Ace Kaiser
11.12.2005, 16:26
Beyonder: Für die Erde
Prolog:
Eine kleine Gemeinschaft Menschen wurde aus ihrem bisherigen Leben gerissen und auf einem fremden Planeten ausgesetzt. Bewaffnet mit einer überragenden Technologie, die allem weit überlegen ist, was die Menschheit bis zu diesem Moment kannte, müssen sich normale Menschen ohne militärische Ausbildung einem Feind stellen, der nur ihre totale Vernichtung im Sinn hat.
Lediglich Alex Tarnau, ein deutscher Reserveoffizier, versucht in diesem Chaos die Ordnung zu finden und so viele Menschen wie möglich zu retten.
Anfangs sind es zwanzigtausend Menschen, deren Heimatländer fast alle Länder der ersten und zweiten Welt auf der Erde umfassen, doch je mehr Alex Tarnau und seine Gefährten über ihre Situation erfahren, desto größer wird diese Zahl.
Alex Tarnau erfährt von Herold L´Tark, einem Mitglied des Volkes der Schöpfer, welches sie alle entführt hat, wer ihre Gegner sind, warum sie gegen diese kämpfen sollen – und warum die ausgebildeten Soldaten, die zuvor gegen den Feind, die Varni, gekämpft haben, versagten.
Die kleine Gemeinschaft, die sich Beyonder nennt, tritt gegen die Varni an, tritt gegen die Soldaten an und stellt sich dann dem ultimativen Feind, einer ganzen Flotte mit Varni-Soldaten. Zu diesem Zeitpunkt umfassen die Beyonder bereits fast alle einhunderttausend Menschen, Zivilisten wie Soldaten, die von den Schöpfern auf dieser Welt ausgesetzt worden waren.
Die Menschen um Alex Tarnau siegen und erobern den Großteil der Flotte des Admirals Porma el Tars. Und sie müssen sich erneut einer schockierenden Erkenntnis stellen. Es gibt neun weitere Welten, auf denen entführte Menschen ausgesetzt wurden und kämpfen müssen.
Diese zu finden und zu vereinen ist nun das wichtigste Ziel der Beyonder, bevor der nächste Schlag der Varni sie alle auslöscht.
1. Verzweiflung
„Zusammenbleiben!“ Kevin Duvalle schrie die Worte regelmäßig, und bisher schienen sie Wirkung zu zeigen. Die Phalanx aus weißen Rüstungen stand noch immer – trotz des Beschusses durch die Kampfpanzer in Form von Raketen und Granaten. Trotz der immer größer werdenden Zahl an Ausfällen, die in das Innere des Quadrats getragen wurden, welches die noch fünfhundert Rüstungen bildeten.
Sie waren eingekreist, überrumpelt und hatten keinerlei Chance auf einen Ausbruch. Der Gegner, die Varni, waren ihnen zudem achtfach überlegen.
Gewiss, die weißen Rüstungen waren besser bewaffnet, schneller und agiler. Aber das nützte ihnen in dieser Falle herzlich wenig.
Nachdem Kilgore gefallen war hatte sich Kevin ein Herz gefasst und aus der Not eine Tugend gemacht. Niemand hatte ihn gewählt, niemand hatte jemals auf ihn gehört, aber als das Chaos am Größten gewesen war, da war seine Stimme die lauteste gewesen.
Nun standen sie hier, auf einer Hochebene, festgenagelt, von allen Seiten umringt und schwerem Beschuss ausgesetzt.
Sie bildeten ein Viereck von knapp dreißig Metern Seitenlänge. Die Schützen bildeten drei Reihen á dreißig Mann und warteten auf seinen Feuerbefehl. Im Quadrat warteten gut hundert Rüstungsträger, um die Plätze derer einzunehmen, die ernsthaften Schaden hatten einstecken müssen. Die Schreie der Verwundeten klangen sogar über den Kampflärm bis zu ihm herüber, während einige Gewitzte versuchten, die halb zerstörten Rüstungen zu zerlegen, um andere wieder gefechtsklar zu kriegen.
Kevin machte sich nichts vor. Ihre Gegner, die Varni, würden keine Gnade gewähren. Sie würden jeden und alle töten, die sie antrafen, egal ob sie in Rüstungen steckten oder nur das schwarze Unterfutter trugen.
Er selbst hatte es erlebt. Einmal, zweimal, immer wieder.
Als sie dann mitten in dieser Savanne festgenagelt worden waren, als ihr gewählter Anführer gestorben war, da hatte sich Kevin an seine Schulzeit erinnert. Es war ausgerechnet eine Lektion über den Zulu-Aufstand in Südafrika gewesen, bei dem gut hundert gut ausgebildete Infanteristen gegen das Zehnfache an afrikanischen Kriegern hatten antreten müssen. Gute Taktik, überlegene Waffen und eiserne Disziplin hatten den meisten Soldaten das Leben gerettet, während der Tod Roulette spielte und Leben ohne jedes Muster nahm.
Beim letztendlichen Sturmangriff auf die geschlossene Front waren die Zulu-Krieger schließlich abgeschlagen worden, einmal, zweimal…
Genau dies imitierte er hier gerade. Eine stabile Front, eiserne Disziplin, in manchen Fällen aber eher wohl reine Angst und die Erkenntnis alleine verloren zu sein, sowie Geduld. Eiserne Geduld, während Menschen starben. Menschen, die auf ihn gehört hatten, die nun diese Phalanx bildeten, anstatt weiter kopflos zu fliehen. Doch genau bei dieser Flucht wären sie noch verletzlicher gewesen. Noch viel mehr wären gestorben, vielleicht sogar alle.
Kevin hatte diese Formation aus dem Nichts gestampft, ebenso drei Rüstungsträger, die er kurzerhand für die anderen drei Seiten verantwortlich gemacht hatte, damit die Reihen hielten.
Wieder erklang Olav Petersons Synthesizer und imitierte eine Trillerpfeife. Der Mann war in den zwei Stunden, die dieses Debakel nun schon dauerte, enorm gewachsen und hielt seine Reihen gut geschlossen. Die Trillerpfeife war weit über den Schlachtlärm zu hören und erinnerte die Männer und Frauen daran, nicht alleine zu sein.
Dennoch. Kevin wusste wie es weitergehen würde. Sobald die Varni glaubten, seine Truppe gut genug zusammen geschossen zu haben, würden sie mit Panzern und Infanterie direkt angreifen. Und wenn dann eine Seite des Quadrats nachgab, waren sie alle verloren.
Übergangslos endete das Sperrfeuer. Kevin erweiterte die Reichweite seiner Ortung um das Zehnfache und erkannte den Grund. Die Picker-Panzer begannen sich zu formieren, während die Bully-Panzer neue Positionen einnahmen. Die kleineren Picker würden nun sicherlich bald angreifen, während die Bullys noch einmal Sperrfeuer geben würden, bis die Picker die Rüstungen erreicht hatten.
„Bereit machen!“, rief Kevin laut. Er hoffte, dass seine Stimme nicht wirklich so entsetzlich quiekte, wie er es selbst empfand.
„Bereit machen!“, kam es von Olav herüber, begleitet von der obligatorischen Trillerpfeife.
„Bereit machen!“, kam es jetzt auch von Samantha Gordon und Sergej Jelzin.
Kurz regte sich Unruhe in den Reihen, doch als die ersten Raketenwerfer aus den Armen ausfuhren war dies wie ein Beruhigungsmittel für die Leute. Die drei Reihen standen, während Helfer die Feuerpause nutzten, um weitere Verletzte nach innen zu holen.
„Da kommen sie“, hauchte Kevin und hob den rechten Arm. Diese Geste war unnötig, jedermann würde ihn hören können, sobald er den Feuerbefehl gab. Aber er brauchte diese Geste. Er brauchte das Gefühl, wirklich etwas zu tun.
Sie hatten Minen aus den Beintaschen ausgelegt, alles was sie noch hatten. Auf sie würden die Panzer zuerst treffen – kurz bevor sie in Reichweite kamen, um die Flammer einzusetzen.
Die Flammer, diese furchtbaren Flammer…
Die Panzer ruckten an. Kevin wechselte auf Vergrößerung, sah die Picker, als wären sie zum greifen nahe. Und die Infanterie, welche sich zwischen den Panzern bewegte, sah die langen Kampfmesser aufblitzen. Dies wurde wirklich ihr letztes Gefecht. Und der, der zuletzt stand, hatte gewonnen.
Die Panzer rasten los, zugleich setzte der Beschuss wieder ein. Direkt neben Kevin explodierte eine Granate, warf zwei Rüstungen nach hinten. Sofort ersetzten zwei Mann der Reserve ihre Posten.
Über ihnen vergingen Dutzende Raketen in den Abwehrmaßnahmen der Rüstungen, mit die letzten, über die sie verfügten. Waren die verbraucht, konnten sie nur noch hoffen, die Raketen mit den Miniraketen abschießen zu können.
Dann explodierte die erste Mine, riss einen der Panzer vom Boden, warf ihn um.
Damit hatte er ein Signal gegeben, weitere Panzer liefen auf die Minen, gewitztere Panzerbesatzungen, die drei oder mehr Meter über dem Boden schwebten, wurden durch die Luft getrieben und rammten verbündete Fahrzeuge.
Aber bei zweihundert angreifenden Panzern, dazu drei-viertausend Infanteristen in den grünen Rüstungen machten zwanzig Ausfälle überhaupt nichts. Kevin konnte nur hoffen, dass die Varni damit aus dem Konzept gebracht waren und ihrem Angriff die nötige Härte fehlen würde, die sie letztendlich brauchen würden, um die Phalanx zu zerschlagen.
Kevin zoomte wieder zurück, sah erneut eine Mine hochgehen. Der betroffene Panzer explodierte, die eingelagerte Munition ging ebenfalls hoch.
Und dann… „FEUER!“, brüllte der junge Mann und riss den Arm herab.
Sofort feuerten seine Reihen zugleich ihre Waffen ab. Einige Panzer wurden Dutzende Male getroffen, gingen in Flammen auf, explodierten, während andere nur einen oder zwei Raketen abbekamen.
Wieder erklang die Trillerpfeife über den Lärm, die anderen schrieen Befehle.
„FEUER!“, brüllte Kevin erneut, und wieder schoss seine Phalanx, fügte den dreiundzwanzig zerstörten Panzern neun weitere hinzu.
Er wagte es nicht, auf dem Ortungsdisplay nachzusehen, wie gut sich die anderen Seiten schlugen. Wenn die Varni einbrachen, wenn sie von hinten attackierten, die schrecklichen Flammer einsetzten, dann ging es hoffentlich schnell.
„FEUER!“
Der Angriff der Panzer stockte, die Verlustzahlen erreichten die hundert. Brennende Wracks bedeckten den Boden vor Kevin. Die Infanterie, die nun fast in Feuerreichweite war, stockte, als die ersten Panzer abdrehten und zurückkehrten.
Jubel brach aus, als die Varni diesen Angriff aufgeben.
„DISZIPLIN!“, rief Kevin in den Lärm hinein. „Dies war erst der erste Angriff. Ihm wird ein zweiter folgen, ein dritter und so viele, bis sie entweder Nachschub kriegen oder wir vernichtet sind! Unsere einzige Chance ist es, sie bei jedem Angriff mächtig bluten zu lassen und dann im richtigen Moment auszubrechen, wenn sie müde und geschlagen sind! Es wird keine Verstärkung für uns geben, also haltet die Reihen geschlossen!“
Dies war der Moment, in dem aus der Ferne Donner herüber hallte. Kevin sah hoch in den Tageshimmel und erstarrte. Über ihnen schien ein neuer Stern zu stehen. Nein, ein Stern am helllichten Tage? Der zudem noch expandierte und schließlich verblasste?
Wieder erklang der Donner. Brachten die Varni eines ihrer Kampfschiffe für ein Bombardement in Position?
Zwischen seinen Leuten brach Unruhe aus.
„DISZIPLIN!“, blaffte Kevin wieder. „Sie wollen uns bombardieren! Und genau das ist unsere Chance! Wenn die ersten Granaten einschlagen, dann schnappt euch die Verwundeten und flieht in die Berge drei Kilometer nördlich von uns! In all den Explosionen, dem Staub und der Hektik werden sie uns nicht erwischen und in den Bergen sind wir ihnen überlegen! Macht euch bereit!“
„Ihr habt den Chef gehört, Leute! Nehmt die Verwundeten auf und nehmt an Rüstungen und Munition mit, was immer wir noch gebrauchen können!“, rief Peterson
„Chef?“ Für einen Moment war Kevin ehrlich verwirrt. Und noch viel verwirrter, dass niemand widersprach.
Die Panzereinheiten der Varni zogen sich weiter zurück, ebenso die Rüstungen. Nein, wenn Kevin genauer hinsah, dann… Was war bei den Varni los? Wieso diese Hektik, dieses Durcheinander?
Er musterte erneut den Himmel, schaltete seine Vergrößerung auf Maximum und erschrak beinahe zu Tode, als dieses riesige Ding auf ihn zugeschossen zu kommen schien!
Ein riesiger Transporter der Varni schoss beinahe direkt auf sie hinab! Doch Verstärkungen? Sollten sie mitten in der Phalanx abgeworfen werden? Konnte konzentrierter Beschuss den Transporter vernichten?
Die gigantische Maschine drehte ab, ging tiefer und öffnete die Frontklappe. Nach und nach fielen Panzer und Rüstungsträger daraus hervor. Kevin zählte mit und kam schnell auf die Zahlen zehn Panzer und fünfzig Rüstungen.
Was aber wesentlich bemerkenswerter war, das war die Tatsache, dass Panzer und Rüstungen unsichtbar wurden!
Hinter ihnen brauste ein weiterer Transporter heran, vollführte das gleiche Manöver. Ein dritter kam von den Bergen heran und entlud ebenfalls Truppen und Panzer.
All diese Maschinen und Truppen wurden unsichtbar. Und dann begann die eigentliche Schlacht, als die unsichtbaren Truppen die fliehenden Varni angriffen.
„Was ist denn jetzt auf einmal los?“, fragte Kevin verwirrt.
„Das kann ich Ihnen wohl am besten erklären, Kevin Duvalle“, erklang in seinem Helm eine fremde Stimme. Zugleich markierte sein Kommunikationssystem einen neuen Kontakt, der… über ihm war?
„Mein Name ist Alex Tarnau. Ich bin der Anführer einer Gruppe namens Beyonder, die gut hunderttausend Menschen wie Sie umfasst. Wir kommen von Zehn Steine, einer Welt im Nachbarsystem von Sommertraum. Und wir sind hier, um Sie zu retten.“
Diese so trocken hervor gebrachten Worte ließen den jungen Mann erstarren. Er fühlte, wie ihn grenzenlose Erleichterung erfasste, umhüllte und beinahe taumeln ließ. Seine Leute begannen zu jubeln, die Phalanx riss auf. Rüstungen fielen einander in die Arme.
Ein vierter Pendler kam herab, setzte direkt neben dem Quadrat aus Rüstungen auf.
Die Vorderklappe öffnete sich, Dutzende weitere Rüstungsträger in makellosen weißen Rüstungen kamen hervor.
Dazu schritt ein großer Mann in einer weißen Uniform mit Schirmmütze heran, begleitet von vier Rüstungen, die offensichtlich seine Leibwächter waren.
Der große Mann kam zielstrebig auf Kevin zu.
In der Rüstung war der junge Mann weit größer als sein Gegenüber, dennoch fühlte sich Kevin so klein, so entsetzlich klein.
Kevin ließ sein Visier auffahren, entriegelte seinen Helm und nahm Frontmaske und Hinterkopfschale ab.
Er machte sich klar, dass er mit seinen sechzehn Jahren und den eher kindlichen Zügen nicht gerade sehr beeindruckend wirkte. Manche hatten ihn auch schon mit einem Mädchen verwechselt. All das war ihm vor diesem Mann nun sehr peinlich.
„Ich bin Alex Tarnau“, sagte der Große freundlich. Er ließ seinen Blick über die Phalanx streifen, die sich nun langsam auflöste und auf ihn zukam. „Interessant“, murmelte Tarnau. „Doktor Stein, es gibt Arbeit für Sie.“
Mehrere Laster verließen nun den Pendler, fuhren bis an die Rüstungen heran. Dutzende Leute in den weißen Uniformen kletterten herab, liefen entweder zu den Verletzten oder begannen Fertigbauteile aufzustellen. Andere liefen zu den Panzern und suchten dort nach Überlebenden. Kevin erschrak fast zu Tode, als er einige Varni unter diesen Leuten erkannte. Auch unter Tarnaus Wache befand sich ein Varni, wie er feststellte.
„Sie sind Kevin Duvalle“, sagte Tarnau, und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass es eine Feststellung und keine Frage gewesen war.
Bevor Kevin antworten konnte, ließ Tarnau wieder den Blick schweifen. „Sehr gute Arbeit, junger Mann. Verdammt gute Arbeit.“
Übergangslos fühlte Kevin einen dicken Kloß in seinem Hals. Tränen schossen aus seinen Augen hervor und sein Körper fühlte sich an, als wäre er völlig taub.
