische Ärztin – hatten offenbar buchstäblich seit der Schlacht kein Auge zugetan, noch hatten sie sich gewaschen oder die Uniform gewechselt. Nun, in der Hinsicht war Mithel nicht der Prinzipienreiter, als der er gemeinhin gerne dargestellt wurde.
Er nickte den dreien zu und ignorierte, dass die Ehrenbezeigungen alles andere als vorbildlich waren. Die drei – oder vier – Menschen, mit denen er sprach, gehörten mit einigen wenigen anderen zu seinen Vertrauten und Proteges. Sie hatten sich dieses Privileg mit härtester Arbeit und mehr als einer scharfen Zurechtweisung, mit mancher Wunde und vor allem mit ausgezeichneten Leistungen und stillschweigender Loyalität verdient. Das Klüngelsystem der Flotte funktionierte seit Jahrhunderten, und seit ihrer Gründung hatte es ebenso oft zum Guten wie zum Schlechten gewirkt.
„Wollen Sie etwas trinken?“ Er wartete die Antwort kaum ab: „Messe – in fünf Minuten Kaffee und Tee für mein Dienstzimmer.“
Dann musterte er seine Untergebenen kurz. Er aktivierte den Lautsprecher seiner Verbindung mit der Ersten Offizierin, so dass ihre Worte im Zimmer zu hören waren: „XO – fangen Sie an. Status des Schiffes?“
Die Chinesin sprach wie meistens mit ruhiger, fast sanfter Stimme: „Schiff weiterhin auf Kurs. Gefechtsbereitschaft besteht nach wie vor, zwei Shuttle zur Aufklärung draußen. Geschwindigkeit 80 km/s, Brückenstatus einsatzbereit. Keine neuen Anweisungen vom Verbandskommando.“ Letzteres ließ Mithel die Lippen verziehen. Die Frage des Kommandos war so eine Sache. Die Hongkong würde sich bald vom Flottenverband absetzen, unter anderem mit der Devastator, dem letzten Flakkreuzer von einstmals vieren. Blieb die Frage, wer die zweifelhafte „Ehre“ haben würde, die angeschlagenen Reste zurückzuführen. Mithel war der dienstälteste Commodore, aber vom Rang her war Hellena Janzek ihm ebenbürtig. Nun, das würde Schepens Entscheidung sein. Wie er entscheiden würde – Mithel war nicht erfreut darüber, eines der wenigen nicht oder nur unwesentlich beschädigten Schiffe zu verlieren, dass in den zusammengefassten Schwadronen 2.3 und 2.7 noch existierte – obwohl diese Bezeichnung eigentlich längst nicht mehr gerechtfertigt war, denn was übrig war, entsprach nicht einmal einer Schwadron.
Aber das war nicht Sache seiner Ersten Offizierin: „Gut, Danke.“
Er wandte sich an Benita Alverado: „Schadensbericht?“
Die junge Frau hatte sich entschieden gemausert seit ihrem ersten Zusammentreffen, als sie eine frisch ausgebildet und etwas schüchterne Junioroffizierin gewesen war. Inzwischen mehrfach ausgezeichnet und verwundet, hatte sie dem Schrecken, den der Raumkrieg zu bieten hatte, vielfach ins Auge geblickt. Vermutlich deshalb waren sie und die Ärztin gute Freundin – nicht nur, wie böse Zungen munkelten, aufgrund gemeinsamen Konsums von teils beruhigenden, teils aufputschenden Mitteln aus dem „Giftschrank“.
Ungeachtet ihrer angeschlagenen Verfassung hielt sie sich gerade – wie alle Offiziere in Krisensituationen musste sie ein gutes Vorbild geben: „Leck im Bug versiegelt, Leerräume ebenfalls. Mikrohüllenrisse in anderen Bereichen ebenfalls versiegelt, dafür weitere 15 Räume evakuiert und gesperrt.“ Das hieß, sie hatte die Räume in der Nähe potentieller Schwachstellen evakuieren und verschweißen lassen. Mit Bordmitteln war dies nicht absolut sicher, bot aber bei einem Durchbruch zumindest etwas Schutz.
