Ace Kaiser
29.01.2006, 18:45
Anime Evolution: Past
Episode eins: Das Urvolk
1.
Das war es also. Ich war einen Tag auf dieser Welt, nicht einmal zwanzig Stunden im Turm der Arogad, dem Stammsitz der Familie meiner Mutter und meiner Großmutter, und schon war ich regelrecht begraben unter einem Dutzend Leiber.
„Lasst ihn nicht wieder hochkommen!“ „Wir haben ihn! Drückt ihn runter!“ „Ich habe seine Füße!“ „Gib auf, Aris! Gib auf!“
Das Gewicht der Leiber drückte mich auf den weichen Boden herab. Schwer spürte ich es auf mir lasten. Ich atmete stoßweise, bis zu diesem Moment hatte ich mich sehr bemüht, mich nicht zu Boden ringen lassen. Doch nun war es passiert. Ich spürte meine Kraft aus mir weichen. Sie hatten gewonnen.
Nein, nein, noch nicht, noch lange nicht! Wütend stemmte ich mich hoch, konnte die Rechte fest auf den Boden aufsetzen!
„Er bewegt sich! Lasst euch nicht abwerfen!“
Mit einem urwütigen Schrei stemmte ich mich in die Höhe, bekam ein Knie unter meinen Körper. Dann sprang ich auf und warf die anderen von mir.
„Raaaaah!“
„Autsch! Du liegst auf meiner Hand, Lem.“ „Und du liegst auf meinen Beinen, Joran.“
Triumphierend sah ich mich um. „Na? Gebt Ihr auf oder wollt Ihr es noch mal versuchen?“
Leises Stöhnen und ächzen antwortete mir.
„Nee, lass mal, Aris. Du bist zu stark für uns.“
Ich lachte und ging vor Rian in die Hocke. Die kleine Zwölfjährige war so etwas wie die Anführerin der kleinen Kinderbande, mit der ich herumgetollt hatte. Dabei tätschelte ich ihren Kopf. „Ihr habt mich tatsächlich zu Boden gerissen. Respekt.“
Rian lächelte über das Lob. Und auch die anderen waren plötzlich sehr aufgeregt.
„Akira. Es wird Zeit“, erklang Mutters Stimme in der Turnhalle.
„Oooch, muß Aris wirklich schon gehen? Haben wir nicht noch fünf Minuten?“, meckerte Soraris, ein Neffe von mir.
„Oren hat nach ihm verlangt. Ihr wisst, dass man ihn besser nicht warten lassen sollte.“
Die Kinder murrten ärgerlich.
Mutters Hologramm entstand neben mir. „Willst du vorher schnell duschen?“
Ich nickte. Wenn ich Oren unter die Augen trat, sollte ich besser einen guten Eindruck hinterlassen. Oren war der Vorsitzende des Familienrates, Oberhaupt der Arogad und außerdem direkter Erbe der Linie. Nebenbei war er zweitausend terranische Jahre alt und ich hatte mir sagen lassen, dass das nicht gerade dazu beigetragen hatte, seine Geduld zu vergrößern.
Ich winkte in die Runde. „Ich muß jetzt leider. Spielt ihr schön, ja?“
„Aris, wann kommst du wieder?“
Resignierend schüttelte ich den Kopf. Die Kleinen hatten einen wahren Narren an mir gefressen. Das konnte man allein daran sehen, dass sie ständig meinen Naguad-Namen benutzten anstatt mich Akira zu nennen. In ihren Augen war ich kein Viertelblut, sondern ein vollwertiges Mitglied des Hauses. Schlimmer noch, sie verehrten mich als Helden.
Auch wenn es keine direkte Datenverbindung zum Kanto-System gab, mit dem überlichtschnell Informationen übermittelt werden konnten, gab es doch einen permanenten Frachtschiffverkehr zwischen den Systemen. Ein ausgeklügeltes Prinzip erlaubte so eine Nachrichtenübertragung, die mit Hilfe springender Schiffe geschah. Für die geringen Möglichkeiten eine der effizientesten Lösungen, die ich mir vorstellen konnte.
Das bedeutete, die Kinder, Heranwachsenden und Erwachsenen waren relativ früh über die Vorgänge im Kanto-System informiert worden. Und nachdem erste Bilder von mir übertragen worden waren, hatten sie nur eins und eins zusammenzählen müssen.
Nebenbei gab es eine Menge Aufzeichnungen meiner Kämpfe. Vor allem meine Beinahe-Schlacht mit der Fünften Banges-Division, eigentlich einer Arogad-Hauseinheit, genoss hier kultische Verehrung. Ein einzelner Pilot gegen fünfhundert Gegner, das war Stoff, aus dem Legenden bestanden.
„Sobald ich kann“, sagte ich ernst. Ich wusste nicht, wann dieses Sobald eintreten würde, denn nachdem Haus Arogad mich und Joan Reilley am Raumhafen in Empfang genommen hatten, hatte das Haus dafür bürgen müssen, mich und Joan im Gewahrsam zu behalten, bis mein Prozess begann. Nein, bis meine Anhörung begann. Und diese Anhörung würde entscheiden, ob sie mich erschießen würden oder nicht.
Es tat mir Leid, den Kids nichts Besseres erzählen zu können. Aber in die Zukunft sehen gehörte nicht zu meinen Fähigkeiten.
„Macht es gut, ja?“ Die Kinder winkten und schickten mir Abschiedsgrüße hinterher.
Ich verschwand in der Umkleidekabine und nahm eine kurze – sehr kurze – Dusche. Danach ließ ich mich von einem Turbogebläse trocknen, bevor ich in eine brandneue weiße Uniform der UEMF schlüpfte. Es war die Sonntagsvariante. Und wieder waren an der linken Brust sämtliche Orden angebracht, die mir jemals verliehen worden waren. Nur auf der rechten Brust prangte nicht Akira Otomo auf der Namensleiste. Dort stand nun Aris Arogad.
Die weiße Schirmmütze mit dem goldenen Emblem der UEMF verstaute ich in der linken Armbeuge.
Mutter, beziehungsweise ihr Hologramm empfing mich vor der Umkleidekabine.
Missmutig sah ich sie an. „Willst du mir weismachen, du kannst nicht in die Umkleidekabine sehen? Oder sogar unter die Dusche?“
Für einen Moment wirkte sie verlegen. „Nun, es war ein langer Tag für dich und Joan-chan. Natürlich kann ich in die Duschen sehen, das gehört im Turm zu meinen Pflichten. Aber ich wollte dich nicht mit noch mehr Stress belasten. Immerhin bist du jetzt ein erwachsener Mann. Und Männer sind ja so leicht beleidigt.“
„Mom“, mahnte ich.
Das Hologramm bewegte sich neben mir, während ich auf den nächsten Fahrstuhl zuging. Dabei bewegte das Hologramm die Beine, um mir die Illusion zu vermitteln, sie würde tatsächlich neben mir sein. Ich registrierte es irritiert. Beinahe mehr irritiert als ihre Anwesenheit an diesem Ort. Und der Widerspruch in ihrer Existenz. Es war nicht jedermanns Sache, Jahrelang zu glauben, die eigene Mutter sei tot. Nur um festzustellen, dass man rein technisch recht hatte. Nur nicht bis ins Detail.
Der Fahrstuhl würde uns zur nächsten Hauptebene bringen, in der wir in einen Expresslift steigen konnten, der gleich Dutzende Etagen überbrückte. Ein einfaches und effektives System, um im riesigen Turm voran zu kommen.
Unser Ziel lag ganz oben, in der Spitze, im Raum des Rates.
Als wir nebeneinander im Fahrstuhl standen, umgeben von etwa einem halben Dutzend anderen Arogad und einem Logodoboro-Gast – leicht zu erkennen, weil die genetische Reprogrammierung der Logodoboro-Familie hellgrünes Haar bei samtbrauner Haut propagierte – machte ich mir meine eigenen Gedanken.
Man hatte uns freundlich empfangen, mir und Joan Wohnungen im oberen Drittel des Turms zugewiesen. Na ja, Wohnungen, es waren halbe Schlösser. Nie hatte ich solchen Komfort, so viel Platz erlebt. Drei Mitglieder der Familie Arogad, aus den Unterhäusern Litov und Wonn standen abwechselnd bereit, um mir zur Seite zu stehen. Daran hatte ich mich noch immer nicht gewöhnt… Aber ich war auch erst einen Tag hier.
„Was?“ Irritiert sah ich auf.
„Schon gut, Akira. Ich habe dich nur gefragt, ob du träumst“, sagte Mutter sanft.
Der Fahrstuhl hielt, wir kamen in eine große Halle. Genauer gesagt, in die Empfangshalle des Rates. Die letzten hundert Etagen wurden vom Familienrat, den engsten Mitarbeitern und einigen Angehörigen eingenommen. Hier wurden Entscheidungen von kosmischer Tragweite getroffen. Hier wurde ein ganzer Planet verwaltet, namentlich Planet Arogad, der vierte des Systems. Und begehrte Urlaubswelt, hatte ich mir sagen lassen.
Hierher kamen all die Naguad, Fremdweltler und Mitglieder anderer Familien, um mit den Arogad zu verhandeln. Im Moment war wirklich viel zu tun, die Halle brodelte geradezu. Die Kräfte an den Schaltern hatten alle Hände voll zu tun und die Wachen, die überall in Bereitschaft standen und die drei Expresslifte zur Spitze verteidigten, wirkten überspannt und nervös.
Mit Mutter voran schritt ich auf einen der Expresslifte zu. Die Wachen dort nickten und winkten mich durch. Es hatte seine Vorteile, mit dem Geist des Hauses unterwegs zu sein.
„Und?“, fragte Helen mich leise. „Wie geht es Yohko?“
„Das hast du mich gestern schon gefragt. Beinahe als erstes, schon vergessen?“
„Wie könnte ich jemals wieder etwas vergessen?“, hauchte sie ernst und senkte den Blick.
