Ace Kaiser
27.06.2006, 13:21
Anime Evolution: Spiegel
Episode eins: Aoi Akuma
Prolog:
„…kam es erneut zu einem massiven Überfall auf einen von imperialen Fregatten begleiteten Konvoi. Bei dieser Attacke wurden alle drei Fregatten, die TIMBUKTU, die MARS und die ABU DHABI vernichtet. Die drei Frachter NEU-KÖLLN, ROTTERDAMM und CHIEMSEE wurden aufgebracht, geplündert und versenkt. Über den Verbleib der Mannschaften aller sechs Schiffe liegen bis dato keine Informationen vor. Berichten aus dem Pentagon zufolge aber wird dieser massive Rückschlag die Offensive des kronosischen Imperiums in Indien und Arabien weiter zurückwerfen und…“
„…ist die Lage unhaltbar geworden. Mit dem Verlust Alaskas und dem erzwungenen Waffenstillstand sind wir, die stolze amerikanische Nation dazu verdammt stillzuhalten, während die Kronosier von ihren Eroberungen in Südostasien nach und nach die ganze Welt befallen. Ihre Territorien im Westen Australiens, Teilen Chinas, in Arabien, Afrika, Subchina und der Eroberung Islands sind bereits jetzt eine massive Gefahr für alle freien Staaten dieser Welt. Die regelmäßigen Angriffe auf Südamerika, mit denen die Kronosier versuchen, ihre neuen Verbündeten Venezuela, Kolumbien und Brasilien zu unterstützen und Argentinien, Chile und Uruguay zu einem Separatfrieden zu zwingen, wie er auch schon den USA und Kanada aufgedrängt wurde, werden auch in dieser Region zu einem Ungleichgewicht führen und mittelfristig eine zweite Front errichten, die sich dann gegen die USA stellt, die immer noch die weltweit größte Armee unter Waffen hat…“
„…Russland und China große Teile ihrer subsibirischen Territorien an die Kronosier verloren, es drängen sich unwillkürlich Vergleiche mit den japanischen Eroberungen in China während des Zweiten Weltkriegs auf, als große Teile der Mandschurei von ihnen mit harter Hand erobert und noch härterer Hand regiert wurden…“
„…bringe ich es auf den Punkt: Die einzigen Regionen dieser Welt, die bisher nicht betroffen sind, das sind die Kontinente Afrika und Europa. Aber Europa wurde stark bombardiert, die Städte Paris, München, Düsseldorf, Antwerpen, Rom, Madrid, Cordoba, Warschau, Prag, Ankara und Wien, um nur die am schlimmsten getroffenen zu nennen, sind immer noch mit dem Wiederaufbau nach den Verwüstungen beschäftigt und Europa hält still, solange die Angriffe nicht fortgesetzt werden. Natürlich kämpfen sie nicht, solange auch die USA, ihr mächtigster Verbündeter den Waffenstillstand einhält.
Auch Afrikas Hauptstädte wurden bombardiert und teilweise schwer zerstört. Aber wesentlich gefährlicher ist der Streit der Ideologien, der diesen riesigen Kontinent zu spalten droht. Der kronosianische, pragmatische Imperialismus mit dem offenen Angebot mittels der Gift jederzeit in die Herrscherriege aufzusteigen hat viele örtliche Herrscher verführt und zu unzuverlässigen Parametern in der Formel Weltverteidigung werden lassen.
Alles entscheidet sich nun im Wettlauf der Weltraumfahrstühle. Welches System wird eher fertig gestellt sein? Das amerikanische APOLLO-ARTEMIS – System oder die kronosianische Variante mit Titanen-Station und dem OLYMP? Generaldirektor Eikichi Otomo sagte dazu…“
„…sage ich Ihnen ganz klar, was uns Kronosier noch davon abhält, die ganze Welt zu befreien, sie von imperialistischen, trotzkistischen, religiösen oder rein patriarchaischen Weltbildern zu erlösen: Der Aoi Akuma, oder wie Sie ihn nennen würden, der blaue Teufel. Er und nur er mit seiner Höllenbande ist es, der an unserer Kehle hängt wie ein Hund mit seinen Fängen am Hals eines Bären. Ihn müssen wir bezwingen, vernichten, töten, bevor wir der Welt die Freiheit bringen können. Dieser Handlanger der Imperialisten, dieser Massenmörder, dieser Pirat und Schwerverbrecher ist die moderne Geißel dieser Welt und…“
„…die Aufstellung der Helden: Major Megumi Uno, neunzehn Jahre alt führt sie schon die Hekatoncheiren-Schwadron Briareos an im Kampf gegen die Feinde der Aufklärung und des Fortschritts. Auch wenn Amerika heimlich sein Mecha-Programm entwickelt und die geheimnisvollen Sparrows und Eagles weltweit verbreitet haben wir mit ihr die erfahrenste und beste Pilotin auf unserer Seite. Ihr legendärer Daishi ist geachtet und gefürchtet bei ihren Feinden.
Captain Lilian Jones, ebenfalls neunzehn, ist trotz ihrer Jugend bereits gefürchtet und verhasst bei unseren Gegnern. Wir rufen uns in Erinnerung, es war die Attacke mit ihrer Hekatoncheiren-Einheit Kottos, die bei der Schlacht um Hawaii den Sieg gebracht hat.
Captain Takashi Mizuhara, einundzwanzig, Anführer der Gyes-Schwadron und erfahrener Mecha-Pilot. Neben seinen enormen Fähigkeiten als Pilot sind es vor allem sein umfangreiches Wissen und seine scharfe Zunge, die unsere Feinde in die Schranken weist. Als Sprecher der Hekatoncheiren war es oftmals er, der den Menschen in eroberten Gebieten die Augen dafür öffnete, dass sie nicht erobert, sondern befreit wurden.
Denen stehen die Schurken gegenüber.
Voran der Erzverräter, ehemals loyaler Offizier in den Hekatoncheiren, und nun treuer Gefolgsmann von Aoi Akuma: First Lieutenant Daisuke Honda. So wie sich Saulus zum Paulus wandelte wurde er von Paulus zum Saulus, zum größten Verbrecher an der kronosischen Sache. Er erhielt aufgrund seiner hervorragenden Leistungen die Gift, wurde Kronosier – und verriet sie.
Captain Yuri Kruger, desertierter Luftwaffenoffizier der U.S. Air Force. Er gab seine goldene Zukunft auf und wurde lieber ein brandschatzender und mordender Pirat. Die Zahl seiner Opfer geht bereits in die Hunderte und solange er lebt ist kein Ende in Sicht.
Und der Böse der Bösen, das Monster schlechthin, das Übel in dieser Welt, der leibhaftige Teufel, der Scheitan, der Dämon der Dämonen, der eiskalte Krieger, der mit seinem amerikanischen Hawk-Mecha über zweihundert Gegner besiegt hat: Aoi Akuma persönlich, Akira Otomo!“
1.
„Die Wolken des Monsums kommen uns gerade Recht, was, Kleiner?“
Ich grinste. „Keine Satellitenüberwachung bedeutet keine Signale für unsere Gegner, Yuri.“
Drei Hawks und ein Eagle waren es, die dicht über der Wasseroberfläche des indischen Ozeans dahin schossen.
Unwillkürlich griff ich neben mich und drückte Hinas Hand.
Ihrer Kraft, die wir in Ermangelung einer wirklichen Erklärung Aura-Power nannten, verdankte es mein Hawk Blue Devil, dass er den kronosischen Daishis der Agamemnon-Klasse, der Briareos-Klasse und der Gilgamesch-Klasse so hoffnungslos überlegen war.
Ein innovatives Energiesystem nahm die Aura-Kraft von ihr auf und verstärkte damit den Antrieb, die Waffen und die Panzerung. Mit Hina an meiner Seite hatte ich neulich sogar einen kronosischen Zerstörer im Alleingang vernichtet.
Sie lächelte dünn. Ziemlich dünn, wenn man bedachte, dass wir es einige Zeit tatsächlich versucht hatten – intim zu werden. Der Sex war gut gewesen und unsere Koordination war zeitweise hoch gegangen. Aber irgendwann war das Erwachen gekommen, die Ernüchterung, und seit gut vier Jahren waren wir nur noch gute Freunde. Okay, ziemlich gute Freunde, denn die Chance, in die Zivilisation zurück zu kehren und neue Bekanntschaften zu machen war meistens recht gering.
Selbst in den USA und in Europa mussten wir jederzeit damit rechnen, als Mitglieder der Akuma-Gumi verhaftet zu werden.
Tja, Popularität hatte ihren Preis.
Ich drückte ihre Hand ein weiteres Mal, was sie erneut lächeln ließ, etwas inniger, etwas tiefer, etwas ehrlicher.
„Okay, Status vor dem Angriff. Blue Devil mit Pilot und Fairy ist bereit.“
„Red Devil mit Pilot und Fairy ist bereit“, meldete sich Yuri zu Wort. Fairy, so nannten wir die Aura-Beherrscher, fünf junge Frauen, denen wir es verdankten, dass wir acht Jahre Guerilla-Krieg gegen die Kronosier im südchinesischen Meer überlebt hatten.
Seine Fairy war Akane Hazegawa, eine junge Frau, die wir bei einem Einsatz buchstäblich in letzter Sekunde aus der tiefsten Scheiße gerettet hatten. Das war vor vier Jahren. Seitdem war sie unsere zuverlässige Verbündete.
„White Devil mit Pilot und Fairy bereit“, meldete Kei Takahara dünn. Der junge Bursche wirkte hoch konzentriert, wie immer wenn er seinen Eagle in die Schlacht führte. Seine Fairy war Cecilia Wang, eine ehemalige Rotarmistin, die bei der Schlacht um Beijing in Kriegsgefangenschaft geraten war. Sie war nun sechs Jahre bei uns und hatte sich als starke Verbündete und als großartige Fairy erwiesen.
„Green Devil mit Pilot und Fairy bereit“, klang Philip Johanssons Stimme auf. Seine Fairy hieß Ami Shirai, ein kleines, blasses und stilles Mädchen, das wegen Mordes in einem Knast gesessen hatte, den wir gestürmt hatten, um meinen Cousin Makoto zu befreien.
Nun, sie mochte klein, blass und still sein, aber ihr zweiter Dan in Karate war nicht zu unterschätzen. Vor allem nicht von dem Kronosier, der sie hatte vergewaltigen wollen.
„Okay, Devil Team, hergehört. Wir erreichen das Festland in drei Minuten. Vernichtet alles, was euch anvisiert oder sogar beschießt. Unser Ziel ist Nepal, und das werden wir erreichen.“
„Uns beschießen? In diesem Dauerregen? Überschätzt du die Soldaten der Kronosier nicht etwas? Wer von denen ist bei diesem Regen schon freiwillig draußen, Akira?“
„Seit ich einen Schweden als Piloten auf einem Hawk gesehen habe, glaube ich, dass nichts unmöglich ist“, konterte ich.
