PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Beyonder: Für die Erde


Ace Kaiser
11.12.2005, 16:26
Beyonder: Für die Erde

Prolog:
Eine kleine Gemeinschaft Menschen wurde aus ihrem bisherigen Leben gerissen und auf einem fremden Planeten ausgesetzt. Bewaffnet mit einer überragenden Technologie, die allem weit überlegen ist, was die Menschheit bis zu diesem Moment kannte, müssen sich normale Menschen ohne militärische Ausbildung einem Feind stellen, der nur ihre totale Vernichtung im Sinn hat.
Lediglich Alex Tarnau, ein deutscher Reserveoffizier, versucht in diesem Chaos die Ordnung zu finden und so viele Menschen wie möglich zu retten.
Anfangs sind es zwanzigtausend Menschen, deren Heimatländer fast alle Länder der ersten und zweiten Welt auf der Erde umfassen, doch je mehr Alex Tarnau und seine Gefährten über ihre Situation erfahren, desto größer wird diese Zahl.
Alex Tarnau erfährt von Herold L´Tark, einem Mitglied des Volkes der Schöpfer, welches sie alle entführt hat, wer ihre Gegner sind, warum sie gegen diese kämpfen sollen – und warum die ausgebildeten Soldaten, die zuvor gegen den Feind, die Varni, gekämpft haben, versagten.
Die kleine Gemeinschaft, die sich Beyonder nennt, tritt gegen die Varni an, tritt gegen die Soldaten an und stellt sich dann dem ultimativen Feind, einer ganzen Flotte mit Varni-Soldaten. Zu diesem Zeitpunkt umfassen die Beyonder bereits fast alle einhunderttausend Menschen, Zivilisten wie Soldaten, die von den Schöpfern auf dieser Welt ausgesetzt worden waren.
Die Menschen um Alex Tarnau siegen und erobern den Großteil der Flotte des Admirals Porma el Tars. Und sie müssen sich erneut einer schockierenden Erkenntnis stellen. Es gibt neun weitere Welten, auf denen entführte Menschen ausgesetzt wurden und kämpfen müssen.
Diese zu finden und zu vereinen ist nun das wichtigste Ziel der Beyonder, bevor der nächste Schlag der Varni sie alle auslöscht.



1. Verzweiflung

„Zusammenbleiben!“ Kevin Duvalle schrie die Worte regelmäßig, und bisher schienen sie Wirkung zu zeigen. Die Phalanx aus weißen Rüstungen stand noch immer – trotz des Beschusses durch die Kampfpanzer in Form von Raketen und Granaten. Trotz der immer größer werdenden Zahl an Ausfällen, die in das Innere des Quadrats getragen wurden, welches die noch fünfhundert Rüstungen bildeten.
Sie waren eingekreist, überrumpelt und hatten keinerlei Chance auf einen Ausbruch. Der Gegner, die Varni, waren ihnen zudem achtfach überlegen.
Gewiss, die weißen Rüstungen waren besser bewaffnet, schneller und agiler. Aber das nützte ihnen in dieser Falle herzlich wenig.
Nachdem Kilgore gefallen war hatte sich Kevin ein Herz gefasst und aus der Not eine Tugend gemacht. Niemand hatte ihn gewählt, niemand hatte jemals auf ihn gehört, aber als das Chaos am Größten gewesen war, da war seine Stimme die lauteste gewesen.
Nun standen sie hier, auf einer Hochebene, festgenagelt, von allen Seiten umringt und schwerem Beschuss ausgesetzt.
Sie bildeten ein Viereck von knapp dreißig Metern Seitenlänge. Die Schützen bildeten drei Reihen á dreißig Mann und warteten auf seinen Feuerbefehl. Im Quadrat warteten gut hundert Rüstungsträger, um die Plätze derer einzunehmen, die ernsthaften Schaden hatten einstecken müssen. Die Schreie der Verwundeten klangen sogar über den Kampflärm bis zu ihm herüber, während einige Gewitzte versuchten, die halb zerstörten Rüstungen zu zerlegen, um andere wieder gefechtsklar zu kriegen.
Kevin machte sich nichts vor. Ihre Gegner, die Varni, würden keine Gnade gewähren. Sie würden jeden und alle töten, die sie antrafen, egal ob sie in Rüstungen steckten oder nur das schwarze Unterfutter trugen.
Er selbst hatte es erlebt. Einmal, zweimal, immer wieder.
Als sie dann mitten in dieser Savanne festgenagelt worden waren, als ihr gewählter Anführer gestorben war, da hatte sich Kevin an seine Schulzeit erinnert. Es war ausgerechnet eine Lektion über den Zulu-Aufstand in Südafrika gewesen, bei dem gut hundert gut ausgebildete Infanteristen gegen das Zehnfache an afrikanischen Kriegern hatten antreten müssen. Gute Taktik, überlegene Waffen und eiserne Disziplin hatten den meisten Soldaten das Leben gerettet, während der Tod Roulette spielte und Leben ohne jedes Muster nahm.
Beim letztendlichen Sturmangriff auf die geschlossene Front waren die Zulu-Krieger schließlich abgeschlagen worden, einmal, zweimal…

Genau dies imitierte er hier gerade. Eine stabile Front, eiserne Disziplin, in manchen Fällen aber eher wohl reine Angst und die Erkenntnis alleine verloren zu sein, sowie Geduld. Eiserne Geduld, während Menschen starben. Menschen, die auf ihn gehört hatten, die nun diese Phalanx bildeten, anstatt weiter kopflos zu fliehen. Doch genau bei dieser Flucht wären sie noch verletzlicher gewesen. Noch viel mehr wären gestorben, vielleicht sogar alle.
Kevin hatte diese Formation aus dem Nichts gestampft, ebenso drei Rüstungsträger, die er kurzerhand für die anderen drei Seiten verantwortlich gemacht hatte, damit die Reihen hielten.
Wieder erklang Olav Petersons Synthesizer und imitierte eine Trillerpfeife. Der Mann war in den zwei Stunden, die dieses Debakel nun schon dauerte, enorm gewachsen und hielt seine Reihen gut geschlossen. Die Trillerpfeife war weit über den Schlachtlärm zu hören und erinnerte die Männer und Frauen daran, nicht alleine zu sein.
Dennoch. Kevin wusste wie es weitergehen würde. Sobald die Varni glaubten, seine Truppe gut genug zusammen geschossen zu haben, würden sie mit Panzern und Infanterie direkt angreifen. Und wenn dann eine Seite des Quadrats nachgab, waren sie alle verloren.

Übergangslos endete das Sperrfeuer. Kevin erweiterte die Reichweite seiner Ortung um das Zehnfache und erkannte den Grund. Die Picker-Panzer begannen sich zu formieren, während die Bully-Panzer neue Positionen einnahmen. Die kleineren Picker würden nun sicherlich bald angreifen, während die Bullys noch einmal Sperrfeuer geben würden, bis die Picker die Rüstungen erreicht hatten.
„Bereit machen!“, rief Kevin laut. Er hoffte, dass seine Stimme nicht wirklich so entsetzlich quiekte, wie er es selbst empfand.
„Bereit machen!“, kam es von Olav herüber, begleitet von der obligatorischen Trillerpfeife.
„Bereit machen!“, kam es jetzt auch von Samantha Gordon und Sergej Jelzin.
Kurz regte sich Unruhe in den Reihen, doch als die ersten Raketenwerfer aus den Armen ausfuhren war dies wie ein Beruhigungsmittel für die Leute. Die drei Reihen standen, während Helfer die Feuerpause nutzten, um weitere Verletzte nach innen zu holen.
„Da kommen sie“, hauchte Kevin und hob den rechten Arm. Diese Geste war unnötig, jedermann würde ihn hören können, sobald er den Feuerbefehl gab. Aber er brauchte diese Geste. Er brauchte das Gefühl, wirklich etwas zu tun.
Sie hatten Minen aus den Beintaschen ausgelegt, alles was sie noch hatten. Auf sie würden die Panzer zuerst treffen – kurz bevor sie in Reichweite kamen, um die Flammer einzusetzen.
Die Flammer, diese furchtbaren Flammer…
Die Panzer ruckten an. Kevin wechselte auf Vergrößerung, sah die Picker, als wären sie zum greifen nahe. Und die Infanterie, welche sich zwischen den Panzern bewegte, sah die langen Kampfmesser aufblitzen. Dies wurde wirklich ihr letztes Gefecht. Und der, der zuletzt stand, hatte gewonnen.

Die Panzer rasten los, zugleich setzte der Beschuss wieder ein. Direkt neben Kevin explodierte eine Granate, warf zwei Rüstungen nach hinten. Sofort ersetzten zwei Mann der Reserve ihre Posten.
Über ihnen vergingen Dutzende Raketen in den Abwehrmaßnahmen der Rüstungen, mit die letzten, über die sie verfügten. Waren die verbraucht, konnten sie nur noch hoffen, die Raketen mit den Miniraketen abschießen zu können.
Dann explodierte die erste Mine, riss einen der Panzer vom Boden, warf ihn um.
Damit hatte er ein Signal gegeben, weitere Panzer liefen auf die Minen, gewitztere Panzerbesatzungen, die drei oder mehr Meter über dem Boden schwebten, wurden durch die Luft getrieben und rammten verbündete Fahrzeuge.
Aber bei zweihundert angreifenden Panzern, dazu drei-viertausend Infanteristen in den grünen Rüstungen machten zwanzig Ausfälle überhaupt nichts. Kevin konnte nur hoffen, dass die Varni damit aus dem Konzept gebracht waren und ihrem Angriff die nötige Härte fehlen würde, die sie letztendlich brauchen würden, um die Phalanx zu zerschlagen.
Kevin zoomte wieder zurück, sah erneut eine Mine hochgehen. Der betroffene Panzer explodierte, die eingelagerte Munition ging ebenfalls hoch.
Und dann… „FEUER!“, brüllte der junge Mann und riss den Arm herab.
Sofort feuerten seine Reihen zugleich ihre Waffen ab. Einige Panzer wurden Dutzende Male getroffen, gingen in Flammen auf, explodierten, während andere nur einen oder zwei Raketen abbekamen.
Wieder erklang die Trillerpfeife über den Lärm, die anderen schrieen Befehle.
„FEUER!“, brüllte Kevin erneut, und wieder schoss seine Phalanx, fügte den dreiundzwanzig zerstörten Panzern neun weitere hinzu.
Er wagte es nicht, auf dem Ortungsdisplay nachzusehen, wie gut sich die anderen Seiten schlugen. Wenn die Varni einbrachen, wenn sie von hinten attackierten, die schrecklichen Flammer einsetzten, dann ging es hoffentlich schnell.
„FEUER!“
Der Angriff der Panzer stockte, die Verlustzahlen erreichten die hundert. Brennende Wracks bedeckten den Boden vor Kevin. Die Infanterie, die nun fast in Feuerreichweite war, stockte, als die ersten Panzer abdrehten und zurückkehrten.
Jubel brach aus, als die Varni diesen Angriff aufgeben.
„DISZIPLIN!“, rief Kevin in den Lärm hinein. „Dies war erst der erste Angriff. Ihm wird ein zweiter folgen, ein dritter und so viele, bis sie entweder Nachschub kriegen oder wir vernichtet sind! Unsere einzige Chance ist es, sie bei jedem Angriff mächtig bluten zu lassen und dann im richtigen Moment auszubrechen, wenn sie müde und geschlagen sind! Es wird keine Verstärkung für uns geben, also haltet die Reihen geschlossen!“

Dies war der Moment, in dem aus der Ferne Donner herüber hallte. Kevin sah hoch in den Tageshimmel und erstarrte. Über ihnen schien ein neuer Stern zu stehen. Nein, ein Stern am helllichten Tage? Der zudem noch expandierte und schließlich verblasste?
Wieder erklang der Donner. Brachten die Varni eines ihrer Kampfschiffe für ein Bombardement in Position?
Zwischen seinen Leuten brach Unruhe aus.
„DISZIPLIN!“, blaffte Kevin wieder. „Sie wollen uns bombardieren! Und genau das ist unsere Chance! Wenn die ersten Granaten einschlagen, dann schnappt euch die Verwundeten und flieht in die Berge drei Kilometer nördlich von uns! In all den Explosionen, dem Staub und der Hektik werden sie uns nicht erwischen und in den Bergen sind wir ihnen überlegen! Macht euch bereit!“
„Ihr habt den Chef gehört, Leute! Nehmt die Verwundeten auf und nehmt an Rüstungen und Munition mit, was immer wir noch gebrauchen können!“, rief Peterson
„Chef?“ Für einen Moment war Kevin ehrlich verwirrt. Und noch viel verwirrter, dass niemand widersprach.

Die Panzereinheiten der Varni zogen sich weiter zurück, ebenso die Rüstungen. Nein, wenn Kevin genauer hinsah, dann… Was war bei den Varni los? Wieso diese Hektik, dieses Durcheinander?
Er musterte erneut den Himmel, schaltete seine Vergrößerung auf Maximum und erschrak beinahe zu Tode, als dieses riesige Ding auf ihn zugeschossen zu kommen schien!
Ein riesiger Transporter der Varni schoss beinahe direkt auf sie hinab! Doch Verstärkungen? Sollten sie mitten in der Phalanx abgeworfen werden? Konnte konzentrierter Beschuss den Transporter vernichten?
Die gigantische Maschine drehte ab, ging tiefer und öffnete die Frontklappe. Nach und nach fielen Panzer und Rüstungsträger daraus hervor. Kevin zählte mit und kam schnell auf die Zahlen zehn Panzer und fünfzig Rüstungen.
Was aber wesentlich bemerkenswerter war, das war die Tatsache, dass Panzer und Rüstungen unsichtbar wurden!
Hinter ihnen brauste ein weiterer Transporter heran, vollführte das gleiche Manöver. Ein dritter kam von den Bergen heran und entlud ebenfalls Truppen und Panzer.
All diese Maschinen und Truppen wurden unsichtbar. Und dann begann die eigentliche Schlacht, als die unsichtbaren Truppen die fliehenden Varni angriffen.

„Was ist denn jetzt auf einmal los?“, fragte Kevin verwirrt.
„Das kann ich Ihnen wohl am besten erklären, Kevin Duvalle“, erklang in seinem Helm eine fremde Stimme. Zugleich markierte sein Kommunikationssystem einen neuen Kontakt, der… über ihm war?
„Mein Name ist Alex Tarnau. Ich bin der Anführer einer Gruppe namens Beyonder, die gut hunderttausend Menschen wie Sie umfasst. Wir kommen von Zehn Steine, einer Welt im Nachbarsystem von Sommertraum. Und wir sind hier, um Sie zu retten.“
Diese so trocken hervor gebrachten Worte ließen den jungen Mann erstarren. Er fühlte, wie ihn grenzenlose Erleichterung erfasste, umhüllte und beinahe taumeln ließ. Seine Leute begannen zu jubeln, die Phalanx riss auf. Rüstungen fielen einander in die Arme.
Ein vierter Pendler kam herab, setzte direkt neben dem Quadrat aus Rüstungen auf.
Die Vorderklappe öffnete sich, Dutzende weitere Rüstungsträger in makellosen weißen Rüstungen kamen hervor.
Dazu schritt ein großer Mann in einer weißen Uniform mit Schirmmütze heran, begleitet von vier Rüstungen, die offensichtlich seine Leibwächter waren.
Der große Mann kam zielstrebig auf Kevin zu.
In der Rüstung war der junge Mann weit größer als sein Gegenüber, dennoch fühlte sich Kevin so klein, so entsetzlich klein.
Kevin ließ sein Visier auffahren, entriegelte seinen Helm und nahm Frontmaske und Hinterkopfschale ab.
Er machte sich klar, dass er mit seinen sechzehn Jahren und den eher kindlichen Zügen nicht gerade sehr beeindruckend wirkte. Manche hatten ihn auch schon mit einem Mädchen verwechselt. All das war ihm vor diesem Mann nun sehr peinlich.
„Ich bin Alex Tarnau“, sagte der Große freundlich. Er ließ seinen Blick über die Phalanx streifen, die sich nun langsam auflöste und auf ihn zukam. „Interessant“, murmelte Tarnau. „Doktor Stein, es gibt Arbeit für Sie.“
Mehrere Laster verließen nun den Pendler, fuhren bis an die Rüstungen heran. Dutzende Leute in den weißen Uniformen kletterten herab, liefen entweder zu den Verletzten oder begannen Fertigbauteile aufzustellen. Andere liefen zu den Panzern und suchten dort nach Überlebenden. Kevin erschrak fast zu Tode, als er einige Varni unter diesen Leuten erkannte. Auch unter Tarnaus Wache befand sich ein Varni, wie er feststellte.
„Sie sind Kevin Duvalle“, sagte Tarnau, und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass es eine Feststellung und keine Frage gewesen war.
Bevor Kevin antworten konnte, ließ Tarnau wieder den Blick schweifen. „Sehr gute Arbeit, junger Mann. Verdammt gute Arbeit.“
Übergangslos fühlte Kevin einen dicken Kloß in seinem Hals. Tränen schossen aus seinen Augen hervor und sein Körper fühlte sich an, als wäre er völlig taub.
„Sie haben diesen Leuten das Leben gerettet, wissen Sie das eigentlich, Kevin?“
Tarnau schmunzelte und legte dem jungen Burschen eine Hand auf die gepanzerte Schulter.
„Danke“, hauchte er.
**
Als Kevin erwachte, war Sommertraums Sonne bereits untergegangen. Er lag auf einem Bett, trug nicht mehr als sein Unterfutter. Über ihm hing eine schwach glimmende Lampe, durch das einzige Fenster konnte er die Sterne sehen. Einige von ihnen bewegten sich.
Er wollte sich erheben, aber seine Beine machten noch nicht mit.
„Ruhig, Großgruppenführer. Übertreiben Sie es nicht. Sie haben einen Schock.“
Die Beleuchtung flammte auf und enthüllte den Raum aus der Finsternis. Auf dem Nachbarbett saß eine junge Frau und musterte ihn interessiert. Sie trug die weiße Uniform wie Tarnau, aber jetzt wo er genauer hinsah, fiel ihm ein Unterschied auf. Tarnau hatte ein rotes Dreieck auf der linken Schulter. Diese Frau trug ein Quadrat auf der Schulter, von oben links nach unten rechts geteilt, die obere Hälfte war rot, die untere weiß. Darüber standen Schriftzeichen in der neuen Sprache, die Fern der Erde bedeuteten. „Fern der Erde, beyond Earth. Beyonder. Ach so.“
„Blitzmerker“, meinte die junge Frau schmunzelnd. „Aber der Chef hat mir schon gesagt, dass Sie was Besonderes sind, Großgruppenführer Duvalle.“
„Moment“, murrte Kevin und richtete sich erneut auf. Diesmal ging es besser. „Warum nennen Sie mich andauernd Großgruppenführer? Und wer sind Sie überhaupt?“
„Mein Name ist Amanda Stein. Ich bin die Chefärztin dieses mobilen Hospitals. Der Chef hat gesagt, ich soll Sie begrüßen, wenn Sie wieder wach sind. Ihre Leute machen sich schreckliche Sorgen um Sie und die schlimmsten Fälle sind versorgt, daher…“
„Meine Leute?“
„Wir haben bei den Beyondern ein bestimmtes System. Zehn bis zwanzig Rüstungen bilden eine Gruppe. Ihr steht ein Gruppenführer vor. Zwanzig oder weniger Gruppen bilden eine Großgruppe. Ihr steht ein Großgruppenführer vor. Großgruppenführer sind bei den Beyondern berechtigt, an der großen Versammlung teilzunehmen, wenn Sie so wollen unserem Parlament. Die Überlebenden Ihrer Großgruppe, vierhundertsiebenundachtzig Mann, haben sich uns bereits angeschlossen, soweit sie in der Lage waren zu sprechen und uns zu verstehen. Mit der Auflage, dass Sie sie weiterhin anführen. Damit sind Sie effektiv gerade zum Großgruppenführer aufgestiegen.“
„Sie… Sie wollen, dass ich… Was?“ Müde ließ sich Kevin wieder auf das Bett sinken.
„Sie müssen das verstehen. Sie haben Ihre Leute zusammengehalten und ihnen das Leben gerettet.
Tarnau und wir waren einmal in der gleichen Situation. Alles ging drunter und drüber und wir waren kurz davor ausgelöscht zu werden. Da mischte sich Tarnau ein und ordnete uns zu einem sicheren Rückzug. Sein Argument dafür, das Kommando zu übernehmen war, dass er der einzige war, dem etwas daran lag, dass wir alle heile aus der Scheiße wieder raus kamen.
Bei Ihnen ist es ähnlich. Sie haben den entscheidenden Befehl gegeben. Sie haben Ihre Leute geordnet. Sie haben sich zum Anführer aufgeschwungen, weil Sie diese Leute retten wollten. Was Sie auch geschafft haben.“
„Ich… ich bin gerade mal sechzehn Jahre alt!“, begehrte Kevin auf.
„Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen, bevor Ihnen das Sterben zuviel wurde“, erwiderte die Ärztin augenzwinkernd.