„Sorry. Ich habe nicht dran gedacht.“
Sie sah auf, lächelte mich an. „Schon gut, Akira. Es ist halt nur so, dass ich mich auch nach acht Jahren noch nicht dran gewöhnt habe, so zu existieren. Aber das ist immer noch besser als im Koma dahin zu driften.“
„Es geht ihr gut. Sie ist seit drei Jahren mit Yoshi Futabe zusammen.“
Das Hologramm runzelte die Stirn. „Yoshi Futabe? Der kleine blonde Futabe, der immer zum spielen rüber kam? Geht es ihm gut? Oder hat Eikichi schon versucht ihn umzubringen?“
Ich prustete lachend als ich das hörte. „Oh, ein- zweimal hat Eikichi es versucht. Aber eher halbherzig. Ich glaube, er ist mit Yoshi ganz zufrieden. Aber ich finde ja auch, dass sie gut zusammen passen, die zwei.“
„Hast du ihn denn leben lassen?“, fragte Mutter mich schmunzelnd.
Beteuernd hob ich die Hände. „Er ist mein bester Freund, der mir bis in die Hölle folgen würde. Ihm das Leben meiner Schwester anzuvertrauen ist mir sehr leicht gefallen.“
„So. Wann heiraten die beiden?“
„Mom, meinst du nicht, dass das noch etwas Zeit hat?“
„Findest du? Wenn man wie ich in einem Biotank liegt, künstlich am Leben gehalten und geistig vernetzt mit dem Hauscomputer, dann erscheint einem jede Sekunde, die man atmend, fühlend und schmeckend verbringen kann, als kurz und wertvoll. Wenn die beiden ihre Liebe vollführen sollen, dann…“
„Äh, Mom, sie tun es schon.“
„Tun was?“
„Die… Liebe vollführen. Seit ungefähr drei Jahren…“
Irrte ich mich oder wurde Mutters Hologramm rot. „Äh… Du meinst… Meine kleine Yohko? Mit Yoshi? Ohne verheiratet zu sein?“
Ich nickte knapp.
Verlegen legte sie eine Hand an die Stirn. „E-entschuldige, Akira, aber ich stamme aus den Zwanzigern. Wir waren damals schon ziemlich liberal, aber ich bin irgendwie immer konservativ gewesen. Um es mal auf den Punkt zu bringen, war dein Vater der Erste, mit dem ich…“
„Schon gut, so genau will ich es gar nicht wissen.“
„Was bist du denn plötzlich so peinlich berührt, Akira? Hätten Eikichi und ich nicht…“
„Schon klar, dann würde es mich gar nicht geben.“
Sie lachte leise. „Du klingst aber auch nicht sehr liberal, junger Mann.“
Ich zuckte die Schultern. „Wenn du meinst.“
Verlegen sah sie mich an. „Akira, sag mal, hast du schon… Ich meine, hast du…“
Ich spürte, wie ich rot wurde. Die Erinnerungen überfielen mich, Erinnerungen an den Sex mit Joan, an die vielen Nächte, die ich mit Megumi geteilt hatte, mein persönliches Paradoxon. Und mittlerweile ein Riesenproblem für mich.
„Ja, Mom, habe ich. Und ich werde es sicherlich irgendwann bitter büßen müssen.“
„Büßen? Wieso?“
„Das erkläre ich ein andernmal.“
Die auf gleitenden Fahrstuhltüren enthoben mich einer Antwort. Ich sah in eine riesige Etage hinein – und ich meine riesig.
Die transparente Decke wölbte sich in vielleicht zwanzig Metern über mir, und rund um die Außenwände waren Emporen aufgebaut, auf die man bequeme Sitzgelegenheiten aufgestellt hatte. Im Innenraum gab es Dutzende Nischen, in denen Konferenztische standen, davor und dazwischen, jeweils mit wirklich bequem viel Abstand, gab es weitere Sitzgelegenheiten, in dessen Tischen Kommunikationsgeräte steckten.
Ich trat hinaus, Mutter neben mir. Der Fahrstuhl befand sich im Zentrum, neben ihm zum Fünfeck angeordnet endeten vier weitere Schächte hier. Regionallifte, die nur in den obersten Etagen verkehrten.
Bei dreihundert Metern im Rund verloren sich die Konferenztische, die Erholungsmöglichkeiten und die kleineren Büros vollkommen, ebenso wie die anwesenden Naguad. Es waren wohl fast einhundert, aber sie verschwanden bei diesen Dimensionen vollkommen.
„Komm“, meinte Mutter und führte mich zu einem fast durchsichtigen Treppenaufgang. Eine vier Mann starke Ehrenwache in der Uniform der Arogad-Familie stand dort parat.
Die transparente Treppe führte über zehn Meter in die Höhe. Dort, im Zentrum der Kuppel, schimmerte ein allerletztes Stockwerk, dreißig Meter im Rund, vollkommen transparent und großzügig möbliert.
Mom nickte den Wachen zu. Die vier Männer nahmen Haltung an und salutierten ehrerbietig.
Halb erwartete ich, dass sie mich aufhalten würden, durchsuchen oder irgendwelche Ausweise verlangten. Aber die vier Männer, von denen einer mich an meinen Kumpel Marus Jor erinnerte, ließen auch mich anstandslos und mit einem Salut – den ich klassisch terranisch erwiderte – passieren.
Am Ende der Treppe kamen wir in einen Vorraum, in dem eine junge Frau saß. Erstaunt registrierte ich, dass sie Fioran-Blut haben musste. Die helle Haut und die grünen Augen gepaart mit den hellblonden Haaren sprachen da Bände.
„Helen Arogad. Danke, dass Sie Aris Arogad so schnell vorbei gebracht haben.“
Mom seufzte. „Übersetzt heißt das, bleib doch bitte draußen. Oder?“
Die Empfangsdame legte verlegen eine Hand in den Nacken. „Tut mir Leid. Meister Oren will ihn alleine sprechen. Ich würde dir gerne in der Zwischenzeit etwas anbieten. Starkstrom vielleicht?“
„Ich sollte dich mal unter Starkstrom setzen, Varel Guizo“, tadelte Mom mit eiskaltem Grinsen.
Ich räusperte mich vernehmlich, als es in den Augen der Fioran zu glimmen begann. Bevor dies zu einem längeren Schlagabtausch wurde, suchte ich besser mein Heil in der Flucht. „Wenn mich die Damen entschuldigen würden… Ich scheine einen Termin bei Meister Oren zu haben.“
Ich verbeugte mich leicht und ging dann auf die Tür des gigantischen Büros zu. Na ja, ging, es war mehr ein marschieren, weil ich dem vollkommen transparenten Boden nicht traute und mit dem Mut der Verzweiflung voran schritt.
Bevor ich die Tür erreichte, wandte ich mich um und meinte: „Mann, an so einem Arbeitsplatz sollten Frauen besser keine Röcke tragen, was?“
„Wieso nicht?“, fragte die Fioran irritiert. „Wenn jemand gucken will, dann lass ihn doch.“
„Äh, ja…“
Mit geröteten Wangen betrat ich das Büro. Und tauchte ein in eine andere Welt. Der Raum, die Atmosphäre, sogar das Glimmen der ersten Abendsterne, alles schien sich unterzuordnen. Alles schien sich respektvoll zu verneigen. Vor dem Mann, der am südlichsten Rand seines Büros stand und hinaus sah, auf die Sonne Nag, die gerade auf dem letzten Zehntel ihrer Bahn um Prime war.
„Transparenter Stahl, ungefähr zwei Meter stark. Zusätzlich verstärkt durch ein eingelassenes Sensornetzwerk, um Manipulationen und Beschädigungen aufzuspüren. In den letzten dreihundert Jahren wurde es einundneunzig Mal versucht, bis auf diese Etage zu kommen. Nur ein einziges Mal hat es einer geschafft. Bis in dieses Büro noch keiner.“
Der Mann wandte sich um, musterte mich streng. Oren Arogad war fast zwei Meter groß, breitschultrig und wie ich mir hatte sagen lassen, Admiral im Ruhestand.
Der große Mann sah mich aus seinen wässrig blauen Augen an. Seine Haare waren grau, aber er hatte noch einen vollen Schopf. Von seinen zweitausend Jahren konnte man locker tausendneunhundert abziehen, fand ich.
Unwillkürlich nahm ich Haltung an. „Sir. Akira Aris Otomo-Arogad. Ich melde mich wie gewünscht.“
Herrisch wischte der alte Mann mit der Rechten durch die Luft. „Das müssen wir abstellen, Aris. Du bist ein Arogad, kein Otomo.“
„Bei allem Respekt, Sir, aber ich bin was ich bin, und nicht das, was Sie wollen, dass ich bin.“
Sein strenger Blick wurde zwingend, versuchte mich niederzuringen. „Trotz verschafft dir hier keine Freunde, Aris. Du hast noch einen weiten Weg, bevor du dich als vollwertiges Mitglied des Hauses Arogad betrachten kannst. Und du solltest es dir dabei nicht mit dem mächtigsten Mann des Hauses verscherzen.“
Ich spürte die Bedrohung, die von Oren Arogad ausging, als wäre es eine sichtbare Flutwelle, die alleine mich zum Ziel hatte und über mir zusammen schlug.
„Mit Verlaub, Sir, aber Sie gehen davon aus, dass ich ein Arogad werden will. Das ist falsch. Alles was ich will ist, hier so schnell wie möglich zu verschwinden und nach Lorania oder der Erde zurückzukehren.“
„Du willst was?“ Ungläubig sah der Naguad mich an. „Du willst auf diese Provinzwelten zurück? Wenn du Prime haben kannst? Wenn du Arogad haben kannst? Was bist du doch naiv.“
Wut brodelte in mir. „Und wennschon. Die Heimat ist da, wo das Herz ist. Und Naguad Prime hat mein Herz nicht gerade erobert. SIR!“ Das letzte Wort hatte ich laut und bitter gezischt.