Philip lachte wiehernd. „Guter Konter, mein Junge. Aber wenn du jetzt noch fragst, ob mein Hawk ein Ikea-Bausatz war, mache ich dich mit meinen Raketen bekannt.“
„Ach, der ist doch schon viel zu alt“, warf Kei ein. „Uns fällt bestimmt ein besserer ein. Bis dahin kann sich Ami ja die Haare blond färben, damit du dich mehr wie zuhause fühlst.“
„Du stehst auf blond, Kei?“, klang Amis Stimme auf. „Also wirklich, wenn du das mal früher gesagt hättest, für dich hätte ich mich doch längst umgefärbt.“
Ich lachte laut, als Kei, vollkommen aus dem Konzept gebracht, zu stammeln begann.
Zwanzig Meilen vor der Mündung des Ganges in den indischen Ozean schlugen unsere Ortungsgeräte an. Ein Schiff wurde gemeldet, ein traditionelles Wet Navy-Schiff.
„Zerstörer, Arleigh Burke-Klasse“, meldete die KI meines Hawks. Ich nannte sie zärtlich Primus, weil ich im Verbund mit ihr und Hina der beste Pilot der Erde war.
„Raketenträger, eh? Amerikaner?“
„Negativ. Das Schiff strahlt keinen IFF aus. Es muss eines der Schiffe sein, welche die Kronosier als Tribut für den Waffenstillstand in Alaska gefordert haben.“
„Werden wir erfasst?“
„Das wird nicht ausbleiben, Sir. Wir werden in nur fünf Kilometern Entfernung dran vorbei kommen.“
„Okay, Füße ins Wasser, alle Mann“, befahl ich und drückte meinen Hawk tiefer. In nur drei Meter Höhe, als wirklich fast mit den Füßen im Meer, rasten wir weiter dahin. Die Crew des Zerstörers musste wirklich, wirklich gut sein, wenn sie unsere vier Mechas in diesem Wust aus teilweise zwei Meter hohen Wellen dennoch fand.
„Ortung! Wir werden erfasst! Ortung, Raketenabschuss auf Arleigh Burke! Multipler Beschuss!“
„Ein verdammtes Aegis-System, was?“ Ärgerlich riss ich meinen Hawk hoch, scherte in Richtung des Zerstörers aus. Ich riss die Linke mit der Schnellfeuerkanone hoch. „Kumpel, hilf mir ein wenig, in dem Regen sehe ich die Raketen etwas spät.“
„Verstanden, Sir.“ Soweit Primus sie erfassen konnte, markierte er die angreifenden Raketen für mich. Ich musste nur noch bestätigen, um das Raketenabwehrsystem auszulösen.
„Siebzehn… Neunzehn… Drei Klicks… Zweieinhalb… Zwei…“
Ich gab die Bestätigung, und das Raketenabwehrsystem beschoss die Gefechtsköpfe nach Priorität, nämlich Kurs und Geschwindigkeit plus Entfernung. Es schoss die fünf Raketen ab, die auf mich gezielt waren, während die anderen vierzehn an mir vorbei huschten.
„Vierzehn kommen durch“, warnte ich meine Gefährten.
Ich warf den Hawk herum, fixierte weitere drei und feuerte dann mit der Hawk-Gatling. „Korrigiere. Sieben kommen durch. Mit denen werdet ihr doch fertig, oder?“
„Hör auf zu reden, furchtloser Anführer. Mach lieber die Arleigh Burke-Klasse platt“, erwiderte Yuri. „Die Fairies verstärken bereits unsere Struktur. Für denn Fall dass wir eine oder zwei Raketen nicht treffen.“
Sein Tonfall sagte deutlich, dass er diesen Fall für unmöglich hielt.
Ich seufzte, griff mit der Rechten auf den Rücken und zog die Artemis-Lanze hervor. Mittlerweile hatte ich mich dem Feindschiff auf fünf Kilometer genähert und der Zerstörer feuerte erneut. Wieder trat mein Raketenabwehrsystem in Aktion, ich feuerte ebenso die Gatling an und vernichtete zwei angreifende Raketen mit der Artemis-Lanze.
Wunderbares Ding, das. So vielseitig einsetzbar und so effektiv. Es gehörte einiges an Übung dazu, das vibrierende Carbon-Blatt der Schneide zu beherrschen, aber wenn man es erst einmal drauf hatte, rockte das Teil wirklich.
Ich setzte hart auf dem Vorderdeck des Zerstörers auf. Das Schiff begann durch den ungewohnten Bewegungsimpuls, ausgelöst durch meine Masse, heftig zu schwanken.
„Hina?“
Die junge Frau nickte, griff nach meiner rechten Hand. „Nur die Brücke, bitte.“
Ich nickte ernst. Hina Yamada hatte wirklich nicht die besten Erinnerungen an die Kronosier, aber dennoch schonte sie ihre Leben, wo sie nur konnte.
Die Kronosier und ihre Söldner würden sie dafür nicht belohnen, an dem Tag, an dem sie uns fingen, uns den Schauprozess machten und anschließend aufknüpften, aber darum ging es ihr auch gar nicht. „Nur die Brücke, ja.“
Ihre Aura begann aufzuleuchten, erfasste das ganze Cockpit, den Torso meines Mechas und schließlich die Artemis-Lanze. Als sie strahlte wie ein Leuchtturm in stockfinsterer Nacht stieß ich sie tief in den Brückenaufbau. Und um auf Nummer Sicher zu gehen, trieb ich sie fünf Meter in die Tiefe, um den taktischen Planungsraum auch noch zu erwischen. Dann zog ich die Lanze wieder zurück und startete durch.
Entschuldigend sah ich zu Hina herüber. „Weißt du, ich…“
„Was denn? Der Planungsraum gehörte zur Brücke.“
Erleichtert atmete ich auf. Aber aus dem Augenwinkel sah ich ihre betrübte Miene. Dieses Kriegsgeschäft war wirklich nichts für sie und es zerriss mir fast das Herz, dass ich ihr das alles antun musste.
„Arleigh Burke erledigt“, meldete ich über Funk. „Hole auf.“
Hina nickte, und ihre Aura ging nun in den Antrieb. Wie von einem Katapult gestartet schossen wir über das Wasser dahin.
Nun würde es nicht mehr weit bis zu unserem Ziel sein.
***
„Otomo-sama!“ „Eikichi Otomo!“ „Direktor Otomo!“ „Hierher sehen, bitte, Vorsitzender!“
Eikichi Otomo ließ den Wust an Fragen, Kameras und Menschen stumm über sich ergehen.
„Sie bitte“, sagte er ernst und deutete auf einen ihm persönlich bekannten Reporter der Tokio Times, dem einzigen Blatt, dass zumindest leise Kritik an der kronosianischen Besetzung äußerte. Nach acht Jahren Assimilation übrigens ebenso mutig wie mit einem einzigem Hawk ein Schlachtschiff anzugreifen. Und nicht minder gefährlich.
„Direktor Otomo, was denken Sie über das Gerücht, dass Ihr Sohn Akira beim Angriff auf den TIMBUKTU-Verband federführend war? Es soll keine Überlebende gegeben haben.“
„Hm“, machte Eikichi ernst. „Erstens ist dies eine Pressekonferenz für den Fortschritt der Arbeiten an der OLYMP-Plattform. Und zweitens haben unsere kronosischen Herren weitaus mehr Feinde als Akira. Nicht jeder tote imperiale Soldat wurde automatisch von ihm umgebracht.“ Eikichi schmunzelte. „Aber vielleicht das Gros.“
Leises Gelächter antwortete ihm, eine subversive Tätigkeit, die vom Geheimdienst sicherlich registriert werden würde.
„Ist es also wahr, dass Sie schützend Ihre Hand über Aoi Akuma halten? Dass Sie es sind, der verhindert, dass dieser außergewöhnlich brutale und fähige Pilot seiner gerechten Bestrafung zugeführt wird?“
„Nun… Nein. Immerhin bin ich Direktor der Imperial Mining Agency, und jeder Schaden, der dem imperialen Großreich zugefügt wird, schädigt letztendlich auch meine Pläne für diese Region. Und den Rohstoffabbau auf dem Mond, der mit der Fertigstellung des Plattformensystems endlich in voller Leistung beginnen wird.
Außerdem habe ich persönlich, aus meinem privaten Vermögen ein Kopfgeld in Höhe von einer Milliarde Dollar auf meinen Sohn ausgesetzt.“
„Das ist richtig, Sir, aber diese Summe wird nur ausgezahlt, wenn Ihr Sohn lebend gefangen wird. Ist das sinnvoll?“
„Hören Sie, die Kronosier sind bereits schuld am Tod meiner Tochter Yohko. Ist es so schwer zu verstehen dass meine Frau Helen und ich nicht wollen, dass auch unser zweites Kind stirbt? Ich bin überzeugt, dass man Akira seine Fehler vor Augen führen kann, dass man ihm begreiflich machen kann, was er gerade tut. Und welcher Weg der Bessere ist. Und das man ihn überzeugen kann, fortan auf der richtigen Seite zu kämpfen. Ich habe meinen Sohn und meine Tochter nicht in diese Welt gesetzt, damit sie vor mir sterben. Und ich will verdammt sein, wenn ich es auch noch bei meinem Sohn zulasse.
Sie, bitte.“
„Otomo-sama, Sie gelten als wichtigster industrieller Verbündeter der Kronosier. Letztendlich war es Ihr Einfluss, der die vorzeitige Kapitulation Japans, Beijings, Wladiwostoks und Shanghais eingebracht hat. Auch das Fahrstuhl-System wurde von Ihnen erdacht und wird nun mit Ihren eigenen Mitteln, aber auch großen staatlichen Zuschüssen finanziert. Wäre dieses immense Kapital nicht besser in sozialen Programmen oder meinetwegen im Militärhaushalt angelegt?“
„Junger Mann, haben Sie vergessen, dass die Amerikaner ebenfalls einen Fahrstuhl bauen? Derjenige, der sein System zuerst fertig hat, wird beim Run auf den Mond einen enormen Vorsprung haben. Und wer diesen Vorsprung hat und hält, wird vielleicht in Zukunft die Welt beherrschen. Ich habe nicht vor, hierbei der Zweite zu sein.“
**
„O-nii-chan!“ „Yohko!“ „O-nii-chan!“ „Yohko!“ „O-nii-chan!“ „YOHKO!“
„Akira.“
Ich fuhr auf. Nur mühsam orientierte ich mich. Ich saß im Cockpit meines Hawks, neben mir saß Hina und sah mich besorgt an. Wir waren im Anflug auf Katmandu in Nepal, und ich hatte, nachdem wir die Ganges-Mündung passiert hatten, die Gelegenheit genutzt, um kurz die Augen zu schließen. Noch fünf Minuten, bevor ich geweckt hätte werden müssen.
Fragend sah ich Hina an.
