Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : N-BT: Hinter den feindlichen Linien IV
Ironheart
24.03.2004, 12:29
Dann wollen wir mal anfangen:
In diesem Thread werde ich alle Beiträge meiner Co-Autoren und mir zur 4. Season der "Hinter den feindlichen Linien"-Saga posten.
Viel Spass damit
Ironheart
Ironheart
24.03.2004, 12:30
Ursprünglich von Cunningham
An: Lieutenant Commander Justin McQueen, 2. Flotte
Von: Quartermasterkomando, 2. Flotte
Melden Sie sich am 18. September 2633 auf dem Navystützpunkt Miramar, Californien, USA zur weiteren Verwendung.
Die Zeit, die zwischen dem 18. September und Ihrer Ankunft auf der Erde liegt, gilt als Sonderurlaub.
Gezeichnet
Quatermasterkommando
2. Flotte
An: 1. Lieutenant Tatjana M. Pawlitschenko
Von: Quartermasterkomando, 2. Flotte
Melden Sie sich am 18. September 2633, jedoch spätestens nach Ihrer Rekonvalenz auf dem Navystützpunkt Miramar, Californien, USA zur weiteren Verwendung.
Die Zeit, die zwischen dem 18. September und Ihrer Ankunft auf der Erde liegt, gilt als Sonderurlaub.
Gezeichnet
Quatermasterkommando
2. Flotte
An: 2nd Lieutenant Kano Nakakura
Von: Quartermasterkomando, 2. Flotte
Melden Sie sich am 18. September 2633 auf dem Navystützpunkt Miramar, Californien, USA zur weiteren Verwendung.
Die Zeit, die zwischen dem 18. September und Ihrer Ankunft auf der Erde liegt, gilt als Sonderurlaub.
Gezeichnet
Quatermasterkommando
2. Flotte
An: 1st Lieutenant Curtis D. Long
Von: Quartermasterkomando, 2. Flotte
Mit Datum vom 20. August werden Sie zum Lieutenant Commander, mit allen Rechten, Pflichten und Privilegien, der Terran Space Navy befördert.
Melden Sie sich am 18. September 2633 auf dem Navystützpunkt Miramar, Californien, USA zur weiteren Verwendung.
Die Zeit, die zwischen dem 18. September und Ihrer Ankunft auf der Erde liegt, gilt als Sonderurlaub.
Gezeichnet
Quatermasterkommando
2. Flotte
An: Commander Lucas Cunningham
Von: Quartermasterkomando, 2. Flotte
Melden Sie sich am 18. September 2633 auf dem Navystützpunkt Miramar, Californien, USA zur weiteren Verwendung.
Die Zeit, die zwischen dem 18. September und Ihrer Ankunft auf der Erde liegt, gilt als Sonderurlaub.
Gezeichnet
Quatermasterkommando
2. Flotte
An: TRS Relentles
Von: Operationskommando 2. Flotte
Hiermit werden Sie angewiesen sich im Texassystem der Kreuzerschwadron 2.3 unter dem derzeitigem Kommando von Captain Henning Schupp TRS Tiredless anzuschließen.
Fort Eric Kirkland, Titan,
Saturnumlaufbahn,
Hochsicherheitsbereich
Die Schwerkraft zog an ihm. Nein, rief er sich ins Gedächtnis, die zweieinhalbfache Schwerkraft. Langsam stapfte er über die künstliche Düne im Übungsbereich von Fort Eric Kirkland.
Fort Eric Kirkland, die Heimatbasis der härtesten Elitetruppe, die die Bundesrepublikanische Armee aufzubieten hatte. Dem Special Air Service - SAS.
Er wollte dazugehören, darum plackerte er sich ab, seid Tagen und jetzt bei diesem Marsch. 98 Kilometer hatte er hinter sich, zwei lagen nur noch vor ihm.
60 Kilo Gepäck trug er bei sich. Sein H&K Sturmgewehr mit Bajonett, eine H&K Pistole, drei Energiezellen pro Waffe als Reserve, beide Waffen geladen. 15 Handgranaten: 5 Rauch, 5 Blitz und 5 mit Sprengwirkung. Ein zusammenklappbarer Raketenwerfer steckte im Rucksack, zusammen mit 7 Raketen.
Verpflegung und Wasser für mehrere Tagen, Verbandsmaterial, eine Tarnplane und vieles mehr.
Die schweren Kampfstiefel kamen ihm vor, als seien sie mit Blei ausgefüllt.
Nur noch bis zum Lastwagen, ja, das haben sie gesagt, bis zum Lastwagen.
Da kam er ins Blickfeld, ein Hover-Truck in Wüstentarnfarben, leicht gepanzert, mit einem leichten Impulsgewehr auf der Fahrerkabine.
Er - Marc Singer - schlurfte immer weiter auf den Lastwagen zu. Immer näher und näher. Auf der Ladefläche, auf der Linken Seitenbank saß ein Soldat, ob Mann oder Frau konnte Singer nicht erkennen, ein Gewehr auf den Beinen und blickte ihm entgegen.
Ja, jaaaaaaaaaahhhhhhhhhh, geschafft, noch 100 Meter. Der Soldat, ja, eindeutig eine Frau winkte ihm zu und er beschleunigte den Schritt, bis er schließlich 20 Meter vor dem Lastwagen stand.
Da schlug die Soldatin an die Rückwand der Fahrerkabine und der Motor des Hover-Truck erwachte zum leben, mit leisem Summen.
Sie wunk ihm noch mal zu und der Truck setzte sich in Bewegung und ließ ihn zurück.
Dann summte es im Trainingsgebiet erneut auf und Marc ging in die Knie, sie hatten die Schwerkraufrezeptoren auf eine höhere Stufe gestellt.
Er rappelte sich auf und marschierte weiter. Er stellt fest, das der Laster keine 100 und keine 1000 Meter gefahren war, nein, ganze 10 Kilometer ließ man ihn noch laufen.
Schließlich kam er erneut zu dem Laster, es saß wieder die Soldatin auf der Ladefläche. Marc nahm ihren mitfühlenden Blick wahr, doch er beachtete ihn nicht.
Er schleppte sich zum Hover-Truck und zog sich auf die Ladefläche. Dort brach er zusammen.
Lieutenant Debora Quinn klopfte dem ohnmächtigen auf die Schulter: "Willkommen beim SAS, Sportsfreund. Willkommen beim SAS."
Navy Hauptquartier,
New Nork, USA, Erde
Das Shuttle landete mit kreischenden Turbinen. Laub wurde aufgewirbelt.
Auf dem Landeplatz standen haufenweise Marines, mit weißen Schirmmützen, dunkelblauen Hosen und kakifarbenen Hemden.
Ein Captain und ein weiblicher Commander standen in ihren dunkelblauen Uniformen, mit den weißen Schirmmützen. Die rechte Brust jeweils mit Kampagnenbändern und Ordenssprangen überhäuft.
Aus dem Shuttle stieg etwas, was man in New York selten sah.
Jean Baptist Renault trug seine vier Admiralssterne - diese an sich nicht gerade selten in New York - an einer kakifarbene Dienstuniform der TSN. Die rechte Brust jedoch war bar jedes Campagnenbandes, wie es sich für die Dienstuniform traditionsgemäß gehörte.
Ihm folgte ein kleiner Stab, ebenfalls in Dienstuniform.
"Sir, Captain Monroe, aus Admiral von Richters Stab." Der Captain hielt dem Admiral - statt zu salutieren - die rechte Hand hin.
Renault ignorierte die Hand, die jetzt wie ein Fisch in der Luft hing.
"Wenn ... wenn Sie mir folgen wollen Sir."
Renault nickte und Monroe eilte voran.
Im Hauptquartier herrschte reges Treiben, überall war das blitzende Gold der Rangabzeichen zu sehen.
Sie betraten das Vorzimmer des Chief of Naval Operations.
"Hellen, melden Sie dem Chef, dass Admiral Renault da ist." Wieß Monroe die Vorzimmerdame an, doch Renault ignorierte die beiden und ging ohne anzuklopfen durch in von Richters Büro.
"Hallo Jean", grüßte von Richter mit sarkastischen Unterton.
Nathan Frost der an einem Kaffeetisch auf der rechten Seite des Büros saß erhob sich und nickte Renault grüßend zu.
"Sparen wir uns irgendwelche Freundlichkeiten Klaus", Renault funkelte seine beiden Vorgesetzten wütend an, "Birminghams neuer Militärberater hat mich herbestellt, also, wann geht es los? Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um diesen Termin wahr zu nehmen."
"Die Präsidentin und ihr Beraterstab verspäten sich etwas."
"Verdammt nochmal, ich führe da draußen einen Krieg!" Explodierte Renault.
"Wir hier auf der Erde auch", michste sich Frost ein, "wir sorgen dafür, dass Sie maximale Unterstützung dort draußen erhalten...."
"NATHAN!" Donnerte Renault. "Gerade auf Ihre Hilfe kann ich verzichten. Dieser Blödsinn, den Sie da mit Troffen unterstützt haben."
"Reden wir nicht DAVON", kam von Richter seinem Stabschef zu Hilfe.
Die Sprechanlage knisterte: "Sir, die Präsidentin und Ihr Stab."
Ironheart
24.03.2004, 12:31
Ursprünglich von Cunningham
Schon wurde die Tür von einem der bewaffneten Leibwächtern der Präsidentin geöffnet und Patricia Birmingham trat ein.
Dicht gefolgt von Allen DeMarko dem Verteidigungsminister, der Finanzministerin Miranda Cruz, sowie diverse Sekretäre.
Am Ende betrat Charles Vance das Büro des CNO, der Direktor des TIS - Terran Inteligence Service.
"Guten Morgen meine Herren." Begrüßte die Präsidentin die drei vier Sterne Admirale.
Sie schüttelte zuerst von Richter die Hand: "Klaus." Dann Nathan Frost. "Admiral." und dann Renault. Sie hielt seine Hand und hob fragend die rechte Augenbraue.
"Jean Renault, CO 2. Flotte."
"Ahh, nett Sie persönlich kennen zu lernen, aber sollten Sie nicht bei Ihrer Flotte sein."
"Ich habe ihn gebeten an dieser Besprechung teil zu nehmen", mischte sich DeMarko.
"Aha", machte die Präsidentin, "nun denn, wollen wir mal beginnen."
Von Richter führte sie zu dem Konferenztisch in der linken Ecke seines Büros.
Es wurde sich nach Rangordnung am Tische verteilt, die Präsidentin am Kopfende. Zwei Unteroffiziere der Navy servierten Kaffee und Tee, jedem das richtige.
Als erstes machte man sich daran Birmingham über die neuesten militärischen Ereignisse in Kenntnis zu setzen.
Schließlich kam das Gespräch über die letzte Operation, die Geleitzugschlacht in Jollarahn.
"Und dieses ... Desaster ... wollen Sie mir doch tatsächlich Erfolg verkaufen?" Sie blickte Renault an, der bis jetzt geschwiegen hat.
"Nun Madam, tatsächlich kann man dieses Desaster, wie Sie es so treffend nannten als Erfolg bezeichnen, da wir sehr viel von Jors Nachschub vernichtet wurde haben wir jetzt Reaktionszeit, wo wir handeln können, ohne durch eine schnelle Offensive der Akarii überrannt zu werden." Er nahm einen Schluck Kaffee. "Aber Tatsache ist: Wir verlieren diesen Krieg."
Einige der Sekretäre keuchten auf.
"Wie können Sie das jetzt schon sagen?" Frage Birmingham. "Wir haben acht Flottenträger an der Front, wenn man den alten Träger der Zeus-Class mitzählt neun."
"Das ist richtig Madam, doch nur die 4. Flotte unter Nieman kann wirklich über einen Vorstoß in Akarii-Gebiet berichten und das wohl auch nur, weil die Akarii die Colonial Navy stark unterschätzt haben. Die 3. Flotte unter Girad ist inaktiv, da unsere nachrichtendienstlichen Informationen über den Grahshh-Sektor bisher mehr als nur mangelhaft waren. Desweiteren ist die 2. Flotte nicht in der Lage Texas gegen einen aggressiven Angriff der Akarii zu halten."
Birmingham nickte: "Laut einer Simulation von Admiral Westerguard, wäre alles, was sich durch Texas durchschießt, wäre nicht in der Lage das Terrasystem zu erobern."
"Das ist richtig", stimmt Renault zu, "doch von Texas aus kann man Sterntor erreichen. Und wenn die Akarii Sterntor in ihrer Hand haben ..."
Birmingham nickte, Renault musste nicht aussprechen, dass dann der Krieg verloren wäre.
"Madam, wir müssen in die Offensive gehen, wir müssen den Moment ausnutzen und den Krieg zu den Akarii tragen."
"Bei dem Sterntorargument höre ich schon die ersten Leute nach Befestigungsanlagen auf Sterntor schreien. Aber bitte erzählen Sie mir, was Sie dazu brauchen um eine Offensive gegen die Akarii einleiten zu können."
Renault nickte, das lief ja besser als geplant: "Als erstes die Freistellung der 1. Flotte, zumindest um die 2. Bei Texas abzulösen und dieser die Mobilität zu verschaffen um die Akarii anzugreifen. Dann die Verabschiedung von Militärnotstandsgesetz 228." Er hielt inne und sah wie Birmingham erbleichte.
"Meine eigene Partei würde mich lynchen, wenn ich auch nur eine Ihrer ersten beiden Bitten erfülle. Himmel, dann kann ich nie wieder hoffen für die Demokraten auch nur als Bürgermeißterkandidatin auf einer abgelegenen Kolonialwelt aufgestellt zu werden.
"So, ist es für Sie wirklich wichtig Ihre Politische Karriere fortzusetzen?" Er blickte in Birminghams fassungsloses Gesicht. "Ich werde Ihnen mal was zu denken geben: Wenn wir diesen Krieg verlieren, werden Sie nie wieder für die Demokraten auch nur las Bürgermeißterkandidatin auf einer abgelegenen Kolonialwelt aufgestellt werden, dann wird hier in diesem Raum ein dicker Fetter Akarii sitzen. Und in Ihrem Büro auch und er wird nicht weiter als Governeur einer abgelegenen Kolonialwelt sein. Von den Akarii. Aber vielleicht interssiert es Sie gar nicht. Vielleicht ist es Ihnen wichtiger, wie Sie jetzt vor Ihren Parteieinpeitschern darstehen ..."
"Wie können Sie es wagen?"
Renault holte einen Stapel Din A 4 Blätter aus seiner Aktentasche und schob ihn der Präsidentin hin.
"Was ist das?"
"Das Madam, ist eine Liste. Eine Liste von allen Männern und Frauen, die an dem, was Sie vorhin Desaster nannten teil genommen haben. 20.331 an der Zahl.
Jeder Name ist gekennzeichnet, alle jene, von den wir wissen, dass sie tot sind sind mit KIA gekennzeichnet. Die jenigen, dessen verbleib uns unbekannt ist, ist mit MIA gegenzeichnet. Jeder der überlebt hat und mit WIA gekennzeichnet ist, wurde im Gefecht verwundet."
"Was ist mit jenen, die überhaupt nicht gekennzeichnet sind?"
"Das sind diejenigen, die Glück hatten, die weder getötet, verwundet und nicht vermisst werden."
Birmingham schluckte: "Es sind so wenige."
"Ja, und nun sorgen Sie dafür, dass diese vielen nicht umsonst ihre Haut auf die Schlachtbank marschiert sind."
Birmingham starrte den Admiral lange an.
DeMarko schob ihr eine geöffnete Ledermappe hin. Es war das Gesetz 228. DeMarkos Unterschrifft war schon darunter, ihre fehlte.
Das war gegen die Gebräuche, sie hatte zuerst zu unterschreiben.
Sie war DeMarko einen giftigen Blick zu, den dieser jedoch ignorierte.
Birmingham zückte ihren Füllfederhalter mit der goldenen Miene und kritzelte ihre Unterschrift unter das Militärnotstandsgesetz.
"Was die 1. Flotte angeht, so werde ich eine Verlegung erst erlauben, wenn die Columbia einsatzbereit ist. Und es werden auch nur zwei Träger der 1. Flotte verlegt."
"Madam, ich brauche die Columbia, aber ich verspreche Ihnen, dass die 1. Flotte zwei Träger hat, wenn ich den Rest verlegen lasse." In Renaults Augen brannte ein Feuer.
Nathan Frost und Klaus von Richter wechselten besorgte Blicke.
Ironheart
24.03.2004, 12:33
Ursprünglich von Ace Kaiser
„Das ist nicht dein Ernst“, rief Mariana Mbane und warf ihrem Sohn einen vernichtenden Blick zu. Sie sah zu ihrem Mann Klaus und rief: „Nun sag doch auch mal was!“
Klaus Mbane lächelte nur still und gab seinem Sohn mit dem Grinsen seines perlweißen Gebiss im tiefschwarzen Gesicht zu verstehen, dass er ihn voll und ganz unterstützte.
Albert huschte ein kurzes Lächeln über sein Gesicht.
„Männer!“, blaffte Mariana und warf die Arme hoch.
Albert fand, dass es nun an der Zeit war. Er erhob sich und setzte sich auf die Dreiercouch zu seiner Mutter. „Kannst du das nun für mich arrangieren oder nicht? Bitte, es ist mir sehr wichtig, Mom.“
Seine Mutter sah ihn böse an. „Du wirfst das Erbe deiner Vorfahren fort, vergisst deine Wurzeln, für was? Für das Andenken an ein Kalkgesicht! ALBERT!“
„Es ist nicht irgendein Kalkgesicht, Mom. Er war mein Ausbilder, mein Freund und mein Schutzengel. Er war bei mir, als ich in meine erste Gefechtssituation geriet. Er hatte ein Auge auf mich und putzte mir eine Bloodhawk vom Heck weg. Und letztendlich starb er, damit ich einen Platz zum landen hatte. Außerdem entstammt er einer alten, ehrwürdigen Raumfahrerfamilie. Sein Großvater ist Commodore a.D.“
„Raumfahrer, hm?“ Seine Mutter machte ein nachdenkliches Gesicht. „Wenn dir soviel daran liegt, Albert, dann brauche ich noch den letzten Rest an Gefallen auf, den ich habe und mache deine Versetzung zur HORNET rückgängig. Ich werde dafür sorgen, dass Du bei den Veteranen der Roten Staffel bleibst. Aber Vorsicht, ich habe keine Ahnung, wie sie eingesetzt werden. Kann sein, dass Du dich auf einem Garnisonsposten wieder findest.“
„Das ist in Ordnung. Ich will nur die Lücke ausfüllen, die Cliff hinterlassen hat. Danke, Mutter.“
„Was die andere Sache angeht… Ich will nicht, dass Du dein Callsign änderst. Was ist schlecht an Shaka? Shaka Zulu war ein großer Krieger und Anführer unseres Volkes.“
„Du musst das verstehen“, griff nun Klaus Mbane ein. „Albert will wirklich die Lücke füllen, die der Tod von Lieutenant Davis hinterlassen hat. Sein altes Callsign Ace anzunehmen füllt gewissermaßen diese Lücke endgültig. Das ist so ein Männerding, verstehst du?“
„Nein, ich verstehe nicht. Aber das erklärt wahrscheinlich, warum ich in meinem Job auf der HORNET so viele Probleme mit euch Kerlen habe.“ Wieder warf sie die Arme in die Luft.
Dann sah sie Albert an und lächelte. „Es sind schwierige Zeiten, mein Sohn. Wir alle müssen große Opfer bringen. Wenn dir diese Namensänderung hilft, dass es dir leichter fällt, dann hast du meinen Segen. Ich wünschte nur, ich hätte diesen Ace ein einziges Mal kennen gelernt.
Aber wenn er nur ein wenig so ist wie sein Großvater Montgommery, habe ich keine Bedenken.“
„Du kanntest seinen Großvater?“, fragte Albert erstaunt.
„Er war eine Zeitlang mein Akademieausbilder. Nur durch ihn bin ich heute XO. Nur durch ihn.“
„Wie klein das Universum doch ist“, murmelte Albert und griff sich ans Herz.
Ironheart
24.03.2004, 12:34
Ursprünglich von Cattaneo
Heimkehr
Lilja ignorierte die Schmerzen in ihrer Brust – ebenso, wie sie es auch verschmähte, sich nach Hilfe umzusehen. Ihrer Meinung nach hatte man sie lange genug in Watte gepackt. Sie hatte nicht vor, übermütig zu werden, nachdem sie ihren Aufpassern entkommen war, aber sie wollte sich auch nicht wie eine Invalide behandeln lassen. Sicher, es wäre töricht gewesen, gleich übermütig zu werden – aber wenn ihr noch ein paar mal irgendwer gesagt hätte, sie solle sich schonen, wäre sie vermutlich aus der Haut gefahren. Allerdings sah es nicht so aus, als ob sich irgendwer sonderlich für sie interessierte. In dem geschäftigen Treiben fiel sie mit ihrer Uniform kaum auf, auch wenn ein genauer Beobachter den Unterschied zu den meisten anderen Militärs erkannt hätte. Sie gehörte nicht zu den Verteidigungsstreitkräften der Erde oder zu den örtlichen Sicherheitskräften, sondern zu den Fronttruppen. Da sie jedoch darauf verzichtet hatte, ihre Abzeichen anzustecken, mußte man schon sehr genau hinschauen. Die Menschen gaben ihr genug Freiraum, damit sie sich mit ihrem Seesack und ihren Krücken bewegen konnte – aber das war es auch schon. Und manchmal nicht einmal das.
Sie befand sich auf dem Flughafen von Kasan. Trotz der großen Vergangenheit war von der Bedeutung der Stadt, immerhin Hauptstadt der Autonomen Republik Tartarstan, nicht viel zu spüren. Nun, die regionalen Verwaltungsbezirke auf der Erde spielten in der großen Politik sowieso nur noch eine sehr geringe Rolle, höchstens noch bei der Wahl der Senatoren. Genauer gesagt bei der Wahl EINES Senators. Und deshalb war die Stadt auch nicht an das Hochgeschwindigkeits-Schienennetz angeschlossen worden. Die Verbindung mit dem Umland besorgten normale Züge, Flieger – und zum Gutteil altmodische Straßenverbindungen. Die Stadt war einfach nicht bedeutend genug. In der Schule hatte man Lilja zwar etwas vom alten Kasan-Khanat erzählt, von Ivan IV. „Grozny“, von dem Bauernführer Pugatschow, doch all das war schon lange her, sehr lange. Vieles hatte sich auf der Welt gewandelt, und viele einst bedeutende Städte hatten in die zweite Reihe, oder noch weiter, zurücktreten müssen. Gerade für die russischen Gebiete war es stets eine gewisse Demütigung gewesen, daß weder Moskau noch eine andere Stadt Rußlands in dem Maße zur neuen Metropole geworden war, wie etwa Peking, New York oder Berlin. Und das – wie man mit Verbitterung feststellte – obwohl Rußland bei der Gründung der Republik seinen Teil beigetragen hatte, und nach Meinung vieler in größerem Maße als etwa die deutschen Gebiete. Angeblich hatte es verschiedene Vorschläge gegeben, die menschliche Bevölkerung zunehmend in den Städten zu konzentrieren, und dann die ganzen Kleinstädte endgültig aufzulösen. Viele von ihnen waren im Laufe der Jahre stark geschrumpft, zu regelrechten Geisterstädten geworden. Hätte man auch die übrigen noch zugunsten der Großstädte und Ballungsgebiete aufgegeben, so argumentierten einige Politiker, dann würde das die Versorgung erleichtern, das Transportnetz entlasten und die Umwelt schonen. Aber irgendwie war alles in den Mühlen des üblichen Parteiengezänks versandet.
Lilja tangierten solche Dinge eher am Rande. Natürlich war sie Patriotin – und das bedeutete, sie achtete die Republik, aber vor allem ihre HEIMAT. Im Augenblick allerdings hatte sie anderes im Sinn als über die Entwicklung Kasans nachzusinnen, das sich im 27. Jahrhundert mit einer ziemlich bescheidenen Rolle abfinden mußte. Und mit vielleicht 300.000 Einwohnern, wo es früher mehr als doppelt so viele gewesen waren. Dennoch herrschte ein recht reger Verkehr, denn Kasan war immer noch ein Zentrum – wenn auch ein Zentrum für eine eher agrarisch und forstwirtschaftlich geprägte Region – nicht zu vergessen den Tourismus. Für den war die „Vernachlässigung“ Kasans eher ein Anreiz. So waren viele der Menschen am Flughafen Touristen. Sie eilten emsig hin und her und waren stets darauf bedacht, ihren Anschluß nicht zu verpassen. Lilja quittierte das Treiben mit eher finsterer Miene. Für sie war es nicht ganz verständlich, wie die Menschen Urlaub machen konnten, während ein Krieg tobte, während Menschen starben und verwundet wurden. So machte sie sich ziemlich schlecht gelaunt auf den Weg. Sie hatte es glücklicherweise nicht allzu weit.
Es war schon fast auffällig, wie wenig in dem ganzen Komplex an den Krieg gemahnte. Natürlich – die Zeiten, wo Krieg Erdbunker, Luftschutzräume und Flakstellungen bedeutete, in der bewaffnete Miliz die Passagiere überwachte und kontrollierte – die waren längst vorbei. Der Krieg fand Lichtjahre entfernt statt, und selbst wenn er die Erde erreichen würde, so war es wesentlich wahrscheinlicher, daß Kasan aus dem Orbit eingeäschert würde, als daß sich die Akarii die Mühe machen würden, hier zu landen. Liljas scharfem Auge entging nicht, daß die wenigen Flakpanzer, die überhaupt auf dem Gelände zu sehen waren, uralte Modelle waren – höchstens ein halbes Dutzend. Es war zweifelhaft, daß anderswo in der Stadt oder Umgebung viel mehr zu erwarten war. Aber es war nicht nur dieses Fehlen von eindeutiger Kriegsatmosphäre, das Lilja ins Auge sprang.
Auch ansonsten unterschied sich nicht viel von dem üblichen Friedensbetrieb auf einem Flughafen. Die Reklametafeln warben für Zigaretten, Kleidung und dergleichen – nirgendwo aber entdeckte man Plakate, die dazu aufriefen, für den Sieg zu arbeiten, sich freiwillig zur Armee zu melden, oder sein Geld zu spenden. Und über die Lautsprecher kamen nur die üblichen Ansagen, vermischt mit Werbespots. Keine Frontkommuniqués, geschweige denn Appelle, oder auch nur Marschmusik oder Kriegslieder. Die Zeitungen – ob Printmagazine oder elektronische Programme, die der Käufer in eine Brille oder einen Taschencomputer einlesen konnte – zeigten wohl nicht selten reißerische Überschriften, die von den Erfolgen an der Front kündeten. Doch ebenso gab es eine ganze Menge, die ihre Aufmerksamkeit ganz anderen Dingen widmeten.
Lilja entging dies natürlich nicht – und ihr Ärger wuchs, während sie sich durch den Strom von Reisenden drängelte. Sie hatte seit ihrer Reaktivierung in einer Umwelt gelebt, die zu mindestens drei Vierteln aus diesem Krieg bestanden hatte – zumal sie ja auch auf „Urlaub“, auf der Perseustation, ständig daran gemahnt worden war. Und sie selber hatte sowieso vor allem an die zurückliegenden und noch kommenden Kämpfe gedacht. Hier aber war davon nichts zu merken. Es war, als hätte sie auf einmal eine ganz andere Welt betreten. Selbst auf Perseus, mit der Vielzahl der Uniformen, den MP auf Patrouille, den nahen Weltraum und den angedockten Kriegsschiffen, selbst auf dieser Raumstation, die doch angeblich dazu dienen sollte, den Krieg zu vergessen, war es ihr nie so ergangen. Aber hier fühlte sie sich auf einmal irgendwie verloren und orientierungslos. Und das steigerte ihre Wut. ,Die tun so, als würde es reichen, wenn sie einfach nicht an den Krieg denken!‘ dachte sie aufgebracht: ,Wir tragen unsere Haut zum Markte, und die begaffen hier Werbeplakate für Seidenblusen. Sie können doch nicht alle so blöd sein, und nicht WISSEN, was da draußen vor sich geht! Ist ihnen denn alles egal?‘ Es war Verbitterung, aber auch ein Gefühl der Verletzung. Sie haßte es, wenn man ihr wegen ihrer Verwundung mit übertriebener Rücksicht begegnete, gewiß. Aber in ihrem Verständnis hätten die Menschen anders sein müssen. Ernster, zielstrebiger – sich ihrer Rolle bewußt. Oder besser, der Rolle, die sie Liljas Meinung nach spielen sollten. Irgendwie hatte sie gedacht, man würde den Soldaten – vor allem denen, die offenbar von der Front kamen – Platz machen, als Zeichen des Respekts. Aber nichts dergleichen. Sie hätte beinahe ebenso gut eine Touristin sein können.
Die junge Pilotin kniff wütend die Lippen zusammen, und die schwarzen Augen blickten beinahe bösartig. Es besserte ihre Laune nicht, daß das ihr noch eher dabei half, ihr Ziel zügig zu erreichen. In ihrem Kopf wälzte sie ein paar Unflätigkeiten. An einem Kiosk erstand sie eine Packung Tabak und eine Zeitung. Der Verkäufer, der möglicherweise eine übliche nichtssagende Bemerkung hatte machen wollen, schluckte diese schnell herunter, als er den Gesichtsausdruck seiner Kundin sah. Diese schnappte sich, was sie eingekauft hatte, ohne es genauer zu betrachten, denn „ihre“ Marke und Zeitung kannte sie, und marschierte weiter. Wütend stieß sie die Krücken auf. In ihrem Kopf wirbelte alles mögliche durcheinander. ,Seit mehr als einem halben Jahr bin ich nicht hier gewesen! Ich sollte lachen und tanzen vor Glück, und den Leuten um den Hals fallen – und mir nicht wünschen, ein paar Ohrfeigen zu verteilen! Wie können sie nur!‘ Oder, so überlegte sie sich – lag es vielleicht an ihr? Sie hatte nie diesen Unfug geglaubt, dieses Geschwafel von der „verlorenen Generation“ und dergleichen. Aber warum fühlte sie sich hier so als Fremde?
Sie hatte absichtlich darauf verzichtet, ihre Familie zu benachrichtigen. Der genaue Termin ihrer Ankunft war nicht klar gewesen, und dazu kamen die ziemlich strikten Vorschriften, was das Ausplaudern von Schiffsbewegungen in Privatnachrichten anging. Als ob die Gefahr bestanden hätte, daß sich eine schmierige Echse in den Funkverkehr zwischen Perseus und Erde einschaltete und dann einfach so ein Abfanggeschwader aus dem Hut zauberte, um der „Maria Theresia“ aufzulauern. Aber so waren sie nun einmal, die Herren und Damen von der Sicherheit.
Außerdem hatten ihre Eltern genug zu tun. Ihr Vater hatte einen Posten in der Zentralverwaltung, und ihre Mutter arbeitete als Physikerin in einer Forschungsanlage der Heeres, die auf dem Kuibyschewer Stausee lag. Ihren Bruder, ein niederer Offizier der Waffenabteilung eines Zerstörers der Norfolk-Klasse, der „Dimitrij Donskoij“, hatte sie seit Beginn der Kämpfe nicht mehr getroffen, und sie erwartete auch nicht, jetzt so viel Glück zu haben, ihm zu begegnen. Alle hatten sie ihre Pflichten zu erfüllen. Und außerdem – sie war KEIN Krüppel, der jemanden brauchte, der ihn abholte! Sie würde, sie wollte selber klarkommen. Man hatte ihr gesagt, sie sollte sich in regelmäßigen Abständen bei einem Arzt zur Untersuchung melden. Dazu, so war ihr „geraten“ worden, sollte sie jede übermäßige Anstrengung unterlassen – als ob sie mit einem Bein schon im Grabe stände! Allein der Gedanke daran führte dazu, daß sie mit den Zähnen knirschte. Was bildeten die sich eigentlich ein? Sie hatte trotz Verbrennungen und Blutverlust ihren Jäger zurückgebracht – und die schrieben ihr vor, sie solle bloß nicht zu schnell laufen! Aber bis man sie endgültig wieder kv schrieb, bis dahin war sie auf das Urteil der Ärzte angewiesen. Und mußte kuschen, denn einige Leute würden es glatt fertig bringen, ihre Beteuerungen, sie sei wieder einsatzbereit, zu ignorieren. Und so sehr sie ihre Familie liebte, oder eher noch deswegen – sie wollte keinen Tag länger als nötig als dienstuntauglich gelten. Einerseits brauchte sie das für ihr Selbstbewußtsein. Mehr aber noch zählte etwas anderes – sie wollte auf keinen Fall riskieren, daß IRGEND jemand ihr auch nur indirekt vorwarf, sie gäbe sich absichtlich keine Mühe, gesund zu werden. Diese Schande konnte sie ihren Angehörigen keinesfalls antun.
Sie wußte nicht genau, was sie getan hätte, wenn sie das Treiben am Flughafen noch viel länger hätte ertragen müssen, so verbittert wie sie war. Vielleicht hätte sie Beherrschung verloren und jemanden angeschrien. Ihre Selbstkontrolle war, obwohl sie sich stets um ein ruhiges Auftreten bemühte, mangelhaft. Vor allem, wenn sie sich mit einer Auffassung zu bestimmten Themen konfrontiert sah, die sie nicht verstehen konnte oder wollte. Aber sie hatte keine weite Strecke zurückzulegen, um zum zentralen Busbahnhof zu kommen. Und glücklicherweise brauchte sie nicht lange zu warten, bis sie ein passendes Fahrzeug bekam. Außer ihr warteten nur ein Dutzend Leute – die meisten wohl Landbewohner, die zurück nach Hause wollten. Wie eigentlich sie auch. Normalerweise genoß sie durchaus die Gesellschaft ihrer Landsleute, aber heute stach ihr zu sehr ins Auge, daß die meisten offenbar nur mit ihren privaten Angelegenheiten beschäftigt waren – und sie weitestgehend ignorierten. So verharrte sie in düsterem Schweigen.
Als der Bus schließlich eintraf, stieg sie etwas schwerfällig ein. Auch wenn sie es sich nicht recht eingestehen wollte – sie war noch lange nicht wieder in Bestform. Der Fahrer lächelte sie routiniert an – so wie vermutlich jeden Fahrgast mit ähnlichen Problemen: „Brauchen Sie Hilfe?“ Lilja schüttelte abwehrend den Kopf. Als der Mann – wohl nicht mit irgendwelchen Hintergedanken – fragte: „Was haben Sie denn mit sich angestellt?“ brach sich der Ärger Bahn, den sie die ganze Zeit vorher in sich hineingefressen haben: „ Na was wohl, was denkst du denn? Woher und von wem werde ich das wohl haben? Schon mal gehört, daß wir Krieg haben? Oder ist dir das entgangen?“ Dann knallte sie ihren Seesack auf einen Sitz und nahm daneben Platz, in wütendem Schweigen. Der Mann schwieg völlig verdutzt – er hatte nicht mit so einem Ausbruch gerechnet. Er errötete, aus welchem Grund auch immer. Offenbar war er nicht daran interessiert, der Pilotin Kontra zu geben. Die anderen Fahrgäste warfen Lilja einige Blicke zu – einige zeugten vielleicht von Respekt, doch es mochte auch sein, daß andere ungehalten waren, weil sie an etwas erinnert hatte, was man lieber vergessen wollte.
Ironheart
24.03.2004, 12:35
Ursprünglich von Cattaneo
Lilja starrte nach draußen, als der Bus anfuhr. Die Straßenzüge Kasans zogen an ihr vorüber, doch das geschäftige Treiben nährte ihren Ärger nur. Sie war freilich auch etwas mit sich selbst unzufrieden. Ihr war klar, daß sie sich fast, nun ja, zickig benahm. Erwartete sie etwa, daß man sie als Heldin feierte? Der Krieg war etwas, was nur einige Millionen der Milliarden Menschen betraf, und er fand weit weg statt. Aber dennoch – diese Verdrängung der Tatsachen. Im Grunde sah es hier nämlich nicht viel anders aus, als vor dem Krieg. Diese Ignoranz, sie weigerte sich, ein anderes Wort zu gebrauchen, die Ignoranz war ihr während ihrer zeitweiligen Suspendierung nicht aufgefallen. Vermutlich hatte sie sich zu der Zeit vor allem mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit gequält. Aber jetzt fiel ihr das Verhalten der meisten Menschen auf, und erfüllte sie mit Wut.
Erst als die Fahrt aus der Stadt heraus führte, entspannte sie sich langsam. Hier zogen sich die Wälder und Felder dahin, und sie genoß diesen Anblick. DAS vor allem war ihre Heimat. Das, und Schuran, die kleine Stadt mit vielleicht 5.000 Seelen. Oder, wenn man es genau nahm – wie sie spöttisch dachte – etwa 3.000 Seelen, denn der Rest der Einwohner hatte sich vom Glauben abgewandt. In den Zeiten, wo der Mensch immer weiter in den Kosmos vorgestoßen war, hatte der Glauben nicht unbedingt Hochkonjunktur. Wie den ersten Kosmonauten war den Sternenfahrern auf ihren Reisen Gott niemals begegnet, und nie hatten sie eine Spur von ihm gefunden. Technik und Rationalität bestimmten das Leben – der Glauben war oft, wenn überhaupt, nur ein Lippenbekenntnis. Und der Krieg würde daran wohl nicht viel ändern, denn die Kirchen hielten sich nach ihren schlechten Erfahrungen in der Geschichte etwas damit zurück, zum Heiligen Krieg aufzurufen. Was sie in den Augen von Leuten wie Lilja eher noch mehr in Mißkredit brachte.
Dennoch – gerade in den ländlichen Regionen, abseits der Großstädte und Metroplexe, hielten sich Volksfrömmigkeit und Glauben. Und mit einer solchen Gemeinde konnte Schuran sich schon sehen lassen. Lilja allerdings hatte die orthodoxen Kirchen ihrer Heimatstadt, neun an der Zahl, nur selten von innen gesehen. Und seit sie selber zu den Sternen aufgebrochen war, hatte sie kein Gotteshaus mehr betreten – was sie auch nicht zu ändern gedachte. Ihre Heimatliebe war ihre ganze Religion. Und mehr als der Gesang des Chors ging ihr das Rauschen des Windes auf den Wellen des großen Stausees zu Herzen, und die grüne Stille des Waldes.
Sie brauchte lange, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zuwendete. Der Anblick hatte ihre Wut besänftigt, und auch wenn sie sich noch lange nicht satt gesehen hatte, so wußte sie, sie würde in den nächsten Wochen genug Zeit haben, das Land ihrer Kindheit wieder zu durchstreifen und zu bewundern. Sie griff zu der Zeitung, die sie gekauft hatte. Obwohl die elektronischen Zeitungen den gedruckten weit überlegen waren – immerhin boten sie kurze Filmsequenzen, konnten in verschiedene Sprachen übersetzt werden und was dergleichen mehr war – bevorzugte sie zumeist die altmodische Variante. Zum einen verwendete sie das Papier für ihre Selbstgedrehten, denn die Druckerschwärze gab angeblich der Machorka erst den ‚richtigen‘ Geschmack. Zum anderen – sie hatte genug mit Technik zu tun, da schadete es nichts, wenn man es auch mal auf die althergebrachte Art und Weise versuchte. Wer wie sie oft stundenlang vor verschiedenen Bildschirmen saß, der genoß so eine Abwechslung sogar. Und sie war neugierig, was die Lokalnachrichten für wichtig hielten. Reflexartig verdrängte sie den aufkeimenden Ärger – die interessierten sich sicher eher für die Ernteprognosen und irgendwelche lächerlichen Skandale der Lokalprominenz, als für den Krieg – und begann zu lesen. Sie merkte bald, daß sie sich hier getäuscht hatte.
Eigentlich hätte es sie nicht sonderlich überraschen dürfen. Sie hatte – wie immer – die lokale Variante des „Narodyna“ gekauft. Das Blatt war eindeutig patriotisch eingestellt und propagandierte einen nicht geringen Nationalstolz. Was einer der Gründe war, aus dem es in Liljas Familie und Bekanntenkreis zu den am häufigsten gelesenen gehörte. Und ob es sich nun um die Produkte der Moskauer Zentralredaktion handelte, oder um die mit einem Lokalteil versehenen Tochterorgane, an dem Grundtenor änderte sich nichts. Und was im „Dritten Rom“ recht war, war in der alten Zarenstadt Kasan nur billig.
Schon auf der ersten Seite fiel ihr besonders eine Überschrift auf: „Großer Sieg unserer Flotte!“. Lilja brauchte nicht lange, um herauszufinden, daß damit das Gefecht bei Jollahran gemeint war. Von den anderen Kriegsschauplätzen gab es wohl im Augenblick nicht viel zu melden. Sie zögerte kurz, denn ihre Erinnerungen an die Schlacht waren immer noch frisch und schmerzhaft, doch dann las sie weiter. Wer auch immer den Artikel verfaßt hatte – jedenfalls verstand er oder sie sein Handwerk. Lilja war selber dabeigewesen, und sie betrachtete das Gefecht keineswegs als großen Sieg. Allerdings – sie war nur eine Pilotin, keine Expertin für Raumkriegsführung. Und wie es hier dargestellt wurde...
Der Reporter warf geradezu mit militärischen Begriffen um sich. Die Tonnageverluste beider Seiten wurden verglichen, und offenbar war man der Meinung, die menschlichen Streitkräfte hätten immer noch gut abgeschnitten. Ausführlich wurde die ungeheure Konzentration von Schiffen geschildert, die den Konvoi hatte schützen sollen. Drei kapitale Großkampfschiffe, jedes weit größer als einer der drei Träger der Erdstreitkräfte, dazu ein Dutzend Kreuzer und die doppelte Anzahl kleiner Kampfschiffe. Eine Flotte, die der terranischen an Zahl und Kampfkraft mehr als ebenbürtig war. Und dennoch – so der Grundtenor – war es den Akarii nicht gelungen, ihren Konvoi zu schützen. Die Verluste des terranischen Angriffsverbandes wurden zwar nicht völlig verschwiegen, aber sie tauchten lediglich in Nebensätzen auf, im vorletzten Abschnitt. Und der letzte war eine erneute Lobeshymne und eine Analyse, wie sehr der Verlust von 20 bis 30 großen Frachtern die Fortsetzung der Akariioffensive erschweren würde. Die Bilder zeigten auch ausnahmslos zerstörte Akariischiffe. Als besonderen Leckerbissen eine Aufnahme des zum Wrack geschossenen Schlachtschiffs der Akarii, aufgenommen vermutlich von der Agamemnon. Lilja konnte es sich selber nicht erklären – obwohl sie die Schlacht anders erinnerte, las sie begierig, jede Zeile auskostend. Ungeduldig blätterte sie um. Im Anschluß an den zweiseitigen Bericht hatte man einen Nachruf an die Gefallenen abgedruckt. Captain Usher, andere Schiffskommandanten, der Prinz von Windsor, dazu kamen Bilder von den zerstörten Trägern. Noch einmal wurde an die ruhmreiche Karriere der „Majestic“ und der „Redemption“ erinnert und ihr Opfer gewürdigt – im großen und ganzen nach dem Motto: „Es war notwendig – und der Verlust wird gerächt werden!“.
Es war jedoch der dazugehörige Artikel im Lokalteil, der ihr am meisten zu schaffen machte. Es war kein besonders langer Beitrag, und er wies auch nicht viele Bilder auf – aber unter anderem ging es um sie selber. Und relativ bald lief die Pilotin doch etwas rot an. Auf diese Art und Weise von sicher selber zu lesen, das war schmeichelhaft. Im Grunde war das weit mehr als nur schmeichelhaft. Und anscheinend hatte man sie schon einmal einer Erwähnung für wert befunden – offenbar, als sie nach ihrer ersten Feindfahrt auf der Redemption den Bronze Star bekommen hatte, und in einem Interview ausgefragt worden war. Wenn jemand wie McLean von TNN sich mit ihr unterhielt, gab ihr das zu Hause offenbar beinahe Starstatus. So gesehen stand natürlich nicht allzuviel drin. Zwei Abschüsse, beides schwere Bomber, einen davon noch mit ihrer schon schwer beschädigten Maschine, und daß sie ihren wracken Jäger dennoch bis zurück gebracht hatte. Sie starrte ihr Foto an wie das einer Fremden. Es war wohl nach ihrer Auszeichnung und Beförderung gemacht worden, als man sie für das Interview „instruiert“ hatte. Sie hätte nicht gedacht, daß der Orden und die Uniform sie – trotz einer unterschwelligen Nervosität, die sie damals verspürt hatte – so, nun, eindrucksvoll aussehen ließen. Und einige der Adjektive, die man im Zusammenhang mit ihr und anderen Besatzungsmitgliedern verwendete...
Sie bemerkte, daß ihre Wangen glühten.
Vermutlich war ihr nicht einmal selber bewußt, daß sie zum Teil hier selber der Täuschung aufsaß, die für die Menschen in der Heimat bestimmt war. Denen wollte, ja mußte man nun einmal Helden präsentieren. Und Lilja war gewiß nicht erste Wahl, doch für eine lokal begrenzte Region wie ihre Heimat war sie schon durchaus vorzeigbar. Auf jeden Fall nachdem sie, wenn auch nur für höchstens eine Minute, in TNN zu sehen gewesen war. Für die Pilotin aber war das genau die Bestätigung, nach der sie hungerte. Wie alle Soldaten sehnte sie sich nach Ruhm und Ehre, oder besser nach Ruhm. Was die Ehre anging, nun, das war eine Frage der Definition. Und das führte dazu, daß sie die Worte des Artikels nicht nur las – sie wollte sie auch glauben. Sie hätte es eigentlich besser wissen müssen, vor allem dahingehend, daß die Schlacht von Jollahran im besten Fall ein Unentschieden war. Jedenfalls kein großer Sieg, wenn man die Opfer bedachte. Aber es war einfach zu verführerisch, den Worten zu glauben. Zumal sie ja nicht direkt logen, sondern nur eine gewisse Sichtweise boten. Lilja hatte ihre Versetzung in die Reserve lange mit sich „herumgeschleppt“. In ihren Augen war das eine Schande gewesen, und es hatte ihr Selbstbewußtsein schwer getroffen. Zu den Nutzlosen, den Versagern abgeschoben zu werden, ohne jede Hoffnung, Rache zu nehmen, mit dem Stigma der Unfähigkeit – so zumindest hatte sie es aufgefaßt. Allerdings hatte sie daraus auch die Kraft geschöpft, mit verbissenem Elan an einer Rehabilitierung zu arbeiten und, einmal wieder im Dienst, zu zeigen, was in ihr steckte. Jetzt solches Lob zu ernten, war genau das, was sie ersehnt hatte – und mehr, als sie zu hoffen gewagt hätte. Sie las die Artikel ein zweites, ein drittes Mal. Als die Landschaft immer vertrauter wurde und in der Ferne die gewaltige Wasserfläche des Stausees blinkte, hatte sie die Beiträge so oft und intensiv gelesen, daß sie vermutlich Wort für Wort hätte wiederholen können.
Als sie aufstand fühlte sie sich eigenartig beschwingt. Es war fast ein Gefühl wie in der Schwerelosigkeit, als schwebe sie. Für einen Augenblick nahm sie ihre Verletzungen kaum wahr. Das Lächeln auf ihrem Gesicht milderte die alten Narben etwas ab und nahm ihrer Miene viel von der kalten Strenge, die sie sonst unnahbar erscheinen ließ. Sie lächelte dem Fahrer freundlich zu und stieg aus. Daß der Mann ihr verdattert hinterherschaute, entging ihr – sie hatte wohl bereits vergessen, wie sie ihn vorher angefaucht hatte. Die Busstation mochte klein sein, und Schuran nur ein besseres Dorf – aber im Augenblick war Lilja wirklich glücklich, das erste Mal seit langer Zeit. Ihre Augen nahmen die vertrauten Bilder in sich auf. Es waren überwiegend kleine Einfamilienhäuser, und so etwas wie ein großes Industriewerk suchte man vergeblich. Die höchsten Gebäude waren oft die Türme der orthodoxen Kirchen, die sich in den Himmel reckten, als sei die Menschheit nicht schon seit Jahrhunderten der Erde und ihren Göttern entwachsen. Nun, vielleicht war dieser Schritt auch nicht SO segensreich gewesen, wie viele gemeint hatten. Der Aufbruch zu den Sternen hatte zum Kontakt mit anderen Rassen geführt – und gerade heute gab es Stimmen, die meinten, die Menschheit hätte sich besser auf ihren Ursprung besinnen sollen, als ihr Glück in den Weiten des Alls zu suchen. Nicht, daß Lilja auf solche Stimmen etwas gegeben hätte, oder sie überhaupt groß zur Kenntnis nahm. Und jetzt dachte sie schon gar nicht daran. Ihre Überzeugung war einfach. Hier war ihre Heimat, und das hier war es wert, dafür zu kämpfen, zu töten, und zur Not auch zu sterben. Ohne einen Gedanken an ihre Wunden zu verschwenden, machte sie sich auf den Weg. Sie war daheim.
Ironheart
24.03.2004, 12:35
Ursprünglich von Hammer
Der Transrapid kam zum Halt. Murphy griff nach seiner Tasche und trat an die Tür. Draußen regnete es Bindfäden und alles schien grau zu sein. Dann glitt die Tür beiseite. Murphy setzte seine Uniformmütze auf und stieg aus. Er war froh, dass er den schweren Uniformmantel übergezogen hatte, denn er war die kalten Temperaturen nicht mehr gewohnt. Zwar war der Bahnhof komplett überdacht, aber es zog wie Hechtsuppe. Er brauchte nicht lange suchend in der Gegend herumzublicken, um seinen Gastgeber zu erblicken, dessen Uniform aus der Menge, die Zivilkleidung trug, herausstach.
Murphy ging Jackson Hayes entgegen und salutierte.
Hayes grinste, erwiderte den Salut und bot Jack dann die Hand an, die er kräftig schüttelte.
„Man, ist das lange her. Es freut mich, Jack, dass Du meiner Einladung gefolgt bist. Ich hatte schon befürchtet, du würdest dich nach Irland verziehen und dort die Schafe zählen.“
„Nein, Irland....“ Murphy schwieg.
„Immer noch Deine Eltern?“
Jack nickte nur.
„Lass uns hier erst mal verschwinden.“ Hayes winkte einen Able Seaman heran, der offensichtlich sein Adjutant war.
„Jeffers, nehmen sie die Sachen des Commanders und dann ab zum Auto.“
Murphy drückte dem verdutzten Jeffers, der offensichtlich andere Gepäckgrößen gewohnt war, seinen Koffer in die Hand und folgte diesem dann, als dieser die beiden Offiziere zum Auto führte.
„Rang hat also immer noch seine Privilegien.“
„Vor allem, wenn man zum Bürokraten wird.“ Hayes lächelte.
„Ich hatte gedacht, wir fahren erst mal zu uns, damit Du Dich frischmachen kannst und dann wird es ein schönes Beefsteak geben. Laura hat sich, nach allem, was sie mir heute über Fon erzählt hat, sehr viel Mühe gegeben und dann kannst du auch Andy und Mike kennenlernen.“
„Deine beiden kleinen?“
„Ja. Mike ist jetzt zwei Jahre alt. Und Andy vier.“
„Oh, ein kleiner Racker.“
„Ja, vor dem ist momentan nichts sicher. Das Kindermädchen ist schon richtig verzweifelt....ah, da sind wir ja schon.“
Hayes wies auf eine geräumige Limousine, die im VIP Bereich stand. Offensichtlich kannte er wirklich die richtigen Leute, denn Jack hatte schon deutlich ranghöhere Leute erlebt, die die normalen Eingänge nutzen mussten. Die Männer stiegen in das Fahrzeug ein und nach kurzer Zeit waren sie auf einer Straße, die stadtauswärts führte. Offensichtlich konnte sich Hayes, der aus einer reichen Familie kam, ein Haus in einem der angesagten Villenviertel leisten. Murphy’s Vermutungen diesbezüglich wurde fünf Minuten später bestätigt. Der Wagen hielt vor einer kleinen, aber exquisiten Jugendstilvilla, welche laut Inschrift über dem Torbogen 1901 erbaut worden war. Er sah Hayes an und zog die Augenbrauen hoch.
„Hihi, ja, wir haben unser Haus in London verkauft. Es sieht ja doch so aus, als wenn ich längere Zeit hier in Berlin bleibe und die Villa war wirklich günstig.“
„Kontakte?“
„Was sonst.“ Beide lachten. Schon früher war Murphy immer wieder erstaunt gewesen, wen Hayes alles kannte. Mittlerweile, so ahnte Murphy, dürfte fast jede wichtige Person in der Admiralität, aber auch in der Berliner Szene in der Adressdatenbank von Hayes stehen.
„Wer war denn der Vorbesitzer?“
„Ein Industrieller in Geldnöten, der dringend und diskret Geld brauchte.“
„Soso....“
„Du weißt doch, wie die Leute sind. Stellen bei Pokerpartien Geld aus und wollen nachher nicht, dass der Inhaber damit hausieren geht. Ich hab sie dann ausfindig gemacht und dem Inhaber abgekauft.“
„Du bist immer noch der alte.“
„Sicher, ansonsten hätte sich meine Frau doch schon von mir scheiden lassen.“
Beide gingen lachend zur Haustür, die noch bevor die beiden Männer sie ganz erreicht hatte, von innen geöffnet wurde. Laura Hayes, eine reife Schönheit mit kastanienbraunem Haar und grünen Augen stand im Türbogen und lächelte, als sie die beiden Männer sah, die sie etwas verdutzt anblickten.
„Woher...“
„Jeffers hat mir eine Nachricht geschickt, damit ich das Essen fertig machen konnte. Hallo Jack!“
„Hallo Laura.“ Jack küsste galant ihre Hand, dann erwiderte er das Lächeln.
„Ganz der Alte....aber kommt doch erst mal herein.“
Nach dem Essen und weiterem Smalltalk erfuhr Jack unter anderem, dass die Kinder gerade im Zoo waren und wohl erst abends zurückkommen würden. Dann entschuldigte sich Laura und die Männer zogen sich in die Bibliothek zurück, wo schon ein warmer Karmin und zwei bequeme Ledersessel auf sie wartete.
„Immer noch dasselbe?“
„Wenn Du immer noch was von dem Zeug orderst...sicher.“
Jackson grinste und goss Murphy und sich selbst einen doppelten Dalwhinnie ein. Dann setzte er sich zu seinem alten Freund.
„Also, wie läuft es da draußen?“
„Immer direkt auf den Punkt, Jackson...Du hast Dich wirklich nicht verändert....die Lage ist sicherlich nicht wirklich rosig. Der Feind hat gutes Material, gut ausgebildete Leute und offensichtlich auch einen guten ND. Jollahran wird vielleicht als Erfolg verkauft, aber das Gefecht war in meinen Augen eine Niederlage. Wir haben das falsche Material eingesetzt, einen falschen Plan verfolgt und insgesamt Material verloren, das die Gewinne nicht wirklich aufwiegt. Die Träger sind schließlich doch der Dreh- und Angelpunkt unserer Strategie, egal was die Kreuzerleute sagen... Ein Umstieg auf eine kreuzergestützte Strategie wäre, selbst wenn sie grundsätzlich richtig wäre, wohl nicht mehr zu bewerkstelligen, dazu haben wir uns zu sehr festgelegt.“
„Sind die Akarii Mann gegen Mann stärker?“
„Kommt drauf an. Unsere Veteranen können da gut gegenhalten, zumal ich denke, dass unsere taktische Doktrin besser ist. Aber unsere Greenhorns...die sind schnell Echsenfutter, wenn es hart auf hart geht. Dummerweise haben wir massig erfahrene Leute verloren.“
„Ja. Und nicht nur bei euch. Einer unserer Experimentalbombergeschwadern ist nur knapp aus einer Falle entkommen, aber nicht ohne vorher die besten Leute am Feind zu lassen.“
„Die Jungs zahlen sowieso den höchsten Blutzoll. Die Miragestaffeln der Red haben richtig gelitten...und mit Jägern alleine werden wir den Krieg nicht gewinnen. Ich meine, die Hydras sind eine Hilfe, aber keine Lösung. Wir hätten die Mirageformationen schon vor einigen Jahren auf die Crusaders umrüsten sollen. Dann wären zwar die kleinen Träger ohne Bomber gewesen, aber wie wir bewiesen haben, ist das von der Kampfkraft eh nicht so wirklich sinnvoll. Dann hätte man Schiff wie die Red eher für andere, defensivere Aufgaben verwenden können und mit den Flottenträgern Schläge führen können. Eine leichter Träger mit reinem Jägergeschwader ist defensiv fast so stark wie ein Flottenträger, aber offensiv? Zwei Staffeln Mirage sind einfach zu wenig.“
„Du weißt doch, was die Erbsenzähler sagen: Crusader sind zu teuer, zu aufwendig in der Crewausbildung und nicht atmosphärentauglich. Von dem Problem mit den leichten Trägern mal abgesehen.“
„Ist es immer noch so schlimm? Ich hab einige Kommentatoren gehört, als ich im Landeanflug war...“
„Schlimmer. In den Ausschüssen, wo ich auftreten darf, wenn der Boss keine Zeit hat, sitzen einige Leute, die denken, die Echsen seien Kuscheltiere, mit denen man reden könne. Und wenn man ein Debakel meldet, bekommt man zu hören, das Militär sei aufgrund seiner agressiven Haltung selber schuld.“
Murphy nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und genoß die torfige Note des Islay Malts. Dann wandte er sich wieder Jackson Hayes zu.
„Wir müssen diesen Krieg gewinnen. Dazu sind wir schon zu weit gegangen.“
Hayes zog die Augenbrauen hoch.
„Ist der Raum sicher?“
„Ja, ansonsten säßen wir jetzt nicht hier.“
„Wirklich sicher?“
Hayes sah seinen Freund erstaunt an. Da lag etwas in der Luft.
„Ja. Ich habe ihn heute noch überprüfen lassen. Dich bedrückt doch etwas.“
„Sagt Dir Troffen etwas?“
„Troffen? Nein.“
Murphy lehnte sich zurück. Dann begann er zu erzählen. Hayes wurde immer ruhiger und lies seinen Freund ohne Zwischenfragen erzählen. Dann lehnte er sich zurück und überlegte, während er an seinem Scotch nippte.
„Du bist sicher, dass das alles so passiert ist?“
„Soweit ich es selber sehen konnte...ja. Verdammt, Jackson, ich bin die PostStrike Aufklärung geflogen, mit Lone Wolf am Flügel. Da lebte gar nichts mehr. Was immer die NICler da gemacht haben, alle Hinweise sind in atomarem Feuer verglüht.“
„Hmmm.....ich werde mal nachsehen, was davon im System noch verfügbar ist. Ich kenne ja auch ein paar Freunde beim NIC, die mir noch einen Gefallen schulden. Erzähle aber niemandem hiervon. Deine Vorsicht ist mehr als berechtigt....und jetzt würde ich sagen...schlafen wir darüber. Du bist sicherlich müde.“
Murphy nickte, trank seinen Scotch aus und erhob sich. Nachdem er den Raum verlassen hatte, schüttelte Hayes den Kopf. Dann machte er einige Anrufe.
Ironheart
24.03.2004, 12:37
Ursprünglich von Ace Kaiser
Der indische Ozean brandete in unzähligen Wellen an den Strand von Bombay City. Die Sonne brannte herunter und das Wasser war angenehm warm. In der Innenstadt riefen die Mullahs zum Gebet, während eine Prozedur Hindis mit einem heiligen weißen Elefanten die Promenade hinab zog.
Vieles hatte sich in den letzten Jahrtausenden geändert. Aber längst nicht alles.
Juliane Volkmer schob ihre Sonnenbrille die Nase runter, um besser lesen zu können.
In diesem Moment flog ein wahrer Strom an Tropfen auf ihr Datapad.
Neben ihr kam Helen Mitra zum stehen. Sie lachte und schüttelte ihr schwarzes Haar. „Warum kommst du nicht rein, Huntress? Das Wasser ist herrlich.“
Juliane warf einen schiefen Blick in Richtung Wasser, wo sich Ohka mit Demolisher balgte.
Nachdem sie bei dem riesigen Schwarzen Urlaub gemacht hatte, war er einfach mit nach Indien gekommen. Nun waren er und der schlanke Japaner Spielkameraden. Das war wohl das erste Mal, dass der introvertierte Nakakura so aus sich herausging.
„Später vielleicht. Ich muss noch ein paar Berichte lesen.“
„Ach, Bullshit!“ Helen ergriff Julianes Arm und zog sie in die Höhe, den unwilligen Trotz überhörte sie. „Nun komm schon, Huntress. Diesen Quatsch über statistische Feindbewegungen kannst du immer noch lesen.
Zwei Männer sind mir ein wenig viel. Ich brauche Hilfe.“
„Na gut, du Nervensäge. Na gut. Sitzt mein Bikini gerade?“
„Ist ja kein Flottenmodell“, erwiderte Helen spitz. „Außerdem frag das nicht mich, sondern die Zaungäste dort drüben.“ Sie deutete auf die Horde. So nannte Juliane bei sich die Versammlung an Verehrern, die sich jeden Tag am Strand versammelte, wenn sie mit Helen und den Jungs schwimmen ging.
„Ja, ja. Denen wäre es ganz recht, wenn das hier textilfreie Zone wäre. Und dem da wahrscheinlich auch.“ Juliane nickte in Richtung Kanos, der gerade von Thomas Paul einige Meter durch die Luft geworfen wurde.
Helen grinste, bis ihr der tiefere Sinn der Worte klar wurde. „Gehen wir vorher ein paar Meter, okay? Wir können uns ein Eis kaufen.“
Juliane nickte.
Sie winkten zu den beiden Männern herüber, die sie beim toben im Wasser nicht einmal bemerkten und schlenderten den Strand hinunter zu dem kleinen Softeisstand. Amüsiert bemerkte Juliane, dass ein richtiger Mensch hinter dem Kühlaggregat stand und das Eis portionierte und verkaufte.
„Und? Schläfst du mit ihm?“ Helen nickte nur.
„Wie lange schon? Du weißt, es hat mich wirklich gewundert, ihn hier zu treffen. Nein, eigentlich nicht wirklich.“
„Ich… habe ihn eingeladen. Es… Es erschien mir richtig. Wenn ich mit ihm zusammen bin, dann… dann geht es mir besser. Er ist gut für mich, Julie.“
Juliane Volkmer nickte. „Ja. Das sehe ich.“ Sie streckte der Freundin die Zunge raus. „Wollte ja auch nur wissen, ob Ihr dazu ein Kama Sutra benutzt.“
„Oooh“, machte Helen und tat als wolle sie nach der älteren Pilotin schlagen.
Die beiden erreichten den Eisstrand und kauften sich extra große Portionen. Helen bezahlte mit ihrem Daumenabdruck, der Betrag würde direkt von ihrem Konto abgebucht werden. „Ich lade dich ein, Huntress.“
„Gehen wir noch ein Stück. Wir können ja nicht mit dem Eis ins Wasser gehen, nicht?“
Helen kniff die Augen zusammen und lächelte ihr süßestes Lächeln. „Hai!“, rief sie.
„Du lernst ausländisch?“ Juliane schmunzelte.
„Mata ne“, erwiderte Helen und winkte ab. „Nur ein paar Brocken, so ka.“
„Verstehe. Dann ist es also ernst mit euch beiden?“
Helen sah zu Boden. „Ich weiß es nicht. Ich weiß es noch immer nicht. Man sagt ja, ein Mann braucht Sex um zu lieben. Eine Frau liebt, wen sie in ihr Bett lässt.“ Sie warf einen schrägen Blick zu Juliane rüber.
Die hob abwehrend die Hände. „Hey, hey, hey, was willst du damit sagen?“
„Ace.“, brummelte sie. „Ace“, erwiderte Juliane. „Schon wieder.“
„Weißt du, das erste Mal habe ich mit Kano geschlafen, als wir beide sturzbetrunken von PERSEUS zurückkamen. Es ist einfach passiert. Ich war frustriert und hatte mich das erste Mal seit Wochen so richtig gut amüsiert. Das erste Mal, seit dieser Idiot wie ein Elefant im Porzellanladen durch meine intimsten Gefühle gestapft war.
In dem Moment erschien es mir so richtig, so gut.
Am nächsten Morgen warf ich ihn raus. Und fühlte mich doppelt schlecht.“
Sie sah Juliane in die Augen. „Julie. Eine lange Zeit dachte ich, er wäre mein Ersatz für Ace. Oder das ich eine Schuld bei ihm hätte, die ich mit Sex abbezahle. Aber das stimmte alles nicht. Ich… Wie soll ich das erklären? Vielleicht war es nur die Gefahr. Die Gefahr, bei etwas verbotenem erwischt zu werden. Vielleicht sollte ich mich doch wieder darauf konzentrieren, ein Pilot der TSN zu sein und diesen Fehler korrigieren. Im Einsatz können wir sowieso nicht zusammen sein und Gefühle behindern nur.“
„Idiotin!“ Die Offizierin und Kameradin sah auf Kali hinab. „Idiotin. Das haben sie beide nicht verdient. Ace nicht und Ohka nicht.“
Helen griff sich an die Wange, als hätte sie eine saftige Ohrfeig erhalten. Der düstere Blick, mit dem Huntress ihre Worte kommentierte, war mindestens ebenso saftig.
„Du bist wirklich ein Trottel, wenn du so denkst. Dann hast du beides nicht verdient. Weder das Andenken an Ace noch die Zuneigung Ohkas.
Sieh es endlich ein. Vielleicht hast du Ace geliebt.
Vielleicht habe ich… Ace geliebt. Und ich habe es mir nicht eingestanden und den Sex vorgeschoben. Erst um etwas von ihm über den Roten Baron zu erfahren, dann um ihm eine imaginäre Schuld zu bezahlen. Ich ärgere mich heute jeden Tag, dass ich es mir nicht eingestanden habe. Dieser verdammte junge Bengel, dieser Heißsporn mit den blauen Haaren, ich…“ Übergangslos brach Huntress in Tränen aus. „Es tut mir leid, Helen, aber wir waren wohl doch Rivalinnen. Und ich war viel näher dran als du.“
Kalis Augen begannen feucht zu schimmern. „Julie…“
Die Pilotin ergriff die Schultern ihrer Indischen Kollegin und hielt sie. „Es war falsch von mir, Ace so zu behandeln und den Sex vorzuschieben. Es war mehr. Sehr viel mehr.
Und es ist sehr viel mehr, wenn du mit Kano schläfst. Gestehe es dir ein, bevor es zu spät ist. Wenn er erst gefallen ist, dann ist es zu spät. Und du weißt, in diesem Krieg kann das jederzeit sein. Wir sind keine verdammten Nutten, die mit irgendwem schlafen.
Wir sind Offiziere der TSN, und wenn wir… Wir schlafen mit ihnen aus einem tiefen Gefühl heraus. Ace ist tot. Bewahre sein Andenken, aber empfinde keine Schuld. Sei ehrlich zu dir, was du für Kano empfindest, aber tu es schnell.“
„Julie…“
„Ace ist tot, aber Kano ist noch da. Und er liebt dich. Vielleicht dienen wir wieder alle zusammen und wir müssen dem Dienst den Vorzug geben. Das ist unser Schicksal als Soldaten. Aber deswegen müssen wir nicht unsere Gefühle kastrieren.“
Nun brach auch Helen in Tränen aus. Die Eistüten fielen in den Sand, als die beiden Frauen sich umarmten und gemeinsam weinten.
„Ich… Ich habe ihn auch geliebt, Julie. Ich war so dumm, so dumm.“
„Ja. Aber Ace mochte Kano. Ich weiß… Ich weiß er würde dir wünschen, dass Ihr zwei zusammen seid. Es wäre eine Beruhigung für ihn, dich glücklich zu sehen, egal wo er gerade ist.“
Helen schniefte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Hai, wakarimassu. O-nee-chan.“
Juliane lachte und schüttelte den Kopf, dass die Tränen dabei weg stoben. „So ka, nee-chan. Lass uns ein neues Eis kaufen und zurückgehen. Aber diesmal bezahle ich.“
„Okay.“
Die beiden gingen zum Stand zurück und kauften sich neue Tüten. „Sag mal, Helen, meinst du, Kano bringt mir auch japanisch bei?“
„Weiß nicht. Frag ihn doch.“
Demolisher und Ohka waren derweil aus dem Wasser zurückgekehrt und saßen zusammen auf der Liegedecke. Nakakura Kano winkte zu ihnen herüber. „Es gibt Neuigkeiten“, rief er und hielt seinen Pager hoch. „Ihr solltet eure auch checken.“
Demolisher grunzte zustimmend. „Am achtzehnten sollen wir rüber nach Californien.“
Juliane zog ihren eigenen Pager hervor und kontrollierte die Nachrichten. „Ich auch.“
„Ich auch. Ich… Wir… Heißt das, die Blaue, dir Grüne und die Rote Staffel bleiben zusammen?“ Helens Miene wankte zwischen Hoffnung und Verzweifelung.
„Es sieht zumindest so aus.“
„Ooooooh, das ist großartig!“ Spontan umarmte Helen Ohka und küsste ihn.
Der Japaner war von soviel offener Zuneigung überrascht, akzeptierte sie aber.
„Da ist noch was. Ein Datalink zur Flottendatenbank“, brummte Juliane und aktivierte die Netzverbindung über ihren Pager. „Ich habe da ein paar Suchbegriffe laufen. Was aus unserem Geschwader wird, wie es meinen Leuten geht… Oh.“
Juliane sah zu Helen herüber. „Ace. Zwei Orden und eine posthume Beförderung zum First Lieutenant.“
Wieder schwankte Kalis Miene. Plötzlich lächelte sie und drückte Kano einen Kuss auf die Wange. „Das sind gute Neuigkeiten. Das hat er sich aber auch verdient, nicht, Kano-chan?“
Der Japaner sah sie erstaunt an. Dann nickte er lachend. „Haiiiii!“
„Am achtzehnten, ja? Na, dann haben wir ja noch zwei Tage Zeit am Strand. Danke für das Eis, Huntress.“
„Heeyyyyy“, beschwerte sie sich, als der Riese ihr Softeis fortnahm. Thomas Paul hielt es so hoch, dass Juliane nicht herankam. „Piloten sollten immer auf ihre Figur achten, Huntress!“
„Sehr witzig“, kommentierte sie und sprang in die Höhe, um ihr Eis wieder zu bekommen.
Kali und Ohka lachten bei dieser Szene.
„Na warte“, rief Huntress keuchend, „lass uns beide wieder im Dienst sein…“
Ironheart
24.03.2004, 12:38
Ursprünglich von Ace Kaiser
Das STARGAZER, ein kleiner, abgelegener Schuppen in der Peripherie der Amüsiermeile der PERSEUS-Station war der Haupttreffpunkt der Besatzung der KAZE. Vielleicht auch deshalb, weil kaum ein anderer Gast hinein passte, sobald sich die Crew nahezu geschlossen versammelt hatte.
Der Besitzer sah es gerne, denn das war eine der seltenen Gelegenheiten, in denen sein Lokal wirklich gut gefüllt war. Da fielen die paar Tische und Stühle nicht weiter ins Gewicht, die bei den gelegentlichen Raufereien der Marines und Techniker zu Bruch gingen.
Bis auf eine Rumpfwache aus Junioroffizieren und Unteroffizieren hatten sich alle Mannschaftsmitglieder auch diesmal im STARGAZER eingefunden. Die Offiziere saßen still vor sich hinbrütend in einem Sépareé und starrten in ihre Drinks.
„Warum der Skipper wohl zum NIC musste?“, fragte Lieutenant Li leise. Der Ortungs- und Funkspezialist sah kurz in die Runde, widmete sich dann aber wieder seinem Schälchen mit Reisschnaps, als keiner seiner Offizierskollegen reagierte.
Johansson füllte sich gerade einen Halbliterkrug Bier aus der großen Karaffe ein und beobachtete penibel die Schaumentwicklung, um ja keinen Milliliter zu wenig einzuschenken, der in sein Glas passen mochte. „Pah!“, meinte er, „sie werden ihn wegen dem Konvoi ausquetschen. Ihm wird schon nichts passieren. Ihm passiert doch nie etwas.“
„Und wenn doch?“ Amber Soleil sah von ihrem Sherry auf und starrte Johansson an. „Was, wenn sein verteufeltes Glück diesmal endet? Was wenn sie ihm wegen irgendwas einen Strick drehen wollen? Erst letztes Mal wollten sie ihm den Prozess machen, weil er angeblich während der Feindfahrt Alkohol erlaubt hat.“
Johansson hustete in seine Faust. Es klang fast wie die Frage: „Angeblich?“
Amber strafte den Marine mit einem bösen Blick ab. Natürlich, es war ein offenes Geheimnis, dass Schneider während der Freiwache Alkohol und Tabak duldete, solange die Soldaten diensttauglich blieben. Die Vorräte der KAZE vor einer Feindfahrt waren immer beträchtlich.
Und es hatte die Crew einiges an Mühe gekostet, die Reste rechtzeitig beiseite zu schaffen, um der Inspektionstruppe, die gegen den Skipper ermittelt hatte keine Beweise in die Hände zu spielen. Johansson grinste bei diesem Gedanken. DAS war ein Spaß gewesen. Vor allem die langen Gesichter der blasierten Idioten in ihren gestärkten Hemden waren es wert gewesen.
„Was, wenn sie ihn wirklich dran kriegen?“ Ishihiro sah von seinem Wein auf. „Das hätte er nicht verdient. Der Skipper ist ein feiner Kerl.“ Das zu erkennen hatte Haruka fünf Feindfahrten und endlose Nerven gekostet.
„Nett, das von Ihnen zu hören, Lieutenant“, klang hinter ihm die irgendwie immer fröhlich klingende Stimme Schneiders auf.
„Captain!“, rief Haruka Ishihiro peinlich berührt. Das dieser Typ aber auch ausgerechnet jetzt auftauchen musste. Und das Schneider dann auch noch seine Worte mitgekriegt hatte, wo er doch immer den disziplinierten Offizier mimte, der den Captain kritisierte und seine laxe Disziplin bemängelte. Natürlich nur wegen der Hoffnung, aus Justus Schneider könnte noch mal ein richtiger Offizier werden.
„Captain“, sagte nun auch Amber Soleil. Sie deutete auf den Platz zwischen sich und Eavy Jones, der Pilotin der KAZE. „Nehmen Sie doch Platz.“
„Danke, Commander.“ Schneider flegelte sich auf den Stuhl und beinahe erwarteten die anderen am Tisch, er würde die Schuhe ausziehen, um es noch bequemer zu haben. „Das tut gut, zwischen zwei hübschen Frauen zu sitzen.“
„Captain“, raunte Second Lieutenant Jones und wurde puterrot.
„Das ist jetzt nicht die Zeit zum shakern, Captain“, ermahnte ihn Commander Soleil.
„Aber wenn nicht in der Freizeit, wann dann? Werden Sie locker, Amber. Ich beiße Sie ja nicht.“
„Ich will aber nicht locker werden“, erwiderte sie. „Und gebissen werden schon gar nicht.“
Justus Schneider verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. „Sehen Sie? Und genau das ist Ihr Problem, Amber. Äh, nicht das beißen. Das locker werden, Sie wissen schon.“
Für einen Moment sah es so aus, als wolle ihr berüchtigtes Temperament mit ihr durchgehen. Aber mit einem Mal wurde sie ruhig. Beinahe lächelte sie, als sie Schneider direkt in die Augen sah. „Vielleicht haben Sie Recht, Captain. Ich sollte die Dinge ausgerechnet in meiner Freizeit nicht so verbissen sehen und lockerer werden.“
„Sag ich doch“, kommentierte der Captain der KAZE und zeigte ihr die zum V geformten Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand.
„Was hat da eigentlich so lange gedauert, Captain?“, wechselte Haruka schnell das Thema, da ihm die Entwicklung des alten nicht geheuer war. „Haben die Schlapphüte mit Ihnen eine Sonderschicht geschoben?“
„Ja, das haben sie.“
„Und? Worum ging es? Hat die Crew Fehler gemacht?“
„Nein, nein, Lieutenant, alles in Ordnung.“
„Dann waren wir unvorsichtig?“
„Auch nicht. Weit daneben.“
„Ja, dann sagen Sie uns doch, worum es ging, Captain.“
„Geht leider nicht. Geheime Verschlusssache. Bedienung? Wo bleibt mein Whisky?“
„Geheime Verschlusssache? Was an diesem Observierungsauftrag kann den so wichtig gewesen sein?“, murmelte Commander Soleil leise.
„Oh, da gibt es was“, meinte Schneider, „aber wenn ich Ihnen das erzählen würde, Amber, müsste ich Sie einsperren lassen und mich gleich dazu. Die Sache ist Top III.“
Johansson pfiff anerkennend. „Was kann so wichtig sein, springt uns aber nicht sofort ins Auge? Wenn der Skipper es nicht verraten darf, können wir es vielleicht erraten. Li, Sie haben die Ortungsbilder des Geleitzugs gemacht. Ist Ihnen was Besonderes aufgefallen?“
Der Angesprochene schenkte sich gerade Reiswein nach. „Hm? Abgesehen davon, dass es der größte Konvoi war, den ich jemals bei den Akarii gesehen habe? Eigentlich nicht.“
„Li kann da auch nicht helfen“, feixte Schneider und nahm lächelnd seinen Scotch entgegen.
„Das ist mir zu dumm. Sagen dürfen Sie es nicht und raten können wir es nicht. Ich gehe zurück an Bord.“ Amber Soleil stand auf und eilte an den Tischen mit den anderen Besatzungsmitgliedern vorbei nach draußen. Sie hatte es fast geschafft, als eine Hand auf ihrer Schulter sie inne halten ließ. Schneider. Es konnte niemand anders sein.
„Amber“, sagte er, und seine Stimme wurde traurig. „Ich kann doch gar nicht anders handeln. Sie dürfen alle nicht wissen, worum es in der Top III-Besprechung ging. Und erraten dürfen Sie es auch nicht. Ein unbedachtes Wort vor der falschen Person, und einige, wenn nicht alle haben das JAG am Kragen.“
Er drehte sie langsam um und lächelte sie an. „Sie wissen doch, wir alle haben so unsere Vergangenheit. Der eine oder andere Offizier in meinem Kader könnte schon aus der Navy geschmissen werden, nur weil sich die Anwälte für ihn interessieren.“
Sie konnte es an seinen Augen sehen, dass er vor allem sie meinte.
„Amber, mögen die anderen Offiziere und Mannschaften hier auf PERSEUS von uns auch denken, was sie wollen, mögen sie uns für Quertreiber, Befehlsverweigerer oder sogar Pazifisten halten, wir alle wollen unserer Heimat als Soldaten dienen. Und die KAZE ist für viele, wenn nicht für alle die einzige Möglichkeit, dies zu tun. Die meisten könnten ihren Abschied nehmen, ohne ihrer Pension zu schaden. Dennoch bleiben sie. Tun ihre Pflicht.
Das will ich keinem nehmen.
Aber ich will auch keinem die wenige Freizeit verderben. Wenn Sie diese kleine Frotzelei auf sich bezogen haben, so tut es mir leid. Ich will Sie weder verletzen noch verärgern. Ich brauche Sie doch. Ohne Sie wäre ich nur ein halber Captain, und die KAZE wäre ohne Seele.
Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt noch diene. Und die einzige Antwort, die ich dann finde ist meine Crew, die ohne den Dienst auf der KAZE vielleicht niemals mehr die Möglichkeit hat, die Karriere in der Flotte fort zu setzen.“
„Captain“, hauchte sie ergriffen.
„Bitte, wenn Sie jetzt gehen wollen, ich halte Sie nicht auf. Aber ohne Sie wäre ich auch hier nur ein halber Captain.“
Sie starrte ihn an, dann wandte sie sich abrupt ab. Ohne ihren Vorgesetzten anzusehen sagte sie: „Nun ja, da steht ja immer noch mein Drink auf dem Tisch, oder?“
Schneider lachte über das ganze Gesicht, als er seinen XO zum Tisch zurück begleitete.
Justine Lacroix, die Bordärztin der KAZE hatte die ganze Szene beim eintreten mitbekommen. Und im Gegensatz zu den Besatzungsmitgliedern oder gar den Offizieren hatte sie jedes gesprochene Wort gehört. Sie schüttelte den Kopf und ging langsam auf den Offizierstisch zu. „Das es jemand schafft, einen Hitzkopf wie Commander Soleil zu bändigen… Sachen gibt’s.“
Ironheart
24.03.2004, 12:39
Ursprünglich von Cunningham
Vickers Interstellar,
Marsraumwerft
Das Shuttle näherte sich dem riesigen Habitat. Es war die größte Werft, die es im gesamten von Menschen besiedelten Raum gab.
Langsam schwenkte das Shuttle in eines der inneren Werftmodule ein.
Der Shuttlecrew und über Monitor den Passagieren kam ein Schiff im inneren des Moduls zu Gesicht.
Majestätisch schwebte der Flottenträger der Pegasusklasse genau zentriert im Dock.
Am Heck prangte schon der Name, unter dem der Träger in Dienst gestellt werden würde.
T.R.S. Columbia CV 49.
Das Shuttle wurde vom ATLS des Schiffes eingefangen. Ganz sanft, kein Ruck war zu spüren.
Das Shuttle setzt auf dem riesigen Landedeck auf und wurde weiter hineingeschleppt.
Die Luke schwang auf, als sich gerade eine Ehrenwach formierte.
Ein Chief trällerte auf seiner Bootsmannspfeife.
"Admiral kommt an Bord!"
Renault verließ das Shuttle, ein schlanker, Mann mittleren Alters eilte ihm schnellen Schrittes entgegen, schaffte es dennoch Würde auszustrahlen.
"Bitte um Erlaubnis an Bord kommen zu dürfen." Fragte Renault dem Protokoll halber.
"Erlaubnis gewährt." Antwortete der Mann, dessen Adlerabzeichen am Kragen ihn als Captain auswiesen.
"Sie sind Waco?" Wollte Renault wissen.
"Yeah, James Waco, was kann ich für Sie tun, Sir?"
"Sie können mich über die genaue Lage an Bord informieren. Und ich habe ein paar Neuigkeiten, Sie werden der 2. Flotte zugeteilt."
"Aha, bei Texas Wache schieben, aber nun ja, in vier Tagen laufen wir aus zum Maschinentest, danach laufen wir wieder ein, um sechs Tage später haben wir Taufe. Die Besatzung ist zur Hälfte an Bord, in der Woche nach der Taufe bekommen wir die zweite Hälfte. Allerdings, habe ich Probleme mit meinem Bordgeschwader."
"Ihr vorgesehener CAG fällt aus, Estelle Henriques richtig?" Hakte Renault nach.
"Ja, ihre Rekonvalenz dauert noch gut ein Jahr länger als geglaubt."
"Und noch keinen Ersatz gefunden?"
"Nein, obwohl es genügend befähigte Leute hier im System gibt, aber ich glaube kaum, dass das Oberkommando sie jetzt noch rausrückt, wo die Columbia Terra verlässt."
Sie kamen zu Wacos Büro.
"Ich hätte vielleicht einen Mann für Sie Captain."
Waco setzte sich hinter seinen Schreibtisch, bot Renault eine Zigarre an und zündete sich selbst, ungerührt von Renaults Ablehnung eine an: "Wen?"
Renault holte einen Datenchip aus seiner Hosentasche und reichte ihn Waco.
"Lone Wolf Cunningham, dass kann nicht Ihr Ernst sein, ich kenne den Kerl, arroganter Drecksack."
"Nun, als ich ihn vor ein paar Tagen traf, war nicht viel von Arroganz bei ihm zu entdecken, ich denke, der Krieg hat ihn verändert, ich denke, er kann Ihnen ein guter Geschwaderkommandant sein."
"Und wenn ich diesen Cunningham nicht als Geschwaderchef haben will?"
Renault antwortete mich einem Lächeln: "Sie können versuchen jemanden zu finden, der Ihnen genehm ist."
"Ich will zumindest zuerst mit diesem veränderten Cunningham sprechen."
"Und wie sieht es mit dem Rest Ihres Geschwaders aus?"
Waco lehnte sich zurück und zeigt ein verrücktes Grinsen, welches seinem Callsign - Wacko - mehr als gerecht wurde: "Auch nicht viel besser, ich hatte ja irgendwie darauf gehofft, die Imperial Starlancers als Bordgeschwader zu bekommen, oder die Red Arrows als Grundstock für was vernünftiges."
"Es werden gerade massenhaft Kampferfahrene Leute nach Miramar verlegt, daraus kann man einen guten Grundstock für ein Geschwader formieren. Dann werden demnächst Milizpiloten an die Front geschickt, ich werde mich dafür stark machen, dass die Columbia 40 Piloten von der New Bosten Space Force zugewiesen bekommt."
"In Ordnung, ich bin bestochen, ich werde mir diesen Cunningham angucken, wenn Sie ihn herschaffen."
"Das lässt sich sicher einrichten. Aber ich bräuchte noch in einer anderen Sache Ihren Rat."
"Sir?" Waco hob erstaunt die Augenbraue.
"Ich brauche einen qualifizierten Captain für die Moskau. Die Moskau muss in vier Wochen auslaufen."
Waco blickte den Admiral erstaunt an: "Die Moskau? Nun, ich habe mir das ... Wrack ... von Schiff angesehen, ich bin mir nicht sicher, ... naja, eigentlich bin ich mir schon sicher, und zwar in der Hinsicht, dass die Moskau in vier Wochen nicht in der Lage ist, auslaufen zu können."
"Die Moskau muss auslaufen, daher wird sie auslaufen, Ende der Diskussion."
"Und Sie brauchen einen Captain, Chris Dehaver und Marina Jensen sind für die beiden leichten Träger vorgesehen", ein feines Lächeln umspielte Wacos Lippen, "die eigentlich für unsere Colonistenfreunde vorgesehen waren. Hidoshi Nakagawa befindet sich noch in der Rekonvalenz, dürfte aber meiner Meinung nach die beste Wahl sein, Sir."
Eine Stunde später hob das Admiralsshuttel wieder von der Columbia ab und strebte einem weiteren Werftmodul zu.
Es war eines der äußersten Module. In ihm hing die Moskau, ebenfalls ein Träger der Pegasusklasse. Doch dieser sah nicht annähernd so majestätisch aus wie die Columbia. Der Rumpf der Moskau war überseht mit Brandspuren von Raketeneinschlägen und Laserstrahlen.
Renaults Shuttle bekam auch keine Landeerlaubnis, sonder musste an einer Luftschleuse andocken.
Erwartet wurde er von einen Lieutenant Commander und einem zivilen Ingenieur von Vickers.
"Sir, willkommen auf der Moskau. Lieutenant Commander Torben Warmbold." Begrüßte ihn der Lieutenant Commander.
"Commander." Renault nickte ihm zu.
Der Ingenieur streckte ihm die Hand entgegen: "Willard Moreland."
Renault nahm Morelands Hand: "Mr. Moreland. Ich mache nur eine kurze Stippvisite und ich möchte Tacheles sprechen: In vier Wochen wir dieses Schiff das Dock für mindestens 14 Tage verlassen."
Die beiden Männer guckten ihn an als habe er sich vor ihren Augen in einen Akarii verwandelt und beeilten sich dann sich gegenseitig dabei zu übertönen, ihm zu erzählen, dass sein Vorhaben unmöglich sei.
"RUHE!" Donnerte Renault schließlich. "Commander Warmbold: Ich erteile Ihnen hiermit folgenden Befehl: Bis zum Eintreffen des neuen Kommandanten, werden Sie alles erdenkliche unternehmen, dieses Schiff für ein Auslaufen in exakt 28 Tagen vorzubereiten. So bald Ihr neuer Captain an Bord, kommt, werden Sie abgelöst, der Befehl jedoch bleibt bestehen. Dieses Schiff hat am 13. Oktober 2636 für eine Flottenparade auszulaufen und weitere 13 Tage im Raum zu bleiben."
"Sir, ich ...."
"Bestätigen Sie den Befehl!"
Warmbold schluckte: "Befehl erhalten und verstanden! Aye, aye Sir! Ich bitte meinen Protest im Logbuch zu vermerken."
Renault nickte: "In Ordnung, vermerken Sie Ihren Protest."
Ironheart
24.03.2004, 12:40
Ursprünglich von Hammer
Gonzalez stand auf der Brücke seines Schiffes. Das gefiel ihm nicht besonders, denn auf SEINEM Stuhl sass dieser idiotische Sesselfurzer, den ihm das Oberkommando auf das Auge gedrückt hatte. Wenigstens was Commodore Reich nicht so dreist, ihm das Rauchen auf seiner Brücke zu verbieten.
Reich war wie angekündigt auf der Dauntless angekommen und hatte alle Anzeichen eines Bürohengstes gezeigt. Zuviel Gepäck. Zu pedantische Inspektion der angetretenen Crewmitglieder. Die Liste lies sich fortsetzen. Dazu kam, dass die Brücke der Dauntless nicht wirklich als Flagbrücke ausgerüstet war. So kam es, dass Gonzalez den Posten von Turner übernahm und dieser im CIC Stand bei O’Keefe war. Letzterer war wohl der Einzige, der davon profitierte, weil er so eine Menge von Turner lernen konnte.
Auf der Brücke wurde Gonzalez ständig durch Nachfragen genervt, die der Commodore mit einem Blick auf das Display vor sich selbst hätte beantworten können. Außerdem stellte er taktische Planspiele auf, die nach Gonzalez Ansicht etwas vor 20 Jahren aktuelle gewesen waren. Es wurde zudem immer offensichtlich, dass er die Möglichkeiten der Dauntless vollkommen falsch einschätzte.
Immerhin war er aber nicht komplett beratungsresistent. Langsam merkte Gonzalez, wie er Reich anfassen musste, ohne dass sich dieser übergangen fühlte.
Reich indessen betrachtete den Schirm vor sich. Innerlich hoffte er, dass der Konvoi möglichst von den Akarii unbemerkt an seinem Bestimmungsort ankam. Denn er wusste nicht, was er von den Fähigkeiten seines Flaggschiffes halten sollte. Auch der Captain der Dauntless war ein Rätsel für ihn. Beide hatten innerhalb der Flotte einen zweifelhaften Ruf, der Kreuzer galt als Fehlkonstruktion, und das sowohl bei den Fliegern als auch bei den traditionellen Dickschiffleuten. Gonzalez selbst hatten den Ruf eines aufsässigen, unkonventionellen Aufsteigers. Aber Reich musste zugeben, dass die Mannschaft einen guten Eindruck machte, auch wenn die anfängliche Parade ihn das schlimmste hatte befürchten lassen. Da waren ihm nämlich neben diversen Alkoholfahnen und anderen Ausdünstungen auch die alles andere als vorschriftsmäßige Haltung der meisten Männer und Frauen aufgefallen. Aber auf der Fahrt schien die Besatzung ihre Arbeit zu machen. Er musste sich auch zugestehen, dass Gonzalez ihm immer mehrere Schritte voraus war, was Vertrautheit mit dem neuen Schiff und der Besatzung zeigte. Andererseits fand er Gonzalez Angewohnheit, fortwährend mit einer Zigarre in der Hand auf der Brücke herumzulaufen, ausgesprochen irritierend.
„Gonzalez, was meinen Sie, eine weitere Übung zur Koordination der Flotte?“
„Sir, ich glaube, wir sollten erst mal innehalten. Alle Mannschaften sind schon seit geraumer Zeit ohne große Pause auf Feindfahrt.“
„Einverstanden. Setzen Sie die nächste Übung dann in vier Stunden an.“
„Jawohl, Commodore. Sir, mit Ihrer Erlaubnis werde ich mich kurz in die Gefechtszentrale begeben.“
„Machen Sie das.“ Reich ahnte, dass Gonzalez unglücklich über die Situation war, aber daran konnte er aus seiner Sicht nur wenig ändern.
Gonzalez griff nach seiner Mütze und verließ die Brücke. Zwei Minuten später stand er neben Turner und O’Keefe in der Gefechtszentrale.
„Also, ich habe gesehen, es gibt Probleme mit dem achteren SM2 System?“
„Ja und nein, Sir.“
Gonzalez zog ob der kryptischen Bemerkung von O’Keefe die Augenbrauen hoch.
„Es ist nicht das SM2 System, sondern die Energiezuführung dorthin, die ein Problem aufwies. Allerdings legt dies faktisch das SM2 und einige Subsysteme, insbesondere passive Sensoren lahm. Das Problem wird gerade behoben.“
„Gefahr, dass es wieder auftritt?“
„Eher gering, scheint sich schlichtwegs um ein Verschleißteil zu handeln, das auf Perseus nicht gewartet wurde.“
„Gut, halten Sie ein Auge drauf, O’Keefe. Wie war die Übung ansonsten?“
Turner ergriff nun das Wort: „An sich erfolgreich. Wir haben alle simulierten Ziele bekämpft, bevor sie wirklich gefährlich wurden. Der Computer war sich aber unsicher, ob wir den einen Flugkörper abgeschossen hätten. Ich empfehle hier, das Amraam System noch genauer auszurichten, es könnte wirklich was ausmachen.“
„Gut, fügen Sie das dem Trainingsplan und dem taktischen Handbuch hinzu. Ich will sehen, ob sie Ihre These bestätigt. Sonst noch was?“
„Nein Sir....doch Sir....“
„Warren?“
„Naja, wir fragen uns, was wir im Gefechtsfalle tun sollen. Mehrfach haben Sie Order gegeben, ohne dass der Commodore diese sanktioniert hatte.“
„Hat er ihnen widersprochen?“
„Nein, Sir.“
„Geben Sie als mein XO nur Befehle, die ich herausgegeben habe?“
„Nein, Sir.“
„Dann handeln Sie entsprechend. Und im Zweifelsfallen denken Sie daran, dass der Commodore neu auf dem Schiff ist. Ich bin wieder auf der Brücke.“
Gonzalez ging, ohne weiter die fragenden Gesichter seiner Leute weiter zu beachten. Denn sie berührten einen wunden Punkt, über den er sich auch noch nicht im Klaren war. Tatsache war, dass er nicht gewillt war, die Kommandokette zu durchbrechen. Denn die stellte sich für ihn wie für wohl jeden Offizier als absolut unantastbar dar. Andererseits konnte er nicht warten, bis Reich zu einem Entschluss kam, wenn jeder Sekundenbruchteil zählte. Innerlich hoffte er, dass die Feuertaufe der Dauntless noch bis zur Ankunft des Konvois an seinem Bestimmungsort auf sich warten lies.
Turner und O’Keefe waren nicht minder ratlos. Was der Alte gerade vom Stapel gelassen hatte, war ungefähr so hilfreich wie ein Kühlschrank in der Antarktis.
„Douglas, haben Sie das verstanden?“
„Sir, nein, nicht wirklich. Aber mit Verlaub, Sie kennen den Captain doch besser als ich.“
„Ja, das schon....aber so was hat er noch nie zu mir gesagt. So missverständlich drückt er sich nur aus, wenn er dies auch will. Im Zweifelsfalle reagieren wir auf einen Befehl von der Brücke, egal von wem er kommt. Ich hoffe nur, die beiden denken wenigstens in gleichen Bahnen, sonst wird es unangenehm.“
O’Keefe nickte nur.
„Dann zurück zur Simulation, ich will doch mal sehen, ob wir den idealen Abschusswinkel nicht noch näher bestimmen können.“
„Sir, noch eine Frage, stimmt es, dass der Captain und Sie das Taktische Handbuch für diese Klasse schreiben?“
„Ja, das ist allgemein so üblich, wenn eine neue Klasse eingeführt wird.“
„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich auch etwas dazu beitrage?“
„Nein, Douglas, sicher nicht.“ Turner lächelte. „Sie haben ja schließlich mehr Systemerfahrung an einigen Teilen hier als wir alle zusammen.“
„Dann könnten wir doch jetzt auch noch mal eine Simulation einspielen, die ich hier zwischendurch mal entwickelt habe. Es geht darum, die SM2 Werfer beide einzusetzen, was ja an sich fast nicht möglich ist.“
Turner nickte. Die SM2 Systeme waren bugwärts und „oben“ und achtern und „unten“ angebracht. Da die Werfer nicht schwenkbar, sondern senkrecht eingebaut waren, war es theoretisch nicht möglich, beide Werfer gleichzeitig auf ein Ziel einzusetzen. Allerdings hatte die SM2 die Möglichkeit, auch um die Ecke zu peilen, wenn sie Verbindung zum Radar der Dauntless hatte. Doch die Simulationen in dieser Hinsicht waren bisher nur mäßig erfolgreich gewesen. Warren Turner war gespannt, was dem Nachwuchs da eingefallen war und wies ihn daher an, die Übung laufen zu lassen. Langsam machte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit....
Ironheart
24.03.2004, 12:42
Ursprünglich von Tyr Svenson
„BOMBAY – SPACEPORT, ZENTRALBAHNHOF!“ Der Bordlautsprecher trieb Kano auf die Beine. Ein paar Sekunden wußte er nicht, wo er war, glaubte in dem Lautsprecher die monotone, aber harte Stimme des Kommunikationsoffiziers der „Redemption“ zu erkennen, der Großalarm gab.
Während Kano hochfuhr, taste er reflexartig nach dem Spind, in dem sein Pilotenanzug hängen mußte. Deshalb stieß er sich den Kopf UND den Arm. Immerhin weckte ihn der Schmerz endgültig auf und machte ihm bewußt, wo er sich befand.
Er war nicht mehr an Bord eines TSN-Trägers, sondern in dem Transrapid Tokio – Hanoi – Delhi – Bombay. Die „Redemption“ war seit nunmehr zwei Monaten Geschichte und die weiche, weibliche Stimme, die aus den Lautsprechern ertönte, hatte wirklich keine Ähnlichkeit mit dem Kommunikationsoffizier der „Redemption“. Nur die kalte Funktionalität des Zugabteils erinnerte an die Einrichtung eines veralteten Langstreckenshuttles.
Während Kano verärgert den Kopf rieb, sah er sich vorsichtig um, ob jemand seine Ungeschicklichkeit bemerkt hatte. Er hatte Glück gehabt. Die meisten anderen Passagiere schienen immer noch zu schlafen, wurden gerade wach – oder waren damit beschäftigt, ihr Gepäck zu ordnen. Der junge Pilot schulterte seinen Seesack. Wenn der Dienst bei den Streitkräften etwas für das Zivilleben lehrte, dann die Fähigkeit, mit extrem leichten Gepäck zu reisen.
Als Helen ihn angerufen hatte, hatte Kano spontan seine Urlaubspläne umgeworfen, den Rest seines Urlaubs in Tokio zu verbringen. Kano hatte sofort ja gesagt, als sie ihn gefragt hatte, ob er sie besuchen wolle.
Sein Bruder Tarro, seit Iouras Tod Kanos einziger Bruder, war schon wieder an Bord des Zerstörers „Caulaincourt“, der zur 3. Flotte gehörte. Die zwei Jahre Altersunterschied hatten ihre Bedeutung verloren, denn obwohl Tarro Waffenoffizier und nicht Jagdflieger war, teilten sie doch ähnliche Erfahrungen.
Und seine Eltern... .
Kano lächelte etwas schuldbewußt. Tadamori, Kanos Vater, war nach zwanzig Jahren aktiven Dienst auf dem Flottenträger „Akagi“ in die Etappe gewechselt und diente nun in der Verwaltung eines im Großraum Tokio stationierten Phantome-Geschwader. Die Vernichtung seines alten Trägers und der gleichzeitige Tod seines älteren Sohns Ioura über Manticore war ein schwerer Schlag für den alten Soldaten gewesen. Dennoch hatte er mit Stolz reagiert, als Kano auf eine Fronteinheit versetzt wurde - und noch mehr, als er gesund mit dem Flight Cross zurückgekommen war. Sein Vater hatte mit trockenem Humor reagiert , als Kano seine Urlaubsplanung änderte.
Kanos Mutter Hiromi hatte Kano allerdings ziemlich eingehend über Helen befragt, was ihn etwas nervös gemacht hatte. Es war ja nicht gerade so, daß er und Helen heiraten wollten – sie waren schließlich beide Soldaten der TSN.
Hiromi war, für eine die japanischen Traditionen achtende Familie nicht unüblich, nicht berufstätig. Den ältesten Sohn an den Krieg zu verlieren und Tarro und Kano in ständiger Lebensgefahr zu wissen, war hart für sie. Kanos Mutter bemühte sich zwar, sich wenig anmerken zu lassen. Aber als sich Kanos fünfzehnjährige Schwester Sakura, das jüngste Kind der Familie, für die Jagdfliegerausbildung auf dem Mars interessiert hatte, hatte Hiromi das Gespräch fast sofort unterbrochen. Das war eine der seltenen Gelegenheiten gewesen, als es offenen Streit gegeben hatte und die sonst immer beherrschte Hiromi lauter geworden war. Und wenn Kano von seinen Erfahrungen erzählt hatte, mit den Händen verdeutlichte, wie sich die Jagdflieger im Weltraum umkreisten und gegenseitig hetzten, da war es ein-, zweimal vorgekommen, daß seine Mutter fast schmerzhaft das Gesicht verzog und sehr still wurde. Dann dachte sie wohl an Ioura und an die Gefahren, die vor Kano und Tarro lagen. Kano glaubte zu verstehen, warum sie nicht wollte, daß auch Sakura in die TSN eintrat.
Er hatte versprechen müssen, so häufig wie möglich anzurufen – auf jeden Fall, wenn er neue Befehle bekäme oder irgendetwas über seinen zukünftigen Einsatzort erfahren würde.
Der Zug verlangsamte. Man brauchte allerdings schon extrem feine Sinne, um eine Veränderung zu bemerken, die auch Kano mehr erahnte als wahrnahm. Der unterirdische Bahnhof von Bombays Raumflughafen unterschied sich nicht wesentlich von den gleichartigen Einrichtungen beim Kosmodrom Baikonur, in Tokio – oder wo auch immer auf der Erde. Nur die ethnische Zusammensetzung des Personals und der Passagiere mochte etwas variieren, eine andere Sprache neben den „internationalen“ Inschriften und Ankündigungen in Englisch verwendet werden. Und wie auf den Bahnhöfen von Baikonur und Tokio wurde auch hier der Krieg nach Kräften verdrängt. Es fehlte an Plakaten, die den Betrachter aufforderten, sich freiwillig zu melden, oder für den Sieg zu spenden. Und auch die meisten Nachrichtenorgane thematisierten den Krieg kaum. Kano verzog den Mund. Es versetzte ihm immer noch einen Stich, daß die meisten Menschen – wohl vor allem die, die keine Angehörigen bei den Streitkräften hatten – den Krieg am liebsten ignorierten und gar nicht wahrnehmen wollten, daß jenseits des Horizonts ein erbitterter Weltraumkonflikt tobte. ‘Wir riskieren unser Leben, so viele sind gestorben – und sie wollen es nicht einmal wahrnehmen!‘ Aber das brachte ihn nicht weiter. Die Menschen, die ihm etwas bedeuteten, verdrängten den Krieg bestimmt nicht. Und er hatte schließlich diese Berufung nicht nur deshalb gewählt, um allgemeine Anerkennung zu erringen.
Kano orientierte sich kurz und drängte sich durch die Menschenmenge, die auf dem Bahnsteig drohte. Hoffentlich verfehlte er Kali nicht.
Doch er war noch keine zwanzig Schritt weit gekommen, als er erkannte, daß der Krieg auch in Bombay angekommen war. Wie Wellenbrecher in der Flut ragte eine Kette Armeesoldaten aus der hin und her wogenden Menge. Mit ihren geschlossenen Visierhelmen, den schweren Körperpanzerungen und den quer vor der Brust getragenen H&K 322x – Sturmgewehren wirkten sie unnatürlich massig, fremdartig - und bedrohlich. Ein kleingewachsener, dunkelhäutiger Lieutenant und vier Mitglieder des Sicherheitsdienstes kontrollierten nach einem verwirrenden, planlos wirkenden Muster die ID’s einzelner Personen, ohne einen Grund für ihr Tun anzugeben. Obwohl sich die Menge an dieser Blockade staute, der ganze Bahnhofsbetrieb aufgehalten wurde, gab es kaum Protest. Die Menschen verhielten sich ruhig, wichen den Blicken der Soldaten aus.
Dann geschah es: der Lieutenant schien einen Augenblick wie erstarrt, dann eine ruckartige, schnelle Kopfbewegung - praktisch im selben Augenblick brachen sich zwei Armeesoldaten rücksichtslos Bahn, warfen sich auf einen völlig unauffällig, normal wirkenden Mann, der unter dem brutalen Angriff zu Boden ging. Die Menge flutete zurück, irgendwo schrie eine Frau auf, ertönten Flüche.
Doch es war schon vorbei. Der Angegriffene hing halb bewußtlos im Griff der Soldaten, die ihn hochrissen. Mit routinierten Bewegungen bildeten die Gepanzerten einen Schirm um den Verhafteten. Den Lieutenant an der Spitze rückten sie ab, sorgfältig nach außen sichernd. Die Sicherheitsleute folgten.
Praktisch sofort schloß sich die Menge hinter ihnen, kehrte anscheinend wieder die Normalität zurück.
Doch etwas nachdenklich versuchte Kano noch einen Blick auf die Gruppe zu erhaschen, aber die Soldaten passierten bereits eine der für normale Zuggäste gesperrten Ausgänge, verschwanden aus seinem Sichtfeld. ‚Ein Spion? Kaum, so was gibt es doch nur im Film... .‘
An anderer Stelle:
„Dein Samurai wird sich doch nicht verspätet haben?“ Demolisher schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. Kali winkte ab, ohne sich umzudrehen, während Huntress sich zu dem hochgewachsenen Schwarzen wandte: „Wir sind doch nicht etwa eifersüchtig? Rechnest du dir Chancen aus?“
Demolisher grinste: „Na, da hätte ich wohl keine guten Karten. Du bist ja auch noch da. Was man so hört... .“
Huntress runzelte in scheinbarem Ärger die Stirn: „Wenn du wieder mit DIESER Geschichte anfängst, riskierst du unsere Freundschaft! Ich will doch hoffen, daß dir mal was Neues einfällt.“
„Nun mal sehen. Gibt es da nicht...“ Seine Worte gingen im Aufheulen eines schweren Motors unter. An der kleinen Gruppe Piloten dröhnte ein gepanzertes Einsatzfahrzeug der Armee vorbei, gefolgt von einem leichten Wagen der Sicherheit.
Huntress deutete in die Menge „ Na also. Da kommt er ja... .“
Kano hatte Kali bemerkt. Den Seesack von der rechten auf die linken Schulter wechselnd wand er sich durch die Menge, erreichte die Gruppe: „Helen!“
Kali war schneller als er, umarmte ihn.
Demolisher grinste schief: „Ein süßes Bild, nicht?“
Huntress schüttelte den Kopf: „Wenn dir das Programm nicht gefällt, kannst du ja den Kanal wechseln.“ Der großgewachsene Pilot grinste nur. Jetzt hatte Kano die anderen beiden Piloten bemerkt. Etwas verlegen drehte er sich zu Huntress zu: „Lieutenant Commander Volkmer... .“ Hinter Kanos Rücken verdrehte Kali die Augen. Sie hatte gewußt, daß es so kommen würde. Als sie Kano kennenlernte, hatte sie geglaubt, er würde damit versuchen, bei Vorgesetzten Punkte zu sammeln. Aber die Wahrheit war, Kano war einfach so – ranghöhere Offiziere redete er grundsätzlich mit Sir, Ma’m oder eben dem Dienstgrad an.
Demolisher lachte auf, während Huntress grinste. „Immer die alte Schule, Kano? Trage ich zur Zeit Uniform?“
Kano grinste leicht. Das Kleid, das Juliane Volkmer trug konnte man beim besten Willen nicht als der Dienstnorm entsprechend bezeichnen. Kein Wunder, daß sich in ihrer Nähe der Strom der vorbeieilenden Reisenden verlangsamte: „Nein.“
„Solange wir im Urlaub sind, habe ich keinen Dienstgrad – außer, ich sage was anderes. Für’s erste bin ich Juliane, einverstanden? Aber das andere kannst du für die nächste Feindfahrt aufheben. Und vielleicht bringst du es diesem grinsenden Wollkopf neben mir bei… .“
„Einverstanden, Juliane.“
.
Als die vier Piloten zu dem Transporter gingen, hielt sich Kano dicht neben Kali. Halblaut beantwortete er ihre Fragen, wie es seiner Familie ging.
Im Laufe der letzten Jahrhunderte hatte sich Indien stark verändert. Das Zusammenwachsen der Nationalstaaten und der Aufbruch zu den Sternen hatten endlich genug Mittel zur Verfügung gestellt, die Armut zurückzudrängen. Zwar gab es sie immer noch, vor allem in einigen ländlichen Gebieten und an der Peripherie einiger Großstädte. Aber sie war nicht mehr so ein Massenproblem wie in der Vergangenheit. Das Kastensystem war endgültig zerbrochen. Neben den immer noch erhaltenen Kulturwundern und den Naturparks war Indien nun auch bekannt für eine florierende Wirtschaft – und der bevölkerungsreiche Subkontinent war die ursprüngliche Heimat vieler Kolonisten, die nun die Welten der Republik bevölkerten.
Daß Kalis Familie schon früher eine ganze Reihe Offiziere für die TSN hervorgebracht hatte, wußte Kano bereits. Aber außerdem schien sich dieser Dienst auch gelohnt zu haben, denn Kalis Familie gehörte ein größeres Landhaus in der Umgebung von Bombay. Damit zählten sie bereits zu der gehobenen Schicht der indischen Gesellschaft.
Die Fahrt dauerte vielleicht eine Stunde. Trotz der fortgeschrittenen Zeit herrschte in der Großstadt dichter, fast chaotisch wirkender Verkehr. Einmal mußten sie auf den Bürgersteig fahren, um einer Militärkolonne Platz zu machen – fast ein Dutzend gepanzerter Truppentransporter der Army, mit je zwei Spähpanzern voraus und hinterher. Die schweren, gedrungenen Kriegsmaschinen bildeten einen merkwürdigen Gegensatz zu dem bunten Lichtermeer der Leuchtreklamen.
Außerhalb der Stadt jedoch ließ der Straßenverkehr schnell nach. Kali fuhr schnell und konzentriert – vielleicht stimmte es ja wirklich, daß Jagdpiloten auch im Zivilleben und mit Bodenfahrzeugen hervorragende Fahrer waren. Kano steuerte relativ wenig zu der Unterhaltung bei, die vor allem Huntress und Demolisher bestritten. Aber es interessierte ihn schon, was sie von anderen Mitgliedern des Geschwaders gehört hatten. Ansonsten gab es aber nichts Wichtiges – vor allem keine Nachricht, was mit den Angry Angels werden sollte. Nur einen Haufen unbestätigter Gerüchte und Latrinenparolen.
Aber nicht mal daß konnte Kanos Laube trüben. Er fühlte sich aufgekratzt, aber gleichzeitig angespannt. Immer wieder sah er zu Kali hinüber, die allerdings meist auf die Straße konzentriert war. Aber ein-, zweimal begegnete sie seinem Blick, erwiderte sein Lächeln. Auf der Rückbank unterhielten sich Huntress und Demolisher halblaut. Einmal lachte Huntress laut auf – und stieß ihrem Kameraden dann blitzschnell den Ellbogen in die Seite.
Dann waren sie da. Binnen ein paar Minuten absolvierte Kano eine etwas verwirrende Abfolge von Vorstellungen bei Kalis Eltern, ihren Geschwistern und einigen engen Verwandten die wohl extra wegen Kalis Heimaturlaub zu Besuch gekommen waren. Die Begrüßung war freundlich, ja herzlich.
Das Gästezimmer war größer und natürlich besser eingerichtet als das Quartier, daß Kano an Bord der „Redemption“ mit einem anderen Piloten geteilt hatte. Aber er hatte kaum einen Blick für das Zimmer, sondern nur für Kali. Auch sie sah ihn direkt an. Keiner von beiden sagte etwas.
Es war ganz einfach, natürlich. Ihre Hände fanden sich, verschränkten sich, er fühlte Helens Körper an seinem. Sie küßten sich, hastig, hungrig. Kano schob seine Hand unter ihr Hemd, Helen warf den Kopf zurück, ihr Atem ging schneller. Wieder küßten sie sich... .
„Das dauert aber lange, das Gästezimmer zu zeigen... .“ Demolisher grinste anzüglich.
„Laß doch die Kinder... . Der Urlaub ist sowieso bald genug vorbei... .“
Der dunkelhäutige Pilot kicherte: „Kinder, na ja... . Also gut ‚Mama‘! Und falls du deine fürsorglichen Gefühle auch auf mich konzentrieren wolltest... .“
„Ja, also wenn du wirklich noch jemanden brauchst, der dir die Windeln wechselt?“
„Nun, das ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings schlage ich vor… .“
Huntress schüttelte lachend den Kopf: „Träum weiter!“
Ironheart
24.03.2004, 12:43
Ursprünglich von Tyr Svenson
Stimmen aus dem Grab
Ein anhaltendes, nervtötendes Geräusch weckte Präsidentin Patricia Birminham. Einen kurzen Augenblick wußte sie nicht, wo sie war. Dann kehrte ihre Erinnerung zurück. Sie war noch einmal den Bericht durchgegangen, den der Innenausschuß über die psychologische Entwicklung an der Heimatfront erstellt hatte. Im Allgemeinen schien ihre „Notstandsrede“ gut angekommen zu sein. Die demographischen Untersuchungen hatten sogar eine Zunahme ihrer gesunkenen Beliebtheit festgestellt. Die Menschen waren offenbar bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, erhofften sich jetzt die Wende.
Deshalb warnte der Bericht auch, daß im Falle eines Ausbleibens von Erfolgen, oder gar einer Niederlage, der leichte Aufwärtstrend binnen kurzem umkippen würde. Als wenn sie das nicht selber gewußt hätte... .
Bei der Durchsicht der aufgestellten Modelle für die zukünftige Entwicklung mußte sie eingenickt sein. Und jetzt... . Patricia Birmingham aktivierte die Komeinheit. Auf dem Bildschirm erschien das Gesicht des Verteidigungsministers Allan De Marko. Die Präsidentin fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Wenn De Marko zu dieser Zeit noch anrief... .
„ Was gibt es?“ Es gelang ihr nicht völlig, ihre Unruhe zu verbergen. De Marko lächelte müde, aber beruhigend, als wollte er signalisieren, daß es nicht die gefürchtete Nachricht vom Beginn der nächsten Akariioffensive war: „Guten Abend, Frau Präsidentin. Sie baten mich, Sie bei jeder Nachricht von Manticore zu informieren. Eines unserer Aufklärungsschiffe am Rand der umkämpften Zone fing vor ein paar Tagen einen Richtspruch ab. Ich nehme an, Sie wollen ihn sehen.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten beugte sich De Marko vor, der Bildschirm explodierte in grauem Rauschen.
Genauso plötzlich war das Bild wieder da. Der Bildschirm zeigte jetzt einen düsteren, kahlen, fensterlosen Raum, der Patricia Birmingham sofort an einen Bunker erinnerte. Ein Mann stand in der Mitte des Raums. Er mochte vielleicht Mitte Vierzig sein. Eher kleingewachsen, hager, dunkelhaarig und mit einer beginnenden Glatze war er alles andere als beeindruckend oder auffallend. Ungewöhnlich war allerdings seine Hautfarbe. Trotz der schlechten Farbqualität der Aufzeichnung fiel die merkwürdig dunkle, fast gelblich Haut auf, ob nun von einer Krankheit oder jahrelangem Aufenthalt in extremen Klima. Er wirkte unausgeschlafen, war schlecht rasiert. Seine schwarzen Augen starrten müde in die Kamera. Er trug eine schlechtsitzende Armeeuniform ohne Rangabzeichen. Immer wieder liefen graue Fäden über den Bildschirm. Die Stimme des Mannes war ruhig. Er sprach sehr sorgfältig, allerdings durch einen starken Akzent schwer zu verstehen:
„Hier spricht Paul Jaluzot, chef de bataillon, Légion Étrangère, Feldkommandeur der verbliebenen Verteidigungsstreitkräfte Mantikor. Der reguläre Widerstand ist zusammengebrochen. Es gibt keine größeren Verbände des Marinekorps oder der Armee auf dem Planeten Mantikor mehr. Dies wird die letzte Nachricht von diesem Planeten sein, es ist uns unmöglich, diese Anlage weiterhin zu sichern.
Nach Tod oder Gefangennahme der kommandierenden Offiziere habe ich den Befehl übernommen. Die verbliebenen Streitkräfte, etwa 5.000 Mann der Legion, der Coloniale, der Armee und örtlicher Ad hoc – Verbände, sind in den Bevölkerungszentren untergetaucht oder in unbewohnte Gebiete ausgewichen. Schwere Waffen stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Aber wir werden nicht kapitulieren. Wir werden den Kampf fortsetzen. Unsere Truppen bilden kleine Kampfgruppen, die dem Gegner wann immer möglich Verluste zufügen werden. Auch wenn wir nicht die Macht haben, den Feind zu vertreiben, wird er blutig für seinen feigen Angriff bezahlen.
Wir sind uns über den Ernst unserer Lage bewußt. Es mangelt uns an Nachschub. Wir wissen auch, daß die Republik uns in absehbarer Zeit keine Verstärkung schicken kann. Doch solange die Republik noch kämpft, solange die Heimat bedroht ist, werden auch wir kämpfen, unwichtig, wie aussichtslos unsere Lage auch scheint. Ich hoffe, diese Nachricht erreicht die Republik, als Botschaft an unsere Familien und unsere Kameraden. Sie sollen wissen, daß wir vor diesem Feind nicht kapituliert haben und daß es Hoffnung gibt, solange der Widerstand anhält.
Es lebe die Republik! Es lebe die Legion! Jaluzot, Ende.“
Patricia Birmingham fühlte einen kalten Schauer ihren Rücken hinaufkriechen. Trotz allem Pathos und Trotz, in der Stimme des Offiziers hatte eine düstere Schicksalsergebenheit und Trostlosigkeit gelegen – Jaluzot wußte ohne Zweifel, wie seine Chancen standen. Die Nachricht war die Botschaft eines zum Tode Verurteilten gewesen, eine Stimme aus dem Grab... .
Sie verdrängte die abergläubische Anwandlung, stellte die Verbindung zu De Marco wieder her: „Sie hatten recht. Das war wichtig. Allerdings - halten Sie diese Nachricht für echt?“
„Die Nachricht wurde eindeutig von einem unserer Kommunikationsgeräte abgeschickt. Und vor allem – was hätten die Akarii davon, so eine Nachricht zu lancieren?“
„Wir können nichts tun?“
„Nichts. Wir haben nicht die Kräfte oder Fähigkeiten, nach Mantikor Verstärkung zu schicken. Über dem Planeten sammeln sich Flottenträger und Raumkampfverbände des Gegners für die neue Offensive. Ein Wechsel unserer Strategie wäre sinnlos und riskant. Selbst wenn wir nach Mantikor durchbrechen würden, wir könnten es nicht halten. Und wie wollen wir 5.000 Mann helfen, oder sie einsammeln, wenn sie über den ganzen Planeten verstreut sind? Nein, die Operation gegen die Gefangenenlager hat Priorität. Für Jaluzots Soldaten können wir nichts tun.“
„Was ist das für ein Mann? Ich kenne mich mit den Rängen der Legion nicht aus.“
„Ich habe mir seine Akte angesehen. Ein ‚chef de bataillon‘ entspricht nach den normalen Rangtabellen einem Major. Jaluzot ist seit 30 Jahren bei der Fremdenlegion. Feldkommandos auf etwa 20 Planeten, in allen Unruhen und Konflikten des letzten Vierteljahrhunderts. Aber er hat nie mehr als 300 Mann kommandiert. Er wird als guter, aber nicht herausragender Offizier charakterisiert.“
„Und jetzt hat er das Kommando über die verbliebenen Verbände von Mantikor.“
„Was das auch immer bedeuten mag. Der Krieg schafft Blitzkarrieren. Immerhin, etwas gibt mir Hoffnung. Er ist vielleicht kein neuer Rommel. Aber er hat Erfahrung im Guerillakrieg.“
„Mag sein wie es will, militärisch bringt uns dies natürlich nicht viel. Wenn wir Glück haben, wird es einige Verbände der Akarii binden. Ansonsten bleibt uns nur, daraus das Beste zu machen.“
De Marko verzog das Gesicht. Er wußte, was die Präsidentin meinte Er hatte auch schon daran gedacht. Nicht, daß es ihm gefiel: „Ja, wir werden immerhin einen gewissen propagandistischen Nutzen daraus ziehen. Heldenhafter Widerstand bis zum Letzten, Niemals kapitulieren... . Ich schlage vor, Jaluzot zum Colonel zu befördern. Unsere Pressestellen werden das schon richtig rausstellen... .“
„Ich werde die entsprechenden Anweisungen geben. Danke.“
„Gute Nacht, Frau Präsidentin. Wir sehen uns morgen.“
Als Präsidentin Patricia Birmingham den Bildschirm ausschaltete, fühlte sie plötzlich ein starkes Gefühl des Schuldbewußtsein. Dieser unscheinbare, müde Major der Fremdenlegion hatte mehr verdient, als die Propagandahülsen der regierungstreuen Zeitungen und eine wirkungslose Beförderung. Aber mehr lag nicht in Patricias Hand. Obwohl sie die Präsidentin der Erdrepublik war...
Ironheart
24.03.2004, 12:46
Ursprünglich von Cattaneo
Bedingt Abwehrbereit
Lieutenant Commander Marek Rogulski bemühte sich, einen klaren Kopf zu bekommen. Die Brücke, sonst ein Musterbild vorschriftsmäßiger Ordnung, bot einen chaotischen Anblick. Auf den Anzeigetafeln überwogen die Farben Gelb oder Rot, falls die Bildschirme nicht ganz ausgefallen waren. Mehrere Besatzungsmitglieder lagen am Boden oder hielten sich anscheinend nur noch mit letzter Kraft aufrecht. Commander Raffarin, die im Kommandosessel saß, klammerte sich an die Armlehnen, als hinge ihr Leben davon ab. Was so gesehen gar nicht so falsch war. Ihre Stimme klang schwankend, gewann aber an Sicherheit: „Statusbericht!“ Der Lieutenant Commander warf einen Blick auf die Anzeigen: „Schilde – null. Hüllenbruch in Sektion A-12 bis 19. Primärwerfer ausgefallen. Sekundärwerfer feuerbereit, ebenso Geschütze drei, sechs bis zehn und zwölf. Impulslaser unklar...“ Die anderen Meldungen hörten sich nicht besser an: „Geschwindigkeit bei 30 Prozent, Gefahr der Reaktorüberlastung. Sauerstoffverlust. Brände in den Ebenen B und C“ In Ebene A wurden keine Feuer registriert, dort mangelte es inzwischen an Luft. „Feindschiffe formieren sich erneut zum Angriff!“
Der primäre Taktikschirm flackerte, erlosch, flammte wieder auf und zeigte die feindliche Flotte. Zwei Zerstörer der Akarii, neben und über ihnen mindestens eine Staffel Jagdbomber und Sturmjäger. Etwas weiter zurück der Golf-Kreuzer, von dem die Jäger kamen. Und die Überreste einiger zerstörter Schiffe beider Seiten. Seitdem Alarm gegeben worden war, waren nicht mehr als 15 oder 20 Minuten verstrichen, aber die Zeit hatte ausgereicht, um mehr als ein halbes Dutzend stolzer Schiffe in hilflose Wracks zu verwandeln. Und die Akarii ließen keinen Zweifel daran, daß sie die Sache zu Ende bringen wollten.
„Drehung um 90 Grad, T-Formation! Feuerfreigabe nach eigenem Ermessen! Tertiäre Raketenwerfer – Sektor 3-3-4!“ Die Amram-Werfer, besser gesagt diejenigen, die noch über Munition verfügten und feuerbereit waren, spien ihre Flugkörper aus, direkt in die Flugschneise der feindlichen Kampfflieger. Die Lasergeschütze tasteten nach ihnen, während der Exocet-Werfer eine Salve schwerer Schiff-Schiff-Raketen auf den Weg brachte. Rogulski bellte Befehle, während er selber den Leitstand für den Exocetwerfer übernahm – die ursprüngliche Bedienung lag zu seinen Füßen, und er mußte aufpassen, nicht auf sie zu treten. Einige der Kampfflieger flackerten und verschwanden von den Anzeigen.
„Jäger und Zerstörer feuern Raketen!“ Raffarin reagierte sofort: „Vollschub! Erneut 90 Grad, Maschine AK!“ Offenbar war sie entschlossen, jegliche Warnungen des Maschinenraums in den Wind zu schlagen. Der Waffenoffizier ließ die leichten Raketenwerfer auf die Schiff-Schiff-Raketen wechseln. Einer der feindlichen Zerstörer wurde von dem atomaren Feuer verzehrt, das drei Exocet entfesselten, die sein Abwehrfeuer durchbrachen. Der große Nachteil der meisten kleinen Schiffe war ihr Mangel an Impulslasern. Die Akarii-Zerstörer waren in dieser Hinsicht zwar oft besser als ihre menschlichen Gegenstücke, aber es reichte dennoch nicht immer. Zwei Jäger in seiner Nähe erwischte es gleich mit. Nur dem Umstand, daß die „Relentless“ selbst jetzt noch über eine schwere Feuerkraft verfügte, rettete sie vor der Vernichtung. Eine einzige Rakete, die den Feuerschirm durchbrach, würde genügen...
Der Zerstörer drehte bei, tauschte Breitseiten mit dem Erdkreuzer. Es war dem Akarii wohl klar, daß er alleine keine Chance gegen einen schweren Kreuzer hatte, selbst wenn dieser schwer beschädigt war. Also versuchte er ein Passiermanöver. Die verbleibenden Jäger schirmten ihn ab. Auf einen gebrüllten Befehl hin– Raffarin verlor sonst nie die Beherrschung – schloß der Kreuzer zu seinem Gegner auf. Die Vibrationen des Schiffsrumpfes und das „Knarren“ im „Gebälk“ deuteten darauf hin, daß die „Relentless“ die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreicht oder bereits überschritten hatte. Tachyonen- und Lasergeschütze hämmerten auf den Rumpf des leichteren Schiffes ein, schlitzen es auf. Der Feind verlor rapide an Geschwindigkeit, driftete seitlich weg. Dann beschleunigte der Zerstörer auf einmal -–auf die „Relentless“ zu. „ALPHASCHLAG!“ Für einen Moment mußten alle die Augen schließen, so grell war das Licht, das nun auf den Bildschirmen aufflammte. Im gleichen Augenblick kam die Schockwelle. Es dauerte scheinbar eine Ewigkeit, ehe die Besatzung wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Selbst wenn man die kosmischen Maßstäbe berücksichtigte, bei denen einige Kilometer quasi schon Nähe waren – das Schiff war SEHR nah explodiert. Raffarins Stimme klang schwankend: „Mel...Meldung!“ Für einen Augenblick war nichts zu hören, dann kam schließlich die Antwort: „Akariizerstörer explodiert. Feindjäger ziehen sich zurück.“ Rogulski schloß sich an – freilich mit weniger guten Nachrichten: „Sekundärwerfer ausgefallen. Feuerbereit noch Tertiärwerfer drei und vier, Lasergeschütze sieben bis zehn, Tachyonengeschütze eins bis drei.“ Die weiteren Statusberichte klangen ähnlich – ein Viertel des Schiffes hatte Atmosphärenverlust oder Feuer zu melden. Der Maschinenraum meldete, daß nur noch Schleichfahrt möglich war. Von der Krankenstation kam überhaupt keine Meldung – sie lag in den Bereichen, in denen das Feuer wütete.
Auf der Brücke stand vielleicht noch die Hälfte der Belegschaft auf den Beinen. Oder, besser gesagt, saß, denn zum stehen hätte es bei einigen wohl nicht mehr gereicht. Die Kommandeurin bot einen nicht viel besseren Anblick an der Rest der Crew, und das hieß schon einiges. Nur vereinzelte Sensorschirme arbeiteten noch, und dasselbe galt für die meisten Kommandopulte. Auf der anderen Seite mußte man zugeben, daß zum Beispiel die Waffenabteilung auch nicht mehr viel hatte, was man bedienen konnte. „Status Gegner?“ Die Stimme der Französin klang ruhiger, als sie sich fühlen mochte. „Golf nimmt Jäger auf und... zieht sich zurück!“ Einen Moment zögerte Raffarin noch, dann ließ sie sich mit einem erleichterten Seufzen in den Kommandosessel zurücksinken. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, und ihr Blick traf den des Waffenoffiziers. „Akarii springt.“ Meldete der Kommunikationsoffizier, der auch die Ortung hatte übernehmen müssen. Erleichterung war auch in seiner Stimme zu hören. Raffarin straffte sich und stand auf: „Kampfbereitschaft aufgehoben!“
Mithel begegnete dem Blick von Captain Schupp gewiß nicht mit Unterwürfigkeit. Seine Miene zeigte einen angemessenen Respekt, aber als devot konnte man seinen Gesichtsausdruck kaum bezeichnen. Er achtete Schupp als seinen augenblicklichen Vorgesetzten, und er war sich der Verdienste seines Gegenübers durchaus bewußt. Immerhin war Schupp Veteran der Schlacht um Manticor, in der Mithel sein erstes Kommando auf einem Großkampfschiff übernommen hatte. Mithel hatte sich nach der Versetzung zur 2. Flotte relativ problemlos in die Kreuzerschwadron integriert, und Schupp legte offenbar auch keinen gesteigerten Wert darauf, übertrieben ehrerbietig behandelt zu werden. Es genügte, daß der Captain gehorchte, und Haltung annahm, wenn es angebracht war. Wie jetzt. Der Kampfgruppenkommandeur nickte seinem Offizierskollegen zu: „Setzen Sie sich!“ Er wartete, bis Mithel der Aufforderung nachkam, dann fixierte er ihn kurz: „Ihre Meinung?“
Der Kapitän der ,,Relentless" kam sofort zur Sache: „Nun, meiner Meinung nach war die Übung so gesehen ein Erfolg. Nicht eben ein überragender, aber dennoch ein Erfolg.“ Andere Offiziere hätten Mithel widersprochen. Schupp hingegen hatte den Krieg, und vor allem den Gegner, gut genug kennengelernt. Allerdings versagte er es sich nicht, leicht die Stirn zu runzeln: „Wir haben zwei leichte Kreuzer verloren, Ihr eigenes Schiff ist schwer beschädigt. Die beiden Fregatten und die Zerstörer sind ebenfalls vernichtet oder mußten zumindest aufgegeben worden. Die Verluste der Akarii sind zwar auch nicht leicht, aber sie können ein Yankee und fünf Charlie wohl besser entbehren, ebenso wie die weiteren Schäden. Zumal der Golf nur seine Jäger verloren hat. Halten Sie das für...zufriedenstellend?“ Für einen Augenblick wirkte Mithel fast resignierend: „Angesichts dessen, was wir in den bisherigen Schlachten erlebt haben – durchaus. Unsere Schiffe sind den beiden Fregatten sofort zur Hilfe geeilt – und haben den Akarii hohe Verluste beigebracht. Trotz, wie ich hervorheben möchte, der grundsätzlich besseren Ausrüstung der Akarii und des Umstandes, daß ich schon relativ früh ausgefallen bin.“ Sein Gesicht zeigte, daß er auch meinte, was er sagte. Da war kein unruhiger Blick, kein Zögern oder dergleichen. Nun, natürlich hieß es auch, daß man als Kapitän eines Schiffes auch immer ein Stück weit Schauspieler war...
Die Übung basierte auf den ersten Gefechten des Krieges. Vorpostenschiffe – in diesem Fall zwei Fregatten der Brandenburg-Klasse – wurden von einem Verband der Akarii, bestehend aus zwei schweren Kreuzern, fünf Zerstörern und einer Korvette angegriffen. Dies rief die Deckungsgruppe der Terraner auf den Plan – so der vorgesehene Ablauf der Übung. Und die Deckungsgruppe hatte sich den Akarii zu stellen. Mit bekanntem Ausgang. Die Akarii hatten am Ende nur noch das Hybridschiff und eine arg zusammengeschossene Korvette gehabt – die Menschen hingegen...
Natürlich war die Übung nur simuliert abgelaufen – die Einheiten der Akarii waren rein computersimuliert und wurden von menschlichen Taktikoffizieren „geführt“. Wie auch die Schiffe des terranischen Verbandes, außer der Relentless und eines der leichten Kreuzer. Wenn man in einem System stationiert war, daß bald Hauptkampflinie – HKL nannte man das im Militärjargon – werden konnte, dann sorgte man dafür, daß die Schiffe möglichst einsatzbereit blieben. Aber natürlich durften die Leute auch nicht einrosten.
Verglichen mit den Erfahrungen, die im Krieg wieder und wieder gemacht worden waren, war dies kein schlechter Ausgang gewesen. Die TSN hatte lernen müssen, daß die Akarii Meister in fast allen Gebieten des Raumkampfes waren. Ihre Schiffe waren gut, ihre Kommandeure sorgfältig ausgesucht, die Mannschaften sorgfältig ausgebildet – und Offiziere wie Matrosen hoch motiviert. Jeglicher Chauvinismus hatte sich grausam gerächt. In einer Reihe äußerst verlustreichen Kämpfen war der republikanischen Flotte Respekt eingeprügelt worden.
Schupp blieb also nicht viel anderes übrig, als zu nicken: „Worin sehen Sie die Gründe für Ihren... ,Erfolg‘?“ Das Wort schmeckte bitter, sehr bitter. Fast so bitter wie die Wahrheit, die dahinter stand. Mithel überlegte: „Der Gegner hatte nicht ausreichend starke Kräfte als Flankenschutz detachiert. Er verließ sich auf die Korvette als Radaraufklärer – und als unser ECM eine Entdeckung verzögerte, haben die Akarii ein wenig zu langsam reagiert. Manchmal verlassen sie sich zu sehr auf ihre technische Überlegenheit. Der Kommodore des feindlichen Geschwaders zögerte, den Hybridkreuzer im Nahkampf einzusetzen. Einerseits verständlich, aber letzten Endes verantwortlich für die hohen Verluste. Unsere Flotte agierte mit angemessener Koordination, und die Mannschaften gaben ihr Bestes.“ Schupp nickte: „Exakt. So gesehen können wir zufrieden sein...“ Er sprach nicht weiter – wozu auch. „Ihre Ersatzcrew hat gute Arbeit geleistet.“ Für einen Augenblick lächelte der Flottillenkommandeur leicht: „Eigentlich sollte der Kapitän eines Schiffes nicht so leicht ersetzbar sein.“ Mithel nickte mit einem schiefen Grinsen – ein auf seinem Gesicht eher ungewohnter Anblick: „Nun, so lange sie es sich angewöhnen, und am Ende meinen, sie könnten es sowieso besser als ich...“
Ironheart
24.03.2004, 12:47
Ursprünglich von Cattaneo
Er konnte seine Zufriedenheit nicht verbergen, und er wollte das wohl auch nicht. Trotz des beschämenden Ausgangs der Jollahran-Operation war es ihm gelungen, seine Crew bei der Stange zu halten. Und inzwischen genügte sie sogar zunehmend seinen gewiß nicht geringen Ansprüchen. Von seinen unmittelbaren Untergebenen hatte er sowieso eine hohe Meinung. Schließlich waren sie „handverlesen“. Wer in Mithels Augen nicht ausreichend Leistung erbrachte, oder mit seinem Führungsstil nicht klar kam, der fand sich meist ziemlich schnell auf einem anderen Schiff wieder. Und konnte von Glück sagen, wenn es ohne Schaden für die eigene Karriere abging. Chris Mithel war ein Mann, dem wenige Fehler seiner Untergebenen entgingen, vor allem, wenn er darauf aus war, welche zu finden. In der Hinsicht hatte er keinerlei Hemmungen. Auch nicht gegenüber Vorgesetzten, obwohl er dort natürlich behutsamer vorging.
Allerdings hatte er sich bisher gut in die Flottille eingefügt. Das mochte auch daran liegen, daß die Offiziere der Kreuzerschwadron 2.3 teilweise von so ziemlich der gleichen „Blutgruppe“ waren. Henning Schupp, Kommandeur der „Tiredless“, war kampferprobt und ein ebenso entschlossener wie erfahrener Kommandeur. Jorge Caneira, ein schweigsamer Brasilianer, kommandierte die „Merciless“. Auch er hatte schon einige Einsätze durchgeführt und sich bei „Husar“ durchaus bewährt. Caneira galt als eiskalt. Seine geringe Körpergröße minderte seine Autorität nicht im Geringsten. Er hatte zumindest einen Teil Indioblut in den Adern, und gelegentlich witzelten seine Untergebenen hinter seinem Rücken, daß er eine private Sammlung von Schrumpfköpfen hätte, Akarii, Piraten und angeblich auch andere...
Die vierte im Bunde war Solveig Sturlasdottir, die, wie sie gelegentlich scherzte, einzige isländische Frau im Range eines Captains in den Streitkräften und damit Ehrenschild der alten Seefahrernation. Sie war als Vertreterin des sogenannten „schwachen“ Geschlechts von den vier Kapitänen wohl die größte und kräftigste. Ihr Schiff, der leichte Kreuzer „Obliterator“, hatte sie nach Ausbruch des Krieges übernommen. Auch sie hatte bereits einige Gefechte erlebt, allerdings noch keine größere Schlacht. Anders als ihre Kollegen galt sie als mitunter recht temperamentvoll, besonders wenn sich ein Untergebenen langsam zeigte.
Schupp kannte die Stärken und Schwächen seiner Untergebenen. Immerhin konnte er froh sein, daß man ihm erfahrenen Kapitäne unterstellt hatte, die bereits Erfahrung in der Führung von Großkampfschiffen hatten. Wie die meisten Kapitäne war er Traditionalist, und deshalb schätzte er keine Senkrechtstarter. Auch wenn Protektion in der Flotte durchaus keine Neuheit war, so sollte man sich, so weit verbreitete Meinung, doch bitteschön auch ein wenig nach dem Dienstalter richten. Und wer den Ruf eines Quereinsteigers hatte, ob zu Recht oder nicht, der hatte oft nicht viel zu lachen. Deshalb war Schupp zufrieden mit den ihm unterstellten Offizieren.
Mit einer knappen Bewegung tat der Geschwaderführer diese Gedanken ab. Es gab anderes zu bedenken. Im Offizierskorps war es offenes Geheimnis, daß der Krieg nicht sehr gut lief. „Radio Bambus“, „Grabenfunk“, „Latrinenparolen“ – es gab unzählige Namen für ein und das selbe Phänomen. Was in der Flotte geschah, das blieb nicht geheim. Auch wenn es eigentlich „keiner“ wissen sollte. Irgendwie erreichten die neusten Verlustmeldungen immer die kämpfende Truppe. Früher oder später. Und vor allem die Kapitäne wußten recht genau, wie es stand. Die Maßnahmen der Führung, die eigentlich einen Sieg ermöglichen sollten, waren da deutliche Signale. Zum Beispiel die Sache mit den Hilfsträgern. So gesehen eine logische und nützliche Idee. Man verwendete die Rümpfe von Raumtransportern, die mit relativ wenig Aufwand so umgebaut werden konnten, daß sie in der Lage waren, ein Dutzend Kampfflieger in den Einsatz zu bringen. Billig und effizient. Doch wer würde nicht lieber einen ECHTEN Träger einsetzen? An denen mangelte es aber, und die Werften waren nicht einmal annähernd in der Lage, die Verluste zu ersetzen. Mit solchen... „Krücken“... Krieg zu führen, daß war kaum Zeichen des nahen Sieges, ganz gewiß nicht.
Da die 2. Flotte im Texas-System, dessen Name Symbol der „Kreativität“ terranischer Sternenfahrer war, mehr oder weniger untätig dalag, und auf einen feindlichen Angriff wartete, gab dem Gerede noch Auftrieb. Um so mehr, da es so aussah, als würde es vielleicht nicht mehr ewig dauern, bis die Akarii den Vormarsch wieder aufnahmen. Offiziell gab es natürlich kein Getuschel, keine Unsicherheit. Inoffiziell lief die Flottenpolitik – die manchmal einen Vollblutintriganten vor Neid erblassen lassen konnte – auf Hochtouren. Auch wenn die Befehle von oben kamen, selbst der loyalste Offizier hatte seine Ansichten, die er im Freundeskreis auch mal aussprach. Angreifen? Abwarten? Und wenn es zum Kampf kam – wie sollte man Kämpfen? Flottenfraktion versus Trägerfraktion, Schwerter gegen Schilde – die Konfliktlinien waren mannigfaltig und vergifteten die kollegialen Beziehungen in mehr als einem Falle. Die Flotte hatte sich in den Jahren des Friedens angewöhnt, mit Zähnen und Klauen um jeden Fleischtopf für die eigene Fraktion zu kämpfen. Das Geld reichte ja nicht für alle, und jeder wollte der erste sein, bei dem neues Material angeschafft und altes modernisiert wurde. Und von diesen Angewohnheiten kam man nicht so schnell ab. Zumal es im Grunde immer noch die selbe Situation war. Die Erwägungen einiger Träger- und Kampffliegeroffiziere, man sollte vielleicht auch einige Kreuzerrümpfe zu Trägern umbauen, hatte ebenso für böses Blut gesorgt, wie entgegengesetzte Vorschläge.
Mithel hatte sich, allerdings vorsichtig, positioniert. Wer neutral blieb, machte sich fast noch mehr verdächtig, als irgendein Parteigänger. Nun, wenigstens funktionierte die Zusammenarbeit immer noch ausreichend gut. Die standhafte Nibelungentreue, der unverbrüchliche Burgfrieden – den suchte man freilich vergeblich.
An der ganzen Situation war lediglich ein Umstand positiv zu werten. Da Schiffe auf Wurmlöcher angewiesen waren, war ein feindlicher Überraschungsangriff fast unmöglich. Außer, der Gegner hatte irgendwo ein Wurmloch entdeckt – in relativer Nähe des Systems, aber weit genug entfernt, daß es bei der Erforschung nicht gefunden worden war. Aber das war ziemlich unwahrscheinlich. Der Gedanke, selber Wurmlöcher zu „schaffen“ war etwas für die Autoren von Sience-Fiction Romanen geblieben. Auch wenn immer mal wieder Behauptungen auftauchten, andere, untergegangene Kulturen, von denen man Spuren gefunden hatte, wären dazu fähig gewesen. Nach Meinung der meisten Forscher war dies Humbug.
Indes, so sehr dies auch mitunter hinderlich war, jetzt hatte es auch sein Gutes. Nur deshalb konnte man sich so etwas wie diese Übung überhaupt erlauben, konnte Schiffe für diese Zwecke detachieren. Allerdings, wenn es hart auf hart kam, würden sie sehr schnell in den Einsatz gehen. Und vielleicht würde es dann nicht einmal so „gut“ ausgehen wie in der Übung.
All dies war den beiden Männern bekannt. Sie waren erfahren genug, um es zu wissen. Sie waren klug genug, um ihre Chancen zu kennen. Aber sie waren auch gehorsam genug, um ihr Schicksal nicht in Frage zu stellen. Wozu auch? Siegen oder untergehen, eine andere Wahl schien gegen diesen Gegner kaum möglich. An Verhandlungen, Kapitulation gar, dachte kaum jemand. Die Flotte gierte nach Blut, nach Rache – und nach der Möglichkeit, sich auszuzeichnen. Vor allem aber wußte sie, wie erbarmungslos der Konflikt ausgetragen wurde. Alle hier wußten von Manticor. Und mit diesem Gegner zu verhandeln...
Wer so etwas dachte, der schwieg wohlweislich. Die Ehrengerichte, Krebsgeschwür jeder „normalen“ Justiz oder unverzichtbarer Garant der Integrität und der Tradition der Flotte, je nach Standpunkt, hätten keine Gnade gekannt. Seit über einem Jahrhundert, hieß es, sei kein „schwarzes“ Todesurteil mehr verhängt worden. Aber die alten Geschichten wirkten fort.
Der Kommandeur des Kreuzergeschwaders und Mithel hatten sich nicht viel zu sagen. Die Übung war so gut abgelaufen, wie es in diesem Krieg nun einmal laufen konnte. Wozu sich etwas vorlügen? Nach einem kurzen Gruß trennten sie sich. Sie hatten ihre Aufgaben, und die würden sie erfüllen. Wenn die Akarii kamen, und das würden sie sicherlich, dann war zumindest dafür Sorge zu tragen, daß ihr Vorstoß gestoppt wurde. Und sei es nur, um Zeit zu gewinnen. Für ein Wunder, die Wennde, was auch immer.
Schupp wußte es, so wie Mithel es wußte. Ihnen blieb nichts, als die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen. Auch, weil eine Alternative in ihrem Weltbild fehlte. Und so wie sie dachten viele. Die Flotte war ein scharfer Kampfhund, und wenn er erst einmal seine Zähne in ein Opfer geschlagen hatte, wenn er bis aufs Blut aufgepeitscht war – dann war es die Frage, wer hier noch Herr, wer Diener war. Wer wem am Ende gehorchen würde. Auch wenn es keiner aussprach, die Flotte erwartete einen Sieg. Und ob sie etwas anderes würde hinnehmen können, sollte es dazu kommen, das war unsicher.
Ironheart
24.03.2004, 12:48
Ursprünglich von Cunningham
Der Parlamentssaal im Haus der Republik, Berlin auf Terra war überfüllt.
Es war verbreitet worden, dass Patricia Birmingham eine Erklärung zur Kriegslage abgegeben werden würde. Das war in, so fern ungewöhnlich, dass diese eben in einem spezielle Rednersaal abgegeben wurden.
Der Parlamentssaal war gut gefüllt, auch wenn nicht alle Abgeordneten anwesend waren. Die Pressetribühne war reichlich gefüllt.
Ein Blitzlichtgewitter erhellte den Raum und nahm noch zu, als Birmingham den Saal betrat und direkt zum Rednerpult ging.
Nachdem mehrmaliges Klopfen mit dem alten Holzhammer des Senatspräsidenten für Ruhe gesorgt hatte, ordnete die zierliche Blondine noch ihre Unterlagen und begann dann mit kräftiger, selbstbewusster Stimme zu sprechen:
"Sehr geehrte Abgeordneten der Mitgliedsplaneten der Bundesrepublik, sehr geehrte Gäste von der Presse, liebe Bürger und Bürgerrinnen der Bundesrepublik Terra:
Seid nunmehr einem Jahr befinden wir uns im Krieg mit dem Sternenimperium der Akarii. Einem Krieg, den wir nicht gewollt haben, einen Krieg, den wir unter allen umständen verhindert hätten, hätte dies in unser Macht gestanden. Doch um den Frieden zu erhalten braucht es immer zwei.
Es sieht so aus, als war es eine einsamer Marsch auf der Straße des Friedens für uns."
Sie machte einen betroffenen Gesichtsausdruck.
"Ein Jahr, eigentlich eine kurze Zeit, doch im Krieg, es muss für all die Tapferen Männer und Frauen, die unseren Frieden und unsere Freiheit verteidigen ein ganzes Menschenleben sein."
Birmingham blätterte um.
"Ich hatte vor vier Tagen eine Besprechung mit dem Oberkommando der TSN und mit Admiral Renault von der 2. Flotte. Man teilte mir mit, dass es an der Zeit sei, die Anstrengungen zu intensivieren um unserer Navy, jetzt da die Reihen konsolidiert sind, die Möglichkeit zu geben einen Offensivkrieg zu führen." Aus den Augenwinkeln sah sie die Führer ihrer eigenen Partei unruhig auf den Stühlen hin und her rutschen.
"In Übereinstimmung mit den Notstandsgesetzen und den in Kriegszeiten bestehenden Exekutivrechten meines Amtes habe ich auf Anraten meiner militärischen Berater das Notstandsgesetz Nummer 228 unterschrieben. Mit sofortiger Wirkung sind sämtliche Raummilizen der Kategorie A direkt in die entsprechenden Teilstreitkräfte einzugliedern Sämtliche Reservisten der Kategorien A und B haben sich zum Kriegsdienst zu melden.
Sämtliche Preise für alle Waren sind mit sofortiger Wirkung eingefroren, ebenso die Löhne. Ein allgemeines Streikverbot tritt in kraft."
Sie nahm ein Schluck Wasser und blickte sich kurz um. Sands und Jeromin waren bleich vor Wut. Allan DeMarkos Gesicht zeigte Stolz.
"Desweiteren habe ich mich heute Morgen mit dem Botschafter und dem Marineattache der Colonial Konföderation getroffen, als Entschädigung für die Einbehaltung leichten Träger, die in den nächsten Tagen in der Carsdale Raumwerft über New Boston fertig gestellt werden, bekommt die Colonial Navy eingemottete 40 Zerstörer der Duquesne-Class aus dem Navy-depot Capetown. Die weiteren in Captown eingemotteten 40 Zerstörer werden von der TSN schnellstmöglich in Dienst gestellt. Ebenso habe ich zugesichert, das die nächsten beiden leichten Träger der Majestics-Class an die Colonial Navy ausgeliefert werden, wie auch die TRS Libberty an die Colonisten übergeben wird, so bald bei uns Ersatz für diesen Träger vorhanden ist.
Gestern habe ich mich mit dem Direktor von Vickers Interstellar getroffen und die Strittigen Punkte über die Lieferung der restlichen Träger der Pegasus-Class geklärt, die letzten drei im Bau befindlichen - was auch die Columbia beinhaltet - werden schnellst möglich fertig gestellt, danach werden die Kapazitäten darauf konzentriert noch mindestens acht Flottentärger der Lexington-Class zu bauen."
Im Raum brach Tumult aus, der nur durch heftigsten Einsatz des Holzhammers, durch den Senatspräsidenten, beendet werden konnte.
"Ladies und Gentlemen", fuhr Birmingham fort, "wir befinden uns im Krieg, einem Krieg, den sowohl das Oberkommando der TSN als auch ich zu gewinnen gedenken."
Ironheart
24.03.2004, 12:48
Ursprünglich von Tyr Svenson
„Also was weißt du?“
Michael Renner verzog spöttisch den Mund. Das war sogar auf dem kleinen Sichtschirm zu erkennen: „Das ist ja wirklich wichtig für dich. Aber da seid ihr Raumjäger alle gleich. Kaum hat man euch zurückgeschleppt und zusammengeflickt, da habt ihr nur das neue Schiff im Kopf. Ich frag mich warum?“
Kano zuckte mit den Schultern. Renner hatte zu seiner Klasse auf der Jagdfliegerakademie gehört. Allerdings hatte er den Abschluß nicht geschafft und war in den Marinewerften des Mars hängengeblieben. Trotzdem er das Leben leichter nahm als Kano, waren sie gut miteinander ausgekommen. Und jetzt saß Renner direkt an der Quelle, was Informationen über neu gebaute oder reparierte Träger betraf. Also hatte Kano sich an ihn gewandt, um etwas über die Zukunft in Erfahrung zu bringen. Daß die beiden Soldaten mit ihrem Gespräch gegen diverse Sicherheitsvorschriften verstießen war Renner vermutlich egal. Kano nahm das nicht so leicht, hatte die Gewissensbisse aber in den Hintergrund gedrängt.
„Ich will wissen, ob sie unser Geschwader in die Reserve stecken. Und wenn sie zum Beispiel einen neuen Träger in Bau hätten, oder einen der Beschädigten von Manticor wieder kriegsbereit – dann kommen wir bestimmt in den aktiven Dienst. Die Angry Angels sind zu gut, um in so einem Fall in der Etappe zu versauern.“
„Du redest ja schon wie ein alter Krieger. Mischen die euch auf den Frontschiffen was in‘s Essen, daß ihr so scharf auf Akariiblut seid? Du solltest eher hoffen, daß du in der Etappe landest! Draußen hast du die besten Chancen, mit dem Goldenen Löwen abgespeist zu werden!“
„Was soll ich in der Etappe? Was sollen die Angry Angels in der Heimatreserve? Dann müßten andere, schlechtere Piloten raus, unsere Pflicht übernehmen, obwohl wir viel besser währen. Und SIE würden sterben, während wir leichten Dienst schieben. Wir währen mitschuldig daran. Und - irgendwann, am Ende, würden uns die Akarii doch noch einholen. Verdammt! Wir müssen sie JETZT aufhalten, sie abblocken, zurückschlagen, ihnen den Krieg, den sie losgelassen haben, in ihre Kehle zurückrammen! Du warst nicht dabei... .“
Hatte Renner zuerst mit einem spöttischen Lächeln zugehört, wurde seine Miene jetzt ernst, ja unruhig: „Schon gut, schon gut! Ich hab‘ verstanden. Ich WEISS, wie es steht. Immerhin kriegen wir die Wracks, die sie gerade noch eingeschleppt haben. Aber glaub mir, ich bin nicht scharf darauf, daß noch mehr von unserer Klasse draußen bleiben.“ Sein schräger Humor kehrte zurück: „Was soll ich denn dann alleine beim Klassentreffen?“
Kano hatte sich schon wieder beruhigt, selber überrascht von seinem Ausbruch, und paßte sich Renners Ton an: „Wenigstens wird dir keiner vorhalten, daß du die Abschlußprüfung gekippt hast, um einen bequemen Druckposten zu bekommen. Oder daß du das zweite Gesicht besitzt und dich deshalb rechtzeitig vor der Frontverschickung abgesetzt hast.“
Renner grinste etwas gallig, das war nicht das erste mal, daß er so etwas hörte: „Hab‘ ich nicht. Sonst würde nicht die Hälfte meines Lohns beim Roulette draufgehen... .“
„Also, wie sieht es aus? Bekommen wir einen Träger?“
„Das hast du aber nicht von mir. Sonst mach ich auf Kronzeugenregel und enttarne dich als Akarii-Spion... .
Laß mal sehen... wir haben hier vier Großfrachter, von der Marine gechartert, die sie zu ‚Carracks‘ und ‚Strikes‘ umrüsten.“
Kano verzog das Gesicht leicht und murmelte eine Verwünschung.
„Hast du was gegen unsere neuste Waffe? Was stört dich an den Hilfsträgern?“
„Sie sind langsam, schlecht gepanzert und schlecht bewaffnet. Damit kann man vielleicht auf Piratenjagd gehen oder über einer Kolonialwelt Wache schieben. An der Front – oder im Kaperkrieg – aber sind das raumgängige Särge. Außerdem würden sie unser Geschwader dann doch noch auseinanderreißen und auf diese ‚Hilfkriegsschiffe‘ verstreuen.“
„Wir werden aber wählerisch. Kaum stecken sie euch das Flight Cross und den Silberlöwen an – hübsches Lametta übrigens – glaubt ihr, lange Zähne machen zu können. Ich weiß schon, was dir nicht an den Hilfsträgern gefällt. Die Chance für Heldentaten und Abschüsse wären wohl nicht ganz so gut? Die acht Abschüsse reichen nicht? Du hättest es schlechter treffen können... .“
Kano wischte den gutmütigen Spott beiseite: „Du willst mir doch nicht erzählen, daß ihr auf dem Mars nur diese Frachter aufrüstet und die Homefleet lackiert?!“
„Du solltest auf deinen Ton achten, Samurai. Du klingst schon wie ein richtiges Rundauge. Oder sagt ihr Milchgesicht?“
Kano grinste: „WIR sagen gajin, du mehlhäutiger Barbar. Und du hast meine Frage nicht beantwortet.“
„Also gut. Da wäre zuerst die ‚Moskau‘. Zur Zeit arbeiten sie mit Hochdruck an den Maschinen. Aber ich schätze, einige Monate braucht es noch, bis dieser wracke Raumwal mehr kann, als von einer Reparaturwerft zur anderen zu hinken. Und da ist dann noch 'Columbia'.“
„'Columbia'? Der Name sagt mir ehrlich gesagt nichts. Mach es nicht so spannend - was für eine Klasse?“
„Einen brandneuen Flottenträger. Für volle acht Staffeln. Alles inklusive: S-S-Werfer, Laserbatterien und Anti-Jäger-Raketen. In ein paar Wochen haben wir das Monstrum fertig. Gute Chancen für euch... .“
Kano entspannte sich etwas. Das war eigentlich genau daß, was er gehofft hatte zu hören. Auch wenn die Angry Angels momentan heimatlos waren, sie würden das neue Schiff bekommen, da war er sich jetzt sicher. Nun gut, vielleicht würde ein neues Großgeschwader aufgebaut werden, mit einem neuen Namen – die kampffähigen Überlebenden des „Redemption“-Geschwader würden höchstens ein Drittel der Piloten für den Flottenträger stellen können. Aber sie würden nicht in die Etappe abgeschoben werden als „ausgebrannt“ oder „abgeflogen“. Die „Angry Angels“ würden zusammenbleiben. Und das war, aus vielen Gründen, sehr wichtig für Kano.
„Danke, Renner. Das ist eine wirklich gute Nachricht.“
Der andere grinste und gab sich übertrieben selbstgefällig: „Ja nun, dazu sind wir ja da. Du weißt schon – alles für die Front, alles für den Krieg. Wir tun hier unseren Teil... .“
Kann schüttelte den Kopf und murmelte etwas unfreundlich klingendes. Renner lachte, stockte dann und fixierte Kano: „Sag mal, Samurai. Das war ja ziemlich wichtig für dich, daß eure Rasselbande zusammenbleibt. Alles nur euer komischer Korpsgeist? Oder habe ich was verpaßt?“
Kano’s Miene wurde ausdruckslos, so einfach wollte er es Renner nicht machen. Der hatte zwar eine ganze Reihe positiver Eigenschaften, war aber fast so schlimm wie Radio, was Klatsch und Latrineparolen betraf.
„Es gibt viele Gründe. Es wäre eine Schande gewesen, wenn sie uns verstreut hätten. Da haben wir etwas besseres verdient... .“
„Hm... Sicher. Laß mal sehen. Aus Tokio rufst du jedenfalls nicht an. Sondern aus... .“ Renner beugte sich vor. „...Indien! Sind deine Leute umgezogen? Oder... . Ihr Piloten seid doch alle gleich. Bei diesen zölibatären Bordvorschriften – und jetzt habt ihr keine Akarii mehr zum Frustabbau. Wer ist sie denn? Eine aus dem Geschwader? Oder vom Borddienst? Besonders viel Auslauf, um jemanden kennenzulernen, habt ihr da draußen ja nicht... .“
Kano schüttelte den Kopf und antwortete bestimmt, aber nicht unfreundlich: „Das, mein Freund, geht dich überhaupt nichts an.“ Erst als Renner lauthals loslachte, wurde Kano bewußt, daß er Renners Frage beantwortet hatte. Der legte jedenfalls Kanos Worte so aus. Und er hatte ja auch Recht... .
Renner grinste anzüglich: „Na ja, kein Grund mich zu beißen. Ist doch schön, wenn du Anschluß findest.“
Kanos konterte trocken: „Du ahnst ja gar nicht, wie viel mir deine Meinung bedeutet.“
Renner lachte wieder und schüttelte den Kopf. Dann sah er auf seine Armbanduhr und fluchte leise: „Verdammt! Also gut Kano, daß war’s. ICH jedenfalls HABE jetzt ein Rendezvous... . Du schuldest mir was.“
„Solltest du doch noch zur kämpfenden Truppe kommen und bei uns landen, dann werde ich sehen, was ich tun kann. Ansonsten wird es wohl bis zum Frieden warten müssen. Ich bin sicher, du wirst es nicht vergessen – und dafür sorgen, daß ich das auch nicht tue.“
„Erraten. Aber du kannst lange warten, bis sie mich nach vorne schicken. Wir Experten sind eben unabkömmlich. Also dann bis nach dem Krieg. Aber sei pünktlich!“ Übergangslos wurde Renner ernst: „Im Ernst. Paß auf dich auf. Und toi, toi, toi.“
Kano grinste kurz: „Danke. Und ich werde da sein. Auch dir viel Glück... .“
Dann unterbrach Renner die Verbindung, während er aufsprang. Kano verzog kurz den Mund. Renner hatte zwar fast die ganze Zeit seine übliche Schnoddrigkeit aufgesetzt gehabt, mit der er der Schreck einiger Ausbilder gewesen war. Dazwischen aber und am Schluß... . ‚Er hat mich angesehen, wie einen Todgeweihten. Als rechnete er nicht wirklich damit, daß wir uns noch mal begegnen.‘ Aber das war eigentlich nicht weiter verwunderlich, machte sich Kano bewußt. Renner war zwar weitab von der Front stationiert – aber angesichts der eingeschleppten, zusammengeschossenen TSN-Schiffe, den zwangsläufig durchsickernden Verlustzahlen, konnte sich Renner bestimmt ein recht detailliertes Gesicht vom Kriegsverlauf machen, ein düsteres Bild... .
Manche nannten die Jagdflieger bereits „Morituri-Krieger“ oder „Raumgladiatoren“... . Kano schob die düsteren Gedanken beiseite. Er hatte überlebt, er würde weiter überleben. Und wenn daß Schicksal es anders wollte... . ‚Kein Sinn, sich mit ‚Vielleicht‘ und ‚Möglicherweise‘ verrückt zu machen. Nimm es, wie es kommt – und als Samurai, als Soldat.‘ Es gelang Kano jedoch nicht völlig, sich selbst zu überzeugen. Mit schmerzhafter Intensität zogen an seinem inneren Auge die Niederlagen und Verluste vorbei, die er miterlebt hatte. Sie hatten Schlachten, Schiffe – und Kameraden verloren, viel zu viele. Kanos Gesicht verhärtete sich: ‚Und viel zu wenige Akarii haben dafür bezahlt.‘.
Gewaltsam verdrängte er die düstere Stimmung. Immerhin, was er erfahren hatte, war wichtig – und eine gute Nachricht. Helen würde das interessieren – und auch Huntress und Demolisher. Er würde... .
Irgendwo im Haus knallte eine Tür, Kano hörte das Geräusch eiliger Schritte, dann Kalis Stimme, laut und dringend : „KANO!“
Er sprang auf und stürzte aus dem Zimmer. Beinahe stieß er mit Kali zusammen, die auf der Suche nach ihm die Treppe heraufgerannt kam.
„Was ist?!“
„Großankündigung! Die Präsidentin!“
Mehr erfuhr er nicht, denn Kali machte auf dem Absatz kehrt. Kano folgte ihr auf dem Fuß.
In dem riesigen Wohnzimmer hatte sich bereits Kalis Familie versammelt. Auch Demolisher war da – und Huntress, die wohl gerade unter der Dusche gestanden hatte, denn sie trug nur ein um den Körper gewickeltes Handtuch und ihr nasses Haar klebte am Kopf. Aber das registrierte Kano nur am Rand. Wie die anderen Anwesenden konzentrierte er sich auf den Bildschirm. Von einem wahrem Gewitter von Blitzlichtern umgeben war dort Präsidentin Patricia Birmingham zu sehen, ihre ruhige, autoritäre Stimme füllte den Raum:
„…eine Besprechung mit dem Oberkommando der TSN und mit Admiral Renault von der 2. Flotte. Man teilte mir mit, dass es an der Zeit sei, die Anstrengungen zu intensivieren um unserer Navy, jetzt da die Reihen konsolidiert sind, die Möglichkeit zu geben einen Offensivkrieg zu führen... ."
Als die Rede der Präsidentin zu Ende war, schaltete irgend jemand den Bildschirm aus. Huntress Gesicht verzerrte sich kurz zu einer Grimasse, in der sowohl Angst, Haß aber auch Freude zu liegen schienen: „Verdammt! Jetzt geht’s los – in die Offensive!“
„Das paßt. Das ist unser Marschbefehl!“ Bei diesen Worten Kanos richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf Kano. Etwas verlegen fuhr er fort: „Ich habe – gehört, von einem Freund, daß sie bei den Marswerften einen neuen Flottenträger ausrüsten. Pegasus-Klasse, fast fertig. Aber sie haben noch keine Flugstaffeln verlegt... .“
Die Piloten sahen sich an. Ein paar Augenblicke sagte keiner der vier etwas. Dann stieß Kali die Luft aus: „Ja, das sind wir!“ Demolisher grinste, oder bleckte vielmehr raubtierhaft die Zähne: „Ein Flottenträger. Das nächste mal werden wir nicht davonschleichen. Das nächste mal...“
Kali beendete den Satz: „...wird die Rechnung beglichen.“
Als Kano sich ihr zuwandte, sah er zufällig Kalis Mutter ins Gesicht. Sie sah ihn nicht an, ihre ganze Aufmerksamkeit war auf ihre Tochter gerichtet. Sie hatte Angst. Angst um ihre Tochter.
Unwillkürlich schämte sich Kano beinahe für die Nachricht, die er überbracht hatte.
Ironheart
24.03.2004, 12:49
Ursprünglich von Tyr Svenson
Gleichzeitig im Senat:
„DAS WORT HAT SENATOR MANSFIELD, VORSITZENDER DES VERTEIDIGUNGSAUSSCHUSS.“
Der Senator, der ans Rednerpult trat, war nicht mehr jung. Seit mehr als 40 Jahren diente er der Republik, wie er es verstand. Als einer der jüngsten Abgeordneten der Demokraten war er in den Senat eingetreten und war in dem knappen halben Jahrhundert zu einer der wichtigen Männer seiner Partei geworden. Allerdings hatte er auch „an der Front“ gearbeitet. Insgesamt dreimal hatte er den Posten eines planetearen Gouverneurs innegehabt, wenn auch auf eher unbedeutenden Planeten. Dafür waren es zweimal ausgesprochene Krisenfälle gewesen, mit bewaffneten Unruhen oder einer aktiven Guerilla. Viermal hatte er in ähnlichen Fällen als Vermittler fungiert. Auch wenn sich die Republik liberal gab – in dem riesigen interstellaren Verwaltungsgebiet, auf den zahlreichen Planeten, gab es zu jeder Zeit irgendwo separatistische Bestrebungen, bewaffnete Unruhen oder sogar regelrechte Bürgerkriege, die neben den planetearen Streitkräften den Einsatz der Armee oder des Marinekorps verlangten, die oft als eine Art „Puffer“ fungierten.
Aber alle Krisen und Unruhen der Vergangenheit waren nichts im Vergleich zu der Bedrohung, die nun gegen die Republik vorrückte.
„Frau Präsidentin, Senatoren und Senatorinnen der Erdrepublik.“ Mansfield sprach ruhig, aber entschlossen. Die Unruhe, die durch Präsidentin Birminghams Verkündung des Kriegsnotstandes entstanden war, hatte sich wieder gelegt. „Der Ausschuß für Verteidigungsfragen beauftragte mich vor zwei Wochen mit einer Inspektions- und Konferenzreise zu unseren Hauptwerften und den Kommandostellen unserer Streitkräfte.
Senatoren und Senatorinnen – ich stimme vollkommen mit der Präsidentin und den Befehlshabern der Streitkräfte in ihrer Einschätzung der Lage überein, dahingehend, daß die Lage ernst ist und umfassende Maßnahmen ergriffen werden müssen. Doch muß ich in anderen Punkten eine andere Ansicht vertreten.“
Das sorgte für erste Unruhe. Präsidentin Birmingham nahm den Senator genauer in Augenschein. Sie kannte Mansfield, einen der „Alten Männer“ ihrer Partei. Wenn er jetzt in die Opposition ging... . ‚Aber es mußte sein.‘ Hoffentlich würde allerdings Mansfield – und die anderen Demokraten dies auch erkennen. Wenn sie den Rückhalt in ihrer eigenen Partei verlor – Notstandsgesetz oder nicht, ihre Lage würde schwierig werden. In diesen unangenehmen Betrachtungen gefangen, verpaßte Patricia Birmingham die nächsten Worte des alten Senators. „...nach den schweren Verlusten über Manticore gelang es unseren Streitkräften zwar, die Front zu stabilisieren. Unsere leichten Streitkräfte gingen sogar zur Offensive über und fügten den Versorgungslinien der Akarii schwere Schäden zu. Ob auf dem Boden oder im Raum – unsere Truppen haben Übermenschliches geleistet...“ Kurz zögerte Mansfield, und fuhr dann fort: „...doch das ist nicht genug. Wir müssen uns der Realität in ihrer schonungslosen und brutalen Klarheit stellen. Der Realität, daß wir in diesem Krieg verlieren.“
Das schlug wie eine Bombe ein. Ein Raunen ging durch den Raum, in dem die ersten Zwischenrufe laut wurden. Verunsichert durch den Auftritt der Präsidentin vergaßen Senatoren die sonst gepflegte Fassade von kühler Gelassenheit und Distanz. Einige wußten, wie es um den Krieg stand, einschließlich Präsidentin Patricia Birmingham. Deshalb hatte sie ja das Militärnotstandsgesetz unterzeichnet. Die Situation aber offen im Senat zu verkünden, selbst jetzt, nach Verkündung des Kriegsnotstandes, war doch etwas anderes – war politischer Selbstmord... .
Senator Mansfield ließ sich von der Unruhe nicht aus dem Konzept bringen. Seine Stimme wurde lauter, schnitt durch den Lärm: „Wir haben mehr als die Hälfte unserer leichten Trägereinheiten verloren, der Rest ist zum Großteil auf Monate hinaus im Dock. Das gleiche gilt für die Kreuzer- und Zerstörerflotten. Die Reaktivierung der eingemotteten Zerstörer mag zeitweilig Abhilfe bringen. Aber die Fortsetzung des Kaperkrieges ist in der alten Stärke kaum mehr möglich. Die Verluste unserer Erste-Linie-Verbände waren schwer, daß brauche ich wohl nicht zu wiederholen. In einer Schlacht ging fast eine gesamte Trägerflotte verloren.
Die verbliebenen Flottenträger sind vollkommen in der Verteidigung der Frontlinien eingebunden. Die Admiralität will die Offensive beginnen – daß ist durchaus eine richtige Strategie, angesichts der Gegebenheiten. Doch haben wir die Kräfte dazu eine Niederlage – oder sogar ein blutiges Patt – zu verkraften? Es ist eindeutig, daß der Feind eine neue Offensive vorbereitet. Über Jollahran haben wir mindestens zwei Elitegeschwader verloren und Trägereinheiten und Begleitschiffe in der Stärke von zwei Trägerkampfgruppen. Das soll kein Vorwurf an unsere Streitkräfte sein, die einem haushoch überlegenen Feind schwere Verluste zufügten. Doch im Gegensatz zu uns kann sich der Feind diese Verluste leisten – und trotz aller Tapferkeit kam mehr als die Hälfte des Nachschubs durch. Dieses Material – verstärkt durch weitere Konvois, die die geschwächten Einheiten von Plan „Husar“ nicht aufhalten können – reicht aus, um eine Großoffensive zu beginnen, darin sind sich die strategischen Analytiker einig. Es muß davon ausgegangen werden, daß die Front ohne schnelle Zuführung von Reserven nicht zu halten sein wird. Das bedeutet die Entsendung der Homefleet oder eben den militärisch riskanten Versuch einer Gegenoffensive um dem Feind die Initiative aus der Hand zu nehmen. Aber uns fehlen Schiffe, Jäger und ausgebildete Mannschaften.
Falls es dennoch gelingt, die Offensive aufzufangen – und dies ist keine Gewißheit – wird der Gegner jedoch binnen Jahresfrist zu einer neuen Offensive in der Lage sein. Auf unserer Seite jedoch wird dann alles vorne sein, nichts in der Hinterhand. Die Front wird zerbrechen. So sieht die Lage aus.“
Ein Senator sprang auf: „DAS IST VERRAT!“
„Es ist kein Verrat, die Wahrheit zu sagen! Wir befinden uns zunehmend in einer kritischen Nachschubslage. Unsere Rüstungsindustrie ist noch nicht einmal in der Lage, unsere Soldaten mit modernem Gerät auszustatten. Wenn wir verlangen, daß sie mit veralteten Waffen kämpfen, dann ist das Mindeste, daß wir aufhören uns selber zu belügen. Die Ausbildung fähiger Piloten und Matrosen dauert JAHRE. Wir müssen jetzt schon die Garnisonseinheiten, die Flugschulen und die Militärgefängnisse leeren, die Milizen an die Front schicken. Die Ausbildungszeit wurde gekürzt – und bedenken Sie, dies alles nach der ersten Offensive des Gegners. Weitere Großangriffe werden folgen.
Um zu gewinnen, müßte unsere Flotte mehr gegnerischen Schiffsraum vernichten, als wir verlieren. Und dies gegen technisch überlegene und kampferprobte Einheiten. Sich darauf zu verlassen ist Wahnsinn!
Wir müssen die Front gegen einen zahlenmäßig überlegenen Feind halten, der problemlos Schwerpunkte bilden kann. Während sich unsere Truppen zu verzetteln drohen, werden die Akarii angreifen wann und wo sie wollen. Und es wird in absehbarer Zeit keine größeren Verbände mehr geben, die wir an bedrohten Punkten zuführen können. Es sei denn, wir schicken die Homefleet. Und danach gibt es nichts mehr.“
Senator Mansfield sprach jetzt lauter, die Stimme zwingend, als fürchtete, nicht mehr ausreden zu können. Aber noch schritt keiner ein. Die Präsidentin starrte mit ausdrucksloser Miene zum Rednerpult, während Mansfield fortfuhr.
„Der allgemeine Notstand wurde ausgerufen. Dieser Schritt war notwendig, denn wir befinden uns in einem totalen Krieg, in dem ALLE Möglichkeiten ausgeschöpft werden müssen. Davor haben, im Einklang mit den Bestimmungen unserer Verfassung, zivile Rechte und Freiheiten zurückzustehen. Wir werden die Presse zensieren, die Medien restlos und absolut in den Dienst des Krieges stellen. Die Formierung planetearer Selbstschutzverbände für den Fall einer Invasion von republikanischen Planeten muß erfolgen.
Es ist unumgänglich, die Finanzierung des Krieges sicherzustellen. Zusätzlich zu den Maßnahmen, die Präsidentin Birmingham dargelegt hat, schlage ich vor, die Verabschiedung von Sondersteuern auf Kriegsgewinne ins Auge zu fassen. Die Verfassung gibt uns auch dazu das Recht.
Wo die Selbstregulierung des Marktes nicht greift, wird die Administration eingreifen, um alle verfügbaren Ressourcen zu nutzen. Selbst die Idee eines staatlich organisierter Arbeitsdienst für die Forcierung der Wirtschaftanstrengungen und die Befestigungsmaßnahmen sollte erwogen werden.“
Es war immer stiller geworden. DAS war nicht, was die Senatoren und Senatorinnen nach dieser Einleitung erwartet hatten. Auch wenn solche Vorschläge in normalen Zeiten unerhört gewesen wären – dies waren keine gewöhnlichen Zeiten und sie schlossen sich nahtlos an die Verkündung des Notstandes an. Mochte es nicht unpatriotisch sein, zu protestieren, auch wenn es den politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen vieler Senatoren widersprach?
Mansfield zögerte ein paar Herzschläge. Dann fuhr er fort:
„Alle diese Maßnahmen dienen der Erhöhung unserer Kampfkraft. Aber sie haben nur unterstützende, bestenfalls aufschiebende Wirkung. Sich darauf zu verlassen, daß dies genügt, um uns den Sieg zu schenken wäre unverantwortlich. Erinnern wir uns daran, daß die Akarii mindestens 10 vergleichbare Konflikte geführt – und gewonnen haben. Die Erfordernisse der totalen Kriegführung sind ihnen deshalb durchaus vertraut, das entsprechende Prozedere geläufig, welches in der Republik erst anlaufen muß. Wenn wir allein auf militärische Aktionsmittel setzen, drohen wir auf jeden Fall zu verlieren.
Da im Feld unsere Fähigkeit zu Offensivmaßnahmen begrenzt sind, müssen wir zusätzlich zu den militärischen Aktionen eine diplomatische Offensive starten. Das bedeutet, die engere Zusammenarbeit mit der Konföderation nicht nur im militärischen und logistischen, sondern darüber hinaus auch im wirtschaftlichen und politischen Sektor. Dabei wird der langfristige Nutzen vorerst als sekundär behandelt werden müssen. Was alleine zählt, ist der Krieg. Die Entsendung von Schiffen mag ein Anfang sein, weitere Maßnahmen werden folgen.“
Auch diese Vorschläge stießen auf wenig Protest. Es wurde allerdings bei Mansfields nächsten Worten wieder unruhiger: „Wir haben die Neutralen sträflich vernachlässigt. Allen von Ihnen, Senatoren und Senatorinnen, dürfte bekannt sein, daß die diplomatischen Beziehungen zu den anderen interstellaren Mächten in den letzten zwanzig Jahren praktisch nicht vorhanden waren. Der Kalte Krieg an der Akariigrenze hat zu einer verhängnisvollen Abschottungspolitik und einer gefährlichen Xenophobie gegenüber Nichtmenschen geführt. Das muß sich ändern. Auch wenn es utopisch wäre, die Hoffnung auf eine militärische Allianz gegen die Akarii zu hegen, so wird doch die fortgesetzte Expansionspolitik und das unverhüllte Hegemonialstreben des akariischen Sternenimperiums nicht nur von der Republik und der Konföderation als Bedrohung empfunden. Zumindest würden solche diplomatischen Kontaktaufnahmen auch die Akarii zu Reaktionen zwingen, vielleicht sogar zum Abzug von militärischen Kräften an andere Grenzen, um Stärke zu demonstrieren. Ganz abgesehen von der durchaus gegebenen Möglichkeit des Austausches von kriegswichtigen Materialien, Informationen oder Technologie mit anderen weltraumfahrenden Mächten. Außerdem könnten über solche Kontakte weitere diplomatische Maßnahmen eingeleitet werden.“
Eine Stimme übertönte die Unruhe. Senator Hiroito Fukuda zeigte wenig von dem Klischee des immer beherrscht bleibenden Japaner: „Ich sehe, wohin ihre Argumentation führt, Mansfield. Sie wollen...“
Mansfields Stimme wurde scharf, fast schneidend, als er Fukuda ins Wort fiel: „Wir dürfen uns nicht der Möglichkeit einer diplomatischen Bearbeitung der Situation verschließen. Immer noch ist nicht ganz klar, welche Motive die Akariis antreiben. Streben sie die hegemoniale Vorherrschaft an? Oder wollen die Akarii die Republik ganz besetzen? Oder gibt es andere, politische, wirtschaftliche, oder vielleicht sogar religiöse Motivationen? Unsere Ahnungslosigkeit kann tödlich enden. Wir müssen herausfinden, WAS die Akarii eigentlich wollen und wie wir ihren Ambitionen begegnen können! Wir können angesichts einer ausblutenden Front nicht wagen, auch nur EINE Möglichkeit unbeachtet zu lassen, mit der dieser Konflikt beendet werden könnte. Wir müssen alle Optionen in Betracht ziehen. Denn wir kämpfen um den Bestand der Republik! Und diese Notwendigkeit bedeutet auch, daß wir diplomatische Kontakte zu den Akariis etablieren!“
Seine letzten Worte gingen in einem Aufschrei der Empörung unter. Senatoren und Senatorinnen, Republikaner, Unabhängige, aber auch zahlreiche Demokraten sprangen auf, Schreie und Beschimpfungen wurden laut. Als Mansfield vom Rednerpult abtrat und zu seinem Platz zurückging, schritt er durch einen regelrechten Orkan von Rufen und Gegenrufen, Protesten und Beschimpfungen.
Nach dem Senator sprachen noch fast zwei Dutzend Senatoren und Senatorinnen. Andere schwiegen lieber. Doch keiner stellte sich hinter Mansfields Forderung nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen... .
Ironheart
24.03.2004, 12:50
Ursprünglich von Cattaneo
Die Dunkelheit war erst spät gekommen, es war ja noch Spätsommer. Eine kühle Brise wehte von der gewaltigen Fläche des nahen Stausees herüber und ließ die letzten Reste der Hitze des Tages vergehen. Still war es hier, sehr still, wenn man an die nie schlafenden Großstätte und Ballungszentren dachte, in denen ein Mensch sein ganzes Leben verbringen konnte, ohne etwas anderes zu sehen als Häuser und gepflegte Grünflächen, ohne einmal einen Stern zu erblicken. Hier draußen, weitab von den Pulsadern des Lebens, hier draußen leuchteten nachts noch Sterne und Mond. Und manchmal, besonders im Winter, antwortete den Dorfhunden ein Echo aus dem Wald, das die meisten Menschen nur noch vom Bildschirm her kannten. Die ersten Nachtvögel und wohl auch Fledermäuse zogen in der Dunkelheit ihre Bahn. Schuran – eine Kleinstadt, eigentlich fast mehr ein vergrößertes Dorf – lag in schlafend in den Schatten, und nur wenige Lichter leuchteten in der herabsinkenden Nacht.
Der Klang des Akkordeons störte die Stille kaum. Das leise Lied fügte sich in die nächtlichen Geräusche ein, manchmal nicht viel hoffnungsvoller als das Klagen der Wölfe in den Wintermonaten. Jetzt war nicht mehr die Zeit für die kämpferischen Gesänge, die trotzigen Kriegslieder, die man vorher angestimmt hatte. In der Dunkelheit, so sagte man, verwischten sich die Grenzen zwischen den Lebenden und den Toten, und manchmal mochte es scheinen, als ob in der Runde diejenigen weilten, die für immer gegangen waren. Die Gesichter der Männer und Frauen lagen im Schatten, und wer konnte jetzt noch genau sagen, wer ein Geist war, und wer nicht?
Lilja summte leise das Lied mit, daß der Akkordeonspieler angestimmt hatte. Sie kannte viele Weisen, und diese waren ihr treue Begleiter und nicht selten einziger Trost gewesen. Fern von der Heimat, im Krieg, wo vertraute Gesichter dahinschwanden, sich manchmal bis zur Unkenntlichkeit veränderten, eingeschmolzen in den Feuern von Tod und Vernichtung. Die Lieder waren das einzige, was blieb, und was es auch weiterhin geben würde. Selbst wenn jene, die sie angestimmt hatten, längst tot waren.
Ihre Eltern hatten die Freunde der Familie eingeladen – zur Feier von Liljas Rückkehr. Sie hatten zwar nur den ungefähren Termin gewußt, aber das hatte genügt, ausreichend Vorbereitungen zu treffen. Und als man mit den ersten Umarmungen fertig war, hatte man sich gleich an die Arbeit gemacht. Wobei Lilja, trotz des gutmütigen Protests ihrer Mutter, mitgeholfen hatte. Aber zum einen genoß die Pilotin die einfachen Handgriffe beinahe, denn die erinnerten sie so gar nicht an ihre Wunden. Zum anderen war sie einfach nicht in der Stimmung, sich zurückzulehnen – die Erkenntnis, daß sie zumindest im lokalen Umfeld für ihre Leistungen respektiert wurde, hatte sie in ein Hochgefühl versetzt, welches keine Untätigkeit zuließ. Außerdem war sie, auch wenn sie es sich kaum selbst eingestand, doch ziemlich aufgeregt beim Gedanken an die Feier. Die war ja sozusagen zu ihren Ehren, und das schmeichelte ihr ungeheuer. Hier draußen waren die Verbindungen zwischen den Nachbarn oft noch um einiges enger, anders als in den Städten, wo jeder für sich lebte. Wenn eine solche Gelegenheit anstand, dann nutzte man sie. Genau so, wie man selber hinging, wenn bei den Nachbarn eine Heimkehr zu feiern war, oder ein Verlust zu beklagen. Es würde also keine kleine Feier werden, mit dreißig oder vierzig Personen war sicher zu rechnen. Zumal es kaum eine Möglichkeit gab, abzusagen. Natürlich lud man immer die ganze Familie ein. Bei der nächsten Gelegenheit würden die anderen sich revanchieren, so war es Sitte.
Zunächst, im Lichte des Tages, war es noch erheblich munterer zugegangen. Nach dem Essen – Lilja hatte das genossen, denn trotzdem die Armeeverpflegung nicht schlecht war, war es doch nichts gegen heimatliche Kost – hatte man zunächst vor allem die glückliche Heimat der Tochter der Pawlitschenkos gefeiert. Lilja war angemessen bewundert worden mit dem ganzen ,Lametta’, das sie trug. Flying Cross, Bronce Star, Verwundetenabzeichen und Fliegerspange – nun, das ließ sich schon sehen. Und sie war keineswegs so bescheiden, nicht stolz darauf zu sein, auch wenn sie sich bemühte, sich das nicht anmerken zu lassen. Sie hatte einige Geschichten zum besten gegeben – wie sie dem Frachter den Fangschuß verpasst hatte, einiges aus den Gefechten und ein paar Bordanekdoten. Normalerweise hätte dies auch an den tiefen, kaum vernarbten Wunden gerührt, die sie mit sich herumtrug. Der Verlust von Kameraden, die Zerstörung ihres Trägers, ihre eigenen Zweifel, ob sie wirklich das Bestmöglichste getan hatte, die Ungewißheit, was weiter würde – all das belastete sie ja nicht eben wenig.
So im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen machte es jedoch recht leicht, einiges zu vergessen oder zu verdrängen. Und der Zeitungsartikel trug natürlich auch dazu bei. Sie hatte ihn sich ausgeschnitten und in einem ihrer Bücher verwahrt – natürlich hatte ihre Familie diesen wie auch den ersten Beitrag ebenfalls ,archiviert’. Lilja glaubte nun zum Teil wirklich, Jollahran wäre so gesehen noch halbwegs erfolgreich gewesen. Sie kannte die Verluste – aber hätte es nicht noch VIEL schlimmer kommen können, und hatten sie den Akarii nicht hohe Verluste beigebracht? So sehr konnten die Zeitungen doch nicht lügen, das sagte sie sich zumindest.
Die Lieder, die man zuerst sang, waren voll Trotz und Entschlossenheit. Es gab für jede Stimmungslage etwas. Erst im Laufe der Zeit waren die Trinksprüche, die Lieder – und natürlich auch die Stimmung – ruhiger geworden. Jetzt überwog die Nachdenklichkeit. Man verdrängte die Toten und Verwundeten nicht, denn sie waren Teil der Siege, Teil des eigenen Überlebens, das man feierte.
Jetzt klangen die Stimmen gedämpfter, und die meisten sangen nicht mehr laut mit. Vielleicht verbarg der eine oder andere in der Dunkelheit auch eine Träne. Die Familie von Tanja war nicht die einzige, die ein Kind in den Streitkräften hatte. Die Flotte, die Armee oder das Marinecorps waren für einige Familien Teil der Tradition, und in anderen hatten die Kinder sich für diese Arbeit entschieden, weil diese Laufbahn immer noch von einem besonderen Glanz umgeben war. Zudem war es natürlich auch ein gut bezahlter Job, und in Friedenszeiten nicht unattraktiv. Man kam oft weiter herum in der Republik, als man sonst die Möglichkeit gehabt hätte. Der Krieg war dazwischen gekommen und hatte blutigen Ernst aus allen Worten von Ruhm und Aufstiegschancen gemacht. Der Preis, der jetzt für alle Versprechungen eingefordert wurde, war hoch – wie hoch er am Ende sein würde, konnte keiner sagen. Deshalb schienen Lieder wie „Der Unterstand“ jetzt passender.
Auch Liljas Hochstimmung hatte einen gewissen Dämpfer erhalten. Sie belog sich nicht so sehr, daß sie den Preis des Sieges, den Preis für ihre Orden völlig verdrängte. Allerdings – im Augenblick schien er ihr es wert. Vor allem, wenn sie daran dachte, daß sie ja letztendlich auch für diese Menschen hier kämpfte, sie schützte. Sie, ihre kleinen Häuser und Gärten, die schimmernde Wasserfläche des Sees, die auch jetzt noch im Licht des Mondes funkelte. Und den Wald, die Wiesen und Felder. Kurz, die Heimat, das heiligste, was ein Mensch ihrer Meinung nach haben konnte. Hier fühlte sie sich geborgen, ein Gefühl, daß sie an Bord des Trägers nie gehabt hatte. Natürlich hielt sie auch jetzt noch etwas die Maske der perfekten Soldatin aufrecht – sie konnte nicht ganz aus ihrer Haut. Aber sie entspannte sich. Hier mußte sie nicht so sehr Acht geben, was sie sagte oder tat. Den Leuten um sie vertraute sie. Gegenüber ihren Kameraden empfand sie solche Gefühle selten, von ein oder zwei Ausnahmen vielleicht abgesehen.
Sie unterhielt sich mit Leonid Sasonow. Der alte Mann, alt selbst in der heutigen Zeit, war nie Soldat gewesen, und deshalb eigentlich ein ungewöhnlicher Gesprächspartner für die junge Pilotin. Sein Lebtag lang hatte er in einer Fischereigenossenschaft gearbeitet, die den Stausee als Zuchtbecken nutzte. Die Fischer erzählten sich immer, die Größe ihrer Fische hätte etwas mit der Forschungsanlage auf dem See zu tun. Das war natürlich nur nachbarliches Gestichel, und man war immer gut miteinander ausgekommen. So hatte er Liljas Eltern kennengelernt, und sich mit ihnen angefreundet. Er war schon seit vielen Jahren im Ruhestand, und inzwischen über achtzig Jahre – sein wahres Alter, so sagte er, sei sein wichtigstes Geheimnis. Von der Rente, seinem Garten und seiner Angel lebte er so, daß er nicht zu klagen hatte. Es hätte auch für einen Platz in einem Heim gereicht, aber er sagte immer, der Tag, an dem er sich nur noch in den Lehnstuhl setzen würde, wäre der Tag, an dem der Tod ihn holen käme.
Auch wenn sein Leben mit dem Liljas nichts zu tun hatte, so war er für sie praktisch so etwas wie ein Großvater. Sie kannte ihn, seit sie ein kleines Kind gewesen war, und er war immer ein guter Freund gewesen. Einer der drei Menschen, denen sie voll vertraute, außerhalb ihrer Familie. Und er war sogar noch wichtiger für sie gewesen, als sie nach ihrem Zusammenbruch am Anfang des Krieges in der Reserve gelandet war. Über manche Dinge hatte sie selbst mit ihren Eltern kaum sprechen können. Ihm gegenüber hatte sie sich ihrer Ängste und Selbstzweifel nie geschämt, und sie wußte, wieviel sie ihm zu verdanken hatte. Ihr Gespräch war von Pausen unterbrochen, in denen sie beide der Musik lauschten, doch sie verstanden sich auch ohne Worte gut.
Der Alte musterte Lilja aufmerksam. Die Dunkelheit verbarg ihr Gesicht, so daß er nicht sagen konnte, ob sie lächelte oder weinte, beides war möglich. Auch die Narben, ob von Stahl und Feuer, ob von Bitterkeit und Trauer geschlagen, verbarg das Zwielicht. Sie lauschte schweigend den letzten Klängen von „Wart‘ auf mich...“ Nachdem sich der letzte Ton verloren hatte, herrschte einen Augenblick Stille, nur unterbrochen von halblauten Gesprächen. „Gibt es eigentlich jemand, der auf dich wartet?“ Er hatte die Frage leise ausgesprochen, aber Lilja zuckte unwillkürlich zusammen. Sie zögerte, schien mit sich zu ringen. Einem anderen hätte sie wohl eine barsche Antwort gegeben. Ihre Stimme klang unsicher: „Nein... Das heißt – meine Familie natürlich. Dann du, hoffe ich mal. Und natürlich Alexander.“ Der alte Mann seufzte: „Natürlich. Aber du weißt, Tanja, das meinte ich eigentlich nicht.“ Die Pilotin schwieg. „Nein.“ Sagte sie schließlich. „Nein, es gibt niemanden.“ Sie lachte halbherzig: „Wundert dich das?“ Lilja berührte unwillkürlich ihre Wange: „Ich bin auch nicht gerade eine Schönheit.“ Ihre Stimme klang unbekümmert. Leonid zuckte mit den Schultern: „Ein Dummkopf schaut nur mit den Augen. Ein klügerer Mensch schaut mit dem Herzen.“ Lilja wußte nicht recht eine Antwort zu geben, sie spürte, wie sie rot wurde, und war dankbar für die Dunkelheit, die dies verbarg. Als Ace, kurz bevor er gestorben war, etwas ähnliches gesagt hatte – das unter der zynischen, vernarbten Oberfläche immer noch ein Mensch war – da hätte sie ihm am liebsten den Kopf abgerissen. Vor allem, als der Schwachkopf sie auch noch geküßt hatte. Es war nicht der Kuß an sich, der in ihr immer noch Wut, ja Haß weckte, wenn sie an den toten Kameraden zurückdachte. Sie hatte sich gedemütigt gefühlt, geradezu erniedrigt. Er hatte, vielleicht ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, ihre alten Wunden berührt. Ihr Gefühl, nach ihrer Verletzung nicht mehr ganz die alte zu sein, sondern ein halber Krüppel. Die Angst davor, bloßgestellt zu werden, ihre Schwäche zu offenbaren. Das war ihm mehr als einmal geglückt, und deshalb haßte sie ihn auch, selbst jetzt noch. Jeder, der versuchte, ihren Panzer zu durchbrechen, konnte dies nur tun, um sie zu verletzen – zumindest wenn dieser jeder so jemand wie Ace war. Ob er es wollte oder nicht. Daran gab es für sie keinen Zweifel.
Ihre Mutter hatte sie etwas ähnliches gefragt, halb im Scherz, nach der ersten Wiedersehensfreude. Ljudmilla Pawlitschenko war in dieser Hinsicht keineswegs wie die ,typische‘ Soldatenmutter, also jene, die oft in Literatur oder Film gezeigt wurde. Sie akzeptierte den Lebensweg, den ihre Kinder gewählt hatten, und sie akzeptierte damit auch, daß nicht unbedingt damit zu rechnen war, daß Lilja jemanden fand, mit dem sie eine Beziehung eingehen wollte. Lilja hatte mit einem Scherz darauf geantwortet, wie immer. Sicher hofften die Eltern, daß ihre Kinder eine Familie gründeten – aber jetzt war Krieg. Und der Kampf war richtig und notwendig.
Es war auch schwer, eine Antwort zu geben. Lilja hatte sich bemüht, nie zu viele Gedanken an dieses Thema zu verschwenden. Es war schwer genug, jemanden zu verlieren, mit dem man befreundet war. Dieser Schmerz hatte ihr das Herz zerrissen, und sie empfand ihn heute noch genau so wie am ersten Tag. Wenn Liebe vielleicht noch mehr war – wie sollte sie dann jemanden lieben, den sie vielleicht verlor? Wie sollte sich von jemanden lieben lassen, und ihm diesen Schmerz zufügen, wenn sie selber starb? Nein, sicher nicht. Besser, sie ließ niemanden zu sehr an sich heran. Die Angst, einen ihrer wenigen echten Freunde zu verlieren, ließ ihr Herz zittern. Mehr würde sie nie zulassen.
Sie schüttelte den Kopf: „Ich habe Freunde, ich habe meine Familie. Und den Krieg. Daneben – daneben ist kein Platz mehr. Vielleicht später einmal...Aber sprechen wir von etwas anderem!“ Leonid sagte nichts, aber sie spürte seine Trauer. Es war kein billiges Mitleid – sicher verstand er sie. Eher bedauerte er, was für sie nicht möglich war, nicht seien konnte.
Als der Mond seine Reise am Himmel fortsetzte, über das weite Land und den Stausee hinweg, saß Lilja noch lange schweigend am Fenster ihres alten Zimmers. Sie weinte nicht, und sie trauerte auch nicht. Der Nachtwind spielte mit ihrem Haar, mit dem leichten Rauch ihrer Zigarette – und wer wußte schon, an was sie dachte...
Ironheart
24.03.2004, 12:51
Ursprünglich von Hammer
Auch in Wien sah man die Übertragung der Rede der Präsidentin. Lieutenant Commander Wolfgang Graf Berg von Hauenstein sah seinen Gegenüber an.
„Es kommt ins Rollen. Unsere Quellen in Berlin und der Flotte haben bereits berichtet, dass es Anzeichen dafür gibt, dass sich die Gangart verschärfen wird.“
„Es sind schon viele gute Männer und Frauen dafür gestorben.“
„Ja, Wolfgang, ich weiß. Wir werden sehen, was wir tun können.“
„Ich möchte Fall Pazival auslösen.“
„Hm....das haben einige von uns auch überlegt. Aber Du weißt, dass Du für die Führung nicht in Frage kommst. Deine Mitgliedschaft ist in einigen Zirkeln schon zu bekannt.“
„Wäre es nicht an der Zeit, aus dem Versteck herauszukommen?“
„Nein, das würde mehr Schwierigkeiten aufwerfen als es lösen würde. Auch mir würde es mehr behagen, wenn sich die Streiter Gottes nicht so verstecken müssten. Aber wir leben in schwierigen Zeiten. Und keiner von uns hat Interesse daran, sich mit der Presse herumzuschlagen. Außerdem würden unsere Freunde etwas nervös werden, wenn wir unseren Einfluss offenbaren würden. Vergiß nicht, dass außerhalb dieser Mauern nur wenige erahnen, wie viele Freunde wir haben.“
Der Graf nickte.
„Also?“
„Ich habe da einen Mann im Auge, den wir prüfen werden. Er wird bald kommen.“
„So sei es. Komtur, ich werde mich solange in Wien aufhalten, aber jetzt muss ich los.“
„Du bist entlassen. Danke, dass Du für einen alten Mann Zeit hattest.“
„Alt vielleicht, aber....“
Der Graf verbeugte sich und küsste den Ring seines Gegenübers, der im Gegensatz zum üblichen Prälatenschmuck sehr schlicht gehalten war. Im Wesentlichen bestand er aus Weißgold, dessen einziger Schmuck ein aus Onyx geschnittenes Kreuz war.
Dann verließ er das Kloster.
Zwei Stunden später sass er in einem der Wiener Kaffeehäuser. Kurze Zeit später kam auch Freya, mit der er sich erneut verabredet hatte.
„Guten Mittag, holdes Geschöpf.“
„Guten Morgen mein edler Graf.“
Beide grinsten. Die Freifrau orderte einen Cappucino, dann begab sich das Paar in einer hinteren Nischen.
„Was gibt’s neues aus der Gerüchteküche?“
„Abgesehen von der Rede von Birmingham und den Auswirkungen?“
„Auswirkungen?“
„Nunja, die Rede zwingt nun jedermann dazu, Farbe zu bekennen. Einige der Falken wollen regelrecht zur Taubenjagd blasen. Die Tauben hingegen überlegen teilweise ernsthaft, die Präsidentin zu stürzen.“
„Manchmal wünsche ich mir ernsthaft eine Monarchie zurück.“
„Sag doch gleich, Du willst, dass Preußen wieder aufersteht. Der Traum ist doch in Eurer Familie nie gestorben.“
„Jedenfalls hat es mehr als einiger Aliens bedurft, um Preußen niederzuringen. Schau Dir doch an, wohin uns diese Demokraten gebracht haben. Wir kämpfen ums nackte Überleben und einige von den Helden im Parlament reden von Friedensverhandlungen.“
„Ich stimme Dir ja zu....aber ich würde Dir raten, die Meinung nicht zu offensiv zu vertreten. Es gibt mehr Tauben, als man denkt und manch eine ist der Meinung, dass im Militär nur Betonköpfe sitzen. Fakt ist, dass der Krieg nicht gerade gut läuft. Ich denke, dass Leute wie Renault versuchen werden, auch gegen die Politiker den Krieg zu gewinnen. Aber der Franzmann alleine wird es schwer haben.“
„Wenn ich nur wieder in eine Crusader kommen würde....“
„Das wird schneller gehen, als Du denkst. Sie rüsten die Columbia aus und außerdem wird die Moskau flugfähig gemacht.“
„Die Moskau? Die ist doch ein Wrack!“
„Ich weiß. Aber Renault hat irgendwas damit vor.“
„Aber das mit der Columbia klingt interessant. Wer bekommt da den Oberbefehl?“
„Das ist – zumindestens nach dem, was meine Quellen sagen – noch nicht raus. Aber es spricht einiges dafür, dass es jemand von den leichten Trägern wird.“
„Also einer ohne Erfahrung mit schweren Bombern. Die Flotte lernt wirklich nie aus. Immer befördern sie die Jagdflieger und wundern sich dann, dass die Bombermissionen scheitern. Und es kann gut sein, dass sie mir jetzt wieder so einen Heini vor die Nase setzen.“
„Hast Du schon einen Namen?“
„Nein, ich weiß nur, dass er wohl bald nach Wien kommt.“
„Ich kann ja mal ein wenig herumwühlen. Unsere Dossiers könnten ja bereits einen Aufschluss hierauf geben. So viele Leute mit entsprechenden Qualifikationen gibt es auch nicht....“
„Das ist wahr. Danke. Was liegt heute abend an?“
„Oper. Ich habe Karten für Cosi fan Tutte.“
„Das klingt doch gemütlich. Und danach...fahren wir zu Dir.“
„Einverstanden, mein Fahrer holt Dich gegen sieben ab.“
Zur gleichen Zeit befand sich Brawler in Istanbul. Die Tage auf dem Land waren entspannend gewesen, aber er merkte doch, dass es nicht mehr seine Welt war. Alles war so ruhig und die gemeinsamen Gesprächsthemen hatten sich schnell erschöpft. Natürlich konnte er der Dorfjugend zehnmal erzählen, wie er einen Abschuss erzielt hatte, aber das half ihm nicht wirklich weiter. Hier in der Stadt pulsierte das Leben. Einige seiner Freunde lebten immer noch hier. Selim Öger war so einer. Beide waren auf der Kadettenschule gewesen, aber Selim hatte dann Probleme mit dem Rücken bekommen, weshalb er ausgemustert worden war. Stattdessen hatte er ein Auktionshaus eröffnet und war mittlerweile so erfolgreich, dass er den Markt in Istanbul schon fast kontrollierte. Selim hatte ihn nach Istanbul in eines der Kaffeehäuser eingeladen und da Brawler wusste, dass Selim genau wie er auch einen starken guten Mocca zu schätzen wusste, beschleunigte er seinen Schritt noch. Doch das bunte Treiben lenkte ihn immer wieder ab. Die Basare, die schon vor Jahrhunderten Fremde und Einheimische zugleich anzogen, waren etwas, an dem er nicht vorübergehen konnte. So erstand er einige Früchte, einen Korb für seine Mutter und eine verbilligte Schachtel Zigaretten für den Vater.
Dann kam er endlich im „Mustafa’s“ an.
„Selim!“
„Muhammad.“ Die Männer fielen sich in die Arme.
„Du hast Dich aber ganz schön verändert! Man sieht Dir den Reichtum förmlich an.“ Tüncay grinste.
Selim antwortete lachend:“ Tja, ich brauch ja nicht mehr schlank und rank zu sein, nachdem ich ausgemustert bin.“
„Dann scheinen die Geschäfte ja wirklich gut zu laufen.“
„Klar, aber es wird allmählich etwas viel. Mein Angebot steht immer noch und ich könnte dich heute noch mehr brauchen als damals.“
„Du weißt, mein Herz hängt an der Fliegerei...und wenn ich jetzt die Navy verließe, dann sähe das wie Fahnenflucht und Feigheit aus. Dazu haben zu viele meiner Freunde Leben oder Gesundheit verloren.“
„Ja, das dachte ich mir. Aber nach dem Krieg...“
„Nach dem Krieg, so Allah will, werde ich ernsthaft darüber nachdenken, versprochen.“
„Hast Du denn wenigstens schon eine Frau gefunden? Oder muss ich da auch noch für Dich Ausschau halten?“
„Ähm...“ Muhammeds Gedanken schweiften gen Indien, wo Snake-Bite sich wohl momentan aufhielt.
„Ahja, wenigstens in dieser Hinsicht kommst Du voran. Erzähl mal.“
„Es ist nichts...es darf auch nichts sein.“
„Eine Pilotin?“
„Ja, aus meiner Staffel.“
„Weiß Sie es?“
„Ich hoffe nicht. Es reicht, wenn einer im Gefühlschaos sitzt. Ich weiß da ehrlich gesagt nicht mehr weiter.“
„Du wirst das schon machen, Du bist bisher noch immer auf den Füßen gelandet....weißt Du noch, als Du Major Arikan den Raki aus dem Kabinett geklaut hast? Alle anderen wären richtig fertig gemacht worden, aber Du hast es irgendwie geschafft, die Flasche bei der Inspektion zu verbergen...wie hast Du das eigentlich gemacht?“
„Das bleibt mein Geheimnis.“ Brawler lachte und nippte an seinem Mocca.
Ironheart
24.03.2004, 12:51
Ursprünglich von Cattaneo
Die Kampfflugzeuge am Himmel bewegten sich in perfekter Synchronisation. Wie auf ein stummes Zeichen hin brach die Formation genau in dem Augenblick auf, als sie den Platz überflogen. Eine Gruppe hielt Kurs, die beiden anderen scherten nach rechts und links aus. Dann zog die mittlere Gruppe hoch und flog – immer noch synchron – eine Rolle. Die Flankengruppen hatten inzwischen einen Kreis geschlagen und schlossen sich dem Führungsverband wieder an. Kleine Rauchbehälter an den Maschinen sorgten für ein verwirrendes, grandioses Farbmuster am Himmel. Es war, als führe ein Maler mit mehreren Pinseln über eine tiefblaue Leinwand. Sogar das Wetter zeigte sich heute gnädig, so daß die Flugshow ausreichend gewürdigt werden konnte. Auf dem farbigen Himmel schossen die Maschinen der Boston Space Miliz dahin wie kleine Fische in einem Korallenriff. Allerdings Fische mit großen Zähnen.
Aus den Lautsprechern dröhnten die letzten Worte – gerichtet an die etwa vier Dutzend Männer und Frauen, die vor der Front der versammelten Truppen angetreten waren. Und natürlich sprach der Redner auch das Publikum an, ebenso wie die übrigen Nationalgardisten. Ob Infanterie, Panzertruppen oder nachrangige Dienste – heute waren sie alle die Stars des Geschehens. Im Zentrum natürlich die Piloten. Aber der Neid hielt sich wohl in Grenzen, und es mochte viele geben, die um keinen Preis ihren weniger ehrenvollen Platz mit einem im Zentrum der Parade getauscht hätten. Möglicherweise hätten einige von denen, die vorne standen, es vorgezogen, ebenfalls zurücktreten zu können in die Anonymität der Masse. Sie ließen es sich allerdings nicht anmerken.
„…die hinausziehen, um einmal mehr ihre Heimat zu schützen – so wie sie es schon so oft getan haben! In bester Tradition und mit vorbildhaftem Mut…“
Die angetretenen Piloten blickten stur geradeaus. Genau wie es Vorschrift war, und dem Anlaß angemessen. In den Galauniformen boten sie einen durchaus imposanten Anblick. Die meisten waren mittleren Alters, in den Dreißigern und Vierzigern. Einige mochten noch älter sein, aber glücklicherweise war im 27. Jahrhundert das Problem der äußeren Alterung zumindest teilweise kontrollierbar. Die Soldaten spötteln freilich insgeheim über jegliche ,Puder- und Perückenshow‘, wie sie das Herausputzen vor dem Festakt nannten. Eine Parade der strahlenden Jugend, unsterbliche Hoffnung der Republik, war dies also nicht. Nun, so erweckten sie wenigstens nicht den Eindruck, die Republik risse sich ihre letzten Kinder von der Brust, um sie dem Kriegsmoloch zu opfern. Richtig aufgemacht – und das war die Parade – verkörperten die Piloten Kompetenz und Erfahrung. Sie hatten alle eine gewisse Routine mit solchen Auftritten, wenn auch meistens in etwas kleinerem Rahmen, und das sah man ihnen auch an. Nur wenn man genauer hinschaute, dann bemerkte man, daß sowohl Fliegerkreuze als auch Verwundetenabzeichen die Ausnahme waren. Die meisten Auszeichnungen waren „Karriereorden“ – Abzeichen, die man im Laufe der Jahre eben bekam, wenn man sich nicht sehr dumm anstellte. Auch die große Zahl von vergleichsweise höheren Rängen – die First Lieutenants überwogen deutlich – hätte in den Augen eines kundigen Beobachters da wenig geändert. Doch natürlich war es nie leicht, aus bloßem Hinsehen die Qualität der Piloten zu bestimmen. Alte Hasen konnten im Angesicht des Krieges versagen, und junge Grünschnäbel sich bewähren. Umgedreht war es allerdings mindestens ebenso oft geschehen.
„…nicht achtend der Gefahr, jetzt, da es gilt, zu verteidigen, was wertvoller ist als…“
Falls einer der Soldaten sich gelangweilt fühlte von dem Sermon, welcher von einem Redner nach dem anderen über sie ausgegossen wurde – sie ließen es sich jedenfalls nicht anmerken. Mit den Gedanken waren einige wohl sowieso woanders. Bei der Abschiedsfeier, die jeder auf seine Art und Weise gefeiert hatte, bei der Familie, bei dem, was in den nächsten Wochen kommen mochte. Die meisten hatten genug Lebenserfahrung – und ein aufmerksames Ohr für die Medien – um zu wissen, daß auf sie kein Erholungsurlaub zukam. Fast alle hatten Familie, eine Beziehung, oder sonst etwas, für das zu kämpfen es sich lohnte. Allerdings – genau das legte nahe, bei dem Kampf möglichst nicht zu sterben. Aber sie wußten, was sich gehörte. Und wenn man ihnen schon keine Wahl ließ, so hieß es, das Beste daraus zu machen.
„…entbieten wir euch, tapfere Piloten, unseren Gruß. Euer leuchtendes Beispiel von Pflichtbewußtsein und Tapferkeit wird in der Boston Space Miliz niemals vergessen werden. In unseren Herzen, unseren Gebeten werden wir stets einen Platz für euch haben. Ich danke euch!“
Jetzt – endlich – war die Zeremonie zu einem Ende gekommen. Die Worte hatten ihre Wirkung besonders unter den Zuschauern entfaltet, für die sie ja auch bestimmt waren. Ein weit lohnenderes Ziel als vier Dutzend Soldaten, die sowieso nur taten, was ihre Pflicht war. Was nicht bedeuten sollte, daß nicht auch dort einige das Kreuz noch einmal richtig durchdrückten und den ,männlich beziehungsweise weiblich-entschlossenen’ Blick aufsetzten, der Stunde und Ort angemessen schien. Wie ein Mann salutierten sie – und die angetretenen Soldaten und Offiziere erwiderten den Gruß der scheidenden Kameraden. Dann stieg die Fahne der Republik und der Miliz am Flaggenmast empor, und die Nationalhymne erklang. Der Geschwaderführer der Miliz salutierte vor einem Navy-Offizier und übergab ihm symbolisch das Kommando über die ausgewählten Soldaten und Offiziere. Ab jetzt gehörten sie voll und ganz wieder zur Flotte und zum Jagdfliegerkorps. Manche der Zuschauer hatten Tränen in den Augen. Teils vor Ergriffenheit, aber das war wohl nicht der einzige Grund. Die Angehörigen und engen Freunde – man hatte ihnen eine Sondertribüne zugeteilt – blickten wohl überwiegend mit gemischten Gefühlen auf New Bostons Beitrag für den Krieg. Auch wenn die Verlustlisten natürlich nicht offiziell in den Nachrichten verlesenen wurden – die Verluste der Kampfflieger ließen sich nicht völlig verheimlichen. Wenn, wie erst kürzlich bei Jollahran, drei erfahrene Geschwader vernichtete oder schwer dezimiert wurden, dann mußte man schon blind und taub sein, um sich keine Sorgen zu machen. So war in den Kelch der Ehre auch die Asche künftiger Trauer gemischt, und der Trank schmeckte bitter. Doch gab es natürlich kaum eine Alternative, als ihn bis zur Neige zu lehren…
Vier Stunden später drängten sich die Piloten in einem Shuttle, das sie zu ihrem Transporter bringen sollte. Schon die Anreise zur Erde würde nicht sehr bequem werden, so viel war sicher. Da die ganze Operation reichlich überhastet ablief, hatte man sie kurzerhand auf einem zivilen Frachter einquartiert – nicht eben komfortabel. Der Waren- und Personenverkehr litt unter den Auswirkungen des Krieges, denn mehr und mehr zivile Schiffe wurden für Navyzwecke beschlagnahmt oder eingesetzt. Also waren nur Kabinen für jeweils vier Personen verfügbar – mit einer Inneneinrichtung, die selbst einen alten Zeus-Träger wie ein Fünf-Sterne-Hotel erscheinen ließ. Bad auf dem Gang, und Essen aus der Dose, über die Freizeit- und Trainingseinrichtungen schwieg man lieber…
Der Enthusiasmus – so vorhanden – verflüchtigte sich so recht schnell. Allerdings, richtig auf den Kampf zu brennen schien hier schon von Anfang an keiner. Die meisten Piloten nahmen es mit Gleichmut. Die üblichen Flachsereien und Witze, hundertmal durchgekaut und reanimiert, wurden gewechselt. Die meisten fanden irgend eine Beschäftigung. Da das Essen nicht viel hergab, verlegten sich einige aufs schlafen. Auch wenn sie nicht im eigentlichen Sinne Veteranen waren, so hatten sie genug Routine, um nicht völlig aus dem Häuschen zu sein. Ob sich das im Kampf nicht ändern würde, blieb abzuwarten.
Die Raumstation von New Boston – je nach Lust und Laune „Boston“, „Blecheimer“, „Bastion“ oder sonst irgendwie bezeichnet – hatte einige boshaft-gutmütige Kommentare ausgelöst, als das Shuttle sie passierte. Alle hatten sie dort schon mal Dienst geschoben. Ein wenig Beklommenheit mochte auch dabei sein, aber die überspielte man. Die Aufgekratztheit, die einige verspürt hatten, wich inzwischen eher der Routine. Allerdings waren nicht alle bereit, einfach in ihren Kojen zu liegen. Ein paar Unentwegte lasen nicht nur die verschiedenen ,Soldatenzeitungen’ – was das auch immer heißen mochte – oder schrieben Briefe nach daheim, sondern blätterten neugierig in den letzten Frontberichten oder diskutierten über die Frage, wohin sie kommen würden. Der Hoffnung, auf eine Reserveposition zu kommen, gaben sich die wenigsten hin. Einige spielten Karten oder umlagerten eine uralte Wiedergabeeinheit, die offenbar nur „Das Blaue Band“ und ähnliches zu bieten hatte. Irgendein ,Patriot’ hatte es wohl etwas zu gut gemeint. Ein Epos über Heldenmut und Opferbereitschaft war nur bedingt geeignet für dieses Publikum. Andererseits ließ sich zu den meisten Pilotenstreifen herrlich über Manöver und Personen lästern – besser als gar nichts.
Manuel Karanka hingegen befand sich auf der zentralen Balustrade des Lagerraumes – eine Halle, die groß genug schien für eine ganze Panzerdivision. Verladekräne und gewaltige Containerstapel füllten den Raum beinahe aus, aber etwas Platz war noch vorhanden. Er beobachtete die Gestalt, die zügig und ohne anzuhalten eine Runde nach der anderen drehte. Auch von hier oben war gut zu erkennen, daß der Sportfanatiker ein Hüne von einem Mann seien mußte. Der First Lieutenant unterdrückte ein Grinsen – es war wieder einmal typisch, das der Sportler, auch bekannt als Einar Haugland, vor unterdrücktem Tatendrang etwas ,aus dem Häuschen’ war. Das äußerte sich zwar oft auf unterschiedliche Art und Weise – man hätte kaum vermutet, daß der selbe Mann stundenlang vor dem Modell eines Deltavogel sitzen und an den Plasteteilen schnitzen konnte, um maximale Detailtreue zu erreichen – aber mit IRGEND ETWAS mußte „Tyr“ sich offenbar immer beschäftigen.
Karanka warf einen Blick auf die Stoppuhr, die er hielt. Ja, Haugland lag gut in der Zeit. Noch zwei Runden zu laufen, und er hatte noch ein gutes Zeitpolster…
Schließlich signalisierte ihm der großgewachsene Läufer, daß er fertig war. Karanka stoppte und ging dann zu einer der Leitern. Dort kam ihm Haugland schon entgegen. Wortlos händigte der kleinere Pilot seinem Kameraden die Uhr aus. Das Grinsen Hauglands war schon fast selbstzufrieden zu nennen: „Na, ausgezeichnet. Wenigstens werden wir hier kein Moos ansetzen. Ich mach mich frisch – dann essen wir einen Happen, einverstanden.“ Sein Kamerad nickte nur. Überhaupt war das typisch für ihre Freundschaft. Karanka agierte eher im Hintergrund – allerdings würde neben jemanden wie Haugland wohl fast jeder etwas zurücktreten. Stimme, Statur und Auftreten waren wie auf maximale Wirkung bedacht.
Die beiden boten schon einen merkwürdigen Anblick, wie sie so durch die Gänge des Schiffes schlenderten. Karanka, einen guten Kopf kleiner, war keineswegs zierlich gebaut – aber wo Haugland eine Statur wie ein Schrankwand aufzuweisen hatte, war sein spanischstämmiger Kamerad eher hager und gelenkig. Das scharfgeschnittene Gesicht war gewiß nicht schön zu nennen – außer, er lächelte. Haugland andererseits war durchaus gutaussehend – wenn man einen solchen Geschmack hatte. Ein offenes, sympathisches Gesicht und eigentlich auch ganz gute Manieren. Aber wie so oft trog der erste Augenschein.
Ironheart
24.03.2004, 12:56
Ursprünglich von Cattaneo
Während Manuel Karanka seit nunmehr 24 Jahren glücklich verheiratet war, und nie einer anderen Frau als seiner eigenen einen Blick gegönnt hatte – also keineswegs der ,heißblütige Spanier’ war, der in einigen Klischees auftauchte – war sein Kamerad auf diesem Gebiet ein ziemlicher Versager. Seine meisten Beziehungen waren schiefgegangen. Zu den zwei Kindern aus seiner Ehe hatte er keinen Kontakt mehr. Er wusste allerdings einiges über sie, und wenn er das auch nie zugegeben hätte – seine Frau und die Kinder schienen es mit ihrem neuen Leben besser getroffen zu haben. Nicht das Haugland ein Schläger gewesen wäre, oder sonst wie etwas, das man als ehepartnerliche Katastrophe bezeichnen konnte – er und seine Frau hatten einfach ihre verschiedenen Lebensauffassungen und Berufe nicht unter einen Hut bekommen können.
Aber über solche persönlichen Dinge befragte man ihn lieber nicht. Sein Jähzorn – zumeist unter Kontrolle – war ein oder zweimal mit spektakulärem Ergebnis hervorgebrochen, allerdings nur, wenn ihn jemand provoziert hatte. Aber wenn ein Zweimeter- und Zweizentnermann die Beherrschung verlor…
So spotteten nur wenige über das Bild, das die beiden boten.
Die Mannschaftsmesse bot eigentlich nur für ein Dutzend Leute Platz – deshalb aß man in Schichten. Besatzung und ,Passagiere’ teilten sich in die Zeiten – da der natürliche Biorhythmus im Raum sowieso leicht aus dem Gleichgewicht kam, machte dies kaum Probleme. Das Essen freilich…
Haugland betrachtete angewidert seinen Teller. Ein Stück Roastbeef, dem man die Aufschrift ,100 Prozent Chemie’ förmlich ansah, blasse, verkochte synthetische Kartoffeln, von beinahe weißer Färbung, eine undefinierbare Soße – und zum Nachtisch chemierote Fruchtspeise mit gelbem Vanilleersatz. Der Kaffee roch und saß aus, als könne man damit Tote aufwecken, Lebende unter die Erde bringen und dazu auch noch Rohre reinigen oder ein Loch in eine Panzerwand ätzen.
„Schweinefraß!“ knurrte Haugland, während er sich eine reichliche Ration geben ließ. Sein Kamerad lächelte spöttisch: „Wenn du was übrig läßt, kannst du es mir geben...“ Es war bekannt, daß Haugland selten etwas auf seinem Teller verschont ließ, auch wenn er sich beschwerte. Der empörte Blick des Hünen erntete deshalb nur ein schiefes Grinsen. Beide suchten sich einen Platz und machten sich daran, ihr Essen zu vertilgen. „Warum sie uns nicht gleich Schweißbrenner oder Motorsägen gegeben haben, verstehe ich nicht.“ wütete Haugland weiter. „Das Zeug ist ja zäher als Leder.“ Karanka kommentierte emotionslos: „Sprach er, während er sich ein 100-Gramm-Stück abschnitt...“ Sein Kamerad warf den Kopf in den Nacken und lachte brüllend. Die anderen Soldaten hoben kaum den Kopf. Sie waren das, nun ja, extrovertierte Verhalten des ,Schwergewichts‘ ihrer Staffel gewohnt. „Schon gut, schon gut, ich bin ja still. Aber das ist einer der wenigen Gründe, aus denen ich mich auf den Flottendienst freue – dort wirst du für SO etwas gekielholt.“ „Hoffen wir mal, daß der Krieg daran nichts geändert hat.“ Haugland wurde ernst: „Ja, hoffen wir.“
Eine Weile beschäftigten sie sich mit ihren Portionen. Dann blickte Haugland zu seinem Kameraden herüber: „Weswegen bist du überhaupt so bereitwillig bei der Sache dabei? Klar, du verstehst mehr davon als die meisten von uns – was den echten Kampf angeht, meine ich – aber ich hatte nicht den Eindruck, daß du dich in die aktive Zeit zurück sehnst. Und auch wenn sie uns ziehen – du hättest doch sicher eine Lücke finden können.“ Karanka legte den Kopf schief: „Du meinst, weil ich Familie habe und all das? Vielleicht auch mal Großvater werde und meine Enkelkinder noch sehen möchte?“ Haugland zuckte mit den Schultern. Er vermied normalerweise solche Themen. Sie erinnerten ihn an seine wenig glückliche familiäre Vergangenheit: „In der Art. Wenn du dich umbringen läßt, wird Ines dich an den Ohren aus dem Grab zerren, um dir noch mal die Meinung über deine Dummheit sagen zu können. Und Recht hat sie.“ Der Spanier lächelte versonnen, als Haugland seine Frau erwähnte: „Schon möglich. Aber auf der anderen Seite – du weißt, wie es läuft. Sie brauchen Piloten. Allein bei Jollahran haben sie, wieviel, na, 130 oder so Piloten verloren. Bei Mantikor waren es noch erheblich mehr, und das ist ja noch nicht alles. Wenn man die bodengestützten Verbände mitrechnet, die weiteren Verluste von ,Husar‘ – ihnen werden die Leute knapp.“ Sein Kamerad seufzte: „Erzähl mir nicht irgend welchen Quatsch von Ehre und Pflicht. Wir haben unsere aktive Laufbahn hinter uns. Wenn die Navy uns haben will, müssen wir schon selber wollen – oder sie kann uns meinethalben am Arsch lecken. Und wenn sie uns einlochen.“ Karanka nickte: „Richtig. Ich bin auch eher hier, weil ich eine Ahnung habe, wie es werden wird, wenn es zum Äußersten kommt. Du hast gehört, was die Schweine auf Mantikor angerichtet haben. Wenn Widerstand geleistet wird, hauen sie drauf – auch mit Atomwaffen. Mir wird speiübel bei dem Gedanken, daß die nach New Boston kommen könnten. Unsere Jungs werden kämpfen – Dreck, wenn es so weit ist, rechne ich fest damit, daß man Karabiner und Einwegwerfer an die Zivilisten verteilt, damit sie kämpfen! Im günstigsten Fall schießen die Akarii unsere Städte in Fetzen bei der Eroberung. Oder sie hauen gleich drauf, und verwandeln alles in eine atomare Wüste. Wir wissen ja nicht einmal, ob sie für uns eine Verwendung haben!“ Seine Stimme klang entschlossen: „Und deshalb, denke ich, ist es besser, wir versuchen, sie vorher zu stoppen.“ Er verzog das Gesicht: „Obwohl ich mir bei dem Gedanken daran, daß wir es bald mit Frontfliegern zu tun, schon Sorgen mache.“ Haugland grinste: „Also ich bekleckere mich halb vor Angst.“ Es war eher ironisch gegen sich selbst als gegen Karanka gemeint, was dieser sehr wohl wußte.
„Bleibt die Frage – was machst DU hier? Ich wette, du hättest schneller eine bequeme Gefängnisstrafe kassieren können, als ich den Navyeid herunterbeten kann.“ Haugland winkte ab: „Die Navy zahlt gut. Und vielleicht schaffe ich es jetzt mal weiter als nur bis zum First Lieutenant.“ Ob ihm sein Kamerad glaubte, war nicht so leicht zu bemerken. Aber er respektierte die flapsige Erklärung. Da ihm klar war, daß Haugland nicht weiter darüber sprechen wollte, wechselte er das Thema: „War übrigens eine nette Abschiedsfeier, muß ich sagen. Der ganze Schwulst, den die Herren und Damen da verzapft haben – also halb habe ich mich schon im Grab gefühlt. Derartige Lorbeeren gibt es normalerweise nur hinterher, wenn man eine brave Heldenleiche ist – und nichts mehr falsch machen kann.“ Beide lachten, ein leicht galliges Lachen allerdings. Etwas unbehaglich war ihnen schon zumute, ohne Frage. Dann schlug Karanka seinem Kollegen auf die Schulter: „Übrigens – das Gesicht von unserem Einheitspfarrer war wirklich ein Bild für die Götter, als er herausbekam, wer da vier Plätze neben ihm Platz nehmen würde.“ Haugland brüllte vor Gelächter. Zwischen den einzelnen Lachsalven brachte er hervor: „Ich habe auch drum gebeten... daß ich einen Abzug ...Bildern bekomme.“ Jetzt fiel auch sein Kamerad in das ,Gewieher‘ ein. Er war von seinem Kameraden einiges gewohnt, aber dieses Abschiedsgeschenk an seinen Intimfeind war von ausgesuchter Bosheit.
Haugland und der Geschwaderpfarrer hatten seit Jahren einen ebenso intensiven wie inzwischen in der Einheit legendären Kleinkrieg gegeneinander geführt. Auf der einen Seite Adrian Ferry, altgedientes Schlachtroß Gottes, in seiner Gemeinde durchaus respektiert – die Truppe betreute er nebenher. Ein ruhiger, besonnener und eigentlich nicht übermäßig fanatischer Gottesmann. Und auf der anderen seine Antithese, Einar Haugland. Der trank reichlich, und führte Gottes und des Teufels Namen nur im Munde um zu fluchen, was er häufig tat. Nächstenliebe war auch nicht gerade seine Stärke, und was sein Privatleben anging...
Die Kirche hatte ja mit der modernen Zeit ihren Frieden gemacht, und mit dem Töten schon lange – aber für einen überzeugten Christen war jemand wie Haugland schwer erträglich. Irgendwie hatte sich die anfängliche milde Antipathie hochgeschaukelt. Vielleicht aber war es auch für beide eine liebgewordene Beschäftigung gewesen, sich mit jemanden konfrontiert zu sehen, der eine ziemlich entgegengesetzte Lebensauffassung hatte.
Der Pfarrer war sicher nicht überrascht gewesen, daß Haugland unter den Gezogenenwar. Er kannte seinen ,Feind‘ recht gut, und er kannte das Geschäft. Und sicher hatte er auch erst gar nicht damit gerechnet, daß dieser zur Beichte gehen würde – wie es viele andere gemacht hatten, und sei es nur aus Aberglaube. Aber womit er nicht gerechnet hatte war, daß Haugland dafür sorgen würde, daß auf der Tribüne, die für die Angehörigen, nahe Freunde und eben auch solche Personen wie der Pfarrer und der Bürgermeister des Stationierungsortes gedacht war, auch seine derzeitige ,Favoritin‘ Platz fand – eine junge Frau mit einem Ruf, den man mit Fug und Recht eigentlich nicht zweideutig nennen konnte, denn er war eher ziemlich eindeutig. Und wohlbegründet.
Nicht, daß sie nicht ein dem Auge wohlgefälligen Anblick geboten hätte. Aber inmitten der örtlichen Honorationen und damit auch im Lokalfernsehen...
Der Pilot, der aussah wie der Prototyp des nordländischen Barbaren, beruhigte sich wieder: „Ich versteh aber nicht, was die haben. War doch für nahe Freunde, oder nicht? Und wenn es nun mal nicht der alte Lehrer ist, der einen durchs Examen geschleift hat – warum haben die sich nur so?“ Karanka schüttelte den Kopf. Er war gläubiger Christ, wenn auch keiner von der Sorte, die ständig vor Gott auf den Knien lagen oder ihn in Gebeten anbettelten. Aber er hatte schon lange gelernt, daß man Haugland nehmen mußte, wie er war. Immerhin – bei seinen Kameraden kam er damit an...
Als die Nachspeise – nicht ohne boshafte Kommentare – vertilgt worden war, marschierten die beiden zu ihrem Raum zurück. Haugland erwähnte, daß er sich auf der Erde mit Vorräten einzudecken gedachte. Er hatte extra deshalb nicht alles von seinem Sold bei seinen ,Abschiedsfeiern‘ durchgebracht – normalerweise tat er dies mit einem Gutteil seines monatlichen Soldes, Altersvorsorge über das gesetzliche Hinaus war nicht seine Sache. Karanka wußte, dies bedeutete, daß sein Kamerad eine höchst eigenwillige Sammlung aus Alkoholika, Tabakwaren – aber auch Plaste, Farbe und Kleber – an Bord seines neuen Schiffes schaffen oder schmuggeln würde. Genug, um sich den Einsatz zu verkürzen. Die beiden machten sich natürlich auch Gedanken darüber, in was für einer Einheit sie landen würden. Wer würde der Befehlshaber sein? Sie hatten von den neuen Behelfsträgern gehört, und rechneten sich keine schlechten Chancen aus, auf so einem Kahn zu landen. Keine schöne Aussicht – aber die schweren Träger hatten seit Anfang des Krieges auch mächtig Prügel bezogen.
An den Mutmaßungen beteiligten sich auch die anderen Zimmerinsassen. Es war wohl ein untrügliches Anzeichen, daß sie ihre Nervosität zwar überspielen, aber nicht ganz unterdrücken konnten. Etwas schimmerte doch durch. Letzten Endes, das war allerdings klar, lag es nicht in ihrer Macht.
Ironheart
24.03.2004, 12:57
Ursprünglich von Cunningham
Militärhospital
Lunapolis, Luna
Lucas betrat das Militärhospital in Lunapolis auf dem Mond der Erde.
Er trug die Galauniform, alle Ordens- und Kampagnenbänder über der linken Brusttasche. Es herrschte Hochbetrieb und er brauchte einige Zeit, biss er die Aufmerksamkeit einer der Empfangsdamen hatte: "Ich Suche Commander Melissa Auson, Sie wurde vor einigen Tagen hier eingeliefert, kam von der TRS Redemption und wurde von der Maria Theresia hierhergebracht."
Die junge Frau bearbeitete kurz die Tastatur ihres PCs: Stockwerk 8, Korridor C, Zimmer 23 Sir. Aber ich muss Sie bitten, sich erst beim Stationsarzt zu informieren, ob Commander Auson schon Besuch empfangen darf."
Mit einem schnellen: "Danke." War er dann auch wieder verschwunden.
Im Fahrstuhl konnte er einfach nicht still stehen, tippte mit dem Fuß auf, kratzte sich den linken Handrücken, kratzte sich hinter dem rechten Ohr, fuhr sich durch die Haare.
Als die Türen auf gingen drängelte sich Lucas an zwei Krankenpflegern vorbei. Er beachtete den Protest nicht weiter und strebte dem Arztzimmer entgegen.
Er klopfte kurz an und trat dann unaufgefordert ein.
Eine ältliche Frau am Telefon blickte ihn fragend an: "Macht es Ihnen was aus, wenn ich zu ende telefoniere oder ist es von der gleichen Wichtigkeit wie eine Akarii-Invasion Terras? Nein? Dann warten Sie bitte draußen."
Sie wandte sich wieder ihrem Gesprächspartner zu und Lucas wollte erst Konter geben, hörte jedoch schnell heraus, dass sie mit einem Kollegen einen Komplizierten Fall besprach.
Also wartete er vor der Tür.
Nach ein paar Minuten vor der Tür, die er mit Zupfen an der Uniform verbrachte öffnete sich die Tür: "Kommen Sie rein Commander. Was kann ich für Sie tun?"
"Nun Ma... Doktor, ich wollte Sie um Erlaubnis ersuchen, eine Ihrer Patientinnen zu besuchen, Commander Auson."
"Auson, einen Augenblick bitte." Sie bearbeitete ihre Tastatur. "Ich bin mir nicht sicher, wie Sie vielleicht wissen hat Commander Auson Ihren rechten Arm verloren, ich bin mir nicht sicher, wie die Patientin auf Besuch reagieren würde, sie gibt uns Anlass zur Sorge, hin und wieder verfällt sich in schockartiges Starren. In welcher Beziehung standen Sie zu Commander Auson?"
Lucas scharrte kurz mit dem Fuß: "Bleibt das unter uns?"
"Sie beiden waren oder sind ein Liebespaar, okay, das verkompliziert die ganze Angelegenheit zusätzlich."
"Das habe ich nicht gesagt!"
Die Ärztin lehnte sich im Sessel zurück und schmunzelte: "Ach, haben Sie nicht, ich muss besser zwischen den Zeilen lesen können, als ich dachte."
"Hören Sie Doc, ich muss sie sehen, bitte. Ich weiß nicht, wann ich wieder in den Einsatz muss, ich möchte nicht verschwinden ohne noch mal mit ihr gesprochen zu haben, mich bei ihr selbst nach dem Wohlbefinden zu erkundigen ..."
"... um ihr lebe wohl zu sagen", unterbrach sie ihn.
Lucas viel die Kinnlade herunter: "Nun es ist wahr, dass ich daran durchaus gedacht habe, doch, was ich hier und heute eigentlich will ..." Er holte ein kleines Kästchen hervor.
"Okay, Commander, nicht länger als 30 Minuten und bitte schonend, sehr schonend."
Er bedankte sich und suchte das Zimmer von Mel auf.
Leise, ja beinahe sachte klopfte er an und öffnete langsam die Tür.
Er blickte ins trübe Dämmerlicht des Krankenzimmers und klopfte erneut.
Auf dem einzigen Bett im Krankenzimmer bewegte sich ein Bündel aus Decken und ein schwaches "Herein" erscholl.
"Störe ich?"
"Lucas ... ich ... ", Tränen glänzten ihn ihren Augen und sie wandte sich von ihm ab, er betrat das Zimmer trotzdem.
"Wie geht es Dir Schatz?"
"Bitte lass mich ..."
"Komm Mel, ich habe nur 30 Minuten, dann werde ich hier - sowie die Stationsärztin aussieht - notfalls mit Gewallt weggeschafft."
Sie drehte sich wieder zu ihm um: "Was willst Du hören? Mir geht es dreckig! Mein Arm schwebt irgendwo in Tau Ceti, ich habe starke schmerzen trotz Medikamenten. Gliedmaßenregeneration ist die Hölle."
Sie fing hemmungslos an zu weinen und zu schluchtsen: "Ich ... ich ... ich will meinen echten Arm wieder haben ...."
Lucas nahm sie in den Arm und hielt sie eine weile einfach nur fest, ehe er zu sprechen begann: "Als wir unsere Beziehung begannen, da dachte ich erst, es sei soetwas kurzfristig, so lange wir auf dem gleichen Schiff Dienen ohne Verpflichtungen." Sie schniefte und er streichelte ihr über die Wange. "Aber, als, als in Jollahran alles begann in sich zusammen zu brechen, da hatte ich Angst um Dich, panische Angst. Und als ich hörte Du seihst verletzt und ich konnte meine Arbeit nicht stehen und liegen lassen, es war die Hölle.
Ich habe mein Geschwader allein los geschickt zur Galileo um auf die Krankenstation zu kommen um nach Dir zu sehen, aber Du warst nicht mehr da und niemand konnte mir über Dich Auskunft geben ..." Seine Stimme versagte und auch ihm liefen Tränen über die Wangen.
Lucas kniete sich nieder, nahm die übergebliebene Hand von Auson in seine linke und holte mit der rechten Hand das kleine Kästchen heraus, klappte es auf, so das ein goldener Ring zum Vorschein kam: "Melissa Auson, ich liebe Dich, ich liebe Dich von ganzen Herzen, ich weiß, ich bin ein verwöhnter Bengel aus Boston und kann daher nicht mit Originalität oder Einfallsreichtum aufwarten, daher habe ich nur die einfachen Worte: Willst Du mich heiraten?"
Ironheart
24.03.2004, 12:58
Ursprünglich von Hammer
Am nächsten Abend saßen Hayes und Murphy wieder im Karminzimmer des Commodores. Den Tag hatte Murphy mit etwas Sightseeing verbracht, wobei er von Laura Hayes begleitet worden war. Am Mittag hatten die beiden etwas im Adlon gegessen, dann war man gemächlich durch die Innenstadt gezogen. Doch am Abend brüteten die beiden Männer wieder über ernste Dinge. Die Rede der Präsidentin hatte auch Hayes ein wenig überrascht, ebenso wie die harsche Opposition einiger Senatoren. Die Friedensfraktion war stärker, als die beiden Soldaten gedacht hatten. Hayes konnte diese Haltung noch nachvollziehen, denn er merkte selbst, wie sehr man vom Kriegsgeschehen daheim isoliert wurde. Murphy als Frontschwein hingegen konnte diese Ansichten nicht verstehen und er brachte auch wenig Toleranz für diese Meinungen auf. Nur sein eher ruhiges Temperament hatte ihn in der Innenstadt davon abgehalten, einen Friedensdemonstranten lauthals anzufahren. Sein grimmiger Blick hatte genügt, um den Mann auf die andere Straßenseite zu verscheuchen und auch Laura war in jenem Moment erschrocken gewesen.
„Also, Jack, ich habe mich umgehört. Die meisten Deiner alten Kameraden werden nach Miramar versetzt, von wo es wohl auf einen Träger, wahrscheinlich einen Flottenträger geht. Die Columbia ist da sicherlich ein heißer Tip. Was Dich angeht, so soll ich Dir einen Posten auf dem Mars anbieten. Wir brauchen händeringend Ausbilder, um Umschulungen durchzuführen und Rekruten schneller an die Front zu bringen.“ Bevor Murphy den Mund aufmachen konnte, wedelte Hayes mit der Hand und fuhrt fort.
„Aber ich habe gleich gesagt, dass das nicht der richtige Job für Dich wäre, auch wenn Du in der Tat als Ausbilder einen sehr guten Ruf genießt.“
„Komisch, ich war doch nicht lange auf dem Mars.“
„Richtig, aber die Zeit hat gereicht. Commodore Mueller strahlt jetzt noch wie ein Honigkuchenpferd, wenn man Deinen Namen nennt. Und Deine Arbeit bei der VF 2710 ist auch nicht unbeachtet geblieben.“
„Mueller ist Commodore?“
„Jup, den Mann haben sie kurz nach Deiner Versetzung befördert. Er ist jetzt auf dem Mars `nen hohes Tier.“
„Aber Du hast Recht, der Mars wäre jetzt nichts für mich.“
„Das Problem ist, dass man ansonsten nicht so recht weiß, was man mit Dir machen soll. Einige Leute scheinen ihren Einfluss geltend zu machen, um ihre Leute auf die Columbia zu bekommen.“
„Einige Leute? Sag mir nicht, Du weißt nicht, wer es ist.“
„Ich weiß es in der Tat nicht. Die Verstrickung innerhalb der Navy haben mittlerweile ein Ausmaß angenommen, dass die Intrigen am byzantinischen Hof wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen. Die Aktivierung der Milizen macht die Sache noch haariger, jetzt haben wir Pensionäre, die teilweise einen hohen Rang, aber keine aktuelle Kampferfahrung haben. Verdammt, die meisten kennen die aktuellen Muster gar nicht mehr, sondern nur die alten Vorkriegsmaschinen. Du weißt doch selbst, wie viele Waffen- und Systemupdates Ihr bekommen habt.“
Murphy nickte und erinnerte sich schaudernd an die Erprobung der Hydras.
„Jedenfalls wird das Ganze ein Alptraum sondergleichen. Die Politiker haben wieder nur auf die Zahlen geschaut, ohne sich die praktischen Probleme vor Augen zu führen...andererseits muss ich zugegeben, dass wir Leute brauchen, dringend. Und das sind wahrscheinlich die Leute, die wir am schnellsten in die Maschinen bekommen.“
Murphy nickte wiederum und nippte am Wasser, dass er heute gewählt hatte.
„Jackson, vergiß nicht, wenn wir erfahrene Leute als Korsettstangen nehmen, sollte es zumindestens in den älteren Flugzeugmustern wie dem Griphen wenig Probleme geben. Jedenfalls, solange wir ein wenig Zeit zum Training haben. Ich frag mich nur, wie es bei den neueren Mustern werden soll.“
„Das ist der wunde Punkt. Wir werden sehen.“
Die Männer schwiegen eine Weile und schauten ins offene Feuer.
„Laura sagte, Du würdest uns morgen verlassen?“
„Ja, zumindestens für einige Tage. Ich habe ja recht lange Urlaub, wie es aussieht.“
„Stimmt, komm noch mal vorbei, bevor Du verschwindest.“
„Sicher, versprochen.“
Am nächsten Mittag verabschiedete sich Murphy von den Hayes` und stieg in einen Navydienstwagen, den Jackson ihm organisiert hatte. Dann fuhr er in Richtung Süden.
Lieutenant Shukova konnte derweil zum ersten Mal seit ihrem Ausstieg das Bett verlassen. In ihrem grünen Kittel lief sie in Schlappen über den Flur der Station. Die Krankenschwester beäugte sie misstrauisch, sagte aber nichts. Die Ärzte hatte nach langem Zetern nachgegeben, so dass sie endlich die Öde des Bettes verlassen konnte, solange sie sich schonte. Als erstes überprüfte sie am Comterminal, ob Nachrichten eingegangen waren – nahezu die gesamte Staffel hatte sich nach ihr erkundigt und ihr Genesungswünsche gesendet – und sandte dann eine kurze Nachricht an ihre Eltern. Diese wohnten in der Nähe von St.Petersburg auf dem Land. Als sie gerade das Terminal ausschalten wollte, kam der behandelnde Arzt zu ihr.
„Lieutenant.“
„Ja, Doc?“
„Sie werden verlegt. Es geht auf die Erde. Sie werden ins Zentralmilitärhospital in Moskau gebracht.“
„Wann?“
„Morgen.“
Ohne den Arzt weiter zu beachten, sandte Valeria eine weitere Botschaft an die Familie, und nach kurzem Nachdenken auch an ihre Kameraden. Dann ging sie, geschwächt von dem kurzen Ausflug, zurück in ihr Zimmer. Endlich nach Hause!
Am frühen Abend kam Murphy an seinem Bestimmungsort an. In Wien nahm er sich in einem günstigen Hotel ein Zimmer, dann machte er sich frisch und begab sich in ein kleines Restaurant, in welchem es augenscheinlich für einen guten Preis einheimische Küche gab. Zum Essen trank Murphy ein Glas Wasser. Als er das Lokal wieder verließ, regnete es draußen. Er zog den Kragen seines Mantels hoch und stapfte durch die Dämmerung, die sich langsam über die Stadt legte. Die relative Stille in den kleineren Gassen beruhigte ihn und als er an einer kleinen Gemeindekirche vorbeikam, betrat er diese kurzentschlossen für ein längeres Gebet. Die älteren Frauen, die sich in dem Gotteshaus aufhielten, sahen den uniformierten Mann – Murphy hatte noch immer keine Zeit und Lust gehabt, sich Zivilkleidung zu besorgen - mit Befremden an, doch Jack störte dies nicht sonderlich. Eine halbe Stunde lang versank er im Gebet, als er sich danach wieder umsah und aufstand, war niemand mehr in der Kirche zu sehen. Bedächtig verließt er das Gebäude und trat wieder auf die Straße. Langsam machte er sich auf den Rückweg zum Hotel. Die Leute auf der Straße hasteten an ihm vorbei und der Regen fiel ihm ins Gesicht. Murphy genoss dieses Gefühl der kühlen Nässe, es erinnerte ihn an Irland. Der Gedanke an die Heimat jedoch ließ ihn wieder schwermütig werden und so gab er ein nicht gar so prächtiges Bild ab, als er in die Hotellobby trat. Der Portier, der sich schon vorher über den Gast gewundert hatte – Militärs mit Dienstwagen stiegen normalerweise in anderen Hotels ab – sah den Soldaten irritiert und betreten an, nicht wissend, ob er ihn ansprechen sollte. Murphy nickte ihm nur zu und ging auf sein Zimmer. Dort angekommen, tätigte er zwei Anrufe, ein Ortsgespräch und ein Gespräch nach Irland.
Dann legte er sich schlafen.
Ironheart
24.03.2004, 12:58
Ursprünglich von Tyr Svenson
Irgend jemand packte Kano an der Schulter, hielt ihm gleichzeitig den Mund zu.
Schlagartig war er alarmiert, vom Schlaf sofort zum Wachsein wechselnd. Reflexartig ballte er die Faust, riß sie hoch, um dem Angriff zu begegnen. Dann entspannte er sich etwas – es war Kali, die jetzt seinen Mund frei gab. Kanos Stimme war nur ein Flüstern: „Was ist los, Helen?“
„Leise! Irgendwas ist unterwegs. Etwas großes! Vielleicht... .“
Während er Kali nach draußen folgte, fragte sich Kano zum ersten Mal, ob die Idee mit dem Ausflug nicht eine Dummheit war, die sie besser unterlassen hätten. Die Sache hatte sehr harmlos angefangen. Einer von Huntress „Zaungästen“ hatte sich ihr gegenüber als Angestellter des Chandrapur – Naturparks vorgestellt. Wohl um sie zu beeindrucken und mit eindeutigen Hintergedanken und Absichten hatte er sie zu einem Kurzurlaub im Schutzgebiet eingeladen. Huntress war durchaus interessiert gewesen. Was aber Amit Kapur, so der Name ihres Verehrers, nicht erwartet hatte, Huntress hatte die Einladung auf die anderen Piloten ausgedehnt. Als Entschädigung der Hoffnungen Amits hatten Demolisher, Kali und Kano sich allerdings an den Kosten beteiligt.
Als sie zu Fuß an einem unbewachten Tor den Park betraten, war Kano allerdings der Verdacht gekommen, daß die Sache vielleicht nicht völlig legal sei. Aber er hatte diese Gedanken unterdrückt. Auf jeden Fall hatte Amit die nötige Ausrüstung gestellt. Einschließlich eines Vier-Mann-Kuppelzeltes. Demolisher hatte einige Vermutungen darüber angestellt, warum denn ein Vierer-Zelt zur Ausrüstung gehört hatte, wenn ursprünglich nur Amit und Huntress die Tour machen sollten.
Die nächsten Tage waren wirklich einmalig gewesen. Geführt von Amit waren sie den Patrouillerouten der Parksicherheit gefolgt, hatten in Rangerhütten übernachtet. Die Tiervielfalt war beeindruckend – vor allem wenn man, wie Kano, aus einem hochtechnisierten Land wie Japan kam.
Hirsche, Büffel, Affen, einmal sogar eine kleine Elefantenherde, die sich ihren Weg durch den Urwald brach, hatten die Zeit unvergeßlich gemacht.
Am letzten Tag hatten sie es nicht mehr geschafft, die Rangerhütte zu erreichen und deshalb im Urwald das Lager aufgeschlagen. Auch davon verstand Amit natürlich mehr als die Piloten. Allerdings hatte sich ein kleines Problem ergeben. Kali, Huntress, Amit und Kano paßten problemlos in das große Zelt. Für Demolisher war aber der Platz nicht ausreichend. Hochgewachsen und breitschultrig wie er war, war Demolisher einfach zu groß. Deshalb hatte er draußen sein Nachtlager aufgeschlagen, ein paar Schritte neben dem Zelt, vor den Mücken geschützt durch den Spezialschlafsack ,mit integriertem Moskitonetz.
Jetzt allerdings fragte sich Kano, ob sie nicht ein zu großes Risiko eingegangen waren. Denn der Chandrapur – Nationalpark hatte in den Reiseprospekten einen ganz besonderen Namen:
„Tigerland“... .
Draußen umgab Kano die „laute Stille“ der Tropennacht: das Knarren des Holzes, das Zirpen und dumpfe Summen nachtaktiver Insekten. Irgendwo in der Ferne ertönte der Warnruf eines Axishirsches – jedenfalls hatte ihr Führer den Laut so erklärt. Aber sonst – nichts.
„Was hast du genau gesehen?“
Kali wandte den Kopf zu ihm um: „Nichts Genaues... . Eine Bewegung, aber das war kein Hirsch.“
Aber so sehr Kano auch in die von Mond- und Sternenlicht nur schwach aufgehellte Nacht starrte, er konnte nichts erkennen. Neben dem Zelt schien Demolisher immer noch ruhig und fest zu schlafen.
‚Hat sie sich nur getäuscht?‘
„Du bist dir ganz sicher, das da etwas war?“
Kali stieß einen unterdrückten Laut aus, fast ein wütendes Knurren. Ihre Stimme war verärgert, blieb aber leise: „Hältst du mich für verrückt? Wenn ich dir sage, da war etwas... .“
Kano war sich immer noch nicht ganz sicher, dennoch: „Schon gut, ich wecke Amit. Der weiß am besten, was zu tun ist.“ Kali murmelte irgend etwas Ärgerliches, ohne aber den nahen Rand des Urwalds aus den Augen zu lassen. Kano beugte sich in den Zelteingang. Offenbar hatte der Angehörige der Parkranger einen leichten Schlaf: er war schon wach, halb erhoben sah er Kano fragend an. Auch Huntress hatte die Unruhe im Zelt offenbar geweckt. Sie grinste Kano an: „Na was ist, ihr Turteltauben – kleinen Mondspaziergang gemacht?“
Kano kam nicht mehr dazu, etwas zu erwidern. Denn von einer Sekunde zur anderen, hatte ein kalter Schauder seinen Nacken gepackt. Kali hatte recht gehabt. Da draußen war etwas – und es beobachte ihn, genau jetzt. Plötzlich leuchtete in Huntress Hand eine Taschenlampe auf, beleuchtete das erbleichte Gesicht des Rangers.
„Was ist los?“
Bei Huntress lauten Worten zuckte Kano zusammen. Mit einmal wurde ihm bewußt, daß draußen jedes Geräusch verstummt war, kein Tierlaut mehr an sein Ohr drang. Kalis Stimme, nur ein Hauchen klang unnatürlich laut in der Totenstille: „Kano, verdammt... .“
Amit zuckte zusammen, bückte sich, riß mit fliegenden Händen das alte Nachtsichtgerät und die geräuscharme Präzisionswaffe, die zur Standartausrüstung der Parkranger gehörte, an sich: „Kein Laut... .“ Seine Stimme war leise aber scharf, fast zischend.
Und dann durchschnitt ein anderer Laut die Stille. Ein dumpfes Grollen: „Pfrrrrrrr...“
Amit stieß Kano fast beiseite, die Waffe im Anschlag, den Kopf suchend hin und her drehend, den Waffenlauf seinen Blicken folgen lassend. Leise, unterdrückt, fluchte er.
Auch Huntress war jetzt endgültig wach, die Situation erfassend. Ihre aufgerissenen Augen verrieten ihre inneren Angst, ihre leise Stimme sich überschlagend: „Was siehst du, Amit?“
Der riß sich das Nachtsichtgerät vom Gesicht: „Nichts, verdammtes Gerät!“
Fast unwillkürlich hatten Kanos Hände nach dem Überlebensmesser gegriffen, daß jeder von ihnen trug. Das Messer hatte eine schwere, an zwanzig Zentimeter lange Klinge. Aber jetzt... .
Kano kämpfte mit einer irrationalen, aus Panik gespeisten Heiterkeit. Sie hatten die größte Raumschlacht seit Manticore überlebt, gegen einen haushoch überlegenen Feind – um jetzt der Gnade eines Raubtiers ausgeliefert zu sein.
Plopp – Plopp
Amit hatte geschossen. Schnell, fast unwillkürlich. Die Schüsse waren kaum lauter, als das Knacken eines zerbrechenden Astes. Die Reaktion erfolgte prompt – aber nicht die, auf die der Ranger gehofft hatte:
Ein lautes Rascheln und Prasseln zeigte, wo ein schwerer Körper durch das Unterholz brach. An Kano vorbei, der das Messer in sinnloser Abwehrbereitschaft erhoben hatte, jeden Augenblick mit dem Angriff rechnend, rammte Huntress dem Ranger die Faust in die Seite: „Wo haben sie euch Schießen gelehrt?! Hör auf, du Idiot, du machst ihn nur wütend!“
Amit antwortete nicht, schoß aber auch nicht noch einmal. Ohne sich zu rühren, atemlos, hörten sie, wie der Tiger wütend raunzend das Unterlaub verwüstete, dann ebenso abrupt verstummte, wie er begonnen hatte. Und das war fast noch schlimmer, als der Lärm vorher. Wie Ewigkeiten verrannen die Sekunden in angespanntem Lauschen... .
Die Morgensonne schien auf vier übernächtigte, mit ihren Nerven ziemlich am Ende befindliche Menschen, denen der Dschungel ein für allemal klar gemacht hatte, daß sie hier nur Fremdlinge waren, die ebenso rasch Beute sein konnten, daß es immer noch Raubtiere gab, die dem Menschen über waren.
Demolisher hatte von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen. So weit er sich erinnern konnte, hatte er ruhig und tief geschlafen. Nur einmal hatte er gefühlt, daß einer seiner Kameraden wohl beim Verlassen des Zeltes gegen seinen Schlafsack gestoßen war. Deshalb wurde er mißtrauisch, als am Morgen erst Huntress und dann Amit sich erkundigten, wie er denn geschlafen hätte. Als dann Kali als dritte ankam und Kano mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck zu ihm herübersah, hielt es der Pilot nicht mehr aus: „Was zum Teufel ist denn los?! Wenn das ein Witz sein soll, dann würd‘ ich gerne mitlachen!“
Kali sah ihn ein paar Augenblick an – dann deutete sie wortlos auf den Erdboden. Kaum einen halben Meter vom Kopfende seines Schlafsacks entfernt hatten sich die Abdrücke riesiger Pfoten tief in den Boden geprägt... .
Ironheart
24.03.2004, 13:00
Ursprünglich von Tyr Svenson
Captain Arianna Schlüter rammte den Hörer des drahtlosen Diensttelefons wütend in die vorgesehene Halterung und fluchte leise. Nicht, daß jemand sie gehört hätte – momentan war sie alleine in dem schmucklosen Raum, der ihr hier als Büro diente. In unmittelbarer Nähe zum wichtigen Raumhafen Baikonur gelegen, war der „Shukow“-Militärkomplex ein stark frequentiertes Durchgangslager für Truppen der Navy, des Marinekorps und der Army auf dem Weg in den Weltraum. Eine regelrechte Stadt war entstanden, allerdings von der Außenwelt abgeriegelt und mit ständig wechselnder Einwohnerschaft. Momentan war die Anlage gespenstisch leer. Ein Teil der Truppen war bereits auf als gefährdet eingestufte Kolonialplaneten verlegt worden. Andere Verbände waren anläßlich eines großen Feldmanövers ausgerückt, das auf der Aral-Ebene stattfinden sollte, einer lebensfeindlichen Salzwüste, den Überresten eines vor Jahrhunderten ausgetrockneten Sees.
Eigentlich hatte sie ihren Urlaub bereits geplant gehabt, doch dann hatte ihr das Korps einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Drei Viertel ihrer Einheit, alles erfahrene Leute, waren in andere Einheiten versetzt worden, die die Garnisionen bedrohter Planeten verstärken sollten. Ihr hatte man dafür einen Haufen „Frischlinge“ zugemutet, frisch aus der Ausbildung. Also hatte sie ihren Urlaub storniert, um die Neulinge aufzuteilen, den troops und platoons erfahrene Leute beizugeben und die neuen Soldaten zu drillen, sie auf Herz und Nieren zu prüfen und dafür zu sorgen, daß sie als Einheit agierten. Natürlich hätte Arianna das auch ihren Untergebenen überlassen können – aber ihr war noch nie wohl dabei gewesen, überlebenswichtige Aufgaben einfach abzuwälzen. Wenn die „Frischlinge“ zum Einsatz kommen würden, würde sie wahrscheinlich das Kommando haben – und damit würde ihr Leben, ihre Karriere und ihr Gewissen davon abhängen, wie die Neuen funktionierten.
Und nun auch noch so etwas... .
„LONGWOOD!!“
Ihre befehlsgewohnte Stimme drang mühelos durch die Tür. Binnen ein paar Sekunden riß Corporal David Longwood die Tür auf, salutierte zackig: „ CAPTAIN, JA, CAPTAIN!“
Arianna winkte ab: „Schon gut. Sergeant Schiermer – wo ist der momentan?“
„Aufsicht über ein Ausbildungsplatoon: Nahkampftraining, Schußwaffenübungen!“
„Schaffen Sie ihn mir her, aber schleunigst!“
„JA, CAPTAIN!“
Es dauerte etwa fünfzehn Minuten, bis Arianna Schritte hörte und der Sergeant in der Tür erschien. Arianna musterte ihn nicht gerade freundlich. Sie hatte sofort erkannt, was Sergeant Clas Schiermer für ein Typ war.
Ein guter Soldat, der gestellte Aufgaben sofort und zuverlässig übernahm. Ein Veteran mit zahlreichen Auszeichnungen, einer katzenhaften Behendigkeit, hervorragenden Kampfinstinkten, absolut unbelastet von Skrupeln oder Gewissen. Was die kämpferischen Fähigkeiten betraf sicher einer ihrer besten Leute.
Aber seine „Vorzüge“ ließen Arianna gleichzeitig mißtrauisch werden. In seiner Akte gab es Ungereimtheiten, gelöschte Einträge. Sie hatte das Gerücht gehört, daß der Sergeant bei diversen Antiterror- und Konterguerillaoperationen unter direkter Kontrolle von NIC-Offizieren gearbeitet hatte. Und solche Gerüchte verbanden sich mit Geschichten von Folter, heimlichen Hinrichtungen und illegalen Kommandoaktionen... .
Der hochgewachsene Sergeant mit dem kurzgeschnittenen, weißblonden Haar erstarrte in vorbildlicher Hab-Acht-Stellung. Seine hellen Augen wirkten wie immer – kalt und wachsam.
Aber für diese Sache war Schiermer genau der richtige.
Arianna hielt nicht viel von langem Herumgerede, deshalb kam sie sofort zur Sache: „Ich habe einen Anruf von der MP bekommen. Bei dem Manöver auf der Aral-Ebene sind vier Marines desertiert. Außerhalb des Manövergebietes sind sie mit einer MP-Streife zusammengestoßen. Alle drei Militärpolizisten sind tot: zwei erschossen, einem hat man das Genick gebrochen. Die Waffen der MP haben die Deserteure mitgenommen. Aber es gibt eine Spur. Sie wurden in Taschkent gesichtet, wir sind ihnen auf den Fersen. Das Korps und der Sicherheitsdienst wollen die Sache ohne die Polizei erledigen. Wir sollen ein Team zur Verfügung stellen, um den Zugriff durchzuführen. Die Deserteure sind bewaffnet und zu allem bereit. Außerdem sind es natürlich Marines, also doppelt gefährlich.“
„Weiß man, warum sie desertiert sind, Captain?“
„Dazu wollte ich gerade kommen! Wie es aussieht waren zwei der Marines, Veteranen übrigens, in Waffenschmuggel verwickelt. Der NIC hatte sie schon im Visier. Offensichtlich nicht gut genug... .“ Arianna konnte nicht verhindern, daß eine gewisse grimmige Befriedigung in ihrer Stimme mitschwang. Sie mochte die Spitzel vom NIC nicht so besonders.
„...die anderen beiden sind Neulinge. Vermutlich haben diese verdammten Waffenschieber sie nur mitgenommen, um Verfolger abzulenken.“ Captain Schlüter fixierte Schiermer: „Die Übernahme dieser Operation würde sich gut in Ihrer Akte machen. Es ist natürlich freiwillig. Haben Sie mit dem Auftrag irgendwelche Probleme? Ich will keinen Truppführer, der an der falschen Stelle zögert.“
Schiermer antwortete so prompt, als hätte er auf dieses Stichwort gewartet: „Nein, Captain, Ma‘m!“
„Sie können Ihre Leute selber auswählen. Ebenso die Ausrüstung. Aber dafür will ich, daß Sie nicht versagen. Ich will diese Hurensöhne, die das Korps in den Dreck ziehen, hinter Gittern sehen – oder tot!“
Selbst bei diesen eindeutigen Worten zeigte Schiermer keine besondere Gemütsregung. Gerade diese innere Kälte war es, die ihn für diesen Auftrag prädestinierte – und Schlüter instinktiv abstieß. Auch wenn sie an Schiermers Stelle den Auftrag wohl ebenfalls übernommen hätte – sie hätte zumindest leichte Gewissensbisse gehabt. Immerhin ging es um Angehörige des Marinekorps. Schiermer aber ließ die Sache völlig kalt.
„Das war alles. Sie können gehen.“
„CAPTAIN, MA‘M!“
Als der Sergeant ins Freie trat, erlaubte er sich ein dünnes Lächeln. Er hatte gemerkt, daß dem Captain der Auftrag unangenehm war. Aber gerade deswegen konnte es sich lohnen, dieses unangenehme Problem zuverlässig zu erledigen. Schiermer hatte wirklich keine Bedenken gehabt, den Auftrag zu übernehmen. Er kannte die Deserteure nicht – und wenn sie sich selber zu Gejagten machten, war es ihre Sache. Auch wenn er selber mehr als einmal jenseits der Legalität gehandelt hatte, sowohl in staatlichem Auftrag, als auch auf eigene Rechnung, er hatte es vermeiden können, Ziel zu werden. Wenn jemand so dumm war, das System herauszufordern... .
Schnell hatte er seinen Trupp zusammen: vier Marines, drei Männer und eine Frau. Alles Veteranen. Auch wenn er keinen länger als ein Jahr kannte, war er sich sicher, daß sie bei der Operation mitmachen würden. Er hatte sich nicht getäuscht: „Wir sollen dem NIC helfen, ein paar Deserteure auszuschalten. Sie sind in Taschkent untergetaucht. Sieht so aus, als würden wir ins Kino gehen.“ Dieser Ausdruck aus dem Legionsslang bezeichnete ein riskantes Unternehmen. „Das Korps und der NIC wollen keine Polizei eingeschaltet haben. Alles klar?“
Es gab keine weiteren Fragen.
In der Waffenkammer überwachte Schiermer persönlich die Ausrüstung. Keine schweren Kampfanzüge, sondern leichte Schutzwesten, die man unter der Kleidung tragen konnte. Keine H&K 322x Standartgewehre, sondern kurze, leichte H&K 500 Schnellfeuerlaser, leise und mündungsgedämpft, mit Freund-Feind-Erkennungselektronik. Dazu Kommandodolche, Laserpistolen, Spreng- und Blendgranaten, Nachtsichtgeräte.
Einer der Marines, Private Yamagata, betrachtete etwas zweifelnd die Ausrüstung: „Nicht etwas leicht für einen Gang ins Kino?“
„Ich habe so eine Ahnung. Wenn wir irgendwo unauffällig `reinwollen, dann nicht in voller Kampfmontur. Das Zeug aber können wir auch in ‘ner Tragetasche transportieren. Wenn wir schwere Hardware brauchen, kriegen wir sie noch vor Ort. Wozu rüsten sie die SWAT und die Nationalgarde denn mit unserer alten Hardware aus?“
Yamagata schien nicht ganz überzeugt, unterließ aber weitere Fragen. Zehn Minuten später war das kleine Team bereits an Bord eines schnellen Transporthubschraubers, der sofort abhob.
Der Flug dauerte etwa zwei Stunden. Während die Soldaten gewollt locker hin und her flachsten, blieb Schiermer für sich. Er machte sich selten gemein mit Kameraden. Dafür studierte Schiermer sorgfältig die Akten der Deserteure. Die beiden Waffenschieber waren tatsächlich Veteranen, erfahrene Soldaten mit mehreren Auszeichnungen. Er beschloß, diese beiden als Primärziele einzustufen.
Als die Maschine in Taschkent landete, dunkelte es bereits. Es war kühl, ein leichter Nieselregen ließ die Landebahn glänzen. Die Marines waren kaum aus der Maschine geklettert, als vor ihnen ein Transportfahrzeug mit ziviler Kennung und Anstrich zum Stehen kam. Die Seitentür ging auf und eine helle Frauenstimme forderte sie auf, einzusteigen. Drinnen war es ziemlich eng: Außer den fünf Marines drängten sich zwei Männer in unauffälligen, dunklen Monturen und eine Frau, die über einer ähnlichen Kleidung die Jacke eines Lieutenant Commanders des NIC trug. Sie wirkte jung, sicher höchstens Mitte 20. Das blonde Haar trug sie zusammengebunden. Die Lieutenant stellte sich als einzige vor: „Lieutenant Commander Marija Kyrowla, NIC, herzlich willkommen in Taschkent. Sind Sie mit den Einsatzparametern vertraut?“
„Sergeant Clas Schiermer, Marinekorps. In groben Zügen. Aber wir wissen noch nicht, wo und wie der Zugriff erfolgen soll.“
„Nach dem Bemerken der Desertation wurden alle MP- und Sicherheitsdienststellen in Alarmbereitschaft versetzt. In Zuge der Standartmaßnahmen wurden die Deserteure von einer Überwachungskamera erfaßt. Es war uns möglich, ihr Fahrzeug mit einer Überwachungsdrohne wiederzufinden. Es scheint, sie haben sich in einem der Vororte verkrochen – eher schlechtere Gegend. Wir sind zur Zeit dabei, ihren genauen Aufenthalt festzustellen.“
„Die örtliche Polizei?“
„Ist in unsere Aktivitäten nicht involviert. Aber nach den uns zur Verfügung stehenden Unterlagen sind in der fraglichen Umgebung weder Überwachungsmaßnahmen noch aktive Operationen geplant. Wenn die Aktion planmäßig abläuft sind wir fertig, ehe sie etwas bemerken – und was wir der Polizei dann mitteilen, liegt dann ganz in unserer Hand. Aber die Sache muß schnell geschehen – wenn möglich noch in dieser Nacht.“
Schiermer lächelte kurz. Der Einsatz schien sich genau in die Richtung zu entwickeln, die er erwartet hatte. Anscheinend hatte er wieder einmal den richtigen Riecher gehabt. Die NIC-Offizierin schien zwar etwas jung für seinen Geschmack, aber ihre Leute wirkten routiniert.
Lieutenant Kyrowla musterte Schiermer eingehend: „Haben Sie und ihre Leute Erfahrungen mit solchen Operationen?“ Die Marines grinsten nur und stießen sich gegenseitig mit den Ellbogen an, während Schiermer gleichmütig antwortete: „Meine Leute sind im Häuserkampf ausgebildet. Was mich betrifft, habe ich bereits aktiv an vergleichbaren Aktionen teilgenommen. Allerdings unterliegen die Einzelheiten der militärischen Geheimhaltung. Sie müßten Ihre Vorgesetzten bemühen.“
Kyrowla verzog den Mund kurz: „Ihr Wort dürfte reichen, Sergeant. Sie gehören zu meinem Kommando.“
Sie betonte mit Absicht die letzten beiden Worte.
Schiermer nickte: „Verstanden, Lieutenant.“ Das schien ihr für’s erste zu genügen.
Einer der Untergebenen der Lieutenant drehte sich plötzlich zu ihr um. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, reichte Kyrowla dann ein Headkom, daß sie schnell überstreifte, einen fast erwartungsvollen Ausdruck im Gesicht. Das entging weder Schiermer, noch den Marines. In dem Transporter wurde es still, alle starrten auf die junge Lieutenant, die mit konzentriertem Gesichtsausdruck lauschte, mit zwei Fingern den Lautsprecher gegen ihr Ohr pressend. Plötzlich richtete sie sich auf, ein Lächeln huschte über ihre Lippen: „Wir haben sie!“
„Wo?“
„Sie haben sich in einem Wohnblock verkrochen. Wir haben die Etage und die Wohnungsnummer. Die Zentrale schickt uns die Baupläne. Jetzt sitzen sie fest!“
Tatsächlich leistete die „Zentrale“ prompte Arbeit. Der Transporter war noch nicht einmal in das anvisierten Stadtviertel eingefahren, als auf dem Laptop der Lieutenant die Gebäudepläne erschienen.
Draußen hatte sich der Nieselregen zu einem regelrechten Platzregen ausgeweitet. Wind war aufgekommen und peitschte den wenigen Passanten Regenschwaden ins Gesicht. Keiner richtete seine Aufmerksamkeit auf den unauffälligen Transporter, auch nicht, als er die Straße verließ und auf dem Hof einer aufgegebenen Fabrikanlage zum Halten kam. Dies war eines der schlechteren Viertel einer nicht sehr reichen Stadt. Hier fand sich die Armut und soziale Not, die den offiziellen Kommuniqués zufolge schon lange besiegt war. Aber gerade dieser Zustand des Verfalls, der sozialen Probleme und der Kleinkriminalität machten die Gegend attraktiv für die Deserteure – und erlaubten dem NIC diese mit der Polizei nicht abgestimmte Operation.
Mit ausgeschalteten Lichtern verschmolz der Transporter mit den Schatten der umgebenden Gebäude. Kein Licht, kein Laut drang nach Draußen.
Schiermer stellte schnell fest, daß Lieutenant Kyrowla es offenbar ernst meinte mit der Ankündigung, sie würde das Kommando innehaben. Aber gottseidank stimmte ihre Einsatzplanung mit seinen Vorstellungen überein. Er hätte ungern einen Eklat provoziert – und er hatte außerdem schon früher gelernt, daß der NIC letztlich immer am längsten Hebel saß. Marija Kyrowla war jedenfalls für ihr Alter erstaunlich fähig. Kurz fühlte der Sergeant sogar ein Gefühl der Unsicherheit aufsteigen – wurde er etwa alt? - als er Kyrowlas junger, aber sicherer Stimme lauschte:
„Es ist eigentlich ganz einfach. Sie haben sich im achten Stock einquartiert, der obersten Etage. Das Haus ist nur noch zum Teil bewohnt, die an die Zielwohnung grenzenden Räume sind jedenfalls leer. Das erleichtert den Zugriff. Was ist die beste Art und Weise, eine feste Stellung einzunehmen?“
„Von zwei Seiten gleichzeitig.“
„Genau. Und so werden wir vorgehen. Ich habe mir die Bausubstanz angesehen. Sich einen Alternativzugang zu sprengen scheidet leider aus.“
„Hat die Wohnung einen Balkon oder nur Fenster?“
„Das war auch mein nächster Gedanke. Wir haben Glück, es gibt einen Balkon. Dazu steht der Wohnblock nicht alleine, sondern in einem verbundenen Komplex. Der Zugang aufs Dach – und damit der Zugriff von Oben – ist einfach möglich. Außerdem haben wir einen Stromausfall arrangiert, in dieser Gegend nichts ungewöhnliches.“
Schließlich einigte man sich auf folgendes Vorgehen: Schiermer und zwei Marines würden von Oben angreifen, während Lieutenant Kyrowla drei Mann – einen der ihr zugeteilten MP und zwei Marines – über einen Kelllereingang in das Gebäude bringen würde und über die Wohnungstür zugreifen sollte. Der andere MP und der Fahrer sollten im Wagen bleiben, der in der Nähe des Haupteingangs warten würde. Der Anmarsch zum Objekt würde allerdings zu Fuß erfolgen.
Damit blieb eigentlich nur noch eine Frage: „Welche Prioritäten haben bei der Aktion zu gelten?“
Bei Schiermers gleichmütig gestellten Frage war Kyrowla leicht zusammengezuckt. So abgehärtet war sie wohl noch nicht, die Antwort klang etwas gezwungen: „Die Deserteure haben keinerlei relevante Kenntnisse. Eine langwierige Verhandlung würde nur unnötige Kritik am NIC und dem Korps provozieren. Auf Desertation steht in diesen Zeiten der Tod. Gemäß der Standartprozeduren hat Eigensicherung und Verlustminimierung Priorität.“ Kyrowla wollte noch etwas hinzufügen, aber der Sergeant winkte ab: „Sie brauchen den Auftrag nicht weiter zu erklären. Wir befolgen Befehle nur, wir hinterfragen sie nicht.“
Schiermer hatte in der Tat verstanden – und dem etwas betretenen Schweigen nach auch die anderen Marines. Eine Gerichtsverhandlung drohte wahrscheinlich irgendwelche Sicherheitspannen aufzudecken. Sonst gab es nichts mehr zu sagen. Schweigend stellten die Marines ihre Ausrüstung zusammen, kontrollierten sich dabei gegenseitig. Schiermers Gruppe brach als erste auf. Gefolgt von Private Yamagata und Korporalin Tennet verschwand er in der Dunkelheit.
Ironheart
24.03.2004, 13:01
Ursprünglich von Tyr Svenson
Gruppe Schiermer:
Der Anmarsch zum Objekt verlief ohne Probleme. Angesichts des schlechten Wetters war kaum jemand auf der Straße. Und wegen des Stromausfalls war es wirklich stockdunkel, keiner bemerkte die Schatten, die leise von Hauswand zu Hauswand huschten. Dank der überlegenen Nachtsichttechnik konnten sie den wenigen Passanten mühelos ausweichen. Schiermers Gesicht verzog sich zu einem häßlichen Grinsen. DAS war einer der Augenblicke, in denen er es nicht bereute, daß er nicht schon längst den Dienst quittiert hatte.
Dann waren sie am Objekt: einem achtstöckigen Wohnkomlpex, sicher schon mehr als hundert Jahre alt. Der Komplex war in einem fortschreitenden Verfallsprozeß und nur noch teilweise bewohnbar. Das erleichterte allerdings das Eindringen. Die Marines stiegen einfach über eine verlassene Wohnung im Erdgeschoß ein. Dank der Gebäudepläne, jederzeit über die Headsets abrufbar und mit Orientierungssystemen gekoppelt, war die Orientierung in dem stockdunklen Komplex eine Leichtigkeit. Nur einmal mußten sie kurz zurückgehen, in einen Seitengang ausweichen, um einem Mann zu umgehen, der fürchterlich fluchend die Treppe hinuntertrampelte, eine alte Armeetaschenlampe in der Hand. Niemand bemerkte sie. Und wenn jemand vielleicht doch die leisen, zielstrebigen Schritte an seiner Tür vorbeihuschen hörte, dann war er wahrscheinlich froh, daß diese geisterhaften Eindringlinge nicht IHN suchten. In diesem Viertel lebten viele, die jeden Grund hatten unterzutauchen. Die Dachluke war nicht einmal verschlossen.
Gruppe Kyrowla
Kyrowla hatte Schiermers Truppe einen gewissen Vorsprung gegeben, um dann auf einem anderen Weg das Objekt zu erreichen. Das war einfach gewesen, auch wenn sie einen Umweg machen mußte, weil ein paar Halbstarke mit Taschenlampen und sogar improvisierten Fackeln lärmend eine Kette gebildet hatten. Mit einem Blick auf ihren Armchronometer beruhigte sich Kyrowla, sie war im Zeitplan. Das halbe Dutzend Stufen zu der Kellertür waren unter knietiefen Müllschichten begraben. Irgend etwas huschte beiseite, als Kyrowla angewidert den Fuß in diesen Müllberg stieß.
Das Schloß der Kellertür war kein wirkliches Hindernis. Allerdings klemmte die verdammte Tür, einer der Marines mußte Kyrowla helfen, um sie aufzustemmen. Wieder sah die Lieutenant auf die Uhr. Sie war immer noch im Zeitplan. Dann stießen sie allerdings auf ein Hindernis – irgend jemand hatte den Kellergang bis zur Decke mit schweren Kisten gefüllt. Armymaterial. Kurz fühlte Kyrowla Neugier in sich aufsteigen, dann rief sie sich zur Ordnung. Sie waren nicht hier, um irgendwelche Schieber auszuheben. Darum sollte sich ruhig die hiesige Polizei kümmern, Kyrowla jagte edleres Wild. Und die Zeit wurde knapp.
Ein paar Augenblicke studierte sie die im Hedset gespeicherten Pläne: „Alternativweg, zwanzig Meter zurück, links. Bewegung!“ Dann öffnete sie einen Funkkanal zu Schiermer: „Aktualisierung. X-Zeit jetzt plus 30.“
Gruppe Schiermer
„Verstanden.“
Die drei Marines huschten gerade geduckt über das Dach, nach allen Seiten sichernd. Am Rand angekommen, riß Schiermer ruckartig die Hand hoch, die Marines stoppten: „Yamagata, überprüfen!“
Der Marine robbte vor. Aus einer Rückentasche holte er ein dünnes Kabel mit einem Anschluß an einem, einer Linse am anderen Ende. Mit geübten Handgriffen schloß Yamagata das Gerät an sein Headset an, beugte sich vorsichtig vor, ließ das Kabel nach unten. Sein Gesicht nahm einen gespannten, konzentrierten Ausdruck an, die Stimme nur ein leises Zischen: „Sie haben Licht. Ein paar Armylampen. Alle vier anwesend. Ich sehe ein, zwei Pistolen, liegen auf dem Tisch.“
„Was machen die Hurensöhne?“
„Einer schläft. Zwei sitzen am Tisch. Da ist eine angebrochene Feldration. Und eine halbvolle Flasche. Der dritte liegt – liest... .“ In die Stimme des gedrungenen Marines mischte sich zynische Belustigung: „...den Colonial Playboy!“
Schiermer überprüfte die Zeitanzeige mit dem aktualisierten Zeitplan: „Bereitschaft! X-Zeit in 20. Countdown läuft.“
Gruppe Kyrowla
Sie waren im Siebenten Stockwerk, als es passierte. Gerade war Kyrowla an einer der Wohnungstüren vorbei, als diese mit einem ohrenbetäubenden Krachen aus den Angeln flog. In einem wütenden Kampf verstrickt taumelten zwei Gestalten auf den Gang. Durch das Nachtsichtgerät sah Kyrowla nur Bruchstücke: ein blutiges, wutverzerrtes Gesicht, eine Faust, die sich in ein schmutziges Hemd krallte.
Am liebsten hätte Kyrowla ihre Wut herausgeschriehen – was mußten diese besoffenen Schweine ausgerechnet JETZT und HIER ihren Streit ausfechten. Sie drehte sich um, den Schnellfeuerlaser erhoben, um ihn dem nächsten dieser Idioten auf den Kopf zu schmettern. Und dann sah sie das Messer, daß in der Hand des einen blitzte, sah, wie der MP seine Seitenwaffe hochriß, eine schwere Browning 20P, Standartmodell, nicht schallgedämpft.
„NEIN, VERDAMMT!!“
Gruppe Schiermer
„Zehn, Neun, Acht... .“
Und dann schnitten ein, zwei, drei Schüsse durch Schiermers Stimme und verwandelten den ausgearbeiteten Plan in Makulatur. Aber Schiermer hatte nicht umsonst fast zwanzig Jahre Einsatz hinter sich.
„Zugriff! Los, Los!“
Die Marines ließen sich über den Rand des Flachdachs fallen, landeten auf dem Balkon. Als Schiermers Füße den Boden berührten, hatte Private Yamagata bereits das Feuer eröffnet. Die H&K 500 in weitem Bogen schwenkend überschüttete er den Raum mit einem wahren Sperrfeuer. Einer der Deserteure, die am Tisch gesessen hatte, war aufgesprungen – eine Salve verwandelte Brust und Bauchdecke in eine verschmorte Fleischmasse.
Sein Tischnachbar hatte sich nach vorne geworfen, nach einer der Laserpistolen greifend. Der Tisch zerbrach unter seinem Gewicht. Noch im Fallen hatte er die Waffe herum und schoß. Schiermer pumpte zwei volle Salven in seinen Körper. Über den Leichnam zuckten Korporalin Tennets Schüsse, sprengten dem Schlafenden den Kopf weg, bevor der überhaupt begriff, was geschah.
Doch gleichzeitig schrie die Marine auf, sackte zusammen – ein letzer Schuß des Deserteurs war in ihre Seite gedrungen.
Nur Bruchteile von Sekunden hatten die Marines verloren, hatten die Deserteure Zeit gehabt, sich zu fassen. Doch diese Bruchteile wurden jetzt zum Verhängnis. Der vierte Deserteur, ein vierschrötiger, bullig wirkender Kaukasier, hatte sich einfach von der Liege gerollt, auf der er lag. Und jetzt hielt er eine verkürzte H&K 322x in den Händen und beantwortete das Feuer.
Zwei Treffer warfen Private Yamagata zurück, schleuderten ihn wie eine Puppe über die Balkonbrüstung. Wahrscheinlich war er schon tot, als er acht Stockwerke tiefer aufschlug.
Schiermer hatte sich zur Seite geworfen, deshalb kassierte er nur einen Treffer, der in Brusthöhe seine Seite traf, sich durch die Schutzweste fraß, seine linke Seite in Schmerz explodieren ließ. Seine Waffe flog ihm aus Händen, folgte Private Yamagata. Aber noch bevor Schiermer zu Boden ging, hatte sich seine Hand um eine Sprenggranate verkrampft, sie vom Gürtel gerissen. Und während der Deserteur seine Waffe zu Tennet herumschwenkte, die sich am Boden krümmte, stieß Schiermer seinen Arm nach vorne, warf die Granate.
Der Deserteur sah die Bewegung, riß die Waffe herum. Zu spät. Die Granate explodierte keine zwei Schritte von seinen Füßen entfernt.
Gruppe Kyrowla
Sie rannte so schnell, wie noch nie in ihrem Leben, die Marines dicht hinter sich. Und dennoch wußte sie, sie kam zu spät. Sie nahm gerade die letzte Stufe, als der dumpfe Donner einer Explosion durch den Gang rollte.
Abrupt brach der Schußwechsel ab.
Am liebsten hätte sie einfach die Tür eingerammt, aber sie zwang sich, kein Risiko einzugehen: „FREISPRENGEN!“ Während sich einer der Marines an der Tür zu schaffen machte, preßten sich die anderen an die Wand, die Waffen im Anschlag. Ein gedämpfter Knall, ein blendender Blitz – die Tür flog auf, Kyrowla an der Spitze drang der Sturmtrupp ein.
Der Kampf war vorbei. Geschockt, wütend, fassungslos stand sie vor einem Blutbad. In dem Raum lagen vier Körper verstreut, zwei regelrecht in Stücke gesprengt. Und auf dem Balkon... .
Die Marines-Korporalin hatte sich auf den Bauch gerollt. Sie bewegte sich nur schwach, zwischen zusammengebissenen Zähnen fast tierhaft stöhnend.
„SANITÄTER HIERHER!“ Einer der Marines kniete über der Verletzten, während Kyrowla herumfuhr, den Militärpolizisten an der Kehle packte, den Wunsch unterdrückend, ihn hier und jetzt zu exekutieren: „Benachrichtigen Sie den Notdienst! SCHLEUNIGST!“
Dann erst sah sie den Sergeant, der seltsam verkrümt am Boden lag. Als Kyrowla sich über ihn beugte, zog sie scharf die Luft ein. An seiner Seite klaffte eine grausame Schußwunde. Dazu hatte er eine volle Ladung Splitter abbekommen, die die schwere Einsatzkombination wie Papier durchschlagen hatten. Die Schutzweste hatte ihm wohl vorerst das Leben gerettet. Aber überall war Blut.
Dennoch war Sergeant bei Bewußtsein, starrte Kyrowla an. Schiermers Lippen bewegten sich, als wolle er irgend etwas sagen, während er seine Hand in Kyrowlas Ärmel krallte.
„Ruhig, Sergeant, ruhig. Keine Bewegung. Hilfe ist unterwegs.“
Schiermer schien sie nicht zu hören. Blut rann über seine Lippen. Seine angstvoll aufgerissenen Augen hielten Kyrowla fest. Sie glaubte zu begreifen. Dennoch sprach sie weiter, schnell, in einem mühevollen, beruhigenden Ton: „Sie kommen. Hören Sie mich?! SIE KOMMEN! Geben Sie nicht auf, Sergeant! Halten Sie durch! HALTEN SIE DURCH!“
Und Schiermer hielt tatsächlich durch. Erst als vor dem verfallenden Gebäudekomplex der Nothubschrauber landete, sackte sein Kopf zur Seite, verlor der Sergeant das Bewußtsein.
Ironheart
24.03.2004, 13:01
Ursprünglich von Hammer
Murphy stand am nächsten Tag nach einem gepflegten Mal im Hotel vor der Kirche St.Elisabeth. Die Kirche, in einer Mischung aus barockem und gotischen Stil gehalten, war seit hunderten von Jahren der Hauptsitz des Deutschen Ordens oder des Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem, wie der Orden nach wie vor offiziell hieß. Murphy ging jedoch nicht in die Kirche, sondern in eines der Nebengebäude. Dort betätigte er einen der schweren Türklopfer aus Messing, ungewiß über das, was vor ihm lag. Nach wenigen Momenten wurde die Tür von einem jungen Mann im Ordenshabit geöffnet.
„Ja?“
„Murphy, Jack Murphy. Ich bin....“ Murphy kam nicht dazu, weiterzusprechen, als sein Gegenüber die Tür ganz öffnete und ihn einließ.
„Mister Murphy, schön, dass Sie gekommen sind. Bruder Malachias wartet bereits auf Sie.“ Der Bruder lächelte wissend. Er führte den Piloten durch mehrere lange Gänge, die nur spärlich durch die schmalen Fenster beleuchtet wurden. Dann stiegen sie eine alte Holztreppe hinauf, deren Eichenbohlen leise knarrten. Insgesamt machte das Haus einen rustikalen, aber gut erhaltenen Eindruck auf Murphy. Schließlich machten die beiden Männer vor einer großen, mit Metallbeschlägen versehenen Tür halt. Der namenlosen Bruder klopfte so laut und vernehmlich mit den Knöcheln gegen die Tür, dass Murphy Angst hatte, er würde sich die Knochen brechen. Doch statt dem Knacken von Knochen hörte er, wie eine klare Baritonstimme auf das Klopfen mit „Herein“ antwortete. Die Tür schwang auf und Murphy wurde von seinem Begleiter durch die Öffnung gewunken. Danach schloss sich die Tür hinter dem Iren wieder. Er stand in einem Raum, der eine kleine Bibliothek zu sein schien. Die Wände waren mit Regalen vollgestellt, deren Regalbretter sich unter der Last der alten Folianten förmlich durchbogen. In der Mitte des Raumes befanden sich einige Tische, die offensichtlich zum Lesen gedacht waren. An dem Tisch, der dem Fenster am nächsten war, sass ein Mann von mittlerem Alter und mittlerer Statur, offensichtlich jener, der vorhin auf das Klopfen geantwortet hatte.
„Mister Murphy. Schön, Sie endlich kennenzulernen. Kommen Sie näher.“ Die Aufforderung unterstrich der Mann mit einer einladenden Bewegung zum Tisch.
Murphy ließ sich nicht lange bitten und trat seinem Gastgeber entgegen. Dieser bot ihm die Hand an.
„Mein Name ist, wie Sie sich sicherlich schon gedacht haben, Malachias. Ich bin, wie Sie ebenfalls sicherlich erkannt habe, Bruder des Ordens.“
Murphy nahm die Hand an und drückte sie. Dann setzte er sich an den Tisch.
„Ich habe viel über Sie gehört, Mister Murphy.“
„Nennen Sie mich Jack. Oder Martell meinetwegen, das ist mein Callsign. Bei Mr.Murphy komme ich mir immer vor wie in der Akademie.“ Jack grinste. „Was das Hören angeht, das kann ich nur erwidern.“
„Ja, Richard ist manchmal eine wahre Plaudertasche. Wie geht es ihm eigentlich?“
„Er hat die letzten Kämpfe ebenso überlebt wie ich, allerdings hatten wir beide danach soviel zu tun, dass wir uns kaum gesehen haben.“
„Ich habe davon gehört. Ist es wirklich so schlimm gewesen?“
„Ich weiß nicht, wieviel Sie wissen. Aber ja, es ist schlimm gewesen, wir haben viele gute Männer und Frauen am Feind gelassen, gute Schiffe verloren und viele Leute, die schwerverletzt nach Hause kamen.“
„Ich habe gehört, dass die Taktik der verantwortlichen Kommandeure bei dem Einsatz....fragwürdig gewesen sei.“
Murphy wurde hellwach. Sein Gegenüber beobachtete ihn aufmerksam durch seine grüngrauen Augen.
„Bruder, Sie werden verstehen, dass ich derartige Dinge nicht außerhalb bestimmter dienstlicher Kanäle ansprechen werde.“
Malachias nickte beschwichtigend. Innerlich gratulierte er sich dazu, dass er den Piloten richtig eingeschätzt hatte. Schilderungen aus zweiter Hand machten dies immer zu einer anspruchsvollen Aufgabe, selbst für einen geübten Menschenkenner wie ihn. Er lenkte das Gespräch auf andere Dinge. Geschickt verstand er es, Murphy in die Rolle des Erzählers zu versetzen, während er vor allem zuhörte.
Vier Stunden nach Murphys Ankunft klopfte es erneut an die Tür. Es war Essenszeit und derselbe Bruder, der Murphy geöffnet hatte, brachte nun eine Terrine Suppe und einige Scheiben Brot herein. Dann verschwand er wieder, ohne ein Wort zu sagen.
Malachias nahm eine der beiden braunen Schalen aus Steingut und füllte sie mit der Gemüsesuppe, die in der Terrine enthalten war. Diese reichte er seinem Gast. Nachdem er auch sich selbst bedient hatte, sprachen die Beiden ein Tischgebet. Murphy nahm sich noch eine Scheibe Brot und begann zu essen. Das Mahl war einfach, aber schmackhaft und die beiden Männer leerten die Terrine bis zum letzten Tropfen. Erst dann nahmen sie das Gespräch wieder auf. Diesmal übernahm Malachias den erzählerischen Part und begann, über die Wurzeln des Ordens und seine aktuelle Verfassung zu reden. Murphy ahnte indes, dass er hinsichtlich des letzteren Punktes nicht alles erfuhr, was Malachias wußte. Anschließend führte der Bruder den Piloten durch die Gebäude, insbesondere die Kirche der St.Elisabeth, das Ordensarchiv und die Schatzkammer.
Murphy war beeindruckt von dem, was er sah. Der Orden hatte es offensichtlich geschafft, alle Widrigkeiten zu überstehen und nach wie vor seinen Aufgaben nachzugehen. Der Orden betrieb zahlreiche Spitäler, unterhielt Missionen in vielen der Kolonien und auch auf einigen Raumstationen. Der Wert der im Archiv gelagerten Werke war kaum abzuschätzen. Nach der Führung setzten sich die beiden Männer wieder in die kleine Bibliothek, in der ihr Rundgang ihren Ausgangspunkt hatte.
„Bruder, vielen Dank, für alles. Ich bin wirklich beeindruckt. Wie hat der Orden es nur geschafft, so lange so aktiv zu bleiben?“
„Nunja, wir hatten auch unsere Schwächephasen. Napoleons Säkularisierung oder die Verluste der osteuropäischen Länder im Hochmittelalter, aber auch die Krise im 22. Jahrhundert, in der der Orden beinahe insolvent geworden wäre, haben uns schon schwere Schläge versetzt. Nur hat es immer tüchtige Männer gegeben, sowohl innerhalb des Ordens, als auch außerhalb, die mit Glaube und Tatkraft den Orden gestützt und wiederaufgebaut haben. Lange waren wir nur auf recht wenige Länder beschränkt, nun sind wir weltweit und im Weltall tätig. Während hier auf der Erde vor allem die geistliche Arbeit dominiert, sind in vielen Kolonien unsere Spitäler und Aufbauhelfer gerne gesehen. In gewisser Weise haben wir uns da von den Maltesern inspirieren lassen.“
„Und überflügelt.“
„Ja. Aber anders als früher ist der Wettkampf nicht mehr von Neid und Ehrgeiz geprägt. Wir verfolgen vielfach ähnliche Ziele und arbeiten vor Ort oftmals zusammen.“
„Aber nicht immer.“
„Richtig. Ihnen entgeht nichts.“ Malachias lächelte. „Tatsächlich ist unser Orden viel stärker mit den weltlichen Institutionen verbunden als die Malteser. Das kann zu Problemen führen, aber auch Gelegenheiten eröffnen.“
„Ein Aufbauteam des Ordens ist bei der Kolonialisierung von neuen Planeten sicherlich gerne gesehen...und ihr Abzug dürfte von vielen als erhebliche Schwächung der Anstrengungen angesehen werden.“
„Nunja. Wir können nicht überall sein. Ich will nicht verhehlen, dass wir Hilfeleistungen häufig von Gegenleistungen, etwa Entgegenkommen im spirituellen Bereich oder der Unterstützung an anderen Orten abhängig machen. Was aber sich einfach damit erklärt, dass auch wir für die Zukunft vorsorgen müssen. Wir können nicht in den luftleeren Raum hineinoperieren. Wir werden niemanden für seinen Undank bestrafen, aber wir werden ihn nicht weiter fördern.“
„Das dürfte aber nicht immer die treffen, die diesen Undank in sich tragen. Eine Hilfe kommt ja häufig dem Gemeinwesen und nicht dem Individuum entgegen.“
„So etwas versuchen wir zu vermeiden, soweit es eben geht. Aber ich erkenne auch, dass es nicht die ideale Lösung ist. Die gibt es nicht.“
Murphy nickte. Er kannte vergleichbare Abwägungen, die er als CO machen musste. Nicht immer war das Leben in schwarz und weiß zu unterteilen.
„Aber eins wundert mich dann doch. Was kann ein Militär für Sie tun?“
„Sie meinen, weshalb ich Sie so empfangen habe und Ihnen alles zeige? Darauf kann ich Ihnen nur eine teilweise Antwort geben. Wir suchen immer fromme Männer und Frauen, die sich in den Dienst des Herren stellen wollen. Und wir könne jeden Fähigkeit gebrauchen. Sie könnten für uns mehr tun, als Sie denken...“
„Sie weichen mir aus.“
„Nein, ich sage Ihnen nur nicht alles, weil ich das nicht kann. Ich bitte um Vergebung dafür.“
Murphy winkte ab. Das war noch etwas, das er kannte, Geheimhaltung. Offensichtlich war der Orden nicht nur eine Gruppe Mönche.
„Nun, dann will ich mich mal zu meinem Hotel aufmachen, Sie haben heute sicherlich noch zu tun.“
„Das ja. Aber wir wären erfreut, wenn Sie mit uns die Abendmesse feiern würden.“
„Gerne.“
„Dann kommen Sie mit, es geht in 20 Minuten los.“
Zweieinhalb Stunden später kam Murphy zurück in sein Hotel. Mit einer Flasche Wasser unter dem Arm ging er auf sein Zimmer, wo er sich brütend in den Sessel setzte und durch das Fenster nach draußen auf die Straße starrte. Vieles hatte er erfahren, noch mehr aber nicht. Der Orden war ihm ein Rätsel. Ebenso sehr fragte er nach seiner Rolle und ob er das unterschwellig Angebot des Ordens annehmen sollte.
Zur gleichzeitigen Zeit traf Bruder Malachias den Hochmeister.
„Nun?“
„Die Informationen waren soweit korrekt, ebenso Schönbergs Einschätzungen. Mal schauen, wie er reagiert.“
„Ihr würdet also eine Aufnahme empfehlen.“
„Ja.“
„Gut, dann soll es geschehen.“
„Wenn er es wünscht.“
„Ja, Bruder, natürlich.“
Ironheart
24.03.2004, 13:02
Ursprünglich von Cattaneo
Vorbilder und Selbstbilder
Die Uniform saß perfekt, genau wie es sein sollte. Nun, immerhin hatte sie auch zwei geschlagene Stunden damit zugebracht, sich ,herauszuputzen’. Die Orden und Abzeichen waren an der vorschriftsmäßigen Stelle befestigt. Auch an ihrer Frisur – dem einfachen Zopf – war nichts auszusetzen. Kurz und gut, sie bot äußerlich genau den mustergültigen Anblick, den sie vermitteln wollte. Innerlich sah es freilich anders aus, ein Glück nur, daß man Herzklopfen nicht von außen erkennen konnte. Einem geübten Beobachter wären vielleicht die Augen aufgefallen, die doch etwas nervös blickten. Ihre Schritte waren betont ruhig und gelassen – sie hatte heute das erste Mal auf die Krücken verzichtet, und zwang sich zähneknirschend dazu, vorsichtig zu sein. Sie haßte das. Am liebsten wäre sie wie früher energisch ausgeschritten. Aber sie durfte ihre Tauglichkeitsschreibung nicht riskieren. Und wenn sie irgendwo zusammenbrach, würde das bedeuten, daß sie Gefahr lief, noch mehr Zeit in der Etappe zu verbringen.
Das galt es um jeden Preis zu vermeiden. Sie hatte die Rede der Präsidentin natürlich gesehen. Seit sie auf der Erde war, achtete sie sorgsam darauf, daß sie informiert blieb. Zwar verbrachte sie einen Großteil der Zeit mit Erholung – kleine Spaziergänge, Ruhepausen, in denen sie las, die leichte Arbeit im Haus und dergleichen. Manchmal schien ihr das alles fast unerträglich, denn Geduld war noch nie Liljas Stärke gewesen, außer im Kampf, da konnte sie sich besser beherrschen. Nun, immerhin konnte sie so ihrer Mutter einiges abnehmen. Auch ein paar Wanderungen hatte sie unternommen. Behutsame natürlich, in einem Tempo, das ihr quälend langsam erschien, aber besser als gar nichts. Doch jeden Morgen und jeden Abend saß sie vor dem Bildschirm und lauschte begierig auf die Nachrichten von der Front. Und war jedes Mal teils enttäuscht, teils erleichtert, weil nicht viel kam. Enttäuscht, weil sie sich Siegesmeldungen erhoffte. Erleichtert, weil sie selber mit dabei seien wollte, wenn die Akarii geschlagen wurden, und auch, weil sie sehr wohl wusste, daß in Kriegszeiten auch ganz andere Meldungen kommen konnten. So war ihr Birminghams Kampfansage an den Feind nicht entgangen. Und seitdem fieberte sie noch mehr dem Tag entgegen, an dem sie wieder einsatzbereit seien würde. Sie hoffte, die Aufforderung, sich am 18. September in Kalifornien zu melden, würde sie nicht in eine Reserveeinheit führen. Aber was es auch war – bis dahin, oder besser schon vorher, wollte sie unbedingt wieder als kv eingestuft werden.
Aber das war es nicht, was für ihre Nervosität sorgte. Oder jedenfalls nicht sehr. Sie hatte inzwischen Zeit gehabt, sich an den Eiertanz zwischen Vorsicht und eigener Ungeduld zu gewöhnen. Nein, ihre Unsicherheit hatte einen ganz anderen Grund.
Ein letztes Mal blickte sie an sich herab. Ja – es schien alles in Ordnung. Sie holte tief Luft und öffnete das Tor. Das Gelände, das sie betrat, war weitestgehend menschenleer. Nun, eigentlich war das auch kein Wunder, um diese Zeit. Und sie war, natürlich, auch ein ganzes Weilchen zu früh, weil sie in ihrer Unsicherheit nur ja nicht zu spät kommen wollte. Innerlich schimpfte sie sich selber aus: ,Benimm dich doch nicht wie ein Teenager bei seinem ersten Date, Mädchen! Du bist nun wirklich alt genug, um das hier ruhig und gelassen anzugehen!’ Es half nicht viel. Ihre Hände fühlten sich klamm an, verschwitzt, und sie wischte sie an der Uniformbluse ab. Wieso konnten diese Idioten nicht eine vernünftige Galauniform entwerfen? Diese Farbe und der Schnitt war nicht gerade das, was sie vorgezogen hätte. Vielleicht wäre es besser gewesen, in Fliegerkombination zu erscheinen – sie hätte sich auf jeden Fall besser gefühlt. Aber erstens hatte sie natürlich keine mit, und zweitens hätte das etwas zu sehr nach Zirkus ausgesehen.
Sie fand sich mit beunruhigender Leichtigkeit zurecht. Einerseits war das gut, denn sie wollte niemanden nach dem Weg fragen. Die leeren Flure mit den geschlossenen Zimmertüren hatten etwas beinahe feierliches an sich, und weckten unangenehme Erinnerungen. Auf der anderen Seite wurde sie nicht gerne daran erinnert, wie wenig Zeit eigentlich vergangen war, seit dem ein Gebäude wie dieses ein wichtiges Zentrum ihres Lebens gewesen war, neben dem Elternhaus. Keine sechs Jahre war das her. Nun, eigentlich war sie dem ja jetzt endgültig entwachsen, sagte sie sich. Aber gewisse Reflexe ließen sich nicht so leicht ablegen, und so glitt sie beinahe lautlos dahin, darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Schließlich hatte sie ihr Ziel erreicht. Sie überprüfte noch einmal die Aufschrift auf dem Schild neben der Tür, dann klopfte sie kurz, aber entschlossen, und trat ein. Zu ihrer großen Überraschung – und mehr als gelinden Verärgerung – war der Raum leer.
Er glich ihren Erinnerungen bis hin zu kleinsten Details. Die einfachen Bänke, für je zwei Personen gedacht, die nicht übermäßig bequemen Stühle, die Projektionsfläche an der Kopfseite des Raumes. Ein Schulzimmer, genau so eines wie das, in dem sie selber gesessen hatte vor gar nicht so langer Zeit – vor einer Ewigkeit.
Ein wenig konsterniert blickte sie sich um. Sie fühlte sich, nun ja, an der Nase herumgeführt. Und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Warum hatte man sie dann gebeten zu kommen – und sie dazu gebracht, sich so herauszuputzen? Wütend wollte sie sich umdrehen und auf die Suche nach jemanden gehen, den sie anschnauzen konnte. Sie registrierte dabei nicht einmal, wie heilsam ihr Ärger für ihre Unsicherheit war. Doch etwas ließ sie innehalten. Sie zögerte, dann ging sie langsam an den Bänken vorbei zur Rückwand des Raumes.
Zu Anfang hatte es nach einer – zumindest aus ihrer Sicht – ungeheuren Ehre ausgesehen. Die Schüler der Klasse 8. 1. der Jemeljan-Pugatschow-Schule in Kasan hatten sich bei einer Schulwoche zur Unterstützung der kämpfenden Truppe hervorgetan. Sie hatten eine Spendenaktion und einen Basar organisiert – Lilja fragte sich immer noch säuerlich, was für ein Sonderling die Schüler in dieser unpatriotischen, egoistischen Zeit so sehr hatte motivieren können. Und als ,Belohnung‘ hatte man sich gedacht, sie, als Frontsoldatin und Kriegsheldin, könnte die Klasse mal besuchen. Eigentlich eine nette Idee. Als die Raumfahrt noch jung gewesen war, hatte man so etwas wohl öfter gemacht, immerhin mußte man den Leuten die Sterne nahebringen. Und heute den Krieg...
Sie hatte sich, natürlich, geschmeichelt gefühlt. Sie überschätzte ihre Rolle nicht, an Bord der „Redemption“ war sie nur eine von vielen gewesen, wenn auch nicht die schlechteste. Aber sie konnte sich nicht helfen – bewundert zu werden war doch ein herrliches Gefühl. Auch wenn andere es weit mehr verdient hätte. Allerdings waren die eben nicht von hier, und wenn der Prophet auch nichts im eigenen Lande galt – der Held galt um so mehr. Sie war sogar so sehr geschmeichelt gewesen, daß sie sich ziemlich viel Mühe gegeben hatte, um bloß den richtigen Eindruck zu machen. Und Angst davor gehabt, daß ihr irgendwelche Fehler unterliefen. Und jetzt das!
Sie musterte die Schränke, welche die Rückwand des Raumes ausmachten. Soweit sie sich erinnerte, wurden dort zum Beispiel Bilder ausgestellt, oder Unterrichtsmaterial gelagert und was dergleichen mehr war. Manchmal überließ man die Auswahl der Exponate auch der Klasse, damit sie ,ihren‘ Raum selber gestalten konnte. Offenbar war das auch hier geschehen. Das Ergebnis war – bemerkenswert.
In einer langen Reihe, eines neben dem anderen, waren dort Modelle plaziert worden. Einige hingen offenbar an dünnen Fäden, die sie gleichsam in der Luft schweben ließen. Alle Exponate waren kunstvoll bemalt, und bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Sie sah einen Ticonderoga-Kreuzer, einen Zerstörer der Norfolk-Klasse, eine Brandenburg... Schiffe der Republik, vereinzelt auch Akarii-Schiffe. Das eine oder andere davon sah aus wie im Raumgefecht zusammengeschossen. Daneben die Modelle von Raumjägern, inklusive Pilotenfiguren, mit Einheitswappen und Pilotenabzeichen. Langsam schritt sie die Schrankwand ab, bewunderte die Modelle, ließ ihre Fingerkuppen über einen Flügel, eine Bordwand schweifen. Schließlich ergriff Lilja eine ,fliegende‘ Typhoon, die scheinbar einen blutroten Bloodhawk jagte. Sie drehte die Maschine hin und her. Selbst die Raketen waren an ihrem Platz, sechs Stück, sie meinte sogar die Sorte erkennen zu können. Die Pilotin fixierte die Flanken des Abfangjägers. Eine leichte Röte breitete sich auf ihren Wangen aus und sie lächelte beinahe schüchtern. Der Kampfflieger zeigte eine weiße Blüte direkt unter dem Cockpit. Zehn kleine Abzeichen kündeten von der selben Zahl Abschüsse...
Ironheart
24.03.2004, 13:03
Ursprünglich von Cattaneo
„Hübsch, nicht?“ Lilja hatte nicht wahrgenommen, daß jemand den Raum betreten hatte. Nur eine gewisse Übung darin, Überraschungen wie einen unvermutet auftauchenden ,Gegner‘ schnell zu begegnen, verhinderte, daß sie sich verriet. Sie ließ das Modell an seinen alten Platz zurückschwingen. Innerlich hoffte sie, daß ihr Gesicht ihre Gefühle nicht verriet.
Ihr Gegenüber war eine Frau, vielleicht doppelt so alt wie die Pilotin. Sie war nicht sehr groß, eher kräftig gebaut. Das blonde Haar zeigte keinen grauen Strähnen. Die grauen Augen musterten Lilja aufmerksam, nahmen alles wahr. Die junge Pilotin straffte sich. Sie neigte leicht den Kopf: „Ich bin Lilja.“ Sie stockte, unterdrückte einen Fluch. Es war ihr so sehr zur Gewohnheit geworden, ,Lilja‘ zu SEIN, daß sie manchmal vergaß, daß ihr echter Name ein anderer war. Hastig verbesserte sie sich: „Ich bin First Lieutenant Tatjana Michailowa Pawlitschenko. Man sagte mir...“ Als sie sah, wie die Frau nickte, schwieg sie. Die Ältere lächelte leicht: „Ich weiß. Ich habe Sie erwartet. Ich bin Elena Wladimirowna Petrowa, ich unterrichte die Klasse.“ Lilja runzelte leicht die Stirn: „Wenn Sie das wissen – warum ist dann keiner hier. Hat man etwas geändert?“ Sie klang jetzt wieder leicht verärgert. Sie haßte es, wenn man sie ohne Grund herumscheuchte, und sie wollte nicht jetzt hören, daß sie sich umsonst so herausgeputzt hatte.
Die Lehrerin seufzte kaum hörbar: „Nein, ist es nicht. Sie kommen gleich.“ Sie blickte Lilja kurz an: „Ich wollte mir ein Bild von Ihnen machen.“ Liljas Stimme vibrierte vor Anspannung, vielleicht auch vor Ärger: „Und? Meinen Sie, man könne mich Ihren Schülern...ZUMUTEN.“ Ganz sicher auch vor Ärger. Sie hatte die Worte als Anspielung auf ihre Narben verstanden. Elena schüttelte abwehrend den Kopf: „Nein, das ist es doch nicht. Es ist eher...“ „Was?“
„Es ist eher das, was Sie sind. Sie sind Soldatin, eine Pilotin. Ich habe die Kinder in den letzten Wochen beobachtet. Sie sind auf den Krieg konzentriert, verpassen keine Sendung im Fernsehen. Die meisten können eher die Daten der Kampfflieger und Kriegsschiffe auswendig, als ihren Lehrstoff. Diese ganzen...Helden...sagen ihnen mehr zu, als das was sie sonst hören. Sie haben die Modelle gesehen.“ Lilja legte den Kopf schief: „Und? Ist daran etwas falsch? Ich meine, sicher müssen sie lernen, aber was macht es, wenn sie den Krieg nicht vergessen? Wir SIND im Krieg. Und ich denke, es bedeutet uns da draußen durchaus etwas, wenn die Erde nicht einfach nur zwischen Hauptgang und Nachtisch einen Gedanken an uns ,verschwendet‘, sondern wenn sie sich wirklich für uns interessiert!“ Die Lehrerin nickte: „Natürlich. Aber sehen Sie – ich weiß nicht so recht, ob es gut ist. Ist es für die Kinder nicht auch zum Teil eine Art Spiel? Ich habe gehört, wie einige davon geredet haben, sie würden sich freiwillig melden, wenn sie könnten. Und sie würden es glatt tun! Das Fernsehen, die Zeitungen – all das zeigt ihnen ein Bild vom Krieg, aber wissen sie, was das wirklich ist?“ Sie atmete tief durch: „Ich will nicht, daß sie Dummheiten machen, daß sie den Krieg für etwas natürliches halten, etwas, wobei man gerne dabei wäre. Verstehen Sie das?“
Lilja schüttelte den Kopf: „Nein, verstehe ich nicht! Glauben Sie denn, ich habe mir mein Schicksal ausgesucht? Ich bin zur Armee gegangen, um etwas für meine Heimat zu tun – aber ich habe diesen Krieg nicht gewollt. Das waren DIE. Und so lange DIE ihn wollen, werden wir ihn führen, ihn führen müssen! Und da zählt jeder. Seit ich hier bin, habe ich es mehr als einmal erlebt, daß die Leute ihre Augen verschließen, vor dem was da draußen vor sich geht. Aber die Akarii gehen nicht weg, bloß weil man sich die Bettdecke über die Augen zieht, oder den Kopf in den Sand steckt! Wenn DIE kommen, glauben Sie, es nutzt den Kindern etwas, wenn sie sich mit Puschkin auskennen, oder mit Tolstoj? Danach werden DIE bestimmt nicht fragen.“ Die Lehrerin setzte zu einer Antwort an – aber in diesem Augenblick wurden draußen Schritte laut. Sie murmelte nur ein kurzes: „Denken Sie darüber nach!“ Dann wandte sie sich der Tür zu.
Eine Stunde später
Lilja lächelte leicht: „Sehr richtig, Pilotin zu werden ist keine Sache von ein paar Monaten. Heutzutage muß man viel mehr können als früher – Raumnavigation und so weiter und so fort. Dafür braucht man Jahre.“ Die Enttäuschung ihrer Zuhörer hielt sich wohl nur deshalb in Grenzen, weil sie sich über die Einzelheiten vermutlich schon informiert hatten. So wie sie überhaupt eine Menge wußten. Oder es zumindest glaubten. Sie nickte einem Jungen zu: „Ja?“ „First Lieutenant – was war ihr schwierigster Gegner bisher?“ Das Lächeln der Pilotin wurde ein wenig breiter. Sie hatte ihnen angeboten, sie einfach Lilja zu nennen, aber die meisten zogen ihren Rang vor. Erstaunlich. Sie war keine zehn Jahre älter als die Kinder vor ihr, aber der Respekt, mit der man ihr begegnete, hätte einer doppelt oder dreifach so alten Frau gelten können. Oder eher, hätte ihr gebührt, denn heutzutage war es mit dem „Ehret das Alter!“ nicht so weit her, wie manche es sich wünschten. Es war ein ungewohntes Gefühl, derart als Respektperson behandelt zu werden. Sie überlegte: „Meinen härtesten Kampf? Nun, den hatte ich wohl mit einer Avenger. Auf meiner letzten Feindfahrt. Unsere beiden Maschinen waren schon zusammengeschossen, aber die Schlange war immer noch auf Angriffskurs gegen unseren Verband. Ich setzte mich hinter sie...“ Sie beschrieb, wie sie den angeschossenen schweren Bomber zerstört hatte, obwohl ihre Maschine dabei beinahe selber in Stücke gerissen wurde. Merkwürdig – jetzt, so, konnte sie darüber reden. Waren es die bewundernden Blicke, oder hatte sie einfach Abstand gewonnen? Während ihres Komas, und auch später, hatte sie die Szene mehrmals durchleben müssen. Und öfter als nur einmal war die Löschanlage nicht angesprungen, hatten die hungrigen Flammen ihre Kombination verzehrt, nach ihren Haaren geleckt, sie in Schmerz und Qual eingehüllt... Sie verdrängte die Erinnerung.
Die nächste Frage, die ihr ein Mädchen stellte, überraschte sie dann doch etwas: „Was wissen Sie über den Roten Baron? Werden Sie ihn abschießen?“ Lilja zögerte: „Wir wissen nicht viel über ihn. Er ist ein sehr guter Flieger – das muß man dem verdammten Fritzen lassen. Er beherrscht fast jedes Manöver. Ich habe ein paar Aufnahmen gesehen, wie er seine Maschine führt und schießt – die Schlange ist wirklich ein Aß. Wenn ich auf ihn treffe, werde ich mein bestes tun, ihn zu erledigen. Aber der Krieg im Weltraum ist kein Duell. Er und sein Flügelmann gegen uns, wir gegen sie – es ist kein ritterlicher Zweikampf. Wer ihn abschießt, der wird sicher unsterblichen Ruhm ernten – aber wichtig ist, daß er abgeschossen wird, nicht, wem das gelingt.“ Vielleicht gefiel das nicht allen – jugendliche Heldenverehrung war wie jeder Starkult zumeist ein wenig blind. Aber sie akzeptierten es. Sie waren jedoch ein wenig enttäuscht, als Lilja ihnen sagte, daß sie ihnen nicht versprechen konnte, ihnen einige Aufnahmen zuzuschicken. Die unterlagen vermutlich der Geheimhaltung. Aber Liljas Versprechen, sich zumindest zu bemühen, munterte sie wieder auf.
Sie wußte, daß die Lehrerin wohl nicht billigte, was sie hier tat. Elena griff nicht ein – es wäre ihr wohl auch schwer gefallen. Aber wer aufmerksam hinsah, konnte es erkennen. Lilja jedoch ignorierte das. Sie war überzeugt von dem, was sie tat. Und was die Kinder taten, das war ebenfalls richtig. Der Krieg war Teil der Realität. Eine Realität, vor der man sich nicht verstecken konnte, und auch nicht durfte.
Es war dieser Geist gewesen, der schon viele Generationen in die Schützengräben und auf die Schlachtfelder geführt hatte. Ihr Leben war einem Weg gefolgt, den viele nicht mehr zurück gefunden hatten. Ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Jugend war draußen geblieben. Aber das interessierte Lilja nicht. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht wissen. Es gab Opfer, die gebracht werden mußten. Sie kämpfte dafür, daß diese Kinder nicht in den Krieg würden ziehen müssen. Doch wenn es zum äußersten kam, wenn der Krieg weiterging, oder der Feind weiter vorrückte – dann würde sie es vollkommen gutheißen, wenn halbe Kinder den Kampf weiterführen würden.
Nur einmal wußte sie nicht recht, was sie antworten sollte. Was konnte man auf die Frage entgegnen, was sie über den Ausgang des Krieges dachte? Die Jungen und Mädchen vor ihr meinten wohl, die Antwort zu kennen – sie wollten es vielleicht nur noch einmal aus ihrem Mund hören. Sie selber aber war da nicht ganz so sicher. Sie wollte sie nicht belügen – aber konnte sie ihnen den Mut und die Zuversicht nehmen? So entschloß sie sich für einen Mittelweg: „Ich bin nur eine Pilotin – wie es ausgeht, das wissen vermutlich die Admiräle. Aber was mich angeht – ich bin fest überzeugt, daß wir die Schlangen am Ende in ihre Löcher zurück jagen. Es ist unser Großer Vaterländischer Krieg. Das heißt nicht, daß ich glaube, daß es leicht wird. Die Akarii sind stark, und ihr heimtückischer Angriff hat uns große Verluste zugefügt. Aber das Recht ist auf unserer Seite, und wenn die Menschen hinter der Armee stehen – so wie ihr das tut – dann werden wir siegen. Ihr kennt unsere Geschichte. Die Tataren, die Franzosen, die Deutschen – sie alle sind weit vorgerückt. Sie alle schienen unbesiegbar. Am Ende aber wurden sie vernichtet, weil unser Volk sich gegen die Angreifer zusammenscharte. Heute betrifft es alle Menschen. Und ich weiß, sie werden kämpfen. Deshalb werden wir siegen.“ Sie grinste: „Der Name eurer Schule sagt doch genug. Er war nur ein Kosak, und am Ende zitterte ein Kaiserreich vor ihm. Weil die Menschen an ihn glaubten.“
Es tat ihr leid, als sie schließlich Abschied nehmen mußte. Ihrem Publikum ging es wohl so ähnlich. Sie hatte versprochen, ihnen zu schreiben – ein Versprechen, das auf Gegenseitigkeit beruhte. Und in einer kleinen gepolsterten Kiste führte sie das Geschenk der Klasse für sie mit sich. Ein Modell ihres Schiffes, Duplikat der Maschine, die sie in der Vitrine gesehen hatte. Hätte sie jemand aus ihrer Staffel gesehen, er hätte sich wohl gewundert, daß die verbiesterte „Eisprinzessin“ mit einem breiten Lächeln und geradezu beschwingten Schritten lief, ein Lied vor sich hin pfeifend.
„Bald werden wir wieder zu Hause sein.
Die Eltern schließen in die Arme uns ein.
Auch Zuhause sind dir die Sterne stets nah,
Und plötzlich ist diese Zeit wieder da.
Durch Schlachten, Tod und zum Lied der Granaten,
Bei Kanonendonner und Heldentaten,
Töchter der Wälder und Söhne der Steppe,
Die Jahre wie eine endlose Treppe.
Den Kindern erzählst du von Sturm und Hurra,
Und plötzlich ist diese Zeit wieder da.“
Ironheart
24.03.2004, 13:04
Ursprünglich von Cunningham
Navy Hauptquartier
New York, Terra
Im Hauptquartier der Terran Space Navy in New York saß man im 12 Untergeschoss in einem Atomsicheren Kommandobunker, welcher sich unter dem freundlichen, offenen Bau versteckte, welches offiziell als das Nervenzentrum der Navy gehandelt wurde.
Doch die wirklich entscheidenden Augenblicke spielten sich im Raum U12-34 ab.
Mitten in dem 80 Quadratmeter großen Raum stand ein 2 x 2 Meter großer Tisch. Die der Tür abgewandte Wand war ein einziger Monitor und gab das gleiche Bild wieder wie der Tisch. Die anderen beiden Türlosen Wände waren mit Computerterminals gespickt.
An der vierten Wand standen mehrere Kaffeemaschinen und Teekocher, sowie ein paar Schränke, mit dem notwendigsten für lange Planungsbesprechungen.
Die Admirale von Richter, Frost und Renault mitsamt einem 20 Männer und Frauen umfassenden Planungsstab standen um den Tisch.
Der Planungstisch und die Montiorwand zeigte ein zweigeteiltes Bild: Einen schriftlichen Bericht und eine Kamaeraaufnahme einer Akariisonde, die sich in der Nähe des Abflugjumppoints von Perseus aufhielt.
"Ich habe McAllister angewiesen Operation Husar bis auf Weiteres auf Eis zu legen, bis wir entschieden haben, was wir mit der Drohne machen." Meldete Renault.
Die beiden anderen Admirale nickten und das Bild wurde umgeschaltet. Nun zeigte sich eine Frontkarte. Terranisches Territorium blau, akariisches Territorium rot, das Gebiet der Colonial Konföderation grün. Umkämpfte Gebiete gelb.
"Graxon und Wron sind von starker Strategischer Bedeutung und laut neuesten Aufklärungsberichten recht schwach verteidigt, sprich mit dem richtigen Flotteneinsatz wären beide Ziele zu erobern. Über Graxon steht eine Trägerkampfgruppe, Wron hat zwei.
Was aber ein besonders großes Problem ist, sind die sechs Trägergruppen, die sich im Hinterland befinden. Teilweise ein Erfolg durch Operation Husar."
Renault visierte mehrere Punkte mit dem Lichtgriffel an und diese fingen an zu pulsieren.
"Wenn wir diese im Hinterland befindlichen Einheiten an anderer Stelle binden könnten, könnten wir mit der 2. und 3. Flotte sowohl Graxon als auch Wron erobern und somit den Krieg tief in Feindliches Gebiet tragen. Die einzige Möglichkeit für die Akarii dann auf uns zu reagieren wäre mit Elementen der Mantikorflotte, was Texas sichern würde."
Frost rieb sich das Kinn: "Und wie wollen Sie sechs Trägerkampfgruppen binden?"
Zustimmendes Gemurmel erhob sich um den Tisch.
"Ganz einfach: Wir lassen die Akarii glauben, wir wollen Axion angreifen." Ein weiterer Punkt auf der Karte pulsierte und Renault gab ein paar Befehle auf der Tastatur ein.
Sofort öffnete sich ein Fenster, in dem alle wichtigen Daten - beziehungsweise alle vorhandenen Daten - über Axion enthalten waren.
Die Fernaufklärung der verschiedenen Träger, die an der Operation Husar teil genommen hatten, ergab, dass Axion eine riesige Werftanlage besaß. Aller Wahrscheinlichkeit wurden dort die neuesten Träger der Quarsar-Klasse gebaut, sowie Kreuzer und Zerstörer, wohl ebenso die Träger/Kreuzer der Golf-Klasse.
"Und wie wollen Sie das den Echsen klar machen? Ich meine, Axion ist weiter als Akarr von der Frontlinie entfernt?" Wollte ein Commodore wissen.
"Perseus", antwortete Frost für Renault, "wir zeichnen die Ankunft der Träger der 1. Flotte in Texas auf und spielen Sie in die Aufklärungsdrohne der Akarii bei Perseues."
Wieder erklang zustimmendes Gemurmel. Renault blickte Frost erstaunt an und schüttelte leicht den Kopf. Wie kann ein kluger Mann wie der sich nur mit solchen Speichelleckern umgeben?
"Wir lassen falsche Befehle an die Akarii durchsickern", bestimmte von Richter, "wir lassen falsche Befehle durchsickern, so das die Akarii ihre gesamte Reserve als Verteidigung um Axion aufbauen.
Dann schicken wir die Columbia- und die Intrepidträgergruppen nach Graxon. Für die zweifache Übermacht sollte es kein Problem darstellen um die Akarii im Weltraum zu schlagen.
Graxon ist aus einem Grund von großer Bedeutung: Dort ist ein Kriegsgefangenenlager der Akarii und dort werden viele unserer Männer und Frauen, die auf Mantikor dienten interniert.
Nachdem die Raumherrschaft hergestellt wurde, werden Bodentruppen gelandet um die internierten Terraner zu befreien.
Sie dürften ungefähr eine Woche Zeit haben, ehe Reaktionsstreitkräfte kommen."
Renault nickte: "Und so bald die Reaktionsstreitkräfte in Graxon sind, wird der Rest der 3. Flotte nach Wron springen und es einnehmen richtig?"
"So sieht es aus", bestätigte von Richter.
"Hm, und in Graxon, so fern die Reaktionskräfte der Akarii nur aus den in Wron stationierten Schiffen besteht, rückt der Rest der zweiten Flotte nach, sollten auch noch einige Einheiten aus Mantikor anrücken, lassen sich die Columbia und die Intrepid zurückfallen und wir erwarten sie in Corsfield mit dem Rest der 2. Flotte und einem ausgedehnten Minenfeld."
Ironheart
24.03.2004, 13:04
Ursprünglich von Cunningham
Einige Stunden später betrat Commander Bruce Chamberland das Hauptquartier der TSN. Sein ausgedehnter Urlaub war sehr erfolgreich gewesen. Er hatte es geschafft, dass er und seine Exfrau sich wieder näher kamen. Das hatte ganz besonders den Mädchen gut getan. Am liebsten wäre er noch länger geblieben, doch die Pflicht rief.
Als er sich am Empfang meldete bat man ihn einen Augenblick zu warten.
5 Minuten und 37 Sekunden später tauchten zwei bewaffnete Marines auf. Ihr auftreten war kompetent und autoritär.
Nein, es waren sogar Profis, wie er feststellen konnte, beide hielten sich ständig auf Distanz zu ihm, die Hände stets an den speziellen Schnellzugholstern mit den H&K Laserpistolen.
Auch die Art, wie sie ihn in den Lift verfrachteten sprach Bände.
Erst stieg der Sergeant ein und brachte sich in Postion, dann durfte er einsteigen und wurde in eine bestimmte Position derigiert, dann stieg der Corporal ein und brachte sich ebenfalls in Position. Beide waren in der Lage sofort das Feuer auf ihn zu eröffnen und die Gefahr sich im Kreuzfeuer gegenseitig umzulegen war minimiert.
Der Lift als solches war sehr schlicht. Es gab kein sichtbares Kontrollpanel und ohne irgendeinen Befehl seitens seiner Eskorte setzte sich der Lift in Bewegung. Nach unten, etwa 8 Stockwerke schätzte er.
Das Aussteigen verlief ähnlich wie das Einsteigen und man führte ihm zu einer Art Empfangsbereich.
Hier standen wieder Wache, allerdings alle auf der anderen Seite einer Schutzwand mit einem großen Fenster drin.
Die Wände des Empfangsbereichs waren großzügig mit Selbstschusseinrichtungen ausgestattet.
"Legen Sie Ihre Hand auf das Sensorfeld und blicken Sie in die Linse! Identifizieren Sie sich!" Plärrte es aus einem Lautsprecher.
Er tat wie befohlen: "Chamberland, Bruce Marcus, Commander TSN, Dienstnummer 24779BC26, Naval Intellegence Corps."
Erspürte einen kleinen Stich in der Hand. Blutprobe?
"Identität bestätigt, treten Sie in den Abtaster!"
Auch diesem Befehl folgte er.
"Legen Sie Ihre Uhr und das Fach in der Wand und treten Sie vor die Schleuse!"
Er hörte das leise Summen zweier entsicherter Pistolen.
Ihr seid verdammt paranoid. Sehr gut.
Er streifte seine Uhr mit dem Monodraht ab und legte sie in das Fach, welches sich prompt schloss und stellte sich dann vor die Schleuse.
Mit einem leisen Zischen öffnete sich die äußere Tür.
"Treten Sie in die Schleuse!"
Achne. Hinter ihm schloss sich die äußere Tür. In den Seitenwänden der Schleuse waren ebenfalls Selbstschussanlagen, sowie zwei kleine Gassventiele.
Die innere Schleusentür öffnete sich.
Er trat in das allerheiligste der TSN.
Ihn erwartete Commodore Helga Augustdotter, seine direkte Vorgesetzte: "Erschreckend nicht wahr Bruce?"
"Eher erfreulich."
"Ich vergas, jemand wie Sie erfreut sich an derartigen Sicherheitsmaßnahmen, aber kommen Sie, der große Boss will Sie sehen."
"Der CNO will mich sprechen? Interessant."
Augustdotter führte Chamberland über eine Treppe zwei Stockwerke weiter nach unten und dort in ein Büro.
Er nahm vor dem Schreibtisch Haltung an: "Commander Chamberland meldet sich wie befohlen."
Von Richter nickte: "Ausgezeichnet. Wir haben eine sehr schwierige Aufgabe für Sie. Nun, eigentlich müsste ich Sie fragen, ob Sie sich freiwillig melden. Aber das könnten Sie erst sagen, wenn Sie davon wüssten ... aber Sie kennen ja das uralte Problem nicht wahr."
Chamberland nickte: "Ja Sir, ich melde mich freiwillig."
"In Ordnung, gut: Commander ich gebe Ihnen mündlich folgenden Befehl: Sie werden unter Ihrer Tarnidentität Lieutenant Jason Rowland an Bord eines Kurirschiffs gehen. Der Kurs des Kurirschiffs ist so angelegt, dass es quasi über Akarii-Streitkräfte stolpern muss.
Die Selbstzerstörung ist sabotiert, so dass das Schiff in die Hände des Feindes fallen wird.
Sie haben dafür zu sorgen, dass die Befehle, die Sie transportieren stark verstümmelt werden, dennoch den Akarii zugänglich werden.
Woraufhin man Sie sicherlich verhören wird. Ich befehle Ihnen bei diesem Verhör erst unter Folter zusammenzubrechen und die Befehle, die Sie transportieren Preis zu geben." Von Richter pausierte kurz. "Haben Sie alles verstanden?"
"Sir. Aye, aye Sir!" Chamberland nickte.
"Commander: Haben Sie wirklich verstanden?"
Chamberland wiederholte wortwörtlich den gesamten Befehl.
"Verstehen Sie auch, was genau von Ihnen hier verlangt wird Commander?"
"Selbstverständlich Sir, Sie verlangen von mir, dass ich mich für eine Kriegslist opfere."
Von Richter stieß ein Seufzen aus: "Commodore Augustdotter sagte mir schon, dass Sie so ähnlich reagieren würden. Ich muss gestehen, ich bin sowohl erleichtert, als auch schockiert, gerade zu entsetzt, dass jemand aus meiner Navy, sein Leben so kaltblütig wegwirft."
"Wegwerfen? Sir, ich glaube kaum, dass man das wegwerfen nennen kann. Ich glaube vielmehr, dass ich so meinen Beitrag zu einer sehr großen Sache leisten kann."
"Und eventuell Ihre Schuld an Troffen zu sühnen Commander?" Fragte Renault aus der Ecke des Raums hinaus.
"Schuld? Welche Schuld sollte ich daran haben?"
Die beiden Männer guckten sich einen Augenblick an, musterten sich gegenseitig.
"Es war eine Chance den Krieg zu gewinnen, und zwar schnell und mit möglichst wenigen Verlusten auf unserer Seite, die musste ergriffen werden", fuhr Chamberland fort, "und ich war in diesem Spiel nur Befehlsempfänger ..."
Ironheart
24.03.2004, 13:05
Ursprünglich von Hammer
Am nächsten Tag stand Murphy erneut vor dem Nebengebäude, in dem er gestern mit Bruder Malachias gesessen hatte. Immer noch war sein Kopf voller Fragen und Überlegungen und die Tatsache, dass er die halbe Nacht wach gesessen hatte, machte es nicht einfacher. Als er dieses Mal anklopfte, öffnete ihm sein gestriger Gesprächspartner persönlich die Tür.
„Bruder Malachias, guten Morgen.“
„Guten Morgen Jack, Sie sehen erschöpft aus.“
„Mein Schlaf heute nacht war nur begrenzt. Ich hatte viel nachzudenken.“
„Das kann ich gut verstehen. Ich hoffe, ich habe Sie gestern nicht mit Informationen überfrachtet.“
„Nicht mit Informationen, das sicherlich nicht. Eher mit reichlich Stoff zum Überlegen.“
„Kommen Sie erst einmal herein.“
Malachias führte seinen Gast in eine Bibliothek, durch die die beiden Männer am ersten Tag nur kurz durchgegangen waren. In einer kleinen, runden Nische, in der eine ebenfalls runde Bank und ein kleiner Tisch stand, ließen sich die beiden Männer nieder.
„Nun, Jack, Sie haben doch sicherlich einige Fragen parat?“
„In der Tat, ja. Ich verstehe zum Beispiel nicht ganz, wie sich das Familiarinstitut nun entwickelt hat.“
„Nunja. Wie Sie wissen, ist das Familiarinstitut ein Laieninstitut. Das heißt, keiner der Familiare legt die Gelübde eines Ordensbruders ab. Er lebt vielmehr sein bisheriges Leben fort mit dem Unterschied, dass er nun dem Orden verbunden ist. Diese Verbundenheit war früher zumeist in materieller und ideeller Unterstützung begründet. Heute jedoch gehen wir vielfach einen Schritt weiter und setzen die Familiare erster Ordnung auch direkt ein.“
„Familiare erster Ordnung heißt?“
„Jene, die sich bis zu einem gewissen Grad den Statuten und Autoritäten des Ordens unterwerfen, Laienbrüder und Schwestern im engeren Sinne sozusagen. Nehmen wir an, wir helfen bei der Kolonialisation einer neuen Welt und es werden bestimmte Experten benötigt, dann schauen wir bei unseren Familiaren, ob da nicht jemand geeignetes dabei ist, der dann mit den Brüdern dorthin gehen und helfen kann.“
„Und wie soll das im Militär gehen?“
„Sagen wir es so. Es gibt Zeiten, in denen der Glauben auch mit dem Schwert verteidigt werden muss. Dies kann einfach nur Ruhe und Ordnung sein oder, wie im jetzigen Krieg, die Existenz der Gemeinschaft der Gläubigen, die auf dem Spiel steht, wenn der Krieg verloren geht. Ob dies zum Schutz entlegener Siedlungen geschieht oder von Terra selbst, das ist zunächst sekundär. Das Problem jedoch ist, dass die Politik hier häufig andere Pläne hat, als der Orden. Mitunter werden abgelegene Siedlungen zur Schutzlosigkeit verdammt, weil Truppen abgezogen werden.“
„Das ist aber noch nicht alles.“
„Scharf beobachtet.“ Malachias lächelte. „Es geht auch darum, dass einige unserer Brüder der Meinung sind, dass der Krieg deswegen so unerquicklich läuft, weil die Streiter Gottes dem Kampfe fern bleiben. Jedenfalls aber hört man, sofern man die richtigen Leute kennt, genug, um zu wissen, dass der Krieg momentan auf eine sehr unschöne Art geführt wird.“
Jack schluckte, denn die Bilder von Troffen kamen ihm wieder vor das innere Auge. Er schüttelte sich, um diese Gedanken loszuwerden.
Malachias beobachtete diese Reaktion und begann, erneut über das nachzudenken, was er bisher über seinen Gegenüber in Erfahrung gebracht hatte.
„Jedenfalls streben wir, sofern wir Mitglieder des Ordens entsenden sollten, eine saubere Art der Kriegsführung an. Unser Motto lautet nach wie vor Helfen und Schützen, nicht Vernichten und Auslöschen. Man sollte das aber nicht mit einem Mangel an Konsequenz verwechseln.“
Martell nickte. Er verstand nur zu gut.
Drei Stunden später verließ er die Anlage und begab sich sofort zum Flughafen. Er hatte Malachias versprochen, über dessen Angebot nachzudenken, doch das konnte er nicht in Wien.
Nach einer weiteren Stunde sass er in einem der Kurzstreckflieger, der ihn nach Cork, Irland brachte. Als er dort den Flieger verließ und den kurzen Weg vom Terminal zur Gepäckrückgabe ging, flog ihm über das Flugfeld bereits der würzige Duft der Insel entgegen, auch wenn er von den Gerüchen der Maschinen leicht überdeckt wurde.
Als Murphy endlich das Flughafengelände verlassen hatte, nahm er sich ein Taxi und fuhr nach Cork City. Das Wetter war wunderschön und die Sonne am Himmel tauchte das satte Grün von Irlands Wiesen und Hügeln in ein sanftes Licht. Murphy genoß den Geruch des Landes, in dem seine Kinderstube gewesen war. Seine Heimat mochte es nicht mehr sein, aber es war immer noch ein Platz, der einen besonderen Stellenwert für ihn hatte. Ein Platz, an dem er an seine Wurzeln zurückkehren konnte und sich über seine Zukunft in Klarem werden würde. Oder dies zumindestens versuchen würde. Anders als in Wien würde er hier jedoch kein Hotelzimmer nehmen, sondern bei Aaron MacDill unterkommen. Aaron war ein alter Freund aus Kindestagen, als die beiden noch zusammen Rugby und LaCrosse gespielt hatte. Aaron war schon damals ein Riese gewesen, der in solch physischen Sportarten seine Reichweitenvorteile auszunutzen wußte und auch nicht zögerte, seine ganze Masse in den Mann zu werfen.
Zwanzig Minuten später hielt das Taxi vor dem Haus von MacDill. Murphy hatte die Tür noch nicht geöffnet, da stürmte sein alter Freund bereits aus dem Haus, überrannte in seiner Hast fast den eigenen Jagdhund – einen Irish Setter - , der im Garten den Neuankömmling beobachtete und riss beinahe das Gartentor aus den Angeln. Jack grinste und verließ das Fahrzeug nur um in dem Moment von Aaron in den Arm gerissen und der Bodenhaftung beraubt zu werden. Durch die unheimliche Kraft seines Freundes jeglicher Luft beraubt, stöhnte Murphy leise: „Hallo Aaron! Du kannst mich jetzt mal wieder auf den Boden lassen.“
Aaron grinste und tat wie geheißen.
„Man, du siehst aber blass aus.“
„Das könnte an der Begrüßung liegen...“
„Ach wo, ihr Raumheinis seid nicht genug an der frischen Luft. Komm erstmal mit rein.“ Aaron gab Murphy einen Schlag auf den Rücken, so dass dieser sich fast bäuchlings auf das Pflaster legte und riß dem Taxifahrer den Koffer aus der Hand. Dann schob er Jack vor sich her und am Hund, der die ganz Szene mit schiefem Kopf beobachtet hatte, vorbei in das Haus. Anders als jenes von Jackson Hayes fehlte es hier an jeglicher Eleganz, die ganze Einrichtung bestand aus groben Eichenmöbeln. Die Wände waren unverputzt. Doch all dies trug mit dem riesigen Kamin im Wohnzimmer und den Fellen, die überall lagen und hingen zu einer Atmosphäre bei, bei der sich Jack sofort heimisch fühlte. Aaron hatte sich kein Bisschen geändert, außer dass er nun einen leichten Bauchansatz hatte.
„Wie gehts dir, du Kriegsheld?“
„Gut, jetzt, wo ich sehe, dass es dir gut zu gehen scheint. Immer noch im selben Handwerk?“
„Ja, sicher. Kunstschmiede gibt es zwar nicht mehr viele, aber momentan sind unsere Arbeiten wieder sehr gefragt. Aber mittlerweile mache ich auch noch andere Sachen, hab ein wenig mit dem Tischlern angefangen.“
„Du?“ Murphy schaute sich zweifelnd um. Andererseits...Aarons Finger waren schon immer flinker gewesen, als seine riesenhafte Statur es vermuten ließ.
„Komm, ich zeige dir meine neueste Arbeit.“
Murphy, der sich gerade erst hingesetzt hatte, rollte mit den Augen und verließ den warmen, weichen Stuhl.
Zwei Räume weiter bereute er diesen Entschluss nicht mehr. Vielmehr verschlug es seine Sprache, als er sah, welche exquisite Kirschholzmöbel vor ihm standen. Noch imposanter aber waren die Wandvertäfelungen, die in einzelnen Stücke an der Wand lehnten.
Aaron grinste. „Das hättest Du nicht gedacht. Ich arbeite mittlerweile auch nicht mehr allein, mußt du wissen. Erinnerst du dich noch an Paddy O’Brian? Der kurze, pummelige Junge?“
Murphy nickte.
„Nun, Paddy, ist länger, etwas schlanker und vor allem ein exzellenter Handwerker geworden. Er war mein erster Lehrling und Geselle und danach ist er bei mir geblieben. Die Leute kommen teilweise aus London, um bei uns zu bestellen.“
„Dann mußt du ja ein gemachter Mann sein.“
„War ich, ja. Aber die Scheidung war sehr teuer.“
„Tut mir leid. Was ist damals genau passiert?“
„Ich weiß es ehrlich gesagt immer noch nicht. Ich denke, ich habe zuviel Zeit in die Arbeit gesteckt und mich zu wenig um Anne gekümmert. Als sie dann diesen verdammten Briten kennengelernt hat, war es zu spät. Wenigstens muss ich aufgrund der Scheidungsvereinbarungen keinen Unterhalt zahlen. Aber es hat mich finanziell weit zurück geworfen, weil ich viel Geld in die Werkstatt investiert hatte.“
„Und was machen die Frauen seitdem?“
„Ach, nichts festes. Beim Pfaffen bin ich ja eh unten durch und so viele Frauen gibt es in Cork ja auch nicht, die der Aufmerksamkeit wert wären. Molly Mallone war so eine. Aber sie hat Seamus O’Flaherty geheiratet.“ Aaron zuckte mit den Schultern.
„Ach, komm, lass uns zurück in die Stube gehen. Magst du immer noch den guten alten Whiskey?“
„Ja, aber nur in Maßen.“
„Oh, das klingt nach einer Geschichte.“
„Ja, und zwar nach einer, in der ich gerne deinen Rat hätte.“
„Na dann ab ins Wohnzimmer.“
Ironheart
24.03.2004, 13:06
Ursprünglich von Ironheart
Vor knapp 3 Monaten
Militärgefängnis „New Alcatraz“,
Jupiterorbit, Sol-System
„CARTMELL, auf die Beine, HOPP! An die Wand treten, aber zackig!“
Der Wächter brüllte durch die geschlossene Tür und weckte damit den Häftling, der auf seiner schmalen Pritsche einen Mittagsschlaf gehalten hatte. Schlaftrunken stand Donovan Cartmell auf und stellte sich mit dem Gesicht zur Wand hin. Automatisch platzierte er seine Füße und Hände in gelbe Kreise, die auf dem Boden und auf der Wand eingemalt waren. Aus seinem Augenwinkel konnte er sehen, wie der Wachmann durch den Sehschlitz der Stahltür genau beobachtete, ob er auch vorschriftsmäßig Aufstellung genommen hatte. Erst dann wurde die Stahltür geöffnet.
„Los, heraustreten.“
Gemächlich verließ er die Zelle und wurde vor der Tür von drei Wächtern in Empfang genommen. Kaum war er draußen, legte ihm einer der Wachmänner die Fußfesseln an, dann bekam er Handschellen verpasst, die dann mit einer weiteren kurzen Kette mit den Fußfesseln verbunden wurden.
Mit ausdrucklosem Gesicht nahm Donovan diese Prozedur hin. Er war seit zwei Jahren im Block 4 des Orbitalgefängnisses „New Alcatraz“ weit oberhalb der Atmosphäre des Jupiter und hatte sich an dieses Brimborium gewöhnt.
Er war noch nicht ganz wach und begann sich langsam zu fragen, wo sie ihn wohl hinbringen würden. Er wusste von keinem Termin der anstehen sollte, aber er fragte die Wachmänner um ihn herum auch gar nicht erst. Sie würden ihm eh nicht antworten.
Somit schritten sie schweigend durch die langen Flure der Orbitalstation, einzig begleitet von einem beständigen Klirren der Fesseln. Sie durchquerten mehrere Schleusentore, ehe Sie am Verhandlungsraum A ankamen. Donovan runzelte die Stirn, besonders als er dort von drei Offizieren erwartet wurde. Sein Magen war zunehmend nervöser geworden, vor allem, da er keinen blassen Schimmer davon hatte, was hier gespielt wurde. Doch äußerlich ließ er sich nicht das geringste anmerken, seine dunklen Augen verrieten keine Gefühlsregung.
Der Raum in den er jetzt geführt wurde, war mit seinen 5 mal 10 Metern – wenn man mal vom Shuttlehangar absah - der größte der Orbitalstation und komplett mit dunklem Holz getäfelt. Das Licht war hier etwas gedämpfter und indirekter als das gleißende Neonlicht, das üblicherweise in den anderen Sektionen der Station vorherrschte. An der Stirnseite des Raumes standen zwei große Tische an dem drei Offiziere offensichtlich auf ihn warteten. Er erkannte zwei von Ihnen sofort.
Commander Flannigan, der Befehlshabende Offizier und sein Stellvertreter, Lt. Commander McPherson. Der dritte Offizier, ein älterer Commodore war ihm gänzlich unbekannt. Rechts von den beiden saß an einem kleinen Extratisch Flannigans Assistentin und verkabelte noch diverse Aufzeichnungsgeräte.
„Mr. Cartmell,“ kam Commander Flannigan gleich zur Sache als Donovan in der Mitte des Raumes stehend Haltung angenommen hatte, „wie Ihnen Lt. Commander McPherson vor zwei Wochen ja mitgeteilt hat, werden wir heute in dieser Verhandlung darüber entscheiden, ob §67a des Navy Kriegsrechts bei Ihnen Anwendung findet. Ich hoffe, Sie haben sich entsprechend gut vorbereitet?“
Augenblicklich schoss Hitze in Donovans Gesicht, die Nackenhaare stellten sich ihm auf und seine Augen weiteten sich unwillkürlich.
`Was redete Flannigan da? §67a des Kriegsrechts? Was zum Henker war das?`
Sein Blick zuckte hinüber zu McPherson. Ein sadistisches Lächeln huschte diesem über das Gesicht und die Bosheit funkelte ihm förmlich in den Augen. Schlagartig wurde Donovan klar, dass er tief in der Scheiße zu sitzen schien. McPherson hatte ihn noch nie leiden können, schlimmer noch, er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht ihm wo immer es ging das Leben schwer zu machen. Und jetzt hatte er ihn anscheinend nicht über ein wichtiges Verfahren informiert.
Donovan überdachte in steigender Panik seine Optionen. In McPhersons Gesicht konnte er die Hoffnung erkennen, das er jetzt in Rage geraten, eine Szene machen und McPherson anschwärzen würde ihn nicht informiert zu haben.. Donovan wusste, dass der stellvertretende Gefängnisdirektor das mit Sicherheit abstreiten würde, so dass das Wort eines aktiven Offiziers in diesem Falle gegen das Wort eines Häftlings stünde.
Auch Flannigans Mienenspiel ließ nicht gerade den Schluss zu, ihm gegenüber wohl gesonnen zu sein. Daher war sich Donovan sicher, das er nicht auch nur eine Sekunde in Erwägung ziehen würde, sich auf seine Seite zu schlagen.
Also entschied er sich so ruhig wie möglich zu bleiben, auch wenn in ihm bereits der Hass auf diese Navy Offiziere brodelte. Aber er würde McPherson und den anderen nicht den Gefallen tun und jetzt durchdrehen.
„Sir?“ fragte er stattdessen so ruhig wie möglich, in der Hoffnung ein paar weitere Informationen zu erhalten. Vielleicht würde Ihm der Commander einen versteckten oder indirekten Hinweis geben, um was es hier eigentlich ging. Doch dieser ging leider nicht darauf ein.
„Mr. Cartmell, ich möchte Ihnen Commodore Kowalenko vorstellen. Er wird in dieser Sache entscheiden.“ Der Commodore blickte Donovan mit undurchsichtigem, ernsten Gesicht an. Dann bellte er drauf los.
„Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Häftlingsnummer!“
Automatisch nahm Donovan Haltung an.
„Donavan Cartmell, Geboren 30. August 2602, in Jacksonville, Florida, USA, Terra, Sir. Häftlings-ID 36758-B12.”
“Sie haben 2622 ihren Abschluss zum Jagdflieger an der Terran Space Academy gemacht, ist das richtig?“
„Ja, Sir!“
„Einsatz gegen Piraten im [XXX]-System im Jahre 2623? Zwölf Kampfeinsätze, drei Abschüsse, richtig?“
„Aye, Sir.“
„Ende 2623 sind Sie in einem weiteren Einsatz aus Ihrer Maschine geschossen worden und wurden anschließend als MIA geführt, korrekt?“
„Ja, Sir.“ Donovan fragte sich, was das alles sollte. Wollten Sie etwa alles noch einmal aufrollen?
„2627 hat die Terran Space Navy eine Strafexpedition gegen die Hooker`s Pirates eingeleitet. Nachdem im Rahmen dieser Operation die Piratenbasis entdeckt und ausgeschaltet wurde, hat man Sie nach dem Sturmangriff in der feindlichen Basis aufgegriffen. Man hat Sie ohne erkennbare Spuren einer Misshandlung, Folter oder Gefangenschaft festgenommen in der Annahme, dass Sie ein Mitglied der Hooker´s Pirates gewesen sind. Die zwei Piratenkollegen, die außer Ihnen den Angriff überlebt haben, bestätigten dies und sagten gegen Sie aus. Sie sind daher wegen Piraterie angeklagt worden, doch man hat Sie aus Mangel an Beweisen freisprechen müssen!“
Der Commodore pausierte kurz und blickte mit einem Stirnrunzeln auf die vor ihm auf dem Tisch ausgebreiteten Unterlagen ehe er fort fuhr.
„Ihr Pflichtverteidiger hat Sie damals ganz gut rausgeboxt, nicht wahr mein Junge?“
Donovan zögerte mit der Antwort. Er spürte, dass dies eine Fangfrage war. Er spürte, dass er jetzt ganz vorsichtig sein musste mit seiner Antwort. So wie es aussah, wollten Sie ihm irgendetwas anhängen, etwas was sie ihm damals nicht hatten beweisen können.
„Dazu möchte ich mich nicht äußern, Sir.“
Ein harter Blick traf ihn, Commander Kowalenkos Augen verengten sich zu Schlitzen. „Hören Sie, Mr. Cartmell, vier Jahre waren Sie in der Hand der Hooker´s Pirates. Man hat Sie nicht in einem Cockpit erwischt und konnte Ihnen daher keine direkte Beteiligung an den Angriffen auf das Territorium und das Eigentum der Bundesrepublik Terra nachweisen. Aber die beiden Freibeuter haben belastende Aussagen gegen Sie gemacht. Einer der beiden hatte schließlich einen mysteriösen Unfall, der nie vollständig aufgeklärt werden konnte und der andere starb kurz darauf bei einer Messerstecherei im Untersuchungsgefängnis. Zwei äußerst merkwürdige Zufälle, oder?“
Donovans Blick blieb ausdruckslos. Er machte keine Anstalten die Frage zu beantworten. Wenn Sie nach all den Jahren wieder versuchen würden, ihm eine Beteiligung an den Angriffen der Piraten anzuhängen, dann mussten sie sich schon stärker anstrengen.
„Solche Dinge passieren manchmal, Sir.“
Dem Commodore war deutlich anzusehen, das ihn diese Antwort in keinster Weise zufrieden stellte. Doch Cartmell ließ das kalt. Wer die letzten zwei Jahre in einem Militärgefängnis voll gepackt mit dem Bodensatz der Navy und sadistischen Wachmännern überlebt hatte, der war nicht mehr durch ein paar harmlose Äußerungen eines daher gelaufenen Commodore zu beeindrucken.
„2628 wurden sie also wieder in den Dienst gestellt“ der Commodore verzog bei diesen Worten das Gesicht „sind aber mehrmals durch Ungehorsam und Undiszipliniertheit auffällig geworden, ehe Sie 2631 der schweren Körperverletzung für schuldig gesprochen wurden. Man hat Ihnen dafür vier Jahre aufgebrummt, auch wenn das nicht annähernd die Strafe ist, die sie eigentlich verdienen würden, wenn man bedenkt, was sie sich bisher in Ihrem Leben geleistet haben, oder !?“
Donovan hatte immer mehr Mühe ruhig zu bleiben und innerlich kochte er vor Arger. Langsam hatte er den Eindruck, dass der Commodore ihn bewusst provozierte, so als ob er darauf hoffte einen Gefühlsausbruch zu erwirken oder um ihn zu einer unbedachten Äußerung hinreißen zu lassen. Doch Donovan blieb weiterhin cool.
„Sir, ich büße meine Strafe dafür ab, dass ich mich habe provozieren lassen. Das war eines Offiziers der Terra Space Navy nicht würdig und daher trage ich meine Schuld gegenüber meiner Einheit, der Navy und der Terranischen Republik ab.“
`Und egal wie sehr ihr Bastarde euch auch anstrengt, dachte er den Gedanken zu Ende `dieser Standardsatz ist alles was ihr von mir hören werdet.`
Commodore Kowalenko blickte ihm einige ewig langen Sekunden tief in die Augen. Der eisige Blick war für Donovan absolut undurchdringlich. `Was spielen die hier bloss für ein Spiel?` fragte er sich unwillkürlich während er darauf wartete, dass der Commodore die Verhandlung fortführte.
Dann beugte sich dieser abrupt zu den anderen beiden Offizieren hinüber. Donovan konnte nicht hören, was die drei flüsterten, doch er erkannte, dass McPherson mit dem Resultat der kurzen Diskussion nicht zufrieden war.
„Mr. Cartmell“ ergriff der Commodore wieder das Wort. „Wie Sie wissen, befinden wir uns im Krieg. Und auch wenn wir sicher sind, das wir die verfluchten Akarii werden besiegen können, herrscht im Moment ein eklatanter Mangel an guten und kampferprobten Piloten. Daher wenden wir in ihrem Falle §67a des Navy Kriegsrechts an.“
Ironheart
24.03.2004, 13:08
Ursprünglich von Ironheart
Donovan war verwirrt. Sein Herz raste wie wild und er wartete wie gebannt auf weitere, erklärende Worte des hochrangigen Offiziers. Doch nichts dergleichen geschah. Donovan wartete ein paar Sekunden, dann wäre er am liebsten nach vorne gestürmt, hätte den Commodore am Kragen gepackt und angebrüllt, dass er gottverflucht noch mal nicht wusste, was §67a zu bedeuten hatte. Doch er riss sich zusammen.
„Sir, was genau bedeutet das nun für mich?“ fragte er nervös.
Commodore Kowalenko schaute dem Häftling wieder tief in die Augen. Den Blick frostig zu nennen, wäre untertrieben gewesen. Es lag keinerlei Wärme in diesen Augen, jedenfalls nicht für ihn.
„Das bedeutet, dass wir Sie an die Front schicken werden und zwar an Bord eines Jagdfliegers.“
Donovan fiel die Kinnlade herab und er schaute fassungslos von einem Offizier zum anderen. Hatte er sich da gerade verhört? Es war Lt. Cmdr. McPhersons hasserfüllter Blick, der ihm klar machte, dass er wohl richtig gehört haben musste.
„Petty Officer, nehmen Sie Mr. Cartmell die Fesseln ab.” Immer noch mit offenem Mund schaute Donovan dem Petty Officer dabei zu, wie er ihm erst die Hand- und dann die Fußfesseln abnahm.
Langsam, ganz langsam formte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht und wäre er alleine, er hätte sicherlich einen Freudentanz aufgeführt. Er würde wieder frei sein, er würde wieder für die Navy fliegen.
„Ich möchte noch ein paar Dinge außerhalb des Protokolls klarstellen, Mr. Cartmell.“ Die äußerst scharfe Stimme des Commodore ließ Donovan augenblicklich das Grinsen im Gesicht einfrieren. Das tiefe Grollen, dass in der Stimme des Commodore mitschwang ließ Donovan förmlich spüren, wie schwer es dem Commodore wohl fallen musste, ihn jetzt wieder in den aktiven Dienst zu stellen.