„Sie haben diesen Leuten das Leben gerettet, wissen Sie das eigentlich, Kevin?“
Tarnau schmunzelte und legte dem jungen Burschen eine Hand auf die gepanzerte Schulter.
„Danke“, hauchte er.
**
Als Kevin erwachte, war Sommertraums Sonne bereits untergegangen. Er lag auf einem Bett, trug nicht mehr als sein Unterfutter. Über ihm hing eine schwach glimmende Lampe, durch das einzige Fenster konnte er die Sterne sehen. Einige von ihnen bewegten sich.
Er wollte sich erheben, aber seine Beine machten noch nicht mit.
„Ruhig, Großgruppenführer. Übertreiben Sie es nicht. Sie haben einen Schock.“
Die Beleuchtung flammte auf und enthüllte den Raum aus der Finsternis. Auf dem Nachbarbett saß eine junge Frau und musterte ihn interessiert. Sie trug die weiße Uniform wie Tarnau, aber jetzt wo er genauer hinsah, fiel ihm ein Unterschied auf. Tarnau hatte ein rotes Dreieck auf der linken Schulter. Diese Frau trug ein Quadrat auf der Schulter, von oben links nach unten rechts geteilt, die obere Hälfte war rot, die untere weiß. Darüber standen Schriftzeichen in der neuen Sprache, die Fern der Erde bedeuteten. „Fern der Erde, beyond Earth. Beyonder. Ach so.“
„Blitzmerker“, meinte die junge Frau schmunzelnd. „Aber der Chef hat mir schon gesagt, dass Sie was Besonderes sind, Großgruppenführer Duvalle.“
„Moment“, murrte Kevin und richtete sich erneut auf. Diesmal ging es besser. „Warum nennen Sie mich andauernd Großgruppenführer? Und wer sind Sie überhaupt?“
„Mein Name ist Amanda Stein. Ich bin die Chefärztin dieses mobilen Hospitals. Der Chef hat gesagt, ich soll Sie begrüßen, wenn Sie wieder wach sind. Ihre Leute machen sich schreckliche Sorgen um Sie und die schlimmsten Fälle sind versorgt, daher…“
„Meine Leute?“
„Wir haben bei den Beyondern ein bestimmtes System. Zehn bis zwanzig Rüstungen bilden eine Gruppe. Ihr steht ein Gruppenführer vor. Zwanzig oder weniger Gruppen bilden eine Großgruppe. Ihr steht ein Großgruppenführer vor. Großgruppenführer sind bei den Beyondern berechtigt, an der großen Versammlung teilzunehmen, wenn Sie so wollen unserem Parlament. Die Überlebenden Ihrer Großgruppe, vierhundertsiebenundachtzig Mann, haben sich uns bereits angeschlossen, soweit sie in der Lage waren zu sprechen und uns zu verstehen. Mit der Auflage, dass Sie sie weiterhin anführen. Damit sind Sie effektiv gerade zum Großgruppenführer aufgestiegen.“
„Sie… Sie wollen, dass ich… Was?“ Müde ließ sich Kevin wieder auf das Bett sinken.
„Sie müssen das verstehen. Sie haben Ihre Leute zusammengehalten und ihnen das Leben gerettet.
Tarnau und wir waren einmal in der gleichen Situation. Alles ging drunter und drüber und wir waren kurz davor ausgelöscht zu werden. Da mischte sich Tarnau ein und ordnete uns zu einem sicheren Rückzug. Sein Argument dafür, das Kommando zu übernehmen war, dass er der einzige war, dem etwas daran lag, dass wir alle heile aus der Scheiße wieder raus kamen.
Bei Ihnen ist es ähnlich. Sie haben den entscheidenden Befehl gegeben. Sie haben Ihre Leute geordnet. Sie haben sich zum Anführer aufgeschwungen, weil Sie diese Leute retten wollten. Was Sie auch geschafft haben.“
„Ich… ich bin gerade mal sechzehn Jahre alt!“, begehrte Kevin auf.
„Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen, bevor Ihnen das Sterben zuviel wurde“, erwiderte die Ärztin augenzwinkernd.
Sie warf Kevin eine der weißen Uniform zu. „Bitte duschen Sie in der Nasszelle dieses Krankenzimmers und ziehen Sie sich um, Großgruppenführer. Ihr Stellvertreter Peterson und Commander Tarnau erwarten Sie zur Nachbesprechung. Wir haben die Varni des Kriegstross von Johna el Noet vertrieben, aber jetzt kommt der schwierige Teil. Sie zu besiegen. Ihre Kenntnisse vom Gelände und von Kontakten zu anderen Gruppen werden dabei hilfreich sein.“
„Verstehe. Macht es Ihnen etwas aus, wenn Sie…“
Die Ärztin erhob sich. „Nicht, dass Sie etwas haben könnten, was ich noch nicht gesehen habe“, spöttelte sie milde. „Aber Privatsphäre wird bei uns Beyondern groß geschrieben.“
„Eines noch, Doc. Ich bin zusammengebrochen?“
„Leichte Erschöpfung. Nichts Ernstes.“ Die Ärztin lächelte ihn noch einmal an, dann verließ sie den Raum.
Kevin zog das Unterfutter aus. Wie er sich erinnerte zum ersten Mal, seit er auf Sommertraum erwacht war. Dann ging er in die Dusche. Himmel, eine Dusche. Wer waren diese Beyonder?
Wer war Tarnau?
**
„Sie treten hier gegen Ritter Johna el Noet an. Er befehligt den zwölften Kriegstross, einen von vier, die derzeit in dieser Region des Pes Takre aktiv sind. Aber nur zwei sind effektiv dabei, Schöpfer zu jagen und stellen sich dementsprechend uns Menschen von der Erde entgegen. Johna el Noet ist zurzeit in fünf Systemen aktiv, Sommertraum ist für ihn nur ein Nebenschauplatz. In zwei weiteren dieser Systeme, Goronkar und Ventris, befinden sich nach unserem Wissen ebenfalls Menschen. Ritter Porma el Tars Kriegstross wurde von uns auf Zehn Steine besiegt, er hatte nur ein System angegriffen, in dem sich Menschen befanden, war aber in acht weiteren aktiv gewesen.“
Alex Tarnau deutete auf die zwischen den Uniformträgern rotierende holographische Welt. „Konzentrieren wir uns aber vorerst auf unser hiesiges Problem. Sommertraum hat drei große Kontinente, die knapp zwanzig Prozent des Planeten bedecken. Epal liegt im Norden und hat fast ein Drittel der kontinentalen Gesamtmasse. Der Grossteil des Kontinents ist vom Packeis des hiesigen Nordpols bedeckt. Die Varni unterhalten hier eine planetare Werft, eine Garnison und diverse Fabriken.
Lokvor mit zwei Fünfteln der Gesamtgröße liegt im Süden, auf Höhe des Äquators. Hier unterhalten die Varni ihre üblichen Anlaufdocks für die vollautomatischen Hochseefabriken, die in diesem System die Hauptressource bilden. Das öde Inland ist reich an Mineralien und Erzen, welche die Varni abbauen.
Letztendlich kommt Groimar hinzu, ein länglicher Kontinent auf der Südhalbkugel, um die sich ein gewaltiges Inselarchipel schart. Ein stark vulkanisches Gebiet, in dem die Varni nicht aktiv sind. Was ich von Ihnen und Ihren Leuten wissen will, Kevin, ist: Wo sind unsere Leute? Es sollten rein rechnerisch einhunderttausend Menschen auf dieser Welt aktiv sein.“
Kevin erschrak. „So viele?“
„Ja“, sagte der große Schwarze neben Tarnau. Er war vor kurzem für die Besprechung eingeflogen worden. Er kommandierte die HEIMWEH, einen riesigen Schlachtkreuzer, der den Orbit von Sommertraum vorbehaltlos beherrschte und während der Schlacht zwei Fregatten vernichtet hatte. Außerdem gehörte er zu den Topleuten um Tarnau. „Zumindest waren es auf Zehn Steine hunderttausend. Und wir wissen von neun weiteren Welten, auf denen weitere neunhunderttausend Menschen von der Erde ausgesetzt worden sein sollen. Das macht rein rechnerisch einhunderttausend pro Welt.“
„Ich kann Ihnen nicht viel dazu sagen.“ Bedauernd hob Kevin die Schultern. „Als ich und die anderen hier vor sechs Wochen erwachten, waren die meisten Kämpfe schon zu Ende. Aber ich glaube nicht, dass wir mehr als fünftausend waren, nicht einmal mit den versprengten Soldaten der ersten Welle.“
Tarnau und Anderson wechselten einen kurzen Blick. „Wir hätten den Gnom ohne Ohren mitnehmen sollen“, sagte Andy grinsend.
„Ja, der hätte uns hier vielleicht weiterhelfen können. Kevin, haben Sie oder hatte eine andere Gruppe, von der Sie wissen, Kontakt zu den Schöpfern?“
„Die Soldaten haben von solch einem Wesen berichtet, dass sie Schöpfer nannten. Aber soweit ich weiß, ist es in den Kämpfen umgekommen. Es soll sogar auf diesem Kontinent passiert sein.“
Tarnau sah zu einem seiner Leute. „Doitsu. Mach deine Späher klar. Sucht den Kontinent mit Kurierbooten ab. Wir suchen nach versprengten Rüstungen, Varni und dem Leichnam des hiesigen Herolds.“
Tarnau sah wieder zu Kevin herüber. „Ich will Ihre Leistungen und Ihre Toten nicht schmälern und schmähen, aber stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, dass Sommertraum eher nebensächlich ist?“
„Keine Einwände“, sagte Kevin ernst. So sehr sie hier gelitten hatten, so hart die Kämpfe gewesen waren.
„Gut. Dann erteile ich Ihnen hiermit den Auftrag, jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt einzusammeln, Großgruppenführer Duvalle. Danach evakuieren wir alle Menschen nach Zehn Steine in Sicherheit.
Kevin, ich überlasse Ihnen meinen Override-Code. Sie begleiten Commander Furohata und treiben Ihre Schäfchen zusammen. Des Weiteren bilden wir weitere Teams, die auf den anderen Kontinenten suchen werden.“
„Verstanden.“
„Ach, eines noch. Was schätzen Sie, Kevin, wie viele Menschen wurden auf Sommertraum abgesetzt? Und wie viele sind bereits gestorben?“
Kurz dachte der junge Mann nach. „Wir waren knapp achthundert, als wir abgesetzt wurden. Viele wurden versprengt oder getötet, es scheint als hätten die Varni genau gewusst, wo wir abgeladen werden. Wir hatten sporadischen Kontakt mit anderen Funkkreisen auf diesem Kontinent. Grob über den Daumen gepeilt waren wir wohl viertausend, dazu sechs- bis achthundert ausgebildete Soldaten der Ersten Welle.“
Tarnau überschlug die Zahlen im Kopf. „Macht maximal zwanzigtausend für diese Welt.“
Anderson nickte zustimmend.
„Gut, dann lasst uns an die Arbeit gehen.“
„Ich hätte da aber noch eine Frage, Herr Tarnau“, meldete sich Kevin und wunderte sich über seine eigene Courage. Aber irgendwie fühlte er sich in dieser Runde nicht wie sechzehn. Nicht so sehr wie ein Kind oder ein Bursche, den man mit einem Mädchen verwechselte. „Was ist der Override-Code?“
Die anwesenden Beyonder begannen zu grinsen.
Tarnau setzte seine Schirmmütze auf, schmunzelte und trat an das Hologramm. „Aktivieren“, sagte er leise, und übergangslos erschienen überall auf der Welt neue Funkkreise. Zugleich erklang eine wahre Kakophonie von Stimmen, Flüchen und anderen Geräuschen aus dem Holoprojektor, allerdings gedämpft. „Das ist der Override-Code. Und wie Sie sehen, beschert er uns eine Menge Arbeit, Kevin. Frage beantwortet?“
Staunend starrte Kevin auf das Hologramm. „Wow. Ja, Ren. Na, dann wollen wir mal an die Arbeit gehen. Kommen Sie, Peterson.“
Der Schwede nickte und folgte Kevin aus dem Raum. „Ja, Chef.“
„An wen erinnert mich diese Energie nur?“, fragte Doitsu Furohata und unterdrückte ein Schmunzeln.
„Die Arbeit ruft, Herrschaften.“ Tarnau klatschte in die Hände. „Wir müssen hier eine Welt retten.“
2. Orientierung
Es schien eher eine beiläufige Geste zu sein, als Jaques Vaillard während eines Kraftwerktests hinter dem Pult von Charlene Watts stand. Den jungen Varni, der neben ihr stand und leise Anweisungen gab, konnte er jedenfalls nicht nervös machen.
Wie das Gros der Energiegewinnung der Varni basierte auch die der ODYSSEUS auf dem Prinzip der kalten Fusion. Die Reaktoren vollständig zu beherrschen war das wichtigste Ziel, welches die Menschen an Bord erreichen mussten. Und dies in jeder Situation.
Rimm da Ventor, der junge Chefingenieur des Schiffs gab leise seine Anweisungen, um Reaktor eins noch weiter auszureizen. Das Schiff befand sich gerade im Sprung von System zu System, große Mengen an Energie wurden nur beim Betreten des Zwischenraumes gebraucht, nicht während des Fluges oder dem verlassen des Zwischenraumes. Eine ideale Zeit zu experimentieren, wenn sie zugleich unangreifbar waren.
„Erhöh die Einspritzung um acht Prozent“, sagte da Ventor ernst. Ein unsicherer Blick des Varni traf Vaillard und Commander Lokk ar Syger, den Anführer des zwanzigköpfigen Varni-Kontingents an Bord. Doch Vaillard nickte nur knapp.
Während der kalten Fusion wurde das imitiert, was in jeder Sekunde im Herzen einer beliebigen jungen Sonne geschah, vier Wasserstoffatome wurden unter enormen Druck und Hitze zu Helium verbunden. Dabei wurde, um es burschikos zu sagen, nicht die Gesamtmasse der vier Atome verwendet. Der Rest zerfiel zu Energie. Energie, welche die Varni zu nutzen gelernt hatten. Nicht auf dem Umweg über ein kompliziertes Turbinen- und Pumpensystem, wie die Menschen dies in den Kernkraftwerken auf der Erde nutzten, sondern mittels Wandleranlagen, die diese Energie direkt nutzten und in das Schiff speisten.
Watts sah auf, als drei Alarmmeldungen zugleich auf ihrem Bildschirm erschienen. „Rimm?“
Der Chefingenier schüttelte in perfekter menschlicher Geste den Kopf. „Weitermachen.“
„Aye.“ Die junge Frau, die im Leben auf der Erde Physik studiert hatte, war bisher gut in ihrer neuen Rolle aufgegangen. Vaillard war gespannt, ob sie sich auch hier bewähren würde.
Erneut erschien eine Alarmmeldung, doch diesmal sah Charlene Watts nicht auf. Mit verbissenem Gesicht bediente sie das Steuerpult.
Bis sich eine große Pranke auf die Sensoren legte und die Einspritzung mit zwei Handbewegungen auf ein normales Niveau herunter fuhr.
„Ich denke, das Experiment kann an dieser Stelle beendet werden“, sagte der Chefingenieur ernst. Auf seiner Stirn stand feiner Schweiß. „Zwei Minuten länger, und der Reaktor wäre uns durchgegangen.“
„Die Maximalausbeute?“, fragte Vaillard knapp.
„Für zehn Minuten einhundertdreißig Prozent.“
„Wir hätten zwölf Minuten haben können, sehe ich das richtig?“
Der Chefingenieur wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Elfeinhalb. Maximal.“
„Gut“, schnarrte der Franzose. „Gute Arbeit, Ihr zwei.“
Vaillard winkte Lokk, ihm zu folgen und verließ den Maschinenraum.
„Das war ein exzellentes Beispiel dafür, wie gut unsere Leute schon zusammenarbeiten. Miss Watts war ohne weiteres bereit gewesen den Reaktor nach da Ventors Anweisungen hochzujagen, während da Ventor rechtzeitig eingegriffen hat, um eine Katastrophe zu verhindern.“ Sie kamen durch ein riesiges Schott, dass eindeutig auf Varni ausgelegt war. In Momenten wie diesem erinnerte er sich immer wieder daran, wo er sich befand und was seine Mission war.
„Sicher. Aber wenn da Ventor ein Spion des Pes Takre gewesen wäre, hätte er den Reaktor hochjagen können. Jeder meiner neunzehn Kameraden kann ein Spion sein. Mich inbegriffen, wenn Sie mir dieses Szenario verzeihen, Ren.“
Vaillard sah zu dem Riesen hoch und schluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, runter. Der Varni meinte es gut mit ihm und dem Schiff. Das nahm Jaques dankbar an.