„Du hast nach Yohko gerufen.“
Ich fasste mir an die Stirn. „Entschuldige, ich hatte wieder diesen Traum. Wie die Kronosier kamen und Yohko verschleppt haben. Wie ich nach Großmutters Schwert gegriffen habe und…“
„Ich weiß. Den Albtraum hattest du früher immer, wenn du dich nicht bis an deine Grenzen verausgabt hast. Es frisst an dir, dass Yohko bei den Verhören des kronosianischen Geheimdienstes gestorben ist. Nein, antworte nicht. Diese Feststellung war rein rhetorisch.“
Ihre Linke ging in meinen Nacken und rieb sanft meine verspannten Muskeln. „Damals konntest du nichts tun. Absolut nichts tun. Es war dumm genug, das Schwert zu schnappen, drei Kronosier umzubringen und anschließend ein halbes Jahr im Knast zu verbringen.“
Ich lachte rau auf, während ich Hinas Berührung genoss. „Knast ist das falsche Wort. Einzelhaft trifft es eher. Ich war vorgesehen als Geisel gegen meinen Vater. Verdammt, damals war ich gerade vierzehn gewesen, und an meinem Katana klebte bereits Blut.“
Hina beugte sich zu mir herüber. Ihre Stirn berührte meine. „Akira. Ich habe das alles mit dir zusammen durch gestanden. Die Selbstzweifel, die Albträume, die Verzweiflung, weil du Yohko nicht retten konntest. Und…“
„Und jetzt ist es langsam mal genug?“, scherzte ich.
„Nein, Akira. Und ich werde es wieder und wieder und wieder für dich tun. Du hast mir das Leben gerettet, nicht umgekehrt. Du bist mein Held, nicht anders herum. Egal was in der Zukunft passiert, ich bin für dich da.“
„Ich danke dir“, hauchte ich. Ihre Nähe tat gut, und ich fragte mich, ob ich sie zu ein wenig Sex überreden konnte, wenn wir in die Basis zurückkehrten. Nun, vielleicht.
Vielleicht überredete sie auch mich, manchmal fielen unsere Bedürfnisse erstaunlich genau zusammen. Und ich konnte diese Verausgabung bis an meine Grenzen sicherlich gebrauchen.
Yohko… Ich hatte meine Schwester nicht beschützen können, aber ich hatte alles getan, was mir als Vierzehnjähriger damals möglich gewesen war. Ich hatte getötet. Es hatte nichts genützt und Yohko war doch gestorben.
„Sir, wir kommen in Reichweite. Unser Mann vor Ort weist uns ein.“
„Danke, Primus. Was sagt er?“
„Der Angriff auf das Kloster hat gerade begonnen. Es sind zwei Kompanien konventioneller Bodentruppen der reformistischen chinesischen Kriegsfürsten und fünf Daishis A sowie drei Daishis B der Kronosier. Sie beginnen gerade mit einem Trommelfeuer auf das Klostergelände.“
„Und alles nur wegen einem einzigen Mann. Haben die Kronosier eigentlich kein Auge für Verhältnismäßigkeit?“, fauchte Hina entrüstet.
„Wenn sie wüssten, wen sie hier gerade gestellt haben, dann würden sie das dreifache aufbieten“, kommentierte ich tonlos.
„Blue Devil an alle Höllengenossen. Es geht los. Unser Mann vor Ort weist uns ein und markiert die wichtigsten Ziele für uns. Ihr kümmert euch um die Daishis, ich übernehme den Schutz des Klosters und entferne die Zielperson. Wenn sie fort ist, stellen die Kronosier den Angriff vielleicht ein.“
„Und was, wenn sie es nicht tun?“, fragte Kei sarkastisch.
Ich antwortete nicht.
„Alles klar“, kam seine Antwort. „Wir machen sie so lange platt, bis keiner mehr eine Waffe heben kann.“
„Die letzten fünf Jahre waren also nicht vergebens“, spöttelte ich.
„Ich liebe dich auch“, antwortete Kei trocken.
„Bitte erst nach mir, Kei.“
„Das war ein Detail, das ich gar nicht wissen wollte, Hina“, brummte der kleine Pilot und erntete dafür wohl meinendes Gelächter von uns.
„Die Daten kommen rein“, meldete Primus. „Unser Agent vor Ort hat alle drei Briareos markiert sowie zwei Raketenwerfer der Infanterie.“
„Fünf Markierungen? Wie viele Helfer hat er?“
„Er ist alleine.“
„Ich will diesen Mann in meinem Team haben. Yuri, Kei, Philip, ihr wisst was zu tun ist.“
„Roger!“
Katmandu kam rasend schnell näher. Der Tempel lag etwas außerhalb, und das erwies sich nun in mehrerlei Hinsicht als Vorteil. Einmal für die Stadtbevölkerung und einmal für uns und unsere Chancen, den Gegner schnell und kompromisslos zu erledigen.
Die drei Hawks und Yuris Eagle fächerten auseinander, wobei ich die linke Flanke einnahm.
Dann waren wir heran, eröffneten das erste Feuer mit Raketen auf Maximaldistanz.
Ich trennte mich von meinen Freunden, schoss meine Garben der Infanterie, die gerade dabei war den Tempel zu stürmen, direkt vor die Füße, um sie zu stoppen. Dann landete ich, die Füße meines Mechas tief in den Boden rammend.
Ich richtete den Mecha auf und wusste, dass die blaue Lackierung meines Hawks nun sehr gut sichtbar war. Die roten Augen meines voll modellierten Sensorkopfs leuchteten bedrohlich auf. Für meine Gegner durfte es keine Zweifel geben. Blue Devil war angekommen. Die Nemesis der Kronosier. Ehrlich gesagt genoss ich diesen Titel.
Yuri nutzte die Schrecksekunde, um aus erhöhter Position mit den Glattrohrkanonen seines Eagles das Feuer zu eröffnen und die Raketenstellungen zu vernichten, während Kei und Philip wie Racheengel niederfuhren und sich mit den Daishi Briareos anlegten.
Vor meinen Füßen flutete die Infanterie zurück, viele warfen ihre Waffen fort.
Tja, dieser Überraschungsangriff war uns wohl gelungen.
Die Information war spät gekommen, beinahe zu spät, und ich wusste nicht was ich getan hätte, wenn sie mich nie erreicht hätte. Das, was es zu verlieren galt, war viel zu wertvoll. Ich hätte es vielleicht nie ertragen. Nun aber hatte ich eine echte Chance.
Ich richtete die Artemis-Lanze auf einen Daishi der Agamemnon-Klasse. Die Waffe entlud sich, verstärkt durch Hinas Aura, und fuhr in den Torso des Gegners. Die Explosion des Fusionsreaktors riss einen weiteren Daishi Agamemnon um und tötete fünf ungeschützte Soldaten.
Nun spritzten die restlichen Daishis auseinander, aber es war zu spät. Meine Freunde waren bereits da und zeigten ihnen den Leistungsunterschied zwischen einem Daishi und einem Leistungsverstärkten Hawk. Ich gab gerne und offen zu, dass die neue Generation Daishis einem normalen Hawk ebenbürtig war. Aber die Aura-Waffe war etwas, dem sie nichts entgegensetzen konnten. Noch nichts. Ihre Aura-Forschung schritt beständig voran. Vielleicht zu schnell für uns.
„Der Feind flieht“, meldete Primus.
„Zeitfenster?“
„Acht Minuten minimal.“
„Okay, ich steige aus. Habt Ihr gehört Akuma-Gumi?“
„Roger.“ „Verstanden.“ „Copy.“
Kurz hauchte ich einen Kuss auf Hinas Wange. „Halte die Stellung, ja?“
„Keine Sorge. Ich weiß wie man einen Hawk steuert. Ich bin nicht annähernd so gut wie du, aber ich kann einiges mit meiner Aura-Kraft kompensieren. Und jetzt geh spielen.“
Ich grinste schief. „Du würdest für jemanden eine gute Ehefrau abgeben.“
„Ja, für jeden gewalttätigen Waffenfreak auf dieser Welt.“
Das Cockpit entsiegelte sich, mein Mecha ging in die Hocke. Nun war es für mich nur ein kurzer Sprung bis zum Boden. „Was? Hast du es auf Yuri abgesehen?“, scherzte ich und entging ihrem schlecht gezielten Wurfgeschoss nur knapp.
Grinsend eilte ich auf das Kloster zu. Es hatte arg einstecken müssen, aber was ich sah waren nur Schäden an Steinen und Mauern. Es lagen keine toten buddhistischen Mönche in ihren safrangelben Kutten herum. Immerhin. Und sobald wir das Ziel entfernt hatten, würde es hoffentlich so schnell keinen weiteren Angriff geben.
Ich eilte durch das zerschossene Haupttor, orientierte mich kurz und jagte dann in den Innenhof. „YOSHI! YOSHI, DU VERDAMMTER BASTARD! WO STECKST DU?“
Noch immer keine Mönche, weder lebende noch tote. Aber eine Minute des Zeitfensters war nun schon vergangen.
Dies war der Treffpunkt. Lag er vielleicht unter einem der Trümmerstücke, die vom Dach gefallen waren? So kurz vor dem Ziel, so ein verdammtes ironisches Ende?
„Akira?“
Ich wirbelte herum, riss meine Waffe hoch und richtete sie auf die Stimme.
Der glatzköpfige, hoch gewachsene Mönch sah mich erschrocken an, hob abwehrend beide Arme.
Aber die Erleichterung, die mich überflutete, ließ mich die Waffe wieder senken. „Yoshi.“
„Es ist lange her, Akira“, sagte der Glatzkopf. Er trat einen Schritt auf mich zu. „Und du bist hier nicht sicher.“
„Wir beeilen uns“, versprach ich und trat auf den alten Freund zu. Wie lange hatten wir uns nun schon nicht gesehen? Seit ich damals die Kronosier getötet hatte. Dennoch hatte ich ihn sofort wieder erkannt, obwohl seine sorgsam gepflegten blonden Haare dieser Glatze hatten weichen müssen.
Yoshi wirkte plötzlich nervös. Er fingerte in seiner Kutte und zog einen länglichen Gegenstand aus Silber hervor.
Ehrfürchtig nahm ich ihn entgegen. Es war eine Grabplatte. Sie stand symbolisch für einen Toten. In diesem Fall eine Tote, und sie steckte irgendwie in diesem Stück Silber fest. Oder wurde davon in dieser Welt gehalten. Jedenfalls sollte der Geist dieser Toten eine Information haben, mit der wir den Kampf gegen die Kronosier entscheidend vorantreiben konnten, ohne uns im diplomatischen Sumpf der gegeneinander handelnden Regierungen in der Welt zu verstricken.
„Danke“, sagte ich schlicht.
Yoshi nickte zufrieden. „Und jetzt beeil dich, Aoi Akuma. Die Kronosier werden bald mit Verstärkungen hier sein. An der Grenze zu Nepal stehen zwei Divisionen, die dieses Land binnen weniger Stunden überrennen können.“
„Halt die Klappe. Du kommst natürlich mit.“
Entgeistert starrte Yoshi mich an. „W-was? A-aber… ich…“
„Hast du vielleicht was Wichtiges vor?“
„Das ist es nicht!“
„Oder traust du mir nicht?“
„Das ist es auch nicht! Es ist nur, ich bin nicht wichtig genug für…“
„Halt die Klappe, bitte! Du hast mich vielleicht im Stich gelassen, als du dem Wunsch deines Großvaters gefolgt bist, und in dieses buddhistisches Kloster eingetreten bist!“, fuhr ich den Freund böse an.