„Damit wir uns nicht missverstehen. Ich persönlich glaube ihnen nicht, Mr. Cartmell. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie über vier Jahre bei den Piraten keine Möglichkeit zur Flucht gefunden haben wollen. Ich gehe sogar davon aus, dass ihre Freibeuterkameraden die Wahrheit gesagt haben, als Sie uns zwitscherten, dass SIE der „Black Buccaneer“ der Hookers Pirates gewesen sind. Auch wenn Sie dessen nicht überführt wurden, ich bin überzeugt davon, dass SIE und niemand anders für den Abschuss von 8 und damit für den Tod von 5 Terranischen Piloten sowie für die Kaperung von etlichen Transportern und Frachtern verantwortlich sind. Wir haben es ihnen nur nicht schlüssig nachweisen können.
Verdammt, Sie können sicher sein, wenn es nach mir ginge, würden Sie weiterhin in dieser Zelle schmoren. Vergessen sie eines nicht, Mr. Cartmell, Sie verdanken es einzig und alleine unserer momentanen verzweifelten Lage, dass Sie diese unverdiente Chance zur Rehabilitation erhalten, IST … DAS … KLAR?“
Donovan nickte langsam, jetzt wieder mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck.
„Gut, zurück zum Protokoll.“
Der Commodore fischte einen großen Umschlag aus seinen Unterlagen, entsicherte das elektronische Siegel mit seiner Chipkarte und zog einen gedruckten Befehl heraus.
„Mr. Cartmell, ab dem heutigen Tage, dem 15.07.2633, ergehen folgende Befehle und Anweisungen an Sie:
Erstens: Ihre Haftstrafe ist für unbestimmte Dauer ausgesetzt, aber nicht aufgehoben. Es wird nach Beendigung dieses Krieges im Ermessen eines Militärgerichts der Terran Navy liegen, welche Auswirkungen ihre Taten auf ihre noch zu verbüßende Haftstrafe haben werden.
Zweitens: Es ist Ihnen auch weiterhin strengstens untersagt Militärisches Gelände aus eigenem Antrieb zu verlassen. Es sei denn mit ausdrücklicher Genehmigung mindestens zweier Ihrer Vorgesetzter und dann auch nur unter Aufsicht der MP. Sollte dies doch vorkommen, wird es als Fluchtversuch gewertet, sie augenblicklich wieder inhaftiert und erneut vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
Drittens: Sie haben das Recht auf Ihren früheren Rang als Second Lieutenant verwirkt. Daher werden Sie – entgegen der allgemeinen Tradition - im Range eines Ensign eingesetzt werden. Sie haben des weiteren keinen Anspruch auf jedwede Orden oder Beförderungen oder ähnliches.“
Wieder fixierte ihn der Commodore mit mörderischen Blick.
„Also, Ensign Cartmell, sie packen jetzt ihre Sachen und melden sich dann umgehend bei Commander Flannigan, er wird Ihnen dann ihren Marschbefehl aushändigen.“
Die drei Offiziere starrten ihn noch ein letztes Mal hasserfüllt an, ehe sie ihn mit einem „Weggetreten“ aus der Verhandlung entließen.
Der frischgebackene Ensign salutierte zackig und folgte dem Petty Officer auf wackeligen Knien wieder zurück zu seiner Zelle. Er hatte es noch gar nicht wirklich erfassen können, als ihn schließlich mitten auf dem Zellengang die Erkenntnis traf:
Er würde wieder in den Krieg ziehen!
Als sie ihn zurück in seine Zelle geleitet hatten, schaute sich Donovan ungläubig um. In Kürze würde er seinen Kerker wieder verlassen und endlich wieder seine Schwingen ausbreiten und fliegen.
Und dann begann es, er konnte es nicht mehr zurück halten Erst war es eher ein nervöses Kichern, dann ein tiefes Glucksen. Schließlich verwandelte es sich in ein grollendes Lachen, das immer lauter und immer hysterischer wurde. Als er dann lauthals brüllte vor Lachen, stimmten die anderen Gefangenen in den Nachbarzellen mit ein. Der ganze Block 4 des Gefängnisses schien vor Johlen zu erbeben. Donovan hoffte, das sich dieses Lachen durch die gesamte Station vibrieren würde, bis hinauf zu seinen Kerkermeistern.
„Scheiß auf die Navy“ sagte er zu sich selbst, als er sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel wischte und begann seine Sachen zu packen.
Ironheart
24.03.2004, 13:09
Ursprünglich von Ironheart
Knapp drei Monate später, Anfang September 2636
Navystützpunkt Guerren Space Field,
Mars, Sol-System
Lieutenant Commander Santiago „Tigre“ De LaCruz betrachtete gebannt den Bildschirm seines Terminals in seinem Büro. Dieser zeigte ihm gerade die Aufzeichnungen des letzten Trainingseinsatzes des „Dreckigen Haufens“. So nannte er zumindest seinen momentanen Ausbildungskader. 24 Piloten, die man aus sämtlichen Navy Gefängnissen des terranischen Raumes gezerrt hatte, um sie innerhalb von drei Monaten fit für die Front zu machen. Unter ihnen waren Schläger, Drogendealer, Schieber und ähnlicher krimineller Abschaum. Allesamt waren Sie der Bodensatz der Navy, ehemalige Piloten und Offizieren die aus welchem Grund auch immer vom rechten Weg abgekommen waren, und zwar gewaltig.
Sie alle hätten eigentlich noch lange Haftstrafen absitzen müssen, doch nun wurden sie woanders gebraucht.
Die Niederlage von Mantikor und die starken Verluste unter anderem bei Jollahran, hatten zu einem immer stärker werdenden Mangel an kampferfahrenen Piloten geführt. Und da die Homefleet und ihre Fliegerverbände weiterhin an das Sol-System gebunden waren, solange Präsidentin Birmingham nicht das Notstandsgesetz 228 unterschrieben hatte, mussten Sie zusehen wie sie schnell an neue Piloten kommen konnten.
Die Terran Space Academy hatte zwar sowohl die Einstiegsvoraussetzung als auch die Anforderungen und die Dauer der Ausbildung für Piloten deutlich gesenkt. Doch zum einen waren die meisten dieser Piloten so unerfahren, das Sie nur als besseres Kanonenfutter für die Echsen dienten. Und zum zweiten brauchte es trotzdem seine Zeit, ehe diese Maßnahmen greifen würden.
Somit hatte das Flottenhauptquartier entschlossen, zumindest §67a des Navy Kriegsrechts zur Geltung zu bringen und damit ein paar Piloten aus den Gefängnissen zu rekrutieren. Wobei sich De LaCruz vollkommen bewusst war, das das nur ein Tropfen auf den heißen Stein war.
Zusammen mit drei weiteren Ausbildern oblag es nun ihm, diesen chaotischen Haufen in loyale Soldaten der Navy zu verwandeln.
Genau so gut hätte das Oberkommando ihnen auch einen Sturmangriff auf Akar befehlen können, die Aussicht auf Erfolg wäre dabei sicher höher gewesen.
Gerade aus diesem Gedankengang wurde er herausgerissen, als einer seiner Untergebenen, First Lieutenant Thomas „Thor“ Jörgenson, ohne anzuklopfen in sein Büro rannte.
„Das solltest du dir ansehen, Tigre“ brabbelte Jörgenson während er den kleinen Fernseher im Büro seines Vorgesetzten einschaltete und sich auf einen der Stühle fläzte.
„Ich wünsche dir auch einen schönen Morgen, Thomas“ warf De La Cruz sarkastisch ein, doch der große Blonde reagierte überhaupt nicht, im Gegenteil, er drehte noch weiter die Lautstärke auf.“
Auf dem Bildschirm erschien die unverkennbare, kleine blonde Gestalt der derzeitigen Präsidentin der Bundesrepublik Terra
„…zu intensivieren um unserer Navy, jetzt da die Reihen konsolidiert sind, die Möglichkeit zu geben einen Offensivkrieg zu führen."
Während Präsidentin Birmingham eine bedeutungsschwangere Pause machte und ihren Blick einen kurzen Augenblick durch den Parlamentssaal schweifen ließ, beugte sich jetzt auch Santiago De LaCruz interessiert in Richtung des Fernsehers.
"In Übereinstimmung mit den Notstandsgesetzen und den in Kriegszeiten bestehenden Exekutivrechten meines Amtes habe ich auf Anraten meiner militärischen Berater das Notstandsgesetz Nummer 228 unterschrieben. Mit sofortiger Wirkung sind sämtliche Raummilizen der Kategorie A direkt in die entsprechenden Teilstreitkräfte einzugliedern Sämtliche Reservisten der Kategorien A und B haben sich zum Kriegsdienst zu melden….“
„Jaaaah“ Jörgenson ballte die Faust „endlich kommt die Schlampe zur Vernunft.“
De LaCruz hob bei dieser Wortwahl seines Flügelmanns zwar missbilligend eine Augenbraue, doch gleichzeitig nickte er zustimmend. „Ja, es wurde Zeit“ bemerkte er trocken.
„Jetzt geht’s endlich an die Front.“ Jörgensons Euphorie war ansteckend. Sein breites Grinsen schien seine beiden Ohren miteinander zu verbinden und es hätte nicht viel gefehlt und der große, blonde Schwede wäre vor Glück wohl um den Tisch getanzt. Doch dann fiel ihm etwas ein und er hielt in der Bewegung inne.
„Uuups, was wird denn dann wohl aus dem dreckigen Haufen?“
„Nächste Woche ist das Programm beendet“ führte De LaCruz aus „ich denke wir werden das ganze wie geplant zum Abschluss bringen. Danach werden den Piloten ihre Marschbefehle erteilt, genauso wie uns, schätze ich.“
„Sie wollen wirklich keine eigene Einheit aus dem „Dreckigen Haufen“ machen? Die Jungs haben jetzt 3 Monate gemeinsam trainiert und sind aufeinander eingestellt. Warum das jetzt auseinander reißen?“
Lächelnd lehnte sich De LaCruz zurück. „Na gut, stell dir vor, der „Dreckige Haufen“ würde einem leichten Träger zugeordnet werden. Was meinst du wie sicher sich die Besatzung fühlen würde, ganz zu schweigen dessen Kapitän, wenn die Hälfte der Piloten ausgewachsene Halsabschneider wären? Ehe man sich versieht, könnte die Horde so einen leichten Träger übernehmen und ab in die Peripherie…“
Langsam aber sicher erkannte Jörgenson die potenzielle Gefahr in diesem Fall. „Stimmt, du hast Recht“ kam ihm die Erkenntnis „sie werden sie so gut wie nur möglich in der Navy streuen, so dass immer höchstens zwei von Ihnen in einem Geschwader sind.“
„Exakt! Übrigens wie macht sich der Haufen?“
„Na ja, Cougar und Aslan drehen mit den harten Jungs gerade eine weitere Runde im Sim. Ich denke aber Sie sind bereit für das Abschlussmanöver nächste Woche.“
„Und sind sie auch bereit für den Krieg?“ fragte De LaCruz nachdenklich, jetzt da er wusste sie würden sich wohl bald alle an der Front wieder finden.
Jörgenson zuckte mit den Achseln, was wohl ein ´Was solls` symbolisieren sollte. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihm egal war, wo dieser - aus seiner Sicht - Abschaum der Navy schließlich landen würde.
De LaCruz legte seinen Kopf leicht zur Seite und bedeutete damit seinem Untergebenen wortlos, das dies keine private sondern eine dienstliche Frage gewesen war.
Also verdrehte der blonde Hüne, der auch einem schwedischen Reiseführer als typischer Einheimischer hätte entsprungen sein können, seine blauen Augen und legte schließlich doch mit seiner Analyse los.
„Also, drei oder vier von denen würde ich unterstellen, den derzeitigen Akademieabschluss nicht schaffen zu können. Weiß der Geier wie sie es vorher geschafft haben. Vielleicht haben Sie es auch inzwischen einfach nur verlernt. Ist auch egal, ich denke jedenfalls nicht, dass wir die ruhigen Gewissens in eine 30 Millionen Real teure Kriegsmaschine stecken sollten.
Die Hälfte vom Rest, also knapp zehn von Ihnen würde ich ungefähr auf Akademieniveau setzen, obwohl es sich ausnahmslos um Piloten handelt, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Dabei sind aber nicht die fliegerischen Fähigkeiten der Grund für diese schwache Bewertung, sondern eher die grottenschlechte Auffassung von Disziplin und Moral. Die übrigen zehn würde ich, wenn da nicht ihr verkorkster Lebenslauf wäre, durchaus als Bereicherung für die Navy ansehen. Wobei zwei von denen sogar richtig gut sind.“
„Cartmell und Lady Death?“
„Ja, genau. Wobei Lady Death mit ihrem rüden Auftreten und ihrer offenkundigen Arroganz ihre Fähigkeiten sehr gut kaschieren kann. Sie ist extrem undiszipliniert, aggressiv und halsstarrig. Ich kann nur hoffen, ihr nächster Staffelführer kriegt sie in den Griff, sonst könnte das auch ganz schnell nach hinten losgehen.“
„Was ist mit Cartmell? Weigert er sich immer noch sein altes Callsign anzunehmen?“
„Ja“ Jörgenson schnaubte verächtlich „er sagt, Highball wäre gegen die Piraten gestorben. Und ein eigenes Callsign will er nicht benennen.“
„Dann wird er eben weiter Noname heissen, bis man ihm in seiner neuen Einheit ein neues Callsign verpasst“ erwiderte De LaCruz schulterzuckend.
„Na jedenfalls passt Noname überhaupt nicht auf ihn. Ein Noname ist er, zumindest was seine Flugkünste angeht, wahrlich nicht.“
„Ich weiß“ brummte De LaCruz „mich hat er auch schon zwei Mal erwischt.“
Jörgenson grinste schief „Mich schon dreimal. Kein Trost das wir ihn mindestens genau so häufig abgeschossen haben, oder?“
„Nein“ grinste De LaCruz „eigentlich möchte man meinen, das man einem Ex-Sträfling, der die letzten vier Jahre hinter Gittern gesessen hat, überlegen wäre, aber…“ Er verzog etwas das Gesicht und hoffte, das das bedeutete, das Cartmell gut war und nicht er selber schlecht. „Wie ist deine letzte Bewertung über ihn, Thomas?“
„Er ist ziemlich verschlossen, zurückhaltend und sondert sich häufig ab. Er scheint den anderen aus dem Weg zu gehen und die meisten von denen Ihm auch. Er scheint auch latent aggressiv zu sein. Ich glaube zwar, das er sich einigermaßen unter Kontrolle hat. Aber ich fürchte, er ist quasi wie ein menschliches Pulverfass, das irgendwann hochgehen könnte. Im großen und ganzen hält er sich aber an die Regeln und gehört eindeutig zu den Disziplinierten.
Fliegerisch hat er seine Maschine sehr gut unter Kontrolle, ist mit den Erfordernissen des Raumkampfs gut vertraut und seine Treffergenauigkeit ist passabel, wenn auch etwas schwächer als sein Flugtalent. Am Anfang schien er auch damit etwas schwächer zu sein und es war etwas holprig, aber ich denke er ist jetzt wieder drin. Er fliegt sehr unkonventionell und im Grunde überhaupt nicht nach Lehrbuch. Nicht das er die Manöver nicht beherrschen würde, aber ich habe den Eindruck, das er quasi seinen eigenen Stil hat.“
„Hmm, das könnte ihm gegen die Akarii von Vorteil sein.“
„Ich weiß nicht, Tigre. Ich glaube er hat sich anscheinend noch nicht an die Akarii-Flugmuster gewöhnt. Jedenfalls schneidet er im Kampf gegen Erdjäger oder gegen Akariiflieger, die von menschlichen Piloten gesteuert werden deutlich besser ab als gegen simulierte Akariis. Man möchte fast meinen, das ihm der Abschuss von Erdjägern leichter fällt, als der von Akarijägern.“ Jörgenson machte eine kurze Pause ehe er ernst fragte: „Glaubst Du, dass er es gewesen ist?“
De LaCruz Gesicht verdüsterte sich bei Jörgensons Frage schlagartig. „Du meinst, ob Cartmell der Black Buccaneer gewesen ist? Ich weiß es nicht? So wie er fliegt, könnte es durchaus sein. Man hat es ihm nicht nachweisen können, und er hat es selbst nie zugegeben.“
Er blickte seinen Flügelmann noch etwas düsterer an als zuvor.
„Wenn er es tatsächlich sein sollte, bin ich heilfroh, das wir auf der selben Seite sind. Und ich kann nur hoffen, das das auch so bleibt.“
Ironheart
24.03.2004, 13:10
Ursprünglich von Ironheart
Zur selben Zeit wurde Donovan Cartmell bewusst, das er die Navy hasste, jeden Tag ein Stückchen mehr.
Als die Simulation endete und der Bildschirm schwarz wurde blieb Donovan wo er war, nachdenklich im Dunkeln. Er brauchte sich nicht lange zu fragen, warum seine Abneigung gegen die Navy so groß war. Er wusste es genau.
`Du bist Ihnen vollkommen egal! Was Du denkst, was Du fühlst interessiert sie nicht. Es hat Sie nie interessiert und es wird sie nie interessieren. So einfach ist das`
Erst hatten Sie ihn vier Jahre bei den Piraten verrotten lassen, es war Ihnen egal gewesen, was aus ihm geworden war. Im Einsatz für sein Land war er abgeschossen worden und wer hatte ihn gerettet, etwa die Navy?
Nein, es waren die Piraten gewesen, die ihn aufgelesen hatten.
Deren Empfang war zwar nicht gerade herzlich gewesen, im Gegenteil. Mindestens ein halbes Jahr hatte er jeden Tag um sein Leben kämpfen müssen, jeden Tag war er eigentlich zig Tode sterben müssen, so hart hatten sie ihn ran genommen. Doch etwas hatte ihn am Leben gehalten: Die Navy würde ihn nicht im Stich lassen. Sie würden kommen und ihn retten!
Wie naiv er doch gewesen war. Sie waren nicht gekommen, sie hatten ihn nicht gerettet. Einzelschicksale zählten für diesen Riesenmilitärapparat nicht. Er war abgeschossen worden, und die Piraten hatten ihn früher aufgefischt als die Navy, das war sein Pech gewesen.
`Und dann, als sie nach vier Jahren endlich doch gekommen waren, da hatten Sie...`
Er schüttelte den Kopf und verdrängte die Gedanken an seine „Befreiung“ wie sie es genannt hatten.
Das alles war jetzt nicht mehr wichtig. Die Navy hatte ihm noch einmal die Chance gegeben, als Pilot durch das All zu jagen. Es gab nichts was schöner und aufregender war, selbst wenn man dabei dem Feind und dem eigenen Tod in die Augen blicken musste. Alleine noch einmal die Chance auf das erhebende Glücksgefühl zu bekommen, von einem erfolgreichen Einsatz lebend zurückzukehren, was das ganze schon wert.
Doch er machte sich nichts vor. Auch diesmal war es der Navy vollkommen egal, was aus ihm werden würde. Der Unterschied lag darin, dass er jetzt darauf vorbereitet war.
Ein Klopfen an der verdunkelten Simulatorkapsel ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken und er öffnete die Abdeckung.
„Hey, Black Buccaneer? Hat es dich SO sehr geschockt, das du mich wieder mal in Fetzen geschossen hast, dass du jetzt alleine im Dunkeln schmollst? Hahahahahaha!“
Donovan verzog etwas genervt sein Gesicht, als ihm die lauthals lachende Visage von Ensign Walter „Sparky“ Saskijewisz entgegen blickte.
Sparky war eine ausgesprochene Nervensäge und Donovan spürte, dass er ihn sicher irgendwann erwürgt hätte, wenn das Training des dreckigen Haufens nicht nächste Woche beendet werden würde. Dabei war Sparky im Grunde ein gutmütiger Typ, aber beim besten Willen nur schwer zu ertragen. Der eher simpel gestrickte Charakter, der Drang lauthals und lange über seine eigenen Witze zu lachen und die offensichtliche Anbiederung, mit der er Donovan bedachte, waren diesem wiederum zutiefst zu wieder. Sparky gehörte zwar zu den weniger gefährlichen Kriminellen des dreckigen Haufens, aber er hatte immerhin einige Jahre wegen Waffenschieberei bekommen.
Und außerdem weigerte er sich beharrlich zu akzeptieren, dass Donovan nicht Black Buccaneer genannt werden wollte.
„Sparky, wie oft soll ich es noch sagen: Ich bin NICHT Black Buccaneer, klar?“
„Jaaaaaa, aber sicher doch“ antwortete ihm Sparky. „Aber natürlich. Soooo schlecht wie du fliegst bist Du genauso wenig Black Buccaneer, wie ich ein Schieber bin, nicht wahr? Hahahahahahahaha!“
Einen kurzen Augenblick überlegte Donovan ernsthaft, ob er Sparky nicht doch noch erwürgen sollte. Wer würde ihn denn schon vermissen?
Doch dann siegte die Vernunft und er ging wortlos davon. Nur noch eine Woche musste er Sparky ertragen, dann würde er zu seiner neuen Einheit versetzt werden.
Aber ob es ihm dann besser gehen würde, bezweifelte Donovan trotzdem.
Ironheart
24.03.2004, 13:11
Ursprünglich von Cunningham
Heimkehr, warum machte ihm dieser Begriff Angst?
Lucas schlenderte die letzte Strecke zu seinem Elternhaus, er hatte sich drei Straßen vorher von dem Taxifahrer absetzen lassen.
Die prächtigen Bauten erstaunten ihn nicht mehr, sie raubten ihm nicht mehr den Atem, wie sie es einst getan hatten.
Kälte wehte ihm ins Gesicht und er zog den Navymantel enger um zusammen, auch wenn er wusste, dass es ihm nicht half, nicht gegen den Winter der Ostküste der USA.
Die Bäume waren leergefegt und hohe Berge geräumten Schnees türmte sich zu beiden Seiten der Straße.
Ein Blick auf seine Halbschuhe sagte ihm, dass es sehr gut war, dass geräumt war, eine Schlidderpartie hätte gefährlich werden können.
Er seufste und ging auf das große weiße Haus zu, welches er mit Zuhause identifizierte. Es ist kleiner geworden.
Ein Schneeball fegt ihm die weiße Schirmmütze vom Kopf und Lucas fuhr herum und funkelte den Übeltäter wütend an.
Zumindest versuchte er es, doch die Schurken, beide etwa im Alter von 8 - 11 Jahren, rannten lachend um die nächste Straßenecke.
Kinder, wer sie einmal vom weiten erlebt hat will nie wieder etwas mit ihnen zu tun haben.
Er hob seine Mütze auf und stapfte auf die Villa seiner Eltern zu. Der Prachtbau war aus roten Ziegeln errichtet worden, zu dem Erdgeschoss kamen zwei Geschosse plus ein Dachgeschoss, dass mit schwarzen Ziegeln gedeckt.
Das Haus nahm einen Großteil des Grundstücks ein, mit einem kleinen Vorgarten, der von einem verzierten Eisenzaun eingegrenzt war und einem Garten hinten, der von Bäumen umringt war, Nadel- wie auch Laubbäume.
Die Fenster- wie auch Türrahmen waren aus weiß angestrichenem Holz.
Mit zwei Schritten war er die vierstufige Treppe hinauf und stand etwas unschlüssig vor der Tür.
Nachdem er sich mehrmals die Uniform gerade gerückt hatte klingelte er.
Ihm öffnete die hagere gestallt von Roice, einem der Butler seiner Familie. Lucas kannte den alten Briten schon seid er denken konnte.
Ein Lächeln schlich sich auf Roice ansonsten in Stein gemeißelte Zeuge: "Mister Lucas, Sir, willkommen daheim."
Schier überschwänglich ergriff der Butler Lucas Hand und schüttelte sie kräftig.
Dann nahm er Lucas den Seesack ab und schob ihn förmlich Richtung Wohnzimmer: "Miss Elisabeth, kommen Sie schnell und sehen Sie, wer den Weg nach Hause gefunden hat."
Lucas Mutter erschien in der Tür zwischen Lounge und Wohnzimmer.
Sie blieb einen Augenblick wie versteinert stehen und stürzte dann so schnell es ihre hochhackigen Schuhe und ihr Rock erlaubten zu ihrem Sohn.
Sie umarmte Lucas, der sie um mehr als einen halben Kopf überragte und küsste ihn auf beide Wangen.
Mehrmals versuchte sie zu sprechen doch die Freudentränen, die ihre Wangen hinunterliefen unterbrachen sie immer wieder.
"Sch-sch", macht Lucas und führte seine Rotz und Wasser heulende Mutter zurück ins Wohnzimmer.
Sie setzten sich auf die große Ledercouch, die dem Fernseher gegenüber stand und Elisabeth Cunningham wischte sich die Tränen mit einem Taschentuch aus dem Gesicht.
"Oh Lucas, oh Lucas ...", sie strich ihm über die Wange und lächelte, "ich bin ... es ... es tut so gut, die wohlbehalten wieder zusehen, ... aber warum hast Du Dich nicht gemeldet, wir hätten Dich vom Raumhafen abholen können."
"Ich war mir nicht sicher, wann ich auf der Erde eintreffen würde, ich musste zu einigen Besprechungen, hatte was im Militärhospital auf Luna zu erledigen ..."
"Du warst verletzt?" Ein sorgenvolles Mutterlächeln umspielte ihren Mund.
"Nun nein, nicht ich, meine ..., meine Verlobte ..."
"Oh", machte Elisabeth, "Deine Verlobte?"
Lucas lächelte etwas verlegen: "Ja Mom, ich habe mich verlobt ..."
"Und sie ist bei den Streitkräften und wurde verletzt?" Man hörte die leise Hoffnung in der Frage, dass seine Verlobte eine Ärztin bei der Navy war.
"Ja, Du hast in den Nachrichten sicherlich von der Schlacht bei Jollarahn gehört, dort wurde Melissa verletzt."
"Wurde sie ... wurde Melissa schwer verletzt?"
"Als sie die Löscharbeiten auf der Redemption koordinierte verlor sie ihren rechten Arm", Lucas räusperte sich und Elisabeth erbleichte, "sie züchten ihr gerade einen neuen."
"Sie wird also wieder vollständig gesund?" Elisabeth Cunningham versuchte jetzt die verständnisvolle Mutter zu sein, die sie im Augenblick gar nicht sein wollte. Am liebsten hätte sie ihren Sohn geohrfeigt. Er hätte jedes Mädchen haben können, was er wollte und mit vielen von ihnen hätte er eine gute Partie abgegeben, und da kam er nach über zwei Jahren zu Hause an und erzählte was von einer Navy-Schikse.
Sie beschloss, dass Nathan da ein Vater-Sohn-Gespräch führen muss.
Ironheart
24.03.2004, 13:12
Ursprünglich von Ironheart
Im Orbit um Mars, Sol-System, Anfang September 2633
Donovan „Noname“ Cartmell blickte auf seine Anzeigen auf der Suche nach den beiden Jägern, die es sich in seiner Sechs gemütlich gemacht zu haben schienen.
Twiiit- Twiiit- Twiiit- Twiiit- Twiiit- Twiiit
Das penetrante Geräusch der gegnerischen Zielerfassung trug auch nicht gerade zu seiner Entspannung bei. Dann feuerten die beiden simulierten Bloodhawks ihre Raketen auf ihn ab, so dass jeweils eine imaginäre Sparrow auf seine Phantom zuraste. Blitzschnell versuchte er in einem wilden Manöver und unter dem stetigen Auswerfen von Täuschkörpern ihnen zu entkommen.
Die erste der Raketen ließ sich nicht beirren und explodierte in seinem hinteren Schild, der damit geschwächt zusammenbrach. Zusätzlich dazu flammten ein paar rote Warnleuchten auf, die Cartmell aber erst einmal bewusst ignorierte.
Er musste erstmal zusehen, das er wenigstens die zweite Rakete abwimmeln konnte, dann könnte er sich immer noch die verursachten Schäden betrachten. Schließlich konnte er einen kurzen Augenblick aufatmen, als die zweite Rakete durch seine wilde Kurbelei die Zielerfassung verlor und an seiner Maschine vorbei schoss.
Doch die Freude währte nicht sehr lange. Eine der beiden Maschinen hatte er nicht abschütteln können, und diese klebte nun förmlich hoch über seinem Heck und stieß jetzt erneut auf ihn herab.
`Verdammt, die Lady ist gut` schoss es ihm durch den Kopf, kurz bevor mehrere Lasertreffer über sein Heck und seine Flügel strichen und dafür sorgten, dass seine Schadenanzeige in einem noch intensiveren rotorange zu blinken begann. `Was hast du erwartet, schließlich war sie mal Lieutenant Commander gewesen.` Das hieß, dass sie etwas auf dem Kasten haben musste.
„Verflucht, Sparky! Wo bleibt ihr? Noch so eine Salve und…“
„Sind dran, Buccy, sind dran. Pulse und ich haben Lady´s Flügelmann in der Zange. Halt sie dir noch etwas vom Leibe, ok? Auch wenn’s schwer fällt, HiHiHi…“
Innerlich fluchte Donovan, aber er wusste im Augenblick nicht was schlimmer war: Von Sparky´s Hilfe abhängig zu sein oder sein oder sich seine nervenden Kommentare anhören zu müssen. Doch ob es ihm gefiel oder nicht, hier und jetzt brauchte er seine Hilfe.
Er wechselte von normalem Schub auf Nachbrenner, ging in einen Immelmann, nur um diesen abrupt abzubrechen, vom Nachbrenner zu gehen und dann scharf nach links abzudrehen. Er konnte nur hoffen, das die Lady nicht sooo gut war und jetzt immer noch an seinem Heck klebte.
Doch sie war es.
Kaum ertönte die nächste Zielerfassungswarnung, da war die Rakete auch schon auf dem Weg. Und bevor Donovan reagieren konnte, zerriss sie ihm in einem simulierten Treffer erst die linke Tragfläche und dann den Rest der Maschine.
Frustriert betrachtete er die Schadensanzeigen, die ihm klar machten, dass er in einem echten Gefecht jetzt tot wäre. Kurz verzog er das Gesicht, dann funkte er ein kurzes „Nice shot“ an Lady Death.
„Winchester“ war ihre kurze Antwort, mit der sie ihm signalisierte, dass sie alle ihre Raketen gebraucht hatte um ihn zu kriegen. Auch wenn er sechs von ihren acht Raketen hatte ausweichen können, so konnte er über diesen schwachen Trost nur müde lächeln.
Es war Tigre, der ihn aus seinen Gedanken riss. „O.K. Ladies, damit ist auch dieser Teil der Übung beendet. Jetzt kommt der nächste…“
Ein wütendes Gemurmel des dreckigen Haufens hinderte ihn daran in seinen Ausführungen fort zu fahren. Seit sechs Stunden flogen sie nun fast ununterbrochen und hatten mehrere simulierte Einsätze hinter sich gebracht. Auch wenn Donovan sich an den Tiraden der anderen nicht beteiligte, fühlte er sich dennoch genauso ausgelaugt wie alle anderen.
„RUHE auf der Leitung, Ihr Sissies. Gefechtssimulation Nummer Acht. Feindlicher Bomberverband plus Jägereskorte. GAZ in 45 Minuten. Alle Jäger zurück in den Horst, auftanken, aufmunitionieren und wieder raus. Und wer von euch nicht spurt, den schicke ich mit einem gewaltigen Tritt in den Arsch wieder zurück in den Knast, VERSTANDEN?“
Die grimmig gemurmelten Jawoll´s waren sicher nicht die Art von Bestätigung eines Befehls, die sich Tigre gewünscht hatte, aber zumindest revoltierte auch niemand. Donovan war nicht überrascht. Keiner von Ihnen wollte wieder zurück in die Militärgefängnisse, aus denen Sie gekommen waren.
Zu gerne hätte Donovan jetzt den Helm abgenommen und sich den verspannten Nacken massiert, doch aufgrund der Nullatmosphäre im Cockpit war das nicht möglich. Er versuchte die Müdigkeit durch blinzeln zu bekämpfen, doch es fiel ihm schwer. Zum Glück würde er sich bald ein wenig frisch machen können, denn wenn es einen Vorteil bei diesen Übungen in der Nähe des Mars lag, dann darin, dass der Fliegerhorst nicht allzu weit entfernt von ihrem Trainingsquadranten entfernt war.
Als sie den richtigen Kurs eingeschlagen hatten, kam die riesig wirkende rot schimmernde Kugel des Mars in Donovans Blickfeld. Das rechte Drittel der schnell größer werdenden Scheibe war fast so schwarz wie das sie umgebende Universum. Einige wenige hell erleuchtete Kreise im Dunkeln zeugten von den Lichtern der Kuppelstädte, die derzeit auf der Nachtseite des Mars lagen.
Unwillkürlich versuchte er auf der anderen Tagseite vertraute Muster zu erkennen. Und dann konnte er tatsächlich die größte Erhebung des Mars, den Olympus Mons, erkennen. Auf dem alten, vor Urzeiten erloschenen Vulkan lag die Terran Space Academy, die Akademie auf der alle Piloten der Navy ihre Ausbildung erhielten.
Er war schon dort gewesen, es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein. Ein klein wenig wehmütig dachte er an die Zeit von damals zurück. Die Ausbildung war hart, nicht wenige waren gescheitert. Doch er hatte es geschafft, sogar in den oberen 10% seines Jahrgangs. Doch was hatte es ihm genützt? Mit welchen Träumen und Hoffnungen hatte er die Akademie verlassen und was war aus ihm geworden?
Mit bitteren Gedanken erkannte er, das bald die marsianische Nacht dort hereinbrechen würde und über 2000 Kadetten sich schlafen legen würden. Weitere 2000 Kadetten, die die nächste Generation der Navy bilden würden. `Weiteres naives Kanonenfutter für den Fleischwolf des Krieges` dachte Donovan gerade noch düster, bevor ihn sein Radar daran erinnerte, das sie sich ihrem Bestimmungsort näherten.
Noch konnte er es nicht erkennen, lediglich erahnen. Fasziniert beobachtete er, wie in der Entfernung - wie es aus seiner momentan Position erschien - eine dicht unter dem Mars hängende und blinkende längliche Form rapide wachsend näher kam. Ihr Ziel, die Raumstation T.R.S.S. SALAMIS.
Die T.R.S.S. SALAMIS war eine spezielle Raumstation und diente gleichermaßen als Schulschiff für die Navy als auch als orbitales Flugfeld für die Marsakademien. Ein Teil der Raumstation war einem Träger der TSN nachempfunden, inklusive Flugdeck und Brücke. Zusätzlich dazu kamen noch Shuttlehangars für den Transfer vom Mars und Reparaturhallen für beschädigte Jäger. Und diese wurden bitter benötigt. Denn wie bei einem Bienenstock kurz vor dem Schwärmen, wimmelte es um die SALAMIS herum von Jägern, Bombern und Shuttles, die größtenteils von Kadetten gesteuert wurden und die ebenfalls größtenteils von Kadetten eingewiesen wurden. Auch wenn eine Menge Ausbilder und erfahrene Offiziere anwesend waren, Fehler kamen auf diese Weise immer mal wieder vor.
Tigre´s Stimme krachte durch den offenen Kanal der beiden Staffeln und zerriss damit die Stille, die sie auf dem kurzen Anflug begleitet hatte.
„Safe Harbour von Dirty Bunch One, erbitten Landeerlaubnis nach Manöver-Prioritätsschlüssel Echo Charly Zulu Tango. 28 Jäger kommen heiß rein und raus, over.“
Tigre bat damit den momentanen Air Boss der Salamis bzw. dessen Deckcrew um eine vorher abgestimmte Gefechtslandung. Die Jäger des dreckigen Haufens würden beim Landeanflug vorgezogen werden müssen, das Landedeck musste sich bereit machen, 28 Jäger so schnell es ging neu zu betanken und aufzumunitionieren, um sie dann so schnell wie möglich wieder auszuspucken. Keine einfache Übung wenn man bedachte, das sich bestimmt noch weitere 4-6 Staffeln im Raum befanden und ebenfalls landen bzw. starten wollten. Da musste fast jeder Handgriff passen, jeder Befehl seine Richtigkeit haben, sonst würde sich alles an Bord in reines Chaos verwandeln. Doch gerade das sollten die angehenden Flottenoffiziere lernen.
Eine etwas unsichere Stimme - Donovan schätzte das Alter des Offizieranwärters auf höchstens 18 – rauschte durch den Funk.
„Bestätigt, Dirty Bunch One. Reihen sie sich ein hinter…“ es dauerte anscheinend einen Augenblick bis der Kadett die entsprechenden Anzeige finden und richtig interpretieren musste „Signal Eagle-Eye Six ein. Safe Harbour, over.“
„Copy, Dirty Bunch One over and out.“
Kurze Zeit später wurden Sie nacheinander vom ATLS erfasst und in die SALAMIS gesogen.
Kaum war Donovans Landung von statten gegangen, wurde seine Maschine auch schon aus dem Weg geräumt und in Richtung der Tankanlagen geschleppt. Donovan entschloss ein paar Minuten frische Luft zu holen und öffnete sein Cockpit. Mit einem Zischen entwich das künstliche Vakuum um der aufbereiteten Luft der SALAMIS Platz zu machen. Donovan entriegelte seinen Helm und nahm ihn ab. Müde massierte er seine Augen und seinen Nacken, dann stieg er aus um sich die Beine zu vertreten. Ein paar Meter abseits stand eine Gruppe des dreckigen Haufens, vertieft in ein Gespräch über die vergangenen Übungsflüge. Doch Donovan hatte nicht das geringste Interesse sich Ihnen anzuschließen.
Stattdessen betrachtete er das hektische Treiben auf dem Flugdeck, während er sich in tiefen Schlücke ein isotonisches Getränk aus den umherstehenden Flaschen gönnte.
So stellte er sich das Innere eines Ameisenhaufens vor: Überall wuselten Piloten, Deckoffiziere, technisches Personal und andere umher. Er war so vertieft in dieses Bild, das er etwas zusammenzuckte, als er von hinten angesprochen wurde.
„Sie sind gut geflogen heute, Noname, trotz der letzten Übung.“
Lieutenant Commander Santiago De LaCruz, genannt Tigre, war um mindestes einen Kopf kleiner als Donovan. Doch irgendetwas ging von diesem Mann aus, eine Aura der Selbstsicherheit, ohne dabei arrogant oder überheblich zu wirken. Tigre war kein sonderlich überragender Pilot, vielleicht sogar schwächer als er, doch auch Donovan musste zugeben, das er ein gewisses Charisma hatte, das ihn unbewusst Haltung annehmen ließ.
„Danke, Sir.“
„Beeindruckend, nicht wahr?“ Tigre schien das geschäftige Flugdeck mit seinen Armen umgreifen zu wollen. „Ich bin immer wieder davon fasziniert, mit welcher Emsigkeit diese Jungs und Mädels dafür sorgen, dass wir wieder startklar werden.“ Die dunklen olivgrünen Augen fixierten Donovan. „Was meinen Sie? Sind sie ihre Mühen wert?“
Der größere der beiden Piloten blinzelte verwirrt. „Sir?“
„Diese Frauen und Männer geben Ihr Bestes, damit wir uns dem Feind stellen können. Aber um ehrlich zu sein, Ensign Cartmell, ich glaube nicht, dass SIE ihr Bestes geben. Diese Leute zählen auf Sie und…“
„Scheissdreck…“ fluchte Donovan und quetschte noch mit Mühe ein „Sir“ durch seine Lippen. „Erlaubnis frei reden zu dürfen?“
„Ich denke, das tun Sie bereits, Ensign. Erlaubnis erteilt“ erwiderte der Lt. Cmdr. und nur seine etwas hochgezogene Augenbraue und die vor der Brust verschränkten Arme verrieten seine Missbilligung über Donovan`s Gefühlsausbruch.
„Sir, ich denke, dass weder ich noch Sie eine Rolle für diese Menschen spielen. Und auch nicht für unsere zukünftigen Kameraden. Wenn wir fallen, treten andere an unsere Stelle. In den Augen der Navy sind wir entbehrlich. Ich WEISS das und ich habe es selbst erlebt. Also erzählen sie mir nicht, wie wichtig ein jeder von uns sei und dieser ganze Quatsch. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe einen Jäger zu checken.“
Und damit ließ Donovan den Lt. Cmdr. stehen ohne auch nur auf dessen Reaktion zu warten.
Dieser blieb noch einen Augenblick stehen und schüttelte beinahe unmerklich den Kopf. Cartmell war ein guter Pilot, mit einem großen Talent, das viel zu lange brach gelegen hatte. In den richtigen Händen konnte dieser Rohdiamant zum Strahlen gebracht werden, doch De LaCruz wusste, solange Noname sich nicht würde frei machen können von seiner Vergangenheit, solange würde er sein Potenzial nicht ausnutzen können. Solange er nicht in der Lage war, anderen zu vertrauen, würde ihm auch nicht vertraut werden. Solange er nicht bereit war im Team mit seinen zukünftigen Kameraden zusammen zu arbeiten, solange würde er es mehr als schwer haben.
Ein Teil von De LaCruz wünschte sich, dass er Cartmell helfen könnte. Doch dem anderen Teil war bewusst, das er dies nur selbst konnte.
Wenn Sie ihm denn genug Zeit ließen: Die Akarii genauso wie die Navy.
Ironheart
24.03.2004, 13:12
Ursprünglich von Hammer
Am Abend begaben sich die beiden Iren in das örtliche Pub, wo Murphy, nachdem Aaron ihn vorgestellt hatte, mit lautem Hallo begrüßt wurde. Viele der Leute wollten ihm die Hand schütteln, doch Murphy merkte auch, dass er nicht allen willkommen war. Offensichtlich war auch in Cork die Partei der Friedensfreunde nahezu ebenso groß wie die der Kriegsbefürworter. Nachdem die Begrüßung vorüber war, lotste Aaron Jack an einen der hinteren Tische.
„Du hast sie bemerkt?“
„Die Tauben?“
Aaron nickte.
„Sicher, war ja kaum zu übersehen.“
„Du darfst halt nicht vergessen, dass der Krieg von hier aus gesehen nur in weiter Ferne sich abspielt.“
Murphy winkte ab. „Lass nur, ich habe mich mittlerweile dran gewöhnt. Und ich kann sie ja auch irgendwie verstehen. Sie sehen halt nicht, was wir draußen im Krieg zu sehen bekommen.“
„Naja, aber es scheint dich ja auch zum Nachdenken gebracht zu haben, nachdem, was du mir erzählt hast.“
„Das hat sicherlich einen Einfluss auf mich. Aber ich kann nicht aufhören zu kämpfen, weil ich nur erahnen kann, was uns sonst blühen würde. Wir kämpfen ohne jede Regel da draußen und die Akari tun es uns gleich. Da kann man keine Gnade erwarten.“
„Ist es so schlimm?“
Murphy nickte nur.
„Du kannst nicht darüber reden, stimmts?“
„So ist es.“
„Kommen wir zurück zum Thema, du hast mich um Rat gefragt. Ich habe mir das Ganze mal durch den Kopf gehen lassen. Weißt du noch, wie alle Eltern damals immer der Meinung waren, dass du mal als Priester enden würdest?“
Murphy grinste. „Hehe, ja, auch wenn ich bis heute nicht begreife, weshalb.“
„Ich kann es dir sagen. Du hast nie was mit Frauen angefangen, du wirktest immer so ernst und du hast den Whiskey so gut vertragen.“
„Hm, nicht besser als du.“
„Das mag sein, aber ich hatte ja damals was mit Jane.“
„Richtig...Jane...was ist aus der denn geworden?“
“Sie war Model in Paris und ist dann dort geblieben.“
„Wirklich? Dinge gibt es....“
„Ja, in der Tat. Aber zurück zu deiner Situation. Ich denke, das klingt für mich wie etwas, das gut überlegt ist. Du solltest dich irgendwie binden, und wenn es keine Frau und kein Ort ist, dann eine Organisation. Und der Orden scheint mir da recht passend.“
„Ich habe nur Angst, was passiert, wenn ich zwischen dem Orden und der Navy mal entscheiden muss.“
„Ich glaube nicht, dass man dich dazu zwingen wird. Außerdem bist du ja nicht auf den Kopf gefallen.“
„Danke.“ Murphy grinste schief.
Dann brachte die Bedienung das Bier und die beiden Männer stießen auf ihr Wohl an.
Zwei Tage später flog Murphy zurück nach Wien. Die Tage in Irland hatten ihm gut getan und er hatte Aaron fest versprochen, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Als Abschiedsgeschenk hatte er von seinem Freund ein von ihm geschmiedetes Keltenkreuz mitgegeben. Entspannt lehnte er sich zurück in den Sessel des Fliegers und genoß die Aussicht auf die unter ihm liegende irische Insel. Zwei Stunden später befand er sich wieder in dem Hotel in Wien, wo er dasselbe Zimmer erhielt, in dem er zuvor genächtigt hatte. Er rief kurz in Berlin und dann beim Orden an, dann ging er in den Speiseraum und nahm ein kräftiges Mahl ein.
Am Abend begab er sich dann erneut zum Anwesen des Ordens. Wieder wartete Bruder Malachias bereits auf ihn und geleitete ihn ein eine Kammer.
„Ich sehe, Sie haben eine Entscheidung getroffen, Jack?“
“Ja, das habe ich.“ Murphy war nicht überrascht, dass sein Gegenüber dies erkannt hatte. „Ich möchte Ihr Angebot annehmen. Ich möchte ein Mitglied des Ordens werden.“
Malachias nickte. „Gut, das ehrt und freut uns.“
Jack lächelte irritiert. Malachias wirkte auf ihn, als wenn er mit dieser Entscheidung gerechnet hatte. Innerlich zuckte er mit den Schultern. Dann wollte er zu einer Frage ansetzen, doch sein Gegenüber kam ihm zuvor.
„Sie werden sich nun sicherlich fragen, was nun passiert. Nun, Sie werden zunächst dem kleinen Kapitel des Ordens vorgestellt. Normalerweise dient dies dazu, den Kandidaten zu prüfen. In Ihrem Falle ist dies jedoch nur eine Formsache. Der Hochmeister selbst unterstützt Ihr Eintrittsgesuch, und dem wird sich keiner widersetzen. Dann werden Sie die nächsten Tage in die wichtigsten Dinge eingeweiht. Den 5. Tage dann werden Sie fastend und betend in der Kapelle verbringen. Ich nehme an, dass Sie nicht als voller Bruder aufgenommen werden, wollen....“
„Vorerst nicht, nein.“
„Gut, überlegen Sie sich, welche Verpflichtungen Sie eingehen, noch können Sie zurück.“
Murphy nickte nur.
„Dann werden wir jetzt jemanden losschicken, der Ihre Sachen holt.“
Während der nächsten Tage lernte Murphy mehr über den Orden als er vorher gewußt hatte. Interne, für den Außenseiter nur schwer durchschaubare Prozesse wurden ebenso erläutert wie der tiefere Sinn hinter vielen der kleineren Regelungen für Laien und Brüder. Wie Malachias prophezeit hatte, war die Sitzung des kleinen Kapitels eine Formsache. Die Männer, die Murphy nie zuvor zu Gesicht bekommen hatten, waren sich schnell einig, dass sie einen würdigen Kandidaten vor sich hatten. Die Lektionen erinnerten Murphy stark an seine Zeit auf der Fliegerschule, wo er auch von morgens bis abends gelernt hatte. Dennoch war ihm klar, dass er nur an der Oberfläche kratzte und so türmten sich die Bücher und Instruktionen, die er mitnehmen würde, wenn er Wien verlassen würde, immer höher auf. Dennoch merkte er instinktiv, dass seine Wahl die richtige gewesen war. Ihm wurde aber auch immer klarer, dass der Orden, genauso wie die Welt draußen nur dem schwarz-weiß Denken verhaftet war. Die jüngere Geschichte enthielt zahlreiche Beispiele, in denen der Orden die Ellenbogen und mehr eingesetzt hatte, um seinen Willen durchzusetzen. Ihm wurde auch klar, dass er, obgleich er nur kleine Details erfuhr, der Orden stark mit anderen Interessen verflochten war, ob dies der heilige Stuhl oder bestimmte Politiker oder auch manche Familiare in der Wirtschaft waren. Jack merkte deutlich, dass ihm nicht alles gesagt wurde, sondern nur soviel, wie er wissen mußte, um dem Orden keinen Schaden zuzufügen. Er erkannte, dass der Orden intern in der Tat gewissen militärischen Grundsätzen gehorchte.
Am fünften Tage dann begab er sich, begleitet von Bruder Malachias, in die Kapelle des Klosters und verbrachte den Tag in Andacht. 24 h später dann betrat der Hochmeister die Kapelle und nahm dem angehenden Familiar die Beichte ab. Dann hieß er ihn niederzuknien und begann mit den Worten der Aufnahmezermemonie.
Ironheart
24.03.2004, 13:13
Ursprünglich von Cunningham
Da es in unserer Navy immer öfter dazu kommt, das zwei Offiziere oder auch Mannschaften heiraten konnte ich beobachten, dass es für die Fortsetzung einer harmonische Ehe nicht gerade von Vorteil ist, wenn man beim Streit dem Ehepartner gegenüber auf den Dienstrang pocht.
Lt.-Cdr. Dr. Simon Hubb (Psychologe)
Lucas schmunzelte als er den Spruch las, wandte sich dann jedoch wieder der Auf-Und-Ab-Wanderei in Dr. Hubbs Wartezimmer. Er war wie jeder Offizier und insbesondere Jägerpilot schon mehrfach durch einen Psychologen auf seine Eignung untersucht worden, doch noch nie hatte man ihn zu einem Psychologen überwiesen, weil der Verdacht einer psychologischen Überbelastung bestand.
Auf der anderen Seite das Raumes begegnete Lucas ein Spiegel. Er trug zum größten Teil Freizeitkleidung. Jeans, einen dunkelroten Pullover. Als Jacke hatte er jedoch seinen Navy-Colani gewählt.
Das Essen zu Hause war ausgezeichnet und Lucas wusste ohne auf die Wage zu steigen, dass er zugenommen hatte, jedoch viel ihm das schlafen schwer. Sein Bett war viel weicher als das auf der Redemption. Hinzu kamen immer mal wieder die Alpträume.
Er drehte gerade auf dem Absatz um und wollte das Wartezimmer erneut durchschreiten, da öffnete sich das Sprechzimmer des Arztes und dieser kam mit einer älteren Patientin heraus.
Dr. Simon Hubb war zwischen 50 und 60 Jahre alt schätzte Lucas, etwa 1 Meter 75 groß, die Haare waren zu ca. 50 % noch schwarz, die andere Hälfte war stahlgrau.
Was Lucas jedoch verwunderte, der Arzt trug eine sonderbare Art von Brille. Nicht zum Schutz vor Sonneneinstrahlung, wie Lucas sie eigentlich kannte, die Gläser waren weiß, wenn auch leicht getönt.
Hubb sprach noch etwas mit seiner Patientin während er sie am Empfang vorbei zur Tür geleitete und verabschiedete er sich.
Auf dem Rückweg ins Wartezimmer gab er der Empfangsdame zu verstehen, dass sie Feierabend machen könne.
Als der Doktor wieder im Wartezimmer war lächelte er seinen letzten Patienten an und deutete auf die Tür zum Sprechzimmer: "Wollen wir?"
Lucas nickte und ging voraus.
Die Wände des Sprechzimmers waren quasi vollkommen mit Regalen versehen, die hauptsächlich mit Literatur ausgefüllt. Bücher wie auch Datenchips.
Ansonsten gab es einen großen Schreibtisch, einen Sessel für Doktor Hubb, zwei Besuchersessel vor dem Schreibtisch, eine obligatorische Couch und einen weiteren Sessel neben der Couch.
"Bitte setzen Sie sich Commander, möchten Sie was trinken?"
"Nein, vielen dank." Lucas versuchte so gut wie möglich es sich bequem zu machen.
Hubb nahm ihm gegenüber hinter seinem Schreibtisch platz und bemerkte Lucas Blick auf die Brille und lächelte: "Ich vertrug seiner Zeit die Netzhautimplantate nicht, musste daher auch aus der Navy ausscheiden. Naja und so fand ich irgendwie den Weg in diese Praxis." Erneut huschte ein sympathisches Lächeln über Hubbs Gesicht. "Und welche Wege des Schicksals führen Sie hierher?"
"Nun Doktor, ich erhielt Anweisung mich während meines Landurlaubes einer Psychologischen Beratung beziehungsweise Untersuchung zu unterziehen."
"Und wieso sind meine verehrten Kollegen von der Navy zu dem Schluss gekommen, dass Sie sich einer Untersuchung sollten Mr. .... ehm, Commander Cunningham?"
"Nun, seid den letzten Kampfhandlungen - Jollarahn - kann ich kein Essen bei mir behalten, es sei denn, ich nehme Medikamente."
Hubb nickte: "Durchfall oder erbrechen?"
"Erbrechen Doc, erbrechen."
"Bitte, erzählen Sie mir von Jollarahn Commander", bat Hubb.
Lucas schluckte: "Nun, wo beginne ich, der Plan schien solide, nur hatte niemand mit zwei Schlachtschiffen als Flankenschutz gerechnet. Und so ging irgendwie alles zum Teufel. Letzten Endes fand ich mich an Bord eines sterbenden Trägers im Lazarett wieder ..."
Er brach ab.
In Hubbs Blick lag Mitgefühl: "Und was ist dort geschehen?"
"Ich wurde als Sanitäter zwangsrekrutiert. Sind Sie schonmal in Blut gewartet Doc?"
Hubb schüttelte den Kopf: "Nein, noch nie und ich hoffe ich werde es auch nie erleben."
"Ich schon, einem jungen Matrosen - ich glaube er musste sich noch nie Rasieren - riss die Blutklemme. Es war die Hauptschlagader, er verblutete innerhalb von Sekunden." Lucas fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
Lucas begann noch mal von vorne und alles sprudelte aus ihm hinaus, die Gewissheit des Todes, als er von dem Schlachtschiff hörte, die Angst in der Schlacht, die Angst um Mel Auson, die ihn ins Larzaret geführt hatte, die Übelkeit beim Anblick von menschlichen Innereien und Blut ...
" ... dann setzt irgendwie meine Erinnerung aus, das nächste was kommt ist mein Erwachen auf der Relentless." Beendete Lucas seine Erzählung.
Hubb nickte: "Hm, es wäre durchaus möglich, das die Symptome von alleine wieder verschwinden, andererseits könnte die Ursache auch in dem Zeitraum liegen, an den Sie sich nicht erinnern können. Ich schlage daher vor, dass wir als erstes die fehlende Zeit rekonstruieren. Wie würde Ihnen da nächste Woche Dienstag passen, es ist schon spät."
Er lächelte entschuldigend.
"Ja, ist in Ordnung Doc", stimmte Lucas zu, "und danke, dass Sie mir zugehört haben."
"Ach, dafür bekommen Sie die nächsten Tage noch ne Rechnung."
"Und ich dachte ich hätte hier hundertprozentigen Veteranenrabatt ..."
Ironheart
24.03.2004, 13:15
Ursprünglich von Ace Kaiser
Lt. Commander Chun eröffnete die Versammlung. Es waren nur wenige, handverlesene Junioroffiziere des NIC anwesend. Viele hatte er persönlich ausgesucht, einige auf Empfehlung hinzu gezogen.
Ohne eine Erklärung abzugeben ließ Chun als erstes ein Video laufen, welches den Parteitag in Paris zeigte. Die Sitzung der Pazifistenbewegung.
Nach der zweistündigen Szene ergriff er endlich das Wort. Er sah in die Gesichter der Anwesenden und erkannte das gesamte Spektrum der Gefühle. Von offener Wut bis hin zu angestrengter Nachdenklichkeit.
„Meine Damen und Herren“, begann Chun, „Sie alle kennen diese Szenen. Nun, es gehört für einige von uns zur Arbeit, diese zu kennen.“ Leises Gelächter antwortete dem Offizier.
„Und der eine oder andere von uns mag sogar mit einem oder mehreren Gedanken der Pazifisten sympathisieren. Was an sich nichts schlechtes ist.
Aber deswegen sind wir nicht hier. Wir sind hier, weil ich diese Sitzung für die größte, die allergrößte Fehlentwicklung halte, seit die Akarii den Krieg begonnen haben.“
Raunen ging durch die Reihen der Offiziere.
„Sehen Sie, ich gebe den Aktivisten Recht. Die Flotte hätte sich weniger in Prestige-Objekte versteifen, sondern mehr Geld in die Aufrüstung der Hardware investieren sollen. Und ich bin sicher, zwei, drei weitere Argumente überzeugen auch einen von Ihnen.
Aber ich denke, diese Diskussion kam zwei Jahre zu früh.
Wenn Sie meine Meinung hören wollen, schwächen wir damit die Kampfkraft und den Rückhalt in der Bevölkerung empfindlich.
Und ohne Rückhalt kämpfen unsere Fronteinheiten auf verlorenem Posten.“
„Was schlagen Sie vor, Commander? Eine Kampagne gegen die Ziele der Pariser Sitzung?“, fragte Lieutenant Watts.
„Nein, das würde uns nichts bringen. Es wäre zu offensichtlich, dass jemand versucht, der Regierungspartei zur Seite zu stehen.
Verstehen Sie mich alle richtig. Ich habe nichts gegen diese Diskussion. Und auch nicht gegen die Pariser Ziele. Aber bevor wir nicht wenigstens Mantikor zurück erobert haben, wird jeder Waffenstillstand nur eine Regerationspause für die Akarii sein – bis zum nächsten unprovozierten Angriff. Dies wissen auch jene Politiker. Aber dennoch benutzen sie die Gelegenheit, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen. Die teilweise rein politisch, bei einigen aber durchaus ehrenhaft sind.“
„Sie sprechen von Schwäche. Schwäche, die wir einem Kriegervolk wie den Akarii nicht zeigen dürfen, richtig? Darin stimme ich mit Ihnen überein.“
„Gut, Commander von Stein, damit sind wir schon zwei.“
Leises Stimmgewirr erhob sich, bis die anderen Offiziere der NIS ebenfalls zugestimmt hatten.
„Die Frage ist nur“, ergriff Watts wieder das Wort, „da wir hier ohne Zweifel zusammen gekommen sind, um die Demontage unserer Wehrkraft zu verhindern, was können wir tun, wenn keine Kampagne?“
„Das will ich Ihnen sagen. Ich habe bereits eine konkrete Idee, bei denen Sie alle helfen können. Eine Idee, die uns einen kurzfristigen Loyalitätsschub der terranischen Bevölkerung sichert. Ohne die Ziele der Pariser Sitzung zu vernichten. Noch nicht, falls das einmal nötig sein sollte.
Aber wir werden dafür ein paar Karrieren negieren müssen. Fliegt die Sache auf, wird keiner von uns ungeschoren davon kommen. Das harmloseste Urteil wird dann Kriegsgericht und die Verurteilung zum Tode sein.
Wie sehr lieben Sie Ihre Heimat? Wie gut sind Sie in Ihren Ressorts?“
„Schmieren Sie uns keinen Honig um den Bart, Commander. Das wir alle noch hier sind, beweist ja wohl, dass wir Sie zumindest anhören wollen. Also, was schlagen Sie vor?“
„Nun, Commander von Stein, Sie kennen ja die derzeitige Lage auf Terra. Trotz der Notstandsgesetze wird das Thema Krieg und Akarii noch immer weitestgehend ausgeschwiegen. Den Menschen wird nicht bewusst gemacht, dass Krieg herrscht.“
„Also doch eine Kampagne“, stellte Watts enttäuscht fest.
„Nein. Ja. Etwas in der Art.
Wissen Sie, warum es auf ganz Terra nicht ein einziges Kriegsgefangenenlager für Akarii gibt? Ich sage es Ihnen. Alleine die Nachricht, dass ein einziger Akarii, und wäre es ein beinloser, zahnloser Greis nach Terra verlegt worden, würde sofort ein paar Millionen Protestbriefe auslösen, weil sich die Menschen in ihren Bürgerrechten eingeschränkt fühlen und zudem auch noch bedroht. Von einem zahnlosen Opa, der auf Händen läuft.“
„Nettes Bild. Und wie nutzen wir das?“
„Mit Operation Troja. Ein Akarii könnte so einen Wirbel veranstalten? Hm. Was wenn wir ein paar hundert nach Terra schaffen? Was wenn sie aus ihrem Lager ausbrechen? Was wenn sie in einer Großstadt gesehen werden? Was wenn es Tote gibt?“
„Sie würden Tote zulassen?“, rief von Stein empört.
„Nun, es wird wahrscheinlich reichen, vom Ausbruch der Akarii zu berichten. Dann wird jeder Schatten ein angreifender Akarii sein…“
Eine Zeitlang herrschte Stille. Endlich ergriff Wojtas das Wort: „Ich könnte unter der Hand von PERSEUS zwei- bis dreihundert Akarii für Verhöre und medizinische Untersuchungen – keine Obduktionen – nach Terra bringen lassen. In meiner Abteilung liegen hunderte Anfragen vor. Nach dem Troffen-Fehlschlag sogar noch mehr als sonst.“
„Was wir bräuchten wäre ein leerstehendes Lager in einer Wüste, direkt neben einem Bevölkerungszentrum. Möglichst in einem Gebiet, welches den Akarii ein angenehmes Klima bietet. Also eine Wüste oder eine heiße Region. Zufällig unterhält der NIC dieses alte Lager bei Phoenix, für Ausbruchtraining in der Wüste von Arizona. Ich kann es arrangieren, dass eine Zeitlang keine Übungen abgehalten werden“, brummte von Stein.
„Und ich kann dafür sorgen, dass es rein automatisch bewacht wird. Die Akarii werden keine Schwierigkeiten haben, die Absperrungen zu überwinden“, murmelte Watts. „Darüber hinaus können wir es einrichten, dass sie nicht erfahren, das sie nach Terra verlegt werden. Ich kann falsche Informationen lancieren, die sie glauben lassen, nach Texas verlegt worden zu sein.
Von dort werden sie sich Chancen ausrechnen, ein Schiff stehlen und ins Reich zurück kehren zu können.“ Watts zeigte sich optimistisch.
Chun nickte. „Wir werden noch mehr brauchen, weit mehr.“ Er legte einen Stapel Akten auf den Tisch. „Dies sind meine Hauptkandidaten. Einige repräsentieren die Prototypen für die imaginären Verhöre, andere für medizinische Untersuchungen. Dazwischen sind wichtige Führungspersönlichkeiten, Fachleute, die für einen Ausbruch und eine Flucht unerlässlich sind.“
„Ich werde das arrangieren“, klang die Stimme von Anderson auf, neben Watts die zweite Frau im Raum. „Ich werde genau die Akarii auf der Liste anfordern. Dafür benutze ich meine Tarnidentität im Ministerium für Forschung. Ich werde das ganze tarnen als Untersuchungen, um den Metabolismus der Akarii und damit deren Versorgung besser zu erforschen. Also ein humanitärer Grund.“
„Und ich werde die Ankunft der Akarii durchsickern lassen“, schloss Chun. „Ebenso den Ausbruch. Dadurch werde ich definitiv auffliegen. Aber solange man keine Verbindung zu Ihnen nachweisen kann, meine Damen und Herren, werde ich mit einer Degradierung davon kommen und keine Anklage wegen Verschwörung erhalten.“
Chun teilte Dossiers aus. „Wenn Sie diese Akten an sich nehmen gibt es kein Zurück mehr. Vergessen Sie nicht, jeder von uns kann seine Karriere ruinieren. Sogar sein Leben verlieren.
Auch wenn es jetzt um höhere Ziele geht als unsere Leben.
Hiernach gibt es keinerlei Kontakt zwischen uns. Auch fortan ist nichts hiervon passiert. Treffen wir uns dienstlich, werden wir uns zum ersten Mal begegnen.
In diesen Unterlagen steht alles, was Sie wissen müssen, um ihren Teil der Aufgabe zu erfüllen, ohne erwischt zu werden.
Der einzige, der eine Strafe zu erwarten hat, werde ich sein – sofern niemand von uns umfällt. Aber die Strafe nehme ich in Kauf. Wenn wir nur gerade jetzt, in dieser Zeit, auf diese Weise den Rückhalt erkaufen, den die Navy braucht, um uns alle zu retten…“
Ironheart
24.03.2004, 13:15
Ursprünglich von Cattaneo
Der Raum für die Einsatzbesprechung war nüchtern und zweckmäßig eingerichtet. Ein paar taktische Anzeigen und Projektionsanlagen, ein Dutzend Stühle – das war alles. Seit jeher war es Brauch, daß der einweisende Offizier stand, während die Piloten Sitzplätze erhielten. Und wie bei so vielem, wurde an dieser Angewohnheit festgehalten, weit hartnäckiger, als es notwendig war. Früher war es einfach unpraktisch gewesen, wenn die Piloten die ganze Zeit hätten strammstehen müssen. Der Offizier aber hatte mit Laserstift und Zeigestock an Hand von Karten und Holographien den Einsatz erläutert – und mußte deshalb agieren, sich bewegen. Heutzutage hätte er ebenso gut in einem Lehnsessel sitzen und die taktischen Anzeigen von dort aus steuern können. Aber die Navy war nun einmal die Navy, also blieb man der Tradition treu.
Heute waren außer dem taktischen Offizier nur vier Piloten anwesend. Ähnliche Besprechungen fanden vermutlich in einigen identischen Räumen statt – aber man wollte ja möglichst ,wirklichkeitsnah‘ bleiben. Also waren nur diejenigen hier, die es etwas anging. Der Übungsleiter, ein hagerer Typ Ende 50, faßte sich kurz, während er seinen Vortrag mit einigen Geländeholographien untermalte: „Grundprofil des Einsatzes ist folgendes: Angriff auf Bodenziele im Bereich A-23-Delta-9. Bodentruppen haben dort Feindverbände gemeldet, jedoch keinen aktuellen Sichtkontakt. Wir haben Befehl, das Gebiet zu säubern. Ein Angriff des Gegners auf dieser Flanke bedroht den Vorstoß der Armee, deshalb hat sie Luftunterstützung angefordert. Sie sind die einzigen, die zur Verfügung stehen. Das Gelände im Zielgebiet ist zerklüftet – kleine Schluchten, Felsnadeln, Tafelmassive, also ein Gebiet, in dem sich Hooverpanzer durchaus verstecken können. Aufgabe ist es, den Gegner zu erledigen. Feindliche Jäger sind nicht gemeldet, zumindest was die letzten taktischen Meldungen betrifft. Feindverband wird auf mindestens eine Panzerkompanie geschätzt. Bestückung der Maschinen je vier Sidewinder zum Einsatz gegen feindliche Bodenfahrzeuge, zwei Amram für den Selbstschutz.“ Er musterte die Piloten: „Die Übung gilt als erfolgreich beendet, wenn mehr als 75 Prozent der feindlichen Kräfte vernichtet oder kampfunfähig sind. Anschließend Rückkehr auf den ,Träger'. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß diese Übung mit scharfer Munition und unter realistischen Bedingungen stattfindet. Feindfeuer und dergleichen sind natürlich simuliert, aber wenn Sie im Bestreben, es unbedingt besser machen zu wollen – oder um jemanden zu beeindrucken – gegen eine Felswand krachen, sind Sie so sicher tot wie im Kampf gegen eine Staffel Bloodhawks.“ Er wartete eine Bestätigung gar nicht erst ab: „Fertigmachen! Und Gnade Ihnen Gott, wenn Sie nicht ausreichend Leistung zeigen!“
Die Piloten stürmten sofort los. Schon daran erkannte man, daß sie eigentlich noch ziemlich feucht hinter den Ohren waren. Erfahrene Soldaten beeilten sich, wenn es sein mußte – was hier ja nicht der Fall war. Aber sie hatten es eilig. Sie alle gehörten so ziemlich zur ,ersten Generation‘ des Krieges. Ihre Ausbildung hatte größtenteils während des Konfliktes stattgefunden. Und im Rahmen der allgemeinen Volksverdummung, die Propaganda nun einmal darstellte, war ihnen die historische Bedeutung ihres Kampfes in genügendem Ausmaße eingetrichtert worden. Sie alle hatten, aus dem einen oder anderen Grund, den sehnlichsten Wunsch, möglichst bald ,draußen‘ mit dabei zu sein. Die Ausbildung war an sich ja auch kein besonderes Vergnügen, und wenn jemand auch nur wenig langsamer lernte, als es die Ausbilder für richtig hielten...Nun, der hatte oft Gelegenheit, dies zu bedauern. Außerdem stellten die ,Schwingen‘ natürlich auch ein Prestigeobjekt dar. Und sie alle wußten, nur kurze Zeit trennte sie vom Abschluß der Ausbildung. Wieviel, das hing vor allem von ihren Leistungen in solchen Übungen ab.
Sharon hatte ihre Maschine als zweite erreicht. Ein Umstand, der sie ein wenig verärgerte, denn nun würde sie beim Start warten müssen. Wie die anderen brannte sie darauf, sich zu beweisen. Nur eine Startrampe stand für die Gruppe zur Verfügung – die anderen katapultierten gerade Mirage-Jagdbomber. Sie nickte den Technikern zu, und ließ den Verschlußmechanismus des Cockpits einrasten. Mit geübten Handgriffen, fast ein wenig überstürzt, kontrollierte sie Anzug, Atemmaske, die notwendigsten Funktionen der Maschine. Alles schien in Ordnung zu sein. Zu ihrer Freude bemerkte sie, daß die Maschine vor ihr bereits ins All hinausgeschleudert wurde. Kurz darauf folgte ihre eigene, beschleunigte. Die F-102 entwickelte schon von Anfang an eine Geschwindigkeit, die der aller anderen Erdmaschinen deutlich überlegen war. Die Trainingsbasis blieb bald zurück. Unter sich sah sie die Rote Oberfläche des Mars, die rasch näher kam.
Es gab kaum Turbulenzen beim Eintritt in die Atmosphäre, zumindest, wenn man es mit den Umständen beim Anflug auf andere Planeten verglich. Die Reibung war weitaus geringer als etwa bei einem Himmelskörper wie der Erde. Der Umstand freilich, daß dies hier die Realität war, und nicht nur eine Runde im Simulator, verlieh der Situation doch ein gewisses Gefühl möglicher Gefahr. Die junge Pilotin konzentrierte sich voll und ganz auf das Fliegen – das grandiose Schauspiel des Eintritts ignorierte sie. Sie wollte, sie mußte auf jeden Fall erfolgreich sein. Ein Sieg hier, und der Weg in den Einsatz stand ihr offen. Und darauf arbeitete sie hin. Sie wußte, ein Scheitern ihrerseits würden einige sofort auf ihre ,Herkunft‘ schieben, deshalb gab es keinen anderen Weg, als zu triumphieren.
Die Oberfläche des Mars bot einen fremdartigen, feindseligen Anblick. Keine Pflanze, kein Wasser, keine Spur von Leben. Nur Staub, Sand und Fels, öde und tot. Hier, in den Gebieten, die sich das Militär für Trainingszwecke reserviert hatte, ahnte man nichts von dem Leben, daß dem Mars anderswo, in den Kuppelstädten, abgerungen worden war. Hier war der Rote Planet immer noch abweisend und voller unterschwelliger Drohung.
Die Kampfflieger paßten sich dem Terrain an. Blieben sie zu hoch, würden sie sich dem Feind als Ziel präsentieren – und das konnte tödliche Folgen haben. Flogen sie doch zu sehr am Boden, dann konnte jeder noch so kleine Fehler katastrophal enden. Ewiges Dilemma bei solchen Einsätzen. Doch es waren nicht sie, die den Gegner zuerst fanden – der Feind ortete sie.
Urplötzlich heulten die Warnsirenen auf – Raketen! Die Flugkörper stiegen scheinbar aus dem Nichts hervor, zielsicher auf die Kampfflieger gerichtet. Sofort brach die Formation auseinander, als die Piloten, jeder für sich, versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Eine gewaltige Explosion, gefolgt von einer sekundären am Boden, bewies, daß es einem nicht geglückt war. Für einen Augenblick fühlte Sharon, deren Jäger im Zickzack über den Boden hetzte, eisige Furcht – dann erst registrierte sie, daß die Detonation nur auf ihrem Computerbildschirmen stattgefunden hatte. Einer der vier war draußen und mußte nach Hause. Er hatte seine Chance verspielt.
Eine Wende brachte den Jäger wieder auf Kurs, tief über dem Terrain, viel tiefer als vorher. Ein Versuch ihrerseits, die anderen zu kontaktieren, erbrachte nichts als Rauschen und Knistern. Also hatte man die Funkanlagen ,von oben‘ ausgeschaltet. Offenbar wollte man es den Neulingen nicht zu leicht machen. Jegliche Kooperation zwischen den Piloten war zusammengebrochen. Nur gelegentlich erhaschte sie einen Blick auf eine der anderen Maschinen. Nun, wenn es so nicht ging...
Sharon orientierte sich. Die Stelle des Angriffes war vermerkt worden. Die feindliche Feuerstellung hatte zu keiner Zeit Sichtkontakt mit den Jägern gehabt, da war sie sich ziemlich sicher. Kampfpanzer konnten sich nicht SO gut tarnen, das schafften nur spezielle Einsatzfahrzeuge, die für heimliches Vorgehen konzipiert waren. Wenn die Panzer mit ihren Raketen trotzdem das Feuer hatte eröffnen können, dann hieß dies...
Noch ehe sie den Gedanken zu Ende denken konnte, heulte das Raketenradar erneut auf. Es waren diesmal zwar weniger Geschosse – aber sie hielten direkt auf sie zu. Mit einem unterdrückten Fluch zwang die Pilotin ihre Maschine noch tiefer. Täuschkörper lenkten die feindlichen Projektile ab – so sie in dem Terrain nicht die Übersicht verloren und gegen die Felswände krachten. Auch nur eine Sekunde Verzögerung konnte bei der hohen Geschwindigkeit der Raketen entscheidend sein. Für sie galt das freilich in ähnlicher Weise, und deshalb zügelte sie ihre Furcht immer wieder. Sie durfte nicht unvorsichtig sein.
Schon wieder war sie – da war sich Sharon sicher – unter Beschuß geraten, ohne daß die feindliche Kolonne direkten Sichtkontakt mit ihr hatte. Was nur bedeuten konnte, daß...Eine Explosion bewies ihr, daß auch jemand anderes auf den richtigen Gedanken gekommen war. Ärgerlicherweise vor ihr. Nur für einen Augenblick tauchte auf den Anzeigen das Bild eines zerschossenen leichten Hooverscouts auf – das Akarii-Gegenstück zu einem Sharp. Die leichte Maschine war gedeckt in Stellung gegangen und hatte für die schwereren Maschinen Artillerieaufklärer gespielt.
Die Pilotin verglich ihre Anzeigen. Der zweite Angriff war von einer anderen Stelle aus durchgeführt worden, also bewegten sich die Maschinen. Schnell brachte sie die Informationen in Einklang mit den Geländekarten, die in ihren Computer gespeichert waren. Einen Augenblick überlegte sie – dann steuerte sie eine etwas andere Stelle an, als die von ihrem Computer empfohlene. Die Feinde waren sicher nicht so dumm, den selben Kurs beizubehalten.
Und wirklich – auf einmal waren sie unter ihr. Fast ein Dutzend massiver Kampfkolosse, geduckt, angriffsbereit. Zumindest machte sie das die Computeranzeige glauben. Sie selber nahm die kleinen Drohnen nicht war, die dort unten Panzer spielten. Und sofort das Feuer eröffneten. Aber die erste Sekunde hatte ausgereicht. Sharon feuerte ihre Raketen ab – der Computer erfaßte ein Ziel nach dem anderen und wies den Flugkörpern ihr Ziel zu. Die Explosionen zerschmetterten die kleinen Fahrzeuge, ließ gewaltige Staubsäulen emporsteigen. In der dünnen Marsatmosphäre wirkten die Explosionen noch beeindruckender. Während sie gleichzeitig Täuschkörper ausstieß, riß Sharon die Maschine in einem brutalen Manöver hoch, flog einen vollen Überschlag. Als der Boden schwindelerregend unter ihr auftauchte, eröffnete sie das Feuer mit den Bordwaffen, ohne genau zu zielen. Dann stieß die Maschine wieder hinab – immer noch auf dem Rücken fliegend – und entfernte sich von den feindlichen Panzern.
Ironheart
24.03.2004, 13:16
Ursprünglich von Cattaneo
Aus zwei Richtungen stießen die beiden übrigen Typhoons auf ihre Beute herab. Sharons Manöver hatte ihnen gezeigt, wo die Gegner waren – auch ohne Funkkontakt. Sie hatte sich lieber nicht darauf verlassen wollen, daß die anderen die Staubwolken registrierten. In heftigen Abwehrbewegungen, um dem Feindfeuer zu entgehen, griffen ihre Kameraden an. Sharon schloß sich ihnen an, um vielleicht noch ein paar Treffer mit den Bordwaffen zu landen. Viel Zeit, ihren Triumph auszukosten, gab man ihnen nicht.
Das aufgeregte ,Winken‘ eines ihrer Kameraden alarmierte sie. Sharon brauchte einige Sekunden, um zu erkennen, was so wichtig war. Dann erblickte auch sie den Grund der Aufregung. Vier wuchtige Maschinen, die im Tiefflug heranzogen. Die IFF-Kennung sprach sie als Deltavögel an, schwere feindliche Sturmjäger. Und sie waren schon nah. Das sah nicht gut aus...
Sharon wußte, in einem offenen Gefecht hatte sie schlechte Karten. Die Feinde waren zahlenmäßig überlegen, hatten noch ihren vollen Kampfsatz. Die Erdjäger waren teilweise beschädigt und hatten sich fast völlig verschossen. Die Gegner teilten sich in zwei Paare auf, und es war klar, sie würden nicht so schnell aufgeben.
Für einen Augenblick überlegte die Pilotin, Fersengeld zu geben. Ihre Maschine war bei weitem schneller als die Gegner. Doch dann verwarf sie den Gedanken schnell. Sie konnte nicht auf direktem Wege fliehen – vor dem Himmel hätte sie ein zu leichtes Ziel geboten. Luft-Luft-Raketen reichten weit, und nicht jeder konnte man ausweichen. Ohne Kommunikation mit ihren Kameraden war Gegenwehr schwer. Nein, wenn sie hier raus wollte, dann mußte sie das sehr behutsam und mit Bedacht angehen. Ihre kurzen Haare waren längst von Schweiß getränkt, ein dünnes Rinnsal sickerte ihren Hals hinab – aber das merkte sie kaum.
Einer ihrer Kameraden schien zum falschen Entschluß gekommen zu sein – er gab Vollschub und raste davon. Acht Raketen, zwei von jedem Akarii, beendeten seine Flucht frühzeitig. Sie unterdrückte einen Fluch. Verdammter Idiot! Hätte er sich nicht noch ein wenig länger hetzen lassen können? Dann hätte sie bessere Chancen gehabt. So war sein ,Tod‘ völlig sinnlos.
Ihre Maschine verschwand in einer der Schluchten. Sie mußte sich auf ihren Navigationscomputer verlassen, der sie warnen würde, wenn sie irgendwo hineinflog, wo am Ende eine Sackgasse auf sie wartete. Das Katz und Maus Spiel begann...
Eine halbe Stunde später war sie immer noch unterwegs. Sie war einer Begegnung nach der anderen ausgewichen, aber ebensowenig, wie die Akarii sie fangen, hat sie sich von ihnen absetzen können. Gelegentliches Waffenfeuer in der Ferne zeigte, daß es ihrem Begleiter ähnlich erging. Wenigstens flog er noch. Ein paar mal hatte sie feindliche Raketen erst in letzter Sekunde abhängen können – aber noch flog sie. Bedächtig bemühte sie sich, sich vom Feind abzusetzen. Aber sie mußte raten, wo er gerade war.
Sharon überflog gerade einen kleinen Talkessel, als sie über sich die Silhouetten der gegnerischen Maschinen erkannte. Die waren offenbar weiter aufgestiegen, um einen besseren Überblick zu haben. Mit einem wilden Grinsen hieb sie auf den Feuerknopf. Im nächsten Augenblick schon wendete sie ihren Jäger und floh .
Eine Explosion kündete von ihrem Treffer. Einer der Deltavögel hatte nicht schnell genug ausweichen können. Und nun wurde ihm zum Verhängnis, daß in der Atmosphäre der Ausfall des Triebwerks fast zwangsläufig tödlich endete. Sie fühlte, wie Stolz in ihr aufwallte. Sie hatte nicht nur ihr Auftragsziel erreicht, sie hatte auch einen Gegner abgeschossen. Das war – auch in der Simulation – nicht so häufig, daß sie sich nicht gefreut hatte. Die Programmierer der Simulatoren machten es den Rekruten nie leicht, Abschüsse zu erzielen. Schließlich war dies hier kein Egotrainer – wenn man die Akarii in der Simulation unterschätzte, machte man diesen Fehler vielleicht auch später im wirklichen Leben. Allerdings selten öfter als einmal. Deshalb war die Navy dazu übergegangen, möglichst realistische Profile zu erstellen. Früher hatte man das, aus kurzsichtigem Chauvinismus, nicht selten versäumt.
Sie brauchte eine volle Stunde, ehe sie schließlich aus ihrer Maschine klettern konnte. Wieder und wieder hatten die Feindjäger ihre Ausbruchsversuche vereitelt. Aber schließlich war es ihr doch geglückt, zu entkommen. Und zu ihrer nicht geringen Freude hatte es ihr Kamerad ebenfalls geschafft. Auch wenn sie in der Truppe nicht eben fest integriert war – inzwischen freute sich jeder von ihnen, wenn die Ausbilder, die man vor allem bei Simulatorflügen nicht zu Unrecht als Feind sah, eine Niederlage einstecken mußten. Und wenn es auch ein Kadett war, den man nicht leiden konnte – Hauptsache, er wischte ,denen‘ eins aus...
Armin von Kranhold, taktischer Offizier und Leiter des Lehrgangs, ließ sich nicht anmerken, ob er sich für seine Zöglinge freute: „Bestanden haben Sharon Taylor und Piett van der Hoeven. Taylor, drei Panzerabschüsse und einen Deltavogel. Van der Hoeven mit zwei Panzerabschüssen und Ausschaltung des feindlichen Spähpanzers – gute Arbeit. Jewa Rydel – Sie haben trotz ihrer drei Abschüsse nicht bestanden. Sie müssen lernen, Terrain und Feindmaschinen besser einzuschätzen.“ Den vierten, Benito Casini, erwähnte er erst gar nicht. Dem stand die Demütigung deutlich ins Gesicht geschrieben. Er war abgeschossen worden, ohne einen Schuß abgeben zu können.
Von Kranhold musterte kurz seine Schüler: „Casini und Rydel – weggetreten! Ich erwarte eine Analyse des Einsatzes und Ihres Fehlverhaltens. Ich hätte gedacht, Sie seien schon weiter – da habe ich mich wohl getäuscht.“ Er sprach ohne Emotionen, aber die beiden Gescholtenen liefen dennoch rot an. Es war ihnen oft genug eingebleut worden, daß die Front neue Kämpfer brauchte. Schlechtes Lernen – im Verständnis der Navy natürlich zwangsläufig Ergebnis mangelnder Bemühungen – rückte so in die Nähe von Pflichtvergessenheit, ja Vaterlandsverrat.
Der Offizier nickte den beiden übriggebliebenen Piloten zu: „Sie haben bestanden. Und in den letzten Wochen gute Arbeit geleistet.“ Er lächelte: „Das alles wird zwar noch eine Beratung der Ärzte, Psychologen und des ganzen Klüngels erfrodern – aber ich gebe Ihnen jetzt mal mein Wort, binnen einer Woche haben Sie Ihre Schwingen. Und den Marschbefehl.“ Als er sah, wie freudig die Augen der jungen Rekruten blitzen, mußte der Ausbilder ein Seufzen unterdrücken. Wurden die denn nie anders? Gut, bei ihm war es ja nicht anders gewesen. Aber das waren ja auch andere Zeiten...
Resignierend nahm er zur Kenntnis, daß die Menschen offenbar nie dazulernten. Sicher, es war notwendig. Aber ein Feuerwehrmann sollte sich ja auch nicht gerade freuen, wenn er einen Großbrand stürmen wollte. Allerdings hieß es ja auch, die Feuerwehrmänner wären von allen Berufsgruppen auch die häufigsten Brandstifter...Also blieben ihm nur ein paar mahnende Worte – hier und jetzt. Bei der großen Feier würde man die wohl kaum hören wollen. Er hatte ihnen beigebracht, was möglich war. Der Krieg würde sie schon noch zurechtstutzen – oder mit Haut und Haar verschlingen. ,Ein Scheißjob.‘ Dachte er: ,Aber andererseits – irgend jemand muß ihn machen. Klar könnte ich auch da draußen sein, aber ich weiß nicht, ob ich so eine große Bereicherung wäre. Vielleicht leiste ich hier bessere Arbeit.‘ Es war, wie er sehr wohl wußte, das ewig gleiche Credo für die ewig gleichen Selbstvorwürfe. Wohl war ihm dabei nie, aber bisher hatte er sich, auch vor sich selbst, ausreichend rechtfertigen können, warum er hier saß, und nicht wenigstens versuchte, einen Frontposten zu bekommen.
Sharon und ihr Kamerad wußten von diesem Dilemma natürlich nichts. Sie fühlten nur den Stolz, es geschafft zu haben. In ihrem Enthusiasmus verdrängten sie jeden Gedanken an die eigene Sterblichkeit.
Es dauerte tatsächlich nur vier Tage – nicht die befürchtete Woche – bis die volle Fronttauglichkeit bescheinigt wurde. Zusammen mit einem ganzen Schock begeisterungsfähiger Rekruten wurden sie in Marsch gesetzt, einem ungewissen Schicksal entgegen. Sie zogen in den Krieg – doch was das bedeutete, daß wußte keiner von ihnen. Patriotismus, Abenteuerlust und – besonders im Falle Sharons und einiger anderer Piloten von Kolonieplaneten – Haß auf den Feind summierten sich zu einer Ungeduld, die keine Furcht kannte.
Ironheart
24.03.2004, 13:17
Ursprünglich von Ironheart
Navystützpunkt Guerren Space Field,
Mars, Sol-System
xx. September 2633
„AAARRRRGGGHHHHH“ wie ein Berserker wütete Thomas „Thor“ Jörgenson durch das Zimmer seines Vorgesetzten und schien Anstalten zu machen den Stuhl, auf dem er Sekunden vorher gesessen hatte, durch das Fenster werfen zu wollen. Er hielt dann aber doch in der Bewegung inne, die Hände in die Rückenlehne krallend, so dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten und stellte den Stuhl langsam wieder ab..
„Das ist nicht deren ERNST, Tigre!!! Das KANN nicht sein!! Sag mir das ich mich verlesen habe, BITTE!“
Santiago „Tigre“ De LaCruz verzog nur leicht das Gesicht und schüttelte langsam den Kopf. „Nein, Thor. Du hast dich nicht verlesen. Tut mir leid.“
Fassungslos setzte sich Thor wieder hin und las seinen Marschbefehl noch einmal durch.
Das hatte 1st Lieutenant Susan „Cougar“ Carpenter bereits getan, mehrmals. Kopfschüttelnd legte sie ihren Marschbefehl auf den Schreibtisch, vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und schwieg. Auch 1st Lieutenant Ibrahim „Aslan“ Sandikci war die Enttäuschung deutlich anzusehen. Mit leerem Blick schien er einen Punkt außerhalb des Raumes zu fixieren und fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass er zu einer Salzsäule erstarrt war.
„Jetzt lasst euch mal nicht so hängen und seht es als Bestätigung für die tolle Arbeit, die ihr in den letzten drei Monaten geleistet habt. Diesen Sack voll Flöhe zu hüten, war eine enorme Leistung und dafür werden wir eben mit einer eigenen Staffel belohnt.“
„BELOHNT??? BELOHNT SAGST DU?“ Thor schoss schon wieder von seinem Platz auf und zitterte fast schon vor Wut.
„Was soll daran denn bitte eine BELOHNUNG sein?“ er hielt ihm wutentbrannt seinen Marschbefehl unter die Nase. „Nicht dass es Ihnen nicht reicht, dass sie uns auf einen stinkenden, umgebauten Frachter schicken. Nein, wir werden auch noch der 6. Flotte zugewiesen. Wenn ich euch daran erinnern darf, die 6. hat die höllisch schwere Aufgabe die den Akarii abgewandte Seite der Terranischen Republik zu bewachen, schon vergessen.?“ Der großgewachsene Schwede schnaubte immer noch vor Wut und lief bereits rot an. Doch Tigre ließ ihn gewähren und unterbrach ihn nicht. Sollte er seinem Frust freien Lauf lassen. Besser jetzt als zu einer unpassenderen Gelegenheit.
„Das einzige, dass wir vom Feind sehen werden, wird in den Nachrichten sein. Und als ob das alles nicht schon Bestrafung genug wäre, teilen Sie uns auch noch acht von diesen, diesen…“ er zeigte mit dem Daumen in Richtung des Gemeinschaftsraumes, in dem der dreckige Haufen saß und auf seine Befehle wartete. „Verdammt, Tigre! Hattest Du nicht gesagt, dass niemand so dumm sein könnte und die Hälfte aller Jäger eines Trägers mit kriminellem Abschaum belegen würde? Wer konnte bloß auf diese Idee kommen und uns mit diesen Hunden…“
„THOR, jetzt reicht es.“ Jetzt war es an Tigre aus seinem Stuhl zu schießen. Er stützte seine Arme auf dem Schreibtisch ab und beugte sich hinüber. Seine Stimme war dunkel und wirkte bedrohlich, als er fort fuhr. „Du bist Offizier der Terran Navy, oder nicht? Und als solcher solltest du dich auch so benehmen, ist das klar? Dort draußen sitzen Piloten und Offiziere der Terran Navy, deine zukünftigen Staffelkameraden. Du solltest dich lieber an diesen Gedanken gewöhnen.“ Einen Augenblick fixierte ihn der Hüne mit funkelnden Augen, doch dann nickte er langsam und setzte sich wieder.
„Wir haben unsere Befehle und wir werden sie befolgen, ob uns das passt oder nicht. Das Oberkommando wird gute Gründe dafür haben, warum sie uns diese Befehle gegeben hat und es steht uns nicht zu sie in Frage zu stellen.“
Er blickte von einem seiner Untergebenen zum nächsten, bevor er sich mit etwas milderer Stimme.
„Die Navy war der Auffassung, dass es ausreichen würde, wenn sie zwölf dieser zwanzig Piloten jeweils in ein anderes Geschwader versetzt. Und sie war der Auffassung, dass sie UNS die restlichen acht, die durch die Tests durchgekommen sind, zuordnen kann. Potenzielle Störenfriede, Unruheherde und Querulanten, jeder einzelne von Ihnen, das gebe ich zu. Aber wir kennen Sie mittlerweile, wir haben Sie unter Kontrolle. Wir werden eine gemeinsame Staffel bilden und eine andere Staffel ablösen, die bisher in der 6. Flotte als eine der zuverlässigsten und erfolgreichsten Eskort-Staffeln gegolten hat…“
„Babysitter“ brummte Susan „Cougar“ Carpenter mürrisch.
„Das mag sein, aber verdammt gute. Vergesst nicht, dort unten gibt es immer noch einige Piraten, denen der aktuelle Krieg egal ist und die sich einen feuchten Kehricht darum kümmern, ob die Ressourcen in den Konvois, die wir beschützen werden, in unseren Industrien dringend benötigt werden. Wir werden sicher den einen oder anderen Tanz mit den Piraten bekommen, glaubt mir.“
Jetzt war es an Ibrahim „Aslan“ Sandikci zu stänkern. „Hört sich verdammt nach Trostpreis an, Tigre.“
„Ich weiß Aslan. Aber wenn wir unseren Job gut machen, dann werden wir unsere Chance schon kriegen. Ich hoffe, ihr nehmt mir das nicht übel.“
Er konnte in den Augen der drei 1st Lieutenants sehen, das er sie nicht vollkommen überzeugt hatte. Aber zumindest etwas beruhigt.
Schließlich war es Aslan, der den kurzen Moment des Schweigens unterbrach.
„Nein, Tigre. Wir werfen es dir nicht vor. Du kannst schließlich nichts dafür.“
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An: Ensign Donovan Cartmell
Von: Quartermasterkommando, 2. Flotte
Melden Sie sich am 18. September 2633 auf dem Navystützpunkt Miramar, Californien, USA zur weiteren Verwendung.
Gezeichnet
Quatermasterkommando
2. Flotte
Gedankenverloren starrte Donovan „Noname“ Cartmell noch einmal auf den Marschbefehl in seiner Hand. Er saß alleine und etwas abseits in dem Besprechungsraum, in dem die Mitglieder des Dreckigen Haufens vor ein paar Minuten ihre Marschbefehle ausgehändigt bekommen hatten.
Ihm war klar gewesen, dass Sie ihn nicht ins Hinterland versetzen würden, so wie sie es mit ein paar der anderen des Dreckigen Haufens gemacht hatten.
Nein, das wäre in ihren Augen zu einfach gewesen, zu wenig Strafe. Nicht nach seiner so genannten „Befreiung“ und nach seinem Freispruch.
Mangels Beweisen wohlgemerkt.
Dieser Zusatz war es, der seinen Freispruch zu einem nur auf dem Papier existenten gemacht hatte. Obwohl ihn ein ordentliches Navygericht freigesprochen hatte, behandelten sie ihn alle so, als wäre er doch der Piraterie und des Hochverrats für schuldig befunden worden, nur dass man es vergessen hatte zu vollstrecken.
Darum war es klar, dass man ihn direkt in die Höhle des Löwen schickte. Zur 2. Flotte, wahrscheinlich in ein Geschwader, in dem es nur so wimmeln würde von Veteranen aus den Piratenkriegen. Man schickte ihn an die Front, nur dass es für ihn wieder einmal zum Zweifrontenkrieg werden würde, das wusste er jetzt schon. Die Gerüchte über seine Vergangenheit würden die Runde machen, unweigerlich, dafür würde wahrscheinlich schon der NIC sorgen.
Genau so war es auch das letzte Mal gewesen, und er hatte dem Druck nicht stand halten können. Er hatte sich provozieren lassen und war ausgerastet. Und dabei war noch nicht einmal Krieg gewesen.
„Scheiß auf die Navy“ murmelte er leise den Schlachtruf der Hooker´s Pirates, als er seinen Ausdruck des Marschbefehls zerknüllte und wegwarf.
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„Du kannst schließlich nichts dafür … kannst schließlich nichts dafür … schließlich nichts dafür … nichts dafür ... nichts dafür ...“
Ein paar Stunden saß Tigre nun schon alleine in seinem Büro. Die marsianische Nacht war schon längst über den Navystützpunkt hereingebrochen und die Basis lag ruhig und friedlich unter den gewaltigen Kuppeln. Doch Aslan´s Satz hallte wieder in seinem Kopf, immer und immer wieder. Und weckte sein schlechtes Gewissen.
Er kramte den Ausdruck der elektronischen Nachricht von seinem früheren Stubenkameraden auf der Marsakademie Commander Juan Mendoza hervor, den er bereits von seinem Rechner gelöscht hatte und las ihn erneut durch.
„Lieber Santiago,
es freut mich, dass ich dir hiermit bestätigen kann, dass dein Vorschlag zur Bildung einer eigenen Staffel aus deinem derzeitigen Ausbildungskader bei meinen Vorgesetzten auf positive Resonanz gestoßen ist. Die entsprechenden Marschbefehle sind wahrscheinlich zeitgleich mit dieser Nachricht an dich und deine zukünftige Staffel herausgegangen.
Captain Joao Dominguez, der Kommandeur der GUADALCANAL, scheint seinen Perisher-Unterlagen nach ein solider, fähiger Kapitän zu sein, wenn man einmal davon absieht, dass er Portugiese ist. Nein im Ernst: Ich denke Du und deine Staffel werdet bei ihm in guten Händen sein.
Laura und die Kinder lassen dich grüßen. Wir alle hoffen, dass Du wohl behalten zurück kehren wirst.
Alles Gute
Juan
Gez. Cmdr. Juan Mendoza
Zentrales Quartermasterkommando
Navy Hauptquartier
New York, Terra
P.S.: Es geht mich zwar nichts an, warum du um diese Versetzung gebeten hast. Aber ich denke, du wirst sicher deine Gründe haben.“
Ein Stich fuhr Santiago durchs Herz als er einmal mehr diesen letzten Zusatz seines alten Freundes und Kameraden las. Der subtile Hinweis in diesem letzten Satz war gerade deutlich genug um ihn wissen zu lassen, das Juan zumindest verwundert sein musste über diesen Versetzungswunsch.
Doch gerade von Juan hätte er mehr Verständnis erwartet. In seiner aktiven Zeit war Mendoza die Karriereleiter deutlich schneller emporgestiegen, als er selber. Doch dann hatte er sich vom aktiven Dienst verabschiedet und hatte sich kurz vor dem Krieg gegen einen Posten als Geschwaderkommandant entschieden und war jetzt im sicheren, sauberen Navyhauptquartier tätig.
Santiago war kein Held. Und er war auch kein übermäßig guter Pilot. Gegen die Piraten war er häufig zum Einsatz gekommen und hatte sich sogar seinen Flying Cross verdient. Aber er wusste, dass sein Aufstieg zum Lt. Commander mehr mit seiner ihm natürlich gegebenen Autorität als mit seinen Flugkünsten zu tun hatte. Er war ein geborener Menschenführer, doch was nützte dieser, wenn er tot war?
Santiago hatte nicht vor in diesem Krieg zu sterben. Der Heldentod war nicht seine Sache. Und einer der Fronteinheiten zugewiesen zu werden, erhöhte die Chancen auf ein vorzeitiges Ableben dramatisch.
Er hatte versucht in die Marsakademie zu gelangen, aber seine fliegerischen Fähigkeiten hatten nicht ausgereicht. Er hatte versucht – auch durch Juans Hilfe – zu einem Bürojob im Hauptquartier zu kommen, aber dafür war er angeblich noch nicht erfahren genug. Doch in Wahrheit wollten sie ihn im aktiven Dienst haben.
Also hatte er Ihnen angeboten, zumindest einen Teil dieses Flohzirkus langfristig unter Kontrolle zu halten, im Austausch gegen einen ruhigen, sicheren Auftrag in der 6. Flotte. Natürlich durften seine Leute davon nichts erfahren, sonst war es mit seiner Reputation und Glaubwürdigkeit vorüber. Aber wenn Sie Glück hatten, konnten Sie sich bis zum Ende des Krieges bedeckt halten und überleben. Und dann würde kein Hahn mehr danach krähen, was genau er während des Krieges gemacht hatte. Er würde überleben und seine Ausstrahlung würde ihm helfen dann Karriere zu machen, darüber war er sich sicher.
Er verdrängte sein schlechtes Gewissen seinen 1st Lieutenants gegenüber und lächelte. Sie wussten es noch nicht, aber eines Tages würden Sie ihm hierfür danken.
Ironheart
24.03.2004, 13:17
Ursprünglich von Cunningham
Die Abende in Bosten begannen früh und im Wohnzimmer der Cunninghams wurde der Kamin angemacht.
Lucas fühlte sich seid der Hypnosetherapie um längen besser und jetzt saß er vor dem knisternden und knackenden Kamin.
"Lucas?" Die Stimme seines Vaters riss ihn aus den Gedanken.
Als er sich umdrehte hielt Nathan Cunningham seinem Sohn ein Whisky-Glass mit der unverwechselbaren schwarzen Flüssigkeit entgegen, die Antigua Scotch kennzeichnete.
"Danke Dad." Er nahm das Glas entgegen und nippte, ließ den ersten Schluck über seine Zunge rollen, ehe er ihm erlaubte sich die Speiseröhre hinunter zu brennen.
Sein Vater setzte sich derweil in den nächsten Sessel.
Eine Weile schwiegen Vater und Sohn.
"Wie lange bleibst Du?" Fragte Nathan schließlich.
"Nun am 18. September muss ich mich in Kalifornien melden und dort wird sicherlich erstmal ne Untersuchung kommen, ob ich dienstfähig bin. Von da an muss ich mal sehen, was kommt."
Sein Vater nickte: "Ganz ehrlich, ich hoffe ja eher, dass Sie Dich nicht wieder dienstfähig schrieben, Deine Mutter, sie hat schreckliche Angst um Dich ... ich natürlich auch."
Lucas kicherte.
"Das ist nicht witzig, ich mein, wir wissen nur, was im Fernsehen oder der Zeitung steht aber gleichzeitig ist unser einzigstes Kind da draußen und könnte jeden Augenblick nunja ... Du weißt schon."
"Und ob ich das weiß. Wobei das nicht umbedingt die schlimmste alternative ist."
Sein Vater sah ihn irritiert an.
"Du hörst schon richtig, ich kann mir weit aus schlimmeres vor stellen, als dort draußen als Eisleiche zu landen." Lucas nippte erneut an seinem Scotch während sein Vater begann unruhig auf seinem Sessel herumzurutschen.
"Ich versuch mir gerade vorzustellen", fuhr Lucas fort, "wie es sein muss eine Gliedmaße zu verlieren. Ja gut, sie können es heute nachwachsen lassen, aber die Vorstellung ..."
"Du denkst an Melissa, richtig?"
"Ja Dad."
"Du weißt, dass Deine Mutter sehr ... überrascht wahr, dass Du Dich verlobt hast, so ohne uns Deine Verlobte vorher vorzustellen."
"Oh, daher ist sie den ganzen Abend schon verschwunden, das schlechte Gewissen."
"Schlechtes Gewissen, also Lucas ..."
"Sie wollte doch, dass Du ein Vater-Sohn-Gespräch mit mir wegen Melissa führst!" Ohne das er es wollte wurde er lauter.
"Nun hör mir mal zu mein Junge, Du kommst nach Hause und bringst hier eine völlig fremde an und stellst sie uns als Deine Verlobte vor - ja nichtmal das. Wir wissen nichts von Deiner Melissa Auson, was verlangst Du?"
"Das Ihr Euch damit unvoreingenommen auseinandersetzt wäre wohl zuviel verlangt oder?"
Nathan nahm einen Schluck Scotch: "Du weißt, Deine Mutter hat Deine Hochzeit von dem Augenblick an geplant, in dem sie erfuhr, dass sie schwanger ist."
Als Lucas darauf hin nur schmunzelnd den Kopf schüttelt klingelte es an der Haustür.
Die beiden Cunninghams standen auf und kurz darauf wurde ein Lieutenant 1st Class der Navy von einem der Butler hereingeführt.
"Commander Cunningham?" Erkundigte sich der Lieutenant.
"Das bin ich." Antwortete Lucas.
Der Lieutenant nahm trotz Lucas ziviler Kleidung Haltung vor ihm an: "Lieutenant Feodor Ulanow, TRS Columbia. Sie möchten sich umgehend an Bord der Columbia melden."
"Umgehend Lieutenant?"
"Ein Shuttle steht auf dem Raumhafen bereit."
"Sie meinen jetzt sofort?"
"Meine Befehle besagen umgehend Sir."
Lucas seufzte: "Warten Sie hier, ich gehe kurz packen."
Als Lucas im Borduniform und mit gepacktem Seesack wieder herunterkam wartete nun auch seine Mutter auf ihn.
"Die können Dich doch nicht so einfach aus dem Urlaub holen!"
"Doch Mom, sie können, sonst wäre Lieutenant Olanow nicht hier." Lucas stellte seine Tasche ab und nahm seine Mutter in den Arm.
"Ulanow", korrigierte der Lieutenant leise und wohlweißlich, dass ihn keiner beachtete.
Lucas umarmte noch schnell seinen Vater und drückte ihm einen Zettel in die Hand: "Das ist das Krankenhaus in dem Melissa liegt, tut mir den Gefallen und besucht sie."
Der Blick, dem seine Mutter seinem Vater zuwarf sprach Bände, doch dieser nickte Lucas zu: "Werden wir und Du pass auf Dich auf Lucas."
Dieser schlüpfte noch schnell in seinen Colani: "Ich werds versuchen."
Die ganze Szenerie hatte weniger als fünf Minuten gedauert, in der gesamten Familie der Cunninghams jedoch hätte man es als rührseligen Akt voller Zuneigung empfunden.
Ironheart
24.03.2004, 13:18
Ursprünglich von Cattaneo
Getrennte marschieren – vereint schlagen
Die Frau stützte ihre Hände auf das Rednerpult. Es war keine Geste der Müdigkeit, obwohl sie schon seit einer halben Stunde sprach. Sie suchte gewiß keinen Halt, brauchte keine zusätzliche Kraft. Ihr Körper neigte sich leicht nach vorne, als ducke sie sich gleichsam zum Angriff, und ihre Haltung unterstrich dabei nur den Gesichtsausdruck. Die Augen funkelten kalt vor Verachtung und Wut. Ihr Blick umfaßte den ganzen, riesigen Saal. Als sie sprach, war ihre Stimme voll eisiger Mißbilligung selbst im letzten Winkel des Saales zu hören: „Und ich frage – wem nützt dieser Krieg? Wessen Interessen fördert er? Sind es die Interessen unseres Volkes? Sicher nicht! Oder meint jemand, es läge den Menschen daran, wenn der Staat ihre Rechte einschränkt, ihnen den Zugang zu allen wichtigen Informationen verwehrt, ihnen die Möglichkeit nimmt, für ihr persönliches Wohl einzutreten? Und das Volk der Akarii? Was hat es von diesem Krieg? Nichts außer dem Rausch zweifelhafter Siege, und dafür Leid und Tod für Millionen! Nein! Dieser Krieg nützt keinem Volke, weder uns noch den Akarii. Aber es gibt auf beiden Seiten Wesen, die davon profitieren! Die sich kaum satt genug fressen können an Tod und Leid, die dabei gedeihen wie Blutegel, prall, vollgesogen – und dennoch unersättlich! Es sind die Rüstungskonzerne und ihre Vorstände! Es sind die Militärs beider Seiten, die nun die Möglichkeit haben, ihre Waffen zu erproben! Die endlich den Krieg haben, ihre Karriere voranzutreiben! Und es sind jene Politiker, die nichts lieber täten, als aus jedem Menschen einen gehorsamen Arbeiter, einen unterwürfigen Kriecher zu machen, der sich für sie abrackert, und für sie kämpft, vielleicht auch stirbt! Diesen nützt der Krieg, und niemanden sonst!“
Einen Augenblick schwieg sie, suchte den Blickkontakt mit ihren Zuhörern. Bei weitem nicht alle stimmten ihr zu. Aber nicht nur ihr eigenes Lager schien der selben Meinung zu sein. Auch anderswo gab es offenbar ähnliche Ansichten. Erneut erhob sie ihre Stimme: „Und deshalb fordern wir, fordert die IPKP, die sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen. Für einen Frieden ohne Annektionen und Kontributionen! Wir fordern die Kriegsgewinne zu besteuern, und jene für die Kosten des Völkermordens mit heran zu ziehen, die daran so überreichlich verdienten! Wir weisen jede Einschränkung der Bürgerrechte auf das Schärfste zurück, wohl wissend, daß dies nicht mehr als ein Versuch ist, jede kritische Opposition mundtot zu machen. Wir sagen NEIN zum Kadavergehorsam! Wir sagen NEIN zum Völkerkrieg und Völkerhaß! Wir sagen NEIN zur Diktatur der Notstandsgesetze! WIR SAGEN NEIN ZU DIESEM SINNLOSEN KRIEG!“
Beifall brandete auf – bei ihren eigenen Leuten, aber auch anderswo. Auch wenn viele ihr normalerweise nicht über den Weg trauten, diesmal hatte sie den richtigen Ton getroffen. Wie so oft. Sie straffte sich, und gab das Rednerpult frei. Der Eindruck würde bleiben. Ihre Anhänger jubelten ihr zu, so daß man den Versammlungsordner kaum hörte: „Die Rede von Isabella Pavon, Generalsekretärin der IPKP, Kongreßabgeordnete.“ Der letzte Nachsatz wurmte sie ein wenig, erinnerte er sie doch an die engen Grenzen ihrer ,realen‘ politischen Macht. Was für einen Einfluß hatte sie schon im Parlament, wenn sie dort mit nur ein paar Parteimitgliedern die Stellung hielt? Das alte Dilemma der kleineren Gruppen in Zwei-Parteien-Systemen – sie fielen automatisch kaum ins Gewicht. Aber auf der Straße, bei den Menschen, bei einigen Organisationen, dort sah die Sache mitunter anders aus...
Wieder erhob sich die Stimme des Ordners, ankämpfend gegen das Stimmengewirr in dieser riesigen Halle, angefüllt mit so verschiedenen Menschen: „Es spricht jetzt Admiral a. D. Omura Kimoto, parteilos.“ Langsam kehrte Ruhe ein – wohl auch aus Überraschung. Ein Admiral, auch eine ehemaliger, das war nichts, was man gerade HIER erwartet hätte. Viele nahmen den neuen Sprecher in Augenschein – sich fragend, ob er hier war, um sie zu provozieren. Kimoto aber ließ sich anscheinend nicht aus der Ruhe bringen. In seiner blendend weißen Uniform wirkte er merkwürdig deplaziert in dieser Versammlung. Er war mittelgroß, hager, ein „klassischer“ japanischer Typ. Ein Vertreter der Yamato-Rasse, hätte man wohl gesagt, doch die hier Anwesenden wiesen derartige Typisierungen stets weit von sich. Viel Grau war bereits in seinen kurzen schwarzen Haaren, aber er hielt sich aufrecht. Vermutlich riefen viele die Informationen ab, die über jeden Redner zur Verfügung gestellt wurden – viel war es jedoch nicht, und vor allem nichts, was seine Anwesenheit hier erklärte, Auskunft gab über seine Absichten:
Alter 74 Jahre, ledig, seit 2624 im Ruhestand. Flottenadmiral. Mehrere Kommandos – er war also nicht nur ein Verwaltungsadmiral hohes Stabsmitglied, sondern ein „echter“ Militär.
Am Pult verbeugte sich der Asiate leicht, ehrte damit die Versammlung. Auch wenn viele Europäer das nicht unbedingt verstehen würden, so waren doch die Menschen asiatischer Herkunft hier eine Mehrheit. Er sprach frei – außer seiner Vorrednerin hatten das nur wenige gewagt. Sie waren selten, die rednerischen Talente, in diesen Tagen. Böse Zungen würden sagen, die Demagogen stürben endlich aus. Doch das war Ansichtssache, und es gab Stimmen, die als die größten Demagogen die augenblickliche Präsidentin und ihren Stab nannten.
„Mitbürgerinnen und Mitbürger!“ Die Stimme des alten Admirals klang ruhig. Kein visionäres Feuer lag darin, er sprach beherrscht und überlegt. „Ich kann dem, was meine Vorredner sagten, nicht viel hinzufügen. Sie alle haben Gründe, gute Gründe, genannt, warum der Krieg und vor allem die Art der Regierung, ihn zu führen, abzulehnen ist. Über einige sind wir uns vielleicht uneins – aber nach allem, was ich bisher gehört habe, teilen Sie alle die Ansicht, daß es so nicht weitergeht. Besonders nicht so, wie es die Präsidentin nun offenbar vorhat, ob aus eigenem Entschluß oder auf Drängen des Militärs. Wir alle lehnen das Notstandsgesetz und vor allem den damit möglichen Mißbrauch entschieden ab.“
Er schwieg eine Sekunde, damit alle erkannten, daß er Recht hatte. Die hier versammelten Gruppen waren extrem unterschiedlich, und von früher oft miteinander verfeindet. Neokommunisten, liberale und kirchliche Friedensbewegungen, Umweltaktivisten, konservative Bürgerrechtler und planetare Isolationisten, die nicht wollten, daß ihre Welten die Zeche für diesen Krieg zahlten. Gewerkschaftler und linke Demokraten, denen Birminghams letzte Entschlüsse definitiv zu weit gingen, ebenso wie nüchterne Realisten, die einfach die Zeichen an der Wand nicht verkennen wollten und jetzt Frieden forderten, ehe es zu spät war. Sie alle trennten oft Ideologien und die Visionen einer Zukunft. In der Sicht der Gegenwart aber herrschte beinahe Einigkeit, von einigen Nuancen abgesehen. Also lauschten sie ihm.
„Sie alle wissen – das hier und heute gesagte wurde schon vorher nicht verschwiegen. Und doch, trotz dieser zwingenden Argumente – hat man Ihren Worten gelauscht? Nein, die Präsidentin verschloß ihr Ohr vor ihren Worten. Warum sie das tat – das kann man sich denken. Doch wieso konnte sie es tun, wieso konnte sie die Wahrheit übergehen?“ Kimoto schien sich das selber zu fragen, ehe er die Antwort gab: „Viele verschiedene Stimmen, die machtvoll sind, sind ein Sturm. Ein Sturm, den auch die Präsidentin nicht völlig überhören kann. Doch gibt ihr das neue Gesetz die Möglichkeit, Mauern zu errichten, die Menschen in die Häuser zu treiben, auf daß sie dem Wind nicht lauschen. In dieser Hoffnung hat sie Ihre Worte mißachtet, zum Schaden der Republik. Doch viele Stimmen, die wie EINE sprechen – sie sind ein Orkan, gegen den keine Mauer hilft, der jede Wand niederreißt. Auch die Präsidentin wäre dagegen machtlos. Deshalb will ich an Sie appellieren, Ihre Stimmen zu einem solchen Orkan zu vereinen. Denn wenn wir in vielen Dingen auch unterschiedlicher Meinung sind, wenn wir in unseren zentralen Anliegen etwas erreichen wollen, müssen wir mehr werden in den Augen der Menschen, als nur ein diffuses Sammelsurium verschiedener Kriegsgegner.“
Er lächelte leicht: „Nun werden Sie sagen, Sie bräuchten keinen ehemaligen Militär, um zu erkennen, was richtig ist und was nicht. Sie werden sich fragen, warum ich meine, hier sprechen zu können, wo Sie alle doch weit mehr Erfahrung in Sachen Politik haben. Und damit haben Sie sicher Recht. Und doch bitte ich Sie, mir Ihr Ohr zu leihen. Es gibt einen Punkt, wo ich Erfahrung habe, und das ist die militärische Perspektive.“ Der Admiral machte erneut eine kleine Pause. Er wußte, eigentlich war dies hier nicht unbedingt eine Empfehlung. Es gab eine ganze Anzahl Pazifisten, besonders unter den radikaleren, die JEDEN Militär ablehnten. Ehe sich jedoch etwa Widerspruch regen konnte, fuhr er fort: „Ich habe lange genug in der Flotte gedient, um zu wissen, wie man dort denkt, und wie man agiert. Und schlußendlich ist diese Kenntnis auch der Grund, warum ich heute hier vor Ihnen stehe. Ich sehe – genau wie Sie – einen erheblichen Teil Schuld bei der zivilen, vor allem aber in der militärischen Führung der Bundesrepublik. Wie ich so eine schwere Anschuldigung erheben kann? In all den Jahren des Kalten Krieges haben wir es so gut wie nie erlebt, daß die militärische Führung von etwas anderem redete, als daß dieser Krieg kommen würde, wenn man sich nicht darauf vorbereite. Womit sie – immer und zu jeder Zeit – eine erneute Budgeterhöhung, neue und bessere Waffen, eine Aufstockung ihres eigenes Ressorts auf Kosten eines anderen meinten. Nie aber haben sie sich überlegt, wie man den Krieg auf politischem Wege verhindern könnte. Sie glaubten einfach, entweder der Krieg kommt – und wenn er nicht kommt, dann nur, weil die ,anderen‘ zuviel Angst haben. Bereite dich darauf vor, den Gegner zu töten, und jage ihm so viel Angst ein, daß er Angst hat, du könntest ihn zerschmettern – das war ihre Vorstellung von Konfliktvermeidung. Schließe dich ein, höre nicht auf den anderen. Versuche erst gar nicht, mit ihm zu reden – er ist sowieso der Feind. Die politische Führung hingegen folgte entweder diesem Diktum, oder hegte die ebenso törichte Illusion, dieser Krieg könne nie kommen, einfach, weil sie ihn nicht wolle. Als gäbe es auf der anderen Seite nicht eben so törichte Wesen, sogar schlimmer noch – als könnten nie dort Politiker und Militärs aufstehen, die meinen, den Krieg auch führen zu müssen. Als hätte es nicht auch bei uns Menschen gegeben, die genau das forderten, was die Akarii uns jetzt antun – einen überraschenden Angriffskrieg.
Nie aber versuchte eine von beiden Institutionen, einen Dialog mit den Akarii zu finden. Nie wurde auch nur versucht, die Interessen abzugrenzen, eine direkte Kommunikation zwischen den Regierungen zu schaffen, um Streitfragen direkt und unmittelbar zu klären. Auch auf der anderen Seite erhielt die Vorbereitung auf den Krieg mehr Gewicht als seine Verhinderung! So mußte es vielleicht eines Tages zum Kriege kommen – denn alle dachten bei Staatskunst und Weitsicht nur ans Taktieren, verstanden unter Krieg eine Fortsetzung der Politik, nicht deren Ende."
Ironheart
24.03.2004, 13:19
Ursprünglich von Cattaneo
Nicht wenige der Anwesenden bekundeten Zustimmung, und Kimoto verneigte sich leicht: „Nun, dies ist vorbei. Die verhängnisvolle Dummheit von Militär und Regierung hat in diesen Krieg geführt. Ich aber sage – noch besteht eine Möglichkeit, den Schaden zu begrenzen. Wir können nicht wieder gut machen, was verschenkt wurde, denn die Toten kann niemand ersetzen. Aber wir können verhindern, daß diese unermeßliche Tragödie ihren Fortgang nimmt. Wenn wir gemeinsam handeln. Eile tut Not, jetzt mehr denn je. Denn wieder wird mit unverkennbarer Deutlichkeit klar, daß Regierung und militärische Führung nur an eines denken – an eine kriegerische Lösung. Und dazu darf es nie kommen! Dies mag sonderbar aus dem Wort eines Soldaten klingen. Aber, um einmal dieses Bild zu benutzen: wenn schon der Soldat in einer Demokratie der Helfer ist, der gerufen wird, zu retten, wenn es brennt, wenn die Erde bebt – soll dann dieser Helfer nicht auch ein Interesse daran haben, daß es erst gar nicht zu einem Unglück kommt? Soll er nur immer mehr und besseres Material fordern, mehr Vollmachten im Notfall, für den Augenblick, in dem es eigentlich schon halb zu spät ist? Oder soll er nicht auch dafür eintreten, daß es erst gar nicht dazu kommt, oder zumindest nie wieder? Nicht etwa, indem er anregt, alle Menschen in Bunker zu pferchen, sie in ein Geflecht von Regeln und Begrenzungen zu fesseln, das Feuer für immer zu vernichten, die Erde zu zähmen – egal was es kostet. Sondern, indem er richtige und vernünftige Vorschläge macht. Gemeinsam mit der Gemeinschaft, nicht als ihr Aufpasser oder Schulmeister!“ Die Stimme des alten Offiziers klang jetzt energisch.
„Ich sehe in der jetzigen Situation, wie das Militär die politische Führung unter Druck setzt. Wie es darauf drängt, den Krieg führen zu können, allein nach Gutdünken. Wie es sich mit der Politik verbindet, und allein mit einem Ziel – gemeinsam ALLES auf Krieg auszurichten. Ich bin nicht so gutgläubig zu meinen, die Akarii seien keine Bedrohung. Und ich verstehe, daß wir uns gegen eine Aggression schützen müssen. Aber ich weise es zurück, daß dafür das Schicksal der ganzen Republik, und vor allem das ihres höchsten geistigen Gutes, der Freiheit, allein dem Glück und Unglück der Waffen überlassen wird! Ich fordere eine Abkehr von diesem Kurs, hier und jetzt!“
Es gab einige Pfiffe und Zwischenrufe – aber die überwältigende Mehrheit hier war nicht so sehr pazifistisch, daß sie für eine einseitige Feuerpause, für Kapitulation eintrat. So weit ging die Friedensliebe nur bei wenigen, denn die brutale Strategie der Akarii auf Mantikor und der Angriff ohne Vorwarnung hatten die Gemüter auch dieser Menschen erregt. Kimoto traf deshalb die Meinung der meisten in so weit, daß sie ihn akzeptierten.
„Ich appelliere an Sie, Vertreter der Friedensbewegungen der ganzen Bundesrepublik – lassen Sie uns mit einer Stimme sprechen, und unüberhörbar unsere berechtigten Forderungen stellen. Das Schicksal der Republik steht auf dem Spiel, und mehr noch! Letzten Endes das Schicksal dreier großer Nationen, das des Imperiums der Akarii, der Konföderation und das unsere! Und die Not duldet keinen Aufschub!“
Der Admiral verbeugte sich erneut, tief diesmal: „Ich danke der Versammlung, daß Sie mir die Ehre gewährte, zu Ihr zu sprechen. Auch wenn meine Worte von geringem Gewicht sind, so sind sie Ausdruck meiner festen Überzeugung.“ Er wollte sich zum Gehen wenden, als ihn einige Zwischenrufe stoppen ließen: „Heh, Moment mal!“ Der Sprecher war ein Abgeordneter im IPKP-Block. Er war noch jung, und das Schild auf seinem Sitzplatz wies ihn als Vertreter New Bostons aus: „Sie haben uns noch nicht gesagt, was für Forderungen Sie für angebracht halten. Sie können doch nicht aufhören, wenn es gerade spannend wird!“ Das Gelächter erfaßte alle Ränge, und Kimoto ließ sich davon anstecken: „Nun, dies zu entscheiden ist ohne Zweifel Aufgabe dieser Versammlung, und der Vertreter der großen Friedensparteien. Doch wenn Sie mich so freundlich fragen, so will ich gerne antworten.“ Er blickte sich um: „Und ohne Zweifel warten die ehrenwerten Herren und Damen inoffiziellen Mitarbeiter und die Abhörspezialisten auf das subversive Gift, daß wir zu streuen im Begriff sind. Vielleicht auch der Grund für Ihre Frage?“ Wieder wurde gelacht. Die Männer und Frauen auf den Rängen rechneten fest damit, daß der Geheimdienst seine Leute hier hatte, und selbst die privaten Kanäle zwischen den einzelnen Vertretern galten als nicht sicher. Auch der Kommunist lachte schallend.
„Nun, meiner Meinung nach ist es absolut notwendig, daß die Kriegsziele offen dargelegt werden, und das Parlament wie auch das Volke erkennen kann, wofür es eigentlich kämpft. Es müssen Verhandlungen mit den Akarii begonnen werden, um zu erfahren, was sie eigentlich wollen. Auch diese Forderungen müssen der Öffentlichkeit ohne Hinzufügung oder Weglassung zugänglich gemacht werden. Es sollten Vorbereitungen getroffen werden, damit im Falle eines Friedens ein erneutes Aufbrechen des Konfliktes durch frühzeitige gegenseitige Konsultation verhindert wird, man die jeweiligen Interessen der Staaten voneinander abgrenzen und miteinander aussöhnen kann. Die Einschränkungen der Löhne müssen ebenso wie JEDE Einschränkung privater Rechte einer Prüfkommission aus Parteien – nicht nur der Regierungspartei – und Gewerkschaften vorgelegt werden. Die Arbeit der Geheimdienste verlangt nach Kontrolle. Weiterhin müssen ALLE einen gerechten Anteil an den Kriegsbestrebungen leisten. Wir führen im Augenblick mehr einen ,rich mens war and poor mens fight‘, wenn Sie verstehen, was ich meine. Die Interessenverbände setzen zweifelhafte Rüstungsprojekte in die Tat um, wie das Dauntless-Projekt beweist, um damit der Industrie enorme Gewinne zuzuschanzen, Partikularinteressen zu befriedigen.. Während unsere Jagdpiloten in veralteten Maschinen starten müssen, wird das Geld für Maßnahmen fragwürdigen Wertes förmlich zum Fenster hinausgeworfen. Nein – diese Kräfte müssen ihren Anteil leisten. Eine gerechte Kriegsbesteuerung ist absolut notwendig. Wie sonst soll man verlangen, daß die Bevölkerung ihre Kinder in den Krieg schickt, während Rüstungsmilliardäre ihre Dividende steigern?“ Kimoto legte den Kopf leicht schief: „Sie sehen, Sie bringen mich direkt dazu, mich zu ereifern. Nun, dies halte ich für wesentlich. Aber darüber wird noch zu entscheiden sein.“
Währenddessen hatte Generalsekretärin Pavon eifrig in die Sprechanlage ihres Pultes geflüstert. Ihr entging kaum etwas – aber es gab da etwas zu erledigen. Sie setzte sich wieder aufrecht hin, und registrierte Ablehnung wie Zustimmung bei den Zuhörern der Rede. Es sah nicht so aus, als ob man Kimoto so schnell in Ruhe lassen würde. Drei, vier Zwischenfragen peitschten durch den Saal. Nicht jeder teilte etwa die Ansichten von der Besteuerung – Wirtschaftsliberale reagierten oft etwas allergisch auf den altbekannten Vorwurf von den Kriegsgewinnlern, gerade weil er mitunter nicht ganz ungerechtfertigt war. Es war immer so eine Sache, was als Kriegsgewinnler galt, das konnte schnell zu einer Lawine an Steuererhöhungen führen oder roch nach Umverteilung gegen die Mächte und Chancen des Marktes, nach Staatsbewirtschaftung. Gerade aber die staatswirtschaftlichen Elemente des Notstandsgesetzes hatten sie erst auf die Barrikaden getrieben, und sie verteidigten ihre Ansichten energisch.
Doch schließlich stand einer der parteilosen Teilnehmer auf. Andreas Ziegler hatte Gewicht – den er vertrat eine reichlich diffuse Sammelbewegung der Planeten, die dem Angriffssektor der Akarii am nächsten lagen. Natürlich sprach er nicht für die Planeten selber, doch seine Bewegung hatte dort überall eine stabile Bevölkerungsbasis. Kampf bis zum letzten Mann war nicht so leicht zu fordern, wenn er voraussichtlich auf dem ureigenen Territorium stattfinden würde. Selbst auf Mantikor gebürtig, war er für die Versammlung dahingehend wichtig, daß er sie vor dem Verwurf zu schützen versprach – so war zumindest die Hoffnung vieler – hier sprächen jene, die nur auf Kosten der Grenzwelten ihre Haut und ihren Profit retten wollten.
„Ich stimme Admiral Kimoto voll und ganz zu. Im Namen der von mir vertreten Gruppe bitte ich, seinen Vorschlag zu einem Antrag zu erklären, und darüber abzustimmen! Ich für meinen Teil werde alles tun, damit Präsidentin Birmingham, vor allem aber die Admiralität, einen Sturm erlebt, der alle Ausreden hinwegfegt!“ Ein oder zwei weitere Teilnehmer erhoben sich – Zustimmung, wenn auch unter Vorbehalt. Dann stand „la Pasionaria“ auf, wie ihre Anhänger sie nannten: „Die IPKP und die mit ihr verbündeten Parteien und Gruppen unterstützen den Antrag, und bitten um baldige Beratung!“
Am Ende dauerte es zwanzig Stunden. Zwanzig Stunden, in denen debattiert, gestritten, geschrien wurde. Wieder und wieder drohten einzelne, die Versammlung zu verlassen, erhoben sich – doch am Ende gingen sie doch nicht. Zu drohend die Aussicht, hier zu scheitern. Zum Schluß billigten die versammelten Organisationen und Einzelpersonen mit großer Mehrheit den Antrag von Omura Kimoto, parteilos, Admiral a. D.
Die oppositionellen Parteien schlossen den Pakt, ein Bündnis, das den Krieg kaum überleben würde, kaum überleben konnte. Aber hier und jetzt gab es genug, was sie vereinte. Und mit 90 Prozent der Stimmen der beteiligten Parteien und Gruppen bestimmte man Admiral Kimoto zum Sprecher des Bündnisses. Seine Stellvertreter wurden Isabella Pavon von der IPKP und Andreas Ziegler. Die Paris-Konferenz hatte ihre Entscheidung getroffen. Jetzt blieb abzuwarten, wie die Regierung reagieren würde auf die Deklaration und den Katalog der Forderungen.
Ironheart
24.03.2004, 13:19
Ursprünglich von Hammer
Der Konvoi pirschte durch das All. Die beiden Fregatten hatten nach vorne und zu den Seiten orientiert. Der Zerstörer, die Maori, bildete die Speerspitze der Formation. Die Dauntless selbst war hingegen im Konvoi und hatte sich etwas zurückfallen lassen. Allgemeine Anspannung machte sich an Bord der Schiffe breit, denn jetzt durchfuhr man die gefährlichste Passage.
Auf dem Gefechtszentrale der Dauntless herrschte emsiges Treiben. Gonzalez war mit Commodore Reich heruntergekommen, um sich zusammen mit Turner und O’
Keefe über die Lage zu beraten.
„Systemstatus, XO?“ fragte Gonzalez, nachdem er den beiden Männern zugenickt hatte.
„Alles bestens. Ich habe aber das dumpfe Gefühl, dass wir das auch sein müssen.“
„Aye. Wenn uns die Akarii packen, dann hier.“
„Wie lauten die Befehle, Sir?“ wendete sich Turner an Reich.
„Was würden Sie mir denn raten?“
„Wir sollten das Radar abgeschaltet lassen. Unsere Emissionen sind sehr verräterisch und die Zerstörer geben uns genügend Vorwarnzeit. Sollte der Feind mit Aktivsensoren arbeiten, sogar noch mehr. Wie Sie wissen, ist die Dauntless im passiven Bereich genauso leistungsstark wie im aktiven.“
„Und sobald der Feind auftaucht, aktivieren?“
„Nein. Wir sollten ausnutzen, dass der Feind uns noch nicht kennt und uns möglicherweise bei unserer jetzigen Position für einen Frachter oder Hilfskreuzer oder dergleichen hält. Wenn der Feind in Waffenreichweite ist, aktivieren wir Sensoren und Gefechtscomputer und hängen die anderne Schiffe an letzteren an. Auf diese Weise dürften feindliche Jäger in der Falle sitzen.“
„Klingt gut. Und bei Dickschiffen?“
„Da flitzen wir, Sir.“ meldete sich O’Keefe. „ Die Dauntless ist schnell genug und selbst die Frachter sind wegen ihrer Geschwindigkeit ausgewählt worden. Jeder Feind, der uns nicht entgegenkommt, braucht unheimlich viel Zeit, um aufzuholen. Das kann er sich aber nicht leisten, weil wir Hilfe herbeirufen könnten.“
„Klingt plausibel. Gonzalez, haben Sie noch Anmerkungen?“
„Ja, ich möchte die Leute vom Drill entlasten. Zumindestens, solange wir hier auf heißen Kohlen herumschleichen. Sonst sind die Leute im falschen Moment zu erschöpft.“
„Gut, dann zeigen Sie uns mal unseren Kurs.“
O’Keefe bediente das große Display, das in der Mitte des Gefechtszentralees war und rief eine große dreidimensionale Karte auf. Alle vier Offiziere erkannten sofort das Gebiet, in dem sie sich befanden, auch wenn die rote Linie, den den Kurs anzeigte, nicht dagewesen wäre.
„Mir gefällt das nicht, Gonzalez. Wir kommen zu nahe an das Akarii Gebiet heran. Was halten Sie davon, wenn wir eine leichte Bogenbahn verfolgen, etwa hier, hier und hier.“ Reich deutete auf einige Punkte auf der Karte.
„Hmja. Ich habe das auch schon überlegt. Aber dem Geheimdienstberichten zufolge sind in den Asteroidengürteln an Punkt Bravo möglicherweise Minenfelder. Ich würde es auch für möglich halten, dass der Feind dort einen Beobachtungsposten oder gar Feindjäger stationiert hat.“
„Ich weiß. Aber ehrlich gesagt, ich halte das Risiko für gering. Geringer jedenfalls als die Gefahr, einer Zerstörerflotille oder dergleichen über den Weg zu laufen, wenn wir unseren aktuellen Kurs verfolgen. Und mit Jägern dürften wir leichter fertig werden.“
„Das ist richtig. O’Keefe, wieviel Zeit würden wir dadurch verlieren?“
„Moment, Sir....3 Tage und 13 Stunden.“
„Das ist ne Menge Holz. Wir sollten uns eigentlich beeilen.“
Reich überlegte einen Moment. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein, legen Sie einen neuen Kurs ein. Ich denke, die Verspätung können wir verantworten, unsere oberste Priorität ist, den Konvoi unbeschädigt durchzubekommen.“
„Aye, Sir. O’Keefe, Kurs an die Brücke durchgeben.“
Der Commodore machte sich auf, die Gefechtszentrale zu verlassen. Gonzalez hingegen blieb noch einen Moment dort, um einige Details zu regeln.
„Bill, was machen die Simulationen hinsichtlich des simultanen Einsatzes der SM2?“
„Es geht. O’Keefe und eine der Jungs von der Waffenkontrolle schreiben einige Zusatzprotokolle für den Gefechtscomputer. Wird den Jungs von der Werft zwar nicht gefallen. Aber ich denke, das wird was. Verdammt, warum hab ich das nie gelernt. Da kann man seinen Kahn wirklich tunen.“
„Immer noch der alte Schrauber.“ Gonzalez grinste.
„Und wie läuft es mit Reich?“
„Besser. Offensichtlich merkt er doch, dass ich nicht der Volldepp bin, für den mich einige Lamettahengste halten. Hat sich sogar mittlerweile an meine Zigarren gewöhnt.“
„Ich mag es nur nicht, dass wir den Bogen fliegen.“
„Ich auch nicht. Aber seine Abwägung hat Hand und Fuss. Eine Lehrbuchentscheidung. Und seien wir ehrlich, so Unrecht hat er nicht. Ich hab dabei nur so ein komisches Gefühl.“
„Nicht nur Sie, Sir. O’Keefe sah vorhin auch aus, als wenn er plötzlich Bauchschmerzen bekommen hätte.“
„Andererseits wollten wir ja alle die Dauntless endlich in Aktion sehen...ich werde dann auch mal auf die Brücke gehen, überspielen Sie mir bitte alle Daten zu den Simulationen und machen Sie Vorschläge für das Handbuch. Ich wollte da heute abend noch ein wenig dran arbeiten.“
„Aye, Sir, wird gemacht.“
Drei Stunden später sass Gonzalez an seinem Schreibtisch und brütete über dem Taktikhandbuch. Ihm fiel mal wieder auf, dass er zwar gute Ideen hatte – jedenfalls seiner Meinung nach – aber das ganze zu Papier zu bringen, das war nicht so sein Fall. Grummelnd las er erneut die Analyse von O’Keefe. Da kam ihm die Erleuchtung...doch dann ging die Alarmsirene los. Fluchend lies er alles stehen und liegen, griff nach seinem Uniformhemd und der Basecap und rannte in Richtung Brücke. Unterwegs stolperte er beinahe über den Smut, der auf dem Weg auf die Brücke gewesen war, um Kaffee dorthin zu bringen. Dummerweise war eine Horde eiliger Matrosen an ihm vorbeigestürmt, noch bevor er hatte ausweichen müssen. Gonzalez ignorierte den armen Mann ebenfalls und knöpfte sich das Hemd weiter zu. Auf der Brücke angekommen nickte er kurz dem Commodore zu und begab sich ans taktische Display. Offensichtlich hatte eine der Fregatten, die Iron Duke, am äußersten Rand der Auffassungsreichweite ein Objekt geortet.
Gonzalez blickte hinüber zu Reich, der in Gedanken schien.
„Sir?“
„Ja, Gonzalez?“
„Sir, ich würde zum abwarten raten. Jetzt die Sensoren anzuwerfen, würde unser Überraschungsmoment zunichte machen.“
„Ist richtig, aber ich würde gerne wissen, was da draußen ist.“
„Hm, sagen Sie doch einfach der Flottille, sie soll auf volle Emcon gehen. Nach zwei Minuten widerrufen Sie das. Vielleicht kommen die Leute da draußen dann ja ein wenig näher heran.“
Emcon oder Emission Control bedeutete, dass die aktiven Sensoren und der Funk weitesmöglichst eingeschränkt wurden. Faktisch würde die Flotille keinerlei elektronischen Lärm machen, der über eine längere Distanz aufspürbar war.
„Gute Idee. Veranlassen Sie das.“
Reich lehnte sich zurück und beobachtete, wie Gonzalez alles weitere veranlaßte. Der Feind verschwand vom Schirm. Nach etwa 100 Sekunden meldete sich ein Brückenmitglied, das die Passivsensoren überwachte.
„Sir, minimal Aktivität auf dem Z-Band. Scheint ein Akarii zu sein.“
„Na also, da ist jemand neugierig. Klassifizierung?“
„Nicht möglich, das Signal ist zu unregelmäßig.“
„Richtfunkspruch an die Flottille. Emcon fortsetzen bis Widerruf.“
Die Minuten verstrichen, offensichtlich war auch der Feind sich unschlüssig. Gonzalez wollte gerade das Signal zum aktivieren der Sensoren durch die Iron Duke geben, da meldete der Junioroffizier für Sensoren erneut Aktivitäten.
„Sir, Signal verstärkt sich. Scheint ein Aufklärungspod zu sein.“
„Also ein Jäger?“
„Denke ich, ja.“
„Gut, halten Sie uns auf dem Laufenden und plotten Sie die Feindposition.“
„Aye, Sir!“
Gonzalez fingerte an seiner Zigarre herum, die er gerade angezündet hatte.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, und der Feindkontakt abgebrochen. Die Flotille blieb jedoch auf Emcon.
Ironheart
24.03.2004, 13:20
Ursprünglich von Tyr Svenson
Noch Tage nachdem Clas Schiermer aus dem Koma erwacht war, hatte er Schwierigkeiten zu begreifen, wie er überlebt hatte. Es war nicht das erste mal, daß er verwundet wurde. Aber diesmal war es knapper gewesen als jemals zuvor. Zwei Wochen hatte es gedauert, bis die Ärzte auch nur die Verlegung von Taschkent in das Militärhospital des „Schukow“-Militärkomlex für unbedenklich erklärten.
Dort erfuhr er überhaupt erst, wie es um ihn gestanden hatte – die Militärärzte kannten in der Beziehung keine falschen Hemmungen: Der Treffer in seiner Seite war schlimm genug gewesen, hatte innere Verletzungen angerichtet. Dazu kamen zahllose Granatsplitter, die tief in seinen Körper eingedrungen waren, ihn teilweise regelrecht durchdrungen hatten. Sein Leben verdankte Schiermer nur der schnellen Ankunft des medizinischen Notdienstes, seiner ungewöhnlichen Zähigkeit und ungeheurem Glück.
Man hatte ihm ein eigenes Zimmer zugewiesen und das war ihm nur recht. Er haßte das Gefühl, schwach und hilflos zu sein. Fast wie ein verletztes Tier wollte er sich verkriechen, im Verborgenen seine Wunden heilen.
Wie um seinen Wunsch zu entsprechen, blieb er die meiste Zeit alleine. Abgesehen vom medizinischen Personal, routinierten aber nicht überengagierten Männern und Frauen, hatte er kaum Besuch.
Wer sollte ihn auch besuchen? Eine Familie hatte er nicht und die wenigen Männer und Frauen, zu denen er im Laufe der Jahre so etwas wie Freundschaft entwickelt hatte, kamen nur in ein Krankenhaus, wenn es sie selber erwischt hatte.
Der einzige „Besuch“ war Captain Arianna Schlüter. Sie kam ein paar Tage nachdem Schiermer aufgewacht war. Auch wenn Schiermer erst seit einem knappen Jahr unter ihrem Kommando war, kannte sie den Sergeant gut genug, um sich Beileidsbekundigungen zu sparen. Außerdem traute sie Schiermer nicht völlig und wußte auch, daß Schiermer dies wußte.
Kurz und knapp informierte sie ihn, wie die Aktion ausgegangen war. Die Deserteure waren allesamt tot. Ebenso Privat Yamagata und zwei Kleinkriminelle, die eher zufällig in die Operation geraten waren. Korporalin Tennet hatte verletzt überlebt, war aber schon auf dem Weg zur Besserung, und würde bald wieder in den aktiven Dienst zurückkehren. Die Polizei von Taschkent hatte natürlich von der ganzen Sache Wind bekommen. Der NIC und das Marinekorps hatte es aber geschafft, die Sache zu unterdrücken. Offiziell hieß es jetzt, ein Spezialkommando hätte einen Waffenhändlerring ausgehoben, dessen Mitglieder sofort das Feuer eröffnet hatten und beim Schußwechsel allesamt umgekommen waren. Den Ruhm kassierte die Taschkenter Polizei – und schwieg dafür über die realen Hintergründe der Schießerei. Die vier Deserteure galten als bei einem Manöver umgekommen – das Ansehen des Korps würde makellos bleiben.
Ganz zum Schluß erfuhr Schiermer, daß er und Yamagata einen Orden, den Bronce Star erhalten würden. Das mochte etwas viel sein, aber für illegale Operationen gab es immer einen gewissen „Bonus“. Das war alles, was Captain Schlüter ihm mitzuteilen hatte – neben der Ankündigung, wenn er wieder gesund wäre, würde er wieder unter ihr Kommando kommen.
Als Schlüter gegangen war, fragte sich Schiermer kurz, ob Yamagatas Angehörige wohl mit dieser Belohnung getröstet sein würden, verwarf solche Gedanken aber als sinnlos und verweichlicht. Yamagata hatte das Risiko gekannt.
Es dauerte lange, viel zu lange für Schiermer, bis er das Bett verlassen konnte. Vor allem angesichts der Ungewißheit, ob er überhaupt wieder voll gesunden würde. Erst drei Wochen nach seinem Erwachen aus dem Koma erklärte ihm der ältere Militärarzt, er sei wohl über den Berg und würde wieder vollkommen gesund werden. Eine schwere Last wich von Schiermer bei diesen Worten. Auch wenn er seit längerer Zeit mit dem Gedanken spielte, den Dienst zu quittieren – SO wollte er nicht aufhören.
Dank der Teilnahme an einigen rechtlich illegalen, aber vom NIC oder TIS befohlener Operationen und einiger eindeutig kriminellen Machenschaften in Eigenregie hatte Sergeant Schiermer auf geheimen Konten mehr Geld gesammelt, als die meisten Marinesoldaten seines Dienstgrads in ihrem Leben zu sehen bekamen. Aber es reichte noch nicht – nicht für das Leben, das er sich vorstellte. Außerdem herrschte momentan Krieg und damit hatte er keine Möglichkeit, legal aus dem Dienst zu scheiden. Er hatte nicht vor, den Rest seines Lebens als Deserteur auf der Flucht zu sein. Wie die Legion und der Geheimdienst hatte das Korps den Ruf, sich um seine Leute zu kümmern – und Verräter gnadenlos zu Tode zu hetzen. Und Schiermer wußte nur zu gut, wie berechtigt dieser Ruf war.
Auch wenn er im Einsatz gelernt hatte, zu warten – die erzwungene Untätigkeit kratzte an seinen Nerven, machte ihn rastlos und ungeduldig. Auch wenn er es erst begrüßt hatte, sein eigenes Zimmer zu haben, wurde der Raum mehr und mehr zum Gefängnis, das ihn zu erdrücken drohte.
Deshalb war er froh, als es ihm endlich erlaubt wurde und möglich war, diese Zelle zu verlassen – auch wenn er dazu einen Rollstuhl benutzen mußte. Seine Beinmuskulatur war von den Granatsplittern regelrecht zerfetzt worden und würde noch lange brauchen, um zu heilen. Aber er überwand seine Wut auf das erniedrigende Schauspiel, das er bieten mußte, an einen verdammten Rollstuhl gebunden. Alles war besser, als immer in den selben Wänden eingesperrt zu sein und zu fühlen, wie sie langsam näher rückten. Es zog ihn nicht zu menschlicher Gesellschaft – aber er wollte ins Freie!
Dank eines gleichbleibend hohen, oder sogar steigenden Militäretat war das Krankenhaus auf dem modernsten Stand, ja man hatte sogar darauf Wert gelegt, eine angenehme Umgebung für diejenigen zu schaffen, die bereits in der Lage waren, ihre Zimmer zu verlassen. Ein regelrechter Park umgab das Krankenhaus, eine Oase der Natürlichkeit inmitten des akkuraten und zweckgerichteten Militärkomplex.
Momentan schien die Sonne auf Rasen, Bäume und den Teich, der direkt vor dem Krankenhaus angelegt worden war. Hier machten die Versehrten ihre ersten Gehübungen, trafen bei gutem Wetter Besucher – oder versuchten mit dem Krankenpersonal anzubandeln.
Aber auch hier blieb Schiermer für sich. Oder er hatte es jedenfalls vor.
Es war sein zweiter Ausflug in den Park. Er hatte sich so gut es ging von den anderen Spaziergängern entfernt. Vor allem von dieser unerträglich süßlichen Familienszene, dem Besuch der Eltern und der Freundin oder Verlobten für einen jungen Marine. Im Schatten einer Baumgruppe hatte er ausgeruht – und war eingeschlafen.
Das leise Knirschen von Schritten weckte ihn. Sofort griff er nach seiner Waffe und erlebte einen kurzen Augenblick der Panik, sich nicht nur waffenlos, sondern auch praktisch gelähmt zu finden. Erst dann hatte er realisiert, wo er war.
Mißtrauisch hatte er den Spaziergänger betrachtet – auch, weil der bereits laufen konnte, wenn auch nur auf Krücken. Der Mann stand mit dem Rücken zu ihm, eine gedrungene, breitschultrige, mittelgroße Gestalt, mit muskulösen, langen Armen. Er hatte Schiermer nicht gesehen, völlig beschäftigt mit dem Versuch, nur mit einer Krücke auszukommen. Um ein Haar fiel er, konnte sich nur mit Mühe aufrecht halten. Der Mann fluchte lauthals.
Der singende, ausgeprägte Akzent ließ Schiermer zusammenzucken, öffnete ein längst vergangenes Kapitel seines Lebens. Das war doch nicht möglich – oder? „Singe?!“
Der Mann mit der Krücke fuhr herum, dabei fast noch einmal das Gleichgewicht verlierend: „Was zum...?“ Er verstummte, starrte Schiermer an. Dann glitt ein Lächeln über sein breites Gesicht. „Der Teufel soll mich holen. Schiermer.“
Der Sergeant grinste ebenfalls. „Singe“, also „Affe“ gehörte zu den wenigen Freunden Schiermers. Der korsische Fremdenlegionär hatte den Spitznamen wegen seiner ungewöhnlich lang wirkenden Arme und seiner Behendigkeit erhalten – erlaubte aber nur Legionären und Freunden ihn so zu nennen. Wer unwissentlich gegen diese Regel verstieß, hatte allen Grund, es zu bedauern. "Singe" gehörte zum 4. Etranger, also dem 4. Regiment der Legion. Vor zehn Jahren hatte sein Bataillon zu einer gemischten Ad-hoc-Brigade gehört, in der auch Schiermer gedient hatte. Auf „Pandora“, einer Kolonialwelt der Republik, hatte ein verbissener Krieg gegen separatistische Rebellen getobt. Fast vier Jahre hatte Schiermers Einsatz gedauert – dann war er verwundet und nach der Genesung zu einem anderen Kommando eingeteilt worden.
„Was machst du denn hier? Ich dachte, euch hätten sie irgendwo an der Grenze zu Konföderation vergraben?“
„Singe“ zuckte mit den Schultern: „Es herrscht nun mal Krieg. Da brauchen sie das Vierte Entranger der Legion an der Front, nicht als Schreckgespenst für die Konföderierten oder gegen die Pandora-Seperatisten-Hurensöhne.“
„Pandora – immer noch die alte Scheiße?“
„Natürlich. Urwald und Sumpf und Rebellen – und mittendrin wir. Trotzdem werde ich es vermissen.“
Das bezweifelte Schiermer: „Und wie hast du dir das zugezogen? Sag bloß, die Guerilla hat dich erwischt? Wirst du alt?“
„Sei du mal ganz ruhig! Und es waren nicht diese Schlammkriecher. Das passierte auf der Erde. So ein cochon von Zuhälter hat falsch gespielt. Und er hatte ein paar mehr gardien, als ich gedacht habe. Ich bekam ein Messer in den Rücken, aber richtig.“
„Und was war mit deinem Freund mit dem Messer?“
Der Legionär grinste häßlich: „Sie haben ihn in den selben Krankentransporter geladen, in den sie mich geschoben hatten. Aber ist krepiert, bevor sie seine Löcher flicken konnten.“
„Also immer noch der Alte.“
„Ehrensache. Wer sich mit der Legion anlegt, ist ein toter Mann... . Und wo haben sie dich erwischt?“
Schiermer überlegte kurz – schickte dann die Geheimhaltung zum Teufel und erzählte „Singe“ die ganze Geschichte. Es überraschte ihn nicht, daß der Legionär die Aktion billigte. Auch die Legion folgte dem Motto, schmutzige Wäsche intern zu waschen.
„Und du bist immer noch bei der Coloniale?“
„Ja, immer noch die Marineinfanterie.“
„Na, wenn sie irgendwann von dir genug haben, dann kommst du zu uns. Mein captain kann Leute wie dich gebrauchen.“
„Werde es mir merken. Immerhin – wenn sie mich doch noch vor’s Kriegsgericht stellen, vielleicht kann ich damit davonkommen.“
„Wir sind die Legion. Natürlich nehmen wir dich dann!“ Und tatsächlich hatte die Fremdenlegion den Ruf, JEDEN zu nehmen, auch ehemalige Häftlinge, kriminelle Soldaten anderer Waffengattungen und Leute, die ihre Vergangenheit ungenannt lassen wollten. Wer dann den gnadenlosen Drill, die extremen Anforderungen nicht aushielt – nun, der hatte Pech gehabt. Es gab Gerüchte über Prügelstrafen und die archaische Ahndung schwerer Vergehen durch das Eingraben am Flaggenmast. Andererseits hieß es, die Legion ließ ihre Soldaten nie im Stich, dort war der Ton lockerer als in anderen Truppenteilen. Mit dem Eintritt in die Legion ließen die meisten ihr altes Leben zurück, wurden Teil der Legion, einer verschworenen, mythenumwitterten Eliteformation. „Legio Patria Nostra“ – „Die Legion ist unser Vaterland“. Und immer noch wurden die Rekruten in der alten algerischen Heimatgarnision der Fremdenlegion, Sidi-Bel-Abbès, mit den Worten begrüßt: „Légionnaires, vous etes là pour mourir - Legionäre, ihr seid hierher gekommen, um zu sterben!“
„Nun ja, Danke – aber wie lange muß ich mich dann verpflichten? Zehn Jahre?“
„Das sitzt du doch auf einer Arschbacke ab. Übrigens – du hast dir einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um blau zu machen.“
„Was hast du gehört, ‚Singe‘?“
„Genaues gehört habe ich nichts. Aber es gibt Gerüchte. Gerüchte, daß sie überall die Coloniale, die Legion und die besseren Armeetruppen herausziehen. Da bereitet sich was vor. Etwas Großes... .“
Doch diese Vermutungen waren bald vergessen bei den üblichen Geschichten über Kämpfe, Vorgesetzte - und Frauen. Als Schiermer auf sein Zimmer zurückkehrte fiel selbst dem Arzt seine verbesserte Stimmung auf.
Ironheart
24.03.2004, 13:21
Ursprünglich von Ace Kaiser
„…wirkt sich die Präsenz der Akarii immer drohender aus. New Boston scheint weit vom Schuss zu sein, aber es erscheint sicher, dass dieses mächtige Volk nach der Einnahme des strategisch wichtigen Mantikor-Systems und dem darin befindlichen Flottenstützpunktes Trafalgar erst begonnen hat. Die Kapazitäten der Akarii reichen durchaus für einen Angriff auf Texas. Selbst wenn dieser scheitern sollte, werden die Gegner nach einem, vielleicht zwei Jahren Ruhe noch immer in exzellenter Position für einen zweiten Schlag gegen Texas sein. Und damit auch zu einem Schlag gegen wichtige Ressourcenwelten der Republik.
New Boston rückt damit stärker ins Geschehen als wir alle denken, als wir alle glauben wollen.
Uns bleiben damit zwei Alternativen. Die erste ist, das die Akarii versuchen, durch Texas zu stoßen, um Terra einzunehmen und damit effektiv die gesamte Terranische Republik zu kastrieren. Und zweitens Texas zu nehmen und danach die Hauptwelt, die auf Ressourcen von außen angewiesen ist, mit dem Verlust Dutzender Welten in die Knie zu zwingen.
Soweit die strategischen Überlegungen.
Die Frage, die sich uns allen stellt ist: Wollen wir das? Wollen wir unsere Hauptwelt von Akarii beherrschen, ja, zerstören lassen? Die Ursprungswelt aller Menschen?
Zyniker werden nun antworten, Terra ist weit und New Boston ist nun unsere Heimat.
Aber diese Menschen vergessen die zweite Variante.
Und selbst wenn die erste greift und lediglich Texas und Terra fallen, was erwartet uns dann?
Die Geschichte lehrt uns zwei Dinge über die Akarii. Im Konflikt mit den Tonari, einer intelligenten Spezies, zu der wir sporadischen Kontakt hatte, kam mit den Akarii wegen einiger Grenzwelten in Streit. Der Gegner wurde geschlagen, die Tonariwelten systematisch gesäubert. Heutzutage gibt es nur noch unbedeutende Flüchtlingsenklaven in der Republik auf Thordall, Winston und New York.
Mit den Soridachi, einem Volk, welches sich auf gemeinsame Vorfahren zu den Akarii beruft, oder vielmehr beansprucht, dass die Akarii von ihren Vorfahren abstammen, führten die Echsen einen weiteren Konflikt. Es war kein Vernichtungsfeldzug wie gegen die Tonari. Aber die Hauptwelt wurde in Trümmer gelegt, Akarii-Statthalter auf den Planeten eingesetzt und Tribut gefordert. Siebzig ehemals freie Soridachi-Welten und deren Bürger führen nun ein Leben Zweiter Klasse am Rande des Raumgebiets der Konföderation.
Außer diesen beiden Verhaltensweisen in einem Konflikt sind uns Terranern keine weiteren bekannt. Da die Echsen noch nicht verloren haben, wissen wir nicht, ob sie die totale Eliminierung ihrer Truppen oder Waffenstillstand und Friedensvertrag bevorzugen.
Was also käme im Falle einer Niederlage auf uns zu? Absolute Vernichtung… Oder ein Leben zweiter Klasse als Kolonie der Akarii?
Ich denke, beide Möglichkeiten sind nicht besonders erstrebenswert.
Uns bleibt eigentlich nur die Hoffnung, die Akarii zu stoppen, zu stellen und Mantikor zurückzuerobern. An dieser Stelle werden wir wissen, ob die Akarii ein Wort für den Begriff „Friedensverhandlungen“ haben.
Terra ist weit entfernt. Aber ob wir es wollen oder nicht: Wir sind Teil der Republik, und als dieser müssen wir unseren Teil leisten, um Terra und damit letztlich uns zu verteidigen.
Christian Harris, New Boston Tribune.“
Chip Harris sah von seinem Lesepad auf und lächelte in die Runde. „Das ist die Rohfassung, Chef.“
Jüdland Wong lächelte ein undefinierbares Lächeln. „Ein guter Text, Chip. Wenn wir ihn bringen, wird uns aber wahrscheinlich Parteilichkeit vorgeworfen werden.“
Jeannette Walters hielt dagegen: „Es ist allgemein bekannt, dass Chip First Lieutenant der Reserve der Boston Space Miliz ist. Wenn wir den Artikel namentlich kennzeichnen oder noch besser mit dem Hinweis Kommentar versehen, sollte uns das vor Schwierigkeiten bewahren – außer den üblichen Kabbeleien. Irgend jemand fühlt sich ja immer auf die Füße getreten.“
„Sie meinen also, wenn wir Chip als Veteranen seine Sicht der Dinge schildern lassen…“
Abwehrend hob der Reservist die Hände. „Hey, schon vergessen? Das ist eine Milizeinheit. Außer bei diversen Übungen und Einsätzen gegen Piraten habe ich keine großen Erfahrungen. Veteran ist vielleicht etwas hochtrabend.“
„Trotzdem bist du unser Mann mit dem meisten Fachwissen über das Militär. Vielleicht kein Veteran…“, meinte Wong gedehnt.
„Das kann sich bald ändern“, sagte Walters leise. „Gerade kommt eine Nachricht herein. Die Miliz wird aktiviert.“ Die Redakteurin hielt ihr Arbeitspad hoch, auf dem laufend die Meldungen der Nachrichtenagenturen abliefen. „Sammelpunkt Terra. Da nach der Rede der Präsidentin die Reservisten einberufen wurden, wirst du bald von der Miliz eingezogen werden, Chip.“
„Und auf dem Weg nach Terra sein.“ Wong klatschte in die Hände. „Das ist super. Wir werden die einzige Zeitung sein, die auf New Boston direkt aus dem Krieg berichtet. Schonungslos, offen und ernsthaft. Mein bester Reporter direkt an der Front.“
„Und wenn die Miliz nur eine Garnison ablösen soll, die direkt an die Front geht?“, versuchte Chip den Enthusiasmus seines Chefredakteurs zu bremsen.
„Genau so gut. Die Ängste und die Befürchtungen der Heimatterraner, direkt aus erster Hand.“
„Der NIS wird meine Artikel indizieren“, begehrte Chip ein letztes Mal auf.
„Davon gehe ich aus. Ich glaube nicht, dass wir viele Artikel an ihnen vorbei schleusen können. Geschweige davon, das du dich in viel zu große Gefahr begibst, wenn du es versuchst, Chip. Nein, damit können wir leben. Und Emotionen gehören nicht zu den Dingen, welche die Geheimdienstspinner raus streichen.“
Versöhnlich legte der Chefredakteur einen Arm um den Miliz-Reservisten. „Chip, du bist doch Pilot, richtig? Was ist ein Pilot schon ohne seine Kameraden, seinen Träger? Du wirst da draußen nicht nur für die TSN fliegen, nein, auch für ganz New Boston. Du willst mit deinem Artikel ausdrücken, dass wir Terra unsere Unterstützung geben sollen, so wie dies ein Techniker bei der Maschine eines Piloten tut. Dann fliege. Fliege und schreibe darüber. Zieh die Menschen auf deiner Heimatwelt mit, auf deine Seite.“
„Ich tus ja schon, ich tus ja schon. Wenn Sie endlich damit aufhören, Chef.“
Wong grinste. Er nahm den Arm wieder ab. „Ich brauche sofort die Redaktion im Konferenzraum. Wir machen einen großen Bericht über die Milizpiloten, die nach Terra abfliegen. Außerdem eine Charakterstudie der Offiziere. Jeder Mensch auf New Boston kriegt jeden einzelnen serviert. Aufhänger wird Chip. Schlagzeile: Reporter zieht in den Krieg.
Oder besser: An die Front – Feder beiseite und Schwert gezückt. Nein, jetzt habe ich es: Ich muss – ein Reporter und Pilot.“
„Ja, Chef“, brummte Chip ergeben. Das Abenteuer fing ja gut an…
Ironheart
24.03.2004, 13:22
Ursprünglich von Ace Kaiser
Manchmal konnte Justus Schneider wirklich das Paradebeispiel für einen Lehrfilm abgeben – nämlich für den NEIN-Part.
Im Moment lief er in der Beziehung gerade zur Höchstform auf.
Er saß im Kapitänssessel und ließ die Beine über die linke Lehne baumeln, während er mit der Linken ein Hochglanzmagazin einschlägiger Art betrachtete und mit der Rechten nach seinem Kaffee angelte, der auf dem Boden stand.
„Sachen gibt es, die gibt es gar nicht“, kommentierte Justus ein Pin Up-Bild grinsend und nahm einen Schluck Kaffee.
„SKIPPER!“, blaffte eine Stimme hinter ihm.
Vor Schreck spuckte der Kapitän der KAZE den Schluck Kaffee wieder aus, und das mitten auf das Heftchen.
„Müssen Sie mich so erschrecken, Commander Soleil?“, beschwerte er sich. „Das Heft ist nur geborgt!“
Mißmutig wischte er mit einem Ärmel seiner weißen Ausgehuniform über das Malheur.
Lt. Commander Amber Soleil war indes nahe daran, zu explodieren. Geradeheraus, man konnte auch sagen, dass sie, wäre sie ein Vulkan, knapp vor dem Ausbruch stand. Nun, ihr Temperament stand dem eines feuerspeienden Berges jedenfalls kaum nach.
„Ich kann es nicht glauben. Das ich mir wirklich Sorgen um Sie gemacht habe… Das ich wirklich geglaubt habe, Sie wären hier einsam und alleine… Das ich wirklich gedacht habe, Sie könnten sich wenigstens einmal anständig benehmen und etwas sinnvolles tun…“
„Aber das ist sinnvoll“, erwiderte Justus empört. „Das hier ist die Juni-Ausgabe des Colonial-Playboys von 2320. Mein Cousin hat sie mir geschickt. Sie enthält einige ausführliche Artikel zur damals geplanten MIDWAY-Klasse.“
Für einen kurzen Moment war sie verdutzt, beinahe verlegen. Es war allgemein bekannt, dass der Colonial Playboy schon seit Jahrzehnten sehr gut recherchierte und ausführliche Artikel enthielt. Doch die Wut gewann im nächsten Moment wieder die Oberhand. „Und warum lesen Sie diese Artikel dann nicht und sehen sich stattdessen halbnackte Frauen an?“
„Zufall“, kommentierte Schneider jovial. „Das Bild habe ich beim Umblättern zum nächsten Artikel entdeckt.“
Wider besserem Wissens musste Amber zugeben, dass das plausibel klang. Auch wenn es aus dem Mund von Justus Schneider kam, der Gedankenlosigkeit in Person.
„Was machen Sie eigentlich hier, Commander? Haben Sie keinen Freigang? Ich dachte, Sie wollten ein paar Runden schwimmen gehen.“
„Das war“, gestand sie verlegen, „bevor ich hörte, dass Sie freiwillig die Deckwache mit Lieutenant Jones getauscht haben. Ich hatte eigentlich vor, Ihnen Gesellschaft zu leisten. Immerhin bedeutet das für Sie eine Doppelschicht.“
„Oh“, entfuhr es Justus. Er zog die Beine an und setzte sich normal in den Sessel. „Das ist aber eine nette Geste, Amber.“ Er deutete auf den Pilotensessel schräg links vor sich. „Bitte, nehmen Sie doch Platz. Kann ich Ihnen einen Kaffee holen? Oder Tee?“
Amber Soleil setzte sich in den freien Sessel und drehte ihn Schneider zu. „Sie meinen solchen wie in ihrem rechten weißen Ärmel?“, kommentierte sie spöttisch die braunen Flecken.
Schneider betrachtete das Malheur und danach das Heft, wo sich deutliche Wasserflecken abzeichneten. „Mein Cousin wird mich umbringen, umbringen, umbringen. Warten Sie, kein Zucker, aber Milch, richtig? Ich bin sofort wieder hier.
Wissen Sie, Amber, es gibt nichts langweiligeres als Deckwache, wenn man im Hafen liegt. Es passiert einfach nichts.
Hm, ist Tahoma Hochlage in Ordnung?“
„Ja, Sir. Besser als der offizielle Flottenkaffee ist er allemal.
Warum machen Sie es dann?“
„Was? Autsch, heiß.“
„Warum haben Sie die Wache übernommen?“
„Hier, Ihr Kaffee, Amber. Das ist einfach erklärt. Lieutenant Jones hat einen wichtigen Termin beim JAG. Es geht um ihre Strafversetzung. Mit etwas Glück wird der Fall neu aufgerollt und sie kann wieder weg von der KAZE.“
„Oh.“ Commander Soleil sah zu Boden. „Das ist natürlich gut für sie. Aber ich würde es Schade finden, sie zu verlieren. Sie ist eine gute Pilotin und eine gute Freundin.“
Schneider setzte sich wieder und nahm einen Schluck Kaffee. „Ja, da haben Sie Recht, Amber. Aber es wäre sehr egoistisch von mir, zu wünschen das sie auf der KAZE bleibt, richtig? Wir wissen doch beide, dass unsere niedliche kleine MIDWAY-Fregatte mit ihrem Potential als Superhorchposten nicht mehr der geltenden militärischen Doktrin entspricht. Heutzutage setzt man PERRYs ein, wenn man Fregatten will. Und für die Überwachung hat man entsprechende Tarnkappenshuttles.
Auf diesem Schiff zu bleiben ist ein klarer Karriereknick.
Außer für mich, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ein anderes Kommando bekommen könnte als diesen alten, halb verrosteten Gammelkahn.“
Seine Augen leuchteten bei diesen Worten und straften sie bittere Lügen. Schneider liebte dieses Schiff. Wohl nicht zuletzt deswegen, weil es enorme Freiheiten bedeutete, auf diesem Schiff das Kommando zu haben, kaum beachtet von der Admiralität und vom JAG bereits mit einer großen Toleranz gesegnet.
„Sagen Sie so etwas nicht, Skipper.“ Amber sah ihm fest in die Augen. „Sie haben Ihren Wert mehr als einmal bewiesen. Sie sind ein guter, erfahrener Kapitän, der genau weiß, was er seinem Schiff und seiner Mannschaft abverlangen kann. Und Sie haben eine Ruhe, die ihresgleichen sucht. In Lauerstellung abzuwarten, bis drei Akarii-Kreuzer keine fünfzig Kilometer am Schiff vorbeiziehen macht Ihnen so schnell keiner nach.
Ich gebe zu, ich hatte riesige Angst.“
Schneider grinste schief. „Ja, ich auch. Ich bekam kaum den Mund auf, als ich diese Waffenstarrenden Schüsseln sah. Aber es war nun mal die beste Taktik. In einem offenen Kampf hätten wir nicht mehr erreicht als vernichtet zu werden. Fliehen war unmöglich, da unser relativer Fallmoment genau in Fahrtrichtung der Akarii zeigte, und mehr als ein paar Schrammen hätten wir ihnen nicht verpassen können. Unsere einzige Chance lag darin, auf unsere Tarnung zu vertrauen.“
„Sehen Sie? Das ist genau das, was ich meinte. Sie bringen uns immer wieder nach Hause. Ich bin sicher, das würden Sie auch auf einem TICONDEROGA oder einer PERRY schaffen.“
„Danke für die Blumen, Amber, aber ich bleibe lieber da, wo ich bin und was Nützliches tue.
Ich… Nanu? Das ist merkwürdig.“
Interessiert betrachtete Justus Schneider das in die Armlehne seines Sessels eingelassene Display. Er stand auf und ging auf den Platz vom Lieutenant Li, dem Cheforter der Fregatte.
„Ist was, Skipper?“
„Kommen Sie mal her, Amber, das ist sehr interessant.“ Schneider winkte seinen XO heran.
„Hier, sehen Sie, die STAR OF TEXAS trifft gerade ein.“
„Das wäre dann das fünfte Schiff heute. Scheint, als wäre was im Busch“, kommentierte Amber Soleil leise.
„Ja, aber nicht das, was Sie glauben, Amber. Werfen Sie mal einen Blick auf die Reaktorsignaturen. Sie wurden modifiziert.“
„Stimmt, Skipper, sie entsprechen nicht mehr dem Profil der STAR. Ich lasse es mal durch den Computer laufen. Hmmmm, das ist merkwürdig. Ich kriege hier einen Wahrscheinlichkeitsvergleich. Demnach behauptet der Computer, das Schiff vor uns wäre mit achtzig Prozent Wahrscheinlichkeit die JUDGEMENT.“
„Die JUDGEMENT ist auch eine Fregatte der PERRY-Klasse, allerdings mit einer Elite-Besatzung. Sie war die letzten Monate mehrere Male mit einem Leichten Träger draußen und hat wild unter den Akarii gewütet.“
„Hm. Überprüfen Sie doch die anderen vier Neuankömmlinge, Amber.“
„Ja, Sir.“ Einige Minuten konzentrierten Arbeitens später sagte sie: „Noch ein Treffer. Der TICONDEROGA-Kreuzer da drüben ist laut Transponder die ADMIRAL WU, aber die Reaktorsignaturen werden der PFAD DES LICHTS zugeordnet, einem Begleitkreuzer der VICTORIA.“
„Die VICTORIA? Die VICTORIA der Ersten Flotte? Der Sol-Heimatverteidigung? Die VICTORIA?“
Amber nickte heftig. „Ja, Skipper. Die VICTORIA.“
„Na, das erklärt einiges. Es ist was im Busch, aber die Musik spielt wohl woanders. Irgendjemand versucht den Akarii zu verkaufen, wir würden hier Eliteschiffe zusammen ziehen.“
Amber runzelte die Stirm. „Aber das macht doch nur Sinn, wenn die Akarii die Schiffe anhand der Signaturen identifizieren würden.“
Schneider nickte schwer.
„Ups.“
„Ja, genau. Ups. Wir ziehen hier seit Monaten Operation HUSAR durch. Und wenn alle Dinge zusammenpassen, dann wissen die Akarii seit Monaten, wer hier ein und aus geht.“
Er sah seine XO direkt an. „Wie dem auch sei, es wird wohl bald ne Menge los sein.“
„Die Aussicht scheint Ihnen nicht zu gefallen, Skipper“, bemerkte Amber Soleil.
Das Piepen der Kommkonsole enthob Schneider einer Antwort. Er entschuldigte sich, setzte ein Headset auf und nahm den Anruf an. Er redete leise, aber konzentriert einige Minuten lang, bestätigte dann und legte auf.
„Amber, wir haben neue Befehle. Holen Sie sofort die Mannschaft wieder an Bord. Wir starten so schnell wie möglich.“
„Weg von der Action?“, kommentierte sie.
„Wir kriegen unsere eigene Action serviert. Unser nächstes Briefing ist in Fort LEXINGTON.“
„Na, solange wir keinen Soloangriff auf Akar fliegen müssen“, kommentierte sie leise, schnappte sich ein KommSet und begann die Mannschaft zu kontaktieren. Zuerst die Offiziere, dann die Unteroffiziere, danach die Mannschaften.
Wie erwartet war über die Hälfte der Crew spurlos untergetaucht und hatte die Kommgeräte abgeschaltet. Amber mobilisierte die bereits aufgespürten Offiziere, um ihre Schäfchen zusammen zu bekommen.
Schneider unterstützte sie bei dieser Aufgabe eher lax. Er stand neben der KommKonsole und führte einen einzigen Anruf.
„Ich habe fünfzehn, Skipper“, meldete sie.
Schneider grinste sie an. „Ich habe achtundvierzig.“
„Wie haben Sie mit nur einem Anruf so viele Crewmitglieder auftreiben können?“, entgegnete sie entgeistert.
Schneiders Grinsen wurde breiter. „Ich habe im Knast angerufen.“
„Daran hätte ich auch denken können“, brummte sie und beschloss, die Crew auf dem Weg zur Erde durch diverse Probealarme zu jagen.
Ironheart
24.03.2004, 13:23
Ursprünglich von Cunningham
Port Panama,
New Panama, Colonial Conföderation
Isabelle Hermosa blickte ihr Gegenüber an. Es oder viel mehr er trug wie sie die grauschwarze Uniform der Colonial Navy. Doch seine zeigte keinerlei Rangabzeichen oder Ordensbänder mehr. Auch schien seine Uniform nicht mehr richtig an ihm zu sitzen, als wäre es nicht mehr seine.
An manchen stellen wurde seine Uniform von seinem bläulichen Blut dunkler gefärbt.
Der Akarii starrte unentwegt auf die Platte des Tisches, der sie beide trennte.
"Wissen Sie Ty, ich denke man wird Sie aufhängen, ja, ganz gewiss, man wird Sie aufhängen, ein qualvoller Tod für einen Akarii, meinen Sie nicht. Bei einem Menschen geht es schnell, die Luke öffnet sich mit einen Knall, man fällt kurz und in der Regel bricht man sich dabei das Genick. Wenn man ein Mensch ist, nur ein Akarii-Genick, tja, das bricht nicht so schnell."
Sie schlug die Beine übereinander und fuhr im ganz normalen Plauderton fort. "Ich habe mal gehört, dass ein Mörder auf Golfahn über zwei Stunden am Strick baumelte, ehe er sich endlich zu Tode gewürgt hatte. Sie haben da doch so ein Sprichwort, wie heißt es doch gleich?"
Die Tür glitt auf und eine weitere Person betrat den Raum: "Dorash de tien. Sterben Sie wohl."
Drehte sich zu dem Neuankömmling um. Der Akarii, der den Raum betrat trug die drei schwarzen Balken eines Commanders auf den Schulterklappen. Er war etwas kleiner als Ty Noren aber trainierter, seine Schuppenfärbung war hauptsächlich weiß zum Kamm hin und der Kamm selbst zeigte sich ein grün/rotes Muster.
Die Augen waren dunkelbraun mit silbernen Sprenkeln.
"Und Sie sind?" Fragte Isabelle.
"Archon Breen*, aus Commodore Dubauers Stab, ich soll mir unseren ganz speziellen Freund mal ansehen." Er lächelte höflich, so man das Zähne zeigen der Akarii überhaupt als Lächeln identifizieren konnte.
Erst jetzt viel Isabelle das silberne Augen am Kragen des Commanders auf, welches ihn als Mitglied der Abwehr kennzeichnete.
Dubauers eigenes kleines Reich innerhalb des CNIO. Trotzdem war Isabelle froh den Commander zu sehen, die Abwehr war um einiges effektiver was Verhöre anging als der aktive Teil des Geheimdienstes, dem sie angehörte.
Breen schlich um den Tisch und begutachtete den gefangenen: "Hat er versucht zu fliehen?"
"Was glauben Sie, woher die Blutflecken kommen, wir foltern keine Gefangenen."
Zum ersten mal seid Stunden gab Ty eine Regung von sich, er lachte.
"Sehen Sie Ty", begann Breen, "die Abwehr hat Sie und ihren Spionagering schon seit einiger Zeit im Auge. Sie, Reman Jos, Paul Wallce, Kyle Ogley, Niva Gosh."
Er zählte sowohl Menschen als auch Akarii auf.
"Sie hätten wohl noch über 10 Jahre hier spionieren können, ohne das etwas aufgefallen wäre, wenn, wenn da nicht dieser Hauch von Größenwahn gewesen wäre. Dachten Sie wirklich, sie könnten von hier aus ein Spionagenetz in der Erdrepublick aufbauen. Gut, den Sollis** wäre nie was aufgefallen aber ich bitte Sie, jemanden anzuwerben, der schon seid vier Jahren für das CNIO arbeitete ...", Breen schnaufte, "eine wahre Glanzleistung."
Ty fixierte Breen und dieser blickte zurück.
"Kommen Sie Lieutenant, lassen wir unseren Freund ein wenig Zeit zum nachdenken." Breen ging richtung Tür.
Dort wartete ein weiterer Offizier der Abwehr, ein Lieutenant Commander, ein Mensch mit blonden Haaren und Sommersprossen im Gesicht.
"Nette kleine Rede Arc."
"Ja, nett, mehr aber auch nicht, Dan", bestätigte Breen.
"Sie haben also nicht das komplette Spionagenetz?" Fragte Isabelle.
"Doch, bloß ist hier die Frage: Nur eins von vielen? Immerhin sind wir die beste Möglichkeit für das Akarii-Imperium Agenten in die Republik einzuschleusen. Ich mein, einen Akarii zum Menschen umzuopperieren ist unmöglich, schlicht und ergreifend.
Einen Gefangenen umkrempeln, tja, vor zehn Jahren schaffte es tatsächlich mal ein Milizpilot aus der Akarii-Gefangenschaft zu fliehen.
Als unsere Abwehr mit ihm fertig war, war von seinem Geist nicht mehr viel übrig, nicht genug, um ihn an seine Familie zurückzuschicken."
Isabelle führte die beiden anderen Geheimdienstler durch den unterirdischen Bunker zu einer Cafeteria. Nachdem man sich warme Getränke besorgt hatte und sich in den Nichtraucherbereich gesetzt hatte fuhr Breen fort: "Bleibt den Akarii noch das anwerben von Schmugglern oder Piraten, nur ist deren Zuverlässigkeit mehr als nur zweifelhaft und deren Möglichkeit an wichtige Informationen zu gelangen ist sehr dürftig.
Was bleibt? Wir haben da eine kleine Nation, deren Bevölkerung sich aus Menschen und Akarii so wie noch einigen anderen Rassen besteht, wo setze ich also an, um beim Gegner Spione einzuschleusen."
Breen nippte an seinem Tee.
"Mich wundert es, dass es bei uns nicht von Agenten der Akarii und der Republik nur so wimmelt", philosophierte Dan Kowalsky, "und sei es auch nur um Spione der jeweils anderen Rasse anzuwerben."
"Und was macht Dich so sicher, dass es nicht so ist?" Fragte Breen.
*Archon: Bedeutet soviel wie Krieger oder Soldat, ähnlich dem menschlichen Miles
Breen: Akariischer Familienname ähnlich Meier, Müller usw.
**Sollis: Abwertende Bezeichnung für Bewohner der terranischen Republik
Ironheart
24.03.2004, 13:24
Ursprünglich von Cattaneo
Aufbruch
Liljas Schritte waren ruhig, aber zielstrebig. Hier und jetzt hatte sie es auf einmal nicht mehr eilig – anders als die ganze Zeit zuvor. Die ganze Zeit, in der sie schlendern mußte, wo sie am liebsten gerannt wäre. Jetzt konnte sie wieder so schnell laufen, wie sie wollte. Und sie würde sehr schnell sein müssen, um nicht zurückzufallen. Aber dennoch, in diesem Augenblick ließ sie sich Zeit.
Ein Windstoß, gleichsam aus dem Nichts kommend, tastete nach den Blumen in ihrer Hand. Zerrte an ihnen, als wollte er sie Lilja wegreißen. Sie verstärkte ihren Griff und ging unangefochten weiter. Kein Baum und kaum ein Gebäude war hier, das Schutz geboten hätte. Unter den dahin jagenden Wolken wirkte die Stätte vollkommen offen, nach allen Seiten hin – genau so, wie es gedacht war. Die lange Allee, eine von vieren, aus jeder Himmelsrichtung eine, wies genau auf den Hügel im Zentrum. Auf ihn strebte alles zu, und – wie Lilja es in ihrer manchmal pathetischen Art vielleicht ausgedrückt hätte – dort kam alles wieder zur Ruhe. Es waren nur wenige Menschen zu sehen, aber jene, die hier waren, gingen gewiß nicht einfach nur spazieren. Hierher kam man, zumal in diesen Zeiten, nicht ,einfach so‘. Dazu hatte dieser Ort zuviel Bedeutung, zu viele Erinnerungen und Mahnungen waren mit ihm verknüpft.
Breite, marmorne Stufen führten hinauf. Sie hätten durchaus einer ganzen Kolonne Platz geboten, aber augenblicklich war Lilja fast allein. Unten, neben den ersten Stufen, jeweils genau zwischen dieser Treppenfront und der links oder rechts angrenzenden, erhoben sich zwei breite steinerne Sockel. Auf ihnen, archaisch anmutend, doch immer noch fast beängstigend, drohte zur Linken ein Panzer, zur Rechten ein Geschütz. Dunkelgrüne Farbe, unzählige Male erneuert, schien den Maschinen eine unheimliche Lebendigkeit zu verleihen. Auf Lilja wirkte es fast wie die Rinde eines Baumes, wie der Panzer einer Echse – als wäre dies mehr als toter Stahl, uralt. Der Turm des Panzers, nach vorne versetzt, gab dem Fahrzeug den Anschein, als warte es nur darauf, voran zu stürmen, die Feinde unter seinen Ketten zu zermalmen. Zwischen den beiden alten Kriegsmaschinen hindurch schritt die Pilotin die Stufen hinauf. Sie kannte diese zwei stummen Wächter, sie kannte auch die zwei anderen Kriegsmaschinen, die zusammen mit den beiden den Hügel zu verteidigen schienen – ein wuchtiges Sturmgeschütz und ein schlanker Jäger. ,Als schliefen sie nur, um in dem Augenblick zu erwachen, an dem ein Feind seien Fuß frevlerisch auf diesen Boden setzen würde, bereit, den Frevler zu vernichten.’ Normalerweise eher eine nüchterne Natur, konnte Lilja nicht verhindern, das ihre Gedanken hier und jetzt seltsame Wege gingen. Der Wind nahm zu, das Jahr war schon so weit voran geschritten, daß der Herbst, und bald nach ihm der Winter nahe war. Aber sie ließ sich davon nicht beirren.
Der Hügel war im Grunde nicht sehr groß. Niemand wußte, wie alt er wirklich war, und ob er tatsächlich, wie immer behauptet, das alte Grabmal eines Khans war, Ruheplatz eines furchtbaren Kriegers, in seinen Tiefen immer noch Gold und andere Kostbarkeiten bergend. Vielleicht war das nur ein Mythos, eine Legende. Doch hatte sie dazu beigetragen, daß dieser Platz zu dem geworden war, was er heute darstellte. Die Kuppe des Hügels war mit Steinen ausgelegt worden, und glich einer Schüssel, oder einem kleinen Amphitheater.
In der Mitte erhob sich der Obelisk. Eine gewaltige Säule aus Stein, mehr als ein Dutzend Meter hoch, seit Jahrhunderten allen Stürmen und Unbilden trotzend. Zu seinen Füßen brannte die Ewige Flamme, standen die Relieftafeln. Im Laufe der Jahre hatten Wind und Regen, manchmal auch die respektlosen Hände der Nachgeborenen, sie unzählige Male beschädigt und unkenntlich gemacht. Aber andere Hände hatten den Schmutz abgewaschen, und beschädigte Tafeln durch neue ersetzt. Nicht so sehr wegen dem, was sie darstellten, denn außer einigen wenigen wußte keiner mehr, was die Bilder genau bedeuteten und an welchen Krieg sie erinnern sollten. Vielmehr wegen dem, was sie repräsentierten. Und immer wieder war die Goldinschrift auf dem wuchtigen Fuß des Obelisken erneuert worden, damit die Worte niemals in Vergessenheit gerieten: „Den Verteidigern der Heimat – Heute und in Ewigkeit.“
Es war das zentrale Kriegsmahnmal von Kasan. Eigentlich das wichtigste in der ganzen Autonomen Republik Tartarstan. Geschaffen vor vielen Jahren, hatte es doch seine Bedeutung nie völlig eingebüßt. Rußland war emporgestiegen und herabgefallen, hatte Umbrüche erlebt, Not und Elend ebenso wie Ruhm und Ehre. Aber immer hatte es einen Platz gegeben, an dem man sich derer erinnerte, die für die Heimat gefallen waren, und wo man die ehrte, die auch weiterhin ihr Leben aufs Spiel setzten. Jede Stadt, jedes Land brauchte so etwas. Und Rußland, in dessen langer Geschichte fast immer irgendwo so etwas wie Krieg geherrscht hatte, brauchte es besonders. Auch, um sich über die neue Zeit hinweg zu trösten, in der es wieder einmal an Einfluß und Größe verloren hatte. Der Kampf blieb immer derselbe, und so blieb auch das Denkmal erhalten. Und alljährlich fanden hier am 9. Mai ein Treffen der Veteranen statt, und eine Gedenkfeier. Auch heute noch kamen nicht selten Klassen hierher, um sich von alt gewordenen Soldaten Geschichten anzuhören. Auch heute noch legten nicht wenige junge Paare hier nach der Hochzeit einen Blumenstrauß nieder. Auch heute besuchten die Soldaten, die ihre Heimat verließen, diesen Ort – ebenso wie ihre Angehörigen es taten. ,Hier ist man allem nahe – der Heimat, dem Krieg und den Toten.’
Die Pilotin kniete vor dem Fuße des Obelisken nieder. Sie senkte den Kopf sonst nicht einmal in einer Kirche, denn Demut war ihre Sache gewiß nicht. Hier aber verneigte sie sich beinahe. Vorsichtig legte sie die Blumen auf den kalten, harten Stein. Viele Sträuße lagen hier. Als Abschied von den Männern und Frauen, die hinaus gezogen waren, als Bitte von den Angehörigen, ihre Lieben mögen wieder zu ihnen zurückkehren. Sie lächelte, als sie einige Blumen sah, die wohl von Schulklassen hierher gelegt worden waren. Aber mancher Strauß war auch mit schwarzem Trauerflor umwunden. Kleine Kerzen – viele völlig herunter gebrannt und erloschen – standen zwischen den Blumen. Auch dies war eine alte Sitte. Und auch Lilja hatte eine Kerze mitgebracht. Behutsam entzündete sie das Licht, und stellte es dann in den kleinen gläsernen Windschutz, den sie wie die Kerze in Kasan gekauft hatte. Geschützt vor den Böen, brannte die Kerze flackernd, doch sie erlosch nicht. ,Und mit etwas Glück wird sie nicht vor ihrer Zeit ausgeblasen werden, sondern brennen, bis der Stumpf dem Feuer keine Nahrung mehr geben kann. Dann, so ist der natürliche Lauf der Dinge, wird auch sie erlöschen.’ Lilja nickte stumm zu diesen Gedanken, die einem anderen vielleicht furchtbar theatralisch vorgekommen wären: ,Das Feuer der Ewigen Flamme aber wird immer brennen. Ungeachtet der Kränze zu seinen Füßen, ungeachtet der Tränen, die den kalten Steinboden genetzt hatten. So lange die Kinder von Mütterchen Rußland bereit waren, in den Kampf zu ziehen, so lange würde sie nicht erlöschen.’ Und wenn es nach ihr ging, würde das nie der Fall sein.
Sie hatte diesen Besuch absichtlich so lange hinausgeschoben, bis die Entscheidung gefallen war. Gestern, am 16. September, war sie endgültig wieder diensttauglich geschrieben worden. Sie hatte sich schon lange bereit genug gefühlt, aber jetzt hatte sie die offizielle Bestätigung, erhalten. Damit, wie sie grimig feststellt, hatte man ihr auch die amtliche Erlaubnis gegeben, sich wieder gesund zu FÜHLEN. Sie wußte, sie hätte sich leicht zumindest noch einige Tage – bis zum Abend des 17. September – Zeit lassen können, denn erst am Folgetag wurde sie definitiv erwartet. Aber die Zeit und die Aufgabe, vor allem aber sie selbst, duldeten keinen Aufschub. Sie WAR in den Augen einiger Menschen etwas Besonderes – zumindest bildete sie sich das ein. Sie dachte an die Kinder der Klasse, die sie besucht hatte. In deren Augen zumindest war sie eine Heldin. Sie erinnerte sich auch an den Respekt, der in den Augen ihrer Nachbarn gewesen war, bei den Bekannten und Freunden ihrer Eltern. Sie hatten Lilja für das respektiert, was sie tat und was sie war. Sie dachte auch an ihren Wingman. Er war aus der letzten Schlacht nicht zurückgekehrt. Vielleicht hatten seine Eltern einen Strauß mit schwarzem Flor an einem ähnlichen Platz niedergelegt. Er war auch gefallen, weil sie es nicht hatte verhindern können. Auch wenn sie selber in der Schlacht verwundet worden war - er war ihr anvertraut gewesen, und damit war sie von Verantwortung für seinen Tod nicht frei. ,Und das verpflichtet. Eine Verpflichtung, der kein Mensch mit Gewissen sich entziehen kann – soviel war gewiß. Und ich werde mich nicht davor drücken. Ich will es auch gar nicht.’
Deshalb hatte sie, wenn auch schweren Herzens, Abschied genommen. Die Nähe zu ihren Eltern, die sie in den letzten Wochen genossen hatte, hatte ihr nur mit schmerzlicher Deutlichkeit klar gemacht, wie sehr sie ihre Familie vermißte, wenn sie ,draußen’ war. Aber eben deshalb mußte sie wieder hinaus. Es war der Weg, den sie gewählt hatte – und man verstand und respektierte das.
Sie hatte sich reisefertig gemacht, ihr Gepäck wartete am Flughafen. Die Reise würde sie nach Moskau bringen, von dort ging es dann – nach einer Unterbrechung, die sie sich auf keinen Fall verwehren konnte, wie eilig sie es auch hatte – weiter nach Amerika. Nach Miramar, Kalifornien – zu dem Stützpunkt, wo man ihr eine neue Einheit zuteilen würde. Angesichts der Ereignisse in den letzten Tagen und Wochen rechnete sie fest mit einem Platz in einer Fronteinheit. Und was dann kam, das lag nur noch zum Teil in ihrer Hand. Sie würde in jedem Fall ihr Bestes tun.
Gemessenen Schrittes stieg sie die Stufen wieder hinab. Sie wußte nicht, ob sie jemals wieder hierher zurückkehren würde. Ob es ihr jemals vergönnt wäre, am Tage des Sieges hier zu stehen in den vordersten Reihen als eine Veteranin. So, wie sie es sich immer gewünscht hatte, noch lange bevor sie in die Armee eintrat. Lilja war keine gläubige Frau – und jegliche Metaphysik ihr normalerweise fremd: ,Doch wenn es so etwas wie Gerechtigkeit gibt, dann wird zumindest mein Geist hierher zurückkehren, sollte ich fallen. Hierher, wo die Toten die Lebenden berühren.’
Ironheart
24.03.2004, 13:24
Ursprünglich von Hammer
Fünf Stunden später wurde wieder Alarm gegeben. Gonzalez, der diesmal Brückenwacht hatte, räumte seinen Stuhl für den hereinkommenden Reich.
„Danke. Wie sieht es aus?“
„Wir haben gerade einen Richtfunkspruch von der Maori empfangen. Wieder etwas auf den Passivsensoren. Offensichtlich schnüffelt wieder ein Scout herum.“
„Position?“
Gonzalez aktivierte einige Funktionen am Display vor Reich, so dass dieser sich selbst ein Bild von der Situation machen konnte.
„Immer noch ein Signal. Aber ich fürchte, dabei wird es nicht bleiben.“
Gonzalez nickte.
Zur gleichen Zeit
Sal Knark saß in seinem umgerüsteten Delta und blickte irritiert auf seine Anzeigen. Da draußen mußte der Konvoi sein, den sein Untergebener heute gemeldet hatte. Er aktivierte nocheinmal das Radar, auch wenn er sich dadurch verraten konnte. Aber es war wichtiger, den Feind zu finden, um ihn vernichten zu können. Plötzlich piepte sein Computer und drängelte so um Aufmerksamkeit. Endlich, da war er. Insgesamt 7, 8...nein, 10 Signale. Offensichtlich hatten alle die Aktivsensoren abgeschaltet. Sal fletschte die Zähne. Der Tag seiner Rehabilitation rückte näher. In Riesenschritten. Darauf hatte er gewartet, seit Admiral Kellis Rhaak ihn an diesen Posten jenseits jeder Chance zum Ruhm verbannt hatte.
Nach zwei Minuten hatte er genügend Daten, um den weiteren Kurs des Konvois abschätzen zu können. Er flog eine enge Kehre und nahm Kurs auf eine versteckte Basis auf einen großen, beinahe stationären Asteroiden.
Gonzalez und Reich beobachteten, wie sich der Aufklärer wieder entfernte.
„Da wollte sich einer überzeugen, ob wir noch auf Kurs sind.“
„Ja, Sir, das denke ich auch. Die Frage ist nur, ob die Echsen hier draußen nur einen einzelnen Aufklärer oder vielleicht auch mehr haben.“
„Ich rechne ehrlich gesagt mit mehr. Beobachtungen dieser Art könnte man auch leichter mit Drohnen oder Spionagesatelliten machen. Das ist billiger und die Akarii können es sich auch nicht leisten, fliegendes Personal und Jäger zu verschwenden.“ Reich lehnte sich zurück.
„Ich würde sagen, wir bekommen in drei bis vier Stunden Besuch. Lassen Sie die Leute für zwei Stunden wegtreten.“
Gonzalez nickte und gab die entsprechenden Befehle durch.
Sal Knark landete auf der improvisierten Basis. Schon über Funk hatte er letzte Anweisungen gegeben und die Reservemaschine für sich für den Angriff vorbereiten lassen. Die restlichen Maschinen waren ohnehin bereit. Zwar verstieß ein Funkspruch hier im Raum gegen die Befehle. Aber Eile war nun, was zählte. Knark sah vor seinem inneren Auge schon, wie er wieder in seiner Galauniform am Leben des Hofes von Akar teilnehmen konnte...natürlich mit einer Beförderung. Er sprang aus seinem Aufklärer und brüllte letzte Befehle. Dann kletterte er sofort in die für ihn bereitstehende Maschine. Obwohl die Techniker, wie auch der Rest der Staffel, bestenfalls zweitklassig waren, war das Delta gut in Schuss.
Er aktivierte den Staffelfunk:„Männer von Akar, heute ist die Stunde, in der das Reich, ohne es selbst zu wissen, auf uns blickt. Der Feind führt einen wichtigen Versorgungskonvoi durch, den er sträflicherweise nur leicht schützt. Wir werden ihn angreifen und vernichten. Für den Imperator, für Akar!“
Dann schloss er die Verbindung. Er startete die Triebwerke des Deltas, die wie ein Kätzchen schnurrten, bevor sie bei voller Leistung losbrüllten wie zwei Drachen. Stolz erfüllte seine Brust. Endlich konnte er wieder Soldaten des Imperiums zum Sieg führen.
Die Staffel hob ab und begab sich in Schlachtformation, um den langen Weg zum Feind zu beginnen.
Gonzalez hatte gerade wieder den Alarmstatus wiederhergestellt, als sich Turner meldete.
„Sir, wir haben ein kleines Problem. Der SM2 Werfer achtern muckt herum.“
„Muckt herum?“
„Es kann sein, dass eine Prozessoreinheit abgestürzt ist.“
„Das ist momentan etwas......ungünstig.“
„Sir, ich weiß. O’Keefe und Chief Lauterbach sind bereits dabei, das Problem zusammen mit der SM2 Crew zu lösen.“
„Gut, halten Sie mich auf dem Laufenden.“
Reich sah Gonzalez fragend an, der auch nur mit den Achseln zuckte.
„Keine Ahnung, wie lange das dauert. Die Computer sind zwar meistens zuverlässig, aber wenn einer zickt, dann wie eine Primadonna, keiner weiß warum.“
„Das klingt aber nicht gerade beruhigend.“
„Ist es auch nicht. Aber O’Keefe hat in der Regel den richtigen Riecher und die SM2 Crew achtern hat ihre Hausaufgaben auch gemacht. Ich denke, dass wir in 15 Minuten wieder den Werfer haben.“
„Wollen wir es hoffen, ich glaube nicht, dass wir wesentlich mehr Zeit haben.“
Zehn Minuten später meldete die Maori erneuten Feindkontakt.
„Turner, was machen die SM2, der Feind rückt an?“
„Captain, wir arbeiten dran. O’Keefe meldet, dass er das Problem erkannt hat und nun ein Teil austauschen muss.“
„Gut, er soll sich beeilen.“
„Aye, Sir.“
Gonzalez nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre und fluchte lautlos. Ausgerechnet jetzt!
„Maori meldet, dass feindliches Jägerradar identifiziert wurde. Deltajäger, etwa in Staffelstärke.“
„Commodore?“
„Wir bleiben beim Plan. Richtfunkspruch an die Flotte, Formation weiter verengen. Die Dauntless soll etwas Fahrt aufnehmen und sich in Richtung Spitze orientieren. Ich will alle Kriegsschiffe am Feind haben.“
„Aye. Helmsman, ¾ Kraft voraus.“
„3/4 Kraft voraus, aye.“
„Fliegeralarm geben. Alle Mann auf Station, Freiwachen für Schadenskontrollteams bereit halten.“
Das Flugabwehrsignal tönte durch das Schiff.
„Dann wollen wir mal sehen, was das Baby hier kann.“
Reich war etwas weniger zuversichtlich als Gonzalez. Eine Staffel Deltas konnte die leichten Kriegsschiffe ernstlich gefährden, von den Frachtern gar nicht erst zu reden.
Turner meldete sich wieder. „Sir, Problem behoben, System wird neu hochgefahren. Dann ist das System gefechtsklar.“
„Wie lange?“
„30 Sekunden.“
„Crew soll sich zum sofortigen Feuern bereithalten.“
Sal Knark sah, wie der Computer drei Schiffe identifizierte. Ein Zerstörer und zwei Fregatten. Dann war da noch ein viertes Schiff, dass der Computer nicht identifizieren konnte. Wahrscheinlich ein Frachter, dachte sich der Pilot, ansonsten würde der Pott im Warbook des Jägers enthalten sein. Aber die Frachter machten häufig Probleme, den die wurden oft umgebaut. Das lies sich ja gut an, die Kriegsschiffe würden den Deltas nichts ernsthaftes entgegenzusetzen haben. Trotzdem gab er den Befehl, diese erst einmal zu ignorieren und die Frachter, die hinter den drei Kriegsschiffen lagen, anzugreifen.
Dann aktivierte er den Vollschub und jagte auf den Feind zu. Der Sieg war so gut wie sein!
Gonzalez kaute auf seiner Zigarre herum. Das Warten war immer das Schlimmste.
„Feind im maximalen Bereich der SM2. Schnell näher kommend.“
„Radar aktivieren, Flotille an den Computer ankoppeln.“
Gonzalez fluchte innerlich. Reich war ihm nicht nur zuvor gekommen, er hatte seiner Ansicht auch überhastet gehandelt.
Das Radar der Dauntless wurde mit einem Schlag auf volle Leistung gebracht, der Gefechtscomputer mit unzähligen neuen Daten gefüttert.
„Zwölf Deltas im Zielanflug. Scheinen Kurs auf uns und die Frachter zu nehmen.“
„Feuer halten.“ Gonzalez war diesmal schneller als Reich. „Wir wollen doch verhindern, dass der Feind einfach abdrehen kann und den Raketen so entgeht. Ideale Feuerpositionen errechnen und einnehmen.“
Die vier Kriegsschiffe vollführten ein seltsames Balett, und richteten alle ihre Waffen gegen den anfliegenden Feind.
Sal Knark war irritiert. Plötzlich war ein extrem starkes Radar angegangen. Gleichzeitig waren auch die Kriegsschiffe auf aktive Sensoren gegangen. Aber das Radar des vierten Schiffes war beänstigend von seiner Stärke. Wahrscheinlich ein großes SWACs oder so. Zumal keine Waffenerfassung gemeldet wurde. Knark gab den Befehl aus, sich als erstes auf dieses Schiff zu stürzen. Denn auszuschließen war eine Gefahr von dort nicht.
Gonzalez sagte im selben Moment in einem ruhigen Ton: „Turner, sind die SM2 Werfer bereit?“
„Ja, Sir.“
„Feuer für SM2 freigegeben.“
8 große schlanke Flugkörper erhoben sich aus den Werferrohren und jagten gegen den Feind. In Sekundenschnelle folgte eine weitere Salve. Nach vier Salven stellte die Dauntless das Feuer vorübergehend ein.
Sal Knarks Irritationen vergrößerten sich zunehmend. Dann kreischte sein Bordcomputer. Flugkörper im Anflug!
Knark riß die Augen auf und blickte auf das Bild, was ihm der Computer anbot. Raketen von einem unbekannte Typ und mit wahnsinniger Geschwindigkeit flogen auf ihn zu. Sein Hals wurde trocken.
„Abdrehen, alle Deltas abdrehen!“
Doch es war zu spät. Die erste Salve erreichte in diesem Moment ihr Ziel Vier Jäger explodierten spektakulär in Feuerbällen, als je zwei Raketen einschlugen und die Deltas wie Papierflieger zerrissen.
Die zweite Salve traf nur Sekunden später ein, als viele der verbliebenen Deltas ihre Wende noch nicht beendet hatten. Zwei jagten an ihrem Ziel vorbei und mußten eine erneute Auffassung vornehmen. Als diese nicht in 2 Sekunden gelang, zerstörten sie sich selbst. Die anderen drei Ziele hatten weniger Glück. Weitere Feuerbälle erleuchteten das Dunkel des Alls.
Dann sah Sal Knark, dass auch ihn zwei Raketen im Visier hatten. Verzweifelt versuchte er diese abzuschütteln. Doch Störkörper und schnelle Haken verwirrten die Raketen nur kurz. Geleitet vom Radar der Dauntless fanden sie ihr Ziel. Scham überkam Sal als er merkte, dass er nun für immer entehrt bleiben würde. Dann explodierte die erste SM2 direkt neben dem Cockpit und beendete sein Leben.
Auf der Brücke der Dauntless herrschte Stille. Das Geschehen war geradezu beängstigend. Binnen von 30 Sekunden hatte das Schiff in seinem ersten Gefecht eine Staffel schwerer Jäger der Akarii ausgerottet, ohne merkliche Gefährdung des Konvois.
Raich war wie betäubt, Gonzalez innerlich erleichtert. Dann brach der Jubel aus. Gonzalez ließ die Mannschaft einige Sekunden gewähren. Dann stellte er mit ruhigen Worten die Ordnung auf der Brücke wieder her.
In der Gefechtszentrale spielten sich ähnlich Szenen ab. Turner schlug dem jungen O’Keefe, der von der Reparatur noch ganz geschwitzt war, so feste auf die Schulter, dass dieser beinahe in die Knie ging.
Ironheart
24.03.2004, 13:25
Ursprünglich von Cunningham
Die Columbia lag noch immer in ihrem Dock als das Shuttle von Lucas sie anflog.
Wie auf seinem Flug zur Redemption war das Shuttle vollgestopft mit Crewmitgliedern, diesmal außer ihm nur Bordpersonal.
Schließlich brachte das ATLS die Raumfähre an Bord.
Lucas schulterte den Seesack und nahm den Colani über den anderen Arm. Langsam stieg er die Treppe herunter aufs Flugdeck der Columbia.
"Hallo schöne Lady", flüsterte er. Heimat
Er schaute sich um. Die Deckenbeleuchtung ließ es taghell erscheinen.
Die Landerampe war geräumig, an der Backbordseite waren sechs große Aufzüge um Jäger, Bomber und Shuttle vom Flugdeck in den Hangar und umgekehrt zu befördern. Daneben, in Richtung Bug war ein kleiner Hangar, Stellplatz für Maschinen zur Bereitschaft, dort standen jetzt zwei Bomber des Typs Crusader, das schwere fliegende Gerät war also schon an Bord.
Auf der Steuerbordseite war ebenfalls ein Stellplatz für Maschinen, direkt neben einem Bereitschaftsraum für Piloten und dem Zugang zum Rest des Schiffes, sowie Bereitstellungsraum für Tankfahrzeuge, Bordfeuerwehr und mehr.
Er wandte sich dem Bug zu, wo vier Dampfkatapulte in vier Startröhren installiert waren. Die Luken am Ende der Röhren waren geschlossen und das Kraftfeld, was den Startbereich abschirmte war ausgeschaltet.
Lucas atmete tief ein.
"Commander?"
Er drehte sich zu der Stimme um und stand einem jungen Ensign gegenüber: "Ja?"
"Sie sollen sich im Maschinenraum beim Captain melden, ich bringe Ihr Gepäck auf Ihr Quartier Sir."
"In Ordnung Ensign." Lucas übergab seinen Seesack und den Colani an den jungen Mann, dieser wandte sich an einen Deckoffizier: "Chief Kaski, bringen Sie den Commander zum Maschinenraum."
"Aye, aye, Sir! Wenn Sie mir folgen wollen Commander."
Lucas folgte dem Deckoffizier durch die breiten Korridore der Columbia, fast doppelt so breit wie die der Redemption.
Immer wieder mussten sie sich an die Wand drücken um Technikern und anderem Personal platz zu machen, die mit riesigen Kisten unterwegs waren.
Teilweise wurde noch in den Gängen gearbeitet, Stromleitungen verlegt und angeschlossen.
Schließlich kamen sie zum Maschinenraum.
Zwei riesige Fusionsreaktoren bildeten Mittelpunkt des Maschinenraums, sechs Kühlagregate säumten die Wände.
Auch hier wurde noch mit aller Kraft gearbeitet. Überall wuselten Techniker mit Messinstrumenten, verbanden Leitungen miteinander.
Gerade kamen zwei Personen in Overalls aus einem Wartungsschacht, eine Frau, dahinter ein Mann, der Lucas wage bekannt vorkam.
Beide richteten sich auf und die Frau griff nach einem Lappen: "Hier ist ein Lappen Skip..."
Der andere jedoch wischte sich ungerührt die Hände im Overall der Frau ab.
"Das musste jetzt sein oder Skipper?"
Der 'Skipper' grinste frech.
Wacko, schoss es Lucas durch den Kopf.
Wacos Blick wanderte zu Lucas und das Grinsen erlosch. Waco kratzte sich kurz am Kopf und ging auf Lucas zu: "Willkommen an Bord Commander."
"Captain."
Waco deutete auf die Tür des Maschinenraum: "Haben Sie Hunger Commander? Frühstück? Mittag oder Abendbrot?"
"Ja, gerne Captain."
"Und was von den dreien?" Fragte Waco, als der Lucas zur Messe führte.
"Ich muss mal sehen, was jeweils angeboten wird."
Waco schnaufte.
In der Messe war so gut wie nichts los. Nur an einigen Tischen saßen quasi Paarweise Offiziere und Techniker.
Waco und Cunningham brauchten sich gar nicht anstellen und wurden sofort bedient. Beide wählten sie das Mittagsmenü, Fish and Chips.
Dann gingen sie an den entlegensten Tisch, wo sich zwei Offiziere niedergelassen hatten, ein Mann und eine Frau, die offensichtlich turtelten.
Waco blieb vor dem Tisch stehen und starrte die beiden kurz an, bis diese freiwillig den Tisch räumten.
"Sie brauchen den Tisch Skipper", nuschelte der Mann in seinen Bart.
Waco fing prompt an zu essen.
Lucas zuckte mit dem Achseln und folgte dann Wacos Beispiel.
Nachdem Waco seinen Teller zur Hälfte gelehrt hatte, legte er sein Besteck beiseite und blickte Lucas eine Weile zu, wie dieser seinen Fisch vertilgte.
"Man hat Sie mir als Geschwaderkommandant empfohlen."
"Sir?" Antwortete Lucas mit vollem Mund.
"Vor einiger Zeit kam ein gewisser Admiral zu mir an Bord und überfuhr mich mit der Kraft eines Schlachtschiffs. Erzählte mir ne ganze Menge, zwischendurch ließ er auch noch fallen, was für ein fantastischer Kerl doch aus Ihnen geworden ist, was für mich, ja vollkommen unglaubwürdig ist."
Lucas guckte etwas verwirrt drein. "Tja, wenn der Admiral das sagt ..."
"So kommen Sie mir nicht davon Lone Wolf. Warum sollte ich ausgerechnet SIE als CAG nehmen?"
Die beiden Männer musterten sich gegenseitig, dann fing Lucas an aufzuzählen: "1. Sie haben keinen anderen zur Verfügung. 2. Ich habe mehr Kampferfahrung als diejenigen die zur Verfügung stehen. Oder 3. Sie sind betrunken genug dem Admiral Glauben zu schenken."
Ein Hauch von Arroganz - den er los zu sein glaubte - schwang in seiner Stimme mit und er genoss ihn.
Waco hingegen sah aus als hätte er in eine Zitrone gebissen: "Einzig und allein ersteres Comander, willkommen an Bord."
Ironheart
24.03.2004, 13:26
Ursprünglich von Cunningham
Miramar, Kalifornien,
USA, Erde, 17. September 2636
Der Transrapit hielt an der dem Navy-Stützpunkt eigenen Station. "Aussteigen ist nur militärischen Personal gestattet!" Verkündete eine künstlich-monotone weibliche Stimme.
Darkness setzte sich sein Schiffchen auf und schulterte den Seesack.
Mit ihm stiegen zwei weitere Piloten aus, an ihren Lederjacken konnte er erkennen, dass sie Angehörige der Imperial Starlancers waren.
Der Bahnhof war eigentlich ein Zivilbahnhof in offenen, freundlichen Farben gehalten. Jetzt jedoch war er von sämtlichen Zivilisten geräumt und Militärpolizisten des Marinecorps bewachten sämtliche Ausgänge.
Die Neuankömmlinge für Miramar wurden registriert, kontrolliert und eingewiesen.
Mit der Rolltreppe ging es zurück auf die Erdoberfläche, die Sonne brannte und Darkness setzte seine Sonnenbrille auf, beinahe zeitgleich setzten sich die übrigen Piloten ebenfalls ihre Sonnenbrillen auf.
Die Soldaten stiegen in einen wartenden Bus und wurden zum 7 Meilen entfernten Stützpunkt gefahren.
Fightertown USA sah noch aus, wie vor über 600 Jahren: Ein Flugfeld mit zwei riesigen, weißten Hallen und einigen weiteren Gebäuden. Einen Tag zu früh aus dem Urlaub zurück, Darkness schmunzelte Urlaub, während dort draußen Krieg herrschte, wie kann ein Mensch sich da entspannen oder zur Ruhe kommen?
Seine Gedanken wurden von einer Griphen unterbrochen, die über das Flugfeld donnerte.
Er versuchte es sich wieder bequem zu machen, doch der Bus hielt schon an.
Draußen wartete ein anderer Offizier auf ihn, der lässig an einem Grav-Jeep lehnte, eine Sonnenbrille und einen Cowboyhut trug.
Er wunk Darkness heran.
"Commander Nihat Uzan." stellte sich der Commander, der aus der Mittelmeerregion zu kommen schien, vor.
Darkness nahm Haltung an und riss den rechten Arm zum Salut hoch.
Uzans Salut hingegen viel eher lässig aus: "Aber Sie können mich ruhig Tex nennen."
Darkness nahm die hingehaltene Hand: "Darkness."
"Na, schmeißen Sie ihren Kram hinten rein, mein Boss will Sie sehen."
Tex schwang sich derweil hinters Steuer und kaum das Darkness eingestiegen war, gab er Gas.
Währen nicht Tex' Rangabzeichen und Schwingen gewesen hätte Darkness am Ende der weniger als 5 minütigen Fahrt geschworen, das Tex keinen Führerschein besitzen kann.
"Na kommen Sie Darkness", Tex sprang aus dem Jeep und langsam ging Darkness die kumpelhaft/freundliche Art des Starlancer-Offiziers auf den Geist.
Im mehrstöckigen Hauptquartier von Miramar war Hochbetrieb, wenn es zu Zeiten des TopGun-Programms um einiges Hektischer gewesen sein muss.
Tex führte ihn in den dritten Stock, grüßte dabei alle möglichen Leute, zum Büro des Geschwaderkommandanten der Starlancers und Stützpunktkommandanten.
Nach zweimaligem Klopfen stieß er die Tür auf: "Kommen Sie Darkness, es ist geheizt."
Der Captain hinter dem Schreibtisch blickte kurz auf und funkelte beide wütend an, ehe er sich wieder seinem Telefon zuwand: "...ja Schatz, ich werde mit Tommy reden, versprochen, doch nun muss ich Schluss machen, ich habe gerade Besuch bekommen."
"Oh, dann ist also doch eben Tex in Dein Büro gestürmt, grüß ihn bitte und komm nicht so spät nach Hause." Antwortete die Stimme aus dem Telefon.
"Ich versprech's", verabschiedete sich der Captain und schaltete das Bildtelefon aus.
"Tex!" Der Captain hob drohend den Zeigefinger.
"Yeah, schon gut Boss, ich werde mich bessern, ich hab Dir auch wen mitgebracht." Tex deutete auf Darkness.
Erneut nahm Darkness Haltung an und salutierte.
Im Gegensatz zu Tex erhob sich der Captain und salutierte ebenfalls, dann kam er um den Schreibtisch herum und streckte die Hand aus: "Samuel Lundeen."
"Justin McQueen", Darkness nahm die Hand entgegen.
"Setzen Sie sich Commander", Lundeen deutete auf den übrig gebliebenen Besucherstuhl, "ich habe Befehle für Sie ..."
"Du vergisst Deine guten Manieren Skipper", warf Tex ein.
"Tja, Tex, dann flitz mal los und besorg uns Kaffee." Konterte Lundeen.
"Wie trinken Sie den Kaffee Darkness?"
Ein feines Lächeln umspielte Darkness Lippen: "Schwarz, ... wie meine Seele."
Tex deutete einen Salut an und war verschwunden.
"Also kommen wir zu Ihren Befehlen Commander", fuhr Lundeen fort, "die Angry Angles werden neu formiert, Morgen kommt ein ganzer Schwung von ihren alten Leuten, die nächsten Tage treffen auch noch 40 Männer und Frauen der Boston Space Force ein, allein für Sie, sowie das, was unsere Akademie in die Freiheit entlässt."
Er reichte Darkness eine Daten-CD. "Darauf sind auch Pläne für die Einquartierung und Zeiten, die für Übungen frei sind, sowie eine Aufstellung der schon vorhandenen Jäger."
"Danke."
"Und nun", Lundeen lehnte sich zurück, "erzählen Sie mir, wie sind die Akarii ..."
Gleicher Tag,
Fort Lexington, Erdumlaufbahn
Jason Rowland wurde von zwei Marines eskortiert. In der linken Hand hielt er einen Aktenkoffer aus Edelstahl. Dieser war mit einer Kette um sein Handgelenk gekettet. Die Handschelle war ein spezielles Gerät, welches fest um den Arm geschnallt war und ständig seinen Puls überwachte. Würde man ihn jetzt töten und/oder den Koffer ohne den richtigen Code abmachen, würde der gesamte Inhalt zerschmolzen.
Die vier Marines die Rowland umringten, waren nicht annähernd so professionell wie die aus New York, aber sie machten ihren Job.
Am Verbindungstunnel machte die Marines halt.
Rowland wurde von einem Lieutenant Commander empfangen, der sich als Johann Olm vorstellte und der Captain des Kurrierschiffes war, welches Rowland transportieren sollte.
Olm war ein junger Mann, von vielleicht 28 Jahren, hatte gerade den Perisher mit ach und Krach bestanden und war überglücklich jetzt schon sein eigenes Kommando zu haben.
Rowland bedauerte ihn aus zwei Dingen. Zum einen war Olm vollkommen zufrieden damit als Taxifahrer für die Flotte zu arbeiten und zum anderen würde diese Mission wohl für lange Zeit die letzte sein, die Olm ausführen würde.
In seiner Kabine auf dem Kurierschiff Hemmingway schnallte Rowland erstmal seinen Koffer ab und verstaute diesen im Safe.
Danach legte er sich in voller Uniform aufs Bett.
Seine Gedanken treiben wirr umher.
Er fühlte sich schlecht, aber das war normal, so ging es ihm immer nach der Hypnosekonditionierung.
Es gab drei Stufen diesmal. Die erste war so angelegt, dass er dem Verhör, solange standhalten konnte, wie er wollte. Theoretisch.
Und dass er nur die Informationen preis gab, die der Feind wissen sollte.
Sollten die Akarii die erste Stufen durchbrechen und seinen wahren Namen sowie noch mehr in Erfahrung bringen, würde die zweite Stufe in Gang gesetzt und einen bestimmten Muskel in der Bauchregion zum Zucken bringen.
Das Zucken würde ein Implantat aktivieren, welches ein Gift direkt in die Blutbahn freisetzen würde.
Wenn die Akarii jedoch das Giftimplantat fanden und es vorher entfernten, würde Stufe drei in Kraft treten.
In seinem Gehirn würde der Zwang freigesetzt werden sich selbst zu töten, egal wie.
Es würde für ihn wohl eine Reise ohne Wiederkehr werden.
Entweder er würde sich selbst umbringen, weil die Akarii-Foltermeißter zu gut waren oder die Akarii würden ihn töten, weil er sie derart über den Tisch zog.
Ironheart
24.03.2004, 13:26
Ursprünglich von Tyr Svenson
Die vier Piloten erregten Aufsehen. Uniformen waren zwar nicht selten zu sehen in diesen Tagen, doch Piloten waren etwas besonders. Auch wenn viele Menschen versuchten, den Krieg zu verdrängen – Piloten umgab immer noch ein Flair von ritterlichem Duell, Heldentum und Ruhm. Selbst die immer stärkere Mechanisierung und Computerisierung des Krieges, der Einsatz zielsuchender Raketen hatte an dem Mythos Jagdflieger nichts ändern können. SIE waren die Stars für die Presse.
Dazu blitzten und glänzten an den Uniformblusen genügend Auszeichnungen, um Laien und Fachleute zu beeindrucken: Fliegerkreuze, Verwundetenabzeichen, Raumkampf- und Raumabzeichen....
„Habe doch gesagt, daß es so schneller geht.“ In Huntress Stimme lag ein Hauch Selbstzufriedenheit. Es war ihre Idee gewesen.
„Na ja, aber in Zivil würde uns keiner fragen, ob er uns knipsen kann.“ warf Demolisher ein – nicht, daß er irgendetwas dagegen gehabt hätte.
„Für dich gilt das vielleicht – aber bei mir und Kali bin ich mir da nicht so sicher. Sei doch zufrieden. Überleg‘ mal, was du sonst alles tun müßtest, um als fotogen zu gelten.“
Demolisher grinste. Auf so eine Bemerkung gab es nur EINE Antwort: „Zuerst müßte ich mich weiß streichen!“
„Vielleicht hätte dich der Tiger dann auch ansprechender gefunden. Haie sollen ja auch nur an Weiße gehen!“
Diesmal blieb der hochgewachsene Schwarze eine Antwort schuldig. Die ‚Sache mit dem Tiger‘ machte ihm immer noch zu schaffen.
Kano, der dicht hinter den beiden marschierte, grinste Kali zu. Die ständigen Wortgefechte zwischen Huntress und Demolisher gehörten zu den beiden wie Huntress direkte Art und Demolishers manchmal ziemlich vorlautes Mundwerk. Kali zuckte nur mit den Schultern, schaltete sich dann in die Frotzeleien ein: „Ihr klingt, als wärt ihr verheiratet!“
„Also, da kennst du dich ja bestimmt aus.“ Konterte Huntress und grinste sie an. Kali winkte spöttisch ab.
Kano hörte nur halb hin, während er sich suchend umsah. Der Zug, der sie zum Stützpunkt Miramar, Kalifornien, bringen würde, sollte erst in einer halben Stunde ankommen – und die Bahnen waren üblicherweise pünktlich, wenn nicht etwa ein Militärtransport Vorfahrt hatte. Der Washingtoner Bahnhof sah allerdings genauso aus, wie all die großen Zentralbahnhöfe. Was Kano vielmehr aufgefallen war, war eine ganze Gruppe von jungen Männern und Frauen, die sich ziemlich lautstark auf dem Bahnsteig breitgemacht hatten, von dem auch der Zug der Piloten der „Angry Angels“ abfahren würde. Sie alle trugen die Uniformen der TSN, Piloten-Ausgehuniformen. Allerdings fehlte es diesen Piloten an Abzeichen – allesamt waren sie Second Lieutenants und keiner sah älter aus, als höchsten Anfang Zwanzig.
Als sich Huntress umdrehte, bemerkte sie Kanos Blick und folgte ihm. Sie grinste breit: „Frischfleisch für die Front.“
Demolisher beugte sich zu Huntress und flüsterte ihr etwas ins Ohr – was ihm prompt einen blitzschnellen Stoß in die Seite einbrachte, der ihn nach Luft schnappen ließ.
Inzwischen waren wohl auch die jungen Piloten auf die Gruppe der „Angry Angels“ aufmerksam geworden. Die Reaktionen waren gemischt und recht aufschlussreich. Einige gaben sich betont normal, scherzten und lärmten weiter – warfen allerdings immer wieder Blicke in Richtung der Veteranen. Andere beobachteten die Veteranen aus den Augenwinkeln oder ganz offen, mit einer Mischung aus Bewunderung, Neugier und Neid.
Immerhin, die Abzeichen und Ränge machten Huntress, Demolisher, Kali und Ohka zu etwas besserem – selbst Kano, immer noch Second Lieutenant, hatte sich schließlich schon das Flight Cross und das Verwundetenabzeichen verdient. Die Abzeichen machten die „Angry Angel“-Piloten zu Kriegsveteranen, die bereits mit dem Feind gekämpft und ihn abgeschossen hatten. Damit verkörperten sie gewissermaßen ein Ziel, welches sich die meisten der jungen Piloten gesetzt hatten – Siege, Ruhm und Ehren.
Vor allem Huntress zog natürlich die Aufmerksamkeit auf sich und ausnahmsweise nicht wegen ihres Aussehens. Immerhin hatte sie als Lieutenant Commander den höchsten Rang in der Gruppe und die meisten Auszeichnungen. Das erst nach fünf Minuten einer der „Frischlinge“ den Mut fand, sich direkt an die Veteranen zu wenden, lag sicherlich auch an der Erinnerung an die Raumakademie – in der die Ausbilder, meist altgediente Lieutenants, Lieutenant Commanders und Commanders ein strenges Regiment führten und auf eine perfekte Einhaltung der Dienstvorschriften und Ehrenbezeugungen achteten.
Aber einer der Akademieabgänger fasste sich schließlich doch ein Herz, marschierte direkt auf Huntress zu und machte eine militärisch einwandfreie Ehrenbezeugung. Huntress hielt nur mit Mühe ihre Miene neutral und erwiederte den Salut geübt, aber etwas weniger schmissig: „Rühren, Lieutenant. Wir sind noch nicht im Dienst.“
Der junge, hochgewachsene Pilot, der sein blondes nackenlanges Haar zusammengebunden hatte, entspannte sich nur unwesentlich.
Kali beugte sich zu Kano herüber, einen Arm um seine Schulter gelegt. Sie grinste leicht, ihre Stimme war nur ein Flüstern: „Kommt dir das irgendwoher bekannt vor?“
Er musste ebenfalls lächeln, auch wegen der Vertrautheit, die sich zwischen ihnen im Laufe der letzten Wochen endgültig wieder eingestellt und vertieft hatte: „Nun ja, vielleicht ein wenig. Aber du weist...“
„Ja, ja – es lebe die Tradition. Hoffentlich steigt unserem ‚Alten’ das viele ‚Männchen bauen’ der Neuen nicht zu sehr zu Kopf. Ich meine, noch eine Verstärkung seines Egos – und er wird mit uns die Heimatwelt der Echsen stürmen wollen.“
Lone Wolfes manchmal recht übertriebene Meinung von sich selbst war unter den Piloten, die seit mehreren Feindfahrten dabei waren ein offenes Geheimnis und gerne ausgewalztes Thema. Auch wenn die meisten Piloten dem „Alten“ vertrauten, seine Kompetenz und Leistung anerkannten – kaum einer war sich zu schade, heimlich auch mal über seine Schwächen zu lästern.
„Ich glaube nicht, dass das ein Problem wird. Zur Not holen ihn die Alten schon wieder auf den Boden. Und nach der letzten Feindfahrt…“ Die letzte Feindfahrt hatte alle Piloten der „Angry Angels“ hart getroffen. Die hohen Verluste, die bestenfalls als Patt zu bezeichnende Raumschlacht, die Aufgabe der „Redemption“ – wie das Ego des „Alten“ auch immer beschaffen sein mochte – nach diesem Dämpfer würde er wohl kaum zu irgendwelcher Selbstüberschätzung neigen.
Inzwischen hatte Huntress mit ihrer direkten, lockeren Art das Eis gebrochen. Eine wachsende Gruppe von Neulingen umgab die Piloten der „Angry Angesl“. Es war schnell klar – sie alle hatten den Befehl bekommen, am 18. September in Miramar einzutreffen. Die Akademieabgänger kamen von allen bewohnten Kontinenten der Erde, dazu ein paar von den Kolonialwelten. Und sie alle hatten die gleichen oder zumindest ähnliche Fragen an die Piloten der „Angry Angels“: hatten sie schon mal mit den Akarri gekämpft? Hatten sie an einer richtigen Raumschlacht teilgenommen? Wie viele Feinde hatten sie schon abgeschossen? Wie flogen die Feinde, wie schoss man die Echsen am besten ab? Stimmte es, dass…
Das die Piloten zu den Veteranen von Jollahran gehörten, ließ ihren Status in den Augen der Akademieabgänger erheblich steigen – immerhin war dies der größte „Sieg“ seit längerer Zeit. Diese Bewertung der Schlacht, in der die Redemption tödlich verwundet worden war, löste bei den Veteranen allerdings eher gemischte Gefühle aus.
Die Ankunft des Transrapid unterbrach die auf die Veteranen einprasselnden Fragen, aber nur kurzzeitig: im Zug ging es weiter, in einer regelrechten Traube umlagerten die „Neuen“ die „Alten – was bei den anderen Fahrgästen zu Reaktionen zwischen Verärgerung und nachsichtigem Wohlwollen führte. Erstaunlicherweise waren sowohl Demolisher als auch Huntress bereit, geduldig die fragen zu beantworten. Nun, immerhin würde wohl Huntress einige von den Neuen in ihre Staffel übernehmen, denn wie alle anderen Staffeln hatte auch ihre Schwadron schwer gelitten. Die Neuen wussten noch nicht, welchen Staffeln sie zugeteilt werden würden. Sie wussten allerdings immerhin soviel, um nicht zu sehr nachzuhaken, was mit ihren Vorgängern passiert war.
Ansonsten schien aber ihre Vorstellung von der Front noch recht verschwommen zu sein – und als Demolisher recht drastisch die Eintönigkeit und Langwierigkeit der An- und Abmarschwege schilderte und sie erfuhren, dass sogar Monate vergehen mochten, in denen nur endlose Raumpatrouillenflüge, Übungsmissionen und Simulatortraining ihr Leben bestimmen würden, schienen einige der Neuen etwas enttäuscht. Vermutlich hatten sie nicht erwartet, dass sich der Einsatz an der Front so ähnlich gestalten würde, wie der bei eigentlich allen Rekruten verhasste Drill-Marathon auf dem Mars. Andere Rekruten allerdings schienen, so kam es Kano jedenfalls vor, nicht traurig bei der Aussicht auf lange Zeiten ohne Gefechtsberührung.
Für nahezu einhellige Begeisterung sorgte allerdings die Vermutung der „Angry Angels“-Piloten, dass sie alle wahrscheinlich auf einen neuen Flottenträger kommen würden. Viele Rekruten kannten sich von der Akademie, auch wenn dort zahllose neue Piloten ausgebildet wurden. Sie würden zusammenbleiben. Dazu versprach der Dienst an Bord eines Flottenträgers mehr „Chancen“ als der Dienst in irgendwelchen planetaren Garnisonsgeschwadern oder an Bord der neuen „Hilfsflugzeugträger“.
Und trotz der hohen Verluste über Mantikor galten wahrscheinlich Flottenträger immer noch als sicherer, als etwa die Leichten Träger, die ja sowieso nur zur „Sprottenjagd“ eingesetzt wurden, feindliche Nachschubsfrachter jagten und Gefechten mit feindlichen Raumstreitkräften nach Möglichkeit auswichen. Den Rekruten fielen nicht mal die Lücken und Auslassungen betreffs der zweiten Feindfahrt der „Redemption“ auf – den Troffens-Einsatz.
Kano wurde weniger ausgefragt, als die anderen. Zum einen hatte er natürlich weniger Erfahrung als Huntress, Demolisher und Kali – und außerdem war da noch sein etwas verschlossenes Naturell. Und er wurde mit seinen Antworten immer einsilbiger. Das fiel Kali auf. Als sich die Aufmerksamkeit der „Neuen“ auf Huntress Geschichte aus ihrer Zeit vor der „Redemption“ konzentrierte, beugte sie sich zu ihm herüber: „Was ist denn eigentlich los? Sag bloß, dir ist diese Heldenverehrung peinlich. Das wäre ein völlig neuer Zug an dir?“
Kano musste kurz grinsen, wurde dann aber wieder ernst: „Nun, wenn es berechtigt wäre… Aber auf Johllaran stolz sein… Aber das ist es nicht. Ich weiß nicht – irgendwie erinnern sie mich an früher. Vor einem halben Jahr war ich noch genauso kriegsbereit wie sie. Ich brannte förmlich darauf, mich an der Front zu bewähren. Oder redete es mir jedenfalls ein. In Wirklichkeit, Hellen…“, er sah Kali direkt an, „…in Wirklichkeit hatte ich aber auch Angst. Auch wenn ich es mir damals niemals eingestanden hätte.“
„Du hast es überstanden. Du hast deine Angst überwunden.“ Er war Kali dankbar für die Gewissheit in ihren Worten. Ja, er hatte seine Angst überwunden. Und er hatte überlebt, ohne sich oder seine Familie Schande zu machen.
„Aber sie haben es alle noch vor sich. Die Begegnung mit dem Feind, das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Schau sie dir an. Zumindest nach außen geben sie sich so, als wären sie unbesiegbar. Einige glauben das vielleicht auch. Und was wird mit ihnen in sechs Monaten sein?“
„Dann sollten wir uns Mühe geben, ihnen beizubringen, was wir gelernt haben. Wir haben uns dieses Wissen über den Feind teuer genug erkauft. Und was in sechs Monaten sein wird?“ Kalis Humor gewann wieder die Oberhand: „In sechs Monaten haben wir eine Parade – auf der Zentralwelt der Echsen!“
Als der Transrapid auf dem Bahnhof des Stützpunkts hielt, war er von einer Doppelreihe Posten umgeben. Ein Neugieriger, der sich hinter den aussteigenden Piloten aus der Tür beugte, starrte direkt in das maskenhafte, fast bösartig wirkende Gesicht eines Marinesoldaten und schreckte regelrecht zurück.
Geführt von einem Sergeanten der Verwaltungsabteilung ging es dann für die Piloten nach oben. Dabei passierten sie mehrere Kontrollpunkte und Sicherheitsschleusen.
Als sie endlich im Freien waren, schlug ihnen eine brütende, trockene Hitze entgegen, kaum gelindert durch eine schwache Brise. Praktisch sofort waren die Piloten schweißgebadet. Doch die Hitze war vergessen, als mit dem Dröhnen eines angreifenden Drachen vier Raumjäger über ihre Köpfe hinwegdonnerten, steil, die Gesetze der Schwerkraft anscheinend vergessend, in den Himmel stiegen und hoch über den Köpfen der nach Oben Starrenden ein gleichzeitig anmutiges, wie drohendes Ballet begannen.
Unwillkürlich fühlte Kano, wie seine Kehle eng wurde. Was scherten ihn jetzt noch seine düsteren Betrachtungen von vorher? Hier gehörte er hin! Und diese Gefühl wurde geteilt – von den Veteranen ebenso, wie von den Rekruten.
Ironheart
24.03.2004, 13:27
Ursprünglich von Cattaneo
Abschied
„Und das war es dann, im großen und ganzen. Irgendwann muß mir der Film gerissen sein. Ich bin dann erst wieder auf dem Krankenrevier aufgewacht, ein paar Tage später. Wir haben uns zurück geschlichen, und ich durfte auf der ,Relentless’ Däumchen drehen.“ beendete Lilja ihren knappen Bericht. Sie blieb bewußt vage in der Schilderung ihrer Verletzungen, denn nichts wollte sie weniger, als ihren Gesprächspartner an sein eigenes Leid erinnern. Sie selber war inzwischen halbwegs darüber hinweg – jetzt, wo sie wieder als einsatzbereit galt. Obwohl sie sich vermutlich diese Behutsamkeit hätte sparen können, denn der Rollstuhl erinnerte Alexander Jegorowitsch Gulajew unablässig daran, was ihn der Krieg gekostet hatte. Falls er daran dachte, so ließ er sich zumindest nichts anmerken – vielleicht wiederum aus Rücksicht auf sie. Der ehemalige Jagdflieger lächelte schief: „Kurz und schmerzlos – das klingt so gar nicht wie dem Heldensang, den ich erwartet hätte.“ Lilja lief rot an – er kannte sie gut genug um zu wissen, wie sehr sie sich geschmeichelt fühlte durch die Art und Weise, wie ihr Namen in den Medien aufgetaucht war. So etwas passierte ihr fast nur gegenüber Leuten, die sie gut kannten – und bei denen sie es einfach nicht fertig brachte, immer die kalte Maske zu wahren, die ihr zum zweiten Gesicht geworden war. Ihr Freund hieb nicht das erste Mal in diese Kerbe. Die Pilotin versuchte ihre Verlegenheit durch ein Schulterzucken zu überspielen: „Nun, dafür hast du es aus erster Hand.“
Sie hatte ihn – natürlich – zu Hause angetroffen, als sie direkt vom Moskauer Flughafen zu seiner Wohnung geeilt war. Lilja hatte ihre Reise so geplant, daß ihr zumindest ein reichlicher Nachmittag in Moskau blieb. Genug Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang. Durch die Briefe, die sie sich geschrieben hatten, wußte sie viel über ihn, und er über sie. Mehr als früher, vor dem verhängnisvollen Tag, als für ihre Einheit der Krieg begonnen hatte. Daß sie beide die letzten Überlebenden der Staffel waren, verband. Für Lilja war ,Sokol‘ – so sein altes Callsign – die letzte Verbindung zu ihren alten Kameraden. Ihre erste Staffel war für sie so etwas wie eine Familie gewesen – neben ihrer ,richtigen’ Familie – und sie hatte den Verlust lange nicht verkraftet. Eigentlich hatte sie das bis heute noch nicht überwunden. Sie wollte es auch gar nicht, denn das wäre Verrat gewesen. Schmerz und Verlust nährten das Feuer des Hasses, das in ihr brannte.
Und für ihn war sie ein Bindeglied zu der Zeit, als er noch nicht verstümmelt und – wie er es sah – nutzlos war, dazu verdammt, dem Krieg zuzusehen, der ihn verkrüppelt hatte. Ohne Hoffnung auf Heilung oder wenigstens Rache.
Lilja wußte, wie sehr Alexander sein Dasein manchmal haßte. Sie war vielleicht die einzige, der er davon erzählt hatte, daß er manchmal mit dem Gedanken gespielt hatte, ein für alle Mal Schluß zu machen. Die Pilotin hatte ihn immer versucht davon zu überzeugen, diesen letzten Schritt nicht zu tun, so gut sie daß aus der Ferne konnte. In ihrer Angst hatte sie ihn moralisch unter Druck gesetzt, in dem sie ihn daran erinnert hatte, daß sie dann völlig allein geblieben wäre, die letzte der Falken. Die Möglichkeit, jemand auf der Erde darum zu bitten, sich des Piloten anzunehmen, einen Geistlichen oder Psychologen etwa, hatte sie zwar mehrfach erwogen, aber immer wieder verworfen. Zu sehr erschien ihr dies Verrat seiner geheimsten Gedanken, die allein ihm gehörten, und die er mit ihr teilte. Vielleicht hatten ihre Worte den Ausschlag gegeben, daß er sich gegen den Freitod entschieden hatte, doch sicher war sie sich da nicht. Sie hielt sich keineswegs für sonderlich geeignet, jemandem zu helfen, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Sicher war seine Entscheidung knapp ausgefallen. Sie wußte, wie sehr er es verabscheute, eingesperrt zu sein. Auch das war ein Grund, warum sie sich die Zeit genommen hatte, mit ihm auszugehen. Lilja begleitete ihn durch die Straßen der alten Hauptstadt. Sie war lange nicht mehr hier gewesen – manche Dinge allerdings würden sich nie ändern. Die massiven Mauern des nahen Kremls schienen wie immer Abwehrbereitschaft und Macht zu verkörpern. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte von diesem Zentrum das Schicksal der Welt abgehangen. Heute war es nur noch Sitz der Russischen Regionalverwaltung. Eine Erinnerung an glorreiche Tage, die es den Menschen manchmal schwer machte, vollkommen von vorne anzufangen – wenn sie das denn wollten. Die Gespenster vergangener Zeiten waren hier allgegenwärtig.
Auf dem gewaltigen Platz herrschte reger Betrieb. Die meisten Menschen gingen ihren Beschäftigungen nach – dem täglichen, banalen Einerlei. Die beiden Soldaten fielen nicht sonderlich auf. Einige blickten sich vielleicht kurz nach ihnen um, aus welchen Gründen auch immer. Es entging den beiden nicht, und sie sahen ahnten, was in einigen Köpfen vorgehen mochte. Alexander grinste bitter: „Siehst du sie? Sie bedauern dich. Du solltest dir lieber einen anderen Begleiter suchen...“ Lilja schüttelte den Kopf. In ihrer Stimme schwang Zynismus, der allerdings ihr selber galt, und nicht ihrem Kameraden: „Ich denke eher, daß sie dich bemitleiden.“ Sie berührte die Narben auf ihrem Gesicht – seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten, waren einige dazugekommen. „Angesichts meines holden Gesichtes – wer würde da nicht mit dir mitfühlen.“ Ihr Kamerad drückte ihr wortlos die Hand. Es war eine Verbitterung, die sie beide in sich trugen. Der Krieg hatte sie versehrt – und ihn noch viel stärker als sie – doch beide fühlten sich oft gleichermaßen von anderen Menschen ausgegrenzt. Als seien sie keine vollwertigen Mitglieder der Gesellschaft mehr. Es mochte freilich auch sein, daß sie aus einer bewußt abwehrenden Haltung sich selber isolierten – sie wollten vielleicht beide nicht zurückgewiesen werden, wegen dem, was sie waren, und hielten deshalb andere Menschen auf Distanz. Auch deshalb war ihre Brieffreundschaft für sie so wichtig.
Eine Weile schwiegen sie beide. Aber Lilja wollte nicht die wenige Zeit, in der sie einander Gesellschaft leisten konnten, in Trübsal verbringen. Deshalb wechselte sie das Thema: „Und, wie läuft es eigentlich hier – im dritten und einzigen Rom?“ Alexander lachte: „Für so orthodox hätte ich dich gar nicht gehalten – du klingst schon fast wie eine Altgläubige!“ Er schüttelte leicht den Kopf: „Ich weiß nicht so recht. An der Oberfläche bemühen sich die meisten, den Krieg mehr oder weniger zu verdrängen. Die Rede der Präsidentin hat allerdings einigen Wirbel verursacht. Vielleicht sind ein paar Leute aufgewacht. So wie das bisher lief, konnte es ja nicht ewig weitergehen. Auf der anderen Seite – es gibt auch Kriegsgegner.“ Er registrierte das verächtliche Schnauben Liljas und lächelte, denn diese Reaktion hatte er vorhergesehen: „Oh, es sind nicht nur ein paar blutleere Pazifisten, die schon von Polizeiterror schwätzen, wenn ein Milizionär vor ihnen ausspuckt. Die KPR hat vor ein paar Tagen bis zu hunderttausend Menschen auf die Straße bekommen. Vielleicht auch mehr. Mit einem Bekenntnis zur Vaterlandsverteidigung – aber gleichzeitig der Forderung, mit den Akarii zumindest Gespräche anzufangen, und dem Regierungsklüngel auf die Finger zu sehen. War schon ein beeindruckendes Schauspiel.“ Lilja murrte: „Wenn ihnen an der Heimat was liegt, sollten sie lieber gleich kämpfen!“ Alexander nickte: „Ich habe auch keine Lust, mit den Echsen zu reden. Aber andererseits – ich verstehe die Leute ein wenig. Nicht jeder kennt die Echsen wie wir, die wir ihnen schon gegenüberstanden haben.“ Die Pilotin lachte bellend: „Das verstehen nicht einmal alle, die wie wir schon ein paar von den verdammten Schlangen abgeknallt haben!“
Ihr Kamerad musterte sie ernst: „Meinst du, es geht glatt? Das wir es schaffen? Wenn ich in die Medien sehe, möchte man es fast glauben, aber wenn man genauer hinhört – dann ist es schon fast Sieg zu nennen, das sie nicht weiter vorgerückt sind.“ Liljas Stimme klang gequält, als sei es ihre Schuld – vielleicht empfand sie es auch so: „Ich weiß nicht. Alles was ich gelesen habe, läßt mich hoffen, daß wir ihnen Paroli bieten können. Wir haben ihnen über Jollahran verdammt schwer zugesetzt – auch wenn wir dabei viel verloren haben. Aber ihre Marine ist so verdammt stark, und wir fliegen immer noch diese alten Kisten. Sie sind gut, ja – aber die Feindjäger sind besser. Verdammt, ich würde jedem Etappenschwein das Herz rausreißen, wenn es sein Maul aufreißt – aber sie fliegen gut, und ich würde mir wünschen, wir hätten so gute Maschinen. Wir müssen uns doppelt und dreifach anstrengen, um ein Patt hinzukriegen.“ Alexander hatte dazu nicht zu sagen. Immerhin war er selber auch von einer Bloodhawk abgeschossen worden. Im entscheidenden Augenblick hatte die feindliche Feuerkraft den Ausschlag gegeben.
Lilja schüttelte den Kopf: „Aber Frieden? Mit denen? Was die wollen, das ist doch wohl klar! Man fängt keinen Krieg auf diese Weise an, wenn es nur um ein paar Grenzsektoren geht. Die wollen uns ein für alle Mal als Rivalen aus dem Spiel haben – was anderes können sie sich nicht wünschen! Und nachdem sie angefangen haben, wissen sie, was ihnen blüht, wenn sie nicht gewinnen. Sie werden wissen, daß wir nur auf eine Gelegenheit warten, es ihnen heimzuzahlen. Nein, die werden keinen Frieden machen – schon gar nicht einen, den wir akzeptieren können!“ In ihrer Stimme schwang neben Niedergeschlagenheit auch eine gewisse grimmige Genugtuung, fast Freude mit. Kein Frieden bedeutete, der Kampf würde bis zum letzten geführt werden. Sie würde ihre Rache bekommen. Vielleicht war es ihr nicht einmal klar, aber in Wahrheit wollte sie keinen Frieden. Keinen, bei dem sie nicht ihren Fuß den Akarii in den Nacken setzen konnte. Alexander empfand nicht viel anders. Aber er hatte viel Zeit, um nachzudenken, und manche Gedanken kamen ihm immer wieder, er mochte sich noch so sehr dagegen wehren.
„Was meinst du, wo werden sie dich hinschicken?“ fragte er sie. Lilja zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung. Ich denke, auf einen anderen Träger nicht gleich. Unsere Staffel ist nicht so stark dezimiert, daß man sie gleich aufteilen müßte. Und wir sind zu gut“ sie errötete erneut, als sie das Grinsen ihres Kameraden bemerkte „um irgendwo in der Etappe zu versauern. Also denke ich, sie schicken uns auf einen Hilfsträger oder so. Dafür ist eine Staffel wie die unsere noch das Beste.“ Daraus sprach wieder einmal die typische Arroganz der Pilotin eines Abfangjägers, die ihre Truppe natürlich für die absolute Elite der Navy hielt. Alexander verzog das Gesicht: „Verdammte Seelenverkäufer.“ Meinte er. Aber Lilja schien es mit Gleichmut zu nehmen: „Besser so, als gar nicht. Klar sind die Dinger nicht für den Flottenkampf geeignet. Aber das ist ja auch nicht unsere Aufgabe. Wir können damit unsere Kameraden von den Dickschiffen absichern – und wenn man ein Bettler ist, sollte man sich über jedes bißchen freuen, das man bekommt. Außerdem“ sie bemühte sich, betont ungerührt zu klingen: „war mein alter Kahn ja auch kein Schlachtschiff. So viel schlechter sieht es auf einem Hilfsträger auch nicht aus, verhältnismäßig. “ Ihr Begleiter nickte, allerdings nicht sehr überzeugt. Er kannte die Parameter der Rümpfe, wußte, was man damit in etwa machen konnte und ihm war folglich nur zu klar, das Panzerung und Bewaffnung nicht allzu üppig ausfallen würden. Allerdings – brachen Feinbomber durch, dann war oft alles sowieso verloren. Auch ein Träger konnte sich nur bedingt lange halten – die Impulslaser hatten so manches Schiff nicht retten können.
Ironheart
24.03.2004, 13:28
Ursprünglich von Cattaneo
„Aber“ kam er wieder auf das ursprüngliche Thema zurück: „Glaubst du, daß wir es schaffen?“ Lilja schien zu einem Entschluß gekommen zu sein: „Ich bin fest überzeugt. Nicht heute, und vielleicht müssen wir noch weiter zurückweichen. Aber am Ende werden wir es schaffen.“ Oder – aber das sprach sie nicht aus – sie würde die Niederlage nicht mehr erleben. „Am Ende werden unsere Soldaten die verdammten Fahnen zu Boden schleudern und drüber weg marschieren!“ Ihre Stimme klang vergiftet vom Haß. Doch dann schien sie sich zu besinnen: „Aber laß uns von was anderem reden“ meinte sie: „Erzähl mir lieber, wie es hier in Moskau abgesehen vom Krieg so läuft – und ich will nichts mehr hören über die Abweichler...“
Sie verbrachten die nächsten Stunde in angeregtem Gespräch, gingen essen in einem Restaurant – doch natürlich vergaß keiner von ihnen den Krieg. Sie beide erinnerten sich und den anderen unablässig daran, allein dadurch, was und wie sie waren. Schließlich brachte Lilja ihren Freund zu seiner Wohnung zurück. Beide hatten sich stets gehütet, dem Gefühl, das sie verband, einen anderen Namen zu geben als „Freundschaft“. Sie hielten es eigentlich auch für überflüssig. Etwa „Liebe“? War Freundschaft nicht auch Liebe? Konnte man erst dann von „Liebe“ sprechen, wenn man auch eine ,nun ja, körperliche Beziehung hatte? Oder bedeutete Liebe nicht in erster Linie, daß man für einander da war, sich dem anderen anvertraute? Wenn man diesen weiteren Begriff nahm, dann liebten sie sich ohne Zweifel. Beide wußten nicht, wo ihre Freundschaft – oder wie man es auch immer nennen wollte – geendet hätte, hätte der Krieg Alexander nicht verstümmelt. Sie hatten sich schon vorher nahe gestanden, nach dem Tode des letzten Überlebenden der Staffel außer ihnen. Denn es hatte keinen gegeben, der ihnen in dieser Stunde beigestanden hatte. Da war keine helfende, tröstende Hand gewesen, niemand, der einem Beistand – nur sie selber konnten einander helfen, diesen Verlust zu ertragen, nachdem schon so viele Freunde gefallen waren. Und für Lilja war schließlich überhaupt niemand mehr dagewesen, als man ihren schwerverletzten Kameraden aus seiner wracken Typhoon zerrte. Am Ende war sie daran beinahe zerbrochen – und seit damals verfolgte sie die Akarii mit unbarmherzigen und unermüdlichen Haß.
Aber so war das Schicksal. So war der Krieg. Es stand ihnen – so war ihr stummes Einverständnis – nicht an, sich darüber zu beklagen. Oder darüber nachzudenken, was vielleicht gewesen wäre, wenn nicht... Die Dinge waren wie sie waren, und damit mußte man fertig werden. Das war ihnen bisher gelungen, wenn es auch oft nicht leichtgefallen war. Es mochte nichts – oder auch alles – bedeuten, als Lilja ihren Kameraden, als sie in der Wohnung angekommen waren, aus seinem Rollstuhl hob und ihm half, sich hinzusetzen. Ebenso wie es nichts bedeuten mußte, das er seine Arme um sie legte, als sie ihn trug. Er war ihr Freund - und mehr Worte mußte man nicht machen. Wozu auch?
Sie erkannte sein Zimmer nur zum Teil wieder. Er hatte es ihr früher einmal beschrieben, in der letzten Woche, als sie nur noch zu zweit gewesen waren, die letzten der „Roten Falken“. Sie kannte die Bilder von ihrer alten Staffel, vom Stützpunkt, auf dem sie gedient hatten. Und das bunte Plakat mit dem Einheitswappen, dem stürzenden Falken mit dem rötlichen Gefieder. All das kannte sie aus seinen Erzählungen, ausgetauscht, wenn sie erschöpft nach einem Einsatz oder einer endlosen Bereitschaftsschicht Seite an Seite gesessen hatten, und nicht wagten allein in ihre Quartiere zu gehen. Aus Angst, die leeren Kojen zu sehen, aus Angst vor dem, was hinter ihren geschlossenen Lidern auf sie wartete. Aus Furcht, der Alarm könnte sie aus dem Schlaf reißen und sie vielleicht unvorbereitet finden.
Die anderen Dinge hatte sie teilweise aus seinen Briefen erfahren. Die Fotos von verschiedenen Schlachten des Krieges, von vernichteten Akariischiffen, abgeschossenen Jägern. Eine Sternenkarte, auf der Gefechte und Fronten markiert waren – eine weit detailliertere hatte er in seinem Computer. Bilder des Asse und Helden des Krieges. Es war, als würde Alexander diesen Krieg, von dem er ausgeschlossen war, gleichsam mit führen. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie er sich fühlte, eingesperrt in die Beschränkungen seines Körpers, der ihn verraten hatte. Sie wußte, er hatte mehrere Anträge darauf gestellt, in irgendeinem nachrangigen Dienst wieder eingestellt zu werden. Bei der Auswertung, der Verwaltung – irgendwo. Bloß diesem Gefühl der Nutzlosigkeit entfliehen, mehr sein als ein „Samowar“. Bisher aber war noch keine Antwort gekommen. Vielleicht wollte man keinen „Krüppel“ haben. Es vertrug sich nicht mit dem Bild der Navy, und wozu sollte man sich die Mühe machen, extra einen Arbeitsplatz zu finden, den er effektiv ausfüllen konnte? So dachten vermutlich die Personaloffiziere. An Menschen für die hinteren Dienststellen mangelte es ja auch nicht. Nein, da sollte sich der Versehrte sich mit seiner Invalidenrente zufrieden geben – was wollte er mehr? Ob sie überhaupt verstanden, daß das einfach nicht genug war? Nicht genug, um die Leere auszufüllen, die seine Verstümmlung in ihm hinterlassen hatte? Man hatte ihm von seinem früheren Dasein abgeschnitten, ihm den eigentlichen Inhalt seines Lebens genommen – doch man bemühte sich nicht einmal, es ihm zu ersetzen.
Lilja wußte, wie er dachte – aber sie konnte ihm nicht mehr geben als Anteilnahme und das Gefühl, daß jemand ihn verstand. Das war unermeßlich viel, und doch viel zu wenig. Und auch das wußte sie. Deshalb tat sie, was ihr möglich war – und mehr, als sie eigentlich durfte. Aber zumindest in dieser Hinsicht zögerte sie nicht, die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten. Ebensowenig, wie sie sich darum scherte, daß sie mit ihrem kaltblütigen Abschlachten ausgestiegener Feindpiloten ein Verhalten an den Tag legte, das durchaus als Kriegsverbrechen angesehen werden konnte. Sie zog einige Discs aus ihrer Tasche und plazierte sie auf dem Tisch des Zimmers – neben den unzähligen anderen, den Fotos und Berichten. Es war eine Kopie der Aufnahmen von der Bombardierung Troffens, und ebenso Ausschnitte von dem Anblick, den der einstige Agrarplanet nach dem Angriff geboten hatte. Dazu kamen Auszüge von Gefechtsaufzeichnungen – ihr Fangschuß auf dem Frachter der Akarii, Abschüsse von Feindjägern, ihre eigenen wie die fremder Piloten. Sie hatte sich an Bord der Redemption und beim letzten Aufenthalt auf der Perseusstation einiges an Material beschafft. Sie wußte, daß ein Teil des Materials als geheim anzusehen war – auch wenn man normalerweise ein Auge zudrückte, wenn Piloten so etwas für den privaten Gebrauch sammelten. Aber die Weitergabe an Zivilisten war eine heikle Sache, vor allem wenn es um so etwas wie Troffen ging. Dennoch hatte sie in diesem Fall keine Bedenken. Vielleicht würden dann Alexanders Wunden weniger schmerzen, und er konnte für einen Augenblick bei dem Gedanken Trost finden, daß Rache genommen wurde für alles, was die Akarii ihm und anderen angetan hatten.
Sie wußte, Ace hätte es nicht gebilligt. Nicht, daß ihr die Meinung des Phantompiloten etwas bedeutet hatte, als er noch lebte. Merkwürdig überhaupt, das sie immer noch hin und wieder an ihn dachte. ,Allerdings – ich bin glücklicherweise so jemanden wie ihm weder vorher noch danach wieder begegnet.‘ dachte sie boshaft. ,Das muß es sein. Verdammter Idiot!‘ Auch jetzt als Toter trug sie ihm noch einiges nach. Aber dennoch – manchmal hatte sie fast ein schlechtes Gewissen dabei, wie sie ihn noch im Nachhinein verachtete. Manchmal. Sehr selten eigentlich. Er hätte nicht verstanden, was sie für Alexander tat, weil er niemals erlebt hatte, was ihr wiederfahren war. So gesehen hatte er Glück gehabt, zu sterben. Er war bereits im Begriff gewesen, sich zu verändern – und vielleicht war sein verachtenswertes Verhalten nur ein Versuch gewesen, sich selber zu belügen. Schließlich hatte er geholfen, den Himmel Troffens für die Kriegsschiffe zu säubern. Er, der offenbar schon ein Problem darin hatte, ein paar ,wehrlose‘ Akarii zu töten. Vielleicht war es besser für ihn zu fallen – sie hatte schon gesehen wie Leute an dem zerbrochen waren, was der Krieg aus ihnen machte. Bei einer ihrer letzten Streitgespräche – anders hatten sie sich eigentlich nie unterhalten – hatte er von seinen eigenen Dämonen gefaselt. Was für ein Narr er doch gewesen war!
Alexander jedoch hatte ein Recht auf diese Aufnahmen. Er hatte bereits teuer dafür bezahlt und tat es noch immer. Nein, sie brauchte keine Gewissensbisse zu haben. Am wenig vor einer weinerlichen, jämmerlichen Leiche. Sie umriß nur kurz, was es für Aufnahmen waren. Sie sah das grimmige Lächeln in den Augen ihre Freundes, und das war ihr Lohn genug. Ein Lächeln, gemischt mit Wehmut, den ,Sokol‘ wußte, er tröstete sich damit darüber hinweg, daß er nicht selber nicht mehr kämpfen konnte Seine Haut war bleicher als früher, er wirkte abgemagert, gealtert um weit mehr als die Monate, die seit ihrem letzten Treffen vergangen waren. Aber seine Augen waren noch die alten, ebenso wie seine Entschlossenheit. Ohne die hätte er längst aufgegeben, was auch immer sie gesagt und getan hätte.
Als es Zeit war, Abschied zu nehmen, küßte sie ihn, so wie früher auch. War das „Liebe“ – war es mehr, war es weniger? Sie fragte sich das nicht. „Freundschaft“ – in diesem Begriff lag alles, was sie verband. Loyalität, Treue, Liebe. Verschiedene Worte für das selbe Gefühl. Sie wußte, daß er ihr viel bedeutete, und das war mehr als genug. Sie wußte, daß er sie nie im Stich lassen würde – und sie würde dies ebensowenig tun.
Es war kein Abschied unter Tränen. Sie beide wußten um die Realitäten dieser Zeit. In der Hinsicht machten sie sich nichts vor. Wozu auch – sie konnten sich ja nicht gegenseitig belügen, denn sie waren beide im Einsatz gewesen. Ein letzter Händedruck, eine letzte Umarmung – dann trat Lilja hinaus. Alexander Gulajew, nun nicht der ,der Falke‘, sondern nur noch ein Kriegskrüppel wie viele, mit gebrochenen Schwingen, blieb zurück. Und beide dauerte sie das Schicksal des anderen. Aber sie hatten ihren Weg zu gehen.
Sie weinte nicht. Tränen halfen nichts, und sie hätten ihr das Gefühl gegeben, verletzlich zu sein. Ihm gegenüber durfte sie keine Tränen zeigen – denn wozu ihm das Herz schwer machen. Und andere hatten kein Recht darauf, Tränen in ihren Augen zu sehen. Es war keine Zeit für Trauer. Jetzt war Krieg, alles andere hatte zu warten. Vielleicht bis in alle Ewigkeit.
Ironheart
24.03.2004, 13:28
Ursprünglich von Hammer
Murphy ließ die letzten Tage Revue passieren, als er nach zwei Wochen wieder zurück nach Berlin fuhr. Jackson Hayes hatte ihn angerufen und ihm mitgeteilt, dass er endlich ein neues Kommando erhalten solle.
Zwei Tage zuvor hatte er in Wien noch einige der Familiare, aber auch weitere Ordensbrüder auf einer kleinen Willkommensfeier kennengelernt. Es kam nicht alle Tage vor, dass jemand neu aufgenommen wurde und waren recht viele Mitglieder gekommen. Darunter waren erstaunlich viele Militärs gewesen, aber auch Politiker, Unternehmer und Freiberufler. Einer derjenigen, mit denen er sich länger unterhalten hatte, war sogar Bombenschütze in einer Crusader gewesen. Mehr hatte er dem Mann aber nicht entlocken können, außer dass auch dieser vom Krieg eine innere Narbe erlitten hatte. Die letzten Tage waren insgesamt sehr interessant gewesen. Nun aber würde es endlich wieder zur Fliegerei gehen. Murphy war froh, dass die Ruhezeit vorbei war. Er hatte zwar keinen klassischen Urlaub gehabt, aber der Dienst hatte doch irgendwie eine andere, eine realere Qualität.
Zwei Stunden später war er in Berlin angelangt und parkte den Wagen vor dem Bereich des Bürokomplexes, in dem Hayes sein Büro hatte. Der Eingang wurde von Marines bewacht, die kurz, aber gründlich Murphys Ausweis kontrollierten, bevor sie ihn einließen. Am Empfang am Eingang ließ sich Jack den Weg zu Hayes Zimmer erklären und nahm dann den Aufzug in den 10. Stock. Die Büros in diesem Bereich waren, wie Murphy schnell erkannte, großzügig geschnitten. Am Ende des westlichen Ganges lag das Vorzimmer von Hayes, bei dessen Sekretärin er sich anmeldete. Insgeheim hatte er sich auf eine kurze Wartezeit eingerichtet, doch der Petty Officer lächelte nur und meinte:
„Sie können sofort rein, der Commodore erwartet Sie bereits.“
Murphy klopfte an und wurde von Hayes sonorer Stimme hereingebeten. Noch bevor Murphy die Tür ganz geöffnet hatte, war Hayes aufgesprungen und kam ihm entgegen.
„Sir, Lieutenant Commander Murphy wie befohlen zur Stelle.“ Murphy salutierte.
Hayes erwiderte den Salut, grinste und reichte Murphy dann die Hand. Dann lotste er ihn zum Schreibtisch.
„Du siehst gut erholt aus. Aber die Energie wirst du auch brauchen.“
Murphy zog die Augenbrauen hoch.
„Ja, ich kenne Deine Befehle bereits. Ist interessant. Aber sicherlich herausfordernd.“ Er reichte Jack einen Brief, den dieser öffnete.
An: Lieutenant Commander Murphy, vormals CO VF-2710
Von: Quartermasterkommando 2.Flotte
Sie werden angewiesen, sich am 18. September 2636 auf dem Navystützpunkt Miramar, Californien zu melden und dort das Kommando über die Bronzene Staffel des Trägergeschwaders der Columbia zu übernehmen.
gez.
Quartermasterkommando
2.Flotte
„Die Bronzene Staffel?“
„Crusader. Du wirst CO der schweren Bomberstaffel.“
„Hm, ich weiß, ich hab die Flugqualifikation für die Crusader. Aber CO?“
„Schaffst Du locker. Außerdem bekommst Du einen fähigen XO und Bombenschützen.“
„Kenn ich ihn?“
„Keine Ahnunge, wenn nicht, dann läßt sich das ändern.“ Hayes griff zur Comanlage.
„Marcy, ist Lieutenant Commander von Hauenstein schon da?“
„Ja, gerade eingetroffen.“
„Gut, er soll hereinkommen.“
Noch bevor Murphy etwas sagen konnte, wurde die Tür erneut geöffnet und seine neue Bekanntschaft aus Wien stand vor ihm. Count lächelte wissend, als er das verdutzte Gesicht des Iren sah.
„Man sieht sich immer zweimal, Jack.“
„Scheint mir so, Wolfgang.“
„Sie kenne sich?“ fragte Hayes interessiert.
Die beiden Junioroffiziere nickten.
„Gut, das wird Ihre Aufgabe einfacher machen. Setzen Sie sich doch beide bitte.“
Von Hauenstein beobachtete Murphy, als sich die beiden hinsetzten. Er hatte den Iren auf Anhieb gemocht, trotz der Tatsache, dass er schon damals wußte, dass dieser Mann ihm sein Kommando quasi vor der Nase weggeschnappt hatte. Es war jedenfalls niemand, der seine Staffel blindlings in den Untergang führen würde.
„Kurz zu Ihrer Aufgabe. Commander Cunningham hat den Oberbefehl über das Geschwader, sein XO, Lieutenant Commander McQueen ist momentan dabei, das Geschwader zu sammeln und zu trainieren. Sie werden, da die Crusader nicht atmosphärentauglich ist, die Eingewöhnungsphase in einem in einem stationären Orbit um den Mars befindlichen Stützpunkt verbringen, bis Sie auf die Columbia verlegt werden. Ich muss Sie warnen, Ihre Staffel ist ein zusammengewürfelter Haufen aus Milizionären aus New Boston und Akademierookies, durchsetzt mit einigen wenigen erfahreneren Leuten. Viele haben nie eine Crusader geflogen, bis sie durch einen schnellen Umschulungslehrgang gejagt wurden. Anders formuliert: einige dürften froh sein, wenn sie es schaffen, die Navigations- und Zielcomputerfunktionen zu beherrschen. Die Rafale Besatzungen sind etwas erfahrener, aber auch da gibts einige Milizionäre, die man verwendet hat, um die Lücken zu stopfen.
Immerhin ist das Material vollständig, Sie haben also 12 Crusader und 4 Rafales zur Verfügung, Ersatzmaschinen werden vor dem Auslaufen der Columbia ebenfalls zur Verfügung stehen.“
„Sind die Maschinen alle auf neuestem Standard?“ fragte Count.
„Sie werden gerade dorthin gebracht. Die meisten Crusader sind noch die alten A Muster. Bis zum Beginn des Deployments wird das aber alles fertig sein.“
„Wenn wir Leute in der Staffel haben, die absolut untauglich sind. Können wir Ersatz bekommen?“
„Nein, Jack, das ist nicht möglich. Ich weiß, Crusader sind keine Flieger für jedermann. Wir haben geschaut, dass wir die schlimmsten Fälle zu den anderen Staffeln geschickt haben. Aber ich übernehme natürlich keine Garantie.“
„Das gefällt mir nicht. Bei einer Griphen Staffel kann ich einen Blindfisch oder zwei verkraften. Bei Crusadern nicht. Der gefährdet alle.“
„Ich weiß, aber wir haben kaum noch Piloten. Sie wissen doch beide, wie verlustreich unsere letzten Operationen waren.“
„Ja, trotzdem.“
„Sie beiden schaffen das schon. Count kennt sich blendend mit der Crusader aus, ist wahrscheinlich der beste verbliebene Fachmann für die Systeme der Maschine. Und Du Jack, bist ein verdammt guter Ausbilder.“
„Wollen wir das beste hoffen. Wie sieht es mit den anderen Bomberstaffeln aus?“
„Zwei Miragestaffeln. Sind faktisch Dir als Bomberführer taktisch unterstellt, so dass du quasi der dritte Mann im Geschwader bist.“
Murphy nickte.
„Sonst noch Fragen? Wenn nicht, wird Sie mein Fahrer zum Flughafen bringen, eine Maschine, die Sie beide nach Miramar bringt, wartet bereits auf Sie.“
Die beiden Männer standen auf, salutierten und verließen den Raum.
Einige Stunden später landeten sie im sonnigen Kalifornien auf der Marinebasis Miramar. Die Basis hatte eine lange Tradition und auch heute war sie sehr belebt. Murphy und Von Hauenstein wurden nur oberflächlich kontrolliert, da man richtigerweise davon ausging, dass eine ähnliche Kontrolle bereits in Berlin stattgefunden hatte. Ein Fahrer wartete bereits auf sie und fuhr die beiden Männer zum Verwaltungsgebäude.
Darkness wartete in seinem Büro schon auf die Beiden und kam nach einer kurzen Vorstellung mit Count schnell zur Sache.
„Jack, Ihre Leute sind bereits hier. Wenn Sie wollen, können Sie innerhalb von einer Stunde ein Shuttle haben, das sie zur Station Alpha Theta 2 bringt.“
„Sind auch die Rafale Crews schon hier?“
„Noch hier, ja.“ Darkness grinste. „Lieutenant Commander McGill wollte gestern bereits losfliegen, um mit dem Training zu beginnen. Da ich aber wußte, dass Sie beiden heute kommen, hab ich ihren Abflug etwas verschoben.“
„Danke. Ich brauche das Shuttle in drei Stunden, vorher will ich mir den Haufen mal aus der Nähe ansehen. Wieviel Zeit haben wir?“
„Zu wenig. Genauer kann ich nicht werden. Und Sie haben viel zu tun.“
„Sie sind der zweite, der es mir heute sagt.“
„Dann wissen Sie ja Bescheid. Soll ich Ihre Leute zusammenrufen lassen?“
„Habe ich bereits veranlaßt, ich habe Bereitschaftsraum 8 requiriert.“
„Was Größeres haben wir hier leider nicht.“
„Ich weiß. Na gut, gibt es halt eine Runde Gruppenkuscheln, bevor es ernst wird.“
Alle drei grinsten, dann nickte Murphy McQueen zu und verließ mit seinem XO im Schlepptau das Büro, um zu seinem neuen Kommando zu gehen.
Ironheart
24.03.2004, 13:29
Ursprünglich von Ironheart
Ankunft
Fightertown, Miramar Airbase
Kalifornien, USA, Terra
18. September 2636
Ein Tropfen Schweiß löste sich von Donovan Cartmells Stirn und machte sich langsam auf seinen Weg in Richtung Augenpartie. Als er auf seine Augenbrauen stieß, vereinigte er sich dort mit mehreren anderen Tröpfchen und floss seitlich an seinem Auge vorbei in Richtung Kinn. Dort schien sich ein Sammelpunkt für all den Schweiß gefunden zu haben, der seine Poren in rauen Mengen verließ. Donovan, der einen fernen Punkt an der gegenüberliegenden Wand fest im anvisiert hatte, fühlte wie der Tropfen immer größer wurde und sich schließlich löste und gegen Boden fiel.
Innerlich musste er über diese Analogie zu seiner jetzigen Situation lächeln. Auch er war ein Schweißtropfen, der sich auf dem Weg zu einem Sammelpunkt befunden hatte um sich mit weiteren aus allen Poren der Terranischen Republik sammelnden Piloten zu vereinigen und um gemeinsam in Richtung Front geschleudert zu werden.
So stand er also, eskortiert von zwei Militärpolizisten im Büro des XO der 127. AirGroup, genannt „Angry Angels“, einem gewissen Lieutenant Commander Justin McQueen.
Donovan hatte noch nie etwas von dieser AirGroup gehört, allerdings war seine Möglichkeit der nahtlosen Informationsaufnahme in den letzten zwei Jahren eher beschränkt gewesen. Natürlich waren selbst bis ins Gefängnis die größten Neuigkeiten über den Krieg vorgedrungen, wie der Einfall der Akarii ins Mantikor-System, die anschließende Unterwerfung des Systems durch den Abwurf einer Neutronenbombe oder die fast vollständige Vernichtung der 2. Flotte inklusive des Trafalgar-Flottenstützpunkts. Doch Neuigkeiten von geringerer Bedeutung waren – wie wohl auch in diesem Falle – an ihm vorbei gegangen.
Der vor ihm sitzende Lieutenant Commander blickte kurz von den Unterlagen auf und fixierte ihn scharf. Dann schüttelte er leicht den Kopf und fuhr mit seiner schweigsamen Lektüre fort.
„Jetzt muss er zu den NIC- und JAG-Einträgen in meinen Unterlagen vorgedrungen sein“ schoss es Donovan durch den Kopf, der das ganze trotz seines permanent an die gegenüberliegende Wand gehefteten Blickes aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte.
Es vergingen weitere zwei Minuten, in denen Cartmell und seine beiden Begleiter geduldig auf darauf warteten, das der Offizier seine Durchsicht der Unterlagen und der Befehle für Cartmell durch war.
Schließlich legte McQueen den Haufen beiseite und blickte den ihm neu zugewiesenen Piloten an.
„Ensign Cartmell, ich bin bekannt dafür die Piloten hart ranzunehmen, die unter meinem Kommando dienen. Und zwar unabhängig ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihres Namens oder Ihrer Vergangenheit.“ Das letzte Wort betonte er dabei besonders.
„Mir ist es einerlei, wie Sie es geschafft haben zu einem dermaßen verkorksten Lebenslauf zu kommen. Aber eins will ich von vornherein klarstellen:“ und seine Stimme wurde bei diesen Worten um einiges schärfer „Wenn Sie sich hier auch nur etwas annähernd Ähnliches leisten, wie in Ihrem vorherigen Kommando, dann werden Sie schnell feststellen das ich durchaus sehr UNFAIR werden kann, haben wir uns verstanden?“
Cartmell antwortete mit einem knappen Nicken und einem kurzen „Aye, Sir.“ Und obwohl er Lt. Cmdr. McQueens Worten glauben schenkte, war es ihm egal. Er hatte diese Ansprache schon so oft gehört, doch er wusste, dass das letzte was man bei der Navy bekam, eine faire Behandlung war.
******************************************
Ein paar Stunden später, nachdem ihn die MP´s beim Quartiermeister der Basis „abgegeben“ hatten und Donovan seinen Seesack in seine vorübergehende Unterkunft gebracht hatte, saß Donovan in der Kantine der Basis. Jetzt saß er in der ca. halb besetzten Messe alleine an einem der hintersten Tische und aß sein Essen. Niemand kannte ihn, niemand kümmerte sich um Ihn. Und ihm war es mehr als recht so. Das ließ Donovan die Gelegenheit sich seine neue Einheit in aller Ruhe anzuschauen.
Die Piloten der Angry Angels trudelten einer nach dem anderen ein, anscheinend hatten Sie alle die Order erhalten sich hier zu sammeln. Donovan fielen drei verschiedene Gruppen von Piloten auf. Da waren zunächst einmal die Veteranen der vorherigen gemeinsamen Feindfahrten. Alte Kameraden, die sich ein paar Monate nicht gesehen hatten und sich nun freudig wieder begrüßten..
Dann waren da die neuen, jungen und unerfahrenen Akademieabgänger, denen man trotz ihrer gespielten Coolness die Nervosität deutlich ansehen konnte. Sie hatten sich, wo immer es ging in kleine Gruppen zusammengetan um sich quasi gegenseitig den Rücken zu decken.
Und dann waren da noch ein paar Gruppen an Piloten, die teilweise deutlich älter waren als die Akademieabgänger, die aber ähnlich – wenn auch nicht ganz so stark ausgeprägte – Nervosität zeigten. Sie hatten relativ wenig Lametta auf ihrer Brust, wenn man das teilweise offensichtliche Überschreiten der 30er Marke bedachte.
Dann, mit einem Schlag, wusste er wo er diese Gruppe einordnen musste. Milizpiloten, die zweite Klasse, Hobby-Krieger.
Der Navy musste es allem Anschein nach sehr dreckig gehen, wenn Sie so viele von denen holen mussten.
„Das sie sich geholt haben, dürfte ja wohl der beste Beweis dafür sein, wie schlimm die Lage wirklich ist“ fiel ihm auf.
Donovan kaute weiter auf seinem Essen und versuchte ein paar Wortfetzen von den Nachbartischen aufzuschnappen, aber der Geräuschpegel im Raum war zu laut, um das Gemurmel von den besetzten Tischen, von denen er etwas abseits saß, verstehen zu können.
Dann fiel ihm eine Gruppe Piloten auf, die mit Ihren Tabletts in seine Richtung kamen. Sie gehörten ihren Abzeichen und Ihrem Verhalten ganz eindeutig zu den Veteranen der ehemaligen REDEMPTION an, scherzten miteinander und beachteten die anderen Piloten – einschließlich Donovan – nicht weiter. Auch Donovan starrte langsam kauend und mit abweisender Miene stur gerade aus. Er hoffte, dass sich der Tross aus 3 männlichen und einer weiblichen Pilotin nicht zu ihm setzen würden. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, waren neugierige Fragen.
Doch zu seiner Erleichterung gingen Sie an ihm vorbei und nahmen am letzten Tisch im Raum hinter Donovan Platz. Offensichtlich wollten Sie ebenfalls nicht weiter gestört werden.
Nachdem die Gespräche der Gruppe zunächst mit dem Austausch von ein paar Frotzeleien und relativ oberflächlichen Beschreibungen der jeweiligen Landurlaube begonnen hatte, kam das was kommen musste wenn sich mehr als ein Pilot zusammensetzten: Die Gerüchteküche begann zu brodeln.
„Habt ihr schon gehört? Sie machen eine Nighthawk-Staffel auf?“ begann einer der Piloten mit unverhohlenem Neid in seiner Stimme. „Das heißt wir werden nicht auf einem der alten Kähne verschifft werden!“
„Und was macht dich da so sicher?“ fragte die einzige weibliche Stimme des Quartetts spöttisch.
„Na, denk doch mal nach. Auf den alten Pötten oder den Hilfsträgern können keine Nighthawks landen! Also…? Was bleibt da übrig…?“
„Hmm, da hast Du wohl Recht. Und wissen wir schon welcher Träger es werden wird?“
„Also ich tippe auf die MOSKAU…“ rätselte einer der Piloten, was sofort zu Protesten seiner Kameraden führte: „Gottverflucht…“, „Nein, bloß nicht die Moskau…“ und „Scheiße…“
„Wieso, was ist so schlimm an der Moskau? Sie bauen das Schiff doch quasi von Grund auf neu wieder auf!? Also alles picco bello…!“
„Mann, die bauen doch bestimmt noch ein halbes Jahr an der MOSKAU rum, sollen wir solange hier versauern, oder was? Wie kommst du bloß auf die Schnapsidee?“
„Na ja, Sie haben uns alle erstmal hierhin verschifft, statt auf unser neues Schiff, also dachte ich…“
„Das kann dann aber auch für die neuen Pegasus-Klasse-Träger gelten, die Sie doch gerade noch bauen, oder?“
„Also, ich hab es von einem Freund, der hat´s von ´nem Piloten der auf der PEKING ist und gehört, wie einer unserer Piloten gesagt hätte, es ginge auf die COLUMBIA.“ Kaum war die verschwörerisch klingende weibliche Stimme verstummt, lachte einer der anderen Piloten laut auf. „Sag mal, ging´s nicht noch ein bisschen unpräziser?“ und wurde dafür laut hörbar mit einem Knuffen belohnt.
„Und habt ihr auch schon von Radio gehört? Den haben Sie zum Lieutenant Commander befördert?“ wurde das Gespräch von einem anderen Piloten in eine andere Richtung gelenkt.
„WAAAS?“ Gleich mehrere der Piloten ließen ihrer Überraschung freien Lauf. „Das kann doch nicht deren Ernst sein? Der ist doch nun bisher wirklich nicht durch seine fliegerische Klasse, sondern mehr durch sein loses Mundwerk aufgefallen, oder?“
„Tja,“ die Stimme des ersten Piloten troff vor Sarkasmus, „DU bist ja nun weder durch das eine noch durch das andere aufgefallen, oder?“
Das anschließende Gelächter der Kameraden versuchte der ausgelachte Pilot zu unterbrechen „HaaaHaaa, sehr witzig. Aber mal im Ernst. Wer kann denn bitte auf diese Schnapsidee kommen?“
„Na ja, so ist das eben, wenn man ein LONG ist, oder? Da kann man sich eben einiges leisten, vom Betreiben eines florierenden Schwarzmarktgeschäfts bin hin zum Ausplaudern hochsensibler Informationen. Und man wird trotzdem von einem Ehrengericht freigesprochen und am Ende sogar noch dafür befördert.“ Zustimmendes Gemurmel zeigte Donovan, dass dieser Radio nicht gerade beliebt zu sein schien. „Aber wenigstens scheint er erstmal keine eigene Staffel zu bekommen,“ schloss die weibliche Stimme ihren Vortrag.
„Na Gott sei Dank!“ schallte es mehrfach zurück.
„Und habt Ihr auch schon von der schwarzen Perle gehört?“ wurde das Gespräch wieder in eine neue Richtung gerissen.
„Jaaaa,“ schoss die weibliche Stimme wie aus der Pistole zurück. „Shaka will ab sofort nicht mehr Shaka heißen. Er will dass man ihn ab jetzt Ace nennt.“
„Was soll der Quatsch denn?“
„Na ja, er will anscheinend den Platz von Ace einnehmen, unserem ach so tapferen Superpiloten.“
„Hey, nichts gegen Ace, ja! Er hat sein Leben für die RED geopfert und er war ein verdammt guter Pilot.“
„Ein Angeber und Großmaul war er, nichts weiter…“
„Also mir ist das egal,“ ging einer der anderen Piloten dazwischen um die Situation zu entschärfen für mich bleibt er Shaka, ob er nun Ace genannt werden will, oder nicht. Ich meine für was hält er sich, häh? Hat gerade mal eine Feindfahrt überstanden und will hier schon einen auf Ass markieren?“
„Kann es sein, dass Du eifersüchtig auf seine Abschüsse bist?“
„Eifersüchtig? Hah, dass ich nicht lache…“
Eine peinliche Pause trat ein, in der jeder der Gesprächspartner über seinem Essen zu grübeln schien.
Dann platzte einer der Piloten hervor: „Und habt ihr von dem Sträfling gehört, den wir kriegen sollen?“
Donovan stoppte automatisch in seiner Kaubewegung und lauschte jetzt noch aufmerksamer als zuvor.
„Also was ich so gehört habe, soll der wegen Piraterie eingesessen haben und um die 10 Navypiloten abgeschossen haben. Und jetzt holen Sie das Schwein wieder raus, damit er sich wieder rehabilitieren kann…“
Donovan fluchte innerlich und stand sofort auf. Er wollte gar nicht mehr wissen, was die Gerüchteküche bereits fabriziert hatte. Er konnte sich die wilden Gerüchte auch alleine ausmalen.
Fassungslos stand er auf, nahm sein Tablett und ging. Er war noch nicht einmal einen halben Tag in seiner neuen Einheit und schon hatte man dafür gesorgt, dass sich seine Geschichte rum sprechen würde.
Laut scheppernd ließ er sein Tablett auf das Transportband fallen. Augenblicklich spürte er die Blicke der anderen in der Kantine Anwesenden Piloten auf seinem Nacken ruhen. Sollten Sie doch alle glotzen, spätestens morgen dürften sowieso alle wissen, wer er war.
„Na das konnte ja heiter werden,“ dachte er bei sich als er die Kantine in Richtung seiner Unterkunft verließ.
Ironheart
24.03.2004, 13:30
Ursprünglich von Cattaneo
Angriff ist die beste Verteidigung
Es war eine Regel, die man in fast jedem Krieg bestätigt fand. Egal, wie gut man vorbereitet war, egal, welche Ressourcen man vorsorglich mobilisiert hatte, am Ende war es fast immer nötig, noch etwas dazuzulegen. Oft kostete die Auseinandersetzung weit mehr, als die Kriegsparteien gedacht hatten, mitunter sogar mehr, als sie bei reiflicher Überlegung zu zahlen bereit gewesen wären. Auf jeden Fall aber konnte man sich darauf verlassen, daß selten vorher gemachte Pläne problemlos in die Tat umgesetzt werden konnten. Improvisationstalent war deshalb in jeder Auseinandersetzung unverzichtbar. Und „la Pasionaria“ war mit dieser Gabe gesegnet.
Es war natürlich eine andere Art Krieg, den sie führte – aber es war dennoch ein Krieg, ein Krieg der Köpfe, ein erbitterter Kampf um die öffentliche Meinung. Hier ging es auch um Planeten, Städte, um Stellungen, die zu nehmen und zu halten waren. Die Möglichkeit des Feindes, den Kampf fortzusetzen, mußte gelähmt, gebrochen werden. Und erst wenn er am Boden lag, konnte man sich eine Atempause gönnen. Doch so weit war man noch lange nicht. Auch hier wurde mit Offensiven, Scheinangriffen und Überraschungsschlägen ins gegnerische Herz gearbeitet – doch es floß eben kaum Blut. Verletzten, vernichten konnte dieser Kampf jedoch durchaus.
Seit die friedenswilligen Kräfte sich zusammengeschlossen hatten, war dieser Konflikt mit bisher ungeahnter Heftigkeit neu entbrannt. Die Schuld daran trug nicht zuletzt die Generalsekretärin der IPKP. Die Allianz mit ihren neuen Verbündeten gab ihr jedoch zusätzliche Möglichkeiten und Mittel, die sie sofort und skrupellos nutzte. Natürlich war ihr klar, daß sie behutsam vorgehen mußte. Alte Vorurteile saßen tief, und leicht konnte der neu geformte Block Risse zeigen, vielleicht gar zerplatzen. Das galt es natürlich zu vermeiden. Aber da sie es schnell verstanden hatte, sich unentbehrlich zu machen, gelang es ihr, zumeist ihre Ansichten durchzusetzen. Den meisten kleineren Gruppen fehlte entweder die Erfahrung oder der nötige Apparat für eine wirksame Massenpropaganda. Viele waren ja nur Vertreter von Parteifraktionen. Eine demokratische „Taube“ oder ein realistisch denkender Republikaner konnten nicht wie sonst auf die Hilfe ihrer Partei zählen, oder sie scheuten sich, auch nur den Versuch zu wagen, standen sie doch ohnehin auf unsicherem Boden und galten bei vielen Kollegen als halbe Verräter. Isabella Pavon hatte dieses Problem nicht. Und der Propagandaapparat der Kommunisten hatte langjährige Erfahrung. Das Geld und die Verbindungen ihrer neuen Bundesgenossen ermöglichte es Pavon jedoch zusätzlich, einige der besten „Medienlegionäre“ anzuheueren, oder ihre neuen Verbündeten zum Versuch einer Beeinflussung zu drängen. Es gab eine ganze Reihe solcher unabhängiger Reporter, die ihre Stories an den Meistbietenden verkauften, oder auf zeitlich befristeter Basis von Agenturen angeheuert wurden. Einige davon hätten nie so einfach mit „la Pasionaria“ zusammengearbeitet. Aber wenn das Angebot von jemandem kam, den sie kannten, sah die Sache schon ganz anders aus. Sie konnte jetzt Medien nutzen, die vielen „unverdächtig“ vorkamen, während sie ein der IPKP nahe stehendes Blatt von vorneherein mit Mißtrauen betrachtet hätten.
Binnen zwei Wochen hatte die erste Großoffensive begonnen – und es stellte sich schnell heraus, daß einige der Gegner die Stärke des Pariser Paktes deutlich unterschätzt hatten. In ihren Augen waren die „Peacenicks“ nicht mehr als ein paar Schwächlinge, die mit blauen Fahnen mit weißen Tauben demonstrierten, oder eine Sammlung von politischen Splittergruppen ohne reelle Basis. Aber darin täuschten sie sich. Pavon wie auch etliche andere Mitglieder im Koordinationsrat kannten die schmutzigen Gesetze der Straße, und als sie zuschlugen, kam das für viele überraschend.
Daß sich die Friedensbewegung der Medien bediente, hatte man natürlich erwartet. Aber man hatte wohl nicht mit einem derart massierten Vorstoß gerechnet. Aber hier bewährte sich die Unterstützung einiger liberaler Wirtschaftsbosse, die sich dem Bund – wenn auch nicht ohne Bedenken – angeschlossen hatten.
Zunächst hatte man die Information über den Krieg intensiviert. Alles, was an Daten über Verluste und Verlauf erhältlich war – und auch ein paar Informationen, die eher durchsickerten – wurde einer kritischen Überprüfung unterzogen. Dazu bediente man sich mit Vorliebe ehemaliger Militärs. Admiral Kimoto hatte seine Verbindungen spielen lassen, und einige seiner Kameraden waren durchaus bereit, ihm zu helfen. Teilweise vielleicht auch nur, um der Langeweile des Ruhestandes zu entkommen. Der Admiral trat auch selber auf, und in seiner weißen Uniform und mit seinen guten Umgangsformen machte er durchaus Eindruck. Die Sendungen waren nicht schlecht aufgemacht, Gefechtsaufnahmen, Guncambilder und dergleichen wechselten sich mit Computersimulationen ab. Wie immer waren solche Kriegsspielchen für nicht wenige Menschen durchaus ansprechend. Was aber die Sendungen von vielen öffentlichen Nachrichten unterschied, war der analysierende, kritische Anspruch. Man verglich die eigenen und die feindlichen Jäger – und die Terraner schnitten dabei nicht unbedingt gut ab. Und im Hintergrund stand natürlich die Frage, wie es hatte soweit kommen können, daß man die Flotte mit solchem Material in den Kampf schickte. Und, ob es an der Front wirklich so gut lief, wie man immer wieder hörte. Juristen, darunter einige der besten, die für Überzeugung oder Geld zu haben waren, überprüften die Sendungen, so daß möglichst gerade noch so innerhalb dessen blieben, was erlaubt war.
Andere Rechtsexperten analysierten die Notstandsgesetze. Sie erläuterten, was diese alle für Folgen haben konnten, für den einfachen Mann auf der Straße wie für die Wirtschaft und den Mittelstand. Man organisierte Talkshows, in denen ehemalige Militärs zu Wort kamen – und Soldaten, die wegen Verwundungen aus dem Krieg ausgeschieden waren. Wenn man gründlich genug suchte, fanden sich unter ihnen etliche, die den Krieg in der Art, wie er geführt wurde, ablehnten. Sie sprachen nicht von Kapitulation – das vermied der Paris-Pakt sorgfältig. Sie sprachen lediglich über Verhandlungen. Und sie kritisierten die Flotte, teilweise ziemlich scharf und unverblümt. Wirtschaftsfachleute gaben Prognosen ab, wie sich der Krieg auswirken würde. Der Verlust an Frachtraum, die Unsicherheit der Nachschubswege, die Staatsverschuldung – jeder Tag Krieg vernichtete gigantische Werte. Psychologen sprachen über Folgeschäden durch die Kämpfe, über Soldaten, die sich nicht wieder in die Gesellschaft einfügen konnten, über PTS und dergleichen mehr. Und auch die Geschichte kam zu Wort – alles mit der Absicht, ein „NICHT WEITER!“ in die Köpfe der Menschen zu pflanzen. Auch die Kontrapropaganda wurde nicht vergessen. Mehr als einmal lud man zu Gesprächsrunden im öffentlichen Fernsehen ein – und bat ein paar der schärfsten Falken hinzu. Vorzugsweise solche, die nicht immer ganz Herr ihrer Gefühle waren. Ein cholerischer Exmilitär, der die Friedensfraktionäre in übelster Art und Weise beschimpfte, war tausend und mehr Unterschriften für den Frieden wert…
Natürlich erschöpften sich die Bemühungen nicht allein darin. Bald waren die ersten Unterschriftensammler unterwegs. Man befragte die Arbeiter wichtiger Rüstungsbetriebe. Und man wandte sich an Soldaten auf Urlaub, an die Angehörigen von Dienenden, Verwundeten und Gefallenen. Nicht selten wurden sie davongejagt – ein gewisses Risiko war natürlich immer dabei. Aber es fanden sich auch nicht wenige Eltern und Angehörige, die in ihrer Angst oder ihrem Schmerz der Regierung Vorwürfe machten. Und die in der Hoffnung, vielleicht zu retten, was ihnen am Herzen lag, ebenfalls für Verhandlungen eintraten. Solche Unterschriften und Kommentare waren nicht mit Gold aufzuwiegen. Und ihnen zu begegnen fiel den Falken sichtlich schwer. Denn wie konnte man einem Veteranen, einem Kriegsversehrten, den Angehörigen eines Gefallenen Unpatriotismus vorwerfen?
Pavon war es auch, die dafür sorgte, daß der ,Kampf’ zusätzlich intensiviert wurde. Nun knöpfte man sich einige der führenden Rüstungsbetriebe vor – in vorsorglicher Absprache, um die Allianz nicht zu spalten. Da kaum Rüstungsproduzenten dem Pakt beigetreten waren, war dies auch relativ problemlos möglich. Süffisant wurden die erzielten exorbitanten Umsätze aufgelistet – oft unkommentiert, die Zahlen sprachen für sich. Die Blohm&Voss Spacecrafts AG zum Beispiel bekam gezieltes rhetorisches Feuer von der IPKP. Die Gewinne aus dem Bau der Dauntless-Schiffe wurden abgeschätzt. Dazu gab es eine Bildserie, die den Lebensstil der Familien leitender Mitglieder wiedergab. Bilder, die ihre Häuser zeigten, die Autos, die sie fuhren, die Kleidung, die sie trugen. Das Bild von Audrey MacFarlane, Tochter eines Werftleiters, bei der Schiffstaufe der Dauntless wurde untermalt von einer Tabelle, die die Kosten der Feier und ihres Kleides aufsummierten. Mitunter folgten ein paar Seiten später Übersichten, wie viel Rente die Hinterbliebenen von gefallenen Soldaten erhielten, was ein Verstümmelter zu erwarten hatte, und was dergleichen mehr war. Es war „la Pasionaria“ völlig gleichgültig, daß sie Leute diffamierte, denn diese Sorte von Mitmenschen stand bei ihr nicht sehr hoch im Kurs. Sie kannte die Sicht des „kleinen Mannes“ auf der Straße. Wenn dieser hörte, daß die Löhne eingefroren werden sollten, der Arbeitskampf verboten wurde, wenn er erfuhr, wie viel Geld der Staat für einen Gefallenen, einen Verstümmelten zur Verfügung stellte – und wenn er dann sah, was für Gewinne einige Menschen in diesem Krieg einfuhren, Andeutungen über Absprachen und Günstlingswirtschaft hinzukamen…
Nun, dann konnte er zornig werden. Und ein zorniger Mensch war eher bereit, seinem Ärger Luft zu machen. Wenn er glaubte, in diesem Krieg liefe nicht alles, wie es solle, hier wären die Lasten ungleich verteilt – dann kam daß natürlich der Opposition zu Gute.
Bei all dem gaben sich die leitenden Vertreter der Friedensgruppierungen allerdings kaum einer Illusion hin. Unterhandlungen erzwingen konnten sie kaum. Aber der sie konnten ihren Einfluß ausbauen und so vielleicht die Regierung nötigen, sie zur Kenntnis zu nehmen. Man würde ihren Forderungen Gehör schenken müssen, damit aus vagem Mißtrauen gegen gewisse Teile der Regierung und der Industrie nicht echte Unzufriedenheit wurde. Man rechnete freilich damit, daß es genug Kräfte gab, die ein solches partielles Einlenken der Regierung als Kapitulation empfunden hätten – und deshalb so etwas zu verhindern trachteten. Irgendwann und irgendwo würden die Gegenschläge erfolgen. Der Gegner war zunächst ein wenig überrascht worden, aber er würde sich sicher bald neu formieren.
Und deshalb arbeitete man in den Propagandaorganen wie besessen. Wenn es nur gelänge, die Saat des Zweifels in so viele Seelen wie möglich zu pflanzen, dann war schon viel erreicht. Aus diesem Grund bemühte man sich auch, die Fühler in die Konföderation auszustrecken – dort freilich war die Kontrolle der öffentlichen Meinung besser organisiert als in der Bundesrepublik.
Auf jeden Fall aber mußte man verhindern, einen Vorwand zu liefern, mit dem die Regierung und besonders die „Falken“ die Friedensbewegung als Verräter bloßstellen konnten. Deshalb war Distanzierung von gewaltbreiten Gruppen ebenso wichtig, wie die Vermeidung einer Propaganda von einer bloßen Kapitulation. Frieden auf gleicher Augenhöhe und mit der Hoffnung auf Dauerhaftigkeit – darauf kam es an.
Ironheart
24.03.2004, 13:30
Ursprünglich von Cattaneo
Im Feindesland
Dem ungeübten Beobachter wäre wohl nichts aufgefallen. Es gab keinerlei Anzeichen, die sofort ins Auge sprangen. Weder wurde das Schiff von Explosionen erschüttert, noch gellten Alarmsirenen, leuchteten die Statusanzeigen in warnendem Rot oder Gelb. Die Menschen bewegten sich ruhig, zielstrebig und entschlossen – kein Anzeichen von Panik oder Hektik war zu erkennen. Und dennoch, wer Erfahrung hatte, für den wäre schnell klar geworden, daß dies keine Übungsmission war. Denn ebenso, wie offene Angst und angespannte Betriebsamkeit fehlten, ebensowenig gab es ehrliche Heiterkeit oder Gelassenheit. Allenfalls ein halbes Lächeln, eher ein unbehagliches Grinsen, war auf einigen Gesichtern zu finden. Die Augen blickten ernst, fast ein wenig angespannt. Gespräche wurden, wenn überhaupt, dann eher mit gedämpfter Stimme geführt. Das war natürlich unsinnig – die Zeiten, in denen der Feind solche Geräusche hätte anpeilen können, waren lange vorbei. Hier, im Weltraum, hätten sie so laut schreien können, wie sie wollten – aber dennoch flüsterten viele fast. Immer wieder huschten verstohlene Blicke, für Sekunden nur, zu den Lautsprechern und Warnlampen, als warteten die Menschen nur darauf, daß der Alarm käme. Es war nur eine unterschwellige Nervosität, gemildert durch lange Erfahrung und Routine – aber sie war dennoch vorhanden und erkennbar.
Auf der Brücke war dies fast noch deutlicher spürbar. Der Captain hatte zwar seinen üblichen Platz eingenommen – aber sein Körper war leicht nach vorne gebeugt, angespannt, als warte er auf einen Schlag, vom dem nur fraglich sei, WANN er kommen würde – dessen OB jedoch feststand. Und offenbar mußte er sich bemühen, um nicht immer wieder seine Ortungsoffiziere auszuhorchen, ob nicht etwa doch erste Anzeichen vom Kommen des Gegners kündeten. Aber er beherrschte sich, denn ein Kapitän durfte keine Nerven zeigen. „Position zum Ziel?“ Seine Stimme klang ruhig, beinahe gelangweilt – Theater, auf das im Grunde niemand mehr hereinfiel. Dennoch hielt er daran fest. Er durfte kein schlechtes Beispiel geben, und sein Vorbild war es, das seine Untergebenen aufrichtete. So sah es jedenfalls die Theorie der Dienstvorschrift. Niemand aber war IHM ein Vorbild. Die Antwort kam, mit kaum weniger verlogener Sicherheit: „Noch neunzig Sekunden bis Null Eins. DD 92 und DD 124 auf Position. Gleichfalls im Anlauf auf Zielpunkte.“ Der Captain nickte: „Waffenabteilung – auf mein Zeichen. Synchronisation mit den Schwesterschiffen.“ „Verstanden – Waffenabteilung einsatzbereit.“
Der Captain zählte lautlos mit. Das war natürlich überflüssig. Anstatt sich auf fehlbare Menschen zu verlassen, lief auf dem Hauptbildschirm eine Uhr im Countdown, abgestimmt mit den Schiffscomputern der Schwesterschiffe. Und gleiche Zeitanzeigen hatten auch die Gefechtsstationen der Waffenabteilung vor Augen. Aber die Anspannung machte es Captain Nikolaij Fedorowitsch Oparin unmöglich, einfach nur abzuwarten: „Waffenabteilung – und LOS!“
Ein halbes Dutzend Decks entfernt drang die Stimme des Kommandeurs im selben Augenblick aus dem Bordlautsprecher, als die rückwärts zählende Zeitanzeige von Eins auf Null wechselte. Hier war kein Befehl mehr nötig. Second Lieutenant Walentin Michailowitsch Pawlitschenko betätigte den Abwurfknopf. Es gab kein äußeres Anzeichen, und nicht zum ersten Mal verfluchte er diesen Umstand insgeheim ein wenig. Wenn ein spürbarer Ruck durch das Schiff gegangen wäre, man etwas gehört, gefühlt hätte – dann wäre es wesentlich erträglicher gewesen. Es waren die Stille und Lautlosigkeit, die ihn nervös machten.
Unhörbar für die Besatzungen stießen die drei Zerstörer – die „Dimitrij Donskoij“, das Flaggschiff des kleinen Verbandes, sowie seine Schwestern „Wjatka“ und „Crecy“ – ihre tödliche Last in den Weltraum hinaus. Auf den Brücken und Waffenstationen schalteten die Uhren wieder auf die Anzeige „120“ und begannen rückwärts zu zählen. Jedes der drei Schiffe hatte zwei gedrungene Körper ausgestoßen, deren Größe in keinem Verhältnis zu ihrer Vernichtungskraft stand. Mitgerissen durch Trägheit flogen sie noch eine Weile auf demselben Kurs wie die Schiffe, die sie abgeworfen hatten, bis primitive Bremsdüsen ihren Flug stoppten. Schließlich verharrten sie in relativer Ruhe. Absoluten Stillstand gab es im All selten, aber die Kräfte, die hier an ihren zerrten, bewegten sie nur sehr langsam. In den Raumkörpern – Ergebnis einer langjährigen technischen Entwicklung, und als solche wie so viele andere Kunstwerke des Erfindergeistes allein zur Zerstörung bestimmt – lief ein ähnlicher Countdown wie vorher an Bord der Zerstörer. Sobald er zu einem Ende kam – dies würde eine Weile dauern, damit die „Eltern“ sich in Sicherheit bringen konnten – würde sich ein Schaltkreis schließen. Und dann würden sie warten, bis jemand sie aus ihrem Schlaf erwecken würde, damit sie tun konnten, wozu sie bestimmt waren.
Lieutenant Pawlitschenko kontrollierte ein letztes Mal die Statusanzeigen. Er überwachte sowohl die zwei Raumkörper, die sein Schiff ausgestoßen hatte, als auch die vier anderen. Fehler konnten nicht nur die Mission gefährden – sie konnten auch für die Schiffe selbst tödliche Folgen haben. Zwar wurde jedes einzelne Stück der gefährlichen Fracht täglich gewartet und war mit doppelten und dreifachen Sicherheitssystemen versehen. Aber ein Fehler war nie auszuschließen. Dann wandte er sich wieder dem Steuerpult zu, und wartete auf den nächsten Einsatzbefehl. Er wünschte sich, er könnte etwas gegen den Schweiß tun, der ihm auf der Stirn stand, doch dafür war jetzt keine Zeit. Seine Bewegungen verrieten keine Unsicherheit – aber innerlich wäre er liebend gern woanders gewesen.
Die SM-3A war Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte. Das Kürzel stand für Space-Mine, doch die Beschreibung war eigentlich etwas unvollkommen. Ausgehend von primitiven Explosionskörpern, die nur ihren Zweck erfüllen konnten, wenn ein Gegner sie berührte, waren immer komplexere und effizientere Tötungsmaschinen entstanden. Und diese Waffe war selbst von den Akustik- und Magnetminen früherer Jahrhunderte weit entfernt, auch von den autonomen Raketen-Panzerminen, die bereits von einem Computer dirigiert worden waren. Dies hier war der vorläufige Höhepunkt im heimtückischen Minenkrieg. Was diese Minen trugen, das besaß genug Sprengkraft, um eine ganze Großstadt in einem Sekundenbruchteil zu vernichten – und ein ganzer Kontinent hätte an den Folgen der Explosion zu Grunde gehen können. Das atomare Feuer, das nur auf seine Entfesselung wartete, kam in seiner Explosionskraft an die „Weltuntergangsbomben“ frührer Jahrhunderte heran. Der „halbe Ivan“, die 50-Megatonnenbombe des 20. Jahrhunderts, hätte in jeder der unzähligen Minen einen älteren Bruder gefunden.
Passive Sensoren durchforschten den Weltraum und lauerten auf ein feindliches Schiff. Sie konnten teilweise sogar anhand der IFF-Kennung herausfinden, ob ihr Ziel wirklich ein Gegner war, oder eine eigene Einheit. Hochentwickelte Bilderkennungssysteme ermöglichten es, die Schiffe auf bestimmte Schiffsklassen zu „programmieren“, so daß sie andere ungestört passieren ließen. Und die beste Technik bemühte sich, die Raumkörper ihrerseits vor der Entdeckung zu bewahren. Sollten diese Bemühungen jedoch versagen, so hatte der oft etwas perfide menschliche Einfallsreichtum auch für diesen Fall vorgesorgt. Denn jede zwölfte Mine, die der Verband legte, war eine MSM-5D, eine Mobile Space Mine. Sie wartete auf feindliche Radarortung, etwa von Minenräumern – oft eine tödliche Überraschung für den Gegner. Und im Gegensatz zur normalen Raummine hatte sie die Fähigkeit, sich durchaus zu bewegen, sie würde beschleunigen und sich auf das gegnerische Schiff stürzen. Sobald sie nahe genug heran war, würde die Sprengladung explodieren und den meist nur leicht geschützten feindlichen Minenräumer in den Tod reißen. Andere Minen waren darauf programmiert, erst beim dritten, zehnten oder fünfzehnten Schiffskontakt aktiv zu werden. So konnten sie Wochen oder gar Monate warten, und der Gegner, der die Strecke für frei hielt, schickte ahnungslos seine Frachter und Kriegsschiffe erneut auf den Weg...
Doch so perfekt diese Waffen auch waren, sie hatten einige entscheidende Nachteile. Das größte Manko war, daß man sie überhaupt zum Gegner bringen mußte. Dies geschah bei den leichteren SM-4B und den MSM-7C, den leichten mobilen Minen, durch Jäger oder Shuttles – die natürlich in die Nähe des Zielgebiet transportiert werden mußten – während die schweren SM-3A und MSM-5D nur von Schiffen gelegt werden konnten. Bevorzugt setzte man dafür neben den klassischen Minenlegern Zerstörer und Fregatten ein, schnelle Schiffe, die sich von den meisten Feinden lösen und mit den anderen fechten konnten. Dennoch war jeder Einsatz mit erheblichem Risiko verbunden, mußten die Schiffe doch weit ins Feindesland vordringen. Da die TSN sowieso mit dem Rücken zur Wand kämpfte, gab es genug Stimmen, die dafür plädierten, Hilfsminenleger zu verwenden – umgerüstete Frachtschiffe, die eine beträchtliche Anzahl von Minen ins Zielgebiet schaffen konnten. Allerdings waren sie auch zu langsam, um dem Gegner wenn nötig zu entkommen, und an Gegenwehr war schon gar nicht zu denken. Deshalb mußten auch dort Zerstörer mit, um die ehemaligen Frachter zu schützen.
Mehr als ein Verband war spurlos verschwunden – vermutlich ein Opfer feindlicher Kampfverbände. Die Schiffe unter dem Kommando von Captain Oparin hatten bisher Glück gehabt. Fünf Feindkontakte hatten sie in diesem Krieg schon überstanden. Zweimal waren sie Hals über Kopf geflüchtet, verfolgt von feindlichen Kampfschiffen. Zweimal war es nur ein einzelner Akarii-Frachter gewesen, der zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchte. Das fünfte Mal waren sie mit einem feindlichen Konvoi zusammengestoßen. Oparin hatte die Chancen abgewägt und den Angriff befohlen. Eine feindliche Fregatte, zwei Korvetten und acht Frachter waren dabei vernichtet worden. Die eigenen Schiffe hatten einiges an Schäden einstecken müssen, und auf der „Wjatka“ hatte es elf Tote und dreimal so viele Verletzte gegeben – die Akarii hatten sich teuer verkauft, obwohl sie hoffnungslos unterlegen gewesen waren. Aber die drei Zerstörer hatten zwischen dem Sprungpunkt und dem Konvoi gestanden, und Flucht war den Frachtern unmöglich gewesen. Wie viele Schiffe durch die gelegten Minen zerstört worden waren, wußten die Terraner nicht. Vielleicht nicht sehr viele, denn die Akarii waren keine Anfänger mehr, waren es nie gewesen. Dennoch – die Räumverbände, ihr Schutz und die Suche nach den Minenlegern kosteten sie Ressourcen. Und darauf kam es letztendlich an.
Die Einsätze hätten eigentlich zur Routine werden müssen – aber in den letzten Wochen hatte es nicht weniger als drei „Drei-Sterne-Meldungen“ gegeben. Das hieß, die Schiffe waren nun schon seit längerer Zeit überfällig – was gleichbedeutend mit einem Todesurteil war. Nach so langer Zeit kehrte keiner mehr wieder, das lehrte die Erfahrung. Deshalb die Nervosität, deshalb die Angst. Sie waren fast allein, und eine schier endlose Entfernung trennte sie von den eigenen Linien. Jeder wußte es, doch keiner traute sich, es auszusprechen. Vielleicht war es deshalb so schwer erträglich. Aber dennoch taten sie ihre Pflicht.
Sechs Stunden später sprang der Verband. Captain Oparin vermerkte in seinem Logbuch: ,Im Planquadrat 29-34 Minenfeld gelegt. Keine Feindberührung.‘ Er seufzte. Eine Aufgabe erledigt – aber es blieben ihnen noch drei weitere Zielgebiete, um die sie sich kümmern mußten. Und irgendwo dort draußen lauerte der Feind. Vielleicht hatte er sie mittels seiner Sensorminen bereits geortet – kleinen Lauschstationen, die jede Schiffsbewegung meldeten. Vielleicht waren Jagdverbände schon auf dem Weg. Er würde es erst merken, wenn es zu spät war. Zu spät für ihn, und auch für die fast 1900 Männer und Frauen, die seinem Befehl unterstanden. Aber was blieb ihm auch anderes übrig?
Second Lieutenant Pawlitschenko bewegte sich unruhig in seiner Koje. Wie immer nach einem „scharfen“ Einsatz fand er nur mühsam Schlaf. Er wußte, ihre Art Krieg war weder spektakulär noch angesehen – nervenaufreibende Routine in einem heimtückischen Kampf. Aber, da war er sich sicher, er brauchte sich dafür nicht zu schämen. Er wußte, das seine Schwester ihn verstehen würde, und er wollte gewiß nicht mit ihr tauschen – ihr Ruhm hatte sie einiges gekostet hatte. Aber manchmal wäre es ihm lieber gewesen, sich dem Gegner zu stellen, als hier in seinem Rücken herumzuschleichen, immer voller Angst vor der Entdeckung. Er mußte sarkastisch grinsen: ,Und wenn ich in einer echten Schlacht wäre – dann würde ich mir wieder wünschen, nur mit meinen Ängsten ringen zu müssen. Ich glaube, diese Krieg wird mich nie zufriedenstellen.‘ Und mit diesem Gedanken schlief er schließlich ein.
Ironheart
24.03.2004, 13:32
Ursprünglich von Cunningham
Kano stand im Hangar 4 der Miramar Airbase.
Hangar 4 war einer der beiden, die die Imperial Starlancers an die Angry Angles abgetreten hatten.
Kanos Blick schweifte über die Jäger die im Hangar standen. Der Vollmond schien durch die Fenster und tauchte alles in finsteres Zwielicht.
Die Beleuchtung stand der F-117 D Nighthawk besonders gut.
Der schlanke und elegante Raumjäger sah erschreckend dämonisch aus.
"Wunderschön nicht wahr?" Fragte eine Stimme neben Kanos linken Ohr.
"Ja", hauchte Kano beinahe atemlos, dann erkannte er die Stimme von Lieutenant Commander Justin McQueen, Darkness, dem stellvertretenden Geschwaderführer, dem Kommandanten der Nighthawkschwadron der Angry Angles.
Auf der Stelle drehte sich Kano zu Darkness um, nahm Haltung an und salutierte, wie man es von einem frisch gebackenem Abgänger von Markham Fields erwarten konnte.
Darkness Miene verzog sich keinen Millimeter doch ein kleines Lächeln schien sich in seine Augen zu schleichen als er den Salut erwiderte - nicht so zackig wie bei einer Parade, wie Kano es tat, eher mit einer Nonchalance, wie sie sich auch nach Jahren des Militärdienstes nur selten einstellte.
"Stehen Sie bequem Okha", er trat an Kano vorbei auf die vorderste Nighthawk zu, "ja, es sind wirklich wunderschöne Vögel. Der CAG und ich sind sie über Manticore geflogen. Sind der Bloodhawk beinahe ebenbürtig. Was ihr an Wendigkeit und Geschwindigkeit fehlte macht sie durch Schilde, Panzerung und Bewaffnung wett."
Kano war dem Lieutenant Commander gefolgt, als dieser weiter auf die Nighthawk zuging und ihr jetzt die Flanke tätschelte.
"Hätten Sie Lust eine zu fliegen Lieutenant?"
"Sir?" Kano war wie vom Donner gerührt.
"Sehen Sie, ich brauche erfahrene Männer für die Nighthawks, und sie gelten nunmal als einer der erfahrenen Männer. Wenn es auf der Galileo nicht diesen Zwischenfall gegeben hätte, würden Sie heute bestimmt die Balken eines 1st Lieutenant am Kragen tragen."
Jetzt setzte er ein Lächeln auf, als Kano die Schultern herabsanken.
"Tatsache ist, dass man nur die Leute von der alten RED als Kriegserfahren ansehen kann. Ich hatte den CAG gefragt, ob man nicht alle Nighthawkpiloten aus den Angles rekrutieren könnten, aber ich bekomme noch einen Haufen Leute frisch von der Akademie, also könnte ich Sie als Rottenführer gebrachen. Ist wohl Ihre einzige Chance Rottenführer zu bleiben, bei den vielen 1st Lieutenants die wir von der Boston Space Force bekommen." Jetzt verzog sich Darkness Gesicht sogar zu einem Grinsen. "Außerdem sind es doch ganz schöne Maschinen, also was sagen Sie?"
Kano blickte noch einmal die Nighthawk an: "Ich bin dabei Sir."
Ironheart
24.03.2004, 13:32
Ursprünglich von Cunningham
Celeste,
Colonial Conföderation
Die drei Gouverneure gingen durch die Gänge der Ratskammer, so hieß der riesige Komplex, wo das Council of Gouverneurs zusammentrat.
Das Council of Gouverneurs war die höchste politische Versammlung der Colonial Conföderation und bestand aus je einem Governeur von jeder der 73 Welten der Conföderation.
Aus diesen 73 Gouverneuren wurde ein Generalgouverneur gewählt, der die gleiche Funktion hatte wie der/die President/Presidentin der Federal Republik of Terra hatte.
Edward Cochrane hatte zurzeit und noch zwei weitere Jahre diesen Posten als Generalgoverneur inne, sollte der Krieg noch länger dauern, so würde Cochrane den Posten auch länger behalten.
"Mir macht diese Friedensbewegung bei den Sollis sehr ernste Sorgen", bemerkte Ghani Rox, eine der drei Akarii-Gouverneure im Council.
Ghani sah man mittlerweile an, dass sie sehr betagt war. Die rote und blaue Farbe war größtenteils aus ihrem Kamm gewichen und die einst weißen Schuppen hatten an vielen Stellen Grautönung angenommen.
"Ich denke, wir müssen diese Täubchen nicht weiter beachten", antwortete Gerold Holmes, der zweite Vorsitzende des Councils.
"Ghani hat recht, es könnte für uns wirklich katastrophale Folgen für uns haben, wenn die Sollis plötzlich mit den Akarii Frieden schließen. Wie wollen wir den Krieg weiterführen, wenn die Akarii keine Front mehr mit den Sollis haben?" Sinnierte Cochrane.
"In wie weit würden wir uns die Friedensbedingungen von den beiden Großmächten diktieren lassen? Was ist, wenn die Akarii für einen Frieden mit der Conföderation Ahleb, Cognin und Raffehlen haben wollen? Wird die Conföderation dann ihre drei Akarii-reichsten Welten abtreten?"
Cochrane zuckte unter Ghanis Worten zusammen. Und er konnte sie, sowie alle anderen Akarii in der Conföderation verstehen. Er war sich wirklich nicht sicher, ob man für die drei Akarii-Welten Krieg führen würde.
"Ich verstehe Ihre Besorgnis und ich versichere Ihnen, dass ich alles was in meiner Macht stehende tun werde, dass die Conföderation diesen Krieg als ganzes überlebt. Wir haben gemeinsam zu viel erreicht, als das uns es jetzt egal sein könnte, was aus ihnen wird. Was schlagen Sie vor?"
"Wir müssen was gegen diese Friedenstauben unternehmen."
"Ihnen schwebt doch keine Geheimdienstoperation vor oder?" Fragte Holmes vorsichtig.
"Nein, zumindest vorerst nicht, eine Medienkampagne, berichten wir von Massakern durch Truppen des Akarii-Imperiums, von Bluttaten sonder gleichen, geben wir den Sollis richtig was zum nachdenken."
Holmes zog eine Augenbraue hoch: "Es gibt keine derartigen Massaker."
"Konstruieren wir welche!"
Miramar,
Kalifornien, Erde,
Die meisten Piloten waren am 18. September eingetroffen, jedoch gab es immer wieder Nachzügler, die sich nicht rechtzeitig loseisen konnten von ihren liebsten, durch Zugverspätungen oder ähnliches. Jedoch gab es auch eine Zahl von Leuten, die es nicht interessierte, ob sie pünktlich waren oder nicht.
So begab es sich, das ein Grav-Jeep der MP vor dem Hauptquartier der Angry Angles hielt.
Die beiden MPs der Marines stiegen aus und halfen dann dem Mann vom Rücksitz aus dem Jeep. Einer der Marines schnappte sich noch den Seesack von der Ladefläche, dann gingen die drei ins Haus.
Keine vier Minuten später wurden sie in Darkness Büro geführt.
"Staff-Sergant Anderson, Militärpolizei, wir bringen Ihnen hier einen Lieutenant ... Commander Long."
Anderson warf der Gestallt zwischen sich und seinem Corporal einen abschätzigen Blick zu.
Radio trug zwar die khakifarbene Uniformhose so wie die schwarzen Uniformschuhe, jedoch dazu ein grelles Hawaihemd und ein Basecap der New York Yankees.
"Cheeef." Radio führte etwas aus, was man auch mit guten Willen nicht als Salut anerkennen konnte. Über den Urlaub hatte er sich einen Vollbart wachsen lassen und er stank wie eine ganze Destille.
"Wie am Telefon besprochen, ich übernehme ihn."
"Dann quittieren Sie bitte hier", Anderson reichte Darkness ein Klemmbrett.
Darkness unterschrieb und schon waren die beiden MPs verschwunden.
"Setzen Sie sich Radio."
Radio ließ sich in einen der Besucherstühle fallen und gähnte.
"Also, Sie kommen zu spät zum Stützpunkt, werden von der MP angeschleppt und sehen aus wie der letzte Mensch."
"Yeah, nun ja, ich dachte ich feiere noch ein bisschen meine Beförderung."
Darkness erhob sich und ging hinter seinem Schreibtisch auf und ab.
"Commander, Sie werden in diesem Geschwader eine wichtige Position ausfüllen. Sie werden wohl genauso oft eine Computertatatuer fliegen wie einen Raumjäger.
Um eine eigenen Schwadron zu befehligen fehlt Ihnen noch einiges, das wissen wir beiden. Tja, da habe ich nur einen Posten für Sie und auch wenn Lone Wolf sich bei mir herzlichst bedanken wird, werden Sie stellvertretender Schwadronenführer der Roten Jungs.
Im Gefecht wird Lone Wolf persönlich die Truppe ins Gefecht führen.
Aber da er unser aller Boss ist, ist es Ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Phantome ein gut geschliffnes Schwert sind, wenn es, so weit ist..
"Yessir."
"Hören Sie Radio, wenn Sie hier versagen, versagen die Jungs da draußen gegen die Echsen und was das heißt muss ich Ihnen nicht sagen, wir haben es oft genug gesehen ... viel zu oft."
Radio setzte sich etwas auf.
"Drillen Sie die Rote Schwadron, formen Sie sie zu einer Einheit", fuhr Darkness fort und reichte Radio eine CD, "und klotzen Sie ran, Sie sind vier Tage im Rückstand, viel Erfolg."
"Und wie soll ich das machen?"
Darkness lächelte: "Sie machen das schon, auf der CD sind alle Infos die Sie brauchen, viel Erfolg und weggetreten."
Wie nach der Tradition der Navy wurde auch Radio ins kalte Wasser geschubst.
Radio salutierte, jetzt etwas ordentlicher. Auch sah er viel nachdenklicher aus, als er Darkness Büro verließ.
Ironheart
24.03.2004, 13:34
Ursprünglich von Cattaneo
Ein Neuanfang
Lieutenant Commander Diane „Lightning“ Parker war eigentlich eine Frau, die viele Menschen, die sie näher kannten, für recht verträglich und liebenswürdig hielten. Immerhin war sie Britin, also wohlerzogen und bei weitem keine Freundin von Kraftausdrücken, wenn es sich nicht gehörte. Gewiß hatte die Flotte im Laufe der Zeit bei der Integration der verschiedenen nationalen Streitkräfte eine Menge schlechter Angewohnheiten übernommen. Böse Zungen sagten, mit dem maßgeblichen Anteil der ehemaligen amerikanischen Flotte und Luftwaffe waren ihr gewisse Mängel quasi in die Wiege gelegt worden, ein angeborenes Erbübel, das sie niemals losgeworden war. Aber dennoch hatte sich auch das eher kühle, wohlerzogene Naturell der Piloten der Royal Air Force eingebracht – so hieß es zumindest. Und Diane Parker war bemüht, dies nicht zu vergessen. Sie behandelte ihre Leute human, riß ihnen nur dann den Kopf ab, wenn es nötig war, und behandelte selbst Menschen, die sie persönlich geradezu verabscheute, mit einer kalten Höflichkeit, die oft wirksamer war als Kraftausdrücke. Es gab eine Menge Dinge und Personen, die sie nicht ausstehen konnte – einschließlich ihres Geschwaderführers, seines Zeichens Kriegsheld, Fliegeraß und Egomane – doch sie bemühte sich, ihre Emotionen nie völlig frei zu zeigen, denn das gehörte sich ja nicht. Aber hier und heute mußte sie doch sehr damit kämpfen, um ihrer Wut und Verbitterung nicht freien Lauf zu lassen.
Objekt ihrer gedanklichen Verwünschungen war in diesem Fall das Planungs- und Personalbüro der Flotte – und das kalifornische Klima. Nur ein völliger Schwachkopf, soviel war ihr klar, nur ein halber Verräter und Saboteur, nur ein absolut verblödeter Bürohengst konnte auf die selten dämliche Idee gekommen sein, die Piloten des 127. Geschwaders ausgerechnet hierher zu bestellen. Dazu zu dieser Jahreszeit. Wer es auch immer gewesen sein mochte – sie fand selbst in dem Gedanken, ihn in Wintermontur über die Rollbahn zu hetzen, nur wenig Erleichterung. Und Kühlung brachte ihr der Gedanke überhaupt nicht.
Seit sie angekommen war – pünktlich am 18. September, noch vor Sonnenaufgang – hatte ihr das Klima zu schaffen gemacht. Sie war, wie viele andere Piloten auch, an vernünftiges Wetter gewöhnt – aber nicht an so eine Bullenhitze. Ohne Klimaanlage wäre es überhaupt nicht auszuhalten gewesen, und nicht wenige der Piloten zeigten gewisse Symptome, die darauf hinwiesen, daß sie das Klima nicht gut vertrugen. Sie selber eingeschlossen. Warum um alles in der Welt hatte man nicht einen weiter nördlich gelegenen Stützpunkt ausgesucht?
Aber, sosehr sie auch innerlich fluchen mochte, es half ja doch nichts. Man hatte sie in diesen Backofen versetzt, und nun mußte sie sehen, wie sie damit klarkam. Nun, immerhin würde sich ihre Arbeit vermutlich etwas in Grenzen halten – ihre Staffel war noch relativ komplett. Sie hatten ihr zwar einen guten Piloten genommen, um ihn in eine andere Staffel zu stecken, aber zusammen mit den zwei Toten machte das „nur“ einen Fehlbestand von 25 Prozent. Manchmal war sie selber erschreckt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie inzwischen Tote und Verletzte hinnahm. Insgesamt waren seit Beginn des Krieges mehr als ein halbes Dutzend Untergebene unter ihrem Kommando gefallen. Erheblich weniger, als Piloten ihrer Truppe an Feinden getötet hatten, soviel war klar – aber dennoch...
Doch der Mensch gewöhnte sich an alles, und auch sie hatte es gelernt, solche Gedanken in irgendeine Ecke ihres Kopfes wegzuschieben. Sie konnte sie nicht ganz verbannen, doch sie war schon darüber hinaus, zuviel Kummer zu empfinden. Was sie mitunter entsetzte, denn schließlich befehligte sie keine Maschinen, sondern Menschen, die jeder eine Familie hatten. Doch sie wußte auch, daß ihr sowieso keine Alternative blieb.
Sie hatte gegen die Versetzung von Second Lieutenant Nakakura nicht protestiert. Er schien ja auch selber ganz zufrieden zu sein. Dies versetzte ihr – auch wenn sie es sich selber nicht recht eingestehen wollte – doch einen gewissen Stich. Sicher, die Staffel war nicht unbedingt das, was man eine große Familie nennen konnte, jedenfalls keine Musterfamilie. Wenn sie sich jedoch an so einige Sippschaften erinnerte, die sie kannte...
Aber die Bereitwilligkeit, in ein anderes Kommando zu wechseln, verärgerte sie ein wenig. Sie wußte, daß dies eitel war, aber sie hätte sich geschmeichelt gefühlt, wenn „ihre“ Leute auch weiterhin gerne bei ihr geblieben wären. So etwas galt in Offizierskreisen als Zeichen eines guten Führungsstils, und sie hatte sich immer bemüht, eine gute Staffelkommandeurin zu sein. Der Stolz auf „ihre“ Waffengattung kam hinzu – ein Wechsel war selten gerne gesehen. Irgendwie betrachteten alle ihre Maschinen als das Nonplusultra oder taten zumindest so. Nun, wenigstens hatten die anderen ihr die Treue gehalten. Und zumindest von Lilja hatte sie gehört, daß die russische Pilotin der Grünen Staffel auf jeden Fall treu bleiben wollte. Nun, wenn Nakakura lieber zu einer anderen Einheit wechselte – weshalb auch immer – dann war das seine Sache. Hauptsache, er bereute es nicht.
Die Integration der drei Neulinge, wenn man sie so nennen konnte, würde also nur begrenzte Probleme bereiten. Die drei waren gewissermaßen „Quereinsteiger“ – eine Rekrutin, die ihre ersten Flugstunden bei den Marines gemacht hatte, und dann zur Flottenluftwaffe gewechselt war, und zwei Mann, die aus der Miliz kamen. Nun ja – ihr wären Veteranen lieber gewesen, aber die Marine hatte einen guten Abschluß, und die beiden anderen zumindest Routine. Sie würde jedem Neuling einen „Veteranen“ voranstellen – wobei Veteran bedeutete, daß die Milizionäre sich von wesentlich jüngeren Piloten herumkommandieren lassen mußten, zumindest im Gefecht. Hoffentlich machten sie keine Probleme. Ihre Akten, die ihr bereits zugestellt worden waren, machten nicht gerade den Eindruck, doch konnte man da nie wissen. Nun, zur Not würde sie eben ihre guten Manieren einmal vergessen und ihren die Köpfe zurechtrücken, das würde dann hoffentlich genügen. Das Selbstwertgefühl eines Mannes in den Vierzigern verkraftete es sicher nicht oft, von einer gut zehn Jahre jüngeren Frau zurechtgestaucht zu werden, die leider, leider den höheren Dienstrang hatte und dergleichen so oft wiederholen konnte, wie sie wollte...
Sharon Taylor, die ehemalige Marinepilotin, war gleich am 18. bei ihr aufgekreuzt. Das „Küken“ hatte sich erwartungsgemäß sofort gefügt. Nur wenige Akademieabgänger waren so größenwahnsinnig und erwarteten etwas anderes, als daß man sie der Obhut eines erfahreneren Soldaten unterstellte, damit sie noch ein wenig praxisbezogene Ausbildung erhielten. Das hatte zwar manchmal zu geringfügigen Verstimmungen geführt, den die Neulinge waren natürlich stolz auf ihre „Schwingen“ und die Akademie reagierte manchmal etwas pikiert auf die unausgesprochene Unterstellung, die Ausbildung auf dem Mars sei eben doch noch nicht ausreichend, um die jungen „Falken“ auf den Kampf vorzuvereiten. Aber auch wenn das Trainingspersonal zum Gutteil aus dem aktiven Dienst stammte, so behielt man sich bei der Truppe immer eine gewisse Skepsis vor. Alle halbwegs kluge Neulinge sahen schnell ein – oder wußten von Anfang an – daß sie als „Füchse“ zu spuren hatten. Und da Lightning keinerlei der eher fragwürdigen Taufrituale anwandte, die in manchen Einheiten Gang und Gebe waren, hatte Sharon es eigentlich recht gut getroffen. Die Marine war wohl schon erleichtert gewesen, daß Lightning sich eine Bemerkung bezüglich Marines Herkunft verkniffen hatte. Möglicherweise war sie in der Hinsicht etwas empfindlich. Da Lightning der Korpsgeist des Flotte kannte und wußte, in welcher Art sich das „unzerreißbare Band der Waffenbrüderschaft“ zwischen den einzelnen Teilstreitkräften präsentierte, hatte sie fast Mitleid mir ihrer neuen Rekrutin gehabt. Nein, bei ihrer Einheit würde es keine Schikanen geben, dafür würde sie sorgen. Wo das Mädchen doch jetzt von den Atmosphärenkriechern weg und bei einer richtigen Waffengattung war...
Sharons unmittelbare Vorgesetzte, Virago, galt als gute und verläßliche Pilotin, bei ihr war das „Küken“ in guten Händen.
Ihre übrigen Schäfchen waren bereits eingetroffen – allesamt pünktlich. Lilja hatte sich sogar schon einen Tag zu früh eingefunden, was eigentlich keine Überraschung war. Alle schienen den Urlaub mehr oder weniger unbeschadet überstanden zu haben. Sicherheitshalber waren sie alle – inklusive der Chefin – durch eine Breitbanduntersuchung des medizinischen Dienstes gehetzt worden, die sie auf Infektions- und Geschlechtskrankheiten- sowie weitere potentiell wehrkraftzersetzende „Errungenschaften“ wie etwa im Falle der weiblichen Piloten eine Schwangerschaft untersucht hatten. Ungeachtet irgendwelcher Beteuerungen mußte sich jeder dem unterziehen. Jaja, die Navy sorgte für die ihren, ob sie wollten oder nicht...
Nun, es war glücklicherweise glimpflich abgelaufen. Lightning freute dies aus mehreren Gründen. Zum einen würde sie bald jeden Mann und jede Frau brauchen - und zum anderen fiel ein größerer Fehlbestand immer auch auf die Kommandeurin zurück. Obwohl die doch für die außerdienstliche Freizeit ihrer "Kinderchen" nun wirklich nichts konnte. Ein paar Grippeviren waren ausgemacht und eliminiert worden, ehe sie die ganze Basis infiltrieren konnten, ansonsten hatte es nichts gegeben. So gesehen war der Urlaub offenbar gut abgelaufen, denn ihr war auch nichts über etwaige anhängige Verfahren ihrer „Schäfchen“ zu Ohren gekommen. Was angesichts des Naturells einiger eine nicht geringe Erleichterung und gelinde Überraschung war. Die acht Piloten unter ihrem Kommando waren voll einsatzbereit, auch Lilja, die ihre Wunden auskuriert hatte. Nun, sie waren zumindest so lange einsatzbereit, bis einer mit Hitzschlag umkippte.
Lightning selber hatte den Urlaub durchaus genossen – es tat gut, die alte Heimat mal wieder zu sehen, und einige Familienmitglieder und Freunde zu treffen. Wobei man sich leider nur die Freunde aussuchen konnte – bei den Angehörige hatte man weniger Wahlmöglichkeiten. Aber auch das war ohne zu große Probleme abgelaufen. Insgesamt fühlte sie sich durchaus erholt. Und auch ihren Untergebenen schien es so zu gehen. Die Simulatoreinsätze, die sie geflogen hatte, zeigten keinen deutlichen Leistungsabfall. Nicht, daß sie vorhatte, ihre Staffel in den nächsten Tagen und Wochen zu schonen, Vorsicht war allemal besser.
Als es klopfte, wußte Lightning, wer da vor der Tür stand. Sie hatte sich gut genug informiert, um zu wissen, wann die beiden Milizpiloten eintreffen würden. Das mußten sie sein. Die Staffelführerin verwünschte in Gedanken noch einmal das Wetter und den Verantwortlichen, der sie in diesen Vorhof der Hölle geschickt hatte, dann bemühte sie sich, jede Emotion aus ihrem Gesicht und ihrer Stimme zu tilgen: „Kommen Sie herein!“
Natürlich war sie über die beiden schon soweit es ging im Bilde. Die Musterung war eher eine „Tradition“ – nach Augenmerk zu gehen, war nie sehr zuverlässig. Aber vielleicht fühlten die Neulinge dann, daß ihre neue Chefin sich ein Bild von ihnen machen wollte – und kein anderes als ein gutes akzeptieren würde. Beide standen stramm – das hatten sie offenbar nicht verlernt. Lightning, die wie gesagt kein Unmensch war, gab die Erlaubnis zum Rühren. Nach ein paar einleitenden Worten, der üblichen Begrüßung und der Frage, ob sie sich diensttauglich fühlten, kam sie zur Sache.
Ironheart
24.03.2004, 13:34
Ursprünglich von Cattaneo
„Also, meine Herren! Nun zu Ihrer genauen Position in der Staffel. Ich habe mich entschlossen, sie den Führern von Sektion Zwei und Drei zuzuteilen. Sie, First Lieutenant Karanka, fliegen mit First Lieutenant Lincoln. Er ist Veteran, hat zehn bestätigte Abschüsse – nun, Sie werden ihn ja bald selber kennenlernen. Ich hoffe, Sie werden gut zusammenarbeiten. Was Sie angeht, First Lieutenant Haugland, Sie unterstehen der Kommandeurin von Sektion Drei, meiner XO. First Lieutenant Pawlitschenko hat ebenfalls zehn Abschüsse, und sie ist seit dem Beginn dieses Krieges mit von der Partie. Auch bei Ihnen erwarte ich keine Schwierigkeiten.“
Beide Piloten schienen die Ankündigungen ruhig aufzunehmen – beinahe schon zu ruhig. Lightning hatte eigentlich mit Widerstand gerechnet. Entweder die Neulinge blufften, oder sie hatten sich schon von vorne herein klargemacht, daß man ihnen als Milizionären ohne „echte“ Kampferfahrung nicht viel mehr zutrauen würde als Akademieabgängern. Lightning beschloß, Klartext zu reden – das lag ihr sowieso.
Sie fixierte beide kurz: „Ich bin mir darüber im Klaren, daß Sie beide auf eine beachtliche Dienstzeit zurückblicken. Sie haben schon gegen Piraten gekämpft und Feindmaschinen abgeschossen. Und Sie sind beide schon seit einigen Jahren First Lieutenants. Aber ich erwarte von Ihnen, daß Sie meine Entscheidung VOLL UND GANZ akzeptieren. Es geht hier nicht um Dienstalter und dergleichen. Sie haben ohne Zweifel beträchtliches Können und werden sicher eine Bereicherung unserer Staffel sein. Aber Ihnen fehlt noch die Kampferfahrung gegen Akarii. Die müssen Sie erst einmal sammeln. Dann werde ich mir überlegen, ob ich Sie nicht besser in eigene Flights versetze. Wenn Sie damit ein Problem haben, sagen Sie es besser gleich.“
Das war nun in der Tat SEHR direkt gesprochen. Aber besser so, als wenn unterschwellig Machtkämpfe zwischen den Piloten schwelten und jene, die aufeinander angewiesen waren, sich im Ernstfall vielleicht nicht optimal unterstützen konnten – auf Grund persönlicher Animositäten. In Jägerkreisen wurde gewitzelt, daß Streit mit dem Ehepartner kein so großes Problem war, immerhin hatte man ja einige Lichtjahre Sicherheitsabstand. Aber ein Flügelmann, mit dem man sich nicht verstand, der brachte einen todsicher ins Grab. Das mochte etwas überspitzt formuliert sein, aber im Grunde traf es zu.
Die beiden Piloten wechselten einen kurzen Blick. Dann zuckte der hagere Spanier mit den Schultern: „Verstanden, Lieutenant Commander.“ Sein Kamerad nickte nur. Vielleicht fiel es den beiden leichter, sich damit abzufinden, weil ihre neuen Vorgesetzten die Sektionskommandeure waren, und darüber hinaus offenbar einige Meriten als Piloten aufzuweisen hatte. Zusammen mehr als anderthalb Staffeln Feinde abzuschießen, das war keine SO gewöhnliche Leistung. Natürlich gab es bessere Piloten – Lightning zum Beispiel hatte ein paar mehr „Kills“ auf ihrer Maschine – aber nicht sehr viele.
Vielleicht aber kannten die beiden einfach nur den Grundsatz – entweder man paßte sich an, oder man wurde angepaßt.
Nachdem dies geklärt schien, hieß die Staffelchefin ihre beiden neuen Untergebenen noch einmal herzlich willkommen. Sie würden ein paar Stunden Zeit erhalten, sich häuslich einzurichten – dann sollte das Training losgehen. Sie würden sich an ihre neuen Partner gewöhnen müssen, und das rasch, denn es war zu vermuten, daß man den „Angry Angels“ nicht mehr viel Zeit lassen würde, bevor es an die Front ging: „Ihre Partner finden Sie vermutlich bei den Simulatoren oder in der Messe. Am Besten, Sie bereiten sich schon einmal darauf vor, in den nächsten Tagen nicht viel Ruhe zu finden – egal ob hier oder auf unserem neuen Stützpunkt, welcher das auch sein möge. Wenn es Probleme gibt, steht meine Tür Ihnen offen, wenn Sie selber Probleme machen… Aber das werden Sie nicht.“ Letzteres war eher keine Frage. Auf den Salut der beiden Milizionäre nickte Lightning und ließ sie wegtreten. Sie hielt nichts von den psychologischen Kaltwasserduschen, an denen sich manche Staffelchefs so berauschten. Man konnte den Leuten auch anders Respekt vor dem Vorgesetzten oder der Situation in einem Frontverband beibringen – und machte sich damit menschlich nicht so unmöglich. Es war schon so nicht leicht, sich in ein fest gefügtes Kollektiv einzubinden, wozu die Sache noch unnötig erschweren. Den Kopf abreißen konnte man den Leuten immer noch, sollte sich dies als notwendig erweisen. Bis dahin vergab man sich mit ein wenig Höflichkeit, so lange diese wohldosiert war.
Sharon Taylor befand sich derweil schon im Ausbildungsprogramm. Momentan nutze man eher die Simulatoren, denn es war natürlich jedes Mal mit erheblichem Aufwand verbunden, eine Kampfmaschine startbereit zu machen. Sie hatte in Virago eine glücklicherweise verständnisvolle Vorgesetzte gefunden. Und Sharon war durch das Flying Cross genug beeindruckt, um nicht dagegen aufzumucken, daß ihre Flightleaderin auch „nur“ Second Lieutenat war. Momentan übte man den Kampf in der Atmosphäre. Eigentlich etwas, das die Raumpiloten oft ein wenig vernachlässigten. Die Gefechte wurden oft bereits im Raum um die Planeten entschieden, und nicht erst im Kampf im „echten“ Luftraum. Dennoch mußten mitunter Angriffe auf Bodenziele geflogen werden – und dabei hatte man natürlich auch mit feindlichen Raumjägern und Atmosphärenmaschinen zu rechnen. Und die waren entgegen der oft verbreiteten Arroganz der Piloten durchaus nicht zu unterschätzen.
Die beiden Typhoons befanden sich in einem wilden Kurbelkampf mit zwei feindlichen Bloodhawk. Und hier konnte Marine auf ihre Erfahrung zurückgreifen, die sie während der Marineausbildung gesammelt hatte. Die gegnerischen Maschinen schienen mit den ungewohnten Bedingungen doch ein wenig Probleme zu haben. Stürzen, steigen, Kurvenmanöver – immer darauf bedacht, den Gegner im Rücken zu fassen. Sie war sich ihrer Flightpartnerin bewusst und versuchte, ihr immer den Rücken frei zu halten, so, wie es ihre Aufgabe war. Schließlich kam der ersehnte Augenblick. Einer der feindlichen Jäger nutzte eine günstige Gelegenheit, während Sharon mit dem zweiten „Akarii“ beschäftigt war, und deckte Virago mit einem furiosen Feuerhagel aus seinen Bordwaffen ein. Sharon betätigte den Nachbrenner und brachte sich in Schussposition, ihren Feind dabei hinter sich lassend. Der Gegner war gut – er versuchte sofort auszuweichen, offenbar behielt er seinen rückwärtigen Luftraum im Auge und verließ sich nicht allein auf seinen Flügelmann. Aber in der ungewohnten Umgebung kam das Ausweichmanöver ein wenig zu spät – zwei Raketen zerfetzten den „Akarii“, während der Pilot ausstieg. Auch das wurde hier simuliert – das Aussteigen zur rechten Zeit wollte geübt sein. Manche hatten sich gegen solche Defätismus gesperrt, aber die Navy konnte es sich nicht leisten, Piloten zu verlieren, die nicht wußten, wann es Zeit war, abzuspringen. Kurz darauf hetzten die beiden Terraner den letzten „Feind“ zu Tode. Auch wenn Virago ziemlich gerupft war – von ihren Gegnern blieben nur Trümmer. Damit endete die Übung.
Mit einem nicht eben geringen Gefühl der Zufriedenheit kletterte „Marine“ aus ihrem Simulator. Dies zeigte auch das breite Grinsen auf ihrem Gesicht. Kein schlechter Einstand, fand sie. Die anderen Piloten warteten schon, und die junge Frau achtete darauf, ihr Strahlen etwas zu dämpfen. Gekränkte Eitelkeiten waren so eine Sache, und als Neuling in der Staffel wollte sie keinen Veteranen gegen sich aufbringen. Während Virago breit grinste und sich offenbar wegen verletzter Gefühle ihrer Gegner keine Sorgen machte, waren die ehemaligenAkarii erheblich weniger enthusiastisch. Das bremste auch Sharons Hochgefühl etwas. Denn die Pilotin, die sie abgeschossen hatte, war die XO der Staffel. Und wenn sie es persönlich nahm – manche Piloten vertrugen es nicht, von einem Neuling abserviert zu werden – dann würde dies das Leben für die ehemalige Marinefliegerin nicht eben erleichtern… Nicht, daß sie Lilja gefürchtet hätte - nach allem, was sie wußte, war die Russin eine strenge Aufpasserin, aber keine richtig ,scharfe' Schleiferin. Aber eine Antipathie ihrerseits würde es Sharon nicht leicht machen, sich in die Staffel einzugliedern. Denn auch wenn Lilja keineswegs Duzfreundin ihrer Kameraden war, so genoß sie einen gewissen Respekt.
Offenbar war jedoch First Lieutenant Pawlitschenko in der Hinsicht dickfellig genug. Sie strahlte vielleicht nicht über das ganze Gesicht – niemand ließ sich gerne schlagen – aber sie gratulierte Sharon ohne eine Spur von dauerhafter persönlicher Verärgerung. Die subtile Rache folgte freilich auf dem Fuße: „Ich denke, Marine, wir werden in den nächsten Wochen das Training für den Atmosphärenkampf ein wenig anziehen. Wie sich gezeigt hat, ist ein unter den Bedingungen ausgebildeter Pilot uns mindestens ebenbürtig." Das Eingeständnis fiel ihr offenbar nicht leicht, aber sie sprach es dennoch aus: ,,Du übernimmst am besten die Akarii. Und die Auswertung machen wir zusammen. So lange, bis wir alle die verdammten Schlagen aus den Schuppen stoßen können, ob im Weltraum oder sonst wo.“ So sehr die „Neue“ sich über den Vertrauensbeweis freute, so wenig übersah sie den Pferdefuß. Das bedeutete für sie doppelte und dreifache Arbeit – zwar auch für die XO, doch die galt ohnehin als Arbeitstier. Andererseits – an Sharons fachlicher Qualifikation sollte nun weniger Zweifel herrschen. Eine solche Position war für einen Neuling ein gewisser Bonus und ein Zeichen, daß man sie nicht als völlig unfähig betrachtete.
Sie machte sich jedoch keine Illusionen. Im Weltraum war sie den meisten ihrer Kameraden nur bedingt gewachsen, denn dort hatten diese mehr Erfahrung. Und wie es erst im echten Kampf werden würde, wo Routine sehr wichtig war, blieb abzuwarten. Auch wenn es noch ein kleines Weilchen dauern mochte – sie fühlte ein vages Unbehagen und war sich nicht sicher, ob sie dann würde tun können, was zu tun war. Ein echter Feind mit echten Waffen – das war immer etwas anderes als ein simuliertes Gefecht, auch etwas anderes als ein „echter“ Übungsflug mit simulierten Waffen.
Staffel Grün war komplett, wenn man auch über die Einsatzbereitschaft geteilter Meinung seien konnte. Aber das würde natürlich erst der Ernstfall, die „Mutter aller Proben“, zeigen…
Ironheart
24.03.2004, 13:35
Ursprünglich von Tyr Svenson
Etwas skeptisch betrachtete Darkness den Bildschirm des Army-Computers, der in seinem Zimmer stand. Daß er dieses Gerät erhalten hatte, war einer der Auswirkung seiner „Beförderung“ zum Staffelkommandanten. Nicht, daß damit eine Beförderung verbunden war. Lieutenant Commander war er ohnehin schon. Und er würde auch weiter stellvertretender Geschwaderchef bleiben. Die neue Aufgabe bedeutete also nur Mehrarbeit, ohne ihm direkt etwas zu bringen. Aber es war seine Pflicht, er würde sie nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen.
Seiner Aufgabe sah der erfahrene Pilot mit gemischten Gefühlen entgegen. Vom fachlichen war Darkness zweifelsohne für den Staffelchef prädestiniert. Nicht nur, daß er ein Fliegeraß war, wie es in seiner Staffel wenige gab. Bei den bisherigen Feindfahrten hatte er auch zusätzlich einen Großteil der Ausbildungs- und Schulungsarbeit für das Geschwader „Angry Angels“ übernommen, war also bestens damit vertraut, aus einem Haufen Grünschnäbel, abgeflogenen Veteranen und Egomanen eine Einheit zu formen. Die einzigen, die ein Problem haben würden, waren möglicherweise seine zukünftigen Untergebenen – Darkness galt als harter Ausbilder und ebenso gnadenlos gegen sich, wie gegen andere.
Nein, Sorgen machten ihn ganz andere Dinge. Zum einen übernahm er mit der Staffel eine Verantwortung, die schwer auf ihm lasten würde. ER würde die Männer und Frauen in den Einsatz führen – und er würde dann den Angehörigen die Nachricht von ihrem Tod überbringen müssen. Dem Tod, in den sie vielleicht gerade SEIN direkter Befehl geschickt hatte... .
Er würde darauf achten, daß ihm keiner der Piloten zu nahe kam. Das konnte im entscheidenden Augenblick verhängnisvoll sein. Nein, er würde seinen Job tun, die Piloten zusammenhalten – aber er würde bestimmt nicht einen auf „Familie“ machen. Auf die Dauer machte das selbst die besten Leute kaputt, denn in dieser "Familie" war der Tod ein integraler Bestandteil. Man mußte hart sein. Menschliche Nähe zu den Kameraden konnte zur tödliche Belastung werden.
Außerdem machte er sich immer noch Sorgen um seinen Geschwaderchief. In der letzten Zeit war Lone Wolf einfach nicht mehr der selbe gewesen, hatte ihn irgend etwas fertiggemacht. Die Sache mit Troffen, das Ehrengericht oder diese persönliche Geschichte mit Melissa Auson – der „Alte“ hatte Nerven gezeigt. Darkness würde ihn zu seinem eigenen Besten im Auge behalten.
Aber seine Hauptsorge kreisten um die Personalakten, die er vor kurzem aufgerufen hatte – die Personalakten seiner neuen Staffel. Wenn das die neuen Frontlinientruppen waren... .
Da wäre neben ihm erst mal sein Flügelmann Jaws. Nach Darkness war er der beste Pilot der Staffel, etwa 20 Abschüsse, langjährige Erfahrungen mit der Nighthawk. Bisher hatten sie sich gut ergänzt und sicher würden sie auch weiter gut zusammenarbeiten.
Dann kam Fatman. Das ehemalige Mitglied der Bosten Space Marine war mit 48 Jahren für Darkness Geschmack schon ein wenig alt. Er hatte zwar schon an etlichen Gefechten mit Piraten teilgenommen und hatte mehrere „Friedensmissionen“ auf Planeten der Republik hinter sich, also Konterguerilla-Einsätze – hatte es aber bisher erst auf einen Abschuß gebracht. Es blieb abzuwarten, ob er seine Ruhe und Routine im Fronteinsatz gegen die Akarii behalten würde.
Seine Flügelfrau Jeanne war ein waschechtes Küken, frisch von der Akademie. Die dunkle, schwarzhaarige Französin kam Darkness etwas zu selbstsicher und temperamentvoll vor. Hoffentlich würde Fatman sie zügeln. Und auch Darkness selber würde sein bestes tun, die an der Akademie antrainierte Selbstüberschätzung durch gesunden Respekt vor dem Feind zu ersetzen.
Dutch war von der Akte her ein guter Fang. Nicht nur hatte er bei Kämpfen mit Piraten einige Meriten gesammelt, er war bei Mantikor als Angehöriger des Geschwaders der „Moskau“ dabeigewesen. Zwei Akarii hatte er abgeschossen und hatte schwerverwundet seinen wracken Jäger noch sicher landen können. Allerdings fragte sich Darkness insgeheim, ob der Pilot nach fast einem halben Jahr Krankenhaus und Kur wieder frontreif war. Und irgend etwas an dem hageren Blondschopf machte ihn vorsichtig.
Dutch’s Flügelmann Terry war ein weiterer Neuling. Er mochte zwar schnelle Reflexe haben, hatte den Abschluß an der Marsakademie aber nur mit knapper Not und einem Extralehrgang geschafft. Der Junge würde nachholen müssen, um an der Front eine Chance zu haben.
Dann kam Ohka. Neben Jaws der Einzige, den Darkness sich persönlich ausgesucht hatte. Der Japaner war zweifelsohne ein guter Pilot und hatte bereits genügend Fronterfahrung. Allerdings ging er immer noch manchmal zu unbesonnen rann. Abgesehen von einer idiotischen Prügelei mit einem Chief von der Crew der „Galileo“ auch eine mustergültige Akte. Darkness hatte damals, da Cunningham ausgefallen war, Ohka gründlich den Kopf gewaschen. Da war allerdings noch die Sache mit Kali. Darkness war nun wirklich kein Moralapostel, aber er wusste, dass solche persönlichen Beziehungen den Dienst unnötig verkomplizierten. Lone Wolfe war dafür das beste Beispiel gewesen. Wenigstens waren die beiden Piloten nicht in derselben Einheit.
Ohkas neuer Flügelmann Crusader war der dritte Akademieneuling in der Schwadron. Der junge Pilot sah zwar aus, wie von einem Rekrutierungsplakat der Navy und seine Bewertung an der Akademie war ausgezeichnet. Allerdings war er sich dessen durchaus bewußt – und in Verbindung mit seinem impulsiven Naturell konnte ihn daß schneller umbringen, als eine Bloodhawk auf Sechs Uhr.
First Lieutenant Miguell „Monty“ Terrano war in anderer Hinsicht ein Problemfall. Zwar hatte der Überlebende des Geschwaders der “Majestic” eindeutig Flug- und Kampferfahrung und war an die Nighthawk gewöhnt. Auch als Flightführer schien er Erfahrung zu haben. Das Problem bei dem kleingewachsenen, ziemlich blassen Offizier war sein schwieriger Charakter. Sein Selbstbewußtsein war schon arrogant zu nennen – und auch gegenüber Vorgesetzten konnte er ziemlich penetrant werden – ein Grund, warum er bisher nicht über den Leutnantsrang hinausgekommen war. Darkness hatte dies seiner Akte entnehmen können – und es nach nur ein paar Sekunden Gespräch bestätigt gefunden. Dennoch hatte er beschlossen, Monty zu seinem Stellvertreter zu machen. Seine Leistungen als Pilot und Offizier würden hoffentlich seine Nachteile überwiegen – aber ein leichter XO würde er bestimmt nicht sein.
La Reine war der vierte und letzte Neuling in der Staffel. Die hochgewachsene Schwarze krankte wie ihr Rottenführer an einem ziemlichen Ego. Hoffentlich ging es mit den beiden gut – Montys kühle, professionelle Kampfweise sollte den Überschwang der Nigerianerin zügeln. Als er ihr Psychogramm studiert und mit Jeanne und Crusader verglich, hatte sich Darkness frustriert gefragt, warum zum Teufel sie an der Akademie solche Feuerköpfe züchteten. Und Männer wie er hatten dann die Aufgabe, diesen unerfahrenen „Stars“ gesunden Menschenverstand und Teamwork einzubleuen. Und wenn er es nicht schaffte, dann würde dies „Königin“ es auf die harte Tour lernen – oder wahrscheinlicher sinnlos draufgehen.
Viking war der zweite Überlebende der Nighthawks der „Majestic“. Ein erfahrener, aber verschlossener Pilot, der seine Maschine gut beherrschte. Zuverlässig und stabil – sogar den Verlust seines Trägers und der meisten seiner Kameraden hatte ihn nicht gebrochen. Und die Tatsache, daß er es wie Monty geschafft hatte, zur Redemption durchzubrechen, diesen Opfergang zu überleben, war in Darkness Augen ein Gütesiegel.
Brawler war da schon eine andere Sache. Ein Veteran der „Angry Angels“, gewiß - und ein guter Pilot. Aber ansonsten sah seine Dienstakte weniger ansprechend aus. Zahllose Dienstverweise und mehr Einträge seitens der MP als bei einem streitsüchtigen Marine. Vor etwas mehr als einem halben Jahr hatte er sogar einen Offizier niedergestochen. Und erst vor der letzten Feindfahrt war er wieder in eine bewaffnete Prügelei mit Marineinfanteristen geraten. Darkness war kein Paragraphenreiter – aber er würde sich Brawler mal vornehmen. Solche Leute, so seine Erfahrung, hatten oft Schwierigkeiten mit dem Teamwork. Außerdem wollte er ganz bestimmt keinen neuen Ärger in oder für seine Staffel. Wenn Brawler allerdings endlich kapiert hatte, wie er sich zu verhalten hatte um so besser, Darkness konnte ihn gebrauchen, auch wenn Brawler’s Schußfähigkeiten noch ausbaufähig waren. Und er sollte sich lieber nicht zu laut beschweren. Wenn das stimmte, was er von einem geschwätzigen Lieutenant Commander von der Personalabteilung gehört hatte – dann konnte er mit Brawler noch zufrieden sein.
Alles in Allem war dies eine ziemlich gemischte Mannschaft – und unglücklicherweise hatten nur wenige schon eingehende Flugerfahrung mit der Nighthawk oder waren aufeinander eingespielt. Es würde harte Arbeit sein, die Piloten zu einem Team zu formen. Und sie an den neuen Jäger zu gewöhnen, die schwerste einsitzige Kampfmaschine der TSN. Der Nighthawk war an Panzerung und Bewaffnung jedem einsitzigen Kampfflieger der Republik oder der Akarii überlegen – und dabei wendig und schnell wie erheblich leichtere Flieger. Er zog was dies betraf mit der Griphen gleich. Zehn Lenkwaffenpylonen die auch Langstreckenraketen aufnehmen konnten und die Tachyonen- und Plasmageschütze, die schwersten Bordkanonen, die menschliche oder Akariijäger tragen konnten, machten die „Nighthawk“ zu einem Killer.
Aber für diese exzellente Leistung verlangte er einen gut ausgebildeten Piloten. Ob die neuen Piloten den Anforderungen gewachsen sein würden, konnte sich erst nach langem und intensiven Training zeigen. Dies aber kostete Zeit – und Darkness vermutete, glaubte zu wissen, daß Zeit knapp war. Es waren genug Gerüchte um die konkrete Vorbereitung einer Gegenoffensive nach Präsidentin Birminghams Rede im Umlauf. Und die TSN würde nicht gerade ihren neusten Flottenträger, mit einem Haufen Veteranen an Bord, in die taktische Reserve schieben. Ein düsteres Lächeln erschien auf den Lippen des erfahrenen Piloten – die nächsten Wochen würden für seine Piloten hart werden, verflucht hart. Aber auch wenn sie ihn am Ende mehr hassen würden, als die Akarii – und er die Männer und Frauen jede Nacht aus dem Bett schmeißen und sie in die Simulatoren einsperren würde – er würde aus diesem Haufen von Individualisten, unsicheren Kantonisten und Grünschnäbeln eine funktionierende Einheit formen.
Ach ja – ein Staffelwappen, einen Namen und ein Motto brauchten sie ja auch noch. Darkness war nicht übermäßig empfänglich für den Wust aus Traditionen und Aberglauben, der die Jagdfliegerei umgab – aber er war natürlich auch Pilot. Und er wusste, wie wichtig solche Symbole und Gesten für den Zusammenhalt der Staffel waren. Nun, das würde sein geringstes Problem sein. Er hatte schon eine Idee...
Ironheart
24.03.2004, 13:36
Ursprünglich von Tyr Svenson
Die Neue Staffel
Draußen, auf dem Flugfeld herrschten bereits jetzt 30 Grad im Schatten, doch in dem Raum, in dem sich die Mitglieder der neu aufgestellten Nighthawk-Staffel versammelt hatten, war es angenehm kühl. Dennoch schwitzte der eine oder andere der Piloten etwas.
Die meisten hatten erst vor kurzer Zeit erfahren, in welcher Einheit sie Dienst tun würden und einige kannten weder ihre neuen Kameraden, noch den Staffelkommandanten. Deshalb war die Atmosphäre in dem Raum leicht gespannt, die meisten „beschnupperten“ einander vorsichtig, schätzten die neuen Kameraden ein und versuchten, erste Kontakte zu knüpfen. Es war wohl kein Zufall, dass sich die „Neuen“ etwas enger zusammenhielten.
Kano beteiligte sich wenig an den halblauten Gesprächen. Seinem Gesicht war nicht anzusehen, dass er genauso gespannt war, wie die anderen. Welchen Flügelmann würde er bekommen? Wie würde die neue Staffel zusammenpassen? Wer genau waren seine neuen Kameraden? Die schmucklosen Dienstuniformen verrieten nur die Ränge, nicht Erfahrung und bisherige Leistungen.
Er bemerkte als erster, wie sich die Tür öffnete und Lieutenant Commander Darkness im Türrahmen erschien. Automatisch sprang Kano auf und stand stramm: „ACHTUNG!“ Die anderen Piloten bemerkten jetzt ebenfalls den Staffelkommandanten und sprangen auf, je nach Diensterfahrung und Naturell unterschiedlich zackig Haltung annehmend.