„Ich werde es beherzigen.“
Sie gingen nebeneinander durch die Laufgänge des Zerstörers. An Bord waren neben den zwanzig Varni auch noch zweitausend Beyonder – Tarnau hatte sie in einer Aktion bei Nacht und Nebel im Hoffnungstal versammelt und anschließend unter größter Geheimhaltung auf die ODYSSEUS bringen lassen. Ihre Mission war klar umrissen: Die Erde finden und Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ihr die Technologie des Pes Takre und der Schöpfer zu vermitteln, damit sie in diesem feindlichen Universum nicht als neueste Kolonie des Riesestaates endete.
Dies wussten seine Leute. Als Jaques sicher gewesen war, sämtliche Wanzen des Pes Takre an Bord gefunden zu haben, hatte er sie in vollem Umfang über die Mission aufgeklärt. Die Reaktionen waren gemischt gewesen. Viele hatten sich darüber gefreut, die Erde aufsuchen zu können und sicherlich spielten nicht wenige mit dem Gedanken, Zuhause zu bleiben. Aber genauso viele hatten ein Problem mit der Mission, weil sie ihre Kameraden auf Zehn Steine hatten zurück lassen müssen.
Vaillards Befürchtung, der letzte an Bord zu sein, sobald sie die Erde erreicht hatten, schien sich nicht zu erfüllen.
Er und Lokk wurden ehrfurchtsvoll gegrüßt, während sie sich auf den Weg zur Zentrale machten. Die Verhältnisse waren nicht gerade beengt, aber nach drei Monaten Suche gingen ihnen langsam die Sportevents aus, um die Menschen von der Tatenlosigkeit abzulenken.
Als sie die Zentrale erreichten, setzte sich Vaillard sofort in den Kapitänssessel. Mittlerweile hatte er sich gut an die Übergröße gewöhnt, zwei dicke Decken hatten den Rest erledigt, damit er an die Kontrollen kam.
Als Varni hatte Lokk ar Syger natürlich nicht diese Probleme. Aber wenigstens verkniff er sich ein Grinsen, als Vaillard in den etwas zu hohen Sessel sprang.
„Wie lange noch, bis wir das System erreichen, Gerrit?“
Der Holländer sah auf. „Der Sprung dauert noch fünfzehn Minuten. Dann erreichen wir den blauen Riesenstern. Mit etwas Glück hat er einen weißen Zwerg als Begleiter. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es Sirius ist. Wir haben auch schon eine rote Riesensonne gefunden, die Beteigeuze im Sternbild des Orion sein kann. Ebenso einen großen offenen Sternhaufen, der die Hyaden im Stier darstellen kann. Mit ein wenig Glück müssen wir nur alle gelben Normsonnen in dreißig Lichtjahren Umkreis abklappern um die Erde zu finden.“
Vaillard verzog keine Miene bei diesen Worten. Die Erde tauchte in den Sternkarten der Varni natürlich nicht auf. Sonst wäre es ja einfach gewesen. Selbst der größte Teil dieser Region des Universums war nicht kartographisiert, geschweige denn erforscht. Lediglich einige markante Sterne und Sternhaufen, dazu der eine oder andere spektakuläre Nebel hatten Codebezeichnungen bekommen.
Als sie gestartet waren, hatte die Crew alles zusammengelegt, was sie über den Nachthimmel der Erde wussten. Was ihnen an Markantem über die Erde noch im Gedächtnis war. Dabei waren die Sternbilder nicht besonders hilfreich gewesen, denn um von der Erde ohne Hilfsmittel als Einzelstern identifiziert zu werden konnte eine Sonne locker fünfzig Lichtjahre entfernt sein. Die willkürlichen Sternbilder, welche die Sonnen dabei bildeten, taugten nur etwas auf der Erde. Kam man wie die Crew der ODYSSEUS von der anderen Seite, fing man quasi von null an. Fünfzig Lichtjahre bedeuteten aber auch, dass sich die Sterne leicht verschoben, sprich bewegt hatten. Im kosmischen Rahmen war der Unterschied zwischen auf der Erde gesehenen Position und tatsächlicher Position bei fünfzig Lichtjahren Entfernung zum Glück noch nicht so groß. Immer noch groß genug für Widersprüche. Probleme gab es erst bei tausend und mehr Lichtjahren.
Nach Sicht zu navigieren war jedenfalls ein ziemlich lustiges Unterfangen.
Deshalb hatten sie sich von Anfang an auf markante Sterne wie blaue und rote Riesen konzentriert, bestimmte Sternhaufen in kosmischer Nachbarschaft wie Hyaden, Plejaden und Praesepe. Danach hatte das große raten begonnen. Natürlich immer vorausgesetzt, sie befanden sich überhaupt im richtigen Spiralarm der Galaxis, den Orion-Arm.
Waren sie irgendwo anders, vielleicht sogar auf der anderen Seite der Galaxis, würde die Suche wertlos sein und ihnen blieb nur die Rückkehr. Und die Hoffnung, dass die Schöpfer Wort hielten – nachdem sie ihr erstes Wort gerade gebrochen hatten.
Aber wenn sie wirklich gerade nach Sirius sprangen, wenn diese Sonne wirklich von der Erde aus gesehen werden konnte, dann waren sie nur noch einen Katzensprung von ihrer eigentlichen Heimat entfernt.
Jaques betrachtete kurz den Varni im Sitz des Ersten Offiziers, wie der Riese mit reglosem Gesicht die Anzeigen der Schiffsfunktionen überprüfte. Er und Ritter el Tar sowie das Gros von seinen Kameraden hatten sich ergeben, ja, den Beyonder angeschlossen, wenn Vaillard das richtig verstanden hatte. El Tar als heimlicher Gegner des Pes Takre versprach sich eine Menge von der Zusammenarbeit mit Tarnau. Aber wie hilfreich würden sie einander sein? Konnten sie wirklich riskieren, im galaktischen Reich der Drei Völker einen Aufstand der Varni zu provozieren? Mussten sie nicht alles tun, um die Erde so weit es ging aus diesem bevorstehenden Feuersturm heraus zu halten?
Oder war es gerade das Richtige, das Reich zerbrechen, was bedeuten würde dass die Erde uninteressant wurde.
Und war es nicht auch das was die Varni eigentlich wollten? Sich gewaltsam von der Bevormundung durch das Pes Takre zu befreien?
Im Moment stimmten die Interessen von Porma el Tar und den Beyonder überein. Aber wie lange das so bleiben würde konnte Vaillard nicht sagen.
Das Schiff verließ den Zwischenraum nach Ablauf der fünfzehn Minuten am Rande des Systems. Die Ortungsabteilung nahm ihre Arbeit auf und versuchte, die ersten Fernanalysen und optischen Aufnahmen zu bestätigen oder zu widerlegen.
„Ergebnis, Ren!“, rief Karen Wolters aufgeregt. „Der Riesenstern hat einen weißen Zwerg als Begleiter!“
Vaillard fühlte sich von einem Moment zum anderen uralt und sehr, sehr müde. Zusammen mit der vielleichtigen Wega, der Beteigeuze und dem offenen Sternhaufen der Hyaden waren sie vielleicht wirklich fast Zuhause.
„Wir lassen den Sprungantrieb auskühlen“, befahl Vaillard ernst. Er erhob sich, kam zum Sternkartenholo in der Mitte der Zentrale. Er musterte sie und deutete auf einen blassen gelben Stern. „Danach sehen wir uns diese Welt hier an. Die Nachbarsonne könnte Alpha Centauri sein, wenn sie einen Begleiter hat.“
„Aye, Ren.“
„Ach, und geben Sie das Ergebnis im Schiff bekannt. Unter Vorbehalt, natürlich.“
„Unter Vorbehalt, Aye, Ren.“
Verdammt, war der Moment gekommen? Waren sie fast zuhause? Nun, bei dem was vor ihm lag, würde ihm die dreimonatige Suche schon sehr bald wie eine Erholungsreise vorkommen.
Drei Monate waren eine lange Zeit. Wie war es den anderen derweil ergangen? War die HEIMWEH bereits wieder aus der Werft oder blockierte sie immer noch Kapazitäten? Und würde der Herold etwas über die sechs Neubauten verraten, welche die Schöpfer in der Gigantwerft Stimme produzierten?
Wenn die ODYSSEUS nach Zehn Steine zurückkehrte, würde es überhaupt noch Beyonder geben?
Vaillards Backenzähne mahlten bei diesen Gedanken. Er machte sich wirklich Sorgen um die anderen.
Wenn er zurückdachte, wie argwöhnisch er Tarnau und seinen schnellen Aufstieg beobachtet hatte, wie er dagegen gearbeitet hatte, dass sich der Deutsche zum Alleinherrscher aufschwang, nur um festzustellen, dass Alex dies niemals vorgehabt hatte…
Und jetzt machte er sich wirklich Sorgen um diesen Mann.
Dabei sollten seine Gedanken eher bei seiner Familie sein. Er war fünfunddreißig, im besten Alter für einen Mann. Er wusste nicht, wie lange er wirklich von der Erde fort gewesen war, aber die Tage im Kampf und die dreimonatige Reise der ODYSSEUS konnte er ohne weiteres hinzurechnen. Was seine Frau wohl tat? Hatte Chloe noch Hoffnung, ihn jemals wieder zu sehen? Oder hatte sie etwas mit einem anderen Mann angefangen, Tierry zum Beispiel, der früher immer hinter ihr her gewesen war und nur unwesentlich ruhiger geworden war, seit Jaques und Chloe geheiratet hatten.
Ja, wenn sie zusammen Kinder gehabt hätten, ging es ihm durch den Kopf. Aber immer waren sein und Chloes Job vorgegangen, Karriere machen. Für Kinder war später noch Zeit. Zuerst die Selbstverwirklichung finden, so hatte er damals gedacht. Und er fühlte sich auch mit fünfunddreißig noch recht jung…
Warum hatte das alles passieren müssen? Warum ihm und Chloe? Und das Schlimmste war: Wieso tat ihm dieser Gedanke so weh, dass diese Entwicklung durchaus ihren Sinn hatte? Eine unvorbereitete Erde, die von den Varni überrannt und dann als neueste Kolonie des Pes Takre aufgenommen wurde, war das Letzte, was er wollte.
Und nicht nur er hatte sein Opfer gebracht. Eine Million Menschen hatten die Schöpfer entführt. Eine Million Einzelschicksale. Eine Million erfüllte Leben, quer über den Globus verteilt. Wieder mahlten seine Kiefer. War der Preis nicht doch viel zu hoch?
Was sollte er Chloe sagen, wenn er vor ihr stand? Was konnte er sagen, wenn sich herausstellte, dass bereits ein Jahr vergangen war und sie die Hoffnung aufgegeben hatte, ihn jemals wieder zu sehen? Was wenn sie glaubte, er hätte sich bei Nacht und Nebel davon gemacht, sie zurück gelassen? Seine Hände krampften bei diesem Gedanken. Was, wenn sie ebenfalls entführt worden war? Wenn sie irgendwo auf einer der zehn Welten in einer Rüstung steckte und gerade um ihr Leben kämpfte, während er in die falsche Richtung flog?
Jaques knurrte unwillig. Das half ihm, diese Gedanken abzuschütteln. Die meisten anderen Beyonder an Bord hatten nicht weniger Probleme als er, dazu kamen fast hunderttausend Menschen auf Zehn Steine, die ebenfalls Familie auf der Erde hatten, die nicht die Chance hatten, zu ihnen zurück zu kehren.
Alex Tarnau hatte harte Forderungen gestellt. Waren von der Erde, Kulturgüter und Postverkehr. Und er hatte sich durchgesetzt. Die Frage war nur, würden die Schöpfer auch tun, was die Beyonder verlangten?
Im Computer seiner persönlichen Gefechtsrüstung war eine Datei geladen, welche die Namen aller Beyonder enthielt, zusammen gestellt teilweise aus den Computerkernen von völlig zerstörten Rüstungen. Siebzehn Namen fehlten, um einhunderttausend zu erreichen, und es schmerzte Jaques, dass diese siebzehn für immer unbekannt bleiben würden. Gefallen auf einer fernen Welt ohne eine Spur hinterlassen zu haben.
Nun, er persönlich würde sehr schnell feststellen, ob die Schöpfer Wort gehalten hatten. Und er würde die Liste mit den Namen der Beyonder veröffentlichen, damit wenigstens die Angehörigen eines Zehntels Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten hatte.
Neun Monate, ging es ihm durch den Kopf. Neun Monate würden sie noch übrig haben, bevor die von Tarnau gestellte Frist auslaufen würde. Den Rückflug würden sie geradlinig nehmen können, mussten nicht von System zu System springen und konnten die gleiche Strecke in vielleicht einem Monat bewältigen. Blieben acht, in denen sie die Erde so gut es ging auf die Bedrohung durch die Varni vorbereiten konnten.
Und dies, ohne die Welt in einen Krieg zu stürzen. Wenn er an die Fähigkeiten der Rüstungen dachte, ja nur an die Fähigkeiten des nicht aufgerüsteten Zerstörers der Varni, den er kommandierte, wurde ihm angst und bange. Dazu kamen zweitausend Beyonder, die im Kampf gestanden hatten, die nur zu genau wussten, wie man eine Rüstung bediente.
Wie man effektiv in ihr kämpfte. Die sechstausend Rüstungen, die als Fracht mitfuhren, würden ebenfalls eine nicht unerhebliche Macht darstellen.
Manchmal kam er sich vor wie ein aztekischer Forscher, der den Sprung über den großen Teich geschafft hatte und nun mit Metallschilden und Metallschwertern zurückkehrte um zu rufen: Die Spanier kommen…
**
Die Schöpfer hatten Wort gehalten. Das musste sich Kurt Warninger immer wieder sagen, während vor ihm im Hoffnungstal neue Gebäude entstanden. Wieder einmal in der bewährten Kompaktbauweise der Schöpfer.
So nach und nach entstand eine richtige Großstadt, in der die einhunderttausend Menschen auf dieser Welt Platz finden konnten. Zugleich entstanden weitere Städte dieser Art, wie Kurt wusste. Auf jedem Kontinent würden sie wie diese hier in die Höhe wachsen.
Kurt sah nach links, dort wuchsen am alten Felsvorsprung, der ihnen zu Anfang als Wartungsplatz für die eroberten Panzer gedient hatte, riesige Hallen empor. Sie bestanden aus Segmenten, welche von Baumaschinen der Schöpfer zusammengesetzt wurden. In ihnen sollten fortan die Wartungen und sonstigen Arbeiten seiner Technikergruppe stattfinden.
Und Kurt wusste aus Lehrfilmen, dass eine der Hallen eine große Simulatoranlage beherbergen würde, in denen die Beyonder den Kampf in Panzern, Rüstungen und Schiffen trainieren konnten.
Dies war nun sein Reich.
„Ähem“, machte sich jemand hinter dem Australier bemerkbar.
„Natsumi“, stellte der ehemalige Anwalt fest, ohne sich umzudrehen. „Was kann ich für dich tun?“
„Du hättest dich ein klein wenig erschrecken können“, beschwerte sich die Gruppenchefin der Panzerabteilungen. Im Moment war sie dabei, eine Division an Wolf- und Rhino-Panzern auszubilden. Die Schöpfer hatten die aufgerüsteten Modelle der Varni-Panzer geliefert und Natsumi ersetzte nach und nach die mit Schöpfer-Technik hochgerüsteten Modelle gegen die erheblich leistungsfähigeren, kampfstärkeren Nachbauten.
Nun arbeitete sie daran, aus ihren Panzern eine noch effektivere Bodenkampfwaffe zu machen. Sie war Soldatin, und die Panzer schienen wie für sie gemacht worden zu sein.
Kurt Warninger fragte sich wie es wohl an Bord des Flaggschiffs gewesen war, als Natsumi mit einem aufgerüsteten Wolf-Panzer in den Gängen des Schiffes gekämpft hatte.
„Sicherlich ziemlich beengt“, murmelte er leise.
„Was?“
Warninger sah auf. „Hm? Oh, ich habe nur laut gedacht. Natürlich hätte ich mich erschrecken können, Natsumi. Aber dann hätte ich einen Herzinfarkt bekommen und du hättest deine Panzer selbst warten müssen.“
„Kurt“, tadelte Natsumi den Commander.
„Schon gut, schon gut. Gehen wir ein paar Schritte.“
Langsam gingen sie an den Hallen vorbei.
„Kurt?“
„Sprich, Mädchen. Du weißt, ich habe immer ein offenes Ohr für dich.“
Die junge Amerikanojapanerin senkte den Kopf, während sie sich langsam der Haltestelle der Antigravbahn näherten. Es gab noch nicht viele Streckenkilometer und noch nicht viele Haltestellen. Ein Strang der Bahn führte runter in die Savanne, der andere an die steinige Ostküste. Ziel der Konstruktion war es gewesen, die Anlandehäfen für die Hochseefabriken, das Hoffnungstal und die Farmen im Tiefland zu verbinden, um die Selbstversorgung der Varni weiterhin zu gewährleisten und die Wartungen und Kontrollen zu erleichtern.