Etwas leiser und versöhnlicher fügte ich hinzu: „Aber ich lasse dich nicht im Stich. Also, falls du noch irgendetwas holen willst, ist jetzt der richtige Zeitpunkt.“
„Mönche binden sich nicht an weltliche Dinge“, erwiderte Yoshi schlicht.
Ich schnappte seinen Unterarm und zog ihn hinter mich her. „Okay, dann können wir ja. Es wird etwas eng, aber da Hina an Bord ist, wirst du wohl nicht protestieren.“
Yoshi errötete. Bei jemandem, der keine Haare hatte und nur aus Gesicht bestand, ein eindrucksvolles Schauspiel.
„We-wenn ich schon mitkomme, kann ich dann nicht in der Faust deines Hawks mitfliegen?“
Ich lachte laut. „Schon mal was von Schallgeschwindigkeit gehört?“
Grinsend schüttelte ich den Kopf. „Ideen hast du. Du wirst es schon überleben.“
Fünf Minuten später war es zwar eng, aber lustig. Lustig für mich, denn Hina und Yoshi hatten sich in der Schule schon nicht ausstehen können.
„Das hast du mit Absicht gemacht“, fauchte sie mir zu. Dabei hatte sie es doch ganz bequem auf Yoshis Schoß.
Ich schwenkte kurz die silberne Tafel. „Wir können tauschen.“
Das wirkte. Hina winkte ab. „Vielleicht habe ich das kleinere Übel, danke.“
„Wer ist hier ein Übel?“, klang Yoshis beleidigte Stimme auf.
2.
„AAAACHTUNG!“ Fünfzig Paar Stiefel klapperten auf dem Beton, als ihre fünfzig Besitzer herum wirbelten und in Hab Acht-Stellung gingen. Fünfzig hochrangige menschliche und kronosianische Offiziere standen stramm, als würde gleich der gesamte fünfzigköpfige Legat eintreffen.
Das junge, dunkelblonde Mädchen mit den tiefen Augenringen schien dabei ein schlechter Ersatz zu sein, wenn man sich die Männer und Frauen nicht genauer ansah. Ihre Gesichter fieberten vor Eifer, die Augen glänzten und so mancher Mund hatte sich zu einem stolzen Grinsen verzogen.
Diese fünfzig Männer und Frauen, Kronosier und Menschen waren angetreten, um die zerrissene Menschheit zu einen, die zweihundertsieben Staaten der Erde in einer Föderation zu verbinden, dem Krieg und dem Elend ein Ende zu setzen und die Eroberung des Weltalls voran zu treiben. Nun, die meisten wollten nebenbei noch unanständig reich werden, aber das war ja auch nicht verboten.
Dem blonden Mädchen folgte eine weißhaarige Schönheit, die so selbstbewusst auftrat, als würde sie vor ihrer Schulklasse sprechen und nicht vor einem der wichtigsten Offizierscorps des Imperiums.
Der dritte, der folgte, war ein riesiger, schwarzhaariger Japaner mit einem Kreuz, aus dem man zwei machen konnte. Er war bullig, hatte das Gesicht eines Preisboxers und die Seele eines Kriegers. Auch wenn er gerade nicht den Mund aufbekam, galt er als Dichter, Schöngeist und exzellenter Redner.
Die fünfzig Männer und Frauen, die hier angetreten waren, salutierten wie ein Mann, als die drei herein traten. Mit ihnen verbanden sie die meisten ihrer Hoffnungen, ihrer Wünsche. Die gesammelten, geballten Wünsche des Pantheons, der absoluten Sondereinheit der Kronosier. Zu ihnen gehörten auch die drei Kompanien der Hekatoncheiren; genauer gesagt führten die Hekatoncheiren das Pantheon an, obwohl Major Megumi Uno nicht die ranghöchste Person in dieser Organisation war.
Megumi Uno legte die Linke zum Gegengruß an die Stirn, als sie ans Rednerpult getreten war.
Sie nahm die Hand wieder ab und die Offiziere des Pantheons beendeten ihren Salut.
Lilian Jones, Captain der Kottos-Kompanie, postierte sich rechts, Captain Takashi Mizuhara links.
„Setzen“, klang Megumis Stimme auf. Unbewusst wollte sie mit ihrer Rechten durch ihren Pony fahren, aber der beißende Schmerz erinnerte sie wieder an ihre Verletzung und warum der Arm ruhig gestellt war.
„Ich bedanke mich bei ihnen allen für das kommen.“ Sie sah in die Runde. „Danke an das Hephaistos-Bataillon, dass sich der Anführer Clifford Monterny von der Südsibirien-Kampagne freimachen konnte.
Danke an das Hermes-Regiment, dass General Ino die befestigten Igelstellungen trotz der schwierigen Kampflage in China verlassen konnte.
Danke an das Gaia-Regiment, dass auf Colonel Jackson Hayes für den Moment verzichtet hat, obwohl die Amerikaner den Waffenstillstand nutzen, um die Truppen an der Demarkationslinie von Anchorage zu verstärken.
Und mein besonderer Dank gilt Colonel Goran Kurosz vom Auslandsgeheimdienst, dass er sich trotz der Vielzahl an geheimen Operationen in Europa freimachen konnte.“
Sie legte eine Kunstpause ein und atmete durch.
„Danke ihnen allen und ihren Offizieren, dass sie so kurzfristig erscheinen konnten. Ich komme gerade direkt von Hawaii, wo ich mit meinen wichtigsten Offizieren an einer Konferenz mit dem Zweiten Vorsitzenden des Legats gesprochen habe, Juichiro Tora.
Und ich bringe keine guten Neuigkeiten.“
Leises raunen ging durch die Soldaten. Wenn Major Uno davon sprach, dass es keine guten Neuigkeiten gab, dann mussten sie gelinde gesagt beschissen sein.
„Um es auf den Punkt zu bringen, unsere geheime Offensive gegen die Dämonenwelt läuft nicht besonders gut. Die Dämonen werden uns binnen Monatsfrist vernichtend geschlagen haben.“
Das raunen wurde lauter, Unruhe trat ein. „Außer natürlich, wir setzen die Hekatoncheiren ein. Ja, ich weiß was sie alle sagen wollen. Mein gebrochener Arm ist Zeichen genug dafür, dass wir die Hekatoncheiren dringender auf der Erde brauchen. Und das die Dämonenwelt, mit der Legat Tora seinen Privatkrieg ausfechtet, für uns und unsere Pläne von einer geeinten Welt nur ein Nebenschauplatz ist.
Aber Tatsache ist, dass wir an diesem Nebenschauplatz verlieren werden. Wir haben hier zwei Möglichkeiten: Entweder wir sehen dabei zu, wie zwei Divisionen gut ausgebildeter Daishi-Piloten und Bodentruppen vor die Hunde gehen, wie es unsere Befehle sagen, oder wir holen sie da raus, bevor das Legat anfängt, ihre Namen aus den Aufstellungslisten zu streichen und die Erwähnung ihrer Soldaten zu verbieten.“
Wieder wurde geraunt. In der Armee der Kronosier gab es keine Niederlagen, keine Verluste. Wer starb – noch dazu in der Niederlage – wurde einfach aus den Daten ausradiert. Wer in einer hoffnungslosen Lage gefangen war, wurde nicht entsetzt, falls es keinen Gewinn bedeutete, diese Person oder Einheit zu retten.
Und genau dies stand Drachen- und Tiger-Regiment bevor.
„Was ich von ihnen allen wissen will ist: Decken sie die Hekatoncheiren, wenn ich diese ungenehmigte Rettungsoperation durchführe?“
Wieder wurde geraunt. Die Männer und Frauen stritten sich, heftige Argumente wurden ausgetauscht. Schließlich stand der ranghöchste Offizier auf. General Sakura Ino nickte Megumi Uno und ihren beiden Offizieren zu. „Sie haben die volle Unterstützung des Pantheons, Major. Sehen Sie aber zu, dass Sie die Aktion schnell durchziehen. Mit jeder Stunde, die sie dauert, laufen Sie Gefahr, mitten im Einsatz zurückgepfiffen zu werden.
Und Sie wissen, was das heißt.“
Megumi nickte schwer. „Ja, das weiß ich. Und ich habe nicht vor, einen solchen Befehl zu verweigern.“
Nachdenklich sah sie wieder in die Runde. „Das Pantheon, das heißt, wir alle sind hier zusammengekommen, weil wir sowohl das Schlechte als auch die guten Möglichkeiten im Handeln des Legats sehen. Wir sind zusammengetreten und haben diese Organisation gegründet, um die Pfründe des Legats so gut es geht zu unterbinden und die für die Erde und die Menschen sinnvollen Dinge zu unterstützen. Das Pantheon ist nicht nur der Vorreiter in der Eroberung der Erde, es ist auch das Bollwerk gegen die negativen Entscheidungen des Legats. Zwischen Mars und Erde stehen wir, wir allein.“
Diese Worte waren so nahe an Subversion, dass die Menge spontan den Atem anhielt. Als aber der erste Offizier applaudierte und immer mehr einfielen, hatte das Pantheon den letzten Schritt getan. Von einer Organisation Offiziere mit gleichen oder ähnlichen Interessen zu einer loyalen Opposition innerhalb des kronosischen Heeres.
Und Megumi Uno war nun in diesem Moment nicht nur Anführer des Pantheons geworden, sondern auch die Führerin dieser Opposition.
Und das wusste sie auch. Es half nicht gerade, ihre Augenringe zu verkleinern.
Lilian Jones legte eine Hand auf Megumis Schulter und lächelte sie an. Es war ein entschlossenes, aber auch zufriedenes Lächeln.
„Ich danke ihnen. Ich danke ihnen allen“, sagte Megumi Uno und tätschelte Lilians Hand auf ihrer Schulter.
Takashi sah sie beide mit ernster Miene an. „Wir sollten uns beeilen. Ich habe die Vorbereitungen bereits treffen lassen, aber der nächste Zugang zur Dämonenwelt wird sich in neun Stunden im südchinesischen Meer öffnen. Das Bataillon dahin zu verlegen wird jede Minute kosten, die wir noch haben.“
„Verstanden, Sempai.“
Megumi verbeugte sich vor den versammelten Offizieren und trat dann mit ihren Soldaten ab.
Eine Stimme der Vernunft hatten sie sein wollen, Schutz für Zivilisten, eine Art Gestaltgewordener Haager Landkriegsordnung oder Genfer Konvention. Und nun waren sie auf dem besten Wege, vielleicht gegen ihre Herren im Legat rebellieren zu müssen.
Es war ein langer Weg bis hierhin gewesen.
Schmerzhaft machte sich Megumi bewusst, dass sie im Pantheon zwar die Elite der Streitkräfte vereinigt hatten, aber diese erstens nur lächerliche sieben Prozent der Armee ausmachte und nicht ein einziges Schiff einschloss.
Ein Widerstand, ein wirklicher Widerstand würde schwer fallen. Wenn es denn so weit kommen würde.