Darkness nahm dies mit einem eher lässigen Gruß zur Kenntnis – auf übertriebene Formalitäten legte er keinen großen Wert: „Danke. Setzen!“ Dann trat er zu dem Rednerpult, stützte die Arme darauf und musterte ein paar Augenblicke schweigend das knappe Dutzend Piloten, deren ausnahmslose Aufmerksamkeit er jetzt besaß. ‚Nun, dann wollen wir mal…’
„Ich will es so kurz wie möglich halten, sie haben sicherlich an der Akademie schon genug Reden zu hören bekommen. Man hat sie allesamt – Veteranen und Akademieabgänger – für die Aufgabe versammelt, eine neue Staffel zu bilden. Jeder von ihnen gilt als guter Pilot, denn sonst hätte man ihm kaum den modernsten Jäger der TSN anvertraut. Wir werden Nighthawks fliegen.“
Das war einigen schon bekannt gewesen, den Akademieabgängern aber noch nicht. Darkness sah deutlich, dass sie sich durch diese Zuteilung ausgezeichnet fühlten. ‚Einen kleinen Dämpfer sollte ich lieber auch einbauen. Zuviel Zuversicht ist tödlich.’
„Das bedeutet aber auch, sie müssen sich dieser Maschine würdig erweisen. Wir sind kein Florett wie die Typhoon, wie sind keine Keule wie die Mirage. Wir sind Schwert und Schild der Flotte. Sie werden einen Jäger fliegen, der in der TSN Einzigartig ist in der Kombination von Wendigkeit, Beschussfestigkeit und Feuerkraft. Fast so agil wie eine Bloodhawk, haben wir stärkere Schilde und Panzerung, eine bessere Kanonen- und Raketenbewaffnung. Doch das alles nützt wenig, wenn die Kontrolle der Maschine und die Zusammenarbeit in der Staffel nicht funktioniert. Sie müssen lernen, ihre Maschine PERFEKT zu beherrschen. Und nur, wenn wir als Verband, als Einheit agieren, werden wir das Einsatzziel erreichen. Wenn wir aber darin scheitern, dann sind wir nicht mehr als ein Haufen Einzelkämpfer – und egal wie gut der Einzelne von euch sein mag, die Akarii werden uns aufspalten, zerstreuen und wir werden sterben. So einfach ist das.
Dazu darf es nicht kommen. Die Einheit muss für jeden von ihnen vor dem persönlichen Erfolg stehen. Ich will keinen Primadonnahaufen, ich will eine Staffel, die ihren Auftrag erledigt! Ob ein oder zwei Akarii mehr oder weniger abgeschossen werden, ist weniger wichtig, als das Einheitsziel. Merken sie sich das! Und das Funktionieren als Einheit beginnt in den Flight’s und Rotten.“
Darkness musterte jeden eindringlich, fast zwingend, während er mit lauter Stimme die Zusammensetzung der Staffel bekannt gab. Seinen grünbraunen, bohrenden Augen entging keine der Reaktionen der Piloten: „Den ersten Schwarm führe natürlich ich. Jaws, Sie bleiben mein Flügelmann.“ Der erfahrene Veteran schien nicht besonders überrascht darüber. Falls es ihn ärgerte, nicht selber eine Rotte zu führen, so war das jedenfalls nicht festzustellen.
„Fatman, Sie bekommen Jeanne als Flügelfrau. Sie haben viel Flugerfahrung, auch wenn Sie bisher noch nicht mit den Akarii gekämpft haben. Nutzen Sie die.“ Der nicht mehr junge, etwas untersetzte Pilot der Boston Miliz nickte schweigend. Seine neue Flügelfrau hatte sich nicht so gut unter Kontrolle. Frisch von der Akademie kommend wirkte die junge Französin neben dem altgedienten Piloten wie ein Kind, musterte ihn aber mit leichtem Zweifel. Nun, hoffentlich würde sie sch schnell einfügen. Darkness hatte keine Geduld mit Extratouren – und wenn Fatman es nicht schaffen würde, dann würde er BEIDEN den Kopf waschen.
„Dutch, Sie übernehmen die zweite Sektion. Terry wird ihr Flügelmann.“ Darkness unterdrückte die Zweifel, die kurz in ihm aufstiegen. Dass er Dutch zum Flightführer machte, war nur folgerichtig angesichts der bisherigen Leistungen und Erfahrungen des Mantikor-Veteranen. Dennoch, manchmal hatte er ein ungutes Gefühl, der Mann wirkte außerhalb des Cockpits oft nervös und unruhig, zog sich in sich zurück. Aber für eine Zurückstufung gab es keinen driftigen Grund und Darkness würde die volle Mitarbeit der Veteranen, also auch Dutch, brauchen, um die Staffel in kampfbereiten Zustand zu versetzen, sie zu schulen und zu einer Einheit zu formen. Terry, der eher unauffällige Neuling, nickte nur, er war vermutlich ganz froh, einen erfahrenen Veteranen als Rottenführer zu bekommen.
„Ohka, Sie gehen ebenfalls in den zweiten Schwarm und übernehmen Crusader.“ Der Japaner salutierte, seinem Gesicht war wie fast immer nicht viel abzulesen.
Innerlich war Kano natürlich froh, doch eine eigene Rotte zu bekommen. Er musterte seinen neuen Kameraden. Crusader, einer der Piloten, die man frisch von der Akademie in die Staffel versetzt hatte, war etwa eine Handbreit größer als er. Seine blonden, nackenlangen Haare trug er zusammengebunden. Er wirkte durchtrainiert, sportlich – zusammen mit den blauen Augen und dem einnehmenden Gesicht fast wie von einem Rekrutierungsplakat der Navy. Kano wusste von Crusader eigentlich nur, dass er in der Akademie sehr gut gewesen sein sollte. Nun, die Zeit würde zeigen, wie sie miteinander klarkommen würden. Der neue Pilot wirkte etwas aufgekratzt. Vermutlich sah er diese Veranstaltung als einen weiteren Schritt auf seinem Weg zum richtigen Jagdflieger. Er schien darauf zu brennen, sich endlich im Kampf beweisen zu können.
Darkness fuhr fort: „Monty, Sie werden den dritten Schwarm führen. Außerdem sind Sie bis auf weiteres XO der Staffel. Sie wissen, was dies bedeutet. La Reine wird ihre Flügelfrau.“ Die hochgewachsene Schwarze musterte wenig begeistert ihren neuen Rottenführer, enthielt sich aber wohlweißlich irgendwelcher Kommentare. Tatsächlich wirkte der stellvertretende Staffelführer nicht sehr beeindruckend: eher kleingewachsen, mit einem unscheinbaren Schnurrbart, hager und ziemlich blass, wirkte Monty eher wie ein Büroangestellter. Mit fast vierzig Jahren war er nach Dutch der älteste Pilot in der Staffel. Seine einzige Reaktion auf seine Ernennung war ein knappes Nicken – so als würde er Darkness Entscheidung damit seine Zustimmung erteilen. Darkness ignorierte dies – er hatte die Marotten und das beachtliche Ego des Piloten bereits kennen gelernt, allerdings ebenso den kühlen Taktiker und Offizier, der sich dahinter verbarg. Er würde Monty brauchen.
„Viking, Sie kommandieren Brawler.“ Darkness fixierte dabei letzteren, sorgfältig auf irgendwelche Zeichen der Aufsässigkeit achtend. Er war noch immer nicht ganz glücklich mit der Zuteilung dieses Messerstechers und Unruhestifters, aber wenigstens schien der Junge bei Martell gelernt zu haben, sich etwas unter Kontrolle zu bekommen.
„Sehen Sie sich diesen Mann, diese Frau neben sich GENAU an. Von ihnen werden ihr Leben und ihr Erfolg abhängen. Wenn ich sagte, dass diese Staffel als EINHEIT agieren muss, dann fängt dies in den Flights an. Sie mögen noch so gut sein, alleine haben Sie schlechte Chancen. Dieser Mann, diese Frau wird ihnen den Rücken decken. Sie vertrauen ihm IHR LEBEN an, wie er ihnen das seine! Respektieren Sie dies und handeln Sie danach. Denn andernfalls werden sie höchstwahrscheinlich abgeschossen werden - von zwei Akariis, die diese Lektion besser beherzigt haben.“
Von dieser Predigt wirkten zumindest einige der Neulinge etwas erschlagen – die Veteranen hatten dergleichen natürlich schon gehört. Hoffentlich würden sie es aber auch alle beherzigen.
‚Und nun kommt der Hammer.’ dachte Darkness sardonisch, während er die Gruppe, seine neue Staffel, musterte: „Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir hart arbeiten müssen. Das ist ihnen natürlich klar. Nun, ich weiß nicht, wann es losgehen wird, aber ich bin fest entschlossen, die Zeit zu nutzen. Das heißt, der Urlaub ist vorbei. Ich will vollen Einsatz - und ich akzeptiere keine Ausreden. Wenn Sie damit nicht klarkommen, dann ist die Navy der falsche Ort für sie. Und denken Sie gefälligst daran, was Sie jetzt lernen, wird ihnen Draußen, im richtigen Kampf, möglicherweise das Leben retten. Ihr Dienstplan wird bis auf weiteres folgenden Ablauf haben..."
Die Gesichter etlicher Piloten wurden immer länger während Darkness knapp und schonungslos sein Trainingsprogramm bekanntgab. Vom Wecken bis zum Schlafengehen würden die Soldaten in den nächsten Wochen verflucht wenig Freizeit haben. Neben taktischem Unterricht, Waffenkunde, Maschinenwartung, Simulatortraining und Flugübungen würde auch die körperliche Ertüchtigung nicht zu knapp kommen. Dazu kündigte Darkness ganz offen Probealarme und Sonderübungen - auch in der Nacht - an. Freigang würde es kaum geben.
Wer Darkness kannte, zeigte sich nicht besonders überrascht – er galt nicht umsonst als härtester Knochen der „Angry Angels“. Allerdings wußten die Veteranen auch, daß er jedes seiner Worte verdammt ernst meinte und hundertprozentig in die Tat umsetzen würde. Es kamen interessante Zeiten auf die Piloten zu. Am Ende würden sie wahrscheinlich die Verlegung an die Front als Erlösung begrüßen, dachte Darkness leicht amüsiert.
„Diese Staffel ist von nun an die ‚Butcher Bears’. Es wird an ihnen liegen, ob wir diesem Namen gerecht werden, ob wir die verdammten Echsen lehren, uns zu fürchten. Wir sind Nighthawk-Piloten. Wir sind eine stählerne Faust! Wir kämpfen nicht einfach nur – wir reißen den Feind in Fetzen!“
Schwungvoll drehte sich Darkness um und riss das Tuch von der Tafel, die neben dem Rednerpult stand. Auf ihr prangte das Bild eines aufgerichteten Bären, mit schwarzem Fell und gelben Augen. Die langen Klauen und die mörderischen Fänge waren blutig. Über dem Bären stand in roten Buchstaben:
UNSER IST DER ZORN!
Ironheart
24.03.2004, 13:45
Ursprünglich von Ace Kaiser
Es waren erbärmliche Zustände. Wirklich erbärmlich. Nicht, dass die Menschen sich keine Mühe gaben. Nicht, dass die sanitären Anlagen nicht perfekt auf Akarii-Bedürfnisse abgestimmt waren. Nicht das die Ernährung schlecht gewesen wäre.
Nicht, dass es an Schlafplätzen oder frischer Kleidung mangelte.
Dennoch war es erbärmlich. Techniker schliefen mit Kampfpiloten in einer Baracke, verdiente Kriegshelden hatten ihr Quartier neben Rekruten, die auf dem ersten Feindflug in die Hände der Menschen gefallen waren.
Und das Schlimmste: Sie waren nicht einmal nach Geschwadern getrennt, geschweige denn Flotten oder wenigstens Reichssektoren! Es war ein wüstes, wildes durcheinander, wie es Ry Hallas noch nie erlebt hatte.
Nach der Beschwerde von Admiral Can Ar beim Lagerkommandanten, General Möhling, war nicht mehr herausgekommen als dass sich die Akarii selbst um die internen Verhältnisse kümmern sollten.
Die Menschen würden lediglich Bewachung, Versorgung und Unterhaltung übernehmen.
Was den Admiral in Zugzwang brachte. Als ranghöchster Lagerinsasse hatte er das Kommando. Und das Schöne an einem Kommando war die Möglichkeit, Befehle zu erteilen. Einer dieser Befehle betraf ihn, Ry Hallas.
Nun hatte er die undankbare Aufgabe, die Daten sämtlicher Akarii zu erfassen, zu sortieren und danach eine möglichst optimale Bettenverteilung aufzustellen.
Die Menschen zeigten sich wenig kooperativ, stellten dem Piloten und seiner eifrig zusammengestoppelten Rumpfmannschaft aus Logistikern und anderen Piloten aber gerne sämtliche erfassten Daten zur Verfügung sowie den Zugriff zu einem in sich geschlossenen Computersystem.
Eine Mammutaufgabe sondergleichen, wie Ry Hallas mittlerweile wusste. Zwanzigtausendeinhundertelf Akarii koordinierte man eben nicht über Nacht, zudem kamen jeden Tag neue Soldaten an.
Daraufhin machte Ry einige Eingaben an General Möhling direkt, das Fassungsvermögen des Lagers bei einhunderttausend festzustellen und die Navy zu bitten, ein weiteres Lager zu eröffnen. Fünfzigtausend oder mehr Akarii zu koordinieren würde den logistischen Albtraum vollends zur Monstervision werden lassen.
Bis ihm Admiral Can Ar eines Tages zu sich rief und ihm mitteilte, seine Eingaben hätten endlich Erfolg gezeigt. Die Navy würde ein weiteres Gefangenenlager eröffnen, tiefer in der Republik. Die ersten dreihundert Gefangenen würden noch am selben Tag nach Texas aufbrechen, so hieß es.
Das war der Moment, an dem Ry Hallas begriff, dass er einer von ihnen sein würde. Und das er im neuen Lager die gleiche Aufgabe übernehmen würde, die er hier bereits fast beendet hatte.
**
Vier Tage später entließ eine militärische Landefähre dreihundertelf Akarii mitten in einer Wüstenlandschaft, über die sich ein tiefblauer, von keiner Wolke gestörten Himmel spannte.
Ry atmete ein paar Mal tief durch, um die heiße, trockene Wüstenluft auf sich wirken zu lassen. Er kam selbst von einer Wüstenwelt, und er genoss nach dem verregneten, immer feuchten Gefangenenlager die beinahe heimische Luft. Anderen erging es nicht so gut. Leg Arnts, ehemals Zweiter Offizier auf der REVOLU, einem Schweren Kreuzer der Kalantier-Klasse, hatte sichtlich Probleme mit der Hitze und der trockenen Luft. Und wie ihm erging es vielen. Das war der Preis der Anpassung. Wenngleich die Akarii von einer warmen Welt abstammten, so hatten sie sich doch auf mehreren Dutzend weiteren Welten angesiedelt, deren Klima sich oft dramatisch von dem Akars unterschied. Es gab genauso Eiswelten wie feuchte Dschungelwelten, Planeten mit mehreren sich stark unterscheidenden Klimazonen wie Gigantozeanen. Und die Akarii hatten Jahrtausende Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen.
Zum Glück aber standen terranische Ärzte parat, um die sichtlich angeschlagenen Akarii zu versorgen und bei der Akklimatisierung zu helfen.
Da es nicht seine Aufgabe war, ignorierte Ry Hallas die Arbeit der menschlichen Mediziner, behinderte sie damit auch nicht. Interessanter fand er das Lager selbst. Es war nicht besonders groß, verfügte über zwanzig Baracken, einen großen Paradeplatz und einen zu beiden Seiten gesicherten, mehrere Meter hohen Wall, der zudem mit Energiefeldern gesichert war. Alles in allem sah dies nicht danach aus, als würden hier mehr als zwei oder dreitausend Akarii unterkommen können. Ein Notbehelf? Oder verbarg sich mehr dahinter?
Als Ry Hallas die grimmigen Mienen der Wachsoldaten sah, klassifizierte er sie automatisch als Kampferfahren ein. Elite. Durchaus bereit und dazu geeignet, einen Akarii im Nahkampf zu töten.
„Mein Name ist Lt. Commander Chun“, stellte sich ein schlanker Mensch vor und riss den Akarii damit aus seinen Gedankengängen. „Ich bin derzeit der Lagerkommandeur. Wie einigen von Ihnen bereits aufgefallen ist, wird dies nicht das von Ihnen geforderte Ausweichlager werden. Dieses wird gerade vorbereitet, auf einem anderen Kontinent dieses Planeten, näher an Brixby.
Dieses Lager untersteht zudem dem Marinegeheimdienst.“
Leises Raunen ging durch die Menge der Akarii. Die Marines umklammerten die Griffe ihrer Waffen fester.
„Ihre Anwesenheit hat einen wichtigen Grund für Sie und Ihre Kameraden“, fuhr der Commander fort. „Wenngleich wir miteinander Krieg führen, so haben wir doch eine Verantwortung übernommen, nämlich für Sie, unsere Kriegsgefangenen. In der Anfangsphase der Schlacht, also kurz nach dem Debakel über Trafalgar, haben wir leider Dutzende Fehler begangen und damit durch fehlende Informationen den Tod von Schwerverletzten Akarii verschuldet. Weil wir es einfach nicht besser wussten.
Da dieser Krieg aber noch länger dauern wird, wollen wir etwas für Sie und Ihre Kameraden tun. Wir haben Sie dreihundertelf aus einem wichtigen Grund ausgewählt. Sie alle stammen von verschiedenen Planeten, aus verschiedenen Klimazonen. Sie alle haben kleine, aber wichtige Unterschiede in der Physiologie.
Mit Ihrer Mithilfe wollen menschliche Ärzte nun ein genaueres Profil der Akarii aufzeichnen, damit Ihren Kameraden besser geholfen werden kann.
Und haben Sie keine Angst, wir werden keinen von Ihnen aufmachen und nachsehen wie er funktioniert. Es gibt tote Akarii dafür im Überfluss.“
Die letzten Worte klangen deprimiert, und die Art, wie der Commander die Silben zusammengesetzt hatte, verriet, dass er diesen Umstand sehr bedauerte.
Von diesem Moment bis zur Erkenntnis, dass der Mensch Sekurr gesprochen hatte, den Dialekt der Krieger, war es nur ein Moment, aber ein Moment, der ihn fast von den Füßen fegte. Diese Sprache war eigentlich den Kriegern unter den Akarii vorbehalten, und es war ein gewisser Stolz damit verbunden, dass sich Soldaten somit vom gemeinen Volk unterscheiden konnten. Die Sprache wurde in den Kriegerfamilien weiter gegeben, und mit ihr das Vermächtnis der Ahnen, die einst für den Kaiser in die Schlacht gezogen waren.
Nun einen Menschen im ureigensten Dialekt sprechen zu hören war ein Schock für Ry.
Dabei gab es nur einen Menschen, von dem Ry wusste, dass er den Sekurr-Dialekt beherrschte. Dieser Commander war es nicht.
Dieses Gefangenenlager versprach ein interessanter Ort zu werden.
Als der Commander seinen Platz verließ und in einem Gebäude verschwand, dass in den Wall eingelassen war, begannen die ersten Streitgespräche, die Ry Hallas mit einer eigenen Ansprache abrupt unterbrach. „Der Terraner hat Recht. Es tut niemandem weh, wenn wir den menschlichen Ärzten dabei helfen, unsere Physiologie besser kennen zu lernen. Kooperieren wir. Denn das wird uns Zeit geben für andere Dinge, die wir tun werden.“
„Was für Dinge?“, fragte Joshs Velop, auch ein Jagdpilot wie Ry.
„Nun, das andere Lager soll auf einem anderen Kontinent entstehen, hat der Commander gesagt, nahe der Stadt Brixby, richtig?“
Zustimmendes Gemurmel erklang.
Ry ließ die Information wirken, bis der erste Offizier auf den richtigen Gedanken kam. „Unsere Informationen waren richtig. Denn Brixby ist die Flottenzentrale für das Texas-System!“
Aufgeregtes Geraune erhob sich. Wenn sie wirklich im Texas-System waren, dann befanden sie sich quasi Tür an Tür mit Prinz Jor und seiner Flotte im Manticor-System.
Es war eine Fluchtmöglichkeit. Eine exzellente, nein, aber das Beste, was sie kriegen konnten.
Und jeder Soldat des Kaisers schwor mit seinem Eide, aus Feindeshand zu fliehen.
Ironheart
24.03.2004, 13:46
Ursprünglich von Ace Kaiser
In einer ruhigen Minute, in der die Arbeit an der neuen Staffel ihn mal nicht über Gebühr beanspruchte, nahm sich Darkness die Zeit, etwas zu tun, was er von Zeit zu Zeit machte, obwohl es ihm jedes Mal einen Stich durch sein Herz jagte.
Er griff an seinem Schreibtisch an eine Schublade und zog ein Bund Briefe hervor. Handschriftlich adressiert, und wie Darkness wusste, im Computerzeitalter und den Tagen der elektronischen Notebooks auch handschriftlich verfasst.
Er zog den obersten Brief hervor, entnahm ihn dem Kuvert und öffnete ihn. Wie oft hatte er ihn schon gelesen? Zehn Mal? Elf Mal? Er konnte es nicht sagen.
Dies war der Abschiedsbrief eines guten Freundes, eines sehr guten Freundes. Clifford Davis.
Lieber Darkness, wenn Du diese Briefe erhältst, bin ich tot. Die Poststelle ist angewiesen, sie auszuliefern, wenn ich offiziell zu KIA erklärt wurde.
Justin, ich hoffe ich starb im Kampf anstatt auf der Toilette auszurutschen und mir den Schädel einzuschlagen. Entschuldige diesen kleinen Scherz, aber selbst jetzt, da ich gerade hier sitze und diese Briefe schreibe, kann ich nicht ganz glauben, dass ich wirklich sterben könnte.
Aber ein kluger Mann sagte einmal: Nichts ist so beständig wie die Unbeständigkeit.
Also bin ich tot. Und du lebst. Das ist gut. Ich denke nicht, dass die Piloten der RED auf dich erfahrenen Offizier und Anführer verzichten können.
Ist es die Jollahran-Mission? Hat sie mich getötet? War es Patrouille? Habe ich noch einen zweiten Packen Briefe geschrieben, weil diese bereits über ein Jahr alt sind?
Nun, es ist egal. Ich kann nur schreiben, dass ich dich vermisse und hoffe, dass es dir gut geht, Bruder. Egal, was passiert, überlebe und tritt dem Roten Baron von mir kräftig in den Echsenarsch.
Ich möchte dich in diesem Brief um zwei Gefallen bitten.
Der Erste ist: Mein Tod hat eine Lücke gerissen, nicht nur hier an Bord der RED, auch in meiner Familie. Ich möchte dich bitten, diese Lücke zu füllen. Werde für meine jüngeren Geschwister das, was ich für sie war. Werde der Große Bruder von Jean und Ian. Vielleicht verlange ich zuviel. Aber wenn einer von beiden entscheidet, den großen Bruder zu rächen und ebenfalls in die Streitkräfte eintritt, sollst du für mich ein Auge auf sie haben und sie an meiner Stelle beschützen. Wenn möglich, hole sie in deine Nähe. Ich vertraue dir ihre Leben an.
Der zweite Gefallen liegt offen vor dir. Ich bitte dich, diese Briefe auszuliefern, die anbei liegen. Ich hätte sie auch direkt adressieren können. Aber wenn ich falle, und dies nicht, weil ich mir den Schädel auf der Toilette eingeschlagen habe, dann werden vielleicht auch einige Adressaten gefallen sein. Und Post von einem Toten an einen Toten wäre geschmacklos.
Die Adressen stehen auf den Briefen, aber ich erwähne sie hier noch einmal.
Einer geht an Kali, ich weiß einfach, dass die Göttin des Todes niemand umbringen kann.
Der zweite an Pinpoint. Solange er mit Lone Wolf fliegt, wird er überleben.
Der dritte geht an Huntress. Sie ist eine Klasse Pilotin und eine sehr gute Freundin. Zu einer anderen Zeit, an einen anderen Ort…
Es ist auch einer für Rusty dabei. Ich hoffe, der Junge hat auch überlebt. Solange er bei Kali bleibt, sehe ich da kein Problem.
Ohka kriegt auch einen. Er hat sich zu meiner allergrößten Verwunderung in den letzten Tagen als guter Freund erwiesen, nicht als Rivale.
Der Brief an Chief Martin Goedecke darf dich nicht wundern. Der alte Mann war immer dann mein Seelsorger, wenn ich mich nicht an dich wenden konnte.
Shaka, mein neuer Wingman, soll ebenfalls bedacht werden, falls mein Tod nicht automatisch seinen nach sich gezogen hat. Das wäre schade, denn wenn er seine Arroganz endlich überwunden hat, wird er ein sehr guter Pilot.
Radio bekommt auch einen. Ich hoffe, in meinem Tod kann ich mit ihm endlich Frieden machen.
Der letzte ist für Lilja. Vielleicht ist sie nun endlich zufrieden.
In der Hoffnung, dass ich hier drüben mehr Akarii als Menschen vorfinden werde,
aus dem Totenreich,
Clifford Ace Davis.
Darkness spürte, wie ihm ein Kloß im Hals steckte. Pinpoint und Rusty waren tot. Ebenso wie Cliff selbst. Dies machte zwei Briefe, die er nicht auszuliefern hatte.
Vorsichtig faltete er den Brief wieder zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Dann schob er das Kuvert wieder auf den Packen und verstaute ihn in der Schublade.
Er wünschte sich, er hätte die Kraft finden können, Cliffs letzten Wunsch zu erfüllen und die Briefe endlich auszutragen.
Aber es ging nicht.
„Computer. Suchroutine. Rekrutierungen. Suchbegriffe: Ian Davis und Jean Davis.“
„Fünfundneunzig Treffer.“
Ironheart
24.03.2004, 13:46
Ursprünglich von Ace Kaiser
Das war also Miramar… Angenehm warm war es. Die Luft vielleicht etwas zu trocken für Alberts Geschmack. Aber ansonsten wirklich angenehm.
Second Lieutenant Mbane sah sich bei der Ankunft auf dem Fliegerhorst um. Er war relativ spät dran, die Nachmittagssonne hatte bereits eingesetzt. Aber er hatte keinen früheren Transfer bekommen. Die Afrika-Südamerika – Röhren waren schon seit Tagen vollkommen überlastet. Nur die Verbindung über Asien und die Beringsee hatte noch einige freie Plätze gehabt. Und selbst hier hatte es Stunden gedauert, bis in einem der Transrapid ein Platz frei war. Es schien, als hätte auf der Erde eine Völkerwanderung unglaublichen Ausmaßes ihren Anfang genommen.
Leidtragender waren die Soldaten, die auf Terra keinen Vorrang vor Zivilisten hatten.
Natürlich hätte Albert auch einen militärischen Flug direkt nach Nordamerika nehmen können. Er hätte auch eine Shuttleverbindung nach Fort LEXINGTON nehmen und von dort via Shuttle zum Zentralhafen Houston fliegen können. Aber das erschien ihm alles übertrieben.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Passagieren in der weißen Ausgehuniform der Navy war Alberts Uniform nicht durchgeschwitzt. Er hatte sogar die Schirmmütze abgesetzt, um die Sonne besser genießen zu können.
Auf seiner Brust prangten unter den Pilotenschwingen das Raumkampfabzeichen und das Jollahran-Ribbon. Mit zwei bestätigten Abschüssen war Albert auch gar nicht mal so weit vom Flying Cross in Bronze entfernt.
Unter den beiden dünnen Streifen prangte die Silhouette eines ZEUS-Trägers, welches ihn als Mitglied der Jollahran-Society auswies. Mittlerweile ging die Hälfte seines Soldes in den Fonds des Soldatenhilfswerkes.
Ja, noch war seine Brust etwas nackt, aber wenn er nur lang genug überlebte, würden noch weitere Feldzugsabzeichen und Orden hinzukommen.
Außerdem war er nicht mehr der naive Flugschüler von der Akademie. Er war nun ein Veteran, der in der grauenvollsten Schlacht nach Trafalgar gesteckt hatte.
Nun war er der alte Hase, und die jungen, vor Schweiß triefenden Second Lieutenants, die mit ihm aus dem Zug geklettert waren, waren die Jungfüchse. Eitel, arrogant und davon überzeugt, unsterblich zu sein.
Albert grinste schwach. Es war erst ein halbes Jahr her, doch er fühlte sich, als wären es bereits Jahrhunderte. Viele Jahrhunderte. Er hatte sich soweit von dem Albert frisch von der Akademie entfernt, dass er ihn bereits als fremde Person betrachtete.
„Shaka!“ Albert wandte sich um. Gerade hatte er erst das Haupttor der Fliegerbasis passiert und schon machte jemand auf sich aufmerksam.
„Kali!“, rief er überrascht. Er sah die schlanke Inderin auf sich zugeeilt kommen. Sie wirkte fröhlich, geradezu entspannt.
Als er die Abzeichen auf ihrer Schulter erkannte, ließ er seinen Seesack fallen und salutierte stramm. „Ma´am!“, blaffte er laut. „Second Lieutenant Albert Mbane gratuliert zur längst überfälligen Beförderung!“
Verwundert besah sich Kali erst den Schwarzen, dann ihre neuen Rangabzeichen. „Ach, lass den Quatsch“, bemerkte sie amüsiert. „Du benimmst dich schon fast so schlimm wie Ace.“
Albert grinste breit und gab die Hab Acht-Stellung auf. Dann trat er einen Schritt vor und schüttelte Kali die Hand. „Schön, dich wieder zu sehen. Und ich gratuliere wirklich zur Beförderung.“
„Danke, danke. Du hast Recht, ich habe sie verdient. Ich habe auch einen neuen Flügelmann bekommen. Second Lieutenant Werner Bach, Callsign Goblin. Frisch von der Akademie, aber ein Blick auf mein Flying Cross in Bronze, und er war zahm wie ein Lamm.“ Unbewusst wischt sich Kali mit der Rechten über die Ordensspangen ihrer weißen Ausgehuniform. Auch bei ihr prangte unter den Kampagnenbändern die Silhouette der REDEMPTION.
„Das ist Schade. Ich habe gehofft“, brummte Albert leise, „ich habe gehofft, wir beide würden in einen Flight kommen.“
„Wäre eine Idee gewesen, zugegeben. Aber selbst wenn ich da was zu sagen gehabt hätte, Shaka, ich hätte es nicht getan.“
Der Schwarze runzelte die Stirn. „Hm? Willst du nicht mit mir fliegen, Kali?“
„Das ist es nicht“, erwiderte sie. „Es ist nur, warum willst du an meinem Flügel kleben, wenn du nen eigenen Wingman hast?“
„Was?“ Vor Schreck klappte ihm der Kiefer runter.
„Ja, ja, glaub es nur, du wirst Wing Leader. Freu dich drüber, ist leider die einzige gute Nachricht.“
„Hier kann man sich auch nicht für fünf Sekunden freuen“, seufzte Albert und nahm seinen Seesack wieder auf. Neben Kali ging er auf die Kasernen zu. Über ihnen zogen zwei Typhoons ihre Runden.
„Also, sag schon. Was passiert uns so schlimmes, Göttin des Todes?“
„Sie haben Darkness eine eigene Staffel zugeteilt.“
„Das ist ein schwerer Schlag für die Roten, zugegeben. Wer ist sein Ersatzmann?“
Kali schüttelte sich. „Das ist ja unser großes Problem. Sie haben Radio befördert.“
Albert stockte im Schritt. „Was? Radio ist jetzt Commander? Curtis Long? UNSER Curtis Long?“
„Ja, ich wollte es auch nicht glauben. Aber das Schlimmste kommt noch. Sie haben ihm keine eigene Staffel gegeben. So verrückt war der CAG dann doch nicht. Aber er ist jetzt XO der Roten Staffel.“
„Na Klasse“, brummte Albert leise. „Habe ich eigentlich schon mein Testament gemacht? Nichts gegen Radio als Piloten, aber wenn er als Stellvertretender Staffelchef eine ebensolche Niete ist wie als Mensch, hat es die Rote Staffel die längste Zeit gegeben.“
„Ach, gib ihm ne Chance. Ich bin sicher, Radio kann sich ändern“, erwiderte Kali. Als sie die weit aufgerissenen Augen ihres Gegenübers sah, kommentierte sie: „Nur ein Scherz. Eher versucht Demolisher, Pfadfinder zu werden.“ Kurz sah sie mit einem Grinsen zu Boden. „Was aber durchaus hilfreich gewesen wäre.“
„Muss ich den verstehen?“, brummte Albert leise.
„Ist ein Insider, Shaka. Ist ein Insider. Dein Wingman heißt übrigens Sean Marley, Callsign Bob. Soweit ich weiß ist das ein Nationalidol auf seiner Heimatinsel, irgend so ein Stück treibernder Dschungel in der Karibik namens Jamaica. Der traut sich was.“
Albert versteifte sich. „Kali… Das habe ich dir gar nicht erzählt, aber ich werde mich auch was trauen. Ich gebe mein Callsign auf.“
„Was? Warst du nicht immer so stolz auf diesen toten Häuptling und so?“, bemerkte sie verwundert.
„Ja. Aber es gibt da jemanden, den ich viel verdanke. Ich will sein Callsign annehmen.“
Plötzlich verstand Kali. Sie dachte darüber nach. „Bitte, wenn du unbedingt Ace heißen willst, ich kann das für dich arrangieren. Ein Anruf bei Radio, eine kleine Bestechung beim Stellvertretenden Geschwaderchef…“
„Nanu? Kein Protest, kein Ärger?“
Kali schüttelte den Kopf. „Ich denke, es wird mir gut tun, wenn jemand Ace ruft und dich damit meint, nicht diesen verbiesterten, fiesen, kleinen Blauschopf.“
Sie lächelte zu Albert hoch. „Also dann. Ace. Na dann hol dir mal noch drei Abschüsse, damit der Name auch ne Berechtigung hat.“
„Ich gebe mein Bestes, Kali.“
Die beiden salutierten spielerisch voreinander.
Und Shaka, nein, Ace reihte sich in die lange Schlange der Neuankömmlinge ein, die vor dem Büro des Quartiermeisters warteten.
Ironheart
24.03.2004, 13:47
Ursprünglich von Hammer
Murphy betrat den Bereitschaftsraum, der bereits gerammelt voll war. Der erste Pilot, der Murphy sah und ihn anhand seines Sternes als Kommandierenden Offizier erkannte hatte, brüllte laut: „Achtung!“
Murphy musterte den Mann genauer und korrigierte sich im Geiste. Das war noch ein halbes Kind. Ein 2nd Lieutenant, wahrscheinlich noch kein einziges Barthaar am Kinn aber Pilot.
Der Rest der Crews stand mit mehr oder weniger Enthusiasmus auf, die Akademieabgänger wie von der Tarantel gestochen, die alten Milizionäre teilweise betont lässig. Innerlich schüttelte es Murpyh ob dieser Mischung. Anfänger und ...nunja, Anfänger.
Er trat an das Pult und hieß die Männer und Frauen wieder sich zu setzen. Nach einem weiteren Blick in die Runde – einige der Crews erkannte er aus den Akten, die er auf dem Flug mit Count studiert hatte - begann er seine Ansprache.
„Guten Morgen, Ladies und Gentlemen. Ich bin ihr neuer kommandierender Offizier und heiße Murphy. Sie werden das wahrscheinlich wissen, weil dies und vieles mehr bereits durch die Gerüchteküche verbreitet wurde. Im Zweifelsfalle stimmt nichts davon.
Wir werden in zwei Stunden zur Trainingsbasis im Marsorbit aufbrechen. Ich weiß, dass die meisten von Ihnen auf der Crusader nur wenig Erfahrung haben, viele haben nur die notwendigsten Umschulungsmaßnahmen durchlaufen. Ich weiß auch, dass wir hier einige Veteranen aus der Boston Space Miliz hier haben, genauso wie einige Akademieabgänger. Das alles hat nichts zu bedeuten. Alle starten hier bei Null. Mir ist es absolut egal, was Sie vorher gemacht haben. Hier ruht sich keiner auf alten Errungenschaften aus.
Ich erwarte von allen hier absolute Disziplin und Konzentration. Ebenso erwarte ich Bereitschaft zum Teamwork, denn anders kann eine Bomberstaffel nicht funktionieren. Ich werde jedem von Ihnen einen festen Partner zuweisen. Proteste gegen die Zuteilung sind zwecklos, das will ich gleich sagen, bevor es jemand versucht. Gleiches gilt für die Rafales. Auch hier werden feste Teams gebildet, wobei ich hier gleich vorwegnehmen will, dass sich fast nichts ändern wird.“
Murphy verlas dann die Verteilung und einige der Staffelmitglieder brachen mehr oder minder unverhohlen in Stöhnen aus. Ein 1st Lieutenant mit den Abzeichen der Bostoner Miliz tat sich hierbei besonders hervor.
„Lieutenant Ibarra, Sie möchten etwas sagen?“
Noch bevor der so Angesprochene reagieren konnte, winkte Murphy ab.
„Ja, ich weiß, Sie wollten sich freiwillig melden. Die Meldung ist wohlwollend angenommen. Melden Sie sich nach der Besprechung beim XO. Aprobos XO. Sie können grundsätzlich davon ausgehen, dass Count mit derselben Autorität spricht wie ich. Es braucht niemand versuchen, die Kommandokette zu umgehen und dann zu mir zu kommen.“
Von Hauenstein lächelte wissend. Er hatte bereits gehört, dass Murphy sich bei Zeiten mehr wie ein Drillinstrukteur denn wie ein CO einer Staffel anhörte. Das war ihm nur recht, zumal die Bomberstaffeln noch mehr auf Teamwork angewiesen waren als die Jäger, die sich zur Not alleine durchschlagen konnten.
„Ferner verhänge ich ab sofort ein absolutes Alkoholverbot. In zwei Wochen werden wir einen Fitnesstest abhalten. Ich erwarte, dass Sie nicht nur die Voraussetzungen für das fliegende Personal erfüllen, sondern um 20 % übertreffen. Physische Fitness ist eine Grundvoraussetzung für die Bewältigung von Stress im Cockpit.“
Überall wurde ein Stöhnen laut. Lt.Com McGill rollte mit ihren hübschen Augen. Der Neuankömmling irritierte sie zunehmend.
„Noch mehr Freiwillige?“ Das Stöhnen verstummte schlagartig. „Schade. Nungut. Auf dem Programm stehen weiterhin Übungen im Simulator und draußen im Raum. Die genauen Parameter werden Sie nach der Besprechung auf Ihren persönlichen Computern vorfinden. Ebenso wie die zu erzielenden Punkte. Sollte eine Crew diese Anforderungen nicht erreichen, wird das Folgen haben.
Schließlich werden wir jeden Tag drei Stunden Theorieschulung abhalten, um die Kenntnisse hier zu vertiefen. Die meisten von Ihnen dürften das dringend notwendig haben. Den Bereich Technik wird der XO übernehmen, Taktik werde ich selber machen. Auch hierüber wird es in zwei Wochen Tests geben. Auch hier wird das Unterschreiten der Anforderungen für die betroffene Crew Folgen haben. Ja, für die Crew, nicht für den Einzelnen. Sie sollten sich langsam damit anfreunden, dass Ihr Schicksal und Wohlergehen von den eigenen Fähigkeiten genausoabhängt wie von denen Ihres Partners. Fragen?“
„Sir, wie lange läuft die Vorbereitung insgesamt? Wann geht es in den Einsatz?“
„Bear, das wird noch etwas dauern. Das Oberkommando hält sich über den genauen Termin aber noch bedeckt. Ja, Maniac?“
„Ist die Flighteinteilung die endgültige Kommandostruktur?“
„Nein. Sie basiert momentan auf den Akten und Vorleistungen. Wir werden in den Übungen ein wenig durchrotieren und schauen, wie es am besten paßt.“
„Erhalten wir die neuen B Muster oder fliegen wir den alten Schrott?“
„Die Maschinen werden alle auf aktuellen Stand gebracht. Ich gehe davon aus, dass dies spätestens in zwei Wochen beendet ist.“
„Stimmt es, dass Sie vorher eine Staffel Griphen kommandiert haben?“
„Ja, das ist korrekt. Einige der Piloten, die unter mir gedient haben, müßten hier in Miramar sein.“
Wieder wurde es unruhig. Von Hauenstein zog die Augenbrauen hoch. Der Fragesteller – Scimitar soweit Count sich erinnerte – hatte den Finger in die Wunde gelegt. Murphy hatte einen guten Ruf als Taktiker. Auch die Griphen Staffel schien er gut im Griff gehabt zu haben. Aber die Umstellung war doch gewaltig. Naja, dafür gab es ihn. Es wurmte ihn nur nach wie vor, dass man ihn nicht zum CO gemacht hatte. Aber die Welt war ungerecht und die Navy umso mehr.
„Wenn es das war...dann ist die Besprechung beendet. Machen Sie sich abmarschbereit.“
Murphy verließ den Raum, wiederum gefolgt von Count, aber auch von Trisha McGill, der Chefin der Rafales. Letztere schien etwas wütend zu sein.
Murphy, der das sehr wohl merkte, ignorierte dies erst einmal.
„Sir?“
Endlich drehte er sich um. „Ja?“
„Sir, Erlaubnis offen zu sprechen.“
„Bitte sehr.“
„Sir, das ist doch wohl nicht Ihr Ernst. Sie wollen die Veteranen genauso behandeln wie die grünen Jungs?“
„Welche Veteranen? Die aus Boston?“
McGill nickte energisch.
„Ich sehe in dieser Staffel nur drei Veteranen, nämlich Count, Bull und mich.“
„Sir, ich diene der Navy schon bereits 10 Jahre!“
„Richtig, aber bisher haben Sie den Krieg nur aus den Nachrichten kennengelernt. Wenn Sie die erste Feindfahrt hinter sich gebracht haben, dann können Sie sich Veteran nennen, eher nicht. Im übrigen ist es absolut irrelevant, wer hier welche Erfahrung hat. Wenn die Staffel nicht zusammenarbeitet, dann gehen wir alle drauf. Ich werde keinen Fraktionalismus dulden.“
McGill machte den Mund auf und wollte hierauf erwidern, doch Murphy ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Ich warne Sie. Meine Aufgabe ist es, diesen chaotischen Haufen zu einer Waffe zu schmieden und sie gegen die Akari zu führen. Und ich werde jeden, der mir in den Weg tritt, aus demselben räumen. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Sie können jetzt wegtreten.“
Murphy ließ seine Nummer drei stehen und stiefelte davon. McGill rang mit der Fassung und starrte ihrem neuen Kommandeur hinterher.
Count überlegte kurz, dann folgte er hinter Murphy.
„Martell, meinen Sie, dass das clever war? McGill wird nun nur noch mehr opponieren. Sie hat diesen Ruf und wir wissen beide, dass er stimmt. Schlimmer noch, wir wissen, dass die Veteranen der Miliz hinter ihr stehen.“
„Wenn Sie ein Problem darstellt, werde ich sie entfernen. Ich fliege lieber mit 3 Besatzungen los, als dass ich mir eine Bombe ins Bett lege.“
„Sind Sie sicher, dass Sie das durchziehen können?“
„Sicher? Nein. Aber ich bin mir sicher, dass wir unsere Mission erfüllen müssen. Mit allen Mitteln.“
McGill sammelte derweil bereits ihre Verbündeten. Insgesamt stammte ein gutes Dutzend der Staffelmitglieder aus New Boston ab. Bereits die Eingliederung in die Navy hatte manchen nicht geschmeckt. Doch das, was Murphy vom Stapel gelassen hatte, grenzte für viele an eine offene Beleidigung.
Ironheart
24.03.2004, 13:48
Ursprünglich von Tyr Svenson
Wenn Kano zurückdachte, dann war er in seiner Zeit bei der TSN inzwischen mit einer ungewöhnlich großen Zahl von Rottenkameraden geflogen. Binnen eines halben Jahres hatte er dreimal gewechselt. Immerhin konnte er sich sagen, dass dies weder durch seinen Charakter, noch den Ausfall eines Flügelmanns bedingt gewesen war. Lilja hatte ihn überflügelt und Virago war in der Typhoon-Staffel geblieben, während Kano zu den Nighthawks wechselte. Dennoch war es immer ein recht heikler und langwieriger Prozess, sich an einen neuen Piloten anzupassen. Immerhin würde das Leben des Einen vom Anderen abhängen. Deshalb mussten die Reaktionsmuster und Fähigkeiten aufeinander eingestimmt, die jeweiligen Schwächen und Stärken erkannt und verarbeitet werden. So hatte man es Kano jedenfalls beigebracht – und er hatte erlebt, dass gerade frisch zusammengestellte Rotten hohe Verluste erlitten. In den folgenden Wochen und Monaten, auf dem Stützpunkt und auch an Bord des Trägers, dem sie bestimmt zugeteilt werden würden, mussten er und Crusader lernen, als Einheit zu agieren, wie es Darkness oft genug betont hatte.
Crusader war frisch von der Akademie gekommen. Dies bedeutete, angesichts seiner Erfolge und Erfahrungen würde Kano keine Mühen haben, seine Führungsstellung in der Rotte zu behaupten, zumal Crusader zwar kampfbereit und ungeduldig wirkte, den erfahreneren Piloten aber respektierte.
Aber da gab es ein anderes Problem. Kanos bisherigen Rottenflieger waren allesamt bereits Veteranen gewesen, die ihre Erfahrungen im Kampf mit den Akarii gesammelt hatten. Crusader aber war, wie vor etwa sechs Monaten Kano, frisch von der Akademie an die Front kommandiert worden. Er zeigte zwar bemerkenswerte Anlagen und seine Akte sollte wirklich beeindruckend sein, aber das ersetzte natürlich keine Schlachterfahrung. Kano selber hatte es geschafft, er hatte überlebt und war erfolgreich gewesen – aber immer nur um Haaresbreite. Er war zweimal verwundet worden und hatte zwei Maschinen eingebüßt. Wenn er ehrlich zu sich selber war, er hatte ziemliches Glück gehabt. Niemand konnte garantieren, dass Crusader das gleiche Glück haben würde. Und als Rottenführer fühlte sich Kano verantwortlich – gerade, weil Crusader frisch von der Akademie kam. Im Stillen war sich Kano nicht sehr sicher über seine Fähigkeiten der Menschenführung und Ausbildung. Er hielt sich für einen guten, vielleicht sogar hervorragenden Piloten. Seine Befähigung zum Offizier war zweifelhafter. Vor allem würde er in Zukunft aufpassen müssen. Hatte Lilja in ihrer kalten Gnadenlosigkeit oder Virago mit kalkulierender Professionalität bisher zuverlässig seinen Rücken gesichert, so würde er nun selber mehr auf seinen Flügelmann acht geben müssen. Wie Kano brannte Crusader darauf, sich zu beweisen. Das bedeutete, in Zukunft würde Kano – bis Crusader voll ausgebildet war – defensiver fliegen müssen. Das hatte ihm noch nie gelegen. Aber natürlich wusste er, dass er Darkness dennoch dankbar sein musste. Nur indem er einen Neuling als Flügelmann übernahm, hatte er den Befehl über eine Rotte behalten können. Und diese Aufgabe war außerdem eine Möglichkeit, den Eintrag wegen dieser verdammten Prügelei auf der „Galileo“ auszubügeln. Und darin würde er nicht versagen!
Crusader war sich nicht so ganz sicher, was er von seinem Rottenführer und Zimmerkameraden halten konnte. Der war zwar nicht älter als er selber, hatte aber schon einiges hinter sich – immerhin zwei ausgedehnte Feindfahrten und drei regelrechte Raumschlachten. Dazu hatte er für seine kurze Dienstzeit schon eine beträchtliche Anzahl Abschüsse erzielt – alles Jagd- oder Kampfflieger.
Andererseits hatte Crusader auch einige Geschichten von älteren Piloten gehört, als er sich über seinen Rottenführer erkundigte. Lieutenant Nakakura galt als „Kamikazeflieger“, der bisher fast immer nur knapp dem Tod entkommen war, angeblich fast jedes Risiko einging und sein Leben bedenkenlos aufs Spiel setzte. Auf jeden Fall war der Japaner ziemlich verschlossen, ein zwar unkomplizierter aber nicht sehr umgänglicher Zimmernachbar, der wenig über seine Vergangenheit oder Familie erzählte. Er war nicht direkt unfreundlich, aber auch nicht gesellig. Und manche seine Äußerungen über Pflicht, Dienst oder Tod waren fast schon beunruhigend.
Auf jeden Fall stellte Ohka verflucht hohe Anforderungen an sich UND an Crusader. Fast schon besessen trainierte der Rottenführer, als wolle er irgendetwas beweisen und zwang Crusader, damit ein ziemlich rasantes Tempo auf, das wenig Zeit für andere Dinge ließ. Nun ja, wenigstens hielt der Japaner nichts von Schikanen.
Allerdings gleichzeitig gefordert von seinem Rottenführer und diesem Schinder von Staffelkommandanten fühlte sich Crusader manchmal wie zwischen zwei Mühlsteinen. Er hatte sich der Navy angeschlossen, weil sie eine verantwortungsvolle, wichtige und aussichtsreiche Stelle bot – und weil er sich nach Abenteuern und Bewährungen sehnte, die die bis in den letzten Winkel zivilisierte Erde nicht bieten konnte. Nun aber bestand diese Arbeit aus endlosen Übungen und Drill. Crusader wusste, dass er gut war – sehr gut, in seiner Klasse einer der Besten. Er wünschte sich endlich die Gelegenheit, dies am Feind beweisen zu können.
Ironheart
24.03.2004, 13:48
Urspünglich von Tyr Svenson
Second Lieutenant Garreth „Crusader“ Kyle lag in seiner Koje. Die Einrichtung des kleinen Zweimannquartiers, das er und Ohka bewohnten, glich bis in Einzelheiten den genormten Unterkünften an Bord der Raumträger. Der Sinn war natürlich, die Piloten so an die Einsatzbedingungen zu gewöhnen. Außerdem war es natürlich eine bequeme Ausrede, die Piloten in fast schon schandbar engen Zimmern zusammenzupferchen: Zwei Kojen, ein Tisch, zwei Stühle und ein paar schmale Spinde, eine spartanische Naßzelle, in der man sich kaum umdrehen konnte. Das Leben unter diesen Bedingungen verlangte Selbstdisziplin und Anpassungsvermögen.
Crusader starrte sinnend auf das Blatt Papier, das vor ihm lag, während er nach Worten suchte, die die letzten Ereignisse richtig beschreiben konnten. Er schrieb regelmäßig nach Hause, manchmal jeden Tag. Praktisch unmittelbar vor seiner Verlegung nach Miramar hatte Crusader geheiratet. Er hatte Elaine, eine Studentin seiner Mutter, bei seinem Heimaturlaub kennengelernt – und er vermißte sie schrecklich. Aber er konnte nicht von viel neuem berichten. Jeder Tag glich dem vorigen: Waffentraining, Simulatorflüge, Übungseinsätze, und so weiter – praktisch vom Wecken bis in die Nacht. Und in der Nacht konnte es passieren, daß einen plötzlich die Sirenen aus dem unruhigen Schlaf rissen – und Darkness mal wieder einen seiner berüchtigten Probealarme veranstaltete. Das bedeutete dann noch einmal Übungsflüge und Simulatorübungen – und wer zu langsam oder unwillig erschien, der wurde gnadenlos gedrillt – manchmal bis zum Morgengrauen.
Crusader war natürlich Freiwilliger – aber langsam zehrte diese Schinderei seine Begeisterung auf, begann er den Staffelführer zu hassen.
Crusaders Rottenführer Ohka saß an dem Tisch, vor sich die zerlegte Dienstlaserpistole. Konzentriert und sorgfältig säuberte er die einzelnen Teile, schien völlig auf diese Aufgabe fixiert. Crusader war sich immer noch nicht ganz klar, was er von dem schweigsamen Japaner halten sollte. Er war nicht älter als Crusader, hatte auf jeden Fall einiges auf dem Kasten. Aber seine fast immer kontrollierte, undurchdringliche Art und Weise erschwerten einen Kontakt. Er ließ Crusader seine Freizeit – schien aber auch nicht gerade an einem freundschaftlichen Verhältnis interessiert zu sein und das kränkte Crusader etwas, der bisher immer gut mit allen Kameraden klargekommen war. Fast hatte Crusader den Eindruck, als würde der Rottenführer mit diesem Verhalten einem bestimmten Ziel folgen, eine bestimmte Rolle spielen. Im Einsatz war er jedenfalls fast so anspruchsvoll wie Darkness, wenn auch längst nicht so ein Schleifer. Anerkennende Worte hatte Crusader selten in dieser Staffel gehört, obwohl er zu den Besten seiner Klasse gehört hatte. Und gerade deshalb wollte er sich beweisen, vor seinem Rottenführer, vor allem aber vor diesem harten, gnadenlosen Veteranen, der ihr Staffelführer war.
Aber zu diesen Schlußfolgerungen war er schon vor einigen Tagen gekommen. Und heute Abend war er nach einer außerplanmäßigen fünfstündigen Simulatorübung so müde, daß die Worte vor seinen Augen verschwammen. Was war sonst noch passiert...
'Gestern durften wir zum ersten Mal in dieser Staffel scharf schießen, natürlich nur auf Übungsziele. Wie immer war der Alte nicht zufrieden. Ich frage mich, ob er von Natur aus so ist oder glaubt, daß er uns nur so zu Höchstleistungen antreiben kann. Die „Alten“ scheinen das Tempo besser mitzuhalten zu können, aber sie sind ja auch schon länger dabei und kennen den Betrieb. Aber einer der neuen Pilotinnen – „La Reine“ ist ihr Callsign – hat heute die Geduld verloren und den Alten ein arrogantes „boche“ genannt. Das muß wohl ein Schimpfwort sein. Darkness hat sie vielleicht runtergeputzt! Aber immerhin ist sie um einen Eintrag herumgekommen, aber er will sie „im Auge behalten“. Ich weiß nicht, ob sie da mit einem Eintrag besser dran wäre. Aber der Alte kann auch anders. Heute erzählte er uns von einem feindlichen Aß, dem „Roten Baron“. Der Alte hat schon mal mit ihm gekämpft und ich glaube, er will unbedingt das Unentschieden in einen Sieg verwandeln. Der Akarii soll schon über fünfzig...'
Das inzwischen unangenehm vertraute Heulen des Alarms unterbrach seinen Gedankengang, pumpte Adrenalin in Crusaders Körper und ließ ihn zeitweilig seine Müdigkeit vergessen. Mit einem Fluch sprang er auf. Was wollte der „Alte“ denn jetzt schon wieder?!
Kano war praktisch im selben Moment hoch. Einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er es schaffen könnte, die Pistole noch schnell wieder zusammensetzen zu können, verwarf die Idee dann aber. Er war kein Marine und Darkness würde ihn zwar anschnauzen, wenn er bemerkte, daß Kano seine Dienstwaffe nicht trug – noch mehr aber würde er laut werden, wenn Kano nicht rechtzeitig eintraf. Dann hatte die inzwischen hundertfach geübte Routine gegriffen, noch vor Crusader stürzte er aus der Tür.
Darkness wartete am Ausgang des Kasernengebäudes, mit einem sardonischen Lächeln auf die Uhr sehend, während das Hämmern der Pilotenstiefel lauter wurde, die Männer und Frauen angerannt kamen. Die Piloten waren gut und wurden immer besser – aber das würde er ihnen nicht unbedingt auf die Nase binden. Zuviel Lob machte bequem. Kurz mußte er über einen etwas morbiden Gedanken schmunzeln: ‚Was, wenn es kein Probealarm wäre, wenn die Akarii einen Überraschungsangriff auf die Erde starten würden...‘ Er stoppte die Zeit als der letzte Pilot durch die Tür stürmte und sich in der Linie einreihte, die die Piloten vor Darkness bildeten.
„Das war nicht ganz schlecht. Es besteht tatsächlich noch Hoffnung. Denken Sie immer daran – im Ernstfall kann es auf Minuten, manchmal Sekunden ankommen. Es ist für Ihre eigene Sicherheit und die des Trägers entscheidend, rechtzeitig bei den Maschinen zu sein. Ob beim Alarmstart – oder der Evakuierung. Und gehen Sie IMMER davon aus, daß es ein Ernstfall ist. Rechts um! Marsch-Marsch!“
Diesmal ging es nicht zu den Simulatoren, sondern zu den Hangars – praktisch sofort stieg die Spannung der Piloten. Ein ECHTER Flug, und wenn es nur ein Übungseinsatz war, war immer noch etwas anderes als selbst die realistischste Simulation. Man mußte ECHTES Können an ECHTEN Maschinen beweisen und auch wenn die Waffen leistungsgemindert waren, die Raketen nur Übungsflugkörper - ein gewisses Risiko einer Kollision, eines Maschinenschadens war immer vorhanden. Das schärfte die Sinne – und deshalb hielten viele Offiziere dies für den wichtigsten Teil der Flugausbildung, die Simulatoren nur für bessere Freizeitspielzeuge.
Die Nighthawks waren bereits mit Übungsraketen bestückt: wiederverwendungsfähig und natürlich ohne Sprengkopf. Als Kano über die schmale Metallleiter ins Cockpit enterte, hob der Tech, der neben der Maschine kniete, den Arm und signalisierte ‚Alles klar!‘, sprintete aus dem Weg.
„Start! Start!“
Darkness Maschine hob als Erste ab, die anderen folgten schnell und sauber – aber auf der Miramar-Airbase war dazu auch genug Platz. Auf einem Träger, im Einsatz oder gar unter Beschuß mochte dies ganz anders aussehen, dachte Darkness, ließ den Gedanken dann aber als sinnlos fallen: „Achtung, an alle! Flights bilden V-V-Rechts-Formation. Folgen!“ Den Führungsschwarm an der Spitze der Formationen stieg das Dutzend Raumjäger steil in den bereits sich verdunkelnden Himmel Kaliforniens.
Sobald Kano seine Position im Flight erreicht hatte und auch Crusader an seinem Platz war, schaltete er auf Autopilot und lehnte sich zurück. Der Kurs, den Darkness eingeschlagen hatte, führte in die Richtung einiger von der TSN eingerichteten Übungsanlagen, „Schießplätze“ oder „Bombodrome“ von den genervten Anwohnern genannt. Soviel Kano wußte, bedeutete dies mindestens zwanzig, dreißig Minuten Flug. Er erlaubte es sich allerdings nicht, sich zu sehr zu entspannen – der Staffelführer liebte es, seine Piloten zu überraschen. Ein Blick zu seiner rechten Seite zeigte Crusaders Nighthawk, die genau in dem vorgeschriebenen Abstand flog. Kano mußte kurz grinsen, der Neue gab sich wirklich alle Mühe, selbst in Kleinigkeiten zu glänzen. Nun, er selber war ja auch nicht anders.
Der Flug dauerte mehr als eine halbe Stunde – Darkness hatte ein ziemlich entferntes Übungsfeld gewählt. Einerseits wollte er in unbekanntem Gebiet fliegen lassen - und außerdem konnte er so den Verbandsflug üben. Jetzt tauchten unter den Jägern die Schluchten des Bong-Übungsfeldes auf.
„Herhören! Wir üben Bodenangriffe mit Raketen und Bordwaffen! Ausführung nach Schwärmen. Ende!“
Praktisch gleichzeitig schob Darkness den Steuerknüppel weit nach vorne, die Maschine sackte wie ein Stein nach unten weg. Die übrigen drei Maschinen des ersten Schwarms hatten Mühe zu folgen.
Der Rest der Staffel hielt ihre Höhe und zogen über dem Übungsgelände Kreise. Unter seiner Maschine sah Kano von Zeit zu Zeit das Aufblitzen, wenn die Nighthawk ihre Strahlenkanonen und Übungsraketen abfeuerten, oder wenn eine der automatischen Flak Gegenfeuer gab – natürlich leistungsgemindert.
Dann aber fiel Kanon eine Bewegung auf, die weder von den Übungsanlagen, noch den Nighthawks verursacht sein konnte. Reflexartig legte er die Maschine etwas auf die Seite, um eine bessere Sicht zu haben, überprüfte dann den Radarschirm. Tatsächlich, zwölf Einheiten dicht am Boden anfliegend. Kano überlegte, ob er Meldung machen sollte, aber da schaltete sich schon Lieutenant Terranos kultivierte, immer etwas hochmütig klingende Stimme ein: „Hier Lieutenant Terrano, Nighthawkstaffel ‚Butcher Bears‘, Raumgeschwader ‚Angry Angels‘! Ich rufe anfliegende Staffel! Melden sie sich!“
Auf der Breitbandfrequenz antworte ein dröhnender Baß in einem markanten Akzent. „Hier MAJOR O’Hara, ‚Stormfist‘-Schwadron von der Marineinfanterie! Wir haben hier `ne Bodenangriffsübung. Stört euch das, Flottenheinis? In vier Minuten nehmen wir die Route Vier – und dann haben wir gefälligst freie Bahn!“ Die Animositäten zwischen den Fliegereinheiten der Flotte und des Marinekorps hatten eine lange Tradition und deshalb war die Stimme des Lieutenant ziemlich kühl, als er antwortete: „Nein, wir haben Route Zwei. Ende!“
Kano schloß wieder näher zu seinem Schwarmführer auf. Eigentlich schade, daß man diesen arroganten Schlachtfliegern – die Marines flogen Eagle-Atmosphärenjagdbomber – nicht in einem Übungskampf zeigen konnte, wer hier der Bessere war. Aber das wäre sowieso keine Herausforderung gewesen. Dann ertönte die Stimme des Schwarmführer: „Sektion Zwo, ANGRIFF!“
Sofort rammte Kano den Steuerknüppel nach vorne und tauchte nach unten weg. Aber Crusader schaffte es tatsächlich, seine Position zu halten. Kano spürte, wie sich sein Mund zu einem dünnen Lächeln verzog. Der Neue wollte wirklich sein Bestes zeigen. Nun mal sehen, ob Kano ihm nicht doch noch einiges voraus hatte...
Er drückte den Nighthawk dicht an den Boden, tiefer, als er es normalerweise getan hätte. Dann flackerte an Backbord Flak auf – Kano warf die Maschine herum und entging dem simulierten Volltreffer durch einen Neutronenwerfer. Dabei geriet eines der Ziele in sein Schußfeld und fast automatisch eröffnete Kano das Feuer. Jetzt zählten nur noch die Ziele und die Zeit, die sie benötigten, um sie auszuschalten.
Als er einen Blick nach Steuerbord warf, hätte Kano beinahe geflucht. Crusader klebte weiterhin an seiner Flanke – ja fast schien es, als würde der „Neue“ noch dichter am Terrain kleben. Das gab es doch gar nicht! Doch dann rief Kano sich zur Ordnung – er war Rottenführer, nicht Crusaders Konkurrent. Es wäre zu riskant gewesen, jetzt einen Wettkampf zu starten. Kano biß kurz die Zähne zusammen, konzentrierte sich auf seine Manöver und die Zieloptik. Aber Verantwortung hin oder her – er würde sich nicht durch einen „Grünen“ schlagen lassen!
Crusader genoß den Flug. Hier konnte er beweisen, wie gut er war. Und das war noch nicht alles! Er konnte es noch besser. Er drückte die Maschine noch tiefer.
Kano fluchte jetzt doch. Ein Blick auf die Höhenanzeige bewies, er befand sich unter der vorgeschriebenen Mindesthöhe – und Crusader war noch tiefer. In dieser Höhe zu fliegen war riskant, forderte höchste Aufmerksamkeit, auch wenn dafür die Ziele leichter zu treffen waren. Doch was zuviel war, war zuviel. Das war es nicht wert: „Crusader, verdammt! Gehen Sie hoch! Das ist kein Wettbewerb!“
‚Ist es doch und ich gewinne!‘ dachte Crusader. Doch dann schnitt Kanos wütende Stimme durch seine Hochstimmung: „SOFORT! Sie...“
Und mit einem Aufheulen der Triebwerke im Vollschub tauchte eine Kette Eagle vor den Nighthawks auf. Zu nah...
Der Lieutenant Commander der Marineluftwaffe hatte seinen Angriffsflug gut berechnet. Die vier Jagdbomber würden ohne Probleme vor den Nighthawk die Route Zwei kreuzen und ihre Übungsziele angreifen, ein getarntes Bunker- und Grabensystem. Die Sache war absolut ungefährlich und außerdem eine perfekte Gelegenheit, die Flottenhengste vorzuführen. Doch in ein paar wesentlichen Punkten waren seine Berechnungen falsch gewesen. Er hatte nicht damit gerechnet, daß die Nighthawks so schnell und so tief anfliegen würden. Und Nummer Vier in seiner Kette hing zurück. Der Pilot, erst vor vier Wochen mit der Ausbildung fertig, hatte beim Tiefflug die Geschwindigkeit stärker gedrosselt, als seine Kameraden. Jetzt, ungefähr hundert Meter hinter seinen Kameraden bemerkte der junge Pilot die heran rasenden Nighthawk nicht. Und als aus dem Funk die Stimme des Kommandanten dröhnte: „KANISTER AB!“ drückte er auf den Abwurfknopf.
Ironheart
24.03.2004, 13:49
Ursprünglich von Tyr Svenson
Die beiden Nighthawk-Piloten hatten nur Bruchteile von Sekunden Zeit, zu reagieren. Kanos Reaktion war automatisch und zufällig genau die richtige: „ABBRUCH!“ Praktisch gleichzeitig riß er den Steuerknüppel zurück, machte die Nighthawk einen regelrechten Satz nach oben, stieg steil in den Himmel.
Crusader war um weniges langsamer. Statt seinem Rottenführer zu folgen legte er die Maschine auf die Seite, wich aus. Doch so verlor die Nighthawk noch mehr an Höhe. Der Boden war plötzlich zu nah. Nur unbewußt nahm Crusader die silbrig glitzernden, unaerodynamischen Behälter war, die sich von der Eagle lösten und zu Boden taumelten, aufschlugen.
Dann ertrank sein Blickfeld in einer Flammenwand, hüllte Feuer seine Maschine ein. Verzweifelt zog er am Steuerknüppel, zog, ZOG...
Darkness traute seinen Augen nicht. Das konnte doch nicht sein! Er hatte sich auf die dritten Sektion konzentriert, der gerade seinen Anflug hatte beginnen sollen. Zu spät hatte er die Marineflieger bemerkt. Und DAS hatte er niemals erwartet. Der alte Veteran fühlte, wie eine unsichtbare Hand seine Kehle packte, ihm den Atem nahm, während er fast verzweifelt Ausschau hielt. Wo waren seine Piloten? Wo war Sektion Zwei? Dann sah er sie: ein Nighthawk, zwei, drei – vier.
Darkness stieß die Luft aus, erst jetzt war ihm bewußt, daß er den Atem angehalten hatte. Seine Leute waren noch alle am Leben. Er hatte nicht versagt. Einen Piloten durch SO ETWAS zu verlieren...
Und dann überwältigte ihn die Wut. Dieses dämliche Marines-Arschloch! „Sind Sie verrückt geworden, Sie Idiot?! Was sollte der Scheiß?!“
Die Stimme des Marines Lt. Com. war leise, sogar unsicher, gewann aber mit jedem Wort an Vehemenz und Lautstärke: „Ihre Leute mußten ja hier verschissene Stunts abhalten! Ich hatte Befehl, Napalm-Zielwürfe auszuführen! Wenn Ihre Schwachköpfe in der Wurfschneise rummachen...“
„HALTEN SIE DAS MAUL! Wegen Ihrer Dummheit hätte ich beinahe einen Piloten verloren! Das WERDEN SIE BEREUEN!“
„LECK MICH AM ARSCH! ICH LASS MIR VON KEINEM FLOTTENWICHSER AN DIE EIER GREIFEN KAPIERT?!“
Die Piloten der Butcher Bears erlebten ein seltenes Ereignis – Lieutenant Commander Darkness verlor die Beherrschung. Fast eine Minute fluchte und drohte er hinter den mit Höchstgeschwindigkeit abfliegenden Jabos hinterher, prophezeite jedem der Marineflieger im Allgemeinen und ihrem Staffelführer im Besonderen einen grausamen Tod. Was die Piloten nicht wußten, Darkness mußte ernsthaft den Wunsch bekämpfen, den arroganten Arsch bis zu seinem Fliegerhorst zu hetzen.
Schlagartig, als hätte man seine Emotionen abgeschnitten, wurde der Staffelführer wieder ruhig, seine Stimme eiskalt und beherrscht: „Wir fliegen zurück. V-V-Links Formation. AUSFÜHRUNG!“ Das war alles, was seine Piloten während des restlichen Fluges von ihm hörten, abgesehen davon, daß er eine Unterhaltung zwischen Nummer Drei und Vier mit einem barschen „Funkdisziplin halten!“ abwürgte.
Kano’s Gefühle waren gemischt. Nachdem er die Maschine nach oben gerissen hatte, war er erleichtert gewesen. Die Gefahr einer Kollision war damit bereinigt, er hatte schnell und richtig reagiert und nicht einmal Zeit gehabt, Angst zu empfinden. Dann war hinter ihm Alles explodiert und in Flammen aufgegangen. Vergeblich hatte er nach Crusader Ausschau gehalten. Ja er hatte geglaubt, dieser Feuerball, der hinter ihm loderte, sei Crusaders Maschine gewesen, die mit der Eagle oder dem Erdboden kollidiert sei. Und DA hatte ihn die Angst gepackt, das Gefühl, versagt zu haben. Ein paar Augenblicke hatte er geglaubt, den Neuen auf dem Gewissen zu haben, weil er sich auf das Wettfliegen mit Crusader eingelassen hatte, ihn nicht rechtzeitig und richtig gewarnt hatte. Doch dann war, den kami sei Dank, Crusaders Maschine durch die Flammenwand gestoßen. Und Crusaders Stimme war zwar zittrig, aber klar gewesen, als er gemeldet hatte, alle Systeme seien in Ordnung. Damit war eine Riesenlast von Kanos Schultern gewichen. Allerdings nicht für lange. Als er seine Maschine in Formation gebracht hatte, während des schweigenden Rückflugs, hatte er sich Vorwürfe gemacht, die gefährliche Situation nicht rechtzeitig bemerkt zu haben, statt sich auf einen Wettkampf mit Crusader einzulassen. Er konnte nur vermuten, was Darkness darüber dachte. Kano schämte sich.
Crusader war seltsamerweise in einer regelrechten Hochstimmung. Während des gesamten Rückflugs ließ die Schönheit des makellos blauschwarzen Nachthimmels, die aufleuchtenden Sterne ihn in einer Euphorie schwelgen, dem Gefühl, am Leben zu sein. Er lebte noch!
Die Landung der Schwadron ging ohne Probleme vonstatten. Das Bodenpersonal wartete bereits, vielfach nicht eben fröhlich. Die Bereitschaftskräfte HASSTEN es, mitten in der Nacht auf die Piste gehetzt zu werden, weil irgendwelche Flottenspinner unbedingt eine Nachtflugübung veranstalten mußte. Die Rußspuren an einer der Maschinen ließ aber selbst die Verschlafensten wach werden. Allerdings blieben ihre Fragen unbeantwortet, denn Darkness führte sofort seine Truppe Richtung Besprechungsraum.
Es war eine etwas ungewöhnliche Besprechung. Die Piloten waren entweder aufgekratzt, oder verunsichert. Doch als wäre nichts passiert, bewertete Darkness ruhig und sachlich die erzielten Trefferergebnisse. Ohka und Crusader lagen auf Platz Drei. Aber diesmal interessierte es natürlich die meisten Piloten wenig, wie sie abgeschnitten hatten. Erst zum Schluß kam Darkness auf den Zwischenfall, den Beinahe-Unfall zu sprechen: „Das war eine knappe Sache. Denken Sie immer daran, ob bei Übungsflügen, Patrouille oder beim Feindflug. Es kann immer passieren – ein feindlicher Angriff, ein Maschinenversagen, die feindliche Umwelt, ob nun ein Asteroidenfeld im Raum oder ein Sturm in der Atmosphäre. Oder aber, irgendwelche Idioten von der eigenen Feldpost schießen quer. Sie müssen mit allem rechnen, niemals in der Aufmerksamkeit nachlassen. Wenn der blödsinnige Stunt dieser bescheuerten Marines zu etwas gut war, dann damit Sie das begreifen. Seien Sie froh, daß es so ausging...“ Darkness verstummte kurz. Dann fuhr er fort: „In den letzten Tagen habe ich viel von Ihnen verlangt, sehr viel. Es war ohne Zweifel eine harte Zeit für Sie – und es wird nicht einfacher werden, außer in dem Maße, in dem Sie die Maschinen besser beherrschen lernen. Aber nur so können Sie sich auf den wirklichen Einsatz vorbereiten. Und ich muß sagen, Sie alle tun Ihr Bestes und darauf können Sie stolz sein. Ohne allerdings in Ihren Anstrengungen nachzulassen. Das war alles. WEGGETRETEN!“
Die Piloten verstreuten sich – etliche sichtlich erstaunt von den lobenden Worten Darkness. Das waren sie nicht gewohnt. Aber, so dachte jedenfalls der alte Pilot, heute war das nötig gewesen. Er würde schon dafür sorgen, daß ihnen das Lob nicht zu Kopf stieg. Dann wandte sich Darkness zu Second Lieutenant Nakakura, der als einer der letzten den Raum verlassen wollte: „Einen Augenblick, Ohka.“
Der junge Pilot drehte sich um und erstarrte in Habachtstellung, die Hände an der Hosennaht. Das Gesicht war ausdruckslos, die schwarzen Augen sahen Darkness direkt an, ohne etwas zu verraten. Innerlich aber war Kano durchaus nicht ruhig. Er rechnete mit einem Verweis, oder Schlimmeren.
Darkness Stimme war nicht laut, aber eindringlich: „Sie wissen, warum ich Sie gebeten habe zu bleiben?“
„Ja, Sir.“
„Ihre Rotte hat ein gutes Ergebnis erzielt. Immerhin Platz Drei in der Schwadron. Dafür daß Sie mit einem Neuling fliegen...“ Kano schien sich bei diesen Worten des Staffelführers minimal zu entspannen, blieb aber auf der Hut: „Danke sehr, Sir. Crusader hat exzellente Anlagen. Aber er ist noch zu unvorsichtig, Sir.“
„Nun, daß ist wohl nicht nur sein Fehler...“
Kano steckte den Tadel scheinbar ungerührt ein, seine Stimme klang ausdruckslos: „Nein, Sir. Ich habe zu wenig auf die Sicherheit geachtet, bin selber zu tief geflogen und habe Crusader nicht rechtzeitig befohlen, auf die empfohlene Mindesthöhe zu gehen. Deswegen wäre beinahe ein Pilot gestorben und eine Maschine verlorengegangen.“
„Da haben Sie recht. Sie hatten Glück, Sie beide. Es war eine knappe Sache, zu knapp. Ich will keine Piloten verlieren, weil Sie glauben, in einem Wettbewerb zu stehen. Sie sind ein Team, denken Sie daran.“
„Ja, Sir.“
„Sie gehören inzwischen zu den Veteranen und haben bereits Flights kommandiert. Aber diesmal ist es etwas anderes. Sie haben einen Akademieabgänger als Flügelmann und damit ungleich mehr Verantwortung. Sie müssen ihm beibringen, welche Risiken notwendig und unvermeidbar sind – und welche er gefälligst zu vermeiden hat. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?“
„Ja, Sir.“
„Gut. Natürlich war es hauptsächlich die Schuld dieser verdammten Marineflieger. Das ist auch der Grund, warum ich Ihnen nicht vor versammelter Mannschaft den Arsch aufreiße. Betrachten Sie es als eine Chance zu lernen. Noch eine wird es vermutlich nicht geben. Weggetreten.“
„Sir!“
Als Kano in das Quartier kam, daß er zusammen mit Crusader bewohnte, hatte der bereits die Flugkombination gegen seine Dienstuniform getauscht. Er schien regelrecht aufgekratzt – und war völlig überrascht, als sich Kano vor ihm aufbaute und mit harter, eisiger Stimme anblaffte: „Das war eine Dummheit! Sie hätten draufgehen können! Wäre es das wert gewesen? Wäre es das?!“
Crusader fuhr hoch, schlagartig wütend, nicht bereit einfach einzustecken: „Sie haben doch selber mitgemacht ‚Rottenführer‘! Das ist wohl ein Privileg für Veteranen?! Ich bin es satt, mich von Ihnen ständig herumscheuchen zu lassen! Immer heißt es ‚Nicht genug‘, ‚Das können Sie besser‘! Sind Sie jetzt neidisch, weil ich besser bin? Weil Sie Angst hatten? WEIL SIE ES NICHT BESSER KONNTEN?!“
„Ich kann es besser als Sie! Ich habe weitaus mehr Flugerfahrung als Sie, Crusader. Ich kann besser abschätzen, welche Risiken ich eingehe. Sie hätten draufgehen können, für einen Wettkampf. Die Akarii würde dies sicherlich freuen.“
„Was denn, ist es jetzt nur noch meine Schuld?! SIND SIE UNFEHLBAR?!“
„Ich habe einen Fehler gemacht, als ich mich auf diesen Wettkampf einließ...“ abrupt drehte sich Kano zur Seite und langte nach dem Brief, an dem Crusader geschrieben hatte. Crusader reagierte zu langsam.
„Ist das ein Brief an deine Frau?“
„GIB DAS HER, VERDAMMT!“ Crusaders schlug nach Kano, doch sein wütender Hieb wurde ohne Mühe abgeblockt. Kano war leicht zurückgewichen, die Haltung jetzt geduckt, fast lauernd – kampfbereit. Seine Stimme war immer noch eisig, jetzt aber war der Wut darin deutlich zu hören: „Wenn dein Stunt schief gegangen wäre, dann wäre dieser Brief an deine Frau gegangen. Unvollendet, mit nur noch einem Schreiben vom Alten. Und ich wäre schuld daran, weil ich nicht rechtzeitig befohlen hätte, auf Mindesthöhe zu bleiben. Verstehst du JETZT, was ich meine?!“
Abrupt platzte die Wut, die sich in Crusader aufgebaut hatte, wie eine Seifenblase. Er starrte Kano an, sagte auch nichts, als der Crusaders Brief wieder zurücklegte und sich wieder zu der zerlegten Laserpistole auf dem Tisch zuwandte.
In dieser Nacht konnte Crusader kaum schlafen, trotzdem er sich hundemüde fühlte, nachdem die Euphorie des Überleben so abrupt beendet worden war. Und er brauchte lange, um das Geschehene zu Papier zu bringen.
Bereits um Fünf Uhr Morgens warf Darkness, gnadenlos wie immer hetzend, die Piloten aus den Quartieren, für eine mehrstündige Simulatorübung.
Ironheart
24.03.2004, 13:50
Ursprünglich von Cunningham
Fightertown, Miramar Airbase, ehemaliges Gelände für das so genannte TopGun-Schulungsprogramm. Die TSN hatte vieles von der alten United States Navy der ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika und der Royal Navy Großbritanniens übernommen, doch das TopGun-Programm wurde nur belächelt. Ein Pilot der Terran Space Navy wurde ausgebildet um im Raumkampf zu bestehen und nicht um erneut in ein Trainingsprogramm zu kommen um den Kampf zu lernen.
Der Ensign guckte seinen Spind an. Noname stand darauf, ja, dass war er zur Zeit. Er öffnete den Spind und wurde von einem Spiegel überrascht.
Zwischen der linken Brusttasche und den goldenen Schwingen war nur eine dürftige Reihe Ordensspangen. Raumfahrtabzeichen, ein Kampagnenband und das Ordensband für seine Zeit als Gefangener, welches man ihm nur sehr wiederstrebend gegeben hatte.
Gleichmütig verstaute er seine Sachen im Spind, den dunkelblauen Raumanzug / Fliegersiute, den schwarzen Helm, Unterwäsche und noch andere Kleinigkeiten.
Er hörte einen weiteren Piloten den Umkleideraum betreten, als er gerade die letzten Utensilien verstaute.
Die Schritte kamen auf ihn zu und er konzentrierte sich weiter darauf in seinem Schrank rumzukramen, er hatte keine Lust auf einen Plausch.
Statt dem erwarteten "Hallo, ich bin ...", "Hey, bist Du nicht ..." oder "Du bist also der Drecksack von ..." kam es gleich richtig zur Sache, der andere Pilot wirbelte Cartmell herum und versuchte ihn brutal gegen die Spindwand zu drücken.
Cartmell hatte jedoch keinerlei Lust sich an der Spindwand wieder zu finden und schaffte es sich aus dem Griff seines Kontrahenten zu lösen und setzte zu einem Schwinger an.
Der andere Pilot schien jedoch die ein oder andere Kneipenschlägerei hinter sich gebracht zu haben und wehrte den schlag gerade zu spielerisch ab.
Und bevor er zu einem erneuten Schlag ausholen konnte, war sein Gegenüber schon zu nah dran und klammerte um erneut zu versuchen ihn kampfunfähig gegen die Spindwand zu drücken.
Nach etwas Gerangel, wo keiner der beiden einen Vorteil erreichen konnte zückte Cartmells Gegenüber einen Elektroschocker und schickte diesen mit einem kleinen Stromstoß auf die Knie.
Der andere drückte sein Knie gegen Cartmells Kehlkopf und ihn somit doch noch an die Spindwand: "Hm, das letzte mal als ich das Ding brauchte, stand mir ein verschissener Bär von einem Marine gegenüber."
Cartmell erhaschte jetzt zum ersten Mal einen Blick auf seinen Gegner. Knapp eins-achtzig, braunblonde Haare, Drei-Tage-Bart, hartes Gesicht, drei Reihen Ordensspangen zwischen Brusttasche und Schwingen, auf seinem Namensschild über der rechten Brusttasche stand H. Jones.
Jones befingerte Cartmells Kragen: "Ensign, selbst das schlimmste Milchgesicht verlässt die Pilotenschule als 2nd Lieutenant und ich bekomme einen Ensign als Wingman und Du siehst mir nicht nach einem Jungfuchs aus."
"Verpiss Dich." Presste Cartmell hervor.
Jones hielt ihm den Elektroschocker vor die Nase: "Noch ne Ladung? Nein? Dann hör mir gut zu: So mach guter Ruf wurde durch ein paar böse Gerüchte vernichtet und normalerweise gebe ich nicht viel auf Gerüchte, doch bei Dir scheint die Geschichte zu den Gerüchten zu passen. Aber, Du bist hier, trägst die Uniform und die Schwingen und wir werden da draußen zusammen Fliegen. Und wir werden problemlos als Team da draußen Fliegen, was, so viel heißt wie: Du machst was ich sage."
Jones steckte den Elektroschocker wieder weg, lockerte den Griff jedoch nicht: "Und sollte ich herausfinden, das die Gerüchte stimmen und Du tatsächlich Black Buccaneer bist, leg ich Dich um. Ob im All oder auf dem Träger."
Ein Blick in Jones Augen verriet Cartmell, dass dies keine der üblichen leeren Drohungen war, die er so oft schon erhalten hatte.
Jones ließ von ihm ab und Cartmell rieb sich erstmal den Kehlkopf und funkelte Jones nochmal an, dass, wenn Blicke töten könnten dieser nur noch Asche gewesen wär.
Doch Jones zog unbeeindruckt seine Lederjacke an, wand sich ab und ging. Mutig
Cartmell las Jones Callsign auf der Lederjacke: Skunk. Unter dem Schriftzug war ein Stinktier aufgedruckt. Jedoch kein Comic-Geschöpf wie es bei vielen Navypiloten Mode war, ein giftig funkelndes, kleines Biest.
Ironheart
24.03.2004, 13:50
Ursprünglich von Cunningham
Das Quartier war geräumig und im Vergleich zu seiner Behausung auf der Redemption luxuriös. Ein recht großes Büro, welches neben einem modernen Schreibtisch, mit einem Standardmonitor und einem in die Tischplatte eingelassenem Viddisplay und den dazugehörigen Stühlen gab es noch eine weitere Sitzecke, die an ein Wohnzimmer erinnerte.
Einladende Regale mit jeder Menge Platz für dienstliches und auch private Habe.
Dazu kam ein Schlafzimmer, dessen eine Wand durch eine Bett/Schrankkombination ausgefüllt wurde. Ein Bett mit einer überaus bequemen Matratze. Hinzu kam eine weitere Sitzecke. Der dritte Raum war ein großzügig bemessenes Badezimmer.
Und diesmal auch mit funktionierender Dusche.
Jedoch fehlte dem Quartier immer noch die persönliche Note, obwohl es schon seid über einer Woche bewohnt wurde.
Lucas rauchte eine Zigarette, seine vierte seit dem aufstehen vor einer Stunde.
Die Kaffeemaschine blubberte fröhlich vor sich hin und fertigte gerade die erste von vielen Kannen Kaffee an.
Kaum hatte sich Lucas in das Computersystem eingelockt, hatte sich ein viel zu fröhlicher Lieutenant aus der Com-Abteilung bei ihm gemeldet und ihm einen Satz Daten über sein zukünftiges Geschwader überspielt.
Nach dem widerwärtig fröhlichen Geplauder des Lieutenant ließ der zweite Schock nicht auf sich warten.
Wobei es hätte Lucas nicht verwundern dürfen, dass man Curits Long zum Lieutenant Commander beförderte.
Aber zu allem Überfluss hatte Darkness Long auch noch als Lucas XO bei den Phantomen eingeteilt.
Eines Tages, mein Freund, wirst Du dafür büßen.
Aber schließlich war das wohl die beste Lösung, weit aus besser als Long eine eigene Staffel zu geben.
Eine Sektion zu führen würde hoffentlich auch Radio schaffen.
Mitara als Wingleader war sehr gut, sie hatte die Arbeit schon vorher exzellent erfüllt.
Die dritte Sektion wurde von einem weiteren Manticoreveteran geführt, ehemaliger Screaming Eagle. Verdammt, den könnte ich sogar als Staffelchef gebrauchen.
Der nächste Name überkam ihn wie eine kalte Dusche.
Donovan Cartmell. Du solltest doch tot sein.
Schnell rief Cunningham Cartmells Dienstakte auf.
Nein, nein Gott verdammt, das gibt es nicht.
'23 hatten Cartmell und er einen Frachter eskortiert. Lucas erster Flug als Wingleader hatte eine Routinepatrolie werden sollen, doch dann waren die beiden Piloten zu einem Frachter beordert worden. Den Namen des Schiffes hatte Lucas längst vergessen und musste in der Akte von Cartmell nachschlagen. Jesus of Luebeck.
Die Jesus of Luebeck wollte sich einem Konvoi anschließen, der bereits eine Militäreskorte hatte. Das Geschwader damals war auf einem Anti-Pirateneinsatz.
Cartmell und er in ihren Typhoons auf Langstreckenpatrolie, die nächsten zum Frachter. Auf halben Weg zum Konvoi waren fünf Piratenjäger aufgetaucht, alles ältere und schwächere Mustangs, aber immer noch gefährlich genug um es zu einem kurzen aber heftigen Gefecht werden zu lassen.
Das Gefecht war kurz und heftig. Lucas hatte damals seinen dritten Abschuss verbuchen können, ebenso waren drei der übrigen vier Piraten von den Navypiloten stark beschädigt worden.
Jedoch zuvor gelang es den Piraten sie zu trennen, so dass Cartmell auf einmal drei Piloten gegenüberstand und nur durch den einen guten Kanonier der Jesus of Luebeck solange durchhalten können, ehe man ihn abschoss.
Weder die Frachterbesatzung noch Lucas konnten sagen, ob Cartmell ausgestiegen war.
Und bevor sich die Piraten verzogen richteten sie beim Frachter noch mal schwere Schäden an.
Pflichtgemäß hatte Lucas den Träger informiert, die Position durchgegeben und war dann mit dem stark beschädigten Frachter zum Treffpunkt weitergeflogen.
Cartmell hatte man nicht mehr gefunden.
Lucas hingegen suchte Fehler, wo keine waren und hatte sich schließlich mehr als einmal über Cartmells mangelnde Piloteneignung ausgelassen, um so jegliche Fehler und Schuld, die seine Vorgesetzten finden mochten, auf einen vermeintlich toten abzuwälzen.
Einem Toten, der jetzt unvermittelt wieder an seiner Tür klopfte. Das Leben war einfach zum Kotzen.
Ironheart
24.03.2004, 13:51
Ursprünglich von Hammer
Murphy stand an der Rampe des Shuttles, in dass seine Crews einstiegen. Die Reaktion der Männer und Frauen, die in den Transporter einstiegen, war gemischt. Einige schienen frohen Mutes zu sein. Andere warfen ihm in scheinbar unbeobachteten Momenten böse Blicke zu. Als eine der letzten traf Lieutenant Commander McGill ein. Sie würdigte ihn keines Blickes und stapfte an ihm vorbei. Dann kam Count aus dem Shuttle.
„Sir, alle Mann an Bord. Der Pilot hat bereits die Startgenehmigung erhalten.“
„Gut, ich komme.“ Murphy stieg in den Transporter und betätigte den Schließmechnismus der Heckluke. Normalerweise wurde diese vom Lademeister bedient aber auf einem einfachen Transferflug sparte man dieses Personal.
Nachdem auch Martell Platz genommen hatte, hob das Shuttle ab und raste gen Himmel. Der Pilot schien seine Freude daran zu haben, den maximalen Steigungswinkel des Fliegers auszutesten.
Die Stimmung im Transporter auf dem Flug war angespannt. Mittlerweile wußte jeder von dem Vorfall in Miramar und vor allem die erfahreneren Mitglieder der Staffel ahnten, dass sich etwas zusammenbraute. Murphy und Von Hauenstein sagten den ganzen Flug über kein Wort und versuchten, sich etwas auszuruhen. Beide wußten, dass die nächsten Wochen anstrengend werden würden. Das Trainingsprogramm stand bereits in groben Zügen fest. Murphy ahnte, dass McGill nach den ersten Übungen ihm wieder aufs Dach steigen würde. Denn die bisherigen Pläne verrieten nicht, dass spätestens ab Tag 3 der Stresspegel förmlich explodieren würde. Count und er hatten absichtlich Simulationsprofile erarbeitet, die die Crewkoordination beanspruchten. Das aber waren zugleich jene Situationen, die auch insgesamt am anspruchsvollsten waren.
McGill saß derweil am hinteren Ende des Laderaums und besprach sich mit Lt. Dubois und Lt. Sherringham.
„Madam, das wollen Sie sich doch nicht bieten lassen von diesem Schnösel.“ meinte Dubois.
Sherringham nickte zustimmend.
„Nein, das werde ich auch nicht. Aber wir müssen den richtigen Zeitpunkt abwarten. Ich will mal sehen, was meine Kontakte auf dem Mars so sagen, vielleicht finden wir ja eine Leiche in seinem Keller.“
„Die hat mit Sichheit jeder.“ stimmte Sherringham zu.
„In der Zwischenzeit die Augen und Ohren offenhalten, wenn Ihr etwas seht oder hört, merken und melden. Vielleicht entfremdet er sich auch von Neulingen, dann hätten wir ihn im Sack. Denn kein vernünftiger Mensch wird einen CO rauslassen, dessen komplette Staffel gegen ihn steht.“
„Was machen wir mit dem XO der Crusader?“
„Gute Frage, Mailman. Ich denke, abwarten und schauen, wie er sich verhält, vielleicht ist er ja scharf auf Murphys Kommando....“
Drei Stunden später befand sich das Shuttle im Landeanflug auf die Station Alpha Theta 2. Murphy kannte die Station schon aus seiner Zeit auf dem Mars. Als der Transporter endlich andockte ließ er die Staffelmitglieder draußen antreten, um ihnen die Quartiere zuzuteilen. Anders als in Miramar würden die Crusader und Rafale Crews schon jetzt wieder in eine den Verhältnissen auf einem Träger entsprechenden engen Raum zusammengepfercht werden. Dann übergab er sein Zeug einem Seaman, der zum Begrüßungskommando gehört. Wie üblich bei einer Trainingsstation ging die Ankunft ohne jede Formalien ab. Murphy wollte sich so schnell wie möglich die Maschinen anschauen, kam jedoch nicht drumrum, erst dem Stationskommandanten einen Besuch abzustatten. Dieser war im vorliegenden Fall ebenfalls ein Lieutenant Commander, der erfreut war, Murphy endlich kennenzulernen. Die Begrüßung war entsprechend freundlich.
„Commander Murphy, freut mich, Sie hier anzutreffen.“
„Commander Ames, guten Morgen. Sie scheinen mich zu kennnen...?“
„Sie nicht, aber Ihren Ruf. Ich war ihr Nachfolger auf dem Mars als Ausbilder. Naja, die ersten Monate hatte ich dementsprechend wenig zu tun.“
Murphy grinste. „Ja, die Jungs hab ich auf Trab gebracht. Verdammt, es kommt mir so lange vor.“
„Ich kann es mir denken. Dafür war die Nachfolgegruppe umso schlimmer.“
„Vielleicht hab ich sogar einige von denen dabei, so jung wie einiger meiner Leute sind.“
„Nein, ich hab schon nachgeschaut. Aber eine interessante Mischung, muss ich sagen.“
„Sie drücken sich aber sehr vorsichtig aus.“
Beide Männer lächelten wissend.
„Sie wollen bestimmt Ihre Maschinen in Augenschein nehmen. Hangar 8. Die Wartungsberichte bekommen Sie dort, es sollte alles in bester Ordnung sein. Vier Maschinen sind noch im Upgradezyklus, so dass nur acht Crusader flugtauglich sind momentan. Aber das ist nur für die nächsten drei Tage.“
„Hm. Das wird dem XO nicht gefallen, da darf er die Übungspläne nochmal durcheinander wirbeln.“
„Das Leben ist hart...“
„.. und unfair, ja, ich weiß. Vielen Dank. Achja, wir bräuchten eine großzügige Einteilung der Fitnessräume, meine Leute sollen sich mal das Fett abtrainieren, das sie auf der Erde angesetzt haben.“
„Ist schon geschehen, ich ahnte sowas....“
„Na dann besten Dank und auf gute Zusammenarbeit.“
Murphy verließ das Büro und begab sich zum Hangar, wo Count bereits mit den Maschinen beschäftigt war.
„Na, Count, was sagen Sie?“
„Nunja, Sie werden ja wahrscheinlich schon wissen, dass vier Maschinen noch nicht bereit sind.“
Murphy nickte. „Und sonst?“
„Die Chassis sind steinalt, den Seriennummern nach sind die Maschinen aus einer der allerersten Baureihe. Was aber nicht unbedingt schlecht ist. Laut Wartungshandbuch sind sie generalüberholt, die meisten Maschinen haben noch in keinem richtigen Gefecht gestanden, so dass wohl keine strukturellen Schwächen in dem Bereich zu befürchten sind. Außerdem haben sie die alten Sitze.“
„Die mit echtem Leder?“
„Genau die.“ Count grinste. „Kein Mensch weiß, wieso man die Dinger eingebaut hat, aber sie sind einfach gemütlicher. Nicht so wie dieser neumodische Schrott.“ Count blickte wieder auf die Maschinen.
„Ansonsten sind die Systeme der anderen acht Maschinen auf dem neuesten Stand. Die Wartungscrew muss ein wenig auf die Rotationswerfer achten, die sind in den ersten Baureihen manchmal etwas problemanfällig. Aber nichts wildes.“
„Also sind wir zufrieden?“
„Wir sind zufrieden, ich hatte insgeheim mit einem Haufen Weltraumschrott gerechnet, nicht mit diesen alten, guterhaltenen Ladies.“
„Dann wollen wir die Nachricht mal an die Staffel überbringen. Ich denke, wir werden die ersten drei Tage dann nur Simübungen machen.“
„Und die Theorie aufstocken, das kann nicht schaden, wenn wir hintenherum mehr Zeit für die Arbeit im Cockpit haben.“
„Einverstanden.“
Fünf Minuten später fand die erste Einsatzbesprechung an Bord der Station statt. Die Staffelmitglieder waren nach und nach eingetroffen, meistens in den schon bekannten Gruppen. Lieutenant Commander „Irons“ McGill kam wiederum als eine der letzten. Zur Murphys Überraschung lächelte sie ihn an und setzte sich in die erste Reihe. Er lies sich davon jedoch nicht aus dem Konzept bringen und begang mit dem Briefing.
„Ladies und Gents, wir haben eine kleine Planänderung. Nicht alle Maschinen sind derzeit flugfähig. Wir werden daher anstelle der geplanten Übung heute eine Simübung und anschließend eine doppelte Ladung Theorie einschieben. Das gleiche gilt für die nächsten zwei Tage. Keine Angst, wir werden die Flugstunden später nachholen.
Ziel der heutigen Simübung ist das Training von Formationsflügen unter Gefechtsbedingungen und der Einsatz der Abwehrtürme zur gegenseitigen Deckung. Sollten Sie ein Ziel bekommen, dürfen Sie es angreifen, jedoch nur, wenn sich hieraus keine Gefährdung der jeweiligen Gruppe oder des Geschwaders ergibt. Sollten Sie oder Leute aus Ihrer Gruppe abgeschossen werden, wird sich dies äußerst negativ für die Bewertung auswerten. Außerdem wird alles mitgeschnitten, was im Cockpit passiert. Nein, wir sind nicht Big Brother, aber wir wollen sehen, wie die Crews zusammenarbeiten. Gehen Sie im übrigen davon aus, dass der Voicerekorder auch in den meisten Gefechten aktiviert ist. Da wir keine langen Anflüge haben, gibt es eh keinen Anlass, sich über irgendwelche Dinge zu unterhalten, die nicht mit der Übung zu tun haben. Genaue Briefings wird es im Cockpit geben.“
Murphy schaute in die Runde.
„Gut. Uhrenvergleich, es ist jetzt...1653. Seien Sie um 1700 im Simulatorbereich. Das wäre es erstmal. Sie sind entlassen.“
Ironheart
24.03.2004, 13:51
Ursprünglich von Ironheart
Ächzend und stinkwütend kam Cartmell wieder auf die Beine. Nachdem es seinem Kehlkopf besser ging, massierte er seine Schulter und versuchte seinen wie taub wirkenden Arm wieder zu bewegen.
Wenn dieser Bastard dachte, dass er ihn durch diese Aktion respektieren oder fürchten würde, dann hatte er sich geschnitten. Jones hatte ihn überrascht, das war alles gewesen, aber noch mal würde ihm das nicht gelingen. Jetzt war Cartmell vorbereitet. Einen Augenblick dachte er daran, wie er es dem Stinktier heimzahlen würde, doch dann riss er sich zusammen. Früher oder später würde sich eine Gelegenheit für eine Revanche ergeben, aber im Moment bewegte sich sein Arsch schon genug auf brüchigem Eis. Eine unüberlegte Racheaktion, half ihm jetzt nicht weiter.
Kopfschüttelnd verstaute er seine bei der Rangelei auf den Boden gefallenen Utensilien. Zumindest war eine Sache wieder einmal typisch für die Navy und alle ihre Mitglieder: „Erst schlagen, dann fragen.“
„Scheiß auf die Navy“ murmelte er als er sich seine schlichte braune Lederjacke überwarf und Richtung Ausgang ging. Irgendetwas sagte ihm, dass das mit ihm und diesem Stinktier kein gutes Ende nehmen würde.
*******************
Am nächsten Morgen hatte ihn die Order erreicht, sich bei dem XO seiner zukünftigen Staffel zu melden.
Als er das Büro erreicht hatte, indem der stellvertretende Staffelführer sein sollte, klopfte er etwas zaghaft an, ohne zu wissen ob es das richtige Büro war, denn es existierte kein Türschild.
„Ähm, ja herein,“ klang es gedämpft durch die Tür. Donovan öffnete die Tür, dass heißt er versuchte es. Allerdings kam er nicht sonderlich weit, ehe diese gegen etwas polterte und er die Tür nicht weiter aufmachen konnte .
„Oh Moment, warten Sie“ hörte er die Stimme sagen. Die Tür ging auf und vor ihm stand ein jüngerer Lieutenant Commander der einen halb geöffneten Seesack in den Händen hielt, offensichtlich der Gegenstand, der die Tür blockiert hatte.
„Setzen Sie sich doch“ bedeutete er Donovan mit einer Handbewegung und einem freundlichen Lächeln, ehe er bemerkte, dass ein Teil seiner Kleidung - unter anderem ein knallbuntes Hawaiihemd und ein paar andere Kleiderstücke - über einem der Besucherstühle achtlos geworfen worden waren.
Mit einem lauten „Shit“ räumte er die Sachen in den Seesack, überlegte kurz wo er ihn hinstellen könnte und stellte ihn schließlich beiseite. Dann zeigte er wieder auf den Platz, während er um den Schreibtisch herum ging und sich nun auf seinem eigenen Platz niederließ.
Das gab Donovan Zeit seinen Blick in dem kleinen Büro umherschweifen zu lassen. Es sah aus, als wäre es erst vor ein paar Stunden in Besitz genommen worden.
War das gesamte Büro des stellvertretenden Geschwaderführers Darkness McQueen sauber, gepflegt und eher spartanisch eingerichtet gewesen, so war der Schreibtisch des stellvertretenden Staffelführers das genaue Gegenteil: Das absolute Chaos!
Der Schreibtisch war übersäht von altmodischen Papierausdrucken, dicken Handbüchern und allerlei dünneren Registerordnern, die – wie Donovan mittlerweile wusste – die Papierversionen der Dienstordner waren. Obenauf konnte er dann auch seinen Ordner erkennen, allerdings schien das elektronische Siegel ungeöffnet zu sein.
„Nun Ensign Cartmell,“ begann Radio mit einem Blick auf Donovans Rangabzeichen und Namensschild „ich bin First Lieu… ähm, Lieutenant Commander Curtis Long, Callsign Radio und so lange der Alte nicht da ist, habe anscheinend ich das Kommando über die rote Staffel erhalten…“ Radio stockte einen Augenblick, anscheinend verwirrte ihn jetzt etwas und sein Blick zuckte erneut zu seinem Abzeichen und dann zu den goldenen Schwingen, die Donovan trug. „Wie kommt es, dass Du… Ähm… Sie nur Ensign sind?“
„Ich bin degradiert worden, Sir!“ antwortete Donovan so emotionslos wie möglich und trotz des Sitzens in steifer Habachtstellung.
„Degradiert, aha!“ Augenblicklich nahm Radio´s Gesicht einen säuerlichen Ausdruck an. „Warum zum Geier…“ begann er, doch besann er sich dann eines Besseren, nahm sich statt direkt zu fragen den Dienstordner von seinem Stapel und öffnete das elektronische Siegel mit seiner Chipkarte. Dann begann er zu lesen und zu blättern. Als er ein paar Minuten später fertig war, ließ er den Ordner mit einem „Shit“ wieder auf den Stapel fallen und blickte Cartmell fest an. Die Freundlichkeit war wie aus seinem Gesicht gewischt. Etwas anderes hatte Cartmell auch nicht erwartet.
„Shit, Shit, Shit. Sie werden mir Ärger machen! Ich sehe es schon direkt vor mir. Sie werden mir Ärger machen…“ Radio schüttelte den Kopf und klang, als hätte man ihn gerade zu sechs Wochen Latrinendienst verdonnert.
Er setzte zu einer Frage an, brach dann aber ab. Überlegte ein paar Sekunden, machte Anstalten wieder eine Frage zu äußern, blickte ihn mit offenem Mund an und stoppte dann doch erneut. Offensichtlich fehlten dem frisch gebackenen Lieutenant Commander die Worte.
Schließlich schüttelte er den Kopf und murmelte: „Ach was, soll sich doch Lone Wolf darum kümmern… Seien Sie um 0900 im Hangar 4. Dort werden wir unser erstes Staffelmeeting haben.“
Donovan lief es eiskalt den Rücken herunter. „Wie war das?“
Radio schaute mit gerunzelter Stirn hoch. Das abrupte Knurren in Cartmells Stimme überraschte ihn so sehr, dass er nicht mal die mangelhafte Anrede des Ensign wahrnahm.
„Sie sollen um 0900 zur Staffelbesprechung kommen. Was ist daran so schwer zu verstehen?“
„Nein, Sir. Ich meinte das Callsign, dass sie gerade… War das Lone Wolf? Etwa Lucas „Lone Wolf“ Cunningham?“
„Ja genau“ nickte Radio „wieso kennen Sie ihn?“
Erinnerungen schossen kurz in Donovan´s Gedächtnis. Er hatte das Gefühl, dass ihm abwechselnd heiß und kalt wurde und er starrte Radio mit offenem Mund an.
Jemand erlaubte sich einen bösen Scherz mit ihm, das konnte einfach nicht sein…
„Ensign“ wiederholte Radio „kennen sie Commander Cunningham?“
„Flüchtig.“ antwortete Donovan leise, seine auflodernde Wut mühsam unterdrückend „Wir haben uns vor einer Ewigkeit kennen gelernt.“
Dann salutierte er eiligst und verließ fast schon fluchtartig das Büro und ließ einen etwas ratlos blickenden Radio zurück.
Als Cartmell raus war und die Tür wieder zugefallen war, fiel Radio etwas auf und er brüllte dem Ensign ein lautes „WEGGETRETEN“ hinterher.
**************************
Luft, er brauchte dringend Luft.
Mit zittrigen Knien war Cartmell auf dem Weg zu Hangar 4 und saugte tief die um 8 Uhr früh bereits angenehm warme Luft Kaliforniens ein.
„Cunningham!“ murmelte er vor sich hin „Commander Lucas Cunningham!“ Er schüttelte den Kopf. So lange war es her gewesen und er hatte ihn nicht vergessen. Wie konnte er auch. Lone Wolf war sein Wingleader gewesen, damals auf der Gallipolli. Zwischen Ihnen beiden hatte immer eine Art Konkurrenzkampf geherrscht. Nichts ungewöhnliches wenn ein viel versprechender Jungspund auf einen erfahreneren Piloten traf.
Doch Lone Wolf war schon damals extrem auf seine Karriere fixiert gewesen. Und als Cartmell seinen dritten Abschuss gegen die Piraten hatte verzeichnen können – es war zwar wieder nur eine alterschwache Mustang gewesen, während Lone Wolf zwei von den Piraten erbeutete Phantom auf seiner Abschussliste hatte – da war der Konkurrenzkampf zwischen Ihnen erst richtig entbrannt.
In dem schicksalhaften Einsatz, bei dem Donovan schließlich abgeschossen worden war, hatte sich Cunningham ebenfalls seinen dritten Abschuss geholt. Aber dabei hatte er seinen Flügelmann vernachlässigt, für den er verantwortlich war, und sie waren voneinander getrennt worden. Cartmell hatte es alleine mit 3 anderen Maschinen aufnehmen müssen, die ihn und den zu schützenden Frachter immer wieder unter Feuer nahmen.
Und letztlich hatten sie ihn erwischt.
Doch das war nicht der einzige Anlass, weswegen Donovan allen Grund hatte sauer auf Lone Wolf zu sein. Während seiner ersten Verhandlung über den Vorwurf der Piraterie waren auch Cunninghams Einsatzberichte zum Tragen gekommen. In diesen hatte Lone Wolf jegliche Verantwortung von sich gewiesen und Cartmell´s angebliches Fehlverhalten für seinen Abschuss verantwortlich gemacht.
Der JAG-Vertreter der Anklage hatte diese Einsatzberichte im Rahmen der Verhandlungen zitiert, um damit die Unterstellung zu begründen, Donovan könnte sich vielleicht absichtlich abgeschossen haben lassen um sich den Piraten anzuschließen.
Die Jury war dieser Argumentation zwar nicht gefolgt, aber der Vorwurf blieb. Und Cunninghams Lügen waren dafür verantwortlich.
Und jetzt hatte Lone Wolf tatsächlich Karriere gemacht, war zum Commander aufgestiegen, angesehen, mehrfach ausgezeichnet.
`Das Leben konnte nicht ungerechter sein` dachte Donovan während er mühsam seinen Zorn bändigte und sich auf die Suche nach dem Hangar 4 machte.
Ironheart
24.03.2004, 14:20
Ursprünglich von Cunningham
Radio marschierte über das Flugfeld zu einem der beiden großen Hangar. Er war hundemüde. Er war erst vor 5 Stunden ins Bett gegangen und vor 1 1/2 Stunden wieder aufgestanden.
Sein jetziger Posten ging ihm nach erst 12 Stunden auf den Geist.
Er öffnete die kleine Personentür in der rechten großen Hangartür und trat ein.
"ACHTUNG!" Tönte es ihm aus dem Hangar entgegen und er nahm reflexartig seine eingeübte schlampige Stillgestandenstellung ein, bis ihm auffiel, dass man wegen ihm Achtung befohlen hatte.
"Shitt ... ähm, rühren."
Die Piloten hatte noch nicht einmal Haltung angenommen, einer war noch dabei sich aufzurichten, ließ sich jedoch gleich wieder gegen das Vorderrad der Phantom fallen, an das er bis eben mit dem Rücken gelehnt hatte.
Radio baute sich vor den Piloten auf: "Gut, gut Ladies and Gentlemen. Mein Name ist Curtis Long, so lange unser Herr und Meister nicht da ist, sorge ich für Ihr Wohlbefinden."
Er bemerkte, wie sich einer der Piloten, wohl Harvey Jones, die Hand vor die Augen hielt.
"Aber bitte richten Sie jetzt Ihren Blick zu Ihrer linken, dort sehen Sie die F-102 Thyphoon. Der schnellste und wendigste Jäger, den die TSN ins Feld führt, nur die Falcon soll bessere Werte haben, doch, das muss erstmal bewiesen werden." Radio deutete nun nach rechts von den Piloten. "DAS ist die F-107 Nighthawk. Das Nonplusultra unserer Streitkräfte. Sie ist schneller und wendiger als die Phantom, trägt mehr Raketen, hat durchschlagsfähigere Waffen, ist dickere Panzerung und stärkere Schilde.
Und jetzt schauen Sie hinter sich. Das werden Sie fliegen: Die F-103 Phantom. Mein erster Rottenführer hat einst behauptet kein Neuling in einer Nighthawk würde einen Veteran in einer Phantom besiegen.
7 Kämpfe später hatte die Phantom sieben Niederlagen auf dem Konto. Sieben Niederlagen."
Radio studierte die Blicke der Männer und Frauen, die er solange kommandieren würde, bis ihr aller Herr und Meister sich dazu berufen fühlte, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. "Nun denn, wir werden so oft trainieren wie es geht, um ein Team zu werden und dem Feind gemeinsam entgegen treten zu können. Bevor ich Sie aber auf die Menschheit loslasse, kommen Sie in die Simulatoren." Er klatschte in die Hände.Das lief ja doch ganz gut.
Was für einen Armleuchter haben die uns denn da vor die Nase gesetzt? fragte sich Skunk als der Lieutenant Commander sie zu den Simulatoren trieb.
Voller Unbehagen stieg er in seine Simulatorkanzel und salutierte Noname noch mal spöttisch, welcher ihm zur Antwort einen finsteren Blick herüberschickte.
Das Training verlief wie er sich es vorgestellt hatte. Mieserabel.
Radio hatte nicht das richtige Zeitgespühr und schon nach der ersten halben Stunde Formationsflug ließ er die Fetzen fliegen, so dass diese das einzige waren, was von der Staffel übrig blieb.
Der einzige Grund: Wingleader und Wingmen kannten sich nicht.
Die alten Mitglieder der Angry Angles waren anständige Piloten. Natürlich, die Feiglinge und Nieten hatte die Natur des Krieges schon längst aussortiert und zu Eiszapfen verwandelt, wenn sie denn nicht verbrannt waren.
Die ehemaligen Milizionäre leisteten sich auch keine großartigen Schlappen, wenn der ein oder andere Hal Crispin und Pops James etwas träge zu sein schienen.
Ebenso machte Noname den Eindruck, als sei die Phantom nicht sein Idealinstrument, was merkwürdig war.
Die drei Neulinge von der Akademie, nun Bob und Hacker schienen keine wirklichen Leuchten zu sein. Goblin hingegen war etwas mehr als passabel. Eher sogar recht gut, sowie er sich bei Kali hielt und sie ergänzte.
Shaka oder Ace oder wie zum Teufel er auch immer genannt werden möchte flog jedoch etwas zu aggressiv, so das Bobs Schwächen sogar noch stärker zu tage traten.
Die nächsten Übungen wurden noch härter und das Ergebnis blieb das gleiche und wurde sogar noch schlechter, als einige anfingen auf Hacker und Bob rumzuhacken.
Am Ende des Tages war die Moral am Boden und die Phantome lagen in Sachen Übungen weit hinter den anderen Staffeln zurück.
Radio saß in dem Büro, welches man ihm zugeteilt hatte. Von allen verdammten Lieutenant-Commanders natürlich, das kleinste, am schlechtesten gelegenste und so weiter. Tja, ne eigene Staffel müsste man haben, statt für Seine Majestät den Babysitter zu spielen.
Ha! War kein Wunder, dass sich der alte nicht blicken ließ, sonst könnte man ja IHM die mangelhafte Leistung dieser Schmalspurpiloten ankreiden.
Nach zweimaligem Klopfen an der Tür trat auch einer dieser unaufgefordert ein.
Skunk ließ sich auf den rechten Besucherstuhl fallen und grinste seinen amtierenden Staffelführer schief an: "Scheiße gelaufen heute was?"
"Yeah, und wenn ich mir Di... Sie so angucke, schwant mir, dass es noch nicht zuende ist."
"Hehe, exakt, denn eigentlich haben heute ganz allein Sie Scheiße gebaut." Skunk zündete sich eine Zigarette an.
"Oh, Quell der Weisheit, hellstes Licht am Firmament, oh Sonnengott ..."
"Herr von Fiddlers Green nicht vergessen", warf Skunk ein.
"... natürlich nicht, Herr von Fiddlers Green, bevor ich Sie zum Küchendienst für die nächsten 6 Monate einteile, wo genau lagen meine Fehler, damit ich kleines Lämmchen lerne und sie nicht wiederhole." Radios Stimme triefte vor Sarkasmus.
"Fangen Sie ganz von vorne an. Formationsflug, Schauflug. Flugmanöver aus dem Schulbuch der Akademie. Und unterbinden Sie, dass aufeinander Rumgehacke, das führt zu nichts. Mit einer Ausnahme natürlich."
"Ach, mit einer Ausnahme?"
"Klar: Ich mache Cartmell fertig, wie es mir passt. Desweiteren, sagen Sie den Jungs und Mädels nicht mehr, was sie nicht schaffen, schon gar nicht, dass die Phantom keine Nighthawk schlagen kann."
"Eine Phantom kann nicht gegen eine Nighthawk ankommen." Radios Stimme war voller Überzeugung.
"Ach, aber ne Bloodhawk, was mich zu der Frage bringt, wie kommen Sie an abgeschossene Bloodhawks? Naja, wie dem auch sei, ich werde Ihnen schon beweisen, dass die Phantom durchaus in der Lage ist, eine Nighthawk zu schlagen."
"Ach und wie wollen Sie das machen, wenn ich fragen darf?"
"Ganz einfach Commander", Skunk erhob sich und ging zur Tür, "ich fange mit den Starlancers Streit an."
Und wieder war Radio allein. Mit einer Menge Stoff zum Nachdenken.
Ironheart
24.03.2004, 14:21
Ursprünglich von Tyr Svenson
Tyr war eigentlich ein recht verträglicher Mensch. Deshalb hatte er auch keine Probleme gehabt, mit den Mitgliedern der in Miramar stationierten Starlancer-Eliteflieger Kontakte anzuknüpfen. Trotz ihrem Gardestatus waren die meisten Piloten der Starlancers verträgliche Jungens und Mädchens, solange man ihren Status nicht anzweifelte, was Tyr respektierte. Die anderen Piloten verzichteten im Gegenzug darauf, ihn als Milizpiloten runterzumachen. Das hatte möglicherweise auch etwas damit zu tun, daß Tyr die Statur eines Wandschranks mit den Muskeln und Reflexen eines Marinesoldaten verband. Er kam gut mit den Piloten zurecht, auch mit seinen neuen Staffelkameraden und den Offizieren. Er kam eigentlich mit allen gut zurecht, dachte er. Mit einer Ausnahme...
Seitdem er in der Kantine davon gehört hatte, ging ihm diese Geschichte nicht aus dem Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein. Nicht mal in DER Navy und in der jetzigen Situation. Alles, aber nicht DAS...
Aber nun stellte er fest, daß seine neuen Bekannten ähnliches gehört hatten – und einer von den drei Piloten, mit denen er in der Kantine bei der sechsten oder siebenten Runde saß, war so etwas wie der Bursche des Staffelführers und hatte sein Wissen aus dieser zuverlässigen Quelle.
Also stimmte es. Einer der neuen Piloten, er flog in der Staffel des GESCHWADERCHEFS, war ein Ex-Sträfling, frisch aus dem Militärgefängnis. Und vor allem – dieser Typ galt als Überläufer und Pirat, auch wenn man dem aalglatten Hurenbock nichts hatte nachweisen können. Tyr war kein Saubermann und übertriebene Standesdünkel waren ihm fremd, das konnte er sich mit gutem Gewissen bescheinigen. Aber DAS sprengte doch jeden Rahmen. Je länger er darüber nachdachte, und je länger das Gespräch der vier Piloten um dieses Thema kreiste, desto mehr kam Tyr zur Überzeugung, daß da irgendjemand in Justiz, Verwaltung und Personalbüro geschlampt hatte. Aber das ließ sich bestimmt noch korrigieren. Die anderen Piloten waren da ähnlicher Meinung. Und Tyr hatte schon ein Idee, wie man das anfing...
*****
Cartmell war stinksauer.
Stumm lag er auf der Pritsche in seinem Quartier und starrte missmutig an die Decke. Die letzte Simulatorübung lag erst zwei Stunden zurück und sie war wie alle bisherigen Übungen mehr schlecht als recht geglückt.
Die Schwadron war ein Durcheinander von Veteranen, Jungspunden und Milizionären, ohne Zusammenhalt oder Teamwork. Das hätte ihm ja gleichgültig sein können, aber dies bedeutete auch schlechte Aussichten für sein eigenes Überleben, wenn es mal ernst wurde.
Aber er wusste, daß auch er selber bisher nicht so geflogen war, wie er es von sich selbst erwartet hätte. Sein Wingleader war gut, daß musste er anerkennen. Er flog wie der Teufel und Cartmell hatte mehr als einmal Schwierigkeiten gehabt ihm zu folgen. Doch scherte sich Skunk nicht im Geringsten darum, ein Team mit ihm zu bilden, im Gegenteil: Er nutzte jede sich ihm bietende Gelegenheit um Cartmell fertig zu machen, ob nun vor allen anderen Piloten oder auch wenn sie nur unter sich waren. Egal wie gut oder wie schlecht Cartmells Leistungen im Vergleich zu den übrigen Staffelmitgliedern waren, er konnte sich Skunks Hohn und Spott sicher sein.
Der stellvertretende Staffelführer, Radio, schien das nicht zu interessieren und er intervenierte nicht ein einziges Mal. Aber von ihm hatte Cartmell ohnehin nichts weiter erwartet, schien Radio doch eh der Typ zu sein, der von Tuten und Blasen wenig Ahnung hatte. Vermutlich hatte man ihn nur deshalb zum Lt. Com. gemacht, weil er eben von der Dienstzeit her an der Reihe war.
Aber der Ärger ging eindeutig von diesem Arschloch Skunk aus. Nicht zum ersten Mal wünschte sich Cartmell, dieser Mistkerl wäre bei den diversen Prügeleien mit Marines und sogar Fremdenlegionären mal an einen geraten, der die Dienstvorschriften und das militärische Strafrecht vergessen hätte und diesem Stinktier das Genick gebrochen oder einen Fuß geschliffenen Stahl in den Wanst gerammt hätte.
Aber Skunk war nur der extremste Fall. Nicht, daß die anderen wesentlich besser gewesen wären. Zwar hatte ihn keiner sonst tätlich angegriffen, nicht mal beleidigt – aber sie alle hielten Abstand. Und er spürte es jedes Mal, wenn er einen Raum betrat oder verließ. Die Gespräche verstummten, die Blicke – gehässig, misstrauisch oder höhnisch. Zumindest ersparte ihm diese Distanz zu seinen neuen Staffelkameraden, daß er störende Fragen zu seiner Vergangenheit beantworten musste.
Cartmell wusste, daß das eigentliche Problem nicht in der Staffel oder seinen Staffelmitgliedern begründet lag. Der Grund für seine schwachen Leistungen war, daß ihm die Motivation fehlte, wirklich sein Äußerstes zu geben. Er flog nicht mit dem Herzen, nicht mit dem Elan und Engagement. Er war nicht mit dem Herzen dabei.
Es war paradox: Er wußte, daß ihre Chancen zum Überleben als eine Horde Einzelgänger nahezu bei Null lagen. Doch andererseits konnte er beim besten Willen keine Begeisterung dafür aufbringen mit dieser Einheit zusammen zu fliegen.
Was hatte sich die Navy bloß dabei gedacht, ihn als Ensign einzuschreiben – in einer Waffengattung, in der jeder Jungspund Second Lieutenant war. Sein absolut ungebräuchlicher Rang machte ihn fast zu einem Aussätzigen, der das Zeichen seiner fragwürdigen Stellung an der Uniform trug. Inzwischen war er sich sicher, daß die Navy genau DAS beabsichtigt hatte. Man brauchte nicht hinauszuposaunen „ehemaliger Sträfling“, darauf kamen seine neuen „Kameraden“ von ganz alleine. Nicht nur die Piloten, auch die technischen Dienste. Er hasste das.
Wieder einmal wanderten seine Gedanken zu Skunk, der es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hatte, ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. Jedes mal wenn er diesen Bastard sah, musste Cartmell den Drang niederkämpfen, ihn zusammenzuschlagen. Er tat es nur deshalb nicht, weil er genau wusste, dies wäre das Ticket zurück zur Strafkolonie gewesen. Und dorthin wollte er unter keinen Umständen wieder zurück. Das Problem war nicht das Eingesperrtsein, das war er im Moment in gewisser Weise auch. Das Problem waren auch nicht die Wärter und die Mitgefangenen. Die behandelten ihn – nachdem man sich mit ihnen arrangiert hatte - auch nicht deutlich mieser als seine „Kameraden“. Aber dort war es ihm versagt gewesen zu fliegen. Und DAS machte einen Unterschied.
Abwesend starrte er an die Decke, seine Gedanken wanderten zu den beeindruckenden Bildern von Planeten, Sonnen, weit entfernten Nebeln in allen erdenklichen schillernden Farben. Eine Gänsehaut erfasste ihn, als er an den schier unglaublichen Anblick dachte, der sich einem bot, wenn man mit enormer Geschwindigkeit auf einen der äußeren Ringe von Centauri 8 zuschoss und die Zwillingssonnen des Alpha Centauri Systems trotz ihrer weiten Entfernung hell erstrahlend aus dem Schatten des Gasriesen „aufgingen“. Solche Anblicke waren es primär, die er in seinen Erinnerungen festhielt.
Es wummerte gegen die Tür. Cartmell wurde aus seinen Tagträumen herausgerissen und fuhr überrascht auf. Wer konnte das sein? Kam der Geheimdienst oder die MP um ihn wieder in den Knast zu schaffen?
„Wer ist da?“
Cartmell kannte die Stimme nicht, die dumpf antwortete: „Cartmell, der XO will Sie bei den Simulatoren! Machen Sie gefälligst hin, er wartet nicht gerne, schon gar nicht auf Sie!“
Dann entfernten sich Schritte. Als Cartmell wütend die Tür aufriss, sah er nur noch einen Typen in Techuniform die Treppe hinunter verschwinden.
„Arschloch!“ Eigentlich hatte er jetzt frei und dieser zusätzlich angeordnete Simeinsatz war sicher nur reinste Schikane. Aber das war ihnen wohl egal, er war nun mal ein „Defekter“.
Immer noch wütend legte er die Pilotenkombination an, die auch im Simulator getragen werden musste – angeblich, um die Piloten an das Tragen der schweren Montur zu gewöhnen.
Trotz, oder gerade wegen seiner schlechten Laune war er in kürzester Zeit bei den Simulatoren. Inzwischen konnte er den Weg mit verschlossenen Augen zurücklegen. Jetzt, es war bereits Zehn Uhr abends, war die Anlage menschenleer. Wer allerdings nicht pünktlich war, war Radio. Aber ein Vorgesetzter kam natürlich nicht zu spät, der Untergebene kam zu früh. Hoffentlich brauchte dieser „Reservestaffelführer“ nicht zu lange.
Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren.
Seine Reflexe waren in der Zeit bei den Piraten und im Gefängnis geschärft worden. Aber hier rechnete er nicht mit einem Angriff und der Anzug behinderte ihn zusätzlich. Er war zu langsam und bevor er erst richtig begriff was vor sich ging, versank die Welt um ihn herum in Dunkelheit...
Längst nicht alle Gebäude auf der Luftwaffenbasis Miramar waren zur Zeit belegt. Der Stützpunkt besaß Quartiere, Bunker und Hangars genug, um mehrere Geschwader aufzunehmen. Aber auch wenn viele Gebäude zurzeit eigentlich nicht benutzt wurden, waren nicht alle leer.
Der Raum war wohl als Quartier für einen Staffel- oder vielleicht Geschwaderchef vorgesehen, jedenfalls war er deutlich größer als die üblichen Zwei-Mann-Quartiere, in denen die Piloten lebten, hatte aber nur ein Bett. Es handelte sich dabei um das Standardbett der Navy – breitere Modelle, lästerte der „Grabenfunk“, gab es nur für Stabsoffiziere und Quartiermeister. Deshalb mussten zwei Menschen ziemlich eng zusammenrücken, wenn sie Platz finden wollten. Aber das machte nichts aus.
Eigentlich waren Beziehungen zwischen Flottenangehörigen verboten, doch diese Regel wurde ziemlich lax gehandhabt. Und der Standortkommandant von Miramar war da keine Ausnahme, für ihn gab es Wichtigeres, als im Privatleben der Piloten schnüffeln zu lassen. Wenn man sich nur ein wenig Mühe gab, konnte man schon ein abgeschiedenes Quartier zum Treffen finden, ohne zu riskieren, daß die Beziehung gleich Geschwaderthema wurde.
Kali streckte sich, und stieß dabei Kano versehentlich den Ellbogen in die Seite. Der Pilot fuhr leicht zusammen, sein rechter Arm blieb aber um Kali gelegt.
„‘Tschuldigung, Kano. Bist aber selbst dran schuld, bei dieser Konservendose! Die Opfer die ich für dich bringe...“
Kano grinste bei ihrer eher spaßhaften, als ernst gemeinten Klage. Er fuhr fort, mit Helens langen, schwarzen Haaren zu spielen, die zur Zeit offen waren und nicht, wie üblich, zusammengebunden.
„Du weißt doch, was Darkness für ein harter Hund ist. Wir kriegen kaum Zeit zum Essen und Schlafen. Und bevor er zu dieser Einweisung, Lehrgang – oder was weiß ich – abflog, wurde der Ausgang gestrichen.“
„Na und, wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse...“
„Da ist immer noch Monty. Er will wohl unbedingt beweisen, daß er uns mindestens genauso schleifen kann, wie Darkness. Na, immerhin hält er keine Nachtübungen. Ansonsten...“
„Verstehe. Deshalb treffen wir uns also hier. Du solltest dich bei den beiden Schleifern beschweren. Oder vielleicht sollte ich das tun?“
Kano antworte nicht sofort. Seine Hand wanderte zu Kalis Schulter, glitt dann tiefer: „Ich frage lieber nicht, ob ich diese Unbequemlichkeiten wert bin, Helen?“
Auch Kali ließ sich mit der Antwort Zeit. Dann drehte sie sich zu Kano, näherte ihr Gesicht dem seinen. Ihre Stimme war kehlig: „Hm.....“
Ein dumpfes Geräusch erklang: einmal, zweimal, ließ sie aufmerken. Auch Kano lauschte jetzt.
Irgendetwas ging da draußen vor. Waren das Schritte?
Mit einem leisen Fluch war Kano aus dem Bett, griff nach seinen Sachen. Kali war nur weniges langsamer. „Wenn das dieser Idiot Radio ist, dann kann er was erleben, Lieutenant Commander oder nicht!“
„Lass mir etwas übrig.“ Aber Kano glaubte eigentlich nicht an diese Idee Kalis. Radio hatte momentan doch wohl etwas anderes zu tun, als zur Befriedigung seines Klatschtriebs Staffelkameraden hinterherzuschleichen. Oder?
Vorsichtig öffnete er die Tür und schlich auf den Gang.
Cartmell wusste nicht, wo er hingeschleppt wurde. Der Überfall war schnell und koordiniert erfolgt. Irgendjemand hatte ihm eins mit einem Elektroschocker verpasst und zusätzlich noch einen präzisen und kraftvollen Schlag in den Magen, der um ein Haar das Mittagessen hochbrachte. Während er noch nach Luft rang, hatte man ihm eine Tüte über den Kopf gestülpt, er war gepackt und mitgeschleift worden. Mindestens zwei Mann hatten ihn in der Mangel, kräftige Typen.
Zuerst hatte er sich nicht wehren können, die Muskeln paralysiert von dem Stromschlag. Sein einziger Gedanke war gewesen: ‚Skunk, dieser Hurensohn! Nicht schon wieder!‘ Aber es waren keine Schläge gefolgt – und niemand hatte auch nur ein Wort gesagt. Kurz hatte ihn dann der Gedanke gelähmt, der seit seiner Freilassung wieder und wieder in ihm hochgekommen war: die Sicherheit war gekommen. Die ganze Geschichte mit ‚Bewährung‘ und ‚Chance‘ war nichts als eine Farce gewesen, jetzt würde er wieder hinter Gitter kommen – oder gleich erschossen werden...
Dann hörte er, wie eine Tür aufgerissen wurde. Seine gesichtslosen Kidnapper schleiften ihn in ein Gebäude, die Außentür schlug hinter ihnen zu. Dann stoppten sie. Cartmell rang unter der Tüte nach Luft, kämpfte die Panik und das Gefühl der Wehrlosigkeit nieder.
„So, du Schwein. Hier hört keiner deine Schreie. Und jetzt kapierst du hoffentlich, wo Verräter und Mörder hingehören.“
In Cartmell loderte Wut hoch. Diese Arschlöcher! Wer gab ihnen das Recht dazu?! Sie hatten doch keine Ahnung! Und er erkannte, daß er wieder Kontrolle über seine Glieder hatte. Die Wut spülte die letzten Reste der Lähmung hinweg, er bereitete sich darauf vor, seine Haut zumindest so teuer wie möglich zu verkaufen. Doch im gleichen Augenblick traf irgendetwas mit der Gewalt eines Schmiedehammers seinen Brustkorb, und warf ihn zurück.
Kano überblickte die Situation in Sekundenbruchteilen, aber er verstand sie nicht. Vier Männer in Techuniformen, die Gesichter mit Tarnfarben – oder Schmieröl – geschwärzt, umringten im Eingangsraum des Gebäudes eine Gestalt in Pilotenmontur, der man eine Tüte über den Kopf gezogen hatte. Zwei der Tech hielten den Piloten fest, einer stand an der Außentür und spähte durch eines der Fenster wachsam ins Dunkel. Der vierte, ein hünenhafter, breitschultriger Mann, hatte sich vor dem eingekeilten Piloten aufgebaut – und rammte ihm jetzt mit voller Wucht die Faust gegen die Brust, daß es dröhnte.
Kano reagierte instinktiv.
Ironheart
24.03.2004, 14:22
Ursprünglich von Tyr Svenson
Wäre Tyr nüchtern gewesen, er hätte sich nicht so einfach überraschen lassen. Aber er war es nun mal nicht und außerdem hatte er sich vollkommen auf dieses Schwein vor ihm konzentriert – darauf, ihm seine Position in der Navy einzuprügeln. Deshalb traf ihn der Angriff überraschend. Irgend jemand rammte ihn von hinten, als er gerade zum zweiten Schlag ausholte. Tyr verlor das Gleichgewicht und taumelte mit einem gotteslästerlichen Fluch beiseite.
Kano hielt sich nicht mit ihm auf, sondern warf sich sofort auf einen der beiden, die den Piloten festhielten und dadurch zu langsam reagierten. Seine Faust traf auf das Schlüsselbein seines Gegenübers und Kano wurde mit einem Schrei belohnt.
Cartmell wusste nicht was geschah, doch auf einmal lockerte sich der Griff an seiner rechten Seite. Lautlos, aber mit verbissener Wucht warf er sich gegen den Mann, der ihn noch hielt. Er kam frei! Während er mit der Rechten die Tüte herunterfetzte drosch er blindlings mit der Linken auf seinen Gegner ein.
Kano war inzwischen in einen schnellen Schlagabtausch mit seinem Gegenüber verwickelt. Sein Gegner war zwar einen halben Kopf größer als Kano, doch eher schlaksig, als kräftig. Außerdem schienen seine Reflexe etwas langsam. Der durchdringende Biergeruch, der von ihm ausging, verriet auch warum. Als ihm Kano die Finger in die Kehle rammte, war der Kampf vorbei. Der Mann ging in die Knie, rang keuchend nach Luft.
Kano wollte sich gerade nach einem neuen Gegner umsehen, als ihn von hinten ein wuchtiger Schlag an der Schulter erwischte und herumwirbelte. Der Mann, der über ihm aufragte war mindestens einen Kopf größer als Kano und erheblich breiter – und wütend. Mit geballten Fäusten nahm er den jungen Piloten an.
Fast gleichzeitig geriet Cartmell in Schwierigkeiten. Auch wenn er es sich zutraute, auch nach dem Elektroschock mit seinem Gegenüber fertig zu werden, als der Mann sich einmischte, der an der Außentür Schmiere gestanden hatte, änderte sich die Lage schlagartig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er konnte nur noch versuchen, die meisten Schläge abzublocken und sich keine Blöße geben – austeilen war nicht mehr drin. Immerhin erwischte er einen von diesen Arschlöchern voll am linken Auge. Hinter ihm wurde es laut, als würde ein Bär einen Sandsack zerfetzen.
Kano’s hatte schon in der Militärschule an Kampfsporttraining teilgenommen. Die paramilitärische Ausbildung hatte dies vertieft, wie auch die Marineakademie. Kampfsport war zu mehr als einer Pflichtübung geworden, zu einem seiner Hobbys und auch wenn er es nicht zum Akademiemeister brachte, er war einer der besten in seiner Gruppe gewesen. Einer der Ausbilder hatte ihm sogar gegen einen Marine Chancen eingeräumt. Aber jetzt hatte er keine Chancen. Brüllend durchbrach sein Gegner Kanos Verteidigung, nahm ein, zwei Schläge in Kauf, die einen normalen Menschen hätten stoppen müssen und ließ ein wahres Trommelfeuer aus Hieben auf Kano einprasseln. Ein Schlag in den Magen ließ den jungen Piloten zusammenklappen, ein weiterer Hieb trieb ihn wieder hoch. Dann knallte die Faust dieses wütenden Riesen voll in Kanos Gesicht, schleuderte ihn gegen die nächste Wand. Sein Hinterkopf hämmerte gegen die Steine, langsam, kraftlos, rutschte er zu Boden.
*********************
Doch Tyr hatte wenig Zeit und Grund, sich über seinen Sieg zu freuen. Die Abreibung für einen Verräter und Deserteur hatte sich in eine wüste Prügelei verwandelt – und schon wieder traf ihn ein Angriff aus dem Hinterhalt. Jemand trat ihm mit voller Wucht in die Kniekehle, ein brutaler und rücksichtsloser Tritt, der ihn um ein Haar gefällt hätte. Die Faust im weiten Bogen schwingend fuhr er schwerfällig herum. Sein Gegner, eine schwarzhaarige, dunkelhäutige Pilotin, wich dem Schlag aus, hätte ihn um ein Haar die Faust voll ins Gesicht gepflanzt. Ein wilder Schwinger verschaffte ihm wieder etwas Luft, eine Sekunde, um die Lage zu übersehen: Der Verräter Cartmell war immer noch nicht am Boden und hielt seine zwei Gegner mühsam auf Abstand. Der vierte aus ihrer Truppe rang krampfhaft nach Luft, während der Pilot, den Tyr fertig gemacht hatte, auf die Beine zu kommen versuchte. Und er, Tyr, war in einem Clinch mit einer Frau.
Das gab den Ausschlag. Er hatte einen Verräter fertig machen wollen, nicht sich mit Kameraden prügeln wollen – erst recht nicht mit einer Frau. Die Sache war gründlich schief gegangen: „ABRÜCKEN!!“
Bei der Flucht schaffte er es immerhin, diesem verdammten Verräter noch beide Fäuste in den Rücken zu rammen, so daß Cartmell wie eine Stoffpuppe beiseite flog. Die andern drei aus seiner Truppe nutzten die Gelegenheit und nahmen die Beine in die Hand. Auch wenn sie angetrunken, wütend und zum Teil angeschlagen waren – sie wussten, wann es Zeit war zu verschwinden. Binnen Sekunden waren sie zwischen den Gebäuden des Stützpunkts untergetaucht. Sie wurden allerdings auch nicht verfolgt.
Kali fluchte lauthals – die Kraftausdrücke, die sie gebrauchte, hätten ihre Eltern ziemlich schockiert. Dann griff sie Kano unter die Schultern und half ihm in eine sitzende Haltung. Der Pilot sah ziemlich fertig aus. Aus einer Wunde am Hinterkopf, der Nase und dem Mund blutete er. Die Hände auf den Boden gestützt, schüttelte Kano schwerfällig den Kopf hin und her.
„Warum mußt du eigentlich immer in die Scheiße geraten?“ Sorge verdrängte ihre Wut: „Los komm schon, ich bring‘ dich zum Sani. Einen Schritt nach dem anderen.“ Daß sie Kano tatsächlich stützen musste, verstärkte ihre Beunruhigung. Dann sah sie Cartmell, der aus eigener Kraft auf die Beine kam, auch wenn sein Gesicht aussah, als wäre er ungebremst gegen eine Wand gerannt. Natürlich kannte sie Cartmell und sie wusste auch, weswegen er angeblich gesessen hatte und degradiert worden war.
„Musstet ihr euch ausgerechnet dieses Gebäude zum Spielen aussuchen?!“
Cartmell fühlte, wie er wieder wütend wurde. Er hatte dieses Theater schließlich nicht angefangen und eigentlich auch nicht um Hilfe gebeten. Aber ohne diese Hilfe wäre er vermutlich krankenhausreif geprügelt worden, also schluckte er seine Verbitterung hinunter: „Danke für die Hilfe, Kali. Danke, Ohka.“
„Vergiß es.“ Kali winkte ab.
Kano sagte überhaupt nichts, er spuckte einen Mund voll Blut auf den Boden und humpelte auf Kali gestützt nach draußen.
Als Cartmell den beiden folgte, wurde ihm klar, was jetzt auf ihn zukam. Ein Besuch beim Sanitäter hatte todsicher eine Meldung zur Folge. Das würde höchstwahrscheinlich eine Untersuchung nach sich ziehen. Und wie seine Chancen dabei standen, konnte er sich ungefähr ausrechnen. Blieb nur zu hoffen, daß man diese bequeme Möglichkeit nicht dazu benutzte, ihn als „für das Einheitsklima schädlich“ auszusortieren...
*********************
Doch es kam anders. Der Stützpunktarzt schien es mit der Meldepflicht nicht allzu genau zu nehmen. Er verfasste keinen schriftlichen Bericht, sondern verarztete die Piloten ohne größere Kommentare. Er fragte nicht mal nach, woher die Platzwunden, Quetschungen und Prellungen kamen. Cartmell und Kano hatten Glück gehabt – keine ernsthaften Verletzungen, keine Brüche. Wahrscheinlich war es nicht das erste Mal, daß der Arzt ähnliche Blessuren verarztete. Gerade hier in der Etappe suchten die meist jungen Piloten nicht selten „Zerstreuungen“ die mit solchen Wunden einhergingen. Der ältere Revierarzt, Dr. Pieters, beschränkte sich auf die eher halbherzige Ermahnung, in Zukunft eine weniger gewalttätige Freizeitgestaltung zu betreiben.
Wenn er von Cartmells Vorgeschichte gehört hatte, dann behielt er seine Gedanken für sich. Daß Radio ihnen vor dem Revier über den Weg lief, war reines Pech. Als XO und in Abwesenheit Cunninghams war er auf dem Weg aus dem Bürokomplex, hundemüde, geschafft und hochgradig frustriert von dem sinnlosen, enervierenden Papierkrieg. Seine Reaktion war entsprechend: „Cartmell? Was.... Sie sind wohl immer dort, wo Scheiße angerührt wird?! Womit habe ich das verdient?!“
Auf diese eher rhetorische Frage erhielt er keine Antwort. Cartmell erstarrte mit wütendem Gesicht in Habachtstellung und verkniff sich die Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Kano hatte noch immer Schwierigkeiten mit dem Sprechen. Kali erstatte Meldung, halbwegs nach Vorschrift, auch wenn sie immer noch Probleme damit hatte, in Curtis „Radio“ Long eine Respektsperson zu sehen.
Radio hätte am liebsten lauthals geflucht. Sobald er von dem Hintergrund von „Noname“ gehört hatte, war er sich sicher gewesen, daß der Ärger bedeutete. Dazu war kürzlich die von Skunk eingeleitete Provokation dem Elitegeschwader von Miramar angelaufen. Wenn das jetzt dazukam...
Darkness UND Lone Wolf würden ihn auf kleinem Feuer langsam rösten, wenn hier eine Vendetta begann. Das einzige, was ihm blieb, war der Versuch, etwas Öl in die Wogen zu gießen: „Herhören. Das ist ein BEFEHL. Die Sache ist nicht passiert. Lasst euch was einfallen – ihr seid die Treppe runter gefallen, gegen eine Tür gelaufen, habt beim Nahkampftraining geschlafen – mir egal, was. Ich will kein Theater haben. Ohka, Kali, Verstanden? Und Abmarsch!“
Die beiden folgten seinem Befehl, allerdings ließ es selbst Ohka bei der Ehrenbezeugung an Nachdruck fehlen. Aber das war Radio egal, wenn die Sache bloß unter der Hand gehalten werden konnte. Blieb noch Cartmell:
„Hören Sie, Cartmell. Ich will nicht mit dem Scheiß wie Korpsgeist und Ehre anfangen. Mich kotzt das verlogene Getue, daß damit verbunden ist, an. Und bei Ihnen ist der Sermon ja sowieso verloren...“ Cartmell biss die Zähne zusammen. Solche Töne kotzten IHN an.
„...also sage ich Ihnen, was Sie zu tun haben und Sie handeln danach. Ansonsten ist Ihr Arsch Gras und ich bin ein Rasenmäher. Drücke ich mich halbwegs verständlich aus?“ Diese Metapher hatte Radio aus irgendeinem alten Kriegsfilm, sie schien jetzt angebracht. Cartmell presste ein wütendes "Ja, Sir!“ zwischen seinen Zähnen hervor.
„Sie halten sich bedeckt. Keine Racheaktionen, keine Eigentouren. Dieses kleine Schauraufen hat nicht stattgefunden. Ich will nicht gerade wegen IHNEN, daß die gesamte Schwadron Schwierigkeiten bekommt. Und in Zukunft passen Sie besser auf Ihren Arsch auf. Daran sollten Sie nach Ihrer Zeit im Gefängnis doch eigentlich gewöhnt sein. Das nächste Mal sind vielleicht keine Schutzengel in der Nähe. Falls es überhaupt viele Leute gibt, die SIE in Schutz nehmen. WEGGETRETEN!“
Cartmell salutierte wütend, drehte sich um und stapfte davon. Jeder Schritt war ein Tritt gegen die verdammte Navy, dieses verfluchte System, diese Scheißoffiziere.
Aber er würde Order parieren. Was blieb ihm anderes übrig?
Kali half Kano zu seinem Quartier zurück. Trotzdem der Pilot inzwischen wieder so ziemlich selbständig laufen und langsam sprechen konnte, reichte sein Anblick, um Kanos Zimmernachbar Crusader zu alarmieren.
„Was ist denn mit ihm passiert?!“
Kali war am schnellsten mit der Antwort zur Hand, ihre Stimme klang ziemlich bissig: „Er ist die Treppe heruntergefallen!“ Crusader sah von ihr zu Kano – und verzichtete auf weitere Nachfragen. Immerhin war er neu in der Schwadron und wenn hier irgend etwas lief, wovon sein Flightleader ihm nichts sagen konnte oder wollte, dann hakte er besser nicht nach. Also drehte er sich um und ignorierte die beiden.
Tyr hatte sich ziemlich schnell von seinen Kameraden getrennt. Erstaunlich leise für einen Mann seiner Größe und Statur war er in sein Quartier zurückgekehrt, nicht ohne vorher die Tech-Uniform zu verstecken und die Tarnfarbe in seinem Gesicht abzuwaschen. Sein Zimmernachbar wachte nicht einmal auf.
Ironheart
24.03.2004, 14:22
Ursprünglich von Cattaneo
„Der Weltraum – unendliche Weiten...“ so in etwa hatte vor vielen Jahren ein berühmte Sience-Fiction-Fernsehserie begonnen. Und in der Tat war das All so gewaltig, daß davor die Planeten und viel mehr noch alle künstlichen Konstrukte raumfahrender Rassen quasi zur Bedeutungslosigkeit verblaßten. Sie waren Sandkörner in einer gigantischen Wüste, Tropfen in einem unendlichen Meer. Und dennoch – bei aller Unendlichkeit, es konnte auch im Weltraum direkt „eng“ werden. Zumindest, wenn man galaktische Maßstäbe anlegte. Es erforderte schon einiges an Schiffen, damit man das Gefühl bekam, der Platz würde knapp – aber es war machbar. Und in Texas-System zum Beispiel platzte im Augenblick förmlich aus allen Nähten.
Die Reste der Zweiten Flotte waren dort zusammengezogen worden – die Gettysburg und Melborne samt ihren Begleitschiffen, die Überlebenden der anderen Trägerkampfgruppen. Dazu eine Handvoll Schiffe der Systemverteidigung von Manticor . Und trotz aller Verluste, trotz der für „Husar“ detachierten Kräfte, trotz der unausweichlichen Rotation zwischen Werft und Front, trotz alledem waren im System deutlich über 200 Schiffe zusammengezogen. Von den gigantischen Trägern bis zu Fracht- und Kurierschiffen war hier eine der größten Flotten versammelt, die jemals in einem System zusammengezogen wurde. Zumindest nach menschlichen Maßstäben. Und dazu kamen noch unzählige Kampfflieger und Shuttles, teils bord-, teils bodengestützt. Die Maschinen der Death Merchants und Black Widows sowie der anderen Geschwader waren zwar bei weitem nicht alle aktiv, aber bei erhöhter Kampfbereitschaft – und die herrschte im Texas-System praktisch seit Beginn des Krieges – waren immer etliche Patrouillen und Bereitschaften „draußen“. Kein Wunder, daß manch alter „Raumbär“ unter Klaustrophobie litt. Die Konzentration an Schiffen schuf Probleme, mit denen man sich sonst eher nicht konfrontiert sah. Nahm man noch die nervliche Anspannung durch einen Gegner hinzu, der jederzeit losschlagen konnte, und der den meisten hier stationierten Menschen bereits bewiesen hatte, wie hart und schnell er zuschlagen konnte, so war das Chaos beinahe vorprogrammiert. Scheinbar wie durch ein Wunder waren bisher keinerlei katastrophale Folgen eingetreten.
Die Kreuzerschwadron 2.3 hatte man der ,Flankensicherung‘ zugeteilt. Sollte es zum Gefecht kommen, dann würde die Einheit die Träger absichern helfen – und gegebenenfalls den Krieg zum Feind tragen. Taktisch hatte man sie mit der Zwölften Zerstörerflottille zu einer operativen Einheit zusammengefaßt. Im Ernstfall würden die Kreuzer und Zerstörer sich unterstützen und so die jeweiligen Schwächen nach Möglichkeit kompensieren. Die Tage der Offiziere und Besatzungsmitglieder waren angefüllt mit Übungen, unterbrochen von nervenaufreibenden Patrouillen in der Nähe der Sprungpunkte oder an den Flanken der Flottenverbände. Dann stieg die Anspannung fast ins Unerträgliche. Eines Tages, vermutlich schon bald, würden die Akarii hier auftauchen, wie sie es bei Manticor gemacht hatten. Und wenn auch nach außen Zuversicht demonstriert wurde, gerade die verlorene Schlacht ließ Zweifel aufkommen, ob man diesmal dem Gegner würde standhalten können. Und alle Liebe zur Heimat, alles Vertrauen in die eigene Bereitschaft und Stärke, konnte diese Zweifel höchstens unterdrücken, kaum aber überwinden.
Die Kapitäne waren nach außen natürlich über jede Unsicherheit erhaben – schließlich mußten sie ja ein gutes Bild bieten. Und wenn sie Zweifel hatten, behielten sie das wohlweislich für sich. Nur wenn man sich darauf verstand, die Untertöne aus den Gesprächen herauszulesen, konnte man spüren, daß bei weitem nicht alle so sehr von sich selbst überzeugt waren, wie sie vielleicht vorgaben.
Nur die Neulinge ließen sich durch die Anzahl der hier versammelten Schiffe beruhigen. Hatte die Zweite Flotte nicht erheblich mehr aufzubieten gehabt, als sie bei Mantikor das erste Mal auf den Feind getroffen war? Die Schlacht war katastrophal ausgegangen, und was blieb, war nur noch ein Rest der alten Herrlichkeit. Die Verstärkungen, die nach und nach eintrafen, änderten daran nicht viel. Vor allem, da die Stars der Flotte, die schweren Träger, nur sehr spärlich vertreten waren.
Heute freilich sollte dieses Manko ein wenig gemildert werden. Der Springpunkt, der das Texas-System mit der Republik verband, war sicherheitshalber von einem Begrüßungsgeschwader abgeriegelt worden. Und das war keineswegs nur als Ehrengarde gedacht. Nachdem die Akarii lange Zeit etwas unterschätzt worden waren, machte sich nun mitunter eine gewisse Paranoia breit, was fast genau so schädlich seien konnte, wie die frühere Haltung. Aber es war ja auch nur zu verständlich.
Also hatte man das Kreuzerschwadron 2. 3. und die Zwölfte Zerstörerflottille sowie das 13. Eskortgeschwader abkommandiert – insgesamt gut dreißig Schiffe. Nur für den Fall, daß die Akarii von der Sache Wind bekommen hatten und einen Flottenverband losschickten. Dazu kamen noch vier Staffeln Raumjäger der Systemverteidigung. Die Flotte, die sich hier versammelt hatte, war mehr als beeindruckend, und doch war sie auch eine Eingeständnis menschlicher Schwäche und Unsicherheit, wenn man die Zeichen an der Wand zu lesen verstand.
Da der Kommandeur der Kreuzerschwadron den Verband befehligte, hatte sich die Tiredless etwas in der Hinterhand postiert. Bei allem Einsatzgeist galt es äußerst unklug, das Flaggschiff zu sehr zu exponieren. Schupp hatte überdies schon viel von dem erreicht, was er sich vorgenommen hatte, und neigte deshalb nicht zu exzessiver Blutgier. Die anderen Kreuzer seines Verbandes waren weiter vorne. Was auch immer durch den Sprungpunkt kommen würde, die Raketen der drei Dickschiffe waren bereit.
Zum wohl zehnten Mal kontrollierte Schupp das Chronometer. Es waren immer noch acht Minuten bis zum vereinbarten Zeitpunkt. Er fühlte keine echte Angst, denn er hielt die Akarii nicht für so verwegen, einen Angriff durch die Hintertür zu versuchen. Es galt als recht schwer, einen ausreichend großen Verband in den Rücken des Gegners zu schleusen, ohne das der es merkte. Nachlässigkeit wollte er sich freilich auch nicht vorwerfen lassen. Noch fünf Minuten – dieses Warten wurde langsam ermüdend. Und er konnte sich vorstellen, wie es auf den anderen Schiffen aussah. Da der feindliche Angriff jeden Tag, ja beinahe jede Stunde kommen konnte, war die Nervosität beinahe unerträglich geworden. Wiederholte Befehle und Appelle, die Ruhe zu bewahren, halfen da wenig. Die Ungewißheit strapazierte die Nerven von Tag zu Tag mehr. Andererseits – ein altes Sprichwort besagte, ein Kapitän müsse das Abwarten lernen. Immerhin warte er auf die Admiralssterne, und dafür müsse er sich in Geduld üben – um im richtigen Augenblick zuzuschnappen. Der Captain lächelte für einen Augenblick: ,Dann warten wir eben noch ein bißchen...‘
„Achtung! Ortung zeigt hereinkommende Schiffe – sechs plus, nicht identifiziert!“ Die Stimme des Radaroffiziers schlug eine wie eine Exocet-Rakete. Schlagartig war die Brücke erfüllt von hektischer Betriebsamkeit: „Zielerfassung – steht!“ „Primärwerfer Alpha und Beta – einsatzbereit!“ „Funkspruch von der ersten Kette – Feuerbereit!“ Auf all den Kommandobrücken der Kriegsschiffe bot sich ein Bild wie von einem Ameisenhaufen, in den jemand einen Stein geworfen hatte. Unzählige Befehle wurden gebrüllt, teilweise bestätigt, nachgefragt – oder auch mißverstanden. Überall schwebten die Hände über den Feuerknöpfen.
Schupp kämpfte gegen die Überraschung an. Noch vier Minuten bis zum vereinbarten Zeitpunkt – das mußten Akarii sein. Oder? Er erkannte sofort, daß ein einziges Wort genügte, um eine Katastrophe auszulösen: „Identifizierung?“ brüllte der Captain, ganz gegen seine üblichen Gewohnheiten. „Läuft noch. Interferenzen erschweren zweifelsfreie Einordnung!“ kam die Antwort. Der Geschwaderchef richtete sich in seinem Sessel auf. Seine Stimme peitschte durch das Durcheinander: „Meldung! Ich verlange eine anständige Meldung!“ Und da hörte er, was er insgeheim befürchtet hatte: „Zerstörer Gunichi Mikawa feuert!“
Auf dem Display waren deutlich die acht Schiff-Schiff-Raketen des Duquesne-Zerstörers zu erkennen, die sich auf die ankommenden Schiffe zu bewegten. Schupp war klar, daß sein eigener Feuerleitoffizier kurz davor stand, dem Beispiel zu folgen: „KEIN FEUER! An alle Schiffe – KEIN FEUER! Befehle abwarten!“
In diesem Augenblick drehte sich der Ortungsoffizier um: „IFF-Kennung steht! Es sind unsere!“ Schupp mußte beherrschte sich – mühsam. Was er sagen wollte, war definitiv nichts, was man aus dem Mund eines gut situierten Captains zu hören gewohnt war: „Raketen sprengen!“
Drüben tasteten die ersten Laserstrahlen nach den Raketen, explodierten einige scheinbar von selbst. Zwei allerdings nahmen unbeirrt ihren Weg – und schlugen ein. Auf dem Bildschirm verschmolzen die zwei Symbole mit dem des größten Schiffes der ankommenden Flotte – dann war erst einmal nichts mehr zu sehen.
,Das kann nicht wahr sein.‘ war Schupps erster Gedanke. Der zweite: ,Ich lasse den verdammten Idioten kielholen – aber ohne Raumanzug!‘ Als er eben bei drittens: ,Und auf mich wartet jetzt das Kriegsgericht.‘ angelangt war, kam die rettende Botschaft: „Schiff unbeschädigt. Wir werden angefunkt.“
Hennig Schupp hatte Mühe, das erleichterte Grinsen von seinem Gesicht zu tilgen – obwohl ihm klar war, wie unangebracht es eigentlich war. Trotzdem er die Schlacht um Mantikor überlebt hatte, hatte er wohl noch nie so viel Erleichterung verspürt, wie in diesem Augenblick. Der Gedanke, daß seine Schiffe einen terranischen Träger abgeschossen haben könnten, der erste derartige Zwischenfall in der Geschichte der Navy, war zu schrecklich.
Entsprechend groß war seine Erleichterung. Aber er ahnte, daß die andere Seite das sicher nicht so sah. „Verbindung herstellen!“ kommandierte er, und bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.
Der Offizier, der auf dem Kommunikationsschirm erschien, hatte offenbar Mühe, seinen Wutausbruch unter Kontrolle zu behalten: „Was...“ er räusperte sich: „Captain Joshua Mayor, TRS Gallileo. Autorisierungscodes werden übermittelt.“ Die Farbe seines Gesichtes und seine funkelnden Augen schienen darauf hin zu deuten, daß er gerne etwas ganz anderes gesagt hätte: „Dürfte ich fragen, was DAS sollte!“
Die Brücke, die hinter ihm zu sehen war, bot einen ziemlich ,unordentlichen‘ Anblick. Einige Brückenoffiziere rappelten sich anscheinend auf – und andere hatten den typischen Blick von Menschen, die eben ihrem Tod ins Auge geblickt hatten. Offensichtliche Schäden waren freilich keine zu erkennen.
Schupp wartete lieber nicht, bis die Identifizierung restlos bestätigt wurde – das wäre wohl zuviel gewesen. „Haben Sie Schäden erlitten?“ Captain Mayor schüttelte den Kopf: „Der Schild hat glücklicherweise alles abgehalten. Noch einmal – was sollte das?“ Schupp legte den Kopf leicht schief: „Wir hatten Sie erst in... zwei Minuten ab jetzt erwartet. Das System befindet sich in erhöhter Alarmbereitschaft, und wir rechnen ständig mit einem Angriff. Außerdem war die IFF-Kennung gestört. Ein Schiff hat überhastet gefeuert.“
Mayor schien kein schlechtes Gewissen zu haben: „Ich erwarte, daß dieser Vorfall genau untersucht wird. Wir haben uns an UNSEREN Zeitplan gehalten. Und außerdem hat das Oberkommando doch klargemacht, daß sie uns am liebsten übermorgen hier sehen würden. Was hätten Sie denn da gemacht?“ Der Kreuzerkommandeur wiegelte ab: „Ich würde vorschlagen, wir warten die Klärung des Zwischenfalls ab. Herzlich willkommen im Texas-System.“ Der Dank des anderen Captains war wohl bestenfalls säuerlich zu nennen – eigentlich keine Überraschung: „Melde, TRS Gallileo mit Flying Knights, vier Staffeln. Vier Zerstörer und zwei Fregatten Geleitschutz. Status einsatzbereit.“ Der Captain ließ die nächsten Worte ein wenig provokativ klingen: „Keine Schäden oder Verluste.“
Schupp bestätigte. Es würde eine Untersuchung geben – kein angenehmer Gedanke. Wenn jemand ihm die Schuld in die Schuhe schob...
Aber so, wie es in der Navy lief, würde das nicht passieren. Wenn der Captain der „ Gunichi Mikawa“ selber den Feuerbefehl erteilt hatte, würde er die Zeche zahlen – wenn nicht, würde es seinen Waffenoffizier und den Mann am Gefechtsstand treffen. Er, Schupp, würde mit ein wenig Glück nicht allzu viele Fragen beantworten müssen.
In diesem Augenblick freilich wünschte er sich die Akarii geradezu herbei – ehe etwas noch Schlimmeres passierte.
Ironheart
24.03.2004, 14:23
Ursprünglich von Cattaneo
Neue Kameraden
Die Beschäftigung, der Tyr gerade nachging, war nicht gerade das, was man von ihm erwartet hätte. Bei einem Zwei-Meter-Mann mit einem Kreuz wie ein Wandschrank erwartete irgendwie eher, ihn am Sandsack anzutreffen. Statt dessen saß der ehemalige Milizpilot in seinem Quartier und hantierte mit Plaste- und Metallteilen, die in seinen Händen geradezu fragil wirkten. Vorsichtig hielt er das entstehende Modell einer Reaper und montierte die Verglasung des Cockpits. Deutlich waren die Figuren der drei Akarii zu erkennen, die den Bomber flogen. Das Cockpit wirkte naturalistisch – allerdings war es einzig und allein Produkt der Phantasie. Die TSN veröffentliche solche detaillierten Informationen nicht, sehr zum Leidwesen von Modellbauern wie Tyr. Schließlich wollte man dem Gegner nicht verraten, wieviel man über seine Maschinen wußte, und ob man eine intakte Maschine sein eigen nannte. So konnte er sich nur auf Vermutungen und die Kenntnisse stützen, die veröffentlicht waren. Das betraf allein veraltete Akariimaschinen, von denen die Menschen wußten, daß die Akarii wußten, daß die Menschen wußten – und bei denen deshalb Geheimhaltung sinnlos war. Nun, besser als nichts...
Mit einem zufriedenen Lächeln betrachtete er die Maschine. Er hatte seine terranische Sammlung bereits vor längerer Zeit abgeschlossen, und sich nun langsam aber sicher auf das Gebiet Akarii-Maschinen vorgearbeitet. Nachdem er sich mit den allseits bekannten – und auch den Menschen vertrauten – Rex und Deathhawk eingestimmt hatte, hatte er mit einer Bloodhawk gebastelt. Da es keinen offiziellen Modellbausatz gab, der Markt war noch frisch und kaum erschlossen, hatte er andere Modellteile modifiziert, oder selber gebastelt. Mit etwas Glück würde er bald andere Maschinen folgen lassen, angefangen mit dem leichten Abfangjäger, den er gerade in Bau hatte.
Tyr war Modellbauer aus Leidenschaft. Dieses Hobby erschien weitaus weniger ungewöhnlich, wenn man bedachte, daß er Jagdpilot war. Kampfflieger waren sein Leben, vielleicht auch einmal sein Tod. Und irgendwie hatte es etwas beruhigendes, einen Feindjäger zu basteln – es gab ihm etwas vertrautes, verringerte die Angst, die man vor ihm empfand. Nachdem er die Maschine zum trocknen auf dem Tisch seines Quartiers plaziert hatte, warf er noch einen Blick in die Juli-Ausgabe des „Galaxy Air Power Journal“. Diese Pilotenzeitschrift war fast so populär wie der Colonial Playboy. Allerdings bediente sie etwas andere Bedürfnisse. Hier wurden Jagdmaschinen der Vergangenheit und Gegenwart vorgestellt, Entwicklungsgeschichten wiedergegeben, Schlachten nachgezeichnet oder berühmte Piloten und Einheiten gerühmt. Und das betraf sowohl die Menschen der verschiedenen Nationen als auch Außerirdische – soweit darüber Kenntnisse vorlagen. Piloten waren immer an ihrer eigenen Geschichte interessiert – es gab nichts besseres für das kostbare Ego. Und über den Feind wollte man auch etwas hören – in der Illusion, dann eher auf ihn vorbereitet zu sein. Das Juli-Heft hatte sich deshalb unter anderem mit den Jägern der Akarii beschäftigt.
Auch wenn sich viele Informationen eher auf Vermutungen und unscharfe Bilder beschränkten, so war dies doch immer noch besser als gar nichts. Und da Tyr viel an Genauigkeit lag, vertiefte er sich in die Farbzeichnung eines Reaper-Abfangjägers. Die Maschine gehörte zu einem Frontfliegergeschwader und wies die klassische Raubvogelzeichnung auf. Tyr freute sich schon auf den Anblick, den die fertige Maschine bieten würde. In einer Woche oder zwei – viel Zeit blieb im nicht neben dem Dienst – würde er sie vollendet haben.
Seine Gedanken wanderten zu den Ereignissen der letzten Tage. Er hatte sich in der Staffel relativ problemlos eingelebt. Natürlich gehörte er noch nicht richtig „dazu“, aber weder seine neuen Kameraden noch die Chefin hatten ihm sonderlich das Gefühl gegeben, ein Pilot zweiter Klasse zu sein. Vielleicht trauten sie ihm noch nicht ganz, aber sie waren freundlich genug, ihm das nicht ins Gesicht zu sagen.
Im Grunde war es ihm auch ziemlich egal, was sie von ihm dachten. Er hatte nicht den Ehrgeiz, mit allen auf Brüderschaft anzustoßen, wie man so sagte. Es genügte ihm, wenn man ihn akzeptierte. Und Tyr wußte sehr wohl, daß er es schlimmer hätte treffen können. Allerdings – sollte er im Kampf versagen, dann war weder von Lightning noch von den anderen Piloten mit Nachsicht zu rechnen. Aber der Nordländer hoffte, daß er noch nicht alles verlernt hatte. Natürlich war eine Bloodhawk etwas anderes als eine Piraten-Mustang. Aber andererseits, es lohnte sich nicht, sich völlig verrückt zu machen.
Er hatte nicht allzu lange gebraucht, um seine neue Vorgesetzte einzuordnen. Inzwischen kannte er den Typ recht gut, zum Teil war er selber nicht viel anders gewesen. Sie war ehrgeizig und überkorrekt, was den Dienst anging, und drillte sich und ihre Untergebenen ohne Gnade. Anders als ihn in seinen jungen Jahren spornte sie allerdings nicht nur, vermutlich nicht einmal in erster Linie, der Wunsch nach beruflichem Erfolg an.
Was sie antrieb, war eher ein kalter, gnadenloser Haß auf den Gegner. Es genügte ihr, daß das Gespräch auf die Akarii kam, und ihr Gesichtsausdruck verriet ihre Gefühle mehr als deutlich. Es war nicht einfach nur die normale Feindschaft gegenüber dem Gegner – es war der feste Wille, ihn zu vernichten. Dergleichen hatte Tyr bei einigen Kameraden gesehen, die enge Freunde durch Piraten verloren hatten, oder die mit ansehen mußten, wie ein Frachter von Plünderern in ein totes Wrack verwandelt wurde.
Tyr verstand solche Regungen, aber er schätzte sie nicht sonderlich. Haß konnte leicht blind machen, und blinde Piloten waren so gut wie tot. Allerdings wies der Umstand, daß Lilja nicht nur zwei Verwundungen und eine Reihe Narben, sondern auch zehn Abschüsse aufzuweisen hatte, darauf hin, daß sie nicht nur zu töten und zu sterben verstand – sondern auch überleben konnte. Besorgniserregend war freilich, daß sie keineswegs die einzige war. Der Flightkamerad der Staffelchefin, Claw, war offenbar von ähnlichem Kaliber. Bei ihm schien es allerdings nicht so sehr an den Akarii zu liegen. Aber seine Kameraden nannten ihn wohl nicht umsonst einen Kamikazetypen. Nun, Tyr hatte einige Andeutungen gehört, daß Claw persönliche Probleme hatte, irgend etwas mit seiner Familie. Der Pilot war wohl früher First Lieutenant gewesen, bevor man ihn wegen einer Schlägerei degradiert hatte. Gegenüber Tyr hatte er bisher keine Aggressionen gezeigt. Entweder er hatte etwas gelernt, oder er hatte eine Nase für Probleme – nur ein Dummkopf fing leichthin eine Schlägerei mit einem Mann an, der mehr als 100 Kilogramm wog, und kein Gramm überflüssiges Fett aufzuweisen hatte. Nun, vielleicht hatte die Staffelchefin ihn auch eines besseren belehrt. Obwohl sie nicht zur autoritären Sorte zu gehören schien, war sie offenbar recht durchsetzungsfähig.
Nun, vom fachlichen her hatte er an ihr ebensowenig wie an seiner Flightleaderin viel auszusetzen gehabt. So wenig ihm das verschärfte Trainingsprogramm gefiel, so wenig bezweifelte er, daß er es gebrauchen konnte. In der Staffel hatte es genug Tote und Verletzte gegeben, etliche davon ,Veteranen‘. Es wäre töricht gewesen zu glauben, er bräuchte nicht ein paar Übungsrunden gegen simulierte Akarii und die Möglichkeit, sich an seine neuen Kameraden zu gewöhnen. Es war ihm nicht leichtgefallen, sich in den verschärften Dienstplan einzupassen, immerhin war er von der Miliz andere Umgangsformen und Zeiteinteilungen gewöhnt. Aber so sehr er die Zeit dort auch genossen hatte - er war Realist. Die Miliz, die höchstens mit Piraten zu tun hatte, war etwas anderes als eine Frontfliegereinheit. Man brauchte nur aufmerksam die Todesanzeigen zu lesen und schon wußte man, daß die Akarii Großschiffe und Kampfflieger mit beunruhigender Geschwindigkeit abschossen. Inzwischen kam er mit den simulierten Feinden halbwegs zurecht. Im Ernstfall freilich... Nun, daß blieb abzuwarten.
Privat bekam er zu Lilja allerdings keinen Draht – er hatte sich aber auch nicht darum bemüht. Die Russin war wortkarg, schien am Privatleben ihres Kameraden nicht interessiert und was sie außerhalb des Dienstes dachte und tat, daß, so hatte sie wortlos klar gemacht, war ihr Sache. Und ging Tyr überhaupt nichts an. Der respektierte dies, wenn auch weniger wegen der unausgesprochenen Drohung, die in ihrem Verhalten lag. Er konnte gut verstehen, wenn jemand, der mehr als einen Flightkameraden verloren hatte, es unterließ, sich zu schnell und zu sehr mit einem neuen Piloten anzufreunden. Der Tod war Realität und eine Alltäglichkeit.
Es hatte mal eine Zeit gegeben, da hätte er sich vielleicht für eine der Frauen in der Staffel interessiert. Nicht gerade für seine Flightleaderin. Sie war vielleicht früher ganz hübsch gewesen, aber ihr unterkühltes Naturell war nicht gerade animierend. Und wenn man dann noch die Narben hinzu nahm, dann gehörte sie bestimmt nicht zu den Frauen, die das Herz eines Mannes höher schlagen ließen.
Die Staffelchefin andererseits war durchaus eine Augenweide – wenn man es riskierte, eine Vorgesetzte anzugaffen. Allerdings – wenn er es recht bedachte, dann war der Altersunterschied so groß, daß er quasi ihr Vater hätte seien können. Ob ihn das früher abgehalten hätte...nun, vielleicht nicht.
Aber First Lieutenant Haugland hatte es sich schon lange abgewöhnt, privates Interesse dieser Art an einer Kameradin zu bekunden – oder überhaupt an anderen weiblichen Angehörigen der TSN. Denn Frauen der Marine waren dort, weil sie ein Ziel hatten – meist die Karriere. Da waren Beziehungen oft eher hinderlich. Und Dienst und Privates zu vermengen brachte sowieso nie etwas. Nein, wer so etwas versuchte, verbrannte sich leicht die Finger. Erst recht, wenn er etwas mit einer Vorgesetzten anfing. Von den üblichen bigotten Navykonventionen und dem meist eifrig ins Kraut schießenden Gerüchten mal ganz abgesehen. Wer klug war, ließ das bleiben.
Insgesamt betrachtet hatte er es also gut getroffen. Er war mit einem guten Freund in einer Staffel, die neue Staffelchefin war kein Unmensch, und seine Vorgesetzte schien ihr Fach angemessen zu verstehen. Was wollte man mehr? Abgesehen natürlich von einem sicheren Posten, einer Gehaltserhöhung und...
Nun, es blieb abzuwarten, wie sich das weiter entwickeln würde. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß es bald Zeit für die nächste Übung war. Wieder ein Staffeleinsatz gegen einen simulierten Gegner. Lightning und ihre XO schienen fest entschlossen zu sein, jeden Piloten so lange zu bearbeiten, bis er Goldene Fliegerkreuz hatte – im Simulator. Nun, wenn Mühen einen Preis verdienten, dann würde der Staffel nicht viel geschehen. Aber First Lieutenant Haugland wußte, daß selbst die beste Übung nur ungenügend auf den Ernstfall vorbereiten konnte.
Mit einem bedauernden Seufzer legte er die Zeitschrift beiseite und machte sich daran, sich auf den Einsatz vorzubereiten. Wenn er etwas vermißte, dann vor allem die Freizeit, die ihm früher für sein Hobby zur Verfügung gestanden hatte. Er kicherte leise. Wenn das sein größtes Problem hier blieb, dann würde sein Kriegsabenteuer alle mal zu ertragen sein...
Ironheart
24.03.2004, 14:24
Ursprünglich von Cunningham
Skunk beobachtete die drei Nighthawkpiloten schon den halben Vormittag.
Er lehnte an einem Gabelstapler, der außerhalb des Hangars für die Nighthawks der Imperial Starlancers stand.
Neben ihm hockte Hacker, Mantis hatte den Sitz des Gabelstaplers besetzt. Die drei Angry Angles rauchten eine Zigarette nach der anderen.
Insgeheim mochte Skunk Mantis, die wohl die älteste Pilotin bei den Angles stellte. Sie kam langsam in das Alter, wo es Schwierigkeiten mit der Flugtauglichkeit gab, doch sie brillierte sowohl mit geistiger wie auch körperlicher Hochform.
Da sie selbst Darkness fast 20 Jahre voraus hatte schaffte es keiner der Lieutenant Commanders sie aus der Ruhe zu bringen.
Sie schaffte es auch fliegerisch schritt zu halten und vor 20 Jahren hätte sich sicherlich Hackers Mangel an können ausgleichen können, leider war sie dazu heute nun doch nicht mehr in der Lage.
Skunk mochte sie, vielleicht gerade wegen ihrer Art, der Krieg und auch der Dienst standen bei ihr an zweiter Stelle. Diese Einstellung hatte sie schon zweimal in Darkness Büro geführt und das Gerücht sie haben dem alten Schinder zünftig Konter gegeben hielt sich beständig. Ihre ältere Tochter war jetzt im achten Monat schwanger.
"Was ist Sonny, willst Du nun noch Streit anfangen oder lasse ich mich hier umsonst braten?" Sie blickte auf Skunk herab.
Gott Mädel, wenn ich etwas älter wär, Du keinen Mann hättest, wie lange hat mich keine Sau mehr wie nen Jungen behandelt. "Abwarten, wird schon werden."
Hacker kratzte sich am unrasierten Kinn. Der Junge hatte sich seid Tagen wohl nicht rasiert und trotzdem spross nur vereinzelter Bartflaum am Kinn und auf den Wangen.
"Yeah Sonny, mach was!"
Skunk entschied sich dagegen Hacker zu raten sich wieder zu rasieren und ihn somit vor dem Spott der anderen Piloten zu schützen: "Schnauze Jungfuchs."
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, nur um sich dann die Hand an Hackers Hemd abzuwischen.
"Hey, lass das!" Protestierte dieser.
"Was an 'Schnauze Jungfuchs' hast Du nicht verstanden?" Er stand auf und trat Hacker seitlich ins Gesäß, nicht wirklich hart.
"Ich bin ja schon still."
Damit war die Nahrungskette wieder klar gestellt.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er wie die drei Nighthawkpiloten das Durchchecken der Maschine einstellten und ihre Werkzeuge zusammenpackten.
Showtime.
Er schnappte sich einen Pappkarton mit Gerümpel, den er zusammengetragen hatte und marschierte in Richtung Hangar.
"... und dann hat er sich selbst den Que über dem Kopf zertrümmert ..."
Die drei Piloten der Imperial Starlancer kamen ihm entgegen und wie zufällig stieß er mit dem vordersten zusammen und ließ den Karton fallen.
Für jemanden der weiter weg war, wie Mantis oder vielleicht auch Hacker - wenn dieser besser aufgepasst hätte - sah das ganze recht gekünstelt aus, doch nicht für die Nighthawkpiloten.
"Hey, sorry Mann", entschuldigte sich derjenige den Skunk angerempelt hatte und bückte sich um diesem beim Aufheben des Gerümpels zu helfen.
"Nighthawkpiloten", grummelte Skunk.
Der andere fuhr sofort wieder in die Höhe: "Was sagtest Du eben?"
Langsam richtete sich Skunk auf: "Das hast Du genau verstanden Sonny-Boy."
"Ach und, was willst Du damit sagen?" Mischte sich die Frau aus dem Trio ein, die garantiert kein Wort verstanden hatte.
Skunk lächelte süßsanft. Ein Lächeln, das so manch Flügelmann von ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ: "Na was soll ich wohl gemeint haben: Blind wie Maulwürfe, Wendig wie nen Elefant und Reflexe wie mein reumageplagter Großvater."
"Jetzt pass mal auf Großmaul ..."
"Man, Euch müssen Sie doch in die guten Kisten stecken, sonst würde doch nichts vernünftiges bei rauskommen", stänkerte Skunk weiter.
"Du hältst Dich für gut was Mann?" Fragte der erste.
Skunk verschränkte die Arme vor der Brust und sah, wie dem dritten Piloten der Starlancers ein Licht aufging, wand sich jedoch wieder dem ersten zu: "So einen Blindfisch wie Dich fege ich allemal aus den Wolken."
"Falcon lass das", mischte sich der dritte nun endlich ein.
"Soll'n wir uns das etwas von DEM gefallen lassen", fuhr die Frau den einzigen klugen Kopf der Gruppe an.
Skunk kicherte: "Yeah Falcon, hör auf Deinen Kumpel ..."
"Ich mach Dich fertig. Was ist, nur wir beide, ich in der Nighthawk und Du, was immer für ne Mühle Du fliegst."
Skunk gab sich erstaunt: "Wir sind aber mutig."
"Was ist, haben wir jetzt die Hose voll?" Falcon spielte ihm direkt in die Hände.
"Allright Falcon, Du besorgst die Flugfreigabe fürs Übungsgelände und ich stehe Dir um nullvierhundert P.M. zur Verfügung ehh?"
"Alles klar Arschloch!"
"Fein, bis morgen." Skunk drehte sich auf dem Absatz um, ließ das Gerümpel einfach liegen und kehrte zu seinen beiden Kameraden am Gabelstapler zurück.
Hinter sich hörte er plötzlich Falcon lauthals fluchen. Na, ist da wem ein Licht aufgegangen?
Ironheart
24.03.2004, 14:24
Ursprünglich vin Cunningham
Franziska Kaiser saß auf dem Beifahrersitz einen Grav-Jeeps. Sie war Reporterin bei ACT - Alpha Centauri Television. Und beauftragt eine Reportage über die aktuelle Lage des Krieges machen.
Der Weg führte sie nach Sterntor, wo die Army große Verbände zusammenzog. Unter anderem auch die 43th Armored Dragoons, einem neu aufgestellten Panzerregiment.
"Colonel Voscherau, Sie stammen aus einer Soldatenfamilie, in der 6. Generation Sand Hurst. Und bis vor sechs Wochen waren Sie Major beim 2nd Republican Tank Regiment."
Ihr Gegenüber ein Mann mittleren alters in dem olivgrünen Overall und schwarzem Barett der Panzertruppen der Army nickte und bog in einen der Hangars ein. "Das ist alles korrekt."
Im ganzen Hangar standen Panzer vom Typ Jack Hammer. An allen Panzern wurde gearbeitet. Befehle wurden gebrüllt.
"Was ist es für ein Gefühl, von einem der Eliteregimenter der Army in ein neu aufgestelltes Panzerregimenter voller frischer Freiwilliger versetzt zu werden?"
"Wie meinen Sie das Ms. Kaiser?"
"Nun, es wird doch sicherlich nicht gerade DER Traumposten sein, und sie werden sich sicherlich nicht darum gerissen haben."
Voscherau hielt den Grav Jeep an und blickte sie an. "Ja, das ist richtig, doch sehen Sie sich dieses Regiment genau an, es beginnt oder endet nicht mit meinem Namen."
Er deutete auf eine Frau, die auf dem Jackhammer arbeitete, der Kaiser und Voscherau am nächsten war: "Sehen Sie den Sergeant auf dem Panzer, die die an der 150er arbeitet: Das ist Sergeant Anika Schulz, ihr Großvater war Philip Schulz, ja der Philip Schulz, Präsident der Bundesrepublik Terra und der Private, der ihr gerade das Ersatzteil reicht ist Homer Andrews, ein Farmer von Cardigan, er stammt von einem Planeten, der auf der anderen Seite der Republik liegt, 70 Lichtjahre von hier entfernt. Er fühlt sich seinem Volk und seiner Heimant derart verbunden, dass er seine Farm stehen und liegen lässt und sich bei der Army meldet."
Voscherau deutete in die andere Richtung auf einen anderen Soldaten: "Christopher E. Reiley. Der Christopher Reiley, der vor vier Jahren ein Buch schrieb, um für eine Diplomatische Offensive an die Akarii warb. Nun da seine Familie auf Manticore in Feindes Hand lebt, trägt Reiley die Uniform."
Die Hand des Colonels fuhr zu einem recht alten Soldaten, der auf sie beide zu kam: "Master Sergeant Theodor Waters, zwei Monate vor dem Kriegsausbruch schied er aus dem Militärdienst aus und ging in Rente, nun trägt er wieder unsere Uniform."
Franziska nickte verstehend: "Hm, das klingt so, als ob viele hier sind, weil sie einfach dabei sein wollen."
"Nein, Sie verstehen nicht, niemand von uns will den Krieg, weil wir mitten drinnen stecken werden." Der Colonel seufzte. "Beinahe alle von uns wären gern, wo anders, bei unserer Familie, bei Freunden zum Grillen, mit den Kindern zum Fußball. Doch das ist zurzeit nicht möglich. Wir stehen hier als Vertreter der Menschlichen Rasse, ihrer Träume, ihrer Ideen und ihrem Streben nach Freiheit."
Das Kamerabild schaltete um und zeigte jetzt ein Fernsehstudio von ACT.
Auf einer großen schwarzen Couch saßen Franziska Kaiser sowie drei Männer.
Der in der Mitte, rechts von Franziska, war Armando Cortez der Moderator von Smartline. Links von Franziska saß Ferdinand Beck, Pressesprecher von Blohm und Voss Spacecrafts AG. Rechts von Cortez saß Martin Rush, Pressesprecher aus dem Büro des Gouverneurs.
Cortez lächelte: "Waren das nur die üblichen Phrasen oder haben wir es hier mit echten Feuer und echter Leidenschaft zu tun? Was meinen Sie Franzi?"
Franziska nippte an ihrem Wasser: "Pflichtbewusstsein, Armando, einfaches Pflichtbewusstsein."
"Und wie hat der Colonel auf Berichte über den Pariser Pakt reagiert?" Wollte Cortez wissen.
"Er war sehr erbost, aber das werden unsere Zuschauer in der Ausführlichen Reportage um 22 Uhr genauer erfahren."
"Ich kann mir gut vorstellen, das der Colonel sehr wütend wurde. Dieser Pariser Pakt ist eine Beleidigung aller Männer und Frauen, die für unsere Freiheit kämpfen." Ereiferte sich Beck.
"Woher wusste ich, dass Sie sich in die Richtung über den Pariser Pakt äußern würden." Cortez grinste frech.
"Selbstverständlich, immerhin wurden auch wir von diesen ehrenwerten Herren angegriffen." Beck lehnte sich vor. "Man erzählt von hohen Gewinnen, prangert uns als Kriegsgewinnler an. Wir sind es, die diesen Krieg auf finanzieller Ebene tragen: Kriegssteuern, Transportzölle und vieles mehr. Viele unserer Mitarbeiter haben ebenfalls Familienangehörige bei der Navy oder der Army. Genauso wird es bei den anderen Werften sein, bei Vickers Interstellar und New Bosten Space Constructions."
"Mir kommen ganz andere Gedanken", mischte sich Rush ein, "wenn ich die Damen und Herren des Pariser Paktes so höre, scheinen sie keine Angehörigen in der Grenzregion zu haben. Es scheint mir, als würden sie halt stop schreien, ehe sie in den Genuss der Akarii kommen können. Purer Egoismus und Feigheit. Ich meine, wir können doch jetzt nicht einfach vor den Echsen kuschen, die haben unsere Welten besetzt. Brave Menschen stöhnen unter der Last der Akarii-Knute."
"Wahrscheinlich haben Sie recht meine Herren, doch wie wir gleich sehen werden, ist die Unterstützung für unsere Truppen - quasi dem Pariser Pakt wider - auf einem Hochpunkt. Vor drei Tagen wurden zwei neue Träger der Majestics-Class in Dienst gestellt: Die Angela Mannheim und die James Windsor. Erlesene Namen muss ich schon sagen."
"Sie passen zu der Typ von Schiff Armando", Beck lächelte in die Kamera, "doch auch Blohm und Voss wird dazu übergehen, die folgenden Schiffe der Dauntless Klasse nach gefallenen Helden benennen, mit Ausnahme der Daring natürlich, es bringt Unglück ein Schiff umzunennen."
Jetzt mischte sich Franziska wieder ein: "Wurden noch mehr Schiffe der Dauntless Klasse auf Kiel gelegt?"
"Korrekt, es wurde mittlerweile mit dem Bau drei weiterer Flak-Kreuzer begonnen."
"Aber ist es nicht so, dass sich die Dauntless noch nicht wirklich bewiesen hat Mr. Beck?"
"Bitte erlauben Sie mir zu antworten Ferdinand", drängte sich Rush auf, "sowohl Blohm und Voss als auch wir von der Regierung Alpha Centauries sind uns sicher, dass die Dauntless-Class sich mit Bravour beweisen und eine Bereicherung für die Raumstreitkräfte erweisen wird."
"Sie haben sicherlich Recht meine Herren, nur kommen wir zu den Trägerschiffen zurück", nahm Cortez wieder das Heft in die Hand, "wir spielen nun die Aufnahmen der Taufe des neuesten Flottenträgers unserer Streitkräfte ein: Der TRS Columbia!"
Ironheart
24.03.2004, 14:25
Ursprünglich von Cunningham
Vickers Raumwerft,
Marsumlaufbahn
Blitzlichter leuchteten im stetigen Gewitter auf als Patricia Birmingham sich erhob und ans Rednerpult ging: "Sehr verehrte Damen und Herren der Terran Space Navy, es ist mir eine große Ehre und auch Vergnügen an diesen Tag ihr Ehrengast zu sein."
Jeder Kommandant eines Schiffes wird an Bord seines Schiffes mit Captain angesprochen, egal welchen Rang er innehat. Ein Captain an Bord eine Schiffes, welches nicht seines ist wird mit Commodore angesprochen, ging sie im Geiste DeMarkos Worte noch mal durch. Sie hatte ebenso auf Rock und hochhackige Schuhe auf DeMarkos Rat hin verzichtet. Ziehen Sie eine Hose an, wir gehen auf ein Kriegsschiff.
"Ich war hocherfreut und sehr überrascht, als ich die Einladung zur Taufe dieses Schiffes erhalten habe, um so mehr habe ich mich gefreut, als ich von meinem Verteidigungsminister erfuhr, dass die Taufe von Trägerschiffen ausschließlich ehemaligen Admiralen vorbehalten war. Ich glaube, er klang sogar etwas geknickt."
Sie lächelte zu DeMarko rüber, der extra für diese Festlichkeiten sich eine neue weiße Galauniform anfertigen ließ.
Vereinzeltes Lachen erklang im Publikum.
"Nun, auch wenn wir uns im Krieg befinden, sollten wir diesem Schiff den Festakt bieten, der ihm von rechts wegen gehört, darum lassen Sie uns beten: Herr, Universum unser aller Gott. Wir bitten Dich dieses unsere Schöpfung zu empfangen und zu segnen. Ihm in seinen Schlachten beizustehen, es zu behüten und zu verteidigen. Seiner Besatzung den Mut und die Kraft zu verleihen, die sie bei der Erfüllung der vor ihr liegenden Prüfungen zu geben.
Gebe diesen jungen Männern und Frauen Deinen Segen und Deinen Schutz. Lasse Sie immer wieder in den schützenden Hafen zurückfinden.
Amen!"
Birmingham verließ das Pult und trat zu der Abschussvorrichtung an der Seitenwand des Dockmoduls.
Der Anblick, der sich durch das zwei Meter dicke Sicherheitsglas bot, raubte ihr den Atem. Der riesige Flottenträger schwebte keine 200 Meter von ihr entfernt. Über 70.000 Tonnen Stahl und Ingenieurskunst. Geschaffen von Menschenhand. 1 Kilometer lang, 312 Meter hoch - von unten bis hin zum Top, 250 Meter breit. Über 4.000 Mann Besatzung.
Ein älterer Senior Master Chief riss sie aus ihrer Träumerei: "Der Champagner Ma'am."
Der Mann war gut 20 Jahre älter als sie und doch blickte er sie ehrfürchtig an.
"Ja, natürlich, vielen Dank, aber wenn Sie mir helfen würden."
Der Chief spannte die 2 Liter Flasche teuersten Champagners in die Abschuss Vorrichtung ein und machte diese zum feuern bereit.
Birmingham drehte sich halb zu der Besuchergruppe um: "Hiermit taufe ich Dich auf den Namen Columbia, in Gedenken an die ersten Pioniere der Raumfahrt und an eine lange Tradition von Schiffen der Terran Space Navy."
Die Kameras der Reporter blitzten auf und sie feuerte den Champagner auf die Columbia ab.
Innerhalb von 45 Sekunden überbrückte die Flasche die Entfernung zwischen Dockwand und Schiffswand und zerplatzte exakt über dem Schriftzug "COLUMBIA".
"Soldaten und Soldatinnen der Terran Space Navy: Bemannt dieses Schiff und nehmt es in Betrieb!"
Kaum hatte Birmingham ihre letzten Worte gesprochen, da ertönte aus allen Lautsprechern die Hymne der Navy "Anchors Aweigh".
Auf einem Monitor sah Birmingham, wie ein Strom von Männern und Frauen in weißen Ausgehuniformen der Navy über einen Zugangstunnel in die Columbia strömten. Propaganda!
Sie ließ sich ein Glas Champagner reichen und plauderte etwas mit den anwesenden hohen Tieren von Vickers, so wie einigen Militärs und anderen geladenen Gästen. Natürlich kamen auch die Vertreter der Presse nicht zu kurz.
Der Star von TNN macht einen gereizten Eindruck, aber das konnte sie verstehen, da DeMarko ihr verraten hatte, dass man Scott McLean die Fragen in den Mund gelegt hatte und ihm zugleich mit der Einberufung gedroht hatte.
Schließlich trat ein Commander in Galauniform auf sie zu. Seine linke Brust war mit Ordens- und Campagnenbändern geschmückt, sowie goldenen Pilotenschwingen.
Er stellte sich als Cunnings oder so ähnlich vor und bat sie ihm an Bord zu folgen.
Schnell sammelte sich ihr Gefolge, sowie einige ausgewählte Pressevertreter um sie.
Der Commander führte sie über den Zugangstunnel auf die Columbia.
Als sie das Schiff betraten trillerten Bootsmannspfeifen und ein Unteroffizier der Navy bellte Befehle: "Ehrenwache: stillGESTANDEN!"
Ein Lieutenant erschien und riss seine Hand zum Salut hoch.
"Bitte an Bord kommen zu dürfen." Fragte Birmingham.
"Willkommen an Bord Madam President." Antwortete der Lieutenant und grüßte ab.
Birmingham drehte sich na Links zur Fahne der Republik und grüßte diese. Wie kann man nur so viele Traditionen anhäufen.
Der Commander führte sie dann in Richtung Schiffsbrücke, wobei er stetig Daten über Schiff und Besatzung von sich gab.
Sein Akzent war ähnlich ihrem eigenen New-Bostoner-Akzent und schien auszudrücken, dass diese Art von Fremdenführer unter seiner Würde war.
Schließlich sprach McLean den Commander auf seinen Jollahran-Ribbon an und unterbrach endlich die Technik-/Geschichtslektion.
Birmingham hasste es, wenn man ihr Vorträge über Sachen hielt, die sie eh nicht verstand. Zumindest sollte man dann wenigstens die Höflichkeit haben, die Details zu erklären.
McLean und der Commander schienen sofort ein Herz und eine Seele zu sein.
Schließlich stiegen sie in einen Lift, der sie auf die Brücke bringen würde.
Als sich die Türen zur Brücke öffneten wurde Birmingham erneut vom alltäglichen Navygebrüll empfangen.
"Presidentin auf der Brücke!"
Auch hier trugen die Männer und Frauen ihre weißen Galauniformen, jedoch schienen sie sich herzlich wenig um die Ankündigung zu kümmern.
Keiner blickte von seiner Konsole auf, sondern der Betrieb lief ungestört weiter.
Die Front war von Fensterscheiben gesäumt und erlaubte einen Ausblick auf das Oberdeck des Trägers, mit seinen Geschütztürmen und den Raketenwerferbatterien.
Aus den Augenwinkeln sah Birmingham, wie sich McLean von seinem neuen Freund löste und dieser ihm etwas beleidigt nachblickte.
"Madam President", ein Captain der Navy mit offenem und freundlichen Lächeln streckte ihr die Hand entgegen, "willkommen auf der Columbia. James Waco ihr Captain. Darf ich Sie rumführen Ma'am?"
"Gern." Birmingham bedeutete Waco voranzugehen.
Waco zeigte ihr achtern den großen Kartentisch, an Backbord die Waffenkontrolle, vorn die Steuersysteme, sowie die Sensorenabteilung. Die Comabteilung war an der Steuerbordseite, ebenso die Bordsicherungszentrale, von wo man Notfalleinsätze gegen Feuer und Hüllenbrüche koordinierte, wie Birmingham erfuhr.
Die Brückenbesatzung besteht zu jeder Zeit aus 25 Offizieren und Unteroffizieren.
"Captain: Bordsicherung meldet alle Schotten geschlossen, Zugangstunnel gelöst. Der LI meldet Maschinen hochgefahren, beide Reaktoren arbeiten mit 90 Prozent."
"Das ist Commander Nicholas van der Hoeven, mein 1. Offizier. Mister Fillon, der Leitende Ingenieur der Columbia, hat alles zum Auslaufen vorbereitet", er führte sie zur Kommandostation in der Mitte der Brücke, "und im Grunde warten wir nur noch auf Ihren Befehl Ma'am."
Birmingham räusperte sich: "Meine Befehle?"
"Natürlich, wenn Sie bitte den Befehl zum Auslaufen geben würden." Bat Waco und die Mikrofone und Kameras der Reporter richteten sich auf sie.
Sie blickte kurz zu Waco, dieser deutete auf van der Hoeven.
"Mr. van der Hoeven: Bringen Sie uns raus!"
"Aye, aye Ma'am." van der Hoeven wandte sich an die Steuerzentrale, "Ms Tseng: Schwebezustand einleiten.
"Aye, aye Sir, Schwebezustand einleiten.", die Finger der jungen Asiatin tanzten über die Konsole. "Schwebezustand eingeleitet!"
Birmingham verspürte eine kleine Veränderung, die sie jedoch auf die eigene Einbildungskraft schob.
"Jetzt werden wir von unseren Steuerdüsen so in Position gehalten, das unsere Geschwindigkeit zum Raumdock relativ null ist", erklärte Waco.
"Mr. Merzano: Verankerungen vorn und achtern lösen!" Befahl der 1. Offizier.
"Yessir, Verankerungen vorn und achtern gelöst!"
"Sonsoren: Meldung."
"Der Weg ... erm, keine Hindernisse voraus! Nächstes Hindernis 467 Meter auf 23 Grad voraus, kennzeichne es als Sierra 1." Antwortete dem ersten Offizier eine Lieutenant 1st Class von der Sensorenstation.
"Verankerungen mittschiffs lösen!" Bellte van der Hoeven.
"Yessir, Verankerungen mittschiffs gelöst!"
Van der Hoeven wandte sich an Waco. Dieser nickte.
"Ms Tseng: Manöverdüsen achtern halbe Fahrt voraus!"
"Halbe Fahrt voraus, aye, aye Sir!"
Der Zweiundsiebzigtausend Tonnen schwere Flottenträger setzte sich in Bewegung, jedoch konnte Birmingham, dass einzig und allein an der Positionsveränderung dem Raumdock gegenüber erkennen.
"Captain, wir sind frei vom Dock", meldete van der Hoeven schließlich.
"Sierra 1 identifiziert: Träger Pegasus-Class, TRS Moskau CV 44!" Kam die Meldung von der Sensorstation.
"Dieser alte Himmelhund!" Bemerkte Waco. Er rieb sich kurz das Kinn: "Singnaloffizier: Steuerbordmorsescheinwerfer klar machen."
"Aye, aye Sir!"
"Passieren Moskau", meldete die Sensorenstation.
"Moskau Signalisiert mit Morsescheinwerfer: An TRS Columbia: Willkommen in der Familie. Gezeichnet TRS Moskau, Nakagawa, Captain." Der Signaloffizier lächelte sichtlich stolz.
"Signalisieren Sie: An TRS Moskau: Wir sind froh endlich dabei zu sein. Gezeichnet TRS Columbia, Waco, Captain."
"Aye, aye, Sir, gesendet."
Waco straffte sich, als sie die Moskau passierten: "Brückenbesatzung: Achtung stillGESTANDEN! Ausrichtung nach Steuerbord."
Um Birmingham herum nahmen die Männer und Frauen Haltung an.
"SALUTIERT!"
Die Besatzung der Columbia behielt den Salut so lange bei, wie die Moskau durch die Bullaugen zu sehen war.
Anschließend unterhielt sich Waco noch kurz mit seinem Navigationsoffizier, kam dann jedoch sofort zurück zur Presidentin.
"Ma'am, wir haben im Kasino ein kleine Buffet herrichten lassen, wenn Sie gestatten?" Er hielt ihr galant den Arm hin.
Patricia Birmingham lachte auf und hakte sich ein: "Oh, wo man doch alles Gentlemen findet."
"Madam, ein Offizier ist per Definition ein Gentleman. Allzeit adrett gekleidet, höflich, zuvorkommend. Er zeit beispielhaft für seine Männer und Gesellschaft immer exzellente Manieren. Er ist eine Zierde sowohl für die Streitkräfte und seine Nation als ganzes."
Waco sprach zu überzeugend, als dass er es wirklich ernst meinte.
Jedoch zeigten sich die Offiziere der Columbia bei dem kleinen Buffet - ein 10 Meter langer Tisch mit Köstlichkeiten aus der ganzen Republik - von ihrer besten Seite.
Auf der Moskau lief es nicht annähernd so fröhlich, wie das Logbuch später bekannt gab:
Logbuch TRS Moskau, Captain Nakagawa:
Nachdem die Moskau planmäßig, wie von Admiral Renault befohlen auslief um an der Flottenparade für die Columbia teil zu nehmen kam es schon nach den ersten 20 Minuten zu argen Problemen im Maschinenraum.
Um 16 Uhr Bordzeit wurde Strahlungsalarm ausgelößt. Der L.I. schickte die zweite Schicht in Strahlenschutzanzügen in den Maschinenraum.
Die erste Schicht wurde auf die Krankensation zur Behandlung gegen Strahlenschäden befohlen.
Um 17 Uhr 30 vergrößerte sich der Strahlungsausstoß aus Reaktor Nr. 1 um 300 Prozent.
Zwei Mann der Maschinenraumbesatzung wurden trotz getragener Schutzanzüge stark verstrahlt. Chief Petty Officer Oliver Neuhaus starb um 19 Uhr an seinen Strahlenschäden.
Spaceman 1st Class JinHo Pou kämpft noch immer mit dem Tod. Der Chefarzt der Moskau gibt dem jungen Mann jedoch höchstens 36 Stunden.
Die Moskau kehrt unter Reserveenergie ins Raumdock zurück.
Gezeichnet
Hidoshi Nakagawa,
Captain
Ironheart
24.03.2004, 14:25
Ursprünglich von Hammer
Zwei Stunden später war die erste Simsession überstanden. Murphy war nicht überrascht von dem, was er gesehen hatte, aber er hatte doch gehofft, dass sich die Staffel etwas besser präsentieren würde. Abgesehen von den Rafales, deren Besatzungen schon etwas besser eingespielt waren, hatte sich Murphy ein Bild des Grauens offenbart. Crews, die entweder gar nicht miteinander kommunizierten, sich gegenseitig anbrüllten oder einfach nur hilflos sich anschauten, sobald es eng wurde, waren genau das, was er nicht brauchen konnte. Seufzend ließ er alle in den Besprechungsraum antreten. Hinter ihm trat Count durch die Tür, der ebenfalls wenig begeistert gewesen war. Ihn störte auch, dass Murphy ihn und sich aus der Übung herausgenommen hatte. Nicht dass hinter dieser Order nicht eine gewisse Weisheit steckte – so konnten sich beide auf die Übung konzentrieren und die Crews beobachten. Aber er wollte doch gerne mal sehen, was sein Pilot und Staffelkapitän so drauf hatte, vor allem in der Crusader. Immerhin hatte er es geschafft, sich über seine Kontakte einige der weniger stark klassifizierten Gefechtsroms von Murphy zu organisieren. Die deuteten bereits an, weshalb man ihn zum Staffelkommandeur gemacht hatte. Aber Count wußte auch, dass der Griphen komplett andere Anforderungen stellte als die Crusader. Ein Bomberpilot mußte seinen Angriffsreiz noch stärker unterdrücken, er mußte stur wie ein Ochse und zugleich filigran wie ein Violinenspieler vorgehen, wenn die Mission ein Erfolg sein sollte.
Er wurde aus den Gedanken gerissen, als sich Murphy räusperte.
„Leute, das war ja wohl nichts. Absolut nichts. Den Rafale Crews will ich zugestehen, dass sie wenigstens ahnen, was sie tun müssen. Aber der Rest? Eine Katastrophe ohne gleichen. Bear, man brüllt seinen Bombenschützen nicht an, wenn der mal nicht gleich rausrückt mit den Koordinaten. Und Maniac, das gilt auch für Sie brauchen gar nicht so zu grinsen. Spartan, haben Sie eigentlich schon festgestellt, dass links neben Ihnen noch ein Pilot sitzt? Ja, mit dem kann man sich sogar unterhalten. Dart, Sie sollten sich davon aber nicht so irritieren lassen, dass Sie die ganze Zeit nach rechts schauen.
Insgesamt war die Übung, wie gesagt, gar nichts. Einfach nur schlecht. Wir haben eine vorsichtig formuliert zu lockere Formation gehabt – man könnte auch sagen, wir hatten gar keine – dann hatten einige Leute hier Probleme, sich innerhalb der Maschine und innerhalb der Rotten über Vorgehensweisen zu einigen. Die Feuermuster der automatischen Türme waren nicht abgestimmt und wiesen so große Löcher auf. Der Zielanflug war viel zu berechenbar, zu gerade und wurde zu früh abgebrochen. Flugkörper lagen nur mit 20 % im Ziel, was ebenfalls unakzeptabel ist. Trotzdem gingen 30 % der Maschinen verloren, was selbst bei Vernichtung des Ziels inakzeptabel wäre.
Bagatelle wie nicht vorhandene Funkdisziplin, fehlende Crewkoordination, zwei Navigationsfehler und drei unfreiwillig produzierte Systemabstürze lasse ich mal unkommentiert. Ich will dass sich das ändert, und zwar pronto. Zehn Minuten Pause, die Sie zur Einsatzbesprechung nutzen sollten, dann wird die Mission wiederholt.“
Ohne Kommentare abzuwarten verließ er den Raum, nachdem er Count bedeutet hatte, ihm zu folgen.
„Und, was meinen Sie?“ fragte Murphy seinen XO.
„Sie haben es ganz gut beschrieben, wenn auch einige weitere Details fehlten. Zum Beispiel in der Verwendung der Mavericks....“
Murphy nickte. „Ich wollte die Leute nicht überfrachten. Aber ich habe es auch mitbekommen. Was meinen Sie zum Ausbildungsstand?“
„Mäßig. Kaum jemand mit mehr Erfahrung als dem Umschulungslehrgang, das wußten wir ja. Aber auch niemand da, der sich wirklich als begabt erweist. Ich fürchte, die Auswahl der Unterführer wird schon ein großes Problem, von der Einsatztauglichkeit in einigen Wochen ganz zu schweigen.“
„Das wird mehr Arbeit, als ich befürchtet habe.“
„Packen wir es an.“
Zur gleichen Zeit saßen die restlichen Piloten im Besprechungsraum. Bulle LeBeau schaute in die Runde und fragte laut:“Und nun?“
„Wie und nun?“ äffte ihn Spartan nach.
„Ihr könnt Euch doch alle denken, was der Alte Mann mit uns macht, wenn wir die nächste Runde wieder vergeigen.“
„Strafexerzieren bis zum Unfallen?“
„Würde ich ihm glatt zutrauen, von dem was die Jaguars mir in Miramar erzählt haben“ schaltete sich Kingpin ein.
„Du solltest nicht alles glauben, was einem die Jungs von den Griphen erzählt haben.“ entgegnete Spartan.
„Wie ein Weichei tritt er jedenfalls nicht auf.“ Das brachte Spartan zum Verstummen.
„Das ist richtig. Wir sollten uns mal ein wenig zusammenreißen. Ich meine, wir stellen uns offensichtlich an wie grüne Jungs. Gut, einige von uns sind es. Aber nicht alle.“ LeBeau blickte die anderen an.
„Sprecht miteinander, aber vernünftig. Da hat Murphy schon recht.“ gab Kingpin dazu.
„Klar, aber was meinte er mit dem Navigationsfehlern und den Computerabstürzen?“
„Mit den Abstürzen das war ich, ich habe Count nachher darauf angesprochen und offensichtlich habe ich die falsche Reihenfolge bei der Initialisierung verwendet. Da ist mir die Mühle immer abgeschmiert.“ mischte sich Doom ein.
„Und der Navfehler?“
„Ich schätze, wir haben das Ziel deshalb nicht optimal erwischt. Ihr wißt doch, der Einsatzplan sah vor, es von hinten zu nehmen, wir sind fast genau auf der Breitseite angekommen.“
„Stimmt, Rapier, das habe ich mir auch so zusammengereimt.“ meinte Bull. „Womit wir schonmal zwei Fehlerquellen hätten.“
Count steckte den Kopf durch die Tür. „Zehn Minuten sind um, ab in die Cockpits.“
Die nächste Übung verlief zu Murphys Erleichterung deutlich besser. Dass sie insgesamt durch den Wiederholungseffekt einfacher sein würde, war klar gewesen, aber viele kleine Fehler wurden abgestellt. Die Formation war sauberer, die Absprachen klappten besser und einige Crews begannen langsam, zueinander zu finden. Als die Mission beendet war, wirkten sie aber alle erschöpft, so dass Martell ihnen entgegen der ursprünglichen Planung eine längere Pause gönnte, bevor er mit der Theorie begonn. Immerhin schien die Standpauke bewirkt zu haben, dass einige der Leute besser zuhörten und sich konzentrierten. Andere, insbesondere einige der New Bostoner „Veteranen“ – Murphy betrachtete sie eher als Feierabendflieger – versuchten betont lässig und uninteressiert zu wirken.
Am Abend dann saß Murphy da, wo er am liebsten keine einzige Minute verbracht hätte, nämlich am Schreibtisch. Doch gerade der Aufbau einer Staffel benötigte viel administrative Arbeit, die er zudem nicht so gut delegieren konnte wie bei einer eingespielten Einheit.
Währenddessen trafen sich unter konspirativen Umständen mehrere Veteranen der New Bostoner Miliz im Raum von Lieutenant Commander McGill. Nachdem der Letzte von ihnen die Tür hinter sich geschlossen hatte, nickte die Gastgeberin allen zu und begann dann:
„Nun, was gibt es neues?“
„Abgesehen von dem miserablen Verlauf der Übung?“ fragte Spartan.
„Die habe ich selber verfolgt., Ja, außerdem.“
„Nunja, ich habe meine Kontakte im Flottenhauptquartier spielen lassen. Abzüglich einiger weniger geschwärzter Passagen habe ich morgen die Personalakte von Murphy vorliegen.“
„Geschwärzt?“
„Es handelt sich wohl um die vorletzte Feindfahrt der Redemption, bei der Murphy einige Missionen geflogen sein soll, die so geheim sind, dass sie im HQ wohl nur ganz wenige Leute überhaupt die Grunddaten der Mission abfragen können. Mein Kollege meinte, das rieche nach Geheimdienst. Aber mehr konnte er nicht rausbekommen.“
„Schade. Andererseits will ich nicht zuviel riskieren. Wenn man mit dem ND spielt, sollte man mindestens einen Straight Flash auf der Hand haben, ansonsten wird es ungemütlich. Ansonsten schon was bekannt?“
„Murphy hat wohl vor einiger Zeit hier auf dem Mars als Ausbilder gedient, dann ist er CO der VF 2710 gewesen und nun zu uns gekommen. Mein Freund sagte mir, die Akte sei mustergültig, soweit er das überblicken könne. Keine Unregelmäßigkeiten. Interessant ist allerdings, dass er keinen Verwandten angegeben hat. Da mag was im Argen liegen, aber das ist nur spekulativ.“
„Hmm....schauen wir mal.“
Zwanzig Minuten später war das Treffen beendet. McGill brütete aber noch die ganze Nacht über die Frage, wie sie sich mit Murphy auseinandersetzen sollte.
Ironheart
24.03.2004, 14:26
Ursprünglich von Cattaneo
Lilja beobachtete Marine, die gerade aus ihrem Simulator kletterte. Die ehemalige angehende Atmosphärenpilotin wirkte zwar etwas müde, hielt sich aber aufrecht. Vermutlich war sie fest entschlossen, sich als genau so hart im Nehmen wie ein altgedienter Soldat zu präsentieren. Sie war neu in der Staffel und wollte sicher einen möglichst guten Eindruck machen.
Die Russin unterdrückte ein schiefes Grinsen. In vielem war sie selber auch nicht viel anders gewesen, war es auch heute nicht. Wo Marine besorgt war, man könnte ihr ihre Unerfahrenheit und ihre Herkunft ankreiden, da schleppte Lilja ihre Zeit in der Reserve mit sich herum – auch keine Empfehlung für eine Pilotin, die es so genau nahm wie sie. Bisher machte die Neue sich gut, auch wenn Lilja sie gnadenlos ,rangenommen‘ hatte.
Wenn die Russin sich selbst gegenüber ehrlich war, dann fragte sie sich manchmal, ob sie Marine nicht schon zu sehr unter Druck setzte. Nicht aus Rache dafür, daß Marine sich bei dem einen oder andere simulierten Probekampf in der Atmosphäre als überlegen erwiesen hatte. Eher, weil sie an die Akademieabgängerin so hohe Anforderungen stellte, wie an einen Veteranen.
Andererseits, der Mensch wuchs mit seinen Aufgaben. Wer hier schon versagte, der hatte immer noch mehr Glück, als wenn ihm die Akarii die Grenzen seines Könnens aufzeigten – bevor er starb. Und Lilja glaubte daran, daß man von Menschen fast alles fordern konnte und mußte, um es zu bekommen. Immerhin war Krieg.
Bei den Übungen hatte sie Marine bewährt. Mit ihrer Hilfe war es Lilja gelungen, die Staffel langsam aber sicher auf Vordermann zu bringen. Natürlich hatte die Staffelchefin einen entscheidenden Anteil daran, aber Lightning konnte nicht immer und überall dabei sein. Schließlich hatte sie als Kommandeurin auch noch den ganzen Papierkram am Hals. Und so verließ sie sich in vielem auf ihre XO. Nicht ohne sie streng zu kontrollieren. Das war kein Zeichen mangelnden Vertrauens, vielmehr wäre ein Fehler einfach zu teuer geworden. Lightning hätte ihre eigene Schwester nicht nachsichtiger überwacht.
Bisher schien die Staffelführerin der Grünen Schwadron jedenfalls sowohl mit sich selbst als auch mit ihren Piloten und ihrer XO zufrieden. Was Lilja nicht wenig schmeichelte. Sie mußte bloß aufpassen, daß sie nicht zu stolz wurde, und sich vielleicht Fehler erlaubte vor lauter Selbstsicherheit. Aber eine Erinnerung an ihre letzten Feindfahrten genügten meist, um diese Gefahr zu bannen. Nur zu gut erinnerte sie sich ihrer Fehler.
Die XO nickte den anderen Piloten zu, die nun ebenfalls aus den Simulatorkokons klettern. Sie alle hatten sich gut geschlagen. Bei der Mission, Verteidigung eines Trägers gegen feindliche Jagdbomber, hatten sie ihre Aufgabe erfüllen können. Es war natürlich nicht ohne herbe Verluste abgelaufen, aber etwas anderes war bei den Parametern nicht zu erwarten. Eine Simulation, die ohne abgeschossene Erdmaschinen ausging, war zwangsläufig fehlerhaft – das hatte der Krieg sie gelehrt.
Aber verglichen mit den Möglichkeiten waren die Leistungen gut ausgefallen. Deshalb entschloß sich die Russin, heute etwas gnädig zu sein. Soweit sie das überhaupt konnte...
Sie musterte die anderen Piloten: „Keine schlechte Leistung. Ich vermisse lediglich noch etwas die Koordination zwischen den einzelnen Flights. Karanka und Tyr – Ihr müßt noch besser lernen, mit euren Führern zusammenzuarbeiten.“ Sie lächelte bissig: „Das heißt Tyr – auch du mit mir. Ich schlage vor, wir treffen uns nach dem Abendessen...“das bedeutete, in der knapp bemessenen Zeit, die eigentlich frei war: „und üben ein wenig Verbandsflug unter erschwerten Bedingungen. Eine halbe, dreiviertel Stunde sollte für heute genügen.“ Natürlich waren die beiden Milizionäre nicht eben begeistert. Aber sie akzeptierten es.
„Was die übrigen angeht – ich erwarte, wenn ich mit meiner Nachtischsübung fertig bin, eure Berichte zu sehen. Fehler unserer Strategie und eures eigenen Verhaltens. Wenn mir etwas nicht paßt, werde ich das mit dem Entsprechenden noch durchgehen.“ Das würde zwar möglicherweise auch für sie Extraarbeit bedeuten, aber sie nahm der Verbitterung über ihre Schleifermethoden etwas die Nahrung, wenn sie selber am meisten arbeitete. Dann konnte man ihr im schlimmsten Falle noch „Hals- und Schulternjucken“ unterstellen. Die klassische Krankheit derer, die nach Orden und neuen Rangabzeichen gierten.
Nun, nach dem Essig, schenkte sie ein wenig Honig nach, um den Geschmack zu mildern: „Ich muß aber sagen, daß ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Wir haben drei Maschinen verloren und drei mit erheblichen Schäden, aber der Feind hat nicht weniger als acht Jabos eingebüßt, und die anderen konnten nicht durchbrechen. In einem echten Kampf bedeutet dies, unser Träger ist gerettet, und unsere ausgestiegenen Piloten konnten eingesammelt werden. Auf einen Weltraumspaziergang können wir also verzichten.“ Die Raptor-Jagdbomber waren gewiß keine leichten Gegner, aber gegen die schnellen Typhoon doch klar im Nachteil. Sie konnten ausmanövriert werden, und saß ihnen erst einmal ein Abfangjäger im Nacken, gab es kaum ein Entrinnen. Auf der anderen Seite hatte eine Typhoon gute Chancen, einen Raptor abzuhängen. Zu sicher durfte man sich dessen freilich nicht sein. Raketen und Bordwaffen konnten auch von einer langsameren und ,faulen‘ Maschine mit bemerkenswerter Genauigkeit ins Ziel gebracht werden. Oft hing es allein vom Piloten ab.
Lilja spürte die Erleichterung, die bei ihren Worten aufkam. ,Weltraumspaziergang‘ war ein ,allseits beliebter‘ Trick der Ausbilder. Wer sich zu ungeschickt anstellte, und abgeschossen wurde, verbrachte oft im Anschluß an eine Übung einige Stunden ,draußen‘. Mit anderen Worten, er mußte auf dem Flugfeld strammstehen, bei jedem Wetter. Naturgemäß wurde so etwas vor allem dann angeordnet, wenn es regnete oder das Wetter in anderer Hinsicht unerträglich war. Lilja wandte das Mittel zwar nicht an, das war eher etwas für die Akademie. Sie erwähnte es allerdings hin und wieder.
„Ich sehe, daß sich sowohl die Neulinge gut an die Veteranen angepaßt haben, als auch die Veteranen mit den neuen Staffelkameraden kooperieren. Wenn es so weitergeht, verdienen wir es bald wirklich, den besten Jäger des Geschwaders zu fliegen.“ Ihre Kameraden reagierten auf diese Worte mit eher mattem Grinsen. Liljas demonstrativ zur Schau gestellte Überheblichkeit gegenüber anderen Maschinen als der eigenen war bekannt, und einer ihrer Charakterzüge, den man noch am ehesten schätzte. In einer Hinsicht freilich hatte sie Recht. Jede Staffel wollte gerne die beste ihres Geschwaders sein. Deshalb notierten die meisten Staffeln die Abschüsse gesondert für Piloten, Staffeln und für das Geschwader. Wie das alte arabische Sprichwort besagte: „Ich gegen meinen Bruder. Ich und mein Bruder gegen unseren Onkel. Ich, mein Bruder und mein Onkel gegen den Rest des Stammes. Wir alle gegen die Fremden...“
Und die Führer der Einheiten schürten diese Einstellung noch. Teils, weil sie glaubten, daß dies die Männer und Frauen anfeuerte und zu Bestleistungen inspirierte. Teilweise aber auch, weil sich so etwas sehr gut in der Akte und bei der Entscheidung über weitere Beförderungen machte. Angeben konnte man damit natürlich auch.
Mit einem knappen Befehl entließ Lilja ihre Kameraden. Die meisten hatten es eilig, sich zu entfernen. Die Zeit zur Erholung war nicht eben reichlich bemessen, da nutzte man jede Sekunde. Marine wollte sich den anderen anschließen, als sie bemerkte, daß Lilja ihr bedeutete zu bleiben. Mit einem vagen Gefühl der Unruhe hielt die jüngere Pilotin inne.
Lilja sprach so gut wie nie mit jemanden unter vier Augen, sah man einmal von der Staffelchefin und ihrer Freundin Imp ab. Und wenn sie es dennoch tat, dann meist um einen privaten Rüffel zu verteilen. Sie hatte zwar auch keine Hemmung, jemanden öffentlich ,fertigzumachen‘, doch manchmal beließ sie es bei einer privaten Predigt. Marine war sich allerdings keiner besonderen Sünde bewußt und fragte sich deshalb, was die XO von ihr wollte.
Lilja wartete, bis die anderen außer Hörweite waren. Sie wirkte, und das war ziemlich ungewöhnlich für sie, etwas unsicher. Es konnte sich also nicht um einen normalen Anschnauzer oder etwas anderes Dienstliches handeln, denn das erledigte sie zunehmend routiniert.
„Gehen wir ein paar Meter.“ meinte sie knapp. Marine schaute Lilja etwas unsicher an, trat dann aber an ihre Seite. Gemeinsam schlenderten sie von den Simulatorkapseln in Richtung Rollbahn. Die Russin schien darauf zu achten, daß niemand anderes in Hörweite kam. Noch immer zögerte sie etwas, aber dann gab sie sich einen Ruck: „Ich muß mit Ihnen reden.“
Marine unterdrückte ein leichtes Grinsen. ,So förmlich?‘ dachte sie amüsiert. ,Da kann es aber nun wirklich nicht um eine Rüge gehen...‘ Sie warf Lilja einen Seitenblick zu: „Nun, jetzt reden wir ja miteinander.“
Der Blick, den sie dafür von Lilja kassierte, schwankte irgendwo zwischen Unbehagen und gelinder Empörung. Aber dann schien Lilja doch entschlossen, die kleine Spitze zu ignorieren. Sie hatte sich scheinbar ein Herz gefaßt: „Da wir in den letzten Tagen noch mehr als sonst zusammengearbeitet haben, hatte ich gute Gelegenheit, Sie einzuschätzen, Taylor. Sie zeigen gute Anlagen, vergessen Sie aber nicht, daß die Simulation nicht der Ernstfall ist.“ Das war nun wirklich ungewöhnlich, denn so offen lobte die Russin normalerweise nicht. Das dicke Ende blieb also abzuwarten.
„Mir ist aufgefallen, daß Sie geradezu darauf zu brennen scheinen, daß es losgeht. Es ist nicht zu übersehen, daß Sie offenbar gegenüber den Akarii Haß empfinden. Das ist nur normal, immerhin haben sie uns angegriffen. Aber bei Ihnen steckt mehr dahinter.“
Deutlich war Lilja anzusehen, daß ihr das Gespräch unangenehm war. Marine wußte nicht recht, wieso. Sie ahnte freilich, woher der Wind wehte. Die nächsten Worte der XO bestätigten ihre Vermutung: „Wie Sie sich vorstellen können, besitze ich Kenntnis von Ihrer Akte. Sie haben Angehörige auf Mantikor, und Sie müssen davon ausgehen, daß die Akarii sie getötet haben.“
Ironheart
24.03.2004, 14:27
Ursprünglich von Cattaneo
Die Selbstverständlichkeit, mit der die Russin vom Tod ihrer Angehörigen ausging, versetzte Marine einen Schlag. Sie wollte etwas entgegnen, wütend über die Offizierin, die ihre schlimmsten Ängste so scheinbar gleichgültig aussprach. Wollte sie anfahren, was sie sich einbildete, in ihrem Privatleben herumzuschnüffeln. Aber sie schwieg. Sie hatte nicht das Recht zu protestieren, gegenüber einer Vorgesetzten, die nur ihre Pflicht tat. Und außerdem – angesichts dessen, was man über das Vorgehen der Akarii wußte, war es nicht unwahrscheinlich, daß ihre Familie tot war. So sehr sie das auch leugnete, die Wahrscheinlichkeit sprach eher dafür als dagegen.
Lilja machte stur weiter und vermied es, Marine in die Augen zu sehen: „Wie ich schon sagte – Haß auf den Feind ist normal. Er ist sogar richtig. Aber sie dürfen sich nicht von Ihrem Haß beherrschen lassen. Sonst werden Sie es sein, der stirbt, nicht der Gegner.“
Erst jetzt blickte sie ihre Untergebene direkt an: „Wir werden früh genug Gelegenheit bekommen, den Echsen alles heimzuzahlen. Das verspreche ich Ihnen. Aber Sie müssen lernen, Ihre Gefühle unter Kontrolle zu behalten. Wenn Sie das jetzt schon nicht schaffen, dann wird es Ihnen im Kampf erst Recht nicht gelingen. Sie werden sich zu sehr auf einen Gegner konzentrieren, und ein anderer wird Sie abschießen. Oder, schlimmer noch, Ihr Kamerad wird getroffen, weil Sie ihm nicht den Rücken decken. Wir führen hier keine private Vendetta, sondern Krieg. Und ich erwarte, daß Sie ihre Pflichte erfüllen, ungeachtet von persönlichen Gefühlen. Für die ich vollstes Verständnis habe. Haben Sie mich verstanden?“
Marine nahm Haltung an: „Zu Befehl Lieutenant!“
Am liebsten hätte sie Lilja eine runtergehauen, aber sie beherrschte sich. Es waren nicht die Worte an sich, die sie aufbrachten. Verglichen mit einer Standpauke von einem Ausbilder des Corps war das gar nichts. Aber das ihre Vorgesetzte an ihren wunden Punkte rührte, daß ließ sie innerlich kochen.
Die Russin musterte sie, so als ahne sie, was in der jüngeren Frau vorging: „Ich kann mir vorstellen, daß Sie wütend sind. Ich wäre es, an Ihrer Stelle. Aber mir als XO obliegt eine gewisse Verantwortung für die Staffel. Und auch wenn es Ihnen unangenehm ist, es ist besser, ich sage es Ihnen jetzt.“ Natürlich bekam sie keine Antwort. „Ich habe selber einige gute Freunde durch die verdammten Echsen verloren. Ich kann mir zumindest annähernd vorstellen, wie Sie sich fühlen. Aber ich werde nicht zulassen, daß Sie mit einem Rachefeldzug das Leben Ihrer Kameraden gefährden.“
Die XO holte tief Luft: „Gut. Also können wir davon ausgehen, daß Sie mich verstanden haben.“ Sie zögerte, doch dann fügte sie hinzu: „Und was ich Ihnen jetzt sage, behalten Sie für sich, verstanden? Nur soviel – es geht wie gesagt darum, seine Pflicht als Soldat zu erfüllen. Wenn das geschehen ist... ich will sagen, was außerdem passiert ist eine andere Sache. Wenn Sie tun, was von Ihnen erwartet wird, bin ich zufrieden. Was darüber hinausgeht, soll mir auch Recht sein. So lange keine Angehörigen der TSN dabei gefährdet werden.“
Mit diesen Worten nickte sie ihrer Untergebenen zu, drehte sich um und ging.
Marine starrte ihrer Vorgesetzten hinterher. Die letzten Worte der XO – was sollten sie bedeuten? Da war ein gewisser Unterton, Dinge, die nur berührt, nicht wirklich ausgesprochen wurden. Was hatte Lilja gemeint?
Lilja verzog angewidert das Gesicht. Sie haßte so etwas. Wenn es nur darum ging, jemanden anzuschnauzen – das fiel ihr leicht. Sie hatte es inzwischen gelernt, Leute auf Trab zu bringen. Und wenn sie dafür nicht eben beliebt war, na und? Dann ließ daran eben nichts ändern.
Aber so etwas, das würde sie wohl nie lernen. Sie konnte sich einfach nicht richtig verständnisvoll für andere zeigen. Was ihr noch am ehesten einfiel, war ein: „Reißen Sie sich zusammen, oder Sie sind die längste Zeit in dieser Staffel geflogen!“
Nicht gerade eine ideale Basis für ein klärendes Gespräch. Aber ebenso, wie sie selber sich davor verwahrte, daß jemand in ihr Innerstes blickte, hatte sie Probleme, sich ehrlich und aufrichtig mit dem Gedanken eines anderen auseinander zu setzen. So etwas bedeutete, daß man Anteil nahm, und das wollte sie nicht. Denn dann hätte sie Verständnis aufgebracht. Und wenn man erst einmal Verständnis für jemanden hatte, dann ließ dessen Tod einen nicht mehr kalt. Und das wollte, das konnte sie nicht riskieren. Nicht nach ihren Erfahrungen. Sie ging bereits ein großes Risiko ein, indem sie sich mit Imp angefreundet hatte, und ein wenig auch mit Lightning. Sie wollte einfach nicht etwas – und sei es auch nur enge Kameradschaft – gegenüber den anderen Staffelmitgliedern empfinden. Unweigerlich würden einige von ihnen sterben, und das sollte ihr auf keinen Fall nahegehen.
Ironheart
24.03.2004, 14:27
Ursprünglich von Ace Kaiser
Eigentlich war Juliane noch gar nicht richtig da. Ihre Gedanken waren noch mindestens ein halbes Lichtjahr hinter ihr. Sie dachte an den Urlaub mit Demolisher, an die Ferien am Strand von Bombay. Und natürlich an den Wildschutzpark.
An die wenigen Tage, die sie sich gegönnt hatte, um Zuhause zu sein, die ostfriesischen Inseln zu besuchen und nach Helgoland rauszufahren.
Die kleine Harztour mit ihrem Bruder. Die Besuche bei ihren rekonvaleszenten Staffelmitgliedern. Nein, sie war definitiv noch nicht angekommen.
Derart fahrig betrat sie den Besprechungsraum ihrer Staffel auf Miramar.
Ein scharfes Achtung erklang und ließ die elf Piloten hochfahren.
Juliane winkte ab. „Rühren, Leute, rühren.“
Sie ging zum Rednerpult, legte ihre Papiere ab, sortierte sie grob und sah auf.
Dies war der Moment, wo die Realität sie wieder einholte. Der Moment, in dem sie in den Tritt kam. Sie war angekommen.
Ihr Blick glitt über die verschiedenen Gesichter, die ihr so entfernt aber doch vertraut schienen. Sie waren alle da, sogar die Piloten, die eigentlich noch ein, zwei Wochen Kur in den Hospitälern des Mondes haben sollten. Juliane zählte zehn bekannte Gesichter – und ein Neues. Das musste der Ersatz für Andrea Morelli sein. Der Pilot war gefallen, mit drei Abschüssen, als er zu nahe bei einem kollabierenden Bomber gewesen war. Auf dem ROMs sah es sogar so aus, als flöge er direkt in die letzte abgefeuerte Rakete des sterbenden Akarii. Sie hatte ihn Posthum zur Beförderung vorgeschlagen. Es war gewährt worden. In Fällen wie diesen war die Navy mitunter recht freigiebig.
Sie sah auf die Brustleisten jedes einzelnen. Alle trugen mit Stolz das Kampagnenband von Jollahran, einige den Silbernen Löwen. Und bei zweien erkannte sie mit einem gewissen Stolz das nagelneue, auf Hochglanz polierte Flying Cross in Bronze.
Juliane räusperte sich lautstark, als sie meinte, der Musterung sei Genüge getan.
„Zuerst, Kameraden, eine Schweigeminute für jene, die wir bei der Geleitzugschlacht zurück lassen mussten. Und insbesondere für First Lieutenant Andrea Morelli, der sein Leben gab, um uns einen Platz zum landen, wiederbewaffnen und tanken zu erhalten.“
Die Piloten erhoben sich, senkten die Köpfe. Second Lieutenant Cord Larkin, genannt Nemesis, der ehemalige Flügelmann Andrea Merkur Morelli, biss sich auf die Unterlippe.
Juliane klatschte in die Hände. „So, genug von der Vergangenheit. Platzen, Herrschaften.
Vorweg eines: Ich werde euch nie wieder Ladies nennen.“
„Protest!“, kam es scherzhaft von Eleni Sourakis, genannt Sneaker.
„Dich schon gar nicht, Sneaker“, frozzelte Juliane und hatte die Lacher auf ihrer Seite.
„Nein, ernsthaft. Seht einander an. Seht euch nur um. Fast die gesamte Staffel ist zurückgekommen. Na gut, einige hier wie Avenger dürfen erst in anderthalb bis zwei Wochen fliegen. Aber unsere Staffel wurde nicht kastriert. Es gibt uns noch. Die ganze Sache hat einen Vorteil und einen Nachteil.
Der Vorteil: Unsere Trainingsberichte werden auf lange Zeit die Besten sein, weil wir uns bereits kennen und auch im Gefecht als Staffel geflogen sind.
Der Nachteil: Weil wir das eingespielteste Team sind, werden wir wieder den Trägerschutz übernehmen müssen.“
Leises Murren klang auf.
„Hey, Herrschaften, wie Ihr alle noch von Jollahran wisst, bedeutet das manchmal mehr zu tun als euch lieb ist, ja? Wenn wir Arbeit kriegen, dann haben wir RICHTIG zu tun.“
Beiläufiges Nicken und Schulterzucken der Piloten begleitete ihre Worte.
Sie sah auf ihre Notizen herab. „First Lieutenant Christian Chip Harris. Treten Sie bitte vor.“
Der Milizpilot erhob sich und trat an das Pult heran. „Melde mich wie befohlen, Ma´am.“
Juliane musterte ihn eine Zeitlang. „Sie sind also der Schreiberling, Chip.“
Der Mann von Boston grinste schief. „Das ist korrekt, Commander.“
Ein Lächeln ging um Juliane Volkmers Züge. „Gut, dann stellen Sie sich bitte der Staffel vor. Obwohl ich sicher bin, dass der eine oder andere Sie bereits kennen gelernt hat.“
Chip nickte und wandte sich den Anwesenden zu. „Mein Name ist Christian Chip Harris. Ich bin First Lieutenant der Reserve der Boston Space Miliz und aufgrund der allgemeinen Mobilmachung eingezogen worden. Im Zivilleben bin ich Kolumnist der New Boston Tribune.
Ich habe vom NIC die Erlaubnis erhalten, für meine Zeitung Recherchen zu machen und Interviews zu führen und Artikel über den Alltag und die Kampfeinsätze zu schreiben. Wenn ich euch also mal etwas nerve, nehmt es mir nicht übel.
Ich habe drei Abschüsse in meiner Laufbahn gemacht, aber es waren nur altersschwache Piraten-Mustangs. Ansonsten bin ich schon zehn Jahre in der Reserve. Nicht verheiratet, vergeben oder versprochen, keine Kinder. Nur ne Zeitung.“
„Danke, Chip. Ich denke, wir kommen gut miteinander aus.“ Juliane lächelte den neuen Piloten freundlich an. Der nahm wieder Platz. Wahrscheinlich formulierte er in Gedanken den ersten Bericht für seine Zeitung.
„So, Herrschaften. Diese Staffel hat sich bewährt. Gut bewährt. Deshalb sehe ich wenig Sinn darin, sie auseinander zu reißen und neu zu strukturieren. Ich werde lediglich einige kosmetische Veränderungen vornehmen.
Second Lieutenant Makoto Foreigner Takahashi, ich will Sie nicht länger an meinem Flügel kleben haben.“
Die junge Frau von PERSEUS STATION sah verwundert herüber. „Waren Sie nicht zufrieden mit meiner Leistung, Commander?“
„Nein, ich war mehr als zufrieden. Sie haben gute Leistung gezeigt. Zu gute Leistung. Deshalb gebe ich Ihnen einen eigenen Wing. Ach ja, bügeln Sie Ihren Ausgehrock und die schwarzen Pumps auf Hochglanz. Morgen werden Sie befördert.“
Als die Pilotin entgegen jeder japanischen Verhaltensweise und Zurückhaltungsgebote vor Überraschung und Freude laut aufschrie, konnte sich Juliane ein Lächeln nicht verkneifen.
„Nemesis, Sie sind ein guter Pilot. Vor allem in der Unterstützung. Ich teile Ihnen Foreigner als Wingleader zu. Ich verlasse mich darauf, dass Sie… ihr den Rücken frei halten.“
Cord senkte den Kopf. Der Commander hatte die Worte „besser als auf Merkur“ nicht ausgesprochen, aber sie standen im Raum. Ja, sein Wingleader war gefallen. Ja, auch wenn er nicht daran Schuld war, er war der Wingman gewesen. Er hatte auf ihn aufpassen müssen. Dies war eine Maßregelung. Und er akzeptiert sie. „Jawohl, Commander. Wir werden der beste Wing der ganzen Staffel.“
„Freut mich zu hören, Nemesis.
Chip, Sie sind routiniert und erfahren. Ich halte Sie für fit genug, Arbeit für zwei zu erledigen. Sie werden mein neuer Wingman.“
Der Bostoner Pilot sah überrascht auf, nickte aber. „Jawohl, Ma´am.“
Es war allgemein bekannt, dass der Wingman des Staffelchefs Überstunden schob. Er musste nicht nur am Flügel seines Wingleaders kleben, er musste auch noch kompensieren, dass der Commander nebenbei eine ganze Staffel führte und manchmal dementsprechend abgelenkt war. Juliane hoffte wirklich, dass der Pilot so gut war wie die Berichte von New Boston es versprachen. Andernfalls, es gab leider keinen anderen Platz für den Milizionär, denn einen eigenen Wing wollte sie dem Neuen nicht geben
Ironheart
24.03.2004, 14:28
Ursprünglich von Ace Kaiser
Auf einen Knopfdruck erwachte die Leinwand hinter Juliane zum Leben. Dort erschien als erstes der Schriftzug JOKERS FOR REDEMPTION.
Zu der roten Jokerkarte, dem offiziellen Abzeichen der blauen Staffel kam ein schwarzer Kreis, der sich um da Zeichen legte. Darunter befand sich eine Profilansicht eines Trägers der ZEUS-Klasse. „Unser Einheitsname, unser Abzeichen.“
„Viel hat sich ja nicht geändert“, brummte Demolisher, der ironischerweise genau diese Änderungen vorgeschlagen hatte, als sie am Strand von Bombay Eis gegessen hatten.
„Nein, hat sich nicht.“
Juliane drückte einen anderen Knopf und die Staffelaufstellung erschien.
„Staffelchef ist, wie Ihr alle wisst, die hochtalentierte und allseits beliebte Juliane Huntress Volkmer.“
„Hört, hört“, ließ sich First Lieutenant Annegret Lüding grinsend vernehmen. Die anderen lachten leise.
„Damit gehört mir auch der Erste Flight. Mein Wingman ist, wie Ihr alle wisst, falls Ihr zugehört habt, First Lieutenant Chip Harris.
Wing zwei besteht aus Second Lieutenant William Avenger Stucker und Second Lieutenant Eleni Sneaker Sourakis. Avenger, wenn Sie etwas vernünftiger geflogen wären und etwas öfter auf meine Befehle gehört hätten, dürften Sie jetzt ebenfalls Ihre Schuhe auf Hochglanz bringen. Dann würden Sie Morgen ebenfalls befördert werden. Aber ich will mir erst mal ansehen, wie Sie sich machen. Vielleicht nach der nächsten Feindfahrt. Na, wenigstens haben Sie das Cross in Bronze. Immerhin.“
Der Mann wirkte sichtlich enttäuscht, nickte aber. „Ja, Commander.“
„Flight zwei gehört wieder First Lieutenant Annegret Rapier Lüding. Ihr Wingman ist Second Lieutenant Allan Dagger Swans. Schön Sie wieder aktiv zu sehen, Dagger.
Der zweite Wing des zweiten Flights sieht aber etwas anders aus. Second, bald First Lieutenant Makoto Foreigner Takahashi führt ihn an. Second Lieutenant Cord Nemesis Larkin ist wie bereits bekannt Ihr Wingman, Foreigner.
Wie aber alle wissen ist Nemesis eigentlich noch nicht flugtauglich geschrieben. Er hat jetzt zwar beide Beine wieder, die Ärzte haben Sie aber noch auf Leichten Dienst geschrieben, Lieutenant. Das bedeutet, Sie fliegen zwar die nächste Zeit im Simulator mit, damit Foreigner sich auf Sie einstellen kann. Aber wenn es in unseren richtigen Maschinen ins All geht, bleiben Sie so lange am Boden, wie die Ärzte es sagen. Sie werden eine Menge leisten müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren, Nemesis.“
Wieder nickte der Pilot. Er schielte kurz zu seinen Krücken, die er aufgrund der momentanen Muskelschwäche seiner nach gezüchteten Beine noch immer brauchte. Zwar wurde der Muskelaufbau mit elektrischer Stimulation und hartem Training vorangetrieben. Aber sie waren noch nicht seine Beine. Noch nicht.
„Flight drei gehört wieder mal dem Stellvertretenden Staffelcommander.
First Lieutenant Thomas Andrew Demolisher Paul.
Und wieder mal mute ich Ihnen den schwierigsten Job in der Staffel zu, Second Lieutenant John Bushfire Poindexter – auf Demolishers Sechs zu achten.“
„Man gewöhnt sich an alles, Huntress“, kommentierte Bushfire grinsend.
„Wie auch immer. Ich hatte Demolisher immer lieber hinter als vor mir.“
„Das könnte missverstanden werden, Huntress“, kommentierte der Riese.
„Nur in deinen Träumen, Großer“, konterte Juliane.
„Der letzte Wing besteht aus – welche Überraschung – First Lieutenant Brandon Cloud Brannah und Second Lieutenant Katherine Elfwizard Lacroix.
Gratuliere übrigens zum Flying Cross, Cloud.
So, noch Fragen?“
„Ja, Huntress. Was machen wir hier in Kalifornien?“, meldete sich Cloud zu Wort. „Ich meine, kommen wir in die Etappe, kriegen wir einen der Hilfsträger oder kommen wir auf einen richtigen Kahn?“
Juliane lächelte schief. „Wieviele Staffeln werden hier trainiert, Cloud, was meinst Du? Ich meine abgesehen von den Imperials und den anderen hier fest stationierten Einheiten?“
„Na, hm, mindestens die sechs von der REDEMPTION und die neue Nighthawk-Staffel.“
„Macht mindestens sieben. Da ich nicht glaube, dass man uns wieder zusammen bringt, nur um ins wieder auseinander zu reißen, denke ich, man wird uns noch ne Staffel Bomber oder JaBos schicken und uns zusammen auf einen Träger schicken. Gerüchteweise wird die MOSKAU gerade wieder flott gemacht.“
„Die COLUMBIA läuft auch bald aus“, meldete sich Elfwizard zu Wort. „Das wäre es doch, der neueste Träger der Navy.“
„Na, na, steck deine Träume mal nicht zu hoch, Mädchen“, kommentierte Juliane amüsiert. „Wir sind zwar gut, und immer noch ein eingespieltes Geschwader. Aber ob die Navy glaubt, dass wir so gut sind…
Weitere Fragen? Gut. Dann könnt Ihr wegtreten. Der Rest des Tages ist dienstfrei. Morgen um null fünfhundert erwarte ich euch aber geschlossen bei den Sims. Da können Sie auch dran teilnehmen, Avenger.“
Der Pilot nickte entschlossen, während er sich mit seinen Krücken aus den Sitz hebelte. Dabei akzeptierte er keinerlei Hilfe. Er wollte es alleine schaffen. Wie immer.
Nach und nach leerte sich der Besprechungsraum. Die Stimmung war gut. Und das würde sie auch noch sein, wenn Juliane anfing, die Staffel richtig ran zu nehmen. Denn obwohl einige von ihnen noch immer verletzt oder nur beschränkt diensttauglich waren, die Staffel existierte noch. Das gab vielen Rückhalt.
Juliane raffte ihre Unterlagen zusammen und sah auf, als sich neben ihr jemand räusperte.
„Ja, Demolisher?“
„Ma´am, da wir den Rest des Tages Dienstfrei haben, und dies für lange Zeit der letzte Tag sein wird, wo das der Fall ist, fragt sich die Staffel, ob der Commander uns nicht bei einer zünftigen Kneipentour begleiten will. Selbstverständlich kommen wir weit vor Mitternacht zurück, damit wir Null fünfhundert flugbereit sind. Das heißt, falls der Commander mit den gemeinen First und Second Lieutenants fraternisieren will.“
Juliane lachte hell. „Hast du das auswendig gelernt, Demolisher?“ Sie nahm die Unterlagen in die Armbeuge und klopfte dem Piloten auf den Rücken. „Ich bringe meinen Kram nur schnell in mein Büro.“
Demolisher lächelte. „Zivilkleidung, Juliane. Leg Zivilkleidung an. Oder das, was dein schlechter Geschmack dafür hält.“
„Du“, erwiderte sie und drohte mit dem Zeigefinger. Letztendlich musste sie aber doch lachen.
Ihre Staffel. Ihre Heimat. Ihr Auftrag. Ein gutes Gefühl.
Ironheart
24.03.2004, 14:28
Ursprünglich von Cunningham
Die Phantom zog ihre Bahnen über Übungsgelände Nr. 1 der Miramar Air Base, östlich der Basis. Die Strahlengeschütze waren gedrosselt, die Raketen würden vom Computer simuliert werden.
Dann erschien ein blauer Punkt auf dem Radar. Es war 0358.
"Wir sind also doch pünktlich", flötete Skunk in sein Kehlkopfmicro.
"Natürlich, normaler weise hätten wir das auch schon vor dem Frühstück erledigen können." Falcon klang sehr selbstsicher
Die schnittige Nighthawk schoss durch die Wolken und stieg über die Phantom.
"Um 0400 geht es los?"
"Yeah", antwortete Skunk und überprüfte noch mal die vier Ammram und die vier Sidewinder. Er blickte zu der Nighthawk auf, konnte leider keine Raketenlast erkennen, da die Raketen der Nighthawk ebenso computersimuliert sein würden wie die eigenen.
Phönix oder keine Phönix, das ist hier die Frage.
Die Uhr sprang auf 04:00. Im selben Moment wechselte der Blip auf dem Radar von blau zu rot. Und nur zwei Sekunden später erklang der Raketenwarner in Skunks Cockpit.
Skunk rollte nach rechts, gab volle Kraft und ließ eine Reihe von Teuschkörper hinter sich fallen.
Nahkampf, Du Sau hast doch bestimmt auf den Nahkampf gesetzt.
Die Nighthawk schwenkte ein und setzte nach und holte schnell auf. Die ersten Schüsse aus den Strahlenkanonen der 'hawk kratzten an Skunks Schilden.
Dieser führte immer enger werdende Kurven durch, doch Falcon hatte sich wie ein Terrier in ihn verbissen.
Falcon feuerte eine Sidewinder.
Skunk riss seine Phantom in eine 9g Kurve und warf zwei Teuschkörper. Die Nighthawk kam nicht ganz mit und Skunk konnte ein paar gute Treffer anbringen.
Falcon verschwand jedoch schnell in den Wolken.
"Pok, pok, poaaaaak!" Stichelte Skunk.
"Fahr zur Hölle!" Die Nighthawk stieß mit flammenden Waffen aus dem Himmel nieder.
Skunk stieß die Drossler nach vorn und sprang sozusagen aus dem Feuersturm und riss die Maschine herum und feuerte zwei Ammrams ab.
Jetzt war es an Falcon zu flüchten, während Skunk ihn mit Geschützfeuer überschüttete.
Der Nighthawkpilot wich den meisten Treffern jedoch elegant aus.
Der tödliche Tanz nahm seinen Lauf, angreifen, schießen und beschossen werden, flüchten und erneut angreifen.
Der Kampf verlagerte sich immer weiter nach Westen und langsam aber sicher gewann Falcon die Oberhand.
Er hatte sich hinter Skunk geklemmt und hämmerte methodisch mit den Strahlenkanonen auf die ältere Phantom ein.
Schließlich erklang der Warnton, dass versucht wurde eine Rakete aufschalten zu lassen.
Skunk wünschte sich, dass er sich kurz den Schweiß aus den Augen wischen könnte, doch zum einen brauchte er beide Hände zum fliegen, zum anderen war da ein Visier im Weg.
Er ließ die Phantom stärker wackeln und war präventiv zwei Teuschkörper.
Die beiden Jäger brachen im Abstand von weniger als 15 Meter durch die Wolkendecke.
Direkt unter ihnen entdeckte Skunk eine Hügelkette.
Er schaltete den Nachbrenner aus, zog die Phantom leicht nach oben und ließ sie in einem halben Looping nach unten fallen. Dabei gab er ihr wieder die Sporen.
Die beiden Rolls Royce Triebwerke jaulten auf. Und wie Apollo in seinem Streitwagen persönlich donnerte Skunk der Erde entgegen.
Falcon musste erst einen Kreis ziehen um seinem Gegner folgen zu können.
In weniger als zehn Metern Höhe jagte Skunk durch die Felsformationen und umrundete einen gut 100 Meter hohen wie eine Säule gebauten Berg.
Direkt vor ihm tauchte Falcon auf. Ohne auf eine Zielerfassung zu warten feuerte Skunk seine letzten drei "Raketen". Die Freund-Feind-Rakete vom Typ Ammram schaltete automatisch auf, ebenso eine der beiden Sidewinder.
Es war ausgerechnet die Sidewinder, die traf. Skunk setzte sofort mit den Strahlengeschützen nach. Der Kampf war entschieden. Die Phantom hatte gewonnen.
Jan Gruber biss genüsslich in den Cheeseburger, den er in den Tower geschmuggelt hatte. Dabei tropfte Soße auf die Ablage zwischen ihm und dem Radarschirm, ebenso fiel ihm eine Tomate auf die Hose und rutschte zwischen die Beine.
"Shitt." Er rieb sich kurz mit der Serviette über die Hose, was aber auch nicht mehr viel half. Schnell blickte er sich um und biss erneut in den Burger, wobei er nicht nur die Augen genüsslich schloss, sondern auch weiteren Ketchup und Soße auf seiner Hose verteilte.
"Ach, Mist!"
"Alles in Ordnung Gruber?" Sein Ausruf hatte die Aufmerksamkeit des Schichtleiters auf sich gezogen.
"Äh, ja, alles klar, hab ja zurzeit nicht viel zu tun", beschwichtigte Gruber.
Wie aufs Stichwort erschienen zwei blaue Blips auf dem Radar. Ja, super.
Schnell fragte er die ID der reinkommenden Jäger ab.
"Reinkommende Jäger in Sektor Grün zwei, Phantom five oh three und Nighthawk two two four, sie weichen von ihrem Flugplan ab. Korrigieren Sie ihren Anflug und schwenken sie auf 002 Grad für 12 Meilen und schwenken Sie dann auf 190 Grand ein zum Anflug auf Miramar über Sektor Rot zwei. Over."
"Hier 'Hawk two tow four, verstanden."
"Hier Phantom five oh three, bitte um Überfluggenehmigung!"
Gruber überprüfte rein aus Gewohnheit den Flugverkehr, hätte jedoch den Überflug auch bei keinem Flugverkehr nicht genehmigen dürfen: "Negativ five oh three, keine Überfluggenehmigung."
"Bitte wiederholen Sie Tower, ich kann habe Sie nicht verstanden?" Kam es von der Phantom.
"Probleme Gruber?" Der Schichtleiter Lieutenant Commander Zoe war herangetreten und hatte den Blick stur auf den Cheeseburger gerichtet.
"Der Pilot der Phantom bat um Überfluggenehmigung und behauptet jetzt meine Ablehnung nicht verstanden zu haben Sir."
Zoe schaltete sein Headset ein: "Okay Cowboy, Du hältst Dich jetzt vermutlich für sehr toll, aber es gibt hier keine Überfluggenehmigung und wenn Du jetzt nicht den Anweisungen des Fluglotsen folgst nagel ich mir Deine Eier über den Kamin ist das klar?"
Ihm antwortete ein Rebellenschrei.
"Schitt, der hat die Nachbrenner eingeschaltet", kreischte Gruber.
"Drecksverdammt! Aijaga, Higs: Alles abwinken, was einkommt! Frey, Sanchez: Starts abbrechen!" Zoe lief rot an.
"Phantom five oh three: brechen Sie Ihren Überflug ab, hören Sie, Überflug ...."
Zoe verstummte, als in seinem Sichtfeld eine Phantom eine Siegesrolle machte und über den Stützpunkt raste.
"Dich hole ich mir! Ich mach mir Würfel aus Deinen Zähnen! ..." Wütete Zoe ins Mikro. Die Schicht um ihn rum verstummte, starrte den hochroten Lieutenant Commander an. Gruber jedoch ließ so unauffällig wie möglich seinen Burger verschwinden.
Ironheart
24.03.2004, 14:29
Ursprünglich von Tyr Svenson
Einige der Piloten der „Butcher Bears“ hingen in einem der Besprechungsräume ab. Es waren natürlich nicht alle Piloten der Schwadron. Was man auch immer Positives über den Lt. Com. sagen konnte – ein besonders soziales Verhalten gehörte nicht dazu. Darkness‘ rücksichtslose Ausbildungsmethoden machten ihn geachtet, gefürchtet – aber auf keinen Fall beliebt.
Auch Monty, der XO der Staffel, machte sich nicht mit seinen Kameraden gemein. Er war viel zu reserviert und arrogant, um ein angenehmer Zeitgenosse zu sein. Und Dutch... der Veteran des „Moskau“-Geschwaders blieb immer für sich.
Der Rest – Rekruten und erfahrene Piloten kamen immerhin halbwegs miteinander aus und war gerade damit beschäftigt, sich die Zeit totzuschlagen. Eigentlich warteten sie auf den Staffelkommandanten, der noch irgendwelche Formalitäten für den nächsten Trainingsflug zu klären hatte, einen Langstreckenflug „Richtung Ozean“. Aber Darkness schien sich Zeit zu lassen. Monty war bereits zu seiner Maschine aufgebrochen. Keiner wußte, wo Dutch war.
Die „Alten Hasen“ hatten sich um den einzigen Tisch gruppiert. Mit eher mäßigem Interesse hörten die Piloten einen Bericht von Viking, der von der vorletzten Feindfahrt der Maryland berichtete.
Kano hörte nur mit halben Ohr zu und beteiligte sich nicht an gelegentlichen launigen Kommentaren, die Fatman und Brawler beisteuerten. Die Prellungen und blauen Flecken, die er sich bei der Prügelei vor ein paar Tagen zugezogen hatte, verblaßten langsam. Es hatte natürlich Fragen gegeben und einige Sticheleien, aber er war einfach bei der Geschichte geblieben, er sei „die Treppe runtergefallen“. Das glaubten ihm aber nicht einmal die Neulinge. Darkness hatte bei seiner Rückkehr von einer kurzen Dienstreise nur einen Blick in Kanos Gesicht geworfen und ihn sofort zusammengestaucht. Kano hatte nicht einmal die Gelegenheit bekommen, den wahren Sachverhalt zu erklären. Der Lieutenant Commander hatte ein paar ziemlich vulgäre Bemerkung über Bräuche und Korpsgeist der Navy geäußert. Dann hatte Darkness Kano mit den Worten weggeschickt, wenn er noch einmal irgendetwas von IRGENDWELCHEN Streitigkeiten hörte, würde er die Schuldigen zum Teufel schicken. Aber wenigstens hatte er die Sache tatsächlich auf sich beruhen lassen.
Die neuen Piloten der Schwadron hatten einen eigenen Kreis gebildet, in dem sie ein paar Stühle zusammengestellt hatten. Auch wenn die meisten der „Alten“ sie korrekt behandelten – so ganz dazugehörig waren sie noch nicht und einige der Neuen hatten es gründlich satt, als „Jungfuchs“, „Neuer“ oder „Greenhorn“ bezeichnet zu werden. Das galt besonders für Crusader, Jeanne und La Reine.
Die jungen Piloten diskutierten angeregt die Vorteile der einzelnen Flieger der TSN und Akarii. Natürlich hatte noch keiner von ihnen persönlich mit einer Bloodhawk oder einem Delta gekurbelt. Aber das tat der Diskussion keinen Abbruch. Momentan führte Crusader das Wort: „Wie entkommt man am besten einer Bloodhawk, die in der Sechs hängt?“
La Reine hatte sofort eine Antwort parat. Die hochgewachsene Schwarze zeigte nur selten Anzeichen von Zögern - oder Bescheidenheit: „Das ist doch klar. Mit einer vertikal aufsteigenden Wende von 360°.“
Crusader schüttelte den Kopf: „Aber mein Ausbilder hat erzählt, daß eine Bloodhawk eine Nighthawk immer auskurven kann.“
Keiner der neuen Piloten bemerkte, daß die laut gestellte Frage und Antwort das Interesse der erfahrenen Piloten geweckt hatte – Piloten, die schon mal eine Nighthawk im Kampfeinsatz geflogen hatten oder mit einer Bloodhawk gekurbelt hatten.
La Reine grinste leicht überheblich: „Na vielleicht hat er das gesagt. Aber wenn wir mal so einen Vogel erbeuten, kannst du es ja mal gegen meine Nighthawk versuchen.“
Jetzt mischte sich Viking ein: „Reine – check‘ vorher deinen Anzug und den Schleudersitz! Crusader, laß doch das Mädchen einfach abblitzen – du mußt sie nicht extra auf Eis legen!“
Damit hatte er den Lacher auf seiner Seite, auch Kano mußte grinsen. Immerhin war es allgemein bekannt, daß die Bloodhawk nur von der Typhoon und vermutlich von der Falcon ausgekurvt werden konnte – wenn dieser neue Abfangjäger, von dem man sich Wunderdinge erzählte, überhaupt fertig wurde, bevor der Krieg vorbei war. La Reine wirkte überhaupt nicht amüsiert. Sie vertrug Kritik schlecht und noch schlechter konnte sie mit Spott umgehen. Da die Veteranen schwer angreifbar waren, schoß sie sich auf Crusader ein: „Ich bleibe dabei, egal in welcher Maschine, ich kann dich auskurven.“
Jetzt wurde Crusader auch wütend: „Am Boden kannst du das ja leicht behaupten! Und beim letzten Simulatorflug bist du abgeschossen worden – ich nicht!“
„Und vorher habe ich dich zweimal abgeschossen. Außerdem, Simulatoren, das sind doch nur bessere Spielkonsolen. Wie gut du bist, das merkst du nur im ECHTEN Einsatz. Und da schlage ich dich, ‚Crusader‘.“
„Das wollen wir doch mal sehen! Mit dem Maul schießt du die Akarii ja leicht ab...“
Kano schüttelte leicht den Kopf: ‚War ich auch mal so selbstsicher?‘ Dann grinste er dünn. ‚Natürlich. Ich hätte vielleicht nicht so sehr angegeben, wäre aber felsenfest überzeugt gewesen, spielend im Einsatz beweisen zu können, wie gut ich bin...‘
Der Streit war inzwischen weitergegangen. Umringt von den meist amüsierten Piloten standen sich La Reine und Crusader gegenüber. La Reine überragte Crusader um ein paar Zentimeter und wirkte wie eine ziemlich gutaussehende aber bedrohliche Gewitterwolke.
„Hör mal, Babygesicht! Ich wette, im Einsatz hab ich mein Flight Cross als erster! Gute Noten sind nämlich nicht alles!“
Crusader starrte nicht im geringsten eingeschüchtert zurück: „Gemacht. Wer als erster das Flight Cross hat, hat gewonnen!“ Dann schien ihm erst einzufallen, das noch etwas fehlte: "Um was wetten wir überhaupt?"
La Reine lächelte - ein, es war eher ein Zähneblecken: "Zwei Kasten Bier. Und der Verlierer gibt offen und LAUT bei der Verleihung des Cross zu, daß der Gewinner der bessere Pilot ist."
"Einverstanden!"
„ACHTUNG!“
Die Piloten fuhren zusammen und nahmen reflexartig Haltung an. An der Tür stand Darkness, der die Szenerie mit unbewegter Miene musterte. Was bei ihm in der Regel ein schlechtes Zeichen war. Als er zu reden anfing, war seine Stimme nicht laut, aber nachdrücklich – als wollte er Nägel einschlagen: „Ich werde das nur einmal sagen, also hören Sie mir gut zu, Crusader und La Reine.“ Er blickte kurz auf und erfaßte mit einem Blick den Rest der Staffel. Seine Worte waren zweifelsohne für ALLE bestimmt.
„Es geht nicht darum, wer von Ihnen die meisten Abschüsse erzielt, oder in der kürzesten Zeit. Es geht darum den Auftag zu erfüllen. Und am Leben zu bleiben. Manchmal muß es in dieser Reihenfolge sein. Wenn es notwendig ist.
Dies ist kein Spiel und kein Wettkampf. Dies ist Krieg. Und ich werde nicht dulden, daß Sie ihr Leben wegwerfen, weil Sie das nicht verstehen. Es sind schon genug Leute gestorben, wegen Ihres verdammten Ehrgeiz – oder dem Ehrgeiz eines Vorgesetzten. Übertriebene Selbstsicherheit tötet genauso schnell, wie Feigheit oder Unfähigkeit. Da draußen, Ihr Grünschnäbel, muß man sich in jedem Augenblick der Gefahr gegenwärtig sein, in der man sich befindet. Wer das nicht kapiert, hat die besten Aussichten auf einen Flug in die Ewigkeit - in einem Metallsarg. Ich will niemand in meiner Schwadron haben, der den Feind nicht als das anerkennt, was er ist – eine Gefahr. Die Akarii als bloße Zieldrohnen anzusehen kann töten – noch bevor man in der Lage ist, die eigene Dummheit zu begreifen.
Sie überleben nur, wenn Sie dies verstehen. Wenn Sie Respekt empfinden. Respekt vor Ihren Kameraden. Respekt vor der Aufgabe die sie übernommen haben, der Verantwortung, die Sie wahrnehmen. Doch vor allem, auch Respekt vor dem Feind.
Diese Schwadron muß als Einheit funktionieren. Und dazu verlange ich hundertprozentigen Einsatz und Zusammenarbeit. Ich will keine Primadonnen in meiner Schwadron, keinen Wettkampf auf Kosten der Sicherheit Ich will Soldaten. Die Starallüren und diese idiotischen Machtspielchen überlassen Sie dem Kino. Verstanden?“
Das war eine rhetorische Frage gewesen. Keiner antwortete. Die Piloten musterten ihren Staffelführer mit gemischten Gefühlen. Manche verstanden, was er meinte, andere begriffen es überhaupt nicht. Auch wenn Darkness selten ein Blatt vor den Mund nahm, diese Rede war überraschend gekommen.
Nach ein paar Sekunden Schweigen ergriff Darkness wieder das Wort: „Diese Einheit ist als einsatzbereit eingestuft worden. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß wir nicht mehr viel Zeit haben. Die TSN wird keine Nighthawk-Schwadron in der Reserve versauern lassen...“ Er grinste dünn und die meisten Piloten nahmen bei seinen nächsten Worten das Grinsen auf „...sieht man vielleicht von den Starlancern ab. Aber vergessen Sie, daß ich das gesagt habe. Jedenfalls ist der Einsatzbefehl nur noch eine Frage von Tagen, höchstens Wochen. Und egal, wie die Einstufung lautet – wir haben noch viel vor uns und die Zeit dafür wird knapp. Also Schluß damit! In fünf Minuten will ich Sie in den Maschinen haben. WEGGETRETEN!“
Im Stillen hatte Darkness noch immer erhebliche Zweifel an der Einsatztauglichkeit seiner Schwadron. Die einzelnen Leistungen waren guter Durchschnitt bis sehr gut. Aber immer noch haperte die Teamarbeit. Es waren zu viele Piloten aus zu verschiedenen Einheiten und Gruppen. Als XO des Geschwaders hatte er außerdem noch ein zusätzliches Arbeitspensum, was auf Kosten seiner Schwadron ging. Außerdem mußte er ja auch noch ein Extraauge auf Schwadron Rot haben, die mit Radio als XO und solchen Piloten wie Cartmell und Skunk ein Unruhefaktor war der nach Aufsicht verlangte. Manchmal wurde es sogar ihm zuviel.
Und ob seine Piloten begriffen, was er ihnen hatte sagen wollte, war noch abzuwarten. Und ob sie danach handeln würden. Er hatte da so seine Zweifel...
Die „Jungfüchse“ waren die letzten, die den Raum verließen. Als Crusader durch die Tür wollte, fühlte er sich an der Schulter gepackt und zurückgehalten. Es war La Reine. Die dunkelhäutige Pilotin musterte ihn düster, aber ihre Stimme war etwas ruhiger: „Jetzt mal den Sermon außen vor. Steht unsere Wette noch?“
Crusader blickte sich um. Keiner der anderen Piloten blickte zurück, auch sein Flightleader Ohka nicht. Auch wenn ihm bei genauerem Nachdenken die Idee mit der Wette gar nicht mehr so gefiel - La Reine flog wirklich GUT - er konnte jetzt nicht einfach zurückstecken...
„Einverstanden. ICH kneife nicht!“
Ironheart
24.03.2004, 14:30
Ursprünglich von Ironheart
Donovan Cartmell war müde und eigentlich überhaupt nicht erpicht darauf irgendetwas über die Heldentaten seines Wingcommanders zu hören. Der Hurensohn hatte sich tatsächlich mit einem der Nighthawk-Piloten der Starlancers angelegt. Und gewonnen.
Auch wenn es sich bei seinem Gegner anscheinend nicht um einen Veteranen handelte, so waren die Starlancers immerhin doch als Elite anzusehen.
Und daher war Skunks Leistung – so sehr es Donovan auch wurmte – durchaus eindrucksvoll.
Entsprechend aufgeregt wurde seine Aktion daher auch von allen anderen Piloten der roten Staffel diskutiert. Diese waren alle – mit Ausnahme von Radio und Skunk - nun in ihrem Bereitschaftsraum und nutzten die Zeit des Wartens auf ihren stellvertretenden Staffelführer mit dem Schwatzen über diesen Flug. Die rote Staffel hatte gerade einen mehrstündigen Trainingsflug im erdnahen Orbit hinter sich gebracht. Und jetzt saßen sie verschwitzt und erschöpft in ihren Fliegermonturen und warteten.
Skunk indessen war noch nicht hier, um sich gebührend feiern zu lassen. Nachdem er seinen Fight am frühen Morgen absolviert hatte, war er kurz darauf wieder in seine Maschine gestiegen, so als wäre nichts gewesen und hatte an dem Staffeltraining teilgenommen. Er war aber noch kurz bei seinem Jäger zurückgeblieben um mit einem der Techniker über ein kleines Problem mit den Triebwerken zu reden.
Jetzt kam Radio mit einem etwas säuerlichen Gesicht in den Bereitschaftsraum. Auch wenn kein „Achtung“ erschallte, so erstarben langsam aber sicher die lebhaften Diskussionen und die Aufmerksamkeit wendete sich Radio zu.
„Wo ist Skunk?“ fragte dieser, ohne weiter auf die Gruppe einzugehen. Alle Köpfe drehten sich langsam zu Donovan um, der nur teilnahmslos mit den Schultern zuckte.
„Er ist noch bei seiner Maschine, Sir! Irgendein Problem mit den Triebwerken…“ antworte Hacker statt seiner auf die Frage des Commanders, warf dafür Donovan einen giftigen Blick zu und fuhr dann gleich aufgeregt fort „ Ist das nicht cool, Sir! Schiesst eine Nighhawk ab, nimmt dann an einer Staffelübung teil und das mit Problemen am Triebwerk!“ Die Begeisterung des jungen Piloten war ihm eindeutig an den Augen abzulesen, während Donovan leise stöhnte und mit den Augen rollte.
Auch Radio verdrehte die Augen. Hacker, der durch sein aggressives Verhalten sowohl am Boden als auch in der Luft aufgefallen war, Skunk wie ein Hündchen hinterherlief und auch sonst nicht der hellste zu sein schien, verwandelte sich wie es aussah immer mehr zu einem Jünger Skunks.
„Mag sein, Hacker. Aber dann eine Siegesrolle über dem Tower abzuziehen, war keine Glanzleistung. Und seine Triebwerke hätte er auch nach der Einsatzbesprechung prüfen können.“ Radio machte aus irgendeinem Grund nicht den Eindruck wahnsinnig glücklich über Skunks Leistung zu sein.
„Außerdem, wenn ich Du wäre,“ er zeigt provozierend auf Hacker “würde ich mir lieber Gedanken über deine eigenen Leistungen machen. Herrgott, du fliegst derzeit eine solche Scheisse, ich glaube ich sollte schon mal deine Sachen packen und vorsorglich an deine Mami schicken. Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst da draußen deinen Wingcommander nicht aus den Augen verlieren?“
Hacker´s Kopf lief hochrot an als er versuchte sich zu verteidigen. „Sir, einer der gegnerischen Jäger war in einer guten Schussposition, da musste ich einfach…“
„Soso, eine gute Schussposition also? So gut, dass er dich schließlich vom Himmel geholt hat?“
Hacker schaute betreten nach unten und Radio schüttelte nur den Kopf als er merkte, dass der Jungspund darauf keine Antwort haben würde.
„Also gut, lassen wir´s einfach dabei. “ Radio schüttelte den Kopf, verzog erneut sein Gesicht während er einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr warf. „Shit, also ich muss jetzt wegen diesem Trottel von Superpilot zu einer Standpredigt in Captain Lundeens Büro. Wir verschieben die Einsatzbesprechung auf 1600, also in genau drei Stunden. Macht euch frisch und dann will ich von euch einen schriftlichen Bericht über den Einsatz von vorhin…“ Das Murren der Piloten wischte er mit einer lässigen Handbewegung davon „ und richtet Skunk aus, dass er gefälligst hier ist, wenn ich wiederkomme, klar?“
Statt eines „Ja, Sir“ erntete Radio nur ein schwaches Gemurmel, schien aber im Moment andere Sorgen zu haben, als sich darüber Gedanken zu machen.
Als Radio aus dem Besprechungsraum draussen war, standen die meisten Piloten jetzt ebenfalls von ihren Stühlen auf, schnappten sich ihre Helme und andere Ausrüstung und machten sich langsam auf den Weg in die Duschräume. Hier und da bildeten sich Zweier- und Dreier Gruppen, die noch über den vorherigen Einsatz, über Skunks Husarenritt oder über den bevorstehenden Abend oder was auch immer redeten. Donovan interessierte es nicht weiter, da sich auch niemand für ihn interessierte.
Und somit war er auch tief in seine eigenen Gedanken versunken gewesen, als er an einigen Piloten vorbei ging.
Und so registrierte er zunächst auch nicht, als man Ihn ansprach.
„Hey, Ensign! Ich rede mit dir!“
Jetzt erst stoppte Donovan und drehte sich langsam zu Hacker um, der ihn angesprochen hatte.
„Was?“ fragte er gereizt.
„Ist das die Art mit einem ranghöheren Offizier zu reden?“ Hacker´s Tonfall war geprägt von Arroganz und ähnelte der Art und Weise, mit der Skunk ihn mit nervender Regelmäßigkeit beschimpfte.
„Zur Strafe für dein Verhalten, wirst du meinen Helm tragen, verstanden?“
Ein paar der anderen Piloten standen hinter ihm, lächelten gehässig und blickten ihn nun unverhohlen feindselig an. Auch die anderen noch im Raum befindlichen Piloten hatten jetzt ihre Gespräche abrupt beendet und schauten die beiden Piloten gespannt an.
Donovan zwinkerte einen kurzen Augenblick.
Hacker hatte ihm nichts zu sagen, ob er nun ranghöher war oder nicht. Aber darum ging es hier gar nicht, das wussten sie beide. Hacker wollte Dampf ablassen, seine Wut an jemandem anderen auslassen und wer wäre da besser geeignet als Cartmell? Der Pirat, der Parier, der Parasit.
Donovan spielte einen Augenblick mit dem Gedanken einfach nur den Kopf zu schütteln, die Provokation zu ignorieren und zu gehen. Doch sein Stolz ließ das nicht zu. Es war schon schlimm genug, dass Skunk so mit ihm umsprang. Wenn er jetzt zuließ, dass das auch alle anderen Piloten so machten, würde er nie mehr eine ruhige Minute haben. Bei jeder Gelegenheit würden Sie an ihm ihren Ärger auslassen, ob er daran schuld sein würde oder nicht. Er kannte das schon, hatte das schon zwei Mal erlebt. Einmal bei den Piraten und einmal nach seinem „Freispruch“.
Er wußte nicht ob es jetzt klüger wäre, einfach weiter zu gehen, klein beizugeben oder gleich zuzuschlagen. Er hatte das Gefühl, dass es im Grunde nicht viel ausmachte, er würde so oder so verlieren. Also traf er seine Entscheidung.
Er ging zwei Schritte auf Hacker zu, nickte kurz und streckte wortlos seine Hand nach Hackers Helm aus. Über dessen Gesichtszüge huschte erst Überraschung und dann Häme.
„So ist´s recht. Trag mir den Helm schön fein hinterher, dann werde ich es vielleicht bei der Strafe bewenden lassen.“
Als Donovan den Helm nahm, kicherten die hinter Hacker stehenden Piloten und dieser drehte sich mit einem triumphierenden Lächeln zu seinen Kameraden um.
Aber dadurch bekam er nicht mit, wie Donovan den wuchtigen Helm hochhob und ihn dann mit einem lauten Knall auf den Boden warf. Natürlich war der Helm äußerst stabil, musste er doch im Notfall in der Lage sein den Kopf eines Piloten zu retten. Daher hüpfte mit einem lauten Scheppern mehrfach auf, aber ohne irgendwelche äußerlichen Schäden zu nehmen.
„Oooooch, das tut mir aber leid“ erwiderte Donovan sarkastisch „da ist mir der Helm doch glatt aus der Hand gefallen. Wie ungeschickt von mir…“
Doch so robust das Äußere dieser Helme vielleicht auch war, so empfindlich waren auch die internen elektronischen Systeme. Es war gut möglich, dass diese durch so eine Behandlung beschädigt wurden oder neu kalibriert werden mussten. Ein Vorgang der schon etwas Zeit in Anspruch nahm.
Daher war Hackers nächste Reaktion auch vorhersehbar gewesen. „Du Bastard, was fällt dir ein?“ Und noch bevor er fertig gesprochen hatte, setzte er auch bereits zu einem rechten Schwinger an.
Doch nicht nur, dass Donovan mit einem derartigen Angriff gerechnet hatte, zudem war Hacker bei weitem nicht so flink und schlagkräftig wie etwa Skunk oder der Riese, der ihn neulich Nacht überfallen hatte.
Daher konnte Donovan trotz der etwas sperrigen Fliegermontur dem viel zu langsamen angesetzten Schlag mit Leichtigkeit ausweichen und zwei Schritte zur Seite tänzeln.
Hacker setzte sofort zu einem neuen Angriff an und versuchte wieder Donovan zu treffen. Doch auch diesmal wich ihm sein Gegner geschickt aus.
Und dann ging Donovan ansatzlos in den Gegenangriff über, doch statt Hacker seine Faust mit voller Wucht ins Gesicht zu rammen, stoppte er ganz kurz vor dessen überraschten Augen und tänzelte wieder außerhalb der Reichweite.
Hacker schnaubte offensichtlich vor Wut, ging ein drittes Mal zum Angriff über und versuchte es mit einem rechten Aufwärtshaken. Donovan wich auch diesem dritten Versuch aus und täuschte seinerseits erneut einen Schlag an, der wieder getroffen hätte, wenn Donovan es darauf abgesehen hätte.
Jetzt stoppte der vor Wut knallrot angelaufene Hacker. Es musste ihm aufgegangen sein, dass es Cartmell nicht darum ging, ihn zu treffen, sondern ihn vor allen anderen lächerlich zu machen. Donovan fragte sich nur, wie lange es dauern würde bis er aufgab.
Die kleine Kampfpause nutzte Mantis, Hackers Wingcommander um ihn zu beschwichtigen. „Komm schon, Kleiner. Lass mal gut sein, o.k. Die Ratte ist es nicht wert…“
Doch ihr Schlichtungsversuch kam ein bisschen zu spät. Hacker rannte jetzt brüllend auf Donovan zu und wollte ihn anscheinend umrennen. Und diesmal wurde Donovan von dem Angriff an der Schulter gestreift und herumgerissen. Aber er hatte Glück, der Hauptangriff rauschte an ihm vorbei und Hacker rannte mit dem rechten Knie voran in einen der schweren Stühle mit den aufgeschraubten Schreibpulten. Er jaulte kurz laut auf und drehte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zu Cartmell, der wieder in Verteidigungsstellung gegangen war. Der Zorn in Hackers Bubigesicht flammte auf und Donovan bereitete sich innerlich auf den nächsten Angriffsversuch vor.
Doch dieser blieb aus.
„CARTMELL, was soll der Scheiß schon wieder?“ Skunks Stimme polterte wutentbrannt durch den Besprechungsraum. In der Tür stand Skunk und betrachte mit funkelnden Augen seinen Wingman.
Donovan reagierte zunächst nicht sondern fixierte weiter Hacker in der Erwartung des nächsten Angriffs, doch dieser war schuldbewusst in Habachtstellung gegangen.
„Sir, ich habe mich nur vertei…“
„SCHNAUZE, ich will´s gar nicht wissen. Wie ich sehe hast du deine Fäuste gegen einen deiner Staffelkameraden erhoben, hä? Das zu sehen reicht mir schon. Da du ja allem Anschein nach zu viel Restenergie hast, wirst du die jetzt mit 10 schönen Runden auf dem Trainingsparcour los werden, klar? Und zwar in voller Montur.“
„Sir, ich habe mit dem Ärger nicht…“
„Ich sagte mir sind deine Ausreden scheißegal, klar? Noch ein Wort und ich mach 20 draus.“
Herausfordernd starrte ihn Skunk an und für einen Augenblick juckte es Donovan enorm in den Fingern. Doch er riss sich zusammen, schnaubte schließlich doch nur wütend aus und machte sich auf den Weg zum Trainingsgelände.
Das hämische Grinsen Hackers, der natürlich ohne Strafe davonkam, begleitete ihn auf dem Weg hinaus aus dem Besprechungsraum.
Die Ungerechtigkeit schrie Donovan wieder förmlich ins Gesicht, doch seine Wut hielt sich in diesem Falle in Grenzen.
Sollten Sie ihn doch traktieren wie sie wollten, so leicht würde er nicht unter zu kriegen sein.
Ironheart
24.03.2004, 14:31
Platzhalter Hammer 1
Ironheart
24.03.2004, 14:31
Ursprünglich von Cunningham
Captain Lundeens Büro war überfällt.
Die Chefin der Luftsicherheit, Commander Annkathrin Jäger marschierte vor seinem Schreibtisch auf und ab. So viel Gift und Galle wie der Commander versprüht hatte war Lundeen seid den Tagen auf Markham Fields nicht mehr zu Ohren gekommen.
Tex stand am Fenster, den Blick starr nach draußen gerichtet und war bei Jägers Rede mehrmals zusammengezuckt.
Darkness der in fester Rührt-Euch-Stellung stand hatte die Zähne fest zusammengebissen. Hinter ihm lehnte Radio betont lässig neben der Tür.
"Also Commander, ich weiß, es ist nicht mein Geschwader, aber mein Stützpunkt", begann nun Lundeen.
"Sir ..."
"Lassen Sie mich ausreden Darkness. Sie geraten mit Ihrer Schwadron an eine Gruppe Marines und verlieren beinahe eine Maschine. Vier Ihrer Piloten laufen rum wie durch den Wolf gedreht." Lundeen bemerkte wie der andere Lieutenant Commander der Angles zusammenzuckte. "Ja, genau und drei von denen gehören in genau Ihre Schwadron. Und um allen die Krone aufzusetzen donnerte einer von Ihren Psychopathen über meine Basis, gefährdet sich selbst, die startenden und landenden Flugzeuge, sowie jeden anderen auf diesem Flughafen. Haben Sie Ihre Leute nicht unter Kontrolle?"
Darkness würde am liebsten jedem Angle persönlich den Kopf abreißen, doch das durfte er hier nicht rauslassen, hier musste er als ihr amtierender Kommandant Solidarität zeigen: "Nun Sir, ich weiß für die Vorfälle gibt es keine Entschuldigungen, doch bitte ich Sie zu bedenken, dass die Veteranen von uns direkt von der Front kommen und wir alle uns gewissermaßen schon wieder auf den Weg dahin befinden. Die Neuzugänge und die Leute von der Miliz machen es auch nicht gerade einfacher. Ich denke die Leute haben etwas Milde verdient."
Lundeen atmete tief ein: "Wer war der Stuntpilot?"
"Lieutenant Harvey Jones."
"Skunk?" Der Kommandant der Imperial Starlancers war überrascht.
"Moment mal!" Fuhr Jäger wieder hoch. "Sie werden diesen Wahnsinnigen nicht so einfach davon kommen lassen, egal, wer es ist und wer von den Herren ihm was schuldet!" Sie deutete mit dem Zeigefinger auf Darkness. "Ich rate Ihnen, nageln Sie den Kerl ans Kreuz sonst mache ich Ihnen mehr Ärger als Sie sich denken können."
"Ich bin sicher der Commander wird eine adäquate Bestrafung finden", wandte Lundeen beschwichtigend ein. Er blickte Darkness und Radio an: "Sie können wegtreten."
Nachdem Radio die Tür geschlossen hatte blies er die Luft aus: "Puh, die hat aber Haare auf den Zähnen."
"Sie haben den Captain gehört: Sorgen Sie für eine adäquate Bestrafung." Darkness Stimme war ein wütendes Flüstern.
"Was? Weil diese Rollbahnamazone sich hier aufführt wie eine wilde? Himmel, jeder von uns wollte schon mal ne Siegesrolle vor dem Tower hinlegen, ich sehe nicht ..."
"Jetzt passen Sie mal auf Mister: Das ist zurzeit Ihre Schwadron. Die Leistungen sind miserabel. Die Leute haben vor Ihnen kein Respekt. Nicht einen Funken! Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Jetzt haben Sie die letzte Chance die Bande unter Kontrolle zu bringen und eine Schwadron zu formen, ansonsten haben wir einen Haufen Scheiße. Ich dulde keinen Haufen Scheiße in meinem Geschwader also klotzen Sie ran Mann! Und hören Sie auf die Zügel schleifen zu lassen!"
Darkness holte Luft und drehte sich auf dem Absatz um.
"Soll ich ihn vielleicht auch anschreien?" Rief Radio ihm nach und steckte unschlüssig die Hände in die Hosentaschen seiner Uniform.
Er redete noch mal kurz mit Commander Jäger als diese aus dem Büro kam und marschierte dann zu seiner nächsten Einsatzbesprechung mit seiner Schwadron.
Der Besprechungsraum war für ein ganzes Geschwader gedacht, also mehr als genug Platt für 10 Leute, die sich in drei Gruppen aufgeteilt hatten.
Die eine Gruppe war Cartmell, der in der zweiten Reihe ganz links saß. Die zweite Gruppe bestand aus Ace II. und Kali, rechts in der ersten Reihe, der Rest hatte sich um Skunk gescharrt, der in der Mitte der ersten Reihe saß und wild erzählte.
Erneut freute sich Radio, dass Miramar noch altmodische Schwingtüren hatte und keine Automatischen Gleittüren, wie sie auf modernen Stützpunkten seid gut 300 Jahren Mode waren.
Er schmiss die Tür hinter sich zu und blickte seine Schwadron von der Tür aus an.
Seine Schwadron blickte kurz zurück und der Pulk um Skunk setzte sich murrend. Niemand kam auf die Idee "Achtung" zu rufen. Tja, werde ich den Gefallen von Sergeant Harrison doch etwas früher einfordern.
Radio marschierte nach vorne und stellte sich vor das Pult: "Allright Ladies and Gents die gesamte Truppe meldet sich morgen früh um nullfünfhundert bei Sergeant Harrison von den Marines zum Formaldienst. Dort lernen Sie vielleicht richtig Männchen zu machen."
Die gesamte Bande murrte, das interessierte Radio aber nicht, er schlug sich lieber mit diesen zehn herum als mit Darkness und Lone Wolf.
"Und da wäre noch etwas." Er trat auf Skunk zu und hielt ihm die rechte Hand geöffnet hin. "Ihre Schwingen Lieutenant!"
"Bitte?" Skunk wirkte entgeistert.
"Bitte Sir! Und nun geben Sie mir Ihre verdammten Schwingen!"
Skunk blickte sich um: "Sir ich bin mir nicht ganz sicher ..."
"IHRE SCHWINGEN! Sie werden die nächsten zehn Tage Dienst bei der Flugsicherung versehen. Wenn, aber auch nur WENN Commander Jäger mit Ihrer Arbeit zufrieden ist, können Sie sich die Schwingen danach bei mir abholen. Und jetzt her mit den verdammten Schwingen und dann raus."
"Sir! Aye, aye Sir!" Skunk öffnete die ersten beiden Knöpfe seiner Uniform und entfernte die goldenen Schwingen über seiner linken Brusttasche.
Während er aufstand knöpfte er sein Hemd wieder zu. Er legte die Schwingen in Radios rechte Hand und ging zum Ausgang. Alle Piloten mieden den Blick des Veteran. Nur Cartmell grinste ihm breit ins Gesicht.
"Lächle Du nur, so lange Du noch all deine schönen weißen Zähne hast Sparky." Zischt Skunk.
"RAUS!" Donnerte Radio vom Pult aus.
"Allright", wandte sich Radio an die anderen, "Cartmell, Sie fliegen fürs erste mit Hal, Hal führt. Die nächst Woche werden wir damit zubringen von eine Gruppe hübscher Paare zu einer Balletttruppe zu verwachsen und heute gehen wir das erste mal richtig in die Luft, damit ihr mal im real Life seht, wie wichtig Teamplay ist. Also, in 15 Minuten in Hangar drei."
Gott, wie ich die Navy hasse.
Ironheart
24.03.2004, 14:32
Ursprünglich von Cunningham
Die Hammingway hatte Glück gehabt, das die erste Salve der beiden Akarii-Fregatten das Kurierschiff nicht zerfetzt hatte.
Zum Glück hatten die Akarii vor der zweiten Salve gemerkt, worauf sie schießen und sich entschieden, dass eine Enterung doch von Vorteil wäre.
Die Hammingway flüchtete mit maximaler Geschwindigkeit zum Jumppoint.
Commander Olm der Captain des Schiffes hatte jedoch Zweifel, dass sie es schaffen würden.
"Skipper, vor dem Jumppoint hat sich ein Zerstörer der Akarii gelegt!" Meldete der Sensoroffizier.
Verhängnisvolle Stille breitete sich auf der kleinen Brücke aus.
"Mr. Keppler, Ihren Schlüssel!" Olm trat an die Kommandokonsole und öffnete eine Plexiglasscheibe, wo sich zwei Zündschlösser drunter befanden.
Olm steckt seinen Schlüssel in das linke Zündschloss und legte ihn um. Gleich darauf wiederholte der 1. Offizier der Hammingway die Prozedur mit seinem Schlüssel.
Mit Zwei-Finger-Suchsystem hackte Olm den Kode in den Computer.
Der Selbstzerstörungscountdown zählte von 60 Sekunden brav rückwärts, doch bei Null angekommen blieb die Explosion aus.
"Verflucht! Übernehmen Sie Keppler. Chief Jahnsen, nehmen Sie zwei Pistolen aus dem Waffenschrank und kommen Sie mit!"
Der Chief lud die beiden Pistolen und lief dem Captain hinter her. Als er ihn einholte reichte er eine der Pistolen an den Captain, der sie sich hinten in den Hosenbund steckte: "Wir müssen darauf achten, dass unser Spezi vom Geheimdienst nicht in die Hände der Akarii fällt."
"Aye, Sir." Der Chief überprüfte noch mal seine Pistole.
Vor Rowlands Quartier atmete Olm tief durch: "Warten Sie hier Chief."
Der Captain der Hammingway tippt in das Panel neben der Tür seinen Überbrückungscode ein.
"Lieutenant Rowland?" Olm trat ein und fand Rowland über seinem Koffer kniend. "Ah, tragen Sie noch mehr Geheimnisse mit sich rum, als die in dem Koffer?"
Rowland lächelte fast schüchtern: "Würden Sie mir ein 'nein' glauben Sir?"
Olm ging auf ihn zu: "Ich wurde informiert, dass Sie eine Giftpille haben. Ich muss darauf bestehen, dass Sie diese jetzt nehmen Lieutenant."
Rowland stand auf und blickte sich unsicher um: "Hören Sie Commander, ich bin mir sicher, dass das nicht nötig ist. Ich geb' mich als Mitglied Ihrer Crew aus und dem Standardverhör halte ich stand. Bestimmt."
Er wollte einen Schritt zurücktreten, wurde jedoch von seinem Stuhl aufgehalten.
In Olms Augen glitzerte Schmerz; "Tut mir leid Lieutenant." Der Captain der Hammingway zog seine Laserpistole.
Im gleichen Moment fiel die ängstliche Miene von Rowlands Gesicht ab und wurde durch einen harten Ausdruck ersetzt.
Olm war zu nahe herangekommen. Rowland ergriff mit der linken Olms Waffenarm und versetzte ihm mit der rechten einen Handkantenschlag an den Adamsapfel. Nachdem er dem paralysierten Offizier die Waffen entwunden hatte, packte er ihn und brach dessen Genick an der Tischkante.
Im selben Moment ging ein Ruck durch das Schiff und die Stimme des 1. Offiziers dröhnte durch die Lautsprecher: "Achtung! Achtung! Wir werden von einem Akarii-Zerstörer mit einem Tracktorstrahl eingefangen. Alle Mann klar machen zur Abwehr von Enterern!"
Rowland konnte nicht anders als lachen. Jedoch empfand er so was wie Respekt vor Olm und seinem 1. Offizier. Pflichterfüllung bis zum letzten. Tut mir schrecklich leid.
Die Tür seiner Kabine öffnete sich erneut und das kurze Summen, welches das Markenzeichen für das entsichern einer Laserpistole war, drang an sein Ohr.
Der Geheimdienstler und Angehöriger der Sea Earth Air and Space Kommandos der TSN drehte sich geschmeidig wie ein Luchs um und Schoss dem Bosun* der Hammingway in den Kopf, ehe dieser überhaupt auf ihn angelegt hatte.
Ein zweiter Ruck ging durch das Kurrierschiff, sie hatten am Zerstörer angedockt. Rowland horchte genau. Dann donnerte etwas, die Akarii sprengten sich den Weg ins Schiff frei.
Später erfuhr er, dass die Mannschaft der Hammingway entgegen den Anweisungen des 1. Offiziers so gut wie gar keinen Widerstand leistete. Nur auf der Brücke leisteten die Menschen gegen die Enterungstruppen Widerstand jedoch mit verschwindend geringen Erfolg.
Rowland legte auch die Waffe nieder als er auf die schwergerüsteten Akarii stieß: "Rehh take. Rehh take." Rief er sie an. Nicht schießen.
Einer der Akarii wies ihn an die Hände gegen die Wand zu legen und die Beine zu spreizen. Während zwei der Echsen ihre Gewehre auf ihn gerichtet, während ein dritter ihn durchsuchte.
Ihm wurden Fesseln angelegt und er wurde ins Schiffsgefängniss des Akarii-Zerstörer gebracht, wo er die nächsten Tage zusammen mit den überlebenden der Hammingway verbrachte.
*Bosun: Rangältester Unteroffizier auf einem Raumschiff
Ironheart
24.03.2004, 14:33
Ursprünglich von Ace Kaiser
„Ich lasse niemanden passieren, dem ich nicht zumute, ein Schiff der Navy sicher für Besatzung und Auftrag zu führen.
Das ist alles, was ich zu Lt. Commander Justus Schneider zu sagen habe.“
Admiral James Fisher nach dem Perisher-Kurs von Lieutenant Commander Justus Schneider, XO TNS D´AVIGNON.
Die Arbeit beschäftigte Justine Lacroix bereits eine geraume Zeit. Vor Stunden schon waren sie von der PERSEUS Station aufgebrochen und der Strom der Verletzten auf ihre Krankenstation wollte nicht abreißen. Sie und ihre beiden Sanitäter hatten beide Hände voll zu tun.
Und wären es nicht so einfache Dinge gewesen wie Blutergüsse, gebrochene Nasen, Prellungen, blaue Augen und ausgeschlagene Zähne hätte sie den Skipper längst darum ersucht, ihm Hilfspersonal zu stellen.
„Ich verstehe ja, dass die Männer in Scharen in Ihre Krankenstation kommen, Justine“, kommentierte Justus Schneider, als er die Station betrat, „aber die vielen Frauen geben mir doch zu denken.“
Justine lächelte. Der Captain der KAZE spielte darauf an, dass sie an Bord mehr als einen Verehrer hatte. „Man darf sich auf so einem Schiff eben nicht spezialisieren. Ich behandle eben auch Frauen, wenn sie zu mir kommen, Sir.“
Sie gab ihrer derzeitigen Patientin, Second Lieutenant Jones, einen Klaps auf den Po und damit zu verstehen, dass die Kratzer und Abschürfungen behandelt waren.
Die Pilotin sprang auf, zog ihre Uniformjacke wieder an, salutierte scheu vor Schneider und floh aus dem Raum.
Der nächste in der Runde war Second Lieutenant Johansson, Chef der Marines. Was ihm fehlte war nur zu deutlich zu sehen. Ein wirklich dickes Veilchen machte ihn nicht gerade hübscher.
„Na, was fehlt uns, Lieutenant?“, stellte Doktor Lacroix die Standardfrage jedes Arztes in diesem Universum.
Stumm zog der Offizier seine Uniformjacke und sein Unterhemd aus und bot dem Betrachter einen bunten Regenbogen an Farben auf Brustkorb und Bauch.
„Hm. Das müssen wir röntgen. Sicher ist sicher. Himmel, Carl, mit wem sind Sie denn aneinander geraten?“
„Das würde mich auch interessieren“, bemerkte Schneider spöttisch, der den Hang seiner Leute zu Schlägereien kannte. Sein Schiff wurde gerne als so genannter Abfallort missbraucht. Offiziere und Mannschaften, die sich auf anderen Schiffen nicht oder nur schlecht einfügten oder einfach unangenehm aufgefallen waren, wurden generell auf die älteren Schiffe abgeschoben.
Und die wirklich harten Fälle kamen auf seine KAZE.
Schneider hatte ein Talent dafür, die Menschen zu nehmen. Ihnen gerade soviel reinzureden, dass sie ihre eigene Arbeit noch gut erkannten, ebenso wie die Hand es Captains.
Unter seiner Führung offenbarten die Raumfahrer dann bald ihre Talente, ohne mit ihm wirklich anzuecken.
Was blieb war der schlechte Ruf, der mit der Versetzung zur KAZE verbunden war. Und dies war eigentlich immer, und dann auch noch täglich Grund für eine Schlägerei.
Johansson warf einen unsicheren Blick zu seinem Skipper, bevor er sich erhob und dem Doktor schweigend zum Medicscanner folgte, ohne auf Schneiders Frage geantwortet zu haben.
Schneider senkte den Kopf und kratzte sich am Haaransatz. Er warf einen schrägen Blick zur Seite. Die fünf Besatzungsmitglieder, die hier wie an einer Perlenkette aufgereiht standen und auf einen freien Platz beim Doc oder einen der beiden Sanis warteten, sahen sehr desinteressiert zu Boden. „Ihr könnt mir auch nicht sagen, was los war?“, brummte Schneider.
Verlegenes Schweigen antwortete ihm.
„Na gut, dann nicht.“ Der Captain nickte den beiden Sanis noch mal zu und verließ die Station wieder. Seltsam. Ansonsten sprachen seine Leute doch über eine Schlägerei wie über eine gute Partie Golf. Mit detaillierter Besprechung jedes guten Schlages, inclusive jedes Hole in One.
Vor dem medizinischen Messgerät runzelte Justine Lacroix die Stirn. „Okay, der Skipper ist weg. Sagen Sie mir wenigstens, warum wir fast fünfzig Mann aus dem Knast und weitere dreißig aus diversen Krankenstationen holen mussten?“
Der Marine grummelte nur.
Die Ärztin drückte direkt auf einen besonders schön schillernden Fleck.
Dem Marine trat Schweiß auf die Stirn, aber er behielt jede weitere Reaktion für sich.
„Tut mir leid, aber ich bin so abgelenkt von den Sorgen des Skippers um seine Crew…“
Wieder brummte der Marine nur Unverständliches Zeug.
„Na, dann nicht.“ Sie aktivierte die Apparatur und trat vor die Anzeigen. „Das ist nicht schlecht. Carl Iron Wall Johansson hat tatsächlich zwei angebrochene und fünf geprellte Rippen. Die Schlägerei, in die Sie geraten sind, will ich nicht mal von nahem sehen. Das werden wir gleich mal reparieren.“
Justine machte sich sofort an die Arbeit und legte einen flexiblen Verband an, nachdem sie die Prellungen versorgt hatte.
„Wissen Sie, Johansson, ich finde Sie sind ungerecht. Der Captain deckt Ihnen und Ihren Verrückten immer den Rücken. Als Ausgleich verlangt er nur zu wissen, ob er bald mal wieder zum JAG muss oder nicht. Er nennt das die Leute Spaß haben lassen. Und jetzt sagen Sie ihm nicht mal mehr das. Teufel, kein einziger Crewman war bereit, heute den Mund aufzumachen. Dabei schulden wir alle es dem Captain.“
„Das ist es ja gerade“, brummte Carl leise.
„Was?“ „Das ist es ja, Doc. Es geht um den Captain. Ich bin es gewohnt, dass die anderen Offiziere mich und meine Leute schief ansehen, sobald wir die KAZE verlassen. Ich mag das STARGAZER. Und unser Ruf sorgt dafür, dass wir genügend Gelegenheit bekommen, um diesen eingebildeten Fatzke Lektionen zu erteilen.
Aber diesmal war es persönlich.“
„Was kann persönlicher sein, als dass man Sie als Feigling beschimpft, der nur aus diesem Grund auf der KAZE dient?“
„Da gibt es einen, oh, da gibt es einen.“
Und unter dem beifälligen Gemurmel der anderen Verletzten erzählte der Lieutenant die ganze Geschichte.
**
Auf der Brücke angekommen flegelte sich Schneider wie immer in den Sessel des Captains. Lieutenant Ishihiro hielt ihm bereits einen Becher heißen Kaffees parat. „Hier, Sir.“
„Nanu, womit habe ich denn diesen Service verdient, Haruka?“ Dankbar nahm Schneider die Tasse entgegen. „Wo Sie hier gerade stehen, Lieutenant, können Sie vielleicht mit der Crew reden? Ich kriege aus den Leuten einfach nicht raus, warum sie in der STARGAZER diese Massenschlägerei veranstaltet haben. Wie es aussieht, war ja sogar Eavy darin verwickelt. Und unsere Pilotin ist beileibe kein Hitzkopf.“
„Ist das ein Befehl, Sir?“
„Ach, wo denken Sie hin? Laut dem JAG wird keine Anklage erhoben. Es interessiert mich halt nur. Normalerweise würden Johansson und die Marines gerade laut und deutlich protzen, worum es ging. Es schmerzt mich ein wenig, dass ich derart ausgeschlossen werde.“ Traurig sah Schneider zu Boden.
„Sir… Vielleicht sollten wir es dabei belassen.“
„Ich wills ja nur wissen“, erwiderte Schneider, von einem Moment zum anderen wieder fröhlich. „Sie machen das schon, Haruka.“
Er klopfte dem breit gebauten Waffenoffizier auf die Brust, was der mit einem leisen Stöhnen quittierte.
Schneider hob die Augenbrauen. „Sie auch, Lieutenant? Sie waren auch in die Schlägerei verwickelt?“
Der Skipper erhob sich. Auf der Brücke dienten gerade dreiundzwanzig Personen. „War sonst noch jemand am Debakel der Marines beteiligt?“
Lieutenant Jones senkte den Kopf und stand auf. Lieutenant Li erhob sich vom Platz des Cheforters. Nach und nach erhob sich die gesamte Brückencrew, bis auf Commander Soleil, die bei Schneider an Bord geblieben war.
„Was bitte ist so wichtig, das sich gleich die ganze Crew der KAZE prügelt?“
Justus Schneider erhob sich und sah jedem einzelnen in die Augen. Jeder einzelne sah weg.
„Ach, kommt schon, Leute, schließt mich nicht so aus. Ich bin vielleicht der Alte an Bord, aber bisher haben wir uns aufeinander verlassen können. Wer weiß, vielleicht hätte ich mich diesmal sogar beteiligt. Was war es also?“
„Sir, niemand schließt Sie aus. Es ist nur so… Es ist ihnen allen zu peinlich.“
Ishihiro räusperte sich laut und nachdrücklich. „Justus, Sie sind der Grund.“
Überrascht riss Schneider die Augen auf. „Was?“
Amber Soleil sprang auf. „Was?“
„Wir können alles ertragen“, fügte Lieutenant Li Chun an, „Anfeindungen, Gerüchte, dumme Sprüche… Das kennen wir schon.“
„Aber eine Sache dulden wir nicht“, meldete sich Jones zu Wort. „Niemand, wirklich niemand zieht über unseren Skipper her! Erst Recht kein Haufen Feiglinge von einem Etappenschiff, dass sich beim ersten Anzeichen von Akarii einpisst!“
Die Wangen der Pilotin waren vor Wut gerötet.
Schneider ließ sich in seinen Sessel fallen. „Damit ich das richtig verstehe, die Crewmen eines der neuen Schiffe hat mein Schiff beleidigt, und Ihr habt euch mit ihnen geprügelt?“
„Nicht das Schiff, Skipper. Sie.“
Wieder sah Schneider ins Rund. In allen Gesichtern las er zornigen Trotz und eine Gelassenheit, alle Folgen der Rauferei über sich ergehen zu lassen. Er spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte. „Also“, brummte er, „da wäre ich wirklich gerne dabei gewesen.“
Welcher Captain konnte das schon von sich behaupten? Das sich seine Crew geschlossen bereit war, für ihn zu prügeln? Ein Blick zu Commander Soleil verriet ihm, dass sich sogar diese überkorrekte Offizierin daran beteiligt hätte, wäre sie nicht mit ihm an Bord der KAZE gewesen.
„Weitermachen“, sagte er leise, als er seine Stimme einigermaßen unter Kontrolle hatte.
„Und“, fügte er an, während er seinem Waffenoffizier auf die Schulter klopfte, „ich bin stolz auf euch.“
Ironheart
24.03.2004, 14:34
Ursprünglich von Ace Kaiser
„Gin Banto, Pilot Erster Klasse!“ „Hier.“ „Vouren Sunh, Navigator Dritter Klasse!“ „Hier.“
„Volle Gahna, Zweiter Offizier!“ „Hier.“ „Ry Hallas, Jagdfliegerpilot Erster Klasse!“ „Hier.“
Der junge Offizier in der khakifarbenen Alltagsuniform der Navy sah von seinem Block auf. „Die genannten Offiziere halten sich bereit, heute um null neunhundert ausgeflogen zu werden. Lieutenant Commander Chun wird den Transport begleiten. Nehmen Sie Bekleidung und Toilettenartikel für zwei Tage mit.
Ziel ist Birmingham. Dort befindet sich das Xenobiologische Labor der Navy. Sie werden, Ihre Kooperation vorausgesetzt, dort die nächsten beiden Tage ein neuartiges Desinfektionsmittel testen dürfen, welches speziell für den Einsatz bei Operationen an Akarii entwickelt wurde. Diese Prozedur ist vollkommen gefahrlos für Sie. Es wird, abgesehen von diversen Hautverträglichkeitstests keine Nebenwirkungen geben.
Und bevor Fragen aufkommen, Sie vier wurden ausgesucht, weil Sie von vier möglichst weit voneinander entfernten Gebieten des Reiches kommen, was eine Untersuchung auf Universalnutzung des Mittels gewährleisten soll.
Andere Fragen? Keine? Gut. Treten Sie weg. Die Offiziere teilen wie immer die Untergebenen für Arbeiten und Training ein.“
Der Second Lieutenant salutierte knapp vor den versammelten Akarii, wartete den Rückgruß ab und verließ das kleine Podest, um durch die Absperrung zu jenem Bereich des Lagers zu gehen, welches den menschlichen Verwaltern und Aufpassern vorbehalten war.
Ry Hallas sah dem jungen Menschen hinterher. „Biologische Tests. So weit ist es also mit uns gekommen“, beschwerte sich Gin Banto leise. „Ich will gar nicht wissen, was die Menschen mit ihren kalten Händen alles anstellen werden.“
Ry schüttelte den Kopf. „Etwas anderes macht mir mehr Sorgen, Archon. Dieser jugendliche Mensch hat fast akzentfreies Sekurr gesprochen. Und jeder scheint das wie als wäre es ein Gesetz hinzunehmen.“
„Sie machen sich zu viele Gedanken, Hallas-Arnat. Sekurr ist eine elitäre Sprache. Das wissen Sie schon, seit Sie sie erlernen mussten, um ein Krieger des Kaisers werden zu können.
Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis auch die Menschen sie erlernen. Und vergessen Sie nicht – bei dem Widerstand, den die Menschen Prinz Jor entgegenstellen, können wir sie ohne Zweifel ebenfalls als Krieger begrüßen.“
„Hört, hört“, ließ sich Man Atarm vernehmen. „Die Glatthäute auf eine Stufe mit uns zu stellen ist aber reichlich gewagt, Archon Banto.“
Der Pilot wandte sich dem anderen Akarii zu. „Haben Sie ein Problem damit, Atarm-Arnat?“
„Ich habe ein Problem damit, dass Sie versuchen, die Menschen auf eine Stufe mit uns zu stellen, Archon“, gestand der andere Offizier unumwunden.
„Gewöhnen Sie sich dran, Arnat. Dieser Krieg ändert vieles. Nicht nur für die Menschen. Auch das Reich wird sich verändern.“
„Ich glaube nicht, dass ich diese Veränderungen akzeptieren kann, Archon.“
„Dann sind Sie so gut wie tot, Atarm-Arnat“, brummte der ehemalige Erste Pilot eines Schweren Kreuzers und ließ den anderen Offizier stehen.
**
Drei Stunden später warteten die vier Akarii wie befohlen mit Bekleidung und dergleichen für zwei Tage Aufenthalt außerhalb des Lagers.
Der Lagerkommandant selbst kam mit einer Eskorte aus vier Marines in den abgesperrten Bereich. Er salutierte knapp vor Gin Banto, dem ranghöchsten Akarii, nahm dessen Gegensalut entgegen und deutete auf das offene Tor der Gefangenenanlage. Auf dem Flugfeld war bereits ein Standardshuttle zu erkennen.
„Wir fliegen sofort ab, Archon“, sagte der Commander. „Ich verlasse mich auf Ihre Ehre als Soldaten, dass Sie nicht versuchen auszubrechen oder einen meiner Untergebenen zu verletzen. Im Gegenzug halte ich die Bewachung auf dem Mindestmaß laut Vorschrift.“
„Sie haben mein Wort, Archon Chun“, erwiderte der Akarii und stufte den Menschen damit auf eine Stufe mit sich selbst ein.
Der registrierte die Ehrenbezeugung mit einem Nicken. „Hier entlang.“
Die Marines nahmen die Akarii in die Mitte, Banto ging neben Chun. In einer ordentlichen Marschreihe gingen sie zum wartenden Shuttle.
Die beiden Piloten starteten ohne Verzögerung. Ry ließ seinen Blick über die Marines gleiten, die ausgelassen in der derben Menschensprache miteinander scherzten und lachten. Ihre Bewaffnung war wirklich nur leicht. Jeder trug eine Handfeuerwaffe.
Allerdings waren Menschen und Akarii zumeist gleich stark. Und es stand sieben gegen vier. Zudem hatte der Archon sein Wort gegeben.
„Ry Hallas. Ich will Sie sprechen.“ Ry sah auf. Vor ihm stand Chun.
„Sie sind eingeladen“, erwiderte er in einer alten Geste der akariischen Gastfreundschaft.
Der Navy-Offizier deutete auf den abgesperrten Heckbereich, de für die Fracht vorgesehen war. Wortlos ging er nach hinten. Ry Hallas stand auf und folgte ihm.
Erst als das Schott hinter ihnen geschlossen war, deutete der Offizier auf zwei Kisten, auf denen sie sich niederlassen konnten.
Wortlos bot er dem Akarii eine Lucky Strike an. Aus einer anderen Kiste zog er Coca Cola Light-Dosen hervor, die sich unter den Akarii in den POW-Cmps zu wahren Rennern entwickelt hatten.
Ry entzündete seine Zigarette und stellte die geöffnete Dose neben sich.
„Ry Hallas“, eröffnete der Commander das Gespräch. „Es freut mich, Sie kennen zu lernen.“
„Gibt es einen besonderen Grund, dass es eine Ehre für Sie ist, Archon?“, fragte der Akarii und blies den blauen Dunst der Zigarette in den Raum.
„Nun, es ist Ihrer und Second Lieutenant Davis´ gemeinsamer Arbeit zu verdanken, dass der Marinegeheimdienst seine Arbeiten über Sekurr abschließen konnte.
Sie erinnern sich an Davis?“
Ry nickte. Mit Wehmut dachte er an die wenigen Tage des Vertrauens fassens und der vielen Gespräche. Der gemeinsamen Zigaretten und der Crickers. „Selbstverständlich. Wissen Sie etwas über seinen Verbleib?“
Chun zögerte kurz. „Er ist tot. Gefallen bei einem Angriff auf einen Geleitzug, der Prinz Jor Truppen und Schiffe nach Mantikor bringen sollte.“
Ry senkte den Blick. In seinem Herzen war Trauer. „Das ist ein Ende, wie es einem tapferen Krieger gebührt. Nicht so erbärmlich, wie mein Schicksal, eingesperrt in diesem Lager.“
Chun lächelte nachsichtig. „Gehen Sie nicht mit sich ins Gericht, Arnat“, sagte er. „So wie das Erbe von Lieutenant Davis die Arbeit am Sekurr ist, so ist Ihr Erbe die hervorragende Arbeit bei der Koordination der Gefangenenlager. Und letztendlich Ihr Beitrag bei der Entwicklung der Medizin für gefangene Akarii. Tausende Ihrer Artgenossen werden Ihnen Ihr Leben verdanken. Und sie werden nach dem Krieg in ihre Heimat zurück kehren können. Lebendig.“
„Das ist ein schwacher Trost. Aber besser als nichts“, erwiderte Ry und rutschte in die Menschensprache. „Reden wir über Clifford Davis. Wie genau ist er gefallen?“
Chun wechselte ebenfalls ins menschliche Idiom. „Soweit ich weiß, rammte er eine Antischiffsrakete, welche seinen Träger ansonsten vernichtet hätte. Das ist in…“
Chun verstummte, als die beiden abgestellten Dosen an ihm vorbei rutschten. Er hieb auf den Kommunikationsschalter. „Chun hier. Was ist los?“
„Sir, der Computer hat soeben Täuschkörper ausgestoßen. Wir orten zwei anfliegende Stinger-Raketen. Der Pilot geht runter, um den Deckschatten der…“
Eine gewaltige Explosion und das Kreischen von Metall erschütterte das Shuttle. „Eine der Raketen ist direkt unter unserem Bug explodiert! Hier ist Shuttle Ecco-Bravo-Juliet-9-9-4! Wir stürzen ab, ich wiederhole, wir stürzen ab! Shuttle Ecco-Bravo-Juliet-9-9-4! Wir stürzen ab!“
„Festhalten!“, blaffte Chun und griff nach den fest montierten Schränken.
Kurz darauf gab es einen heftigen Ruck. Chun verlor den Griff und wurde gegen das Schott geschleudert.
Ry Hallas hatte mehr Glück. Der Aufprall warf ihn herum wie eine Gliederpuppe, aber sein Griff hielt, bis er das Gefühl hatte, der Arm müsse ihm aus der Schulter gerissen werden.
Dann war Stille…
**
Eine Viertelstunde später bettete Ry Hallas die einzigen Überlebenden des Absturzes im Schatten des Wracks nieder. Die Piloten waren beim Aufprall zerschmettert worden. Die meisten Insassen waren durch herumfliegende Trümmer geköpft oder zerrissen worden.
Lediglich er selbst und Chun hatten es im Frachtraum einigermaßen überstanden. Aber es stand schlecht um den Menschen. Soweit Ry es beurteilen konnte, hatte sich der Offizier ein Bein und die rechte Schulter gebrochen.
Der einzige andere Überlebende war Gin Banto.
Der ältere Akarii lauschte atemlos, wie Chun mit stockender Stimme erzählte.
„Es gibt keine Freischärler und auch keine Akarii auf dieser Welt. Das Lager selbst ist ebenso wie seine Position geheim. Ein irrtümlicher Beschuss muss auch ausgeschlossen werden.
Die Flugroute war zudem geheim. Jemand hat uns aufgelauert. Und abgeschossen.“
Der Navy-Offizier sah zu Boden. „Also müssen es Menschen gewesen sein.“
„Das bedeutet, niemand wird uns suchen kommen“, japste der ältere Akarii. „Oder noch schlimmer, die Menschen, die uns abgeschossen haben, werden kommen um nachzusehen, ob jemand überlebt hat.“
Chun lächelte grimmig. „Wenn ich mich richtig erinnere, sind wir in einem Gebiet gelandet, dass sich Death Valley nennt. Eine karge Wüste ohne Ansiedlungen auf hundert Kilometer. Uns wird niemand suchen. Bevor wir eine menschliche Bastion erreichen, sind wir tot. Nein, sie werden uns nicht suchen. Sie wissen, dass wir sterben.
Aber ich denke nicht, dass sie damit gerechnet haben, dass jemand unverletzt bleibt.“
Gin Banto dachte nach. „Artan Hallas.“
„Archon?“ „Sie versuchen es. Nehmen Sie Commander Chun und brechen Sie auf. Gehen Sie Nachts, das schont Ihre Kräfte. Die Notfallausrüstung des Shuttles enthält zwanzig Liter Wasser und menschliche Nahrung für zehn Tage. Damit müssen Sie es schaffen.“
Ry Hallas schüttelte den Kopf. „Ich kann einen Menschen ein oder zwei Kilometer tragen und zwanzig stützen. Aber ich kann Sie nicht beide fort bringen.“
„Das war keine Bitte, Artan. Das war ein Befehl.“ Gin Banto lächelte nachsichtig. „Brechen Sie auf, sobald es dunkel ist.“
„Archon. Was wird mit Ihnen?“ „In dieser Situation bin ich Ihnen nur eine Last. Sie werden mich zurück lassen.“
„Das kann ich nicht akzeptieren. Gehen Sie alleine, Hallas. Ich bleibe und versorge den Archon, bis Sie zurück kommen.“
„Und was ist, wenn die Heckenschützen das Shuttle finden? Dann werden Sie sterben, Archon Chun.“
„Dieses Risiko nehme ich in Kauf“, erwiderte der Offizier trotzig. „Es gibt eine Notbewaffnung im Shuttle.“
„Sie sind unlogisch. Das nützt nicht gegen die Fernwaffen eines Jägers oder auch nur eines Shuttles.“
„Also gut, wir gehen. Wir lassen Ihnen Nahrung und Wasser für drei Tage zurück. Länger werden wir nicht brauchen, um die Zivilisation zu erreichen, Archon Banto.“
„Gut. Falls ich solange überlebe.“
Chun nickte. „Ry Hallas, wir müssen aus den Trümmern zwei Schienen und eine provisorische Krücke basteln. Außerdem müssen wir den Archon versorgen und es ihm so bequem wie möglich machen. Danach brechen wir auf.“
Ry Hallas nickte. „Ich habe meine Befehle.“
„So spricht ein wahrer Akarii“, sagte Ban Ginto leise. „Eine Bitte habe ich noch, entfernen Sie bitte die Toten aus dem Shuttle und begraben Sie sie, Ry Hallas. Der Geruch von Blut und Tod könnte Aasfresser anlocken, denen ich nicht gewachsen bin.“
„Gut mitgedacht“, kommentierte Chun leise. Er stemmte sich mit dem gesunden Bein hoch. „Fangen wir an, Hallas. Graben kann ich auch auf den Knien.“
Ironheart
24.03.2004, 14:34
Ursprünglich von Cattaneo
Der Schrecken der Herrscher
Der Bildschirm zeigte ein weiteres Mal ein wahres Meer von Menschen. Fahnen wurden geschwenkt, zumeist rote mit gelben Sternen, aber auch einige schwarze. Im Hintergrund waren Sprechchöre zu hören. Dann waren wieder lange Reihen von Sicherheitskräften zu sehen, mit Schlagstöcken und Schilden. Die Stimme der Nachrichtensprecherin verkündete im ruhigen Ton: „...gehen derweil die Proteste weiter. Allein in Peking demonstrierte wieder zahllose Menschen vor dem Hauptquartier der Federal Army. Die Schätzungen schwanken zwischen Hunderttausend und einer viertel Million. In zwei Tagen soll hier einer der großen Sternmärsche auf die wichtigsten Städte stattfinden, und die verantwortlichen Stellen gehen davon aus, daß die Zahl der Demonstranten um ein erhebliches größer sein wird.“ Dann wechselte das Bild und zeigte wieder das Studio. Die Frau, die ihren Mitmenschen die Neuigkeiten schmackhaft zu machen hatte, blickte direkt in die Kamera - den Zuschauern in die Augen: „Und in Paris bin ich jetzt verbunden mit Isabella Pavon, Generalsekretärin der IPKP und stellvertretende Sprecherin des ,Pariser Paktes‘“ Auf einer Hälfte des Bildschirms wurde jetzt ihre Gesprächspartnerin eingeblendet. Die Spanierin lächelte leicht, vielleicht ein Versuch, Vertrauen zu erwecken: „Guten Abend.“
„Mrs. Pavon, diese Proteste sind ja zum Gutteil auch Ihr Werk. Sehen Sie Ihre Bewegung - den Pariser Pakt - denn am Ziel?“ Die Generalsekretärin schüttelte entschieden den Kopf: „Nein, natürlich nicht. Es ist nicht unsere Absicht, unser Ziel, Aufsehen zu erregen. Wir wollen auch nicht die Polizeichefs der wichtigsten Großstädte in den Nervenzusammenbruch treiben. Es geht uns darum, eine Wende in einer Politik herbeizuführen, die ansonsten in die Katastrophe führen könnte.“
„Sie beziehen sich damit auf Ihre Forderung nach einem Ende der Kampfhandlungen. Ihnen ist doch sicher klar, daß viele Menschen Ihnen das als Verrat auslegen. Gerade jetzt, da Präsidentin Birmingham zu einer Verdopplung der Anstrengungen aufgefordert hat, sehen viele in Ihrer Haltung Defätismus.“
„Das ist mir durchaus klar. Diese Unterstellung ist natürlich unsinnig - wir wollen keine bedingungslose Kapitulation. Doch erachten wir es als töricht, im Kampf gegen einen Feind, der unsere Freiheit bedroht, diese Freiheit selber zu verschenken. Patriotismus ist nicht nur blinder Kadavergehorsam und Gefolgschaft - die gewählte Regierung hat vor allem die Interessen des Volkes zu wahren, und wenn sich ein immer größer werdender Teil dieses Volkes durch die Politik nicht vertreten fühlt, dann soll und muß er das öffentlich machen können. Aber es geht nicht um die Meinung einiger Fanatiker, die blinden Eifer mit Vaterlandsliebe verwechseln. Es geht darum, daß diese Regierung erkennen muß, daß es töricht ist, den einzigen Ausweg im Krieg zu suchen. Man muß sich bemühen, diesen Konflikt auf eine für alle akzeptable Art und Weise zu Ende zu führen. Es ist unbedingt nötig, diesen Versuch zu wagen. Er wird bei einem Gelingen Hunderttausenden oder gar Millionen das Leben retten.“
„Aber könnten nicht die Akarii darin ein Zeichen von Schwäche sehen? Könnte es nicht sein, daß Ihre Bestrebungen die vereinte Front der Menschen aufzubrechen droht und die Gesellschaft spaltet?“
„Das glaube ich nicht. Die Akarii sind ein Volk, daß Ehre schätzt. Ich denke, die Männer und Frauen an der Front haben dem Imperium bewiesen, daß die Menschen zu kämpfen verstehen. Aber es wäre fatal, jetzt eine Kampf-bis-zum-Endsieg Mentalität zu predigen. Die Akarii würden einen demütigenden Frieden nie akzeptieren, ebensowenig, wie wir uns unterwerfen würden. Wir müssen jetzt, da wir ihre Hoffnungen auf einen schnellen Sieg zerschlagen haben, einen Frieden anbieten, der es beiden Seiten erlaubt, ihr Gesicht zu wahren, anstatt einander in törichtem Stolz zu vernichten. Was die Einigkeit der Menschen angeht - wie weit geht diese denn? Ist es Einigkeit, wenn einige gewaltige Renditen einfahren, während anderen die Möglichkeit genommen wird, gerechte Löhne zu fordern? Ist er Einigkeit, wenn vielleicht alle SAGEN, daß sie hinter dem Krieg stehen, aber ein bestimmter Teil alle Entbehrungen trägt und seine Kinder in die Schlacht schickt, während der andere nur den Nutzen zieht? Wenn diese gewaltige Tragödie dazu genutzt wird, geschäftliche und politische Interessen durchzusetzen und Konkurrenten auszuschalten? Eine solche imaginäre Gemeinschaft ist wertlos.“
Die Sprecherin ließ sich keineswegs anmerken, wie sie zu den Ansichten ihrer Gesprächspartnerin stand. Dazu war sie viel zu professionell. „Mrs. Pavon, glauben Sie, Ihre Bewegung hat die Macht, diese Ziele durchzusetzen?“ Die Spanierin lächelte erneut: „Macht? Wir wollen niemandem drohen. Wir setzen vor allem darauf, daß die Regierung erkennt, daß es auch uns nur um das Beste für die Menschheit geht. Und das die Bevölkerung dies unterstützt. Wenn die Kreise in der Regierung, die nicht allein in militärischen Kategorien denken, sich nicht von den Militärs gängeln lassen, erkennen, daß sie die Unterstützung des Volkes haben, werden sie den Kurs revidieren. Das wäre kein Sieg für mich, kein Sieg für unsere Bewegung - es wäre ein Sieg für die ganze Bundesrepublik.“
„Nur noch eine Frage, Mrs. Pavon, mit einer Bitte um eine kurze Antwort: Ist Ihnen bekannt, daß Sie mit Ihren Auftritten zur Zielscheibe der Kritik geworden sind? Das Puppen von Ihnen und den anderen Leitern des Pariser Paktes öffentlich verbrannt wurden und es Drohungen gegen Sie gibt?“
Die Generalsekretärin nickte: „Durchaus. Ich habe in der Tat einige elektronische Morddrohungen bekommen. Ich habe jedoch für Menschen, deren einzige Antwort auf eine unbequeme Meinung in der Androhungen von Gewalt liegt, nur Mitleid übrig. Solche Personen haben das Prinzip der Demokratie nicht verstanden, und ich bezweifle, daß sie verstehen, daß man die Freiheit nicht dem Patriotismus opfern darf.“
Während das Gesicht der Spanierin ausgeblendet wurde, ertönte wieder die Stimme der Nachrichtensprecherin: „Zum Sport. Bei den…“
Die Generalsekretärin schaltete den Bildschirm aus, sichtlich mit sich selbst zufrieden. Das Gespräch, vor einigen Stunden zustande gekommen, war gerade noch einmal für die Abendnachrichten wiederholt worden. Sie machte sich natürlich wenig Hoffnung, daß es die eingefleischten Kritiker überzeugen würde, aber um die ging es auch nicht. Sie zielte vielmehr auf die eher passive Masse. Wenn diese dazu überging, die Forderungen des Pariser Paktes zumindest zu billigen, war schon viel erreicht. Trotz der inzwischen angelaufenen Gegenpropaganda war das Bündnis der Pazifisten bisher in der Lage gewesen, die meisten Angriffe zu kontern. Auf die letzten Interviews mit Rüstungsvertretern in den Nachrichten hatte man reagiert, indem süffisant die Namen der höheren Führungskräfte genannt wurden, die Angehörige in den Streitkräften hatten. Es waren nicht viele gewesen, wesentlich weniger als im niederen Management und bei den Arbeitern. Verbunden mit der Erinnerung, daß diesen Arbeitern die Möglichkeit genommen werden sollte, für eine Verbesserung ihre Lage einzutreten und daß sie nicht von den hohen Umsätzen profitieren, war damit den patriotischen Beteuerungen etwas die Spitze genommen worden.
Morgen würde sie nach Berlin fliegen. Dort, in der Stadt, in der auch das Haus der Republik zu finden war, würde sie zu den Demonstranten sprechen, die aus dem ganzen ehemaligen deutschen Staatsgebiet und einigen Nachbarstaaten kamen. In zahllosen anderen Zentralen, besonders aber in Peking und New York, würde es ähnliche Demonstrationszüge geben. Und sie würde zu allen sprechen, live oder über große Bildwände. Sie lächelte bei dem Gedanken. Ein so großes Publikum hatte ihr gewiß noch nie so aufmerksam zugehört. Sie gestand sich selber ein, daß dies ihrer Eitelkeit schmeichelte. Endlich fand sie in dem Maße Gehör, in dem die Gedanken, die sie vertrat, es eigentlich verdienten. Und dann würde man sie auch im Parlament nicht einfach unter ferner liefen abtun können, wie bisher. Dann würden die Demokraten und Republikaner, selbstgerecht und träge geworden in den langen Jahren an der Macht, die sie immer nur mit der jeweils anderen Partei teilen mußten, sie und ihre Bewegung zur Kenntnis nehmen müssen.
Sicher, es war nicht ihr alleiniger Triumph - ohne die Hilfe der ganzen anderen Friedensgruppen hätte sie nie so weit kommen können. Sie hatte auch vor, den Pakt, den sie mit ihnen eingegangen war, getreulich zu erfüllen, schließlich deckte er sich mit der Parteilinie. Aber sie würde aus diesen Tagen politische Pfunde erwirtschaften, mit denen sie auch in kommenden Zeiten wuchern konnte. Und darauf kam es natürlich auch an.
Auch Admiral Kimoto und Andreas Ziegler würden sprechen. Sie waren fast eben so wichtig wie Isabella, denn durch sie kamen die gemäßigten und, wie Isabella es spöttisch nannte, rationalpatriotischen Kräfte und die Friedensaktivisten der Grenzwelten zu Worte. Und das würde ebenfalls viele Leute ins Boot holen, die sonst draußen geblieben wären. Alles in allem, sie konnte zufrieden sein. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, daß es schon spät war - und sie mußte morgen früh aufstehen. Mit einem beruhigenden Gefühl, ihre Sache bisher gut gemacht zu haben, ging sie zu Bett. Sie schlief so ruhig und fest, wie es angeblich nur ein Mensch mit einem reinen Gewissen fertigbrachte, ohne sich darum zu kümmern, daß sechzig Prozent der Medien ihr ein solches absprachen.
Am nächsten Morgen war sie schon früh auf den Beinen, und nachdem ein paar letzte Anrufe erledigt worden waren, machte sie sich auf den Weg. Als Vollzeitpolitikerin war sie an ein Nomadenleben gewöhnt und reiste stets mit leichtem Gepäck. Ihre Lebensweise hatte sie davor bewahrt, irgendwo feste Wurzeln zu schlagen - ebenso hatte sie auch darauf verzichtet, eine längerfristige Beziehung einzugehen. Die Arbeit nahm sie vollkommen in Anspruch. Die Spanierin verzichtete wie stets demonstrativ darauf, sich mit einem umfangreichen Stab an Begleitern zu umgeben - Nähe zum einfachen Volke war ein Rezept, mit dem die IPKP auch im 27. Jahrhundert ankam. Nun, zumindest der Anschein von Nähe. Sie mutmaßte, daß man ihr ein Begleitteam mitgeschickt hatte, aber sie verzichtete darauf, sich nach eventuellen „Schatten“ umzuschauen. Seit die Kampagne gegen den Krieg in ihre heiße Phase getreten war, wurde sie ständig von ein paar Reportern beschattet, meist von Leuten weniger wichtiger Medien. An derartige Aufmerksamkeiten war sie inzwischen gewohnt, und die üblichen Klatsch- und Tratschgeschichten empörten sie kaum noch. Manchmal gab die „Yellow Press“ Dinge zum besten, die schon so unsinnig waren, das es direkt erheiternd wirkte. Etwa das Gerücht, sie würde für die Akarii arbeiten, geködert mit dem Posten der Verwalterin für die besetzten Erdgebiete, nach dem Endsieg des Imperiums. Oder, daß man ihr einen hohen imperialen Orden verliehen hätte. Nun, diese meist eher mittelmäßigen Schmierfinken mußten wohl auch ihr Geld verdienen, und sie mußte mit dieser Begleiterscheinung eines gewissen „Popularität“ leben. ,Allerdings‘, dachte sie mit einer gewissen Selbstgefälligkeit: ,wird sich das morgen vielleicht ändern. Dann werde ich vielleicht mit vernünftigen Spitzeln zu tun haben.‘ Sie lachte leise bei dem Gedanken - im Grunde waren natürlich alle Journalisten gleich. Für eine Story waren sie bereit, einen Menschen zugrunde zu richten, und zuckten dabei nicht mit der Wimper. Eine Eigenschaft, die sie sich selber nur zu oft zunutze gemacht hatte.
Und sie war bereit, eine Wette darauf einzugehen, daß auch der Geheimdienst sie observierte. Nun, sollten sie doch...
Ironheart
24.03.2004, 14:35
Ursprünglich von Cattaneo
Am Pariser Hauptbahnhof stellte sie ihr Fahrzeug ab. Sie begab sich zu den Rolltreppen, die zu den gewaltigen Bahnsteigen führten. Durch diese Schleusen liefen die Menschenmassen aus aller Herren Länder, die Tag für Tag diese Station passierten. Einst war Paris ein Zentrum gewesen, aber wie so viele alte Hauptstädte hatte die Stadt an Bedeutung verloren. Allerdings hoffte sie, daß die alte Bedeutung als Hauptstadt der Revolutionen noch immer nachwirkte. Es wäre gut, wenn dies als gutes Omen wirken würde. Von dieser Stadt aus war die Welt mehr als einmal verändert worden, und nicht weniger strebten sie und die anderen Mitglieder des Führungsstabes des Pariser Paktes an.
Es entging Isabella Pavon durchaus nicht, daß sie nicht so unbemerkt und allein war, wie es auf den ersten Blick schien. Drei ihrer „Schatten“ - Reporter weniger wichtiger Magazine - hatte sie ohne Probleme identifiziert. Was ihre geheime Leibgarde anging - nun, auch dafür gab es mögliche Kandidaten, doch hielten sich die Personenschützer, wenn sie denn da waren, im Hintergrund. Und zum Geheimdienst konnte jeder gehören, wenn der sie für wichtig genug hielt, um beschattet zu werden. Außerdem erkannten sie einige der normalen Reisenden, die den Bahnsteig in dichtgedrängt bevölkerten, was Reaktionen zwischen Bewunderung und offener Verachtung hervorrief.
An den Gleisen angekommen, überzeugte die Spanierin sich, daß sie nicht mehr lange zu warten hatte. Sie hatte die Rede entworfen und zu Papier gebracht, die sie am nächsten Tag halten würde. Natürlich würde sie frei sprechen, aber so konnte sie alles in Berlin noch einmal durchgehen. Nach einem Treffen mit den Genossen und den Vertretern der anderen Gruppen. So viel Arbeit und so wenig Zeit...
Sie würde später nie genau sagen können, was es gewesen war, das ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Obwohl sich die Ereignisse in ihr Gedächtnis einbrennen würden, konnte sie sich später nicht mehr daran erinnern. Vielleicht war es ein überraschter Blick eines der Menschen neben ihr, voller Unverständnis. Oder sie selber hatte aus den Augenwinkeln eine Bewegung erspäht. Vielleicht war es auch einfach nur eine jener geheimnisvollen Vorahnungen, die Menschen manchmal überfielen.
Was es auch war, es brachte sie dazu, ihren Blick von der Zeitangabe abzuwenden und sich halb zur Seite zu drehen. Und in dem Augenblick sah sie ihn.
Der Mann wirkte nicht besonders auffällig - er war weder besonders groß, noch wies sein Gesicht von Natur eine Besonderheit auf. Er war eher konservativ gekleidet, beinahe unauffällig. Anders als sie selbst und viele der Reisenden trug er keine Tasche bei sich. Nichts war an ihm ungewöhnlich. Er konnte ein Geschäftsmann sein, oder sonst etwas, durch nichts von all den anderen verschieden.
Doch sein Gesichtsausdruck war eindeutig. In seinen Augen brannte ein solcher Haß, wie ihn Isabella Pavon bisher noch nie gesehen hatte - und der Umgang mit ihr nicht wohl gesonnenen Menschen war nichts ungewöhnliches für sie. Doch dieser Mann war nicht einfach ein politischer Gegner, oder jemand, der sie aus prinzipiellen Gründen ablehnte - er HASSTE sie, soviel war deutlich zu sehen.
Und während sie noch darüber nachdachte, was das wohl bedeuten könnte, was der Grund dafür seien mochte, sah sie, wie er in seine Jacke griff, und eine Pistole zog.
Die Zeit schien beinahe stillzustehen. Langsam kam die Waffe nach oben - wuchtig, schwarz, todbringend. Auf den Gesichtern der umstehenden Menschen malte sich etwas wie Überraschung, Verwunderung - für Angst war einfach nicht genügend Zeit. Ein erster Schrei schien zitternd in der Luft zu hängen. Die Waffe richtete sich auf ihre Brust - keine zwei Schritte von ihr entfernt. Fast entrückt dachte sie daran, daß er entweder ein schlechter Schütze seien mußte, oder die Menschenmenge hatte ihn dazu veranlaßt, keinen unsicheren Schuß auf große Entfernung zu riskieren, der vielleicht jemanden anderes traf. Ein Mann, der sorgfältig überlegte, was er tat.
Sie war sich nicht dessen bewußt, daß sie selber überhaupt etwas tat. Zum Schreien, zum Wegrennen fehlte ihr einfach die Zeit - sie handelte rein instinktiv.
Im selben Augenblick, da die Waffe fauchend einen Energieblitz ausspuckte, krachte ihre leichte Reisetasche gegen den Arm mit der Pistole. Die Hand des Schützen wurde zur Seite gerissen, und Überraschung ersetzte für einen Augenblick den haßerfüllten Gesichtsausdruck.
Sie spürte einen schwachen Stoß, nicht einmal besonders kräftig - so als hätte sie jemand angerempelt. Da war kein Schmerz, kein Brennen, nichts - und doch fand sie sich auf dem Fußboden wieder. Ihre Beine schienen sie nicht mehr tragen zu können. Irritiert spürte sie etwas Feuchtes, das ihren Bauch herunter lief, spürte den Geruch von etwas Verbranntem. Nichts davon schien sie wirklich zu betreffen.
Jetzt gellten weitere Schreie auf, ringsum drehten die ersten Menschen sich um, um zu fliehen, aber auch das nahm sie nur am Rande wahr. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Schützen gerichtet, der sich gerade wieder gefangen hatte. Fast teilnahmslos registrierte sie, daß sie den Arm nicht heben konnte. Diesmal konnte sie ihn nicht aufhalten. Die Waffe bewegte sich schwankend, richtete sich genau auf ihr Gesicht.
Es gab keinen Laut, denn in dem Schreien der Menschen - viele von ihnen wußten überhaupt nicht, warum sie schrien oder wovor sie flohen, doch Angst und Panik waren wie immer ansteckend - übertönten das leise Knistern. Es war auch nicht viel zu sehen. Die schußbereite Pistole erstarrte - dann sackte die Hand mit der Waffe herab. Das Gesicht, das so voller Haß gewesen war, die funkelnden Augen, all das war auf einmal nicht mehr als verbranntes, totes Fleisch. Auch der Brustbereich des Schützen war von einem Augenblick auf den anderen eine einzige Wunde.
In dem Augenblick, in dem der Körper des Attentäters auf dem Boden aufschlug, waren kaum 30 Sekunden vergangen, seit Isabella Pavon sich umgedreht hatte.
Auf einmal waren sie um sie - fast ein halbes Dutzend Männer und Frauen in unauffälliger Kleidung, die Laserpistolen immer noch in den Händen, bereit, auf jeden weiteren Angreifer sofort zu reagieren. Während einige sich um die Frau am Boden bemühten, jagte ein anderer, vielleicht aus Wut oder irrationaler Vorsicht, noch zwei Schüsse in den leblosen Körper des Unbekannten. Die andere sicherten den Ort des Vorfalls.
Ringsum brach endgültig Panik aus, die Menschen stürzten zu den Ausgängen, schreiend, fluchend - und dabei in ihrer Hast fast gefährlicher als der Schütze.
Isabella lag. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, wie das gekommen war, und sie spürte immer noch keinen Schmerz. Aber die Gesichter der Männer und Frauen um sie waren ernst. Jemand redete beruhigend auf sie ein, doch sie hörte ihn nicht einmal. ,Merkwürdig.‘ dachte sie: ,Es muß schlimm um mich stehen, aber warum fühle ich nichts?‘ Scheinbar Banales erschien ihr weitaus deutlicher, als ihr eigener Zustand. Sie sah, wie einer der Wachmänner einen Fotographen die Kamera aus der Hand riß, der nichts besseres zu tun hatte, als ein Bild von der Generalsekretärin zu schießen. Von irgendwo waren Sirenen zu hören, eine Kakophonie von Lauten und Stimmen, die sie einhüllte. Sie spürte, wie sich ihr Gesichtsfeld langsam verändert, die Farben verblaßten. Und noch immer fühlte sie nichts. Mühsam brachte sie ihre Hand dazu, den Mann zu berühren, der neben ihr kniete. Da war etwas, etwas wichtiges. Sie würde ihre große Rede versäumen. Wie ärgerlich, sie hatte sich doch so auf diesen Tag vorbereitet, ihre große Chance. Und jetzt würde nichts daraus werden. Aber dann...
Sie brachte mühsam die Worte hervor und wunderte sich, warum es ihr so schwer fiel, zu sprechen: „Sagen Sie...Kimoto...die Rede...“ Ihre Stimme versagte.
In dem Augenblick, in dem die ersten Sanitäter den Ort des Geschehens erreichten, fiel Isabella Pavon in Ohnmacht. Seitdem sie den unbekannten Mann das erste Mal gesehen hatte, waren genau drei Minuten und fünfundvierzig Sekunden vergangen.
Tags darauf, Peking
Die Menschenmenge füllte den ganzen Platz und vermutlich auch viele der Seitenstraßen. Admiral a. D. Omura Kimoto mußte sich selber eingestehen, daß er nicht mit so vielen Leuten gerechnet hätte. Andererseits, Optimismus war etwas, was er sich in seinen lange Jahren in der Flotte gründlich abgewöhnt hatte. Eigentlich hätte er eher in New York, vor dem Flottenhauptquartier, sprechen sollen, aber jetzt war alles anders gekommen. Außerdem - hier hatte er das größte Publikum. Und ob sich die Menschen vor dem Armeehauptquartier oder beim Flottenkommando stauten, die Botschaft blieb die selbe. Offenbar hatten die kommunistischen Parteien, die in einigen asiatischen Ländern wie China, Vietnam und Laos immer noch über einen gewissen Rückhalt verfügten, jeden Mann und jede Frau auf die Beine gebracht. Sie hätten auch sonst vermutlich die Parteilinie getreulich befolgt, doch die letzten Ereignisse hatten daraus eine Grundsatzfrage gemacht.
Fühlte er Zorn? Nun, er und die Generalsekretärin waren nicht direkt befreundet - dazu entstammten sie zu unterschiedlichen Kulturen, Parteien und Generationen. Aber er respektierte sie als Verbündete, und der Anschlag erfüllte ihn mit Wut. Wenigstens hatte der Attentäter den letzten Rest Ehre aufgebracht, sein eigenes Leben zu opfern - wenn er so weit gedacht hatte. Eine Flucht, ein Überleben war bei diesem Vorgehen nahezu unmöglich gewesen, und vielleicht hatte er das gewußt.
Omura hatte für Pavons politisches Lager nie besondere Sympathien oder Antipathien empfunden, aber er wußte eine gute Organisationsleistung zu schätzen. Heute freilich waren auch viele andere Menschen auf der Straße - oft ohne Recht zu wissen, warum.
Er räusperte sich. Es war ihm durchaus klar, wieviel jetzt von ihm abhing. Und wie nervös zahllose Augen auf ihn gerichtet waren. Die falschen Worte, und es mochte leicht sein, daß sich aus den bisher friedlichen Demonstrationen Straßenschlachten entwickelten. Glücklicherweise schien bisher alles auf einen Einzeltäter hinzudeuten - aber Verdächtigungen gegen die Regierung, den Geheimdienst, die Konzerne oder die Colonial Conföderation gediehen in solchen Zeiten prächtig. Nun, er konnte nur das beste daraus machen.
„Mitbürger! Sie alle wissen, warum ich vor Ihnen stehe. Ich stehe hier im Namen einer Sache, der wir uns alle verpflichtet haben - dem Frieden. Wir haben geschworen, dafür einzutreten, was immer auch geschieht.
Sie alle wissen, nicht ich sollte jetzt zu Ihnen sprechen. Die Frau, die sich unermüdlich dafür einsetzte, die ohne Pause für den Frieden arbeitete - sie ist heute nicht hier.
Isabella Pavon wurde um ein Haar Opfer eines Mordanschlages. In diesem Augenblick ringt sie noch mit dem Tode. Einige werden meinen, es wäre respektlos, daß ich hier an ihrer Stelle spreche. Doch ich meine, sie hätte es nicht anders gewünscht - denn mir geht es ebenso wie ihr um das, was uns allen heilig ist. Frieden. Dem galten ihre letzten Worte, bevor sie das Bewußtsein verlor.
Deshalb will ich versuchen, sie hier würdig zu vertreten, so gut ich es vermag, um ihren Mut, ihren Einsatz zu würdigen.
In dieser Stunde des Zorns bitte ich Sie aber auch, die Ruhe zu bewahren. Der Täter ist aller Gerechtigkeit entzogen und hat seine Tat gesühnt. Für jene, die mit heimlichen Verständnis oder Nachsicht an seine abscheuliche Tat denken - und ich weiß, es gibt solche Menschen - habe ich wie Ihr alle nur Verachtung übrig. Ihr Haß ist nicht mehr als Zeichen ihrer Hilflosigkeit.“
Der Admiral betrachtete die wenigen Blätter Papier. Isabella Pavons Rede - vielleicht ihr Vermächtnis. Er hoffte es nicht, aber sie würde selbst unter glücklichen Umständen lange brauchen, sich zu erholen. Dann, mit klarer Stimme, begann er die Rede, die sie für ihren großen Tag verfaßt hatte.
„Meine Mitbürger. Sie alle wissen, wie ernst die Stunde ist...“
Ironheart
24.03.2004, 14:35
Platzhalter Hammer 2
Ironheart
24.03.2004, 14:36
Ursprünglich von Cunningham
Lucas stieg aus dem Transrapid. Schon auf dem Bahnsteig bekam er die stickige Hitze zu spüren. Zügig strebte er dem Ausgänge entgegen, durchlief die beiden Kontrollen problemlos. Während Waco den Sprungatrieb der Columbia testete wollte Lucas sich etwas um sein Geschwader kümmern. Es türmte sich bestimmt schon die Arbeit.
Als er aus dem Bahnhof kam erwischte ihn die knallende Sonne. Es war ein Schock für ihn, der die konstanten 21,5 Grad Celsius eines Raumschiffes gewöhnt war.
Kurz wankte er und griff nach dem Treppengeländer. Schon perlte schweiß auf seiner Stirn und unter den Achselhöhlen wurde es feucht. Bald würde sich auch auf dem Rücken seines khakifarbenen Uniformhemdes ein Schweißfleck befinden.
Als er sich wieder gefangen hatte setzte er die Sonnenbrille auf und schnappte sich seinen Pilotenkoffer. Menschen sind nicht für das Leben auf Planeten geschaffen.
Ihm ging ein Lieutenant entgegen, der zu Lucas Missfallen, viel weniger verschwitzt aussah als er es von rechts wegen sein müsste.
"Commander Cunningham? Cliff Anderson, ich soll Sie zum Stützpunkt bringen." Er schob sich ein Kaugummi in den Mund und nahm Lucas den Pilotenkoffer ab.
Und obwohl Lucas schören könnte, dass sowohl er selbst als auch dieser Anderson Europäer waren, hatten beide eine völlig unterschiedliche Hautfarbe.
"Ich diene in Commander Burrs Goldener Schwadron, mein Callsign ist Andi, ich weiß nicht sehr intelligent, aber meine Generation an Markham Fields hat nicht wirklich durch Originalität geglänzt."
Noch während er den Schwall Worte ohne einmal Luft zu holen herausbrachte jagte sie mit dem Gravjeep los.
"Konzentrieren Sie sich bitte aufs Fahren Lieutenant."
Anderson klappte zuerst den Mund auf, dann wieder zu: "Aye Sir."
Auf der Straße zum Stützpunkt donnerten vier Phantome in V-Vormation über sie hinweg.
"Sieht aus, als ob Radio wieder mal ne Sonderschicht einlegt", bemerkte Anderson, was ihm einen zweifelnden Blick von Cunningham einbrachte.
Am Tor der Basis waren die Sicherheitsvorkehrungen um einiges lascher als am Bahnhof und sie kamen schnell durch.
Im halsbrecherischem Stil jagte Anderson über den Stützpunkt und hielt vor dem Hauptverwaltungskomplex.
Dort wartete schon Darkness, der auch recht wenig schwitzte und eine ähnliche Bräune hatte wie Anderson.
Lucas nahm seinen Koffer: "Sie können abtreten Anderson."
"Yessir."
Darkness wartete bis der Lieutenant verschwunden war und erlaubte dann, dass sich ein kleines feines Lächeln auf seine Züge stahl: "Hallo Luke."
Die beiden begrüßten sich mit kräftigem Handschlag.
"Okay Jus, lass mich in den Schatten und dann hätte ich gerne in 30 Minuten eine Stabsbesprechung."
"Das wird nicht gehen, Sam Lundeen der hiesige Chef will Dich ASAP sehen."
Lucas warf ihm einen fragenden Blick zu: "Gab es Probleme?" Sein Tonfall implizierte, dass er ein 'Nein' hören wollte.
"Oh ja, einigen der Damen und Herren ist der Krieg nicht bekommen. Wenigstens habe ich Radio jetzt, so weit, dass er Einsatz bei der Führung einer Staffel zeigt."
"Da kommen wir zu Punkt 1. Wieso, wieso um alles in der Welt hast Du mir diesen Schmalspursoldaten als XO für die Rote Schwadron gegeben? Was habe ich Dir getan?"
Darkness grinste: "Ich hatte eigentlich gedacht, dass er sich so am ehesten entwickelt. Auf einem ihm bekannten Jäger, unter einem ihm bekannten Anführer."
Lucas seufzte: "Dann will ich Commander oder Captain Lundeen nicht länger warten lassen."
"Captain", merkte Darkness an.
Als Lucas das Büro von Lundeen betrat erhob sich dieser und reichte seinem Gast die Hand: "Willkommen in Fightertown USA, Samual Lundeen, aber nennen Sie mich Sam, darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?"
"Lucas, angenehm, ein Glas Wasser bitte, bei dieser Hitze würde ich wohl keinen Kaffee runterbekommen."
Lundeen lachte auf: "Kaffee ist bei der Hitze das Beste, was man trinken kann. Ehrlich."
"Ich bleibe lieber beim Wasser."
Der Captain zuckte die Schultern und schenkte Lucas ein Glas Mineralwasser ein während er sich selbst einen Kaffee nahm.
"Ganz erhlich, ich bin froh, wenn Ihre Bande wieder weg ist", begann Lundeen als er sich wieder setzte.
"Wie darf ich das bitte verstehen?"
"Nun, einer Ihrer Jetjockeys hat einen Überflug gemacht und dabei eine Siegesrolle vor dem Tower vollführt."
Lucas verzog schmerzhaft das Gesicht.
"Das dachte ich auch. Vier Maschinen mussten abgewunken werden beziehungsweise den Start abbrechen. Die Jungs und Mädels von der Flugsicherung sind Amok gelaufen."
"Kann ich mir gut vorstellen, wissen Sie wie er bestraft wurde?"
"Oh ja, dieser Mr. Long war da recht kreativ." Lundeen stockte kurz als sein Gast die Augen verdrehte. "Er steckte den Piloten, Harvey Jones, für 10 Tage in die Flugsicherung, heute ist sein letzter Tag."
"Naja, wenigstens eine vernünftige Strafe."
"Das denke ich auch", stimmte Lundeen zu, "kennen Sie diesen Jones?"
Lucas verneinte.
"Ich bin mal mit ihm zusammen in einem Geschwader geflogen. Ein recht seltsamer Typ. Sie werden wohl noch Schwierigkeiten mit ihm haben, aber ich möchte Ihnen raten, ihm zumindest zuzuhören, wenn er was sagt."
"Also für mich klingt das eher so als wäre unser Mr. Jones doch etwas zu heiß gebadet, aber wenn Sie meinen."
"Da wäre noch eine Sache, dieser Cartmell, ich habe mir seine Akte besorgt, nachdem ich von der Sache hörte. Sie haben mit ihm gedient."
"Ja, Sir." Lucas versteifte sich merklich.
"Glauben Sie das er der Black Bukanier war?"
"Ich ... ähm, also das Gericht hat festgestellt, dass er nicht der Black Bukanier ist."
"Das habe ich nicht gefragt Lucas." Lundeen stützte sein Kinn auf die rechte Faust auf und blickte Lucas direkt ins Gesicht.
Der Kommandant der Angry Angles rutschte unruhig im Stuhl hin und her, räusperte sich: "Nun, ich kannte Cartmell noch nicht sehr lange, als er abgeschossen wurde, ich traue mir nicht zu, in der Sache ein Urteil zu fällen. Ich jedenfalls werde mit ihm im Geschwader leben müssen." Es sei denn die Akarii nehmen mir diese Sorge ab.
"Schlimme Sache", Lundeen zog eine Grimasse, "und wie seiht es da draußen aus?"
"Wie ich die Sache sehe, ziehen die Leute aus den Infos die es über Jollarahn gibt den Schluss, dass es endlich Berg auf geht."
Die beiden Geschwaderkommandanten redeten noch eine Weile über den Krieg und dessen Verlauf. Diskutierten einige Taktiken der Akarii und wie man am besten dagegen vorging.
Das Gespräch mit Lundeen sorgte schließlich dafür, dass er wie üblich zu der Geschwaderbesprechung zu spät kam.
Ironheart
24.03.2004, 14:37
Ursprünglich von Cunningham
"Pünktlichkeit hat er immer noch nicht gelernt", maulte Raven. Die große Blondine flegelte sich im Sessel direkt vor der Tür.
"Ach das ist seine übliche Art?", fragte Professor Jefferson.
"Ja, das gehört zu ihm wie der Bostoner Akzent", bestätigte Darkness, der in der Runde der Staffelkommandanten etwas auftaute.
Neben den dreien waren ebenfalls die anderen Staffelführer da, Huntres und Lightning die Kommandantinnen der beiden Thyphoon Staffeln, Thunder die von Martell die Griphens geerbt hatte und Radio, der in dieser Runde durch unsicheres Schweigen auffiel, für die Phantome.
Der achte Lieutenant Commander fehlte, wobei keiner wusste, ob es überhaupt eine Nummer 8 gab.
"Ja, eine seiner vielen kleinen Schwächen", maulte Lightning und gähnte Darkness schoss ihr einen giftigen Blick zu.
"Jemand hätte Karten mitbringen sollen." Auch Huntress schien gähnen zu wollen.
Die gesamte Versammlung zuckte zusammen als die Tür energisch geöffnet wurde.
"Guten Tag meine Damen und Herren." Begrüßte Lucas seine Staffelkommandanten. "Ich soll Ihnen Grüße von Murphy ausrichten, er erwartet uns auf der Columbia, aber ich bin sicher, das ein oder andere Gerücht hat sich auch hierhin den Weg gebahnt." Sein Blick streifte Radio.
"Nun, die meisten von Ihnen kenne ich ja bereits", er blickte Jefferson an, "Sie jedoch, Sie müssen Commander David Jefferson sein, Callsign Professor, ungewöhnlich."
"Meine Jungs von der BSF haben mir das Callsign verpasst, nachdem ich als Professor an die Haggertey University of Science auf New Bosten berufen wurde."
"Oh, ein echter gelehrter." Lucas durchblätterte die Notizen, die Darkness ihm bereit gelegt hatte und verglich die beiden Bombergeschwader, in allen Disziplinen übertrafen Ravens Leute den Professor und die seinigen außer im Bombenabwurf. Lucas musterte beide kurz.
"Na, los Lone Wolf sagen Sie es schon, der Bombenabwurf", fuhr Raven auf.
"Reine Mathematik junge Dame", stichelte Professor.
"Glück", schoss sie zurück.
Lucas ging die Kurzfassung des Leistungsberichtes durch, an erster Stelle stand Huntress blaue Schwadron, danach folgte Darkness mit der schwarzen Schwadron, das Schlusslicht bildeten die Phantome, die rote Schwadron.
"Dann wäre da noch die Sache mit diesen vier Piloten, die eines Morgens doch recht ramponiert aussahen." Lucas blickte in die Runde.
"Okha und Kali erzählen, sie sein die Treppe runtergefallen", meinte Radio
"Aber natürlich", Cuningham schüttelte den Kopf, "in Ordnung Sie können Ihren Jungs und Mädels ausrichten, dass wir auf die Columbia kommen und dass sie das Wochenende Ausgang haben, mit Ausnahme unser vier Aspiranten, Okha, Kano, Cartmell und ähm, dieser Tyr, Einar Haugland."
"Hören Sie Lone Wolf", warf Lightning ein, "alle vier sehen aus wie durch den Wolf gedreht, aber wir wissen nicht was genau gelaufen ist, währ das nicht unfair und unbegründet?"
"Lightning, wir sind beim Militär, wir müssen nicht fair sein. Die vier haben irgendein Ding gedreht und wir machen Ihnen deutlich, dass sie das nächste mal nicht so glimpflich davon kommen."
"Aye Sir." Lightning schnitt eine Grimasse.
Danach ging Lucas die einzelnen Ausbildungsstandards der Staffeln durch.
Schließlich entließ er seine Staffelführer nach knapp zwei Stunden hin und her, bis auf einen.
"Radio. Hätten Sie noch einen Augenblick?"
Radio machte ein Gesicht als hätte er in eine Zitrone gebissen: "Aye Sir."
Nach dem Darkness die Tür hinter sich geschlossen hatte warf Lucas den Stapel Papiere, den er in der Hand hielt auf den Konferenztisch.
"Okay um es auf den Punkt zu bringen:", begann Lucas, "Der Ausbildungsstand der Roten Schwadron ist immer noch miserabel. Das wird sich ändern."
"Aye Sir, ich ..."
"Jetzt hören Sie mir gut zu Freundchen", unterbrach ihn Lucas barsch, "ich Nagel Ihren Arsch an die Wand, wenn das so weiter geht. Ich nehme den letzten Haufen von Karriere, den Sie noch besitzen und spüle ihn das Klo runter. Wenn ich mit Ihnen fertig bin werden Sie in dieser Navy nicht mal mehr im Vorzimmer eines Captains Kaffee kochen. Haben wir uns verstanden?"
"Freundchen hä? Ich werd Ihnen mal was sagen: Mein Vater ist Vizeadmiral und befehligt die Intrepid Trägergruppe, mein ältester Bruder kommandiert einen Zerstörer. Mein Großvater väterlicher seits war Planungschef im Admiralstab, bevor er Stab. Mein anderer Großvater spielt an den Wochenenden mit Nathan Frost Golf. Das meine Mutter es 'nur' bis zum Commander gebracht hat, liegt daran, dass sie nebenbei noch fünf Kinder groß gezogen hat. Glauben Sie, wenn ich in diesem Affenstall Karriere machen wollte, dann würden SIE da ganz sicher kein Wort bei zu sagen haben Sir."
Lucas stand wie vom Blitz erschlagen da und blickte sein Gegenüber sprachlos an. Er musste zweimal schlucken um sich zu fangen und einen Wutanfall niederzuringen. Er musste es anders versuchen.
"Thomas Andrews, Wolf Welte, Cliff Davis und Kevin Bowen, diese Namen sagen Ihnen doch sicherlich was." Lucas legte die Hände auf den Rücken und ging kurz auf und ab. "Sie alle sind tot. Sie waren gut ausgebildet, und kannten das Team in dem sie kämpften. Es war ein eingespieltes Team und niemand trägt die Schuld an ihrem Tod."
Er deutete aus dem Fenster: "Aber bei den Jungs und Mädels da draußen wird es anders sein. Und einigen von Ihnen werden nicht zurück kommen, wie wollen Sie dann da stehen? In dem Bewusstsein, keine Schuld am Tod Ihrer Kammeraden gehabt zu haben oder in der Sicherheit, das bestmögliche gamcht zu haben, dass diese Männer und Frauen überleben?"
"Fuck, natürlich will ich nicht das einer stirbt, was meinen Sie, warum ich das alles so hasse. Himmel, warum Suchen Sie sich nicht einen, der es besser kann?" Radio ging nervös auf und ab und fuhr sich mit der rechten durch die Haare.
"Die Navy hat Ihnen einen Job gegeben und nun führen Sie ihn gefälligst nach besten Kräften aus Matrose."
"Sparen Sie sich den Scheiß!"
"Abtreten Commander", entließ ihn Lucas.
Radio war wütend und verzweifelt. Was dachte sich die Navy bloß ihm diesen Haufen anzuvertrauen und wie konnte dieses bornierte Arschloch ihm den Tod von Pinpoint unter die Nase reiben. Tom Andrews, den einzigen, den er nicht nur Kameraden und Freund, sondern auch Waffenbruder nennen würde.
Mühsam kämpfte er die Tränen nieder, die ihm in die Augen zu rennen drohten: "Gott verflucht, ich will nicht für das Sterben verantwortlich sein."