Sie warf Kevin eine der weißen Uniform zu. „Bitte duschen Sie in der Nasszelle dieses Krankenzimmers und ziehen Sie sich um, Großgruppenführer. Ihr Stellvertreter Peterson und Commander Tarnau erwarten Sie zur Nachbesprechung. Wir haben die Varni des Kriegstross von Johna el Noet vertrieben, aber jetzt kommt der schwierige Teil. Sie zu besiegen. Ihre Kenntnisse vom Gelände und von Kontakten zu anderen Gruppen werden dabei hilfreich sein.“
„Verstehe. Macht es Ihnen etwas aus, wenn Sie…“
Die Ärztin erhob sich. „Nicht, dass Sie etwas haben könnten, was ich noch nicht gesehen habe“, spöttelte sie milde. „Aber Privatsphäre wird bei uns Beyondern groß geschrieben.“
„Eines noch, Doc. Ich bin zusammengebrochen?“
„Leichte Erschöpfung. Nichts Ernstes.“ Die Ärztin lächelte ihn noch einmal an, dann verließ sie den Raum.
Kevin zog das Unterfutter aus. Wie er sich erinnerte zum ersten Mal, seit er auf Sommertraum erwacht war. Dann ging er in die Dusche. Himmel, eine Dusche. Wer waren diese Beyonder?
Wer war Tarnau?
**
„Sie treten hier gegen Ritter Johna el Noet an. Er befehligt den zwölften Kriegstross, einen von vier, die derzeit in dieser Region des Pes Takre aktiv sind. Aber nur zwei sind effektiv dabei, Schöpfer zu jagen und stellen sich dementsprechend uns Menschen von der Erde entgegen. Johna el Noet ist zurzeit in fünf Systemen aktiv, Sommertraum ist für ihn nur ein Nebenschauplatz. In zwei weiteren dieser Systeme, Goronkar und Ventris, befinden sich nach unserem Wissen ebenfalls Menschen. Ritter Porma el Tars Kriegstross wurde von uns auf Zehn Steine besiegt, er hatte nur ein System angegriffen, in dem sich Menschen befanden, war aber in acht weiteren aktiv gewesen.“
Alex Tarnau deutete auf die zwischen den Uniformträgern rotierende holographische Welt. „Konzentrieren wir uns aber vorerst auf unser hiesiges Problem. Sommertraum hat drei große Kontinente, die knapp zwanzig Prozent des Planeten bedecken. Epal liegt im Norden und hat fast ein Drittel der kontinentalen Gesamtmasse. Der Grossteil des Kontinents ist vom Packeis des hiesigen Nordpols bedeckt. Die Varni unterhalten hier eine planetare Werft, eine Garnison und diverse Fabriken.
Lokvor mit zwei Fünfteln der Gesamtgröße liegt im Süden, auf Höhe des Äquators. Hier unterhalten die Varni ihre üblichen Anlaufdocks für die vollautomatischen Hochseefabriken, die in diesem System die Hauptressource bilden. Das öde Inland ist reich an Mineralien und Erzen, welche die Varni abbauen.
Letztendlich kommt Groimar hinzu, ein länglicher Kontinent auf der Südhalbkugel, um die sich ein gewaltiges Inselarchipel schart. Ein stark vulkanisches Gebiet, in dem die Varni nicht aktiv sind. Was ich von Ihnen und Ihren Leuten wissen will, Kevin, ist: Wo sind unsere Leute? Es sollten rein rechnerisch einhunderttausend Menschen auf dieser Welt aktiv sein.“
Kevin erschrak. „So viele?“
„Ja“, sagte der große Schwarze neben Tarnau. Er war vor kurzem für die Besprechung eingeflogen worden. Er kommandierte die HEIMWEH, einen riesigen Schlachtkreuzer, der den Orbit von Sommertraum vorbehaltlos beherrschte und während der Schlacht zwei Fregatten vernichtet hatte. Außerdem gehörte er zu den Topleuten um Tarnau. „Zumindest waren es auf Zehn Steine hunderttausend. Und wir wissen von neun weiteren Welten, auf denen weitere neunhunderttausend Menschen von der Erde ausgesetzt worden sein sollen. Das macht rein rechnerisch einhunderttausend pro Welt.“
„Ich kann Ihnen nicht viel dazu sagen.“ Bedauernd hob Kevin die Schultern. „Als ich und die anderen hier vor sechs Wochen erwachten, waren die meisten Kämpfe schon zu Ende. Aber ich glaube nicht, dass wir mehr als fünftausend waren, nicht einmal mit den versprengten Soldaten der ersten Welle.“
Tarnau und Anderson wechselten einen kurzen Blick. „Wir hätten den Gnom ohne Ohren mitnehmen sollen“, sagte Andy grinsend.
„Ja, der hätte uns hier vielleicht weiterhelfen können. Kevin, haben Sie oder hatte eine andere Gruppe, von der Sie wissen, Kontakt zu den Schöpfern?“
„Die Soldaten haben von solch einem Wesen berichtet, dass sie Schöpfer nannten. Aber soweit ich weiß, ist es in den Kämpfen umgekommen. Es soll sogar auf diesem Kontinent passiert sein.“
Tarnau sah zu einem seiner Leute. „Doitsu. Mach deine Späher klar. Sucht den Kontinent mit Kurierbooten ab. Wir suchen nach versprengten Rüstungen, Varni und dem Leichnam des hiesigen Herolds.“
Tarnau sah wieder zu Kevin herüber. „Ich will Ihre Leistungen und Ihre Toten nicht schmälern und schmähen, aber stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, dass Sommertraum eher nebensächlich ist?“
„Keine Einwände“, sagte Kevin ernst. So sehr sie hier gelitten hatten, so hart die Kämpfe gewesen waren.
„Gut. Dann erteile ich Ihnen hiermit den Auftrag, jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt einzusammeln, Großgruppenführer Duvalle. Danach evakuieren wir alle Menschen nach Zehn Steine in Sicherheit.
Kevin, ich überlasse Ihnen meinen Override-Code. Sie begleiten Commander Furohata und treiben Ihre Schäfchen zusammen. Des Weiteren bilden wir weitere Teams, die auf den anderen Kontinenten suchen werden.“
„Verstanden.“
„Ach, eines noch. Was schätzen Sie, Kevin, wie viele Menschen wurden auf Sommertraum abgesetzt? Und wie viele sind bereits gestorben?“
Kurz dachte der junge Mann nach. „Wir waren knapp achthundert, als wir abgesetzt wurden. Viele wurden versprengt oder getötet, es scheint als hätten die Varni genau gewusst, wo wir abgeladen werden. Wir hatten sporadischen Kontakt mit anderen Funkkreisen auf diesem Kontinent. Grob über den Daumen gepeilt waren wir wohl viertausend, dazu sechs- bis achthundert ausgebildete Soldaten der Ersten Welle.“
Tarnau überschlug die Zahlen im Kopf. „Macht maximal zwanzigtausend für diese Welt.“
Anderson nickte zustimmend.
„Gut, dann lasst uns an die Arbeit gehen.“
„Ich hätte da aber noch eine Frage, Herr Tarnau“, meldete sich Kevin und wunderte sich über seine eigene Courage. Aber irgendwie fühlte er sich in dieser Runde nicht wie sechzehn. Nicht so sehr wie ein Kind oder ein Bursche, den man mit einem Mädchen verwechselte. „Was ist der Override-Code?“
Die anwesenden Beyonder begannen zu grinsen.
Tarnau setzte seine Schirmmütze auf, schmunzelte und trat an das Hologramm. „Aktivieren“, sagte er leise, und übergangslos erschienen überall auf der Welt neue Funkkreise. Zugleich erklang eine wahre Kakophonie von Stimmen, Flüchen und anderen Geräuschen aus dem Holoprojektor, allerdings gedämpft. „Das ist der Override-Code. Und wie Sie sehen, beschert er uns eine Menge Arbeit, Kevin. Frage beantwortet?“
Staunend starrte Kevin auf das Hologramm. „Wow. Ja, Ren. Na, dann wollen wir mal an die Arbeit gehen. Kommen Sie, Peterson.“
Der Schwede nickte und folgte Kevin aus dem Raum. „Ja, Chef.“
„An wen erinnert mich diese Energie nur?“, fragte Doitsu Furohata und unterdrückte ein Schmunzeln.
„Die Arbeit ruft, Herrschaften.“ Tarnau klatschte in die Hände. „Wir müssen hier eine Welt retten.“

2. Orientierung

Es schien eher eine beiläufige Geste zu sein, als Jaques Vaillard während eines Kraftwerktests hinter dem Pult von Charlene Watts stand. Den jungen Varni, der neben ihr stand und leise Anweisungen gab, konnte er jedenfalls nicht nervös machen.
Wie das Gros der Energiegewinnung der Varni basierte auch die der ODYSSEUS auf dem Prinzip der kalten Fusion. Die Reaktoren vollständig zu beherrschen war das wichtigste Ziel, welches die Menschen an Bord erreichen mussten. Und dies in jeder Situation.
Rimm da Ventor, der junge Chefingenieur des Schiffs gab leise seine Anweisungen, um Reaktor eins noch weiter auszureizen. Das Schiff befand sich gerade im Sprung von System zu System, große Mengen an Energie wurden nur beim Betreten des Zwischenraumes gebraucht, nicht während des Fluges oder dem verlassen des Zwischenraumes. Eine ideale Zeit zu experimentieren, wenn sie zugleich unangreifbar waren.
„Erhöh die Einspritzung um acht Prozent“, sagte da Ventor ernst. Ein unsicherer Blick des Varni traf Vaillard und Commander Lokk ar Syger, den Anführer des zwanzigköpfigen Varni-Kontingents an Bord. Doch Vaillard nickte nur knapp.
Während der kalten Fusion wurde das imitiert, was in jeder Sekunde im Herzen einer beliebigen jungen Sonne geschah, vier Wasserstoffatome wurden unter enormen Druck und Hitze zu Helium verbunden. Dabei wurde, um es burschikos zu sagen, nicht die Gesamtmasse der vier Atome verwendet. Der Rest zerfiel zu Energie. Energie, welche die Varni zu nutzen gelernt hatten. Nicht auf dem Umweg über ein kompliziertes Turbinen- und Pumpensystem, wie die Menschen dies in den Kernkraftwerken auf der Erde nutzten, sondern mittels Wandleranlagen, die diese Energie direkt nutzten und in das Schiff speisten.
Watts sah auf, als drei Alarmmeldungen zugleich auf ihrem Bildschirm erschienen. „Rimm?“
Der Chefingenier schüttelte in perfekter menschlicher Geste den Kopf. „Weitermachen.“
„Aye.“ Die junge Frau, die im Leben auf der Erde Physik studiert hatte, war bisher gut in ihrer neuen Rolle aufgegangen. Vaillard war gespannt, ob sie sich auch hier bewähren würde.
Erneut erschien eine Alarmmeldung, doch diesmal sah Charlene Watts nicht auf. Mit verbissenem Gesicht bediente sie das Steuerpult.
Bis sich eine große Pranke auf die Sensoren legte und die Einspritzung mit zwei Handbewegungen auf ein normales Niveau herunter fuhr.
„Ich denke, das Experiment kann an dieser Stelle beendet werden“, sagte der Chefingenieur ernst. Auf seiner Stirn stand feiner Schweiß. „Zwei Minuten länger, und der Reaktor wäre uns durchgegangen.“
„Die Maximalausbeute?“, fragte Vaillard knapp.
„Für zehn Minuten einhundertdreißig Prozent.“
„Wir hätten zwölf Minuten haben können, sehe ich das richtig?“
Der Chefingenieur wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Elfeinhalb. Maximal.“
„Gut“, schnarrte der Franzose. „Gute Arbeit, Ihr zwei.“

Vaillard winkte Lokk, ihm zu folgen und verließ den Maschinenraum.
„Das war ein exzellentes Beispiel dafür, wie gut unsere Leute schon zusammenarbeiten. Miss Watts war ohne weiteres bereit gewesen den Reaktor nach da Ventors Anweisungen hochzujagen, während da Ventor rechtzeitig eingegriffen hat, um eine Katastrophe zu verhindern.“ Sie kamen durch ein riesiges Schott, dass eindeutig auf Varni ausgelegt war. In Momenten wie diesem erinnerte er sich immer wieder daran, wo er sich befand und was seine Mission war.
„Sicher. Aber wenn da Ventor ein Spion des Pes Takre gewesen wäre, hätte er den Reaktor hochjagen können. Jeder meiner neunzehn Kameraden kann ein Spion sein. Mich inbegriffen, wenn Sie mir dieses Szenario verzeihen, Ren.“
Vaillard sah zu dem Riesen hoch und schluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, runter. Der Varni meinte es gut mit ihm und dem Schiff. Das nahm Jaques dankbar an.
„Ich werde es beherzigen.“

Sie gingen nebeneinander durch die Laufgänge des Zerstörers. An Bord waren neben den zwanzig Varni auch noch zweitausend Beyonder – Tarnau hatte sie in einer Aktion bei Nacht und Nebel im Hoffnungstal versammelt und anschließend unter größter Geheimhaltung auf die ODYSSEUS bringen lassen. Ihre Mission war klar umrissen: Die Erde finden und Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ihr die Technologie des Pes Takre und der Schöpfer zu vermitteln, damit sie in diesem feindlichen Universum nicht als neueste Kolonie des Riesestaates endete.
Dies wussten seine Leute. Als Jaques sicher gewesen war, sämtliche Wanzen des Pes Takre an Bord gefunden zu haben, hatte er sie in vollem Umfang über die Mission aufgeklärt. Die Reaktionen waren gemischt gewesen. Viele hatten sich darüber gefreut, die Erde aufsuchen zu können und sicherlich spielten nicht wenige mit dem Gedanken, Zuhause zu bleiben. Aber genauso viele hatten ein Problem mit der Mission, weil sie ihre Kameraden auf Zehn Steine hatten zurück lassen müssen.
Vaillards Befürchtung, der letzte an Bord zu sein, sobald sie die Erde erreicht hatten, schien sich nicht zu erfüllen.
Er und Lokk wurden ehrfurchtsvoll gegrüßt, während sie sich auf den Weg zur Zentrale machten. Die Verhältnisse waren nicht gerade beengt, aber nach drei Monaten Suche gingen ihnen langsam die Sportevents aus, um die Menschen von der Tatenlosigkeit abzulenken.