„Ich kann mich nicht erinnern, dir diese Wahl gelassen zu haben, Aris“, zischte der Alte zurück. Langsam kam er auf mich zu. „Und du scheinst auch nicht im klaren zu sein, dass auf dich eine Anhörung wartet, die über dein Leben entscheidet.“
„Wollen Sie mich bestechen, Sir?“, fragte ich geradeheraus.
Oren blieb stehen, fixierte mich erneut. „Hat dir Helen nichts gesagt?“
„Was? Das sie nach dem Autounfall im Koma lag und keine Chance hatte, jemals daraus zu erwachen? Das Aris Taral sie nach Naguad Prime zurück brachte, um ihr wenigstens diese Form von Leben zu geben? Ja, das hat sie.“
„Nein, das meinte ich nicht, Aris. Hat sie dir nicht gesagt, wer du bist?“
Abfällig schnaufte ich. „Ich bin ein halber Mensch. Mein Vater ist Eikichi Otomo. Die andere Hälfte setzt sich aus Eris Arogad-Erbgut und Michaels Fioran-Erbgut zusammen. Sagt das nicht genug darüber aus wer ich bin?“
„Verdammt, Aris, du bist mein Großenkel!“
Für einen Moment glaubte ich, man würde mir den Boden unter den Beinen wegziehen. Tatsächlich landete ich hart und schmerzvoll auf meinem Hintern. Der transparente Boden war definitiv da – und hart. „Was?“
„Helen ist meine Enkelin. Und du bist ihr erstes Kind. Du bist mein direkter Nachfahre, Aris. Damit bist du Anwärter auf einen Platz im Rat der Arogad, vielmehr Anwärter auf das Amt des Vorsitzenden. Oder um es mal in deiner primitiven menschlichen Ausdrucksweise auszusprechen: Du sitzt auf einem Schleudersitz, der dich auf meinen Job katapultieren kann, Aris Arogad!“
„Heilige Scheiße.“ Ich fühlte wie mir schwindlig wurde. Ich hatte den Turm gesehen, die Stadt drum herum. Den Empfang am Raumhafen. Die… Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Du bist mein Erbe, Aris, solange Helen in diesem Tank bleiben muß. Und es sieht nicht so aus, als würde sich das in den nächsten tausend Jahren ändern.“
Er setzte sich an seinen Schreibtisch, drehte sich zur Seite und musterte die Sterne.
„Ehrlich gesagt möchte ich, dass jemand aus meiner direkten Linie diesen Posten übernimmt, für eine gewisse Zeit oder die nächsten tausend Jahre. Eri ist nicht da. Helen in einem Tank gefangen. Bleiben nur noch du und deine Schwester Jarah.
Ich weiß nicht, ob du oder Jarah das Haus so gut führen könnten wie ich es getan habe. Und ich weiß, dass es sehr fähige Leute im Rat gibt, die diesen Job wirklich gut können und auch dazu bereit sind. Aber ich will nicht der Erste in der Erblinie der Hauptfamilie sein, der das Amt nicht an einen direkten Nachfahren weitergibt. Seit dem Vorallan-Massaker waren es immer direkte Arogad auf diesem Posten.“
Ich rappelte mich wieder hoch, kam auf die Beine. „Moment, noch mal zum mitschreiben. Du bist mein Urgroßvater? Und du willst, dass ich diesen Schuppen hier leite?“
Oren schmunzelte. Es war das erste Mal, dass ich solch eine Regung bei ihm sah. „Den Schuppen, die ihn umgebende Stadt, den Nachbarplaneten, die Kolonien und die Operationen des Hauses Arogad in fünf Systemen, die Wirtschaftskraft und die Militärmacht. Kurz gesagt: Das mächtigste Haus des Imperiums. Den größten Unterstützer für Militär und den Rat. Den besten Schutz gegen die Iovar.“
Oren erhob sich wieder, kam um den Schreibtisch herum. „Das ist das, was Oren Arogad von Aris Arogad erwartet. Und Aris Arogad wird das auch erfüllen, darauf kannst du dich verlassen.“
Er ging auf mich zu, bis er direkt vor mir stand. Dort wich die grimmige Miene aus seinem Gesicht. Der alte Mann sah mir in die Augen, während er eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischte. Spontan riss er mich an sich und drückte mich fest.
„Und jetzt spricht einmal Oren Arogad, dein Urgroßvater. Willkommen Zuhause, Aris. Wie lange habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Ich hätte längst eine Expedition ausgerüstet und nach dir suchen lassen, nach dir und Jarah, aber Helen meinte, ihr würdet schon von alleine kommen.“
Er hielt mich ein Stück von sich. „Lass dich ansehen. Du bist so groß. Und deine Aura ist so ausdrucksstark. Du bist auch ein AO-Meister, habe ich Recht? Und, laufen dir die Frauen nach? Bei einem Burschen wie dir. Oder ist dieses Sternchen deine Freundin? Ein nettes Mädchen, wirklich. Ich habe heute Morgen mit ihr gesprochen und…“
„Moment. Du hast mit Joan vor mir gesprochen?“
Verlegen sah der Mann, der mir vor einer knappen Minute noch als herrischer, unnahbarer alter Mann erschienen war, zur Seite. „I-ich musste üben. Ich hatte Angst, dir in die Augen zu sehen. Verzeih einem alten Mann, dem die Aufregung zu schaffen macht.“
„Meister Oren, sie ist jetzt hier“, erklang die Stimme der Vorzimmerdame im Raum und beendete für meinen Uropa den peinlichen Moment.
„Ist gut, Guizo. Du kannst sie und Helen nun einlassen. Wir hätten gerne Zuma, und dazu leichtes Gebäck. Wir haben uns viel zu erzählen.“
„Ja, Meister Oren.“
Die Tür glitt auf, und Mutter kam zusammen mit Joan Reilley herein.
Oren deutete auf eine bequeme Sitzecke, direkt an der Südwand des Büros. „Kommt, Mädchen, nehmt Platz. Es gibt einiges, was ich Aris und Joan erzählen muß. Damit er versteht, wie wichtig es ist, dass er meinen Platz einnimmt.“
„Gibt es dazu wieder Zuma, Onkel Oren?“, fragte Joan mit leuchtenden Augen.
„Natürlich, mein Schatz“, erwiderte der Anführer der Arogad schmunzelnd. „Ich habe doch gemerkt, wie gut dir der Tee schmeckt.“
Mit leuchtenden Augen sah sie zum fast zwei Meter großen Mann auf. „Oooh, Onkel Oren, du bist so gut zu mir.“
Uropa hüstelte verlegen, als Joan zur Sitzgruppe ging. „Wickelt sie alle so leicht um den Finger?“
„Die meisten“, erwiderte ich schmunzelnd. Wobei ich nicht eine Sekunde daran zweifelte, dass ihre leuchtenden Augen tatsächlich aus ihren Gefühlen entsprungen waren.
2.
Es war das Jahr Dreitausendeinhundertsieben nach Kolonisierung. Oder auch 3107 nK genannt. Die neun großen Familien gab es schon, sie stellten zu gleichen Teilen den Rat, wenngleich die Fraktion der Familienlosen und Söldner immer größer wurde. Es würde nicht mehr lange dauern, und diese Naguad würden ebenso ihren Sitz im Rat verlangen, wie es die großen Familien so selbstverständlich taten.
Dieser Gedanke gefiel Oren Arogad irgendwie. Auch wenn dies weniger Macht für seine Familie bedeutete, so würde die Bindung der Familienlosen an das Imperium enger werden. Und damit würde ihre Bereitschaft, ihr aller Leben zu verteidigen, größer werden.
Schweigend sah Oren das tiefe Loch hinab. Die Strahlenwerte waren künstlich reduziert worden, sodass sich ein ungeschützter Mensch dem Rand nähern konnte, ohne den Tod zu riskieren. Aber länger als zehn Minuten durfte auch ein Oren Arogad hier nicht stehen, wenn er sich nicht einer langen Heilungsprozedur unterziehen wollte.
Der Krater hatte eine Tiefe von zweihundert Metern. Aber eine Weite von anderthalb Kilometern. Hier waren fast einhundert Naguad gestorben, vielleicht etwas mehr, wenn es in der Kleinstadt Besuch gegeben hatte.
Oren runzelte die Stirn. Ohne die mächtigen Schirmfelder des Fioran-Turms und ohne das beherzte Eingreifen der Neunten Flotte wären diese Dinger in der Hauptstadt eingeschlagen. Dann hätte es ein paar Millionen Tote gegeben.
Dennoch schmerzte ihn dieser Anblick. Tote Naguad waren tote Naguad. Von diesen hier blieb nicht einmal genügend übrig, um sie zu begraben.
Unwirsch wandte er sich wieder ab.
„Bericht!“, schnarrte er.
Luka Maric, sein Adjutant im Range eines Commanders nickte und trat neben ihn. „Die Neunte Flotte konnte die Raider der Iovar abdrängen, dreißig von ihnen zerstören.