Mit dem Raumhafen, der abseits der Berge entstand, würde hier ein bedeutender Umschlagplatz entstehen. Ein Ort, der die Beyonder und die Varni versorgen würde.
Natsumi Genda strich sich nervös durch ihr Haar. „Alex kommt zurück. Martha hat es gerade durchgegeben. Er ist mit der HEIMWEH ins System gesprungen.“
„Das sind gute Neuigkeiten. Dann sind die Aktionen auf Sommertraum schon beendet. War es das, was du mir sagen wolltest?“
„Was? Ja. Nein. Ich meine…“ Hilflos sah sie den Australier an.
„Mädchen. Was willst du? Ich bin Anwalt, Techniker und Seelsorger. Aber ich bin kein Gedankenleser.“
„Nenn mich nicht Mädchen. Ich kommandiere eine komplette Division Panzer.“
„Werde ja nicht patzig. Sonst kannst du dir die Wartung deiner kompletten Division Panzer in die Haare schmieren.“
„So habe ich es doch nicht gemeint, tut mir Leid, Kurt. Es ist nur, dass…“
„Himmelherrgott, warum sagst du Alex nicht einfach, dass du ihn magst? Oder hast du dich gleich richtig in ihn verliebt? Soll Jen vielleicht ihre Chance zuerst kriegen?“
Erschrocken blieb Natsumi stehen. „Kurt…“
„Was? Erzähl mir nicht, dass ich falsch liege. Sieh mir in die Augen und sag mir das es nicht stimmt, Mädchen. Ich bin schon zu alt und zu lange im Rennen, um manche Dinge nicht zu sehen. Und du hast eindeutig den Ich bin verknallt aber zu schüchtern-Blick.“
Kurt blieb nun auch stehen und wandte sich um. „Natsumi. Ich mag dich. Ich mag dich wirklich. Deshalb kann ich mir das nicht länger antun. Schnapp ihn dir oder vergiss es. Es sind genügend Kerle da draußen, einen zu vergessen fällt da nicht schwer. Ihm sein Leben zu widmen und seine Gefühle zu unterdrücken bringt es nicht. Denkst du, Jen macht das vielleicht?“
„Es ist unfair, das du mich und sie in die Rivalenrolle drängst“, antwortete sie matt.
„Ich dränge niemanden irgendwohin. Du weißt viel zu gut, wie sehr Jennifer Philips unseren lieben Anführer verehrt. Und glaub mir, es ist Alex aufgefallen.“
Der Australier kratzte sich am Kinn. „Im Gegensatz zu mir hat er keine Freundin oder Frau auf der Erde, der er treu sein will. Und er ist, soweit ich weiß, ein vollkommen normaler und gesunder Mann. Es ist durchaus möglich, dass er sich irgendwann eine Partnerin sucht. Wenn du diese Partnerin sein willst, Natsumi, dann würde ich mich ranhalten.“
„D-das ist doch kein Wettkampf!“, blaffte die Asiatin aufgeregt. „Und Alex ist nicht der Preis!“
„Oh doch, es ist ein Wettkampf, und Alex ist der Preis.“ Kurt zuckte die Achseln. „Aber wohl eher der Trostpreis.“
Der hagere Techniker wandte sich wieder um und ging zu einer der hinteren Hallen. Dort fand ein Großteil der Ausbildung am neuen Werkzeug statt, welches die Schöpfer ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Alleine die Nano-Brillen waren für jeden Mechaniker eine Delikatesse, für die er einen Porsche Carrera stehen lassen würde.
Man sagte, mit einer Nano-Brille konnte man einen Wolf komplett zerlegen und wieder zusammensetzen. Das war natürlich nicht ganz richtig. Man brauchte ein Team aus fünf Mann und eine Nano-Brille – Kurt hatte es selbst ausprobiert.
„Ist es denn richtig, in so einer Zeit an so etwas banales zu denken?“, klagte Natsumi.
Der Australier sah zu ihr zurück und grinste schief. „Seit ich hier bin, denke ich an meine Frau. Weil ich sie liebe. Und dieser Gedanke gibt mir Kraft. Ich stehe hier und leiste meinen Teil in diesem Krieg, damit sie ihr sicheres Leben auf der Erde hat. Und damit ich irgendwann zu ihr zurückkehren kann. Nein, Liebe ist garantiert kein banales Thema. Und wenn du nicht aufpasst, überrollt es dich und lässt dich mit leeren Händen zurück.“
Kurt trat vor die junge Frau und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Denk mal drüber nach, Engelchen.“
Verwundert rieb sich die Panzerkommandantin die linke Wange. „Warum klingt das bei dir nur so verteufelt einfach?“
„Kompliziert werden solche Sachen erst, wenn man sie kompliziert macht. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede.“ Er zwinkerte ihr zu und ließ sie stehen.
Natsumi Genda lachte leise. Aber das lachen wurde von Tränen erstickt, von ihren eigenen, konfusen Gefühlen und der Frage, die sie schon seit Wochen marterte: War sie nur fasziniert von Alex Tarnau oder liebte sie ihn wirklich? Wenn sie doch nur eine Antwort auf diese Frage gehabt hätte.
**
Nachdrücklich erhob sich Alex Tarnau aus seinem Sitz. Nach dem Umbau der HEIMWEH gab es für jeden Arbeitsplatz auf der Hauptbrücke des Schlachtschiffs zwei verschiedene installierte Sessel – einen für Varni und einen für Menschen. In diesem Moment arbeiteten dreißig ausgebildete Raumfahrer der Varni in der Zentrale. An ihrer Seite arbeiteten fast vierzig Menschen.
Der Kommandeur des einstigen Kommandoschiffs Porma el Tars, Commander und Kapitän Jamahl Anderson, bemerkte es und sah zu ihm herüber. Kurz entschlossen übergab er das Kommando an Isabel Macao, den Zweiten Schiffsoffizier, und kam zu Tarnau herüber.
„Ist es soweit?“
Alex grinste breit. „Nun tu nicht so als würde die Welt untergehen. Wie lange noch bis wir Zehn Steine erreichen?“
„Wir brauchen bei optimaler Ausnutzung aller Systeme achtzehn Stunden. Wir stehen übrigens bereits im Funkkontakt mit dem Hoffnungstal. Es wurde eine Hauptversammlung aller Großgruppenführer einberufen, um die taktische Lage auf Sommertraum zu diskutieren. Die Versammlung wurde in einunddreißig Stunden ab jetzt angesetzt. Man will uns wenigstens etwas Schlaf in den eigenen Betten gönnen, bevor wir uns der Frage stellen, wieso auf Sommmertraum nur zwanzigtausend Menschen abgesetzt wurden. Der Herold wurde bereits dazu befragt, aber er hat sich damit herausgeredet, dass diese Welt nicht in seinen Aufgabengebiet fällt.“
„Wie bequem für ihn“, spottete Tarnau. Er riss die Arme hoch und drückte sie nach hinten. In seiner Brust knackte es dabei vernehmlich, und Andy warf dem Freund einen besorgten Blick zu.
Tarnau maß den Schwarzen mit einem amüsierten Blick. „Brustbein.“
„Brustbein“, wiederholte Andy nachdenklich. „Oder auch nicht.“
„Nun tu nicht so als würde ich jede Sekunde tot umfallen.“ Alex wandte sich um, nickte einigen Leuten zu, die in seine Richtung sahen und verließ mit dem Kapitän des Schlachtkreuzers die Zentrale.
„Nein, ich tu nicht so, als würdest du jede Sekunde tot umfallen. Trotzdem habe ich Angst davor“, gestand der große Mann ernst.
„Entspann dich. Erstens bin ich genau deswegen auf dem Weg zu meinem Lieblingsarzt und zweitens gibt es genügend Beyonder, die mich ersetzen können. Du zum Beispiel.“
„Es gibt nicht genügend Beyonder, die dich ersetzen können“, erwiderte Andy lauter als beabsichtigt.
Beyonder in den weißen Uniformen sahen ihn erstaunt an, einige erschrocken. Der Commander winkte beschwichtigend ab. „Vor allem ich kann dich nicht ersetzen.“
„Nun stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel, Jamahl“, sagte Alex und klopfte dem Freund auf die Schulter. „Du bist Kapitän unseres größten Schiffs, oder? Und das hast du ganz allein erreicht. Die kleine Aufgabe, unsere Kampftruppen zu führen, schlappe dreißigtausend Beyonder, kriegst du auch auf die Reihe.“
„Ja, wie praktisch, dass du die Koordination unserer Zivilisten abgegeben hast. Das macht einiges leichter“, brummte Andy, und es klang ziemlich verärgert. „Darüber wollte ich auch mal mit dir reden. Hältst du es wirklich für eine gute Idee, ausgerechnet Porma el Tar eine Zivilverwaltung aufbauen zu lassen? Der Mann war unser Feind! Und er kann jederzeit aufspringen und rufen: Ätsch, ich bin gar kein Angehöriger des Widerstands und stattdessen ein Agent des Pes Takre! Dann stehen wir ziemlich dämlich da, oder?“
„Aber wenn er es nicht ist, haben wir die beste Verwaltungsfachkraft an der richtigen Stelle, oder?“, erwiderte Alex amüsiert, während sie in den nächsten Fahrstuhl traten, drei Ebenen überwanden und dann mit einem kleinen Elektrowagen tiefer ins Schiff fuhren.
„Richtig, falsch, das wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls bist du nicht zu ersetzen, Alex Tarnau, also wage es ja nicht zu sterben. Für mich bist du auf keinen Fall zu ersetzen, kapiert?“
„Hör mal, Andy“, sagte Alex nachdenklich und rieb sich die Stirn knapp unter der Uniformmütze, die für ihn die Form einer Schirmmütze angenommen hatte, während die von Andy eher einem Barett glich. „Darüber wollte ich mit dir reden. Weißt du, ich habe zwar gerade keine Beziehung und niemand der auf der Erde auf mich wartet, aber versteh mich richtig. Ich bin doch eher an Frauen interessiert. Danke für dein Angebot, aber kein Interesse.“
Jamahl Anderson schluckte ein paar hundert derber Flüche herunter, die meisten davon auf englisch, ein Teil in der Verkehrssprache des Pes Takre und der Rest aus dem Dutzend Sprachen, die man unweigerlich mitbekam, wenn man in New York als Polizist arbeitete.
„Arschloch“, brummte er leise.
„Tut mir leid, aber den konnte ich mir einfach nicht verkneifen“, erwiderte Alex grinsend.
Ernster fügte er hinzu: „Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, Großer.“
Andy sah ihn an und hatte Tränen in den Augen. „Verdammt, Alex, ich habe schon mal gedacht, ich müsste dich begraben. Ich dachte schon mal daran, dass du mir den ganzen Mist hier vor die Füße geworfen hast. Und ich habe schon mal gedacht, dass ich damit nicht fertig werde. Dass ich nicht Alex Tarnau bin und es auch nie sein werde. Ich kann nicht in deine Fußstapfen treten. Tu mir das niemals an und lass mich vor dir sterben.“
„Jetzt redest du Unsinn. Wieso sollte einer von uns sterben? Denkst du wirklich, die Spätfolgen der schweren Brustwunde bringen mich noch um? Und denkst du wirklich, wir verlieren den Kampf gegen das Pes Takre, sehen dabei zu wie die Erde versklavt wird und treten in einem letzten Gefecht gegen die Varni an, um dort den Heldentod zu sterben und uns die Sklaverei zu ersparen?“
„Zu eins vielleicht, zu zwei definitiv ja.“
„Pessimist“, brummte Tarnau.
„Optimist. Wir treten hier gegen ein Imperium an, dessen Größe wir noch nicht einmal kennen. Geschweige denn welche Möglichkeiten es hat. Die Varni sind nur ihre erste Verteidigungslinie. Und selbst die machen den Schöpfern bereits mächtig Probleme. Wie mag der Rest dann erst sein?“
„Wir werden es herausfinden“, versprach Alex.
„Aha.“
„Und wenn ihre Technologien unseren überlegen sind, dann klauen wir sie ihnen.“
„Ich korrigiere mich, Alex. Ich streiche Optimist und ersetze es durch Wahnsinniger.“
„Dafür musst du zwei neue Vokale und sieben Konsonanten kaufen.“
Jamahl Anderson ließ den Wagen stoppen. Sie hatten den Lazarettbereich erreicht. „Ich habe gehört, schlechte Witze sind das erste Anzeichen von Wahnsinn.“
„Und ich habe gehört, dass du schon mal besser gekontert haben sollst“, erwiderte Alex wohl gelaunt und stieg aus. Aber wer genau hinsah konnte seine Hände zittern sehen.
Das Lazarett war noch immer gut gefüllt. Von den zwanzigtausend Menschen, die sie auf Sommertraum zu finden gehofft hatten, waren rund sechzehntausend an Bord dieses Schiffs, zum Teil unter beengenden Bedingungen an Bord der Pendler untergebracht. Über viertausend waren tot oder verschollen, obwohl die Beyonder mit allen Mitteln nachgesucht hatten. Die Differenz von siebenundachtzig Erdenmenschen befand sich in diesem Lazarett. Schwer verletzt und von der Hilfe der Ärzte und der medizinischen Geräte abhängig.
Bei vielen würde auch die überlegene Hilfe der Technik der Schöpfer und das überragende Können ihrer Ärzte nichts mehr nützen. Zu schwer waren die Verletzungen, zu schwer die Traumata.
Eike van Holland, der Schiffsarzt der HEIMWEH, kam gerade aus einem Behandlungszimmer, als die beiden Offiziere den Flur des Lazaretts betraten.
Der junge Arzt nickte erfreut und winkte Tarnau direkt in den Behandlungsraum. „Sie haben sich eine gute Zeit ausgesucht. Es ist gerade sehr ruhig bei uns, keine Notfälle. Kommen Sie, Chef.“
Andy folgte Tarnau ungefragt. Er war nicht mitgekommen, um jetzt ausgeschlossen zu werden. Garantiert nicht.
Alex Tarnau kannte die Prozedur schon. Er zog seine Kleidung aus und legte sich nackt auf die Behandlungsliege. Uniform und Unterwäsche waren mit der Technologie der Schöpfer durchsetzt und hätten jede Untersuchung unnötig erschwert.
Van Holland schnappte sich einen Hocker, fuhr neben den Chef der Beyonder und begann eine zwanglose Unterhaltung, während er die Diagnose hochfuhr.
Zwischen den beiden Männern entstand ein Hologramm, welches Tarnaus Brustkorb nachbildete. Nach einem Befehl des Arztes spaltete es sich längs auf und klappte auseinander.
Van Holland deutete auf die linke Seite mit dem pochenden Herzen.
„Zoom“, befahl er leise.
Interessiert beugte sich Andy vor. Eine tolle Technologie.
„Hier, sehen Sie, Chef, das ist der Einschusskanal. Die Kugel ging durch die Rippen durch, wurde hier gebremst, zersplitterte an dieser Stelle in etwas mehr als fünfhundert Fragmente und verteilte sich dabei in einem ungefähr dreißig Zentimeter großen Radius.
Die Panzerung der Rüstung hat die Kugel bereits beträchtlich verlangsamt und zwei Drittel des Weichkerns abgesprengt. Der Rest aber hat ordentlich gestreut. Wäre die ganze Kugel rein gegangen, dann wäre Ihr Oberkörper nur noch eine schlammige Masse aus Blut und geheckselten Fleisch gewesen, die notdürftig den Panzer ausgefüllt hätte.“
„Das weiß ich bereits, Doc. Erzählen Sie mir was Neues.“
„Gerne.“ Der Arzt deutete auf das Herz. „Hier, hier, hier, hier, hier und hier haben sich die Nanoroboter, die über die Narbenpaste in Ihren Körper gelangt sind, selbst gesprengt. Diese Explosionen wirkten wie ein Elektroschock, der das Herz dazu animierte, weiter zu arbeiten.
Dennoch hat das Organ dadurch schwere Verbrennungen erlitten. Dazu haben sich die meisten Splitter abgekapselt, ein paar hätten beinahe Infektionen ausgelöst, wenn die Narbenpaste nicht genau das verhindert hätte. Ich sage Ihnen wie es ist, Alex Tarnau. Wir können die Behandlungen mit Narbenpaste fortsetzen und Ihren Zustand von Woche zu Woche erneut stabilisieren. Oder Sie geben mir einen Monat Zeit, ich suche alle Splitter und operiere sie ein für allemal raus. Dazu lege ich frisches Muskelgewebe an den geschwächten Stellen des Herzens an, die Kulturen zu entwickeln und wachsen zu lassen dauert nicht einmal zwei Wochen. Ich werde Sie maximal fünfmal mit der minimalinvasiven Operationstechnik aufmachen müssen, aber dafür sind Sie in etwas mehr als vier Wochen auf dem Weg zu einer wirklichen Genesung. Aber dafür müssen Sie mir Zeit geben. Ich muß die Splitter lokalisieren, katalogisieren und die Verletzungen bewerten und die Behandlung vorbereiten.