Als sie die Zentrale erreichten, setzte sich Vaillard sofort in den Kapitänssessel. Mittlerweile hatte er sich gut an die Übergröße gewöhnt, zwei dicke Decken hatten den Rest erledigt, damit er an die Kontrollen kam.
Als Varni hatte Lokk ar Syger natürlich nicht diese Probleme. Aber wenigstens verkniff er sich ein Grinsen, als Vaillard in den etwas zu hohen Sessel sprang.
„Wie lange noch, bis wir das System erreichen, Gerrit?“
Der Holländer sah auf. „Der Sprung dauert noch fünfzehn Minuten. Dann erreichen wir den blauen Riesenstern. Mit etwas Glück hat er einen weißen Zwerg als Begleiter. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es Sirius ist. Wir haben auch schon eine rote Riesensonne gefunden, die Beteigeuze im Sternbild des Orion sein kann. Ebenso einen großen offenen Sternhaufen, der die Hyaden im Stier darstellen kann. Mit ein wenig Glück müssen wir nur alle gelben Normsonnen in dreißig Lichtjahren Umkreis abklappern um die Erde zu finden.“
Vaillard verzog keine Miene bei diesen Worten. Die Erde tauchte in den Sternkarten der Varni natürlich nicht auf. Sonst wäre es ja einfach gewesen. Selbst der größte Teil dieser Region des Universums war nicht kartographisiert, geschweige denn erforscht. Lediglich einige markante Sterne und Sternhaufen, dazu der eine oder andere spektakuläre Nebel hatten Codebezeichnungen bekommen.
Als sie gestartet waren, hatte die Crew alles zusammengelegt, was sie über den Nachthimmel der Erde wussten. Was ihnen an Markantem über die Erde noch im Gedächtnis war. Dabei waren die Sternbilder nicht besonders hilfreich gewesen, denn um von der Erde ohne Hilfsmittel als Einzelstern identifiziert zu werden konnte eine Sonne locker fünfzig Lichtjahre entfernt sein. Die willkürlichen Sternbilder, welche die Sonnen dabei bildeten, taugten nur etwas auf der Erde. Kam man wie die Crew der ODYSSEUS von der anderen Seite, fing man quasi von null an. Fünfzig Lichtjahre bedeuteten aber auch, dass sich die Sterne leicht verschoben, sprich bewegt hatten. Im kosmischen Rahmen war der Unterschied zwischen auf der Erde gesehenen Position und tatsächlicher Position bei fünfzig Lichtjahren Entfernung zum Glück noch nicht so groß. Immer noch groß genug für Widersprüche. Probleme gab es erst bei tausend und mehr Lichtjahren.
Nach Sicht zu navigieren war jedenfalls ein ziemlich lustiges Unterfangen.
Deshalb hatten sie sich von Anfang an auf markante Sterne wie blaue und rote Riesen konzentriert, bestimmte Sternhaufen in kosmischer Nachbarschaft wie Hyaden, Plejaden und Praesepe. Danach hatte das große raten begonnen. Natürlich immer vorausgesetzt, sie befanden sich überhaupt im richtigen Spiralarm der Galaxis, den Orion-Arm.
Waren sie irgendwo anders, vielleicht sogar auf der anderen Seite der Galaxis, würde die Suche wertlos sein und ihnen blieb nur die Rückkehr. Und die Hoffnung, dass die Schöpfer Wort hielten – nachdem sie ihr erstes Wort gerade gebrochen hatten.
Aber wenn sie wirklich gerade nach Sirius sprangen, wenn diese Sonne wirklich von der Erde aus gesehen werden konnte, dann waren sie nur noch einen Katzensprung von ihrer eigentlichen Heimat entfernt.
Jaques betrachtete kurz den Varni im Sitz des Ersten Offiziers, wie der Riese mit reglosem Gesicht die Anzeigen der Schiffsfunktionen überprüfte. Er und Ritter el Tar sowie das Gros von seinen Kameraden hatten sich ergeben, ja, den Beyonder angeschlossen, wenn Vaillard das richtig verstanden hatte. El Tar als heimlicher Gegner des Pes Takre versprach sich eine Menge von der Zusammenarbeit mit Tarnau. Aber wie hilfreich würden sie einander sein? Konnten sie wirklich riskieren, im galaktischen Reich der Drei Völker einen Aufstand der Varni zu provozieren? Mussten sie nicht alles tun, um die Erde so weit es ging aus diesem bevorstehenden Feuersturm heraus zu halten?
Oder war es gerade das Richtige, das Reich zerbrechen, was bedeuten würde dass die Erde uninteressant wurde.
Und war es nicht auch das was die Varni eigentlich wollten? Sich gewaltsam von der Bevormundung durch das Pes Takre zu befreien?
Im Moment stimmten die Interessen von Porma el Tar und den Beyonder überein. Aber wie lange das so bleiben würde konnte Vaillard nicht sagen.

Das Schiff verließ den Zwischenraum nach Ablauf der fünfzehn Minuten am Rande des Systems. Die Ortungsabteilung nahm ihre Arbeit auf und versuchte, die ersten Fernanalysen und optischen Aufnahmen zu bestätigen oder zu widerlegen.
„Ergebnis, Ren!“, rief Karen Wolters aufgeregt. „Der Riesenstern hat einen weißen Zwerg als Begleiter!“
Vaillard fühlte sich von einem Moment zum anderen uralt und sehr, sehr müde. Zusammen mit der vielleichtigen Wega, der Beteigeuze und dem offenen Sternhaufen der Hyaden waren sie vielleicht wirklich fast Zuhause.
„Wir lassen den Sprungantrieb auskühlen“, befahl Vaillard ernst. Er erhob sich, kam zum Sternkartenholo in der Mitte der Zentrale. Er musterte sie und deutete auf einen blassen gelben Stern. „Danach sehen wir uns diese Welt hier an. Die Nachbarsonne könnte Alpha Centauri sein, wenn sie einen Begleiter hat.“
„Aye, Ren.“
„Ach, und geben Sie das Ergebnis im Schiff bekannt. Unter Vorbehalt, natürlich.“
„Unter Vorbehalt, Aye, Ren.“
Verdammt, war der Moment gekommen? Waren sie fast zuhause? Nun, bei dem was vor ihm lag, würde ihm die dreimonatige Suche schon sehr bald wie eine Erholungsreise vorkommen.
Drei Monate waren eine lange Zeit. Wie war es den anderen derweil ergangen? War die HEIMWEH bereits wieder aus der Werft oder blockierte sie immer noch Kapazitäten? Und würde der Herold etwas über die sechs Neubauten verraten, welche die Schöpfer in der Gigantwerft Stimme produzierten?
Wenn die ODYSSEUS nach Zehn Steine zurückkehrte, würde es überhaupt noch Beyonder geben?
Vaillards Backenzähne mahlten bei diesen Gedanken. Er machte sich wirklich Sorgen um die anderen.
Wenn er zurückdachte, wie argwöhnisch er Tarnau und seinen schnellen Aufstieg beobachtet hatte, wie er dagegen gearbeitet hatte, dass sich der Deutsche zum Alleinherrscher aufschwang, nur um festzustellen, dass Alex dies niemals vorgehabt hatte…
Und jetzt machte er sich wirklich Sorgen um diesen Mann.

Dabei sollten seine Gedanken eher bei seiner Familie sein. Er war fünfunddreißig, im besten Alter für einen Mann. Er wusste nicht, wie lange er wirklich von der Erde fort gewesen war, aber die Tage im Kampf und die dreimonatige Reise der ODYSSEUS konnte er ohne weiteres hinzurechnen. Was seine Frau wohl tat? Hatte Chloe noch Hoffnung, ihn jemals wieder zu sehen? Oder hatte sie etwas mit einem anderen Mann angefangen, Tierry zum Beispiel, der früher immer hinter ihr her gewesen war und nur unwesentlich ruhiger geworden war, seit Jaques und Chloe geheiratet hatten.
Ja, wenn sie zusammen Kinder gehabt hätten, ging es ihm durch den Kopf. Aber immer waren sein und Chloes Job vorgegangen, Karriere machen. Für Kinder war später noch Zeit. Zuerst die Selbstverwirklichung finden, so hatte er damals gedacht. Und er fühlte sich auch mit fünfunddreißig noch recht jung…
Warum hatte das alles passieren müssen? Warum ihm und Chloe? Und das Schlimmste war: Wieso tat ihm dieser Gedanke so weh, dass diese Entwicklung durchaus ihren Sinn hatte? Eine unvorbereitete Erde, die von den Varni überrannt und dann als neueste Kolonie des Pes Takre aufgenommen wurde, war das Letzte, was er wollte.
Und nicht nur er hatte sein Opfer gebracht. Eine Million Menschen hatten die Schöpfer entführt. Eine Million Einzelschicksale. Eine Million erfüllte Leben, quer über den Globus verteilt. Wieder mahlten seine Kiefer. War der Preis nicht doch viel zu hoch?
Was sollte er Chloe sagen, wenn er vor ihr stand? Was konnte er sagen, wenn sich herausstellte, dass bereits ein Jahr vergangen war und sie die Hoffnung aufgegeben hatte, ihn jemals wieder zu sehen? Was wenn sie glaubte, er hätte sich bei Nacht und Nebel davon gemacht, sie zurück gelassen? Seine Hände krampften bei diesem Gedanken. Was, wenn sie ebenfalls entführt worden war? Wenn sie irgendwo auf einer der zehn Welten in einer Rüstung steckte und gerade um ihr Leben kämpfte, während er in die falsche Richtung flog?

Jaques knurrte unwillig. Das half ihm, diese Gedanken abzuschütteln. Die meisten anderen Beyonder an Bord hatten nicht weniger Probleme als er, dazu kamen fast hunderttausend Menschen auf Zehn Steine, die ebenfalls Familie auf der Erde hatten, die nicht die Chance hatten, zu ihnen zurück zu kehren.
Alex Tarnau hatte harte Forderungen gestellt. Waren von der Erde, Kulturgüter und Postverkehr. Und er hatte sich durchgesetzt. Die Frage war nur, würden die Schöpfer auch tun, was die Beyonder verlangten?
Im Computer seiner persönlichen Gefechtsrüstung war eine Datei geladen, welche die Namen aller Beyonder enthielt, zusammen gestellt teilweise aus den Computerkernen von völlig zerstörten Rüstungen. Siebzehn Namen fehlten, um einhunderttausend zu erreichen, und es schmerzte Jaques, dass diese siebzehn für immer unbekannt bleiben würden. Gefallen auf einer fernen Welt ohne eine Spur hinterlassen zu haben.
Nun, er persönlich würde sehr schnell feststellen, ob die Schöpfer Wort gehalten hatten. Und er würde die Liste mit den Namen der Beyonder veröffentlichen, damit wenigstens die Angehörigen eines Zehntels Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten hatte.

Neun Monate, ging es ihm durch den Kopf. Neun Monate würden sie noch übrig haben, bevor die von Tarnau gestellte Frist auslaufen würde. Den Rückflug würden sie geradlinig nehmen können, mussten nicht von System zu System springen und konnten die gleiche Strecke in vielleicht einem Monat bewältigen. Blieben acht, in denen sie die Erde so gut es ging auf die Bedrohung durch die Varni vorbereiten konnten.
Und dies, ohne die Welt in einen Krieg zu stürzen. Wenn er an die Fähigkeiten der Rüstungen dachte, ja nur an die Fähigkeiten des nicht aufgerüsteten Zerstörers der Varni, den er kommandierte, wurde ihm angst und bange. Dazu kamen zweitausend Beyonder, die im Kampf gestanden hatten, die nur zu genau wussten, wie man eine Rüstung bediente.
Wie man effektiv in ihr kämpfte. Die sechstausend Rüstungen, die als Fracht mitfuhren, würden ebenfalls eine nicht unerhebliche Macht darstellen.
Manchmal kam er sich vor wie ein aztekischer Forscher, der den Sprung über den großen Teich geschafft hatte und nun mit Metallschilden und Metallschwertern zurückkehrte um zu rufen: Die Spanier kommen…
**
Die Schöpfer hatten Wort gehalten. Das musste sich Kurt Warninger immer wieder sagen, während vor ihm im Hoffnungstal neue Gebäude entstanden. Wieder einmal in der bewährten Kompaktbauweise der Schöpfer.
So nach und nach entstand eine richtige Großstadt, in der die einhunderttausend Menschen auf dieser Welt Platz finden konnten. Zugleich entstanden weitere Städte dieser Art, wie Kurt wusste. Auf jedem Kontinent würden sie wie diese hier in die Höhe wachsen.
Kurt sah nach links, dort wuchsen am alten Felsvorsprung, der ihnen zu Anfang als Wartungsplatz für die eroberten Panzer gedient hatte, riesige Hallen empor. Sie bestanden aus Segmenten, welche von Baumaschinen der Schöpfer zusammengesetzt wurden. In ihnen sollten fortan die Wartungen und sonstigen Arbeiten seiner Technikergruppe stattfinden.
Und Kurt wusste aus Lehrfilmen, dass eine der Hallen eine große Simulatoranlage beherbergen würde, in denen die Beyonder den Kampf in Panzern, Rüstungen und Schiffen trainieren konnten.
Dies war nun sein Reich.

„Ähem“, machte sich jemand hinter dem Australier bemerkbar.
„Natsumi“, stellte der ehemalige Anwalt fest, ohne sich umzudrehen. „Was kann ich für dich tun?“
„Du hättest dich ein klein wenig erschrecken können“, beschwerte sich die Gruppenchefin der Panzerabteilungen. Im Moment war sie dabei, eine Division an Wolf- und Rhino-Panzern auszubilden. Die Schöpfer hatten die aufgerüsteten Modelle der Varni-Panzer geliefert und Natsumi ersetzte nach und nach die mit Schöpfer-Technik hochgerüsteten Modelle gegen die erheblich leistungsfähigeren, kampfstärkeren Nachbauten.
Nun arbeitete sie daran, aus ihren Panzern eine noch effektivere Bodenkampfwaffe zu machen. Sie war Soldatin, und die Panzer schienen wie für sie gemacht worden zu sein.
Kurt Warninger fragte sich wie es wohl an Bord des Flaggschiffs gewesen war, als Natsumi mit einem aufgerüsteten Wolf-Panzer in den Gängen des Schiffes gekämpft hatte.
„Sicherlich ziemlich beengt“, murmelte er leise.
„Was?“
Warninger sah auf. „Hm? Oh, ich habe nur laut gedacht. Natürlich hätte ich mich erschrecken können, Natsumi. Aber dann hätte ich einen Herzinfarkt bekommen und du hättest deine Panzer selbst warten müssen.“
„Kurt“, tadelte Natsumi den Commander.
„Schon gut, schon gut. Gehen wir ein paar Schritte.“
Langsam gingen sie an den Hallen vorbei.

„Kurt?“
„Sprich, Mädchen. Du weißt, ich habe immer ein offenes Ohr für dich.“
Die junge Amerikanojapanerin senkte den Kopf, während sie sich langsam der Haltestelle der Antigravbahn näherten. Es gab noch nicht viele Streckenkilometer und noch nicht viele Haltestellen. Ein Strang der Bahn führte runter in die Savanne, der andere an die steinige Ostküste. Ziel der Konstruktion war es gewesen, die Anlandehäfen für die Hochseefabriken, das Hoffnungstal und die Farmen im Tiefland zu verbinden, um die Selbstversorgung der Varni weiterhin zu gewährleisten und die Wartungen und Kontrollen zu erleichtern.
Mit dem Raumhafen, der abseits der Berge entstand, würde hier ein bedeutender Umschlagplatz entstehen. Ein Ort, der die Beyonder und die Varni versorgen würde.
Natsumi Genda strich sich nervös durch ihr Haar. „Alex kommt zurück. Martha hat es gerade durchgegeben. Er ist mit der HEIMWEH ins System gesprungen.“
„Das sind gute Neuigkeiten. Dann sind die Aktionen auf Sommertraum schon beendet. War es das, was du mir sagen wolltest?“
„Was? Ja. Nein. Ich meine…“ Hilflos sah sie den Australier an.
„Mädchen. Was willst du? Ich bin Anwalt, Techniker und Seelsorger. Aber ich bin kein Gedankenleser.“
„Nenn mich nicht Mädchen. Ich kommandiere eine komplette Division Panzer.“
„Werde ja nicht patzig. Sonst kannst du dir die Wartung deiner kompletten Division Panzer in die Haare schmieren.“
„So habe ich es doch nicht gemeint, tut mir Leid, Kurt. Es ist nur, dass…“
„Himmelherrgott, warum sagst du Alex nicht einfach, dass du ihn magst? Oder hast du dich gleich richtig in ihn verliebt? Soll Jen vielleicht ihre Chance zuerst kriegen?“
Erschrocken blieb Natsumi stehen. „Kurt…“
„Was? Erzähl mir nicht, dass ich falsch liege. Sieh mir in die Augen und sag mir das es nicht stimmt, Mädchen. Ich bin schon zu alt und zu lange im Rennen, um manche Dinge nicht zu sehen. Und du hast eindeutig den Ich bin verknallt aber zu schüchtern-Blick.“
Kurt blieb nun auch stehen und wandte sich um. „Natsumi. Ich mag dich. Ich mag dich wirklich. Deshalb kann ich mir das nicht länger antun. Schnapp ihn dir oder vergiss es. Es sind genügend Kerle da draußen, einen zu vergessen fällt da nicht schwer. Ihm sein Leben zu widmen und seine Gefühle zu unterdrücken bringt es nicht. Denkst du, Jen macht das vielleicht?“
„Es ist unfair, das du mich und sie in die Rivalenrolle drängst“, antwortete sie matt.
„Ich dränge niemanden irgendwohin. Du weißt viel zu gut, wie sehr Jennifer Philips unseren lieben Anführer verehrt. Und glaub mir, es ist Alex aufgefallen.“
Der Australier kratzte sich am Kinn. „Im Gegensatz zu mir hat er keine Freundin oder Frau auf der Erde, der er treu sein will. Und er ist, soweit ich weiß, ein vollkommen normaler und gesunder Mann. Es ist durchaus möglich, dass er sich irgendwann eine Partnerin sucht. Wenn du diese Partnerin sein willst, Natsumi, dann würde ich mich ranhalten.“
„D-das ist doch kein Wettkampf!“, blaffte die Asiatin aufgeregt. „Und Alex ist nicht der Preis!“
„Oh doch, es ist ein Wettkampf, und Alex ist der Preis.“ Kurt zuckte die Achseln. „Aber wohl eher der Trostpreis.“
Der hagere Techniker wandte sich wieder um und ging zu einer der hinteren Hallen. Dort fand ein Großteil der Ausbildung am neuen Werkzeug statt, welches die Schöpfer ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Alleine die Nano-Brillen waren für jeden Mechaniker eine Delikatesse, für die er einen Porsche Carrera stehen lassen würde.
Man sagte, mit einer Nano-Brille konnte man einen Wolf komplett zerlegen und wieder zusammensetzen. Das war natürlich nicht ganz richtig. Man brauchte ein Team aus fünf Mann und eine Nano-Brille – Kurt hatte es selbst ausprobiert.
„Ist es denn richtig, in so einer Zeit an so etwas banales zu denken?“, klagte Natsumi.
Der Australier sah zu ihr zurück und grinste schief. „Seit ich hier bin, denke ich an meine Frau. Weil ich sie liebe. Und dieser Gedanke gibt mir Kraft. Ich stehe hier und leiste meinen Teil in diesem Krieg, damit sie ihr sicheres Leben auf der Erde hat. Und damit ich irgendwann zu ihr zurückkehren kann. Nein, Liebe ist garantiert kein banales Thema. Und wenn du nicht aufpasst, überrollt es dich und lässt dich mit leeren Händen zurück.“
Kurt trat vor die junge Frau und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Denk mal drüber nach, Engelchen.“
Verwundert rieb sich die Panzerkommandantin die linke Wange. „Warum klingt das bei dir nur so verteufelt einfach?“
„Kompliziert werden solche Sachen erst, wenn man sie kompliziert macht. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede.“ Er zwinkerte ihr zu und ließ sie stehen.
Natsumi Genda lachte leise. Aber das lachen wurde von Tränen erstickt, von ihren eigenen, konfusen Gefühlen und der Frage, die sie schon seit Wochen marterte: War sie nur fasziniert von Alex Tarnau oder liebte sie ihn wirklich? Wenn sie doch nur eine Antwort auf diese Frage gehabt hätte.
**
Nachdrücklich erhob sich Alex Tarnau aus seinem Sitz. Nach dem Umbau der HEIMWEH gab es für jeden Arbeitsplatz auf der Hauptbrücke des Schlachtschiffs zwei verschiedene installierte Sessel – einen für Varni und einen für Menschen. In diesem Moment arbeiteten dreißig ausgebildete Raumfahrer der Varni in der Zentrale. An ihrer Seite arbeiteten fast vierzig Menschen.
Der Kommandeur des einstigen Kommandoschiffs Porma el Tars, Commander und Kapitän Jamahl Anderson, bemerkte es und sah zu ihm herüber. Kurz entschlossen übergab er das Kommando an Isabel Macao, den Zweiten Schiffsoffizier, und kam zu Tarnau herüber.
„Ist es soweit?“
Alex grinste breit. „Nun tu nicht so als würde die Welt untergehen. Wie lange noch bis wir Zehn Steine erreichen?“
„Wir brauchen bei optimaler Ausnutzung aller Systeme achtzehn Stunden. Wir stehen übrigens bereits im Funkkontakt mit dem Hoffnungstal. Es wurde eine Hauptversammlung aller Großgruppenführer einberufen, um die taktische Lage auf Sommertraum zu diskutieren. Die Versammlung wurde in einunddreißig Stunden ab jetzt angesetzt. Man will uns wenigstens etwas Schlaf in den eigenen Betten gönnen, bevor wir uns der Frage stellen, wieso auf Sommmertraum nur zwanzigtausend Menschen abgesetzt wurden. Der Herold wurde bereits dazu befragt, aber er hat sich damit herausgeredet, dass diese Welt nicht in seinen Aufgabengebiet fällt.“
„Wie bequem für ihn“, spottete Tarnau. Er riss die Arme hoch und drückte sie nach hinten. In seiner Brust knackte es dabei vernehmlich, und Andy warf dem Freund einen besorgten Blick zu.
Tarnau maß den Schwarzen mit einem amüsierten Blick. „Brustbein.“
„Brustbein“, wiederholte Andy nachdenklich. „Oder auch nicht.“
„Nun tu nicht so als würde ich jede Sekunde tot umfallen.“ Alex wandte sich um, nickte einigen Leuten zu, die in seine Richtung sahen und verließ mit dem Kapitän des Schlachtkreuzers die Zentrale.