***
Episode eins: Aoi Akuma
Prolog:
„…kam es erneut zu einem massiven Überfall auf einen von imperialen Fregatten begleiteten Konvoi. Bei dieser Attacke wurden alle drei Fregatten, die TIMBUKTU, die MARS und die ABU DHABI vernichtet. Die drei Frachter NEU-KÖLLN, ROTTERDAMM und CHIEMSEE wurden aufgebracht, geplündert und versenkt. Über den Verbleib der Mannschaften aller sechs Schiffe liegen bis dato keine Informationen vor. Berichten aus dem Pentagon zufolge aber wird dieser massive Rückschlag die Offensive des kronosischen Imperiums in Indien und Arabien weiter zurückwerfen und…“
„…ist die Lage unhaltbar geworden. Mit dem Verlust Alaskas und dem erzwungenen Waffenstillstand sind wir, die stolze amerikanische Nation dazu verdammt stillzuhalten, während die Kronosier von ihren Eroberungen in Südostasien nach und nach die ganze Welt befallen. Ihre Territorien im Westen Australiens, Teilen Chinas, in Arabien, Afrika, Subchina und der Eroberung Islands sind bereits jetzt eine massive Gefahr für alle freien Staaten dieser Welt. Die regelmäßigen Angriffe auf Südamerika, mit denen die Kronosier versuchen, ihre neuen Verbündeten Venezuela, Kolumbien und Brasilien zu unterstützen und Argentinien, Chile und Uruguay zu einem Separatfrieden zu zwingen, wie er auch schon den USA und Kanada aufgedrängt wurde, werden auch in dieser Region zu einem Ungleichgewicht führen und mittelfristig eine zweite Front errichten, die sich dann gegen die USA stellt, die immer noch die weltweit größte Armee unter Waffen hat…“
„…Russland und China große Teile ihrer subsibirischen Territorien an die Kronosier verloren, es drängen sich unwillkürlich Vergleiche mit den japanischen Eroberungen in China während des Zweiten Weltkriegs auf, als große Teile der Mandschurei von ihnen mit harter Hand erobert und noch härterer Hand regiert wurden…“
„…bringe ich es auf den Punkt: Die einzigen Regionen dieser Welt, die bisher nicht betroffen sind, das sind die Kontinente Afrika und Europa. Aber Europa wurde stark bombardiert, die Städte Paris, München, Düsseldorf, Antwerpen, Rom, Madrid, Cordoba, Warschau, Prag, Ankara und Wien, um nur die am schlimmsten getroffenen zu nennen, sind immer noch mit dem Wiederaufbau nach den Verwüstungen beschäftigt und Europa hält still, solange die Angriffe nicht fortgesetzt werden. Natürlich kämpfen sie nicht, solange auch die USA, ihr mächtigster Verbündeter den Waffenstillstand einhält.
Auch Afrikas Hauptstädte wurden bombardiert und teilweise schwer zerstört. Aber wesentlich gefährlicher ist der Streit der Ideologien, der diesen riesigen Kontinent zu spalten droht. Der kronosianische, pragmatische Imperialismus mit dem offenen Angebot mittels der Gift jederzeit in die Herrscherriege aufzusteigen hat viele örtliche Herrscher verführt und zu unzuverlässigen Parametern in der Formel Weltverteidigung werden lassen.
Alles entscheidet sich nun im Wettlauf der Weltraumfahrstühle. Welches System wird eher fertig gestellt sein? Das amerikanische APOLLO-ARTEMIS – System oder die kronosianische Variante mit Titanen-Station und dem OLYMP? Generaldirektor Eikichi Otomo sagte dazu…“
„…sage ich Ihnen ganz klar, was uns Kronosier noch davon abhält, die ganze Welt zu befreien, sie von imperialistischen, trotzkistischen, religiösen oder rein patriarchaischen Weltbildern zu erlösen: Der Aoi Akuma, oder wie Sie ihn nennen würden, der blaue Teufel. Er und nur er mit seiner Höllenbande ist es, der an unserer Kehle hängt wie ein Hund mit seinen Fängen am Hals eines Bären. Ihn müssen wir bezwingen, vernichten, töten, bevor wir der Welt die Freiheit bringen können. Dieser Handlanger der Imperialisten, dieser Massenmörder, dieser Pirat und Schwerverbrecher ist die moderne Geißel dieser Welt und…“
„…die Aufstellung der Helden: Major Megumi Uno, neunzehn Jahre alt führt sie schon die Hekatoncheiren-Schwadron Briareos an im Kampf gegen die Feinde der Aufklärung und des Fortschritts. Auch wenn Amerika heimlich sein Mecha-Programm entwickelt und die geheimnisvollen Sparrows und Eagles weltweit verbreitet haben wir mit ihr die erfahrenste und beste Pilotin auf unserer Seite. Ihr legendärer Daishi ist geachtet und gefürchtet bei ihren Feinden.
Captain Lilian Jones, ebenfalls neunzehn, ist trotz ihrer Jugend bereits gefürchtet und verhasst bei unseren Gegnern. Wir rufen uns in Erinnerung, es war die Attacke mit ihrer Hekatoncheiren-Einheit Kottos, die bei der Schlacht um Hawaii den Sieg gebracht hat.
Captain Takashi Mizuhara, einundzwanzig, Anführer der Gyes-Schwadron und erfahrener Mecha-Pilot. Neben seinen enormen Fähigkeiten als Pilot sind es vor allem sein umfangreiches Wissen und seine scharfe Zunge, die unsere Feinde in die Schranken weist. Als Sprecher der Hekatoncheiren war es oftmals er, der den Menschen in eroberten Gebieten die Augen dafür öffnete, dass sie nicht erobert, sondern befreit wurden.
Denen stehen die Schurken gegenüber.
Voran der Erzverräter, ehemals loyaler Offizier in den Hekatoncheiren, und nun treuer Gefolgsmann von Aoi Akuma: First Lieutenant Daisuke Honda. So wie sich Saulus zum Paulus wandelte wurde er von Paulus zum Saulus, zum größten Verbrecher an der kronosischen Sache. Er erhielt aufgrund seiner hervorragenden Leistungen die Gift, wurde Kronosier – und verriet sie.
Captain Yuri Kruger, desertierter Luftwaffenoffizier der U.S. Air Force. Er gab seine goldene Zukunft auf und wurde lieber ein brandschatzender und mordender Pirat. Die Zahl seiner Opfer geht bereits in die Hunderte und solange er lebt ist kein Ende in Sicht.
Und der Böse der Bösen, das Monster schlechthin, das Übel in dieser Welt, der leibhaftige Teufel, der Scheitan, der Dämon der Dämonen, der eiskalte Krieger, der mit seinem amerikanischen Hawk-Mecha über zweihundert Gegner besiegt hat: Aoi Akuma persönlich, Akira Otomo!“
1.
„Die Wolken des Monsums kommen uns gerade Recht, was, Kleiner?“
Ich grinste. „Keine Satellitenüberwachung bedeutet keine Signale für unsere Gegner, Yuri.“
Drei Hawks und ein Eagle waren es, die dicht über der Wasseroberfläche des indischen Ozeans dahin schossen.
Unwillkürlich griff ich neben mich und drückte Hinas Hand.
Ihrer Kraft, die wir in Ermangelung einer wirklichen Erklärung Aura-Power nannten, verdankte es mein Hawk Blue Devil, dass er den kronosischen Daishis der Agamemnon-Klasse, der Briareos-Klasse und der Gilgamesch-Klasse so hoffnungslos überlegen war.
Ein innovatives Energiesystem nahm die Aura-Kraft von ihr auf und verstärkte damit den Antrieb, die Waffen und die Panzerung. Mit Hina an meiner Seite hatte ich neulich sogar einen kronosischen Zerstörer im Alleingang vernichtet.
Sie lächelte dünn. Ziemlich dünn, wenn man bedachte, dass wir es einige Zeit tatsächlich versucht hatten – intim zu werden. Der Sex war gut gewesen und unsere Koordination war zeitweise hoch gegangen. Aber irgendwann war das Erwachen gekommen, die Ernüchterung, und seit gut vier Jahren waren wir nur noch gute Freunde. Okay, ziemlich gute Freunde, denn die Chance, in die Zivilisation zurück zu kehren und neue Bekanntschaften zu machen war meistens recht gering.
Selbst in den USA und in Europa mussten wir jederzeit damit rechnen, als Mitglieder der Akuma-Gumi verhaftet zu werden.
Tja, Popularität hatte ihren Preis.
Ich drückte ihre Hand ein weiteres Mal, was sie erneut lächeln ließ, etwas inniger, etwas tiefer, etwas ehrlicher.
„Okay, Status vor dem Angriff. Blue Devil mit Pilot und Fairy ist bereit.“
„Red Devil mit Pilot und Fairy ist bereit“, meldete sich Yuri zu Wort. Fairy, so nannten wir die Aura-Beherrscher, fünf junge Frauen, denen wir es verdankten, dass wir acht Jahre Guerilla-Krieg gegen die Kronosier im südchinesischen Meer überlebt hatten.
Seine Fairy war Akane Hazegawa, eine junge Frau, die wir bei einem Einsatz buchstäblich in letzter Sekunde aus der tiefsten Scheiße gerettet hatten. Das war vor vier Jahren. Seitdem war sie unsere zuverlässige Verbündete.
„White Devil mit Pilot und Fairy bereit“, meldete Kei Takahara dünn. Der junge Bursche wirkte hoch konzentriert, wie immer wenn er seinen Eagle in die Schlacht führte. Seine Fairy war Cecilia Wang, eine ehemalige Rotarmistin, die bei der Schlacht um Beijing in Kriegsgefangenschaft geraten war. Sie war nun sechs Jahre bei uns und hatte sich als starke Verbündete und als großartige Fairy erwiesen.
„Green Devil mit Pilot und Fairy bereit“, klang Philip Johanssons Stimme auf. Seine Fairy hieß Ami Shirai, ein kleines, blasses und stilles Mädchen, das wegen Mordes in einem Knast gesessen hatte, den wir gestürmt hatten, um meinen Cousin Makoto zu befreien.
Nun, sie mochte klein, blass und still sein, aber ihr zweiter Dan in Karate war nicht zu unterschätzen. Vor allem nicht von dem Kronosier, der sie hatte vergewaltigen wollen.
„Okay, Devil Team, hergehört. Wir erreichen das Festland in drei Minuten. Vernichtet alles, was euch anvisiert oder sogar beschießt. Unser Ziel ist Nepal, und das werden wir erreichen.“
„Uns beschießen? In diesem Dauerregen? Überschätzt du die Soldaten der Kronosier nicht etwas? Wer von denen ist bei diesem Regen schon freiwillig draußen, Akira?“
„Seit ich einen Schweden als Piloten auf einem Hawk gesehen habe, glaube ich, dass nichts unmöglich ist“, konterte ich.