Die restlichen achthundertsiebenundneunzig sind bereits auf der Flucht, aber die Zweite, die Zehnte und die Neunzehnte Flotte befinden sich auf Abfangkurs. Zudem wird die Siebte Flotte zurückerwartet. Voraussichtlich wird sie an einer Position das System erreichen, welche ihr erlaubt, ebenfalls Jagd auf die Raider zu machen.“
„Unsere Verluste?“ „Wir haben neunzehn Schiffe verloren, vor allem Fregatten und Zerstörer. Leider ist auch die KUMA in der Verlustliste. Sie hat sich in die Atomwaffen der Raider geworfen. Hätte sie das nicht getan, wären hier zwanzig Raketen eingeschlagen und nicht drei. Dann hätte auch der Schirm des Fioran-Turms nicht viel genützt.“
Oren dachte nach. „Bitte Logg Fioran um einen Termin. Ich will mehr über ihre Schirmtechnik erfahren. Und wenn wir sie teuer bezahlen müssen, ich denke, wir sollten sie Imperiumsweit einsetzen.“
„Notiert, Admiral. Beteiligen wir uns auf der Jagd nach den Raidern?“
„Was ist mit der Raumstation?“
„Die Orbitalplattform AROGAD I hat nur wenige Schäden erlitten. Ich dachte, ich hätte das bereits erwähnt.“
„Nein, hast du nicht“, erwiderte Oren ernst. „Was ist mit den anderen Planeten? Was ist mit den Umformern auf Arogad?“
„Der zweite Stoßkeil zielte wie wir wissen, auf den vierten Planeten Arogad, der dritte auf Daness. Die Abwehrriegel über beiden Welten hielten, die angreifenden Truppen waren nicht stark genug. Wir nehmen an, dass sie nur detachiert wurden, um weitere Truppen von Prime abzuziehen oder die dortigen Flotten zu binden.“
„Was sie ja auch geschafft haben. Das Ergebnis ist dieser Krater.“ Unschlüssig drehte sich Oren Arogad im gehen noch einmal um und betrachtete die hässliche Narbe inmitten der Landschaft. Neunzehn Schiffe, ein kleiner Ort, war das ein annehmbarer Preis für den abgeschlagenen Angriff?
„Wie geht es Jonn?“
„Ihr Sohn ist wohlauf. Sein Schiff, die BENST, wurde schwer beschädigt, erreicht das Dock aber aus eigener Kraft. Die Analytiker bestätigen Jonn ausdrücklich Tapferkeit und Wagemut.“
„Was übersetzt heißt, der Halunke ist wieder mal vorgeprescht, ohne auf die Sicherheit seines Schiffes oder eine stabile Formation zu achten.“
„Ja, so könnte man es auch sehen. Aber in diesem Fall war es ein Befehl von Admiral Conno Racus aus dem Haus Elwenfelt. Die Attacke des Kreuzers brachte die Raider-Linien in Unordnung und half so maßgeblich, den Raid auf Daness abzuwehren.“ Der junge Mann räusperte sich. „Mitne Daness hat sich bereits nachdrücklich bei Admiral Racus und bei Captain Jonn Arogad bedankt. Außerdem hat er bereits großzügige Unterstützung für die Hinterbliebenen der Toten versprochen.“
Sie erreichten den wartenden Gleiter. Zwanzig Wachsoldaten umstanden ihn in offener Phalanx und trugen ihre Gewehre entsichert. Iovar waren nicht dafür bekannt, dass sie sich lebend fangen ließen. Aber das sie bis zur letzten Sekunde kämpften und notfalls so viele Gegner wie möglich mit sich in den Tod rissen. Es hatte genügend Schiffe der Raider erwischt, um vermuten zu lassen, dass sich ein paar hatten auf diese Welt retten können. Grund genug, um die Sicherheit für den Admiral und Angehöriger des Rates der Arogad-Familie maßgeblich zu erhöhen. Egal wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass einer der Raider-Piloten ausgerechnet hier auftauchen würde.
„Haben wir Gefangene?“, fragte Oren, einer Eingebung folgend.
„Drei hirnlose Drohnen, die wir daran hindern konnten, sich selbst zu töten. Dazu dreiundvierzig Leichen. Einen echten Iovar haben wir bisher nicht erwischt.“
Oren runzelte die Stirn, als er in den wartenden Gleiter einstieg. Zwei Schwebepanzer erhoben sich rechts und links von dem gepanzerten Wagen und nahmen ihn zwischen sich. Die Infanterie zog sich geordnet zurück und bestieg einen Mannschaftstransporter.
Als Luka Maric als Letzter einstieg, setzte sich die Kolonne in Bewegung.
Die Fahrt in die Hauptstadt war kurz, viel zu kurz. Es bereitete dem Arogad erhebliches Magengrimmen, dass nur ein paar lausige Landmeilen gefehlt hatten, um das Zentrum des Imperiums zu treffen.
Der Angriff hatte sie wieder einmal überrascht. Ebenso wie die Vehemenz, mit der er geführt worden war.
Die Ziele dieses Angriffs waren zweifellos die orbitalen Plattformen und die Bevölkerungszentren gewesen. Die Iovar hatten sie da treffen wollen, wo es wehtat. Und es wäre ihnen auch gelungen, zumindest erhebliche Verwüstungen anzurichten, wenn nicht ein ziviler Frachter einige Stunden vor den Raidern ins System gesprungen wäre, um von der sich sammelnden Streitmacht zu berichten.
Der nächste Schritt würde es sein, nach Logar ins Nachbarsystem zu springen und der dortigen Garnison beim aufräumen zu helfen, falls es sie noch gab. Die Iovar neigten nicht gerade dazu, Zeugen oder lästige Hindernisse zurück zu lassen.
Oren detachierte in Gedanken dafür fünf Flotten. Drei Flotten, die er per Kurier zu Beginn der Angriffe in Heimatsystem beordert hatte, zwei der Flotten, die gerade erst das Kerngebiet um die Welten erreichte. Die vier Flotten, welche versuchten, die Iovar-Raider zu stellen, würden nach dieser Schlacht erst einmal die eigenen Wunden lecken müssen. Ein Raider-Schiff war technologisch überlegen, und im Verbund waren die nervigen Zecken brandgefährlich.
Nur diesem Frachter, nur einem einzigen beherzten Kapitän und seiner mutigen Crew verdankten sie das Wissen um die Bedrohung, und einen Vorteil von einigen Stunden, um die Flotten im System auf Verteidigungsposition zu bekommen und in den Orbit der Planeten zu ziehen.
Oren Arogad gedachte, den Kapitän und die Mannschaft der JOFUR ausdrücklich zu belobigen, falls der schwere Frachter noch existierte. Das wusste Oren leider im Moment nicht. Zu turbulent waren die letzten Tage gewesen.
Sie erreichten die Stadt, fuhren in die Straßen der Koromando-Stadt ein. Darauf folgten mehrere Viertel Familienloser, die sich nie verpflichtet hatten und es voraussichtlich auch nie tun würden. Warum von Naguad zweiter Klasse zu Naguad Dritter Klasse in einer Familie absteigen?
Oren verstand diese Einstellung. Aber er sah auch das Problem, dass die Zahl der Familienlosen immer größer wurde.
Die heutige, hastig einberufene Sitzung des Rates würde zu weit mehr führen, als den abgeschlagenen Angriff der Iovar zu besprechen.
Der Tagungssaal des Rates war ein flacher Bunker im exakten Schnittpunkt der neun Türme der neun Familien. Genauer gesagt ein unterirdischer Gebäudekomplex in achthundert Metern Tiefe. Der angeblich sicherste Ort auf diesem Planeten.
Die kleine Kolonne stoppte vor dem Bunker, die Panzer und der Infanterietransporter glitten auf Ruheflächen zu einer der zahlreichen Kasernen. Die Mannschaften würden hier eine warme Mahlzeit, eine Mütze Schlaf und eine Dusche bekommen, während für Oren und seinen Adjutanten noch lange kein Feierabend sein würde.
Der Schweber fuhr ein, erreichte einen Fahrstuhl, der das Fahrzeug in die Tiefe brachte.
Auch hier hatten die Ausmaße gigantische Dimensionen, sodass sie den Schweber weiterhin benötigten.
Nach diversen Sicherheitschecks ließ man sie ein in eine gigantische Kaverne, die dreimal so stark verstärkt worden war, wie die Statiker es empfohlen hatten, um einem Angriff mit der schwersten Bombe der Raider zu überstehen.
Eine künstliche Sonne hing an der Decke, weite Parklandschaften erschufen zusammen mit einem holgraphischen Himmel die Illusion, nicht achthundert Meter in der Tiefe des Erdmantels zu sein. Die kleine Stadt im Herzen beherbergte weitere Truppen, Verwaltungsgebäude und das Ratshaus.
Vor diesem Gebäude hielt der Schweber an. Oren Arogad und Luka Maric verließen den Schweber, gingen die letzten dreihundert Meter zu Fuß. Die Presse erwartete sie schon, insbesondere natürlich Admiral Arogad, der maßgeblich die Abwehr der Raider geplant und ausgeführt hatte.
Dutzende Rufe und Fragen erklangen, die Oren aber abtat. „Kein Kommentar. Warten Sie die offizielle Presseerklärung ab.“
Nachdem sie das Ratshaus betreten hatten und die Türen hinter ihnen zufielen, entspannte sich Oren sichtlich. Und erstarrte, als er bemerkte, dass in den Gängen zum eigentlichen Ratssaal mehrere hundert Naguad standen und sie beide anstarrten. Nein, korrigierte er sich. Sie starrten ihn an, Oren Arogad.
„Hm“, kommentierte der Admiral und setzte sich in Bewegung.
Er passierte die ersten Naguad, die wie in einem Spalier aufgereiht schienen. Als er mit Luka elf, zwölf Meter weit gekommen war, hörte er hinter sich leises Klatschen. Das Geräusch wurde lauter, schneller, schien wie ein Lauffeuer nach vorne zu schnellen und umhüllte die beiden Naguad. Während Oren mit seinem Adjutanten weiter voran ging, explodierte die Stimmung, es wurde gejubelt und begeistert gepfiffen.
Als die beiden den Saal erreichten, erwartete sie dort ebenfalls Applaus. Die Abgeordneten, Mitarbeiter und Ratsmitglieder hatten sich erhoben und klatschten.
Verlegen steuerte der Admiral seinen Platz am Tisch des Rates an. Er ließ sich dort nieder, aber der Applaus wollte nicht enden. Also erhob er sich und salutierte streng und exakt.