„Nein, ich tu nicht so, als würdest du jede Sekunde tot umfallen. Trotzdem habe ich Angst davor“, gestand der große Mann ernst.
„Entspann dich. Erstens bin ich genau deswegen auf dem Weg zu meinem Lieblingsarzt und zweitens gibt es genügend Beyonder, die mich ersetzen können. Du zum Beispiel.“
„Es gibt nicht genügend Beyonder, die dich ersetzen können“, erwiderte Andy lauter als beabsichtigt.
Beyonder in den weißen Uniformen sahen ihn erstaunt an, einige erschrocken. Der Commander winkte beschwichtigend ab. „Vor allem ich kann dich nicht ersetzen.“
„Nun stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel, Jamahl“, sagte Alex und klopfte dem Freund auf die Schulter. „Du bist Kapitän unseres größten Schiffs, oder? Und das hast du ganz allein erreicht. Die kleine Aufgabe, unsere Kampftruppen zu führen, schlappe dreißigtausend Beyonder, kriegst du auch auf die Reihe.“
„Ja, wie praktisch, dass du die Koordination unserer Zivilisten abgegeben hast. Das macht einiges leichter“, brummte Andy, und es klang ziemlich verärgert. „Darüber wollte ich auch mal mit dir reden. Hältst du es wirklich für eine gute Idee, ausgerechnet Porma el Tar eine Zivilverwaltung aufbauen zu lassen? Der Mann war unser Feind! Und er kann jederzeit aufspringen und rufen: Ätsch, ich bin gar kein Angehöriger des Widerstands und stattdessen ein Agent des Pes Takre! Dann stehen wir ziemlich dämlich da, oder?“
„Aber wenn er es nicht ist, haben wir die beste Verwaltungsfachkraft an der richtigen Stelle, oder?“, erwiderte Alex amüsiert, während sie in den nächsten Fahrstuhl traten, drei Ebenen überwanden und dann mit einem kleinen Elektrowagen tiefer ins Schiff fuhren.

„Richtig, falsch, das wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls bist du nicht zu ersetzen, Alex Tarnau, also wage es ja nicht zu sterben. Für mich bist du auf keinen Fall zu ersetzen, kapiert?“
„Hör mal, Andy“, sagte Alex nachdenklich und rieb sich die Stirn knapp unter der Uniformmütze, die für ihn die Form einer Schirmmütze angenommen hatte, während die von Andy eher einem Barett glich. „Darüber wollte ich mit dir reden. Weißt du, ich habe zwar gerade keine Beziehung und niemand der auf der Erde auf mich wartet, aber versteh mich richtig. Ich bin doch eher an Frauen interessiert. Danke für dein Angebot, aber kein Interesse.“
Jamahl Anderson schluckte ein paar hundert derber Flüche herunter, die meisten davon auf englisch, ein Teil in der Verkehrssprache des Pes Takre und der Rest aus dem Dutzend Sprachen, die man unweigerlich mitbekam, wenn man in New York als Polizist arbeitete.
„Arschloch“, brummte er leise.
„Tut mir leid, aber den konnte ich mir einfach nicht verkneifen“, erwiderte Alex grinsend.
Ernster fügte er hinzu: „Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, Großer.“
Andy sah ihn an und hatte Tränen in den Augen. „Verdammt, Alex, ich habe schon mal gedacht, ich müsste dich begraben. Ich dachte schon mal daran, dass du mir den ganzen Mist hier vor die Füße geworfen hast. Und ich habe schon mal gedacht, dass ich damit nicht fertig werde. Dass ich nicht Alex Tarnau bin und es auch nie sein werde. Ich kann nicht in deine Fußstapfen treten. Tu mir das niemals an und lass mich vor dir sterben.“
„Jetzt redest du Unsinn. Wieso sollte einer von uns sterben? Denkst du wirklich, die Spätfolgen der schweren Brustwunde bringen mich noch um? Und denkst du wirklich, wir verlieren den Kampf gegen das Pes Takre, sehen dabei zu wie die Erde versklavt wird und treten in einem letzten Gefecht gegen die Varni an, um dort den Heldentod zu sterben und uns die Sklaverei zu ersparen?“
„Zu eins vielleicht, zu zwei definitiv ja.“
„Pessimist“, brummte Tarnau.
„Optimist. Wir treten hier gegen ein Imperium an, dessen Größe wir noch nicht einmal kennen. Geschweige denn welche Möglichkeiten es hat. Die Varni sind nur ihre erste Verteidigungslinie. Und selbst die machen den Schöpfern bereits mächtig Probleme. Wie mag der Rest dann erst sein?“
„Wir werden es herausfinden“, versprach Alex.
„Aha.“
„Und wenn ihre Technologien unseren überlegen sind, dann klauen wir sie ihnen.“
„Ich korrigiere mich, Alex. Ich streiche Optimist und ersetze es durch Wahnsinniger.“
„Dafür musst du zwei neue Vokale und sieben Konsonanten kaufen.“
Jamahl Anderson ließ den Wagen stoppen. Sie hatten den Lazarettbereich erreicht. „Ich habe gehört, schlechte Witze sind das erste Anzeichen von Wahnsinn.“
„Und ich habe gehört, dass du schon mal besser gekontert haben sollst“, erwiderte Alex wohl gelaunt und stieg aus. Aber wer genau hinsah konnte seine Hände zittern sehen.

Das Lazarett war noch immer gut gefüllt. Von den zwanzigtausend Menschen, die sie auf Sommertraum zu finden gehofft hatten, waren rund sechzehntausend an Bord dieses Schiffs, zum Teil unter beengenden Bedingungen an Bord der Pendler untergebracht. Über viertausend waren tot oder verschollen, obwohl die Beyonder mit allen Mitteln nachgesucht hatten. Die Differenz von siebenundachtzig Erdenmenschen befand sich in diesem Lazarett. Schwer verletzt und von der Hilfe der Ärzte und der medizinischen Geräte abhängig.
Bei vielen würde auch die überlegene Hilfe der Technik der Schöpfer und das überragende Können ihrer Ärzte nichts mehr nützen. Zu schwer waren die Verletzungen, zu schwer die Traumata.
Eike van Holland, der Schiffsarzt der HEIMWEH, kam gerade aus einem Behandlungszimmer, als die beiden Offiziere den Flur des Lazaretts betraten.
Der junge Arzt nickte erfreut und winkte Tarnau direkt in den Behandlungsraum. „Sie haben sich eine gute Zeit ausgesucht. Es ist gerade sehr ruhig bei uns, keine Notfälle. Kommen Sie, Chef.“
Andy folgte Tarnau ungefragt. Er war nicht mitgekommen, um jetzt ausgeschlossen zu werden. Garantiert nicht.

Alex Tarnau kannte die Prozedur schon. Er zog seine Kleidung aus und legte sich nackt auf die Behandlungsliege. Uniform und Unterwäsche waren mit der Technologie der Schöpfer durchsetzt und hätten jede Untersuchung unnötig erschwert.
Van Holland schnappte sich einen Hocker, fuhr neben den Chef der Beyonder und begann eine zwanglose Unterhaltung, während er die Diagnose hochfuhr.
Zwischen den beiden Männern entstand ein Hologramm, welches Tarnaus Brustkorb nachbildete. Nach einem Befehl des Arztes spaltete es sich längs auf und klappte auseinander.
Van Holland deutete auf die linke Seite mit dem pochenden Herzen.
„Zoom“, befahl er leise.
Interessiert beugte sich Andy vor. Eine tolle Technologie.
„Hier, sehen Sie, Chef, das ist der Einschusskanal. Die Kugel ging durch die Rippen durch, wurde hier gebremst, zersplitterte an dieser Stelle in etwas mehr als fünfhundert Fragmente und verteilte sich dabei in einem ungefähr dreißig Zentimeter großen Radius.
Die Panzerung der Rüstung hat die Kugel bereits beträchtlich verlangsamt und zwei Drittel des Weichkerns abgesprengt. Der Rest aber hat ordentlich gestreut. Wäre die ganze Kugel rein gegangen, dann wäre Ihr Oberkörper nur noch eine schlammige Masse aus Blut und geheckselten Fleisch gewesen, die notdürftig den Panzer ausgefüllt hätte.“
„Das weiß ich bereits, Doc. Erzählen Sie mir was Neues.“
„Gerne.“ Der Arzt deutete auf das Herz. „Hier, hier, hier, hier, hier und hier haben sich die Nanoroboter, die über die Narbenpaste in Ihren Körper gelangt sind, selbst gesprengt. Diese Explosionen wirkten wie ein Elektroschock, der das Herz dazu animierte, weiter zu arbeiten.
Dennoch hat das Organ dadurch schwere Verbrennungen erlitten. Dazu haben sich die meisten Splitter abgekapselt, ein paar hätten beinahe Infektionen ausgelöst, wenn die Narbenpaste nicht genau das verhindert hätte. Ich sage Ihnen wie es ist, Alex Tarnau. Wir können die Behandlungen mit Narbenpaste fortsetzen und Ihren Zustand von Woche zu Woche erneut stabilisieren. Oder Sie geben mir einen Monat Zeit, ich suche alle Splitter und operiere sie ein für allemal raus. Dazu lege ich frisches Muskelgewebe an den geschwächten Stellen des Herzens an, die Kulturen zu entwickeln und wachsen zu lassen dauert nicht einmal zwei Wochen. Ich werde Sie maximal fünfmal mit der minimalinvasiven Operationstechnik aufmachen müssen, aber dafür sind Sie in etwas mehr als vier Wochen auf dem Weg zu einer wirklichen Genesung. Aber dafür müssen Sie mir Zeit geben. Ich muß die Splitter lokalisieren, katalogisieren und die Verletzungen bewerten und die Behandlung vorbereiten.
Außerdem könnten Splitter in der Lungenwand stecken und jederzeit dazu führen, dass die Lunge zu bluten beginnt, oder noch schlimmer, keine Luft mehr halten kann.“
„Aus diesem Grund schlafe ich in meiner Uniform. Ich habe damit immer einen medizinischen Scanner an meinem Leib.“
„Das ist ein Kompromiss, aber keine Lösung“, tadelte der Arzt.
Alex nickte ernst. „In Ordnung. Wir warten, bis wir Zehn Steine erreicht haben. Ich werde mich einer Vollversammlung der Großgruppenführer stellen müssen. Danach stehe ich Ihnen zur Verfügung. Aber damit wir uns gleich verstehen: Ich bleibe lediglich im Hoffnungstal. Meine Arbeit werde ich nach bestem Wissen und Gewissen fortsetzen.“
„Das ist mehr als ich zu hoffen gewagt habe“, gestand der Arzt sichtlich erleichtert.
„Stimmt. Ich dachte, du würdest dich länger sträuben“, fügte Andy hinzu.
„Was?“, erwiderte Alex amüsiert. „Dachtet ihr, ich markiere den starken Mann und schiebe die Operation vor mir her, weil es sooo viele Dinge gibt, die gerade wichtiger für uns und die Beyonder sind?“
Simultan nickten der Arzt und der Commander.
„Ihr habt doch einen Knall. Es geht um mein Leben! Und das mag ich zufälligerweise sehr, sehr gerne! Diese Operationen nicht machen zu lassen wäre grob fahrlässig. Das würde ich keinem meiner Leute durchgehen lassen. Warum dann mir?“
„Ist das vielleicht ein erstes Anzeichen einer Infektion, Doktor? Dieser Anflug von Vernunft passt ja gar nicht zu unserem tollkühnen Anführer“, spottete Andy.
„Eieieiei“, meinte der holländische Arzt. „Ich hoffe nicht. Aber bei vielen Entzündungen kann es zu atypischem Verhalten und zum Delirium kommen.“
Tarnau runzelte die Stirn. „Wenn ihr damit fertig seid, euch über mich lustig zu machen, könntet ihr den Raum verlassen. Ich will mich wieder anziehen.“
„Du liegst hier seit zwanzig Minuten nackt rum. Warum zierst du dich plötzlich?“, brummte Andy.
„Weil ich euch beiden für den schlechten Witz in den Arsch treten werde, sobald ich wieder Stiefel trage“, brummte Tarnau.
Der Arzt und der Kapitän erhoben sich. „Das ist ein Argument. Nichts wie raus.“
Alex sah den beiden nach und schmunzelte.
Dann begann er seine Kleidung zusammen zu suchen. Mist, ob er van Holland von diesem stechenden Schmerz in der linken Brust erzählen sollte, der ihn ab und zu überfiel? Zumindest saß er nicht auf Höhe des Herzens, viel weiter rechts. War das schon lebensbedrohlich? Alex Tarnau wusste es nicht, und er fürchtete sich vor der Antwort.

Ace Kaiser
07.10.2007, 15:02
3. Ankunft

Als Alex Tarnau mit einem Personentransporter im Hoffnungstal landete, gingen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Noch immer erhob sich der holographische Projektor im Zentrum, der das Tal während der Schlacht gegen Porma el Tars Flotte perfekt getarnt hatte und es wieder tun würde, sollte er jemals gebraucht werden.
Noch immer erhoben sich die kreuzförmigen, zweistöckigen Wohneinheiten im Tal, aber sie hatten sich vermehrt.
Straßen verbanden die Wohngebäude, die Verwaltung und die großen Hallen der Lager und Wartungsanlagen. Zwischen ihnen verliefen die Doppelschienen der Schwebebahn, am Rand des Hoffnungstals entstand gerade mit Hilfe der Schöpfertechnologie eine neue Trasse, die durch das Bergland nach Norden in die Sümpfe führte. Noch diskutierten die Experten, ob eine direkte Schienenverbindung vom Kontinent Mergon zum Nordpolkontinent Galipo mehr Sinn machte als ein Fährbetrieb oder ein Pendelbetrieb mit Transportern – machbar waren laut der Schöpfer alle Versionen.
Der Gedanke hatte etwas faszinierendes, vielleicht alle Kontinente mit der Schwebebahn zu verbinden. Aber das war selbst bei der weit überlegenen Technik der Schöpfer Zukunftsmusik.

Für einen Moment atmete Alex tief aus und ließ sich zusammensinken. Es wurde gefährlich für ihn. Je mehr Aufgaben er delegierte, je mehr Freiraum er bekam, desto besser kam er zum nachdenken und desto mehr musste er mit seinem Enthusiasmus und seiner Verzweiflung kämpfen.
Der Enthusiasmus wollte ihm weismachen, dass sein Hoffnungstal die Keimzelle für eine Besiedlung des Planeten durch die Menschheit war, dass diese Welt, Zehn Steine, ein Sprungbrett für die Menschen wurde, um das All zu erforschen und zu kolonisieren. Dass diese Welt nicht immer nur als Bollwerk gegen die Varni und das Pes Takre dienen würde.
Ja, er ging sogar soweit und dachte daran, die anderen neun von Menschen besetzten Welten in diese Expansion mit einzubeziehen. Sommertraum war ein Schlachthaus gewesen, aber vom Klima her war die Welt ihm annehmbar erschienen. Kolonisierungsfähig.
Diese zehn Welten, dachte er, konnten sie ein Samen sein? Eine Keimzelle für ein eigenes galaktisches Reich? In den falschen Händen, denen eines charismatischen Wahnsinnigen konnte es unglaubliches Unheil anrichten, konnten seine Beyonder zu einer unglaublichen Gefahr werden, sogar für die Erde.
Aber in den richtigen Händen… Nun, bei diesem Gedanken endete sein Enthusiasmus. Alex hielt überhaupt nichts davon, eine derart wichtige Aufgabe in einer einzigen Person zu konzentrieren. Nicht umsonst hatte er die zivile Verwaltung abgegeben. Nicht umsonst hatte er den Menschen die Wahl gelassen, ob sie kämpfen wollten oder nicht. Nicht umsonst traute er von allen Beyondern sich selbst am wenigsten. Die Erinnerung, wie er aus dem tiefen Dunkel der Besinnungslosigkeit in einer mit seinem Blut besudelten Rüstung aufgewacht war, ernüchterte ihn immer wieder.