„Panzerungsschäden mit Bordmitteln kaum reparabel – wir haben nicht ausreichend Material nach den letzten Gefechten, vor allem wegen Abgaben an Schwesterschiffe. Sind dazu übergegangen, zum Teil Normalmaterial und Leichtpanzerung zu flicken.“ Der Dauerbeschuss des Feindes hatte auch dort, wo er die Panzerung nicht durchschlagen hatte, große Mengen dieser letzten Außensicherung gekostet. Die Relentless schleppte zwar große Mengen Ersatzplatten mit sich, doch inzwischen stieß sie an ihre Grenzen. Theoretisch konnte man natürlich zwischen Standart-Panzerplatten und Ofenblechen alles anschweißen, doch ein Meter Ofenblech war eben so gut wie nichts wert gegen Hochenergielaser und Atomraketen.
Der Commodore zeigte keine Reaktion, obwohl ihm seine Schadensexpertin mitteilte, dass die Relentless weit von auch nur notdürftiger Einsatzbereitschaft entfernt war.
Die junge Frau fuhr fort: „Kleinere Brände sind inzwischen unter Kontrolle, keine dauerhaften Schäden in Lebenserhaltungssystemen. Unbewohnbar durch Brandeinwirkung im Moment 200 Quadratmeter, begrenzt bewohnbar 300. Wir arbeiten daran, die Grundversorgung und Verbindung mit allen Stationen wieder sicher zu gewährleisten. Brücke bereits voll einsatzbereit. Bordreparaturen vermutlich in 24 Stunden abgeschlossen – aber die wesentlichen Ausbesserungen müssen in einem Dock ausgeführt werden.“ Der Commodore nickte knapp: „Zur Kenntnis genommen. Marschgeschwindigkeit und Schilde?“ „Der Leitende Offizier schätzt in sechs Stunden Fahrt bei 85 Prozent, in zwölf 90. Vollfahrt vorerst nicht ratsam. Schilde sind bei 50 Prozent – wir haben aufgrund interner Schäden mehrere Projektoren verloren. In zwölf Stunden zwei Drittel bis drei Viertel Schildleistung wahrscheinlich. Voll Leistung vermutlich erst im Dock möglich.“
Mithel schien für einen Moment nachzudenken, dann wandte er sich an seinen Waffenoffizier: „Status Bewaffnung?“ Rogulski, der zu einem der „ältesten“ Vertrauten der Kapitäns gehörte, war gewiss kein Schönredner: „Primärwerfer ohne Munition – und wir können auch von niemanden etwas erhalten. Fast alle Schiffe haben sich verschossen. Wer noch Reserven hatte, wie die Schiffe der Täuschgruppe, hat Befehl, alles Entbehrliche an Schepens und seine Begleitschiffe abzugeben. Für uns bleibt nichts übrig.“ Er sprach es nicht aus, aber vermutlich hatte er vergeblich alle Register gezogen. Nur konnte man eben Megatonnen-Marschflugkörper nicht gegen eine Kiste Schnaps tauschen.
„Nach Abschluss der laufenden Reparaturen fehlen uns weiterhin drei Lasergeschütztürme, ein Tachyonengeschützturm und ein leichter Raketenwerfer. Für die anderen ist der Munitionsvorrat auf 15 Prozent gesunken. Zwei Impulslaser laufen höchsten mit 50-Prozentiger Leistung, einer mit 75 Prozent. Unsere Shuttles sind einsatzbereit – drei tauglich für den Kampfeinsatz, allerdings in einem Fall nur dank Bordreparaturen.“
Der Commodore schnaubte, allerdings richtete sich seine Frustration nicht gegen seine Untergebenen: „Ich fasse zusammen: unsere Panzerung, unser Rumpf und unsere Schilde sind insgesamt erheblich geschwächt. Wir können nicht volle Fahrt laufen, um uns abzusetzen – und unsere Bewaffnung ist auf Mittel- und Nahbereich reduziert und auch dort gibt es Einbußen.“ Er bekam keine Antwort, aber es war auch nicht nötig.