Erst dann verebbte das Geräusch nach und nach.
**
Episode eins: Das Urvolk
1.
Das war es also. Ich war einen Tag auf dieser Welt, nicht einmal zwanzig Stunden im Turm der Arogad, dem Stammsitz der Familie meiner Mutter und meiner Großmutter, und schon war ich regelrecht begraben unter einem Dutzend Leiber.
„Lasst ihn nicht wieder hochkommen!“ „Wir haben ihn! Drückt ihn runter!“ „Ich habe seine Füße!“ „Gib auf, Aris! Gib auf!“
Das Gewicht der Leiber drückte mich auf den weichen Boden herab. Schwer spürte ich es auf mir lasten. Ich atmete stoßweise, bis zu diesem Moment hatte ich mich sehr bemüht, mich nicht zu Boden ringen lassen. Doch nun war es passiert. Ich spürte meine Kraft aus mir weichen. Sie hatten gewonnen.
Nein, nein, noch nicht, noch lange nicht! Wütend stemmte ich mich hoch, konnte die Rechte fest auf den Boden aufsetzen!
„Er bewegt sich! Lasst euch nicht abwerfen!“
Mit einem urwütigen Schrei stemmte ich mich in die Höhe, bekam ein Knie unter meinen Körper. Dann sprang ich auf und warf die anderen von mir.
„Raaaaah!“
„Autsch! Du liegst auf meiner Hand, Lem.“ „Und du liegst auf meinen Beinen, Joran.“
Triumphierend sah ich mich um. „Na? Gebt Ihr auf oder wollt Ihr es noch mal versuchen?“
Leises Stöhnen und ächzen antwortete mir.
„Nee, lass mal, Aris. Du bist zu stark für uns.“
Ich lachte und ging vor Rian in die Hocke. Die kleine Zwölfjährige war so etwas wie die Anführerin der kleinen Kinderbande, mit der ich herumgetollt hatte. Dabei tätschelte ich ihren Kopf. „Ihr habt mich tatsächlich zu Boden gerissen. Respekt.“
Rian lächelte über das Lob. Und auch die anderen waren plötzlich sehr aufgeregt.
„Akira. Es wird Zeit“, erklang Mutters Stimme in der Turnhalle.
„Oooch, muß Aris wirklich schon gehen? Haben wir nicht noch fünf Minuten?“, meckerte Soraris, ein Neffe von mir.
„Oren hat nach ihm verlangt. Ihr wisst, dass man ihn besser nicht warten lassen sollte.“
Die Kinder murrten ärgerlich.
Mutters Hologramm entstand neben mir. „Willst du vorher schnell duschen?“
Ich nickte. Wenn ich Oren unter die Augen trat, sollte ich besser einen guten Eindruck hinterlassen. Oren war der Vorsitzende des Familienrates, Oberhaupt der Arogad und außerdem direkter Erbe der Linie. Nebenbei war er zweitausend terranische Jahre alt und ich hatte mir sagen lassen, dass das nicht gerade dazu beigetragen hatte, seine Geduld zu vergrößern.
Ich winkte in die Runde. „Ich muß jetzt leider. Spielt ihr schön, ja?“
„Aris, wann kommst du wieder?“
Resignierend schüttelte ich den Kopf. Die Kleinen hatten einen wahren Narren an mir gefressen. Das konnte man allein daran sehen, dass sie ständig meinen Naguad-Namen benutzten anstatt mich Akira zu nennen. In ihren Augen war ich kein Viertelblut, sondern ein vollwertiges Mitglied des Hauses. Schlimmer noch, sie verehrten mich als Helden.
Auch wenn es keine direkte Datenverbindung zum Kanto-System gab, mit dem überlichtschnell Informationen übermittelt werden konnten, gab es doch einen permanenten Frachtschiffverkehr zwischen den Systemen. Ein ausgeklügeltes Prinzip erlaubte so eine Nachrichtenübertragung, die mit Hilfe springender Schiffe geschah. Für die geringen Möglichkeiten eine der effizientesten Lösungen, die ich mir vorstellen konnte.
Das bedeutete, die Kinder, Heranwachsenden und Erwachsenen waren relativ früh über die Vorgänge im Kanto-System informiert worden. Und nachdem erste Bilder von mir übertragen worden waren, hatten sie nur eins und eins zusammenzählen müssen.
Nebenbei gab es eine Menge Aufzeichnungen meiner Kämpfe. Vor allem meine Beinahe-Schlacht mit der Fünften Banges-Division, eigentlich einer Arogad-Hauseinheit, genoss hier kultische Verehrung. Ein einzelner Pilot gegen fünfhundert Gegner, das war Stoff, aus dem Legenden bestanden.
„Sobald ich kann“, sagte ich ernst. Ich wusste nicht, wann dieses Sobald eintreten würde, denn nachdem Haus Arogad mich und Joan Reilley am Raumhafen in Empfang genommen hatten, hatte das Haus dafür bürgen müssen, mich und Joan im Gewahrsam zu behalten, bis mein Prozess begann. Nein, bis meine Anhörung begann. Und diese Anhörung würde entscheiden, ob sie mich erschießen würden oder nicht.
Es tat mir Leid, den Kids nichts Besseres erzählen zu können. Aber in die Zukunft sehen gehörte nicht zu meinen Fähigkeiten.
„Macht es gut, ja?“ Die Kinder winkten und schickten mir Abschiedsgrüße hinterher.
Ich verschwand in der Umkleidekabine und nahm eine kurze – sehr kurze – Dusche. Danach ließ ich mich von einem Turbogebläse trocknen, bevor ich in eine brandneue weiße Uniform der UEMF schlüpfte. Es war die Sonntagsvariante. Und wieder waren an der linken Brust sämtliche Orden angebracht, die mir jemals verliehen worden waren. Nur auf der rechten Brust prangte nicht Akira Otomo auf der Namensleiste. Dort stand nun Aris Arogad.
Die weiße Schirmmütze mit dem goldenen Emblem der UEMF verstaute ich in der linken Armbeuge.
Mutter, beziehungsweise ihr Hologramm empfing mich vor der Umkleidekabine.
Missmutig sah ich sie an. „Willst du mir weismachen, du kannst nicht in die Umkleidekabine sehen? Oder sogar unter die Dusche?“
Für einen Moment wirkte sie verlegen. „Nun, es war ein langer Tag für dich und Joan-chan. Natürlich kann ich in die Duschen sehen, das gehört im Turm zu meinen Pflichten. Aber ich wollte dich nicht mit noch mehr Stress belasten. Immerhin bist du jetzt ein erwachsener Mann. Und Männer sind ja so leicht beleidigt.“
„Mom“, mahnte ich.
Das Hologramm bewegte sich neben mir, während ich auf den nächsten Fahrstuhl zuging. Dabei bewegte das Hologramm die Beine, um mir die Illusion zu vermitteln, sie würde tatsächlich neben mir sein. Ich registrierte es irritiert. Beinahe mehr irritiert als ihre Anwesenheit an diesem Ort. Und der Widerspruch in ihrer Existenz. Es war nicht jedermanns Sache, Jahrelang zu glauben, die eigene Mutter sei tot. Nur um festzustellen, dass man rein technisch recht hatte. Nur nicht bis ins Detail.
Der Fahrstuhl würde uns zur nächsten Hauptebene bringen, in der wir in einen Expresslift steigen konnten, der gleich Dutzende Etagen überbrückte. Ein einfaches und effektives System, um im riesigen Turm voran zu kommen.
Unser Ziel lag ganz oben, in der Spitze, im Raum des Rates.
Als wir nebeneinander im Fahrstuhl standen, umgeben von etwa einem halben Dutzend anderen Arogad und einem Logodoboro-Gast – leicht zu erkennen, weil die genetische Reprogrammierung der Logodoboro-Familie hellgrünes Haar bei samtbrauner Haut propagierte – machte ich mir meine eigenen Gedanken.
Man hatte uns freundlich empfangen, mir und Joan Wohnungen im oberen Drittel des Turms zugewiesen. Na ja, Wohnungen, es waren halbe Schlösser. Nie hatte ich solchen Komfort, so viel Platz erlebt. Drei Mitglieder der Familie Arogad, aus den Unterhäusern Litov und Wonn standen abwechselnd bereit, um mir zur Seite zu stehen. Daran hatte ich mich noch immer nicht gewöhnt… Aber ich war auch erst einen Tag hier.
„Was?“ Irritiert sah ich auf.
„Schon gut, Akira. Ich habe dich nur gefragt, ob du träumst“, sagte Mutter sanft.
Der Fahrstuhl hielt, wir kamen in eine große Halle. Genauer gesagt, in die Empfangshalle des Rates. Die letzten hundert Etagen wurden vom Familienrat, den engsten Mitarbeitern und einigen Angehörigen eingenommen. Hier wurden Entscheidungen von kosmischer Tragweite getroffen. Hier wurde ein ganzer Planet verwaltet, namentlich Planet Arogad, der vierte des Systems. Und begehrte Urlaubswelt, hatte ich mir sagen lassen.
Hierher kamen all die Naguad, Fremdweltler und Mitglieder anderer Familien, um mit den Arogad zu verhandeln. Im Moment war wirklich viel zu tun, die Halle brodelte geradezu. Die Kräfte an den Schaltern hatten alle Hände voll zu tun und die Wachen, die überall in Bereitschaft standen und die drei Expresslifte zur Spitze verteidigten, wirkten überspannt und nervös.
Mit Mutter voran schritt ich auf einen der Expresslifte zu. Die Wachen dort nickten und winkten mich durch. Es hatte seine Vorteile, mit dem Geist des Hauses unterwegs zu sein.
„Und?“, fragte Helen mich leise. „Wie geht es Yohko?“
„Das hast du mich gestern schon gefragt. Beinahe als erstes, schon vergessen?“
„Wie könnte ich jemals wieder etwas vergessen?“, hauchte sie ernst und senkte den Blick.