Außerdem könnten Splitter in der Lungenwand stecken und jederzeit dazu führen, dass die Lunge zu bluten beginnt, oder noch schlimmer, keine Luft mehr halten kann.“
„Aus diesem Grund schlafe ich in meiner Uniform. Ich habe damit immer einen medizinischen Scanner an meinem Leib.“
„Das ist ein Kompromiss, aber keine Lösung“, tadelte der Arzt.
Alex nickte ernst. „In Ordnung. Wir warten, bis wir Zehn Steine erreicht haben. Ich werde mich einer Vollversammlung der Großgruppenführer stellen müssen. Danach stehe ich Ihnen zur Verfügung. Aber damit wir uns gleich verstehen: Ich bleibe lediglich im Hoffnungstal. Meine Arbeit werde ich nach bestem Wissen und Gewissen fortsetzen.“
„Das ist mehr als ich zu hoffen gewagt habe“, gestand der Arzt sichtlich erleichtert.
„Stimmt. Ich dachte, du würdest dich länger sträuben“, fügte Andy hinzu.
„Was?“, erwiderte Alex amüsiert. „Dachtet ihr, ich markiere den starken Mann und schiebe die Operation vor mir her, weil es sooo viele Dinge gibt, die gerade wichtiger für uns und die Beyonder sind?“
Simultan nickten der Arzt und der Commander.
„Ihr habt doch einen Knall. Es geht um mein Leben! Und das mag ich zufälligerweise sehr, sehr gerne! Diese Operationen nicht machen zu lassen wäre grob fahrlässig. Das würde ich keinem meiner Leute durchgehen lassen. Warum dann mir?“
„Ist das vielleicht ein erstes Anzeichen einer Infektion, Doktor? Dieser Anflug von Vernunft passt ja gar nicht zu unserem tollkühnen Anführer“, spottete Andy.
„Eieieiei“, meinte der holländische Arzt. „Ich hoffe nicht. Aber bei vielen Entzündungen kann es zu atypischem Verhalten und zum Delirium kommen.“
Tarnau runzelte die Stirn. „Wenn ihr damit fertig seid, euch über mich lustig zu machen, könntet ihr den Raum verlassen. Ich will mich wieder anziehen.“
„Du liegst hier seit zwanzig Minuten nackt rum. Warum zierst du dich plötzlich?“, brummte Andy.
„Weil ich euch beiden für den schlechten Witz in den Arsch treten werde, sobald ich wieder Stiefel trage“, brummte Tarnau.
Der Arzt und der Kapitän erhoben sich. „Das ist ein Argument. Nichts wie raus.“
Alex sah den beiden nach und schmunzelte.
Dann begann er seine Kleidung zusammen zu suchen. Mist, ob er van Holland von diesem stechenden Schmerz in der linken Brust erzählen sollte, der ihn ab und zu überfiel? Zumindest saß er nicht auf Höhe des Herzens, viel weiter rechts. War das schon lebensbedrohlich? Alex Tarnau wusste es nicht, und er fürchtete sich vor der Antwort.
Prolog:
Eine kleine Gemeinschaft Menschen wurde aus ihrem bisherigen Leben gerissen und auf einem fremden Planeten ausgesetzt. Bewaffnet mit einer überragenden Technologie, die allem weit überlegen ist, was die Menschheit bis zu diesem Moment kannte, müssen sich normale Menschen ohne militärische Ausbildung einem Feind stellen, der nur ihre totale Vernichtung im Sinn hat.
Lediglich Alex Tarnau, ein deutscher Reserveoffizier, versucht in diesem Chaos die Ordnung zu finden und so viele Menschen wie möglich zu retten.
Anfangs sind es zwanzigtausend Menschen, deren Heimatländer fast alle Länder der ersten und zweiten Welt auf der Erde umfassen, doch je mehr Alex Tarnau und seine Gefährten über ihre Situation erfahren, desto größer wird diese Zahl.
Alex Tarnau erfährt von Herold L´Tark, einem Mitglied des Volkes der Schöpfer, welches sie alle entführt hat, wer ihre Gegner sind, warum sie gegen diese kämpfen sollen – und warum die ausgebildeten Soldaten, die zuvor gegen den Feind, die Varni, gekämpft haben, versagten.
Die kleine Gemeinschaft, die sich Beyonder nennt, tritt gegen die Varni an, tritt gegen die Soldaten an und stellt sich dann dem ultimativen Feind, einer ganzen Flotte mit Varni-Soldaten. Zu diesem Zeitpunkt umfassen die Beyonder bereits fast alle einhunderttausend Menschen, Zivilisten wie Soldaten, die von den Schöpfern auf dieser Welt ausgesetzt worden waren.
Die Menschen um Alex Tarnau siegen und erobern den Großteil der Flotte des Admirals Porma el Tars. Und sie müssen sich erneut einer schockierenden Erkenntnis stellen. Es gibt neun weitere Welten, auf denen entführte Menschen ausgesetzt wurden und kämpfen müssen.
Diese zu finden und zu vereinen ist nun das wichtigste Ziel der Beyonder, bevor der nächste Schlag der Varni sie alle auslöscht.
1. Verzweiflung
„Zusammenbleiben!“ Kevin Duvalle schrie die Worte regelmäßig, und bisher schienen sie Wirkung zu zeigen. Die Phalanx aus weißen Rüstungen stand noch immer – trotz des Beschusses durch die Kampfpanzer in Form von Raketen und Granaten. Trotz der immer größer werdenden Zahl an Ausfällen, die in das Innere des Quadrats getragen wurden, welches die noch fünfhundert Rüstungen bildeten.
Sie waren eingekreist, überrumpelt und hatten keinerlei Chance auf einen Ausbruch. Der Gegner, die Varni, waren ihnen zudem achtfach überlegen.
Gewiss, die weißen Rüstungen waren besser bewaffnet, schneller und agiler. Aber das nützte ihnen in dieser Falle herzlich wenig.
Nachdem Kilgore gefallen war hatte sich Kevin ein Herz gefasst und aus der Not eine Tugend gemacht. Niemand hatte ihn gewählt, niemand hatte jemals auf ihn gehört, aber als das Chaos am Größten gewesen war, da war seine Stimme die lauteste gewesen.
Nun standen sie hier, auf einer Hochebene, festgenagelt, von allen Seiten umringt und schwerem Beschuss ausgesetzt.
Sie bildeten ein Viereck von knapp dreißig Metern Seitenlänge. Die Schützen bildeten drei Reihen á dreißig Mann und warteten auf seinen Feuerbefehl. Im Quadrat warteten gut hundert Rüstungsträger, um die Plätze derer einzunehmen, die ernsthaften Schaden hatten einstecken müssen. Die Schreie der Verwundeten klangen sogar über den Kampflärm bis zu ihm herüber, während einige Gewitzte versuchten, die halb zerstörten Rüstungen zu zerlegen, um andere wieder gefechtsklar zu kriegen.
Kevin machte sich nichts vor. Ihre Gegner, die Varni, würden keine Gnade gewähren. Sie würden jeden und alle töten, die sie antrafen, egal ob sie in Rüstungen steckten oder nur das schwarze Unterfutter trugen.
Er selbst hatte es erlebt. Einmal, zweimal, immer wieder.
Als sie dann mitten in dieser Savanne festgenagelt worden waren, als ihr gewählter Anführer gestorben war, da hatte sich Kevin an seine Schulzeit erinnert. Es war ausgerechnet eine Lektion über den Zulu-Aufstand in Südafrika gewesen, bei dem gut hundert gut ausgebildete Infanteristen gegen das Zehnfache an afrikanischen Kriegern hatten antreten müssen. Gute Taktik, überlegene Waffen und eiserne Disziplin hatten den meisten Soldaten das Leben gerettet, während der Tod Roulette spielte und Leben ohne jedes Muster nahm.
Beim letztendlichen Sturmangriff auf die geschlossene Front waren die Zulu-Krieger schließlich abgeschlagen worden, einmal, zweimal…
Genau dies imitierte er hier gerade. Eine stabile Front, eiserne Disziplin, in manchen Fällen aber eher wohl reine Angst und die Erkenntnis alleine verloren zu sein, sowie Geduld. Eiserne Geduld, während Menschen starben. Menschen, die auf ihn gehört hatten, die nun diese Phalanx bildeten, anstatt weiter kopflos zu fliehen. Doch genau bei dieser Flucht wären sie noch verletzlicher gewesen. Noch viel mehr wären gestorben, vielleicht sogar alle.
Kevin hatte diese Formation aus dem Nichts gestampft, ebenso drei Rüstungsträger, die er kurzerhand für die anderen drei Seiten verantwortlich gemacht hatte, damit die Reihen hielten.
Wieder erklang Olav Petersons Synthesizer und imitierte eine Trillerpfeife. Der Mann war in den zwei Stunden, die dieses Debakel nun schon dauerte, enorm gewachsen und hielt seine Reihen gut geschlossen. Die Trillerpfeife war weit über den Schlachtlärm zu hören und erinnerte die Männer und Frauen daran, nicht alleine zu sein.
Dennoch. Kevin wusste wie es weitergehen würde. Sobald die Varni glaubten, seine Truppe gut genug zusammen geschossen zu haben, würden sie mit Panzern und Infanterie direkt angreifen. Und wenn dann eine Seite des Quadrats nachgab, waren sie alle verloren.
Übergangslos endete das Sperrfeuer. Kevin erweiterte die Reichweite seiner Ortung um das Zehnfache und erkannte den Grund. Die Picker-Panzer begannen sich zu formieren, während die Bully-Panzer neue Positionen einnahmen. Die kleineren Picker würden nun sicherlich bald angreifen, während die Bullys noch einmal Sperrfeuer geben würden, bis die Picker die Rüstungen erreicht hatten.
„Bereit machen!“, rief Kevin laut. Er hoffte, dass seine Stimme nicht wirklich so entsetzlich quiekte, wie er es selbst empfand.
„Bereit machen!“, kam es von Olav herüber, begleitet von der obligatorischen Trillerpfeife.
„Bereit machen!“, kam es jetzt auch von Samantha Gordon und Sergej Jelzin.
Kurz regte sich Unruhe in den Reihen, doch als die ersten Raketenwerfer aus den Armen ausfuhren war dies wie ein Beruhigungsmittel für die Leute. Die drei Reihen standen, während Helfer die Feuerpause nutzten, um weitere Verletzte nach innen zu holen.
„Da kommen sie“, hauchte Kevin und hob den rechten Arm. Diese Geste war unnötig, jedermann würde ihn hören können, sobald er den Feuerbefehl gab. Aber er brauchte diese Geste. Er brauchte das Gefühl, wirklich etwas zu tun.
Sie hatten Minen aus den Beintaschen ausgelegt, alles was sie noch hatten. Auf sie würden die Panzer zuerst treffen – kurz bevor sie in Reichweite kamen, um die Flammer einzusetzen.
Die Flammer, diese furchtbaren Flammer…
Die Panzer ruckten an. Kevin wechselte auf Vergrößerung, sah die Picker, als wären sie zum greifen nahe. Und die Infanterie, welche sich zwischen den Panzern bewegte, sah die langen Kampfmesser aufblitzen. Dies wurde wirklich ihr letztes Gefecht. Und der, der zuletzt stand, hatte gewonnen.
Die Panzer rasten los, zugleich setzte der Beschuss wieder ein. Direkt neben Kevin explodierte eine Granate, warf zwei Rüstungen nach hinten. Sofort ersetzten zwei Mann der Reserve ihre Posten.
Über ihnen vergingen Dutzende Raketen in den Abwehrmaßnahmen der Rüstungen, mit die letzten, über die sie verfügten. Waren die verbraucht, konnten sie nur noch hoffen, die Raketen mit den Miniraketen abschießen zu können.
Dann explodierte die erste Mine, riss einen der Panzer vom Boden, warf ihn um.
Damit hatte er ein Signal gegeben, weitere Panzer liefen auf die Minen, gewitztere Panzerbesatzungen, die drei oder mehr Meter über dem Boden schwebten, wurden durch die Luft getrieben und rammten verbündete Fahrzeuge.
Aber bei zweihundert angreifenden Panzern, dazu drei-viertausend Infanteristen in den grünen Rüstungen machten zwanzig Ausfälle überhaupt nichts. Kevin konnte nur hoffen, dass die Varni damit aus dem Konzept gebracht waren und ihrem Angriff die nötige Härte fehlen würde, die sie letztendlich brauchen würden, um die Phalanx zu zerschlagen.
Kevin zoomte wieder zurück, sah erneut eine Mine hochgehen. Der betroffene Panzer explodierte, die eingelagerte Munition ging ebenfalls hoch.
Und dann… „FEUER!“, brüllte der junge Mann und riss den Arm herab.
Sofort feuerten seine Reihen zugleich ihre Waffen ab. Einige Panzer wurden Dutzende Male getroffen, gingen in Flammen auf, explodierten, während andere nur einen oder zwei Raketen abbekamen.
Wieder erklang die Trillerpfeife über den Lärm, die anderen schrieen Befehle.
„FEUER!“, brüllte Kevin erneut, und wieder schoss seine Phalanx, fügte den dreiundzwanzig zerstörten Panzern neun weitere hinzu.
Er wagte es nicht, auf dem Ortungsdisplay nachzusehen, wie gut sich die anderen Seiten schlugen. Wenn die Varni einbrachen, wenn sie von hinten attackierten, die schrecklichen Flammer einsetzten, dann ging es hoffentlich schnell.
„FEUER!“
Der Angriff der Panzer stockte, die Verlustzahlen erreichten die hundert. Brennende Wracks bedeckten den Boden vor Kevin. Die Infanterie, die nun fast in Feuerreichweite war, stockte, als die ersten Panzer abdrehten und zurückkehrten.
Jubel brach aus, als die Varni diesen Angriff aufgeben.
„DISZIPLIN!“, rief Kevin in den Lärm hinein. „Dies war erst der erste Angriff. Ihm wird ein zweiter folgen, ein dritter und so viele, bis sie entweder Nachschub kriegen oder wir vernichtet sind! Unsere einzige Chance ist es, sie bei jedem Angriff mächtig bluten zu lassen und dann im richtigen Moment auszubrechen, wenn sie müde und geschlagen sind! Es wird keine Verstärkung für uns geben, also haltet die Reihen geschlossen!“
Dies war der Moment, in dem aus der Ferne Donner herüber hallte. Kevin sah hoch in den Tageshimmel und erstarrte. Über ihnen schien ein neuer Stern zu stehen. Nein, ein Stern am helllichten Tage? Der zudem noch expandierte und schließlich verblasste?
Wieder erklang der Donner. Brachten die Varni eines ihrer Kampfschiffe für ein Bombardement in Position?
Zwischen seinen Leuten brach Unruhe aus.
„DISZIPLIN!“, blaffte Kevin wieder. „Sie wollen uns bombardieren! Und genau das ist unsere Chance! Wenn die ersten Granaten einschlagen, dann schnappt euch die Verwundeten und flieht in die Berge drei Kilometer nördlich von uns! In all den Explosionen, dem Staub und der Hektik werden sie uns nicht erwischen und in den Bergen sind wir ihnen überlegen! Macht euch bereit!“
„Ihr habt den Chef gehört, Leute! Nehmt die Verwundeten auf und nehmt an Rüstungen und Munition mit, was immer wir noch gebrauchen können!“, rief Peterson
„Chef?“ Für einen Moment war Kevin ehrlich verwirrt. Und noch viel verwirrter, dass niemand widersprach.
Die Panzereinheiten der Varni zogen sich weiter zurück, ebenso die Rüstungen. Nein, wenn Kevin genauer hinsah, dann… Was war bei den Varni los? Wieso diese Hektik, dieses Durcheinander?
Er musterte erneut den Himmel, schaltete seine Vergrößerung auf Maximum und erschrak beinahe zu Tode, als dieses riesige Ding auf ihn zugeschossen zu kommen schien!
Ein riesiger Transporter der Varni schoss beinahe direkt auf sie hinab! Doch Verstärkungen? Sollten sie mitten in der Phalanx abgeworfen werden? Konnte konzentrierter Beschuss den Transporter vernichten?
Die gigantische Maschine drehte ab, ging tiefer und öffnete die Frontklappe. Nach und nach fielen Panzer und Rüstungsträger daraus hervor. Kevin zählte mit und kam schnell auf die Zahlen zehn Panzer und fünfzig Rüstungen.
Was aber wesentlich bemerkenswerter war, das war die Tatsache, dass Panzer und Rüstungen unsichtbar wurden!
Hinter ihnen brauste ein weiterer Transporter heran, vollführte das gleiche Manöver. Ein dritter kam von den Bergen heran und entlud ebenfalls Truppen und Panzer.
All diese Maschinen und Truppen wurden unsichtbar. Und dann begann die eigentliche Schlacht, als die unsichtbaren Truppen die fliehenden Varni angriffen.
„Was ist denn jetzt auf einmal los?“, fragte Kevin verwirrt.