Er seufzte: „Nun gut. Doktor – wie sieht es medizinisch aus?“ Der Ärztin hatte geduldig gewartet. Sie sah es nicht als Zurücksetzung, dass sie als letzte an die Reihe kam. Es war keine Menschenverachtung, obwohl der Commodore auch nicht davor zurückschreckte, Menschen zu opfern. Aber wenn das Schiff angeschlagen war, dann konnte das für ALLE an Bord den Tod bedeuten. So blieb sie knapp und sachlich, obwohl sie nicht ganz den abgehackten Telegrammstils gebrauchte, dessen sich viele Offiziere befleißigten: „Wir haben 23 Tote und 8 Vermisste. Hoffnung auf Bergung besteht nach meinen und LC Alverados Analysen nicht mehr. Verletzte haben wir 17 Schwer- und 26 Mittelschwerverwundete, vor allem Brand- und Splitterverletzungen, dazu Brüche, Erfrierungen, zwei Vergiftungen durch Rauchgas. Wir haben weitere 53 Besatzungsmitglieder ambulant behandelt, sie sind aber diensttauglich. Unser Bergungsbestand durch die SAR und aufgesammelte Rettungskapseln beträgt 123 Personen, davon 38 Schwerverwundete. Drei weitere Zugänge sind verstorben, vier stehen auf der Kippe. Die Krankenstation ist voll belegt, medizinische Vorräte zwar noch ausreichend, im Bereich Schmerzmittel könnten aber in absehbarer Zeit Engpässe eintreten. Ich prüfe derzeit die Dienstfähigkeit der Geretteten.“
Mithel musterte die Griechin einen Augenblick wortlos. Sie waren nicht immer einer Meinung gewesen, aber beide verstanden die Motive des anderen: „Ich will, dass jeder, der einen Eimer tragen oder eine Konsole bedienen kann, diensttauglich geschrieben wird. Ich weiß, die Männer und Frauen leiden unter dem Verlust ihres Schiffes oder ihrer Kameraden – aber im Moment brauchen wir jeden.“ Die Ärztin zögerte: „Soweit ich es vertreten kann. Sie erhalten die Liste umgehend. Schepens würde übrigens gerne noch weitere Verletzte an uns abschieben. Ich würde vorschlagen, die Aufnahme eng zu begrenzen. Mein Personal arbeitet bereits am Rande ihrer Fähigkeiten – ich habe sogar Hilfssanitäter der Marines auf die Patienten losgelassen.“ Die Frau Doktor war offenbar keine Bewunderin des Medical Corps der Marineinfanterie. Mithel lächelte nur sarkastisch: „Sie können sich darauf verlassen, dass ich mir vom Admiral keinen Verwundeten mehr aufschwatzen lasse – es sei denn, er rückt auch ein paar Dutzend Atomraketen heraus.“
Der Commodore ließ sich das Gehörte noch einmal durch den Kopf gehen. Es entsprach in etwa dem, was er erwartet hatte. Aber er hatte seine Untergebenen aus einem bestimmten Grund herbeordnet: „Gut. Sie haben in der letzten Schlacht alle ihre Pflicht ausgezeichnet erfüllt – teile Sie das auch Ihren Untergebenen mit. Ich weiß, dass Sie alle am Ende ihrer Kräfte sind. Sie wären nicht menschlich, wenn Sie es nicht wären. Wir haben mehr als unseren Teil geleistet und zahlreiche feindliche Schiffe vernichtet, beschädigt oder bei ihrer Vernichtung assistiert. Wir haben jedoch als Schiff wie als Schwadron und Flotte zugleich schwere Verluste erlitten. Ich muss nicht extra erwähnen, dass wir dennoch keinen Moment in unseren Bemühungen nachlassen dürfen. Alle Stationen müssen zu JEDER Zeit einsatzbereit seien. Es darf keinerlei Sicherheit geben, ungeachtet wie stark wir den Feind angeschlagen haben.“ Er lächelte spröde: „Ich weiß, eine solche Motivationsrede ist bei Ihnen eigentlich überflüssig. Sie werden sich vermutlich auch fragen, woher meine Besorgnis kommt. Immerhin ist nicht damit zu rechnen, dass die Akarii uns verfolgen, zumal sie nicht wissen, wann Verstärkung für uns eintrifft. Wir haben sie ein paar Mal zu oft überrascht. Ihre Kreuzer sind vernichtet, ihre Träger angeschlagen, die Bordgeschwader und kleinen Schiffe dezimiert. DIESE Akarii sind demnächst für uns keine Gefahr mehr.“ Er stand auf, und die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen strafte sein Alter Lügen. Es hieß immer, der „Alte“ lief in Krisensituationen zu besonderer Hochtour auf.