Eine der vorbeikommenden Bürokräfte guckte ihn verwundert an.
Er sandte ihr einen bösen Blick und straffte sich. Er verließ das Hauptquartier und machte sich zum einem der öffentlichen Telefone auf dem Stützpunkt auf.
"Wen wünschen Sie zu sprechen?" Fragte eine freundliche Frauenstimme von der Vermittlung.
"Commander George Jamison Long, Lunapolis."
"Ich verbinde Sie."
"Danke." Antwortete Radio, doch er hörte schon das erste Zeichen, dass es am anderen Ende klingelte.
Es klingelte vierzehn oder fünfzehn mal, ehe jemand abhob.
Radio grinste seinen Bruder, den jüngsten seiner drei älteren Brüder und Zwilling seiner einzigen Schwester, frech an: "Hallo Brüderchen."
"Du? Gott Curtis, weißt Du wie spät es hier auf Luna ist?"
Radio zuckte die Schultern: "Sieh es mal so, sonst hättest Du eh verpennt."
"ICH HABE ... ich habe noch nie verpennt."
"Anderes Thema", würgte Radio ab, "Du warst doch mal mit so ner Braut aus der Auswertung für GunCams zusammen oder?"
George hielt seine rechte Hand in die Kamera und deutete auf seinen Ehering: "Ich habe sie vor zwei Jahren geheiratet, Du hattest damals auch ne Einladung erhalten."
"Oh, ähm, ja, Du weißt schon, musste Dienst schieben, groß Karriere machen ..."
Sein Bruder schüttelte den Kopf: "Du und Karriere, Du saßt doch bestimmt ... Moment, zeig mal Deinen Kragen, was glitzert denn da so golden?"
Radio drehte schnell die linke Schulter weg und legte auf das andere Rangabzeichen eine Hand: "Ähm, also die GunCam ..."
"Seh ich da etwas goldenes Eichenlaub glitzern?" Sein Bruder lachte auf. "Weiß Dad schon davon?"
"Nein, und Du hältst gefälligst die Klappe. So und nun hör zu: Ich brauche GunCam-Aufzeichnungen des Trägergeschwaders der TRS Redemption CV 18, nach Möglichkeit viele Abschüsse unserer eigenen Maschinen."
"Du wirst mir auch erzählen, wozu Du das brauchst?" Sein Bruder klang besorgt.
"Ich muss hier ne Staffel kampfbereit bekommen - Du und ich wissen, dass ich dazu ungeeignet bin - dennoch muss ich das tun und ich will ihnen etwas Anschauungsmaterial vorspielen, dass sie wachrüttelt." Und mich hoffentlich auch, fügte er in Gedanken hinzu.
"In Ordnung, ich werde Sie fragen und es Dir zusenden lassen, wo steckst Du zurzeit?"
Radio gab seine Adresse durch und verabschiedete sich: "Wünsche Dir noch ne angenehme Nacht ... und noch mal alles Gute nachträglich, sie muss wirklich ne Klassefrau sein, wenn sie Dich eingefangen hat." Ohne eine Antwort seines Bruders abzuwarten schaltete er das Telefon ab.
Später am Abend mischte er sich unter das Geschwader. Ausgang war etwas herrliches. Fast alle Mitglieder der Angry Angles hatten sich für ihre weiße Sommeruniform entschieden, nur er steckt statt in dem weißen Hemd in einem grellbunten Hawaiihemd.
Sein Ziel war eine ehemalige Pilotenbar genannt 'The Black Box'. Diese Bar hatte einige Vorteile. Sie war verrufen, so dass er von Darkness den Befehl erhalten hatte, seine Leute vor diesem einschlägigen Schuppen zu warnen.
Zum anderen war er hier schon bekannt. Er hatte mehrmals seinen Urlaub hier verbracht, also in der Gegend nicht in der Kneipe, obwohl diese dann immer sein Stammlokal war.
Die rauchige Luft tief einatmend trat er durch die Schwingtüren. Jepp, das war Heimat.
Die Gestallt die ihm sofort auffiel, hatte er erwartet hier vorzufinden.
An einem der Ecktische saß Skunk in seiner weißen Uniform, noch beim Abendbrot. Radios geübter Blick teilte ihm sofort mit das Skunk weise genug war den Grillteller des Hauses zu bestellen.
O-beinig wie ein Cowboy marschierte Radio zur Bar. Der Bartender grinste ihn an: "Fuck, was hat Dich denn hierher verschlagen."
"Hoy Berry, der Krieg was sonst. Du gib mir mal zwei Miller in der Flasche und nen Grillteller wäre auch nicht schlecht."
"Kommt sofort Cheef." Radio brachte gar nicht erst darauf aufmerksam zu machen, dass er lieber Folienkartoffel statt Fritten haben wollte.
Er schnappte sich die beiden Miller die Berry auf den Tresen gestellt hatte und drehte sich mit einem "Wir reden später" zu Skunk um.
Dieser schaute auf, als Radio sich vor seinem Tisch aufbaute und hob fragend die Augenbraue.
Radio stellte ihm ein Miller hin: "Darf ich?" Er wartete gar nicht die Antwort ab und setzte sich einfach.
Der andere Pilot guckte ihn kurz an, griff nach dem Miller und drehte den Verschluss ab. Nach einem tiefen Zug wandte er sich wieder seinem verbleibenden Steak zu und aß weiter.
Der unfreiwillige Lieutenant Commander und Ausbilder der Roten Schwadron zuckte mit den Achseln und öffnete sein Miller.
Es dauerte nicht lange da kamen Radios Steaks, zwei von außen fast verkohlte Ribeye-Steaks, in einer feinen BBQ-Soße mariniert. Dazu eine riesige Kartoffel mit Sour Creme übergossen.
Kaum hatten Radio richtig angefangen zu essen war Skunk fertig, doch statt jetzt mit dem Gerede anzufangen wartete dieser höflich bis Radio aufgegessen hatte.
Nachdem Radio einen zufriedenen Rülpser ausgestoßen hatte schüttelte Skunk den Kopf und grinste: "Sie sind wirklich ein Härtefall Commander."
"Teufel, wir sind Piloten und sollten uns duzen." Radio kramte einen Satz goldene Schwingen aus der Hosentasche. "Die hast Du Dir heute nicht abgeholt." Und schob sie zu ihren Besitzer rüber.
Skunk grinste: "Nun, ich glaube Commander Jäger war nicht sehr zufrieden mit mir."
"Das kann sie ihrem Friseur erzählen, wir sind demnächst weg."
Skunk hob die Flasche: "Auf den Krieg, möge es nicht unser letzter sein."
"Möge es mein letzter sein", sprach Radio, zog eine Grimasse, stieß jedoch mit an.
Dem ersten Bier folgten zwei weitere Runden, dann brachte Radio das Gespräch auf die Staffel: "Ich habe ein Problem."
"Ist sie hübsch?"
"Ich mein die Staffel. Man hat mir mittlerweile mehrmals den Kopf gewaschen und heute hat man mir zu Denken gegeben."
Skunk kicherte: "Und wie haben die hohen Herren das geschafft?"
"Mit dem Tod von Kammeraden und Freunden."
Sofort verdunkelten sich Skunks Züge: "Nicht fair, aber dies ist die Navy, Fairness ist nicht die Stärke unseres Vereins."
Radio orderte zwei Bourbon: "Tatsache ist wir müssen die Staffel zusammenschweißen, sonst ... ich brauch es Dir nicht zu erzählen. Aber dafür brauch ich Deine Hilfe."
"Okay." Der ältere Pilot grinste der Kellnerin hinterher. "Und wie hast Du Dir das vorgestellt?"
"Als erstes hör auf Deinen Wingman so zu drangsalieren. Ich hab Deine Art verstanden. So lange niedermachen, bis der andere bereit ist zu arbeiten, zu lernen und zu leisten nur um Dir morgens in den Kaffee zu pissen."
Erneut war von Skunk seine hinterhältige Lache zu hören.
"Das klappt vielleicht in Friedenszeiten, aber jetzt nicht mehr."
"Alles klar, fangen wir ganz von vorn an. Du solltest vielleicht auch ein kleines Stell Dich ein veranstalten, mit Vorstellung und so weiter."
"Darauf das wir diesen Krieg überleben!" Radio erhob sein Glas und Skunk stieß nur allzu gerne mit an.
Ironheart
24.03.2004, 14:38
Ursprünglich von Ace Kaiser
Captain Sounders betrachtete den Bericht vor sich und schüttelte den Kopf. Warf noch einen Blick auf das Dokument und schüttelte wieder den Kopf.
Endlich sah er auf. Und bemerkte, dass Commander Justus Schneider von seiner zur Schau gestellten Verzweiflung nicht im Mindesten berührt war.
Der Offizier hatte zwar eine Haltung, als hätte er einen Besenstiel verschluckt. Aber seine Miene wies keinerlei Regung auf.
Sounders schluckte seinen Ärger runter und ging in die Offensive.
„Justus, Justus. Was soll ich bloß mit Ihnen machen? Was… soll… ich… mit… Ihnen… machen?“
„Befördern.“
„Das war eine rein rethorische Frage, Commander“, blaffte der Captain.
Er nahm den Bericht und zeigte ihn Schneider. „Hier, ein zehnseitiger Beschwerdebrief des Captains der TAHOMA. Ihre Leute haben fast seine halbe Crew zusammen geschlagen.
Es sieht so aus, das man auf PERSEUS froh war, Ihre rostige KAZE los zu sein und der JAG deswegen kein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Aber dies hier ist Fort LEXINGTON. Und das JAG ist überall.
Nach diesem Bericht bleibt mir eigentlich gar nichts anderes übrig, als Ihnen einen Schreibtisch zum kommandieren zu geben.“
„Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen, Sir.“
„Treiben Sie es nicht zu weit. Erlaubnis erteilt.“
„Captain, als Sie mich vor einem Jahr auf die KAZE geschickt haben, wurden meine Missionsparameter klar definiert. Ich sollte den Abort der Flotte in eine Kampfkräftige Einheit verwandeln. Das ist mir gelungen. Unsere Tonnagevernichtung an Kriegsschiffen und Frachtern kann sich sehen lassen. Gerade, weil die KAZE eine veraltete Fregatte der MIDWAY-Klasse ist.“
„Ach, und das soll jetzt für Ihre Leute sprechen, Justus?“
„Nein, Sir, es soll nur erklären, was ich nun sagen will. Gab es Tote auf Seiten der Crew der TAHOMA?“
„Laut Bericht gebrochene Nasen, Rippen, Schürfwunden, Schwellungen, Veilchen… Nichts Gefährliches.“
Schneider öffnete seine Uniformjacke und zog einen gefalteten Umschlag hervor. „Hier, die Schlächterrechung meiner Bordärztin. Wie Sie erkennen werden, hat meine Crew ähnlich gelitten. PERSEUS Station ist Grenzland. Im Allgemeinen ist man dort mit den Besatzungen der Schiffe sehr nachsichtig und belässt solche Vorfälle mit einer Verwarnung und überlässt es dem Skipper, seine Crew zu maßregeln.
Zudem möchte ich anmerken, dass die TAHOMA ein Ticonderoga ist. Die Crewstärke ist wesentlich höher als die der KAZE. Wenn mehr Leute mehr Prügel bezogen als kassiert haben, deutet das auf eine schlecht ausgebildete Mannschaft hin.“
„Das ändert nichts daran, dass ich diese Beschwerde über den Dienstweg empfangen habe. Ich kann eine solche Insubordination nicht dulden.
Die Folgen sollten Ihnen klar sein, Justus. Ihre Offiziere werden degradiert, die Mannschaft wird aufgeteilt und in der Zweiten Flotte verteilt. Die KAZE kommt zur Verschrottung.“
„Sir, es waren nur gut neunzig meiner Leute über gut zehn Bars an den Schlägereien beteiligt. Dazu knapp hundertzwanzig von der TAHOMA. Kann ich damit rechnen, dass der Captain der TAHOMA und seine Crew ebenso behandelt werden?“
„Ihre Leute haben angefangen, Justus.“
„Aber seine haben mitgemacht!“, brüllte der Commander und sprang aus seinem Sessel.
Einige bange Sekunden stand der Skipper der KAZE vor seinem Vorgesetzten und starrte ihn wütend an. Endlich ließ er sich wieder in den Sessel fallen. „Entschuldigen Sie, Sir, aber es ist so, die Crew der TAHOMA hat gegen meine Leute gestichelt. Als das nichts genützt hat, sind sie über die KAZE hergezogen. Über ein Schiff, das letztes Jahr fünf Frachter und drei Kriegsschiffe der Akarii vernichtet hat, während die TAHOMA seit Jahren in der Etappe liegt.
Als dies auch nichts gefruchtet hat, begannen die Crewmen der TAHOMA, den Captain der KAZE zu beleidigen. Ich wette, das steht nicht im Bericht des Captains der TAHOMA.“
Sounders nickte. „Da haben Sie allerdings Recht. Nun gut, ich werde eine entsprechende Anfrage an den Captain der TAHOMA schicken, ob er unter diesen Umständen die Beschwerde zurücknimmt. Aber ich kann Sie so nicht vom Haken lassen, Justus. Sie kennen den Ruf Ihres Schiffes. Entweder wechsele ich die Crew aus, oder ich muss Ihr Schiff eine Zeitlang aus der Schusslinie bringen.“
„Nein, nicht auswechseln. Mein Waffenoffizier hat nur noch elf Monate, bis er auf sein altes Schiff zurückversetzt wird, mein XO ist per Befehl an die KAZE gebunden, mein Chefpilot hat eine Wiederaufnahme des Verfahrens, welches zur Strafversetzung führte in Vorbereitung, Dutzende Crewmen würden auf Schiffen landen, auf denen sie geschnitten werden. Okay, bringen Sie mein Schiff aus der Schusslinie. Wie hoch ist der Preis, den wir bezahlen müssen? Etappe? Erdverteidigung?“
Sounders dachte nach. „Barcelona.“
Schneider sackte in sich zusammen. „Die andere Seite der Republik. Weit weg von den Gefechten. Grenzpatrouille und Piraten jagen.“
„Nein.“ Der Kopf von Schneider ruckte hoch. „Nein?“
„Nein. Wenn ich Sie aus der Schusslinie bringe, dann richtig. Sie erhalten im System von Barcelona ein abschließendes Briefing. Es ist keine Patrouille. Und wenn die Sache funktioniert, haben Sie im schlimmsten Fall ein paar Monate außerhalb der Schusslinie des JAG verbracht. Im besten Fall aber haben Sie den Ruf der KAZE um einiges aufpoliert. Tun Sie Ihr Bestes und enttäuschen Sie mich nicht. Schon jetzt spüre ich das Zerren der Kettenhunde des JAG, wie sie an meiner Uniformhose reißen.“
„Was erwartet uns, Sir?“
„Wir stellen einen Verband aus Schiffen der zweiten Garde zusammen. Es kommt mir ganz gelegen, dass Sie gerade bis zum Hals in der Scheiße stecken, Justus. Denn jetzt kann ich Sie problemlos dem Verband zuordnen. Und es ist wenigstens ein Schiff dabei, das ausreichend Fronterfahrung hat. Sie können wegtreten. Und, Sie schulden mir was, Commander.“
Schneider erhob sich. „Danke, Sir.“
„Ach, eines noch, Justus.“ „Sir?“ „Nur eine Frage, die mich aber brennend interessiert. Die KAZE ist seit Jahren – wie sagten Sie so schön – der Abort der Flotte. Die Unzufriedenen, die Quengler und die Egoisten kommen an Bord. Wie konnten Sie diese unmögliche Crew zusammenschweißen? Zwei andere Commander sind daran gescheitert. Und das war noch in Friedenszeiten.“
„Nun“, erwiderte Schneider lächelnd, „erstens liegt das daran, dass die Dummköpfe und wirklich Faulen im Flottenhauptquartier Karriere machen.“
„Schneider…“
„Und zweitens, Sir, liegt es daran, dass diese Crewmen besser sind als ihr Ruf. Sehr viel besser. Natürlich, ich habe ein ganzes Schiff voller Hitzköpfe, Quengler, Unruhestifter. Aber es sind meine Hitzköpfe, Unruhestifter und Quengler. Meine Leute wissen das. Sie vertrauen mir, weil ich ihnen vertraue. Es hat Monate gedauert, sie auf meine Seite zu ziehen. Und jetzt sind wir wirklich eine Mannschaft. Eine gute Mannschaft.
Deshalb macht es mich so stolz, dass sie bereit waren, sich zu schlagen, als ich beleidigt wurde. In dem Moment wurde mir bewusst, dass sie mich wirklich als Anführer akzeptiert hatten. Mit diesen Leuten kann ich überall hin fliegen.“
Sounders nickte. „Gut. Barcelona-System, in drei Tagen. Und… Kommen Sie wieder, wenn es geht, mit einem Orden.“
„Ja, Sir.“
Ironheart
24.03.2004, 14:38
Ursprünglich von Ace Kaiser
„Was dauert denn so lange?“, fragte Haruka Ishihiro unsicher und widerstand nur knapp der Versuchung, auf seinen Nägeln zu kauen.
Lieutenant Jones war nicht so beherrscht. Sie knabberte eifrig an ihren.
„Ruhig, Lieutenant, der Skipper ist erst einen halben Tag drüben im Fort.“
Commander Soleil schien die Ruhe selbst zu sein, wie sie im Stuhl des Captains saß und routiniert die Berichte der routinemäßigen Wartungsarbeiten abfragte.
„Ruhig, ruhig, wie soll ich ruhig sein? Der Skipper hat sich vor Captain Sounders zu verantworten. Wegen unserer Schlägerei auf PERSEUS. Wegen unserer Schlägerei!“
Unruhig erhob sich Ishihiro und begann nervös über die Brücke zu laufen. „Diese verdammten Idioten. Was kommen sie auch in unser Stammlokal. Was lästern sie auch über unser Schiff. Was beleidigen sie auch unseren Captain?
Arh, ich hätte der Mannschaft befehlen sollen, geschlossen aufs Schiff zurückzukehren!“
„Hinterher ist man immer schlauer, Haruka. Hinterher ist man immer schlauer. Pilot, Anfrage des Reparaturteams. Für die Wartung der Steuerborddüsen sollen wir abkoppeln und das Schiff drei Grad nach Backbord über die X-Achse gieren.“
„Aye, Ma´am.“
„Ich halte das nicht mehr aus, ich halte das nicht mehr aus! Wegen meiner Dummheit wird der Captain womöglich degradiert. Oder erschossen! Oder beides!“
Johansson betrat die Brücke und hielt dem First Lieutenant eine Flasche hin. „Man hat mir erzählt, dass Sie nervös durch die Gegend laufen. Hier, nehmen Sie einen Schluck.“
„Alkohol während des Dienstes?“, argwöhnte der Waffenoffizier.
„Sie sind nicht im Dienst, Haruka. Im Moment ist Freiwache“, sagte Soleil leise. „Ich und Jones haben Dienst.“
„Nett von Ihnen das zu sagen, aber ich trage die Uniform, und das ist doch bestimmt dieser harte Schwarzgebrannte.“
„NUN TRINKEN SIE SCHON UND WERDEN SIE RUHIGER!“, blaffte Commander Soleil wütend.
Die beiden gestandenen Mannsbilder zuckten zusammen. Die XO neigte dazu, hitzköpfig zu werden. Und wenn das der Fall war, ging man ihr besser aus dem Weg.
Wortlos nahm Ishihiro dem größeren Johansson die Flasche aus der Hand und nahm einen kräftigen Schluck.
„Na, besser?“, kommentierte Amber Soleil leise. Sie konnte den Waffenoffizier ja verstehen. Immerhin war er bei der Schlägerei der ranghöchste Offizier gewesen. Es wunderte sie nur ein wenig, dass sich der Japaner überhaupt nicht bewusst zu sein schien, dass seine Chancen, zurückversetzt zu werden erheblich geschrumpft waren. Nein, ihm ging es nur um den Captain, den er - wie er glaubte – in die Scheiße geritten hatte. „Besser“, erwiderte er.
Johansson nahm die Flasche wieder entgegen und trank ebenfalls einen kräftigen Schluck. Dann bot er Commander Soleil an. „Ist nur Eistee, aber der aus den selbst gezüchteten Zitronen im Maschinenraum.“
„Wer es glaubt“, erwiderte sie grinsend.
„Was wohl mit dem Captain ist…“, brummte Ishihiro leise.
„Fangen Sie schon wieder an, Lieutenant?“
„Nein, nein, Ma´am. Aber ich frage mich, wie sie ihn bestrafen werden.“
Schweigen senkte sich über die Zentrale.
Bis die Tür aufglitt. „CAPTAIN AUF DER BRÜCKE!“, blaffte Ishihiro spontan.
Die Offiziere nahmen Haltung an. Ungewöhnlich für die KAZE.
Schneider betrachtete sich das Schauspiel eine Weile und winkte dann ab. „Schon gut, schon gut.“ Er schlenderte zu seinem Platz. Soleil räumte ihn sofort. Nachdem Schneider es sich bequem gemacht hat sagte er: „Ich habe schlechte Neuigkeiten.“
„Wie schlecht?“, fragte Amber Soleil in die unheilvolle Stille hinein.
„Sehr schlecht. Schlagen Sie der Crew die Gedanken an einen Urlaub auf der Erde aus dem Kopf. Sobald die Wartung an den Triebwerken beendet ist, müssen wir nach Barcelona aufbrechen.“
„Und… Was ist mit Ihnen, Skipper?“, fragte Ishihiro vorsichtig.
„Mit mir? Was sollte mit mir sein?“
„Sie… Werden nicht versetzt, degradiert oder angeklagt?“
„Nein. Sollte ich das?“
„Nein, Sir“, antwortete Haruka erleichtert, „natürlich nicht, Sir.“
Ein ebenfalls erleichtertes Raunen ging durch den Raum.
„Wir haben einen neuen Auftrag“, kommentierte Schneider tonlos. „Ich weiß noch nichts darüber, weil wir erst auf Barcelona gebrieft werden. Aber ich will, dass alle Abteilungen auf alles gefasst sind.“
„Ja, Sir!“, antworteten die Offiziere wie aus einem Mund.
Schneider schmunzelte. Abort der Flotte? Bestimmt nicht sein Schiff. Nicht seine Crew.
Ironheart
24.03.2004, 14:39
Ursprünglich von Tyr Svenson
Auf dem Flugplatz Miramar war die kurze kalifornische Nacht hereingebrochen. Nur bei den Wachstationen herrschte praktisch die selbe Geschäftigkeit wie am Tage. Die Marinesoldaten spähten wachsam auf ihre Monitore oder durch die Nachtsichtgeräte. Die Bewachung eines Militärstützpunkts war nie völlige Routine, erst recht nichts in Kriegszeiten – auch wenn der Krieg zwischen den Sternen geführt wurde.
Aber die Wachposten waren nicht die einzigen, die noch im Dienst waren. Auch im Büro Commander Cunninghams brannte noch Licht. Lone Wolfe war kürzlich von der Taufe der Columbia zurückgekommen. Jetzt versuchte er mit der Büroarbeit hinterherzukommen, die nun mal mit der Führung eines Geschwaders verbunden war – eine Sisyphusarbeit. Wenn er nicht die Hilfe von Darkness gehabt hätte...
Der ältere Veteran saß seinem Geschwaderchef gegenüber. Mit ausdrucksloser Miene nahm er von Zeit zu Zeit einen Schluck aus dem Glas, das er in seiner Rechten hielt und das einen ziemlich exquisiten Whisky enthielt. Über Cunningham konnte man vieles sagen, einiges negative. Aber er hatte auf jeden Fall einen guten Geschmack. Und er war nicht kleinlich.
Schließlich blickte Lone Wolf von dem Bildschirm auf, den er studiert hatte: „Hm... Das sieht doch gar nicht so schlecht aus. Aber wie ist deine persönliche Meinung?“
Darkness zuckte unverbindlich mit den Schultern: „Die Staffeln sind einsatzfähig.“
„Aber...?“
„Nun ja, du kennst das Problem. Wir haben das Geschwader praktisch neu aufstellen müssen. Wir hatten schließlich fast fünfzig Prozent Verluste. Zusammen mit den zwei Feindfahrten zuvor – das ist kein Geschwader, das sind sieben Staffeln, die teilweise sogar Schwierigkeiten haben als STAFFEL zu funktionieren...“
„Die Leistungen sind doch nicht schlecht...“
„Sie sind guter Durchschnitt. Aber die Angry Angels sind mehr als guter Durchschnitt.“
„Nun es lag bestimmt nicht daran, daß du zu wenig getan hast. Oder die Piloten zuwenig geflogen sind – Oder?“
Auf diese Frage mußte Darkness grinsen. Er war schließlich Geschwader-XO und maßgeblich für die Ausbildung zuständig. Seine Gnadenlosigkeit und hohen Ansprüche waren berüchtigt.
„Vermutlich nicht. Aber das Problem bleibt. Wir haben gute Piloten, einige hervorragende sogar. Aber es hapert immer noch bei der Kooperation. Und du weißt warum. Die Rote Schwadron wurde ziemlich zusammengehauen. Gold und Silber mußten quasi neu aufgestellt werden. Die Grüne Schwadron hat bei den letzten beiden Feindfahrten übel geblutet. Und Schwadron Blau hat zwar bei Jollahran weniger Verluste gehabt – aber denk dran, nach den Verlusten bei Troffen wurde auch diese Staffel praktisch neu aufgebaut, es ist kaum noch jemand von der ersten Garnitur übrig. Und die Griphen... Die mußten nach jeder Feindfahrt Leute abgeben und ihr Staffelführer ist abkommandiert. Und was meine Butcher Bears betrifft na ja... Gutes Rohmaterial, aber nicht aufeinander eingespielt. Also wenn ich etwas zu sagen hätte, dann würde ich dieses Geschwader samt dem Träger den wir ja wohl bekommen sollen an irgendeinen ruhigeren Frontabschnitt schicken und dort die Zusammenarbeit verbessern.“
„Aber diese Zeit haben wir nicht und das weißt du auch. Sie geben uns den neusten Flottenträger – keine Chance auf einen ruhigeren Posten. Es geht los, bald. Und es wird kein Spaziergang werden. Wir müssen mit dem auskommen, was wir haben. Das ist seit Mantikor das Motto der TSN.“
„Ich weiß.“
„Gab es sonst noch etwas, während ich weg war?“
„Nein – oder jedenfalls nichts, was du wissen willst.“
Lone Wolf blickte Darkness an und verzichtete darauf nachzuhaken. Es gab auch so genug andere Probleme: „Noch etwas. In Staffel Blau haben sie einen Zeitungsfritzen? Wo auch Ling ist, der würde dem Typen aber einen Maulkorb verpassen."
„Idee vom Propagandabüro. Vermutlich soll er das Bild der Truppe verbessern. Heimatfront stärken und so. Der Typ gehörte früher zur Miliz.“
„Hm... Na ja, wir werden sehen. Bei Gelegenheit sollten wir dem Affen etwas Zucker liefern. Ein paar Interviews... Sieh mal zu, welcher deiner Leute halbwegs fotogen ist – und auch das richtige sagt. Du weißt schon.“
Darkness nickte knapp und leerte sein immer noch halbvolles Glas mit einem Zug. Er verzog nicht einmal das Gesicht.
„Das ist keine Art, guten Stoff zu kippen. Aber was erzähle ich das einem Schotten... Nun, was die Zusammenarbeit im Geschwader betrifft – da läßt sich vielleicht was machen.“ Cunningham drehte den Bildschirm, so daß Darkness ihn sehen konnte. Der Lieutenant Commander beugte sich vor. Nach ein paar Sekunden fing er an zu grinsen: „Alle Achtung. Wie hast du denn das organisieren können?“
„Zu irgend etwas muß es doch gut sein, daß sie uns bald wieder raushetzen. Die Ausbildung der Angry Angels hat Priorität – da könnte ich noch ganz andere Sachen rausholen.“
„Klingt gut. Apropos – was ist mit der Bomberstaffel, das sie uns schicken wollten? Beim Rest des Geschwaders hapert es vielleicht ein wenig mit der Kooperation, aber wenn sie uns die fliegenden Scheunentore mit Nuklearbewaffnung erst schicken, wenn wir auslaufen, dann kann das eine zienliche Sauerei werden.“
„Keine Chance. Wer weiß, wer da mal wieder geschlampt hat. Na Hauptsache, wir bekommen sie überhaupt. Bei Jollahran hätten wir sie gut gebrauchen können...“ Und dem war nichts mehr hinzuzufügen.
Als Kano an diesem Morgen in die Hauptkantine des Stützpunkt kam, hielt er an der Tür überrascht inne, so daß der Pilot der nach ihm hinein wollte ihn ungeduldig vorwärts schob.
Die Kantine war voll – es schien, als wenn alle Staffeln, einschließlich der Starlancer, gleichzeitig Essen faßten. Das war nicht eben häufig der Fall und noch ungewöhnlicher war, daß der Geschwaderchef, die verschiedenen Staffelkommandeure und der Stützpunktkommandant einträchtig an einem Tisch saßen.
Etwas nachdenklich suchte sich Kano einen Platz bei den anderen Piloten der Butcher Bears.
„Morgen Kano. Erstaunlich, daß du unserem verlorenen Haufen die Ehre gibst. Ich dachte eigentlich, daß du ‚ne andere Gesellschaft vorziehst...“ Das war Jaws. Der Veteran grinste spöttisch. Kanos Beziehung zu Kali war im Geschwader kein Geheimnis geblieben – und Jaws wollte ihn wohl etwas aufziehen.
„Ich weiß nicht, an was du Gefallen findest. Aber wenn ich zwischen dir und ihr zu entscheiden habe, weiß ich, wie ich mich entscheide.“
Jaws grinste weiter, dann legte er die Hand aufs Herz und säuselte „Die hast mich zutiefst getroffen, Süßer.“
Damit hatte er den Lacher auf seiner Seite. Das ermunterte Jaws, weiterzumachen: „war es eigentlich deine Prinzessin, die dich kürzlich so aus dem Bett geschmissen hat, daß du noch drei Tage so runter warst? Tja, diese Inderinnen...“
Kano verzog den Mund, schluckte aber die Antwort runter, die ihm auf der Zunge lag. Wenn Jaws seine „komische“ Phase hatte, konnte er ziemlich nerven. Außerdem hatte er DAS Thema gründlich satt: „Ich sagte doch schon, ich bin...“
„...EINE TREPPE RUNTERGEFALLEN!!“ vervollständigten die Butcher Bears im Chor. Keiner glaubte Kano diese Erklärung für die diversen Quetschungen, Prellungen und blauen Flecke, die er sich vor ein paar Tagen zugezogen hatte. Es war einigen Piloten aufgefallen, daß offenbar auch Noname einige Prügel bezogen hatte. Die, die Kano und seine ziemlich rigide Pflichtauffassung kannten waren zu einer logischen, allerdings falschen Schlußfolgerung gekommen.
Die allgemeine Erwartung wurde erfüllt, als die allgemeine Weisung erging: „Neun Uhr Einsatzbesprechung“.
Auf dem Weg zum Einsatzraum fiel nicht nur Kano auf, daß bei den Flughangars Hochbetrieb herrschte.
Die fast 200 Männer und Frauen füllten den Besprechungsraum. Es herrschte eine ziemlich lockere Atmosphäre, ganz anders als an Bord eines Raumträgers, im „echten“ Einsatz. Aber gespannt waren die meisten schon.
„ACHTUNG!“ Die Piloten fuhren hoch, als Darkness, Lone Wolf und der Stützpunktkommandant den Raum betraten. Cunningham baute sich vor den Piloten auf. Jeder Zoll seiner hoch aufgerichteten Gestalt schien Dynamik und Energie auszustrahlen. Er wirkte wirklich, wie aus einem TSN-Propagandafilm.
„SETZEN! Ladies und Gentlemen! Sie fragen sich sicherlich, warum diesmal alle Staffeln der Angry Angels – und die Starlancers versammelt wurden. Ich kann Sie beruhigen. Es gibt weder eine Invasionswarnung, noch einen Militärputsch. Ich frage nicht, ob Sie das enttäuscht.“
Das brachte Cunningham einige Lacher ein. Nicht, weil er so witzig war, aber seine Energie mobilisierte – und für die Veteranen der Angry Angels war Lone Wolf der „Alte“, dem sie schon durch die Hölle von Jollahran gefolgt waren.
„Die Staffeln der Angry Angels und die Starlancer werden heute ein Manöver in Geschwaderverband fliegen. Das bedeutet einen Langstreckenflug, Zielflugangriffe und Luftkämpfe. Immerhin, es muß doch zu etwas gut gewesen sein, ein volles Hundert Veteranen und die Besten der Akademie über Wochen und rund um die Uhr in der Luft und am Boden zu drillen. In Miramar wurde die Elite der Luftwaffe ausgebildet. Die Besten der Besten, die Asse der Flotte! Wollt Ihr dazugehören!?“
Cunningham grinste breit, als einige Piloten „Ja“ riefen. Das funktionierte doch immer. Er breitete die Arme aus: „WAS?“
„JAA!“
„Na dann Abmarsch!“
Als die Piloten herausströmten tippte Darkness seinem Geschwaderchef auf die Schulter: „Nette Rede. Aber die würdest du doch wohl kaum im Einsatz halten.“
Cunningham zuckte mit den Schultern: „Wozu fragst du überhaupt. Aber hier kann es jedenfalls nicht schaden. Und wenn wir heute gut abschneiden, dann gibt es den Jungs und Mädels vielleicht etwas Zusammenhaltgefühl.“
Auf dem Rollfeld herrschte das organisierte Chaos eines Starts in Geschwadermaßstab. Jäger und Jagdbomber wurden auf die Startbahnen gezogen. Die Maschinen wurden aufgetankt und mit Zusatztanks ausgerüstet. Natürlich unterblieb die Bestückung mit Raketen – und die Kanonen wurden nicht „scharf“ gemacht. Heute würde nur simuliert geschossen werden. Zwischen den Maschinen und den Wartungscrews eilten die Piloten zu ihren Jägern.
Im Cockpit festgeschnallt wartete Kano auf die Startfreigabe. Selbst auf einem so großen Flugplatz wie Miramar konnten die ca. 180 Maschinen nicht ohne Probleme starten. Die Rollbahnen überschnitten sich teilweise, das forderte Konzentration und Routine von Bodenpersonal und Piloten.
„Butcher Bears – START!“ Die zwölf Maschinen rollten an. Über ihnen zogen bereits die Griphen und Phantome der Angry Angels Warteschleifen.
Binnen erstaunlich kurzer Zeit waren die 96 Maschinen der Angry Angels und der Starlancer in der Luft, formierten sich auf Befehl Commander Cunninghams und folgten seinem Jäger. Der Commander grinste kurz. Es war doch wieder ein besonderes Gefühl, ein ganzes Geschwader zu befehligen. Er hatte das in den vergangenen Monaten vermißt. Und bald, sehr bald, würde er wieder ein volles Angriffsgeschwader im Kampf befehligen. Sein Grinsen wurde zu einem Zähnefletschen. Es gab sehr viel, was sie den Akarii heimzuzahlen hatten.
Ironheart
24.03.2004, 14:40
Ursprünglich von Tyr Svenson
Der Flug ging gen Norden, dem Verlauf der amerikanischen Küste folgend. Mit einem Donnern wie eine Gewitterfront jagten die Maschinen über Wälder, Steppen und Städte hinweg. Die Menschen am Boden mochten ob diesem Lärm aufblicken, vielleicht sogar winken, aber die Piloten bemerkten das natürlich nicht.
Die meisten Piloten hüteten sich davor, es sich allzu bequem zu machen. Darkness Vorliebe für Überraschungen waren im ganzen Geschwader bekannt. Aber die erste, zweite und dritte Stunde vergingen, ohne daß eine von Darkness berüchtigten „Alarmaktionen“ befohlen wurde.
Kano wunderte sich im Stillen, warum nicht bereits die Aufteilung in „Rote“ und „Blaue“ erfolgt war – aber vielleicht planten Lone Wolf und Darkness eine wechselnde Zusammensetzung der Manöverparteien. Aber immerhin wußte er jetzt, wo es hinging: zu einem Übungsgelände in den „Rocky’s“. Das erinnerte ihn unangenehm an diese Erdkampfübung vor einer Woche, bei der sein Flügelmann um ein Haar abgestürzt war.
Im gleichen Augenblick schnitt die Meldung eines Starlancer-Piloten durch seine unangenehmen Erinnerungen:
„KONTAKT! Einkommende Signale aus Zehn Uhr, hoch! Geschätzt zwanzig Maschinen!“ Praktisch sofort fiel Liljas harte Stimme ein: „Anfliegende Maschinen Drei Uhr `hoch! Knapp vierzig!“
Binnen Sekunden sahen sich die Piloten der Angry Angels und Starlancer etwa 100 Jägern gegenüber, die mit einem deutlichen Höhenvorteil heran jagten. In die teilweise ausbrechende Verwirrung dröhnte Cunninghams Stimme: „Das Übungsgelände ist das Ziel der Übung für Staffel Silber und Gold! Sie müssen durchkommen! Griphen und Typhoon – Nahsicherung. Starlancer, Butcher Bears und Staffel Rot – ANGREIFEN UND ZERSPLITTERN!“ Dabei mußte er innerlich grinsen. Die Überraschung war gelungen. Es hatte ihm aber auch einige Zeit gekostet, sich mit den Befehlshabern der Reserve- und Verteidigungsverbände abzustimmen um diese Großübung einzuleiten. Suchend sah er sich um. Es sollten eigentlich noch mehr „Akarii“ sein...
Die Butcher Bears reagierten prompt auf den Befehl. Mit Vollschub flogen sie eine Kurve und folgten Darkness.
Die Maschinen stiegen steil in den Himmel, um eine der „feindlichen“ Gruppen anzunehmen. Aber noch während Kano eine der gegnerischen Maschinen – eine Typhoon der B-Klasse, die sein Zielcomputer als Bloodhawk bezeichnete – anvisierte, bemerkte er ein Signal auf dem Bordradar. ‚Diese gerissenen Hunde!‘
„SIR, anfliegende Maschinen auf Ein Uhr tief!“ Tatsächlich pirschte sich dort eine Staffel an die Mirage der Staffeln Silber und Gold an. Die „Feinde“ klebten förmlich am Boden und waren deshalb nur schwer zu entdecken.
Darkness Reaktion erfolgte so prompt, daß Kano sich sicher war, daß der Staffelführer die „Feinde“ schon lange vor ihm entdeckt hatte: „SEKTION ZWO – ANGREIFEN!“
Dutch, der Chef von Sektion Zwei quittierte mit einem knappen „Verstanden!“ und ließ seine Maschine nach Unten sacken, gefolgt von Terry, Ohka und Crusader.
Die Nighthawk eröffneten den Kampf mit einer Doppelsalve Langstreckenraketen. Dicht am Boden fliegend war die Manövrierfähigkeit der „Gegner“ eingeschränkt und binnen Sekunden fielen drei Maschinen. Der „feindliche Kommandant“ bewies, daß er von der berüchtigten Standfestigkeit der Akarii gehört hatte. Vier Maschinen stiegen auf um die Nighthawk in einen Nahkampf verwickeln zu können, während die restlichen Maschinen unbeirrt auf die Mirage zuhielten.
„Ohka, Crusader – Kümmert euch um die Jäger! Wir bleiben am Rest dran!“
„Verstanden!“
Ohkas Flight und der „gegnerische“ Schwarm feuerten eine Raketensalve aufeinander ab – das Ergebnis war ziemlich enttäuschend, denn dank simulierter Täuschkörper und Ausweichmanöver „traf“ nur eine Rakete – Kanos Maschine verzeichnete einen Schildausfall von 60%.
Über den nun in den Nahkampf gehenden Jägern schossen sich die Angry Angels und Starlancer den Weg frei. Teilweise waren die „Angreifer“ schon im Vorfeld in Gefechte verwickelt worden. Die Griphen, Typhoon und Mirage wehrten die Angriffe derer ab, die zu ihnen durchkamen.
Als die verbliebenen zwanzig Mirage ihre Übungsbomben ausklinkten, hatten die Angry Angesl gesiegt.
„AN ALLE! Gute Arbeit!“ Aus Cunninghams Stimme war eindeutig die Genugtuung zu bemerken.
„Verteidigergeschwader! Danke für’s Mitspielen! Sind Sie an einer Revanche interessiert?“
Eine Frauenstimme antwortete: „Darauf können Sie Gift nehmen!“
„Achtung an Miramar-Flieger! Sammeln in Staffeln – Box-Formation! Auf ein neues!“
Die „Luftkämpfe“ dauerten noch fast zwei Stunden. Insgesamt schnitten die Angry Angels gut ab, auch wenn die meisten Piloten einmal an- oder abgeschossen wurden. Die „Gegner“ erwischte es aber in der Regel noch schwerer. Als die Piloten Cunnignhams Maschine Richtung Miramar folgten, waren die meisten zwar ziemlich geschafft, aber über den Sieg im Manöver erfreut und nicht wenig stolz.
Cunningham hatte einen privaten Kanal zu Darkness geöffnet: „Und, was meinst du jetzt?“
„Sie sind nicht schlecht geflogen. Auch die Zusammenarbeit hat ganz gut geklappt. Die Veteranen haben die Frischlinge ganz gut im Griff und sind selber natürlich schon eingeflogen. Aber du weißt...“
„Ja, letztendlich wird sich Draußen zeigen, wie sie zusammen funktionieren.“
Ironheart
24.03.2004, 14:40
Ursprünglich von Cattaneo
Ein schweres Erbe
Man hatte die „Gallileo“ samt ihres Geleitschutzes in die Zweite Flotte eingegliedert. Sie hatte ihr natürlich schon vorher, während Operation „Husar“, unterstanden. Aber jetzt erst gehörte sie richtig dazu. Mehr oder weniger...
Der letzte Einsatz des Schiffes hatte dafür gesorgt, daß sein Name einen schlechten Beigeschmack hatte. Offiziell war gar nichts passiert, und die Operation ein voller Erfolg gewesen - hinter vorgehaltener Hand aber kursierten Gerüchte, die den alten Kommandeur und seine Untergebenen als eine Band von Feiglingen diffamierten. Und das war den Männern und Frauen an Bord durchaus klar.
Selbstverständlich wußte auch Captain Mayor Bescheid. Man konnte nicht Kommandeur einen Schiffes sein, wenn man nicht zumindest ein halbwegs gutes Ohr für die Stimmungen der Mannschaft hatte. Und da die Besatzung im großen und ganzen die alte war, trafen die Gerüchte sie natürlich hart. Für die Einsatzmoral der Neulinge - drei der Kampffliegerstaffeln mußten neu aufgestellt werden - waren diese Umstände auch nicht gerade förderlich, vor allem, da die Stammbesatzung ihnen gegenüber zwischen Schuldbewußtsein und trotziger Verteidigung der „Ehre“ des Schifes schwankte. Was schon zu einigen Zwischenfällen geführt hatte, als ein paar der neuen Piloten den Altgedienten den nötigen Respekt verweigerten - und teilweise auf ihre Fehler „hingewiesen“ wurden. Mannschaft wie Offizieren mußte klargemacht werden, daß es weder Respektlosigkeiten noch Prügeleien hinter dem Rücken des Kapitäns geben durfte.
Nur zu deutlich hatte er die prüfenden Blicke der anderen Kapitäne gespürt. Die unausgesprochene Frage war nicht zu übersehen: „Wird der Neue es besser machen?“
Und da die „Gallileo“ schon vorher nicht gerade als Speerspitze der Navy galt, hing dem ganzen Schiff der Ruf an, ein „feiges“ Schiff zu sein - auch wenn das keiner offen aussprach. Mayor hatte deshalb auch in anderer Hinsicht ein paar Mal streng auf Disziplin achten müssen. Er war, wie viele Kommandeure, ein Mann der alten Schule. Dienst war Dienst und Schnaps war Schnaps - aber ein Soldat mußte maßhalten können. Und Schlägereien mit den Besatzungen anderer Schiffe konnte er nun wirklich nicht gebrauchen.
Vom rein technischen her war das Schiff voll einsatzbereit. Vier kampfstarke Staffeln mit je zwei Ersatzmaschinen gaben der „Gallileo“ eine beachtliche Schlagkraft. Vor allem, da sie neben den üblichen Maschinen - Typhoon, Griphen und Mirage - auch über eine Nighthawk-Staffel verfügte. Allerdings, wenn man es recht betrachtete - wie tröstlich war es, wenn das eigene Schiff ausnahmsweise ein paar Jäger hatte, die den Akarii ebenbürtig waren?
Die meisten Piloten kamen aus verschiedenen Milizeinheiten, andere waren Neuzugänge von der Akademie oder Piloten, die frisch aus dem Krankenhaus und der Rehabilitation kamen. Mit der Zusammenarbeit haperte es noch etwas. Es wurde besser, aber optimal war es noch lange nicht.
Die ganze Sache roch sowieso nach Provisorium. Früher hatten zu jedem Leichten Träger nicht weniger als 10 Schiffe Begleitung gehört, darunter zwei Achilles-Kreuzer. Und jetzt? Man hatte zwei seiner sechs Begleitschiffe anderen Einheiten zugeteilt. Als Ersatz hatte man ihm zwei Shogun-Korvetten als engere Leibgarde zugeteilt. Die „Tigershark“ und „Manta“ waren zwar einsatzbereit - aber Schiffe dieser Klasse waren alles andere als Modelle der Frontlinie. Der Rest des Begleitgeschwaders bestand aus drei Fregatten der Perry-Klasse, der „Teruel“, „Tarent“ und „Ban Cao“, dazu einem älteren Duquesne-Zerstörer, der „Lothar Arnauld de la Perière“, zumeist liebevoll „Lothar“ oder „LAP“ genannt. Der Name war noch das bemerkenswerteste am Schiff. Es war schon zum Verzweifeln, wenn man bedachte, daß die Gegner nicht ein paar versprengte Piraten waren.
Und dann der Zwischenfall bei der Ankunft. Noch jetzt spürte Captain Mayor einen üblen Beigeschmack, als er daran dachte. Um ein Haar hätte die Frontkarriere der „Gallileo“ geendet, bevor sie eine Chance erhalten hatte, ihren Namen reinzuwaschen. Einige Besatzungsmitglieder mochten sich fragen, ob nicht vielleicht eine höhere Macht ihnen hier eine letzte Warnung hatte zukommen lassen. Oder ob der Zwischenfall wirklich nur ein Versehen war...
Einige Gedanken konnte man durch ständige Übungen zurückdrängen, einige Befürchtungen zerstreuen. Eine nagende Unsicherheit und Frustration, die teilweise in Wut umschlagen konnte, blieb jedoch.
Captain Schupp hingegen war geradezu guter Laune. So eben war die Untersuchung des Zwischenfalls am Sprungpunkt abgeschlossen worden - ohne das der Schatten eines Verdachtes an ihm klebengeblieben wäre. Die Karriere des Waffenoffiziers des Zerstörers „Gunichi Mikawa“ freilich hatte ein abruptes Ende gefunden. Im günstigen Fall würde der Mann in der Verwaltung enden. An seinem Captain würde ebenfalls ein Makel haften, vielleicht würde auch er eine „ehrenvolle“ Versetzung erhalten - aber all das berührte Schupp wenig. Nicht, daß er sonderlich schadenfroh gewesen wäre, aber wie man so schön sagte: „Den letzten beißen die Hunde.“ Und er war froh, daß er nicht derjenige war. Außerdem hätten diese Idioten die Navy beinahe einen Leichten Träger gekostet, dazu einen gewaltigen Skandal heraufbeschworen - und seine weitere Laufbahn ruiniert.
Er ließ sich seine Emotionen allerdings nicht anmerken, denn das wäre denn doch etwas zuviel gewesen. Das erleichterte Aufatmen mußte warten, bis er in seiner Kabine war. Aber das machte ihm nicht viel aus.
So schritt er also mit angemessen ernster Miene neben den anderen Kapitänen einher. Man hatte die wichtigsten Beteiligten verhört, ehe man das Urteil gefällt hatte. Der Captain des schuldigen Zerstörers fehlte freilich - in solchen Fällen griffen ebenso alte wie erbarmungslose Traditionen. Die weitaus meisten Kollegen und Kameraden würden ihn künftig meiden, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Nur nicht den Eindruck erwecken, man habe vielleicht Bedenken gegen das Urteil. Nur nicht sich der Gefahr aussetzen, das etwas vom Pech „haften blieb“. Der Sieg hatte stets viele Väter - die Niederlage bestenfalls einen.
Aber zur Ehre des Kommandanten der Kreuzerschwadron 2. 3. mußte man sagen, daß er keineswegs nur mit dem für ihn so erfreulichen Ausgang der Untersuchung beschäftigt war. Man konnte nicht bis zum Kommandeur einer Flottille aufsteigen, wenn man den Dienst nur von rein egoistischer Warte sah. Freilich hieß es, man könnte auch nie Admiral werden, wenn man den Dienst NICHT unter diesen Gesichtspunkten betrachtete.
„Wenn man das so betrachtet, dann könnte man glatt meinen, es geht bald los.“ meinte Mithel, der sich an der Seite seines Vorgesetzten hielt, emotionslos: „Das Zusammenziehen von Schiffen, die eigentlich für ,Husar‘ bestimmt wären, der Nachschub, der in letzter Zeit eingetroffen ist, die erhöhte Geheimhaltung - wenn das nichts bedeutet, will ich den Rest meiner Tage als Schürfer in einem Asteroidengürtel arbeiten.“
Schupp nickte gedankenvoll. Die Beobachtungen seines Captains deckten sich mit den seinen. Vor allem wenn man berücksichtigte, daß man bei der Ausstattung mit Ersatzmaschinen und Personal der 2. Flotte offensichtlich einen Vorrang einräumte. Sein eigener Verband hatte ebenfalls Verstärkung erfahren. Nicht weniger als vier leichte Kreuzer waren zusätzlich seinem Oberbefehl unterstellt worden. Er wußte, auf der „Tiredless“ wurde schon gewitzelt, ob ihr Captain nicht eines Tages aufwachen würde um festzustellen, daß er über Nacht die Rangtreppe hinaufgefallen war. So viele Schiffe einem „einfachen“ Captain zu unterstellen, war nicht eben üblich. Andererseits hatten Krieg und Verantwortung dafür gesorgt, daß etliche Posten vakant geworden waren.
Die Integration der neuen Schiffe sorgte dafür, daß es weder für Mannschaften noch Offiziere so etwas wie Ruhe gab. Die Executioner unter Captain Jang-Ho Lee, die Annihilator, kommandiert von Captain Nicole Bolton, die Fury unter Captain To-Wei Shen und die Pride, über die Captain Arif bin Coman bin Farid Al-Matari das Kommando hatte, waren also eine überraschende Verstärkung, aber willkommen. Er hätte nur nicht damit gerechnet. Dieser glückliche Umstand konnte natürlich auch daran liegen, daß sie als erstes den Ansturm des Gegners würde begegnen müssen, wenn der eines Tages losschlug. Aber auch andere Flotten kämpften, und das durchaus hart. Wenn die Geheimdienste nicht zuverlässige Meldung hatten, daß der Großangriff der Akarii unmittelbar bevorstand, dann deutete das darauf hin, daß man selber angreifen würde. Und zwar bald.
Schupp blickte sich kurz um. Ein rascher Blick sagte ihm, das hier keine ,Schlapphüte‘ in der Nähe waren. Die hatten sich oft etwas hysterisch, wenn Militärs theoretisierten. Als ob die Akarii HIER einen Spion haben könnten. Nun, wenn man sein Leben lang in Ecken schlich und seinem eigenen Schatten mißtraute, dann hatte man früher oder später die eine oder andere Schraube locker...
„Da mögen Sie Recht haben. Aber mir will nicht in den Kopf, was sie mit uns erreichen wollen. Die Akarii haben ein halbes Dutzend und mehr Flottenträger bei Mantikor eingesetzt - und Sie wissen, wie viele wir hatten und was es uns gekostet hat. Ich weiß beim besten Willen nicht, was wir erreichen sollen. Die feindliche Hauptflotte könnte vermutlich Hackfleisch aus uns machen, allerdings würde sie dabei auch mächtig bluten. Aber wenn wir losmarschieren - wer hält dann hier die Stellung?“
Mithel knurrte unwirsch, nur galt sein Ärger nicht seinem Vorgesetzten: „Hoffen wir, daß die anderen Flotten etwas Druck auf die Echsen ausüben. Dann können sie nicht so schnell Kräfte freimachen.“ Auch er blickte sich um - allerdings nicht auf der Suche nach NIC’lern. Manches was er dachte und sagte, war ebensowenig für die Ohren anderer Flottenoffiziere gedacht: „Ich will bloß wissen, welche Rolle sie uns dabei zudenken.“ Schupp nickte. Mithel hatte das eine oder andere über Jollahran durchschimmern lassen, und außerdem waren ja auch gewisse Gerüchte unterwegs. Der Captain der „Relentless“ machte zum Gutteil die Trägerkapitäne - einen besonders - für gewisse Rückschläge verantwortlich. Und Schupp war geneigt, ihm Recht zu geben: „Ich habe mit den Kommandeuren gesprochen, auch mit den Neulingen. Wenn es zur Schlacht kommt, werden unsere Schiffe sich schon bewähren. In der Mitte die schweren Kreuzer - voraus und achtern sowie an den Flanken die leichten. Und wir haben Feuer auf Feindjäger und ,Vampire‘ geübt. Besser können wir uns nicht vorbereiten. Himmel - zur Not lasse ich die Shuttle aufmunitionieren und schicke sie raus, damit sie kämpfen.“ Er grinste schief: „Wir zeigen den Echsen unsere Flanke - und dann drauf mit allem, was die Stückpforten hergeben. Wie in der alten Zeit. Bleiben Sie nur an meiner Seite, wenn wir das Signal zum Angriff setzen.“ Kreuzerkommandanten waren Traditionalisten, und manche waren schlimmer als andere.
Mithel lachte, doch es klang zum Teil auch bitter: „Ich werde Ihnen folgen, und wenn es gegen die ganze verdammte Akarii-Schlachtflotte geht. Falls nicht so ein... sich etwas einfallen läßt und uns einsetzt, damit wir seinem kostbaren Träger den Arsch retten.“ Schupp begegnete dem Blick des anderen Captains und ahnte die unterdrückte Wut seines Kollegen: „Nun, nicht unter meinem Kommando.“ Der Captain der „Relentless“ salutierte: „Ich weiß, Sir!“ Schupp erwiderte der Gruß. Es mochte ein wenig theatralisch wirken, aber es gab kaum eine Organisation, die den Pathos mehr zu einem Ritual gemacht hatte. Vom ersten Augenblick an prägte man die Kadetten nach den „lebenden Traditionen“ der Marine. Und wer sich dem nicht anpaßte, der hatte Glück, wenn er nur geschnitten und geächtet wurde. Natürlich konnten auch Querdenker und unkonventionelle Köpfe aufsteigen - Leistung vorausgesetzt. Aber sie hatten es schwer gegen die ,Alte Garde‘ - über die böse Zungen das selbe sagten wie über die echte Alte Garde: „Dort hat ein Esel den Rang eines Pferdes.“ Was freilich zu 95 Prozent nicht mehr als böswillige Verleumdung war...
Und mit den Jahren nahmen die Kadetten und jungen Offiziere diese Traditionen auf und führten sie weiter, bis ihnen der ganze Pathos und alle Rituale in Fleisch und Blut übergingen. Alles, was sie dachten und fühlten, geschah im Rahmen dieser Traditionen.
Schupp drehte sich zu den anderen Kapitänen um: „Ich weiß, daß gilt auch für Sie - für alle. Ich verspreche Ihnen, daß wir nicht den Schwanz einkneifen werden. Wir werden unsere Pflicht tun, wohin man uns auch befielt. Ich bin sicher, der Tag ist nicht mehr fern, an dem sie uns in den Kampf schicken. Und wir werden uns bewähren.“ Die Antwort war die einzig mögliche: „Jawohl Sir!“ Lang lebe die Tradition.
Ironheart
24.03.2004, 14:41
Ursprünglich von Tyr Svenson
Das neue Schwert
Die Anzeichen für ein baldiges Ende der „Schonzeit“ mehrten sich - das bemerkte jeder, der dafür Interesse aufbrachte. Die auf allen Kanälen übertragene Taufe der Columbia war eines dieser Anzeichen. Dazu waren alle Maschinen noch einmal einer Generalüberprüfung unterzogen worden. Dabei hatten die technischen Dienste regelrecht rotiert, war jeder Jäger auf Herz und Nieren geprüft worden - eine ziemliche Schinderei für die Techs, der einen vollen Tag gedauert hatte. Zwar war die allgemein erwartete Bomber- oder Jagdbomberstaffel der Angry Angels noch immer nicht eingetroffen - aber keiner glaubte, daß die Columbia noch lange in der Etappe bleiben würde. Die Rede von Präsidentin Birmingham hatte eine Offensive angekündigt und die selbst ernannten Experten unter den Piloten prognostizierten ihr ein politisches Waterloo, wenn sie diesen Worten nicht Taten folgen ließ. Man erwartete den baldigen Marschbefehl mit einer Mischung aus Ungeduld, Nervosität, stoischen Fatalismus, Pflichtgefühl und Furcht.
Kano marschierte in Richtung des Verwaltungskomplex. Vor zwei Stunden war ihm mitgeteilt worden, daß für ihn ein Paket eingetroffen sei. Das war praktisch unmittelbar vor einer von Darkness geliebten „Alarmübungen“ gewesen, einem Simulatoreinsatz. Es hatte Kano überrascht und etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, daß Darkness dabei die „Zweite Schlacht von Troffen“ verwendet hatte - den Überraschungsangriff akariischer Raumjäger, Bomber und Jagdbomber auf den Redemption-Verband. Natürlich war das nur Brawler, Kano und Darkness selber bewußt gewesen. Es war ein seltsames Gefühl gewesen - in diesem Gefecht war sein Jäger ziemlich zusammengeschossen worden. Man hatte Kano schwer verletzt aus dem Cockpit ziehen müssen...
Er wußte nicht, wer ihm ein Paket schicken sollte. Eigentlich kam nur seine Familie in Frage. Seine sonstigen Bekannten oder Freunde schickten nichts - oder waren hier auf Miramar stationiert.
Wenn er dies bedachte, glaubte Kano vermuten zu können, was man ihm da geschickt hatte. Diese Vermutung ließ ihn nervös werden und als er das Gebäude betrat, fühlte Kano, wie sich sein Herzschlag beschleunigte.
Ein Corporal und zwei Soldaten versahen den eher eintönigen, aber bequemen Dienst. Es war natürlich ein offenes Geheimnis, daß jede Poststelle der Streitkräfte, so jedenfalls die Legende, einen Mitarbeiter hatte, der im Dienst des Sicherheitsdienstes stand und Briefe und Sendungen kontrollierte und zensierte. Natürlich galt das gleiche auch für elektronische Botschaften der Soldaten, wenn sie dafür einen Rechner benutzten, der dem Militär gehörte...
„`N Abend Soldat. Na, was führt dich her?“ Der etwas dickliche Corporal war anscheinend eine eher gemütliche Natur.
„Ich bin Second Lieutenant Kano Nakakura. Hier soll ein Paket für mich angekommen sein.“ Kano betonte seinen Rang leicht. Einer der Soldaten stieß seinen Kameraden mit dem Ellbogen an. Der Corporal grinste nur und tat so, als verstände er gar nichts: „Nakakura? Tja, da haben wir tatsächlich was.“ Er winkte locker einem der Soldaten, der ein etwa 1m langes, aber recht schmales Paket herbeibrachte.
„Hier quittieren.“ Der Korporal schob Kano ein elektronisches Klemmbrett rüber. Der junge Pilot unterschrieb und nahm das Paket entgegen. Er fühlte, daß seine Hände feucht waren. Kano hatte Mühe, seine Miene unbeteiligt zu halten. Das Paket kam tatsächlich aus Tokio - von seinen Eltern.
„Na, du hast wohl Geburtstag? Weißt du, was drin ist?“ Der Corporal machte aus seiner Neugier kein Geheimnis, was Kano nun wirklich auf die Nerven ging. Mit einem lakonischen „Ja.“ drehte er sich um und ging. Der Corporal zuckte mit den Schultern: „Diese Schlitzaugen geben sich doch immer, als hätten sie einen Stock verschluckt. Was meint ihr, was da drin war?“ Das war eines der Spiele, um sich die Zeit zu vertreiben. Einer der Soldaten grinste: „Vielleicht `ne aufblasbare Seemannspuppe?“ Danach wurde das Gespräch schweinisch.
Kano war froh darüber, das Crusader zur Zeit nicht in ihrem gemeinsamen Quartier war. Vermutlich war sein Wingman wieder mal in einem Simulatorkampf mit La Reine. Aber Kano wollte jetzt nicht gestört werden. Langsam, sorgfältig wickelte er das Paket aus. Zum Vorschein kam ein hölzerner Kasten und ein Briefumschlag. Kano kämpfte vergeblich gegen ein nervöses Lächeln. Er fühlte sich wie in seiner Kindheit zu Weihnachten. Auch wenn seine Familie sehr traditionalistisch und eher von der buddhistischen und shintoistischen Tradition geprägt war, hatte sich dieses Fest in Japan allgemein durchgesetzt - wohl auch, weil sein christlicher Hintergrund vielfach fast völlig in Vergessenheit geraten war.
Zuerst öffnete Kano den Umschlag. In ihm lagen mehrere Seiten Papier. Der Reihe nach las er die Briefe. Der erste war von seinem Vater.
'Wir haben mit Freude und Stolz deine Nachricht erhalten. Der Dienst in einer Nighthawkstaffel ist eine Ehre. Du wirst den besten Jäger unserer Marine fliegen. Und ich bin sicher, du wirst die in dich gesetzten Erwartungen deiner Offiziere erfüllen und übertreffen. Wir sind der festen Überzeugung, daß das neueste Schiff unser Flotte für dein Geschwader bestimmt ist und das du so Teil der Streitmacht wirst, die den Krieg endlich in das Territorium des verfluchten Feindes bringst.
Du wirst mit einem neuen Jäger, auf einem neuen Träger in den Krieg ziehen. Ich glaube, daß dies ein gutes Zeichen ist. Möge dein neues Schicksal ebenso ehrenvoll sein, wie dein Kriegsdienst in den letzten Monaten - aber noch erfolgreicher. Und ich hoffe, daß unser Geschenk deinem neuen Schicksal entspricht...'
Der zweite Brief war von seiner Mutter. Auch wenn sie ebenso stark in den japanischen Traditionen erzogen und verankert war, spürte Kano zwischen den Zeilen Sorge um ihn, die sie nicht so gut verbergen konnte wie Kanos Vater. Einige andere Zeilen ließen Kano kurz lächeln:
'Wie geht es deiner Freundin? Dein Vater und ich würden uns freuen, Sie auch einmal persönlich kennenzulernen.'
Sie schloß mit den Worten wir beten für deinen Erfolg und Wohlergehen.
Der letzte Brief war von Kanos jüngerer Schwester Sakura. Sie schrieb, daß in der Schule ziemlich heftige Streitigkeiten mit einigen Anhängern der Friedensbewegung gebe, 'natürlich fast ausschließlich gajin'. Sakura berichtete außerdem, daß sie mit zwei Brüdern beim Militär, einer davon ein Jagdfliegeraß, der Liebling der meisten Lehrer war. Dabei erwähnte sie allerdings nicht ihren Bruder Ioura, der über Mantikor gefallen war. Kano vermutete, das Iouras Tod wohl auch ein Grund für die Einstellung der Lehrer war. Der Jagdfliegerberuf war bei Jungen und Mädchen in der Schule offenbar der beliebteste Karrierewunsch in den Streitkräften. Viele schienen Sakura für die Geschichten zu beneiden, die sie erzählen konnte. Sie schloß damit, Kano viel Glück zu wünschen.
Erst nachdem er die Briefe sorgfältig gelesen und behutsam wieder zusammengefaltet hatte, widmete sich Kano dem Holzkasten. Obwohl er nun sicher war zu wissen, was darin lag, klopfte ihm immer noch das Herz. Vorsichtig löste er die Verschlüsse und öffnete den Kasten.
Darin lag ein japanisches Schwert, etwa einen Meter lang - ein Katana, das Hauptschwert der Samurai. Selbst in der sorgfältig, aber schlicht verzierten Scheide verborgen raubte Kano der Anblick ein paar Augenblicke den Atem, auch wenn er sich sicher gewesen war, daß eine solche Waffe in dem Holzkasten lag. Vorsichtig nahm er das Schwert an sich, zog langsam blank. Die schmale, einschneidige Klinge war leicht gebogen. Auf der Schneide stand auf der einen Seite der Name des Schmiedes, auf der anderen Seite Kanos Name.
Es war natürlich eine neue Klinge. Die „echten“ Samuraischwerter, die bis ins 19. Jahrhundert gefertigt worden waren, waren heutzutage unbezahlbar. Viele waren in Privatbesitz, andere hatte die Regierung gekauft. Selten einmal wurde besonders verdienten Politikern oder Militärs vom Tenno, dem japanischen Kaiser, der wie die anderen Könige der Erde heute hauptsächlich repräsentative Aufgaben hatte, eines dieser Schwerter in einer aufwendigen Zeremonie auf Lebenszeiten verliehen. Nach dem Tod des Trägers ging das Schwert wieder an den Kaiser. Dem Namen der Träger aber wurde weiterhin gedacht.
Diese Schwert aber war neu, doch es war zweifelsohne auf die traditionelle Art und Weise hergestellt worden - ohne den Einsatz irgendwelcher Maschinen - mit den Mitteln und Techniken, die seit mehr als einem Jahrtausend überliefert wurden. Es gab immer noch eine Anzahl Schmiede, die solche Waffen fertigten, aber da die Herstellung langwierig und schwierig und die Anforderungen an den Schmied hoch waren, gab es nicht allzu viele und sie waren auch nicht gerade billig.
Kano fühlte, wie seine Kehle eng wurde. Nachdem er sein erstes Schwert beim Untergang der Redemption verloren hatte, hatte er bis jetzt gefürchtet, sich für ein solches Geschenk als unwürdig erwiesen zu haben. Er begriff durchaus die Bedeutung dieses Schwertes. Diese Geschenk versicherte ihm das Vertrauen seiner Eltern, daß er eine eigene, ruhmvolle Tradition schaffen würde, die in der Familie weitergegeben würde.
Hinter Kano flog die Tür auf. Instinktiv fuhr er herum.
Es war Crusader: „Diesmal habe ich dieses Miststück aber...“ Er stoppte mitten im Satz und starrte Kano ziemlich überrascht an. Dann grinste er und pfiff leise durch die Zähne: „Alle Achtung. Gehört das jetzt zur Standardbewaffnung?“
„Es ist ein Geschenk.“
„Darf ich einmal?“
Kano überlegte kurz, dann reichte er das Schwert seinem Flügelmann: „Sei vorsichtig. Es ist sehr scharf.“
Crusader hob die Klinge und betrachtete fasziniert das Spiel der letzten Sonnenstrahlen auf dem Metall: „Es ist wunderschön.“
„Das ist es - und mehr. Es ist auch eine Verpflichtung.“
Crusader gab das Schwert vorsichtig zurück: „Davon verstehe ich nicht viel. Aber ist das nicht auch etwas antiquiert?“
Kano hatte das Schwert bereits wieder in die Scheide geschoben. Jetzt blickte er auf, einen seltsamen, fast amüsierten Ausdruck im Gesicht: „Meinst du? Na das wollen wir doch mal sehen...“ Er drehte sich halb um - wirbelte dann aber plötzlich wieder herum.
Crusader starrte vollkommen perplex auf die Klinge, die einen viertel Meter vor seinem Gesicht aufgetaucht war und die Kano fast ebenso schnell wieder in der Scheide barg. Crusader stieß halb lachend die Luft aus: „Schon gut, schon gut - ich bin überzeugt. Wo hast du das gelernt?“
„Das haben sie uns stundenlang üben lassen. Es kann entscheidend sein, daß du als erster blank ziehst. Und als erster angreifst. Auch als Jagdflieger gewinnst du damit in der Regel den Kampf. Und beim Schwertfechten lernt man Sicherheit mit der Hand, ein Auge für den Gegner zu haben - und schnelle Reflexe. Alles Dinge, die auch ein Pilot braucht. Und hast du schon einmal einen japanischen Schwertkampf gesehen?“
„Nur im Fernsehen. Na ja - und ich habe mal ein Jahr Kendofechten gemacht. Wieso?“
„Gut. Ich habe bisher hier noch keinen mit meinem Hobby. Wir können ja bei Gelegenheit dein Training fortsetzen. Und was das ‚Wieso‘ betrifft... Ein japanischer Schwertkämpfer, ein Samurai war nie so schwer gepanzert, wie einer eurer Ritter. Er trug auch keinen Schild. In unserem Kampfstil ist es vor allem wichtig, schnell mit der Klinge zu sein - und geschickt. Das ist der Schutz des Kriegers. Wie bei einem Jagdflieger. Und diese Schwerter - sie waren auch dann noch Symbol eines wahren Samurai, als Japan bereits in die Moderne eingetreten ist. Mit dem Schwert in der Hand führten Offiziere ihre Soldaten in Sturmangriffe - auch gegen einen überlegenen Feind und in den Tod. Mit dem Schwert in der Hand versuchten unsere Matrosen feindliche Schiffe zu entern, wenn ihre Kanonen versagten.“
Crusader wußte, worauf Kano jetzt anspielte: „Aber ihr habt diesen Krieg verloren.“
„Ja. Aber es war dieser Geist, der die Kamikaze beseelte. Und dieser Geist konnte nicht besiegt werden - nur mit der größten Vernichtungskraft, die der Mensch in seiner Geschichte geschaffen hat. Und ich glaube, etwas von diesem Kampfgeist müssen wir auch in diesem Krieg beweisen. Siehst du das Stichblatt?“
„Ja. Was sind das - Kirschblüten?“
„Richtig. Ein nationales Symbol Japans. Sie hat nur ein kurzes Leben und ist deshalb ein passendes Symbol für den Samurai, der bereit sein muß, jederzeit sein Leben einzusetzen.“
„Du bist wirklich verrückt!“
Kano schüttelte leicht den Kopf, grinste dann dünn: „Vielleicht ein wenig. Aber wie steht es mit dem Kendofechten?“
„Aber wenn ich dann genauso anfange zu reden wie du - versprich mir, mich bewußtlos zu schlagen und in den Arrest zu stecken!“
Kano erhob sich und legte das Schwert mit großer Sorgfalt in seinen Spindschrank. Als er sich umdrehte lächelte er ironisch: „Ich glaube sowieso nicht, das du das Zeug zum Samurai hast, gajin.“
Crusader verstand diese Stichelei nicht als Beleidigung.
Ironheart
24.03.2004, 14:42
Platzhalter Hammer Nr. 3
Ironheart
24.03.2004, 14:42
Ursprünglich von Ironheart
Der Besprechungsraum war voll bis zum Rand. Das gesamte Geschwader der Angry Angels war hier versammelt und wartete mit Spannung auf ihren kommandierenden Offizier.
Donovan war aber nicht voll bei der Sache. Er musste an Skunk denken, dem sie die Schwingen für 10 Tage abgenommen und dann in den Tower gesperrt hatten.. Sein Fight gegen die Nighthawk der Starlancers neulich hatte zwar wieder einmal gezeigt, das er ein außerordentlich guter Pilot war, aber auch gleichzeitig wieder einmal bewiesen, warum er immer noch nur 1st Lieutenant war.
Einige Piloten bewunderten ihn für seine fliegerischen Fähigkeiten, andere hassten ihn wegen seiner Arroganz, Überheblichkeit und seiner aggressiven Art. Und Donovan gehörte eindeutig zu der zweiten Gruppe.
Daher war er mehr als froh gewesen, dass er Skunk zumindest während der Flugübungen nicht ertragen musste. Skunk ließ es sich zwar nicht nehmen, nach seinem Strafdienst noch bei der Staffel vorbei zu schauen und Cartmell regelmäßig vor versammelter Mannschaft runter zu machen. Doch war es für Donovan deutlich ruhiger geworden, da sich Hal, sein derzeitiger Flightleader weniger abweisend verhielt.
Andererseits war es aber auch nicht gut noch weitere 10 Tage mit seinem Wingcommander zu verlieren. Sie waren jetzt schon so weit davon entfernt ein Team zu sein, dass Donovan sich schon fragte, ob es Skunk überhaupt auffallen würde, wenn sie mal nicht nebeneinander fliegen würden.
Donovan hatte es schon einmal mit einem Wingcommander zu tun gehabt, der sich nicht sonderlich darum geschert hatte, was mit seinem Wingman wurde. Und das Resultat davon hatte ihn in die Gefangenschaft geführt.
„ACHtung.“
In diesem Moment trat der Commander Air Group der Angry Angels, Commander Lucas „Lone Wolf“ Cunningham in den überfüllten Raum ein, um endlich seiner Staffel die langersehnte Aufwartung zu machen. Alle Piloten im Raum standen ruckartig auf und gingen in Habachtstellung.
Alle bis auf einen.
Ensign Donovan „Noname“ Cartmell saß mit finsterer Miene und mit auf der Brust verschränkten Armen auf seinem Platz und rührte sich nicht von der Stelle.
Auf diese Weise war ihm zwar die Sicht auf seinen Staffelkommandanten genommen, aber Donovan wusste eh wie dieser aussah. Es war ihm in diesem Augenblick viel wichtiger ein Zeichen zu setzen, wobei er sich unwillkürlich fragte, ob es überhaupt auffallen würde.
Doch als der CAG sein Geschwader zum Setzen aufforderte, drehten sich etliche der um ihn herum sitzenden Piloten zu ihm um, während sie sich wieder auf ihren Plätze niederließen. Also war es wohl doch aufgefallen. Und so wie er sie interne Gerüchteküche kannte, würde es sich innerhalb der nächsten Stunde bereits zu jedem herumgesprochen haben.
Zusätzlich konnte er in den Augen der meisten Piloten erkennen, dass Sie am liebsten einen Bannkreis um Ihn herum errichtet hätten, doch es war zu eng dafür.
Der CAG schnatterte inzwischen ansatzlos weiter, doch Cartmell hörte nicht wirklich hin.
Stattdessen konnte Donovan das erste Mal einen Blick auf seinen früheren Wingcommander und jetzigen Geschwaderkommandanten werfen, wenn auch nur aus einiger Entfernung.
Die Gesichtszüge schienen etwas verhärmter zu sein als in seiner Erinnerung, war aber kein Wunder, denn schließlich war es fast 10 Jahre her, dass Sie sich zuletzt gesehen hatten.
Aber das arrogante, überhebliche Grinsen war immer noch dasselbe. Er schien förmlich vor Energie und Vorfreude zu sprühen. Ganz anders als er selbst.
Und er hatte Karriere gemacht, ohne Frage. Ebenfalls ganz anders als er selbst.
Wut stieg wieder in Ihm auf. Wie so oft seitdem er gehört hatte, dass er wieder unter Cunningham´s Befehl stehen würde. Dem Mann, dem er Mitschuld an seiner heutigen Situation gab.
Donovan versuchte instinktiv Lone Wolf mit eisigen Blicken aufzuspießen, doch es half nichts, es war einfach zu voll. Bei mehr als 100 Anwesenden Piloten hatte es Cunningham mit zu vielen Gesichtern zu tun, um ein einzelnes daraus herauszupicken.
Er war gespannt, wann sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen würden.
Als die Piloten um ihn herum ein lautes „JAA“ herausriefen auf Cunningham´s Frage, ob sie zu den Besten der Besten gehören wollten, drehte sich Donovan der Magen um. Wie leicht waren Sie alle doch zu beeinflussen.
Wie eine Herde Schafe auf dem Weg zur Schlachtbank.
Sahen Sie denn nicht, dass Ihr Hirtenhund wie es schon sein Callsign aussagte nicht doch ihr aller Wolf war – und nicht die Akarii.
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„Skunk, hol ihn endlich runter verdammt. Da hat sich gleich eine Hawk in unsere Sechs gesetzt.“
Hart riss Donaovan seinen Steuerknüppel herum und folgte seinem Wingleader in eine enge Kehre, während dieser sich in den Rücken einer der simulierten Akarii einnistete.
„Schnauze, gleich habe ich den Penner vor mir, dann hole ich mir den hinter uns.“
Seit fast zwei Stunden fegten Sie nun schon hier über den Nordamerikanischen Kontinent und hatten bereits mehrere Tainingseinsätze hinter sich gebracht.
Im ersten Einsatz hatten Sie eine Gruppe reinkommender Jäger davon abgehalten, ihren Jagdbombern zu nahe zu kommen. Während Donovan dabei erfolgreich Skunks Arsch deckte, hatte sich dieser drei Abschüsse geholt.
Im zweiten Übungseinsatz hatte sich Skunk wieder zwei Skalps geholt, während er abgeschossen worden war. Im dritten Einsatz dasselbe Spiel, nur das es kurz darauf auch Skunk erwischt hatte. Und auch dieses Mal sah es nach derselben Nummer aus.
Skunk holte sich die Abschussmarken, während Donovan hinter ihm die Anstandsdame spielte und nichts weiter tun durfte als diesem Arschloch den Rücken zu decken.
Das mit den Abschüssen war Donovan relativ egal. Da er ohnehin nicht mit dem Flying Cross rechnen konnte, solange er diesen Status hatte, war es auch unerheblich wieviele Abschüsse er schaffen würde.
Das er aber seinen Kopf hinhalten musste für jemandem dem es offensichtlich scheissegal war, was aus ihm werden würde, dass wurmte ihn dagegen gewaltig.
Donovan behielt ihren Heckradar im Auge, Der gegnerische Pilot hatte die letzte Wende genutzt um nun endgültig in ihrem Rücken zu sein. Und prompt ging der Warnhinweis auf eine feindliche Zielerfassung an.
„Skunk!!!“
„Schnauze!“
„Skunk, ich fang hier gleich schon wieder eine Rakete ein!“
„Schnauze, habe ich gesagt…“ Skunk beharkte sein Opfer mit seinen Strahlenkanonen, konnte dessen Schild aber nicht knacken.
Dann meldete Donovans Zielcomputer den Abschuss einer feindlichen Rakete, dicht gefolgt von einer zweiten. Der gegnerische Pilot schien auf Nummer sicher gehen zu wollen.
„Scheisse, Skunk! Ich drehe ab…“ fluchte Donovan durch den Funk. Ein drittes Mal hatte er nicht vor sich für diesen Bastard grillen zu lassen.
„Du bleibst wo du bist…“ brüllte sein Wingleader, doch Donovan hörte nicht auf ihn. Sollte er doch sehen wie er selbst zu Rande kam. Donovan hatte jetzt genug eigene Sorgen. Er ging in eine enge Kehre, gefolgt von einem wilden Ausweichmanöver gekoppelt mit dem Auswurf mehrerer Täuschkörper, die mit Erfolg dafür sorgten, dass beide ihn verfolgenden Raketen die Zielerfassung verloren.
Blitzschnell huschte sein Blick auf seine Radaranzeige. Während er zugesehen hatte, seinen Arsch zu retten, war der zweite Jäger nicht hinter ihm geblieben, sondern hatte sich entschlossen Skunks Maschine zu attackieren, damit dieser wiederum von seinem Kameraden abliess.
Und das schien dieser notgedrungen auch getan zu haben. Die Maschine, die sie gerade noch gejagt hatten, war jetzt im Begriff sich ebenfalls hinter Skunks Maschine zu setzen. Doch Donovan konnte das verhindern. Er setzte den Nachbrenner ein und schloss schnell zu der gegnerischen Maschine auf, die näher an ihm dran war, als Skunk und sein Schatten.
Als die Zielerfassung den Jäger vor ihm zu greifen versuchte, erkannte der Pilot anscheinend, dass nicht Skunk sondern Donovan für ihn im Moment die größere Gefahr darstellte. Er versuchte auszuweichen und Donovans Zielerfassung abzuschütteln und fast wäre es ihm auch gelungen. Doch er hatte sich ein paar Sekunden zu spät dafür entschieden. Donovan jagte ihm zwei Sidewinder in den Rücken und verfolgte genüsslich wie der gegnerische Pilot mit wilden Manövern versuchte den Raketen zu entkommen, wie kurz zuvor er selber.
Eine der simulierten Raketen liess sich tatsächlich beirren. Doch die zweite Rakete reichte zumindest aus, um die bereits von Skunk beschädigten Schilde zum Zusammenbrechen zu bringen. Jetzt war Donovan dicht genug dran um den Gegner mit seinen Strahlenkanonen endgültig zu erledigen.
Aber einfacher gesagt als getan. Der Pilot in dem gegnerischen Jäger entpuppte sich selbst angeschlagen als äußerst zäher Hund. Kein Wunder, dass selbst Skunk solange gebraucht hatte um ihn zu kriegen.
Doch schliesslich konnte sein Opfer nicht länger aushalten und ein simulierter Ausstieg kündete von Donovans Abschuss.
Er atmete einen Augenblick vor Erleichterung aus, nur um sofort darauf wieder in akuten Stress zu verfallen, als erneut eine Zielerfassungswarnung durch sein Cockpit brandete.
Doch sein verwirrter Blick konnte auf der Radaranzeige keinen feindlichen Jäger in seiner Nähe ausmachen. Es dauerte einen Bruchteil einer Sekunde eher er begriff, dass er von der Maschine aufs Korn genommen worden war, die sich direkt hinter ihm befand.
Skunks Maschine.
Donovan war überrascht, dass Skunk anscheinend nicht nur in der Lage gewesen war, seinen Gegner in deutlich kürzerer Zeit rauszunehmen. Sondern auch darüber, dass der Veteran sich dann auch noch unbemerkt in Donovans Rücken gestohlen hatte.
Und bevor er Skunk fragen konnte, was das Ganze sollte, schoss auch schon eine simulierte Sidewinder auf ihn zu und zerplatzte an seinem Heckschild, da Donovan nicht die geringsten Anstalten machte ihr auszuweichen. Zum einen weil er viel zu verdutzt dafür war. Zum anderen, weil er instinktiv verstand, was Skunk mit dieser Aktion bezweckte. Und Donovan dachte nicht daran vor seinem Rottenführer zu kuschen.
„Mach das ja nie wieder.“ Das „, sonst…“ brauchte Skunk gar nicht erst auszusprechen, da seine eisige Stimme keinen Zweifel daran, dass es sich beim nächsten Mal wohl nicht um eine simulierte Rakete handeln würde.
Ironheart
24.03.2004, 14:44
Ursprünglich von Cunningham
Radio betrat den Bereitschaftsraum der Roten Schwadron. "Bleibt ruhig sitzen", rief der den aufstehenden Piloten zu.
Er schnappte sich einen Stuhl und stellte ihn mit der Lehne zu den Piloten und setzte sich verkehrt herum drauf, so dass er die Männer und Frauen die er zu einem Kommando formen sollte anguckte.
"Als erstes muss ich mich bei Euch entschuldigen. Es war meine Pflicht Euch auf den Krieg vorzubereiten, doch egal was die Bewertung aussagt, diese Schwadron ist nicht bereit für den Krieg. Und da wir und vier Tagen auf die Columbia verlegt werden, haben wir nicht mehr viel Zeit. Also fangen wir an.
Mein Name ist Curtis Long, aber nennt mich ruhig beim Callsign und lasst das Sie oder Sir weg. Ich werde es auf der Columbia auch sein, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr was spezielles braucht."
Er grinste Kali und Shaka oder Ace oder auch zum Teufel an. "Japp, ich werde mir wieder den Schwarzmarkt unter den Nagel reißen."
Einige der jüngeren Piloten lachten.
"Und auch wirst Du es sein, der das Unterste nach oben kehrt und die Scheißhausparolen in Umlauf bringst." Kali klang wenig begeistert.
"Wenn Du so was meinst, dass Du mit Okha fummelst, ja, dass soll selbst der jüngste und niedrigste unter den Matrosen wissen." Er zwinkerte der rot anlaufenden Inderin zu. "Zu meinen Hobbys: Wenn ich mich nicht gerade mit dem Alten zoffe", wie aufs Stichwort erschien Cunningham im Raum und lehnte sich an die Rückwand. Neben Radio schien nur Cartmell seine Ankunft zu bemerken, "tja, dann Barkeeper ich ein bisschen, spiele Poker und lese."
"Das blättern im Colonial Playboy kann man nicht wirklich lesen nennen", schoss Mantis und erntete Gelächter.
Der Lieutenant Commander deutete auf Ace und Kali.
Ace ließ Kali den Vortritt und stellte sich dann selbst vor. Beide erzählten von Ihren Feindfahrten auf der alten Redemption und Ace ließt jedoch seinen Callsignwechsel aus.
Woraufhin Radio Pops aufforderte sich vorzustellen.
"Das Callsign hatte ich schon auf der Akademie weg, meine gemütliche Art eben. Ich diene seid 12 Jahren in der Navy und bin immer noch zu haben." Er grinste Mantis an. "Sieben Jahre auf Jägern, erst Griphens, dann Phantome, hab schließlich auf Flugsicherungsoffizier umgesattelt und bis vor kurzen die Flugsicherung auf der Melbourne gemacht, mich aber wieder zum Flugdienst gemeldet, als man nach Freiwilligen suchte.
Meine Hobbys: Natürlich auch Poker und Rugby und Billard."
Er klopfte seinem Nachbarn auf den Arm.
"Tja, ich bin Hal Crispin, war bis vor kurzem in der Qualitätskontrolle von Lookhead-Martin tätig und habe für Euch die fertig gestellten Jäger getestet, Griphens, Phantome und Mirages. Und hier bin ich.
Tja, zu haben wär ich auch wieder, seid drei Jahren geschieden, zwei Kinder Paul und Jane. Hobbies wollt Ihr wissen." Er fuhr sich durch die Haare. "Fliegen, fliegen ist einfach das größte, ich weiß nicht, aber ist einer von Euch mal vom Mond gestartet, von der der Erde abgewandten Seite und ist Euch der blaue Ball dann wie die Sonne aufgegangen, es ist wie Magie. Ja, Magie."
Er schüttelte seinen Kopf und klopfte seiner Nachbarin auf die Schultern.
"Mein Name ist Nicole Shaw, ich bin 43 Jahre alt und somit nicht nur Gesichtsältiste. Ich hasse diesen Krieg und wenn ich mich drücken könnte würde ich es tun. Meine älteste Tochter ist schwanger, sprich ich bin werdende Großmutter, sprich im Gegensatz zu Euch Raketenjockeys weiß ich ganz genau, wofür ich kämpfe. Ich diente in der Boston Space Force und bin, war hauptberuflich Architektin.
Mein Gatte ist Arzt mit eigener Praxis. Warren und ich haben zwei Töchter Beverley, die schwangere und Ireen. Nächster!"
Der junge Pilot stand auf, setzte sich jedoch gleich wieder: "Nun ja ... ähm, mein Name ist Entienne Lambert, ich ging zur Navy, weil ich von zu Hause weg wollte, ich kommen von einer Kolonie Namens Calipso. Meine Eltern haben eine eigene Winzerei, aber auf Calipso begeht selbst der Hund Selbstmord, weil es dort so langweilig ist, ich wollte was erleben.
Mein größtes Hobby sind Computer."
"Ich bin Sean Marley", begann der schwarze mit der Rastafrisur, "mein Callsign ist der Vorname eines Urahn von mir, er war seiner Zeit ein berühmter Sänger. Nun Singen kann ich nicht sehr gut, aber ich verstehe mich aufs Grillen, aber Vorsicht, wir auf Jamaika haben da eine besonders scharfe Soße für die Steaks.
Und ansonsten mache ich gerne Musik, ich spiele Gitarre und Mundharmonika."
"Nun ich?" Fragte Goblin. "Ja, also mein Name ist Werner Bach, komme aus Neu Bremen, Mars, mein Callsign, ich weiß nicht wie ich dazu komme, aber es hängt an mir wie Pech. Wie ich hierher komme ist eine recht traurige Geschichte. Also ich hatte mein Studium geschmissen, ich hatte erkannt, dass intergalaktische Politologie einfach scheiße ist, denn, zu wem haben wir bitte diplomatische Beziehungen außer den Kolonisten.
Aber zu Hause wollten sie mich auch nicht sehen. Kann ich ja verstehen, mein Vater hatte sich dumm und dämlich geschuftet um mir das Studium zu finanzieren. Er schmiss mich mit den Worten "Mach gefälligst was aus Deinem Leben" und dem Recrutierungsheft der Navy an die frische Luft." Goblin zuckte die Schultern.
"Als ich mich als Matrose mustern ließ vielen meine guten Reflexe und Hand-Augen-Koordination auf. Nach ein paar mehr Eignungstest bot man mir an auf die Flugschule zu gehen. Als der Berater mir was vom Offiziersgehalt und Flugzulage vorschwallte unterschrieb ich und viola, ich bin hier."
"Armer Junge aber auch," spottete Skunk, "jetzt bin wohl ich. Ich bin der Grund, warum Ihr auf den Mann dort gut aufpassen solltet." Er deutete auf Radio. "Denn wenn er abkratzt, kriege ich seinen Job, und dann wird es Euch dreckig ergehen.
Hobbys: Ich verspeise gerne Marines. Esse gerne gute Steaks und röste mir diese weißgeschuppten Echsenärsche. Dies ist der Krieg auf den ich solange gewartet habe. Dienst in Friedenszeiten ist scheiße, endlich kann ich meinen Job tun. Leute töten."
Alle Augen richteten sich auf Cartmell.
Der starrte zurück: "Ich bin Donovan Cartmell und mich haben sie aus dem Knast rausgeholt um Akarii zu töten. Langt das?"
Goblin hob den Arm: "Es gibt Gerüchte Du wärst ein Pirat namens Black Buccaneer gewesen. Stimmt das?"
Radio antwortete: "Lieutenant hat sich Ensign Cartmell Ihnen gegenüber feindselig verhalten?"
"Nein Sir, ähm Radio."
"Ein Militärgericht unserer Navy hat ihn für unschuldig erklärt. Das reicht, dass wir seine Integrität nicht hinterfragen."
"Also ich würde nicht mit ihm fliegen wollen." Murmelte Bob in seinen nicht verhandenen Bart.
"Hey, es hätte mich schlimmer treffen können", feikste Skunk, "mir hätten sie auch so einen Jungfuchs wie Dich an den Flügel kleben können."
Radio erhob sich: "Sie alle sollten am gleichen Strang ziehen. Sehen Sie sich an. Sehen Sie sich den Mann oder die Frau links und rechts von Ihnen an.
Der ein oder andere von Ihnen wird sterben. Sie werden Kameraden sterben sehen. Seien Sie sich im Klaren, dass diesen Leute hier die einzigen sind, die Sie im Ernstfall vor dem schlimmsten bewahren können. Und jeder von Ihnen sollte bereit sein das Beste, das Allerbeste zu geben um Ihren Flügelmann, Ihren Wingleader, Ihren Staffelkameraden, denjenigen, mit dem Sie noch vor Tagen um dasselbe Mädchen konkurriert, verflucht oder wer der größte Pitcher in der Senior Baseballleague ist gestritten haben vor dem Tod zu bewahren.
Ein kluger Mann sagte mal: Wenn wir jetzt nicht gemeinsam stehen, werden wir später getrennt hängen."
Er rieb sich die Hände. Gott, Du hättest Schauspieler werden sollen, das hätte selbst Rodney Buzz nicht besser hingekriegt. Nur, wieso hast Du es nie geschafft Deinen Dad anzulügen. "Aber ich denke nun möchte der CAG mit uns die Manöverkritik durchgehen."
Lucas stieß sich von der Wand ab und ging ans Rednerpult. Er war nervös und aufgewühlt, wusste es aber gut zu verbergen. Nur jemand der ihn gut kannte wie Darkness hätte es vielleicht erkannt: "Guten Morgen Ladies and Gentlemen. Nachdem Commander McQueen und ich uns das Wochenende um die Ohren gehauen haben um sämtliche Fehler rauszufiltern und Lösungen zu erstellen, wie man es besser machen kann wollen wir Ihnen die Predigten nicht vorenthalten."
"Sir", Mantis hob den rechten Arm, "aber wo wir uns hier alle vorgestellt haben, sollten Sie uns nicht auch etwas über uns erzählen. Ich mein, bevor wir Radio aushorchen?"
Er warf der älteren Frau einen missmutigen Blick zu.
"Ja, Commander erzählen Sie uns doch etwas über sich", Cartmell beugte sich nach vorne.
"Dann fange ich mal da an, Stadt wie mein Vater es wünschte Jura zu studieren schrieb ich mich auf der Fliegerschule der Navy ein und verließ sie unter den besten zehn um genau zu sein als Nummer neun meines Jahrgangs. Die ersten Jahre flog ich auf der Galipoli Antipiratenmissionen. Ich war Mister Cartmells Wingleader auf der Mission, auf der er abgeschossen wurde und dann spurlos verschwand."
Lucas zwang sich Cartmell in die Augen zu blicken, was ihm alles andere als leicht viel. Aus dessen Augen stach zuerst Hass, dann verschleierten sich diese.
"Als die Galipoli danach in den Heimathafen einfuhr hörte ich davon, dass die Blue Angles neue Piloten suchten und die Navy ein Tunier austragen ließ um diese neuen Piloten auszuwählen und ich bewarb mich. Den Sprung in die Elite der Navy verdanke ich nur dem Umstand, dass ich den letzten Zweikampf gewann, weil meine Gegnerin nicht antreten konnte. Ich erfuhr später, dass sie durchfall gehabt hatte."
Gekicher stieg vor allen von den jüngeren Piloten auf. Wenn Ihr wüsstet.
"Bis zur Schlacht von Manticore diente ich bei den Angles auf der Enterprise. Wir waren die ersten, die sich gegen die Welle der Akarii warfen."
Seine Stimme stockte. "Wir ... wir waren ihnen nicht gewachsen. Sie durchbrachen unsere Linien und griffen die Enterprise an. In der sechstägigen Schlacht wurde ich erst zum Lieutenant Commander und zwei Starts später zum Commander befördert
Nach der Schlacht wurde ich als CAG der Gettysburgh durch Johann von Richter abgelöst und bekam das Bordgeschwader der Redemption. Unsere letzte Fahrt war die Geleitzugschlacht von Jollarahn und nun bin ich hier um Sie in die Schlacht gegen die Akarii zu führen.
Sie werden die Zeche eintreiben müssen die uns die Akarii schulden."
Lone Wolf guckte in die Runde. Kali, Ace und Radio nickten, sie konnten durch ihre Erfahrungen von Jollarahn erahnen, wie Manticore gewesen sein musste. Skunk war selbst bei Manticore dabei gewesen.
Die anderen schwiegen peinlich berührt und saßen da wie die Jungfrauen. Außer Cartmell der starrte ihn nur an, die Hände fest um die Stuhllehnen geschlossen, das die Knöchel weiß hervortraten.
"Aber kommen wir zur Manöverkritik ... "
Ironheart
24.03.2004, 14:45
Ursprünglich von Ace Kaiser
Es war Mittag auf Miramar, Albert hatte sich ein Mittagessen und einen Sitzplatz ergattert.
Nun, eigentlich war das nicht weiter schwer. Immerhin war die Kantine, die dreihundert Menschen aufnehmen konnte, nur zu einem Fünftel gefüllt. Der Geschwaderkampf vom Vortag steckte wohl vielen noch in den Knochen und nicht wenige hatten die Zeit genutzt, um auszuschlafen.
Dementsprechend saß Ace alleine am Tisch und ließ es sich schmecken.
Die Filetspitzen brauchte er nicht einmal zu schneiden, die Sahnesoße war exquisit und der braune Reis dazu hatte ein wunderbares Eigenaroma. Wenn Ace an das Essen auf der REDEMPTION zurück dachte, überlegte er ernsthaft, ob er sich nicht auf einen Bodengebundenen Posten versetzen lassen sollte. Das Essen war definitiv besser.
„Hey, Albert“, erklang es hinter ihm. Kali kam mit einem vollen Tablett heran. „Darf ich mich zu dir setzen?“
Der schwarze Riese nickte. „Nur zu, verbieten kann ich es dir ja nicht.“
„Würde auch nix nützen“, erwiderte die Pilotin keck.
Sie nahm Platz, betrachtete ihren Teller mit einem Seufzen und zog ein kleines Etui hervor.
„Wasn das?“, brummte Ace und deutete auf die kleine Tasche.
„Mein Pfeffer. Fünf Sorten von Zuhause und eine Currymischung. Das habe ich, um den ekligen Fraß etwas aufzupeppen.“
„Du kennst wohl nur zwei Geschmacksrichtungen, was? Scharf und richtig scharf“, erwiderte der Riese.
Bedächtig würzte Kali ihr Essen nach. „Hey, ich bin Inderin, falls dir das was sagt.“
Ace grinste breit.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, erklang eine neue Stimme.
Albert sah auf und erkannte Sean Marley, seinen Wingman. Er sah aber nicht ihn, sondern Kali an.
„Ich habe nichts dagegen, Lieutenant“, sagte sie leise.
Marley nickte und nahm neben Ace und damit gegenüber von Kali Platz. Er begann in seinem Essen zu stochern. Und sah nervös zu Helen herüber.
„Nun aber raus mit der Sprache, bevor Sie platzen, Bob“, bemerkte sie schließlich amüsiert.
Der Mann aus der Karibik fasste sich ein Herz. „Ma´am, ich will Ihnen eine Frage stellen. Warum lassen Sie zu, dass dieser Mann das Callsign eines guten Piloten annimmt?“
Albert grinste schief bei diesen Worten. Es war also so weit.
„Warum darf dieser… dieser…“
„Vorsicht, Lieutenant. Wir sind im Dienst. Sagen Sie nichts Falsches“, warnte Kali scharf.
„Verzeihung Ma´am. Aber Sie waren doch mit Lieutenant Davis befreundet.“
„Mehr oder weniger“, erwiderte Kali, die nun auch wusste, in welche Richtung die Bloodhawk ausbrechen würde.
„Ich finde, Shaka hat das Callsign eines tapferen Piloten mit dreizehn bestätigten Abschüssen und einem derart glorreichen Heldentod nicht verdient!“
So, es war heraus. Angespannt und ohne Albert auch nur anzusehen, wartete der Pilot auf eine Antwort.
„Warum?“, stellte Kali eine Gegenfrage. „Warum wollen Sie Lieutenant Mbane nicht das Callsign seines alten Wingleaders zusprechen? Immerhin hat er in der Geleitzugschlacht um Jollahran zwei bestätigte Abschüsse erzielt.
Und glauben Sie mir, Clifford Davis hat auch nur mit Wasser gekocht.“
„Das ist es nicht. Ich glorifiziere den First Lieutenant nicht, Ma´am. Ich stelle nur in Zweifel, dass Second Lieutenant Mbane dieses Erbe antreten darf.“
„So, so… Hm. Wollen Sie deswegen zum CAG oder zur Flotte gehen oder belassen Sie es bei einem Ehrengericht?“, spöttelte sie.
„Ich… Ich…“
„Nun aber raus mit der Sprache. Was passt Ihnen an Lieutenant Mbane nicht?“
Der Jamaicaner senkte den Blick. „Er ist egozentrisch, ichbezogen, beansprucht alle Abschüsse für sich und hält mich an der kurzen Leine. Ich kann fliegen, Ma´am, ich kann richtig gut fliegen! Aber er lässt mich nicht! Und wenn ich dann auf eigene Faust raus gehe, dann…“
„Ich weiß, Bob. Es endet immer damit, dass Sie abgeschossen werden. Ich bin bei den meisten Übungen auch dabei.“
„Und das ist doch nicht richtig. Ich meine, ich bin hier, um Akarii zu töten. Wie soll ich das machen, wenn ich an seinem Flügel versauere? Ich bin sicher, Ace…“
„Ich bin sicher, Sie haben überhaupt keine Ahnung, wer Ace war. Und ich bin sicher, Se tun Lieutenant Mbane mehr als Unrecht. Sie sind sein Wingman. Und was ist die Aufgabe des Wingman?“
„Auf seinen Wingleader zu achten“, quetschte er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
„Und? Sind Sie dieser Aufgabe nachgekommen?“
„Nicht immer, Ma´am.“
„Sehen Sie, ich bin ein Veteran von drei Feindfahrten. Lieutenant Mbane kommt immerhin auf eine Feindfahrt mit zwei Abschüssen. Er hat das schlimmste Gefecht seit Manticor überlebt. Er ist auch ein Veteran. Sie aber kommen frisch von der Akademie.
Meinen Sie nicht auch, dass es noch genügend gibt, was Sie lernen müssen?“
„Ja, Ma´am. Aber es sind doch nur Übungsflüge. Sollte ich nicht wenigstens da mal von der Leine gelassen werden?“
„Wenn Sie nicht einmal bei den Übungsflügen Ihrer Aufgabe nachkommen können, wieso glauben Sie dieser Aufgabe dann in einem realen Gefecht gewachsen zu sein, Bob?“
„Ich… Ich…“
„Hören Sie mir jetzt gut zu, Bob. Ich sage das nur einmal. Sie sind Frischfleisch von der Akademie. Und Sie wurden einem erfahrenen Piloten als Wingman zugeordnet. Sie werden seinen Anweisungen Folge leisten, oder Sie sind schneller in die Etappe versetzt als Sie IFF-Transpondererkennung sagen können. Wir brauchen Piloten da draußen, die mehr Akarii abschießen als von uns Piloten abgeschossen werden und keine toten Helden, die nicht wieder aufsteigen können. Also lieber einen Kampf abbrechen um ihn an anderer Stelle fortzusetzen als das Sie Ihren Abschuss kriegen und dabei draufgehen. Verstanden?“
Marley hatte den Blick gesenkt. „Ja, Ma´am. Ich habe noch viel zu lernen. Und ich weiß, dass Lieutenant Mbane besser ist als ich. Er zeigt es mir ja jeden Tag und lässt meine mittelmäßige Leistung noch schlechter aussehen.“
„Das mache ich vor allem um Ihnen zu zeigen wo Ihre Grenzen sind, Lieutenant Marley“, mischte sich Ace zum ersten Mal in das Gespräch ein. „Ich war genau wie Sie, als ich an die Front kam. Hochbegabt, aber ungeschliffen. Mit tausenden Marotten im Kopf und dem festen Ziel, in meinem ersten Gefecht ein Aß zu werden. Ein junger Pilot, der bereits ein Veteran war, nahm mich unter seine Fittiche, bildete mich aus, trieb mir die Flausen aus und zeigte mir, wie man überlebt und weiterkämpfen kann. Er würde mit uns heute am Tisch sitzen, wenn er nicht entschieden hätte, dass die Antischiffsrakete wichtiger war als sein Leben.
Bleiben Sie an meiner Seite, Sean. Und ich verspreche Ihnen, wenn die Zeit kommt, kriegen Sie Ihren Abschuss.“
Der Jamaicaner sah den Schwarzen an. „Und wann wird das sein… Ace?“
Albert grinste. „Diese Antwort hat mir Ace auf die gleiche Frage gegeben, Bob. Sobald Sie nicht mehr Gefahr laufen, selbst abgeschossen zu werden, kriegen Sie Ihre Chance. Yebo?“
„Ich… entschuldige mich für meine Worte von vorhin. Und ich entschuldige mich für die hinterhältige Art, in der ich mit Kali geredet habe. Ich will besser werden. Und ich will Akarii töten. Aber ich will auch lebend wiederkommen, damit ich wieder aufsteigen kann. Yebo, Ace, yebo.“
„Na dann ist ja alles in Butter“, freute sich Kali und widmete sich ihrem Essen. „Sie werden es schon sehen, die Rote Staffel war mal eine große Familie mit Querschießern, Klatschtanten, einem Papi, der nie Zuhause war und einem Mädchen für alles.
Aber wir haben immer aufeinander geachtet. Die neue Rote Staffel wird ebenso werden. Mit der Zeit. Willkommen dabei, Bob.“
Der Jamaicaner grinste. „Danke, Kali. Danke, Ace.“
„Ich habe lange genug darauf gewartet, diese Worte weitergeben zu können, Bob. Ab Morgen fliegen wir richtig zusammen. Als Wing.“ Ace klopfte dem kleineren Piloten auf die Schulter.
Kali schob ihr Etui zu dem schief grinsenden Jamaicaner herüber. „Lust auf etwas Geschmack?“
Ironheart
24.03.2004, 14:45
Ursprünglich von Cunningham
Gelbe Warnleuchten blinkten auf. Dreimal dröhnte ein Warnton durch die Columbia.
"1 MC, hier spricht der 1. Offizier: Alle Mann auf Sprungstation! Alle Mann auf Sprungstation!"
Senior Master Chief Marco Atti marschierte über sein Flugdeck wie ein König über seinen Schlosshof: "Los, los, los! Macht Euch ran vordere und hintere Röhrentore schließen und versiegeln!" Er wedelte mit der rechten Hand um seine Leute anzutreiben. "Coq: Aufzüge Steuer- und Backbord sichern! Fink: Alle Schotten schließen!"
Er ging an einer der Sprechanlagen: "Flugdeck für Hangar!"
"Hier Hangar, Simpson am Rohr?"
"Sind die Bomber und Shuttle festgezurrt?"
"Yeah, alle gesichert Bosun, wir geben Bereitschaft an die Brücke weiter."
"Allright." Atti schaltete ab und machte dann seinen Rundgang über das Flugdeck, legte da Hand an, wo gebracht, korrigierte fehlerhafte Handgriffe seiner Männer. Teilt sowohl Lob und Tadel aus.
20 Minuten nach dem der Sprungalarm durchgegeben worden war, hatte man an Bord der Columbia alle Türen und Schotten gesichert. Alles was verrutschen könnte gesichert. Es waren die Vorkehrungen, die man immer vor dem ersten Sprung eines Raumschiffes traf.
"Sir: Alle Stationen gesichert!"
Waco nickte seinem 1. Offizier zu und griff nach dem Mikro der Sprechanlage: "Brücke für Maschinenraum, Captain hier."
"Maschinenraum hört, L.I. hier!" Kam die Antwort aus dem Lautsprecher.
"Sind die Sprungspulen bereit?"
"Maschinenraum ist klar und bereit zum Sprung", bestätigte der Ingenieur. "Ich wartete nur auf ihren Befehl die Sprungspuhlen in Betrieb zu nehmen."
"Nehmen Sie die Spulen in Betrieb Karl."
"Aye, aye Sir!" Kurz war Stille, dann sprach der L.I. erneut. "Beide Sprungspulen auf Stand By Sir."
"Sehr gut, danke." Waco unterbrach die Sprechverbindung und wandte sich an die Steuerkonsole. "Lieutenant Tseng: Sprung einleiten. Bringen Sie uns nach Sterntor."
"Sprung einleiten, aye aye Sir!" Der weibliche Steuermann der Columbia gab die Befehle an.
Die beiden Garnison Mark 14 Sprungspulen fingen an zu glühen. Doch aufgrund der zehn Meter dicken Abschirmung die jede dieser beiden Monstrositäten umgab konnte niemand sehen, wie sich die kohlschwarzen Spulen kristallblau färbten.
Dann stießen beide ihren unsichtbaren Energiestrom ins All hinaus. Genug Energie um die Erde über zwei Wochen mit Energie zu versorgen. Seit über zweihundert Jahren forschten Wissenschaftler nach einer Möglichkeit die freigesetzten Energien zu speichern oder die Sprungspulen zu Waffenumzubauen. Mehrere hunder Millionen Real waren in derartige Forschungsprojekte geflossen. Das Ergebniss war bisher immer: Nichts.
Das Wurmloch an Sprungpungt Delta des Solsystems öffnete sich.
Zeit und Raum krümmte sich. Zog sich zusammen und dehnte sich. Ewigkeit und Augenblick trafen aufeinander.
Die Columbia war im Sterntor-System.
"Hindernisse voraus", meldete der Sensoroffizier. "Viele Schiffe. Alles unsere, sehe Kreuzer, Zerstörer und massenhaft Truppentransporter Sir."
"Sehen wir uns mal die Transporter etwas genauer an!" Waco ging zu der Sensorstation.
"Oh, Man, all die großen Schlachtfelder sind vertreten: Stalingrad, Waterloo, Manasis, Bull Run, Verdun, Amazonas und die großen Fußlatscher auch noch: Wellington, Stonewall Jackson, Ernst Goerz*, Montgommery und einige unbekanntere." Der junge Ensign der Wache hatte war ganz aus dem Häuschen.
"Ja, sieht aus, als ob die Hohen Tiere doch was größeres Planen. Steuermann: Fahren Sie eine lange Wende! Und dann zurück nach Terra, wir haben noch den Rest der Besatzung unser Bordgeschwader und unseren Admiral einzusammeln. Von der Begleittruppe ganz zu schweigen."
Waco blieb noch eine Weile hinter dem Ensign stehen und begutachtete die Ansammlung der Schiffe im Sterntor System. Leute, ich hoff ihr wisst was ihr macht.
Hochsicherheitstrakt,
Militärgefängnis, auf Graxon
Jason Rowland macht Liegestützen. Er zählte nicht die Anzahl, sondern die Zeit. Seine Einzelzelle war ständig beleuchtet. Dreimal täglich gab es annehmbares Essen. Ansonsten überließ man ihn mit Ausnahme von Verhören, die in unbestimmten Zeitabständen statt fanden sich selbst. Da er wusste, dass man seine Zelle streng überwachte hielt er sich an einen strengen Zeitplan.
Nach dem "Frühstück", dem "Mittag" und dem "Abendbrot je 90 Minuten Konditionstraining. Ansonsten auf der Pritsche sitzen und vor sich hinstarren.
Es lief seiner Einschätzung nach recht gut. Sein erstes Verhör hatte er so gelenkt, dass ein zweites kommen musste. Dem zweiten folgte ein drittes und nach dem vierten Verhör hatte man ihn aus den Großraumsälen separiert und in den Hochsicherheitstrakt verlegt.
Dann folgten die wirklich intensiven Verhöre.
Exakt nach dem letzten Liegestütz wurde die Tür geöffnet und zwei Akarii traten herein.
Beide trugen sie Infanterieuniformen. Grüne Hosen und grünes Oberteil mit Stehkragenansatz, ähnlich einer Husarenjacke. Sowohl Hosen wie auch Oberteile wiesen rote Verzierungen und auch Rangabzeichen auf.
Rowland Identifizierte den einem als etwa einem Leutnant gleich, der Weibliche Akarii war einfacher Soldat.
Beide hatten wuchtig erscheinende Seitenwaffen, die Soldatin hielt ein Gewehr in den Händen. Die Akarii schienen bis auf Helme für Piloten und Infanteristen auf dem Schlachtfeld gänzlich auf Kopfbedeckung zu verzichten. Wohl wegen ihrem Kamm.
Die Soldatin trat nach links, machte die Tür für zwei weitere Soldaten frei und legte das Gewehr auf Rowland an.
"Aufstehen!" Befahl der Offizier.
Rowland gehorchte und die beiden Soldaten ohne Gewehr traten hinter ihn, ohne die Schussbahn des auf ihn angelegten Gewehres zu passieren. Profies
Sie legten ihm fesseln an.
Dann ging es durch die unterirdischen Korridore die das Gefangenenlager bildeten. Rowland war wie auf Troffen über die Architektur der Akarii sehr erstaunt. Was er sich nicht anmerken ließ.
Es ging vorbei an den schweren Lastliften, die zu den Stollen führten, in denen die POWs Erz abbauten. Seine Eskorte verfrachtete ihn in einen Personenlift und es ging nach oben.
Der Lift endete auf dem Stockwerk, wo sich das eigentliche POW-Camp befand.
Die Höhle, war mehrere Quadratkilometer groß und gut 50 Meter hoch. Sie beherberge ein eingezäuntes Gebiet, auf dem die Häftlingsbaracken standen. Stabile Fertigbauten mit so wenig beweglichen Teilen wie möglich, so das die Häftlinge kaum Chancen hatten, sich selbst auch nur irgendwas herzustellen. In der Mitte der Hüttenstadt befanden sich ein paar Gebäude mit Großraumduschen.
Die Umzäunung war fünf Meter hohes und 15 cm dickes Sicherheitsglas, wie es die Akarii auch als Bullaugen für ihre Kriegsschiffe verwendeten.
An jeder der vier Ecken erhob sich ein 10 Meter hoher Wachturm, auf dem ein schweres Impulsgewehr installiert war.
Das Licht wurde von riesigen Scheinwerfern an der Decke gespendet und wurde niemals ausgeschaltet.
Nach allem, was er wusste wurden die Häftlinge recht human behandelt. Zumindest was die normalen Häftlinge anging. Jedoch hatte er vom Rangältesten Kriegsgefangenen Colonel Markus Heinze gehört, dass die Akarii jedoch einige hohe Offiziere - darunter gerüchteweise auch Vizeadmiral Melissa Alexander - separiert hatten und in Einzelhaft hielten.
Rowland ließ seinen Blick schweifen und ihm fiel erneut auf, dass die medizinische Versorgung der Gefangenen jedoch recht mangelhaft war. Ein Mensch der einen orangen Anzug trug - diese wurden von den Akarii ausgeteilt an diejenigen Gefangenen, deren Uniformen nicht mehr zu gebrauchen waren - recht Jung und doch schon Glatze, dem der Rechte Arm fehlte.
Der junge Mann blickte zurück. Der Blick war leer.
Rowland blieb stehen. Seine Bewacher entfernten sich kurz und Waffen wurden auf ihn gerichtet. Die sind zu gut, sagte sein Verstand während er den anderen Menschen durch die Glaswand anstarrte, Man wird irgendwas bemerkt haben.
Die verhämten Gesichtszeuge des anderen Menschen kamen Rowland bekannt vor. Und schon packte ihn seine Eskorte an den Armen und trieb ihn zum nächsten Lift, der ihn an die Oberfläche brachte.
Der einzig bewohnbare Fleck des Planeten Graxon war keine 1000 mal 1000 Meter groß und war die Eingeebnete Spitze des größten Berges dieses Planeten in einer Höhe von 2258 Metern.
Es gab ein paar Verwaltungsgebäude, einen Tower und mehrere Shuttlelandeplätze und einen Hangar. Keine Wachtürme, keinen Zaun. Nur die klare Aussicht auf die giftigen Wolken, die sich zu einer festen Deck in etwa 1700 Metern zusammenschloss.
Ein Shuttle mit laufenden Turbinen wartete schon auf ihn.
"Wohin geht's?" Brüllte er, als seine Eskorte ihn zum Shuttle führte
"Akar", antwortete der Offizier.
Rowland blinzelte überrascht. Scherzt Du?
Die Turbinen jaulten auf, als das Shuttle sich erhob und sich selbst aus dem Schwerefeld des Planeten katapultierte.
Man ließ ihn ungestört aus dem Fenster gucken.
Erst sah er nur einen kleinen Weltraumbahnhof, ein Orbitalfort, an dem einige Kriegsschiffe und Frachter angedockt hatten.
Als das Shuttle jedoch seine Flugbahn korrigierte kam auch ein Flottenträger ins Blickfeld. Majestätische Schönheit war der Begriff mit dem er diesen Koloss beschreiben würde. Schlanke Linien, perfekt abgerundete Formen und einen Hauch tödlicher Eleganz. Jedes Erdschiff war ein unförmiger, hässlicher Kasten im Vergleich zu einem Akarii-Träger der Uniformklasse.
Umgeben war der Träger von einem Schutzring aus Kreuzer und Zerstörern, sowie einigen Fregatten als Kundschafter.
Ohne das er es merkte hatte ein Traktorstrahl das Shuttle erfasst und zog es in den Bauch einer Fregatte.
Als Jason Rowland merkte, was für einen Wirbel die Akarii um ihn machten beschlich ihn das unguten Gefühl, dass irgendetwas gewaltig schief lief.
*Ernst Goerz: General der Europäischen Truppen, die in den Südamerikansichen Bürgerkrieg entsand wurden (siehe Timeline). Benannt nach dem Großvater mütterlicher Seits des Autors *g*
Ironheart
24.03.2004, 14:46
Ursprünglich von Cunningham
Learon, zweiter Mond von Akar
Prinz Jor betrat sein Büro. Nun war er endlich der einzige und auch bestätigter Oberkommandierender der imperialen Flotte. Nach dem Debakel mit den Schlachtschiffen hatte man endlich diesen alten Narren Koo entfernt.
Er stellte sich vor den Spiegel und stellte den rot, grün, weißen Kamm auf.
Seine neue Uniform war prächtig gearbeitet. Der Einzelne goldene Streifen an der Naht der schwarzen Hose hatte jetzt die doppelte Breite als er noch den einfachen Admiralsrang innehatte.
Das blaue Oberteil war mit beträchtlich mehr Gold besetzt. Am Stehkragen, den Schulterpartien und an den Unterarmen. Ja, definitiv eines Großadmirals würdig. Und eines Prinzen.
"Störe ich?" Die Frage hatte einen einschmeichlerischen Unterton. Sein neuestes Stabsmitglied Thera Los stand in der Tür. Die Frau zeigte ein Lächeln, welches verführerisch wirken sollte, wenn es ihre Augen erreicht hätte.
Jor ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf seinen Bürostuhl: "Worum geht es?" Wenn er den Gerüchten glauben schenken durfte hatte Los sich ihren Rang auf einem anderen Schlachtfeld als dem des Krieges erworben. Er machte sich die geistige Notiz diese Frau so schnell wie möglich wieder aus seinem Stab zu entfernen. Er konnte es jetzt ganz und gar nicht gebrauchen, dass dieser durch die Ränke einiger Offiziere durcheinander gebracht wurde.
Er brauchte Ergebnisse, mehr denn je. Ihm war das klare Ausmaß des Kaperkrieges erst klar geworden, als sein, SEIN höchst eigenes Kurierschiff vor drei Erdzerstörer hatte fliehen müssen und dies nur geschafft hatte, weil sich die beiden Begleitfregatten geopfert hatten.
Die Stabsoffizierin trat an seinen Schreibtisch heran und legte mehrere Datendiscs hin: "Wichtige Geheimdienstberichte, die umbedingt abgearbeitet werden müssen. Sieht aus, als ob wir eine lange Nacht vor uns haben." Ihre lächelnden Augen straften ihren beklommenen Tonfall Lügen.
Jor legte die erste Disc mit der Aufschrift PERSEUS ein. "Sie können gehen Thera, ich brauche etwas Ruhe."
Die Akarii blinzelte kurz verwirrt: "Wie Ihr wünscht Mylord."
Beleidigt verließ die Stabsoffizierin sein Büro. Er war jedoch schon in den Perseus-Bericht vertieft.
Die Rückschlüsse waren eindeutig, dass ein Großteil der Angriffe auf seinen Nachschub von diesem System ausgingen.
Er machte sich schnell eine Notiz, dass gegen dieses System schnellstmöglich vorgegangen werden müsste. Und jetzt hatte er - durch die Kontrolle über die Reserven - sogar die Möglichkeit dazu.
Die letzten Meldungen von Perseus zeugten aber davon, dass man die Spionagesonde entdeckt hatte.
Die nächste Disk handelte von Berichten über die so genannte Colonial Conföderation.
Dieser Erdableger schien sich darauf vorzubereiten sein Gebiet mit Händen und Füßen zu verteidigen.
Seine Quellen meldeten, dass die Flotte der Conföderation durch Hilfe der Erdrepublik einen drastischen Zugang an Schiffen erwartete.
Er war die Disk aus und wollte gerade die nächste einlegen, als sich sein Vorzimmer meldete: "Mylord Großadmiral." Der Junge Offizier hatte anscheinend beschlossen, dass dieser Titel mehr wog als der des Kronprinzen und Jor musste ihm zustimmen. Als Prinz wurde man geboren. Den Großadmiral musste man sich erarbeiten. "Eure Schwester Prinzessin Lenai wünscht Euch zu sprechen."
"Stell sie durch und ich will nicht gestört werden, so lange das Gespräch andauert."
Er legte die Disc die er gerade in den Computer einlegen wollte zusammen mit den beiden durchgearbeiteten Discs in die Ablage 'erledigt'.
Schon erschien das zarten und liebliche Gesicht seiner ältesten Schwester auf dem Bildschirm und strahlte ihm mit einem Lächeln an, welches die Sterne vor Neid erblassen ließen.
"Jor, als ich erfuhr, dass Du hier bist ..."
Am nächsten Morgen würde die Disc mit der Aufschrift TROFFEN schon im Archiv des Geheimdienstes verschollen sein.
Fort Lexington
"ACHTUNG Admiral an Deck!"
Lautes Stühle Scharren hallte durch das kleine Auditorium von Fort Lexington. Die Männer und Frauen die aufstanden waren es nicht gewöhnt wie Kadetten hochgescheuchte zu werden. Es waren die Schiffskommandanten, Commander und Captains, und Schwadronenkommandeure, Commodore und Rearadmirals, der Lexington- und Pekingträgergruppen.
"Bitte setzen Sie sich wieder." Admiral Jens Thomsen hinkte in den Raum. Die blonden Haare des Admirals waren schon längst alle ergraut, ebenso sein Vollbart.
Statt der normalen Halbschuhe trug er Reiterstiefel.
Über den sechs reihen Ordensspangen war ein goldenes Abzeichen zu sehen, doch es waren keine Schwingen, sondern die beiden Delfine der alten terranischen U-Boot Waffe der USA. Thomsen hatte sie geschenkt bekommen, als er seine Beförderung zum Captain erhalten hatte. Klaus von Richter, sein letzter Kommandeur hatte erfahren, dass Thomsons Ahnenreihe sich bis zur U-Boot-Waffe Europas zurückverfolgen lassen und die Delfine erstanden. Am Kragen seines khakifarbenden Uniformhemdes steckte auf beiden Seiten jeweils die vier Sterne eines Volladmirals.
"Guten Morgen meine Damen, meine Herren. Ich hoffe Sie alle haben die letzten beiden Tage genossen. Es wird für lange Zeit ihr letztes freies Wochenende gewesen sein. Und wenn Sie wissen wollen, es war nicht meine Frau die mich so zugerichtet hat, mein Pferd Esmeralda hat mich getreten."
Gelächter stieg auf.
Thomsen stopfte sich seine Pfeife, zog mehrmals dran und holte dann einen Zettel hervor:
"An: Admiral Jens Thomsen, CO 1. Flotte, TSN:
Hiermit werden Sie angewiesen die Trägerkampfgruppen Lexington und Peking ins Texas Sternsystem zu verlegen und dort die 2. Flotte abzulösen und für Offensivaufgaben frei zu stellen. Gezeichnet Klaus von Richter, Admiral, CNO."
Die Offiziere klopften mit den Fingerknöcheln auf den Tischen Applaus.
"Das bedeutet: Sie haben drei Tage Zeit Ihre Schiffe zum auslaufen klar zu machen. Der Sammelpunkt für die Trägergruppen ist eine weite Umlaufbahn um den Saturn."
Der Bildschirm hinter Thomsen erwachte zum Leben. Fort Lexington und ein Punkt in der Nähe des Saturn blinkten auf.
"Commodore Stansky: Sie und Ihre Zerstörerschwadron werden zur Columbia und der 2. Flotte überstellt."
Thomsen hakte kurz auf die Tastatur des Rednerpults und die Bildschirmsicht veränderte sich. Die Überschrift lautete 'Texas Sternsystem'.
Die sechs Planeten, die Sonne, die beiden Raumstationen, sowie die vier Jumppoints und ein Minengürtel leuchteten in verschiedenen Farben und beschriftet auf.
"So meine Damen und Herren, wenn wir in Texas sind, werden die Kreuzerschwadronen 1.1 und 1.2 als zweite Verteidigungslinie 24.000 Kilometer hinter dem Minenfeld in gefächerter Position in Stellung gehen.
Der Rest der Flotte wird sich um das Orbitalfort Benning sammeln ..."
Eine Hand schnellte in die Höhe. "Ja bitte?"
Der Captain erhob sich: "Werden wir auch offensive Operationen durchführen?"
"Das ist zwar nicht geplant, aber wir alle wissen, wie es im Krieg um die Planung bestellt ist. Bereiten Sie Ihre Schiffe und Besatzungen auf jeden Fall darauf vor. Also, dann wollen wir an die Arbeit gehen." Thomsen klatschte in die Hände.
Zurückblieben neben Thomsen noch Viceadmiral Gloria Burghoff, seine Stellvertreterin und Kommandeurin der Victoryträgergruppe und Rearadmiral Julian Escobar Senior von der Pekingträgergruppe.
"Gott, was würde ich dafür geben Sie begleiten zu können." Burghoff wirkte ernstlich geknickt. "Sicher das Sie keinen weiteren Steward mehr brauchen?"
"Hm, ich wollte schon immer mal einen Viceadmiral als Steward." Thomsen klopfte seiner Stellvertreterin auf die Schulter. "Aber keine Panik Glory, ich werde mich mit Renault noch mal kurz schließen."
"In wie fern 'kurz schließen'?" Escobar kramte in seiner Aktentasche. "Wo sind die verdammten Zigaretten?"
"Rotationsprinzip bei den offensiven Trägern. Und Julian, Sie sollten auf Pfeife umsteigen, die gehen nicht so schnell verloren."
Ironheart
24.03.2004, 14:47
Ursprünglich von Ace Kaiser
Lieutenant Commander Chun konnte kaum schlafen. Die Schmerzen der Brüche waren sehr groß, und die wenigen Medikamente aus der Notfallbox des Shuttles waren eher gegen Kopfschmerzen geeignet.
Er und Ry Hallas waren so gut es ging die erste Nacht durchmarschiert. Chun machte sich klar, dass der drahtige Hallas ohne ihn als Behinderung wesentlich schneller gewesen wäre. Er schien die Wüste zu mögen. Chun aber auf seinen Krücken und mit der provisorischen, schlecht sitzenden Schiene, dauernd in Gefahr über irgend etwas zu stolpern und sich noch mehr zu verletzen, war hier eine genauso große Last, wie die Wüste ihm zur Last wurde.
Chun war natürlich klar, warum Archon Banto darauf bestanden hatte, dass er Hallas begleitete. Wäre er beim Shuttle geblieben, hätten die Attentäter, so sie denn nach der Absturzstelle suchten, nicht nur Archon Banto sondern auch noch ihn erwischt. Eine gewisse Rolle spielte dabei wohl auch, dass er Ry Hallas alleine nicht so viele Möglichkeiten einräumte, wirklich Hilfe zu holen. In Begleitung eines Menschen aber hörte man ihm wohl eher zu.
„Wir müssen weiter, Archon Chun.“ Ry Hallas war leise neben den Offizier getreten. „Ich werde Sie auf meinen Rücken nehmen.“
Chun stemmte sich in seine Krücken und kämpfte sich auf die Beine. Die Sonne ging unter, war bestenfalls noch einige Minuten zu sehen. Die beste Zeit, um sich das nächste Teilstück auf dem Weg vor ihnen noch einmal gut einzuprägen.
Artan Hallas hatte sicherlich bereits ein gutes Stück der Strecke erkundet, während er selbst geschlafen hatte – eigentlich eher gedämmert.
„Nein, Ry Hallas. Das wäre Ihr Tod.“
Stur wie ein Panzer marschierte Chun los. Den Akarii neben sich. Mittlerweile hatte der Geheimdienstoffizier herausgefunden, dass er das linke Bein nur etwas schneller vorzuziehen brauchte, um besser voranzukommen und weniger Schmerzen zu haben. Damit erreichte er beinahe normale Geschwindigkeit – für einen gehenden Menschen. Laufen war ihm unmöglich.
„Mich beschäftigt eine Frage“, bekannte Ry Hallas, als die Sonne hinter einem Berg verschwand.
„Sprechen Sie, Artan.“
„Nun Archon Chun, diese Frage ist, warum Sie uns nicht getötet haben. Als wir gefangen genommen wurden. Wenn alle Berichte stimmen, die ich von den Menschen erhalten habe, wenn alle Berichte stimmen, die ich selbst kennen gelernt habe, als ich noch im Dienst war, dann hat unser Prinz Jor mit seinen Truppen etliche Soldaten der Republik getötet. Und auf einige sogar eine Neutronenbombe abgeworfen. Dennoch nehmen Sie Akarii gefangen. Wieso? Wäre eine Rache nicht etwas, was der Natur des Menschen entspricht?“
Chun dachte über diese Worte nach. „Nun, Artan, es ist so, ich gehöre dem Geheimdienst der Navy an. Eine Zeitlang war ich Teil einer besonderen Abteilung, die kurz nach dem Manticor-Debakel gegründet wurde. Sie untersuchte als Zuarbeiter des JAG besondere Vorkommnisse in der Flotte. Sie untersuchte die Fälle von toten Akarii an Bord terranischer Schiffe.
Oder um es deutlich zu machen, sie filterte die Soldaten und Schiffe der Navy heraus, auf denen Lynchjustiz an den Akarii begangen worden war.
Ich muss leider gestehen, dass es etliche Fälle waren. Und das JAG hat längst nicht alle unsere Hinweise untersucht. Sie können davon ausgehen, dass über eintausend Akarii während der Gefangenschaft ermordet wurden.“
„Dies ist ein Verbrechen?“, fragte der Akarii erstaunt.
„Ja, laut unseren Statuten ist es ein Verbrechen. Es ist keine Ehre damit verbunden, einen Gefangenen zu töten. Und es beraubt uns wichtige Ressourcen. Jeder Gefangene ist in erster Linie eine Informationsquelle für uns. Diese dem Geheimdienst vorzuenthalten ist sträflich.
Außerdem haben wir Menschen eine lange Tradition darin, in einem Krieg Gefangene zu internieren. Nach dem Krieg kommen sie wieder frei.“
„Eine interessante Tradition. Wenn diese Menschen nach dem Krieg wieder freikamen, waren sie doch in der Lage, erneut gegen das Land zu kämpfen, in welchem sie interniert waren.“
Chun nickte dazu und kam sich dumm dafür vor. Mittlerweile war es vollkommen dunkel geworden. Nur das Licht der Sterne erhellte die Mondlose Nacht mehr als notdürftig.
„Wir Menschen sind ein kompliziertes Volk. Und nicht alle unsere Nationen sind auf diese Weise mit ihren Kriegsgefangenen verfahren. Manche haben sie hingerichtet. Manche haben sie bis zum Umfallen schuften lassen. Manche… Aber lassen wir das.
Dies ist jedenfalls der Grund für das Gefangenenlager, eine alte Tradition. Und die Navy liebt ihre Traditionen.“
„Wie ich bereits sagte, Archon, eine interessante Tradition.“
„Nun habe ich eine Frage, Artan. Warum führen die Akarii Krieg gegen uns?“
Hallas schien überrascht. „Das wissen Sie nicht?“
„Nein, ich ahne etwas, aber ich weiß es nicht. Können Sie Licht in das Dunkel bringen?“
„Licht in das Dunkel…“
„Das ist eine Redensart der Menschen. Sie bedeutet, etwas aufzuzeigen oder zu erklären. Wie in einem dunklen Raum das Licht zu entzünden und alles zu erkennen, was um einen herum vorgeht.“
„Nun, Lichtbringer ist selbst für mich eine neue Erfahrung.
Warum wir Akarii euch Menschen angegriffen wollen Sie wissen, Archon.
Es gibt dafür mehrere Gründe. Der Flottenstützpunkt im Trafalgar-System, der wie ein Messer an der Haupttransportader des Reiches lauert, ist nur einer davon.
Auch das rasante Wachstum und die schnelle Ausbreitung der Menschen gehört in diese Kathegorie.
Aber der wichtigste Grund ist wohl: Die Menschen sind da.“
Überrascht blieb Chun stehen. „Was? Sie führen Krieg mit uns, weil wir da sind?“
Diese Erwiderung überraschte nun den Akarii. „Ja.“
„Diese Antwort ist mehr als lapidar. Erklären Sie sie.“
Ry Hallas holte Luft. „Nun, vieles brauche ich nur anzudeuten. Immerhin sind wir beide Soldaten. Das alleine dürfte bereits einiges erklären.“
„Ja, es wurde Ihnen befohlen“, brummte Chun. „Weiter.“
„Aber was wichtiger ist, die Menschen haben eine starke Flotte. Eine gute Flotte, wenngleich nicht so groß und modern wie die Flotte meines Volkes. Dennoch, sie sind eine Herausforderung. Der letzte Krieg, in dem mein Volk verstrickt war, ist fast dreihundert Jahre her. Die Krieger, welche der Schutz unserer Rasse sein sollen, kennen keine Bedrohung, kennen keine Gefahr. Intrigen und Ränkespiele treten an die Stelle von harter Arbeit und Erfahrung. Die Akarii werden weich, Archon.
Und wenn unsere Soldaten das Volk nicht mehr beschützen können, dann ist dies der Anfang vom Ende für die Akarii.“
„Verstehe ich Sie richtig? Sie benutzen uns Menschen als Wetzstein für Ihr Militär?“
Ry Hallas nickte. „Wie es mir erklärt wurde, erproben wir in diesem Krieg neue Waffen und neue Taktiken. Zugleich bereinigen wir die Grenze zu den Menschen, unterwerfen sie im besten Fall und gewinnen einen neuen Vasallen.
Das Blut der Krieger wird dicker werden, weil die Schlechteren wie ich aussortiert werden und die besseren den Ruhm ernten und ihre Gene in den Familien weitergeben und eine neue Generation bestens motivierter Soldaten erschaffen werden. Der Schutz unseres Volkes wird gesichert sein, für weitere dreihundert, vierhundert Jahre.“
Chun schüttelte nur den Kopf. „Das kann nicht Ihr Ernst sein. Das ist es also? Sie wollen uns ein paar Systeme abnehmen, neue Waffen und Schiffe erproben und dann den Krieg wieder beenden?“
„Nicht ganz, Archon. Es gibt natürlich noch andere Optionen. Zum Beispiel sah ein Plan bevor, die Republik der Menschen ein für allemal zu zerschlagen, falls der Widerstand gegen unser Militär zu schwach gewesen wäre.
Doch das ist nach den schweren Kämpfen um Manticor sicherlich widerlegt.“
Chun lachte leise. „Wirklich eine tolle Idee. Wirklich eine sehr tolle Idee. Die Sache hat nur einen Haken. Wir Menschen lassen uns nicht gerne unterwerfen. Und wir lassen uns nicht gerne etwas wegnehmen, was uns gehört. Zudem sind wir sehr fatal. Es muss nicht, aber es kann passieren, dass wir bis zum bitteren Ende kämpfen. Also entweder bis wir auf Akar stehen oder die Erde zerstört wird.“
„Das halten Sie für möglich? Es könnte bedeuten, dass auch der Sieger dabei ausblutet. Niemand hätte in dem Fall etwas gewonnen.“
„So sind wir Menschen. Es scheint, als hätten Sie sich den falschen Gegner ausgesucht.“
Ry Hallas schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke nicht. Denn es gibt noch etwas, einen weiteren Grund. Die Menschen sind uns ähnlich. Sogar sehr ähnlich. Genau wie wir stellen sie das Überleben ihrer Spezies oft genug über das eigene Leben. Oft genug beweisen sie in Handlung und Taten, dass viele von ihnen ein tiefgreifendes Ehrgefühl besitzen, dass einen Akarii beschämen würde.
Und das macht die Menschen zu so guten Gegnern für uns… Zu würdigen Gegnern. Ich bin sicher, bevor Sie Ihr Volk vernichtet sehen wollen, würde die Republik aufgeben. Um zu einer anderen Zeit, unter einem anderen Anführer erneut zu kämpfen. So würden es die Akarii auch tun.
Und ich bin sicher, dass die Menschen, falls sie es bis auf die Zentralwelt schaffen, ihrem Rachedurst nicht nachgeben würden. Denn sie haben zuviel gesehen. Und das, was sie gesehen haben, wird sie daran hindern, etwas zu tun, was selbst diese Bilder noch übersteigt.“
„Nicht alle“, kommentierte Chun leise.
„Nicht alle. Aber es kommt in diesem Fall nur auf einen an. Einer reicht bereits.“
„Vielleicht…“, brummte Chun und ging schweigend neben dem Akarii her. Sie teilten sich Wasser und Notfallverpflegung auf ihrem Weg durch die Wüste.
Ironheart
24.03.2004, 14:47
Ursprünglich von Tyr Svenson
„Marines sterben nicht. Sie fahren zur Hölle und formieren sich neu.“
Captain Schlüter trommelte leicht mit den Fingern auf der Oberfläche ihres Schreibtischs, während sie den Mann musterte, der vor ihr stand: „Sie sind schnell wieder gesund geworden, Sergeant Schiermer. Glückwunsch. Immerhin galt Ihr Überleben als ziemlich zweifelhaft.“
„Danke, Ma’m!“
‚Und mehr werde ich von dir nicht zu hören bekommen...‘ Captain Schlüter starrte in die ausdruckslosen, hellen Augen des Sergeanten und entschied sich, das Smalltalk hier nicht angebracht war. Sie war sich nicht einmal sicher, ob der Sergeant überhaupt wußte, was das war.
„Nun es scheint, daß Sie gerade rechtzeitig gesund geworden sind. Unsere Einheit wird vergrößert und auf die Columbia verlegt. Da Sie als wieder voll kriegsverwendungsfähig eingestuft werden, ist das auch Ihr Marschbefehl.“
Wieder war bei Schiermer keine sichtbare Reaktion festzustellen. Mit ausdruckslosen, fast stumpf zu nennenden Gesichtsausdruck stand er in Habacht.
„Ihren Unterlagen zufolge haben Sie bereits einmal eine größere Truppeneinheit befehligt?“
Diesmal zeigte Schiermer eine Reaktion. Er kniff leicht die Augen zusammen, wirkte wachsamer als zuvor: „Ma’m?!“
„Auf Pandora, richtig?“
Schiermer schien sich etwas zu entspannen. Was er auch verborgen halten wollte, sein Dienst auf Pandora, im Bodeneinsatz gegen die örtliche Guerilla, schien nicht dazu zu gehören. Obwohl der blutige zwanzigjährige Konflikt auf dieser Welt nicht nur bei regierungskritischen Journalisten als „Kolonialkrieg der Republik“ verschrien war und ein ehemaliger Colonel der Fremdenlegion geäußert hatte, auf Pandora sei die Republik „in den Dreck und die Scheiße geschlittert“.
„Ja, Ma‘m! Eine Gruppe aus den Resten eines Zugs des Marinekorps und einer Korporalschaft der Legion. Vierzig Mann.“
„Man hat Ihre Leistungen gelobt.“
Schiermer verzog kurz den Mund, aber seine Stimme blieb ausdruckslos: „Es kommt darauf an, Ma‘m. Außer mir haben nur neun Mann die eigenen Linien erreicht.“
Captain Schlüter bohrte nicht weiter. Sie zog es vor, so wenig wie möglich über diesen schmutzigen Konflikt im Hinterhof der Republik zu wissen. Wußte man zu viel, konnte es einem schwerfallen, seinen Patriotismus zu behalten...
„Jedenfalls habe ich festgestellt, daß Sie etwas unterqualifiziert eingesetzt werden. Sie haben durchaus gewisse Fähigkeiten bei der Ausbildung und vor allem der Einsatzführung. Nicht zu vergessen Ihre persönlichen Leistungen...“ ‚Wozu auch gehört, ohne die geringsten Skrupel einen Deserteur zu erschießen. Oder einen Zivilisten, wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt was man von Pandora hört.‘
„...Sie erhalten den Rang eines Master Sergeant. Von nun an kommandieren Sie ein Platoon.“
„Ma’m.“ Schiermer war diesmal wieder überhaupt nichts anzumerken. Keine Freude, keine Verunsicherung.
„Dieses Platoon besteht zum größten Teil aus Neuen, frisch aus der Ausbildung. Von 18 Mann sind außer Ihnen nur zwei Veteranen: Private Juan und Corporal Johnson.“
„Private Juan ist ein guter Soldat, aber er hat gerade mal ein Jahr Dienst. Johnson ist ein guter Drillcorporal.“
„ICH kenne die Leute. Haben Sie Probleme mit der Zusammensetzung Ihrer Platoon?!“
„Nein, Ma’m. Ich habe bloß eine Einschätzung vorgenommen. Natürlich habe ich kein Problem, Ma’m.“
Schlüters Versuch, Schiermer aus der Reserve zu locken war offenbar gescheitert. Also machte sie am besten im Text weiter: „Hören Sie, Schiermer. Es geht verdammt bald los. Üben Sie vor allem Häuserkampf, Infanterieeinsatz und Landungen in einer heißen Zone. Und noch etwas. Es sieht ganz so aus, als könnte es ein harter Einsatz werden. Ich will HUNDERTPROZENTIGE LEISTUNG! Keines dieser verdammten Greenhorns soll dann an der Front schlappmachen. Wie Sie das gewährleisten ist mir egal und wenn Sie sie in kleine Stücke brechen müssen! Sie sollen endgültig begreifen, daß sie jetzt Marines sind!“
„Ma’m!“ Schiermer salutierte und ging.
Er fand Corporal „Pork“ Johnson in der sonst menschenleeren Kantine: ein Flasche Bier vor sich, die Beine auf einem Tisch. Der Corporal hatte seinen nicht sehr schmeichelhaften Spitznamen - "Mastschwein" - von seiner massigen Gestalt und seiner unzählige Male in zahllosen Prügeleien verschandelten und zerschlagenen Nase. Pork nickte lässig - er wußte offenbar schon von Schiermers Beförderung.
Mit einer schnellen Schlag stieß Schiermer Porks Beine vom Tisch. Der Corporal sprang wütend auf, beherrschte sich dann aber: „Übst du schon für die Frischlinge, Legionär?“
Dieser Spitzname Schiermers war ein weiteres Überbleibsel aus seiner Zeit auf Pandora.
„Wie du mich in der Freizeit nennst ist mir scheißegal. Aber vor den Jungspunden baust du Männchen wie in der Grundausbildung, Pork.“
Der Corporal sah so aus, als wollte er ausspucken, überlegte es sich aber anders: „Ich bin kein Schwachkopf, MASTER SERGEANT.“
„Meistens nicht. Los komm mit, Zeit, daß wir den Neuen Beschäftigung besorgen. Du hast mit ihnen schon gearbeitet?“
„Habe ich. Durchwachsenes Material. Die meisten sind ganz brauchbar, zwei sind unter Durchschnitt. Drei scheinen gute Anlagen zu haben. Aber leider wissen sie das auch.“
Schiermer schnaufte angewidert. Soldaten mit zu großem Selbstbewußtsein - erst recht Neulinge - galten als Risiko.
„Wer ist in der Bande der Chef?“
„Na du, ‚Master Sergeant‘.“
„Laß den Quatsch, du weißt, was ich meine.“
„Acht sind Mischgemüse. Aus verschiedenen Ausbilungseinheiten. Aber sieben kommen aus dem selben Drillcamp. So ein blonder Schrankwandtyp scheint das Wort zu führen. Michael Howard heißt er, übrigens mit verdammt guten Anlagen.“
„Na schön. Dann fangen wir am besten mit einer Runde Nahkampftraining an. Und dann sehen wir mal, was man ihnen in der Grundausbildung beigebracht hat. Und was sie WIRKLICH wissen müssen.“
Porks fing an zu grinsen - nicht, daß es sein Gesicht hübscher machte. Die „Neuen“ hatten verflucht unangenehme Wochen vor sich...
Ironheart
24.03.2004, 14:53
Platzhalter Hammer Nr. 4
Ironheart
24.03.2004, 14:54
Ursprünglich von Cunningham
"Die Kurznachrichten:
"Gestern lief in den Kinos Jerry Johnsons neues Kriegsepos 'Brennendes All' an. In den Hauptrollen Rodney Buzz als eiskalter Pilotenveteran Frank "Viper" McKinley und Ashley Croft als Charlene "Ice" Ferrow. Es begaben sich sehr interessante Szenen bei der Premiere im Londoner Kinopalast CINEdome."
Armando Cortez lächelte noch kurz in die Kamera, bevor die Kinopremiere eingespielt wurde.
Rodney Buzz war gewohnt schlecht rasiert, trug einfach Jeans, ein gelbes T-Shirt, die Haare waren zerzaust. Statt der normalen Disignersonnebrille trug er eine Pilotenbrille der Navy, die hervorragend zu seiner Fliegerjacke mit den Aufnähen der Red Arrows - nur Experten oder Piloten der Navy würde diese als sehr gute Imitate erkennen - passte.
Seine Kollegin Ashley Croft viel weniger aus dem Rahmen, mit ihrem schwarzen Abendkleid passte sie perfekt ins Blitzlichtgewitter und zu den ganzen Smokingträgern.
Buzz zog seine gewohnte Show ab, grinste so zu sagen in alle Kameras gleichzeitig und machte mit beiden Händen Victory-Zeichen.
Einer der Reporter ging auf die beiden zu und wandte sich sofort an den bekannteren Buzz: "Hallo Rodney, es ist Ihnen sicherlich zu Ohren gekommen, dass viele gerade jetzt Kriegsfilme anprangern, als Geschmacklos und einer meiner Kollegen erzählte mir, dass einige Piloten sich über den Film abwertend geäußert haben, zu unrealistisch, die hälfte der Stunts die Sie und Ashley durchziehen sein mit einer Griphen nicht möglich und der Angriff der Crusader auf die Bodenbasis sei auch nicht möglich."
"Hm, so, nicht möglich, was beschweren die sich beim Film, wenn die Regierung ihnen kein vernünftiges Handwerkszeug zur Verfügung stellt? Hey, das ist ein Heldenepos." Buzz spießte den Reporter mit dem Finger auf.
"Außerdem zeigt der Film genau, was passieren wird." Er nahm dem armen Mann das Mikro ab. "Seht Ihr dass Ihr blöden Echsen? Dann hört gut zu: Ihr habt Euch mit den falschen angelegt. Wir werden über Euch kommen wie die Nemesis persönlich. Wir rotten Euch aus, schänden Eure Frauen und Kinder! Wir brennen Eure Tempel nieder und löschen jede Erinnerung an Euer Dasein aus! Wir ..."
Weiter kam der Filmstar nicht. Seine Filmpartnerin war bei seiner Rede rot angelaufen, klebte ihm eine und rauschte Richtung Kinoeingang davon.
Buzz blickte der zierlichen rothaarigen verblüfft hinterher. Als sich sein Blick wieder der Kamera zuwand stahl sich ein schmieriges Lächeln auf sein Gesicht.
Er rückte seine Jacke zurecht: "Sie steht auf mich."
Es wurde wieder das Studio eingeblendet.
"Das war eine eindeutige Botschaft", kommentierte Cortez, "von beiden."
Er legte einen Notizzettel beiseite: "Allerdings war London gestern nicht nur von Glanz und Glemmer gesegnet. Ein Mob aus dreißig Leuten mit IPKP-Bannern und Fahnen bewaffnet stürmte ein Recrutierungsbüro der Navy. Griff die dort arbeiteten Navyangehörigen an und verletzte alle sechs schwer. Ein junger Lieutenant liegt mit einem Schädelbasisbruch im Londoner Zentralkrankenhaus.
Nachdem diese 'Friedensdemonstranten' mit dem Navypersonal fertig waren demolierten sie die gesamte Einrichtung, zündeten Mülleimer an und schmierten die üblichen Parolen der IPKP an die Wände.
Da das Recrutierungsbüro Vidoeüberwacht war konnten viele der Randalierer bereits identifiziert werden und befinden sich zum Teil schon in Haft."
Cortez wechselte erneut den Notizzettel: "Das FCID* gibt bekannt, dass der Zustand von Isabella Pavon immer noch unverändert kritisch ist.
Desweiteren teilte man uns mit, dass man den Schützen der versuchte der Generalsekretärin der IPKP das Leben zu nehmen identifiziert habe. Jedoch weigerte man sich die Identität aus ermittlungstechnischen Gründen - wie es heißt - preis zu geben.
Heute Morgen wurden die beiden Personenschützer Pavons - die den Schützen niederstreckten - aus der Haft entlassen."
Und wieder wechselte der Notizzettel: "Und nun geben wir anlässlich des Jubiläums unserer Republik ins Haus der Republik, Berlin."
Patricia Birmingham stand hinter dem Rednerpult des großen Pressesaales im Haus der Republik. Sie trug ein dunkelblaues, festliches Kostüm. Die Haare waren zu einem komplizierten Knoten zusammengebunden. Der Schmuck den sie trug war elegant aber dezent. Ihr Gesicht zeigte heute eine gewisse Strenge und war ganz und gar nicht festlich.
"Vor genau 383 Jahren entschieden unsere Vorväter das es an der Zeit war die Welt wie sie sei damals kannten zu vereinen und das Streben der Menschheit zu bündeln und in eine Bahn zu lenken, die alle nützte. Es war damals der 71 Jahrestag der Beendigung des letzten terranischen Krieges." Ihre Stimme war fest und doch irgendwie traurig. "Zweifler gaben diesen Traum nur wenig Chance doch es begab sich wie so häufig, dass Träume Wahrheit wurden und die Menschheit wurde unter einem Banner vereinigt und blieb es bis zum 19. Juli des Jahres 2583. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Sezessionen unserer Geschichte spaltete sich die Colonial Conföderation friedlich ab.
Das es damals keinen Krieg gab verdanken wir nur einer Tatsache: Die Menschheit war als Rasse geeint. Es gab Menschen die wollten nicht aus purem Nationalismus auf das eigene Blut schießen."
Langsam glitt ihr Blick über die Masse der Reporter und geladenen Gäste: "Doch heute in unserer dunkelsten Stunde verzagt eine kleine Bande von unzufriedenen, von Neidern und ewigen Querköpfen nicht uns das Messer in die Rippen zu stechen.
Viele von Ihnen mögen jetzt denken es sei unangebracht - jetzt da Isabella Pavon mit dem Tod ringt - davon zu sprechen, doch dieses Attentat gibt niemanden einen Freibrief.
Die Damen und Herren des Pariser Paktes sprechen von Zahlen. Was uns dieser Krieg kosten. Was die Wirtschaftsunternehmen an Geld scheffeln.
Doch was ist Geld schon im Vergleich zu dem wahren Preis den unsere Republik zahlt."
Sie suchte die Blicke der einzelnen Gäste. Viele von ihnen waren keine berühmten Politiker, Medienstars fand man schon gar nicht. Es waren einfache Leute und die meisten der Männer trugen über dem Herzen den verwundeten Löwen in Gold, der Sohn oder Tochter, Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester gehörte.
"Noch heute würde ich den Friedensvertrag unterschreiben, wenn es so einfach wäre wie es sich Pavon und ihre Mannen vorstellen. Noch heute würde ich Ihnen das verlorene zurückgeben, wenn es in meiner Macht stünde. Würde Ihnen das Blut zurückgeben welches Sie auf dem Altar der Freiheit für unser Volk und unsere Nation opferten.
Ich kann Ihnen nur versprechen, dass die Opfer, dass Ihr Opfer nicht umsonst gewesen sind und das wir uns nicht den wirren Forderungen dieser ignoranten Minderheit beugen werden und alles erreichte einfach wegwerfen."
Der Applaus setzte stockend ein, viele der anwesenden mussten sich erst die Tränen aus den Augen wischen.
*Federal Criminal Investigation Department
Ironheart
24.03.2004, 14:55
Ursprünglich von Ace Kaiser
Das Platoon wartete. Und wartete. Und wartete noch länger. Längst hatten die meisten Marines vom Rührt euch eine noch bequemere Position eingenommen.
„Der Alte lässt uns ganz schön lange zappeln, was?“, brach der Erste das Schweigen. Und löste damit eine wahre Welle entsprechender Kommentare der anderen aus. Lediglich Private Davis schwieg, eine von sechs Frauen im Platoon, und zusammen mit den Jungfüchsen angekommen. Auch hatte sie ihre starre Haltung nicht aufgegeben.
Somit war sie es auch, die als Erste die Ankunft des Anführers des neu gegründeten Platoons bemerkte. Ihr scharfer Befehl: „ACHTUNG!“, brachte sofort wieder Disziplin in die Doppellinie.
Der Master Sergeant trat an sie heran, ging die Reihe ab und sah dem einen oder anderen direkt in die Augen. Besonders schien er sich für Howard zu interessieren, diesen selbst verliebten Gockel.
„Mein Name ist Master Sergeant Clas Schiermer. Und Ihr seid ab sofort mein Platoon. Ihr sprecht mich mit Master Sergeant oder mit Sarge an. Ich will kein verdammtes Sir hören, verstanden?“
„Jawohl, Master Sergeant“, blafften die Marines.
„Nur um es von Anfang an klarzustellen: Ihr seid jetzt im Fronteinsatz. Es ist hier völlig egal, warum ihr hier seid, was ihr vorher wart und was ihr werden wollt. Eure Hautfarbe ist unwichtig. Mir ist es auch scheißegal, wen, was oder wie Ihr in eurer Freizeit rumvögelt. Ihr seid jetzt Marines – und es zählt nur noch was Ihr könnt und was Ihr leistet. Denn das kann euch und euren Kameraden das Leben retten. Also lernt eure Stärken zu nutzen und eure Schwächen zu unterdrücken – sonst vernichten sie euch. Ein Marine zu sein, bedeutet, aus einem fliegenden Sturmshuttle zu springen – mitten ins Feuer hinein, notfalls auch in die Garbe einer Laserwaffe. Ein Marine zu sein bedeutet, dass nur noch zwei Regeln gelten: Ein Befehl wird ausgeführt – und du tötest, oder wirst getötet. Das Geschwafel von Heldentum, Ehre und sauberen Krieg ist was für Selbstmörder und Zivilisten – und ich will weder das eine noch das andere in meiner Truppe haben. Der Gegner ist kein Mensch und kein Akarii, kein Individuum – er ist nur Ziel, eine Ansammlung von Risiken und Chancen. Risiken, dass er euch erwischt, Chancen, ihn auszulöschen. Es zählt nur, dass Ihr siegt, egal, was dazu nötig ist.
Seht euch eure neuen Kameraden genau an. Ihr werdet euer Leben in ihre Hände legen und sie ihr Leben in eure. Respektiert das gefälligst. Ich halte nichts von diesem „Wir-sind-alle-eine-große-Familie“-Scheiß. Aber wenn ihr euch nicht von den Nachbarmann verlassen könnt, dann könnt ihr euch gleich eine Energieladung durch den Kopf jagen.
Ihr habt das wahrscheinlich schon im Drillcamp gehört – aber das hier ist nicht mehr die Ausbildung. Hier wird scharf geschossen. Ich will im Einsatz keine Extratouren und keine Drückeberger. Wenn der Befehl kommt, eine feindliche Stellung zu stürmen, dann werdet Ihr angreifen. Wenn der Befehl kommt zu töten, dann tötet ihr. Mit dem Impulsgewehr, der Handgranate, dem Dolch, dem Kolben, den bloßen Fäusten. Oder mit den Zähnen! Wer von euch Grünschnäbeln schlappmacht, sich drücken will, dem garantiere ich nur eins: entweder die Akarii erwischen ihn, oder ich. Er kommt auf jeden Fall nur noch als Leiche nach Hause.
Wir sind nicht die Panzertruppe und nicht die Jagdflieger, die vom Feind nur einen Punkt auf dem Radarschirm sehen. Wir sind die Frontlinie, wir liquidieren den Feind - auch im Nahkampf, auch während wir ihm in die Augen blicken. Wer das nicht verkraftet, ist tot.
Noch etwas, dass Ihr euch einprägen solltet: der Tod ist eine Konstante. Merkt euch die Regel: es ist egal wer du bist, für wie toll du dich hältst oder was für eine Ausbildung du hast. Wenn du zur falschen Zeit am falschen Ort bist, erwischt es dich. Macht euch das klar. Im Einsatz müsst Ihr zu jeder Zeit und in jedem Augenblick wachsam sein. Beherzigt das und Ihr überlebt vielleicht.“
Schiermer fixierte sie weiterhin. „Einige von euch sind bereits erfahrene Marines. Andere kommen frisch aus der Ausbildung. Mein Corporal und ich werden uns jetzt ein Bild von eurem Leistungsstand machen. Das bedeutet Nahkampf, Marines. Gibt es einen Freiwilligen für die erste Runde?“
Niemand meldete sich.
„Dann werde ich jemanden bestimmen.“
Schiermer schritt wieder die Reihen ab und blieb bei Howard stehen. Er fixierte ihn lange. Und sah dann direkt Davis an. „Sie zuerst, Private.“
„Jawohl, Sarge!“ Jean Davis trat steif aus der zweiten Reihe vor und stellte sich ebenso steif vor dem Master Sergeant auf. Der gab seine Mütze ab und zog die Jacke aus. „Wollen wir doch mal sehen, was man Ihnen in der Grundausbildung beigebracht hat.“
Nun legte auch die Private Mütze und Jacke ab. Man konnte ihren Oberkörper nicht gerade als muskulös bezeichnen, aber sie schien drahtig zu sein. Ihr Blick wurde verbissen, als sie in die Grundstellung für einen Faustkampf ging.
„Greifen Sie an, Marine.“
Ohne Ansatz spurtete Davis los und versuchte, einen Schwinger auf dem Gesicht Schiermers zu versenken. Der Sarge tänzelte sie einfach aus. Er war vielleicht alt, aber gewiss nicht langsam.
Davon ließ sich Davis aber nicht beeindrucken. Sofort griff sie wieder an, schlug zu und traf den harten Block des Sergeants. Sie wirbelte zu einem Kick herum, der unweigerlich den Kopf des Vorgesetzten getroffen hätte, wenn dieser nicht in einer vollkommen unorthodoxen Verteidigung die junge Frau einfach umgeworfen hätte.
„Lachhaft“, kommentierte Schiermer, als sie sich wieder aufrappelte. „Ist das alles, Private? Dann sollte ich Sie wieder in die Grundausbildung zurück schicken.“
In ihren Augen zeichnete sich blanke Panik ab. Sie ging wieder in die Grundstellung und griff erneut an. Drei Hiebe und einen Tritt später lag sie am Boden und hatte Schiermers linken Arm um den Hals gewunden. „Ja, ich schicke Sie definitiv zurück, Private. Anfänger kann ich in meinem Platoon nicht brauchen.“
Davis stemmte sich in den Körper ihres Vorgesetzten und drückte sich mit einer unglaublichen Kraftanstrengung hoch. Dann ergriff sie den Arm um ihren Hals und versuchte den schwereren Mann über sich hinweg zu hebeln. Es scheiterte, weil der Sarge ihr ein Bein unter dem Körper wegsäbelte.
Schiermer schüttelte den Kopf und schubste sie zu Boden. „Lachhaft.“
Davis wirbelte herum. „Ich muss mit!“ Der Ernst in ihren Worten ließ keinen Zweifel daran, dass sie alles daran setzen würde, um dieses Ziel zu erreichen.
„Warum glauben Sie, dass ich eine derart dilettantische Nahkämpferin als Marine in meinem Platoon behalten will? Was haben Sie überhaupt für ein Interesse daran, ein Marine zu werden?“
„Ich“, presste sie zwischen zusammengekniffenen Lippen hervor, „will Akarii töten. Dieses Platoon geht auf die COLUMBIA, und die geht an die Front! Ich muss dabei sein!“
Schiermer hob eine Augenbraue. Das sollte eine Private eigentlich nicht wissen können. So gut war der Latrinenfunk nun auch wieder nicht.
„Das ist wenigstens mal ein anständiges Ziel. Nun gut, Sie kriegen Ihre Chance, Private. Aber wenn mir Ende der Woche nicht gefällt, was ich sehe, gehen Sie zurück. Das gilt für Sie alle! Zurück ins Glied, Private Davis“
Schiermer grinste Howard an. „Na, wie ist es, wollen Sie es mal probieren, Private? Besser als Davis sollten Sie doch sein, oder?“
Der junge Marine war größer und etwas kräftiger gebaut als der Master Sergeant, der selbst ein großer Bulle war. Er schien sich aber recht gute Chancen auszumalen, als er freudig – etwas zu freudig – vortrat. „Ja, Sarge.“
Die beiden gingen in Grundstellung, Schiermer sprintete los, unterlief den Schlag des Private und versenkte seine linke Faust tief im Bauch des Gegners. Doch damit nicht genug, der Sarge löste sich von seinem Gegner, landete mit der Rechten einen kräftigen Schwinger in Howards Gesicht. Als der Marine ob der Gewalt des Treffers vorwärts taumelte, setzte Schiermer einen Sicheltritt an, der den Private von den Füßen holte und schmerzhaft zu Boden schickte. Dort blieb er benommen liegen, bis er es endlich schaffte, Atem in die gequälten Lungen zu saugen.
„Davis, ich glaube, Ihre Chancen im Platoon zu bleiben sind gerade gestiegen. Vielleicht schicke ich nur den da zurück“, spottete der Master Sergeant.
„Corporal, Zweiergruppen bilden lassen und Nahkampf trainieren.“
Mit diesen Worten klaubte er seine Jacke und die Mütze vom Boden auf und trat ab.
Jean Davis aber ballte die Hände zu Fäusten und starrte ihm hinterher. Es war ihre gottverdammte Pflicht, auf die COLUMBIA zu kommen! Die Marines waren die schnellste Möglichkeit dafür. Ihr Ticket direkt in den Krieg.
Ironheart
24.03.2004, 14:55
Ursprünglich von Ace Kaiser
Als Commander Chun erwachte, registrierte er benommen, dass der Boden wackelte und schaukelte. Von diesem Moment bis zur Erkenntnis, dass es sich nicht um ein Erdbeben handelte, sondern um einen Akarii, der ihn trug, vergingen ein paar Sekunden.
„Lllllassen Sie mich“, krächzte er. „Kannalleinegehn…“
„Nein, Commander, das können Sie nicht. Ihre Wunden haben sich infiziert. Sie haben hohes Fieber. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Weg noch am Tag fortzusetzen und so schnell wie möglich eine menschliche Behausung zu erreichen. Sie brauchen dringend Medizin, sonst überleben Sie nicht lange.“
Chun versuchte dagegen aufzubegehren, aber Ry Hallas war stur wie ein Panzer.
Wie durch einen dichten Nebel registrierte Chun, dass Hallas seine Krücken zurück gelassen hatte. Er war auf den Rücken des Akarii geschnallt, seine Hände vor der Brust des Artan zusammen gebunden, damit er nicht herabfiel. Die Sonne stand noch recht hoch, Hallas musste sehr hektisch aufgebrochen sein. Stand es wirklich so schlimm um ihn?
Und wieso machte sich der Akarii mit seinem Kerkermeister so viel Mühe?
„Danke“, hauchte er und nickte ein.
**
Als Commander Chun diesmal wieder erwachte, lag das daran, dass Ry Hallas ihn heftig am Arm rüttelte. „Wir haben eine Straße erreicht, Archon. Ein Schild belehrt uns, dass eine Art Siedlung drei Meilen entfernt ist. Die Frage ist nur, gibt es diese Siedlung noch, oder ist dies hier verlassenes Gebiet?“
Verzweifelt versuchte Chun seine Gedanken zu ordnen. „Wwwie… Wie heißt die Siedlung?“
„Harris Springs.“
Der Name sagte dem Commander überhaupt nichts. Konnte das eine Geisterstadt aus den Anfängen der stellaren Raumfahrt sein? „Wir müssen…Wir müssen es riskieren, Artan“, hauchte er und drohte wieder einzunicken.
Doch ein rasend stechender Gedanke riss ihn wieder ins Bewusstsein. „Wawawarten Sie, Hallas! Ich muss Ihnen was Wichtiges sagen…“
Der große Akarii stoppte. „Sprechen Sie, Archon.“
„Dies… dies ist nicht das Texas-System. Sie sind im Sol-System. Die Menschen… Die Menschen sind keine Akarii gewöhnt. Es kann…sein, dass man Sie in Panik erschießt oder schwer verletzt.“
„Ist das nicht der Hauptgrund für die Verlegung von dreihundert Akarii auf die Erde?“, fragte Hallas geradeheraus. „Panik?“
„Ja“, gestand Chun und nickte wieder ein.
Nach einem unruhigen Dämmerschlaf zuckte Chun hoch und sah, dass eine Ansammlung kleiner Bungalows tatsächlich näher gekommen war. Und sie schienen sogar bewohnt zu sein.
Eine junge Frau trat mit einem vollen Wäschekorb heraus, pfiff dabei ein fröhliches Lied. Als sie den Akarii mit dem halb toten Menschen erkannte, ließ sie den Korb entsetzt fallen, schlug die Hände vor das Gesicht und lief wieder ins Haus.
„Wa-warten Sie!“, krächzte Chun mit einer Stimme, die er kaum als seine eigene erkannte. „Wir brauchen Hilfe.“
Ry Hallas brach in den Knien ein. „Weiter kann ich nicht, Archon.“
Nebeneinander stürzten sie zu Boden. Ry Hallas nahm die Arme des Menschen um seinen Hals ab und trennte die Fesseln auf.
Die junge Frau kam zurück, in der einen Hand einen Krug mit Wasser, in der anderen einen Erste Hilfe-Kasten.
Sie kniete neben den beiden erschöpften Gestalten nieder und schien sich nicht entschieden zu können, wem sie zuerst helfen sollte.
„Commander Chun zuerst“, hauchte Hallas. „Er hat hohes Fieber.“
Sie gab dem Commander als Erstem zu trinken, ließ ihn kurze Schlucke machen. Danach gab sie dem Akarii zu trinken, bis der Krug leer war. „Es wird alles gut. Ich habe den Sheriff alarmiert. Er hat sofort ein Rotkreuzshuttle in Fresno angefordert. Es wird jede Sekunde hier sein.
Clark und der Sheriff kommen sicher auch gleich, dann bringen wir Sie erst mal ins Haus.“
Sie strich sich eine Sträne ihres Haars aus dem Gesicht. „Ich bin übrigens Alice.“
„Lieutenant Commander Chun Wei. Navy“, krächzte der Commander und stemmte sich auf die Ellenbögen. „Haben Sie fiebersenkende Medikamente in Ihrer Box?“
„Leider nein, Sir. Nur Pflaster und Verband.“
„Alice, was machst du da? Das ist ein Akarii, ein verdammter Akarii!“, blaffte eine harte Männerstimme.
Die junge Frau erwiderte: „Ein erschöpfter Akarii, der einen Offizier der Navy bis an die Grenze der Belastung durch die Wüste geschleppt hat, Orwell Brown. Also halt die Klappe und hilf mir, Lieutenant Commander Chun und dann den Akarii ins Haus zu schaffen. Wie heißen Sie eigentlich?“
„Ry Hallas, Jägerpilot.“
„Wir sollten ihn hier draußen in der Sonne vertrocknen lassen“, brummte der Mann wütend.
Was ihm eine Ohrfeige einbrachte. „So redet ein Christenmensch nicht.“
„Außerdem ist er… mein Gefangener. Ich bin für ihn verantwortlich. Tun Sie was in Ihrer Macht steht, um mich zu unterstützen.“
„Sicher, Lieutenant Commander. Also, du am Kopf, ich an den Füßen. Wir holen Sie auch gleich, Ry Hallas.“
Chun spürte, wie er hoch gehoben wurde. Danach bettete man ihn auf eine weiche Couch. Einig Zeit später öffnete er die Augen und erkannte Ry Hallas auf einem anderen Teilstück. Der Raum war mittlerweile regelrecht überfüllt. Die Menschen drängten sich darin, und der Sheriff versuchte die Unordnung in den Griff zu kriegen. „Also, alle raus, die den Akarii gesehen haben. Ein Shuttle aus Fresno ist bereits unterwegs, und von Fort von Bein haben sie schon einen Trupp Marines geschickt.“
Chun ergriff die Hand des Sheriffs. „Hören Sie, mein Shuttle wurde über der Wüste abgeschossen, als ich mit einigen Akarii und Begleitschutz vom Gefangenenlager zu einem medizinischen Seminar unterwegs war.
Es gibt noch einen Akarii, der überlebt hat. Sie müssen ihn finden. Und Sie müssen aufpassen, dass Sie nicht auch abgeschossen werden!“
„Richard Anderson von der LA Gazette. Würden Sie das wiederholen, Commander? Es gibt Akarii auf der Erde?“
„Was macht der Reporter hier?“
„Der hat bei Mae zu Abend gegessen und ist gleich los gerannt, als er das mit dem Akarii gehört hat, Bob.“
„Versprechen Sie mir, Sheriff, suchen Sie meinen Gefangenen!“, hauchte Chun.
„Ich verspreche es. So, und jetzt alle raus hier, auch Sie, Mr. Anderson. Die beiden brauchen Ruhe. William, rufe Poindexterville an, ich brauche Sheriff Ducruex und seine Leute. Wir machen eine Rastersuche wie in den Übungen.“
„Eine Frage noch, Commander, wie viele Akarii sind auf der Erde? Mehr als tausend? Werden sie uns gefährlich werden können?“
„Nun aber raus, Schreiberling.“
Es kehrte Ruhe ein. Nur unterbrochen vom leisen Plätschern von Wasser. Jemand legte Chun an den Gelenken und auf dem Kopf Kompressen an.
„Die Medikühlpacks brauchen noch ein paar Minuten. Bis dahin muss es so gehen. Und das Shuttle aus Fresno müsste auch gleich kommen.“
„Danke“, hauchte Chun. Er öffnete die Augen und sah zu Ry Hallas. Der Akarii hatte sich aufgerichtet und dabei die Kompresse auf seiner Stirn verloren. „Wind kommt auf“, murmelte er. Kurz darauf landete das Shuttle aus Fresno mit dem Notarzt.
**
Eine Stunde später berichtete die LA Gazette exklusiv und mit einem fünfseitigen Sonderbericht über den Vorfall. Die Schlagzeile lautete: AKARII AUF DER ERDE!
Im weiteren Bericht wurde auf den überlebenden Akarii und seinen entbehrungsreichen Marsch mit dem verletzten Navyoffizier eingegangen und die Leistung und die Ehre von Ry Hallas hoch gerühmt.
Dennoch las kaum jemand weiter als bis Seite zwei, wo bereits wieder auf den laufenden Krieg eingegangen wurde. Zwei Stunden später war es das Topthema in jeder Nachrichtensendung. Und weitere drei Stunden später fanden ausgerechnet Reporter das Wrack des Shuttles und den halbtoten Akarii Gin Banto.
Noch während ein Shuttle ihn abtransportierte, gingen die Bilder von ihm um die Welt.
Ironheart
24.03.2004, 14:56
Ursprünglich von Cattaneo
Bereit für alles
In Lightnings Büro sah es nur bedingt so aus, wie man es bei einer Staffelkapitänin erwartet hätte. Sie hatte natürlich ein paar Familienphotos parat, denn darauf verzichteten nur wenige Soldaten. Es gab den meisten mindestens soviel Trost wie die selteneren Kreuze, Götterstatuen, religiösen Banner und dergleichen, die manche parat hatten. All dies sagte einem, das da etwas war, auf das man sich verlassen konnte – der Glauben war in der Hinsicht ebenso nützlich wie die Erinnerung an daheim.
Es fehlten allerdings die etwas angeberischen Souvenirs, die in den meisten der neuen Filmstreifen auf den Tischen der menschlichen Eliteflieger zu finden waren. Seien es nun Teile von Schiffswracks, Bruchstücke des ersten eigenen „zu Tode gerittenen“ Jägers, Schnappschüsse von zerstörten Akarii- oder Piratenschiffen oder was dergleichen mehr war. Ihre Laufbahn hatte ihr durchaus die Möglichkeit gegeben, mit dergleichen zu protzen, hätte sie es darauf angelegt - immerhin gehörte sie zur Elite des Geschwaders. Nun, vermutlich war zumindest ein Pilot ihrer Staffel besser als sie, wenn es um die reine Fliegerei ging, zumindest war er es gewesen, denn sie hatte dazugelernt, so daß dies nicht mehr so sicher war. Und zudem – an ihrer Stelle, auf ihrem Posten, hätte sich Claw vermutlich nicht sehr gut gemacht. Auch wenn er inzwischen seine disziplinarischen Probleme in den Griff bekommen hatte, er flog manchmal zu sehr auf Risiko, und sie zweifelte daran, daß er im Kampf auch nur über eine Sektion die Übersicht behalten würde. Das entsprach einfach nicht seinem Naturell, auch wenn seine „killing-rate“ über der ihren lag. Weswegen er immer noch Second Lieutenant war, und sie Lieutenant Commander. Vielleicht war es mal an der Zeit, ihm zumindest seinen alten Posten wiederzugeben, aber sie zögerte noch. Manchmal flog er immer noch wie jemand, der den Tod suchte. Und damit war und blieb er als Führer ungeeignet, denn solche Piloten nahmen oft ihre Kameraden mit. Als ihr Flügelmann leistete er gute Arbeit, nachdem sie sich erst einmal aneinander gewöhnt hatten. Und sie würde daran nicht so schnell etwas ändern. So hatte sie ihn unter Kontrolle, und an der Leine, als ihr Kettenhund – so hatte sie zumindest den Eindruck – leistete er nicht weniger als er in „Freiheit“ hätte erreichen können. Und dabei blieb er am Leben, und gefährdete auch keinen anderen.
Es gab auch keine Orden oder Belobigungsschreiben unter Glas, von denen die Filmhelden zumeist etliche hatten, wiewohl Lightning dergleichen durchaus besaß. Sie empfand es allerdings als ein wenig lächerlich, wenn man die eigenen Verdienste zu sehr zur Schau stellte. Ein Offizier, der dies nötig hatte, so ihre Philosophie, mit dem konnte sonst nicht viel los sein. Oder er spekulierte darauf, daß es ihm bei einem zufällig hereinschneienden Reporter oder Inspektionsoffizier nützen würde. Nein, sie brauchte es ihren Leuten nicht unter die Nase zu reiben, wie gut sie war und was sie alles schon erlebt hatte. Die Mundpropaganda funktionierte sowieso, und ein übertriebenes Hinweisen auf die eigenen Genialität – so dachte sie ironisch – konnte auf niedere Dienstgrade verletzend oder einschüchternd wirken, beides gehörte nicht zu ihren Erziehungsmethoden. Wenn sie jemand „fertigmachen“ wollte, dann genügte ihre Stimme schon, so hoffte sie zumindest.
Was hingegen einen „Ehrenplatz“ einnahm, waren die Kaffeemaschine, ein solider Trinkbecher sowie ein Wasserglas und einige Packungen mit Tabletten – vor allem gegen Kopfschmerzen und Müdigkeit. All dies waren unentbehrliche Waffen im Kampf gegen den täglichen Papierkram. Obwohl sie sich manchmal eher einen Aktenvernichter gewünscht hätte...
Es gab auch keine Bilder verflossener Liebe – von früheren Staffeln oder Schiffen. Lieutenant Commander Parker bemühte sich immer, jede Staffel und jedes Schiff nach Möglichkeit so zu behandeln, als seien sie die „einzigen“ für sie. Sich allzusehr an die Vergangenheit zu klammern, war dabei nur Ballast. Es war nicht so, daß nicht einige Einheiten oder Schiffe in ihrer Erinnerung einen Ehrenplatz einnahmen – aber sie wollte weder bei ihren Untergebenen noch bei den Offizierskameraden den Eindruck erwecken, als betrachte sie ein anderes Schiff, eine andere Staffel als hochwertiger. So etwas war nicht gut für das Selbstvertrauen der Untergebenen, außerdem war es ungerecht. Und zudem – sie wollte das Schiff, auf dem sie Dienst tat, auch nicht kränken, denn nach altem Raumfahrerwissen wußte es dies und nahm es möglicherweise übel. Außerdem erleichterte dies das Abschiednehmen, was ohnehin zum Soldatenberuf, viel mehr aber noch zum Krieg gehörte.
Vor dem Schreibtisch waren zwei Stühle plaziert, ein dritter stand in der Ecke. Sie bestand selten darauf, daß ihre Gäste die ganze Zeit „Männchen machen“ mußten, vor allem, wenn es um eine längere Unterredung ging. Außer, es war einmal wirklich notwendig, ihre Autorität ins Spiel zu bringen, dann erledigte man das am besten so gründlich wie möglich. Aber sie hatte dies vielleicht wegen ihres eher ruhigen Führungsstils selten nötig – und war nicht wenig stolz darauf.
Heute war dies jedenfalls nicht der Fall. Ihre beiden Gäste – die Führer der Sektionen ihrer Staffel – waren nun wirklich nicht die Sorte von Menschen, die man disziplinieren mußte. Blackhawk war dazu viel zu ruhig und erfahren, und Lilja war, trotz ihres mitunter heftigen Temperaments, zu sehr damit beschäftigt, sich als Mustersoldatin zu präsentieren. Beide stellten ihre Befehle nie in Frage, zumindest bisher, leisteten akzeptable, sogar gute Arbeit – wenn man von einigen kleinen Schwächen abseits des regulären Dienstes absah, jedenfalls was Lilja betraf. Nichts definitives, aber inzwischen kannte sie die Russin gut genug, um einige Dinge mit ziemlicher Sicherheit zu wissen. Ihre Privatfehde mit ein oder zwei Geschwadermitgliedern, wenn man das so nennen konnte, und ihre etwas isolierte Stellung gehörten dazu, doch das war nicht das einzige. Aber in der Hinsicht hatte sich Lightning dazu entschlossen, beide Augen zuzudrücken und ihrer XO weitestgehende Toleranz zu gewähren. Immerhin kannte sie die Hintergründe...
Sie nickte beiden aufmunternd zu: „Nun, wie wir alle wissen geht es morgen los. Bleibt die Frage – wie steht es so?“ ,Es‘, das bezog sich auf den Bereitschaftsstand der Staffel. Natürlich hatte sie selber auch ein gutes Auge dafür, sie war ja auch mal XO und Sektionsführerin gewesen. Aber manchmal konnten die niederen Dienstgrade Dinge wahrnehmen, die ihr verborgen blieben. Außerdem ließen ihr die Pflichten als Chefin nicht so viel Zeit, wie sie gerne gehabt hätte.
Blackhawk ließ Lilja mit einem leichten Nicken den Vortritt. Weniger aus Galanterie, aber immerhin war sie stellvertretende Kommandeurin und für das Trainingsprogramm verantwortlich. Die Russin nahm, übrigens überflüssiger Weise, Haltung an. Selbst in einem Sessel konnte sie quasi strammstehen: „Ich würde sagen, wir sind so bereit, wie wir nur seien können. Die Piloten haben sich von ihrem Urlaub erholt.“ Damit meinte sie nicht etwaige ,Entbehrungen‘ während der freien Zeit, sondern den Umstand, daß Soldaten nach einem Urlaub oft ein wenig brauchten, ehe sie wieder ganz auf Krieg umschalteten. Lightning wußte, daß Lilja die Staffel hart rangenommen hatte, in der Hinsicht war auf ihr Wort verlaß. „Ich habe die Leistungen bei den Übungen und vor allem beim Geschwadermanöver mit den bisherigen im Ernstfall verglichen und würde sagen, wir sind auf altem Niveau.“ Die Staffelführerin nickte versonnen. Sie hatte darauf gehofft, daß die Piloten den Verlust ihres Trägers gut verarbeiten würden. Es war schon mehr als einmal vorgekommen, daß solche schweren Gefechte wie das bei Jollahran zu psychischen Schäden geführt hatten. Nicht gerade im Sinne einer echten Erkrankung – solche Leute wurden zumeist rechtzeitig aussortiert. Was sie gefürchtet hatte, war eher Unsicherheit und Angst vor einem erneuten Kampf gewesen, gebrochene Zuversicht – den Feind zu überschätzen konnte fast so schlimme Folgen haben, wie ihn gering zu achten und sich für unverwundbar zu halten. Wer mit der Gewißheit in den Kampf zog, geschlagen zu werden, dem geschah dies auch meistens. Aber offenbar hatte der Urlaub geholfen, die schlimmsten Schäden zu beheben. Und der öffentliche Rummel um die Schlacht, der den Soldaten das Gefühl gegeben hatte, mit ihrem Blut zumindest einen Sieg für die Erde erkämpft zu haben, hatte ein übriges getan. Sie selber sah das Gefecht wesentlich kritischer, aber das behielt sie für sich.
„Blackhawk – wie machen sich die Neuen?“ Der First Lieutenant zuckte leicht mit den Schultern: „Angemessen. Ich würde sagen, el Cid hat gute Anlagen. Er ist nicht waghalsig, aber er ist da, wenn man ihn braucht. Kein Kamikazetyp, aber ich denke, man kann sich auf ihn verlassen. Immerhin hat er ja mit drei Abschüssen schon einige Erfahrung. Soweit ich das beurteilen kann, hat er vor den Akarii gehörigen Respekt, aber nicht zuviel. Nun, er will wohl zu seiner Familie zurückkehren, deshalb kann ich mir vorstellen, daß er lieber auf Nummer Sicher geht.“ Er grinste leicht, als er sah, wie Lilja die Lippen schürzte. Sie war zwar auch keine Selbstmörderin, aber anders als Blackhawk – der Karankas Motive und Einstellung verstand – war sie doch eher darauf fixiert, den Gegner zu vernichten und hatte dabei mehr als einmal die eigene Sicherheit hinten angestellt. Ihre Stimme klang scharf: „Wenn er Feigheit zeigt...“ aber Blackhawk winkte nur ab: „Nein, das meine ich nicht. Er wird bloß nicht leichthin Kopf und Kragen riskieren. Er ist für seine Familie hier – um sie zu beschützen, aber auch, um zu ihr zurückzukehren“ Die Russin schien immer noch nicht ganz zufrieden, vielleicht auch, weil sie versteckte Kritik witterte – immerhin hatte SIE sich ja schon zwei Verletzungen im Krieg eingefangen. Aber dann ließ sie es auf sich beruhen.
Der First Lieutenant fuhr fort: „Marine zeigt gute Anlagen – sie könnte vermutlich eine bessere Pilotin werden als el Cid, der eher im guten Mittelmaß liegt. Aber ihr fehlt es an Erfahrung. Wir haben ihr aber mitgegeben, was möglich ist. Wie sie sich genau in einer Kampfsituation verhält, kann man vorher natürlich nicht sagen. Aber sie wird es schon machen.“
Lightning schien nicht wunschlos glücklich, aber sie wußte, den hundertprozentig perfekten Piloten gab es nur im Film. Und mit SOLCHEN Typen hätte sie bestimmt nicht gegen die Akarii fliegen wollen. Manche dieser Schauspieler schienen zu meinen, sie verstünden tatsächlich was vom Krieg...
„Na, das wird reichen müssen. Ich verlasse mich dabei auf Sie und Virago.“ Beide Flightführer galten als geübt darin, andere am Leben zu erhalten, und sie hatten genug Kampferfahrung.
„Wie steht es mit Tyr?“
Lilja Gesichtsausdruck schien Zufriedenheit zu signalisieren – was bei ihr eher selten der Fall war: „Es gibt mit ihm keinerlei disziplinarischen Probleme. Ich würde sagen, er fliegt nicht gerade phänomenal, aber ist guter Durchschnitt. Und er hat sich in die Einheit gut eingefügt, würde ich sagen.“ Lightning grinste. Zunächst, das wußte sie, war das Verhältnis von Lilja und Tyr ein wenig gespannt gewesen. Die Russin hatte ein wenig gefürchtet, der ältere Pilot würde eventuell etwas dagegen haben, von einer wesentlich jüngeren Gleichrangigen herumkommandiert zu werden. Tyr wiederum schien Liljas verbissenen Diensteifer ein wenig übertrieben zu finden. Außerdem hatte es da wohl noch Streit darüber gegeben, wo er sich ein paar Blessuren eingefangen hatte Lilja hatte es als Angriff auf ihre Autorität aufgefaßt, als der Pilot eisern dichtgehalten hatte. Aber schließlich hatte sich das geklärt, wenn auch auf unkonventionelle Art und Weise...
Bei einem der üblichen Übungskämpfe – Lilja ließ nichts aus in ihrem Trainingsmarathon, und sie erwartete natürlich, daß die anderen ihr folgten – waren die beiden gegeneinander angetreten. Natürlich nicht ernsthaft, SO weit wären sie wohl beide nicht gegangen. Jedenfalls aber hatte der Schwede zwar seiner Vorgesetzten einige Hiebe verpaßt, aber er hatte sich in gewisser Weise geweigert, mit vollem Einsatz gegen sie zu kämpfen. Irgend etwas schien ihn daran zu hindern, obwohl keiner ausgerechnet bei ihm Galanterie erwartet hätte. Jedenfalls wollte er offenbar eine Frau nicht schlagen. Worauf ihn Lilja zu Boden geschickt hatte, denn sie hatte das nun wieder als Geringschätzung verstanden.
Danach hatte er sich wohl dazu durchgerungen, sie für voll zu nehmen, und die Russin hatte sich damit zufriedengegeben. Lightning wußte nicht, ob er mit der Wahrheit rausgerückt war, wo er seine Blessuren her hatte, aber jedenfalls waren die beiden danach besser miteinander klargekommen. Wenn ja, dann mußte es etwas gewesen sein, was Lilja akzeptieren konnte. Auch sie hatte ihren Rangkollegen – der im Einsatz jedoch jeden ihrer Befehle würde befolgen müssen – danach wesentlich entkrampfter behandelt. Nicht mehr mit dem Gedanken, austesten zu müssen, ob er im Ernstfall ihren Anweisungen Folge leisten würde und ob er ihre Position als XO respektierte.
„Außerdem“ fügte die Russin hinzu: „Scheint er sich gut mit den Starlancern zu verstehen. Seit diesem dämlichen Testosterongehampel, das unser Geschwaderstinktier abgezogen hat, ist das Verhältnis ja etwas gespannt gewesen. Aber mit Tyr kommen sie offenbar gut klar, und das färbt auch auf die Staffel ab.“ Lightning musterte ihre XO mißtrauisch. Da hatte es einen gewissen Unterton in Liljas Stimme gegeben...
So als ob sie etwas wüßte, sich offenbar köstlich darüber amüsiere – und es für sich behielte. Das Gesicht der Russin jedenfalls war die personifizierte Unschuld. Was einem Geständnis gleichkam, denn ein solcher Gesichtsausdruck gehörte nicht zu ihrem üblichen Gebaren. Aber Lightning legte dies mit einem mentalen Achselzucken vorläufig zu den Akten. Sie hatte freilich den Verdacht, daß dies etwas damit zu tun hatte, daß Tyr anders als seine Geschwaderkameraden keinen Ausgang bekommen hatte.
„Na, das freut mich aber. Ich möchte nicht, daß wir hier als Bande von Streithammeln und Angebern in Erinnerung bleiben.“ Lilja nickte enthusiastisch, doch dann hustete leise und preßte sich die Hand vor den Mund – auf die Art und Weise, wie man ein Kichern kaschierte. Dies brachte ihr von der Staffelchefin einen gespielt finsteren Blick ein und die Bemerkung: „Wenn Sie nicht gesund sind, sollten Sie zum Arzt gehen.“
Lightning wußte, gewisse Dinge gab es, die besprachen Soldaten kaum einmal mit ihren Vorgesetzten. Krumme Touren wurden in allen Einheiten gedreht, das war ihr klar – schließlich war sie selber auch mal Second Lieutenant gewesen. Nun ja, sie kannte Lilja, und die hätte nichts geduldet, was den Dienstbetrieb gefährdet hätte. Wenn Tyr bei einem Wettsaufen mit selbstgebranntem Schnaps den ersten Platz erobert hatte, nun es gab Schlimmeres als das. Oder womit man sich sonst die Achtung anderer Piloten verdiente, es gab da die wildesten und unglaublichsten Geschichten, die teilweise sogar wahr waren.
Trotzdem klang Lightnings Stimme ausgesprochen trocken: „Schön, das wäre also geklärt. Staffel ist also voll einsatzbereit – sehr gut.“ Sie wußte, welche Frage ihren Untergebenen auf der Zunge brannte: „Nein, ich weiß nicht, wo sie uns genau hinschicken werden mit der Columbia. Sie machen wieder mal ein Geheimnis draus.“ Letzteres gefiel der Staffelkommandeurin ganz und gar nicht. Die letzten zwei Einsätze, um die man so ein Gewesen gemacht hatte, Troffen und Jollahran, hatten sich als äußerst kostspielig für die TSN entpuppt, und ihr Geschwader hatte dabei auch bluten müssen. Irgendwie schafften es diese Eierköpfe, trotz strengster Geheimhaltung die Sache zu verbocken, mochte der Teufel wissen wie. Das war wohl so eine Art Naturtalent von denen.
Ironheart
24.03.2004, 14:56
Ursprünglich von Cattaneo
Am selben Abend
Der Raum lag im Halbdunkel. Das lag weniger daran, daß die Männer und Frauen ihrem Treffen das Flair des Geheimnisvollen geben wollten. Obwohl es gepaßt hätte. Nein, hier diente das allein dem Zweck, eine Entdeckung zu verhindern. Auf der geräumigen Militärbasis gab es immer ein Plätzchen, an dem man sich treffen konnte. Viele Piloten nutzen das für ihre kleinen Nebengeschäfte, für illegales Glücksspiel oder für romantische Treffen. Nun, wenn man das Romantik nannte...
Aber es gab auch wesentlich ernstere Dinge, weswegen manche die ,Abgeschiedenheit‘ suchten, auch wenn die Zeiten der Duelle im Morgengrauen schon lange vorbei waren – außer in der Legende...
„Also, ich bin immer noch dafür, daß wir dem Dreckschwein den Heiligen Geist geben – damit er kapiert, daß er hier nicht willkommen ist. Und diesmal so, daß keiner einschreitet. Dieser dämliche Reisfresser und seine Matratze...“ die Stimme war die eines Mannes. Eines sehr wütenden Mannes, doch keineswegs erfüllt von blinder Raserei. Eher voll grimmiger Entschlossenheit.
Die Antwort gab eine Frau – sie klang kalt, aber gelassen: „Er konnte ja wohl kaum wissen, was da los war. Schließlich hatte es ihm keiner angekündigt. Was sollte er denn denken? Also bitte keine Racheakte, ja? Er hat seine Strafe sowieso bekommen, denke ich. Ein paar Hiebe und dazu Ausgangssperre. Wäre besser gewesen, unsere Helden hätten sich vorher abgesprochen und das Terrain erkundet. Allerdings - die Idee an sich war ja in Ordnung.“ Eine der schemenhaften Gestalten kicherte: „Was die Strafe angeht, da werden Ohka und Kali sich schon drüber weg getröstet haben. Immerhin dürften 90 Prozent der Vögel ausgeflogen sein...“
Die Stimme der Frau klang genervt: „Darüber kannst du meinethalben unter der Bettdecke nachdenken, wir sind nicht deshalb hier!“ Ein Vierter mischte sich ein, ehe der Strei eskalieren konnte. Auch wenn sie zusammensaßen, nicht in allem waren die Anwesenden einer Meinung. Und der fragwürdige Status ihres Treffens machte einige nervös. Der Sprecher hingegen schien vollkommen ruhig: „Das reicht! Wir sollten uns nicht wie die letzten Rekruten benehmen! Entschuldige dich, und dann ist Schluß.“ Die Frau knurrte etwas, doch dann kamen ein paar Sätze, die wie eine Entschuldigung klangen, über ihre Lippen. Die offenbar nicht gewohnt waren, derartige Worte zu formulieren. Die Annahme war ebenso unwirsch, aber wurde anscheinend gleichfalls akzeptiert.
Dann kam sie zum Thema zurück: „Ich würde sagen, wir sollten dem Banditen eine Chance lassen. Ja, er hat sie vielleicht nicht verdient, aber wir sollten das Urteil nicht ignorieren. Immerhin wurde er mangels Beweisen freigesprochen.“ Sie fügte nicht hinzu, daß mangels Beweisen etwas ganz anderes war, als wegen erwiesener Unschuld, doch jeder wußte es. Die Stimme des einen Mannes klang hitzig: „Sein Verhalten seit dem Prozeß legt nicht gerade den Schluß nahe, daß er sich einer Schuld bewußt ist und versucht, diese zu sühnen. Schließlich hat er gesessen. Meiner Meinung nach hat er seine Chance, seine Aufrichtigkeit zu beweisen, spätestens mit seiner Verurteilung wegen der anderen Sache verwirkt. Ich kann nicht nachvollziehen, wie sie uns so ein Stück Dreck unterschieben können.“ Der Widerspruch hielt sich deutlich in Grenzen. Einer warf jedoch ein: „Na, wenn er wirklich unschuldig ist, und alle haben ihn geschnitten – vielleicht ist er deshalb ausgerastet…“ Zweifel waren jedoch auch in diesen Worten deutlich hörbar. Nach ihrem Verständnis machte kein Soldat so etwas. Er hätte sich durch mustergültige Pflichterfüllung rehabilitieren sollen, egal wie sehr man ihn schikaniert haben mochte.
Die Frau mischte sich wieder ein: „Ich stimme zu. Selbst wenn er unschuldig wäre – er hat sich wie ein Verbrecher benommen. Wenn er wieder akzeptiert sein will – eigentlich sollte man so etwas in Strafeinheiten stecken und nicht unter richtige Soldaten – muß er mit Blut seine Schuld sühnen. Mit Akariiblut und seinem eigenen. Nur so kann er zeigen, daß er das Recht darauf hat, sich zu rehabilitieren. Zu uns zu gehören. Jeder hier hat bereits Akarii getötet, hat Kameraden verloren und sein Leben riskiert. Wir haben ein Recht darauf, von unseren Mitkämpfern nicht weniger zu erwarten.“ Das fand schließlich Zustimmung.
Eine zweite Frau, die bisher geschwiegen hatte, faßte es schließlich zusammen: „Also würde ich vorschlagen, wie verfahren wie folgt. Jeder wird seine Kameraden dazu anhalten, daß sie Noname klarmachen, daß er bis auf weiteres kein gleichberechtigtes Einheitsmitglied ist. Er muß sich diese Ehre erst noch verdienen. Warnt die anderen, sie sollen ihn im Auge behalten. Wenn er ein Verräter ist, wird er wieder rückfällig werden. Wer einmal aus dem Blechnapf frißt - einen Hund, der einmal gebissen hat, dem kann man das auch kaum mehr aberziehen. Aber diesmal wird ER sterben, kein Mitglied der TSN, dafür muß Sorge getragen werden.“ Sie warf einen Blick in die Runde: „Ich weiß, wir können niemanden zwingen, auf diese Warnungen zu hören. Aber das Verhalten von Noname ist eher dazu angebracht, uns Recht zu geben. Er erhält seine Chance, aber er wird teuer bezahlen müssen. Stimmt Ihr mir zu?“
Die Antworten waren nicht immer von Begeisterung erfüllt, aber in ihrem Inhalt eindeutig – sie waren sich einig.
Dies hier war natürlich kein offizielles Ehrengericht. Wenn es so was überhaupt gab. Einfach ein paar Piloten, alles Veteranen, die eine Übereinkunft trafen. Die Sprecherin nickte: „Dann ist es beschlossen.“
Das Klopfen an der Tür ließ alle auffahren. Natürlich würde ihnen niemand etwas beweisen können, außer er hatte gelauscht. Aber dennoch, das Treffen mochte Mißtrauen wecken, wenn es bekannt wurde. Und was sie taten war illegal – wenn auch kaum nachweisbar.
Der Wachposten trat ein – solche Vorsichtsmaßnahmen waren unerlässlich: „Abrücken, wir kriegen Besuch. Offenbar ein Pärchen…“ Derjenige, der vorhin gekichert hatte, warf einen spöttischen Blick in die Runde: „Schon wieder unser Samurai und Anhang?“ Die Antwort war trocken: „Nur wenn Ohka sich eine Neue zugelegt hat und über Nacht einen Kopf größer geworden ist.“
Sie nahmen den Hinterausgang und trennten sich sofort. Jeder machte sich auf den Weg zu seinem Quartier. Bald würden sie verlagern, und wenn sie erst auf der Columbia waren, wartete Arbeit auf sie…
Ironheart
24.03.2004, 14:57
Ursprünglich von Cunningham
Die Maschinen waren generalüberholt worden und den Energiegeschützen hatte man die interne Sicherheitssperre entfernt. Die Möglichkeit zu Übungen war immer noch gegeben, diese mussten jetzt jedoch ohne Lichteffekt durchgeführt werden, was ihnen einiges an Realität abnehmen würde.
Lucas überprüfte routinemäßig die Systeme seines Jägers.
Die Flanke unter seinem Namen war mit Abschussmarkierungen übersät. Die Heckflosse zeigte das Geschwaderwappen. Einen weiblichen Engel in einem sexy Lederoutfit, dessen Gesicht zu einer dämonischen Fratze verzerrt war und in der rechten ein Schwert schwang.
An der Nase war Lone Wolfs eigenes Wappen, jedoch kein Zähne fletschender Wolf, sonder ein schwarzer Schachspringer vor einer orange/roten Flamme.
Systematisch ging der Pilotenveteran die Checkliste durch. Die Maschine war im ausgezeichnetem Zustand. Sie kam direkt aus einem Reservedepot und die Bodencrews von Miramar hatten sie beim Eintreffen durchgecheckt und rund um gewartet.
Rechts und links von ihm arbeiteten die anderen Piloten der Schwadron und die Bodencrews an den Jägern. Sämtliche Piloten trugen ihre Flightsiuits.
Das Funkgerät im seinem Pilotenhelm erwachte zum Leben: "Okay Boss, alle Jäger sind, so weit fertig."
In Darkness Stimme schwang ganz schwach etwas Vorfreude mit durch.
"Roger", erwiderte Lucas nachdem er sich den Helm aufgesetzt hatte. "Radio, wie steht es mit den roten?"
"Ähm .... einen Augenblick, ich bin gerade bei Hacker." Lucas blickte nach rechts und sah zwei Piloten winken, Radio hatte sich Hackers Helm an die rechte Kopfseite gepresst. "Wir haben da noch eine kleine Unstimmigkeit, fünf Minuten."
Aus den fünf Minuten wurden sieben, dann zehn und schließlich zwölf, ehe Hacker Bereitschaft meldete.
Nach und nach wurden die Maschinen des Geschwaders von gelben Traktoren zu den vier Start- und Landebahnen gezogen.
Nach und nach hoben jeweils acht Maschinen hab, bis alle sieben Schwadronen in der Luft waren.
In einem langwierigen Ballet formierten sich die 84 Maschinen zu Sektionen und zu Schwadronen.
Über Funk kamen immer wieder Korrekturen der Staffelkommandanten und anderen Veteranen.
Besonders Radio und Skunk hechelten ihren Leuten geradezu gluckenhaft hinterher.
Nanu, wir wollen uns doch nicht in einen mustergültigen Offizier verwandeln, dachte Lucas belustigt, als Radio vor Shaka eingriff als Bob Marley seine Maschine etwas überzog.
Das Geschwader durchbrach wellenweise die Erdatmosphäre, da sie so nicht mehr daran gebunden wahren mit lächerlichen drei Mach zu schleichen, sondern auf 400 Kilometer die Sekunde beschleunigen konnten und nahmen Kurs auf Fort Lexington.
Auf halben Weg kam sie ihnen entgegen. Umringt von vier schweren Kreuzern glitt die Columbia durch das Weltall als es allein dafür geschaffen um solche Schiffe aufzunehmen.
Wie jeder Raumfahrer in der Tiefe seines Herzens wusste hatte es vor der Erfindung der ersten Raumschiffen kein Weltall gegeben. Und er war nur deshalb so unermesslich groß geworden, weil Schiffe dieser Größenordnung damit begonnen hatten seine entferntesten Orte aufzusuchen, seine Grenzen immer weiter zurückzudrängen, seine Weiten durch ihren unermüdlichen Forscherdrang zu erobern. Raumschiffe, immer größer und mächtiger, majestätischer waren das Glanzlicht des menschlichen Daseins.
Zumindest dachten die Raumfahrer so.
Ein Musiker hingegen würde sicherlich der Musik eine derartige Bedeutung geben. Es war eben Ansichtssache.
Lucas "Lone Wolf" Cunningham und mit ihm sicherlich viele andere Angehörigen der Terran Space Navy sahen jedoch die Flottenträger als Krönung der Menschlichen Evolution.
Und als er heute die Columbia vor der bläulichen Kugel seiner Heimatwelt sah wollte er eines Tages so ein Schiff kommandieren.
Aber den Gedanken dachten in diesem Moment wohl über 50 % der Angry Angles.
"Rein kommendes Geschwader, hier Flugsicherung TRS Columbia: Drehen Sie eine Ehrenrunde und halten sie sich bereit über Sektor Grün zwo eingeholt zu werden. Over."
"Angry Angles haben verstanden Over."
Das Geschwader folgte den Anweisungen, dann begann das Einschleuseverfahren.
Man merkte den Offiziere der Flugsicherung an, dass sie Profis waren und mit Hilfe des modernen ATLS der Columbia verlief der Landevorgang recht zügig und beinahe reibungslos.
Lucas war der erste der landete. Er überließ seinen Jäger sofort der Bodencrew und sprintete zum Eingang des Bereitschaftsraums für die zweite Alarmstartgruppe.
Es war der beste Platz, den er kriegen konnte um die Landungen zu beobachten, da er dort niemanden im Weg stehen würde.
Nach der vierten gelandeten Phantom begann auf dem Landedeck die Hölle auszubrechen.
Kaum das er sich suchend umblickte schien Chief Atti hinter ihm zu materialisieren: "Sir?"
"Ah, Bosun, Sie habe ich gesucht. Ich will zwei Jäger zur Bewaffneten Raumüberwachung draußen haben. Zwei Thypoon." Er dachte kurz nach und natürlich war Lightningparker immer noch in sein Gedächtnis eingebrannt. "Das übernimmt fürs erste die Grüne Schwadron, die brauchen noch etwas Training in Zusammenarbeit, also zwei auftanken, bewaffnen und ab durch die Röhren."
"Aye Sir, sonst noch etwas?"
"Ja, ich will auf Cat 3 und 4 einen Alarmstart 5 haben, zwei Phantome, stellen Sie ..." Lucas stockte, als er seine Liste überflog. Albert "Ace" Mbane. "... Mantis Shaw und Hacker Lambert, knallen Sie einer der Phantome Nahkampf- und der anderen Stadoff-Bewaffnung drunter."
"Sir." Der Buson salutierte und machte sich an die Arbeit.
Lucas hingegen ließ seinen Blick suchend über die größer werdende Gruppe von gelandeten Piloten kreisen: "Lieutenant Mbane! Kommen Sie mal her!"
Der große Schwarze legte einen kurzen Sprint hin, stoppte exakt 90 cm vor Cunningham und legte einen Salut hin, der dem eines Kadetten Ende ersten Jahr glich. Schwungvoll, präzise und zu vollsten Zufriedenheit der Ausbilder.
Der Gruß seines Geschwaderführers hingegen wirkte eher flapsig.
"Was soll denn der Scheiß?" Lucas deutete auf Alberts Callsign in der Liste, dass ihm bis eben unbemerkt geblieben war.
"Sir?" War die erschöpfende Antwort die er erhielt.
"Die Callsignänderung Lieutenant", Lucas holte tief und theatralisch Luft, "halten Sie das für gut?"
"Sir, Lieutenant Davis hat sich in eine Akariische Antischiffsrakete gestürzt, so eine ..."
"Ich kenne mehr als einen Piloten, der sein Leben auf die Weise aushauchte und nein, ich möchte von keinem den Namen annehmen", unterbrach Lucas den jungen Piloten, "Lieutenant Davis ist wie ein Held gestorben, dennoch war er alles andere als beliebt bei vielen seiner Kammeraden ..."
"Sir ..."
"Lassen Sie mich ausreden Mister. Es gibt in dieser Staffel mehr als einen toten Helden. Und ich glaube nicht, dass es klug ist so einen Querschläger wie Davis auf die Art hervorzuheben. Einige könnten auf den Gedanken kommen, dass andere gefallene Angles dadruch herabgewürdigt werden." Lucas pausierte kurz. "Sie können abtreten."
"Sir!" Mbanes Gruß viel um einiges weniger enthusiastisch aus als zuvor.
Ironheart
24.03.2004, 14:58
Ursprünglich von Ace Kaiser
Die COLUMBIA war ein Erlebnis sondergleichen. Albert hatte noch die gute alte REDEMPTION gekannt, und im Vergleich war dieser nagelneue Träger ein Luxushotel, und die ZEUS-Klasse eine bessere Schaluppe.
Sogar das Essen in der Kantine schmeckte besser, fand er.
Obwohl, im Moment malträtierte er es eher zu Tode.
Gedankenverloren verfolgte er die Nachrichten, die auf einer großen Leinwand im Hintergrund projiziert wurden. Eine Schlagzeile weckte kurz sein Interesse, in der enthüllt wurde, dass die Navy ein Akarii-Gefangenenlager auf der Erde unterhielt. Im Untertitel wurde die Gefahr eines Ausbruchs der Echsenabkömmlinge und die damit verbundene Gefährdung der Menschen unnötig weit aufgebauscht.
Doch auch das war nur ein Intermezzo bei Alberts Weg durch das Steak zum Boden des Tellers.
„Alles klar, Schwarzbrot?“, erklang eine Stimme hinter dem Afrikaner.
Albert sah sich um und erkannte Radio, die Tratschtante der Einheit und durch ein unglückliches Schicksal auch noch XO der Roten Staffel.
Ungefragt setzte sich Curtis Long. „Und wenn der Träger untergeht, ich bleibe hier“, erklärte er grinsend. „Kaum hast du mal nen halben Streifen mehr am Ärmel, schon denken alle, du hast die Pest im Gepäck.“
Albert ignorierte ihn und stocherte weiterhin in seinem Essen herum.
„Du hast doch irgendwas. Los, raus damit.“
„Damit du es übers halbe Schiff ausposaunen kannst?“, erwiderte Albert und sah erneut auf.
„Na klar, was hast du denn gedacht?“, erwiderte Radio grinsend. „Aber nicht sofort. Vorher gebe ich dir einen guten Rat auf deine Sorgen.
Mist, scheint wirklich zu stimmen, man wächst an seiner Verantwortung.
Da fällt mir ein, brauchst du immer noch diese spezielle Creme für deine Ebenholzhaut? Ich kann dir da was besorgen, beinahe zum Marktpreis.“
„Der CAG hat mich zusammen gestaucht!“, platzte Albert heraus.
Radio runzelte die Stirn. „Wieso das denn? Deine Leistungen sind recht gut Zurzeit, und deinen Flügelmann kriegen wir auch langsam in den Griff. Hast du ihm ans Bein gepisst, oder was?“
„Ich… Es ist wegen meinem Callsignwechsel. Er hat mich fürchterlich zusammengefaltet, weil ich mich Ace nenne. Er meinte, eine solche Art von Heldenverehrung würde die anderen, die bei Jollahran gefallen sind, entwürdigen.“
Radio nickte beiläufig. „Womit er nicht ganz Unrecht hat. Ich bin ja sowieso der Meinung, dass du Ace zu hoch hältst. Und in eine Schiffsrakete fliegen kann jeder Trottel. Morelli hat es auch gemacht, aber nennt sich deswegen einer Merkur?“
„Das ist es nicht. Ich denke, nein, ich weiß einfach, dass ich heute tot wäre, wenn mir Ace nicht die Grundlagen beigebracht hätte. Wenn er mir meine Arroganz nicht ausgetrieben hätte. Aber das willst du bestimmt nicht hören. Du konntest ja noch nie mit Ace.“
Radio ließ Messer und Gabel fallen. „Was hast du gehört?“
„Ich weiß alles über das Ehrengericht und so.“
„Jetzt hör mal genau zu, Schwarzbrot. Das Ehrengericht hat Ace inszeniert, weil er dachte, meine Gerüchteküche wäre Schuld am Selbstmord eines Fliegerkollegen. Dieser Suizid hat dazu geführt, dass man auf PERSEUS ein Ehrengericht für den CAG veranstaltet hat. Was er mir auch angehängt hat.
Ich fand es wirklich nicht nett, plötzlich von allen anderen Piloten für zwei Wochen geschnitten zu werden. Und das Ace dahinter steckte, ein dämlicher Frischfisch, hat mich noch mehr geärgert.
Ja, ich bin eine Zeitlang wirklich nicht gut mit ihm ausgekommen. Ich war verärgert und wollte alle anderen dafür bestrafen. Ich habe sogar den Schwarzmarkt aufgegeben, nur um es allen zu zeigen und zu beweisen, dass sie mich mehr brauchten als ich sie.
Aber da habe ich geirrt. Ich brauche sie mehr als sie mich. Auch wenn ich es nicht zeige, ich liebe es, Menschen um mich herum zu haben. Und Teufel, meine Klappe konnte ich noch nie halten.
Stimmt, ich mochte Ace nicht. Aber ich hasse ihn auch nicht. Viele hier sehen Ace als Möchtegernhelden an, als arroganten Angeber. Als in den Tod verliebt.
Ich denke eher, er hat seine Pflicht getan.“
Radio sah zu Boden. „Spätestens als wir gemeinsam Pinpoint zu Grabe getragen haben, wurde mir das bewusst.“
Er sah wieder auf. „Arrogant war er trotzdem.
Hm, du hast also ein Problem mit dem CAG. Sag mal, warum hast du Lone Wolf nicht gesagt, warum du Cliffs Callsign übernommen hast?“
„Habe ich doch. Ich habe gesagt… Oh mein Gott, ich habe gesagt, dass ich es übernommen habe, weil er in diese Rakete geflogen ist! Ich Idiot!
Danke, Radio. Wenn du mir die Creme besorgen kannst, ist das super.“
Albert sprang auf und verließ die Messe im Laufschritt.
Radio sah ihm hinterher. Er grinste schief. „Wehe, du verrätst auch nur einer Menschenseele, was ich über Ace gesagt habe, Schwarzbrot. Sonst hast du ein schweres Leben mit mir.“
**
Als es klopfte, sagte Lucas Cunningham automatisch herein. Auch wenn dies die COLUMBIA war, der CAG hatte nicht den Luxus eines Sergeants im Vorzimmer – geschweige denn ein Vorzimmer.
Albert Mbane trat ein, salutierte und stand vor dem Schreibtisch des Commanders stramm.
„Sir, ich bitte um Erlaubnis, mit Ihnen sprechen zu dürfen.“
„Erlaubnis erteilt, Lieutenant. Setzen Sie sich.“
„Negativ, Sir. Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen, Sir.“
Cunningham legte die Stirn kraus. „Wenn das wegen der Sache neulich im Hangar ist, dann…“
„Ja, Sir, das ist es. Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen.“
„Erlaubnis erteilt, Lieutenant. Dann schießen Sie mal los.“
Statt einer direkten Antwort nestelte Albert an seiner Uniform und nahm die Schwingen ab. Er legte sie mittig auf Cunninghams Schreibtisch. „Sir, Sie entscheiden am Ende des Gesprächs, ob ich sie wieder mitnehme oder ob ich sie hier lassen soll.“
„Na dann raus mit der Sprache, Lieutenant. Ich bin schon sehr gespannt“, brummte Cunningham.
„Sir, auf dem Landedeck habe ich mich sehr missverständlich ausgedrückt. Tatsache ist, Second Lieutenant Davis ist in eine Antischiffsrakete geflogen und hat damit wahrscheinlich die REDEMPTION zu diesem Zeitpunkt vor der Vernichtung bewahrt. Aber das ist nicht relevant und nicht der Grund für das Wechseln meines Callsigns.
Mir ging es eher darum, eine Lücke zu füllen, Sir. Ich weiß, viele sind mit der Art von Ace aneinander geraten, er hat Dutzende beleidigt und es nicht einmal bemerkt. Für jeden Freund, den er an Bord hatte, gab es fünf, die ihn nicht mochten oder sogar hassten.
Mir liegt nichts daran, diese Menschen auf mich zu beziehen. Von vorne herein wollte ich versuchen, dort anzuknüpfen, wo Ace gestorben war. Beim Abschuss von dreizehn Feindjägern. Dabei ein wichtiger Teil der Roten Schwadron zu sein. Und dabei, meinen Wingman zu beschützen, wo immer dies möglich ist. Mit anderen Worten, meinen Job zu tun, egal wie schwer es ist.“
„Wenn man es so sieht…“, brummte Lone Wolf leise.
„Ich habe nachgedacht, Sir. Sehr lange und sehr gründlich. Und ich bin zu einem Entschluss gekommen. Mit Ihrer Erlaubnis, Sir, werde ich zu meinem alten Callsign Shaka zurückkehren. Aber ich gebe den Namen Ace nicht auf. Sir, ich biete Ihnen an, mich während der nächsten Mission zu beobachten. Sobald Sie meinen, ich hätte ein Callsign wie Ace verdient, werde ich es annehmen. Keine Sekunde vorher.“
Cunningham dachte einen Moment nach. „Das erscheint mir fair zu sein, Shaka. Erlaubnis erteilt.“
Der Commander ergriff die Schwingen, wog sie nachdenklich in der Hand und gab sie Shaka zurück. „Hier, die werden Sie brauchen, Pilot. Und jetzt, wegtreten.“
Shaka salutierte, drehte auf dem Absatz um und verließ das Büro.
Seufzend öffnete Cunningham eine Schublade, entnahm ihr einige Notizzettel und jagte sie durch den Reißwolf. "Was denken sich diese Kids eigentlich? Das ich auch noch Zeit habe, die Geschwaderaufstellung andauernd neu auszudrucken?"
Ironheart
24.03.2004, 14:59
Ursprünglich von Cunningham
Akar,
Südküste des großen Kontinentes Lecor
Der Kejal Ozean schimmerte in herrlichen Türkies. Eine sanfte Briese zog über den 50 Meter breiten, künstlichen weißen Sandstrand.
An den Strand schloss gleich ein besonders gepflegter öffentlicher Park an.
Deero Gjin betrachtete die vereinzelten Paare die am Strand turtelten.
Auch er wartete auf eine Frau, doch es würde nichts weiter als eine geschäftliche Unterredung sein. In einem der Paare erkannte er zwei seiner sechs Agenten die ihm als Leibwache dienten. Haben die beiden wirklich was miteinander oder sind sie wirklich derart gut?
Er ging etwas Richtung Parkeingang.
Aus einem Gebüsch brach ein Arigo hervor. Ein recht großes Exemplar dieser Reptilienspezies. Es baute sich vor Deero auf und knurrte drohend, während drei kleinere Arigos ebenfalls aus dem Gebüsch kamen, hinter dem größeren vor bei über den Weg huschten und wieder in einem Buschwerk verschwanden.
Das größte der Reptilien gab nun seine drohende Haltung auf und folgte seiner Familie.
Der Arigo war über Jahrhunderte eine Delikatesse gewesen, der auf allen Festen in den verschiedensten Formen auf den Tisch gekommen war.
Jedoch hatte ein Wissenschaftler vor knapp 1.000 Jahren herausgefunden, dass sich der Pflanzen fressende Arigo wie der Akarii aus dem Urakarii entwickelt hatte.
Schließlich war der Verzehr von Arigos verboten worden. Es hatte jedoch wieder mehrere Jahrhunderte gedauert, bis die Dunkelziffer des unerlaubten Arigoverzehrs in den vier stelligen Bereich pro Jahr sank.
Ebenso gab es auch dieser Tage noch eine Gruppe von radikalen, die den Agiro Bürgerrechte einräumen wollten.
"Sie hat scheinbar einen höheren IQ als Biologen ihnen zugestehen."
Deero drehte sich um und sah sich seiner 'Verabredung' gegenüber.
Admiral ersten Ranges Kenai Ras, Kommandeurin des Marinanachrichtendienstes, trug ihre maßgeschneiderte Uniform.
Das dunkelblaue Uniformoberteil weiß neben den goldenen Verzierungen und Admiralsabzeichen kaum Ehrungen oder Auszeichnungen auf.
Mit 32 Zyklen war sie der jüngste Admiral der Imperialen Sternenflotte. Was um so bemerkenswerter ist da sie weder Günstling der alten Garde noch der neuen Sterne um Prinz Jor war.
"Aaahh, Mylady Admiral, darf ich Euch zu einem kleinen Spaziergang einladen. Ich weiß, es ziemt sich nicht für einen alten Kauz wie mich, doch bitte ..." Er deutete auf den Wanderweg der in den Park führte.
Zu seinem Unmut jedoch prallte seine Schmeichelei gänzlich von ihr ab.
"Ich nehme an, es hat einen guten Grund, warum mich der Direktor des imperialen Sicherheits- und Geheimdienst sprechen möchte." Sie schritt voran und er musste sich sputen um ihren energischen Schritten mithalten zu können.
"Oh, können wir nicht einfach davon ausgehen, dass ich versuche unser beider Beziehung und die Beziehung unser beider Dienste zu verbessern?"
Sie lachte auf und unter dem Sarkasmus hörte er auch eine Spur Belustigung.
"Bitte Mylady, könnten wir die Geschwindigkeit senken, meine Agenten kommen sicher mit dem Lasermicro nicht mehr hinter her", schnaufte der ältere Akarii.
Und Ras wurde tatsächlich langsamer: "Also bitte, was wollen Sie von mir?"
"Ich möchte mit Ihnen über die Berichte über Troffen sprechen."
Sie blieb stehen und wirbelte zu ihm herum: "Hier in aller Öffentlichkeit?"
"Ja. Ich weiß, dass Jor einen Bericht auf dem Schreibtisch hatte, mit allerlei Spekulationen und ich weiß, dass eine Sonderabteilung Ihres Nachrichtendienstes fieberhaft an den Geheimnissen um Troffen arbeitet. Desweiteren gehe ich, basierend auf den Beobachtungen des Verhaltens des Prinzen, davon aus, dass er den Troffenbericht nicht gelesen hat."
Die Admiralin knirschte mit den Zähnen: "Ja und, was wollen Sie nun von mir."
"Ich ..." Er scharrte kurz mit dem Fuß und knetete sich die Hände. "Ich wollte Sie bitten die Berichte über Troffen unter Verschluss zu halten ..." Deero wagte nicht sein Gegenüber anzusehen.
Der Geheimdienstchef zuckte zusammen als Ras nach Luft schnappte. "Ich soll WAS!" Ihre Stimme war kein flüstern mehr, es war eine Mischung aus keuchen und zischen.
"Wissen Sie was dort geschehen ist außer das diese ... diese Monster, diese Barbaren, diese verabscheuungswürdigen Bestien in der Verkleidung vernunftbegabter Wesen dort getan haben außer alles und jeden zu atomisieren?"
Deero nickte: "Ja, wir haben den Biowaffeneinsatz rekonstruiert."
"Und Sie verlangen allen ernstes, dass ich so was unter den Tisch fallen lasse."
Als der alte Akarii aufblickte hatte die Admiralin eine Waffe in der Hand. Er konnte sich nicht erklären, wo diese herkam.
Noch bevor sie den Disruptor auf ihn richten konnte entstand ein roter Punkt auf ihrer Uniformjacke.
Mit Entsetzen stellte er jedoch fest, das auch auf ihn Waffen angelegt waren, und die Schützen ihn mit Laservisieren ins Ziel genommen hatten.
"Bitte hören Sie mich Kenai. Ich flehe Sie an, hören Sie mir zu."
Sie nickte.
Als er fort fuhr war ihm klar, dass sie bereit war ihr eigenes Leben herzugeben um ihn, den vermeintlichen Verräter zu töten: "Dieser Krieg hat viele Gründe. Für die Allgemeinheit sind die Menschen eine Bedrohung. Eine Bedrohung die sich bildete, weil wir und sie es wie dumme Kinder zuließen, dass sie sich bildet.
Für die wenigsten von uns sind es andere Gründe. Für Jor ist es Mittel zum Zweck. Um der starke Mann zu werden. Seine Machtbasis auszubauen.
Für seinen Mentor Relath Gor ist es Rache. Rache für seinen Sohn der im kalten Krieg sein Leben ließ."
Er suchte nach Worten: "Wenn Jor und durch ihn Relath Kenntnis von Troffen bekommen, was wird dann geschehen? Ich werde es Ihnen sagen: Holocaust. Wir werden einen zweiten Holocaust erleben.
Man wird anfangen Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, gegen den die Atombombe nur ein Knallfrosch ist.
Wir haben die Kori damals ausgerottet, weil sie niemals in unserer Gesellschaft Platz gefunden hätten, weil es durch den genetischen unterschied einfach unmöglich war.
Der Duft den sie absonderten ging auf unsere Nervenbahnen im Hirn und Wahnsinnsanfälle waren die Folge. Letztendlich endete alles in den unkontrollierten Exzessen von den wir beide nur in Geschichtsbüchern lasen.
Aber stellen Sie sich vor, was passiert, wenn wir mit B- und C-Waffen um uns schmeißen, wie schnell die Menschen es uns gleich tun werden."
"SIE HABEN ES DOCH SCHON GETAN!"
Deero zuckte zusammen: "Ja, aber wieso haben sie es nicht öfter eingesetzt? Was stimmt da nicht? Bitten, lassen Sie das Problem unsere Dienste lösen statt es Relath und Jor oder sonst wem in die Hand zu geben damit diese es für ihre Politik zu gebrauchen."
"Und die Gefahr eingehen, das diese Massenmörder einen weiteren Planeten einfach auslöschen? Eine Armee vernichten?"
Er schloss die Augen in der Gewissheit in den nächsten Sekunden zu sterben: "Es wären nur ein Planet oder eine Armee, die dann wirklich nicht mehr ins Gewicht fallen bei den Folgen, die das nach sich ziehen würden. Aber wenn nicht und wenn wir Erfolg haben, werden Milliarden von Akarii überleben, statt in einem biologischen Armageddon zu verenden."
"In Ordnung." Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging.
Er konnte sich nicht vorstellen, wie schwer es für jemanden war, der seine Heimatwelt in einem atomaren Inferno verloren zu haben und nun zustimmte, dass die Sache geheim blieb.
Ironheart
24.03.2004, 14:59
Ursprünglich von Tyr Svenson
„...aber jetzt geht es endgültig los. Vor ein paar Stunden bekamen wir den Marschbefehl, wir verlegen auf die Columbia. Wohin es dann geht weiß ich noch nicht, der ‚Alte‘, wie die Piloten Commander Cunningham nennen, hüllt sich in Schweigen. Aber aus den Gesprächen zwischen den Offizieren, ihrem Verhalten, spricht eine gewisse Anspannung – aber auch Erwartung. Keiner glaubt, daß sie uns in der Etappe lassen.
Du weißt, wie paranoid die Navy mit der Geheimhaltung ist. Es kann also sein, daß ich nicht mehr so regelmäßig schreiben kann. Aber mach dir keine Sorgen, mir passiert bestimmt nichts. Immerhin haben wir den besten Jäger der Streitkräfte und die Hälfte der Piloten in der Schwadron sind Fliegerasse. Ich liebe dich...“
„Es wird Zeit.“ Crusader legte den Stift beiseite und blickte auf. In der Tür stand sein Flügelmann. In dem Pilotenanzug wirkte Ohka ziemlich massig. Der Japaner trug den Raumhelm in der Armbeuge. Ohka lächelte dünn: „Du solltest dich langsam fertig machen, sonst schickt dir Darkness noch die MP auf die Stube.“
„Ich komme schon.“ Crusader faltete den Brief zusammen.
Ohka hatte sich schon umgedreht. Crusader warf sich beinahe in die Flugkombination, schulterte den schweren Seesack und die zwei schweren Taschen, die seine Habseligkeiten faßten und beeilte sich, hinter dem Wingleader hinterherzukommen. Aber er fand dennoch noch die Zeit, den Brief einzuwerfen. Natürlich hätte er auch einfach eine elektronische Nachricht schicken können – aber in der Beziehung war er altmodisch, besonders in solchen Momenten. Dann hastete er zu den Hangars der Schwarzen Schwadron.
Die anderen waren schon da. Aber er hatte Glück – Darkness war damit beschäftigt, noch irgendwelche Einzelheiten mit dem Chef der Bodencrew zu besprechen. Der einzige, der auf Crusaders spätes Erscheinen reagierte, war La Reine: „Wenn du im Einsatz genauso fix bist, dann habe ich die Wette schon in der Tasche!“
„Aufsitzen! Es geht los!“ Darkness erstaunlich gutgelaunt wirkende Stimme hinderte Crusader, die Antwort loszuwerden, die ihm auf der Zunge lag.
Einer nach dem anderen rollten die Maschinen auf die Startbahn. Überall ringsum das gleiche Bild: anrollende Maschinen, abhebende Jäger. Über dem Flugplatz flogen Maschinen Schleifen, bis alle Einheiten einer Schwadron in der Luft waren, formierten sich dann und strebten steil in den Himmel – dem Weltraum entgegen.
Kano fühlte das gleiche Hochgefühl, den gleichen Triumph wie sein Flügelmann, als die Nighthawk die Atmosphäre verließen. Auch wenn er schon etwa achtzig Einsatzflüge und zahlreiche Übungsmissionen hinter sich hatte.
Der Flug war weder lange noch schwierig, aber für die Neuen im Schwadron war es etwas Besonderes. Das war kein Übungsflug, keine Simulation. Als vollwertige Angehörige des Jägerkorps, der Elite der TSN, flogen sie ihre Jäger zu ihrem Trägerschiff. Es gab in der TSN ein Sprichwort: „Der erste Raumflug, der erste Jäger sind etwas Besonderes. Wie der erste Raumkampf, der erste Sieg im Duell mit dem Feind gräbt sich dieses Erleben tief in das Gedächtnis ein, bleibt bestimmend und gegenwärtig bis an dein Lebensende.“
Daran war sicher mehr dran, als die Selbstidealisierung einer Waffengattung...
Schließlich kam die Columbia in Sicht – ein riesiger, stählerner Koloß, von Waffen starrend, anderthalb mal so groß, wie die alte Redemption und frisch von der Werft, während der Zeus-Träger älter gewesen war, als die Männer und Frauen, die ihn führten. Ein brandneuer Flottenträger der Pegasus-Klasse. Der zweitgrößte Schiffstyp der TSN.
Kano bemerkte den Unterschied zur Redemption schon bei der Landung. Die Columbia konnte weitaus schneller die Jäger und Jagdbomber aufnehmen, als das alte Schiff – obwohl es doch eine Staffel mehr war. Und natürlich konnte die Columbia auch Nighthawk-Jäger in den Einsatz bringen, wozu die Redemption nicht fähig gewesen war.
Vielleicht war es nur Einbildung, aber es kam Kano so vor, als wenn auch das ATLS sicherer und schneller arbeitete. Der Hangar war viel größer als bei der Redemption und Wände, Geräte und sogar die Böden schienen vor Sauberkeit zu glänzen. Es fehlte das Patina, die Spuren jahrzehntelangen Gebrauchs.
Und die Columbia bot nicht nur Platz für die 7 jetzt landenden Staffeln, eine sehr kampfstarke Bomberstaffel mit Crusaders und Rafales sollte ebenfalls an Bord stationiert sein – schwere Maschinen die die Redemption nie hätte aufnehmen können, mit der Feuerkraft von drei Schwadronen Mirage.
Nicht nur die Neuen sahen sich neugierig um, als sie ihre Maschinen verließen. Darkness grinste leicht spöttisch: „Schon beeindruckend nicht? Na, mal sehen, wie ihr euch auf diesem Luxusliner macht. Die Angry Angels sind auf der Redemption zum Akariischreck geworden – ihr habt also einiges vor euch.“
Der Chef der Bomberschwadron war den Veteranen nicht unbekannt – Jack „Martell“ Murphy hatte früher die Griphenschwadron der „Angry Angels“ geführt. Er galt als guter Staffelchef – auch wenn ihm seine ziemlich offen zur Schau getragene Religiosität solche Spitznamen wie „Betbruder“ oder "Hallelujaheini" eingebracht hatten.
Er und der „Alte“ tauschten einen Handschlag aus. Viel Zeit alte Erinnerungen aufzufrischen hatten sie allerdings nicht, denn der Captain der Columbia tauchte plötzlich auf und verwickelte Cunningham in ein Gespräch. Kano konnte nicht genau sehen, worum es ging – aber der Körperhaltung und Gestik des Captain nach war es wohl kein lockeres Freizeitgespräch.
Als Kano den Befehl hörte, daß die Grüne Schwadron zwei Jäger startfertig machen sollte, hätte er sich beinahe freiwillig gemeldet. Dann erst erinnerte er sich daran – er gehörte jetzt zur Schwadron Schwarz. Alte Gewohnheiten waren wohl schlecht auszurotten. Dann sah er aus den Augenwinkeln Kali, drehte sich um ihr zuzuwinken – und stieß dabei mit einem Mann zusammen, der gerade vorbei ging.
„Können Sie nicht aufpassen?!“
„Entschuldigung, ich habe dich nicht gesehen.“
Die Stimme wurde bissiger: „Können Sie nicht anständig grüßen?!!“
Erst jetzt sah Kano genau hin und erstarrte – er war mit dem Captain zusammengestoßen. Der Befehlshaber der Columbia schien in einer scheußlichen Laune und fixierte den jungen Pilot unheilverkündend.
Kano erstarrte zur Salzsäule: „SIR! Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht gesehen, SIR!“
Captain Waco musterte ihn noch ein paar Augenblicke. Aber seine schlechte Laune schien nicht auf Kano fixiert – der Pilot war wohl nur zufälligerweise ins Visier geraten. Der Captain knurrte wütend: „Passen Sie gefälligst in Zukunft auf, Lieutenant!“ und stampfte davon.
Kano hatte das Gefühl, einer kleineren Katastrophe nur knapp entronnen zu sein.
„Herhören. Ihr habt eine Stunde Zeit, euch einzurichten, dann will ich euch bei den Simulatoren sehen. Nur weil wir jetzt an Bord sind, heißt das nicht, das ihr Fett ansetzen könnt!“ Das brachte Darkness einige Stöhner ein, die er völlig ignorierte.
Selbst die Gänge waren anders als auf der Redemption. Statt der offen sichtbaren Röhren und Leitungsbündel an den Wänden, waren die Gänge ausnahmslos hell getäfelt. Und die Quartiere erst...
Sie waren viel größer. Außerdem natürlich moderner und bequemer eingerichtet. Kano kam sich fast wie in einem Hotel vor, wenn er sich an die Redemption erinnerte. ‚Entweder die Navy hat mehr Geld zum Ausgeben – oder sie sind der Meinung, daß die Ansprüche gestiegen sind. Nächstens bieten sie wohl noch Einzelkabinen.‘
Er verstaute den Inhalt seines Seesacks – viel war es nicht. Besonders vorsichtig ging er natürlich mit dem Schwertkasten um.
„Ich verstehe nicht, wie du mit so wenig auskommst.“ Crusader hatte eine seiner Taschen auf dem Bett ausgeschüttet und versuchte den Inhalt möglichst platzsparend im Spind zu verstauen.
„Na ja – nach dem Untergang der Redemption ist nicht viel übrig geblieben. Es stimmt schon, was die Veteranen sagen. Wenn man viel mitschleppt, verliert man viel. Bücher hat die Bordbibliothek genug. Was du sonst brauchst, gibt es im Army-Store. Leichtes Gepäck ist besser. Schau dir Darkness an.“
„Klingt nicht sehr bequem.“
Kano grinste kurz: „Es ist Krieg. Und wenn du unbedingt etwas Besonderes willst, dann wende dich an Radio. Ich glaube nicht, daß er seine Schwarzmarktgeschäfte aufgegeben hat, Lieutenant Commander oder nicht.“
„Was weißt ausgerechnet DU über den Schwarzmarkt?“ Das paßte überhaupt nicht in das Bild, das sich Crusader von seinem Rottenführer gemacht hatte.
„Ich weiß, daß es ihn gibt. Und ich würde vorschlagen, du beeilst dich. Ich will jedenfalls duschen, bevor Darkness uns in die Simulatoren hetzt...“
Ironheart
24.03.2004, 15:00
Ursprünglich von Ironheart
Der Abschied von Miramar war Donovan nicht sonderlich schwer gefallen. Auf der Basis hatte er sich zwar einigermaßen frei bewegen dürfen, doch brannte er doch wie alle anderen des Geschwaders darauf endlich auf ihren neuen Träger versetzt zu werden.
Als sie schliesslich den Befehl zum Ausrücken erhalten hatten, war Donovan einer der ersten an seinem Jäger gewesen.
Als die riesige Columbia schliesslich in Sichtweite herangekommen war, verkniff sich Donovan – anders als einige seiner Staffelkameraden - jeglichen Kommentar, auch wenn er doch schwer beeindruckt war von dem Träger der Pegasus-Klasse. Dieses waffenstarrende Monstrum war atemberaubend und auch wenn er versuchte seine Verbitterung gegenüber der Navy aufrecht zu erhalten, so konnte er nicht abstreiten, dass dieses Schiff eine Augenweide für jeden Angehörigen der Navy war – Donovan mit eingeschlossen.
Als seine Maschine auf dem Flugdeck an seinem Bestimmungsort angekommen war, fuhr Donovan die Systeme herunter, öffnete das Kanzeldach und stieg vollkommen unbeachtet aus. Das Chaos schien von der Columbia Besitz ergriffen zu haben, überall wimmelte es von frisch angekommenen Piloten und Crewmitgliedern. Das Flugdeck des Trägers schien zu summen wie ein großer Bienenstock. Niemand kümmerte sich um Donovan und auch er scherte sich nicht um die anderen.
Er wollte nur so schnell wie möglich zu seinem Quartier, raus aus dem Flightsuit und duschen. Noch wußte er nicht mit wem er seine Kabine würde teilen müssen, aber er hoffte schneller als derjenige zu sein, damit er sich verdrücken konnte, wenn sich sein Zimmergenosse häuslich einrichten würde.
Cartmell schulterte seinen Seesack und kramte nach dem Zettel mit seiner Quartiernummer. Auf dem Wisch war zwar die Kabinennummer eingetragen, aber natürlich keine Wegbeschreibung. Natürlich hatten Sie in Miramar Unterlagen über die Columbia erhalten und er hatte daher auch eine grobe Idee, wie er zu seinem Quartier kommen würde. Aber offensichtlich galt das nicht für alle Neuangekommenen. Am Rande des Flugdecks war eine sehr große Papptafel aufgestellt worden, die mehrere Querschnitte der Columbia zeigte und vor der sich eine große Traube Navymitglieder drängte.
Cartmell lachte innerlich über all diese Schafe und er hatte noch ein Lächeln auf den Lippen, als er sich noch etwas umsah und in einiger Entfernung seinen CAG stehen sah. Er nahm sich gerade einen Piloten vor, den Donovan als Albert Mbane, genannt Ace der Zweite, erkannte.
Augenblicklich fror Donovans Lächeln ein.
Da stand er inmitten seines Geschwaders, der Mann der sein höchster Vorgesetzter und sein Staffelführer war und der ihm offensichtlich aus dem Weg ging.
Während der letzten Wochen auf der Miramar Air- and Spacebase hatte er sich nicht einmal die Mühe gemacht persönlich mit Donovan zu reden. Sie hatten sich, wenn überhaupt nur unter Anwesenheit des gesamten Geschwaders oder zumindest ihrer Staffel gesehen. Sicher, der CAG hatte viel zu tun gehabt und auch Donovan hatte es nicht gerade darauf abgesehen, ihm über den Weg zu laufen. Aber trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, dass da etwas Unausgesprochenes zwischen Ihnen in der Luft lag.
Im Augenblick war dafür sicher nicht die richtige Zeit, doch andererseits hatte Donovan nicht vor es noch weiter auf die lange Bank zu schieben.
Er nahm sich vor, dass wenn schon der Berg nicht zum Propheten kam, der Prophet eben zum Berge gehen musste.
Und mit diesem Gedanken im Kopf machte sich Donovan auf den Weg in seine Kabine.
*************************
Etwas später an diesem ersten Tag hatte sich Donovan, frisch geduscht und umgezogen, auf den Weg gemacht seinem Geschwaderkommandanten einen Überraschungsbesuch abzustatten. Donovans Zimmergenosse war noch nicht aufgetaucht, vielleicht hatte der andere Pilot gleich Dienst oder eine Staffelbesprechung gehabt. Aber im Grunde war das Donovan ganz recht so, denn dadurch hatte er in Ruhe seine wenigen Habseligkeiten verstauen können.
Als er den Gang erreicht hatte, indem sich Lone Wolfs Büro befand, überlegte er einen kurzen Augenblick das folgende Gespräch zu verschieben. Lone Wolf hatte als CAG sicher noch eine Menge zu tun, es war schliesslich ihr erster Tag in neuer Umgebung. Vielleicht sollter er lieber einen passenderen Moment abwarten…
Doch wenn er jetzt genauer darüber nachdachte, fragte er sich, warum er überhaupt Rücksicht auf Cunningham nahm. Wenn es Lone Wolf nicht passte, gut! Wenn es ihm sogar unangenehm war, umso besser!
Entschlossener denn je, das ganze endlich hinter sich zu bringen, hämmerte er gegen die Schottwand. Ein gedämpftes „Herein“ zeigte Donovan, dass er Glück hatte und dass der CAG tatsächlich in seinem Büro war.
Das Büro war in einem sauberen und ordentlichen Zustand. Noch zierten keine persönlichen Gegenstände den Schreibtisch oder die Kabinenwände, aber ein offener Karton aus dem vereinzelte persönliche Gegenstände herausragten, zeigten Donovan, dass das wohl bald noch kommen würde.
Lone Wolf blickte von seinem Stapel auf und ein kleines Zucken in seinen Augen verriet Donovan, dass ihm der Besuch im Moment tatsächlich gar nicht recht war.
Dann straffte sich sein Kommandant. „Was kann ich für Sie tun, Ensign?“
„Nana, warum so förmlich, Lone Wolf?“ begann Donovan frech, setzte sich ohne Gruß auf den freien Stuhl vor Cunninghams Schreibtisch und grinste ihn mit einem kalten Lächlen an. „Es ist zwar jetzt fast 10 Jahre her, aber ich wußte nicht das sich das Duzen verjähren würde, oder?“ Natürlich hatten sich Donovan und Lone Wolf während ihrer gemeinsamen Zeit auf der Gallipolli geduzt.
Lone Wolf antwortete zunächst nicht, sondern beobachtete seinen Untergebenen missbilligend. Es schien so, als ob ihn Donovan hatte überraschen können und das war ihm mehr als recht so. „Du hast Recht, Highball!“ begann er schliesslich und benutzte Cartmells früheres Callsign. „Reden wir über die Vergangenheit. Du hast dein altes Callsign abgelegt. Warum?“
Jetzt war es an Donovan verdutzt zu schauen. Sie hatten sich solange nicht gesehen, so viel war passiert, so viele unbeantwortete Fragen hingen zwischen Ihnen in der Luft und das erste was Lone Wolf interessierte war sein altes Callsign?
„Nachdem du mich im Stich gelassen hattest, bin bei den Hooker´s Pirates tausend Tode gestorben. Also ist auch Highball gestorben…“
Cunningham ging nicht weiter darauf ein. Im Gegenteil, er unterbrach Donovan. „Das SAR-Shuttle, das ich nach deinem Abschuss ordnungsgemäß angefordert habe, hat dich nicht finden können. Wenn Du jemandem die Schuld in die Schuhe schieben willst, dann probier es bei denen.“
„Klar, Wolf. Immer sind die anderen Schuld, nicht wahr? Dass DU einen Fehler gemacht hast, kommt dir wohl nicht in den Sinn?“
„Und wie stehts mit dir?“ Cunningham ging auf Donovans Provokation nicht ein. „Das dich eine altersschwache Mustang rausgeschossen hat, gibt dir nicht zu denken?“ warf er ihm stattdessen süffisant lächelnd an den Kopf.
Donovan ruckte wütend hoch „Es waren DREI! Drei gegen EINEN!!! Und … Und“ Auf einmal fehlten Donovan die Worte. Weswegen war er nochmal her gekommen? Hatte er nicht vor gehabt, Cunningham deutlich zu machen, dass das alles dessen Schuld gewesen war? Wollte er nicht kühl und überlegen aufzeigen, das es Lone Wolf gewesen war, der für seine jetzige Situation verantwortlich war?
Doch stattdessen stand er hier vor seinem Kommandanten, mit hochrotem Kopf und geballten Fäusten, während dieser seelenruhig vor ihm sass und alles an sich abprallen liess. Mit einem mal erkannte Donovan, dass das alles keinen Sinn hatte. Wie auch immer die Wahrheit aussah, was auch immer ihm zugestossen war nach diesem Einsatz, Cunningham war gar nicht daran interessiert es zu erfahren.
Und als ob Lone Wolf seine Gedanken gelesen hätte, lehnte er sich langsam in seinem Sessel zurück und erwiderte mit einer eisigen Schärfe in seiner Stimme. „Jetzt hör mir mal gut zu, Donovan. Was passiert ist, ist passiert. Nichts was wir jetzt sagen, kann das wieder rückgängig machen.“
Donovan stand immer noch und blinzelte ausdruckslos auf seinen lässig in seinem Sessel sitzenden Kommandanten herunter.
„Du bist von einem Navy-Gericht von dem Vorwurf des Hochverrats und der Piraterie freigesprochen worden. Von einem anderen Gericht bist du der schweren Körperverletzung für schuldig befunden worden. Das sind die Fakten.“
Cunningham legte eine kurze Pause ein, wohl um zu überlegen wie er weiter fortfahren sollte. „In beiden Fällen interessieren mich nicht die Umstände, die zu dem Frei- bezeihungsweise Schuldspruch geführt haben. Ich habe die wohl berechtigte Hoffnung, dass die jeweilige Jury am besten gewußt haben dürfte warum sie so entschieden hat. An irgendwelchen anderen Spekulationen beteilige ich mich nicht.“
`Ganz im Gegensatz zu allen anderen Mitgliedern dieses Geschwaders`, dachte Donovan bitter.
„Du bist Pilot in meinem Geschwader“ fuhr Cunningham fort „und als solcher hast du meine Befehle zu befolgen. Wenn Du dich weiter so respektlos gegenüber mir oder irgendeinem anderen deiner Vorgesetzten oder Kameraden verhältst, verspreche ich dir, das Du keine schöne Zeit hier an Bord haben wirst, verstanden?“
Donovan reagierte nicht sondern starrte Cunningham weiter fassungslos an. `Konnte jemand wirklich so aalglatt und kalt sein?`
„ICH HABE EINE FRAGE GESTELLT, ENSIGN!“ brüllte Cunningham unvermittelt und stand jetzt seinerseits abrupt auf.
„Ja, Sir. Ich habe verstanden“ gab Donovan resigniert zurück. Er hatte das Gefühl gegen soviel Abgebrühtheit nicht ankommen zu können.
„Wenn Du glaubst, das dir wegen früher irgendwelche Sonderrechte zustünden, irrst du dich. Du warst einmal mein Wingman, mehr nicht.“
Cunningham liess jetzt nicht locker, kam um den Tisch herum und baute sich direkt vor Donovan auf, sein Gesicht nur knapp 30 cm von seinem entfernt und seine Stimme war nicht sehr viel mehr als ein bedrohliches Knurren. „Ob es dir nun gefällt oder nicht, ich bin dein Kommandant. Entweder findest du dich damit ab, oder du wanderst früher oder später wieder in den Bau, ist das klar?“
Donovan´s Hass auf seinen Kommandanten verdrängte seine Resignation. „Ja, Sir!“ zischte er zurück und fixierte Cunningham aus hasserfüllten Augen.
„Gut, und jetzt weggetreten.“
Donovan salutierte betont schlampig, drehte sich um und verliess den Ort seiner neuerlichen Niederlage. Als er sich langsam auf den Weg zurück zu seinem Quartier machte, erkannte er, dass er nicht an Lone Wolf heran kommen würde, es sei denn er würde ihn erdrosseln.
Ironheart
24.03.2004, 15:01
Ursprünglich von Cattaneo
Ein neues Heim
Die Einweisung für Lightning dauerte nicht lange. Es gab ja auch nicht viel zu besprechen. Sie hatte nicht vor, sich zu beschweren, weil ihre Staffel den Patrouillendienst zugewiesen bekam. Mißtrauische Zeitgenossen hätten darin eine Schikane des Geschwaderchefs sehen können – schließlich hätte jeder Pilot sich wohl gerne mit seinem neuen Zuhause vertraut gemacht, als gleich wieder zu starten. Aber obwohl Lieutenant Commander im Umgang mit Lone Wolf dem Geschwaderchef grundsätzlich eher das Schlechteste unterstellte, war sie nicht sonderlich verstimmt. Sie beschloß es einfach so aufzufassen, daß ihre Staffel eben eine der besten des Geschwaders war – besser jedenfalls als die andere Abfangjägereinheit. Obwohl sie sich vorstellen konnte, daß Cunningham es kaum so ausgedrückt hätte. Aber es zählte nur, was für sie galt – mochte sich der Alte denken, was er wollte...
Das Flugdeck bot immer noch ein Bild des Chaos. Kein Wunder, immerhin waren Dutzende Maschinen zu versorgen, zu den Liften zu transportieren und wegzustauen, die Piloten schleppten ihre Sachen hierhin und dorthin – die Umgebung war vielen neu und unvertraut, etliche waren das erste Mal auf einem Pegasus-Träger. Sie wußte inzwischen, woraus die achte Staffel des Geschwaders bestehen würde - Crusaders und deren ECM/ ECCM Variante. Ein wenig säuerlich dachte sich: ,Wenn sie uns schon so einen Haufen Breitärsche schicken, dann hätten sie vielleicht auch eines unserer Miragegeschwader umrüsten können. Oder den Griphen und Phantoms endlich moderne Maschinen geben. Oder ein paar zusätzliche Reservemaschinen für die Jagdflieger...‘ Na ja, so waren sie halt. ,Hoffentlich machen sie um ihre Bulettenschmeißer nicht zuviel Gewese.‘ Als Abfangpilotin hatte sie klare Vorstellungen darüber, wer in der Nahrungskette des Kampffliegerökosystems an höchster Stelle stand...
Murphy war ja früher halbwegs erträglich gewesen, auch wenn sein Bibeltick ihrer Meinung nach nur etwas für einen Mann in Rente war. Aber das mochte auch daran liegen, daß sie eine recht laxe Anglikanerin war und keine stocksteife Katholikin...
Lilja war leicht zu finden. Die Russin war offenbar mit dem beschäftigt, was sie besonders gut konnte: sich Freunde zu machen. Sie kanzelte gerade einen Techniker ab – ihr Rang gab ihr da ziemlich viel Vollmacht – damit die Jäger der Staffel entsprechend versorgt wurden, den Piloten ihre Quartiere zugewiesen oder was auch immer. So chaotisch wie es hier zuging, war damit zu rechnen, daß es eine Weile dauern würde, bis alles geregelt war. Und Lilja gehörte zu der Sorte Leuten, die meinten, ein wenig Druck könne ihren Wünschen Nachdruck verleihen. Blackhawk grinste die Staffelführerin an: „Sie gibt sich ja richtig Mühe. Man könnte meinen, sie wolle dir deinen Posten wegschnappen.“ Lightning lachte mit. Lilja würde zwar alles tun, was man von ihr erwartete – aber der Gedanke an eigene Staffel hätte sie wohl mit mehr als nur gelinder Panik erfüllt. Die Russin schien sich nicht selten mit Versagensängsten herumzuschlagen. Schon ihre Aufgabe als XO ging sie allen Anschein nach mit verbissener Energie an. In etwa ebenso fanatisch wie den Angriff auf einen Akariibomber. Sie schien ständig zu fürchten, ihrer Verantwortung nicht voll gerecht zu werden. Das war zwar der Qualität ihrer Arbeit eher zuträglich, aber im Augenblick schienen ihre Ambitionen voll zufriedengestellt. Wenn sie welche hatte, außer der, sich weitere Markierungen auf die Flanke ihrer Maschine zu malen – und ihre Kameraden durchzubringen.
Als sie Lightning erblickte, ließ die Russin von dem Techniker ab und salutierte zackig. Lightning nickte nur und rief die Piloten zusammen: „Alle mal herhören! Der Alte will eine Patrouille draußen haben. Zwei Maschinen, kampfbereit. Und die Ehre haben wir.“ Sie sah, wie einige das Gesicht verzogen, und grinste: „Tja, er weiß eben, was er an uns hat.“ Das ließ einige müde lächeln. Die ,harmonische‘ Beziehung zwischen Lone Wolf und Lightning war nur zu bekannt. Aber sie waren offenbar entschlossen, zumindest so zu tun als glaubten sie ihrer Kommandeurin. Die fuhr gutgelaunt fort: „Nun, zu erwarten ist nichts. Aber bitte keine übermütigen Manöver oder so. Ich würde sagen, wir losen die Rotation aus.“ Lilja straffte sich: „Ich geh als Erste raus.“
Das schien Tyr nicht eben zu freuen – aber noch weniger zu überraschen. Er hatte schließlich erkannt, daß er mit der Staffelstreberin ,verheiratet‘ worden war. Wie man so sagte, bis daß der Tod...
Lightning akzeptierte das Angebot bereitwillig, aber nicht kommentarlos: „Du glaubst wohl, so dem Papierkrieg entkommen zu kommen.“ Sie schüttelte gespielt traurig den Kopf: „Meine eigene Nummer Zwei läßt mich feige im Stich, mitten in einer erbitterten Schlacht. Lilja, Lilja, daß gerade du mich verraten mußtest...“ Die anderen Piloten brachen in Gelächter aus, während die Russin etwas säuerlich dreinblickte, bevor sie sich anscheinend entschloß mitzuspielen und ein Gesicht wie eine ertappte Sünderin aufsetzte. Was das Lachen nur verstärkte.
Es stimmte freilich in gewisser Weise – zu Beginn einer solchen Verlagerung, an Bord eines neuen Trägers, kam auf die Staffelführung oft eine Menge zusätzlicher Arbeit zu. Das Büro und die Quartiere mußten ja noch bezogen werden, eventuell gab es Probleme mit der Unterbringung der Piloten, alles war neu und ungewohnt, hunderte von Dingen galt es zu bedenken, anzufordern, zu klären.
Imp setzte noch einen drauf: „Sie will bloß, daß ich ihr die Arbeit abnehme, ihr Quartier schon mal notdürftig herzurichten, das ist doch klar. Da würde sie doch lieber mit einem kaiserlichen Elitegeschwader kurbeln.“
Wieder lachten die Staffelmitglieder, während die XO in teils protestierender, teils kapitulierender Geste die Hände hob. Aber sie lachte mit – was selten bei ihr war.
Die Anweisungen an das technische Personal waren schnell erteilt – zwei Maschinen auftanken und aufmunitionieren, zwei weitere rechtzeitig für die Ablösung vorbereiten. Und dann mußten den Piloten die Quartiere gezeigt werden und...
Tyr trug sein Schicksal eher mit Gelassenheit. Er wußte noch nicht, bei wem er einquartiert werden würde – anders als viele anderen Geschwadermitgliedern war er ja nicht Teil einer festen Belegschaft, die nach Möglichkeit beibehalten wurde. Aber das würde sich schon rechtzeitig ergeben. Er trug nur Sorge, daß sein Gepäck mit der nötigen Vorsicht behandelt wurde. Wenn ein Hüne von zwei Metern jemanden darum bat, daß seine Sachen nicht in gewohnter Manier durch die Gegend geschleudert oder zur Seite gestoßen wurden, hörten die meisten Leute darauf...
So hoben die zwei Kampfflieger – der eine trug die weiße Lilie, der andere eine verschlungene Rune – schon kurze Zeit ab, nachdem sie gelandet waren. Bestückt mit je zwei Lenkflugkörpern des Typen Amram, Sparrow und Sidewinder und ,bis zum Stehkragen‘ aufgetankt. Zwischen den gewaltigen Rümpfen der Kriegsschiffe wirkten sie wie kleine Vögel, die auf den Rücken gewaltiger Bisons oder Elefanten ritten und jetzt, durch irgend etwas aufgeschreckt, davon flatterten. Andererseits – sie waren den Riesen nur zu oft Auge, Schild und Schwert. Woraus sich auch das ungebrochene Selbstbewußtsein ihrer Piloten speiste, daß so viele, nicht immer zu Unrecht, für Arroganz hielten.
Lilja empfand es als gewisser Verlust, daß sie nicht Vollschub geben konnte. Dazu gab es keine Notwendigkeit, und auf einem Patrouillenflug mußte Treibstoff gespart werden. Schließlich hatte man Stunden vermutlich ereignislosen Fluges vor sich. Außerdem hatte Lightning Kunstflugnummern verboten. Die Russin gehörte normalerweise nicht zu der Sorte Piloten, die unbedingt mit ihrem Können angeben mußten. Genauer gesagt verachtete sie dieses angeberische Gehabe sogar ein wenig. Es war auch nicht besser als Schausaufen oder ähnliches, und das war in ihren Augen ziemlich kindisches Imponiergehabe.
Aber diesmal juckte es auch ihr in den Fingern. Es war so lange her, daß sie einen voll kampfbereiten Jägern durch das Sternenmeer des Weltraums gesteuert hatte – und sie hatte das vermißt, als sie verwundet auf einem fremden Schiff nach Hause zurückgekehrt war. Sogar während des Urlaubs hatte sie diesen Augenblick herbeigesehnt. Er sagte ihr, daß die Akarii sie nicht kleingekriegt hatten. Ihr alter Träger, ihr Kampfflieger waren zerstört, nur noch Geschichte, Erinnerung. Aber sie war wieder voll im Einsatz, und sie würde es den Akarii heimzahlen! Dennoch, sie beherrschte sich, und durchforschte wachsam mit ihren Sensoren den Weltraum.
Sicher, sie gab Lightning Recht. Eigentlich war hier nichts zu erwarten. Was der Alte sich bloß dabei dachte? Wenn die Akarii oder Piraten HIER auftauchten, nun, also so schlimm stand es wirklich nicht. Aber Befehl war Befehl. Und so bekam sie ihren Freiflug. Sie genoß es, wie ihre Maschine auf die kleinste Handbewegung hin sich sacht von einer Seite auf die andere wiegte – ein perfektes Kunstwerk von Menschenhand. So zerbrechlich und fragil, und doch so voller Kraft und tödlicher Eleganz. Deshalb liebte sie die Abfangjäger. Es gab kaum eine Maschine, die es mit der ihren an Wendigkeit und Geschwindigkeit aufnehmen konnte. Andere mochten bessere Waffen, stärkere Schilde haben – aber sie konnte sie alle hinter sich lassen oder fiel zumindest nicht hinter sie zurück. Einzig die Reaper der Akarii war noch agiler und rasanter. Sie hätte gerne einmal so eine Maschine ausprobiert – auch wenn sie die Echsen abgrundtief haßte, und ihre Jäger auch. Die feindlichen Jäger hatten gleichzeitig eine Eleganz und Schönheit, die das Herz jedes Piloten ansprachen, was er auch immer über ihre Piloten dachte.
Tyr war wesentlich nüchterner. Er ahnte nichts von den Gedanken, die seine Flightleaderin bewegten, und hätte ihr derartige ,Gefühlsduselei‘ auch kaum zugetraut. Er hatte den Weltraum schon oft erlebt, als friedliches, ruhiges Meer, als unergründliche Tiefen, die dunkle Geheimnisse bargen, die nicht für Menschenaugen bestimmt waren – und auch als Schlachtfeld. Auch wenn das lange zurück lag, und seine Vorgesetzte in der Hinsicht ihm weit voraus war. Ihn konnte wenig beeindrucken. Er machte sich eher Gedanken über die Zukunft. Es war wohl ausgemacht, daß es an die Front ging. Und auch wenn er den ,Veteranen‘ einiges zutraute und wußte, daß die Miliz ihr Handwerk halbwegs beherrschte – es war auch eine Menge ,Grünzeug‘ an Bord. Und nach allem, was er von seinen Kameraden gehört hatte, vertilgten die Akarii solches Gemüse gerne zum Frühstück. Was bedeutete, halb und halb stand auch er auf ihrer Abschußliste – denn gegen die Echsen fehlte es ihm an Erfahrung.
Ein Glück, daß er kein Neuling mit einem Ego größer als ein Träger der Uniform-Klasse war. Denn dann hätte er vermutlich danach gegiert, mit seiner Vorgesetzten gleichzuziehen. Eine sichere Fahrkarte in die Hölle, soviel war sicher.
Nein, besser, er verfiel erst gar nicht in solche Spinnereien. Es hatte Lilja ebenso wie die anderen Veteranen Monate gekostet, ehe sie ihre Abschüsse zusammen hatten. Und viele Piloten waren auf der Strecke geblieben, keineswegs nur Akarii. Besser, er bemühte sich alles zu lernen, und blieb vorerst bescheiden. Von seiner Karriere erwartete er sowieso nicht viel. Die Navy wollte ihn an der Front und zahlte dafür – die Frontzulage würde er sicher gut gebrauchen können, es gab gewiß angenehme Möglichkeiten, sie durchzubringen. Nun, die Navy würde auch was dafür bekommen. Aber für Märtyrertum zahlte sie noch lange nicht genug, auch wenn einige Staffelmitglieder das anders sahen. Aber für Einar Haugland war der beste Soldat der vorsichtige Soldat, weil überlebender Soldat bei Kriegsende. Oh, er würde Lilja nicht im Stich lassen. Aber wenn er hörte wie manche etwa über den Heldentod dieses Ace redeten – nun, SO etwas war nicht seine Sache. Zumeist war derartiges auch nur überhastete Reaktion auf eine Situation, die man mit etwas Hirnschmalz auch anders hätte lösen können. Nun ja – das war nicht seine Sache. Ein Platz auf der Gedenktafel der Helden war eine schöne Sache, doch das Grab im Weltraum war kalt und einsam...
Er blieb an Liljas Seite und wachsam, ebenso wie sie – seine Pflicht würde er jedenfalls erfüllen.
Ironheart
24.03.2004, 15:01
Ursprünglich von Cattaneo
Captain Mithel hielt sich aufrecht. Die Hand mit der Waffe zitterte nicht. Er verschmähte es, mit beiden Händen zu schießen. Bei den rückstoßarmen Laserwaffen war dies eigentlich auch nicht nötig. In schneller Folge betätigte er den Abzug der schweren Dienstpistole. Eine kurze Serie von sechs Schüssen, dicht hintereinander.
Auch links und rechts von ihm wurde gefeuert. In früheren Zeiten, in der Ära der automatischen Feuerwaffen, hätte man sich hier höchstens mit Kopfhörern aufhalten können, aber hier war nicht viel zu hören. Dennoch waren die Waffen von tödlicher Durchschlagskraft, zumindest gegen leicht gepanzerte Ziele.
Der Kommandeur kontrollierte seine Erfolge – insgesamt nicht schlecht, zwei Volltreffer und drei Nahschüsse, nur eine Fahrkarte. Er machte sich keine Illusionen über seine Schießkünste – richtig glänzen konnte er damit nicht. Wenn man an die Marines dachte - die schossen auf die Entfernung so gut wie nie daneben. Für einen Captain, der eigentlich nicht damit rechnen mußte, daß ihn der Ernstfall dazu zwang, eine Waffe in die Hand zu nehmen, war es aber ziemlich gut. Ein Erbe seiner Dienstlaufbahn „von unten“. Auch wenn er heute eher mit Waffen kämpfte, oder besser kämpfen ließ, deren Feuerkraft ungleich größer war, so vernachlässigte er seine alten Kenntnisse nicht völlig.
Weniger, weil er glaubte sie noch einmal brauchen zu können, oder weil er aus Leidenschaft schoß. Aber wenn der Kapitän eines Schiffes Waffenübungen für alle – und das meinte genau das, ALLE, inklusive Küchenbüllen und Sanitäter – verordnete, dann sollte dieser Kapitän auch mit gutem Beispiel vorangehen, ebenso seine Offiziere.
Deshalb befand er sich hier in der Trainingshalle der Marines, ebenso wie etliche seiner Bordoffiziere. Alles eine Frage der Psychologie und Symbolik. Obwohl ihm nicht viel Zeit dazu blieb, schließlich hatte er ein Schiff mit mehreren hundert Mann Besatzung zu führen. Aber wenn man außer dem Dienst kaum ein Hobby hatte, blieb gerade noch genug Platz in Terminkalender für solche außerplanmäßigen Dinge...
Ein Glockenton verkündete das Ende der Übung. Gleichzeitig wurden auf einer Anzeige die Ergebnisse eingeblendet. Der Captain gestattete sich ein schmales Lächeln, als er feststellte, daß er an dritter Stelle kam. Nicht schlecht – zumindest im Vergleich zu seinen Offizieren konnte er also durchaus mithalten.
Die Waffen wurden vorschriftsmäßig gesichert und überprüft, bevor die Offiziere den Übungsbereich verließen. Trotz solcher Vorsichtsmaßnahmen kann es hin und wieder zu Unfällen mit Dienstwaffen, ein Problem jeder Armee. Die Pistolen mußten gesichert und im Holster verstaut werden – seitdem Mithel Einsatzbereitschaft angeordnet hatte, war das Tragen Pflicht. Er wollte jedoch nicht so weit gehen und Unfälle riskieren.
Der Captain neigte leicht den Kopf, als er der Siegerin gratulierte: „Sehr gute Leistung, Lieutenant Commander Alverado. Wirklich gut geschossen.“ Die junge Frau lief rot an, dann straffte sie sich und salutierte. Lob aus dem Munde des Kapitäns war nicht sehr häufig zu hören, und sie hatte zu Beginn ihrer Dienstzeit an Bord der Relentless zweimal einen Verweis von Mithel kassiert. Vermutlich bedeuteten ihr deshalb seine Worte einiges.
Trotz seines recht guten Abschneidens war Chris Mithel freilich nicht recht zufrieden. Er wußte, die Leistungen seiner Besatzung waren recht gut, auch auf diesem Feld. Aber sollte das Schiff geentert werden, würden Pistolen nicht viel ausrichten können gegen die gefürchteten Akariimarines. Es war zu erwarten, daß die Akarii in einem solchen Fall genau wußten, wie sie vorzugehen hatten. Der innere Aufbau eines Schiffes war nicht so geheim – und die Echsen hatten mit Sicherheit einiges an Informationen bei ihrem Überraschungsangriff erbeutet. Auch waren etliche wracke Kreuzer zurückgeblieben, die man untersuchen konnte. Und es gab Gerüchte, bei Jollahran sei mindestens ein Erdkreuzer von den Akarii erbeutet worden. Obwohl Mithel durchaus nachvollziehen konnte, daß ein Schiffskommandeur eine Verantwortung seinen Leuten gegenüber hatte – das eigene Schiff dem Feind auszuliefern, so etwas war ihm unverständlich.
Sicher, es war nicht wahrscheinlich, daß es zum Nahkampf an Bord des Kreuzers kam. In heutigen Zeiten würden Schiffe zehnmal öfter zum Wrack geschossen, als daß jemand versuchte, sie zu erobern. Immerhin lagerten in den Magazinen hunderte von Atombomben, und da war es ziemlich riskant, eigene Marines hinüber zu schicken. Gelegentlich kam es jedoch vor. Ein erbeutetes Schiff war immer eine wahre Schatzkammer, was Informationen über den Gegner betraf. Wo lagen die Schwachstellen seiner Schiffe? Wie lebte die Besatzung? Konnte man vom Feind etwas lernen?
Bisher lagen jedenfalls die Akarii in dieser Hinsicht deutlich vorne. Würde es den Menschen gelingen, genug feindliche Schiffe zu erobern, dann konnten vielleicht Schwachstellen entdeckt werden, die den Technologievorteil des Gegners aufhoben. Aber das war zweifelhaft.
Noch war nicht heraus, ob die terranische 2. Flotte den Feind erwarten oder ihn angreifen würde. Alle Anzeichen – und zahllose Gerüchte – deuteten auf einen Angriff der republikanischen Streitkräfte hin, wobei es über das Ziel nicht mehr als Spekulationen gab. Die Zahl der versammelten Schiffe, darunter einige Truppentransporter, ließ vermuten, daß es um einen „dicken Fisch“ ging, nicht nur um einen kurzen Raid ins Hinterland. Einige träumten bereits von der Rückeroberung Mantikors, doch dort sollten nicht weniger als sechs Uniforms der imperialen Flotte samt ihren Begleitschiffen stationiert sein. Möglicherweise waren es auch mehr. Dem war man noch nicht gewachsen, falls man es in absehbarer Zeit überhaupt seien würde.
Nur wenige Gerüchte hielten es für möglich, daß man sich auf einen großen Akariiangriff vorbereitete. Seit der Schlacht von Jollahran waren die Hoffnungen der Menschen etwas gestiegen. Es hatte den Anschein, als habe man den Gegner gestoppt – und viele brannten auf Angriff. Mithel sah dies mit Sorge. Nicht nur einmal in der menschlichen Geschichte hatten vorzeitige, zu ehrgeizige Angriffspläne fatale Folgen gehabt. Nur weil einige Leute nicht die Geduld gehabt hatten, abzuwarten. Wer nicht wagte, der gewann nicht, doch wer alles wagte, verlor oft genug auch alles. Sicher, es war hier eine gewaltige Feuerkraft versammelt. Allein das Kreuzergeschwader, dem er angehörte, hatte ein ungeheures Vernichtungspotential. Eine einzige Breitseite würde aus nicht weniger als 90 Exocet- und 120 Harpoon-Marschflugkörpern bestehen. Die Sprengkraft EINES dieser Flugkörpers genügte vermutlich, ein leichtes feindliches Schiff zu vernichten. Aber so ähnlich hatte es bei Mantikor auch ausgesehen – wo die Akarii die republikanische Flotte aus dem System gejagt hatten.
Mithel war nie eine Spielernatur gewesen. Aus diesem Grund wollte er für alle Eventualitäten vorbereitet sein. Deshalb die erhöhte Kampfbereitschaft, die Schutzwesten, die Schießübungen.
Während er auf dem Weg zu seinem Büro war, grübelte der Captain darüber nach, was noch zu tun sei. Ein Captain mußte seine Mannschaft auf Trab halten. Er mußte ihr den Ernst der Situation klar machen, und vor allem mußte er ihr das Gefühl vermitteln, daß der Mann an der Spitze sein Handwerk verstand. Zuneigung, ein freundschaftliches, kameradschaftliches Verhältnis – das war entbehrlich. Aber die Untergebenen mußten davon überzeugt sein, daß ihr Kapitän alles notwendige tat, um sie lebend und siegreich nach Hause zu bringen. Sie durften natürlich auch selber nicht nachlässig werden.
In Gedanken machte Mithel unablässig weitere Notizen. Die Zahl der Notlampen mußte erhöht werden – im Gefechtsfall fiel oft die Beleuchtung als erstes aus, besonders wenn der Gegner ein Schiff sturmreif schoß. Wenn die Reparatur- oder Kampftrupps dann zum Einsatz kamen, mußten sie die Möglichkeit haben, sich in der Dunkelheit zu orientieren. Marines hatten Nachtsichtgeräte, die wesentlich effektiver als die beste Lampe waren. Aber Mithel wußte, eher ginge ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß man ihm für jedes Besatzungsmitglied ein solches Gerät zuteilen würde. Also blieben die Lampen...
Dann mußten ausreichend Waffen bereitgelegt werden. Die Dienstpistolen würden im Falle eines Enterns nicht genügen – also mußten Lasergewehre und Handgranaten an neuralgischen Punkten deponiert werden, damit die Besatzung sich zur Not bewaffnen konnte. Natürlich unter Verschluß, denn bei den hunderten Mann besatzung an Bord eines Schiffes konnte immer ein "fauler Fisch" dabei sein. Aber im Ernstfall mußten die Waffen leicht erreicbar sein. So würde die Besatzung den Gegner wenigstens etwas aufhalten können.
Wichtiger aber war auch hier, daß sie vor allem das Gefühl hatten, im Notfall – mit dem er nicht rechnete – nicht ganz wehrlos zu sein. Gleichzeitig würden sie die Eventualität eines feindlichen Angriffs immer vor Augen haben. Das würde verhindern, daß sie in Routine verfielen.
Und er mußte sich etwas wegen der Treppen überlegen. Im Falle eines Enterangriffes würden die Akarii vermutlich dort vorrücken. Lifte fielen schnell aus und waren leicht zu blockieren, sie konnten zu reinsten Todesfallen werden. Natürlich konnte man noch durch die leeren Schächte vorrücken...
Ein Kreuzer war keine Festung. Er war eher eine Kleinstadt, und wenn die Mauern erst einmal überwunden waren, war es schwer, den Gegner wieder hinauszuwerfen. Außer, man zündete die ganze Stadt über dem eigenen Kopf an und verbrannte zusammen mit den Angreifern...
Doch dies war bei weitem nicht das einzige, worüber er sich Gedanken machte. Eigentlich nur ein Stein, der ihm im Schuh drückte, wie man so sagte...
Wie alle Kapitäne, wie vermutlich selbst der letzte Matrose, grübelte er darüber nach, WANN, WO und WIE sie zuschlagen würden. Viel, sehr viel hing davon ab. Er hatte von daheim gehört, daß der Kriegskurs keineswegs unumstritten war. Die Flotte und die Regierung brauchten Siege, um sich zu legitimieren. Ein eindeutiger Sieg würde die Friedensbewegung schwächen, der Präsidentin neue Popularität bringen. Mit einem Sieg konnte man vielleicht wirklich erste Fühler zu den Akarii ausstrecken. Denn so und nicht anders wurde Frieden gemacht – mit der stählernen Faust in Reserve, die dem Feind Vernichtung androhte, falls er nicht aufgab.
Mithel machte sich keine Illusionen. Krieg bis zum Gesamtsieg – das würde schwer werden. Die Akariiflotte war stark, sehr stark. Sie war der menschlichen zahlenmäßig vermutlich mindestens ebenbürtig. Natürlich mußten die Akarii auch andere Grenzen bewachen, mußten Krieg gegen die Konföderation führen – das band Kräfte. Und das Akar-System mußte beschützt werden – ebenso wie Terra von der Republik nicht entblößt wurde. Wenn die Akarii erst einmal mit dem Rücken zur Wand kämpften, dann konnte der Krieg sich Jahre hinziehen. Vermutlich waren beide Seiten nicht in der Lage, die andere schnell und eindeutig zu schlagen und schnell ins Zentrum vorzustoßen. Oder besser – er war sich ziemlich sicher, daß die Menschen dazu nicht in der Lage waren.
Also würde man die Akarii vermutlich nicht völlig zu Boden zwingen können, ebenso wenig, wie sie vermutlich vorhatten, jede Welt der Republik zu erobern. Die stärkere Seite würde einen Frieden diktieren – und hier begannen die Schwierigkeiten. Denn es mußte ein akzeptabler Frieden sein, der dem Unterlegenen eine echte Chance bot. Doch gleichzeitig mußte der Frieden den Krieg und alle seine Opfer rechtfertigen. Die öffentliche Meinung würde nur schwer weniger als einen Frieden akzeptieren wollen, der einen erneuten Überraschungsschlag unmöglich machte. Aber wie dann verhindern, daß dies Formen annahm, die für die Regierung, und viellecht ebenso wichtig die Flotte, der Akarii unannehmbar waren?
Der Frieden würde also vermutlich hart werden. Und einen solchen Frieden erreichte man am besten dann, wenn man dem Gegner einen großen Sieg präsentierte, und mit weiteren Siegen drohte. Die Alternative vor Augen, noch mehr zu verlieren und am Ende die Bedingungen diktiert zu bekommen, mochte dann den Schwächeren zum Nachgeben zwingen. So die Theorie – sie hatte in der Geschichte mindestens so oft versagt wie funktioniert. Alternativen dazu gab es jedoch nicht.
Der Captain grinste säuerlich – nun, wenn Wünschen helfen würde, dann würde die imperiale Armee die Flotte für Niederlagen verantwortlich machen und einen Frieden auf deren Kosten durchsetzen. So wenig man über die Akarii wußte, die Rivalität zwischen Armee und Flotte wurde als sicher angesehen. Aber so weit würde das wohl doch nicht gehen. Oder der Kaiser nutzte den Frieden, um die Streitkräfte zu entmachten oder...
Wenn man nur mehr über die Akarii gewußt hätte! Alles, was man überlegte, alles, was er selber dachte, basierte auf sehr fragmentarischem Wissen. Es gab keine Anzeichen dafür – und die politische und militärische Führung der Republik handelte auch nicht so – als ob man auch nur EINEN „Mann auf Akar“ hatte. Wie sollte man da ein Konzept entwickeln?
Eines war sicher – er beneidete die politische Führung nicht. Vor sich die imperiale Flotte, hinter sich die nur teilweise sichere Heimatfront mußte sie mit verbundenen Augen durch ein Minenfeld laufen. Und ein Fehltritt würde fatale Folgen haben. Dieser Krieg an sich war eine solche Katastrophe, zu verdanken der unsicheren Politik und den alten, dummen Männern im Flottenstab, die nur daran gedacht hatten, ihre geliebten Lexington-Träger bewilligt zu bekommen. Jetzt rächte sich das. Die Führungen hatten Fehler gemacht – und es würde auch an seinem Schiff, seiner Besatzung, und auch ihm selbst sein, diese Fehler auszugleichen. Wenn das möglich war. Er hoffte es, doch meistens – im geheimen – überwogen Zweifel. Zumindest zu sich selbst konnte er ehrlich sein. Zu anderen hingegen...
Der Captain schritt straff aus, den Rücken durchgedrückt, den scharfen Augen entging nichts. Ihm war anzusehen, daß er vom Erfolg seiner Mission, seines Schiffes überzeugt war – so sahen ihn seine Leute.
Ironheart
24.03.2004, 15:02
Platzhalter Hammer Nr. 5
Ironheart
24.03.2004, 15:03
Ursprünglich von Ace Kaiser
Die Gedanken von Juliane Volkmer jagten sich. Die letzten Tage waren für sie wie im Rausch vergangen. Wie im Absynthrausch, wohlgemerkt, einigermaßen ausgewogen aufgeteilt auf Freude und Leid.
Mit der Ankunft auf der COLUMBIA hatte ihr Arbeitspensum noch einmal deutlich zugenommen, eine Staffel führte sich schließlich nicht von selbst.
Aber der Träger selbst war ein mittelschweres Wunder. Gegenüber der MARYLAND brauchte sich dieser Riese jedenfalls nicht zu verstecken, obwohl der Leichte Träger schon topmodern gewesen war.
Gegenüber der guten, alten REDEMPTION aber war der Vergleich in etwa so ungerecht als würde man Fort LEXINGTON mit PERSEUS Station vergleichen.
Doch auch dieser Rausch ging vorbei, Routine griff und verschaffte ihr die lebensnotwendige Zeit, um auch mal außerhalb der kargen Schlafenszeit zu ein wenig Ruhe zu kommen.
Überhaupt, die Aktenstapel, welche sie immer dann in Angriff nahm, sobald keine Übung, Schulung oder Briefings stattfanden, schienen sogar abzunehmen.
Zeit, das kostbarste Gut überhaupt.
So langsam beschlich Juliane der Verdacht, dass die Navy diese Aktenberge absichtlich anhäufte – damit die Führungsoffiziere gar keine Zeit haben konnten, um negativ aufzufallen oder einen Fehler zu begehen.
Nun aber hatte sie sich ein paar Minuten erkämpft, und diese gedachte sie zu einem Vorhaben zu nutzen, welches sie nun schon seit Monaten vor sich her schob. Und welches dringend erledigt werden musste.
Ihr ganz persönlicher Gang durch die Spießruten.
Als sie an der Bürotür von Diane Lightning Parker klopfte, der Kommandeurin der Grünen Staffel, der Schwesterstaffel ihrer Blauen Typhoons, gab sie sich einen Ruck, die Sache jetzt auch durchzustehen.
Nach dem Herein öffnete Juliane die Tür und trat ein.
Da sie beide dienstranggleich waren, beließ es die Staffelkommandeurin der Blauen mit einem Nicken und verzichtete auf einen Salut. Zwar war sie Dienstjünger im Rang, aber das sollte sich nach der letzten Feindfahrt relativiert haben.
„Huntress. Schön, Sie zu sehen. Kann ich was für Sie tun?“ Diane deutete auf einen der beiden freien Stühle vor ihrem mehr als karg ausgestatteten Schreibtisch. Sie erhob sich und ging zur Kaffeemaschine. „Kaffee? Den besten Freund des aufmerksamen Navyoffiziers?“
Juliane schüttelte den Kopf, setzte sich aber.
Die Kommandeurin der Grünen schenkte sich selbst eine Tasse ein und setzte sich wieder.
„Was liegt Ihnen auf dem Herzen?“, fragte sie in dem Tonfall, den große Schwestern benutzten, wenn sie wissen wollten, wo sie der kleinen Schwester das bunte Pflaster hinkleben sollten.
„Ich hasse Sie“, stellte Huntress fest.
Diane Parker riss die Augen auf. „Was, bitte?“
„Ich hasse Sie, Lightning“, wiederholte Juliane.
Sie beugte sich leicht vor. „Ich hasse Sie, weil Sie mir unbedingt zur Hand gehen wollten, als ich das Kommando über die Blauen bekommen habe.
Ich hasse Sie, weil Sie mir gezeigt haben, was der Unterschied zwischen einem XO und einem Staffelchef ist.
Ich hasse Sie, weil Sie mir sinnvolle Tipps gegeben haben.
Ich hasse Sie, weil mir diese Tipps mehr genützt haben, als ich sagen kann.
Ich hasse Sie, weil Sie Zeit von Ihrer eigenen Staffel verloren haben, nur um für meine Kindermädchen zu spielen.
Ich hasse Sie, weil Sie mit traumwandlerischer Sicherheit meine Schwächen entdeckt, bloßgelegt und eliminiert haben.
Ich hasse Sie, weil Sie die ganze Zeit besser waren als ich.
Ich hasse Sie, weil Sie Lightning sind, die Unfehlbare.
Ich hasse Sie, weil ich ohne Ihre Nachhilfe mehr als einen Piloten verloren hätte.“
Juliane lehnte sich wieder zurück.
„Dies ist ein neuer Träger, eine neue Situation. Ich erwarte, dass Sie sich in Zukunft aus meiner Staffel raushalten. Sie sollten mehr als genug mit Ihren Grünen zu tun haben, um mir auch noch Zucker in den Arsch zu blasen.
Und ich will keine Tipps mehr von Ihnen hören, egal ob gut gemeint oder nicht. Nach Jollahran kann ich den Stoff, oder ich ersticke daran.“
Lange Sekunden gingen ins Land. Die beiden Frauen sahen sich in die Augen. Lightning war der Kaffeebecher aus der Hand gefallen, sie hatte es nicht einmal bemerkt.
In ihrem Gesicht tobten die Emotionen. Endlich fragte sie: „War es das, Huntress?“
Die Kommandeurin der Blauen erhob sich. „Nein, das war es noch nicht.“
Juliane ging vor die Tür, bückte sich und nahm etwas auf.
Danach betrat sie wieder das Büro. In der einen Hand hielt sie einen riesigen Blumenstrauß.
In der anderen eine sehr große Schachtel eines beliebten terranischen Konfektherstellers.
„Eins habe ich noch, Lightning“, brummte sie. Ihr harter Blick wurde freundlich, geradezu sanft. „Danke, Lieutenant Commander. Danke für Ihre Hilfe.“
Sie drückte der verdutzten Offizierin die Blumen und die Pralinen in die Hände.
Danach umarmte Juliane die andere kurz.
Sie ging zur Tür, drehte sich für einen kurzen, aber korrekten Salut um, und verließ das Büro.
Fortan würde sie keine Einmischung in die Interna der Blauen mehr dulden. Und dies vor allem auch deswegen, weil dies Zeit für die Grüne Staffel bedeutete, die sich die Teamarbeit erst erarbeiten musste, welche ihre Jokers for Redemption schon besaßen.
„Hoffentlich ist die Schokolade ihre Sorte“, brummte Huntress und machte sich auf den Weg in ihr eigenes Büro. Sie konnte Demolisher mit dem Papierkram ja nicht alleine lassen.
Ironheart
24.03.2004, 15:03
Ursprünglich von Ironheart
Zimmergenossen
Vor sich hinfluchend und in Gedanken versunken war Donovan auf dem Weg zurück zu seiner Kabine. In erster Linie war er wütend auf sich selbst, hatte er sich doch das Heft aus der Hand nehmen und sich wie ein tölpelhafter Amateur von Cunningham zusammenfalten lassen.
Aber er war auch weiterhin wütend auf seinen Geschwaderkommandanten. Gewissenlos hatte dieser sich seine eigenen Wahrheiten zurechtgelegt und schien damit auch ganz gut leben zu können. Kein Wunder, hatte er es doch auf diese Weise geschafft Karriere zu machen.
Und Donovan war wütend auf das Schicksal und auf die Ungerechtigkeiten des Lebens. Er wußte, dass er gut war, sonst hätten sie ihn gar nicht erst aus dem Knast geholt. Und obwohl er sich im Moment nicht einmal sonderlich anstrengte gehörte er zu den besseren in seiner Staffel. Aber registrierte das überhaupt irgend jemand? Interessierte sich überhaupt jemand dafür? Nein, er war sich sicher, dass es nichts gab, dass er hätte tun können um seinen Makel aus der Vergangenheit tilgen zu können. Sie würden weiter alles daran setzen ihn fertig zu machen. Und selbst die, die ihm gegenüber zumindest nicht negativ eingestellt waren, trauten sich nicht in seine Nähe, weil sie den Zorn ihrer Kameraden fürchteten.
In diesen Gedanken versunken, öffnete Donovan das Schott zu seiner Kabine. Ein neuer Seesack war halb geöffnet in der Mitte des Quartiers zu sehen.
`Mein Zimmergenosse ist also endlich angekommen`, dachte Donovan und spielte für einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken gleich wieder kehrt zu machen und später wieder zu kommen. Da er aber nicht die geringste Idee hatte, wo er hingehen sollte, entschloss er sich doch herein zu kommen und die schloss die Tür hinter sich.
In dem Augenblick, in dem er sich wieder umdrehte, kam ein Hüne durch die Tür aus der Nasszelle und es dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde, bis es Donovan dämmerte, wer da vor ihm stand. Auch wenn Donovan keine Freunde an Bord hatte, konnte er eins und eins zusammenzählen. Und an Hand der Verletzungen, die der vor ihm stehende Riese sich in Miramar eingehandelt hatte, wusste er wer für den Angriff auf Ihn verantwortlich gewesen sein musste.
Auch in Tyr Hauglands Augen konnte er das Erkennen aufblitzen sehen. Er hatte sich offensichtlich gerade frisch gemacht und hatte ein großes weißes Handtuch um seinen Nacken geschwungen. Seine beiden Pranken hielten je ein Ende des feuchten Handtuches umschlungen und lösten sich in dem Moment, in dem sein gesamter Körper sich anspannte und nach vorne schnellte um Donovan zu packen. Wahrscheinlich vermutete der große Pilot, dass Donovan gekommen war um sich bei Ihm zu rächen und so ging er ohne lang zu fackeln zum Angriff über. Donovan stand mit dem Rücken am Schott, an eine Flucht war nicht zu denken. Und noch bevor er einen Mucks heraus bekam, hatten ihn Hauglands kräftige Hände bereits am Kragen gepackt, emporgehoben und ihn gegen das Schott gepresst.
Donovan konnte gerade noch so die beiden freien Enden des Handtuchs fassen, stiess sich mit den Füssen vom Schott ab und zerrte im selben Augenblick am Handtuch. Die Kopfnuss, die er Haugland auf diese Weise verpasste, war höchsteffektiv.
Der Riese lies ihn los und fasste sich instinktiv an den Kopf. Donovan fiel knapp 10 cm zu Boden, liess aber das Handtuch nicht los, so dass auch Haugland sich mit nach vorne beugen musste. Blitzschnell riss Donovan sein Knie empor und traf den grunzenden Piloten in den Weichteilen, so dass dessen Krümmung gen Boden noch zunahm. Die Gelegenheit des momentanen Benommenseins seines Kontrahenten packte Donovan am Schopfe und schlang das Handtuch nun ganz um Hauglands Hals. Gerade als er ihn dann etwas zum Röcheln bringen wollte, schossen Hauglunds Arme wieder blitzschnell empor und drückten nun ihrerseits Donovans Kehle wie riesige Schraubstöcke zu. Gleichzeitig wuchtete der Riese seine Schulter gegen seinen Gegner, so daß der mit der Wucht eines Vorschlaghammers gegen die Wand gedrückt wurde.
Donovan erwiderte den Druck dadurch, dass er mit voller Wucht am Handtuch zog und somit liess auch Hauglands Griff ein wenig nach. Aber nicht genug um zu verhindern, dass Donovan spürte, wie ihm selbst die Luft wegblieb.
Beide versuchten sich nun mehrfach aus dem Griff des jeweils anderen zu befreien, in dem sie sich gegen die Schottwände warfen, aber sie schienen sich wie zwei Pitbulls ineinander verbissen zu haben. Donovan legte all seine Wut und seinen Frust in seine Arme und konnte damit verhindern, von Hauglund zerquetscht zu werden. Aber auch aus der Kehle seines Gegners klang ein beinahe raubtierhaftes Knurren, und auch wenn dem Schweden die Luft zunehmend knapp wurde, gab er nicht nach. Schliesslich aber fehlte beiden die Kraft um sich noch weiter hin- und herzuschleudern, so dass sie an eine Schottwand gekauert stehen blieben
und sich nun beide darauf konzentrierten einander zu erdrosseln.
Er konnte nicht sagen, wie lange die beiden sich gegenseitig die Luft abdrückten und wer von Ihnen die Oberhand behalten würde. Doch als lila Flecken vor seinen Augen zu tanzen begannen, quetschte er ein „Lass los“ hervor.
Haugland, dem es nicht sonderlich besser zu gehen schien, antwortete mühsam „Du zuerst“. „Auf Drei“ schlug der kleinere der beiden Piloten gepresst hervor und Haugland nickte mühsam.
„Eins…Zwei…Drei“ röchelte Donovan und da Hauglund dasselbe tat, gingen beide erst einmal in die Knie und holten tief Luft. Donovan sog den wohltuenden Sauerstoff so tief in seine malträtierten Lungen, dass er husten musste. Alles drehte sich und er brauchte ein paar Sekunden um endlich wieder klar sehen zu können.
„Verpiss dich… aus meiner Kabine…, du verfluchter Pirat“ keuchte Haugland.
„Das ist… auch meine… Kabine…“
Das schien den Riesen seinen weit auf gerissenen Augen nach zu urteilen ehrlich zu erstaunen. Anscheinend hatte er gedacht, dass Donovan in seine Kabine gekommen war um eine alte Rechnung zu begleichen. Dass jemand auf die wahnwitzige Idee gekommen war, die beiden Streithähne in eine gemeinsame Kabine zu verlegen, auf diesen Gedanken war der Hüne wohl nicht gekommen.
„Das… das… kann nicht…“
„Doch“ unterbrach ihn Donovan und zeigte nach oben auf seinen Seesack, den auf der oben liegenden Koje deponiert hatte.
Haugland schüttelte den Kopf und schien zu überlegen. Er rappelte sich langsam auf und ein teuflisches Grinsen bildete sich in seinem breiten Gesicht.
„Für die Aktion landest Du da hin, wo Du hingehörst: In den Bau!“
„Du hast mich zuerst angegriffen.“
„Das weiss keiner.“
„Genau, also steht Aussage gegen Aussage.“
Ein triumphierendes Lachen entfuhr Hauglunds Kehle. „Hah! Was glaubst Du wem sie eher glauben werden? Einem vorbestraften Piraten wie dir oder einem unbescholtenen Piloten wie mir?“ Die Stimme klang bei dem Wort „unbescholten“ zwar gelinde sarkastisch, aber das änderte nichts an der Grundaussage.
Eiskalte Panik floss Donovan durch die Adern. Haugland hatte Recht, im Zweifel würden sie wohl eher dem ehemaligen Milizpiloten glauben als ihm. Doch dann fiel ihm ein, warum er sich vielleicht doch keine Sorgen machen mußte.
„Deine Fingerabdrücke an meinem Hals sind sicher sehr viel deutlicher zu erkennen als anders herum. Willst du es wirklich darauf ankommen lassen?“
Hauglunds überhebliches Grinsen verschwand. „Scheisse. Jedenfalls will ich nicht mit dir in einer Kabine liegen, Pirat!“
„Und was willst Du dagegen machen?“
Hauglund verschränkte seine Arme vor der Brust und sein Grinsen kehrte wieder. „Na warts mal ab.“
******************************
Zehn Minuten später standen die beiden Streithähne in Lieutenant Commander Justin „Darkness“ McQueen`s Büro, der die beiden stramm stehenden Piloten durch stahlharte Augen beobachtete. Nicht, dass einer der beiden dadurch sonderlich eingeschüchtert schien.
„Hmmm, soso ihr beiden wollt also nicht gemeinsam in einer Kabine bleiben?“
„Ja, Sir!“ antworteten sowohl Hauglund als auch Cartmell.
Fast hätte Darkness geseufzt. Die feindselige Haltung der Angels gegenüber dem Ensign war ihm schon mehrfach negativ aufgefallen und wie er so hörte, hatte es bereits einen Zwischenfall auf der Miramar-Base gegeben. So konnte das nicht weiter gehen, er musste dem Ganzen einen Riegel vorschieben. Er dufte es nicht zulassen, dass sich die Piloten dieses Geschwaders, aus welchen Gründen auch immer schon vor dem ersten Feindkontakt gegenseitig umlegten.
„Na dann schauen wir doch mal, meine Herren…“ sagte er mit einer ordentlichen Prise Sarkasmus in seiner Stimme während er wahllos ein Klemmbrett auf seinem Schreibtisch schnappte und so tat als würde er Belegungspläne durchgehen „... ob ich nicht etwas passenderes für sie finden kann. Hmmm, warten Sie hier habe ich noch zwei hübsche Einzelkabinen, die für die beide interessant werden könnten. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dass die Kabinen weniger Komfort und Gitterstäbe vor dem Bullauge haben, kann ich Sie auch ohne Probleme im Sicherheitstrakt unterbringen. Sie kennen sich da ja bereits wunderbar aus, nicht wahr Noname? Ich bin mir sicher, dass Sie sich da gleich wieder heimisch fühlen werden.“
Dann warf Darkness das Klemmbrett auf seinen Schreibtisch und musterte wieder die beiden Piloten, die ihm nun deutlich unsicherer in ihren Uniformen vorkamen. Möglicherweise, weil sie sich beide ungerecht behandelt fühlten.
„Hören Sie mir beide mal gut zu:“ fuhr er diesmal mit deutlich mehr Schärfe in seiner Stimme fort. „Ich dulde keinerlei Extrawürste in diesem Geschwader. Ich erwarte nicht, dass Sie sich die Hand geben, sich vertragen und Freunde werden. Wenn Sie ein Problem miteinander haben, schlucken Sie es gefälligst herunter und zwar beide. Verflucht, wir sind im Krieg und Ihren persönlichen Kindergartenkram können sie sich sparen. Also gut. Ich gebe Ihnen beiden hiermit mein Wort: Sollte einer von Ihnen beiden auch nur eine Erkältung bekommen, werde ich den jeweils anderen zur Rechenschaft ziehen, verstanden? Und jetzt weggetreten.“
Haugland schien noch etwas sagen zu wollen, aber mit einem wütenden Blick überlegte er es sich dann offenbar anders – vorläufig.
Darkness beachtete den Salut der beiden Piloten kaum und schien schon wieder in seiner Arbeit vertieft, als sich die beiden aus seinem Büro entfernten.
Als sie draussen waren lehnte er sich seufzend zurück und notierte sich herauszufinden, wer so intelligent gewesen war, ausgerechnet diese beiden in eine gemeinsame Kabine zu stecken. Es war ein Risiko, beide in einem Quartier zu belassen, dessen war sich Darkness bewußt. Wenn sich die beiden gegenseitig die Schädel einhauen würden, wäre das kurzfristig sehr ärgerlich, verlören sie doch zwei Piloten und das ganz ohne Feindeinwirkungen. Aber andererseits, würde es wohl schwer werden, jemanden zu finden, der nicht ein Problem mit Cartmell gehabt hätte. Und den anderen Piloten der Angry Angles – allen voran diesem Haugland – musste endlich klar werden, dass sie nicht einfach so einen Piloten der Terran Space Navy aus dem Geschwader mobben konnten, nur weil ihnen etwas an ihm nicht passte. Was würde als nächstes kommen? Asiaten nur mit Asiaten, Schwarze nur mit Schwarzen? Allerdings – ein Stück weit flüsterte ihm eine innere Stimme zu, dass die Vorurteile der Piloten nicht ganz unverständlich waren. Formal war Cartmell freigesprochen worden, aber es war ein recht wackliger Freispruch gewesen. Und wer wollte mit einem Piloten fliegen, der auch nur vielleicht ein Mörder von Kameraden war? Aber Recht war Recht, auch wenn einem dabei nicht ganz wohl war.
Nein, es war wichtig dem ganzen jetzt und hier Einhalt zu gebieten. Und mit ein bisschen Glück würde sich die Situation im Laufe dieser Feindfahrt wieder bereinigen.
So oder so.
Ironheart
24.03.2004, 15:04
Ursprünglich von Cunningham
"... Der Captain ist endlich, wie es sich für einen Träger gehört, ehemaliger Pilot. Er macht einen sehr patenten Eindruck, wenn auch etwas sprunghaft. Manchmal gebieterisch streng und an anderen Tagen gerade zu lax. Ich hoffe nur, dass er sich ähnlich wie Clarke nicht allzu sehr in die Angelegenheiten meines Geschwaders einmischt." Lucas lächelte in die Kamera. "Die Columbia ... nun ich fühle mich auf ihr schon wie zu Hause, sie ist ein schönes, modernes Schiff. Im Gegensatz zur Red, wo man unter den Mannschaften und auch Teile des Offizierscorps vom alten Eisen zurückgeholt hat ... oh, natürlich nicht Dich Liebling ... hat man sich Mühe gegeben auf der Columbia den Vorkriegsstandard aufrechtzuerhalten. Du hättest hervorragend in diese Crew gepasst."
Der Pilot schwieg eine weile und als er weitersprach klang seine Stimme belegt: "Ich hoffe die Behandlung geht gut voran. Ich hab meine Eltern gebeten Dich zu besuchen ... ich weiß, vielleicht nicht die beste Entscheidung, doch ich fand es wichtig, dass sie Dich kennen lernen und Dir eventuell helfen. Wobei ich mittlerweile befürchte, dass die einzige Hilfe für Dich sein wird, dass mein Vater versuchen wird meine Mutter von Dir fern zu halten. Ach, Mel, ich vermisse Dich furchtbar und würde Dich gern noch einmal besuchen, doch weiß ich nicht, ob das klappt. Es wartet zurzeit eine Menge unerledigte Arbeit auf mich. Tja nun alles, alles Gute, auf ein baldiges Wiedersehen. Dein Lucas."
Er schaltete die Kamera ab und lehnte sich zurück. Der Chefsessel war viel zu gemütlich um wirklich Arbeiten zu können.
Es klopfte.
Ein schneller Blick auf die Uhr verriet ihn den Besucher: "Komme schon."
Nachdem Lucas einen schnellen Blick in den Spiegel geworfen hatte stapfte er zur Tür und fand tatsächlich denjenigen vor, den er erwartet hatte.
"Wir sind spät dran." Darkness brauchte das 'wieder mal' gar nicht aussprechen, Lucas hörte es auch so.
"Ja, hab ich eben auch bemerkt." Er setzte seine Schirmmütze auf. Beide Pilotenveteranen hatte ihre khakifarbene Dienstuniform an, jedoch auf Befehl Wacos ihre Ordensbänder und Kapagnenbänder angesteckt. Mit ihren drei Reihen Ordensbändern und den goldenen Schwingen drüber hätten beide von einem Rekrutierungsplakat herabgestiegen sein können. Beinahe. Darkness wirkte einfach zu finster und Lucas wirkte etwas übermüdet und gestresst.
Auf dem Flugdeck warteten schon die anderen Staffelkommandanten, Captain Waco samt seinen Führungsoffizieren und ein Teil des Unteroffizierscorps.
Außer Waco hatten die drei Gruppen sich in drei Reihen formiert. Bosun Atti schritt gerade die Reihe der Führungsoffiziere ab um diese ungewohnte 'Aufgabe' der Commander und Lieutenant Commander noch mal zu überprüfen.
Als er fertig war reihte er sich ganz vorne bei den Unteroffizieren wieder ein.
"Verdammt Cunningham, wo haben Sie beide gesteckt?" Herrschte Waco.
"War ganz allein meine Schuld", gestand Lucas ein. Er bemerkte den etwas erstaunten Seitenblick von Lightning Parker, "ich habe eine Video-Mail an meine Verlobte aufgezeichnet."
Waco war sofort milde gestimmt: "Achso, naja ab in die Reihe."
Der Befehl war einfacher gesagt als getan, da sich die Reihe der Staffelkommandanten beinahe im wilden Geschnatter auflöste. Besonders die älteren Mitglieder des Geschwaders war das eine recht interessantere Neuigkeit. Besonders da Darkness es nicht schaffte seine Überraschung zu verbergen.
"ACHTUNG STILLGESTANDEN!" Donnerte Darkness mit hochroten Kopf, ehe Waco laut werden konnte, dem man ansah, dass er wieder auf 180 war.
Die Piloten verstummten und nahmen wieder Haltung an. Darkness und Lucas reihten sich links von Jack Murphy der Nr. 3 im Geschwader ein.
Am Ende der Reihe stand Radio, wie es sich für einen Führungsoffizier ohne Geschwader handelte. Zusammen mit der XO-Position der Roten Staffel war ihm die Rolle des Nachrichtendienstoffiziers des Geschwaders zugefallen. Ein Posten, den er eigentlich auf Lieutenant Commander McGill abschieben wollte, die auch begierig war diesen zu übernehmen. Das Problem war, wie jubelt er das Cunningham unter. Links von ihm stand Lightning Parker, die wohl, so viel Abstand zwischen sich und Cunningham bringen wollte, wie sie nur konnte.
"Achtung! Achtung! Flugdeckoperation. Shuttle im Landeanflug." Plärrte es aus diversen Lautsprechern.
Ein mehrmaliger Alarmton erklang und ein Shuttle schwebte wie von Geisterhand getragen in das Flugdeck.
Kaum das es aufgesetzt hatte schwärmte eine Gruppe Techniker um das Shuttle aus.
Kurze Zeit Später öffnete sich die Seitentür.
Ein Senior CPO pfiff mit seiner Bootsmannspfeife Seite.
"ACHTUNG STILLGESTANDEN! Admiral kommt an Bord!" Gab ein zweiter CPO bekannt.
Aufs Stichwort verließ eine Frau das Schuttle. Die Roten Haare waren schulterlang und vom ersten Grau durchzogen.
Waco ging ihr zielstrebig entgegen, während hinter der Admiralin eine ganze Gruppe von Stabsoffizieren aus dem Shuttle quoll.
Wie es das Zeremoniell verlangte salutierte die Admiralin zuerst: "Bitte um Erlaubnis an Bord kommen zu dürfen."
"Erlaubniss erteilt. Willkommen an Bord Ma'am."
Waco nahm die dargebotenen Hand.
"Bianca Wulff." Stellte sie sich ihm vor.
"James Waco. bitte erlauben Sie mir, wenn ich Ihnen meine Offiziere vorstelle." Waco deutete auf seine Ressortoffiziere.
"Gern." Sie blickte den Offizieren entgegen. "Rühren."
Waco stellte als erstes seinen XO vor und arbeitete sich die Reihe der Ressortoffiziere vor. Wulff schüttelte jedem die Hand und redete mit dem ein oder anderen Kurz.
Schließlich kamen die beiden zu der zweiten Reihe.
"Das ist Commander Cunningham, der Air Group Commander der Columbia. Er kann Ihnen seine Offiziere sicherlich besser vorstellen als ich." Stellte Waco vor.
"Commander. Sie waren bei Manticore?"
"Ja Ma'am, ich hatte das zweifelhafte vergnügen."
"Und, ist Ihr Geschwader bereit den Echsen erneut entgegen zu treten?"
"Aye, aye Ma'am, die Angry Angles stehen Gewehr bei Fuß um ihren Anteil für unsere Sache beizutragen."
Wulff blickte ihn etwas abschätzig an. Die Überschwänglichkeit passte ihr nicht ganz: "Gut, gut, dann schlage ich vor, Sie veranstalten für das Geschwader ein Party am Freitag zur Wiedergeburt, die Navy zahlt."
"Vielen Dank Ma'am, das wird die Jungs und Mädels aber freuen." Lucas spielte den Vater einer glücklichen Gruppe fast perfekt.
Die Admiralin blickte die Reihe seiner Staffelführer entlang.
"Mein Stellvertreter", reagierte Lone Wolf prompt, "Justin McQueen, ebenfalls ein Manticoreveteran."
Außer mit Martell, den sie kurz auf seine Zeit als Fluglehrer ansprach, kannte Wulff keinen der Staffelführer.
Jedoch brauchte Lucas den letzten in der Reihe nicht vorstellen.
Mit einem freudigen Lächeln umarmte Wulff den sehr verdutzt, eher verschreckt, gucken den Radio.
"Curtis, schön Dich zu sehen. Und noch schöner zu sehen, dass Du Deinen Platz in der Navy gefunden hast und endlich Karriere machst. Dein Vater hat sich schon ernsthaft sorgen um Dich gemacht."
Radios Kinnlade viel herab: "Ähm ..."
"Du erinnerst Dich nicht mehr an mich richtig?" Die Admiralin hatte ihm die Arme auf die Schultern gelegt und musterte ihn stolz. "Du warst drei Jahre alt, Dein Vater und ich waren in Fort Hermann Brockhold stationiert. Du saßt immer auf meinem Schoß. Ich hab Dir damals den Stoffraumjäger geschenkt."
Radio blickte sich um. Sein Blick traf Waco und Cunningham, die beide verzweifelt daran arbeiteten ein Lachen zu unterdrücken.
"Hach Lieutenant Commander. Das wird Deinen alten Herren wirklich freuen." Wulff schüttelte ihm noch mal die Hand und rauschte dann, Waco im Schlepptau, zu den Unteroffizieren weiter.
Lucas hingegen trat an Radio heran: "Ja, der Lieutenant Commander sieht sehr Schick an Ihnen aus. Herrliches Gold."
"Ach, das goldene Eichenlaub gefällt Ihnen?" Erkundigte Radio sich sarkastisch. "Naja, ich könnte ja mal mit der Admiralin reden, ob sie Ihnen das Eichenlauf auch wieder vergoldet."
Lightning Parker, die genau daneben stand prustete los.
Lucas funkelte beide wütend an, kehrte jedoch wortlos in die Reihe zurück.
"Du bist verlobt?" Zischte ihn Darkness von der Seite an, als der CAG gerade das linke seiner beiden silbernen Eichnblätter berührte.
Noch am selben Abend fand in einem abgelegenen, noch leer stehenden Quartier eine Pokerrunde statt. Der erste Teilnehmer war noch keine 30 Minuten da, schon hatte man das Zimmer schon entsprechend vollgequalmt.
Skunk bot dem zweiten Ankömmling auch gleich eine Zigarre an und Jaws war nur zu hilfsbereit, den Dunst zu verdichten.
Der dritte war Radio, der einen knallbunten Rucksack mitbrachte: "Man, wer hat die verdammte Rauchgranate geschmissen? Verfluchte Heiden, nichtmal ne Pokerrunde ist denen heilig."
"Nu mach mal halb lang Commander und steck Dir auch ne Granate an." Skunk hielt ihm das Kästchen mit Zigarren hin.
Nachdem Radio diese kurz angestarrt hatte wunk er ab: "Behalt mal Deine Fabrikschornsteine, ich hab hier was ganz feines."
"Wow", machte Jaws als Radio eine 20er Packung Zigarren aus dem Rucksack zog, "hast Du beim Alten geklaut?"
"Der raucht nur seine Lucky Strikes, ich glaube eher, der müsste trotz all seiner tollen Verbindungen zu mir geschlichen kommen um diese - auf den Schenkeln einer Jungfrau gerollten - Cubaner zu bekommen."
Schnell wurden die Billigzigarren gegen Radios Edelcubaner ausgetauscht.
"Sag mal, was hast Du noch in Deinem Rucksack drin", wollte Skunk wissen, doch Radio zog ihn weg, ehe der ältere Veteran den Rucksack zu packen bekam.
"Nana, ich bin hier der Weihnachtsmann."
Die Tür wurde erneut geöffnet und die letzten beiden Besucher traten ein. Fiorette Bossi und Torben Wunderlich aus Ravens Bomberschwadron.
"Nabend die Herren", grüßte Bossi.
"Ahh, Lady Bossi, es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr Euch neben mich setzen würdet." Jaws stand auf und richtete der großen Bomberpilotin den Stuhl.
"Ha, nennt sie Zero", Der Professor und seine Studenten mögen das beste Gesamtergebnis haben, aber Madam hier hat eine Bombentrefferquote von 88 %."
"Einfache Mathematik", äffte Bossi den Staffelführer der zweiten Jagdbomberschwadron nach.
Alles lachte.
"Hm, ich hab hier was ganz feines, wie wir das neue Callsign begießen können." Radio zog eine Flasche Antiqua Single Malt hervor.
"Moment, hast Du dem alten auf der letzten Fahrt nicht auch so eine verkauft, wo bekommst Du die denn her?" Jaws sah Radio erstaunt an, welcher zur Antwort nur die eigene Nase rieb.
"Wir sollten anfangen zu spielen. Ladies First." Skunk schob ein altes abgegriffenes Kartenspiel über den improvisierten Tisch zu Zero.
Jaws schenkt großzügig vom Single Malt ein: "Man, wo hat er das nur immer wieder her?"
Skunk lehnte sich zu Radio rüber und flüsterte ihm ins Ohr, während sein Blick starr auf Bossi gerichtet war: "Ich sag nur: Taufe."
Radio nickte grinsend.
"Was grinst Du so?" Wollte Wunderlich wissen.
"Ach, ich zähle nur schon meinen Gewinn."
Ironheart
24.03.2004, 15:04
Ursprünglich von Cunningham
Das Kasino der Columbia war brechend voll. Seit drei Stunden trank und lachte man. Zu Beginn hatten kurz Admiral Wulff und Captain Waco vorbeigeschaut, ein Bier getrunken, ein paar Hände geschüttelt und waren dann klammheimlich wieder verschwunden.
Lucas stand mit Darkness, dem Professor und Martell Murphy etwas abseits und nippte an einem Gin Tonic.
"Also um auf Deine Verlobung zurückzukommen." Darkness nahm einen langen Zug aus seiner Bierflasche.
"Ja, genau Lone Wolf, wer ist denn die Glückliche?" Martell schien schon eine Vorstellung zu haben.
Der Professor lächelte aufmunternd, wie nunja, wie es ein Professor einem Studenten gegenüber tun würde um ihn endlich zum Sprechen zu bringen.
"Nun, Ihr beide kennt sie ..."
"RUHE! RUHE! RUHE!" Die Stimme war der tiefe Bariton des Bosuns. Wie die meisten der Piloten hatte er seine Dienstuniform mit Ordensbändern an. Soviel er durch zwei Dinge auf: Den niedrigsten Dienstrang und die meisten Ribbons auf der Brust.
Der Bosun stand an einem Tisch so ziemlich in der Mitte des Kasinos, welcher gerade von Radio, welcher in einem grellen Hawai-Hemd steckte erklimmt wurde. Der dritte im Bunde war Skunk.
"Sehr verehrte Kammeraden, Racheengel, Glücksritter, Lügner und Trunkenbolde, ich bitte um die allgemeine Aufmerksamkeit." Begann Radio, der kurz schwankte. Er hatte eindeutig schon eine Menge getankt. "Ich und mein Freund hier." Er tätschelte Skunk den Kopf, welcher eine Grimasse zog und einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas nahm. "Wir ... wir haben ... ähm ja, also wir haben eine ganze Weile in den ungeschriebenen Gesetzen und Traditionen geblättert ..." Radio kicherte kurz über seinen eigenen Witz." ... und haben dort viele sehr interessante Bräuche gefunden. Ehrengerichte, Captainsmast, Code Red, achne, den gibt es ja nicht." Jetzt lachte nicht nur Radio, sondern auch Skunk. "Und die Taufe. Taufen haben in der Christlichen Raumfahrt eine besondere Bedeutung. Damals als es noch die Christliche Seefahrt war, gab es die Äquatortaufe. Und heute gibt es die Taufe eines Piloten. Sie findet statt, wenn ein junger Pilot sein Callsign bekommt."
Er blickte listig grinsend in die Runde: "Lieutenant 1st Class Fiorette Bossi! Treten Sie vor."
Unsicher trat die Bomberpilotin vor.
"Guten Abend Madam. Mir als rangältesten Märchenerzähler und Trunkenbold dieses Schiffes obliegt es diese Zeremonie durchzuführen. Daher Frage ich: Haben Sie Lieutenant Bossi beim Trainingsbombenabwurf mit Ihrer Mirage einen Trefferquotient von 88 Prozent erreicht?"
Bossi grinste in die Runde: "Es war einfache Mathematik Herr Zeremonienmeister."
"Zu schade das nur einer von Euch Goldjungs rechnen kann." Rief ein Pilot aus der Silbernen Schwadron.
Einige Buhrufe erklangen, andere stimmten ihm zu.
"RUHE!" Radio stampfte mehrmals mit dem rechten Fuß auf und geriet kurz ins wanken. "Ruhe, den nächsten, der diese Zeremonie unterbricht lasse ich ins Kabelgatt* sperren."
Radio kratzte sich am Hinterkopf und blickte kurz zu Skunk.
"Zero", half dieser nach.
"Ahja, genau. Und darauf hin hat man Sie nach dem Ground Zero, dem Punkt, wo eine Atombombe ihre größte Explosionskraft hat benannt ist das korrekt?"
"Das ist korrekt Zeremonienmeister." Bossi wippte auf den Fersen.
"In Ordnung. Bosun: Das Taufinstrument!"
Chief Atti reichte Radio einen Krug.
"DAS hier kommt aus einer Region Europas namens South Germany und nennt sich Maßkrug. Mr. Jones: Währen Sie wohl so freundlich das Taufinstrument einsatzbereit zu machen."
"Yessir." Skunk nahm von einem anderen Piloten - Hacker - einen Pitcher Bier entgegen und füllte den Maßkrug voll. Im Pitcher blieb nur noch ein halber Liter Bier, von dem erst Skunk und dann Radio jeweils tüchtig tranken. Dann wurde Bossi der Maßkrug überreicht. Im Gegensatz zum Originalinhalt hatte der Liter Bier im Krug sehr viel Kohlensäure.
"ACHTUNG! Auf EX!"
Bossi starrte erschrocken die beiden älteren Piloten an.
"Exen!" Befahl Radio und schon donnerten Rufe durch den Raum: "Ex! Ex! Ex!"
Bossi blickte hilfesuchend zu Cunningham und Darkness, welche sich auf einmal sehr intensiv mit einem der Bilder an der Wand beschäftigten.
Sie warf Skunk und Radio noch einen mörderischen Blick zu und hob den Krug.
Tapfer trank die Pilotin Zug um Zug und es sah beinahe so aus, als ob sie den Krug leeren könnte, doch Skunk intervenierte. Der Veteran trat an sie heran und flüsterte ihr hintereinander drei schweinische Witze ins Ohr.
Bossi prustete los. Teile des restlichen viertel Liter landeten auf ihrer Uniform.
Von allen Seiten kamen Mitleidsbekundungen. Alle viel zu übertrieben um ernst gemeint zu sein.
"Arschloch!" Fauchte Bossi Skunk an.
"Hm, Bosun, ich glaube, ein zweiter Versuch ist erlaubt oder?" Radio blickte immer noch von seinem Podest herab.
"Ja, denke ich auch." Atti nahm den Krug an sich, lehrte den Rest in sowohl in sein als auch Radios Glas. Danach füllte er den Krug mit frischen Bier auf und gab ihn Fiorette Bossi zurück.
"Auf ex!" Befahl Radio erneut.
"Pisser!" Fluchte Bossi, holte tief Luft und setzte den Krug erneut an.
Diesmal musste Skunk nicht intervenieren, Bossi schaffte nur etwas mehr als die Hälfte, ehe erschöpft sie absetzte.
Wieder regnete es geheucheltes Mitgefühl.
"Naja, einmal noch bestimmte Radio. Der Krug wurde erneut ausgeleert und neu aufgefüllt und zurück an den Täufling gegeben.
Bossi war den Tränen nahe aber setzte erneut an. Doch sie hatte kaum noch Kraft und schaffte gerade mal ein Viertel.
"Wars das jetzt?"
Radio blickte erst Skunk an, der den Kopf schüttelte und dann den Bosun, der nickte.
"Nun denn Lieutenant", Radio tunkte zwei Finger in sein eigenes Bier und bespritzte Bossis Haupt damit, "hiermit Taufe ich Dich im Namen des Universums, unser aller Herr auf den Namen Fiorette Zero Bossi auf das Du Deinem Kriegernamen alle Ehre machst und immer in die Mitte unserer Feinde triffst."
Bossi macht auf der Stelle kehrt und verließ das Kasino.
"Idioten!" Blaffte Raven und eilte ihrer Pilotin hinterher.
"Man, man, wie soll die Akarii killen, wenn sie bei solcher Kinderkacke schon anfängt zu flennen, kann froh sein, dass sie nicht auf der guten alten Wasp getauft wurde." Meinte Skunk zu Radio und dem Bosun.
Radio zuckte mit den Schultern und machte sich an den Abstieg. Als er mit dem linken Fuß auf dem Stuhl stand und den anderen vom Tisch nahm verlor er das Gleichgewicht.
Schnell versuchte er nach Skunk zu greifen um nicht zu fallen, dieser sah jedoch was passierte und trat schnell außer Reichweite.
Der Lieutenant Commander knallte mit einem erstickten Schrei der länge nach hin.
Schnell waren der Bosun und Skunk standen sofort bei ihm und guckten unbeteiligt auf Radio hinab.
"Bruchlandung. Ganz eiskalt." Kommentierte Skunk.
"Wissen Sie was das heißt?" Fragte der Bosun.
"Na klar, Radio zahlt ne Runde!" Rief das Ekelpaket aus.
Während sich der unfreiwillige Spender aufrappelte stürzten die ersten Piloten zur Bar.
Plötzlich übertönte ein wohl klingender Bariton die Lärmenden Piloten: "Up to mighty London came an Irish lad one day, all the streets were paved with gold, so everyone was gay! Singing songs of Picadilly, Strand, and Leicester Square, 'til Paddy got excited and he shouted to them there:"
Dann fielen alle Piloten ein:
"It's a long way to Tipperary,
It's a long way to go.
It's a long way to Tipperary
To the sweetest girl I know.
Goodbye Piccadilly,
Farewell Leicester Square,
It's a long long way to Tipperary,
But my heart lies there."
"Also, wer ist es nun?" Drängte Darkness.
"Mel Auson. Ich habe sie im Militärhospital von Luna besucht und sie um ihre Hand angehalten." Lucas blickte etwas betreten zu Boden. "Ich ... nun, nach Manticore habe ich den Krieg verflucht, ich wollte nach Hause, ich habe es gehasst, doch jetzt ... ich will das die Akarii dafür bezahlen, was sie Melissa angetan haben." Er blickte Darkness in die Augen. "Ich bin überzeugt, das der Krieg richtig ist, er war schon lange überfällig."
Darkness wirkte etwas erschrocken, ebenso Martell und der Professor. Lucas alter Freund und Kamerad war den anderen beiden Lieutenant einen eindeutigen Blick zu. Beide verstanden und verabschiedeten sich.
"Gott verflucht Lucas. Das ist unser Job, dafür haben wir uns freiwillig gemeldet. Und dabei dürfen wir uns Hass und Mordlust nicht hingeben."
"Ist doch gut, wenn einem der Job gefällt."
"Junge, gerade Du darfst nicht so denken. Es ist so verdammt wichtig, dass Du da draußen einen klaren Kopf bewahrst. Dein Ziel muss immer die Erfüllung der Mission sein. Es ist so verdammt wichtig ..."
Derkness unterbrach, als er sah, das Tränen in den Augen seines Freundes entstanden. Sofort stellte er sich anders hin, um den CAG besser vor den Blicken der Piloten abzuschirmen.
"Ich hab sie gesehen, sie war so kalkweiß, so verletzlich, so ängstlich und ... und ihr Arm fehlte. Diese Bestien." Lucas rieb sich die Augen, wischte sich die Tränen weg. "Ich habe schon früh Leute in den Tod geführt, dachte ich zumindest ..."
"Cartemell." Stellte Darkness fest.
"Ja. Es hat mir nichts ausgemacht, weißt Du. Es war mir scheißegal." Seine Stimme war ein heiseres Flüstern. "Was anderes war es bei Pinpoint ... Gott war es furchtbar den jungen zu verlieren. Doch Cartmell, Ace Davis, Rusty und wie sie alle hießen, nichts als Fußnoten. Doch als ich Melissa sah ..."
"Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit für einen Kommandeur, seinen Job gut zu machen." Darkness klang nicht wirklich überzeugt. "Bedenke, was die Zukunft für uns bringt. Tod und Zerstörung. Es würde uns einfach zerbrechen, wenn wir uns mit jedem anfreunden würden wie mit Pinpoint in Deinem oder Ace Davis in meinem Fall. Heute lachen und feiern sie, doch morgen ..., wer von Ihnen wird in einigen Jahren von dieser Feier berichten können? Du hast das Zeug zu einem guten Kommandeur, doch dafür musst Du Gefühle wie Vergeltung und Hass verbannen. An erster Stelle kommt die Mission. An zweiter das Schiff und an dritter das Überleben Deines Geschwaders."
Lucas nickte abwesend. Zum Glück war die Party zu laut, als dass man ihre Unterhaltung hätte mithören können.
"Du hast recht Jus. Und heute sollten wir ausgelassen feiern. Ihnen zeigen, das wir an den Sieg glauben. Komm, ich spendiere nen Drink."
"Sehr witzig Lone Wolf, wenn die Flotten zahlt wirst Du spendabel."
An der Bar angekommen wurde Radio auf sie aufmerksam und gesellte sich zu ihnen, legte Lone Wolf den Arm kumpelhaft über die Schultern: "Und Commander, sagen Sie uns, wer die ... ver ... glückliche ist, die Sie in den Raumhafen der Ehe schleppen?"
Radio war laut genug, dass viele andere es ringsum hörten. Es hagelte Glückwunschbekundungen und viele schüttelten ihm die Hand.
Ironheart
24.03.2004, 15:05
Ursprünglich von Ace Kaiser
Im New Yorker Verlagshaus THE SUNSET herrschte der Ausnahmezustand.
Die Redakteure sowohl der Printausgabe als auch der virtuellen Erlebniszeitung drängten sich im kleinen Besprechungsraum, in dem Natalie Han sie zusammen gerufen hatte.
Die zierliche, fast zerbrechlich wirkende Asiatin hatte die SUNSET an die absolute Spitze der Boulevardblätter auf der Erde geführt. Faksimileausgaben liefen auf neunzig Prozent aller von Menschen bewohnten Welten.
Ihr ehrgeiziges Ziel war aber noch lange nicht erreicht. Sie wollte die Marktführerposition, auf allen Welten, auf denen die menschliche Sprache gelesen werden konnte.
Für dieses Ziel war sie bereit, über Leichen zu gehen.
Sie hob eine Hand, und das Stimmgemurmel der Reporter, Redakteure und ihres engsten Mitarbeiterstabs verstummte.
„Es hat sich eine besondere Situation ergeben“, sagte sie leise, und wusste dennoch, dass jeder einzelne Mann, jede einzelne Frau in diesem Raum an ihren Lippen hing. „Wir müssen angreifen.“
Angreifen, das hörten die Mitarbeiter von THE SUNSET nur noch selten. Nicht mehr seit die LA Gazette von der Spitze der Westküstenzeitungen gedrängt worden war. Es bedeutete nicht mehr und nicht weniger als eine Großoffensive gegen eine andere Zeitung, um sie aus dem Markt zu drängen oder zumindest auf den ihr zustehenden Platz zu verweisen.
Erschrockenes Raunen ging durch die Menge.
„Die Gazette ist wieder Marktführer an der Westküste, in Ozeanien und in Europa.“
Das Raunen steigerte sich zu einer wüsten Unterhaltung, in der jeder mit jedem redete.
Hinter Natalie erwachte die Leinwand zum Leben. Die Schlagzeile der Gazette prangte davon herab. AKARII AUF DER ERDE.
Auf einen Knopfdruck wurde die zweite, die dritte, die vierte Seite angezeigt. Zeitgleich überspielte der Redaktionscomputer die Files als virtuelle Daten an die Pads jedes Anwesenden.
„Die Navy hat ein geheimes POW für Akarii-Gefangene in Arizona oder Nevada eingerichtet. Bei einem Transport zu einem medizinischen Seminar wurde ein Shuttle abgeschossen. Es stürzte über der Wüste von Californien ab. Es gab nur drei Überlebende. Zwei Akarii und den Lagerkommandanten. Als dieser Tage später mit einem der Akarii die nächste Ortschaft erreichte, war zufällig ein Reporter der Gazette anwesend und hat die Gelegenheit genutzt, um seiner Zeitung einen Exklusivbericht zu verschaffen. Sie haben vor uns und allen anderen Zeitungen einen Zeitvorteil von sieben Stunden.
Was tun wir, um das zu ändern?“
Kurt Albrect hob die Hand. Der Redakteur war für den Onlinebereich zuständig.
„Was sagt die Navy zu diesem Vorfall?“
„Die Navy macht das, was sie immer tut, wenn ihr etwas schief gegangen ist. Sie schweigt.“
Ein fieses Grinsen huschte über Albrects Gesicht. „Das bedeutet, wir haben freie Hand.“
Freie Hand. Das war eine sehr präzise Beschreibung der sogenannten Fragezeichenschlagzeilen. Die Fragezeichenschlagzeilen setzten viele Zeitungen ein, um ein bestimmtes Thema auf den Tisch zu bekommen, ohne aber wegen Verleumdung oder Vorspiegelung falscher Tatsachen belangt zu werden.
Die schlichte Frage: Ging die Präsidentin mit ihrem Bodyguard ins Bett?, brachte also die entsprechende Aufmerksamkeit und die entsprechenden Verkäufe, während die Schlagzeile: Präsidentin mit Bodyguard in Flagranti erwischt!, gut recherchiert und mit Fakten untermauert bewiesen werden musste, um der Zeitung nicht wirkliche ernsthafte Probleme zu bereiten.
„Welche Stellung bezieht die Gazette zu den Akarii?“, wollte Robert Brown wissen, Chef der Faksimilekontaktabteilung für die Interstellarausgaben.
„Es sieht so aus, als wäre die Gazette auf Kuschelkurs mit der Navy. Sie gehen im Bericht sehr freundlich sowohl mit der Navy als auch den Akarii um. Andeutungen im Web zufolge wollen sie diesen Kurs auch weiterhin verfolgen. Andrew Sorensen verfolgt sicher wieder mal seine Linie der recherchierten und ehrlichen Berichterstattung.“
Leises Lachen ging durch den Raum. Mit dieser Einstellung hatte der Chefredakteur der Gazette einiges an Auflage verloren, weil er einfach zu ehrlich war.
„Also sollten wir das Gegenteil tun“, schloss Kurt Albrect leise. Er sah in die Runde. „Wir brauchen eine reißerische Schlagzeile, eine Wortwahl, die es niemandem erlaubt, an einem Stand mit unserer Zeitung vorbei zu gehen. Eine Schlagzeile, die ruft: Kauf mich, kauf mich, kauf mich.“
„Und wir brauchen den entsprechenden Support. Ein paar gute Halbwahrheiten sind gefragt, meine Damen und Herren. Etwas, was unsere Artikel und Berichte untermauert.“
„Wir könnten jeden noch so kleinen Zwischenfall von Flotte und Akarii heranziehen“, bot Jamie Brooks an, „und die Aggressivität der Akarii hervorheben. Uns selbst in die Opferrolle drängen und die Akarii als brutale, übermächtige Gegner erscheinen lassen.
Machen wir den Menschen Angst. Angst vor den Akarii und Angst davor, kein Exemplar unserer Zeitung mehr zu bekommen.“
„Ich habe eine bessere Idee“, meldete sich Anne Dougal zu Wort, die Chefin der New Yorker Ausgabe. „Oder vielmehr eine sehr gute Ergänzung.
Die Menschen glauben doch, was sie sehen. Was wir ihnen vorsetzen. Warum machen wir nicht ein kleines Geschäft nebenbei, das zudem unsere Berichterstattung unterstützt?“
„Was schwebt dir vor, Anne?“, fragte Natalie Han.
„Warum kaufen wir nicht ein paar dieser uralten Splatterstreifen auf, die im Auftrag der Navy gedreht wurden, damit das Fernsehen und das Kino junge Menschen direkt in ihre Arme treibt? Wir könnten sie als Download anbieten, zu einem vergünstigten Preis.
Die Filme sind natürlich alle übertrieben, aber wen schert das schon? Wer interessiert sich denn schon für die Wahrheit, wenn die Filme so schön schnell und bunt sind?“
„Hast du schon ein paar Ideen?“
„Es gibt einige Filme im Navyauftrag, die in Frage kommen. Die Gefahr zum Beispiel, die mit der Vernichtung FORT LEXINGTONs endet und die Menschen zu einem Leben als zweitklassige Kolonie verdammt.
Die Horde, ein Streifen über die Marines, wie sie gegen überlegene Akarii-Truppen ins Feld ziehen, beinahe aufgerieben werden, trotzdem aber die Echsen wieder ins All jagen.
Das letzte Gefecht 1, 2, 3 und 4. Eine Serie über eine fiktive Staffel im Kampf gegen die Akarii von Texas bis zu ihrer Thronwelt, die im letzten Teil vernichtet wird.
Ich bin sicher, wir können noch mehr dieser Filme bekommen. Sichern wir uns die Rechte daran, solange niemand anders auf diese Idee kommt. Wenn wir sie zu Dumpingpreisen anbieten, wird die Vielzahl an Downloads die Profite schon wieder reinholen.“
„Und ich habe jetzt die Schlagzeile für uns gefunden. Akarii auf der Erde: Heimliche Kapitulationsverhandlungen?“
„Das wird ein Reißer!“
„Dazu ein Printbericht über die Filme mit dem Titel: Ahnten damalige Filmemacher die Zukunft oder so!“
Natalie Han lächelte. Es war ein grausames Lächeln. „Also los, Herrschaften, lasst uns eine Zeitung machen. Versetzt die Menschen in Panik und suggeriert ihnen, dass unsere Zeitung ihre einzige zuverlässige Informationsquelle ist.“
Die Redakteure brachen in betriebsame Geschäftigkeit aus.
Eine Zeitung zu verlegen war wie ein Krieg. Ein endloser Krieg, in dem die Gefechte nie endeten. Die Gegner wohl, die Kämpfe nie. Und im Krieg war alles erlaubt.
Ironheart
24.03.2004, 15:06
Ursprünglich von Tyr Svenson
„Was hältst du von der Rearadmirälin?“ Crusader wippte leicht auf den Zehenspitzen – eine unbewußte Angewohnheit, wenn er nervös war. Kano überlegte kurz, während er den Sitz seiner Uniform überprüfte.
„Nach allem was ich gehört habe, ist sie ziemlich erfahren. Eine gute Kommandantin. Daß Sie Radio persönlich kennt, muß schließlich nicht gegen Sie sprechen.“
Crusader lachte los: „Irgendwann muß mir mal jemand erzählen, was mit dem Lieutenant Commander los ist. Für einige von euch Veteranen ist er ja regelrecht ein rotes Tuch!“
„Alte Geschichten. Oh, fast die Hälfte von dem was er erzählt ist wahr oder hat zumindest einen reellen Kern. Aber er hat sich noch nie darum gekümmert, was er mit seinen Geschichtchen anrichtet. Und menschlich – ist er nicht gerade eine Perle. Ob sich daran jetzt etwas geändert hat...“
Crusader winkte ab. „Auf jeden Fall haben wir jetzt eine Admirälin an Bord. Nicht einen Captain oder Commodore - eine richtige Admirälin.“
„Na ja - Rearadmirälin. Aber du hast recht – das bedeutet Einiges. Beim Jollahran-Einsatz war der ranghöchste Offizier der Flottenverbände eben Commodore Clark. Und Vizeadmirälin Noltze kam nur einmal kurz an Bord. Jetzt aber...“ Kano lächelte dünn – ein Lächeln, das von Crusader geteilt wurde. Beide brannten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, darauf, daß die „Angry Angels“ wieder in den Kampfeinsatz kamen.
Crusader blickte auf die Uhr und fluchte leise: „Wir sollten uns beeilen, sonst kommen wir zu spät.“ Ohka ignorierte ihn allerdings und befestigte sorgfältig seine Auszeichnungen an der Ausgehuniform.
Crusader sah mit einem leichten Anflug von Neid auf die Orden. Er trug nur seine Dienstuniform, auch weil dadurch die fehlenden Orden nicht auffielen – die Dienstuniform wurde ohne Auszeichnungen getragen.
Es war natürlich nicht so viel, was Ohka an Orden aufzuweisen hatte, aber für Crusader war schon das Flight Cross ein äußerst erstrebenswertes Ziel. Es hieß außerdem, daß nur die Piloten vorankamen, die wenigstens diese Auszeichnung aufzuweisen hatten - und alle Jagdflieger die niemals auf fünf Abschüsse kamen, seihen nicht mal die Ausbildung wert. Jedenfalls behaupteten etliche Flight Cross-Träger so etwas. Was den „Löwen“ betraf... – nun auf diese Auszeichnung würde Crusader gerne verzichten.
„Mann, wer sich noch schöner macht, der kann nicht echt sein. Da habe ich ja keine Chance gegen dich.“
Ohka reagierte auf die Stichelei mit einem boshaften Grinsen: „Na wie gut, daß du nicht mein Date bist. Aber du bist sowieso nicht mein Typ. Stell dich einfach neben Radio – gegen sein Papageienhemd machst du selbst mit Dienstuniform eine gute Figur.“
Die Party war bereits angelaufen. Neben den einhundertundzwanzig Angehörigen der fliegenden Verbände waren auch die Bordoffiziere und sogar die höheren Dienstgrade der Marineinfanterie anwesend, auch wenn sich die „Jarheads“ ein wenig für sich hielten. Das Kasino war gerammelt voll und die Stimmung war jetzt schon ziemlich gelöst. Die Offiziere trugen ein wildes Durcheinander von Dienst- und Galauniformen. Einige bevorzugten Zivil. Natürlich trug Radio sein inzwischen im ganzen Geschwader berüchtigtes Hawaihemd.
Die Schwarze Schwadron blieb nicht lange auf einem Haufen. Der Staffelchef schien irgendetwas Wichtiges mit Commander Cunningham besprechen zu haben. Brawler trieb es zu seiner alten Schwadron. First Lieutenant Benk „Dutch“ van Geel war an keiner Gesellschaft interessiert – außer einer Flasche Klaren. Der Mantikorveteran starrte düster auf die Flasche und leerte mit beängstigender Routine ein Glas nach dem anderen.
Der XO der Staffel – Miguell „Monty“ Terrano – war zwar ein guter Offizier, aber kein Partylöwe. Der First Lieutenant brachte es fertig die Party zu verlassen, bevor Kapitän Waco und Rearadmirälin Wulff ihren „Anstandsbesuch“ abgestattet hatten. Die „Neuen“ nutzten die Gelegenheit, Bekannte von der Akademie zu treffen oder sich um die Veteranen zu scharen, die in Erzählerlaune waren.
Kano sah sich nach Kali um, konnte sie aber nicht auf den ersten Blick entdecken. Allerdings konnte er etliche Mitglieder der Roten Staffel ausmachen: in einer Ecke hatten Skunk und Radio Ace „den Zweiten“ eingekreist. Und da drüben...
Cartmell saß alleine. Er trug die Dienstuniform, es hatte keinen Grund gegeben, sich herauszuputzen. Obwohl es im Kasino voll war schien niemand an den Nachbarplätzen interessiert zu sein. Und er konnte die Atmosphäre der Distanz, der Ablehnung, der Verachtung förmlich spüren, die von den anderen Piloten ausging. Inzwischen wußte wohl fast jeder im Geschwader über ihn Bescheid – oder glaubte jedenfalls Bescheid zu wissen. Und bestimmt würden auch die Techs und Bodentruppen bald mitbekommen, was mit ihm los war. Es hatte schon ein paar hochgezogene Augenbrauen wegen seines für einen Piloten unüblichen Ranges gegeben. Nächstens würde er sich wohl noch Sorgen darüber machen müssen, daß irgendwelche Marines sich um den „Verräter“ kümmerten. Egal was er bei den Piraten oder im Gefängnis gelernt hatte – es war mehr als wahrscheinlich, daß ihn ein Jarhead krankenhausreif prügeln konnte, wenn er wollte. Die Marines waren schließlich ausgebildet, Gegner mit bloßen Händen zu eliminieren... Und zudem würden sie - wie schon in Miramar - ihm wahrscheinlich nicht den Gefallen machen, alleine zu kommen...
Vielleicht sollte er sich betrinken, damit ihm wieder einfiel, was es wert war, sich wie der letzte Dreck behandeln zu lassen.
Cartmell blickte überrascht auf, als sich doch jemand neben ihn setzte. Einen Augenblick lang dachte er, irgendjemand wolle Streit anfangen und spannte sich instinktiv an – dann erkannte er den Gegenüber.
„Darf ich mich setzen?“
„Du sitzt bereits. Guten Abend Ohka.“ Cartmell musterte den jüngeren Piloten abwartend. Natürlich hatte der ihm geholfen, aber dennoch – sie waren keine Freunde und Cartmell glaubte den Blick zu kennen, mit dem ihn der Japaner ansah. ‚Die sind doch alle gleich...‘
Er bemerkte auch, im Gegensatz zu Ohka, daß einige Piloten in der Umgebung mißtrauisch herüberblickten und ihn und den Nighthawkpiloten alles anders als wohlwollend im Auge behielten.
„Sie helfen sich damit nicht.“
„Was?“ Cartmell war sich nicht ganz sicher, was Ohka meinte. Auf was genau spielte er an? Aber Kano fuhr schon ungerührt fort: „Sie helfen sich nicht damit, wenn Sie sich in Ihrem Trotz einkapseln. Das ganze Geschwader hat schon von Ihnen gehört – und davon, wie Sie sich geben. Keiner mag Sie besonders – und kaum einer traut Ihnen. Und wie Sie sich verhalten, das macht die Sache nicht besser. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und stellen sich außerhalb des Geschwaders. Damit geben Sie den Vorurteilen nur Vorschub.“
Cartmell hatte mit wachsendem Unverständnis zugehört: „Was willst du mir eigentlich sagen?!“
„Sie sollten lernen, Ihre Schande zu akzeptieren. Sie sind gefangengenommen worden. Und jetzt haben Sie die Gelegenheit, sich reinzuwaschen. Sie sollten diese Chance nützen. Es ist nämlich die einzige. Und Sie sollten aufhören, sich in Ihrem Stolz gegen alle zu stellen. Diesen Kampf können Sie nicht gewinnen – und Sie beschmutzen nur Ihre eigen Ehre, entwerten Ihre Möglichkeit sich zu rehabilitieren.“
„Wozu zum Teufel erzählst du mir das?! Eine Schande, gefangengenommen zu werden? Was ist denn das für ein Blödsinn?“
Falls Ohka durch die Tatsache irritiert wurde, daß Cartmell ihn duzte, während Ohka den anderen mit „Sie“ anredete, zeigte er das nicht. Seine Stimme blieb ruhig, aber bestimmt: „Gefangenschaft ist eine Schande. Als die Redemption wrackgeschossen war und wir nur noch warten konnten, wer uns findet – Unsere oder die Akarii – nun...wären es die Akarii gewesen, ich hätte mich nicht ergeben. Ihnen aber hat die Navy eine Chance gegeben, Ihren Fehler wiedergutzumachen.“
Cartmell starrte den Piloten an. ‚Er meint das ernst. Der meint das wirklich ernst.‘ Dann gewann die in ihm brodelnde Wut die Oberhand über seine Überraschung: „Was ist das für ein Scheiß?! Ich bin kein verrückter Japaner! Nicht in Gefangenschaft gehen!? Gott verflucht, Ohka! Glaubst du ich hätte eine WAHL gehabt?" zischte Cartmell, offensichtlich wütend über Ohka´s Worte. "Ich habe auf das Rettungsshuttle gewartet, habe darauf vertraut dass die Navy einen der Ihren nicht im Stich lassen würde. Statt dessen haben mich die Piraten besinnungslos und halb erfroren aus dem All gefischt." Die Schärfe in Cartmells Blick wurde für einen kurzen Augenblick von etwas überlagert, was Ohka als Schmerz zu identifizieren glaubte. Dann fuhr Cartmell fort. "Jedenfalls hätte unter diesen Umständen mit Sicherheit jeder die Hände hochnehmen MÜSSEN. Und was dich betrifft... Weiß eigentlich deine Schnalle von dem Scheiß, den du hier schwallst? Denn wenn sie dann was mit dir anfängt, dann hat sie was am Kopf!“
Jetzt zeigte Ohka eine Reaktion. Er schien sich zu spannen, ballte kurz die Fäuste. Seine Stimme wurde leiser, aber auch härter: „Helen hat damit nichts zu tun. Also halt den Mund über sie! Und was dich betrifft...
DU schuldest der Navy etwas. DU hast die Chance angenommen, deine Schande zu tilgen. Und wenn du jetzt wie ein kleines Kind rumtrotzt, diesen idiotischen Kleinkrieg im Geschwader führst, was bist du dann?! Statt die verletzte und verkannte Unschuld zu spielen und jedem Piloten ins Gesicht zu spuken, solltest du dich auf die PFLICHT konzentrieren. Warum bist du sonst hier?!“
Inzwischen war es für die anderen Piloten sichtbar geworden, daß da wohl keine freundschaftliche Unterhaltung ablief. Aber das war den meisten nur recht.
Nur das Bewußtsein, daß ihn der XO seiner Staffel und garantiert auch der Geschwaderchief liebend gerne eingebunkert oder in den Militärknast zurückgeschickt hätten, hielt Cartmell zurück.
„Ich schulde der Navy NICHTS! Die brauchten doch nur Kanonenfutter! Pflicht, Ehre – ich kann diesen Schwachsinn nicht mehr hören! Sie haben mich im Stich gelassen. Und dann war ich ihnen nur als Sündenbock gut! Ich SCHEISSE auf die ‚Ehre‘ der Navy. Und es gibt NICHTS was ich wiedergutzumachen hätte – GAR NICHTS! Und warum ich hier bin...
Ich will wieder fliegen. Lieber krepiere ich im Kalten Raum, als daß ich in diesem verdammten KZ versauere! DESHALB mache ich mit. Ansonsten kann mir die Navy am Arsch lecken!“
Ohka mußte spüren, daß Cartmell dicht davor war, gewalttätig zu werden. Aber er wich nicht zurück: „Wenn das Alles ist, wenn du nur deshalb bei uns bist – dann kann ich dich nur bedauern. Bedauern und verachten. Ohne Ideale, ohne Ziel...das ist zwecklos! Du wirfst dein Leben einfach weg, ohne Sinn. Wenn du da draußen stirbst – und für nichts kämpfst, an nichts glaubst, wenn du weiterhin dich außerhalb des Geschwaders stellst... Dann stirbst du alleine. Keiner wird um dich trauern. Und du stirbst sinn- und wertlos. Du stirbst - wie ein Pirat.“
„Verschwinde. SOFORT! Oder...“ Cartmells Stimme war nur noch ein dumpfes, wütendes Knurren. Er wollte nicht mehr hören, was dieser Idiot ihm glaubte sagen zu müssen. Er haßte sie alle.
Kano stand auf. Halb rechnete er, daß ihn Cartmell doch noch angehen würde und spannte sich instinktiv, um dem Angriff zu begegnen. Aber die Attacke blieb aus.
Ironheart
24.03.2004, 15:07
Ursprünglich von Tyr Svenson
Als Kano sich umdrehte stieß er beinahe mit Kali zusammen. Sie sah über seine Schulter kurz zu Cartmell hinüber und fokussierte dann ihre Aufmerksamkeit wieder auf Kano: „Für jemanden, der es so mit den Dienstvorschriften hat, prügelst du dich ziemlich häufig.“
„Niemand hat sich geprügelt, Helen.“ Kanos Stimme klang allerdings immer noch gepreßt.
Kali grinste spöttisch. „Und wie weit warst du davon entfernt? Das wäre aber eine Leistung gewesen: vor dem Geschwaderchef einen Clinch anfangen...“
„Nach dem, was ich gehört habe, würde der Alte diesmal wahrscheinlich Beifall klatschen.“ Erstaunt stellte Kano fest, daß seine Anspannung schon fast wieder verschwunden war. Aber Kali schaffte das eben.
„Ich sollte wohl aufhören zu zählen, Samurai, wie oft du schon Streit angefangen hast. Los, komm mit. Huntress erzählt gerade den Frischlingen von unsrem Ausflug zum Tiger-Reservat. Das will ich nicht verpassen, was für Augen die machen, bei der Geschichte wie Demolisher praktisch von einem Tiger abgeschleckt wurde...“
Die Geschichte fand tatsächlich ungemeinen Anklang – es blieb Demolisher nichts übrig, als gute Miene zu machen. Inzwischen konnte er fast schon darüber lachen...
Die „Taufe“ wurde gemischt aufgenommen. Viele fanden sie natürlich lustig – vor allem, weil fast jeder eine ähnliche Prozedur über sich hatten ergehen lassen. Kano erinnerte sich sehr ungern daran. ‚Lieber würde ich mich mit Bambusstöcken prügeln lassen...‘
Aber das Lied fand allgemeinen Anklang. Mindestens zweimal wurde es wiederholt und den Refrain konnten selbst die, die das Lied nicht kannten.
An der Theke
Radio hatte sich inzwischen zu einem Entschluß durchgerungen. Im Gegensatz zu dem, was einige von ihm hielten, war er kein Idiot. Und was diese Verlobung des Alten betraf – das konnte ja nur eine sein. Mit leichten Schwierigkeiten versuchte er auf die Theke zu kommen. Höhnische Ratschläge begleiteten seine Bemühungen, während der Bartender versuchte, die Flaschen in Sicherheit zu bringen. Radio schaffte es endlich, als ihn irgendjemand an den Hintern griff und kräftig schob. Schwankend kam er auf die Beine und drehte sich um: „Danke, Schätzchen...“ und starrte auf einen bärtigen Hünen, der sich seine Rechte betont an der Theke abwischte. Radio mußten wohl die Gesichtszüge entglitten sein, denn seine Umgebung brach in wieherndes Gelächter aus.
Radio brauchte ein paar Sekunden, um sich daran zu erinnern, warum er hier herauf geklettert war. Die halbvolle Schampusflasche in seiner Hand löste die richtige Assoziation in seinem leicht benebelten Hirn aus: „WENN ICH NOCH EINMAL EINEN AUGENBLICK UM RUHE BITTEN DÜRFTE...“
Zahllose Gesichter wandten sich ihm zu. Einschließlich des Geschwaderchefs. ‚Und das sollte ja wohl so sein...‘
„LADIES und GENTLEMAN, nach dieser Taufe ist es mir... ein Vergnügen, einen Abschuß bekanntzugeben!“
Überraschung machte sich breit. Das hatte man nicht erwartet. Irgendjemand schrie: „RUHE! HIER KOMMT DER FRONTBERICHT!! RADIO BAMBUS!“ Was aus irgendwelchen Gründen ebenfalls Heiterkeit auslöste. Aber die meisten hörten zu, als Radio fortfuhr.
„Einen Abschuß, wie ihn nicht mal die besten Akarii-Piloten geschafft haben! Nicht mal der Rote Baron!
Millionen Frauen in unseren Streitkräften bricht es das Herz!
Den Abschuß von LONE WOLF! Die Siegesmarke geht an Melissa Auson, XO unserer alten Rostlaube, der Redemption!“
Das löste johlenden Beifall aus. Viele hatten schon von der Verlobung des „Alten“ gehört. Außerdem waren die meisten momentan in der Stimmung, fast alles zu bejubeln.
„Trinken wir auf diesen Sieg! Und darauf, daß Auson für unseren Chef eine genauso gute Second in Command wird, wie für der Redemption!“ Das löste einige Buhrufe von Pilotinnen aus.
Radio grinste breit, die Flasche schon halb am Mund: „WIR WISSEN NATÜRLICH ALLE, WER DIE REDEMPTION WIRKLICH GEFÜHRT HAT! PROST!!“
Die Piloten kamen der Aufforderung nach, solange sie noch in der Verfassung waren.
Crusader hatte Mühe, sich auf seinen Gegenüber zu konzentrieren. In seinem Kopf drehte sich alles. Er hatte zuviel und zu schnell getrunken. Irgendetwas hatte er seinem Wingleader melden sollen? Was war es bloß... Er kam nicht mehr drauf. Aber Ohka schien beschäftigt.
Er und eine dunkelhäutige Frau. Sie sah nicht schlecht aus, auch wenn er natürlich nie daran gedacht hätte, mit ihr anzubandeln – immerhin war er verheiratet...
Die beiden saßen ziemlich eng zusammen und schienen mehr als vertraut miteinander.
„Da hast du keine Chance...“ Crusader drehte sich um. Ein Jägerpilot grinste ihn an. Crusader konnte sein Gesicht nur verschwommen erkennen. Das Kasino schien leicht zu schwanken, wie auf einem richtigen Schiff.
Ein anderer Pilot schaltete sich ein, ein stiernackiger, bulliger Typ, das Gesicht gerötet: „Würde ich nicht sagen, bei der Inderschnalle. Hatte doch schon mal zwei laufen. Erst ‚Zimmergenossin‘ von Ace – und dann hat se sich auch noch von dem Japs abschießen lassen. Und zwar genau...“ er machte eine obszöne Geste.
Crusader schüttelte schwerfällig den Kopf: „Ich bin verheiratet. Und das ist mein Rottenführer...“
„Klar – Privileg des Kommando, was?!. Na, da hast du wenigstens die Kabine heute für dich alleine!“ Das löste Gelächter aus.
Plötzlich packte jemand Crusader an der Schulter. Es war einer aus seiner Staffel – Terry. Der junge, eher unauffällige Pilot wirkte unruhig: „Los komm mit, ich brauche mal Hilfe.“
Crusader folgte ihm.
Terry führte ihn zu einem abseits stehenden Tisch. Halb zusammengesunken lag Terrys Rottenführer Dutch über dem Tisch. Es STANK nach Alkohol. Der First Lieutenant hielt die Überreste einer zerbrochenen Flasche umklammert, seine Handfläche war zerschnitten. Mit blutunterlaufenen Augen starrte er – total betrunken – die beiden Piloten an. Seine Stimme war nur noch ein Lallen: „Jetzt... noch mal in ‘n Puff! So richtig!! Aber... nicht in der Stimmung zu...“
„Ist ja gut, kommen Sie schon!“ Die beiden Piloten zogen den First Lieutenant hoch und schafften ihn raus, während Dutch jetzt irgendein Lied zu grölen anfing. Crusader kannte die Sprache nicht. Auf dem Weg nach draußen kamen sie an dem Tisch vorbei, an dem sich ein Teil der Bomberpiloten drängten. Crusader bekam ein paar Wortfetzen mit: „...und da sagt der Erzbischof zum Chorknaben: ‚Zieh einfach an dem ersten Ding, das du in die Hand bekommst!“
Wieherndes Gelächter belohnte den Witz – und Crusader mußte mitlachen, daß er beinahe Dutch fallen ließ. Fast jeder hatte von dem „Bibeltick“ des Staffelführers der Bomberschwadron gehört.
Gemeinsam schleppten Terry und Crusader den Betrunkenen in die Kabine, die Dutch mit Terry teilte und hievten ihn in die Koje.
Crusader starrte auf den laut schnarchenden Lieutanant: „Dreh ihn auf die Seite, wir wollen doch nicht, daß er an seiner eigenen Kotze erstickt, wenn ihm schlecht wird.“
Terry murmelte irgendetwas Unflätiges, kam aber der Aufforderung nach. „Hoffentlich reiert er nicht alles voll. Toller Veteran!“
Innerlich gab ihm Crusader Recht. Aber wer wußte schon, mit was für Geistern der Mantikor-Veteran zu kämpfen hatte? Crusader zuckte mit den Achseln, schlug Terry kurz auf die Schulter und sah zu, daß er in seine Kabine kam. Er fühlte sich auch nicht besonders sicher auf den Beinen. Als er sich in die Koje fallen ließ registrierte er nur am Rand, daß Ohka tatsächlich noch nicht zurückgekommen war. Aber das war schon ganz gut so – sollte ihm auch noch schlecht werden, brauchte er nicht auch noch einen Zeugen...
Ironheart
24.03.2004, 15:07
Ursprünglich von Ironheart
Donovan starrte zähneknirschend und brodelnd hinter Ohka hinterher. Als er sich umblickte, erkannte er den hämischen Blick einiger anderer Piloten, die sich zu freuen schienen, dass er schon wieder in einen Streit verwickelt worden war
Doch Donovan beachtete Sie nicht. Als sein erster Ärger verraucht war, schüttelte er seinen Kopf über sich selbst. Sicher, Ohka hatte eine Menge Müll von sich gelassen, vor allem den Schwachsinn mit der Gefangenschaft.
Aber war das ein Grund so aus der Haut zu fahren?
Je ruhiger Donovan darüber nachdachte, desto mehr musste er zugeben, das Ohka mit seinen Äußerungen Recht hatte. Er war – mal wieder – voll und ganz dabei sich ins Abseits zu manövrieren, das stimmte. Doch er konnte auch nichts dagegen tun, seinen über all die Jahre aufgebauten Hass gegenüber die Navy und alle ihre Mitglieder konnte er nicht so einfach abschütteln, als sei nichts geschehen. Und die Navy schien ihm auch nicht verzeihen zu wollen. Egal wo er hinkam, egal wie sehr er sich auch bemühte, sie sorgten immer dafür, dass er von allen Seiten traktiert. Und er gehörte nun mal nicht zu der Sorte Mensch, die lächelnd auch noch die andere Wange hinhielten.
Andererseits stellte sich auch ihm die Frage, wie lange er das ganze noch aushalten würde. Wie lange würde es diesmal dauern, bis er austickte? Und würde es dieses Mal bei einer Schlägerei bleiben oder würde vielleicht noch Schlimmeres geschehen?
„Ach zum Teufel mit der ganzen Bande,“ brummte er vor sich hin und beschloss zum Buffet zu gehen. An diesem Abend wurde alles von der Navy gesponsert. Also entschied er eben mizunehmen, was möglich war.
Am Buffet angekommen schnappte er sich noch einige von den leckeren panierten Garnelenschwänzen, den gebackenen Oliven-Speckröllchen und den anderen schmackhaften kulinarischen Leckerbissen. Sowas hatte er im Gefängnis natürlich nicht zu sehen bekommen und auch in Miramar hatte es das natürlich nicht gegeben. Er genoss es und für einen Augenblick war sein Ärger verflogen.
Am anderen Ende der Kantine hob ein lauter Lärm an, und Donovan drehte sich herum. Von der Ferne konnte er das wandelnde Hawaii-Hemd, seinen XO-Staffelführer Radio auf einen Tisch springen sehen und eine Taufzeremonie begann seinen Lauf zu nehmen.
Donovan interessierte sich nicht im geringsten dafür. Dieses alberne, erniedrigende Gehabe hatte er vor einer halben Ewigkeit hinter sich gebracht und war nicht darauf erpicht dieses auf Schadenfreude und Häme basierendes Ritual auch noch indirekt durch seine Anwesenheit zu unterstützen.
Einige andere erfahrene Piloten schienen das ähnlich zu sehen und verliessen entweder die Party oder orientierten sich so weit weg wie nur möglich von diesem Spektakel. Allerdings war diese Gruppe wie zu erwarten eher in der Minderheit. Die meisten Angehörigen der Angry Angles gesellten sich zu dem johlenden Mob, der einer nicht zu beneidenden Pilotin bei ihrer Taufe zusahen.
Donovan wandte sich ab und hielt Ausschau nach den Getränken. In einem der umliegenden Einskübel fand er, wonach er suchte. Eine schöne eiskalt gekühlte Flasche Gin. Wo Gin war, konnte Wermut nicht weit sein, dachte er sich und tatsächlich schien jemand anderes auch ein Faible für einen ordentlichen Martini zu haben, denn sowohl ein exzellenter, ebenfalls gekühlter Wermut als auch eine Schale grüner Oliven sowie passende Gläser befanden sich in Greifweite. Es fehlte ihm zwar jetzt noch ein Shaker zu seinem Glück, aber da er den nicht finden konnte, schenkte er sich den Gin so ein, liess einen Spritzer Wermut folgen und garnierte dass ganze mit einer aufgespiessten Olive.
`Dann eben nicht geschüttelt, nur gerührt` schoss es ihm durch den Kopf und noch während er sich fragte woher er diesen Ausdruck kannte, wurde er durch ein freundliches „Hey, ein Martini! Klasse, krieg ich auch einen?“ in seinen Gedankengängen unterbrochen.
Verdutzt drehte sich Donovan zu der weiblichen Stimme an seiner Seite um und es dauerte ein paar Sekunden ehe er begriff, dass sie mit ihm gesprochen hatte. Vor ihm stand eine mindestens einen Kopf kleinere Pilotin mit einer wuscheligen braunen Kurzhaarfrisur, einem hellen Teint, der über und über von kleinen Sommersprossen gesprenkelt zu sein schien und einem kessen Grinsen auf den Lippen.
„Na, teilst wohl nicht gerne, was?“ lächelte sie ihn an, verschränkte gespielt beleidigt die Arme vor der Brust und Donovan fiel auf, dass er sie anstarrte.
„Ähmm, nein klar…, warte…“ stotterte er ein wenig herum und drückte ihr reichlich irritiert sein Glas in die Hand. Sie bedankte sich brav und ihm fiel auf, dass auch ihre blassblauen Augen von kleinen goldenen Sommersprossen gesprenkelt zu sein schienen.
„Willst du nicht mit mir anstossen?“ fragte sie lachend und Donovan fühlte wie er ein wenig rot wurde, als er ein „Ja, klar… warte“ stammelte und sich einen neuen Drink mixte. Dabei versuchte er aus den Augenwinkeln zu erkennen, ob sie von irgendjemandem beobachtet wurden.
Machte sich da jemand einen Jux mit ihm? Wahrscheinlich würde sie ihm gleich den Drink ins Gesicht schütten und dann würden sich sie und ihre Freunde kaputt lachen.
Doch niemand um sie herum schien sich für sie zu interessieren. Alle anderen anwesenden Piloten waren damit beschäftigt der immer noch andauernden Taufe je nach Gefühlslage belustigt oder abgestossen zuzusehen.
Als er dann seinen Drink fertig hatte, prosteten sie sich stumm zu und genossen den eiskalten Drink.