„Das kann ich Ihnen wohl am besten erklären, Kevin Duvalle“, erklang in seinem Helm eine fremde Stimme. Zugleich markierte sein Kommunikationssystem einen neuen Kontakt, der… über ihm war?
„Mein Name ist Alex Tarnau. Ich bin der Anführer einer Gruppe namens Beyonder, die gut hunderttausend Menschen wie Sie umfasst. Wir kommen von Zehn Steine, einer Welt im Nachbarsystem von Sommertraum. Und wir sind hier, um Sie zu retten.“
Diese so trocken hervor gebrachten Worte ließen den jungen Mann erstarren. Er fühlte, wie ihn grenzenlose Erleichterung erfasste, umhüllte und beinahe taumeln ließ. Seine Leute begannen zu jubeln, die Phalanx riss auf. Rüstungen fielen einander in die Arme.
Ein vierter Pendler kam herab, setzte direkt neben dem Quadrat aus Rüstungen auf.
Die Vorderklappe öffnete sich, Dutzende weitere Rüstungsträger in makellosen weißen Rüstungen kamen hervor.
Dazu schritt ein großer Mann in einer weißen Uniform mit Schirmmütze heran, begleitet von vier Rüstungen, die offensichtlich seine Leibwächter waren.
Der große Mann kam zielstrebig auf Kevin zu.
In der Rüstung war der junge Mann weit größer als sein Gegenüber, dennoch fühlte sich Kevin so klein, so entsetzlich klein.
Kevin ließ sein Visier auffahren, entriegelte seinen Helm und nahm Frontmaske und Hinterkopfschale ab.
Er machte sich klar, dass er mit seinen sechzehn Jahren und den eher kindlichen Zügen nicht gerade sehr beeindruckend wirkte. Manche hatten ihn auch schon mit einem Mädchen verwechselt. All das war ihm vor diesem Mann nun sehr peinlich.
„Ich bin Alex Tarnau“, sagte der Große freundlich. Er ließ seinen Blick über die Phalanx streifen, die sich nun langsam auflöste und auf ihn zukam. „Interessant“, murmelte Tarnau. „Doktor Stein, es gibt Arbeit für Sie.“
Mehrere Laster verließen nun den Pendler, fuhren bis an die Rüstungen heran. Dutzende Leute in den weißen Uniformen kletterten herab, liefen entweder zu den Verletzten oder begannen Fertigbauteile aufzustellen. Andere liefen zu den Panzern und suchten dort nach Überlebenden. Kevin erschrak fast zu Tode, als er einige Varni unter diesen Leuten erkannte. Auch unter Tarnaus Wache befand sich ein Varni, wie er feststellte.
„Sie sind Kevin Duvalle“, sagte Tarnau, und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass es eine Feststellung und keine Frage gewesen war.
Bevor Kevin antworten konnte, ließ Tarnau wieder den Blick schweifen. „Sehr gute Arbeit, junger Mann. Verdammt gute Arbeit.“
Übergangslos fühlte Kevin einen dicken Kloß in seinem Hals. Tränen schossen aus seinen Augen hervor und sein Körper fühlte sich an, als wäre er völlig taub.
„Sie haben diesen Leuten das Leben gerettet, wissen Sie das eigentlich, Kevin?“
Tarnau schmunzelte und legte dem jungen Burschen eine Hand auf die gepanzerte Schulter.
„Danke“, hauchte er.
**
Als Kevin erwachte, war Sommertraums Sonne bereits untergegangen. Er lag auf einem Bett, trug nicht mehr als sein Unterfutter. Über ihm hing eine schwach glimmende Lampe, durch das einzige Fenster konnte er die Sterne sehen. Einige von ihnen bewegten sich.
Er wollte sich erheben, aber seine Beine machten noch nicht mit.
„Ruhig, Großgruppenführer. Übertreiben Sie es nicht. Sie haben einen Schock.“
Die Beleuchtung flammte auf und enthüllte den Raum aus der Finsternis. Auf dem Nachbarbett saß eine junge Frau und musterte ihn interessiert. Sie trug die weiße Uniform wie Tarnau, aber jetzt wo er genauer hinsah, fiel ihm ein Unterschied auf. Tarnau hatte ein rotes Dreieck auf der linken Schulter. Diese Frau trug ein Quadrat auf der Schulter, von oben links nach unten rechts geteilt, die obere Hälfte war rot, die untere weiß. Darüber standen Schriftzeichen in der neuen Sprache, die Fern der Erde bedeuteten. „Fern der Erde, beyond Earth. Beyonder. Ach so.“
„Blitzmerker“, meinte die junge Frau schmunzelnd. „Aber der Chef hat mir schon gesagt, dass Sie was Besonderes sind, Großgruppenführer Duvalle.“
„Moment“, murrte Kevin und richtete sich erneut auf. Diesmal ging es besser. „Warum nennen Sie mich andauernd Großgruppenführer? Und wer sind Sie überhaupt?“
„Mein Name ist Amanda Stein. Ich bin die Chefärztin dieses mobilen Hospitals. Der Chef hat gesagt, ich soll Sie begrüßen, wenn Sie wieder wach sind. Ihre Leute machen sich schreckliche Sorgen um Sie und die schlimmsten Fälle sind versorgt, daher…“
„Meine Leute?“
„Wir haben bei den Beyondern ein bestimmtes System. Zehn bis zwanzig Rüstungen bilden eine Gruppe. Ihr steht ein Gruppenführer vor. Zwanzig oder weniger Gruppen bilden eine Großgruppe. Ihr steht ein Großgruppenführer vor. Großgruppenführer sind bei den Beyondern berechtigt, an der großen Versammlung teilzunehmen, wenn Sie so wollen unserem Parlament. Die Überlebenden Ihrer Großgruppe, vierhundertsiebenundachtzig Mann, haben sich uns bereits angeschlossen, soweit sie in der Lage waren zu sprechen und uns zu verstehen. Mit der Auflage, dass Sie sie weiterhin anführen. Damit sind Sie effektiv gerade zum Großgruppenführer aufgestiegen.“
„Sie… Sie wollen, dass ich… Was?“ Müde ließ sich Kevin wieder auf das Bett sinken.
„Sie müssen das verstehen. Sie haben Ihre Leute zusammengehalten und ihnen das Leben gerettet.
Tarnau und wir waren einmal in der gleichen Situation. Alles ging drunter und drüber und wir waren kurz davor ausgelöscht zu werden. Da mischte sich Tarnau ein und ordnete uns zu einem sicheren Rückzug. Sein Argument dafür, das Kommando zu übernehmen war, dass er der einzige war, dem etwas daran lag, dass wir alle heile aus der Scheiße wieder raus kamen.
Bei Ihnen ist es ähnlich. Sie haben den entscheidenden Befehl gegeben. Sie haben Ihre Leute geordnet. Sie haben sich zum Anführer aufgeschwungen, weil Sie diese Leute retten wollten. Was Sie auch geschafft haben.“
„Ich… ich bin gerade mal sechzehn Jahre alt!“, begehrte Kevin auf.
„Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen, bevor Ihnen das Sterben zuviel wurde“, erwiderte die Ärztin augenzwinkernd.
Sie warf Kevin eine der weißen Uniform zu. „Bitte duschen Sie in der Nasszelle dieses Krankenzimmers und ziehen Sie sich um, Großgruppenführer. Ihr Stellvertreter Peterson und Commander Tarnau erwarten Sie zur Nachbesprechung. Wir haben die Varni des Kriegstross von Johna el Noet vertrieben, aber jetzt kommt der schwierige Teil. Sie zu besiegen. Ihre Kenntnisse vom Gelände und von Kontakten zu anderen Gruppen werden dabei hilfreich sein.“
„Verstehe. Macht es Ihnen etwas aus, wenn Sie…“
Die Ärztin erhob sich. „Nicht, dass Sie etwas haben könnten, was ich noch nicht gesehen habe“, spöttelte sie milde. „Aber Privatsphäre wird bei uns Beyondern groß geschrieben.“
„Eines noch, Doc. Ich bin zusammengebrochen?“
„Leichte Erschöpfung. Nichts Ernstes.“ Die Ärztin lächelte ihn noch einmal an, dann verließ sie den Raum.
Kevin zog das Unterfutter aus. Wie er sich erinnerte zum ersten Mal, seit er auf Sommertraum erwacht war. Dann ging er in die Dusche. Himmel, eine Dusche. Wer waren diese Beyonder?
Wer war Tarnau?
**
„Sie treten hier gegen Ritter Johna el Noet an. Er befehligt den zwölften Kriegstross, einen von vier, die derzeit in dieser Region des Pes Takre aktiv sind. Aber nur zwei sind effektiv dabei, Schöpfer zu jagen und stellen sich dementsprechend uns Menschen von der Erde entgegen. Johna el Noet ist zurzeit in fünf Systemen aktiv, Sommertraum ist für ihn nur ein Nebenschauplatz. In zwei weiteren dieser Systeme, Goronkar und Ventris, befinden sich nach unserem Wissen ebenfalls Menschen. Ritter Porma el Tars Kriegstross wurde von uns auf Zehn Steine besiegt, er hatte nur ein System angegriffen, in dem sich Menschen befanden, war aber in acht weiteren aktiv gewesen.“
Alex Tarnau deutete auf die zwischen den Uniformträgern rotierende holographische Welt. „Konzentrieren wir uns aber vorerst auf unser hiesiges Problem. Sommertraum hat drei große Kontinente, die knapp zwanzig Prozent des Planeten bedecken. Epal liegt im Norden und hat fast ein Drittel der kontinentalen Gesamtmasse. Der Grossteil des Kontinents ist vom Packeis des hiesigen Nordpols bedeckt. Die Varni unterhalten hier eine planetare Werft, eine Garnison und diverse Fabriken.
Lokvor mit zwei Fünfteln der Gesamtgröße liegt im Süden, auf Höhe des Äquators. Hier unterhalten die Varni ihre üblichen Anlaufdocks für die vollautomatischen Hochseefabriken, die in diesem System die Hauptressource bilden. Das öde Inland ist reich an Mineralien und Erzen, welche die Varni abbauen.
Letztendlich kommt Groimar hinzu, ein länglicher Kontinent auf der Südhalbkugel, um die sich ein gewaltiges Inselarchipel schart. Ein stark vulkanisches Gebiet, in dem die Varni nicht aktiv sind. Was ich von Ihnen und Ihren Leuten wissen will, Kevin, ist: Wo sind unsere Leute? Es sollten rein rechnerisch einhunderttausend Menschen auf dieser Welt aktiv sein.“
Kevin erschrak. „So viele?“
„Ja“, sagte der große Schwarze neben Tarnau. Er war vor kurzem für die Besprechung eingeflogen worden. Er kommandierte die HEIMWEH, einen riesigen Schlachtkreuzer, der den Orbit von Sommertraum vorbehaltlos beherrschte und während der Schlacht zwei Fregatten vernichtet hatte. Außerdem gehörte er zu den Topleuten um Tarnau. „Zumindest waren es auf Zehn Steine hunderttausend. Und wir wissen von neun weiteren Welten, auf denen weitere neunhunderttausend Menschen von der Erde ausgesetzt worden sein sollen. Das macht rein rechnerisch einhunderttausend pro Welt.“
„Ich kann Ihnen nicht viel dazu sagen.“ Bedauernd hob Kevin die Schultern. „Als ich und die anderen hier vor sechs Wochen erwachten, waren die meisten Kämpfe schon zu Ende. Aber ich glaube nicht, dass wir mehr als fünftausend waren, nicht einmal mit den versprengten Soldaten der ersten Welle.“
Tarnau und Anderson wechselten einen kurzen Blick. „Wir hätten den Gnom ohne Ohren mitnehmen sollen“, sagte Andy grinsend.
„Ja, der hätte uns hier vielleicht weiterhelfen können. Kevin, haben Sie oder hatte eine andere Gruppe, von der Sie wissen, Kontakt zu den Schöpfern?“
„Die Soldaten haben von solch einem Wesen berichtet, dass sie Schöpfer nannten. Aber soweit ich weiß, ist es in den Kämpfen umgekommen. Es soll sogar auf diesem Kontinent passiert sein.“
Tarnau sah zu einem seiner Leute. „Doitsu. Mach deine Späher klar. Sucht den Kontinent mit Kurierbooten ab. Wir suchen nach versprengten Rüstungen, Varni und dem Leichnam des hiesigen Herolds.“
Tarnau sah wieder zu Kevin herüber. „Ich will Ihre Leistungen und Ihre Toten nicht schmälern und schmähen, aber stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, dass Sommertraum eher nebensächlich ist?“
„Keine Einwände“, sagte Kevin ernst. So sehr sie hier gelitten hatten, so hart die Kämpfe gewesen waren.
„Gut. Dann erteile ich Ihnen hiermit den Auftrag, jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt einzusammeln, Großgruppenführer Duvalle. Danach evakuieren wir alle Menschen nach Zehn Steine in Sicherheit.
Kevin, ich überlasse Ihnen meinen Override-Code. Sie begleiten Commander Furohata und treiben Ihre Schäfchen zusammen. Des Weiteren bilden wir weitere Teams, die auf den anderen Kontinenten suchen werden.“
„Verstanden.“
„Ach, eines noch. Was schätzen Sie, Kevin, wie viele Menschen wurden auf Sommertraum abgesetzt? Und wie viele sind bereits gestorben?“
Kurz dachte der junge Mann nach. „Wir waren knapp achthundert, als wir abgesetzt wurden. Viele wurden versprengt oder getötet, es scheint als hätten die Varni genau gewusst, wo wir abgeladen werden. Wir hatten sporadischen Kontakt mit anderen Funkkreisen auf diesem Kontinent. Grob über den Daumen gepeilt waren wir wohl viertausend, dazu sechs- bis achthundert ausgebildete Soldaten der Ersten Welle.“
Tarnau überschlug die Zahlen im Kopf. „Macht maximal zwanzigtausend für diese Welt.“
Anderson nickte zustimmend.
„Gut, dann lasst uns an die Arbeit gehen.“
„Ich hätte da aber noch eine Frage, Herr Tarnau“, meldete sich Kevin und wunderte sich über seine eigene Courage. Aber irgendwie fühlte er sich in dieser Runde nicht wie sechzehn. Nicht so sehr wie ein Kind oder ein Bursche, den man mit einem Mädchen verwechselte. „Was ist der Override-Code?“
Die anwesenden Beyonder begannen zu grinsen.
Tarnau setzte seine Schirmmütze auf, schmunzelte und trat an das Hologramm. „Aktivieren“, sagte er leise, und übergangslos erschienen überall auf der Welt neue Funkkreise. Zugleich erklang eine wahre Kakophonie von Stimmen, Flüchen und anderen Geräuschen aus dem Holoprojektor, allerdings gedämpft. „Das ist der Override-Code. Und wie Sie sehen, beschert er uns eine Menge Arbeit, Kevin. Frage beantwortet?“
Staunend starrte Kevin auf das Hologramm. „Wow. Ja, Ren. Na, dann wollen wir mal an die Arbeit gehen. Kommen Sie, Peterson.“
Der Schwede nickte und folgte Kevin aus dem Raum. „Ja, Chef.“
„An wen erinnert mich diese Energie nur?“, fragte Doitsu Furohata und unterdrückte ein Schmunzeln.
„Die Arbeit ruft, Herrschaften.“ Tarnau klatschte in die Hände. „Wir müssen hier eine Welt retten.“
2. Orientierung
Es schien eher eine beiläufige Geste zu sein, als Jaques Vaillard während eines Kraftwerktests hinter dem Pult von Charlene Watts stand. Den jungen Varni, der neben ihr stand und leise Anweisungen gab, konnte er jedenfalls nicht nervös machen.
Wie das Gros der Energiegewinnung der Varni basierte auch die der ODYSSEUS auf dem Prinzip der kalten Fusion. Die Reaktoren vollständig zu beherrschen war das wichtigste Ziel, welches die Menschen an Bord erreichen mussten. Und dies in jeder Situation.
Rimm da Ventor, der junge Chefingenieur des Schiffs gab leise seine Anweisungen, um Reaktor eins noch weiter auszureizen. Das Schiff befand sich gerade im Sprung von System zu System, große Mengen an Energie wurden nur beim Betreten des Zwischenraumes gebraucht, nicht während des Fluges oder dem verlassen des Zwischenraumes. Eine ideale Zeit zu experimentieren, wenn sie zugleich unangreifbar waren.
„Erhöh die Einspritzung um acht Prozent“, sagte da Ventor ernst. Ein unsicherer Blick des Varni traf Vaillard und Commander Lokk ar Syger, den Anführer des zwanzigköpfigen Varni-Kontingents an Bord. Doch Vaillard nickte nur knapp.