Mithel trat zum zentralen Bildschirm. Seine Worte galten sowohl den Offizieren vor ihm wie auch der XO: „Unsere Kommunikationsabteilung hat Meldungen aufgefangen und dechiffriert, die Grund dazu geben, mit allem, und ich meine ALLEM zu rechnen.“ Er holte tief Luft: „Wenn wir richtig informiert sind, haben die Akarii einen erfolgreichen Vorstoß bis nach Hannover unternommen. Die Regierung der Konföderation ist anscheinend zusammengebrochen und hat kapituliert – ihre Streitkräfte haben mit sofortiger Wirkung den Kampf gegen das Imperium eingestellt. Zwischen konföderierten und terranischen Schiffen ist es zu Kampfhandlungen gekommen. Wir wissen weder, wie stark die feindlichen Streitkräfte über Hannover, noch, ob sie weiter vorstoßen werden. Angesichts Vorstoßes der Matikor-Kampfgruppe des Gegners müssen wir damit rechnen, dass all dies Teil eines groß angelegten Generalangriffs des Feindes ist.“
Das Schweigen war zu einem Großteil aus Schock gespeist. Natürlich, Gerüchte, die Akarii könnten noch einige Pfeile im Köcher haben, hatte es schon zuvor gegeben. Seitdem erste Meldungen über den feindlichen Vorstoß gekommen waren, der bei Karrashin schließlich verblutete, war die Gerüchteküche am Brodeln gewesen. Zwischen einem grandiosen Selbstmordeinsatz, einem verzweifelten Entlastungsstoß und einem perfiden Masterplan des Gegners war jede Option erörtert worden. Wie es aussah, war die dritte Variante am nächsten an der Wahrheit gewesen. Doch ungeachtet aller Gerüchte – die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet zu finden, war etwas anderes.
Seltsamerweise war es ausgerechnet die eher stille und physisch abwesende XO, die sich als erste fasste, vielleicht auch nur, weil sie auf der Brücke saß, und sich Entsetzen nicht offen anmerken lassen durfte: „Wenn das zutrifft, verändert es das strategische Gleichgewicht an der ganzen Front. Dennoch – ich denke, die Akarii haben zu spät gehandelt. Diese Offensive am Anfang des Krieges wäre etwas anderes gewesen. Sie sind nicht mehr die alten Kämpfer, und wir auch nicht. Sie sind weniger geworden, und wir haben dazugelernt. Wir haben ihren Vorstoß bei Karrashin zurückgeworfen, und wir werden auch alles andere aufhalten, was sie gegen uns in Marsch setzen.“ Die kriegerischen Töne klangen angesichts ihrer freundlichen Stimme ungewohnt, doch an ihrem Ernst konnte kein Zweifel bestehen.
Mithels Stimme klang fast stolz, wenn auch nicht frei von trockenem Humor: „Gesprochen wie ein echter Kapitän – nun, kein Wunder, dass Sie ihren Posten bekommen haben. Eigentlich ist das ja mein Job. Sie haben Recht. Wir haben am Anfang des Krieges durchgehalten, wir werden es jetzt wieder tun.“
Er musterte die drei Offiziere vor ihm: „Ich weiß nicht, wie lange sie es geheim halten werden. So etwas lässt sich einfach nicht verschweigen. Wenn es offiziell wird, müssen Sie vorbereitet sein – und ehrlich gesagt, was wäre ich für ein Kapitän, Ihnen dies zu verschweigen. Sie werden auf Ihre Leute eingehen müssen, um die psychologischen Folgen abzumildern. Für so etwas gibt es keine Vorbereitung und keinen Notfallplan.“ Sein Lächeln wirkte diesmal ehrlich, aufrichtig: „Ich hätte Sie niemals auf Ihrem Posten belassen, wenn ich nicht glauben würde, Sie könnten auch so eine Situation meistern.“
Angesichts dieses Lobes nahmen alle drei Haltung an, ungeachtet der Müdigkeit und Enttäuschung. Es gab nichts Besseres für das Ego eines Menschen, als das Lob eines Vorgesetzten, den man respektierte. Und dass er sie für fähig hielt, die vor ihnen liegenden Herausforderungen zu meistern, war in der Tat ein großes Lob. Es war die Aussicht, sich einmal mehr zu bewähren – und später mit Stolz daran zurückzudenken.
„Sie wissen was sie zu tun haben. So wie ich Genaueres erfahre, teile ich es Ihnen mit. Gehen Sie auf Ihre Posten.“
Als Mithels Untergebenen sich abmeldeten, noch immer geprägt vom Schock aber auch von Entschlossenheit, dachte der Commodore noch einmal an die Worte seiner Ersten Offizierin zurück. ,Wir haben sie bei Karrashin gestoppt? Nun, ich fürchte, noch so ein Sieg, und wir sind verloren…’
Geändert von Cattaneo (03.11.2009 um 11:30 Uhr)
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