Dies war der Moment für seine Verzweiflung.
Ja, dachte er dann, schön und gut, aber hast du dir schon mal überlegt, wie lange diese Keimzelle überdauern wird? Was, wenn die anderen Kriegstrosse sich sammeln und gemeinsam angreifen? Was, wenn dann eine Verbesserung um den Faktor zehn nicht mehr ausreicht, um den Gegner abzuwehren?
Oder was ist, wenn mit den Menschen, die du in die Beyonder aufgenommen hast, die du hoffentlich noch in die Beyonder aufnehmen wirst, einer oder eine Gruppe kommt, die zum ersten Mal im Leben von Macht gekostet hat und mehr will?
Oder noch schlimmer, ein gewohnheitsmäßiger Machtmensch, der genau weiß, was er tun muß, um die Menschen in seinem Sinne zu beeinflussen? Der dich hinwegfegt wie ein lästiges Insekt? Du hast es erlebt, Alex Tarnau, wie du mit einem einzigen lauten Wort die Aufmerksamkeit von zwanzigtausend Menschen bekommen hast. Das kann auch anderen gelingen. Und wenn sie ebenso wie du damals die richtigen Worte finden, bist du verloren und die Beyonder verdammt.
Dein Bonus als Herr der Vernunft, als Retter der Beyonder gilt nur für die zwanzigtausend, die du damals hier ins Hoffnungstal geführt hast. Nicht für die Truppen von Chrisholm Deavenport, nicht für die Truppen von Lady, nicht für die Truppen von Enies Sörensen, nicht für die Verrückten, die versucht hatten, sich gegenseitig auf dem Freudentag-Archipel zu massakrieren. Nicht für all die anderen über diese Welt verstreuten Menschen, die sich ohnehin nur angeschlossen haben, weil deine Gruppe zu diesem Zeitpunkt die stärkste Gruppierung war. Und ihr damals zudem einen Plan hattet.
Außerdem, mit jedem neuen Menschen, der aus anderen Sonnensystemen zu uns stößt, wird es mehr in Vergessenheit geraten.
Du kannst etwas tun, solange jemand auf dich hört. Vor allem so lange du lebst.
Gib es doch zu, deine größte Angst ist es zu sterben und zu wissen, dass ein unbekannter Gegner aus dem Hintergrund zuerst Andy, dann Kurt und dann die anderen tötet, die Menschen, denen du am meisten traust und die uns alle hier auch aus der Scheiße rausholen können, wenn du nicht mehr bist.

Das Landesignal unterbrach seine Gedanken. Eine Minute noch. Eine ewig lange Minute noch, dann war er wieder auf Zehn Steine. Er unterdrückte den Gedanken, diesen Ort sein Zuhause zu nennen.
Dann ging sein Blick an die Decke der Fähre, hinauf zu den beiden Monden von Zehn Steine, Auge und Stimme.
Im Innern von Stimme, der Gigantwerft der Schöpfer, wurden mittlerweile vier Fregatten der Varni umgerüstet, um sie auf den neuesten Stand der Beyonder-Technik zu bringen. Ein Zerstörer stand bereits bereit, um die nächste freie Werft aufzusuchen, die im Moment noch mit dem Bau eines Schöpferschiffes beschäftigt war.
Danach würde es ein weiteres Dreivierteljahr dauern, bis alle Schiffe der Beyonder hochgerüstet waren und er eine Macht in Händen hielt, denen vielleicht alle Kriegstrosse der Varni zusammen etwas entgegen zu setzen hatten. Dann würde es auch Zeit für Neubauten sein. Neubauten, die noch stärker als die hochgerüsteten Varni-Schiffe waren. Die stärksten Waffen, die es in diesem Sektor der Milchstraße gab. Die besten Antriebe, die überlegensten Pendler, die autarksten Versorgersysteme.
Ein sanfter Ruck informierte Alex darüber, dass die Fähre aufgesetzt hatte.
Sobald die Fregatten fertig waren, würden sie vorsichtig damit beginnen, die anderen acht Welten zu besuchen, auf denen sie Menschen vermuteten. Vor allem aber sollten sie die Schiffe der anderen Trosse der Varni aufspüren, die in diesem Sektor operierten.
Die HEIMWEH selbst würde schon bald wieder aufbrechen und die nächste Welt anfliegen, aber diesmal würde sie von fünf noch nicht umgebauten Schiffen begleitet werden.
Alex hielt seine Hände hoch und betrachtete sie. Es war als würde die Zeit wie Sand zwischen seinen Fingern davon rieseln. War es die richtige Entscheidung, nach Sommertraum zuerst nach Zehn Steine zurückzukehren? Wäre es nicht besser gewesen, die Menschen dort zurück zu lassen und die nächste Welt zu besuchen? Und weiter, immer weiter, um Gewissheit über das Schicksal aller Menschen zu bekommen, welche die Schöpfer entführt hatten?
Eine Million Menschen, eine Million Schicksale. Gut hunderttausend von ihnen waren aktive Soldaten aus vielen Ländern der Erde.

Zischend fuhr das Schott auf und gestattete den Passagieren nun auszusteigen. Seufzend setzte Alex Tarnau seine Dienstmütze auf. „Einloggen“, sagte er ernst.
Sofort entstanden vor seinen Augen semitransparente Hologramme.
„Guten Morgen, Ren“, klang Martha Wongs Stimme auf. „Schön, dass Sie wieder bei uns sind. Die Mission der HEIMWEH war sehr erfolgreich, habe ich gehört.“
„Wie man es nimmt, Martha. Wir haben drei Fregatten versenkt und eine Handvoll Menschen gerettet. Sie sind weit von den hunderttausend entfernt, die wir auf Sommertraum erwartet haben. Und seitdem frage ich mich, wo die Schöpfer den Rest gelassen haben.
Ich würde gerne den Gnom ohne Ohren dazu befragen.“
„Der große Herold L´Tark“, antwortete Martha amüsiert, „lässt sich entschuldigen. Er wird mit Ihnen vor dem Rat zusammentreffen, Ren. Zurzeit befindet er sich auf Stimme und koordiniert die Ankunft einer Rohstoffflotte.“
„Ich wusste doch, dass die Schöpfer keinen Stahl aus Sonnenlicht erschaffen können“, brummte Alex zufrieden.“
„Oh, das können sie, hat der Herold gesagt. Aber die Sonne von Zehn Steine ist nicht groß genug, um die Bedürfnisse der Werft zu befriedigen, Ren.“
Für einen Moment schnappte Alex nach Luft. „Was?“
„Nur ein Scherz.“
„Der für mich beinahe tödlich geendet hätte“, erwiderte Alex etwas zu barsch.
„Ich glaube nicht, dass irgendetwas Sie umbringen könnte.“
Tarnau stockte mitten in der Bewegung, während er sich von seinem Platz erhob. „Heb mich nicht zu hoch, Martha. Ich kann nicht fliegen.“
„Wie Sie wünschen, Ren.“
Alex verließ die Fähre als Erster. Die anderen Passagiere, Crewmitglieder der HEIMWEH, folgten ihm respektvoll.
Auf dem kleinen Landefeld wurde er nicht gerade von einer Ehrengarde erwartet, aber die beiden Beyonder, die ihn als Leibgarde im Raumboot begleitet hatten, übergaben ihre Aufgabe an eine Sechsergruppe voll gerüsteter Beyonder der Großgruppe Kelal.
Sechs. Sechs also mittlerweile.
Er erinnerte sich ungern an den Tag vor der Schlacht gegen Deavenport, an dem ihm eine verängstigte und verzweifelte Frau aufgelauert hatte, um ihn zu töten, und bei dem Anblick des massiven Schutzes drängte sich ihm die Vision von einer halben Division unwilliger, tötungsbereiter Beyonder auf, die nur auf ein freies Schussfeld auf Alex Tarnau warteten.
Er drückte diese Gedanken beiseite. So etwas brachte nichts, und die weiße Uniform bot zumindest einen gewissen Schutz.

Alex schlug den Weg zu den Stabsgebäuden ein. Die Strecke war nicht lang, also verzichtete er darauf, sich von einem der Rüstungsträger hintragen zu lassen. Oder sogar einen der Laster anzufordern, um sich fahren zu lassen.
Auf seinem Weg begegnete er hunderten von Beyondern, die meisten trugen die weißen Uniformen, die mittlerweile durch die Mimikry-Gabe des Materials mit den verschiedensten Symbolen bedeckt waren. Ebenso wie seine Uniform, die das rote Dreieck auf der linken Schulter trug. Nur bunter. Viel bunter.
Die Menschen begegneten ihm mit Respekt, manche salutierten, aber die Stille bedrückte Alex. Er hatte nicht gerade lauten Jubel erwartet, nur weil er aus einem anderen Sonnensystem zurückgekommen war. Aber das hier, das unterschied sich doch sehr von dem Enthusiasmus, der vor der Schlacht gegen Porma el Tar geherrscht hatte.
Wenigstens lächelten die meisten Menschen. Kalte, zornige Blicke hätte er gerade nicht ertragen.
Vielleicht war es die Präsenz der sechs Rüstungen, die massierte rohe Gewalt, die sein Leben schützen sollte. Vielleicht war sie es, die nun seine Integrität schädigte und seinen Ruf vernichtete.

„REN!“
Alex wandte sich der Stimme zu, die gerufen hatte. Er erkannte den Sprecher wieder. Es war Gruppenführer Suun, der Mann, der Tarnau beim Sturm auf die HEIMWEH mit seiner Gruppe eskortiert hatte. „Ren, egal was die im Rat mit Ihnen machen, wir stehen hinter Ihnen!“
Aufgeregtes raunen begleitete seine Worte. Mehrere der Anwesenden stimmten zu und vereinzelt klangen sogar Pfiffe auf.
„Egal was mir passiert?“, fragte der Anführer der Beyonder überrascht.
Suun wirkte verwirrt. „Ja, wissen Sie denn nicht, dass Sie heute wegen Unregelmäßigkeiten befragt werden sollen, Ren? Der Rat hat vor, mit Ihnen ganz schön ins Gericht zu gehen. Aber solange es die Gruppenabstimmung gibt, solange ein einzelner Beyonder noch etwas zu sagen hat…“
Alex trat an seinen Leibwächtern vorbei und ging direkt auf den Gruppenführer zu. „Machen Sie sich keine Sorgen um mich, mein Junge. Ich kann auf mich aufpassen und ich habe nichts Unrechtes getan. Im Gegenteil. Aber es freut mich zu sehen, wie sehr Sie mir vertrauen.“
Der Mann sah den großen Deutschen an und schluckte heftig. „Das ist doch selbstverständlich, Ren. Wir waren zusammen da oben. Ich habe Sie kämpfen sehen!“
„Und ich habe Sie kämpfen gesehen, Sie und Ihre Leute. Verdammt, jeder der es hören will weiß dass ich nicht kämpfen will und dass ich nicht will dass die Beyonder kämpfen müssen. Aber Ihr Team hat da oben verdammt gute Arbeit geleistet.“
„Wir werden auch weiterhin gute Arbeit leisten, Ren. Nicht für uns, aber für Sie und für die Erde!“
Die letzten Worte waren begeistert aufgenommen worden. Jubel erklang, wurde weiter getragen und durch zusätzliche Stimmen verstärkt.
Am Ende ging Tarnau durch ein Spalier aus Applaus, Pfiffen und Jubel zum Stabsgebäude.

Martha Wong empfing ihn im Eingangsflur. „Willkommen Zuhause, Ren. Wie ich höre haben Sie bereits mitgekriegt was der Rat vorhat?“
„Eine Anhörung.“
„Wohl eher ein Verhör. Ich kenne das Thema noch nicht, aber es wurde eine Versammlung aller Großgruppenführer anberaumt. Und jeder Beyonder, der sich vernetzen kann wird dazu aufgefordert, an der Versammlung teilzunehmen.
Ren, Sie können direkt von diesem Büro aus teilnehmen. Oder Sie können in die Lagerhalle rüber gehen, die wir zum Ratsgebäude umfunktioniert haben. Wir haben die Halle mit Hilfe der Hologrammtechnik der Schöpfer in einen virtuellen Saal umgewandelt. Sie können persönlich rüber gehen oder sich mit der Ausrüstung im Stab einloggen.“
„Interessant. Dann kann also jeder Großgruppenführer an der Versammlung teilnehmen, selbst wenn er auf der anderen Seite von Zehn Steine ist.“
„Ja, Ren.“
„Wann beginnt die Versammlung?“
„In einer Stunde, Ren.“
„Ich denke, das reicht um kurz Atem zu schöpfen und rüber zu gehen. Ich bin in meinem Büro. Dort erwartet mich doch hoffentlich keine Veränderung?“
Martha lächelte und sah zur Seite. „Nein, Sir. Aber ein wenig Arbeit. Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein paar virtuelle Dokumente und ein paar Netzwerkpfade zukommen zu lassen, die Sie sich vielleicht einmal ansehen sollten.“
„Na, du machst mir ja Mut“, brummte Alex Tarnau. „Nach der Besprechung will ich ins Sanatorium. Berücksichtige das bitte bei der Einteilung meiner Dienstzeit.“
Martha Wong, die gute Seele des Stabes, seine Chefsekretärin und die beste Kommunikationsexpertion der Beyonder, verzog nicht einen Mundwinkel, aber damit sagte sie mehr als deutlich, was sie von Tarnaus Idee hielt, zum Sanatorium zu fahren.
„Ren, hier wartet mehr als genügend Arbeit auf Sie und…“
„Martha, ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Und glaube mir, es ist Zeit, dass ich es tue.“
„Wie Sie wünschen, Ren. Aber ich bin der Meinung, dass wir Deavenport in eine Kiste stecken, diese gut zunageln und dann in die nächste Sonne treiben lassen sollten.“
„Wir gehen unter, wenn wir nicht alle zusammenhalten, Martha. Alle Beyonder, auch Deavenport.“
„Deavenport ist kein Beyonder!“
„Er wird einer werden.“
„Wie Sie meinen, Ren.“ Abrupt wandte sie sich ab und verschwand in ihrem Büro.
Deutlicher hätte sie ihr Missfallen nicht ausdrücken können, und Widerworte war Alex Tarnau gerade von dieser Frau nicht gewohnt. Sie verstand es, ihre Kritik subtiler zu übermitteln und ihren Willen sanfter durchzusetzen. Sie musste Deavenport regelrecht hassen, wenn sie sich vor Alex zu einer derartigen Szene hinreißen ließ.
Aber der Anführer aller Beyonder hatte seine Meinung gebildet, und er war fest entschlossen, Colonel Chrisholm Deavenport auf seine Seite zu ziehen.
Der Mann war nach ihrer beider Zweikampf, keine fünf Kilometer vom Stabsgebäude entfernt kollabiert. Er war dehydriert, überhitzt und erschöpft gewesen, und dennoch hatte er durchgehalten. Das waren alles gute Eigenschaften, die Alex nicht verschwenden wollte, nicht verschwenden durfte. Es war ihm ernst gewesen als er gesagt hatte, dass er auf keinen Beyonder verzichten konnte.