Dabei versuchte er in ihrem Blick zu erkennen, ob sie wußte, wer er war. Doch ehe er etwas erkennen konnte, drehte sie sich mit einem „Hmmm, der ist lecker!“ zu dem lauten Spektakel am anderen Ende der Kantine um. „Albern was?“ zeigte sie nach einer kurzen Weile kopfschütteld in die vor ihnen stehende Menge.
Donovan betrachtete die Pilotin neben ihr nur aus den Augenwinkeln. Sie schien selbst noch nicht sehr alt zu sein und Donovan fragte sich, ob ihr diese Taufe vielleicht noch bevorstünde.
„Meine habe ich zum Glück schon letztes Jahr gehabt,“ fuhr sie fort und beantwortete damit seine Frage, so als hätte sie seine Gedanken gelesen „die Idioten haben meine Schwingen in einen Riesenbottich gefüllt mit Wodka-Wackelpudding versenkt, den ich natürlich auslöffeln musste, um sie wieder zu bekommen.“ Sie lachte herzhaft und das Lachen war ansteckend.
„Und wie war´s bei dir?“ fragte sie immer noch fröhlich.
Donovan mußte wirklich überlegen, wie es bei ihm gewesen war, so lange war das schon her und so viel war seitdem passiert. Dann fiel es ihm wieder ein „Naja, nichts besonderes. Einen der üblichen Saufparcours, bei dem man einige Hindernisse überwinden und dabei in kürzester Zeit Unmengen von Schnaps und Bier, trinken muß, so dass man am Ende nur noch herumtorkelt.“
„Ja, die kenn´ ich.“
Beide nippten wieder an Ihren Martinis und Donovan fragte sich immer noch, wieso die Pilotin so nett zu ihm war. Dann drehte sie sich zu ihm um. „Ach ja, entschuldige“ grinste sie und hielt ihm ihre Hand hin. „Ich bin Lydia Quartero, Callsign Freckles.“
Donovan musste bei ihrem Callsign ungewollt losprusten, was ihm sofort peinlich war. Doch Lydia entschärfte die Situation gleich, indem sie bewußt beleidigt spielte. „Jaja, lach du nur. Das man mir wegen meiner Sommersprossen dieses Callsign gegeben hat, ist ja schlimm genug. Aber das jeder darüber gleich ins Lachen kommt, ist echt ´ne Strafe.“ Ihr anschliessendes Lachen zeigte ihm aber, das sie es nicht allzu schlimm finden konnte.
„Wie heisst du eigentlich?“ erinnerte sie Donovan daran, dass er sich noch gar nicht vorgestellt hatte.
Einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er lügen sollte, ihr einen anderen Namen oder ein anderes Callsign nennen sollte. Aber das wahr Unsinn, spätestens ein Blick auf sein Namensschild würde ihn verraten und früher oder später würde sie es eh herausfinden.
„Tschuldige, ich bin Donovan“ begann er also zögerlich und gespannt während er ihre ausgestreckte Hand ergriff „Donovan Cartmell, Callsign Noname.“
„Schön dich kennen zu lernen, Donovan“ kicherte sie „und vor allem schön deine Martini´s kennen zu lernen. Machst du mir noch einen?“ fragte sie weiter fröhlich lächelnd und hielt ihm ihr leeres Glas hin.
Donovan nickte nur und mixte ihr den Drink. Alle möglichen Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Konnte es wirklich sein? Hatte sie denn wirklich keine Ahnung, dass ihr in diesem Augenblick der wohl am meisten verachtete Mann dieses Geschwaders gegenüber stand? Oder spielte sie nur ein abgekartetes, falsches Spiel mit ihm?
„Du bist bei den Jägern?“ fragte sie unvermittelt.
„Ja bei der roten Staffel, Phantome!“
„Hmm, ist das nicht die Staffel des CAG?“
Donovan nickte und runzelte gleichzeitig die Stirn. Wie konnte es sein, dass Sie so wenig über die Angry Angels zu wissen schien.
„Ich bin noch nicht lang bei den Angels,“ grinste sie und wieder war Donovan verwundert, das sie scheinbar seine Gedanken lesen konnte „ich bin BN bei den Rafales und gerade erst vor zwei Wochen als Ersatz für einen Piloten dazu gekommen, der in einen Unfall verwickelt worden ist und nicht hat mitkommen können. Sein Pech, mein Glück.“ Sie zuckte kurz mit den Schultern. „Jedenfalls kenne ich also noch nicht mal wirklich den Rest der Crew, geschweige denn die Staffel oder das Geschwader.“
Damit wurde Donovan schlagartig einiges klar. Darum schien sie niemanden, auf der Party zu kennen und daher wußte sie nichts über ihn. Er fing an sich in ihrer Nähe langsam zu entspannen.
Aber nicht vollkommen. Im Laufe der Jahre hatte man ihm zu häufig Streiche gespielt und wer sagte ihm, das es dieses Mal anders war, das ihre Story stimmte und sie wirklich nicht wußte wer er war. Es schien ihm fast zu viel Zufall und Glück im Spiel zu sein.
„Öde Party, oder?“ begann die kesse Rafale-Pilotin erneut „Was meinst Du, wollen wir vielleicht das Martini-Zeug mitnehmen und woandershin verschwinden?“
Augenblicklich gingen bei Noname die Alarmglocken an. Genau das passte in das Schema. Die Unschuldige spielen, ihn in irgendeine dunkle Ecke locken wo ihre Freunde bereits warteten und ihn dann dort seelenruhig fertig machen. Früher wäre er mal darauf reingefallen, doch dieses Mal nicht.
Er rückte von Ihr ab, verschränkte die Arme vor der Brust und zischte „Woanders hin? Ach ja? Und warum?“
„Na hab ich doch gesagt, hier ist es mir zu langweilig und primitiv“ ihre Worte wurden wie zur Bestätigung von lautem Johlen der Menge fast übertönt „und du scheinst ganz nett zu sein. Und da ich sonst keinen kenne…“ Sie zuckte immer noch freundlich lächelnd die Schultern und nippte an ihrem Glas, während ihre wunderschönen Augen Donovan fixierten.
Er war irritiert. Die Vernunft riet ihm nicht darauf einzugehen. Die Gefahr Schaden zu erleiden war viel zu groß. Andererseits sagte ihm sein Instinkt, dass sie vollkommen authentisch geklungen hatte. Irgendwas an ihr flösste ihm Vertrauen ein. Er wußte selbst nicht genau warum, aber er lockerte seine Haltung und fragte nun deutlich freundlicher „Und was schwebt dir denn so vor?“
Ihr Grinsen wurde noch breiter – was er für gar nicht mehr machbar gehalten hatte – als sie antwortete. „Vertrau mir, ich hab da etwas gefunden, dass dir sicher Gefallen dürfte.“
Einen Augenblick stand Donovan unschlüssig neben Ihr. Doch dann schnappte er sich einem inneren Impuls folgend die Martini-Utensilien und folgte ihr.
Er würde herausfinden müssen, ob die Entscheidung die richtige war oder nicht.
Ironheart
24.03.2004, 15:08
Ursprünglich von Ironheart
Der Haupthangar der Columbia lag unterhalb des eigentlichen Start und Landedecks und damit im stärker geschützten „Bauch“ des Flottenträgers. Die Jäger und Bomber wurden vornehmlich hier „geparkt“ und erst kurz vor ihren Einsätzen durch mehrere gigantische Lastenaufzüge nach oben gebracht, wo Sie bemannt, betankt und aufmunitioniert wurden. In der Regel befanden sich daher 2/3 der Jäger, Jagdbomber und Bomber auf dieser Ebene um das Chaos auf dem Hauptdeck einigermaßen erträglich zu halten.
Das war auch der Grund, warum es hier im Hangar deutlich ruhiger zuging als auf dem eigentlichen Flugdeck. In der Regel hielt sich hier nur das technische Personal auf. Piloten war der Zugang zwar nicht verwehrt, aber es war doch eher ungewöhnlich. Doch Donovan und Lydia mussten sich nicht sonderlich sorgen machen stark aufzufallen. Erstens war im Moment kaum was los, da keine der Maschinen zum Starten bereit gemacht wurde und zweitens betraten die beiden Navy-Piloten den Hangar auf der oberen Balustrade knapp unterhalb der Decke. Von hier aus hatte man Zugang zu den unterhalb der Decke angebrachten Hebekränen, von denen die meisten im Moment am Rand parkten. Das ausgetüftelte Hebekransystem war an Magnetschienen an der Decke platziert worden und so angebracht, das man mit ihm wie mit einem Schienennetz jeden Winkel des Hangars erreichen konnte.
Donovan, der Lydia bisher vorsichtig gefolgt war - er machte sich schliesslich immer noch Sorgen, das sie ihn in eine Falle locken könnte – blieb stehen, trat an das Geländer der an der Wand verlaufenden Balustrade und schaute herunter auf den beeindruckenden Anblick zu seinen Füßen. Der Großteil des Geschwaders standen unter ihm, alle wie es schien millimetergenau in mehrere Reihen geparkt.
Ein leises „Wow“ entfuhr seinen Lippen. Er war hier bisher noch nicht gewesen war und er wäre wohl auch sonst wohl nie hergekommen, wenn er nicht einer angetrunkenen Bombernavigatorin hinterhersteigen würde.
Diese trat jetzt lächelnd an seine Seite und flüsterte „Komm schon, es geht noch besser“.
„Ist gut“ flüsterte Donovan zurück und folgte ihr leise. Er hatte das Gefühl in einer alten Kathedrale zu sein, in der jedes Laut gesprochene Wort ein Sakrileg wäre.
Sie gingen noch ein wenig die Balustrade entlang, bis sie an einer der Stirnseiten des Hangars angekommen waren. Dort wurde die Balustrade etwas breiter und bot damit Platz für einen zwei Mal zwei Meter großen würfelförmigen und nach vorne und unten komplett verglasten Kontrollraum. An diesem blieb Lydia stehen, drückte Donovan kommentarlos die von ihr getragenen Shakerutensilien in die Hand und kletterte an ein paar seitlich angebrachten Metallsprossen auf das Dach des momentan unbesetzten und nicht bis ganz an die Decke ragenden Kontrollraums.
Donovan runzelte die Stirn und schaute Lydia unschlüssig hinterher. Nach einem Hinterhalt sah das Ganze nun wahrlich nicht aus. `Na vielleicht will Sie mich von dort auch einfach nur hinunterschubsen`schoss es ihm durch den Kopf und augenblicklich schalt er sich selbst für diese Paranoia.
„So,“ flüsterte sie von oben herab „gib mir die Sachen und komm rauf. Oder hast Du etwa Höhenangst“ und kicherte schliesslich.
Donovan verdrehte die Augen in gespielter Empörung und kletterte ihr nach. Aus welchem Grund auch immer hatten die Konstrukteure des Schiffs die Kontrollkabine nicht direkt an der Decke angebracht. Es war somit ein fast ein Meter fünzig hoher Spalt entstanden, der von unten nicht einsehbar war und indem sie es sich nun im Schneidersitz hockend gemütlich gemacht hatten. Nur ein in ihrer Nähe fund damit ebenfalls knapp unter der Decke fahrender Kranfahrer hätte sie entdecken können. Da im Moment aber keiner der Kräne unterwegs war, waren sie erstmal vor Entdeckung sicher.
„Wie hast Du das hier gefunden?“ fragte Donovan nach ein zwei Minuten stillen Geniessens des Ausblicks.
„Weißt Du, ich bin in Montana aufgewachsen und die Abgeschiedenheit der Rocky´s ist einfach gigantisch. Warst Du schon mal dort?“ Donovan schüttelte nur den Kopf und sie fuhr fort zu erzählen „Ich bin – wenn Du es so willst – mitten im Wald aufgewachsen und seit meiner jüngster Kindheit gewohnt meine Umgebung zu erforschen. Das habe ich auf der Akademie so gemacht, auf dem Träger , auf dem ich vorher war und hier jetzt genauso. Das mache ich solange bis ich jeden mir zugänglichen Fleck auf diesem Schiff kenne und dann suche ich mir die ruhigsten, abgeschiedensten Plätze aus, um mich zu entspannen.“
Donovan fand, dass Sie zuviel redete um sich wirklich entspannen zu können, sagte aber nichts. Irgendwie fand er ihr Geschnatter sogar mehr als nur nett. Vielleicht war es auch einfach nur die Tatsache, dass Sie ihn als bisher einzige an Bord einfach nur als Menschen behandelte.
„Es gibt bestimmt noch schönere Plätze als diesen an Bord. Zum Beispiel würde ich gerne einen Fleck finden, der genau so abgeschieden ist und von dem aus man das Weltall bestaunen kann.“
„Nimm doch die Aussichtsplattform…“
„Die ist aber nicht abgeschieden und ruhig. Magst du das Weltall?“
Donovan blickte ihr tief in die Augen „Ich liebe es. Es gibt fast nichts schöneres.“ Er wußte nicht warum er das gesagt hatte und dann auch noch in diesem furchtbar sentimental-romantsichen Tonfall. Vielleicht flirtete er nur mit Ihr um ihre Reaktion zu testen. Oder um zu sehen, ob er es überhaupt noch konnte. Das letzte Mal war schon so verdammt lange her. Er verdrängte den Gedanken daran so schnell es ging, vor allem weil diejenige Person inzwischen tot war…
Lydia hatte seine Anspielung anscheinend ebenfalls verstanden und hatte sich etwas errötet, aber immer noch lächelnd auf den Bauch gelegt und schaute nun herunter auf die in Reih und Glied stehenden Kampfmaschinen.
„Machst Du uns noch ein paar Cocktails“ fragte Sie und Donovan machte sich nickend und beruhigt an die Arbeit.
Jetzt war es klar, dass Sie wirklich keine Hintergedanken bei der ganzen Sache gehabt hatte.
Zwei Stunden später torkelte Noname in seine Kabine, die er zum ersten Mal grinsend betrat. Sein Zimmergenosse schnarchte bereits, wahrscheinlich ebenfalls voll wie eine Haubitze.
Donovan zog seine Sachen aus und warf sich in seine Koje. Er würde in nicht allzu langer Zeit schon wieder auf den Beinen sein müssen, aber zum erstenmal an Bord machte es ihm nicht das geringste aus.
Er und Lydia hatten sich lange und ausgiebig unterhalten, gescherzt und gelacht und zumindest für den Augenblick ihren stressigen Alltag und die Tatsache, dass sie sich im Krieg befanden vergessen. Wie fast immer bei Frauen war es hauptsächlich Lydia gewesen, die von sich erzählt hatte. Donovan musste Lächeln, als er sich ihr Gesicht wieder vor Augen führte. Die Welt um ihn herum fuhr Karussel und Donovan hoffte, dass dies nur auf die Auswirkungen des Alkohols zurückzuführen war.
Doch dann fiel ein Schatten über sein Gesicht. Das Gespräch war zwar sehr schön gewesen, doch hatte es in dem Moment ein abruptes Ende genommen, als sie begonnen hatten ihm Fragen zu stellen. Donovan hatte es nicht fertig gebracht zu lügen. Wie auch, es hätte eh keinen Sinn gehabt. Aber er hatte es auch nicht geschafft ihr die Wahrheit über sich zu sagen. Stattdessen hatte er die Flucht ergriffen und sich mit einem frühen Aufstehen entschuldigend verabschiedet.
Früher oder später würde er ihr sagen müssen, wer er war und für wen er gehalten wurde. Doch für heute nacht hielt er das schöne Gefühl fest und schlief das erste Mal seit einer Ewigkeit wieder mit einem Gefühl ein, dass man Zufriedenheit nennen konnte.
********************************
Am nächsten Tag war sein Kater zwar größer als ihm lieb war. Aber seine Laune war so gut, dass ihn nichtmal Skunks ätzende Bemerkungen störten. Grinsend verrichtete er seinen Dienst - einen langweiligen Patroullienflug – und ein Gedanke schoss ihm immer wieder durch den Kopf. Er fragte wie es wohl sein würde, wenn er Lydia wieder treffen würde. Er hatte bei Ihr den Eindruck endlich jemanden gefunden zu haben, der sich nicht um die ganzen Gerüchte scherte und dem es egal war, wer er war oder besser, für wen ihn die anderen hielten. Er war sich sicher, dass sie ihn in erster Linie als Menschen und vielleicht sogar als Freund sah. Wenn sich daraus vielleicht sogar mehr entwickeln sollte, war ihm das auch Recht, aber daran mochte er jetzt gar nicht denken.
Sie kannte noch kaum jemanden an Bord und Donovan machte sich Hoffnungen, dass Sie deswegen Freunde werden konnten.
Als sein Dienst vorbei war, machte er sich frisch und auf den Weg in die Kantine. Sie hatte ihm gesagt, dass er ja nach seinem Einsatz sich zum Essen treffen konnten.
Als er die Kantine betrat, war diese schon wieder komplett aufgeräumt und alles sah so aus als wäre nie etwas gewesen. Er ging er nicht direkt zur Essensausgabe sondern schaute sich erstmal ertwas um. Es war sehr voll, eine der Hauptstosszeiten in derer die Kantine besonders stark besucht war. Für einen Augenblick dachte Donovan, dass es vielleicht nicht so klug war sich ausgerechnet jetzt mit ihr zu treffen. Aber in dem Augenblick erkannte er Sie an einem der Tische inmitten ihrer Kameraden sitzen, so dass es jetzt kein Zurück mehr für ihn gab. Zumal sie ihn auch gesehen zu haben schien, zumindest schaute sie in seine Richtung.
Er hob die Hand zum Gruß und machte sich lächelnd auf den Weg zu ihr.
Auf halbem Wege bemerkte er, dass irgendetwas nicht zu Stimmen schien. Sie hatte seinen Gruß nicht erwidert, im Gegenteil, sie hatte sich zu einer Kameradin neben ihr gebeugt und ihr etwas ins Ohr geflüstert. Daraufhin beugte sich diese vor und gab den um sie herum sitzenden Piloten ein Zeichen.
Er war nur noch knapp zehn Meter von Ihnen entfernt und konnte nun Lydia´s Gesichtsausdruck erkennen. Und was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht, denn aus ihren Augen schien purer Hass zu sprühen. Er blieb stehen, seinen Blick fest auf sie gerichtet, sein Lächeln mittlerweile im Gesicht erfroren. Als alle am Tisch Anwesenden aufstanden, verlor er Lydia einen Augenblick aus den Augen, versuchte sie weiter anzublicken, bis er er erkannte, dass sich die anderen Piloten begonnen hatten um ihn herum aufzustellen.
Da er Lydia deswegen nicht mehr sehen konnte, wollte er ein paar Schritte nach vorne zu ihrem Tisch gehen. Er wollte zumindest mit Ihr reden, obwohl er im Grunde nicht wußte, was er hätte sagen können.
Doch soweit kam es erst gar nicht, da sich einer der Piloten ihm direkt in den Weg stellte. „Lass Sie in Ruhe“ zischte der Pilot, um den es sich seinem Namensschild nach zu urteilen um 2nd Lt. A. Obasanjo handelte und der anscheinend direkt zum Punkt kam.
„Misch dich nicht ein“ zischte Noname den deutlich jüngeren, wenn auch ranghöheren Offizier an. Dieser plusterte sich dadurch – in seiner Ehre gekränkt – noch etwas weiter auf, doch bevor er etwas weiteres unternehmen konnte, zog ihn die inzwischen aufgestandene Lydia mit den Worten „Lass mich da machen, One“ beiseite.
Einen kurzen Augenblick keimte Hoffnung in Donovan auf. Die Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch wenigstens kurz mit ihm sprechen würde, wenn auch vor all diesen Leuten.
Sie kam direkt an Ihn heran und wie aus dem Nichts pfefferte sie ihm eine schallende Ohrfeige mitten ins Gesicht. Donovan war so überrascht un perplex, das er nichtmal mit der Wimper zuckte.
„Verpiss dich, verdammter PIRAT“ brüllte Sie und eine andere Pilotin neben Ihr musste Sie an den Schultern festhalten, damit Sie nicht noch weiter ging.
Donovan war geschockt. Unbewußt hatte er geahnt, ja es auch gewußt, dass sie es erfahren würde. Aber er hatte es verdrängt, so sehr verdrängt, dass ihn ihr jetziges Verhalten vollkommen aus der Bahn warf. Der gemeinsame Abend war einfach zu schön gewesen um mit so einer wilden Reaktion zu rechnen.
Seine Wange brannte und Donovan spürte, dass er im Moment ein jämmerliches Bild bieten mußte. Da stand er nun inmitten der voll besetzten und nun ungewöhnlich ruhigen Kantine mit hochrotem Kopf und alle hatten Lydia´s Wutausbruch erlebt. Auch wenn es albern war, er spürte, dass er den Tränen nahe war. Von all den Schmähungen, Beleidigungen und Erniedrigungen die er in den letzten 10 Jahren erlebt hatte, traf ihn diese am tiefsten. So tief, dass er das Gefühl hatte in einen Strudel des Hasses gezogen zu werden.
Hass auf die Navy, auf ihre Angehörigen und Hass auf sich selbst. Dass er hatte so naiv sein können, das er sich so verletzlich gemacht hatte.
Er spürte förmlich, wie etwas in ihm zerbrach und ohne auch nur ein Wort zu sagen, eine Regung zu zeigen oder die unverhohlenen Blicke der Abneigung, die ihm von allen Seiten zugeworfen wurden wahrzunehmen, drehte er sich um und machte sich auf den Weg in seine Kabine.
Auch wenn er sich das selbst nicht eingestehen wollte, so wußte er, dass er an dieser Sache noch sehr lange zu knabbern haben würde.
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Ein paar Tage später
Radio betrat den Besprechungsraum der Rafale-Gruppe.
Die Piloten, Bordschützen und Elektroniker arbeiteten wieder mal daran, wie sie ihr eigenes ECM verbessern konnten und wie man das der Akarii durchbrechen könnte.
"Hey, Irons, der Häuptling will Dich sprechen", log Radio der älteren Lieutenant Commander offen ins Gesicht.
"Murphy oder der CAG?" McGill hackte ohne aufzublicken weiter auf die Tastatur vor ihr ein.
"CAG."
Die Rafael-Cheffin stürzte noch ihren Kaffee hinunter und verließ dann grummelnd den Raum.
Radio blickte ihr kurz nach, trat dann in den Raum und wartete bis die Tür sich geschlossen hatte.
"Okay meine Damen und Herren, ich bitte kurz um Ihre Aufmerksamkeit", begann er in bester Marktschreierart. Alle drehten sich zu ihm um und hörten mit ihrer Arbeit auf. Es hatte eindeutig was für sich, als Klatschtante verschrieen zu sein.
"Wer von Ihnen ist Lydia Quartero?"
Eine junge Pilotin erhob sich. Sie schien etwas verunsichert zu sein: "Das bin ich."
"Okay Miss, Sie haben die Öffentlichkeit als Forum gewählt, daher: Sollten Sie noch mal einen meiner Piloten schlagen, hänge ich Ihnen ein Verfahren an den Hals. Und sollte es explizit noch einmal Ensign Cartmell treffen, kommt neben dem ungebührlichen Verhalten für einen Offizier der TSN § 87 MSGB, Militärstrafgesetzbuch, auch noch das Schlagen eines Untergebenen Offiziers § 92 hinzu. Und wenn wir wie das letzte Mal es in der Öffentlichkeit veranstalten, haben wir noch Angriff auf die Würde des Menschen. Jaja, da käme dann eine Menge auf Sie und Ihre Karriere zu."
Quartero starrte ihn mit offenem Mund an.
"Jetzt blas Dich mal nicht so auf Du Arsch", es war Lieutenant Geoffry St. John Dubois der für seine Kameradin Partei ergriff. "Glaubst Du ernsthaft, irgendwer wird ihr was anhängen, weil sie diesem Drecksack ne Backpfeife verpasst hat? Und selbst wenn, dann behaupten wir einfach, er hätte sich gegen ihren Willen an sie rangemacht."
Radio grinste: "Paragraphen 97 - 102 MSGB, Falschaussage und Anstiftung zur Falschaussage, nicht unter 4 Jahre auf Bewährung. Und ja, bei so was kann man Dich zu einem Lügendetektortest zwingen Freundchen. Also liebe Leute, solltet Ihr also ernsthaft daran Interesse haben, einem meiner Jungs und Mädels aufs Dach zu steigen, zieht Euch warm an, ich röste Euch auf großer Flamme."
Radio salutierte noch einmal spöttisch in die Runde und machte sich dann vom Acker ehe Irons zurückkam. Ein Glück, wenn man das Militärgesetzbuch öfter gelesen hat, als das Protokoll für den Dienst in Friedenszeiten.
Ironheart
24.03.2004, 15:08
Ursprünglich von Cattaneo
Die grüne Staffel hatte sich um ihre Chefin versammelt. Auch wenn die Staffel nicht wirklich eine verschworene Gemeinschaft war, so gab es doch ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. Bei allen Verlusten waren immer noch sechs Piloten dabei, die seit der Gründung der Einheit in der Staffel geflogen waren. Und die Neulinge waren immer mehr oder weniger gut integriert worden. Außerdem, eine solche Gelegenheit zum Feiern schweißte zusammen, da vergaß man mitunter die kleineren Antipathien des Alltags.
Allerdings war die Freude bei einigen der Flieger nicht ganz ungetrübt. Lightning hatte sich über einiges, was sie zu hören bekommen hatte, nicht wenig geärgert. Manche der Ausdrücke, mit denen sie ihre „blaue Schwester“ in Gedanken bedacht hatte, entsprachen ganz und gar nicht ihrem kultivierten Naturell. Aber sie hatte es so aufgefaßt, als hielte Huntress ihr vor, dir eigene Staffel vernachlässigt zu haben. Und DAS ließ sich niemand gerne sagen. Dazu kam, daß sie auch ein oder zwei Kommentare von Dritten gehört hatte, in ihrer Staffel klappe es noch nicht so recht mit der Zusammenarbeit. Sie hatte bisher nicht sehr viel darauf gegeben – immerhin wußte sie selber am besten, wie gut oder schlecht ihre Einheit war. Und auch wenn sie weit von jeder Perfektion entfernt war, so hatte sie doch keineswegs als Geschwaderletzte dagestanden. Aber wenn etwas in der Richtung, nicht wortwörtlich aber doch implizit angedeutet, von einer Kollegin kam...
Auch wenn die noch ein relatives Küken auf ihrem Posten war, sich allerdings nach ihrer ersten Schlacht als Staffelchefin schon als die große Veteranin gebärdete – das durfte einfach nicht passieren.
Also hatte sie, in guter alter Navymanier, den Ärger ein wenig nach unten „weitergereicht“. Nicht so richtig, indem sie einen Untergebenen vollkommen „fertiggemacht“ hätte, dazu war sie denn doch zu menschlich. Sagte sie sich jedenfalls hinterher. Aber sie hatte Lilja in ihr Büro zitiert, und die Russin aufgefordert, das Training in den nächsten Tagen noch zu intensivieren. Einige ihrer Worte hatten als Kritik an Liljas bisheriger Arbeit aufgefaßt werden können. Und da die jüngere Pilotin in der Hinsicht extrem dünnhäutig war, und sich immer noch mit einer gewissen Unsicherheit ihrer eigenen Qualifikationen für ihre augenblickliche Aufgabe herumschlug, hatte sie auch prompt reagiert.
Das zackige Auftreten und das schneeweiße Gesicht der XO hatte Lightning nur zu deutlich gezeigt, daß ihre Worte getroffen hatten. Sie hatte fast ein schlechtes Gewissen gehabt, denn sie wußte, wie ernst Lilja ihre Aufgaben nahm. Aber dennoch – sollte an dem Gemecker etwas stimmen, dann war dies auch Liljas Schuld. Also hatte sie nichts weiter hinzugefügt. Die Russin hatte ihr einen überarbeiteten Trainingsplan eingereicht, der noch ein paar zusätzliche Übungsrunden vorsah und gerade noch im Rahmen des erträglichen lag. Lightning hatte ihn akzeptiert und in Kraft gesetzt. Solche Kritik wollte sie nicht noch einmal hören.
Aus diesem Grund waren die beiden „hohen Damen“ der Staffel keineswegs so froh gestimmt, wie das Ereignis es erfordert hätte. Lightning trug noch ein wenig an ihrem Groll gegenüber Huntress, und rang noch mit sich, ob sie ihrer Kollegin nicht ein paar direkte Worte sagen sollte. Etwa darüber, daß man als Offizier nicht nach dem Motto vorgehen durfte „Ich muß meine Fehler alleine machen, sonst lerne ich es nie!“ – schließlich ging es hier um Menschenleben. Oder, daß ein vernünftiger Offizier immer die Worte eines erfahreneren zumindest anhörte. Es war ja nicht so, daß sie Huntress vor versammelter Mannschaft belehrt und bemuttert hätte. Sicher, daß Mädchen mußte auch einmal erwachsen werden – aber war DAS ein Zeichen davon?
Lilja haderte mit sich selbst und hatte Angst, nicht nur ihrer Pflicht nicht gerecht geworden zu sein, sondern auch ihre verantwortungsvolle Stelle riskiert zu haben. Ein Verlust ihrer Position als XO würde sie – wenn es kein anderer tat – als Demütigung auffassen, ähnlich wie ihre Versetzung in die Etappe zu Anfang des Krieges. Und nicht für voll genommen zu werden, gehörte zu den Dingen, die sie schlecht vertrug.
Allerdings merkte man es den beiden Frauen kaum an. Lightning hatte einfach eine recht charismatische Art und verstand es, ihren Ärger gehörig von sich „wegzuschieben“. Lilja wiederum lief sowieso, auch auf Festen, herum wie drei Tage Regenwetter. Jedenfalls häufig. Dahingehend war bei beiden ein größerer Unterschied zum mehr oder minder beliebten Normalzustand kaum festzustellen.
Lightning jedenfalls tat das ihre, um der Staffel ein ordentlichen Fest zu bieten. Sie brachte ja auch sonst ihren höheren Rang nicht sehr zur Geltung, wo es sich vermeiden ließ, und hier benahm sie sich wie ein ganz normales Staffelmitglied. Zudem hatte sie der ganzen Einheit, inklusive Lilja, ein Friedensangebot mitgebracht für die harten Übungen, die sie bereits hinter oder noch vor sich hatten. Das Konfekt fand reißenden Absatz bei den Soldaten – SO gut speiste man auch auf einem Flottenträger neuster Bauart nicht, und auch zu Hause selten, was das anging. Und ein oder zwei Freirunden gab es auch dazu...
Imp hatte das aktuelle Hauptgesprächsthema aufgegriffen und spöttisch gefragt, ob die Schokolade denn von einem Verehrer sei, und es Lightning dem von ihr so sehr als Vorbild geschätzten Geschwaderchef gleichtun wolle und kurz davor stünde, sich für ihr weiteres Leben einen Wingman auf Dauer zuzulegen.
Was natürlich für einige Heiterkeit gesorgt hatte. Die Staffelchefin hatte schallend gelacht und erklärt, das Geschenk sei einfach von einer Schülerin, die ihre Lektionen mit begrenzter Dankbarkeit akzeptiert hatte. Die anderen hatten natürlich nicht verstanden, was sie meinte. Lightning aber hatte ihren Ärger beim Gefrotzel der Piloten vergessen, und beteiligte sich lebhaft am Gespräch, wobei sie Lone Wolfs zukünftiger „vertraulich“ ihr Beileid aussprach – nur eine Drillexpertin der Marinecorps würde den Geschwaderchef erziehen können. Was zu einigen weiteren Sticheleien, teilweise auf Kosten des Verlobten, geführt hatte.
Selbst Lilja taute etwas auf. Sie hielt, anders als Lightning, einiges vom „Alten“. Daß ihre Vorgesetzte so ungeniert mit ihren Untergebenen scherzte, hatte auch ihre Anspannung etwas gelockert.
Die Taufe der bedauernswerter Zero wurde teils mit Mitleid, teils mit einer gewissen Schadenfreude quittiert. Lightning verstand Raven nur zu gut, als diese ihre Untergebene in Schutz nahm. Sie war auf gewisse Traditionen der Flotte nur bedingt stolz. Aber sie verstand auch die Haltung vieler Piloten, die mit Gelächter ausglichen, daß sie selber als „Füchse“ ähnliche Unannehmlichkeiten hatten durchmachen müssen. Oder noch schlimmere, wenn man gewissen Geschichten glaubte.
Die Stimmung wurde jedenfalls schnell lebhafter, vor allem, da hin und wieder einer der Piloten eine Runde ausgab. Bei weitem nicht alle schauten sonderlich auf den Real. So schlecht verdiente man nicht als Pilot, und wer wußte schon, was morgen war. Vor allem Tyr erwies sich als Quelle zweideutiger Geschichten, über die man als Zuhörer durchaus lachen konnte – die handelnden Personen freilich weniger.
Natürlich war die Staffel nicht völlig von den anderen Feiernden abgekapselt. Freunde und Bekannte aus anderen Staffeln oder den Bodendiensten waren durchaus willkommen. So weit gingen die Standesdünkel selten, vor allem nach dem einen oder anderen gelehrten Glas...
Und wenn die meisten in die gesungenen Liedern auch eher mit Begeisterung als mit Können einstimmten – nun, was machte das schon? Irgendwie hielt man schon den Ton, und den Text konnten man auch irgendwie erraten.
Der hünenhafte Schwede sorgte aber durchaus auch für Abwechslung – Soldaten konnten sich ihre Zeit doch nicht nur mit Gesang vertreiben. So jedenfalls war sein Motto. Und nur saufen wurde schnell langweilig, außerdem war die Feier so bald vorbei, denn das Fassungsvermögen war begrenzt.
Die Idee war im Grunde ganz einfach – eine Abwandlung des klassischen Armdrückens. Jeder der Beteiligten mußte ein kleines Schnapsglas leeren, dann traten sie gegeneinander an. Das klang eigentlich nicht so schwer, zumal man bei weitem nicht das Härteste verwendete, was die Theke zu bieten hatte. Einige hatten allerdings schon vorher ziemlich „aufgetankt“. Der Sieger würde im Rennen bleiben, der Verlierer zahlte zehn Real. Bald war fast die ganze Staffel bei der Sache – sogar Lightning. Nicht, daß ihr derartige Spiele eigentlich lagen, aber was tat man nicht für eine gute Atmosphäre? Da mußten Opfer gebracht werden...
Sie war auch nicht sehr überrascht, als sie aus dem Rennen geschlagen wurde. Tyr setzte sich schnell souverän an die Spitze.
Binnen kurzem hatte er fast die gesamte Truppe und dazu einige Neuzugänge besiegt. Sein Gesicht war freilich inzwischen auch ziemlich gerötet, wohl nicht nur wegen der Anstrengung. Die letzten beiden Gegner, Lilja und Claw, waren die härtesten gewesen. Claw, weil er als früherer Gruppenraufbold gut entwickelte Muskeln und einen ziemlich rebellischen Willen hatte, die Russin, weil sie anscheinend aus irgendeinem Grund mit aller Verbissenheit um den Sieg kämpfte, als hätte sie irgend etwas auszugleichen. Am Ende aber hatten sich beide geschlagen geben müssen.
Nun war nur noch Marine üblich. Trotzdem sie ziemlich gut proportioniert war, wirkte sie gegenüber ihrem Gegner doch etwas verloren. Immerhin wog Tyr fast anderthalb mal so viel wie sie und war einen ganzen Kopf größer. Beide fixierten sich, dann stürzten sie mit grimmiger Entschlossenheit die Gläser.
Die durchaus kräftige Hand des „Staffelkükens“ verschwand scheinbar in der Pranke des Schweden. Der ehemalige Milizionär spannte seine Muskeln an – sein kräftiger Handdruck allein reichte normalerweise aus, daß andere Leute leicht das Gesicht verzogen...
Im nächsten Augenblick krachte sein Handrücken auch schon auf die Tischplatte. Völlig verdattert starte er die junge Frau an – dann brach ringsum Jubel aus. Die anderen Piloten hieben Marine mit Begeisterung auf den Rücken – so enthusiastisch, daß sie fast vorüber auf den Tisch krachte. Sie hatte auch schon etwas geladen. Die ehemalige Pilotin des Marinecorps in spe grinste in die Runde: „Alles eine Frage des richtigen Hebels.“ Mit einem Seufzen streckte Tyr die Waffen. Natürlich, als Marine hatte man ihr mehr über Nahkampf und Körpereinsatz beigebracht, als er ihr zugetraut hatte. Und er selber war schon ziemlich voll, wie er sehr wohl registrierte. Wirklich bedauerlich – mit dem Geld hätte er sicher was anfangen können...
Aber wer spielte, mußte sich ans Verlieren gewöhnen, nicht nur ans Gewinnen. Also nahm er es nicht schwer...
Das Duo, das sich seinen Weg durch die Gänge der Columbia bahnte, bot wahrlich keinen sehr beeindruckenden Anblick. Die beiden Pilotinnen schwankten von einer Seite auf die andere, und selbst ein aufmerksamer Beobachter hätte mit Sicherheit sagen können, wer hier eigentlich wen stützte. Imp mochte einiges weniger getrunken haben, aber sie vertrug auch nicht ganz so viel wie Lilja. Die Russin trank zwar nicht so viel, wie man angesichts ihrer Herkunft vielleicht vermutet hätte – Stereotypen waren einfach nicht auszurotten – aber sie war doch an einiges gewohnt. Aber jetzt taumelte sie nicht weniger als ihre Kameradin. Mehrmals hatten sie umkehren und einen anderen Weg nehmen müssen. Irgendwie war die Botschaft, daß sie sich nicht mehr auf der Redemption befanden, nicht ganz bei ihren Beinen angelangt. Weswegen sie wieder und wieder einen Weg suchten, den es nicht mehr gab.
Das Schauspiel wurde zusätzlich akustisch untermalt. Auch hier überwog das Chaos. Selbst wenn sie mal ein und das selbe Lied anstimmten, was selten genug der Fall war, sangen sie in unterschiedlichen Tonlagen und dazu noch in ihren jeweiligen Muttersprachen. Das Ergebnis war vielleicht beeindruckend, aber nicht eben wohlklingend.
Schließlich erreichten sie die Kabine, die sie gemeinsam bewohnten. Allein das Öffnen der Tür brauchte geraume Zeit – und damit waren keineswegs alle Probleme überwunden.
Während sich Lilja einfach nur noch zu ihrer Koje schleppte, und in voller Montur lang hin schlug, war Imp sich bezüglich ihrer Ruhestätte für den Rest der Nacht noch im Unklaren. Irgendwie bekam sie es nicht auf die Reihe, ob es im Zimmer nun zwei, vier oder sechs Betten gab – und wo die standen. Schließlich entschied sie sich, einfach mit dem Fußboden Vorlieb zu nehmen. Sie schlief allerdings kaum langsamer ein als ihre Zimmergenossin.
Ironheart
24.03.2004, 15:09
Ursprünglich von Cunningham
Die Maria Theresia "lag" in der Nähe des Saturnmodes Titan.
Was sie dort sollten, keiner wusste es, nichtmal Commander Anneliese Schmitt der Captain des Lazarettschiffes.
Aber bald würden sie es erfahren. Von Titan hatten drei Shuttles abgehoben und strebten der Maria Theresia entgegen.
Schmitt hatte als Kursusletzte ihren Perischer absolviert. Doch war sie die erste aus ihrem Kurs, die ein eigenes Kommando bekam. Ein Lazarettschiff. Und auf ewig würde sie hier gestrandet sein.
Mit einem Haufen Weißkitteln, von denen drei den Captainsrang innehatten.
Schon vor Monaten hatte sie ihre Versuche aufgegeben, den Weißkitteln wieder militärische Ordnung bei zu bringen.
Auf ihrem Weg zum Shuttlehanger brütete sie über den Scherben ihrer Karriere als sie plötzlich jemand von der Seite ansprach.
"Wissen Sie, wer unsere Gäste sind Anni?"
Es war Captain J. Arthur Jellico, der Chefarzt.
"Nein Commodore, und ich habe sie schon mehrmals darum gebeten, dass Sie mich mit dem mir zustehenden Respekt ansprechen sollen."
Jellico lachte auf: "Ach, ich bitte Sie, ich bin an erster Stelle Arzt und erst dann Soldat, was meinen Sie wie peinlich es mir ist, wenn mich einer meiner Patienten mit Captain anspricht statt mit Doc."
Schmitt zuckte zusammen. Es gab auf der Theresia nur einen Captain und das war SIE.
"Nicht nur ihre Patienten sprechen Sie so an Commodore."
Der Arzt zuckte nur die Schultern und zündete sich seine Pfeife an.
Beide betraten den Hangar. Das Personal arbeitete fleißig an den Landevorbereitungen.
Dann wurde die Meldung durchgegeben, dass das erste Shuttle ankommen würde.
Und schon erschien im Sichtfeld der beiden das erste. Schmitt wie auch Jellico hatten ein ganz normales Transportshuttle erwartet. Was jedoch hereinschiebet war ein Sturmshuttle mit leichten Stummelflügeln, an denen je drei Waffenaufhängungen waren. Alle drei Aufhängungen waren bestückt.
Kaum das es aufgesetzt hatte, öffnete sich die rechte Seitentür und ein Mann stieg aus. Er trug die einfache olivgrüne Uniform der Army und ein bordeauxfarbenes Barett wie die Fallschirmspringer.
Forsch marschierte der Europäer auf Schmitt und Jellico zu. Seine Beine federten und sein Gang wirkte raubtierhaft. Die Augen schirmten die Umgebung ab, als suchten sie nach einer Bedrohung.
Als er vor den beiden Raumfahrern stehen blieb schnellte seine Hand zum Salut hoch: "Colonel Ezra Blake, Rumpfbataillon Alfa, 1. Kommandobataillon Special Air Service."
Schmitt erwiderte den Salut: "Anneliese Schmitt, Captain der Maria Theresia."
"Ma'am, hier sind Ihre Befehle, ich und meine Leute werden uns die nächsten Wochen bei Ihnen einquartieren." Er reichte ihr eine Mappe und drehte sich zu den mittlerweile gelandeten drei Shuttles um: "Alles ABSITZEN!"
Im geordneten Trott verließen zwei Kompanien SAS-Soldaten die drei Sturmshuttles. Die Männer und Frauen machten alle einen erfahrenen und abgehärteten Eindruck. Der niedrigste Dienstgrad war Corporal. Kein einziger Private.
Die Soldaten nahmen ihre Ausrüstung gleich mit und Schmitt sah viele Waffen zum ersten mal in der Realität. Die H&K Sturmgewehre waren alt bekannt, jedoch nicht die Sig und Sauer Präzisionsgewehre, die Colt Automatikgranatwerfer oder die FAN Multifuktionsraketenwerfer.
Auf der Columbia "dämmerte" der Morgen. Die meisten Piloten stocherten in ihrem Frühstück. Für die weniger mutigen bestand es sowieso nur aus Aspirin, Zigaretten und Kaffee, jeder Menge Kaffee.
Radio saß Skunk gegenüber, der kein Problem zu haben schien, sein Rührei runterzuschlingen.
"Sag mal kaust Du eigentlich auch?" Fragte der Lieutenant Commander und betrachte misstrauisch ein aufgespiestes Würstchen.
"Kauen? Was ist das? Hey, wer abends feiert kann morgens auch tüchtig essen."
Neben Radio nahm ein weiterer Pilot platz. Martin Durfee war seit der ersten Feindfahrt der Redemption bei den Angles und hatte nicht nur seine Mirage immer wieder nach Hause gebracht, sondern auch ein paar wirklich lohnende Abschüsse erzielt.
"Hey, ich wollt mit Dir sprechen."
"Klar, aber nicht so laut ja." Nölte Radio.
"Es geht um diesen Ensing in der roten. Don Cartmell. Noname."
"Was hat der Bengel angestellt?" Radio ließ sein Besteck fallen und zuckte beim Klappern zusammen.
"Angestellt gar nichts, aber hör mal, es geht mich vielleicht nichts an, aber kann es sein, dass der Junge etwas sehr hart angepackt wird?"
"Genau, es geht Dich nichts an Freundchen." Meldete sich Skunk zu Wort. "Kümmer Dich lieber um das kleine Sensibelchen aus Deiner Staffel, könnte bestimmt ne starke Schulter gebrauchen und wer weiß, vielleicht macht sie ja dankbarer weise die Beine breit."
Razor Durfee blickte den älteren Veteran abschätzig an: "Sag mal, wer hat eigentlich an Deinem Käfig gerüttelt hä?"
Skunk erhob sich drohend.
"Hey Leute, ich hab da großartige Neuigkeiten!" Die Stimmge gehörten Hank Smith, einem Lieutenant der Com-Abteilung der Columbia. Hank liebte es mit den Piloten abzuhängen. Er hatte leider die Aufnahmeprüfung für die Flugakademie nicht geschafft und hechelte nun seinen Träumen nach.
"Heute sollen zwei Silverstars verliehen werden, an Jungs aus Eurem Geschwader.
Jetzt waren die meisten Piloten im Umkreis von 10 Stühlen aufmerksam geworden.
"Los, sag schon, wer?" Rief jemand.
"Naja, der eine ist Euer Skipper." Er grinste in die Runde, einige der Piloten stöhnten auf, andere bekräftigten, dass Lone Wolf den Star zu recht empfing. "Der andere, für den Abschuss eines Truppentransporters der Akarii mit schätzungsweise 8.000 Soldaten an Bord ... TROMMELWIRBEL ... ist Lieutenant 1st Class Martin Durfee!"
Hank deutete wild in Richtung Razor Durfee, der erbleichte. Von einigen Seiten kamen Glückwünsche und Skunk setzte sich. Einem Helden brach man nicht die Nase.
"ACHTTAUSEND!" Wiederholte Durfee, als er wacklig aufstand. "Du Arsch! Was wagst Du es mir das beim Frühstück so was unter die Nase zu reiben! Achttausend ... oh Gott."
"Hey, ich dachte ..." Versuchte Hank Smith sich zu verteidigen, doch Durfee packte ihn und rammte ihm die rechte ins Gesicht.
Smith strauchelte und fiel hin.
Nachdem Smith aufgestanden war wischte er sich die Nase und betrachtete das Blut auf seiner Hand: "Drecksack! Das werde ich melden, Du kommst in den Bunker."
Zwei andere Piloten mussten Razor Durfee festhalten, während Hank wütete.
Dieser wurde jedoch ziemlich hart unterbrochen, als Radio ihm am Kragen packte: "Was willst Du melden Arschloch? Das Du hier rein gekommen und gestolpert bist? Das ist es, was ich sagen werden, wenn man mich fragt. Du bist ganz einfach gestolpert. KLAR!"
Hank Smith blickte sich kurz um und erkannte, das die meisten Piloten schweigen oder Radio unterstützen würden. "Alles klar, ich bin gestolpert."
"Wunderbar." Radio schupste den Com-Offizier zu einer Pilotin. "Schaff ihn raus Lilja."
Die Russin sah erst aus, als wollte sie protestieren, salutierte dann jedoch spöttisch vor Radio und schob den immer noch blutenden Smith in Richtung Tür.
"So ein aufstand wegen läppischer 8.000 Echsen." Glaubte Radio sie noch murmeln zu hören.
Er setzte sich neben Durfee, der sich auch wieder hingesetzt hatte und jetzt den Teller wegschob.
"Achttausend ..."
"Hey, es waren doch nur ..." Skunk brach ab, als Radio und Razor ihm vernichtende Blicke zuwarfen. "Bin ja schon still."
Ironheart
24.03.2004, 15:10
Ursprünglich von Ace Kaiser
Barcelona… Sicherer Hafen in der Etappe. Weit weg von den Akarii, weit weg von Terra. Mit regelmäßigem Frachterverkehr, ab und an einer Störung durch Piraten und hin und wieder die Havarie eines überalterten Frachters.
Der Traum jedes Navy-Offiziers, der anstatt auf Orden lieber auf sein eigenes Überleben hoffte.
Und in dieses Gelobte Land flog die KAZE gerade ein.
Justus Schneider hatte sich wie immer in seinen Kommandosessel hinein geflegelt. In der Linken hielt er eine Tasse starken Kaffee, in der Rechten ein Datapad mit einer Faksimile der New Boston Tribune. Insbesondere die Kolumne Frontberichte hatte es ihm angetan.
„Hört euch das mal an. First Lieutenant Thomas Andrew Paul, ein Riese von einem Mann mit dem frohen Gemüt eines unbeschwerten Elfjährigen. Der Stellvertretene Staffelkommandant unserer Blauen. Wenn man den schwarzhäutigen Riesen so ansieht, mag man sich gar nicht vorstellen, dass er bereits elf verifizierte Abschüsse auf seiner Maschine prangen hat.“
Justus sah über den Rand des Datapads kurz zur Pilotin der KAZE. „Lieutenant Jones, trimmen Sie Backbord drei, über Horizont elf Grad aus, um im Anflugkorridor zu bleiben. Rockendale mag ein schöner Anblick sein, aber ich will mir den Gasriesen weder aus der allernächsten Nähe ansehen noch mit einem seiner hundertzwei Monde kollidieren.“
„Aye, Sir, Drei Backbord, elf über Horizont“, bestätigte die Pilotin. Sie warf ihrem Sitznachbarn, dem Orterchef Li einen schiefen Blick zu. „Wie macht er das immer? Ich dachte, er ist vollkommen in seine Lektüre vertieft.“
Li Chun grinste schief. „Der Skipper hat einen siebten, einen achten und ein eingebautes Radar als neunten Sinn. Ich habe schon viel Unglaublichere Sachen mit ihm erlebt, Eavy.“
„Plauschen könnt Ihr in der Pause“, wies Commander Soleil die beiden zurecht. Wenn der Skipper schon nicht für Disziplin auf diesem Pott sorgte, dann würde sie das tun. Wie immer.
„Ja, Ma´am“, erwiderte Li ruhig.
Aufmerksam beobachtete Soleil den Skipper. Halb befürchtete sie, Schneider würde sie für ihre Strenge tadeln. Was sie vor den anderen Offizieren hätte sehr blass aussehen lassen.
Stattdessen begann er anerkennend zu pfeifen. „First Lieutenant Lüding, wenn Sie nur halb so gut fliegen wie Sie aussehen, haben die Akarii aber schlechte Karten.“
„Skipper!“, rief Amber tadelnd.
Schneider sah von seiner Lektüre auf. „Hm? Wollen Sie auch mal in den Bericht rein sehen, Commander?“
„Später vielleicht“, brummte sie, stand auf und verließ die Zentrale. „Ich gehe mal die Marines inspizieren.
„Tun Sie das. Und wenn Sie dabei sind, überprüfen Sie die Fortschritte der Marines mit dem neuen Heckler&Smith Sturmgewehr A11. Auf kurze Distanz ist es unschlagbar, habe ich mir sagen lassen. Wäre aber nicht das erste Mal, dass man uns ein 08/15 als Innovation verkaufen will.“
„Ja, Sir.“ Langsam schlenderte sie auf den Gang hinaus. Was war nur mit dem Skipper los? So sachlich wie heute war er nur selten.
Bei den Marines angekommen wunderte sie sich über die niedergeschlagene Stimmung.
„Offizier an Deck“, murmelte jemand. In der Menge der an sieben Tischen sitzenden und Waffen reinigenden Meute erhoben sich vereinzelt Köpfe, sanken aber sofort wieder herab, als sie Commander Soleil erkannten.
„Morgen, Commander.“ Carl Johansson nickte ihr zu.
„Was ist denn hier los? Haben Sie etwa wieder Alkohol an Bord geschmuggelt und Gestern heimlich eine Party gefeiert?“
„Natürlich haben wir heimlich Alkohol an Bord geschmuggelt!“, rief MasterSergeant Bannion über die Tische hinweg und hatte damit ein paar müde Lacher auf seiner Seite.
„Aber keine Party gefeiert“, fügte Johansson hinzu. „Was meine Leute knickt, ist die verdammte Etappe.
Himmel, wir waren eine Fronteinheit! Eine verdammte, erfahrene Fronteinheit! Wir haben Tonnage vernichtet und Schiffe geentert! Und jetzt kommen wir nach Barcelona, wo wir bis zum Ende des Krieges Piraten jagen werden.“
„Das ist es also“, erwiderte Commander Soleil und sah sich die Meute an. „Hm. Könnte das zufällig mit einer gewissen Schlägerei zusammen hängen, die den Skipper beinahe den Rang und die Karriere gekostet hat?“
Die Männer und Frauen stöhnten auf. An die Massenprügelei dachten sie gerne. Weniger gerne an die Folgen.
„Jedenfalls, Sie kennen die Anordnung des Skippers. Wir werden auf Barcelona gebrieft. Commander Schneider wünscht, dass alle Abteilungen für alles bereit sind.
Also hört auf, hier rum zu hocken und Trübsal zu blasen.
Der Skipper will übrigens wissen wie die Übungen mit den neuen H&S voran gehen. Und vor allem will er wissen, ob uns wieder Zitronen geliefert wurden“, sagte die Lt. Commander im Befehlston, Lautstärke zwei von sechs.
Müde schon Johansson ihr eine Mappe über den Tisch zu. „Hier, der Bericht. Durchschlagende Wirkung auf kurze Distanz. Der Laserfocus durchdringt bei unter zwanzig Meter jede Panzerweste, die bei den Akarii im Gebrauch ist. Maximale Reichweite ist fünfzig Meter. Mehr wird für einen Kampf in einem Schiff auch nicht benötigt. Für Bodeneinsätze ist das Ding auch ganz nützlich. Aber eher für den Häuserkampf. Ansonsten ist es nur eine niedliche Lightshow für den Feind, wenn er weit genug weg steht. Das Gewicht ist mit anderthalb Kilo inklusive Speicherzelle annehmbar. Alles in allem eine nützliche Sache, wenn sie meinen Monstern in die Hand gedrückt wird.“
„Das haben wir gehört, Chef.“ Die Beschwerde klang reichlich müde und nicht mal ernst gemeint.
Amber nahm den Bericht an sich. „Ich lege ihn dem Captain vor. Und bevor Ihr weiter in den Tag gammelt, schlage ich vor, Ihr veranstaltet mal wieder eines eurer berüchtigten Gotcha-Spiele. Der Skipper hat es ja als Nahkampftraining anerkannt. Aber wehe, Ihr erhöht wieder die Pressluftabgabe.“
Mehrere Köpfe ruckten hoch. „Wo?“, wollte einer der Corporals wissen.
Commander Soleil unterdrückte ein Lächeln. Jetzt hatte sie die Meute bei den Eiern. „Nun, im Shuttlehangar, in den peripheren Lagerräumen, natürlich in den Mannschaftsquartieren. Und wenn Ihr es nicht übertreibt, gebe ich sogar die Kantine frei.“
„Klasse!“ Bannion sprang auf. „Da kann man sich super verbarrikadieren und der Smutje macht einem auch noch Berliner!“
Johansson sprang ebenfalls auf. „Erster Zug gegen Zweiten Zug. Capture the Flagg.
Einer startet in der Waffenkammer, einer in der Kantine!“
„Wir nehmen die Kantine, Lieutenant.“
„Das hättest du wohl gerne, Bannion“, erwiderte Johansson lachend.
Im Hintergrund kramten die anderen Marines bereits ihre Ausrüstung hervor. Farbige Armbinden wurden ausgeteilt.
Das die Marines hier defacto Schiffsverteidigung übten, war allen Beteiligten klar. Aber es war ja nicht verboten, die Sache dennoch als Spaß anzusehen.
Amber schmunzelte. „Gebt mir zehn Minuten, um die restliche Crew zu warnen, okay?“
Derweil kämpften Johansson und Bannion im Armdrücken um die Kantine.
„Wollen Sie mitmachen, Commander? Für Sie liegt immer eine Ausrüstung bereit“, bot der Lieutenant an.
„Besser nicht. Beim letzten Mal habe ich zwei Stunden geschrubbt, um die Farbe wieder runter zu kriegen“, erwiderte sie.
So, die Stimmung war gerettet.
Auf der Brücke legte sie dem Skipper den Bericht vor. „Im übrigen habe ich den Marines erlaubt, eine Übung abzuhalten.“
„Bereiche?“
„Hintere Sektion.“
„Welches Spiel?“
„Skipper, es ist eine Übung!“
„Welches Spiel, Amber?“
Sie seufzte. „Erobere die Flagge.“
„Wie ist die Stimmung?“
„Die Marines sind wieder bei guter Laune.“
Schneider schmunzelte. „Warnen Sie die Crew. Und isolieren Sie die Zentrale. Ich will nicht wieder von diesen Farbkugeln getroffen werden. Letztes Mal habe ich fast ne halbe Stunde gebraucht, um die Farbe abzukriegen.“
„Ja, Sir. Nur eine halbe Stunde? Ich habe zwei gebraucht. Verraten Sie mir Ihren Trick?“
„Nicht alleine schrubben, Commander.“
Soleil zerdrückte einen deftigen Fluch zwischen den Lippen und wurde rot. „Dumme Frage, dumme Antwort, war ja klar.“ Sie schüttelte den Kopf. Hatte sie wirklich etwas anderes erwartet?
Ironheart
24.03.2004, 15:10
Platzhalter Hammer Nr. 6
Ironheart
24.03.2004, 15:11
Ursprünglich von Cunningham
Admiral Thomsen stand auf der Hauptbrücke der Lexington. Die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt.
Er betrachtete seinen Flaggkommandanten. Die Kommandantin des Trägers war die Ruhe selbst. Alles lief geordnet ab. Jeder Handgriff saß.
"Peking passiert uns achtern!" Meldete der Sensoroffizier.
"Ausschau achtern!" Befahl die Kommandantin.
Thomsens Blick richtete sich auf den Hauptmonitor. Es waren noch Teile der Dockingstation in der die Lexington fest gemacht hatte.
Der zweite Träger der Lexington Klasse schwebte majestätisch durch die riesige Dockanlagen des Fort Lexington.
"Verankerung gelöst, wir befinden uns im Schwebezustand!" Hörte Thomsen mit halben Ohr.
"Manöverdüsen an Bug: 20 %!"
"Aye, aye Sir!"
Langsam, geradezu gemächlich schob sich der 75.000 Tonnen schwere Flottenträger, die Lexington, der Stolz der Terran Space Navy aus ihrer Parkbucht.
Überall, wo man in die Dockanlagen des Forts Einsicht hatte drängten sich Freiwächler um dieses Spektakel mitanzusehen.
In den Offizierskasinos wurde der Start der Lexington auf den Bildschirmen gezeigt.
Aus vielen Lautsprechern erklang die Navy-Hymne: Anchors Away.
Kaum das der Träger seine Bucht verlassen hatte drehte er nach Backbord und nahm Fahrt auf. Fuhr durch die engen Dockanlagen und verließ den riesigen Asteroiden.
Außerhalb des Forts hatten sich die Kreuzer und Zerstörer der Peking Trägergruppe um die Peking formiert.
Ebenso begannen sich die Schutzschwadronen der Lexington zu gruppieren.
Der Geschwaderbesprechungsraum der Columbia war voll, bis oben hin voll. Alle acht Schwadronen fanden Platz, doch wirkte er deshalb nicht beengt.
Lucas erklärte gerade das noch vier Tagen laufende Übungsprogramm, welches neben einem Tag Stars und Landungen, sowie Formationsflug noch drei Tage Flottenverteidigung beinhaltete als ein lautes Achtung ihn unterbrach.
Die sitzenden Piloten erhoben sich. Cartmell wurde auf der rechten von Radio hochgezogen: "Immer schön brav lächeln."
Und auf der anderen zerrte ihn Skunk hoch und zischte ihm eine Drohung ins Ohr.
"Rühren", sagte Admiral Wulff als sie das Podest, auf dem Lucas vor dem großen Wandschirm stand, betrat.
Ihr folgte einer ihrer Stabsoffiziere ein Commander, der eine schwarze Mappe unter dem rechten Arm trug.
Sie begrüßte Lone Wolf mit Handschlag und ließ sich dann ein Schreiben von Ihrem Adjutanten geben und las es mit lauter Stimme vor:"
An: Commander Lucas Cunningham, CO 127th Fighter Wing, Terran Space Navy.
Von: Admiral Klaus von Richter, Chief of Naval Operations, Terran Space Navy.
Hiermit werden Sie für die von Ihnen erbrachten Leistungen bei der Schlacht von Jollarahn, wo das von Ihnen befehligte Geschwader durch Ihre Führung und Entscheidungsbereitschaft dem Feind schwerste Verluste beibrachte und sich dadurch auszeichnete eine Recordtonnage an feindlichen Frachtern und Dickschiffen zu vernichte, mit dem Victory Star ausgezeichnet.
Ihr Handeln und Ihr Mut spiegelt die höchsten Traditionen der Navy wieder.
Mit besten Grüßen und voller Stolz
Klaus von Richter,
Admiral, Chief of Naval Operations"
Wullf überreichte Lucas das Dokument und heftete ihm den Victory Star an die Brust. "Auch von mir herzlichen Glückwunsch Commander. Sie haben es sich redlich verdient."
Dann nahm sie das zweite Dokument entgegen: "Lieutenant Martin Durfee, treten Sie bitte vor."
Aus einer der hinteren reihen kam Razor Durfee nach vorne, das Gesicht war leichenblass.
"Ma'am, ich möchte ..." Brabbelte er los, als er vor Wulff stand.
"Sein Sie ruhig Lieutenant", zischte ihm Lone Wolf zu.
"An: 1st Lieutenant Martin Durfee, 127th Fighter Wing, Terran Space Navy.
Von: Admiral Klaus von Richter, Chief of Naval Operations, Terran Space Navy.
Hiermit werden Sie für die von Ihnen erbrachten Leistungen - dem Abschuss eines Truppentransporters der imperialen akariischen Marine - bei der Schlacht von Jollarahn mit dem Silver Star ausgezeichnet.
Ihr Handeln, Ihr Können und Ihr Mut spiegelt die höchsten Traditionen der Navy wieder.
Mit besten Grüßen und voller Stolz
Klaus von Richter,
Admiral, Chief of Naval Operations"
Auch Razor Durfee bekam den Orden von Wulff an die Brust geheftet, doch als sie ihm die Hand geben wollte klappte der Pilot zusammen.
Nur mit Mühe und Etwas Geschick konnte Wulff das vorn über kippen des Lieutenant verhindern. Sofort kamen ihr Lone Wolf und der Adjutant der Admiralin zu Hilfe.
"Es muss die Aufregung sein", rutschte es Cunningham etwas perplex aus dem Mund.
"Aufregung Commander? Der Mann ist Kampfpilot." Merkte Wulff an und verpasste Durfee ein paar leichte Backpfeifen.
"SIE", Wulff deutete auf Cartmell, "rufen Sie die Krankenstation, die sollen ein paar Sannis holen."
Dieser war ebenfalls viel zu perplex um auch nur ein Anzeichen von Widerwilligkeit zu zeigen und stapfte zur Sprechanlage.
Lone Wolf und der andere Commander schafften derweil Durfee zu Cartmells eben frei gewordenen Stuhl.
Ironheart
24.03.2004, 15:12
Ursprünglich von Ace Kaiser
„Na, für wen machst du dich denn so schick?“, fragte Frauke Hendrik mit einem Grinsen. Sie teilte die Stube mit Jean Davis und den anderen vier Frauen des Platoons. Im Moment war Freiwache, und die anderen fünf Frauen hatte nichts Besseres zu tun, als zu rauchen, Liegestütze zu machen oder Karten zu spielen.
Lucie hatte sogar eine Flasche Likör aus der geheimen Reserve hinter der losen Wandkachel auf den Tisch gestellt.
Das bedeutete, dass Pork und Schiermer gerade in der Trainingshalle waren und die Gefahr eines plötzlichen Drills nicht sehr hoch war.
Jean lächelte. Normalerweise hätte sie mit den anderen gespielt, etwas getrunken. Oder gelesen. Was ihr schon den Beinamen Professor eingebracht hatte. Aber nicht heute.
Langsam schloss sie die Jacke der schwarzen Ausgehuniform, strich sich über die roten Aufschläge. Bedächtig streifte sie die weißen, makellos sauberen Handschuhe über.
„Du könntest wenigstens antworten, Professor“, maulte Frauke.
Jean trat vor den einzigen Spiegel auf der Stube, strich sich durch ihr Gesicht, glättete die kurz geschorenen Haare so gut es ging und setzte die weiße Schirmmütze auf. Vorsichtig korrigierte sie deren Sitz, bis sie mit dem Gesamteindruck zufrieden war.
Sie drehte sich zu den anderen um und grinste. „Ich habe ein Rendezvous.“
„Du?“, staunte Haggerty. „Und dann in deiner Ausgehuniform? Solltest du nicht dafür lieber einen Minirock anziehen und deine hübschen Beine zeigen?“
„Stil muss schon sein, Maggie. Immerhin ist er ein Lieutenant Commander.“
„Lieutenant…“ Maggie Haggerty fiel vor Schreck fast vom Stuhl. „Du treibst es doch nicht etwa mit einem Flottenheini? Mädchen, die Navyärsche sind nicht gut für dich. Du bist eine Marine. Die benutzen dich sowieso nur, bis sie keinen Spaß mehr an dir haben. Und dann lassen sie dich fallen!“
Jean kam zum Tisch, beugte sich vor und half der Kameradin beim Aufstehen. „Danke, dass du dir Sorgen machst, Mami. Aber ich bin schon ein großes Mädchen und kann auf mich selbst aufpassen.“
„Ja, ja“, brummte Frauke. „Lauf nur in dein Unglück und erzähl uns nachher alles unter Tränen. Aber vergiss nicht die goldene Regel jedes Mädchens.“
„Und die wäre?“
„Erst essen, dann Sex.“
Jean wurde rot. „Sehr witzig.“
Sie verließ die Kabine mit einem letzten Winken.
Der Gang führte zu einem Viertel aller Stuben, die den Marines zugewiesen waren. Wild gemischt.
Dementsprechend war in der Freiwache eine Menge los. Einige Männer spielten im Gang Fußball, zwei ihrer Kameraden flirteten in einem Türeingang. Andere machten sich mit Trainingsanzügen bereit für die Halle.
Ihr Auftritt im Großen Anzug wirkte auf alle wie eine kalte Dusche.
Ken Howard, der gerade ein Tor geschossen hatte, starrte sie an wie eine wandelnde Leiche.
„Was ist denn mit dir los, Davis? Ist wer gestorben?“
„Friss deine Shorts, Idiot“, brummte sie und ging an den Fußballspielern vorbei.
„Hey, ich habe dich nett gefragt!“, beschwerte sich der Marine.
„Das hast du auch als du wissen wolltest, ob ich Lust auf eine halbe Stunde Besenkammer mit dir habe!“, blaffte sie zurück. „Also, geh mir aus der Sonne, Marine!“
Die anderen grinsten breit. Howard war wie die meisten also auch bei Icequeen Davis abgeblitzt. Die recht hübsche und sehr junge Marine war so was wie ein Hauptangriffsziel. Und je mehr Männern sie einen Korb gab, desto attraktiver wurde der Sieg über sie.
Howard legte eine Hand auf ihre Schulter.
Und bekam dafür den bösesten Blick, den jemals jemand von ihr gesehen hatte. „Ich habe schon größere Idioten für weniger fertig gemacht“, zischte sie.
Jean schüttelte die Hand ab und ging weiter.
„Das Schätzchen ist eben härter als du, sieh es ein, Howard“, murmelte Lansdale und grinste schief.
Dafür bekam er einen Hieb in die Rippen. „Das ist nur ihre Art zu sagen, dass sie mich liebt. Ihr werdet es schon noch erleben.“
Howard raffte das Hemd seiner Felduniform auf. „Macht Ihr schön Spiele-Spiele. Ich gehe ins Kino.“
Lansdale japste leise, bis er wieder richtig Luft bekam. Warum war der Kerl nur so schnell beleidigt? Moment, ins Kino? Wollte er Davis etwa nachspionieren?
„Wenn ne Romanze läuft, komme ich mit!“, rief er, kramte sein eigenes Hemd auf und lief Howard hinterher.
Die Aussichtsplattform des Observatoriums bot einen atemberaubenden Blick Man hatte eine freie Sicht von zweihundert Grad über X und volle dreihundertsechzig über Y.
Neben, hinter und über dem Träger glommen die Positionslichter der Begleitschiffe der COLUMBIA, dazwischen funkelten die Sterne. Ein naher Nebel leuchtete von innen heraus.
Für Jean war dieser Anblick mehr als vertraut. Sie hatte ihr Leben im All verbracht. Aber auch sie fand noch immer etwas, was selbst sie in Erstaunen oder Begeisterung versetzte.
So wie dieser Nebel, der wirkte, als würde er eine Sonne umhüllen.
Sie wusste natürlich, dass in seinem Inneren gerade neue Sonnen entstanden. Gewissermaßen war dieser Nebel nicht mehr als ein Kindergarten für Sterne. Was für ein atemberaubender Gedanke.
„Private Davis?“, erklang neben ihr eine Stimme. Sie hatte die Schritte wohl bemerkt, aber nicht darauf reagiert.
Nun wandte sie sich langsam um. Sie salutierte vor dem Mann vor ihr.
Er trug die schneeweiße Ausgehuniform der Navy. Auf seinen Schultern prangten die Abzeichen eines Lieutenant Commanders. Seine Brust war mit Orden tapeziert.
Und seine Augen waren alt, alt und erfahren. Als hätten sie bereit zuviel gesehen.
Der Lieutenant Commander hob eine Hand und lächelte flüchtig. „Sie brauchen nicht zu salutieren, Private. Wir sind privat hier.“
Unsicher nahm Jean den Arm wieder ab. Das militärische Protokoll hatte ihr Sicherheit gegeben. Der Mann vor ihr nahm ihr gerade diese Zuflucht.
„Ich bin Justin McQueen, genannt Darkness“, sagte er und deutete auf eine nahe Bank, die man extra für Besucher wie sie installiert hatte. „Setzen wir uns.“
Sie nahmen Platz. Unsicher begann Jean: „Sir, ich hatte wirklich nicht vor, Sie…“
„Ruhig, Private, ruhig. Ich habe Sie kontaktiert, nicht umgekehrt.“
„Trotzdem, ich will von vorne herein klar stellen, dass ich keinen Vorteil daraus ziehen will, dass ich…“ Sie schwieg plötzlich, biss sich auf die Unterlippe.
„Keinen Vorteil daraus ziehen, dass Sie die Schwester von Clifford sind?“ Darkness sah zu Boden. „Das verstehe ich natürlich. Und ich respektiere Ihre Entscheidung. Zumal die Marines nicht wirklich in meine Kontrolle fallen.“
„Danke, Sir.“
„Aber wenn ich etwas für Sie tun kann, Private…“
„Sir, ich habe es alleine durch die Ausbildung geschafft. Ich habe es alleine auf diesen Träger geschafft. Ich werde es auch weiterhin schaffen. Machen Sie sich keine Sorgen um mich.“
Darkness ballte die Fäuste, entkrampfte sie aber wieder. „Sie sehen Ihrem Bruder recht ähnlich. Sie haben sogar den gleichen Farbton im Haar wie er.
Es tut mir weh, dass ich nichts für Sie tun kann.“
„Sir“, begann Jean leise. „Sie tun doch bereits etwas für mich. Sie treffen sich mit mir. Ich hatte nicht vor, Ihnen zu begegnen, weil ich nicht wollte dass es wirkt, als würde ich die alten Freundschaften meines Bruders für mich ausnutzen wollen. Aber wenn Sie sich von sich aus dafür entscheiden…“
„Cliff… Ace war mein Freund“, begann Darkness nach einer längeren Pause wieder. „Ich habe schon viele Fliegerkameraden verloren, mehr als ich zu zählen bereit bin. Aber ihn zu verlieren hat mich tief getroffen. Es hat eine furchtbare Lücke gerissen. Wenn nicht er überleben sollte, wer dann? Verstehen Sie, was ich sagen will? Ich habe ihn zu nahe an mich gelassen. Ich wurde sein großer Bruder. Nun bezahle ich den Preis dafür. Er ist tot. Ich konnte nichts für ihn tun. Ich werde ihn niemals wieder sehen.
Er… hat einen Abschiedsbrief vorbereitet. In dem bittet er mich darum, auf seine beiden Geschwister aufzupassen, falls sie so dumm sind wie er und freiwillig in die Navy eintreten.
Das Sie von den Marines kommen habe ich nicht erwartet, Private. Aber ich habe Sie nun in meiner Reichweite. Und ich will Sie ebenso wenig verlieren wie Ace damals.“
Darkness senkte den Kopf auf die Brust. „Ich gebe zu, da spielt auch Egoismus eine Rolle. Irgendwie hoffte ich, dass Cliffs kleine Schwester die Lücke füllen könnte. Das dieser Schmerz geht und ich mich wieder besser auf meine Arbeit konzentrieren kann.“
Darkness zog einen Stapel Briefe aus seiner Uniform hervor. „Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Private? Ihr Bruder hat mir einen Stapel Abschiedsbriefe für seine Kameraden hinterlassen. Ich kann sie nicht zustellen. Vielleicht fällt es Ihnen leichter als mir. Es ist auch einer für Sie und Ihren anderen Bruder dabei.“
Darkness deutete auf den obersten Brief, der den Vermerk trug: Empfänger verzogen, zurück zum Absender.
Jean Davis nahm die Briefe entgegen und brach gegen ihren Willen in Tränen aus.
Darkness besah sich die junge Frau unschlüssig, ließ sie weinen. Nach endlos erscheinenden Minuten drückte er ihren Kopf auf seine Schulter.
„Bleiben Sie wenigstens am Leben. Ich will nicht noch einen Davis verlieren“, flüsterte er.
In der Tür eines Seiteneingangs hockten zwei Marines und beobachteten die ferne Szenerie.
„Die kuscheln ja!“, raunte Lansdale.
„Red nicht so nen Scheiß. Kein anständiger Marine würde mit einem Flottenheini rummachen.“
„Na, vielleicht hast du ja Glück und es ist ihr Vater“, stichelte der andere.
Howard blinzelte. Die Szenerie sah doch sehr verdächtig aus. Konnte das sein? Zog die Icequeen einen weißen Strahlemann wirklich ihren Kameraden vor?
Aber warum? Er war doch wohl die mit Abstand beste Partie im ganzen Flur. Warum also?
„Und gleich knutschen sie rum, danach nimmt er sie mit auf seine Bude und dann lassen sie die Matratze krachen.“
Howard packte seinen Kameraden im Nacken. „Das glaubst du doch selbst nicht. Das ist die Icequeen. Die hat noch jeden abblitzen lassen. Jeden. Da wird der Flottenheini keine Ausnahme sein! Kapiert?“
„Ist ja schon gut. Nun lass mich schon los. Ich brauche meine Knochen noch.“
Howard sah zurück. Die beiden waren aufgestanden, salutierten voreinander und strebten verschiedenen Ausgängen zu. Unwillkürlich atmete er auf.
„Wollen wir das Schmierer stecken? Der wird nicht sehr erfreut sein, dass einer seiner Marines mit dem Feind fraternisiert.“
„Du hältst den Rand, Lansdale. Ich werde das schon mit Davis klären, kapiert?“
Der andere kicherte leise. „Wer hat dich denn zu ihrem Beschützer ernannt?“
„Klappe zu.“ Howard brummte böse. Was, wenn sie wirklich in die Fänge eines Navy-Arsch geraten war? War es dann nicht seine Pflicht als Kamerad, einen anderen Marine zu schützen?
„Also, hör zu, Lansdale. Du gehst jetzt dem Weißkuttenträger nach und findest heraus, wer er ist. Und zu niemandem ein Wort, verstanden? Vor allem nicht zu Porky und Schmierer, klar?“
„Okay.“
Lansdale erhob sich und folgte dem Offizier. „Für zwei Packungen Marlboro halte ich die Klappe.“
„Abgemacht.“ Howard erhob sich und folgte Davis. Für einen Moment, für einen winzigen Moment kam er sich dämlich vor.
Ironheart
24.03.2004, 15:12
Ursprünglich von Tyr Svenson
Nicht besonders gut gelaunt stapfte Skunk in Richtung seines Quartiers. Er verstand nicht, wieso es immer noch Leute gab, die meinten, man müsse solche Kanalratten wie Cartmell anständig behandeln. Und dann dieser Mirage-Heini… Der hatte doch glatt `ne Prügelei angefangen und war völlig aus dem Häuschen, wegen ein paar tiefgefrorener Akarii – Leute gab’s…
Na ja, nachdem nun auch der Alte mit von der Partie war, würde es wohl bald losgehen. Das zugestellte Material und das Aufkreuzen eines Rearadmirals versprachen Zunder. Leider war das Pilotenmaterial nicht ganz so erstklassig…
Skunk war Patriot. Aber er hoffte dennoch, nicht ausgerechnet deshalb aus der Maschine geschossen zu werden, weil die eigenen Leute mit einer Bloodhawk wie mit einem Deltavogel kurbelten. Einige der „Neuen“ waren noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Da musste man wohl noch mal nachhaken. Zusätzlich hatte er dann auch noch ausgerechnet so einen falschen Hund wie Cartmell als Wingmann. Der Hurensohn konnte vielleicht fliegen. Aber das reichte nicht. Lieber währe Skunk ein Flügelmann gewesen, der ZUVERLÄSSIG war. Aber was konnte man schon machen? Momentan war die Stimmung in dieser Hinsicht etwas aufgeheizt – Skunk wollte nicht gerade Darkness an der Kehle haben. Der XO des Geschwaders war, hol ihn der Teufel, ein verflucht harter Hund mit nicht einem Hauch von Verständnis für die Animositäten gegen Cartmell. Nicht dass Darkness den Ex-Piraten zu schätzen schien – aber er hatte deutlich gemacht, dass er nicht gewillt war weiter irgendwelche „Hahnenkämpfe“ oder „Potenzspielchen“ zu dulden. Am liebsten hätte Skunk jemanden verdroschen…
Als er, reflexartig leicht gebückt, durch einen Schott trat, kollidierte er ziemlich heftig mit irgendjemand. Um ein Haar hätte er das Gleichgewicht verloren, er konnte sich mit einem Ausfallschritt gerade noch stabilisieren. Der Vorfall reichte aus, um in ihm die Frustration wieder Hochkochen zu lassen. Welcher Idiot…
Bei dem Idiot handelte es sich augenscheinlich um einen dunkelhäutigen, hochgewachsenen, aber eher schlaksigen Marinesoldaten. Der junge Marines schien vollauf mit einer Angehörigen des technischen Dienstes beschäftigt gewesen zu sein und hatte wohl deshalb Skunk nicht bemerkt. Jetzt drehte sich der Soldat wütend um, während die Technikerin, auch sie noch ziemlich jung und wohl asiatischer Herkunft, eher etwas verlegen schien.
„Pass doch gefälligst auf, du Idiot!“ die Stimme des Marines klang arrogant.
Das reichte, um Skunk auf Konfrontationskurs zu bringen: „Wenn du mal Augen für den Gang, statt für deine Matratze gehabt hättest, Sambo, dann wär’s nicht passiert! Was soll das hier eigentlich werden? Schwarz-Gelb-Kariert?“
Die Technikerin lief jetzt dunkel an – und der Marines ebenso, wenn auch aus anderen Gründen. „DU VERDAMMTER…“
Skunk hatte mit dem Angriff gerechnet, ihn innerlich grinsend sogar erwartet, aber nicht so schnell. Er schaffte es nicht, dem Faustschlag völlig auszuweichen, der ihn so an der Schulter erwischte. Doch als der Marines mit der Linken nachsetzen wollte, blockte Skunk den Hieb problemlos ab – und pflanzte dem Marinesoldaten seine Faust in den Bauch – der junge Idiot hatte völlig die Deckung vernachlässigt. Der Treffer reichte aus, um den Marines aus dem Takt zu bringen – und mehr brauchte Skunk nicht.
Ein schneller Tritt, gefolgt von zwei, drei wuchtigen Fausthieben beförderte den Soldaten zu Boden. ‚Amateur – kann nur nach dem Lehrbuch kämpfen!’
Als sich der Marines versuchte, mit einer Hand abzustützen, trat ihm Skunk diese unter dem Körper weg – und setzte zur Sicherheit noch einen Tritt in die Magengrube hinterher. Das reichte.
Die Technikerin hatte nicht einmal Zeit gefunden, etwas zu unternehmen. Sie starrte Skunk an, als rechnete sie damit, dass er jetzt auf sie losgehen würde. Aber Skunk grinste nur, mit einmal hatte er gute Laune: „Na, nicht viel los mit deinem Lover. Solltest dich vielleicht doch woanders umsehen!“
Die Antwort war irgendeine Obszönität auf Chinesisch, Malaiisch oder was auch immer – die junge Frau kniete sich hin, um dem sich stöhnend am Boden windenden zu helfen. Skunk sah, dass er weiterkam. ‚Der sollte nicht so ein Gewese machen.’ Skunk hatte oft genug Schläge ausgeteilt – und eingesteckt – um zu wissen, dass er den Marines zwar ziemlich schmerzhaft getroffen hatte, aber das es wohl bei ein paar Prellungen und blauen Flecken bleiben würde. Der junge Idiot sollte es am besten als Lehrstunde sehen…
„Und Sie sagen, ein PILOT hätte Sie so zugerichtet?!“ Captain Schlüters Stimme schien Ungläubigkeit auszudrücken, während sie den vor ihr strammstehenden Marinesoldaten wütend fixierte. Sie war zwar kleiner als der Soldat, aber Dienstrang, Erfahrung und Persönlichkeit reichten aus, um dem Soldaten das Gefühl zu geben, von Oben herab abgekanzelt zu werden.
„Ma’m, Ja, Ma’m!“
Die fast schwarze Hautfarbe des Soldaten kaschierte nicht alle Blessuren – und hob die weißen Wundpflaster besonders deutlich hervor. Captain Schlüter hätte dem Trottel am liebsten noch ein paar weitere Prellungen verpasst. Als ob sie nicht genug Probleme hätte, musste sich ausgerechnet jemand aus „ihrer“ Einheit verprügeln lassen. Aber sie würde das Problem schon noch lösen. Die schwarzhaarige Marinesoldatin hatte bereits die Truppen der Redemption befehligt und trotz ihrer für eine Marines eher geringe Größe immer verstanden, sich durchzusetzen. „Worum ging es noch mal in diesem Streit?!“
„Es hatte… persönliche Gründe, Ma’m!“
Schlüter schnaubte nur kurz: ‚Das bedeutet, es ging wohl um eine Frau. Man sollte diese Idioten kastrieren!’
„Hören Sie, Soldat! Sie haben aus mehreren Gründen Scheiße gebaut. Zum einen haben Sie sich geprügelt, obwohl das verboten ist! Normalerweise würde das Bunker bedeuten. Aber Sie haben es auch noch fertig gebracht, sich mit einem Leutnant anzulegen – UND SICH VON EINEM DÄMLICHEN WELTRAUMJOCKEY ZUSAMMENDRESCHEN LASSEN!! Nächstens lassen Sie sich noch von `nem Tech flachlegen!“
Merkwürdigerweise schien der letzte Einschub den Marinesoldaten noch zusätzlich zu treffen.
„Hören Sie, Soldat! Sie bringen mich in eine verfluchte Lage. Ich will keinen Ärger mit dem Flugkorps – und da Sie sich so grandios haben verdreschen lassen will ich auch diese ganze Scheiße nicht an die große Glocke hängen! Offiziell ist nichts passiert! Die Prellungen haben sie im Nahkampftraining erhalten – so wie SIE kämpfen ist das auch mehr als glaubhaft! Bis auf weiteres sind Ausgang und Urlaub gesperrt. Sie schieben Extrawachen, Sie Idiot. Haben Sie daran was auszusetzen?!“
„Ma’m, Nein, Ma’m!“
„Gut, denn ich war noch nicht fertig. In der Ihnen verbliebenen Zeit werden Sie nämlich an Ihrem Nahkampftraining feilen. Sie haben eine Woche Zeit, dann schicke ich Sie in den Ring – und glauben Sie mir, ich werde Sie keinem Anfänger gegenüberstellen. Wenn Sie es bis dahin nicht geschafft haben zu lernen, wie ein Marines zu kämpfen hat – nun, dann sollten Sie sich schon mal mit einer anderen Berufsperspektive vertraut machen!“
„Ma’m, Ja, Ma’m!“
„Und noch etwas. Ich will keine Revancheversuche, keine Pöbeleien mit Piloten. Diese traurige Entschuldigung für einen Kampf hat nie stattgefunden! Also verschlucken Sie Ihre Zunge oder ich reiße sie raus!“
Mit dieser recht malerischen Drohung war der Marinesoldat entlassen. Froh, dem Donnerwetter entkommen zu sein, stürzte er förmlich aus dem Raum. Die Hastigkeit seines Abgangs ließen Captain Schlüter fast grinsen. Allerdings konnte sie den Impuls ohne Probleme unterdrücken, als Sie sich klar machte, was diese idiotische Prügelei für Folgen haben könnte. Sie wollte nicht, dass irgendein arrogantes Pilotenarsch glaubte, er könne zum Zeitvertreib Marines verdreschen. Da musste etwas unternommen werden – schon weil sie „ihre Jungs und Mädels“ gut genug kannte: sollte die Geschichte die Runde machen, würden einige meinen, sie müssten die Piloten „Zurechtstoßen“. Und das ging nun wirklich nicht.
Das Marinekorps war (aus der Sicht vieler Kapitäne) der unwichtigste Truppenteil an Bord eines Schiffes. Irgendwelches Fehlverhalten oder Extraallüren konnten sich die Brückencrews und die Piloten erlauben – die Marines eher nicht. Sie sollten funktionieren wie eine Maschine. Also würde sie in dieser Sache etwas unter der Hand unternehmen – auch, weil Sie sich bereits umgehört hatte und zu wissen glaubte, WELCHER Pilot für die Sache verantwortlich war. Dieser „Skunk“ – ein wirklich passender Name – würde es auf keinen Fall schaffen, das Korps in einen schlechten Ruf zu bringen. Sie wusste schon den Richtigen für diese Aufgabe…
Der inoffizielle Charakter der Maßnahmen, die sie erwog, verlangten von Schlüter ein möglichst unauffälliges Verhalten. Was sie jetzt auf den Weg bringen wollte war zwar ziemlich traditionell, aber überhaupt nicht nach der Dienstvorschrift. Deshalb trug sie auch nicht ihre Uniform, sondern einen Trainingsanzug ohne Rangabzeichen, als sie die Sporthalle betrat. Wenn sie sich richtig erinnerte...
Die Halle war fast leer. Sie hatte die Zeit mit Vorbedacht gewählt. Vielleicht übertrieb sie jetzt die Konspiration, aber sie hatte erlebt, wie ein Bekannter darüber gestolpert war, daß er seine Extratouren nicht geheimhalten konnte – der Mann war degradiert worden und versauerte ihres Wissens nach für den Rest seiner Dienstzeit auf irgendeinem elenden Kolonialplaneten. Das würde ihr nicht passieren!
Sie hatte sich nicht getäuscht, der Gesuchte war hier. Während sie sich auf eine der Bänke setzte, musterte sie kritisch Master Sergeant Clas Schiermer.
Der Soldat schien völlig in seine Übungen vertieft – aber Schlüter war sich sicher, daß er sie bemerkt hatte. Ihm entging selten etwas, auch wenn er momentan völlig auf den Sandsack vor ihm fixiert schien – und auf den Versuch, diesen in der Luft zu zerfetzen. Der Kampfstil war Schlüter unbekannt – wohl eine Kombination mehrerer Stile. Wie hatte Schiermer einmal zu den Rekruten gesagt? „Im Nahkampf gibt es keine Regeln und Maximen bis auf diese: Setzt ALLES ein, was euch zur Verfügung steht. Es gibt kein Fair Play. Und ihr kämpft um zu siegen, um den Gegner zu vernichten. Schauraufen ist was für Amateure und Zivilisten!“
Schiermer selber beherzigte diese Regel auf jeden Fall – ob er nun Handkante oder geballte Faust, Füße, Knie oder Ellbogen einsetzte. Wie lange er schon auf den Sandsack eindrosch, inzwischen schwitzte der Sergeant jedenfalls ziemlich – ohne aber das Tempo zu drosseln. Trotzdem er mit Mitte Dreißig nicht gerade einer der Jüngsten unter Schlüters Leuten war, er gehörte immer noch zu den Besten im Nahkampf. Und seine Diensterfahrung stellte sogar die Schlüters in den Schatten. ‚Vor allem was die schmutzigen Hinterhofkriege der Republik betrifft.‘ Sie hatte in ihren zwölf Dienstjahren vom Leutnant bis zum Captain genug Action gesehen – aber Schiermer war häufiger vermißt oder für tot erklärt worden, als sie verwundet worden war. Und er hatte noch andere Fähigkeiten, die ihn für den Einsatz qualifizierten, der Schlüter vorschwebte.
Jetzt schien Schiermer fertig. Nach einem letzten wuchtigen Tritt, der den Sandsack ungefähr dort traf, wo bei einem Mann der Magen gewesen währe, trat der Sergeant zurück, dreht sich um und verließ den Übungsring. Eine hochgewachsene Pilotin – für ihren Beruf recht muskulös – nahm seinen Platz ein. ‚Schon wieder eine Pilotin!‘ Aber das Mädchen schien Nahkampferfahrung zu haben, ein regelrechtes Training. Na, vielleicht war es da kein Wunder, daß sich irgendein Greenhorn von einem Piloten verdreschen ließ, weil er den Gegner unterstützte.
Inzwischen war Schiermer bei Captain Schlüter angelangt. Sie hatte sich nicht ohne Grund neben seine Sachen gesetzt. Ohne Kommentar reichte sie ihm ein Handtuch, da er ebenso schweigsam entgegennahm und sich das Gesicht abwischte. Auch wenn er außer Atem war – der kalte abschätzende Ausdruck in seinen Augen war der gleich wie immer. Er setzte sich neben Schlüter, schien völlig auf seine Atmung konzentriert. Seine Stimme war so leise, daß sogar sie Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen: „Was wollen Sie, Ma’m?“
Er hatte also bereits kapiert, daß sie nicht ohne Grund hier war. Gut. „Einer unserer Greenhorns hat mit einem Piloten Streit angefangen. Und sich nach Strich und Faden durchprügeln lassen. Was schicken sie uns heute bloß für Material?!“
Schiermer beantwortete die, ohnehin rhetorische, Frage nicht.
„Jedenfalls habe ich keine Lust, diese Angelegenheit zu sehr an die große Glocke zu hängen. Erstens war der Pilot ranghöher und hat damit sowieso erst mal recht. Und außerdem, daß sich ein Marines so verprügeln läßt, muß nicht unbedingt im ganzen Schiff rumgehen!“
„Was soll ich tun?“
„Ich will nicht, daß dieser aufgeblasene Weltraumcowboy denkt, er könnte nach Lust und Laune mit Marines raufen. Und ich will nicht, daß er mit der Geschichte hausieren geht. Dann versucht nur einer vom Korps, unsere Ehre reinzuwaschen und es gibt wieder Ärger. Wenn wir ihn ungeschoren davonkommen lassen, ist daß das falsche Signal. Also stutzen Sie diesem Adler mal etwas die Schwanzfedern.“ Mit kurzen knappen Worten charakterisierte sie, nicht eben wohlwollend, die „Zielperson“.
„Verstanden.“
Und das hatte er wohl tatsächlich. Schlüter musterte ihn noch einmal. Schiermer würde schon wissen, was er zu tun hatte. Noch deutlich wollte sie nicht werden. Nur noch das: „Die Sache ist natürlich Ihre Angelegenheit. Und dieses Gespräch hat nicht stattgefunden – jedenfalls nicht zwischen mir als Captain und Ihnen als Sergeant. Sie halten das Korps da raus, also unterlassen Sie irgendwelche Dummheiten, die man zurückverfolgen kann!“
Jetzt schien Schiermer fast zu grinsen. Er murmelte leise irgend etwas, was sie nicht verstand. „Was war das?!“
Schiermer blickte sie an und wiederholte, diesmal deutlich und auf Englisch. „Sie sind Legionär. Helfen Sie sich selbst! Habe ich Ihre Anordnung richtig verstanden?“
„Vollkommen richtig. Und ich muß Sie wohl mal bei Gelegenheit fragen, warum Sie so viel Legionslang mit sich herumschleppen...“
„Wenn Sie mich entschuldigen...“ Schiermer stand auf, wandte sich aber noch einmal um: „Oder da Sie jetzt nicht im Dienst sind, wollen Sie mitduschen?“
Schlüter brauchte ein paar Augenblicke um zu begreifen, was der Sergeant gesagt hatte. Dann warf sie ihm einen Blick zu, der ihn eigentlich hätte umbringen sollen. Aber Schiermer grinste nur – und ausnahmsweise erreichte das Lächeln seine Augen.
Also grinste sie zurück, etwas säuerlich und nahm den Vorschlag als das was er war: „Treiben Sie es nicht zu weit, Schiermer oder ich lasse Sie kielholen und werde dann erst RICHTIG ungemütlich...“
Der Sergeant salutierte lässig und ging.
Ironheart
24.03.2004, 15:13
Ursprünglich von Tyr Svenson
Schiermer ließ sich mit seinem Vorhaben Zeit. Er hatte noch nie etwas von überstürztem Vorgehen gehalten, wenn es nicht nötig war. Zuerst einmal lohnte es sich, das Ziel auszukundschaften. Von Schlüter hatte er wenig mehr erfahren, als den Namen des Piloten und was in seiner Dienstakte stand. Nach zwei Tagen wußte er schon erheblich mehr, vor allem über Charakter und Freizeit der Zielperson. Und dann war es Zeit, aktiv zu werden.
Skunk hatte es eilig. Wenn er rechtzeitig zu dem „Pokerabend“ kommen wollte, den Radio für heute angesetzt hatte, mußte er sich beeilen. Er grinste dünn. Auch wenn Radio recht häufig gewann, daß letzte Mal hatte Skunk auch ein paar Reales eingestrichen – und er hatte vor, das diesmal zu wiederholen. ‚Vielleicht sollte ich dazu mal Radios Ärmel untersuchen...‘
Er nahm es nur am Rande war, daß ihm jemand entgegenkam – irgendein Tech, ziemlich breit für einen Techniker. Aber auch wenn der Mann Skunk überragte und Schultern wie ein Schrank hatte, machte er höflich Platz. Na, das gehörte sich natürlich, wenn es ein Leutnant eilig hatte.
Nachher wußte er selber nicht, was ihn mißtrauisch gemacht hatte – war es irgend etwas an den Bewegungen des Technikers gewesen, der merkwürdig federnde Gang? Als Skunk den Mann passierte hatte er sich jedenfalls noch einmal zu dem Techniker umgewandt.
So sah er den Schlag, im letzten Augenblick. Er konnte nicht voll ausweichen und bekam die Fäuste nur halb hoch – aber so erwischte ihn der Hieb nur an der Schulter, nicht im Gesicht. Doch auch so reichte die Wucht, um ihn herumzuwirbeln und gegen die Wand zu schleudern. Mit einem dumpfen Dröhnen prallte er auf. Aber jetzt war er bereit, hatte die Fäuste oben.
Der Techniker ließ Skunk kaum Zeit, ihn Verteidigungsstellung zu gehen, sondern folgte ihm sofort. Skunk kannte den Mann nicht – das kantige Gesicht mit den blassen Augen sah er zum ersten Mal. Aber wer das auch war, er war ein guter Kämpfer und offenbar fest entschlossen, Skunk niederzuprügeln.
Der „Techniker“ eröffnete die zweite Runde mit ein paar schnellen Schlägen die auf Skunks Gesicht zielten. Aber so leicht war der nicht zu ködern, er hatte sofort erkannt, daß der andere jetzt, da sein Überraschungsangriff gescheitert war, ihn zuerst testen wollte. Problemlos blockte er die Hiebe ab – um dann selber eine Gerade anzubringen. Er erwischte den „Techniker“ am rechten Auge, der Mann zuckte zurück, doch als Skunk nachsetzen wollte stoppte ihn ein schneller Schlag, der seine Deckung unterlief und seine Rippen dröhnen ließ.
Der „Techniker“ bleckte die Zähne. Vielleicht sollte es ein Lächeln sein, aber ohne jede Spur von Humor. Dann rückte er schon wieder vor, Skunk dabei vorsichtig umkreisend. Offenbar wollte er ihn nicht noch einmal unterschätzen.
Während Skunk seinen Gegner im Auge behielt, fühlte er ein unangenehmes Gefühl der Unsicherheit aufsteigen. Der Mann war wirklich verdammt gut – zu gut. Und er konnte sich wohl kaum davonmachen. Aber um Hilfe rufen kam auch nicht in Betracht. Die meisten Leute waren zur Zeit wohl in ihren Kojen oder auf ihrem Posten – und außerdem war dieser Teil des Trägers ziemlich abgelegen. Und es hätte ihm bis an sein Lebensende nachgehangen, wenn er jetzt um Hilfe plärrte.
Sein Gegner griff wieder an, diesmal deutlich vorsichtiger. Aber dafür steckte Wucht hinter den Schlägen. Er hätte Skunk beinahe kalt erwischt, als der „Techniker“ plötzlich herumwirbelte und ihm einen Tritt in den Bauch verpassen wollte, aber Skunk konnte halbwegs ausweichen und den Anderen sogar noch einmal zurücktreiben.
Wieder verharrten die beiden Kontrahenten kurz, sich wachsam gegenseitig musternd. In Skunk brodelte Wut hoch: „WAS WILLST DU ARSCH EIGENTLICH?!“ Der andere antwortete nicht, grinste ihn nur wieder humorlos an und rückte vor. Und dann begriff Skunk. Sein Gegner war sich sicher zu gewinnen – und wenn Skunk weiter ihn den Takt bestimmen ließ, dann würde dieser Hurensohn ihn fertig machen. Ihn blieb nur eine Strategie...
Mit einem fast tierhaften Brüllen warf Skunk sich auf seinen Gegner, ließ ein wahres Trommelfeuer von Schlägen auf die Deckung des Gegners niederprasseln. Er mußte ihn zurückwerfen, selber angreifen – er mußte! Dann sah er die Lücke in der Verteidigung des Gegners – mit aller Wucht schlug er zu, traf aber nur seine Schulter. Schmerz loderte in seiner Faust auf – dann explodierte irgend etwas in seinem Gesicht und er krachte wie ein nasser Sandsack gegen die Wand.
Schwer atmend starrte Schiermer auf den am Boden liegenden. Das war härter gewesen, als erwartet. An der rechten Schulter und dem Brustkorb spürte er deutlich die Treffer, das würden ein paar hübsche Prellungen geben. Und er brauchte keinen Spiegel um zu wissen, daß die Haut rings um sein rechtes Auge bereits blau anlief. Er hatte diesem sturen Misthund die Nase gebrochen – aber der schien immer noch bei Bewußtsein. Aber das war schon in Ordnung. Schiermer war noch nicht mit ihm fertig.
Skunk hatte schon mal jemanden die Nase gebrochen. Und ein Kamerad hatte ihm mal beschrieben, was das für ein Gefühl war. Aber nichts davon hatte ihn darauf vorbereitet. Er war vollkommen paralysiert. So hatte er keine Chance, als ihn plötzlich rohe Fäuste packten. Während sein Gegner mit der einen Hand seinen rechten Arm brutal auf den Rücken bog, legte er Skunk den anderen um den Hals – ein Ruck nur war nötig und er hätte Skunk das Genick gebrochen. Und der Pilot konnte nichts tun.
Erst jetzt sprach der Angreifer. Die Stimme war leise und ausdruckslos: „Keine Bewegung, Hurensohn. Du hörst jetzt zu! Es gab mal ein Arschloch, das war genauso bescheuert wie du. Sogar noch bescheuerter, denn er hat einen Marine abgestochen, weil der angeblich seine Schnalle belästigte. Das war... aber das spielt keine Rolle.“
‚Wieso quatscht der Scheißkerl mich voll?!‘ Probeweise versuchte Skunk seinen Kopf zu drehen, sich mit dem linken Arm abzustützen. Aber sein Gegner reagierte sofort, riß den rechten Arm Skunks nach oben. Schmerz schoß dem Piloten in den Rücken, ließen ihn den Widerstand aufgeben. Auch wenn er den Kopf etwas hatte drehen können, der Andere hatte ihn völlig in der Hand. In der Stimme schwang kurz grimmige Belustigung mit, dann wurde sie wieder ausdruckslos: „Gib dir keine Mühe. Also was meine Geschichte betrifft... Andere Marines griffen sich diesen Messerstecher und brachten ihn in den Urwald.
Zuerst haben sie ihm die Finger gebrochen. Jeden einzelnen und das mehrmals. Das ist gar nicht so einfach. Und der Mann hat nicht um Hilfe gerufen. Dann haben sie ihn kastriert. Und der Mann hat nicht um Hilfe gerufen. Und dann ließen sie ihn liegen, ausbluten wie ein Schwein. Es muß Stunden gedauert haben bis er tot war. Und er hat nicht um Hilfe gerufen. Weißt du warum?!“ Der Andere beugte sich vor, jetzt sah Skunk sein Gesicht direkt vor sich. Die Stimme sank zu einem heiseren Flüstern herab: „Als erstes hatten sie ihm die Zunge herausgeschnitten.“ Und während er das sagte, starrte er Skunk direkt an. Aus kalten, ausdruckslosen Augen, Mörderaugen.
„Wenn du noch einmal Ärger mit dem Korps anfängst... Nun, sieh das hier als Warnung an. Wir können auch spielen – und nicht zu deinen Regeln!“
Abrupt ließ der Mann Skunks Arm los, doch bevor der etwas tun konnte, explodierte sein Rücken förmlich vor Schmerz. Der andere hatte ihm mit voller Wucht den Ellbogen ins Kreuz gerammt. Während sich Skunk stöhnend am Boden wand, stand der Andere auf und ging.
Als Captain Schlüter hörte, wie Schiermer die Sache angegangen hatte, war sie sich nicht sicher, ob sie ihn loben, oder eine verpassen sollte. Natürlich hatte sie gewollt, daß der Pilot einen Denkzettel bekam – aber so...
„Na hoffen wir mal, daß Sie die richtigen Knöpfe gedrückt haben. Wenn dieser Pilot jetzt der Meinung ist, er ist es seinem Ego schuldig, Wind zu machen...“
Schiermer zuckte knapp mit den Schultern: „Er hat nur einem Mann in Tech-Overall gesehen. Und wenn er mich identifizieren sollte, gibt es genug Soldaten, die bezeugen, daß ich zu der Zeit mit ihnen trainiert habe. Sie brauchen nicht mal mit ihnen zu REDEN. Und was diesen Piloten betrifft – ich glaube nicht, daß er es ausfechten will.“ Diesmal war Schiermers Lächeln ausgesprochen widerwärtig.
„Na das will ich hoffen – auch in Ihrem Interesse!“ Insgeheim aber legte sich Schlüter bereits eine Strategie zurecht, für den Fall, daß tatsächlich jemand den JAG einschaltete. Das wäre ja gelacht, wenn sie sich von einem Paragraphenreiter ausmanövrieren ließe!
Ironheart
24.03.2004, 15:14
Ursprünglich von Ace Kaiser
„Sein Name ist Justin McQueen. Er ist Chef der schwarzen Staffel, der Nighthawks und der zweite Schützenkönig an Bord, gleich nach dem CAG. Ach ja, er ist stellvertretender Geschwaderführer.
Seine Karriere liest sich wie ein Inhaltsverzeichnis der Militäroperationen der letzten Jahre.
Die wichtigsten Punkte sind Manticor, wo er mit den Blue Angels gegen die einfallenden Akarii gekämpft hat, Operation Husar sowie die Geleitzugschlacht von Jollahran.
Außerdem geht das Gerücht, er hätte einen Dogfight mit dem Roten Baron gehabt.
Das ist der Spitzname für Commander Norr Wilko, dem Top-As der Akarii-Piloten.
Alles in allem möchte ich zusammenfassen: Der Mann ist ein Kriegsheld. Und es würde mich nicht wundern, wenn demnächst die Propagandaabteilung hier einfällt, um ein Filmchen über ihn zu drehen.“ Auffordernd sah Lansdale Ken Howard an.
„Ja, ja“, brummte der, „du kriegst deine zwei Marlboro noch.“
„Das meine ich nicht“, brummte Lansdale beleidigt. „Es ist nur gerade etwas offensichtlich, warum sich Icequeen ausgerechnet in den Fliegerarsch verguckt hat, oder?“
Howard brummte etwas Böses vor sich hin.
„Tja“, setzte Lansdale noch einen oben drauf, „gegen einen Kriegshelden kannst du nicht anstinken, was?“
Howard fuhr herum. Zorn blitzte in seinen Augen. „Denkst du vielleicht, ich gebe auf? Eine Kameradin ist in Gefahr, den größten Fehler ihres Lebens zu machen! Da kann ich doch nicht tatenlos neben stehen! Ich werde sie retten, und wenn ich ihr den Verstand dafür einprügeln muss!“
„Retten? Für was? Für eine halbe Stunde Besenkammer?“
Wütend blitzten die Augen des Privates auf. „Die Situation ist zu ernst für Scherze!“
Lansdale sah Howard für seine Begriffe unerklärlich ernst an. Er legte Ken eine Hand auf die Schulter. „Junge, was du an dieser Situation zuerst klären solltest ist: Warum tust du das?
Willst du wirklich nur der Erste bei Icequeen sein? Willst du wirklich die Ehre des Corps retten? Willst du Jean helfen? Oder willst du nur dein verdammtes Ego befriedigen?“
Howard blinzelte erstaunt. „Was für Drogen hast du eigentlich heute eingeworfen? So ernst kenne ich dich gar nicht.“
„Lenk nicht ab. Denk lieber mal drüber nach. Und wenn du zu dem Schluss kommst, dass du nur dein Ego zufrieden stellen willst, überlege dir mal, ob Jean nicht ohne deine Hilfe besser dran ist.“
Lansdale nahm den Arm wieder herunter. Er ersetzte die ernste Miene durch sein berüchtigtes schalkhaftes Lächeln und verließ den Flur Richtung seiner Kabine.
Howard starrte ihm nach. Und schüttelte den Kopf. Dann fluchte er zum Steine erweichen.
„Nein“, sagte er mit Inbrunst, „nein, nein, nein. Ich will sie nur knallen! Mehr nicht.“
**
Müde schlurfte Jean Davis durch die Gänge der Infanterieunterkunft. Ihr zusätzliches Training reduzierte ihre Freizeit auf ein absolutes Minimum, und das war auch noch angefüllt mit Pflege der Ausrüstung und dem schreiben von Scharfschützenprotokollen.
Aber sie konnte nicht anders. Irgendwie war sie auch stolz. Stolz, von Schmierer als fähig angesehen zu werden, eine Sniper zu werden. Soweit sie wusste, hatte der Master Sergeant niemand anderen zu dieser Ausbildung befohlen.
Natürlich wusste sie, dass der alte Sack keinerlei Problem damit haben würde, ihr ihr Versagen vor allen Kameraden um die Ohren zu klatschen, wenn sie die Ausbildung nicht schaffte. Aber immerhin gab er ihr einen Vertrauensvorschuss. Und den wollte sie nicht verspielen.
Sie betrat ihre Unterkunft. Die anderen Mädels erwarteten sie bereits. Sie waren in sehr ausgelassener Stimmung. Schiermer war in einer taktischen Besprechung mit dem Captain (der auf dem Schiff ehrenhalber zum Major befördert worden war, weil die Navy-Ärsche bei zwei Captain an Bord zu leicht durcheinander kamen), und Porky soff sich gerade in der Männerstube am Ende des Ganges durch eine Kiste Bier.
Das bedeutete Freizeit.
Als Jean eintrat, hoben die weiblichen Marines ihre Gläser und prosteten ihr zu.
„Komm Scharfschütze, setz dich zu uns.“
Es war eine unausgesprochene Regel auf der Stube, dass die Damen unter sich blieben. Herrenbesuch war strengstens verboten. Frauen in Marine-Uniformen gingen eher ins Feindesland, als den Gegner in den eigenen Bau zu lassen.
Dementsprechend locker war die Runde. Viele trugen nur Shorts und Top.
Jean lächelte schwach. Sie warf ihren Kram aufs Bett, zog die Uniformjacke aus und warf sie hinterher. Danach schnappte sie sich einen Stuhl und setzte sich zu den anderen fünf Grazien, wie die Männer ihre Stube nannten.
„Schenk ein“, forderte sie.
„Und? Wie ist deine Ausbildung?“, fragte Mareike Johnson mit ehrlichem Interesse in der Stimme.
„Dieser Latinofreak nimmt mich ganz schön hart ran“, bemerkte Jean, und stöhnte leise auf. „Hat sich wohl einen Trainingsplan beim Sarge geholt. Überschrift: Wie foltere ich am besten Jean Davis zu Tode.“
„Hart ran nehmen? Können Sie das bitte präzisieren?“, wollte Haggerty wissen. „Klingt ja beinahe so, als würdest du deinem Flottenpinkel untreu werden.“
„Er ist nur… Ach, was soll´s. Ihr glaubt mir ja sowieso nicht“, brummte Jean beleidigt und trank einen Schluck aus ihrem Becher.
„Nun, es gibt leider nicht viele Möglichkeiten, wieso ein Marine und ein Offizier der Navy aneinander geraten. Die einfachste Lösung ist meistens die Richtige. Auch wenn es jedem einzelnen Mann auf diesem Flur das Herz brechen wird“, erwiderte Haggerty und griff sich an die Brust. „Und meines dazu. Hach.“
„Selber Schuld“, erwiderte Jean und unterdrückte ein Grinsen. Warum schaffte Frauke es immer wieder, sie aufzumuntern?
„Vielleicht liegt die Antwort ja hier drin“, meinte Colon, die drahtige Sanitäterin und zog einen Briefumschlag hervor.
Jean sah erschrocken auf. „Wo hast du den denn her?“
„Der lag neben deinem Bett. Wollen wir ihn mal lesen?“
Jean sprang auf und schnappte danach, war aber zu langsam. „Gib her! Das ist…“
„Aber, aber“, erwiderte die Latina und öffnete den Umschlag. „Post von deinem Lover?“
Sie lachte und zog das Papier hervor.
„Liebe Jean“, begann sie, „du weißt, dass ich dich liebe wie nichts sonst auf dieser Welt…“
Die anderen Frauen pfiffen begeistert. „In jedem Hafen einen Kerl.“
„Gleiches Recht für Frauen! Warum sollen nur die Männer ihren Spaß haben?“
„Mann, Professor, das habe ich jetzt nicht von dir gedacht.“
Jean sank auf ihren Stuhl zurück. Sie hatte sich noch nicht getraut, den Brief zu öffnen. „Lies weiter, Ana.“
„Du und unser Nesthäkchen sind für mich das wichtigste in diesem Universum. Es ist schwer zu glauben, aber egal was ich sage, egal wie lange ich darüber nachdenke, letztendlich bist du der Grund, warum ich in die Navy eingetreten bin.
Ist es so falsch, dass ich dich beschützen will?“
„Weiter, weiter“, forderte Frauke Haggerty grinsend.
„Wenn du diesen Brief erhältst, weißt du zwei Dinge. Ich werde dich immer lieben, aber ich kann nicht mehr für dich da sein. Ich bin gefallen, in Erfüllung… meiner… Pflicht…“
Ana Colon sah vom Zettel auf. „Jean, es tut mir so leid. Ich wusste nicht, dass…“
„Lies weiter. Bitte.“ Die junge Davis hatte die Augen geschlossen.
„Wann es passiert ist, weiß ich nicht. Wo es passiert ist wird dir niemand verraten. Aber ich verspreche dir, dass ich nicht leichtfertig gestorben bin. Ich bin gut, sehr gut sogar. Man kann mich nicht so ohne weiteres töten. Sicher bin ich mit einem Knalleffekt abgetreten.
Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich gestorben bin. Und ich hoffe, du bist immer noch so stolz auf mich wie an jenem Tag, an dem du, Mom, Dad und Ian mich zur Akademie gebracht habt.
Ich erinnere mich noch, wie aufgeregt du warst, als ich das erste Mal die weiße Ausgehuniform getragen habe. Nach Opa bin ich der dritte Mann aus unserer Familie, der zur Navy ging.
Dieser Schritt hat mich getötet. Aber das macht nichts, denn ich glaube, dass ich für eine gute Sache gestorben bin, trotz allem.
Nur bitte ich dich, mir nicht nachzueifern. Tritt du nicht auch noch in den Krieg ein. Ein Davis ist mehr als genug. Werde du kein Pilot. Bleib bei unseren Eltern und Ian und den anderen.
Erinnere dich an mich als deinen großen Bruder. Nicht an den Flottenoffizier.
Siege da, wo ich versagt habe. Bleib am Leben.
In unendlicher Liebe, dein Bruder Clifford.“
Ana Colon legte den Brief auf den Tisch und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Deswegen bist du hier?“, murmelte Frauke leise. „Wegen deinem Bruder?“
Aus Jeans geschlossenen Augen flossen Tränen. „Er… war Pilot auf der REDEMPTION. Er starb im Zuge der Geleitzugschlacht. Angeblich steuerte er seine Phantom in eine Antischiffsrakete, die den ungeschützten Träger zu vernichten drohte.
Dafür wurde er posthum befördert.“
Jean riss die Augen auf. „Deswegen bin ich hier. Ich will Rache nehmen. Ich will jeden verdammten Akarii töten, der mir vor die Flinte kommt. Sie haben mir meinen Bruder genommen: Ich tue ihnen dasselbe an.“
Stille antwortete ihr. „Aye“, murmelte Mareike. „Ein guter Grund, Marine. Sempe Fidelis.“
Jean nickte nur. Ihre Scharfschützenausbildung. Sie war wichtig…
Ironheart
24.03.2004, 15:14
Ursprünglich von Cunningham
Die Start und Landeübungen waren reibungslos verlaufen. Das Personal der Columbia hatte endlich auch Training bekommen und alle 8 Staffeln der Angles beherrschten den Formationsflug nahezu perfekt.
Das einzige, was Lucas noch zu bemängeln gehabt hätte, wäre der Sprittverbrauch, den die Wingman hatte, um sich an die Bewegungen ihrer Rottenführer anzupassen. Doch das war ein Problem, um, dass sich Offiziere in Friedenszeiten sorgen machen durften.
Wieder einmal hatten ihn Radio wie auch Skunk überrascht. Sie hatten die Staffel sehr gut im Griff, erkannten Fehler früh und korrigierten sie.
Ebenso schien Skunk sämtliche Schikanen gegenüber Cartmell einzustellen, so bald sie aus dem Träger geschossen wurden.
Der CAG der Columbia flegelte sich auf sein Sofa und grinste Darkness an. Vor beiden stand ein Glas Whiskey, leider kein Antiqua Single Malt, aber dennoch ein uralter Jamison aus Ireland.
"Das ist doch mal ein schöner Ausklang für einen fast perfekten Tag." Lone Wolf seufzte.
"Nur fast perfekt? Du bekommst den Victory Star und nennst ihn nur fast perfekt? Deine Eltern haben wohl verpasst Dir Bescheidenheit zu lehren."
"Wo nimmst Du nur immer diese Fremdwörter her Jus?" Der CAG legte die Beine gekreuzt auf den Tisch.
"Man, Junge, Dir geht es zu gut." Darkness nippte an seinem Whiskey und legte dann ebenfalls die Beine auf den Tisch.
Einen kurzen Augenblick war der Krieg vergessen und sie beide waren zwei einfache Männer um die 30, die sich ihres Feierabends freuten.
Doch so schnell der Augenblick gekommen war, so schnell war er auch wieder vorbei.
"Ich wollte mit Dir über Donnovan Cartmell reden." Begann Darkness zögernd.
Cunningham war seinem Freund einen bösen Blick zu: "Muss das sein? Muss das umbedingt Heute sein?"
"Je eher desto besser."
Lucas setzte sich auf und nahm noch einen Schluck Whiskey und verzog das Gesicht. Innerhalb der letzten Minute schien dieses edle Gesöff - Wasser des Lebens - jeden Geschmack verloren zu haben. Er zündete sich eine Zigarette an, verzichtete jedoch darauf Darkness eine anzubieten. Der ältere Veteran hätte sowieso abgelehnt.
"Also was ist mit Cartmell?"
"Ich mache mir sorgen ..."
"Du auch, ja der kann uns den ganzen Haufen durcheinander bringen, dabei hatten wir mit Radio mehr als genug Ärger."
"Könntest Du mich bitte ausreden lassen?" Darkness setzte sich jetzt ebenfalls auf und funkelte seinen Freund böse an.
"Ja, ja natürlich." Lucas zog nervös an seiner Zigarette, er hatte schon so eine Ahnung, wo das Gespräch enden würde.
"Ich mache mir sorgen um den Ensign", fuhr Darkness fort, "okay, Tatsache ist, dass er für alles was nach seinem Kriegsgericht geschehen ist, seine eigene Schuld ist. Jedoch haben wir ihm jetzt im Kommando und wir müssen etwas daraus machen. Du weißt, ich Teile Deine Einstellung, dass wir nicht umbedingt fair sein müssen. Wir sind hier um Ergebnisse herbeizuführen, die dazu beitragen diesen Krieg zu gewinnen und wenn das eben auf Kosten der Jungs ist, ist das eben so.
Aber um diese Ergebnisse beizubringen dürfen wir nicht dabei helfen, oder auch nur billigend zuzusehen, wie sich das gesamte Geschwader auf einen einschießt."
Lucas drückte seinen Zigarettenstummel im Aschenbecher aus und zündete sich sofort eine neue Lucky Strike an: "Was willst Du machen, ich mein, wir können Cartmell doch nicht die Hand vor den Arsch halten, nicht bei seinem Verhalten und überhaupt, das würde ja aussehen ..."
"Als ob Du Schuldgefühle hast, wegen damals?"
"Himmel Arsch, wenn der sich von ner veralteten Mustang aus dem Jäger schießen lässt, dafür kann ich doch nichts."
"Nein, dafür kannst Du im Prinzip nichts, so was kommt vor, nur ist das die ganze Geschichte?"
"Justin, was willst Du andeuten?"
"1. Der Knabe hasst Dich. Das kann daran liegen, dass er glaubt, Du hättest Dich damals im Kampf falsch verhalten. Und 2. Du reagierst derart allergisch auf Cartmell, dass man meint, Du hättest Schuldgefühle. Was natürlich nur passieren kann, wenn man Dich länger kennt und Dir derartiges zugesteht." Darkness setzte seinem Freund bewusst zu. Er wollte wissen, was vorging.
"Justin!" Mahnte Lucas eindringlich.
Sein Freund jedoch blieb ungerührt und blickte ihn auffordernd an.
`"Verdammt." Lucas schlug mit der Faust aufs Sofa. "Ja, ich habe damals einen Fehler gemacht. Ich bin damals etwas in Panik geraten, was Cartmells Abschuss für Auswirkungen auf meine Karriere haben könnte und habe ihn schlecht geredet, immerhin er WAR TOT."
"Und nun?"
"Was und nun? Er fliegt in meiner Schwadron und fertig. Das und nun."
"Ich würde trotzdem gerne dafür sorgen, dass die roten Jungs den Jungen mal etwas in Ruhe lassen." Stellte Darkness fest.
"Von mir aus, mach was Du willst"; Lucas leerte sein Glas.
Ironheart
24.03.2004, 15:15
Platzhalter Hammer Nr. 7
Ironheart
24.03.2004, 15:16
Ursprünglich von Cunningham
Der Geruch von Desinfektionsmitteln stieg ihm in die Nase. Lucas hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen Krankenstationen und Krankenhäuser. Sie hatten alle diesen komischen Geruch, auch wenn noch keine Patienten zu behandeln waren.
"Ahh Commander, schön Sie wieder zusehen." Peter Langenscheid lächelte ihn freundlich an. Langenscheid war Arzt auf der Redemption gewesen und mit ihm zusammen hatte Lucas die letzten Augenblicke dieses stolzen Schiffes erlebt.
"Ich gratuliere zum Lieutenant Commander." Lucas schüttelte ihm die Hand.
"Oh, vielen dank, haben mir das Eichenlaub als Dreingabe zum Bronce Star gegeben, kann die Gehaltserhöhung gut gebrauchen."
"Dann gratuliere ich auch zum Star."
Langenscheid grinste: "Geschenkt, habe das Stück Blech meiner Nichte geschenkt, die fand ihn soo schön. Wir haben hier einige von der guten alten Red, auch Doktor Hamlin und Father Schönberg bin ich auch schon über den Weg gelaufen."
"Freut mich zu hören. Ich mein, von Schönberg wusste ich, dass er es geschafft hatte, doch von Hamlin hab ich auf der Relentless nichts mehr gehört. Aber ich wollte zu einem meiner Piloten, Martin Durfee."
"Oh, ja, der Junge Mann, der vor Admiral Wulff zusammengeklappt ist, was hat sie denn zu dem armen Kerl gesagt."
"Der Lieutenant verträgt kein Lob."
"Achso", lachte Langenscheid, "gut, er ist in Zimmer eins, hat aber gerade Besuch. Möchten Sie einen Kaffee, so lange Sie warten?"
"Gern."
Sie sprachen noch eine Weile, über das was nach der Evakuierung der Redemption geschehen war. Es half Lucas fast genauso viel wie die Hypnosetherapie, die er erhalten hatte.
Langenscheid schien die ganze Angelegenheit sehr locker zu nehmen.
"Ich verabschiede mich dann mal wie ..." Platzte Raven in das Gespräch. "Ach, guten Morgen Commander."
"Morgen, waren Sie etwa Razors Besuch?"
"Ja, er gehört immerhin zu meinen Männern und ist der einzige, der seit der ersten Feindfahrt noch übrig ist."
Sie beäugte ihn misstrauisch: "Wenn Sie Razor zusammenfalten wollen, haben wir ein massives Problem."
Lucas zog die linke Augenbraue hoch: "Ähm, ich mache hier meinen Anstandsbesuch, denn wissen Sie, Razor ist auch einer derjenigen, die noch von Anfang an, aus meinem Geschwader übrig sind." Warum bin ich nur von einem Haufen Schnepfen umgeben, wenn Huntress auch noch so herumzickt erschieß ich irgendwen.
"Oh, da besinnt sich, wer auf seine Pflichten." Schnappt sie.
"Exakt Raven, ich habe es endlich geschafft die Geschwaderleitung unter Dach und Fach zu bringen." Du tust mir nicht den gefallen und spazierst aus der nächsten Luftschleuse oder?
"Freut mich zu hören. CAG, Doktor." Raven verließ die Krankenstation.
"Was war denn das?" Langenscheit schaute verwundert aus der Wäsche.
"Sie ist eine Gute Pilotin, die dürfen sich ihre Eigenheiten leisten." Lucas zuckte die Schultern. "Ich schau jetzt mal nach Durfee."
"Ja, machen Sie das."
Lucas klopfte zweimal gegen's Schott und betrat dann unaufgefordert das Krankenzimmer. Von den vier Betten war nur eines belegt.
Martin "Razor" Durfee betastete den erhaltenen Orden. "Oh, guten Morgen Commander, das mit gestern, tut mir leid. Ich bin sicherlich das Gespött des ganzen Geschwaders."
"Ach, nicht wirklich, die meisten machen sich eher sorgen, dass ein Held so plötzlich umkippt."
"Held." Durfee klang bitter. "Die Akarii sehen mich wohl eher als Mörder. Können Sie sich das vorstellen, achttausend Leben auszulöschen?"
Der CAG setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett. Und dachte kurz nach. Über seinen Aufklärungsflug über die atomare Hölle von Troffen nach dem Bombardement.
"Nein, kann ich mir nicht vorstellen." Log er.
"Jede andere Antwort hätte ich Ihnen auch nicht geglaubt."
"Aber, Martin, glauben Sie etwa, dass Sie diesen Orden für die Achttausend toten Akarii bekommen haben?"
"Wofür denn sonst?"
"Für das, was Sie jetzt durchmachen. Für die seelische und moralische Belastung, die Sie auf sich genommen haben um Ihre Heimat zu verteidigen. Und bedenken Sie, wie viele Leben Sie auch gerettet haben."
Der jüngere Pilot blickte ihn etwas zweifelnd an.
"Hey, ansonsten hätten uns unsere Schlammstampfer mit diesen Echsen auseinander setzen müssen und glauben Sie etwa, die hätten dabei eine vernünftige Figur gemacht? Die Marines etwa? Oder noch schlimmer, die Army?" Lucas lachte. "Wenn die wüssten, was ihnen erspart blieb, müssten Sie ganze Schiffsladungen voll mit Danksagungen bekommen."
Razor grinste: "Yeah, da gibt es eine Story über Marines ..."
Die beiden Piloten brachen in schallendes Gelächter aus. So begann jede Spottgeschichte über die Marines.
Ironheart
24.03.2004, 15:17
Ursprünglich von Cunningham
An der Tür des Besprechungsraumes hatte zu beiden Seiten ein Marine Stellung bezogen. Die beiden Männer trugen um den linken arm die schwarzen Binden der Bordpolizei.
Vor dem Podium standen in Rührt-Euch-Stellung der Reihenfolge nach Donovan Cartmell, Skunk, Einar Haugland, Kano Nakakura und Helen Mitara.
Darkness stand ebenfalls in Rührt-Euch-Stellung vor dem großen Wandbildschirm und versuchte sie alle gleichzeitig mit bösen Blicken einzuschmelzen.
Lucas hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und marschierte vor den fünf auf und ab. "Nun, meine Dame, werte Herren, der Commander und ich habe etwas gepuzzelt."
Der CAG blieb kurz vor dem besonders mitgenommenen Skunk stehen.
"Ich bin sicher, Sie alle sind wahnsinnig an unseren Ergebnissen interessiert richtig?" Er setzte seine Wanderung fort. "Also vier von Ihnen haben sich in Miramar schon richtig amüsiert. Sie! Sie! Und Sie!" Er deutete nacheinander auf Haugland, Nakakura und Mitara. "Sie drei Schwachköpfe haben sich Cartmell geschnappt und meinten etwas Spaß haben zu können." Er deutete auf Skunk. "Und Sie elender Querschläger haben die drei angestiftet und gestern haben Sie von Cartmell die Quittung erhalten!"
Okha und Kali erbleichten.
"Sir, das stim..." Wollte Skunk anfangen. Der Veteran näselte schrecklich.
"RUHE!" Lucas baute sich vor Skunk auf: "Ich gebe Ihnen einen Ratschlag mein Freund. Tanzen Sie mir nicht mehr außer der Reihe, sonst mach ich Sie fertig, ich Reis Ihnen den Arsch bis zum Skalp auf."
Dann wanderte er weiter, Haugland ließ er aus und blieb vor Kano stehen, die Gesichter kaum 6 cm von einander entfernt: "Und was ist in Sie gefahren? Der Krieg bekommt Ihnen wohl nicht? Ich hab von Ihrem Stunt auf der Galileo gehört. Damit haben Sie sich die Beförderung verhagelt. Sehen Sie zu, dass es nicht die ganze Karriere wird!"
Bei Helen beschränkte er sich darauf den Zeigefinger drohend zu heben und wandte sich jetzt Haugland zu. Zu dem Hünen wusste er eigentlich keine Geschichte, hatte sich auch nicht die Akte angesehen: "Und SIE! Ihr Ruf ist mir gut bekannt Freundchen! Sie stehen auf meiner Abschussliste. Also bleiben Sie ja aus der Schusslinie Haugland! Sie lernen besser das schleichen!"
Darkness besann sich immer noch aufs Niederstarren.
"Haben Sie noch etwas Commander?" Fragte ihn Cunningham, woraufhin Darkness nur mit dem Kopf schüttelte.
"Okay, Sportsfreunde: RAUS!"
Die Fünf schwenkten nach Rechts und marschierten zur Tür. Skunk starrte den einen Sergeanten der Marines merkwürdig an.
"Kali würden Sie noch einen Augenblick warten?" Fragte Darkness mit höflicher Stimme. Für ihn war es ungewohnt das Zuckerbrot zur Peitsche zu sein.
Cunningham wartete bis die anderen vier Piloten und die beiden Marines den Besprechungsraum verlassen hatten.
"Helen, ich weiß, dass Sie der Tod von Cliff Davis und den anderen Kameraden von der Redemption sehr getroffen hat. Und ich weiß, dass man sich gerade in diesen Momenten an Menschen - wie Kano - klammert, die man kennt. Doch sollten Sie bedenken, dass Sie Ihre Karriere nicht für die Freundschaft falscher Freunde wegwerfen sollten."
"Sir, ich bitte frei sprechen zu dürfen."
"Ist schon gut Lieutenant, gehen Sie, ich will zu dem Thema nichts mehr hören."
"Sir. Aye, aye Sir!" Die Pilotin klang deprimiert.
Draußen vor der Tür drehte sich Skunk zu den beiden Marines um: "Sergeant. Einen Moment bitte."
"Sir?" Clas Schiermer Anrede troff nur so vor Insubordination.
"Okay, Schmierer", Skunk sprach den Namen absichtlich falsch aus, "diese Runde geht an Dich, aber wenn Du meinst, dass ich jetzt vor jedem Deiner Welpen Männchen mach, bist Du bei mir an der falschen Stelle."
Schiermer senkte die Stimme: "Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen Sir."
"Tu nicht dümmer als Du aussiehst", Skunk lachte, "ach, ich vergas, Marine, Du bist dümmer als Du aussiehst."
"Jetzt pass mal auf Du Dreckschwein, Du scheinst sehr begriffsstutzig zu sein. Ich brech Dir alle Knochen, wenn Du der Meinung bist Du könntest durch das Schiff laufen und Marines zusammenschlagen."
"Hey, mit wem soll ich sonst meine Kräfte messen, etwa mit den anderen Piloten? Vergiss es Kumpel. Und wenn Du Deine Welpen besser trainieren würdest, würden sie auch nicht umkippen wie die Fliegen."
Skunk wendete sich ab und ging. Hoffentlich hat er nicht gemerkt, wie meine Beine geschlottert haben.
Schmierer blickte dem Piloten nach. Der Junge pisst Eiswürfel, warum haben die den nicht zu den Marines geholt.
Ironheart
24.03.2004, 15:17
Ursprünglich von Cunningham
Jason Rowland erbrach sich. Sein gesamtes Mittagessen ergoss sich über den gekachelten Fußboden. Weiße Kacheln, wie in einem Krankenhaus.
Teile der halb flüssigen, aber überwiegend breiigen Masse spritzten auf die schwarzen Stiefel des Verhöroffizieres.
Der mittelgroße Akarii hatte ihn vor zwölf Tagen empfangen. Er hatte sich mit den Worten: "Sie können mich Sir nennen. So spricht man doch einen höherrangigen im Ihrer Flotte an." vorgestellt.
Die ersten Verhöre waren recht zivilisiert vonstatten gegangen. Ebenso waren die ersten Mahlzeiten recht gut. Am dritten Tag war das Essen dann mit einem Brechmittel verfeinert worden. Woraufhin Rowland dann für einige Tage die Nahrungsaufnahme verweigert hatte. Jedoch pflichtschuldigst aufgegeben hatte und wieder ass. Dies war das dritte mal, dass er Essen mit Brechmittel erhalten hatte.
Den Vormittag über hatte man ihn verhört, geschlagen und gefoltert. Dann kam das Mittagessen. Jetzt wandte er sich mit Magenkrämpfen in seiner eigenen Kotze.
"Bitte, bitte hören Sie doch endlich auf." Wimmerte der Geheimdienstler.
Der Akarii biss noch einmal genüsslich in sein belegtes Brötchen. Er kaute konzentriert, als ob er seine Kaubewegungen zählte, bevor er den Bissen runterschluckte.
"Oh, ich würde gerne aufhören, sehen Sie, auch für mich gibt es schönere Aufgaben als Ihnen beim kotzen zuzusehen."
"Ich habe Ihnen doch alles gesagt, was ich weiß ..."
"Nein, das haben Sie nicht Lieutenant."
"Bitte, ich bitte Sie ..."
"ES REICHT! Schnallt ihn auf einen Stuhl. Ich will, dass die Mediziner mit einer Gehirnsonde alles rausholen, was da drin steckt!"
Rowland wurde hochgerissen, als zwei Kräftige Akarii ihn an den Armen packten.
"Nein! NEIN! Bitte nicht." Während seiner Gefangenschaft hatte sich eine Rowland-Identität entwickelt, die die sich schützend vor seine eigentliche Identität und seinen Verstand gelegt hatte. Doch tief in ihm drin war Chamberland. Kalt, berechnend und zu allem bereit. Und in diesem Augenblick gab die Chamberland Identität die Befehle an den Körper, sich der folgenden Erniedrigung bewusst.
Jason Rowland pisste sich in die Hose, als die beiden Akarii-Wachen ihn zur Tür geschafft hatten. "Bitte! Ich flehe Sie an, keine Gehirnsonde. Es ist Axion! Die Flotte plant einen Großangriff auf Axion! Unsere leichten Verbände haben im letzten Jahr genügend Daten gesammelt ... bitte, keine Gehirnsonde!"
Die beiden Wachen ließen ihn fallen und Rowland macht sich so klein wie möglich, rollte sich in der Fötusstellung zusammen. Er weinte und schluchzte wie ein Baby.
Der akariische Geheimdienstoffizier erbleichte und stürzte zum Komterminal: "Ich muss Admiral Ras sprechen. Melden Sie Luv, aus Sektor 3."
"Ich bin nicht sicher, Admiral Ras ist zurzeit in einer Besprechung."
"Es geht um Geheimdienstinformationen von größter Wichtigkeit!"
"Soso, wie immer."
"Gut, wenn Admiral Ras keine Zeit hat, stellen Sie mich sofort zu Großadmiral Jor Thelan durch."
"DEM PRINZEN? Ähm, ich lasse Admiral Ras sofort kommen ... ähm, einen Augenblick bitte."
Kurz darauf erschien Kenai Ras jugendliches Gesicht auf dem Bildschirm: "Ja?"
"Mylady Admiral, eben ist ein Gefangener zusammengebrochen. Er behauptet, die Menschen wollen Axion angreifen."
"Das ist doch lächerlich."
"Ich lasse ihn gerade in die medizinische Abteilung schaffen, damit man seine Behauptungen mit einer Gehirnsondierung bestätigt."
"Gut, gut. Melden Sie sich danach persönlich bei mir im Hauptquartier."
"Zu Befehl."
+++ Streng Geheim ++++ E-Mail ++++ Streng Geheim +++
An: Charles Vance, Direktor TIS
Von: Clair Dayson, Admiral, NIC
Betrifft: Troffen
Charles,
in den vergangenen Wochen haben die Jungs von ELRON einen ganzen Haufen militärischer Kommunikation aufgefangen, der sich explizit nur mit Troffen beschäftigt.
Meine Computerexperten haben jeden möglichen Algorithmus versucht, doch sind noch nicht wirklich hinter die Nachrichten gekommen.
Auch dürfen wir in diesem Fall auch nicht von geknackt sprechen, wenn wir 20 Prozent der Botschaft entschlüsselt haben.
Ich übersende Ihnen anliegend Kopien sämtlicher Originaltexte wie auch aller Entschlüsselungen, die wir geschafft haben.
Wir werden weiterhin mit allen Ressourcen an der Entschlüsselung der Nachrichten. Trotzdem bitte ich Sie, dass Sie Ihre besten Experten daran setzen.
Gezeichnet
Dayson
ELRON: Electronic Longrange Reconnaissance = Elektronische Langstreckenaufklärung
Ironheart
24.03.2004, 15:18
Ursprünglich von Cattaneo
Es gab Augenblicke, in den haßte Julien Lenoir seine Arbeit. Trotz all des Ansehens, trotz der guten Bezahlung, trotz der in Aussicht gestellten Rente und all den anderen Vorteilen. Es waren Augenblick, in denen er sich zurücksehnte in seine Zeit im Dritten Bezirk, als er noch als Streifenführer und junger Lieutenant seinem Dienst nachgegangen war. Er hatte in diesen Jahren mindestens ein halbes Dutzend Verletzungen bei Schlägereien, zwei Messerstiche und einen Schuß in die Schulter abbekommen, hatte eigentlich nie pünktlich Feierabend gemacht und seinen Urlaub selten voll in Anspruch nehmen können. Nicht, daß man mit dem Gehalt eines Offizieranwärters im Polizeidienst irgend etwas sehr viel kostspieligeres hätte unternehmen können als eine Inlandsreise. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er sich von Prostituierten hatten anspucken lassen müssen und wie ihm Betrunkene in den Streifenwagen gekotzt hatten. Damals hatte er das gehaßt und nur weitergemacht, um eines Tages hierher zu kommen. Und dennoch gab es Augenblicke, da wünschte er sich wieder zurück in die ekelhaft provinziell wirkenden Gänge des Polizeireviers, das irgendwie wie eine Kulisse aus „Der Gendarm von Saint-Tropez“ wirkte. Obwohl es direkt in Paris gelegen hatte. Augenblicke wie dieser...
Es war unschwer zu erkennen, daß die Worte des Pressesprechers die versammelten Reporter keineswegs zufriedenstellten. Jeder einzelne von ihnen schien gleichsam auf dem Sprung, um möglichst der Erste zu sein, sobald Fragen freigegeben wurden. Wo waren bloß die Zeiten hin, in denen sie sich mit dem zufriedengaben, was man ihnen servierte? Allerdings – was heute aufgetischt wurde, war wirklich etwas dürftig. Nichts, woraus man eine ordentliche Story machen konnte. Und es mochte nun Gespür oder einfache Paranoia und Mißtrauen gegenüber der Öffentlichkeitsarbeit des FCID sein – die meisten schienen zu wittern, daß man ihnen etwas vorenthielt. Oder sie bildeten es sich ein, im Grunde war das belanglos.
„...kann zusammenfassend nur noch einmal betont werden, daß es sich bei Adrien Ferry um einen Einzeltäter handelte. Es gibt keinerlei Anzeichen darauf, daß er irgend einer politischen oder kriminellen Organisation angehörte. Wir können über seine Motive nur mutmaßen, aber zweifelsohne wird die Untersuchung weitere Details ans Licht bringen. An einer gründlichen Psychoanalyse wird noch gearbeitet. Leider können wir uns dabei nur auf geringfügige Informationen stützen, denn Ferry war offenbar ein Einzelgänger. Möglicherweise – doch dies ist reine Spekulation – wählte er Generalsekretärin Pavon als Ziel aus, weil sie im Brennpunkt des öffentlichen Interesses stand. Eine weitere Möglichkeit, die wir untersuchen, ist religiöser Fanatismus. Isabella Pavon ist als Vertreterin der extremen Linken eine Person, die sich bereits mehrfach in äußerst kontroverser Art und Weise zu Fragen die religiöse Belange betrafen, geäußert hat. Es ist nicht auszuschließen, daß Ferry sie aus diesem Grunde angriff, weil er in ihr eine Feindin der Kirche sah. Dies aber wird erst das pathologisch-psychologische Gutachten klären können. Wir werden Sie selbstverständlich auf dem Laufenden halten. Ich danke Ihnen.“
Chefinspekteur Lenoir mußte an sich halten, um nicht angewidert zu seufzen. Zunächst wegen der gehaltenen Rede. Eine hübsche Liste von Halbwahrheiten, denn Lügen waren zu riskant. Aber doch nicht mehr als stark gefilterte Informationen. Im Grunde war außer dem eher langweiligen Lebenslauf des verstorbenen und im Großen und Ganzen unbeweinten Attentäters nicht viel gesagt worden. Die Waffe hatte Ferry legal erworben – er hatte sich nie irgendwelche Straftaten zu Schulden kommen lassen. Eigentlich ein einfacher Mann, mehr oder weniger zumindest. Kleiner Angestellter eines städtischen Betriebes, 55 Jahre alt, unverheiratet. Niemals besonders aufgefallen bisher. Ein Mann, der jeden Tag in die Kirche ging und in der Gemeinde gut angesehen war, weil er einen so frommen und ordentlichen Lebenswandel führte. Nun, so dachte der Chefinspekteur zynisch, das WAR ja auch eine Seltenheit in diesen Tagen. Vielleicht hätte man ihn deshalb von vornherein überwachen müssen.
Das war es, was man offiziell gesagt hatte – wenig genug. Inoffiziell kam noch einiges dazu. Ferry hatte seinem Haus-PC einiges anvertraut, aber in der Hinsicht war Anweisung von „ganz oben“ erfolgt, den Mund zu halten. Und Lenoir konnte sich sehr gut vorstellen wieso. Dreimal verfluchte Politik.
Er verstand es ja, in gewisser Weise – aber die Naivität, mit der „die da oben“ der Presse ein gerüttelt Maß an geistiger Unselbständigkeit unterstellten, war immer wieder erstaunlich. Natürlich hatten viele Reporter die Angewohnheit, durchaus Schüsse ins Blinde abzugeben, und sich im Wirrwarr ihrer eigenen wilden Spekulationen zu verfangen. Aber zum einen konnte so ein Blindschuß durchaus auch einmal treffen – und zum anderen waren bei weitem nicht alle SO dumm. Und wer würde das wieder ausbaden dürfen? Genau!
Da kamen sie schon...
„Doch nun haben Sie die Gelegenheit, dem Leiter der Ermittlungen, Chefinspekteur Lenoir, Ihre Fragen zu stellen.“ Der Raum explodierte förmlich in Wortmeldungen.
Der Polizeiveteran hätte liebend gerne etwas andere getan, aber ihm blieb – natürlich – keine andere Wahl. Also griff er sich auf Gut Glück jemanden heraus: „Sie bitte.“
„Chefinspekteur Lenier – kann man sagen, daß die Polizei ihre Schutzpflicht gegenüber einer so bekannten aber auch umstrittenen Politikerin wie der IPKP-Generalsekretärin vernachlässigt hat?“ Lenoir hatte damit gerechnet: „Ich würde dies verneinen wollen. Wir hatten keinen unmittelbaren Grund zu Annahme, daß Madame Pavon irgendeiner reellen Gefahr ausgesetzt war. Wie bereits erläutert – Einzeltäter wie Ferry schlagen meist unvermutet zu.“
„Aber ist es nicht so, daß gegen Madame Pavon auf Grund ihrer Haltung zum Krieg schwere Drohungen erhoben wurden, auch gegen ihr Leben? Wurden nicht eine ganze Anzahl von Drohbriefen an die zuständigen Behörden weitergeleitet, noch vor dem Attentat?“
Der stämmige Polizist blieb ungerührt obwohl er am liebsten dem zuständigen Sachbearbeiter Feuer und dem Hintern gemacht hätte. Ja, hinterher war man immer klüger...
„Diese Drohungen erschienen unseren Psychologen als nicht begründet. Übrigens kam kein einziger von Ferry oder seinem Umfeld.“
Die Reporterin nickte, dann schoß sie einen letzten vergifteten Pfeil ab: „Allerdings muß sich die Polizei die Frage gefallen lassen, ob nicht diese Briefe auf ein gewissen Klima der Feindseligkeit hindeuteten, in dem es nur eine Frage der Zeit war, bis sich ein Ferry finden würde...“
Lenier überging das, so gut wie möglich. Was wollten sie von ihm? Er war Ermittler, kein Hellseher und auch kein PR-Fachmann! Widerlich vorhersehbar das Ganze. Jetzt, als Opfer eines Attentats, genoß Pavon eine Menge Sympathien, und die Polizei bekam den schwarzen Peter zugeschoben. Hätte man die Generalsekretärin in einem Pariser Nobelbordell ertappt – oder meinethalben auch nur betrunken am Steuer ihres Wagens – die selben Reporter hätten sie zerrissen. Dieselben Menschen, die sich jetzt aufführten, als sei sie ihre leibliche Schwester. Medien...
Der nächste also – in dem Fall jemand, vor dem man sich wirklich in Acht nehmen mußte. Lenier kannte David Goodrick, einen der „alten Hasen“ der BBC. Der Mann hatte in den letzten 40 Jahren kaum einen Krisenherd ausgelassen. Ob aus dem Grenzgebiet zum Akarii-Imperium, von Pandora oder aus einem Sektor, in dem Piratenbanden ihr Unwesen trugen, man konnte sich sicher sein, daß er irgendwann aufkreuzte, wenn die Krise richtig losging. Er war bei Rebellen wie bei Regierungstruppen gewesen, und hatte sogar einen der letzten „großen“ Piratenkapitäne interviewt, drei Monate vor dessen Ende im Feuer terranischer Schiffsgeschütze. Wenn man ihn ansah, hätte man es ihm kaum zugetraut – aber er war kampferprobt und sprach etliche Sprachen, darunter mindestens einen Akariidialekt. Und im Augenblick wohl nur deshalb auf der Erde, weil er sich mit seinen mitunter etwas eigenwilligen Ansichten bei den Zensurbehörden nicht gerade Freunde machte. Sein freundliches Lächeln war natürlich reine Fassade.
„Monsieur Lenier – was können Sie zu dem Umfeld Ferrys sagen? Ist sein Motiv nicht vielmehr dort zu suchen?“
Lenier runzelte die Stirn. Was wußte dieser... Er entschied sich zur Vorsicht: „Ich fürchte, für eine definitives Urteil ist es noch zu früh. Wie schon gesagt wurde – es scheint, als sei der Entschluß, Pavon anzugreifen, allein ein Produkt von Ferrys möglicherweise psychotischen Vorstellungen. Aber das ist eine Frage für Psychologen und Psychiater, und ich fürchte, Sie werden noch etwas gedulden müssen.“ Mochten die Weißkittel doch sehen, was sie diesen Haien vorsetzen konnten, ohne selber gefressen zu werden! Goodrick lächelte widerwärtig liebenswürdig: „Gewiß. Mir ging es nur darum, darauf hinzuweisen, daß Monsieur Ferry in Kreisen verkehrte, in denen Madame Pavon gewissermaßen, wie soll ich es sagen, auf der `Abschußliste stand`? Ist der Polizei möglicherweise entgangen, daß er zumindest geistigen Kontakt zu rechtskonervativen Kreisen hatte, in denen Pavon geradezu als Verräterin bezeichnet wurde? Mit einer Rhetorik, die an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig läßt. Meines Wissens wurde gegen sie sogar von der Kanzel gepredigt. Wenn mir die Analogie erlaubt sei, so könnte man einige der Predigten durchaus mit den religiösen ´Todesurteilen´ vergleichen, die in der Vergangenheit von gewissen religiösen Gruppen gegen mißliebige Personen verhängt wurden. Was gedenkt die Polizei in Bezug auf diese Kreise zu tun?“ Oh verdammt...
Das hätte nicht so schnell herauskommen sollen – wenn überhaupt. Pavon und ihre Propaganda gegen den Krieg und das Attentat sollten nach Möglichkeit auseinandergehalten werden, das war klare Weisung gewesen. Wie die sich das nur vorstellten...
Es war Lenier schnell klar geworden, daß Ferry keineswegs so einsam war, wie es den Anschein gehabt hatte. Am rechten Rand des konservativen Lagers, speziell auch bei katholisch beeinflußten Kreisen, gab es durchaus eine Subkultur, in der der Schütze möglicherweise seine geistigen Ziehväter hatte. Dort waren die Akarii die Sendboten des Teufels, eine Plage für die Menschheit. Kommunisten waren dort seit jeher nicht sonderlich beliebt, und wenn sie dann noch für einen Frieden eintragen...
Dort war Pavon die Hure Babylon, die mit dem Teufel buhlte, die Erzverräterin – und wie mit dergleichen zu verfahren war, nun das zu ergründen erforderte wenig Phantasie. Es war wohl zuviel verlangt zu hoffen, dies würde lange unbemerkt bleiben. Eine gute Antwort gab es darauf eigentlich nicht...
„Wir ermitteln noch. Aber ich möchte noch einmal betonen – es gibt keinerlei Anzeichen eines irgendwie gearteten ´Umfeldes`.“ Lenier gestand sich selber ein, daß seine Worte nicht sehr überzeugend klangen. Er konnte denen wohl kaum ein X für ein U vormachen, auch wenn er es wünschte. Und eines war ihm klar – Pavons Leute würden dergleichen gnadenlos ausnutzen. Die Medien lieferten ihnen die Steilvorlage, um mit einigen traditionellen Gegnern abzurechnen und ihre eigenen Motive und Ziele ins rechte Licht zu rücken. Der Chefinspekteur konnte nur die Zähne zusammenbeißen und Belanglosigkeiten murmeln, die man ihm sowieso nur zur Hälfte abkaufte, wenn überhaupt. Oh ja, es gab Tage, da haßte er seinen Job...
Ironheart
24.03.2004, 15:19
Ursprünglich von Cunningham
Sprungpunkt Alfa,
Texas Sternsystem,
Terranisch-akariische Front.
"Hey, Jacko, meinst Du Hank und die anderen können die Marines schlagen?"
"Ich hab nen Zwanziger auf die Marines gesetzt."
"WAS? Du wettest gegen unsere Jungs?"
"Es ist nur Basketball." Informierte Jack "Jacko" O'Brian seinen Wingman.
"Sag mal, was bist Du denn für einer, NUR Basketball?" Maulte John "Long John" Klein. "Es ist Basketball mit Navy versus Marines."
"Yeah, und die Ledernacken werden unseren Jungs den Arsch aufreißen."
"Das sehe ich ... Moment mal, ich hab da eine neue Anzeige auf dem Scanner."
"Ja, ich sehe es, ich lass es durch den Computer laufen. Okay, geben wir gas, da kommt ne Menge durch den Sprungpunkt. Ich schalte um auf die Wachfrequenz." Meldete Jacko und gab seiner Griphen die Sporen. "War Ace three three nine, auf der Liberty Wachfrequenz, Liberty bitte kommen."
"Hey Jacko, was glaubst Du, wie das Basketball ..." Meldete sich der diensttuende Comoffizier der Liberty.
"Liberty hier War Ace three three nine", unterbrach ihn Jacko ruppig um den Comoffizier klar zu machen, dass sie auf der Wachfrequenz sprachen, "wir haben an Sprungpunkt Alfa einen reinkommenden Massentransit."
"Öhm, ja, ich geb das mal weiter."
Aus dem Nichts erschienen unter den beiden Griphen reihenweise Schiffe.
"Sweat Jesus." Hauchte Long John. "Das sind zwei LEXINGTONS!"
"Machen Sie die Wachfrequenz frei Klein!" Schnauzte es durch den Lautsprecher.
"Aye, aye CAG." Antwortete Long John kleinlaut. Er ging die Schiffe mit dem IFF-Scanner durch. Drei Flottenträger, drei verdammte Flottenträger. Radio Bambus hatte recht gehabt, jetzt wird mal vernünftig Krieg geführt.
Zwei Stunden später hatte sich die Columbia zu den anderen Schiffen der zweiten Flotte gesellt. Im Kasino des Trägers war Hochbetrieb, zum einen, weil demnächst der Alkohol weggeschlossen werden würde und zum anderen gab es dort die besten Informationen.
Radio selbst stand im obligatorischen Hawai-Hemd hinter dem Tresen und mixte Drinks.
Auf dem großen Bildschirm war das Außenbild der TRS Liberty zu sehen, dem letzten noch im Dienst stehenden Träger der Zeus-Class.
Hacker hatte am Computer herumgespielt und den Monitor des Kasinos an das Außenkamerasystem angeschlossen.
"Da bekommt man richtig Heimweh", murmelte Razor Durfee in sein Bier.
"Ohja." Pflichtete Raven ihm bei.
"BIER!" Verlangte Skunk als er sich rechts von Durfee auf den Barhocker pflanzte.
Raven beugte sich vor: "Was ist denn mit Ihnen passiert Lieutenant." Ihr Grinsen hatte was schadenfrohes.
"Zu heftiges Liebesspiel. Und da heißt es Bomberpiloten seien nicht nur im Weltraum nieten."
"Sag mal Skunk, wie hast Du es nur geschafft, so lange zu überleben, irgendwer muss doch schon mal versucht haben Dich umzulegen." Radio stellte seinem Freund ein großes Glas Bier hin.
"Das Glück ist mit Narren, kleinen Kinder und ..."
"... Stinktieren, ich weiß schon." Vollendete Radio den Satz.
Beide lachten.
"So und auf so einer Rostmühle seid Ihr mal gefahren?" Skunk deutete auf den Bildschirm.
"Ohjaaa", seufzten die drei anderen Piloten wie ein Mann.
Skunk guckte verwundert aus der Wäsche: "Ihr ähm vermisst Euren alten Kasten wirklich."
Raven: "Japp."
Razor: "Natürlich!"
Radio: "Das war noch wirkliche Raumfahrt, und nicht das rumgekutsche in einem Luxusliner."
"Okay, dass so was von Bomberpiloten kommt war klar", Skunk tätschelte Radio die Wange, "nur Du mein kleiner solltest mal den Doc aufsuchen."
"Ich bin eben ein Romantiker."
Jetzt lachten die vier Piloten.
"Hey, gleich fängt das Spiel auf der Liberty an, Marines gegen Matrosen! Los Radio schalt schon um." Rief Goblin.
Schon bald drehte sich alles um das Basketball spiel und die ersten Wetten machten die Runde.
Goblin hatte sich selbst zum Buchmacher erkoren: "Na, Radio willst Du nicht wetten?"
Dieser grinste verschmilzt: "Na klar, dreißig auf die Jungs von der Navy."
Alle die auf die Marines gesetzt hatten machten lange Gesichter.
Skunk zog Radio beiseite: "Auf unsere Jungs beim Basketball?"
"Insidertips mein alter, Insidertips."
Sterntorsystem,
18:00 Uhr Ortszeit
Vor der Kantine der 101 Airborne hatte sich eine lange Schlange gebildet. Hinten wurde geschubst und vorne gepöbelt.
"Hey, macht mal langsam, wenn Ihr die Brühe auf dem Teller habt, meckert Ihr doch sowieso wieder übers Essen, außerdem wird es wieder mal Kriegsgericht* geben." Blaffte Hannelore Lütjens.
"Nur, wer jetzt drängelt darf hinterher maulen", meinte der große Soldat hinter ihr.
"Weißt Du was Slim," Hannelore drehte sich um, "ich sehe nicht nur besser aus als Du, bin klüger, schneller, genauer, sonder ich befriedige auch Deine Frau besser als Du."
Erik Hallmann, Slims Freund mischte sich ein: "Wusste ich doch, das die Titten falsch sind."
"Dein Pech, dass Du diese Behauptung nie bestätigen können wirst Hallmann." Hannelore blickte auf Hallmann herab.
"Geht mal voran und hört auf zu labern!" Blökte einer von hinten.
Die Schlange schob sich weiter.
"Fuck", rief Hallmann aus, als er sah, was an der Theke ausgegeben wurde.
Gegrilltes Steak, mit Zwiebeln, Pilzen und Kroketten oder Fritten.
"Was beschwerst Du Dich?" Wollte Slim wissen.
"Hey, glaubst Du die geben uns Steak zu fressen, weil sie so nette Menschen sind? Das ist unsere Henkersmahlzeit, morgen geht es los."
Es war das beste Essen für die Truppe seit Wochen, trotzdem stocherten die meisten hauptsächlich auf ihren Tellern herum.
Der nächste Morgen begann für die Bodentruppen auf Sterntor um 4 Uhr 30 Ortszeit. Eine Stunde später begann das einschiffen. Den ganzen Tag lang dröhnte aus den Lautsprechern auf dem Landefeld Marschmusik. Hauptsächlich Trommeln und Flöten. Hin und wieder mal ein schottisches Stück mit Dudelsäcken aber auch alte Kassenschlager wie Muss i denn zum Städle hinaus.
Um 23 Uhr 47 hob das letzte Shuttle ab.
Über 80.000 Männer und Frauen, mehrere Regimenter an Panzern, sowie Heeresfliegergruppen waren verladen worden. Hinzu kam Ausrüstung und Verpflegung für eine lang andauernde Kampagne, Pioniergerät, sowie Luftabwehrbatterien.
*Umgangsprachlich für in Massen gekochter Eintopf.
Ironheart
24.03.2004, 15:19
Ursprünglich von Cattaneo
Der Heimat zuliebe
Die Quartiere der Piloten an Bord der Columbia waren um einiges komfortabler als die auf den Trägern der Zeus-Klasse. Dies galt natürlich besonders für die höheren Offiziere, aber auch für niederen Dienstränge wurde gut gesorgt. Insgesamt stand dem typischen „Ehepaar“ – so nannte man oft eine Zimmerbelegschaft genauso wie eine Rotte, denn in beiden Fällen waren die Piloten aufeinander angewiesen – gut anderthalb mal so viel Platz wie früher zur Verfügung. Und die Inneneinrichtung wirkte nicht wie frisch vom nächsten Schrottplatz, noch kam man sich mitunter vor wie auf einem terranischen U-Boot des Zwanzigsten Jahrhunderts.
Nein, die Wohnräume waren hell und bequem, wenn auch natürlich nicht luxuriös eingerichtet.
Lilja bot in ihrer Fliegerkombination einen etwas deplazierten Anblick in diesen Örtlichkeiten, die auch in einem Studentenwohnheim hätten liegen können. Aber sie hatte so ihre Pläne, und da war diese Montur passender. Zusammen mit der militärischen Kleidung wirkte sie noch ernster als sonst, wenn auch ein leichtes Lächeln dies etwas milderte – ein ungewohnter Anblick immerhin. Imp hingegen feixte so breit wie ein Scheunentor, und das war wohl auch ein Grund, warum die Russin selber nicht ganz ernst bleiben konnte, wie sie es sonst bevorzugte. Mit ruhiger Hand bediente sie das Aufnahmegerät, das sie sich kurz vor dem Aufbruch zum neuen Träger gekauft hatte. Es hatte einiges an bürokratischen Aufwand gekostet, ehe sie die kleine Disk-Kamera hatte mitnehmen können, und sie hatte eidesstattlich versichern müssen, jede Aufnahme der Bordsicherheit vorzulegen. So gesehen gab es zwar nicht SO viele Geheimnisse an Bord eines Trägers – immerhin standen die Schiffe nicht erst seit gestern in Dienst – aber der NIC verstand keinen Spaß. Da Lilja das wußte, hatte sie erst gar nicht versucht, den bürokratischen und zeitlichen Aufwand zu umgehen.
Ihre Stimme klang ruhig, aber ein leicht belustigter Ton schwang mit. Imps Heiterkeit war ansteckend. „So sieht also mein Quartier aus. Ihr seht, es ist ziemlich gut eingerichtet. Man lebt hier nicht schlecht, auch wenn man oft Monate unterwegs ist. Aber natürlich werden einem dann manchmal die Wände etwas eng. Das Schiff insgesamt ist aber fast eine kleine Stadt.“
Sie gab dem späteren Betrachter einen guten Rundblick über den Raum. Zwei Schritte brachten sie zu ihrem Spind, und sie zoomte auf den dort plazierten Modell-Kampfflieger: „Wie Ihr seht, hat euer Geschenk einen Ehrenplatz bekommen. Ich habe überlegt, ihn im Besprechungsraum der Staffel, den ich euch später zeigen werde, unterzubringen, aber das hätten mir andere vielleicht als Eitelkeit ausgelegt – immerhin habt Ihr mir ja ,meinen‘ Jäger gegeben. Jetzt ist er hier, und erinnert mich an euch. Ich kann kaum sagen, wie dankbar ihr euch für eure Mühe bin.“ Im Hintergrund prustete Imp leise los
Lilja richtete die Kamera auf ihre Kameradin: „Diese Frohnatur ist Second Lieutenant Ina Richter, auch genannt Imp – bisher hat sie immer eine Aussage über die Herkunft ihres Callsigns verweigert.“ Die andere Pilotin lachte schallend, wurde aber aus irgendeinem Grund rot.
„Sie ist seit Anfang an beim Geschwader dabei und hat bereits fünf Fritzen abgetakelt.“ Imps Salut vor dem Objektiv wie eine Mischung aus Arroganz und Diensteifer, bloß ruinierte ihr Gesichtsausdruck den Effekt gewollt. Lilja sprach weiter, während sie ein Kichern unterdrückte: „Aber Ihr seid sicher auch daran interessiert, was es sonst noch so zu sehen gibt.“
Sie warf ihrer Kameradin einen gespielt tadelnden Blick zu, während sie die Aufnahme unterbrach. Natürlich war dies völlig vergeblich. Als die Russin den Raum verließ, schloß sich ihre Zimmergenossin an. Lilja machte sich jetzt auf den Weg zum Besprechungsraum der Staffel. Das war im Grunde nicht viel mehr als ein dauerhaft einer Staffel zugeteiltes Doppelquartier, was die Fläche anging. Eine Bildwiedergabeeinheit und Stühle, dazu ein paar Schränke, das war alles. Solche Örtlichkeiten dienten dazu, Übungen und Missionen vorzubereiten und die Ergebnisse zu bewerten, oder man nutzte sie für geselliges Beisammensein. Allerdings gab es Offiziere, die gegen solche Vereinzelungen der Staffeln waren, aber ganz vermeiden ließ sich diese Art des ,Separatismus‘ kaum. Sie unterbrach ein oder zweimal ihren Weg, um ein paar kurze Aufnahmen zu machen, die sie knapp kommentierte – ein Blick den Flur mit den Zimmertüren der Piloten hinunter, ein massives Brandschutzschott und dergleichen. Schließlich erreichte sie ihr Ziel.
„Hier finden die Staffelbriefings statt, aber der Raum kann auch anders genutzt werden, etwa, wenn etwas zu feiern ist, oder um Filmvorführungen durchzuführen. Hier liest uns unsere Chefin die Leviten, wenn sie mal wieder unzufrieden ist.“ Lighning kam ins Bild, die Augenbrauen leicht hochgezogen. Sie hatte natürlich der Bitte Liljas nicht widerstehen können, aber ähnlich wie Imp amüsierte sie sich innerlich ein wenig, für die Heimat die Heldin zu mimen. Andererseits war die Vorstellung, daß irgendwer sie vielleicht als Vorbild sah, doch recht angenehm, und schmeichelte wohl jedem Pilotenego. Sie hatte auf Galauniform verzichtet, bot aber auch in der Dienstkluft keinen schlechten Anblick. Mit freundlichem Lächeln nickte sie in die Kamera – so, wie sie auch meistens mit ihren Untergebenen umging. Ihre Mundwinkel zuckten leicht, was so gar nicht zu ihrer ernsten Stimme paßte: „Schön, euch kennenzulernen. Es freut mich, daß Ihr euch für unser Leben interessiert. Tja, was kann ich euch über meine Position hier sagen...?
Eine Staffel zu führen ist eine große Verantwortung. Dazu gehört einiges mehr als nur zu fliegen und Akarii abzuschießen. Im Grunde...“ sie grinste leicht: „...ist es ein wenig so wie in der Schule – als Offizier muß man wie als Lehrer jeden einzelnen im Auge behalten, und ihn zur maximalen Anstrengung ermutigen. Man muß auf den Besten achten, wie auf den Schwächsten. Manchmal bin ich ganz froh, daß mir Lilja dabei hilft.“ Die Russin lief rot an – wenn sie überhaupt mal im Dienst Gefühle zeigte, außer ihrem Haß auf Akarii, dann war es ihre irritierende Art, Lob oft für etwas beinahe unverdientes zu halten. Vermutlich war Lilja froh, daß ihr Gesicht im Moment nicht zu sehen war. Sie ließ sorgfältig die Kamera über den Raum schwenken. Einen Augenblick verharrte sie bei einem Regal in einem der Schränke. Irgendwer hatte dort sechs Fotos nebeneinander gestellt, alle mit einem kleinen schwarzen Band verziert. Sie wußte nicht, ob die Zensur das würde durchgehen lassen, aber wenn sie auch die Begeisterung der Kinder für den Krieg fördern wollte – sie konnte die Worte der Lehrerin nicht vergessen. Und so zeigte sie eben auch, was der Krieg kosten mochte.
„Doch nun zu dem, was euch sicher am meisten interessiert – dem Hangar des Trägers.“ Sie machte sich wieder auf den Weg – getreulich verfolgt von ihrem unermüdlichen ,Schatten‘. Lightning hingegen machte sich zu ihrem Quartier auf. Sie hatte noch ein paar Berichte zu lesen, die sie sich von Staffel Blau beschafft hatte. Trotzdem sich Huntress weitere Einmischungen verbeten hatte, frönte die Chefin der Grünen Schwadron weiterhin ihrem geheimen Laster: Aufzupassen, daß die ,Neue‘ keinen Fehler machte. Sie tarnte es einfach als kollegiale Neugier, möglicherweise aber war es auch ein bißchen gekränkte Eitelkeit. Wie sich selbst, und nur sich selbst, eingestand. Aber da sie nicht riskieren wollte, daß ihr Huntress wieder eine Szene machte – diesmal vielleicht sogar vor Zeugen – ging sie jetzt sehr diskret vor. Sie konnte sich aber einfach nicht ganz dazu bringen, der jüngeren Offizierin zu vertrauen. Gerade WEGEN ihres Auftritts, der in Lightnings Augen etwas übertrieben selbstsicher und zu sehr von der ,Mein Knochen, meiner alleine‘ Mentalität geprägt gewesen war.
Lilja, die von den Nöten und dunklen Geheimnissen ihrer Chefin nicht alles wußte, geschweige denn verstand, war auf dem Weg zum Hangar. Unterwegs ignorierte sie die gelegentlichen spöttischen Blicke der vorbeikommenden Besatzungsmitglieder. Eine Pilotin in Fliegermontur mit einer Kamera war kein SO alltäglicher Anblick. Eine Ensign von den Bordmechanikern spöttelte: „Willste für deinen Kerl vor dem Flieger posieren? Schätze, er würde eine Nummer OHNE Fummel in deinem Quartier vorziehen.“
Lilja Lächeln war kaum als solches zu erkennen. Sie zog eher die Lippen zurück, daß man die Zähne bloßliegen sah. Im Verein mit ihrem starren Blick und dem vernarbten Gesicht bot sie einen scheußlichen Anblick. Die Mechanikerin schluckte – der Effekt war doch ziemlich beeindruckend, vor allem von einem Vorgesetzten – und machte das sie weiter kam. Imp schnaufte inzwischen nur noch, so sehr mußte sie sich Mühe geben, nicht laut loszulachen.
Schließlich waren sie auf dem Start- und Landedeck angekommen – der ,obersten‘ Etage des Herzstücks des Flugbetriebs. Die Aktivitäten hielten sich augenblicklich in Grenzen, obwohl ständig ein paar Kampfflieger draußen waren. Meist waren darunter auch Typhoon, und deshalb konnten die Staffeln Blau und Grün damit protzen, daß sie die erste Späh- und Verteidigungslinie des Trägers und seiner Begleitschiffe waren. Böse Zungen behaupteten ja, dies verdankten sie dem Umstand, daß der CAG einfach ihre Schwadronen für diejenigen hielt, die am meisten Übung brauchten, aber die Piloten der Abfangjäger wußten es natürlich besser und erkannten darin die Aufgaben für die Geschwaderelite, die sie ihrer Meinung nun einmal waren. Lilja betätigte wieder den Auslöser.
„Hier starten und landen die Kampfflieger während des Gefechtes. Ich brauche euch ja wohl nicht zu erklären, wie das funktioniert – Ihr seid in der Hinsicht ja durchaus versiert. Im Ernstfall herrscht hier eine Art organisiertes Chaos, wenn gleichzeitig Dutzende von Maschinen ins All katapultiert, eingeschleust und wieder kampfklar gemacht werden müssen.“ Sie hatte den Zeitpunkt ihres Besuches mit Bedacht gewählt, so daß gerade in diesem Augenblick zwei ,blaue‘ Typhoon vom ATLS hereingeholt wurden, während gleichzeitig zwei andere starteten. Lilja filmte dies natürlich sorgfältig.
„Die Maschinen fliegen Außenpatrouille, um den Verband vor unliebsamen Überraschungen zu bewahren. Das bedeutet für die Piloten etliche Stunden Dauereinsatz, während sie die ganze Zeit wachsam seien müssen. Aber auch das gehört zu den Pflichten eines Piloten, und es ist mindestens ebenso wichtig wie ein direkter Kampf mit Akariijägern. Auf Patrouille trägt man Verantwortung für die ganze Kampfgruppe und für die Mission.“ Sie hielt noch lange genug auf die beiden gelandeten Maschinen, daß man die Piloten aussteigen sehen konnte. Der eine winkte Lilja zu – vermutlich weil er die Kamera gesehen hatte.
„Und nun zeige ich euch die Maschinen unserer Staffel.“
Es dauerte nicht lange, bis die beiden jungen Pilotinnen im entsprechenden Hangar angekommen waren. Im Licht der Decklampen boten die Kampfflieger einen malerischen Anblick, vor allem, wenn man die Symbole berücksichtigte, die auf allen prangten. Auch wenn Staffel Grün nicht der ,Fliegende Zirkus‘ war, und man die im Suff geborene Idee fallengelassen hatte, alle Jäger passend zur ,Geschwaderfarbe‘ zu anzupinseln – erstaunlich, auf was für Gedanken man unter Alkohol kommen konnte – so war das Metall und die bunten Pilotenzeichen durchaus beeindruckend. Oft hatten sie was mit dem Callsign des Flugzeugführers zu tun, oder sie waren eher willkürlich gewählt worden. Daneben prangten natürlich die Abschußmarkierungen und bei einigen auch die Auszeichnungen, die sie die Piloten bereits verdient hatten.
Lilja marschierte direkt zu ihrem eigenen Jäger: „Hier ist also das Original zu eurem Modell.“ Sie ließ die Kamera von der Schnauze des Kampffliegers über die Flügel mit den Raketenraks und Bordwaffen zum Cockpit schweifen. Dort befanden sich ihre Abschußmarkierungen – elf der Silhouetten stellten feindliche Jäger und Bomber dar, die zwölfte zeigte einen Frachter. Die Zahl ,10.000‘ gab die Tonnage an, der stilisierte Einschlag mittschiffs bedeutete, daß Lilja das Schiff nicht alleine erledigt, ihm aber den Fangschuß verpaßt hatte. Dazu kamen kleine Bilder von ihren Abzeichen – Flying Cross und Bronzestern.
Die Russin schaffte es nicht, den Stolz ganz aus ihrer Stimme zu tilgen: „Nun, ich hoffe, daß ich bald noch mehr Markierungen anbringen kann. Dies ist eine neue Maschine – meine alte habe ich bei Jollahran verloren. Aber die neue macht sich ganz hervorragend, und mit etwas Glück wird sie ebenso gute Dienste leisten.“ Ihre Stimme wurde ernster: „Aber vergeßt nicht, es kommt nicht allein auf Abschüsse an. Noch wichtiger ist die Mission und die Sicherheit der Kameraden. Da draußen muß man sich immer aufeinander verlassen können, und niemals darf man seinen Flightgenossen wegen eines möglichen Abschusses vernachlässigen.“
Ironheart
24.03.2004, 15:20
Ursprünglich von Cattaneo
Sie lachte kurz: „Aber genug der Selbstbeweihräucherung! Ich will euch gerne beweisen, daß es in der Staffel noch andere Piloten gibt, die den Akarii das Fürchten gelehrt haben.“ Ihre Kamera wanderte weiter: „Das ist Blackhawks Jäger – er kommandiert die Zweite Sektion. Vier von den Abschüssen hat er übrigens gegen Piraten erzielt, er ist also ein alter Hase in unserem Geschäft.“ Imp drohte Lilja bei diesen Worten mahnend mit dem Finger und flüsterte streng: „Also wenn es bei Frauen eine Todsünde ist, über das Alter zu reden, dann sollte auch bei Männern Diskretion gewahrt werden, Frau First Lieutenant.“ Lilja verwackelte das Bild etwas bei dem Versuch, grinsend abzuwinken. Dann visierte sie die Maschine der Staffelkommandeurin und ihres Wingmans an: „Und hier seht Ihr unsere Topasse. Lieutenant Commander Lightning habt Ihr ja schon kennengelernt – nun, eine Menge Akarii kann das selbe von sich sagen...“ Ihre Stimme klang ausgesprochen boshaft.
„Die daneben ist die von Claw. Auch er ist ein Veteran der ersten Stunde und hat einiges an Abschüssen aufzubieten.“ Es war natürlich kaum zu übersehen, daß sie ein eher positives Bild von der Staffel bot. Aber das entsprach wohl nicht nur ihrer Absicht, sondern auch der persönlichen Überzeugung Liljas. Und deshalb ließ sie es sich nicht nehmen, auch das ,Schwarze Brett‘ der Staffel gebührend zu würdigen.
Dort waren die Erfolge der Schwadron verewigt – alle Abschüsse, die sie erzielt hatte. Natürlich schmeichelte es Lilja, daß auch sechs ihrer Erfolge dort auftauchten. Damit war sie etwas weniger erfolgreich als etwa die Kommandeurin oder Claw, aber insgesamt schnitt sie durchaus gut ab – weit über Durchschnitt. Die Silhouetten feindlicher Kampfflieger würden ihre Wirkung auf die Zuschauer sicher nicht verfehlen.
„Aber ich will nicht, daß der Eindruck entsteht, ich würde nur an unsere Staffel denken.“ Lilja wanderte zu einem der Aufzüge und ließ sich noch eine Etage tiefer tragen. Dort schaltete sie das Aufnahmegerät wieder ein: „Hier seht Ihr die Maschinen der Schwarzen Staffel. Sie gehört erst seit kurzem zu unserem Geschwader und verwendet – wie Ihr sicher auf den ersten Blick erkannt habt – Nighthawk-Kampfflieger. Diese Jäger mögen sehr schlagkräftig und robust sein, aber ich persönlich ziehe die wesentlich wendigere Typhoon vor.“ Sie fixierte einen der Jäger: „Dies ist die Maschine von Lieutenant Commander McQueen, auch genannt Darkness. Er gehörte früher zu den Blue Angels, und ist einer der besten Piloten unseres Geschwaders. Dazu ist er einzige Pilot, der ein Unentschieden mit dem Roten Baron geschafft hat, und ich bin sicher, beim nächsten Mal wird er ihn abschießen. Wenn kein anderer die verdammte Echse vorher erwischt.“ Die Flanke der Maschine war mit zahlreichen Markierungen verziert – genug Abschußmarken, um McQueen als eines der terranischen Topasse zu kennzeichnen, wenn auch gewiß nicht als den Besten.
„Diese Maschine gehört Kano Nakakura. Ich bin früher mit ihm in einem Flight geflogen, wie Ihr sicher wißt. Vor seiner Versetzung zur Schwarzen Staffel hat er auf zwei Feindfahrten acht Akarii zerstört, drei davon in einem Gefecht.“ Sie grinste, und das schwang in ihrer Stimme mit: „Hoffentlich hält er den Schnitt, jetzt, da er auf eine schlechtere Mühle umgestiegen ist...“
Dann richtete sie das Objektiv wieder auf sich selber: „Nun, das war es fürs erste. Ich hoffe, Ihr habt damit einen kurzen Einblick gewonnen, wie es so an Bord unseres Trägers zugeht. Wenn ich kann, werde ich euch noch mehr schicken, aber ich weiß nicht, was die kommenden Wochen bringen werden.“
Sie lächelte – nicht von oben herab sondern eher wie gegenüber Kameraden: „Ich weiß, Ihr wünscht uns das Beste, und dafür möchte ich euch auch im Namen meiner Kameraden danken. Wir werden auch weiterhin unsere Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen, und vielleicht hört Ihr ja bald wieder etwas von uns. Wie auch immer, ich wünsche euch alles Gute. Bis bald.“ Sie schaltete das Gerät aus.
Dann warf sie Imp einen gespielt ärgerlichen Blick zu: „Hör mal, Ina, ich versuche mir Mühe zu geben. Wie soll ich denn ernst bleiben, wenn du ständig im Hintergrund gackerst.“ Die Deutsche lachte: „Schieb es auf die Situationskomik, Herzblatt.“ Sie hieb ihrer Kameradin auf die Schulter: „Hast du jemals gedacht, zu den Medienheinis zu gehen. Du hättest glatt das Zeug dazu. Die Feder, so sagt man, ist machtvoller als das Schwert.“ Sie lachte wieder, als ihr das groteske Bild einer Lilja in den Sinn kam, die mit einer riesigen Feder Akarii erstach. Der säuerliche Gesichtsausdruck der älteren Pilotin steigerte ihre Heiterkeit noch. Lilja grinste nur schief: „Nein danke. Ein Medienheini genügt. Die Blauen haben doch irgend so einen Lokalschmieristen von New Boston.“ Ina wußte nicht, woher dieses wenig freundliche Vokabular kam, vermutlich wählte Lilja dergleichen je nach Lust und Laune. Die deutsche Pilotin zwinkerte ihrer Kameradin zu: „Na, mal schauen ob Huntress ihm was für die Klatschseiten liefert, vielleicht findet sie ja Ersatz für Blue One.“ Lilja kommentierte dies nur mit einem kurzen Verziehen der Lippen. An gewisse Dinge oder Personen wurde sie nicht gerne erinnert.
„Jedenfalls“ meinte Lilja, während sie sich mit Imp auf den Rückweg machte: „hoffe ich, daß es den Kindern gefällt. Wieso ihnen nicht mal etwas persöhnlicheres als die Wochenschauen bieten.“ Ihre Kameradin lachte erneut: „Die müssen dir ja Honig ums Maul geschmiert haben – sonst bist du nicht so freundlich.“ Lilja wollte das zunächst empört von sich weisen, überlegte es sich dann aber doch noch anders und nickte zögernd: „Na ja, teilweise. Ich habe einfach das Gefühl, ich schulde ihnen was für ihre Bewunderung.“ Sie klang, als würde sie sich halb rechtfertigen: „Ich tue das aber nicht nur für mich, sondern für uns alle. Ein bißchen Anerkennung auf der Erde haben wir alle verdient.“ Imp lachte und fragte spöttisch: „ALLE?“ Und dann lachten sie beide...
„Nun, jetzt muß ich es nur noch unseren Schlapphüten zur Durchsicht bringen. Hoffentlich finden die nichts zum meckern.“ Sie kam Imps Einwand zuvor: „Jaja, ich weiß, dann sind sie wieder unglücklich, weil sie NICHTS haben, um sich aufzuregen. Die Ärmsten, sie tun mir direkt leid. Ich hoffe nur, die kriegen das auf die Reihe, bevor wir ins feindliche Hinterland springen.“ Beide mochten sie die Sicherheitsabteilung nicht sonderlich. Sie war notwendig, gewiß, aber wer ließ sich schon gerne auf die Finger schauen? Das war immer auch ein Stück weit ein Mißtrauensvotum, und das hörte keiner gerne. Erst Recht nicht, wenn er oder sie immer wieder ihre Haut zum Markte trugen. Außerdem galt der NIC als schrecklich humorlos den Piloten und Besatzungsmitgliedern gegenüber, ohne rechtes Verständnis, wie langweilig ein Leben war, das wirklich ausschließlich nach den Regeln lief. Zumal einige gute alte Navytraditionen wiederum außerhalb der offiziellen Regeln lagen.
Beide widerstanden sie der Versuchung, sich der augenblicklichen Lieblingsbeschäftigung hinzugeben: dem Spekulieren über den künftigen Einsatzort. Derartige Ratespielchen ins Blaue hinein waren ebenso unterhaltsam wie fruchtlos, wie sie sehr wohl wußten. Die Wettbörse war angeblich gut besucht. Lilja allerdings kultivierte immer noch ihre alte Einstellung, zu dienen, wo man sie hinstellte, und erst nach dem Was zu fragen, wenn es soweit war. Imp respektierte diese Marotte, die zur Soldatenethik ihrer Kameradin gehörte. Statt dessen huldigten sie dem Zweitplazierten unter den Freizeitangeboten: Klatsch und Gerüchte über Angehörige des Geschwaders. Wie immer summte die Gerüchteküche, auch weil so viele neue Gesichter dazugekommen waren. Die niederen Dienstgrade versuchten sich ein Bild von den neuen ,Alten‘ zu machen, und neu aufgestellte Staffeln waren natürlich auch ein Objekt der Neugierde. Auch wichtige Schiffspersönlichkeiten wie, in absteigender Wichtigkeit, der Koch, der Captain, der NIC-Chef, der Leiter der JAG-Abteilung und der Leiter des technischen Flugdeckdienstes wurden ausgiebig beleuchtet.
„Die Bronzenen Jungs haben es ja wohl nicht einfach. Unser fliegender Pfaffe scheint es sich ja zur Aufgabe gemacht zu haben, sie alle ordentlich zu schleifen. Und sein Zweiter soll irgend so ein arroganter adliger Schnösel von einer verhackstückten Bombereinheit sein, der auf dieses gemeine Pack herabblickt.“ Liljas Stimme klang nach Antipathie. Sie mochte Adlige nicht – warum war eigentlich nicht ganz klar – und die meisten Deutschen mochte sie schon gar nicht, obwohl ihre einzige Freundin an Bord eine war. Aber vielleicht lag das auch an einigen der Gerüchte über den Bomberpiloten. Jagdflieger mochten keine Bulettenschmeißer, die nicht wußten, daß sie in der Nahrungskette unter den Jägern rangierten. Die Rivalitäten zwischen den einzelnen Unterarten der Waffengattung waren so traditionsbelastet wie virulent. Die Bomber nahmen es den Jagdfliegern übel, daß die sehr viel häufiger die Starrollen besetzten, während sie die Drecksarbeit leisteten und dabei oft noch schlucken mußten. Bei den Jägern wiederum frotzelte man, Bomberpilot würde nur der, der für eine schnellere Maschine zu langsam sei, und nur Ziele in der Größe von Häuserblöcken treffen könne. Und zudem brauche er ja immer noch einen zweiten Mann im Cockpit zum Knöpfchen drücken und ein paar fliegende Ammen in Gestalt von Eskortjägern.
Imp lächelte: „Tja, ich habe gehört, daß er sie zu Selbstkasteiungen anhält und sie alle im härendem Büßerhemd fliegen müssen – wegen ihrer Unfähigkeit.“ Murphys Art, seine Religiosität zu zeigen, war einfach ein zu gutes Ziel für Witze, als daß viele hätten widerstehen können. „Die New Boston-Connection ist offensichtlich stinksauer auf ihn.“ So nannten man im Bordjargon die Milizionäre. Da sie alle aus einer Einheit stammten, kannten sie sich oft schon lange Jahre. Auch nach ihrer Aufteilung auf verschiedene Staffeln blieben sie natürlich in Kontakt, tauschten Erfahrungen aus und meckerten gemeinschaftlich. Lilja grinste: „Kann uns nur recht sein. Dann wissen unsere Bostonjungs wenigstens, wie gut sie es haben.“ Lightning fuhr eine wesentlich moderatere Gangart, und offenbar wußten die beiden Neulinge in Staffel Grün das zu würdigen, vor allem angesichts der Alternativen. „Glaubst du, die werden noch was unternehmen?“ Imp zuckte mit den Schultern: „Einen LC kann man nicht eben mal den ,Heiligen Geist‘ erscheinen lassen.“ Bei ihr klang das so, als würde sie es fast bedauern – manchmal konnte auch sie recht gemein sein. „Aber ich denke, die lassen sich nicht so einfach anpissen. Würde ich an ihrer Stelle auch nicht. Na ja, ihre Sache.“ Lilja nickte. Dann fügte sie grinsend hinzu: „Aber andererseits kann das den Griphen nur guttun. Shukova scheint mir da einiges vernünftiger als Martell – aber wir werden ja sehen.“
Lilja schien nachdenklich: „Was meinst du, kommt das von den vielen Streifen auf der Uniform, daß einige Chefs spinnen?“ Imp lachte nur: „Nun, bei den Männern können das auch die üblichen Dominanzspielchen sein. So wie bei den Affen die rosa Hinterteile.“ Sie feixte hinterhältig: „Aber da müßte man wohl Auson fragen, die weiß da sicher mehr drüber… Was die Auswirkungen von Kommandoposten angeht, nun unserer Alten hat es bisher noch nicht geschadet. Und vielleicht kannst du das ja für mich rausfinden, wenn du selber mal…“ Und mit diesen Worten trat sie in den Aufzug, während sich Lilja fragte, ob sie sich eine solche Beförderung überhaupt wünschen sollte. Sie war sich nicht sicher, ob sie zum Kommandanten taugte. Nun, sie würde wohl auch in absehbarer Zeit keiner werden. Und das war doch irgendwie beruhigend.
Ironheart
24.03.2004, 15:21
Platzhalter Hammer Nr. 8
Ironheart
24.03.2004, 15:21
Ursprünglich von Tyr Svenson
Alia Rou, General des 2. Ranges der Imperialen Streitkräfte des Akarii-Imperiums stand reglos an dem Fenster des kahl wirkenden Büros und starrte nach draußen. Das Büro gehörte ihm nicht - er hatte nun wirklich wichtigere Aufgaben, als das Ausbilden neuer Soldaten. Allerdings betrafen die Sorgen, die den General zur Zeit beschäftigten eben doch dieses Feld.
Unten, auf dem riesigen, betonierten Exerzierplatz war mehr als eine Division Soldaten angetreten. Oder vielmehr sollten diese 10.000 Akarii eines Tages eine Division bilden. Noch waren sie längst nicht so weit.
Nein, das waren alles nur Rekruten, halbe Zivilisten noch, denen man erst beibringen mußte, was es hieß, ein Soldat zu sein.
General Rou grinste raubtierhaft, als er sich an seine Ausbildungszeit erinnerte. Jede Weichheit würde aus diesen Dummköpfen herausgepreßt werden. So etwas wie den perfekten Soldaten gab es kaum. In der Regel war es die Aufgabe der Ausbilder, Schwächen und Individualismus der Rekruten zu zerbrechen, die einzelnen Individuen EINZUSCHMELZEN und in einem einjährigen gnadenlosen Formungsprozeß zu Soldaten umzuschmieden. Und das bedeutete, bedingungslosen Gehorsam, rücksichtslosen Angriffswillen und die absolute, uneingeschränkte Bereitschaft zu töten und zu sterben.
Jedenfalls verlangten die alten Ausbildungsrichtlinien ein solches Ergebnis. Alte Soldaten behaupteten oft, die Ausbildung sei in den letzten Jahren immer lockerer geworden, das „Material“ schlechter. Nun die Beschwerden alter Soldaten.
General Rou erinnerte sich jedenfalls noch gut an die Schläge und das Brüllen der Ausbilder: „VERGESST WAS IHR WART UND WAS IHR WERDEN WOLLTET!! ES GIBT KEINE VERGANGENHEIT MEHR FÜR EUCH - UND KEINE LEBEN AUSSERHALB DER ARMEE! ES GIBT NUR DEN BEFEHL UND DIE EHRE - FALLS IHR WERTLOSEN WEICHHÄUTE JEMALS WÜRDIG SEID, SOLDAT ZU SEIN!!“
Es hieß außerdem, daß die Rekruten ihre Offiziere mehr fürchten sollten als den Feind und den Tod. Auf jeden Fall hatten sie die Ausbilder gehaßt.
Unten bewegten sich zwischen den wie eingefrorenen Reihen der Rekruten die Drilloffiziere. Jeder von ihnen hatte einen schweren Knüppel in der Hand - und benutzte ihn ausgiebig.
„Interessanter Anblick?“
Als die Stimme hinter ihm ertönte, drehte sich General Rou um und salutierte. Er kannte diese Stimme.
Marschall Parin war für einen Akarii schon recht alt. Seine heisere, etwas kratzende Stimme war ein Zeichen dafür. Außerdem wirkte er nicht nur schlank, sondern regelrecht ausgemergelt. Aber der Marschall war alles andere als schwächlich. Jeder der ihn kennenlernte war geneigt, die Geschichten zu glauben, die über Parin in Umlauf waren. Nicht nur, daß er mehr Aufstände gegen das Imperium niedergeschlagen und Kolonialplaneten „befriedet“ hatte, als die meisten jüngeren Offiziere im Generalstab aufzählen konnten. Er hatte dem Imperium schon gedient, als der heutige Herrscher nur Kronprinz war – und er hatte zwei Imperatoren persönlich gekannt.
Marschall Parin war außerdem angeblich im Laufe der Jahre in eine ganze Reihe von Duellen verwickelt gewesen sein und hatte dabei eine ganze Reihe von Gegnern mit dem Handstrahler oder dem Schwert getötet - oder mit ZÄHNEN und KLAUEN, was das betraf...
Auch wenn das nicht mehr so ganz dem Geist der Zeit entsprach, viele junge Offiziere erschienen solche Geschichten wie eine Belebung der Kriegersagen und -lieder, mit denen sie groß geworden waren und der Marschall wie ein lebende Legende.
Es hatte viele überrascht, daß Parin auf Akar geblieben war, statt sofort ein Feldkommando zu bekommen - etwa den OB über Mantikor. Viele hatten das erwartet. Das Ausbleiben eines Marschbefehls hatte Gerüchte sprießen lassen. So kursierte etwa, daß Parin vehement gegen die Eröffnung der Kampfhandlungen protestiert haben sollte, bis fast zur Majestätsbeleidigung. Andere schoben Parins Verbleiben in der Etappe einem anderen Grund: der allgemein bekannten Tatsache, daß der Marschall Prinz Jor nicht ausstehen konnte.
Ob der alte Krieger über sein Verbleiben im Stab verärgert gewesen war, war ihm nicht anzumerken gewesen. Jedenfalls verrichtete er seinen Dienst am Imperium weiterhin mit der inzwischen fast schon legendär und sprichwörtlich gewordenen Präzision. Und er hatte sich auch ziemlich deutlich und eindeutig über die Fehler geäußert, die im Laufe der Offensive passiert waren. Egal, ob er nun den Krieg für sinnvoll hielt oder für den wahrgewordenen Traum eines „infantilen Säbelrasslers mit törichten Ambitionen die ebenso Anstand wie Vernunft überstiegen“ und ein Verhängnis für das Imperium - Marschall Parin HASSTE unnötige Verluste und wahr absolut gnadenlos gegenüber Versagern.
„Nun ja, das Material wirkt nicht schlecht. Aber vor diesen weichhäutigen Rekruten liegt noch ein weiter Weg.“
Der Marschall bleckte amüsiert die Zähne und lachte kurz auf: „Länger, als diese Nestlinge bei der Musterung dachten. So wird es ihnen jedenfalls vorkommen!“
„Marschall, Sie wissen, warum ich hier bin?“
„Selbstverständlich. Wenn man es für nötig hält, mich von der wichtigen und fordernden Aufgabe abzuberufen, das Ausbildungsprogramm zu überwachen und mit unseren Kolonialdivisionen zu jonglieren...“ Marschall Parins Stimme troff förmlich vor Sarkasmus - aber auch Verbitterung. Offenbar nahm er es doch persönlich, in der Etappe bleiben zu müssen. Aber das war nur verständlich. Der Krieg gegen die Republik der Menschen war endlich wieder eine Möglichkeit, sich im RICHTIGEN KRIEG zu bewähren. Die Befriedung von Kolonialplaneten, die Jagd auf Piraten war zwar ein wichtige Aufgabe, aber längst nicht so ehrenvoll und ruhmreich. Und wenn Marschall Parin diesen Krieg „verpaßte“, würde er vielleicht niemals wieder eine vergleichbare Chance haben, seine Kariere zu krönen. Parin wurde nun mal nicht jünger.
Allerdings lief der Krieg keineswegs so einfach, wie gewisse Kreise es vorher prophezeit hatten. Was auch der Grund war, warum der Generalstab wieder einmal zu einer außerplanmäßigen Sitzung zusammentrat.
Ironheart
24.03.2004, 15:22
Ursprünglich von Tyr Svenson
Einige Zeit später
Diesmal war nur der „Kleine Generalstab“ zusammengetreten. Das bedeutete, daß die Versammlung etwas weniger formell verlief, daß nur etwa zwanzig hochrangigste Offiziere der Flotte und der Armee zusammentraten. Es bedeutete allerdings keineswegs, daß die Versammlung einfacher verlaufen würde...
Zur Zeit sprach General Mikas, ein noch junger Befehlshaber einer Kolonialarmee:„Wegen des Krieges haben wir mit einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten zu kämpfen! Patrouilleverbände sind an die Front verlegt worden und stehen jetzt nicht mehr zur Überwachung renitenter Kolonialplaneten und der Piratenaktivitäten zur Verfügung. Und die verbliebenen Zweite-Linie-Kräfte waren in den letzten Monaten mehr damit beschäftigt, hinter den Raiders der Menschen herzustöbern, statt Rebellen, Schmuggler und Briganten zu jagen. Wegen Not- und Kriegszustand und der teilweise angespannten Transportlage hat es bereits kleinere Unruhen gegeben - dies könnte sich ausweiten. Sie wissen, daß es immer noch eine Reihe von Aufständen gibt und die Aufrührer wittern jetzt eine reelle Chance, unseren Zugriff zu lockern.
Das Transportkorps war gezwungen, Konvois zu bilden, das bindet wertvolle Kräfte. Wegen den Verlusten an Transportraum hat es außerdem Verzögerungen bei der Verlegung von Garnisonstruppen gegeben. Und Einheiten die für die Front bestimmt waren, kamen teilweise verspätet nach an. Wenn überhaupt!“
Admiral Kellis Rhaak sprang wütend auf: „WIR TUN UNSERE PFLICHT! Der Vorstoß der Weichhäute ist im eigenen Blut erstickt! Unsere Flotte hat Sieg um Sieg an ihre Fahnen geheftet, während die Armee wegen Rebellen rumjammert! Und beklagt, daß ihre kostbaren Kolonialdivisionen ein paar Wochen länger einige Bauern mit selbstgebastelten Bomben und ausrangierten Waffen jagen muß!“
Das löste wiederum bei den Generälen Protest aus. Aus dem wütenden Protest tönte General Rous harte Stimme: „GEWÄSCH! Sie können doch nur siegen, wenn Sie den Weichhäuten haushoch überlegen sind! SIEGE?! General Kahn wartet auf Mantikor jedenfalls immer noch auf die versprochenen Divisionen! Mit Ihren ‚Siegen‘ ist am Boden nichts zu gewinnen, wenn der Nachschub versagt!“
„General Kahn kann ja noch nicht mal eine Bande Versprengter unter Kontrolle bringen, die aus den Wäldern seine kostbaren Sturmtruppen abknallen! Wenn diese traurige Leistung die von Frontlinietruppen sein sollen, dann ist klar, warum es immer noch Aufstände auf einigen Kolonialplaneten gibt. ABER SUCHEN SIE DIE SCHULD FÜR IHRE SCHANDE NICHT BEI UNS!“
Und so ging es weiter. Der einzige, der sich nicht bei dem wütenden Streit beteiligte, war Marschall Parin. Mit ausdruckslosem Gesicht lauschte er den erbitterten Streitereien.
Erst als das wütende Stimmengewirr ein paar Sekunden abebbte, schnitt seine befehlsgewohnte Stimme durch die leiser gewordenen Streitereien. Er brauchte nicht zu schreien: „Die Marine hat die Aufgabe, die Transporte zu sichern. Diese Aufgabe hat sie so gut es ging erfüllt. Aber das reicht nicht. Wir haben mehr als ein volles Korps verloren, ohne das unsere Soldaten auch nur den Fuß auf den Schlachtboden gesetzt haben, als Truppentransporter in unserem eigenen Hinterland vernichtet wurden. Die Verluste an Material sind noch größer, wenn auch leichter zu ersetzen. Wir sind Soldaten. Die Armee dient dem Imperator und dies mit Freuden. Aber wir wollen es nicht dulden, daß unsere Leute abgeschlachtet werden wie Vieh - ohne jede Chance.
Die Verluste an Transportraum und der Abzug der Patrouillekräfte erschwert sowohl die Kontrolle einiger unruhiger Planeten, als auch den Nachschub. Und wenn die Marine nicht entsprechende Anstrengungen unternimmt, dem abzuhelfen - dann ist dies nichts anderes als Sabotage an den Kriegsanstrengungen.“
Die Admiräle hatten zugehört. Marschall Parins Wort besaß Gewicht. Aber klein beigeben wollten sie deswegen noch lange nicht. Admiral Rhaaks Stimme troff vor Sarkasmus: „Wir wissen natürlich, wie sehr Ihnen der Erfolg in diesem Krieg am Herzen liegt. Aber wenn Sie bei Prinz Jor Beschwerde einlegen wollen...“
Marschall Parins Stimme sank zu einem drohenden Zischen herab, als er antwortete. Mancher erwartete halb, daß er seinen Gegner nun fordern würde. Es hätte zu den Geschichten gepaßt, die um Parin in Umlauf waren: „Ich habe für das Imperium schon Divisionen in den Einsatz geführt, als Sie Ihre Kadettenuniform nur dazu benutzten, eine Frau zu beeindrucken! Bei Prinz Jor beschweren? Sie scheinen sich sehr sicher! Es gibt aber noch andere Instanzen, als den Kronprinzen oder?!“ Es wurde totenstill. Jeder wußte, WEN Marschall Parin meinte. Was auch immer über Parin im Umlauf war, er war ein Held des Imperiums, hoch dekoriert, mit den besten Verbindungen bis ganz nach Oben - vielleicht auch zu denen, die noch über dem Kronprinzen standen...
„Was würde der Imperator sagen, wenn ein Bataillon der Cha’kal in ihrem Transporter vernichtet wurde, weil SIE die Nachschubwege nicht sichern konnten?!“
Die Cha’kal war eine der legendenumwobenen Spezialeinheiten des Kaiserreiches - Attentäter, Saboteure, Kundschafter. Die Besten Soldaten aller anderen Streitkräfte waren gut genug, um für den Eintritt in die Cha’kal in Betracht gezogen zu werden. Die Cha’kal war fast genauso legendär wie Erste Garderegiment. Jeder der Generäle und Admiräle konnte sich vorstellen, wie der Imperator reagieren würde, wenn das von Parin entworfene Debakel Realität wurde...
Die Diskussion dauerte Stunden. Am Ende aber setzte sich die Armee zumindest in dem Punkt durch, daß den Nachschublinien in Zukunft mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Es hatte nun einmal keinen Sinn, zu weit vorzuprellen, und dann die Kniesehnen durchgeschnitten zu bekommen.
Aber das war nur ein Teil des Ergebnis, wie zumindest Marschall Parin sich selbst gegenüber zugab. Es war auch darum gegangen, einmal mehr auszuloten, wo die Flottenchefs standen - und wo die Armeeoffiziere. Ungeachtet der sowieso üblichen Querelen zwischen den Streitkräften interessierte ihn natürlich vor allem die Frage, wie fest die Fraktion um Prinz Jor stand. Das Ergebnis war recht zufriedenstellend gewesen, fand der Marschall. Vor allem bei den älteren Admirälen gab es keineswegs nur Zustimmung für den Kronprinzen. Und in der Armee existierten sowieso Ressentiments weil der Prinz sich vor allem auf die Flotte konzentrierte.
Nicht, daß der Marschall einen Putsch oder so etwas erwog. Aber es konnte nur zum besten des Imperiums sein, fand er, wenn der Prinz nicht gar so selbstherrlich schaltete und waltete. Irgendwann würde er natürlich Imperator werden - aber Marschall Parin fühlte sich vor allem dem Imperium verpflichtet, nicht dem Herrscher-in-spe.
Ironheart
24.03.2004, 15:23
Ursprünglich von Cunningham
Hauptquartier der Navy,
New York, USA, Terra
Die Kriesensitzung war zu früher Stunde anberaumt worden. Einige der "geladenen" Gäste hatte noch spät in der Nacht in ein Shuttle steigen müssen um rechtzeitig zur der Besprechung zu kommen.
Klaus von Richter, der CNO der Terran Space Navy jedoch kam betont zu spät.
Vor seinem Büro begrüßte ihn ein Schreibersmaat und nahm ihm den Mantel ab: "Es sind schon alle da und mit Kaffee oder Tee versorgt. Ich bringe Ihnen dann auch gleich Ihren Kaffee Sir."
"Danke Erik, aber vorher öffnen Sie mir die Tür und befehlen die hohen Herren da drin ins Achtung."
Erik erbleichte: "A... aber das sind alles Admiräle da drinnen."
Von Richter seufzte, Erik hatte zu lange in der Etappe gehangen. Also wandte er sich an einen der Marines: "Befehlen Sie die Damen und Herren in meinem Büro ins Achtung."
Der junge Mann grinste: "Sir! Aye, aye Sir!"
Mit präzisen Schritten - wie auf einer Parade - ging der Marine auf die Tür zu. Öffnete diese schwungvoll und trat ein.
"ACHTUNG! CHIEF OF NAVAL OPERATIONS AN DECK!"
Der CNO stellte sich in die Tür und betrachtete den Besprechungstisch, um den sich ein Haufen Admirale und Vizeadmirale gesellt hatten, die jetzt etwas verwundert die Tür anstarrten.
"ACHTUNG! STILLGESTANDEN!" Brüllte der Marine noch mal.
Nathan Frost war der erste, der Haltung annahm. Seine Stillgestanden-Stellung war alles andere als mustergültig. Aber Frost war Admiral und hatte seit Jahren vor niemanden mehr Haltung annehmen müssen.
Nach und nach nahmen auch die anderen Admirale Haltung an. Am akkuratesten sah Blair Westerguard aus, der Kommandant von Fort Lexington, der eigentlich nicht zum Stab der Navy gehörte.
Am linkischsten wirkten Marika Ogawa vom JAG und Jacob Stone vom Quartermasterkommando.
"Rühren." Befahl von Richter und wandte sich an den Marine. "Danke, Sie können wegtreten."
Er ging zum Konferenztisch und setzte sich ans Kopfende.
"Setzen Sie sich."
"Also, was sollte diese Show eben?" Verlangte Westerguard zu wissen.
"Diese gottverfluchte Navy hat Scheiße gebaut. Ganz kräftig Scheiße." Er nahm von Erik seinen Kaffee entgegen und trank einen Schluck. "Wie zur Hölle konnte man an uns vorbei ein Gefangenenlager hier auf Terra errichten? KANN MIR DAS JEMAND ERKLÄREN?"
Betretenes Schweigen.
"Und wer zum Teufel hat dieses Shuttle abgeschossen? Welche gottverfluchten Terroristen haben eines MEINER Shuttles HIER auf der Erde abgeschossen?"
Wieder schwiegen seine Admiräle.
"Dayson", wandte er sich an die Chefin des NIC, "1. Ich will, dass Sie lückenlos aufklären, wie dieses Gefangenenlager hierher kommt. 2. Ich will die Köpfe der Schuldigen auf einem silbernen Tablett. 3. Ich will wissen, wer dieses Shuttle abgeschossen hat und ich will auch dessen Köpfe. 4. Wer hat diesen arschgefickten Terroristen die nötige Hardware besorgt, um ein Shuttle abzuschießen."
Dayson schluckte hart. "Wird gemacht. Aye Sir."
"Sie", von Richter deutete mit dem Zeigefinger auf Ogawa," werden den NIC unterstützen. Sie werden Ermittler beauftragen. Alle Ergebnisse gehen umgehend und ohne Verzögerung ans NIC. Wenn ich auch nur eine berechtigte Klage höre, Ihre Leute seien unkooperativ oder ähnliches. Dann braucht Donner nicht länger an Ihrem Stuhl sägen, dann bekommt er ihn von mir geschenkt. Ist das angekommen?"
"Aye, aye Sir." Die Chefin des JAG sah aus, als wollten ihr noch ein paar mehr Worte aus dem Mund rutschen, doch sie beließ es dabei.
"Und dann wollen wir zusehen, dass wir die Echsen von diesem Planeten wegschaffen. Stone, dafür sind Sie zuständig."
"Und ähm, wohin soll ich die Akarii verschiffen Sir?"
"Das ist mir vollkommen egal. Stars End, Lancashire oder sonst wohin, wo sie von mir aus verrecken können."
"Okay, ich lasse mir was einfallen Sir."
"Westerguard: Sie schicken ein Regiment Ihrer Marines zu dem Gefangenenlager. Die sollen dort zum einen die Bewachung übernehmen, bis Stone den Transport organisiert hat und dann gleich mal alle Wachen, die sie antreffen Arrestieren."
"Die Wachen?" Westerguard fuhr sich durch die braune Haarpracht. "Aye Sir."
"So, in Ordnung, das war's, wofür ich Sie hergebeten habe. Vielen Dank."
Missmutig verabschiedeten sich die Abteilungschefs der Navy und gingen.
Mit Ausnahme von Clair Dayson. "Klaus, wir haben da noch ein Problem."
"Lass mich mit Deinem Geheimdienstscheiß bloß in Ruhe, Deine Jungs haben sich mit dem Gefangenenlager mehr als genug gleistet."
"Es geht um Troffen."
"Gottverfluchte Scheiße!" Der CNO schlug zweimal mit der rechte auf den Tisch. "Ruf Nathan noch mal rein."
Dayson flitzte zur Tür: "Nathan: Kommen Sie noch mal rein. Wichtig!"
Als die drei Admirale wieder am Besprechungstisch saßen stellte Dayson einen Störsender in der Größe einer Handcremedose auf den Tisch.
"Letztens haben meine Horchposten viele Nachrichten wegen Troffen aufgefangen. In Zusammenarbeit mit dem TIS konnten wir sie entschlüsseln. Die Akarii haben jetzt die Vernichtung der Akarii-Colonie Troffen bekanntgegeben und das System unter Quarantäne gestellt. Sie haben eine Zerstörerflottille dafür abgestellt."
Frost lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander: "Und welchem Umstand schreiben Sie die Zerstörung von Troffen zu?"
"Sie behaupten einer unserer Kreuzer wär' in Planetennähe stark beschädigt worden und ist auf den Planeten gestürzt. Der Aufschlag und die Sekuntärexplosionen, wie die anschließende Schmelzung der Reaktoren hätten Troffens Schicksal besiegelt."
Frost und von Richter blickten sich an.
"Gibt es die Möglichkeit, dass die Akarii wirklich zu dem Schluss gekommen sein könnten?" Fragte von Richter schließlich.
"Nein." War die knappe Antwort.
"Sicher?" Hakte der CNO nach.
"Sie hat recht Klaus. Eine Atombombe ist ein Fliegenschiss im Vergleich zu einem Absturz eines Kreuzers auf einen Planeten. Es gäbe einen riesigen Krater, mit dem Durchmesser von über 100 Kilometern. Troffen jedoch wurde durch ein Punktgenauen Beschuss von Atomraketen umgegraben."
Schweigen kehrte in das Büro ein. Alle drei machte nachdenkliche Gesichter.
"Wir müssen wissen, was die Akarii wirklich wissen." Von Richter klang leicht verzweifelt.
"Klaus", begann Dayson zögernd, "ich bräuchte als erstes Zugriff auf das Gefangenenlager." Sie hob abwehrend die Hand, als von Richter sie unterbrechen wollte. "Ich weiß, mein Verein hat wirklich Mist gebaut. Aber ich brauch freie Hand, wenn wir das Troffenproblem irgendwie lösen wollen."
Von Richter blickte sie kurz tief an. "Was haben Sie vor?"
"Wir besorgen uns ein paar Akarii, drehen Sie um, verpassen Ihnen Gehirnwäschen und schleusen Sie in das Imperium ein."
"Das gelingt nie."
"Haben Sie einen besseren Vorschlag Nathan?" Fragte Dayson schnippisch. "Nein? Ich auch nicht. Und wenn es nicht klappt, was solls, es waren nur Akarii."
"In Ordnung", von Richter nickte ihr zu, "schnappen Sie sich alles, was Sie aus dem Gefangenenlager brauchen."
"Danke Klaus." Dayson packte ihre Sachen zusammen.
"Ach, und noch etwas Claire: Glauben Sie ja nicht, dass die Scheiße, die sich Ihr Verein mit dem POW-Camp geleistet hat aus der Welt ist."
"Ich verstehe."
Ironheart
24.03.2004, 15:23
Ursprünglich von Cunningham
Einsatzbesprechung
Lucas folgte Wulff und Waco in die Raumfähre. Hinter ihm stieg noch Captain Schlüter von den Marines und der ND der Columbia ein.
Ein gelber Traktor zog das Shuttle zum Hecktor der Columbia, wo eigentlich die Jäger landeten. Ein Traktorstrahl hob das Shuttle hoch und schob es aus dem Flugdeck.
Das Shuttle schlängelte sich durch die terranische Flotte und näherte sich der Gettysburgh von Backbord.
Auf dem Monitor sahen die Passagiere wie ein zweites Shuttle - welches ein rotes Kreuz in einem weißen Feld trug - am Flottenträger andockte.
Das Shuttle der Columbia flog über die Gettysburgh weg, drehte eine enge Schleife und dockte dann Steuerbord an.
Zischend öffneten sich die Türen und Wulff betrat als erstes die Gettysburgh.
"ACHTUNG! Admiral an Deck!" Links und rechts der Schotten standen je ein Marine. Simon Breuer der Captain der Gettysburgh empfing die Abordnung der Columbia.
"Admiral Wulff: Willkommen auf der G-Burgh." Breuer reichte der Admiralin die Hand.
"Vielen Dank Captain."
"Hallo Simon", grüßte James Waco den anderen Captain.
"Wacko!" Die beiden Trägerkommandanten umarmten sich freundschaftlich. Dann stellte Waco die anderen Begleiter vor.
"LONE WOLF!" Stieß einer von Breuers Begleitern hervor, ein Pilot mit den Rangabzeichen eines Lieutenant Commanders.
Lucas stutzte, dann stahl sich ein erfreutes Lächeln auf sein Antlitz: "Iceman, Du gottverfluchter Höllenpilot."
Der große blonde viel Lucas in die Arme.
"Shitt Mann, ich hatte gedacht die Rote Echse hat Dich erwischt."
"Der war echt gut", bestätigte Iceman, "hat Amazon, Killroy und Blank abgeschossen. Hab mir fast in die Hose gemacht, als er sich auf mich stürzte."
Die Gruppe machte sich auf den Weg in die CIC.
"Mich hat er kurz vorm Rückzug auch aus meiner 'hawk geballert." Gab Lone Wolf zu.
"Himmel, fünf Asse der Blue Angles hat der in einem Gefecht rausgeholt und sein wir ehrlich, wer von uns konnte mit Blank mithalten."
"Bei meiner vorletzten Feindfahrt mit der Red hat Darkness ihm ein Unentschieden geliefert."
"Justin lebt?" Iceman kicherte. "Sollte mich eigentlich nicht wundern, der ist zu bösartig um zu sterben."
"Er war auf der Red mein XO und ist es jetzt auf der Columbia wieder."
"Ich seh schon mein Schüler hat sich sehr gut gemacht. Commander."
Lone Wolf blieb stehen: "Wer war hier wessen Schüler?"
"Ich hab Dich beim letzten Sim-Duell geschlagen Wolf."
"Ja, ich war auch erkältet."
"Auf einmal", Iceman lächelte diabolisch, "wer hatte denn behauptet, er könne mich selbst mit einer Hand auf den Rücken gebunden besiegen."
"Wollen wir in den Simulator steigen?" Lucas deutete in Richtung der Simulatorräume.
"Gentlemen!" Renault war in der Tür zur CIC erschienen.
Schnell traten die beiden Piloten in die CIC.
Um den Monitortisch in der CIC hatten sich neben Renault, Breuer, Wulff und Waco noch Johann von Richter der CAG der Death Merchants, die Konteradmirale Noltze und Kowalski gesellt.
Schlüter stand etwas abseits neben einem Colonel der Army.
"Ladies und Gentlemen: Sie werden an der ersten Offensive unserer Flotte in diesem Krieg beteiligt sein." Begann Renault. "Das Ziel dieser Offensive ist es sowohl Graxon als auch Wron einzunehmen. Beide Systeme sind von größter strategischer Bedeutung. Sie können uns zu späteren Zeitpunkten als Sprungbrett tief ins Akarii-Imperium dienen. Eventuell sogar für einen Langstreckenangriff auf das Sektorenhauptquartier Nekor, auf Axion oder sogar Akarr selbst.
An dieser Operation werden die komplette zweite Flotte, mit allen vier Flottenträger, sowie die dritte Flotte unter Girad mit allen drei Trägern teil nehmen.
Wulff, Sie und die Columbia-Trägergruppe bilden unsere Vorhut. Sie machen sich morgen früh auf den Marsch nach Corsfield. Sichern Sie das System und stellen Sie ein Überwachungssystem her. Die Intrepid wird schätzungsweise zwei Tage nach Ihnen dort eintreffen. Der Rest der zweiten, etwa fünf Tage nach Ihnen.
So bald wir die Flotte aufmarschiert haben, werden unsere Minenleger den Bravo-Jumppoint verminen.
Die Columbia und die Intrepid werden den Angriff auf Graxon vornehmen. Zerschlagen Sie alle Raumstreitkräfte der Akarii. Aber versuchen Sie gar nicht erst einen Hilferuf des Feindes zu unterbinden. 1. Würden Sie es eh nicht schaffen und 2. Zählt es zu unserem Plan Reaktionsstreitkräfte des Feindes erscheinen zu lassen. Wir hoffen, dass er sein Flotte von Wron abzieht, welches dann von dem Rest der dritten Flotte, sowie einem Expeditionscorps aus Army und Marines genommen wird.
Aber bleiben wir bei Graxon! So bald die Raumverteidigung ausgeschaltet ist, werden die Herrschaften vom SAS übernehmen. Auf dem Hochplateau landen und das Gefängnis einnehmen.
So bald alles gesichert ist, rückt ein leichtes Regiment Marines bestehend aus den Rumpfbataillonen beider Träger, sowie einiger Kompanien der begleitenden Kreuzer nach. Sie übernehmen dann die Stellungen des SAS, welches sich schnellstmöglich zurückzieht.
Alle Gefangenen sind zu evakuieren und werden auf die begleitenden Lazarettschiffe gebracht."
Renault pausierte kurz. Er schien nur einen Atemzug zu brauchen, ehe er fortfuhr.
"Wenn dies geschafft ist, haben wir schon mal einen Teilerfolg. Nun ist es wichtig, wie groß die Reaktionskräfte des Feindes sind. Sind es nur die beiden Trägergruppen, die wir bei Wron vermuten, geben Sie uns Meldung und wir rücken nach und erdrücken den Feind mit unserer Übermacht.
Sollten die Akarii jedoch mit mehr als zwei Trägern auftauchen, lassen Sie sich bis nach Corsfield zurückfallen. Und zwar auf diese Position."
Der Monitor zeigte erneut das Corsfield-System. Eine Koordinate leuchtete rot auf. Wir nehmen die Akarii dann in die Zange, wenn Sie durch das Minenfeld durch sind."
Der Kommandant der 2. Flotte blickte in die Runde: "Fragen?"
Wulff beugte sich vor: "Und was machen wir, wenn die Echsen mit fünf oder sechs oder gar sieben Trägern Entsatz kommen?"
Anstelle von Renault antwortete Noltze: "ComStaffel. Wir parken an jedem Wurmloch eine Fregatte als ComRelais. Sollten die Akarii wirklich so massiert angreifen fallen ihnen die Saratoga und die Charles de Gaulle in den Rücken."
"Und sollte das nicht reichen, holen wir noch die erste Flotte von Texas mit ran." Vervollständigte Kowalski.
Die drei Piloten blickten sich unsicher an.
"Sir", es war Johann von Richter der sprach, "Sie sind sich klar, dass Sie hier von beinahe der gesamten Navy reden und nicht nur ein oder zwei Flotten."
"Ja, Commander, das ist uns durchaus klar." Renault klang leicht giftig.
"Und Sie halten es wirklich ratsam, dass alles aufs Spiel zu setzen für zwei Sternensysteme?"
"Hören Sie Mister, Sie mögen sich ja für omnipotent halten, was die Raumkriegsführung angeht, doch sind Sie mein Geschwaderführer. Also führen Sie Ihr Geschwader und überlassen Sie den Rest uns Profis wie Ihrem Vater, Frost, mir und meinem Stab. Andere Fragen?"
Schlüter meldete sich: "Das ist ein unterirdisches Gefängnis richtig. Haben wir irgendwelche Pläne?"
Renault deutete auf den SAS-Colonel: "Colonel Blake?"
"Leider haben wir kaum eine Ahnung, was uns dort erwartet. Daher hat man sich entschlossen uns zu schicken. Wir werden uns unseren Weg durch die Aufzugsschächte bahnen und alles so gut es geht sichern. Dann werden wir an ihre Marines übergeben."
"Und uns es überlassen mit einem eventuellen Gegenangriff fertig zu werden."
Blake lächelte: "Wir sind Special Forces, keine Feldkampfeinheit. Dafür seid Ihr Ledernacken doch da. Semper Fi und so weiter."
Schlüter böse grinste zu dem SAS-Colonel hoch. Sie hatte zwar schon einer menge Marines Gottesfurcht eingeflößt. Viele von denen größer und kräftiger als sie. Sie war ein echter Profi. Doch bei diesem Kerl kam sie mit Ausstrahlung nicht sehr weit und ihm zum Ringkampf einzuladen traute sich sich dann doch nicht ganz.
"Gut, wenn keine weiteren Fragen oder Anfeindungen mehr vorzubringen sind, können wir die Besprechung beenden." Renault blicke noch mal in die Runde. "Admiral Noltze wird Ihnen noch die Datendisc's mit den genauen Zieldaten und neuesten Geheimdienstauswertungen übergeben. Planen Sie Ihre Einsätze dementsprechend. Das wär's, wegtreten."
Die Versammlung löste sich auf, doch Iceman hielt Lucas am Ärmel fest: "Grüß Justin bitte von mir und natürlich auch von Roulett."
"Roulett lebt?"
Iceman nickte: "Ich weiß sonst noch von DeVries und von Antonio Celmente, beide auf der Melbourne."
"Damit wären wir sechs, von denen wir wissen." Lucas drückte seinem alten Kameraden fest die Hand. "Machs gut Ice, wir sehen uns in der Schlacht."
Der andere ehemalige Blue Angle grinste wehmütig: "Und nach der Schlacht."
Ironheart
24.03.2004, 15:24
Ursprünglich von Tyr Svenson
Die meisten Mitglieder von Schiermers Platoon wußten wahrscheinlich nicht, wie genau der Master Sergeant über jeden Einzelnen informiert war. Nicht nur bei der Fremdenlegion herrschte die Maxime, daß ein Truppführer genau über die Stärken und Schwächen seiner Leute Bescheid wissen sein mußte. Dies konnte im entscheidenden Moment Leben retten und über Scheitern oder Gelingen eines Einsatzes entscheiden. Und Schiermer hatte nicht umsonst fast 16 Jahre Dienst im Marinekorps überlebt – und in der Regel die ihm gestellten Aufgaben erfüllt. Und da jetzt mal wieder seine Aufgabe darin bestand, aus einem Haufen Greenhorns eine funktionierende Kampfeinheit zu formen, hatte er den Bewertungen und Lebensläufen seiner Soldaten weitaus mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als man bei seinem üblicherweise rauhen Führungsstil vermuten könnte.
In einem optimalen Platoon gab es eigentlich immer „Spezialisten“: Männer und Frauen, die die Rolle des Scharfschützen, des Spähers, des Sprengstoffmeisters oder Sanitäters übernahmen. Theoretisch sollte natürlich jeder Marine das Präzisionsschießen beherrschen, Erste Hilfe leisten oder eine Sprengladung entschärfen können. Erfahrene Truppführer aber gaben solche Aufgaben lieber ihren „Experten“.
Jean Davis fühlte sich hundemüde. Nach dem „Bootcamp“ auf der Erde hatte sie geglaubt, das Schlimmste hinter sich zu haben und ein vollwertiger Marine zu sein. Aber weder Master Sergeant Schiermer, noch Corporal „Porks“ schienen die „Neuen“ für richtige Soldaten zu halten – und beide schienen es als eine Frage der Ehre anzusehen, sie noch schärfer zu drillen als die Ausbilder. Sergeant Schiermer schien jeden zu verachten, der nicht schon im Kampfeinsatz gestanden hatte und „Porks“ war einfach ein arrogantes Schwein, der sich noch vulgärer ausdrückte, als Schiermer.
Endlose Ausdauer- und Kraftsportübungen wechselten sich anscheinend ohne Pause mit Nahkampftraining und Schießübungen ab. Die freien Stunden konnte man an EINER Hand abzählen – und man brauchte nicht viele Finger. Momentan wollte sie nichts, als duschen, und sich dann einfach in die Koje fallen lassen und schlafen.
Die anderen waren jetzt wohl beim Essen fassen, aber nachdem „Pork“ bei der letzten Nahkampfübung zwei Schläge in Jeans Magen plaziert hatte, war ihr der Appetit vorerst vergangen. Sie hatte Glück gehabt, daß sie sich nicht übergeben hatte. Mühselig schälte sie sich aus ihrer Trainingsmontur – als ohne Vorwarnung die Tür aufging.
Es war Master Sergeant Schiermer. Jean, die reflexartig Haltung angenommen hatte, biß wütend die Zähne zusammen. Halbnackt wie sie war, bot sie sicherlich einen interessanten Anblick, Howard hätte es bestimmt gefallen. Falls der Sergeant ihre Verärgerung bemerkte, ignorierte er sie.
„Mitkommen, Soldat!“
Was blieb ihr anders übrig, als die verschwitzten Übungsklamotten wieder anzuziehen und Schiermer zu folgen?
Der Master Sergeant blickte sich nicht um und sprach sie auch nicht an, während er durchs Schiff marschierte. Es ging zu den Schießständen.
Von Schiermers Platoon war momentan nur ein weiterer Soldat hier. Juan hatte den „Neuen“ nur ein Jahr Dienst voraus, gehörte aber offenbar schon zum Kreis der „Alten“. Der Soldat mexikanischer Abstammung schien völlig darin vertieft, die Zielvorrichtung eines HK-Lasersturmgewehrs zu überprüfen.
Schiermer wandte sich wieder zu Jean Davis um: „Du hast im Training eine besonders gute Trefferquote gehabt.“ Das war keine Frage, also antwortete sie nicht. Schiermer musterte sie ein paar Augenblicke mit ausdruckslosem Gesicht. Dann drehte er sich um und nahm Juan das Gewehr aus der Hand und hielt es Jean hin:
„Schieß eine Serie!“
Jean überprüfte schnell das Gewehr. Eine Standardwaffe, aber mit einer Spezialzielvorrichtung, die einem Scharfschützenzielgerät ähnelte. Allerdings war der Sinn diese Zielvorrichtung genau der entgegengesetzte – damit wirkten nahe Ziele weiter entfernt. Neben VR-Übungen war dies eine weitere übliche Möglichkeit, das Schießen über große Entfernungen zu üben.
Der Schießstand, an dem sie sich aufhielten hatte fünf Ziele – von der Größe eines Kopfes bis zu der einer Faust. Jean blickte kurz durch das Visier. Nach den Anzeigen waren die Ziele 500 Meter „entfernt“. Das machte ihr keine Sorgen. Sie war wirklich gut, das wußte sie. Im Platoon war nur Juan besser – und der Master Sergeant.
Sie visierte das Ziel an – schoß. Vorbei, um mindestens zehn Zentimeter. Sie zuckte förmlich zusammen. Verdammt! Mit zusammengepreßten Lippen visierte sie das nächste Ziel an, zielte sorgfältig. Schoß. Vorbei – sicher einen vollen Fuß. Neben ihr ertönte ein Geräusch, das verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klang. Das mußte Juan sein. Jean knirschte mit den Zähnen. Dieser verdammte Hund hatte leicht lachen! Von Schiermer war nichts zu hören, aber sie war froh, ihm jetzt nicht ins Gesicht sehen zu müssen. ‚Reiß dich zusammen, Mädchen! Mach jetzt nicht schlapp!‘ Der Sergeant hatte befohlen, eine Serie zu schießen – also würde sie das tun! Mit zusammengebissenen Zähnen visierte sie die nächste Scheibe an. Stieß die Luft aus und ließ das Fadenkreuz über dem Zentrum der Scheibe zur Ruhe kommen. Schoß – vorbei!
Jetzt lachte Juan wirklich auf. Und mit vor Scham hochroten Gesicht setzte Jean die Waffe ab und wirbelte zu Master Sergeant Schiermer um. Der sah sie ausdruckslos an – oder war das Verachtung in den kalten Augen?
„Sergeant! Das Gewehr ist manipuliert!“
Und jetzt grinste Schiermer. Es war ein zynisches Grinsen, das die Augen nicht erreichte: „Es wurde Zeit, daß du das merkst. Im Einsatz kannst du es dir nicht leisten, mit dieser Erkenntnis bis nach dem dritten Schuß zu warten. Ein Scharfschütze prüft IMMER das Visier, bevor er schießt. Und wenn du Sniper werden willst – dann mußt du schnell lernen. Also bring das Gewehr jetzt in Ordnung! Und dann schieß die Serie noch mal. Die Zeit läuft!“
Es war nicht einfach, die Zielvorrichtung zu überprüfen und rekalibrieren, während Schiermer daneben stand und die Zeit zu stoppen schien, die sie brauchte. Und ganz bestimmt half Juan nicht, der ihre Bemühungen grinsend beobachtete. Sie fühlte, wie ihre Hände leicht zitterten. Sie riß sich zusammen.
Dann hob sie die Waffe an die Schulter. Visierte das erste Ziel an. Setzte wieder ab, nahm eine letzte Einstellung vor. Legte wieder an. Zielte.
Schuß – Treffer!
Zielwechsel – Schuß – Treffer!
Zielwechsel – Schuß – Treffer!
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.
.
Als sie die Waffe absetzte, war sich Jean sicher, gute Arbeit geleistet zu haben. Allerdings zeigte das ausdruckslose Gesicht Schiermers in keiner Weise, ob er beeindruckt war oder nicht. Auch Juan enthielt sich einer Stellungnahme. Dann nickte Schiermer knapp: „Vielleicht hast du Potential. Aber glaub‘ nicht, daß dir das irgendwelche Freiheiten gibt. Du wirst einfach noch ein paar mehr Stunden am Tag an dir arbeiten müssen – denn ich denke nicht daran, dich aus dem normalen Programm zu nehmen. Wenn du damit nicht klar kommst, taugst du sowieso nicht. Juan ist der zweite Sniper im Team. Und er ist angelernt. Also werdet ihr zusammenarbeiten. Er kennt die Kniffe schon – also pass‘ gefälligst aus, oder du endest in einem Leichensack. Das war es schon – weggetreten!“ Eine scharfe Handbewegung schickte sie weg.
Als Jean den Raum verlassen hatte, wandte sich Schiermer zu Juan: „Wie schätzt du sie ein?“
Der junge Mexikaner grinste: „Von der Bettkante würde ich sie nicht schubsen... Ach so, du meinst beim SCHIESSEN... Nun, sie hat Potential. Man kann was aus ihr machen. Und ich nehme an, du willst einen zweiten Sniper, für den Fall, daß ich mich beim Sprengen mal selber in die Luft jage?“
Der Sergeant zuckte mit den Schulter: „Ich will kein Talent verschwenden. Also lern‘ sie an.“
„Zu Befehl!“ Juan salutierte so zackig, daß es schon lächerlich wirkte.
„Aber das meine ich auch. Du sollst sie zum Sniper machen, nicht versuchen sie ‘rumzukriegen. Also bleib‘ sauber!“
„Na hör‘ mal, Sarge! Ich habe dich gehört. Außerdem vergreif‘ ich mich doch nicht an `nem Frischling!“
„Na wie schön!“
„...außer Sie will es!“
Schiermer lachte kurz, fast bellend: „Schieb schon ab! Euch Latinos sollte man kastrieren!“
„Wir haben einen Ruf zu verteidigen. Aber mach dir mal keine Sorgen...“
Ironheart
24.03.2004, 15:25
Ursprünglich von Cattaneo
Lilja schloß die Tür, wobei sie ein frustriertes Knurren unterdrückte. Es war nie klug, in Anwesenheit eines Offiziers zu viele Gefühle zu zeigen, vor allem, wenn diese zum Ausdruck brachten, daß man mit ihm nicht übereinstimmte. Aber manchmal mußte auch sie sich Mühe geben, um ihre Verärgerung nicht deutlich werden zu lassen. Selbst wenn sie den fraglichen Offizier, wie in diesem Fall Darkness, respektiert.
Aber Hochachtung hin oder her, diesmal war sie keineswegs zufrieden. Dabei ging es nicht mal um sie selber. Sie war bei Darkness vorstellig geworden, um noch einmal ein gutes Wort für einen ihrer Staffelkameraden einzulegen. Als XO fühlte sie sich für die ganze Truppe verantwortlich, außerdem ging es schließlich um ihre „bessere Hälfte“ – wie man den Flightkameraden oft nannte.
Sie hatte recht schnell von dem fatalen Fehler bei der Unterbringung ihres Kameraden erfahren. Nicht, daß Tyr sich bei ihr beschwert hätte. Das wäre ihm wohl angesichts des Altersunterschiedes zu lächerlich vorgekommen. Zudem war der hünenhafte Schwede wirklich nicht der Mann, der gleich zu einem Vorgesetzten oder Einheitskameraden rannte, um sich bei ihm auszuheulen, wenn ihm was nicht paßte. Nun, mit el Cid hatte er sich vermutlich darüber unterhalten, aber mit dem war er auch befreundet – und unter Freunden wurde beim Militär immer gemeckert.
Sie hatte jedenfalls früh genug davon Wind bekommen, daß irgendein Schreibstubenhengst den verdammten „Stravniki“ mit ihrem Flightkameraden in ein Zimmer zusammengelegt hatte. Tyr hatte seine Wut nicht verbergen können, als sie ihn auf das Problem angesprochen hatte. Zudem hatte ihr scharfes Auge und ihre eigene Erfahrung auf dem Gebiet dafür gesorgt, daß sie so eine Vermutung hatte, wie die erste Begegnung der neuen Nachbarn in etwa ausgefallen war. Sie konnte sich unschwer vorstellen, wie sie selber reagiert hätte, wenn sie ihr Quartier mit einer ehemaligen Strafgefangenen von dem Kaliber hätte teilen müssen. Also hatte sie sich aufgemacht, um eine Verlegung durchzusetzen.
Sie hatte sich ihre Argumente durchaus überlegt. Hatte angebracht, es sei besser, Noname mit einem Kameraden aus seiner eigenen Staffel zusammenzulegen. Schließlich würde er mit denen zusammen kämpfen, und mußte sich auf sie ebenso verlassen können wie sie auf ihn. Auch hatte sie angeführt, daß es vielleicht besser wäre, nicht Piloten so verschiedener Dienstgrade in einem Quartier unterzubringen. Dazu kam die Erinnerung, daß Tyr Erfahrung im Kampf mit Piraten hatte, und deshalb vielleicht nicht der geeignete war, mit jemanden untergebracht zu sein, der nur aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der Freibeuterei freigesprochen worden war. Und sie hatte auf die psychologischen Profile der Piloten hingewiesen und angebracht, daß es für die Zusammenarbeit in ihrer Staffel besser sei, wenn Tyr mit einem Einheitskameraden untergebracht wurde. Und so weiter und so fort...
Darkness hatte ihr nur mit wachsender Ungeduld gelauscht. Offenbar hatte er zum Gutteil durchschaut, daß die ganzen guten Gründe nur dem Zweck dienten, zu kaschieren, daß es eigentlich vor allem um eines ging: Noname war im Geschwader Persona non grata, und keiner wollte ihm am Hals haben.
Jedenfalls hatte er ihr unmißverständlich klar gemacht, daß es eine Umverteilung nicht geben würde. Sonst würde der nächste auch so ankommen, und dann wieder einer, und so fort. Schließlich sei man an Bord eines Kriegsschiffes.
An der Stelle hätte die frustrierte Lilja ihm am liebsten erklärt, daß ihrer Meinung nach Noname sowieso hier kaum etwas zu suchen hatte, gerade weil sie an Bord eines Kriegsschiffs waren. Und wenn, dann würde ein Quartier bei den untersten Diensträngen auch reichen. Aber sie hatte sich das lieber verkniffen. Unverrichteter Dinge hatte sie nur salutieren können und war abmarschiert. Nach außen gehorsam und einsichtig, nach innen ziemlich wütend. Sie verachtete Noname, und noch mehr verabscheute sie die Scherereien, die mit ihm zusammenhingen. In der Hinsicht versuchte sie nicht einmal, den Piloten neutral zu betrachten. Ihrer Meinung nach gehörten solche Leute in ein Strafbataillon, und sollten nicht mit Samthandschuhen angefaßt werden. Gleichberechtigung mit richtigen Piloten? Wozu sollte das denn gut sein? Die hatten sich ja nichts zu schulden kommen lassen. Aber es liefen eben selten nach Wunsch, mocht der auch noch so vernünftig sein.
Tyr erwartete sie ein Stück vom Büro des Commanders entfernt. Offenbar sagte ihr Gesichtsausdruck ungeachtet aller Bemühungen, eine neutrale Miene zu wahren, genug. Der Schwede verzog sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen: „Danke jedenfalls, daß du es versucht hast.“
Lilja murmelte etwas Undeutliches – vermutlich war es kein Segenswunsch: „Nur, weil ich verdammt noch mal nachvollziehen kann, warum dir die Sache stinkt. Du hättest das ganze aber auch anders angehen sollen, von Anfang an.“ Tyr zuckte nur mit den Schultern.
„Vielleicht. Aber andererseits – ich denke, die Visage von Noname schreit immer nach einem Schlag, egal wo sie auftaucht.“ Er kicherte: „Wie hättest du denn reagiert.“
Lilja lief ein wenig rot an und warf ihrem Kameraden einen wütenden Blick zu. In manchen Dingen war sie recht heikel, geradezu prüde. Dann lachte sie grimmig: „Nun, ich hätte vermutlich gleich das Messer genommen.“
Seite an Seite marschierten sie durch die Gänge des Kriegsschiffes.
„Was hat der Alte eigentlich gesagt?“ erkundigte sich der Schwede. Mit „Alter“ wurden alle höheren Offiziere bezeichnet, vom Staffelchef an aufwärts. Nur der unmittelbare Kontext ergab, wer eigentlich gemeint war. Das tatsächliche Alter spielte dabei natürlich nie eine Rolle.
„Nur das übliche. Alle an einem Strang ziehen, blablabla, sind im Krieg und so weiter. Du kennst das ja. Es mag ja stimmen, aber das heißt nicht, daß man mit einer Ratte auf zwei Beinen das Zimmer teilen muß.“ Sie lachte erneut: „Wiewohl du nicht der erste bist, der so ein Glück hatte, oder zumindest so ähnlich.“
Ihre Abneigung gegen Noname speiste sich zusätzlich noch aus dem Umstand, daß es Gerüchte gab, er und der Geschwaderchef hätten noch offene Rechnungen. Und Lilja würde nie vergessen, daß Lone Wolf sie befördert und dekoriert hatte. Nicht, daß es dieses weiteren Grundes bedurft hätte. Die Haftstrafe, die Noname garantiert verdient hatte, und die Verbrechen, die man ihm nicht hatte nachweisen können, reichten zusammengenommen um ein ganzes Dutzend Leute zu verachten, nicht bloß einen.
„Tja, wenn man sich bloß sicher sein könnte, auf welcher Seite die einzelnen in diesem Krieg stehen...“ bemerkte Tyr säuerlich. Er wußte nicht, was schlimmer war. Mit so einem potentiellen Rohrkrepierer, wie Noname in seinen Augen nun mal einer war, zu wohnen, oder mit ihm zu fliegen. Den Asen und Vanen sei Dank, daß er nicht gleich beides mußte!
Während Lilja schwermütig nickte, überlegte sie sich, was sie zum Trost anbringen konnte. Ihr fiel nicht so Recht etwas ein, außer Zynismus. Es ging hier ja nicht darum, nur mal ein paar Tage und Nächte mit jemanden das Zimmer teilen zu müssen, den man nicht leiden konnte. Es ging hier um Wochen, vielleicht Monate. Die eigene Kabine war das Allerheiligste der Piloten, einer der Orte, wo er am ehesten so etwas wie das Gefühl hatte, zu Hause zu sein. Sicher, man konnte sich auch sonst an Bord gut erholen, aber die eigenen – geteilten – vier Wände waren doch etwas besonderes. Und dann SO ein Glück haben – das war wie die permanent tropfende Leitung oder der Abwassergestank, den auf der guten alten Redemption ein paar Unglückliche hatten aushalten müssen. Eine scheußlich Vorstellung. Aber schließlich kam ihr doch ein Gedanke. Nun, das war zumindest eine Möglichkeit, und eigentlich nicht mal verboten. Vielleicht nicht ganz kameradschaftlich, aber ein echtes Mitglied der Bordgemeinschaft war Noname ja aus eigenem Wunsch nicht. Also warum nicht.
Die Russin lächelte leicht: „Nun, das kann ich dir natürlich nicht sagen, ob man auf den zählen kann. Das werden die Roten wohl selber rausfinden müssen. Sollte er Mist bauen – ich hoffe dann schießen sie ihn aus dem All. Vielleicht meint er es ja ernst, obwohl ich bisher nicht viele Anzeichen davon sehe. Aber ich denke, du solltest aus der Lage das Beste machen.“ Sie unterbrach Tyr Protest, von wegen, daß man aus etwas Schlechtem kaum das Beste machen könne, indem sie gnadenlos hinzufügte: „Und hör auf zu maulen, Rus. Das bringt auch nichts.“ Tyr starrte sie gespielt empört an, dann zuckte er mit den Schultern: „Na, dann laß mal hören...“
„Also, ich denke mir das so...“
Ironheart
24.03.2004, 15:25
Ursprünglich von Cattaneo
Als Noname sein Zimmer betrat – Cunningham hielt seine Leute wirklich an der kurzen Leine, und manchmal kamen sie den halben Tag nicht aus den Pilotenanzügen – erwartete ihn eine Überraschung. Die letzten Tage waren ja schon unangenehm genug gewesen. Sein Zimmerkamerad hatte es nach dem ersten denkwürdigen Zusammenstoß für unter seiner Würde erachtet, ein Wort an den Ensign zu richten. Nun, das war immer noch besser als eine Prügelei, denn Noname konnte sich ausrechnen, daß sein Gegner-in-spe sich nicht noch einmal würde überraschen lassen. Was Gewicht, Kraft und Reichweite anging, war Tyr einfach überlegen.
Aber der Schwede hatte sich damit begnügt, eine ,Wenn du mich anmachst, mach ich dich kalt‘ Miene aufzusetzen. Und zu schweigen. Wenn sich ein Wortwechsel wirklich nicht vermeiden ließ, hatte er Noname immer mit seinem Rang angeredet. Eine nicht eben subtile Art, dem Strafpiloten die ihm in Tyrs Augen zustehende Stellung klarzumachen. Tyrs Vorstellungen von Freizeit bestanden zum Gutteil aus dem gründlichen Studium irgendwelcher Fliegerzeitschriften. Oder er hockte vor dem Modell eines Akarii-Kampffliegers, an dem er mit Hingebung arbeitete. Er hatte Noname nur einmal gewarnt, er solle seine Finger davon lassen – doch dies mit sehr deutlichen Worten. Nicht, daß der ehemalige Sträfling sich von so was beeindrucken ließ, aber er hatte im Gefängnis auch gelernt, keinen unnötigen Kampf anzufangen. Besonders, wenn der Ausgang ungewiß war.
Die Gegenwart eines zweiten First Lieutenant war jedoch eine Überraschung. Das markante Gesicht verriet ihm, daß es sich um Tyrs Flightkameradin und XO der Grünen Staffel handelte. Das war eigentlich schon verwunderlich genug, denn es gab keinen Grund für sie, hier zu sein. Aber das war nicht alles. Mit der größten Selbstverständlichkeit revidierte sie seine Zimmerhälfte und Spind – wie ein ordentlicher Sergeant in der Grundausbildung.
Offenbar hatte sie Noname eintreten hören, denn bevor er seinen Mund zu einer wütenden Frage öffnen konnte – was fiel der eigentlich ein, hier herumzuschnüffeln? – wirbelte sie zu ihm herum. Ihre Stimme klang alles andere als damenhaft: „Stillgestanden, Ensign!“ Noname war immer noch so verdattert, daß er Folge leistete. Sonst wäre ihm das nie passiert, aber diesmal hatte man ihm auf dem falschen Bein erwischt.
Er registrierte, daß Tyr das ganze mit nichtssagendem Gesichtsausdruck beobachtete. Auch er war in Habachtstellung – was an ihm recht eindrucksvoll aussah.
Lilja fixierte Noname von Kopf bis Fuß. Sie verschränkte die Arme auf dem Rücken, als sie sich vor ihm aufbaute. Das ohnehin strenge Gesicht wirkte noch härter als sonst: „Rühren, Ensign.“
Jetzt wollte Noname endlich fragen, was das Ganze sollte, aber sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen: „Ich habe mir alles hier mal angeschaut. Ich finde es keineswegs zufriedenstellend, Ensign. Die Ordnung Ihrer Sachen läßt zu wünschen übrig. Ihr persönliches Auftreten ist ebenfalls mangelhaft.“
Noname verstand überhaupt nichts mehr. Was sollte das? Als hätte sie sein Unverständnis registriert, kam sofort die Erklärung: „Sie sind zur Bewährung hier, habe ich Recht, Ensign? Nun, ich akzeptiere dies. Es ist mir bewußt, daß dies einigen Soldaten nicht leichtfällt, aber ich denke, Sie haben wie jeder das Recht auf eine zweite Chance.“ Sie musterte ihn erneut kalt: „Aber ich habe nicht den Eindruck, daß Sie versuchen, diese zu nutzen. Falls es Ihnen entgangen seien sollte, es gehört mehr dazu, ein ordentlicher Soldat zu sein, als Feindjäger abzuschießen. Als Soldat unterliegen Sie der Dienstvorschrift, und als Bewährungskandidat erwartet man von Ihnen MUSTERGÜLTIGE Führung. Ich kann nicht erkennen, daß Sie sich darum bemühen. Ich erwarte, daß Sie das ändern.“
Noname hätte am liebsten eine Aufzählung der Schikanen heruntergebetet, denen er von seinem ersten Tag bei den Angry Angels ausgesetzt gewesen war. Aber zum einem war ihm klar, daß dies der XO der Grünen Staffel bekannt oder egal war, zum anderen hätte das einige Zeit in Anspruch genommen. So starrte er vorerst nur wütend zurück.
„Ihre Konflikte mit First Lieutenant Haugland – oder anderen Mitgliedern des Geschwaders – sind mir gleichgültig. Ich habe dem First Lieutenant nahegelegt, sich Ihnen gegenüber korrekt zu verhalten. Ich erwarte aber auch von Ihnen vorbildliches Verhalten.“ Lilja lächelte. Es war kein sehr schönes Lächeln.
„Das bedeutet, Sie werden von nun an Ihren Teil der Kabine in mustergültiger Ordnung halten. Ich verlange nicht, daß Sie Tyr hinterher räumen, aber bei Ihnen erwarte ich Verhalten entsprechend der Grunddienstvorschrift. Kleidung, die Unterbringung Ihrer Sachen, Sauberkeit – all das erwarte ich von Ihnen. Sie werden sich weiterhin gegenüber den höheren Chargen – was dank Ihres Lebenswandels mehr als die Hälfte der Besatzung seien dürfte – entsprechend benehmen. Ordentliche Ehrenbezeigung, Anrede mit Rang – ist das klar? Schließlich erwarte ich auch, daß Sie sich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten um den Optimalzustand ihres Jägers bemühen. Wenigstens das scheinen Sie ja zu beachten.“
Erst jetzt ließ sie Noname Zeit für eine Erwiderung. Die bekam sie auch prompt: „Was soll dieser Schwachsinn? Denkst du, ich sei ein dreckiger Rekrut? Ich habe mehr verdammte Erfahrung als du, Mädchen!“ Das Gesicht der Russin glühte vor Zorn: „Das will ich für Sie nicht hoffen, ENSIGN! Oder sollte ich Sie lieber ,Black Buccaneer‘ nenne? Sie wissen einen Dreck über Kampferfahrung, verglichen mit mir. Überdies zeigen Sie gerade deutlich, wie wenig Ihnen offenbar daran liegt, sich zu rehabilitieren! Oder denken Sie, wir sind hier im Knast und ich bin einer Ihrer Zellengenossen?“
Ihre Stimme wurde wieder eiskalt: „Als Offizierin habe ich eine Verantwortung gegenüber den niederen Dienstgraden – auch wenn ich Ihnen nicht direkt vorgesetzt bin. Sie werden sich benehmen und zeigen, daß Sie sich eine zweite Chance verdient haben, verdienen wollen! Oder, daß schwöre ich Ihnen, ich sorge dafür, daß Sie nie mehr einen anderen Rang als Ensign bekommen, und Ihre Zeit im Arrest verbringen! Oder gleich wieder dahin kommen, wohin Sie in diesem Fall gehören.“
Sie meinte es offenbar ernst. Natürlich lag es nicht in ihrer Macht, ihn zurückzuschicken. Aber als Offizierin konnte sie natürlich auf dem Dienstweg Druck ausüben. Ihn im denkbar schlechtesten Licht schildern – Tyr würde ihr sicher dabei helfen – und mit ihrem Gewicht die Wage zu seinen Ungunsten beeinflussen. Und sie wog vielleicht nicht viel in einem Geschwader, als XO und First Lieutenant. Doch im Vergleich zu ihm...
„Sie brauchen nicht sofort zu antworten. Aber binnen 24 Stunden erwarte ich eine Entscheidung. Sie können Tyr verständigen. Sollte er mir nichts sagen – oder es wieder eine Schlägerei geben – weiß ich, wie ich das zu verstehen habe. Und ich werde handeln.“ Sie lächelte erneut grimmig: „Aus den zehn Akarii-Schiffen, die ich auf der Flanke meines Jäger habe, ist keiner ausgestiegen. Also unterschätzen Sie mich nicht als Gegner. Ich habe Tyr klargemacht, daß ich von seiner Seite keine Prügelei wünsche – aber wenn Sie unbedingt Streit wollen...“
Damit drehte sie sich um und ging. Tyr grinste Noname an: „Wie es ausschaut, will Sie einen echten Mustersoldaten aus dir machen. Nun, das liegt bei dir. Für ein Mädchen, daß meine Tochter sein kann, bläst sie sich ziemlich auf, aber ich denke, man sollte sie ernst nehmen.“ Er lachte polternd: „Mir egal, wie du dich entscheidest.“ Womit er wohl meinte, würde Noname sich fügen, dann hätte Tyr sicher etwas zu lachen. Und stellte der ehemalige Sträfling sich quer, dann wäre er ihn vielleicht bald los…
Noname fühlte sich jedenfalls ziemlich ‚überfahren‘. Was sollte er tun? Konnte diese Schnepfe das ernst meinen?
Als er es sich ein paar Mal durch den Kopf hatte gehen lassen, entschloss er sich Sie vollkommen ernst zu nehmen... und komplett zu ignorieren! Wenn Sie glaubte, er würde aus Angst vor Ihr kuschen, hatte Sie sich
geschnitten. Er machte sich zwar instinktiv Sorgen, was sie wohl auf den Plan rufen würde, um ihn zu kriegen. Und er würde so vorsichtig und aufmerksam sein, wie es nur ging. Aber er würde sich nicht wie ein dummer Rekrut herumschubsen lassen.
Nicht von Tyr, nicht von Lilja und auch von sonst niemandem hier an Bord. Das verbot ihm alleine schon sein Stolz. Er wußte, dass es an Bord mehr als einen Soldaten gab, der ihn am liebsten durch eine offene Schleuse bugsieren würde. Aber Angst hatte er davor nicht wirklich. Denn erstens würden Sie ihn kriegen, wenn Sie es wirklich darauf anlegen würden, da machte er sich nichts vor. Also warum sich darum unnötig Sorgen
machen. Und zweitens, wenn es etwas gab, das er in all den Jahren hatte auf die harte Tour lernen müssen, dann war es zu überleben.
Ironheart
24.03.2004, 15:26
Ursprünglich von Ace Kaiser
Ich bin Ono sam Gokke sam Haki sam Zoryu sam Pash. Oder um es in der Sprache der Menschen auszudrücken: Gefangener 13409.
Die Akarii verwenden ein einfaches Zehnerzahlensystem für ihre Mathematik. Es besteht aus zehn Zahlen. Von eins bis neun sind das Ono, Tesu, Gokke, Haki, Lokki, Mikko, Bure, Core und Pash. Die Null heißt Zoryu.
Will man eine Zahl größer als neun erstellen, also eine Zehn, wird die eins genommen, Ono, und die Null, Zoryu. Das Kürzel sam bezeichnet die schlichte Tatsache, dass die nachfolgende Zahl eine Zehnerpotenz niedriger liegt. Zehn wäre demnach Ono sam Zoryu.
Fünfzehn wäre dann Ono sam Lokki.
Es ist eines der ersten Dinge, die man lernt, wenn man hier landet. Camp Hellmoutain. Das größte Kriegsgefangenenlager, welches die Akarii für Soldaten der Erdrepublik auf ihrem Territorium eingerichtet haben.
Wir haben hier keine Namen, nur unsere Nummern. Unsere Vergangenheit ist nebensächlich. Nur die Gegenwart zählt.
Auch wenn wir Soldaten sind, so sind wir doch Verlierer. Es ist nicht so, als würden die Akarii ernsthaft erwägen, einen Menschen zu essen. Aber Verlierer nehmen in ihrer Kultur einen niedrigen Stellenwert ein.
Sie begegnen einem terranischen Kriegsgefangenen nicht mit Verachtung. Aber er erhält nicht mehr Respekt als ein beliebiger Akarii-Rekrut. Und er muss für seine Nahrung arbeiten. Für Medizin. Für die wenige Unterhaltung und einige Luxusartikel, welche die Akarii manchmal verteilen, wenn sie wieder einen Erdfrachter aufgebracht haben.
Die Arbeit findet hier statt. Hier in Camp Hellmountain. Den richtigen Akarii-Namen kennen wir nicht. Denn obwohl eine Flucht sinnlos ist, so sollen wir Menschen doch nicht den Hauch einer Ahnung haben, wo wir im Akarii-Reich interniert sind.
Warum die Flucht unmöglich ist? Wir Menschen arbeiten im Innern eines gigantischen Berges und bauen Mineralien und Erze ab. Dies ist die einzige Möglichkeit, diese Rohstoffe relativ kostengünstig zu gewinnen. Denn der Rest des Planeten ist eine Gifthölle. Nur innerhalb dieses Berges, dessen Spitze über den Giftsud und damit in atembare Luft hinaus ragt, können Menschen und Akarii ohne Schutz atmen.
Ich bin Ono sam Gokke sam Haki sam Zoryu sam Pash. Für mich ist der Krieg vorbei. Ich bin Kriegsgefangener der Akarii. Und ich arbeite jeden Tag hart, um unser Soll erbringen zu können. Nicht für die Grundversorgung. Nein, die kleinen Luxusartikel sind es.
Es gibt kein Buch, das nicht durch tausend Hände wandert, bevor es zerlesen ist.
Es gibt keine Zigarette, die nicht von zwei oder mehr geraucht wird. Wer ein Kaugummi ergattert, teilt es mit Kameraden. Und kaut oft tagelang darauf herum.
Eigentlich ein unerträgliches Leben. Aber in all unserer Not entsteht doch eine tiefe, brüderliche Gemeinschaft.
Uns alle beschäftigt eine tiefschürfende Frage: Wann ist der Krieg endlich vorbei?
**
Langsam und müde lege ich meinen Overall wieder an. Die Untersuchungen sind schmerzhaft, aber sie müssen sein.
Mein Arzt besteht darauf, um meinen Zustand permanent im Auge zu haben. Die Akarii erlauben es, denn in ihren Augen wäre es eine Schande, einen Krieger durch Nachlässigkeit sterben zu lassen.
Deshalb haben auch in Kriegsgefangenschaft geratene Ärzte und Pfleger unser kleines Hospital übernommen und versorgen Neuankömmlinge, chronisch Kranke und Verletzte.
„Na, das sieht doch gar nicht mal so schlecht aus“, freut sich mein Arzt. First Lieutenant Roland Pfeuffer war auf dem gleichen Search&Rescue-Shuttle wie ich gewesen, als die Akarii uns aufgebracht hatten.
Er hat hier einen relativ angesehenen und ruhigen Job. Zum Steine Klopfen muss er nicht. Ich bin sein Lieblingsprojekt, wie er immer gerne betont. Die Aufgabe, die ihn bei Sinnen und am Leben hält.
Doktor Pfeuffer sah von seinem Bericht auf. „Die Chemotherapie schlägt an, Lieutenant Doe. Ab sofort dürfen Sie mich ein Genie nennen. Das was ich aus den terranischen und den Akarii-Medikamenten zusammen gemixt habe, bekämpft tatsächlich Ihren multiplen Krebs.
Wir erkennen lediglich noch sechs Tochtergeschwüre. Das Hauptgeschwür im Schädel hat bereits ein Drittel seiner Größe verloren. Gratuliere, damit sind Sie über den Berg. Und wegen der Nebenwirkungen machen Sie sich mal keine Sorgen. Das wächst wieder.“
Ich grinse schief. „Was meinen Sie, Doc? Die Haare, die ich wegen der Therapie verloren habe, oder meinen rechten Arm?“
Pfeuffer starrte mich einen Moment an. Dann seufzte er tief und mit Inbrunst. „Hören Sie, Lieutenant. Es tut mir leid, dass ich hier keine Vorrichtungen für Mikrooperation habe. Es tut mir leid, dass ich keine Resonanzer für Ihren Krebs zur Verfügung habe. Es tut mir leid, dass ich Ihren durch die Strahlung komplett zerstörten rechten Arm abnehmen musste.
Es tut mir leid, dass Ihnen die Haare ausgefallen sind. Und es tut mir leid, dass wir vierzehntausend Soldaten hier in Camp Hellmountain gefangen gehalten werden.“
Ich grinse schief, obwohl mir nicht danach ist. Der Doc hat wieder mal mit seiner trampeligen Art meine tiefen Wunden aufgerissen. „Ach, schon in Ordnung. Sobald wir hier raus kommen, können Sie mir auf einer terranischen Krankenstation einen neuen Arm züchten.“
Pfeuffer sieht mich einen Moment unschlüssig an. Dann lächelt er und nickt. „Sobald wir hier raus sind, saufen wir uns erst die Hucke voll. Und dann mache ich Ihnen den besten Arm, der jemals von einem Arzt regeneriert wurde. Das ist ein Versprechen.“
„Das will ich doch hoffen. Denn Sie bezahlen.“
Der Doc lacht und ich falle ein. Es ist aber eine Lüge. Wir wissen es beide. Dennoch wollen wir auf sie herein fallen. Sie genießen. Glauben, dass sie wahr ist. Rauskommen. Raus hier aus dem Berg. Zurück in die Heimat.
„Nachdem der Tumor sich weiter abbaut, wird Ihr Langzeitgedächtnis hoffentlich bald zurückkehren, Lieutenant Doe. Ich freue mich darauf.“ In einer freundschaftlichen Geste streicht er mir über meinen glatten Schädel. Himmel, ich habe den Ansatz von Segelohren. Ohne Haare sehe ich einfach unmöglich aus.
„Das hoffe ich auch, Doc. Aber es ist ja noch Zeit dafür.“
Zeit dafür. Was für ein dämlicher Begriff dafür, dass niemand hier wirklich an Rettung glaubt.
„Ach, Lieutenant, ich habe eine Eingabe an den Lagerkommandanten Kligh gemacht und ihn gebeten, Sie vom Dienst beim Abbau frei zu stellen. Es ist nicht förderlich für Ihre Genesung, wenn Sie jeden Tag acht Stunden die Hacke schwingen.“
Ich erhebe mich und wehre mit dem linken Arm ab. „Nein, Doc, das ist eine dumme Idee. Ich brauche die körperliche Arbeit. Ich brauche dieses Gefühl, am Leben zu sein. Ich weiß, ich bringe nicht die gleiche Leistung wie die anderen, nicht einmal annähernd. Aber wenn ich nicht mehr in schwitzen gerate, was bin ich dann noch?“
Indigniert sieht der Arzt mich an. „Sie könnten es wesentlich einfacher haben, Lieutenant. Wenn Sie hier im Lazarett arbeiten oder vollständig in die Nahrungsverteilung wechseln.“
Wieder winke ich ab. „Nein, danke. Ich muss meinen Körper beschäftigen. Er ist schwach. Ich will ihn nicht noch schwächer werden lassen.“
Ich sehe auf die Uhr und schließe meinen Overall. „Außerdem wird es Zeit. Ich muss Essen ausgeben.“
„Gut“, sagt Pfeuffer und nickt. „Aber Sie kommen Morgen für die nächste Injektion zur gleichen Zeit.“
„Bis dann“, sage ich und verlasse das Lazarett.
Ironheart
24.03.2004, 15:27
Ursprünglich von Ace Kaiser
Draußen sacke ich in mich zusammen. Es ist schwer, Hoffnung vorzuspielen. Verdammt schwer. Aber wenn wir unsere Kameraden nicht belügen, wer macht es dann für uns?
Langsam schlurfe ich zu meinem Arbeitsplatz. Wenn ich nicht die Hacke schwinge, dann schiebe ich einen Küchenwagen und bringe Frühstück, Mittag- und Abendessen in die Isolierzellen.
Das ist eine Arbeit, für die die Akarii trotz allem keinen ihrer Leute abstellen. Es ist zeitsparender, dies von einem Menschen erledigen zu lassen. Zudem kann sowieso niemand von hier fliehen.
Also schiebe ich meinen Wagen mit den Essensrationen vor mir her zum Fahrstuhl, der mich tiefer in den Berg bringt. Hinunter in den Isolationstrakt.
Auf der untersten Ebene angekommen empfängt mich bereits Sushan. In meiner Schicht hat er meistens hier unten Wache. „Oi, Artan“, begrüßt er mich, „bringst du wieder das Essen. Pünktlich wie ein Uhrwerk.“
Ich lächele schief und entblöße meine Zähne. Akarii verstehen darunter ein feines Lächeln. „Die Pflicht kommt zuerst.“
„Oi, die Pflicht kommt zuerst. Aber trödele nicht wieder so lange herum“, ermahnt er mich.
Ich nicke, füge aber hinzu: „Ein Soldat braucht mehr als feste Nahrung.“
„Oi“, bestätigt er und lässt mich in den Isolationstrakt.
Die einzelnen Zellen sind vollkommen autark. Sie haben ein Waschbecken, eine Toilette und eine nicht zu weiche Pritsche. Es ist recht hell, und das Licht wird nur für sechs Stunden gelöscht. Sie messen drei mal zwei Meter. Die Gefangenen aus dem Isolationstrakt verlassen sie nur für Verhöre oder dringende Arztbesuche. Ihr sonstiger einziger Kontakt zu anderen Menschen ist die kleine Klappe, durch die ich mit ihnen spreche und die Nahrungsteller reiche.
Ich bin ihre Zeitung. Ihr Briefkasten. Ihr winziges Fenster aus einer trostlosen Hölle in eine etwas weniger trostlose Hölle.
Ich bin alles, was sie haben. Und manchmal nicht einmal das, zum neulich verlegten Gefangenen hatte nicht einmal ich Zugang gehabt. Rowland. Hm, war vielleicht ein NIC-Mann, den die Akarii hatten weich kochen wollen.
Ich reiche die Nahrung hinein. Spreche mit ihnen. Scherze. Schüre Hoffnung. Und bei einigen bleibe ich etwas länger als ich sollte. Diese Zeit werde ich später bei der schweren körperlichen Arbeit nachholen müssen. Irgendwann wird es mich umbringen. Aber es ist meine Pflicht.
Eine meiner Gefangenen hier unten ist Admiral Alexander, die ehemalige Oberbefehlshaberin des Manticor-Systems.
Mit ihr rede ich besonders lange. Sie hat nicht nur ihr Kommando verloren, ihr System. Es gab Gerüchte, nachdem auch ihr Sohn in Gefangenschaft getötet worden war.
„Sie müssen mehr essen“, ermahne ich die Admiralin durch die Essensklappe. „Sie müssen bei Kräften bleiben. Wenn schon nicht für uns oder für die Einheiten, die uns retten werden, dann wenigstens für uns andere. Ma´am, wissen Sie, was das für einen Eindruck macht, wenn ich da wieder hochsteige und erzählen muss, dass Admiral Alexander verhungert ist?“
„Seien Sie nicht so streng mit mir, Lieutenant“, antwortet sie mir und beginnt tatsächlich, das Tablett zu leeren. „Wie sieht es eigentlich aus? Was macht Ihre Verstrahlung? Hat Doktor Wunder die Sache im Griff?“
Ihr Ton klingt beiläufig. Aber ich weiß, dass sie sich nach Neuigkeiten sehnt. Positiven Nachrichten. Hoffnung.
Ich lächele und streiche mir gut sichtbar über meine Glatze. „Der Tumor im Kopf geht zurück. Mit etwas Glück wird damit auch mein Langzeitgedächtnis wieder kehren.“
„Das wünsche ich Ihnen“, sagt sie zwischen zwei Bissen. „Sie sind ein erstaunlicher Mann, Lieutenant. Sie haben multiplen Krebs und Ihren rechten Arm verloren, und dennoch finden Sie die Kraft, um mich aufzuheitern. Wie schaffen Sie das nur?“
Ich zucke die Achseln. „Weiß nicht. Vielleicht bin ich ja Psychologe oder so.“
Wehmütig starrt sie einen Moment in die Ferne. „Vielleicht sind Sie ja auch Pilot. Mein Sohn war Pilot, habe ich das schon erzählt? Die verdammten Akarii kamen ausgerechnet an seinem Hochzeitstag.“
Ich mag es nicht, wenn sie von ihrem Sohn erzählt. Dann sieht sie immer so melancholisch auf die kleine Truhe in ihrer Zelle, die ihr angeblich Prinz Jor geschenkt hat. Und sie sackt mir weg. Jedesmal befürchte ich danach, sie würde sich umbringen wollen.
„Admiral, unter uns beiden, ich habe Neuigkeiten“, flüstere ich im verschwörerischen Tonfall.
Interessiert sieht sie zu mir herüber.
„Wir haben einen Neuzugang auf der Isolation. Commander Chrisholm, T.R.S. WOLFSBURG.
Er wurde erst vor zwei Wochen aus Raumnot gerettet. Er meinte vorhin zu mir, der Krieg gegen die Akarii würde von Tag zu Tag besser verlaufen. Und halten Sie sich fest, er hat über den Grabenfunk was läuten gehört, dass die Navy uns hier raus holen will.“
Ihre Augen beginnen zu leuchten. Für einen Augenblick ist ein jugendliches Feuer in ihnen, dass mich beinahe ebenfalls erfasst. „Wirklich?“
Ich mache ein ernstes Gesicht. „Würde ein Offizier der Navy lügen?“
Admiral Alexander lacht auf. „Dazu könnte ich Ihnen was erzählen, Lieutenant. Also kommen sie uns holen. Wann?“
Ich lächele. „Eine Woche, höchstens zwei.
So, ich muss weiter. Essen Sie in Ruhe auf, Admiral. Und ich will keine Reste sehen.“
„Aye, Lieutenant“, erwidert sie spöttisch.
Ich lasse die Klappe in der Tür zufallen und unterdrücke die Tränen. Ich habe sie angelogen. Natürlich habe ich sie angelogen. Und natürlich weiß sie es. Aber wir brauchen das von Zeit zu Zeit. Ein vages Licht der Hoffnung, dass jetzt zwei Wochen lang in ihr brennen wird.
Vielleicht drei, wenn sie bereit ist, auf meine Lügen herein zu fallen, dass sich die Schlacht nur verspätet.
Ich bin Ono sam Gokke sam Haki sam Zoryu sam Pash, Nummer 13409. Ich arbeite hier im Camp Hellmountain. Es gibt hier keine Hoffnung. Jeder weiß das. Aber niemand wird es jemals aussprechen. Warum ich nicht aufgebe? Wer bin ich schon? Weiß ich, ob ich früher schon dazu geneigt habe, aufzugeben? Nein. Also lasse ich es. Solange ich die Hacke schwingen kann und diesen Wagen schiebe, lebe ich auch. Solange ich etwas sinnvolles tun kann, lebe ich auch. Leben ist das einzige, was uns hier bleibt.
Ironheart
24.03.2004, 15:28
Überzeugung
Navyhauptquartier,
Bürovorzimmer Admiral Nathan Frost, stellvertretender CNO und Chef des Planungsstabes
New York, Terra, Solsystem
Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp-Tipp
Der Stift in der zartgliedrigen Hand von 1st Lieutenant Melissa Jamison-Bowyer federte nun schon seit geraumer Weile gegen ihre in Leder eingebundene Aktentasche. Ihr linkes Bein, das elegant über das rechte geschlagen war, wippte im selben Rhythmus Auf und Ab. Nervös strich Sie sich mit einer Hand durch ihre kurze, strohblonde Wuschelfrisur.
Dann schien ihr schlagartig etwas eingefallen zu sein, so dass Sie ihre lederne Aktentasche aufriss und in dessen Innenleben herumfingerte, bis Sie gefunden hatte wonach Sie gesucht hatte: Eine silberne Datendisk. Mit einem deutlich hörbaren Seufzen steckte Sie diese wieder in die Aktentasche zurück und bemerkte erst dann, dass Sie beobachtet wurde.
Commander Jeremy Baker, der neben ihr saß, registrierte ihre Nervosität und lächelte ihr aufmunternd zu. „Keine Sorge, wir werden das schon schaukeln,“ flüsterte er ihr beruhigend zu.
„Ja, sicher“ flüsterte sie zurück und klang dabei wenig überzeugt. „Es ist nur so, dass uns langsam aber sicher die Zeit davon rennt.“
„Nun,“ bemerkte Baker weiterhin flüsternd „wir haben fast drei Monate auf diesen Termin gewartet, da werden wir diese eine halbe Stunde ja auch noch schaffen, oder?“
„Aber von dieser halben Stunde…“ Baker´s hochgezogene Augenbraue verriet Melissa, dass sie etwas lauter geworden war, also fing sie noch mal flüsternd an „…von dieser halben Stunde sind nur noch 10 Minuten übrig. Und ich glaube nicht, dass der Admiral wegen uns seinen Terminplan ändern wird, oder?“ Dabei blickte Sie hinüber zu der persönlichen Assistentin des Admirals, die nur wenige Meter von der bequemen, braunen Ledercouch entfernt an Ihrem Schreibtisch arbeitete.
Sie saßen im Vorzimmer des stellvertretenden Chief of Naval Operations, Admiral Nathan Frost. In diesem Augenblick hielt der Planungsstab eine seiner Sitzungen ab und eigentlich hätten Baker und Jamison-Bowyer schon seit zwanzig Minuten dem Stab die Ergebnisse Ihrer Arbeit des letzten dreiviertel Jahres präsentieren sollen.
Commander Baker gehörte genauso wie Jamison-Bowyer zum wissenschaftlichen Corps der Navy an, genauer gesagt zum so genannten Explorercorps. In Zeiten des Friedens hatte diese vergleichsweise kleine Untereinheit des Naval Scientific Corps die vordringlichste Aufgabe Sprungpunkte, Wurmlöcher und andere kosmische Phänomene zu untersuchen, um ihre Eignung als unterstützende Fortbewegungsmittel für die gesamte Raumfahrt festzustellen.
Jetzt in Zeiten des Krieges waren ihre Möglichkeiten natürlich extrem eingeschränkt. Sie waren in der Regel auf Erkenntnisse durch unbemannte Sonden, Sternwarten und Orbitalteleskope angewiesen. Die hochmodernen und mit Sensorphalanxen, wissenschaftlichen Messinstrumenten und Teleskopen für ihre Aufgaben bestens ausgerüsteten Forschungsschiffe des NSC lagen entweder in Raumdocks fest und setzten Staub an oder waren in bereits bestens bekannten und sicheren Inneren Systemen der Terranischen Republik im Einsatz.
Und um das zu ändern waren Baker und Jamison-Bowyer hier. Die Frage war nur, ob sie überhaupt dazu die Gelegenheit bekommen würden.
Jeremy Baker lehnte sich scheinbar entspannt in den braunen Sessel zurück und beobachtete leicht amüsiert das hibbelige Verhalten seiner Untergebenen.
Im Gegensatz zu Ihr war er tatsächlich relativ ruhig. Mit seinen 48 Jahren war er ja auch weit erfahrener als seine deutlich jüngere Kollegin. Nun war es auch für ihn nicht selbstverständlich einen Termin beim stellvertretenden CNO zu haben, daher verspürte auch er ein gewisses Kribbeln in der Magengegend. Aber er hatte es deutlich besser unter Kontrolle.
Melissa wandte sich erneut zu ihm um und ein ebenso nervöses wie gleichzeitig bezauberndes Lächeln huschte über ihr sommerbesprosstes Gesicht. Trotz ihrer 27 Jahre wirkte Sie auf Commander Baker aufgrund ihrer jugendlichen Ausstrahlung wie ein junges Mädchen von 19 Jahren, was durch ihre makellose Haut und ihre Stupsnase noch zusätzlich verstärkt wurde. Einzig und alleine ihre Augen verrieten etwas über ihr wahres Selbst.
Etwas über ihre beeindruckende Intelligenz und Auffassungsgabe, etwas über Ihren Ehrgeiz und die resolute Art, die mitunter in Ihrem Verhalten aufblitzte. Was Ihr an Erfahrung noch fehlte machte Sie an vielen anderen Stellen wieder wett.
Gleich nach Beginn des Krieges hatte sie sich freiwillig für den Dienst in der Navy gemeldet. Ihr Onkel war bei der Schlacht um Trafalgar gefallen, ihr Bruder diente auf einem Navy-Zerstörer. Daher war es klar gewesen, dass Sie ebenfalls in die Navy eintreten würde.
Und die wissenschaftliche Abteilung hatte nicht lange gezögert sie an sich zu binden. Sie war, auf Basis ihrer hervorragenden bisherigen akademischen Leistungen im Range eines 1st Lieutenant in die Navy eingetreten. Sie hatte einen Doktor der Physik mit Spezialisierung auf Astrophysik und einen zweiten Abschluss in Astronomie.
In ihrem Alter eine beachtliche Leistung.
Doch jetzt und hier war sie einfach nur nervös. Ihre Forschungsgruppe hatte jetzt schon eine geraume Weile gearbeitet und die Ergebnisse Stufe um Stufe auf der Entscheidungshierarchie nach oben gebracht. Erst hatten Sie Commodore Nakato, den Chef des Explorercorps überzeugt. Dann hatten Sie Rear Admiral Panjabi, den stellvertretenden Leiter des Naval Science Corps auf ihre Seite gezogen und schließlich Vice Admiral John Q. Mullbraigh, den obersten Chef des NSC. Dieser Präsentationsmarathon hatte schon einen kompletten Monat in Anspruch genommen.
Doch um einen Termin bei Admiral Nathan Frost zu bekommen, hatten Sie weitere geschlagene zwei Monate warten müssen. Natürlich gab es eine Menge Dinge, die der Planungsstab zu besprechen hatte angesichts der derzeitigen Situation. Doch sowohl Baker als auch Jamison-Bowyer waren sich einig in der Meinung, das Sie nun nicht weiter auf diesen Termin warten konnten.
Melissa´s Blick zuckte nervös hinauf zu der großen altmodischen Standuhr, die sicherlich mehrere Jahrhunderte alt war und nun anzeigte, das ihnen nur noch 10 Minuten ihrer Zeit blieben, es sei denn, der Planungsstab würde überziehen.
Und genau in diesem Augenblick gingen die Türen zu Admiral Frost´s Büro auf.
Sekundenbruchteile später standen sowohl Melissa als auch ihr Vorgesetzter in steifer Hab-Achtstellung und warteten darauf hinein gebeten zu werden.
Augenblicklich schoss Melissa´s Puls in die Höhe und sie hatte das Gefühl zittrige Knie zu bekommen.. `Jetzt geht´s drum´ schoss es ihr durch den Kopf als einer der persönlichen Adjutanten des Admirals auf sie zutrat und sie höfliche grüßte.
„Commander, Lieutenant. Es tut mir leid dass es schon mittlerweile so spät ist…“ noch während der Adjutant sprach registrierte Melissa, dass reihenweise Admiräle aus der offenen Tür traten und es sah nicht so aus als wollten sie nur eine kurze Pause einlegen… „ausserdem ist Admiral Frost`s Anschlusstermin vorverschoben worden…“
`Nein´ zuckte es Melissa durch den Kopf, das durfte nicht sein
„… und seine Fähre startet in Kürze nach Fort Lexington. Ich hoffe Sie haben Verständnis, Miss Kelly wird Ihnen gerne einen neuen Termin geben.“
Melissa`s Kopf zuckte hinüber zu Commander Baker, der deutlich und sichtbar enttäuscht mit einem „Da kann man wohl nichts machen“ antwortete.
Melissa hakte aber gleich nach: „Wann können wir dann mit dem Ausweichtermin rechnen, Sir?“ fragte Sie den Adjutanten, den sein Namensschild als Lieutenant Commander Bouquet auswies und der sich jetzt fragend zur persönlichen Assistentin umwandte.
„Ich denke Anfang Dezember wäre wieder eine Möglichkeit frei…
„Das ist ja in fast 3 MONATEN!?“ entfuhr es Melissa und einige Admiräle, die noch im Vorzimmer in leise Diskussionen verstrickt waren, drehten sich zu Ihr um.
„Melissa!!!“ flüsterte Baker und zupfte sie leicht am Arm.
Lt. Cmdr. Bouquet´s vorher freundlicher Gesichtsausdruck war nun einer gewissen Härte in seinem Blick gewichen. „Haben Sie damit ein Problem, Lieutenant?“ Dabei betonte er ihren Rang übermäßig, wohl um ihr klar zu machen, dass sie die bei weitem am rangniedrigste Offizierin im Raum war.
Doch Melissa - bis vor kurzem noch Zivilistin - ließ sich davon nicht beeindrucken. „Ja, Sir. Das habe ich!“ Trotzig streckte Sie ihr Kinn vor, öffnete elegant die Leder eingebundene Aktentasche und zog ihre Unterlagen hervor. „Hier sind wichtige Unterlagen und Erkenntnisse, die seit zwei Monaten nur darauf warten vom Admiral begutachtet zu werden und…“
„Glauben sie etwa, das es keine anderen Dinge gibt,“ unterbrach sie Lt. Cmdr. Bouquet schroff „die die Admiralität zu entscheiden hat?“
„Sicher, aber…“
„LIEUTENANT!“ Unbemerkt war Vice Admiral Mullbraigh an seine beiden Untergebenen herangetreten und fuhr Melissa jetzt scharf tadelnd an, die erschreckt zusammengezuckt war.
„Der Commander hat Ihnen doch wohl klar gemacht, das ihre Anfrage im Moment eine niedrige Priorität hat, oder? Falls Sie es noch nicht wissen sollten, aber wir haben die potenzielle Bedrohung einer Invasion abzuwenden.“ Es war offensichtlich, dass der Admiral wütend war über die Unbeherrschtheit seiner Untergebenen, und das noch vor den Augen des versammelten Planungsstabs.
Doch die Unvernunft hatte bereits Besitz von Melissa ergriffen und statt zu schweigen, erwiderte sie: „Sir, wenn wir nichts gegen DIESE“ sie reckte erneut ihre Unterlagen empor “potenzielle Bedrohung unternehmen, kann es sein, dass die von Ihnen im Texas-System erwartete Invasion an einem ganz anderen Frontabschnitt stattfindet.“
Schlagartig war es in dem Raum voller hochrangiger Admiräle ruhig geworden und alle Gesichter drehten sich nun zu Melissa um, die sich nicht bewusst gewesen war, die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich gezogen zu haben. Sie hatte sich etwas in rage geredet und lief nun knallrot an, als sie die vielen Blicke auf sich spürte.
„Na klasse, Mel…“ zischte Baker leise zu Ihr rüber, verstummte aber sofort, als er Admiral Frost zu Ihnen herüber kommen sah. Anscheinend hatte er in der Tür zu seinem Büro gestanden, wahrscheinlich um nachzusehen, wer wohl einen solchen Tumult in seinem Vorzimmer veranstalten konnte.
„Was ist hier los?“ Seine dunkle autoritäre Stimme brachte Melissa´s sämtlichen inneren Organe dazu sich verknoten.
„Nichts weiter, Sir. Lieutenant Jamison-Bowyer ist sich bewusst, einen Fehler…“ Doch weiter kam Admiral Mullbraigh nicht, denn Admiral Frost hob die Hand und signalisierte ihm damit zu schweigen.
Stattdessen wandet er sich an die kleine Offizieren vor ihm, die ihn jetzt mit hochrotem Kopf und offensichtlicher Panik im Blick anstarrte.
„Jamison-Bowyer?“ fragte er langsam.
„J-Ja, S-Sir. Ähmm, es tut mir ähm leid, ich…“
„Sie sind Linda Bowyer´s Tochter, nicht wahr? Die Ähnlichkeit ist auch nicht von der Hand zu weisen.“ Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich habe mich für ihre Mutter über den Nobelpreis der Physik sehr gefreut. Es gibt kaum jemanden, der ihn mehr verdient hätte. Richten Sie ihr bitte meine besten Grüße aus, Lieutenant.“
Und damit nahm er sich das leichte Regencape, das ihm von seiner persönlichen Assistentin gereicht wurde und schickte sich an zu gehen. Ein Teil der Admiräle taten es dem Admiral gleich und machten sich ebenfalls abreisefertig.
Melissa setzte erneut zum Reden an, wurde allerdings durch Commander Baker´s Hand auf ihrem Oberarm unterbrochen. Als sie ihn anblickte, schüttelte er eindringlich den Kopf um Ihr zu signalisieren, dass er es nicht für ratsam hielt den Admiral aufzuhalten.
Doch er merkte, das es nicht helfen würde. Da war wieder dieses resolute Etwas in ihrem Blick.
„Admiral! Sir! Wenn Sie nicht wollen, dass Ihre Truppen eine Invasionsstreitmacht in einem schwach geschütztem Frontabschnitt abwehren müssen, dann sollten Sie uns eine Chance geben. Bitte!“
Der Tross rund um den Admiral kam zum Stehen und langsam drehte sich der Admiral um. Sein Blick war nicht zu deuten, während er Sie ein paar Sekunden lang anschaute.
„Sie sehen Ihrer Mutter nicht nur ähnlich, Lieutenant, sie sind auch genauso dickköpfig!“ ein erneutes Grinsen huschte des Admirals Gesicht und Melissa fragte sich, was wohl zwischen ihm und ihrer Mutter gewesen sein mochte „Nun gut, ich gebe ihnen fünf Minuten. So lange dauert es in der Regel, bis ich unten in meinem Wagen bin.“ Und ohne weiteren Kommentar drehte er sich herum und machte sich auf den Weg.
Vollkommen überrascht schaute Melissa ihren Vorgesetzten an, der ihr einen fassungslosen Blick zurück warf. Eine Sekunde später hasteten sie dem Admiral hinterher.
Ironheart
24.03.2004, 15:29
Fliegerhorst
In der Nähe der Marsraumwerften
Mars, Sol-System
1st Lieutenant Thomas „Thor“ Jörgenson schüttelte den Kopf während sich seine Griphen im langsamen Landeanflug zur GUADALCANAL befand, die sich in der Nähe der Marsraumwerften in einer stationären Umlaufbahn befand.
„Ein fliegender Sarg“ murmelte er vor sich hin während er darauf wartete vom ATLS erfasst zu werden „nichts als ein fliegender Sarg.“
Als er vom automatischen Landesystem erfasst worden war und kurz darauf von den Traktorstrahlen hereingeholt wurde, hatte er noch einmal kurz Gelegenheit einen Blick auf den Hilfsträger zu werfen auf dem Sie die nächste Zeit versauern würden. Er hatte eine rostige alte Mühle erwartet und war umso erstaunter, als er einen Blick auf einen nagelneu wirkenden Anstrich erhaschen konnte. Auch das Flugfeld und der Hangar machten auf Ihn einen gepflegten, ordentlichen und damit deutlich besseren Eindruck, als er es erwartet hatte.
Wobei das auch nicht allzu viel zu bedeuten hatte, denn unabhängig von seiner Erwartung fühlte er sich aufgrund der Versetzung auf dieses Schiff so, als hätte man ihn direkt in die Hölle versetzt.
Als er schließlich seinem Cockpit entstiegen war, wurde er von einem Seaman geschäftsmäßig salutierend begrüßt, der ihm dann anbot seinen Helm und seinen Seesack abzunehmen.
Verdutzt blickte Thor den Seaman für eine Sekunde an, bevor er ihm sein Gepäck übergab. Eine groß gewachsene Frau asiatischer Herkunft schritt direkt auf ihn zu und begrüßte ihn zackig salutierend.
„Willkommen an Bord, Lieutenant!“
Ihr Namensschild wies Sie als Chief Petty Officer Ishida an und obwohl ihr Äußeres als eher wenig ansprechend bezeichnet werden konnte und sich Thor auch vorgenommen hatte, jeden, der im direkten Zusammenhang mit diesem Schiff stand, zu hassen, so musste er anerkennen, dass ihm der Chief der GUADALCANAL vom ersten Augenblick an sympathisch war.
Trotzdem brachte er nur mürrisch ein knappes „Danke, Chief!“ hervor. Er hatte sich fest vorgenommen, jedem hier an Bord unmissverständlich deutlich zu machen, dass er nicht gerne hier war. Und dabei blieb er.
„Seaman Carter, wird Sie zu ihrem Quartier bringen, Sir. Lt.Cmdr. De LaCruz bat mich Ihnen auszurichten, dass Sie ihr erstes Staffelmeeting um 1300 im Briefingraum haben werden.“
Thor nickte nur knapp zur Bestätigung und folgte dann dem Seaman.
Es war ihm egal, wie professionell und höflich die Schiffsbesatzung der GUADALCANAL sein würde, er hasste es jetzt schon hier sein zu müssen.
*******************************
Santiago „Tigre“ De LaCruz saß in seine eigenen Gedanken vertieft in der Kapitänskajüte der GUADALCANAL und wartete auf Captain Joao Dominguez. Die Kajüte war – wie es dem Rang des Captain entsprach – die größte Einzelkabine an Bord und wie alles in diesem Schiff machte Sie den Eindruck in einem erstklassigen Zustand zu sein.
Kein Wunder wie Tigre mittlerweile wusste. Die GUADALCANAL, ein früherer Frachter der Laboe-Klasse, war in den letzten 6 Wochen generalüberholt worden. Mit einem Flottenträger war der kleine Hilfsträger zwar weiterhin nicht vergleichbar, aber wie es schien, hatte man das Beste aus dem ehemaligen Frachter herausgeholt. Die Schwadron, die früher den Dienst auf ihr geleistet hatte, war indes auf einen anderen Frontträger versetzt worden.
Und nun standen die Umbauten kurz vor dem Abschluss, so dass sie wohl bald wieder in einen neuen Einsatz gehen würde, fernab von der Front, wie es sich Tigre ja letztlich gewünscht hatte.
Und das war auch gut so angesichts der äußerst geringen Defensivbewaffnung des Hilfsträgers und der im Vergleich zu den anderen Trägern papierdünnen Panzerung. Aufgrund dieser Tatsachen waren diese Schiffe im Grunde nichts anderes als fliegende Flugfelder und wurden größtenteils zur Sicherung der relativ sicheren Handelswege innerhalb der Terranischen Bundesrepublik eingesetzt.
Auch wenn der Schild des umgebauten Frachters stärker war, als die der anderen Schiffe seiner der Laboe-Frachter-Klasse, so wäre sie trotzdem kaum geeignet einem stärkeren Bombardement lange standzuhalten. Wären die Schilde erst einmal unten, würde wahrscheinlich ein einziger Treffer einer der mächtigen Schiff-Schiff-Raketen ausreichen, um das Schiff der Strike-Klasse zu einem Wrack zusammen zu schießen. Und selbst eine handvoll von Bombern abgeworfener Anti-Schiff-Raketen genügte um die GUADALCANAL in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen.
In diesem Augenblick trat der Captain ein, gefolgt von einem Commander, beide genau wie Tigre in Ihren Khakifarbenen Arbeitsuniformen.
„Willkommen an Bord, Commander.“ Dominguez streckte ihm breit lächelnd die Hand entgegen.
„Danke, Sir.“ erwiderte Tigre und schlug ein. Der Handschlag des Captain war fest und warm.
„Darf ich vorstellen, Commander Chung, mein 1. Offizier.“
Die beiden Männer begrüßten sich, doch im Gegensatz zu Captain Dominguez strahlte der XO eine gewisse, fast schon greifbare Kälte und Aggressivität aus. Und das wurde durch dessen Handschlag sogar noch unterstrichen. Tigre hatte das Gefühl, das ihm Chung die Hand brechen wollte, doch zum Glück konnte er dagegen halten.
„Was halten Sie von unserem Schiff?“
Tigre antwortete etwas irritiert auf die freundliche Frage des Captain, immer noch im Griff des Asiaten vor ihm und ohne den Blick von diesem abzuwenden.
„Das Schiff macht auf mich einen exzellenten Eindruck, Sir. Kompliment an ihre Crew.“ Tigre´s Verwirrung stieg noch weiter, als Commander Chung ihn auch weiterhin fixierte, weder den Blick abwendend noch den Griff lockernd. Anscheinend sah der schweigsame Commander diese groteske Begrüßung als eine Art Wettkampf an und Santiago hatte nicht den blassesten Schimmer warum.
„Das freut mich zu hören, Commander. Ich werde das Kompliment weitergeben. Aber setzen Sie sich doch bitte.“ Dem Captain war in keiner Weise anzumerken, dass ihm das Verhalten seines XO nicht auch merkwürdig vorkam.
Erst nach dieser Aufforderung des Captains ließ Commander Chung Santiagos Hand los, verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich hinter seinen Captain, der sich an seinen kleinen Schreibtisch setzte, der mit sorgfältig sortierten Unterlagen komplett übersäht war.
„Kaffee, Tee, sonst was? Nein? Gut, Lt. Cmdr. dann lassen Sie uns beginnen. Wie sie vielleicht schon wissen, haben wir noch keine aktuelle Order. Nach den offiziellen Plänen sind wir erst ab übernächster Woche einsatzbereit. Aber Ihnen ist sicher bereits aufgefallen, das wir auch genauso gut morgen schon starten könnten.“ Der Stolz auf sich und die Leistungen seiner Leute, zwei Wochen vor Plan Einsatzbereitschaft melden zu können, war Captain Dominguez überdeutlich anzumerken. „Wir sollten daher die nächsten zwei Wochen dafür nutzen ihre und meine Leute aufeinander abzustimmen, nicht wahr?“
„Das wäre sinnvoll“ erwiderte Tigre trocken.
„Sehr schön“ Dominguez Grinsen schien ein Dauerzustand zu sein „Stimmen Sie bitte alle notwendigen Aktivitäten mit Commander Chung ab.“ Santiagos Blick huschte hinüber zu Chung, der sich mit ausdruckslosem Gesicht an die Kajütenwand gelehnt hatte und ihn immer noch zu fixieren schien. “Dann warten wir jetzt noch auf die Ankunft der 4 Jabo-Besatzungen, die nächste Woche eintreffen sollen. Die Profile der Piloten und ihre RIO´s dürften schon in Ihrem Quartier für sie bereit liegen.“
Dann blickte der Captain kurz hinüber zu seinem XO und fuhr dann fort.
„Da ist noch eine Sache.“ der Blick des Captain war unvermindert freundlich. „Ihre Schwadron ist, nun ja, zum größten Teil einschlägig vorbestraft. Damit das klar ist, Commander, ich und Commander Chung werden ein wachsames Auge auf sie und ihre Piloten haben und ich werde keinerlei Exzesse ihrer Leute auf meinem Schiff dulden.“ Der honigsüße Tonfall dessen sich Captain Dominguez bediente, passte nicht im geringsten zu der gemachten Aussage, doch mittlerweile wurde Santiago den Eindruck nicht los, dass das Dominguez Eigenart zu sein schien. „Also sollten Sie zusehen, dass Sie ihre Leute im Griff haben, dann werden wir uns sicher gut verstehen.“
„Das werde ich Sir, da können Sie sicher sein.“
„Gut, Commander, wenn Sie sonst nichts weiter haben, würde es mich ich freuen, wenn wir später gemeinsam zu Abend essen würden, sagen wir so um 1800?“
„Sehr gerne, Captain“ nahm Tigre das Angebot an und nickte so freundlich wie nur möglich. Als er das Büro verließ, wurde er das unbestimmte Gefühl nicht los, das sein Verhältnis zu den beiden Offizieren nicht das beste sein würde.
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Kaum war die Tür hinter dem CAG der GUADALCANAL zugefallen, da setzte sich Commander Tang Chung an den freigewordenen Platz.
„Na, mein lieber Commander Chung. War er so schlimm wie sie befürchtet haben?“ Joao Dominguez` Lächeln war zwar nicht mehr ganz so breit wie noch vor ein paar Minuten aber es hätte immer noch einem Plakat für Zahnpastawerbung entspringen können.
„Nein, Sir.“
„Aaaber…?“ hakte Dominguez nach, der es gewohnt war, seinem etwas wortkargen XO vieles aus der Nase ziehen zu müssen.
„Ich traue dem ganzen Haufen nicht. Und da er deren Boss ist, trau ich auch ihm nicht.“
„Ja, das kann ich verstehen, Commander. Aber wir werden ihm doch zumindest eine Chance geben, bevor wir ihn oder seine Leute ans Kreuz nageln werden, oder?“ Auch wenn der Captain mit einer sanften, ruhigen Stimme gesprochen hatte, von der man nicht vermutet hätte, das Sie dem Kapitän eines Kriegsschiffes gehörte, so war da etwas in seiner Stimme, die klar machte, dass er es absolut ernst meinte.
„Aye, Sir!“ erwiderte sein XO und etwas, das entfernt einem Lächeln ähnelte, huschte über sein Gesicht.
Ironheart
24.03.2004, 15:30
Operation Magellan
Navyhauptquartier,
New York, Terra
Es war eng in dem sonst so geräumig wirkenden Fahrstuhl des Navy-Hauptquartiers.
Einen kurzen Augenblick dachte Commander Jeremy Baker, dass Ihm schwindelig werden würde bei all dem glitzernden Lametta, den Ordenspangen, Einsatzribbons und Sternen, den die mehr als zwanzig Admiräle in dem engen Raum zur Schau stellten.
Doch dann riss er sich wieder zusammen und hörte seiner Mitarbeiterin zu, die aufgeregt und viel zu schnell haspelnd versuchte den Admiral von ihrem Vorhaben zu überzeugen.
„… also erwartet die Navy, dass die Akarii als nächste Offensive im Texas-System auftauchen werden.“
„Sie erzählen mir nichts neues Lieutenant. Und ihre Zeit rennt.“
Der Fahrstuhl hielt mit einem Pling im 4. Stockwerk des Navyhauptquartiers und ein paar der Admiräle stieg sich verabschiedend aus.
„Gut also,“ fuhr Jamison-Bowyer fort, als sich die Fahrstuhltüren wieder schlossen und zerrte eine Sternenkarte aus ihrer Ledertasche, was sich in dem engen Fahrstuhl als schwierig erwies. „Hier sehen sie den Eurydike-Nebel im Correllian-Sektor. Das ist ca. 30 Lichtjahre vom Barcelona-System entfernt.“
„Barcelona befindet sich direkt an unserer Grenze zu der Colonial Confederation“ unterbrach sie Lt. Cmdr. Bouquet.
„Ja, und durch das Wurmloch W-276 insgesamt nur 4 Sprünge von New Boston entfernt.“
„Hinter dem Eurydike-Nebel befindet sich soweit ich weiß in einigen 100 Lichtjahren nichts“ hakte nun der Admiral nach.
„Richtig, Sir. Es handelt sich hierbei um eine Gravitationssenke, eine Sternenwüste wenn Sie so wollen, die in etwa die Form einer Honigmelone hat. Bis zu 300 Lichtjahre im Durchmesser und fast 600 Lichtjahre in der Länge. Sie ist wahrscheinlich durch den Zusammenbruch einer oder mehrer Sonnen des Correllian-Sektors verursacht worden. Dabei wirkte anscheinend der Kollaps eines oder mehrerer Megasterne wie eine Art Staubsauger und zog eine unglaubliche Anzahl der in der Nähe gelegenen Systeme an und brachte diese ebenfalls zum kollabieren. Daraus entstand dann die Gravitationssenke.“
Der Fahrstuhl hielt im 3. Stock kurz an, wieder ging die Tür auf und wieder verließen sie ein paar der Admiräle.
„Wollten Sie mir eine Nachhilfestunde in Astrophysik geben, Lieutenant?“ fragte der Admiral ungeduldig und seine Aufmerksamkeit schien zu schwinden. Daher ergriff Jeremy das Wort.
„Sir, wir haben den Eurydike-Nebel bisher nur sehr lückenhaft untersuchen können, unsere Orbitalteleskope konnten den Nebel nur teilweise durchdringen und die Colonial Confederation besitzt bislang keine Systeme, die leistungsstark genug wären ihn zu durchdringen. Erst vorletztes Jahr ist das Orbitalteleskop im Barcelona-System in Betrieb genommen worden. Und es hat gleich eine außerordentliche Entdeckung gemacht: Es scheint ein Wurmloch zu geben, das von uns aus gesehen kurz hinter diesem Nebel versteckt ist.“
„Wo führt es hin?“ Admiral Frost´s Interesse schien nun etwas angestiegen zu sein. Mit einem Pling hielt der Fahrstuhl inzwischen im 2. Stockwerk.
Diesmal fuhr die junge Wissenschaftlerin fort: „Sir, wir sind uns nicht sicher, aber allen Messungen zufolge sieht es so aus, als ob es die Gravitationssenke komplett durchschreitet, Sir!“
„Über 300 Lichtjahre?“ keuchte Lt. Cmdr. Bouquet „Das ist unmöglich!“
„Nichts ist im All unmöglich, Commander“ erwiderte Jamison-Bowyer kess.
„Die Colonial Confederation hat das Gebiet soweit ich weiss kaum geschützt!“ bemerkte der Admiral, ohne auf die spitze Bemerkung zwischen den beiden jungen Offizieren einzugehen. Es schien so, als hätten Sie es tatsächlich geschafft, sein Interesse zu wecken.
„Ja Sir! Die ColCon betrachtete die Corellian-Sternenwüste bislang als eine Art natürliche Grenze. Aber wenn sich unsere Messungen als richtig erweisen sollten, dann könnten die Akarii von dort aus ungehindert mitten in das Herz der ColCon vorstossen könnte, ohne dass jemand Ihnen nennenswert Widerstand leisten könnte.“
„Es scheint?“
„Nun, keines unserer Teleskope oder anderen Messinstrumente ist leistungsstark genug um mit absoluter Sicherheit zu bestätigen, dass dort ein Wurmloch ist. Und selbst wenn, sind wir uns nicht sicher, wohin es genau führt“ war es jetzt wieder Baker, der darauf antwortete. „Die einzige Möglichkeit, um wirklich Sicherheit in diesem Punkt zu erlangen, ist es eines unserer Explorerschiffe dorthin zu schicken.“
Mit einem weiteren Pling hielt der Fahrstuhl im 1. Stock. Admiral Frost nutzte die Pause, um zu Vice Admiral Mullbraigh hinüber zu schauen. Dieser antwortete nickend „Ich teile diese Ansicht, Sir! Die MAGELLAN liegt derzeit in Lexington vor Anker. Sie wäre exzellent für diese Mission geeignet. Aber natürlich bräuchte Sie eine angemessene Eskorte, damit Sie nicht sofort beim ersten Feindkontakt verloren gehen würde.“
„Also, nur damit ich das auch richtig verstehe: Wir haben ein Wurmloch entdeckt, durch welches es rein theoretisch möglich wäre, dass die Akarii die ColCon-Front gehörig durcheinander bringen könnten? Und zudem innerhalb von wenigen Sprüngen in der Lage wären in New Boston einzufallen, richtig?“ Alle drei Mitglieder des NSC nickten eifrig.
„Wenn die Invasionsstreitmacht ähnlich groß wie bei Mantikor wäre, könnten wir Ihnen so gut wie nichts entgegensetzen, da wir in diesem Sektor nur mit der 6. Flotte operieren. Ehe wir die Homefleet oder die 4. oder 5. Flotte aktiviert hätten, stünden die Akarii wohl in New Boston und wir hätten an die 20 Systeme in diesem Sektor verloren, bis wir eine entsprechende Verteidigung aufgebaut hätten.“
„Ganz zu schweigen von dem Zweifrontenkrieg, in den Sie uns verwickeln könnten!“ Es war das erste Mal gewesen, das Vizeadmiral Thor Björnson, Stellvertreter von Admiral Frost, das Wort ergriffen hatte. Doch schien seine nüchterne Feststellung dadurch nicht weniger unheilschwanger durch den engen Fahrstuhl zu hallen.
Pling.
Die Tür des Fahrstuhls glitt auf und der Tross bewegte sich aus dem Fahrstuhl heraus und bewegte sich in Richtung Ausgang. Der Admiral schritt schweigend durch die Eingangslobby des Hauptquartiers, vorbei an den Sicherheitskräften, die zackig salutierten und durch die Gläserne Drehtür nach draußen. Er schwieg auch noch als Sie nach draußen schritten, unter das Vordach des Navyhauptquartiers.
Sein Schweigen machte Melissa nervös und sie blickte sich etwas unschlüssig nach Jeremy Baker um, der ihr aber einen genauso ratlosen Blick zurückwarf.
Am Fuße der Treppe, die ins Hauptquartier führte, fuhren zwei dicke gepanzerte Grav-Limousinen vor, die den Admiral und seinen Stab zum nahe gelegenen Raumhafen bringen würden. Davor und dahinter waren zwei Grav-Jeeps als Eskorte zugeteilt. Als der kleine Konvoi hielt, stiegen mehrere Männer aus, teils um dem Admiral die Tür aufzumachen, teils um in voller Kampfmontur mögliche Angreifer oder Attentäter abzuschrecken.
Es war wohl gerade ein ordentlicher Sturm in Anmarsch, denn es goss in Strömen und ein ziemlich starker Wind fegte unter dem Vordach des Navyhauptquartiers entlang. Innerhalb kürzester Zeit waren die Männer pitschnass in ihren Regencapes und –ponchos und warteten auf den Admiral.
Dieser allerdings stand weiterhin stumm und nachdenklich vor dem Gebäude. Dann drehte er sich unvermittelt zum Chef des NSC um. „Wie akut ist die Bedrohung, Mullbraigh?“
„Wir wissen es nicht, Sir. Vielleicht haben die Akarii das Wurmloch noch nicht entdeckt, vielleicht ist es zu weit von ihren Grenzen entfernt. Vielleicht führt es aber auch von den Akarii weg. Genau aus diesem Grunde brauchen wir diese Mission.“
Admiral Nathan Frost blickte die Mitglieder des wissenschaftlichen Corps der Reihe nach mit undurchdringlicher Miene an. Sein Blick blieb an Melissa Jamison-Bowyer hängen.
„Tut mir leid, Lieutenant“ begann er und Melissa hatte schon zum zweiten Mal an diesem Tag das Gefühl, dass man Ihr den Boden unter den Füssen wegriss „aber Sie werden wohl gleich etwas nass werden.“
Melissa runzelte perplex die Stirn. Ihr war nicht klar was der Admiral damit meinte. Erst als er seinen Adjutanten anwies, mit dem Rest des Stabes in die hintere Limousine umzusiedeln, begann Sie zu begreifen.
Als sie knappe zehn Sekunden später in das Fahrzeug hechtete, war ihre Ausgehuniform ziemlich durchnässt und ruiniert.. Ihre Schirmmütze hatte zum Glück den meisten Regen aufgehalten und durch ihre Wuschelkopffrisur fiel es nicht auf, dass die Haare feucht waren. Somit ging es ihr zumindest besser als Jeremy, dessen knapp 10 cm lange, in einem ehemals korrekten Mittelscheitel liegenden Haare nun an seinem Schädel klebten, weil seine Schirmmütze die dicken Regentropfen nicht hatten komplett aufhalten können.
Somit saßen sie etwas durchnässt und verwirrt gegenüber dem Admiral und seinem Stellvertreter, als sich der Konvoi in Bewegung setzte.
Admiral Frost zog schweigend und langsam sein Regencape aus und legte es beiseite. Er blickte einige Sekunden aus den verdunkelten Scheiben der Limousine und besah sich das Unwetter, ehe er wieder das Wort ergriff
„Also keine akute Bedrohung!?“
Zögerlich nickte Mullbraigh. „Akut ist die Bedrohung nicht, aber…“
„… trotzdem ist es wichtig zu wissen, ob es sich um eine Hintertür handelt oder nicht? beendete der Admiral den Satz. Wieder nickten alle drei NSC-Offiziere.
Erneut versank der Admiral scheinbar eine Ewigkeit in Schweigen, ehe er sich dann endlich zu seinem Stellvertreter umwand.
„Thor, veranlassen Sie, dass die MAGELLAN mit dieser Mission beauftragt wird.“
Melissa´s Herz schien für einen Augenblick auszusetzen und dann begriff Sie, dass Sie es geschafft hatten. Am liebsten wäre sie dem Admiral laut jubelnd um den Hals gefallen, aber sie beherrschte sich und begnügte sich mit einem breiten Grinsen.
„Ferner werden Sie ihr eine Eskorte zuweisen lassen. Prioritätsstufe C.“
„Sir! Bei allem Respekt”, es war Commander Baker, der Einspruch erhob. „aber Priorität C heißt nur geringe Eskorte. Damit wäre die Einsatzgruppe im Ernstfall…“
Admiral Frost ließ ihn gar nicht erst ausreden. „Besteht eine AKUTE Bedrohung, Commander? Vielleicht dringlicher als im Texas-System?“
Baker überlegte einen Augenblick, was er sagen konnte, doch dann schüttelte er nur resigniert den Kopf.
„Also, Thor, Sie haben es gehört. Weisen Sie der Einsatzgruppe MAGELLAN die Prioritätsstufe C zu.“
„Sir“, mischte sich nun Vizeadmiral Mullbraigh ein „die MAGELLAN ist ein hoch spezialisiertes Forschungsschiff. Die Terran Navy ist im Besitz von lediglich zwei weiteren Schiffen dieser Bauart, der DIAZ und der COOK. Diese Schiffe sind mit reiner Defensivbewaffnung einem Angriff von Akarii vollkommen schutzlos ausgeliefert und Priorität C sieht so weit ich weiß den Schutz von 2-3 Fregatten und Korvetten vor. Wäre es nicht sinnvoll eine solche Mission zumindest mit ein paar Zerstörern und einem leichten Träger…“
„Nie und nimmer“ unterbrach ihn Vizeadmiral Björnson. „Alle leichten Träger werden an der Front benötigt und auch unsere Zerstörerflotte ist bereits überlastet. Schon jetzt ist der Geleitschutz für die Träger in den meisten Fällen unter Soll, von den vielen Konvois ganz zu schweigen.“
„Wir brauchen aber unbedingt mindestens einen Zerstörer!“, warf Mullbraigh insistierend ein. Melissa schaute sich ihren obersten Chef aufmerksam an. Hatte er sich anfänglich noch überhaupt nicht für diese Mission eingesetzt, so schien er jetzt so engagiert, als wäre die ganze Mission einzig und allein sein Verdienst. Jetzt da Sie den Admiral überzeugt hatten, setzte er sich also ins gemachte Nest.
„Warum?“, fragte Björnson mit einem schiefen Blick.
Doch es war Admiral Frost, der antwortete „Sollte man tatsächlich auf der anderen Seite eine Hintertür entdecken, wäre es das beste diese so gut es geht zu verminen. Fregatten und Korvetten sind nicht in der Lage SM-3A und MSM-5D Raumminen zu tragen und zu platzieren. Und mindestens diese bräuchte man um zumindest etwas Schaden bei möglichen Invasionsschiffen zu erzielen und eine Invasion effektiv zu verzögern.“
Er massierte sich leicht abwesend sein Kinn und fuhr dann fort „Gut, Mullbraigh, ihr Schiff bekommt einen Zerstörer zugewiesen. Aber es bleibt dabei, ich werde keinen Träger für Operation Magellan abziehen.“
„Was ist mit Hilfsträgern?“, warf Commander Baker schon fast verzweifelt fragend ein. Es war klar, das er auf dieser Mission vertreten sein würde, also lag ihm natürlich besonders viel daran soviel Eskorte wie möglich zu bekommen.
Diesmal nickte Björnson beiläufig. „Ja, Hilfsträger sind schon eine andere Sache, die 6. Flotte könnte vielleicht einen entbehren.“
„Besser als gar nichts“, kommentierte Vizeadmiral Mullbraigh, als die Limousinen langsamer wurden und die Insassen erkannten, das sie ihr Bestimmungsziel erreicht hatten. Die Fahrzeuge hielten auf einem Rollfeld und im Hintergrund wartete eine Orbitalfähre auf den Admiral.
„So, damit hätten wir also die Missionsparameter festgelegt“ begann Admiral Frost ein Fazit zu ziehen, während er sich sein Regencape erneut überzog. „Die MAGELLAN wird das Wurmloch soweit wie möglich erkunden. Sollte ein möglicher Weg für die Akarii gefunden werden, ist er stark zu verminen und mit Frühwarnsensoren zu sichern. Dann klären sie bitte die weiteren Details mit Vizeadmiral Björnson. Er wird darauf achten der MAGELLAN einen passenden Geleitschutz zu geben.“
Dann wandte er sich direkt an Jamison-Bowyer. „Viel Glück auf Ihrer Mission, Lieutenant. DAS haben SIE sich jetzt redlich verdient. Machen Sie uns genauso Stolz, wie es ihre Mutter getan hat.“ Seine Betonung ließ Melissa wieder aufhorchen und sie fragte sich instinktiv wie wohl das Verhältnis der beiden zueinander gewesen sein mochte.
Doch dann verschwand der Admiral aus der Tür, die ihm ein eifriger Soldat aufhielt und unterbrach damit Melissa´s Gedanken. Sie beobachteten, wie er über das Flugfeld ging und kurz darauf an Bord der Fähre verschwand.
„Na, John“ wandte sich Thor Björnson an den Leiter des Naval Science Corps als sich die Limousine wieder auf den Rückweg zum Navyhauptquartier machte „dann schnapp dir mal deine beiden Frechdachse und lass uns mal gleich in mein Büro gehen, damit wir Operation Magellan in die Wege leiten können.“
Melissa schien die spitze Bemerkung des Vizeadmirals wie durch einen sanften Schleier wahrzunehmen. Sie grinste hinüber zu Jeremy, der sich auch nicht die geringste Mühe machte, seine Freude zu unterdrücken.
Endlich hatten Sie es erreicht. Das letzte dreiviertel Jahr an Arbeit hatte sich endlich gelohnt und sie würden sich bald auf den Weg ins All machen.
Und vielleicht, vielleicht würden Sie einen Weg finden um den Krieg wieder dorthin zurück zu tragen, wo er hingehörte:
Zu den Akarii!!!
Cunningham
04.04.2004, 20:25
Kampfpatrolie:
Die Columbia war auf dem Weg nach Corsfield. Die Trägergruppe war jetzt zu 100 % ausgerüstet und auf Sollstärke. Einige der dazugekommenen Schiffe waren für die älteren Piloten der Angry Angles eine wahre Freude gewesen. Viele hatten Briefe oder V-Mails an die Relentles und die Dauntless geschickt. Zwar waren die meisten überlebenden Piloten nicht auf den Kreuzern gelandet, doch die Rettung der Redemptioncrew hatte ein Band der Freundschaft geschmiedet.
Lucas hatte versucht einen Brief an Chris Mithel zu schreiben, wusste jedoch nicht, was er dem älteren Offizier schreiben könnte.
Jetzt saß der Commander der Angry Angles in seiner Phantom und brütete über die bevorstehende Schlacht.
Wieder hatte man eine schier geniale Idee aus dem Hut gezogen, diesem Krieg die entscheidende Wende zu geben. Das letzte mal wäre er beinahe drauf gegangen. Und viele seiner Leute hatte es erwischt.
Er wünschte sich jetzt mit Pinpoint sprechen zu können, doch wusste er nicht recht, ob er mit seinem jetzigem Wingman ebenso plaudern kann. Was wusste er schon von Hal Chrispin.
Aber was hatte er damals von Pinpoint gewusst. Ich habe nichtmal ein Foto von ihm.
Schließlich gab er sich einen Ruck und schaltete von dem offiziellen Kanal zur Columbia auf den Staffelkanal.
Zu seiner Überraschung hörte er Hal summen.
Nach einer kurzen Weile fragte er: "Was summen Sie da Hal?"
"Oh tschuldigung Sir, ich kann damit aufhören, wenn es Sie stört."
"Ich wollte nur wissen, was Sie da summen, ich kenne das Stück nicht."
Hal klang erleichtert: "Das Lied heißt Golden Slippers* ist ein sehr altes Stück. Ich glaube es wurde noch vor der bemannten Raumfahrt geschrieben. Ich liebe diese alten Stücke. Wo man mit seinem Mädel noch Arm in Arm tanzen kann." Hal schien zu schwärmen. "Aber es muss schon wirklich alts Zeug sein, nicht dieses Neo-Classic wie Jester Hayes." Kurzes Schweigen. "Ähm, was hören Sie denn für Musik, wenn ich fragen darf, Sir?"
Lucas kicherte: "Erstmal streichen Sie hier draußen das Sir und ersetzen es durch Lone Wolf oder einfach Wolf."
"Roger."
"Zur Musik, ich höre gerne Jazz, Tommy Hancock, Jim Fowler etc."
"Hm, Tommy Hancock ist ganz klar Neo-Jazz, was zwar einige Stärken hat, jedoch nicht wirklich mit dem richtigen Jazz mithalten kann."
"Hancock ist ganz klar Jazz und kein Neo-Jazz."
"Sorry Commander, aber Hancock fällt unter Neo-Jazz." Hal klang jetzt etwas rechthaberisch.
"Sie wollen doch nicht etwa Black Night Dancing als Neo-Jazz bezeichnen oder etwa doch?"
"Das stammt ja auch nicht von Hancock, er hat es zum ersten mal auf Jonny Galens Beerdigung gesungen. Es stammt ursprünglich von Galen und wurde nach Galens Tod von Hancock nochmal neu aufgelegt. Komischer weise wurde die Neuauflage viel berühmter und auch öfter verkauft."
Lucas wollte gerade zur Antwort ansetzen als sich eine dritte Stimme einmischte: "Las Vegas für Wachhund Eins, bitte kommen." Las Vegas war der Code für die Columbia.
"Hier Wachhund Eins, was gibt es Las Vegas?"
"Sie werden abgelöst, kehren Sie auf der Stelle um."
"Roger Las Vegas."
Von der Columbia starteten in diesem Augenblick zwei weitere Phantome.
Skunk ging noch mal die Patroulienroute im Bordcomputer durch. Die Navpunkte die er und sein Wingman abfliegen sollten, waren anders gelagert als die, die der Boss auf der Karte hatte. Beide Phantome waren mit Standoff-Bewaffnung bestückt: Vier Phönix, zwei Ammram und zwei Sidewinder. Die Hauptüberwachung würde ein SpaceWACS Shuttle übernehmen. Die Phantome dienten nur als vorgeschobene Wache.
"Okay, Noname, einfache Standardformation. Und beten, dass uns niemand in die Quere kommt."
"Roger!"
Roger oder Yessir, waren quasi die einzigen Worte die Noname während des Fliegens wechselte, wenn sich weiterer Funkverkehr vermeiden ließ.
Auch sonst hatte sich der Ensign weiter in sich zurückgezogen. Seit dieser Sache in der Kantine.
Skunk hatte entschieden, dass es an der Zeit war zurückzuschalten. Zum ersten mal. Was mehrere Faktoren hatte. Seine früheren Wingman hatte er auch immer getriezt und er hatte damit Erfolg gehabt. Aber diese hatten alle und ohne Ausnahme den Rückhalt der übrigen Staffelmitglieder gehabt. Noname stand allein.
Was viel wichtiger wog, war, dass dies alles eine sehr harte psychologische Belastung für den Ensign sein musste. Und Skunk wollte nicht riskieren, dass dieser austickte. Was dann passieren würde war unklar.
Er wusste nur von einigen extremen Fällen. 2628 hatte eine junge Matrosin sechs ihrer Kammeraden ermordet, indem sie die Übungsraketen präparierte so, dass es beim Übungsschießen zu einer Explosion im Raketenwerfer kam. Sie gab später an, dass fünf der sechs getöteten sie über Monate hinweg schikaniert hatten.
Ein anderer Fall berichtete davon, dass ein Pilot bei einer Patrouille mit scharfen Waffen versucht hat seinen eigenen Geschwaderführer abzuschießen. In seinem Abschiedsbrief hatte der Pilot erklärt, dass sein Geschwaderführer es trotz mehrfacher Meldungen nicht für nötig hielt, ihn vor den Schikanen mehrerer Geschwadermitglieder zu schützen.
Doch die Frage war: Wie zur Hölle griff er Noname unter die Arme, ohne sich selbst die Glaubwürdigkeit zu rauben oder selbst von den anderen Feuer zu fressen. Das einfachste war wohl sich da auf Radio zu verlassen.
Er entschloss sich erstmal zu reden: "Was bist Du in letzter Zeit so schweigsam?"
Keine Antwort.
"Wenn es wegen dieser kleinen Möchtegern-Piloten-Schlampe geht, so rate ich Dir nur: Vergiss sie. Ich mein, wenn Du Dich wenigstens an eine Jägerpilotin rangemacht hättest ..."
Ja, dein unvergleichlicher Charme wird das Eis langsam brechen, dachte er selbstironisch und wie nicht anders erwartet blieb die Antwort aus.
"Ich meine, wenn Sie wenigstens ne richtige Bomberpilotin gewesen wär'. Aber nicht mal das. Sie fliegt Rafale. Kastrierte Bomber. Was suchst Du Dir als nächstes? Eine von den Bodencrews? Ich werde Dir mal drei Takte erzählen. Wenn Du mal wirklich guten Sex haben willst, so richtig erfüllend. Such Dir eine von den Marines. Kein Scherz. Die Mädels haben das wichtigste auf der Welt: Kondition. Und wenn Dir im Streit mal die Argumente ausgehen, kannst Du immer noch die Fäuste nehmen. Aber Achtung, die haben in der Regel ne ganz schöne Kelle. Ich hab da mal eine in einer Bar auf Manticore kennen gelernt. Ich stolperte ihr quasi in die rechte Grade.
Nachdem die MP die Party gesprengt hatte, bekamen wir benachbarte Zellen und haben uns etwas unterhalten. Nachdem wir dann wieder entlassen wurden, haben wir uns nen Hotelzimmer genommen. Mann war ich fertig. Aber wenn Du was festes suchst ..."
"Skunk", meldete sich Noname das erste Mal zu Wort, "Du sprichst auf der offenen Geschwaderfrequenz."
Plötzlich wurde mehrfaches Gelächter laut.
Die beiden Phantome wurden nach der Landung an die Bodencrews übergeben. Hal Chrispin gesellte sich zu seinen Pilotenkameraden und teilte ihnen mit, dass der Skipper doch nicht so ganz dem Schreckensbild entsprach, welches Radio malte. Denn, wer Musik mag kann - laut Chrispin - kein schlechter Mensch sein.
Lone Wolf Cunningham jedoch meldete sich wie befohlen sofort bei Captain Waco.
Er wand Waco in dessen Büro. Der Captain war nicht allein. Neben Darkness, Martell und Radio waren noch der Bosun und ein weiterer Deckoffizier der Jägerwartung beim Captain, sowie Schlüter die Kommandantin der Marines.
Offensichtlich wussten nur Waco und die beiden Unteroffiziere von dem anstehenden Problem, da sowohl die drei Piloten als auch Schlüter etwas unschlüssig wirkten.
"Captain." Grüßte Cunningham Waco und nickte den anderen zu.
"So, nachdem alle versammelt sind, will ich Sie nicht länger auf die Folter spannen", begann Waco. "Wir haben ein ernstes Problem. Eines, was sowohl die Moral zersetzt, den Sicherheitsbestimmungen auf Kriegsschiffen zuwiderläuft und sich auf schändlichste Art und Weise die Traditionen und Bräuchen der Terran Space Navy spottet. Sie werden, wenn Sie den 2000 Jahre alte Geschichte der Marinestreitkräfte durchgehen immer wieder davon hören, wie es auftritt. Nach zu Zeiten der Dieselbetriebenen Blue-Water-Navy unserer Heimatwelten haben sich Besatzungsmitglieder erdreistet eine der schlimmsten Formen der Erniedrigung unserer Soldatenehre zu vollziehen."
Waco war während seiner Ansprache auf und ab gewandert und blieb jetzt stehen. Er nahm eine versiegelte Plastiktüte die in einem Sicherheitsbehälter auf seinem Schreibtisch lag auf und hielt sie seinen Offizieren hin.
Die Tüte enthielt mehrere braune, längliche, einigermaßen runde Gegenstände. Es war Kot.
"Wir haben ein Phantom an Bord. Chief Erikson fand diese Scheiße vor nicht ganz anderthalb Stunden auf den Hoheitsabzeichen eines Crusader-Bombers. Um genau zu sein auf Ihrem Bomber Mister Murphy."
Waco reichte den Beutel an Cunningham: "Sehen Sie sich das gut an Herrschaften. Dieses Zeichen von Missachtung und Anarchie wird sicherlich nicht das letzte sein, welches wir finden. Aber bei Gott, ich schwöre Ihnen, wenn der Kerl gefunden wird, lasse ich ihn aufknüpfen und wenn ich den L.I. dafür extra einen Mast bauen lasse. Ich dulde derartiges nicht auf meinem Schiff. Ist das angekommen?"
"SIR! AYE, AYE SIR!" Antworteten die anwesenden Offiziere und Unteroffiziere, während die Plastiktüte mit dem Kot schnell die Runde machte.
"Major Schlüter", Waco benutzte dem Ehrenrang, den die Navy einem Captain der Marines oder Army zusprachen, wenn sie sich auf einem Schiff befanden, "Sie und Ihr Haufen bilden ja die Bordpolizei. Ich will, dass der Drecksack gefunden wird, und zwar noch gestern. Also Abmarsch."
Schlüter salutierte und stürmte aus dem Büro.
Als sich die Tür geschlossen hatte blickte Waco seine restlichen Gäste an: "Haben Sie nichts zu tun?"
Schnell wurden Abschiedsworte gemurmelt und man verließ beinahe fluchtartig das Büro.
Kaum, dass sich die Tür geschlossen hatte brach Radio vor dem Büro in Lachen aus, was ihm böse Blicke seiner Kameraden einbrachte.
Der Bosun zupfte Cunningham am Ärmel: "Bringen Sie ihn zum Schweigen, der Alte kann durch Wände hören."
Doch zu spät.
"LONG KOMMEN SIE SOFORT WIEDER REIN!" Waco war durch die Panzertür und ohne Sprechanlage exellent zu verstehen.
Nachdem sich die Tür hinter einem unglücklichen Radio wieder geschlossen hatte blickten die anderen beiden Lieutenant Commanders ihren Skipper fragend an.
Dieser zuckte die Achseln: "Kommt, ich gebe einen Kaffee aus."
"Ich dachte den gibt's hier gratis." Martell klang pampig.
"Was meinen Sie, warum er einen ausgibt?" Der Spruch klang auch nicht gerade nach einem Witz, aber Lucas wusste das Darkness genau das versucht hatte.
Ironheart
04.04.2004, 22:41
Donovan´s Hände an der Kontrollen seiner Phantom schienen mechanisch und einstudiert zu arbeiten. Der Patrouillienflug war vorüber und ein Glitzern in der Entfernung zeigte ihm, dass Sie nicht mehr weit weg von ihrem Ziel, der Columbia waren.
Er lenkte seine Phantom in den Landungskorridor, den ihm sein Bordcomputer auf seine HUD projezierte. Ab hier würde das ATLS vollautomatisch die Landung übernehmen und kurz darauf würde er mit seiner Maschine in den Hangar einschweben wie kurz zuvor schon sein Wingcommander Skunk.
Bei dem Gedanken an seinen Vorgesetzten wallte in Donovan mal wieder der Zorn hoch. Auch wenn dieser sich in letzter Zeit spürbar zurückzuhalten schien, ja fast sogar versuchte so etwas wie eine Kommunikation zwischen Ihnen aufzubauen, die nicht nur aus anraunzen und beleidigen bestand, so blieb er dennoch für Donovan einer der Menschen an Bord der Columbia, die es ihm leichter machten die Navy zu hassen. Und Auswahl hatte er an diesen Typen genug, nicht nur in seiner eigenen Schwadron. Mittlerweile hatte er sich neben Skunk noch Lone Wolf, Hacker, Tyr, Lilja und zuletzt auch noh Lydia gemacht.
Bei dem Gedanken an Lydia knotete sich ihm die Eingeweide zusammen. Es war sicher falsch gewesen, ihr nicht die Wahrheit gesagt zu haben, aber war das wirklich Grund genug um so sehr aus der Haut zu fahren? Wer weiß schon, welche Version ihr Ihre Schwadronskameraden aufgetragen hatten. Wahrscheinlich die, in der ihm unterstellt wurde, nicht nur ein ehemaliger Pirat sondern ein von den Akarii angeheuerter Verräter zu sein. Donovan hatte nicht nur den Eindruck, dass die Gerüchte sich inzwischen in jeden Winkel des Schiffes verbreitet hatten, sondern dass sie – wie für stille Post nun mal üblich – begannen neue Absurditäten zu seinem Lebenslauf hinzuzufügen.
Dass jetzt auch Lydia von der Wahrheit dieser Gerüchte überzeugt war und ihn mit Abscheu und Hass bedachte, verstärkte wiederum Donovans Hass auf die Navy zusätzlich.
Sie liessen ihm einfach keinen Raum zu leben, sie engten ihn ein und er fühlte sih immer mehr in eine Ecke gedrängt. Er hatte das Gefühl von allen Seiten her bedrängt, gedemütigt und beleidigt zu werden und es war niemand da, der ihm wirklich eine zweite Chance zugestand.
Hass, abgrundtiefer Hass durchfloss seine Gedanken, als er nur noch wenige Sekunden von der Landesektion entfernt war. Einem inneren Impuls folgend, begann Denny in schneller Abfolge einen Code in seinen Bordcomputer einzugeben. Und ohne dass er sich selbst wirklich darüber im Klaren war, wass er da tat, hatte er die Waffensysteme seiner Phantom manuell aktiviert und scharf gestellt.
Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann fiel es auch der Columbia Flight Control auf.
„ForCAP Two, sie haben ihre Waffen aktiviert“, kam es eneregisch von der Flugkontrolle „Deaktivieren sie die Zielerfassung, sofort!“
Cartmell reagierte nicht und dann war es auch schon zu spät. Mit einem leichten Rucken durchbrach er die Abschirmung, die das Vakuum des Universums aussperrte und landete in dem Augenblick auf dem Flugdeck, als seine Finger sich um seinen Abzug krümmten.
Mit grimmig entschlossener Miene beobachtete er, wie seine Laserschüsse über das Flugfeld des Trägers strichen. Deckoffiziere, Techniker und Piloten wurden von den Strahlen erfasst und wie verbrannte Stoffpuppen durch die Gegend geschleudert. Gleichzeitig fauchten seine Raketen eine nach der anderen aus ihren Verankerungen und schossen auf ihren Flammenzungen das Flugdeck hinunter.
Dann kam sein Jäger zum stehen und Donovan konnte sich in aller Ruhe den Orkan der Vernichtung ansehen, den seine Geschütze entfacht hatten.
Direkt vor ihm sah er die Maschine seines Wingcommanders, der kurz vor ihm eingeflogen war und gerade nach rechts zu einem Stellplatz gezogen wurde. Sie wurde von zwei Raketen erfasst, die direkt auf das Heck der Phantom zu beschleunigten und den wehrlosen Jäger ohne Zweifel zerfetzen würden
Kurz vor der Explosion erkannte er Skunk und mit einem hasserfüllten Grinsen registrierte Donovan, wie eine Sidewinder ihn auf der Treppe zu seinem Cockpit erwischte und förmlich in Stücke riss. Die Phantom brach in der Mitte auseinander und die schiere Wucht der Explosion verwandelte die Panzerung des Jägers in einen tödlichen Shrapnellregen, der alle lebenden Crewmitglieder im Umkreis von 20 Metern in bis zur Unkenntlichkeit entstellte Fleischklumpen verwandelte.
Die übrigen Raketen bahnten sich einen Weg der Verwüstung durch den Rest des Flugdecks und schlugen in weitere Maschinen, Abschlepptraktoren und Munitionstransporter ein. Eine Sparrow traf dabei einen der Transportwagen, der voll beladen mit Raumkampfraketen war und brachte diesen ebenfalls zur Detonation. Die Sekundärexplosionen waren so gewaltig, dass er das Vibrieren selbst in seinem abgeschotteten Cockpit noch wahrnehmen konnte.
Doch es blieb nicht bei dem einen Munitionstransporter. In rasender Geschwindigkeit, schneller als es Donovan wahrnehmen konnte, griffen die Explosionen und das Feuer auf weitere hochexplosive Dinge wie Treibstoff und Raketen über, so dass sich die Feuersbrunst auf das gesamte Flugdeck ausbreitete und in Form einer gewaltigen, brüllenden Feuerwalze direkt auf Donovans Maschine zuraste. Als sein Jäger wie ein Papierflieger gepackt und empor gerissen wurde, platzte die Cockpitversiegelung wie die Schale einer reifen Frucht und ließ die fast schon flüssige Hitze binnen Sekundenbruchteilen sein Cockpit durchfluten.
Grenzenloser Hass war das letzte Gefühl, das ihn durchströmte kurz bevor sich sein Körper in seine Atome aufzulösen schien…
Der Schmerzensschrei, der seiner Kehle entfuhr ließ ihn aus seinem Traum hochfahren. Er brauchte einige Sekundenbruchteile um zu realisieren, dass er keuchend in seiner Koje lag. Ein, zwei Sekunden holte er tief Luft, dann stand er auf.
Natürlich war Tyr geweckt worden und schaute ihn eine Sekunde an, ehe er sich wortlos und kopfschüttelnd herumdrehte um weiter zu schlafen. Donovan schlurfte schlaftrunken zu der Nasszelle und ließ sich kaltes Wasser über das Gesicht laufen.
Er hatte schon sehr häufig Albträume gehabt, aber kaum einer war so intensiv gewesen, wie dieser. Und es machte ihm Angst.
Er blickte sein müdes, abgekämpftes Gesicht in dem Pseudospiegel an.
War es soweit? Verlor er tatsächlich das bisschen Verstand, das ihm noch geblieben war?
Hatten Sie ihn jetzt endlich mürbe gekriegt?
Die ständigen Schikanen seiner Staffelkameraden, der Techniker, der Schiffsbesatzung. Die unablässigen Anfeindungen, Beleidigungen und Ehrenkränkungen. Die permanente Überwachung durch den NIC und wahrscheinlich auch durch den JAG.
Würde er nun durchdrehen, Amok laufen, zum Berserker werden?
Hätten Sie es denn nicht etwas anders verdient? War es nicht an der Zeit, zurück zu schlagen?
Ging der Krug nicht bis zum Brunnen, bis er brach?
`NEIN!` Er straffte sich, riss sich zusammen. `Nein. Nein, verdammt, Nein!`
Irgend etwas in ihm schrie ihn förmlich an. Genau dasselbe Gefühl, welches es ihm ermöglicht hatte das erste halbe Jahr bei den Piraten zu überleben. Niemals aufgeben, niemals kapitulieren. Egal wie sehr sie ihn hassen würden, egal wie sehr sie ihn traktierten: Er würde nicht vor Ihnen kriechen, niemals! Und er würde auch nie wieder die Kontrolle über sich verlieren, wie es in seinem Traum geschehen war. Er hatte einmal dem Druck nicht mehr standhalten können, und er war dafür ins Gefängnis gegangen. Wenn ihm das nochmal passieren würde, würden Sie ihn wahrscheinlich aufs Schaffot schicken.
`Nein`, versprach er seinem verzerrten Spiegelbild, `er würde sich nicht brechen lassen, er würde kämpfen. Ob nun gegen die Akarii oder notfalls gegen die eigenen Leute`.
Cattaneo
05.04.2004, 10:21
Ein kühler Empfang
Die Kreuzer und Zerstörer umgaben die Columbia in einem schützenden Gürtel. Wer auch immer an den Träger heran wollte, er mußte einer gigantischen Feuerkraft begegnen. Auf allen Schiffen waren die Kampfstationen voll besetzt, die Werfer geladen. Mannschaften und Offiziere wußten um die Bedeutung des Einsatzes. Die erste große Gegenoffensive der Menschen, vielleicht gar die Kriegswende – alles schien möglich. Oder eine Niederlage, Tod und Vernichtung, der drohende Gesamtsieg der Akarii. Solche Gedanken duldeten keine Nachlässigkeit.
Die Relentless hatte momentan eine führende Position in der todbringenden Phalanx inne. Direkt hinter dem Zerstörer an der Spitze des Verbandes glitt das 30.000-Tonnen-Schiff durch den Raum. Unzählige Augen überwachten die Anzeigen, ob sich nicht vielleicht Anzeichen feindlicher Schiffe fänden. Natürlich war dies im Grunde nicht unbedingt nötig. Die Vorauspatrouillen, Jäger und Radarshuttle, bildeten eigentlich einen zuverlässigen Frühwarngürtel. Aber Captain Mithel wollte sichergehen. Außerdem hatte Vizeadmirälin Wulff sich nun einmal dafür entschieden, daß alle Register gezogen werden sollten. Mithel war niemand, dem es auch nur im entferntesten eingefallen wäre, daran etwas auszusetzen zu haben. Oder gar die auferlegten Pflichten zu vernachlässigen.
Dennoch war er weit weniger angespannt als sonst. Im Augenblick war keine unliebsame Überraschung zu erwarten. Seine Mannschaft zeigte langsam den Grad von Einsatzbereitschaft, den zu sehen er wünschte. Sie war natürlich bei weitem noch nicht perfekt.
Aber wo fand man schon Perfektion? Für das, was sie waren, leisteten sie gute Arbeit. Schließlich hatten viele noch kein ernstes Gefecht miterlebt. Zumindest in den Übungen schnitt die Crew gut ab. In gewisser Weise – auch wenn er sich dies nicht eingestehen würde – konnte er dem früheren Kapitän der Gallileo dankbar sein, daß dieser die Relentless bei Jollahran zurück befohlen hatte. So hatte Mithel die Zeit erhalten, die seine Mannschaft gut gebrauchen konnte. Aber daran dachte der Captain nicht.
Es beruhigte ihn etwas, diesmal mit einem Träger zusammenzuarbeiten, dessen Geschwader er kannte. Vom Skipper hatte er freilich einige nicht ganz so freundliche Geschichten gehört. Es war angeblich wieder einer von der burschikosen Sorte. Nun dies sprach nicht ZWINGEND gegen ihn – aber manchmal fragte sich Mithel, warum die Akademie neuerdings verstärkt Leute zu produzieren schien, denen der Flotten-Knigge ein Buch mit sieben Siegeln war. Waco war ja nicht der einzige von der Sorte, geschweige denn der Schlimmste.
Aber er kannte den Geschwaderchef. Und von dem hatte er eine bessere Meinung. Dieser Lone Wolf war zwar sicher kein Geistesriese, das hatte das peinliche Zwischenspiel mit den Ehrengericht bewiesen. Noch heute fühlte Mithel leichte Verärgerung, als er daran dachte, wie Admirälin Noltze sich über die hohen Traditionen der Navy hinweggesetzt hatte. Aber der CAG der Angry Angels war auf jeden Fall das, was man Heldenmaterial nannte. Schneidig, erfolgreich, und zumindest in taktischer Hinsicht versiert, wenn ihm auch die Fähigkeiten zu einem Strategen offenbar fehlten. Ein Jagdpilot eben, aber keiner, den man zum Kommandeur eines Schiffes oder gar einer Flotte machen konnte, außer er eignete in den kommenden Jahren noch ein gerüttelt Maß an Weisheit an. Sein tollkühner Angriff bei Jollahran hatte zusammen mit der Opferbereitschaft von Captain Usher und Captain Chantirs Brillanz aus einem fast sicheren Desaster zumindest ein Patt gemacht. Nein, Mithel war ganz froh, daß der Geschwaderchef von diesem Kaliber war.
Es hatte einen regen Austausch von Botschaften zwischen den Schiffen gegeben. Mithel hatte dies nicht bewußt gefördert, aber es freute ihn. Möglicherweise war es ein Anzeichen, daß die ehemaligen Redemption-Leute den Kreuzermatrosen nichts nachtrugen. Das konnte für die Einsatzmoral nur förderlich sein. Seine Second-in-Command hatte es offenbar geschafft, sich mit mehreren Offizieren anzufreunden, die auch jetzt wieder mit von der Partie waren. Nun, ihr fiel dies immer etwas leichter als Mithel.
Eine andere Konstante zur letzten Mission freute den Captain freilich weniger. Auf seinem taktischen Schirm schwebte das Symbol der Dauntless unmittelbar ,hinter‘ seinem eigenen Kreuzer. Bei einem feindlichen Frontalangriff würde der Flakkreuzer die Abwehr gegnerischer Jäger übernehmen, und seine angeblich überlegene Ortungstechnik ins Spiel bringen.
An dem Schiff wie am Kapitän schmeckte Mithel jedoch einiges nicht. Er erinnerte sich daran, wie ,gut‘ sein Verhältnis zu Captain Gonzales auf der letzten Einsatzfahrt gewesen war. Er hatte sein anfängliches Urteil nicht revidiert. Mit einer Mischung aus Amüsement und Pikiertheit erinnerte er sich, wie die Dauntless zur Kreuzerschwadron gestoßen war.
Captain Schupp hatte seinem neusten Untergebenen einen entsprechenden Empfang bereitet. Ein Shuttle hatte Captain Gonzales zur Tiredless gebracht, wo bereits die anderen Kapitäne auf ihn warteten. Eine Formation Marines war angetreten – alles in allem also ein durchaus sehenswertes Schauspiel. Allerdings zweifelte Mithel jetzt im Rückblick daran, daß Gonzales so etwas überhaupt zu würdigen wußte.
Captain Schupp hatte den Kommandanten des Flakkreuzers höflich, aber eher distanziert empfangen, wie es seine Art war. Natürlich war man beim späteren Dinner auf die letzte Mission der Dauntless zu sprechen gekommen, bei der sie sich erstmals hatte bewähren können. Wenn man das so bezeichnen durfte – der ,Test‘ war unter optimalen Bedingungen abgelaufen, und Mithel hatte seine Gratulation mit der Bemerkung verknüpft, der Akariikommandeur, der mit zwölf Sturmjägern einen kompletten Konvoi angegriffen hatte, könne wohl nicht einer der fähigsten seines Ranges gewesen sein. Gonzales hatte dies vermutlich nicht gerne gehört. Bei der Erinnerung mußte Mithel sich ein leichtes Grinsen verkneifen. Ihm war auf jeden Fall die Genugtuung geblieben, Gonzales in einem unbeachteten Moment ,als Freund‘ darauf hinzuweisen, daß Captain Schupp es vermutlich nicht schätzen würde, wenn man während einer Besprechung, die er leitete, sich dem Genuß von Tabakwaren hingab. Es war, wie Mithel wußte, ein etwas kleinlicher Schachzug von seiner Seite – aber er selber betrachtete solches Benehmen als geradezu skandalös. Was sollte denn als nächstes kommen? Sollten Kommandeure künftig in Gegenwart ihrer Vorgesetzten Kaugummi kauen oder im Colonial Playboy ,schmökern‘?
Nun, Gonzales war aufgefordert worden, einen umfangreichen Bericht über den Zwischenfall und die Schlußfolgerungen daraus anzufertigen – zusätzlich zum normalen Missionsbericht. Schupp wollte offenbar nach Möglichkeit wissen, was mit der Dauntless anzufangen war. Auch vom Konvoichef hatte er einen Bericht erbeten. Der hatte vermutlich einige Zweifel betreffs des Flakkreuzers beseitigt – bezüglich seines Captains jedoch nicht unbedingt. Gewisse Untertöne im Bericht deuteten fast inakzeptables Verhalten der niederen Dienstgrade auf dem Schiff an. Aber da ließ sich nicht viel machen...
Es würde sich zeigen, wie sich die Dauntless in einem echten Gefecht machen würde. Mithel gestattete sich da weiterhin Zweifel, in vielerlei Hinsicht. Der Second-in-Command an Bord der Flakkreuzers war ja auch nicht viel besser. Sicher, auch Gonzales hatte es durch den Perisher geschafft, und fachlich war er versiert. Aber für Mithel war es geradezu ein unumstößlicher Fakt, daß der, der in Sachen Borddisziplin Laschheit zeigte, zumeist auch in anderer Hinsicht im Dienst die Zügel nicht ganz in der Hand hatte. Und ein Kapitän war immer noch „der oberste Herr unter Gott“ an Bord seines Schiffes. Furcht vor dem Kapitän war falsch, aber ein kumpelhaftes Verhältnis war auch nicht optimal.
Mit einem inneren Achselzucken tat er das Problem ab. Die Mission würde nicht an einem leichten Kreuzer hängen. Mithel hatte vor, sich nicht im geringsten auf diese neue Wunderwaffe zu verlassen, und erwartete deshalb auch keine unangenehme Überraschung. Wenn das Schiff und sein Kapitän besser abschnitten, als er es befürchtete, war dies nur gut – wenn nicht, ging die Welt dabei auch nicht unter. Auch wenn es schon merkwürdig war, ein funkelnagelneues Schiff einem Senkrechtstarter anzuvertrauen, wo es selbst im Krieg immer noch genug wirklich erprobte Kapitäne gab. Die da oben wußten manchmal wirklich nicht, was sie wollten...
Aber es war nicht seine Aufgabe – leider – auf Gonzales‘ Schiff für Ordnung zu sorgen. Er hatte seinen eigenen Haushalt in Gang zu halten, und das lastete ihn voll aus. Neben einer gründlichen Einweisung in das Zielsystem, die alle Offiziere hatten über sich ergehen lassen müssen, hatte er für die nächsten Tage noch einige Alarmübungen angesagt. Womit die Mannschaft zweifelsohne schon rechnete, inzwischen kannten sie ihren ,Alten‘. Bei der letzten Enterübung war ihm einmal mehr klar geworden, daß bewaffnete Raummatrosen eben keine Marines waren. Die ,Roten‘ hatten die ,Blauen‘ ziemlich zusammengeschlagen. Also war auch in der Hinsicht einiges zu unternehmen – weiterer Stoff für Übungen. Obwohl natürlich eine Schiffsbesatzung im Kampf nie vollwertiger Gegner für Marines seien würde – genau so wenig wie etwas beim Rugby...
Und dann war natürlich auch noch seine eigene Vorbereitung. Endlose Stunden, in denen er Aufzeichnungen über Raumgefechte dieses Krieges und früherer Konflikte studierte. Er kannte viele der Gefechte inzwischen auswendig, bei den meisten auch noch ein oder zwei durchgespielte Alternativvarianten. Aber dennoch nahm er wieder und wieder die verschiedenen Schlachten durch, besonders die zwischen Großkampfschiffen ohne oder mit nur geringer Jagdbeteiligung. Er hoffte immer noch darauf, dort Dinge zu entdecken, die ihm weiterhelfen konnten, wenn es darauf ankam. Bald würde er wieder ein Schiff in die Schlacht führen. Er freute sich sogar darauf. Es war schon eine ganze Weile her, seit er mit seinem letzten Schiff im Gefecht gestanden hatte. Nun, mit etwas Glück würde er den Erfolgen, die er mit der Hydra errungen hatte, noch einige weitere mit diesem Schiff – einem echten Schlachtkreuzer – hinzufügen können...
Cattaneo
05.04.2004, 10:22
Ein Versprechen...
First Lieutenant Pawlitschenko gehörte nicht zu den Menschen, die leere Versprechungen machten, oder kraftlose Drohungen ausstießen. Eher war das Gegenteil der Fall. Sie handelte zumeist, ohne allzuviele Worte darüber zu verlieren. Gewisse Dinge konnte man auch gar nicht aussprechen. Sie hatte keinen hochdramatischen Racheschwur gegen die Akarii abgegeben, sondern handelte einfach danach. Und auch in anderen Dingen ließ sie eher Taten sprechen. Was möglicherweise daran lag, daß sie sich nicht eben für rhetorisch begabt hielt, und ein eher verschlossenes Naturell hatte.
Als sie Cartmell angekündigt hatte, ihm das Leben zur Hölle zu machen, sollte er sich nicht an ihre Vorschriften halten und ein braver Mustersoldat werden, da war dies keineswegs nur als Einschüchterung gemeint gewesen. Sie hatte freilich damit gerechnet, daß sie positiven Bescheid bekommen würde.
Zum einen sah sie in ihren Worten keine Schikane, sondern hielt sie für einen vernünftigen Vorschlag. Sie nahm die Autorität, die ihr der höhere Rang gab, als selbstverständlich in Anspruch. Ihre Auszeichnungen und ihre Erfahrung gab ihr ein Gefühl der Überlegenheit. Dies war nicht herablassend gemeint, sondern vielmehr so, daß der unerfahrenere, niedriger gestellte Soldat einfach zu gehorchen hatte. So lief es nun einmal im Militär. Schließlich hatte Cartmell seinen alten Rang durch sein eigenes Verhalten verspielt, aus freien Stücken sozusagen. Daß er es als ungerecht empfinden könnte, schloß sie zwar nicht aus, betrachtete es aber als unwahrscheinlich, weil im höchsten Maße unvernünftig. Ihre eigenen geheimen Mankos waren in ihren Augen etwas völlig anderes, zumal sie ja auch im Dienst ihrer Meinung nach nicht hinderlich waren.
Zum anderen ging sie davon aus, daß Cartmell sein eigenes Fehlverhalten – wie sie es auffaßte – einsah. Schließlich war er ja hier, also hatte er sich dafür entschieden, sein Vergehen zu sühnen. Also würde er die Richtigkeit ihrer Anordnungen einsehen, vor allem, nachdem sie ihm ihren Standpunkt unmißverständlich klargemacht hatte. Sie wußte, daß sie an Bord aus verschiedenen Gründen nicht sonderlich beliebt war, aber wenn der Ensign sich auch nur ein bißchen umhörte, würde er wissen, daß sie keine Schaumschlägerin war.
Um so mehr war sie erbost darüber, daß eine solche Antwort ausblieb. Sie hatte sicherheitshalber noch einmal bei Tyr nachgefragt, doch der hatte nur mit den Schultern gezuckt. Ihm gegenüber hatte der ehemalige Sträfling nichts gesagt. Sie überlegte kurz, Cartmell noch einmal zur Rede zu stellen, entschied sich aber dagegen. Mit wachsendem Zorn wartete sie, aber auch nach Verstreichen des von ihr gesetzten Zeitrahmens kam keinerlei Zeichen, daß der ehemalige Sträfling Vernunft annehmen wollte. Nach außen ließ sich Lilja nichts anmerken, aber innerlich kochte sie. Nun, wenn er auf den eindeutigen Warnschuß nicht hören wollte, dann hatte er es eben nicht anders verdient...
Ihr erster Gedanke war gewesen, direkt in Cartmells Staffel Druck zu machen. Doch als sie gründlich darüber nachdachte, kam sie zu dem Entschluß, es besser auf anderem Wege zu versuchen, als strikt nach dem Dienstplan. Ihr Verhältnis zu Radio, der ja XO der Roten Staffel war, schätzte sie als ziemlich schlecht ein. Die ehemalige Plaudertasche des Geschwaders – nun, zum Gutteil war er es immer noch – würde sich vermutlich als nicht sehr kooperativ erweisen. Immerhin hatte Radio schon mal auf der falschen Seite eines Ehrengerichtes gestanden, bei dem sie den Vorsitz geführt hatte. Und für die ganze Angelegenheit gab er offenbar zum Gutteil ihr die Schuld. Sie hatte es für unter ihrer Würde und gegen die Traditionen gefunden, ihn über die Wahrheit aufzuklären. Das er die Berechtigung der Vorwürfe anerkannte, war zwar zu hoffen, stand aber keineswegs fest. Den Geschwaderchef selber wollte sie lieber nicht damit belästigen. Es mußte sich doch auch so etwas machen lassen...
Skunk wäre ein weiterer möglicher Ansprechpartner gewesen, aber Lilja kannte ihn nicht genug, um ihm so weit zu vertrauen. Er schien zwar mit Cartmell nicht eben übertrieben rücksichtsvoll umzugehen, aber dennoch...
Er war kaum der Mann, von dem sie erwarten konnte, daß er Cartmell auf die richtige Art und Weise an die Kandare nahm. Was er sich bisher so geleistet hatte, sprach ja wohl Bände. Er war im Grunde fast so ein Radaubruder wie Cartmell, bloß hatte er sich eben nie erwischen lassen oder sich nur mit den richtigen Leuten geprügelt. Und natürlich lag gegen ihn kein zweifelhafter Freispruch in einem Verfahren vor, in dem im Schuldfalle nach Liljas Ansicht ein Schuß in den Kopf noch eine Gnade war. Daß sie Cartmell überhaupt eine Chance eingeräumt hatte lag daran, daß sie sich bemühte, so fair zu sein, wie sie konnte. Das Gericht hatte ihm die Piratensache nicht nachweisen können, damit war es erst einmal vom Tisch – was handfeste Konsequenzen anbetraf. Vertrauen würde sie dem Piloten nie.
Doch leider war Skunk auch noch Führer der Sektion, und das bedeutete, sie hatte in der Roten Staffel niemanden, an den sie sich mit ruhigem Gewissen wenden konnte. Zumindest keinen höheren Offizier.
Nun, bei den First Lieutenants Hal und Mantis ließ sich schon eher etwas machen. Sie kannte durchaus einige Angehörige von Rot gut genug, und auch ein paar Leute in anderen Staffeln.
Genug, um diesem selbstgerechten, aufgeblasenen Affen die Suppe gehörig zu versalzen, so hoffte sie zumindest. In Gedanken legte sie sich eine Strategie zurecht. Es war nie gut, mit der Tür ins Haus zu fallen. Sie würde erst mal vorfühlen, was ihre Zielpersonen von Cartmell so hielten. Und dann ihre Sicht der Dinge unterbreiten. Nach Liljas Ansicht gab es für Extratouren dieser Art nur wenige Entschuldigungen. Erst recht nicht, wenn man mit einem Bein im Gefängnis stand. Sich dann aufzuführen wie die gekränkte Unschuld, wiewohl man doch auf Knien der Navy danken sollte, daß sie einem eine zweite Chance gab – das war wirklich das letzte.
Lilja hatte selber lange und hart um IHRE zweite Chance kämpfen müssen, und dabei war dies nun wirklich nicht ihre Schuld gewesen. Wenn man aus Überarbeitung schlappmachte – nun, sie hatte sich vorher wahrlich aufgerieben im Dienst. Und ihre Pflicht mustergültig erfüllt. Als man sie aus der Reserve wieder nach vorne schickte, hatte sie die Zähne zusammengebissen, um nicht wieder abgeschoben zu werden. Und dieses dreckige Schwein führte sich auf, als würde ER der Flotte eine Gnade erweisen, indem er sich dazu herabließ, hier zu fliegen! Das war inakzeptabel. Und sie konnte sich durchaus vorstellen, daß es genug Leute gab, die ihre Meinung teilten.
Sie würde den anderen klarmachen, daß Cartmell offenbar nicht daran interessiert war, sich wirklich zu bewähren. Soldat zu sein bedeutete Gehorsam und Pflichterfüllung – davon war Lilja überzeugt. Nun, wenn er dazu nicht bereit war, mußte man ihm die Konsequenzen zu spüren geben. Sie würde die anderen anhalten, ihm auf die Finger zu sehen, jede kleinste Nachlässigkeit zu melden. Dafür zu sorgen, daß er den Druck von oben bekam, der er verdiente. Ihn in einem Licht zu malen, daß alles andere als günstig wirkte. Austesten, wo die Grenze lag. Auch sie würde ihren Teil dazu beitragen, sollte sie die Möglichkeit haben. Tyr würde da ein verläßlicher Verbündeter sein. Er würde ihr melden, sollte sich Cartmell auch nur eine Schwäche leisten. Und sicher würde er gerne die eine oder andere Bemerkung über unsoziales Verhalten seines Zimmergenossen beisteuern. Glaubhaft war es allemal. Und sollte Cartmell jemals einen ihrer Befehle verweigern...
Sie hatte keineswegs vor, ihn auf die Art und Weise zu schikanieren, wie man es in den alten Kriegsstreifen sah. Befehle mußten immer begründbar sein – schon damit es nach außen nicht zu sehr nach Schikane aussah.
Cartmell würde vielleicht Vernunft annehmen, und endlich versuchen, zu einem ordentlichen Soldaten und akzeptablen Mitglied des Geschwaders zu werden. Nun, soweit das so jemandem wie ihm möglich war. Sein Lebenslauf würde ihn vermutlich, und das zu Recht, immer in einer gewissen Weise ausgrenzen.
Vielleicht würde man aber auch einsehen, daß er seine zweite Chance nicht verdiente. Für Lilja war dies ziemlich offensichtlich.
Aber auf jeden Fall würde er Ensign bleiben, bis er sich etwas anderes verdient hatte. Und das, entschied sie mit einem bitteren Lächeln, würde ihm vermutlich teurer fallen als er dachte.
Sie überschätzte ihre eigene Macht keineswegs. Sie war nur First Lieutenant, dazu aus einer anderen Staffel. Aber Cartmell hatte so ein Talent, sich ,Freunde‘ zu machen, daß sie nicht lange würde suchen müssen, um die geeigneten Verbündeten zu finden. Zu einer Partie ,Heiliger Geist‘ hätte sie vermutlich sofort ein Rollkommando zusammenstellen können. Aber Lilja lehnte so etwas für sich selbst ab, wenngleich gegenüber gewissen Leuten recht tolerant war. Es gab andere Wege, und die waren für das Ziel nicht weniger unangenehm.
Cartmell würde noch lernen, daß sie ihre Versprechen ernst meinte...
Ace Kaiser
05.04.2004, 21:31
Als Commodore Reich in der Wüste von Arizona ankam, empfing ihm pures Chaos. Der zuständige Commander hatte es sichtlich gut gemeint, aber der erfahrene Presseoffizier aus Admiral Frosts Büro schlug bei dem Anblick des sich abzeichnenden Debakels die Hände vor dem Gesicht zusammen.
Die Bewachung des Lagers – inhaftiert. Sechsundfünfzig Marines knieten am Boden, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Strikt bewacht von zweihundert schwer bewaffneten Marineinfanteristen. Die Akarii, umringt von Kampfpanzern, Scharfschützen und regulärer Infanterie mit schussbereiten Karabinern.
Die Außerirdischen selbst hielten sich in der prallen Sonne auf und bewegten sich nicht einen Millimeter.
Reich war klar, was sie da taten. Sie wollten den Menschen keine Gelegenheit für ein Massaker geben. Deshalb rührten sie sich so wenig wie irgend möglich.
Der Commodore erkannte mehrere zusammen gesackte Gestalten in der geordneten Reihe der Akarii. Niemand half ihnen. Kein Akarii, kein Mensch.
Vor dem Gefängnis waren weitere Kampfpanzer aufgefahren. Sie drängten die Gleiter und Fahrzeuge der vielzählig angetretenen Presse ab. Marineinfanteristen schossen fliegende Kameras ab und inhaftierten besonders hartnäckige Presseleute.
Der Commodore konnte nur noch den Kopf schütteln.
Commodore Reich winkte seinen Adjutanten heran. „Holen Sie mir den zuständigen Offizier hier ran.“
Der Lieutenant nickte und verschwand im Lager.
Kurz darauf kam er mit einem Commander im Schlepp wieder zurück. „Sir, ich bringe Ihnen Commander Wilhelm Gassenhauer.“
Der Offizier salutierte korrekt vor dem Ranghöheren. „Commodore.“
Reich musterte den Jüngeren einige Zeit. Dann hob er anklagend den Zeigefinger und richtete ihn wie eine Waffe auf Gassenhauer. „Commander. Was machen Sie hier?“
„Sir, wie Admiral Frost befohlen hat, habe ich die Bewachung des Lagers festgesetzt und bereite die Akarii zur Deportation vor.“
„Soweit so gut. Aber was machen Sie mit der Presse?“
„Wir versuchen sie zu vertreiben, aber sie sind hartnäckig. Ich habe bereits ein weiteres Bataillon zur Unterstützung angefordert.“
„SIE HABEN WAS?“, blaffte Reich. „Das war doch nicht Ihr Ernst?“
Der Commodore ließ den Offizier stehen und kehrte zu seinem Shuttle zurück.
Als er nach fünf Minuten wiederkam, sagte er: „Gassenhauer. Sie sind von diesem Auftrag entbunden. Ich übernehme mit sofortiger Wirkung. Kommen Sie, hören Sie und lernen Sie.“
„Sir, aber Admiral Frost…“
„Ich habe gerade mit ihm gesprochen. Der Befehl, das Kommando zu übernehmen, stammt direkt von ihm.“
Der Commander sah den Ranghöheren erschrocken an.
Als Reich sich in Bewegung setzte, folgte er eingeschüchtert.
Reichs erster Weg führte ihn zu den bewachten Marines.
Er blaffte einige sehr laute Befehle, und die Wachen nahmen die Waffen ab.
Danach wandte er sich an die Marines und forderte sie auf, sich aufzurichten.
„Offiziere und Unteroffiziere treten nach links raus. Sie werden verhört. Mannschaften bereiten sich auf den Rücktransport in die Kasernen vor. Sie erhalten Ihre Ausrüstungen sofort wieder.“
„Sir, ist das klug? Immerhin sollten wir sie festsetzen.“
„Commander, schlimm genug, dass Sie unsere eigenen Soldaten in der Sonne haben brüten lassen. Aber dass Sie ihnen auch noch Stolz und Würde genommen haben, ist unverzeihlich!“
`Und wenn du erwähnst, dass der Befehl dazu direkt aus Frosts Büro kam, landest du auf einem Schreibtischposten auf Midway!´
Betreten sah Gassenhauer zu Boden. „Ja, Sir.“
Die Marines teilten sich diszipliniert auf. Die Offiziere traten nach links aus, die Mannschaften ließen sich ihre Ausrüstung wieder geben und nahmen korrekt in Trupps und Platoons Aufstellung.
„Sehen Sie das, Commander? So einfach hätten Sie es auch haben können. Es sind immer noch unsere Soldaten. Unsere eigenen Truppen.“
Reich ging, mit seinen eigenen und Gassenhauers Offizieren im Schlepp, durch die Reihen der Marines. Bei einigen übel zugerichteten Soldaten blieb er stehen und rief nach dem Sanitäter.
Die Blicke, die er Gassenhauer zuwarf, wurden zunehmend finsterer. Man konnte das Wort Kriegsgericht geradezu von seinen Lidern lesen.