Philip lachte wiehernd. „Guter Konter, mein Junge. Aber wenn du jetzt noch fragst, ob mein Hawk ein Ikea-Bausatz war, mache ich dich mit meinen Raketen bekannt.“
„Ach, der ist doch schon viel zu alt“, warf Kei ein. „Uns fällt bestimmt ein besserer ein. Bis dahin kann sich Ami ja die Haare blond färben, damit du dich mehr wie zuhause fühlst.“
„Du stehst auf blond, Kei?“, klang Amis Stimme auf. „Also wirklich, wenn du das mal früher gesagt hättest, für dich hätte ich mich doch längst umgefärbt.“
Ich lachte laut, als Kei, vollkommen aus dem Konzept gebracht, zu stammeln begann.
Zwanzig Meilen vor der Mündung des Ganges in den indischen Ozean schlugen unsere Ortungsgeräte an. Ein Schiff wurde gemeldet, ein traditionelles Wet Navy-Schiff.
„Zerstörer, Arleigh Burke-Klasse“, meldete die KI meines Hawks. Ich nannte sie zärtlich Primus, weil ich im Verbund mit ihr und Hina der beste Pilot der Erde war.
„Raketenträger, eh? Amerikaner?“
„Negativ. Das Schiff strahlt keinen IFF aus. Es muss eines der Schiffe sein, welche die Kronosier als Tribut für den Waffenstillstand in Alaska gefordert haben.“
„Werden wir erfasst?“
„Das wird nicht ausbleiben, Sir. Wir werden in nur fünf Kilometern Entfernung dran vorbei kommen.“
„Okay, Füße ins Wasser, alle Mann“, befahl ich und drückte meinen Hawk tiefer. In nur drei Meter Höhe, als wirklich fast mit den Füßen im Meer, rasten wir weiter dahin. Die Crew des Zerstörers musste wirklich, wirklich gut sein, wenn sie unsere vier Mechas in diesem Wust aus teilweise zwei Meter hohen Wellen dennoch fand.
„Ortung! Wir werden erfasst! Ortung, Raketenabschuss auf Arleigh Burke! Multipler Beschuss!“
„Ein verdammtes Aegis-System, was?“ Ärgerlich riss ich meinen Hawk hoch, scherte in Richtung des Zerstörers aus. Ich riss die Linke mit der Schnellfeuerkanone hoch. „Kumpel, hilf mir ein wenig, in dem Regen sehe ich die Raketen etwas spät.“
„Verstanden, Sir.“ Soweit Primus sie erfassen konnte, markierte er die angreifenden Raketen für mich. Ich musste nur noch bestätigen, um das Raketenabwehrsystem auszulösen.
„Siebzehn… Neunzehn… Drei Klicks… Zweieinhalb… Zwei…“
Ich gab die Bestätigung, und das Raketenabwehrsystem beschoss die Gefechtsköpfe nach Priorität, nämlich Kurs und Geschwindigkeit plus Entfernung. Es schoss die fünf Raketen ab, die auf mich gezielt waren, während die anderen vierzehn an mir vorbei huschten.
„Vierzehn kommen durch“, warnte ich meine Gefährten.
Ich warf den Hawk herum, fixierte weitere drei und feuerte dann mit der Hawk-Gatling. „Korrigiere. Sieben kommen durch. Mit denen werdet ihr doch fertig, oder?“
„Hör auf zu reden, furchtloser Anführer. Mach lieber die Arleigh Burke-Klasse platt“, erwiderte Yuri. „Die Fairies verstärken bereits unsere Struktur. Für denn Fall dass wir eine oder zwei Raketen nicht treffen.“
Sein Tonfall sagte deutlich, dass er diesen Fall für unmöglich hielt.
Ich seufzte, griff mit der Rechten auf den Rücken und zog die Artemis-Lanze hervor. Mittlerweile hatte ich mich dem Feindschiff auf fünf Kilometer genähert und der Zerstörer feuerte erneut. Wieder trat mein Raketenabwehrsystem in Aktion, ich feuerte ebenso die Gatling an und vernichtete zwei angreifende Raketen mit der Artemis-Lanze.
Wunderbares Ding, das. So vielseitig einsetzbar und so effektiv. Es gehörte einiges an Übung dazu, das vibrierende Carbon-Blatt der Schneide zu beherrschen, aber wenn man es erst einmal drauf hatte, rockte das Teil wirklich.
Ich setzte hart auf dem Vorderdeck des Zerstörers auf. Das Schiff begann durch den ungewohnten Bewegungsimpuls, ausgelöst durch meine Masse, heftig zu schwanken.
„Hina?“
Die junge Frau nickte, griff nach meiner rechten Hand. „Nur die Brücke, bitte.“
Ich nickte ernst. Hina Yamada hatte wirklich nicht die besten Erinnerungen an die Kronosier, aber dennoch schonte sie ihre Leben, wo sie nur konnte.
Die Kronosier und ihre Söldner würden sie dafür nicht belohnen, an dem Tag, an dem sie uns fingen, uns den Schauprozess machten und anschließend aufknüpften, aber darum ging es ihr auch gar nicht. „Nur die Brücke, ja.“
Ihre Aura begann aufzuleuchten, erfasste das ganze Cockpit, den Torso meines Mechas und schließlich die Artemis-Lanze. Als sie strahlte wie ein Leuchtturm in stockfinsterer Nacht stieß ich sie tief in den Brückenaufbau. Und um auf Nummer Sicher zu gehen, trieb ich sie fünf Meter in die Tiefe, um den taktischen Planungsraum auch noch zu erwischen. Dann zog ich die Lanze wieder zurück und startete durch.
Entschuldigend sah ich zu Hina herüber. „Weißt du, ich…“
„Was denn? Der Planungsraum gehörte zur Brücke.“
Erleichtert atmete ich auf. Aber aus dem Augenwinkel sah ich ihre betrübte Miene. Dieses Kriegsgeschäft war wirklich nichts für sie und es zerriss mir fast das Herz, dass ich ihr das alles antun musste.
„Arleigh Burke erledigt“, meldete ich über Funk. „Hole auf.“
Hina nickte, und ihre Aura ging nun in den Antrieb. Wie von einem Katapult gestartet schossen wir über das Wasser dahin.
Nun würde es nicht mehr weit bis zu unserem Ziel sein.
***
„Otomo-sama!“ „Eikichi Otomo!“ „Direktor Otomo!“ „Hierher sehen, bitte, Vorsitzender!“
Eikichi Otomo ließ den Wust an Fragen, Kameras und Menschen stumm über sich ergehen.
„Sie bitte“, sagte er ernst und deutete auf einen ihm persönlich bekannten Reporter der Tokio Times, dem einzigen Blatt, dass zumindest leise Kritik an der kronosianischen Besetzung äußerte. Nach acht Jahren Assimilation übrigens ebenso mutig wie mit einem einzigem Hawk ein Schlachtschiff anzugreifen. Und nicht minder gefährlich.
„Direktor Otomo, was denken Sie über das Gerücht, dass Ihr Sohn Akira beim Angriff auf den TIMBUKTU-Verband federführend war? Es soll keine Überlebende gegeben haben.“
„Hm“, machte Eikichi ernst. „Erstens ist dies eine Pressekonferenz für den Fortschritt der Arbeiten an der OLYMP-Plattform. Und zweitens haben unsere kronosischen Herren weitaus mehr Feinde als Akira. Nicht jeder tote imperiale Soldat wurde automatisch von ihm umgebracht.“ Eikichi schmunzelte. „Aber vielleicht das Gros.“
Leises Gelächter antwortete ihm, eine subversive Tätigkeit, die vom Geheimdienst sicherlich registriert werden würde.
„Ist es also wahr, dass Sie schützend Ihre Hand über Aoi Akuma halten? Dass Sie es sind, der verhindert, dass dieser außergewöhnlich brutale und fähige Pilot seiner gerechten Bestrafung zugeführt wird?“
„Nun… Nein. Immerhin bin ich Direktor der Imperial Mining Agency, und jeder Schaden, der dem imperialen Großreich zugefügt wird, schädigt letztendlich auch meine Pläne für diese Region. Und den Rohstoffabbau auf dem Mond, der mit der Fertigstellung des Plattformensystems endlich in voller Leistung beginnen wird.
Außerdem habe ich persönlich, aus meinem privaten Vermögen ein Kopfgeld in Höhe von einer Milliarde Dollar auf meinen Sohn ausgesetzt.“
„Das ist richtig, Sir, aber diese Summe wird nur ausgezahlt, wenn Ihr Sohn lebend gefangen wird. Ist das sinnvoll?“
„Hören Sie, die Kronosier sind bereits schuld am Tod meiner Tochter Yohko. Ist es so schwer zu verstehen dass meine Frau Helen und ich nicht wollen, dass auch unser zweites Kind stirbt? Ich bin überzeugt, dass man Akira seine Fehler vor Augen führen kann, dass man ihm begreiflich machen kann, was er gerade tut. Und welcher Weg der Bessere ist. Und das man ihn überzeugen kann, fortan auf der richtigen Seite zu kämpfen. Ich habe meinen Sohn und meine Tochter nicht in diese Welt gesetzt, damit sie vor mir sterben. Und ich will verdammt sein, wenn ich es auch noch bei meinem Sohn zulasse.
Sie, bitte.“
„Otomo-sama, Sie gelten als wichtigster industrieller Verbündeter der Kronosier. Letztendlich war es Ihr Einfluss, der die vorzeitige Kapitulation Japans, Beijings, Wladiwostoks und Shanghais eingebracht hat. Auch das Fahrstuhl-System wurde von Ihnen erdacht und wird nun mit Ihren eigenen Mitteln, aber auch großen staatlichen Zuschüssen finanziert. Wäre dieses immense Kapital nicht besser in sozialen Programmen oder meinetwegen im Militärhaushalt angelegt?“
„Junger Mann, haben Sie vergessen, dass die Amerikaner ebenfalls einen Fahrstuhl bauen? Derjenige, der sein System zuerst fertig hat, wird beim Run auf den Mond einen enormen Vorsprung haben. Und wer diesen Vorsprung hat und hält, wird vielleicht in Zukunft die Welt beherrschen. Ich habe nicht vor, hierbei der Zweite zu sein.“
**
„O-nii-chan!“ „Yohko!“ „O-nii-chan!“ „Yohko!“ „O-nii-chan!“ „YOHKO!“
„Akira.“
Ich fuhr auf. Nur mühsam orientierte ich mich. Ich saß im Cockpit meines Hawks, neben mir saß Hina und sah mich besorgt an. Wir waren im Anflug auf Katmandu in Nepal, und ich hatte, nachdem wir die Ganges-Mündung passiert hatten, die Gelegenheit genutzt, um kurz die Augen zu schließen. Noch fünf Minuten, bevor ich geweckt hätte werden müssen.
Fragend sah ich Hina an.