In seinem Büro erwartete ihn eine frisch zubereitete Beyonder-Pizza, individuell mit dem belegt, was er gerne mochte. Die Belegarten hatten enorme Variationen, und jeden Tag kamen neue hinzu. Die Schöpfer beeilten sich mit Hochdruck, ihren allerneuesten Stars jeden Wunsch zu erfüllen, um sie bei Laune zu halten. Dazu hatte jemand – mit Sicherheit Martha – ein hohes Glas mit einer schwarzen Flüssigkeit gestellt. Wahrscheinlich Beyonder-Cola, ein Mixgetränk aus Nährstoffen, Vitaminen und einer erheblichen Prise Protein, das die Schöpfer produziert hatten, um die Ernährung der auf Zehn Steine gestrandeten Menschen abwechslungsreicher zu gestalten. Alex nahm das Getränk als Ersatz für Kaffee, bediente sich aber in Maßen. Er wollte die aufputschende Wirkung nicht durch übermäßigen Konsum reduzieren, aber vor dem Rat war es sicherlich sinnvoll, volle Konzentration haben zu können.
Alex setzte sich hinter seinen Schreibtisch und klinkte sich mit dem Tischgerät ins Netzwerk der Beyonder ein. Er hätte dafür auch einfach nur seine Mütze aufsetzen müssen, aber seiner Meinung nach waren es die Kleinigkeiten, die das Leben der Beyonder verbesserten, also hatten die Schöpfer unter Anleitung der Menschen Hologeräte in die Tische implantiert.
Sofort aktivierte sich sein persönlicher Zugang. Eine speziell von Martha konstruierte Benutzeroberfläche führte ihn durch seine Routinearbeit. Immerhin war er sich sicher, dass er weder doppelte Arbeiten erledigen musste, noch von Nebensächlichkeiten belästigt wurde.
Dennoch sah seine Arbeitsoberfläche dreihundert Dokumente vor, die er alle durchlesen und bearbeiten musste. Seufzend nahm er sich ein Stück Pizza, trank einen Schluck von der Cola, stellte überrascht fest, dass sie heute nach Zitrone schmeckte, und widmete sich dem ersten Dokument.
Nach einer dreiviertel Stunde hatte er Anträge bestätigt, abgelehnt, Kommentare verfasst, einige Dokumente an die anderen Commander oder Mitarbeiter des Stabes weitergereicht oder einfach nur mit dem Hinweis „gelesen“ an Martha zurückgeschickt. Auf diese Weise hatte er ungefähr siebzig Dokumente abgearbeitet, aber nach der Ratssitzung würde noch ein langer Arbeitstag auf ihn warten. Himmel, und das waren nur die Arbeiten, die er nicht delegieren konnte. Wie viel Mehrarbeit hatte sein Stab wohl in diesem Moment?
Dokument einundsiebzig war brisant genug, um ihm mehr Aufmerksamkeit und eine zweite Lesung zu widmen. Danach las er es zum dritten Mal, ein viertes Mal, nur um auf Nummer sicher zu gehen.
E aktivierte die Tischverbindung zu Martha Wongs Arbeitsplatz. „Martha?“ „Ja, Ren?“
„Hat sich L´Tark für die heutige Sitzung angekündigt?“
„Soweit ich weiß hat er sogar Redezeit beantragt. Die Großgruppenführer des ständigen Rates wollen während der Sitzung darüber entscheiden, Ren. Darf ich Sie in diesem Zusammenhang gleich daran erinnern, dass Sie gleich rüber müssen?“
„Ich mache mich gleich auf den Weg.“
Alex Tarnau warf noch mal einen Blick auf das Dokument, dann verteilte er Kopien an die anderen Commander mit dem Vermerk „Zur Einsicht“.
„Wer führt heute eigentlich den Vorsitz, Martha?“
„Commander Lady ist dran.“
Nun, die Frau war etwas merkwürdig, aber umgänglich. Außerdem schuldete sie Tarnau was. Das konnte die Auswirkungen dieses Dokuments womöglich dämpfen.
Er speicherte es mit einigen Randnotizen ab und machte es für sich selbst direkt im Webspace verfügbar. Dann öffnete er Dokument zweiundsiebzig. Ah, die versprochenen Links.
Der Webspace der Beyonder war ein dezentrales Netzwerk, in der jede einzelne Rüstung, jeds Zimmerterminal und jede Uniformmütze einen Server und zugleich einen Benutzer darstellte. Die Uniformen, Rüstungen und die Terminals waren permanent online und bildeten zusammen das größte Rechennetzwerk, dass die Menschheit jemals erlebt hatte.
Zudem hatte es eine schlecht definierbare Eigenverwaltung, die alle abgelegten Daten für jedermann auf dieser Welt frei verfügbar machte. Es gab einige wenige gesperrte Datenbereiche, sei es von Beyondern, sei es vom Rat oder seinem Stab angelegt, aber nichts konnte seinem Override-Code stand halten. Mit dieser absoluten Überrang-Order konnte er sich überall einklinken. Und er konnte die Rechte dieser Überrang-Order an andere weitergeben. Niemand hatte ein so umfassendes Zugriffsrecht wie er selbst, aber auch ein weitergegebener Override-Code hatte enorme Macht in diesem Netzwerk.
Die Links führten zu von Beyondern gesperrten Bereichen. Sie waren User-definiert, das bedeutete, dass nur bestimmte Benutzer sie besuchen durften. Und das wiederum bewies, dass auf diesem Bereich des Beyonder-Webspace Daten einer verschworenen Gemeinschaft innerhalb der Beyonder lagerten. Es war immer dasselbe. Eine Seite, auf der man über Alex Tarnau schimpfen konnte, ein Bereich in dem mal dilettantisch, mal professionell die Übernahme der ganzen Gruppe geplant wurde, eine heimliche Tauschbörse für pornographische Bilder – die Synthesizer der Rüstungen waren enorm leistungsfähig und manche Beyonder besaßen erstaunliche Phantasie – und was es der Dinge mehr gab. Wenn Martha ihn auf diese Links ansetzte, bedeutete dies vor allem, dass die Hong Kong-Chinesin in diesem Bereich subversive Daten vermutete. Und das war etwas, was Alex Tarnau verachtete. Gut, die Beyonder hatten einen großen militärischen Aspekt, aber er zwang niemanden dazu, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Das hatten die Schöpfer getan, er aber würde so etwas niemals verlangen.
Überdies war die Beyonder-Gemeinschaft, egal ob ihre Mitglieder kämpften, Techniker, Sanitäter oder Raumfahrer waren oder in den Farmen im Tiefland arbeiteten, eine urdemokratische Institution. Jeder Beyonder konnte jederzeit an allen wichtigen Entscheidungen der Gruppe teilhaben und mit abstimmen. Er konnte auch seine Stimme erheben. Dazu musste er nur Fragen, Forderungen oder Ideen an seinen Gruppenführer geben, der diese an den Großgruppenführer weiter leitete. Und dieser hatte das Recht, sie der Versammlug vorzulegen. Das war demokratischer als einen Stellvertreter zu wählen und ihn für sich entscheiden zu lassen. Zumindest empfand Alex das so, und deshalb ärgerten ihn die Gruppen, die für ihre Projekte, Ideen oder Phantasien keine Mehrheit fanden und deshalb glaubten, sie hätten das Recht, zu tun und zu lassen was sie wollten. Denn das war der Nachteil eines demokratischen Systems, man musste der Mehrheit folgen.

Tarnau benutzte den Override-Code und brach als berechtigter User auf die erste Seite ein.
Es verwunderte ihn nicht, als er damit einen großen, lichtdurchfluteten Raum erreichte, in der sich die Avatare anderer User im Beyonder-Netz stellvertretend für ihre Benutzer versammelt hatten, um einem von ihnen zu lauschen, der aus einem Buch in seinen Händen vorlas. Nun, diese Gruppe sah definitiv friedlich aus, deshalb hielt sich Alex zurück und beobachtete lediglich. Nebenbei nahm er mit seinem Avatar virtuelle Bücher aus dem Regal und blätterte sich durch. Dazu drang die Stimme der Leserin an ihr Ohr, die eindringlich, enthusiastisch und aufgeregt klang.
„…hielt er den Sterbenden in den Armen und rief: Alex, verlass uns nicht! Ohne dich werden die Beyonder zerfallen. Sie werden sterben! Ich werde sterben!
Und Alex Tarnau öffnete noch einmal die Augen, hob unter größter Kraftanstrengung den rechten Arm und strich Jamahl über die ebenholzschwarzen Wangen, um seine Tränen fortzuwischen. Er hauchte mit kaum hörbarer Stimme: Andy, jetzt wo ich gehe, haben sie nur noch dich. Du musst mein Erbe ausführen. Und auch wenn wir uns nie mehr lieben können, so bin ich doch in deinem Herzen immer bei dir.“
Die Zuhörergruppe raunte gespannt bei dieser Passage, und Alex Tarnau bemerkte eine gewisse Irritation seinerseits. So hatte sich die Szene auf der HEIMWEH definitiv nicht abgespielt. Er musste es wissen, er war dabei gewesen.
„Dann trafen sich ihre Lippen zu einem allerletzten Kuss, Alex starb in den Armen des großen, starken schwarzen Commanders und ließ ihn allein in dieser Welt zurück. Zornig, wütend und zutiefst traurig, die Liebe seines Lebens verloren zu haben, stieß er einen urwüchsigen Schrei aus und…“
Alex schlug das Buch zu, das er in der Hand hielt. Er hatte definitiv genug gehört und genug gelesen. So leise wie er eingetreten war, verließ er den virtuellen Raum wieder und verwischte dabei alle Spuren seiner Anwesenheit. Die Zuhörer waren alle weiblichen Geschlechts, und sie hingen der Vorleserin, vermutlich der Autorin an den Lippen. Unwillkürlich musste Alex ein Lachen unterdrücken. Manche Mädchen waren halt so.
„Audiokommentar zum ersten Link: Ich autorisiere, dass die benutzerbezogene Sperre bestehen bleibt. Dort geschieht zwar etwas, was man nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte, aber es ist nicht gefährlich oder untergräbt die Beyonder an sich. Es ist lediglich etwas peinlich, aber damit kann ich leben. Audiokommentar Ende.“
„Ren, es ist Zeit.“
„Ich komme, Martha.“ Tarnau deaktivierte das Tischgerät, griff nach seiner Mütze und verließ sein Büro. Wenn es möglich war, wollte er auf diese Seite nicht mehr zugreifen. Die Mädchen und Frauen konnten gerne tun und lassen was immer sie wollten, seinetwegen auch mit ihm, Andy oder den anderen Commandern als Hauptfiguren ihrer weiblichen Phantasie, aber lesen wollte er es dann nicht unbedingt.
***
Als Alex Tarnau die ehemalige Lagerhalle betrat, waren die Hologrammporjektoren noch nicht aktiviert. Rings an den Wänden der Halle waren Podeste aufgebaut, auf denen sich Beyonder in den typischen weißen Uniformen eingefunden hatten. Auf vielen Schultern prangten Gruppenführerabzeichen, aber die Mehrzahl waren einfache Beyonder, von denen viele die Uniformen mit Hilfe der Mimikry-Fähigkeit weit genug verändert hatten, um sichtbar Abstand vom Soldatenhaften der Uniform zu nehmen. Alex verstand die Botschaft. Letztendlich hatte er diese Entwicklung immer gefördert.
Seine sechs Wachen blieben am Eingang zurück, und ein höflicher Stabsbediensteter, dessen Name Alex nie einfallen wollte, führte ihn tiefer in die Halle. Dort waren bereits mehrere Reihen Tische aufgestellt, an denen die Großgruppenführer sitzen würden. Der Rat, eine repräsentative Auswahl aus den Reihen der Großgruppenführer, saß am Ende an quer gestellten Tischen. Ein weiterer seitlicher Tisch war für die anwesenden Commander reserviert, die in militärischen Belangen federführend waren, aber in dieser Versammlung nicht mehr Rechte hatten als die Großgruppenführer.
Als Alex die Podeste passierte, klang verhaltener Applaus auf. Er nahm die Zeit und winkte in die Runde, was den Applaus noch etwas verstärkte. Dann nahm er am Commander-Tisch Platz. Außer ihm hatten sich dort bisher nur Kurt Warninger und Lady eingefunden. Er begrüßte beide mit ein paar freundlichen Worten.
„Bitte schließen Sie die Türen“, sagte Großgruppenführer Patric, „und aktivieren Sie die Hologramme.“
Übergangslos verändete sich die gesamte Atmosphäre im Raum. Über den Podesten erschienen weitere Sitzreihen, auf denen sich Beyonder eingefunden hatten, selbst an der Decke entstanden Sitzreihen. Die Tische für die Großgruppenführer füllten sich und weitere Tischreihen entstanden in der Luft. Auch die Zahl der Commander wuchs nun beständig an, bis alle vollständig an dem Tisch saßen.
„Ich bitte um Ruhe“, sagte Patric und sah streng in die Runde. „Dies ist eine außergewöhnliche Vollversammlung der Beyonder. Sinn und Ziel des Abends ist die Befragung von Alex Tarnau, dem militärischen Anführer unserer Gemeinschaft. Als Beisitzer der heutigen Versammlung begrüße ich Chefarzt ar Zykarta, Commander el Tar und Herold L´Tark. Ihre Anwesenheit ist reiner beratender Natur. Ich gebe das Wort an Commander Lady.“
Die große Frau erhob sich und trat vor den Tisch des Rates. „Rat der Beyonder, Versammlung der Großgruppenführer, Mitglieder unserer Gemeinschaft. Ich habe diese außerordentliche Versammlung der Beyonder einberufen, um unseren geehrten Anführer Alex Tarnau zu Unregelmäßigkeiten seiner Arbeit zu befragen. Versteht mich nicht falsch, nichts liegt mir ferner als diesen Mann anzuklagen. Aber wenn er das Vertrauen, dass er von einem jeden von uns erworben hat behalten will, soll und muss er unseren Fragen Rede und Antwort stellen.“
Sie sah in die Runde, aber niemand widersprach.
„Alex Tarnau, während deiner Abwesenheit, während der Erkundung von Sommertraum, haben sich die Anfragen im Stab und an den Rat summiert. Vielen Beyondern sind verschiedene Missstände aufgefallen, die wir heute klären wollen. Aber zuvor bitten wir um deinen Bericht, Sommertraum betreffend.“
Alex Tarnau nickte und trat in die Mitte des Raums. Von dort aus hatte ihn jedermann im Blick.
„Wie ihr alle wisst, ließ ich von den Schöpfern zuerst die HEIMWEH auf die Hochtechnologie umrüsten. Mit der Leistungsverstärkung um den Faktor zehn versprach ich mir einen immensen Vorteil. Vor allem in der Antriebstechnologie ist das zu spüren. Für den Flug nach Sommertraum brauchte die HEIMWEH fünf Tage, ebenso für den Rückflug. Die Mission auf dem Planeten selbst nahm vierzehn Tage in Anspruch.“
Er aktivierte per Blickmenu ein Hologramm. Es zeigte das neue Sonnensystem. „Wir haben Sommertraum angeflogen, weil wir von den Schöpfern wissen, dass dort ebenfalls Menschen ausgesetzt worden waren, um gegen die dem Pes Takre treuen Varni zu kämpfen.
Sommertraum selbst ist der zweite von neunzehn Planeten, und der einzige, der innerhalb der Region um seine Sonne kreist, der Ökosphäre genannt wird und Leben wie wir es kennen möglich macht. Des Weiteren befinden sich noch fünf Gasriesen in dem System, die anderen Planeten sind Geröllwüsten ohne militärisches Interesse.
Sommertraum hat drei große Kontinente, die knapp zwanzig Prozent des Planeten bedecken. Epal liegt im Norden und hat fast ein Drittel der kontinentalen Gesamtmasse. Der Grossteil des Kontinents ist vom Packeis des hiesigen Nordpols bedeckt. Die Varni unterhalten hier eine planetare Werft, eine Garnison und diverse Fabriken.
Lokvor mit zwei Fünfteln der Gesamtgröße liegt im Süden, auf Höhe des Äquators. Hier unterhalten die Varni ihre üblichen Anlaufdocks für die vollautomatischen Hochseefabriken, die in diesem System die Hauptressource bilden. Das öde Inland ist reich an Mineralien und Erzen, welche die Varni abbauen.
Letztendlich kommt Groimar hinzu, ein länglicher Kontinent auf der Südhalbkugel, um die sich ein gewaltiges Inselarchipel schart. Ein stark vulkanisches Gebiet, in dem die Varni nicht aktiv sind. Die Truppen, die auf dieser Welt aktiv sind, werden dem zwölften Kriegstross der Varni zugeschrieben, unter dem Kommando von Ritter Johna el Noet.
Gegen sie standen aber nicht wie erwartet einhunderttausend Menschen, sondern lediglich zwanzigtausend.“
Aufgeregtes Raunen ging durch die Halle.
„Wir haben die zwei Wochen genutzt, um die Garnisonen des Zwölften Kriegstross auszuschalten, in bewährter Manier haben wir den Varni das Material abgenommen, ihnen aber genügend Überlebensmöglichkeiten gelassen, bis die Schiffe des Kriegstross eintreffen. In dieser Zeit haben wir sämtliche größeren Landmassen abgesucht, soweit es uns möglich war. Experten mit Splittern des Override-Codes haben zudem die Welt auf weitere Funkkreise kontrolliert und waren sehr erfolgreich. Aber leider muss ich euch mitteilen, dass etwas mehr als dreitausendfünfhundert Menschen auf dieser Welt getötet wurden.
Die restlichen sechzehntausendsechshundert wurden von uns entdeckt, eingesammelt und nach Absprache mit dem ranghöchsten Anführer der hiesigen Menschen, Großgruppenführer Kevin Duvalle, evakuiert. Pendler sind gerade dabei, die Verletzten ins Hoffnungstal zu bringen. Spezialcontainer sind unterwegs, um weitere Lebensräume für die über sechzehntausend Menschen zu schaffen. Es freut mich, euch mitteilen zu können, dass sich fast alle dazu entschlossen haben, der Gemeinschaft der Beyonder beizutreten.“
Leiser Applaus begann, und Tarnau nutzte die Pause, um sich etwas zu beruhigen. Er hatte sich in Rage geredet und drohte sich zu verhaspeln.
„Sommertraum ist offiziell von Menschen geräumt, aber ich plane, diese Welt regelmäßig von den ersten umgebauten Fregatten kontrollieren zu lassen. Das unbeschädigte Satellitensystem im Orbit hat den Auftrag, auf neu auftauchende Funkkreise zu achten. Sollten wir damit weitere Überlebende aufspüren, werden wir sie selbstverständlich aufsammeln. Aber militärisch gesehen hat das System für uns keinerlei Wert. Auch ökonomisch ist Sommertraum wertlos, Zehn Steine bietet mehr als genügend Vorräte für unsere Gemeinschaft. Notfalls auch für eine Million oder mehr.
Wenn der Rat es gestattet, werde ich die HEIMWEH nehmen und das nächste System anfliegen, auf dem nach Aussage vom großen Herold L´Tark Menschen ausgesetzt wurden. Dies wird Goronkar sein. Die Sonne ist neun Lichtjahre entfernt. Wir wissen, dass Ritter el Noet in diesem System mit Truppen aktiv ist. Und wir wissen, dass die Varni auf dieser Welt einen regen Abbau von wichtigen Erzen wie Eisen, Germanium, Gold, Silber, Platin und Kupfer betreiben. Dazu bauen sie Kohle ab, fördern Erdöl und raffinieren vor Ort. Des Weiteren wissen wir aus den Computerkernen des zwölften Kriegstross, dass sich im Orbit von Goronkar ein Schiffsbaukomlex befindet, der genügend Kapazitäten hat, um zwei Schiffe von der Größe der HEIMWEH zugleich zu bauen.
Goronkar ist ebenso ein Sprungbrett hinein in den noch nicht vom Pes Takre erschlossenen Raum wie Ausgangspunkt für die Hatz der Varni auf die Schöpfer.
Wenn es Fragen zu diesem Thema gibt, bitte ich, sie jetzt zu stellen.“
Kurt Warninger hob die Hand. „Haben wir neue Technologien erobert?“
„Wir haben Technologien erobert, aber es handelt sich um das altbekannte. Fuhrpark, Waffen, Computersysteme und drei auf Kiel gelegte Fregatten in der Nordpolwerft. Neue Technologien waren meines Erachtens nicht dabei, oder wir haben sie noch nicht entdeckt.“
Lady hob die Hand. „Wie sicher bist du, dass es wirklich nur zwanzigtausend Menschen waren, die auf dieser Welt ausgesetzt wurden? Du weißt, auch auf Zehn Steine waren es zuerst zwanzigtausend, danach folgte erst das Gros.“
„Großgruppenführer Duvalle berichtete mir, dass er selbst kein Soldat ist. Er erwachte mit weiteren Menschen, die ebenfalls keine gravierende militärische Ausbildung erhalten hatten, auf Sommertraum und traf im Verlauf der Kämpfe auf die versprengten Reste von Soldaten, die laut eigener Aussage vor mehreren Wochen ausgesetzt worden waren.
Dieses Muster ist mit dem Vorgehen auf Zehn Steine identisch. Nach der Suche auf allen großen Landmassen bin ich mir auch sicher, dass es keine weiteren Menschen auf Sommertraum mehr gibt.“
Patric erhob sich. „Commander. Wir haben diverse Anfragen von Beyondern, die über die Gruppenführer zu den Großgruppenführern hoch gereicht wurden. Ich werde sie nun vortragen. Viele wurden mehrfach gestellt, das bitte ich zu berücksichtigen.
Erste Frage: Warum ist Sommertraum militärisch unwichtig, wenn es Werften und Farmen hat?“
„Das ist schnell erklärt. Im Moment sind wir zu schwach, um Zehn Steine und Sommertraum zu halten. Wir verfügen auf dieser Welt über genügend Ressourcen, um unsere Gruppe zu ernähren, deshalb müssen wir das militärische Wagnis nicht eingehen, unsere spärliche Raumflotte aufzuspalten.“
„Zweite Frage: Welche Interessen hatten die Schöpfer in diesem System und stimmen sie damit überein, dass wir Sommertraum nicht halten?“
„Herold?“
Der kleine Außerirdische erhob sich und sah zu Tarnau herüber. „Die Interessen der Schöpfer in diesem System bezieht sich lediglich auf die dortigen Depots. Sommertraum ist eine Transitwelt und wurde eingerichtet, um den Menschen als Rückzugsgebiet, Zwischenstation und Versorgungspunkt zu dienen. Ich nehme an, Alex Tarnau hat die Depots geräumt?“
Tarnau nickte.
„Dann hat das System keine Bedeutung mehr für uns, solange die Menschen es nicht für strategisch notwendig erachten, es zu erobern und zu halten.“ Der Herold setzte sich.
„Dritte Frage: Besteht die Möglichkeit, dass die fehlenden achtzigtausend Menschen doch auf Sommertraum sind? Eventuell in einer cryogenen Anlage?“
Wieder erhob sich der Bote der Schöpfer. „Es ist nicht auszuschließen. Ich kenne die Planungen nicht, die für Sommertraum entwickelt wurden. Ich werde mit den Schöpfern Rücksprache halten und die Beyonder informieren, sobald die Frage beantwortet wurde.“
„Diese Information hätte ich gerne etwas früher gehabt“, murmelte Tarnau erschrocken.
Leises raunen ging durch die Reihen.
„Vierte Frage“, sagte Patric mit leicht erhobener Stimme, die zur Ruhe mahnte, „wie ist so ein Hyperraumsprung?“
Alex musste schmunzeln. Solche Fragen hatte er erwartet. „Ein Hyperraumsprung ist eine komplizierte Sache. Die Technologie dafür ist mir ein Buch mit sieben Siegeln und mit der Theorie kann ich leider auch nicht aufwarten. Aber ich weiß, dass ein durchschnittlicher Sprung eine Reichweite von bis zu zehn Lichtjahren haben kann. Nichtmodifizierte Varni-Schiffe sollen fünfzig oder mehr schaffen.
Jedenfalls nimmt das Raumschiff beim Sprung die eigene Raumzeit mit und kommt so auch am Zielort an. Es gibt also keine großartige Veränderung für die Raumfahrer während des Sprungs. Erwähnenswert ist vielleicht, dass wir ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit erreichen müssen, um in den Hyperraum zu wechseln und ihn auch mit dieser Geschwindigkeit verlassen. Würde uns dann etwas in die Quere kommen, hätten wir ernste Probleme. Ach, und natürlich haben wir ein physikalisches Phänomen festgestellt. An Bord der HEIMWEH hatten wir eine virtuelle Uhr, die mit einer Uhr im Netzwerk der Beyonder synchron geschaltet worden war. Als wir in den Orbit um Zehn Steine zurückgekehrt waren und die Uhren abglichen, stellten wir fest, dass die Uhr an Bord der HEIMWEH zwei Minuten, elf Sekunden und vier Hundertstel nachging. Weitere Fragen?“
„Nun“, sagte Patric streng, „die restlichen Fragen müssen nicht direkt an dich gestellt werden, Alex. Ich leite sie an die entsprechenden Commander und Großgruppenführer weiter.
Bitte fahren Sie fort, Commander Lady.“