Während der kalten Fusion wurde das imitiert, was in jeder Sekunde im Herzen einer beliebigen jungen Sonne geschah, vier Wasserstoffatome wurden unter enormen Druck und Hitze zu Helium verbunden. Dabei wurde, um es burschikos zu sagen, nicht die Gesamtmasse der vier Atome verwendet. Der Rest zerfiel zu Energie. Energie, welche die Varni zu nutzen gelernt hatten. Nicht auf dem Umweg über ein kompliziertes Turbinen- und Pumpensystem, wie die Menschen dies in den Kernkraftwerken auf der Erde nutzten, sondern mittels Wandleranlagen, die diese Energie direkt nutzten und in das Schiff speisten.
Watts sah auf, als drei Alarmmeldungen zugleich auf ihrem Bildschirm erschienen. „Rimm?“
Der Chefingenier schüttelte in perfekter menschlicher Geste den Kopf. „Weitermachen.“
„Aye.“ Die junge Frau, die im Leben auf der Erde Physik studiert hatte, war bisher gut in ihrer neuen Rolle aufgegangen. Vaillard war gespannt, ob sie sich auch hier bewähren würde.
Erneut erschien eine Alarmmeldung, doch diesmal sah Charlene Watts nicht auf. Mit verbissenem Gesicht bediente sie das Steuerpult.
Bis sich eine große Pranke auf die Sensoren legte und die Einspritzung mit zwei Handbewegungen auf ein normales Niveau herunter fuhr.
„Ich denke, das Experiment kann an dieser Stelle beendet werden“, sagte der Chefingenieur ernst. Auf seiner Stirn stand feiner Schweiß. „Zwei Minuten länger, und der Reaktor wäre uns durchgegangen.“
„Die Maximalausbeute?“, fragte Vaillard knapp.
„Für zehn Minuten einhundertdreißig Prozent.“
„Wir hätten zwölf Minuten haben können, sehe ich das richtig?“
Der Chefingenieur wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Elfeinhalb. Maximal.“
„Gut“, schnarrte der Franzose. „Gute Arbeit, Ihr zwei.“
Vaillard winkte Lokk, ihm zu folgen und verließ den Maschinenraum.
„Das war ein exzellentes Beispiel dafür, wie gut unsere Leute schon zusammenarbeiten. Miss Watts war ohne weiteres bereit gewesen den Reaktor nach da Ventors Anweisungen hochzujagen, während da Ventor rechtzeitig eingegriffen hat, um eine Katastrophe zu verhindern.“ Sie kamen durch ein riesiges Schott, dass eindeutig auf Varni ausgelegt war. In Momenten wie diesem erinnerte er sich immer wieder daran, wo er sich befand und was seine Mission war.
„Sicher. Aber wenn da Ventor ein Spion des Pes Takre gewesen wäre, hätte er den Reaktor hochjagen können. Jeder meiner neunzehn Kameraden kann ein Spion sein. Mich inbegriffen, wenn Sie mir dieses Szenario verzeihen, Ren.“
Vaillard sah zu dem Riesen hoch und schluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, runter. Der Varni meinte es gut mit ihm und dem Schiff. Das nahm Jaques dankbar an.
„Ich werde es beherzigen.“
Sie gingen nebeneinander durch die Laufgänge des Zerstörers. An Bord waren neben den zwanzig Varni auch noch zweitausend Beyonder – Tarnau hatte sie in einer Aktion bei Nacht und Nebel im Hoffnungstal versammelt und anschließend unter größter Geheimhaltung auf die ODYSSEUS bringen lassen. Ihre Mission war klar umrissen: Die Erde finden und Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ihr die Technologie des Pes Takre und der Schöpfer zu vermitteln, damit sie in diesem feindlichen Universum nicht als neueste Kolonie des Riesestaates endete.
Dies wussten seine Leute. Als Jaques sicher gewesen war, sämtliche Wanzen des Pes Takre an Bord gefunden zu haben, hatte er sie in vollem Umfang über die Mission aufgeklärt. Die Reaktionen waren gemischt gewesen. Viele hatten sich darüber gefreut, die Erde aufsuchen zu können und sicherlich spielten nicht wenige mit dem Gedanken, Zuhause zu bleiben. Aber genauso viele hatten ein Problem mit der Mission, weil sie ihre Kameraden auf Zehn Steine hatten zurück lassen müssen.
Vaillards Befürchtung, der letzte an Bord zu sein, sobald sie die Erde erreicht hatten, schien sich nicht zu erfüllen.
Er und Lokk wurden ehrfurchtsvoll gegrüßt, während sie sich auf den Weg zur Zentrale machten. Die Verhältnisse waren nicht gerade beengt, aber nach drei Monaten Suche gingen ihnen langsam die Sportevents aus, um die Menschen von der Tatenlosigkeit abzulenken.
Als sie die Zentrale erreichten, setzte sich Vaillard sofort in den Kapitänssessel. Mittlerweile hatte er sich gut an die Übergröße gewöhnt, zwei dicke Decken hatten den Rest erledigt, damit er an die Kontrollen kam.
Als Varni hatte Lokk ar Syger natürlich nicht diese Probleme. Aber wenigstens verkniff er sich ein Grinsen, als Vaillard in den etwas zu hohen Sessel sprang.
„Wie lange noch, bis wir das System erreichen, Gerrit?“
Der Holländer sah auf. „Der Sprung dauert noch fünfzehn Minuten. Dann erreichen wir den blauen Riesenstern. Mit etwas Glück hat er einen weißen Zwerg als Begleiter. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es Sirius ist. Wir haben auch schon eine rote Riesensonne gefunden, die Beteigeuze im Sternbild des Orion sein kann. Ebenso einen großen offenen Sternhaufen, der die Hyaden im Stier darstellen kann. Mit ein wenig Glück müssen wir nur alle gelben Normsonnen in dreißig Lichtjahren Umkreis abklappern um die Erde zu finden.“
Vaillard verzog keine Miene bei diesen Worten. Die Erde tauchte in den Sternkarten der Varni natürlich nicht auf. Sonst wäre es ja einfach gewesen. Selbst der größte Teil dieser Region des Universums war nicht kartographisiert, geschweige denn erforscht. Lediglich einige markante Sterne und Sternhaufen, dazu der eine oder andere spektakuläre Nebel hatten Codebezeichnungen bekommen.
Als sie gestartet waren, hatte die Crew alles zusammengelegt, was sie über den Nachthimmel der Erde wussten. Was ihnen an Markantem über die Erde noch im Gedächtnis war. Dabei waren die Sternbilder nicht besonders hilfreich gewesen, denn um von der Erde ohne Hilfsmittel als Einzelstern identifiziert zu werden konnte eine Sonne locker fünfzig Lichtjahre entfernt sein. Die willkürlichen Sternbilder, welche die Sonnen dabei bildeten, taugten nur etwas auf der Erde. Kam man wie die Crew der ODYSSEUS von der anderen Seite, fing man quasi von null an. Fünfzig Lichtjahre bedeuteten aber auch, dass sich die Sterne leicht verschoben, sprich bewegt hatten. Im kosmischen Rahmen war der Unterschied zwischen auf der Erde gesehenen Position und tatsächlicher Position bei fünfzig Lichtjahren Entfernung zum Glück noch nicht so groß. Immer noch groß genug für Widersprüche. Probleme gab es erst bei tausend und mehr Lichtjahren.
Nach Sicht zu navigieren war jedenfalls ein ziemlich lustiges Unterfangen.
Deshalb hatten sie sich von Anfang an auf markante Sterne wie blaue und rote Riesen konzentriert, bestimmte Sternhaufen in kosmischer Nachbarschaft wie Hyaden, Plejaden und Praesepe. Danach hatte das große raten begonnen. Natürlich immer vorausgesetzt, sie befanden sich überhaupt im richtigen Spiralarm der Galaxis, den Orion-Arm.
Waren sie irgendwo anders, vielleicht sogar auf der anderen Seite der Galaxis, würde die Suche wertlos sein und ihnen blieb nur die Rückkehr. Und die Hoffnung, dass die Schöpfer Wort hielten – nachdem sie ihr erstes Wort gerade gebrochen hatten.
Aber wenn sie wirklich gerade nach Sirius sprangen, wenn diese Sonne wirklich von der Erde aus gesehen werden konnte, dann waren sie nur noch einen Katzensprung von ihrer eigentlichen Heimat entfernt.
Jaques betrachtete kurz den Varni im Sitz des Ersten Offiziers, wie der Riese mit reglosem Gesicht die Anzeigen der Schiffsfunktionen überprüfte. Er und Ritter el Tar sowie das Gros von seinen Kameraden hatten sich ergeben, ja, den Beyonder angeschlossen, wenn Vaillard das richtig verstanden hatte. El Tar als heimlicher Gegner des Pes Takre versprach sich eine Menge von der Zusammenarbeit mit Tarnau. Aber wie hilfreich würden sie einander sein? Konnten sie wirklich riskieren, im galaktischen Reich der Drei Völker einen Aufstand der Varni zu provozieren? Mussten sie nicht alles tun, um die Erde so weit es ging aus diesem bevorstehenden Feuersturm heraus zu halten?
Oder war es gerade das Richtige, das Reich zerbrechen, was bedeuten würde dass die Erde uninteressant wurde.
Und war es nicht auch das was die Varni eigentlich wollten? Sich gewaltsam von der Bevormundung durch das Pes Takre zu befreien?
Im Moment stimmten die Interessen von Porma el Tar und den Beyonder überein. Aber wie lange das so bleiben würde konnte Vaillard nicht sagen.
Das Schiff verließ den Zwischenraum nach Ablauf der fünfzehn Minuten am Rande des Systems. Die Ortungsabteilung nahm ihre Arbeit auf und versuchte, die ersten Fernanalysen und optischen Aufnahmen zu bestätigen oder zu widerlegen.
„Ergebnis, Ren!“, rief Karen Wolters aufgeregt. „Der Riesenstern hat einen weißen Zwerg als Begleiter!“
Vaillard fühlte sich von einem Moment zum anderen uralt und sehr, sehr müde. Zusammen mit der vielleichtigen Wega, der Beteigeuze und dem offenen Sternhaufen der Hyaden waren sie vielleicht wirklich fast Zuhause.
„Wir lassen den Sprungantrieb auskühlen“, befahl Vaillard ernst. Er erhob sich, kam zum Sternkartenholo in der Mitte der Zentrale. Er musterte sie und deutete auf einen blassen gelben Stern. „Danach sehen wir uns diese Welt hier an. Die Nachbarsonne könnte Alpha Centauri sein, wenn sie einen Begleiter hat.“
„Aye, Ren.“
„Ach, und geben Sie das Ergebnis im Schiff bekannt. Unter Vorbehalt, natürlich.“
„Unter Vorbehalt, Aye, Ren.“
Verdammt, war der Moment gekommen? Waren sie fast zuhause? Nun, bei dem was vor ihm lag, würde ihm die dreimonatige Suche schon sehr bald wie eine Erholungsreise vorkommen.
Drei Monate waren eine lange Zeit. Wie war es den anderen derweil ergangen? War die HEIMWEH bereits wieder aus der Werft oder blockierte sie immer noch Kapazitäten? Und würde der Herold etwas über die sechs Neubauten verraten, welche die Schöpfer in der Gigantwerft Stimme produzierten?
Wenn die ODYSSEUS nach Zehn Steine zurückkehrte, würde es überhaupt noch Beyonder geben?
Vaillards Backenzähne mahlten bei diesen Gedanken. Er machte sich wirklich Sorgen um die anderen.
Wenn er zurückdachte, wie argwöhnisch er Tarnau und seinen schnellen Aufstieg beobachtet hatte, wie er dagegen gearbeitet hatte, dass sich der Deutsche zum Alleinherrscher aufschwang, nur um festzustellen, dass Alex dies niemals vorgehabt hatte…
Und jetzt machte er sich wirklich Sorgen um diesen Mann.
Dabei sollten seine Gedanken eher bei seiner Familie sein. Er war fünfunddreißig, im besten Alter für einen Mann. Er wusste nicht, wie lange er wirklich von der Erde fort gewesen war, aber die Tage im Kampf und die dreimonatige Reise der ODYSSEUS konnte er ohne weiteres hinzurechnen. Was seine Frau wohl tat? Hatte Chloe noch Hoffnung, ihn jemals wieder zu sehen? Oder hatte sie etwas mit einem anderen Mann angefangen, Tierry zum Beispiel, der früher immer hinter ihr her gewesen war und nur unwesentlich ruhiger geworden war, seit Jaques und Chloe geheiratet hatten.
Ja, wenn sie zusammen Kinder gehabt hätten, ging es ihm durch den Kopf. Aber immer waren sein und Chloes Job vorgegangen, Karriere machen. Für Kinder war später noch Zeit. Zuerst die Selbstverwirklichung finden, so hatte er damals gedacht. Und er fühlte sich auch mit fünfunddreißig noch recht jung…
Warum hatte das alles passieren müssen? Warum ihm und Chloe? Und das Schlimmste war: Wieso tat ihm dieser Gedanke so weh, dass diese Entwicklung durchaus ihren Sinn hatte? Eine unvorbereitete Erde, die von den Varni überrannt und dann als neueste Kolonie des Pes Takre aufgenommen wurde, war das Letzte, was er wollte.
Und nicht nur er hatte sein Opfer gebracht. Eine Million Menschen hatten die Schöpfer entführt. Eine Million Einzelschicksale. Eine Million erfüllte Leben, quer über den Globus verteilt. Wieder mahlten seine Kiefer. War der Preis nicht doch viel zu hoch?
Was sollte er Chloe sagen, wenn er vor ihr stand? Was konnte er sagen, wenn sich herausstellte, dass bereits ein Jahr vergangen war und sie die Hoffnung aufgegeben hatte, ihn jemals wieder zu sehen? Was wenn sie glaubte, er hätte sich bei Nacht und Nebel davon gemacht, sie zurück gelassen? Seine Hände krampften bei diesem Gedanken. Was, wenn sie ebenfalls entführt worden war? Wenn sie irgendwo auf einer der zehn Welten in einer Rüstung steckte und gerade um ihr Leben kämpfte, während er in die falsche Richtung flog?
Jaques knurrte unwillig. Das half ihm, diese Gedanken abzuschütteln. Die meisten anderen Beyonder an Bord hatten nicht weniger Probleme als er, dazu kamen fast hunderttausend Menschen auf Zehn Steine, die ebenfalls Familie auf der Erde hatten, die nicht die Chance hatten, zu ihnen zurück zu kehren.
Alex Tarnau hatte harte Forderungen gestellt. Waren von der Erde, Kulturgüter und Postverkehr. Und er hatte sich durchgesetzt. Die Frage war nur, würden die Schöpfer auch tun, was die Beyonder verlangten?
Im Computer seiner persönlichen Gefechtsrüstung war eine Datei geladen, welche die Namen aller Beyonder enthielt, zusammen gestellt teilweise aus den Computerkernen von völlig zerstörten Rüstungen. Siebzehn Namen fehlten, um einhunderttausend zu erreichen, und es schmerzte Jaques, dass diese siebzehn für immer unbekannt bleiben würden. Gefallen auf einer fernen Welt ohne eine Spur hinterlassen zu haben.
Nun, er persönlich würde sehr schnell feststellen, ob die Schöpfer Wort gehalten hatten. Und er würde die Liste mit den Namen der Beyonder veröffentlichen, damit wenigstens die Angehörigen eines Zehntels Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten hatte.
Neun Monate, ging es ihm durch den Kopf. Neun Monate würden sie noch übrig haben, bevor die von Tarnau gestellte Frist auslaufen würde. Den Rückflug würden sie geradlinig nehmen können, mussten nicht von System zu System springen und konnten die gleiche Strecke in vielleicht einem Monat bewältigen. Blieben acht, in denen sie die Erde so gut es ging auf die Bedrohung durch die Varni vorbereiten konnten.
Und dies, ohne die Welt in einen Krieg zu stürzen. Wenn er an die Fähigkeiten der Rüstungen dachte, ja nur an die Fähigkeiten des nicht aufgerüsteten Zerstörers der Varni, den er kommandierte, wurde ihm angst und bange. Dazu kamen zweitausend Beyonder, die im Kampf gestanden hatten, die nur zu genau wussten, wie man eine Rüstung bediente.
Wie man effektiv in ihr kämpfte. Die sechstausend Rüstungen, die als Fracht mitfuhren, würden ebenfalls eine nicht unerhebliche Macht darstellen.
Manchmal kam er sich vor wie ein aztekischer Forscher, der den Sprung über den großen Teich geschafft hatte und nun mit Metallschilden und Metallschwertern zurückkehrte um zu rufen: Die Spanier kommen…
**
Die Schöpfer hatten Wort gehalten. Das musste sich Kurt Warninger immer wieder sagen, während vor ihm im Hoffnungstal neue Gebäude entstanden. Wieder einmal in der bewährten Kompaktbauweise der Schöpfer.
So nach und nach entstand eine richtige Großstadt, in der die einhunderttausend Menschen auf dieser Welt Platz finden konnten. Zugleich entstanden weitere Städte dieser Art, wie Kurt wusste. Auf jedem Kontinent würden sie wie diese hier in die Höhe wachsen.