Danach trat Reich in den eigentlichen Gefangenentrakt ein.
Vor den disziplinierte Reihen der Akarii stand ein einzelner Offizier und mahnte in regelmäßigen Abständen Disziplin an. Mittlerweile waren weitere Akarii umgekippt. Reich wusste, dass die Reporter diese Szenen aufnahmen und ausschlachten würden.
Der Commodore trat vor den vorne stehenden Akarii und salutierte.
Der Akarii erwiderte den Gruß.
„Artan Ry Hallas, ich übernehme mit sofortiger Wirkung das Kommando über dieses Lager. Bereiten Sie sich und Ihre Untergebenen auf den baldigen Abtransport zurück nach Texas vor.“
Der Akarii-Offizier salutierte erneut, drehte auf der Ferse und brüllte einen Befehl.
Als die Akarii wie ein Mann um neunzig Grad drehten und Reihe für Reihe zu den Baracken zurückmarschierten, legte sich mehr als eine Hand bei den Marines auf die Feuertrigger ihrer Waffen.
Als der letzte Akarii den Platz verlassen hatte und nur noch die ohnmächtigen Soldaten des Gegners am Boden lagen, rief Reich nach Sanitätern.
Gassenhauer immer noch im Schlepp verließ Reich das Lager und trat hinaus zum Absperrriegel.
Zuerst sorgte er dafür, dass die Inhaftierten Reporter wieder frei gelassen wurden und dass ihnen ihr Gerät zurückgegeben wurde.
Danach hielt er eine kleine Ansprache vor den Nachrichtenleuten.
„Mein Name ist Commodore Reich. Mit sofortiger Wirkung übernehme ich das Kommando über dieses Lager.
Meine Aufgabe ist es, das Lager so schnell wie es geht aufzulösen, da die Anwesenheit der Akarii-Gefangenen Unruhe auf der Erde ausgelöst hat.
Dies werde ich tun.
Aber vorher biete ich der terranischen Presse die Möglichkeit, sich von der Harmlosigkeit der Akarii-Gefangenen zu überzeugen. Ich erlaube jeder Zeitung und jedem Sender mit einem Vertreter das Lager zu betreten.“
Unruhe ergriff die Reporter. Alleine die Fernsehteams waren fünf oder mehr Leute stark.
Man würde also nur mit einem Kameramann vertreten sein, während die Zeitungen hier klar im Vorteil waren.
Dies hatte auch den Nebeneffekt, dass die Kameras nur aufnehmen konnten, was Reich ihnen servierte.
Nach einer halben Stunde hatte sich die freie Presse entschieden. Gut fünfzig Reporter konnten durch die Absperrungen treten und wurden von Reichs Adjutant ins Lager geführt.
Diese Zeit hatte gereicht, die verletzten Marines zu verarzten und die ohnmächtigen Akarii in ihre Quartiere oder in dringenden Fällen in den Sanitätsbereich zu schaffen.
Auf seinen Adutanten konnte sich Reich verlassen, der junge Mann würde den Reportern schon was zu futtern geben.
„Haben Sie verstanden, was ich hier gemacht habe, Commander?“
„Nein, Sir. Nur, dass Sie gegen Admiral Frosts Befehle verstoßen haben.“
Wütend funkelte Reich den anderen Offizier an. „Dann will ich es Ihnen erklären. Ich habe verhindert, dass die Presse der Republik die Navy in der Luft zerreißt.
Weil sie gefangene Soldaten foltert. Weil sie eigene Soldaten prügelt. Weil sie eigene Soldaten inhaftiert.
Himmel, wissen Sie, wie schlecht die Stimmung zwischen Marines und Navy werden wird, wenn sich rum spricht, wie Sie mit den Marines umgesprungen sind?“
„Aber die Befehle von Admiral Frost…“
„Er hat Ihnen einen Auftrag gegeben. Sie müssen ihn ausführen. Aber wie Sie ihn ausführen, ist immer Ihre Sache.
Glauben Sie wirklich, dass die Befehle von Admiral Frost noch Gültigkeit haben können, wenn fünfzig Zeitungen und Sender hier jeden Schritt und jede Bewegung außerhalb des Lagers filmen? In so einem Fall muss ein guter Offizier die Initiative ergreifen. Dies hier ist nicht irgendein Planet. Dies ist die Erde, das Herz der Republik. Hier lebt und fällt man mit einer guten öffentlichen Meinung und einer guten Presse.
Haben Sie das endlich kapiert, Commander?“
„Ja, Sir. Ich hätte sie alle mit Samthandschuhen anfassen müssen.“
Der resignierte Tonfall war genau das, was Reich hören wollte.
„Gut. Dann gebe ich Ihnen eine letzte Chance, Ihre Karriere zu retten.
In zwei Stunden kommen die Pendler, die unsere Akarii zu einem Transporter im Orbit um Fort LEXINGTON bringen werden. Von dort werden sie zurück nach Texas geschafft.
Bringen Sie das hier Zuende. Wenn Sie es gut machen, will ich Ihre stümperhafte Arbeit vergessen. Präsentieren Sie die Akarii als harmlos. Versuchen Sie, ihre Moral so schlecht wie möglich aussehen zu lassen.“
„Aber Sir, wird das dann nicht den Tauben wieder Auftrieb geben, wenn wir die Akarii freundlich darstellen?“
„Diese freundlichen Akarii haben Mantikor erobert. Schon vergessen? Aber kaum sind sie in der Unterzahl und gefangen, werden aus ihnen Lämmer. Lassen Sie das durchblicken. Ich werde mir Ihre Arbeit später ansehen.“
Gassenhauer nickte. „Sir. Sie können sich auf mich verlassen.“
Reich sah ihm hinterher. Dann nickte er seinem Adjutanten zu. „Helfen Sie ihm.“
Eine halb Stunde später stand er in der stechenden Sonne des Death Valley in Kalifornien und starrte in ein gut geschützt ausgehobenes Erdloch.
„Es sind zwei. Erste Untersuchungen ergeben, dass von hier die Stinger abgeschossen wurde, die Commander Chuns Shuttle abgeschossen hat. Der Linke war der Beobachter, der Rechte der Schütze.
Nachdem sie das Shuttle erwischt haben, müssen sie von einem schweren Laser getroffen worden sein. Anhand der Art der Verbrennungen und der Schmauchspuren im Erdreich kann man erkennen, dass der Laserimpuls daneben ging. Die Stellung war fünf Meter neben dem Kernpunkt des Treffers. Aber die rudimentäre Verbrennung hat ausgereicht, beide zu töten.
Hochrechnungen haben ergeben, dass der tödliche Schuss zu neunzig Prozent von einem Jäger oder Jagdbomber abgegeben wurde. Wir vermuten eine Griphen oder eine Nighthawk.“
„Jemand hat also versucht, seine Spuren zu verwischen“, brummte Reich leise. „Das passt aber in keinster Weise zu Lt. Commander Chun und seine kleine Verschwörung.
Hier muss noch eine Partei im Spiel sein.“
Reich ging in die Knie und dachte nach. „Chuns Ziel war es, Akarii auf die Erde zu holen, dies durchsickern zu lassen und damit eine gewisse Akarii-Hysterie auszulösen, welche die allgemeine Stimmung weltweit für den Krieg festigen sollte.
Seine Aktion mit diesem Shuttle und dem medizinischen Seminar war sein letzter Notanker, die Existenz der Akarii bekannt zu machen, bevor die Navy eingreifen konnte.
Wer immer hier zwei Soldaten liquidiert hat, wollte nicht, dass dies geschieht. Und er muss beste Kontakte oder eigene Leute in der Navy haben.
Ja, ich bin sicher. Ziel des Hinterhalts war es, zu verhindern, dass die Existenz des Lagers bekannt wurde. Chun sah hier einen Nutzen für die Navy. Der unbekannte Gegner aber sah darin einen fatalen Fehler. Womöglich für eigene Pläne.“
Der Commodore erhob sich und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Das stinkt doch geradezu nach PROMETHEUS!“
„Sir?“ Der Junioroffizier zuckte merklich zusammen.
„Hier wurde ein Jäger eingesetzt. Das kann nur ein ausgebildeter Pilot tun. Und nur ein guter Pilot kann einen getarnten Angriff fliegen, ohne dass es der Flugüberwachung auffällt.
Recherchieren Sie das. Dank den Aufzeichnungen der Black Box des Shuttles wissen wir, wann der Angriff erfolgte.
Ermitteln Sie, welcher Stützpunkt zu dieser Zeit Maschinen in dieser Region hatte.
Werten Sie auch die Daten der Flugsicherheit aus.
Überprüfen Sie auch alle Stützpunkte im näheren Umkreis auf desertierte oder verschwundene Techniker und Piloten.
Haben Sie einen Treffer, setzen Sie alle beteiligten Soldaten fest: Die Piloten, die Vorgesetzten, die Wartungstechniker. Alle, die mit drin stecken könnten.“
„Sir, aber PROMETHEUS?“
„Glauben Sie vielleicht, die Tauben um Pavon würden eine Stinger auf ein Shuttle voller Akarii einsetzen?“
„Vielleicht, Sir.“
„Zugegeben. Aber ich sehe hier eine Handvoll gut ausgebildeter Soldaten. Sie haben etwas, irgendetwas über ihre Pflicht der Republik gestellt.
Und PROMETHEUS ist der erste wahrscheinliche Gedanke.“
Reich ging langsam zu seinem Shuttle zurück. „Die ersten verifizierten Mitglieder einer geheimen Sekte wurden vom NSA auf der Troffen-Kampagne der Trägergruppe REDEMPTION festgesetzt. Zwei Techniker hatten scheinbar unmotiviert ihre Kenntnisse benutzt, um die Ausrüstung der Piloten zu sabotieren.
Bei den Verhören stellte sich heraus, dass beide Techniker quasi in einer Konstruktwelt lebten. Sie waren heimliche Angehörige einer Sekte, die ihnen genau diese Sabotage befahl.
Ziel war es, so viele Missionen wie möglich scheitern zu lassen.
Wir wissen seither von zwanzig weiteren Festnahen von Mitgliedern von PROMETHEUS.
Außerdem konnten fast dreihundert unerklärliche Unfälle während des Krieges der Sekte zugeordnet werden. Und wir sind noch lange nicht am Ende angelangt.
PROMETHEUS. Wir kennen den wahren Namen der Sekte nicht. Wir wissen nicht, wer sie anführt. Wir wissen nicht, wie sich die Mitglieder erkennen.
Aber wir kennen ihre Ziele.
Wir haben sie deshalb PROMETHEUS genannt. Nach dem alten griechischen Helden, der das Feuer von den Göttern stahl, um die Menschen zu wärmen und zu erleuchten.
Diese Sekte will, dass wir den Krieg verlieren. Schlicht und einfach verlieren.
Die menschliche Rasse ist in ihren Augen unreif und widerspenstig.
Sie vertritt die Meinung, dass wir uns den Akarii unterwerfen sollten, um unter Anleitung eines älteren Kulturvolkes mit einer jahrtausende alten Raumfahrtgeschichte erst eine eigenen Verantwortung zu entwickeln. Dazu ist ihnen jedes Mittel Recht.
Und wie es nun mal so ist, wenn sich jemand eine verdrehte Sicht der Dinge Zu Recht gelegt hat, kann er warten. Warten und lauern, bis ihm gesagt wird, er soll zuschlagen.
Führen Sie die Anweisungen aus, Lieutenant. Ich will heute noch einen oder mehrere Gefangene sehen.“
„Ja, Sir.“
**
Einen Tag später stand Commodore Reich in Admiral Frosts Büro. Der alte Mann musterte den aufstrebenden Offizier einen Moment und sah dafür von dem Bericht auf.
„Erklären Sie mir noch einmal, warum Sie Chuns Netzwerk nicht aufgedeckt haben. Und warum haben Sie Chun nicht für das Kriegsgericht vorgeschlagen?“
„Admiral, Sir, Sie haben mir in dieser Sache freie Hand gegeben.“
„Zugegeben. Deshalb müssen Sie sich dennoch vor mir rechtfertigen.“
„Sir. Ich habe Commander Chun dem Gefangenenlager im Texas-System zuteilen lassen. Dort soll er erst mal ein halbes Jahr schmoren. Wenn ich ihn dann zurück hole, wird er hoffentlich den Ernst der Befehlskette akzeptiert haben.“
„Das erklärt aber nicht den Verzicht auf eine Strafe.“
Reich grinste schief. „Das soll er kriegen, weil er gute Arbeit geleistet hat. Sie haben die neuesten Zahlen auf dem Tisch, Sir. Die Rekrutierungsstellen sind überlaufen.
Die öffentliche Stimmung schwenkt wieder mehr hin zu einer Unterstützung des Krieges. Die Tauben verlieren tausende ihrer Anhänger.
Wenn ich es mal so ausdrücken darf, dieser junge Offizier mag durch Insubordination aufgefallen sein. Aber diese Insubordination war eine logistische Meisterleistung.
Ich würde ihn und sein kleines Netzwerk zusammenfassen und ihm ein eigenes Ressort geben.
Es wäre ein wahre Schande, einen solchen Offizier und derart fähige Leute zu verschwenden.
Wenn Sie deshalb nachträglich den Transfer von Akarii-Gefangenen zu Forschungszwecken genehmigen würden?“
„Ich soll ihm nachträglich Absolution erteilen?“
„Absolution? Soweit ich weiß, gibt es keinen Befehl in der Navy, der die Einrichtung eines Gefangenenlagers auf der Erde untersagt.“
Admiral Frost zögerte kurz, dann zeichnete er den Bericht ab.
„Dafür schuldet uns dieses Netzwerk aber etwas. Lassen Sie das durchblicken.
Und ich habe durchaus nichts gegen Eigeninitiative oder eine angepasste Auslegung von Befehlen. Aber leistet sich Chun noch so ein Ding, schieße ich ihn selbst in die nächste Sonne.“
„Ja, Admiral“, sagte Reich erleichtert. „Was übrigens PROMETHEUS angeht, durch einen Zufall während der Ermittlungen sind wir einer Zelle auf die Spur gekommen…“
Tyr Svenson
13.04.2004, 07:46
Die Frachträume im Bauch der Columbia hatten gigantische Ausmaßen. Trotzdem die Frachtsektionen je nach Gefahrenpotential und Lagerungsbedingungen unterteilt waren, die einzelnen Abteilungen waren teilweise groß genug, um mehrere Fußballfelder aufzunehmen. Nicht selten wurde der freie Raum von der Mannschaft für Freizeitaktivitäten genutzt – mehr oder weniger in Übereinstimmung mit der Dienstvorschrift. Aber solange es nur die nicht sensiblen Bereiche betraf und den Bordbetrieb nicht störte, sahen die meisten Kapitäne darüber hinweg. Natürlich wurden die Frachträume mit Sicherheitskameras überwacht.
Die Frachträume hatten im Flottenjargon verschiedene Bezeichnungen – für die Marinetruppen der Columbia waren sie „die Hölle“.
Als Captain Adrianna Schlüter die Parameter des neuen Einsatzes erfahren hatte, hatte sie innerlich geflucht. Nun endlich kam mal ein Einsatz, der die Jarheads forderte – und ausgerechnet vor diesem Auftrag hatte man ihre gut gedrillte Sturmtruppe auseinandergerissen und sie mit Greenhorns aufgefüllt. Nun mußte sie sehen, wie sie damit klarkam. Auf keinen Fall wollte Schlüter sich blamieren, vor allem wenn die professionellen Killer von der SAS zusahen – zwischen den „normalen Streitkräften“ und den Spezialeinheiten herrschte ein chronischer Zustand der Rivalität und unterschwelliger Spannungen.
Sie hatte sich mit ihren Offizieren beraten und dabei auch auf die Ratschläge einiger der altgedienten Sergeanten gehört, die die Truppenausbildung und –einschätzung besser beherrschten als die vielfach frisch von der Akademie dazugestoßenen Lieutenants ohne Fronterfahrung. Das Ergebnis war der Entschluß, noch einmal die Männer und Frauen gründlich „auf Herz und Nieren“ zu prüfen. Wer für den Einsatz ungeeignet erschien – nun, der würde halt in der Kleiderkammer Dienst tun, oder an einem anderen Ort, wo er keinen Schaden anrichten würde. Bis man ihn abschieben konnte. Natürlich sollte die Grundausbildung bereits vollwertige Soldaten liefern, aber darauf verließ sich kaum ein Kommandooffizier oder auch nur Truppführer mit Fronterfahrung.
Dieser Beschluß bedeutete für die Soldaten einen zweiwöchigen brutalen Drill. Die Möglichkeiten an Bord waren für das „Volle Programm“ nicht unbedingt ideal, aber die Sergeanten entwickelten einen schon fast sadistisch zu nennenden Einfallsreichtum um die Soldaten „ranzunehmen“.
Die Männer und Frauen der Marineinfanterie bekamen kaum noch Schlaf – ein oder zwei Alarme die Nacht waren fast schon Routine. Statt der üblichen Bordverpflegung gab es nur Feldrationen, die hastig heruntergeschlungen werden mußten. Wer nicht schnell genug fertig war, dem schlug der Truppführer oder ein Corporal das Eßgeschirr aus der Hand und überschüttete ihn dabei mit einem Schwall von Flüchen.
Schießübungen und Nahkampftraining – fast ohne Pause, die Soldaten kamen kaum aus den Kampfanzügen heraus. Doch am schlimmsten war das Training in den Frachträumen. Selbst die wenigen Glücklichen, die es während der Grundausbildung verstanden hatten, sich um die schlimmsten Torturen zu drücken, hatten jetzt keine Chance – und allen Grund, die Drückebergerei zu bedauern. Und jeder lernte ein paar neue Slangausdrücke:
„Schubkarre“: Dies bezeichnete die Materialkarren, mit denen sperrige Lasten transportiert wurden. Bis Oben beladen mit schwerem Material und mit blockierten Rädern mußten die Soldaten sie durch die Gegend schleifen.
„Toter Mann“: Zu zweit, zu viert oder zu sechst mußten bei dieser Übung die Marines mit Metallschrott gefüllte Kisten schleppen – oder Kameraden, die „tot spielten“ und bei denen man zu allem Überfluß noch schwere Metallteile an die Tragen gebunden hatte.
„Gorilla“: Dieser Ausdruck basierte auf dem Slangausdruck „Affe“ mit dem man bei der Infanterie den Tornister bezeichnete. Ein „Gorilla“ war ein Militärrucksack, der bis oben hin mit Metallschrot gefüllt worden war – oder ein Kamerad, den man Huckepack tragen mußte.
Die Sache wurde noch schlimmer, da all diese Übungen in voller Ausrüstung und im Kampfanzug durchgeführt werden mußten und bei „Gorilla“ und „Toter Mann“ die Soldaten auch noch über einen eigens aus Metallkisten und Containern konstruierten Hindernisparcours gehetzt wurden.
Zu allem Überfluß dröhnte dabei nicht selten aus Lautsprechern ohrenbetäubender Gefechtslärm, was die meist unerfahrenen Soldaten verunsicherte und ablenkte. Zu jeder Zeit brüllten und fluchten die Sergeanten und Corporals.
Die anderen Mitglieder der Besatzung der Columbia hatten sich inzwischen an den Anblick von einzelnen Gruppen voll gepanzerter Marines gewöhnt, die von brüllenden Mannschaftsdienstgraden im Laufschritt durch die Gänge gehetzt wurden. Einige fanden solche Schauspiele sogar als recht unterhaltsam. Die Marines wünschten ihren Offizieren die Pest an den Hals.
Es war der zehnte Tag der Übung und Jean Davis war dem Zusammenbruch nahe. Ihre zusätzliches Scharfschützentraining hatte sie schon vorher ziemlich gefordert. Dazu kamen andere, persönliche Sorgen. Und besonders gut fühlte sie sich sowieso nicht in den letzten Tagen. Aber von Master Sergeant Schiermer Verständnis für die gesundheitlichen Probleme seiner Marinesoldatinnen zu erwarten war illusorisch – also hatte sie es nicht einmal versucht. Schon seit Gestern schleppte sie sich nur noch mit, war immer die Letzte, konnte kaum noch etwas herunterbekommen. Beim Schießen schnitt sie wie ein Rekrut ab – Schiermer und Porks hatten sie deswegen vor versammelter Mannschaft heruntergeputzt. Vollkommen mit den Nerven fertig, wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen – und es tröstete sie nicht im geringsten, daß es in anderen Gruppen bereits Zusammenbrüche gegeben hatte. Die schwere Gefechtspanzerung, der vollgepackte Militärrucksack und die Waffen zerrten sie regelrecht zu Boden, während sie unter den gnadenlos vorwärts peitschenden Stimmen der Offiziere rennen, kriechen und klettern mußten.
„ALLEZ, ALLEZ, ALLEZ, SCHLAPPOHREN!!“* Schiermer rannte neben den vor Müdigkeit und Erschöpfung taumelnden Soldaten, scheinbar ununterbrochen brüllend.
Immer noch befehligte Schiermer ein volles platoon - ein Posten, der eigentlich einem Lieutenant zustand. Aber offenbar fehlte der Nachschub - angesichts der hohen Verluste der Marineinfanterie auf Mantikor kein Wunder. Für die Soldaten war es die Hölle - denn jeder beliebige Sergeant, und vor allem Schiermer schlugen selbst den schlimmsten Lieutenant mit Leichtigkeit beim Drillen der Untergebenen.
Plötzlich packte Schiermer einen Soldaten, der vor Jean vorwärts hastete, an der Schulter und zischte einen leisen Befehl. Der Soldat ließ sich zu Boden fallen, Jean wäre beinahe über ihn gestolpert. Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich zu erinnern, was sie tun mußte: „Sanitäter, Hierher!“
Der Sani des Platoons, ein schlacksiger Junge, der mit Jean zusammen aus der Ausbildung gekommen war, hastete herbei, hantierte eher planlos an dem reglos Liegenden, wandte sich dann an Schiermer: „Sarge, er ist bewußtlos!“
„UND?! DESWEGEN SCHREIST DU RUM, DU BIST SANI, WILLST DU IHN EINFACH LIEGENLASSEN?! WILLST DU UM HILFE BRÜLLEN, DU ERBÄRMLICHER SCHEISSER?! BEWEGUNG, BEWEGUNG, WER ZURÜCKBLEIBT, IST TOT!!“
Unter dem ständigen Gebrüll Schiermers, fand der Sanitäter endlich die Entscheidung, die von ihm erwartet wurde: er und ein anderer Soldat nahmen den Soldaten zwischen sich, schleppten ihn mit.
Schiermer grinste kurz. Die Bewußtlosigkeit war nur gespielt – solche „realitätsnahen Einlagen“ gehörten zur Ausbildung.
Jean war inzwischen weitergestolpert. Es war einfach zu viel: die Schreie und vulgären Flüche, der ohrenbetäubende Gefechtslärm aus den Lautsprechern – Schüsse, Explosionen und Motorendröhnen – die endlose Erschöpfung. Der brüllende Sergeant neben der Marschlinie, die Soldaten vor und hinter ihr, die vorwärtsdrängten und schoben. Zu viel...
Plötzlich schien es zwei Schiermers zu geben, die vor ihr einen am Rande des Zusammenbruches stehenden Soldaten anbrüllten. Der arme Kerl wiederholte ein ums andere mal: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!“ Aber gnadenlos wurde er vorwärts gestoßen, gellten die Schreie: „LOS, BEWEGUNG! IHR SCHLAPPSCHWÄNZE, ARSCHLÖCHER, HURENBÄLGER! WOLLT IHR WOHL LAUFEN?!“
Um Jean schien der Lärm irgendwie schwächer zu werden, sie kam sich vor wie in Watte gepackt. Ihre Sicht verschwamm...
Howard versuchte, seinen Trupp einzuholen. Eigentlich hatte er noch relativ gut mithalten können, aber dann war ihm das Lasersturmgewehr aus den Händen geglitten. Und als er sich nach der Waffe gebückt hatte, da war er erst beim vierten Versuch wieder auf die Beine gekommen. Seitdem versuchte er, den Abstand zu seiner Einheit aufzuholen, „angefeuert“ von einem Schwall von Flüchen, die ein Corporal eines anderen Platoons von sich gab, der den „Nachzügler“ vorwärtstrieb.
Als vor ihm ein Soldat seiner Platoon stolperte, wäre er am liebsten weitergestolpert. Aber immerhin, er brachte es fertig, dem Gestürzten einen Blick zuzuwerfen. Es war Jean. Schiermer schien das nicht gemerkt zu haben, er trieb währenddessen weiter vorne die Soldaten an.
Howard handelte fast automatisch. Er ließ sich auf die Knie fallen – und war sich nicht sicher, ob er es danach noch schaffen würde, wieder auf die Beine zu kommen. Schwerfällig, schnallte er erst sich, dann Jean den schweren Militärrucksack ab. Dann, mit den letzten Kraftreserven, zerrte er die Soldatin hoch, lud sich Jean auf die Schulter. Fast wäre er von dem Gewicht zu Boden gegangen, dabei war Jean für ein Marines eher klein. Schrittweise, taumelnd, schleppte er sich weiter. Er war sich selber nicht einmal sicher, warum er das tat. Einerseits sicher wegen der Ausbildung. NIEMALS sollte ein wehrloser Kamerad zurückgelassen werden. Aber außerdem – Jean... Sie wollte sich unbedingt bewähren. Und Schiermer hatte ihr einmal angedroht, daß er sie aus der Einheit werfen würde, wenn sie den Anforderungen nicht genügte. Also mußte sie es schaffen, den altgedienten Sergeanten zu überzeugen. Und wenn er ihr dabei irgendwie helfen konnte...
Jean erwachte im Lazarett. Sie brauchte einige Zeit, um zu begreifen, wo sie war. Und bis sie bemerkte, daß sie nicht alleine war. Auf einem Stuhl saß Captain Arianna Schlüter.
Beim Anblick der Kommandantin der Marine-Abteilung der Columbia durchfuhr Jean Davis ein eisiger Schreck. War die Kommandantin gekommen, um ihr mitzuteilen, daß sie versagt hatte? Die letzte Zeit vor ihrem Zusammenbruch war Nebel gehüllt – aber Jean wußte, sie mußte bei der Übung ohnmächtig geworden sein.
„Entspann dich, Soldat Ich wollte bloß mal sehen, wie es unseren Siebenschläfern geht. Du bist nicht der Einzige, der zusammengebrochen ist.“ Schlüters Stimme klang nachsichtig, fast amüsiert.
Diese Nachricht beruhigte Jean etwas, sie konnte es sich allerdings nicht verkneifen nachzufragen: „Wie viele?“ Immerhin, wenn sie nur eine von vielen war, dann war ihr Versagen etwas weniger ärgerlich.
„Fünf Zusammenbrüche – und drei sind wie du bewußtlos geworden. Einer hat beim Nahkampftraining Mist gebaut und liegt mit gebrochener Nase und ausgerenktem Kiefer im Lazarett. Vier sind wegen Unfällen ausgefallen – leichte Brüche und so.“
„Warum eigentlich?“ Jean konnte die Frage nicht zurückhalten, hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Aber Captain Schlüter grinste nur: „Warum? Um zu sehen, was in euch steckt. Die Ausbildung ist das eine. Aber ich will nicht erst im Einsatz wissen, was ihr drauf habt. Der ganze Druck, die Strapazen – glaubst du, DRAUSSEN ist es leichter?“
„Aber in der Ausbildung...“
„Hast du schon mal von den ‚Vierzehn Kreisen der Verdammnis‘ gehört?“
„Nein. Was ist das?“
„Das ist ein Spezialtraining. Vierzehn Tage Guayana bei der Fremdenlegion. Die Legion hat ihren Stammsitz in Siddi Bel Abbes, aber in Guayana absolviert sie ihr Dschungeltraining. Diese Spezialausbildung bekommen neben der Legion nur die Besten von Army und Marinekorps. Es ist eine Ehre – und die Hölle auf Erden. Glaub mir, ihr habt es gut.“
„Waren Sie dort, Ma‘m?“
„Allerdings. Dein Master Sergeant nebenbei auch. Er hat ziemlich gut aufgepaßt, nicht wahr?“
Jean antwortete nicht, aber ihre Gefühle mußten deutlich zu sehen sein, denn Schlüter grinste: „Du hast Glück. Dein Platoonchef ist immerhin Legionär ehrenhalber. Dieses Training und der Einsatz auf Pandora... Vielleicht erzählt er euch mal davon.“
Momentan stand Jean der Sinn bestimmt nicht danach. Aber eine Frage hatte sie noch, auch wenn sie am liebsten wieder eingeschlafen wäre: „Wie wurde ich bewertet?“
„Nun, du bist zusammengebrochen. Aber du hast eben auch weitergemacht, bis du zusammengeklappt bist. Also keine Angst, du kommst mit zum Akarii-Schlachten. Das wolltest du doch wissen? Zufrieden?“
Um Jean verschwamm die Welt schon wieder, aber die letzten Worte Captain Schlüters bekam sie noch mit: „Aber es wird nicht immer jemanden geben, der dich über die Zielgerade schleppt.“
* "Schlappohren" ist eigentlich ein Slangausdruck der Fremdenlegion, für Soldaten, die nicht zur Legion gehören. Der Begriff wurde etwas ausgeweitet - heute meint man damit häufig unerfahrene "zu weiche" Soldaten.
Tyr Svenson
13.04.2004, 07:47
Der Columbia-Verband marschierte in Richtung Corsfield, auch wenn die meisten an Bord noch nicht einmal wußten, wohin sie unterwegs waren – außer, daß sie in den Krieg zogen. Für die meisten war dieses Gefühl allerdings inzwischen eine Sache der Gewohnheit, wie auch die schon paranoid zu nennende Geheimhaltung der TSN.
Für die Mannschaften bedeutete der Marsch der Flotte einen Wechsel aus Routine, Langeweile und alarmierter Kampfbereitschaft. Besonders die Piloten des Trägergeschwader und der Aufklärungsshuttles waren gefordert, um die Voraussicherung des Verbandes zu gewährleisten. Das bedeutete häufige Einsätze, stundenlange Aufklärungsflüge, bei denen allerdings in der Regel nicht mehr herauskam, als ein weiterer Eintrag im Flugbuch.
Dazu kamen Übungen, Lehrprogramme und so weiter – es blieb nur wenig Freizeit übrig. Angeblich war das Absicht, die Navy wollte so vermeiden, daß sich ihre „Frontkämpfer“, die „Erste Linie“, unnötige Gedanken über die Zukunft machte oder gar Dummheiten anstellten. Die meisten Piloten hatten jedenfalls das Gefühl, als hätte der Tag zu wenige Stunden.
Kano starrte stirnrunzelnd auf das Spielbrett vor ihm. Aber wie lange er auch überlegte – ihm fiel keine vernünftige Strategie ein, mit der er die verfahrene Situation retten konnte. Kurz blickte er auf. Seine Gegenüber, Helen, bot sicher einen erfreulicheren Anblick als das Schachbrett – aber sie würde ihm bestimmt nicht helfen. Genauer, sie war für sein Dilemma verantwortlich. Er konzentrierte sich wieder auf das Spielbrett, setzte schließlich einen Springer.
„Du spielst immer noch viel zu offensiv, wie oft habe ich dir das schon gesagt?“ Kalis Stimme war eindeutig amüsiert, während sie ihre Möglichkeiten abschätzte.
Kano zuckte mit den Schultern, er kannte seine Schwächen: „Ich weiß, ich weiß. Aber deswegen bin ich schließlich Jagdpilot geworden.“
„Bei den Typhoon klar – die Ersten in der Schlacht und so... Aber warum bist du dann bei den Nighthawk eingestiegen?“
„Immerhin, sie sind die zweitschnellsten Jäger der TSN. Und wo die Typhoons flankieren müssen, schlagen sie einfach ein Loch. Außerdem hat mir Darkness einen Platz angeboten – und ich kann weiter eine Rotte führen. Da konnte ich nicht nein sagen.“
„Na ja, vielleicht. So ein Angebot würde nur ein Schwachkopf ausschlagen. Außerdem, um von der Eisprinzessin als XO fortzukommen, würde ICH auch auf Mustangs umsteigen.“
Kano ignorierte die Stichelei gegen seine frühere Rottenkameradin weitestgehend – aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund konnten sich Lilja und Kali nicht ausstehen: „Und dafür Darkness als Staffelchef bekommen? Du warst in seiner Staffel – das meinst du doch nicht ernst!“
Kali grinste, fast wehmütig: „Er hat uns ziemlich geschliffen, stimmt schon. Aber er ist auch der zweitbeste Pilot im Geschwader. Mit ihm konntest du immer sicher sein, er bringt die Einheit sicher nach Hause. Der ‚Alte‘...“, damit meinte sie Commander Cunningham, „..ist ein toller Pilot. Und taktisch hat er echt was drauf. Aber wenn es sein Auftrag ist, dann jagt er uns in die Hölle.“
„Und Radio?“ Der spöttische Ton, mit dem Kano die Frage stellte, beantwortete seine Frage schon halb. Kali schnaubte vernehmlich: „Ach, Radio... Na ja, momentan scheint er sich ja Mühe zu geben. Aber ehrlich gesagt... Wenn du bei der SAS warst, ist die Nationalgarde ein ziemlich lascher Haufen. Du verstehst? Und er hat wohl genug damit zu tun, selber heil nach Hause zu kommen, als auf andere aufzupassen. Falls es für ihn andere Menschen überhaupt gibt. Außerdem glaube ich, er und der ‚Alte‘ sind sich aus irgendeinem Grund nicht unbedingt grün.“ Dann schob sie einen Bauern vor und lächelte Kano fast raubtierhaft an: „Du bist dran. Wenn du nicht aufgeben willst.“
Kano überdachte seine Alternativen und schüttelte dann den Kopf: „Niemals aufgeben, niemals kapitulieren.“
Das war das Motto der „Starfighters“, einer populären Trideo-Reihe, die angeblich von der TSN gesponsert wurde und den Dienst bei den Raumjägern in einem – vollkommen imaginären – Konflikt glorifizierte.
„Na das mußte wohl von dir kommen. Aber mir wäre es doch lieber, wenn auch das Drehbuch für unseren kleinen Krieg besser geschrieben worden wäre.“
Kano zuckte mit den Schultern, unbehaglich diesmal: „Wir tun, was wir können...“ Was hätte man schon sagen können? Es sah nicht gut aus für die Erdrepublik. Trotz aller Opfer, aller Anstrengungen. Manche meinten, diese Offensive würde das Ruder herumreißen. Aber die kampferprobten Veteranen von Troffen und Jollahran hatten da ihre Zweifel. Auch wenn sie wohl fast ausnahmslos bereit waren, sich auf den Feind zu stürzen und den Kampf bis zur Vernichtung auszutragen.
Kano verschob seinen letzten verbliebenen Turm. Er spielte auf Zeit, das wußte er. Mit eher bitterer Belustigung wurde er sich bewußt, daß dies auch für die Strategie der TSN galt.
Kali konterte seinen Zug fast sofort, dann lachte sie plötzlich schallend auf.
„So schlecht spiele ich nun wieder auch nicht...“
Kali schüttelte den Kopf: „Nein, das meine ich nicht. Ich habe mir überlegt, was unsere Klatschtante des Geschwaders verbreiten könnte, was wir gerade tun.“
Kano grinste jetzt auch: „Da Mantis jeden Augenblick vom Patrouillenflug kommen dürfte, wenig wahrscheinlich. Ich weiß ja nicht, was Radio für Vorstellungen hat...“
„Bei seinem einnehmenden und gewinnenden Wesen darf er bestimmt nicht wählerisch sein. Vielleicht tratscht er ja deshalb soviel – Ersatzbefriedigung.“
„Ich dachte, er hat genug Schwierigkeiten mit Noname. Und mit Skunk.“
„Merkwürdigerweise hat irgend jemand das Stinktier parfümiert. Zumindest gegenüber Cartmell geht dieses Stachelschwein regelrecht auf Kuschelkurs, jedenfalls wenn man bedenkt, was vorher üblich war.“
„Irgend jemand hat ihn doch vor ein paar Tagen verprügelt richtig? Vielleicht hat er deswegen...“
„Dieser ‚jemand‘ hat das Stinktier regelrecht durch den Fleischwolf gedreht. Und der Misthund rauft sonst mit Marinesoldaten. Das war bestimmt nicht nur einer. Aber vielleicht haben sie ja Skunks Birne so weichgeklopft, das er jetzt soft wird.“
Kano schüttelte leise lachend den Kopf: „Ich verstehe das nicht. Wo Skunk doch so ein warmes und offenes Wesen hat! Aber wie macht sich eigentlich Cartmell?“
Kali zuckte mit den Schultern und verzog kurz den Mund. Der einzelgängerische Ensign war und blieb ein Fremdkörper in der Roten Staffel. „Ich weiß nicht. Fliegermäßig hat er einiges auf dem Kasten. Auch wenn er natürlich lange keine Flugpraxis hatte...“, sie stockte kurz, verzog den Mund noch etwas mehr, als würde sie auf etwas Bitterem herumkauen, „..auch wenn ich mich frage, WIE lange er keine Kampferfahrung hatte. Das ist ja das Problem an diesem ganzen Mist. Aber auf jeden Fall, er kapselt sich ab und spielt den einsamen Fremden. Es gibt sowieso kaum jemanden, der einem Piloten mit so einer Vorgeschichte eine Chance geben würde – und er verprellt alle, die es dennoch versuchen. O. K. , wir sind vielleicht nicht immer fair gewesen und VIELLEICHT ist er tatsächlich kein Pirat – aber er sollte nicht so im Glanz seiner Unschuld übers Wasser wandeln und den Anderen ins Gesicht spucken. Jetzt jedenfalls kocht die Gerüchteküche über. Du kennst das ja. Aber dafür kann er sich ja auch teilweise bei sich selbst bedanken.“
Kano zuckte mit den Schultern. Auch er hatte Cartmell kennengelernt und glaubte ihn einschätzen zu können: „Er sieht nicht ein, daß sein Hiersein eine Möglichkeit ist, sich reinzuwaschen. Ich glaube, er erkennt nicht mal die Chance zur Rehabilitierung, zur Abtragung seiner Schuld – immerhin hat er nicht wegen dieser Sache mit den Piraten im Gefängnis gesessen, ob er nun Pirat war oder nicht.“
Kali kannte Kano’s Ansichten über Pflicht und Ehre inzwischen gut genug, so daß sie dieses Statement nicht überraschte. In manchen Punkten waren Kanos Auffassungen wirklich etwas archaisch. Aber so war er halt.
„Nun, er wird irgendwie klarkommen müssen. Und wenn er sich im Kampf bewährt – vielleicht wird dann das Klima etwas besser. Und er wäre komplett verblödet, wenn er dann weiter rumzickt. Andernfalls...“ und sie gab ihrer Stimme gewollt einen nicht ganz ernst gemeinten, zynischen Klang: „...kann er auf der anderen Seite oder bei den Akarii rumtrotzen. Du bist dran.“ ‚Die andere Seite‘ war ein Slangausdruck der Raumfahrer für den Tod.
Kano brauchte einige Zeit, bis er sich zu einem Zug entscheiden konnte. Er saß in der Falle – das sah er schon an Kalis Lächeln.
Hinter ihm ging die Tür auf. First Lieutenant Nicole „Mantis“ Shaw war nicht besonders überrascht, Kano zu sehen. Sie trug immer noch den Pilotenanzug, kam also unmittelbar aus ihrer Maschine: „Na, das war’s wohl mit deinem Besuch, Ohka. Ich will diesen verdammten Anzug loswerden – und das soll keine verfluchte Stripshow werden.“
Kano drehte sich zu ihr um: „Wie war der Einsatz?“
„Stinklangweilig. Nicht mal ein Asteroid da draußen. Einfach zum Kotzen. Und, habt ihr hübsch gespielt, Kinderchen?“
„Allerdings.“ Das war Kali. Sie schob wieder ihre Dame: „Schach Matt, Kano.“
Ironheart
16.04.2004, 15:24
Wiedersehen mit Lydia
Donovan hechtete schnellen Schrittes eine der Treppen in der Columbia empor. In einer halben Stunde hatte er Dienst und er wollte sich seine langsam und einigermaßen normalisierende Beziehung zu seinem Wingleader nicht dadurch versauen, dass er zu spät kam.
Es herrschte gespannte Hektik an Bord, es war gerade Schichtwechsel und sie bewegten sich gerade immer tiefer in Feindesland. Es hatte sogar schon einen ersten Zwischenfall gegeben als ein paar Nighthawks auf einen Akarii-Frachter getroffen waren und ihn erledigt hatten. Von den meisten an Bord war das als ein gutes Omen gewertet worden, auch Donovan das Gefühl nicht los wurde, dass das sicher noch gar nichts im Vergleich dazu war, was noch vor Ihnen lag.
Und so wimmelte es gerade förmlich auf den Stufen und Donovan musste immer wieder anderen Besatzungsmitgliedern ausweichen. Manchmal klappte das, manchmal rasselte man zusammen. Dann gab es in der Regel eine kurz gegrunzte Entschuldigung und weiter gings. Nichts was einen aus normalerweise aus der Bahn warf.
Normalerweise.
Doch die Nächste dieser Zusammenstösse gehörte nicht in diese Kategorie. Nicht wenn die dazugehörige Person einem vor nicht allzu langer Zeit vor einem nicht unerheblichen Teil der Mannschaft eine saftige Ohrfeige verpasst hatte.
Als Donovan realisierte, wenn er da unwissentlich und unbeabsichtigt angerempelt hatte, blieb er wie angewurzelt stehen. Er hatte damit Lydia wieder zu sehen. Ein Träger wie die Columbia war zwar wie eine kleine Stadt und wenn man es darauf anlegte, so konnte man sich wochenlang aus dem Weg gehen, wenn man nicht zufällig in derselben Staffel war. Aber trotzdem konnte man nicht vollständig verhindern sich über den Weg zu laufen.
Sie schien ebenfalls geschockt zu sein und rührte sich nicht vom Fleck. Ihre goldgesprenkelten blauen Augen zeigten erst Überraschung und wurden sehr schnell zu Schlitzen, ihr kleiner Mund verzog sich zu einem schmalen Strich.
Ein, zwei Augenblicke standen sie sich wortlos gegenüber, dann zischte sie ihn an: „Na, willst Du nicht nach deinem ELCom* rufen, damit er dich vor mir beschützen kann?“
Cartmell runzelte irritiert die Stirn. „Von was zur Hölle redest du da?“
„Radio“ fauchte sie zurück. „Er hat mir mit Militärgericht gedroht, wenn ich dich nochmal anfasse! Na los, lauf rüber und petz´ auch diesen Rempler.“ Sie klang äußerst gehässig und herblassend und jetzt war Donovan vollkommen perplex. Radio hatte ihn in Schutz genommen? Vor dieser Furie?
„Ich habe ihm kein Wort gesagt!“ und senkte kopfschüttelnd seinen Blick, nur um Ihn gleich wieder zu heben. Da sie auf der Treppe zwei Stufen über ihm stand, hatte er unbeabsichtigt auf ihre Brüste gestarrt, die sich zwar züchtig eingepackt doch trotzdem deutlich erkennbar unter ihrem Overall abzeichneten.
„Ach ja? Und das soll ich dir glauben?“ Ihre Stimme wurde lauter und die ersten Raummatrosen, Marines und Piloten drehten sich fragend auf der Treppe zu Ihnen um. „Du hast mich getäuscht und mir vorgemacht, du seist ein netter Kerl. Wenn Du mir gesagt hättest…“Sie konnte den Satz nicht zu Ende führen, da ein hinter ihr stehender 1st Lieutenant sie brüsk unterbrach. „Treppe freimachen, turtelt gefälligst woanders!“
Und tatsächlich bemerkte Donovan, dass Sie einen kleinen Stau verursacht hatten. Lydia schaute kurz zur Seite, in einen relativ leeren Nebengang und ging voraus. Donovan folgte ihr und als sie sich umdrehte und ihn aus wütend funkelnden Augen anblickte, ergriff er die Initiative und antwortete, bevor Sie das tun konnte.
„Was hätte ich denn sagen sollen, häh?“ Jetzt war auch Donovan wütend geworden und obwohl er sich eigentlich nicht mit Lydia streiten wollte, spürte er Ärger in ihm hochsteigen. „Hätte ich unser Gespräch etwa gleich beginnen sollen mit: „Hi, ich bin Donovan. Und ach ja übrigens ich bin der Pilot, den hier alle für einen Piraten halten.“?“
„Ja! Ich meine, vielleicht!? Ich meine zumindest wäre es mir gegenüber fair gewesen.“
„Fair? So fair wie zu Dir, war ich bisher zu niemandem auf diesem Schiff.“ Donovan schnaubte laut, sein Gesicht nur noch eine zornige Maske. „Du bist die einzige, die mich so kennen gelernt hat, wie ich wirklich bin. Ich dachte, du bist vielleicht anders als all die anderen, die nur glauben, was Ihnen die Gerüchteküche sagt. Aber da habe ich mich wohl doch geirrt.“
Und ohne auf eine Erwiederung Ihrerseits zu warten, ging er rechts an Ihr vorbei und reihte sich wieder in den Strom der Treppengänger ein, die sich weiter treppauf treppab bewegten.
Nur kurz spielte er mit dem Gedanken, sich umzudrehen, zurück zugehen und sich für seine schroffe Art zu entschuldigen. Doch was sollte es denn auch schon bringen?
Wenn Sie lieber den Gerüchten ihrer Kameraden glauben schenkte und wenn sie Ihn nicht mehr sehen wollte, weil sie die möglichen Konsequenzen für sich selbst fürchtete, dann war es schliesslich besser so.
Schnellen Schrittes hechtete er die Treppe hoch und damit weg von der Rafale-Navigatorin und kurz darauf war er wieder so in seine Arbeit versunken, dass er sie fast komplett vergessen hatte.
*******************
Und damit sah er nicht Ihren verwirrten Blick.
Auch wenn Sie es sich selbst nicht eingestehen wollte, so hatten Donovans Worte Sie irgendwie ins Grübeln gebracht.
Er hatte ehrlich und aufrichtig geklungen, nicht nur eben gerade sondern auch an ihrem gemeinsamen Abend. Und wenn man es genau nahm, hatte er sie tatsächlich nicht belogen.
Doch er hatte es ihr verschwiegen! Er hatte verschiegen, wer er wirklich. Und ausserdem, konnte Sie sich bei ihm denn überhaupt sicher sein? Wenn er der war, für den ihn mindestens zwei Drittel des Schiffes hielten, konnte er Ihr sicher einiges vorspielen. Und er hatte nie dementiert, dass er nicht der Black Buccaneer gewesen war. Warum nicht? Vielleicht weil es stimmte?
Nein, Lydia durfte ihn nicht an sich heran lassen! Was er getan hatte war unverzeihlich. Sie musste ihn einfach hassen. Er hatte die Navy verraten, er hatte die Seiten gewechselt, er war ein Pirat geworden. Und das war etwas, was Sie nicht verzeihen konnte, auch wenn Sie sich vielleicht auf den ersten Blick von ihm hatte täuschen lassen.
Doch das würde Ihr nicht noch einmal passieren.
* ELCom = Slangausdruck für Lieutenant Commander
Ironheart
16.04.2004, 15:24
Die Brücke der ONTARIO, Zerstörer der Norfolk-Klasse
Orbit um Barcelona, Im Anflug auf Fort GIBRALTAR
Langsam glitt die ONTARIO auf den letzten Kilometern auf Fort GIBRALTAR zu. Die Crew des Zerstörers arbeitete ruhig und konzentriert, trotz des routinemässigen Andockvorgangs.
Oder gerade deswegen?
Wer an Bord eines Schiffes Dienst tat, das von Captain Vijadh „Terrific“ Singh kommandiert wurde, lernte schnell, dass es so etwas wie Routine nicht gab. Es wäre nicht das erste Mal, das der Captain auf die Idee käme mitten im Andockmanöver eine Einsatzübung abzuhalten. Und wer da nachlässig war und sich einen Fehler leistete, konnte sicher sein einen entsprechenden Vermerk in seinen Akten wieder zu finden.
Captain Singh schaute seiner Crew bei Ihrer Arbeit zu. Nicht dass seine Anwesenheit auf der Brücke zum jetzigen Zeitpunkt unbedingt von Nöten gewesen wäre. Er ließ seinen Blick über seine Mannschaft streichen, doch alle waren in ihre Arbeit vertieft und konzentrierten sich auf den Andockvorgang. Keiner schaute hoch, alle mieden seinen Blick und Singh war sich seiner Wirkung auf die Crew durchaus bewußt. Mehr noch, er genoß die professionelle Nervosität, die seine Anwesenheit auf der Brücke auslöste.
Er wußte, er wirkte irgendwie bedrohlich auf den Großteil seiner Leute. Und das lag an zwei Umständen: An seinem Aussehen und an seinem Führungsstil.
Sein Aussehen war geprägt von Düsterheit. Seine dunkle Hautfarbe absorbierte förmlich das schwache Bereitschaftslicht der Brücke, seine Augen, die in den letzten 58 Jahren seines bisherigen Lebens schon eine Menge gesehen hatten, waren so schwarz, dass sich die Iris kaum von der Pupille unterscheiden liess. Sein dunkler Teint wurde durch einen dichten, aber sorgfältig gepflegten schwarzen Vollbart verstärkt, seine Augenbrauen wirkten ebenso buschig und undurchdringlich dicht. Und um seiner ganzen düsteren Erscheinung die Krone aufzusetzen trug er um seinen Kopf einen pechschwarzen, schmucklosen Turban.
Aus Respekt vor seinen Leistungen als Kommandant und aus Rücksicht gegenüber den Gepflogenheiten und Traditionen seines Ursprungslandes hatte man ihm schon vor langer Zeit dieses Extra gewährt. Und jetzt verstärkte es sein außergewöhnliches Äußeres noch zusätzlich.
Doch neben seinem Aussehen führte auch sein Verhalten als Kapitän zu einer gewissen ehrfürchtigen Disanz seiner Crew. Einer Distanz, die Vijadh Singh durchaus schätzte. Er war kein Kapitän, der sich mit seinen Untergebenen anfreundete oder gar einen Ersatzvater spielte. Vielmehr gehörte er zu den Kapitänen, die von sich behaupteten ein hartes aber faires Regiment zu führen. Freunde machte er sich auf diese Weise an Bord keine, dessen war er sich bewußt. Doch das scherte ihn nicht nicht.
Nicht mehr.
Im Laufe der Jahre hatte er so gut wie alle Freunde verloren, und das waren seit jeher nicht viele gewesen. Sei es, das sie gefallen waren oder sei es das Sie aus der Navy ausgetreten waren und er sie schliesslich aus den Augen verloren hatte. Auch seine deutlich jüngere Frau hatte sich schon vor Jahren von ihm abgewandt, seine beiden fast schon erwachsenen Kinder waren ihm ebenso fremd wie er Ihnen.
Alles was er hatte war sein Beruf. Nein, es war viel mehr als das, es war seine Berufung. Und somit war das alles, was ihm geblieben war und damit alles, für das er lebte.
Singh gehörte zu den Offizieren des alten Schlages, die viel von Ihren Männern forderten und die die Mannschaft bisweilen bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit beanspruchten. Wer seinen Befehlen nicht bedingungslose Folge leistete, wer nicht wie er Wert auf Ordnung und Disziplin legte oder seinen Anforderungen nicht ausreichend genügte, hatte es schwer unter seinem Kommando. Die wenigen aber, die es schafften durch Einsatzwillen und Leistung sich seinen Respekt zu erarbeiten, konnten sich einer exzellenten Beurteilung sicher sein.
Und das hatte schon so manchem Flottenoffizier zu seiner Karriere verholfen.
Es gab nicht viele Schiffskommandanten, die in seinem Alter noch aktiv das Kommando über ein Kriegsschiff der Navy führten und gleichzeitig über fast 40 Jahre an Erfahrung verfügten.
Er hatte im Laufe seiner langen Karriere als Kapitän schon Strafexpeditionen gegen die Grenzwelt-Piraten geführt, war an diversen Friedenssichernden Einsätzen beteiligt gewesen und hatte im kalten Krieg schon Erfahrungen gegen die Akarii gesammelt.
Er hatte sich an Bord der TERRIFIC – einem schweren Kreuzer der Ticonderoga-Klasse – bis zum 1. Offizier hochgearbeitet und dann den Perisher bestanden. Das Schicksal hatte ihn dann nach ein paar Lehrjahren als Kapitän auf kleineren Schiffen wieder zur TERRIFIC zurückgeführt, wo er seinen früheren Skipper beerbt hatte. In den dann folgenden 25 Jahren hatte das Kommando über dieses stolze Schiff nicht mehr aus der Hand gegeben. Er war quasi mit dem Schiff verschmolzen, so sehr, dass man irgendwann begonnen hatte ihn nach seinem Schiff zu nennen.
Und dann war Mantikor gekommen.
Die TERRIFIC war bei dem Versuch die MOSKAU zu schützen zerstört worden. Singh hatte körperlich unverletzt überlebt, aber natürlich hatte ihn der Verlust seines Schiffes hart getroffen.
Sie hatten danach versucht, ihm einen Schreibtischposten im Admiralitätsstab schmackhaft zu machen und sich ihn vom aktiven Dienst fernzuhalten. Aber dazu war er schlicht und einfach nicht geeignet. Zuviel Politik, zuviele Machtkämpfe. Er hatte diesen Dampfer schon vor langer Zeit verpasst.
Es gab nur zwei Möglichkeiten für ihn: Sich zur Ruhe zu setzen oder bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder ein Kommando zu übernehmen. In Friedenszeiten wäre seine Entscheidung vorprogrammiert gewesen. Doch einen erfahrenen Kapitän mitten im Krieg gehen zu lassen, konnte sich die Navy nicht leisten.
Und somit hatte er vor drei Monaten das Kommando über die ONTARIO übernommen. Nicht ganz so groß und schlagkräftig wie die TERRIFIC aber doch ein solides Schiff mit einer guten, disziplinierten und lernbereiten Crew.
Die letzten drei Monate waren ereignislos geblieben, Eskortmissionen für große Konvois an die Front. Aber keinerlei Kampfeinsätze.
Und jetzt war diese neue Einsatzbefehl gekommen. Ein Einsatzbefehl, der Singh Kopfschmerzen bereitete.
Dabei war es nicht die Mission an sich, die ihm Sorgen bereitete. Der Sinn der Mission war offenkundig und es war durchaus ehrenvoll daran teilzunehmen.
Auch erfüllte es seine Brust mit Stolz, als er den Namen seines Schiffes als das Flaggschiff dieser kleinen aber feinen Einsatzgruppe gelesen hatte. Ganz leicht getrübt nur von der Tatsache, dass die Einsatzgruppe nach einem anderen der Schiffe, der MAGELLAN, benannt worden war. Doch er hatte das Kommando und das war die Hauptsache.
Einige seiner Offiziere hatten ihre Enttäuschung zum Ausdruck gebracht „nur“ an einer Mission fernab von der eigentlichen Front zu dienen. Doch Singh wußte, das die Front im Weltraum nicht so statisch war, wie es sich viele dachten. Spätestens seit den frühen terranischen Konflikten des 21ten und 22ten Jahrhunderts, als die globalen Kriege über keine Fronten im eigentlichen Sinne mehr verfügten, wußte man, dass die Front sich dort befand, wo gekämpft wurde. Und das konnte fast überall sein. Und im Zeiten der interstellaren Kriege hatte sich die Lage sogar verschlimmert.
Nein, diese Mission hatte nicht nur eine gesunde Basis, sie konnte sich sogar unter Umständen als äußerst wichtig erweisen.
Nicht dass Singh dieser Mission eine kriegsentscheidende Bedeutung beimaß. Dafür befand sie sich viel zu weit entfernt vom eigentlichen Zentrum des Geschehens. Aber es hatte schon früher kleinere Missionen gegeben, die sich im Nachhinein als ausschlaggebend entpuppt hatten.
Was ihm vielmehr Grund zur Sorge gab als die eigentlichen Missionsparameter, war die Zusammenstellung von Teilen der Eskorte für die MAGELLAN.
Die ONTARIO war das größte und stärkste Schiff des kleinen Verbandes. Neben seinem Zerstörer würden Sie noch von der MOUNTBATTON – einer Fregatte der Perry-Klasse – der AZINCOURT und der BUENOS AIRES – zwei Korvetten der Shogun-Klasse – sowie der DENVER und der ADMIRAL J. JERVIS – zwei Korvetten der Nelson-Klasse – begleitet werden. Hinzu kam noch die NORTHUMBRIA – ein zum Minenleger umgebauter Raumtransporter der Laboe-Klasse – und zwei weitere einfache Frachter, die zusätzliche Versorgungsgüter und Ausrüstungsgegenständegeladen hatten.
Sah man mal davon ab, dass das schon an und für sich keine sonderlich starke Eskorte war, hatte Singh nichts gegen diese Schiffe und ihre Kapitäne einzuwenden.
Es waren zwei andere Schiffe der Operationsgruppe, die sein Missfallen erregten. Da war zunächst einmal die GUADALCANAL, ein Hilfsflugzeugträger der Strike-Klasse. Natürlich wäre Singh ein richtiger Träger lieber gewesen, auch wenn es nur ein leichter gewesen wäre, aber so einer war nicht zu bekommen gewesen und daher mußte man eben nehmen, was man kriegte. Den Unterlagen nach zu urteilen, war das Schiff soweit in Ordnung, aber die darauf stationierte Schwadron „Dirty Bunch“ brachte seine mittlerweile tief zerfurchte Stirn zum Runzeln. Nicht nur dass diese erst kürzlich zusammengesetzt worden war und somit noch keinen gemeinsamen Kampfeinsatz zu Buche stehen hatte. Nein, mehr als die Hälfte der Mitglieder dieser verstärkten Schwadron waren das was man im Navy-Jargon „Faule Eier“ nannte. Ein disziplinloses Pack durchsetzt mit ehemaligen Strafgefangenen, geführt von einem Lt. Commander der ebenso wie seine Leute so gut wie unerfahren war, sah man von einigen Einsätzen gegen Piraten ab. Doch seit Mantikor wußte Singh, dass man schon aus anderem Holz geschnitzt sein mußte, um es im Raumkampf mit den Akarii aufnehmen zu können.
Sollten Sie in eine ernsthafte Konfrontation mit gegnerischen Jagd- und Bomberverbänden geraten, gab er dem „Dirty Bunch“ keine sonderlich große Chance.
Der zweite Aspekt, der ihn zum Grübeln brachte, war die Fregatte der Midway-Klasse die dem Magellan-Verband zugewiesen worden war. Singh hatte schon einiges von der KAZE gehört, ein ehemals ehrenvolles Schiff, doch seit einigen Jahren in Verruf geraten. Anscheinend hatte einer seiner früheren Kapitäne dabei versagt, für Disziplin und Ordnung zu sorgen, so dass sich die Crew bei jedem Landgang benahm wie eine Bande halbwüchsiger Piratenaffen auf Tortuga. Es hatte nicht lange gedauert, dass kein guter Kapitän, ob mit Erfahrung oder ohne, dieses Schiff übernehmen wollte.
Doch statt das Schlangennest auszuräuchern, sprich die Mannschaft auseinander zu pflücken und die einzelnen Mitglieder über so viele Schiffe wie möglich zu verteilen, hatte die Navy sich entschieden, das Schiff als eine Art Endstation für gestrandete Existenzen zu nutzen.
In Singh´s Augen die vollkommen falsche Entscheidung. Zumal irgendein Idiot im Flottenkommando auch noch clever genug gewesen war, dem Schiff wie bei der GUADALCANAL-Schwadron einen relativ jungen und unerfahrenen Kommandanten zu zuweisen. Gewisse Fehler passierten anscheinend systematisch. Und das dieser Schneider seine Leute offensichtlich nicht unter Kontrolle hatte, hatte sich unlängst auf Perseus Station gezeigt, wo annähernd die gesamte Crew in eine Massenschlägerei verwickelt worden war. Die gesamte Crew inklusive den Bordoffizieren, wie Singh gehört hatte. Wie es zu so etwas kommen konnte, war Singh unbegreiflich. Und wie es sein konnte, das dieses Schiff immer noch fliegen konnte war noch unbegreiflicher.
Singh hätte eher seine Leute selbst zur Anklage gebracht und damit lieber sein Schiff selbst aus dem Verkehr gezogen als mit so einer Crew fliegen zu müssen. Einer Crew, die sich nicht bewußt war, wie es sich zu benehmen hatte. Einer Crew, die anscheinend kein Problem damit hatte, mit Ihrem Verhalten den Ruf und das Ansehen seines Schiffes und damit auch die Karriere seines Kapitäns aufs Spiel zu setzen.
Singh hatte sich vorgenommen, die KAZE und diesen Justus Schneider besonders gut im Auge zu behalten.
„Ähemm, Sir?“
Singh erkannte das sowohl sein Erster als auch Zweiter Offizier neben ihm Stellung bezogen hatten und offensichtlich auf weitere Order warteten.
Was ihn aber viel mehr irriterte war, dass er so tief in seine Gedanken versunken war, dass er die beiden nicht gehört hatte. Wurde er etwa nachlässig?
Singh liess sich nichts anmerken und betrachtete die beiden Offiziere aus streng blickenden Augen. Selbst wenn Sie ihn in Gedanken versunken erwischt hatten, würden sie das nicht erkennen können.
„Status, Eins-O?“
Igor Maleetschev, sein Erster Offizier, nahm Haltung an und rasselte seinen Text routiniert herunter „Andockmanöver abgeschlossen. Alle Sektionen melden Bereitschaft und Status Grün, Sir.“ Wenn dem jungen Lieutenant Commander etwas aufgefallen war, so liess er es sich zumindest nicht anmerken.
„Gut“ Singh nickte und wandte sich an seinen Zweiten Offizier, einen mit seinen 28 Jahren noch – zumindest in Singh´s Augen – blutjungen Lieutenant Commander, der es anders als Maleetschev noch nicht geschafft hatte zu beweisen, dass er seinen Rang verdient hatte. „Mr. El-Habibi,“ das Zwei-O musste sich der junge Offizier noch verdienen, “kontaktieren Sie Commodore Helene Kruger, die derzeitige Kommandantin Fort GIBRALTAR`s. Richten Sie ihr aus, das ich mich freuen würde, wenn wir in nächster Zeit gemeinsam zu Abend essen können. „Und organisieren Sie ein Briefing mit den anderen Kapitänen, sobald wir vollzählig sind.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder seinem Stellvertreter zu. „Eins-O, wo sind die anderen Schiffe der Einsatzgruppe?“
„Die DENVER, die J. JERVIS und die KAZE liegen hier bereits vor Anker, Sir. Die GUADALCANAL hält noch ein Manöver über dem dritten Mond von Barcelona ab und wird morgen zu uns stossen. Die übrigen Schiffe eskortieren die MAGELLAN und werden erst in ein paar Tagen eintreffen.“
„Gut“ Singh nickte zufrieden. „Geben Sie der Mannschaft rotationsweise Urlaub. Wir werden einige harte Wochen vor uns haben, wenn wir die Anker lichten. Die Mannschaft hat sich ein wenig Erholung vorher verdient. Aber sehen Sie zu, dass sie sich benehmen. Ich werde jeden der sich daneben benimmt hier auf GIBRALTAR bis zu unserer Rückkehr vermodern lassen. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Männer das wissen.“
„Aye, Sir“ antworteten beide zackig. Sie wußten, dass Singh damit nicht scherzte.
Cunningham
16.04.2004, 19:37
Stille und Unendlichkeit. Hätte man diesen Anblick einfangen können, man hätte sofort vergessen, dass gerade die eine Seite des erforschten Weltraums versuchte die andere auszulöschen.
Die KI der Spionagesonde, die Lai Rian vor dem Hauptsprungpunkt von Perseus aussetzen ließ jedoch wusste diesen Augenblick nicht zu schätzen.
Warten. Die KI wartete. Wartete auf das nächste Anzeichen darauf, dass das große Schlachten bald vom neuen beginnen würde.
Warten in einem Meer der Ruhe.
Von einer Nanosekunde zur Anderen änderte sich das. Die Strahlungsdaten des Wurmloches stiegen an. Nur etwas. Ein einzelnes Schiff.
Die Sonde verifizierte den Zerstörer der DuQuesne Class. Ein unbekanntes Modell, dennoch eindeutig DuQuesne. Auch wenn die Akarii diesen Erdzerstörer anders nannten.
Die KI entschied die Daten zu speichern und sie später weiterzugeben, wenn eine Entdeckung unwahrscheinlich oder ausgeschlossen war.
Schlagartig wurde der Entscheidungssatz umgeschmissen, als die Strahlungsdaten des Wurmlochs beinahe die Skala sprengten.
Die Passiven Scanner der Sonde tasteten die angekommenen Schiffe ab. Es waren vier Flottentärger. Zweien davon konnte die Sonde Aufzeichnungen von Manticore zuordnen, die anderen beiden waren neuere und größere Modelle.
Daneben wurde noch 120 Begleitschiffe verzeichnet. Die KI entschied erneut innerhalb von Sekunden und fing an zu senden. Dieser Aufmarsch war zu wichtig um zu warten.
"Standort der Spionagesonde entdeckt Sir."
"Ausgezeichnet Mr. Fowley", Lobte Commander Thomas Vedder - Captain das DuQuesne-Class Zerstörers Jemen - seinen Sonsoroffizier. "Wenn Sie so freundlich wären die Daten an Ms. Kramers Station zu übermitteln."
"Aye, Sir."
"Ziel Aufgefasst. Raketenbatterie Nr. 1 klar zu feuern. Feuerleitlösung steht!"
"Feuer nach eigenem Ermessen!" Vedder richtete sein Basekapp, welches weder Eichenlauf noch das Schiffswappen der Jemen zierte, sondern der silberne Fünf-Punkt-Stern der Dallas Cowboys.
"Batterie Nr. 1, Raketen eins bis vier feuern in 3 ... 2 ... 1 ... Raketen abgefeuert und auf Zielanflug." Kramer Trommelte kurz mit den Fingern auf dem Pult rum. "Einschlag in ... 5 ... 4 ...3 ... 2 ... Volltreffer, Sonde wurde vernichtet. Wir haben mit Kanonen auf Spatzen geschossen."
"Eher auf einen Aasgeier", Meinte Vedder und Griff zum Mikrophon, "1MC, hier spricht der Kommandant. Ladies und Gentlemen, ich beglückwünsche Sie zu der Kriegswichtigen Vernichtung von vier Tonnen Akarii-Technologie."
Er hängte ein. "XO: Sagen Sie den Eierköpfen, sie können die Geistertransmitter abschalten."
"Wird gemacht Skipper."
Kurze Zeit später wurden die Geistertransmitter abgeschaltet und die Jemen war wieder allein im Sternensystem, doch das konnte die KI der Akarii nicht mehr weitergeben.
Das letzte Wurmloch. Dahinter lag Corsfield.
Auf der Brücke der Columbia herrschte reges Treiben. Als Bianca Wulff die Brücke betrat änderte auch der Ausruf "Achtung! Admiral an Deck!" nichts an der Geschäftigkeit der Brückenbesatzung und selbst wenn das schon automatisch auf den ersten Ausruf folgenden "Weitermachen!" ausgeblieben wäre hätte wohl niemand außer Waco Notiz von ihr genommen.
Wulff nickte ihrem Flaggkommandanten kurz zu und schlenderte über die Brücke. Waco wäre nicht ihre erste Wahl für einen Kommandanten gewesen, doch musste sie ihm zugestehen, dass er seine Besatzung in kürzester Zeit auf Vorkriegsniveau gebracht zu haben.
Auch musste sie zugestehen, dass er hinter seiner Maske um einiges mehr an das Musterbeispiel eines Captains heranreichte als sie selbst.
Er schien weder eine gute Tat oder einen Fehler seiner Männer zu übersehen und honorierte beiden dementsprechend. Ebenso mischte er sich nur, wenn absolut nötig in die Aufgaben seiner Offiziere ein, beobachtete dieses jedoch kritisch.
"Captain, LSO meldet, die letzte Jäger an Bord."
Waco nickte dem Ensign der die Meldung überbracht hat zu und wandte sich mit fragenden Blick an Wulff.
"An alle Schiffe: Flotte in Gefechtsformation! Alle Mann auf Gefechtsstation! Sprung vorbereiten!"
"Signaloffizier: Sie haben es gehört." Gab Waco weiter.
"Aye, Sir!"
Kaum das der Funkspruch draußen war dröhnten auf der Columbia die Alarmsirenen. Rote Lichter fingen an zu Blinken.
Die gut geölte Kriegsmaschinerie nahm ihre Arbeit auf.
Ein Teil der Mannschaft wurde aus den Kojen gescheucht. Die Männer und Frauen der TRS Columbia hechteten zu ihren Gefechtsstationen.
Die Lasergeschütztürme wurden besetzt.
Die Raketenwerfer wurden geladen
Druckschotten wurden geschlossen.
Zwei aufmunitinierte Typhoon wurden von den gelben Rangiertraktoren auf die Katapulte eins und zwei rangiert. Die Katapulte drei und vier wurden mit Nighthawks besetzt.
In die Wartepositionen für den zweiten Start standen wieder zwei Typhoone und zwei Phantome. Die restlichen Piloten sammelten sich in den Warteräumen.
Auf der Brücke gingen die Bereitschaftsmeldungen ein:
"Feuerleitstand 1: Oberdecksartillerie bereit."
"Feuerleitstand 3: ASM bereit."
"Feuerleitstand 2: Unterdecksartillerei bereit."
"Feuerleitstand 4: SSM bereit."
"Feuerleitstand 5: Nabereichsabwehr bereit."
"Schilde auf volle Kraft!"
"Maschinenraum auf Gefechtsstation. Maschinen sprungbereit!"
"CIC auf Gefechtsstation."
"Flugdeck auf Gefechtsstation und operationsbereit!"
Wulff und Waco nahmen die Meldungen gleichmütig hin.
"Flotte ist in Gefechtsformation", meldete schließlich der Signaloffizier.
"Steuermann übergeben sie Sprungkoordinaten an den Signaloffizier. Signaloffizier: Sprungkoordinaten an die Flotte übertragen. Flotte für Massentransit vorbereiten." Wulff stützte sich auf den Kartentisch.
"Dann wollen wir mal."
"Flotte in Bereitschaft." Meldete der Signaloffizier.
"Massentransit einleiten!"
Auf den 32 Schiffen der Columbia-Kampfgruppe begannen die Spulen des Garrison-Sprungantriebs zu glühen. Kobaldschwarze Gebilde färbten sich kristallblau. Pulsierten und gaben sagenhafte Energie ab.
Am Sprungpunkt wurde das Raum-Zeit-Kontinuum aufgerissen. Ein Wurmloch öffnete sich. Für das menschliche Auge nicht sichtbar. Von den Computern nur durch eine Strahlungsmessung zu erfassen.
Die Flotte beschleunigte hinein.
Für über 30.000 Männder und Frauen dehnte sich das Universum für einen Augenblick ins unendliche aus, während es sich gleichzeitig scheinbar zusammenfaltete.
Dann war es vorbei. Die Flotte war in Corsfield.
"Start frei für die Jäger. Die Flotte bleibt in Alarmbereitschaft zwo." Waco überflog die Computeranzeigen.
"Captain: Bringen Sie die Flotte in die befohlene Position und dann warten wir. Der CAG soll für ausreichende Raumaufklärung sorgen." Wulff verließ die Brücke.
Tyr Svenson
26.04.2004, 14:15
Einige Stunden später
Der Verband hing jetzt fast bewegungslos in der unendlichen Schwärze des Raumes und wartete, eine gewaltige Ansammlung von Kreuzern, Zerstörern, Fregatten und Korvetten. Der Columbia-Trägerverband war nicht zu vergleichen mit einer der kleineren Kampfgruppen der Operation Husar. Hier war weit mehr Feuerkraft versammelt. Hier stand weitaus mehr auf dem Spiel...
Entsprechend waren die Sicherheitsmaßnahmen, vor allem, da man sich momentan im „Niemandsland“ befand und das Auftauchen feindlicher Einheiten jederzeit möglich schien. Während die ersten Erkunder tiefer in das System vorstießen, hatten sich die Schiffe eine Defensivformation gebildet. Den äußersten Sicherheitsring übernahmen Patrouillen von Langstreckenjägern, Nighthawk oder Phantome mit Zusatztanks und Aufklärungspods. Die Flugrouten der einzelnen Wings überschnitten sich und sorgten so für optimalen Schutz. Dazu als „zweite Linie“ Aufklärungshuttles, deren passive und aktive Sensoren alles auffangen sollten, was den Piloten vielleicht entging. Dann kamen die „Feger“ – Korvetten und Fregatten, die vor, hinter und an den Seiten der Flotte standen, in äußerster Alarmbereitschaft.
Dann erst folgte die innere Sicherung von Kreuzern und kleineren Kriegsschiffen. Und hinter diesem Schutzgürtel kam der Träger, das eigentliche Herz der Operation. Zu jeder Zeit während des Anmarsches auf Corsfield waren mindestens drei Staffeln einsatzbereit gewesen – darunter auf jeden Fall eine Schwadron Bomber oder Jagdbomber mit atomaren Schiff-Schiff-Raketen. In dieser gigantischen Militär- und Vernichtungsmaschinerie war ein einzelner Jäger nur ein Rädchen im Getriebe.
Die beiden Nighthawks verloren sich beinahe zwischen den riesigen Kampfraumern, die die im Vergleich zu ihnen fragilen Jäger zu erdrücken schienen. Aber dies war nicht der erste Einsatzflug von Ohka und Crusader und nicht einmal Crusader, der noch keinen Kampfeinsatz erlebt hatte, ließ sich davon aus der Ruhe bringen. Eine spürbare Anspannung würde sich erst bemerkbar machen, wenn sie am Rande des Verbandes angekommen waren. Aber selbst dort, das hatte Crusader zu seinem Verdruß feststellen müssen, erwartete sie nichts als Langeweile und Monotonie – bei keinem der bisherigen Einsätze war etwas passiert. Crusader hatte seine Enttäuschung über diese Eintönigkeit einmal gegenüber Kano erwähnt – und der hatte leicht grinsend erzählt, daß er in dem halben Jahr Kriegseinsatz und den etwa einhundert Einsatzflügen nur einmal bei einer Patrouillenmission Feindkontakt gehabt hatte. Aber wie damals war der heutige Flug etwas Besonderes. Corsfield war die letzte wichtigste Station vor dem Ziel ihres Einsatzes, so viel war inzwischen durchgesickert. Wohin es danach genau gehen würde, darüber schwiegen sich die Offiziere zwar noch aus. Aber schon diese Information reichte, um der Erkundung des Coirfield-System mehr Bedeutung zu verleihen.
Kanos Jäger war bis zur Grenze seiner Tragfähigkeit beladen. Die Maschine trug die sperrigen Aufklärungspods, schwere Zusatztanks und zusätzlich sechs Raketen: zwei Phönix-Langstrecken-, zwei Amraam-Mittelstrecken- und zwei Sidewinder-Kurzstreckenraketen. Diese Last verlangte bei Start und Landung höchste Präzision und Fingerspitzengefühl. In solchen Augenblicken vermißte Kano die Leichtigkeit und Agilität der Typhoon. Da er nun einmal erheblich mehr Flugerfahrung als Crusader besaß und seine Trefferquote mit den Raketen nicht besonders gut war, war er das „Auge“ des Wings. Crusader war die „Faust“ – außer den Zusatztanks war seine Nighthawk mit vier Phönix, zwei Sidewinder und zwei Amraams ausgerüstet. Das gab ihm mehr Feuerkraft, vor allem auf große Entfernungen.
Während Kano die Funktion der Aufklärungspods überprüfte, ertappte er sich dabei, sich nach der Redemption zurückzusehnen. Der Träger war veraltet und unterbewaffnet gewesen, die Quartiere klein – aber die Operation Husar und ein Kapitän wie Commodore Jefferson B. Clark hatten den Piloten erhebliche Freiräume und Eigenkompetenzen ermöglicht. Davon war jetzt nicht mehr viel zu spüren. Außerdem gab es da Gerüchte über gewisse Differenzen zwischen dem Geschwaderchef und dem neuen Kapitän James Waco...
Immerhin, Crusader und Kano hatten sich inzwischen ganz gut aneinander angepaßt. Und Crusader hatte hervorragende Anlagen, eine Begabung fürs Fliegen, die man nicht antrainieren, nur fördern konnte.
Als die beiden Jäger den letzten „Außenfeger“ des Verbandes, eine Fregatte, hinter sich ließen, schloß Crusader dichter zu seinem Rottenführer auf. Wieder besseren Wissens fühlte Crusader ein gewisses Gefühl der Erwartung in sich aufsteigen, obwohl er annahm, daß sie wohl wieder nur ein stundenlanger, ereignisloser Flug erwartete…
Es war nicht unbedingt üblich, die Außenpatrouillen eines Trägers mit Aufklärungspods zu bestücken. Zum einen war der Bestand dieser empfindlichen Geräte selten ausreichend, um eine größere Zahl an Jägern damit auszustatten. Außerdem erschwerten sie das Manövrieren im Kampf und minderten die Zuladungsfähigkeit. Aber der Columbia-Verband war bestens ausgerüstet – und man wollte absolut kein Risiko eingehen, daß der Verband vom Feind geortet wurde. Das minderte zwar die Schlagkraft der Patrouillen im Kampf, aber theoretisch sollten die Jäger ja jeden Feind rechtzeitig bemerken, um adäquate Maßnahmen einzuleiten oder anzufordern.
Endlich hatten die Jäger den äußersten Rand der Flotte erreicht. Von hier aus waren die Großkampfschiffe des Verbandes kaum mehr zu erkennen, nur noch das Radar verriet den Piloten ihre Position.
Kano brachte seine Maschine auf den Kurs, dem sie die nächsten Stunden folgen sollte. Er ließ seinen Kopf kreisen, so gut es in dem schweren Raumhelm ging. Egal was die Wartungscrews und die Konstrukteure behaupteten – die stundenlangen Patrouillenflüge ließen bei den Piloten Nackenschmerzen und steife Hälse zu einer fast chronischen Krankheit werden. Während des Einsatzfluges mußte die Kommunikation zwischen den Maschinen auf Dienstliches beschränkt bleiben – und jede andere ablenkende Aktivität war selbstverständlich strengstens verboten. Wenn die Piloten bei den mehrstündigen, eintönigen Patrouillen etwas lernten, dann war das Geduld. Kano lehnte sich zurück und versuchte es sich so bequem wie möglich zu machen. Auch wenn Corsfield ein System im „Niemandsland“ war, hier gab es nach den Informationen der TSN kein intelligentes Leben und nichts, was für Menschen oder Akarii von Interesse sein konnte…
Drei Stunden später
Mehr als die Hälfte des Patrouillefluges war genauso ereignislos verstrichen, wie in den vergangenen Tagen, als ein leiser Warnton Kano alarmierte, ja ihn förmlich hochriß. Das konnte doch nicht sein?!
Kano justierte fieberhaft die Radaranzeige neu – aber das Signal blieb. Am äußersten Rande des Schirms, nur zur Hälfte in der Erfassung, blinkte schwach ein einzelner Punkt. Ein plötzlicher Adrenalinschub vertrieb die letzten Reste von Müdigkeit. „Crusader! Kontakt!“ Dann öffnete Kano den Komkanal zum Einsatzoffizier an Bord der Columbia: „Achtung, Achtung – hier Ohka, Außenpatrouille Vier! Ich melde...“
„Wiederhole, einkommendes Signal Zwanzig-Vierunddreißig-Sechzig. Sensordaten folgen!“ Der Funkoffizier an Bord der Columbia war mindestens ebenso aufgeregt wie die Piloten, ließ sich aber nichts anmerken, als er die gesendeten Daten mit betont ruhiger Stimme an den befehlshabenden Offizier auf der Brücke weitergab. Zur Zeit war das Captain James Waco. Rearadmirälin Wulff hatte sich in ihr Quartier begeben, als deutlich wurde, dass zumindestens in näherer Umgebung der Flotte keine Gefahr zu bestehen schien. Sie vertraute auf Captain Wacos Kompetenz und sah keinen Grund dafür, durch ihre weitere Anwesenheit eventuell sogar Zweifel an seinen Fähigkeiten in dieser Routinesituation anzudeuten. Jetzt musste Waco einen Fluch unterdrücken. Bei dem ganzen Einsatz ging es schließlich darum, möglichst unbemerkt das Ziel zu erreichen. Das Corsfield-System sollte eigentlich – außer dem TSN-Verband – nicht mehr Leben als ein Komet enthalten. Ein einziger Feindkontakt konnte die ganze Flottenoperation zum Scheitern verurteilen.
„Analyse? Was ist da draußen?“
Einer der Auswertungsoffiziere blickte auf: „Das Signal ist sehr schwach. Wir sind nicht ganz sicher...“
„Ich möchte nur ungern warten, bis die Piloten den Namen des Schiffes mit bloßem Auge erkennen können. Also - Analyse!“ Captain Waco war nicht immer ein einfacher Vorgesetzter. Und er haßte unbefriedigende Antworten in kritischen Situationen.
„Nach der Geschwindigkeit und dem Radar- und Masseprofil müßte es ein Frachter sein. Entweder ein Goose – oder einer von unseren, ein Altair. Genaueres ist auf diese Entfernung nicht festzustellen. Natürlich auch nicht, was für eine Variante es ist.“ Die Stimme des Offiziers klang angespannt. Allgemein machte sich auf der Brücke Nervosität breit – vor allem bei den Jüngeren der Brückenbesatzung.
„Ein Frachter?“ Captain Waco überlegte fieberhaft. Hier draußen rechnete er nicht mit republikanischen Schiffen. Blieben also Piraten, Freihändler – und Akarii. Außerdem mußte er dem Rechnung tragen, daß die Akarii angeblich manchmal die ansonsten veralteten Frachter der Goose-Klasse zu Hilfskreuzern, Patrouilleschiffen oder gar Flugzeugtendern aufrüsteten, vergleichbar mit den irdischen Strike- und Carrack-Hilfsträgern. Aber wenn er zu lange zögerte, um einen größeren Raumjägerverband oder gar ein Kriegsschiff loszuschicken, riskierte er, daß die Akarii – wenn es denn welche waren – den Verband orteten und einen Funkspruch absetzten. Er entschloß sich, etwas zu riskieren. Immerhin bestand die Patrouille aus Nighthawk, sie würden ausreichen: „Funkspruch an die Patrouille! Sie sollen sich die Sache ansehen. Ist es ein Erdschiff - anfunken, bei striktem Langstreckenfunkverbot zum Verband geleiten. Leistet der Frachter Widerstand, versucht zu funken oder flüchten, ist er zu vernichten. Ist es ein Akarii – sofort angreifen und eleminieren! Und geben Sie in der Flotte Alarm. Ich will jeden Mann an seinem Posten und jeden Piloten in seiner Maschine und sofort startklar haben, wenn es eine Falle sein sollte!“ ‚Und wenn nicht, ist es wenigstens eine gute Übung für die Mannschaften...‘
„Zu Befehl, Sir!“
„Ach ja – sagen Sie Admiral Wolff Bescheid!“
„Ja, Sir!“ Der Kommoffizier betätigte eine Taste und stellte so eine Verbindung mit Wolffs Büro her. Ein paar Sekunden später brüllte er in den Hörer: „DANN WECKEN SIE SIE GEFÄLLIGST, IDIOT! Natürlich ist das ein Notfall!“
„Verstanden, Columbia! Sind unterwegs!“ Noch während dieser Worte brachte Kano die Nighthawk auf den neuen Kurs und beschleunigte die Maschine. „Crusader, auf 40.000 Feuereröffnung mit den Phönix. Wenn das nicht reicht, Blitzangriff auf Mittel- und Kurzstreckendistanz, Piranha-Manöver. Und Störfunk!“
„Verstanden, Ohka!“ In Crusaders Stimme schwang deutlich die Begeisterung mit, aber auch Nervosität. Dies war sein erster Kampfeinsatz. Die beiden Nighthawk jagten mit Höchstgeschwindigkeit auf den unbekannten Frachter zu.
Tyr Svenson
26.04.2004, 14:16
V’shart, Akarii-Frachter
„SIE HABEN WAS?!“ Kor Nama, an Bord der V’shart die 1. Offizierin, schrie die Frage hinaus und durchbohrte den Sensoroffizier mit einem mörderischen Blick. Der Unglückliche wünschte sich an einen anderen Ort – aber er mußte wohl oder übel antworten: „Ich, ich dachte, es wäre nur eine Fehlfunktion. Sie wissen doch, das neue Radar hat schon mehrmals...“ Er sah den Hieb nicht kommen. Im letzten Augenblick drehte Kor Nama den Arm, so daß sie ihm nicht mit ihren Krallen das Gesicht zerfetzte. Aber auch so knallte der Kopf des Sensoroffiziers nach hinten, flog er beinahe aus seinem Sitz. Kor Nama drehte sich um, den Unglücklichen keines weiteren Blickes würdigend. Auch wenn ihr Temperament und Aufsässigkeit ihre Karriere in der Marine beendet hatten, an Bord der V’shart war sie nach dem Kapitän ohne Zweifel die Kompetenteste: „BEIDREHEN! MAXIMALGESCHWINDIGKEIT! WERFER UND GESCHÜTZR BEMANNEN! Und irgendjemand soll den Kapitän alarmieren – SOFORT!!“
Nicht zum ersten Mal verfluchte sie den letzen Auftrag, den sie hatten annehmen müssen. Der Krieg hatte das Geschäft eines Freihändlers um einiges riskanter gemacht. Die Behörden verstanden überhaupt keinen Spaß mehr und zahlreiche Routen und Sprungpunkte waren vom Militär gesperrt worden. Was noch vor einem Jahr als ein kleines Vergehen durchgegangen war, konnte einen jetzt vor ein Kriegsgericht bringen – das galt auch für Bestechlichkeit. Deshalb waren viele Zöllner und Beamte plötzlich erheblich schwieriger geworden...
Besonders groß waren die Finanzreserven nie gewesen – deswegen hatte Kapitän Lenk Werren praktisch JEDEN Auftrag annehmen müssen um zu verhindern, daß man die alte V’shart beschlagnahmte und sie vielleicht am Ende in den Nachschubsdienst der Streitkräfte schickte.
Deshalb waren sie hier unterwegs – viel zu nahe an der Front – den halben Laderaum voll mit diversen Luxusartikeln, die ,wegen der Kriegsrestriktionen bei Produktion und Transport, auf den Grenzwelten einen guten Preis einbringen würden. Die andere Hälfte des Lagerraums...
Zu jeder Zeit hatte ein Krieg auch innenpolitische Veränderungen bedeutet. Das Akarii-Imperium ging nie besonders zimperlich mit Abweichlern und Individualisten um. Aber im Kriegsfall wurden die Schrauben zusätzlich angezogen und manche Verwaltungschefs benutzten Kriegsrecht und Belagerungszustand um persönliche Rechnungen zu begleichen oder besondere Schneidigkeit zu demonstrieren.
Deshalb hatte die V’shart etwa 100 Passagiere an Bord. Fast ausschließlich Männer, zum Glück – Zivilistinnen brachten erfahrungsgemäß nur Ärger. Kor Nama hatte keine Ahnung, warum sie die Passage bezahlt hatten und vermutlich wußte sogar Kapitän Werren nicht so genau Bescheid: Deserteure, korrupte Bürokraten vielleicht, religiöse Abweichler? Ein paar waren Werftarbeiter gewesen, die allerdings illegal gearbeitet hatten und deshalb auch nicht von der Musterung erfaßt worden waren - und jetzt als „Fahnenflüchtlinge“ gelten mochten. Das bedeutete bestenfalls die Strafkompanie – im schlimmsten Fall sofortige Exekution. Vermutlich hatten sie ihre gesamten Ersparnisse geopfert, um die Passage zu bezahlen.
Die Brisanz dieser Ladung hatte Kapitän Werren veranlaßt, außerhalb des sicheren Akariiraum zu fliegen. Falls man von einem „sicheren Raum“ sprechen konnte, seitdem neuerdings Kampfgruppen und Minenleger der Menschen im akariischen Hinterland wilderten. Aber Kapitän Werren hatte sich entschieden, lieber einen Umweg über einen Raumsektor zu fliegen, der weder vom Imperium, noch der verdammten Menschen-Republik beansprucht wurde.
‚Na, da war er wohl mal wieder zu schlau!‘ dachte Kor Nama giftig, während die Brücke rings um sie in Aktivität explodierte. Drei Minuten später erschien Kapitän Lenk Werren. Wie immer trug er eine ziemlich abgerissen wirkende Uniform der Akariimarine, mit abgetrennten Rangzeichen. Einen flüchtigen Augenblick fragte sich Kor Nama, ob die Geschichten stimmten, daß Werren früher ebenfalls zur Marine gehört hatte – seinen Rang und Kommando aber wegen Feigheit vor dem Feind verloren hatte. Als der Kapitän an ihr vorbeihastete nahm sie einen inzwischen nur zu vertrauten süßlichen Geruch war und erneut stieg Wut in ihr hoch. Werren hatte sich mal wieder abgefüllt. Aber berauscht oder nicht – anzumerken war ihm nichts.
Ohne sichtbare Gefühlsregung ließ er sich Meldung erstatten. Auf die unausgesprochene Frage einiger der jüngeren Bordoffiziere antwortete er, ohne jemanden Speziellen anzublicken: „Es können Unsere sein. Dann haben wir Glück, wenn sie uns mit einer Überprüfung davonkommen lassen und die Hälfte der Fracht beschlagnahmen. Sind es Piraten – na gut, mit denen sind wir bisher immer fertig geworden...“ Tatsächlich war die V’shart um einiges wendiger und besser bewaffnet, als die meisten Frachter ihrer Klasse.
„...sind es aber Menschen...“ Kapitän Werren führte den Satz nicht zu Ende. Jeder auf der Brücke wußte, was das bedeutete. ‚Hoffentlich sind es keine Menschen!‘
Aber die beiden Radarkontakte waren noch nicht auf unter 100.000 Kilometer herangekommen, als die aufgeregte, fast panische Stimme des Sensoroffiziers die Hoffnungen zerschlug: „ES SIND MENSCHEN! SCHWERE RAUMJÄGER – unbekannter Typ!“ Fast gleichzeitig fiel die Stimme der Funkerin ein: „Sie stören unseren Funk!“ Aber der Akarii-Freihändler hätte ohnehin niemanden um Hilfe bitten können – sie waren auf sich allein gestellt.
Kor Nama und Lenk Werren tauschten einen kurzen Blick aus. Dann bellte Werren mit scharfer Stimme: „Bereit zum Kampf! Kor – schicken Sie fünf Mann mit Waffen in die Quartiere. Sie sollen diese Bodenratten ruhig halten!“
Während die beiden Nighthawk mit atemberaubender Geschwindigkeit die Entfernung zu dem Frachter überbrückten, der jetzt eindeutig als „feindlich“ identifiziert wurde, rief sich Kano in Erinnerung, was er von den Frachtern der Goose-Klasse wußte: langsam, schlechte Schilde und schlechte Panzerung. Aber immerhin mindestens zwei Lasergeschütze und zwei Zwillingsraketenwerfer und eine schier unübersehbare Zahl von Varianten mit wechselnder Bewaffnung.
Etwa 100.000 Kilometer hinter dem mit Höchstgeschwindigkeit ablaufenden Frachters trennten sich die Nighthawk, um den Aakrii in die Zange zu nehmen. Die Störsender waren auf maximaler Leistung – hoffentlich verhinderte dies etwaige Versuche des Gegners, um Hilfe zu rufen. Bisher war jedenfalls kein Signal durchgekommen. Keiner der beiden Piloten dachte daran, dem Frachter zur Kapitulation aufzufordern. Hier ging es nur um die Vernichtung.
Eine sachte Berührung des Steuerknüppels – der Bug des Jägers richtete sich genau auf den flüchtenden Frachter. Kano überprüfte automatisch die Kanonen- und Raketenanzeigen, überprüfte sie noch einmal. Dann schob er den Hebel des Nachbrenners nach Vorne, der Jäger machte einen regelrechten Satz: „BEGINNE ANGRIFF!“
90.000 Kilometer, 80.000, 60.000, 40.000. „Rakete los, Rakete los!“ Crusaders Stimme fiel ein: „RAKETEN LOS!“
Vier Phönix-Langstreckenrakten schossen auf den Akarii-Frachter zu, wenige Sekunden darauf gefolgt von zwei weiteren Phönix von Crusader. Das war einer der Mankos am Nighthawk: die Pylonen für Langstreckenraketen waren paarweise hintereinander angeordnet, man konnte nicht alle Raketen gleichzeitig abfeuern. Aber trotzdem waren die sechs Raketen mehr als genug, um einen normalen Frachter der Goose-Klasse wrackzuschießen.
V’shart, Akarii-Frachter
„Feindliche Raketen im Anflug!“ Kor Nama haßte diese Art des Kampfes – wenn man das Kampf nennen konnte. Der Feind eröffnete das Feuer auf eine Entfernung, die weit außerhalb der Reichweite aller Waffen der V’shart lag. Diese Feiglinge! Die verfluchten Weichhäute flogen von zwei Seiten an, um dem Frachter Gegenwehr und Ausweichmanöver zu erschweren.
Kapitän Werren ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: „Ausweichmanöver! Kurs Zwo-Sechs-Zwanzig! Störkörper – zwei Lagen! Gegenfeuer – Raketen abfangen! “ Die Va’shart vollführte ein Manöver, das für einen Frachter eigentlich unmöglich war und stieß Störkörper aus. Gleichzeitig eröffneten vier Laserkanonen das Feuer auf die Raketen, auch wenn die Chancen für die Vernichtung eines Flugkörpers eher gering waren.
Das Ausweichmanöver war nur ein halber Erfolg – eine der Raketen explodierte viel zu nahe am Schiff und schwächte die Schilde – zwei Raketen trafen den Frachter voll.
Kor Nama hielt sich krampfhaft an der Waffenkonsole der Bugkanone fest. Nur knapp entging sie dem Schicksal eines Crewmitglieds, das den Halt verlor und voll gegen die Wand krachte. Kapitän Werren hatte Finger und Krallen in die Lehne seines Sitzes gegraben, schien aber keine Mühe zu haben, seine Position zu halten: "SCHADENSBERICHT!“
„Schilde bei Zehn Prozent! Panzerung bei Sektion Vier und Acht schwer beschädigt – noch keine Hüllenrisse!“
Insgeheim war Kapitän Werren stolz. Auch wenn er seine Mannschaft aus sehr zweifelhaften Quellen auffrischen mußte – auf der Brücke war jeder auf seinem Posten, es gab es keine Panik. Aber er wußte genau – ihre einzige Chance war, die Feindjäger abzuschießen oder zu beschädigen, bevor sie den Frachter zusammenschossen. Und das war eigentlich keine Chance...
„Feindjäger schließen auf! Direkter Anflug!“
„Auf 20.000 – Feueröffnung mit den Werfern. Eine volle Salve – Konzentrieren sich auf Feindjäger Zwei!“
„Ja, Kapitän!!“
Kano preßte kurz die Lippen zusammen. Dieser Frachterkapitän war besser als gedacht. Aber das würde ihm nicht helfen. „Crusader! Blitzangriff, Voller Einsatz!“
„Verstanden!“ Crusader konnte seine Begeisterung nicht verhehlen. DAS war es, wofür er in die Streitkräfte eingetreten war. Er grinste wild. ‚Du willst spielen, Eidechse? Wir kommen!‘
Während Kano mit Höchstgeschwindigkeit zum Frachter aufschloß, achtete er darauf, daß die Zielerfassung grün blieb. Trotz der verrückten Manöver des Akarii, der den Frachter wie ein Shuttle flog, war das kein großes Problem.
‚Ich werde das Feuer nicht zu früh eröffnen. Wenn sie Täuschkörper haben...‘
Crusader zählte im Geist bei der Entfernungsanzeige mit – bei 15.000 würde er die Amram abschießen, dann mit den Kanonen und Sidewindern nachsetzen. ’30.000 Kilometer, 25.000, 22.000...‘
Aber der Akarii-Frachter war keine wehrlose Beute. Zwei Zwillingsraketenwerfer eröffneten fast zeitgleich das Feuer auf Crusaders Jäger, der plötzlich vom Jäger zum Gejagten wurde.
„ABBRECHEN, CRUSADER!“
Crusader hatte die Gefahr schon bemerkt. Jetzt griff der gnadenlose Drill, bewährte sich das intensive Training, das Darkness den Piloten seines Schwadrons aufgezwungen hatte. Crusader drückte auf die Auslöser seiner Amraam-Raketen und warf die Maschine in eine Fassrolle, gefolgt von einer Vollwende. Gleichzeitig stieß seine Maschine Störkörper aus.
Zu Crusaders Glück schienen Raketen und Zielcomputer des Akarii veraltet zu sein – es reichte trotzdem zu einem Nah- beziehungsweise einem Volltreffer. Sein Abwehrmanöver hatte ihn in gefährliche Nähe des Akarii-Frachters gebracht, der jetzt aus drei Laserkanonen das Feuer eröffnete. Der Nighthawk wurde brutal durchgeschüttelt, ein, zwei Alarme begannen zu heulen. Mit einem Fluch hieb Crusader auf den Nachbrenner und brachte sich aus dem unmittelbaren Feuerbereich. Er bemerkte nicht einmal, daß eine seiner Amraams einen Volltreffer landete und die bereits geschwächten Backbordschilde des Akarii zum Kollabieren brachte.
Kano hatte sich fast ungehindert nähern können – nur eine Laserkanone nahm ihn aufs Korn. Trotz seiner schnellen Ausweichmanöver lag das Feuer allerdings unangenehm genau. ‚Der Akarii schießt aber gut!‘ Er hatte schon das Feuer eröffnen wollen, als er Crusaders Notlage bemerkte – und sah, wie die Backbordschilde des Akarii-Frachter erloschen. ‚Das ist es!‘ Noch einmal schob er den Nachbrennerhebel nach vorne – die Nighthawk schoß über den feindlichen Frachter hinweg, die Kanoniere, die Crusader beharkt hatten, versuchten den neuen Gegner ins Visier zu bekommen.
Ein Von-Bein-Manöver riß Kanos Maschine herum, richtete den Bug seines Jägers auf den Frachter – auf die ungeschützte Backbordseite. Mit zusammengebissenen Zähnen drückte Kano auf alle Waffenknöpfe. ‚Fahr zur Hölle!‘ Das Feuer der vier schweren Bordgeschütze und die beiden Amraams konnten auf diese Entfernung das Ziel gar nicht verfehlen. Die Sidewinder allerdings verschwanden im All – Kano hatte sie zu schnell abgefeuert, bevor die als „Schnecken“ bezeichneten Kurzstreckenraketen das Ziel richtig erfaßt hatten. Aber die Bordgeschütze und die Amraams reichten ohnehin aus. Die Reste der Panzerung wurden förmlich pulverisiert, die Flanke des Frachters wie von einem riesigen Messer aufgeschlitzt.
Tyr Svenson
26.04.2004, 14:16
V’shart, Akarii-Frachter
Kor Nama rang krankhaft nach Luft, während sie sich mühsam aufrichtete. Ihr rechter Arm gehorchte ihr nicht mehr. Binnen Sekunden hatte sich die Brücke in einen Schlachtraum verwandelt. Außer ihr war nur noch der Sensoroffizier auf den Beinen. Er blutete aus mehreren Wunden. Der Kapitän...
Kapitän Werren war noch immer auf seinem Posten. Aber er hatte keinen Brustkorb mehr – nur noch eine blutige Masse, wo Trümmer ihn erwischt hatten wie eine Splittergranate. Kor Nama fühlte ein Kratzen im Hals – vermutlich wegen dem Rauch. Sie hatte den Kapitän nie gemocht, ihn aber respektiert. Und nun...
‚Wenigstens ist er gut gestorben.‘ Dann merkte sie, wie der Sensoroffizier an ihrer Schulter rüttelte. Er deutete auf die Funkerin, die vergeblich versuchte, sich aufzurichten. Gemeinsam schafften sie es. Alle anderen waren tot. Mit einem unterdrückten Stöhnen schaltete Kor Nama die Bordlautsprecher ein: „Achtung! Alle Mann von Bord!“ Gemeinsam mit dem Sensoroffizier schleppte sie die Funkerin zur nächsten Notkapsel.
Kano hatte bereits einen neuen Anflug begonnen, als Crusaders Stimme ihn stoppte: „Ohka, der Frachter – er zerbricht!“
Kano überprüfte seine Sensoren. Dann mußte er grinsen: „Nicht ganz, aber fast so gut. Das ist eine Rettungskapsel.“
„Wieviel Zeit geben wir ihnen?“
Kano brauchte ein paar Augenblicke um den Sinn der Frage zu begreifen. Er hatte es für selbstverständlich gehalten, den Anflug fortzusetzen, den Frachter solange zu beschießen, bis er in die Luft flog. Aber jetzt...
‚Außerdem will die Flotte sicherlich die Gefangenen verhören. Also geben wir ihnen die Zeit.‘ „Geben wir ihnen zehn Minuten. Aber halt dich von dem Frachter fern. Die Akarii sollen seltsame Vorstellungen vom Tod haben.“
Crusader lachte leise: „Wie die Japaner, Ohka?“
Ein paar Augenblicke kam keine Antwort und er fragte sich schon, ob er irgendetwas Falsches gesagt hatte, da klang Ohkas trockene Stimme wieder aus dem Funkempfänger: „Kann sein. Wie schlimm hat es dich erwischt?“
„Schilde partiell zusammengebrochen. Leichte Panzerungsschäden. Und, Verdammt – mein Zielcomputer scheint was abbekommen zu haben. Aber die Maschine ist voll flugtauglich.“
„Gut.“
V’shart, Akarii-Frachter
Normalerweise hätten sogar fünf Minuten gereicht, damit die zwanzig Mannschaftsmitglieder eines Goose-Frachters in die Rettungskapseln gelangten. Aber auf der V’shart herrschten alles andere als normale Zustände. Die schweren Treffer hatten bereits ein Drittel der dreißig Crewmitglieder und etliche Passagiere getötet. Aber trotzdem würden die Plätze in den Rettungskapseln nicht reichen. Die Rettungsmittel waren auf zwanzig bis dreißig Personen berechnet. An Bord der V’shart waren jedoch immer noch mehr als einhundertzwanzig Personen. Selbst bei Überladung der Rettungskapseln waren das viel zu viele.
Der Kapitän war tot, wie auch die meisten der Offiziere. Es gab niemanden, der die Evakuierung leiten konnte.
Um die Rettungskapseln entbrannte ein wütender Kampf. Die verzweifelten Passagiere versuchten mit Zähnen und Klauen einen Platz zu erkämpfen, während einige Crewmitglieder rücksichtslos von ihren Schußwaffen Gebrauch machten, um sich selbst zu retten. Einige der auf vier Mann und zehn Tage ausgelegten Rettungskapseln, die für kurze Zeit bis zu zwölf Personen aufnehmen konnten, machten los, obwohl sie keineswegs die maximale Anzahl aufgenommen hatten. Schwächere wurden niedergetrampelt.
Kor Nama erschoß zwei Akarii – einen Passagier und einen Matrosen – ohne Zögern, um bei ihrer Rettungskapsel eine geordnete Evakuierung sicherzustellen. Die Kapsel legte ab, mit dreizehn Personen vollkommen überbelegt. Als Kor Nama zurücksah, erkannte sie deutlich die tödlichen Wunden, die der feindliche Angriff gerissen hatte. Und sie sah sogar einen der Erdjäger, der reglos im Raum schwebte. In ohnmächtigen Haß fletschte sie die Zähne.
„Das war es wohl...“ Kano wartete nicht Crusaders Antwort ab. Er richtete den Jäger aus und drückte einfach auf Dauerfeuer. Mit einem Anflug grimmiger Befriedigung verfolgte er, wie die schweren Bordgeschütze den Frachter verwüsteten, durch die Panzerung wie durch Butter schnitten. Dann explodierte das feindliche Schiff. ‚Das war die erste Rate für die Redemption. Gewöhnt euch daran. Wir werden euch bezahlen lassen!‘
Dann öffnete er den Funkkanal zur Columbia: „Melde, feindlicher Frachter der Goose-Klasse vernichtet. Er hat nicht gefunkt. Frachter hat sieben Rettungskapseln ausgestoßen. Munitionsverbrauch sechs Phönix, vier Amraams, zwei Sidewinder. Flieger Zwei hat leichte Schäden und einen ausgefallenen Zielcomputer.“
„Gut. Geben Sie die Position der Kapseln durch, ein Zerstörer wird sie aufsammeln. Kehren Sie zum Träger zurück. Ein anderer Wing wird ihre Position übernehmen.“
„Verstanden!“
Die beiden Jäger nahmen Kurs auf ihren Heimatträger.
„Nun, Crusader – wie fühlst du dich?“
„Na ja – besonders mir Ruhm hab ich mich wohl nicht bekleckert.“
„Ohne deine Rakete hätte ich noch eine ganze Weile gebraucht. Und ich bin bei meinem ersten Raumkampf abgeschossen worden. Ich habe den Jäger nicht mal gesehen.“
„Unter diesem Gesichtspunkt...“
Eigentlich war die V’shart mit acht Rettungskapseln ausgerüstet. Aber eine hatte nicht mehr ablegen können. Bei dem verbissen Kampf um einen Platz in der Kapsel war ein Akarii in der Schleuse steckengeblieben. Einer der Matrosen hatte den Passagier erschossen – aber von außen hatten andere Verzweifelte geschoben und versucht, in die Kapsel einzudringen.
Als die Salven von Kanos Jäger die Flanke des Frachters aufrissen, hatte dies sofort zu einer Dekompression geführt.Erst die Explosion des Maschinenraums löste die Verbindungen der Rettungskapsel mit dem Schiff und katapultierte sie in den Weltraum – mit zehn Toten an Bord.
Ein paar Tage später, New York, HQ der TSN
Flinke, geübte Finger huschten über die Tasten. Es dauerte nur wenige Sekunden. Nachdem Jennifer Hawthorne, First Lieutenant im Stabsdienst, fertig war, lehnte sie sich zurück und streckte den Rücken. Sie gehörte zu den etwa einhundert Männern und Frauen, die sich ausschließlich mit der Auswirkung der Operation Husar und den Frachterverlusten der Akarii beschäftigten. Commodore Frank Haldar war zu Beginn des Akariikrieges freiwillig aus dem Ruhestand zurückgekehrt – aber es hatte für ihn nur zu diesem Posten gereicht. Der etwas exzentrische Veteran nannte seine Dienststelle „Kerneval“, nach der Kommandostelle für den Zufuhrkrieg in einer lange zurückliegenden irdischen Auseinandersetzung. Immerhin, der Dienst war relativ leicht und immer noch wichtiger, als in irgendeiner Beschaffungsstelle des Nachschubsamts zu versauern. Jennifer Hawthorne liebte ihren Job.
Auf dem Bildschirm vor ihr flimmerte eine Graphik. Eine schwarze Linie zeigte den vermuteten Bestand der Akarii an Frachtraum, einschließlich der angenommenen Neubauten. Eine rote Linie gab den Erfolg der Erdstreitkräfte wieder – Minenleger, Kriegsschiffe, Raumjäger und –bomber. Außerdem konnte abgelesen werden, wo der Abschuß erzielt worden war, von wem – und was für eine Akariieinheit vernichtet worden war.
Zu Beginn der Operation Husar war die rote Linie steil nach oben geschossen, hatte die schwarze Linie überflügelt. Das war, bei aller Trauer und Wut wegen Mantikor, ein gutes Zeichen gewesen. Doch dann war die rote Linie fast ununterbrochen abgefallen. Die Schlacht von Jollahran hatte dies noch einmal geändert, hatte die rote Linie weit über die schwarze steigen lassen. Aber es war ein teuer erkaufter Triumph gewesen – mit der Redemption und der Majestic waren zwei „Asse“ vernichtet worden und in der Auswertungszentrale hatte Trauer geherrscht. Und danach war die Abschußquote noch weiter zurückgegangen. Viele der „Asse der ersten Stunde“ waren ausgefallen: vernichtet, im Dock, oder zu anderen Aufträgen abkommandiert. Was übrig blieb war die „zweite Garnitur“, vor allem Minenleger, ein paar Zerstörer – und die Kaze, als die erfolgreichste Fregatte im Zufuhrkrieg.
Trotzdem lächelte Jennifer. Mit diesem Abschuß waren in diesem Monat bereits 100.000 Tonnen an Frachtern vernichtet worden – und das war üblicherweise in der Dienststelle Anlaß für eine kleine Feier nach Dienstschluß - noch eine Erfindung von Commodore Haldar. Der altgediente Navyoffizier, der allerdings nie in seinem Leben ein Schiff kommandiert hatte, sondern vom Posten eines 1. Offiziers in den Stabsdienst gewechselt war, versäumte es nie, die Erfolge des „Frachterkriegs“ bekannt zu machen, wobei er glatte Zahlen bevorzugte. Tatsächlich kamen solche „Sondermeldungen“ ganz gut an – die Propagandaabteilung hatte diese Nummer in ihr Programm übernommen.
Mit neuer Energie machte sich Jennifer an ihre Arbeit – eine Analyse, wie sich die Verluste an Frachtraum auf die Offensivfähigkeit der Akarii auswirkten.
Tyr Svenson
26.04.2004, 14:18
Die Schiffbrüchigen
Captain Waco hörte sich mit ausdruckslosem Gesicht die Meldung der Nighthawk-Patrouille an. Kurz kam ihm der Gedanke ‚Warum haben diese Superflieger nicht den Frachter mit der ersten Salve in den Raum blasen können?!'. Dann rief er sich zur Ordnung. Die Akarii waren nun mal in die Rettungskapseln gelangt. Und jetzt mußte er sie auffischen lassen. Zum einen, weil es seine Pflicht als Mitglied der Navy war. Und zum anderen und vor allem, weil er nicht wollte, daß irgend ein Akarii, der hier eventuell vorbeikam, noch irgendwelche Schiffbrüchige aufsammelte und so davon erfuhr, daß hier trägergestützte Raumjäger der TSN operierten...
„Flottenkomunikation! Wir bleiben vorerst auf Alarm. Und stellen Sie eine Verbindung mit der Bob Kennedy her!“
„Zu Befehl, Sir!“
Binnen Sekunden sah sich Captain Waco dem Captain des DD „Bobby K.“, Scott Lamb, gegenüber. Waco kannte Lamp, schätzte den altgedienten Offizier aber nicht besonders. Er war für Waco zu konservativ im Vorgehen, zu vorsichtig. Außer einer kurzen Balgerei mit Piraten hatte Lamb in seinen zwanzig Jahren Flottendienst noch keinerlei Kampferfahrung gesammelt...
„Captain?“
„Sie bekommen Positionsangaben übermittelt. Eine Außenpatrouille hat einen Akarii-Transporter geknackt. Sie werden die Position anfliegen, die Rettungskapseln aufnehmen und die Akarii in Gewahrsam nehmen. Ich will, daß sie von unserem Verband so wenig wie möglich sehen.“
Lamb verzog das Gesicht kurz, seine Stimme aber blieb förmlich: „Sir, ich muß Sie daran erinnern, daß meine Marineabteilung erheblich unterbesetzt ist. Die Berichte stufen die Akarii jedoch als äußerst verbissene Kämpfer und renitente Gefangene ein. Ich weiß nicht, ob die mir zur Verfügung stehenden Mittel ausreichend sind. Immerhin könnte es sich um einen Truppentransporter oder gar ein Schiff des Akarii-Geheimdienst handeln. Wenn Sie wollen, werde ich Ihren Befehl aber selbstverständlich ausführen.“
‚Du Feigling!‘ Captain Waco fühlte Groll in sich hochkochen. ‚Du brauchst gar nicht so besorgt tun. Du willst dich doch bloß absichern, wenn etwas schief geht. Dann kannst du die Verantwortung abwälzen!‘ Am liebsten hätte er jetzt einen anderen Zerstörer mit der Aufgabe betraut – aber lange Jahre in der TSN hatten ihn gelehrt, einen Befehl nur dann zu widerrufen, wenn es unbedingt nötig war. Sonst schwächte dies seine Autorität.
„Ich werde Ihnen ein Shuttle Marines zur Unterstützung schicken, bis die Situation zuverlässig unter Kontrolle ist. Genügt das?“
„Danke, Sir!“
Master Sergeant Clas Schiermer bekam den Befehl, als er gerade beim Essen war. Er fragte nicht nach, weshalb seine Einheit in voller Gefechtsausrüstung im Hangar erscheinen sollte. Er würde den Grund schon noch früh genug erfahren.
Binnen zehn Minuten waren die anderen Männer und Frauen seiner Einheit alarmiert. Natürlich wartete Schiermer bereits in voller Montur im Hangar, als sie angerannt kamen. Das war eine Frage des Führungsstils.
Die Mitglieder der Boden- und Wartungsdienste machten den Marines schleunigst Platz, die in ihren unförmig wirkenden Gefechtspanzern, den schweren Helmen und den stramm vor der Brust gehaltenen H&K 322X Sturmgewehren ausgesprochen martialisch wirkten. Außer Schiermers Einheit war noch ein weiterer troop angetreten. Captain Arianna Schlüter persönlich gab die Einweisung, würde aber offenbar nicht bei dem Einsatz dabei sein, denn sie trug immer noch nur Dienstuniform und wirkte zwischen den Gepanzerten ausgesprochen zierlich.
„Ihr werdet zur DD Bob Kennedy fliegen. Der Zerstörer wird ein paar Akarii aufsammeln, die von einem Frachter sind, den unsere Flieger in die Luft gejagt haben. Helft den Bordtruppen der Bob Kennedy, die Echsen festzusetzen – nur für den Fall, daß die rumzicken. Paßt auf – die Akarii können im Nahkampf ziemlich eklig werden. Noch Fragen?“
„Ja – warum überhaupt aufsammeln?! Lassen wir doch die Jäger noch ein paar Luftlöcher in die Kapseln schießen!“ Das war Pork. Die meisten der Marines lachten. Captain Schlüter allerdings nicht: „Wenn es noch weitere sinnlose Fragen gibt... Nicht?! Na dann ab!“
„HOOOOOOOOOAAAAAAAAAHHHHHHH!!“ Die Marines stürmten regelrecht die Einstiegsluken der Transportfähre. Es wäre zwar auch langsamer gegangen, aber das waren sie ihrem Ruf schuldig. Da allerdings 90 Prozent der Marines frisch von der Ausbildung kamen, ging es nicht so geordnet, wie es sein sollte. Einige Soldaten rempelten andere Marines an, stießen zu langsame Kameraden förmlich in das Shuttle. Captain Schlüter schüttelte leicht den Kopf.
In der Fähre herrschte eine recht aufgeräumte Stimmung. Einige der wenigen Veteranen gaben mit ihren Kampferfahrungen an. Allerdings hatten nur wenige – eigentlich nur Pork und Master Sergeant Schiermer – bisher mit Akariis gekämpft.
Die scharfe Stimme des Master Sergeant durchschnitt den Lärm: „RUHE, IHR HUNDE! Ihr seid Marines und kein verschissenes High-School-Hockeyteam! Waffen überprüfen!“
Dem wurde Folge geleistet. Ein anderer Master Sergeant, Kevin „Cleymore“ Cleyborn, hatte den Helm abgesetzt und grinste Schirmer spöttisch an. Seine Führungsmethoden waren in der Regel weniger laut, aber ebenso erfolgreich. Dennoch kam er gut mit dem anderen Master Sergeant klar – so gut jedenfalls, wie es bei dessen Art möglich war.
Einer der Marines wandte sich an Schiermer: „Master Sergeant, Sie haben doch schon mal mit den Echsen gerauft. Wie sind die so?“
Schiermers Stimme war sehr kalt: „Schwierige Gegner. Ihre Marines sind verflucht hart im Nehmen. Und wenn du nah genug bist, ihnen ein Messer zwischen die Rippen zu schieben – dann versuchen sie, dir mit Zähnen und Klauen die Kehle zu zerfetzen oder die Eingeweide rauszuzerren. Und sie sterben nicht leicht. Wenn du einem Akarii eine verpassen willst, dann schieß zweimal – und zur Sicherheit noch ein drittes Mal.“ Es gab keine weiteren Fragen.
An Bord des DD Bob Kennedy waren zur Zeit gerade mal zwei Platoons unter dem Kommando eines jungen Lieutenants stationiert, eindeutig unter Normalstärke, fast ausschließlich „Neue“. Es war kein Wunder, daß der Kapitän seinem Marinekontingent nicht völlig vertraute. Im Wissen darum gab sich Lieutenant Henningsen besonders forsch und autoritär. Das ärgerte Schiermer gewaltig – aber er hielt den Mund. ‚Daß sie uns immer solche Grünschnäbel vorsetzen...‘
Der Zerstörer beschleunigte und verließ den Verband, sofort nachdem die Marines von Bord des Shuttles gegangen waren.
Der Hangar der Bob Kennedy war ziemlich klein, keineswegs zu vergleichen mit einem Kreuzer oder Träger. Dem mußte Rechnung getragen werden. Während Schiermer die Soldaten verteilte, fühlte er sich zunehmend genervt von den Befehlen und Anweisungen des Lieutenant. Nicht, daß der absolut keine Ahnung gehabt hätte – aber der Lieutenant wiederholte nur Selbstverständlichkeiten. Schließlich waren etwa zwanzig Marines in optimalen Schußstellungen positioniert. Acht Mann würden die Akarii „abfertigen“. Der Rest der Soldaten war in Bereitschaft und würde die provisorischen Gefangenenquartiere bewachen. Natürlich sollten die Rettungskapseln einzeln aufgefischt werden. Selbst wenn es sich bei den Akarii ausnahmslos um Angehörige der Kaiserlichen Garde handeln sollte – Schiermer war sich sicher, jeden Widerstand im Blut ersticken zu können.
Das Einzige, was ihm Sorgen machte, war der geringe Erfahrungsgrad der Marineinfanteristen. Auch wenn die schweren Helme die Gesichter verbargen, die hastigen Bewegungen, eine spürbare Spannung, waren für den Veteranen nicht zu übersehen. Nun, mit DER Aufgabe sollten auch diese Grünschnäbel nicht überfordert sein...
„ACHTUNG! ERSTES OBJEKT WIRD EINGEHOLT!“ Die blechern klingende Stimme aus den Lautsprechern steigerte die Spannung bei den Marines beträchtlich. Überall gingen Männer und Frauen reflexartig in die Knie, hoben die Waffen.
Die Traktorstrahlprojektoren zogen die erste Rettungskapsel in den Hangar. Fast dreißig Waffenläufe folgten dem Metallzylinder und mehr als ein Soldat zuckte zusammen, als die Rettungskapsel mit einem dumpfen Dröhnen auf dem Boden aufsetzte. Sich gegenseitig Deckung gebend, rückten die acht Männer des „Begrüßungskomitees“ vor, während aus einem Lautsprecher eine rasselnde Stimme irgendwelche Befehle auf Akarii brüllte – vermutlich „Rauskommen! Wer Widerstand leistet wird erschossen!“
Dann – geschah nichts.
Erst nach ein paar Augenblicken, in denen die Anspannung der Marines bis zur Unerträglichkeit stieg, meldete sich einer der Soldaten, die die Akarii in Empfang nehmen sollten: „Hier lebt keiner mehr. Die – Luke ist offen.“
Es war kein schöner Anblick, nicht mal bei Akariis. Dekompression war ein scheußlicher Tod, die bereits steifgefrorenen Akariileichen boten ein erbarmungswürdiges Bild. Ein paar der Neuen mußten sich abwenden. Schiermer stieß angeekelt die Luft aus – das fehlte noch, daß die jetzt schlapp machten. Betont forsch bahnte er sich seinen Weg durch die Marines und stieß eine der Leichen – wohl einen Matrosen - locker mit dem Fuß an: „Sag mal – ist es kalt in der Akariihölle?“ Ein nervöses Lachen kam auf.
„Los, die Kapsel geht wieder nach Draußen! Auf eure Posten - Bewegung! Bewegung!“
Rettungskapsel II
Die Luft in der Kapsel war bereits stickig. Die Beleuchtung funktionierte nicht, es war dunkel wie in einem Grab. Die Wiederaufbereitungsanlage arbeite auf Hochtouren, aber wenn zwölf Passagiere sich dort drängten, wo üblicherweise vier sitzen sollten, dann reichte die Luft nur sehr knapp. Dazu kam, daß alle Angst hatten - die Luft SCHMECKTE förmlich nach Panik.
Der Schock des Schiffsuntergangs war noch keine Stunde her – und jetzt schob sich wie ein riesiges Raumungeheuer ein Kriegsschiff der Menschen auf die Rettungskapsel zu. Die Männer – Matrosen und Passagiere - an Bord der Rettungskapsel waren sich sicher, dem Tod entgegenzublicken. Wenn die weichhäutigen Schlächter und Barbaren die Rettungskapsel nicht einfach zerstörten, was würden diese Mörder mit ihnen machen? Noch schlimmer aber war es für Sira Chal, die Tochter eines der Passagiere.
JEDER wußte, was die Menschen mit Akariimädchen machten. Es gab Geschichten über grauenhafte medizinische Experimente, von Massenvergewaltigungen. Ja es ging sogar das Gerücht um, diese Bestien würden Akariifrauen schwängern, um die überlegenen Fähigkeiten der Akariirasse zu erlangen, Bastarde zu züchten, die als Soldaten oder Spione dienen sollten.
Und was erwartete die anderen? Exekution? Zwangsarbeit? Vivisektion? Die Opfer dieser Scheußlichkeiten wurden angeblich an andere, ahnungslose Gefangene verfüttert.
DD Bob Kennedy
Es dauerte fast eine viertel Stunde, bis die nächste Rettungskapsel „eingefangen“ war. Dabei leistete der Steuermann der DD Bob Kennedy hervorragende Arbeit – aber den Soldaten kam jede Sekunde wie eine Ewigkeit vor. Als die zweite Kapsel in den Hangar schwebte, war die Anspannung kaum geringer geworden. Schiermer grinste unter dem Helm verzerrt. Es würde den Jungs und Mädchen gut tun, einen Akarii gefangen zu sehen. Das war wichtig für den Kampfgeist.
Wieder lief das Prozedere ab. Der Lautsprecher plärrte für die Marines unverständliche Befehle auf Akarii, während acht Mann, unter Kommando von Pork, zur Kapsel vorrückten. Die Anspannung der Marines machte sich in gebrüllten Befehlen Luft, obwohl noch kein Akaari zu sehen war.
Tyr Svenson
26.04.2004, 14:19
Rettungskapsel II
Einer der Matrosen faßte sich ein Herz und öffnete die Luke. Der plötzlich losbrechende Lärm war wie ein körperlicher Angriff. Irgendwo aus dem Hintergrund dröhnte ein wirres Kauderwelsch auf Terrekari: „HÄNDE HEBEN!! WIDERSTAND ERSCHIESSEN!!“ Und so weiter.
Und dazwischen, es noch übertönend, bellten die dumpfen Stimmen der Weichhäute. Grelles Licht blendete die Akarii, nur verschwommene, drohende Schatten waren zu sehen, schemenhafte Bewegungen.
Private Howard stand genau hinter dem Corporal. Durch die Zielvorrichtung seines H&K 322X – Lasergewehr versuchte er, alle Akarii gleichzeitig im Visier zu behalten, die aus der Luke quollen. Widerlich – wie aufrechtgehende Krokodile. Sie schienen zu fauchen, die muskulösen Arme mit den gefährlichen Klauen fuhren durch die Luft, in den Mäulern blitzten Raubtierfänge.
Die acht Marines umstellten die Gruppe der Akarii, fast ein Dutzend schien es zu sein. Der Corporal trat vor. Er beherrschte ein paar Brocken Terraki: „DU!“ er deutete auf einen der Akarii: „KOMMEN HER!“
Unsicher stolperte der Akarii, er trug eine Art Uniformoverall, vorwärts. Sofort packten ihn zwei Marines. Einer der Soldaten rammte dem Sträubenden die gepanzerte Faust in den Magen, während der andere Marine dem Akarii Handschellen anlegte.
Während Howard diese Szene nur am Rand wahrnahm, alarmierte ihn eine Bewegung in dem ungeordneten Pulk der Akarii. An einer Stelle schienen sich die verdammten Echsen zusammenzuballen, es sah fast so aus, als wollten sie irgendetwas verbergen. Eine Waffe?
Howard sprang vor. Das hatte er bei der Ausbildung gelernt: das Lasergewehr umdrehen, ausholen, mit dem Kolben zuschlagen – einmal, zweimal, das Gewehr wieder herum, anlegen. Einer der Akaari war zu Boden gegangen, gab den Blick frei. Die Echsen hatten offenbar versucht, einen kleineren Akarii zu verstecken, der sich irgendwie gekrümmt hielt, eine Decke oder Umhang um den Körper gewickelt – darunter konnte sich alles verstecken, eine Waffe, eine Bombe... „WAS?! WAS?! AUSEINANDER IHR SCHEISSER! BEWEGUNG!“ Private Howard packte den kleineren Akarii roh am Genick.
In diesem Augenblick geschah es. Einer der Akarii war plötzlich direkt neben Howard, versuchte ihn an der Schulter zu packen. Seine Krallen kratzten über Howards Panzer. Während er stolperte, den Halt verlor, riß Howard die Waffe herum, schoß – die Garbe ließ den Brustkorb des Akariis regelrecht explodieren. Doch dabei verlor der Marine endgültig das Gleichgewicht, krachte gegen den kleineren Akarii, stürzte.
Keiner der Marines in seiner Umgebung hatte Zeit zu überlegen, die Situation voll zu erfassen. Sie handelten instinktiv. Der Corporal ging in die Knie, riß das Gewehr an die Schulter, während sich die beiden Marines mit dem gefesselten Akarii zu Boden warfen. Die anderen Marines eröffneten das Feuer, in das fast sofort die Schützen einfielen, die ringsherum postiert waren.
Wie eine Sense fuhren die Laserimpulse durch die Akarii, verbrannten Kleider und Fleisch, schleuderten Körper wie Puppen durch den Hangar. Einer der Akarris warf sich verzweifelt auf die Soldaten vor ihm, begrub einen der Marines unter sich. Porks drehte sich halb um und jagte zwei Feuerstöße in den Leib des Akarii.
Ein Marine, der vorstürzte, um seinen Kameraden zu helfen, geriet in eine Salve hinein, die seine rechte Schulter verschmorte, seinen Körperpanzer sprengte. Er fiel und schrie vor Überraschung, Wut und Schmerz. Dieser Schrei schien das Feuer noch zu steigern. Schiermers Stimme ertrank beinahe in dem Lasergewitter, drang aber dann doch durch: „FEUER EINSTELLEN!! FEUER EINSTELLEN, HURENSÖHNE!! FEUER EINSTELLEN, VERDAMMT!!“
Tatsächlich erstarb das Feuer faßt so schnell, wie es aufgeflackert war. Ein paar Herzschläge war es fast totenstill – der einzige Laut war das Stöhnen des angeschossenen Marines. Dann brüllte Master Sergeant Schiermer los: „HAT MAN EUCH INS GEHIRN GESCHISSEN?! IHR DÄMLICHEN ARSCHLÖCHER!! WAS SOLLTE DIESE SCHEISSE?! IHR ERBÄRMLICHEN IDIOTEN, NICHTSKÖNNER, HALBSOLDATEN!! IHR...“
Abrupt brach er ab, schien ruhiger zu werden: „Sanitäter! Hierher – wir haben Verwundete!!“
Der Lieutenant war zu keinem Befehl fähig – auf diese Situation hatte man ihn nicht vorbereitet. Aber jetzt endlich griffen die Routinen der paar altgedienten Soldaten. Während sich ein paar um die gestürzten und verwundeten Kameraden kümmerten, behielten andere den zusammengeschossenen Haufen Akarii im Auge.
Private Howard kam langsam wieder auf die Beine. Überall schienen tote Akarii zu liegen. Rings um ihn drängten sich andere Marinesoldaten, Schreie und Flüche dröhnten in seinen Ohren.
Eine Bewegung am Boden weckte seine Aufmerksamkeit. Der schmächtige Akarii regte sich, versuchte auf die Beine zu kommen.
In Howard stieg Wut hoch. Dieser dämliche Scheißkerl. Ohne diese verdammte Echse wäre das alles nicht passiert. Mit voller Wucht trat er dem Akarii in die Seite, noch einmal. Dann beugte er sich vor, riß die Echse hoch. Stoff zerriß – Private Howard hatte plötzlich eine junge Akariifrau am Genick, die sich krümmte und versuchte, ihren Körper mit den Händen zu bedecken. Mit offenem Mund starrte Howard die Halbnackte an. Dann stieß er sie brutal zu Boden – und begann schrill, fast hysterisch zu lachen: „Seht mal! Seht mal, was sie versteckt haben, was so wichtig war! Eine dämliche Akarii-Nutte! So eine beschissene Schlampe!“
Plötzlich packte ihn jemand an der Schulter, riß ihn herum. Der Master Sergeant stand vor ihm – und schlug ihm blitzschnell mit voller Wucht ins Gesicht. Der Helm schützte Howard, aber sein Kopf flog trotzdem zurück. Sein Lachen erstarb.
„REISSEN SIE SICH ZUSAMMEN, SOLDAT! Fangen Sie jetzt auch an schlappzumachen?!“
„SARGE, NEIN, SARGE!“
Schiermer hatte sich schon wieder abgewandt: „Wo bleibt der verdammte Sani?! Geben Sie der Krankenstation durch, daß wir hier zwei Leicht- und einen Schwerverletzten haben! Und einen Haufen Akariileichen. Und dann räumt gefälligst die Kadaver weg. Und schafft diese zwei Echsen in den Bunker!“
Marineleutnant Henningsen hatte sich inzwischen soweit gefaßt, daß er ergänzte: „Die beiden in Einzelhaft. Sie dürfen keinen Kontakt mit weiteren Gefangenen haben!“
Schiermer nickte unter dem Helm. Daran hatte er nicht gedacht. Na ja – deswegen war er wohl nur Sergeant.
Tatsächlich hatten nur zwei Akarii überlebt: der Matrose, der als erster in Gewahrsam genommen worden war und das Mädchen, das sich jetzt am Boden krümmte, den Oberkörper hin und her wiegend und mit hoher Stimme irgendetwas wimmerte. Das Klagen klang sehr menschlich.
Zwei Soldaten zerrten sie hoch und legten ihr Hand- und Fußfesseln an. Trotz dem Chaos ließ es sich einer der Marines nicht nehmen, ihr an Brust und Hintern zu greifen. Aber sein Kamerad schlug ihm wütend mit der Faust gegen die Schulter: „Hör auf du perverses Schwein! Wenn du es brauchst, besorg’s dir selbst oder nimm dir doch `ne Leiche vor!“
„Spinnst du? Das ist doch nur `ne Akarii!“
„Du kapierst es wohl nicht?! Wegen dem ganzen Scheiß hier haben wir spielend `ne Untersuchung am Hals. Du dämliches Arschloch! Du mußt dem JAG nicht noch `ne Steilvorlage liefern! Das hier kann Kriegsgericht bringen, wenn irgendein Justizscheißer es will. Stehst du auf Knast? Dann kannst DU den Brüdern da deinen Arsch hinhalten!“
„Ich habe gesagt, schafft sie weg –und nicht, nehmt sie als Wichsvorlage!“ Schiermers schneidende Stimme trieb die Soldaten mit der Gefangenen regelrecht aus dem Hangar. Keiner von beiden wollte mit einem wütenden Master Sarge Schiermer Ärger bekommen.
Es dauerte, bis die Situation wieder voll unter Kontrolle war. Dann ging das Einholen der Rettungskapseln weiter. Allerdings wurden die Truppen im Hangar durch Soldaten ersetzt, die vorher die Bereitschaft gebildet hatten. Nur die Offiziere blieben weiter im Hangar.
Insgesamt wurden neunzig Akarii aufgesammelt. Zehn davon waren bereits tot gewesen – sie hatten sich in der havarierten Rettungskapsel befunden. Zehn weitere Akarii waren im Kreuzfeuer der Marines gestorben. Der Rest wurde, an Händen und Füßen gefesselt, festgesetzt.
Es waren ausschließlich Matrosen oder Zivilisten. Keiner leistete ernsthaften Widerstand. Ein paar hatten Waffen, lieferten sie aber ohne Gegenwehr ab. Es gab keine weiteren Zwischenfälle.
Auf der Rückfahrt zur Columbia schwieg Schiermer. Keiner der Soldaten wagte, ihn anzureden. Es war nicht so sehr das Blutvergießen, was auf ihm lastete. Er hatte schon Schlimmeres gesehen – und es waren ja nur Akarii gewesen. Was ihn wütend machte, war das unprofessionelle, fast kopflose Verhalten seiner Leute. Diese Sache konnte ziemlichen Ärger bedeuten – ein besonders guter Eintrag in die Akte war das für keinen. Aber vor allem – wenn es schon bei einer solchen Kleinigkeit solch ein Theater gab, dann konnte es im Einsatz ja heiter werden. Er mußte die Neuen wohl noch härter rannehmen. Sonst würde noch einmal richtig was schiefgehen!
Ace Kaiser
26.04.2004, 21:15
Vergangenheit:
Captain Sounders sah auf, als Lt. Commander Justus Schneider sein Büro betrat. Der junge Offizier kam gerade frisch vom bestandenen Perisher, und in der Flotte hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass der Commander den Perisher nur hatte abschließen können, weil er über dreizehn Ecken mit Nathan Frost verwandt war.
Als Schneider vor ihm stand und exakt salutierte, versuchte Sounders den Jungen einzuschätzen. „Nehmen Sie Platz, Commander.“
Schneider setzte sich und legte korrekt die Dienstmütze auf seinen Schoß. Offensichtlich kannte auch er die Gerüchte und wollte sich zumindest nicht vorwerfen lassen, er würde nachlässig sein.
„Um es kurz zu machen, Schneider“, begann Willem Sounders, „ich habe hier eine Beschwerde von Captain Clark vorliegen, in der er bemängelt, dass Sie den Perisher niemals aus eigener Kraft hätten schaffen können. Im Gegenteil wirft er Ihnen vor, auf Ihrem Posten als XO der ARIZONA vollkommen versagt zu haben.“
Sounders klopfte auf die Akte. „Er empfiehlt hier, Ihnen niemals ein eigenes Kommando zu geben.“
Schneider hielt sich steif, aber in seinen Augen war die tiefe Erschütterung zu sehen. Sein Skipper, ausgerechnet sein Skipper hatte ihm das angetan.
„Weiter unterstellt der Captain Ihnen Vetternwirtschaft. Ich gebe zu, dieser Beschwerde mangelt es an Takt und Anstand. Aber es ist eben nicht von der Hand zu weisen, dass Sie mit Admiral Fisher verwandt sind. Er ist Ihr Großonkel, richtig? Nun, der Verdacht liegt nahe, dass er Sie nur deswegen hat bestehen lassen.“
„Erlaubnis, frei sprechen zu dürfen, Sir“, sagte der Junge trotzig.
„Erlaubnis erteilt.“
Schneider fletschte die Zähne. „Was bildet der alte Clark sich eigentlich ein? Was wirft er mir vor, ich würde Vetternwirtschaft betreiben, während er mit Admiral Long regelmäßig golfen geht? Ich will nicht mehr zurück auf die ARIZONA. Das hat jetzt wohl auch wenig Sinn, schätze ich.“
„Das haben Sie gut erkannt, Schneider. Und deswegen sind Sie hier in meinem Büro. Über diesen Schreibtisch laufen sämtliche Beförderungen im Offiziersrang und jede Schiffszuteilung. Ich stehe gerade vor einer wichtigen Frage, Justus. Schicke ich Sie als XO auf einen Träger, hole ich Sie in die Admiralität oder gebe ich Ihnen ein eigenes Schiff?“
Die Augen des Navy-Offiziers leuchteten
Sounders grinste innerlich. Selbstverständlich wollte Schneider ein eigenes Kommando.
„In der Tat ist da ein Kommando vakant, Justus. Es ist verbunden mit einer Beförderung.“
Sounders beobachtete die Reaktion des Gegenübers. Jeder andere Offizier hätte bei der Aussicht auf eine Beförderung die Hände über den Kopf zusammen geschlagen und einen Freudentanz aufgeführt.
„Wo ist der Haken, Sir?“
„Es handelt sich hierbei um die KAZE.“
„KAZE?“ Argwöhnisch hob Schneider die Augenbrauen.
Himmel, konnte das sein? Kannte Schneider nicht einmal das schlimmste Schiff der Zweiten Flotte?
„Die KAZE, die letzte im Dienst befindliche MIDWAY-Fregatte. Auch Abstellplatz der Flotte genannt. Auf ihr landen alle Offiziere und Mannschaften, die sich noch nicht genügend geleistet haben, um aus der Flotte zu fliegen – aber nahe dran sind.
Ein echtes Problemschiff.“
„MIDWAY-Klasse“, sinnierte Schneider, statt auf Sounders Argumente einzugehen. „Spähschiff. Gutes Ding. Erstklassige Primärbewaffnung, aber die Sekundärbewaffnung ist miserabel. Hat gute Beschleunigungswerte. Mit einer guten Crew kann man Fotos von Akar direkt aus dem Orbit schießen, habe ich mir sagen lassen.“
Hatte der Lt. Commander ihm eigentlich zugehört?
„Egal. Wir sind gerade mitten im Krieg, und ich kann es mir nicht leisten, einem angehenden Captain kein Kommando zu geben. Oder ein gutes Schiff sinnlos in der Etappe versauern zu lassen.
Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Die Crew der KAZE hat im letzten halben Jahr zwei Commander verschlissen.
Diese Männer und Frauen sind einfach unmöglich. Undiszipliniert, ungehorsam und besserwisserisch. Eine echte Belastung für die Navy.“
Traurig sah Schneider herüber. „Sie meinen eine größere Belastung als die Vetternwirtschaft in der Navy?“
Sounders grinste. Nun hatte er den Jungen da, wo er ihn haben wollte.
„Dies ist mein Vorschlag. Sie werden sofort zum Commander befördert, Justus. Danach bekommen Sie das Kommando über die KAZE. Bringen Sie mir diesen Kahn auf Vordermann und reinigen Sie den Namen. Die KAZE war früher ein sehr stolzes Schiff. Ich bin auf ihr geflogen, bevor ich diesen Schreibtisch kommandieren musste.
Wenn Sie das schaffen, Justus, reden wir mal über einen Zerstörer.“
Schneider erhob sich. „Abgemacht. Und, danke, Sir. Sie werden die KAZE nicht wieder erkennen. Ich glaube, die Crew der KAZE und ich werden gut zusammen passen. Auch bei mir überschlagen sich die Klatschmäuler und ziehen meinen Namen runter.“
Sounders schluckte kurz. Der Junge hatte ja Recht. „Weggetreten, Justus. Machen Sie der Navy keine Schande.“
**
Die beiden Schleusenwachen der angedockten KAZE sahen eifrig auf die Uhr. Noch anderthalb Stunden, dann war ihr Dienst vorbei. Und an ihrer Stelle mussten zwei andere Trottel die unwichtigste Schleuse der ganzen Zweiten Flotte bewachen. Hier passierte doch nie etwas. Wer wollte schon auf den alten Kahn der MIDWAY-Klasse?
Diese und ähnliche Gedanken gingen den beiden Marines durch den Kopf, als er auf sie zutrat. Sonnenbrille, Hawaii-Hemd, das aus der Hose ragte, Zahnstocher im Mund. Dazu ein Grinsen, das ziemlich gut in eine Zahnpastawerbung gepasst hätte. Auf der Schulter trug der Mann einen Seesack.
Unschlüssig sahen die Marines den Mann an, bis offensichtlich wurde, dass er zu ihnen kam.
„Verzeihung“, sagte der Dienstältere der beiden, „aber Zivilisten ist der Zutritt zu einem Kriegsschiff nicht gestattet.“
Der Mann im Hawaii-Hemd ließ den Seesack fahren und griff in seine Hosentasche. Ein reichlich zerknitterter Marschbefehl kam zum Vorschein. „Ich bin weder Zivilist noch habe ich mich verlaufen“, stellte der Mann fest.
Der Erste las den Marschbefehl und erstarrte. Er reichte an den zweiten weiter. Der las ebenfalls und nahm spontan Haltung an. „SIR! Willkommen an Bord. Leider sind weder der neue XO noch der Chefpilot an Bord…“
Schneider nahm den Marschbefehl wieder entgegen, klopfte den beiden Marines gönnerhaft auf die Schultern und sagte: „Schon gut, schon gut. Ich bin sowieso etwas früh dran. Ich wollte mir das alte Mädchen mal ganz in Ruhe ansehen. Weitermachen.“
Mit diesen Worten verschwand er in der Schleuse.
„Und das ist also unser neuer Skipper“, meinte der erste und pfiff anerkennend.
Der zweite nickte. „Na, mal sehen, wie lange er es macht. Stil hat er ja schon mal.“
Gegenwart:
Justus Schneider war nicht wirklich das, was man nachlässig nennen sollte.
Gewiss, er gab sich lax. Aber in Punkto Uniform kannte er keine Gnade. Seine Uniform musste sitzen wie eine eins. Und sie musste tadellos sauber sein, sonst wurde sie standrechtlich erschossen.
Tatsächlich hatte der Skipper eine ältere Uniform aufgrund eines hartnäckigen Kaffeeflecks mal von den Marines als Zielscheibe missbrauchen lassen, als Warnung an die anderen Uniformen in seinem Schrank.
So war sein Anblick auch nicht weiter verwunderlich, als er in der weißen Ausgehuniform der Navy an der Hauptschleuse zu Fort GIBRALTAR stand und auf den angekündigten Besuch wartete.
Die anderen Offiziere der KAZE trugen ebenfalls die schneeweißen Ausgehuniformen, standen aber in einer lockeren Reihe neben dem eigentlichen Eingang zum Schiff.
Neben Schneider selbst warteten nur noch First Lieutenant Ishihiro und die obligatorische Schleusenwache.
Aber etwas war anders an ihm. Zuerst fiel es Commander Soleil nicht auf. Dann erkannte sie es. Der Skipper hatte seine Orden angelegt. Statt der schlichten Reversabzeichen trug er nun die eigentlichen Orden auf der weißen Ausgehuniform. Außerdem hatte er sich die Haare gekämmt – ordentlich, wie Amber fand. Was bei dem von Schneider bevorzugten Igelputz eigentlich nur einem guten Beobachter auffiel.
Aber Soleil rief sich noch mal in Gedanken, was eigentlich passiert war. Nachdem die KAZE Barcelona Central erreicht hatte, auf der das Distrikthauptquartier der 6. Flotte stand, waren sie angewiesen worden, an Fort GIBRALTAR anzudocken. Seither waren mehrere Tage vergangen, ohne dass die Fregatte gebrieft worden war, wie Schneider es nach seinem Besuch auf Fort LEXINGTON eigentlich gesagt hatte.
Stattdessen lautete die lapidare Antwort auf jegliche Fragen: Warten Sie auf den Rest.
Der Rest war dann auch eingetroffen, erst eine Welle von vier Schiffen, unter ihr die ONTARIO, ein Zerstörer.
Tage später einer der Behelfsträger der LABOE-Klasse namens GUADALCANAL.
Gestern war dann mit zwei Korvetten als Eskorte die TNES MAGELLAN eingetroffen, eines von drei Spezialschiffen der Navy, die dem Explorer-Corps angehörten. Und sofort hatte die Gerüchteküche an Bord gebrodelt. Allerdings war es auf GIBRALTAR noch schlimmer. Hatte man dort die KAZE aufgrund ihres schlechten Rufs zuerst mitleidig belächelt, schlugen die Vermutungen mittlerweile Lichtjahreweite Wellen. Und die Ankunft einer Barkasse aus der Konföderation mit einem Kommodore an Bord hatte schließlich zum Super-GAU geführt.
Die schlimmsten Gerüchte sprachen mittlerweile von einer zweiten Front, welche die Akarii in diesem Gebiet der Republik eröffnen wollten.
Die harmloseren glaubten an Übergabeverhandlungen der Konföderation.
Ob es dabei um die KAZE, neu entwickelte Waffen oder gleich den gesamten Staatsapparat der Kolonisten ging, war dabei nicht ganz klar.
Und dann war vor einer Stunde die Anfrage von der MAGELLAN gekommen, ob ein Besuch auf der KAZE erlaubt sei.
Seither war Justus wie ausgewechselt. Er hatte nicht viel sagen brauchen, alleine an seinem Blick hatte man erkennen können, dass er sich wenigstens dieses eine Mal eine saubere KAZE wünschte. Da die Mannschaft noch immer ein schlechtes Gewissen wegen der Prügelei hatte, taten sie dem Skipper den Gefallen – ausnahmsweise.
Das Schiff wurde nicht gerade auf Hochglanz gebracht. Nein. Aber wenigstens konnte man nun wieder alle Gänge der KAZE begehen, ohne Gefahr zu laufen, über kurz oder lang von ominösen Kisten mit noch ominöserem Inhalt erschlagen zu werden.
Wobei Amber nicht den Hauch eines Zweifels hegte, dass selbige Kisten nach dem Besuch von der MAGELLAN schnell wieder an ihrem Platz sein würden.
Ein lautes, metallisches Knallen belehrte die Wartenden darüber, dass die Schleuse auf der Seite von Fort GIBRALTAR geöffnet worden war.
Schneider wischte sich noch einmal über die Schultern und prüfte seinen Atem.
Wenn Amber es nicht besser gewusst hätte, sie hätte vermutet, Justus stünde kurz vor einem Rendezvous. Aber das war nur schwer zu glauben, denn für eine derart ernste Angelegenheit war der Commander viel zu sprunghaft.
Das Innenschott meldete Druckausgleich und fuhr auf. Auf der anderen Seite standen zwei Offiziere in der weißen Ausgehuniform der Navy. Ein Mann mit den Goldringen eines Commanders und eine Frau im Ausgehrock mit den First Lieutenant-Abzeichen.
Der Commander salutierte vor Schneider. „Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen, Kapitän Schneider.“
Der Skipper der KAZE sah den Offizier mit versteinerter Miene an. Ein ungewöhnliches Bild. Auch seine steife Reaktion, ein unglaublich (für Schneiders Begriffe) exakter Salut passte überhaupt nicht zu dem Offizier, fand Amber. Normalerweise hätte er den Besuch an dieser Stelle entweder zu einem Kaffee oder gleich zu einem Scotch eingeladen. „Erlaubnis erteilt.“
Die beiden Offiziere betraten die KAZE. Der Commander trat vor Schneider und reichte ihm die Hand. „Jeremy Baker vom Wissenschaftlichen Corps der Flotte.“
„Freut mich, Commander Baker. Mein Waffenoffizier, Haruka Ishihiro.“
Die beiden wechselten einen kurzen Händedruck.
„Meine Begleiterin, First Lieutenant Jamison-Bowyer. Die beste…“
Schneiders Miene wechselte von steif zu lächeln. Er trat einen Schritt vor und umarmte die junge Offizierin. „Die beste Physikerin der Navy. Nur ihre Mom ist besser. Hallo, Mel, es ist schön, dich wieder zu sehen.“
Der weibliche Lieutenant lächelte und drückte dem Commander einen Kuss auf die Wange. „Hallo, Jus. Wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“
Schneider ließ seinen Gast fahren und betrachtete sie ausgiebig. „Wie machst du das bloß? Du bist ja noch hübscher geworden, als du auf der Highschool warst.“
Jamison-Bowyer senkte verlegen den Blick. „Nun sag doch nicht so was, Jus. Ich bin dienstlich hier. Da die KAZE ja der Einsatzgruppe MAGELLAN zugeteilt wird, dachten Commander Baker und ich…“
Schneiders Miene wechselte von erfreut auf sachlich. Er warf dem Commander, der die Begrüßung mit unschlüssiger Miene verfolgt hatte, einen Seitenblick zu. „Die MAGELLAN ist ein Forschungsschiff“, stellte Schneider fest.
Der Commander hob abwehrend die Hände. „Ich verstehe, dass Sie mehr über unsere Aufgabe wissen wollen, Sir. Aber ich bin lediglich der wissenschaftliche Kommandant an Bord der MAGELLAN. Mir sind bis zum eigentlichen Briefing die Hände gebunden.“
Schneider warf seinem Waffenoffizier einen kurzen Seitenblick zu. In seinen Augen schien es aufzublitzen. Der Japaner nickte fast unmerklich und sah seinerseits zur Bordärztin herüber.
Justine LaCroix seufzte unbehaglich.
Schneider deutete derweil auf seine Leute. „Kommen Sie, ich will Ihnen meine Führungsoffiziere vorstellen.“
Er legte eine Hand auf den Rücken des Lieutenants und dirigierte Baker und Ishihiro an seine andere Seite. Weniger militärisch exakt als freundschaftlich führte er die weitere Begrüßung durch.
Als die Reihe an Justine war, warf sie wie in einer unbewussten Geste ihr Haar nach hinten und griff fest – sehr fest – zu, als der Commander ihr die Hand gab. „Freut mich, Sie kennen zulernen, Commander Baker.“
Der Offizier versuchte krampfhaft, sich nichts von seinen beträchtlichen Schmerzen anmerken zu lassen und erwiderte jovial: „Ach, nennen Sie mich ruhig Jeremy, Doc.“
Die Ärztin lachte glockenhell. „Dann sagen Sie bitte Justine zu mir. Justine und Jeremy. Was für ein lustiges Gespann.“
Der Commander fiel ein und LaCroix war sich sicher, sein Interesse an der Angel zu haben.
„Kommen Sie“, rief Justus und deutete aufs Schiffsinnere. „Der Smutje hat einen kleinen Imbiss vorbereitet. Danach habe ich an eine Führung durch das Schiff gedacht. Wir tun hier einiges, um in Form zu bleiben, bis unser Flaggschiff eintrifft, die… die…“
„ONTARIO“, half Baker aus. „Und sie ist schon da.“
Justus unterdrückte ein Grinsen, um den Commander nicht merken zu lassen, dass die Information für ihn und die Crew der KAZE neu war.
Beim Verlassen des Hangars zog er kurz seine Erste Offizierin an seine Seite und hauchte ihr ins Ohr: „Amber, finden Sie alles Wissenswerte zur ONTARIO heraus und falten Sie mir ein schönes Dossier.“
„Aye, Sir“, erwiderte die Commander, blieb stehen und sah dem Pulk der Offiziere nach, wie er scherzend und lärmend im Schiff verschwand.
Johannson, der Chef der Marines, sah die Offizierin an und meinte: „Junge, Junge. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich jetzt behaupten, dass der Skipper Sie abserviert hat, Commander.“
Amber schluckte trocken. „Vielleicht hat er das ja auch. Haben Sie gesehen, wie er First Lieutenant Jamison-Bowyer begrüßt hat? Einen Anstandswauwau kann er da wohl nicht gebrauchen.“
Carl Johannson knuffte ihr vertraulich gegen die Schulter. „Es klang so, als wären sie zusammen auf die Highschool gegangen. Vielleicht frischen sie nur alte Erinnerungen auf.“
„Das ist es ja“, seufzte die Commander leise. „Ich frage mich, welcher Art diese Erinnerungen sind.“
**
„Das Observatorium“, berichtete Justus stolz und deutete hinaus in das unendliche All. „Hier oben komme ich zur Ruhe. Hier finde ich die Kraft, um meinem Kommando gerecht zu werden.“
„Einem ziemlich schwierigen Kommando“, sagte Lieutenant Jamison-Bowyer leise. „Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was ich über die KAZE gehört habe…“
Schneider machte eine wegwerfende Handbewegung. „Glaub nicht alles, was du so hörst, Mel. Dieses Schiff hat in seiner Geschichte mehr Tonnage vernichtet als jedes andere seiner Klasse. Die Maschinen sind erstklassig gewartet und auf ihr zu fahren bedeutet beinahe zwangsläufig, dass man wieder nach Hause kommt.
Die Crew ist kompetent und erfahren. Störrisch vielleicht, rechthaberisch bisweilen, aber wenn man sie richtig anpackt…“
„Hey, Erde an Justus. Ich bin nicht die Admiralität. Mir musst du deine Crew nicht schmackhaft machen“, bemerkte sie amüsiert.
Schneider seufzte und zog aus der kleinen Tasche, die ihm der Smutje mitgegeben hatte, zwei Gläser hervor. Aus einem unscheinbaren Trinkbehälter schenkte er beide Gläser voll. Er setzte sich auf den Boden und bedeutete der Physikerin, neben ihm Platz zu nehmen.
Als sie sich einigermaßen und trotz des engen Rocks zu ihm gesellt hatte, reichte Justus ihr ein Glas.
Misstrauisch schnüffelte sie daran. „Was ist das? Alkohol?“
„Ein bisschen ist drin“, gestand der Commander freimütig. „Das ist unsere Maibowle. Leider ohne Früchte. Sie hat etwa vier Prozent, also nichts, womit Multi-Mel nicht fertig werden sollte.“ Justus zwinkerte der Frau zu.
Sie wurde rot und nickte an ihrem Glas. „Die Highschool-Zeiten sind lange vorbei, Commander. Ich bin jetzt eine ernsthafte Wissenschaftlerin und Offizierin der Flotte.“
„Trotzdem war es eine witzige Zeit“, begann Justus, um eine ernste Diskussion zu vermeiden. „Wenn ich da an den alten Helmer denke… Mann, was habe ich gelacht, als Du ernsthaft seinen Satz zur Stringtheorie in Frage gestellt hast.“
Sie legte eine Hand an die Stirn und stöhnte leise. „Erinnere mich nicht daran. Ich weiß auch nicht, wieso ich plötzlich im Kurs des Abgangsjahrgangs gelandet war. Das ist mir alles so peinlich.“
Justus prustete lachend. „Und Helmer erst mal. Er hat den Satz nach deinem Auftritt überarbeitet und tatsächlich einen Fehler gefunden.“
Justus trank einen Schluck und lächelte sie an. „So haben wir uns kennen gelernt. Eine Erstklässlerin, die mit hochrote Kopf in der Ecke stand und sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte…“
„Und ein Schüler im letzten Jahr, der so lange über mich gelacht hat, bis ich so wütend auf ihn war, dass ich die peinliche Sache mit Helmer vollkommen vergessen hatte. Mann, habe ich dich damals gehasst, Jus.“
Schneider grinste sie an. „Aber es hat funktioniert. Außerdem, lange böse warst du ja nicht mit mir.“
„Das ist wahr“, erwiderte sie und unterdrückte ein Kichern.
Nachdenklich sah sie auf Fort GIBRALTAR hinab. „Du, Jus, ist es nicht merkwürdig, wohin es uns verschlage hat? Du wolltest damals mit deinem Abschluss auf der Flottenakademie studieren und dann auf einen Schweren Kreuzer oder einen Träger. Wobei ich bis heute nicht weiß, wozu man ein Studium in Pädagogik auf einer Kommandobrücke braucht.“
„Und du, junge Dame, wolltest unbedingt weit, weit weg von deiner Mutter, damit es nicht immer heißt: Seht, das ist die Tochter von Nobelpreisträgerin Jamison.“
„Und wo sind wir gelandet? Du auf einem wracken Kahn und ich mit zwei Streifen am Ärmel.“
Justus schüttelte den Kopf. „Einer von uns beiden hat sein Ziel erreicht. Die MAGELLAN wird weiter von deiner Mutter weg sein, als du jemals zuvor warst.“
Melissa Jamison-Bowyer schüttelte den Zeigefinger vor Schneiders Augen. „Auf diese Weise lockst du mir jedenfalls keine Informationen raus, Jus.“
„Und ich bin vielleicht nicht auf einem Träger gelandet“, fuhr Schneider ungerührt fort. „Aber würdest Du mir glauben, dass ich mit dem Kommando über die KAZE sehr zufrieden bin?“
„Aber warum? Nicht, dass ich nicht sehr froh bin, dass wir uns wieder sehen, aber ich habe einiges über die KAZE gehört. Und nichts davon war gut.
Zum Beispiel bist du nur hier, weil sich deine Mannschaft auf PERSEUS geprügelt hat. Strafversetzung.
Und wenn ich mir so die Akten deiner Leute in Erinnerung rufe: Befehlsverweigerung, mutwillige Zerstörung, Unfähigkeit im Dienst, Feigheit vor dem Feind, tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten, Himmel, Justus, damit willst du wirklich zufrieden sein? Schläfst du hier an Bord mit Infanterieschutzweste? Oder schläfst du gleich überhaupt nicht?
Justus, warum fragst du nicht deinen Vater, ob er dir ein anderes Schiff besorgen kann? Oder warum schluckst du nicht deinen Stolz runter und wirst erst mal wieder FO?“
„Es heißt XO, Mel. Und nein, das hat nichts mit Stolz zu tun. Ich habe meine Gründe. Wichtige Gründe, hier an Bord zu bleiben.
Als ich das Erste Mal an Bord kam, habe ich eines sofort erkannt. Justus Schneider brauchte sich hier nicht zu verstellen. Der junge Mann konnte so sein, wie er wirklich war.
Disziplin? Warum, solange im Gefecht alle ihren Mann stehen? Ordnung? Ich räume meine Kabine mit der Schaufel auf. Gefahr für Leib und Leben? Sicher. Für jeden Akarii, der das Pech hat, auf dieses Schiff zu treffen. Aber nicht für mich.
Mel, auf diesem Schiff dienen gute Raumfahrer. Erstklassige Offiziere, die eigentlich eine großartige Zukunft in der Flotte vor sich hatten, bevor sie ebenso wie ich durch eine Laune des Schicksals in den Arsch getreten wurden und hier landeten.
Wir alle hier sind unterschiedlich wie Tag und Nacht. Was ich an Laxheit aufbringe, wird von Ishihiro mit perfekter Disziplin gekontert.
Aber wir arbeiten zusammen. Ich behandle die Leute so, wie sie es verdienen. Und dafür gehorchen sie mir.
Hier haben wir alle eine große Chance, Mel, die uns die stolze Navy da draußen verwehrt hat. Hier auf der KAZE können wir im Kampf dienen. Und kämpfen wollen wir alle.
Und wir können endlich so sein, wie wir es gerne wollen.
Wenn du in deinen Akten richtig nachgesehen hast, dann solltest du festgestellt haben, dass die KAZE eine der erfolgreichsten Fregatten der Navy in diesem Krieg ist, was vernichtete Tonnage angeht.
Ich habe meinen Platz gefunden, Mel, meinen ganz persönlichen Platz in der Navy.
Ich nenne meine Offiziere, meine Untergebenen, mit Stolz meine Freunde. Ich habe für sie die Verantwortung übernommen. Ich achte und liebe sie.
Und ich weiß, dass sie es ebenso sehen.“
„Ja, klar. Und dann reiten sie dich mit einer Massenprügelei rein.“
Justus Schneider grinste schwach. „Zugegeben. Aber weißt du, warum sie sich geprügelt haben?“
„Ist das bei dieser Disziplinlosigkeit denn wichtig?“, konterte sie.
„Hört, hört. Disziplinlosigkeit aus deinem Mund zu hören ist ja ein mittelschweres Wunder.
Weißt du, sie haben sich auf PERSEUS geprügelt, weil die Besatzung eines TICONDEROGA ihren Captain in den Schmutz gezogen hat.
Im Nachhinein vielleicht eine dumme Idee. Aber wir baden das zusammen aus und machen zusammen das Beste aus der Situation. Wir…“
„Es ist eine der Frauen, nicht?“, fragte die Physikerin unverblümt. „Du redest hier von Ehre und Anstand und von Achtung und Treue. Aber was du meinst ist Liebe. Du bist in eine der Frauen an Bord verknallt, nicht?“
Schneider setzte sein bestes Pokerface auf. „Na, bleiben wir doch mal bei der Sache.“
Spontan beugte sich Melissa vor und küsste Justus auf den Mund. Nach einiger Zeit zog sie sich wieder zurück. „Ich wusste es. Früher hättest du den Kuss erwidert. Rausreden nützt nix, Jus. Ich kenne dich zu lange und zu gut.“
Die starre Maske fiel von Schneiders Gesicht ab. „Verdammt, Mel, ich wusste, es war eine schlechte Idee, dich an Bord kommen zu lassen.“
„Also, wer ist es?“, fragte sie gut gelaunt, setzte sich um und umklammerte ihre Knie mit beiden Armen. „Komm schon, komm schon. Was wir hatten ist lange genug her, dass wir uns zu Recht als Freunde bezeichnen können. Und als deine Freundin will ich gerne wissen, welcher Frau nun dein Herz gehört.“
„Mel, dies ist immer noch ein Kriegsschiff der Navy. Ich denke nicht, dass…“
„Habe ich nicht gerade einen gewissen Justus Schneider einen einminütigen Monolog halten hören, dass er sich hier an Bord geben kann, wie er will? Und hat besagter Herr Schneider nicht betont, dass er hier seinen Platz gefunden hat? Und jetzt kommt dieser Schneider und will mir auf dem verruchtesten Schiff der Zweiten Flotte etwas von Vorschriften erzählen?“
„Eine gewisse Grunddisziplin wahre sogar ich, Lieutenant“, erwiderte Schneider schroff.
Mel Jamison-Bowyer lehnte sich gegen den Skipper, wie sie es früher oft getan hatte. „Aha. Da liegt der Hund begraben. Entweder weiß sie nichts von ihrem Glück, oder sie will nichts von dir. Was ist es?“
Schneider atmete schwer aus und sah traurig zu Boden. „Zweites, Mel. Zweites. Sie will nichts von mir. Ich glaube, sie mag einen meiner Offiziere, und ich will ihr auf keinen Fall dabei im Weg stehen. Ich… Ich bin ein Idiot, richtig?“
Mel klopfte ihm gönnerhaft auf den breiten Brustkorb. „Das warst du vorher schon, Jus. Das warst du vorher schon. Aber eine Frage hätte ich da noch, du Kommandant der fliegenden Schande der Zweiten Flotte: Hast du es wenigstens versucht?“
Schneider versteifte sich merklich.
„Trottel“, kommentierte die Physikerin. „Dir ist echt nicht zu helfen. Wer ist es denn? Diese niedliche Erste Offizierin? Oder die drahtige Pilotin? Hm, vielleicht auch die große Bordärztin. Früher hattest du eine Ader für große Frauen…“
„Mel“, mahnte der Commander sie leise.
Cunningham
26.04.2004, 21:17
Corsfield:
Die Flotte lag auf Posten. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass auf der Columbia ein Phantom herumgeisterte. Aber die Aufbringung des Akarii-Frachtschiffesn drückte den Neuigkeitswert des Phantoms doch sehr.
Alles im allen herrschte eine sehr gespannte Atmosphäre. Die Kommandanten ließen immer wieder Übungen abhalten um den Gefechtszustand immer weiter zu verbessern.
Auf dem Zerstörer Augsburg trieb der Skipper seine Männer alle Zwei Stunden auf Gefechtsstationen, bis der XO mit dem Bosun als Unterstützung den Captain mal ins Gebet nahmen.
Im Bordgeschwader der Columbia macht sich Nervosität breit. Die ständigen Patrolienflüge und die Alarmbereitschaft zehrte an den Nerven der Piloten.
Colonel Blake folgte seinem Sergeant-Major durch die Korridore der Maria Theresia. Diese verfluchten Mediziner.
Der Sergeant-Major trat in den Raum ein, den Blake für sich und seine Männer zu Unterrichtszwecken in Beschlag genommen hatte. "ACHTUNG!"
Als Blake dann eintrat nahm keiner der Mediziner Notiz von ihm.
Die Ärzte standen um einen der vordersten Tische herum und bestaunten diverse Utensilien, die die SAS-Soldaten mit an Bord gebracht hatten.
".... mit einer leichten Modifikation können wir mit unseren Skalpellen auch in der Akariianatomi arbeiten. Und ich denke ..." Jellico brach ab. "Oh, Colonel Blake, ich hoffe Sie haben nichts dagegen, dass wir uns hier an Ihren ... ähm Ausrüstungsgegenständen ... nun ja fortbilden."
"Allerdings habe ich was dagegen, daran werden meine Leute zum Akarii töten ausgebildet."
Jellico verzog das Gesicht: "Wäre ja irgendwie sinnentleert, wenn ich meine Leute zum Töten ausbilde. Wir sind Ärzte."
"Sagen Sie, das Akarii-Skelett, welches Sie mitbrachten, ich befürchte, das stammt aus echten Akariiknochen", mischte sich eine Ärztin ein.
"Das ist korrekt." Antwortete Blake genervt. "Sagen Sie Jellico, haben Sie und Ihre Leute nichts zu tun? In etwa einer Woche werden Sie sich mit mehreren tausend befreiten Gefangenen auseinander setzen müssen. Ich denke die haben Vorrang vor den Akarii."
"Nun ja, dass schon, doch denke ich, sollten auch wir unser Fachgebiet durch die Akarii-Organe und Erkenntnisse die Sie hier angeschleppt haben uns fortzubilden Sir." Schoss Jellico zurück.
"Okay Commodore, von mir aus, aber in zwei Stunden sind Sie und Ihre Männer hier verschwunden, dann bilde ich nämlich meine Männer fort."
"Danke zu gnädig Sir." Jellico wandte sich wieder dem Tisch zu. "Und nun werden wir ..."
Trekoleen, ein Sprung vor Axion.
Die drei Akarii-Träger hatte im Nebel Position bezogen. Alle drei Träger waren in einer Reihe aufgestellt, im Abstand von 1.500 Metern. Im Gegensatz zu der normalen Doktrin verschanzten sich diese nicht hinter einem Wall aus Kreuzern, sondern bildeten sozusagen mit ihnen die erste Schlachtreihe.
Steuer- wie Backbord hatten sich jeweils 20 schwere Kreuzer aufgereiht. Die zweite Reihe bildeten leichte Kreuzer und Zerstörer.
Admiral zweiten Ranges Hares Logg marschierte auf der Brücke seins Flaggschiffs auf und ab. Seine anderen drei Träger waren in Axion, direkt am Sprungpunkt.
Vor dem Sprungpunkt nach Axion war eine Gruppe Fregatten als Wachposten aufgestellt worden, die den Befehl hatten sofort vor den überlegenen Erdstreitkräften zu fliehen.
Wenn die Erdflotte sich dem Sprungpunkt näherte würde Logg seine Flotte zum Angriff befehlen. Die Relaissonde am Sprungpunkt würde den Trägern in Axion bescheid geben und die Erdlinge würden eingekreist sein, wenn die anderen drei Träger samt Begleitschiffe durch den Sprungpunkt kommen würden.
Er marschierte auf und ab. Er war nervös. Auf seine alten Tage wurde er noch einmal nervös.
Geheimdienst und die Elektronische Fernaufklärung bestätigen, dass das Angriffsziel der Erdflotte Axion war.
Was ihn nervös machte war nicht der Gedanke an eine Niederlage. Er war überzeugt die Streitkräfte der Erdnation besiegen würde.
Doch was ihm sorgen machte, waren die Gedanken, die er sich darüber machte, wie entschlossen der Gegner sein mag.
Was wäre, wenn die Menschen so verzweifelt waren, dass sie sich ohne Rücksicht auf die eigenen Verluste nach Axion durchschossen und einen Selbstmordangriff auf die Werftanlagen durchzuführen.
Er war nervös, weil er seinen Gegner nicht kannte. Er hatte den Menschen noch nie gegenübergestanden. Wusste nicht wie sie denken. Der Schutz der Werften hatte für ihn oberste Priorität.
Wie Prinz Jor die Angelegenheit sah, stand auf einen anderen Blatt. Und der Prinz hatte sein Kommen angekündigt und extra einen Träger von Manticore abgezogen um standesgemäß einzutreffen.
Cattaneo
29.04.2004, 08:11
Zweifel
Das Briefing für die Kreuzerkommandeure war kurz ausgefallen. Man hatte den Kapitänen der Schwadron nur eine knappe Einführung in die geplante Operation gegeben. Natürlich – es war ja nicht ihre Aufgabe, weitere Planungen und Überlegungen anzustellen. Oder, was Gott verhüten möge, etwa Dinge in Zweifel ziehen. Sie waren Befehlsempfänger und als solche hatten sie zu funktionieren. So war es nun mal beim Militär. Das war nicht nur die Arroganz der Kommandeure – man konnte einfach nicht zulassen, daß niedrigere Dienstgrade zu sehr in die Planung einmischten, vor allem im Nachhinein. Alles eine Frage der Autorität. Also sagte man den Kommandeuren nur, was sie wissen mußten, manchmal, wie einige unkten, nicht einmal das. Und sie selber würden ihre Offizieren, besonders aber den Besatzungsmitgliedern gegenüber, nicht anders verfahren. Auch einer der Gründe, warum die Gerüchteküche ständig brodelte.
Der Kommandeur der Schwadron hatte selber nicht sehr viel mitgeteilt bekommen. Ein System in unmittelbarer Frontnähe war zudem für langatmige Vorträge wenig geeignet. Dennoch hatte er die ihm unterstellten Kommandeure zusammengerufen – in den kommenden Tagen würde vieles von einer guten Zusammenarbeit abhängen. Außerdem, innerhalb seiner Schwadron wußte er gerne, was seine Untergebenen dachten. Und er vergab sich nicht viel, wenn er ihre Meinungen einholte – anders als ein Admiral.
Captain Schupp beendete den knappen Vortrag: „Das war es also – unsere Aufgabe dürfte klar sein. Wir bilden die Sicherung für die Träger. In der ersten Phase dürfte es für uns nicht sehr viel zu tun geben. Ich schätze, die zwei Träger können die Graxon-Verbände ohne Probleme niederkämpfen. Sollten wir Pech haben, und – sagen wir mal – die Promma oder die Nakobi liegen gerade auf Besuch vor Anker, dann wird man uns freilich auch offensiv brauchen. Aber ich rechne eigentlich nicht damit, daß die Akarii in Graxon irgend etwas haben, was dem Angriffsverband Widerstand leisten kann. Und wie Sie wissen, werden wir nicht als Belagerungsgeschütze gebraucht.“ Er lächelte leicht. Schwere Kreuzer mit Atomraketen waren keine Präzisionswaffen. Bei einer Gefangenenbefreiung waren sie definitiv fehl am Platze. „Natürlich müssen wir uns bereit halten, um unsere Marineinfanteristen in den Einsatz zu schicken. Ich denke aber, das leitet einer der Träger. Aber ich erwarte, daß die Sturmkommandos voll einsatzbereit sind. Ich werde anregen, daß einige unserer Schiffe eventuell detachiert werden, um die fliehenden Akarii-Schiffe abzufangen. Denn wenn unsere Flotte eintrifft, dürften es eventuell im System vorhandene Frachter eilig haben, wegzukommen. Und unsere Jäger werden beschäftigt sein.“ Der Schwadronschef musterte kurz seiner Untergebenen. Die Stimmung schwankte zwischen vager Nervosität, Ungeduld, dem Gegner an die Gurgel gehen zu können – und der eigenen Karriere etwas nachzuhelfen, nicht zu vergessen – und abwartender Gelassenheit. Die mochte freilich zum Gutteil nur Fassade sein. Er lächelte dünn. Es war kein amüsiertes Grinsen, sondern eines, in dem auch einige Bitterkeit lag. Er kannte die Beurteilungen der Kommandeure, und auch wenn sie keineswegs eine ,Elite der Besten‘ waren, als die sich das Führungskorps gerne stilisierte, so war auch kein faules Ei im Korb. Nun, zumindest nicht auf den ersten und zweiten Blick, auch wenn er manche nicht übermäßig schätzte.
Viele der besten Kommandeure waren in den erbarmungslosen Schlachten der ersten Kriegswochen gefallen oder bei späteren Gefechten ums Leben gekommen. Allein der Kreuzerverbrauch mancher Träger war Legende – die Redemption hatte vor ihrem eigenen Ende immerhin mindestens drei Schwere Kreuzer „verschlissen“, von den Kleinschiffahrern mal ganz zu schweigen. Jeder Kapitän mußte sich im Perisher-Kurs qualifizieren, aber auch das bot kein Gewähr für Brillanz. Und Menschen, die sich im Frieden bewährten, mochten im Krieg am Ende doch noch versagen – denn diese Belastung ließ sich nicht simulieren.
„Richtig kriminell wird es erst danach. Ich rechne mindestens mit einer kombinierten Trägerkampfgruppe. Ein Uniform und ein bis zwei Golf. Dazu auf jeden Fall ein komplettes Kreuzergeschwader und zwei Flottillen Zerstörer und Fregatten, wenn nicht noch mehr. Und natürlich Landungsschiffe – denn sicher wollen sie unsere Bodentruppen wieder rauswerfen, ohne den Planeten umzupflügen. Und vermutlich werden sie mindestens eine dritte Flottille leichter Schiffe als Absicherung der Bodentruppen dabei haben. Das alles sind natürlich nur Vermutungen, und nicht mehr. Aber wir müßten verdammt viel Glück haben, damit sie uns weniger auf den Hals hetzen. Also wird es letzten Endes zum Gutteil auch in Kiellinie ausgeschossen werden müssen. Die Akarii werden genug Jäger und Flakschiffe haben, um sich vor unseren Jabos und Bombern zu schützen. Das heißt, die Knochenarbeit bleibt zum Gutteil an uns hängen. Ich rechne sowieso mit einem Schwund der Trägereinheiten in der ersten Schlacht. Auch ,nur‘ ein Akarii-Träger bedeutet mindestens ein halbes Dutzend Jagdstaffeln. Selbst in der numerischen Überlegenheit unserer Maschinen wird das blutig werden.“ Die Gesichter drückten uneingeschränkte Zustimmung aus. Was möglicherweise auch daran lag, daß eventuell einige der Anwesenden geradezu darauf HOFFEN mochten, daß sie letzten Endes zur Entscheidung beitragen konnten. Nicht so sehr aus überschäumender Kampfeslust – aber es gab ja so etwas wie das ,Jucken am Hals‘, eine Krankheit, die in den Streitkräften fast chronischen Charakter hatte. Und außerdem war es eine Gelegenheit, DENEN mal zu zeigen, was man konnte. Wobei DENEN sowohl die Akarii als auch die Trägerkommandeure meinte. Schupp straffte sich: „Nun, dabei ist unsere Aufgabe klar. Bereiten Sie ihre Schiffe auf den Flottenkampf vor – das kommt an erster Stelle! Abwehr feindlicher Jäger an zweiter – ich hoffe mal, unsere eigenen Leute tun mal was für ihre Fliegerzulage. Über die genaue Formation entscheidet natürlich die Situation. Nur soviel – die schweren Kreuzer bilden das Herzstück. Captain Gonzales, Ihre Position wird in jedem Fall in der Nähe des Flagschiffs sein. So können Sie zum einen unsere Formation besser schützen, zum anderen wird so die elektronische Abstimmung erleichtert.“ Schupp schien sich entschieden zu haben, die Dauntless als elektronischen Kampfschiff zu verwenden – ihr Radar und Computer würde den Einsatz der anderen Kreuzer unterstützen. In gewisser Weise war dies auch nur vernünftig, zumindest nach Schupps Ansicht – den im Flottenkampf hielt er das Schiff für eine Fehlkonstruktion, da ihm schwere Waffen mit akzeptabler Reichweite fehlten. Auch traute er vermutlich dem Wunderschiff immer noch nicht ganz. „Also, meine Damen und Herren, an die Arbeit!“
Sowohl Ehrenbezeigungen als auch die Antworten der Kommandeure entsprach zumeist genau dem, was zu erwarten war. Man hätte direkt einen Film drehen können, so sehr entsprach es dem Drehbuch. Freilich – die Texte wirkten im Vergleich zu den Aussprüchen der Leinwandhelden nicht spritzig genug. Teilweise waren sie geradezu lapidar, eintönig, fast fade. Nun, das Leben war eben nie so gut wie ein Film.
Schupp nickte den Captains Mithel und Caneira, sie sollten noch bleiben. Keiner von beiden war das, was man den zweiten Mann des Geschwaders nennen konnte - nach der Art der Navy, in der auch die Größe eines Schiffes etwas über den Rang eines Kapitäns aussagte, waren sie freilich die einzigen Kandidaten dafür. Aber Schupp hatte sich diesbezüglich noch nicht festgelegt. Etwas, was er freilich nicht mehr lange würde aufschieben können. Er haßte das – denn es war natürlich ein Eingeständnis der eigenen Sterblichkeit. Damit wurde kaum einer gerne konfrontiert. Aber es mußte klar sein, wer im Falle, daß sein Schiff oder er selber ausfiel, das Kommando über die Schwadron übernehmen würde. Er respektierte beide. Emotional mochte er eher zu Mithel tendieren. Schupp war gewiß kein Rassist, aber der Brite war für ihn trotz seiner unterkühlten, steifen Art eher etwas Vertrautes als der Halbindianer. Eigentlich sollten solche Dinge genau so wie echter Rassismus oder sexistische Einstellungen der Vergangenheit angehören – aber wie so oft waren Wirklichkeit und Anspruch nicht unbedingt deckungsgleich.
Der Schwadronschef kam rasch zur Sache: „Sie scheinen mir beide heute etwas schweigsam.“ Das war natürlich in gewisser Weise ein Witz – denn auch sonst waren gerade diese beiden Kommandeure alles andere als kommunikativ, außer, es drehte sich um Dienstliches. Und auch da sparten sie oft mit Worten. Das leichte Zucken der Mundwinkel, das sich Mithel leistete, zeigte, daß ihm die Anspielung nicht entgangen war. Er ließ Caneira den Vortritt: „Mir scheint,“ meinte der Kapitän der Merciless: „daß der Plan sehr stark davon ausgeht, daß wir den Akarii unsere Vorstellungen aufzwingen können. Unsere Informationen sind unsicher – wir wissen nicht wirklich, wie stark der Feind bei Graxon und Wron ist. Und es dürfte auch schwierig sein, sicherzugehen, daß Wron verläßlich entblößt ist, wenn unsere zweite Welle dort angreift. Die Operation ist recht vielschichtig. Und komplizierte Operationen neigen dazu, aus dem Ruder zu laufen. Zudem wagen wir sehr viel, verzetteln dabei aber unsere ohne Zweifel beträchtlichen Truppen. Angesichts dessen, daß wir davon ausgehen müssen, daß die Akarii-Flotte der unseren zahlenmäßig überlegen ist, birgt dies ein großes Risiko.“ Für seine Verhältnisse war dies fast eine ausgewachsene Rede. Mithel kommentierte die Ausführen mit einem knappen Nicken.
Schupps Augen funkelten: „So, meinen Sie? Ihnen ist aber zweifelsohne klar, daß wir angreifen müssen. Sie wissen, Friedrich der Große – wer alles defendieren will, defendiert gar nichts! Wer angreift, verliert – mit dieser Strategie sind schon viele falsch gefahren.“ Wenn es ein Laster gab, dem Schupp gelegentlich frönte, dann war es das Zitieren. Er konnte seine Aussprüche mit den Zitaten von Caesar, Clausewitz, Rommel, Patton, Yamamoto und anderen Strategen und Feldherren schmücken. Und das tat er auch, ungeachtet dessen, daß bei weitem nicht alle Zuhörer etwas damit anfangen konnten. Dabei achtete er selten darauf, ob zwischen den Weis- und Torheiten verflossener Größen des Krieges Kleinigkeiten von ein paar tausend Jahren geschichtlicher Abstand lagen oder nicht. Besonders jüngere Kommandeure zeigten sich durch dieses Verhalten mitunter verunsichert oder verpassten eine Pointe, was wiederrum Schupp frsutrierte. Bei den beiden Anwesenden bestand die Gefahr freilich weniger.
Mithel übernahm die Antwort: „Gewiß. Andererseits – Lee und Stonewall Jackson haben auch immer angegriffen, aber am Ende haben ihre Gegner gesiegt. Ähnlich ging es vielen. Der Cunctator aber hat die punischen Löwen am Ende ermattet, damit Scipio sie erledigen konnte. Aktionismus aus der Motivation heraus, etwas tun zu müssen, kann leicht fatale Folgen haben. Ich weiß nicht, ob wir im Augenblick zum Angriff überhaupt bereit sind. Natürlich habe ich dazu nicht den Gesamtüberblick, und kann nur über meinen begrenzten Sichtbereich sprechen – dort aber scheinen mir gewisse Risikien überdeutlich. Vor allem bei so einem waghalsigen Unternehmen. Psychologisch wie auch materiell. Das soll kein Mißtrauensvotum gegen die Kommandeure und Mannschaften sein. Aber ich habe beim ,Sieg‘ von Jollahran“ ,Mithels Stimme klang etwas zynisch, und er hatte Schupp gegenüber bei der Erwähnung seines letzten Einsatzes mehr als einmal Pyrrhos zitiert, „erlebt, wie ein vielschichtiger Plan, der auf ähnlichen Quellen basierte, letzten Endes bestenfalls zu einem halben Erfolg führte.“ Und beim Militär galt ein halber Sieg stets als halbe Niederlage.
Der Kommandeur des Kreuzerverbandes seufzte leise: „Meine Herren – ich verstehe Sie ja. Aber Sie wissen auch, daß wir diesen Sieg BRAUCHEN. Politisch, psychologisch, militärisch – in jeder Hinsicht. Unsere Heimatfront ist nicht der monolithische Block, als die man sie präsentiert. Ein Sieg würde uns in die Lage versetzen, den Akarii einen Frieden anzubieten, der den Schlappschwänzen zu Hause das Maul stopft. Unsere Flotte braucht das, damit sie endlich sieht, daß wir die Akarii auf gleicher Augenhöhe schlagen können. Und militärisch – nun, es kann so nicht weitergehen. In einem Abnutzungskrieg gewinnen die stärkeren Bataillone. Und wir wissen, wer die hat. Wir müssen den Siegeswillen der Akarii brechen. Risse dürfte er schon bekommen haben – ich denke, das zerstörte Bravo werden sie nicht vergessen haben, und ihre Armee dürfte außer sich sein über die zerstörten Truppentransporter. Aber wir brauchen mehr. Deshalb dieser Angriff.
Captain Caneira lächelte: „Ist das Ihre Meinung oder die der Führung?“ „Meine.“ ,versetzte Schupp säuerlich: „Die hohen Herren und Damen lassen sich mal wieder nicht in die Karten schauen. Aber wenn sie es anders sehen, sollte es mich wundern. Ich teile Ihre Bedenken. Aber Sie wissen auch, dazu ist es jetzt sowieso zu spät.“ Was natürlich stimmte. Ein Captain mochte manche Befehle für ausgemachten Blödsinn halten – verweigert wurden sie in den seltensten Fällen. Kaum eine Karriere überlebte das unbeschadet.
„Nun – machen wir das Beste daraus.“ Schupp zögerte kurz, doch dann entschied er sich: „Captain Caneira – Sie sind Nummer Zwei. Sollte mir was zustoßen, übernehmen Sie. Nach Ihnen Mithel.“ Beide Offiziere salutierten, beinahe marionettenhaft, was von Schupp erwidert wurde. Wie sie so dastanden, hätten sie eher zu einer Flottensatire gepaßt – drei ältere Herren, die sich in würdevollem, steifen Gebaren gefielen. Aber das hier war tödlicher Ernst, und die drei Männer befehligten genug Feuerkraft, um einen Planeten zu verwüsten. Sie würden ihre Pflicht erfüllen, wie sie es immer getan hatten.
Cattaneo
29.04.2004, 08:13
Eine unerwartete Brief...
Mit einem schiefen Grinsen ließ Lilja ihren Kampfflieger auf dem Deck aufsetzen. Die Landung war genau nach Vorschrift, so, wie es sich gehörte. Mit einem Seitenblick versicherte sie sich, daß auch ihr Flügelmann sicher gelandet war. Natürlich hatte Tyr einiges an Flugerfahrung, aber sie nahm ihre Pflichten nun einmal ernst. Und selbst wenn es ihm nicht passen mochte, daß die Russin ihm immer wieder über die Schultern blickte, inzwischen hatte er sich damit abgefunden. Sie hatte in der Hinsicht einen ausreichend bekannten Ruf als Perfektionistin.
Wohl fühlte sich Lilja freilich nicht. Die Patrouille war vollkommen ereignislos verlaufen. An und für sich nichts schlechtes, wenn man den Gegner überraschen wollte. Aber Lilja war auf Kampf aus, und sie bedauerte das Ausbleiben jeder Gelegenheit. Nun, bald würde sie davon genug bekommen. Wenn es erst einmal hart auf hart ging, das wußte sie, würde sie ihre Wünsche hintenan stellen müssen. Dann kam es auf die Staffel an, nicht auf ihre Abschußzahlen. Aber man durfte ja noch hoffen...
Zum einen hatte sie noch einiges mit den Akarii abzugleichen, und zum anderen brauchte sie die Erfolge für sich wie für andere. Seit ihr während des Urlaubs klargeworden war, daß sie zumindest für ein paar Menschen so etwas ähnliches wie eine Heldin war, brannte in ihr der Wunsch, diesen Vorstellungen gerecht zu werden.
Und zudem – sie machte sich ein wenig Sorgen, schlecht abzuschneiden. Nicht, daß ihr jetzt noch die Etappe gedroht hätte. Aber erleben zu müssen, wie ein ehemaliger Frischling sie möglicherweise überholte, das wollte sie denn doch nicht. Nun, im Grunde waren derartige Regungen eigentlich höchst unsoldatisch. Sie wußte, daß sie für ihren Sold gute Arbeit lieferte, und wenn jemand anders noch besser war, sollte ihr das nur Recht sein. Aber ein bißchen wurmte ihr es schon.
Als sie aus dem Cockpit kletterte, machte sich Lilja nicht die Mühe, gute Laune vorzutäuschen. Mit knappen Worten versicherte sie sich, daß ihre Maschine ordentlich versorgt werden würde, nickte Tyr einen knappen, nicht eben unfreundlichen Gruß zu – bei ihr eine Ausnahme, aber der Flightkamerad war immer ein Sonderfall – und machte sich auf den Weg zu ihrem Quartier. Sie hatte einen Bericht zu schreiben über vier Stunden Langeweile, und dann würde es nicht mehr lange dauern, bis sie sich wieder mit dem Staffeltraining befassen mußte. Inzwischen glaubte sie, die Staffel ungefähr so weit zu haben, wie es in der Zeit und unter den gegebenen Umständen möglich war.
Sie fühlte sich keineswegs wohl in ihrer Uniform. Auch wenn sie ihren Körper inzwischen weitestgehend unter Kontrolle hatte, so blieben doch gelegentliche Schweißausbrüche und Schlafstörungen auch weiterhin Begleiterscheinungen des ständigen Stresses. Es hatte sich seit der letzten Feindfahrt gebessert, aber im Augenblick wollte sie vor allem eines – sie gründlich waschen. Und für ein heißes Bad ohne Zeitlimit hätte sie auch einen Mord in Erwägung gezogen. Andererseits – das hatte sie auch früher schon ohne Hoffnung auf Belohnung...
Die Kabine würde leer sein – Imp durforstete den leeren Raum, so wie sie es vorher getan hatte. Das war bedauerlich, denn der Humor ihrer Freundin gehörte zu den wenigen Dingen, die Lilja ein echtes Lachen entlockten. Andererseits gab es so kein Würfeln um die Reinfolge, wer sich als erster waschen durfte...
In der Kabine angekommen, warf Lilja ihr Pistolenholster aufs Bett, der Stiefeldolch flog hinterher. Sie fuhr ihr Notepad hoch, und rief das notwendige Formular für den Patrouilledienst auf. Warum ein schriftlicher Bericht nötig war, wo sie schon per Funk alles wichtige – nämlich nichts – gemeldet hatte, war eines der Geheimnisse der Militärverwaltung. Schon der Anblick des Berichtes, den sie auszufüllen hatte, ließ erneut Ärger aufkommen. Mit einem unwirschen Knurren suchte sie sich frische Sachen zusammen und legte diese griffbereit. Sie streckte die verspannten Muskeln und machte sich auf den Weg zur Naßzelle.
Als der Türmelder ansprang, hatte sie das augenblickliche Ziel ihrer Wünsche beinahe erreicht. Schon aus dem Grund war Lilja alles andere als erfreut. Ihre Freizeit war – schon wegen ihrer Stellung als XO und ihrer Besessenheit, den Posten auch optimal auszufüllen – knapp bemessen. Deshalb kam ihr im ersten Augenblick auch ein deftiger Fluch über die Lippen, und dies keineswegs leise. Sie überlegte sich schon, der Besucher zu Teufel zu schicken. Aber dann entschied sie sich doch dagegen. Zum einen konnte sie nicht wissen, wer es war. Wohl kein Vorgesetzter. Die hätten vermutlich Sturm geklopft, Lightning konnte sogar ohne Anmeldung eintreten, wenn sie es eilige hatte. Wozu war man ranghöher? Wenn es aber ein Staffelkamerad oder einer ihrer “Informanten” war, dann wollte sie ihn oder sie nicht verärgern. Ihre Miene und Stimme bekam sie dennoch nicht ganz in den Griff, als sie ein wütendes: “Herrein!” bellte.
Lilja registrierte mit einer Mischung aus Überraschung und Frustration, daß die eintretende Person ihr vollkommen unbekannt war. Eine Marine, zudem lediglich Private. Hatte jemand die Soldatin als Laufburschen losgeschickt? Oder gab es Probleme mit jemandem aus ihrer Staffel?
Da Lilja das Äußere ihres Gegenübers so ziemlich egal war, nahm sie sich nicht einmal die Mühe, den Besucher genauer zu mustern. Sie ließ ihre Miene von mürrisch auf kalt-dienstlich wechseln. Beides beherrschte sie recht gut: “Ja, Private?” Der Ton war exakt die leicht verstimmte Art, die ein höherer Offizier an den Tag legte, wenn er von einem Untergebenen zu Unzeit gestört wurde. ,Das sollte genügen, die Sache abzukürzen.’ Lightning mochte sich auch ein wenig wie die Mutter oder ältere Schwester geben, aber das lag Lilja weniger. Außer die ältere Schwester hatte eine leicht autoritäre Ader und einen etwas unleidigen Charakter.
Die Soldatin ließ sich aber offenbar nicht einschüchtern. Nun, Marines standen sowieso in dem Ruf, daß alle Rangstrukturen außerhalb ihres Platoons sie überforderten. Immerhin machte sie eine vorschriftsmäige Ehrenbezeigung. Wie es sich auch gehörte, denn als Private stand sie in der militärischen Hackordnung deutlich unter Lilja: „Private Jean Davis, Kompanie…“ Die Russin kürzte die Vorstellung mit einem knappen Nicken ab. Die Nummern der Bordkompanien sagten ihre sowieso nicht viel. Der Name ließ bei ihr keine Glocke klingeln.
“Sie sind Lilja?” fragte die junge Soldatin, möglicherweise etwas zweifelnd. Die Russin presste die Lippen zusammen. Ihre Stimme klang alles andere als freundlich, vielmehr war der scharfe Unterton nicht zu überhören: “Ich bin First Lieutenant Tatjana Michailowa Pawlitschenko, Private. Was führt Sie zu mir? Ich komme gerade von einer Patrouille.” In Übersetzung bedeutete dies in etwa: ,Nimm gefälligst zur Kenntnis, welchen Rang ich habe und sag, was du willst – und ich hoffe für dich, daß du einen triftigen Grund hast, hier zu sein.’ Aber auch dies schien seine Wirkung zum Gutteil zu verfehlen. Die Soldatin musterte sie erneut und sagte, jetzt offenbar doch ein wenig nervös: “Ich habe einen Brief von Cliff’ an Sie.”
Lilja brauchte mehr als einen Augenblick, ehe sie überhaupt verstand, worum es ging. Zum einen war Clifford Davis für sie günstigenfalls “Ace” gewesen – wiewohl sie ihn auch mit noch ganz anderen Worten bedacht hatte. Sein wirklicher Name war ihr immer ziemlich egal geblieben. Dann aber, als sie zu dem Schluß kam, daß die Frau vor ihr Ace’s Schwester war – seine Frau konnte sie wohl nicht sein, oder Ace wäre ein größeres Schwein gewesen, als sie vermutet hatte – spannte sie sich unwillkürlich an. Ihr Verhältnis zu Ace war bestenfalls problematisch gewesen. Falls das Mädchen irgendwie das „Erbe“ ihres Bruders antreten wollte – aber so dumm wirkte sie eigentlich nicht.
Deshalb ließ sie ihren Tonfall nicht eben wärmer werden: “Mein...Beileid. Das muß schwer für Sie gewesen sein. Er hatte einen guten Tod.” Ihr selber kamen die Worte dürr, herzlos, ohne echtes Mitleid vor. Aber sie konnte, erst recht so überrascht, keine echte Bewegung heucheln. Sie hatte nichts gegen die Familie von Ace, auch wenn sie ihn bis zuletzt ziemlich verachtet hatte. Sein Tod hatte nicht viel daran geändert – vermutlich auch wegen dem Heldenkult, den ein oder zwei irregeleitete Mitglieder des Geschwaders um Ace getrieben hatten. Zögernd fuhr sie fort: “Aber...Brief? Wenn er mir was mitteilen wollte, hat er es mir für gewöhnlich ins Gesicht gesagt. Und er ist..., ich meine inzwischen..., also warum erst jetzt?” Jean schien fast so unsicher wie die Russin. Vermutlich hatte sie mit einer anderen Reaktion gerechnet, selbst wenn sie die Wahrheit über Ace und Lilja wußte. Sie wirkte fast etwas gekränkt, was Lilja ihr kaum verübeln konnte. “Ich habe ihn von Lieutenant Commander McQueen.” meinte sie.
Lilja zögerte. Sie hatte eigentlich wenig Neigung, sich auch noch mit DIESEM Toten zu belasten. Ihre eigenen Erinnerungen gingen ihr nahe, aber an Ace Schicksal hatte sie wenig Anteil genommen, und sie wollte auch nicht, daß sich daran etwas änderte. Manche Kränkung saß zu tief. Dann aber gab sie sich einen Ruck. Wenn sie ihn schon nicht leiden konnte, seiner Schwester lag vielleicht was drann, seinen letzten Willen zu erfüllen. Also nahm sie den Brief an sich, und begann zu lesen. Jean wollte offenbar nicht länger bleiben, möglicherweise wollte sie Lilja ungestört lassen. Nicht, dass die Russin derartige Sensibilität für nötig hielt. Sie glaubte nicht, daß etwas von Ace sie zu Tränen würde rühren können. Mit ein paar gekünstelt mitleidigen Worten, die ihr selber wie billiges Schauspiel vorkamen, gab ihr Lilja die Erlaubnis zu gehen. Sie war ein wenig wütend auf sich selbst, aber während sie bei einem Staffelkameraden wohl zumindest Anteilnahme hätte vorspiegeln können, gelang es ihr hier nicht recht.
Freilich waren ihre Gedanken auch nicht sehr andächtig. Sie hielt nichts von solchen Briefen. Wer so etwas schrieb – das war alter Soldatenglaube – der signalisierte dem Schicksal, daß es bald auch Gebrauch von dieser Vorsorge machen konnte. Wer schon im Voraus in dieser Art Abschied nahm, dessen Briefe erreichten auch bald den Adressaten. Jedenfalls war das eine der Konstanten, die angeblich immer wieder bestätigt wurden.
Der Anfang hätte ihr beinahe ein Mittelding zwischen einem sarkastischen Grinsen und einem wütenden Fluch entlockt. Zufrieden? Nein, sie war nicht mit Ace zufrieden. Er hatte einen anständigen Tod gehabt, gewiß. Aber zum einen war sie der Meinung, er habe sein Leben zur Unzeit weggeworfen. Sie sah in Ace’ Tod zum Gutteil die Art theatralische Geste, die sie an ihm verabscheut hatte. Vielleicht ein wenig aus Neid, auf jeden Fall aber aus dem Grunde, daß sie Ace, nicht ganz rationell, durchaus zutraute, seinen Tod in einer Art und Weise zu inszenieren, daß er sich der Bewunderung solcher schlichten Gemüter wie Ace II. sicher seien konnte. In derselben Art von Überheblichkeit, die ihr den lebenden Ace verleidet hatte. Außerdem kränkten die Worte sie. Sie hatte den blauhaarigen Piloten verachtet, aber den Tod hatte sie ihm nicht direkt gewünscht. Aber das konnte sie seiner Schwester kaum sagen.
Die Fortsetzung war so ähnlich. Es ging um ihr ewiges Streitthema. Ace hatte ihr mehr als einmal unterstellt, sie würde sich mit Absicht benehmen wie eine lebende Leiche, obwohl sie sich doch nach etwas anderem sehne. Daß sich Liljas Wangen röteten, lag nicht an Verlegenheit. Vielmehr war es der Zorn. Wie konnte er sich nur einbilden, IHR sagen zu können, was in ihr vorging? Und dann noch in diesem Ton? Er hatte einfach keine Ahnung gehabt, im Leben ebensowenig wie im Tode. Aber vielleicht war das seine Art und Weise, die Menschen zu sehen. Vielleicht war es ihm unbegreiflich geblieben, daß Menschen so dachten und handelten wie sie – ohne dabei etwas von ihrer Menschlichkeit abzulegen. Er hatte nie erkannt, worum es ihr wirklich ging, hatte ihre Gefühle nie begreifen können. Vielleicht war es sein Glück gewesen, vielleicht auch sein Untergang.
Aber es waren die letzten Zeilen, die ihr dann wirklich eine deutliche Reaktion entlockten. Wenn auch eine ganz andere, als Ace vermutlich gedacht hatte. Hätte es einen Zuschauer gegeben, er hätte sehen können, wie Lilja wie betäubt auf den Brief starrte. Sie schien eine Passage zu lesen, zweimal, dreimal. Dann hob sie den Kopf. Das Gesicht der Russin war totenbleich, die Narben traten ungewöhnlich deutlich hervor. Sie starrte für eine Sekunde blicklos vor sich hin, dann wütete sie los: “Dieses verdammte Dreckschwein! Wenn er es nicht selber besorgt hätte, würde ich ihn kaltmachen. Ich scheiße auf dein Mitgefühl! Verrotte, verdammt nochmal!”
Hätte sie mit einem anderen Menschen gesprochen, man hätte glauben können, Lilja wollte ihn körperlich angreifen, aber die Offizierin stand bloß da, den Brief in der Hand, die Lippen zu einer Grimasse verzerrt.Sie ballte die Faust um das Blatt Papier und zerknüllte es unkontrolliert, eher unbewußt. Ein Zuschauer hätte möglicherweise an ihrem Geisteszustand gezweifelt. Die undeutlichen Verfluchungen, die folgten, waren ebenso deftig wie für jeden Nichtrussen unverständlich - glücklicherweise. Die schleuderte das Schreiben auf den Boden, als wolle sie damit auch alles abstreifen, was darin gestanden hatte.
Es war keine Beleidigung gewesen, die Lilja derart aus der Fassung gebracht hatte. In den letzten Zeilen hatte Ace versucht, sie gegenüber Pinpoint etwas gnädiger zu stimmen – und es war Lilja durchaus klar, daß er davon ausging, daß sein Freund in die Russin „verschossen“ gewesen war.
Es war nicht so, daß Lilja direkt bereute, Thomas Andrews nie eine Chance gegeben zu haben. Für solche Gefühle hatte sie, da war sie sich sicher, einfach keine Zeit. Sie vertraute niemandem genug, und zudem, wozu sich noch zusätzlich auf einen Menschen einlassen, der morgen sterben konnte? So etwas brachte nur noch mehr Schmerz.
Aber sie hatte sich innerlich Vorwürfe gemacht, als er gefallen war. Nicht sehr lange davor hatte sie ihn auf ihre Art ziemlich brüsk zurückgewiesen, ohne daß er ihr einen Grund gegeben hatte. Sie hatte sich später gefragt, ob dies nicht zu seinem Tod beigetragen haben mochte. Immerhin wäre es nicht das erste Mal gewesen, daß ein Pilot, der aus persönlichen Gründen, etwa wegen einer Kränkung, nicht voll bei der Sache war, abgeschossen wurde. Ace Worte ließen diese Gedanken nur glaubhafter erscheinen. Und das war etwas, was sie ihm nicht verzeihen konnte. Sie trug schon genug Schuld gegenüber Gefallenen – dies hier machte alles nur noch schlimmer.
Ironheart
29.04.2004, 09:32
Ursprünglich von Ace Kaiser
Als Justus Schneider von der Akte aufsah, fixierte er den Crewman mit finsterer Miene. „Crewman Schöller. Sie wollen also abmustern.“
Der Raumfahrer straffte sich und starrte geradeaus. „Ja, Sir. Ich denke, ich sollte dies tun, solange wir an GIBRALTAR anliegen. Die nächste Fahrt der KAZE will ich nicht mitmachen. Nichts gegen Ihre Fähigkeiten, Skipper.“
Schneider nickte stumm und musterte den Mann intensiver. Die rechte Hand war bandagiert und das linke Auge war zu geschwollen. Der Mann war im Maschinenraum tätig gewesen, an einer Stelle des Schiffs, die extrem wichtig und hoch gefährlich war.
„Wollen Sie wegen der Prügel, die Sie bezogen haben, offiziell Anklage erheben?“, fragte Schneider beiläufig.
„Nein, Sir.“ Schöller warf der dritten Person im Büro, dem Feuerleitoffizier Ishihiro einen scheuen Blick zu. „Und ich habe auch nicht vor, das JAG auf GIBRALTAR aufzusuchen. Ich will nur runter von diesem Schiff.“
Schneider rieb sich die Schläfe. „Hm. Sie sind seit einem halben Jahr auf meinem Schiff. Das ist nicht viel. Wollen Sie es nicht wenigstens noch eine Fahrt probieren? Wenn Sie sich anstrengen…“
„Nein, Sir, mein Entschluss steht fest. Ich werde abmustern. Notfalls trete ich gleich aus der Navy aus.“
Der Kapitän der KAZE klappte die Akte zu und reichte sie Ishihiro. „Nun gut. Ich genehmige den Transfer. Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie.“
„Danke, Sir“, erwiderte der Crewman und salutierte.
Während er das Büro Schneiders verließ, erkannte man, dass er humpelte.
„Haruka, sehen Sie zu, dass Schöller noch mal bei unserem Doc vorbeischaut, bevor er das Schiff verlässt. Ich will ihn nicht völlig blessiert das raus schicken. Wir wollen nicht unbedingt schlechter dastehen als wir sind.“
„Verstanden, Skipper.“
Schneider sah auf. „Sie kennen die Hintergründe, oder? Warum hat Maggie ihn vertrimmen lassen?“
Maggie, das Gespenst, war die Herrin über die Reaktoren. Es hieß, sie wäre schon vor langer Zeit gestorben, ihre Seele hatte aber keine Ruhe finden können und würde sich immer noch bei den Reaktoren herum treiben. Abgesehen von ihrem Jahresurlaub, den sie auf den terranischen Hawaii-Inseln verbrachte, schien sie den Maschinenraum wirklich nie zu verlassen.
„Ich habe den Bericht von Chief Anderson gelesen. Demnach ist der Crewman schlampig, faul, unordentlich und wäscht sich selten. Wobei letzteres nicht das wichtigste Kriterium ist.
Sie wissen selbst, wie wichtig die Arbeit an den Reaktoren ist. Wenn ein Mann seine Arbeit da unten nicht sehr ernst nimmt, dann kann das zur Katastrophe führen. Mit dem Reaktor steht und fällt ein Schiff.“
„Ich nehme an, sie hat den Crewman gemaßregelt?“
„Von den sechseinhalb Monaten an Bord hat er zwei auf Stubenarrest und einen halben in Haft verbracht. Hat alles nichts genützt. Danach hat sie die Strafversetzung beantragt. Wurde aber nicht genehmigt.“
„Na, das hätte mich auch schwer gewundert“, brummte Schneider leise. „Immerhin schieben sie die Probleme ja zu uns ab, nicht umgekehrt.“
„Jedenfalls sah sich Chief Anderson genötigt, die Sache außerhalb der Vorschriften zu regeln.“
„Verstehe.“ Mehr durfte Haruka nicht sagen. Mehr brauchte Schneider aber auch nicht zu hören. Der Mann war nun bei Fehlverhalten geschlagen worden. Wenn schöne Worte nichts nützten, mussten eben Prügel helfen. Nicht gerade Schneiders favorisierte Erziehungsmethode. Aber hier an Bord gab es eigene Regeln und Gesetze, die der Skipper respektierte.
Dieses Schiff bekam nun mal den Abschaum. Und musste damit arbeiten. Zudem war es oft in Kampfsituationen. Wenn da die Crew nicht funktionierte – Abschaum hin, Abschaum her – dann bedeutete dies eventuell den Tod für alle.
Es gab eine schlichte Regel an Bord, die im Austausch für weitestgehende Narrenfreiheit diente: Jeder arbeitet, jeder kämpft.
Solange dies eingehalten wurde, durfte man in seiner Kabine Sojabohnen züchten, halbnackt zum Dienst erscheinen, eine illegale Waffe mit sich herum tragen, sein Essen beim Smutje Biologisch-dynamisch bestellen, ein Aquarium betreiben, und, und, und… Von der Schwarzbrennerei mal ganz abgesehen.
Dies war die einzige Regel, welche die Individualisten an Bord vereinte. Und jeder, der an Bord kam, merkte schnell, dass es den Alten an Bord damit sehr ernst war.
Denn sie alle wollten zwei Dinge: Gegen die Akarii kämpfen und überleben.
Wer diese beiden Wünsche nicht teilte, hatte keine glückliche Zeit an Bord.
Schneider nickte seinem IIO zu. „Sehen Sie zu, dass das JAG nicht davon Wind kriegt. Man lässt uns weitestgehend bei solchen Vorfällen in Ruhe. Aber ich weiß nicht, ob es auf GIBRALTAR nicht einen übereifrigen Lieutenant gibt, der sich mit einem spektakulären Prozess nach Terra klagen will.“
Ishihiro nickte. „Aye, Skipper.“ Seine Miene war starr. Er konnte Arbeitsverweigerer auf den Tod nicht ab. Mit Mühe hatte er sich an die laxe Disziplin an Bord gewöhnt. Aber wenigstens die Grundsätze ihrer Arbeit verteidigte er verbissen.
„Sie können wegtreten, Haruka. Ach, und Haruka, es sind nur noch etwas mehr als drei Monate, nicht? Nach dieser Fahrt können Sie Ihre Karriere fortsetzen.“
Der Japaner nickte stumm. Und verließ Schneiders Büro.
Justus machte sich indes weitere Gedanken. Er konnte seinen Leuten dieses Verhalten nicht verbieten, immerhin ging es um die Schiffssicherheit. Ein Disziplinarverfahren hatte wenig Aussicht auf Erfolg.
Aber wenn die Sache um Schöller Kreise zog, dann würde Schneider einen noch weit schwereren Stand beim Captain der ONTARIO haben, als dies ohnehin schon der Fall war.
Captains Dinner, ausgerechnet. Aber eine gute Gelegenheit, um die anderen Kapitäne der Einsatzgruppe kennen zu lernen.
**
Die Landung der vier Mirage an Bord der GUADALCANAL verlief unspektakulär, hatte aber dennoch einiges an Aufmerksamkeit.
Sowohl Kapitän Dominguez als auch sein IO Wang sowie der CAG des Schiffes, Commander DeLaCruz erwarteten die JaBos auf dem Landedeck.
Kaum stand die erste Mirage, ging auch schon das Cockpit auf und die Pilotin kletterte heraus. Sie wartete gar nicht erst auf die Leiter und sprang auf das Flugdeck herab. Ihren Helm drückte sie einem Techniker in die Hand und marschierte wie eine abgefeuerte Sidewinder auf die kleine Gruppe zu.
Vor den drei Männern nahm sie Haltung an und salutierte. „Commander Turpin, meine Herren. Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen.“
Die Männer erwiderten den Salut. „Erlaubnis erteilt, Commander.“
Lieutenant Commander Turpin drehte sich leicht in Richtung DeLaCruz und salutierte erneut. „Commander DeLaCruz, hiermit melde ich eine Sektion Mirage einsatzbereit übergeben und unterstelle mich Ihrem Kommando.“
Der Südamerikaner erwiderte auch diesen Salut. „Stehen Sie bequem, Commander. Willkommen beim Dirty Bunch.“
Dominguez beobachtete die Landung der nächsten Mirage und murmelte: „Prächtige Maschinen. Sie scheinen nicht gerade Reste zusammengestoppelt zu haben.“
Alice Turpin nickte. „Die Mühlen sind alle brandneu. Die Werften haben ihren Ausstoß auf hundertfünfzig Prozent hochgejagt. Einen neuen Jäger zu bekommen ist wesentlich einfacher geworden, als einen guten Piloten rein zu stecken.“
„Hm“, machte der Kapitän. „Was macht Ihre Schulter? Alles wieder in Ordnung?“
Commander Turpin grinste schief. „Bereit, beweglich und belastbar, Sir. Die Ärzte auf der Erde hätten mich nicht gesund geschrieben, wenn es nicht so wäre.“
„Gut. Gut. Nun denn, stellen Sie Ihre Maschinen ein und belegen Sie Ihre Quartiere. Danach sollten Sie mit Commander DeLaCruz reden. Er kennt die Akte Ihrer Sektion noch nicht.“
„Verstanden, Sir. Commander.“ Kapitän und XO wandten sich stumm ab und verließen das Deck.
Mittlerweile war auch der Co-Pilot aus ihrer Maschine geklettert. Jungenhaft grinsend baute er sich neben Turpin auf und salutierte. „Second Lieutenant Chalmers, Sir. Ich habe die Ehre, Augen und Ohren für den Commander zu sein.“
„Auch Sie, willkommen an Bord. Commander, wie ist Ihr Callsign?“
„Arrow, Sir.“
„Arrow, stellen Sie Ihre Maschinen wie befohlen ein und kommen Sie dann in den Besprechungsraum. Bringen Sie die Akten Ihrer Leute mit. Wir haben heute noch viel zu bereden.“
„Aye, Sir. Du hast den Commander gehört, Teacher. Mirage einpacken.“
„Das sind die Vorteile der hohen Ränge“, spöttelte der junge Offizier. „Man kann jederzeit und wo man will Arbeit delegieren.“ Er salutierte erneut und machte sich auf dem Weg, um den Technikern zu helfen.
Unschlüssig sah DeLaCruz dem Jungen nach. „Ist Ihnen vierzehnhundert recht, Arrow?“
„Aye. Vierzehnhundert im Besprechungsraum, Commander.“
„Gut. Und… Nennen Sie mich Tigre.“
„Aye. Tigre.“
**
Drei Stunden später saßen sich die beiden gegenüber. Auf dem Tisch lag ein Streifen frischer Zuckerkuchen, dazu gab es eine Kanne Kaffee. Die beiden Piloten saßen vor den Akten, die Arrow ausgebreitet hatte.
„Das wichtigste zuerst, CAG. Lieutenant Commander Alice Arrow Turpin. Meine Wenigkeit.
Ich wurde vor einem Jahr während Operation HUSAR bei einem Angriff auf einen Golfträger aus meiner Mirage geschossen. Ein SAR meines Leichten Trägers, der ATLANTIS hat mich geborgen und in die Etappe verschifft. Die Ärzte haben acht Monate gebraucht, um mir meinen rechten Arm wieder zu geben. Danach habe ich weitere vier Monate hart trainiert, um wieder für den aktiven Dienst zugelassen zu werden. Vier Monate mit den anderen Piloten meiner Sektion wohlgemerkt. Einige sind Frischlinge von der Akademie. Andere habe ich selbst aus den Krankenbetten rekrutiert. Deshalb nannte man uns auch das Lazarett-Team.
Mein Orter ist Second Lieutenant Seymour Chalmers, genannt Teacher.
Mit Teacher bin ich schon auf der ATLANTIS geflogen. Er wurde ebenfalls schwer verletzt, ist aber wieder hergestellt. Wir haben uns während des Trainings gut aufeinander eingestellt.
Meinen Wing bilden First Lieutenant Akihito Watanabe alias Fury und sein Orter Second Lieutenant Julietta Andretti, genannt Merlin.
Merlin ist frisch von der Akademie. Fury war, bevor er verletzt in die Etappe geschickt wurde, ein G-Man. Macht sich heute noch Vorwürfe, dass er bei Jollahran nicht dabei gewesen ist. Aber dadurch nimmt er seine derzeitige Aufgabe noch ernster.
Wing zwei führt First Lieutenant Harry Ngama an. Ein Manticore-Veteran, der früher auf der MOSKAU geflogen ist. Wurde verdammt schwer verwundet und hat fast zwei Jahre Rekonvaleszenz hinter sich. Sein Callsign ist Bullseye. Und ich sage Ihnen, was er anvisiert, trifft er auch.
Sein Orter ist auch ein Frischling von der Akademie, Second Lieutenant Klaus Raderer alias Spot. Fähiger Junge. Ich hoffe, er behält diese Fähigkeiten auch noch in einer Kampfsituation.
Den Flügel bildet First Lieutenant Aischa Ugur. Trasher genannt. War früher bei den Tuskegen Airmen, bevor ihre Garnison überrannt wurde. Mein Problemkind. Lag wegen einer Neurose im Lazarett. Es hieß, sie würde nie wieder fliegen können. Aber eine Trainingsstunde in einer Mirage, und ihr Lebenswille kehrte zurück. Sie war ebenfalls bei Manticore, hat es gerade so mit der MOSKAU raus geschafft. Ich habe sie im Auge, aber bisher war sie sehr zuverlässig.
Ihr Orter ist Second Lieutenant Melanie Richter. Ihr Callsign ist Ninchen. Aber fragen Sie mich nicht, wie sie daran gekommen ist. Manche Signs sucht man sich selbst aus und andere…“
„Werden einem gegeben, ich weiß. Was ist mit ihr? Auch Akademie?“
„Ja, so frisch, frischer geht es gar nicht. Aber sie hat ein sicheres Auge und einen wachen Verstand. Nebenbei hat sie den niedlichsten Hintern der ganzen 6. Flotte und weiß das auch. In dem Punkt ist sie ein ziemlicher Tunichtgut. Flirten ist ihre Lieblingsbeschäftigung, nur damit Sie gewarnt sind. Ich halte sie an einer sehr kurzen Leine, aber ich kann nicht überall sein.“
„Hm“, machte Tigre. „Hm.“
„Stimmt was nicht, CAG?“
„Auch wenn über die Hälfte der Truppe frisch aus dem Krankenzimmer kommt, scheint sie nicht das schlechteste zu sein, was die Navy zu bieten hat.
Also. Warum? Warum gehen Sie auf einen Hilfsträger? Warum kommen Sie zum Dirty Bunch? Sie wissen doch, dass das Gros aus Sträflingen besteht, oder?“
„Nun, Tigre, vorab denke ich mal, ich sollte niemanden verurteilen, bevor ich ihn kennen gelernt habe.“
„Erzählen Sie das jemandem, der eine Nighthawk mit einer Crusader verwechselt. Weiter.“
„Es ist ein Arrangement. Das Kommando sieht in der Zeit an Bord der GUADALCANAL eine Möglichkeit für mich und meine Sektion, weiter zu trainieren und in Form zu kommen.
Wenn der Einsatz gut läuft, kommen wir direkt an die Front.
Motivation genug?“
Tigre nickte. „Wenigstens sind Sie ehrlich, Arrow. Noch mal, willkommen an Bord.
Sie werden während des Einsatzes mein XO.“
„Habe nichts anderes erwartet, CAG. Ach, noch etwas, was wissen wir über die Mission der GUADALCANAL?“
Tigre grinste. „Noch nicht viel. Das Flottenkommando zieht hier einige Schiffe der zweiten Garde zusammen, sowie einen Forschungskreuzer, der unserer Einsatzgruppe den Namen gibt. Muss also irgendwas wichtiges für die Eierköpfe sein. Außerdem flitzt ein hochdekorierter Typ von den Konföderierten auf GIBRALTAR rum.
Sobald der Captain mehr weiß, informiert er mich. Sobald ich mehr weiß, informiere ich Sie. So läuft das in der Navy.“
„Aye. Jedenfalls scheint es nicht gerade aufregend zu werden.“
„Nun. Das wird die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall sollten wir kampfbereit werden. XO, stellen Sie Übungspläne auf, in denen die Staffel die Zusammenarbeit trainiert.“
„Wird gemacht. Irgendwelche Wünsche, CAG? Angriff auf Schiffe, Raumstationen, Bodenziele?“
„Trainieren wir erst mal die Verteidigung, Arrow. Die Wände der GUADALCANAL sind dünn wie Pappe. Ein Treffer an der richtigen Stelle, und die Staffel hat ihren Landeplatz verloren.“
„Aye.“
Ace Kaiser
29.04.2004, 14:18
Briefing
Besprechungsraum an Bord der Ontario
Fort Gibraltar, Barcelona-System
Der Besprechungsraum der Ontario, der normalerweise als Offiziersmesse diente, war gefüllt von gedämpftem Schnattern, leisem Lachen und einer fast schon greifbaren Anspannung und Nervosität. Mehr als ein Dutzend Kapitäne von Kriegsschiffen und ein paar andere Offiziere standen zu Paaren oder in kleinen Gruppen um den großen massiven Tisch herum und begrüßten sich, diskutierten oder hielten einfach nur Smalltalk. Eine Reihe von Ordonanzen legte noch letzte Hand an die Vorbereitungen in Form von kalten und warmen Getränken sowie ein paar Schnittchen aus der Kombüse.
Es war exakt drei Minuten bis zum Beginn des Briefings, doch der Einsatzgruppenleiter der Operation Magellan war noch nicht erschienen.
Lt. Commander Harun El-Habibi war nervös, wahrscheinlich noch nervöser als alle anderen anwesenden Offiziere. „Wo bleibt er bloß?“ fragte er leise flüsternd Lt. Commander Igor Maleetschev, seinen nicht wesentlich älteren Vorgesetzten und Ersten Offizier des Zerstörers Ontario.
„Immer mit der Ruhe, Harun. Er ist bisher noch immer pünktlich gekommen.“
„Du hast leicht reden“ gab Harun zurück „du musstest das Briefing ja auch nicht vorbereiten. Ich würde mich nicht wundern, dass er zu spät kommt, nur um mich damit mal wieder reinreißen zu lassen.“
Maleetschev antwortete nicht und schaute sich den Zweiten Offizier aus seinen Augenwinkeln an. Feine Schweißperlen waren auf seiner dunklen Stirn zu erkennen und unter seinen Achseln hatten sich dunkle Ränder gebildet. Und dass obwohl es im Raum nicht sonderlich heiß war. Igor wusste von Harun´s Unsicherheit, sie hatte schon mit dem ersten Tage seines Dienstes hier begonnen und war in einem einzigen Umstand begründet. Und dieser Umstand war Captain Vijadh „Terrific“ Singh.
Singh machte keinen Hehl daraus, dass er unzufrieden war mit El-Habibi´s Leistungen. Es gehörte zu seinem Führungsstil diese Unzufriedenheit auch offen zu zeigen und seine Leute mental unter Druck zu setzen und damit kam der 2O – anders als er selber – nicht zurecht.
Der alte Satz „Jeder wird bis zu dem Level seiner Unfähigkeit befördert“ schoss Maleetschev durch den Kopf. Hatte El-Habibi diesen Level bereits erreicht?
Doch im Grunde war das Igor sogar Recht so. Auch wenn er den jungen Araber eigentlich mochte, so waren Sie irgendwie doch auch Konkurrenten. Und auch wenn Igor älter war, schon zwei Jahre Erfahrung als XO dieses Schiffes hatte und damit Harun um einiges voraus war, durfte er sich nicht zurücklehnen und sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Das letzte, was er in seiner Situation gebrauchen konnte, war ein ein jüngerer aufstrebender Offizier, der seine Stellung angreifen und sein Ansehen gefährden konnte. Igor hoffte nach diesem Einsatz zum Perisher zugelassen zu werden und er war sich ziemlich sicher, dass Singh ihm diese Chance nicht verwehren würde. Im Gegenteil, alle bisherigen Indizien sprachen sogar für eine ausdrückliche Empfehlung seines Kapitäns.
„Er wird kommen, keine Sorge,“ versuchte er seinen Kollegen zu beruhigen, erntete aber nur ein gequältes Lächeln.
Igor schaute sich noch einmal um und versuchte sich alle Namen der anwesenden Kapitäne und ihre entsprechenden Dossiers vor Augen zu führen. Er war sich sicher, dass er gut vorbereitet war, aber ein letzter Check konnte nie schaden.
Da war zunächst einmal Captain Joao Dominguez, Kommandeur der Guadalcanal, ein freundlich lächelnder, erfahrener Kapitän, der, wie man so hörte, sein Schiff in einen exzellenten Zustand gebracht hatte. Neben ihm stand der CAG des Schiffes, Lt. Cmdr. Santiago „Tigre“ DeLaCruz, laut Akte ebenfalls mit genügend Autorität ausgestattet um seine zur Hälfte aus Ex-Sträflingen bestehende Staffel im Zaum zu halten. Zumindest hoffte Igor, der mit den Einsatzparametern bereits vertraut war, das inständig. Nichts wäre fataler, falls sie auf Unvorgesehenes stoßen sollten, als das Sie ein undisziplinierten, wilden Haufen an Jagdpiloten mit sich führten.
Beide Offiziere lauschten indes den Ausführungen einer deutlich kleineren Kapitänin im Range eines Commanders, Anastasia Kaminski, die Kommandantin der Azincourt. Igor wusste, dass Dominguez und Kaminski aus demselben Jahrgang waren und sich von früher kannten.
Die Frachterkapitäne Jörgensen, Smith und Delany standen, wie man es vermutet hätte, ein paar Meter weiter ebenfalls beisammen und tauschten allem Anschein nach Zoten aus, den eher erheitert wirkenden Gesichtszügen der Kapitäne zu entnehmen. Igor hatte diese einfache Mentalität, die Frachterkapitänen im allgemeinen nachgesagt und die leider allzu oft durch Ihr Verhalten auch bestätigt wurde, nie verstehen können. Hatte man vergessen diesen Männern zu sagen, dass man ihm Krieg war? Vielleicht war es auf die simplen Tätigkeiten zurückzuführen, für die die Frachter benötigt wurden und die nicht weit über gepanzerte Speditionsschiffe hinaus gingen.
Igor´s Blick indes wanderte weiter zu einer weiteren Gruppe, die aus der Kommandantin der Magellan, Commander Jessica Swifton, ihrem Leiter des Wissenschaftsteam Commander Jeremy Baker und einem dritten Commander, den Igor als den Kapitän der Kaze identifizierte, einem gewissen Justus Schneider, bestand.
Igor hatte viel über ihn und über sein Schiff gelesen. Seine Akte und die seines Schiffes war fast so umfangreich wie die aller anderen Kriegsschiffe zusammen. Und die meisten der Einträge waren eindeutig negativer Natur.
Daher war Igor auch etwas überrascht über das äußere Erscheinungsbild Schneiders. Er hatte mit einem schnoddrigen, disziplinlosen Kauz gerechnet, nicht mit einem überaus korrekt und adrett gekleideten Offizier.
Das Gespräch zwischen den dreien schien höflich aber reserviert zu sein. Irgendetwas in Bakers Gesichtsausdruck ließ Igor zudem an Antipathie denken. Er konnte sich irren, aber zwischen den beiden Männern schien es ein Problem zu geben. Igor nahm sich vor, das im Auge zu behalten.
Etwas weiter entfernt stand eine weitere Gruppe von Kapitänen, einen Kreis um Captain Petr Ronacek bildend. Ronacek war Igor ein Begriff und galt ihm gewissermaßen als Vorbild, war er doch früher Eins-O von Singh auf Terrific gewesen, hatte dann gerade noch vor Beginn des Krieges den Perisher geleistet, die Mountbatton übernommen und war von Beginn an des Krieges an der Front im Einsatz gewesen. Jetzt hatte man entschieden, der Mountbatton eine Kampfpause zu gönnen und Igor war sich sicher, dass Singh seine Finger im Spiel gehabt haben musste um seinen ehemaligen Zögling und sein Schiff als Teil dieser Einsatzgruppe zu bekommen. Igor war dies nur Recht, konnte er doch auch von Ronacek eine Menge lernen. Man sagte dem Kapitän der Mountbatton zwar eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit nach aber er strahlte ähnlich seinem Mentor Singh ein gewisses Charisma aus, dass auch jetzt einen großen Teil der anderen Kapitäne sich um ihn scharen ließ.
Dann beobachtete Igor, wie Schneider aus seiner Gruppe zu der Gruppe rund um Ronacek trat. Augenblicklich verstummte das Gespräch und was bei Baker vielleicht nur angedeutet war, wurde bei diesen Kapitänen offenkundig. Den Gesichtern war die Missbilligung offen anzusehen und teilweise erwiderten sie den Handschlag, den Ihnen Schneider höflich zur Begrüßung anbot, nur äußerst widerwillig. Schneider indes ließ sich nichts anmerken, stellte sich artig vor und verschränkte seine Arme hinter dem Rücken und blickte von einem zum anderen. Seine Körperhaltung sollte wohl dazu anregen, dass Gespräch, welches er unterbrochen hatte, wieder fortzuführen.
Doch nichts geschah.
Stattdessen herrschte eisige Kälte und diese wurde auch nicht wieder aufgehoben, da in diesem Augenblick – Igor blickte unwillkürlich hinauf zu der schmucklosen Uhr über dem Eingangsschott, die noch zehn Sekunden vor Beginn des eigentlichen Briefings zeigte – der Einsatzgruppenleiter den Raum betrat.
„Willkommen an Bord der Ontario, Ladies and Gentleman! Nehmen Sie Platz und bedienen Sie sich, wir haben viel zu tun.“
Ein kleines Grinsen unterdrückend strebte Igor wie alle anderen im Raum anwesenden Offiziere auf seinen Platz rechts vom Captain zu und sein Blick fiel auf die beiden Personen, die den Raum dicht gefolgt von Captain der Ontario betreten hatten und die Uniform der Colonial Confederation trugen. Die ältere der beiden, eine Offizierin im Range eines Commodore, die Igor auf Mitte 50 schätzte, wirkte verbittert und verhärmt. Ihre linke Gesichtshälfte war wie erstarrt und mehrere Narben kündeten von früheren Verletzungen. An Ihrer Seite hatte eine jüngere unscheinbare, aber äußerst energisch wirkende Captain der ColCon-Infanterie Platz genommen.
Doch Igor hatte keine weitere Zeit um sich über die Verbindungsoffiziere der Colonial Confederation Gedanken zu machen, da er zu seiner Überraschung feststellte, dass sich Captain Singh neben Ihn setzte, statt sich, wie Igor es eigentlich gedacht hatte, vorne am Pult aufzustellen und ein paar Worte zur Begrüßung zu sprechen.
Auch die meisten der anderen Anwesenden hoben Augenbrauen und schauten sich teilweise überrascht an. Doch Singh saß regungslos an seinem Platz und ließ seinen Blick über die anwesenden Offiziere gleiten.
Er war hier zuhause, dies war sein Revier. Und seine gesamte Haltung, Körpersprache und Mimik unterstrich diese Autorität zusätzlich. Singh hatte El-Habibi bewusst diesen Ort auswählen lassen, nachdem ihm dieser zuerst einen größeren, komfortableren Raum auf Fort Gibraltar vorgeschlagen und sich dafür prompt einen Rüffel eingefangen hatte. Singh hatte, wie Igor sehr wohl wusste, nicht vor, den unschätzbaren Vorteil von vertrautem Terrain aufzugeben und schon gar nicht aufgrund von Überlegungen, die auf Komfort begründet waren.
Einer nach dem anderen wurde förmlich abgetastet, dann wandte sich Singh an seinen Zweiten Offizier.
„Mr. El-Habibi, Sie dürfen beginnen.“
Haruns Kinnlade fiel herab und ein verzweifelter Blick zuckte hinüber zu Igor. Doch dieser war selber zu überrascht um irgendwie zu reagieren. Dann blickte Harun wieder zu seinem Kapitän, der aber keinerlei Regung zeigte und stattdessen seinen Zweiten Offizier aus dunklen Augen genau zu beobachten schien.
„Ähm, ja Sir, danke…“ El Habibi stand auf und ging sichtbar unsicher zum Pult und aktivierte den Projektor. „Ähm, Ladies und Gentleman. Es freut mich, ähm, dass sie den Weg zu uns , ähm, gefunden haben, ähm, und ich ähm…“
Igor hätte am liebsten die Hände vor den Augen zusammengeschlagen um sich dieses Elend nicht weiter mit ansehen zu müssen. El Habibi stotterte und stöhnte sich durch das Einsatzbriefing durch, jedes Wort schien sich selbst zu fragen, ob es an dieser Stelle einen Sinn machte. Die Körperhaltung war elend und schlicht und einfach eines Offiziers der Navy unwürdig. Und dass erkannte auch Igor in den Augen einiger der anwesenden Offiziere, die sich Seitenblicke zuwarfen und teilweise amüsiert aber auch teilweise verärgert wirkten.
Was bezweckte der Captain mit dieser öffentlichen Zurschaustellung von Inkompetenz? Und das vor den anderen Mitgliedern der Einsatzgruppe! Wollte er seinen Zwoten demontieren, Ihn vor allen Leuten demütigen? Wenn ja, dann gelang ihm das gerade vortrefflich.
Harun machte nicht den Eindruck mit zunehmender Zeit an Sicherheit und Souveränität zu gewinnen, im Gegenteil er haspelte die Einsatzparameter hastig hinunter und schien selbst mit dieser Aufgabe überfordert zu sein.
Igor stand kurz davor aufzustehen und Harun das Wort zu entreißen, doch er wusste, dass er weder sich noch Harun damit einen Gefallen tun würde.
Als Harun das Wort an Commander Baker übergab, dessen Ausführungen über die wissenschaftlichen Details des Auftrags geradezu eine Wohltat waren im Vergleich zu Haruns Vortrag, stand dieser wie ein schwitzendes Häufchen Elend in der Ecke und wartete. Als Baker wiederum geendet hatte, konnte man El Habibi´s Gesicht ansehen, dass er am liebsten den Commander gefragt hätte, ob er nicht mal schnell auch den Rest übernehmen konnte.
Natürlich musste er dann aber doch selbst seinen weiteren Teil der Einsatzbesprechung zu Ende bringen und als er mit „Und, ähm, hat noch jemand noch, ähm, Fragen…“ war er offensichtlich nicht der einzige, der insgeheim hoffte, dass es keine Fragen geben würde.
Doch natürlich wurde die Hoffnung schnell zerstört.
„Captain Singh, haben wir für diese Mission nicht deutlich zu wenige Kampfschiffe?“ kam die Frage von Jessica Swifton direkt an den Operationsgruppenleiter gerichtet, die damit flugs den vorne stehenden El Habibi ignorierte und damit klar zeigte, dass dieser nicht gerade an Ansehen gewonnen hatte.
Mit ausdrucklosem Gesicht – so wie auch schon während des Ganzen bisherigen Vortrages – musterte Singh die Kommandantin des Forschungsschiffes. Swifton war ohne Zweifel eine gute Kommandeurin und ihre Frage war mit Sicherheit nur in der Sorge um ihre Männer und ihr Schiff begründet.
Doch Singh beantwortete die Frage nicht direkt, sondern wandte erst seinen Blick auf seinen Zweiten Offizier, der immer noch schwitzend und schlotternd vorne am Pult stand. Igor verstand, worauf Singh hinaus war. Er wollte testen, ob Harun das Heft bereitwillig aus der Hand geben oder an Stelle seines Kapitäns antworten würde? Singh nickte El Habibi zu und gab ihm damit die Erlaubnis zu antworten. Doch ein kurzes Zucken in El-Habibi`s Augen und das anschließende Senken seines Kopfes bestätigte Singh, was er sich wohl ohnehin schon gedacht hatte.
Enttäuschung flackerte in Singh´s Augen auf, dass konnte Igor deutlich erkennen und zeigte einmal mehr seine Einschätzung über seinen Zweiten Offizier als bestätigt. Dieser hielt dem Druck nicht stand, nicht mal in dieser relativ harmlosen Situation. Singh blickte jetzt weiter zu seinem neben ihm sitzenden Ersten Offizier, der die Aufforderung in seinen Augen sofort richtig interpretierte und höflich aber bestimmt der Frage der von Commander Swifton antwortete.
„Unsere Missionsparameter sehen vor uns zurückzuziehen, sobald wir auf Einheiten des Feindes stoßen die unseren Einheiten überlegen sind, Commander. Von daher gehen wir davon aus, dass die Eskorte der Magellan vollkommen ausreichend ist, um einen eventuell notwendigen geordneten Rückzug schnell und sicher zu gewährleisten.“
„Aber wir wissen nicht, was uns auf der anderen Seite dieses ominösen Wurmloches erwartet, n`est pas?“ schaltete sich nun Commander Francois Perrin ein.
„Nein, Sir. Das wissen wir wirklich nicht. Aber gerade dazu hat man uns doch beauftragt!Herauszufinden, wo dieses Ding hinführt und sicherzustellen, dass weder der Kolonialen Konföderation noch der Terranischen Republik aus dieser Richtung eine Gefahr droht.“
Am kurzen Nicken der Commanders Swifton und Perrin erkannte Igor, dass seine Worte Wirkung gezeigt hatten. Selbst die Verbindungsoffizierin der ColCon nickte bestätigend und auch Singh schien zufrieden zu sein.
Auch die weiteren Fragen, die durch die Offiziere gestellt wurden beantwortete Igor ruhig und sicher von seinem Platz aus, während der arme El Habibi weiterhin auf seine Erlösung warten musste. Als alle Fragen beantwortet zu sein schienen, stand Singh endlich auf und ging hinüber zu seinem Pult. El Habibi traf ein vernichtender Blick der Missbilligung, woraufhin dieser sich beschämt setzte.
„Gut, Ladies und Gentleman. Und nun noch ein paar Worte zu unseren Gästen,“ begann Singh ohne lange Umschweife „Die Colonial Confederation war so freundlich uns eine Ihrer erfahrensten Offizierin dieses Sektors als Verbindungsoffizierin zur Seite zu stellen. Commodore Lucienne Garribeaux genießt mein vollstes Vertrauen. Bitte behandeln Sie ihre Anfragen, als wären es die Meinigen.“ Singh wartete einen Augenblick, während er vor allem Ronacek fixierte. Ihm war wohl bewusst, dass vor allem dieser ein Problem damit haben könnte. Commodore Garribeaux stand inzwischen kurz auf, verbeugte sich einmal kurz in Richtung Singh, dann noch einmal noch etwas kürzer in Richtung der Offiziere und setzte sich wieder. Igor war sich bei Ihr nicht sicher, ob der Ausdruck des Abscheus, der in ihrem Gesicht zu sein schien, an der Mission oder ihren Verletzungen begründet lag. Zumindest machte Sie nicht den Eindruck wahnsinnig glücklich über diese zweifelhafte Ehre zu sein.
Singh fuhr fort „Wie Ihnen Mr. El-Habibi ja bereits versucht hat zu erläutern…“
´Autsch` schoss es Igor durch den Kopf und er spürte förmlich diese öffentliche Ohrfeige
„… ist die Colonial Confederation derzeit an anderen Fronten so stark eingebunden, dass Sie uns keine Schiffe zur weiteren Verstärkung zur Verfügung stellen kann. Um aber die Bedeutung dieser Mission auch für die Colonial Confederation zu unterstreichen und da die Magellan über kein eigenes Infanteriekontingent verfügt, werden uns als kleiner Ausgleich zwei Züge des Ersten Batallions der Presidents Storm Infantry, geleitet von Major Ursaja Chabiz begleiten.“
Unwillkürlich richteten sich alle Augenpaare auf die kleine, drahtige Infanteristin, die anders als Garribeaux nicht aufstand und den Blick aller mit hoch erhobenem Haupt und für Igors Geschmack etwas zu grimmig blickend erwiderte. Die Presidents Storm Infantry war eines der Elite-Regimenter der Colonial Confederation und stand in dem erstklassigen Ruf das Beste Regiment der ColCon zu sein. Böse Zungen innerhalb der Terran Navy behaupteten zwar, dass das nicht sonderlich viel zu heißen hatte. Doch trotzdem verfügte die Magellan damit zweifellos über ein sehr gutes Infanteriekontingent.
„Major Chabiz wird darüber hinaus das Oberkommando über unsere gebündelten Infanteriestreitkräfte befehligen, sollte das denn von Nöten sein. Stellvertretender Operationsleiter wird im übrigen Commodore Ronacek sein.“ Bei dieser Äußerung erntete der Kapitän der Mountbatton von einigen der anderen Kapitäne ein anerkennendes Nicken. Andere schauten dagegen etwas irritiert zu Captain Dominguez von der Guadalcanal, wohl weil Sie erwartet hatten, dass dieser den Posten des Stellvertreters erhalten würde. Igor nahm sich vor, diese Beobachtung später mit seinem Kapitän zu teilen, barg es doch die potenzielle Gefahr von zukünftigen Spannungen.
Singh blickte sich noch etwas um, dann nahm er den roten Faden energisch wieder auf. „Die Verladearbeiten der Ontario sind so gut wie abgeschlossen, daher werden wir in 24 Stunden die Anker lichten und von Fort Gibraltar ablegen.“ Vereinzelte Unmutsbezeugungen anderer Kapitäne aufgrund der Halbierung der Vorbereitungszeit wischte der Einsatzgruppenleiter mit einer einfachen Handbewegung einfach davon. „Falls jemand unter Ihnen sein sollte, der damit ein Problem hat mit der Arbeitsgeschwindigkeit der Ontario Schritt halten zu können, sollte er lieber gleich hier bleiben und sich um einen Garnisonsposten auf Barcelona bemühen.“
Die Schärfe in seiner Stimme ließ das Gemurmel der übrigen Offiziere augenblicklich verstummen. Singh wartete einen Augenblick und ließ seinen Blick in der Erwartung möglichen Widerstands bewusst von einem Kapitän zum anderen gleiten, bis er bei dem von Commander Schneider angelangt war. Dieser erwiderte den durchdringenden Blick und hielt ihm stand ohne Widerworte zu geben. Anscheinend wusste Schneider zumindest, wann eine Konfrontation sinnlos war und wann nicht. Igor hoffte, dass dies auch in der Schlacht so sein würde. Dann entließ Singh die übrigen Kapitäne, damit Sie ihre Vorbereitungen beenden konnten. Igor wusste aus den Statusberichten der einzelnen Schiffe sehr wohl, dass dem einen oder anderen noch eine Menge Arbeit in den nächsten 24 Stunden bevorstand. `Und das ist auch gut so` schoss es Igor durch den Kopf, als er den Captains dabei zusah wie sie den Besprechungsraum verließen `das wird ihnen dabei helfen, sich an diesen Zustand schon mal zu gewöhnen`.
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„Was ist los mit Ihnen, Mr. El-Habibi?“ richtete Vijadh Singh das Wort an seinen zweiten Offizier, der in strammer Habachtstellung zusammen mit Igor Maleetschev in der Kapitänskajüte stand und verzweifelt versuchte einen fernen Punkt vor Ihm zu fixieren.
Einen fernen Punkt an dem er sich offensichtlich im Moment lieber befinden würde als hier. „Hatte ich nicht die genaue Anweisung gegeben, sich in jeder erdenklichen Weise auf dieses Briefing vorzubereiten?“ Singh musste nicht einmal die Stimme heben um seine Unzufriedenheit klar zu machen. Er wirkte auch so bedrohlich genug, zu bedrohlich wie es schien für seinen Zweiten Offizier. „Sir, ich war nicht darauf vorbereitet das Wort übernehmen zu müssen, und ...“ stammelte dieser etwas unsicher los, was Igor fast dazu verleitet hätte den Kopf zu schütteln.
„Dürfen, wäre das richtige Wort, Mr. El-Habibi, nicht müssen.“ Singh schüttelte den Kopf und blickte dann von seinem Zweiten Offizier zu seinem Ersten. „Eins-O, können Sie mir erklären, warum ich das Wort so überraschend“, bei diesem Wort verzog Singh seine Miene, „an Mr. El-Habibi abgegeben habe? Und warum Sie in derselben Situation nicht versagt haben?“
Mit breiter Brust und einem selbstsicheren Gesichtsausdruck antwortete Igor „Wir müssen als führende Offiziere dieses Schiffes in der Lage sein auch auf vorhersehbare Eventualitäten vorbereitet zu sein. Als Ihre Stellvertreter und als Gastgeber und Organisatoren des Briefings war jederzeit die Eventualität gegeben, dass wir Sie hätten vertreten müssen um die Ehre des Schiffes vollständig zu sichern.“
Singh nickte einmal knapp und wohlwollend. „Gut, Eins-O, sehr gut! Aber warum haben Sie dann nicht dafür Sorge getragen, dass dies auch Ihr direkter Untergebener wusste?“
Igor Maleetschevs selbstsichere Miene war innerhalb von Sekundenbruchteilen wie aus seinem Gesicht gewischt. Seine Kinnlade fiel ein klein wenig herab, doch er fing sich schnell wieder und brachte seinen Körper wieder in perfekte Habachtstellung.
Die Erkenntnis schien seinem Gesichtsausdruck anzusehen zu sein, so dass Singh fort fuhr ohne auf eine Antwort seines Stellvertreters zu warten. „Merken Sie sich das Eins-O! Das Versäumnis Ihres Untergebenen ist auch Ihr Versäumnis. Und im Übrigen auch meines. Wenn an Bord dieses Schiffes jemand einen Fehler macht dann sind immer auch die ihm Vorgesetzten Offiziere dafür verantwortlich, bis hinauf zu mir.“
Singh seufzte kurz, ehe er fort fuhr. „Hören Sie mir jetzt mal gut zu, meine Herren. Sie beide sind in meinen Augen zu jung für die Positionen, die sie innehaben, viel zu jung. Ja, auch Sie Eins-O!“ nickte Singh an Maleetschev gewandt, der sichtlich zusammengezuckt war. „Ich weiß, dass wir mitten in einem Feldzug befinden und ich bin viel zu lange dabei um nicht zu wissen, dass der unersättliche Schlund des Krieges stetig Nachschub braucht. Also werden und müssen auch Sie beide Ihren Weg gehen, ob mir das nun gefällt, oder nicht!“
Singh seufzte erneut schwer, dann fuhr er weiter. „Aber ich trage nun mal die Verantwortung über dieses Schiff und über alle Männer und Frauen an Bord. Ich werde und kann mir keine Stellvertreter leisten, die nicht in der Lage sind im Notfall meine Stelle einzunehmen. Und daher ist es meine Pflicht dafür Sorge zu tragen, dass Sie beide lernen, was es heißt ein Kommando zu führen. Haben wir uns verstanden?“ Der Tonfall der Frage ließ eine andere Antwort als „Ja, Sir“ gar nicht zu.
Singh blickte aus pechschwarz funkelnden Augen von einem Offizier zum anderen. Er hatte Maleetschevs Beförderung zum Commander und seine Empfehlung für die Absolvierung des Perishers für seinen ersten Offizier bereits aufgesetzt. Sollte dieser sich während dieser Mission erneut bewähren und lernen seine Arroganz, Überheblichkeit zu überwinden und seinen Ehrgeiz zum Wohle seines Schiffes zu zügeln, würde er seine Empfehlung an das Oberkommando abgeben, auch wenn das bedeutete einen fähigen Offizier zu verlieren. Aber die Navy brauchte nun mal auch guten Nachwuchs.
Anders sah dies bei Mr. El Habibi aus. Wie bestellt und nicht abgeholt hatte dieser am Pult gestanden und hatte eine übernervöse Miene zu einem schlechten Spiel gemacht. Singh mochte sich nicht anmaßen allwissend zu sein. Aber wie ein guter Trainer, der augenblicklich erkannte, wenn ein talentierter Nachwuchsspieler das Zeug zum Star hatte und wenn eben nicht, so konnte Singh das auch bei El Habibi erkennen. Dann hatte er endlich ein Einsehen und ließ die beiden wegtreten, die wie zwei junge, betröppelte Hunde sein Quartier fast schon fluchtartig verließen.
Als das Schott sich schloss, lehnte sich Singh zurück und augenblicklich wich die Maske der Entschlossenheit von Ihm. Schmerz durchbrach nun endgültig die mentale Barriere, die Singh in seinem Kopf mühsam aufrechterhalten hatte und ließ ihn stöhnen. Er griff tief in seine Hosentasche um eine kleines, gläsernes Röhrchen mit Tabletten hervorzuholen. Mit zittrigen Händen nahm er ein Wasserglas, spülte eine Tablette hinunter und musste dann immer noch geschlagen Zwei Minuten regungslos warten, bis der Schmerz sich endgültig verzogen hatte.
„Noch nicht“, murmelte er leise, „noch nicht…“ Dann schnappte er sich ein paar Unterlagen, legte seine Uniform ab und legte sich auf seine Pritsche.
Ein paar Augenblicke später war er eingeschlafen.
Cunningham
29.04.2004, 19:38
Corsfield
Die Intrepid-Trägergruppe war im System eingetroffen. Der zweite Träger war längsseits der Columbia gegangen.
Die Pegasus-Class war noch immer das Rückgrad der Navy-Philosphie Für einen jungen Piloten oder Crewmitglied müssen diese Träger den Nimbus der Unbesiegbarkeit besitzen. Doch für all jene, die in Manticore gedient hatten gab es diesen Nimbus nicht.
Jeder wusste, dass die starken von Nakajima Schildprojektoren erzeugten Schutzschilde nur eine bestimmte Anzahl von Antischiff-Raketen abhalten konnten.
Die mächtige Vailliant Titan Panzerung darunter war weit weniger schlagfest als die Schilde.
All die hundert Millionen Real und die umwerfende, ja faszinierende Technik, die Abwehrbatterien, Raketenwerfer und Impulslaser konnten das Überleben solch eines Schiffes nicht garantieren.
Doch selbst in der schwärzesten Seele musste bei dieser zur Schaustellung militärischer Schlagkraft ein Funke der Hoffnung sich entzünden.
"... und in ein paar Tagen ist es hier wie beim Schaulauf der Navy. Die Gettysburg, die Melburne, die Intrepid und wir, yeah das wird was. Wir reißen den Schweinen die schuppigen Ärsche auf." Hacker ereiferte sich,
"Iss lieber auf, ehe Dein Essen kalt wird", fixte Mantis.
"Genau hör auf Mama Mantis", schoss Skunk hinterher.
Radio kicherte vergnügt, während Cartmell sich seinem Essen widmete und den Rest links liegen ließ.
"Ist noch frei?" Cunningham wartete keine Antwort ab, sondern setzte sich neben Radio und Cartmell gegenüber.
Cunninghams Teller wieß recht wenig auf. Ein einfaches Schinken-Käse-Sandwich und eine halbe Portion Fritten.
Radio beäugte das bisschen. Es war bekannt, dass der Skipper recht selten aß, häufig kam er nur zum Abendbrot in die Kantine, schaufelte sich aber dafür recht viel auf den Teller.
"Sie sollten sich heute auch etwas zurückhalten", sagte Lucas an Radio gewand, "wir beide und Darkness sind heute zum Admiralsdinner eingeladen."
"Oho, man gehört der Highsociety an", Cartmell hatte zwar die Klappe halten wollen, könnte sich den bösen Spott nicht verkneifen.
Zu seiner Verwunderung war es nicht Cunningham, der wütend antwortete, sondern Radio: "Kannst Du nicht einfach Deine Schnauze halten? Friss doch einfach Deinen Teller leer und geh dann wieder auf Deine Kammer schmollen!"
Stille kehrte an dem Tisch ein. An den umstehenden Tischen drehten sich Köpfe zu ihnen um.
"Muss ich mich vor den Herren Admiralen den komplett zum Affen machen oder reicht die Dienstuniform?" Radio schob seinen Teller von sich.
"Sommeruniform reicht, samt Ordensspangen versteht sich." Cunningham betrachtete eine verbrannte Fritte eingehend, ehe er sie auf den Tellerrand aussortierte.
"Sagen Sie mal Skipper", mischte sich jetzt Mantis ein, "gibt es schon was neues vom Phantom?"
"Nein."
"Hm, gefährliches Thema, ich merke schon", Mantis grinste, "wen würden Sie verdächtigen? So ganz spontan?"
Cunninghams Blick wanderte zuerst zu Radio, dann zu Skunk und zuletzt zu Cartmell.
"Etwas konkretes oder nur aus Gewohnheit ich?" Fragte der letzte bissig.
"Gewohnheit." Antwortete Cunningham wahrheitsgemäß.
"Die üblichen Verdächtigten verdächtigt man eben aus Gewohnheit als erstes." Skunk kicherte in sein Glas hinein.
"Aber sagen Sie mal Curtis, was haben wir so von Ihrem Vater zu erwarten?" Lucas nahm einen Schluck Kaffee.
"Aha, deshalb begeben wir uns unters gemeine Volk." Radio schüttelte den Kopf. "Was haben wir zu erwarten: Erstmal wird er natürlich hocherfreut über meine Beförderung sein. Das wird auf jeden Fall zur Sprache kommen, dann ein paar Kriegsgeschichten, üblicher Smaltalk und so weiter und so fort."
Später am Abend
Das Shuttle der Intrepid ging längseits der Columbia.
Nur eine kleines, formloses Empfangskommitee begrüßte Viceadmiral Miles Edward James Long. Bianca Wulff hatte nur James Waco mitgenommen.
Wulff umarmte ihren alten Kameraden herzlich. Danach stellte Long seine Begleiter, seine Stabscheffin, seinen Flaggkapitän und den Geschwaderkommandanten der Intrepid vor.
Danach hakte sich Wulff frech bei dem höheren Admiral ein: "Du kennst den Weg zum Esszimmer?"
"Man hat zwar immer wieder Änderungen an der Pegasus-Class vorgenommen, aber im Grunde sollte ich mich auskennen."
Eine weile ging der Tross schweigend, bis auf Waco und den Captain der Intrepid, die über die Pegasus-Class fachsimpelten. Die Columbia war neu gebaut. Die Intrepid war der vierte Träger der Pegasus-Class, der die Marswerften verlassen hatte und somit schon eine betagte Lady.
Schließlich brach Wulff das Schweigen zwischen Long und sich: "Curtis ist an Bord."
"Oh, das wusste ich nicht." Long klang leicht brüsk. "Wie macht er sich denn so?"
"Kann ich Dir leider nicht sagen Mil, ich habe kaum Zeit mich um das Geschwader zu kümmern. Außerdem halte ich nicht viel von Fliegern. Du weißt, ein schnittiger leichter Kreuzer, volle Kraft voraus und einen Feind im Visier, so macht das Leben Spass."
"Oh ja, ich vermisse die Zeiten als Kommandant auch schrecklich. Die alte Monitor war einfach ein fantastisches Schiff."
Sie kamen vor dem Esszimmer an.
Die beiden Admirale prüften noch mal den Sitz ihrer weißen Sommeruniformen und gingen dann durch die Tür.
"ACHTUNG! Admiral an Deck." Ertönte es von Wacos Operationsoffizierin Commander Katrina Illyanna.
Wulff lachte auf: "Rühren meine Damen und Herren."
Waco übernahm an dieser Stelle das vorstellen.
Schließlich kamen sie bei Cunningham an: "... und dieshier Sir, ist mein Geschwaderkommandant, Lucas Cunningham, ehemals Blue Angles."
Long drückte Lucas fest die Hand: "Eine Schande, was mit den Angles passiert ist."
"Wir haben uns teuer verkauft Sir. Sehr teuer verkauft." Insgeheim musste er sich eingestehen, dass sich die Blue Angles nicht ganz so gut verkauft hatten, wie ihr damaliger wie heutiger Ruf eigentlich aussagte.
"Sagen Sie Commander, oder darf ich Sie Lucas nennen?"
"Selbstverständlich Sir."
"Nun sagen Sie Lucas, wie macht sich denn mein Sohn so?"
"Oh, er führt so zu sagen die Rote Schwadron, während ich mein Hauptaugenmerk aufs gesamte Geschwader lenke, aber fragen Sie ihn doch selbst."
Lucas deutete auf Radio.
Miles Longs Blick wandte sich seinem jüngsten Sohn zu.
Die klaren grauen Augen musterten das Sorgenkind des Admirals. "Curtis ..."
Der höfliche, joviale Gesichtsausdruck schwand und wurde durch Stolz ersetzt, den nur ein Vater auf seinen Sohn haben konnte.
In den Augen sammelte sich Wasser. "Curtis ... Lieutenant Commander Curtis Dwight Long."
Radio hingegen erstarrte, als ihn der Blick seines Vaters einfing.
Er hätte in den grauen Augen ertrinken können. Ihm wurde heiß und kalt zu gleich. Am liebsten wäre er davongerannt um sich zu verkriechen.
Der Admiral umarmte seinen Sohn innig.
Als Lucas den verzweifelten Blick von Radio auffing zuckte er mitfühlend die Schultern.
Schnell wurden die restlichen Gäste vorgestellt und dann kam auch schon der erste Gang. Französische Zwiebelsuppe.
Während des Smaltalk ließ Waco durchblicken, dass das Hauptgericht Pfeffersteak ala Mars sein würde.
"Sagen Sie Captain, so was bekommt Ihr Smutje hin?" Wollte daraufhin Long wissen.
"Himmel nein Sir. Mein Smutje ist zwar nicht schlecht, ganz und gar nicht, aber wie durch Zufall fand ich heraus, dass mein dritter Steuermann vor dem Krieg im Cyrano de Bergerac Koch war."
"Ihr Steuermann war Koch im besten Restaurant auf dem Mars?"
"Vergessen Sie es Sir, nur über meine Leiche bekommen Sie den." Waco schaufelte sich genüsslich Zwiebelsuppe in den Mund.
"Hm, Ihre Leiche hä?"
"Sagen Sie Commander Cunningham", es war der CAG der Intrepid der Sprach, "Sie dienten doch bei Manticore unter Mannstein. Sagen Sie - wenn Sie können - wie war die Dame so?"
Lucas legte den Löffel weg und tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab: "Nun, sowohl mein Stellvertreter Commander McQueen", er deutete auf Darkness, "als auch ich hatten die Ehre und das Privileg im Bordgeschwader von Admiral Mannsteins Flaggschiff Dienen zu dürfen."
"Ehre und Privileg, hört, hört!"
"Höre ich da Neid Müller?" Schoss Cunningham zurück.
"Höre ich da Säbelgerassel?" Mischte sich Wulff ein.
"Aber erzählen Sie uns doch eine kleine Anekdote über die Dame." Bat der CAG der Intrepid.
"Nun, es war eine illustre Runde wie die heutige", begann Lucas, "nur, war ich damals noch ein junger Lieutenant 1st Class und frisch zu den Blue Angles versetzt worden. Du erinnerst Dich sicherlich noch Justin."
"Ja, eine furchtbare Zeit, Du warst noch unerträglicher als heute." Darkness erntete einiges an Gelächter.
"Ja, und Dein Humor war auch damals schon nicht das gelbe vom Ei, aber kommen wir zurück aufs eigentliche. Ich gewann damals den Newbee-Shoot-Out der Angles. Und wurde zum Admiralsdinner eingeladen. Nun, ich weiß nicht, was die hohen Herren damals erwartet haben, jedenfalls fühlte ich mich doch recht wohl.
Scheinbar zum Missfallen der Gnädigen Frau Admiral. Sie stand also während des Hauptganges auf, verschränkte die Arme hinter dem Rücken, so richtig in dozierender Haltung. Dann fing sie an, die mir gegenüber liegende Tischseite abzuschreiten und hielt mir dabei die anschaulichste, brutalste und gleichzeitig höflichste Rede über die Navy, das Betragen eines Offiziers und was noch alles dazugehört.
Als ich nach dieser Rede nur noch im Essen herumstocherte hat ihr das auch nicht gepasst. Sie war einfach furchtbar."
Alles lachte. Darkness klopfte seinem Freund auf die Schulter: "Du ärmster."
"Du hast ja keine Ahnung ..."
Das Hauptgericht wurde serviert.
Während des Hauptgerichtes eröffnete erneut der CAG der Intrepid das Gespräch: "Sagen Sie Cunningham, es gibt da ein paar Böse Gerüchte über Sie, dass Sie Probleme mit dem JAG hatten."
Stille kehrte ein.
"Das JAG-Corps soll sich dahin scheren, wo der Pfeffer wächst", der Captain der Intrepid war seinem Geschwaderkommandanten einen giftigen Blick zu.
"Sehen Sie, einer meiner Jungs hat einen zivilen Frachter abgeschossen, tief im Akarii-Raum, leider war's einer von unseren Frachtern."
"Scheiße, sorry, tut mir leid", der CAG der Intrepid klang ehrlich zerknirscht, "so was ruiniert einem die ganze Statistik."
Lucas bemerkte wie Radio die Hände zu Fäußten ballte: "Ganz ruhig, ganz ruhig ..."
"Keine Bange Skipper, ich werde Ihnen nicht quer schlagen." Zischte Radio zurück.
Nach dem Nachtisch wurde ein Brandy als Absacker gereicht.
Aus einem Absacker wurden zwei und dann drei.
Radio war der erste, der sich aus der heiteren Runde verabschiedete.
Von Cunningham verabschiedete er sich mit einem: "Ich geh mich jetzt betrinken."
Die Antwort überraschte ihn jedoch: "Könnt ich jetzt auch vertragen."
Cunningham
04.05.2004, 22:42
Markdurchdringendes Türleuten.
"Mach Du auf!" Hal Chrispin wickelte sich noch fester in seine Decke ein.
"Bin ich Dein Butler?" Skunk dachte gar nicht daran seine Koje zu verlassen.
Es läutete erneut und energischer.
"Wetten, dass ich auch mit der Glocke schlafen kann?" Nuschelte Hal in seine Decke.
Skunk ahmte Schnarchen nach.
Wieder klingelte es.
"Skunk ich befehle Dir an die Tür zu gehen!"
"Und mit welcher Berechtigung? Sektionsführer steht in der Nahrungskette über einem Wingman."
Hal guckte über die Bettkante nach unten auf Skunk herab und drohte ihm mit der Faust: "Mit der Berechtigung des Recht des stärkeren!"
Sein Zimmergenosse kicherte: "Na gut, hast gewonnen Tiger, aber ich wette der Kerl würde mit der Zeit schon von alleine weggehen."
"Vielleicht ist es ja das Phantom und hat sich von scheißen auf Klingelstreiche verlegt." Mutmaßte Hal.
Skunk hingegen quälte sich aus dem Bett und stapfte zur Tür.
Er öffnete sie mit den Worten: "Wenn es nicht wirklich wichtig ist ..."
Vor ihm stand Radio einen Rucksack in der linken: "Los, zieh Dich an, wir gehen einen Trinken."
"Scheiße, licht, macht die verdammte Tür zu!" Echote es unter Hal's Bettdecke hervor.
"Trinken jetzt? Haben wir beide nicht morgen Dienst? Und befinden wir uns nicht bei Alarmstufe Rot?"
"Na und? Woll'n Die uns rauswerfen?" Schoss Radio zurück.
"So gesehen, warte einen Moment ..."
"Ich will doch nur in Ruhe schlafen"; Hal klang fast melodramatisch.
Skunk zog sich an und zog die Tür hinter sich zu.
"Holen wir noch Cartmell hinzu."
"Cartmell, bist Du nicht ganz Dicht?" Wollte Skunk wissen.
"Hör mir doch auf mit dem Ausgrenzenscheiß, er darf wie wir die ganze Scheiße ausbaden, in der wir hier stecken. Und egal, welche Rangabzeichen man ihm an den Kragen steckt, er ist einer von uns."
"Das meine ich nicht. Mal abgesehen, davon, dass das Militärgericht diesmal den falschen hat laufen lassen, IHN können sie dafür ordentlich an den Karren pissen, wenn er sich jetzt mit uns einen kippt."
"Erstens, wäre er da nicht der erste, der hier frei rumläuft, obwohl er eigentlich gesiebte Luft atmen sollte. Wobei er wohl der einzige ist, der nicht zumindest silbernes Eichenlauf am Kragen trägt. Zum zweiten sind wir dann die reuigen Sünder, die ihn gezwungen haben, damit er rausfliegt."
"Radio, mein Freund, es ist nicht wirklich einfach mit Dir befreundet zu sein."
Die beiden kamen bei dem Quartier an, das Cartmell und Tyr Haugland.
"Lass mich das machen" bot Skunk an.
Radio signalisierte mit einer Geste ein 'Bitte nach Dir'.
Der ältere Pilot grinste und haute zweimal auf den Klingelknopf der Tür. Dann tippte er eine Kombination auf der Zahlentastatur an der Tür ein und öffnete das Schott.
Sowohl Haugland als auch Cartmell mussten die Hände vor die Augen halten, als das künstliche Tageslicht des Korridors in die dunkle Kabine schien.
"ENSIGN!" Skunk imitierte besten Unteroffizierston. "IN VOLLER UNIFORM VOR DER KABINE ANTRETEN. AUF, AUF, SEEMANN!"
"Was zur Hölle ..." Haugland richtete sich halb auf.
"Sie legen sich wieder hin Lieutenant!" Befahl Radio vom Gang aus.
Cartmell zog sich noch das Hemd über als Skunk ihn nach draußen schob: "Schneller Mann! Das hier ist nicht die Colonial Navy!"
Er wandte sich kurz Haugland zu: "Und Du: Klappe halten und weiterschlafen."
Dann war die Tür zu.
Tyr Haugland grinste in die Dunkelheit: "Du bekommst jetzt Deine Packung Freundchen. Schade, dass ich das nicht miterlebe."
Vor der Tür knöpfte sich Cartmell wütend sein Hemd zu: "Was zur Hölle wird das?"
Die beiden anderen Piloten ignorierten ihn.
"Wie hast Du das mit der Tür gemacht?" Wollte Radio wissen.
"Ach, Hacker hat mir den Zentralöffnungscode der Bordpolizei besorgt, aber wir sollten hier nicht wie angewurzelt rumstehen."
"Na dann folgt mir." Radio übernahm die Führung.
Cartmell hingegen stand erstmal etwas perplex vor seiner Kabine: "HEY! Was soll der Dreck?"
"Vorwärts!" Schnauzte Skunk ihn an.
Mit größtmöglichem Trotz setzte sich der Ensign in Bewegung.
Nach etwa zehn minütigem Marsch kamen die drei in der Bordkapelle der Columbia an.
"Okay, wenn Ihr glaubt mich hier einem Code Red unterziehen zu können, kommt nur her!" Cartmell hob die Fäuste.
"Ist er nicht niedlich?" Radio packte zwei Flasche und drei Gläser aus.
"Japp, geradezu hinreißend und nun schenk ein." Skunk ließ sich auf eine der Bänke fallen.
Radio stellte eine der Flasche an und schenkte aus der anderen ein. Wie bei Selters machte er die Gläser beinahe bis zum Rand voll.
Cartmell betrachtete das Glas, welches Radio ihm hinhielt geringschätzig.
"Jam, jam, schmeckt gut." Radio zeigte ihm die Flasche. 12 Jahre alter Antigua Single Malt.
"Ähm, ja, äh danke." Misstrauisch betrachtete er die beiden als er das Glas entgegen nahm.
"Einen Toast?" Fragte Skunk.
"Auf all jene, die zu Hause geblieben sind." Radio kippte seinen Scotch in einem Zug hinunter.
Skunk hingegen nippte genießerisch. Cartmell nippte auch, aber eher misstrauisch.
Nachdem Radio sich nachgeschenkt hatte setzte er sich auch: "Sagt mal Kameraden, wie konnten wir eigentlich in dieser Scheiße landen."
Cartmell legte den Kopf schief. Kameraden?
"Also ich habe mich freiwillig zu den Raumstreitkräften gemeldet", antwortete Skunk, "und ja, ich gestehe, ich habe immer auf den Krieg gewartet. Leider hat er nicht so ganz den erhofften Verlauf genommen."
"Trottel." Radio nahm erneut einen großen Schluck.
"Trottel hä? So weit ich weiß werden kann man nur als freiwilliger bei den Fliegern landen."
"Es gibt Freiwillige und Freiwillige."
"Und wo ist der Unterschied?" Der Lieutenant legte seine Füße auf die Rücklehne seiner Vorderbank.
"Nun, ich stamme aus einer Navyfamilie. Wahrscheinlich stand schon ein Long in der Anwerbeschlange, als sie die TSN gründeten. Wahrscheinlich irgend ein Assi, der es im Zivilleben zu nichts bringen konnte.
Und nunja, ich wurde als jüngster von fünf Kindern geboren. Alle hatten sie nur ein Ziel, wie ihre Eltern und Urahnen zur Navy zu gehen. Ich wusste nicht, wie ich mich damals dem ganzen hätte entziehen können. Und da ich etwas machen wollte, wo man auch noch Spass hat bin ich zu den Fliegern gegangen."
"Ja, oder man hat die Wahl zwischen Fliegen oder Knast." Cartmell sah aus als wolle er noch mehr sagen, verfiel jedoch wieder ins Schweigen.
"Sag mal Noname, hast Du eigentlich jemals daran gedacht, dass es noch eine Navy gibt, die Dich nicht fragen würde, woher oder warum? Die Dich einfach fliegen lassen würde.
Ich wette die Colonisten würden Dir glattwegs wieder die Lieutenant-Streifen geben." Radio schenkte Cartmell und sich selbst nach.
"Und? Wie sollte er zu den Colonisten hinkommen? Die sitzen in der anderen Richtung. Außerdem bekommen die nur den ausgemusterten Müll." Skunk nippte an seinem Scotch.
"Was meinst Du Skunk, ob die Colonisten uns beiden wohl nen Geschwader geben würden?"
"Die haben doch keine."
Stille kehrte ein.
Gemeinsam leerten die drei die erste Flasche.
Gerade als Radio die zweite öffnen wollte erhob sich Cartmell: "Okay Ihr Ärsche? Was soll das werden? Wollt Ihr mich abfüllen, damit ich wieder in den Knast wander?"
"Würden wir zumindest behaupten, dass wir das vorgehabt hätten, wenn man uns erwischen würde, aber wir haben hier doch Kirchenasyl."
Skunk kicherte bei Radios Erklärung in sein Glas und fing dann an schallend zu lachen.
Als er sich einkriegte deutete er auf Cartmell: "Er hat kein Stück verstanden! Er begreift nicht, dass wir die einzigen Freunde sind, die er auf der Welt hat."
Ihr seid doch verrückt geworden. Cartmell starrte die beiden fassungslos an: "Ach und warum habe ich das Gefühl, dass eine Horde Akarii freundlicher zu mir wäre?"
"Was ist? Glaubst Du etwa Du bekommst von mir ne Sonderbehandlung?" Wollte Skunk wissen. "Hey, jede arme Sau, die bisher an meinem Flügel kleben musste hat dieselbe Packung bekommen."
"Du solltest Dich trotzdem etwas zurückhalten", Radio war erneut am nachschenken und sprach schon gedehnt, "all Deine früheren Wingmen hatten wahrscheinlich die Crew hinter sich, weil Du das Arschloch vom Dienst warst."
Er deutete auf Cartmell: "Aber unser kleines Brüderchen dort hat leider keinen Rückhalt irgendeiner Gruppe."
"Hm, ja ..." Skunk schien sich aus der Unterhaltung ausklinken wollen.
Cartmell setzte sich: "Was wohl auf uns zu kommt?"
"Der Wahnsinn pur. Ich meine, ... wie soll man das beschreiben ...", Radio suchte nach Worten, "habt Ihr schonmal erlebt, wenn die Realität ausklingt? Wenn alles so unwirklich wird. Alles wird schneller, Minuten raffen sich zu Sekunden. Wie bei der Durchquerung eines Wurmlochs."
"Es kann unmöglich gesund fürs Menschliche Hirn sein", pflichtete Skunk bei.
"Na, zum Glück haben sie uns das Hirn nach der Ausbildung nicht wiedergegeben."
Auch Cartmell musste jetzt lachen.
Tyr Haugland ließ sich nicht anmerken, dass er wach war, als Cartmell schwankend in die Kabine kam. Beinahe wäre der Aussätzige über einen der Stühle gestolpert.
Der blonde Hüne konnte nicht beurteilen, ob Noname bewusstlos oder todmüde über dem Bett zusammenbrach.
Am nächsten Morgen sendeten die Columbia und die Intrepid:
Von: Rear Admiral Bianca Wulff, TRS Columbia
An: Alle Kommandanten der Columbia Trägerkampfgruppe
Betreff: Tagesbefehl 16. November 2634; 685zigster Tag der Auseinandersetzung
Tagesbefehl: Alle Kommandanten haben sich um 18:00 an Bord der Columbia zur Einsatzbesprechung einzufinden.
Gezeichnet
Bianca Wulff
Rear Admiral
Von: Vice Admiral Miles Long, TRS Intrepid
An: Alle Kommandanten der Intrepid Trägerkampfgruppe
Betreff: Tagesbefehl 16. November 2634; 685zigster Tag der Auseinandersetzung
Tagesbefehl: Alle Kommandanten haben sich um 18:00 an Bord der Intrepid zur Einsatzbesprechung einzufinden.
Gezeichnet
Miles Long
Vice Admiral
Ironheart
05.05.2004, 12:21
Licht am Ende des Tunnels
Donovan hatte einen mächtigen Brummschädel von dem Besäufnis mit Radio und Skunk als er sich ächzend aus seiner Koje hievte. Tyr war schon nicht mehr da und Donovan hatte ihn noch nicht einmal gehört. Und das obwohl sein riesiger Zimmergenosse es sich zur Angewohnheit gemacht hatte besonders wenig Rücksicht auf ihn zu nehmen, egal ob er schlief oder nicht.
Während er sich mit schwindeligen Schritten in seinen Overall zwängte, dachte Donovan an den gestrigen Abend. Er hatte die ganze Zeit über mit irgendeiner Heimtücke gerechnet, hatte darauf gewartet, dass die beiden Ihm entweder einen üblen Streich spielen würden oder dass Sie ihn sogar ins offene Messer laufen lassen würden. Doch nichts davon war eingetreten. Im Gegenteil: Leztlich war es sogar sehr amüsant geworden. Ein zünftiges, beschauliches Besäufnis zwischen drei Veteranen, die jeder für sich bereits eine Menge erlebt hatten. Auch wenn Radio und Skunk seine Vergangenheit aussen vor gelassen hatten, hatte es immer noch genug andere Gesprächsthemen gegeben, über die sie schwadroniert hatten.
Jetzt packte Donovan seine bereits gepackte Sporttasche aus dem Spind und machte machte sich auf den Weg zu seinem täglichen Training. An der Tür überlegte er noch einen Augenblick, ob es mit diesen Kopfschmerzen überhaupt Sinn machen würde. Aber er entschloss sich schliesslich doch in die Sporthalle zu gehen. Das Trainingsritual half ihm seine Aggressionen halbwegs unter Kontrolle zu kriegen, so dass er schon ein wenig ruhiger und gelassener geworden war, also würde er es auch heute wieder durchziehen, egal wie sehr ihm auch der Schädel zwitscherte.
Als er die Tür geschlossen hatte, machte er sich auf den Weg in Richtung Sportraum. Er schulterte seine Sporttasche und lief zügigen Schrittes los und seine Gedanken fingen an in die unterschiedlichsten Richtungen zu schweifen.
Er war nach kurzer Zeit schon wieder in seinen Gedanken versunken, als ihm irgendetwas, eine Art siebter Sinn, signalisierte, dass etwas nicht stimmte.
Der Gang war leer, aber das alleine verwunderte ihn nicht sonderlich. Um möglichst vielen aus dem Weg gehen zu können, hatte er sein tägliches Training immer in eine der Randstunden gepackt, also zwischen den Schichtwechseln, in denen eh weniger Verkehr auf den Gängen und in der Halle herrschten. Aber auf einem Kriegsschiff von der Größe der Columbia herrschte eigentlich selbst zu Randzeiten ein hektisches Treiben. Eine dermaßen ausgeprägte Ruhe wie sie im Moment auf dem langen Flur der Unterkünfte herreschte und bei der keine Menschenseele zu sehen und auch niemand zu hören war, war bei dem 24 Stunden Tag an Bord eigentlich unmöglich.
`Es sei denn jemand will, dass es so ruhig ist.` schoss es ihm durch den Kopf, Sekundenbruchteile bevor vor ihm drei dunkel gekleidete, vermummte Gestalten aus einem Seitengang herauskamen. Ihm war augenblicklich klar, was das zu bedeuten hatte. Instinktiv drehte er sich um, doch nur um zunehmenden Schrecken zu erkennen, das dort vier weitere ähnlich gekleidete Gestalten auf ihn zukamen.
„Hey Piratenschwein“ dröhnte eine tiefe Stimme „wohin des Weges?“
Donovan hatte damit gerechnet, er hatte gewußt, dass sie eines Tages kommen würden um ihn zu holen. Das Deja-Vu-Erlebnis war dermaßen beängstigend, dass er die früheren Wunden und Blessuren förmlich spürte. Heisses Adrenalin pumpte durch seine Adern und instinktiv ging Donovan in die Verteidigungsstellung, die Knie federnd und leicht eingeknickt und suchte nach einer Fluchtmöglichkeit. Doch die nächste Schotttür war fast zwanzig Meter vor ihm und wurde von einem Teil der Angreifer blockiert. Mit immer schneller werdendem Puls überdachte er seine Optionen, während seine Gegner von beiden Seiten langsam auf ihn zutraten.
„Och wie süss,“ bemerkte eine der vermummten Gestalten und Donovan versuchte zu erraten, wer das sein konnte, „schaut mal. Er will spielen!“. Die Stimme kam ihm nicht im geringsten bekannt vor. Er versuchte zu erkennen, ob es sich bei den Angreifern vor oder hinter vielleicht um Tyr handeln konnte, aber keiner von Ihnen schien Tyr´s Statur zu haben.
Ein hohles, gehässiges Lachen drang aus der Kehle des Anführers und aus sechs weiteren Kehlen seiner Kontrahenten verstärkte sich dieses bösartige Glucksen, dass sich Donovan die Nackenhaare aufstellten.
Im Geiste verfluchte Donovan seine Unachtsamkeit und seinen pulsierenden Schädel. Doch genau genommen hatte er von vornherein keine Chance gehabt sich auf einen Angriff dieser Art einzustellen. Er wußte, dass es genug Leute an Bord gab, die ihn hassten und das es nicht wenige unter Ihnen gab, die nur allzugerne ihre eigenen Aggressionen und Frustationen an ihm auslassen wollten.
„Na wolltest Du gerade wieder irgendwo einen Scheisshaufen legen?“ Donovan achtete nicht einmal auf die Anschuldigungen seines Gegenübers, sondern hob stattdessen seine Verteidigungsstellung auf, liess seine Schultern sacken. Er drehte sich mit der erhobenen linken Hand langsam um seine eigene Achse und erkannte, dass die sieben Gegner ebenfalls langsam immer näher kamen. Er wußte sie würden ihm keine Chance lassen und es gab nur eines was er tun konnte…
Donovan liess seine Schultern sacken und begann mit einem ängstlich-flehenden Gesichtsdruck zu stammeln „B-Bitte, tut… tut mir nicht weh, ich f-flehe euch an…“ während er sich langsam weiter drehte.
Die vermummten Gestalten steigerten Ihr gehässiges Grinsen in ein überlegenes, schadenfreudiges Lachen.
Sekunden später blieb dieses einem von Ihnen buchstäblich im Halse stecken.
Blitzschnell hob Cartmell seine unterwürfige Haltung auf und drehte sich jetzt ganz flink um seine eigene Achse, die Sporttasche wie eine Keule um sich schwenkend. Als er genug Schwung geholt hatte, schleuderte er die Tasche dem mittleren der Angreifer an den Kopf, die vor ihm standen. Er wußte, dass er einem Angriff von zwei Seiten nicht lange würde standhalten können, also musste er trotz der erdrückenden Überzahl in die Offensive gehen um vielleicht die Flucht nach vorne zu schaffen.
Und tatsächlich wurden diese von seiner unkonventionellen Attacke überrascht. Der mittlere Angreifer wurde hart getroffen und torkelte ein paar Schritte zurück.
Donovan stürmte jetzt auf den linken der beiden voneinander getrennten Vermummten zu, riss die Linke empor und blockte mit seinem Unterarm dessen Schlag ab, der auf seinen Schädel ausgerichtet war. Donovans Rechte ruckte hervor und traf seinen Gegner mitten im Gesicht, so dass dieser stöhnend dieser zurückwich.
Donovan achtete bereits nicht mehr darauf, sondern versuchte die jetzt nach vorne entstandene Bresche zu nutzen. Seine einzige Hoffnung diesen Kampf zu überleben, lag in der Flucht.
Er stürmte nach vorne aber war nicht schnell genug. Der dritte Angreifer kam wie aus dem Nichts und trat ihm mit einem vollen Kick in die rechte Seite. Donovan wurde von dem Tritt mitten im Lauf erwischt und flog ziemlich unsanft gegen die linke Flurwand, wo er mit einem lauten „Klong“ gegen den harten Stahl geschleudert wurde.
Donovan versuchte, nach dem er sich von dem Tritt einigermaßen erholt hatte, den Angreifer mit einer schnellen Links- Rechtskombination auf Abstand zu halten und an ihm vorbei zu kommen. Doch dieser blockte ihm mit einer noch schnelleren Rechts-Links-Rechts-Kombination beide Angriffsschläge ab und hämmerte ihm dann seine Rechte in die linke Magengegend. Stöhnend vor Schmerz krümmte sich Donovan nach vorne und nahm in dieser Bewegung Schwung und rammte sein Gegenüber gegen die gegenüber liegende Stahlwand. Der Aufprall war hart, selbst für Donovan und um es für seinen Gegner noch härter zu machen, riss er sein rechtes Knie hoch und versenkte es tief zwischen seinen Beinen. Keuchend und stöhnend vor Schmerz schlitterte auch dieser Gegner gen Boden.
Doch bevor sich Donovan darüber freuen konnte, wurde er jeweils rechts und links an den Armen gepackt und herumgerissen. Sein erster Gegner schritt langsam und grinsend auf ihn zu, richtete noch kurz den Handschuh auf seiner rechten Faust und schlug dann mit erbarmungsloser Härte zu. Donovan wurde hart im linken Gesicht getroffen, sein Kopf flog quasi zur Seite und er konnte förmlich fühlen, wie etwas in seinem Gesicht bedrochlich knirschte. Milliarden Sterne schienen vor seinen Augen zu explodieren als ein zweiter, ähnlich starker Schlag auf die rechte Gesichtshälfte niederging.
Dann traf ihn ein weiterer Hieb im Rücken und ließ ihn sich vor Qualen zusammenkrümmen. Schmerz vernebelte seine Sinne, doch irgendwie gelang es ihm sowohl bei Bewusstsein zu bleiben als auch zu realisieren, dass Sie begonnen hatten, ihn von vorne und hinten zu bearbeiten.
Panik stieg in ihm auf, er spürte wie seine Kräfte schwanden. Er versuchte sich verzweifelt zu befreien, als ein weiterer Schlag von hinten ihm die Niere zu zerquetschen schien. Dann trieb ihm noch ein Schlag von vorne die Luft aus den Lungen. Während er krampfhaft und röchelnd versuchte diese wieder zurück in seine Lungen zu ziehen, entschloss er sich all seine verblieben Kraft in einen weiteren Fluchtversuch zu stecken. Er hob sein rechtes Bein und ließ diesen mit voller Wucht und mit soviel Körpergewicht wie möglich auf den linken Fuß seines Gegners rechts von Ihm sausen. Mit Genugtuung nahm er wahr, dass irgendetwas fürchterlich knirschte und der Mann sich den Fuß haltend nach vorne stürzte.
Mit seinem jetzt frei gewordenen rechten Arm schwang er nach vorne und ließ seine Faust in das überraschte Gesicht des Anführers sausen. Mit dem Schwung dieses Schlages versuchte Donovan nun den Gegner an seinem linken Arm um seine Achse zu wirbeln und sich damit zu befreien. Doch leider gelang ihm das nicht so wie er sich das vorgestellt hatte. Er wurde ein weiteres Mal um seine Achse gewirbelt und krachte diesmal mit der Stirn voran gegen die kalte, harte Stahlwand. Eine Supernova explodierte vor seinen Augen und warmes Blut sickerte ihm über eine Platzwunde an der Stirn über die Augen. Seine Sicht war jetzt vollkommen benebelt und durch den warmen, klebrigen Schleier spürte er wie die Kraft aus seinen Beinen wich und er langsam gen Boden fiel.
Doch bevor er aufschlug wurde er von einigen Schraubstockhänden gepackt und erneut brutal gegen die Wand gerammt. Er war außerstande sich zu bewegen als die Schläge auf ihn einzuprasseln begannen. Er glaubte, dass sie ihm das Rückgrat zerbrechen wollten, so stark war der Schmerz. Er fühlte wie er vor Schmerzen schrie, doch nahm er das mittlerweile nur noch durch einen dunklen Schleier des Schmerzes wahr.
Dann wurde sein Kopf hart gepackt und mit voller Wucht gegen die Wand gehämmert. Sein Schrei verstummte, genau so wie die Schläge stoppten. Langsam rutschte er die Wand herunter, mit seinem Kopf eine Blutspur hinter sich herziehend und schlug mit einem satten Klatschen auf dem Boden auf.
Er wusste nicht warum sie von ihm gelassen hatten, wahrscheinlich weil sein Kopf mittlerweile nur noch aus einer puddingartigen Masse bestand. So kam es ihm zumindest vor.
Dann machten sie das Licht aus und die totale Dunkelheit empfing ihn. Kurz bevor er komplett das Bewusstsein verlor, glaubte Donovan ein Licht am Ende der Finsternis zu erkennen auf welches er sich rasend schnell zu zu bewegen schien.
`So ist es also, wenn man stirbt` dachte er noch, kurz bevor die Düsterheit das Licht vertrieb und Donovan in die schwärzeste aller Erlösungen fiel.
Tyr Svenson
06.05.2004, 08:20
(Kurz nach dem Zwischenfall mit dem Akariifrachter)
Darkness stützte sich leicht, fast entspannt auf seine Arme, während er die beiden Männer musterte, die vor ihm standen. Momentan gab sich der Chef der Schwarzen Schwadron recht locker. Trotzdem behielten sowohl Crusader als auch Kano ihre Habacht-Stellung bei. ‚Die habe ich ja gut erzogen.‘ dachte Darkness amüsiert, bevor ein neuer Gedanke ihm einen Teil der guten Laune wieder nahm. ‚Bei Kano allerdings....‘
Der japanische Pilot versah zwar seinen Dienst in der Regel mustergültig, direkt vorbildhaft. Aber da war immer noch die Prügelei auf der Galileo und die ungeklärte Sache mit Cartmell und Skunk. Auch wenn Darkness langsam daran zweifelte, daß er in diesem Fall die richtigen Schlüsse gezogen hatte. Captain Schlüter, die Kommandantin der Marines, hatte sich am Offizierstisch einmal sehr eindeutig über Skunk geäußert und einige Andeutungen fallen lassen...
Nun, auch wenn er Kano den Kopf zu Unrecht gewaschen haben sollte, so etwas hatte noch keinem geschadet. Und immer noch besser, er ließ die Sache auf sich beruhen, als das alles noch einmal hervorzukramen.
„Das war gute Arbeit da draußen. Sie können sich den Abschuß gutschreiben Ohka. Und Crusader, Sie haben den richtigen Einsatzgeist bewiesen.“
Crusader strahlte bei diesem seltenen Lob des Staffelchefs über das ganze Gesicht. Und auch Kano, dessen Gesichtsausdruck neutral blieb, schien sich etwas zu entspannen. Gerade WEIL Darkness so sparsam mit Anerkennung war, bedeutete sie einiges. Aber das lag auch in der Absicht des Veteranen. ‚Und jetzt ein wenig Essig zum Honig...‘
„Aber denken Sie daran, es ist eine Sache, einen Frachter zu vernichten. Mit einem Hilfskreuzer oder gar einem Kriegsschiff sieht das anders aus. Und lassen Sie sich niemals durch vermeintlich leichte Beute in die Irre führen! Immerhin hat Ihnen schon dieser Kahn mehr als nur den Lack zerkratzt.“
„Ja, Sir!“
„Ja, Sir!“
„Das war alles. Weggetreten. Crusader, Ihr Jäger wird vermutlich erst in zwei Tagen wieder diensttauglich sein. Bis dahin übernehmen Sie eine der Reservemaschinen. Fliegen Sie den Vogel ruhig ein. Aber passen Sie auf – sonst ziehen Ihnen die Techs die Hammelbeine lang. Nighthawk sind ein rares Gut. Da ist jedes einzelne Teil numeriert.“ Bei diesen Worten grinste Darkness leicht. Noch ein zweifacher Salut und er war wieder alleine. Der Lieutenant Commander wandte sich dem Papierkrieg zu.
Draußen stieß Crusader die Luft aus: „Na der ‚Alte‘ kann ja auch richtig freundlich sein.“
„Gewöhne dich besser nicht daran.“
„Bei Darkness? Keine Chance, da paßt der ‚Alte‘ schon auf.“
Während dieser Worte hatten die Soldaten den Weg zu ihrem Quartier eingeschlagen. Während Kano halbherzig auf das Geflaxe von Crusader einging – sein Flightman war regelrecht aufgekratzt – fühlte er selber in sich immer noch eine Mischung aus Triumph und der Anspannung des Gefechtes, ein ihm inzwischen bekanntes, aber immer noch aufregendes Gefühl. Fast als hätte man etwas über den Durst getrunken. Er achtete deshalb nicht besonders auf den Weg und war genauso überrascht wie Crusader, als ihn plötzlich fast ein Dutzend Männer und Frauen umringte.
„GLÜCKWUNSCH, IHR HIMMELHUNDE!“ Von allen Seiten wurde den beiden auf die Schultern geklopft. Es waren die anderen Piloten der Schwadron.
Natürlich nicht alle. Darkness war nicht dabei, Monty hielt so ein kumpelhaftes Verhalten wohl für unter seiner Würde – immerhin war er schon mal Lt. Com. gewesen, bevor sein besonderes Naturell und der Umgang mit vorgesetzten Offizieren die Rückstufung zum First Lieutenant einbrachten. Und Dutch machte sich nie mit seinen Kameraden gemein – wenn er nicht besoffen war.
Vikings Stimme übertönte den Chor aus Glückwünschen: „Das war die erste Beute der Butcher Bears! Da können die Crusader-Heinis nur einknicken! Kommen halt nicht so weit raus wie wir! Aber Wale fängt man nicht vom Ufer!“
Auch wenn die meisten die Metapher nicht verstanden, sie wußten was gemeint war. Die Butcher Bears waren vor den Crusaders die jüngste Staffel im Geschwader - und hatten jetzt vor ihnen einen Erfolg erzielt. Auch wenn einige in der Schwadron bereits Veteranen der Angry Angels waren, der Druck war groß, sich zu beweisen. Vor allem, weil sie Nighthawk flogen - den modernsten Jäger der TSN, der in der Regel nur an Eliteverbände vergeben wurde.
Viking fuhr fort: „War zwar nur `n Frachter! Aber die zehntausend Tonnen müssen sie uns erst mal nachmachen! Hat sonst nur die Schwadron Grün. Na ja – und unsere fliegenden Scheunentore!“ Das fand Zustimmung.
Allerdings konnte es sich La Reine nicht nehmen, etwas auf Crusader rumzuhacken: „Na zum ersten Abschuß hat es noch nicht gereicht. Überlaß das mal den Spezialisten und Könnern...“
Bevor Crusader eine passende Antwort einfiel, schaltete sich Brawler ein: „Was denn, Prinzessin? Hast du Angst, deine Wette zu verlieren? Ich glaube die Hälfte von Eins ist immer noch mehr als das Doppelte von Nichts?!" Damit hatte er den Lacher für sich, während die dunkelhäutige Pilotin zurückschoß. „Ich brauche keinen anatolischen Klugscheißer zum Kopfrechnen. Wenigstens kann ich über die Straße gehen, ohne eine Prügelei anzufangen!“
Jetzt schalte sich Jaws ein: „Was sich neckt, das liebt sich!“
Brawler schüttelte vehement den Kopf, während La Reines Antwort eine Frage war: „Bin ich pervers?“
Jaws winkte ab: „Macht nur weiter.“ Dann holte er eine flache Metallflasche hervor, die er Crusader in die Hand drückte: „Alter Brauch von der Maryland. Wenn wir einen Frachter oder ein Dickschiff abgetakelt haben. Prost!“
Crusader nahm einen Schluck – dann riß er die Augen auf und keuchte. Während er die Flasche an Kano weiterreichte rang er nach Atem: „Wo hast du denn das Zeug her?!“
„Jedenfalls nicht von Radio. Guter Stoff, nicht?! Für jeden einen Schluck.“ Die Flasche machte die Runde und landete schließlich wieder bei Jaws, der sich so noch einen zusätzlichen Schluck sichern konnte. Dann hob er den leeren Flachmann zu einer Art Salut: „Auf die Butcher Bears! Und das war erst der Anfang – wir werden die Akarii schlachten! UNSER IST DER ZORN!“ Die anderen Piloten stimmten ein – es klang furchterregend.
Ironheart
06.05.2004, 10:41
Krankenstation
Helligkeit. Überraschend, unerwartet, gleißend.
Anders als bei früheren, vergleichbaren Situationen, von denen Donovan schon so einige erlebt hatte, war er mit einem Male wach geworden. Er wußte sofort, dass er sich in einem Krankenrevier befand, der Geruch von Desinfektionsmitteln hatte sich für ewig in sein Gedächtnis gebrannt. Allerdings dauerte es einen Augenblick ehe er sich erinnerte, warum er dieses Mal hier lag. Bilderfetzen einer brutale Schlägerei flammten vor seinen Augen auf und fügten sich ganz allmählich zu einer Erinnerung zusammen.
Sie hatten ihn zusammengeschlagen. Diese dreckigen, verfluchten Hunde hatten sich mal wieder zusammengerottet, um ihm aufzulauern und ihn fertig zu machen. Gerade als er so töricht gewesen war, zu glauben, dass es diesmal vielleicht anders laufen würde. Doch wieder hatten sie ihn unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, so wie sie es auch schon früher getan hatten. Was hatte er auch anderes erwartet.
Jetzt lag er hier und starrte mit offenen Augen an die Decke. Sein Kopf war bandagiert und auch sonst fühlte er sich seltsam, wie in Watte gepackt. Wahrscheinlich stand er unter Schmerzmitteln und nahm daher seine Umwelt nur etwas verschwommen wahr. Sein Schädel brummte, nicht wirklich schmerzhaft, eher unangenehm und drückend. Geräusche drangen nur gedämpft zu ihm durch, so dass er auch jetzt erst bemerkte, dass er nicht alleine im Raum war. Irgendjemand unterhielt sich ausserhalb seines Sichtfeldes und Donovan unterdrückte den Impuls sich aufzurichten und nachzusehen. Er wußte, das das nur mit Schmerzen verbunden sein würde. Stattdessen versuchte er dem Gespräch zu lauschen.
„… allem ist sein Zustand ist überraschend gut. Man hat ihn durch die Mangel gedreht, aber er scheint recht hart im Nehmen zu sein. Trotzdem werden wir ihn vier bis fünf Tage zur Beobachtung hier behalten, dann können Sie ihn wieder haben.“
„Nur eine Woche?“ fragte eine leise flüsternde Stimme, die Donovan nicht zuordnen konnte. „Er hat ausgesehen wie ein abgestochenes Schwein. Wie kann er dann so schnell wieder auf den Beinen sein?“
„Es mag schlimmer ausgesehen haben, als es war. Die Platzwunde auf der Stirn hat sicher den Eindruck erweckt, dass Ensign Cartmell schwerer verwundet sei, als dies der Fall ist. Er hat lediglich eine leichte Gehirnerschütterung, ein paar Stauchungen und Schürfwunden. Wenn Sie mich fragen, wollten die Angreifer ihm nur einen Denkzettel verpassen, sonst wäre er nicht so glimpflich davon gekommen.“
„Denkzettel oder nicht, dafür sollten die Schweine aus dem Schiff geworfen werden…“
„Wie dem auch sei“ fuhr der Doktor unbeirrt fort ohne auf den Gefühlsausbruch seines Gegenübers einzugehen. „Ihr Pilot wird bald wieder auf den Beinen sein, wenn ich ihm auch zunächst nur leichten Dienst verordnen werde. Er sollte sich aber noch schonen.“
Donovan starrte weiter an die Decke und fühlte plötzlich wie bleierne Schwere seine Glieder und seine Augen erfasste. Er wollte sich zumindest zur Seite drehen um nach zu sehen, wer nach ihm gesehen hatte. War es Skunk oder Radio? Vielleicht sogar Lone Wolf? Aber noch bevor sein Gehirn den Befehl zur Ausführung brachte, hatte ihn die Müdigkeit übermannt und er fiel erneut in tiefen Schlaf.
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Am nächsten Tag ging es Donovan schon erheblich besser. Er hatte zwar weiterhin starke Kopfschmerzen, aber zumindest schlugen die Medikamente mittlerweile an, so dass er sich deutlich fitter fühlte. Der behandelnde Arzt hatte ihm ruhig und sachlich eröffnet, dass er noch 2-3 Tage unter Beobachtung bleiben würde und dann noch eine weitere Woche leichten Dienst schieben mußte.
Donovan hatte nur anteilnahmslos genickt, was dem Doktor ein Runzeln auf die Stirn gezaubert hatte. Die erste Schlacht der Columbia war nur noch eine Frage der Zeit, und hier war ein Jagdpilot, der nicht vehement dagegen protestierte starten zu dürfen? Sicher, vor jeder Schlacht gab es auch Simulanten jeder Waffengattungen, die Krankheiten vortäuschten um nicht in die Schlacht ziehen zu müssen. Der Arzt hatte sich eine Notiz gemacht, doch Donovan war es egal. Sollten Sie doch denken, das er nicht für Sie kämpfen wollte. Im Moment war er sich dessen auch gar nicht sicher. Warum sollte er sein Leben für diejenigen riskieren, die ihn beleidigt, zusammengeschlagen und erniedrigt hatten? Sollten Sie doch sehen, wie sie ohne ihn zurecht kamen. Sollten Sie doch krepieren.
Und noch ehe er einen Funken von schlechtem Gewissen bekommen konnte, ging die Tür seines Krankenreviers auf und drei Männer betraten den Raum. Darkness und Radio erkannte er sofort, den dritten Offizier kannte er nicht.
„Hi Noname, wie geht’s dir?“ Radio versuchte freundschaftlich zu klingen, ja fast kameradschaftlich. Glaubte er etwa, dass er damit irgendetwas wieder gut machen konnte?
„Blendend“ antwortete Donovan. Doch seine Körpersprache unterschied sich gravierend von der gerade gemachten Aussage.
Radio ging nicht darauf ein. „Lieutenant Wineberger vom JAG hat ein paar Fragen an Dich, o.k.? Er ist mit dem Fall betraut worden und wird die Untersuchung leiten.“
Donovan drehte sich langsam zu dem jungen Offizier um und schüttelte dann den Kopf, die Augen leicht verdrehend. Der Jungspund schien frisch von der Akademie zu kommen und wirkte nervös und fahrig. Nicht das Donovan gehofft hatte, dass das JAG in der Lage sein würde den Fall zu lösen. Aber dass Sie ein Greenhorn an die Sache ansetzten, zeigte ihm deutlich, dass Sie daran gar kein Interesse hatten.
„Na, da gibt sich das JAG ja reichlich Mühe, wenn Sie einen ihrer erfahrensten Leute auf die Jagd schickt, oder?“ Donovan versuchte alles was ihm an Zynismus geblieben war in diesen Satz zu stecken. Und anscheinend funktionierte es auch, denn statt zu antworten, öffnete das Greenhorn den Mund, schloss ihn wieder und schaute unschlüssig von Radio hinüber zu Darkness.„Na super“ setzte Donovan ätzend nach „wenn Sie genauso knallhart in ihren Verhören sind, wie jetzt, haben wir den Fall ja bald gelöst.“
„Ensign Cartmell“ donnerte Darkness drauf los „was soll der Unsinn? Hat man Ihnen den letzten Funken Hirn aus dem Schädel geprügelt?“ Donovan zuckte zusammen, allerdings weniger wegen Darkness´ Worten als durch die Lautstärke, die dieser anschlug. „Lt. Wineberger ist Offizier des JAG-Korps und Sie werden ihm den ihm zustehenden Respekt zollen, ist das klar?“
Donovan nickte nur mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Ob das KLAR ist, Ensign?“
„Glasklar, Sir“ antwortete Donavan ächzend. Darkness wußte anscheinend, wie man einen Mann mit leichter Gehirnerschütterung schnell gefügig machte.
„Gut, das will ich auch hoffen“ fuhr er fort, jetzt deutlich ruhiger. Fast schon sanftmütig im Vergleich zu der Art und Weise, mit der er ihn bisher angesprochen hatte. Er trat einen Schritt vor, direkt an das Krankenbett. „Hören Sie, Noname, ich möchte, dass Sie mit Lt.Wineberger kooperieren. Denn ich möchte, das wir die Hirnis dingfest machen, die einen meiner Piloten kurz vor der Schlacht ausser Gefecht setzen…“
„Kurz vor der Schlacht?“ Donovan hatte gewußt, dass Sie sich mittlerweile in Feindesland befanden. Wenn man das im Weltall so überhaupt sagen konnte. Doch woher wußte Darkness schon, dass eine Schlacht bevorstand?
„Wir werden bald in unser Zielgebiet springen und ich gehe dann mal ganz stark davon aus, dass das kein Spaziergang werden wird. Sie werden daran aber nicht teilnehmen können.“ Donovan reagierte darauf nicht, also fuhr Darkness fort. „Ist es Tyr Hauglund gewesen?“
„Sir?“ Donovan war kurzzeitig etwas verwirrt. Woher wußte Darkness von den Problemen mit seinem Zimmergenossen? Doch dann fiel ihm ein, dass Hauglund sich ja bei Darkness beschwert hatte, als Sie zusammen gelegt worden waren. Und daher hatte er wahrscheinlich eins und eins zusammengezählt und verdächtigte nun Tyr. „Nein, ich denke nicht, dass er unter den Angreifern gewesen ist, Sir!“
„Gut“ Darkness schien erleichtert „ich möchte, dass Sie mit dem JAG kooperieren und so bald wie möglich auf den Beinen sind, in Ordnung? Wir können Sie da draussen gut gebrauchen.“
Verwirrt blinzelte Donavan ein paar Mal bevor er antwortete. „Danke, Sir.“ Es hatte fast so geklungen, als ob es Darkness ernst war mit seinen Worten. Auch Radio nickte ihm jetzt zu und machte Anstalten Darkness zu folgen, der sich bereits auf dem Weg zur Tür befand.
„Radio, eins noch.“ Donovan wußte nicht genau warum ihm ausgerechnet jetzt diese Frage durch den Kopf spukte und er konnte Sie schliesslich auch nicht richtig stellen. Stattdessen brachte er nur mühsam ein „Skunk… ?“ hervor, mehr nicht.
Doch Radio hatte verstanden. Und war seinen vor Überraschung hochgezogenen Augenbrauen nach zu urteilen nicht weniger verwirrt über diese Frage. Dann lachte er laut aus „Hah, um den mußt Du dir keine Sorgen machen. Shaka und Bob werden beide als seine Flügelmänner agieren, solange Du noch ausser Gefecht bist.“
Donovan nickte nur matt. Dann wandte er sich Lt. Wineberger zu, der sich einen Besucherstuhl schnappte und sich an sein Bett setzte um seine Aussage aufzunehmen.
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Langsam ging Lydia Quartero den Gang entlang zum Zimmer, in dem Donovan Cartmell lag.
Wie jeder Soldat hasste auch Lydia das Krankenrevier. Erinnerte es Sie doch daran, was mit Ihnen allen im Krieg geschehen konnte.
Daher wußte Lydia auch nicht genau, was sie hier eigentlich machte und warum Sie sich auf den Weg gemacht hatte, um diesen Cartmell zu besuchen. Sie hatte über den Bordfunk gehört, dass er zusammengeschlagen worden war und hatte gleich ihre Kameraden gefragt, ob diese was damit zu tun hatten. Es war nicht ganz auszuschliessen, dass sich unter Ihnen einer der Angreifer befand, auch wenn Lydia dahinter eher die Marines oder Crewmitglieder der Columbia vermutete, schliesslich hatten eine Anzahl Piloten Cartmell schon auf Miramar eine Abreibung verpasst. Doch trotzdem konnte es natürlich sein, dass vor allem unter den männlichen Kameraden jemand gewesen wäre, der seinem Beschützerinstinkt folgte oder der Ihr damit vielleicht imponieren wollte. Aber zumindest Ihr gegenüber hatte es keiner zugegeben.
Dann war das JAG bei Ihr erschienen. Nach der Geschichte in der Kantine war es klar gewesen, dass Sie unter den Verdächtigen sein würde. Zwar hatte Sie ein glasklares Alibi vorzuweisen gehabt, da Sie zur besagten Zeit eine Einsatzbesprechung zusammen mit Ihrer Crew gehabt hatte. Doch hatte man – vor allem dieser Radio, der zusammen mit dem JAG-Offizier erschienen war – Ihr zumindest unterstellt, es vielleicht in Auftrag gegeben zu haben. Eine Beschuldigung, die Sie vehement bestritten hatte.
Sogar so vehement, dass Sie selbst darüber verwundert gewesen war. Ja, es stimmte, dass Sie Cartmell eine Ohrfeige verpasst hatte. Aber diese hatte er nur bekommen, weil er Ihr nicht gleich reinen Wein eingeschenkt hatte. Sie wusste zwar nicht, was Sie getan hätte, wenn er Ihr gleich die Wahrheit gesagt hätte. Vielleicht hätte Sie sich dann auch von ihm abgewandt, vielleicht auch nicht. Aber zumindest hätte Sie es sich dann zweimal überlegt, ob Sie mit ihm einen so schönen Abend verbracht hatte.
Auch wenn Sie ihn selbst neulich geschlagen hatte, tat ihr das im Grunde irgendwie auch leid. Es war nicht richtig gewesen und vor allem nicht vor allen Leuten. Sie hatte deswegen ein schlechtes Gewissen und gab sich auch eine kleine Mitschuld daran, dass er jetzt von einer Horde Schläger überfallen worden war.
Als Sie an seiner Zimmertür ankam, überlegte Sie kurz, ob Sie überhaupt reingehen sollte. Sie würde sich bei ihm nicht entschuldigen, dafür war Sie zu Stolz. Und er würde Sie wahrscheinlich auch nicht mit offenen Armen empfangen, nicht nach dieser Geschichte. Also was machte Sie hier? Sie zögerte kurz, gab sich dann aber doch einen Ruck und betrat sein Krankenquartier.
Es war still im Raum, das Licht gedimmt und nur das am weitesten von der Tür entfernte der drei Krankenbetten war belegt. Vorsichtig näherte sich Lydia dem Bett und sah dann, als Sie nahe genug herangekommen war, dass Cartmell zu schlafen schien. Sie konnte nur seinen Haarschopf und einen leichten Verband sehen und blieb stehen, unschlüssig was Sie jetzt machen sollte. Eine Stimme in Ihrem Kopf flüsterte ihr ein, dass es sicher besser so sei und das sie sich umdrehen und wieder gehen sollte. Und gerade als Sie sich rückwärts wieder entfernen wollte, schreckte Cartmell aus seinem Schlaf hoch, riss die Decke hoch und starrte Sie verschreckt an. Lydia erschrak sich ebenfalls, zuckte zusammen und hob entschuldigend die Hände.
Ein, zwei Momente atmete Cartmell heftig. Dann schien er sich erinnert zu haben wo er war und richtete sich leise stöhnend vollends in dem Bett auf, dessen Rückenlehne sich seinen Bewegungen automatisch anpasste und mit einem leisen, singenden Surren nach oben fuhr. Cartmell quetschte ein leises „Licht“ heraus, woraufhin die Strahler über seinem Bett ihn in grellweisses, steriles Licht badeten. Wortlos und ohne Sie eines Blickes zu würdigen beugte er sich zu dem Tablett neben seinem Bett, nahm sich ein dort stehendes volles Glas Wasser und trank es in tiefen Schlücken und dumpf vor sich hinstarrend aus.
Auch Lydia schwieg währenddessen und betrachtete den vor ihr liegenden Piloten etwas genauer. Sein Gesicht war an einigen Stellen bläulich verfärbt und er trug einen leichten Verband um den Kopf, der vor allem die vordere Stirn bedeckte, aber alles in allem sah er deutlich weniger schlimm aus, als es der Bordfunk durchgegeben hatte.
Dann wandte sich Cartmell nun doch ihr zu und starrte Sie mit ausdrucklosem Gesicht an. Aber irgendetwas war anders als bei Ihrer letzten Begegnung. Er hatte ein Feuer in seinen Augen gehabt, den Willen sich gegen jeden seiner vermeintlichen Gegner zu stellen. Doch davon war jetzt nichts mehr zu sehen. Das Feuer war verschwunden und zurück geblieben war ein matter Schein.
„Was willst DU denn hier?“ fragte er eher erschöpft provozierend. „Willst Du mir vielleicht auch noch eine verpassen? Nur zu! Tritt ruhig auch noch auf den bereits am Boden liegenden.“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören. Aber es fehlte seinen Worten an Schärfe.
„Ich…“ Lydia war verwirrt. Was sollte Sie ihm sagen? Sie wußte doch selbts nicht so genau, was Sie hier tat. „Ich…“ wieder geriet Sie ins Stocken. `Nein, so bringt das nichts` schoss es ihr durch den Kopf und so entschloss sie sich gleich in den Angriff überzugehen und nicht lange um den heissen Brei zu reden.
„Und, bist Du es?“
Cartmell reagierte überhaupt nicht, er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Lydia fragte sich, ob er die Frage verstanden hatte. Also legte Sie gleich nach. „Bist Du der Black Buccaneer? Bist Du verantwortlich für den Tod vieler guter Navyangehöriger?“
„Das Militärgericht hat entschieden, das ich es nicht…“
Wütend unterbrach Sie ihn. „Scheisse! Mir ist vollkommen egal, was das Militärgericht entschieden hat!!! Ich will von Dir hören, ob Du es gewesen bist oder nicht.“
Er blickte sie aus gebrochenen, trauigen Augen an, ehe er langsam und matt antwortete. „Warum? Würdest Du mir denn glauben, was ich dir sagen würde?“
„Verdammt“ Sie wurde lauter, da Sie Donovans Verhalten ärgerte „Darum geht es hier doch gar nicht! Ich will wissen, ob Du es gewesen bist….“
Doch er antwortete Ihr nicht. Stattdessen wandte er den Blick von Ihr ab und starrte an die Decke.
„Siehst Du! Genau das ist es. Du gehst allen Antworten auf diese Fragen aus dem Weg. Du ziehst dich trotzig schmollend in dein Schneckenhaus zurück und erwartest von den anderen auf dich zuzukommen und dir gegenüber Vertrauen und Respekt zu zeigen.“
Cartmell starrte weiter vor sich hin, sein Blick starr auf die Decke gerichtet.
„Doch weißt Du, warum deine Kameraden dich nicht respektieren, warum nicht mal deine eigene Staffel dir vertraut? Weißt Du, warum jeder Angehörige der Navy dich verachtet und weißt Du warum man dich so zugerichtet hat? Es ist nicht deine Vergangenheit, die die anderen so aus der Fassung bringt, es sind nicht die Taten, die man dir zur Last legt. Und es geht auch nicht darum, ob Du tatsächlich schuldig bist oder nicht.Dein Problem, Donovan, sind nicht deine Kameraden oder die Navy. Dein Problem bist nur du selbst. Dein Verhalten ist es, das die Leute auf die Palme bringt und die Gerüchteküche zusätzlich anheizt. Es ist deine fehlende Reue für die begangenen Fehler, dein mangelndes Bestreben die Dinge richtig zu stellen und dein völlig überflüssiger Stolz, der dich in diese Situation gebracht hat.“
Lydia hatte sich jetzt schon fast sowas wie in Rage geredet, mußte einmal tief Luft holen um sich zu beruhigen, doch Cartmell zuckte immer noch mit keinem Muskel.
„Den Respekt seiner Kameraden kriegt man nicht so einfach geschenkt, Donovan, den muß man sich hart erarbeiten. Und wie soll man dir Vertrauen, wenn Du nicht mal eine klare Antwort auf eine einfache Frage geben willst, häh? Dein Ausweichen läßt für mich nur einen Schluss zu: Nämlich den, dass Du es tatsächlich gewesen bist, da du mir nicht in die Augen schauen und sagen kannst, das Du es nicht warst.“
Cartmell rührte sich immer noch nicht. Lydia hatte die Arme vor die Brust gekreuzt und blickte ihn aus funkelnden Augen böse an. Und während Sie auf eine Reaktion von ihm wartete, fragte Sie sich, was Sie hier eigentlich machte. Wenn er nicht mit ihr reden wollte, dann sollte er doch zur Hölle gehen.
Doch gerade als Sie sich zu gehen entschlossen hatte, begann Cartmell mit leiser, fast flüsternder Stimme zu antworten. „Ich bin es nicht gewesen.“
„Wie bitte?“
„Ich sagte, ich bin es nicht gewesen.“ Donovans Stimme war etwas fester, aber er hatte Sie immer noch nicht angeblickt. Doch dann wandte er den Kopf zu Ihr hinüber und fuhr fort. „Ich war nicht der Black Buccanneer, aber ich weiß wer es gewsen ist.“
Lydia stellte den Kopf seitlich und beobachtete ihn argwöhnisch. Bei einem anderen Thema, an einem anderen Ort hätte Sie vermutet, das er das nur sagte um Sie herum zu kriegen. Aber hier und jetzt hatte Sie das Gefühl, das er vielleicht die Wahrheit sagte. Andererseits, war so eine kurze Begründung einfach dahin gesagt. Sie entschloss sich tiefer zu bohren, zog einen neben dem Bett stehenden Stuhl heran und setzte sich umgekehrt auf ihn drauf, die Arme auf der Rückenlehne abstützend, die jetzt zwischen Ihr und Cartmell stand.
„Gut, das ist doch schon mal ein Anfang. Dann erzähl mal die ganze Geschichte.“
Widerstand regte sich kurz in seinen Augen, das konnte Sie deutlich erkennen, aber schliesslich seufzte er tief und begann zu erzählen.
Cunningham
07.05.2004, 21:49
Die drei Offiziere standen stramm. Drei Meter vor Ihnen stand der Schreibtisch von James Waco. Waco saß gemütlich in seinem Chefsessel hinter seinem Schreibtisch und musterte die drei Offiziere.
Lieutenant Commander McQueen stand kerzengrade, wie bei einer Parade. Jeder Sergeant der Marines würde Darkness jetzt als Musterbeispiel für die Habt-Acht-Stellung nehmen.
Lucas Cunningham hingegen schien einige Probleme mit dem strammstehen zu haben. Der Commander gab sich jedoch größte Mühe seine Schwierigkeiten zu verbergen.
Curtis Long hingegen gab sich gar nicht erst die Mühe Darkness imitieren zu wollen.
"Also meine Herren", Waco ließ die drei nicht rühren, "was ist aus diesem Geschwader geworden? Können Sie mir mal verraten, WAS FÜR EINEN SAUHAUFEN SIE DA BEFEHLIGEN?"
Keiner der Offiziere antwortete.
"In Miramar wird Ensign Cartmell zusammengeschlagen. Einer Ihrer Jetjockeys gefährdet den Flugverkehr der Basis. Besagter Jetjockey wird hier an Bord zusammengeprügelt. Dann wieder unser Freund Cartmell. Vor einer Schlacht, fällt einer Ihrer Piloten aus, weil er verprügelt wurde. Oh und, nicht zu vergessen, wir haben da noch einen Lieutenant Nakakura, der auf der Galileo eine Schlägerei vom Zaun bricht und anscheinend ist dieser auch auf Miramar an den Sportübungen beteiligt gewesen."
Waco trommelte kurz mit den Fingern auf den Tisch: "Und das sind nur die bekannten Vorfälle. Was glauben Sie, was hinter Ihrem Rücken noch abgelaufen ist Gentlemen? Und was mich interessieren würde: Was haben Sie mir vorenthalten?"
"Sir, bitte offen sprechen zu dürfen." Cunninghams Stimme klang gepresst. Darkness Gesicht hatte eine rötlichen Ton angenommen.
"Erlaubnis erteilt und stehen Sie bequem, alle."
"Sir, Ensign Cartmell ist ein Problemfall, wie Sie sicherlich wissen. Egal, ob er nun vom Kriegsgericht frei gesprochen wurde oder nicht, Gerüchte und Verdächtigungen sind eine sehr schwere Brandmarkung. Des weiteren hat sich Cartmell mit seinem Verhalten hier an Bord keine Freunde ..."
"Die Schweine sollten man aufknüpfen, und nichts rechtfertigt ..."
"Radio jetzt nicht." Zischte Cunningham
"Wan sonst? Sie haben doch kein Intresse ..."
"RADIO!"
"Sie können mich mal." Radio erbleichte kaum, dass er das letzte Wort gesprochen hatte. "Sir ich ..."
Doch Waco erhob sich hinter seinem Schreibtisch und brachte den jungen Lieutenant Commander zum schweigen.
"Commander Cunningham, möchten Sie einen Kriegsgerichtsverfahren gegen Lieutenant Commander Long?"
"Nein Sir, ich denke nicht, dass das nötig ist." Cunningham warf Radio einen Blick zu, der töten könnte.
"Nun denn Mr. Long", Waco baute sich vor dem Lieutenant Commander auf, "da Ihr direkter Vorgesetzter auf ein Kriegsgerichtsverfahren verzichtet habe ich nur die Möglichkeit die mir zur Verfügung stehenden erzieherischen Maßnahmen zurückzugreifen. Ich stelle Sie daher für sieben Tage unter Arrest. Diese Strafe setze ich bis nach der Schlacht außer Kraft."
"Aye, aye Sir." Radio wirkte immer noch etwas bleich, auch wenn seine Stimme frei von Furcht war.
Waco seufzte: "Aber Ihr junger Lieutenant Commander hat Recht Cunningham, wir können nicht zulassen, dass irgendwelche Verrückten auf diesem Schiff herumstrolchen und Kameraden zusammenschlagen. Und schon gar nicht Piloten vor einer wichtigen Schlacht."
Cunningham nickte.
"Nun, ich ah wünsche, dass Sie und Ihr Stab dem JAG so gut es geht entgegenkommen und kooperieren. Haben wir uns verstanden?"
"Aye Sir." Der Geschwaderkommandant klang gepresst.
"Wegtreten."
Die drei Commander salutierten vor Waco und verließen das Büro.
Kaum war das Schott zu Wacos Büro geschlossen wandte sich Radio an Cunningham: "Sir ich ..."
Dieser leis ihn jedoch nicht aussprechen, sonder packte seinen Untergebenen am Kragen: "Jetzt passen Sie mal auf, wenn Sie mir noch einmal derartig ans Bein pinkeln mache ich Sie fertig. Und nein, Sie brauchen ein Kriegsgericht nicht zu fürchten, es wäre die einzige Rettung vor mir. Haben wir uns verstanden?"
Radio nickte und ging.
Darkness hingegen schüttelte den Kopf: "Lucas, Lucas, Du machst mir gar nicht den Eindruck eines Schlägers."
"Es gibt definitiv andere Möglichkeiten Darkness."
Der ältere Veteran blickte seinen Freund traurig an: "Wenn Du diesen Blick und Tonfall auflegst, frag ich mich, ob Du noch Du bist."
"Wenn sich Dichter, Komponisten, Autoren und Psychologen in einer Sache einig sind, dann die, dass der Krieg den Menschen verändert. Aber bitte lass das Geschwader antreten, so bald es wieder vollständig an Bord ist und die Jungs der Intrepid die Wache übernehmen, und zwar folgender maßen ..."
"ACHTUNG! STILLGESTANDEN!" Donnerte Darkness Stimme durch den Geschwaderbesprechungsraum, als Lucas eintrat.
Das Geschwader stand von seinen Stühlen auf und nahm Haltung an. Sämtliche Lieutenant Commander des Geschwaders hatten sich in einer Linie, mit dem Blick zum Geschwader vor der Monitorwand aufgestellt.
Gemächlichen Schrittes ging Lucas zum Rednerpult. Dort räusperte er sich kurz und ließ seinen Blick über das Geschwader wandern. "Stehen Sie bitte bequem."
Die meisten nahmen die übliche Rührt-Euch Haltung an, Skunk steckte die Hände in die Taschen und ließ die Schultern fallen. Einige wollten sich sogar hinsetzen.
"ICH SAGTE STEHEN SIE BEQUEM und nicht lassen Sie sich gehen!"
Er funkelte noch einmal diejenigen, die sich zum setzen angeschickt hatten böse an und fuhr dann fort: "Es wird Sie sicherlich alle freuen, das es Ensign Cartmell den umständen entsprechend recht gut geht und dass er für nicht länger als vier Tage vom Dienst ausfallen wird." Er suchte in den Augen verschiedener Leute nach einer Reaktion. "Als ich das letzte mal mit diesem Geschwader in die Schlacht zog, war es eine eingeschworene Truppe mit der Chance eines Tages Elitestatus zu erreichen. Gut, wir haben Krieg und ich werde mich damit begnügen müssen mit einem Sauhaufen von Dilettanten in die Schlacht zu ziehen."
Diesmal waren deutliche Reaktionen zu erkennen. Wut, Verwunderung und Enttäuschung. Lucas hingegen spießte vor allem die Veteranen der Angry Angles mit seinen Blicken auf. William Booth, Helen Mitra, Muhammed Tuncay, Dick Donnovan und Tatjana Pawlitschenko. Keiner von ihnen, hatten sie ihn noch so böse angestarrt hatte seinem Blick stand gehalten. In Liljas Blick fiel im etwas auf, was er kaum erwartet hatte. Scham, sie schämte sich ihrem Geschwaderkommandanten nicht zu genügen.
"Nicht zum ersten mal wurde ich wegen Ihrem Verhalten ins Büro eines ranghöheren Offiziers gerufen. Und diesmal handelte es sich um unseren gottverdammten Captain. Es gibt ein altes Sprichwort in der Armee: Scheiße fließt abwärts. Ich habe das letzte mal die Scheiße für Sie gefangen. Das nächste mal werde ich den Brocken über die Lieutenant Commanders an Sie weiterreichen. Und wie bei einer guten Lawine vergrößert sich der Haufen je weiter die Strecke, die er zurücklegt. Und am Ende ist er groß genug, dass jeder verdammte Lieutenant in diesem Geschwader daran ersticken kann.
Ich dulde nicht, dass Mitglieder meines Geschwaders krankenhausreif geschlagen werden. Ich dulde nicht, dass Sie sich verhalten wie eine Bande Touristen in Lunapolis, wenn Sie das Wünschen, die Marines campen 10 Decks unter uns. Und ich dulde nicht, dass Mitglieder meines Geschwaders einem Code Red unterzogen werden.
Sollte sich als einer wegen dem Angriff auf Mr. Cartmell schuldig bekennen wollen, so möge er sich bis heute Abend zehnhundert p.m. beim JAG melden. Sollte einer etwas zu dem Vorfall aussagen möchten, so möge auch jender sich bis zehnhundert beim JAG melden.
Sollte sich hier jemand als schuldig herausstellen, obwohl er die Chance hatte sich heute zu stellen, so gnade ihm Gott. Bis zehnhundert wird wegen schwerer Körperverletzung ermittelt, ab dann ermittelt das JAG Corps wegen tätlichen Angriffs mit Tötungsabsicht."
Viele der Piloten blickten betreten drein, einige tuschelten.
"So, die nächsten vierundzwanzig Stunden hat das Geschwader auf Befehl von Admiral Wulff dienstfrei. Von den Schwadronenkommandanten angesetzte Übungen fallen aus. Wegtreten."
Die Versammlung löste sich auf. Die Lieutenant Commander fingen an sich untereinander zu unterhalten, während Lucas einige Daten ins Besprechungspult eingab.
"Also Reden schwingen kann er ja."
Lucas fuhr herum und funkelte Lightning wütend an: "Was war das?"
Lightnings Lächeln war zu unschuldig, als dass sie unschuldig sein konnte: "Nichts."
"Sie melden sich in einer halben Stunde in meinem Büro." Er drehte sich wieder um und beendete die Dateneingabe. Die Lieutenant Commander beachtete er nicht mehr weiter.
Der Türsummer erklang.
Überpünktlich. Lucas lehnte sich kurz im Sessel zurück, beugte sich dann jedoch wieder vor und fuhr mit seiner Arbeit fort.
Nach dem dritten Summen bellte er ein schroffes herein.
Lightning trat ein und salutierte flapsig: "Lieutenant Commander Parker meldet sich wie befohlen."
Lucas beachtete sie kurz nicht und tat so als würde er seine Arbeit weiterhin fortsetzen.
Ungeduldig stemmte Lightning die Hände in die Hüften: "Also ..."
"Ich habe Sie nicht rühren lassen Lieutenant Commander." Lucas grinste ihr offen ins Gesicht. "Sie gehen wieder vor die Tür und in zwei Minuten melden Sie sich, wie man es Ihnen auf der Akademie beigebracht haben dürfte."
Die Schwadronenkommandantin zog scharf die Luft ein, ihr Gesicht war Wut verkniffen und Lucas konnte eine Ader an der Stirn förmlich pulsieren sehen. Ja meine Dame, das ist Schikane und es gibt niemanden, der Dir jetzt helfen kann.
Lightning machte auf dem Fuße kehrt und donnerte das Büroschott ins Schloss.
"Lucas, Du bist ein Arschloch." Sagte er über sich selbst, während die Person, die ihm nur zu gern recht gegeben hätte vor der Tür stand und drauf und dran war zu explodieren.
Trotz seines Versuches sich nochmals an die Arbeit zu machen konnte er sich nicht richtig konzentrieren.
Exakt zwei Minuten nachdem Parker das Schott zugeschlagen hatte ertönte der Türsummer. Lucas blickte auf: "Herein bitte."
Parker öffnete die Tür, trat ein und schloss sie ordentlich. Trat dann auf den Schreibtisch zu und führte einen Salut aus, den man sonst nur von Okha oder den Akademieabgängern kannte:: "Lieutenant Commander Parker meldet sich wie befohlen Sir."
"Rühren Commander, bitte setzen Sie sich doch." Lucas war die Höflichkeit in Person und war über Lightnings Beherrschung mehr als nur überrascht. Selbst aus ihren Augen war die Wut verschwunden.
"Ich will jetzt mal ganz offen mit Ihnen sprechen Diane", kurz zuckte der Mundwinkel seines Gegenübers, "es ist mir grundsätzlich egal, ob Sie eine Dartscheibe mit meinem Bild spicken und sich daran abreagieren. Aber in der Öffentlichkeit, werden Sie mich mit dem Respekt behandeln, der mir durch die Rangabzeichen die ich trage von rechts wegen zusteht. Und sollten Sie auch nur noch ein einziges mal meine Autorität untergraben, werde ich Sie als Exempel nehmen, um die Ordnung in diesem Geschwader wieder herzustellen. Und seien Sie versichert, Mr. Cartmell wird sich riesig darüber freuen nicht mehr der einzige fliegenden Ensign in diesem Geschwader sein."
Lucas setzte erneut sein feines Lächeln auf: "Ich denke ich habe mich deutlich genug ausgedrückt oder?"
"Aye Sir, klar und deutlich. Wäre das alles?" Lightning machte einen gefassten Eindruck.
"Ja, das wäre alles, Sie dürfen wegtreten."
Sie nickte zum Abschied und verließ das Büro ihres Kommandeurs mit so viel Würde wie sie aufbringen konnte. Eine Würde, um die Lucas sie beneidete, weil er in ihrer Situation sie sicherlich nicht gehabt hätte.
Vor der Tür jedoch ließ sie ihre Schultern sinken und strebte schnellen Schrittes die Sporthalle an. Sie brauchte einen Sandsack.
Tyr Svenson
08.05.2004, 08:49
Jean Davis zögerte kurz, bevor sie anklopfte. Das war jetzt der zweite Brief ihres älteren Bruders, den sie überbringen würde. Es war nicht einfach gewesen beim ersten Mal und auch jetzt hatte sie ein unangenehmes Gefühl. Aber es war der Wunsch ihres geliebten Bruders gewesen, daß diese Briefe nach seinem Tod weitergeleitet wurden. Und Darkness, Ace‘s Flügelmann und Freund, hatte sie ihr gegeben – jetzt war es Jean's Aufgabe und Verpflichtung. Nach dem etwas unangenehmen Treffen mit Lilja hoffte sie, daß es diesmal besser ausging. Soviel sie wußte war dieser Kano Nakakura, sein Callsign war „Ohka“, in der selben Staffel wie Lilja gewesen. Hoffentlich war er nicht genau so eingestellt...
Die letzten Tage waren ohnehin nicht einfach gewesen. Master Sergeant Schiermer tat alles, um sich bei seinen Soldaten unbeliebt zu machen und (wie Corporal „Pork“ es recht poetisch umschrieb) bei ihnen „das Arschwasser zum Kochen zu bringen.“ Und bei Fehlern war er noch gnadenloser als vorher.
Jean faßte sich ein Herz und klopfte. Auf ein undeutliches „Herein“ trat sie ins Zimmer.
Momentan war nur eine Person in der Doppelkabine. Der junge Mann war ziemlich hochgewachsen und trug sein nackenlanges Haar, etwas vorschriftswidrig, zu einer Art Zopf gebunden. Er hatte ziemlich bequem auf seiner Koje gelegen und anscheinend einen Brief geschrieben. Bei Jeans Anblick runzelte er verwirrt die Stirn und kam auf die Beine. „‘Tag, Jarhead. Was bringt dich denn hierher?“ Er grinste, ein durchaus einnehmendes Lächeln: „Oder rekrutiert das Korps jetzt eigene Raumflieger?“ Er stand offenbar nicht so sehr auf Formalismus wie zum Beispiel Lilja.
„Nein. Ich suche Ohka. Ich meine Lieutenant Kano Nakakura. Sie...“
„Ich bin Crusader. Kanos Flügelmann. Was will denn ausgerechnet das Korps von unserem Samurai?“
„Es geht um etwas...Persönliches.“
„So,so...“ Crusaders Lächeln vertiefte sich, bekam aber eine gewisse, spöttische Note. „Na, da muß ich dich warnen, Private. Ohka ist schon vergeben und außerdem anscheinend monogam. Keine Chance...“
Jean fühlte, wie sie rot wurde. Dieses Geflaxe ging ihr auf die Nerven: „Nein, Sir. Darum geht es nicht. Ich will nur mit ihm reden!“ Ihre Stimme klang leicht gepreßt, was das Amüsement Crusaders noch zu erhöhen schien. Aber wenigstens bequemte er sich jetzt, eine vernünftige Antwort zu geben: „An deiner Stelle würde ich mich beeilen. Zur Zeit dürfte er in der Kantine sein. Aber in `ner halben Stunde müssen wir wieder raus – Systempatrouille. Du findest ihn ganz einfach. Es gibt nicht viele japanische Piloten bei uns, die außerdem noch `nen Ladestock verschluckt haben.“
„Danke, Sir.“ Jean beschloß, den Brief trotzdem jetzt noch abzugeben. Sie hatte die Sache lang genug vor sich hergeschoben – und wer wußte, wann sie bei Schiermers exzessiven Drillprogramm mal wieder Zeit fand.
Die Kantine war ziemlich leer. Deshalb hatte Jean Davis keine großen Probleme, den Piloten zu finden. Er saß für sich. Als sie noch ein paar Schritte von ihm entfernt war, drehte sich der Pilot plötzlich um und sah sie direkt an. Er konnte nur ein paar Jahre älter als Jean sein, wirkte aber in ihren Augen recht jungenhaft, vor allem auch, weil er wohl kaum größer als sie war. Das schwarze Haar war vorschriftsmäßig kurz geschnitten. Die schwarzen Augen musterten sie prüfend. Das Gesicht war ausdruckslos, seine Stimme ruhig: „Private?“
Sie nahm Haltung an und grüßte nach Vorschrift: „Sir, ich bin Jean Davis.“
Der Pilot sah sie einen Augenblick lang prüfend an. Dann erhob er sich und streckte ihr seine Hand entgegen: „Sie müssen Ace‘s Schwester sein.“ Allerdings blieb seine Stimme neutral.
„Er...hat einen Brief geschrieben für Sie, wenn er...“
„Ich verstehe. Mein Beileid. Aber...“ Der Pilot zögerte kurz und fuhr dann mit einem harten Unterton in der Stimme fort. „...es tröstet Sie vielleicht zu wissen, daß er einen schnellen und heldenhaften Tod starb. Den Tod eines Kampffliegers. Für seine Kameraden und die Republik.“
„Ich weiß.“ Jean fühlte, wie irgend etwas ihre Kehle zuschnürte. Diese oder ähnliche Worte hatte sie in den letzten Tagen mehrmals gehört. Es trat dennoch weh... Sie drückte Kano den Brief in die Hand. Der Pilot zögerte kurz, dann öffnete er den Umschlag mit schnellen, präzisen Bewegungen. Mit undeutbarer Miene sah er auf den Papierbogen vor sich.
Ohka-kun.
Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, bin ich gefallen.
Ich hoffe, es war tapfer in der Schlacht.
Und ich hoffe, Dir und Helen geht es gut.
Wenn es mich hinweg gefegt hat, dann hoffentlich in einem Feuerwerk, in einer brillanten Szenerie, wie sie sich selbst Meisterregisseure wünschen.
Und es hatte hoffentlich einen Hauch von tiefem Sinn. ,Diese Wünsche sind in Erfüllung gegangen. Du bist gut gestorben.‘
Ohka-kun, ich lege meine Aufgaben in deine Hände. Habe für mich ein Auge auf Shaka, Pinpoint und vor allem Helen.
Schieß für meinen Salut ein paar Akarii ab und ärgere an meiner Stelle unsere Oma ab und zu. Kano verzog kurz den Mund. Pinpoint war tot – noch vor Ace im Raumkampf gefallen. Ein weiterer Kamerad, der den Fliegertod gefunden hatte. Er ging auch davon aus, daß Shaka keinen Aufpasser brauchte. Und auch wenn Ace tot war, er würde bestimmt nicht die für ihn unverständlichen Streitigkeiten, die es zwischen Ace und Lilja gegeben hatte, reanimieren. Und Helen... ‚Draußen kann ich nicht auf sie aufpassen. Aber ich werde immer für sie da sein. Solange ich lebe.‘
Und wenn Du nicht gut zu Kali bist, dann komme ich aus der Hölle zurück und binde dich auf die Spitze meiner Phantom, um mit dir in die nächste Sonne zu fliegen.
Ich hoffe, Du behältst den verrückten, selbstverliebten Gaijin in freundlicher Erinnerung.
Und: Bleib am Leben, mein Freund.
Ace
‚Das kann ich nicht versprechen. Wir sind alle in der Hand des Schicksals.‘
Jean konnte nicht erkennen, ob der Brief bei dem Piloten irgend etwas auslöste. Die Miene des Japaners blieb verschlossen. Nur in seinen Augen glaubte sie ein oder zweimal kurz einen merkwürdig abwesenden Ausdruck zu erkennen – als hätte Kano auf Dinge geblickt, die nur in seiner Erinnerung zu sehen waren. Eine Frage aber hatte sie noch an den Piloten: „Eine Frage, Lieutenant...“
Der Pilot winkte ab: „Sagen Sie Ohka. Momentan bin ich nicht im Dienst.“
„Waren Sie Ace’s Freund, Ohka?“
Kano musterte sie ein paar Augenblicke. Als er antwortete schien seine Stimme nachdenklich, fast zögerlich: „Freunde? Wir waren Kameraden. Wir...verstanden uns gut. Und wir...es gab einen Menschen, der uns beiden viel bedeutete.“
Jean erkannte, daß sie mehr wohl nicht zu hören bekommen würde. Langsam fragte sie sich, ob alle Piloten so verschlossen waren. Aber dann entschloß sich Kano, doch noch etwas hinzuzufügen: „Wenn Sie wissen wollen, wie Ace war – hier draußen... Fragen Sie Darkness, er ist auf zwei Feindfahrten Ace’s Flightleader gewesen. Und...fragen Sie Kali.“
„Danke.“
Nachdem die Marinesoldatin gegangen war, blieb Kano noch einige Zeit an dem Tisch sitzen. Sein Essen rührte er aber nicht mehr an. In ihm arbeitete es. Ace hatte einen guten Tod gehabt. Trotzdem, dieser Brief brachte Dinge hoch, die schmerzten. Und vor allem – es würde Helen schmerzen, die Ace’s Tod wohl immer noch nicht verarbeitet hatte. Nun, was konnte er tun. Er konnte nur für sie da sein – wenn sie seine Hilfe brauchte und wollte. Mit einer angeekelten Bewegung schob er das noch halbvolle Tablett beiseite. Ein Blick auf den Chronometer brachte Kano auf die Beine. Die Dienstroutine griff wieder. In zehn Minuten würde sein nächster Flug beginnen. Wahrscheinlich wieder nur ein ereignisloser Routineflug. Und wenn nicht... Nun wenn es zum Schlimmsten kam, dann konnte er nur hoffen, ein ähnliches Ende wie Ace zu finden. Den Tod eines Kamikazepiloten.
Kano setzte sich in Trab. Auf keinen Fall wollte er Darkness schon wieder unangenehm auffallen, weil er zu spät kam.
Cattaneo
08.05.2004, 09:24
Lightning musterte die Pilotin, die vor ihr Platz genommen hatte. Sie kannte Lilja inzwischen gut genug, um an die Eigenheiten der Russin gewöhnt zu sein. Vor allem an die Mischung aus zackigem Auftreten, unlesbarem Gesicht und einer gewissen Unsicherheit. Die war freilich nur für Vorgesetzte sichtbar, die Lilja gut kannten. Ein leicht nervöses Flackern im Blick, nur für einen Augenblick, ein zuckender Muskel – mehr war nicht zu sehen. Aber Lightning wußte, daß Lilja gerade dann unter Versagensängsten litt, wenn sie Verantwortung für andere übernahm. Nur ließ ihre XO sich das natürlich nicht anmerken und war immer fest entschlossen, sich durchzubeißen. In etwa wie jetzt. Lightning verkniff sich ein schiefes Grinsen. Lilja war niemals zufrieden, wenn sie nicht wirklich perfekte Arbeit leistete, nach den eigenen Maßstäben schaffte sie das jedoch selten – und sie ließ sich auch nicht beruhigen.
„Also, wie sind die Ergebnisse des Trainings?“
Lilja straffte sich noch etwas mehr, wobei sie schon vorher den Eindruck gemacht hatte, sie sei bereit, im nächsten Augenblick mit der Geschwindigkeit einer startenden Typhoon aus dem Sessel aufzuspringen. „Nach Auswertung unserer Simulator- und Übungsleistungen schätze ich, daß wir im Spitzenfeld liegen, was Eskort- und Abfangeinsätze angeht.“ Die Russin hatte es zum Gutteil übernommen, die Grüne Staffel einsatzbereit zu machen. Seit sie einmal von Lightning einen Rüffel kassiert hatte, war sie in der Hinsicht noch sorgfältiger und unermüdlicher vorgegangen als ohnehin schon. Sie hatte einzelne Sektionen oder die ganze Staffel gegen andere Staffeln und simulierte Einheiten der Akarii fliegen lassen – immer wieder, manchmal stundenlang. Inzwischen zeigte es Wirkung. Natürlich war die Staffel nicht unbedingt die beste Einheit an Bord, aber sie lag recht weit vorne, vor allem in den klassischen Aufgabenbereichen der Abfangjäger. Immerhin hatte die Staffel noch einen ordentlichen Anteil an Veteranen in ihren Reihen. Und Lilja gehörte als Zuchtmeisterin zu den energischsten Offizieren an Bord.
Deshalb war Lightning geneigt, ihr Glauben zu schenken. „Wie steht es mit der Zusammenarbeit?“ Das war teilweise ein kritischer Punkt gewesen.
„Inzwischen sind die Neulinge voll integriert. Die Flights arbeiten weitestgehend ohne Probleme. Die Verluste auf Grund mangelnder Kooperation sind um 30 Prozent gesunken.“ Die Stimme der Russin hörte sich etwas gepreßt an. Jede Verbesserung war nicht nur ein Erfolg – sie war auch der Beweis, daß es vorher nicht ganz optimal gelaufen war. Und das war für Lilja immer das Eingeständnis eines Fehlers ihrerseits. Ungeachtet dessen, daß es nur logisch war, daß die Piloten einfach etwas Zeit brauchten, um sich aneinander zu gewöhnen. Man mußte einfach erst mal im Blut haben, wie der Kamerad reagierte, was für einen Flugstil er hatte. Die „Flitterwochen“ waren bei Neuzusammenlegungen einfach nicht zu umgehen, auch wenn man es noch so sehr forcierte.
Punkt für Punkt ging Lightning die Leistungen der Schwadron durch. Zeigten einzelne Piloten Anzeichen von Überlastung? Wie war ihre soziale Zusammenarbeit? Gab es Probleme mit anderen Staffeln und deren Mitgliedern? Disziplinarprobleme?
Vor allem der letzte Punkt war von nicht geringer Bedeutung, da es in der Staffel ein oder zwei „Spezialisten“ gab. Aber Lilja erklärte auch hier, daß es keine Probleme gäbe, beziehungsweise diese kontrollierbar seien.
„Dann ist die Staffel also voll einsatzbereit.“ Lightning blickte Lilja gerade in die Augen. Und diesmal wandte die Russin ihren Kopf nicht leicht zur Seite oder schlug den Blick nieder. Stattdessen nahm sie Haltung an und erwiderte nur: „Voll und ganz einsatzbereit.“
Die Kommandeurin nickte. Das deckte sich ungefähr mit ihrer eigenen Einschätzung. Aber sie hatte es auch von Lilja hören wollen, denn es war immer gut, wenn XO und Kommandeur einer Meinung waren. Außerdem konnte Lilja ruhig lernen, wie man seine Meinung gegenüber Offizieren vertrat, selbst wenn die sich nicht durch das Hacken zusammenschlagen und schneidige Salutieren täuschen ließen, das ebenso wie der kalte Gesichtsausdruck und die unterkühlte Stimme zu Liljas Wesen gehören schien. Und schließlich hatte die XO gute Arbeit geleistet, und dieses Gefühl wollte ihr Lightning auch vermitteln.
Nun, nachdem das geklärt war, konnte die Staffelchefin zum nächsten Punkt übergehen: „Gute Arbeit, First Lieutenant. Wir werden es bald nötig haben. Ich denke, wir können den Druck jetzt etwas zurücknehmen, schließlich geht es bald richtig los. Ich wünschte nur, man würde jetzt schon genauere Informationen herausgeben…“ Aber darauf bestand aus Gründen der Geheimhaltung wenig Hoffnung…
„Es gibt da aber etwas, das Sie sich durch den Kopf gehen lassen sollten.“ meinte Lightning, unvermittelt förmlich werdend. Die jüngere Offizierin, die offenbar damit gerechnet hatte, entlassen zu sein, verkrampfte sich wieder unmerklich.
„Haben Sie eigentlich mal darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn Sie die Staffel führen würden?“
In Liljas Gesicht war ein gewisser Anflug von Panik nicht zu übersehen, und diesmal mußte man nicht einmal sehr genau hinschauen.
„Nein, Commander. Ich meine, das wäre nicht angemessen. Und außerdem…“ sie gestikulierte. Lightning erbarmte sich ihrer. Erstaunlich, wie unsicher eine Frau reagieren konnte, die vermutlich schon Dutzende von Akarii auf dem Gewissen hatte, wenn man sie mit so etwas konfrontierte.
„Nein, ich habe nicht vor, mich abschießen zu lassen. Und auch von einer Versetzung zu einem anderen Posten ist mir nichts bekannt. Aber ich denke, Du...“ hier wechselte sie wieder in den eher vertraulichen Ton, den sie im Umgang mit ihren Untergebenen bevorzugte: „...mußt einfach damit rechnen, daß so etwas passieren könnte. Und sei es auch nur, daß ich für ein paar Wochen ausfalle. Dann hast du die Staffel am Hals. Du solltest dich darauf besser vorbereiten – schließlich bist du die XO. Ich habe dich nicht zuletzt für den Fall ausgesucht.“
Lilja schien mit sich zu ringen, sie klang schon beinahe außer sich: „Ich weiß einfach nicht, ob ich das schaffen kann. Ich meine, so wie Sie mit den Leuten umgehen. Ich kann das einfach nicht, gleichzeitig führen und einer von ihnen sein.“
Die Kommandeurin grinste nur schief: „Auch wenn es mir so lieber wäre – DAS ist keineswegs obligatorisch. Jeder Offizier hat seinen eigenen Führungsstil. Wenn du dich im Geschwader umschaust, dann findest du die verschiedensten Beispiele. Zuchtmeister, die kumpelhafte Tour. Oder Chaos.“ Mit letzterem spielte sie auf die „Radio-Phase“ der Roten Staffel an.
„Du mußt selber herausfinden, wie du es kannst, und wie es am besten für die Staffel ist. Aber du darfst es nicht vor dir herschieben und einfach sagen: ,Es wird schon nicht passieren.’“
Die Russin senkte den Blick. Ihre Stimme klang verlegen, leise.
„Ich weiß. Aber – es ist schwer sich das vorzustellen. Ich meine, ich habe es nicht einmal geschafft, meinen Flightkameraden am Leben zu halten. Eine ganze Staffel… Ich meine, es ist auch so schon schwer. Die Verantwortung für ein Leben, oder vier – aber dann für zwölf…“ Sie wirkte geradezu verängstigt – obwohl sie im Kampf ohne Probleme einen feindlichen Kreuzer heldenhaft-sinnlos angegangen wäre, wenn nötig. Vermutlich wäre es ihr auch lieber gewesen.
Lightning wirkte auf einmal müde. Sie dachte an die Leute, die sie geführt – und verloren – hatte. Acht Briefe hatte sie schreiben müssen in diesem Krieg. Zwei nach Mantikor, als die Hälfte ihrer Sektion gefallen war. Und sechs für Mitglieder von Staffel Grün. Es würden noch mehr werden, daran führte kein Weg vorbei. Die Toten hatten alle ein Gesicht, einen Namen. Wie lange noch, bis sie nur noch die Namen, und schließlich nicht einmal mehr die kannte? Wie lange zählte man die Toten?
In solchen Augenblicken war sie froh, kein CAG zu sein. Aber natürlich würde sie auch so eine Aufgabe übernehmen und erfüllen, wenn nötig. Aber sie fragte sich, wie man das aushielt – und in den Menschen mehr sehen konnte als nur Nummern, ohne daran zu zerbrechen. Vielleicht mußte man ein Naturell wie Cunningham haben, um das zu schaffen. Und das war kein Gedanke, der sie neidisch machte.
„Das wird nie leicht. Aber andererseits – die Schwachköpfe, die ihre Leute ins Grab führen, das sind meist diejenigen, die sich zu sicher sind. Die denken, sie seien unschlagbar. Und die zu sehr hinter ihrem persönlichen Ruhm hinterher jagen. Ich sage nicht, daß ein Staffelchef kein guter Pilot sein muß. Er muß es sein, damit seine Leute ihn respektieren. Und Abschüsse sind da wichtig. Aber sie dürfen nie an erster Stelle kommen. Vor allem muß man die Einheit als Ganzes im Blick behalten, und die Mission, mit allen Konsequenzen. Leicht ist es nie.“ Wobei mit allen Konsequenzen hieß, zur Not auch eigene Leute in den Tod schicken.
Sie blickte Lilja an: „Ich denke schon, daß du das Zeug dazu haben könntest. Immerhin habe ich dich zu meiner XO gemacht, und ich hasse es, wenn ich einen Fehler mache. Auf jeden Fall solltest du dich mit dem Gedanken mal beschäftigen. Dich vorbereiten. Im Krieg kann alles passieren, und du könntest schon morgen die Aufgabe haben, Staffel Grün ins Gefecht zu führen.“
Sie sah, daß sie einen ziemlichen Eindruck gemacht hatte. Nicht so sehr wegen des Inhalts ihrer Worte – Lilja wusste all dies wohl sehr genau, zumindest auf einer unbewußten Ebene. Aber die Russin hatte sich vermutlich nie wirklich ernsthaft damit beschäftigt, daß es auch zu ihren Aufgaben gehörte, im Notfall Lightning zu ersetzen. Irgendetwas hatte ihr in der Vergangenheit einen ziemlichen Dämpfer verpaßt und ließ sie vor so etwas zurückschrecken. Vielleicht hatte sie auch vor genau dem Angst, was Lightning so belastete. Als Staffelchef war man für jeden einzelnen Tod in gewisser Weise verantwortlich. Vor den Vorgesetzten, den Angehörigen, vor allem aber vor sich selbst. Und diese Konfrontation war unausweichlich, sie kam immer wieder. Es war schwer, sich immer sicher zu sein, man habe sein Bestes getan. Vor allem wenn die Verlustzahlen wuchsen. Die nagende Ungewissheit, ob nicht besseres Handeln vielleicht doch ein oder mehr Menschenleben gerettet hätte – die wurde man einfach nicht los. Zumindest wenn man kein total abgestumpftes Charakterschwein war.
„Also, Lilja – denk drüber nach. Ich habe ein bißchen Material für dich zusammengestellt. Beschäftige dich besser damit. Du leistest keineswegs schlechte Arbeit. Wenn wir hier heil rauskommen, solltest du dich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, daß der Krieg uns noch einiges bringen kann.“
Die Russin salutierte schweigend. In ihrem Gesicht rang Unsicherheit mit Stolz. Sie fühlte sich ohne Zweifel durch das Lob geschmeichelt. Auch wenn es zum Gutteil einfach eine Tatsache war. In der Staffel gehörte sie zu den Piloten mit der meisten Erfolgen. Sie kannte den Krieg – und war disziplinarisch kein solcher Problemfall wie Claw. Dazu hatte die Russin den meisten anderen First Lieutenants einiges an Erfahrung voraus. Sicher wäre Blackhawk ebenso gut als XO und Staffelchef geeignet gewesen – aber Lightning rechnete immer noch damit, daß man ihr den ehemaligen Ausbilder irgendwann wieder wegnehmen würde. In der Etappe würden sie inzwischen verzweifelt nach erfahrenen Lehrern suchen, die helfen konnten, das Ausbildungsprogramm durchzuziehen. Die Lücken, die man schließen mußte, waren groß. Und sie wuchsen von Tag zu Tag.
Außerdem hatte Lilja eine Bereitschaft gezeigt, Befehle sofort zu befolgen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Risiko. Und sie hatte Angriffsgeist – dabei aber genug Beherrschung, um nicht den Kopf zu verlieren. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, daß Blackhawk verheiratet war. Solche Piloten rief man eher wieder nach hinten, und es gab daneben auch noch den Grundsatz: „Junge Leute geben leichter auf – alte drehen schneller durch.“ Nun, bei Lilja war Aufgabe kaum eine Option, dazu haßte sie die Akarii zu sehr…
Und schließlich – sie kannte Lilja noch ein ganzes Stück länger als Blackhawk. Die Russin würde es schaffen, es schaffen müssen, sollte es darauf ankommen.
Lightning nickte ihrer Untergebenen zu. Was zu sagen gewesen war, hatte sie gesagt. Damit war der letzte Punkt ihrer Vorbereitungsliste abgehakt: „Also dann, Lieutenant. Wir sehen uns morgen bei der Staffelbesprechung.“
„Zu Befehl, Lieutenant Commander!“
Ironheart
21.05.2004, 18:08
Leinen Los
Die Kneipe „The Golden Merchant“
Fort Gibraltar, Barcelona-System
Das „Golden Merchant“ hatte seine besten Zeiten schon lange hinter sich gebracht, wenn es je so etwas für diesen Laden gegeben hatte.
Am Rande der den Menschen bekannten Galaxis gab es nicht viel Verkehr und damit auch nicht viel Kundschaft. Die Garnison war übersichtlich und der Handel eingeschränkt, erst Recht in Zeiten des Krieges. Nur die Tatsache, das Barcelona aus strategischen Gründen das Hauptquartier der sechsten Flotte beherbergte und als beliebtes Aufmarschgebiet für die Unterstützung der Colonial Confederation fungierte, sorgten für ein wenig Geschäft und Abwechslung.
„Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel“ moserte One-Eye Crow leise, seines Zeichen unverkennbar ein Nachfahre der berühmten Ureinwohner des Nordamerikanischen Terra-Kontinents, deren Klischee der Barbesitzer zumindest in der Hinsicht zu erfüllen schien, als das er den Anschein erweckte, ständig betrunken zu sein von dem Feuerwasser, das er an seine Gäste ausschenkte.
1st Lieutenant Diane „Lady Death“ Balestier grinste, ebenfalls schon deutlich angeschäkert, und wusste instinktiv, dass One-Eye Crow – der im Übrigen im Gegensatz zu seinem Namen noch über beide Augen verfügte – eine Show ohne Gleichen abzog. Diane wusste, welche Masche der Indianer abzog: Wenn seine Kunden dachten, er wäre genauso voll wie sie selbst, konnte er bessere Geschäfte machen, da Sie sich einbildeten, ihn über den Tisch ziehen zu können. Doch in Wahrheit wurden sie selbst übers Ohr gehauen. Wahrscheinlich so wie Diane´s Staffelkamerad Ensign Walter „Sparky“ Saskijewisz.
„Quatsch´ nich´, Mann…“ nuschelte „Sparky“ dann auch prompt, der selber so voll war, dass er einer Haubitze alle Ehre machen würde, während er versuchte mit seinem Finger in Richtung One-Eye Crow zu zeigen, dabei aber eher Bewegungen machte, die entfernt an einen Orchesterdirigenten erinnerten. „Hassu das Zeuch, wat ich bestellt hab´?“
Bei den letzten Worten beugte er sich konspirativ nach vorne, wobei er fast vom Barhocker gefallen wäre, wenn sein Nachbar Ensign Ian „Stinger“ Watrous ihn nicht gestützt hätte, und versuchte so leise wie möglich zu sein. An sich vollkommen unnötig, da die Angehörigen des Dirty Bunch – die die eine Hälfte der noch anwesenden Gäste bildeten – eh alle eingeweiht waren. Die andere Hälfte bestand aus Matrosen der Kaze, einer Fregatte deren Ruf mindestens, wenn nicht noch schlimmer ramponiert war, als der Ruf des Dirty Bunch.
One-Eye Crow spielte das Spiel mit und schaute sich langsam nach links und rechts um. Sparky und Stinger folgten seinem Blick genauso langsam, was Diane bei diesem grotesken Anblick zu einem Augenrollen verleitete. Schließlich antwortete ihm der Barbesitzer mit einem verschwörerischen Grinsen. „Jaaaahhh, hier habt ihr es.“
Dann schob er einen unscheinbaren braunen Pappkarton über die Theke. Mit großen Augen öffnete Sparky den Karton, schaute schnell rein und schloss ihn gleich wieder, mit einem kindlichen Grinsen in seinem aufgedunsenen Schweinchengesicht. Dann schob er seinerseits einen kleinen Umschlag über die Theke und machte dabei auch Kontrollblicke nach links und rechts, welche diesmal von One-Eye und Stinger imitiert wurden. Wenn Diane es nicht selbst sehen würde, hätte sie es nicht für möglich wie albern sich drei ausgewachsene Hornochsen verhalten konnten.
„Ey, lass´ mich auch ma´ guck´n.“ Stinger wollte nach dem Karton grapschen.
„Nix is´. Hab für gezahlt, werd´s kei´m gebn nich…“ lallte Sparky zurück und hielt seinen Karton fest umklammert.
„Kindergarten“ murmelte Diane, beachtete die beiden Streithähne nicht weiter und drehte sich auf Ihrem Barhocker sitzend um. Die Kneipe ähnelte einem Schlachtfeld, überall standen leere Gläser und Flaschen, umgestürzte Stühle und auf dem Boden verteilter Dreck. Betrunkene Matrosen, Soldaten und Piloten saßen um die Tische, mehr oder weniger aufrecht. Einige Volltrunkene, unter Ihnen auch 2nd Lieutenant Hwang-Choi “Whitey” Lee, der sich jeden Abend ihres Landgangs mit einer unglaublichen Beharrlichkeit hatte unter den Tisch saufen lassen, lagen mit dem Kopf auf der Tischplatte und schliefen bereits Ihren Rausch aus.
An einem weiteren, etwas abgelegenen Tisch erkannte Sie Ensign Nikolos “Ares” Roussos und Ensign Debbie “Whirlwind” Bahler die Köpfe turtelnd zusammenstecken. Wobei Diane bislang nicht aufgefallen war, das die beiden ein Paar waren, aber das musste nichts heißen, denn schließlich war Alkohol der beste Taufpate in punkto Paarfindung.
Wieder an einem anderen Tisch grölten 2nd Lieutenant Ruud „Windmill“ Verkerk und sein Flügelmann Ensign Andreas „Blitz“ Schäfer gemeinsam mit einem Sergeant der Marines und einem Matrosen der Kaze ein altes Sauflied. Ein merkwürdiger Anblick, wie Sie zugeben musste, wenn Sie bedachte, wie diese verschiedenen Waffengattungen doch normalerseits miteinander umgingen. Doch andererseits auch wieder nachvollziehbar. Es war für die meisten Mitglieder des Dirty Bunch das erste Mal seit langer Zeit, dass Sie Landgang bekommen hatten. Das Sie das exzessiv nutzen würden, war abzusehen gewesen. Denn wer wusste schonn, ob und wann Sie das nächste Mal Gelegenheit dazu kriegen würden. Dass Sie dabei schon vorgestern auf die nicht minder schrägen Typen der Kaze gestoßen waren, war eher Zufall gewesen und hatte nicht eher zur Zurückhaltung beigetragen.
´Abschaum und Abschaum verträgt sich eben gut` schoss es Ihr durch den Kopf, doch augenblicklich schalt Sie sich ob dieses Gedanken selber. `Du gehörst jetzt auch zu diesem Abschaum, Diane` ging es ihr bitter durch den Kopf.
One-Eye Crow unterbrach ihre düsteren Gedanken, indem er sich zu ihr beugte, während Stinger und Sparky sich weiter um den Inhalt des Kartons stritten. „Darf es sonst noch etwas sein, Lady Death?“
Diane grinste zurück. Hinter all dieser Fassade steckte eine enorme Geschäftstüchtigkeit, doch in diesem Fall hatte Diane ihre Geschäfte schon anderweitig gemacht. „Danke, One-Eye“ lächelte Sie und prostete ihm zu „glaub´ mir, wir sind bestens versorgt.“
Zwei Stunden später hatte sich der Dirty Bunch wieder auf den Rückweg zur Guadalcanal gemacht. Der Landgang war vorüber, in knapp zwölf Stunden würde die Operationsgruppe die Anker lichten.