Die Frau von Tromo, die sich auf dem Kleinkontinent bei der Führung der Menschen gegen etablierte Soldaten durchgesetzt hatte, sah Alex Tarnau ernst an. „Danke, dass Sie uns so offen und konkret über den Einsatz auf Sommertraum berichtet haben. Die Sache mit den cryogenen Anlagen sind spekulativ, deshalb möchte ich sie außen vor lassen. Aber ein anderer Fall beschäftigt mich und Dutzende, nein, hunderte und tausende Beyonder. Wo befindet sich Commander Jaques Vaillard? Außerdem liegen mir Vermisstenlisten vor, die sich auf ziemlich genau zweitausend weitere Beyonder beziehen. Des Weiteren ist bekannt, dass in den Depots mehrere Panzer und gut sechstausend dort eingelagerte Rüstungen fehlen. Was haben Sie dazu zu sagen, Alex Tarnau?“
„Ich denke, ich kann endlich mit offenen Karten spielen.“ Alex verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging einmal im Rund zwischen den Hologrammen der Großgruppenführer herum. „Jaques und ich sind nicht die besten Freunde, das wissen die meisten hier. Aber wir haben beide Vertrauen in die Fähigkeiten des jeweils anderen. Deshalb habe ich ihn für eine besondere Mission ausgesucht. Während der Kämpfe um den Tross von Porma el Tar wurde ein Zerstörer erobert, der von uns vorerst die Bezeichnung Bravo erhalten hat.
Mittlerweile hat er einen richtigen Namen, nämlich ODYSSEUS. Jaques Vaillard, die Crew der ODYSSEUS und weitere eintausendfünfhundert Beyonder befinden sich mit diesem nicht nachgerüsteten Schiff auf der Suche nach der Erde.“
Aufgeregtes Stimmgewirr erklang.
„Mittlerweile sind über drei Monate vergangen, und die ODYSSEUS unter Vaillard hat die Erde gefunden.“
Das Stimmgewirr wurde noch lauter. Patric schlug mahnend auf seinen Tisch. „Das sind gute Neuigkeiten, wenn sie bestätigt werden können. Was sind die Ziele auf der Erde?“
„Zuerst einmal, die einzelnen Nationen der Erde vor den Varni und damit vor dem Pes Takre zu warnen. Danach soll den großen Armeen der Erde die Varni- und Schöpfer-Technologie zur Verfügung gestellt werden. Und schließlich und endlich planen wir einen regelmäßigen Flugverkehr zwischen Erde und Zehn Steine. Auf diesem Weg können weitere Rekruten zu uns stoßen, Familien können nachgeholt werden und Beyonder, die gerne zurückkehren möchten, können auf diesem Weg die Erde erreichen.“ Alex hob mahnend die Hände, als die Stimmen tumultartige Lautstärke erreicht hatten. „Aber zuerst einmal richten wir einen postalischen Dienst ein. Ich bitte hiermit alle Beyonder, sich darauf einzurichten, dass es noch bis zu ein Jahr dauern kann bis uns die ersten in Richtung Erde verlassen können, so traurig das für die Zurückbleibenden auch immer sein mag. Aber bis dahin haben wir hoffentlich schon einmal Gelegenheit gehabt, elektronische Post zur Erde zu bringen. Deshalb möchte ich, dass sich alle Beyonder überlegen, wem sie auf der Erde gerne schreiben würden, oder wem sie eine Videobotschaft senden möchten. Wir werden diese Briefe und Nachrichten im Stab sammeln und dem nächsten Flug zur Erde mitgeben.“
Wieder wurde gemurmelt, aber vereinzelt mischte sich Jubel darunter. Egal ob nur als Hologramm oder körperlich anwesend, die Aufregung zog sich durch alle Reihen.
„An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass ich nicht zur Erde zurückgehen werde“, sagte Alex Tarnau mit fester Stimme. „Ich bin durch meine Versprechen an die Schöpfer gebunden und werde die Erde von hier aus verteidigen.“
Diese Feststellung hatte etwas ernüchterndes. Das Gemurmel erstarb nach und nach. Viele der vormals aufgeregten, ja aufgelösten Beyonder setzten sich wieder, während andere die Lautstärke ihrer Konversation reduzierten.
„Wir haben keine Ahnung wie die Erde reagieren wird, aber ich hoffe das Beste.
Gibt es weitere Fragen?“
„In der Tat. Woher weißt du, dass die Erde von Jaques Vaillard erreicht wurde?“, fragte Jamahl Anderson ernst.
„Als ich heute meinen Arbeitsplatz aufgerufen habe, um die mir zugesandten Dokumente zu signieren, habe ich auch einen Brief von Herold L´Tark entdeckt. In diesem Brief informiert mich der Herold darüber, dass eines der Schöpferschiffe, das im Bereich unserer Heimatsonne operiert, die ODYSSEUS entdeckt hat.“
Wieder wurde geraunt, aber diesmal war der Unterton leicht verzweifelt.
„Der Schöpfer bittet mich in dem Brief darum, Commander Vaillard anzuweisen, mit den Schöpfern auf der Erde zusammen zu arbeiten. Es scheint nämlich so, als wenn die Scöpfer ein paar Geschäftspartner auf der Erde haben, von diesen jedoch übers Ohr gehauen werden, um es mal blumig auszudrücken. Ich habe mich entschlossen, Jaques Vaillard zu erlauben, den Schöpfern zur Hand zu gehen, weil dies auch bedeutet, dass sie die ODYSSEUS, ihre Mannschaft und ihre Mission im Sol-System dulden werden. Außerdem nehme ich an, dass unsere weiteren Pläne, den Brief- und Personentransfer betreffend fortan von den Schöpfern unterstützt werden. Sehe ich das richtig, L´Tark?“
„Natürlich, Alex Tarnau. Ursprünglich sahen unsere Pläne vor, den Menschen nicht zu erlauben, selbstständig in ihre Heimat zurückkehren zu können. Aber die derzeitige Entwicklung ist in unserem Sinne. Deshalb sagen wir vorbehaltlos zu.“
„Gut. Dann können die Schöpfer ja gleich eines ihrer ältesten Versprechen einlösen.“ Tarnau aktivierte das Display seiner Mütze und sandte ein Datenpaket zu de Herold. „Dies ist eine Liste mit allen von uns verifizierten Gefallenen sowohl der Beyonder als auch der Menschen von Sommertraum. Bitte, Herold, tun Sie ihre Pflicht und richten Sie Konten mit Geldbeträgen für ihre Hinterbliebenen ein oder spenden Sie die entsprechende Summe gemeinnützigen Vereinen. Oder noch besser, überlassen Sie diese Aufgabe auch Commander Vaillard.“
„Die Schöpfer stehen zu ihrem Wort, Alex Tarnau“, stellte der Herold kühl fest.
„Genauso wie die Beyonder.“ Tarnau ließ seinen Blick über die Großgruppenführer schweifen. „Gibt es weitere Fragen?“
Als sich niemand mehr meldete, erhob sich Patric. „Wenn es keine Fragen mir gibt, dann schließe ich hiermit die außerordentlich Sitzung. Im Namen des Rates bedanke ich mich bei Alex Tarnau und der Besatzung der HEIMWEH für die immens wertvolle Arbeit auf Sommertraum. Und jetzt lasst uns feiern! Wir haben Kontakt zur Erde!“

Ace Kaiser
31.10.2007, 17:40
***
Am nächsten Morgen nahm Alex Tarnau, begleitet von Martha Wong und Natsumi Genda sowie seiner etablierten Leibwache, die Antigravbahn an die Ostküste. Die Fahrt würde mehrere Stunden dauern. Alex war immer wieder davon fasziniert, in welch kurzer Zeit die Beyonder dieses technische Wunderwerk aus den Fertigteilen der Schöpfer errichtet hatten, und wie servicefrei und reibungslos es funktionierte.
Die schlanke Bahn schoss mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern pro Stunde dahin. Ein höheres Tempo war selbst mit der Schöpfertechnologie bei dem verwinkelten Parcours nicht möglich gewesen, den die Trasse notgedrungen nehmen musste, da das Gelände einfach zu bergig war.
Aber der Transport der Güter der Hochseefabriken über die Antigravbahn war wesentlich kommerzieller als der Abtransport über den zu kleinen und zu hoch frequentierten Flughafen, auf dem jeweils nur ein Pendler zur gleichen Zeit hatte stehen können.
Doch nicht nur die Anlegestege und Verarbeitungsfabriken waren hier interessant. Die frische, salzige Seeluft, das milde, warme Klima und die weiten, weißen Sandstrände mit dem palmenähnlichen Bäumen machten diese eigentlich recht karge, ja trockene Ecke von Zehn Steine zu einem optischen Paradies. Deshalb hatten die Ärzte der Beyonder schon früh beschlossen, in dieser Region des Planeten ein Sanatorium einzurichten. Nicht zuletzt die Nähe zum Hoffnungstal war einer der Hauptgründe gewesen. Tatsächlich hatte sich der kreuzförmige Bau, der für zweitausend Menschen gedacht war, recht schnell gefüllt. Nun lebten hier fast eintausend Beyonder und Varni, die sich körperlich oder geistig von den schrecklichen Erlebnissen während der Schlacht um den Tross von Porma el Tar erholten.
Und irgendwie hatte Alex Tarnau das Gefühl, dass er eigentlich auch hier sein sollte, anstatt seinen Geist und seinen Körper bis an die Grenzen zu treiben, und weit darüber hinaus.
Doch das konnte er nicht. Noch nicht. Er würde kürzer treten, das hatte er seinem Arzt versprochen. Aber es war ihm unmöglich die Führung der militärischen Operationen der Beyonder zu diesem Zeitpunkt aus der Hand zu geben. Er hätte sich nicht eine Sekunde wirklich sicher gefühlt, und das wäre ohnehin kontraproduktiv für die Heilung gewesen.
Bisher hatte ihm noch jeder diese schamlose Lüge abgenommen.
Für einen winzigen Moment fragte sich Tarnau, ob sein eigentliche Beweggrund nicht Größenwahn war.

In der Anlage wurde er vom behandelnden Chefarzt begrüßt. Der junge Mann, auf der Erde als Student entführt, hatte sich als erfahrenster Mediziner auf dem Gebiet geistiger Erkrankungen erwiesen, und das hatte ihn auf die Chefstelle katapultiert. Der junge Chinese Liù Bide tat dennoch einen guten Job, wie Alex fand. Er hatte ja auch keine andere Wahl, genauso wenig wie andere Beyonder in ähnlichen Positionen eine andere Wahl gehabt hatten.
Ohne seine Leibwache, nur mit Martha und Natsumi als Begleitung, folgte er dem Mediziner durch das Gebäude und schließlich auf die Südseite. Ärzte, Pfleger und Patienten lebten hier zusammen. Ein Flügel war den geistigen Gebrechen zugeordnet, einer den körperlichen, der dritte dem Personal und der vierte diente der Verwaltung als Standort. Dennoch war noch eine Menge Platz vorhanden. Platz, den Tarnau nie gefüllt sehen wollte, denn das hätte weitere schwere Kämpfe bedeutet. Wenn er jemals verstanden hatte, was Kampf wirklich bedeutete, dann in dem Moment, als eine Männerstimme aus vollem Hals zu schreien begann. Erschrocken zuckten Tarnau und Begleiterinnen zusammen.
Liù erklärte dazu trocken: „Gruppenführer Jonas. Er wurde von einem Pendler aus dem Orbit gepickt. Hat über sechzehn Stunden in der Einsamkeit verbracht. Seine Rüstung hat ihn am Leben erhalten, aber er war der einzige Überlebende seiner Gruppe. Die Erfrierungen und die Stickstoffembolie, hervorgerufen durch Unterdruck, haben wir gut im Griff, aber den Mann plagen schreckliche Albträume von bodenlosen Abgründen. Wir nennen diese Anfälle Raum-Akrophobie.“ Beschwichtigend winkte der Mediziner ab. „Er befindet sich auf dem Weg der Genesung, Ren. Kein Grund zur Sorge. Er stellt sich seinem Trauma, begreift die Gründe für seine Angst und stellt sich ihr. Wir haben nächste Woche einen Trip in den Orbit geplant, bei dem er mit seiner Rüstung den Personentransporter verlassen wird. Wenn er das schafft, ist er geheilt.“
Tarnau nickte zufrieden. „Habe ich schon erwähnt, dass Sie hier gute Arbeit leisten, Peter?“
Der Chinese lächelte ein typisch chinesischen Höflichkeitslächeln. „Erst neulich, als Sie mich erneut Peter genannt haben, Ren.“
Tarnau senkte kurz den Blick. „Entschuldigen Sie, Bide. Aber seit Sie mir gesagt haben, dass Ihr Vorname eine Variaton des deutschen Namen Peter ist…“
„Es geht auf meine christlichen Vorfahren zurück, und daher eher auf Petrus.“
„Ich bin mit dem historischen Hintergrund des Namens vertraut“, erwiderte Tarnau. „Petrus bedeutet Fels. Es scheint als hätte ich das Fundament dieses Hospitals auf den Schultern des richtigen Mannes aufgebaut.“
Der Chinese blieb stehen und verneigte sich vor dem Anführer der Beyonder. „Sie ehren mich sehr, Ren.“
„Es ist keine Ehrung, nur die reine Wahrheit, Peter.“