„Sorry. Ich habe nicht dran gedacht.“
Sie sah auf, lächelte mich an. „Schon gut, Akira. Es ist halt nur so, dass ich mich auch nach acht Jahren noch nicht dran gewöhnt habe, so zu existieren. Aber das ist immer noch besser als im Koma dahin zu driften.“
„Es geht ihr gut. Sie ist seit drei Jahren mit Yoshi Futabe zusammen.“
Das Hologramm runzelte die Stirn. „Yoshi Futabe? Der kleine blonde Futabe, der immer zum spielen rüber kam? Geht es ihm gut? Oder hat Eikichi schon versucht ihn umzubringen?“
Ich prustete lachend als ich das hörte. „Oh, ein- zweimal hat Eikichi es versucht. Aber eher halbherzig. Ich glaube, er ist mit Yoshi ganz zufrieden. Aber ich finde ja auch, dass sie gut zusammen passen, die zwei.“
„Hast du ihn denn leben lassen?“, fragte Mutter mich schmunzelnd.
Beteuernd hob ich die Hände. „Er ist mein bester Freund, der mir bis in die Hölle folgen würde. Ihm das Leben meiner Schwester anzuvertrauen ist mir sehr leicht gefallen.“
„So. Wann heiraten die beiden?“
„Mom, meinst du nicht, dass das noch etwas Zeit hat?“
„Findest du? Wenn man wie ich in einem Biotank liegt, künstlich am Leben gehalten und geistig vernetzt mit dem Hauscomputer, dann erscheint einem jede Sekunde, die man atmend, fühlend und schmeckend verbringen kann, als kurz und wertvoll. Wenn die beiden ihre Liebe vollführen sollen, dann…“
„Äh, Mom, sie tun es schon.“
„Tun was?“
„Die… Liebe vollführen. Seit ungefähr drei Jahren…“
Irrte ich mich oder wurde Mutters Hologramm rot. „Äh… Du meinst… Meine kleine Yohko? Mit Yoshi? Ohne verheiratet zu sein?“
Ich nickte knapp.
Verlegen legte sie eine Hand an die Stirn. „E-entschuldige, Akira, aber ich stamme aus den Zwanzigern. Wir waren damals schon ziemlich liberal, aber ich bin irgendwie immer konservativ gewesen. Um es mal auf den Punkt zu bringen, war dein Vater der Erste, mit dem ich…“
„Schon gut, so genau will ich es gar nicht wissen.“
„Was bist du denn plötzlich so peinlich berührt, Akira? Hätten Eikichi und ich nicht…“
„Schon klar, dann würde es mich gar nicht geben.“
Sie lachte leise. „Du klingst aber auch nicht sehr liberal, junger Mann.“
Ich zuckte die Schultern. „Wenn du meinst.“
Verlegen sah sie mich an. „Akira, sag mal, hast du schon… Ich meine, hast du…“
Ich spürte, wie ich rot wurde. Die Erinnerungen überfielen mich, Erinnerungen an den Sex mit Joan, an die vielen Nächte, die ich mit Megumi geteilt hatte, mein persönliches Paradoxon. Und mittlerweile ein Riesenproblem für mich.
„Ja, Mom, habe ich. Und ich werde es sicherlich irgendwann bitter büßen müssen.“
„Büßen? Wieso?“
„Das erkläre ich ein andernmal.“
Die auf gleitenden Fahrstuhltüren enthoben mich einer Antwort. Ich sah in eine riesige Etage hinein – und ich meine riesig.
Die transparente Decke wölbte sich in vielleicht zwanzig Metern über mir, und rund um die Außenwände waren Emporen aufgebaut, auf die man bequeme Sitzgelegenheiten aufgestellt hatte. Im Innenraum gab es Dutzende Nischen, in denen Konferenztische standen, davor und dazwischen, jeweils mit wirklich bequem viel Abstand, gab es weitere Sitzgelegenheiten, in dessen Tischen Kommunikationsgeräte steckten.
Ich trat hinaus, Mutter neben mir. Der Fahrstuhl befand sich im Zentrum, neben ihm zum Fünfeck angeordnet endeten vier weitere Schächte hier. Regionallifte, die nur in den obersten Etagen verkehrten.
Bei dreihundert Metern im Rund verloren sich die Konferenztische, die Erholungsmöglichkeiten und die kleineren Büros vollkommen, ebenso wie die anwesenden Naguad. Es waren wohl fast einhundert, aber sie verschwanden bei diesen Dimensionen vollkommen.
„Komm“, meinte Mutter und führte mich zu einem fast durchsichtigen Treppenaufgang. Eine vier Mann starke Ehrenwache in der Uniform der Arogad-Familie stand dort parat.
Die transparente Treppe führte über zehn Meter in die Höhe. Dort, im Zentrum der Kuppel, schimmerte ein allerletztes Stockwerk, dreißig Meter im Rund, vollkommen transparent und großzügig möbliert.
Mom nickte den Wachen zu. Die vier Männer nahmen Haltung an und salutierten ehrerbietig.
Halb erwartete ich, dass sie mich aufhalten würden, durchsuchen oder irgendwelche Ausweise verlangten. Aber die vier Männer, von denen einer mich an meinen Kumpel Marus Jor erinnerte, ließen auch mich anstandslos und mit einem Salut – den ich klassisch terranisch erwiderte – passieren.
Am Ende der Treppe kamen wir in einen Vorraum, in dem eine junge Frau saß. Erstaunt registrierte ich, dass sie Fioran-Blut haben musste. Die helle Haut und die grünen Augen gepaart mit den hellblonden Haaren sprachen da Bände.
„Helen Arogad. Danke, dass Sie Aris Arogad so schnell vorbei gebracht haben.“
Mom seufzte. „Übersetzt heißt das, bleib doch bitte draußen. Oder?“
Die Empfangsdame legte verlegen eine Hand in den Nacken. „Tut mir Leid. Meister Oren will ihn alleine sprechen. Ich würde dir gerne in der Zwischenzeit etwas anbieten. Starkstrom vielleicht?“
„Ich sollte dich mal unter Starkstrom setzen, Varel Guizo“, tadelte Mom mit eiskaltem Grinsen.
Ich räusperte mich vernehmlich, als es in den Augen der Fioran zu glimmen begann. Bevor dies zu einem längeren Schlagabtausch wurde, suchte ich besser mein Heil in der Flucht. „Wenn mich die Damen entschuldigen würden… Ich scheine einen Termin bei Meister Oren zu haben.“
Ich verbeugte mich leicht und ging dann auf die Tür des gigantischen Büros zu. Na ja, ging, es war mehr ein marschieren, weil ich dem vollkommen transparenten Boden nicht traute und mit dem Mut der Verzweiflung voran schritt.
Bevor ich die Tür erreichte, wandte ich mich um und meinte: „Mann, an so einem Arbeitsplatz sollten Frauen besser keine Röcke tragen, was?“
„Wieso nicht?“, fragte die Fioran irritiert. „Wenn jemand gucken will, dann lass ihn doch.“
„Äh, ja…“
Mit geröteten Wangen betrat ich das Büro. Und tauchte ein in eine andere Welt. Der Raum, die Atmosphäre, sogar das Glimmen der ersten Abendsterne, alles schien sich unterzuordnen. Alles schien sich respektvoll zu verneigen. Vor dem Mann, der am südlichsten Rand seines Büros stand und hinaus sah, auf die Sonne Nag, die gerade auf dem letzten Zehntel ihrer Bahn um Prime war.
„Transparenter Stahl, ungefähr zwei Meter stark. Zusätzlich verstärkt durch ein eingelassenes Sensornetzwerk, um Manipulationen und Beschädigungen aufzuspüren. In den letzten dreihundert Jahren wurde es einundneunzig Mal versucht, bis auf diese Etage zu kommen. Nur ein einziges Mal hat es einer geschafft. Bis in dieses Büro noch keiner.“
Der Mann wandte sich um, musterte mich streng. Oren Arogad war fast zwei Meter groß, breitschultrig und wie ich mir hatte sagen lassen, Admiral im Ruhestand.
Der große Mann sah mich aus seinen wässrig blauen Augen an. Seine Haare waren grau, aber er hatte noch einen vollen Schopf. Von seinen zweitausend Jahren konnte man locker tausendneunhundert abziehen, fand ich.
Unwillkürlich nahm ich Haltung an. „Sir. Akira Aris Otomo-Arogad. Ich melde mich wie gewünscht.“
Herrisch wischte der alte Mann mit der Rechten durch die Luft. „Das müssen wir abstellen, Aris. Du bist ein Arogad, kein Otomo.“
„Bei allem Respekt, Sir, aber ich bin was ich bin, und nicht das, was Sie wollen, dass ich bin.“
Sein strenger Blick wurde zwingend, versuchte mich niederzuringen. „Trotz verschafft dir hier keine Freunde, Aris. Du hast noch einen weiten Weg, bevor du dich als vollwertiges Mitglied des Hauses Arogad betrachten kannst. Und du solltest es dir dabei nicht mit dem mächtigsten Mann des Hauses verscherzen.“
Ich spürte die Bedrohung, die von Oren Arogad ausging, als wäre es eine sichtbare Flutwelle, die alleine mich zum Ziel hatte und über mir zusammen schlug.
„Mit Verlaub, Sir, aber Sie gehen davon aus, dass ich ein Arogad werden will. Das ist falsch. Alles was ich will ist, hier so schnell wie möglich zu verschwinden und nach Lorania oder der Erde zurückzukehren.“
„Du willst was?“ Ungläubig sah der Naguad mich an. „Du willst auf diese Provinzwelten zurück? Wenn du Prime haben kannst? Wenn du Arogad haben kannst? Was bist du doch naiv.“
Wut brodelte in mir. „Und wennschon. Die Heimat ist da, wo das Herz ist. Und Naguad Prime hat mein Herz nicht gerade erobert. SIR!“ Das letzte Wort hatte ich laut und bitter gezischt.