Die acht Piloten torkelten mehr oder minder stark die Gangway zur Guadalcanal entlang und passierten die Schleusenwachen, die bei ihrem Anblick die Nase rümpften. Ein paar Gänge später, tauchte dann wie aus dem Nichts der XO der Guadalcanal, Commander Tang Chung, auf.
„Sieh an, sieh an!“ Ein gehässiges Grinsen umspielte den Mund des Commander, der sich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor die Piloten aufstellte. Hinter ihm standen zwei Seaman der Guadalcanal und versuchten ähnlich finster dreinzublicken.
„Nanu“ flachste Stinger „das GanZE, HALT. Kompanniiee, Stillgestand´n, hmmpfff….“ Und konnte sich schliesslich nicht mehr halten. Und während sich der Rest des Dirty Bunch ebenfalls laut prustend köstlich amüsierte, verengten sich Diane´s Augen zu Schlitzen. Das Auftauchen dieses Kettenhundes konnte kein Zufall sein. Da bedeutete die Schleusenwachen mussten den Auftrag gehabt haben, den Ersten Offizier zu verständigen, sobald der Dirty Bunch wieder das Schiff betrat. Und das bedeutete, was Diane schon längst vermutet hatte: Chung hatte sie auf dem Kieker und das war nicht unbedingt gut.
„Ihr seid ja alle betrunken“ bemerkte Chung angewidert, nachdem er die Piloten einen Augenblick betrachtet hatte.
„Wir hatten Ausgang, Sir“ antwortete ihm Diane mit ausdrucklosem Gesicht und so nüchtern wie möglich.
„Ich weiß, ich weiß. Sie hatten Ausgang. Das legitimiert sie aber nicht dazu, sich derMASSEN GEHEN ZU LASSEN…“ Chung stoppte in seiner Gardinenpredigt, die kontinuierlich in Gebrüll ausgeartet war, als er sah, dass Sparky etwas zu verbergen versuchte. „Was ist in diesem Karton“ fragte der XO schließlich mit einem triumphierenden Grinsen im Gesicht, während er zu Sparky schritt und sich, die beiden Seaman im Schlepptau vor ihm aufbaute.
„Welch`m Karton?“ lallte Sparky schwankend, wobei er lächerlicherweise versuchte denselbigen hinter seinem Rücken zu verstecken.
Mit einer Mischung aus Abscheu und Zorn im Blick herrschte ihn Chung an. „WELCHER KARTON? DER HINTER IHREM RÜCKEN; MANN!!!“
„Ach, deeeer…“ Sparky holte den Karton umständlich hinter seinem Rücken hervor und tat so, als ob er sich des Besitzes desselbigen gar nicht bewusst gewesen war „na sieh` ma´ einer guck´. Hab ich doch tatsäschlisch ´nen *Hicks* Karton inner Hand, böser Karton, böser…“ Ein paar andere kicherten jetzt leise, was Chung erst Recht auf die Palme brachte.
„REDEN SIE KEINEN MÜLL, MANN. HER DAMIT!“ Chung brüllte so laut, dass sich Stinger, Windmill und Blitz das Gesicht verziehend die Ohren zuhielten.
Sparky torkelte nach vorne und übergab dem Commander, dem vor lauter Wut die Halsschlagader deutlich sichtbar pulsierte, das Paket.
Dieser riss es mit gefletschten Zähnen auf, wohl in der Hoffnung etwas zu finden, was es ihm erlauben würde, dieses Pack sofort dorthin verfrachten zu dürfen, wo es in seinen Augen hingehörte, nämlich zurück ins Gefängnis.
Doch seine Gesichtszüge entgleisten förmlich, als er den Inhalt erkannte.
„WAS IST DAS DENN…?“ brüllte er fassungslos, griff in den Karton und ließ den Inhalt durch seine Hand gleiten.
„Kaugummi“ grinste Sparky zurück. „In all´n Sort´n. Woll´n se eins?“
Wütend starrte Chung von einem zum anderen, ehe sein Blick schließlich den von Diane kreuzte und haften blieb.
„Ich krieg euch noch, verlasst euch drauf. ICH KRIEG EUCH NOCH.“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt und stampfte davon.
Als er um die Ecke verschwunden war, begannen die Piloten laut an loszuprusten, selbst Diane musste lachen. Das Ganze würde noch ein Nachspiel haben, dessen war sie sich sicher, aber das war Ihr im Moment egal. Wenn Sie erstmal da draußen waren, dass spürte Sie irgendwie, war es soundso bald Schluss mit lustig.
Immer noch lachend machte sich die Horde Ex-Sträflinge auf den Weg zu den Quartieren um sich den Rausch auszuschlafen.
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Krankenstation der Ontario
Fort Gibraltar, Barcelona-System
„Schön, dass Sie endlich den Weg zu mir gefunden haben, Captain. Ich wollte schon auf der Brücke anfragen lassen, ob Sie sich vielleicht verlaufen haben.“ Die Stimme der schlaksig wirkenden Frau im Arztkittel, die mit vor der Brust verschränkten Armen fast schon trotzig auf eine Reaktion wartete, troff förmlich vor Sarkasmus. Und ihr war deutlich anzusehen, dass Sie bewusst provozierte.
Als dann eine Antwort ausblieb und Vijadh Singh sie stattdessen aus seinen dunklen Augen regungslos anblickte, legte Doktor Elaine Goordelans den Kopf beiseite, was ihre schlohweißen Haare etwas durcheinander brachte, und schüttelte langsam den Kopf.
„Captain? Hallo?“ Sie runzelte die Stirn.
„Entschuldigen Sie Frau Doktor, ich war in Gedanken.“ Es war nicht die überaus korrekt höfliche Art, die die erfahrene Ärztin überraschte, sondern vielmehr ein kleiner Anflug eines schelmischen Lächelns, das Sie im Gesicht des dunklen Kapitäns bisher noch nie gesehen hatte. Nicht dass Sie ihn überhaupt sonderlich häufig zu Gesicht bekommen hatte, weder als Patient noch als Vorgesetzten. Fast hatte sie den Eindruck, dass der Kapitän ihr aus dem Weg ging.
„Darf ich fragen, wo Sie bis jetzt waren? Sie sind mit Ihrer Untersuchung erheblich in Verzug geraten.“
„Ich war beschäftigt, Frau Doktor“ antwortete Singh trocken.
„Zu beschäftigt, um eine Routineuntersuchung durchführen zu lassen, um die ich sie schon vor 4 Wochen gebeten habe?“
„Zu beschäftigt, um mein Schiff auf einen Krieg vorzubereiten.“ Singhs Stimme hatte eine feine Nuance an Strenge zugenommen, doch er blieb weiterhin höflich gegenüber seiner Chefärztin.
Doch so leicht ließ die Doktorin im Range eines Commander nicht locker. Wenn es jemand auf diesem Schiff gab, der es wagen konnte, Singh die Stirn zu bieten, dann war Sie das. Mit ihren 52 Jahren war Sie schon lange aus dem Alter raus sich bei diesem alten Haudegen anbiedern zu müssen. Und solche störrischen, alten Knochen hatte Sie in Ihrer Laufbahn schon zu Hunderten als Patient gehabt, ob nun Kapitän eines Kriegsschiffes oder nicht.
„Captain, es wäre ihre Pflicht gewesen, früher bei mir zu erscheinen.“
„Lassen Sie es gut sein, Frau Doktor. Nun bin ich hier, was kann ich für sie tun?“
Die lapidare Antwort machte die resolute Ärztin zunächst baff. Sie war aufgebracht über die sorglose Haltung Ihres Vorgesetzten und Patienten zugleich.
Kopfschüttelnd umrundete sie Ihren Tisch und setzte sich auf ihren Platz. Im selben Augenblick meldete sich ihre Inbox mit einem lauten Ping und die Laborergebnisse der Blutprobe, die Singh vor einer halben Stunde bereits abgenommen worden war, erschien auf Ihrem Monitor. Langsam und schweigend ging sie die Ergebnisse durch. Alles schien soweit in Ordnung zu sein, bis auf…
„Lopolin?“ Der Nachweis einer ungewöhnlich hohen Dosis dieses Stoffes in der Blutprobe des Captain erregte Ihre Aufmerksamkeit.
„Ein Schmerzmittel.“
„Das weiß ich selbst, Kapitän. Und zwar ein verflucht Starkes. Die Frage ist nur, für was Sie es brauchen?“
„Wer sagt, dass ich es brauche?“ wich Singh der Frage der Ärztin aus, was dieser aber sofort auffiel.
„Ihre Blutwerte, Captain!“ Und bei diesen Worten zeigte Sie mit ausgestrecktem Finger auf Ihren Bildschirm.
„Ab und an habe ich etwas Kopfschmerzen. Dagegen hilft es sehr gut.“
Sie schüttelte den Kopf. „Na kein Wunder, bei dem Zeug. Ein bisschen mehr davon und Sie könnten einen wilden Elefanten beruhigen. Ich werde Ihnen ein paar normale Kopfschmerztabletten verschreiben. Wie viel haben Sie noch davon?“
„Nur noch Restbestände.“
Goordelans Augen verengten sich ein ganz kleines bisschen. Irgendwas in seiner Stimme alarmierte Sie. `Er sagt nicht die Wahrheit` schien Ihr eine innere Stimme zuzuflüstern. Doch was sollte Sie tun, ihren Kapitän womöglich grundlos der Lüge bezichtigen?
„Worin liegt die Ursache?“ bohrte Sie weiter nach.
„Das weiß ich nicht, es kommt ja auch selten vor, dass ich die Tabletten nehme.“
„Die Blutwerte sprechen da aber eine andere Sprache. Wir sollten Sie eingehend untersuchen lassen, damit wir…“
„Das kommt gar nicht in Frage!“ Mit einem Mal war die Freundlichkeit aus Singhs Miene verschwunden und eisige Härte war an deren Stelle getreten.
„Aber, Sir, wenn wir es nicht untersuchen…“
„Ich habe Nein gesagt, Frau Doktor. Ich habe derzeit anderes zu tun, als mich irgendwelchen langwierigen Untersuchungen zu unterziehen. In 8 Stunden laufen wir aus, falls Sie das vergessen haben sollten.“
Sie zog die Stirn kraus, dieser Ausbruch war in Ihren Augen durchaus besorgniserregend. Der Laborbefund war ansonsten harmlos und um die Ursache zu erkennen, bräuchte Sie mehr Zeit und vor allem mehr Untersuchungen. Doch wenn sich Singh weigerte, konnte Sie momentan nicht viel tun. Sie nahm sich vor das Ganze zu beobachten und zu warten, bis Sie es ihm nachweisen konnte. Doch andererseits hatte Sie nicht vor, das Schlachtfeld so leicht zu räumen.
„Gut, wie Sie meinen, Sir. Aber dann haben Sie sicher nichts gegen eine Nachuntersuchung nächste Woche?“
„Warum denn das?“ polterte Singh jetzt los, sichtlich ungehalten über diese Maßnahme.
„Damit ich ihre erhöhten Lopolin-Werte noch einmal überprüfen kann.“
„Ich kann nicht jede Woche bei Ihnen vorbei kommen und meine Zeit verplempern“ motzte Singh jetzt energisch „wir haben hier auch noch einen Krieg zu führen.“ Dann stand er verärgert auf und verließ ohne ein weiteres Wort ihr Büro.
Goordelans blieb zurück mit einem merkwürdigen Gefühl im Bauch. Ein Kapitän, der starke Schmerzmittel zu sich nahm, aus welchem Grunde auch immer, konnte ein potenzielles Risiko bedeuten. Sie musste der Sache auf den Grund gehen und dem Captain klar machen, dass er wert auf seine Gesundheit legen musste.
Es war ihre Pflicht und dafür würde Sie schon sorgen, ob er nun wollte, oder nicht.
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Die Brücke der Ontario
Fort Gibraltar, Barcelona-System
Die Vorbereitungen zum Auslaufen waren abgeschlossen, alle Schiffe der Einsatzgruppe hatten Bereitschaft gemeldet. Igor wusste nicht, wie es auf den anderen Schiffen gewesen war, aber er konnte sich denken, dass es mitunter drunter und drüber gegangen sein musste. Selbst auf der Ontario hatten er und Harun bis zuletzt noch alle Hände voll zu tun gehabt um die Vorbereitungen zu finalisieren. Irgendwas ging immer noch schief, vor allem wenn es nicht danach aussah. Sei es, dass die Kombüse feststellte, dass fehlerhafte Ware geliefert worden war oder sei es, dass die Schadensminimierungsteams noch fehlende Ausrüstung vermissten. Von fehlenden oder auf den letzten Drücker noch an Bord kommenden Crewmen ganz zu schweigen. Obwohl Singh klare Order gegeben hatte und unnachgiebig war mit denen, die sich daran nicht hielten, geschahen bei mehr als
Doch jetzt war alles optimal vorbereitet und die Ontario war bereit zum Auslaufen. Ein Gefühl der gespannten Nervosität hatte alle Mitglieder an Bord erfasst, das spürte man. Igor war sich zwar sicher, dass dieses Gefühl in den nächsten Wochen stetig abnehmen würde, bis sie ihr Einsatzziel erreichen würden. Aber jetzt und hier herrschte eine gewisse Vorfreude und Spannung.
Es war insgesamt die vierte Feindfahrt die Igor mitmachte und damit gehörte er zu den erfahrensten Offizieren an Bord, mal abgesehen von Captain Singh und Doktor Goordelans. Und wenn man nur die Feindfahrten gegen die Akarii mitzählte, war er sogar erfahrener als die beiden. Aber es war auch Igor´s erste Fahrt als Erster Offizier, auf seiner allerersten Feindfahrt war er noch als 1st Lieutenant für die Ortung zuständig gewesen, hatte sich bewiesen und hatte dann zwei Fahrten als Zweiter Offizier gemacht, war erneut ausgezeichnet worden, hatte immer exzellente Beurteilungen erhalten und so hatte man ihn folgerichtig zum Ersten Offizier befördert und auf die Ontario versetzt. Und jetzt hatte er die Chance sich unter Captain Singh zu bewähren. Eine bessere Chance zum Perisher zugelassen zu werden, würde er wohl nicht bekommen.
Harun, der immer noch sichtlich mitgenommen war von Singhs neuerlicher Klatsche, machte hingegen immer noch einen desolaten Zustand. Igor hatte fast schon Mitleid mit ihm, obwohl er andererseits nur widerstrebend einsehen konnte, warum er Unfähigkeit noch dadurch fördern sollte, dass er nun Harun unter die Arme greifen musste. Wenn dieser seine Anforderungen würde erfüllen können, dann hätte auch Igor mehr Zeit für seine Aufgaben haben. So aber musste er den Zweiten Offizier noch mitschleppen und wurde vielleicht von diesem mit hinuntergezogen.
Doch es half alles nichts, Befehl war Befehl und Igor würde sein möglichstes tun, um Harun zu einem passablen Zweiten Offizier zu formen. Mehr würde aber wahrscheinlich nicht drin sein.
Und jetzt stand dieser Zweite Offizier vor ihm und dem Captain und erstatte seinen Bericht, dem Igor nur mit einem halben Ohr zugehört hatte, da er ihn bereits kannte, das er ihn sich vor knapp einer Stunde sicherheitshalber schon einmal angehört hatte um ein ähnliches Fiasko wie beim Briefing zu verhindern.
Mit Erfolg wie es aussah, denn Harun brachte relativ sicher die Fakten rüber und auch Singh, dem man wie immer nicht viel ansah, schien zumindest zufrieden genug zu sein um keine harten Zwischenfragen zu stellen.
Als Harun seinen Statusbericht mit der Bereitschaft aller Bereiche geendet hatte, dankte ihm Igor knapp und wandte sich überaus förmlich an seinen Kapitän. Die Rituale und Traditionen, die mit dem Auslaufen eines Kampfverbandes zu einer Feindfahrt verbunden waren, gehörten zu den Dingen auf die Captain Singh großen Wert legte.
„Sir, melde alle Bereiche grün. Die Ontario ist Bereit zum Auslaufen.“
„Was ist mit den anderen Schiffen der Gruppe.“
„Alle Schiffe haben Bereitschaft zum Auslaufen gemeldet, Sir. Wir sind eine halbe Stunde vor Plan.“
„Sehr gut, Eins-O, sehr gut. Mein Kompliment an Ihre Männer. Komm-Offizier, Rundspruch an alle Einheiten!“
„Aye, Sir. Rundspruch an alle Einheiten.“ gab der junge Warrant Officer, der im Moment die Kommunikationsanlage der Ontario bediente, routiniert zurück und führte den Befehl aus.
Als die Verbindung aufgebaut war, hob er den Daumen “Sir, Rundspruch eingeleitet.“
Singh schnappte sich das Funkgerät, konzentrierte sich kurz und begann „An alle Einheiten, hier spricht Captain Singh.“
Er machte eine kurze Pause um sicher zu gehen, dass auch alle Crewmitglieder sowohl auf der Ontario als auch auf den anderen Schiffen der Einsatzgruppe seine nächsten Worte würden hören können.
„In wenigen Minuten werde ich den Befehl zum Ablegen geben. Auf den Weg zu einer Feindfahrt, deren eigentliche Bedeutung vielen nicht bewusst sein dürfte.“
Die sonore dunkle Stimme des Kapitäns wurde übertragen auf alle Schiffe der Einsatzgruppe und Igor konnte sich die Mannschaften und Offiziere förmlich vorstellen, wie sie jetzt an den Worten des Einsatzgruppenleiters hingen. In seinen Augen wurde diese traditionelle Ansprache häufig genug unterschätzt, da sie eine gute Gelegenheit bot, die wesentlichen Dinge aus Sicht des Kommandanten darzulegen. Klang dieser zuversichtlich, stärkte das die Moral der Truppe, klang er unsicher und nervös, so würde das auch bei den anderen sein.
Singhs Stimme vibrierte dagegen förmlich vor Zielstrebigkeit, Entschlossenheit und Sicherheit.
„Es gibt Stimmen, die behaupten, unser Auftrag wäre nichts weiter als eine aufgebauschte Aufklärungsmission. Und es gibt solche, die vermuten, dass wir uns auf einen Spaziergang begeben. Beiden Meinungen muss ich aufs Schärfste widersprechen.
Sollte es irgendwelche Zweifel an der Bedeutung dieser Mission geben, so kann ich Ihnen nur wärmstens das Studium der Geschichte nahe legen. Hannibal hatte Rom am Rande einer Niederlage, als er seine Streitkräfte über die Alpen führte und in Norditalien einfiel. Der zweite terranische Weltkrieg wurde nicht zuletzt dadurch entschieden, dass die Alliierten in der Normandie landeten, statt wie von Ihren Feinden erwartet bei Calais. Und Miles Cox hatte bei Regulus unter anderem deshalb so viel Erfolg, weil er sich eines bis dahin unbekannten Wurmloches bediente. Wenn uns also die Geschichte etwas gelehrt hat, dann das, dass es kriegsentscheidend sein kann, zu wissen, was auf der anderen Seite des Eurydike-Wurmloches ist.“
Singh machte eine kurze Pause um seine Worte einen Augenblick sacken zu lassen.
„Was auch immer uns auf der anderen Seite erwarten sollte, ich bin mir sicher, das wir in der Lage sein werden, damit fertig zu werden. Nein, mehr noch, wir werden unseren Auftrag erfüllen, da ich weiß, dass jedes Mitglied dieser Einsatzgruppe nichts Geringeres als sein Bestes geben wird.
Mögen die Götter uns schützen. Und lange lebe die Republik.
Singh Ende.“
Igor war sich dessen nicht bewusst gewesen, aber er hatte unwillkürlich bei Singhs Worten den Atem angehalten und seine Brust stolz anschwellen lassen. Er blickte sich um und erkannte in der Haltung und in den Augen aller seiner Kameraden denselben Ausdruck von stolzer Vorfreude, den die Worte des Captains in ihm hervorgerufen hatten. Igor hatte schon eine Menge Reden dieser Art gehört. Doch irgendwie hatten die vorherigen entweder zu pathetisch und übertrieben geklungen oder zu unsicher und ungewiss. Singh hatte es durch seine Worte und die Art und Weise WIE er es gesagt hatte, geschafft, dieses Gefühl der Erwartung in ihm und seinen Männern hervorzurufen.
Igor sah ein, dass er noch einen langen Weg würde vor sich haben, bis er jemals in der Lage sein würde dasselbe Gefühl in seinen Männern Singh zum Vorschein zu bringen.
Wenn er es denn überhaupt je schaffen würde.
„Komm-Offizier, Meldung an Fort Gibraltar. Kampfgruppe Magellan meldet Leinen Los. Senden Sie ein persönliches Danke Schön an Commodore Helene Kruger.“
„Aye, Sir“
„Eins-O, bringen Sie uns raus“ befahl Singh knapp.
„Aye, Sir“ nickte Igor Maleetschev von seiner Position aus und wandte sich an den Bootsmann am Ruder „Rudergänger, Leinen los. Alle Maschinen halbe Kraft voraus, nehmen Sie Kurs auf Sprungpunkt 265-B.“
„Aye, Sir, Leinen sind los.“ Der Rudergänger drückte einen Knopf auf seinem Armaturenbrett und die Ontario löste die Verbindung zur Raumstation Fort Gibraltar. Dann aktivierte er ein paar weitere Knöpfe und Schalter und schließlich bewegte er den Schubhebel langsam aber stetig nach vorne, so dass die Ontario Fahrt aufnahm. Igor wusste, dass es Ihnen die anderen Schiffe nachmachen würden und dass sie bald die vereinbarten Positionen einnehmen würden mit endgültigem Kurs auf ihr noch weit entferntes Ziel.
„Sir, eingehender Funkspruch der Kaze. Commander Schneider bittet um die Ehre, die vorderste Position einnehmen zu dürfen.“ Ein eiskalter Blick traf den Warrant Officer, der auf die Antwort seines Captain wartete. Igor war gespannt und schaute von seiner Position aus über seine Schulter um Singhs Reaktion zu sehen. Doch bis auf seine Augen schien dessen Miene wie üblich in Stein gemeißelt zu sein.
Die Anfrage war ungewöhnlich, da alle Kapitäne ihre Positionen bereits mitgeteilt bekommen hatten, aber sie war nicht vollkommen abwegig, da die Kaze als schnelles, schlagkräftiges Schiff prädestiniert für diese Position war. Daher war Schneiders Anfrage durchaus nachvollziehbar.
Pikant war allerdings, dass Singh der Kaze eine Position als Nachhut zugeordnet und der Buenos Aires den Befehl gegeben hatte, die Vorhut zu übernehmen. Igor hatte bereits vermutet, dass Schneider, dem nachgesagt wurde mit seinem Schiff gerne an vorderster Front sein zu können, das nicht so einfach hinnehmen würde.
Die Frage war eher, wie der Captain reagieren würde.
„Geben Sie mir die Kaze“ forderte er den Warrant Officer auf. Als die Verbindung aufgebaut war, holte er den Kapitän der Kaze auf den Schirm und stellte auf laut, so dass seine Führungsoffiziere mithören konnten.
„Commander Schneider, gibt es Schwierigkeiten bei der Interpretation meiner Befehle?“ Die eisige Stimme Singhs ließ Igor fast frösteln, doch Schneider blieb ruhig und gelassen.
„Sir, die Kaze ist das schnellste und stärkste Schiff der Einsatzgruppe…“
Singh unterbrach Schneider. „Sie glauben also, ich wäre nicht in der Lage die strategischen Eigenschaften Ihres Schiffes richtig zu analysieren?“
„Sir, dass habe ich nicht…“
„Und ferner sind Sie der Meinung, dass Commander Perrin und sein Schiff nicht in der Lage sind, diese Aufgabe zu übernehmen?“
„Sir, auch das habe ich nicht…“
„Und letztlich stellen Sie meine Befehle in Frage???“ Singh brauchte nicht zu schreien um mit seiner dunklen Stimme äußerst bedrohlich zu wirken und auch sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er wohl erkannte zu weit gegangen zu sein.
Igor spürte wie sein Mund langsam austrocknete und er war gespannt auf Schneiders Reaktion. `Das kann ja heiter werden` Sie waren noch nicht einmal fünf Minuten unterwegs und schon taten sich die ersten Spannungen auf.
Schneider überlegte wohl einen kurzen Augenblick, dann kehrte die Sicherheit in seine Stimme und in seinen Gesichtsausdruck zurück. „Nein, Sir. Die Kaze nimmt die ihr zugewiesene Position mit Freude ein.“
Igor war sich sicher, dass diese Spitze subtil, aber gewollt gesetzt war, in gewisser Weise ein versteckter Protest von Schneider. Igor wusste indes genau, warum Singh, der inzwischen die Verbindung hatte wieder schließen lassen und sich in seinem Kapitänssessel zurückgelehnt hatte, Schneider diese Position zugewiesen und ihm dann seine Bitte abgeschlagen hatte. Das war Singhs Art und Weise schon bei Kleinigkeiten klar zu stellen, wer das sagen hatte.
Doch irgendwie wurde Igor das Gefühl nicht los, dass Schneider wiederum hartnäckig sein würde und dass diese kleine Reiberei nicht die letzte gewesen war.
Ace Kaiser
21.05.2004, 22:05
Mit steinerner Miene saß Justus Schneider in seinem Sessel und starrte auf den Hauptbildschirm, der ein natürliches Luk ersetzte, wie es die Schiffe ihrer Vorfahren auf hoher See gehabt hatten.
Haruka Ishihiro wollte etwas sagen, um den Freund und Vorgesetzten zu trösten, aber er fand nicht die richtigen Worte. Wie alle anderen Offiziere hatte er miterlebt, wie Singh den Skipper – seinen Skipper – abgekanzelt hatte.
Nun, der Waffenoffizier verstand gut, viel zu gut, warum der Captain der ONTARIO das getan hatte. Die KAZE war mit ihrer Antiortungsbeschichtung und ihrem überragenden Ortungspotential die ideale Vorhut. Egal, welchen Ruf dieses Schiff hatte, jeder Flottenchef mit ein wenig Verstand musste das erkennen.
Oh, Ishihiro zweifelte nicht daran, dass Captain Singh das nicht auch erkannt hatte. Ihm ging es auch nur um etwas anderes. Er wollte Justus Schneider demütigen. Niederringen. Aufbringen. Ihn vernichten und dann durch einen Offizier nach seinem Gusto ersetzen.
In Singhs Augen war Schneider ein Stück Abfall, dass in einer Kloake obenauf schwamm. Und Singh war der Mann, der nach dem Stöpsel stocherte, um den Abfluss zu öffnen.
Die anderen Offiziere in der Zentrale warfen sich bereits ernste Blicke zu. Schneider so lange ernst und vor allem so steif zu sehen, beunruhigte sie alle.
Amber Soleil erhob sich halb, wollte ganz aufstehen und ihrem Vorgesetzten Trost zu sprechen, aber sie ließ es dann doch. Kurz huschte Röte über ihr Gesicht. Aber es schien eher Ärger als Verlegenheit zu sein.
Eawy Jones biss sich auf die Lippen, als eine Meldung auf ihrem Display erschien. Schließlich gab sie sich geschlagen und meldete: „Flaggschiff gibt Anweisung, die Geschwindigkeit um ein Drittel zu drosseln. Flottenchef möchte verhindern, dass die KAZE während des Durchgang durch das Wurmloch auf ein anderes Schiff auffährt.“
Commander Soleil fuhr in ihrem Sitz hoch. „Wie viele Kampfeinsätze hat dieser Arsch eigentlich weniger als wir?“, blaffte sie. Sie sah kurz zu Schneider herüber, aber der Mann regte sich noch immer nicht in seiner Starre. Resignierend schüttelte sie den Kopf. „Eawy, Befehl bestätigen. Geschwindigkeit reduzieren. Klar Schiff für Sprung.“
„Klar Schiff für Sprung, aye.“
Der Sprungalarm gellte durch das Schiff. Gurte wurden geschlossen, Schotten versiegelten sich. Die Minigolfanlage wurde geräumt, das Schwimmbad abgepumpt und auf dem Squashplatz ruhte für die Dauer des Sprungs der Endkampf um die Bordmeisterschaft.
Vor ihnen verschwanden die ersten Schiffe, als hätte es sie nie gegeben. Sie traten in das Wurmloch ein und überbrückten eine für den menschlichen Geist unfassbare Entfernung in einem winzigen Bruchteil. Sie sprangen in die Konföderation hinein.
Bevor die KAZE als letztes Schiff folgte, schlug Justus mit beiden Händen auf die Lehnen seines Sessels. „Er wird uns umbringen“, knurrte der Skipper der KAZE. „Dieser alte, senile Inder wird uns alle umbringen!“ Justus sackte fast in sich zusammen. „Und ich glaube nicht, dass ich es verhindern kann.“
Lieutenant Jones sah zurück und rief: „KAZE bereit zum beidrehen auf Ihr Zeichen, Skipper.“
Überrascht sah Schneider auf. Er sah die ernste Miene der jungen Pilotin, sah weitere, nicht minder ernste, aber entschlossene Gesichter.
Justus lachte leise. „Hat die KAZE nicht schon genug Dreck am Stecken?“
„Was, wenn der Sprungantrieb defekt ist?“, fragte First Lieutenant Ishihiro plötzlich. „Ein Schiff, das nicht springen kann, hat laut Vorschrift sofort den nächstbesten Flottenhafen anzulaufen.“
„Das wäre eine Desertation“, brummte Schneider.
„Nein, das wäre Dienst nach Vorschrift“, erwiderte Commander Soleil nicht weniger brummig. „Wenn ich eines gelernt habe, dann auf Ihren Instinkt zu vertrauen. Wir gehen mit Ihnen zurück, Justus, und wenn ich dafür eigenhändig den Antrieb zertrümmern muß.“
Erstaunt sah Schneider sie an. Und blickte erneut in ernste Gesichter.
Dann lächelte er. Das erste Mal seit der Besprechung an Bord der ONTARIO.
„Dies ist immer noch ein Kriegsschiff mit einem ernsten Auftrag“, sagte er mit fester Stimme. „Und ob es uns gefällt oder nicht, ein Kriegsschiff führt Befehle aus. Auch wenn sie von einem senilen Senioroffizier kommen. Springen Sie wenn bereit, Eawy.“
Die Pilotin sah erneut zu Schneider herüber. Fragend.
„Da draußen sind noch mehr Schiffe und tausende guter Raumfahrer unter Singhs Kommando. Wir können diese armen Teufel nicht sich selbst überlassen. Einer muß ja etwas Vernunft in die Einsatzgruppe bringen.“
„Skipper“, sagte Lieutenant Ishihiro, „wir folgen Ihnen sogar dorthin.“
„Na, da bin ich aber beruhigt“, erwiderte Justus leise. „Hat denn keiner Kaffee gemacht? Ach, und Amber. Die letzten fünf Minuten sind nie geschehen.“
„Aye, Skipper. Der Kaffe ist unterwegs.“
Dann kam der Sprung, und das Barcelona-System verschwand.
„Ortung!“, gellte der Ruf von Lieutenant Li auf. „Kreuzer, Burgund-Klasse, drei auf acht Uhr, elf auf Horizont. Entfernung zwei Lichtsekunden. Schiffe befinden sich im Stealth-Modus.“
„Burgund? Konföderationsschiffe. Die bewachen ein Wurmloch, dass in die Republik führt?“, murmelte Schneider nachdenklich. „Chun, melden Sie unsere Entdeckung dem Flaggschiff. Ich wette, von denen hat keiner die Kreuzer bemerkt. Entweder bringt uns das einen Pluspunkt bei Singh, oder er ahnt wenigstens, was die KAZE wirklich wert ist.
Ach, und Chun, adressieren Sie es an den IO der ONTARIO.“
„Aye, Skipper.“
Nachdenklich betrachtete Justus die Ortungsergebnisse. Misstrauten die Konföderierten etwa der kleinen republikanischen Flotte? War vielleicht Singh informiert? Und was wenn nicht?
Es war nicht ihre Aufgabe, auf konföderierte Schiffe im Schleichmodus zu feuern. Aber sicher würde ihre Existenz Fragen aufwerfen. Immerhin lag auf der anderen Seite dieses Wurmlochs das Barcelona-System mit Fort GIBRALTAR, dem regionalen Flottenkommando.
„Antwort vom Flaggschiff. Bestätigung des Eingangs der Meldung. Das war es.“
Justus ballte die Hände. Er war versucht, die Kreuzer mit einer harten Aktivortung zu erfassen, sie für alle Schiffe der kleinen Flotte sichtbar wie einen Christbaum zu Weihnachten zu machen. Dann ließ er es aber.
Stattdessen nippte er an seinem Kaffee. „Weiter im Auge behalten. Jede Änderung sofort an mich melden.“
„Aye, Skipper.“
**
Die harte Ausbildung zeigte ihre Spuren bei Jean Davis. Üppig gebaut war sie noch nie gewesen, aber das bisschen, was sie an Fettreserve gehabt hatte, war nun aufgebraucht. Das hatte sich nicht gerade gut auf ihren Busen ausgewirkt, aber sie hatte ein paar nette Muskeln aufgebaut, die ihr unter anderem halfen, das schwere Scharfschützengewehr zu bewegen.
Seit einiger Zeit war sie fast ständig müde. Der Stress zehrte an ihren Nerven, und sie wusste, den anderen im Platoon ging es ebenso. Der einzige, der immer seinen Spaß zu haben schien, war Howard. Hatte neulich im Nahkampftraining sogar Porks auf die Matte geschickt.
Davon prahlte er immer noch. Dass ihm der Corporal im Ausgleich fast den linken Arm gebrochen hatte, erzählte er wohlweislich nicht.
Die Freizeit war die letzten Wochen spärlich gesegnet gewesen.
Einige Rekruten hatten sich ernsthaft beim Captain beschwert.
Schmierer hatte natürlich davon erfahren und die ganze Bande zusammen gefaltet.
Sein Argument war wie immer natürlich, dass er sie nicht auf irgendeinen beschissenen Abschluss vorbereitete, sondern auf eine Gefechtssituation, die durchaus noch viel härter als das Training sein konnte.
Dann entschieden vielleicht die eigenen Reflexe über Leben und Tod.
Einen Vorgeschmack hatte die Enteraktion mit den Rettungskapseln gegeben.
Jean war angst und bange dabei geworden, als sie diesen verschreckten Hühnerhaufen in Aktion gesehen hatte. Und auf diese Idioten sollte sie sich verlassen, während Akarii Jagd auf ihren Arsch machten?
Und dann war da noch die Szene gewesen mit diesem Arsch aus dem 3. Platoon des Zerstörers gewesen. Er hatte tatsächlich eine Akarii-Zivilistin abgegrabscht.
Jean hatte ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, dem Trottel dafür ein paar Zähne auszuschlagen. Akarii und Menschen waren vielleicht im weitesten Sinne sexuell kompatibel, im rein biologischen, nicht im genetischen Sinne. Aber Jean konnte sich was Besseres vorstellen, als sich die Haut an Schuppen aufzureißen. Oder noch schlimmer, aufgerissen zu bekommen.
Zum Glück hatte Howard sie zurückgehalten. Bevor sie sich selbst strafbar gemacht hatte.
Schmierers einziger Kommentar dazu war irgendwas von wegen Wer sich nicht unter Kontrolle hat gewesen. Aber ihm war es sicher nur um die Ehre des Corps gegangen, nicht um eine unschuldige Zivilistin, die sicher Todesängste ausgestanden hat und noch immer musste… So gesehen war viel passiert. Sehr viel passiert.
Und es würde noch weit mehr passieren. Einzelheiten des Einsatzes waren durchgedrungen. Eine Landeoperation in einem hohlen Berg. Etwas in der Art.
Das es bald losgehen würde, erkannte Jean daran, dass Schmierer und Porks den Marines immer mehr Freizeit einräumte und bis auf das Konditionstraining sogar den Drill zurück schraubte.
Sie hatte die Freizeit der letzten Tage dazu benutzt, ihre Skills am Sniper aufzupolieren, was ihr sogar ein Lob von Schmierer eingebracht hatte. Na ja, Lob. Er hatte gemeint, ihr Weg zu einem richtigen Soldaten und Marine wäre nicht mehr so lang.
Aber letztendlich hatte sie das Training nicht auf sich genommen, um unter den Augen des Sarge zu brillieren. Ihr war es nur um eines gegangen. Ihre Freizeit aufzubrauchen, damit sie nicht weiterhin die Totenbriefe ihres Bruders austragen musste.
Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. Gestern, mitten in der Nacht hatte sie einen Brief an Albert Mbane ausgeliefert. Der riesige Schwarze hatte ihr emotionslos gedankt, den Brief gelesen und war ebenso emotionslos gegangen. Aus dem Knaben wurde sie nicht schlau. Im Fliegergeschwader war das Gerücht umgegangen, Mbane hätte ihren Bruder sehr verehrt, sogar kurzfristig sein eigenes Callsign in Ace umbenannt, war dann aber doch wieder zu Shaka zurück gekehrt.
In ihren Augen aber hatte der Second Lieutenant noch weit kälter als die Fliegerschlampe mit der Narbenfresse agiert.
Dagegen war die zurückhaltende Art von Lieutenant Nakakura regelrecht überschwänglich zu nennen gewesen.
Prüfend strich sie sich über die Ausgehuniform, bevor sie die schneeweißen Handschuhe überstreifte. Sie konnte sich nicht länger drücken. Da waren noch drei Briefe, die sie abliefern musste. Und es war wichtig, dies vor der Schlacht zu tun. Denn wer wusste schon, ob sie selbst überlebte? Oder die Empfänger?
„Na, gehst du wieder auf die Piste?“, scherzte Maggie Haggerty leise. „Willst du nicht vorher ein Likörchen mit uns zischen? Schmierer kommt heute bestimmt nicht mehr und macht einen Alarmdrill. Habe ein Vögelchen zwitschern hören, dass er mit dem Cap die ganze Nacht am arbeiten ist.“
„Ja, sie entwerfen einen Schlachtplan und testen ihn auf Schwächen“, bemerkte Colon und betonte es so, als handle es sich um Sex.
Die anderen drei Frauen auf der Stube lachten.
Jean lächelte leicht. „Später vielleicht. Vorher habe ich noch was zu tun“, sagte sie und hielt drei Briefe hoch.
Ein erschrockenes Raunen ging durch die Stube.
„Sag mal, Mädchen, wie viele hast du denn noch von den Dingern? Deinen Bruder, das Fliegeraß in allen Ehren, aber hat er bei all der Schreiberei auch noch nebenbei gekämpft?“
„Das frage ich mich auch langsam, Frauke“, erwiderte Jean übertrieben ernst und entspannte die Situation merklich. Die anderen Frauen lachten.
„Hey, ich habe mich mal ein wenig umgehört über deinen Bruder“, begann Colon leise. Die Latina grinste leicht. „Scheint so, als hätte er hier an Bord mehr Feinde gehabt als unter den Akarii. Was vielleicht damit erklärt werden kann, dass die wenigsten Akarii die Gelegenheit bekamen, ihm Feindschaft zu schwören.
Ich habe mir an dir mal ein Beispiel genommen und mit einem Lieutenant Commander von den Pilotenärschen angebändelt. Sehr einträgliche Sache, die. Hatte hervorragenden Tequila in einem Geheimversteck. Hässlich ist er auch nicht, und ab der zweiten Flasche sprudelt es aus ihm heraus wie ein Wasserfall.
Also, dafür, dass dieser Lieutenant Commander ihn hasst, scheint er deinen Bruder echt zu vermissen. Wenn dir das ein Trost ist, Professor.“
Sie warf der Sanitäterin einen mörderischen Blick zu. „Dieser Lieutenant Commander hieß nicht zufällig Curtis Long?“
„Äh, ja. Woher weißt du das?“, fragte die Latina erstaunt.
„Du, mein Schatz, hast Gestern Abend mit dem Empfänger des letzten Briefes geschäkert. Danke, dass du ihn vorgewarnt hast. Bei dieser Narbentussi habe ich schon gedacht, gleich greift ihr kaltes Herz auf den Rest der Körpers über und man kann mit ihr die Haupttriebwerke der COLUMBIA kühlen.
Aber dieser Long und mein Bruder hatten einen handfesten Streit.
Einmal ganz davon abgesehen, dass er der Sohn von Admiral Long ist, dem Kommandeur des Einsatzkommandos!“
Colon starrte Jean Davis aus aufgerissenen Augen an. „Du meinst, ich… Ach, in DIE Ecke gehört der Knabe. Wow. Wow. Das muß ich erst mal verdauen.“
Maggie deutete auf die anderen beiden Briefe. „Und wer kriegt die?“
Jean schaltete von ärgerlich auf verschmitzt um. „Frauen, meine Damen. Frauen.“
„Pilotentussies, hm?“, argwöhnte Enies Freyasdottir. „Auch solche Eisblöcke wie die mit der Narbensammlung? Du, ich habe die neulich mal von nahem gesehen, die kann einem echt Angst einjagen. Wenn die einen wütenden Blick drauf hat, dann wuchern die Narben auch über den Rest ihres Gesichts, ungelogen, und dann sieht es so aus, als wäre sie direkt aus der Hölle gekommen. Weiß der Teufel, warum sie freiwillig mit dieser widerlichen Fresse rum läuft, wo ihr jeder halbwegs gute Chirurg in drei Wochen ein neues Gesicht zaubern kann.“
„Vielleicht liegt es an der Flotte? Neue Fotos, neue Pässe, Änderungen in den Einträgen, eine endlose Prozedur“, kommentierte Maggie leise. „Soll angeblich Jahre dauern, so was. Da ist es vielleicht besser darauf zu warten, bis der nächste Unfall sie richtig verunstaltet, damit die Operation auch wirklich lohnt.“
„Ha, ha. Hat vielleicht einer von euch mal dran gedacht, dass sie vielleicht ne Lesbe ist, und mit dem Gesicht die Männer abschrecken will? Sie hat vielleicht ein süßes kleines Pilotenflittchen da draußen in ihrer Staffel und will sich durch nichts von ihr ablenken lassen. Dafür eignen sich die Narben doch bestens“, kommentierte Maria Ngele leise, die Sprengstoffexpertin in der Runde.
„Nun werdet nicht kindisch. Eisblock hin, Eisblock her, sie hat sicherlich ernsthafte Gründe, mit diesen Narben rum zu laufen.“ Davis schnitt den Wortschwall der anderen mit einer Handbewegung ab. „Aber davon mal abgesehen bin ich froh, nicht mehr in ihre Nähe zu müssen. Ich würde mich eher umbringen als freiwillig mit so einem Gesicht rum zu laufen.“
Jean winkte in die Runde. „So, ich muß los, Mädels. Macht nicht mehr so lange und feiert noch schön, ja?“
**
Auf dem Flur wäre sie fast in Ken Howard gelaufen. „Was willst du denn?“, fauchte sie ihn an.
Der große Marine warf ihr einen unschlüssigen Blick zu. „Du könntest ruhig freundlicher zu mir sein, Icequeen. Immerhin habe ich dich mitgeschleift, als du bei der Übung zusammen gebrochen bist.“
„Ach, du warst das.“ Für einen Moment wirkte sie unsicher. „Danke.“
Als sich Jean zum gehen wandte, meinte Howard: „Das war alles?“
„Das war alles, großer Junge. Und jetzt geh wieder zu den anderen und spiel schön mit ihnen. Mami hat noch zu tun.“
„Ich hätte dich liegen lassen sollen. Einfach liegen lassen sollen“, brummte Howard böse, aber es klang nicht sehr überzeugend.
Jean sah zurück. „Solange Dank für dich bedeutet, mich als Matratze zu bekommen, wirst du dich mit einem Danke zufrieden geben müssen, bis ich deinen Arsch retten kann.“
Abrupt wandte sie sich ab und ging durch den Gang.
Die anderen Marines auf dem Flur machten ihr respektvoll Platz. Einer geladenen Waffe machte man nun mal Platz.
2.
Nun war es also soweit, ging es Huntress durch den Kopf. Die vielen Trainingseinheiten, die Vorbereitungen, die Planungen, all das würde nun bald Früchte tragen.
Nicht mehr lange, und die COLUMBIA-Trägergruppe würde springen, um dem Krieg die Wende zu verpassen. Nein, das war nicht übertrieben. Mit dem nächsten Angriff fiel die Entscheidung, ob es ein langwieriges, verlustreiches Rückzugsgefecht geben würde, an dessen Ende eine kastrierte Republik stehen würde. Oder ein Patt mit den Akarii, was in Julianes Augen das Beste war, was man erreichen konnte.
Die letzten Tage und Wochen hatte sie es ruhig angehen lassen. Ihre Leute waren sehr gut aufeinander eingespielt und Chip hatte sich hervorragend integriert. Angesichts der offenen Feindseligkeiten zwischen Lightning und Lone Wolf hatte sie mehrmals offen Partei für die Schwesterstaffel ergriffen. Nicht, dass sie ernsthaften Dank dafür von Lightning oder Lilja erwartete. Und nicht, dass Lightning jemals darum gebeten hätte, egal, wie schlecht der CAG sie bei jeder Staffelführerbesprechung aussehen ließ. Aber es war das Richtige gewesen. Und egal, was Huntress damals beim großen Bruch mit ihr gesagt hatte, junge, hübsche Frauen in Kommandopositionen mussten einfach zusammen halten. Außerdem, so wie Lone Wolf mit Lightning umsprang, bedurfte die Situation automatisch etwas weiblicher Solidarität.
Der Schnitt der Blauen Staffel änderte sich seit Miramar nicht. Von der Performance und der Teamarbeit lagen ihre Aces for Redemption noch immer vorne – allerdings hart verfolgt von den Butcher Bears, der Nighthawk-Staffel der COLUMBIA. Und Darkness war einfach nicht freundlich genug, um seine Bears auf dem zweiten Platz zu lassen.
Letztendlich aber kam es auf den Kampf an. Dort entschied sich alles. Er würde die Trainings- und Staffelbewertungen schnell und nachhaltig ad absurdum führen, das wusste Huntress nur zu gut.
Aber ein guter Kampf war es, wenn so viele ihrer Schäfchen wie möglich nach Hause kamen.
Diese und ähnliche Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie auf dem Weg zum Besprechungsraum der Blauen Staffel war. Sie hatte es absichtlich so arrangiert, dass sie etwas zu spät kam. Das versicherte sie darüber, dass alle anderen bereits anwesend waren, wenn sie eintraf. Wenn nicht, würde sie sich die Betreffenden mal richtig zur Brust nehmen müssen. Immerhin waren sie immer noch eine militärische Einheit.
Juliane Volkmer grinste bei diesem Gedanken. Noch vor einem halben Jahr war ihr so vieles unerreichbar fern erschienen. Der halbe Streifen auf ihrer Ausgehuniform zum Beispiel, der sie vom First Lieutenant zum Lieutenant Commander beförderte. Die eigene Staffel.
Der Einsatz auf einem verdammten Großträger der Pegasus-Klasse.
Wohin würde der Krieg sie spülen? Endete es am Ende damit, dass sie selbst noch CAG wurde? Ihr schwindelte einen Moment bei diesem Gedanken. Die Arbeit als Staffelführerin erschien ihr schon viel zu viel. Was musste Lone Wolf da erst aushalten?
Juliane bog um eine Ecke und hatte den Besprechungsraum im Blick.
Ihn, und einen jungen Marine in Ausgehuniform, der vor der Tür auf und ab ging und dabei vollkommen unmilitärisch die Hände tief in der Hose vergraben hatte.
Unwillkürlich musste Huntress lächeln.
Das musste der Marine sein. Nein, korrigierte sie sich selbst. Das musste sie sein. Ein Mädchen. Exakterweise Cliffs kleine Schwester.
Als die junge Marine die Offizierin bemerkte, wollte sie salutieren. „Ma´am, ich…“
„Schon gut, Private Davis, lassen Sie den formellen Kram. Davon habe ich noch nie viel gehalten. Ich habe mich schon gefragt, wann Sie bei mir aufschlagen.“
Sie senkte den Blick. „Oder ob Ace mir auch einen Brief geschrieben hat.“
Jean Davis schien irritiert. Sie nestelte an ihrer Uniform, um einen Umschlag hervor zu holen, aber Huntress winkte ab. Seltsam zufrieden, dass sie tatsächlich einen Abschiedsbrief bekommen sollte. Nun konnte sie einige Sachen lockerer ansehen. „Schon gut, Private. Ich habe da keine Zeit für. Nicht im Moment.“
Enttäuschung stand im Gesicht der jungen Frau. „Wenn das so ist, Ma´am…“
Seltsam, in der Uniform, mit den blauen Haaren, die an der Schläfe heraus guckten, wirkte die Marine wie ein kleiner Junge. So ähnlich stellte sie sich Cliff vor, im Alter von vierzehn Jahren. Vielleicht etwas bulliger.
Huntress griff kurzerhand nach Jeans Arm und zog sie mit sich in den Besprechungsraum, bevor die Marine einen neuen Termin aushandeln konnte.
Demolisher spritzte von seinem Platz hoch und brüllte: „Achtung!“
Sofort sprangen auch die anderen Piloten hoch. Sogar Avenger, der bis eben noch in ein Gespräch mit dem XO vertieft gewesen war.
Huntress nickte zufrieden. Je näher die Schlacht kam, desto gieriger wurden ihre Piloten. Exakter, blutdurstiger. Bereiter. Für die entscheidende Schlacht.
„Rühren. Private, setzen Sie sich auf einen freien Platz. Wir reden später.“
Unsicher musterte Jean Davis die anwesenden Leute und unterdrückte ein erschrockenes aufkeuchen, als sie erkannte, dass sie der einzige Dienstgrad im Raum war. Zwölf Offiziere auf einen Raum zusammen gedrängt.
Eine asiatische Offizierin mit dem Namensschild Takahashi trat leger gegen einen Stuhl, der sich darauf hin so drehte, dass die Marine bequem Platz nehmen konnte.
Die Augen der Pilotin funkelten belustigt. „Platzen Sie, Private.“
Jean hauchte einen flüchtigen Dank und setzte sich. Dabei bewahrte sie eine steife Haltung, bemerkte Huntress, als hätte sie einen Besenstiel implantiert bekommen.
„So, Herrschaften, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Einmal ganz davon abgesehen, dass der Einsatz kurz bevor steht. Ich… Ja, Elfwizard?“
„Huntress, auch auf die Gefahr hin, indiskret zu sein, aber hat die Anwesenheit der Private einen tieferen Sinn für das Briefing? Sollen wir Angriffe auf Bodenziele üben oder so?“
Huntress dachte kurz nach. Das machte Sinn. Vor allem, wenn das Feuer von Bodentruppen eingewiesen wurde. „Negativ, Elfwizard. Private Davis ist aus privaten Gründen hier.“
„Privat? Darf man Einzelheiten erfahren?“, fragte Thomas Andrew Paul und bemühte sich, seiner Stimme statt des üblichen brüderlichen Tons einen anzüglichen zu geben.
„Zum Glück hast du deine Typhoon besser im Griff als deine schmutzige Phantasie, Demolisher“, erwiderte Huntress und seufzte schwer. „Okay, bevor Ihr mir alle auf die Nerven geht, Private Davis ist die Schwester von Ace. Sie streicht schon seit ein paar Wochen hier bei uns Offizieren rum, um die Abschiedsbriefe ihres Bruders auszutragen.“
Schlagartig war es im Raum still geworden. Die Anwesenden sahen betreten zu Boden. Nur Chip machte sich eifrig ein paar Notizen.
„Noch Fragen zu dem Thema? Nein? Dann können wir ja zum wesentlichen kommen.“
Juliane holte tief Luft und sah in die Runde. „Die Butcher Bears sind in der Bewertung nur noch siebzig Punkte hinter uns. Ihr wisst, das ist so gut wie nichts. Das sind die schlechten Nachrichten.“
Aufgeregtes Geraune ging durch die Runde.
Annegret Lüding alias Rapier meldete sich zu Wort. „Es war zwar zu erwarten gewesen, dass sie irgendwann an uns vorbei ziehen, Huntress. Aber schön finde ich es nicht. Wenn wir auch in Nighthawks sitzen würden, könnten Darkness´ Leute auf so eine Gelegenheit warten, bis sie schwarz werden.“
„Dummnase“, lachte Avenger laut. „Sie sind doch schwarz.“
Leises Gelächter erklang, als der Pilot auf die Staffelfarbe der Nighthawks anspielte.
„Jedenfalls“, riss Huntress das Heft wieder an sich, „hat sich auch die Grüne Staffel mächtig rangearbeitet und erfüllt mittlerweile sogar die ungerechten und überzogenen Kriterien, die der CAG an sie anlegt, weil er Lightning so sehr schätzt.“
Wieder wurde gelacht. Der Clinch zwischen der Typhoon-Staffelführerin und dem CAG war allgemein bekannt. Es gab sogar einen Wettpool, wer wen im nächsten Gefecht zufällig aus der Maschine pusten würde – nicht, dass auch nur ein Ace for Redemption je davon gehört oder sich am Pool beteiligt hätte.
„Das bedeutet“, erklärte Huntress und lächelte süffisant, „wir müssen jetzt mächtig aufdrehen. Also Schluss mit den Formationsflugübungen und Schluss mit Begleitschutz für die Mirages und Crusader. Ab sofort trainieren wir wieder Trägerschutz und Angriffe.“
Lauter Jubel brandete auf.
„Und das ist der Dienstplan für die nächsten drei Tage. An jedem Tag schiebt eine unserer Sektionen Dienst auf Patrouille. Das bedeutet, wir haben an jedem Tag sechzehn Stunden Zeit, um eine gemeinsame Übung durchzuführen. Ich habe für jeden Tag ein vierstündiges Manöver arrangiert. Alles Manöver aus dem Lehrbuch, die uns mächtig Punkte bringen, wenn wir sie gewinnen. Zwei sind gegen virtuelle Gegner. Aber eines ist gegen unsere Freunde von den Grünen.“
Wuchtig rammte Huntress ihre Hände auf das Pult. „Und damit das klar ist: Eher laufe ich nackt durch die Offiziersmesse, als dass ich mich von Lightning vorführen lasse. Haben das alle hier verstanden?“
„Ja, Ma´am!“, blafften die Piloten.
Huntress grinste. „Gut. Dann lasst uns jetzt mal die Schwachpunkte der Grünen Staffel sowie ihre wahrscheinlichen Manöver durchgehen.“
**
Eine Stunde später lehnte sich Juliane müde an das Stehpult und rieb sich die Augen. Sie hatte noch eine Stunde vor Manöverbeginn. Und die wollte sie sinnvoll nutzen. Auch, wenn es sich erst um eines der virtuellen Manöver handelte.
Die anderen Piloten hatten den Besprechungsraum bereits verlassen, um sich vorzubereiten. Nur Chris Harris alias Chip war noch anwesend. Ebenso die junge Private.
Juliane sah auf und bedeutete Davis, aufzustehen und herüber zu kommen.
„Nun, Private, ist doch mal ein schönes Erlebnis, bei so einer Besprechung dabei zu sein, was?“
„Nun“, begann sie zögerlich, „das wirkte alles sehr locker auf mich.“
Jean hatte vorsichtig formuliert. Aber sicherlich hätte sie lieber die Frage gestellt: Und Ihre Staffel hat wirklich die höchste Bewertung?
Noch, antwortete Huntress in Gedanken. Solange ihre Staffel die am längsten aufeinander eingespielte war und weiterhin die geringsten Verluste haben würde.
„Wir sind halt auch nur Menschen. Man kann nicht immer steif und überkorrekt sein“, erwiderte sie mit ausgebreiteten Armen.
Jean Davis lachte spöttisch. „Das sollten sie mal Master Sarge Schiermer erzählen, Ma´am.“
„Es gibt einen wichtigen Unterschied, den sogar Ihr Master Sergeant anerkennen würde, Private. Ich habe bereits im Krieg gesteckt und kenne ihn aus erster Hand. Meine Disziplin ist trainiert und mein Können hart erarbeitet. Das ist etwas, was Sie sich erst noch erwerben müssen.“ Juliane hatte tadelnd klingen wollen, aber letztendlich hatte es geklungen, als erkläre sie ihrer kleinen Schwester etwas.
„Hm. Wahrscheinlich muß ich dem alten Eisenfresser dankbar sein, wenn ich meinen zweiten Einsatz überlebe, was?“, fragte die junge Frau und lachte unsicher.
Sie nestelte an ihrer Jacke und zog den Brief hervor. „Hier, Ma´am.“
„Danke.“ Sie nahm den Umschlag entgegen. „Ich werde ihn später lesen. Ich finde, es ist eine große Geste von Ihnen, dass Sie die Briefe persönlich bringen. Das erfordert eine Menge Mut.“
„Mut habe ich Haufenweise. Ich bin eine Marine“, kommentierte die Private und machte ein karikiertes böses Gesicht.
„Whoa“, erwiderte Huntress. „Gut, dass ich keine Akarii bin.“
Jean lachte darüber und salutierte dann. „Hat mich gefreut, Sie kennen gelernt zu haben, Ma´am.“
Huntress erwiderte den Salut und folgte der jungen Frau mit ihren Blicken bis zum Ausgang.
In diesem Moment trat Chip neben sie. „Interessant. Sehr interessant. Haben Sie noch mehr Infos über Private Davis für mich?“
Huntress starrte den Milizpiloten böse an. „Chip, ich will in dieser Zeitung, für die Sie schreiben, nicht ein einziges Wort sehen, welches Private Davis nicht persönlich abgesegnet hat. Verstehen wir uns?“
„Ich hätte sie sowieso um Erlaubnis gefragt. Aber wenn ich eine gute Story wittere, dann lege ich immer gleich los mit der Arbeit“, rechtfertigte sich der Tribune-Reporter. „Piloten zu interviewen, vor allem wenn Lone Wolf sie vorsortiert, kann so langweilig werden.“
„Also los, Chip, laufen Sie ihr nach und fragen Sie sie.“
„Danke, Huntress.“
Auch dem Piloten von New Boston sah sie nach. Dann widmete sie sich dem Umschlag in ihrer Hand. Und erschauerte. Behutsam brach sie die Lasche auf, zog den eigentlichen Brief hervor, entfaltete ihn und begann zu lesen.
Cunningham
22.05.2004, 23:10
Corsfield
Massentransid.
Das Wurmloch gab die riesige Flotte frei. Die beiden Piloten der Intrepid staunten nicht schlecht, als vor ihnen über 70 Schiffe auftauchten.
"Wow, die G-Burg und die Melbourne, dass ist ja, wie das Schaulaufen der Republik."
"Hehe, yeah, und zwischendrin die alte Liberty. Mein Vater fuhr auf ihr. Als Schwadoncommander."
"Dein Vater war also Raumfahrtpionier."
"Raumfahrtpionier? Du tust ja gerade so, als ob Sie damals noch durch die Wurmlöcher ruderten."
"Taten Sie das nicht?"
"Haha, sehr witzig, ich gebe mal der Bösen I* bescheid." Der Wingleader wechselte die Frequenz: "Skyraider 304 für Homebase, der große Chef ist angekommen. Und er hat die arme Verwandtschaft mitgebracht."
"Henderson, ich habe Ihnen schon dreimal gesagt, Sie sollen sich verständlich ausdrücken." Die Com-Offizierin klang genervt. Henderson kicherte, es waren mehr als drei mal. "Okay, die zweite Flotte ist jetzt komplett, Renault hat die Bühne betreten."
"War das nun so schwer?"
Lucas fluchte, er würde zuspät zur Kommandantenbesprechung kommen. Eilig kippte er die letzten Reste kalten Kaffees hinunter und öffnete dann schwungvoll das Schott seiner Kabine.
Er setzte den rechten Fuß nach draußen. Mit einem lauten Schmatzen kam der Fuß auf dem Stahldeck der Columbia auf.
Eigentlich war das Schmatzen nicht laut, doch Lucas kam es vor wie der Knall einer Gausskanone.
Nein. Er blickte nach unten und sah seinen Fuß in einem prächtigen Haufen Scheiße stehen. Das darf nicht wahr sein.
Er hob den rechten Fuß hoch und zog den Schuh aus. Nach kurzem durchatmen schloss der das Kabinenschott wieder von innen.
"GOTTVERFLUCHT!" Er feuerte den verschmutzen Schuh durch die Kabine. Dieser landete scheppernd im Regal und fegte eine Glasskulptur um, die aus dem Bord rollte und auf dem Kabinenboden zerschellte.
Seine Mutter hatte ihm die Skulptur nach dem Urlaub zugeschickt, damit er wenigstens etwas hatte um seine Kabine zu dekorieren. Sie war ein altes Familienerbstück. Mutter bringt mich um.
"Nicht wenn Waco mich vorher umbringt", warf er in den leeren Raum und humpelte zum Schrank. Nachdem er den rechten Schuh seines zweiten Paares angezogen hatte, hechtete er erneut aus der Kabine, achtete aber sorgfältig darauf nicht erneut in die Scheiße zu treten.
Ein armer Crewman hatte das Pech ihm auf dem Gang zu begegnen und wurde dazu verdonnert vor seiner Kabine sauber zu machen.
Schnell hastete Cunningham zum großen Auditorium.
Zu seinem erstaunen war die Besprechung noch nicht im Gange. Viele der Schiffskommandanten plauderten zwanglos miteinander.
Nach einem kurzen Rundumblick fand er Darkness und ging zu ihm.
Darkness war in ein Gespräch mit einem alten Bekannten vertieft. Um genau zu sein mit zweien. Captain Chris Mithel und Captain Gonzales.
"Sirs!" Lucas nickte den beiden Captains zu.
"Ah, Cunningham, wir haben uns schon gewundert, wo Sie bleiben", Mithel zeigte ein feines Lächeln, "Ihr XO schien aber schon mit Ihrem verspäteten Aufkreuzen gerechnet zu haben."
War das Missbilligung? "Nun, Commander McQueen und ich kennen uns schon eine ganze Weile."
"Sie können uns nicht sagen, was die hohen Herren planen, wo Sie doch Madam Admiral an Bord haben?" Mischte sich Gonzales ein. Man sah dem feurigem Hispanio-Terraner an, dass er sich in seiner Gesellschaft nicht wohl fühlte.
Darkness verneinte.
"In etwa", gab Cunningham zu, "ich begleitete Admiral Wulff und Captain Waco zur Stabsbesprechung an Bord der Gettysburg."
"Ich denke wir sollten den Admiral die Story erzählen lassen." Waco gesellte sich zu ihnen.
"Aye Sir, aber könnte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?" Cunningham lächelte die anderen beiden Captains und Darkness entschuldigend an.
Waco nickte und führte ihn etwas abseits.
"Was ist?"
"Das Phantom hat wieder zugeschlagen."
Der Captain der Columbia zog die Luft scharf ein: "Wann und wo?"
"Wann weiß ich nicht, aber er hat es mir genau vor die Tür gelegt, ich bin reingetreten." Einen Augenblick rechnete Lucas damit in Wacos Augen Schadenfreude zu sehen.
Doch diese blieb aus: "Ich nagele dieses Schwein höchstpersönlich aufs Flugdeck, wenn ..."
"ACHTUNG! Admiral an Deck." Links der Tür hatte sich ein Offizier aus Wulffs Stab aufgebaut.
"Bitte setzen Sie sich, wir haben viel zu tun", die Tür hatte sich hinter Wulff noch nicht richtig geschlossen.
Sie mussterte kurz die sich setzenden Schiffskommandanten und marschierte dann zum Pult.
"Guten Abend meine Damen und Herren. Für diejenigen, die mich noch nicht kennen, ich bin Bianca Wulff, Ihre Kampfgruppenkommandeurin. Wenn Sie Ihren Job zu meiner Zufriedenheit ausführen werden wir gute Freunde. Wenn jedoch nicht ..."
Sie ließ den Satz unbeendet und schaltete den Wandbildschirm ein.
"Wie Sie alle wissen haben die Mienenleger, die Admiral Renault - welcher für meine Verspätung verantwortlich ist - mitgebracht hat schon begonnen den Wurmlocheingang nach Graxon zu verminen. Diese Minen sind mit einen intelligenten Gehirn ausgestattet und werden erst bei bedarf von uns aktiviert.
Übermorgen um exakt Nullneunhundert führen wir und die Trägergruppe Intrepid einen Massentransid nach Graxon durch.
Was die Echsen auch immer als Sprungpunktsicherung aufgefahren haben, werden wir schnellstens aus dem Weg räumen.
Um genau zu sein, gebührt diese Aufgabe Kreuzerschwadron 2.3, da einige der Jungs etwas Trigger Happy sind, 2.3 Sie bilden die linke fordere Flanke. Die rechte fordere Flanke übernimmt ein Kreuzerschwadron der Intrepid."
Bei der Bemerkung Trigger Happy wurde kurz Gelächter laut. Wulff erkannte jedoch, dass einige der Kapitäne rot im Gesicht wurden.
Kurz sprach Wulff die Verteilung der übrigen Großkampfschiffsschwadronen an.
"Schnellstmöglich werden wir zum zweiten Planeten des Systems vorstoßen. Auf ihm befindet sich unser Ziel. Ein Gefangenenlager der Akarii. Das NIC rechnet mit ca. 10.000 bis 12.000 internierten Angehörigen unserer Streitkräfte.
Für uns spielt nur die Raumverteidigung und die Boden-Raum-Abwehr eine Rolle.
Im Orbit hat Graxon II eine Station, deren Zweck die Lagerung von abgebauten Erzen und den Verladung auf Frachter ist. Es ist von einer ausreichenden Bewaffnung auszugehen.
Hinzu kommt als Garnison für dieses strategisch wichtige Ziel eine Trägerkampfgruppe. Die geschätzte Stärke sind ein Träger der Uniform-Class, sowie 20 Kreuzer und 20 Zerstörer, vielleicht noch etwas Kleinkram.
Nachdem wir den Widerstand im Raum niedergekämpft haben, springen die Maria Theresia, die Albert Schweizer und die General Gordon ins System. Die Theresia und die Schweizer sind Lazarettschiffe, die Gorden ein normaler Truppentransporter.
Den Sturm auf das Gefangenenlager übernimmt ein leichtes Bataillon des SAS an Bord der Theresia.
So bald die Jungs vom SAS Ihre Ziele genommen haben senden wir ein leichtes Regiment Marines runter, die das Aufräumen und die Sicherung der Evakuierung übernehmen.
Das Marinesregiment setzt sich aus den Kompanien der Columbia, Intrepid, Relentles, Coral See und Dover zusammen. Das Kommando hat Lieutenant Colonel Schwarz, er reist mit der Intrepid.
Die Evakuierung der Gefangenen wird so schnell wie möglich vonstatten gehen. So bald diese abgeschlossen ist ziehen sich die Lazarettschiffe und der Truppentransporter zurück.
Wir werden auf die Reaktion der Akarii warten und sie je nach Stärke hier stellen oder uns zu Renault nach Corsfield zurückziehen."
Wulff schaltete den Monitor aus. "Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich von Ihnen, Ihren Crews und Schiffen nicht weniger als 100 Prozent Leistung erwarte. Geben Sie alle Ihr Bestes und nur das Beste. Das wärs, wegtreten."
Wulff versuchte sich möglichst viele der Gesichter einzuprägen, die das Briefing verließen. Wieviele von Euch habe ich heute zum ersten und letzten mal gesehen?
Tyr Svenson
25.05.2004, 08:21
Mit wachsender Verzweiflung versuchte Crusader, die nächsten Schritte seines Gegenüber vorauszuahnen. Doch er sah kein Gesicht, in dem er lesen konnte, nur eine schwere, flache Maske. Sein Gegner hielt das Schwert in beiden Händen, etwas zurückgenommen, um sofort wieder angreifen zu können. Crusaders Atem ging schnell, er war erschöpft – der Kampf dauerte schon eine ganze Weile. Fast keuchend stieß er die Luft aus, schwang seine Waffe – die auf die Abwehr des Gegners knallte. Der ging sofort zum Gegenangriff über und trieb Crusader zurück, mit schnellen aber wuchtigen Schlägen. Erschöpft und aus dem Takt gebracht konnte Crusader nur mit knapper Mühe einen entscheidenden Treffer vermeiden. Während er noch einen Schritt zurückwich, sah er etwas, was eine Blöße in der Deckung seines Gegners zu sein schien, stieß zu – ein wuchtiger, vernichtender Schlag gegen seinen Hals ließ Crusader wanken. Sein Gegner setzte nach, traf ihn an Armen, Leib und Oberschenkel.
„Es reicht!“ Crusader hob den Arm und stoppte damit den Kampf. Keuchend riß er sich die Maske vom Gesicht: „Ich hab‘ genug.“ Es war immerhin eine kleine Genugtuung, daß auch Ohkas Gesicht verschwitzt war, der Atem des Japaners stoßweise ging. Ohka grinste kurz: „Du wirst besser.“
„Soll das ein Witz sein? Wie ist das Verhältnis – Neun zu Eins?“
„Könnte stimmen. Aber überleg‘ mal. Du hattest wie lange Kendo? Zwei Jahre? Ich habe das seit der Schule gemacht. Und auch ein paar mal mit echten Klingen – und nichts schult so sehr wie der Umgang mit der echten Waffe.“
„Verschon mich mal kurz mit deiner Samuraiphilosophie. Ich versuche mich gerade daran zu erinnern, warum ich so dumm war, mit dir zu fechten. Du bist zu gut.“
„So gut bin ich nicht. In einem Wettkampf könnte ich nur mit Anstand untergehen.“
Crusader grinste etwas säuerlich: „Na, das paßt ja zu dir, nicht wahr. Aber das ist auch kein Trost.“
„Du hast Potential. Und du bist größer, stärker...“
„Reib es mir ruhig weiter unter die Nase. Warum wischst du dann bitte den Boden mit mir auf.“
„Dir fehlt immer noch Übung. Und du solltest an deiner Haltung arbeiten. Jedesmal, wenn du angreifen willst, hebst du das Schwert etwas über die Ausgangsstellung und duckst dich.“
„Danke, daß du mir das erst jetzt mitteilst.“
Wieder grinste Kano kurz: „Gerne geschehen! Aber aus Fehlern lernt man am Besten, wenn sie einem richtig bewußt gemacht werden. Wenn man unter ihnen leidet.“
„Noch eine deiner Samurairegeln?“ Crusader war währenddessen damit beschäftigt, den Panzer abzuschnallen. Auch wenn der das Training besonders schweißtreibend machte – er hatte heute schon ein gutes Dutzend Treffer abbekommen, die selbst mit der Kunststoff“klinge“ gefährlich gewesen wären, wenn er nicht gepanzert gewesen wäre.
„Nicht ganz. Oder vielleicht doch. Und ich bin gnädig – in der japanischen Armee wurden solche Fehler mit dem Bambusknüppel verdeutlicht.“
„Auch wenn du die alten Zeiten vermißt, ich danke.“
„Siehst du, deshalb bin ich besser...“
Währenddessen hatten die Piloten die Panzer und Waffen verstaut. Der Duschraum war zur Zeit ziemlich voll. Die Männer eines kompletten Marine-Platoon machten Lärm wie ein voller Zug. Während sich einige ziemlich lautstark über die körperlichen Merkmale einiger Marinesoldatinnen ausließen, hänselten ein paar andere einen untersetzten Marines, dessen linkes Auge in tiefstem Dunkelblau prangte. Keiner achtete auf die Piloten – ohne Kleider war der Unterschied sowieso nicht zu bemerken, nur daß die meisten Marines tätowiert waren.
„Immerhin, am Schluß hab‘ ich dich fast erwischt.“ nahm Crusader das halbernste Streitgespräch wieder auf.
„Hast du. Aber nur weil ich es wollte.“
„Ja, klar. Das Bonbon willst du dir also auch ankleben?“
Ohka schüttelte den Kopf: „Du verstehst nicht. Du hast einen Treffer an meiner Schulter gelandet. Hätten wir mit echten Waffen gekämpft – du hättest mich verwundet.“
„Und? Sagte ich doch.“
„Und ich hätte dich getötet. Manchmal ist es nötig, dem Gegner einen Treffer zu erlauben, um zu siegen. Und wenn das bedeutet, daß er seine Klinge in deinem Körper unterbringen kann. Und das IST eine Samurairegel.“
Crusader schüttelte den Kopf: „Irgendwie überrascht mich das nicht besonders. Ihr seid wirklich Fanatiker. Schwert in die Scheide.“
„Was?“
„Ich hab‘ schon mal von so einem Manöver gehört. Es hieß ‚Schwert in die Scheide‘. Das war übrigens ein altes Fantasybuch.“
Ohka zuckte mit den Schultern: „Deshalb wird es nicht weniger wahr.“
„Hai, tono!“
„Deine Aussprache ist fürchterlich. Solltest du jemals nach Japan kommen, bleib‘ bei Englisch.“
Anschließend gingen beide in die Kantine. Die riesige Halle war, wie fast immer, nur halbvoll. Das Essen war im Vergleich zur Redemption eindeutig eine Verbesserung. Die Steaks zum Beispiel waren (versicherten Kenner) so gut wie frischgeschlachtet. Trotzdem vermißte Kano immer noch den ‚alten Kahn.‘ Beide Piloten aßen gründlich und konzentriert – auf sie wartete noch ein Patrouilleflug. Nach der üblichen Rotation hätten Darkness und Jaws den Flug übernommen - aber der Lieutenant Commander war bei einer Stabsbesprechung. In diesem Zusammenhang waren die Gerüchteköche besonders aktiv gewesen. Fast jeder in der Flotte rechnete damit, das es bald losgehen würde. Solche "Kinkerlitzchen" wie das Phantom waren angesichts der wahrscheinlich unmittelbar bevorstehenden Schlacht fast völlig aus den Gesprächen verschwunden. Höchstens die Sache mit Cartmell hatte noch eine Chance, ein Gesprächsthema zu sein. Spätestens seitdem man den angeblichen Ex-Piraten halbtot in die Krankenstation eingeliefert hatte, wußte an Bord des Schiffes jeder über ihn Bescheid. Unter anderem auch deswegen, weil eine Untersuchung angelaufen war.
„Und, was war mit den Schnüfflern vom JAG? Stellen sie dich wegen Wehrkraftbeschädigung vor den Kadi?“
Kano verzog den Mund und schob den Teller zur Seite: „Was weißt du denn davon?“
„Das war ja wirklich nicht schwer! Zuerst wird unser einsamer Pirat von `nem Panzer überrollt in die Krankenstation eingeliefert. Und dann holen sie dich aus `ner Simulatorübung und Darkness sieht aus, als wollte er `nen Teppich zerbeißen.“
„Du solltest an deiner Aussprache arbeiten. Wir sind nicht beim Marinekorps. Und was den JAG betrifft...
Die wollten wissen, wo ich wann gewesen bin und was ich von Cartmell halte.“
„Und?“
„Ich habe ihnen gesagt, daß ich zu dem Zeitpunkt, der sie interessiert hat, geschlafen habe. Nach sechs Stunden Spähflug. Und daß ich leider keine anderen Zeugen habe als meinen Zimmernachbar, der nicht mal aufwachen würde, wenn neben ihm eine Maverick explodiert. Und daß ich Cartmell für einen selbstgerechten, egozentrischen gajin halte, der nicht begreifen kann, daß er jedem ins Gesicht spuckt, der ihm eine Chance geben will. Der nicht erkennt, daß ihm die Navy die Möglichkeit geboten hat, seine Fehler zu sühnen. Und daß ich bereit wäre, ihn zu exekutieren, wenn er denn wirklich zu den Piraten übergelaufen wäre. Daß es dafür nur den Tod als Strafe gibt. Aber daß ihn nun mal ein Gericht freigesprochen hat. Und daß ich ihn noch niemals angefaßt habe.“
„Wirklich nicht? Und was war in Miramar?“
„Da bin ich...“
„Ja, ja – die Treppe runtergefallen, richtig? Daß habe ich schon damals nicht geglaubt. Erzähl mir nicht, daß sie dir das abgenommen haben?!“
„Nein. Aber daß habe ich ihnen auch nicht erzählt. Ich habe ihnen gesagt, daß ich Zeuge wurde, wie vier unbekannte Männer einen Piloten verprügelten. Daß ich eingegriffen habe und dabei ordentlich eingesteckt habe. Und daß der angegriffene Pilot Cartmell war. Ich habe auf eine Meldung verzichtet, weil ein Lieutenant Commander mir die Anweisung gab, die Sache als nichtgeschehen zu behandeln. Zufrieden?“
Cartmell grinste: „Also wenn unser JAG ein richtiger Bluthund ist... Dann möchte ich nicht in der Haut des L.C. stecken.“
„Das würde ich zu keinem Zeitpunkt wollen – weil der Lieutenant Commander Radio war.“
"Also nichts mit Loyalität und Kameradschaft? Nichts mit Schweigen für den Korpsgeist?"
Kano verzog den Mund abfällig: "Für Radio? Ich habe ihm nicht gerade die Treue geschworen. Wenn mir Cunningham, Darkness oder Lightning den Befehl gegeben hätten, tja dann...
Wenn Radio einen Befehl gibt zu dem er berechtigt ist, dann führe ich ihn aus. Aber darüber hinaus - keine Chance. Der JAG hat das Recht und die Kompetenz Nachforschungen anzustellen. Und Loyalität und Kameradschaft muß man sich VERDIENEN."
„Und haben sie dir deine Geschichte abgekauft?“
„Da ich einen Zeugen hatte, ja.“
„Kali, richtig?“ Crusader grinste: „Was habt ihr beiden bloß dort gemacht?!“
Kano antwortete nicht. Statt dessen sah er Crusader einfach nur an.
„Schon gut, schon gut. Themenwechsel. Geht mich ja nichts an.“
„Stimmt. Nun, auch wenn ich wegfalle, das engt den Verdächtigenkreis wohl nicht besonders ein...“
„Wenn ich Elaine schreibe, daß wir gleich zwei Ex-Sträflinge im Geschwader haben... Diesen Messerstecher in unserer Schwadron und dann noch Cartmell. Und so was in einem Elitegeschwader.“ Crusader schüttelte zynisch grinsend den Kopf.
„Immerhin können sie fliegen. Das ist doch auch etwas.“
„Ja fliegen können sie schon. Aber bei Cartmell fragt man sich doch, ob der immer in die richtige Richtung schießt.“
„Das laß bloß nicht hören, sonst hat der JAG dich als Nächsten auf der Liste. Aber das ausgerechnet du dir Sorgen machst...“
„Doch nicht für mich. Aber sei erst mal verheiratet. Nebenbei – wie stehen denn da die Chancen?“
„Was?!“ Kano schaute Crusader konsterniert an, der aber unverdrossen nachsetzte: „Na ist doch einfach zu verstehen. Ich meine, du und Kali – davon weiß doch jeder...“
„Du bist verrückt. Es ist Krieg.“
„Na und? Ist doch nur `ne Entschuldigung. Oder wie ist das? Nicht heiraten, aber...“
„Das reicht!“ Kanos Stimme war leise aber eiskalt. Und diesmal erkannte Crusader, daß er dieses Thema besser nicht weiter verfolgte. Nach ein paar Sekunden Schweigen setzte Kano mit etwas ruhigerer Stimme hinzu: „Wenn ich gute Ratschläge von einem Jungfuchs brauche, weiß ich, wo ich dich finde. Bis dahin sehen wir zu, daß DU sicher zu DEINER Frau zurückkommst.“ Mit einem Blick auf seine Uhr stand er auf: „Mach hin. In zehn Minuten ist Start.“ Damit ging er.
Crusader sah seinem Rottenführer leicht kopfschüttelnd nach. Er hätte sich denken können, daß Kano bei jedem Herumstochern in seinem Privatleben so reagieren würde. Na ja, dann würde er halt darauf verzichten, diesen Knopf zu drücken. Jetzt aber kam erst mal der Flug – wohl wieder mal Stunden eintöniger Routine, ihr Glück hatten sie wohl mit dem Akariifrachter ausgeschöpft. Seinen Teller ließ er stehen – irgend jemand würde schon wegräumen. Mit etwas Glück war das der letzte Routineflug vor der Schlacht. Schon bei diesem Gedanken fühlte Crusader eine merkwürdige Mischung aus Erwartung, Anspannung, aber auch Angst in sich aufsteigen. Die Tatsache, daß es so wohl vielen gehen mußte, half nicht wesentlich...
Tyr Svenson
31.05.2004, 10:03
Vor der Schlacht
„Wo schicken sie uns hin, Lieutenant Commander?“ Es war nicht das erste mal, daß Darkness diese Frage gestellt wurde. Doch wenn sein XO ihn fragte, dann würde er sich wohl oder übel zu einer Antwort bequemen. Immerhin leitete First Lieutenant Miguel „Monty“ Terrano die Ausbildung der Staffel und würde im Falle des Falles Darkness Stelle einnehmen. Außerdem kannte der Staffelführer seinen Stellvertreter. Der würde keine Ruhe geben. Und – Geheimhaltung hin oder her – Monty war keine Plaudertasche.
„Das behalten Sie aber für sich! Sie kennen die Richtlinien. Nur soviel, der Angriff steht unmittelbar bevor. Wir werden mit einer kombinierten Trägerdivision vorstoßen. Es wird mit einem feindlichen Träger und Blockadeverbänden gerechnet. Nach der Schlacht wird unserer Verband eine Verteidigungsformation einnehmen. Machen Sie damit, was Sie wollen - mehr bekommen Sie nicht zu hören.“
First Lieutenant Terrano verzog kurz den Mund, diese vagen Worte reichten ihm offenbar nicht ganz, nickte dann aber knapp: „Ich werde die Übungen in dieser Hinsicht ausrichten.“
„Gut. Aber viel Zeit haben wir nicht mehr. Und ich will, daß meine Piloten ausgeruht in den Kampf gehen.“ Darkness fixierte seinen Stellvertreter scharf: „Wie bewerten Sie die Piloten?“
Monty ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wußte sicherlich, daß Darkness sehr wohl in der Lage war, seine Staffel selber einzustufen. Tatsächlich hatte Darkness in den letzten Wochen wieder und wieder die Akten seiner Leute und seine persönlichen Erfahrungen mit ihnen verglichen, die Piloten auf Herz und Nieren geprüft. Diese Frage war eine Prüfung für Monty. Aber Terrano hatte noch nie an zu geringem Selbstbewußtsein gelitten. Seine Stimme nahm einen leicht dozierenden Klang an. Zusammen mit dem etwas hochmütig wirkenden Oxford-Englisch und dem überpräzisem Auftreten ließ ihn das ziemlich arrogant wirken, vor allem gegenüber einem Vorgesetzten. Aber Darkness ließ ihm das durchgehen.
„Jaws ist ein guter Pilot. Er...“
„Über meinen Flügelmann brauche ich keine Einschätzung. Ich weiß, wie er fliegt.“
„Wie Sie wünschen. Fatmann ist Milizpilot. Trotzdem hat er sich gut eingepaßt. Und er ist in der Lage, Jeanne zurückzuhalten. Wie die meisten Neulinge neigt sie dazu, die eigenen Fähigkeiten zu über- und Risiken zu unterschätzen.
First Lieutenant van Geel ist da ein anderer Fall.“
„Was paßt Ihnen an Dutch nicht? Er ist Mantikorveteran, hat vier Abschüsse und reichlich Flugerfahrung.“
„Ich denke, er ist abgeflogen. Sie waren ebenfalls bei Mantikor. Ich habe meinen Träger verloren und die meisten Mitglieder meines Geschwaders. Aber nicht jeder ist aus dem richtigen Holz geschnitzt, hält dem Druck stand. Ich halte van Geel für ausgebrannt.“
Darkness schnaubte nur. Monty hatte wirklich eine sehr hohe Meinung von sich selber. Aber auch wenn Darkness einige der Bedenken betreffs Dutch teilte... „Dutch wurde für voll flugtauglich erklärt. Und wir brauchen Veteranen.“
„Die Ärzte! Die haben doch keine Ahnung vom Flugbetrieb. Wir brauchen Veteranen, ja - aber keine Wracks. Geben Sie ihm wenigstens keine Sektion.“
Darkness schüttelte den Kopf: „Selbst wenn ich Ihre Bedenken voll teilen würde – was ich nicht tue – es ist zu spät, vor dem Einsatz noch die Staffelstruktur zu ändern. Wir werden sehen, wie sich Dutch im Gefecht bewährt!“
Lieutenant Terrano preßte die Lippen zusammen: „Sie sind der Staffelchef. Es ist Ihre Entscheidung.“ In seiner Stimme schwang der unausgesprochene Zusatz mit: ‚...und ihr Fehler!‘. Aber Darkness ignorierte das. Solange Monty Order parierte, konnte er sich denken, was er wollte. Monty fuhr währenddessen mit leicht unterkühltem Ton fort: „Terry ist besserer Durchschnitt. Aber ich denke, er kann mithalten. Auch wenn sein Rottenführer...“
„Das reicht! Sie haben Ihre Meinung zu Dutch geäußert, ich habe sie zur Kenntnis genommen.“
„Ja, Sir! Ohka ist ein guter Pilot. Aber geben Sie ihm nie mehr als eine Rotte, höchstens eine Sektion – außer er ändert sich.“
Bei diesem „Rat“ mußte Darkness denn doch grinsen, auch wenn es eher frostig war. Er konnte sich vorstellen, wie sich Monty mit diesem Ton seine zeitweilige Beförderung zum Lieutenant Commander wieder verscherzt hatte. Er selber sah nur deshalb von einer mörderischen „Zigarre“ für Monty ab, weil er wußte, was für ein guter, wenn auch harter und anspruchsvoller, Ausbilder sich hinter der arroganten Fassade verbarg. „Ich hatte nicht die Absicht, Ohka Ihren Posten zu geben. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?“
„Er hat hervorragende Anlagen. Aber er ist zu sehr Nur-Pilot. Die Streitkräfte brauchen solche Männer. Die Fähigkeit Akariis abzuschießen, die Bereitwilligkeit jeden Befehl zu befolgen und die Bereitschaft, daß eigene Leben einzusetzen mögen wertvolle Eigenschaften sein. Aber für einen Offizier reicht das nicht. Er wäre überfordert – und da er sowieso sehr riskant fliegt, wäre er wahrscheinlich bald tot.“
Darkness überlegte leicht amüsiert, was Ohka zu diesem Urteil sagen würde. Währenddessen fuhr Monty fort: „Außerdem ist da noch die Sache mit dieser Pilotin von Staffel Rot, Mitra heißt sie...“
Darkness winkte ab: „Solange das seinen Einsatz nicht gefährdet, werde ich nicht im Privatleben meiner Leute herumfuhrwerken.“
„Es ist nach der Dienstvorschrift verboten...“
„Wir mußten noch ganz andere Dinge übersehen. Sie wissen ganz genau, daß DIESE Vorschrift nicht mehr als ein bloßer Fetzen Papier ist, den sich irgendwelche verkalkte Bürokraten ausgedacht haben.“ Monty schien nicht ganz der selben Meinung, wandte sich aber dann doch dem nächsten Piloten zu: „Crusader ist für einen Neuling gutes Material. Außerdem hat er zumindest schon einmal so etwas wie Gefechtsberührung gehabt – ich denke, er wird nicht versagen. Was meine Flügelfrau betrifft: auch La Reine hat gute Anlagen. Sie besitzt vor allem Zähigkeit und Angriffswillen. Und ich werde darauf achten, daß sie sich nicht übernimmt. Um sie brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Sir.“
„Wenn Sie sich so sicher sind...“ Darkness Stimme klang leicht sardonisch.
„Viking IST Veteran. Im besten Sinne des Wortes.“
„Was denn, bei ihm sehen Sie keine Anzeichen, daß er abgeflogen ist?“
„Viking ist nicht Dutch, Sir. Ich kenne ihn und verbürge mich für seine Leistung. Er wird sein Bestes geben.“
Darkness war sich nicht ganz sicher, ob dieses Urteil über Viking nicht auch daher kam, daß er schon früher Montys Staffelkamerad gewesen war. Aber auch Darkness traute Viking einiges zu. Er wirkte verläßlich und besonnen – eine wertvolle Eigenschaft in einer Staffel, die eine ganze Reihe von „Feuerköpfen“ hatte. Terranos Urteil über das letzte Mitglied der Staffel fiel ähnlich eindeutig aus – aber wesentlich weniger positiv: „Ich halte Muhammad Tüncay für eine Fehlbesetzung. Wenn wir nicht im Einsatz ständen, würde ich für eine Herauslösung aus der Staffel plädieren.“
„Wie kommen Sie denn darauf? Seine Leistungen sind nicht überragend, aber gut genug. Es gibt schlechtere.“
„Es geht nicht um seine Flugleistungen. Diese sind akzeptabel. Es geht um die Person an sich. Er ist schwer in die Staffel integrierbar. Außerdem ist er als ehemaliger Sträfling in keinem Fall eine Zierde des Geschwaders oder der Staffel. Er hat einen Vorgesetzten niedergestochen! Und das war nicht das letzte Mal, daß er in Prügeleien und Dienstvergehen verwickelt war. Wenn man solche Subjekte an die Front schickt, dann vielleicht im Strafbataillon oder der Fremdenlegion. In einem Elitegeschwader ist er fehl am Platz. Dies ist weder für die Heimatfront noch die anderen Piloten ein glückliches Vorbild. Der Geschwaderchef hat seine Unzufriedenheit ja auch schon ausgedrückt. Ich denke, diese Fehler im Geschwader sind auf Elemente wie Cartmell, Tüncay und einige andere zurückzuführen. Man sollte solche Schadstellen schnell beseitigen, ehe sie das ganze Geschwader infizieren.“ Bei der Erwähnung von Cunningham war Montys ohnehin unterkühlte Stimme noch frostiger geworden. Er schätzte es überhaupt nicht, wenn IRGENDJEMAND das Geschwader kritisierte. Auch wenn der entsprechende der CAG war.
„Brawler bleibt. Wir haben nicht genug Leute, um uns den Luxus so eines Korpsgeistes zu leisten. Wenn er ernstlich Mist baut, werde ich ihn höchstpersönlich häuten und die traurigen Überreste auf ewige Zeiten in irgendeiner Sträflingskolonie bunkern. Aber solange er seine Pflicht tut, wird er behandelt wie JEDER ANDERE. Haben Sie verstanden?!“
Terrano klang jetzt regelrecht beleidigt: „Ich würde niemals so weit sinken, einen Piloten zu schikanieren! Ich kenne meine Pflicht, SIR!“ Und tatsächlich war Darkness bereit, ihm dies zu glauben.
„Und wie beurteilen Sie die Staffel insgesamt?“
Terranos Stimme nahm einen formellen Ton an: „Die Schwarze Staffel ist bereit zur Schlacht, Sir!“
Und das stimmte auch. In den letzten Wochen war der zusammengewürfelte Haufen aus Neulingen, Milizpiloten und Veteranen zu einer Einheit geworden. Egal, was Cunningham gesagt hatte. Allerdings – die Bewährung in der Schlacht stand noch aus. Aber nach menschenmöglichen, da war Darkness vor seinem eigenen Gewissen sicher, hatten sie alles getan, um die „Butcher Bears“ zu einer effektiven Waffe zu machen.
„Sonst noch etwas, Lieutenant?“
„Wenn ich noch einmal auf meinen Vorschlag zurückkommen dürfte? Ich halte diese Maßnahme für in jeder Hinsicht für das Zusammengehörigkeitsgefühl nützlich.“
„Ich dachte nicht, daß Sie an solche Symbolistik glauben...“
„Das tue ich auch nicht, Sir. Aber es stärkt das Selbstbewußtsein in der Staffel. Es schafft das Gefühl zu einem Eliteverband zu gehören. Und es verbindet die Piloten. Gerade jetzt halte ich es für nötig. Sie wissen, wie Piloten sind...“ Terranos Stimme klang nachsichtig, als spräche er über einen Haufen Halbwüchsiger.
„Na schön, veranlassen Sie alles Nötige. Und ja, ich mache mit.“
„Danke, Sir.“ Terrano salutierte und ging ab.
Darkness überlegte kurz, dann wandte er sich dem Bildschirm seines Computers zu und rief Montys Akte auf. Kurz darauf war seine Entscheidung gefallen. Er würde Terrano zur Beförderung zum Lieutenant Commander vorschlagen – genauer, er würde entsprechend bei Cunningham und Ward vorfühlen. Terrano mochte arrogant sein, ein schwieriger Kamerad, Untergebener und ein Vorgesetzter mit hohen Anforderungen. Aber gerade jetzt konnte sich die TSN nicht den Luxus leisten, gutes Offiziersmaterial als First Lieutenant versauern zu lassen. Wenn man Radio zum Lieutenant Commander beförderte – und langsam begann der sich ja sogar zu machen – dann war Terrano es wert, über seine Marotten hinwegzusehen...
Acht Stunden später, Hangar der Columbia
Die zwölf Jäger der Schwarzen Staffel „Butcher Bears“ standen in einer Reihe. Die in dunkelgrauer Navy-Einheitsfarbe gestrichenen Maschinen wirkten alleine durch ihre Präsenz einschüchternd und drohend, kampfbereit. Die neue Bugbemalung verstärkte diesen Eindruck noch erheblich. Die stumpfe Nase der Kampfflieger stellte jetzt, mit weißer Farbe gezogen, einen wuchtigen Bärenkopf dar, das blutrote Maul aufgerissen, in dem gebogene Fänge blitzten. Auch die Augen waren blutrot. Etwas versetzt dahinter waren auf jeder Seite des Rumpfes eine Tatze mit langen Krallen aufgemalt.
Dazu waren auf den Flanken der Maschinen auf der einen Seite eine weiße Kennummer, welche die Sektion, die Rotte und die Nummer in der Staffel anzeigten. Auf der anderen Seite hatten die Piloten ein eigenes Logo, einen Wahlspruch oder ähnliches anbringen können. Kleine, weiße Sterne zeigten die Zahl der erzielten Abschüsse. Es blieb Montys Geheimnis, wie er die nötigen Materialien beschaffen und ein paar Techs hatte anwerben können um die Maschinen in der kurzen Zeit so herauszuputzen. Immerhin hatten in dieser Zeit auch vier Maschinen der Staffel an Patrouilleflügen teilnehmen müssen. Natürlich hatte Monty auch die Piloten für diese „Verschönerung“ herangezogen – aber die meisten waren von der Idee begeistert gewesen und hatten mit vollen Einsatz mitgemacht – was Monty vorrausgesagt hatte.
Darkness hatte als persönliches Logo einen stilisierten Ritter mit Schild, Helm und erhobenem Schwert gewählt – Schwarz auf Weiß gemalt. Jaws hatte sich mehr Mühe gemacht – ein sehr naturalistischer Weißer Hai zierte seine Maschine. Fatman hatte einen roten Drachen gewählt – das Staffelwappen seiner alten Einheit bei der Miliz. Jeanne hatte sich für ein senkrechtes Schwert entschieden – und den Wahlspruch: „Auge um Auge“.
Dutch verzichtete auf ein Wappen. Der Mantikorveteran hatte die ganze Aktion kaum unterstützt. Er schien keinen Sinn darin zu sehen. Sein Flügelmann Terry hingegen hatte eine leicht bekleidete Schönheit gewählt, die dem Engel im Geschwaderwappen ähnelte. Allerdings hatte sie keine Flügel, und noch weniger an.
Ohkas Maschine zierte ein ziemlich unspektakuläres Wappen: eine Kirschblüte. Crusader hingegen hatte einen weißen Löwen auf Rot genommen.
Monty hatte es bei dem nicht eben unbescheidenen Wahlspruch: „To lead and to protect“ belassen. La Reines persönliches Wappen war eine geduckte, schwarze Löwin. Bei Viking war es ein Hörnerhelm vor einer Doppelaxt. Brawler hatte einen Jaguarkopf gewählt.
Der Gesamteindruck der Staffel war derart, daß sogar der Sicherheitschef nichts dagegen hatte, daß die Maschinen von allen Seiten fotografiert wurden. Natürlich würde man alle nachrichtendienstlich brisanten Details wegretuschieren. Aber es war auf jeden Fall gutes Propagandamaterial. Die „Butcher Bears“ waren zur Schlacht bereit.
Cattaneo
31.05.2004, 10:23
Captain Mithel blickte sich auf seiner Kommandobrücke um. Innerhalb der letzten Wochen und Monate war die Relentless endgültig auch emotional „sein“ Schiff geworden. Auch wenn er sie noch nicht ins Gefecht geführt hatte, er stellte keine Vergleiche mehr mit der Hydra oder einem seiner anderen Kommandos an. Die Mannschaft hatte sich, wenn auch nicht ohne Komplikationen, an seinen Stil gewöhnt, und er wußte inzwischen, wie er das Beste aus seinen Untergeben herausholen konnte. Allerdings – wenn man ehrlich war, so konnte man Mithel in die Hinsicht nicht viel Sinn für Innovationen bescheinigen. Er setzte auf altbewährte Rezepte.
Inzwischen kannten die Besatzungsmitglieder die Art ihres Kapitäns, und einige der Offiziere hatten sich sein Verhalten zunehmend zum Vorbild genommen. Vor allem die jüngeren, die noch ,formbar‘ waren. Was auch Mithels Absichten entsprochen hatte.
Die Stationen boten ein Bild von Effizienz und Bereitschaft. Sie würden bald beweisen können, ob sie auch in Wirklichkeit hielten, was sie versprachen. Diesmal, das hatte der Captain sich geschworen, würde es keine schmachvolle Flucht geben wie bei Jollahran. Noch so ein Rückzug, und er würde in den Augen der Besatzung jedes Vertrauen verlieren, das er sich auf seine autoritäre Art erarbeitet hatte. Vertrauen, Respekt – nicht gerade Sympathie. Aber nach der verlangte er auch nicht.
Morgen würde es darauf ankommen. Morgen würde sich zeigen, ob es ihm gelungen war, aus dem Schiff eine tödliche Waffe zu schmieden. Es war keine Freude, die er fühlte – aber eine grimmige Genugtuung. Endlich würde die Navy die Akarii direkt angreifen. Sie würde Rache nehmen für die Schmach, die ihr der heimtückische Angriff der Akarii bereitet hatte. Sie würde zurückschlagen, so, wie sie immer zurückschlug, zurückschlagen mußte. Und an den Kreuzern würde es sein, einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Eine Chance für seine Waffengattung, sein Schiff, nicht zuletzt ihn selbst.
Dennoch, Mithel war kein Mensch, der sich allein von solchen blutrünstigen, aber angenehmen, Gedanken beherrschen ließ. Er war Realist, Pragmatiker – zumeist jedenfalls. Und als solcher machte er sich nicht viel vor. Es würde ein harter Kampf werden. Viel würde vom Glück, von seinen Fähigkeiten und von denen seiner Untergebenen abhängen. Mithel zweifelte nicht am Sieg. Nur wenn die Akarii wesentlich stärker als angenommen waren, auch dies nicht undenkbar, würden sie eine Chance haben. Doch er bedachte in Gedanken die Kommandeurin der Kampfgruppe nicht gerade mit schmeichelhaften Bezeichnungen.
Der Captain teilte keineswegs ihre Ansicht, daß die Akarii in einem schnellen Aufwasch würden erledigt werden können – auf jeden Fall nicht ohne erhebliches Risiko. Die vermuteten Flottenverbände mit 20 Kreuzern bedeuteten eine ungeheure Schlagkraft, und die beiden Speerspitzen der menschlichen Armada, die Kreuzerschwadronen, brachte es insgesamt auf nicht einmal so viele Schiffe. Viele davon waren leichte Kreuzer. Sicher, man hatte wesentlich mehr Zerstörer und Kampfflieger. Aber selbst unter günstigen Umständen würden die Akarii vor ihrer Vernichtung zahlreiche menschliche Schiffe vernichten oder beschädigen. Es sei denn, man überraschte sie unvorbereitet. Und auf so viel Glück rechnete er nicht. Vermutlich waren die Echsen vorsichtig genug, einige Schiffe als Außensicherung zu postieren. Ihr Opfer würde dem Rest die Möglichkeit geben, sich zu formieren.
Auch einiges andere an Wulff gefiel ihm nicht. Mithel wußte um die heilsame Wirkung des gelinden Schreckens, den Untergebene vor ihrem Vorgesetzten empfanden. Er setzte dieses Mittel selber zur Genüge ein. Gegenüber anderen Kapitänen und von Seiten einer Admirälin hielt er es aber für vollkommen fehl am Platze. Wulff hatte zu Männern und Frauen gesprochen, die durch ein strenges Trainingsprogramm gegangen waren. Viele hatten Kampferfahrung. Ihre Drohung, man würde so lange gut Freund sein, wie man ihre Erwartungen erfüllte, waren vielleicht für einen Marine-Drillsergeant passend. Aber selbst ein Captain sollte so etwas selten so unverblümt sagen. Geschweige denn erfahrene Senioroffiziere auf diese Art und Weise wie dumme Kadetten behandeln. Und ihr sonstiger Ton...,Wenn ihr etwas an der Kampfbereitschaft nicht paßt, dann sollte sie nicht im selben Atemzug den Marsch nach Graxon als Spaziergang hinstellen‘ dachte er säuerlich. Und dazu die in seinen Augen reichlich unvernünftige Entscheidung, nur einen Teil der Einheiten zu verwenden. Wieder einmal schien sich der Flottenstab in seine komplexen Planspielchen verliebt zu haben - ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß es mit Plänen wie mit Maschinen war. Je komplexer sie waren, desto leichter fielen sie aus...
Oder, wie Schupp es in seiner unnachahmbaren Art ausgedrückt hatte: "Nicht kleckern, sondern klotzen!". Aber der Stab kleckerte. Und das zum widerholten Male. Nicht einmal die leichten Träger würden mitkommen. Was man sich davon versprach, war kaum nachvollziehbar. Je geringer die Übermacht der Menschen war, desto größer würden auch ihre eigenen Verluste ausfallen - und das bereits lange vor der "eigentlichen" Schlacht. Der Informationsvorteil, den man dadurch gewann, daß die Akarii nicht mit den zwei kleineren Trägern rechnen würden, wog das kaum auf.
Er hatte nichts gegen Frauen in Kommandopositionen, hatte auch eine Frau als Stellvertreter. Aber einige der Frauen – nun, wenn man ehrlich war, auch der Männer, denn der Plan war bestimmt nicht auf Wulffs Mist gewachsen – im Admiralsrang zeigten seiner Meinung nach in ihrem Urteil mitunter weit weniger Weisheit als wünschenswert gewesen wäre. Noltze mit ihren Personalentscheidungen vor Jollahran, und Wulff jetzt hier mit ihrem Auftreten. Nun, das war nicht sein Problem.
Er wußte, daß sich auch sein unmittelbarer Vorgesetzter etwas ,auf den Schlips getreten‘ gefühlt hatte. Erstaunlich, wie unsensibel man als Admiral sein konnte. Nun, Schupp hatte irgend etwas von den Obersten gemurmelt, die einspringen mußten, wenn die Generale versagten. Vermutlich wieder mal eine seiner zahllosen historische Weisheiten, die er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit parat hatte. Aber in diesem Fall teilte Mithel einmal mehr die Ansichten des Schwadronschefs.
Der Captain blickte auf das Chronometer. Es war so gut wie soweit. „Lieutenant Fuchida – Kanal öffnen. Anlage auf Bordfunk schalten.“ Er wartete die lautlose Klarmeldung ab, dann wandte er sich an die Besatzung seines Schiffes: „Achtung, hier spricht der Kapitän. Ich habe hier eine Durchsage vom Kommandeur unseres Schwadron, Captain Henning Schupp.“ Mithel registrierte, daß wie erwartet am Hauptkompult ein Lämpchen aufleuchtete und die hereinkommende Botschaft anzeigte. Er machte ein knappes Zeichen.
Auf dem Primärbildschirm, den Bildschirmen in der Messer und den Quartieren erschien auf einmal das Symbol der republikanischen Raumflotte. Dann ersetzte das Bild Captain Schupps das Wappen. Er trug seine prachtvolle Galauniform, mit allen Auszeichnungen und Kampagnebändern, die er sich im Laufe seiner Dienstzeit erworben hatte. Das Gesicht wirkte ruhig. Die kräftige Stimme ertönte aus allen Lautsprechern. Gleiches geschah wohl auf allen Schiffen des Kreuzerverbandes.
„Männer und Frauen der Kreuzerschwadron 2.3
Die Stunde der Bewährung naht. Nach einer Zeit des Rückzugs und des tapferen, aber oft auch verzweifelten Abwehrkampfes ist nun der Augenblick gekommen, in dem wir den Krieg ins Herz des feindlichen Reiches tragen. Der Moment, auf den wir alle gehofft und mit dem wir alle gerechnet haben, ist nahe. Die Streitkräfte der Bundesrepublik Terra werden morgen das System Graxon angreifen, in dem die Akarii ein Internierungslager für Kriegsgefangene der Erdstreitkräfte eingerichtet haben. Es ist mit einer kompletten Trägerkampfgruppe an Verteidigungskräften zu rechnen. Auch wenn wir zahlenmäßig überlegen sind, will ich niemanden etwas vormachen. Der Kampf wird nicht leicht werden. Die Akarii werden sich teuer verkaufen, denn sie wissen, daß es für ihr Reich ums Ganze geht. Ihr hinterhältiger Angriff zeigt, daß sie jede Täuschung einsetzen, um sich einen Vorteil zu sichern – doch dürfen wir sie deshalb nie unterschätzen. Ihre Verbrechen lassen ihnen gar keine andere Wahl als bis zum Letzten zu kämpfen, müssen sie und ihr Imperium doch die Strafe für ihr Handeln fürchten. Wir müssen sie schlagen, und das werden wir auch – aber es wird ein harter Kampf. Ein Kampf, in dem es auf jeden einzelnen von Ihnen ankommt. Ich will mich nicht damit aufhalten, von Ihnen das Äußerste zu verlangen. Dies erscheint mir müßig. Ich weiß, daß Sie ohnehin für Ihre Heimat, Ihre Kameraden, aber auch für die Ehre Ihrer Fahne und Uniform ohnehin tun werden, was in Ihrer Macht steht. Deshalb bin ich mir des Sieges gewiß.
Sie alle wissen, worum es in dieser Schlacht geht. Mit diesem Angriff erteilen wir nicht nur den Aggressoren eine bittere Lektion, daß sie trotz aller Grausamkeit und Brutalität unseren Willen nicht brechen konnten. Wir werden ihnen zeigen, daß dieser Krieg nur mit ihrer Niederlage enden kann. Und wir werden die Ehre unserer Flotte, die durch den hinterhältigen Angriff von Mantikor in Zweifel gezogen wurde, wieder reinwaschen. Aber es geht um noch mehr. Es geht um unsere Kameraden, die in den Lagern der Akarii leiden. Die tapferen Soldaten, die dort gefangen sind, müssen befreit werden. Sie verdienen dies für ihren aufopferungsvollen Dienst, aber auch, um unmißverständlich klarzumachen, daß wir unsere Soldaten nie im Stich lassen. Zu keiner Zeit und an keinem Ort.
Unser Schwadron wird die linke vordere Flanke übernehmen. Wir werden der Speer sein, der zuerst den Feind trifft, und seine Linien zerschmettert. Ich kenne Ihre Leistungen, ich weiß, daß sowohl die Kapitäne als auch die Besatzungen auf den Kampf brennen. Viele Schiffe der Schwadron haben sich schon in Schlachten bewährt, und jene ohne Kampfesruhm werden von Kommandeuren geführt, die bereits die Akarii das Fürchten gelehrt haben. Morgen wird es an der Zeit sein, die Akarii die Furcht vor unserer Schwadron zu lehren.
Ich bin sicher, wenn man in kommenden Jahren sich dieser Schlacht erinnern wird, dann wird Ihr Beitrag nicht mit einer Fußnote abgetan werden. Ich verlasse mich voll und ganz auf Sie, weil ich weiß, daß ich dies guten Gewissen tun kann.
Es liegt in unser aller Hände, daß man auch von uns sagen wird: ,Noch nie haben so viele so wenigen so viel zu verdanken gehabt.‘ Ich habe vor, diese Worte mit Leben zu erfüllen – und ich bin sicher, Ihnen geht das ähnlich.
Der morgige Tag wird noch nicht Entscheidung bringen. Aber er kann ein wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin sein. Und dafür bedarf es jeden von Ihnen.
Ich danke Ihnen.
Captain Henning Schupp, Kommandeur Kreuzergeschwader 2.3, TRS Tiredless, TSN.“
Mithel lächelte unmerklich. DAS waren die richtigen Worte. Man mußte die Männer und Frauen bei ihrer Ehre, bei ihrem Stolz packen. Vorschußlorbeeren waren nie schlecht – doch durfte der Gegner dabei nicht zu sehr verächtlich gemacht werden. Denn sonst war Anstrengung ja sinnlos, die Ehre zweifelhaft. Ja, Schupp hatte – zumindest aus seiner, Mithels, Sicht – den Ton getroffen. Besser als Wulff. Der Captain fühlte sich selber angesprochen, obwohl er Veteran war, kein junger Rekrut, der leicht durch solche Worte zu beeindrucken war. Er bemerkte, daß es viele auf der Brücke ähnlich ging. Kein Wunder – nach der Schande von Jollahran, die vielen noch in den Knochen saß. Jetzt würden sie darauf brennen, sich zu bewähren. Sie würden Schupps Worte in Erinnerung behalten, und sie würden morgen daran denken. Morgen, wenn es darauf ankam.
Ironheart
01.06.2004, 16:01
Brücke der TNS Magellan
Nach dem Sprung in das Gebiet der Colonial Confederation
Commander Jessica Swifton saß entspannt auf ihrem Sessel und erwartete die Transition durch das Barcelona-Wurmloch. Die Captain der Magellan beobachtete dabei ruhig ihre Leute, die routiniert ihrer Arbeit nachgingen.
Der Durchgang durch ein Wurmloch an Bord eines modernen Raumschiffes war in ihren Augen eine bemerkenswert unspektakuläre Sache. Man trat auf der einen Seite ein und kam kurz danach auf einer komplett anderen Seite wieder hinaus.
Sie war sich sicher, dass es auch für ihre Crew nichts besonderes war, denn auch wenn die Magellan primär ein Forschungsschiff war, so handelte es sich doch immer noch um ein Schiff der Terranischen Raummarine. Viele ihrer Offiziere und Mannschaften hatten vorher auf anderen Kriegsschiffen gedient und dementsprechend griff sofort nach dem Sprung die normale Routine. Sie waren im Krieg und auch wenn es unwahrscheinlich war, dass sich Feinde auf der anderen Seite dieses Wurmloches befanden, da es sich schließlich um ein Grenzwurmloch zu einem Verbündeten handelte, hatten alle Schiffe Anweisung streng nach Vorschrift vorzugehen.
Während Captain Swifton auf einem Sekundärmonitor die Ortungssignale der anderen Schiffe der Einsatzgruppe beobachtete und sah, wie eines nach dem anderen auf dieser Seite des Wurmloches materialisierte, war die Ortung der Magellan schon damit beschäftigt, die Umgebung einem Standardscan zu unterziehen.
Wie zu erwarten war diese Seite des Wurmloches bis auf ein paar obligatorische Überwachungssatelliten und Raumbojen leer und unbewacht.
„Ortung, Kurzstreckenscan der Umgebung auf mittlere Entfernung ausweiten. Soweit ich mich erinnere, gibt es hier ganz in der Nähe ein Trümmerfeld in Richtung 277-98. Zeigen sie uns mal, was die Magellan noch drauf hat.“
Die Ortungsfähigkeiten der Magellan gehörten mit zum feinsten, was die Navy derzeit zu bieten hatte, denn das gehörte schließlich zum Wesen jedes der vorhandenen Explorerschiffe. Währen sie nicht im Grunde wehrlos und verwundbar, sie hätten die idealen Scoutschiffe darstellen können. Voll gepackt bis oben hin mit Sensorphalanxen jeglicher Art, waren Sie das Auge und Ohr dieser Einsatzgruppe. Und Swifton tendierte dazu die Fähigkeiten ihres Schiffes und ihrer Crew so häufig es ging zu nutzen und zu trainieren.
„Aye, Sir“ meldete der Ortungsoffizier und sein Team machte sich augenblicklich daran, die Umgebung noch feiner unter die Lupe zu nehmen.
Ein paar Minuten vergingen. Mehr als Swifton für notwendig hielt, womit sich zeigte, dass sie damit Recht hatte ihre Crew trainieren zu lassen. Sie nahm sich geistig vor, sich ihren Ortungsoffizier noch mal zur Brust zu nehmen. Wenn Sie den Eurydike-Nebel erreicht hatten, würde er dieselbe Leistung in der Hälfte der Zeit erbringen müssen. Doch das würde sie ihrem Untergebenen unter vier Augen sagen, öffentliche Zurechtweisungen waren, anders als bei anderen Kapitänen die sie kennen gelernt hatte, nicht Ihr Fall.
„Ma´am, wir haben das Trümmerfeld auf unseren Schirmen…“
„Sehr gut, weiter machen mit der Routine“ befahl sie und wollte sich schon anderen Daten widmen, als sich ihr Ortungsoffizier noch einmal räusperte. „Noch etwas, Sanchez?“
„Ma´am, ich bin mir nicht ganz sicher, aber wir haben hier eine etwas merkwürdige Anzeige auf den Schirmen.“ Sanchez klang etwas unsicher, als ob er sich seiner Sache nicht sicher war. Noch etwas, was Swifton zu klären hatte.
„Auf den Schirm“ befahl sie und die Anzeige erschien. Und was sie mit ihrem geschulten Auge erkennen konnte, ließ sie ebenfalls stutzen. Instinktiv wusste Sie, was sie da vor sich hatten.
„Komm-Offizier, geben Sie mir die Ontario“ befahl sie sofort und wandte sich dann wieder Sanchez zu. Sie wusste, was Sie da sah, doch wollte sie es von ihrem Ortungsoffizier bestätigt wissen.
„Ma´am, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass wir dort eine Fregatte in Tarnmodus vor uns haben.“
„Sieh an, sieh an“ kommentierte Swifton trocken und ließ gelben Alarm geben, genau in dem Moment in dem Singh auf ihrem Monitor erschien. Innerlich war sie höchst zufrieden, denn die Mission hatte gerade erst begonnen und schon konnte sie einen Punkt bei ihrem Operationsleiter landen.
„Commander Swifton, schön Sie zu sehen“ begann dieser freundlich amüsiert.
„Sir, wir zeichnen eine Fregatte in Tarnmodus, ganz in unserer Nähe, meine Leute haben gerade die Daten zu ihnen hinüber geschickt.
„Danke, für die Information, Commander. Wir sind darüber im Bilde. Die Kaze hat uns kurz vor Ihnen ebenfalls informiert, übrigens auch über die zwei anderen Schiffe, die zu dieser Gruppe gehören.“
Swiftons Lippen schmälerten sich erheblich. Der Ärger über ihren Komm-Offizier stieg nun doch erheblich. Nicht nur, dass die Kaze mit älteren Systemen ausgestattet und zudem noch als letzte durch das Wurmloch getreten, schneller gewesen war, sondern auch zwei weitere Schiffe gemeldet hatte, die ihrem Komm-Offizier entgangen waren. Ihre Rücksprache würde wohl doch eine Standpredigt werden müssen.
„Sir, darf ich fragen, warum diese Schiffe den Sprungpunkt im Tarnmodus bewachen?“
„Weil ich sie darum gebeten habe, Commander. Diese Schiffe bilden eine zusätzliche Eskorte, die uns bis in die Nähe des Eurydike-Nebels bringen wird, leider nicht darüber hinaus. Commodore Garribeaux war so freundlich meiner Bitte zu entsprechen und die Schiffe im Tarnmodus auf uns warten zu lassen. Und ich bin der Meinung, dass dieses zusätzliche Training angebracht war, finden sie nicht auch Commander?“
„Aye, Sir. Danke für diese Gelegenheit“ gab Swifton zähneknirschend zurück und starrte den inzwischen wieder schwarz gewordenen Bildschirm an, nachdem Singh die Verbindung kommentarlos geschlossen hatte.
Sie würde ihre Leute zu noch mehr Übung antreiben müssen, denn das letzte was Sie wollte, war es in Singh´s Augen zu versagen.
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Brücke der TNS Ontario
Nach dem Sprung in das Gebiet der Colonial Confederation
Captain Singh lächelte düster, als die Verbindung zur Magellan geschlossen wurde. Auch wenn ihm vieles an dieser Mission immer noch nicht ganz behagte und er jede Menge Arbeit auf allen Seiten sah, die sie in den nächsten Wochen noch vor sich hatten, so entwickelten sich doch einige Dinge durchaus zu seiner Zufriedenheit.
Die Zurechtweisung Schneiders und damit der Kaze würde gleich zwei Konsequenzen haben. Schneider wusste jetzt, dass er sich seinen Platz in der Einsatzgruppe würde hart erarbeiten müssen. Offiziere, die aus eigenem Ermessen aus der Reihe tanzten, würde Singh nicht dulden. Wenn das Schneider und seine Crew zu besseren Leistungen antrieb, wie es bei der der Ortung der getarnten ColCon-Schiffe anscheinend der Fall war, dann umso besser.
Zusätzlich dazu hatte sich eine Art Wettkampf zwischen Schneider und Swifton eingestellt, die ihrerseits sicher alles daran setzen würde, ihr Team anzutreiben um die Kaze in Sachen der Ortung zu überholen. Die Systeme, die sie dafür zur Verfügung hatte, waren zweifellos besser. Allerdings herrschten noch Defizite in Punkto Schnelligkeit und Erfahrung.
Beides würde dazu beitragen die Ortungsfähigkeiten ihres Kampfverbandes deutlich zu verbessern. Und Singh war sich sicher, dass das im Akarii-Raum von entscheidender Bedeutung sein konnte. Zu wissen, was vor einem lag und das möglichst noch vor dem Feind, war in modernen Weltraumschlachten von enormer Wichtigkeit.
Ob das ausreichen würde, um den bevorstehenden Auftrag erfolgreich zu beenden, wusste er nicht. Aber es erhöhte die Chance deutlich.
Wenn die Navy ihm schon diesen wilden Haufen an Problemen überließ, so war das wenigste was er tun konnte, das Beste daraus zu machen.
Cunningham
03.06.2004, 21:16
Lucas saß an seinem Schreibtisch. Ein echtes Stück Papier lag auf dem Monitordisplay, welches den Großteil seiner Tischplatte einnahm.
Beinahe rituell öffnete er den Füller und begann zu schreiben. Ungeübt und krakelig. Du arbeitest zu viel mit der Tastatur mein Freund.
Sehr verehrte Frau Admiral Mannheim,
ich weiß, dass Sie diesen Brief nie erhalten werden, da Sie in den ersten Stunden dieses Krieges den Heldentod fanden. Eine Tatsache, die ich zutiefst bedauere und ein Schicksalsschlag, den unsere Flotte bis heute noch nicht verkraftet hat.
Ich wünschte, ich könnte Ihnen positives erzählen - doch scheinen alle Mühen vergebens. Selbst unsere Siege schmecken bitter. Bitter nach dem Blut guter Freunde, bitter nach Schande, bitter nach Niederlage und bitter in dem wissen nicht gut genug zu sein.
Wir alle tun unsere Pflicht nach besten Wissen, Gewissen und Können. Doch so häufig scheint all dieses nicht zu genügen.
Ich schreibe diesen Brief natürlich nicht um zu jammern, doch sind Sie die einzige, dem ich mich offenbaren kann. Ich darf meine Männer, Kammeraden und Freunde nicht mit meinen Zweifeln verunsichern.
Ich habe es nie geschafft, eine Vertrautheit in meinem Stab aufzubauen, der dem gleich kommt, was in Ihrem Stab herrschte. Ebenso scheine ich mich von meinem Freund und Kriegskameraden immer weiter zu entfernen.
Diesen Brief schreibe ich eigentlich um Fürbitte zu halten, für die kommende Schlacht. Ich weiß, dass Sie jetzt eins sind mit dem göttlichen Universum und ich bin der festen Überzeugung, dass Sie einigen Einfluss gesammelt haben. Ich bitte Sie, schenken Sie uns den Sieg in dieser Schlacht. Wir brauchen ihn, wir brauchen ihn so dringend wie nichts anderes auf der Welt. Um unser Heimat willen. Ich flehe Sie an, gewähren Sie uns diesen Sieg.
Ihr ergebener Lucas Cunningham
"Ich schreibe einen Brief an eine tote." Warf Lucas in den leeren Raum. "Und ich klinge dabei wie ein religiöser Fanatiker." Mit einem wütenden Knurren schob er den Brief in den Aktenvernichter.
Er verließ sein Büro und zog sich in den Umkleideraum seinen Raumanzug an und gesellte sich dann zu seinen Piloten im großen Besprechungsraum. Es war soweit.
Jean Baptist Renault stand in der CIC der Gettysburgh. Sein Blick war auf das taktische Display des großen Kartentisches gerichtet. Die Stirn lag in Falten.
Wenn wir mit der ganzen Flotte losschlagen würden ... Der Admiral schüttelte den Kopf und Schmunzelte. Der Krieg tut Dir gut mein alter Freund. Die Worte Juri Ivanov schossen ihm durch den Kopf.
Herrgott Angela Mannheim, hast Du mich so gehasst, dass Du Dich einfach hast umbringen lassen, um mir diese Last aufzubürden? Er erhielt keine Antwort.
"Sir, die Intrepid und die Columbia bereiten sich auf den Sprung vor."
Renault nickte der Stabsoffizieren zu und wandte sich an seinen Com-Offizier: "Richtfunk an alle Schiffe. An alle Schiffe und alle Besatzungen!"
"Aye Sir." Der junge Lieutenant machte sich an seinem Pult zu schaffen. "Sie sind drauf Sir."
"An die gesamte Flotte, an alle Schiffe und alle Besatzungen, hier spricht Admiral Renault. Wir befinden uns an einem wichtigen Punkt in diesem Krieg.
Sie werden an der größten offensiven Militäroperation unserer Geschichte teilnehmen. An einer Mission, deren Ende den Verlauf dieses Krieges entscheidend beeinflussen kann.
Sie Ladies and Gentlemen werden den Krieg zu den Akarii tragen. Dies ist kein Raid auf einen Versorgungskonvoi, Sie werden feindliches Territorium erobern und halten. Sie werden eine feindliche Kampfgruppe stellen und vernichten.
Desweiteren werden Sie für die Rettung von etwa zehntausend unserer Kameraden aus den Klauen des Feindes durchführen.
Zehntausend Mann, die unter der Bürde der Gefangenschaft ächzen. Zehntausend Mann, die unsere Kriegsanstrengungen unterstützen können.
Einige von Ihnen mögen zweifeln, doch Sie sind die Elite unserer Rasse. Sie sind Schild und Schwert unserer Nation.
Sie sind das Blaue Band, welches zwischen der brutalen Gewallt des Krieges und unserer geliebten Heimat schwebt. Sie sind das dünne blaue Band, zwischen unserer Zivilisation und dem barbarischen Rest des Universums.
Möge das Universum seine göttliche Hand über Sie halten. Renault Ende."
Massentransit. Die 75 Kriegsschiffe der TSN verschwanden in einem Sekundenbruchteil. Das Universum - welchem viele göttliche Kraft beimessen - dehnte sich für einen Augenblick in die Unendlichkeit aus und zerfiel im gleichen Augenblick in den Bruchteil einer Sekunde.
Alle Schiffe waren zum Kampf bereit, als sie in Graxon auftauchten und mit Verbandsbeschleunigung den Wurmlochbereich verließen.
Die Tiredless, Relentless, Genf und Hyperion eröffneten das Feuer, ehe eines der sechs Wachschiffe der Akarii zum Gefecht klar gemacht hatte.
Nur das am weitesten entfernte Wachschiff schaffte es eine Meldung an sein Hauptquartier abzusetzen, ehe die Tiredless es mit Raketenfeuer eindeckte und vernichtete.
Die Erdflotte verzichtete darauf Jäger zu starten und beschleunigte auf ihr eigentliches Ziel zu. Graxon II.
Ace Kaiser
03.06.2004, 22:31
„Na, gehst du wieder auf Tour?“
„Erstick an irgend was, Howard“, zischte Jean, als sie an dem jungen Marine vorbei kam.
„Nun geh doch nicht gleich an die Decke, Jean. Ich habe dich höflich gefragt. Da kann ich doch mehr erwarten als die Lieblingstodesart, die dir für mich vorschwebt“, beschwerte sich der Private.
Abrupt blieb die Marine stehen. Wie immer, wenn sie die Briefe ihres toten Bruders verteilen ging, trug sie die dunkelblaue Ausgehuniform des Marine-Corps.
Ihr wütender Gesichtsausdruck wechselte von einem Moment zum anderen von sauer und Zucker. Ihre großen blauen Augen strahlten zu Howard hinauf. „Bedeutet das etwa… Ich meine, darf ich wagen zu hoffen… Ist es so, dass unser bärbeißiger Freund Howard in mir mehr sieht als seine neueste Beute, seine Trophäe, ein heißes Stück im Bett?“
Ken Howard zwinkerte überrascht. So wie sie jetzt vor ihm stand, zu ihm aufsah, mit diesem Glanz in den Augen, fühlte er seine Knie weich werden. Was war das? Die kleine Davis war doch einfach nur die heißeste und begehrteste Frau auf dem Flur. Warf es ihn tatsächlich aus der Bahn, nur weil sie ihn anschmachtete?
Verlegen sah er weg und legte eine Hand an den Hinterkopf. „Hör mal, Jean, sieh mich nicht so an, bitte. Ich wollte wirklich freundlich sein. Und nicht so schwanzfixiert. Obwohl du das verstehen musst. Wenn du beim Sport in deinen Shorties rum läufst, ist der einzige der nicht sabbert der Captain. Und selbst dabei bin ich mir nicht sicher, weil ich nicht weiß, ob Ihr Frauen nicht nach innen sabbert.“ Der Private schlug sich eine Hand vor den Kopf. Was laberte er hier für eine gequirlte Scheiße? Seit wann warf ihn eine Frau derart aus der Bahn? Ihn, den coolsten Jungen vom ganzen Flur? Außer dem Eiswürfelpisser Schmierer gab es keinen Besseren an Bord, so hatte er bisher immer gedacht.
„Tut mir leid, Jean“, brummte er und wandte sich ab.
Überrascht sah Jean Davis ihrem Lieblingsopfer hinterher. Eigentlich hatte sie vorgehabt, den Jungen erst richtig aufzustacheln, um ihn dann extra tief in den nächsten Mülleimer zu treten. „Willst du mir etwa den Spaß verderben und jetzt schon abhauen, Ken?“, rief sie ihm hinterher.
„Ach, es ist mein Fehler. Wenn ich versuche, normal mit dir zu reden, kommt doch nur Müll raus. Vergiss es einfach, okay?“
Hatte dieser Möchtegerncasanova etwa doch eine gute Seite? Oder war das nur seine neueste Masche: Wie kriege ich die Icequeen ins Bett?
„Ja, ich bringe wieder Briefe weg. Zwei. Die beiden letzten.“
Howard blieb stehen. Er wandte sich nicht um, als er sagte: „Muss hart für dich sein, Jean. Ich meine, wenn dieser Commander McQueen nicht so feige gewesen wäre, dann müsstest du das jetzt nicht durchstehen.“
Die Marine wunderte sich über sich selbst. So wie Ken Howard gerade auftrat, war er ihr geradezu… Wie war doch das Wort, welches sie nie mit diesem Trottel mit Hormonüberproduktion in Verbindung hatte bringen wollen? Sympathisch.
„Willst du mit?“, hörte sie sich selbst sagen. „Ich bringe die Briefe weg und danach können wir noch einen Kaffee trinken oder so.“
Und das, fügte sie in Gedanken hinzu, ist deine einzige und letzte Chance, mir zu beweisen, dass du kein Arschloch bist.
Howard wirbelte herum und sah sie entsetzt an. „Echt? Ich meine, ganz echt? Ich soll mitkommen?“
„Was an willst du mit, hast du genau nicht verstanden, Howard?“, fragte sie amüsiert.
„Oh. Ich… Warte hier mal. Geht ganz schnell. Wirklich.“
Er lief den Gang hinab zu seiner Gemeinschaftskabine und verschwand darin. Keine fünf Minuten später kam ein stattlicher, Hochgewachsener Marine mit breiten Schultern und einem herbmännlichen Gesicht aus der Kabine. Seine Miene war ernst, und Jean musste zugeben, die Ausgehuniform stand ihm einfach super.
Sie blinzelte. Blinzelte noch mal. „Äh. Howard?“
Für einen Moment bekam die ernste Miene Risse. Der Marine lächelte und zeigte damit deutliche Eigenschaften ihres Lieblingsfeindes. „Steht mir gut, die Uniform, was?“
„Allerdings“, stellte Jean fest. „Na, da muß ich dich wohl gut fest halten, damit die Frauen an Bord dich mir nicht von der Seite reißen, was?“
„Ha, ha“, erwiderte Ken und wurde wieder ernst. „Private Davis, ich stelle mich hiermit unter Ihr Kommando, Ma´am. Ich folge Ihnen durch dick und dünn.“
Jean wusste einen Moment nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Vielleicht war sie auch nur gerührt über die Menge jungenhaften Charme, die Howard mit seinem Auftreten versprühte.
„Komm einfach mit und blamiere mich nicht“, sagte sie leise und ging voraus.
**
Auf der Höhe zum Pilotendeck erwartete sie bereits Chip. Der Pilot begrüßte sie mit Handschlag und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, welchen die junge Davis erwiderte. „Schön, Sie zu sehen, Chip.“
„Schön, dass Sie mir erlauben, dabei zu sein, Jean. Und Sie sind…“
Howard gingen einige Möglichkeiten durch den Kopf, die ihm nun zur Verfügung standen. Am angenehmsten erschien ihn, diesen Kerl auf den Gefechtskopf einer Maverick zu binden und persönlich abzufeuern. Er entschied sich aber für das Gegenteil. Er salutierte korrekt. „Lieutenant, Private Ken Howard.“
„Na, na, na, nun mal nicht so förmlich, junger Mann. First Lieutenant Christian Harris, genannt Chip. Ich komme von New Boston und habe die Erlaubnis, diverse Reportagen an Bord zu schreiben. Ich begleite Private Davis zwecks Recherche.“ Er lächelte Jean an. „Ich hoffe, das beruhigt Ihren Freund.“
„Ich bin nicht ihr Freund“, erwiderte Ken eine Spur zu scharf. Er zögerte. „Nur… ein Freund.“
Jean klopfte ihm auf die Schulter. „Ein… guter Freund. Er wollte mich heute mal auf meinem schweren Gang begleiten.“
„Ach? So, so. Mir kam es eigentlich so vor, als… na, Schwamm drüber. Wen haben Sie denn noch so dabei, Jean?“
Private Davis griff in ihre Uniformjacke und zog zwei Briefe hervor. „Brief eins ist an Second Lieutenant Helen Mitra. Wurde mittlerweile zum First Lieutenant befördert.
Brief zwei geht an First Lieutenant Curtis Long, ebenfalls einen Rang aufgestiegen.“
„Hm. Wollen Sie diese Reihenfolge beibehalten? Ich meine, Kali, so wird Lieutenant Mitra gerufen, wäre um einiges pflegeleichter als Radio. Der ist ein Selbstverliebter Kotzbrocken, habe ich mir sagen lassen.“
„Nein, nein, das geht schon in Ordnung so. Ich finde es besser so, denn für mich ist Kali der härtere Brocken. Sie und mein Bruder waren Freunde. Und ich kann ihr nicht wirklich in die Augen sehen.“ Sie sah weg.
Howard fühlte, wie sich ein merkwürdiges Gefühl in seiner Brust ausbreitete. Es war so leicht, und doch so allumfassend. Magenschmerzen?
„Nun, Sie müssen nicht. Lieutenant Mitra ist gerade in die Messe gegangen. Sie beide sind dort natürlich Zugangsberechtigt. Das ist, finde ich, eine sehr gute Gelegenheit.
Aber Vorsicht, seien Sie nicht überrascht, wenn sie dort mit ihrem Freund sitzt, Lieutenant Nakakura.“
„Ändert das was? Ohka hat ebenfalls einen Brief bekommen“, erwiderte Jean und beendete damit jede weitere Spekulation darüber, für wie eng sie die Freundschaft zwischen ihrem Bruder und Kali gehalten hatte.
Chip nickte und ging voran.
„Hey, Chip, ich habe gehört, die Blauen machen heute mal wieder das, was sie am besten können, nämlich blau“, rief eine Stimme hinter den dreien.
Chip sah nicht einmal zurück als er erwiderte: „So was kann auch nur ein Butcher Bear sagen. Kommt erst mal in unsere Wertung, dann reden wir weiter, Brawler.“
Ihm antwortete ein lautes Lachen. „Das geht schneller als du denkst. Immerhin sind wir es, die hier in Nighthawks sitzen.“
Chip grinste anzüglich nach hinten. „Und dann seid Ihr nur auf Platz zwei? Die schwarze Staffel sieht anscheinend nur schwarze Tage, was?“
Lieutenant Tüncay schritt heran und griff dem Älteren auf den Bürstenhaarschnitt. „Was sind wir denn heute so aufsässig, he, Chip? Witterst du wieder ne private Reportage mit Lightning? Diesmal wohl mit Kerzenschein und Champagner, ne?“
Chip tauschte mit dem Butcher Bear ein paar Knüffe aus.
„Und was machen die Schlammstampfer hier mit dir? War dein letzter Artikel so schlecht, dass du jetzt Begleitschutz brauchst?“
Chris legte dem Piloten eine Hand auf die Schulter. „Brawler, das ist Jean Davis, sie…“
„Schon klar, schon klar. Brawler ist mein Name. Bin mal mit Ihrem Bruder geflogen, Ma´am, aber die meiste Zeit habe ich mit ihm gesoffen und geraucht. War ein anständiger Bursche und ein guter Pilot. Und wesentlich ruhiger als unsereins. Wir könnten ihn jetzt gut gebrauchen. Vor allem, weil er der einzige ist, der Radio wegen seiner Horrorpreise in den Arsch treten würde.
Ach, was rede ich, wenn Sie mal ne Geschichte über Ace hören wollen, kommen Sie einfach mal in meine Richtung. Und jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten.“
Der Veteran hob eine Hand zum Gruß und verschwand wieder im Gang.
„Hm?“, machte Howard leise. „Für einen Navy-Arsch war der aber ganz erträglich. Sorry, Chip.“
„Schon gut, Schlammstampfer“, erwiderte der Reporter mit einem Grinsen. „Ich habe mich die letzten Tage ein wenig umgehört, was Ihren Bruder betrifft, Jean. Scheint so, als hätten Sie gleich mit dem ersten Brief in ein Wespennest gestochen. Lilja war so etwas wie die Intimfeindin Ihres Bruders. Das lag weniger an irgendwelchen Vorfälle als daran, dass Ace den Krieg nicht ganz so sah, wie Lilja sich das vorstellte. Für Lilja war Ace ein romantischer Spinner, der nicht einsehen wollte, dass Krieg kein ehrenvolles Duell ist, sondern ein Kampf auf Leben und Tod, an dessen Ende der Überlebende die Leiche des Besiegten frisst. Um es mal übertrieben auszudrücken.“
„Hm“, machte Jean. „Wundert mich nicht. Cliff war schon immer ein wenig weich. Er hat Arbeit und Privatleben immer zu trennen gewusst, und wollte das anscheinend auf den Krieg übertragen. Es ist aber keine Überraschung, dass eine Frau rational genug ist, um die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Dreckig. Tödlich.“
Howard rieb sich nachdenklich den Nacken. War es wirklich eine gute Idee, Frauen das töten beizubringen? Was, wenn sie nicht wieder von los kamen? Es gab schon genügend psychopathische Männer nach einem Krieg. Auf psychopathische Frauen konnte er sehr gut verzichten.
„Junge, Junge. Ich frage mich, ob Sie wirklich mit Gentleman Ace verwandt sind, oder doch eher die kleine Schwester von Lilja“, scherzte Chip. „Ich habe natürlich noch mehr gehört. Es gibt genügend Piloten, die Ace gehasst haben. Viele von ihnen sind heute hier an Bord der COLUMBIA. Vielleicht nicht zuletzt deswegen. Warum kann ich nicht genau sagen. Vielleicht flog er ihnen zu gut. Vielleicht war er wirklich so verrückt, seine Ideale zu leben und hat damit einige gekränkt, die ihre eigene Definition von Krieg durchsetzen wollten, so wie Lilja. Aber er hatte auch einige Freunde. Und mit den meisten anderen, wie Brawler, kam er ganz gut aus.“
„Warum erzählen Sie mir das alles, Chip?“
„Weil es Teil meiner Recherche ist. Ich habe mich entschlossen, etwas über Ihren Bruder zu schreiben. Und es sollte doch mehr sein als sein Name und die Tatsache, dass man ihm eine Beförderung und zwei Orden in die Urne gelegt hat.
Als ich mit Darkness gesprochen habe, meinte er, Ace wäre die Art von Pilot, von der man glaubt, sie würden den Krieg überleben. In dem Punkt ist Darkness von seinem ehemaligen Flügelmann schwer enttäuscht.
Und ich bekomme so langsam ein Gesicht zu dem Namen und Rang First Lieutenant Clifford Davis.
Wenn das eine Belastung für Sie ist, Jean, dann sagen Sie es bitte. Ich muß Sie nicht begleiten und ich muß nicht über Ace schreiben. Er ist sowieso nur eines von vielen Schicksalen an Bord.“
Jean winkte ab, als sie die Messe betraten. „Nein, Chip, das ist in Ordnung. Ich habe es akzeptiert, und ich nehme mein Einverständnis nicht mehr zurück.“
Die Messe war mäßig belegt. Zwei Drittel der Tische waren frei. Als der Pilot mit den beiden Marines eintrat, trafen sie viele Blicke.
Jean suchte kurz und fand dann Helen Mitra an einem Tisch mit der blond gefärbten Staffelkommandeurin Huntress und dem japanischen Piloten Ohka.
„Bleibt beide bitte im Hintergrund“, bat Jean. „Das ist so schon schwer genug.“
Howard nickte schwer und hielt drei Schritte Abstand. Chip hielt sich wie automatisch an seiner Seite.
Jean schluckte noch einmal schwer und trat dann an den Tisch. „Entschuldigen Sie, Lieutenant, Lieutenant, Commander.“
Die drei sahen auf und Erkennen glomm in den Augen von Huntress und Ohka.
„Private Davis“, sagte Commander Volkmer und deutete auf die Bank. „Wollen Sie sich nicht setzen?“
Helen Mitra ließ die Marine nicht aus den Augen, während die sich setzte und den Hot auf dem Tisch ablegte. „Also kommen Sie nun zu mir, Private“, stellte sie leise fest.
„Korrekt, Ma´am. Ich bringe Ihnen einen Brief von meinem Bruder Clifford Davis. Wenn Sie ihn nicht annehmen möchten, kann ich das verstehen…“
Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Natürlich nehme ich den Brief an. Immerhin waren wir… Freunde.“
Beim leisen Zögern huschte ein Schatten über Ohkas Gesicht. Kurz krampften seine Hände um sein Besteck.
Jean griff in ihre Jacke und zog den Brief hervor. „Hier, Ma´am.“
Kali nahm den Brief entgegen. „Es tut mir leid, Private Davis. Ich spreche Ihnen mein Beileid aus. Cliffs Fähigkeiten als Pilot fehlen uns heute sehr, und damals haben sie vielen das Leben gerettet.“ Der Brief verschwand in ihrer Uniform. „Ich lese ihn später. Bitte verstehen Sie das nicht als den Versuch, über einen Toten nur Gutes zu sagen. Ich habe Ihren Bruder wirklich… sehr gemocht, und auch wenn wir auseinander gefallen sind, nachdem wir die Kabine nicht mehr teilten…“
Jean wurde rot. „Sie haben die Kabine miteinander geteilt?“
Kali runzelte die Stirn, dann begann sie zu lachen. „Ja, das ist eine alte Geschichte.
Wollen Sie sie hören? Gut. Es ist so. Die REDEMPTION, unser alter Träger wurde nach dem Angriff auf Trafalgar provisorisch betriebsbereit gemacht. Die Navy kratzte alles zusammen, um die alte Dame aufzurüsten. Ich war damals schon zwei Wochen an Bord, als Cliff mit dem letzten Shuttle ankam. Jedenfalls waren alle Offiziersquartiere schon belegt, und der Bordcomputer logierte ihn einfach bei mir ein.“
Helen grinste bei dieser Erinnerung. „Das war eine schwere Zeit, das können Sie mir glauben, Private. Ist ja nicht so, als wären wir täglich übereinander hergefallen. Oder als wären wir nicht super miteinander ausgekommen.“
„Wo war das Problem, Schatz?“, fragte Huntress.
„Die Offiziere, die Offiziere. Weißt du, dass wir in den ersten vier Wochen keine Privatsphäre hatten? Die Navy hatte beschlossen, dass Cliff eine Offiziersunterkunft zusteht, und deswegen konnten sie ihn nicht aus meiner Kabine raus nehmen. Also hat Commander Cunningham einen Verhaltensmaßnahmenkatalog geschrieben.
Cliff hatte ungefähr zwei Drittel aller Pflichten. Als wenn ich arme, schwache Frau mich nicht hätte wehren können.
Auf jeden Fall kamen zu den unpassendsten Gelegenheiten Offiziere in unser Quartier, um zu überprüfen, ob wir auch artig miteinander spielten. Oder besser, nicht miteinander spielten.
Außerdem hatten sie die Schichten der roten Staffel so umgeworfen, dass wir zu verschiedenen Zeiten Patrouille hatten. Aber es war eine lustige Zeit.“
Wehmut zog über Kalis Miene. „Dann wurde Pinpoints Zimmernachbar abgeschossen und Ace zog aus. Ab dem Zeitpunkt fehlte etwas, und wir haben es auch nie zurückbekommen. Wir verloren einander aus den Augen, und irgendwann waren die alten Kumpel aus der gleichen Kabine nur noch Piloten aus dem gleichen Geschwader.“
„So habe ich die Geschichte aber nicht gehört“, ließ sich Ohka vernehmen, das erste Mal, dass er etwas sagte.
Kali wurde rot. „Das du erst auf Geschichten hören musst. Du weißt es doch aus erster Hand.“
Der Japaner schmunzelte. „Zugegeben.“ Ohka erhob sich und nahm sein Tablett mit. „So, ich habe Patrouille. Sehen wir uns nachher noch, Helen?“
„Immer noch Probleme mit der linken Bugschubdüse? Ich bin nachher da.“
„So ka.“
„Was ist denn mit dem Samurai los? Kurz angebunden ist er eigentlich immer. Aber das da…“, wunderte sich Huntress.
„Eifersüchtig“, kommentierte Kali und nippte an ihrem Fruchtsaft. „Und das gefällt mir auch ganz gut. Hält sein Interesse wach.“
Huntress knuffte die Freundin in die Seite. „Na, du bist mir ja eine.“
Die beiden lachten.
Kali sah zu Jean herüber. „Das sollten Sie sich merken, Marine. Egal, wie es im Leben steht und wie ernst Ihre Aufgabe ist, letztendlich ist menschliche Zuneigung Ihre wichtigste Stütze. Mich hat sie nach Jollahran vor dem Wahnsinn bewahrt. Also verderben Sie es sich nie mit Ihren Freunden und hören Sie nie auf, sich neue zu suchen.“
Kali grinste zu Chip und dem Marine herüber. „Man kann es aber auch übertreiben. Ich dachte eigentlich, Sie gehen mit Darkness aus, Private. Und jetzt noch ein Pilot und ein stattlicher Marine…“
„Nun, Marines wachsen mit ihrem Herausforderungen“, erwiderte Jean und fiel in das lachen der beiden Pilotinnen ein.
Sie erhob sich. „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen, Kali. Und ich freue mich darüber, Sie wieder getroffen zu haben, Huntress. Einen Brief habe ich noch. Den will ich heute noch loswerden. Seien Sie wachsam da draußen.“
„Und vergessen Sie nicht den Kopf einzuziehen, wenn es rund um Sie knallt und blitzt, Private“, erwiderte Kali. „Und falls Sie mal wieder etwas über Ihren Bruder wissen wollen…“
„Ich komme darauf zurück. Commander, Lieutenant.“
Als sie an den beiden Wartenden vorbei kam, bemerkte sie das Schmunzeln in Chips Miene. Und eine kräftige Röte in dem Gesicht von Ken Howard. „So, einer geschafft, einer steht noch aus. Sie wissen nicht zufällig, wo dieser Radio ist, Chip?“
Gemeinsam verließen sie die Kantine. „Gehen Sie immer dahin, wo es am lautesten ist, irgendwo in der Mitte steckt Radio.“
„Dann werde ich den Brief wohl heute noch… Autsch!“
„Kannst du nicht aufpassen, Jarhead? Und überhaupt, was machst du hier auf dem Pilotendeck?“ Jean hatte einen Piloten gerammt und war von dem Stoß zu Boden geschickt worden. Ihr Kopf war ziemlich hart mit seinem kräftigen Kiefer kollidiert und sie rieb sich die schmerzende Stelle, während der Hochgewachsene Pilot nicht einmal eine Miene verzog.
„Hi, Skunk“, sagte Chip leise und bot Jean seine Hand zum aufstehen.
Jean dankte ihm mit einem Nicken, kam aber alleine hoch.
Die Miene des Piloten hellte sich merklich auf, als er der jungen Marine ins Gesicht sah. „Wow. Hätte ich gewusst, dass Ihr Jarheads so was hübsches da unten habt, dann wäre ich doch mal für nen Nahkampf runter gekommen.“
Howard brummte böse und schob sich zwischen die Marine und den Piloten.
„Hey, Kleiner“, zischte Skunk, „ich habe schon größere Idioten für weniger fertig gemacht.“
„Keinen Ärger, Lieutenant. Wir suchen Radio“, mischte sich Chip wieder ein.
„Radio? Der ist drüben im roten Besprechungsraum. Hm. Bist du die Kleine, die Briefe von ihrem toten Bruder verteilt, hm? Da wünscht man sich ja, auch schon auf der RED geflogen zu sein.
Gehen Sie schnell rüber, Miss, ich glaube, er wollte nicht lange bleiben.“
„Danke, Lieutenant“, brummte Jean und drückte sich an Skunk vorbei.
„Private. Ich kannte Ihren Bruder nicht. Und würde ich Ihnen Beileid wünschen, wäre es gelogen. Aber ich erkenne Ihren Mut an, hier bei uns rum zu laufen und diese Post zu verteilen.
Hey, vergessen Sie Ihr Riesenbaby hier nicht.“
Skunk drückte sich an Howard vorbei, nicht ohne ihn kräftig mit der Schulter zu rammen und verschwand in der Messe.
„Das war Skunk. Sein Name ist Programm“, murmelte Chip. „Wollen wir versuchen, den Commander noch zu erwischen?“
Schweigend betrat Jean den Briefingraum. Radio stand am Stehpult und studierte ein paar Berichte. „Ja?“ Er musterte Jean kurz. „Nanu? Hat sich Skunk wieder mal mit den Marines angelegt und bringen Sie mir seine Reste, Private?“
„Sir, ich bin Private Jean Davis. Ich… Ich bin…“
Für einen Moment wirkte der Commander überrascht. „Sie… Haben auch einen Brief für mich?“
„Ja, Sir.“ Jean öffnete ihre Uniformjacke und entnahm den letzten Umschlag. „Bitte.“
„Danke, Private.“ Radio nahm den Umschlag an sich, öffnete ihn und begann zu lesen.
„Nein, bleiben Sie noch einen Moment, Private. Wissen Sie, Ace und ich sind nicht gerade als Freunde auseinander gegangen. Tatsache ist, wir sind ziemlich hart gegeneinander gerasselt.
Aber irgendwie habe ich das respektiert. Für ihn war ich nie irgendein Arschloch, sondern ein Pilotenkamerad, der sich benahm wie ein Arschloch. Scheint so, als hätte er für mich Hoffnung gehabt, dass ich das werde, was er einen guten Offizier nennen würde.“
Radio vertiefte sich in die Lektüre des Briefes und schmunzelte.
„Die Passage ist gut. Hier: Ich bitte um Entschuldigung für das Tribunal, wenn Du dir im Gegenzug selbst vergibst und endlich deine Verantwortung für die Staffel annimmst.“
Er warf einen amüsierten Blick auf seine Abzeichen. „Das hat nicht viel mit Vernunft zu tun. Danke, Private, Sie können jetzt gehen.“
Jean salutierte und wandte sich um. Sie zuckte beinahe zusammen, als Radio mit der geballten Faust auf den Pult schlug.
„Gehen wir. Das war der letzte.“
Chip, der sich eifrig Notizen gemacht hatte, nickte. „Ich habe sicher noch ein paar Fragen, wenn der Artikel fast fertig ist. Ich weiß ja, wo ich Sie erreichen kann, Jean. Aber für den Moment war es das. Ich lasse Sie danach noch mal drüber lesen.“
Er lächelte leicht, als er Jean zum Abschied drückte. „Passen Sie auf sich auf, Marine.“
„Bleiben Sie oben, Pilot.“
„Howard, Sie achten mir auf das Mädchen, ja?“
Der Marine nickte bestätigend.
Danach verschwand der Pilot der Blauen Staffel im Gang.
„Also“, meinte Jean nachdenklich, „jetzt wo ich alle Briefe los bin und weder getötet noch schwer verletzt wurde, kommen wir zurück zum normalen Leben. Ich glaube, ich schulde dir einen Kaffee, was, Ken?“
Der große Marine nickte überrascht.
„Na dann, wollen wir doch mal.“
Nebeneinander gingen sie durch den Gang, und seit einer kleinen Ewigkeit tat Howard etwas, was er schon verlernt zu haben glaubte. Er unterhielt mit Jean Davis eine belanglose Konversation über Gott und die Welt.
Seltsamerweise gefiel ihm das.
Cattaneo
04.06.2004, 09:34
Als die Fünf-Minuten-Warnung für den Sprung nach Graxxon ertönte, befanden sich die Piloten der Grünen Staffel allesamt schon in der Nähe ihrer Maschinen. Die allgemeine Erregung war nur zu leicht sichtbar, auch wenn jeder es anders zeigte. Imp blödelte ein wenig herum, obwohl ein Teil des Publikums, namentlich ihre Freundin Lilja, das kaum wahrzunehmen schien. Die Russin starrte mit geballten Fäusten ins Leere. Marine ließ unablässig ihre Fingerknöchel knacken, lockerte die Finger, ballte sie zur Faust, wischte die Hand an der Hose ab. Sie merkte es wahrscheinlich nicht, aber eigentlich waren das die üblichen Verhaltensmuster einer Infanteristin, die verhindern wollte, daß der Griff um die Waffe unsicher wurde. Nun, die Ausbildung zeigte vermutlich ihre Nachwirkungen. Mit ihrer Frisur wirkte sie wie ein überaus nervöser Igel. Claw schien es eher Lilja gleich zu tun, während Tyr gelegentlich einen Witz in Imps Albernheiten einwarf – bloß waren seine zumeist etwas „deftiger“. Aber das schien keinen zu stören, das Lachen klang freilich reichlich gekünstelt.
Die Piloten hätten eigentlich die letzten Minuten in einem der Bereitschaftsräume neben den Hangars verbringen können. Dort gab es Sessel, einfache Spiele wie Schach oder Mühle und sogar Lesestoff – alles was man brauchte um zu entspannen. Oder besser, alles war zugelassen war...
Die gute Idee, die hinter dieser Einrichtung steckte, zeugte jedoch nur davon, wie wenig manchmal die Vorstellungen der Planungsbüros mit der Wirklichkeit des Krieges übereinstimmten. In den Zeiten des Kalten Krieges hatten die Bereitschaftsräume gute Dienste geleistet, vor allem wenn die Bereitschaft wieder einmal erhöht worden war – jetzt, nachdem der Konflikt richtig ,heiß‘ geworden war, war dies weit weniger der Fall. Seit den Massakern am Anfang des Krieges und dem drastischen Anstieg der Verlustzahlen bei ,Husar‘ fanden immer weniger Piloten die nötige innere Ruhe. Man hatte es auch aufgegeben, den Piloten vor dem Flug noch etwas zu essen anzubieten. Etliche der Flieger hatten schon so genug Probleme, ihren Magen unter Kontrolle zu behalten. Und ein Pilot, der ins Cockpit kotzte, war nicht zu gebrauchen. Trotzdem sie die nächsten Stunden in diesen Maschinen verbringen und in ihnen vielleicht auch sterben würden, waren sie nicht von den Kampfliegern wegzubekommen. So standen sie um ihre Jäger herum, oder umkreisten sie ruhelos wie Haie einen Schwimmer – wenngleich das vielleicht kein passender Vergleich war. Oder sie hatten sich an die Wand gelehnt – zum hinsetzen aber kam keiner. Auch wenn sie alle wußten, der Befehl zum Start würde kaum vollkommen überraschend kommen, wollte keiner sich entfernen.
Ironischer weise war nur die Kommandeurin die Ruhe selber. Ihr Gesicht zeigte einen beinahe heiteren Ausdruck. Mit ihren kontrollierten Bewegungen wirkte sie besonders auf die Neulinge wie der sprichwörtliche Veteran – während die anderen Veteranen sich teilweise benahmen wie eine Jungfrau vor der Hochzeitsnacht. Zweifelsohne war dieser beruhigende Einfluß auch beabsichtigt. Die Quelle von Lightnings Gelassenheit war aber nicht ihre sichere Siegeszuversicht. Sie war erfahren genug, um sich keine Illusionen zu machen.
Nein, ihre Ruhe speiste sich daraus, daß sie nun, im Angesicht des kommenden Kampfes, den ganzen Ärger, der in den letzten 24 Stunden in ihr gebrodelt hatte, beiseite schieben konnte. Die Beruhigungstherapie in der Sporthalle hatte nämlich bei weitem nicht dazu ausgereicht.
Sie hatte, allerdings nur knapp, der Versuchung widerstehen zu können, wie Cunningham zu handeln. Für sie war klar, Chef ,Lone Coyote’ hatte einen gewaltigen Anschiß beim Trägerchef bekommen, und reichte das nun nach unten weiter, anstatt sich selber zu fragen, ob er nicht etwas falsch gemacht hatte. Wie immer. Auch sie hatte das Verlangen verspürt, jemanden ,fertig zu machen’. Im Militär konnte man das ja ohne weiteres mit Untergebenen tun, das ganze System ermutigte sogar dazu. Aber sie hatte sich so kurz vor der Schlacht dann doch eines Besseren entschieden. Allerdings nicht besser für ihren eigenen Seelenfrieden. Also hatte sie ihren Ärger mit sich herumgetragen, und sehr wohl registriert, daß ihre Untergebenen wie auf Eiern gegangen waren.
Sie hatte sich jedenfalls von Lilja glaubhaft versichern lassen, daß keiner der Staffel in die ,Aktion Piratenschreck’ verwickelt war. Die Russin schien die Ansprache des Commanders persönlich zu nehmen und hatte offenbar jeden einzelnen Piloten der Staffel, der auch nur halbwegs in Verdacht stand, einem eingehenden Verhör unterzogen. Allerdings mit negativem Ergebnis. Nun, zumindest das konnte man wohl ausschließen. In dieser Hinsicht war Lightning wie immer überrascht, wie leicht Lilja Kritik entgegennahm, wenn ihr Gegenüber nur genug Sterne und Streifen auf den Schultern oder an der Maschine hatte.
Ansonsten aber hatte Lightning sich wie immer auf ihre Pflicht konzentriert – eifrig dabei unterstützt von ihrer XO, die offenbar meinte, sie habe etwas auszubügeln. Diese Wirkung konnte man bei Lilja leicht erzielen.
Auch wenn offiziell die Piloten von Übungen befreit waren, so hatte die Russin zumindest noch ein paar „freiwillige“ Simulatorrunden mit den Neulingen organisiert. Und die hatten sich aus verschiedenen Gründen in ihr Schicksal gefügt. Marine brannte auf Rache an den Akarii und zusätzlich war es ihr erster Kampf. El Cid hatte genug Gründe, für seine Rückkehr zu beten und Tyr war als Wingman von Lilja sowieso etwas von ihrer „Gnade“ abhängig. Nicht, daß er kuschte, aber mit einem Wingkameraden verdarb man es sich besser nicht. Sein letzter scharfer Einsatz lag lange zurück.
Lightning und ihre Stellvertreterin hatten auch die Bestückung der Maschinen überwacht und überall noch mal Doppelchecks durchgeführt. Die Erinnerung an den ominösen Saboteur, der auf der ersten und zweiten Feindfahrt der Redemption sein Unwesen getrieben hatte, wirkte nach. Zumal Lightning damals ihre Privatfehde mit Lone Coyote angefangen hatte. Natürlich war er daran Schuld.
Der augenblicklich aktive „Nachfolger“, über den bereits erste Gerüchte im Umlauf waren, schien zwar harmloser, aber man konnte ja nie wissen. Bei der Bewaffnung war man den Standardvorgaben gefolgt. Die Abfangjäger trugen je zwei Amram-, Sparrow- und Sidewinder-Raketen. Ausreichend Waffen für den Kampf mit Jägern, allerdings nichts, mit dem man gegen schwere Ziele etwas erreichen konnte. Beim Briefing hatte Lightning keine Zweifel über den Auftrag gelassen: „Unsere Aufgabe ist es, unsere Bomber zu beschützen. Es wird ohne Zweifel haarig werden, denn dabei müssen wir mit ihnen in die Flakhölle rein. Aber vor allem müssen wir verhindern, daß die Akarii die lahmen Enten wegputzen. Unsere fliegenden Scheunentore werden es mit der Abwehr der Dickschiffe schon schwer genug haben. Denkt immer daran – wichtiger als ein Abschuß ist es, die Zerstörung eines eigenen Bombers zu verhindern. Denn einer von denen kann den Unterschied ausmachen, der die Akarii einen Zerstörer kostet oder nicht – vielleicht auch einen Kreuzer. Wir haben genau das trainiert, und wir werden zeigen, daß Grün die Trumpffarbe in diesem Spiel ist.“ Die Begeisterung der meisten Piloten hatte sich in Grenzen gehalten. Echter Jubel brach nicht aus, doch den gab es wirklich nur im Film. Natürlich fieberten viele der Schlacht entgegen. Der ersten großen Gegenoffensive der Menschen. Aber jeder erinnerte sich auch an gefallene Kameraden – und diesmal mochte es mitten hinein in einen Flottenverband gehen, der stärker war als die ,Hölle von Jollahran’, wie die Veteranen die große Geleitzugsschlacht nannten.
Und jetzt blieb ihnen frustrierenderweise nichts übrig, als abzuwarten, bis es endlich losging. Bis die Unsicherheit und das Warten eine Ende hatte. Im Gefecht selber war für Gedanken selten viel Zeit – aber jetzt, davor, da konnte man sich noch ausmalen, was alles geschehen mochte. Und die Gesichter der Gefallenen zogen vor mehr als einem Auge vorbei.
Die Staffelkommandeurin bemühte sich, kein Anzeichen von Unruhe nach außen dringen zu lassen. Sie wusste, oder besser, sie war davon überzeugt, daß sie eine ausgezeichnete Staffel hatte. Ihre XO mochte Ecken und Kannten haben, aber das betrachtete sie als geringes Problem. Die meisten Piloten hatten Kampferfahrung, und sie agierten als Team – faule Äpfel wie diesen Cartmell gab es hier nicht.
Erneut gellten die Warnsirenen. Das Signal für den Sprung. Der eine oder andere nervöse Blick mochte ausdrücken: ,Jetzt gibt es kein Zurück mehr.’ Aber mehr als ein Pilot zeigte sogar so etwas wie Erleichterung. Nicht mehr lange, und das Warten, das endlose, qualvolle Warten, war vorüber. Doch der eine oder andere hätte vielleicht lieber bis in alle Ewigkeit gewartet.
Lightning beobachtete, wie sich ihre Piloten teilweise noch mehr verkrampften. Lilja zog die Lippen hoch, so daß man ihre zusammengebissenen Zähne sehen konnte – mit ihrem vernarbten Gesicht bot dies einen beeindruckenden Anblick. Die Staffelkommandeurin mußte ein leises Kichern unterdrücken. Ihre XO hatte vor der Schlacht noch einmal etwas in ihre Kamera gesprochen und die Vorbereitungen gefilmt – sie nahm ihr Versprechen an diese Klassen offenbar ernst. Wenn die sie jetzt sehen könnten...
Nun, wenn man berücksichtigte, daß Lilja bei ihrem letzten Einsatz beinahe umgekommen wäre, war ihr Verhalten auch nur zu verständlich. Und im Kampf war auf sie Verlaß.
Normalerweise war ein Sprungvorgang fühlbar – das hatte freilich oft auch psychosomatische Gründe. Man war sich bisher nicht einig geworden, ob ein Gefechtssprung anders empfunden wurde als ein normaler Reisetransit. Vermutlich hing das vom jeweiligen Piloten ab. Lightning jedenfalls hatte ein ziemlich flaues Gefühl im Magen. Sie bemerkte, daß Claw beinahe zufrieden lächelte – nun, sie mußte ihren Wingkameraden ja nicht verstehen...
Die ersten Worte der Stimme aus den Lautsprechern ließen alle zusammenfahren. Einige sprangen auf, in der festen Überzeugung, jede Durchsage konnte nur eines bedeuten – den Startbefehl. Doch dann stoppten sie, als die Worte an ihre Bewußtsein drangen: „Achtung – Flotte stößt weiter ins System vor. Vorpostenschiffe der Akarii vernichtet. Kreuzergeschwader 2. 3 meldet Zerstörung von einem Zerstörer und zwei Fregatten. Intrepidgeschwader meldet drei Fregatten. Anflug für Angriff beginnt.“
Für einen Augenblick herrschte Schweigen, dann riß Marine die Faust hoch und stimmte ein Siegesgeheul an. Und die anderen Piloten fielen ein, einige hieben ihren Kameraden auf die Schultern, als feierten sie einen eigenen Erfolg. Sie bejubelten den Sieg der Kreuzer, die Vernichtung des Gegners – und vor allem das günstige Omen. Denn wenn das so gut lief, dann mußte doch auch der restliche Angriff glücken. Das war ja immer so!
Lightning hatte eingestimmt, auch wenn sie den Aberglauben nicht teilte. Aber der Erfolg an sich war es auch schon wert. Wenn die Akarii keine Meldung hatten abschicken können – aber das wäre wohl zuviel verlangt.
Doch dann schaltete sich der Lautsprecher wieder ein, und diesmal war es die Stimme des Kapitäns, die ertönte: „Alle Mann an die Jäger! Bereitmachen zum Katapultstart in sechs null. Gute Jagd.“
Lightning sprang auf, ebenso der Rest der Schwadron. Auf einigen Gesichtern war immer noch die Freude über die Erfolge der Begleitschiffe, doch nun begann der Ernst und die Erregung des echten Kampfes sich durchzusetzen. Sie rannten zu ihren Jägern.
Das Cockpit schloß sich, geräuscharm wie immer. Lightning unterdrückte den Gedanken, der ihr schon gelegentlich gekommen war: ,Komfortabler Sarg – und anders als in den Bombern hat man ihn wenigstens für sich allein.‘ Sie hatte nun wirklich keine Zeit für solche Gedanken. Sie bemerkte wie die ersten Jägern gestartet wurden. Ihre eigene Staffel würde bald an der Reihe sein. Unter ihrem Helm grinste sie: „Na dann, Wölfchen. Wollen wir doch mal sehen, ob du so gut kämpfen wie reden kannst...“
Cattaneo
04.06.2004, 09:35
Das erste Gefecht
Dicht hinter dem Flaggschiff der Schwadron, an der Spitze der Einheit, schob sich die Relentless langsam auf das Wurmloch zu – und bereitete sich auf die Schlacht vor. Auf der Brücke trafen die letzten Klarmeldungen ein. Für die meisten Besatzungsmitglieder bedeutete dieser Sprung etwas Besonderes – ihren ersten echten Feindkontakt. Dies führte, zusammen mit den argwöhnischen Blicken der Offiziere, die wiederum das Argusauge ihres Captains auf sich ruhen fühlten, dazu, daß die einzelnen Handgriffe mit noch größerer Sorgfältigkeit als sonst ausgeführt wurden. Der wachsende Nervosität äußerte sich freilich auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Der Priester des Kreuzers hatte in den letzten zwölf Stunden so viel zu tun gehabt wie sonst in einer Woche.
Für Captain Mithel war ein Gefechtssprung eigentlich nichts Neues mehr. Er hatte den Krieg von der ersten Schlacht an mitgemacht, und blickte auf eine ausreichend lange Karriere im Dienste der Flotte zurück. Er war durch Wurmlöcher in den Feuerbereich feindlicher Schiffe gesprungen und hatte sich mehr als einmal quasi in letzter Minute durch einen Sprung in Sicherheit gebracht. Dennoch war er gegenüber diesen Augenblicken nie abgestumpft. Die letzten Minuten vor dem Gefecht waren immer etwas Besonderes. Der Captain stand hoch aufgerichtet im Gefechtsstand seines Kreuzers. Erst wenn der Sprung unmittelbar bevorstand, würde er den Kommandosessel aufsuchen. Es war, wie so vieles, auch eine Frage der Symbolik.
Es erfüllte Mithel mit Stolz, daß sein Schiff zu den ersten zählen würde, die durch das Wurmloch nach Graxon vorstießen. Diese Ehre barg natürlich auch Gefahren. Wenn die Akarii einen ausreichend starken Sperrverband am Sprungpunkt zurückgelassen hatten, dann konnte es sofort zu einem schweren Gefecht kommen. Die menschlichen Streitkräfte würden zwar siegen, allein durch ihre schiere Maße, doch wenn zwei oder drei Yankees in Gefechtsbereitschaft auf sie warteten, dann würde es nicht ohne Verluste abgehen. Nur zu gut erinnerte er sich, wie die Gallileo bei ihrer Ankunft im Texas-System beinahe von eigenen Schiffen zerstört worden wäre. Wenn die Akarii in ähnlicher Stärke warteten...
Er hatte deshalb befohlen, daß die Mittelstreckenwerfer sich auf die Abwehr feindlicher Raketen zu konzentrieren hatten. Die Präsenz feindlicher Jäger war eher unwahrscheinlich. Mit den Amram und Impulslasern würde der Kreuzer eine gewisse Chance gegen feindliche Marschflugkörper haben.
Der Bordfunk erwachte abrupt zum Leben: „Schupp an alle – bereitmachen zum Sprung!“ Mithel bestätigte knapp, die Zeit für lange, patriotische Reden war vorbei: „Relentless klar zum Gefecht!“ Die anderen Kreuzer meldeten einer nach dem anderen ebenfalls Bereitschaft. Die Schwadron, eine geballte Formation mit immenser
Feuerkraft, nahm ihre Position an der Spitze des Columbia-Verbandes ein. Sie würde den ersten Schlag führen, zusammen mit den Kreuzern der Intrepid. Mithel nahm jetzt seinen Gefechtsplatz ein, und legte sorgfältig die Sicherheitsgurte an. Wie immer sollte man ihm keinerlei Nervosität anmerken.
Er registrierte Renaults Worte. Es waren gute Worte – doch Mithel konnte sich den Gedanken nicht verkneifen, daß es merkwürdig war, daß man der Offensive eine solche Bedeutung zumaß, doch einen Gutteil der Schiffe in der zweiten Linie behielt. Inklusive des Flottenkommandeurs, dessen Fähigkeit zur schnelle Reaktion so doch etwas eingeschränkt war. Nun, die wußten es eben wieder mal besser...
Der Captain drehte leicht den Kopf. Jetzt kam es darauf an, die Zeit des Abwartens war vorüber: „Volle Kraft voraus – Sprungsequenz einleiten!“ Der gigantische Kreuzer, trotz seiner Größe und Macht nur ein Kriegsschiff unter Dutzenden, beschleunigte – und verschwand. Von einer Sekunde zur anderen wurde er um Lichtjahre versetzt, ein Prozeß, den die Menschen nutzten, den aber nur wenige wirklich verstanden.
Die Brücke explodierte geradezu in Aktivität: „Sprung abgeschlossen! Ortung meldet – feindliche Vorpostenschiffe!“ Zugleich liefen die Meldungen über die erfolgreichen Sprünge der anderen Schiffe und die Zieldaten des Gegners ein. Nur die langjährige Erfahrung als Brückenoffizier und XO eines Großschiffes befähigte Mithel dazu, in diesem Durcheinander den Überblick zu bewahren, alle wichtigen Nachrichten gleichzeitig zu verarbeiten und die richtigen Schlüsse zu ziehen: „Ziel Drei auffassen – Fächerschuß aus Rohr Eins bis Zehn Primärwerfer! Sekundärziel ist Schiff Nummer Fünf!“
Er hatte kaum ausgeredet, als die erste Klarmeldung kam: „Ziel erfaßt – Raketen starten!“ „Sekundärziel folgen - Bereit zu Fächerschuß aus Rohr Elf bis 20.“ „Peilung steht!“ „LOS!“
Alles lief ab wie auf dem Exerzierplatz – die Besatzung handelte, wie sie es oft genug einstudiert hatte. Freilich, augenblicklich war es eher eine Hinrichtung als ein richtiger Kampf.
Auf den Monitoren waren die Symbole für die Marschflugkörper zu sehen, die zu Dutzenden von den Erdkreuzern abgefeuert wurden. Die Akarii-Schiffe erhielten zumeist kaum die Chance, irgend etwas zu unternehmen, bevor sie im wahrsten Sinne des Wortes ausgelöscht wurden. Bestrebt, jede Gegenwehr oder Funkspruch von vornherein zu verhindern, feuerten die republikanischen Kriegsschiffe weitaus mehr Raketen ab, als eigentlich notwendig waren.
Lieutenant Commander Rogulski meldete den Erfolg: „Einschlag in drei, zwei, eins – Treffer! Feindlicher Zerstörer vernichtet!“ Er verzog das Gesicht, eine Maske der Konzentration: „Sekundärziel ist Salve ausgewichen, Abwehrfeuer mittels Impulslaser – sie visieren uns an!“ Mithel bellte: „Ausweichmanöver vorbereiten! Ich will, daß der Zerstörer vernichtet wird!“ Doch während der Kreuzer noch rotierte und in einer Kursänderung von 45 Grad seitlich ausscherte, meldete der Kommunikationsoffizier: „Feindliches Schiff funkt.“ Doch diese Geste der Pflichterfüllung besiegelte das Schicksal der Akarii: „Feindliche Fregatte von vier Raketen der Tiredless getroffen – vernichtet!“
Mit einem kurzen Auflodern verging das sechste, letzte Schiff der Wachflotte. Das ganze Gefecht hatte keine Minute gedauert.
Mithel registrierte das Ergebnis der Auseinandersetzung mit gemischten Gefühlen. Es war ärgerlich, daß die Akarii hatten funken können. Andererseits – eine völlige Vernichtung der Vorpostenkette war von Anfang an unwahrscheinlich gewesen. Und die Akarii sollten ja sogar um Hilfe rufen. Vermutlich war die Durchsage der glücklosen Fregatte sowieso nicht sehr genau gewesen. Außerdem – des beste mögliche Fall trat im Krieg nun einmal so gut wie nie ein... Und seine Mannschaft hatte ihre Sache gut gemacht – die des unbekannten Akarii eben auch. Das hatte ihnen zwar nur ein paar Sekunden Überleben gesichert, mochte die Menschen aber teuer zu stehen kommen.
Mithel öffnete einen Kanal der Bordkommunikation: „Achtung, Kapitänsdurchsage. Wir haben soeben einen feindlichen Zerstörer vernichtet. Ich beglückwünsche die Mannschaft zu diesem Erfolg – es wird nicht der letzte sein. Vorstoß nach Graxon II wird fortgesetzt. Weitermachen!“ Er lächelte leicht. Die Begeisterung auf den einzelnen Stationen war vorstellbar. Das erste Gefecht der Relentless war gut gelaufen, und sie hatten bewiesen, daß sie austeilen konnten. Der schwierige Teil der Schlacht würde erst noch kommen.
Um die Relentless herum jagte der gesamte Kampfverband dem Feind entgegen. Befehlsgemäß setzten sich die Kreuzer an die linke vordere Flanke. Sie würden dort in der Lage sein, frühzeitig das Feuer auf den Gegner zu eröffnen. Freilich würde es auch an ihnen liegen, etwaige Bomberangriffe abzufangen – soweit die eigenen Kampfflieger das nicht schafften. Es konnte immer passieren, vor allem wenn man die Qualität des Feindes berücksichtigte, daß eine Staffel durchbrach. Und zwölf Avenger, die Standardbomber der Akarii, hatten eine tödliche Feuerkraft. Mithel fühlte immer noch große Skepsis bei dem Gedanken, sich zu sehr auf die Dauntless, oder was das anging, auf ihren Kapitän, zu verlassen.
Noch waren die eigenen Jäger nicht gestartet worden. Aber das würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Im Kopf überschlug Mithel, was er über den Gegner wußte. Genaue Informationen waren nicht verfügbar, aber vermutlich hatten sie es mit einer kompletten Trägergruppe der Akarii zu tun, dazu einige örtliche Kräfte. Mehr als siebzig republikanische Schiffe gegen sicher mehr als vierzig der Akarii, allerdings abzüglich der vernichteten Wachschiffe – immer noch eine gewaltige Ansammlung von Vernichtungskraft. Das sah nicht nach etwas aus, das von Jägern und Bombern vernichtet werden konnte. Nicht einmal, wenn es zwei erfahrene Geschwader wie die Angry Angels und Starwarriors waren. Die Flotte würde mitkämpfen müssen. Und dabei war das möglicherweise erst der Auftakt für die wirkliche Schlacht von Graxon, wenn der Schlachtplan der Admiralität – Kritiker hätten wohl gesagt ,Endlich einmal.‘ – aufging. Vielleicht wurde diese Operation nicht die Kriegswende, doch bestimmt eine der großen Schlachten des Krieges, über die eines Tages mehrbändige Abhandlungen der Militärhistoriker erscheinen würden.
Unablässig spähten und horchten die Ortungsspezialisten in die endlosen Weiten des Raumes hinaus. Sie wußten, der Gegner mußte dort irgendwo sein – vielleicht bereits damit beschäftigt, den Menschen einen blutigen Empfang zu bereiten. Ganz sicher aber war er alarmiert. Jeder Augenblick ließ die Anspannung steigen, bis sie fast sichtbar in den Mienen der Brückenoffizieren stand. Dann kam die Meldung, erwünscht und gefürchtet zugleich: „Starkes gegnerisches ECM geortet...“ „...feindliche Schiffe bei...“ „...Einheiten, wiederhole, geschätzt vierzig Einheiten! Kurs bei...“ „Melde Feindjäger in großer Zahl, 80 plus.“ Mithel spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. So wie ihm ging es wohl jedem an Bord. Das war die Schlacht – die Akarii stellten sich. Offenbar hatten sie nur eine ungenau Vorstellung von den angreifenden Kräften. Bei genauer Kenntnis hätte sich der Admiral der Akarii vermutlich zurückgezogen, auch wenn dies den Verlust Graxons bedeutete. Mehr als sich teuer verkaufen konnte er angesichts der Übermacht wohl kaum, und das System würde so oder so verloren gehen – wenn die Akarii es nicht wieder zurückeroberten. Die Träger der Erdflotte begannen jetzt, in einem schier endlosen Strom Jäger auszuspucken. Sie vermehrten die Symbole auf den Bildschirmen um weit mehr als 100. Er beneidete die Piloten nicht, da sie mit ihren zerbrechlichen Maschinen mitten hinein in das Kreuzfeuer der feindlichen Schiffe mußten. Nun, mit etwas Glück konnten die schweren Schiff-Schiff-Raketen die gegnerische Formation aufbrechen. Und wenn es nach ihm ging...
„Primärwerfer, Zielerfassung starten. Koppeln mit Sekundärwerfer, je Salven zu 15 Raketen auf feindliche Kreuzer. Schiffsartillerie – Nahbereichsabwehr übernehmen! Tertiärwerfer unterstützen. Frage Status ECM?“ „Steht, feindliches ECCM wird stärker!“ Die Energiegeschütze des Kreuzers hatten nur eine begrenzte Reichweite. Lange bevor sie zum Einsatz kommen konnten, würden die überschweren Marschflugkörper den Kampf eröffnen, ihn vielleicht auch entscheiden.
„Zielfassung läuft...Abgeschlossen!“ „Feuerbefehl abwarten!“ Die Entfernungsangaben nahmen langsam ab. Noch eine Viertelmillion Kilometer, zu weit für die Raketen.
Unerbittlich verringerte sich der Abstand, rückten die Flotten aufeinander vor. Hunderte von Marschflugkörpern, jeder stark genug, eine Großstand auszuradieren, wurden auf den Feind ausgerichtet. Noch 240.000 Kilometer...
Tyr Svenson
04.06.2004, 12:32
Lieutenant Commander McQueen sah – zum wer weiß wievielten Mal – auf die Uhr. Die blinkende Anzeige teilte ihm mit, daß seit seinem letzten Blick nur zwei Minuten vergangen waren. Darkness unterdrückte einen Fluch. Er konnte nichts tun – noch nicht. Während da draußen, im Weltraum, die Kriegsschiffe der TSN den Kampf bereits aufgenommen hatten, warteten die Butcher Bears auf ihre Startfreigabe. Natürlich wußte Darkness, warum man mit dem Einsatz der Kampfflieger wartete, warum die Columbia und die Intrepid unter dem Schutz der Kreuzer, Zerstörer, Fregatten und Korvetten mit Höchstgeschwindigkeit in das Graxxon-System vorstießen. Die Jäger verbrauchten den Treibstoff in ihren Tanks mit atemberaubender Geschwindigkeit, vor allem im Kampf. Indem die TSN auf einen verfrühten Start der Kampfflieger verzichtete, brachte man sie näher an den Feind, gab ihnen eine größere Verweildauer im Gefechtsfeld. Trotzdem fiel Darkness das Warten schwer – und sicher ging es seinen Leuten nicht anders.
Die Stimmung an Bord war aufgeladen gewesen. Neben der „normalen“ Anspannung vor einem Kampf, die angesichts der besonderen Bedeutung des Angriffs und der Tatsache, daß viele Mitglieder der Angry Angels in ihren ersten Kampf zogen, hatte die „Sache“ mit Cartmell, vor allem aber die Standpauke des Geschwaderchefs, für Aufruhr gesorgt. Auch wenn Darkness in Cunningham einen Freund sah, diese „Kopfwäsche“ so kurz vor der Schlacht war keine gute Idee gewesen. Viele Piloten fühlten sich wahrscheinlich vor den Kopf gestoßen, zu Unrecht abgekanzelt und in ihrem Stolz verletzt. Auch wenn Darkness sonst als Zuchtmeister und Eisenfresser des Geschwaders galt, so kurz vor dem Kampfeinsatz hätte er die Piloten des Geschwaders bestimmt nicht als „Amateure“ abgekanzelt, angeschnauzt und unter Druck gesetzt.
Nun ja, er war kein Geschwaderchef. Und er würde sein Bestes geben, daß sich daran nichts änderte, daß Lone Wolf weiter diesen Posten behielt.
Darkness drehte den Kopf nach Rechts, dann nach Links. Zu beiden Seiten waren die Maschinen seiner Staffel aufgereiht, furchterregend mit den auf den Bug gemalten Bärenköpfe. Kurz grinste Darkness kalt. Das war eine gute Idee seines XO gewesen...
Auch wenn er schon zahlreiche Gefechte bestanden hatte – dies würde sein erster Einsatz als Staffelchef sein. Unwillkürlich hatte er sich dabei ertappt, wie er die Männer und Frauen seiner Schwadron gemustert hatte, mit der unangenehmen Frage – wen würde es erwischen? Die Chancen dafür waren hoch, immerhin standen selbst im günstigsten Fall auf der Gegenseite zwanzig Kreuzer, die selbe Anzahl Kleinschiffe und ein Flottenträger der Akarii. Allerdings, seine Butcher Bears flogen Nighthawks, die modernsten Raumjäger der TSN.
Die Männer und Frauen seiner Einheit hatten ganz unterschiedliche Emotionen gezeigt. Bei den Neulingen, Terry, Crusader, La Reine und Jeanne, war es eine Mischung aus Erwartung, Nervosität und, mehr oder weniger gut erkennbar, Angst gewesen. Jaws, Viking, Monty und Fatman hatten sich mit der ruhigen Routine der Veteranen bereit gemacht. Brawler schien dem Kampf regelrecht entgegenzufiebern – aber er war schon immer ein Feuerkopf gewesen, auch wenn er in den letzte Monaten gelernt hatte, professioneller und beherrschter zu agieren. Ohkas Gesicht war eine Maske eiserner Entschlossenheit gewesen. Darkness hatte den Piloten dabei beobachtet, wie er sich ein Stirntuch umband, auf dem eine blutrote Sonnenscheibe und, in der gleichen Farbe, japanische Schriftzeichen aufgemalt waren. Darkness glaubte zu wissen, was diese Zeichen bedeuteten.
Dutch, ein Veteran von Mantikor, hatte sich bis zuletzt abgesondert gehalten – und eine Zigarette nach der anderen geraucht. Sein Blick war ins Nirgendwo gerichtet gewesen, seine Bewegungen fast fahrig. Bei diesem Anblick waren Darkness Befürchtungen betreffs des Piloten wieder zurückgekehrt. Hatte Monty, sein XO, recht? War Dutch „abgeflogen“. Aber das würde sich jetzt in der Schlacht zeigen müssen. Es konnte nicht mehr lange dauern...
Obwohl Kano auf diesen Augenblick gewartet hatte, zuckte er doch unwillkürlich zusammen, als der Befehl zum Start aus den Lautsprechern ertönte. Seine Maschine war erst die Siebente in der Reihe, Zeit genug, um noch einmal einen Blick in die Runde zu werfen. Ringsum gingen die Maschinen an den Start. Viel schneller, als auf der Redemption spuckten die Bordkatapulte die Kampfflieger in den Weltraum. Ein letzter Blick zu der Phantome-Staffel und zu den Typhoons der Staffel Grün, seiner alten Einheit. Dann ging ein Ruck durch seine Maschine, wurde Kanos Flieger aus dem Hangar hinausgeschleudert. Mit inzwischen routinierten, fast automatischen Handgriffen brachte er seinen Jäger in Formation. Kurz darauf schloß sich Crusader an. Binnen kürzester Zeit folgten die übrigen Maschinen der „Butcher Bears.“.
Darkness war zufrieden, die Piloten bildeten eine fehlerlose Formation, der Start war problemlos verlaufen. Allerdings war das nur der leichtere Teil der Übung...
Nach der kurzen, markigen Ansprache Admiral Renaults, hielt er eine eigene großartige Rede für unnötig. So etwas lag ihm sowieso nicht. Darkness beließ es bei einigen, nüchternen Worten: „Schwarz-Führer an alle! Unsere Aufgabe ist einfach: Alles an Akarii abschießen, was uns vor die Rohre kommt. Primärziele sind Bomber, Jagdbomber, Sturmjäger, Jäger - in dieser Reihenfolge. Haltet euch an die Befehle, paßt auf eure Sechs auf und bleibt zusammen. Viel Glück und gute Jagd! ENDE!“
Lieutenant Miguel „Monty“ Terrano ließ es sich allerdings nicht nehmen, auch noch ein paar Worte loszuwerden: „Egal, was ihr gehört habt. Die Angry Angels SIND Elite. Und wir sind die Besten. Also fliegt auch so! Nighthawks, das sind die Maschinen der Asse!“
Rings um die sich formierenden Kampffliegerschadronen rückte die Flotte mit Höchstgeschwindigkeit vor. Auch wenn Kano schon an mehreren Raumschlachten teilgenommen hatte - dieser Anblick raubte ihm den Atem: etwa siebzig Erdschiffe, darunter an dreißig Kreuzer und zwei Flottenträger bildeten eine Streitmacht, wie sie seit Mantikor nicht mehr im Einsatz gewesen war. Sie vereinten genug Vernichtungskraft, um eine Welt binnen Sekunden in eine verstrahlte Wüste zu verwandeln. Binnen weniger Sekunden hatten sich die Jäger, Jabos und Bomber der Intrepid und der Columbia an die Spitze des Angriffsverbandes gesetzt und jagten dem Feind entgegen.
Ein Gefühl wilden Triumphs und Freude stieg in Kano auf. Die Akarii würden bezahlen für ihren heimtückischen Überfall, für den Untergang der Redemption, für den Tod so vieler Kameraden - bitter bezahlen! Seiner Stimme aber war nichts anzumerken: "Ohka an Crusader, etwas abfallen!"
"Verstanden!" Crusaders Stimme war voller Kampfeseifer - Angst war jedenfalls nicht herauszuhören.
Ohka lächelte kurz. Doch seine Aufmerksamkeit war auf den Radarschirm fixiert, auf dem jeden Augenblick die feindlichen Einheiten auftauchen mußten. Er war mehr als bereit, den Kampf aufzunehmen...
Ironheart
04.06.2004, 13:26
An Bord des Forschungsschiffes Magellan
Nahe des Eurydike-Nebels, Correlian Sektor
1st Lieutenant Melissa Jamison-Bowyer war so tief über ihre Unterlagen gebeugt und konzentriert bei ihrer Arbeit, dass ihr Vorgesetzter mehrmals laut husten musste, ehe sie überhaupt Notiz von ihm nahm.
Melissa blickte verwirrt hoch, so als ob sie nicht wüsste, wo sie im Moment war. Doch als sie dann wieder zurück im Hier und Jetzt war und Commander Jeremy Baker mit verschränkten Armen und einem strengen Blick vor sich stehen sah, stahl sich ein leicht schuldbewusstes, zauberhaftes Lächeln auf ihr Gesicht.
„Jeremy, schön dass Du hier bist“ begann sie hibbelig vor Freude, wie ein sechsjähriges Mädchen, das auf den ersten Schultag wartete „hier, schau dir diese Spektralwerte an! Die Rotverschiebung und die Gammateilchenemissionen deuten ganz klar auf ein „tiefes“ Loch hin. Den Werten nach zu urteilen…“
Doch Jeremy unterbrach sie freundlich, aber mahnend: „Mel, hatte ich dich nicht gebeten eine Pause einzulegen? Seit unserem Ablegen vor 3 Wochen arbeitest Du schon fast ununterbrochen. Und jetzt bist Du schon wieder fast16 Stunden im Dienst. Du musst dir mal etwas Ruhe gönnen.“
„Jeremy, bitte! Das kann nicht dein Ernst sein. Wir sind nur noch wenige Tage vom Eurydike-Nebel entfernt und diese Daten, die wir von den Langstreckensensoren der Magellan erhalten, sind einfach phänomenal…“
„… und können auch noch ein paar Stunden warten, bis Du ein wenig geschlafen hast.“
„Ich kann aber nicht schlafen“ gab Melissa zurück „das ist alles viel zu aufregend. Wir stehen vielleicht unmittelbar vor einer unglaublich wichtigen Entdeckung und du willst, dass ich mich schlafen lege?“
„Melissa, irgendwann klappst Du mir noch zusammen und dann verpasst Du die Entdeckung erst Recht.“ Er seufzte tief. So sehr auch der jugendliche Elan und Einsatzwille seiner Untergebenen auch zu loben war, so neigte sie doch dazu es zu übertreiben. Die einzige Möglichkeit, sie ein wenig abzulenken und damit vielleicht zur Entspannung zu zwingen, war ihr eine neue Aufgabe zu geben. „Hören sie, Lieutenant“ begann er förmlich, obwohl er wusste, dass das bei ihr nicht wirklich etwas helfen würde, da sie sie sich mit einem unglaublichen Dickschädel beharrlich weigerte irgendwelche militärische Konventionen zu beachten „Sie werden zumindest in den nächsten 24 Stunden etwas kürzer treten, ob sie nun wollen oder nicht, das ist ein Befehl.“
Sie schnaubte nur, verschränkte die Arme vor der Brust, klimperte mit den Augenlidern und setzte ein verwirrendes Lächeln auf. „Ach komm schon, Jeremy…“
„Nein, Mel, diesmal nicht. Du wirst jetzt in dein Quartier gehen und dich ausruhen und dann in acht Stunden zur Guadalcanal übersetzen um dich dort mit Lieutenant Commander Santiago DeLaCruz treffen. Einer seiner Piloten wird ein Aufklärungspod erhalten, welches wir aber statt mit dem Radar der Guadalcanal zu verbinden mit dem der Magellan verbinden werden, um damit die Aufklärungsreichweite zu verbessern.“
„Du schickst mich weg?“ Ihr Lächeln war augenblicklich verschwunden und hatte einem entrüsteten Gesichtsausdruck Platz gemacht.
„Ja, Mel. Es gibt auch noch andere wichtige Aufgaben, als die Daten hier zu analysieren. Das kann auch Jacob übernehmen.“
„Ach, Jacob ist doch gar nicht in der Lage…“
„Meeel“ Baker ermahnte Melissa „es ist wichtig, dass unsere Jäger die Langstreckenortung mit unserer Hilfe verbessern können.“
„Gott, und ich muss jetzt rüber, um einem dieser eingebildeten Cockpit-Heinis zu zeigen, wie man ein Pod bedient? Warum schickst du mich nicht gleich in den Maschinenraum, damit ich den Reaktorkern austausche oder eine kaputte Ölleitung repariere, häh?“
„Na, wenn Du willst, kann ich den Chief ja mal fragen…“ antwortete Baker jetzt breit grinsend.
„Schon gut, schon gut“ Mel stand auf und hob etwas beleidigt eine Hand „ich geh ja schon. Aber bilde dir ja nicht ein, dass ich Jacobs Auswertungen nicht noch mal überprüfen werde.“ Und damit stapfte Sie sauer an ihrem Commander vorbei, der ihr hinterher blickte und krampfhaft versuchte dabei nicht ihren knackigen Hintern zu bemerken.
Karriere in der Navy würde die Kleine nie machen, dass war Baker sofort klar. Ihr Hang zur Eigenbrötlerei, ihre durch ihr unglaubliches Talent gegebene und fast schon zur Arroganz tendierende Selbstsicherheit und ihr Problem mit Autorität und Gehorsam schlossen einen erfolgreichen Aufstieg in den Streitkräften der Terran Navy aus. Aber solange sie ihren Status als hochbegabte Expertin der Astronomie auch weiterhin innehaben konnte, interessierte sie sich nicht für eine Karriere.
Ganz anders als Baker. Er hatte vielleicht nicht ihren Intellekt und ihr Talent, aber dafür die notwendige Cleverness um die gute Arbeit anderer als seinen eigenen Verdienst zu deklarieren und um damit beruflich schneller voran zu kommen als andere. Ihm war klar, dass es dieser Wunsch des weiteren Aufstiegs in der Hierarchie war, der ihn daran hinderte, mehr in Melissa zu sehen als eine Untergebene. Es fiel ihm schwer, das merkte er immer wieder, wenn er in ihrer Nähe war. Und als sie auf Fort Gibraltar mit diesem Captain der Kaze, diesem Schneider geschäkert hatte, waren eindeutig Gefühle von Eifersucht und Neid in ihm hochgekommen. Aber bislang hatte er sich erfolgreich dagegen gestemmt.
Und er nahm sich vor, dass das auch in Zukunft so sein würde. Denn sollten sie diesen Einsatz erfolgreich zu Ende bringen, winkten ihm der Ruhm und die Anerkennung, die ihm wissenschaftlich bislang immer verwehrt gewesen war.
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Briefingraum der Guadalcanal
Nahe des Eurydike-Nebels, Correlian Sektor
„ACHtung“ erschall es laut durch den Besprechungsraum der Guadalcanal als Tigre und Arrow, die beiden ranghöchsten Offiziere des „Dirty Bunch“, den Raum betraten.
Ein paar tiefe Stöhnlaute quittierten den Übereifer des Mirage-Piloten, der die Ankunft der beiden Schwadronskommandanten lautstark angekündigt hatte und Sparky raunte „Schrei doch nich´ so.“, wofür er nur einen verächtlichen Blick erntete.
Alle Piloten der verstärkten Staffel hatten sich erhoben, einige in tadelloser Habachtstellung, andere deutlich laxer.
„Rühren“ grunzte Tigre schlecht gelaunt und beobachtete ruhig vom Pult aus, wie sich die Piloten wieder setzten. Er hatte gerade eine neuerliche Unterredung mit Dominguez und Chung gehabt, und dementsprechend mies war seine Laune.
Er wusste nicht mehr, wie oft er seit ihrem Aufbruch von Fort Gibraltar vor drei Wochen bereits zum Captain und seinem Kettenhund zitiert worden war, aber es war eindeutig zu oft gewesen.
„Wie ihr wisst, hatte ich gerade eine Unterredung bei unserem Captain und seinem XO…“ Gemurmel kam auf und einige der Piloten verdrehten die Augen, doch Tigre fuhr ungerührt fort „und es gibt mal wieder Beschwerden über Euch.“
Einige der Piloten taten bewusst gelangweilt und imitierten ein herzhaftes Gähnen. Seit der Dirty Bunch an Bord der Guadalcanal war, hatte Lieutenant Commander Tang Chung alles Menschenmögliche getan um die Schwadron in Misskredit zu bringen. Größtenteils ohne Grund und Beweise und selbst wenn er einem von Ihnen etwas nachweisen konnte, dann bisher zum Glück nur Bagatellfälle ohne große Konsequenzen.
„Sparky, du wurdest zum wiederholten dabei beobachtet, wie du eines deiner Kaugummis neben die dafür vorgesehenen Abfalleimer gespuckt hast. Noch einmal, und der Captain verdonnert dich zum Putzdienst, verstanden?“
Breit grinsend und natürlich Kaugummi kauend bestätigte Sparky mir einem „Uuups, das tut mir aber leid“, was ihm aber keiner abnahm.
Tigre ging noch ein paar Lappalien dieser Art durch, die alle zu ähnlichen Kommentaren der angesprochenen führten. Was der XO mit dem Melden solcher Kleinigkeiten bezweckte, war Tigre nicht ganz klar. Die einzige Begründung, die ihm einfiel, war eine gewisse Blockwart-Mentalität des XO gepaart mit seinem Abscheu gegenüber den Piloten des Dirty Bunch, die in seinen Augen nur Sträflinge waren, die überdies vom Krieg profitierten. Das sie genau wie er ihr Leben riskierten, kam ihm nicht in den Sinn, im Gegenteil: am liebsten hätte er alle Mitglieder dieser Schwadron eingebuchtet, egal ob Ex-Sträfling oder nicht.
Doch sie waren mitten im Einsatz, die nächste Basis oder Station der Navy war Wochen entfernt. Solange es sich nicht um schwere Vergehen handelte, würde jede Inhaftierung der Piloten im Ernstfall die Einsatzgruppe schwächen, eine Tatsache, die im Übrigen der Captain Dominguez genauso sah.
Auf Tigres Frage hin, warum der Captain seinen Stellvertreter dann dennoch gestattete diese unsägliche und überaus nervige Hexenjagd auch weiterhin aufrecht zu erhalten, hatte der Captain nur lakonisch geantwortet: „Wehret den Anfängen!“ Dominguez war also der Meinung die Zügel durch seine rechte Hand, der an dieser Tätigkeit zweifellos Freude hatte, straff zu halten, während er weiterhin seine freundliche, besonnen wirkende Maske aufrecht erhalten konnte.
Doch es gab ein anderes Problem, welches durch Chungs Verhalten geschürt wurde, dass Tigre viel mehr Sorgen bereitete. Durch die Tatsache, dass es dem XO egal war, ob der Pilot nun zu den Ex-Sträflingen gehörte oder nicht, waren alle Piloten bis auf Tigre und Arrow, seinen Schikanen ausgeliefert.
Und das förderte die Aufspaltung der Piloten in verschiedene Gruppen noch viel mehr. Die Dirties, wie sich die Ex-Sträflinge mittlerweile selbst nannten, waren dabei eine eingeschworene Gruppe um 1st Lt. Diane „Lady Death“ Balestier, die so etwas wie eine Anführerin zu sein schien. Ihnen gegenüber standen die Mirage-Piloten, die die Schuld für die Repressalien, die sie vom XO erhielten, natürlich bei den Dirties suchten. Zwischen diesen beiden Fraktionen standen dann noch Thor, Cougar und Aslan, die drei Piloten der ursprünglichen Jägerstaffel, die zusammen mit den Dirties auf Mars gewesen waren. Alle drei waren in keinster Weise erbaut über die Umstände dieser Mission, wobei Thor durch sein mürrisches Verhalten seine Unzufriedenheit besonders deutlich zeigte.
Für eine Staffel, bei der es ganz besonders auf das Zusammenspiel aller Beteiligten ankam, war diese Fraktionsbildung natürlich Gift. Es hatte schon die ersten Zusammenstösse zwischen den Piloten gegeben und damit waren auch die Staffelergebnisse mehr als dürftig. Tigre und Arrow hatten zwar einige gemeinsame Übungen und Manöver speziell darauf ausgerichtet, um dieses zu beheben, aber mit mäßigem Erfolg. Es war und blieb ein zusammen gewürfelter Haufen und Tigre konnte nur hoffen, dass sie während dieser Mission nicht auf feindliche Verbände stoßen würden.
Als er mit seinem Teil der Einsatzbriefings geendet hatte, übernahm Arrow ihren Part der Besprechung und instruierte ihre Leute.
Tigre beobachtete seine Stellvertreterin dabei genau. In den letzten Wochen hatten sie sehr gut zusammen gearbeitet und Tigre war erstaunt über ihren Feuereifer, mit dem Sie bei der Sache war. Sie legte eine Begeisterung bei der Bewältigung ihrer Aufgaben an den Tag, den er sich gerne auch von anderen Mitgliedern seiner Staffel gewünscht hätte.
Allen voran Thor.
Sein Blick wanderte zu dem Großgewachsenen Piloten, der sich seit seiner endgültigen Zuteilung zu dieser Staffel als besonders mürrisch erwiesen hatte. Er erfüllte seine Aufgaben stets einwandfrei, aber eben nicht mehr als das.
Kein Engagement, keine Leidenschaft.
Tigre wusste, dass Thor mehr drauf hatte als er zeigte, nicht nur als Pilot, sondern auch als Führungspersönlichkeit. Doch solange er sich so hängen ließ, wie im Moment, würden diese Fähigkeiten im Verborgenen bleiben. Ja vielleicht sogar nie zum Vorschein kommen. Denn wenn er hier keine exzellente Beurteilung bekommen würde, dann würde er es wahrscheinlich schwer haben, an die Front versetzt zu werden.
Tigre konnte es zwar nicht nachvollziehen, wie man darauf so versessen sein konnte, er für seinen Teil war zufrieden mit dieser ruhigeren Erkundungsmission. Aber wenn man schon im Sinn hatte, an die Front versetzt zu werden, dann sollte man sich eben nicht so anstellen wie Thor. Tigre hatte sich allerdings vorgenommen, ihm den richtigen Weg zu weisen. Soviel war er ihm schuldig, zumal er ja durchaus verantwortlich war für den jetzigen Zustand.
Als Arrow ihren Teil der Besprechung beendet hatte, ließ sie die Piloten wegtreten, die sich auch augenblicklich auf den Weg zu ihren Maschinen machten. Als Thor am Pult vorbeikam, winkte ihn Tigre an die Seite.
„Tigre?“ fragte Thor mürrisch und Tigre musste innerlich grinsen ob dieser Beharrlichkeit.
„Du und Sparky werdet an der heutigen Übung nicht teilnehmen. Stattdessen werdet ihr hier auf Lieutenant Jamison-Bowyer von der Magellan warten. Sie bringt einen neuen Aufklärungspod hinüber, den wir Sparkys Maschine verpassen werden, Chief Ishida wartet bereits auf euch in der Wartungssektion.“
Thor runzelte die Stirn. „Von der Magellan?“
„Ja, die haben einen der neusten Modelle an Bord, das Feinste vom Feinsten. Damit werden hoffentlich unsere Langstreckenscans noch um einiges besser werden. Die Anweisung kommt direkt von Captain Singh, also will ich, dass ihr bestmöglich kooperiert, ist das klar?“
„Aye, Tigre“ bestätigte Thor ohne die geringste Begeisterung in seiner Stimme. Dann drehte er sich zu Sparky, der fast schon aus dem Raum war und machte sich dann, nach dem er ihm kurz die Situation erläutert hatte, auf den Weg zur Wartungshalle.
Arrow, die wortlos neben Tigre gestanden hatte, konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Thor scheint nicht gerade begeistert zu sein.“
Tigre zuckte mit den Schultern. „Er wird sich schon wieder einkriegen. Ich bin sicher auf ihn zählen zu können, falls es Ernst werden sollte.“
„Und was ist mit den anderen? Können wir uns auch auf die auch verlassen?“
Tigre schaute seine Stellvertreterin aufmerksam an. „Bestehen daran Zweifel, Arrow.?“ Tigre hatte einen strengen Ton angeschlagen. Nachdem nun schon Dominguez und Chung ständig Skepsis gegenüber seiner Staffel äußerten, wollte er Arrows Standpunkt in dieser Sache wissen. Wenn sie sich nun auch noch an diesen Grabenkämpfen innerhalb der Schwadron beteiligte, dann würden die Probleme noch stärker zunehmen.
Die Miragepilotin zuckte mit keiner Wimper und zeigte auch keinerlei Zögern als sie fort fuhr. „Nun, die Leistungen der gesamten Staffel sind eher als unterdurchschnittlich zu bezeichnen. Es gibt Schwierigkeiten in der Abstimmung und in der Koordination, vor allem zwischen meinen Mirages und den übrigen.“ Tigre zog die Augenbrauen hoch, was Arrow wohl zu einer leichten Korrektur ihrer Aussage veranlasste. „Naja, ich sage nicht, dass meine Mirages komplett schuldlos sind an der Sache, aber…“
„…aber die Dirties sind ein Problem, richtig?“
„Ja“ gab sie ungerührt zu „Ich habe Zweifel, dass sich einige der so genannten Dirties bewusst sind, dass wir uns im Krieg und mitten auf einer Feindfahrt befinden.“
Tigre seufzte. „Ja, sie haben Recht. Es läuft alles andere als optimal. Aber was würden Sie als Maßnahmen vorschlagen?“
Arrow zuckte nur kurz mit den Schultern. „Es gibt nicht sonderlich viel, was wir jetzt noch tun könnten. Ich denke, wir sollten die noch verbleibende Zeit so häufig es geht trainieren und im Ernstfall darauf hoffen, dass der Lebenserhaltungstrieb greift.“
„Und wenn nicht?“
„Tja, kennen sie ein paar gute Gebete?“ Sie lachte, auch wenn die Lage eigentlich nicht unbedingt zum Lachen geeignet war. Trotzdem stimmte Tigre darin ein. Ihre Analyse gefiel ihm. Sie verfiel nicht in Panik oder Hektik und hatte andererseits ein gutes Auge für die realistische Einschätzung der Situation.
Eine kurze Pause setzte zwischen den beiden Offizieren ein und gerade als Tigre sich auf den Weg machen wollte, platzte doch noch eine Frage aus Arrow hervor. „Sir, darf ich sie mal etwas fragen?“
„Sicher, Arrow, nur zu.“
„Warum haben Sie dieses Kommando verpasst bekommen?“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Tigre skeptisch und vorsichtig.
„Ich meine, mit ihrer Erfahrung, ihrer Routine und ihren Führungsfähigkeiten… Warum hat man Sie nicht an die Front versetzt?“
Tigre antwortete nicht sofort und überlegte seine nächsten Wort gut. „Nun, das Oberkommando war wohl der Ansicht, dass ich der einzige wäre, der zumindest eine Chance hätte, diesen verrückten Haufen zumindest einigermaßen unter Kontrolle zu kriegen.“
„Aber es wäre doch sicher sinnvoller gewesen, wenn man die einzelnen Piloten auf möglichst viele Staffeln aufgeteilt hätte.“
„Damit sie überall für Ärger und Unruhe sorgen können? Nein, wir haben den Platz mit einer soliden Einheit getauscht, die an unserer statt an die Front versetzt worden ist. Und ich denke, das ist auch gut so.“
„Sir, das mag stimmen, aber wäre dieser Auftrag hier nicht gewesen, dann hätten sie gar nichts weiter gemacht, als auf Gibraltar Däumchen zu drehen. Warum haben sie nicht dagegen protestiert? Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um zumindest diesen Einsatz zu bekommen. Ich meine, damit war doch klar, dass Sie niemals einen Einsatz an der Front…“ Sie beendete ihren laut ausgesprochenen Gedankengang nicht mehr, weil Tigre sie finster anblickte und sie sich bewusst wurde, dass sie gerade ein Finger in eine tiefe Wunde zu legen schien. Irgendwas an seinem Gesichtsausdruck sagte ihr, dass er gar nicht dagegen protestieren wollte.
Ein Verdacht bildete sich in ihrem Hinterkopf, der ihr gar nicht, so ganz und gar nicht gefiel.
Zwei, drei Sekunden vergingen, ehe sich ihr Vorgesetzter wieder fing. „Hören Sie, Commander“ begann er sichtlich verärgert „meines Erachtens liegt es nicht in der Tradition der Navy, gegen eindeutige Befehle zu opponieren. Haben wir uns verstanden?“ Er klang in ihren Ohren nicht vollkommen überzeugend, aber sie entschied, dass es das Beste war, es dabei zu belassen.
„Aye, Sir“ gab sie zurück, salutierte vorschriftsgemäß und ärgerte sich über sich selbst, warum sie wieder einmal so forsch gewesen war. Andererseits war sie froh darüber, diese Fragen gestellt zu haben. Bislang hatte sie eine tadellose Auffassung über Tigre gehabt. Er strahlte eine Ruhe und Autorität aus, die sie hoffte eines Tages erreichen zu können. Aber dieser neue Aspekt setzte ihren Vorgesetzten Offizier in ein vollkommen neues Licht.
Und sie fand, dass es gut war, dass im Ernstfall zu wissen. Wer konnte schon wissen, wozu es gut sein würde.
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Wartungshalle der GUADALCANAL
Nahe des Eurydike-Nebels, Correlian Sektor
Grummelnd und mit dem geschwätzigen Sparky im Schlepptau war Thor indessen auf dem Weg zu der kleinen Wartungshalle der GUADALCANAL.
„… na jedenfalls, frag´ ich mich, was sich die hohen Herren noch so alles einfallen lassen für meine Maschine, oder? Vielleicht bauen sie mir ja noch ein Teleskop ein, hahahahaha.“
Wenn es etwas gab, dass Thor noch mehr verärgerte, als auf diesem Schrottkahn seinen Dienst verrichten zu müssen, dann war es die Tatsache, dass sie ihm diese andauernd Kaugummikauende Hohlbirne von einem Möchtegern-Piloten als Flügelmann zugewiesen hatten. Sparky war nicht in der Lage zu erkennen, wann er nervte. Na ja, im Grunde tat er das auch durchgängig. Er tat zwar seinen Job und schien ein einigermaßen ordentlicher Pilot zu sein, aber menschlich konnte Thor nicht das Geringste mit Ihm anfangen. Sein einziger Trost war, dass sie bald wieder im Raum sein würden und Sparky wenigstens dort die Klappe würde halten müssen.
Als sie die Wartungshalle betraten, drehte sich Chief Ishida zu Ihnen um. Die hoch gewachsene Technikerin lächelte fröhlich wie immer und winkte Thor zu, der das Lächeln spontan erwiderte. Sie war die einzige an Bord, der er dieses Lächeln auch abnahm. Alle anderen Bordmitglieder, Captain Dominguez im Besonderen, setzten ein falsches Lächeln auf, sobald sie einem Mitglied des Dirty Bunches über den Weg liefen. Sie betrachteten die auf der GUADALCANAL stationierte Staffel als eine Bande von Halsabschneidern, Lügnern und Trunkenbolden. Das traf zwar auf die meisten Mitglieder der Staffel auch tatsächlich zu, aber eben nicht auf alle. Und Thor hasste es mit allen anderen in einen Topf geworfen zu werden.
„Hallo Thor, Sparky!“ Ishida nickte beiden Piloten einmal knapp zu.
„Hey, Ishi, habt ihr mein´ Jäger schon mit dem Technik-Quatsch der NSC-Nasen verschandelt?“ fragte Sparky rotzfrech.
Er erhielt prompt Antwort, allerdings nicht von Ishida, sondern von einer Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien. „Das habe ich gehört, Cockpit-Heini. Dieser Technik-Quatsch kann uns allen den Hintern retten, wenn SIE es nicht verbocken.“
Sparky hörte mitten im Kaugummi kauen auf und blickte erst Ishida an, die ihr Lachen nur mühsam zurückhielt, und schaute sich dann nach links, rechts und oben um, ohne den Urheber des letzten Satzes ausfindig machen zu können.
„Meine Güte, Ishi, kannste Bauchrednern oder hat das Pod ein Sprachmodul?“
„Weder noch, Sie Genie“ meldete sich die körperlose Stimme erneut und diesmal konnte Thor die Richtung aus der sie kam ausfindig machen. Alle drei blickten hoch zum offenen Cockpit und konnten nun einen blonden Strubbelkopf entdecken, der jetzt zu sehen war.
„Hey Lady, was machen sie in meinem Cockpit?“
„Meinen Job, Ensign…“ entgegnete sie und stieg jetzt aus über die Pilotenleiter aus. Thor beobachtete die grazile Gestalt in einer ansonsten schmucklosen, khakifarbenen Arbeitsuniform, die sich etwas umständlich auf den Weg nach unten machte. Das musste 1st Lieutenant Jamison-Bowyer sein. Auch wenn die kleingewachsene Wissenschaftlerin schlank und sportlich war, erkannte Thor sofort, dass sie die typischen Bewegungen einer Zivilistin machte. Als sie unten angekommen war und sich umdrehte, blickte er fasziniert in ihre funkelnden, himmelblauen Augen.
„… oder haben Sie damit ein Problem?“ beendete Sie ihren Satz und versuchte dabei so autoritär wie möglich zu klingen. Was ihr ganz und gar nicht gelang. Im Gegenteil, Sparky schaute amüsiert zu Thor und grinste dann zurück.
„Nein, Ma´am.“
„Dann ist ja gut. Dann gehen sie jetzt mal an Bord und checken die Systeme.“
„Aber nur, wenn Sie dafür mal mit mir ausgehen?“ grinste Sparky frech.
„Wie bitte?“ Jamison-Bowyer war sichtlich perplex und sprachlos so offensichtlich angebaggert zu werden.
„Ich sagte, nur wenn sie mal mit mir…“ Doch weiter kam Sparky diesmal nicht, da Thor wie ein Vulkan explodierte.
„ENSIGN, jetzt reißen sie sich zusammen. Sie befolgen jetzt die Befehle des Lieutenant und checken ihre Maschine, ABER FLOTT ODER ICH SCHMEISSE SIE EIGENHÄNDIG AUS DER NÄCHSTEN SCHLEUSE.“ Thor hatte seine beste Kasernenhofstimme hervorgeholt und nicht nur Sparky war zusammengezuckt. Aber es hatte gewirkt, der zusammengestauchte Pilot war schon auf dem Weg in sein Cockpit.
„Es tut mir Leid, Lieutenant, ähm, ich entschuldige mich für meinen Wingman. Er ist, na ja, etwas aufmüpfig und…“
„Schon gut, Lieutenant“ sie blickte kurz auf sein Namensschild „Jörgenson. Danke für die Hilfe. Ich bin Melissa Jamison-Bowyer von der Magellan“ streckte sie ihre Hand aus und lächelte ihn nun sanft an. Thor hatte bei diesem Lächeln das Gefühl, das er sich sonst wo befand, nur nicht an Bord eines Kriegsschiffes.
„Ähm, Thor, mein Callsign ist Thor“ stammelte er zurück und ergriff ihre warme, weiche Hand.
Sie runzelte die Stirn. „Thor? Gibt es keinen Vornamen?“
„Thomas, nennen sie mich Thomas.“
„Na, wenn wir uns schon beim Vornamen nennen, dann sollten wir uns doch duzen, oder?“ lächelte sie und Thor konnte mittlerweile nichts weiter als Nicken.
Bis ihn ein leichtes Räuspern wieder zurück in die Realität holte. „Ähemm, Ma´am, Sir? Sollten wir jetzt nicht die Tests durchführen?“ Chief Ishida lächelte immer noch freundlich, auch wenn sie einen irritierten Blick auf die beiden Offiziere vor Ihr warf, die immer noch die Hände hielten. Thor und Melissa folgten ihrem Blick und ließen sich dann schlagartig los, so als hätte sie der Blitz getroffen.
„Ähm, ja Chief“ antwortete Thor, der sich als Erster wieder gefangen hatte und folgte der Technikerin zum Kotrollpult, um die Funktionsfähigkeit des Pods zu testen. Während sie verlegen nebeneinander hergingen, schalt er sich selber einen Trottel. Er benahm sich wie ein Teenager und nicht wie ein Offizier der Navy. Doch andererseits…
Er riskierte einen kurzen Seitenblick nur um wieder in tiefblaue Augen zu blicken, die sich abrupt nach vorne richteten, kaum das der Blickkontakt hergestellt war.
Während sie dann die Tests durchführten, versuchte er krampfhaft nicht zu ihr hinüber zu schauen. Und er hatte irgendwie den Eindruck, dass sie es genauso versuchte. Nachdem sie die Tests abgeschlossen hatten, war er nervös und hibbelig, als sie ihn wieder anblickte.
„Also, das Aufklärungspod scheint einwandfrei zu arbeiten. Ich schlage vor, ihr testet die Systeme vor unserem Übersetzen noch ein paar Mal im Raum und wir gehen es dann noch mal gemeinsam durch, ok?“
„Nichts lieber als das, ich meine, ähm, ja“ stammelte Thor schon wieder. Was tat er da nur?
„So, gut, dann wäre das geklärt. Wie komme ich jetzt zu meinem Shuttle zurück?“ fragte sie und blickte Thor fast schon Hilfe suchend an.
„I-Ich, ich, bring dich noch kurz hin…“ schlug Thor vor. Auch wenn er merkte, dass er sich gerade wie ein brunftiger Hornochse benahm, hoffte er, sie würde ja sagen.
„Oh, das wäre sehr nett, danke“ grinste sie zurück.
Aus irgendwelchen Gründen brauchten die beiden für den Weg, für den man normalerweise nicht mal zwei Minuten brauchte, eine geschlagene halbe Stunde inklusive einer kurzen Besichtigung von Thors eigener Griphen.
Als das Shuttle schließlich abhob und durch die Schleuse Richtung Magellan verschwand, stand Thor noch ein, zwei Minuten herum, ehe er bemerkte, dass jemand hinter ihm stand.
„Was gibt’s da zu glotzen“ motzte er Sparky an „in 15 Minuten will ich dich draußen haben.“
„Is´ ja gut“ fauchte der leicht genervt zurück und maulte noch was von „Aber selber rumflirten…“ bevor er außer Reichweite war.
Thor war das aber egal, sollte Sparky doch maulen. Schließlich schlingerte er hier in diesem verfluchten Krieg auf einer zum Träger umgebauten Konservendose herum mit einem Haufen degeneriertem Abschaum als Staffelkameraden. Da tat jede angenehme Unterhaltung gut. Er hatte nicht geflirtet, sondern sich nur nett unterhalten.
Oder?
Thor zuckte mit den Schultern, da er sich die Frage nicht selber beantworten konnte und wollte und machte sich stattdessen auf den Weg zu seinem Jäger.
Cunningham
07.06.2004, 14:31
Krieg. Er ist nicht glorreich, wie Dichter uns weiß machen wollen. Die Lieder von ruhmreichen Schlachten sind nichts anderes als Lügen. Ich habe meinen Bruder getötet. Aug in Aug. Ich sah - nachdem ich ihm auf sechs Meter Entfernung zwei Energieladungen verpasst hatte - wie der göttliche Funke aus seinen Augen entwich.
Ich sah sein vor Schreck erstarrtes Gesicht, als ihm klar wurde, dass ich ihn getötet hatte und ihm nur noch Sekunden in unserer Welt blieben.
Ich kann mir keinen Grund, keinen einzigen Grund auf der Welt vorstellen, der so etwas rechtfertigt. Nicht Macht, nicht Freiheit, nicht die Gerechtigkeit.
Niemals wieder.
Corporal Curtis Jamison,
2nd Expitionary Brigade, Terran Republic Marines Corps
Im Jahre des Herrn 2521
TRS Columbia,
Gegenwart, Graxon, Kriegsgebiet
Katapult Nr. 3 schleuderte die letzte Nighthawk ins Weltall. Sofort wurden die ersten vier Phantome auf die Katapulte geschoben. Andere Piloten warteten schon in ihren Maschinen, wieder andere führten noch die letzten Überprüfungen durch.
Ein kontrolliertes Chaos war ausgebrochen. Fast jeder Handgriff saß. Die Deckoffiziere unterstützten ihre Mannschaften so gut es ging. Innerhalb der Staffel traten keine größeren Defizite auf.
Nach und nach wurden die Jägerstaffeln ausgeschleust. 99 Jäger, Jagdbomber, Bomber und Unterstützungseinheiten.
Die fünf Jägerstaffeln bildeten zusammen mit den beiden Phantomstaffeln und einer der beiden Griphenstaffeln der Intrepid einen Angriffswall vor den fünf Bomberschwadronen.
Die Hauptschlagkraft bildeten Murphy Crusader - Fist of God wie sie genannt wurden - zusammen mit den 16 Crusadern von der Intrepid. In Sachen Feuerkraft unterstützten sie die Silber- und Goldschwadronen der Columbia. Die einzige Miragestaffel der Intrepid hatte Anti-Radar-Rakten geladen und schlossen sich dem Jägerwall vor den Bombern an.
Die beiden Thypoonstaffeln und die zweite Griphenstaffel der Intrepid übernahmen die Flottenverteidigung.
Um die fehlende Feuerkraft auszugleichen verzichteten die Crusader der Intrepid zu Gunsten von vier weiteren Crusadern auf die Rafale.
"Ich sehe sie!" Einer der Piloten der Starwarriors von der Intrpid. "Haben sich aber ganz schön aneinander gekuschelt."
"Fuck, die Jäger halten sich innerhalb des Feuerbereichs der Zerstörer!" Lucas glaubte Hacker zu hören.
"Ruhe im Äther!" Das war Commander Harmon "Shugar" Torwald der Kommandant der Starwarriors und Anführer des kombinierten Verbandes. "Herhören: Wir gehen da gemeinsam rein! In einer Linie so zu sagen. Gold- und Silberangles schnappt Euch so viele Zerstörer wie Ihr bekommt." Dann wandte er sich an seinen Miragekommandanten: "Zippo: Versucht den großen Kreuzern die Sicht zu nehmen! Die Herrschaften in den lahmen Vögeln", jeder wusste, dass er die Crusader meinte, "Ihr lasst die Zerstörer nach Möglichkeit links liegen. Holt Euch was fettes. Noch etwas? Lone Wolf?"
"Wenn Ihr drinne seid, haltet Euch eng bei den Dickschiffen. Die Akarii dürften nicht allzu viele Fehlschüsse riskieren."
"Okay Ladies and Gentlemen: Greifen wir an!"
Die breite Angriffslinie beschleunigte auf die Akarii-Flotte zu. In diesem Moment eröffneten die ersten Einheiten der Erdflotte mit ihren Langstrecken Anti-Schiffsraketen das Feuer. Ebenso begannen jetzt die Akarii-Dickschiffe mit ihrem Abwehrfeuer gegen die Erdjäger und die Akarii-Jäger lösten sich von ihrer Flotte und warfen sich den Angreifern in den Weg.
"Ziele Selektieren und eliminieren!" Ravens Stimme klang kühl und professionell.
"Äh, nehmt Euch die Zerstörer weiter vorn vor und seht zu, den Goldjungs nicht in die Quere zu kommen." Dem Professor hörte man die Anspannung und Nervosität an.
Es dauerte nicht mehr lange, da würden nicht nur die Raketenwerfer der Akarii sprechen. Ein unvorstellbares Blitzlichgewitter erwartete die angreifenden terranischen Jäger.
Die Angriffsformation war innerhalb von Sekunden aufgebrochen.
Ravens Staffel hatte den Angriff exzellent getimt. Alle zwölf Jäger hatten das feindliche Abwehrfeuer unter dem Schutz des ECM der Rafale und den ständig abgeworfenen Düppeln durchbrochen und waren auf bis 2.000 Kilometer an drei Zerstörer heran und feuerte zugleich ihre Mavericks.
Keiner der Zerstörer schaffte es mehr sinnvolle Gegenmaßnahmen gegen die herannahenden Nuklearwaffen einzuleiten.
Zwei von ihnen verschwanden ohne großes Aufhebens in einer grellen Explosion. Der dritte Akarii-Zerstörer überlebte als loderndes Wrack.
Lone Wolf zog eng an einem Zerstörer vorbei. Sein Flügelmann Hal Chrispin blieb dicht hinter ihm. "Zwei Bloodhawk auf der Sechs Boss!"
"Folgen Sie mir, hart backbord! Skunk wir kommen auf Sie zu. Zwei Banditen am Heck!"
Die beiden Phantome drehten von der Akariiflotte weck und wurden von dem nächsten Zerstörer unter Feuer genommen. Die beiden Bloodhawks konnten dem Feuer des eigenen Zerstörers gerade noch ausweichen und hängten sich wieder an die beiden Erdjäger.
"Da kommen Skunk und seine Wingmen!" Hal klang angespannt aber professionell.
"Bei eins brechen Sie nach links aus! Drei ... zwei ... eins!"
Lone Wolf zog nach rechts und Hal zog fast synchron nach links.
Skunk, Shaka und Bob eröffneten mit ihren Bordkanonen das Feuer. Skunks Feuerstoß war kurz und präzise. Fast alle strahlen fanden ihr Ziel. Shakas Schüsse waren verstreut, der Feuerstoß war länger. Er traf die linke Bloodhawkr kurz und brachte danach den Wingman, der auch Skuns Ziel war zum Platzen.
Die erste Bloodhawk schaffte es Bobs kurzen ungezielten Feuerstößen auszuweichen und entkam.
"Hat denn keiner von Euch Jungfüchsen zielen gelernt?" Skunks Stimme fehlte es an der üblichen Schärfe.
Lone Wolfs Blick richtete sich wieder auf die feindliche Flotte.
Die ersten Exocets der Flotte näherten sich den Akarii. Jedoch wurden die misten von Raketen und Impulslasern abgefangen.
"Hier Columbia: Eröffnen das Feuer." Der Träger legte sich auf die Backbordseite und feuerte die Harpoonwerfer.
Kurz darauf folgten die Kreuzer und Zerstörer dem Träger. Die kombinierte Salve aus Exocets und Harpoons würde die äußere Verteidigung der Akarii wahrscheinlich Sprengen.
"Alle Bomber: Weiter rein in die Echsenflotte!" Shugar Torwald klang stark erregt.
Tyr Svenson
07.06.2004, 18:16
Die feindlichen Einheiten waren zuerst von einem Piloten des Intrepid-Geschwaders gesichtet worden, doch binnen weniger Sekunden konnte jeder Pilot des 164 Maschinen zählenden Angriffsgeschwaders den Feind in Augenschein nehmen. Auch wenn den Kampffliegern siebzig TSN-Kriegsschiffe folgten, auch auf der Gegenseite war eine erschreckende Feuerkraft versammelt: zwanzig Kreuzer, schwere und leichte, aber wenigstens keiner der gefürchteten „Golf“-Flugdeckkreuzer, und etwa dieselbe Anzahl Zerstörer, Fregatten und Korvetten. Und inmitten dieser Kampfflotte ein riesiger Akarii-Flottenträger der Uniform-Klasse, der pausenlos Kampfflieger auszuspucken schien.
Darkness kniff leicht die Augen zusammen, als er die Taktik des Gegners erkannte: der feindliche Admiral wollte offensichtlich seine Kampffliegereinheiten vorerst zurückhalten, die Menschen mit der kombinierten Schlagkraft der Bordflieger und der Schiffsflak abwehren. An und für sich ein nicht unvernünftiger Gedanke – aber dies konnte auch sehr leicht den Geschwindigkeits- und Wendigkeitsvorteil der leichten Akariijäger zunichte machen. Die Lippen des Veteranen verzogen sich zu einem grausamen Lächeln: ‚Hier hilft die keine Wagenburg, Echse!‘
Kurz prüfte Darkness die sich rapide vermindernde Entfernung zwischen seiner Schwadron und den feindlichen Einheiten. Soviel er wußte, hatten auch bei den Akarii nur wenige Einheiten Antijägerraketenwerfer, die so weit reichten wie die Phönix, die die Nighthawk der „Butcher Bears“ unter ihrem Rumpf trugen...
Dann wandte er sich über Bordfunk an die Jäger seiner Schwadron: „Herhören! Auf 50.000 Entfernung, Angriff mit Phönix auf feindliche Jäger. Feuern nach eigenem Ermessen! Brecht ihre Formation auf! Danach Durchbruch durch den feindlichen Flackschirm – und auf die Bomber!“
„Verstanden!“ Kanos Stimme klang ruhig, fast gleichmütig. Dies würde sein siebentes Gefecht sein. Auch wenn er nicht an die Zahlenmystik abergläubischer Kameraden glaubte, fühlte er diesmal keine Angst. Der Angriff schien gut anzulaufen, er war sich sicher, diese Schlacht würden die Erdstreitkräfte für sich entscheiden. Und er selber fühlte sich endlich mit seiner Aufgabe, seiner Maschine im Einklang.
Die Nighthawks waren jeweils mit vier Phönix-Langstreckenraketen, zwei Sparrow-, zwei Amram- und zwei Sidewinderlenkwaffen bestückt. Zusammen mit den zwei Tachyonengeschützen und dem Paar Plasmakanonen gaben sie der Maschine eine überlegene Feuerkraft. Mit einer Ruhe, die ihn selber überraschte und erleichterte, versuchte Kano, ein passendes Ziel für seine Raketen zu finden. In diesem Augenblick eröffneten die Kriegschiffe die Schlacht mit wahren Schwärmen von Schiff-Schiff-Raketen. Auf beiden Seiten geriet die Formation der Großkampfschiffe in Unordnung, als die anfliegenden Atomraketen zu Ausweichbewegungen und Abwehrmaßnahmen zwangen. Hier und da blühten, wie rotgelbe Blumen in der Dunkelheit des Alls, die Explosionen der Schiffsraketen auf, wenn sie einen feindlichen Rumpf oder einen Störkörper trafen. So verderblich dies für die unmittelbar Betroffenen sein mochte, vom Cockpit der auf den Feind zujagenden Nighthawk war dieses Schauspiel ebenso wunderbar wie ergreifend. Trotz des ersten Schlagabtausches geriet der Vormarsch der Erdstreitkräfte aber nicht wesentlich ins Stocken.
Während die Entfernung zwischen den Verbänden zusammenschmolz fühlte Kano, wie Jagdfieber seine Gelassenheit zu verdängen drohte. Noch 60.000, 55.000...
„Raketen LOS! LOS!“ In der ganzen Schwadron wurden Rufe laut, zwei Dutzend Lenkflugkörper rasten auf den Feind zu, dicht gefolgt von einer zweiten Salve. In dem ausbrechenden Blitzgewitter aus anfliegenden und explodierenden Schiff-Schiffraketen und den Strahlenbahnen der Impulslaser fielen die kleinen Flugkörper kaum auf. Die Wirkung auf ihre Ziele war dennoch vernichtend. Mindestens drei, vier Jäger des Feindes explodierten einfach und etliche weitere trugen schwere Schäden davon. Die Formation der Akariijäger zerbrach, als die Jäger und Sturmjäger versuchten, auszuweichen. Genau mit dieser Reaktion hatte Darkness gerechnet, auf sie hatte er gehofft.
Kano hatte wenig Glück gehabt: seine erste Salve war fehlgegangen und mit der zweiten landete er nur einen Voll- und einen Nahtreffer. Der Deltavogel, den er sich als Ziel herausgesucht hatte, wurde zwar kräftig durchgeschüttelt, überstand aber die Explosionen – nur um durch eine Rakete eines anderen Erdjägers aus dem Raum geblasen zu werden. Während Kano mit zusammengebissenen Zähnen dieses miserable Ergebnis zur Kenntnis nahm, schrillte ein grelles Warnsignal durch das Cockpit – Raketenalarm! Irgendein feindliches Dickschiff hatte ein paar Flar-Werfer auf die Nighthawk ausgerichtet.
Kano zwang die Maschine in ein Korkenziehermanöver, einen Augenblick die geringere Wendigkeit der Nighthawk verfluchend. Automatisch feuerte er eine ganze Wolke von Täuschkörpern ab. Hinter ihm explodierte irgendetwas, die Maschine wurde aber nur leicht durchgerüttelt. Kano brachte die Maschine wieder auf Kurs – genau auf die durcheinandergeratene Formation der Akariiflotte zu: „Crusader, folgen - Vollschub!“ Mit diesen Worten schob er den Nachbrennerhebel bis zum Anschlag nach vorne. Crusader hatte Mühe, mitzuhalten.
Die Akarii-Raketensalve war nicht sehr gut gezielt gewesen, es hatte nur ein paar Nahtreffer und leichte Schäden gegeben. Aber der Verband der Nighthawks war aufgesplittert worden und sie erreichten die feindliche Formation, in der bereits Typhoon-Jäger mit gegnerischen Bloodhawks kurbelten, in einzelnen Wings und Sektionen. Doch Flak und Flar’s beachteten die Nighthawks kaum – denn inzwischen waren die Mirage und Crusader auf Schußweite an die Akariis herangekommen. Bereits ihre erste Salve vernichtete drei Zerstörer.
Neben Kano lohten ein, zwei, drei Explosionen auf. Als er den Kopf herumriß, sah er noch, wie ein Akariizerstörer mit geborstenem Rumpf schwerfällig um die eigene Achse rotierte – und in einem gigantischen Feuerball starb.
„YAHOOO!!!“ Crusader brüllte seine Begeisterung lauthals hinaus.
„Funkdisziplin, Crusader.“ Während Kano diese Worte eher automatisch in das Helmmikrofon bellte, war seine Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gerichtet: parallel zum ursprünglichen Kurs des vernichteten Zerstörers jagte ein Quartett von Bloodhawks in Richtung der vorrückenden Crusader. Auch wenn das Hauptziel der Nighthawks eigentlich Bomber und Jabos sein sollten, diese Gelegenheit schien zu günstig.
„Crusader! Acht Uhr, tief! Greifen an!“
„Verstanden!“ Crusaders Stimme überschlug sich beinahe vor Kampfeifer. Kano grinste kurz. Er wußte, wie sich der Junge fühlte... Der Junge? Crusader war kein Jahr jünger als Kano.
Der japanische Pilot zwang die Nighthawk in eine enge Kehre, brachte die Maschine in einen Parallelkurs zu den Bloodhawks. Die expandierende Trümmerwolke, die einmal ein Akariizerstörer der Charlie-Klasse gewesen war, diente ihm bei diesem Manöver als Deckung. Crusader hing zuverlässig an Kanos Flanke – er machte sich. Ruhig und sicher brachte Kano die vorletzte Bloodhawk ins Visier seiner Bordkanonen – als die Formation der Akarii auseinanderbrach. ‚Verdammt!‘
Der Sektionschef der Akarii verstand sein Handwerk: Zwei Bloodhawks jagten mit eingeschaltetem Nachbrenner auf die Crusaders zu, während die beiden anderen nach einem halben Looping die Nighthawks angingen.
‚Hund!‘ Kano riß den Steuerknüppel zurück, brachte seine Maschine auf Kollisionskurs mit einer der Bloodhawks.
In einer Typhoon wäre das kein sehr kluges Manöver gewesen. Aber die Nighthawk war wesentlich besser gepanzert, hatte stärkere Schilde – und war der bestbewaffnete Jäger der Menschen und Akarii. Einen Augenblick wartete er noch, dann drückte er einfach auf die Feuerknöpfe, die Hand um den Steuerknüppel gekrampft, während die Maschine unter dem feindlichen Beschuß erbebte. Die Schilde hielten.
Beide Maschinen rasten aneinander vorbei. Fast sofort riß Kano seine Nighthawk in ein Von-Bein, eine Vollwende „auf der Stelle“, wie sie nur im Weltall möglich war. Aber auch der Akarii war kein Amateur – er hatte die Maschine mit einem Immelmann gewendet und stieß jetzt wieder auf Kano herab. Einen Fluch zwischen den Zähnen zerquetschend gab Kano Vollschub. Dennoch traf ihn der Akarii. Die Schilde hielten – noch. Bisher hatte noch keiner der beiden Piloten seine Raketen eingesetzt.
Kano wußte, daß sein Gegner hinter ihm einkurven würde. Er hätte jedenfalls genau das getan. Ohne noch einen Blick nach hinten zu verschwenden brachte er die Nighthawk mit einer Halben S-Kurve auf Gegenkurs, nur um mit einer erneuten Halben S-Kurve wieder den ursprünglichen Kurs zu fliegen. Diesmal war der Akarii nicht schnell genug und schoß an Kano vorbei, der jetzt mit allen vier Bordkanonen auf die Heckschilde der Bloodhawk lostrommelte. Die energetische Schutzhülle leuchtete unter dem Dauerbeschuß mit Tachyonen- und Plasmakanonen auf, kollabierte. Der Akarii war in perfekter Entfernung für die Sidewinder – Kano griff nach den Raketenkontrollen – zu langsam. Wieder bewies der Bloodhawkpilot, daß er kein Anfänger war – ein radikales Spiral-Manöver brachte ihn aus der Zielerfassung von Kanos Jäger. Dann drückte der Akarii den Nachbrennerhebel und löste sich aus dem Zweikampf.
‚Feigling! Aber nicht so schnell...‘
„OHKA!!“ Der Hilferuf Crusaders riß Kano herum. Sein Flügelmann kurbelte mit der anderen Bloodhawk – und er war am verlieren. Der Akarii war gut genug, sich immer wieder an das Heck der Nighthawk zu setzten und einige Schüsse anzubringen. Die langen Feuerstöße, mit denen Kano ihn überschüttete, verjagten den Feind.
„Alles in Ordnung, Crusader?“
„Ja. Der Misthund hat zwei Raketen abgefeuert – war knapp.“
„Glück...“
Kano sah sich um. Rings waren die Schlachtreihen zu einem unentwirrbaren Hexenkessel geworden. Zwischen den manövrierenden und aus allen Rohren feuernden Akariischiffen jagten sich jetzt mehr als 200 Kampfflieger der Akarii und der Menschen. Brennende Akariiwracks verschlimmerten das Chaos. Doch da auf Drei Uhr, hoch...
„Crusader! Die Raptors!“ Die feindliche Jagdbombersektion war offenbar schon gerupft worden – es waren nur drei Maschinen, von denen zwei außerdem beschädigt schienen. Dennoch flogen sie unbeirrt in Richtung der Schlachtreihen der TSN. Sie hatten allerdings auch keine andere Chance. Für die Akarii gab es nur noch Sieg oder Untergang. Die Flotten waren sich schon zu nahe gekommen, als daß der Akarii-Admiral darauf hoffen konnte, bei einem Rückzug seinen Träger retten zu können. Dieser Kampf wurde auf Leben oder Tod geführt.
„Verstanden! Greife an!“ Dafür, daß der Junge gerade eben erst mit knapper Not dem Tod entkommen war, klang er ziemlich ruhig. Kano grinste kurz.
Sie würden die Raptors von Vorne Unten angreifen. Nach dem Standartangriffsverfahren würde darauf ein „Reversement“ folgen – eine scharfe Kehre hinter den Jabos und ein erneuter Sturzangriff von Hinten. Kano machte die Amrams fertig – die Sofortfeuerraketen waren bei einem Vorbeiflugangriff ideal. Diesmal würde er mit ALLEM angreifen, mit Kanonen und Raketen. Nicht einmal die schweren Schilde und massive Panzerung der Raptoren würden diesem Angriff widerstehen. Die beiden Nighthawks jagten auf ihre Ziele zu, die sie noch nicht bemerkt zu haben schienen. Noch eine Sekunde...
Ein schrilles Heulen ließ Kano herumfahren – Raketenalarm!
Kanos Reflexe griffen, automatisch brach er den Angriff ab, warf die Nighthawk auf den Rücken und in ein volles Looping, während die Maschine vier Störkörper ausstieß. Das war zuviel für die zwei Raketen, die in sicherer Entfernung explodierten. Doch der Deltavogel, der sie abgeschossen hatte, war nicht so leicht zu verwirren – das Feuer aus sechs schweren Plasma- und Photonenkanonen lag unangenehm genau. In ein paar Sekunden waren nur noch Reste von Kanos Schilden übrig, der verzweifelt die in Rückenlage befindliche Maschine in einer Spirale abtauchen ließ. Das feindliche Feuer riß ab. Aber damit war der Zweikampf noch nicht vorbei. Voller kalter Wut über den Angriff riß Kano die Maschine herum und gab Vollschub. Ehe der feindliche Pilot reagieren konnte, war der Nighthawk an ihm vorbei, nur um sofort mit einem Von-Bein zu wenden. Der Heckschütze versuchte vergeblich, die Nighthawk ins Visier zu bekommen. Das Sperrfeuer der vier schweren Strahlenkanonen schwächte die Schilde – und die beiden von Kano abgefeuerten Amrams vollendeten das Vernichtungswerk. Mit grimmiger Befriedigung sah er, wie zwei Akariis sich aus dem Flieger katapultierten, kurz bevor ein Doppeltreffer aus den Tachyonengeschützen den Delta explodieren ließen. ‚Genießt die Aussicht – es kann dauern, bis man euch aufsammelt!‘
„Kano, bist du in Ordnung?“
„Wo hast du eigentlich gesteckt?!“
„Ich hab‘ das Arschloch nicht gesehen! Und...“
„Vergiß es. Was ist mit den Raptors?“
„ICH HAB‘ EINEN ERWISCHT!! Volltreffer – alles weg, gleich beim ersten Anflug! Die anderen – sind abgehauen.“
Kano mußte lächeln – nicht nur weil er überlebt hatte. Der Enthusiasmus in Crusaders Stimme war ansteckend.
„Glückwunsch. Wenn du so weiter machst, hast du bald das Kreuz!“
„Danke...“
„Achtung! Achtung! Brauche Hilfe!“ Eine panische, sich überschlagende Stimme schnitt durch Crusaders Triumph. Eine Crusader war irgendwie von ihrer Sektion getrennt worden und steckte jetzt in einem erbarmungslosen Nahkampf mit einem Quartett Reaper. Vor Kanos Augen schaffte es der Heckschütze tatsächlich, einen vorwitzigen Akarii ins Visier zu bekommen. Die leichte Maschine explodierte – aber ihre rachsüchtigen Kameraden schlugen mit tödlicher Präzision zurück. Das kombinierte Feuer aus drei Richtungen und zwölf Laserkanonen war zuviel für die geschwächten Schilde der Crusader. Nur ein Mann der Besatzung konnte aussteigen. Und bevor Kano oder Crusader einen der agilen Abfangjäger ins Visier bekamen, spritzten die Reapers auseinander und drehten den Spieß um. Zum Glück für die Nighthawks hatten die Akarii bereits ihre Raketen verschossen und waren nicht mehr unbeschädigt. Die nächsten zwei, drei Minuten waren ein tödliches Ballett an der Flanke einer zusammengeschossenen Akariifregatte – vielleicht hatte die vernichtete Crusader das Kriegsschiff so zugerichtet. Die wendigen Reapers versuchten, die langsameren, aber zäheren und schlagkräftigeren Nighthawks am Heck zu erwischen, die sich gegenseitig den Rücken deckten. Das Gefecht brach ab, als die Reapers sich leichteren Zielen zuwandten – oder vielleicht auf einen Hilferuf reagierten. Einer von ihnen war nur knapp der Vernichtung entronnen, als er eine volle Salve abbekommen hatte. Dafür fehlte bei Kanos Maschine die Spitze der linken Tragfläche und sein Bordcomputer informierte ihn über Panzerungsschäden und eine verminderte Wendigkeit und Geschwindigkeit. Crusader war glimpflicher davongekommen – lediglich seine Schilde waren ramponiert. Die Standfestigkeit der Nighthawk war imponierend.
„Was nun, Ohka?!“ Crusaders Stimme klang atemlos. Diesmal war es allerdings nicht nur Triumph und Kampfeslust – er klang erschöpft. Dieser Kurvenkampf war eine knappe Sache gewesen.
Kano stabilisierte den Flug seiner Maschine, während er eher abwesend die Rettungskapseln wahrnahm, die die todwunde Akarii-Fregatte der Sierra-Klasse verließen. Die Kampffliegergefechte schienen sich verlagert zu haben. Er sah keine Ziele in unmittelbarer Nähe: „Wir suchen den Feind! Es ist noch nicht geschafft...“
Cattaneo
07.06.2004, 18:33
Auf der Jagd
Mit einem wütenden Knurren drückte Lilja den Nachbrennerhebel herunter. Der schlanke Jäger beschleunigte abrupt, schneller als sonst eine Maschine der republikanischen Streitkräfte. Aber es gab Feinde, die noch schneller waren…
Vor ihr versuchte eine Gruppe Reaper an die terranischen Bomber heranzukommen. Der wievielte Angriff war das eigentlich? Der vierte, oder war es doch schon der fünfte? Obwohl sie in der Minderzahl waren, zeigten die Akarii nicht das geringste Nachlassen in ihrem Angriffsgeist. Sturmjäger, Bloodhawks, Reaper – immer wieder stießen sie vor und verwickelten die terranischen Kampfflieger in Gefechte in der Hoffnung, daß ihre Kameraden dann durchbrechen konnten. Angesichts der Menge der beteiligten Kampfflieger und dem unablässigen Feuer der Dickschiffe, die das Durcheinander noch vergrößerten, war es fast unmöglich, nicht den Überblick zu verlieren. Die äußerste Verteidigungslinie der Akarii war längst durchbrochen. Etliche Zerstörer der Aussensicherung waren nur noch leblose Wracks – falls überhaupt noch so viel von ihnen geblieben war. Und die Bomber stießen weiter in den Verband vor. Vor allem auf die Crusader, die für den Akarii-Träger eine unmittelbare Gefahr bedeuten konnten, konzentrierten sich die Angriffe. Und die Grüne Staffel, längst in einzelne Sektionen und Wings aufgesplittert, hatte zu kämpfen, um zumindest das Schlimmste zu verhindern. Einen wirklichen Schutz vor aus Distanz abgeschossenen Raketen konnten sie natürlich nicht bieten, das mußten die Bomber schon selbst schaffen. Nicht jedem glückte das.
Aber sie konnten gegen die Angriffe im Nahbereich vorgehen. Und so setzte sich Lilja hinter die angreifenden Hochgeschwindigkeitsmaschinen. Tyr blieb getreulich an ihrer Seite. Seit das Gefecht begonnen hatte, hatte er seine Aufgabe gut erfüllt. Ihm fehlte der Überschwang des Neulings, die manchen Piloten blind machte für Gefahren, und auch wenn er anscheinend nicht schlecht schoß, so sah es so aus, als sei er nicht übertrieben begierig auf ein paar weitere Markierungen auf seinem Jäger.
Der Rest der Sektion hatte sich gut geschlagen – und immerhin einen Reaper abgeschossen. Es fiel ihr immer noch nicht leicht, für vier Maschinen zu denken, aber sie schaffte es, gerade so. Zumal natürlich augenblicklich vieles dem einzelnen Piloten überlassen blieb. Eine enge Führung war einfach nicht möglich bei der Geschwindigkeit , mit der sich im modernen Raumkampf die Gegebenheiten änderten und Entscheidungen zu treffen waren. Auch die Staffelführer konnten oft nicht viel mehr, als sich um sich und ihre Sektion kümmern. Aber es war auch diese Herausforderung, die Lilja bei dem Gedanken Angst machte, sie könnte vielleicht einmal eine eigene Staffel unter ihrem Kommando zu haben.
Die Russin hatte noch keinen Abschuß erzielen können. Sie hatte, so tröstete sie sich, bei unterschiedlichen Angriffsversuchen zwei Deltavögel ernstlich angekratzt. Einer der feindlichen Sturmjäger hatte eine Rakete und Bordwaffenbeschuß kassiert, auf den anderen hatte sie ein wahres Trommelfeuer aus ihren Bordwaffen entfesselt, als er nicht abdrehen wollte. Doch den einen Gegner hatte eine Abwehrrakete von einem der Bomber erwischt, der andere hatte sich in Sicherheit bringen können, während Lilja nur mit Mühe dem Feuer des gegnerischen Wingmans entkommen war. Und auch sonst war es frustrierend – immer, wenn es nach eine guten Chance aussah, mußte man abdrehen, weil die Bomber in Gefahr waren. Der Akarii zog weg und man konnte ihm nicht folgen – oder er suchte Schutz im Feuer eines eigenen Dickschiffes. Und da hatte man selber nur das Nachsehen. Nun, es waren auch reichlich menschliche Maschinen im Einsatz – so viele Hasen blieben nicht für jeden Hund. Wobei diese Hasen allerdings durchaus auch den Spieß umdrehen konnten.
Lilja verfügte nur noch über ihre Sidewinder, den Rest der Raketen hatte sie bereits verbraucht. Sie war mit dem Ergebnis mehr als unzufrieden. Aber mit den Lenkflugkörpern hatte sie noch nie sehr gut geschossen.
Sie aktivierte den Zielerfassungsradar und visierte das Heck eines der vier feindlichen Kampfflieger an. Lautlos zählte sie: ,Drei. Zwei, Eins…’ Plötzlich brach die feindliche Formation auseinander, einen Augenblick, bevor die Infrarotrakete einsatzbereit war. Die Russin grinste grimmig. Natürlich. Die feindlichen Sensoren gaben den Piloten natürlich Bescheid. Und die fragilen feindlichen Jäger konnten nicht riskieren, eine Rakete abzubekommen.
Während ihre Bordwaffen lange Feuerstöße spieen – Lilja kontrollierte immer wieder die Energieanzeigen, damit sie sich nicht verschoß – schloß sie wieder zum Verband auf. Die Akarii kurften davon, und wurden fast sofort von einigen Maschinen der Intrepid in ein Gefecht verwickelt. Die kurze Atempause währte freilich nicht lange. „Bloodhawks auf sechs Uhr.“. Tyrs Stimme klang erstaunlich ruhig. Lilja enthielt sich nur mühsam einer Verwünschung: „Harpy – folgen. Tyr – an meiner Seite.“ Diesmal wollte sie die Akarii so früh wie möglich abdrängen. Anders als die Reaper hatten die Bloodhawk eine beträchtliche Feuerkraft – selbst ein Passierflug konnte ernst Folgen haben.
Die vier Erdjäger drehten ab und nahmen Kurs auf den Gegner – eine gleiche Anzahl Bloodhawks, allerdings zum Gutteil offenbar schon beschädigt oder verschossen. Die Russin biß die Zähne zusammen. So langsam wurde ihr Atem knapp. Es war Zeit, es auch mal mit einem Bluff zu versuchen: „An alle – Visiert sie an, egal ob ihr noch Raketen habt!“ Drüben flackerte erstes Feuer auf. Lilja ließ ihren Jäger nur leicht von einer Seite auf die andere taumeln. Ihre eigenen Feuerstöße dienten vor allem der Verwirrung des Gegners. Sie machte ganz den Eindruck eines Piloten, der fest entschlossen war, einen sicheren Schuß zu landen. Erste Treffer erschütterten den Jäger, doch bisher hielten die Schilde. Die Akarii zogen auseinander – so wie sie es erhofft hatte. Die Ausweichmanöver des Gegners kosteten ihn Geschwindigkeit und Zeit.
Dann war sie durch: „Eindrehen!“ bellte sie. Sie bevorzugte scharfe Wendemanöver, da die im Gegensatz zum „Von Bein“ einfacher zu fliegen waren. Nicht, dass sie sich das Manöver nicht zutraute, aber kleine Fehler konnten im Gefecht große Wirkungen haben. Und bei einer Hochgeschwindigkeitskehre mußte man nicht von Null anfangen wieder zu beschleunigen.
Das Manöver brachte sie hinter die aufgelockerte Formation der Akarii. Sie aktivierte erneut den Nachbrenner, um nicht zurückzufallen. Einmal mehr, wie so oft, bildete sie sich ein, ein Knirschen in der Maschine zu hören. Trotz des Trägheitsdämpfers waren solche Manöver für Pilot und Jäger äußerst belastend. Allerdings nicht so belastend wie ein paar Volltreffer… Sie mußte verhindern, daß die Akarii doch noch durchbrachen.
Die Akarii hatten keine wirkliche Wahl. Wenn sie nicht riskieren wollten, von den Menschen abgeschossen zu werden, mußten sie reagieren. Sie stellten sich zum Kampf. „Auf jeden Fall verhindern, daß einer durchbricht!“ zischte Lilja. Es war ein übliches Manöver, wenn auch ein riskantes, einen Teil einer Angriffsgruppe einzusetzen, um Verteidiger zu beschäftigen.
Im Augenblick hatte sie keinen Gegner in unmittelbarer Nähe – Tyr und ihre anderen Untergebenen hielten die Akarii ausreichend in Atem. Aber einer der Gegner war offenbar dabei, sich durchzuschlagen. Er mußte seine Maschine gut beherrschen, denn er hatte sich offenbar ohne größere Probleme von den Terranern lösen können. Mit Höchstgeschwindigkeit griff der feindliche Jäger an. Lilja knirschte mit den Zähnen. Genau das hatte sie verhindern wollen, verhindern müssen! Und, bei allen Teufeln, das würde sie auch! Ihre Maschine setzte sich hinter den Gegner.
Die lange Zielerfassungszeit der Sidewinder verfluchend, visierte sie den Feind an. Drei Sekunden waren normalerweise ein Nichts – doch in der Raumschlacht entschieden sie oft über Leben und Tod. Doch sonderbarerweise wich der Akarii nicht aus. Vielleicht meinte er, ihren Trick zu durchschauen?
Mit einem kurzen Piepen signalisierte der Feuerleitcomputer die Zielerfassung. Lilja hieb auf den Feuerknopf. Die Sidewinder schossen auf das Heck des Gegners zu. Im letzten Augenblick versuchte der Akarii abzudrehen. Aber diesmal bewährte sich die vergleichsweise hohe Geschwindigkeit der Raketen – ihre recht geringe Reichweite überbrückten sie in wenigen Sekunden. Eine Rakete ging fehl, glücklicherweise ohne zu friendly fire zu werden. Die andere traf. Bei dem Akarii wurden die Schilde aufgerissen, doch er war noch nicht vernichtet. Lädiert drehte der feindliche Jäger sich in einer Spirale, während Lilja ihm unaufhaltsam näher kam.
Die beiden Maschinen schienen ein wahnwitziges Ballett aufzuführen. Und auch wenn die Bloodhawk beschädigt war, sie verkaufte sich nicht billig. Lilja bemerkte gar nicht, wie sehr sie schwitzte. Anstrengung und die ständige nervliche Anspannung nahmen sie mit wie eine volle Trainingseinheit in der Sporthalle. Mehr als einmal wurde ihr Jäger durchgeschüttelt, wenn die feindlichen Strahlkanonen trafen. Aber am Ende setzte sie sich durch. Nicht unbedingt auf Grund überlegenen Könnens. Aber ihre Maschine war einfach dem lädierten Gegner überlegen. Er brauchte immer Glück – sie nur ein einziges Mal. Ein fast beiläufiger Treffer, eine Salve, die sie mehr nach Verdacht während einer kurzen Head-on-Head Begegnung abgab, brachte die Entscheidung. Die Flanke der Bloodhawk wurde aufgerissen, das Cockpit kollabierte. Der Pilot schnellte sich in den Weltraum, während sein Jäger ,abmontierte’.
Für einen Augenblick zögerte Lilja. Sie empfand – widerwillig – so etwas wie Achtung vor ihrem Feind. Er hatte sich gut geschlagen. Vermutlich kein Anfänger, vielleicht sogar ein Aß wie sie. Sicher keiner der absoluten Spitzenpiloten, aber dennoch…Andererseits, er war ein Akarii. Er hatte bestimmt einige Menschen auf dem Gewissen. Ihre Finger schwebten über den Feuerknöpfen, sanken langsam herab.
Doch dann wendete sie ihre Maschine und beschleunigte. Sie wußte selber nicht, warum sie ihn verschonte. Sie war noch immer dieselbe Pilotin wie vorher. Aber aus irgendeinem Grund verschonte sie ihren Feind. Immerhin würde er hier bestimmt nicht von den eigenen Leuten aufgesammelt werden. Sollte er doch in die Gefangenschaft gehen, oder ihretwegen auch ersticken! Sie hatte zu tun.
Die restlichen Akarii brachen den Angriff ab, vielleicht entmutigt durch den Verlust ihres Führers. Der Kampf freilich war noch lange nicht vorbei. Einmal mehr mußten die Typhoon mit Höchstgeschwindigkeit aufschließen. Erst jetzt fühlte Lilja die bleierne Müdigkeit richtig, die sich in ihren Gliedern breit machte. Sie fühlte sich, als könnte sie einen ganzen Tag verschlafen – oder gar eine Woche. Aber ihr war auch klar, solche Gedanken waren gefährlich. Wurde sie unachtsam, dann ging es ihr wie ihrem Gegner…
„Formation zusammenhalten – und betet, daß die Lahmärsche endlich ihren Job tun!“ knurrte sie über die Gruppenfrequenz. Und wenn die Bomber es gehört hätten, wäre es ihr wohl auch gleichgültig gewesen. Liljas Stimme klang ziemlich undeutlich, aber ihren Kameraden ging es wohl nicht besser. Bisher hatte ihre Sektion erst zwei Akarii abgeschossen – aber auch keinen Bomber direkt verloren. So gesehen nicht schlecht. Aber wenn es nicht bald vorüber war…
Ein Blick auf den Radarschirm ließ erneut Adrenalin in ihre Adern schießen: „Achtung, bereitmachen – da kommen sie wieder!“ Die vier Erdjäger beschleunigten wieder und machten sich erneut bereit, den Feind zu stellen.
Cattaneo
07.06.2004, 18:34
In Kiellinie
Für einen unbeteiligten Betrachter hätte sich gewiß die ästhetische Schönheit des Schauspiels leicht erschlossen. Die Strahlenbahnen der Bordgeschütze, das Ballett der Jäger, die gestaffelten Schwärme von schweren Raketen, deren Triebwerke wie die Spur von Feuerwerkskörpern leuchteten, ergaben ein surrealistisches Bild, das so gar nichts von der Tödlichkeit ahnen ließ, die in ihm steckte. Die Explosionen der Marschflugkörper, wenn diese auf Schilde, Schiffsrümpfe und Täuschkörper stießen oder vom Abwehrfeuer vernichtet wurden, hätte von Ferne leicht wie ein Silvesterfeuerwerk wirken können.
Die Piloten, die mitten in diesem Schauspiel waren, hatten natürlich keine Zeit für derartige Reflektionen. Für sie ging es um Leben und Tod, Sieg oder Niederlage. Hier entschieden Bruchteile von Sekunden, und ein Augenblick konnte eine Legende begründen oder jäh enden lassen. Für die öffentliche Aufmerksamkeit, deren Liebling die strahlenden „Schwingenträger“ waren, zahlten sie einen hohen Preis.
Doch auch den Besatzungen der Großkampfschiffe, dem „Proletariat der Flotte“, wie sie sich mitunter spöttisch-selbstkritisch nannten, bot sich keine Gelegenheit, den Anblick zu würdigen.
Hier präsentierte sich der Kampf eher als eine Art abstrakte Simulation. Sie waren viel zu weit von ihrem Gegner entfernt, um ihn optisch wahrnehmen zu können. Als die ersten Salven abgefeuert wurden, trennte sie mehr als die Hälfte des Abstandes von Terra und Luna von ihrem Feind. Auf den Sichtschirmen, welche die Männer und Frauen auf den Gefechtsstationen vor Augen hatten, wimmelte es von Symbolen. Farbe und Gestalt gaben die Art und Zugehörigkeit des jeweiligen Objekts an. Die Raketenwerfer der Großkampfschiffe schufen buchstäblich hunderte neuer Markierungen, die das Durcheinander noch vergrößerten. Dies hatte wenig mit der realen Dramatik des Kampfes zu tun – vielmehr brauchte man das Auge und den analytischen Verstand eines Wissenschaftlers, um zu erkennen was wichtig war, und darauf zu reagieren. Statt einem grandiosen Schlachtengemälde, einem schrecklich-schönen Panorama, bot sich ein Anblick, den Zyniker als einen Ameisenhaufen beschrieben, in dem Tiere mit unterschiedlicher Färbung durcheinander krabbelten.
Auch wenn es wenig mit dem tödlichen Nahkampf der Jägergefechte zu tun hatte, diese scheinbar sterile Welt war nicht weniger Teil des von Dichtern, Militärs und Politikern so schwülstig besungenen Massenmordes, den man Krieg nannte. Und es hing nicht weniger, oft sogar noch mehr von jedem einzelnen ab.
In der Kommandobrücke der Relentless herrschte die eigenartige Atmosphäre eines Raumschiffes im Kampf. So lange die Abwehr standhielt, merkte man hier nichts vom Krieg. Es gab keinen Geschützdonner, kein schwankendes Deck, kein leuchtendes Mündungsfeuer und dunklen Rauch. Die Gefechte glichen weit eher dem hinterhältigen Angriff eines U-Bootes auf sein Ziel, als einem klassischen Seegefecht.
Captain Mithel gab seine Befehle in rascher Folge, mitten in das Chaos der unterschiedlichen Meldungen hinein. Nur die lange Übung konnte garantieren, daß dieses Durcheinander funktionierte. Er mußte nicht nur auf seine eigenen Leute achten, sondern auch die Befehle des Geschwaderchefs unverzüglich umsetzen.
Dieser hatte seinem Verband befohlen, mit voller Kraft an der Flanke des langsam vorrückenden menschlichen Verbandes zu kreuzen, halb quer zum Gegner. So drehte man dem Feind stets die Breitseite zu und konnte alle Werfer einsetzen – vor allem aber bewegte man sich relativ zu ihm gesehen so schnell wie möglich. Für die modernen Zielcomputer war dies zwar nur ein Ärgernis, doch selbst eine kleine Ungenauigkeit konnte hunderte Leben retten. Die Anti-Jäger-Raketenwerfer der Kreuzer füllten den Raum mit ganzen Schwärmen von Flugkörpern, und die Schützen an den Strahlenkanonen ließen die Energiebahnen bald hierhin, bald dorthin wandern. Sie webten einen Vorhang, an dem viele der feindlichen Marschflugkörper scheiterten – nicht aber alle. Vor allem konnten sie auf Grund ihrer geringen Reichweite erst auf den letzten zwei bis sieben Sekunden des Fluges ihrer Ziele aktiv werden. Die Impulslaser reichten nicht einmal so weit, schossen aber noch schneller.
„Ziel bei Drei-Drei-Sieben, Salve Eins abfeuern – Zwei folgen!“ Hinter diesen nüchteren Worten verbarg sich der Abschuß von dreißig Atomraketen. Nur der angespannte, scharfe Ton in der Stimme des Captains verriet, um was es eigentlich ging. Die Projektile schossen quasi lautlos in den Raum hinaus – und verschwanden fast sofort von den Sichtschirmen. Sie überbrückten die gewaltigen Entfernungen in weniger als einer Viertel Minute, gemeinsam mit hunderten „Schwestern“. Und hunderte kamen ihnen entgegen – eine ungeheure Verschwendung an Geld, Energie und Vernichtungskraft.
„Peilung des Gegners steht – Zähle 20, 24, 30 Vampire!“ In der Stimme des Ortungsoffiziers schwang erstmals so etwas wie Panik mit. Diesmal enthielt sich Mithel eines Kommentars. So lange die Mannschaft ihre Arbeit tat, durfte sie jetzt, vor allem in ihrem ersten „echten“ Gefecht, durchaus auch einmal Nerven zeigen.
„CLD eröffnet Feuer – Vier, Sechs, – melde Zwölf ausgeschaltet! Eigene Abwehr setzt ein!“ Mithel knurrte: „Steuerbord 15 – Volle Kraft!“ Das Schiff beschleunigte, drehte leicht. Seine gewaltigen Batterien, nicht weniger als 30 verschiedene Waffensysteme, feuerten aus allen Rohren auf das nahende Unheil – auch dies quasi lautlos für die Besatzung. „Feindliche Salven abgefangen – Halt! Zwei Vampire kommen durch!“ „Täuschkörper – Maschinen AK!“
Es war wie eine leichte Grundberührung bei einem Schiff. Nicht einmal eine sehr heftige Erschütterung, wenn man bedachte was für Gewalten hier wüteten. Aber man erzählte sich ja, daß der Aufprall, der einst das „unsinkbare“ Schiff Titanic zum Tode verurteilt hatte, an Bord auch nur als scheinbar geringfügiger Stoß zu spüren gewesen war.
Selbst Mithel, der doch sonst bemüht war, keine Schwäche zu zeigen, schloß für einen Augenblick die Augen, als gleißende Helligkeit auf dem primären Sichtschirm aufflammte. Bei einem normalen Fenster hätte der Blitz wohl den Betrachter das Augenlicht gekostet. Die Stimme des Captains klang gepreßt: „Schadensbereicht!“ Die erlösende Antwort: „Schilde bei 85 Prozent.“ ließ ihn unmerklich aufatmen. Im nächsten Augenblick gab er schon wieder neue Feuerbefehle: „Ziel Delta-6 anpeilen – eine Salve. Zweite auf Beta 1.“ Die Relentless feuerte aus vollen Rohren, aber nicht blindlings. Mithel pickte sich vor allem feindliche Großkampfschiffe heraus, die entweder schon angeschlagen waren oder unter Beschuß durch andere Schiffe der Schwadron standen. So hatte man besser Chancen, Volltreffer zu erzielen. Ein leichter Kreuzer, angeschlagen durch Bomber, war ein leichtes Opfer geworden. Seine Verteidigung war völlig überlastet gewesen. In dieser Hinsicht war Mithel Opportunist, ohne sich dessen zu schämen. Krieg war kein Duell, in dem sich Dritte heraus hielten. Ein angeschlagenes Ziel teilte das Schicksals eines kranken Tieres in einer Herde, die von Raubtieren umschlichen wurde – es fiel todsicher einem Angriff zum Opfer.
An Bord der Tiredless hatte Henning Schupp einen guten Überblick über den Ablauf der Schlacht – auch weil sein zentraler Schiffscomputer mit dem der Dauntless gekoppelt war. Er mißbrauchte den neuen Flakkreuzer schamlos als „Augen und Ohren“, während sich das „Hirn“ ebenso wie die Fäuste auf anderen Schiffen befanden. Nun, der Prototyp lieferte akzeptable Daten und bisher schlug er sich auch nicht schlecht – allerdings waren die Bedingungen auch noch relativ optimal. So schnell die Marschflugkörper sich auch bewegten, sie brauchten dennoch mehr als zehn Sekunden für ihren Weg – genug Zeit für moderne Computer und trainierte Besatzungen, um zu reagieren. In einem ECHTEN Nahkampf, etwa mit feindlichen Jabos, würde das anders aussehen. Aber bisher lief es gut – und ohne die Dauntless hätte sein Geschwader gewiß mehr einstecken müssen. Bisher hielten sich die Schäden durch feindlichen Beschuß in Grenzen. Und die Schwadron hatte einige Treffer erzielen können. Die Akarii sahen sich dem kombinierten Angriff der terranischen Flotte und Kampfflieger gegenüber, wobei sie in beiden Fällen zahlenmäßig in der Unterzahl waren. Ihre Abwehr konnte einfach nicht beide Bedrohungen gleichzeitig abwehren.
Dennoch war es keineswegs ein einseitiger Kampf. Vor allem die kleineren Schiffe und die Raumjäger der Menschen hatten keinen leichten Stand. Ein aufmerksamer Beobachter konnte unschwer entdecken, daß die Verluste der Jagd- und Bomberstaffeln stiegen.
Schupp entging nicht, was vor sich ging. Er hatte ausreichend Erfahrung, um mehr zu bemerken als nur die Dinge, die ihn und seine Schwadron unmittelbar angingen. Vor seinen Augen wurde eine Fregatte der Brandenburg-Klasse von vier schweren Akarii-Raketen buchstäblich ausgelöscht. Wie so vielen kleinen Schiffen wurde ihr zum Verhängnis, daß ihre Abwehrbewaffnung relativ schwach war, und ihre Schilde weitaus weniger Schaden kompensieren konnten als die der Kreuzer. Einen Norfolk-Zerstörer erwischte es als nächstes – schwerer Treffer, der den Bug aufriß. Das Schiff war verloren und mußte evakuiert werden.
Als altgedienter Kapitän fühlte Schupp eine quälende Bitterkeit, als er den Tod der stolzen Schiffe miterleben mußte. Sicher, es waren „nur“ Kleinkampfschiffe. Aber jedes einzelne von ihnen hatte hunderte von Besatzungsmitgliedern und war allein für sich ein wunderbares, beinahe lebendiges Werk menschlicher Geschicklichkeit. Diese Schiffe jetzt verstümmelt, zerschmettert, vernichtet zu sehen, war schwer erträglich.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch seine Schwadron dem unablässigen Feuer der Akarii würde Tribut zollen müssen. Natürlich nahm die feindliche Feuerkraft in dem Maße ab, wie Schiffe des Gegners vernichtet oder kampfunfähig geschossen wurden. Aber je länger das Gefecht dauerte, um so näher kamen sich die Flotten, um so mehr stieg die Wahrscheinlichkeit eines menschlichen Fehlers. Längst gab es auf beiden Seiten kaum noch ein Schiff, das nicht auf den Feind feuerte.
Aber der gegnerische Träger war immer noch im Zentrum der feindlichen Formation. Und damit relativ sicher, denn die meisten auf ihn abgefeuerten Marschflugkörper wurden abgefangen. Der Weltraum war so voller Scheinziele und Abwehrfeuer, das einfach kein Durchkommen schien. Die Flotte sollte die Abwehrformation aufbrechen und genau das tat sie auch.
Schupp runzelte leicht die Stirn, als er die Anzeigen auf den Schirmen betrachtete: „Funkspruch an Columbia – Ziehen Bomber sich zurück? Status Träger angeben.“ Die Antwort war alles andere als erfreulich: „Angriff auf Träger gescheitert, Bomber verschossen. Formieren uns zu neuem Angriff.“ Der Captain verzog das Gesicht. Natürlich – die Supermänner in ihren fliegenden Kisten hatten es wieder mal nicht geschafft. Aber immer angeben, daß sie die Besten waren. Ohne Hilfe der Kreuzer und Zerstörer wären sie wohl nicht einmal so weit gekommen. Doch der Captain verkniff sich eine bissige Bemerkung. Hoffentlich machten sie ihre Sache beim zweiten Angriff besser! Inzwischen...
„Tiredless an Verband: Geschwindigkeit erhöhen! Kurs 25 Grad backbord, angleichen. Gestaffelte Salven in das Zentrum der feindlichen Formation, Vektor Null-Null-Fünf. Alphaschlag!“ Mal sehen, ob man ihnen nicht etwas den Weg ebnen konnte.
Der Flottenverband nahm Fahrt auf, aus allen Rohren feuernd – seitlich auf den Gegner zu, der sich verzweifelt wehrte. „Melde 22 Raketen im Anflug!“ bellte der Ortungsoffizier des Flaggschiffs. Der Captain verkrampfte sich, wischte die nassen Handflächen an den Armlehnen ab. Wenn es so weiter ging...
Wenn die verdammten Bomber sich nicht sputeten und den feindlichen Träger ausschalteten, würden die Akarii vielleicht noch versuchen, der Schlacht eine Wende zu geben. Und wer wußte, ob es ihnen nicht glücken konnte.
Cunningham
07.06.2004, 22:03
Murphy stürzte den Rest des Kaffees hinunter. Seine Leute hatten einen Kreuzer vernichtet und zwei weitere schwer beschädigt. Dafür waren zwei Maschinen samt Besatzungen drauf gegangen. Die meisten anderen hatten mittelschwere Schäden einstecken müssen.
Die Crusader der Intrepid hatte es schwerer erwischt. Aber die hatten einen ersten Angriff auf den Träger geflogen und waren abgeschlagen worden. Hatten aber dafür zwei leichte Kreuzer zusammengeschossen.
"Commander!" Ein Techniker kam auf ihn zugerannt und drückte ihm ein Headset in die Hand und verschwand wieder im Chaos des Haupthangars.
Martell setzte sie auf: "Murphy hier!"
"Hier Lieutenant Maier. Der CAG fragt, wann Sie endlich wieder draußen sind. Die Bomber der Intrepid haben sich leergeschossen und man will die Akarii nicht zur Ruhe kommen lassen."
"Es dauert so lange wie es eben dauert!" Ärgerlich schaltete er das Headset ab, nach dem ersten Angriff hatte man die Bomber im Wechselrythmuss auftanken und aufmunitionieren lassen.
Sein Blick wanderte zu den aufgereihten Crusaders. Alle zeigten sie Zeichen von der Schlacht. Selbst wenn bei den meisten Maschinen die Schilde nicht durchschlagen worden waren, so schienen sich geisterhaft die Schemen der Schlacht auf den Bombern eingebrannt zu haben.
"Martell?" Sein BN riss ihn aus den Gedanken.
"Ja?"
"Wir wären so weit und können wieder raus." Der Count wirkte über all das Chaos erhaben.
Der Staffelführer der Crusaders setzte seinen Helm wieder auf uns sprintete zu seinem Bomber. Dicht gefolgt vom Count.
Die Checkliste wurde abgekürzt und der Rest wurde im Schnellverfahren durchgenommen.
Dann wurde die Staffel ins All geschleudert.
Außerhalb der Flottenformation gesellten sich zwei Rafale zu ihnen.
"Mailman für Martell: Der einsame Wolf hat da wohl was für uns!"
"Roger." Martel wechselte auf die Geschwaderfrequenz: "Lone Wolf, hier Martell, was haben Sie für uns?"
"Die Crusader der Starwarriors haben den Träger wohl auf der Backbordseite beschädigt. Die Akarii haben einen Kreuzer direkt vor die Sektion gelegt."
"Denken Sie?" Hakte Martell nach.
"Ich kann ja mal nachsehen!" Der Geschwaderkommandant klang angespannt.
Lucas wich geschickt den Schüssen zweier Akariizerstörer aus und setzte sich hinter die Boodhawk, die versucht hatte ihn durch das Sperrfeuer zu entkommen.
Zwei Salven aus den Strahlengesützen erledigten die Schilde. Die den Schüssen folgende Sidewinder ließ die Bloodhawk platzen.
Hals Manöver waren weniger präzisen und seine Schilde flammten auf, als die Strahlenbatterien eines Zerstörers einschlugen.
"Fuck! Das hat mir aber fast alle Panzerung geraubt!" Fluchte sein Wingman.
"Ruhig bleiben Hal. Ich guck mir mal den Träger an, Sie fliegen hohe Deckung."
"Roger Boss."
Hal stieg "über" die Akarii-Flotte, die sich nach Leibeskräften wehrte. Die Echsen waren gut. Keine Frage, aber Hal sah in ihnen nicht den Angstgegener, den ihm die erfahrenen Veteranen von Manticore und der Redemption beschrieben hatten.
Der Kombinierte Angriff aus Jägern, Bombern und Großkampfschiffen zermalmte die Akarii langsam aber sicher.
Admiral Long hatte sich gut entschieden. Sehr gut, da die Akarii darauf gehofft hatten, dass die Terraner wieder die alte Doktrin benutzten und ihre Jäger allein in die Schlacht warfen.
Hal sah wie sein Wingleader und Geschwaderchef zwischen dem Träger und dem Kreuzer hindurchzog.
Keines der beiden Dickschiffe eröffnete das Feuer auf die Phantom.
"Skipper, da kleben zwei Bloodhawks an Ihrer Sechs." Hal ließ ein paar Teuschkörper fallen um eine ihn anpeilende Rakete abzulenken und ging tiefer.
Lucas wich den ersten Schüssen der Bloodhawks aus, wurde dann jedoch zunehmend öfter getroffen.
Hal griff von vorn, seitlich an. Mit flammenden Waffen scheuchte er die beiden Bloodhawks davon.
Lone Wolf begann sofort mit einer sehr engen Kurve und eröffnete präzise das Feuer auf die beiden Bloodhawks.
Eine der beiden zerbrach in drei Teile, der Pilot starb an der Dekompression. Die zweite beschädigte er stark genug, das Hal ihr den Fangschuss verpassen konnte.
"Okay Martell, ich habe mir das Flachdeck angesehen, es weißt starke Schäden an der Backbordseite. Aber Sie werden einiges an Feuerkraft brauchen um durch die Schilde zu kommen. Irgendwie müssen wir den Kreuzer los werden." Lucas schnappte nach Luft. Der ständige Kampf zehrte nun auch an seinen Kräften.
"Roger, wir sind in Position." Martell kontrollierte die Formation seiner Schwadron.
"Hier Raven, ich habe noch vier beladene Mirage. Wir räumen Ihnen den Kreuzer aus dem Weg Martell."
Martell Murphy nickte: "Verstanden, gute Jagd."
Er drosselte die Geschwindigkeit. Kurz darauf glich sich seine Staffel an.
Über sie hinweg donnerten vier Mirage.
Sofort eröffnete die Flugabwehr der Akarii konzentriert das Feuer.
Geschickt näherten sich die Jagdbomber dem Kreuzer. Das Geschützfeuer des Kreuzers allerdings war wenig gezielt. Die Mirageschwadron der Intrepid hatte ihn sich schon als Ziel ausgewählt gehabt und Teile seines Feuerleitradars ausgeschaltet.
Die vier Mirage feuerten beinahe synchron ihre Mavericks an und drei von ihnen drehten in verschiedene Richtungen ab. Die vierte wurde von einem Zerstörer in der Nähe mehrfach getroffen und verging in einem orangen Feuerball. Keines der beiden Besatzungsmitglieder überlebte.
Die ersten beiden Raketen wurden vom Schutzschild gestoppt. Doch die Atomexplosionen, die Nagasiki, Hiroshima und Brasilia in den Schatten stellten raubten den Energieschirmen jede Kraft.
Die folgenden sechs Raketen waren alles direkte Treffer. Die ungeheure destruktive Energie brach sich ihren Weg ins innere des Kriegsschiffes frei. Verzehrte Lebewesen und tote Materie gleichermaßen.
Sauerstoff entzündete sich in einem orangeroten Feuerball und ließ Decksplatten bersten. Schließlich wurde auch das Raketenmagazin erfasst und das Schiff zerbarst in einem Inferno, welches den irdischen Mythos Hölle widerzuspiegeln schien.
Alles was von dem einst majestätischen Kreuzer der Akarii-Marine übrig blieb hatte die Konsistenz von Staub. Verteilt über mehrere Kubikkilometer.
Der Weg für die Crusader war frei.
Martell und seine Leute gaben vollen Schub. Zehn Crusader mit zwei Rafale und zwei Phantomen als Begleitschutz gegen einen Träger der Uniform-Class. Dem Symbol militärischer Schlagkraft des Akarii-Imperiums. Dem Symbol für Kraft. Unbesiegbarkeit. Dem Symbol für den eigenen Triumph.
"Custer wäre garantiert Stolz auf uns", brüllte der Count in sein Mikrophon.
Martell drängte sich die Frage auf, wie sein Stellvertreter gerade jetzt solchen Unsinn von sich geben konnte. Schrieb es aber letztendlich der Anspannung zu, der sie alle unterlagen.
Der Kreuzer, eigentlich dazu gedacht die beschädigte Seite des Trägers zu schützen hatte eigentlich nur die umfangreichen Breitseitenwaffen behindert.
Und nun gab es kein Halten mehr. In sechs verschiedenen grellen Farben leuchtete die Flanke des riesigen Monsters auf.
Jedoch sorgten die beiden Rafale dafür, dass das feindliche Feuerleitsystem mit argen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.
Um so zynischer erschien es, dass der Träger es schaffte als erstes eine der beiden Rafale zu vernichten.
Woraufhin der Beschuss merklich genauer wurde.
Immer stärker wurde die Belastung und immer aufwendigere Ausweichmanöver mussten geflogen werden. Ein Crusader verschwand in einer Salve von Strahlenschüssen.
Dann blinkte die Erfassung golden. Und schließlich wurde die Abschussentfernung erreicht. Der Computer fiepte eindringlich.
Mit einem kräftigen Druck betätigte der Count den Auslöser und hielt ihn gedruckt. Das Revolvermagazin stieß die Mavericks so schnell aus wie es konnte.
Eine weitere Crusader verschwand, in einer Atomexplosion, die von einem Strahlenschuss ausgelöst wurde, der die vierte abgefeuerte Rakete beim verlassen des Revolvermagazins traf.
Die 51 Atomraketen jagte auf ihren Triebwerken der majestätischen Flanke des Trägers entgegen.
Ähnlich wie die Mirages, doch weit weniger agil verteilten sich jetzt die Crusader.
Murphy's eigenes Manöver jedoch wurde von einem Treffer vereitelt. Der Energiestrahl durchbrach Schilde und Panzerung. Unter der Panzerung verdampfte er einen Stabilisator zu Schlacke und zerschmolz drei Manöverdüsen.
Die Crusader stieg zu langsam an. Viel zu langsam. Der Träger kam immer näher. Die ersten Rakete von den knapp dreißig die durchgekommen waren trafen auf das Schild, welches heldenhaft aber vergeblich Widerstand leistete.
Schon nach den ersten vier Treffern des Schiffsrumpfes begriff Murphy's geschultes Auge, dass er und seine Jungs einen Träger erwischt hatten.
Während der Rumpf des einst furchterregenden Giganten von Sekundärexplosionen durchgeschüttelt wurde kam ihm Murphy immer näher.
Der Pilotenveteran hielt den Steuerknüppel fest umklammert und versuchte ihn immer weiter an sich heranzuziehen.
Aufschlag. Die Schilde der Crusader schrammten das Oberdeck des Akarii-Trägers über eine Länge von fast 40 Metern. Bis die Schilde unter der Belastung schließlich zusammenbrachen.
Die Crusader stieg weiter und ließ das feindliche Schiff hinter sich.
"Oh Gott!" Der Count klang so zittrig wie Murphy sich fühlte. "Oh Gott! Oh Du lieber Gott!"
Schließlich wagte Murphy wieder zu atmen: "Gott behütet uns."
"Steicht ein Flachdeck!" Martell konnte die Stimme nicht einordnen, auch wenn er wusste, dass es einer seiner Piloten war. Er konnte nicht.
"Yeah, burn Baby, burn!"
"MURPHY!!" Eine ihm sehr bekannte Stimme. "RAKETE!"
Lone Wolf schoss es ihm durch den Kopf. Instinktiv brach er nach links unten weg. Doch der Crusader reagierte noch langsamer als sonst.
Der Count ließ zwei Teuschkörper ausstoßen.
Zu Spät, die Rakete schlug ein und ruckte die Crusader herum. Er wurde schwer in die Gurte gepresst. Wieder blieb ihm die Luft weg.
Der 24 Tonnen schwere Bomber trudelte. "EJECT! EJECT! EJECT!" Plärrte der Bordcomputer pflichtschuldigst.
Durch einen Blick in den Rückspiegel stellte Martell fest, dass sein BN schlaff im Sitz hing.
"Gott behütet uns!" Hauchte Martel und riss an dem Auslöser für beide Schleudersitze.
Das hintere Kanzeldach wurde abgesprengt und der Count wurde nach draußen geschleuderte. Sein Rettungssystem versagte den Dienst.
Er riss erneut am Auslöser. Nichts geschah. Der Computer empfahl ihm weiterhin den Ausstieg.
Als dann auch noch der Raketenwarner ansprang riss sich Murphy aus den Gurten und zog seine H&K Laserpistole. Diese richtete er auf das Kanzeldach aus.
Dann schlug die Rakete ein. Und es war nichts mehr.
Tyr Svenson
08.06.2004, 08:49
Die beiden Nighthawks kamen nicht weit, bevor Crusader einen Hilferuf auffing: eine Rafale-Pilotin meldete eine schwer beschädigte Maschine und bat um Geleitschutz. Einen Augenblick hatte Kano ein unangenehmes Deja’vu-Gefühl. Doch sie erreichten den einzelnen Flieger ohne Probleme. Die schwere Maschine sah wirklich übel aus: die halbe rechte Tragfläche fehlte, Beschußspuren zogen sich über den gesamten Rumpf. An mehreren Stellen war die schwere Panzerung durchschlagen worden. Es war ein Wunder, daß die Rafale überhaupt noch flog. In der Stimme der Pilotin schwang Erleichterung, aber auch Panik mit: „Da seid ihr ja endlich, verdammt!“
„Nur die Ruhe. Wie sieht es aus?“
„Wie es aussieht?! Unser ELOKA ist tot! Mein Chef ist verwundet. Verdammt, ich bin keine Pilotin! Die Maschine hat höchstens noch zwanzig Prozent Schub und nur noch die Backbordkanone funktioniert! Ansonsten geht es uns prima!“
Kano unterdrückte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Die Soldatin hatte schließlich jeden Grund, pampig zu sein... „Schon gut. Wir eskortieren Sie aus der Gefechtszone.“
Die beiden Nighthawks postierten sich zu beiden Seiten der angeschossenen Maschine, die jetzt auf den Rand des Schlachtfeldes zukroch – jedenfalls kam es Kano so vor. Es ging so langsam!
In diesem Ausläufer der Akariiformation war die Schlacht schon fast vorbei. Wie ein heißes Messer durch Butter waren die Crusader und Mirages durch die Reihen der Akariis gegangen. Der massierte Angriff der TSN-Großkampfschiffe hatte die Reste vernichtet. Die Schlacht war weitergezogen, links von den Nighthawks wurde das Dunkel des Alls immer noch durch Explosionen und Strahlenbahnen erhellt. Die Menschen schienen zu gewinnen – aber die Akariis kämpften bis aufs Messer.
Es war Crusader, der den Gegner zuerst bemerkte: „Ohka! Drei Uhr, Hoch!“
Jetzt sah auch Kano den Gegner – eine einzelne Bloodhawk, die mit Marschgeschwindigkeit einen Kurs verfolgte, der sich mit dem Flugvektor der drei Erdmaschinen schnitt. „Es ist nur einer. Er wird wohl kaum...“ Das schrille Heulen des Raketenalarms schnitt ihm das Wort ab. „AUSWEICHEN!!“
Der Akariipilot hatte zwei leichte Raketen abgefeuert – aber nicht, wie üblich auf dasselbe Ziel, sondern eine auf Kano und – sofort danach – eine zweite auf Crusader. Seine erste Rakete verfehlte ihr Ziel und explodierte an einem Störkörper. Aber die zweite Rakete saß gut. Crusaders Maschine wurde brutal durchgerüttelt, die Schilde kollabierten.
„Ohka! Ich brauche Hilfe!“ Crusaders Maschine schien schwer beschädigt. Kano riß seine Maschine herum und ignorierte den Schwall von Flüchen, die die Rafalefliegerin ausstieß, während sie versuchte, ihre wracke Maschine aus dem Schußfeld der Bloodhawk zu halten. Die kurvte mit der Zielstrebigkeit und Eleganz eines Haifischs an den beiden beschädigten Erdmaschinen vorbei und nahm Kano aufs Korn. Beide Maschinen gaben Vollschub und gingen sich frontal an.
Kano biß die Zähne zusammen. Normalerweise wäre dies ein zwar riskantes, aber machbares Manöver gewesen. Aber jetzt – er hatte keine nennenswerten Schilde mehr. Auf 3000 Kilometer, die Maximalentfernung, eröffnete er das Feuer mit allen Kanonen und riß seine Maschine in eine Aufwärtspirale, nur um mit einer Vollschubwende zu versuchen, den vorbei jagenden Akarii im Heck zu fassen. Doch der ließ sich nicht so leicht fangen und rettete sich mit einem gleichartigen Manöver. Wütend versuchte Kano, seine Raketenzieloptik auf den Akarii zu richten – als der plötzlich Vollschub gab und sich mit Höchstgeschwindigkeit entfernte. Er ließ einen reichlich konsternierten Piloten zurück; „Was bei den kami war denn das?!“
„Scheißegal!“ Das war Crusader. Seine Stimme klang ziemlich geschockt: „Dieser Bastard hat mir zwei Kanonen zerkloppt. Der Nav-Computer spinnt und das Radar auch!“
Von der Fliegerin der Rafale kamen noch ein paar kernige Kraftausdrücke, gefolgt von der Äußerung: „Ihr Weltraumjockeys, ihr seid echt tolle Kerle!“
„Mund halten!“ blaffte Kano, jetzt doch ernstlich verärgert. „Seien Sie dankbar, daß wir da waren. Was denken Sie, hätte der mit Ihnen gemacht, wenn Sie solo nach Hause geflogen wären?!“
Darauf folgte keine Antwort.
„Crusader, die hängst dich an die Rafale. Und siehst zu, daß du nach Hause kommst.“
„Aber...“
„Keine Widerrede. Du wirst nicht in einem wracken Jäger weiter kämpfen. Das ist ein Befehl!“
„Ja, Sir.“ Kano war nicht wenig amüsiert über den Widerwillen, der in der Stimme seines Wingmans zu spüren war. Der Junge hatte wirklich gute Anlagen. Aber ein Grund mehr, ihn nicht zu verheizen.
Die letzten paar Minuten Flug verliefen ereignislos, wofür Kano mal dankbar war. Mit zwei halbwracken Maschinen im Schlepptau hätte er sehr ungern einen Kampf angefangen.
Mit einem recht kühlen „Besten Dank!“ verabschiedete sich die Rafale. Kano überzeugte sich, daß Crusader den Landeanflug auf die Columbia sauber absolvierte. Seine eigenen Schilde hatten sich inzwischen wieder etwas erholt – 25% der Normalstärke. Das mußte reichen. Er hatte noch vier Raketen und war fest entschlossen, sie einzusetzen. Er richtete seinen Jäger wieder auf die immer noch tobende Schlacht und gab Vollgas.
Darkness versuchte einen Überblick zu bekommen, wie es um seine Staffel stand. Das Ergebnis war durchwachsen. Bisher hatten sie nur eine Maschine verloren – Brawler hatte aussteigen müssen, als ihn zwei Bloodhawks in die Zange nahmen. Er verdankte es seinem Wingleader, daß er noch Zeit gehabt hatte auszubooten. Jaws, Darkness Wingman, hatte sich mit einer schwer zusammengeschossenen Maschine und gerade mal 10% Schub aus der Schlacht zurückziehen müssen. Er war zu nahe an die Flakschützen eines leichten Akariikreuzers geraten. Von Ohka oder Crusader fehlte momentan jede Spur. Der Rest der Schwadron formierte sich, mehr oder weniger leicht lädiert, die meisten verschossen, um Darkness Maschine. Die Erfolge variierten. Sein Flight führte mit drei bestätigten Abschüssen. An der unteren Skala rangierte Dutch’s Flight: keiner der beiden Piloten hatte einen Abschuß erzielt. Nun, nach der Schlacht würde man die Ergebnisse auswerten. Bis dahin... Der Funkspruch einer Mirage der Columbia weckte sein Interesse. „Silber Drei, hier Führer Schwarz. Ich höre...“
Kano hatte die Funkfeuer seiner Kameraden schon früh bemerkt und den Kurs seiner Maschine angeglichen. Er fand acht Maschinen seiner Schwadron vor – angesichts der erbitterten Raumkämpfe ein gutes Verhältnis. Er wurde zuerst von La Reine angefunkt: „Hallo Ohka! Schön, daß du dich auch Sehen läßt. Wo hast du unseren Kreuzritter gelassen?“ Die junge Pilotin hatte die anfangs vorhandene Ehrfurcht vor den Veteranen der Schwadron fast völlig abgelegt. Und mit Crusader verband sie eine ausgeprägte Rivalität.
„Maschine beschädigt, ich habe ihn zur Columbia zurückgeschickt. Aber er hat einen Jabo vernichtet.“
„Na ja, dann führe ich wohl. Bei mir war’s `ne Bloodhawk. Und ich mußte nicht zurückkriechen...“
Bevor Kano sich für seinen Wingman äußern konnte, schaltete sich Monty, La Reines Flightleader und XO der Staffel, ein: „Ruhe da. Ihr seid Soldaten und keine Piraten. Ich erwarte entsprechendes Verhalten. Wir befolgen Befehle und veranstalten keinen Wettkampf.“
„JA, Sir.“ Bei La Reines ziemlich subversiven Tonfall war es ein Wunder, daß sich Monty nicht zu weiteren Maßnahmen veranlaßt fühlte.
Jetzt aber ertönte Darkness Stimme und erstickte die Streitigkeiten im Keim: „HERHÖREN! Eine Mirage von Staffel Silber meldet einen angeschossenen Zerstörer der Echo-Klasse. Zurzeit sind wir die einzigen zur Verfügung stehenden Einheiten. Wir greifen an!“ Mit diesen Worten beschleunigte die Maschine des Staffelführers. Die übrigen Maschinen schlossen sich an.
Kano rekapitulierte hastig, was er über die Echo-Zerstörer wußte. Es war nicht viel: ca. 20.000 Tonnen, etwa 500 Mann Besatzung. 10 Lasergeschütztürme, 2 Impulslaser, ein leichter Raketenwerfer und 9 Rohre für Schiff-Schiff-Raketen. Selbst „angeschossen“ war das eine beachtliche Vernichtungskraft. Ein Lichtblick war allerdings die Analyse der TSN-Techniker: das Zielsystem und die Bewaffnung des Zerstörers war nicht besonders effektiv gegen massierte Kampffliegerangriffe.
„ICH SEHE IHN!“ Das war La Reine. In der Stimme der hochgewachsenen Schwarzen schwang regelrechte Blutgier mit – offenbar war sie auf den Geschmack gekommen. Der Zerstörer entfernte sich von der Schlacht, aber er kroch nurmehr durch den Raum, sichtlich beschädigt. Nach den Anzeigen der Sensoren waren seine Schilde teilweise zusammengebrochen, etliche Lasergeschütztürme vernichtet – die Mirage hatte gut getroffen. An der Flanke des Kriegsschiffs klaffte ein breiter Riß in der Panzerung. Die Besatzung musste gut sein – sie hatte es geschafft, die Lecks abzuschotten und den Zerstörer flugfähig zu halten. Und immer noch feuerte das Kriegsschiff mit seinen S-S-Raketen auf irgendein entferntes Ziel. Ob es versuchte, seinen Rückzug zu decken oder der Schlacht noch eine Wendung zu geben, war nicht abzuschätzen – es war auf jeden Fall ein Beweis ungebrochenen Kampfgeistes. Eines Kampfgeistes, den die Nighthawks vernichten wollten.
Am Rand des Feuerbereichs der Bordgeschütze hing eine einzelne Mirage im All – Rot Drei: „Da seid ihr ja endlich! Ist das Alles?!“
„Das muß reichen!“ Darkness Stimme duldete keinen Widerspruch. „Wer hat noch Raketen?“
Außer Kano waren das offenbar nur Viking, Darkness selber – und die Mirage. Der Rest der Piloten hatte sich verschossen. Darkness unterdrückte einen Fluch. Es mußte eben genügen: „AN ALLE! Wir vier greifen an...“
„Was denn, ich schon wieder auch?!“ Das war der Miragepilot der alles andere als begeistert wirkte.
„Haben Sie damit ein Problem?!“
„Nein, Sir...“ Der Tonfall sagte aber etwas anderes.
„...der Rest gibt Feuerschutz. Greift von allen Seiten an - und mit Allem, was ihr habt. Aber denkt dran, ihr sollt ihn nur ablenken. Was ihr trefft ist zweitrangig. Veranstaltet einfach ein ordentliches Feuerwerk und macht euch nicht selber zu Zielen. Wenn wir den Antrieb in die Luft jagen, ist dieser Pott nur noch Weltraumschrott! Ihr geht zuerst ran!“
Die sechs Piloten bestätigten, mehr oder weniger enthusiastisch, und gaben Vollschub.
Darkness Rechnung ging voll auf. Der Anblick von einem halben Dutzend Kampffliegern, die aus allen Rohren feuernd heranjagten, war mehr als genug, um die Akarii zu alarmieren. Aus drei, dann vier Lasergeschütztürmen wurde das Feuer eröffnet. Die vier im Verband angreifenden Maschinen bemerkten die Akariis viel zu spät.
Kano klebte förmlich an Darkness Heckflanke. Das war eine Gelegenheit, dem Staffelführer endlich zu beweisen, was er WIRKLICH wert war. Kanos Gesicht blieb ausdruckslos, aber seine Hand verkrampfte sich um den Steuerknüppel, als doch noch, fast zu spät, ein fünfter Lasergeschützturm des Zerstörers aktiv wurde und das angreifende Quartett mit Feuer überschüttete. Ein leichter Schlag gegen den Steuerknüppel ließ die Maschine einen knappen Bogen fliegen.
Nicht weit genug – Kano wurde kurz brutal durchgeschüttelt und die Cockpitanzeigen informierten ihn über den endgültigen Verlust der Schilde. Jetzt riß Kano den Steurknüppel hart nach Rechts Oben – das Feindfeuer brach ab. Ein kurzes Tippen des Nachbrennerhebels brachte ihn wieder hinter Darkness – der gerade den Zielanflug begann. Vor ihnen ragte das unförmige Heck des Zerstörers auf – gefährlich nah. Immer noch schoß die Laserbatterie. Fast gleichzeitig feuerten Kano und die anderen Piloten ihre Raketen ab.
Die Kampfflieger hatten auf sehr kurze Entfernung das Feuer eröffnet - und der Erfolg der Salve wog das Risiko auf. Das reichliche Dutzend Raketen traf mit vernichtendem Erfolg. Die ersten vier zerstörten die Reste der Heckschilde. Die folgenden Raketen schlugen zielgenau in der Antriebssektion ein. Und dann waren die Kampfflieger nahe genug, um mit ihren Bordkanonen nachzusetzen. Als Kano seine Maschine mit Höchstgeschwindigkeit und aus aööen Rohren feuernd über den Rumpf des Zerstörers lenkte, blühte hinter ihm eine ganze Reihe von Explosionen auf. Der Zerstörer verlor an Fahrt, rollte sich unkontrolliert auf die Seite.
„DER IST ERLEDIGT! ANGRIFF – VON ALLEN SEITEN!!“ In Darkness Stimme lag ein grausamer Triumph, der gar nicht zu dem sonst so beherrschten Offizier zu passen schien.
Kano hatte einmal, vor langer Zeit, Aufnahmen von einem echten Piranha-Angriff gesehen: wie diese südamerikanischen Raubfische irgendein großes Tier angriffen und binnen kürzester Zeit skelettierten. Der grausame Anblick war ihm im Gedächtnis geblieben – der zuckende, blutende Körper, die durcheinander wimmelnden Raubfischschwärme. Jetzt fühlte er sich unwillkürlich daran erinnert – die Erdmaschinen attackierten den waidwunden Zerstörer genauso erbarmungslos, von allen Seiten. Die Geschütze des Kriegsschiffs verstummten eines nach dem anderen, wehr- und steuerlos taumelte der Zerstörer durchs All, während die Kanonen der Kampfflieger an seiner Panzerung nagten, seine Flanken aufrissen.
Es gab keine grandiose Explosion, der Zerstörer starb langsam.
Und dann, dann löste sich die erste Rettungskapsel, die zweite, die dritte. Wie auf ein stummes Kommando erstarb das Feuer der Kampfflieger. Das sich überschlagende Triumphgeheul, das Silber Drei anstimmte und das von den meisten Nighthawkpiloten aufgenommen wurde, bildete eine schaurige Begleitung zum Exodus der Akariibesatzung.
Dann beendete Darkness Stimme das Durcheinander: „Ist schon gut. Gute Arbeit. Aber jetzt – Formation bilden. Wir kehren zur Columbia zurück.“
„Schon?“ Das war La Reine. Allerdings klang ihre Forschheit etwas gezwungen.
„Schauen Sie mal auf Ihre Treibstoffanzeige.“
Auch Kano sah jetzt auf die Anzeigen – und verzog den Mund. Der Commander hatte nur zu Recht – bei ihm brannte bereits die rote Lampe. Es würde knapp werden. Sehr knapp.
„Bewegt euch! Box-Formation.“
Die Nighthawks waren nicht die einzigen Maschinen, die zurück zu den Trägern strebten. Jäger, Jagdbomber, Bomber – alleine, in Wings, Sektionen oder losen Gruppen. Viele waren beschädigt. In Kano wurde eine unangenehme Erinnerung wach - der Rückzug der versprengten TSN-Flieger nach der Schlacht von Jollahran. Würde es etwa hier wieder genau so werden. Er versuchte, mit Hilfe seines Bordradars festzustellen, wie die Situation aussah, innerlich den zur Neige gehenden Treibstoffvorrat seiner Maschine verfluchend. Während immer noch gekämpft wurde, muste er im Sparflug "nach Hause" kriechen.
In die lautlosen Verwünschungen brach auf einmal Darkness Stimme. Die Worte des Lieutenant Commander hatten einen hartenUnterton, unmöglich waren die Gefühle zu benennen, die ihn bewegen mochten: "AN ALLE! Der feindliche Träger ist vernichtet. Die Crusaders haben ihn geknackt."
Der letzte Satz ging unter im Triumphgeheul der Piloten. Kano überraschte sich selber, in dem er lauthals mit einstimmte. SIE HATTEN ES GESCHAFFT!
Darkness starrte währenddessen auf seine Hände, die den Steuerknüppel umklammerten. Sie zitterten, ob aus Erleichterung oder Müdigkeit, er wußte es nicht. Entgegen seines sonst immer ruhigen, ja kalten Naturell mußte er sich räuspern, bevor er sich wieder an seine Staffel wandte: "Es ist noch nicht völlig vorbei. Es gibt noch die Kreuzer und Zerstörer. Ich will, daß die Maschinen binnen kürzester Zeit wieder starten. Mit Raketen wenn möglich, aber wenn es nicht schnell genug geht, dann eben ohne. Ende!"
Seine Bemerkung, daß die Schlacht möglicherweise nopch nicht ganz vorbei war, war allerdings an die meisten Piloten verloren. Der feindliche Träger war vernichtet. Alles weitere konnte, so dachten fast alle, nur noch ein "Aufwischen" sein.
Ace Kaiser
08.06.2004, 21:44
Wurmloch an der Grenze
Briefingraum ONTARIO
Wurmloch W-369, Eurydike-Nebel, Correlian Sektor
Der Briefingraum der ONTARIO war das erste Mal seit ihrem Ablegen von Fort Gibraltar wieder gefüllt mit allen Kapitänen der Einsatzgruppe. Komplikationslos hatte die Einsatzgruppe das Wurmloch 369 erreicht, die Schiffe der Colonial Confederation hatten sie vor ein paar Tagen bereits wieder verlassen und sie waren hier im Eurydike Nebel alleine zurückgeblieben. Die ONTARIO und der zum Minenleger umgebaute Frachter NORTHUMBRIA hatten das Wurmloch bereits vermint. Und die Vorbereitungen für das Übersetzen liefen auf Hochtouren, die Unterstützungsfrachter hatten einen weiteren Teil ihrer Fracht auf die einzelnen Schiffe transferiert, so dass die Laderäume der Kampfschiffe wieder so voll waren, wie kurz nach dem Verlassen des Barcelona-Systems.
Singh war sehr zufrieden mit den Vorbereitungen, auch wenn er das nicht jedem zeigte. Vor allem die Zusammenarbeit seines 1. Offiziers mit den übrigen Kapitänen war sehr viel versprechend verlaufen. Wobei die Tatsache, dass Singhs Stellvertreter, Captain Ronacek von der MOUNTBATTON, ein alter Vertrauter war natürlich sehr half. Maleetschev hatte dieses Mal das Briefing tadellos geleitet, El-Habibi war hingegen gar nicht erst anwesend.
Singhs Blick schweifte hinüber zu Commander Baker vom NSC, der seinen Bericht über das Wurmloch gleich beenden würde. Der Kapitän der Ontario hatte den Worten des Wissenschaftsoffiziers kaum zugehört, kannte er den Bericht doch längst. Es hatte sich schon lange abgezeichnet, dass die Raumanomalie im Eurydike-Nebel tatsächlich ein Wurmloch war. Nach allem was Singh verstanden hatte, deuteten die Werte auf ein so genanntes tiefes Loch hin, auch wenn es nicht sonderlich stabil zu sein schien. Es war zwar für Transitionen geeignet, aber die Wissenschaftler hatten darauf hingedeutet, dass es kleinerer und instabilerer Natur war als andere bekannte Wurmlöcher. Für Singh war das aber einerlei. Sie konnten durch und damit wahrscheinlich auch die Akarii. Daher war es sehr wichtig, sowohl für die ColCon als auch für die Terranische Republik, dass sie aufklärten, was sich auf der anderen Seite befand.
Als Baker geendet hatte, stand Singh kommentarlos auf und ging hinüber zum Pult. Jetzt würde es Ernst werden. Singh spürte die Blicke der anderen Kapitäne auf ihm ruhen. Sie wussten alle im Grunde genau, was jetzt zu tun war, doch klebten sie ihm alle an den Lippen. Er genoss diesen Augenblick für einen Moment, ehe er begann.
„Ladies and Gentleman, wir stehen kurz vor einem bedeutenden Augenblick. Alle Vorbereitungen der letzten Wochen werden in Kürze ihren Höhepunkt finden.“ Singh aktivierte den Bildschirm an der Stirnseite des Briefing und startete die von Maleetschev vorbereitete Einsatzpräsentation. „Kommen wir nun zu den Einzelheiten. Unser Auftrag ist klar: Wir werden dieses Wurmloch passieren, die andere Seite inspizieren, kartographieren und dann entscheiden, wie es weitergehen soll. Wenn uns die Akarii lassen.“
„Sir“ unterbrach ihn Commander Kaminski von der AZINCOURT „warum rechnen wir mit Akarii auf der anderen Seite, wenn wir auf dieser Seite keinerlei Anzeichen von Sensoren oder dergleichen entdecken konnten?“
„Ich rechne generell mit dem Schlimmsten“ grinste Singh düster. „Vielleicht führt dieses Wurmloch aber auch in eine Region, die nicht in der Nähe der Akarii liegt. In diesem Fall wird die MAGELLAN die Kartographierung vornehmen und wir können wieder zurück. Oder die Akarii haben dieses Wurmloch selbst noch nicht entdeckt. Einerlei, es gibt sehr viele Szenarien, die in Betracht kommen. Wir werden sehen müssen, welche Vermutung die Richtige ist.“ Kaminski nickte und zeigte damit, dass sie mit dieser Antwort zufrieden war.
„Kommen wir nun zum Einsatzprofil. Die Frachter werden zunächst, genau wie die MAGELLAN, auf dieser Seite bleiben und nur überführt werden, wenn die andere Seite frei sein sollte.“
Singhs Blick ging in die Runde und er beobachtete das Mienenspiel der übrigen Kapitäne. Sein Blick blieb hängen an dem Kapitän der KAZE. Schneider hatte sich zähneknirschend mit der Situation abgefunden, ans Ende beordert worden zu sein, auch wenn Singh deutlich spürte, dass Schneiders Frustration tief sitzen musste. Doch das war umso besser, denn es würde ihn und seine Crew anspornen, die Leistung zu erbringen, die er jetzt von Ihnen fordern würde.
„Commander Schneider, sie werden mit der KAZE als Erste springen. Dringen sie nicht zu tief vor, scannen sie erstmal die andere Seite. Wir werden Ihnen fünf Minuten geben ehe die übrigen Kampfschiffe folgen werden.“
„Sir, heißt das, wir werden alleine rübersetzen?“
„Ja, Sie bilden die Vorhut“ erwiderte Singh kalt. „Sollten sie auf Feindverbände stoßen, nehmen Sie soviel davon auf wie sie können und schicken sie die Warnboje durch das Wurmloch zu uns zurück und kehren dann sofort wieder um, verstanden?“ Singh blickte Schneider aus strengen Augen an und wartete auf dessen Reaktion. `Du wolltest die Vorhut haben! Da hast Du Sie!`
Schneider ließ sich bis auf ein Funkeln in seinen Augen nichts anmerken als er mit einem entschlossenen „Aye, Sir“ antwortete.
Singh nickte knapp und fuhr mit seinem Vortrag fort. Er instruierte die übrigen Kapitäne und legte damit die Reihenfolge fest, mit der sie in wenigen Stunden durch das Wurmloch gehen würden.
Als er geendet hatte, standen alle Kapitäne auf und machten sich auf den Weg zurück zu ihren Schiffen. In ihren Augen erkannte er genau die Entschlossenheit, die er erwartete. Auch bei Schneider, der allerdings ohne weiteren Blick aus dem Raum spazierte. Es konnte zu einem gefährlichen Auftrag werden, wenn es auf der anderen Seite Sicherungsschiffe der Akarii warten sollte. Wenn sein Schiff wirklich so gut war, wie der junge Kapitän behauptete, würde er mit der Situation fertig werden. Wenn nicht… nun der Verlust für die Navy wäre in Singhs Augen nicht überwältigend hoch.
Ein Räuspern hinter ihm ließ ihn aus seinen Gedanken hochfahren und er drehte sich zu seinem Ersten Offizier
„Sir, alle Stationen melden volle Einsatzbereitschaft. Die ONTARIO ist bereits bereit zum Sprung. Haben Sie noch weitere Anweisungen?“
„Nein, Eins-O. Sehr gute Arbeit. Richten sie ihren Männern mein Kompliment aus.“
„Danke, Sir.“ Maleetschev war sichtlich erbaut über das Lob, aber irgendwas anderes schien ihn zu beschäftigen.
„Was glauben Sie?“ fragte Singh seinen deutlich jüngeren Untergebenen. „Wird Schneider mit der Situation fertig werden?“
Maleetschev überlegte vor seiner Antwort. „Ich denke schon, Sir. Persönlich halte ich nicht viel von der KAZE, aber für diesen Auftrag ist sie in der Tat die beste Wahl. Darüber mache ich mir keine Sorgen.“
„Worüber dann?“
Es schien seinem Ersten Offizier nicht leicht zu fallen. Er zögerte sichtlich, doch dann rang er sich doch zu einer Antwort durch. „ Sir, es ist nichts weiter von Bedeutung, es ist nur…“ Doch dann verließ ihn wieder der Mut und er stockte.
„Kommen sie, Eins-O. Immer raus damit. Wenn es Probleme gibt, will ich sie lieber jetzt wissen als später.“
„Nein, Sir. Es sind keine Probleme, nur so eine dumpfe Ahnung. Ich möchte nicht, dass sie denken, ich sei abergläubisch, aber ich frage mich, ob es nicht ein schlechtes Omen ist, dass unsere Einsatzgruppe ausgerechnet nach der MAGELLAN benannt worden ist.“
Singh war tatsächlich etwas irritiert. Mit so was hatte er nun wirklich nicht gerechnet. „Wie meinen Sie das?“
„Nun Sir, wie sie sicher wissen ist das Schiff benannt nach Ferdinand Magellan, welcher im 16. Jahrhundert die erste Weltumsegelung schaffte.“
„Und?“ Singh war leicht amüsiert. Natürlich kannte er die Geschichte, jeder Kapitän hatte sich in seiner Ausbildung mehrfach mit der Historie zu beschäftigen und die Expeditionen eines Magellan gehörten genauso zu den Standardwerken wie die von Ibn Battuta, Columbus, Diaz, Cook, Drake, Bering und wie die frühen Entdecker noch so alle hießen. Doch er wollte es aus Maleetschevs Munde hören.
„Magellan hat sich mit 5 Schiffen und 270 Mann auf den Weg gemacht. Und nachdem er selbst auf dieser Reise starb, seine Kapitäne mehrfach meuterten oder desertierten, kehrte ein einziges Schiff und nur 18 Mann zurück.“
„Und sie glauben, das könnte uns auch passieren“ fragte Singh mit scharfer Stimme nach, obwohl er innerlich die Sorgen seines Ersten Offiziers nachvollziehen konnte. Auch wenn sie sich mittlerweile im 27. Jahrhundert befanden, war das Leben auf Schiffen der Navy immer noch geprägt von Aberglauben, teilweise altmodischen Ritualen und Traditionen. Ein Captain, der das nicht berücksichtigte, war kein guter Captain.
Singh legte seine rechte Hand auf Maleetschevs Schulter, eine fast schon väterliche Geste, die er schon sehr, sehr lange nicht mehr an den Tag gelegt hatte. Ein für ihn seltenes, beruhigendes Lächeln erschien in seinem Gesicht, als er seinen Stellvertreter aufmunternd zusprach. „Ihre Sorge ehrt sie, Eins-O. Ich denke es liegt an uns, dass wir aus der Vergangenheit lernen und so etwas nicht zulassen, oder?“
Maleetschev nickte und versuchte deutlich sichtbar, seine Nervosität zu verdrängen. „Aye, Sir. Ich mache mich gleich an die Arbeit.“
Singh nickte zurück und schaute dann seinem Ersten Offizier hinterher. Er hatte bislang zuviel in seinem Leben gesehen, um sich vom Namen einer Operationsgruppe ins Bockshorn jagen zu lassen.
Aber eins war sicher. Wenn es zu ähnlichen Entwicklungen wie im Falle der historischen Magellan-Mission kommen sollte, würde er mit eiserner Hand durchgreifen. Dann machte er sich mit grimmiger Entschlossenheit auf den Weg zur Brücke.
Ironheart
09.06.2004, 13:27
Die Schlacht um Graxon II war bereits voll im Gange und so langsam machte sich das auch bei 2nd Lieutenant Lydia „Freckles“ Quartero bemerkbar, denn es war bereits ihr zweiter Einsatz heute. Nachdem sie bereits Unterstützungsangriffe auf mehrere kleinere Dickschiffe der Akarii geflogen hatten, hatten Sie ihre Rafale wieder aufgetankt und –munitioniert und waren erneut gestartet. Und befanden sich mitten im Herzen der Schlacht.
Im Anflug auf den Akarii-Träger.
Lydia betrachtete die Anzeigen der Rafale und sah das Ende eines der schweren Akarii-Kreuzers, der die bereits angeschlagene Flanke des Trägers der Uniformklasse zu schützen versuchte. Ein greller Blitz, der von den leistungsstarken, hochauflösenden Kameras ihres Bombers abgeregelt wurde, war das letzte was von dem Kreuzer übrig blieb und kurz darauf verschwand das rot leuchtende Icon von den Radarschirmen.
Hunderte Akarii hatten den verdienten Tod gefunden, doch Sie hatte keine Zeit sich darüber zu freuen. Der Weg war frei für die Crusader und Rafale der Columbia, die sich durch die jetzt entstandene Lücke wie Hornissen auf einen verletzten Bären stürzten.
„Freckles, mach unsere Harm´s scharf“ kam es von Ihrem Piloten 2nd Lt. Alfred „One“ Obasanjo und fügte unnötigerweise hinzu „Ziel ist der Träger“.
„Roger“ bestätigte Lydia knapp und hatte bereits die Zielerfassung auf das Symbol des Trägers ausgerichtet.
Die Störsender der Rafale machten es für die Bordschützen des Trägers anscheinend schwierig, die anfliegenden Jäger zu erfassen. Die mittlerweile doch erdrückende Übermacht, die die Terranischen Verbände sich unter hohen Verlusten erkämpft hatten, schien sich nun endlich bezahlt zu machen. Feindliche Jäger, die dem Träger zur Hilfe eilen konnten, waren nicht nah genug um den Anflug der kombinierten Bomberschwadron zu stören. Und mit der Zerstörung des Kreuzers, der die geschwächte Sektion geschützt hatte, war auch einiges an Flak- und Flarunterstützung für den Träger ausgefallen. Weitere Akarii-Kriegsschiffe hatten sich zwar sofort in Bewegung gesetzt um die Lücke zu schliessen, aber auch diese würden nicht mehr rechtzeitig eintreffen.
Lydia spürte, wie ihr das Adrenalin in die Adern schoss. Sie hatte in diesem Augenblick erkannt, dass Sie eine realistische Chance hatten den Träger zu erwischen und zu vernichten.
Sekunden später wurde ihr aber klar, dass das für den Träger andersherum genauso galt. Sie hatte noch keine sichere Zielerfassung, da kam von Aun „Moray“ Shwe, ihrem Eloka-Offizier an Bord, eine leicht aufgeregt klingende Warnung. „Die Trägerabwehr hat uns erfasst. Jägerabwehrraketen sind los.“
„Moray, verstärk` die Störsignale“ kam der knappe Befehl von One an seinen dritten Mann. Dann warf er ein paar Täuschkörper aus.
Lydia begann unbewußt zu hoffen, das die Raketen Sie verpassen mochten. Dann klingelte die Zielerfassung für die eigenen Harm-Raketen auf. Ohne zu zögern schickte Lydia ihre 4 verbliebenen Harm-Raketen auf den Weg., kurz daruf gefolgt von den Harms der Rafale 3. Die acht Raketen, die eine kürzere Aufschaltzeit und eine größere Reichweite als die Mavericks der Crusader hatten, machten sich auf den Weg und passierten die Abwehrraketen der Akarii, die sie ignorierten und sich auf die Jagd nach den Bombern machten.
Gebannt beobachtete Lydia wie die meisten der Abwehrraketen – dem Störfeuer der Rafele sei Dank – die angreifenden Bomber verpassten. Ein paar Raketen trafen zwar und reduzierten hier und da die Schildleistung ohne allerdings durchzuschlagen. Sie selbst hatten weniger Glück.
„Shit, Schilde runter auf 40%“ fluchte One, nachdem eine der Raketen mit einem Näherungszünder explodiert war und die nahe Detonation sich als heftige Vibration im Cockpit der Rafale bemerkbar machte.
„Träger nimmt unsere Harm unter Feuer“ meldete Moray beinahe emotionslos. Natürlich versuchte der Träger die relativ langsamen Raketen der Rafale auszuschalten bevor Sie ihn erreichen konnten. Diese waren zwar nicht ganz so schlagkräftig wie die Mavericks der Crusaders, die diese hoffentlich bald auf den Weg schicken würden, doch trotzdem stark genug um wenigstens die Schutzschilde zu schwächen.
Lydia erkannte auf ihrem Radar das Aufblitzen weiterer Raketenabwehrraketen, dicht gefolgt von einem weiteren Schwarm Jägerabwehrraketen. „One, da kommen weitere Jäger-AR, sollten wir nicht abdrehen?“ Immerhin hatten Sie ihre Raketenfracht bereits abgeworfen und die Schilde waren nur noch bei 40%. Darum sollten sie mehr Zeit als nötig im gar nicht so ruhigen Auge des Wirbelsturmes dieser Schlacht verbringen.
„Negativ, Freckles, wir bleiben auf Kurs. Die Crusader brauchen unseren Störsender noch.“ Lydia wußte das One Recht hatte. Sie mussten den anderen Bombern noch etwas mehr Zeit verschaffen. Und trotzdem behagte Ihr das nicht.
„Werfe Täuschkörper ab“ antwortete Sie nur und musste mit ansehen, wie alle ihre Harms den RAR des Akarii-Trägers zum Opfer fielen. Kurz darauf zischten Ihnen selbst die Raketen um die Ohren. Wieder traf eine der Raketen und pulverisierte den verbliebenen Schutzschild. Rote Warnlämpchen leuchteten auf ihren Konsolen auf und signalisierten mit fiependen Tönen, dass sie getroffen waren.
„Wir verlieren Schub, Schadensbericht“ bellte One und Lydia las ab, was Sie sah. „Schilde ausgefallen, Turbinenleistung nur noch bei 60%, Bug-Panzerung um 20% reduziert...“
Jetzt überschlugen sich die Ereignisse als Moray noch weitere Jäger-AR meldete. Lydia´s Herz begann wild zu schlagen. „One, dreh ab…“
„Nein, die Crus…“
„DREH AB...“ schrie Lydia als sie zusätzlich noch erkannte, das auch der Täuschkörperaustossmechanismus ausgefallen war „…einen weiteren Treffer überstehen wir nicht…“
Sie würde nie erfahren, was ihr One antworten wollte oder ob er die Rafale abgedreht hätte. Noch bevor er die Gelegenheit dazu hatte, riss eine Rakete ihren Bomber und damit auch Ihren Piloten auseinander. Die Rafale platzte auf wie eine reife Frucht und innerhalb von Sekundenbruchteilen wurden die Einzelteile in alle möglichen Richtungen katapultiert. Die Explosion der Rakete vermischte sich mit dem übriggebliebenen Treibstoff des Bombers und verzehrte die meisten der auseinander strebenden Einzelteile.
Doch Lydia hatte Glück im Unglück. Das Trümmerstück, an welchem ihr Pilotensitz befestigt war, war nicht mehr nah genug an der Explosion um von Ihr noch erfasst zu werden. Aber als die Detonationswelle sie erreichte, wurde die Verankerung ihres Pilotensitz von unglaublichen Kräften aus den Halterungen gerissen und sie wurde sich überschlagend noch weiter von dem zuckenden Wrack des Bombers weg getrieben.
Doch damit war ihr Glück anscheinend erschöpft. Irgendetwas, wahrscheinlich ein anderes Trümmerstück, traf die Rückseite ihres Pilotensitzes mit enormer Wucht und der heftige Schlag schüttelte Sie in Ihren Gurten durch, so dass sie mit ihrem Pilotenhelm gegen den Sitz donnerte. Sie sah Sternen vor den Augen, und zwar nicht die die im unendlichen All eisig vor sich hin funkelten, sondern diejenigen, die mit starken Kopfschmerzen verbunden waren.
Sie spürte, wie eine Ohnmacht sich Ihrer bemächtigen wollte, doch Sie kämpfte dagegen an. Sie konzentrierte sich mit aller Macht darauf, sich nicht der Starre einer Bewußtlosigkeit hinzugeben, gewann diesen Kampf und war schon bald wieder im Besitz ihrer kompletten Wahrnehmungsfähigkeit.
Kurz darauf bereute sie das zutiefst.
Kaum war sie wieder vollends zurechenbar, spürte Sie das irgendetwas nicht stimmte. Und zwar gewaltig. Ein undefinierbarer Schmerz durchfuhr Sie am Rücken und kroch ihre Wirbelsäule entlang. Das Ganze wurde von einem grausam klingenden Zischen begleitet und ein merkwürdiger Geruch mischte sich ihr in die Nase.
Panik wallte in Ihr auf und ihr erster Gedanke war, dass Ihr Raumanzug etwas abgekriegt hatte. Aber dann mußte das Loch mikroskopisch klein sein, denn sonst wär Ihr Sauerstoff schnell ins All gesaugt worden sie an der Dekompression gestorben. Voller Sorgen tastete Sie ihren Raumanzug ab, doch dieser schien intakt zu sein, zumindest auf der Vorderseite. Dann nahm Sie einen dumpfen Knall und ein Knistern wahr, diesmal gefolgt von einem noch stärkeren Zischen, der mit einer Zunahme des Schmerzes verbunden war, der Sie laut aufschreien liess. Und diesmal konnte Sie eindeutig den Geruch zuordnen.
Den Geruch verbrannten Fleisches.
Ihres Fleisches.
Die Erkenntnis traf ihr Bewußtsein wie ein Vorschlaghammer und schreiend fing sie in wilder Panik an auf Ihren Raumanzug einschlagen, in der Hoffnung den anscheinend durch einen Kurzschluss in Ihrem Rettungstornister ausgelösten schwelenden inneren Brand in Ihrem Rücken zu löschen.
Vergeblich.
Sie versuchte sich aus dem Gurt zu retten, doch der Mechanismus des Fünf-Punkt-Gurtes schien zu klemmen. Voller Verzweiflung hämmerte Sie auf den Verschluß ein, bis dieser sich endlich löste. Jetzt trieb sie davon und bewegte sich langsam von ihrem Pilotensitz weg.
Doch das Zischen hörte nicht auf.
Die durch den Geruch ausgelöste Übelkeit wurde nur verdrängt durch den Schmerz, den das innerhalb ihres Raumanzugs brennende Feuer ausgelöst hatte. Sie spürte, wie der Raumanzug begann von Innen zu schmelzen und glühende Tropfen sich mit Ihrer Haut verschmelzen. Qualvoll langsam schien sich das Feuer in Ihrem Rücken auszubreiten, kroch in Richtung ihrer Beine und ihres Nackens.
Sie schrie und schrie sich heiser, bis Sie endlich bewußtlos und damit von Ihrer Pein erlöst wurde.
Ironheart
09.06.2004, 13:31
***
Es war eine gespannte Atmosphäre an Bord der KAZE. Der letzte Befehl des Skippers hatte gelautet, die Testamente auf den neuesten Stand zu bringen. Das war kein unüblicher Befehl, aber er bewies, dass Schneider nicht zurückstecken würde.
Ihr Befehl lautete, als Vorhut durch das Wurmloch zu gehen. Und genau das würde Schneider tun.
Auf der Brücke der alten Fregatte ging es nervös zu. Justus Schneider war ernst und gefasst und hatte nicht mal eine Tasse Kaffee in der Hand. Das machte die Offiziere weit nervöser als es ein Verband Akarii auf der anderen Seite des Wurmlochs getan hätte.
„Zeit bis zum Sprung, Miss Jones?“, fragte der Skipper mit ruhiger Stimme.
„Fünf Minuten, elf Sekunden, Sir.“
„Gut. Schiff geht in Stealth und reduziert die Fahrt. Ich will drüben langsam und mit so wenigen Emissionen wie irgend möglich ankommen. Das gilt nicht für die Waffen, Mr. Ishihiro.“
„Aye, Skipper.“
„Klar Schiff zum Gefecht, Miss Soleil.“
„Aye, Skipper. Klar Schiff zum Gefecht.“ Amber erhob sich von ihrem Platz. „Lieutenant Ishihiro, geben Sie Signal.“
„Aye, Commander.“ Der Hochgewachsene Japaner hieb auf den Alarmknopf. Kurz darauf schallten durchdringend die Schiffssirenen auf und riefen die Matrosen und Offiziere auf ihre Stationen.
Lieutenant Commander Soleil aktivierte die Sprechanlage. „Alle Mann auf Gefechtsstation. Schiff versiegeln. Sektionen versiegeln. Infanterie in die Bereitschaftsräume. Rettungskapseln entsiegeln und bereithalten. Raumanzüge entsiegeln und bereithalten. Möglicher Feindkontakt in X minus vier Minuten.“
Auch in der Zentrale brach Hektik aus. Der Erste, der meldete, war First Lieutenant Ishihiro. „Waffen geladen und bereit, Commander.“
Ihm folgte der Cheforter. „Stealth-Modus steht, Schirme sind stabil.“
Lieutenant Jones meldete: „Schiff ist klar zum Sprung, Kurs ist stabil. Alle Sektionen melden Klar Schiff zum Gefecht.“
„Aye.“ Commander Soleil wandte sich Schneider zu. „Sir, Schiff ist klar zum Gefecht.“
„Aye. Unter einer Minute. Das ist Rekord. Nach Ende des Alarmzustandes sprechen Sie der Mannschaft ein Lob aus, Commander Soleil“, sagte Justus leise.
Nun begann sich Amber wirklich ernsthafte Sorgen um ihren Skipper zu machen. Wie lange wollte er denn noch den ernsten, verantwortungsvollen Offizier mimen? Wo war ihr unordentlicher, laxer und verständnisvoller Justus geblieben? „Aye, Skipper.“
Schneider grinste sie an und faltete lax die Beine übereinander. „Und sobald es die Lage erlaubt, schenken Sie jedem an Bord einen Liter Bier aus.“
Amber spürte, wie sie rot wurde. Nun, das war wieder ihr Justus. „Bier, Skipper? In einer Kampfsituation?“
„In einer potentiellen Kampfsituation“, korrigierte Schneider.
Amber tat ihr Bestes, um zähneknirschend zu wirken, als sie erwiderte: „Aye, sobald es die Lage erlaubt, ein Liter pro Kopf.“
„Selbstverständlich gehören beide Dinge nicht ins Logbuch“, fügte Justus im Plauderton fort. „Weder dass wir Bier an die Mannschaft ausschenken, noch dass wir überhaupt ein wenig an Bord haben.“
„Ein wenig?“, brummte Haruka Ishihiro leise. „Die Vorräte der Kingston-Brauerei auf Barcelona sind ein Witz dagegen…“
Lieutenant Li lachte leise.
„Disziplin auf Deck“, mahnte Commander Soleil. „Steuer, Countdown ab minus zehn Sekunden.“
„Aye, Commander. Sprung in X minus eine Minute.“
„Bringt mir jemand mal einen Kaffee?“, fragte Justus unvermittelt.
Durch die Reihe der Brückenbesatzung ging ein Aufatmen. Der Skipper verhielt sich endlich wieder normal. „Ich hole Ihnen einen“, bot sich Commander Soleil an und eilte in den kleinen Ruheraum der Brücke.
Schneider sah ihr nach und beugte sich dann zu Lieutenant Ishihiro herüber. „Was ist denn mit Amber los? Sie ist so merkwürdig heute, Haruka.“
„Merkwürdig? Sie?“ Mit einem Grinsen legte der Offizier eine Hand vor sein Gesicht. „Manchmal denke ich wirklich, Sir, Sie können mich nicht mehr überraschen. Und dann legen Sie doch noch eine Kohle obenauf.“
Erstaunt riss Justus die Augen auf. „Haruka. Haben Sie mich gerade Sir genannt?“
„Das war bestimmt nur ein Versehen. Gewöhn dich da gar nicht erst dran, Justus“, sagte Commander Soleil und drückte ihm einen Becher Kaffee in die Hand. Danach nahm sie ihre Station wieder ein.
„X minus zehn… Neun… Acht… Sieben… Sechs…“
„Habe ich das geträumt oder hat Amber mich gerade gedutzt?“, raunte der Skipper seinem Waffenoffizier zu.
„…Fünf… Vier… Drei… Zwei… Eins… SPRUNG! SPRUNG! SPRUNG!“
Auf der anderen Seite des Wurmlochs entfaltete Schneider eine unglaubliche, Zielgerichtete Aktivität. „Stealth überprüfen. Emissionscheck. Was sagt die Passivortung?“
„Passivortung negativ. Erste Ortung negativ… Zweite Ortung negativ… Dritte Ortung negativ…“, meldete Lieutenant Li.
„Eine Minute vergangen“, sagte Lieutenant Ishihiro, dessen Hand bereits seit einiger Zeit über dem Auslöser für die Funkboje schwebte, welche die Flotte im Fall eines Hinterhalts warnen sollte. Nach fünf Minuten sollte sie nachkommen. Im modernen Raumkampf eine kleine Ewigkeit.
„Aktivortung, volle Reichweite“, befahl Schneider konzentriert. „Wenn jemand Zuhause ist, dann wecken wir ihn jetzt auf.“
„Logische Entscheidung, Skipper“, kommentierte Commander Soleil. „Da die Passivortung keine Feindbewegung in Angriffsreichweite erkannt hat, ist die Chance groß, dass eventuelle Feinde nicht innerhalb effektiver Waffenreichweite sind, beziehungsweise uns nicht schnell genug erreichen können, bevor wir wenden und abhauen.“
„Gut erkannt, Commander Soleil“, erwiderte Schneider, während die erste Welle Aktivortung einen Radius von fünf Lichtsekunden erfasste. Der zweite Impuls, seit den Zeiten der „nassen“ Navy Ping genannt, erfasste bereits eine Raumkugel mit dem zehnfachen Durchmesser. Ab einer gewissen Entfernung wurde die Ortung undeutlich, und dieser Punkt hing von der Genauigkeit der Ortungsgeräte ab. Und die der KAZE waren einfach Spitze.
„Und aus genau diesem Grund dümpeln wir so vor dem Wurmloch herum“, erkannte die Pilotin der KAZE. „Wir entfernen uns nicht weit vom Wurmloch, haben wenig Masse aufgebaut, die wir für ein Wendemanöver aufzehren müssen und sind hier, falls die Kacke dampft, ruck-zuck wieder verschwunden.“
„Erste Ortung negativ… Zweite Ortung negativ… Dritte Ortung negativ…“, meldete Lieutenant Li.
Commander Soleil sah zu Schneider herüber. „Skipper, keine Feindbewegungen innerhalb der Reichweite unserer Ortung.
Schneider klatschte in die Hände. „Schön, dass alles so wunderbar klappt. Eawy, legen Sie mal etwas Leistung auf den Antrieb. Wenn die Magellan-Gruppe hier durch kommt, will ich nicht, dass die ONTARIO auffährt. Auch wenn’s nur Blechschaden wäre, die nächste Werft ist weit.“
„Aye, Skipper. Halbe Kraft voraus“, erwiderte die Pilotin grinsend.
Schneider sah in die Runde. „Soweit so gut, Herrschaften. Soweit so gut. Ich hoffe, Bapu ist mit unserer Arbeit zufrieden.“
„Bapu?“
Schneider grinste schief. „Ein Ehrentitel, der einem bedeutendem Inder verliehen wurde und soviel wie Vater bedeutet. Dieser Inder war der große Friedensaktivist und Vater des gewaltlosen Widerstands Mahatma Ghandi.“
„Na, das passt ja wie ein Akarii in einem Solarium“, kommentierte Ishihiro.
Und hatte damit das Gelächter auf seiner Seite…
Ace Kaiser
10.06.2004, 21:36
Die Schlacht um Graxon
Endlich war es wieder soweit! Nur mühsam schaffte es Huntress, den viel zu harten Griff um ihren Steuerknüppel zu lockern. Die Erregung, das Adrenalin der sich ankündigen Schlacht hatte sie vollkommen im Griff.
„Wann lässt du mich endlich von der Leine, verdammt?“, brummte sie unzufrieden und warf dem Chief des Katapultteams einen wütenden Blick zu.
Dann kam das Go, und ihre Typhoon wurde mit brutaler Gewalt ins All gespieen!
Die Flotte war im Angriff, aber dennoch gab es keinen Grund, überstürzt und unorganisiert in die Schlacht zu ziehen. Huntress und Chip waren mit die ersten gewesen, die gestartet worden waren. Das bedeutete für den Rest ihrer Blauen Staffel, dass sie mächtig die Nachbrenner malträtieren mussten, um zu ihr und ihrem Flügelmann aufzuschließen.
Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie sich in der Formation des Geschwaders neben die Grünen setzte: Würde Foreigner mit ihrem Wing zu Recht kommen? Was war mit den Kids, würde sie alle oder wenigstens die meisten wieder nach Hause schaffen können? Und welche Staffel würde da bessere Ergebnis erzielen, ihre Blauen oder die Grüne?
Für den letzten Gedanken schalt sich Huntress selbst. Dies war nicht mehr das Training, der gnadenlose Drill, in dem Darkness, der XO von CAG Cunningham sie auf diesen Moment vorbereitet hatte. Dies war nicht mehr die freundschaftliche Rivalität zwischen den beiden Typhoon-Staffeln der COLUMBIA. Dies war der Ernstfall.
Und Huntress nahm mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Besorgnis zur Kenntnis, dass ihre Einheit, eigentlich für den Trägerschutz zuständig, ebenfalls am Angriff teilnehmen würde. Ihr Blick ging auf die Ortung. Avenger und Sneaker hatten sich bereits hinter sie gesetzt. Demolisher begann seinen Wing zu formen, und beim Träger erschienen die Symbole für Rapiers Flügel.
Dann glitt ihr Blick über die Gesamtformation. Nicht nur über die beiden vollen Geschwader zweier schwerer Träger, sondern auch über die aufgereihten Schiffe. Was für eine gewaltige Streitmacht. So etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Dann ging ihr Blick auf die Front der Akarii, soweit die Ortungsshuttles sie bereits ermittelt hatten. Die Daten waren ihr aus der Abschlussbesprechung noch gegenwärtig. Aber es war eine Sache, die nackten Daten zu sehen, und eine völlig andere, direkt auf sie zu zufliegen.
Und was sie da erwartete, war nicht gerade ein Kaffeekränzchen.
Huntress grinste schief. Was hatte sie erwartet? Dass die Akarii ihre wichtigste Gefangenenwelt nur mit einer Kompanie Soldaten mit Steinschleudern bewachten?
Die feindliche Einheit war kleiner als die Navy-Flotte, dennoch würde es eine harte Schlacht werden. Vor allem ihre kleinen, wendigen Jäger konnten davon ebenso profitieren wie darunter Schaden nehmen. Denn ebenso wie sie den entscheidenden Schuss auf ein waidwundes Schiff platzieren konnten, würden sie mit einer Beiläufigkeit fort gewischt werden, die beinahe schon ans Lächerliche grenzen würde.
Doch das war ihr Risiko. Das Risiko ihrer Leute, ihrer Crew. Sie selbst wusste um die Gefahr. Die meisten in der Blauen Staffel auch. Aber sie bezweifelte ernsthaft, das der Rest wirklich wusste, dass diese Gefahr mit einem schmerzhaften Tod zu tun hatte.
**
Kali folgte mit ihrem Flügelmann der roten Staffel ins Gefecht. Das würde hart werden, verdammt hart. Okay, abgesehen von den Nighthawks war ihre Phantom eine der kampfstärksten und zugleich wendigsten Maschinen im Getümmel. Aber das mochte nicht viel machen, wenn aus dem Jägerkampf ein Schiffskampf wurde. Mit Schauder erinnerte sie sich an die Troffenkampagne und die diversen Situationen, während der sich Kampfschiffe gegenseitig geprügelt hatten und die flinken Jagdflieger quasi im Vorbeiflug erledigt worden waren.
Bei Jollahran war es noch schlimmer gewesen. Noch mehr waren gestorben. Dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich im Herzen. Verdammt. Selbst nach der langen Zeit war sie noch nicht über den Tod von Ace hinweg.
Und der Gedanken an Kano lenkte sie ab, bereitete ihr Sorgen. Er saß nun in einer Nighthawk, in einer der besten Maschinen der Navy. Damit machte er sich aber auch zu einem primären Angriffsziel.
Konnte, durfte sie sich diese Ablenkungen erlauben? Alleine der Gedanke, dass sie sich noch mehr Gedanken um ihn machen würde, wenn sie ihrer beider Beziehung beendete, hielt sie von diesem radikalen Schritt ab.
Es würde auch einmal Frieden geben, eine Zeit der Ruhe. Eine Zeit, in der auch Liebe eine Chance haben würde. Vielleicht, wenn sie beide noch lebten, konnte dann tatsächlich etwas aus ihnen werden. Und sie wollte sich nicht vorwerfen müssen, bis dahin etwas schwerwiegend falsch gemacht zu haben.
Egal. Der Kampf war wichtiger. Der Kampf war das Hier und Jetzt. Entschlossen griff sie die Sticks ihrer Kontrollen fester. Sie würde ihr Bestes geben. Sie würde überleben.
**
Shaka betrachtete das Ortungsbild seines Flügelmanns mit Sorge.
Er hatte lange Zeit geglaubt, die Aussprache mit Bob hätte wirklich etwas gebracht. Er hatte wirklich geglaubt, Kali hätte ihm den Kopf zurecht gerückt. Doch der junge Pilot frisch von der Akademie benahm sich seit Tagen, als hätte er einen Schwarm Hummeln im Hintern.
Shaka erkannte es an der unruhigen Art, in der Bob, an seinem Flügel flog.
Immer und immer wieder stieß die Phantom leicht vor, nur um dann doch wieder zurückzufallen.
Verdammte Scheiße. War er als Grünschnabel auch so schlimm gewesen? Und hatte er die Kandare nicht fest genug um Bob geschnallt?
„Bob, bleib an meinem Flügel, ansonsten wird man sich schon sehr bald Silent Bob nennen!“, blaffte Shaka.
„Es sind doch nur Akarii“, kam die trotzige Antwort des jungen Piloten. Sie troff vor Sarkasmus und Kampfeseifer.
„Bewaffnete Akarii. Bleib an meiner Seite und flieg ruhiger, verstanden?“
Eine quenglige Antwort erklang.
„Und du löst dich nur dann, wenn ich es dir sage, klar?“
„Ja, du verdammte Nervensäge.“
Albert Mbane schluckte hart. „Lieutenant. Höre ich so etwas noch einmal, schicke ich Sie als nicht kampffähig auf den Träger zurück. Haben Sie das wenigstens verstanden?“
„Jaaaaa“, kam die ergebene Antwort.
„Wie bitte?“
„Ja, Sir.“
Albert enthielt sich eines weiteren Kommentars. Aber er hatte ernsthafte Zweifel daran, dass Bob die Schlacht überleben würde. Seine Arroganz würde ihn umbringen.
Selbst Ace hatte sich nie eigenmächtig von seinem Wing Commander entfernt.
Nun, es sollte dann wenigstens nicht seine Schuld sein, beschloss Shaka und erkannte, warum die Alten auf die Jungen aufpassen sollten.
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Dann war es soweit. Sie waren im Mahlstrom. Huntress bekam noch mit, wie sich die Grünen in den Dogfight mit einer Staffel Bloodhawks stürzten, da ging es auch schon für sie los.
„Chip, lösen und angreifen“, rief sie und warf ihren Flieger in eine Rolle, um dem Beschuss durch einen Akarii-Zerstörer zu entgehen. Himmel, was brachte den Giganten dazu, mit seinen Schiffslasern auf die flinken kleinen Jäger zu feuern? Mit diesen Waffen beharkten sich sonst die Kriegsschiffe untereinander! Ein Blick den schlanken Rumpf hinunter offenbarte die Wahrheit. Eine oder mehrere Antischiffsraketen waren in den Zerstörer eingeschlagen und hatten ihn hart in die Mangel genommen. Das Schiff brannte und würde wahrscheinlich bald explodieren. Dennoch schossen die aktiven Geschütze weiter.
„Herhören, Ihr Blauen, nehmt Abstand von Zerstörer Ecco. Der Kasten wird wahrscheinlich bald hochgehen“, warnte sie ihre Leute.
Verstanden-Rufe hallten ihr entgegen. Huntress checkte noch einmal, ob auch alle Blauen auf Fluchtkurs waren. Gut, sie war die Letzte in Gefahrenreichweite. Nun wurde es auch Zeit für sie, in die eigentliche Schlacht zurück zu kehren, anstatt dem sterbenden Zerstörer eine Zielscheibe zu bieten.
Sie drehte ab und schlug den Nachbrenner ein, Sekunden, bevor Ecco tatsächlich hoch ging. Die Druckwelle der Explosion erwischte sie und ihre Mühle voll. Verdammt, zu lange gewartet. Das war ihr letzter Gedanke.
„Huntress ist down, ich wiederhole, Huntress ist down. Die Druckwelle der Explosion hat sie erwischt!“, rief Chip aufgeregt.
„Ich übernehme das Kommando über die Blaue Staffel“, klang Demolishers ruhige Stimme auf. „Mach dir keine Sorgen um Huntress. Sie hat schon Schlimmeres überlebt. COLUMBIA, ich fordere ein SAR auf folgende Koordinaten an…“
**
Shaka warf die Phantom in einen Immelmann, trat auf die Slidebremse und schenkte seinem Verfolger eine volle Breitseite ein. Kurz darauf explodierte der Bloodhawk. „Wo bist du, Bob?“, blaffte er wütend. „Das wäre deiner gewesen!“
„Bleib ruhig, Shaka“, kam die Antwort, „ich bin noch mit spielen beschäftigt.“
Shaka checkte seine Ortungen und sah, dass der junge Pilot einen flügellahmen Delta auf dem Weg nach Hause beharkte. „Scheiße, Bob, hau ihm ne Salve Mavs rein und gut ist. Und dann wieder zurück an meine Seite!“
„So macht es aber mehr Spaß“, kam die Antwort.
„Bob, du kommst der Korvette Zulu zu nahe! Mach den Delta fertig und komm zurück!“
Ein Warnblinklicht flammte rhythmisch auf und informierte ihn darüber, dass er einen Teil seines Heckschildes eingebüßt hatte. Verdammt. Er hatte Besuch bekommen!
Wieder trat Shaka auf die Slidebremse, warf die Mühle herum und präsentierte dem Angreifer seine volle Bewaffnung. Eine volle Salve all seiner Geschütze überzeugte den Akarii davon, sich besser eine leichtere Beute zu suchen. Er drehte ab und verschwand im Getümmel der Schlacht.
„Bob, an meinem Flügel formieren!“, blaffte Shaka.
Es kam keine Antwort. Stattdessen bekam er das Peilsignal eines automatischen Notrufs herein.
„Shaka hier. Ich brauche ein SAR-Shuttle zu folgenden Koordinaten…“
**
Kali warf ihre Phantom hart herum. „Goblin, wo bist du? Goblin?“
„Ich bin direkt hinter dir, Boss. Die Hawk schießt jedenfalls nie wieder auf Damen von Welt.“
Erleichtert registrierte sie die Stimme ihres Flügelmanns. „Wen nennst du hier eine Dame?“, scherzte sie, bevor heftiges Waffenfeuer von einem Akarii-Kreuzer sie zwang, auf die Nachbrenner zu gehen.
Langsam aber sicher verlor sie den Überblick. Die Staffeln hatten sich untereinander stark vermischt, und dabei hätte man doch meinen sollen, im Weltraum, selbst im Orbit um einen Planeten, wäre mehr als genügend Platz für alle.
Dazu kam, dass die Akarii-Flotte ihrerseits immer mehr in Verwirrung geriet, sich aufzulöen begann. „Goblin, bist du noch dran?“
Keine Antwort erreichte sie. „Goblin? Spiel keine Spielchen, gib mir ein Lebenszeichen.“
Wieder erklang keine Antwort. Nun, das musste nicht zwangsläufig bedeuten, dass ihr Flügelmann abgeschossen worden war. Er konnte durch den Kreuzerbeschuss auch nur von ihr getrennt worden sein und musste sich nun alleine durchschlagen. Genügend Störemissionen gab es ja, wenn sie sich die brennende Akarii-Fregatte neben dem Kreuzer besah. Dennoch. Sie war für ihn verantwortlich. „Goblin!“
Mit halbem Ohr hörte sie die Anforderung vom CAG, reagierte sofort und nahm Kurs auf seine Position. „Kali hier, ich kann Goblin nicht finden!“
Würde sie schon wieder ihren Flügelmann verlieren? Sie wusste nicht, ob sie dem Schmerz erneut standhalten konnte, wie damals, als Rusty gefallen war. Sie hoffte, sie betete, dass der Pilot noch lebte und es irgendwie auf die COLUMBIA zurück schaffte.
**
Als Huntress erwachte, begleitete sie heftiger Kopfschmerz. Verwirrt sah sie auf und erkannte, dass sie in einem Shuttle lag. Alle Liegen waren belegt. Und insgeheim fragte sie sich, ob sie ebenso schlimm aussah wie der arme Teufel, dem die Ärzte gerade en Raumanzug vom Muskelfleisch schneiden mussten.
Huntress erhob sich. Sofort war ein Sanitäter bei ihr. „Blieben Sie ruhig, Commander. Wir sind in wenigen Minuten auf der COLUMBIA.“
Zornig schüttelte Huntress den Kopf, doch er Kopfschmerz wollte nicht verschwinden. „Wie steht es? Gewinnen wir? Wie geht es meiner Staffel? Steht schon eine Reservemaschine für mich bereit?“
Der Sani sah sie an. „Natürlich gewinnen wir, auch wenn es hier drin nicht gerade danach aussieht. Wie es Ihrer Staffel geht, weiß ich nicht. Aber wir haben nur geringe Verluste, falls Sie das tröstet. Und eine Ersatzmaschine wird es für Sie nicht geben, Commander. Soweit wir das nämlich feststellen konnten, haben Sie sich mächtig den Kopf gestoßen, als die Druckwelle Sie erwischt hat. Sie werden die nächsten Tage ein Krankenbett fliegen müssen. Außer, Sie wollen Ihr Cockpit voll kotzen.“
Huntress schwang die Beine aus dem Bett und wollte sich erheben, aber starker Schwindel überzeugte sie vom Gegenteil. „Schleimschleckende Stellarschiffer“, knurrte sie wütend.
„Außerdem haben Sie sich die Nase gebrochen und wer weiß was noch. Also legen Sie sich wieder hin und lassen Sie uns unsere Arbeit machen.“
Widerstrebend sank Huntress auf ihre Liege zurück. Verdammt. War sie zu dumm gewesen, um rechtzeitig abzuhauen? Oder war es ihr zu verdanken, dass nicht die ganze Staffel in der Explosion des Zerstörers gefangen worden war?
Müde ließ sie sich nach hinten sinken. So oder so, der CAG würde ihr ganz schön den Kopf waschen.
* * *
Die andere Seite
An Bord der GUADALCANAL
Wurmloch W-369, Eurydike-Nebel, Correlian Sektor
Thomas „Thor“ Jörgensen beobachtete an Bord der GUADALCANAL im Cockpit seines Jägers die Countdownuhr, die ihren Sprung auf die andere Seite des Wurmloches anzeigte. Er war fertig zum Ausbooten und bereit mit seinem Flügelmann in die Tiefe des Raumes zu stoßen, damit sie mit dem Aufklärungspod an Bord von Sparkys Maschine ihre Langstreckenreichweite deutlich erweitern konnten. Als die Countdownuhr auf 0 heruntergezählt hatte, schien sich die Welt um ihn herum zu verändern. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wenn sämtliche Moleküle seines Körpers scheinbar ins Unendliche gedehnt wurden, die Zeit einzufrieren schien nur um dann wieder in ihre ursprüngliche Form zurückzufallen. Als sie sich wieder im Normalraum befanden, brauchte Thor einen Augenblick um sich wieder zu fangen. Er war sich sicher, dass diese Art der Fortbewegungen dem menschlichen Körper nicht gut tat und er deswegen spätestens mit 65 den Löffel abgeben würde. Doch es gab eben keine andere Möglichkeit Dutzende von Lichtjahre in kürzerer Zeit zu überwinden. Seit jeher war Mobilität für Armeen wichtig gewesen. Häufig genug in der Geschichte hatten nicht die stärkeren oder größeren Armeen gewonnen, sondern die schnelleren, flexibleren. Also hatten die Menschen gar keine andere Wahl, als die Wurmlöcher zu nutzen, wenn sie diesen Krieg gewinnen wollten. Doch auch diese Erkenntnis half Thor nicht das flaue Gefühl in seinem Magen als etwas Positives zu sehen.
„Bunch Five und Six fertig machen zum Katapultstart“ meldete sich indessen Flight Control Offizier und Thor meldete sich mit einem knappen „Bunch Five, Bereit.“
„Bunch Six, Bereit“ kam es auch von Sparky und kurz darauf schossen sie auch schon aus der Guadalcanal hinaus. Die beiden Griphen-Piloten setzten sich schnell an die Spitze des gesamten Kampfverbandes, um mit dem Langstreckensensor an Bord von Sparkys Maschine als erweiterte Augen und Ohren des Kampfverbandes zu dienen. Doch sie empfingen erst mal gar nichts, keinerlei Aktivität auf den Radarschirmen. Thor atmete erleichtert aus. So sehr er sich auch gewünscht hatte an die Front versetzt zu werden, so wenig hatte er natürlich vor gleich beim ersten Eindringen in den feindlichen Sektor in ein Wespennest zu stecken. Immerhin war die Operationsgruppe Magellan ja nicht gerade das was man als schlagkräftig bezeichnen würde.
„Sparky, wie arbeitet das Aufklärungspod?“ fragte er seinen Wingman nach einer Weile, da er irgendwie den Eindruck hatte, dass sein eigenes Radar nicht so wie gewohnt arbeitete.
„Alle Systeme Grün. Keine Ahnung, was mit den Daten is´, aber irgendwie habe ich den Eindruck, wir sind hier in ´ner Suppe gelandet.“
„Ja, mein Radar hat auch Schwierigkeiten. Es scheint hier eine Menge Interferenzen zu geben und irgendwas reflektiert unseren Radar.“
„Können das die Akarii sein?“
„Kann ich mir nicht vorstellen. Meinem Wissen nach gibt es keinen künstlich erzeugten Radarschutz, der die Fläche eines kompletten Sonnensystems abdecken könnte. Das muss irgendein astrophysikalisches Phänomen sein.“
„Na dann werden die NSC-Heinis auf der MAGELLAN ja wohl hoffentlich was damit anfangen können, oder?“
Die Daten, die das Aufklärungspod an Bord von Sparkys Griphen empfing, sandte es direkt weiter an die MAGELLAN. Und das brachte Thor dazu mal wieder an Melissa zu denken. Seit er sie kürzlich an Bord der GUADALCANAL getroffen hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatten in der Zwischenzeit ein paar Mal wegen dem Aufklärungspod über das Intercom miteinander geredet, sicher ein paar Mal öfter als es unbedingt hätte sein müssen. Und Thor war sogar noch einmal vor dem Sprung per Fähre auf dem Forschungsschiff gewesen, um die Testergebnisse persönlich abzugeben, was streng genommen natürlich auch nicht notwendig gewesen wäre. Aber Thor hatte nicht anders gekonnt, er hatte sie noch einmal wieder sehen müssen um festzustellen, ob sein erstes Gefühl ihr gegenüber nicht bloß purer Zufall gewesen war.
Und tatsächlich, jedes Mal wieder hatte sein Herz zu rasen begonnen, er hatte sich glücklich und gleichzeitig verwirrt gefühlt. Er war kein Teenager mehr, auch wenn er sich vielleicht gerade wie einer benahm, und daher wusste er, dass er drauf und dran war sich in diese bildhübsche Wissenschaftlerin zu verlieben. Ein reichlich unpassender Augenblick, aber das konnte man sich im Leben nun mal nicht aussuchen.
„Bunch Five und Six“ meldete sich Flight Control und holte ihn aus seinen Gedanken zurück „nehmen sie Kurs auf Sektor 2.“
„Aye, Flight Control“ bestätigte Thor und versuchte sich, so gut es ging, wieder auf seine Aufgabe zu konzentrieren.
Kapitänskajüte MAGELLAN
Wurmloch W-369, Zerberus-Dunkelwolke, Pasumata Sektor
„Was ist schief gelaufen?“ Commander Jessica Swifton kam schnell zur Sache und war keineswegs erfreut wie es schien.
„Schief gelaufen würde ich es nicht nennen, Captain“ entgegnete ihr Commander Baker so ruhig es ging. Die Analyse ihrer derzeitigen Position war jetzt – knapp zwei Stunden nach dem Sprung – abgeschlossen und hatte zur Enttäuschung aller Beteiligten nicht die Ergebnisse geliefert, die man erhofft hatte. Nachdem der Kampfverband MAGELLAN auf der anderen Seite des Wurmloches W-369 materialisiert war, hatte sich das Forschungsschiff sofort daran gemacht ihre genaue Position zu ermitteln. Das Ergebnis war niederschmetternd gewesen. Statt wie vermutet die Corellian-Gravitationssenke komplett zu durchschreiten und damit einen Weg in den Rücken der Akarii zu finden, waren sie im Pasumata Sektor wieder zum Vorschein gekommen. Damit hatten sie sich eher am Rande der Sternenwüste entlang bewegt. Zum Glück wenigstens nicht direkt an die ColCon-Akarii Front, wo sie vielleicht direkt in die Arme von wartenden Akarii Kriegsschiffen geflogen wären, sondern etwas ins Hinterland. Aber bei weitem nicht tief genug um einen strategisch wichtigen und vielleicht kriegsentscheidenden Transitweg gefunden zu haben. „Ich würde eher sagen, dass sich unsere Berechnungen leider nicht verifizieren liessen.“
„Bah“ bemerkte die Kommandeurin der MAGELLAN abschätzig. „Und sie meinen, dass das Singh zufrieden stellen wird? Das wir mehr als vier Wochen durch die halbe Galaxis schippern, nur um am Rande des Akarii-Territoriums in eine Dunkelwolke geraten. Bestenfalls in der unbedeutenden Provinz sind wir hier gelandet. Wenn es hier überhaupt Akarii gibt.“
„Wie sie selbst gesagt haben, sind wir hier in einer so genannten Dunkelwolke gelandet, also einer Art kosmischer Staubwolke, die alle Ortungen im Langstreckenbereich aufgrund von Interferenzen und Reflektionen erschwert. Daher können wir noch gar nicht sagen, ob es hier Akarii gibt oder nicht.“
Swifton antwortete nicht, schien aber offen verärgert zu sein und Baker konnte es ihr gut nachempfinden. Doch andererseits hatte er keinen Bedarf daran, als Sündenbock abgestempelt zu werden.
Genauso wenig wie Melissa, wie es schien. Die zierliche Astrophysikerin, die bislang zerknirscht geschwiegen hatte, antwortete jetzt der Kapitänin und ließ dabei ihrer eigenen Verärgerung Luft. „Astrophysik ist nun mal keine exakte Wissenschaft“ funkelte Melissa unbeherrscht zur Kapitänin des Forschungsschiffes hinüber. „Wenn wir uns vorher hätten sicher sein können, dass uns dieses Wurmloch hier hin bringt, wären wir erst gar nicht los geflogen, Ma´am.“ Jamison-Bowyer war zusammen mit Baker sicher am meisten über die momentane Situation enttäuscht, schließlich waren Sie beide es gewesen, die auf diese Mission gedrängt hatten. Aber anders als bei Baker, dessen Ärger vor allem darin begründet lag, dass er eine nahe gehoffte Beförderung verpasst hatte, lag Jamison-Bowyers Enttäuschung darin begründet, dass sie dieser Weg nicht tief in Akarii Feindesland katapultieren konnte.
„Sie müssen es den anderen Kapitänen ja nicht beibringen, Lieutenant“ erwiderte Swifton kühl und stand dann auf. „Commander Baker, wir setzen in 15 Minuten über zur allgemeinen Lagebesprechung auf die ONTARIO. Weisen Sie ihr Team ein, damit wir mit der Kartographierung dieses Sektors wie geplant fortfahren und treffen sie mich dann an der Fähre.“ Dann machte sich Swifton ohne eine Antwort abzuwarten auf den Weg und ließ zwei betröppelte Wissenschaftsoffiziere zurück.
Baker und Jamison-Bowyer schwiegen ein paar Sekunden vor sich hin, ehe sich Baker schließlich abrupt aufrichtete. „Na, nun komm schon, Mel. Lass den Kopf mal nicht so hängen. Wir sollten uns auf die Arbeit konzentrieren und weiter machen.“
„Hmmm“ war das einzige, was er als Antwort erhielt. Jamison-Bowyer schien nicht ganz anwesend zu sein und starrte stumpf vor sich hin.
„Mel? Alles ok?“
Die junge Wissenschaftlerin blickte ihren Vorgesetzten aus traurigen Augen an. „Ja, Nein, ich meine, ich hatte gehofft…“ Sie seufzte einmal tief.