Sie erreichten das Ende des Südflügels. Der Arzt deutete auf den Ausgang. „Die Terasse, Ren. Um diese Uhrzeit sitzt er in der Sonne und lauscht dem Klang der Wellen, die an die Küste schlagen. Wollen Sie danach auch noch Miss Cedric besuchen?“
„Cedric, Ren. Die Frau, die Sie während einer Panikattacke erschießen wollte“, informierte Martha ihren Vorgesetzten schnell.
Tarnau zuckte bei dem Gedanken an diese turbulenten Minuten zusammen. „Ich habe dir noch immer nicht angemessen dafür gedankt, dass du damals mein Leben gerettet hast, Martha“, brachte er mühsam hervor.
„Sie haben mir gedankt, Ren, indem Sie damals im Wald mein Leben gerettet haben.“ Sie lächelte den Mediziner an. „Sobald Miss Cedric als gesund entlassen ist, kann sie einen Termin mit dem Commander vereinbaren. Falls sie es wünscht.“
„Ich verstehe. Soll ich Sie begleiten, Ren?“
„Nein. Danke für Ihre Führung, Peter.“
Der Mann deutete höflich eine Verbeugung an und zog sich zurück.
Alex Tarnau atmete ein paarmal tief durch. „Also, Mädchen, haltet euch etwas im Hintergrund. Ich will ihn nicht einschüchtern, okay?“
Die Panzerfahrerin und die Stabschefin nickten ernst.
Tarnau fasste sich ein Herz und verließ das Gebäude.
„Sie haben aber reichlich lange gebraucht, um endlich zu mir zu finden“, klang eine trockene, befehlsgewohnte Stimme auf. Eine Hand erschien neben einem Liegestuhl und deutete auf ein zweites Exemplar daneben. „Kommen Sie, Ren, setzen Sie sich. Dann redet es sich leichter.“
„Ist das wirklich eine so gute Idee?“, zischte Martha Wong ernst. „Das ist Deavenport, Ren, Chrisholm Deavenport!“
„Ich weiß.“


4. Erkenntnisse

Die beiden Männer saßen in den bequemen Liegestühlen und starrten auf das Meer hinaus. Die Sonne stand hinter ihnen und ließ die Wellenkämme aufglittern wie kleine Metallfunken.
Beide hatten ein Glas in der Hand und tranken bedächtig von der gelblichen Flüssigkeit.
Der eine war Alex Tarnau, der Mann der die Beyonder vereinigt und den Angriff auf Porma el Tars Kriegstross angeführt hatte, der andere sein schärfster Gegner, sein erfahrenster Rivale Chrisholm Deavenport, Colonel der U.S. Army.
Die warme Luft, das leise rauschen der Wellen und der Wind, der leise das Laub der nahen Bäume rascheln ließ hatten etwas beruhigendes, beinahe hypnotisches. Kein Wunder, dass dieser Ort für ein Sanatorium so passend war.
„Wie geht es Ihnen, Chrisholm?“
Deavenport sah kurz herüber. „Körperlich oder geistig?“
„Beides.“
„Gut, Ren. Ich habe die Infektion besiegt, mein Körper ist geheilt. Mein Verstand ist wieder voll da, und die tiefe mentale Erschöpfung fast verschwunden. Ich schätze, dass ich in drei bis vier Tagen diesen Ort verlassen kann. Falls Sie nicht meinen, ich wäre hier besser aufgehoben.“
„Ein interessanter Aspekt“, murmelte Tarnau und nahm einen langen Schluck von seinem Getränk. „Muss ich Sie denn hier lassen?“
„Ich muss zugeben, wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich es so befehlen. Ich habe immer noch Einfluss, ich kann immer noch Truppen zusammenziehen, die meinem Befehl gehorchen. Ich bin ein Störfaktor ersten Ranges für Sie, Tarnau.“
„Aber?“
„Aber nur, wenn ich das will.“
Alex sah den Offizier ernst an. „Und, wollen Sie das, Colonel Deavenport?“
„Sagen Sie ruhig weiterhin Chrisholm. Es klingt so beruhigend aus Ihrem Mund, Alex Tarnau.“ Der ältere lächelte dünn. „Ich weiß nicht, ob ich eine Gefahr für Sie bin. Aber ich weiß, dass ich nicht erwartet habe, dass Sie schaffen, wobei ich versagt habe. Bitterlich versagt habe. Mein Körper war eben schon hier, aber mein Kopf war noch auf der Erde, bei den Army Rangers.“
„Und wie ist es jetzt? Ist der Kopf auch angekommen?“
Deavenport sah mit einem schmerzerfüllten Lächeln zu Boden. „Erzählen Sie mir von der Situation, in der wir stecken, Alex Tarnau. Ich habe gehört, Sie haben Menschen aus dem Nachbar-System evakuiert?“
„Sommertraum. Gut sechzehntausend Rüstungsträger. Mehr war auf dieser Welt nicht zu finden. Wir haben ein paar Schiffe zerstört, ein paar erbeutet und die Welt wieder verlassen.“
„Sind Sie sicher, dass es nicht mehr Menschen auf Sommertraum waren? Auch hier waren es gut zwanzigtausend Menschen, die in der Ersten Welle eingesetzt wurden.“
Tarnau nickte. „Ich habe den ganzen Planeten abfliegen lassen. Dabei wurden Aspekte meines Override-Codes verwendet. Wir haben dadurch so manche aufgesplitterte Gruppe finden können, auch ein paar Versprengte. Außerdem wissen wir, dass auf Sommertraum bereits zwei Wellen eingesetzt wurden. Wie auch hier eine militärische, die aus gut viertausend Soldaten bestand, danach eine zivile, mit knapp sechzehntausend Menschen, die sich nur durch eine besonders hohe Aggression für den Dienst an der Waffe eigneten. Die Schöpfer folgen einer merkwürdigen Logik.“
„Sie folgen der einzigen Logik, die sie kennen. Wenn sie unsere Welt betrachten, sehen sie sicherlich zuerst die Konflikte“, dozierte Deavenport. „Vor allem deshalb, weil wir selbst eher über solche Dinge berichten als über friedliche Aspekte unseres Lebens. Also müssen die unbedarften Schöpfer ja glauben, dass wir kriegerische Bestien sind, deren Zivilisation nur eine dünne Tünche ist, die sie jederzeit abstreifen können. Man muss wohl einfach nur aggressiv genug sein.“
„So ähnlich waren L´Tarks Worte“, gestand Tarnau.
„Sechzehntausend also“, setzte der Colonel das Gespräch beim alten Thema fort. „Über viertausend Gefallene. Das ist ein größerer Blutzoll als auf Zehn Steine.“
„Die Truppen auf Sommertraum waren hoffnungslos unterlegen.“
„Und sie hatten keinen Alex Tarnau“, fügte Deavenport hinzu.
„Da wäre ich mir nicht so sicher. Der junge Mann, der die größte Gruppe anführte, hat enormes Potential. Und das in seinem Alter.“
„Etwas ähnliches habe ich auch über Sie gedacht, seitdem ich endlich etwas Ordnung in meine Gedanken bringen konnte“, schmunzelte der Colonel.
Alex nickte als Antwort.
„Sie haben sicherlich die Schöpfer befragt. Es sollten einhunderttausend Menschen pro Welt sein. Auf Sommertraum war es aber nur ein Fünftel.“
„Natürlich habe ich das. Aber L´Tark konnte diese Frage selbst nicht beantworten und hat sie weiter geleitet. Überdies habe ich dafür gesorgt, dass wir unauffällig von Zeit zu Zeit Sommertraum besuchen können, um eventuelle weitere versprengte Schäfchen zu finden. Man weiß ja nie.“
„Sehr umsichtig. Wie sehen die weiteren Pläne von Alex Tarnau aus? Ich habe gehört, Sie mussten sich vor dem Rat verantworten? Einer der großen Nachteile der Demokratie. Alle sind gleich und es gibt keinen Primus inter Pares.“
„Bester unter Gleichen? Eine überhebliche Formulierung.“
„Sind Sie nicht der Champion der Beyonder, Alex Tarnau?“
„Wenn Sie das so sagen, Colonel. Ich habe mich so nie gesehen.“ Alex atmete tief ein und wieder aus. „Ich musste mich wegen dem verschwinden von Commander Vaillard verantworten.“
„Dem Verschwinden von Vaillard? Und dann gleich ein Commander? Ihre erste Leiche im Keller, Alex?“
„Etwas in der Art“, erwiderte der Commander schmunzelnd. „Ich habe ihn mit einem Zerstörer der Varni zur Erde geschickt. Leider haben die Schöpfer es mitgekriegt.“
„Ist der Plan damit gescheitert? Obwohl ich zugeben muss, dass er einen Versuch wert war. Man kann ihn immer wiederholen, solange weitere Schiffe der Varni erobert werden.“
„Nein, merkwürdigerweise nicht. Im Gegenteil, die Schöpfer, die sich heimlich auf der Erde aufhalten, waren wohl sehr froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Im übertragenen Sinne. Commander Vaillard soll ihnen zur Hand gehen, was den Kontakt zu den Menschen angeht. Wenn Sie mich fragen, Colonel, hätten die Schöpfer das früher und eher haben können.“
„Aber erst die Tatsache, dass Vaillard alleine hat die Erde finden können, hat ihnen wohl genug Vertrauen in seine Fähigkeiten eingeflößt.“
Tarnau rieb sich nachdenklich das Kinn. „Das ist ein gutes Argument.“
„Was sind seine Aufträge auf der Erde, Alex? Warum ist der Commander auf der Erde?“
„Ich habe ihm Rüstungen und Panzer mitgegeben. Jetzt, wo wir gegen die Varni kämpfen, wird das Pes Takre auf Menschen aufmerksam. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber sicher eines Tages wird das Pes Takre über der Erde stehen. Dann will ich, dass sie zur Abwehr bereit ist. Unabhängig davon, ob wir unseren Kampf gewinnen oder verlieren.“
Deavenport rieb sich die rechte Schläfe. „Die Erde ist ein Hexenkessel. Drei, vier, Mega-Nationen spielen sich als Weltpolizei auf, geben vor für Gott und die Weltordnung zu streiten und versuchen in Wirklichkeit nur, Geld zu scheffeln und neue Märkte für Waren zu begeistern, die in eben diesen Märkten nichts verloren haben. Sind Sie sicher, dass es eine gute Idee ist, diesen Staaten Zugriff auf Beyonder- und Schöpfer-Technologie zu gewähren?“
„Und auf Varni-Technologie.“
„Sie könnten wegen dieser Technologie Krieg führen. Das ist Ihnen hoffentlich klar, Alex.“
„Ich traue es Jaques durchaus zu, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Aber wenigstens habe ich ihm zu wenig Ausrüstung mitgegeben, um damit Krieg zu führen, nachdem er sie an die verschiedenen Staaten der Erde verteilt hat.“ Tarnau seufzte tief. „Zumindest nicht, bis sie die Technologie nachgebaut haben.“
„Und was ist danach? Ein alles vernichtender Krieg um die Vorherrschaft auf der Erde, ausgeführt mit der überlegenen Schöpfer-Technologie? Oder spekulieren Sie darauf, dass alle Staaten der Erde Vernunft annehmen und sich gemeinsam auf den Konflikt mit dem Pes Takre vorbereiten?“
„Haben sie denn eine andere Wahl?“, fragte Tarnau bitter.
„Ja, natürlich. Sie können diese Gefahr ignorieren und in Kauf nehmen, entweder ausgelöscht oder unterworfen zu werden, hauptsache sie können bis zum bitteren Ende ihre Machtspielchen spielen.“
„Ich habe vor“; begann Tarnau nach ein paar Minuten des Schweigens, „Familien nachzuholen. Ich will Post verschicken und empfangen. Und ich will Beyonder, die nicht hier bleiben wollen, wieder zur Erde lassen und neue Rekruten für Zehn Steine herschaffen lassen.“
„Neue Rekruten? Was erhoffen Sie sich davon? Wollen Sie Freiwilligen-Büros eröffnen und hoffen, dass genügend Menschen patriotische Gefühle für die Erde hegen, um den Beyondern beizutreten? Wollen Sie jeden Waffennarr abgrasen, den es auf der Erde gibt? Jeden Idealisten? Jeden, der nicht schnell genug beiseite gesprungen ist?“
„Erstens ist das immerhin besser als das was die Schöpfer mit uns getan haben“, erwiderte Tarnau ernst, „und zweitens werde ich das tun und jeden Menschen anwerben, der eine Rüstung bedienen kann, wenn ich muss. Aber ich hoffe schon darauf, dass die Menschheit uns ausgebildete Soldaten schicken wird. Die Menschen müssen doch begreifen, dass Zehn Steine nur der Gipfel eines riesigen Eisbergs ist, der die gesamte Menschheit unter sich begraben kann. Wir wissen ja gerade einmal ansatzweise, wie groß das Pes Takre wirklich ist. Es wurde ein Kriegstross besiegt. Einer von dreizehn, die in dieser Sternenregion operieren. Wie viele wird es insgesamt geben? Nur weil Porma el Tar nur von dreizehn weiß, heißt das nicht, dass nicht auch andere Völker des Pes Takre eigene Flotten haben. Oder es gibt auf der anderen Seite der Galaxis noch einmal dreizehn Kriegströsse, die Porma und seinen Mitrittern einfach verschwiegen wurden. Wir wissen nichts! Aber ich ahne, wie diese Geschichte ausgehen wird, wenn wir es dabei belassen!“
„Tod, Vernichtung und Versklavung der Menschheit. Noch schlimmer, genetische Konditionierung“, sagt Deavenport ernst. „Haben Sie sich schon einmal mit ar Zykarta oder el Tar über das Thema Fortpflanzung unterhalten?“
„Muss ich das?“
„Oh, es ist durchaus interessant. Die Varni, denen wir mit dem Kriegstross begegnet sind, sind durch die Bank Männer. Sie wurden von klein auf als Soldaten erzogen, einige wenige von ihnen kamen als Quereinsteiger und potentielle Offiziere in ihre Reihen. Man hat ihnen alles aberzogen. Ihre Gefühle, ihren Sexualtrieb, ihren Selbsterhaltungstrieb, einfach alles, was sie zu etwas ähnlichem wie einen Menschen machte. Haben Sie sich nie gefragt, wo die Frauen der Varni sind? Oder haben Sie sie für zweigeschlechtlich gehalten?“
„Nun“, begann Tarnau zögerlich, „weder der Doktor noch der Ritter haben das Thema jemals angeschnitten, deshalb…“
„Deshalb haben Sie es auch nicht. Sehen Sie, genau das ist das Problem, denn der Erde steht ein ähnliches Schicksal bevor. Angenommen, die Handlungen der Beyonder zeigen dem Pes Takre, dass wir gute Soldaten wären, dann würde die nächste Generation, die einen Kriegstross erbaut, von der Erde kommen. Sie würden indoktriniert, chemisch gebrochen und durch genetische Eingriffe programmiert werden, den Befehlen zu gehorchen, die man ihnen gibt. Und angenommen, es gibt die Beyonder dann noch… Wir würden gegen diese Menschen antreten und kämpfen müssen.“
„Eine Horrorvision.“
„Halb so wild. Auf der Erde kämpfen Menschen gegen Menschen jeden Tag.“
„Aber wir sind nicht auf der Erde. Und dieses Szenario könnte uns alle ausrotten. Oder alle versklaven. Oder Schlimmeres.“
„Und genau das müssen wir den Menschen bewusst machen. Trauen Sie das Vaillard zu? Oder wird er die Staaten aufrüsten und sie in einen Krieg um die neue Technologie locken?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich vertraue ihm und seinem Urteil.“
„Aber Sie sich sicher, dass er keinesfalls das Schiff verlässt und sein altes Leben fortsetzt, oder? Es muss für alle an Bord des Zerstörers sehr verlockend sein, genau das zu tun. Einfach alles schreckliche, gefährliche der letzten Monate hinter sich zu lassen und etwas zu tun, was sie all die Jahre zuvor gekannt haben.“ Deavenport trank sein Glas leer. „Von ihnen beiden, Vaillard und Tarnau, hat er die schwierigere Aufgabe bekommen. Aber Sie haben die gewaltigere. Was haben Sie geplant, Alex Tarnau? Weitere Schiffe umbauen, die anderen acht Welten abgrasen und die anderen Terraner hier auf Zehn Steine zu fokussieren?“
„Ja, das war der Plan.“
„Bullshit. Bald sind die ersten Fregatten hochgerüstet. Außerdem steht bald ein Fregattenneubau der Schöpfer an, der es durchaus mit einem Schlachtschiff aufnehmen kann. Überlassen Sie den Kontakt und die Rettung der anderen Menschen Ihren Leuten, Alex. Sie aber müssen etwas tun, was nur Sie können.“
Tarnau fühlte sich verpflichtet, seine Verletzung zu erwähnen. Seine Therapie. Die Lebensgefahr, in der er schwebte. Aber er ließ es. „Und das wäre, Chrisholm?“
„Sie müssen Verbündete suchen. Das Pes Takre erkunden. Überhaupt begreifen, was hier geschieht, wie die Politik des Pes Takre aussieht. Knotenpunkte finden, an denen wir empfindliche Schläge ausführen können, welche das Reich zurückwerfen. Orte finden, die wir unterstützen können, um Befreiungskriege auszulösen. Wir dürfen das Reich nicht von außen anknabbern. Dann überrollt es uns irgendwann. Wir müssen innen unseren Krebs ansetzen! Sie müssen von innen ansetzen, Alex. Das Pes Takre muss an vielen, viel zu vielen Fronten kämpfen. Dann können wir es besiegen, die Gefahr für die Erde hinauszögern, vielleicht beenden und den Auftrag der Schöpfer erfüllen. Und was am wichtigsten ist, Alex Tarnau, die Beyonder werden dadurch überleben. Ansonsten wären sie die ersten, die vernichtet werden, wenn das Pes Takre mit aller Macht angreift.“

Die beiden Männer schwiegen daraufhin eine lange Zeit. „Ein Monat. Den brauchen wir, bis die Umbauten fertig sind. In dieser Zeit kann ich die Leute trainieren und eine kleine Flotte zusammenstellen. Eine weitere Flotte kann Kontakt zu den anderen acht Welten aufnehmen und nötigenfalls die Menschen von dort evakuieren.“
„Das können wir jetzt schon tun. Wir können die nicht umgebauten Varni-Schiffe losschicken, solange die HEIMWEH über dieser Welt Wache steht. Selbst wenn die Schiffe selbst den Varni nur gleichwertig sind, die Rüstungen und die Panzer sin