„Ich kann mich nicht erinnern, dir diese Wahl gelassen zu haben, Aris“, zischte der Alte zurück. Langsam kam er auf mich zu. „Und du scheinst auch nicht im klaren zu sein, dass auf dich eine Anhörung wartet, die über dein Leben entscheidet.“
„Wollen Sie mich bestechen, Sir?“, fragte ich geradeheraus.
Oren blieb stehen, fixierte mich erneut. „Hat dir Helen nichts gesagt?“
„Was? Das sie nach dem Autounfall im Koma lag und keine Chance hatte, jemals daraus zu erwachen? Das Aris Taral sie nach Naguad Prime zurück brachte, um ihr wenigstens diese Form von Leben zu geben? Ja, das hat sie.“
„Nein, das meinte ich nicht, Aris. Hat sie dir nicht gesagt, wer du bist?“
Abfällig schnaufte ich. „Ich bin ein halber Mensch. Mein Vater ist Eikichi Otomo. Die andere Hälfte setzt sich aus Eris Arogad-Erbgut und Michaels Fioran-Erbgut zusammen. Sagt das nicht genug darüber aus wer ich bin?“
„Verdammt, Aris, du bist mein Großenkel!“
Für einen Moment glaubte ich, man würde mir den Boden unter den Beinen wegziehen. Tatsächlich landete ich hart und schmerzvoll auf meinem Hintern. Der transparente Boden war definitiv da – und hart. „Was?“
„Helen ist meine Enkelin. Und du bist ihr erstes Kind. Du bist mein direkter Nachfahre, Aris. Damit bist du Anwärter auf einen Platz im Rat der Arogad, vielmehr Anwärter auf das Amt des Vorsitzenden. Oder um es mal in deiner primitiven menschlichen Ausdrucksweise auszusprechen: Du sitzt auf einem Schleudersitz, der dich auf meinen Job katapultieren kann, Aris Arogad!“
„Heilige Scheiße.“ Ich fühlte wie mir schwindlig wurde. Ich hatte den Turm gesehen, die Stadt drum herum. Den Empfang am Raumhafen. Die… Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Du bist mein Erbe, Aris, solange Helen in diesem Tank bleiben muß. Und es sieht nicht so aus, als würde sich das in den nächsten tausend Jahren ändern.“
Er setzte sich an seinen Schreibtisch, drehte sich zur Seite und musterte die Sterne.
„Ehrlich gesagt möchte ich, dass jemand aus meiner direkten Linie diesen Posten übernimmt, für eine gewisse Zeit oder die nächsten tausend Jahre. Eri ist nicht da. Helen in einem Tank gefangen. Bleiben nur noch du und deine Schwester Jarah.
Ich weiß nicht, ob du oder Jarah das Haus so gut führen könnten wie ich es getan habe. Und ich weiß, dass es sehr fähige Leute im Rat gibt, die diesen Job wirklich gut können und auch dazu bereit sind. Aber ich will nicht der Erste in der Erblinie der Hauptfamilie sein, der das Amt nicht an einen direkten Nachfahren weitergibt. Seit dem Vorallan-Massaker waren es immer direkte Arogad auf diesem Posten.“
Ich rappelte mich wieder hoch, kam auf die Beine. „Moment, noch mal zum mitschreiben. Du bist mein Urgroßvater? Und du willst, dass ich diesen Schuppen hier leite?“
Oren schmunzelte. Es war das erste Mal, dass ich solch eine Regung bei ihm sah. „Den Schuppen, die ihn umgebende Stadt, den Nachbarplaneten, die Kolonien und die Operationen des Hauses Arogad in fünf Systemen, die Wirtschaftskraft und die Militärmacht. Kurz gesagt: Das mächtigste Haus des Imperiums. Den größten Unterstützer für Militär und den Rat. Den besten Schutz gegen die Iovar.“
Oren erhob sich wieder, kam um den Schreibtisch herum. „Das ist das, was Oren Arogad von Aris Arogad erwartet. Und Aris Arogad wird das auch erfüllen, darauf kannst du dich verlassen.“
Er ging auf mich zu, bis er direkt vor mir stand. Dort wich die grimmige Miene aus seinem Gesicht. Der alte Mann sah mir in die Augen, während er eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischte. Spontan riss er mich an sich und drückte mich fest.
„Und jetzt spricht einmal Oren Arogad, dein Urgroßvater. Willkommen Zuhause, Aris. Wie lange habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Ich hätte längst eine Expedition ausgerüstet und nach dir suchen lassen, nach dir und Jarah, aber Helen meinte, ihr würdet schon von alleine kommen.“
Er hielt mich ein Stück von sich. „Lass dich ansehen. Du bist so groß. Und deine Aura ist so ausdrucksstark. Du bist auch ein AO-Meister, habe ich Recht? Und, laufen dir die Frauen nach? Bei einem Burschen wie dir. Oder ist dieses Sternchen deine Freundin? Ein nettes Mädchen, wirklich. Ich habe heute Morgen mit ihr gesprochen und…“
„Moment. Du hast mit Joan vor mir gesprochen?“
Verlegen sah der Mann, der mir vor einer knappen Minute noch als herrischer, unnahbarer alter Mann erschienen war, zur Seite. „I-ich musste üben. Ich hatte Angst, dir in die Augen zu sehen. Verzeih einem alten Mann, dem die Aufregung zu schaffen macht.“
„Meister Oren, sie ist jetzt hier“, erklang die Stimme der Vorzimmerdame im Raum und beendete für meinen Uropa den peinlichen Moment.
„Ist gut, Guizo. Du kannst sie und Helen nun einlassen. Wir hätten gerne Zuma, und dazu leichtes Gebäck. Wir haben uns viel zu erzählen.“
„Ja, Meister Oren.“
Die Tür glitt auf, und Mutter kam zusammen mit Joan Reilley herein.
Oren deutete auf eine bequeme Sitzecke, direkt an der Südwand des Büros. „Kommt, Mädchen, nehmt Platz. Es gibt einiges, was ich Aris und Joan erzählen muß. Damit er versteht, wie wichtig es ist, dass er meinen Platz einnimmt.“
„Gibt es dazu wieder Zuma, Onkel Oren?“, fragte Joan mit leuchtenden Augen.
„Natürlich, mein Schatz“, erwiderte der Anführer der Arogad schmunzelnd. „Ich habe doch gemerkt, wie gut dir der Tee schmeckt.“
Mit leuchtenden Augen sah sie zum fast zwei Meter großen Mann auf. „Oooh, Onkel Oren, du bist so gut zu mir.“
Uropa hüstelte verlegen, als Joan zur Sitzgruppe ging. „Wickelt sie alle so leicht um den Finger?“
„Die meisten“, erwiderte ich schmunzelnd. Wobei ich nicht eine Sekunde daran zweifelte, dass ihre leuchtenden Augen tatsächlich aus ihren Gefühlen entsprungen waren.
2.
Es war das Jahr Dreitausendeinhundertsieben nach Kolonisierung. Oder auch 3107 nK genannt. Die neun großen Familien gab es schon, sie stellten zu gleichen Teilen den Rat, wenngleich die Fraktion der Familienlosen und Söldner immer größer wurde. Es würde nicht mehr lange dauern, und diese Naguad würden ebenso ihren Sitz im Rat verlangen, wie es die großen Familien so selbstverständlich taten.
Dieser Gedanke gefiel Oren Arogad irgendwie. Auch wenn dies weniger Macht für seine Familie bedeutete, so würde die Bindung der Familienlosen an das Imperium enger werden. Und damit würde ihre Bereitschaft, ihr aller Leben zu verteidigen, größer werden.
Schweigend sah Oren das tiefe Loch hinab. Die Strahlenwerte waren künstlich reduziert worden, sodass sich ein ungeschützter Mensch dem Rand nähern konnte, ohne den Tod zu riskieren. Aber länger als zehn Minuten durfte auch ein Oren Arogad hier nicht stehen, wenn er sich nicht einer langen Heilungsprozedur unterziehen wollte.
Der Krater hatte eine Tiefe von zweihundert Metern. Aber eine Weite von anderthalb Kilometern. Hier waren fast einhundert Naguad gestorben, vielleicht etwas mehr, wenn es in der Kleinstadt Besuch gegeben hatte.
Oren runzelte die Stirn. Ohne die mächtigen Schirmfelder des Fioran-Turms und ohne das beherzte Eingreifen der Neunten Flotte wären diese Dinger in der Hauptstadt eingeschlagen. Dann hätte es ein paar Millionen Tote gegeben.
Dennoch schmerzte ihn dieser Anblick. Tote Naguad waren tote Naguad. Von diesen hier blieb nicht einmal genügend übrig, um sie zu begraben.
Unwirsch wandte er sich wieder ab.
„Bericht!“, schnarrte er.
Luka Maric, sein Adjutant im Range eines Commanders nickte und trat neben ihn. „Die Neunte Flotte konnte die Raider der Iovar abdrängen, dreißig von ihnen zerstören.