„Ich weiss, Mel, ich weiss. Aber wir können nichts anderes machen als zu hoffen einen anderen Weg zu finden, oder?“
Sie nickte und lächelte. „Darf ich dich noch etwas anderes fragen Jeremy? Etwas das nicht direkt mit unserer Mission zu tun hat?“
„Aber klar!“ gab Baker zurück und fragte sich, was sie sonst noch beschäftigen könnte, hier und jetzt im feindlichen Territorium.
„Was hältst Du von Beziehungen zwischen Angehörigen der Navy?“
Bakers Kinnlade fiel herab. Worauf wollte sie hinaus? Ahnte sie etwas von seinen Gefühlen zu Ihr? Er musste ein verdattertes Gesicht gemacht haben, da sie sofort anfing sich hin und her zu winden. „Ich weiß, ich weiß, es ist jetzt gerade etwas unpassend und die Navy-Doktrin verbietet es im Grunde, aber na ja, was sagst Du dazu…?“
Baker wurde heiß und kalt. Insgeheim hatte er sich diesen Augenblick irgendwie herbeigesehnt und geplant cool und relaxed zu bleiben. Andererseits hatte er sich davor auch immer gefürchtet. Anders als bei Mel war ihm seine Karriere sehr wichtig, und ein Verhältnis mit einer Untergebenen zu beginnen, würde sicherlich nicht dazu führen ein weiteres Vorankommen in der Hierarchie zu vereinfachen. „Ich… Ich meine, dass kommt darauf an…“ begann er zögerlich und fragte sich dabei, wie er es ihr am Besten beibringen konnte, dass er das für den Augenblick als hinderlich hielt, er aber offen war für einer Beziehung nach dieser Mission. „… Es ist sicherlich schwierig, wenn man sich jeden Tag sieht.“
„Na ja, so häufig werde ich ihn ja nun auch nicht sehen…“
Baker blinzelte ein paar Mal überrascht. „Ihn?“
„Na klar, immerhin ist er auf einem anderen Schiff…“ lächelte sie ihn freundlich an.
Baker fiel aus allen Wolken. Sie meinte gar nicht ihn, sie meinte irgendjemanden anderen. Was für ein naiver Hornochse er doch war. Wer war dieser andere? `SCHNEIDER!` schoss es ihm durch den Kopf, und automatisch staute sich Wut in ihm auf. Dieser eingebildete, nervige Captain dieser Schande der Navy. Zähneknirschend und mit Wutbelegter Stimme fuhr er sie jetzt an. „Lieutenant Jamison-Bowyer, ich muss sie darauf hinweisen, dass Beziehungen zwischen Mitgliedern der Navy untersagt sind. Falls ich so etwas zu hören bekomme, werde ich das zu melden haben.“ Kaum hatte er es gesagt, hätte er sich am liebsten dafür geohrfeigt.
Mit einem vollkommen überraschten Blick zuckte Jamison-Bowyer zusammen. Dann stand sie auf und mit einem giftigen Blick zischte sie ein „Dann wäre das ja geklärt, Commander!“ zurück, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Und ließ damit einen verärgerten und in seinem Stolz verletzten Vorgesetzten zurück.
Briefingraum ONTARIO
Wurmloch W-369, Zerberus-Dunkelwolke, Pasumata Sektor
Wieder einmal war der Briefingraum der ONTARIO gefüllt mit den Kapitänen der Einsatzgruppe. Mittlerweile lag ihr Sprung ein paar Stunden zurück und die gesammelten Langstreckendaten waren von der MAGELLAN ausgewertet worden. Commander Baker hatte seinen Bericht emotionslos und kühl vorgetragen und die Anwesenden über ihre derzeitige Position aufgeklärt.
Igor Maleetschev ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und beobachtete das Mienenspiel der einzelnen Kommandanten. Er nahm eine große Bandbreite an Emotionen wahr. Während Kapitäne, wie Ronacek, Kaminski und Swifton Unmut in ihren Mienen erkennen ließen, schienen Captain Dominguez, Lt. Commander DeLaCruz und Commander Takage eine deutlich erkennbare Erleichterung zu verspüren. Die meisten anderen Gesichter waren eher als neutral zu bezeichnen, bis auf das von Singh, das sich natürlich wieder einmal als unergründlich erwies.
Was der Einsatzgruppenleiter von den Ergebnissen hielt, wusste Igor nicht aber er war sich sicher, dass sich Singh zum Ende der Besprechung offenbaren würde. So tat er es immer, erst die anderen reden und diskutieren lassen um am Ende seine Entscheidung zu fällen. Einige fanden diesen Stil zwar absolutistisch, da Singh es in der Regel eben nicht zuließ, dass NACH seiner Entscheidung darüber diskutiert wurde.
Aber Igor teilte diese Meinung nicht, denn immerhin band Singh die anderen Kapitäne in die Entscheidungsfindung ein. Es gab auch andere hochrangige Offiziere, die noch nicht einmal das zuließen.
Als Baker seine Analyse geendet und sich wieder gesetzt hatte, nickte Captain Singh kurz hinüber zu Commodore Lucienne Garribeaux, die mit leiser Stimme einen knappen Bericht über den Pasumata-Sektor abgab.
„Den Geheimdienstberichten nach zu urteilen, gehört der Pasumata Sektor zum auswärtigen Rand des Akariischen Imperiums. Akar ist von hier aus fast 3-4 Transitmonate entfernt und das auch noch quer durch das Imperium. Die nächste größere Ansiedlung befindet sich bei Tokun, mindestens 3 Transitwochen entfernt. Die Front zwischen den Akarii und dem Gebiet der Colonial Confederation ist wiederum knapp 5 bis 6 Transitwochen weit weg. Kurz gesagt, wir befinden uns hier am Rande des Geschehens in jeglicher Hinsicht.“
„Was befindet sich denn hier in der Nähe?“ fragte Captain Ronacek trocken. Statt zu antworten drehte sich Commodore Garribeaux hinüber zu Commander Baker, der daraufhin wieder das Wort ergriff.
„Nun, den Sternenkarten und den bisherigen Ergebnissen nach zu urteilen, befindet sich auf der anderen Seite der Zerberus-Dunkelwolke ein Stern der Spektralklasse M. Von den 7 Planeten, die es in diesem System gibt, befindet sich Pasumata IV in der für Akarii notwendigen Lebenszone. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass die Akarii diesen Planeten bereits kolonisiert haben könnten.“
Ein knappes Raunen ging von dem knapp Dutzend der anwesenden Kapitäne aus. „Sie glauben also, dass wir dort auf Akarii treffen werden?“ fragte Captain Schneider bei Commander Baker nach.
„Ich glaube gar nichts…“ zischte Baker zurück und Schneider war nicht der einzige, der überrascht die Stirn runzelte bei diesem Gefühlsausbruch des sonst so ruhigen, ja fast schon kühl und emotionslos wirkenden Wissenschaftlers. „Ich sagte lediglich, dass es so sein könnte. Wir müssten es uns schon von der Nähe ansehen, um genaueres zu erfahren.“
„Ach, so wie wir auch dieses Mal hingefahren sind, um es uns das angebliche Super-Wurmloch mal anzuschauen? Vielleicht sollten sie mal ihre Kalkulationen überprüfen“ giftete Schneider zurück.
„Wenn Sie meinen es besser zu können, dann nur zu, Lieutenant Commander“ schnauzte Baker ihn an, immerhin ranghöher.
„Commanders, was soll das?“ unterbrach Singh die beiden Streithähne mit einem tiefen Grollen in der Stimme. „Wir sind hier nicht in einer x-beliebigen Spelunke. Sparen sie sich ihre Streitigkeiten, oder sie werden Ärger mit mir bekommen, haben wir uns verstanden?“
Beide Kontrahenten pressten ein knappes „Aye, Sir“ hervor und setzten sich wieder.
Igor hatte diesen Gefühlsausbruch mit Sorge beobachtet. Dass es viele Offiziere gab, die ein Problem mit der KAZE und seinem Kapitän hatten, wusste Igor. Aber in diesem Fall schien das über das normale Maß hinaus zu gehen. Und auch die Bildung von verschiedenen Fraktionen innerhalb der Einsatzgruppe schien sich zu verschlimmern, was seine Befürchtungen bestätigte. Langsam würden sie aufpassen müssen, dass es nicht zu offenen Konflikten kommen konnte. Im Ernstfall würde sich das sicher nicht gut machen, wenn es zu Abstimmungsproblemen und Kompetenzgerangel kam.
Es war schließlich Commander Kaminski von der AZINCOURT, die sich zu Wort meldete und damit das kurze Schweigen in der Runde durchbrach. „Gut, gehen wir mal davon aus, dass auf Pasumata IV tatsächlich Akarii sein sollten…“ begann sie vorsichtig „Dann würde mich Eins brennend interessieren, und ich habe das schon das letzte Mal gefragt: Warum liegt dieses Wurmloch dann ungeschützt vor uns?“
„Dadurch dass dieses Wurmloch schwacher und eher instabiler Natur ist und sich zudem noch hinter einer Dunkelwolke wenn sie so wollen „versteckt“, ist es sicher nicht leicht zu orten oder sogar fast unmöglich“ antwortete ihr wieder Commander Baker, jetzt aber viel ruhiger. „Wir hatten ja schon im Eurydike-Nebel Probleme, aber der ist sogar um den Faktor 10 transparenter als die Zerberus-Dunkelwolke. Das reine Fehlen von Wurmlochwachen oder entsprechenden Alarmbojen können wir also nicht als Indiz dafür auffassen, dass sich die Akarii nicht auf Pasumata IV aufhalten.“
„Also werden wir hinfliegen und es uns aus der Nähe betrachten, nicht wahr Captain Singh?“ fragte Captain Ronacek seinen früheren Mentor.
Doch noch bevor dieser antworten konnte, mischte sich Lt. Commander DelaCruz, der CAG der GUADALCANAL ein. „Unser Auftrag bestand aber doch darin, dieses Wurmloch zu überprüfen und festzustellen, wohin es führt. Das haben wir getan, damit ist unsere Mission erfüllt.“
„Mais non, mon ami! Sie meinen also, das wir ´aben uns vier Wochen durch die Weltall ´ierherr gewagt, nur um wieder kehren ssurück mit rien?“ antwortete ihm Commander Francois Perrin.
Und schon brach das verbale Chaos aus.
„Was heisst hier nichts…?“
„Wir müssen Pasumata IV wenigstens mal überprüfen…“
„Ohne mich, wir sollten umkehren…“
„Hah, wir sind doch gerade erst angekommen…“
Igor hatte den Überblick verloren, wer hier mit welchen Argumenten um sich warf. Er wollte irgendwie dazwischen gehen und für Ruhe sorgen und stand daher von seinem Platz auf. Doch die Hand von Captain Singh auf seinem Arm ließ ihn innehalten. Singh blickte seinen Ersten Offizier aus dunklen Augen an und bedeutete ihm wortlos sich wieder zu setzen. Igor folgte diesem unausgesprochenen Befehl und wartete gespannt auf ein paar herrische Worte, die die anderen Kapitäne zum Schweigen bringen würden.
Doch nichts dergleichen geschah.
Seelenruhig stand Singh unter all dem Geschnatter langsam auf und stellte sich wortlos an sein Pult. Erst bemerkte ein Kapitän die Veränderung, dann noch einer und dann noch einer, bis schließlich alle Kapitäne nach vorne blickten und schwiegen. Singhs eisiger tadelnder Blick traf jeden einzelnen der Streithähne und viele senkten beschämt den Blick.
„Ladies und Gentleman, ich kann ihnen gar nicht sagen, wie enttäuscht ich über ihr aller Verhalten bin. Aber einerlei, sie werden zu ihren Schiffen und Vorbereitungen zum Ausrücken nach Pasumata IV treffen…“
„Aber Sir“ unterbrach ihn DeLaCruz „das entspricht nicht unserem Auftrag…“
„Unser Auftrag sieht vor, sicher zu stellen, dass von diesem Wurmloch keine Gefahr ausgeht, Commander. Und diese Aufgabe sehe ich als noch nicht erfüllt an“ gab Singh eiskalt zurück während seine Augen Feuer zu speien schienen.
Trotzdem begann der CAG des Dirty Bunch erneut „Sir, aber…“
„Nur ruhig weiter so, Lt. Commander DeLaCruz“ fiel ihm Singh mit vor Kälte schneidender Stimme ins Wort. „Machen sie so weiter und sie werden sich schneller mit einer Anklage wegen Befehlsverweigerung vor dem JAG rechtfertigen müssen, als Ihnen lieb ist, haben wir uns verstanden?“
DeLaCruz fiel für einen Bruchteil der Sekunde die Kinnlade herab, dann hatte er sich aber wieder gefangen und er antwortete mit kaum verhehlter Wut in der Stimme „Sir, meine Staffel steht zu Ihrer Verfügung.“
„Gut“ nickte Singh „nichts anderes habe ich erwartet. Machen sie ihre Schiffe bereit zum Auslaufen. Wir werden in vier Stunden abrücken. Weggetreten.“ Und mit diesen Worten verließ er den Briefingraum und Igor erkannte eine Menge Gesichter, die seinem Kapitän alles andere als wohlgesonnen hinterher blickten.
Cunningham
10.06.2004, 21:41
Lucas starrte auf den riesigen Träger, der langsam in zwei Hälften brach. Riesige Feuerzungen stachen aus dem monströsen Raumschiff.
Langsam zerbrach es. Immer mehr Sekundärexplosionen verzehrten es ein einem Feuerschein, der den Sauerstoff auffraß.
"Herr im Himmel." Es war Hal Crispin. Sein Flügelmann klang beeindruckt.
"Lone Wolf an alle Bomber: Zurück zur Columbia und Aufmunitionieren!"
Skipper, meine Maschine säuft auch schon ihre eigene Reserve."
"Rote Schwadron Zustand?"
"Radio hier: Raketen verschossen, Treibstoff kurz vor der Reserve."
"Hier Mantis: Hacker hat's erwischt, ich bin nicht sicher, ob der Junge aussteigen konnte. Habe noch eine Sidewinder. Treibstoff noch bei 20 % vor der Reserve."[/]
[i]"Skunk! Bob musste aussteigen. Shaka ist okay, jedoch schwere Panzerungsschäden. Mir geht es ähnlich. Sämtliche Raketen sind raus."
"Jo, hier Pops, bei mir leuchtet das Schadensdiagramm wie der Christbaum. Ich weiß nicht, ob die Mühle es noch lange macht. Würde eigentlich gerne aussteigen."
"Radio: Bringen Sie Pops zur Columbia. Er soll sich in der Nähe eines SAR-Shuttles rausschießen."
"Ich wurde von Goblin getrennt, ich konnte ihn nicht wiederfinden." Kali klang aufgeregt.
"Bin ... och dab ... Sch ... ... unk. Bra... ... euch Mas ... ine." Lucas glaubte Goblin zu erkennen.
"Goblin: Sie begleiten Radio und Pops. Nach Möglichkeit auf Sicht landen, wenn nicht kataüultieren Sie sich wie Pops raus."
"Bes .. igt!"
Long tiegerte in der CIC der Intrepid auf und ab.
"Der Träger! Admiral, die Bomber der Columbia haben den Akarii-Träger erwischt. Er zerbricht." Der Ausruf des Commanders war schrill.
"Auf den Schirm!" Der Admiral stützte sich auf den Kartentisch. "Gut. Sehr gut. Signaloffizier: An die Columbia. Sie soll ihr Kreuzerschwadron abstellen, die Raumstation zu vernichten. Sie ist die einzige Anflugstelle für die Akarii-Jäger.
"Schalten Sie den Schirm wieder auf taktisch." Long verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
"Sir, die Akarii-Stellen ihr Nahbereichsfeuer ein. Sie schwenken mit ihren Oberdeckwerfern auf uns zu." Die Offiziere in der CIC arbeiteten fieberhaft. "Multible Zielerfassung der Akarii. Sie feuern!"
So schnell es ging spieen alle Kreuzer, Zerstörer, Fregatten und Korvetten der Akarii-Flotte vier Salven Anti-Schiff-Raketen aus.
"Signaloffizier:. An Dauntless. Vom eigenen Geschwader lösen und Flottenverteidigung koordinieren! An alle Jäger: Aggressives abfangen der Feindraketen!"
"Aye Sir!"
Zum ersten mal feuerten die Akarii konzentriert auf die Erdflotte.
Intensiv beobachtete Long, wie die Akarii-Flotte langsam wendete und sich wieder der Nahbereichsabwehr zuwandte.
Nervös kaute Tripple E Gonzales auf seiner Zigarre. Die Dauntless hatte sich von ihrem Geschwader getrennt und drang in das Geschwader der Intrepid ein.
Auf dem Monitor vor Ganzales flammten die Heckdüsen der terranischen Abfangjäger auf.
"O'Keefe meldet, dass er 4 Kreuzer und 6 Zerstörer in den Feuerleitcomputer integriert hat, ein siebter Zerstörer wurde vom System immer wieder rausgeworfen, wir müssen es also so versuchen." Turner wirkte etwas erschöpft. Sein Zustand wurde durch einen Dreitagebart scheinbar noch verstärkt.
"In Ordnung, feuer nach eigenem Ermessen, so bald die Vampire in Gefechtsentfernung sind."
"Aye Sir." Turner gab die Befehle weiter.
Kurz darauf zog die Nighthawkstaffel der Columbia über die Dauntless hinweg.
Fast atemlos beobachtete Gonzales, wie die Raketen näher kamen. Die Jäger geben ihr bestes und dünnten den anfliegenden Raketenwall gewaltig aus, doch es langte nicht.
"SM 2 Werfer eröffnet das Feuer." Meldete Turner überflüssiger weise.
Als die Raketen die 25tausender Marke unterschritten übernahm der Feuerleitkomputer der Dauntless auf 10 Schiffen das Kommando und ließ erst Sparrows und dann Ammrams abfeuern. Mit absoluter Präzision lenkte der Computer die meisten Raketen in ihre Ziele, trotzdem reichte es nicht.
Selbst als die Impulslaser ihre Arbeit aufnahmen blieben noch Raketen übrig, die ihre Vernichtungskraft entfalteten.
Dreihundert Meter vor der Dauntless wurde ein Zerstörer von einem Atomblitz verschlungen.
Auf der Intrepid gellten die Alarmsirenen und gelbe Warnlichter blinkten auf. "Kolisionsalarm! Kolisionsalarm!" Plärrte der Bordcomputer.
Admiral Long krallte sich förmlich am Kartentisch fest.
Dann wurde die Intrepid durchgeschüttelt. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Long verlor seinen halt und krachte auf den Rücken. Mühsam rappelte er sich wieder auf, nur um dann erneut von einer Erschütterung zu Boden geschleudert zu werden.
Diesmal kam ihm ein junger Lieutenant aus seinem Stab zu Hilfe.
"Danke Mr. Jennings. Ich werde einfach zu alt für den Kram."
Der Lieutenant grinste: "Dafür ist man nie zu alt ... Sir."
"Brücke an CIC, hier Captain de Pinagno, Bericht!" Der Captain der Intrepid klang angespannt.
"Hier CIC", antwortete Long persönlich, "uns geht es gut, wie steht es um das Schiff?"
"Frontschild ist bei 20 %, ansonsten unbeschädigt Sir. Aber es ist noch nicht vorbei, da kommen noch Raketen auf uns zu."
"ADMIRAL! Die Resolute hat es erwischt, sie zerbricht!" Auf dem Monitor wurde ein Ticonderoga-Class Cruiser gezeigt, der sich in der Mitte durchbrach.
Cattaneo
14.06.2004, 09:52
Als die letzten Anweisungen von Vizeadmirälin Wulff durchgegeben wurden, wahrte Captain Schupp eine äußerlich unbeteiligte Miene, ganz wie es seinem Image und Naturell entsprach. Innerlich aber triumphierte der sonst eher unterkühlte Offizier. Der Umstand, daß man die Dauntless von seinem Geschwader abzog, minderte seine Freude nur geringfügig. Das war seine Chance! Er ließ sich in den Kommandosessel zurücksinken – zum Klischeebild des immer lässigen, immer überlegenen Kapitäns hätte nur noch eine Tasse Tee oder dergleichen gefehlt: „Schwadronschef an Flotte – Wir haben Anweisung erhalten die feindliche Station auszuschalten. Die Dauntless bleibt bei der Intrepid. Wir werden die Station auslöschen, unseren Sturmtruppen damit den Weg bahnen und die Frachter der Akarii ebenso vernichten wie die Reste ihrer Jäger und Flotte. Sie haben bisher gute Arbeit geleistet, in mustergültiger Erfüllung der lebenden Traditionen unserer Flotte. Weiter so! Ich will, daß bis zum Erreichen der Angriffsentfernung JEDER Werfer weiterhin auf die feindliche Flotte feuert. Formation Omega Alpha Zwei. Volle KraftVoraus!“
Innerlich aber dachte er: „Na, dann lehnt euch mal zurück!“ Die Jägerjockeys hatten endlich ihren Teil getan – jetzt waren diejenigen am Zuge, die hier die wirkliche Arbeit erledigten. Und er würde den Admirälen etwas für ihr Geld bieten. Endlich einmal die Chance, mehr zu sein als ein Schutzschild für die Träger, ein notwendiges Anhängsel. Sicher, es war keine die Schlacht entscheidende Aufgabe, aber besser als nichts. Um ihn herum gruppierte sich seine Flotte. Den Kern und das Herz des Angriffsverbandes bildeten wie lange vorher geplant die drei schweren Kreuzer. Die kleineren Schiffe der Achilles-Klasse sicherten seitlich zurückversetzt die Flanken. Normalerweise hätten sie die Position an der Spitze übernommen, aber Schupp setzte lieber auf die Ticonderogas mit ihrer überlegenen Abwehrbewaffnung als Speerspitze des Angriffs. Sie konnten einen ersten Ansturm des Feindes brechen, sollte der von irgendwoher noch Jäger zusammenkratzen. Schnell setzten sich die acht Kreuzer von der Flotte ab. Sie stießen mit voller Kraft in Richtung ihres Ziels vor, nicht ohne dabei weiterhin unablässig zu feuern, so lange die feindliche Flotte noch im Feuerbereich war. Dann schwiegen zuerst die leichten Kreuzer, während die schweren Einheiten mit ihren weitreichenden Exocet das Feuer noch aufrechterhielten. Auch wenn der Verband sich mit hoher Geschwindigkeit bewegte – den Männern und Frauen an Bord entging nicht, wie sehr die Schwesterschiffe unter Beschuß gerieten. Die Akarii waren offenbar keineswegs schon geschlagen. Oder, wenn sie es doch waren, dann weigerten sie sich, dies zuzugestehen. Für einen aufmerksamen Beobachter war es nicht schwer zu erkennen, daß sich die Reste der feindlichen Jäger zunehmend von den Terranern zu lösen begannen. Vermutlich hatten sie sich verschossen, ihre Tanks waren beinahe leer, die Piloten demoralisiert. Eine Möglichkeit zum Ausruhen bot sich ihnen nur noch bei der Station. Wie es um ihre Moral stand, konnte man sich vorstellen. Allerdings waren sie immer noch im Feuerbereich der eigenen Flak, die übermütig werdende menschliche Jäger unter massiertes Feuer nahm. Dies alles berührte Schupp freilich wenig. Ihn kümmerten nur die Daten, die er über die Station bekam, und die sich verringernde Entfernung. Für seine starke Flotte, da war er sich sicher, würde dieser Gegner keine besonders große Herausforderung bedeuten. Nicht, daß er ihn unterschätzte. Aber Raumstationen waren unbeweglich und somit ein leichtes Ziel. Und auch ohne die Dauntless hatte sein Verband eine gewaltige Feuerkraft – ein Vielfaches dessen was jede bekannte Kampfstation aufbieten konnte, abgesehen von Fort Lexington. Doch wenn es dem Feind gelang, die Reste seiner Jäger neu zu bestücken und er vielleicht noch ein paar leichte Einheiten auftrieb…
So kam es für ihn nicht völlig überraschend, als einer den Sensoroffiziere mit angespannter Stimme meldete: „Feindzerstörer im Anlauf – sechs plus!“ Schupp nickte knapp. Seine Stimme klang kalt: „Primärer Taktikschirm – Zentrierung auf Sektor 4.“ Er brauchte nicht lange, um zu erkennen, was vor sich ging. Während die Akariiflotte immer weiter zurückgedrängt wurde, waren ihre Jäger zur Station zurückgewichen. Dort formierten sich derweil die Frachter und nahmen Fahrt auf. Offenbar gaben die Akarii das System verloren, und ihr Kampf diente dazu, die Menschen hinzuhalten. Damit sollte vermutlich den Frachtern der Rückzug ermöglicht werden – und je länger die Schlacht dauerte, desto näher rückte der Zeitpunkt, an dem Verstärkung eintreffen mußte. Deshalb wollten die Echsen offenbar verhindern, daß das Schwadron 2.3 die Station vernichtete, die Akarii-Jäger so völlig aus dem Spiel nahm und dann die Möglichkeit erhielt, der restlichen Flotte in die Flanke zu fallen oder die fliehenden Frachter zu vernichten. An und für sich keine dumme Idee, bloß fehlte es den Akarii vermutlich inzwischen an Schiffen für einen richtigen Gegenangriff – oder sie hätten sich gegen die menschliche Hauptflotte zu sehr geschwächt. Dennoch nahm Schupp die Meldung nicht auf die leichte Schulter: „Formation auflockern – Ausweichmanöver nach eigenem Ermessen. Zehn Grad abfallen. Feuerfreigabe – JETZT.“ Die Kreuzer neigten sich leicht zur Seite, folgten gehorsam den Befehlen, weit eleganter als jedes Schiff auch nur annähernd ähnlicher Größe es auf einem irdischen Ozean gekonnt hätte. Ihre Batterien erfassten den Gegner, der seinerseits mit Höchstgeschwindigkeit anlief, Haken schlagend – ein klassischer Störangriff. „Raketen im Anflug!“
Die Akarii spielten ihre überlegene Beweglichkeit voll aus. Immer wieder drehten sie auf die Flotte zu und schossen ganze Salven ab, um dann wieder den Kurs zu wechseln. Natürlich gingen sie dabei ein großes Risiko ein, denn auf jedes der sechs oder sieben Schiffe kam ein terranischer Kreuzer mit dreifach überlegener Feuerkraft. Aber die Terraner konnten ihre Schiffsgeschütze über diese Entfernung nicht ins Spiel bringen, und speziell die leichteren Raketen der Achilles-Kreuzer feuerten am Rande ihrer effektiven Reichweite. Ein ums andere Mal mußten die Kapitäne Ausweichmanöver befehlen, und nicht jede feindliche Rakete scheiterte an der massierten Abwehr. Schupp hatte längst die Sicherheitsgurte anlegen müssen, um zu verhindern, daß er aus seinem Sessel geschleudert wurde. Mit einer Mischung aus Respekt, Verärgerung und Wut registrierte er, daß seine Flotte hinter den von ihm anvisierten Zeitplan zurückfiel. Die feindlichen Treffer nagten an den Schilden, konnten sie aber nicht durchbrechen – zu stark war die Abwehr der Menschen
Die ersehnte Meldung kam schließlich doch noch:„Treffer auf Rot Drei und Fünf!“ Rot – die klassische Farbe für den Feind – kennzeichnete die Symbole der gegnerischen Schiffe auf den taktischen Schirmen. Zwei feindliche Zerstörer hatten sich dem Feuer nicht länger entziehen können. Während das eine Schiff den Anzeigen zu Folge auseinanderbrach, begann sich das andere unkontrolliert zu drehen. Schuppe konnte sich vorstellen, wie es an Bord aussah. Brände, die von der ausströmenden Luft angefacht wurden. Automatisch verriegelte Schotten, die einen Fluchtweg versperrten. Die Angst vor einer Reaktor- oder Munitionsexplosion. Er lächelte nicht, doch eine bittere Genugtuung schwang in seiner Stimme: „Auf einem Seemannsgrab, da blühen keine Rosen. Flotte Fahrt aufnehmen – die dürften genug haben.“
Doch der Captain der Tiredless täuschte sich in seiner Einschätzung des Gegners. Man mochte es Fanatismus nennen, Todessehnsucht, pure Verzweiflung oder einfach mustergültige Pflichterfüllung – die Akarii griffen erneut an, ohne sich um ihre waidwunden Kameraden zu kümmern.
Die Stimme des Sensoroffiziers klang mehr wie ein ersticktes Keuchen: „Simultanangriff! Sir – sie zielen auf uns!“ Schupp fuhr hoch: „Natürlich! Auf wen sollen sie denn sonst zielen? Auf sich selbst?“ Angst stand in den Augen seines Untergebenen: „Sie zielen auf UNS!“ Und in dem Augenblick, in dem Schupp begriff, was der Lieutenant eigentlich meinte, meldete der Waffenoffizier: „36 Raketen im Anflug. Einschlag in 16 Sekunden.“
Schupp versuchte instinktiv, aufzuspringen. Seine Gurte rissen ihn wieder auf den Sitz zurück. Er gestikulierte. Das erste Mal seit Beginn der Schlacht klang seine Stimme hektisch, überschlug sich fast bei dem Versuch, schneller zu sein als der vielfache Tod, der sich seinem Schiff näherte. Er handelte ganz instinktiv, aus langer Erfahrung: „Vertikaldrehung um Längsachse 180, dann Kurs 90 – SOFORT! ALLE WAFFEN!“ Die gewaltigen Manöverdüsen, die den gewaltigen Raumkreuzer mit 10 Kilometern in der Sekunde beschleunigen konnten, loderten auf. Der Anblick hätte einem Beobachter Übelkeit bereiten können. Das Schiff drehte sich quasi auf den Rücken und tauchte nach unten weg – ein Manöver, wie es so nur im Weltraum möglich war. Gleichzeitig spien die Waffen unzählige Energieimpulse und Raketen. Schupp bemerkte, wie sich die Merciless, gleichfalls unablässig feuernd, von der Seite heran schob, um sich in selbstloser Weise zwischen die Marschflugkörper und das Flaggschiff zu stellen. Doch dafür war es zu spät.
Ein Großteil der Raketen zerplatzte im konzentrierten Sperrfeuer, und einige verfehlten ihr Ziel, um unmittelbar danach ebenfalls abgeschossen zu werden. Der noch ungeschwächte Schild, den die Tiredless dem mörderischen Angriff dank ihres Manövers entgegenstellte, fing einigen Schaden ab. Doch ein Rest der gewaltigen Energie, die von den explodierenden Raketen entfesselt wurde, schlug durch.
Das Schiff erbebte, als sei es mit voller Fahrt gegen einen Asteroiden gerammt. Die Gurte, die Schupp sichern sollten, hielten einen Augenblick stand, dann rissen sie. Der Körper des Captains wurde wie eine Puppe beiseite geschleudert, schlug gegen den Fuß einer Konsole. Schreie erfüllten die Kommandobrücke.
Doch Schupp war nicht völlig ausgefallen. Sein erster Versuch aufzustehen, noch ganz benommen vom Sturz, scheiterte, und er mußte einen Schmerzensschrei unterdrücken. Vermutlich hatte der Aufprall ihm den rechten Arm gebrochen. Es war eine grausame Art und Weise, wie er voll und ganz in die Wirklichkeit zurückgeholt wurde, doch im Augenblick klammerte er sich an den Schmerz. Keuchend holte er Luft. Aber dann kam er taumelnd hoch und überblickte das Chaos. Etliche Offiziere hingen in ihren Sitzen, andere lagen am Boden. Blut war auf dem Fußboden, teilweise auch an den Wänden. Zumeist stammte es wohl von Platzwunden, aber einige Gestalten rührten sich nicht.
Der Captain mußte zweimal ansetzen, bevor er einen Satz heraus brachte: „Mel... Meld... Meldung Ersatzbrücke!“ Offenbar waren etliche interne Systeme ausgefallen, denn nur die Sprechanlage antwortete ihm: „Hier Ersatzbrücke. Brücke funktionsfähig. Melden schweres Feuer in der Mitte des Schiffes. Atmosphärenverlust achtern auf den Decks 4, 5, 6...“ Schupp unterbrach die Stimme seines XO. Auch wenn alles in ihm sagte, daß falsch war, was er tat, er kannte seine Aufgabe: „Ist der Shuttlehangar B noch klar?“ Der Hangar lag nur wenige Decks unter der Kommandozentrale. Der andere Offizier schien verdutzte: „Shuttlehangar B... ist einsatzbereit. Aber...“ Doch Schupp unterbrach seinen Stellvertreter erneut: „Hören Sie, XO – das Schiff gehört Ihnen. Ich wechsle auf die Merciless. Tiredless bricht Angriff ab.“ Verdutztes, vielleicht auch entsetztes Schweigen antwortete dem Captain.
Schupp konnte sich vorstellen, was sein XO denke mochte. Ein Kapitän verließ sein Schiff nicht im Gefecht – schon gar nicht in so einer Lage, geschweige denn als Erster. Es war SEIN Schiff. Und doch war er auch Flottillenkommandant – und als solcher für den Fortgang der Operation verantwortlich. Das war eines der Dinge, die er sich schon zu Anfang der Operation klargemacht hatte. Also gab er seiner Stimme einen stählernen Unterton: „Shuttle vorbereiten und Merciless anfunken. Schicken Sie ein Medteam sobald als möglich auf die Brücke. Retten Sie das Schiff, wenn möglich – ansonsten...“ Er wollte nicht aussprechen, was ansonsten zu tun war: „Schupp Ende!“
Mit einem letzten Blick auf seine Offiziere, die sich um ihre Kameraden bemühten, und mit dem Gefühl, ein Verräter zu sein, taumelte der Captain der Tiredless durch die Tür der Kommandobrücke. Sein Weg führte direkt in die Hölle.
Auf den Gängen hasteten erste Trupps der Schadenssicherung vorbei. Sanitäter waren auf dem Weg zu den Verletzten – es mußte zahlreiche gegeben haben. An die Stellen, wo es am Schlimmsten war, würden sie nicht durchkommen. Die Bildschirme in den Gängen waren tot, der eine oder andere gesprungen. Zwei Besatzungsmitglieder, ein Mann und eine Frau, stützten einen Kameraden, dessen Uniform blutverschmiert war. Sirenen gellten, aus den Lautsprechern erklangen verstümmelte Durchsagen, und wohl auch Schreie voll Angst und Schmerz. Das Schiff erbebte immer wieder leicht, wenn es zu Sekundärexplosionen kam. Die Gesichter der Männer und Frauen waren Fratzen der Angst, und doch, es schien nicht zu einem Zusammenbruch zu kommen. Schupp kannte die Besatzung, er hatte mit ihr seit Anfang des Krieges Dienst getan. Sie jetzt zu verlassen...
Dennoch bahnte er sich seinen Weg, zur Not mit geschrienen Befehlen und Flüchen. Als er Shuttlehangar B erreichte, war seine Uniform von Schweiß getränkt. Der Arm schmerzte fast unerträglich. Während er die Rampe des S-41 hinauf taumelte, fühlte er seine Kräfte schwinden. Drinnen brach er um ein Haar zusammen. Mit undeutlicher Stimme wies er den Piloten an: „Starten. Vollschub. Und auf Mercy soll...Medteam, mit Schmerz- und Aufputschmitteln, Befehl vom Flottillenkommandeur.“ Dann sackte er in seinem Sitz zurück. Er wollte gar nicht sehen, was für einen Anblick sein stolzes Schiff von außen bot. Alles was er konnte war gegen die Verzweiflung und den Schmerz anzukämpfen. Seit dem Einschlag der ersten Raketen waren vielleicht 10 Minuten vergangen.
Er sollte es erst später erfahren, aber mit diesem Angriff brachen die Akarii ihren heldenhaften, aber letzten Endes sinnlosen Versuch ab, Schwadron 2.3 aufzuhalten. Sie zogen sich zurück. Ihr verzweifelter Angriff hatte zwar Erfolg gehabt, doch zwei weitere der Zerstörer hatten ebenfalls schwere Treffer erhalten. Ihr Flottillenchef galt als vermißt, sein Stellvertreter war noch jung und unerfahren. Zwei Drittel seiner Schiffe waren zerstört oder kampfunfähig. Angesichts der unverändert großen Übermacht des Gegners traf er seine Entscheidung: „Rückzug zum Sprungpunkt.“ Er hatte den Schiffen und der Station der Akarii so viel Zeit erkämpft, wie er konnte. Dieser Tag gehörte den Menschen – aber nicht der Krieg...
Ironheart
16.06.2004, 15:41
Ein hoher Preis
Die Schlacht hatte begonnen.
Donovan hatte es nicht nur aus den Gesprächen mit den Bordärzten und den Pflegekräften heraus gehört. Er merkte es auch an kleinen Nuancen im Verhalten der medizinischen Abteilung der Columbia. Die nervösen Vorbereitungen, die hektische Betriebssamkeit und die gesteigerte Erregung war allen anzusehen. Jetzt wurde es ernst. Monate der Vorbereitungen, des Trainings und der Entbehrungen würden sich heute schlagartig entladen. Diesem Fieber konnte sich niemand entziehen, auch nicht Donovan.
Heute war sein letzter Krankentag, vereinzelt taten ihm noch ein paar Knochen weh und er hatte einige deutlich sichtbare Blutergüsse am ganzen Körper und sein Schädel bereitete ihm Schmerzen. Aber er hatte Schmerz- und Aufputschmittel erhalten, war aufgestanden und hatte seine Sachen gepackt um sich auf den Weg zu seiner eigenen Kabine zu machen. Er würde bald wieder Dienst haben müssen, zumal nicht davon auszugehen war, dass die Piloten der Columbia und Intrepid ohne Ausfälle davon kommen würden.
Ganz im Gegenteil.
Das Chaos auf der Krankenstation war bereits ausgebrochen, als Donovan sich auf den Weg machte und er konnte sich dem nicht mehr rechtzeitig entziehen. Ein kontrolliertes Chaos zwar, denn mit zahlreichen Toten und Verwundeten hatte man gerechnet, aber immer noch ein Chaos.
Jetzt stand er unschlüssig auf dem Flur und versuchte niemandem im Weg zu stehen, was bei dem hektisch durch die Gänge rennendem medizinischem Personal gar nicht so einfach war. Die ersten Verwundeten waren eingetroffen und stapelten sich jetzt schon auf den Gängen und in den Krankenzimmern. Wie Donovan erkennen konnte, handelte es sich bei den Verletzten bei weitem nicht nur um Piloten. Auch Besatzungsmitglieder anderer Kriegsschiffe konnte er ausmachen. Die Rettungsshuttles mussten anscheinend pausenlos im Einsatz sein, die OP´s waren komplett besetzt und auch der Schiffskaplan und seine Leute walteten bereits ihres Amtes.
Hektisch musste Donovan einer Bahre ausweichen, die an ihm vorbeigeschoben wurde und konnte sich nur zwischen ein paar an die Wand abgestellten Krankenbahren in Sicherheit bringen. Von überall her drangen die Schreie und das Stöhnen von Verletzten und Sterbenden an seine Ohren. Es hatte so etwas schon einmal erlebt, aber das war bei weitem nicht so heftig gewesen wie hier. Geschockt sah er, wie der halbverbrannte Körper eines Piloten an ihm vorbeigeschoben wurde. Rechts neben ihm auf der Bahre lag ein Junge, vielleicht gerade mal Zwanzig Jahre alt und wimmerte ob der Schmerzen, die ihm sein vom Knie abwärts abgetrenntes Bein verursachen mussten.
Ein anderer Junge, direkt links neben Donovan gelegen, starrte mit weit aufgerissenen Augen und halb geöffnetem Mund an die Decke. Donovan erkannte augenblicklich, dass er tot sein mußte. Mit zwei verkrampften Händen hielt sich das Besatzungsmitglied die vollkommen zerfetzte Bauchdecke und hatte anscheinend versucht diese zusammen zu halten. Vergeblich, wie die große Blutlache auf seiner Liege zeigte, die sich mittlerweile auch auf dem Boden nebem der Liege ausbreitete.
Übelkeit stieg in Donovan hoch, er spürte wie er sich gleich würde übergeben müssen. Niemand war so abgebrüht, so einen Anblick ungerührt ertragen zu können. Ein Arzt hechtete den Flur entlang und noch bevor Donovan eine Warnung ausrufen konnte, die aus mehr als einem verkrampften Würgen bestand, rutschte er auf der Lache aus, schlidderte an Donovan vorbei und konnte sich gerade noch am Bett des Soldaten mit dem abgetrennten Bein festklammern.
„Verfluchte Scheisse“ motzte er, sein Kittel von oben bis unten bereits mit Blut eingesaut „CYNTHIA, wischen Sie die Sosse hier auf, bevor sich hier noch jemand das Genick bricht.“ Dann trat er an den Jungen mit dem abgetrennten Bein heran. Ein kurzer Blick auf die abgeklemmte Arterie, dann verpasste er dem Jungen ohne lange zu fragen eine Morphium-Spritze und das Wimmern hörte relativ schnell auf.
„Sind sie verletzt?“ richtete er sich jetzt an Donovan so dass dieser erschrak und dann den Kopf schüttelte. Das war das äußerste, was er im Moment erwidern konnte.
„Dann gaffen Sie hier nicht dumm rum. Entweder Sie helfen oder Sie stehen uns hier nicht im Weg, klar?“ Und schon machte er sich wieder an die Arbeit ohne auf Donovans Nicken zu warten.
Was sollte er hier schon groß helfen? Sein Schädel brummte selbst wie verrückt, ihm war übel und von medizinischen Dingen hatte er keine Ahnung. Natürlich waren das hier alles arme Schweine und das allgegenwärtige Schreien, Stöhnen und Wimmern ging auch ihm an die Nieren, das war nur menschlich. Er entschloss sich lieber zu gehen, denn hier konnte er nicht helfen, im Gegenteil, er stand tatsächlich nur im Weg.
Fast schon Slalom laufend wich er den Krankentransporten, den schreienden Verwundeten und allem anderen aus. Er kam nur langsam voran und wohin er auch blickte begnegnete er nur Tod und Verstümmelung. Ein paar leichter verletzte Soldaten standen dichtgedrängt in einer Ecke rum und ein leicht am Kopf bandagierter Pilot zeigte mit seinen Händen ein paar Flugmuster.
„… und dann, BUMM, habe ich den Träger der Akarii gesehen, kurz nachdem ihn die Crusader geknackt haben. Spitzenleistung sage ich …“
Donovan blieb nicht stehen, obwohl er sich gerne angehört hätte, was passiert war. Aber zum einen würde er es noch früh genug erfahren und zum zweiten mochte er sich nicht schon wieder einer Beleidigung oder einem peinlichen Ersterben der Gespräche preisgeben.
Er ging weiter und kurz bevor er am Ausgang angekommen war, musste er wieder warten. Die Fahrstühle, mittlerweile in Sichtweite, schienen unaufhörlich Verwundete auszuspucken und Donovan würde die Treppen nehmen müssen. Er ging an ein paar Bahren mit Schwerverwundeten vorbei und erschrak fürchterlich, als ihn ein Arm packte und krampfhaft festhielt. Zumal der Arm fürchterlich verbrannt zu sein schien.
„Dooonovannchhh“ krächzte die Person auf der Bahre, von der er nicht einmal sagen konnte, ob Sie männlich oder weiblich war. Als ihm jedoch klar wurde, dass diese Person seinen Namen wusste, schoss ihm das heisse Adrenalin durch den Körper.
Er versuchte zu erkennen, wen er da vor sich hatte, aber das was von dem halb verkohlten Körper vor ihm übrig geblieben war, passte zu keinem seiner Staffelkameraden. Erst als er in das Gesicht des Verwundeten blickte und die goldgelben Sprenkel in den hellblauen, aber trüben Augen erkannte, wußte er, wenn er da vor sich hatte.
„Lydia, LYDIA! Oh gott, Lydia…“ stammelte er während er sich über sie beugte. Die Hälfte ihres Gesichts war verbrannt, beide Arme und Beine waren pechschwarz und an einigen Stellen schienen sie mit der Fliegermontur, die sie unterhalb des Raumanzugs angehabt hatte förmlich verschmolzen zu sein. Wahrscheinlich war auch Ihr Rücken in einem ähnlichen Zustand. Nur die Brust, der Bauch und teilweise ihr Hals schienen lediglich versengt zu sein.
„So schli… uchhhrr… uchhhrrr“ ein trockener bellender Husten überkam Sie und sie schien sich vor Schmerzen zu schütteln. „So… schlimm?“ machte sie dann schliesslich einen neuen Versuch und sprach dabei ganz langsam und gequält.
„Wird schon wieder“ log Donovan, drehte sich um und schrie „SANITÄTER, SANITÄTER“
„Don…“ ihre Hand verkrampfte sich um seine und dieses Gefühl löste in ihm Übelkeit hervor, was aber sofort beiseite gewischt wurde, als er erkannte welche Schmerzen sie hatte. Wut stieg in Ihm auf, Eiskalte Wut. Warum nur, warum musste ihm das passieren. Schon wieder. Längst verdrängte Erinnerungen wallten wieder in ihm herauf, aber auch diese verdrängte er erneut. „Diese Schmerzen, Arrghhh. Ich will… nicht sterchhhhrrrben.“
„Das wirst du nicht, die kriegen dich wieder hin, reiss dich zusammen…“ versuchte er sie bei Bewußtsein zu halten. „VERFLUCHT, SANITÄTER…“ schrie er wieder, aber niemand reagierte.
Lydia´s Augen begannen zu flackern und Donovan packte sie an den Schultern, auch wenn er Ihr damit fürchterliche Schmerzen zufügen mußte. „Lydia, bleib hier…“ Ihre Augen öffneten sich einen kurzen Augenblick und für einen Moment war Sie wieder klar.
„Wir sind nicht dein Feind, Donovan, du bist… nicht im Krieg… mit uns“ presste Sie mühevoll hervor. „Finde… endlich… deinen Frieden.“ Sie schluckte schwer, dann quälte sich ein Lächeln in Ihren unverletzten Mundwinkel. „Ich sehe die… die Bäume Montanas…“
Das Lächeln erstarb, ihre Hand in seiner verkrampfte sich ein letztes Mal, dann erschlaffte sie endgültig.
Fassungslos starrte Donovan auf Sie herab. Er spürte wie seine Knie weich wurden und er sich abstützen musste. Er liess ihre schlaffe, tote Hand herabfallen und hielt sich an der Bahre fest. Als endlich eine Schwester kam und ihn anblickte, schüttelte er nur den Kopf. Sie überprüfte den Puls der Rafale-Piloten und zog ihr dann das Leichentuch über den Kopf. Die Nachfrage, ob es ihm den gut ginge, nahm er schon gar nicht mehr wirklich wahr. Nur durch einen Schleier, so als ob sich ein Moskitonetz zwischen ihm und die Wirklichkeit gezogen hatte.
Geschockt und wie in Trance ging er zwischen all diesen wandelnden Leichen umher. Irgendetwas in ihm war zerbrochen, eine Schale, die sich vor langer Zeit um einen verwundbaren Kern gelegt hatte. Ihm war schlagartig klar geworden, dass es so nicht weiter gehen konnte.Ihm wurde schlagartig klar, was Lydia mit Ihren letzten Sätzen gemeint hatte.
Bei all dem Leid um ihn herum, bei all dem Elend, was wog da schon sein kleinlicher Privatkrieg mit der Navy?
Zitternd setzte er sich auf die Stufen der Treppe und schaute hinab auf seine Hände. Die Hände, die Lydia in den letzten Sekunden ihres Lebens gehalten hatten. Die Hände, die die Steuerknüppel eines Jägers halten würden.
Die Hände, die Akarii töten würden.
Cattaneo
16.06.2004, 16:03
Es dauerte noch einmal eine Viertelstunde, bis Henning Schupp die Brücke der Merciless betrat. Der nutzlose rechte Arm hing herab – er hatte sich geweigert, ihn verarzten zu lassen. Die örtliche Betäubung, die man ihm verabreicht hatte, machte aus Fleisch und gebrochenen Knochen nicht mehr als totes Gewicht, das ihn kaum behinderte. Aber es gab Verletzungen, die man so nicht betäuben konnte. Er hielt sich aufrecht – auch dafür sorgten intravenös eingenommene Mittel. Er hatte den Arzt des Medteams angebrüllt, ihm alles bis zur standrechtlichen Erschießung angedroht – aber er hatte seinen Willen bekommen.
Captain Caneira wahrte eine neutrale Miene, als er dem Schwadronschef seinen Sessel anbot. Was er dachte, zeigte er wie immer nicht. Schupp wollte es auch gar nicht wissen. Der Kapitän der Merciless hielt seinen Vorgesetzten vielleicht nicht gerade für einen Feigling. Aber vermutlich war er der Meinung, in der augenblicklichen Verfassung sei der Schwadronschef zu nichts zu gebrauchen und sollte besser das Kommando abgeben. Doch Schupp fragte nicht nach Caneiras Meinung. Stattdessen erkundigte er sich nur knapp: „Entfernung zur Station?“
„Wir kommen in fünf Minuten in Feuerreichweite. Unsere Sensoren orten eine Anzahl Schiffe, die ablaufen. Sie werden von Jägern begleitet. Ein Schiff ist bei der Station geblieben. Klassifizierungen noch unklar.“
Schupps Stimme klang verwaschen, trotzdem er sich bemühte, den gewohnten energischen Ton zu treffen: „Auf den primären Taktikschirm. Leichte Kreuzer – EinsFünfNull voraus!“ Und die Flotte gehorchte ihm, ungeachtet dessen, was man von ihm denken mochte.
Die schnelleren Achilles-Kreuzer übernahmen nun die Führung. Schupp rechnete bei der Station nur mit mäßigem Widerstand. Selbst mit dem feindlichen Schiff als Unterstützung war die Feuerkraft der Raumstation nicht auf ein Gefecht mit Kreuzern ausgelegt.
„Identifizierung – steht! Melde, feindliches Schiff ist Hilfskreuzer der Albatros-III Klasse.“ Schupp zog eine Augenbraue hoch. Hilfskreuzer? Die Akarii hatten wohl Todessehnsucht! Andererseits – ein paar lumpige Zerstörer hatten ihm so übel mitgespielt...
Schupp wollte schon den Feuerbefehl erteilen, doch dann zögerte er. Nicht, daß es ihm etwas ausgemacht hätte, die feindlichen Einheiten aus großer Entfernung zu exekutieren. Aber langsam mußte er daran denken, daß selbst die gewaltigen Munitionsbunker der Kreuzer nicht bodenlos waren. Vermutlich warteten noch einige Gefechte auf die Schiffe. „Aufschließen zum Gegner – Volle Kraft voraus. Feuer mit Bordwaffen so bald als möglich.“
Es war gewissermaßen ein Anachronismus, das Gefecht mit Lasergeschützen und Kurzstreckenraketen. Die Schiffe mußten sich auf ein Bruchteil der Entfernung nähern, über die normalerweise gekämpft wurde. Aber noch immer wurde diese Art des Kampfes trainiert – Schiff-Schiff-Raketen reichten nicht ewig, und die Flotte tat sich ohnehin schwer, so etwas Heiliges wie die Dienstvorschrift abzuändern.
Die Akarii eröffneten das Feuer – doch die wenigen Schiff-Schiff-Raketen hatten gegen die Abwehr der Kreuzer keine Chance. Mit beinahe verächtlicher Leichtigkeit fegten Geschützsalven die Marschflugkörper aus dem All. Unaufhaltsam näherten sich die Terraner ihren Feinden – als seien das keine vollwertigen Gegner, sondern Geschmeiß, das man über den Haufen rannte. Unter anderen Umständen hätte Schupp die tödliche Phalanx wohl mit einer heranstürmenden Reiterschar verglichen, schimmernder, funkelnder Tod. Diesmal aber mußte er sich ganz auf das Gefecht konzentrieren.
„Akarii Schiffe – kapitulieren Sie, oder wir vernichten Sie!“ Diesen Satz sendeten die Kreuzer unablässig auf Breitband. Eine Tonaufnahme, von schlechter Qualität. Nur wenige Menschen beherrschten eine der Akariisprachen, und auf Feinheiten legte die Navy keinen Wert. Die Botschaft war ohnehin klar. Aber von drüben kam keine Antwort – nur Feuer.
Es bereitete Schupp eine bittere Genugtuung, als er schließlich den Befehl geben konnte: „Batterien – auf mein Zeichen. FEUER!“ Die Flanken der Merciless und ihrer Begleitschiffe loderten auf. Gut hundert Geschütze nahmen den Gegner ins Visier, der verzweifelt zurück schoss. Es war im Grunde kein fairer Kampf, falls es dergleichen im Krieg überhaupt jemals gab.
Die Station erwischte es als erstes. Die beiden schweren Kreuzer und drei ihrer leichten Begleiter tauschten Salve um Salve mit dem Raumfort aus. Das Gegenfeuer wirkte fast erbarmungswürdig. Flar-Raketen, Laserimpulse, ein paar Schiff-Schiff-Raketen – mehr hatte die Station nicht aufzubieten. Viel gegen Jäger, genug gegen Zerstörer. Aber gegen fünf Kreuzer war dies nichts. Unter dem konzentrierten Beschuß gaben die Schilde nach, Panzerung wurde verdampft. Schließlich schlitzte die gebündelte Energie die Flanken der Raumstation auf.
Doch auch wenn dies scheinbar leichtes Spiel war – die beiden anderen Kreuzer hatten es offenbar schwerer. Eigentlich war ein Hilfskreuzer kein Gegner für sie. Sie waren für den Krieg konstruiert – ihr Gegner nur ein aufgerüstetes Handelsschiff. Aber der feindliche Kapitän verstand es offenbar, seine überlegene Beweglichkeit gekonnt einzusetzen. Wie vorher die Zerstörer hielt er einem Gegner stand, gegen den sein Überleben eigentlich eine Frage von Minuten seien sollte.
Und die Geschütze des Akarii trommelten unablässig auf seine Gegner ein, deren Feuer recht ungenau zu liegen schien. „Was zum Teufel!“ zischte Schupp, der das Schauspiel erst jetzt richtig wahrnahm. Er versuchte, sich zu beruhigen. Er durfte keine Schwäche zeigen – nicht jetzt: „Merciless und Relentless – volle Breitseite, auf mein Zeichen. JETZT!“ Gegen das konzentrierte Feuer von vier Kreuzern hatte der tapfere Akarii keine Chance. Dennoch – er hatte Schäden angerichtet, und er hatte die Menschen für kostbare Minuten aufgehalten. Minuten, von denen jede seine Schwesterschiffe um weitere 6.000 Kilometer vom Feind entfernen mochte. Schupp fühlte keinen Triumph. Es war merkwürdig, aber irgendwie schien alles so fern. Die Schäden an der Tiredless, die Schlacht, die Verantwortung, der eigene Schmerz... Im Inneren murmelte er Worte, die er irgendwo einmal gelesen hatte: „He did a good fight. He kept the faith.“ - „Er kämpfte einen guten Kampf. Er blieb seinem Glauben treu.“ Sonderbarerweise empfand er keinen Haß gegen den unbekannten Akarii, dessen Schiff er zum brennenden Wrack geschossen hatte. Nachdenklich lehnte er sich zurück. „Verfolgung aufnehmen. Gegner den Weg abschneiden.“ Er konnte seine eigene Stimme kaum noch verstehen – sonderbar...
Captain Caneira sprang herbei und fing den Stürzenden auf. Behutsam, um den verletzten Arm nicht zu berühren, drückte er Schupps Körper in den Sessel zurück. Seine Stimme klang nüchtern: „Bordtagebuch – Datum Heute, Zeit jetzt. Captain Schupp ausgefallen. Übernehme Flotte. Caneira, Jorge, Captain TSN – Ende.“
Der Verband war dezimiert worden. Ein schwerer Kreuzer hinkte zurück, und kämpfte um sein Leben. Ein leichter Kreuzer hatte Beschußschäden hinnehmen müssen und bildete die rückwärtige Absicherung. Den Flakkreuzer hatten sie abgegeben. Aber immer noch war Schwadron 2.3 wie eine geballte Faust, die auf die Flanke und den Rücken der Akarii zielte. Und Jorge Caneira gedachte das auszunutzen. Während die Mediziner Captain Schupp von der Brücke trugen, gab er bereits die nötigen Befehle. „Station vernichtet. Weg für Sturm auf Graxon frei. Wir nehmen Verfolgung des Gegners auf.“
Die taktischen Anzeigen verrieten es – die Akarii waren auf dem Rückzug. Und es sah so aus, als könne daraus jeden Augenblick eine Flucht werden. Gegen die Übermacht hatten sie keine Chance, auch wenn sie den Menschen einen hohen Preis abforderten. Die Schwadron stieß direkt in diese Absatzbewegung hinein. Und da die Formation der feindlichen Flotte aufgebrochen war, hatten sie leichtes Spiel.
„Raketen – FEUER!“ Caneira stand aufrecht, den Kapitänssessel verschmähend. Dies mochte ein Zeichen von Arroganz sein, als fürchte er kein feindliches Feuer. Oder ein Zeichen des Respekts vor dem Kommandeur der Kampfgruppe. Vielleicht hielt es ihn einfach nicht an einem Ort. Die dunklen Augen des Indios flogen über die Anzeigen und seine Stimme erteilte mit klaren und präzisen Worten die Feuerbefehle. Ob havariertes Kriegsschiff oder Frachter – er ließ den Akarii wenig Möglichkeit zur Flucht. Auf seine Anweisungen hin nahmen immer zwei Kreuzer ein feindlichen Ziel unter Beschuß. Derart konzentrierte Raketenschwärme überlasteten fast jede Abwehr und bedeuteten das sichere Aus. Und es verringerte die Wahrscheinlichkeit, daß der Gegner dazu kam, selber noch das Feuer zu erwidern.
Zugleich drängte die Hauptflotte der Menschen unablässig nach. Zwischen Hammer und Amboß zerbrach die Ordnung bei den Akarii zunehmend. Es gab kaum eine Möglichkeit, den schnellen, weitreichenden Raketen zu entgehen. Panik aber führte fast immer zum Tode.
Dennoch – die Akarii waren keine Anfänger. Die meisten Schiffe schossen weiter, auch als es eigentlich schon sinnlos war. Die schweren Kreuzer der Echsen lehnten es ab, zu kapitulieren. Sie fochten, wurden zerstört oder bahnten sich einen Weg. Das Feuer derjenigen, die nicht mehr fliehen konnten – und das waren die meisten – gab ihren Kameraden Zeit, zermürbte die Menschen.
Die Relentless zerschmetterte einen angeschossenen Yankee-Kreuzer. Drei Zerstörer, zwei davon Havaristen, wurden gleich ihm Opfer der Schwadron. Doch auch für die Menschen ging es nicht ohne Schäden ab. Die bereits im Nahkampf beschädigte Fury erhielt einen Treffer, der sie ihre Bugbatterien kostete. Das Schiff mußte den Kampf abbrechen und sich zurückziehen. Und auch die menschliche Hauptflotte mußte manchen schweren Treffer einstecken. Vor allem aber verloren die Menschen Zeit. Und während dessen zogen die Frachter der Akarii davon. Nur wenige waren dem Beschuß auf extreme Reichweite zum Opfer gefallen. Mit sich nahmen sie die Reste der Jäger – Maschinen, vor allem aber erfahrene Piloten. Männer und Frauen, die wiederkommen würden, um die Rechnung zu begleichen. Und zusammen mit den Frachtern entkam auch manches Großkampfschiff der Akarii. Oft lädiert, auf jeden Fall gedemütigt. Aber auch mit dem Wunsch, diese Schlappe wieder auszuwetzen.
Die Tiredless driftete langsam durch den Raum. Brände wüteten an Bord. Überall kämpften und starben Menschen. Es war ein weitaus weniger spektakulärer Kampf, verglichen mit der Schlacht von Graxon. Doch er hatte nicht weniger Helden, nicht weniger Tragik. Von den 870 Männern und Frauen der Besatzung zählte man später 315 Tote und 127 Verletzte. Eigentlich war die Statistik ungenau, denn von mehr als 200 Toten fand man keine Spur. Doch in stillschweigender Übereinkunft ignorierte man die Vorschrift, Besatzungsmitglieder, deren Tod unklar war, nur als MIA, als vermißt, zu führen. Wozu den Angehörigen noch mehr Kummer bereiten? Was der Weltraum einmal nahm, das gab er niemals wieder her. In dieser Hinsicht war der Sternenozean weitaus grausamer als die unergründliche See.
Ihre Särge würden leer hinaustreiben, zum Salut der Flotte. Man würde sie ehren. Doch niemals würden sie ein Grabmal haben. Sie alle zahlten den Preis für den Sieg bei Graxon II.
Tyr Svenson
17.06.2004, 18:17
„Wir sollen was?“ Darkness Stimme klang etwas ungläubig, aber eindeutig ungehalten. Der Kommunikationsoffizier zuckte nicht einmal mit einer Wimper, als er den Befehl wiederholte: „Sie sollen starten und sich bereithalten, feindliche ASM durch offensives Abfangen vernichten. Gibt es ein Problem damit?“
Darkness schnaubte nur. Er hatte durchaus ein Problem mit diesem Auftrag. Zwar waren seine Leute auch für solche Aufgaben ausgebildet – aber es war gewiß nicht ihr Spezialgebiet. Den modernsten Jäger der TSN als mobile Lenkwaffen-Abwehrkanone zu benutzen hielt er für eine Verschwendung. Vor allem, da seine Leute eben erst gelandet und nach einem mehrstündigen Kampfeinsatz ziemlich geschafft waren. Lieber hätte er ihnen noch etwas Ruhe gegönnt – oder ein sinnvolleres Ziel angegriffen.
Aber Befehl war Befehl und wenn das knappe Dutzend Maschinen vielleicht mithelfen konnten, das Feindfeuer abzuwehren... Ohne die Träger würden sie hier festsitzen. Er wandte sich zu dem überarbeiteten Chef der Flugdeckmannschaften: „O. K. Ich will meine Flieger JETZT vollgetankt und mit Raketen bestückt. Amrams und Sparrow – so viele, wie Sie auf die Schnelle auftreiben können. Phönix und Sidewinder nützen uns nichts. Bewegung!“ Angesichts der direkt bösartigen Miene, die Darkness schnitt, regte sich kein Widerstand.
Die Piloten der Butcher Bears bildeten an einer der Türen, die in den Hangar führten einen lockeren Pulk. Einige zumindest - Brawler hatte ein SAR-Shuttle aufgefischt, er war wohl gerade mit einer zünftigen Unterkühlung in der Medo-Station. Darkness hatte zu tun. Und Monty war ebenfalls unterwegs. Es war ein Rätsel, woher der kleine, unscheinbare Lieutenant seine Energie nahm.
Bei den anderen Piloten herrschte ein Mischmasch aus Hochgefühl und Erschöpfung. Einige der Jüngeren gingen gestikulierend die Raumkämpfe der letzten Stunden durch – La Reine und Crusader, der seine angeschossene Maschine sicher gelandet hatte, stritten sich, wessen Abschuß der „wertvollere“ war.
Kano lehnte erschöpft an der Wand. Er fühlte sich – ausgebrannt. Irgend jemand hatte ihm einen Riegel Flottenschokolade und einen Becher Kaffe in die Hand gedrückt. Als er einen Schluck nahm, riß er die Augen auf und mußte sich Mühe geben, nicht zu husten. Irgendeine mitfühlende Seele hatte einen ordentlichen Schuß Hochprozentigen in den Kaffee geschüttet. Nun wer es war, er verstand sein Handwerk. Schon nach dem zweiten Schluck fühlte sich Kano viel besser.
Einige andere schienen allerdings noch mehr „geistigen Beistand“ zu benötigen. Ohne auf die anderen Piloten zu achten holte Dutch eine flache Metallflasche unter seiner Montur hervor und führte sie an den Mund. Er legte den Kopf zurück und schluckte mit fast krampfhaften Bewegungen des Kehlkopf – als ihn plötzlich eine Hand an der Schulter packte, herumwirbelte – und dann die Metallflasche wegschlug. Es war Monty. Der kleingewachsene XO der Staffel funkelte den hageren Mantikorveteranen verachtungsvoll an. Seine Stimme war leise – Kano verstand nicht, was er sagte. Aber Dutch lief dunkelrot an und salutierte eckig, während Monty herumfuhr und mit durchgedrücktem Rücken davonmarschierte. Dutch sah ihm haßerfüllt hinterher. Aber die Flasche hob er nicht wieder auf.
Die anderen Piloten wandten sich wie auf ein geheimes Kommando ab, um Dutch nicht anzusehen. Man mußte einen Kameraden – selbst wenn es so ein schwieriger Typ wie Dutch war – nicht noch unbedingt demütigen. Kano drehte ihm den Rücken zu und suchte den Hangar mit den Augen ab. Es erleichterte ihn, daß er die Typhoons der Staffel Grün landen sah. Seine alte Staffel hatte wohl auch einige Verluste erlitten. Allerdings schien Lightning gelassen, vermutlich waren die Piloten in Sicherheit. Aber nirgendwo war ein Jäger der Roten Schwadron zu sehen. Die Phantome mußten noch draußen sein. Hoffentlich ging es Kali gut. Es mußte ihr gutgehen. Sie war eine erfahrene Pilotin, hatte mehr Erfahrung als Kano...
„ACHTUNG! BUTCHER BEARS – AN DIE MASCHINEN!! SOFORTSTART!“ Monty’s Stimme hatte einen schneidenden Unterton, riß die Piloten hoch. Irgendein Pilot rammte voll gegen Kano, der sich infolgedessen von oben bis unten mit heißem Kaffe überschüttete. Wenigstens trug er schon den Pilotenanzug! Trotzdem verlor Kano jetzt seine Ausgeglichenheit. Wütend pfefferte er den Plastikbecher gegen die Wand, fluchte fürchterlich auf Japanisch und rannte in Richtung seines Jägers. Eine knappe Minute später war er schon wieder im Raum.
Darkness war zufrieden. Die Deckscrew der Columbia verstand ihr Handwerk. Die Jäger waren in Rekordzeit wieder bestückt und aufgetankt worden. Die beiden Piloten, die mit schwerbeschädigten Maschinen auf der Columbia gelandet waren, waren in zwei der Ersatzmaschinen gestartet. Und jetzt..: „Butcheer Bears – Folgen! Die Dauntless weist uns ein!“
Als die Akariiflotte – oder vielmehr das, was von ihr übrig war – das Feuer eröffnete, stockte selbst Darkness kurz der Atem. Der Radarschirm war regelrecht überflutet von ASM-Signalen. Alle bewegten sich auf die TSN-Flotte zu. Und die Nighthawk sollten diese Flut aufhalten helfen.
Es war ein merkwürdiger Einsatz, den Kano in Erinnerung behielt. Der erste Feindflug war ein chaotisches, hektisches Raumgefecht gewesen, bei dem in jedem Augenblick der Tod durch feindliche Flak, Raketen oder Jäger drohte. Jetzt bestand für die Jäger keine unmittelbare Gefahr – die ASM waren auf größere Ziele ausgerichtet als die Nighthawks. Aber mittelbar bedrohten sie das Leben der Piloten genauso, wie eine Bloodhawk im Zielanflug. Wenn sie die Columbia und die Intrepid trafen, dann würde dieser Einsatz scheitern. Schlimmer noch. Das Leben der Männer und Frauen an Bord der Träger und der anderen Kriegsschiffe hing jetzt an der Geschicklichkeit und Treffsicherheit der Piloten, genauso, als ob die Nighthawks feindliche Bomber abwehren mußten.
Vollschub – Anvisieren – Raketen abschießen. Einsatz der Bordwaffen. Es lief immer nach diesem Muster ab, binnen weniger Sekunden hatten die Jäger ihre Raketen abgefeuert, doch es kamen immer noch mehr Schiff-Schiff-Raketen. Dann hatten die Piloten nur noch ihre Bordgeschütze. Und das bedeutete, ihnen blieb nur wenig mehr als eine Sekunde, um auf die Feuerknöpfe zu drücken. Die Kanonen hatten nur eine begrenzte Reichweite.
Kano wußte nicht, wie viele Raketen er schon anvisiert, beschossen oder zerstört hatte. Er fühlte keine Müdigkeit, vielmehr eine vibrierende Spannung, eine seltsame Mischung aus Konzentration und Euphorie. Sie würden aushalten. Sie würden den Feind abwehren.
Darkness Befehl war eindeutig: „So lange weiterfeuern, wie auch nur ein verdammter Vampir in der Luft ist!“
Und die Butcher Bears befolgten den Befehl aufs Wort.
Dennoch kamen natürlich Raketen durch. Weder die Jäger, noch die Abwehrmittel der Großkampfschiffe konnten dieses massives Bombardement völlig abfangen. Irgendwo hinter den durch das All hetzenden Nighthawks explodierte ein Zerstörer, wurde einem Kreuzer der Rumpf aufgerissen. Sogar die Intrepid kassierte eine ganze Reihe von Einschlägen, die beachtliche Schäden verursachten. Die Antwort der Erdflotte ließ aber nicht lange auf sich warten und war weitaus verheerender.
Am Ende war es ein zu ungleicher Kampf. Mit dem Verlust des Trägers hatten die Akarii einen schweren, entscheidenden Verlust erlitten. Zwar kämpften sie weiter, doch ohne Hoffnung. Die Menschen waren zahlenmäßig überlegen und die Akariis hatten keine Unterstützung durch Jäger mehr. Ihre Schlachtlinien zerfielen. Einige versuchten, sich mit Höchstgeschwindigkeit der Vernichtung zu entziehen oder zu der Station zurückzuweichen. Andere blieben in Formation, kämpften und gingen unter. Es gab kein einheitliches Kommando mehr, nur noch Flucht oder Tod.
Der Sieg der Menschen war teuer erkauft aber unzweifelhaft – der erste Sieg der TSN in diesem Krieg.
Als die Nighthawk zur Landung ansetzten ließ diese Gewißheit Kano die Müdigkeit vergessen. Die Redemption war gerächt worden, die menschlichen Verluste bei Troffen und Jollahran hatten die Akarii blutig bezahlen müssen. Und Kano war fest entschlossen, sie weiter bezahlen zu lassen.
Aber diese Gedanken wurden bedeutungslos, als er einen inzwischen nur zu vertrauten Jäger im Hangar sah. Auch Kali hatte es geschafft. Ein erleichtertes Lächeln erschien auf Kanos Gesicht.
Im Hangar klopften sich die Piloten, Bordschützen und Techs gegenseitig auf die Schultern, ließen die Columbia, die Intrepid, die Admiralität und sich selber hochleben. Die Nighthawkpiloten wurden sofort in dieses Durcheinander integriert.
Darkness warf den Pilotenhelm einem Mitglied der Bodencrew zu. Er jubelte freilich nicht, sondern lächelte nur düster. Diese Runde war an sie gegangen. Aber es würde ein Revanchespiel geben, da war Darkness sicher. Und dann...
„Herhören! In fünfzehn Minuten ist Staffelbesprechung. Schlaft mir bis dahin nicht ein!“
Dann machte er sich auf den Weg, um Cunningham zu suchen.
Cunningham
19.06.2004, 00:00
Die Schlacht war gewonnen. Tatsächlich gewonnen. Punktlandung.
Lucas grinste in sein Cockpit hinein. Die Phantom wurde in Richtung Lift Nr. 1 gezogen.
Einen Moment wusste er nicht, was er als erstes machen sollte: Den Helm abnehmen, die Gurte öffnen oder das Cockpit öffnen.
Schließlich entschied sich der Geschwaderführer dafür erst das Cockpit zu öffnen, um anschließend den Helm abzunehmen.
Er rubbelte sich mit der rechten über die Haare. Schweißtropfen verteilten sich im Cockpit.
Ein Techniker hakte die Leiter neben dem Cockpit der Phantom ein und kam halb hoch: "Gratuliere Sir, denen hab'n Sie's aber gezeigt. Warten Sie, ich nehme Ihren Helm."
Das jungendliche, teilweise noch mit Akne befallene Gesicht strahlte in ehrlicher Freude.
"Danke." Lucas gab ihm seinen Helm und löste die Gurte.
Noch vom Adrenalin der Schlacht aufgeputscht schwang sich Lucas athletisch aus dem Cockpit.
Grinsend kam ihm Mario Atti der Bosun der Columbia entgegen: "Saubere Arbeit Skipper, Saubere Arbeit. Der Captain möchte Sie in der CIC sehen, aber ASAP." Der Bosun wollte sich schon abwenden. "Ach, wir nehmen einen Teil des Intrepid-Geschwaders auf. Die Dauntless hat zwar erstklassige Arbeit geleistet, doch hat die Intrepid die Katapulte eins und zwei verloren."
"Alles klar." Lucas klopfte dem älteren Unteroffizier auf die Schulter und machte sich auf den Weg. Als er das Flugdeck überquerte schüttelte er so vielen Piloten wie nur möglich die Hände, klopfte hier und da auf die Schultern. Wie ein Politiker auf dem Weg zur Bühne. Zum Glück musste er keinen mit Namen ansprechen, da er im Moment weder Gesichter noch Namen einordnen konnte.
Als Lucas die CIC betrat besprachen sich Wulff und Waco gerade mit Long via LaserCom.
"... Brände gelöscht. Die Intrepid hat ca. 200 Mann verloren. Aber Captain Martens hat ausgezeichnete Arbeit geleistet und die Intrepid ist weiterhin einsatzbereit. Zwar nicht mehr vollständig, aber dennoch. Die Starwarriors haben ebenfalls einiges abbekommen. Wir haben Commander Torwald verloren. Ihr Commander Cunningham wird daher das Kommando über die Jägeroperationen führen. Ah, da ist er ja." Long unterbrach kurz, damit Lucas sich zu den anderen gesellen konnte.
"Commander: Sie haben sicherlich gehört, dass ich einen Teil der Warriors auf die Columbia detachiert habe."
"Aye, Sir."
"Wir waren hauptsächlich mit den Jägeroperationen beschäftigt Miles, was ist das genaue Ergebnis?" Bianca Wulff sah recht mitgenommen aus.
"Ein Kreuzer und zwei Zerstörer haben die Akarii aufgegeben und dann gesprengt. Dann sind gut ein Dutzend Zerstörer, sowie drei leichte Kreuzer im Todeskampf draufgegangen. Sieben Großkampfschiffe, hauptsächlich schnelle Zerstörer und Fregatten konnten mit einigen Frachtern entkommen. Ein weiterer Akarii-Zerstörer treibt havariert im All. Ich habe zwei Kreuzern befohlen längsseits zu gehen und ihre Marines entern zu lassen."
Waco räusperte sich: "Und wie geht die Operation weiter?"
"Cunningham: Sorgen Sie dafür, dass möglichst viele Ihrer Leute 12 Stunden Ruhe bekommen. Die Flotte wird sich derweil neu organisieren und formieren. In acht Stunden werde ich eine Gruppe Griphen der Intrepid als Aufklärer ausschicken. Danach werden wir den Angriff aufs Gefängnis im Detail planen und durchführen. Sorgen Sie aber für bewaffneten Raumüberwachung. Acht Jäger aber nur Freiwillige."
"Aye Sir." Cunningham merkte langsam wie der Adrenalinkick nachließ.
"Was ist mit den ausgestiegenen Akarii?" Es war wieder Waco.
"Die SAR-Teams haben die Anweisung zuerst unsere Jungs aufzusammeln. Die haben oberste Priorität."
"Sir, entsprechend Genfer Konvention ..."
"Captain, unsere Jungs haben Priorität, um die Akarii kümmern wir uns, wenn es unsere Kapazitäten erlauben. Ist das klar?"
"Aye, aye Sir." Lucas bekam nicht mit wie Waco sich versteifte.
"In Ordnung, das wär's, weitermachen." Der Wandschirm wurde schwarz.
Waco wandte sich an Cunningham. "Sie haben die Admiral gehört." Schnauzte er.
"Ich würde gerne erst im Lazarett vorbeisehen."
"In Ordnung." Waco machte sich am Kartentisch zu schaffen.
Auf der Krankenstation war mittlerweile die Hölle los.
Sowohl ausgestiegene Piloten wie auch aufgesammelte Großkampfschiffbesatzungen wurden behandelt. Strahlenschäden, Verbrennungen, Erfrierungen, gebrochene Gliedemaßen und vieles mehr war zu behandeln.
Cunningham stolperte über Peter Langenscheid.
"Wow mach Platz Jetjockey." Langenscheid war in seine Arbeit vertieft. "Oh, Sie sind es. Was kann ich für Sie tun?"
"Wie wär's mit einem kurzen Überblick über meine Jungs und Mädels, die Sie hier haben?"
"Bach und Ruben James haben sie kurz reingeschickt und die wurden dann einfach durchgewunken, weil wir noch einiges mehr erwartet haben.
Ansonsten weiß ich von einem Bomberpiloten Lamar Archer, der auf seine OP wartet."
Lucas nickte und hielt sich an einem Stuhl fest.
"Alles in Ordnung?"
"Ich könnte etwas zum wach bleiben gebrauchen, ich muss gleich wieder raus." Der Geschwaderkommandant rieb sich die Augen.
"Ich könnte Ihnen etwas Flash geben."
"Klingt nach ner Disignerdroge." Lucas merkte, wie der Adrenalinschub der Schlacht restlos verschwunden war und sich Müdigkeit und Gliederschmerzen in seinem Körper ausbreiteten.
"Ist auch spezialdisignert, extra Starke Nachwirkungen um eine eventuelle Suchtgefahr zu verringern."
Lucas hörte nicht mehr richtig zu und nickte einfach.
Mit einem leisen Zischen entlud sich das Hypospray in Lucas rechte Handfläche.
"Hm, danke." Lucas rieb sich die Hand.
Der Briefingroom des Geschwaders war zum Bersten gefüllt. Die Männer und Frauen gaben jedoch kein all zu gutes Bild ab. Die meisten lagen eher, als dass sie in ihren Sesseln saßen.
Lucas musste grinsen, er wusste nicht warum.
Darkness McQueen fing ihn ab: "Ich habe kurz mit dem Chefarzt gesprochen und Cartmell wieder auf den Flugplan gesetzt, falls wir wieder Piloten rausschicken müssen."
"Ausgezeichnet Mr. McQueen, weitermachen." Lucas wusste nicht, woher die gute Laune auf einmal kam.
Er klopfte seinem Freund auf die Schulter und ging zum Pult: "Okay, hergehört. Das war exzellente Arbeit da draußen. Wir haben dem Feind das fürchten gelehrt. Aber ich brauche neben Ensign Cartmell noch sechs freiwillige für die vorgeschobene Raumüberwachung."
Cartmell zog die Stirn kraus.
Der erste, der bei der Frage nach freiwilligen die Hand nach oben streckte war Kano Nakakura. Die nächste war Ania „La Reine“ Obasanjo.
Ein weiterer meldete sich, den Lucas nicht erkannte: "Jemison Fletcher, Phantompilot von der Intrepid."
Der nächste der sich meldete war Albert Mubane. Ihm folgte eine Pilotin von der Intrepid.
Kein weiterer.
Lucas suchte nach jemanden, den er mal ausgezeichnet hatte. Wie hieß diese Russin doch gleich? Sein Blick viel auf Lilja. Ja Du!
Nach einem kurzen Augenkontakt hob auch die Russin die Hand.
"Okay, der Rest kann wegtreten, hauen Sie sich in die Kojen. In Zwölf Stunden nehmen wir das eigentliche Ziel. Commander McQueen wird in vier Stunden mit sieben anderen Piloten seiner Wahl die Raumüberwachung übernehmen. Das wär's und das war wirklich exzellente Arbeit."
Cattaneo
21.06.2004, 07:50
Der Krieg, den sie praktisch vom ersten Tag an mitgemacht hatte, war für Lieutenant Commander Diane Parker äußerst lehrreich gewesen, auch wenn sie auf viele der Lektionen gewiß keinen Wert gelegt hatte. Vieles hätte sie am liebsten wieder vergessen, doch war sie Realistin genug, um diesen Fehler nicht zu machen. Zu den Dingen, die sie gelernt hatte, gehörten auch gewisser schauspielerische Fähigkeiten. So etwas war ja für eine Frau, die Karriere im Militär machen wollte, ohnehin von Nutzen. Etwa, wenn man den Vorgesetzten nicht wissen lassen wollte, daß man ihn für einen Vollidioten hielt. Freilich mangelte es Lightning in dieser Hinsicht noch an Perfektion. In jedem Fall verstand sie es aber, ihren Untergebenen etwas vorzumachen. Vor allem, wenn die sich im Grunde betrügen lassen wollten. Wie etwa gerade jetzt. Sie verzichtete normalerweise darauf, was ja auch einer der Gründe für ihre Probleme mit Commander Cunningham war, doch manchmal war es einfach nötig.
Die müden, besorgten Gesichter ihrer Untergebenen hellten sich doch etwas auf, als die Staffelchefin geschmeidig aus dem Cockpit kletterte, und geradezu eine Aura siegesgewissen Optimismus verströmte. Imp, die in dieser Hinsicht immer eine willige Komplizin war, grinste sogar breit. Mit einem schnellen Rundblick überzeugte sich Lightning, daß keiner der anwesenden Piloten einen allzu niedergeschlagenen Eindruck machte. Das war auch der Kern des Problems – sie waren keineswegs vollzählig. Stormrider war ziemlich zum Anfang des Gefechtes bei einem Blitzangriff von einem Reaper abgeschossen worden. Liljas Sektion hatte Harpy verloren. Ganz zum Schluß, als der feindliche Träger schon zusammengeschossen war, hatte ihn ein Zerstörer erwischt. Auf Maximalreichweite hatte eine Rakete getroffen, und den geschwächten Schilden den Rest gegeben. Und der Jäger von Marine war im Nahkampf zusammengeschossen worden. Die Maschine war zwar noch geflogen, hatte aber auf das Steuer extrem störrisch und schwerfällig reagiert. Blackhawk ihr befohlen hatte, in der Nähe der Columbia auszusteigen. Besser eine Maschine zu verlieren, als daß sie vielleicht bei der Landung Mist baute und möglicherweise einen anderen Heimkehrer rammte. An den Landeplätzen herrschte stets starkes Gedränge.
Alle drei Piloten lebten anscheinend, zumindest hatte alles danach ausgesehen, und würden vermutlich geborgen werden. Aber da blieb immer ein großes Fragezeichen. Der Notsender konnte versagen – davor hatten die Piloten fast mehr Angst als vor einem Loch im Anzug. Dahinzutreiben, hilflos, stumm, während die eigenen Leute vielleicht gerade in der „Nähe“ suchten...
Und natürlich konnten Splitter den Anzug beschädigen, der Sauerstofftank oder das Heizaggregat ausfallen. Gefahren gab es immer, und dazu kamen natürlich noch ein Risiko, über das selten gesprochen wurde, das aber in den Köpfen herumspukte. Auf beiden Seiten gab es Piloten, die nicht allein funktionsfähige Jagdmaschinen als legitimes Ziel sahen. Lightning wollte um jeden Preis verhindern, daß sich ihre Leute zuviel Sorgen machten.
Lightnings Stimme klang so munter wie sie aussah, und sich nicht fühlte: „Also, Soldaten – das war gute Arbeit. Die Sektionskommandeure haben mir die Erfolge gemeldet. Wir müssen natürlich die Bestätigungen abwarten, aber ich glaube, wir können jetzt schon davon ausgehen, daß wir es den verdammten Echsen gezeigt haben! Da werden wir mal wieder die Techniker löchern müssen, damit sie etwas Farbe herausrücken.“
Ihre Piloten grinsten einander zu. Siegreichen Piloten – es gab kaum etwas, was schneller die Runde machte als die neuen „kill score”. Solche Töne kamen natürlich immer gut an. Ein Verhältnis von vielleicht drei zu zwei oder zwei zu eins zugunsten der Menschen war keine Selbstverständlichkeit in diesem Krieg. Und wenn man den Tod des feindlichen Trägers hinzu nahm, dann gab es genug Grund, stolz zu sein. Lightning hielt wenig davon, ihre Untergebenen wegen Verlusten „anzuscheißen“. Zumindest, so lange keine Unterlassungssünden festzustellen waren. Dafür war später immer noch Zeit. Und in einem Kampf wie diesem mußte man gar nicht „Schuld“ haben, um abgeschossen zu werden. Es waren genug Gegner unterwegs, genug Raketen wurden abgefeuert, daß einige zwangsläufig ihr Ziel trafen. Am liebsten hätte die Kommandeurin ihren Leuten noch ein paar lobende und beruhigende Worte betreffs ihrer Kameraden gesagt, und die Staffel dann schlafen geschickt. Brauchen konnten ihre Piloten das bestimmt. Aber das war leider nicht möglich. So mußte sie sich mit einer im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Versicherung begnügen, es ginge allen gut und sie würden bald geborgen. Dabei half ihr, daß Marine offenbar schon wieder an Bord geholt worden war. So nah am Träger war es ein leichtes, sie einzusammeln, zumal sie kontrolliert ausgestiegen war. Vermutlich schwankte ihre Stimmung zwischen Scham, Wut und Enttäuschung. Ihr erster Kampf – und sie wurde prompt abgeschossen. Nun, Lightning legte sich in Gedanken schon eine passende Rede zurecht, die zwar ermahnend, aber nicht vernichtend wirken sollte. Sie gab rasch die nötigen Befehle, damit die Jagdflieger wieder kampfbereit gemacht wurden – und die Ersatzmaschinen auch. Das war zum Gutteil ebenfalls ein psychologischer Schachzug, mit dem sie zeigen wollte, wie fest sie von der Rettung ihrer Piloten überzeugt war.
Die Kommandeurin führte ihre „wackere Schar“ – momentan sah sie freilich eher nach einer „wracken Schar“ aus – zum Briefingraum. Auch die anderen Piloten des Geschwaders waren anscheinend auf dem Weg dorthin. Und dazu viele Fremde. Der Umstand, daß die Intrepid Probleme hatte, war längst herumgegangen. Das dämpfte die Freude der Piloten, diese typische Mischung aus „noch einmal davongekommen“ und „denen haben wir aber den Arsch aufgerissen“ etwas. Eine ganze Anzahl „Unentwegter“ waren aber natürlich dennoch dabei, Lautstark und mittels Handbewegungen die von ihnen bestandenen Kämpfe zu beschreiben. Andere unterhielten sich darüber, was für einen tollen Anblick die Akariischiffe doch geboten hatten, als sie in die Luft flogen. Irgendwelche tiefschürfenden Gedanken, daß dort drüber ja auch nur lebende, denkende, fühlende Wesen waren, die „nur“ ihre Pflicht taten, äußerste keiner. Zumindest nicht laut und in der Öffentlichkeit. Aber selbst Lightning, die wirklich nicht sehr blutrünstig war, kam gar nicht auf solche Ideen. Sie flachste eher mit ihren Kameraden und äußerste sowohl Lob als auch spöttische Kritik, wie einer von ihnen. Nur zur Hälfte war dies gespielt. Auch sie fühlte sich aufgekratzt, empfand das Glück, noch einmal dem Tod von der Sense gesprungen zu sein, und dabei tüchtig ausgeteilt zu haben. Drei Abschüsse, die Hälfte der gesamten Staffelausbeute, ging auf das Konto ihrer Rotte.
Im Briefingraum ließ sie sich wie die anderen auf einen Stuhl fallen. Sie registrierte, daß Lilja immer wieder den Bordfunk kontaktierte, und nervös rauchte. Ihre XO nahm ihre Pflichten sehr ernst.
Als Commander Cunningham den Raum betrat, fühlte Lightning einmal mehr die alte Antipathie. Diesmal, weil sich Lone Wolf offenbar als blendender Sieger präsentierte. Sie dachte nicht daran, daß es bei ihm vielleicht auch nur psychologisches Theater war. ,Dieser Kerl würde wohl grinsend hereinspazieren, wenn gerade seine Mutter abgekratzt ist, wenn es nur seiner Karriere gut tut. Man stelle sich mal vor, Lone Wolf als Admiral...‘
Sie hob nicht die Hand, als Cunningham nach Freiwilligen fragte. Nicht, daß sie einen Einsatz scheute. Aber sie hatte hier an Bord genug zu tun, und außerdem quälte sie die nach außen durch Optimismus überspielte Angst um ihre beiden noch vermißten Untergebenen. Beinahe hätte sie etwas gesagt, als der Commander ihre XO anschaute – und diese gehorsam die Hand hob, wie könnte es auch anders sein... Aber sie tat es nicht. Einerseits, weil sie Lone Wolfs Drohung durchaus ernst nahm. Und außerdem, Lilja würde es nicht verstehen. Die Russin würde Lightnings Sorge um die abgekämpfte Untergebene vielleicht als Zeichen nehmen, daß die Staffelchefin ihr nicht voll vertraute. Also entließ sie ihre Piloten, die der Russin ermunternd auf den Rücken klopften. Das Lilja darauf kaum reagierte – vor allem nicht so abweisend, wie sie es wohl sonst getan hätte – zeigte besonders deutlich, wie müde sie war. Mit grauem Gesicht marschierte die XO, bemüht aufrecht und zackig, in Richtung Hangar. Lightning schloß auf. „Alles in Ordnung?“ fragte sie, wobei einen zu besorgten Tonfall vermied. Der Seitenblick Liljas zeigte ihr, daß sie gut daran getan hatte – die Russin wirkte so schon unsicher. Sie setzte zu einer Antwort an, vermutlich eine ihrer typischen Paradefloskeln, die sie direkt aus ihren alten Kriegsfilmen importiert zu haben schien. Doch dann überlegte sie es sich anders: „Wie es geht. Bißchen müde schon. Aber es wird klappen. Erstens habe ich Erfahrung, und zweitens gibt es Mittel.“ Lightning unterdrückte ein Seufzen. Nun, mehr war nicht zu erwarten. Und bei einem sturen Untergebenen, und da war Lilja gewissermaßen ein Härtefall, wenn auch ein eher positiver, blieb ihr kaum eine andere Wahl. Sie konnte der Russin ja nicht befehlen, sich auszuruhen. Also beließ sie es bei einem lapidaren, leicht spöttischen: „Aber pass auf da draußen! Kälte ist gut zum Wachbleiben, aber einen Weltraumspaziergang würde ich dennoch nicht empfehlen.“ Die Russin grinste nervös zurück – vermutlich wollte sie sich ihre Müdigkeit nicht anmerken lassen.
Am Jäger angekommen, kletterte Lilja gewandt ins Cockpit. Zweifelsohne eine Vorstellung, die für dir Augen ihrer Vorgesetzten bestimmt war. Ob angekommen, holte sie einige Tabletten aus einem kleinen Fach – offenbar hatte sie dergleichen immer dabei. Dann machte sie sich an Elektronik zu schaffen. Ihr Jäger war noch nicht startklar, er wurde erst aufgetankt. Dann würde man Raketen anbringen. Lightning hätte sich am liebsten hingehauen, aber sie schuldete es Lilja, bis zu deren Start aufzubleiben – und den Vermißten, auf ihre Bergung zu warten. Und das würde sie auch tun, und zur Hölle mit Cunningham! Die Britin beobachtete müßig, wie Lilja hantierte. Was machte die denn bloß?
„Was soll denn das werden, wenn es fertig ist? Eine elektronischer Wecker, der alle fünf Minuten anspringt?“ Lilja blickte auf. Sie wirkte ein wenig „ertappt“ – vermutlich hatte sie kaum wahrgenommen, daß ihre Vorgesetzte gewartet hatte. Sie schien geradezu verlegen: „Ach... nur etwas an der Kanonenkamera. Ich wechsle die Aufnahmedisk aus. Ich habe vorhin schon ein paar Aufnahmen gemacht und will mir draußen noch einige holen, wenn ich schon fliege.“ „Was denn, noch nicht genug Andenken?“
Die Russin lächelte: „Ist nicht für mich – für ein paar Freunde.“ Lightning lachte schallend: „Wenn du dich um deine eigenen Kinder mal so kümmern wirst, wie um deine ,Freunde‘, dann bekommst du noch einen Orden für vorbildliche Mutternschaft!“ Lilja lief rot an, offenbar hatte ihre Vorgesetzte richtig geraten.
„Nun – warum nicht? Sehen sie eben mehr als nur die Wochenschauen, und es ist echt!“ Die Kommandeurin winkte ab: „Meinen Segen hast du – aber sieh dich vor, daß dir keiner wegen Weitergabe von Geheimmaterial an den Wagen fährt.“ Die Russin wirkte aufrichtig dankbar. Wie leicht so etwas manchmal zu erreichen war.
Zehn Minuten später wurde der Jäger ins All katapultiert. Er wirkte einsatzbereit wie immer. Lightning hoffte nur, daß dies für die Pilotin auch galt. Sie mußte ein gewaltiges Gähnen unterdrücken. Selber fühlte sie sich hundemüde, so als würde sie mit ihrem Jäger auch auf freier Bahn den Kurs verfehlen. Sie stapfte zu einem Kommunikationsterminal. „Hier Lieutenant Commander Parker. Sind...“ Die Stimme ihres Gegenübers klang reichlich genervt, und so müde wie sie sich fühlte: „Jaja, wir haben Ihre Leute, und es geht ihnen gut. Sind Sie jetzt zufrieden?“ Abrupt verstummte der Sprecher. Er hatte wohl für einen Augenblick die Beherrschung verloren – und vergessen, mit wem er gerade sprach. Aber Lighting war angesichts der ihr nun zustehenden Ruhepause überaus gnädig gestimmt: „In Ordnung. Die Krankenstation soll sie überprüfen. Verstanden?“ Dann machte sie sich auf den Weg. Ein paar Stunden herrlichen Schlafes warteten – dann begann die Arbeit vom neuen, angefangen mit dem unvermeidlichen Schreibkram wegen den eigenen Verlusten. Und ein paar Gespräche. Und... Aber das war ihr im Augenblick egal. Diesmal nicht. Diesmal würde sie keinen Brief schreiben müssen, voller wohlklingender, teilweise auch ernstgemeinten – aber so unzureichenden - Phrasen, um Eltern, Ehepartnern oder gar Kindern den Tod ihres Angehörigen mitteilen zu müssen. Diesmal nicht...
Tyr Svenson
22.06.2004, 12:14
Während im Graxon-System die größte Raumschlacht seit Mantikor tobte, gab es dennoch an Bord der Columbia Männer und Frauen, deren einzige Aufgabe das Abwarten war. Die Mannschaftsmitglieder und die technischen Dienste hatten ihre speziellen Aufgaben. Aber die Marines waren in einer Raumschlacht so nutzlos, wie eine Schwarzpulverkanone. Enterunternehmen waren diesmal nicht geplant – und so lange der Kampf im Weltall tobte, waren sie sowieso viel zu riskant und zeitaufwendig. Und nur Rekruten frisch aus dem ‚Bootcamp‘ rechneten mit dem Risiko, daß die Columbia selber geentert würde.
Aber Vorschrift war Vorschrift – und die besagte, daß die Marines in voller Gefechtsmontur in den Bereitsschaftsräumen warteten – bis der Einsatzbefehl kam, oder sie im Falle einer Havarie als Hilfstruppe angefordert würden.
Die Mannschaftsräume der Marines unterschieden sich grundsätzlich von denen der Piloten. Sie waren wesentlich spartanischer und kleiner. Die Marinesoldaten von Schiermers Platoon bildeten einen Kreis um den Master Sergeant. Auch wenn die Marines das Bild des furchtlosen, zum Töten gedrillten Kämpfers kultivierten, das endlose Abwarten in Unwissenheit über den Verlauf der Schlacht, die Machtlosigkeit, die Erkenntnis, wehrlos vom Können und Glück anderer Kräfte abhängig zu sein, war eine Belastung. Vermutlich war das einer der Gründe, warum sich Schiermer von einer Seite zeigte, die die jungen Männer und Frauen bisher selten an ihm gesehen hatten. Wie andere Soldaten hatte er, die Dienstvorschrift ignorierend, den Helm abgesetzt und saß, scheinbar völlig entspannt, auf dem Boden. Seine Augen hatte er halb geschlossen, das Sturmgewehr lag lässig über seinen Oberschenkeln. Von Zeit zu Zeit warf er kurz etwas in eines der Gespräche ein, die rings um ihn halblaut geführt wurden. Dabei aber war seine Stimme erstaunlich ruhig – nicht gerade kameradschaftlich, aber ohne den schneidenden oder schleifenden Unterton, den seine Untergebenen kannten und fürchteten. Dieses lockere Gebaren des Chefs beruhigte die Leute unwillkürlich, lenkte sie etwas von der Anspannung ab – was Schiermer natürlich beabsichtigte. Er war kein Platoonführer, der auf Harmonie Wert legte – aber sinnloser Druck brachte nichts.
„...wart‘s ab, Howard. Warum müßt ihr Jungfüchse nur so abschußgeil sein? Bloß weil ihr an Bord keine Nutte flachlegen könnt, müßt ihr das doch nicht an den Akarii kompensieren, ihr Grünschnäbel. Du kommst schon noch zum Schuß!" Diese spöttischen Worte begleitete Schiermer mit einer ziemlich obszönen Geste, die von den meisten Soldaten mit wiehernden Lachen honoriert wurde.
Howard konnte das nicht gänzlich auf sich sitzen lassen: „Klar, Sie haben mehr Kampferfahrung. Aber wir wollen auch mal `n Bronzestar.“
Schiermer fixierte den Marine mit einem leicht zynischen Grinsen: „Auf den Bronzestar bist du scharf? Du hast ja gar keine Ahnung...“
Jetzt schaltete sich Porks ein. Der untersetzte Corporal schien ebenso lässig wie der Sergeant: „Warum erzählen Sie mal nicht, Sarge, wie Sie ihr erstes Blech bekamen.“
Schiermer drehte sich um: „Tja, wieso nicht. Das war auf...“ Er stockte kurz: „Wißt ihr Grünschnäbel eigentlich, wie die Scheiße auf Pandora begann?“
Eine der Soldatinnen zuckte mit den Schultern: „Was ist mit Pandora?“
Porks lachte jäh auf, während Schiermer sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlug: „Ihr seid ja noch nicht trocken hinten den Ohren. Na schön, also ganz von Anfang an...“ Die Soldaten rückten näher. Es war absolut ungewöhnlich, daß der Sergeant aus eigenem Antrieb irgend etwas aus seiner Vergangenheit erzählte.
Der Sergeant erzählt
„Pandora ist ein Drecksloch, ganz nah an unserer Grenze zur heutigen Konföderation. Als es 2320 besiedelt wurde, gab es eigentlich dafür nur einen Grund – der Planet hatte ein ziemlich erdähnliches Klima. Aber es schien dort weder besonders viele Bodenschätze zu geben, noch sonst irgend etwas von großem Wert. Bis 2400 krähte kein Hahn nach Pandora. Man lud massenhaft „Freiwillige“ auf dem Planet ab, ihr wißt schon, als sie die Slums auf der Erde auskämmten, überließ die aber weitestgehend sich selbst. Doch dann kam die Separation der Colonial Confederation. Auf Pandora ging es ganz knapp ab – aber der Planet blieb in der Republik.
Es stellte sich bald heraus, daß die Sache etwas zu knapp für manche abgegangen war. Irgend so ein paar Idioten faselten von Wahlbetrug. Tja, die damalige Verwaltung reagierte etwas ungeschickt. Man wollte wohl keine Weichheiten zeigen. Also setzten sie die Nationalgarde ein. Als der Rauch sich legte, hatte es ein paar hundert Tote gegeben. Und das war der Anfang. Das wurde nicht vergessen.
Pandora wurde jetzt viel wichtiger, als man je gedacht hatte. Dicht an der Grenze zur Konföderation gelegen, stationierte man dort Truppen und baute ein Reparaturdock im Orbit. Die Landwirtschaft wurde wichtiger für die Versorgung der Garnisonsplaneten an der neuen Grenze. Und da die Republik einen ganzen Haufen von Planeten verloren hatte, begann man, die verbliebenen etwas effizienter zu nutzen. Auf Pandora entdeckte man Bodenschätze – strategische Metalle, spaltbares Material und Coltan zum Beispiel. Also begann der forcierte Abbau, `nen richtiger Goldrausch. Die Bevölkerung explodierte und ein Haufen Aasgeier verdiente sich goldene Nasen. Tja und das stieß immer mehr von den „Ureinwohnern“ sauer auf. Und dazu kamen Probleme mit den Bergarbeitern. Ich weiß nicht genau, was da lief, bin nicht beim NIC, aber es wurde wohl viel bei den Lizenzen geschoben und beim Arbeitsschutz und Lohn abgezogen... Jeder gehirnamputierte Schwachkopf hätte merken müssen, daß sich was zusammenbraute. Aber so lang das Geschäft lief, kümmerte es keinen. Die planeteare Verwaltung verdiente wacker mit – und auch die Offiziere der Garnisionstruppen.
Außerdem heißt es, daß irgend jemand aus der Konföderation eifrig mitzündelte. Weiß nicht, ob das stimmt. Bestimmt nicht die Regierung. Aber das läßt noch genug übrig...
Vor dreißig Jahren ging es richtig los. Die ganze Scheiße fing mit einem Bergarbeiterstreit an. Irgend so ein bescheuerter Idiot rief Soldaten zur Hilfe. Ihr kennt das Lied. Als hätte man in `nem Minenfeld getanzt...
Nun sah man schon damals mehr auf die Akariis, als auf den eigenen Hinterhof. Also ließ man die Sache eine ganze Weile schleifen. Die Minenkonsortien und Regionalverwaltungen hatten ziemlich freie Hand – und die meisten verbockten es.
Als dann die ersten Geschichten von „Vernichtungskompanien“ und „Befriedungseinsätzen“ im Hinterland an die republikanische Presse gingen, war das Geschrei groß. Eine Untersuchungskommission wurde gebildet und ein paar Leute geschasst, die zuviel Dreck am Stecken hatten.
Aber die Untersuchung verlief im Sand – die Scheiße reichte zu weit nach Oben, nehme ich mal an. Außerdem wollte die Zentrale vor allem ungestörte Rohstofflieferungen. Der Kalte Krieg mit den Echsen war in vollem Gang... Mit ein paar politischen Organisationen schloß man Abkommen, ein paar Banden gaben ihre Waffen ab.
Aber es kam nie so ganz zur Ruhe. Während die Mienen gesichert wurden, breitete sich die Guerilla im Hinterland aus. Vor etwa zwanzig Jahren wurde dann klar, daß die planetaren Streitkräfte nicht reichten – tatsächlich bezogen die Guerillas von dort einen Gutteil ihrer Waffen. Also setzte man Einheiten des Marinekorps und der Army ein. Zuerst nur ein paar kleinere Verbände – aber das weitete sich aus.
Als ich vor zwölf Jahren mit `nem zum Truppentransporter umgebauten Frachter nach Pandora verlagert wurde, war inzwischen ein ausgewachsener Krieg im Gange. Marinekorps, Army, planeteare Kräfte – und seit einem Jahr auch die Fremdenlegion. Zu allem Überfluß heuerten die Minenkonsortien auch noch „Sicherheitskräfte“ an – Söldner. Typen, die sie bei der Legion als zu durchgeknallt rausgeschmissen hatten. Und daneben hatten einige der Konzerne aber auch angefangen, Schutzgelder an die Guerilla zu bezahlen, damit ihre Geschäfte nicht gestört wurden...
Pandora besteht aus mehreren Kontinenten. Die beiden im Norden – Alpha und Beta – sind relativ klein. Überwiegend gemäßigtes Klima – hier konzentrieren sich 80% der Landwirtschaft. Dazu kommt ein ganzer Haufen von Bergwerken. Die Guerilla war hier nie besonders stark – kein so gutes Gelände. Ein paar Banden in den Gebirgen – aber die „Kampfzone“ sind die Mienensiedlungen. Auch wenn den Bergleuten die national-konföderativen Töne der Guerilla am Arsch vorbeigehen, sie haben genug Gründe mitzumachen.
Gamma ist ein verschissenes Archipel – aber auf einer Fläche, die größer als Europa ist. Die größte Insel hat die Fläche von England. Überwiegend tropisches und subtropisches Klima. HIER sind die größten Bodenschätze zu finden. Daneben noch etwas Landwirtschaft, `ne ziemlich intensive Fischereiwirtschaft und Holzindustrie – für den planetearen Bedarf und den Export. Dazu kommt eine Fauna und Flora, die nach dem Motto giftig und aggressiv funktioniert. Vögel und Säugetiere gibt es nicht – dafür aber alles, was an fleischfressenden Reptilien und giftigen Insekten möglich ist. Die größten Fleischfresser sind die Gila-Warane – schlimmer als `ne Claymormine. Bis zu fünf Meter, auf kurze Entfernungen schneller als jeder Mensch und auch noch giftig. Die gibt’s übrigens auch im Meer.
Ich glaube, als die ersten Schiffe landeten war es auf dem Archipel – daher hat der Planet auch seinen Namen. Und in DER Ecke fanden neun von zehn Gefechten statt. Und finden immer noch. Tja damals – ich war fast genauso grün, wie ihr Jungspunde. Die Grundausbildung und Garnisionsdienst an der Grenze zur Konföderation - aber noch kein richtiger Kampfeinsatz. Konnte vielleicht eine Schützen- von einer Panzermine unterscheiden, aber hatte noch nicht EINEN scharfen Schuß abgegeben...“
Jean hatte Mühe, sich einen jüngeren, unsichereren und wohl auch unschuldigeren Clas Schiermer vorzustellen. Die Aura eiskalter Präzision und zynischer Skrupellosigkeit, die der Veteran auszustrahlen schien, machte es nicht einfacher. Im Gegensatz zu den meisten anderen Marines kam sie nicht aus den unteren Schichten der Gesellschaft und hatte schon einiges über Pandora gehört. Was Schiermer erzählte war ihr nicht völlig neu. Der Sergeant war ziemlich gut informiert, auch wenn seine Sicht manchmal etwas sehr gefühllos-simpel war. Einiges aber hörte Jean zum ersten Mal.
„Das erste halbe Jahr schob ich Dienst in einer verschissenen Garnisonssiedlung. Damals lief wohl so `ne Art Deeskalationsstrategie – jedenfalls rückte meine Einheit nicht aus, wir blieben im Süden von Alpha stationiert. Das maximalste war, daß man uns loshetzte, wenn es mal `ne Demonstration gab. Dann hockten wir in einer Seitenstraße in den MTW‘s und warteten, daß es Ärger gab. Die paar Mal, die ich dabei war, blieb aber alles friedlich. Das exotischste, was wir zu Sehen bekamen, waren die Krankheiten, die sich einige bei irgendwelchen Nutten aufgabelten. Und Verwundete gab’s nur, wenn die Freigänger vom Korps, der Army und der Legion mal aneinander gerieten. Ich Idiot konnte natürlich damals nicht richtig würdigen, was für einen netten Druckposten ich da hatte – also versuchte ich, in die Kampfzone zu kommen.
Um diese Zeit fand mal wieder ein Wechsel an der Spitze statt. Gouverneur Strater verschwand von der Bildfläche. Er stolperte über irgendeinen Dreck der im Hinterland abging – irgendwas mit Waffenschmuggel. Der Planet verschleißt Gouverneure im Jahrestakt, einer wurde sogar ermordet und einer wanderte hinter Gitter.
Der Neue war diesmal General a. D. Wessley Mitchell. Ein richtiger Stahlbeißer. Damit war die „Deeskalationsstrategie“ gelaufen – und ich Idiot bekam meinen Fronteinsatz. Auf Gamma gab es Gebiete, die schon seit Jahren nicht mehr unter Kontrolle der Regierung waren – sieht man mal davon ab, daß gelegentlich ein paar Flieger hingeschickt wurden und wegbombten, was verdächtig schien. Nun, Mitchell, ein echter Armyhengst, setzte nicht auf Suchen-und-Vernichten, sondern Halten-und-Sichern. Und er bot so ziemlich alles auf – Armeeinheiten, Marinekorps, Fremdenlegion und planeteare Truppen, Artillerie, Luftwaffe, Marineverbände. Allein auf Scylla, der Hauptinsel von Gamma, sollte an zwei Dutzend Stellen Luft- und Seelandungen anrollen.
Ich gehörte zu einem Sturmbattaillon, das eine der Küstensiedlungen sichern sollte. Angeblich floß über diesen Punkt ein Teil des Nachschubs für die Dschungelguerilla. Was weiß ich. Der Angriff umfaßte ein Dutzend Sturmfähren und Atmosphärenjäger.“
In Schiermers Gesicht arbeitete es. Er sah seine Zuhörer nicht an, schien völlig gefangen in der Erinnerung:
„So etwas habt ihr noch nicht gesehen. Das Ufer und die See brannten, nachdem die Jäger mit Sprengbomben und Napalm angegriffen hatten. Die Luft schmeckte nach Rauch und Vernichtung, als wir aus den Transportern sprangen. Über uns heulten Triebwerke der Transporter und Jäger. Wir bildeten eine Sturmlinie und rückten vor. Überall Feuer. Das war das erste Mal, daß ich Leichen sah – wohl eine Flakstellung, die voll einen Napalmkanister abbekommen hatte. Die Kadaver waren total verbrannt. Es stank nach verschmorten Fleisch...
Dann bekamen wir Schützenfeuer. Ein, zwei Marines kippten um, wir schmissen uns in den Dreck. Ein Schnellfeuerlaser gab Deckungsfeuer und der Sarge befahl Sturm. Eine Granate – von den Guerillas blieb nur noch Hackfleisch. Es hieß immer „Schneller, Schneller!“, sie wollten wohl nicht, daß jemand uns davonkam.
Zivilisten hab ich keine lebenden gesehen. Hatten sich wohl alle verkrochen oder waren geflohen.
Die ganze Sache war ein Schlag ins Wasser – irgendwie hatten diese Hunde mitbekommen, was wir planten. Wir killten vielleicht zwei Dutzend Guerillas. Das war alles. Das war der „große Befreiungsschlag“ von Mitchell...“
„Und Ihr Orden?“ Privat Juan hakte nach – als einer der „Alten“ konnte er sich das auch erlauben.
„Mein Orden? Ach ja. War eigentlich mehr ein Zufall. Nachdem die Ballerei vorbei war – nicht daß es lange gedauert hätte – mußten wir das Drecksnest ja auch noch durchsuchen. Sie schickten uns in kleinen Teams los. Tja, als wir bei einer Baracke ankamen, glaubte ich, ich hätte was gehört. War sicher nur `ne Ratte – aber damals war ich noch feucht hinter den Ohren. Also pfefferte ich eine Sprenggranate in den Raum. Dann rein – die Waffe im Anschlag – und ich rausche wie ein geölter Blitz durch den Fußboden in ein verschissenes Loch. Die Guerilla hatte da einen Bunker getarnt. War allerdings nicht viel übrig – ein paar Waffen, Karten, bißchen Propagandamaterial. Aber es war ein Erfolg – und den konnte man damals für den Abschlußbericht gebrauchen. Also wurde aus dem Loch ein ausgehobener Kommandobunker und ich bekam den Bronce Star. Etwas desillusionierend nicht?“
Die meisten Soldaten mochten ihm da wohl zustimmend.
„Und ihr nächster Orden?“ das war Howard. Gerade WEIL Schiermer den hochgewachsenen Marines ganz besonders zu schleifen schien, gab sich Howard manchmal etwas vorlaut.
Schiermer blickte auf. In seine Stimme kehrte aus irgendwelchen Gründen der altvertraute, gefürchtete schleifende Ton zurück: „Wir haben noch nicht zusammen im Schützenloch gehockt, oder Private?!“
„Nein, Sarge.“
„Na also.“ Und das war alles, was Schiermer dazu sagte.
Jean Davis fiel auf, daß Juan, der andere Scharfschütze des Platoons, wissend grinste. Sie wandte sich zu ihm: „Was gibt’s da so zu grinsen?!“
„Howard ist mal wieder voll auf eine Mine getreten. Der Alte redet nicht gerne davon. Porks weiß da mehr, er sagte mal, sein zweites Blech hat Schiermer ein paar Jahre später bekommen. An der R.C. 3.“
„R. C. 3?“
„Der Kolonialtrasse 3. Einer Magnetbahn. Pork sagt, auf Pandora nannten sie die Strecke ‚die beunruhigende Trasse‘.“
„Komischer Name.“
Beide zuckten zusammen, als hinter ihnen Schiermers Stimme ertönte: „Später bekam die Trasse einen anderen Namen...“ Juan und Jean Davis drehten sich um. Der Sergeant starrte Juan düster an, er überlegte sich wohl, was die passende Strafe für schwatzhafte Untergebene war. Ein unangenehmes Licht schien in seinen Augen zu brennen, die mit einmal wieder abwesend blickten. Mit tonloser Stimme sprach Schiermer weiter: „...später hieß sie nur noch tombeau de 2d B. E. . Das Grabmal des Zweiten Bataillon der Fremdenlegion.“
Cunningham
26.06.2004, 14:07
Nachdem Lucas vier Stunden im Raum patroliert und etliche Male die SAR-Shuttles eingewiesen hatte landete er mit zitternden Händen seinen Jäger wieder auf der Columbia. Müde übergab er den Helm an einen der Techniker. Die Aufputschmittel ließen jetzt merklich nach.
Als Darkness ihm noch etwas melden wollte wunk er ab und stapfte vom Flugdeck.
In sein Quartier wankte er nur noch. Mühsam entledigte er sich seines Fluganzuges und viel ins Bett. Kaum, dass sein Kopf das Kissen berührte war er weg.
Der Adrenalinspiegel schoss schlagartig in die Höhe. Ebenso stieg in ihm die Angst zu ertrinken auf. Lucas schoss kerzengerade in die Höhe und hätte sich beinahe seinen Kopf an dem Regal über seinem Bett gestoßen.
Vor ihm stand Radio mit Cunningham's leeren Zahnputzbecher in der Hand.
Der Geschwaderkommandant atmete zweimal durch: "Sind Sie nicht ganz dicht? Mir kaltes Wasser ins Gesicht zu kippen?"
"Ich kann das nächste mal auch gerne heißen Kaffee nehmen, wenn Ihnen das lieber ist." Der XO der roten Schwadron drehte sich um und brachte den Zahnputzbecher in das Badezimmer zurück.
Langsam richtete Lucas sich auf. Innerhalb von Sekunden breiteten sich unerträgliche Kopfschmerzen in seinem Schädel aus. Er musste sich kurz am Regal über seinem Bett festhalten.
"Alles in Ordnung?" Er fand, dass Radio für diese Art von Frage viel zu wenig besorgt klang.
"Ja, geht schon." Verfluchtes Flash, wie konntest Du Dir das Zeug nur verabreichen lassen, verfluchter Langenscheid. Während er sich trockene Unterwäsche und eine frische Dienstuniform anzog erwog er kurz sich auf der Krankenstation irgendwas gegen die Kopfschmerzen geben zu lassen. Auf Langenscheids 'Ich hab's ja gleich gesagt' kann ich eigentlich gut verzichten.
"Warum wecken Sie mich eigentlich und wie kommen Sie in meine Kabine?"
Radio ging voran: "Sie sollen sich in der CIC melden, es ist so weit, wir holen unsere Jungs raus. Hätte vor sechs Stunden beinahe einen unserer Aufklärer erwischt, die Akarii haben ne menge SAM's und SSM's."
Lucas nickte, was die Kopfschmerzen nur verschlimmerte: "Wie ist der Zustand des Geschwaders?"
"Naja, Darkness hat so einiges hin und her gewurschtelt mit den Starwarriors. Bis auf die Ausfälle bei den Nighthawks sind wir auf Soll. Was die Starwarriors ziemlich anpinkelt, weil die jetzt recht kleine Brötchen backen müssen. Lieutenant Commander König, der momentane CO der Warriors hat mehrmals nach ihnen geschrien und war kurz davor Darkness mit dem Argument der Seniorität kalt zu stellen, da haben erst mal Wulff und dann mein Dad auf den Tisch gehauen. Ich bin vorhin einmal über die Intrepid drüber weggeflogen, die haben mehr Glück als Verstand gehabt."
Die beiden kamen im Vorraum der CIC an. Ein Rudel Communikationsoffiziere schwirrte wie ein Schwarm Kolibris durch die Gegend.
Ebenfalls waren noch Raven und eine sehr bleiche Thunder anwesend, was Lucas an etwas erinnerte: "Hat es Murphy ..."
Radio schüttelte den Kopf: "Nein, man hat den Count aufgefischt und als man Ihre GunCams ausgewertet hatte, die bestätigen, dass nur einer aus der Crusader ausstieg hat man Murphy für tot erklärt."
Lucas Schultern sackten kurz herab. Er und Murphy hatten sich niemals nahe gestanden, doch hatte er mit dem irischen Piloten gemeinsam in die Hölle Troffens geblickt, nachdem das NIC dort seine Waffentest vorgenommen hatte. Sowas verband irgendwie, irgendwo.
Die beiden Pilotinnen blickten gerade zu Cunningham herüber, er straffte sich schnell und ging auf Thunder zu.
"Ich habe es eben erfahren, Sie haben Commander Murphy sehr nahe gestanden, es tut mir sehr leid." Knapp, schroff, ungenügend, Lucas, Du bist ein Ekel, wenn es wirklich drauf ankommt.
Wo bist Du, wenn ich Akarii abschlachte? Brachte er sein Gewissen zum schweigen.
"Dann wollen wir mal." Lucas flüchtete vor Ravens und Thunders Blicken und der eigenen Courage in die CIC.
Seine restlichen Staffelkommandanten, sowie Admiral Wulf, Captain Waco und seine Nachrichtendiesntoffizierin Illyanna.
Waco zog die Stirn kraus, als er seinen Geschwaderkommandanten erblickte: "Sie haben acht Stunden geschlafen und sehen aus wie der wandelnde Tod Cunningham."
"Oh, dann sehe ich besser aus, als ich mich fühle." Höfliches Schmunzeln machte die Runde.
Wulff gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass er kurz noch einige Geschwaderangelegenheiten klären könne.
"In Ordnung Ladies und Gentlemen, nach dem bedauernswerten Ableben von Commander Murphy wird ab sofort Commander Burr die Nr. 3 im Geschwader sein, als dienstältister Lieutenant Commander der TSN." Der Professor studierte akribisch genau die Deckenbeleuchtung. Raven selbst wirkte etwas überrascht.
"Commander McGill, können Sie eine Crusader fliegen?"
"Was soll das heiß... ich wollte sagen, ja natürlich, die Rafale baut auf der Crusader auf und ich bin, bevor ich umstieg eine Crusader geflogen."
Lucas nickte: "In Ordnung, Sie übernehmen die Bronce Schwadron. Ich weiß nicht wie schnell der Count wieder einsatzfähig ist, zur Not müssen Sie sich einen anderen BN suchen." Ich muss mit dem nicken aufhören, diese verfluchten Kopfschmerzen.
Dann wandte er sich weider Wulff und Waco zu.
"Okay, Kathi zeigen Sie uns mal, was wir so haben." Waco rieb sich die Hände.
Illyanna rief einige Bilder auf: "Aufgrund der starken Flugabwehr konnten die Griphen nicht wirklich nah ran. Wir schickten danach noch ein SWACS rüber und ließen einen Zerstörer das gesamte Gebiet scannen."
Mehrere Punkte leuchteten rot auf und waren mit SSM und SAM gekennzeichnet. "Wie Sie sehen haben wir an allen vier Punkten des Platos die FlaRakten. Jede dieser Stellungen hat eine große SSM- und mehrere kleine SAM-Werferbatterien. Jede der vier Stellungen hat ein autonomes Radar. Unsere Auswertung hat ergeben, dass die Akarii noch einige der veraltete SAM-V-Werfer haben, diese verschießen Raketen mit Infarot-Suchköpfen, so dass es nicht reicht das Radar mit HARMs auszuschalten."
Raven und der Professor verzogen das Gesicht.
"Es kommt noch besser", Illyanna ließ das Bild wechseln, "die Akarii haben noch ein paar altmodische Flaks in Form von Laserbatterien aufgestellt."
"Also, Admiral Long will Vorschläge, wie wir vorgehen. Wir würden ungern mit einem Zerstörer einen Nagel in die Wand schlagen, wie es so schön heißt."
Lucas kratzte sich kurz am Kinn: "Hm, also ein SWACS müsste in den Schussbereich der SSM, um die lasergelenkten Bomben ins Ziel zu lenken. Aber ich denke, dass ist die beste Möglichkeit.
Wenn die Echsen mit ihrem Radar das Shuttle anpeilen jagen unsere Jagdbomber ihre HARMs in die Feuerleitstellungen. Beim zweiten Überflug peilt das Shuttle die restlichen Stellungen an und die zweite Welle Jagdbomber lässt die Bomben fallen."
"Wie bekommen wir die Jagdbomber so nah ran?" Wollte Wulff wissen.
"Durch den Nebel, der den ganzen Planeten überzieht. Wir schicken je eine Sektion Mirage runter, die außerhalb des Feuerbereichs der Akarii-Flak in die Atmosphäre eintauche und sich dem Plato im Tiefflug nähern. Die Piloten werden dabei zwar die ganze Zeit nach Instrumenten fliegen müssen, aber das sollte kein Problem sein."
"Sicher, dass ein Flug nur nach Instrumenten kein Problem für Ihre Piloten darstellt?" Wulff war noch nicht überzeugt.
"Nun, da gerade im Atmosphärenflug die Instrumente eine sehr große Bedeutung, da die Menschlichen Sinne durch bestimmt Flugmanöver stark beeinträchtigt werden. Daher werden in der Ausbildung Atmosphärenblindflüge durch, nur nach Instrumenten. Diese Flüge finden zwar nur im Simulator statt, jedoch wird so was intensiv geübt."
Wulff blickte zum Captain rüber.
"Der CAG ist der Experte Ma'am", Waco nippte an seinem Kaffee.
"In Ordnung, ich werde den Plan Long empfehlen. Arbeiten Sie den Angriff mit Ihren Staffelnführern genau aus." Wulff blickte noch mal in die Runde und ging.
Lucas blickte auf Wacos Kaffeetasse. "Ob ich wohl auch einen Kaffee bekommen könnte?"
Ein Crewman brachte den versammelten Offizieren Kaffee.
Lucas bemerkte jetzt erst, dass seine Hände zitterten.
"Flash?" Waco war an ihn herangetreten und flüsterte.
Wider besseren Wissens nickte Lucas und seine Kopfschmerzen nahmen erneut zu.
"Na dann viel Spass CAG." Der Captain der Columbia grinste und entschwand ebenfalls.
Lone Wolf atmete tief durch: "Also, wie gesagt, werden wir zwei Angriffswellen fliegen. Raven, Sie entsenden eine Sektion ihrer Schwadron. Bestückt mit nichtatomaren HARMs. So bald die Akarii mit dem Radar nach dem SWACS tasten schalten Ihre Leute die Feuerleitstellungen aus."
"In Ordnung, ich werde die Piloten raussuchen. Wie steht es mit Begleitschutz?" Raven war jetzt ganz Profi, jedwelche Feindschaft zwischen ihr und dem CAG war vergessen.
"Eine Sektion Nighthawks gibt Ihnen Begleitschutz. Ich glaube zwar kaum, dass die Akarii noch irgendwo Jäger herzaubern, aber bei den Echsen kann man nie wissen. Und sehen Sie zu, dass Sie schnell wieder draußen sind."
Lucas wandte seinen Blick zum Professor.
"Ich nehme an, eine meiner Sektionen sollen dann die restlichen Stellungen ausheben richtig?"
"Genau, wie Wulff beschrieben, werden Sie nach dem Okay des SWACS angreifen. Durch die Unterstützung des SWACS wird das ein Präzisionsschlag."
"Na, ob das lehrbuchreich ablaufen wird?" Radio klang zweifelnd
"Vielleicht ist heute der Tag der Tage." Der Professor grinste in die Runde.
Das sorgte für etwas Heiterkeit und Gelächter.
Etwas, das Lucas' Brummschädel gar nicht bekam. Wenn es nur nicht so laut wäre Euch zu erschießen.
"Lightning: Ich möchte, dass Sie zwei Jäger für jedes der drei SAS-Sturmshuttles bereitstellen. Das SAS wird angreifen, so bald es die Meldung bekommt, dass die Raum-/Luftabwehr ausgeschaltet ist."
"Aye Sir."
Ace Kaiser
26.06.2004, 20:09
Einsatzgruppe Magellan.
Mit gemischten Gefühlen sah Justus Schneider auf das Schott, an dem gerade eine Fähre andockte. Die letzten Tage hatten ihn dazu gebracht, einiges von seinem ursprünglichen Standpunkt zu überdenken. Captain Singh war dabei, sich seinen Respekt zu verdienen, was Justus aber nur widerwillig zugab.
Die Aufgabenverteilung war optimal, und die KAZE wurde so eingesetzt, wie sie es verdiente – als vorderster Rammsporn. Singh behandelte seine Leute wider Erwarten gut, wie jeden anderen Crewman oder Offizier in der kleinen Flotte.
Die anfänglichen Animositäten hatten nur geherrscht, um ihn, Schneider unter Druck zu setzen und zu sehen, wie er damit klar kam. Ob er fähig genug war, sein Kommando dennoch zu führen.
Hatte er sich in den Augen des alten Inders beweisen können? War sein Schiff vom Abfalleimer der Zweiten Flotte zu einer ernsthaften Kampfeinheit aufgestiegen?
Noch nicht, entschied Justus. Aber der Captain gab ihm diese Chance, sich und sein Schiff zu beweisen.
Irgendwie wusste der junge Commander nicht, was er davon halten sollte. Er hatte sich eigentlich auf Monatelange Grabenkriege mit Singh eingestellt, dass er sich mehr als einmal schützend vor seine Crew stellen würde müssen. Auf Bezichtigungen auf Unfähigkeit, Sonderschichten und unnötige Aufgaben.
Nichts dergleichen. Stattdessen eine optimale Aufgabenverteilung.
Ein Grinsen huschte über das Gesicht des Mannes aus Europa. Es war einfach kaum zu glauben, er fing tatsächlich an, den alten Inder zu respektieren.
Justus wünschte sich, mit ihm ein ernsthaftes Gespräch unter vier Augen zu führen. Nun, das würde so schnell sicher nicht möglich sein. Aber mit Commander Maleetschew, dem Ersten Offizier des Flaggschiffs sollte vielleicht ein Gespräch möglich sein. Sicherlich war der Russe weit voreingenommener gegenüber der KAZE und ihres Skippers als Singh.
Aber es würde ein Gespräch unter Gleichen werden. Justus erhoffte sich viel davon. Vertrauen, Informationen und zukünftig etwas Beistand vom IO der ONTARIO.
Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch den Boden und kündigte davon, dass die Fähre angedockt hatte – und dass der Pilot nachlässig war.
Justus straffte sich.
Das Innenschott glitt auf, und eine junge Frau in der braunen Dienstuniform der Navy betrat sein Schiff. Sie salutierte vor Justus und sagte: „Lieutenant Jamison-Bowyer, Sir. Ich bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen.“
Justus salutierte zurück. „Erlaubnis erteilt, Lieutenant.“
Mel lächelte, trat an Justus heran und umarmte ihn. Kurz drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange, den Schneider erwiderte.
Seltsam, was sie zusammen gehabt hatten, war so lange her, aber manchmal erschien es ihm, als wäre es erst Gestern gewesen. Er hatte immer noch eine Menge Gefühle für Mel. Und er wusste, dass es bei ihr ebenso war.
Nur dieses gewisse Quentchen, die besondere, einzigartige Liebe, die war nicht dabei. Nicht mehr, oder hatte es sie nie zwischen ihnen gegeben?
„Schön, dich zu sehen, Mel. Was treibt dich auf diese fliegende Rostschüssel?“, fragte er mit einem Zwinkern.
Melissa Jamison-Bowyer klopfte auf ihre Aktentasche. „Ich will mir mal deine Sensoren ansehen, Jus. Unser Skipper ist immer noch sauer auf dich, weil es deine Sensoren gewesen waren, die alle drei Kreuzer der Colonials entdeckt haben, und die der MAGELLAN nur einen. Ich dachte, ich sehe mir mal deine Konfiguration genauer an und beobachte deine Ortungscrew bei der Arbeit. Vielleicht komme ich so hinter dein Geheimnis.“
Justus nickte. „Erlaubnis erteilt. Sauer, hm? Das erklärt warum sie nicht mehr mit mir spricht. Komm hier entlang, Mel. Bevor du loslegst, hast du doch sicher Zeit für eine Mahlzeit, oder? Ich habe den Smutje gebeten, für dich eine vegetarische Reispfanne zu machen.“
Ihre Augen leuchteten, als Jus trotz der vielen Jahre bewies, dass er nichts von ihren Vorlieben vergessen hatte. „Danke, Jus. Ich habe tatsächlich noch nichts gegessen.“
Nebeneinander machten sie sich auf den Weg zur Kantine der KAZE. Sie begegneten übermäßig vielen Mitgliedern der Crew, die meisten – vor allem die Männer – trugen saubere und frisch gestärkte Uniformen und salutierten diensteifrig, wenn sie an den beiden vorbei kamen.
Justus schmunzelte bei diesem vermeintlichen Eifer. Männer.
„Was war das denn eben gerade?“, fragte Melissa, während sie sich in der Kantine setzte. „Ich hätte nicht gedacht dass deine Crew soviel Wert auf saubere Uniformen legt. Ich dachte immer, bei dir an Bord geht es lax zu.“
Justus grinste breit. „Alles nur deine Schuld, Mel. Irgendjemand aus der Zentrale muß weitergegeben haben, dass du an Bord kommst. Da haben sich die Herren eben etwas rausgeputzt.“
Mel riss die Augen auf. „Was? Wegen mir? Wieso?“
Justus begann herzhaft zu lachen. „Sag mal, Bücherwurm, hast du in letzter Zeit mal in einen Spiegel gesehen?“
„Wieso?“
Justus schmunzelte. „Weil du in der gesamten Flotte der Einsatzgruppe Magellan die zweithübscheste Frau bist, Schatz. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass du nicht mit Liebesbriefen zugeschüttet wirst.“
Mel wurde rot. „Ach, es gibt da schon ein paar. Zehn bis zwölf.“
„Im Monat?“ Verlegen sah die hübsche Frau weg. „In der Woche. Aber so war das schon immer“, fügte sie hastig hinzu.
Justus schlug eine Hand vor sein Gesicht. „Mel, hast du überhaupt eine Ahnung, was du mit einem Lächeln bei einem Mann anrichten kannst? Weißt du überhaupt, dass du locker bei einer Miss-Wahl gewinnen könntest? Ich bin mir sicher, du kannst dir aus jedem Mann an Bord der KAZE oder der MAGELLAN oder einem anderen Schiff der Flotte jemanden aussuchen. Sie würden dir alle verfallen.“
„Wirklich?“, fragte sie aufgeregt. Nur um sofort eine geschäftsmäßige Miene aufzusetzen. „Nicht, dass ich Wert darauf lege, gut bei allen Männern anzukommen. Das ist ja auch gar nicht mein Aufgabe in der Navy, oder?“
„Aber?“ „Was, aber?“ „Da schwang doch noch ein Aber mit, Schatz. Also. Aber?“
Mel zögerte und wurde wieder rot. „Aber… Da ist dieser… Dieser Offizier. Ich glaube, ich mag ihn, aber ich weiß nicht, ob er mich auch mag. Ich meine, wenn ich mit ihm spreche oder wenn ich ihm gegenüber stehe, dann… Dann rast mein Herz, so wie damals bei dir, Jus. Nein, schlimmer. Er ist toll und nett und redet so viel mit mir. Aber… Ich habe Angst, dass er mich nicht mag, Jus. Ich würde ihn gerne auf meine Gefühle ansprechen, doch ich habe Angst vor der Antwort.“
„Ach, deswegen bist du hier. Du willst meinen Rat haben.“
Mel sah verlegen auf die Tischplatte. „Das mit den Sensoren stimmt aber. Es hätte allerdings auch ein Techniker erledigen können. Ich musste einiges tun, um meinen eigenen Auftrag ausführen zu dürfen. Jeremy war vielleicht sauer.“
Justus Schneider schmunzelte. „Commander Baker ist es also nicht, richtig?“
„Nein, wie kommst du darauf? Wir sind nur Kollegen und Freunde.“ Wehmütig sah sie Schneider an. „Obwohl… ich weiß nicht, ob wir noch Freunde sind. Als ich ihn fragen wollte, ihn um Rat wegen meiner Gefühle bat, da hat er nur schroff erklärt, dass Beziehungen zwischen Navy-Angehörigen verboten sind.“
Justus schüttelte den Kopf. „Du bist ein ganz schöner Tollpatsch, weißt du das? Sag mal, wie viele Männer willst du eigentlich vor den Kopf stoßen, bevor du bei dem richtigen landest?“
„Was? Wie meinst du das?“ Schneider grinste schief. „Und das erklärt noch einiges. Commander Baker scheint mich in letzter Zeit echt gefressen zu haben…
Hör zu, Mel. Es ist mir klar, dass du noch nicht kapiert hast, dass Baker etwas für dich empfindet. Sicher kann er es nicht einordnen und wäre mehr als froh, wenn ihr beide zusammen herausfindet, was dieses Gefühl ist. Aber du hast augenscheinlich kein Interesse über eine Freundschaft hinaus für ihn. Und das verletzt ihn. Schlimmer noch, Mel. Du fragst ihn wegen einer Beziehung und kommst dann auf mein Schiff. Er weiß, dass wir mal was miteinander hatten. Spätestens jetzt wird er mich abgrundtief hassen, weil er denkt, du lässt unsere alte Beziehung wieder aufleben.“
Melissa Jamison-Bowyer, staatlich anerkanntes Genie, starrte Justus Schneider mit einem dümmlichen Gesichtsausdruck an, der ihrem Hundertfünfziger IQ Lügen spottete. „Äh…“, machte sie.
„Du hast jetzt zwei Möglichkeiten, Schatz. Entweder klärst du das mit Baker und rettest mich davor, irgendwann mal von der MAGELLAN aus Versehen beschossen zu werden. Oder du benutzt mich als Schild gegen Baker. Und solange er glaubt, dass ich deine Liebe bin, ist er abgelenkt und du kannst deinem Offizier dein Herz ausschütten. Wer ist es überhaupt? Kenne ich ihn?“
Melissa war vollkommen überrumpelt. „Er… Er ist Pilot im Dirty Bunch.“
„Hm. Gute Leute. Sehr gute Leute. Habe auf GIBRALTAR mit einigen von ihnen getrunken. Aber ich hoffe dennoch, es ist einer der Hütehunde, nicht?“
„Hütehunde? Ich… ich weiß nicht. Er ist… Ich weiß gar nicht, ob er auch einer der ehemaligen Sträflinge ist. Das ist mir auch egal. Ich…“
„Ist er Lieutenant oder höher?“ „Lieutenant.“
„Dann ist er definitiv ein Hütehund. Die Sträflinge sind nämlich allesamt Ensign und dürfen auch nicht weiter aufsteigen. Was ich persönlich für Quatsch halte. Also, ich halte gerne den Kopf für dich hin, Mel, aber ich will Ergebnisse sehen. Da ich ja jetzt weiß, wen du meinst, spreche ich ihn notfalls selbst an.“ Justus zwinkerte ihr zu. „Es kommt ja nur First Lieutenant Jörgensson in Frage.“
„Was?“, rief sie entsetzt. „Woher weißt du das, Jus?“
„Jetzt weiß ich es genau“, kommentierte Schneider mit einem breiten Grinsen.
„Oh. Du! Du bist unmöglich, weißt du das, Jus?“
„Und das ist der Grund, warum du mich so liebst, Mel“, erklärte er mit entwaffnender Offenheit.
Sie versuchte, ihr Schmunzeln zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht. „Danke, großer Bruder.“
„Da nicht für, kleine Schwester. Denn im Gegensatz zu Commander Baker glaube ich nicht daran, dass Beziehungen zwischen Mitgliedern der Navy verboten gehören.“
„Ach ja, das erinnert mich doch an etwas. Du sagtest vorhin, ich wäre die zweithübscheste Frau in der Flotte. Die hübscheste wird dann wohl die Frau sein, in du dich Hals über Kopf verliebt hast. Soll ich mal raten, wer das ist?“
Nun war es an Schneider, rot zu werden. „Mel, wir sind hier nicht alleine.“
„Ach, das hat dich vorhin auch nicht gestört, als du über mein Liebesleben spekuliert hast. Ich glaube, ich weiß jetzt, in welche Frau an Bord der KAZE du verliebt bist. Ich habe deinen Kamelblick gesehen, als du mit ihr gesprochen hast. Es ist Commander Soleil, dein Erster Offizier, richtig? Es stimmt doch, oder? Na? Na?“, neckte sie den Kapitän der KAZE.
Hinter ihnen krachte ein Tablett zu Boden. Schneider fuhr herum und sah seinen Ersten Offizier zu sich herüber starren. Zu ihren Füßen lag das Tablett.
„Amber, ich…Ich meine, Commander Soleil, Sie…“, stammelte Schneider.
Aber die junge Frau wandte sich ab und verließ die Kantine im Laufschritt.
„Hinterher, du Trottel“, zischte Mel und trat Schneider schmerzhaft gegen sein Schienbein.
Automatisch stand Justus auf und lief hinterher. Auf dem Gang angekommen warf er einen Blick in beide Richtungen und versuchte zu ergründen, in welche Richtung sein Erster Offizier geflohen sein konnte. Er hielt sich zur Brücke und begann zu laufen. Bis ihn zwei Hände am Kragen seiner Uniform ergriffen und in einen Abstellraum zogen, der ausnahmsweise nicht bis über seine eigentliche Kapazität gefüllt war. Die Tür fiel hinter ihm zu und Licht flammte auf.
Amber Soleil starrte ihren Vorgesetzten aus Tränenverschleierten Augen an. „Commander Justus Schneider, Sie sind der größte und gemeingefährlichste Trottel der ganzen Navy.“
Justus spürte, wie etwas in ihm zu zerspringen drohte. „Commander, ich…“
„Ist es wahr? Hat Lieutenant Jamison-Bowyer Recht?“
„Amber, ich…“ Alles in ihm drängte Justus dazu, den kleinen Raum zu verlassen, der Aussprache zu entgehen und einen fragilen Frieden zu suchen, der es ihnen erlauben würde, einander wenigstens zu sehen. Wenn nun alles unausgesprochen blieb, konnte er nicht enttäuscht werden. Hatte sie keinen Grund, ihn zu fürchten oder zu hassen. Ein Schatten senkte sich über seine Augen. „Amber, ich liebe dich. Seit wir unsmphhhhh…“
Er kam nicht mehr dazu, den Satz Zuende zu sprechen. Sie verschloss seine Lippen mit einem innigen Kuss.
Als sie ihre Lippen von seinen löste, den Körper noch immer eng an seinen gedrängt, hauchte sie: „Warum hat das so lange gedauert, Commander?“
Entgeistert starrte Schneider in ihre Augen. Konnte das sein? Waren die Tränen Freudentränen. „Ich… ich wollte nicht der nächste Vorgesetzte sein, der versucht, aus seinem Rang Kapital bei dir zu schlagen.“
„Trottel. Hast du nicht gesehen, was ich für dich empfinde? Jeden Tag auf der Brücke? Bei unseren gemeinsamen Essen? Bin ich dir nicht auch immer nachgelaufen, wenn Lieutenant Jamison-Bowyer an Bord war?“
„Das leuchtet mir ein“, brummte Schneider leise. Er sah in die Augen von Commander Soleil und versank in ihnen. „Hoffentlich ist das kein Traum. Hoffentlich wache ich nicht auf und muß erkennen, dass du mich doch nicht liebst. Ich würde zerbrechen.“
Wieder drängte Amber heran, küsste ihn. „Es ist kein Traum. Es ist kein Traum“, hauchte sie und hielt ihn fest in ihren Armen.
Er hielt sie nicht weniger innig.
„Der arme Haruka“, murmelte Schneider schließlich.
„Was ist mit ihm?“, fragte Amber leise.
„Er mag dich. Vielleicht ist er sogar verliebt in dich. Er ist mein Freund und ich will ihm nicht wehtun.“
„Richtig, er ist dein Freund. Und auch meiner. Und genau aus dem Grund wird er wollen, dass sich mit uns alles zum Guten wendet.“
Nun küsste Schneider die junge Frau. „Wann hast du Dienstbeginn, Amber?“
„Warum?“, fragte sie.
Justus verriegelte die Tür der Kammer. „Ach, nur so.“
„Wir machen uns strafbar“, bemerkte Commander Soleil amüsiert.
„Hey, dies hier ist die KAZE. Da zählt das fraternisieren zu den harmlosen Sachen.“
Sie lachte leise. Verblüfft legte sie eine Hand vor den Mund. „Wenn uns jemand draußen hört…“
„Wird er bestimmt nicht glauben, dass die beiden ranghöchsten Offiziere der KAZE hier im Abstellraum stehen und einander abknutschen.“
„Wenn die wüssten“, hauchte sie und begann, an seinem Ohr zu knabbern.
Vor dem Abstellraum stand ein reichlich irritierter Second Lieutenant Johansson. Nachdenklich betrachtete er die verschlossene Tür.
„Was ist los, Chef?“, fragte Sergeant Bannockburn, als er merkte, dass Carl stehen geblieben war.
„Hm. Für einen Moment habe ich geglaubt, ich hätte…“ Er zuckte mit den Schultern. „Schon gut, es ist ja auch egal.“ Langsam setzte sich der Marine wieder in Bewegung. „Obwohl, der Gedanke an sich gefällt mir.“
„Welcher Gedanke, Chef?“, hakte der Sergeant nach.
„Das ist nur was für Erwachsene, Sarge“, tadelte Johansson und klopfte seinem Stellvertreter auf den breiten Rücken.
„Dich geht das also auch nichts an, was?“, erwiderte dieser und grinste breit.
Johansson lachte laut und setzte seinen Weg mit dem anderen Marine fort.
**
Tyr Svenson
08.07.2004, 09:48
Monty musterte schweigend das knappe Dutzend Piloten vor ihm. Gefühle waren seinem Gesicht momentan nicht abzulesen, denn der leicht blasiert-arrogant zu nennende Ausdruck gehörte zu seiner Natur – was ihn bei Untergebenen und Vorgesetzten nicht beliebt gemacht hatte.
Die „Butcher Bears“ hatten die Aufgabe bekommen, mit einer Sektion den Bodenangriff der Mirages zu unterstützen und Lieutenant Miguell „Monty“ Terrano war fest entschlossen, diese Aufgabe mit der selben Präzision und Fehlerlosigkeit zu erfüllen, die er sonst an den Tag legte. Eigentlich hatte Darkness den Angriff mitfliegen wollen. Aber er war gerade mal vor vier Stunden von einer CAP zurückgekehrt und hatte auch vorher kaum Ruhe gefunden – und das nach dem aufreibenden Schlachteinsatz. Monty hatte Bedenken geäußert, immerhin war die Gefahr gegeben, daß doch noch irgendwelche Akarii-Verbände in das erst vor ein paar Stunden gesicherte System eindrangen. Auch Commander Cunnigham wollte Darkness auf dem Träger in Reserve. Und Darkness selber war in der Lage gewesen zu erkennen, daß es einfach nichts brachte, übermüdet einen simplen Eskortjob zu übernehmen.
„Ich brauche drei Mann...“
Praktisch sofort kamen ein paar Hände hoch. Kano und Brawler gehörten zwar zu den Veteranen, waren aber (aus unterschiedlichen Gründen) immer bereit, einen Einsatz zu übernehmen. Und die „Frischlinge“ Jeanne, Crusader und La Reine waren noch motiviert genug, sich sofort zu melden. Der Rest wartete ab.
Monty schüttelte kurz den Kopf: „Das ist kein Freiwilligenunternehmen. Ich bestimme, wer mitmacht. Ich brauche erfahrene Piloten. Die Akademieausbildung reicht mir nicht. Und Brawler – Sie sollten wissen, daß ich niemals jemanden in den Einsatz schicke, der so kurz vorher von einem SAR-Shuttle aufgelesen wurde. Das währe unverantwortlich – von mir und von IHNEN.“
Der so gerügte mußte sich offenbar eine bissige Antwort verkneifen, was Monty mit einem unmerklichen Grinsen quittierte. Es wurde schließlich Zeit, daß dieser Messerstecher lernte, sich angemessen zu verhalten.
„Ich werde die Sektion führen. Ohka, Sie fliegen als mein Flügelmann. Viking, Fatman, Sie bilden Flight Zwei. Der Rest hat frei. Schlafen Sie, Essen Sie – es kann bald auch wieder für Sie losgehen. Einsatzgruppe - machen Sie sich fertig, in zwanzig Minuten geht es los.“
Die drei ausgewählten Piloten eilten davon, um sich für den Einsatz vorzubereiten. Die anderen gingen auf ihre Quartiere. Bis auf Dutch. Der hochgewachsene, hagere First Lieutenant starrte den kleingewachsenen XO direkt an, alles andere als freundlich. Allerdings ließ sich Monty davon nicht einschüchtern: „Ist noch etwas?“
„Das wissen Sie ganz genau! Warum haben Sie die anderen aufgerufen? Fatman ist Milizpilot! Und Kano ist noch immer nicht ganz trocken hinter den Ohren!“
Montys Stimme war sehr trocken: „Fatman hat in dieser Staffel vielleicht nicht die größte Kampf-, aber die meiste Flugerfahrung. Kano hat immerhin bereits zehn Abschüsse erzielt – wenn alle Jungspunde solche Erfolge hätten, ständen wir über Akar Prime. Vor allem aber zeigt er Einsatzbereitschaft. Ich hatte hingegen den Eindruck, daß Sie... es zu schätzen wüßten, wenn ich Sie nicht aufrufen würde.“
Dutch Gesichtsausdruck war nur noch mörderisch zu nennen. Seine Stimme klang gepreßt: „Was wollen Sie damit sagen?!“
Montys Stimme blieb eiskalt: „Das wissen Sie ganz genau. Aber ich würde es begrüßen, wenn Sie in Zukunft diese Kampfbereitschaft gegenüber den Akarii zeigen würden. Statt sie nur gegenüber Angehörigen der TSN zu finden – oder in einer Schnapsflasche.“
Dutchs Gesicht verzerrte sich. Er ballte die Fäuste. Öffnete und schloß sie, fast automatisch. Aber er sagte nichts, bewegte sich nicht, als Lt. Terrano sich umdrehte und aus dem Raum marschierte. Doch als Monty aus dem Raum war, fuhr Dutch herum – und hämmerte seine Faust in ohnmächtig Wut gegen die Wand. Einmal, zweimal. Er würde sich nicht noch einmal von diesem arroganten Zwerg abkanzeln lassen. Was wußte dieses Arschloch schon von Mantikor. Was wußte er von den Alpträumen, dem Verlust der Kameraden! Was wußte er...
Doch dann erstarb die Wut in ihm. Monty wußte sehr wohl darüber Bescheid. Er kam von der Majestic – die bei Jollahran zum Totalverlust geworden war. Dutch wandte sich ab, hastete aus dem Raum, fast taumelnd. Er fragte sich, wo dieser dämliche Radio sich rumtrieb. Er brauchte einen kräftigen Schluck...
Kano umrundete seine Maschine. Er achtete darauf, sich aufrecht zu halten, auch wenn er sich gar nicht danach fühlte. Vielmehr war er hundemüde, aber er wollte sich das auf keinen Fall anmerken lassen. Auch wenn seit der ereignislosen CAP acht Stunden vergangen waren, er war kaum zum Schlafen gekommen. Das rächte sich jetzt. Aber der XO hatte ihn persönlich ausgewählt und er würde lieber sterben, als dieses Vertrauen zu enttäuschen. Das redete er sich jedenfalls ein.
Die Instandsetzungseinheiten an Bord der Columbia hatten ein kleines Wunder vollbracht. Kanos Jäger war in den acht Stunden praktisch vollständig wiederhergestellt worden. Die Schilde waren wieder voll aufgeladen, die Panzerschäden ausgebessert. Der Jäger war aufgetankt und mit zehn Amrams armiert, eine etwas ungewöhnliche Bestückung. Aber für Bodenangriffe oder den Kampf in unübersichtlichem Gelände waren die Sofortfeuerraketen ideal.
Rund um ihn wurden andere Maschinen bestückt und aufgetankt – Mirages, Phantome und Typhoons, die den Rest der Angriffsstreitmacht bildeten oder die Invasionsshuttles eskortieren würden. Kano mußte grinsen und die Erschöpfung war für den Augenblick vergessen. Eine Invasion - das klang gut. Und er würde dabei sein.
Dann sah er, wie Monty gewandt die Cockpitleiter seines Jägers aufenterte. Er trug bereits den Helm, hatte aber das Sichtvisier geöffnet. Kurz blickte Monty zu den anderen Piloten seiner Sektion, auch zu Kano. Dann hob er den linken Arm und winkte. Aufsitzen!
Cunningham
10.07.2004, 00:07
Die Staffelführer hatten sich ihre Leute für diese Mission ausgesucht und diese eingewiesen.
Lucas stand in der Flugsicherung und blickte aufs Flugdeck hinab.
Acht Mirage waren hochgeholt worden und wurden jetzt bestückt. Die Maschinen der Goldenen Schwadron erhielten je zwei HARM, Sparrow und Sidewinder.
Die Jagdbomber des Professors erhielten jeweils sechs lasergelenkte Bomben vom Typ Rock-Eye und zwei Sidewindern.
Lucas sah wie einige Piloten ihre "Pakete" beschrifteten. Grüße an den Feind. Bomberpiloten.
Als die erste Welle Mirages zu den Katapulten gezogen wurden, wurden vier Nighthawk aufs Flugdeck geschafft und bewaffnet.
Zuzüglich wurden noch vier Phantome bewaffnet und hinausgeschleudert als Eskorte für die zweite Sektion Mirages.
Das SWACS bekam von zwei mit Störsendern ausgerüsteten Griphens Begleitschutz.
Lucas beobachtete wie die letzten Jäger der Angriffsgruppe starteten und ging dann in die CIC.
Dort wartete Darkness auf ihn, der ebenfalls auf Grund seiner Übermüdung Flugverbot hatte. Sein XO reichte ihm einen Becher Kaffee.
Zusammen starrten sie auf den Kartentisch, der die sich formierenden Kampfgruppe zeigte.
"Dies sind die Tage in denen große Taten vollbracht werden. Vollbracht von jungen Männern und Frauen, aus allen Kulturen der Menschheit. Große Taten, die einst Legenden werden.
Vollbracht von Männern und Frauen die man Helden taufen wird.
Sie sind diese Männer und Frauen und heute, ist einer dieser Tage, die Legende werden. Geben Sie Ihr Bestes. Wir alle zählen auf Sie." Lucas sprach leise, nur für sich und seinen Freund hörbar.
Darkness sah seinen Freund schräg an: "Du erinnerst Dich an ihre Worte?"
"Natürlich Jus, immerhin waren es Mannheims Worte vor unserer ersten Schlacht. Gott, waren wir von uns überzeugt."
"Und Gott haben wir auf die Schnauze bekommen."
"Wir waren ja auch bloß 240 Piloten gegen die Hauptstreitmacht der Akarii, wir konnten nur verlieren. Sie waren uns mehr als 5 zu 1 überlegen."
Darkness nickte: "Und Renault hat uns rausgehauen, irgendwie hat er uns und die Moskau da wieder hinausbekommen. Glaubst Du er ist der Mann, der diesen Krieg gewinnen kann?"
"Ja, er wird uns den Sieg bringen."
Raven blickte in den Rückspiegel. Ihr RIO arbeitete an den Instrumenten.
"Okay, Ladies und Gentlemen, wir drehen jetzt auf Kurs zum Planeten. Buckaneers: Einfache V-Formation. Escord-Leader: Escord-Formation einnehmen!"
"Roger Buckaneer-Leader!" Monty klang kühl und professionell.
Raven und ihre Schwadron drehten nach rechts, während der Professor und seine Begleiter nach links drehten. Das SWACS mit seiner Eskorte flog gerade auf das Angriffsziel zu.
Nach kaum zwanzig Minuten Flug erreichten die Mirages von Raven und ihre vier Nighthawk-Begleiter die Atmosphäre von Graxon II.
"Also Jungs und Mädels, verdienen wir unser Gehalt." Die Schutzschilde glühten auf, als die Mirage die Atmosphäre durchquerte.
"Oh Fuck Raven, was ist das für ein Planet." Kevin North versuchte Monty's professionellen Ton nachzuahmen, schaffte es jedoch nicht ganz.
"Ganz ruhig kleiner, ganz ruhig. Wir tauchen auf unter 2.000 Meter ab, Flug nach Instrumenten, ganz wie auf der Akademie Kinderchen." Raven war ganz der Profi. Sie war ganz sicher nicht vom Schlage Cunningham, nie und nimmer. Aber sie war Soldat, und sie war ein guter Soldat und sie wollte einen guten Anführerin sein. Vielleicht fehlte ihr die Kaltblütigkeit von Cunningham und jeder tote der eigenen Staffel ging ihr nahe, doch so wusste sie auch, dass sie ihren Piloten nur die besten Chancen geben zu Überleben, nur die Chance, das Überleben konnte sie niemanden versprechen.
Mit Unterschallgeschwindigkeit näherte sich die Formation dem Angriffspunkt des Plateau. Gelbgrüner giftiger Nebel umgab die Jäger und Jagdbomber.
"Bergspitze voraus, ausweichen, 30 Grad nach Backbord!" Monty hatte als erster reagiert, was daran lag, dass das moderne Radar der Nighthawk sogar den exzellenten Systemen der Mirage überlegen waren.
Die Formation brach nach Backbord aus und umflog den knapp 1.700 Meter hohen Berg, der es nicht schaffte, aus dem Giftnebel auszubrechen.
Schließlich waren die Jäger und Jagdbomber in Position und fingen an zu kreisen.
Als der leitende Sensortechniker des SWACS die letzte Bestätigung vom Professor erhalten hatte gab er die Befehle an den Piloten des Shuttles durch: "Roy, wir gehen rein, die Bomber sind in Position."
Das SWACS und die beiden Griphen stiegen in V-Formation in die Atmosphäre hinab.
"Feindliches Radar peilt uns an!" Meldete einer der Sensor Techniker.
"Buccaneers-Leader: Der Feind hat sein Flugabwehrradar aktiviert, die erste SSM wurde gestartet! Greifen Sie jetzt an! Wiederhole: Greifen Sie jetzt an!"
"Verstanden Eagle-Eye! Buccaneers, wir greifen an! Feuerleitradar an! Aufsteigen!" Raven riss den Steuerknüppel zum Körper hin und gab Vollgas.
"Feuerleitradar ist an! Beide Raketen sind scharf! Nehme Peilung auf!" Kevin North' Nervosität war verschwunden.
"Okay Jungs, ziele illuminieren und ausschalten! Greife Raketenstellung Nord an!" Raven richtete die Nase ihrer Mirage auf die feindliche Stellung aus. Die Luftpolster ihres Raumanzuges bliesen sich automatisch auf, um das Blut, welches aus ihrem Kopf entwich wieder hinaufzudrücken.
Die Laserstellungen der Basis eröffneten das Feuer auf die anfliegenden Jäger.
"Ziele erfasst!" Brüllt North.
"Feure Raketen: eins und zwei!" Raven betätigte den Auslöser.
Die beiden HARM-Raketen zischten los und aus dem etwas schwerfälligeren Jagdbomber wurde ein schnittiger Jäger mit anständigen Flugeigenschaften.
"Raketen im Anflug, die peilen uns!" Jetzt setzte sich doch wieder Nervosität in North' Stimme durch.
"Werfe Teuschkörper, breche rechts weg!" Raven manövrierte hart. "Los! Los! Los! verpasst ihnen Eure Raketen und dann wieder ab in den Nebel!"
Eine der beiden anfliegenden Raketen detonierte nahe der Mirage und ließ das Schild aufflammen.
Kurz darauf meldeten dann auch anderen Piloten der Buccaneers den Raketenabschuss.
"Raketen haben die Ziele ausgeschaltet!" Kam die Meldung des SWACS.
"Hier Professor: Wir nehmen uns die Laserstellungen und Hitzesucher vor!"
Die zweite Welle an Mirages tauchte auf der anderen Seite des Plateau auf und griffen im Tiefflug an.
"Ziele erfassen! Bomben LOS!" Die Mirage ließen ihre tödliche Fracht fallen und verkrochen sich in alle vier Himmelsrichtungen, verfolgt von Laserkanonen und hitzesuchenden Raketen.
"Ich seh es mir noch mal an!" Der Professor wendete seine Mirage und flog noch mal über das jetzt brennende Plateau.
Sofort eröffneten die überlebenden Stellungen auf dem Plateau das Feuer. Mit größter Mühe schaffte es der Professor den Laserstrahlen auszuweichen, jedoch darauf eine der hitzesuchenden Raketen und zerstörte das Seitenschild wie auch große Teile der Panzerung. Danach zog die Mirage eine schwarze Rauchspur hinter sich her.
"Okay, wer die südliche Raketenbatterie ausschalten sollte schuldet der Staffel nen Kasten Bier. Und könnten die Nighthawks mal hinter uns aufräumen?"
Der Professor tauchte ab.
Tyr Svenson
10.07.2004, 09:57
Am Boden blühten Explosionen auf und der Sprechfunkverkehr war mit einmal durch die Meldungen der angreifende Miragepiloten fast überlastet:
„YAHOO!!“
„Das hat gesessen! Volltreffer bei...“
„Achtung! Flakfeuer aus drei Uhr!“
„Raketenpeilung! Raketenpeilung! Breche ab!“
Einzelne oder gebündelte Laserstrahlen tasteten nach den angreifenden Maschinen. Irgendwo explodierte eine SAM in einer rotgelben Feuerblüte.
"Jetzt sind wir dran!" Montys blasierter Stimme war weder Kampfeseifer noch Aufregung anzumerken. "Tiefflugzielangriff - Tally Ho!“
Die Nighthawks gingen noch tiefer und jagten knapp über den Rand des Plateaus wie riesige Haie über eine Riffkante. Praktisch sofort drückte Kano auf die Feuerknöpfe – zu früh und ohne genau zu zielen. Ob er überhaupt etwas traf, wußte er nicht. Schon jetzt stiegen Rauchschwaden auf, ob durch den Beschuß verursacht oder ein Versuch der Akarii, sich einzunebeln. Kano versuchte, eine klare Zielortung zu bekommen - immer noch streikten die Raketen.
Als die Akarii das Gegenfeuer auf seinen Jäger eröffneten geschah dies mit einer Plötzlichkeit, die Kano überraschte – obwohl er doch darauf gewartet hatte. Irgend etwas traf die Unterseite des Jägers, rüttelte die Maschine durch.
„VERDAMMT!“ Kano zog die Maschine in einer Spirale nach oben. Sein Jäger lag offenbar im Kreuzfeuer einer einzelnen schweren Kanone und eines Laservierlings, die unangenehm genau schossen.
Gleichzeitig warf Monty seine Maschine zur Seite als zwei SAM aufstiegen, die allerdings an den ausgestoßenen Täuschkörpern explodierten. Fatman und Viking ließen sich davon nicht beirren und deckten bereits angeschlagene FLA-Stellungen mit einem regelrechten Feurorkan ein.
Wo waren diese FLAK – DA! Kano warf die Maschine auf den Rücken und ließ sie wie einen Stein fallen – aus allen Rohren feuernd. Die einzelne Strahlenkanone verstummte, als am Boden irgend etwas explodierte. Aber der Laservierling schoß immer noch, während Kano seine Maschine in den Horizontalflug brachte, bohrten Laserstrahlen sich in die rechte Flanke. Warntöne erschollen und informierten Kano, daß schon wieder die Schilde zusammengebrochen waren. Brutal riß er die Maschine herum und wandte dem FLA-Geschütz seinen Bug und das noch intakte Frontschild zu. Dann biß er die Zähne zusammen und drückte alle Feuerknöpfe.
Es war ein ungleiches Duell: der Jäger hatte noch Schilde und die weitaus schwereren Waffen – als Kanos Maschine die Feuerstellung passierte loderte auch an dieser Stelle ein Brand.
Montys Maschine setzte sich mit einmal vor Kanos Maschine.
„Der Raketenwerfer, Sir?“
„Existiert nicht mehr. Damit wären wir wohl fertig. Hier gibt es keine Gegenwehr mehr.“
Tatsächlich hatten Fatman und Viking von den bereits vorher ausgemachten Feuerstellungen nur noch Trümmerhaufen übriggelassen. Dafür hatten allerdings beide einiges an Panzerungsschäden erhalten. Als die Nighthawks noch einmal im Tiefflug über die Anlage hinwegdonnerten schoß da unten keiner mehr.
Dennoch hatte Monty sich geirrt in der Annahme, jeder Boden-Luft-Widerstand sei ausgeschaltet worden. Als kurze Zeit später die Sturmshuttles der SAS angriffen, wurde tatsächlich von ein oder zwei Stellen das Feuer eröffnet. Es war unklar, ob der Akarii-Befehlshaber iin weiser Vorraussicht noch irgendwelche Geschütze zurückgehalten hatte, oder ob das einzelne Feuer von todesmutigen Akariis kam, die mit Schulter-SAM den aussichtslosen Kampf aufgenommen hatten. Das konzentrierte Feuer der Fähren und ihrer Begleitjäger löschte jeden Widerstand binnen Sekunden aus.
Dann senkten sich die Shuttles dem Boden entgegen und noch bevor sie den Boden erreicht hatten sprangen die ersten Soldaten aus den Luken. Nicht wie Marines mit lautem Gebrüll und flammenden Laserwaffen, sondern schweigend. Die SAS schoß in der Regel nur, wenn sie ein Ziel vor Augen hatte. Der Bodenkampf hatte begonnen...
Die Nighthawk-, Phantome- und Miragepiloten bekamen davon nichts mehr mit. Sie waren bereits auf dem Rückflug. Die meisten stießen unwillkürlich erleichtert die Luft aus, als sie die Atmosphäre hinter sich ließen. Ihr Element war und blieb der Weltraum.
Die Landung verlief ganz anders als in den üblichen Propagandastreifen. Kaum jemand außer der Bodencrew beachtete die Kampfflieger besonders. Denn gleichzeitig startete die nächste CAP und um die Sturmfähren der Columbia ballten sich die schwergepanzerten Marinesoldaten. Es herrschte das übliche "organisierte Chaos". Ein hochgewachsener Sergeant brüllte ein paar unglückliche Privates an: „REISST GEFÄLLIGST DIE AUGEN AUF, VIELLEICHT GEHEN DANN DIE ARSCHLÖCHER ZU! BEWEGT EUCH, VERFICKTE HURENBÖCKE!“
Kano ließ sich beinahe aus dem Cockpit fallen, nur mit Mühe hielt er das Gleichgewicht. In nicht einmal 24 Stunden vier Einsätze – das war wohl zu viel gewesen. Während er sich mit der Rechten abstützte, versuchte er abzuschätzen, ob seine zittrigen Beine ihn überhaupt tragen würden. Er wollte nicht mitten im Hangar über die eigenen Füße stolpern. Der Lärm, den die Marines und die startenden Jäger verursachten rollte über ihn hinweg.
„Nakakura...“
Mühsam nahm Kano etwas an, was man mit sehr viel gutem Willen als Habacht bezeichnen konnte. Monty winkte ab: „Lassen sie das. Interessante Technik bei dieser Flak. Etwas grobschlächtig, aber erfolgreich – warum haben Sie nicht Ihre Raketen eingesetzt?“
Kano versuchte den Nebel zu verdrängen, der plötzlich im Hangar zu herrschen schien. Seine Stimme hallte ihm selber seltsam in den Ohren: „Fehlfunktion, Sir. Die Zielerfassung war defekt.“
Monty preßte die Lippen zusammen: „Das war unklug. Sie hätten mich darüber informieren müssen. Mit einem kampfgeminderten Jäger anzugreifen ist unverantwortlich.“
„Verzeihen Sie, Sir.“
„Nun, es hat funktioniert. Und das zählt ebenfalls. Aber denken Sie daran – beim nächsten Mal. Weggetreten.“
„Sir...“
Nach ein paar Augenblicken wurde sich Kano bewußt, daß er alleine war. Lieutenant Terrano war gegangen. Mit eckigen, automatischen Bewegungen suchte sich Kano seinen Weg. In einem der Bereitschaftsräume mußte er einen Zwischenstop einlegen. Seine Beine machten einfach nicht mehr mit.
Er wollte erfahren, wie der Angriff lief. Er wollte sehen, wie es Kali ging, erfahren, wie die Schlacht für sie gelaufen war. Gleich...
Keiner achtete auf den jungen Piloten, der auf einem Stuhl zusammengesackt war, den Kopf auf die Brust gesunken. Zur Zeit kam ohnehin keiner in den Bereitschaftsraum. Im Schlaf wirkte das sonst meist maskenhaft starre Gesicht des Piloten gelöst, er lächelte sogar leicht.
Cattaneo
10.07.2004, 11:15
Sie brauchten nicht weniger als elf Stunden. Elf Stunden voll verzweifelter Anstrengungen, voll Verzweiflung und zunehmender Erschöpfung. Stunden des unermüdlichen Kampfes, in denen nur wenige Meldungen dazu geeignet waren, den Mut wieder aufzurichten. Elf Stunden in denen sich fast alle zumindest einmal in ihrem Inneren fragten, ob der Kampf sich überhaupt noch lohnte, ob es nicht besser sei, einfach aufzugeben.
Und dennoch hielten sie durch und machten weiter – elf Stunden lang. Dann waren die Brände an Bord der Tiredless unter Kontrolle, die wichtigsten Schäden zumindest notdürftig behoben. Erst jetzt konnten Reparatur- und Bergungsteams in gepanzerten Raumanzügen in die Sektionen vordringen, die ihre Atmosphäre verloren hatten. Zumeist rückten sie über die Außenhülle vor und bahnten sich ihren Weg durch die Narben, die von der Schlacht in die Flanke des Schiffes gerissen worden waren. Es gab keine Hoffnung, hier noch Überlebende zu finden. Die Menschen in diesen Teilen des Schiffs waren vermutlich in weit weniger als einer Minute gestorben – was aber nicht hieß, daß sie alle einen leichten Tod gehabt hatten. Das Vakuum und die eisige Kälte, die alles Leben ausgelöscht hatten, hatten auch verhindert, daß von hier eine Bedrohung für das übrige Schiff ausgehen konnte. Das Feuer war eben so schnell erstickt wie die Menschen. Deshalb hatte man sich diese Arbeit bis zuletzt ausgespart. Die Hauptaufgabe der Männer und Frauen war es, die sterblichen Überreste ihrer Kameraden zu bergen. Es wäre leichter gewesen, im Inneren des Schiffes vorzugehen, doch die Zwischenschotts waren keine Druckschleusen. So blieb der Weg über die Außenhaut – und so wurden auch die Leichen evakuiert.
Das Kommando über das wracke Schiff hatte Commander Juliene Dutreil übernommen, der XO des Schiffes. Der Franzose war immer ein Realist gewesen. Er hatte es stets für durchaus denkbar gehalten, daß er das Schiff vom Kapitän würde übernehmen müssen, weil dieser ausfiel. Aber er hatte sich nie träumen lassen, daß ihm Schupp das Kommando über den Kreuzer übergeben würde, und auf ein anderes Schiff wechselte, während die Tiredless um ihr Überleben kämpfte. Auch wenn er sich sagte, daß Schupp seine Gründe haben mochte – im Inneren fühlte der junge Offizier verraten. Der Captain hatte ihn, und viel schlimmer noch, er hatte sein Schiff und seine Crew verraten. Dutreil gehörte zur „Mantikor-Generation“. So nannte man die zumeist jungen Offiziere, die nach den katastrophalen Verlusten der ersten Tage und Wochen des Krieges rasch aufgerückt waren, um die Lücken zu füllen, die Tod, Verwundung und die Last des Kommandos geschlagen hatten. Er hatte schon mehr als einmal vom bitteren Kelch der Niederlage kosten müssen. An Bord mancher der Schiffe, deren Namen sich in der immer länger werdenden Liste der zerstörten Einheiten verloren, waren gute Kameraden gewesen, Bekannte aus der Akademie und gute Freunde. Aber dies hier, das war das Schlimmste.
Wie viele seiner Besatzung hielt sich der neue Kommandeur nur noch mit einer Mischung aus Willenskraft, aufputschenden Getränken und Medikamenten aufrecht. Die Hilfe von den anderen Schiffen war spärlich. Die Flotte war immer noch in erhöhter Alarmbereitschaft. Niemand konnte wissen, wie schnell die Akarii reagieren würden. Seit dem Sprung ins System war genug Zeit vergangen. Wenn sich eine feindlicher Kampfverband in der Nähe aufhielt – was angesichts der Jagdgruppen, mit denen die Akarii ihr Hinterland sicherten, nicht auszuschließen war – dann konnte er jederzeit eintreffen. Und einer der Träger der Menschen war beschädigt und wurde immer noch repariert. Also konzentrierten sich die republikanischen Streitkräfte darauf, kampfbereit zu sein. Eigene Schäden mußten repariert werden, man konnte zudem die Mannschaftsstärke nicht reduzieren. Die Tiredless mit ihren schweren Schäden war sich zum Gutteil selbst überlassen. Wenigstens waren die Verwundeten evakuiert worden.
Commander Dutreil bemühte sich, alle Aufgaben wahrzunehmen, die er als Kapitän zu erfüllen hatte. Besonders an den Schutz- und Waffensystemen wurde fieberhaft gearbeitet, sobald die Lebenserhaltungssysteme notdürftig repariert worden waren. Und irgendwie fand er die nötige Kraft. Als das Schiff angefunkt wurde, befand er sich nach einem Inspektionsgang gerade wieder auf der Brücke. Es war Schupp.
Der Captain trug seinen Arm in einer Stützschlinge. Er trug immer noch die selbe Uniform, in der er das Gefecht geleitet hatte. Sein Gesicht wirkte müde, aber entschlossen.
„Captain“, begrüßte Dutreil seinen Vorgesetzten mit weit weniger Achtung als sonst. Doch wenn Schupp es bemerkte, so ließ er sich nichts anmerken: „Wie ist der Status des Schiffes? Nur knapp – das Wesentliche.“
Der Commander mußte an sich halten, um Schupp nicht anzuschreien. Das Wesentliche? Etwa 300 Besatzungsmitglieder waren tot, 200 verwundet – und der Captain fragte nach dem Wesentlichen? Doch er beherrschte sich, wie er es gelernt hatten. Seine Stimme klang kalt, beinahe feindselig: „Lebenserhaltungssysteme bei 80 Prozent. Antrieb wieder betriebsbereit, gesamter Energieausstoß liegt bei 67 Prozent. Maximale Geschwindigkeit und Beschleunigung bei 40 Prozent Normal. Schilde rekalibriert und wieder intakt, bei 75 Prozent. An Waffensystemen einsatzbereit und verfügbar sind Sekundärwerfer Beta, Sekundärwerfer Gamma und Delta. Dazu Lasergeschütztürme Eins bis Sechs, vier Impulslaser und die Tachyonengeschützetürme 1 und 2. Betriebsbereit überdies vier Shuttles. Verwundete evakuiert.“ Schupp schien etwas sagen zu wollen. Der Brite sah auf einmal aus, als sei er binnen kurzem um Jahre gealtert. Doch was es auch war, es kam ihm nicht über die Lippen. Statt dessen nickte er nur knapp: „Gute Arbeit. Schalten Sie die Lebenserhaltungssysteme so weit herunter wie es geht, und nutzen Sie die Energie für Antrieb, Schilde und Waffensysteme. Notbeleuchtung auf den Gängen, Besatzung in Notunterkünften konzentrieren. Unnötigen Energieverbrauch einstellen. Wasser und Lebensmittel – vor allem aufbereitete – rationieren.“
Dutreil erwiderte den Blick seines Vorgesetzten: „Sir? Das Schiff ist doch so kaum kampfbereit zu nennen. Wir sind wrack.“ Schupp preßte die Lippen zusammen. In seiner Miene schienen verschiedene Gefühle miteinander zu ringen. Doch das Pflichtgefühl siegte, wie immer: „Das Schiff ist so lange kampfbereit, wie es feuern und sich bewegen kann. Und bei Gott, wir werden es noch brauchen. Sie werden ALLES nötige tun, um es einsatzbereit zu halten. Dies ist ein Befehl. Schupp...“, er wollte vermutlich sagen: ,Ende!‘, doch dann zögerte er.
„Commander Dutreil – ich setze mein Vertrauen in Sie, und in die Frauen und Männer an Bord. Ich wäre lieber an Bord meines Schiffes, doch ich habe hier meine Aufgabe zu erfüllen. Verstehen Sie bitte, es ist meine Verpflichtung. Ich muß mich um alle neun Schiffe kümmern. So wie Sie um das Ihre. Sie werden mich nicht enttäuschen. Viel Glück.“ Der Bildschirm erlosch.
Der neue Kapitän des Schiffes starrte einen Augenblick auf den nun leeren Monitor. Schupp hatte quasi vor aller Augen einen Tabubruch begangen. Ein Captain erklärte seine Befehle nicht Untergebenen, die daran zweifelten. Er rechtfertigte sich nicht, denn das war ein halbes Schuldeingeständnis. Doch der Brite hatte es getan. Dutreil schüttelte den Kopf. Er war nicht – noch nicht, wenn überhaupt je – bereit, Schupp zu verzeihen. Aber er würde seine Aufgabe erfüllen. Der junge Franzose kannte die Notfallpläne. Wasserverbrauch und tägliche Fertigrationen würden streng limitiert werden, ebenso die Zuteilung für hygienische Zwecke. Ein Schiff nahm nie genug Wasser für seine monatelangen Reisen mit. Es mußte aufbereitet werden – aus der Luft des Schiffes und aus den Abfällen. Das verbrauchte Energie. Und die mußte man sparen. Die Heizungen würden herunter geschaltet werden, ebenso die Beleuchtung. Alles, um das Schiff möglichst einsatzbereit zu halten. Das Leben würde nicht nur unbequem, im Laufe der Zeit würde es regelrecht zur Qual werden. Er holte tief Luft. Nun, wenn es unausweichlich war, gab es keinen Grund, es zu lange hinauszuschieben. Dutreil aktivierte das Interkom, um die wichtigsten Schiffsoffiziere zu sich zu bitten, soweit sie noch am Leben und einsatzbereit waren.
Eine Stunde später waren die wichtigsten Maßnahmen eingeleitet worden. Es gab kaum Murren – vermutlich waren die Leute auch einfach zu müde. Auf Anordnung der neuen Befehlshabers wurden die weiteren anfallenden Arbeiten, und die würden noch eine Weile andauern, zum Teil vorerst zurückgestellt. Die Mannschaft brauchte Ruhe. Es gab sowieso die ersten Zusammenbrüche. Sollte das Schiff je wieder eine Schlacht schlagen ohne ein halbes Jahr im Raumdock, dann brauchte es eine ausgeruhte Gefechtswache. Mit müden, verbitterten Gesichtern suchten die Männer und Frauen ihre neuen Quartiere auf. Aber im Augenblick erschienen ihnen selbst die Notunterkünfte als eine angenehme Schlafstelle.
Dutreil jedoch gönnte sich keine Pause. Auch er würde schlafen müssen – wenn er konnte. Doch es gab noch etwas zu erledigen, was sich nicht aufschieben ließ. Er wußte nicht, ob er danach Ruhe finden würde. Davor jedoch mit Sicherheit nicht.
Der Haupthangar, aus dem die Landungs- und Spähshuttle gestartet wurden, hatte immer etwas von einer gewaltigen Halle an sich gehabt. Es war der größte und höchste Raum des Schiffes, und hatte deshalb fast etwas wie eine Kathedrale an sich. Zahlreiche kleine Kerzen, die trübe flackerten, verstärkten diesen Eindruck noch. Dutreil wußte, es wäre seine Pflicht gewesen, die Feuer auszulöschen. Schließlich verbrauchten sie auch Sauerstoff, und an Bord war Feuer außerhalb der kontrollierten Bereiche sowieso eine heikle Sache. Aber das brachte er nicht übers Herz.
Auch wenn er auf den ersten Blick wie eine Kathedrale wirkte – der Eindruck trog. In Wahrheit war der Hangar eine gigantische Leichenhalle. Sie lagen Seite an Seite, in schier endlosen Reihen. Die sterblichen Überreste, die man hatte bergen können bedeckten den Boden. Und dabei fehlten viele. Ihre Leichen würde man nie finden. Bei aller Hektik und Müdigkeit, die Besatzung hatte Zeit gefunden – oder besser, hatte sie sich einfach genommen, ungeachtet aller Befehle – die Leichensäcke mit den Fahnen zu bedecken, die jedes Schiff für diesen Zweck bereit hielt. Fahnen waren auch ausgelegt für die, deren Name noch auf der Liste der Vermißten stand. Wer bis jetzt nicht gefunden worden war, der war auf immer verloren.
Dutreil schritt die Reihen ab. Er war allein, denn dies war seine Aufgabe – eine Pflicht, der er sich nicht entledigen konnte. Seine Finger, die sich für ihn selbst kalt und leblos anfühlten wie die Toten vor ihm, gaben die Namen in einen Taschencomputer ein. So viele Namen – Menschen, die er gut gekannt hatte. Manchmal blieb er stehen, öffnete einen der Säcke. Er wich dem Anblick nicht aus, der sich ihm bot. Aufgeplatzte Haut, Brandnarben, grauenhafte Wunden. Der Anblick der Krieges hatte sich nicht geändert, nicht in all den Jahrtausenden, die die menschliche Rasse freiwillig oder gezwungenermaßen einander und andere ermordete. Er klagte nicht an, er fühlte nicht einmal Haß. Das würde später kommen. Er zählte nur die Toten, hielt ihre Namen fest. Und die ganze Zeit weinte er lautlos. Aber er ging immer weiter, allein. Ein Lebender unter den Toten.
Auf Terra würde es heißen, die Flotte der Menschen habe gegen die Akarii einen grandiosen Sieg errungen. Graxon war genommen, die feindlichen Streitkräfte beinahe vernichtet. Der feindliche Kommandeur war gefallen oder gefangen, die Befreiung der republikanischen Soldaten lief. Die eigenen Verluste seien nur unbedeutend.
Ace Kaiser
12.07.2004, 18:02
Von Ironheart:
Pasumata IV
Raumstation „Kril Param“,
Im Orbit um Pasumata IV, Pasumata-Sektor
Brrrriiit, Brrrriiit
Der Kommunikator in Oberst Korr Barthu Quartier brauchte nur zweimal eindringlich aufzubegehren, um den momentanen Kommandeur der Garnisonsstreitkräfte auf Pasumata IV zu wecken, obwohl dieser sich im tiefsten Schlaf befunden hatte. Doch manche Gewohnheiten ließen sich nun mal nicht abschütteln.
Der ehemalige Infanterieoffizier war sofort hellwach, knurrte aber trotzdem seinen Gegenüber auf dem Bildschirm an. „Ich hoffe für dich, dass Du einen guten Grund hast um mich aus dem Schlaf zu reißen, Tuan Keel.“
Der junge Leutnant richtete nervös seinen Kamm auf, schien sich aber ansonsten seiner Sache sicher. "Verzeiht mir, Lordoberst Barthu, aber einer unserer Satelliten an der Zerberus-Dunkelwolke hat Aktivitäten aufgezeichnet, die sie sich unbedingt ansehen sollten, mein Lord.“
Barthu strich sich mit seiner gesunden rechten Hand über das Gesicht und rieb sich mit den Krallen über die Schuppen. „Gut, Keel, spielen sie es mir auf den Bildschirm…“
„Aber, Herr, die Daten sind streng vertraulich…“
„Wer soll sie hier schon abhören, die Sandvögel auf Pasumata?“, herrschte er seinen Adjutanten an „Spielen sie es ab, oder soll ich rüberkommen und es selber machen?“
Sein kehliges Knurren klang nach einem Geelam, dem man qualvoll die Kehle durchschnitt und Barthu hatte nicht selten daran gedacht dasselbe mit seinem unfähigen Leutnant zu machen.
„N-Nein, mein Lord, wir spielen ab“ antwortete Keel zitternd und sein Bild wurde ersetzt durch die fast vollkommene Schwärze des Weltalls durch die sich langsam und majestätisch ein Raumschiff schob. Sofort verengten sich Barthus Reptilienaugen zu Schlitzen. Sein Gehirn meldete ihm augenblicklich – und noch bevor die Aufzeichnung um ein kleines Datenfeld rechts oben ergänzt wurde – dass es sich hierbei um ein Kriegsschiff der Weichhäute handeln musste. Sein Blick zuckte hinüber in das Datenfeld rechts oben und das Schiff wurde als eine Fregatte der so genannten Midway-Klasse angegeben, zumindest wenn die Klassifizierung durch den Akariischen Geheimdienst richtig sein sollte.
Barthus Gedanken überschlugen sich. Was machte das Schiff hier? Eine einsame Fregatte, die sich verirrt hatte und nun geradewegs in ihre Krallen flog?
Während Barthu die Details dieses Kriegsschiffes begutachtete, schob sich schräg hinter diesem Schiff ein zweites ins Blickfeld. Dieses Mal gab die Aufzeichnung den Blick auf einen Zerstörer wieder, der von den Weichlingen anscheinend als ein Norfolk klassifiziert wurde, was immer ein Norfolk auch sein sollte.
Das reichte Barthu, mehr brauchte er nicht zu sehen. Sofort richtete er sich auf und zog sich hastig aber gewissenhaft seine Uniform über. Noch ehe die kurze Übertragung geendet hatte, befand er sich schon auf dem Weg zur Kommandobrücke.
Als er kurz darauf in diese wie ein wild gewordenes Hurthanimännchen eintrat, erschrak nicht nur sein Adjutant, sondern auch etliche weitere Anwesende auf der Kommandobrücke.
„Herr, ich dachte ihr seid noch…“
„KEEL!“, giftete er seinen Adjutanten an, der sichtlich zusammenzuckte. “Warum ist noch kein Alarm gegeben worden?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, hämmerte Barthu mit seiner mechanischen linken auf den Alarmknopf und augenblicklich wurde die gesamte Station durch ein lautes, pfeifendes Geheul und grellblaue Warnleuchten in Alarmzustand versetzt.
„Verbindet mich sofort mit Kapitän Talohn, Commander Nurrka und Hauptmann Shiram und schickt sofort eine Nachricht an Kapitän Kuusta, er soll unverzüglich mit seinen Kriegsschiffen zurückkehren…“
Keel unterbrach seinen Vorgesetzten zögerlich. „I-Ich fürchte, dass geht nicht, Herr“ druckste er herum „Lordkapitän Kuusta ist mit seinen Schiffen schon vor geraumer Zeit gesprungen. Es wird sicher eine Weile dauern, bis wir sie erreicht haben und noch länger bis sie umkehren können.“
„AAAHHHHH!!!“ Vor Wut hämmerte Barthu mit seiner Metallhand auf die linke Lehne seines Stuhles, in dem er sich gerade hingesetzt hatte. Kuusta war vor kurzem von der Admiralität an die Front berufen worden, wo die Akarii anscheinend doch größere Probleme mit den Weichhäuten hatten, als sie ursprünglich gedacht hatten und als sie zugeben wollten.
Jedenfalls hatte man ihm damit mit 10 Kriegsschiffen einen großen Teil seiner Raumverteidigungskräfte von Pasumata IV genommen. Die Admiralität hatte einen möglichen Angriff der Terraner in diesem Sektor als unmöglich bezeichnet und damit bestand alles, was Barthu an Raumschiffen und Jägern noch zur Verfügung hatte aus einer einsamen Fregatte und drei alten Korvetten sowie einer Staffel alter ausrangierter Deathhawks. Nicht mal die Bomber hatten sie ihm gelassen.
Barthu verdrängte seinen Ärger über die Admiralität und konzentrierte sich stattdessen wieder auf seine Aufgabe. „Wo kommen diese Schiffe her? Wie konnten die Weichlinge alle unsere Frühwarnsysteme entlang der Grenzen umgehen und so weit hinter den Linien auftauchen?“
„Wenn wir ihren momentanen Kurs zurückrechnen, kommen sie direkt aus der Zerberus-Dunkelwolke…“
„Wurde diese nicht schon längst geprüft?“
„Ja, Herr, aber außer einigen unbedeutenden Raumanomalien haben unsere Sensoren nichts entdecken können.“
Barthu hätte seinen Adjutanten vor Wut am liebsten gegen die Wand geschleudert. Eine dieser „Anomalien“ hatte sich offensichtlich als Wurmloch entpuppt, und das direkt vor seiner Nase. Bedrohlich richtete er seinen Kamm auf, beruhigte sich aber ein weiteres Mal. Wäre er noch so jung und ehrgeizig wie am Anfang seiner Karriere, würde Keel wahrscheinlich nur noch aus der Schnabeltasse saugen, so aber zog er zischend die Luft der noch im Bau befindlichen Station ein und starrte auf die Übertragung der terranischen Kriegsschiffe.
„Soll ich Kapitän Talohn anweisen in Verteidigungsstellung um die Raumstation zu gehen?“, fragte indessen Leutnant Keel, anscheinend bemüht das Thema so schnell wie möglich zu wechseln.
„Nein, die Verteidigungssysteme der Station sind noch zu schwach. Es sind erst ein Drittel der Schilde aktiv und keines unserer Verteidigungswaffen. Beim Kaiser, wir sind diesem Angriff fast schutzlos ausgeliefert.“ Seit Kriegsbeginn hatte sich der Bau der „Kril Param“ immer weiter verzögert. Rohstoffe waren in die riesigen Kriegsmanufakturen umgeleitet worden, dringend benötigte Bauteile wie Panzerung, Schildgeneratoren und Defensivwaffensysteme waren an die Front gegangen. Der Bau und die Fertigstellung der Station hatten sich dadurch erheblich verzögert.
„Gerade deshalb sollten wir doch die Kriegsschiffe hierher beordern, Lordoberst Barthu“ insistierte Leutnant Keel, der anscheinend noch nicht begriffen hatte, dass er seine Position mit seinen überflüssigen Kommentaren alles andere als stärkte.
Doch noch bevor Barthu antworten musste, erschienen Kapitän Talohn, der Kommandant der zurückgebliebenen Fregatte und Commander Nurrka, der Staffelführer der Deathhawks auf den Schirmen.
Milas Talohn, wie Barthu ein Veteran der alten Garde, ließ seine blitzenden Zähne blicken, ein deutliches Zeichen seiner Verärgerung. „Wenn das eine Übung sein soll, Korr, dann sprich das mit mir in Zukunft ab…“ Kapitän Talohn war der einzige in diesem Sektor, der es wagen konnte, so mit Korr Barthu zu reden und gleichzeitig darauf hoffen konnte, es danach auch zu überleben.
„Keine Übung, Milas“ knurrte Barthu zurück „mach dich auf ein Raumgefecht gefasst.“
Das Leuchten in Talohns Blick war unübersehbar. „Wie viele?“
Barthu blickte hinüber zu Keel.
„Ein Zerstörer, zwei Fregatten, vier Korvetten und ein leichter Träger, wahrscheinlich Hilfsträger. Dazu noch ein Schiff, dass wir nicht identifizieren konnten, den Daten nach zu urteilen aber eher schwach bewaffnet, höchstens Korvettenstärke. Trotzdem sind die Feindverbände unseren momentanen Verteidigungskräften um mindestens das doppelte überlegen, wenn nicht sogar mehr. Da sich unsere Station noch im Aufbau befindet, verfügen wir nur über 30% der normalen Schildkapazitäten und nur über rudimentär vorhandene Verteidigungsanlagen.“
Talohn schien die Analyse des Leutnants gar nicht zu hören, genauso wenig wie Barthu, der seinem Adjutanten nur einen abschätzigen Blick von der Seite zuwarf. Die Reptilienaugen des Raumschiffkapitäns fixierten dagegen den Lordoberst „ Mein Lord, ich erbitte die Ehre, den Feind im Kampf stellen zu dürfen.“
Noch bevor Barthu geantwortet hatte, überschlug sich Commander Nurrka förmlich. „Herr, meine Jäger bitten ebenfalls um die Ehre, diesen Angriff durchführen zu dürfen.“
„Was für einen Angriff?“, fragte Leutnant Keel. „Entschuldigen sie, Lordkapitän, aber das wäre Selbstmord, wäre es nicht ratsamer, ihr würdet euch zurückziehen und auf Verstärkung…“
Weiter kam der junge Akarii-Leutnant nicht, da ihn Barthu bereits blitzschnell und ohne die geringste Vorwarnung mit seiner metallenen Linken an der Kehle gepackt und in die Höhe gerissen hatte. Ein seitlicher Schritt und der keuchende Leutnant wurde zwischen der künstlichen Hand des Obersts und einigen Armaturen an der Wand eingequetscht, die Krallenfüße knapp 5 cm über dem Metallboden.
„Du feiger, kleiner, nichtsnutziger…“ Barthus knurrende Stimme war kaum mehr als ein Zischen und er spielte für einen Augenblick mit dem Gedanken mit seiner Metallkralle zuzudrücken und diesen jämmerlichen Abklatsch eines Akariioffiziers auf der Stelle zu beseitigen.
Nur das bellende Lachen Kapitän Talohns und die Gewissheit, dass er diesen feigen Leutnant noch brauchen würde, retteten diesem das Leben.
Zumindest für den Augenblick.
„Nein, Keel, wir werden den Feind umgehen und auf ihn warten“, schnarrte Talohn durch die Übertragung, „dort wo er uns am wenigsten erwartet. Und genauso wie Prinz Jor und seine ruhmreichen Truppen Mantikor im Handstreich genommen haben, werden wir diese Weichhäute aus dem Weltall blasen.“ Das Funkeln in den Augen des Kriegsschiffkapitäns verriet Barthu, dass es ihm Ernst war und dass er nicht einen Augenblick daran zweifelte, auch einer zweifachen Übermacht ohne weiteres gewachsen zu sein. „Ehre dem Kaiser!“, sagte Talohn schließlich, schlug sich mit der rechten Faust auf die Brust und verneigte sich vor Oberst Barthu.
„Ehre dem Kaiser!“, erwiderte dieser in dem er seinerseits den Abschiedsgruß ausführte, während er weiterhin mit der Linken seinen Adjutanten in der Luft hielt.
Ein Teil von ihm vermisste den alten Haudegen schon jetzt, ein anderer Teil von ihm hoffte insgeheim, dass Talohn scheiterte. Es war lange her, sehr lange, dass Barthu in einer Schlacht gestanden hatte. Und obwohl er sich Ruhm und Ehre im Namen des Kaisers erworben und seine Feinde reihenweise dahingemetzelt hatte und sein Name voller Ehrfurcht von Freund und Feind geachtet wurde, hatte man es ihm damit „gedankt“ ihn zum Oberst und damit ranghöchsten Offizier über diesen unbedeutenden Sektor des Akariischen Reiches zu machen. Es war eine ehrenvolle Position, ohne Zweifel, doch Barthu wusste, dass er einigen seiner Vorgesetzten ein Dorn im Auge gewesen war, eine Gefahr für deren eigene Karriere. Doch schon damals hatte er geahnt, dass er hier nichts anderes als alt werden würde. Und so war es letztlich auch gekommen. Während andere den jüngsten Feldzug vorbereitet und auch durchgeführt hatten, hatte er den Aufbau der Kolonien und der Raumstation auf Pasumata IV betreut. Eine Aufgabe, bei der fast versauert war, weit ab von der Front und ohne Aussicht darauf, sich erneut auszeichnen zu können.
Sämtliche seiner Versetzungsgesuche hatten Sie abgelehnt, immer mit dem Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter und seine Prothesen. Diese Narren, hatten sie doch nicht begriffen, dass sein linker Arm und sein linkes Bein durch den Einsatz von Trillion fast noch besser waren, als seine natürlichen Gliedmaßen.
Ein Krächzen an seiner linken Seite erinnerte ihn wieder daran, dass er hier noch nicht fertig war. Sein Blick traf den des deutlich sichtbar mit Panik erfüllten Leutnants. Barthu ließ ihn weiter zappeln und wandte sich an einen weiteren seiner Untergebenen. „Schafft mir endlich jemand Hauptmann Shiram her!“, brüllte er ihn an.
„Ich bin schon eine kleine Weile hier, mein Lord“, kam die prompte Antwort rechts hinter Korr Barthu.
Er war beeindruckt, auch wenn er es nicht zu zeigen versuchte. Es gab nicht viele, die sich an ihn heranschleichen konnten und auch sonst machte Shiram einen deutlich kompetenteren Eindruck als sein jämmerlicher Leutnant.
„Da sind sie ja endlich“, fauchte er den Hauptmann aber trotzdem an.
„Gut, da sie ja angeblich bereits eine Weile hier gewesen sind, haben sie das wichtigste bereits mitbekommen. Bereiten sie ihre Männer auf die Verteidigung der Station vor“, befahl Barthu dem nach ihm selbst höchstrangigen Infanteriekommandeur an Bord der Raumstation.
„Glauben sie wirklich, die Menschen könnten dumm genug sein, unsere Station stürmen zu wollen, mein Lord? Bislang haben sie das noch nie gewagt“, fragte Shiram vorsichtig.
„Soweit ich weiß, haben sie bislang auch nur mit voll einsatzfähigen Stationen zu tun gehabt. Feige wie diese Menschen sind, haben sie daher nie den direkten Kampf um eine Station gewagt. Doch in unserem Fall könnten sie zu dem Trugschluss kommen, dass wir eine leichte Beute sind. Und außerdem bin ich gerne auf alle Eventualitäten vorbereitet, Hauptmann. Wir haben derzeit nur eine Kompanie an Bord, daher halte ich es für angebracht, wenn sie entsprechende Vorkehrungen treffen. Und um ehrlich zu sein, ich hoffe sogar, die Menschen versuchen es wenigstens.“ Ein boshafter Gesichtsausdruck formte sich in seinem Gesicht und er wandte sich wieder dem nach Luft röchelnden Leutnant zu. „Ach ja, noch eines, Kommandant: Weisen sie Leutnant Keel eine Position zu, die es ihm ermöglicht seine Ehre wieder herzustellen, verstanden?“
„Wie sie befehlen, mein Lord“, gab Shiram zurück und Barthu wusste, dass er verstanden hatte.
Genau wie Keel, der erschrocken aufkeuchte. Dann ließ Barthu den Leutnant los, der prompt japsend zusammenbrach und sich erst mühsam wieder aufrappeln musste. Barthu beachtete ihn keines weiteren Blickes und war schon voll und ganz damit beschäftigt Vorbereitungen jeglicher Art zu treffen. Er bemerkte noch nicht einmal, wie die beiden Infanterieoffiziere zu ihren Truppen gingen, um sie auf den möglicherweise bevorstehenden Angriff vorzubereiten.
Korr Barthu hatte nur noch eines im Sinn: Die womöglich letzte Möglichkeit seinen Wert für den Kaiser zu beweisen voll und ganz auszunutzen.
Cunningham
16.07.2004, 22:53
Über Graxon II schwebten drei Sturmshuttles der Terran Republic Army. Auf die drei Shuttles waren 2 Kompanien des Special Air Service, der Eliteeinheit der Army verteilt. Damit waren alle drei Shuttles unterbesetzt.
An Bord herrschte Anspannung und Ruhe zu gleich. Alle angehörigen der Bodentruppe trugen schwere Raumkampfanzüge, zur Sicherheit vor den giftigen Nebelschwaden, auch wenn diese nicht auf das Hochplateau reichten.
Die schwergepanzerten Anzüge machten die Bewegungen um einiges schwerer und bei vielen der SAS-Soldaten wirkten die Handschläge, die sie an ihre Ausrüstung anlegten etwas unkoordiniert.
Colonel Blake blickte von einem seiner Männer zum anderen. Wenn man Euch so sieht. Welch ein Unterschied zu sonst. Ich hab Euch lachen, spielen und weinen gesehen. Habe mit einigen von Euch tagelang im Dschungel, in Wüsten und Eiswüsten auf verschiedenen Planeten gesessen. Habe einige von Euch ausgebildet. Als Beichtfater oder als Stütze in der Trauer gedient.
"Crazy Horse One für Striker One", meldete sich der Shuttlepilot, "die Angriffsgruppe der Columbia zieht sich vom Objekt zurück, das SWACS meldet, dass der Weg frei ist!"
"Mit dem Zielanflug beginnen!" Befahl Blake.
Neben Blake rammte Staff Sergeant Kramer ein Magazin mit zwanzig panzerbrechenden Geschossen in sein Sig und Sauer Alfa II Prezisionsgewehr....... Im Gegensatz zu den standard Strahlenwaffen der Streitkräfte konnte man beim Alfa II von einer hundertprozentigen Schall- und Mündungsfeuerdämpfung ausgehen.
Die drei Shuttles senkten die Spitzen und stießen durch die Atmosphäre von Graxon. Die sechs Typhoon, welche die Eskorte bildeten hielten mühelos Schritt.
Der Angriff der SAS erfolgte direkt und frontal, jetzt nachdem die Bomber und Jäger die gegnerische Raum- und Luftabwehr ausgeschaltet hatten.
80 Meter über dem Plateau begannen die Typhoone zu kreisen und die drei Shuttles hoben ihre Nasen und gingen ansatzlos vom Sturzflug in den Schwebeflug über und senkten sich dann langsam zu Boden.
Knapp einen Meter über dem Boden leiteten die Shuttles den Schwebezustand ein und begannen mit ihren Strahlengeschützen die Umgebung zu bestreichen.
Einige in Stellung gegangene Akarii antworteten sofort und eröffneten mit ihren Gewehren das Feuer. Die relativ schwachen Strahlenblitze zerpufften an der Panzerung der Sturmshuttles.
Auf die größten Feindkonzentrationen wurden ungelenkte Impraketen abgefeuert.
Dann wurden Backbord und Steuerbord die Sturmtüren geöffnet und die SAS-Soldaten stürmten hinaus.
Anders als bei Landungen der regulären Army-Verbände oder dem Mraine Corps wurde kein Feuersturm entfesselt.
Die Soldaten des SAS feuerten in kurzen präzisen Feuerstößen.
Von dem Angriff beinahe überrannt flüchteten die zur Außenverteidigung eingeteilten Akarii zum Hauptbunker, mit dem Großraumlift zum Gefängnissinneren.
Die meisten Verteidigern wurden jedoch von den vier Scharfschützen und den drei Mann mit den schweren Impulsgewehren niedergemäht.
"Crazy Horse Two, hier Striker One, öffnen Sie uns das Tor!"
"Roger!" Das rechte Shuttle schwebte noch etwas nach rechts und feuerte dann zwei konventionelle Mavericks auf den Hauptbunker ab.
Panzerung platzte vom Tor ab, welches jedoch intakt blieb. Darauf hin feuerte Crazy Horse Two alle seine Imp-Rakten in das Tor, unterstützt vom Dauerfeuer seiner Strahlengeschütze.
Noch immer hielt das schwer mitgenommene Panzertor.
Allright Kip mach mal Platz!" Crazy Horse One brachte sich in Position.
Das Shuttle feuerte ebenfalls seine beiden Mavericks ab. Zwei riesige Löcher wurden in die Panzertür gerissen.
"Siehst Du Kip, so macht man das." Der Pilot von Crazy Horse One schien sich königlich zu amüsieren.
"Ja ne, is' klar, nachdem ich damit fertig war stand ja eh schon zerbrechlich drauf!"
"Striker One an alle Striker: Auf Bunker vorrücken! Scharfschützen geben Deckung!"
Das SAS-Bataillion arbeitete sich zu beiden Seiten der Löcher auf den Bunker vor, dabei gingen sie langsam vor und nutzten jede sich bietenden Deckung aus. Zweimal sah Blake, wie im inneren des Bunkers irgendetwas zusammenzuckte und hin fiel.
Nachdem sich die SAS-Truppen zu beiden Seiten in Position gebracht hatten rückten die Scharfschützen nach.
"Granaten!" Befahl Blake und jeweils die beiden vordersten Männer schossen zwei Explosivgranaten hinein und nach dem dieses hochgegangen waren folgten zwei Blendgranaten.
Der Sturm begann. Mit gezieltem Feuer auf die verwirrten, verwundeten und geblendeten Feinde rückten die SAS-Truppen in den Hauptbunker ein, brachen jeglichen Widerstand und sicherten ihn.
Der Bunker beinhaltete drei riesige Lastenliften und sechs große Personenlifte. Mehrere Check-In Schalter für die neuen "Gäste".
"Zweiter und dritter Zug, B Kompanie! Sicherungspositionen einnehmen!" Blake sah sich die Anlage genau an. "Der Rest: Wir nehmen vier der Personenlifte! Die Lastlifte brauchen wir noch für die Evakuierung! Chappel: Setzen Sie müssen alle Lifte außer Betrieb setzen, bevor wir runter gehen."
"Aye Sir." Der angesprochene Lieutenant ging an eines der Computerterminal, die den Angriff überstanden hatten und fing an sich in das System zu hacken. Es dauerte fast eine Stunde bis sich der Computer- und Linguistigexperte in das System eingehackt hatte und beinahe eine weitere bis er mit seinen Verwüstungen fertig war.
In der großen Grotte, wo die Baracken der Kriegsgefangenen standen war indes reges Treiben. Die Akarii hatten ein zusätzlich zu der Glaswand, welche das Gefangenencamp umgab ein Energieschild hochgeladen um sicher zu sein, dass die terranischen Gefangenen ihnen keinen Ärger machen würden.
Auf dem Vorhof des Camps bereiteten die Akarii die Schlacht vor.
Es wurden Barrikaden aus Erzloren und Kästen und ähnlichem errichtet. So dass die Akarii die angreifenden Terraner in dem einzigen Zugangskorridor gut unter Feuer nehmen konnten.
Der Zugangskorridor zur Grotte stellte ein Nadelöhr dar, wo selbst ein entschlossener Angreifer ein ganzes Regiment verlieren konnte.
Oberst Valkon Rekk war sich sicher, dass Gefängnis halten zu können.
Jedoch störten ihn zum ersten mal die über vierzehntausend Kriegsgefangenen. Vom Camp hallte Spott herüber und einige diszipliniertere Terraner hatten einen Chor zusammengestellt, der terranische Kriegslieder herüberschmetterte. Was für ein verfluchtes Volk.
There was a soldier, a Scottish soldier
Who wandered far away and soldiered far away
There was none bolder, with good broad shoulder
He’s fought in many a fray, and fought and won.
He’d seen the glory and told the story
But now he’s sighting, his heart is crying
To leave these green hills of Tyrol,
Because these green hills are not highland hills
Or the island hills, they’re not my land’s hills
And fair as these green foreign hills may be
They are not the hills of home
And now this soldier, this Scottish soldier
Who wandered far away and soldiered far away
Sees leaves are falling and death is calling
And he will fade away, in that far land.
He called his piper, his trusty piper
And bade him sound a lay … a pibroch sad to play
Upon a hillside, a Scottish hillside
Not on these green hills of Tyrol.
And so this soldier, this Scottish soldier
Will wander far no more and soldier far no more
You’ll see a piper play his soldier home.
He’d seen the glory, he’d told his story
Of battles glorious and deeds victorious
The bugles cease now, he is at peace now
Far from these green hills of Tyrol.
Die SAS-Kommandosoldaten hatten sich - nachdem die Aufzüge lahm gelegt worden waren - die Aufzugsschächte abgeseilt und waren bis tief in die Anlage vorgedrungen.
Jeglichen Akarii denen sie begegneten wurde mit tödlicher Gewalt die Absicht des SAS-Bataillions verdeutlicht.
"Striker One, hier Chappel, Sie werden in eine Falle laufen, der Hauptkorridor ist nicht geschützt passierbar, man wird sie abknallen wie die Hasen!"
"Verstanden Chappel, gibt es eine Möglichkeit, dass wir anders in die Grotte kommen?"
"Also Sie müssten sich schon selbst einen Tunnel anlegen. Auf der rechten Seite des Tunnels sind Räume, wohl Mannschaftsquartiere und Messen, wenn Sie sich durch die verschiedenen Wände sprengen könnten."
Blake dachte kurz nach und rief ann seine Offiziere zu sich.
"Henderson: Sie und Ihr Zug bekommen alles an Granaten und Raketen. Sie arbeiten Sich bis zur Kreuzung des Hauptkorridors vor, von wo man in die Grotte kommt, von dort aus Feuern Sie auf meinen Befehl Raketen und Granaten in die Grotte."
"Und was ist mit unseren Jungs Skipper?"
"Die werden von einem Energieschild geschützt." Meldete sich Chappel zu Wort.
"Wir anderen Arbeiten uns durch die Zimmer und Räume entlang des Hauptkorridors und sprengen uns letztendlich mehrere Wege in die Grotte. Das ist dann der Moment, wo auch Sie durch den Hauptkorridor stürmen. Alles klar?"
"Haben wir genügend Sprengstoff?" Fragte Lieutenant Marcel de Nuevell, der Chef vom zweiten Zug der A Kompanie.
"Wenn wir Henderson seinen Sprengstoff wegnehmen sollten wir auskommen. Also vorwärts."
Während sich die A Kompanie durch die Zimmer und Räume entlang des Hauptkorridors arbeiteten bezog Hendersons Zug Stellung an der Kreuzung.
"Lieutenant, bitte um Erlaubnis den Raumanzug ablegen zu dürfen." Bat Miguel
Hernandez einer der Scharfschützen.
"Darf ich fragen warum Hernandez?" Henderson spähte mit einem Teleskop um die Ecke und gab Handzeichen, dass fünf Mann die Kreuzung überquerten und auf der anderen Seite in Stellung gingen.
"Bin dann schneller!"
Henderson guckte noch einmal fragend, gab dann jedoch sein Okay.
Hernandez gab sein Vierundzwanzigtausend Real teures Sig und Sauer Alfa II Scharfschützengewehr. an den anderen Scharfschützen. Niemals hätte er das Alfa II an jemand anderen gegeben.
Das Alfa II war heilig. Es wurde nur an das SAS und die SEAS ausgegeben. Einmal hatte ein junger Scharfschütze seinem Gewehr einen Namen gegeben und diesen in den Lauf graviert. Der Lauf war ausgewechselt worden, auch wenn das nicht zwingend gewesen war. Der Scharfschütze war aus dem SAS entfernt worden und man hatte noch über Jahre hinweg Teile seines Soldes einbehalten um die Reparatur zu bezahlen.
Das Alfa II war etwas ganz besonderes. Perfekt ausbalanciert, zu über 99,99 Prozent schallgedämpft, zu 100 Prozent mündungsfeuergedämpft, rückstoßfrei. Man hatte sogar dafür gesorgt, dass die Patronen zurück ins Magazin wanderten und nicht ausgeworfen wurden..
Nachdem Hernandez seinen Raumanzug abgelegt hatte nahm er sein Alfa II wieder an sich und legte sich auf den Boden und rollte los.
Nach zwei Rollen war er auf der Mitte der Kreuzung, suchte innerhalb von Millisekunden sein Ziel, Schoss und rollte dann weiter.
Oberst Valkon Rekk erahnte die Bewegung auf der Kreuzung mehr, als dass er sie sah. Dann war nichts mehr, der Oberst hörte auf zu existieren.
Die 7,52 Milimeter-Kugel schlug in seiner Stirn ein und hinterließ ein winziges Loch in der Schädeldecke. Brach sich ihren Weg durch den Knochen wie ein Laserstrahl durch Butter und zerschnitt das Gehirn des Akarii-Offiziers in zwei ungleichgroße Hälften.
Am Hinterkopf angekommen bohrte sie sich erneut durch Knochen und Gewebe und trat wieder aus, zog etwas Blut und Hirnmasse mit hinaus.
Wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hatte, fiel Rekk der länge nach hin.
Einige Augenblicke bemerkte keiner seiner Untergebenen was passiert war, bis schließlich einem Unteroffizier der Leichnam des Kommandanten auffiel.
Die war der Moment, wo ein anderer Akarii keine fünf Meter von Rekk entfernt ebenfalls umfiel.
Schnell wie der Blitz schmissen sich die Soldaten und Offiziere der Gefängnissmanschaft in Deckung. Der Chor der Kriegsgefangenen wurde darauf hin lauter.
Die A Kompanie des 1. SAS-Bataillions hatte sich auf einer Breite von 30 Metern zum Angriff bereit gemacht. Die Richtsprengsätze waren angebracht worden. Man war bereit.
"Henderson: Beginnen Sie mit dem Feuerwerk!"
"Roger Colonel! 1. Zug, Baker-Kompanie VORWÄRTS!"
Blake hörte, wie Rakten und Granaten zischten und Explodieren. Dann folgte das laute Knistern von Energiewaffen.
"Steve: Sprengung!" Befahl Blake.
Sofort detonierten die Richtsprengsätze und der Weg war frei. Die A Kompanie griff an. Mit einer eiskalten Präzision rückten die SAS-Soldaten vor. Die Soldaten feuerten höchstens Drei-Schuss-Salven. Der gezielte Angriff überraschte die Akarii-Verteidiger total und die Hauptstreitmacht der Echsen begann nach weniger als fünf Minuten den Rückzug. Wenig später verwandelte sich der Rückzug in panische Flucht.
Angesichts der kalten, unmenschlichen Präzision, mit der die SAS-Soldaten den letzten Widerstand in der Grotte niederkämpften verstummte der Gefangenchor geschockt.
Cunningham
16.07.2004, 22:54
Ich bin Ono sam Gokke sam Haki sam Zoryu sam Pash. Nicht mehr. Nicht weniger. Eine Nummer. Eine Nummer von vielen. Eine Nummer, die für ein Schicksal steht. Für das Schicksal eines Soldaten der Terran Space Navy.
Ich bin Gefangener im Camp Hellmountain, dem größten Kriegsgefangenenlager, welches die Akarii für uns Menschen eingerichtet haben.
Die Nummern, das heißt wir, die Menschen, bauen hier unter großen körperlichen Anstrengungen Erze für die Akarii ab.
Mein Schicksal? Ein Hohn. Aufgefischt aus Raumnot mit multiplen Krebs, notdürftig bei Kräften und am Leben gehalten durch eine uralte Methode, die man Chemotherapie nennt, mit einem faustgroßen Tumor im Kopf und ohne meinen rechten Arm.
Gedächtnisverlust oder Verdrängung, warum erinnere ich mich kaum an meine Vergangenheit?
Verdränge ich Schlachtbilder? Was haben die Schatten zu sagen, die Nachts in meinen Träumen auf mich zujagen, von denen ich weiß, dass es Bloodhawks sind?
Wenn ich auch sonst alles vergessen zu haben scheine, dieses Bild, es spielt sich immer wieder ab. Ich stehe in einem weiten, leeren Raum, nur durch einen Energieschirm vor dem absoluten Vakuum des Alls getrennt. Die Schatten rasen heran, ich sehe aufleuchtende Partikelkanonenspulen. Dann ein Blitz, grell, heiß, so heiß, und ich wache auf.
Schon lange schreie ich dabei nicht mehr, oder bin schweißgebadet. Auch wenn der Traum sich so real anfühlt, ich bin daran gewöhnt. Ich nehme ihn hin, wie den Verlust meines Arms. Wie den multiplen Krebs, der nur widerwillig zurückzugehen scheint. Wie die harte Arbeit. Wie die Verzweiflung meiner Kameraden, die nach und nach abstumpfen und nur noch wie Maschinen ihre Arbeit tun.
Ist der Traum wichtig? Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, dies zu entscheiden. Ginge es nach einem motivierteren Ich von mir, wäre alles wichtig, was auch nur den Hauch einer Ahnung ließe, wer ich war, bevor ich in diesem Camp erwachte. Doch auch ich stumpfe ab.
Ich arbeite hart, um das bisschen, was mich im Körperlichen hält, nicht zu verlieren. Auch wenn ich vieles nicht mehr weiß, ich kenne noch den Geschmack von Rotbier und vermisse ihn. Ich lechze nach Nudeln in Tomatensoße. Ich will noch einmal den süßen Duft einer Rose riechen. Und ich will ums Verrecken noch einmal Adriana Batuma in Flug zur Hölle III ansehen.
Mit drei Worten: Ich will zurück. Zurück in ein Leben, dass ich nicht mehr kenne. Zurück in eine Welt, in der ich mich vielleicht niemals orientieren kann.
Zurück in ein Leben, dass ich der Navy gewidmet habe. Augenscheinlich.
Zu meiner Arbeit gehört auch die Essensausgabe. Ich bin es, der dreimal täglich in den Trakt für die Hochsicherheitsgefangenen herunter fährt, und ihnen Essen austeilt.
Anscheinend denkt der Lagerchef, dass ein einarmiger Krüppel dort unten nichts bewirken kann.
Doch er irrt. Ich bin der Halt dieser Männer und Frauen. Ihre Post. Ihr Trost. Ihre Hoffnung.
Der Berg hat seine eigenen Gesetze und seinen eigenen Lebenszyklus. Einige findige Ärzte haben anhand eines ruhigen Pulses herausgefunden, dass der Zyklus im Berg neunzehn Stunden umfasst. Plus ein paar Minuten. Ein Hinweis darauf, dass auch der Planet, auf dem das Lager steht, sich in neunzehn Stunden einmal dreht.
Oder ein Indiz darauf, dass die Akarii mit allen Mitteln arbeiten, um eine Flucht unmöglich zu machen.
Nach dem Zyklus ist jedenfalls Mittag. Ich komme mit meinem Wagen aus dem Fahrstuhl, stehe vor der großen Stahltür. Manchmal erscheint es mir weniger, dass die Tür das entkommen verhindern soll. Es sieht eher so aus, als solle nichts hinein kommen.
Die Akarii-Wachen öffnen mir. Sie sind leise, ungewöhnlich still. Und beobachten mich argwöhnisch. Selbst auf die übliche Ermahnung, ich solle nicht so lange trödeln, unterlassen sie. Verwundert runzle ich die Stirn.
Als sich hinter mir die riesige Stahltür schließt, beginne ich meine Runde.
Verbreite Neuigkeiten. Nehme Informationen mit. Commander Roussel hatte mich gebeten, seinem Untergebenen Anweisungen mitzunehmen. Nun bringe ich die Antworten.
Colonel Han will über den Ablauf der Gefangenenschachmeisterschaft informiert werden. Er wettet über mich mit und hat schon einen beträchtlichen Haufen Geld gewonnen. Dass ich vielleicht eines Tages einsammeln und ihm übergeben kann.
Admiral Alexander aber…
Als ich die Klappe öffne und zu der höchstrangigen Offizierin von Manticore herein sehe, starrt sie blicklos geradeaus.
„Admiral, Ihr Essen“, sage ich und schiebe ihr Tablett hinein. Die Stimmung gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht.
„Zwei Wochen sind um“, sagt sie unvermittelt, und mir wird heiß und kalt.
Vor zwei Wochen habe ich ihr versprochen, dass eine Entsatztruppe der TSN eintreffen würde, um uns alle zu retten. Die Zeit ist um.
Normalerweise würde ich mich jetzt revidieren und noch eine Woche dran hängen. Aber ich würde es nicht aussprechen. Ich würde es niemals aussprechen. Doch Admiral Alexander tut es. Und bricht die ungeschriebene Regel zwischen uns.
Die Frau strafft sich und ich befürchte schon das Schlimmste. Sie ist Offizierin der TSN, hoch intelligent und erfahren, zudem hatte sie in den letzten Monaten in ihrem Gefängnis mehr als alle Zeit der Welt. Mir stockt der Atem, als ich weiterdenke. Wenn sie sich umbringen will, dann wird sie wissen, wie es geht. Sie wird es sich ausgedacht haben, oft genug. Und sie wird es durchführen.
„Admiral“, beginne ich zaghaft, „vielleicht habe ich den Commander falsch verstanden. Vielleicht meinte er gar nicht…“
Sie sieht herüber, lächelt etwas. „Sie brauchen mich nicht länger anlügen, Lieutenant. Sie kommen nicht. Ich habe das akzeptiert.“
Wieder wird mir Angst und Bange. „NATÜRLICH KOMMEN SIE!“
Wütend stiere ich sie an. „SIE KOMMEN UND RETTEN UNS!“
Der Admiral zuckt bei meinem Gebrüll zusammen. Für einen Moment wankt sie. Und sieht mich an.
„Vertrauen Sie mir, Admiral. Wir kommen alle hier raus. Alle.“
Sie winkt ab, bedeutet mir zu schweigen.
Irritiert halte ich den Mund.
Dann fragt sie leise: „Was war das?“
Die richtige Antwort wäre eine Gegenfrage gewesen, angefangen von einem schlichten Was bis zu einem ausführlichern Was meinen Sie? Doch ein Donnerschlag, wie ich ihn im Camp Hellmountain noch nie gehört habe, lässt mich zusammen zucken.
Ihm folgen weitere Schläge. Aufgeregte Rufe aus den anderen Zellen dringen an mein Ohr. In denen übrigens das Blut rauscht.
„Lieutenant“, haucht Alexander, und ich sehe eine trotzige Träne in ihrem rechten Auge, „Sie haben sich eine Beförderung verdient. Sie hatten Recht. Sie kommen. Sie kommen uns holen!“
Wieder erfolgen die Schläge. Könnte es vielleicht doch ein Erdbeben sein?
Nein, entscheide ich. Die Explosion von Munition würde ich immer erkennen, auch durch hundert Meter Felsgestein!
Sie kommen, sie kommen, sie kommen.
„SIE KOMMEN!“, schreie ich meine Begeisterung heraus.
Und befinde mich in meiner persönlichen Hölle.
Wenn die TSN wirklich angreift, was wird dann passieren?
Ich meine, was machen die Akarii? Werden sie die Gefangenen exekutieren? Sie als lebende Schilde missbrauchen?
Oder kommen sie nur hier herunter in den Hochsicherheitstrakt, versuchen, ihre wichtigsten Gefangenen auszufliegen oder zu töten, indem sie einfach eine Thermalgranate in jede Zelle werfen?
Was steht zwischen diesem Schicksal und den Offizieren? Nur ein Krüppel mit einem Arm, mit multiplem Krebs und einem Servierwagen als einziger Waffe.
Während sich die Offiziere in den anderen Zellen die Kehle wund brüllen, sehe ich zu Admiral Alexander herein, die seelenruhig damit beginnt, ihre Mahlzeit zu essen.
Sie nickt mir aufmunternd zu. „Die Echsen werden keinen Widerstand von Ihnen erwarten. Sie machen das schon, Lieutenant Doe.“
Ich nicke fest. „Verlassen Sie sich auf mich, Admiral. Ich schütze Sie mit meinem Leben.“
„Ich weiß“, erwidert die Frau und ist für einen Moment wieder betrübt.
Ein Krüppel mit einem Handwagen als Waffe, was für ein Witz. Aber habe ich nicht in meinem Leben… Habe ich da nicht gelernt, dass man alles zur Waffe umfunktionieren kann, wenn man nur will? Wenn ich den ersten Akarii umfahre, mir seine Waffe schnappe und damit auf die Nachrückenden feuere, kann ich genügend von ihnen töten, um den Offizieren hier das Leben zu retten?
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich es probieren muß.
Ein anderer, amüsierter Gedanke schießt mir durch den Kopf, während ich in einer günstigen Position mit dem Servierwagen verharre. Sollte ich zuerst einen Terraner erwischen, nimmt es mir der gute Mann hoffentlich nicht übel und verzichtet darauf, mich im Affekt zu erschießen.
Immerhin hat er es nur mit einem größenwahnsinnigen Krüppel zu tun.
Der versucht, jemanden zu beschützen.
Ono sam Gokke sam Haki sam Zoryu sam Pash alias Second Lieutenant John Doe. Nur eine Nummer mit einem Schicksal. Das vielleicht hier und heute endet.
Ich habe Angst.
**
"Winslow: Lassen Sie den Hof sichern. Lassen Sie die Marines einfliegen und schicken Sie ein Team los, den Hochsicherheitstrakt zu befreien!"
Blake sah sich hinter der aufgetürmten Palisade um. Zerfetzte Akarii-Leichen bedeckten das Feld. Männer wie Frauen. Bläuliches Blut tropfte aus den Einschusswunden der Scharfschützengewehre. Blake war froh, dass seine Vollrüstung ihn mit Sauerstoff verfügte, der Gestank von verbranntem Akariifleisch musste grausam sein.
Der Colonel des SAS-Bataillions ging auf die Glasmauer zu, die den Gefangenenbereich umgab.
"Chappel: Sehen Sie mal zu, dass Sie das Kraftfeld offline bringen."
"Geben Sie mir bitte noch etwas Zeit, ich hacke mich gerade durch das halbe Computersystem, um kriegswichtige Daten zu kopieren, ehe diese doch noch gelöscht werden."
Marc Singer arbeitete sich an der Spitze des kleinen SAS-Trupps den Gang zum Hochsicherheitsbereich vor.
Sein erster Einsatz beim SAS, nicht zu vergleichen mit denen bei den Fallschirmjägern, ganz und gar nicht.
Der Umgang beim SAS war nach dem Probetraining und den weiterführenden Fort- und Ausbildungskursen ganz anders und viel ungezwungener als bei einer normalen Infanterieeinheit.
Ranghöhere Unteroffiziere und Offiziere fragten öffter nach Rat und brüllten ihre Befehle nicht so, wie es bei den Fallschirmjägern häufig oder besser gesagt meißtens der Fall war.
"Sarge Holmer, da vorne die Tür, sieht nach dem Eingang zum Hochsicherheitstrakt aus." Singer legte sein H&K Sturmgewehr an.
"Roger Singer. Tomlinson, mach mal das C18 klar, wir sprengen."
"Aye, Sarge."
Tomlinson eine große Frau huschte katzenartig an Singer vorbei, welcher sich weiter auf die Tür zuschob. Das Gewehr immer im Anschlag, jedoch nie auf Tommlinson gerichtet.
"Bereit!" Kam die Meldung von Tomlinson.
"Singer, wen die Tür auf ist, gehst Du als erstes." Der Sergeant nahm gleich hinter ihm Aufstellung um ihm zu folgen.
"Roger", hauchte Singer in sein
Kehlkopfmikro.
Die sprengladung gab ein kurzes Zischen von sich und ein paar Funken flogen. Das wars.
Singer rammte die Tür mit seinem ganzen Gewicht.
Mit lautem Scheppern ging die Tür zu Boden. Singer macht zwei Schritte vorwärts, um sich selbst zu stabilisieren.
Der SAS Soldat schwang das Gewehr erst nach links, dann nach rechts.
Aus dem halbdunkel des Ganges kam etwas auf ihn zugerollt, mit steigender Geschwindigkeit.
Geschickt wich er nach rechts aus und gab dem Gefährt einen Tritt in die Seite.
Der Servierwagen landete an der linken Wand und kippte um.
Singer hatte unterdessen sein Gewehr auf den Kopf des Wesens gehalten, welches den Servierwagen geschoben hatte.
Sein Zeigefinger zitterte und tippte immer wieder an den Abzug, während Singer mit aller Gewalt ein Abdrücken verhinderte um den einarmigen Menschen, der vor ihm lag, nicht doch noch über den Haufen zu schießen.
Der einarmige Mensch in dem Gefängnissoverall rappelte sich bis auf die Knie hoch und starrte in Singers Gesicht, oder versuchte zumindest durch das Visier des Raumanzuges zu blicken.
"Menschen, Sie sind gekommen um uns zu holen, Gott sei Dank. Admiral, haben Sie gehört, wir kommen hier raus!"
"Los aufstehen! Gesicht zur Wand!" Sergeant Holmer war der erste, der sich aus seiner Starre befreite. Der massige Unteroffizier zerrte die abgemagerte Gestallt auf die Beine und schubste sie gegen die Wand.
"Singer: Das nächste mal schickst Du so jemanden mit dem Gewehrkolben ins Reich der Träume, kein Zögern, dass hier hätte tötlich für uns ausgehen können." Holmer wandte sich an die anderen Teammitglieder. "Los öffnet die Zellen."
Die SAS Soldaten schwärmten aus und begannen damit die Zellentüren mit C18 zu spicken.
Der Sergeant schaltet die Anzugsprechanlage lauter: "Achtung! Alle Zelleninsassen weg von den Türen, wir öffnen diese jetzt!"
Die Sprengsätze zischten und sprühten Funken.
Nach einigen Sekunden des wartens machten sich die Kommandosoldaten daren, die Zellentüren aufzudrücke und die Insassen herauszuholen.
Alle Insassen der Einzelzellen sahen aus, als ob sie geißtig wie körperlich am Ende wären.
Vice Admiral Melissa Alexander schüttelte jedoch die helfende Hand des Kommandosoldaten ab und trat stolz und aufrecht in den Gang.
Eine schwarze etwa menschenkopfgroße Metallkiste unter den linken Arm geklemmt.
"Gott tut das gut, mal mehr zu sehen, als die paar Quadratmeter Zelle", Brigadier General Lorenzo Garth streckte sich.
"In Ordnung", Alexander blickte sich um, "bringen Sie mich zu ihrem kommandierenden Offizier und ...." Sie erblickte John Doe an der Wand stehend. "Herrgottnochmal, lassen Sie den Mann in Ruhe! SOFORT!"
Sie marschierte zum Ausgang: "Kommen Sie Lieutenant Doe, ich brauche einen Adjudanten!"
Die übrigen Gefangenen aus der Isolationshaft folgten der Admiralin und die Kommandosoldaten umringten ihre Schützlinge.
In die Grotte rückten gerade die ersten beiden Kompanien der Marineinfanterie ein.
Ezra Blake war tief damit beschäftigt die Evakuierung der Gefangenen vorzubereiten, als ihn eine Autoritäre Stimme von hinten Ansprach.
"Colonel Blake?"
Der Colonel des SAS-Kommandos drehte sich um: "Ja? .. Oh, Admiral Alexander, ich werde sofort veranlassen, dass Sie und die restlichen Isolationsgefangenen auf die Maria Theresia gebracht werden."
"Geben Sir mir erstmal eine Übersicht über Operationen, die Laufen und geplant sind, sowie die zur Verfügung stehenden Resourcen!" Die Admiralin blickte sich ungeduldig um.
"Ma'am, ich werde für Ihre sofortige Verlegung sorgen ..."
"Ich möchte einen genauen Überblick!"
"Bei allem Respekt, dafür habe ich jetzt keine Zeit." Blake wollte sich umdrehen wurde jedoch von der Admiralin am Arm gepackt.
"Jetzt hören Sie mir mal zu Söhnchen, Sie werden jetzt hier eine anständige Meldung machen oder sich wegdrehen und mit den Konsequenzen leben. Und eine Denkstütze, ich habe Ihnen einen direkten Befehl gegeben. Im Angesicht des Feindes. Malen Sie sich ruhig die Kosenquenzen aus!"
Blake versteifte sich: "Aye, aye Ma'am: Das Graxon Sternensystem wurden von den Trägerkampfgruppen Intrepid und Columbia erobert.
Danach landete ich mit zwei SAS-Kompanien auf Graxon II, um die Gefangenenbefreiung vorzunehmen.
Jetzt sollen wir von einem leichten Regiment Marines entsetzt werden.
Die Larzarettschiffe Maria Theresia und Albert Schweizer schicken medizinisches Personal, welches die Evakuierung überwachen und leiten soll.
Die Gefangenen sind so schnell wie möglich auf die beiden Larzarettschiffe und den Truppentransporter Kiev zu evakuieren.
Mein SAS-Kommando soll nach der Ablösung durch die Marines auf den leichten Kreuzer Hermes evakuiert werden.
Die Isolationshäftlinge sind mit besonderer Sorgfalt zu behandeln.
Sämtliche weiteren Pläne sind mir unbekannt."
Alexander hatte während der Litanei genickt: "Sehr schön Colonel, wer hat das derzeitige Oberkommando?"
"Admiral Long auf der Intrepid. Die Intrepid wurde jedoch bei den Kampfhandlungen beschädigt."
"Aha, gut, sogen Sie bitte für ein Shuttle welches mich auf die Columbia bringt. Ich werde in der Zwischenzeit mal sehen, ob ich ein paar Angehörige meines Stabes finden kann."
"Aber Ma'am ..."
"Hatten wir das nicht eben geklärt?" Alexander wandte sich schon ab. "Lieutenant Doe, Sie bleiben hier und warten auf das Medizinische Personal!"
Die beiden Offiziere blieben zurück, während die Admiralin förmlich vor Aktivität explodierte.
Ace Kaiser
17.07.2004, 12:51
Ich bin Ono sam Gokke sam Haki sam Zoryu sam Pash. Oder um es in der Sprache der Menschen auszudrücken: Gefangener 13409.
Das ist es also, geht es mir durch den Kopf. Die Befreiung ist da. Ich denke an die Aufregung, an die Angst zurück, als ich im Gang gestanden habe, den Servierwagen im Griff meiner verbliebenen Hand. Wie die Tür aufging, der Schlitz immer größer wurde, wie die Gestalt in der Rüstung herein kam. Wie ich reagierte, um mein Leben und das der Offiziere kämpfen wollte. Wie ich kläglich versagte, wie mein Herz zu bersten drohte, bis ich merkte, wer mir da seine Waffe an die Stirn hielt. Ein Mensch! Ein MENSCH! Ich brüllte meine Begeisterung heraus, und es machte mir überhaupt nichts aus, dass er mich an die nächste Wand drückte. Es befriedigte mich sogar, dass er in mir einarmigen Krüppel so etwas wie eine Gefahr sah. Noch immer tobt die Erleichterung in mir, die ich empfunden habe. Ist das wirklich erst zehn Minuten her? Hat mir Admiral Alexander, lebensgroß, aufrecht vor mir stehend, wirklich erst vor kurzem gesagt, sie brauche einen Adjutanten?
Nun, der Part hat sich wohl erledigt. Admiral Alexander hat energisch das Kommando an sich gerissen, einen SAS-Colonel zusammen gefaltet und will mit dem ersten Shuttle auf die COLUMBIA aufbrechen. Mich hat sie hier abgestellt. Oben, bei den Baracken. Aber auf der falschen Seite des Schildes. Ich soll hier auf die Sanis warten.
„Doe!“, ruft eine begeisterte Stimme. Ich sehe herüber zur Glaswand und erkenne meinen behandelnden Arzt. Doktor Pfeuffer winkt mir zu. Er wirkt gelöst, aber auch aufgeregt. Genau wie die vielen anderen Kriegsgefangenen kann er es nicht erwarten, endlich hinter der Barriere hervor zu kommen und diesen elenden Berg zu verlassen. Das letzte Kapitel von Camp Hellmountain weit hinter sich zu lassen.
„Doktor!“, erwidere ich.
„Jetzt kommen wir wirklich hier raus. Es geht für uns auf ein Lazarettschiff, die MARIA THERESIA. Ein supermodernes Teil, perfekt ausgerüstet. Dort werde ich erst mal Ihren Krebs bis auf die letzte Zelle beseitigen, und dann beginne ich mit der Regeneration Ihres Arms. Soll ich die Muskeln und die Nervenzellen etwas frisieren?“, ruft der Arzt aufgeregt.
„Das Bier, das Sie mir versprochen haben, ist mir erst mal lieber“, erwidere ich.
Der Arzt lacht. Und stellt fest, dass die ankommenden Marines damit beginnen, Abmarschkolonnen aufzustellen. Hastig reiht er sich ein. Überhaupt scheinen sich alle Häftlinge daran zu erinnern, dass sie mal Soldaten waren. Sie sind sehr diszipliniert.
„Versprochen!“, ruft er herüber und verschwindet in der Menge.
Ich atme tief durch. Ich bin mir nicht sicher, ob ich tatsächlich auf die MARIA komme, oder ob mich der Admiral doch noch auf die COLUMBIA holt. Ich bin mir sicher, nein ich hoffe inständig, dass sie das mit dem Adjutanten ernst gemeint hat. Das sie mir so schnell es geht einen Sinn für mein Leben gibt. Ich brauche etwas zu tun!
„Lieutenant Doe?“
Ich drehe mich um und sehe einem Marine in die Augen. Der Mann trägt eine weiße Armbinde mit einem roten Kreuz. „Wir haben einen Sammelplatz für die Offiziere aus dem Hochsicherheitstrakt gebildet. Admiral Alexander hat befohlen, dass wir sie dorthin bringen. Nach einer ersten Untersuchung.“
Der Sanitäter mustert mich. „Abgemagert. Abbau der Muskelmasse. Rechter Arm abgenommen. Anzeichen für Leberschaden. Welche Medikamente kriegen Sie, Lieutenant?“
„Das müssen Sie meinen Arzt fragen. Nachdem er mich aus dem Cryogenebad geholt hat, hat er meinen Krebs mit einer Mischung aus Akarii- und terranischen Medikamenten behandelt. Es kann schon sein, dass die meinen Organismus belastet haben.“
Der Sani leuchtet meine Augen mit einem Lichtstab aus. „Schwerer Leberschaden. Mann, was immer der Junge Ihnen gegeben hat, er hat den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Können Sie laufen?“
„Die Marathondistanz schaffe ich wohl nicht. Aber für ein paar Meter wird es wohl reichen, Corporal“, erwidere ich amüsiert.
Der Sanitäter ergreift meinen Arm, will mich stützen, aber so schwach bin ich nicht. Freundlich aber bestimmt lehne ich seine Hilfe ab.
Am Verbandsplatz ist eine Menge los, ich verliere schnell die Übersicht. Mein Sanitäter ist beinahe sofort verschwunden, nachdem er mich neben einer Trage geradezu abstellt.
Nein, schwöre ich mir. Sie müssen mich schon niederschlagen, bevor ich mich auf so etwas lege.
Amüsiert stelle ich mir die Frage, ob ich schon immer ein Dickkopf gewesen war.
„Sir, Sie müssen sich auf die Trage legen“, erklingt eine Stimme neben mir. Ich drehe mich um und sehe in ein sehr junges Gesicht unter einem Helm, der zu groß aussieht. „So steht es in der Vorschrift.“
Vor mir steht eine Frau, stelle ich fest. In der einen Hand hält sie einen elektronischen Notizblock, in der anderen ruht der Riemen ihres Scharfschützengewehrs, welches sie auf dem Rücken geschnallt trägt. „Bitte, Sir. Sonst gibt das nur wieder Ärger mit dem Sarge.“
Ich lächle die junge Frau an. „Kompromiss. Ich setze mich auf die Trage, ja?“
Sie lächelt. „Angenommen.“
Also setze ich mich. Sie hockt sich daneben, legt das Scharfschützengewehr ab und dazu den Helm. „Blaue Haare?“, frage ich verwundert.
Sie lächelt wieder herüber. „Genetischer Defekt in der Familie. Kommt durch die Radioaktivität im Raum.“
„Interessant. Wie ist Ihr Name, Private?“
„Davis, Sir. Ich bin hier, um Ihre Daten aufzunehmen für die weitere Bearbeitung. Die Sanis und Ärzte sind hoffnungslos überfordert, also helfen wir etwas aus. Denn ein Marine fürchtet sich vor keiner Aufgabe – selbst wenn es Verwaltung ist.“
Ich lache und sie fällt ein. Ich blinzle die Tränen fort und fühle eine merkwürdige Hochstimmung. Ja, es tut gut. Es tut gut, wieder frei zu sein.
„Also, dann wollen wir mal. Sie sind Offizier, Sir?“
„Second Lieutenant, Private.“
„Mist, ich habe das salutieren vergessen“, scherzt sie. „Name, Vorname?“
„Doe, John.“ „Doe…“ Ernst sieht sie mich an. „Ist das nicht der Name, den man Menschen gibt, die man nicht identifizieren kann?“
„Das ist richtig, Private“, erwidere ich. „Denn ich kann mich nicht an meine Vergangenheit erinnern, weil ein daumengroßer Tumor auf die entsprechende Gehirnregion drückt.“
„Mann, wo haben Sie denn das abgekriegt?“, fragt sie schaudernd.
„Ein SAR hat mich aus einer radioaktiven Trümmerwolke gefischt. Scheint, ich war einem explodierenden Schiff etwas zu nahe. Jedenfalls waren von mir nur zwei Dinge übrig, als ich geborgen wurde. Die Second Lieutenant-Abzeichen und die Schwingen. Abgesehen von einer satten Überdosis Radioaktivität.“
„Oh“, machte sie. „Aber Sie sind auf dem Weg der Besserung? Sir?“
Ich nicke und lache dabei. In einer freundlichen Geste fahre ich ihr durch ihr kurz geschorenes Haar. „Ja, das bin ich. Und wenn ich ein paar erfahrenen Ärzten in die Hände falle, ist die ganze Geschichte bald Vergangenheit.“
„Das freut mich, Sir. Das freut mich wirklich. Hoffentlich erinnern Sie sich dann bald. Haben Sie irgendwelche Verletzungen, einmal abgesehen von dem Verlust Ihres Arms?“
„Brauche ich denn welche?“, frage ich grinsend.
„Nein, Sir, natürlich nicht“, erwidert sie. Ich mag ihr Lächeln. Ich mag sie, stelle ich fest.
„Also Second Lieutenant John Doe, Krebs in Behandlung und rechten Arm verloren. Pilot. Auf die Personalnummer verzichte ich jetzt einfach mal.“
Ich drohe ihr mit dem Zeigefinger. „Vorsicht, Private, je fauler der Witz desto weiter wird ein Marine befördert.“
Sie lacht wieder und setzt ihren Helm auf. „Danke, das ist alles, was ich brauche.“ Ein Aufkleber mit einem Strichcode landet auf meinem Gefangenenoverall. „So, damit sind Sie in unserer Datenbank, Sir. Die Ärzte müssen nur den Strichcode einlesen. Ich wünsche Ihnen gute Genesung.“
„Danke, Private Davis. Ich weiß noch nicht, auf welches Schiff ich komme. Aber vielleicht haben Sie Lust, mich mal zu besuchen.“
„Ich will sehen, was ich tun kann. Sie wissen doch, ein Marine ist immer für eine Überraschung gut.“
Ich nicke und sehe sie zum nächsten Offizier gehen, Lt. Colonel Hargreaves.
„Die Kids, die sie einziehen, werden auch immer jünger“, brumme ich und strecke mich dann doch auf meiner Trage aus. Kurz darauf fühle ich, wie mir die Augen zufallen. Hoffentlich nicht für immer, geht ein zynischer Scherz durch meine Gedanken
Ironheart
17.07.2004, 13:04
High in the sky
Nachdem die Mirages und die Nighthawks die Verteidigung auf dem Plateau aus dem Weg geräumt hatten, waren Sie zurück zur Columbia geflogen um aufzutanken und aufzumunitionieren. Dann hatten sich die Shuttles der SAS auf den Weg gemacht, eskortiert von je sechs Phantomen der Roten Staffel und sechs Typhoon der Grünen Staffel.
Während die roten Phantome die hohe Luftüberwachung übernahmen, indem Sie in 6000 Metern Höhe über den im Landeanflug befindlichen Sturmshuttles der SAS kreisten, folgten die Typhoone den Shuttles in nächster Nähe und würden knapp über das Plateau fegen um, falls nötig jeglichen wider zu erwartenden Widerstand im Keime zu ersticken.
Da Mantis ihren Flügelmann erst kürzlich verloren hatte und man Ihr daher etwas Zeit zum Verdauen geben wollte, und da Lone Wolf – und damit auch Hal – anderes zu tun hatte, waren Radio und Pops, Skunk und Donovan sowie das neue improvisierte Duo Kali und Shaka für diesen Einsatz bestimmt worden. Zwar hatten die beiden auch jeweils ihre Flügelmänner verloren, aber nicht für immer.
Bei dem Gedanken daran, dass es jeweils die Wingman erwischt hatte, war Donovan ganz froh darüber, das er die erste Schlacht nicht hatte mitmachen müssen. Nicht das er Skunk was unterstellen wollte, aber bei der Heftigkeit der Kämpfe wäre er vielleicht ebenfalls unter die Räder gekommen.
So wie Hacker.
Donovan konnte sich noch gut an den arroganten Gesichtsausdruck des jungen Piloten erinnern und auch an ihre Auseinandersetzung auf Miramar, und es kam ihm mittlerweile wie eine Ewigkeit vor. Und auch wenn Donovan sich einredete, dass er gerade Hacker nicht vermissen würde, überkam ihn ein kalter Schauer in seinem Raumanzug, jetzt da er an ihn denken musste.
Um sich abzulenken – denn wer dachte schon gerne an den Tod – studierte er eingehend sein Radar.
Die stationäre Verteidigung des Kriegsgefangenenlagers war zwar bereits außer Gefecht gesetzt und weit und breit keine feindlichen Jäger mehr auszumachen. Doch trotzdem war Vorsicht geboten, denn solange die Shuttles noch nicht gelandet waren, würden Sie ein gefundenes Fressen für alle Jagdverbände sein, die vielleicht der Vernichtung im Raum um Graxon II entkommen sein mochten.
Doch das konnte sich eigentlich niemand vorstellen, auch nicht Donovan. Die Akarii waren tatsächlich vernichtend geschlagen worden und jeder ging davon aus, dass die Moral dieser eh nur eher zweitklassigen Garnisonsstreitkräfte tief am Boden sein musste.
Kein Wunder, so wie die Raumschlacht um Graxon II bis jetzt gelaufen war. Donovan war nicht dabei gewesen und konnte es daher nicht wirklich einschätzen. Aber es gab kaum einen Piloten, der den Einsatz, trotz oder gerade wegen der relativ niedrigen eigenen Verlusten nicht als grandiosen Sieg feierte. Es war den Leuten anzumerken, das nach der Niederlage von Mantikor, den verlustreichen Feindfahrten während Operation Husar und dem Phyrrus-Sieg von Jollahran ein so eindeutiger Sieg die Moral hob. Donovan hatte viele Kommentare und Meinungen innerhalb der letzten Tage dazu gehört und viele verglichen diesen Sieg bei Graxon II bereits jetzt mit so bedeutenden historischen Schlachten wie Gettysburg, Stalingrad, Midway oder Regulus, die Wendemarken in Ihren jeweiligen Kriegen gewesen waren.
Es gab zwar auch die Zweifler und Mahner, die darauf hinwiesen, dass es noch nicht vorbei war und dass sie das Graxon-System ja noch nicht verlassen hatten. Aber sie waren in den Diskussionen an Bord eindeutig in der Unterzahl.
An keiner dieser Diskussionen hatte sich Donovan beteiligt. Wie viele Stunden war es erst her, dass er Hunderte von Menschen hatte leiden und sterben sehen, dass Lydia bis zur Unkenntlichkeit verkohlt in seinen Armen gelegen hatte? 24, 48 oder 72?
Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren zwischen all den Einsatzbesprechungen, CAP`s und Aufklärungsmissionen seit ihrem Zusammenprall mit den Akarii. Er hatte – immer noch tief geschockt – dem Einsatzbriefing zugehört, war wie in Trance zu seinem Jäger gegangen und selbst als er die Columbia Richtung Graxon II verlassen hatte, hatte er fast emotionslos, ja wie versteinert gewirkt.
Aber in seinem Inneren loderte es, so sehr er sich gegen die Navy auch gesträubt hatte. Im Moment war er ganz und gar Pilot und hatte eine Mission zu erfüllen. Und das hatte nicht nur mit Lydia´s Tod zu tun gehabt. Erst seit kurzem wusste Donovan mehr über den wahren Kern der gesamten Operation. Die Tatsache, dass Sie unterwegs waren um Kriegsgefangene zu befreien, hatte ihm auch zu schaffen gemacht. Wollte er wirklich den auf Graxon II inhaftierten POW´s durch seine störrische Haltung die Hilfe verweigern, auf die er selbst während in den ersten Jahren seiner Gefangenschaft bei den Piraten gewartet hatte? Er wusste nur zu gut, wie die Kriegsgefangenen sich fühlen mussten. Und auch wenn er der Navy an sich immer noch nicht verziehen hatte, konnte er sich einfach nicht weigern bei der Befreiung von Graxon II nicht zu helfen.
Der Funk ließ ihn aufhorchen und riss ihn aus seinen Gedanken. Es war die XO der Grünen Staffel, diese Lilja, die knapp und mit kühler Präzision in Ihrer Stimme verkündete:„Shuttle-Eskort abgeschlossen, Grün kreisen und Widerstandsnester wenn nötig ausschalten!“
Dann begannen die Shuttles die Tore des Kriegsgefangenenlagers unter Beschuss zu nehmen. Ein Vorgang, den die Roten nicht zu sehen bekamen, nur zu hören.
Doch dann kam eine ganz andere Nachricht über Funk.
„Leader Rot, Leader Grün“ kam es vom SWACS auf den jeweiligen Staffelfrequenzen rein „wir zeichnen vier Banditen, tief aus Nord-Nordwest. Bestätigen!“ Die Stimme klang emotionslos, fast schon übertrieben locker.
„Roger“ bestätigte Lilja als erste „gehen auf Abfangkurs.“
„Roger“ reagierte kurz darauf Radio „wir kommen von oben. Setzt die Nachbrenner ein, Sie dürfen keine Zielerfassung schaffen.“
Soweit durfte es nicht kommen, war Donovan´s erster Gedanke und sein Puls schoss mit einem Mal nach oben, aber er führte routiniert die Befehle aus und klebte dicht hinter Skunks rechter Tragfläche. Es war klar, worauf Radio anspielte. Es war ohnehin überraschend genug, dass die Akarii noch über einsatzfähige Jäger verfügten. Der gegnerische Kommandeur musste Sie entweder zurückgehalten oder rechtzeitig aus dem Spiel genommen haben. Sollten diese jetzt aber in der Lage sein, die anfliegenden Shuttles noch aus der Luft zu holen, bevor die SAS ausgeschifft hatten oder schlimmer noch die Gegend mit Nuklearraketen einebnen, wäre alles umsonst gewesen.
Die Rote Staffel beschleunigte und fiel fast senkrecht aus dem Himmel in Richtung der anfliegenden Feindjäger.
`Selbstmordkommando` dachte Donovan, als er schließlich die vier Icons der gegnerischen Jäger auf seiner HUD beobachtete. Es waren den Instrumenten nach zwar vier Deathhawks, die man nie unterschätzen sollte, aber trotzdem hatten Sie keine Chance gegen 12 Navy-Maschinen.
„Raketenaufschaltung“ raunzte Skunk, ohne dass es nötig war. Sowohl die Roten als auch die Grünen wussten, was zu tun war. Donovan machte seine Raketen bereit zum Abschuss, aber noch waren weder die Roten noch die Grünen in Schussweite.
`Vier gegen zwölf` schoss es Donovan in den Kopf `hat mehr etwas von einer Exekution als von einem Kampf, es sei denn…`. Dann machte es Klick in seinem Kopf.
„Skunk…“
„Keine Zeit für Schwätzchen, Noname…“ raunzte dieser zurück, doch Donovan gab nicht sofort auf.
„Ist es nicht merkwürdig, dass die einfach so in Ihren Tod …?“
Noch bevor Donovan ausgesprochen hatte, meldete sich das SWACS erneut
“Leader Rot, Leader Grün, wir zeichnen fünf weitere Banditen, tief aus Süd. Bestätigen!“ Dieses Mal war jegliche Selbstsicherheit aus der Stimme des Mannes verschwunden und eine Spur von Panik hatte sich darunter gemischt.
„Columbia startet Alarmrotte 1, Alarmrotte 2 in einer Minute“ kam es zusätzlich von Columbia Control, doch alle wussten, was Radio sofort durchgab. „Wenn die Echsen es auf die Shuttles abgesehen haben, kommen die Alarmrotten zu spät. Lilja“ funkte er die Typhoon-Pilotin an „schnappt euch die Bandits NordNorwest, wir holen uns die aus Süd. Lasst keinen durch, zwingt Sie zum abdrehen, schindet Zeit, was auch immer, aber ich wiederhole: Lasst keinen durch.“
Donovan war beeindruckt. So unsicher Radio als XO der Roten Staffel bisher gewirkt hatte, so sicher und präzise waren seine jetzigen Befehle gewesen. Er musste zugeben, dass er das Radio nicht zugetraut hatte.
Eine Reihe von Copy´s später waren beide Halbschwadronen auf dem Weg um das schlimmste abzuwenden. Die Grünen näherten sich Ihren Gegnern tief über dem Boden, die Roten drehten hart bei, änderten Ihren Kurs auf Süd und beschleunigten was das Zeug hergab.
„Auf Sie mit Gebrüll, Rote Staffel“ rief Radio seinen Leuten zu als Sie auf die tief über dem Boden anfliegenden Jäger zuflogen. die Euphorie des Kampfes in seiner Stimme war unverkennbar. Und selbst Donovan hätte am liebsten laut hinausgebrüllt um seine Nervosität abzubauen. Dann waren Sie in Reichweite. Donovan markierte einen der Gegner als Ziel und richtete seine Raketen aus.
Die Gegner waren auch hier Deathhawks, aber fünf von Ihnen. Aber sie schienen gewillt zu sein, die anbrausenden Phantome zu ignorieren und hielten weiter auf die Shuttles zu. Doch weit würden Sie nicht kommen, denn die Terraner hatten schon bald Zielerfassung.
„Fox one, fox two.“
„Raketen sind los…“
„Yahoooo…“
Die Raketen der Roten fegten los, erst waren es sechs Raketen, dann acht, zehn und schließlich zwölf, die auf die fünf Deathhawks zupreschten. Doch diese reagierten prompt, und das mit einer behänden Eleganz, mit der Donovan nicht gerechnet hatte. Die Akarii fegten davon, alle synchron aber alle in andere Richtungen, so als ob jemand auf einen Knopf gedrückt hatte. Frustriert und hilflos musste Donovan mit ansehen, wie die meisten der Raketen die Zielerfassung verloren und nutzlos davon zischten. Ein paar Raketen trafen, schwächten Schilde, aber keine drang durch.
`Gott, die Akarii müssten doch geschlagen sein, am Boden zerstört, unfähig zum Widerstand` schoss es ihm durch den Kopf.
Sie hatten eine vernichtende Niederlage im Raum zugefügt bekommen und waren trotzdem noch in der Lage einen so gut getimten Angriff zu starten.
Eisige Furcht quälte sich in Donovans Gedanken. Wenn selbst diese Einheiten, von denen man gesagt hatte, sie wären nur zweitklassig, Ihnen noch so viel Paroli bieten konnten und trotz erdrückender Übermacht in der Lage waren so gut auszuteilen, dann fragte sich Donovan, was wohl die Elite erst mit Ihnen anstellen würde.
Donovan hoffte instinktiv, dass er das niemals würde herausfinden müssen.
Die Roten machten sich sofort an die Verfolgung. Zumindest versuchten sie es. Es gelang nicht allen und eine wilde Kurbelei nahm ihren Anfang. Donovan war versucht, sich auch an der Jagd nach einer der Akarii´s zu beteiligen. Das Jagdfieber hatte ihn nun endgültig wieder gepackt. Doch Skunk schien Gedanken lesen zu können.
„Denk´ ja nicht dran, Noname“ funkte Skunk hinüber „Du bleibst an meinem Flügel, klar?“
„Aye“ bestätigte Donovan zähneknirschend, wäre er doch nur allzu gerne selbst auf die Jagd gegangen. Aber so musste er mit ansehen, wie sich Radio und Pops und auch Kali und Shaka trennten, um sich jeweils ein Ziel vor zu nehmen, während er weiter Babysitter spielen musste. Sie trauten ihm immer noch nicht, aber Donovan hatte keine andere Wahl als das zu akzeptieren.
Die Phantome jagten Ihren Zielen hinterher, doch auch wenn Sie es vielleicht mit zweitklassigen Piloten zu tun hatten, so saßen diese immer noch in Deathhawks. Skunk nahm die Maschine vor ihm mit seinen Strahlenkanonen unter Feuer, aber dieser wich geschickt aus. Auch Donovan bekam Ihn nicht ins Visier, so dass seine als Unterstützungssalve gedachten Laserimpulse in einigem Abstand vorbei strichen. Die wendigeren Akarii-Maschinen nutzten ihre Vorteile knallhart aus, schüttelten ihre Verfolger teilweise ab und setzten sich schon nach kurzer Zeit hinter ihre vermeintlichen Jäger, die damit selbst zu Gejagten wurden.
„Fuck, Kali, wo ist meiner…?“
„Shaka, er kommt von links, weich aus…“
„TREFFER“ jubelte Pops, doch seine Freude währte nicht lange, als er erkannte, dass sein Gegenüber den Schlag wegsteckte und sich dann geschickt seinerseits stetig in seinen Rücken bewegte.
Und so ging es ein paar Minuten lang hin und her. Beide Seiten landeten Treffer, doch noch war keine der Kampfmaschinen ausgefallen. Donovan hatte sich das einfacher vorgestellt. Sie hatten eine Maschine mehr und die Akarii waren nur zweite Wahl, die Maschinen nicht mehr ganz taufrisch. Und doch konnten Sie ihnen Paroli bieten. Nun das einzig positive war, dass Sie auf diese Weise die Shuttles der SAS nicht angreifen konnten.
„Bleibt an Ihnen dran, lasst sie nicht …“ die Anspannung in Radio´s Stimme war fast schon greifbar „entkOMMEN.“ Ein Krachen, welches über den aktivierten Funk zu hören war und das anschließende Alarmfiepen von ausgefallenen Systemen kündeten von einem Treffer. „Scheisse, ich ...chrrrrchcrr… were Systemausfälle und …“, ein kurzes Knacken, dann: „Skunk, du überni… chrrrchrr…dio over.“
Und dann zog Radio seine Maschine mit wilden Ausweichmanövern so steil es ging nach oben, eine Rauchfahne hinter sich her ziehend. Der Deathhawk in seinem Nacken folgte ihm ein paar Augenblicke, doch als er erkannte, das Radio sich aus dem Kampf zurückzog, ließ er seine Maschine seitlich abfallen und beschleunigte in Richtung des Plateaus.
„Alles klar, Radio ich übernehme. Noname, wie ist unsere Lage?“ Skunk war weiter voll auf damit beschäftigt den Deathhawk vor sich ins Visier zu nehmen, also gab er die Aufgabe, sich einen Überblick zu verschaffen an Noname ab.
„Vier Deathhawks sind in Dogfights verwickelt, Radio´s Deathhawk macht sich davon Richtung Plateau.“
„Scheisse, verflucht. Noname, schnapp ihn dir, worauf wartest Du?“
„Aye.“
Das musste er ihm nicht zweimal sagen. Noname´s Maschine machte eine harte Wende, dann zündete er die Nachbrenner und ging auf Abfangkurs. Die einzelne Deathhawk vor ihm hatte zum Glück eine weiter östlich liegende Position gehabt, als er sich von Radio hatte lösen können. Da Noname näher am Plateau war, konnte er sich dem Akarii quasi in den Weg stellen. Das hatte dieser anscheinend ebenfalls bemerkt und versuchte erst gar nicht einem Kampf aus dem Weg zu gehen.
Wie zwei gepanzerte Ritter in einem Turnier aus der Zeit des Erdmittelalters, preschten die beiden Jäger aufeinander zu. Und da sie beide fast zeitgleich ihre Raketen aufeinander abfeuerten, schienen die Lanzen aus den Raketenschweifen zu bestehen. Donovan jagte, genau wie der Feind, gleich zwei Raketen auf den Weg, wer wusste schon, ob er wieder so eine günstige Schussposition kriegen würde. Dann drehte er abrupt ab, schleuderte seine Maschine in ein paar wilde Flugmanöver und warf ein paar Täuschkörper aus und wurde durch das davon zischen einer der Raketen belohnt. Eine zweite schlug aber ein, schüttelte ihn ordentlich durch – was ihm prompt einen stechenden Kopfschmerz einbrachte – und reduzierte seine Heckschilde um einiges. Als er erkannte, dass er erstmal ohne Schaden davon gekommen war, suchte er die Anzeigen nach seinem Gegner ab.
Aber dieser war nirgends zu sehen.
„Wo ist meiner hin?“ fragte er hektisch und schaute auch in seiner Sechs nach, aber er konnte den Gegner nicht erkennen. Hatte er sich tief in seinen Rücken gesetzt?
„Den hast Du erledigt, Noname“ gab Skunk etwas gepresst durch, immer noch dabei seinem Gegner die Panzerung von den Flügeln zu schälen.
„Was? Soviel hab ich ihm doch gar nicht…?“
Doch Skunk fiel ihm ins Wort. „Auch ein Blindes Huhn… Du weißt schon, aber jetzt beweg deinen Arsch wieder her, Pops hat Probleme.“
Als er seine Maschine wieder wendete, fiel ihm ein, dass ja Radio der Deathhawk vorher schon tüchtig eingeheizt hatte. Wahrscheinlich hatte er kaum noch Schilde gehabt und war somit chancenlos gegen Noname´s Salve gewesen.
Sein erster Akarii-Abschuss und er hatte es noch nicht einmal mitbekommen.
„Noname, schnell…“ Pops panische Stimme drang durch den Funk und in dem Augenblick in dem Donovan in den neuerlichen Abfangkurs eingeschwenkt hatte und damit Pops Maschine und die seines Peinigers auf der optischen Vergrößerung hatte, sah er Pops Maschine in einem Feuerball in die Luft fliegen.
„Nein“ Donovan hatte keine Chance mehr bekommen Pops zu helfen und er hatte nicht mitbekommen, ob Pops hatte aussteigen können. `Noch ein Wingman weniger` schoss es ihm durch den Kopf und das Gefühl verstärkte sich, dass die Rote Staffel kein guter Ort für Flügelmänner zu sein schien.
Noname visierte seinen Gegner an, doch diesmal war er nicht schnell genug. Die Deathhawk drehte sich dermaßen geschickt davon, dass seine Zielerfassung abbrach. Donovan versuchte ihm zu folgen, aber ehe er es sich versah, wurde er von Treffern aus Strahlenkanonen durchgerüttelt. Er versuchte seinem Gegner zu entkommen, aber er kam nicht weit. Treffer um Treffer reduzierte die Leistung seiner Schilde, bis Sie endgültig zusammen brachen.
„Skunk, meiner reißt mir den Arsch auf…“
Noch ein Treffer fetzte die erste Panzerplatte von seinem Heck.
„Dieser hartnäckige Echsenbastard hat sich in meinen Rücken gesetzt…“ Mehr brauchte Skunk nicht zu sagen.
Wieder ein Treffer, diesmal glühte ein Stück seines linken Flügels kirschrot auf und hinterließ ein hässliches Loch in der Größe einer Melone. Sofort wurde die Phantom unruhig in der Steuerung. Im All waren solche Schäden irrelevant, doch hier in Atmosphärenflug konnte Donovan nicht sehr viel mehr davon einstecken.
„Hab meinen, ich habe meinen“ kam es dann enthusiastisch von Kali und Donovan hoffte auf baldige Hilfe.
„Meiner klebt mir am Heck“ kam es als Antwort von Shaka „verflucht, ich werd ihn nicht los.“ Und damit zerstob auch Donovans Hoffung auf Unterstützung. Kali drehte ab um ihrem Flügelmann zu helfen, da dieser deutlich näher war als Noname oder Skunk. Er musste also sehen, wie er selbst zurecht kam.
Er versuchte weiter Zeit zu schinden, in dem er möglichst wilde und überraschende Manöver flog, aber er konnte weitere Treffer nicht verhindern.
Im Gegenteil, eine komplette Salve mehrerer Treffer hintereinander ließ etwas im Cockpit explodieren, trieb ihn in die Gurte und badete seinen rechten Arm in Schmerzen. In Verbindung mit seinen eh schon vorhandenen Kopfschmerzen brüllte er auf und die Welt verschwamm. Als der Schleier des Schmerzes sich dann langsam wieder hob, erkannte er, dass er senkrecht gen Boden fiel und riss in Panik die Maschine wieder hoch.
Zum Glück funktionierten die Triebwerke noch, so dass er die Phantom, wenn auch unter Schwierigkeiten wieder stabilisieren konnten. Schnell versuchte er sich einen Überblick über das wahre Ausmaß der Schäden zu machen. Alle seine Rundsichtschirme waren geborsten, zwei Drittel seiner Alarmmelder blinkten Rot auf und die Systemstimme gab ihm – emotionslos wie bei einer Wettervorhersage – die Schäden durch. Er schaltete die enervierende Stimme mit einer schnellen Handbewegung aus und versuchte zu sehen, wo sein Feind war. Doch ohne seine elektronischen Bordsysteme war er so gut wie blind. Er musste die altmodischen, dementsprechend selten benutzten Anzeigen wie Höhenmesser, Geschwindigkeitsanzeige usw. erst mit seinen Augen suchen um zu sehen, wo er war.
Aber warum gab ihm der Akarii nicht den Rest? Hatte er von ihm gelassen, weil er ihn für erledigt hielt. Nun, damit hatte er wohl gar nicht mal so Unrecht.
Donovans rechter Arm schmerzte und erst jetzt viel ihm dieser merkwürdige Ozongeruch auf. Als sein Blick auf seinen Arm fiel, musste er schlucken. Die Raumanzugoberseite des Unterarms war zerfetzt worden, wahrscheinlich von Splittern der Sichtschirme. Er blutete und versuchte seinen Arm zu bewegen, und war erleichtert, als er das ohne große Probleme tun konnte. Wahrscheinlich hatten sich nur ein paar Splitter verirrt, aber so wie es aussah, hatte sein Raumanzug das schlimmste verhindern können.
Er wandte sich wieder seiner Maschine zu, die bockig reagierte. Die Waffensysteme waren ausgefallen, die Funkanlage funktionierte nicht mehr, die Lebenserhaltungssysteme waren nur noch bei 40%, die Cockpitversiegelung war aufgebrochen, sein Raumanzug war beschädigt und die VTOL-Fähigkeiten des Jägers waren auch ausgefallen. Noname fuhr ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Im Weltall wäre er jetzt tot gewesen.
Aber auch hier hatte er noch so seine Probleme.
Er konnte nicht zurück ins All, er wusste nicht wo er war und zu allem Überfluss näherte sich auch sein Treibstoff langsam aber sicher dem Ende zu. Er konnte sich noch nicht einmal aus der Maschine schießen und hoffen geborgen zu werden, da er mit seinem undichten Raumanzug keine zwei Minuten in dem giftigen Nebel überleben würde, der Graxon II an fast allen Stellen des Planeten kilometerdick bedeckte.
Seine einzige Chance bestand in dem Plateau. Er wendete Richtung Nordwest, in der Richtung, in der das Plateau zuletzt von Ihm aus gelegen hatte. Wenn er es verpassen würde, war er so gut wie tot.
Er flog mit seiner Maschine so, dass er durch die Cockpitscheiben nach dem Plateau Ausschau halten konnte. Panik wallte in ihm auf, als er auf seine Tankanzeige blickte. Wenn er sich geirrt hatte und an dem Hochplateau vorbei flog?
Doch dann erkannte er eine Rauchfahne in der Entfernung hochsteigen und jubelte alleine in die Ruhe seines Cockpits hinein. Die brennenden Baracken des Kriegsgefangenlagers wiesen ihm den Weg.
Als er es dann erreicht hatte, fegte er so langsam wie möglich aber gerade noch so schnell wie nötig über das Plateau hinweg. Viel konnte er unten nicht erkennen. Etwas, das ihm vage wie eine Landebahn vorkam, stach ihm direkt ins Auge.
Sein Herz rutschte ihm in die Hose. Viel zu kurz, die Landebahn war viel zu kurz für einen Jäger. Ohne Fangseile oder –netze würde er wahrscheinlich vorne wieder hinausschießen und direkt in die Tiefe rund um das Hochplateau stürzen.
Aber hatte er eine andere Wahl?
Er überflog das Plateau noch einmal, genau in Landerichtung und nicht mal 100 Meter über dem Landeplatz. Er hoffte, dass jeder der dort unten war, seine Absicht erraten und sich aus dem Weg machen würde. Das letzte was er wollte, war dort direkt auf einem noch geparkten Shuttle der eigenen Leute zu landen.
Dann flog er eine lange Schleife, brachte seine Maschine in exakten Kurs und reduzierte den Schub so gut es ging. Immer noch zu schnell. Als er den Schub noch weiter runter nahm, wurde die Maschine immer schwieriger zu lenken und zitterte förmlich in der Luft.
Dann als er das Plateau in Sichtweite hatte, schaltete er die Triebwerke vollkommen aus, und zog die Nasenspitze etwas hoch, so dass er den Beginn der Landebahn nicht mehr sah.
Wenn er sich verkalkuliert hatte, würde er direkt in die Felswand brettern, oder zu spät aufkommen. Er hatte keine Chance mehr, durchzustarten, keine Chance mehr einen Fehler zu korrigieren. Er lächelte bitter, da ihn dieser Gedanke an seine gesamt Situation erinnerte. Wenn das jetzt sein Ende sein sollte, dann sollte es eben so sein.
Etwas Hartes traf die Unterseite der Phantom, die Räder nahmen Kontakt mit dem Boden auf, zum Glück mit ebenem Boden.
Sekundenbruchteile später setzte auch die Flügelspitze auf und Donovan bremste was das Zeug hielt, die Bremsklappen voll ausgefahren. Dann aktivierte er die vorderen Manöverdüsen, die ein klein wenig Gegenschub bewirken würden. Die Phantom wurde langsamer, doch würde sie langsam genug werden?
Die Landebahn war bei weitem nicht so gut in Schuss, wie er sich gewünscht hätte und die Vibrationen, die durch seinen Jäger geleitet wurden, machten das Lenken extrem schwierig. Donovan musste mit voller Wucht die Zähne aufeinander pressen, damit seine Kiefer nicht seine Zähne zermahlen würden. Sein rechter Arm schmerzte fürchterlich, als er krampfhaft versuchte die Maschine gerade zu halten.
Es gelang ihm nicht.
Mit weit aufgerissenen Augen sah er, wie der Jäger langsam nach links abdriftete, direkt auf eine Betonbewehrte Baracke am Rande der Landebahn zu. Mit letzter Kraftanstrengung riss er an seinem Steuerknüppel und schaffte es gerade noch so, daran vorbei zu sausen.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen, als der Jäger immer langsamer wurde und schließlich langsam zum Stillstand kam, keine 10 Meter vom Rand des Plateaus entfernt.
Als die Maschine endgültig stand, zitterte Donovan am ganzen Körper. Er versuchte seine verkrampften Arme vom Steuerknüppel zu nehmen, aber es gelang ihm nicht. Erst als die Last und Anspannung von ihm fiel, sackte er in sich zusammen und schluchzte wie ein kleines Kind.
Sein erster Kampf für die Navy seit so langen Jahren.
Er schloss seine Augen, lehnte sich zurück und versuchte sich trotz Kopf- und Armschmerzen so gut es ging wieder zu beruhigen.
Dieses Mal würde es anders sein, dieses Mal würden Sie kommen um ihn zu holen.
Er hatte sich wieder beruhigt, als ihm die Leute des Bergungsshuttles aus dem Cockpit halfen, aber er hatte sich nicht einen Millimeter bewegt.
Tyr Svenson
23.07.2004, 10:18
Commander Cunningham mußte an sich halten, um nicht lauthals zu fluchen. Wenn es EINMAL den Anschein erweckte, daß alles nach Plan lief... Und er konnte nichts tun, war hier oben zur Untätigkeit verdammt, während die Maschinen seiner Staffel von neun veralteten, aber immer noch gefährlichen Deathhawk-Jägern angegriffen wurden. Gewiß, die Erdjäger waren zahlenmäßig überlegen und die Sturmfähren der SAS auch nicht gerade wehrlos – dennoch... Wenn doch nur die Mirage und die Nighthawks sich nicht schon wieder zurückgezogen hätten! Die Akarii hatten ihren Angriffsflug zeitlich gut gewählt.
Mit angehaltenem Atem verfolgte Lone Wolf das Duell der Kampfflieger dicht über dem Boden. Leise fluchte er, als das Signal von Pops Maschine erlosch. Der Pilot wurde vom Schleudersitz aus der Maschine geschossen.
„Sobald die Akarii abgewehrt sind, schicken Sie sofort ein SAR-Shuttle los! Zwei Maschinen von Staffel Blau begleiten es. Der Rest der Staffel soll sich fertig machen – sie lösen Grün und Rot bei der Abschirmung der LZ ab.“ Cunningham kappte die Verbindung mit dem Deckoffizier, bevor dieser bestätigen konnte und verfolgte weiter mit angehaltenem Atem den Luftkampf.
Weitere Verluste blieben den Menschen erspart – die Deathhawk wurden von der kombinierten Feuerkraft der Typhoon und Phantome niedergekämpft. Nur drei Akarii entkamen angeschlagen im Tiefflug. Die Geräte der Columbia verloren sie immer wieder, während sie dicht über dem Boden davonjagten, jede Bodenfalte ausnützend. Wütend schlug Cunningham mit der Faust gegen seinen Oberschenkel. Das fehlte noch, daß diese Hunde entkamen, um bei nächstbester Gelegenheit wieder zuzuschlagen!
„Eines unser SWACS ist in günstiger Position. Sollen Sie..?“
„NATÜRLICH SOLLEN SIE!“ raunzte Cunningham den Kommunikationsoffizier an. „Und lassen Sie die Daten einspeisen! Ich will wissen, wo diese verdammten Kerle herkamen. Benachrichtigen Sie den NIC, er soll sofort ins CIC!“ Lone Wolf war froh, daß ihn Captain James Waco weitestgehend gewähren ließ – aber der hatte momentan ohnehin andere Probleme.
Die flüchtenden Jäger wußten nicht, daß sie, trotzdem sie praktisch auf Bodenhöhe flogen, aufmerksam beobachtet wurden, an Bord des SWAC und an Bord der Columbia.
„Eine weitere planeteare Basis?“ Cunnigham runzelte die Stirn. Warum hatten die Akariis in der giftigen Zone des Planeten Anlagen errichtet – und auch noch mit mindestens neun Deathhawk gesichert?
„Sie sind auf dem Gebiet des Nordkontinents runtergegangen – ziemlich nahe am Pol. Wir vermuten, daß sich dort erhebliche Trilion-Vorkommen befinden. Anscheinend haben die Akarii mit dem Abbau begonnen und die Bergwerke speziell gesichert. Vermutlich gegen Piraten.“ die Stimme des NIC-Offiziers klang kühl, fast nebensächlich. Commander Cunnigham wandte sich zu dem Lt. Com. um, die Stirn gerunzelt: „Davon erfahren wir aber früh! Helfen Sie mir auf die Sprünge, was ist mit diesem Trilion?“
„Die Akarii benutzen es zur Härtung ihrer Schiffspanzerungen.“
„Na schön. Ich nehme an, wir wollen uns, wenn wir schon mal dabei sind, auch diesen Bonus holen?“
„Es wäre günstig...“
„Nun, das soll Schlüter analysieren. Das ist Sache des Marinecorps, wenn wir das POW-Camp erst mal gesichert haben. Vorerst aber will ich diese Jäger – in Einzelteilen am Boden!“
Commander Cunnigham überlegte fieberhaft. Seine Streitkräfte waren begrenzt – wen schickte er los? Die Staffel Blau würde die LZ sichern. Staffel Rot und Grün wollte er nicht schon wieder auf einen Kampfeinsatz schicken. Die Phantome hatten schwere Verluste erlitten und die Typhoons waren für Bodenangriffe nicht besonders geeignet. Die Crusader und Rafale schieden sowieso für Bodenangriffe aus. Und die Mirages... Auch Staffel Gold und Silber hatten schwer geblutet. Außerdem wollte er die Jabos lieber in der Reserve haben. Die Einheiten der Intrepid... Nein, er würde jetzt nicht eine langwierige Verhandlung anfangen, wer von denen runter mußte. Blieben also die Nighthawk und Griphen. Auch wenn er Darkness erst vor ein paar Stunden mit der Bemerkung entlassen hatte, er solle sich erst mal ausschlafen. Jetzt mußte er wohl doch noch mal ran. Aber er würde es schaffen. Nun ja, die Akarii würden wohl kaum Reserven zurückbehalten haben, nach diesem Angriff. Blieben also die drei geflüchteten Jäger und was auch immer an FLAR und FLAK vorhanden war. Damit müßten Nighthawks und Griphen fertigwerden.
„Geben Sie Schwarz und Gelb Bescheid! Die Griphen stellen zwei Sektionen. Bestücken Sie die Maschinen mit je zwei Sparows und vier Hydra-Werfern. Die Nighhawks werden für den Nahkampf ausgerüstet – Amrams und Sparrows. Sie geben Geleitschutz und decken den Bodenangriff. Eine der Nighthawks wird mit Aufklärungspods bestückt. Wenn wir diese Mienenanlagen doch noch mal übernehmen wollen, will ich keine Überraschungen für die Jarheads! Und binnen fünfzehn Minuten sind die Maschinen in der Luft! Wir müssen sie erwischen, bevor sie wieder aufgetankt sind. Und sagen Sie Thunder und Darkness, daß ich will, daß Sie die Akarii-Stellungen in die Steinzeit bomben! Jede Stellung, die auch nur im entferntesten nach Hangar, FLAK oder FLAR aussieht, wird in die Luft gejagt!“
„Zu Befehl!“
Cunningham griff nach dem Hörer des Bordtelefon, um persönlich Captain Waco über den Einsatz zu informieren.
Darkness fluchte nicht schlecht, als man ihn weckte. In der Flotte hatte man doch nie Ruhe! Doch dann warf er sich in den Anzug und hastete los, um seine Piloten zu alarmieren. Es ärgerte ihn, daß er nur mit elf Maschinen rechnen konnte – Brawler war noch in der Krankenstation.
Auch Shukova mußte einen Kraftausdruck unterdrücken. Nach der verlustreichen Schlacht hatten ihre Piloten Ruhe verdient. Doch die TSN mußte sie wieder raushetzen, zu einem verdammten Schlachtfliegereinsatz – als ob es dafür nicht noch andere Einheiten gab! Aber andererseits, sie selber hatte keine Ruhe finden können. Sie hatte es nicht wahrhaben wollen, daß es Martell erwischt hatte. Er hatte immerhin drei Feindfahrten überlebt – und kaum wechselte er zu den Bombern... Martell hätte bei den Griphen bleiben sollen, hatte sie in einer abergläubischen Anwandlung gedacht. Denn das war ein alter Navy-Aberglauben: wenn jemand ausstieg bedeutete dies, daß entweder er in der neuen Einheit sterben würde – oder seine alte Einheit vom Schicksal zur Vernichtung bestimmt war.
Shukova konnte Martells Tod eigentlich immer noch nicht glauben – und hätte am liebsten den Schmerz ersäuft. Aber das ging natürlich nicht. Nun, vielleicht half ja der Einsatz. Sie war in der Stimmung, ein paar dieser verdammten Echsen für ihn bezahlen zu lassen...
Kano schreckte hoch, als ihn jemand an der Schulter packte und grob schüttelte. Es war Monty. Trotzdem der XO der Butcher Bears nicht mehr Schlaf gefunden haben konnte als Kano, wirkte er wie aus dem Ei gepellt.
„Kommen Sie mit Nakakura! Wir müssen noch mal raus!“
„Was, Wie?!“ Kano versuchte, seine Gedanken zu ordnen, richtig wach zu werden.
„Die Akarii haben offenbar noch irgendwelche Reserven gehabt. Sie haben die Sturmtruppen mit Deathhawks angegriffen. Es hat eine Phantome erwischt...“
„Was ist mit Kali?!“ Das war raus, ehe Kano es sich überhaupt bewußt war. Der XO musterte ihn nicht eben wohlwollend, bequemte sich dann aber doch zu einer Antwort: „Pops wurde abgeschossen. Wir suchen nach ihm. Alle anderen sind gelandet. Jedenfalls, wir haben die Basis geortet – und werden sie zusammen mit Staffel Gelb vernichten. Und Sie sollten auf Ihr Verhalten achten!“
„Verzeihung.“
„Akzeptiert. Ihr Raketenzielgerät ist noch immer nicht repariert – die Techs lassen sich Zeit. Sie übernehmen deshalb die Späherfunktion. Ihre Maschine bekommt Aufklärungspods. Sie sollen die Wirkung des Angriffs verifizieren und das Gelände für eine eventuelle Landung überprüfen. Alles klar?!“
„Wie lange habe ich eigentlich geschlafen?“
„Etwa zwei Stunden. Wieso, fühlen Sie sich nicht in der Lage zu starten?!“
„Nein Sir! Ich bin voll einsatzfähig!“ Kano richtete sich gerade auf, die Schmerzen ignorierend, die durch seinen Rücken schossen.
„Na bitte!“
Nur ein paar Minuten später starteten die knapp zwanzig Maschinen, formierten sich und stürzten mit Vollschub dem Planeten entgegen.
Der Plan, den Thunder und Darkness entwarfen, während sie sich mit rasender Geschwindigkeit Graxon II näherten, war einfach aber vielversprechend. Dank der Sensoren der Kriegsschiffe und der SWACS waren sie über die Oberflächenstrukturen gut informiert. Sie würden die Taktik der Akarii gegen sie selbst richten. Die TSN-Kampfflieger würden sich dem Zielgebiet im Tiefflug nähern und, wenn alles glatt ging, über den Akariis sein, ehe die wußten, was ihnen geschah. Schnelligkeit war dabei entscheidend, wie auch Präzision bei den Tiefangriffen der Griphen. Aber Thunder war sich sicher, daß es ihre Leute schaffen konnten.
Kano mußte ein Gähnen unterdrücken. Er hatte sicherheitshalber doch ein paar „Muntermacher“ geschluckt, stellte jetzt aber fest, daß er wohl zu wenige Tabletten genommen hatte. Wütend über sich selber schlug er mit der Faust gegen die Seite seines Raumhelmes und schüttelte den Kopf, um die Müdigkeit zu vertreiben. Dann konzentrierte er sich auf die Armaturen vor ihm. Sein Wingman blieb problemlos an seiner Flanke, auch als die Maschinen in die Atmosphäre eintauchten und dabei kräftig durchgeschüttelt wurden. Dann tauchten sie in die grünlichen Nebelschwaden ein, die die Oberfläche verhüllten und tödlich für jeden ungeschützten Menschen oder Akarii waren. Wenn die Echsen in dieser lebensfeindlichen Umgebung einen Stützpunkt errichteten, dann mußten sie etwas Wichtiges beschützen. Vielleicht ein Spezial-Gefangenlager? Es gab Geschichten über Sondereinrichtungen der Akariis, in denen an gefangenen Menschen Versuche vorgenommen wurden, etwa die Erprobung von B- und C-Waffen...
Der Flug war ereignislos, erforderte aber höchste Präzision und Wachsamkeit. In dem verfluchten Nebel konnte man nur nach den Instrumenten fliegen. Und da die Maschinen dicht, fast zu dicht über dem Boden flogen, konnte jeder noch so kleine Fehler tödlich sein. Unangenehm fühlte sich Kano an den Übungseinsatz auf Miramar erinnert, bei dem Crusader um ein Haar abgestürzt war.
Dann erklang Darkness Stimme aus den Lautsprechern: „Achtung! Y-Zeit in fünfzehn Sekunden!“ Kano zuckte zusammen, faßte dann den Steuerknüppel fester. Die Nighthawks flogen leicht hinter den Griphens. Trotzdem Kanos Maschine mit zusätzlichen Sensoren ausgestattet war, sah er noch kein Anzeichen für die feindliche Stellung. Aber sie mußte gleich...
„ZIELERFASSUNG! KONTAKT!“ schrie Thunder mit sich fast überschlagender Stimme voller Wut und Kampfeseifer. Und endlich meldeten auch Kanos Sensoren den Feind. Ein gutes Dutzend einfacher Feldhangars, ein paar durch Röhren verbundene Gebäude. Und auf der kurzen Landebahn standen zwei der Deathhakws, dabei ein paar Fahrzeuge und einzelne Gestalten. Der dritte Jäger, merkwürdig schief wirkend, befand sich ein paar Dutzend Meter neben der Landebahn...
Die Akarii wurden tatsächlich von dem Angriff völlig überrascht. Die Griphen fegten, stählernen Raubvögeln gleich, über die Anlage und eröffneten sofort das Feuer. Schon ihr erster Angriff zerstörte drei der Hangars, ließ einen der Jäger auf der Rollbahn und den notgelandeten Deathhawk in gigantischen Feuerbällen vergehen, die die sie umgebenden Fahrzeuge und Akarii erfaßten, verschlangen.
Durch das Flammeninferno stieß die Schnauze des überlebenden Deathhawk. Der Jäger nahm Fahrt auf, versuchte zu starten. Darkness Maschine stieg in einen halben Looping – aus der Rückenlage feuerte er zwei Amrams ab, die den angeschlagenen Deathawk vernichteten und das Chaos am Boden noch vergrößerten.
Erst jetzt gab es Gegenfeuer – die völlig überraschten Akarii schossen unkoordiniert, aber wütend. Zwei Raketen hängten sich an die Maschine des Staffelführers der Butcher Bears. Darkness rettete sich mit einem Korkenziehermanöver, während er mehrere Täuschkörper abschoß. Die Raketen explodierten unangenehm nah an der Maschine, doch es gab keinen Direkttreffer.
Snake Bit, von Staffel Gelb, hatte nicht so viel Glück. Eine Rakete erwischte die Griphen voll, kam aber nicht durch die Schilde. Auf Thunders wütend gebrüllten Befehl warf Snake Bit ihre Maschine herum und zog mit Höchstgeschwindigkeit ab – Monty schaltete die Raketenstellung mit seinen Bordwaffen aus, während der andere Werfer von Crusader und La Reine gleichzeitig angegriffen wurde.
An vier, fünf Stellen erwachten jetzt FLAK zum Leben: einzelne Partikelkanonen, aber auch ein Zwilling und sogar ein Vierling. Doch die Kanonen hatten kaum die Nighthawks anvisiert, Kano entging durch ein Looping dem Feuer einer FLAK, da waren auch schon wieder die Griphen zurück und sorgten mit ihren Hydra-Werfern für klare Verhältnisse. Das Abwehrfeuer erstarb schnell, zu ungleich war der Kampf.
Kano war noch gar nicht zum Schuß gekommen, aber jetzt sah er ein Ziel für sich. Zwischen den noch nicht vernichteten Hangars erschien ein einzelnes Fahrzeug, das mit Höchstgeschwindigkeit und Zickzackkurs versuchte, die Todeszone zu verlassen. Vergeblich – Kano konnte sich Zeit lassen, genau zu zielen. Dann drückte er leicht auf die Feuerknöpfe – das Fahrzeug explodierte.
Die Griphen und Nighthawks ließen nicht ab, ehe nicht jedes einzelne Gebäude des kleinen Flugfeldes eine rauchende Ruine war, wie auch die Flugzeugabwehrstellungen. Als sie abdrehten, rührte sich da unten nichts mehr. Auch Kano war zufrieden mit seinen Aufnahmen.
„Sir, die Sensoren verzeichnen etliche dieser Mienenanlagen. Ein paar Raketen...“
„Negativ. Wie es aussieht, wollen wir die Dinger vielleicht noch mal in Besitz nehmen. Die Jarheads werden sich darum kümmern. Unsere Arbeit ist getan.“
Auf dem Rückflug stritten Thunder und Darkness scherzhaft, ob ein am Boden vernichtete Jäger genauso viel wert sei, wie ein im Luftkampf abgeschossener. Es hatte keine Verluste gegeben und nur moderate Schäden – die Stimmung war gut.
Als die Maschinen landeten, mußte Kano mit dem Gefühl kämpfen, daß er alles doppelt sah. Er hatte endgültig genug für heute. Er bekam nicht mal mehr den Jubel der Bodencrew mit, als die Nachricht durchkam, daß POW-Camp sei gesichert. Mit unsicheren, schwankenden Schritten schaffte er es gerade noch in sein Quartier, bevor er – voll angezogen – in die Koje fiel. Er war eingeschlafen, bevor sein Kopf das Kissen berührte.
Tyr Svenson
23.07.2004, 10:46
Bestandsaufnahme (einige Zeit nach Ende der Kämpfe)
Die Schlacht war gewonnen, im Weltraum wie am Boden, alle militärischen Stellungen der Akarii waren vernichtet – und es wurde Zeit für Commander Cunningham, Bilanz zu ziehen. Natürlich hatten die Menschen gesiegt, zum ersten mal in diesem Krieg in einer Raumschlacht, die mehr als nur ein Scharmützel war. Die Kampfflieger hatten dabei eine entscheidende Rolle gespielt und konnten zu Recht stolz auf ihre Leistungen sein. Wenn diese Operation so weiterging, wie bisher, dann konnte das seine Karriere gewaltig beschleunigen. Merkwürdigerweise beschäftigte ihn diese vielversprechende Aussicht aber längst nicht so stark, wie noch vor einem halben Jahr. Es war so viel passiert...
Aber der Sieg über Graxon war nicht ohne Verluste abgegangen, ernste Verluste. Die Intrepid war schwer beschädigt worden und würde für längere Zeit nicht voll einsatzfähig sein. Die Columbia hatte da mehr Glück gehabt.
Doch die Kampfflieger beider Träger hatten Verluste erlitten, übersehbar, aber spürbar. Fast alle Maschinen hatten mehr oder weniger schwere Schäden erlitten und die Instandsetzungscrews arbeiteten auf Hochtouren. Die Schwarze und die Grüne Staffel hatten nur Maschinen verloren, das ließ sich schnell ausgleichen, denn die Piloten waren allesamt einsatzfähig oder würden es bald wieder sein. Bei den anderen Staffeln sah es weniger gut aus...
In seiner Schwadron hatte es Hacker und Pops erwischt. Besonders bei Pops war das bitter - er hatte die Raumschlacht überlebt, nur um dann von diesen verdammten "Volkssturm-Akariijägern" abgeschossen zu werden. Im Innersten machte sich Cunnigham Vorwürfe, nicht noch mehr Jäger mit den Sturmshuttles mitgeschickt zu haben. Nun, wenigstens waren die durchgekommen. Pops hatte zwar aussteigen können, aber dann hatte ihn das Glück entgültig verlassen. Der Schleudersitz der Phantome verfügte zwar natürlich über Fallschirme für den Ausstieg in der Atmosphäre, aber zu Recht war das Vertrauen der Piloten in diese Ausrüstung begrenzt. Bei Pops hatte der Fallschirm sich nicht ordentlich entfaltet, sondern um den Schleudersitz gewickelt - der Pilot war wie ein Stein zu Boden gestürzt und hatte nicht den Hauch einer Chance gehabt. Das ausgesandte Bergungshuttle hatte nur noch die Leiche bergen können. Cunningham hatte den Techs einen mörderischen Anschiß verpaßt und eine sofortige Überprüfung ALLER Fallschirme seines Geschwaders angeordnet. Es war schon schlimm genug, einen Piloten in der Schlacht zu verlieren. Aber ein Verlust durch einen technischen Fehler erschien noch - sinnloser... Bob und Goblin waren schwer verwundet worden. Dr. Hamlin, dieser arrogante Wichtigtuer im Arztkittel hatte verkündet, die Piloten seien auf keinen Fall in weniger als fünf Wochen auf dem Damm. Wenn die Akarii sich nicht so viel Zeit ließen, würde seine Schwadron mit erheblicher Unterbesetzung antreten. Ob Radio in der Lage war, seiner Rolle als XO in der so dezimierten Staffel auszufüllen, blieb abzuwarten. Cartmell hatte seine Mühle auf dem Planeten notlanden müssen, war aber im wesentlichen unverletzt. Cunningham wußte nicht so recht, ob er darüber froh, oder enttäuscht sein sollte.
Die Gelbe Schwadron hatte 3 Maschinen verloren. Ein Pilot war dabei draufgegangen und ein weiterer verwundet worden. Der dritte Pilot hingegen war fast völlig unversehrt geborgen worden. Lieutenant Commander Shukowa hatte zwar erhebliche Flugerfahrung, aber Cunningham war sich dennoch nicht so ganz sicher, wie sie mit den Verlusten umgehen würde - vor allem, da Martell gefallen war und die beiden ein recht enges Verhältnis gehabt hatten. Er würde also auch Shukowa im Auge behalten müssen. Immerhin hatte sich die Schwadron auch bei dem Bodenangriff auf die kleine Akarii-Flugstellung bewährt, von der die Deathhawks gestartet waren, die die Invasionsshuttles angegriffen hatten.
Auch die Schwadron Blau hatte erheblich gelitten und würde für eine ganze Weile nur zum Teil einsatzfähig sein.
Die Gold-Schwadron hatte ebenfalls ziemlich bluten müssen: vier Maschinen hatte es erwischt, davon zwei komplett mit der Besatzung.
Bei der dritten Maschine hatte wenigstens der Pilot aussteigen können, wenn auch verwundet. Nur im Falle des vierten Verlustes war es beiden Besatzungsmitgliedern gelungen, problemlos auszusteigen. Im günstigsten Fall würde also diese Schwadron beim nächsten Kampf mit 10 Jagdbombern kämpfen können, wenn man den fehlenden Rio durch den einzigen Überlebenden der zwei verlorenen Maschinen der Staffel Silber ersetzte.
Die Bronzene Staffel hatte am meisten geblutet. Sie hatte ein viertel ihres Bestandes an Crusaders verloren und die Hälfte der Rafale. Acht Tote, ein Verstümmelter, zwei Verletzte und nur drei unverletzt geborgene waren eine bittere Bilanz - vor allem die Rafale hatten einen überproportiomal hohen Anteil an den Ausfällen. Selbst wenn man alle überlebenden "zusammenkratze" und die Verwundeten bis zum Auftauchen der Akarii, mit dem Cunningham sicher rechnete, wieder kv waren, würde man maximal wieder zwei Crusaders mit recht zusammengestückelter Besatzung dazugewinnen. An Ersatz für die ausgefallenen Rafale war nicht zu denken. Das war eine schwere Hypothek für die nächste Schlacht...
Und mit Martell war der Staffelkommandant ausgefallen. Auch wenn er anscheinend in seiner Schwadron nicht allzu beliebt gewesen war, so etwas war immer ein schwerer Schlag. Man würde einen Ersatz finden müssen...
Es hatte auch diese Pilotin erwischt, die vorher solche Schwierigkeiten mit ‚Noname‘ gehabt hatte. Nun, damit war zwar dieses Problem vom Tisch, aber der Preis war viel zu hoch. ‚Wenn es schon jemanden erwischen mußte, warum bloß nicht...‘ Dann rief sich Cunningham zur Ordnung. Cartmell war jetzt Pilot seiner Schwadron und er würde diesen Mistkerl behandeln, als wäre er ein ganz normales Mannschaftsmitglied. Gerade, weil es im Geschwader und überhaupt an Bord genug Stimmung gegen Cartmell gab. Nun, der Krieg würde diese Idioten schon genug ablenken. Jetzt, nach den Verlusten in der Schlacht mußten die Staffeln kampffähig gehalten werden. Cunningham glaubte nicht einen Augenblick, daß die gewonnene Schlacht die einzige auf dieser Feindfahrt bleiben würde. Die Akarii würden gewiß nicht so einfach den Verlust eines Systems schlucken. Hier oder bei Wron würden sie zurückschlagen und die Columbia totsicher wieder in Gefechte verwickelt werden. Die meisten Staffelchefs würden ihm beim Training des Geschwaders helfen, da war er sich sicher, was sie auch persönlich von „Lone Wolf“ halten mochten. Cunningham machte sich daran, einen detaillierten Trainingsplan auszuarbeiten, der in den nächsten Tagen in Kraft treten würde. Jetzt, wo Darkness seine eigene Staffel hatte, merkte Cunningham erst, wieviel Arbeit ihm der Veteran vorher abgenommen hatte. Darkness war zwar immer noch maßgeblich an der Ausbildung und Schulung des Geschwaders beteiligt – aber er hatte Abstriche machen müssen, um aus seiner neuen, zusammengewürfelten Einheit eine schlagkräftige Einheit zu machen. Sein Erfolg sprach für sich – die Schwarze Schwadron rangierte bei den Abschüssen ziemlich weit oben, hatte keine Mannschaftsverluste erlitten und einen beschädigten Zerstörer vernichtet.
Aber da Darkness sich um seine eigene Staffel kümmern mußte und mit Martell einer der erfahrenen Ausbildungsoffiziere gefallen war, kam auf Cunningham einiges zu – und er hatte weder einen Kommandolehrgang hinter sich, noch Akademie-Erfahrung als Ausbilder. Bei diesem ungewöhnlich selbstkritischen Gedanken kam ihm eine Idee. Wenn er sich recht erinnerte, dann gehörte zur Grünen Staffel mit Blackhawk ein weiterer Pilot, der auf der Akademie gelehrt hatte. Es konnte nicht schaden, diese Erfahrung bei Gelegenheit für das ganze Geschwader zu nutzen – auch wenn Lightning wahrscheinlich wieder Wut schnauben würde, betrachtete sie doch jeden Piloten der Schwadron als ihr persönliches Eigentum. Außerdem stand die Grüne Schwadron in scharfem Konkurrenzkampf mit der Blauen Staffel um den Rang der besten Abfangjägerschwadron. Und Lightning würde jede „Niederlage“ auf ihn schieben, wenn er Blackhawk stärker für das Geschwadertraining einspannte. Aber er hatte wohl sowieso keine Chance, Lightnings persönliche und recht negative Einstellung zu ihm noch mal zu ändern – wenn er es denn gewollt hätte. Commander Cunningham sah auf die Uhr. In einer halben Stunde würde er zu einem Treffen mit den Captains der Träger und den Commander der Intrepid-Flieger müssen. Also hatte er noch ein wenig Zeit. Über Bordtelefon gab er die Weisung, daß Blackhawk bei ihm erscheinen sollte. Während er auf das Erscheinen des Lieutenants wartete, fiel sein Blick unwillkürlich auf das Bild von Melissa, daß auf seinem Schreibtisch stand. Er seufzte leise. Er hatte schon einige Zeit nichts von ihr gehört. Hoffentlich ging es ihr gut...
Cunningham wußte es nicht, aber sein Geschwader XO war zur Zeit mit ähnlichen Gedanken beschäftigt. In Bezug auf das Geschwader stimmten die Einschätzungen des hochgewachsenen, meist ziemlich düster und abweisend wirkenden Schotten mit denen des Commanders überein. Daneben widmete McQueen aber fast ebenso viel Zeit der Einschätzung von Cunninghams Zustand. Lone Wolf war nicht nur sein Freund und uneingestanden fast so etwas wie eine jüngerer Bruderfigur. Er war außerdem nun einmal Geschwaderchef – und es war nicht nur eine arrogante Propagandahülse, daß Staffeln mit ihrem Commander standen oder fielen. Mit einer gewissen Erleichterung konstatierte Darkness, daß sich Cunningham offenbar immer besser in seine Rolle einfand. Natürlich machte er gelegentlich Fehler, aber in der Schlacht und danach schien er die fast instinktive Sicherheit wiedergewonnen zu haben, die Darkness schon vorher in seinem jüngeren Freund gesehen hatte.
Die Bilanz seiner Staffel war in seinen Augen zur Zeit fast ohne Makel, auch wenn Darkness mit Lob sparsam blieb. Die Butcher Bears hatten ihrem Namen bei vier Kampfeinsätzen - zwei im Raum und zwei am Boden - alle Ehren gemacht.
Für die Maschine, die Brawler verloren hatte, gab es Ersatz – an Bord der Columbia konnten glücklicherweise wesentlich mehr Ersatzmaschinen gelagert werden, als auf der leider doch recht veralteten Redemption.
Brawler selber hatte Glück gehabt, war mit einer leichten Erfrierung davongekommen und würde bald wieder einsatzfähig sein.
Darkness blickte zu dem Mann, der auf der anderen Seite des Schreibtischs saß. Miguel „Monty“ Terrano hielt sich sehr gerade, mit durchgedrücktem Rücken und fast schon überpräzisen Bewegungen. Auch wenn Darkness auf fehlerlosen Diensteinsatz achtete, diese Attitüde seines XO ging ihm manchmal gehörig auf die Nerven. Neben den vier Neulingen hatte er mit Kano und Monty für seinen Geschmack etwas zu viele Leute in seiner Schwadron, die sich wie frisch von der Akademie gaben.
„Sind die Schäden an den Maschinen inzwischen repariert?“
„Jawohl. Bis auf die Maschine von Nakakura. Seine Raketen-Zielerfassung konnte trotz aller Bemühungen nicht repariert werden, man mußte sie austauschen. Ich habe selbstverständlich der Bodencrew unsere Unzufriedenheit ausgedrückt, daß sie zu diesem Schluß nicht früher kamen.“
‚Darauf möchte ich wetten...‘ Monty war mit Fehlern wirklich unnachgiebig, mochten sie auch noch so belanglos oder schicksalsbestimmt sein. Diese durchaus verständliche Einstellung nahm in Darkness Augen nicht selten den Charakter von Pedanterie an. Monty war allerdings ebenso rücksichtslos gegen sich selber und ein guter Einsatzführer und Pilot, mit eisernen Nerven.
„Na schön. Wie lange wird das dauern?“
„Sie sagen, maximal 24 Stunden. Zur Sicherheit habe ich natürlich eine Ersatzmaschine kampfbereit machen lassen.“
„Gut. Bei Gelegenheit werden wir aber auf jeden Fall noch mal einen Rundumcheck bei ALLEN Maschinen durchführen – und am Besten eine gründliche Parameterüberprüfung im Raum. Ich will nicht, daß so etwas wie mit Kanos Maschine noch mal passiert.“
„Jawohl, Sir!“
„Wie machen sich die Piloten?“ Eigentlich waren diese Fragen überflüssig. Aber gerade weil Darkness in Monty das Potential zu einem Staffelchef sah, prüfte er ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
„Alle sind ausgeruht und voll kv. Brawler wird in zwei bis drei Tagen wieder flugtauglich sein.“
„Gut.“
„Wenn ich allerdings anmerken dürfte, dass Lieutenant van Geel...“
„Darkness schnitt dem XO das Wort ab: „Das hatten wir schon. Dutch bleibt fürs erste Sektionschef. Eine Umgruppierung würde zur Zeit mehr Schaden als Nutzen anrichten. Ich will keine weitere Diskussion.“
„Ja, Sir!“ Montys Stimme klang noch unterkühlter als sonst. Er hatte verstanden, war aber nicht einverstanden.
„Was das Training betrifft – legen Sie bis auf weiteres den Schwerpunkt auf Abfang- und Vernichtungseinsätze. Wenn die Akarii hier einrücken, dann werden wir das brauchen.
„Das weiß ich, Sir.“
„Na schön...“, Darkness stand auf, „...in einer Stunde habe ich den nächsten Patrouillenflug. Kommen Sie mit, sehen wir mal, wieweit die Techs an der Maschine sind.“ Monty erhob sich und folgte seinem Staffelchef.
Sie nahmen nicht den direkten Weg. Auch wenn, oder gerade weil Darkness sich kaum mit seinen Piloten gemein machte, er achtete darauf, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Er schloß zwar kaum Freundschaften – Freunde starben zu schnell in diesem Krieg – aber seine Untergebenen waren ihm niemals gleichgültig. Er mußte sie nicht mögen, um sich verantwortlich zu fühlen.
Etliche der Butcher Bears fanden sie in der Kantine, wo mal wieder Radio das große Wort führte. Die Piloten nippten mehr oder weniger enthusiastisch an den diversen Fruchtsäften und Tees – Alkohol auszuschenken war zur Zeit streng verboten, auch wenn viele Piloten Mittel und Wege wußten, dies zu umgehen.
Nur Jaws aß – der Veteran schaufelte, ohne groß auf die neusten Latrinenparolen zu achten, eine Riesenportion Steak mit Pommes Frittes in sich hinein. Er würde dann zusammen mit Darkness auf Patrouille gehen.
Crusader und La Reine waren zur Zeit bei den Simulatoren – und überraschenderweise auch Dutch, der sonst eigentlich immer nur die von Darkness oder Monty angesetzten Übungen absolvierte, nie aus Eigeninitiative. Die beiden Offiziere wechselten einen kurzen Blick und gingen, bevor der Veteran aus dem Simulator kletterte.
Kano fanden sie bei seiner Maschine, das war keine Überraschung. Ebenfalls keine besondere Überraschung war, daß ihm Kali Gesellschaft leistete und bei der Arbeit an seinem Jäger half. Die beiden jungen Piloten bemerkten die Offiziere nicht. Darkness mußte kurz grinsen, als er sah, wie die beiden die Köpfe zusammensteckten und sich von Zeit zu Zeit ihre Hände berührten. Monty schnaubte abfällig, was Darkness Belustigung aber eher steigerte: „Lassen Sie sie doch. Nicht jede Vorschrift macht einen Sinn oder muß befolgt werden.“
„Na ja... Sie kennen die Dienstvorschrift.“
„Wenn schon. Solange sie ihre Pflicht erfüllen. Bis zu meinem Einsatz will ich jedenfalls noch etwas essen, kommen Sie mit?“
„Ähm... Ja, Sir, danke.“ Während er sich zum Gehen wandte, warf Darkness noch mal einen Blick zu den jungen Piloten. ‚Ihr solltet eure Zeit nutzen. Wer weiß, was Morgen ist...‘
Cattaneo
26.07.2004, 11:28
Hoch aufgerichtet marschierte Sharon Taylor, bei ihren Kameraden als „Marine“ bekannt, aus dem Zimmer der Staffelkommandeurin. Sie vergaß nicht, die Tür ordnungsgemäß zu schließen. Nach außen war sie das sprichwörtliche Bild einer disziplinierten Soldatin. In ihrem Inneren allerdings hätte sie sich am liebsten irgend eine dunkle Ecke gesucht um... Ja wozu eigentlich?
Sich die Augen aus dem Kopf zu weinen vor Scham? Oder sich aus dem selben Grund eine Kugel zu verpassen? Sie wußte es nicht. Die Demütigung schnitt tief und war kälter als der Weltraum, aus dem man sie geborgen hatte, nachdem sie ihren beschädigten Jäger in der Nähe des Trägers aufgegeben hatte. Ihr erster Kampf, und sie hatte sich so blamiert!
Ihr war klar gewesen, daß nicht gerade damit zu rechnen war, daß sie auf ihrem allerersten Feindflug einen Akarii abschoß. Geschweige denn mehr als einen. So etwas glückte nicht vielen. Natürlich hatte sie darauf gehofft. Aber dann, als es wirklich so weit war, daß sie sich bewähren konnte, da hatte sie es noch nicht einmal geschafft, ihre eigene Maschine heil zurückzubringen.
Lightnings ruhige, geradezu sanfte Art hatte das alles noch schlimmer gemacht. Die Kommandeurin hatte mitnichten in der Tradition von Marines früheren Kommandeuren gehandelt. Nun, die Britin war ja auch kein „Leatherneck“. Sie hatte in beinahe freundlichem Ton der jungen Pilotin eine Rüge erteilt. Höflich, aber eindeutig, wie sie immer war. Dabei hatte sie klar gemacht, daß Marine sich offenbar zu sehr exponiert hatte und deshalb abgeschossen worden war. Daß es nicht Aufgabe einer Flügelfrau sei, auf Heldentaten auszuziehen, sondern ihren Vorgesetzten den Rücken freizuhalten. Und das jene, die einen Jagderfolg erzwingen wollten, nicht selten die waren, die am Ende auf der Strecke blieben und die Flanken eines gegnerischen Jägers schmückten. Hüben wie drüben.
Es war im Grunde – zumindest faßte die ehemalige Marine-in-spe dies so auf – die durch die Blume mitgeteilte Einschätzung, daß sie, Sharon Taylor, bei ihrem ersten Einsatz nur in soweit nicht auf der ganzen Linie versagt hatte, weil sie es geschafft hatte, am Leben zu bleiben. Und das tat weh, vor allem da Marine sich eingestehen mußte, daß es stimmte.
Sie ließ sich draußen gegen das Schott sacken. Für einen Augenblick begrüßte sie das Zwielicht auf dem Schiffsflur. Nach Bordzeit war „Nacht“, und die Gänge lagen größtenteils verwaist da. Auch wenn auf dem Schiff nie ganz Ruhe herrschte, so gab es Zeiten, in denen diese fliegende Stadt zu schlafen schien. Zumindest hier - auf den Gefechtsstationen und im Maschinenraum sah es natürlich anders aus. So gab es wenigstens keinen Zeugen ihrer Schande. Sie fühlte Niedergeschlagenheit wie eine erdrückende Last, die ihr den Atem nahm. Für einen Augenblick fragte sie sich, ob sie hier am richtigen Platz war. Konnte sie überhaupt hier tun, was notwendig war? Oder hatte sie sich selber überschätzt? Sie war in der Ausbildung gut gewesen, doch es gab genug Beispiele über Piloten die im Training gut waren, aber im Einsatz versagten. Gehörte sie dazu? Und natürlich würde sie morgen und an allen folgenden Tagen vor ihre Kameraden, und besonders ihren Flügelmann hintreten müssen, denen ihr Scheitern selbstverständlich nicht verborgen geblieben war. Sie rechnete eher mit Mitleid als mit Vorwürfen, aber das machte es nicht besser. Mitleid hatte man mit denen, die in einer mißlichen Lage waren – die also Schuld hatten.
In ihr eigenes Elend versunken, brauchte sie eine Weile um zu erkennen, daß sie gar nicht so allein war, wie sie gehofft hatte. Da war noch jemand – eine einzelne Gestalt, die sich an der Wand abstützte. Offenbar hatte der- oder diejenige gewartet, bis Marine ihre Gegenwart bemerkte. Die schlanke Gestalt straffte sich. Wenige Schritte überbrückten den Abstand, noch ehe die junge Pilotin sich sammeln konnte. Vor ihr stand die XO der Staffel.
Marine spürte, wie sie rot anlief. Ausgerechnet Lilja. Die Russin galt als eine scharfe Schleiferin, und dazu war sie eine Perfektionistin, was den Dienst anging. Marine hatte die XO gesehen, als diese in ihre Maschine geklettert war, um die Landungsfähren der SAS zu eskortieren. Offenbar hatte die Russin gemeint, ihre Diensttauglichkeit trotz mangelnden Schlafes beweisen zu müssen, und war bolzengerade und mit einem strahlenden Lächeln an Lighning vorbei zu den Jägern marschiert. Was, wie die zurückbleibenden Piloten gestichelt hatten, natürlich verdächtig war. Lilja strahlte nie. Sie hätte vermutlich nicht einmal so eine fröhliche Miene aufgesetzt, so hatte einer von Marines Kameraden bemerkt, wenn man ihr ein scharfes Messer und den Akariikaiser, den Oberbefehlshaber der Imperialen Flotte und Clifford „Ace“ Davis zur freien Verfügung überlassen hätte. Vermutlich hatte die Russin verborgen, wie hundemüde sie wirklich war. Jedenfalls war das bezeichnend für ihre Einsatzmoral gewesen. Die Eskorte war bei weitem nicht so glatt gelaufen, wie ursprünglich geplant gewesen war. Die Akarii hatten irgendwie noch einige veraltete Jäger zusammenkratzen können, mit denen sie einen Angriff gestartet hatten. Lilja hatte die sechs Typhoons der Eskorte erfolgreich angeführt. Während sie zusammen mit Blackhawks Flight die Echsen frontal angegriffen hatte, schlug der Rest der Formation einen Bogen und packte die Akarii in der Flanke. Es war kein sehr fairer Kampf gewesen – die Typhoon waren besser bewaffnet und geschützt, was Lilja ausgenutzt hatte. Außerdem waren sie drei zu zwei überlegen gewesen. Die Akarii hatten sich dennoch nicht so leicht geschlagen gegeben. Blackhawks Maschine hatte es nur mit Mühe zum Träger zurück geschafft, und auch Tyr hatte einiges an Schäden kassiert, inklusive einem geprellten Rückrat des Piloten. Aber dafür waren zwei der Akarii abgeschossen worden. Einer davon ging auf Liljas Konto. Sie hatte alle Raketen auf einmal abgefeuert, und zwei hatten getroffen. Das hatte ihr Ansehen natürlich noch gesteigert, denn so viele Piloten gab es nicht, die das Dutzend voll hatten.
Die XO hatte Marine in den Wochen vor der Schlacht auf Herz und Nieren geprüft. Lob hatte sie dabei nur gelegentlich geäußert. Und wenn sie jetzt hier war...
Marine schwankte zwischen dem Impuls, sich umzudrehen und wegzulaufen, und einem verbissenen Trotz. Aber Lilja eröffnete keineswegs die zweite – und vermutlich wesentlich weniger zurückhaltende – Standpauke, mit der Sharon Taylor gerechnet hatte. Sie nickte ihrer Untergebenen nur knapp zu: „Komm mit.“
Lilja führte die jüngere Pilotin zu einem der Lifte. Schnell war klar, daß sie weder zu den Hangars, noch zu den Trainingsräumen oder den Quartieren wollte. Ihr Gesicht war unleserlich, die Narben verliehen ihm noch zusätzlich eine abweisende Note, und Marine wagte in ihrer augenblicklichen Gemütsverfassung nicht, Aufklärung zu verlangen. Schließlich erkannte sie, daß die XO sie zum Aussichtsdeck führte, von dem man aus die sternenerfüllte Weite der Alls bewundern konnte. Die Russin steuerte gezielt eine Ecke an. Dort saß nur ein Pärchen – daß aber nach ein paar knappen, scharfen Worten der Offizierin den Platz räumte. Wenn sie wollte, konnte Lilja durchaus „rabiat“ sein. Die stellvertretende Einheitsführerin nickte ihrer Kameradin zu: „Setz dich.“ Erst als Marine Platz genommen hatte, suchte auch Lilja sich einen Stuhl. Für einen Augenblick schwiegen sie beide. Marine war immer noch unsicher, und im Gesicht der Russin schienen verschiedene Gefühle miteinander zu ringen, falls man das so genau sagen konnte. Aber als sie anfing zu sprechen, erwartete Marine eine Überraschung. Die Stimme der Russin hat ausnahmsweise mal nicht den scharfen, oft kalten Tonfall, den die „Eisprinzessin“ sonst kultivierte.
„Ich kann mir vorstellen, wie du dich jetzt fühlst. Du machst dir sicher Vorwürfe, bist mit dir selbst unzufrieden. Und vermutlich“, hierbei grinste die XO, „verfluchst du Lightning halb, während du ihr halb Recht gibst.“
Sie erwartete offenbar keine Antwort: „Woher ich das weiß? Weil es mir selber auch so gegangen ist.“
Der Gesichtsausdruck der älteren Frau wurde leicht abwesend: „Weißt du, wie für mich der verdammte Krieg anfing? Ich war Second Lieutenant in einem Garnisonsgeschwader. Ein kleinerer Außenposten – ein bißchen wie die Akarii hier, aber keinen Träger vor der Haustür. Nur ein paar bodengestützte Staffeln, ein paar kleine Schiffe, die von dort aus Patrouille flogen. Frachter auf der Durchreise, denen wir manchmal Geleitschutz gaben. Wir hatten natürlich immer gehört, es könne eines Tages zu was kommen. Aber nach Jahren der Bereitschaft glaubte keiner mehr dran.“
Bitterkeit war in ihrer Stimme, als sie fortfuhr: „Sie haben uns gleich zu Anfang einfach so beiseite gewischt – uns und die Kriegsschiffe. Wie eine lästige Fliege. Im Vorbeigehen erledigt. Wir starteten, und wußten nicht im geringsten, was und wer uns erwartet. Die Bloodhawks haben uns zerfetzt. Ihre Jagdbomber flogen einfach vorbei, während wir um unser Überleben kämpften. Sie schossen die meisten größeren Schiffe zusammen. Die Reste türmten.“ Lilja schüttelte den Kopf: „Wir waren so naiv gewesen, was unsere eigene Stärke anging. Wir dachten tatsächlich, wie seien vorbereitet. In einer Viertelstunde haben uns die Akarii eines anderen belehrt. Drei von meiner Staffel haben es geschafft. Bei den anderen sah es nicht besser aus. Und wir, zwölf Maschinen – ich glaube nicht, daß wir mehr als zwei, höchstens drei Akarii abgeschossen haben. Ich selber habe keinen einzigen erledigt, nur ein paar angekratzt.“ Die Hand der Russin wanderte über Hals und Wange: „Als Andenken haben sie mir das hinterlassen. Auf einem angeschossenen Frachter sind wir dann entkommen.“
Erst jetzt schien sie Marine wieder wahrzunehmen: „Verstehst du? Als die Sache vorüber, hätte ich mich am liebsten erschossen. Ich hatte versagt, auf der ganzen Linie. Unser Stützpunkt war zerstört, unsere Schiffe dezimiert. Und viele meiner Kameraden...“ Ihre Stimme verklang. Doch sie hatte sich unter Kontrolle. Nur ganz kurz schimmerte der alte Schmerz durch.
„Natürlich habe ich nichts dergleichen getan. Auch nicht das Handtuch geschmissen, obwohl ich auch daran gedacht habe. Als Kämpferin, so sagte ich mir manchmal, tauge ich wohl nichts. Im Grunde war das Blödsinn. Ein Versagen im ersten Kampf, Feigheit – das gibt es nicht. Denn was dich da erwartet, darauf kann dich einfach keiner vorbereiten. Jeder wird da Fehler machen. Ich verstehe deine Gefühle, weil ich sie kenne. Aber du mußt vor allem eines – daraus lernen. Du brauchst keine Scham darüber zu fühlen, nicht perfekt zu sein. So lange du dich darum bemühst, perfekt zu werden. Es wäre falsch, sich wie ein verwundetes Tier zu verkriechen. Du mußt aus deinen Fehlern Stärken machen – indem du aus ihnen lernst. Wenn du vor deinen eingebildeten oder wirklichen Fehlern kapitulierst, werden sie dich erledigen.“
Im Grunde war dies auch nur daß, was man jedem Piloten sagte. Aber hier und jetzt, aus dem Munde einer Pilotin, die immer als die perfekte Soldatin auftrat, hatte es eine besondere Wirkung. Vor allem, da Lilja keineswegs als Frau galt, die mit tröstenden Allgemeinplätzen um sich warf, um geknickte Egos zu kurieren. Marine glaubte für einen Augenblick eine jüngere Lilja zu sehen, in ihrem angeschossenen Jäger, um sie herum die Gegner, gezwungen, den Tod ihrer Kameraden mitzuerleben.
Die Stimme der Russin wurde fester: „Wenn ich nicht glauben würde, daß du das Zeug dazu hast, hätte ich mich schon vorher dafür eingesetzt, dich aus der Staffel zu schmeißen. Aber ich denke, du kannst es schaffen – und sogar eine verdammt gute Pilotin werden. Aber du brauchst Zeit dafür, und du mußt dir die Zeit auch selber geben. Sieh es nicht als Niederlage – sieh es als Chance. Du weißt, was falsch gelaufen ist. Noch einmal wird dir das nicht passieren. Vielleicht wirst du andere Fehler machen, wie wir alle. Aber du darfst nie aufgeben.“
Eine Sekunde fragte sich die jüngere Pilotin, ob Lilja nicht teilweise auch eine Rede an sich selber hielt. Sie setzte zu einer Frage an, stockte, doch dann faßte sie sich ein Herz: „Und wie war es bei Ihnen?“
Lilja lächelte bitter: „Ich habe gelernt. Die Narben waren eine gute Erinnerung daran, wie ich die Echsen unterschätzt hatte. Eine Erinnerung an meine Fehler. Ich lernte, wie man Akarii tötet. Denn darum geht es in diesem Krieg, um nichts anderes. Einen nach dem anderen. Jetzt sind es zwölf Maschinen – und von den Echsen hat kaum einer überlebt.“ Marine fragte nicht, was Lilja mit ihren letzten Worten meinte.
„Es wird für uns alle neue Kämpfe geben – und auch für dich die Möglichkeit, Akarii abzuschießen. Du hast eine Rechnung offen? Es wird Gelegenheit geben, sie zu begleichen. Unterschätze nie den Feind – das hast du gelernt. Aber du darfst auch nicht dein eigener Feind sein. Gegner hast du genug.“ Sie lachte leise: „Das sind nur Worte, ich weiß. Aber ich kann nur sagen – ich habe es so geschafft. Jetzt bin ich eine Heldin.“ Sie klang beinahe zynisch: „Aber weißt du, daß ich auch heute noch manchmal an damals zurückdenke, und mich frage, was ich falsch gemacht habe?“ Sie verstummte abrupt, als ihr klar wurde, daß sie ihren eigenen Appell an ihre Untergebene in Frage stellte. Eine knappe Handbewegung schien die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben. „Du hast definitiv das Zeug dazu. Schließlich hast du weitergemacht, trotz allem was mit deiner Familie ist. Der Krieg ist nicht dafür da, Rache zu nehmen, aber er bietet die Gelegenheit dazu. Und ich denke, das willst du dir nicht entgehen lassen.“
Mit einer energischen Bewegung stand sie auf: „Ich werde mich aufs Ohr hauen. Aber – wenn du jemanden brauchst, um ein paar Übungsrunden zu fliegen oder um deine Taktik zu analysieren, dann sag Bescheid.“ Sie nickte Marine beinahe freundlich zu – auch dies etwas eher ungewöhnliches bei ihr. Dann ging sie, schweigend.
Die ehemalige Marinefliegerin blickte ihr nach. Aus manchen Menschen wurde man einfach nie klug. Das gerade Lilja Einfühlungsvermögen aufbrachte...
Aber sie fühlte sich auch in ihrer Ehre gepackt. Wenn Lilja glaubte, sie hätte das Zeug dazu, dann war es undenkbar, die XO zu enttäuschen. Marine erhob sich. Natürlich war das Gefühl der Beschämung noch da. Es würde wohl auch bleiben. Aber sie glaubte jetzt wieder etwas mehr daran, daß sie ihre Schlappe ausbügeln konnte. Zumindest im Augenblick. Wenn Lilja es geschafft hatte...
Während sie sich auf den Weg zu ihrem Quartier machte, arbeitete die junge Frau schon an ihrem Übungsplan für die nächsten Tage.
Ironheart
26.07.2004, 15:13
Hinterhalt
Vier Transittage von Pasumata IV entfernt,
Bei Pasumata V, Pasumata-Sektor
Gebannt blickte Thomas „Thor“ Jörgenson aus seinem rechten Cockpitfenster auf die gigantische Kugel von Pasumata V, einem gewaltigen, orangerot leuchtenden Gasriesen, der knapp zwei Drittel seiner Sichtscheibe bedeckte. Thor betrachtete fasziniert die zwei Ringsysteme, die den Planeten umgaben. Ein größerer, grau schimmernder Gürtel einmal um den Äquator herum und ein etwas kleinerer, in einem Winkel von 30 Grad geneigter Gürtel, der von links unten nach rechts oben zu verlaufen schien.
Dazu kamen noch knapp 30 Trabanten, die den Gasriesen umkreisten und auf seinem Radarschirm deutlich sichtbar waren. Thor hoffte, dass es bei Pasumata IV weniger Kontakte geben würde, denn bei all diesen Trabanten, Asteroiden und Ringfragmenten hatte Thor mehr Kontakte auf dem Schirm, als vor Gibraltar Station.
Ein wenig müde rieb er sich die Augen, denn seitdem sie vor etwas mehr als 5 Tagen die Zerberus-Dunkelwolke verlassen hatten, war das schon seine zehnte ForCAP gewesen. Dabei nahmen die Jäger die vorderste Position des wie an einer Perlenschnur aufgereihten Kriegsschiffkonvois ein.
Doch nicht nur, dass sie immer noch keine Spur von Akarii aufgefangen hatten, sie hatten auch eigentlich viel zu wenige Piloten, um diese ständige Bereitschaft aufrecht zu erhalten und die Einsatzgruppe in alle möglichen Richtungen abzusichern. So langsam zehrte das an den Nerven der Piloten und die Anspannung an Bord der GUADALCANAL hatte in den letzten Tagen merklich zugenommen. Auch Thor merkte, dass er sich alles andere als ausgeglichen fühlte. Sein einziger Trost waren seine regelmäßigen Vidophonate mit Melissa, ansonsten gab es derzeit nicht viel erfreulich zu berichten. Nach allem, was er bislang aus der Flotte gehört hatte, waren die Meinungen über den weiteren Verlauf dieses Einsatzes zwei geteilt. Während es einige richtig fanden, dass sich die Operationsgruppe Magellan wenigstens etwas umsah, wenn sie schon den langen Weg hierher gemacht hatte, waren andere der Meinung, dass es nicht ratsam war mit der gegebenen Ausstattung an Kriegsschiffen durch Akariisches Hoheitsgebiet zu schippern und es auf ein Aufeinandertreffen quasi ankommen zu lassen.
Thor selbst wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Während er auf der einen Seite darauf brannte, sich endlich beweisen zu dürfen, machte er sich andererseits Sorgen um Melissa auf der MAGELLAN.
Auf der anderen Seite: Je länger sie hier unterwegs waren, desto häufiger ergaben sich Möglichkeiten für ihn, Melissa zu sehen. Wenn sie zurückkehren würden, dann würden sie in spätestens vier Wochen wieder voneinander getrennt werden.
Während er sich noch Gedanken um dieses Dilemma machte, nahm er eine Anzeige am äußersten rechten Rand seines Radarschirmes wahr und sein Bordcomputer zeigte ein paar rot blinkende Icons. Doch kaum hatte er sie gesehen, war es auch schon wieder verschwunden. „Verflucht! Sparky hast Du das auch gerade empfangen? Rechts hinter uns, direkt in Richtung des Gasriesen?“
„Yeah, gab´n kurzes Biepen, aber das is´ jetzt schon ´nen paar mal passiert. Hier fliegt mehr Zeug rum als vor Fort Lexington, oder?“
„Ich weiß nicht, irgendwie war diese Anzeige anders“ gab Thor etwas besorgt zurück.
„Wie, anders???“
„Gleichförmiger, in Paaren gruppiert. Und außerdem, warum ist es schon wieder weg von unseren Schirmen?“ Thor dachte laut nach und dann fiel der Groschen. „Sparky mir nach“ rief er, legte seine Griphen in eine scharfe Rechtskurve und beschleunigte in die Richtung des letzten Radarkontaktes.
„Welcher Hafer hat dich den gebissen, Thor?“ rief Sparky, tat ihm das Manöver aber nach.
„Wir haben sie nicht mehr auf dem Schirm, weil sie mitten auf das Zentrum unserer Linien zufliegen…“ erklärte Thor und tatsächlich wurde der durch die Magellaninstrumente verstärkte Langstreckenscan schnell fündig. Thor zählte 12 Kontakte, in Eins-A Staffelformation. Und sie waren nicht mehr weit entfernt von ihrem Ziel, dem Kurs nach zu urteilen natürlich die GUADALCANAL.
„ForCAP One an Homebase. Roter Alarm, sie werden angegriffen, Roter Alarm“ gab Thor durch, gab die Koordinaten der angreifenden Staffel durch, bestätigte den Nachbrenner und hoffte, dass seine Warnung noch rechtzeitig kommen würde.
Wenn nicht, standen sie bald ohne Landeplatz da.
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Kommandobrücke der Fregatte „Kuural“,
Bei Pasumata V, Pasumata-Sektor
Kapitän Milas Talohn saß vollkommen ruhig in seinem Sessel und beobachtete mit seinen grüngelblichen Augen die Anzeigen. Unbemerkt hatten sie sich dem Konvoi der Terraner genähert, während sie den Ortungsschatten des Gasriesen Pasumata V ausnutzten. Dank des Zwillingsringsystems und der Fülle an Trabanten hatten ihre Feinde sie anscheinend nicht geortet.
Bis jetzt.
Fast schon synchron änderte sich der Kurs aller gegnerischen Kriegsschiffe, ohne Zweifel war Alarm ausgelöst worden. Leider früher als Talohn geplant und gehofft hatte, doch es würde reichen müssen.
Die an vorderster Front fahrende Fregatte der Midway-Klasse wendete so schnell es das Schiff zuließ, und das war schneller als Talohn lieb war. Der Zerstörer, der an zweiter Stelle des Konvois gestanden hatte, wendete deutlich schwerfälliger. Die Perry-Fregatte, die Korvetten Shogun A und Shogun B sowie die Korvette Nelson A, die einen Gürtel um den Hilfsträger und das nicht identifizierte Schiff bildeten, massierten sich jetzt in ihre Richtung, während die Korvette Nelson B als Nachhut erkennbar aufzuschließen versuchte.
Kapitän Talohn lächelte grimmig. Ein fast perfekter Hinterhalt hatte seinen Anfang genommen.
Aber eben nur fast perfekt.
Die Überraschung war eine wichtige Facette für den Gewinn dieser Raumschlacht gewesen und die zweite war es, den gegnerischen leichten Träger auszuschalten. Denn anders als die Jäger Commander Nurrkas, die weit, weit weg von ihrer Station agierten, konnten die Terraner ihre Jäger immer wieder neu auftanken und aufmunitionieren. Zumindest so lange sie den Hilfsträger nicht ausgeschaltet hatten.
Talohns Plan hatte vorgesehen, sich unbemerkt an die Flanke zu schleichen und die gegnerische Raumlandebahn mit einem gezielten Schlag aus dem Kampf zu nehmen. Dann hätten sie sich eines der gegnerischen Schiffe nach dem anderen vorgenommen, bis sie alle die schwächlichen Weichhäute aus ihrem System gejagt hatten. Talohn hatte Aufzeichnungen der ruhmreichen Schlacht von Mantikor gesehen und diese hatten gezeigt, dass die Kaiserliche Akariische Raummarine wie ein heißer Säbel durch Geelamfleisch gegangen war. Diese Menschlinge hatten keine Chance gegen die überlegene Akariische Hochtechnologie – das zeigten alle Militärberichte immer und immer wieder – und Talohn würde es Ihnen beweisen.
Zumindest hatte er das gedacht.
Doch jetzt musste er hilflos mit ansehen, wie stattdessen die als Perry gekennzeichnete Fregatte sich seinen Jägern in den Weg stellte, einige der Raketen abfing, die Nurrkas Jäger abgefeuert hatten und ein paar weitere der Raketen selbst schluckte, die eigentlich für den Hilfsträger gedacht waren. Dessen Schilde wurden zwar geschwächt, konnten aber bei weitem nicht durchbrochen werden. Im Gegenteil, jetzt spuckte der Hilfsträger, den Akarii Geheimdienstunterlagen nach ein Schiff der Strike-Klasse, eigene Jäger aus, die sich augenblicklich daran machten, Commander Nurrkas Deathhawks unter Feuer zu nehmen. Und während der Strike-Hilfsträger sich unter dem Schutz der sie umgebenden Fregatten und Korvetten zurückzog, fiel die erste der Deathhawks dem konzentrierten Flakfeuer der Schiffe zum Opfer.
Einen Augenblick war Milas Talohn konsterniert. Er war erfahren genug, um eine verlorene Schlacht erkennen zu können, wenn er eine sah. Und auch wenn er es nicht wirklich wahrhaben wollte, diese war bereits jetzt verloren, da gab er sich keinerlei Illusionen hin. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier jetzt noch gewinnen würden, tendierte gegen Null, wie er jetzt besorgt erkennen musste. Der Feind war nicht, wie es die Propaganda es ihnen bisher immer vorgebetet hatte, ein Haufen degenerierter, hirnloser Kreaturen, sondern durchaus in der Lage sich effektiv zur Wehr zu setzen, wie er an dem Einsatz der Perry-Fregatte sehen konnte. Außerdem waren die Weichhäute Ihnen Zwei zu Eins überlegen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er und seine Leute vollkommen ausradiert werden würden.
Talohn fragte sich kurz, ob er versagt hatte. Doch er verwarf den Gedanken schnell wieder. Unter den gegebenen Umständen war es das Beste gewesen, was Sie hatten erreichen können. Flucht war von vornherein inakzeptabel gewesen, ein Verharren an der unfertigen Station hätte sie jedes Überraschungsmomentes beraubt und ihre Chancen letztlich eher geschmälert als gesteigert. Talohn hatte sich nichts vorzuwerfen, im Gegenteil: Seine Ehre war vollkommen intakt. Er hatte verloren, aber er würde nicht kampflos aufgeben, sondern so viele Weichhäute wie möglich mitnehmen. Die Menschlinge würden schon sehen, was es hieß gegen Akarii zu kämpfen.
„Ehre dem Kaiser“ flüsterte Kapitän Milas Talohn kurz bevor er den Befehl zum Angriff auf die Perry-Fregatte gab.
Es würde eine letzte, aber dafür ehrenvolle Trophäe werden.
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Im Raum um Pasumata V, Pasumata-Sektor
Als Diane „Lady Death“ Balestier zu ihrem Jäger geeilt war, hatte sie noch grimmig gedacht, dass das mal wieder eine Übung dieses verrückten Singh oder noch schlimmer dieses Kettenhundes Chung sein musste. Doch irgendwas war dieses Mal anders, die Bewegungen der Crew waren hektischer, nervöser und aufgeregter. Ihr Herz schlug augenblicklich schneller, als sie erkannte, dass es wirklich Ernst werden würde.
Endlich!
Endlich hatte das warten ein Ende und endlich würden sie das tun können, für das sie ausgebildet worden waren: Feindeinsätze fliegen!
Endlich würde sie die Gelegenheit erhalten, das Blut, das an ihren Händen klebte, rein zuwaschen.
Sie sah einige ihrer Kameraden an ihr vorbei hechten. Ihre Flügelfrau, Debbie „Whirlwind“ Bahler, die leicht nervös und den Daumen kurz hoch haltend zu ihrer Maschine rannte.
Sie sah wie Tigre ruhigen und gemessenen Schrittes zu seiner Maschine ging, so als ob er auf dem Weg zum Golfplatz war und nicht in den Kampf. Und im Kontrast dazu seinen Flügelmann Nikolos „ Ares“ Roussos, der Whirlwind noch einmal mit einer Mischung aus Sorge und Aufmunterung zuwinkte. Die beiden waren erst seit kurzem ein Paar und irgendwie hoffte Diane, dass das gut gehen würde.
Als sie ihr Cockpit bestieg, kamen die Erinnerungen an Mantikor wieder, die sie seit so langer Zeit zu verdrängen versucht hatte. Mit Erfolg, wie sie bislang geglaubt hatte. Doch anscheinend hatte sie sich zu früh gefreut.
`Warum ausgerechnet jetzt?` schoss es ihr durch den Kopf, während sich das Kanzeldach schloss. `Weil Du es nicht anders verdient hast` meldete sich ihr Gewissen.
Sie versuchte sich abzulenken, in dem sie den etwas im Hintergrund stehenden Mirage-Bomber beobachtete, die ebenfalls startklar gemacht wurden. Die Griphen waren bereits draußen gewesen, sie hatten zum Zeitpunkt des Angriffs ForCAP gehabt. Die Typhoon wurden gerade raus geschossen und Diane und ihre Sektion würden Ihnen bald folgen.
Und wer wird dieses Mal zurückkehren?
´Nur noch vier Minuten` dachte sie, doch es gelang ihr nicht die Erinnerung, die sie wie ein Mückenschwarm befiel, abzuschütteln.
Mantikor war die Hölle gewesen, in jeglicher Hinsicht und schon lange bevor die Akarii gekommen waren. Provinz, Etappe, Grenzplanet. Wer wie sie länger als drei Jahre als Garnisonsstaffel auf Fort Trafalger stationiert war, musste ja verrückt werden.
Und genau das war Diane geworden. Wie sonst war es zu erklären, dass sie als respektierte Lt. Commander und Staffelführerin den regen Drogenkonsum unter ihren Leuten geduldet hatte. `Scheiße, die gesamte Station hat das gemacht` fluchte sie in Gedanken, während sie ihre Anzeigen checkte. `Die haben sich aber nicht erwischen lassen` meldete sich ihr gehässiges Gewissen zurück.
Ja, Diane erinnerte sich. Als die Akarii wie ein Heuschreckenschwarm über Mantikor und die Trafalgerstation gekommen waren, war die Hälfte ihrer Staffel high gewesen. Während der Dienstzeit wohlgemerkt.
Sie waren trotzdem – ohne Dianes Wissen – gestartet und förmlich aus der Luft gerissen worden, ohne auch nur einen gezielten Gegenschuss abzuliefern. Diane hatte gekämpft, wie eine Löwin, sich drei Abschüsse gesichert und hatte sich auf einen der Träger retten können.
Aber statt wie eine Heldin gefeiert zu werden, hatte man sie für den Tod ihrer Untergebenen verantwortlich gemacht, sie sogar des Drogenhandels bezichtigt ohne auch nur den geringsten Beweis zu haben. Aber die Admiralität hatte nach dem Mantikordebakel ja dringend Sündenböcke gebraucht. Offiziere, denen sie sie Schuld hatten zuschieben können, an denen sie hatten ein Exempel statuieren können.
Was kam da besser als die Kommandeurin einer Staffel, deren Hälfte abgeschossen wurde, ohne auch nur einen einzigen Treffer zu landen.
Sie hatten sie verurteilt, degradiert und auf New Alcatraz schmoren lassen. Erst der akute Mangel an Piloten hatte sie schließlich wieder hierher geführt, zurück in ein Cockpit, zurück in den Kampf.
Und all die Zeit hatte sie versucht, die Verantwortung zu verdrängen, bis jetzt.
Würde sie ihre Schuld jemals gesühnt haben?
In den Augen ihrer so genannten Kameraden und der Navy ohnehin nicht, das war ihr klar. Zu den Vorwürfen und Spekulationen ihrer ach so unbescholtenen Staffelkollegen schwieg sie hartnäckig, was die interessantesten Gerüchte über sie in den Umlauf gebracht hatte. Da sie aber durch sehr gute Leistungen überzeugte und ansonsten nicht weiter auffiel, ließ man sie größtenteils in Ruhe.
Warum dann also nicht auch ihr Gewissen?
Die Antwort auf diese Frage blieb unbeantwortet, ihr Gewissen schwieg.
Wohl auch deshalb, weil sie genau in diesem Augenblick das Signal zum Katapultstart erhielt und ins All geschleudert wurde.
Genau in dem Augenblick, als eine Antischiffrakete oberhalb des Rumpfes der GUADALCANAL, also an der entgegen gesetzten Seite der Jägerkatapulte am Schutzschirm des Hilfsträgers explodierte. Der grelle Lichtblitz wurde augenblicklich von ihrem Cockpit heruntergeregelt und die Geschwindigkeit – mit der sie aus dem Träger katapultiert worden war – verhinderte, dass sie von der Druckwelle erfasst und zu Schlacke verarbeitet wurde. Aber viel hatte nicht gefehlt.
Sie brauchte eine kurze Sekunde um zu erkennen, dass sie mitten in der Scheiße saßen. Jemand hatte gepennt, wenn die Echsen schon so nahe an Ihnen dran waren und sie hatte vor Sparky den Arsch aufzureißen, wenn er derjenige gewesen sein sollte. Doch in der Zwischenzeit musste sie zusehen, dass ihr nicht selber der Hintern weggeschossen wurde.
„Whirlwind, bleib an mir dran. Wir schnappen uns Kontakt Charly 1“ gab sie an ihre Flügelfrau durch und die wilde Hatz begann.
Kaum hatte sie auf die Feindmaschine eingedreht, die gerade im Anflug auf die bereits unter schwerem Feuer liegende MOUNTBATTON war, da drehte diese auch sofort ab. Doch nicht schnell genug um nicht zumindest eine Salve Strahlenschüsse abzubekommen.
`Meine Güte, sind die schnell` schoss es ihr durch den Kopf, als sie vergeblich versuchte eine Zielerfassung für ihre Raketen zu kriegen.
Es dauerte nicht lange und die restlichen Jäger ihrer Staffel waren ebenfalls raus, so dass die Deathhawks und der Dirty Bunch angefangen hatten ein tödliches Ballet zu spielen.
Diane hatte nach kurzer Zeit den Überblick verloren, die Jäger schienen sich gegenseitig aus dem Spiel genommen zu haben. Während sich die Kampfschiffe einen heftigen Schlagabtausch lieferten, tanzten die Jäger umeinander herum und versetzten einander Stiche, aber keine Seite konnte einen deutlichen Vorteil für sich verbuchen. Erst als die Mirage auf der Bildfläche erschienen, wendete sich das Blatt.
Die Bomber ignorierten die Jäger der Akarii und setzten augenblicklich auf die Dickschiffe der Akarii an. Das wiederum konnten die Deathhawks nicht ignorieren. Einige von Ihnen lösten sich aus dem Schlagabtausch mit dem Dirty Bunch – Thor hatte den ersten Abschuss geschafft, dafür hatten sie selbst Stinger verloren – und jagten nun den Bombern nach.
Das machte es Diane leicht. Ihr Kontakt Charly 1 drehte ein, und nahm eine der Mirages mit den Strahlenkanonen unter Feuer, doch der Bomber blieb auf Kurs. Wohl darauf hoffend, dass die Schirme halten würden, bis Diane wiederum den Jäger ausschaltete. Zum Glück für den Bomber ließ Diane sich nicht lange bitten. Die erste ihrer Raketen fegte die bereits geschwächten Schilde der Deathhawk davon, die kurz danach einschlagende Rakete zerfetzte die Feindmaschine komplett.
Diane freute sich nur einen kurzen Augenblick, dann kam der Hilferuf.
„Lady Death, Scheisse, der Akarii hat…“ und dann wurde es still um Whirlwind.
Voller Panik wendete Diane ihre Maschine zu den Koordinaten, an denen sie in der Raumschlacht voneinander getrennt worden waren. Doch nirgends ein Zeichen von Whirlwind. Eisige Furcht schnürte ihre Kehle zu. Hatte sie schon wieder eine der ihr anvertrauten Piloten verloren? Da sie kein Signal ihrer Flügelfrau entdecken konnte, musste sie davon ausgehen, dass sich ihr Callsign wieder einmal bewahrheitet hatte. Nur nicht auf der richtigen Seite.
Voller Wut drosch sie den Nachbrenner vor. Das einzige, was sie jetzt noch für Whirlwind tun konnte, war zumindest ihren Mörder zu erledigen.
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Primärbrücke ONTARIO
Pasumata V, Pasumata-Sektor
Igor Maleetschev hechtete in die Brücke, die in ein gespenstisches Licht gehüllt war. Er hatte frei gehabt, als ihn der Alarm aus dem Schlaf gerissen hatte und er war so schnell wie möglich gekommen.
Der Angriff der Akarii hatte die ONTARIO genau so wie den Rest des kleinen Flottenverbandes vollkommen überrascht. Der gegnerische Kommandeur musste ein Könner sein, wenn er seine Schiffe so nahe an sie heran gebracht hatte, ohne dass sie auch nur etwas davon mitbekommen hatten.
„Lieutenant Yangwen, Status des Schiffes“ rief er etwas atemlos, während er sich auf den Bildschirmen versuchte einen Überblick zu verschaffen.
„Sir, alle Bereiche melden volle Einsatzbereitschaft.“ Kapitän Singh saß bereits auf seinem Kommandantensessel und nickte seinem Ersten Offizier nur einmal ernst zu und widmete sich dann wieder den Anzeigen. Die Standardprozedur auf Kriegsschiffen ab Zerstörergröße sah zwar vor, dass der Erste Offizier während einer Schlacht die Sekundärbrücke zu übernehmen hatte, während der Kapitän auf der Primärbrücke blieb. Aber Singh hatte dieses Prinzip der Redundanz, dass dafür sorgen sollte, dass die ONTARIO auch bei einem Ausfall der Primärbrücke noch voll einsatzfähig sein sollte, mit dem Argument ausgehebelt, dass die ONTARIO das Flaggschiff der Einsatzgruppe war. Somit würde Maleetschev das Schiff leiten dürfen, während Singh die Einsatzgruppe koordinierte. Und die Sekundärbrücke war vom zweiten Offizier Harun El-Habibi besetzt worden.
Maleetschev hatte nicht lange dagegen protestiert, wäre er doch sonst nur zum zuschauen verdammt gewesen. Und das Singh nichts von seinem zweiten Offizier hielt, war ja auch schon längst kein Geheimnis mehr. Also durfte Maleetschev im Grunde unter Singhs Aufsicht das Schiff kommandieren. Und er würde seinem Kapitän keine Schande machen.
„Mit wem haben wir es zu tun?“
„Eine Fregatte der Sierra III-Klasse, drei Korvetten, zwei davon Quebec-Klasse, eine Tango-Klasse.“
„Was ist mit den Jägern?“
„Eine Staffel Deathhawks, Sir, davon eine Maschine bereits durch die MOUNTBATTON runter geholt. Die MAGELLAN hat ihre Jäger raus, Bomber sind auf dem Weg.“
Maleetschev nickte und studierte die Taktikanzeigen.
Petr Ronacek hatte sein Schiff direkt zwischen die Angreifer beordert und bildete jetzt eine Verteidigungslinie vor der GUADALCANAL und was noch wichtiger war, vor der MAGELLAN. Die beiden schwächsten Schiffe der Einsatzgruppe zogen sich langsam und schwerfällig aus dem Kampf zurück, aber noch waren sie nicht außer Reichweite.
„Petr“ Singhs Stimme drückte kaum Emotionen aus, als er seinen früheren Schützling rief „zieh dein Schiff zurück und lass die Korvetten die Verteidigung übernehmen.“
Maleetschev erkannte, worauf Singh aus war. Die Schilde der Perry-Fregatte waren bereits äußerst schwach, den Anzeigen nach zu urteilen waren bereits erste Anzeichen von Hüllenbrüchen zu erkennen. Viel würde das Schiff nicht mehr vertragen können, obwohl es immer noch unbeirrt aus allen vorhanden Rohren und Lasertürmen weiter feuerte.
„Captain Singh“ Ronaceks Gesicht erschien mit einem grimmigen Lächeln auf dem Bildschirm. „wir könnten hier etwas Hilfe gebrauchen.“ Im Hintergrund erkannte Maleetschev das Signal für Feuer an Bord.
Singh nickte. „Wir kommen, so schnell wir können, Petr. Halt dein Schiff zusammen.“
„Aye, Sir“ Und während Ronacek vom Bildschirm verschwand, drehte sich Singh mit einem unmissverständlichen Blick zu seinem Ersten Offizier um.
Igor brauchte keine Anweisung um zu wissen, was Singh jetzt von ihm erwartete.
„Was sagt die Waffenleitkontrolle, Lieutenant Yangwen?“ wandte sich Igor an seinen momentanen Stellvertreter.
„WLK meldet mögliche Zielerfassung in zwei Minuten.“
Maleetschev schüttelte den Kopf, das dauerte ihm zu lange. Er schnappte sich das Direktfunkgerät, mit dem er in Sekundenbruchteilen eine Direktverbindung zu jedem wichtigen Bordoffizier aufbauen konnte. „Chief, bringen sie uns auf 120% für die nächsten zwei Minuten.“
„Aye, Sir, 120%, 2 Minuten“ kam die knappe, korrekte Antwort des Chief zurück.
Maleetschev wechselte den Kanal „WLK, ich will eine Zielerfassung auf die Sierra-III in eineinhalb, verstanden?“
„Aye, Sir, wir geben uns die größte Mühe.“
Ob das reichen würde? Maleetschev wusste, dass der MOUNTBATTON nicht mehr viel Zeit blieb. Die gegnerischen Schiffe hatten es anscheinend auf sie abgesehen. Zumindest die Fregatte und die beiden Quebec-Korvetten. Die Tango-Korvette war hingegen inzwischen von der agilen KAZE gestellt worden und lieferte sich einen heftigen Schlagabtausch mit Schneiders Schiff. Und auch wenn sich der Akarii einigermaßen hielt, das Ende dieses Kampfes war vorhersehbar. Doch auch wenn die KAZE die Tango aus dem Spiel nahm, fehlte das schnelle, schlagkräftige Schiff jetzt bei der Unterstützung der MOUNTBATTON.
Die Minuten des Kampfes zogen sich wie Kaugummi in die Länge. Ronaceks Schiff pumpte eine weitere Salve Schiff-Schiff-Raketen in die feindliche Fregatte, doch die schüttelte den Angriff ab und antwortete ähnlich fulminant. Auf den vergrößerten Anzeigen konnte Igor sehen, wie ein Laserturm der MOUNTBATTON auseinander flog und eine kurze Flamme in den Raum peitschte. Wieder ein paar ihrer Leute, die ihr kaltes Grab gefunden hatten.
„WLK, wie lange noch?“ fragte er ungeduldig nach, Singhs Blick in seinem Nacken spürend. Der gestrenge Kapitän gab seine Befehle leise und ruhig an die übrigen Kapitäne, aber Igor spürte förmlich, dass Singh innerlich kochte.
„Noch dreißig Sekunden“ gab der Feuerleitoffizier zurück „aber die Sierra-III zieht sich hinter die MOUNT zurück, Sir.“
Verflucht, tatsächlich. Der gegnerische Kommandeur beorderte seine Fregatte und die beiden Korvetten so hinter die angeschlagene Perry-Fregatte, dass die ONTARIO keine saubere Zielerfassung schaffen würde. Zumindest nicht ohne das Risiko, das eigene Schiff zu treffen.
Zwar brach das Manöver des Akariikommandeurs die drei Schiffe in die Nähe der Korvettengruppe um die DENVER, AZINCOURT, J.JERVIS und BUENOS AIRES, die auch sofort das Feuer eröffneten, doch der Akarii schien zu wissen, dass die Schlagkraft von sechs Exocet-Raketen, die die ONTARIO bereits scharf machte, bei weitem höher lag als die Feuerkraft der vier Korvetten zusammen.
„Ruder 20 Grad tief“ rief Igor seinem Rudergänger zu, in der Hoffnung eine bessere Zielerfassung auf die ebenfalls nach ´unten´ fallende Sierra-III zu bekommen, doch in diesem Augenblick wusste er, dass es zu spät war.
„Sir, die MOUNTBATTON…“ die Stimme Lieutenant Yangwens war fast erstickt „sie bricht auseinander…“
Ein Kloß bildete sich in Igors Kehle, als er die Fregatte zerbrechen sah und wusste, das damit viele gute Soldaten gerade in diesem Augenblick ihr Leben verloren. Rettungskapseln und –shuttles verließen das vernichtete Schiff und flogen so schnell sie konnten davon. Ronacek schien zumindest noch den Evakuierungsbefehl gegeben zu haben, vielleicht hatte er es auch selbst noch geschafft. Sein Schiff hingegen war nur noch Geschichte. Die MOUNTBATTON schien, von schwerem Geschützfeuer zerfetzt, in der Mitte auseinander zu brechen. Sekundärexplosionen blühten an der Oberfläche der beiden Rumpfteile auf wie eitrige Pockenblasen, die dann schnell aufplatzten und nichts als tiefschwarze Narben zurücklassend vergingen.
Dann wurde eine der beiden Teilstücke von einer Akarii-Schiff-Schiff-Rakete getroffen und wurde von einer grellen Explosionskugel förmlich zerrissen.
Igor musste schlucken und drehte sich langsam zu seinem Skipper um, der scheinbar ungerührt in seinem Sessel saß. Doch Igor wusste, dass dieser Schein nur trog. Der eisige Blick des Inders war von Hass erfüllt, die Kieferknochen mahlten deutlich sichtbar auf den Zähnen und fast hatte Igor den Eindruck, er würde gleich die Armlehne seines Sitzes aus der Verankerung reißen, so sehr traten die Knochen seiner Hand weiß unter der Haut hervor.
Dieser fanatische Blick in Singhs Augen machte Igor fast schon Angst.
„Feuerentfernung erreicht, Zielerfassung steht“ brüllte der Feuerleitoffizier in das aufgeregte Gemurmel auf der Brücke.
Singhs Blick traf den seines ersten Offiziers. „Reißt sie in Stücke…“ Es war fast nur geflüstert, doch jagte es Igor einen kalten Schauer den Rücken hinunter.
„Feuer! Exocet los!“ rief Igor und beobachtete die sechs Raketen, die auf den Feind zupreschten.
Sie würden die MOUNTBATTON rächen, dessen war sich Igor sicher.
Doch er machte sich Sorgen darüber, was danach passieren würde, denn Singhs Gesichtsausdruck schien nichts Gutes zu verheißen.
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Im Raum um Pasumata V, Pasumata-Sektor
Santiago „Tigre“ DeLaCruz atmete tief aus, als er eine seiner Phönix-Raketen in den Akariijäger vor ihm einschlagen sah. Die vergrößerte Kameraeinstellung zeigte eine kurze kugelförmige Explosion und dann war nur noch Schlacke von der Feindmaschine über.
Es war die letzte der Deathhawks gewesen, die gerade explodiert war. Alle anderen waren inzwischen auch nur noch Geschichte.
Der Schlagabtausch mit den feindlichen Jägern war ein wildes Hauen und Stechen geworden und er musste sich erst einmal ein Bild über die aktuelle Situation machen.
Sein Flügelmann Ares war abgeschossen worden, aber er hatte sich erstaunlich gut gehalten. Nachdem es Whirlwind erwischt hatte, war der junge Grieche wie ein Berserker auf seinen Gegner losgegangen. Erst hatte Tigre sich Sorgen gemacht, dass der Junge sich kopflos auch noch abschießen lassen würde. Doch im Gegenteil, nach dem wahrscheinlichen Tod seiner Freundin hatte er sich erst seinen eigenen Gegner geholt und hätte sich fast noch einen Zweiten geschnappt, ehe er sich dann doch raus schießen musste.
Lady Death hingegen hatte ihrem Namen alle Ehre gemacht und erst zwei ihrer Gegner erledigt um schließlich Aslan den Arsch zu retten, der in erhebliche Schwierigkeiten geraten war. Von den Typhoonen hatte es nach Stingers Ausfall dann auch Cougar erwischt und Tigre wusste nicht, ob sie sich wie ihr Flügelmann hatte retten können.
Währenddessen hatte sich Whitey als Überraschung entpuppt. Der blutjunge koreanische Ensign hatte gleich zwei Akariis in deren ewige Jagdgründe geschickt und es dann sogar noch heil, wenn auch etwas ramponiert, zurück zur GUADALCANAL geschafft.
Ganz so viel Glück hatten die Griphen, die auf ForCAP überrascht worden waren, nicht gehabt. Im Gegenteil, sie hatte es am schlimmsten erwischt. Sparky war der einzige gewesen, der seine Maschine wieder heil zurück auf die GUADALCANAL gebracht hatte. Windmill war tot, gleich drei Akariiraketen auf einmal hatten seinen Jäger förmlich pulverisiert. Thor – der zuvor zwei Akarii erledigt hatte – und Blitz waren ausgestiegen und galten als vermisst. Insgesamt hatte der Dirty Bunch somit gegen die älteren und schwächeren Deathhawks selbst unter dem Unterstützungsfeuer der Korvettenflaks und -flars fast zwei Drittel der eigenen Maschinen verloren. Welch eine jämmerliche Quote!
Da hatten die Bomber mehr Glück gehabt, wohl auch weil sich in diesem Schlachtgetümmel keiner richtig um die vier Mirages gekümmert hatte. Die Jäger hatten ihnen der Dirty Bunch fern gehalten und die Dickschiffe hatten andere Sorgen, als sich um die vier Mirage-Bomber zu kümmern. Für einen der beiden Quebec-Korvetten endete diese Missachtung tödlich. Die Bomber hatten zwei Bombenläufe auf diese nehmen können und sie – mit tatkräftiger Unterstützung der eigenen Korvetten – vernichtet. Zwar hatte die Quebec, fast schon in den letzten Zuckungen, doch noch eine Salve Antijägerraketen auf die Bomber abgefeuert und dabei prompt einen von Ihnen aus dem All gefegt. Doch beide Bordmitglieder hatten sich retten können, so dass die Mirages wohl bald wieder voll einsatzfähig sein würden.
Was man von den Korvetten nicht würde sagen können. Nachdem die MOUNTBATTON zum Schock aller auseinander gebrochen war, hatte sich die ONTARIO wie ein Racheengel auf die Sierra-III gestürzt. Doch das schien diese nicht weiter zu interessieren. Statt das Feuer der ONTARIO zu erwidern, nahmen sich die feindliche Fregatte und die übrig gebliebene Korvette die DENVER vor. Der gegnerische Befehlshaber hatte anscheinend schon mit seinem Leben abgeschlossen und dachte sich wohl, warum er die Schutzschilde eines Norfolk-Zerstörers ankratzen sollte, wenn er sich stattdessen noch eine weitere Korvette holen konnte.
Und dann war alles Schlag auf Schlag gegangen. Die KAZE hatte die Tango-Korvette, die sich mehr als tapfer geschlagen hatte, just in dem Augenblick zerstört, als die Sierra-III von der zweiten Salve Exocet der ONTARIO in Stücke gerissen wurde. Doch deren Abschiedsgeschenk in Form einer letzten kombinierten Salve an die DENVER wiederum zertrümmerte einen Großteil der kleinen Korvette. Die Brücke war sofort zerstört und nur eine Handvoll Rettungskapseln mit Seemännern und den Marines konnten entkommen. Der Rest der manövrierunfähigen DENVER stürzte auf den Gasriesen zu und trieb brennend und lodernd direkt auf die Zwillingsringe zu. Mit fasziniertem Entsetzen musste Tigre mit ansehen, wie das Schiff auf die ersten der Eis- und Geröllfragmente traf und schier zermalmt wurde. Noch Stunden später hätte man noch mitverfolgen können, wie das einst so stolze Schiff sich einen Weg durch die Ringe des Planeten pflügte um letztlich zu einem Teil davon zu werden und bis in alle Ewigkeit um den Planeten herum zu kreisen.
Doch statt sich das schreckliche Spektakel weiter anzusehen, beobachtete Tigre, wie die letzte der Akariikorvetten von den übrigen Schiffen der TSN vernichtet wurde, nicht ohne jedoch auch eine letzte Salve auf die AZINCOURT abzugeben, welche diese wiederum stark mitnahm.
Damit war die Schlacht vorbei und die Wirkung des Adrenalins, welche Tigres Blutbahnen noch vor kurzem in rauen Mengen durchflutet hatte, ließ deutlich spürbar nach. Auch wenn der Kampf relativ kurz gewesen war, überfiel ihn eine bleierne Müdigkeit.
Ein Gefühl des Versagens stellte sich bei ihm ein. Mindestens zwei seiner Leute – Whirlwind und Windmill – waren tot und fünf weitere vermisst, zumindest solange sie nicht aus den eisigen Tiefen des Weltalls gerettet worden waren. Und besonders um Thor und Cougar machte er sich die größten Sorgen, auch wenn das vielleicht nicht fair gegenüber den anderen vermissten Piloten Ares, Stinger und Blitz war.
Und als sein Blick während des Landeanflugs auf die GUADALCANAL fiel, verstärkte sich sein Gefühl der Niedergeschlagenheit. Der Hilfsträger war angeschlagen, aus einem Hüllenbruch entwich offensichtlich wertvolle Luft in Form von loderndem Feuer. Tigre wusste nicht, wie schlimm es um das Schiff stand, aber eine Landeerlaubnis hatten sie ihm zumindest erteilt.
Nun, besonders viele Alternativen gab es ja nicht.
Als seine Maschine schließlich landete, machte sich Tigre schon bereit vor die kümmerlichen Reste seiner Staffel zu treten.
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