„Du hast nach Yohko gerufen.“
Ich fasste mir an die Stirn. „Entschuldige, ich hatte wieder diesen Traum. Wie die Kronosier kamen und Yohko verschleppt haben. Wie ich nach Großmutters Schwert gegriffen habe und…“
„Ich weiß. Den Albtraum hattest du früher immer, wenn du dich nicht bis an deine Grenzen verausgabt hast. Es frisst an dir, dass Yohko bei den Verhören des kronosianischen Geheimdienstes gestorben ist. Nein, antworte nicht. Diese Feststellung war rein rhetorisch.“
Ihre Linke ging in meinen Nacken und rieb sanft meine verspannten Muskeln. „Damals konntest du nichts tun. Absolut nichts tun. Es war dumm genug, das Schwert zu schnappen, drei Kronosier umzubringen und anschließend ein halbes Jahr im Knast zu verbringen.“
Ich lachte rau auf, während ich Hinas Berührung genoss. „Knast ist das falsche Wort. Einzelhaft trifft es eher. Ich war vorgesehen als Geisel gegen meinen Vater. Verdammt, damals war ich gerade vierzehn gewesen, und an meinem Katana klebte bereits Blut.“
Hina beugte sich zu mir herüber. Ihre Stirn berührte meine. „Akira. Ich habe das alles mit dir zusammen durch gestanden. Die Selbstzweifel, die Albträume, die Verzweiflung, weil du Yohko nicht retten konntest. Und…“
„Und jetzt ist es langsam mal genug?“, scherzte ich.
„Nein, Akira. Und ich werde es wieder und wieder und wieder für dich tun. Du hast mir das Leben gerettet, nicht umgekehrt. Du bist mein Held, nicht anders herum. Egal was in der Zukunft passiert, ich bin für dich da.“
„Ich danke dir“, hauchte ich. Ihre Nähe tat gut, und ich fragte mich, ob ich sie zu ein wenig Sex überreden konnte, wenn wir in die Basis zurückkehrten. Nun, vielleicht.
Vielleicht überredete sie auch mich, manchmal fielen unsere Bedürfnisse erstaunlich genau zusammen. Und ich konnte diese Verausgabung bis an meine Grenzen sicherlich gebrauchen.
Yohko… Ich hatte meine Schwester nicht beschützen können, aber ich hatte alles getan, was mir als Vierzehnjähriger damals möglich gewesen war. Ich hatte getötet. Es hatte nichts genützt und Yohko war doch gestorben.
„Sir, wir kommen in Reichweite. Unser Mann vor Ort weist uns ein.“
„Danke, Primus. Was sagt er?“
„Der Angriff auf das Kloster hat gerade begonnen. Es sind zwei Kompanien konventioneller Bodentruppen der reformistischen chinesischen Kriegsfürsten und fünf Daishis A sowie drei Daishis B der Kronosier. Sie beginnen gerade mit einem Trommelfeuer auf das Klostergelände.“
„Und alles nur wegen einem einzigen Mann. Haben die Kronosier eigentlich kein Auge für Verhältnismäßigkeit?“, fauchte Hina entrüstet.
„Wenn sie wüssten, wen sie hier gerade gestellt haben, dann würden sie das dreifache aufbieten“, kommentierte ich tonlos.
„Blue Devil an alle Höllengenossen. Es geht los. Unser Mann vor Ort weist uns ein und markiert die wichtigsten Ziele für uns. Ihr kümmert euch um die Daishis, ich übernehme den Schutz des Klosters und entferne die Zielperson. Wenn sie fort ist, stellen die Kronosier den Angriff vielleicht ein.“
„Und was, wenn sie es nicht tun?“, fragte Kei sarkastisch.
Ich antwortete nicht.
„Alles klar“, kam seine Antwort. „Wir machen sie so lange platt, bis keiner mehr eine Waffe heben kann.“
„Die letzten fünf Jahre waren also nicht vergebens“, spöttelte ich.
„Ich liebe dich auch“, antwortete Kei trocken.
„Bitte erst nach mir, Kei.“
„Das war ein Detail, das ich gar nicht wissen wollte, Hina“, brummte der kleine Pilot und erntete dafür wohl meinendes Gelächter von uns.
„Die Daten kommen rein“, meldete Primus. „Unser Agent vor Ort hat alle drei Briareos markiert sowie zwei Raketenwerfer der Infanterie.“
„Fünf Markierungen? Wie viele Helfer hat er?“
„Er ist alleine.“
„Ich will diesen Mann in meinem Team haben. Yuri, Kei, Philip, ihr wisst was zu tun ist.“
„Roger!“
Katmandu kam rasend schnell näher. Der Tempel lag etwas außerhalb, und das erwies sich nun in mehrerlei Hinsicht als Vorteil. Einmal für die Stadtbevölkerung und einmal für uns und unsere Chancen, den Gegner schnell und kompromisslos zu erledigen.
Die drei Hawks und Yuris Eagle fächerten auseinander, wobei ich die linke Flanke einnahm.
Dann waren wir heran, eröffneten das erste Feuer mit Raketen auf Maximaldistanz.
Ich trennte mich von meinen Freunden, schoss meine Garben der Infanterie, die gerade dabei war den Tempel zu stürmen, direkt vor die Füße, um sie zu stoppen. Dann landete ich, die Füße meines Mechas tief in den Boden rammend.
Ich richtete den Mecha auf und wusste, dass die blaue Lackierung meines Hawks nun sehr gut sichtbar war. Die roten Augen meines voll modellierten Sensorkopfs leuchteten bedrohlich auf. Für meine Gegner durfte es keine Zweifel geben. Blue Devil war angekommen. Die Nemesis der Kronosier. Ehrlich gesagt genoss ich diesen Titel.
Yuri nutzte die Schrecksekunde, um aus erhöhter Position mit den Glattrohrkanonen seines Eagles das Feuer zu eröffnen und die Raketenstellungen zu vernichten, während Kei und Philip wie Racheengel niederfuhren und sich mit den Daishi Briareos anlegten.
Vor meinen Füßen flutete die Infanterie zurück, viele warfen ihre Waffen fort.
Tja, dieser Überraschungsangriff war uns wohl gelungen.
Die Information war spät gekommen, beinahe zu spät, und ich wusste nicht was ich getan hätte, wenn sie mich nie erreicht hätte. Das, was es zu verlieren galt, war viel zu wertvoll. Ich hätte es vielleicht nie ertragen. Nun aber hatte ich eine echte Chance.
Ich richtete die Artemis-Lanze auf einen Daishi der Agamemnon-Klasse. Die Waffe entlud sich, verstärkt durch Hinas Aura, und fuhr in den Torso des Gegners. Die Explosion des Fusionsreaktors riss einen weiteren Daishi Agamemnon um und tötete fünf ungeschützte Soldaten.
Nun spritzten die restlichen Daishis auseinander, aber es war zu spät. Meine Freunde waren bereits da und zeigten ihnen den Leistungsunterschied zwischen einem Daishi und einem Leistungsverstärkten Hawk. Ich gab gerne und offen zu, dass die neue Generation Daishis einem normalen Hawk ebenbürtig war. Aber die Aura-Waffe war etwas, dem sie nichts entgegensetzen konnten. Noch nichts. Ihre Aura-Forschung schritt beständig voran. Vielleicht zu schnell für uns.
„Der Feind flieht“, meldete Primus.
„Zeitfenster?“
„Acht Minuten minimal.“
„Okay, ich steige aus. Habt Ihr gehört Akuma-Gumi?“
„Roger.“ „Verstanden.“ „Copy.“
Kurz hauchte ich einen Kuss auf Hinas Wange. „Halte die Stellung, ja?“
„Keine Sorge. Ich weiß wie man einen Hawk steuert. Ich bin nicht annähernd so gut wie du, aber ich kann einiges mit meiner Aura-Kraft kompensieren. Und jetzt geh spielen.“
Ich grinste schief. „Du würdest für jemanden eine gute Ehefrau abgeben.“
„Ja, für jeden gewalttätigen Waffenfreak auf dieser Welt.“
Das Cockpit entsiegelte sich, mein Mecha ging in die Hocke. Nun war es für mich nur ein kurzer Sprung bis zum Boden. „Was? Hast du es auf Yuri abgesehen?“, scherzte ich und entging ihrem schlecht gezielten Wurfgeschoss nur knapp.
Grinsend eilte ich auf das Kloster zu. Es hatte arg einstecken müssen, aber was ich sah waren nur Schäden an Steinen und Mauern. Es lagen keine toten buddhistischen Mönche in ihren safrangelben Kutten herum. Immerhin. Und sobald wir das Ziel entfernt hatten, würde es hoffentlich so schnell keinen weiteren Angriff geben.
Ich eilte durch das zerschossene Haupttor, orientierte mich kurz und jagte dann in den Innenhof. „YOSHI! YOSHI, DU VERDAMMTER BASTARD! WO STECKST DU?“
Noch immer keine Mönche, weder lebende noch tote. Aber eine Minute des Zeitfensters war nun schon vergangen.
Dies war der Treffpunkt. Lag er vielleicht unter einem der Trümmerstücke, die vom Dach gefallen waren? So kurz vor dem Ziel, so ein verdammtes ironisches Ende?
„Akira?“
Ich wirbelte herum, riss meine Waffe hoch und richtete sie auf die Stimme.
Der glatzköpfige, hoch gewachsene Mönch sah mich erschrocken an, hob abwehrend beide Arme.
Aber die Erleichterung, die mich überflutete, ließ mich die Waffe wieder senken. „Yoshi.“
„Es ist lange her, Akira“, sagte der Glatzkopf. Er trat einen Schritt auf mich zu. „Und du bist hier nicht sicher.“
„Wir beeilen uns“, versprach ich und trat auf den alten Freund zu. Wie lange hatten wir uns nun schon nicht gesehen? Seit ich damals die Kronosier getötet hatte. Dennoch hatte ich ihn sofort wieder erkannt, obwohl seine sorgsam gepflegten blonden Haare dieser Glatze hatten weichen müssen.
Yoshi wirkte plötzlich nervös. Er fingerte in seiner Kutte und zog einen länglichen Gegenstand aus Silber hervor.
Ehrfürchtig nahm ich ihn entgegen. Es war eine Grabplatte. Sie stand symbolisch für einen Toten. In diesem Fall eine Tote, und sie steckte irgendwie in diesem Stück Silber fest. Oder wurde davon in dieser Welt gehalten. Jedenfalls sollte der Geist dieser Toten eine Information haben, mit der wir den Kampf gegen die Kronosier entscheidend vorantreiben konnten, ohne uns im diplomatischen Sumpf der gegeneinander handelnden Regierungen in der Welt zu verstricken.
„Danke“, sagte ich schlicht.
Yoshi nickte zufrieden. „Und jetzt beeil dich, Aoi Akuma. Die Kronosier werden bald mit Verstärkungen hier sein. An der Grenze zu Nepal stehen zwei Divisionen, die dieses Land binnen weniger Stunden überrennen können.“
„Halt die Klappe. Du kommst natürlich mit.“
Entgeistert starrte Yoshi mich an. „W-was? A-aber… ich…“
„Hast du vielleicht was Wichtiges vor?“
„Das ist es nicht!“
„Oder traust du mir nicht?“
„Das ist es auch nicht! Es ist nur, ich bin nicht wichtig genug für…“
„Halt die Klappe, bitte! Du hast mich vielleicht im Stich gelassen, als du dem Wunsch deines Großvaters gefolgt bist, und in dieses buddhistisches Kloster eingetreten bist!“, fuhr ich den Freund böse an.