Die restlichen achthundertsiebenundneunzig sind bereits auf der Flucht, aber die Zweite, die Zehnte und die Neunzehnte Flotte befinden sich auf Abfangkurs. Zudem wird die Siebte Flotte zurückerwartet. Voraussichtlich wird sie an einer Position das System erreichen, welche ihr erlaubt, ebenfalls Jagd auf die Raider zu machen.“
„Unsere Verluste?“ „Wir haben neunzehn Schiffe verloren, vor allem Fregatten und Zerstörer. Leider ist auch die KUMA in der Verlustliste. Sie hat sich in die Atomwaffen der Raider geworfen. Hätte sie das nicht getan, wären hier zwanzig Raketen eingeschlagen und nicht drei. Dann hätte auch der Schirm des Fioran-Turms nicht viel genützt.“
Oren dachte nach. „Bitte Logg Fioran um einen Termin. Ich will mehr über ihre Schirmtechnik erfahren. Und wenn wir sie teuer bezahlen müssen, ich denke, wir sollten sie Imperiumsweit einsetzen.“
„Notiert, Admiral. Beteiligen wir uns auf der Jagd nach den Raidern?“
„Was ist mit der Raumstation?“
„Die Orbitalplattform AROGAD I hat nur wenige Schäden erlitten. Ich dachte, ich hätte das bereits erwähnt.“
„Nein, hast du nicht“, erwiderte Oren ernst. „Was ist mit den anderen Planeten? Was ist mit den Umformern auf Arogad?“
„Der zweite Stoßkeil zielte wie wir wissen, auf den vierten Planeten Arogad, der dritte auf Daness. Die Abwehrriegel über beiden Welten hielten, die angreifenden Truppen waren nicht stark genug. Wir nehmen an, dass sie nur detachiert wurden, um weitere Truppen von Prime abzuziehen oder die dortigen Flotten zu binden.“
„Was sie ja auch geschafft haben. Das Ergebnis ist dieser Krater.“ Unschlüssig drehte sich Oren Arogad im gehen noch einmal um und betrachtete die hässliche Narbe inmitten der Landschaft. Neunzehn Schiffe, ein kleiner Ort, war das ein annehmbarer Preis für den abgeschlagenen Angriff?
„Wie geht es Jonn?“
„Ihr Sohn ist wohlauf. Sein Schiff, die BENST, wurde schwer beschädigt, erreicht das Dock aber aus eigener Kraft. Die Analytiker bestätigen Jonn ausdrücklich Tapferkeit und Wagemut.“
„Was übersetzt heißt, der Halunke ist wieder mal vorgeprescht, ohne auf die Sicherheit seines Schiffes oder eine stabile Formation zu achten.“
„Ja, so könnte man es auch sehen. Aber in diesem Fall war es ein Befehl von Admiral Conno Racus aus dem Haus Elwenfelt. Die Attacke des Kreuzers brachte die Raider-Linien in Unordnung und half so maßgeblich, den Raid auf Daness abzuwehren.“ Der junge Mann räusperte sich. „Mitne Daness hat sich bereits nachdrücklich bei Admiral Racus und bei Captain Jonn Arogad bedankt. Außerdem hat er bereits großzügige Unterstützung für die Hinterbliebenen der Toten versprochen.“
Sie erreichten den wartenden Gleiter. Zwanzig Wachsoldaten umstanden ihn in offener Phalanx und trugen ihre Gewehre entsichert. Iovar waren nicht dafür bekannt, dass sie sich lebend fangen ließen. Aber das sie bis zur letzten Sekunde kämpften und notfalls so viele Gegner wie möglich mit sich in den Tod rissen. Es hatte genügend Schiffe der Raider erwischt, um vermuten zu lassen, dass sich ein paar hatten auf diese Welt retten können. Grund genug, um die Sicherheit für den Admiral und Angehöriger des Rates der Arogad-Familie maßgeblich zu erhöhen. Egal wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass einer der Raider-Piloten ausgerechnet hier auftauchen würde.
„Haben wir Gefangene?“, fragte Oren, einer Eingebung folgend.
„Drei hirnlose Drohnen, die wir daran hindern konnten, sich selbst zu töten. Dazu dreiundvierzig Leichen. Einen echten Iovar haben wir bisher nicht erwischt.“
Oren runzelte die Stirn, als er in den wartenden Gleiter einstieg. Zwei Schwebepanzer erhoben sich rechts und links von dem gepanzerten Wagen und nahmen ihn zwischen sich. Die Infanterie zog sich geordnet zurück und bestieg einen Mannschaftstransporter.
Als Luka Maric als Letzter einstieg, setzte sich die Kolonne in Bewegung.
Die Fahrt in die Hauptstadt war kurz, viel zu kurz. Es bereitete dem Arogad erhebliches Magengrimmen, dass nur ein paar lausige Landmeilen gefehlt hatten, um das Zentrum des Imperiums zu treffen.
Der Angriff hatte sie wieder einmal überrascht. Ebenso wie die Vehemenz, mit der er geführt worden war.
Die Ziele dieses Angriffs waren zweifellos die orbitalen Plattformen und die Bevölkerungszentren gewesen. Die Iovar hatten sie da treffen wollen, wo es wehtat. Und es wäre ihnen auch gelungen, zumindest erhebliche Verwüstungen anzurichten, wenn nicht ein ziviler Frachter einige Stunden vor den Raidern ins System gesprungen wäre, um von der sich sammelnden Streitmacht zu berichten.
Der nächste Schritt würde es sein, nach Logar ins Nachbarsystem zu springen und der dortigen Garnison beim aufräumen zu helfen, falls es sie noch gab. Die Iovar neigten nicht gerade dazu, Zeugen oder lästige Hindernisse zurück zu lassen.
Oren detachierte in Gedanken dafür fünf Flotten. Drei Flotten, die er per Kurier zu Beginn der Angriffe in Heimatsystem beordert hatte, zwei der Flotten, die gerade erst das Kerngebiet um die Welten erreichte. Die vier Flotten, welche versuchten, die Iovar-Raider zu stellen, würden nach dieser Schlacht erst einmal die eigenen Wunden lecken müssen. Ein Raider-Schiff war technologisch überlegen, und im Verbund waren die nervigen Zecken brandgefährlich.
Nur diesem Frachter, nur einem einzigen beherzten Kapitän und seiner mutigen Crew verdankten sie das Wissen um die Bedrohung, und einen Vorteil von einigen Stunden, um die Flotten im System auf Verteidigungsposition zu bekommen und in den Orbit der Planeten zu ziehen.
Oren Arogad gedachte, den Kapitän und die Mannschaft der JOFUR ausdrücklich zu belobigen, falls der schwere Frachter noch existierte. Das wusste Oren leider im Moment nicht. Zu turbulent waren die letzten Tage gewesen.
Sie erreichten die Stadt, fuhren in die Straßen der Koromando-Stadt ein. Darauf folgten mehrere Viertel Familienloser, die sich nie verpflichtet hatten und es voraussichtlich auch nie tun würden. Warum von Naguad zweiter Klasse zu Naguad Dritter Klasse in einer Familie absteigen?
Oren verstand diese Einstellung. Aber er sah auch das Problem, dass die Zahl der Familienlosen immer größer wurde.
Die heutige, hastig einberufene Sitzung des Rates würde zu weit mehr führen, als den abgeschlagenen Angriff der Iovar zu besprechen.
Der Tagungssaal des Rates war ein flacher Bunker im exakten Schnittpunkt der neun Türme der neun Familien. Genauer gesagt ein unterirdischer Gebäudekomplex in achthundert Metern Tiefe. Der angeblich sicherste Ort auf diesem Planeten.
Die kleine Kolonne stoppte vor dem Bunker, die Panzer und der Infanterietransporter glitten auf Ruheflächen zu einer der zahlreichen Kasernen. Die Mannschaften würden hier eine warme Mahlzeit, eine Mütze Schlaf und eine Dusche bekommen, während für Oren und seinen Adjutanten noch lange kein Feierabend sein würde.
Der Schweber fuhr ein, erreichte einen Fahrstuhl, der das Fahrzeug in die Tiefe brachte.
Auch hier hatten die Ausmaße gigantische Dimensionen, sodass sie den Schweber weiterhin benötigten.
Nach diversen Sicherheitschecks ließ man sie ein in eine gigantische Kaverne, die dreimal so stark verstärkt worden war, wie die Statiker es empfohlen hatten, um einem Angriff mit der schwersten Bombe der Raider zu überstehen.
Eine künstliche Sonne hing an der Decke, weite Parklandschaften erschufen zusammen mit einem holgraphischen Himmel die Illusion, nicht achthundert Meter in der Tiefe des Erdmantels zu sein. Die kleine Stadt im Herzen beherbergte weitere Truppen, Verwaltungsgebäude und das Ratshaus.
Vor diesem Gebäude hielt der Schweber an. Oren Arogad und Luka Maric verließen den Schweber, gingen die letzten dreihundert Meter zu Fuß. Die Presse erwartete sie schon, insbesondere natürlich Admiral Arogad, der maßgeblich die Abwehr der Raider geplant und ausgeführt hatte.
Dutzende Rufe und Fragen erklangen, die Oren aber abtat. „Kein Kommentar. Warten Sie die offizielle Presseerklärung ab.“
Nachdem sie das Ratshaus betreten hatten und die Türen hinter ihnen zufielen, entspannte sich Oren sichtlich. Und erstarrte, als er bemerkte, dass in den Gängen zum eigentlichen Ratssaal mehrere hundert Naguad standen und sie beide anstarrten. Nein, korrigierte er sich. Sie starrten ihn an, Oren Arogad.
„Hm“, kommentierte der Admiral und setzte sich in Bewegung.
Er passierte die ersten Naguad, die wie in einem Spalier aufgereiht schienen. Als er mit Luka elf, zwölf Meter weit gekommen war, hörte er hinter sich leises Klatschen. Das Geräusch wurde lauter, schneller, schien wie ein Lauffeuer nach vorne zu schnellen und umhüllte die beiden Naguad. Während Oren mit seinem Adjutanten weiter voran ging, explodierte die Stimmung, es wurde gejubelt und begeistert gepfiffen.
Als die beiden den Saal erreichten, erwartete sie dort ebenfalls Applaus. Die Abgeordneten, Mitarbeiter und Ratsmitglieder hatten sich erhoben und klatschten.
Verlegen steuerte der Admiral seinen Platz am Tisch des Rates an. Er ließ sich dort nieder, aber der Applaus wollte nicht enden. Also erhob er sich und salutierte streng und exakt.
Erst dann verebbte das Geräusch nach und nach.
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