Etwas leiser und versöhnlicher fügte ich hinzu: „Aber ich lasse dich nicht im Stich. Also, falls du noch irgendetwas holen willst, ist jetzt der richtige Zeitpunkt.“
„Mönche binden sich nicht an weltliche Dinge“, erwiderte Yoshi schlicht.
Ich schnappte seinen Unterarm und zog ihn hinter mich her. „Okay, dann können wir ja. Es wird etwas eng, aber da Hina an Bord ist, wirst du wohl nicht protestieren.“
Yoshi errötete. Bei jemandem, der keine Haare hatte und nur aus Gesicht bestand, ein eindrucksvolles Schauspiel.
„We-wenn ich schon mitkomme, kann ich dann nicht in der Faust deines Hawks mitfliegen?“
Ich lachte laut. „Schon mal was von Schallgeschwindigkeit gehört?“
Grinsend schüttelte ich den Kopf. „Ideen hast du. Du wirst es schon überleben.“
Fünf Minuten später war es zwar eng, aber lustig. Lustig für mich, denn Hina und Yoshi hatten sich in der Schule schon nicht ausstehen können.
„Das hast du mit Absicht gemacht“, fauchte sie mir zu. Dabei hatte sie es doch ganz bequem auf Yoshis Schoß.
Ich schwenkte kurz die silberne Tafel. „Wir können tauschen.“
Das wirkte. Hina winkte ab. „Vielleicht habe ich das kleinere Übel, danke.“
„Wer ist hier ein Übel?“, klang Yoshis beleidigte Stimme auf.
2.
„AAAACHTUNG!“ Fünfzig Paar Stiefel klapperten auf dem Beton, als ihre fünfzig Besitzer herum wirbelten und in Hab Acht-Stellung gingen. Fünfzig hochrangige menschliche und kronosianische Offiziere standen stramm, als würde gleich der gesamte fünfzigköpfige Legat eintreffen.
Das junge, dunkelblonde Mädchen mit den tiefen Augenringen schien dabei ein schlechter Ersatz zu sein, wenn man sich die Männer und Frauen nicht genauer ansah. Ihre Gesichter fieberten vor Eifer, die Augen glänzten und so mancher Mund hatte sich zu einem stolzen Grinsen verzogen.
Diese fünfzig Männer und Frauen, Kronosier und Menschen waren angetreten, um die zerrissene Menschheit zu einen, die zweihundertsieben Staaten der Erde in einer Föderation zu verbinden, dem Krieg und dem Elend ein Ende zu setzen und die Eroberung des Weltalls voran zu treiben. Nun, die meisten wollten nebenbei noch unanständig reich werden, aber das war ja auch nicht verboten.
Dem blonden Mädchen folgte eine weißhaarige Schönheit, die so selbstbewusst auftrat, als würde sie vor ihrer Schulklasse sprechen und nicht vor einem der wichtigsten Offizierscorps des Imperiums.
Der dritte, der folgte, war ein riesiger, schwarzhaariger Japaner mit einem Kreuz, aus dem man zwei machen konnte. Er war bullig, hatte das Gesicht eines Preisboxers und die Seele eines Kriegers. Auch wenn er gerade nicht den Mund aufbekam, galt er als Dichter, Schöngeist und exzellenter Redner.
Die fünfzig Männer und Frauen, die hier angetreten waren, salutierten wie ein Mann, als die drei herein traten. Mit ihnen verbanden sie die meisten ihrer Hoffnungen, ihrer Wünsche. Die gesammelten, geballten Wünsche des Pantheons, der absoluten Sondereinheit der Kronosier. Zu ihnen gehörten auch die drei Kompanien der Hekatoncheiren; genauer gesagt führten die Hekatoncheiren das Pantheon an, obwohl Major Megumi Uno nicht die ranghöchste Person in dieser Organisation war.
Megumi Uno legte die Linke zum Gegengruß an die Stirn, als sie ans Rednerpult getreten war.
Sie nahm die Hand wieder ab und die Offiziere des Pantheons beendeten ihren Salut.
Lilian Jones, Captain der Kottos-Kompanie, postierte sich rechts, Captain Takashi Mizuhara links.
„Setzen“, klang Megumis Stimme auf. Unbewusst wollte sie mit ihrer Rechten durch ihren Pony fahren, aber der beißende Schmerz erinnerte sie wieder an ihre Verletzung und warum der Arm ruhig gestellt war.
„Ich bedanke mich bei ihnen allen für das kommen.“ Sie sah in die Runde. „Danke an das Hephaistos-Bataillon, dass sich der Anführer Clifford Monterny von der Südsibirien-Kampagne freimachen konnte.
Danke an das Hermes-Regiment, dass General Ino die befestigten Igelstellungen trotz der schwierigen Kampflage in China verlassen konnte.
Danke an das Gaia-Regiment, dass auf Colonel Jackson Hayes für den Moment verzichtet hat, obwohl die Amerikaner den Waffenstillstand nutzen, um die Truppen an der Demarkationslinie von Anchorage zu verstärken.
Und mein besonderer Dank gilt Colonel Goran Kurosz vom Auslandsgeheimdienst, dass er sich trotz der Vielzahl an geheimen Operationen in Europa freimachen konnte.“
Sie legte eine Kunstpause ein und atmete durch.
„Danke ihnen allen und ihren Offizieren, dass sie so kurzfristig erscheinen konnten. Ich komme gerade direkt von Hawaii, wo ich mit meinen wichtigsten Offizieren an einer Konferenz mit dem Zweiten Vorsitzenden des Legats gesprochen habe, Juichiro Tora.
Und ich bringe keine guten Neuigkeiten.“
Leises raunen ging durch die Soldaten. Wenn Major Uno davon sprach, dass es keine guten Neuigkeiten gab, dann mussten sie gelinde gesagt beschissen sein.
„Um es auf den Punkt zu bringen, unsere geheime Offensive gegen die Dämonenwelt läuft nicht besonders gut. Die Dämonen werden uns binnen Monatsfrist vernichtend geschlagen haben.“
Das raunen wurde lauter, Unruhe trat ein. „Außer natürlich, wir setzen die Hekatoncheiren ein. Ja, ich weiß was sie alle sagen wollen. Mein gebrochener Arm ist Zeichen genug dafür, dass wir die Hekatoncheiren dringender auf der Erde brauchen. Und das die Dämonenwelt, mit der Legat Tora seinen Privatkrieg ausfechtet, für uns und unsere Pläne von einer geeinten Welt nur ein Nebenschauplatz ist.
Aber Tatsache ist, dass wir an diesem Nebenschauplatz verlieren werden. Wir haben hier zwei Möglichkeiten: Entweder wir sehen dabei zu, wie zwei Divisionen gut ausgebildeter Daishi-Piloten und Bodentruppen vor die Hunde gehen, wie es unsere Befehle sagen, oder wir holen sie da raus, bevor das Legat anfängt, ihre Namen aus den Aufstellungslisten zu streichen und die Erwähnung ihrer Soldaten zu verbieten.“
Wieder wurde geraunt. In der Armee der Kronosier gab es keine Niederlagen, keine Verluste. Wer starb – noch dazu in der Niederlage – wurde einfach aus den Daten ausradiert. Wer in einer hoffnungslosen Lage gefangen war, wurde nicht entsetzt, falls es keinen Gewinn bedeutete, diese Person oder Einheit zu retten.
Und genau dies stand Drachen- und Tiger-Regiment bevor.
„Was ich von ihnen allen wissen will ist: Decken sie die Hekatoncheiren, wenn ich diese ungenehmigte Rettungsoperation durchführe?“
Wieder wurde geraunt. Die Männer und Frauen stritten sich, heftige Argumente wurden ausgetauscht. Schließlich stand der ranghöchste Offizier auf. General Sakura Ino nickte Megumi Uno und ihren beiden Offizieren zu. „Sie haben die volle Unterstützung des Pantheons, Major. Sehen Sie aber zu, dass Sie die Aktion schnell durchziehen. Mit jeder Stunde, die sie dauert, laufen Sie Gefahr, mitten im Einsatz zurückgepfiffen zu werden.
Und Sie wissen, was das heißt.“
Megumi nickte schwer. „Ja, das weiß ich. Und ich habe nicht vor, einen solchen Befehl zu verweigern.“
Nachdenklich sah sie wieder in die Runde. „Das Pantheon, das heißt, wir alle sind hier zusammengekommen, weil wir sowohl das Schlechte als auch die guten Möglichkeiten im Handeln des Legats sehen. Wir sind zusammengetreten und haben diese Organisation gegründet, um die Pfründe des Legats so gut es geht zu unterbinden und die für die Erde und die Menschen sinnvollen Dinge zu unterstützen. Das Pantheon ist nicht nur der Vorreiter in der Eroberung der Erde, es ist auch das Bollwerk gegen die negativen Entscheidungen des Legats. Zwischen Mars und Erde stehen wir, wir allein.“
Diese Worte waren so nahe an Subversion, dass die Menge spontan den Atem anhielt. Als aber der erste Offizier applaudierte und immer mehr einfielen, hatte das Pantheon den letzten Schritt getan. Von einer Organisation Offiziere mit gleichen oder ähnlichen Interessen zu einer loyalen Opposition innerhalb des kronosischen Heeres.
Und Megumi Uno war nun in diesem Moment nicht nur Anführer des Pantheons geworden, sondern auch die Führerin dieser Opposition.
Und das wusste sie auch. Es half nicht gerade, ihre Augenringe zu verkleinern.
Lilian Jones legte eine Hand auf Megumis Schulter und lächelte sie an. Es war ein entschlossenes, aber auch zufriedenes Lächeln.
„Ich danke ihnen. Ich danke ihnen allen“, sagte Megumi Uno und tätschelte Lilians Hand auf ihrer Schulter.
Takashi sah sie beide mit ernster Miene an. „Wir sollten uns beeilen. Ich habe die Vorbereitungen bereits treffen lassen, aber der nächste Zugang zur Dämonenwelt wird sich in neun Stunden im südchinesischen Meer öffnen. Das Bataillon dahin zu verlegen wird jede Minute kosten, die wir noch haben.“
„Verstanden, Sempai.“
Megumi verbeugte sich vor den versammelten Offizieren und trat dann mit ihren Soldaten ab.
Eine Stimme der Vernunft hatten sie sein wollen, Schutz für Zivilisten, eine Art Gestaltgewordener Haager Landkriegsordnung oder Genfer Konvention. Und nun waren sie auf dem besten Wege, vielleicht gegen ihre Herren im Legat rebellieren zu müssen.
Es war ein langer Weg bis hierhin gewesen.
Schmerzhaft machte sich Megumi bewusst, dass sie im Pantheon zwar die Elite der Streitkräfte vereinigt hatten, aber diese erstens nur lächerliche sieben Prozent der Armee ausmachte und nicht ein einziges Schiff einschloss.
Ein Widerstand, ein wirklicher Widerstand würde schwer fallen. Wenn es denn so weit kommen würde.
***