Kurt sah nach links, dort wuchsen am alten Felsvorsprung, der ihnen zu Anfang als Wartungsplatz für die eroberten Panzer gedient hatte, riesige Hallen empor. Sie bestanden aus Segmenten, welche von Baumaschinen der Schöpfer zusammengesetzt wurden. In ihnen sollten fortan die Wartungen und sonstigen Arbeiten seiner Technikergruppe stattfinden.
Und Kurt wusste aus Lehrfilmen, dass eine der Hallen eine große Simulatoranlage beherbergen würde, in denen die Beyonder den Kampf in Panzern, Rüstungen und Schiffen trainieren konnten.
Dies war nun sein Reich.
„Ähem“, machte sich jemand hinter dem Australier bemerkbar.
„Natsumi“, stellte der ehemalige Anwalt fest, ohne sich umzudrehen. „Was kann ich für dich tun?“
„Du hättest dich ein klein wenig erschrecken können“, beschwerte sich die Gruppenchefin der Panzerabteilungen. Im Moment war sie dabei, eine Division an Wolf- und Rhino-Panzern auszubilden. Die Schöpfer hatten die aufgerüsteten Modelle der Varni-Panzer geliefert und Natsumi ersetzte nach und nach die mit Schöpfer-Technik hochgerüsteten Modelle gegen die erheblich leistungsfähigeren, kampfstärkeren Nachbauten.
Nun arbeitete sie daran, aus ihren Panzern eine noch effektivere Bodenkampfwaffe zu machen. Sie war Soldatin, und die Panzer schienen wie für sie gemacht worden zu sein.
Kurt Warninger fragte sich wie es wohl an Bord des Flaggschiffs gewesen war, als Natsumi mit einem aufgerüsteten Wolf-Panzer in den Gängen des Schiffes gekämpft hatte.
„Sicherlich ziemlich beengt“, murmelte er leise.
„Was?“
Warninger sah auf. „Hm? Oh, ich habe nur laut gedacht. Natürlich hätte ich mich erschrecken können, Natsumi. Aber dann hätte ich einen Herzinfarkt bekommen und du hättest deine Panzer selbst warten müssen.“
„Kurt“, tadelte Natsumi den Commander.
„Schon gut, schon gut. Gehen wir ein paar Schritte.“
Langsam gingen sie an den Hallen vorbei.
„Kurt?“
„Sprich, Mädchen. Du weißt, ich habe immer ein offenes Ohr für dich.“
Die junge Amerikanojapanerin senkte den Kopf, während sie sich langsam der Haltestelle der Antigravbahn näherten. Es gab noch nicht viele Streckenkilometer und noch nicht viele Haltestellen. Ein Strang der Bahn führte runter in die Savanne, der andere an die steinige Ostküste. Ziel der Konstruktion war es gewesen, die Anlandehäfen für die Hochseefabriken, das Hoffnungstal und die Farmen im Tiefland zu verbinden, um die Selbstversorgung der Varni weiterhin zu gewährleisten und die Wartungen und Kontrollen zu erleichtern.
Mit dem Raumhafen, der abseits der Berge entstand, würde hier ein bedeutender Umschlagplatz entstehen. Ein Ort, der die Beyonder und die Varni versorgen würde.
Natsumi Genda strich sich nervös durch ihr Haar. „Alex kommt zurück. Martha hat es gerade durchgegeben. Er ist mit der HEIMWEH ins System gesprungen.“
„Das sind gute Neuigkeiten. Dann sind die Aktionen auf Sommertraum schon beendet. War es das, was du mir sagen wolltest?“
„Was? Ja. Nein. Ich meine…“ Hilflos sah sie den Australier an.
„Mädchen. Was willst du? Ich bin Anwalt, Techniker und Seelsorger. Aber ich bin kein Gedankenleser.“
„Nenn mich nicht Mädchen. Ich kommandiere eine komplette Division Panzer.“
„Werde ja nicht patzig. Sonst kannst du dir die Wartung deiner kompletten Division Panzer in die Haare schmieren.“
„So habe ich es doch nicht gemeint, tut mir Leid, Kurt. Es ist nur, dass…“
„Himmelherrgott, warum sagst du Alex nicht einfach, dass du ihn magst? Oder hast du dich gleich richtig in ihn verliebt? Soll Jen vielleicht ihre Chance zuerst kriegen?“
Erschrocken blieb Natsumi stehen. „Kurt…“
„Was? Erzähl mir nicht, dass ich falsch liege. Sieh mir in die Augen und sag mir das es nicht stimmt, Mädchen. Ich bin schon zu alt und zu lange im Rennen, um manche Dinge nicht zu sehen. Und du hast eindeutig den Ich bin verknallt aber zu schüchtern-Blick.“
Kurt blieb nun auch stehen und wandte sich um. „Natsumi. Ich mag dich. Ich mag dich wirklich. Deshalb kann ich mir das nicht länger antun. Schnapp ihn dir oder vergiss es. Es sind genügend Kerle da draußen, einen zu vergessen fällt da nicht schwer. Ihm sein Leben zu widmen und seine Gefühle zu unterdrücken bringt es nicht. Denkst du, Jen macht das vielleicht?“
„Es ist unfair, das du mich und sie in die Rivalenrolle drängst“, antwortete sie matt.
„Ich dränge niemanden irgendwohin. Du weißt viel zu gut, wie sehr Jennifer Philips unseren lieben Anführer verehrt. Und glaub mir, es ist Alex aufgefallen.“
Der Australier kratzte sich am Kinn. „Im Gegensatz zu mir hat er keine Freundin oder Frau auf der Erde, der er treu sein will. Und er ist, soweit ich weiß, ein vollkommen normaler und gesunder Mann. Es ist durchaus möglich, dass er sich irgendwann eine Partnerin sucht. Wenn du diese Partnerin sein willst, Natsumi, dann würde ich mich ranhalten.“
„D-das ist doch kein Wettkampf!“, blaffte die Asiatin aufgeregt. „Und Alex ist nicht der Preis!“
„Oh doch, es ist ein Wettkampf, und Alex ist der Preis.“ Kurt zuckte die Achseln. „Aber wohl eher der Trostpreis.“
Der hagere Techniker wandte sich wieder um und ging zu einer der hinteren Hallen. Dort fand ein Großteil der Ausbildung am neuen Werkzeug statt, welches die Schöpfer ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Alleine die Nano-Brillen waren für jeden Mechaniker eine Delikatesse, für die er einen Porsche Carrera stehen lassen würde.
Man sagte, mit einer Nano-Brille konnte man einen Wolf komplett zerlegen und wieder zusammensetzen. Das war natürlich nicht ganz richtig. Man brauchte ein Team aus fünf Mann und eine Nano-Brille – Kurt hatte es selbst ausprobiert.
„Ist es denn richtig, in so einer Zeit an so etwas banales zu denken?“, klagte Natsumi.
Der Australier sah zu ihr zurück und grinste schief. „Seit ich hier bin, denke ich an meine Frau. Weil ich sie liebe. Und dieser Gedanke gibt mir Kraft. Ich stehe hier und leiste meinen Teil in diesem Krieg, damit sie ihr sicheres Leben auf der Erde hat. Und damit ich irgendwann zu ihr zurückkehren kann. Nein, Liebe ist garantiert kein banales Thema. Und wenn du nicht aufpasst, überrollt es dich und lässt dich mit leeren Händen zurück.“
Kurt trat vor die junge Frau und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Denk mal drüber nach, Engelchen.“
Verwundert rieb sich die Panzerkommandantin die linke Wange. „Warum klingt das bei dir nur so verteufelt einfach?“
„Kompliziert werden solche Sachen erst, wenn man sie kompliziert macht. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede.“ Er zwinkerte ihr zu und ließ sie stehen.
Natsumi Genda lachte leise. Aber das lachen wurde von Tränen erstickt, von ihren eigenen, konfusen Gefühlen und der Frage, die sie schon seit Wochen marterte: War sie nur fasziniert von Alex Tarnau oder liebte sie ihn wirklich? Wenn sie doch nur eine Antwort auf diese Frage gehabt hätte.
**
Nachdrücklich erhob sich Alex Tarnau aus seinem Sitz. Nach dem Umbau der HEIMWEH gab es für jeden Arbeitsplatz auf der Hauptbrücke des Schlachtschiffs zwei verschiedene installierte Sessel – einen für Varni und einen für Menschen. In diesem Moment arbeiteten dreißig ausgebildete Raumfahrer der Varni in der Zentrale. An ihrer Seite arbeiteten fast vierzig Menschen.
Der Kommandeur des einstigen Kommandoschiffs Porma el Tars, Commander und Kapitän Jamahl Anderson, bemerkte es und sah zu ihm herüber. Kurz entschlossen übergab er das Kommando an Isabel Macao, den Zweiten Schiffsoffizier, und kam zu Tarnau herüber.
„Ist es soweit?“
Alex grinste breit. „Nun tu nicht so als würde die Welt untergehen. Wie lange noch bis wir Zehn Steine erreichen?“
„Wir brauchen bei optimaler Ausnutzung aller Systeme achtzehn Stunden. Wir stehen übrigens bereits im Funkkontakt mit dem Hoffnungstal. Es wurde eine Hauptversammlung aller Großgruppenführer einberufen, um die taktische Lage auf Sommertraum zu diskutieren. Die Versammlung wurde in einunddreißig Stunden ab jetzt angesetzt. Man will uns wenigstens etwas Schlaf in den eigenen Betten gönnen, bevor wir uns der Frage stellen, wieso auf Sommmertraum nur zwanzigtausend Menschen abgesetzt wurden. Der Herold wurde bereits dazu befragt, aber er hat sich damit herausgeredet, dass diese Welt nicht in seinen Aufgabengebiet fällt.“
„Wie bequem für ihn“, spottete Tarnau. Er riss die Arme hoch und drückte sie nach hinten. In seiner Brust knackte es dabei vernehmlich, und Andy warf dem Freund einen besorgten Blick zu.
Tarnau maß den Schwarzen mit einem amüsierten Blick. „Brustbein.“
„Brustbein“, wiederholte Andy nachdenklich. „Oder auch nicht.“
„Nun tu nicht so als würde ich jede Sekunde tot umfallen.“ Alex wandte sich um, nickte einigen Leuten zu, die in seine Richtung sahen und verließ mit dem Kapitän des Schlachtkreuzers die Zentrale.
„Nein, ich tu nicht so, als würdest du jede Sekunde tot umfallen. Trotzdem habe ich Angst davor“, gestand der große Mann ernst.
„Entspann dich. Erstens bin ich genau deswegen auf dem Weg zu meinem Lieblingsarzt und zweitens gibt es genügend Beyonder, die mich ersetzen können. Du zum Beispiel.“
„Es gibt nicht genügend Beyonder, die dich ersetzen können“, erwiderte Andy lauter als beabsichtigt.
Beyonder in den weißen Uniformen sahen ihn erstaunt an, einige erschrocken. Der Commander winkte beschwichtigend ab. „Vor allem ich kann dich nicht ersetzen.“
„Nun stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel, Jamahl“, sagte Alex und klopfte dem Freund auf die Schulter. „Du bist Kapitän unseres größten Schiffs, oder? Und das hast du ganz allein erreicht. Die kleine Aufgabe, unsere Kampftruppen zu führen, schlappe dreißigtausend Beyonder, kriegst du auch auf die Reihe.“
„Ja, wie praktisch, dass du die Koordination unserer Zivilisten abgegeben hast. Das macht einiges leichter“, brummte Andy, und es klang ziemlich verärgert. „Darüber wollte ich auch mal mit dir reden. Hältst du es wirklich für eine gute Idee, ausgerechnet Porma el Tar eine Zivilverwaltung aufbauen zu lassen? Der Mann war unser Feind! Und er kann jederzeit aufspringen und rufen: Ätsch, ich bin gar kein Angehöriger des Widerstands und stattdessen ein Agent des Pes Takre! Dann stehen wir ziemlich dämlich da, oder?“
„Aber wenn er es nicht ist, haben wir die beste Verwaltungsfachkraft an der richtigen Stelle, oder?“, erwiderte Alex amüsiert, während sie in den nächsten Fahrstuhl traten, drei Ebenen überwanden und dann mit einem kleinen Elektrowagen tiefer ins Schiff fuhren.
„Richtig, falsch, das wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls bist du nicht zu ersetzen, Alex Tarnau, also wage es ja nicht zu sterben. Für mich bist du auf keinen Fall zu ersetzen, kapiert?“
„Hör mal, Andy“, sagte Alex nachdenklich und rieb sich die Stirn knapp unter der Uniformmütze, die für ihn die Form einer Schirmmütze angenommen hatte, während die von Andy eher einem Barett glich. „Darüber wollte ich mit dir reden. Weißt du, ich habe zwar gerade keine Beziehung und niemand der auf der Erde auf mich wartet, aber versteh mich richtig. Ich bin doch eher an Frauen interessiert. Danke für dein Angebot, aber kein Interesse.“
Jamahl Anderson schluckte ein paar hundert derber Flüche herunter, die meisten davon auf englisch, ein Teil in der Verkehrssprache des Pes Takre und der Rest aus dem Dutzend Sprachen, die man unweigerlich mitbekam, wenn man in New York als Polizist arbeitete.
„Arschloch“, brummte er leise.
„Tut mir leid, aber den konnte ich mir einfach nicht verkneifen“, erwiderte Alex grinsend.
Ernster fügte er hinzu: „Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, Großer.“
Andy sah ihn an und hatte Tränen in den Augen. „Verdammt, Alex, ich habe schon mal gedacht, ich müsste dich begraben. Ich dachte schon mal daran, dass du mir den ganzen Mist hier vor die Füße geworfen hast. Und ich habe schon mal gedacht, dass ich damit nicht fertig werde. Dass ich nicht Alex Tarnau bin und es auch nie sein werde. Ich kann nicht in deine Fußstapfen treten. Tu mir das niemals an und lass mich vor dir sterben.“
„Jetzt redest du Unsinn. Wieso sollte einer von uns sterben? Denkst du wirklich, die Spätfolgen der schweren Brustwunde bringen mich noch um? Und denkst du wirklich, wir verlieren den Kampf gegen das Pes Takre, sehen dabei zu wie die Erde versklavt wird und treten in einem letzten Gefecht gegen die Varni an, um dort den Heldentod zu sterben und uns die Sklaverei zu ersparen?“
„Zu eins vielleicht, zu zwei definitiv ja.“
„Pessimist“, brummte Tarnau.
„Optimist. Wir treten hier gegen ein Imperium an, dessen Größe wir noch nicht einmal kennen. Geschweige denn welche Möglichkeiten es hat. Die Varni sind nur ihre erste Verteidigungslinie. Und selbst die machen den Schöpfern bereits mächtig Probleme. Wie mag der Rest dann erst sein?“
„Wir werden es herausfinden“, versprach Alex.
„Aha.“
„Und wenn ihre Technologien unseren überlegen sind, dann klauen wir sie ihnen.“
„Ich korrigiere mich, Alex. Ich streiche Optimist und ersetze es durch Wahnsinniger.“
„Dafür musst du zwei neue Vokale und sieben Konsonanten kaufen.“
Jamahl Anderson ließ den Wagen stoppen. Sie hatten den Lazarettbereich erreicht. „Ich habe gehört, schlechte Witze sind das erste Anzeichen von Wahnsinn.“
„Und ich habe gehört, dass du schon mal besser gekontert haben sollst“, erwiderte Alex wohl gelaunt und stieg aus. Aber wer genau hinsah konnte seine Hände zittern sehen.
Das Lazarett war noch immer gut gefüllt. Von den zwanzigtausend Menschen, die sie auf Sommertraum zu finden gehofft hatten, waren rund sechzehntausend an Bord dieses Schiffs, zum Teil unter beengenden Bedingungen an Bord der Pendler untergebracht. Über viertausend waren tot oder verschollen, obwohl die Beyonder mit allen Mitteln nachgesucht hatten. Die Differenz von siebenundachtzig Erdenmenschen befand sich in diesem Lazarett. Schwer verletzt und von der Hilfe der Ärzte und der medizinischen Geräte abhängig.
Bei vielen würde auch die überlegene Hilfe der Technik der Schöpfer und das überragende Können ihrer Ärzte nichts mehr nützen. Zu schwer waren die Verletzungen, zu schwer die Traumata.
Eike van Holland, der Schiffsarzt der HEIMWEH, kam gerade aus einem Behandlungszimmer, als die beiden Offiziere den Flur des Lazaretts betraten.
Der junge Arzt nickte erfreut und winkte Tarnau direkt in den Behandlungsraum. „Sie haben sich eine gute Zeit ausgesucht. Es ist gerade sehr ruhig bei uns, keine Notfälle. Kommen Sie, Chef.“
Andy folgte Tarnau ungefragt. Er war nicht mitgekommen, um jetzt ausgeschlossen zu werden. Garantiert nicht.
Alex Tarnau kannte die Prozedur schon. Er zog seine Kleidung aus und legte sich nackt auf die Behandlungsliege. Uniform und Unterwäsche waren mit der Technologie der Schöpfer durchsetzt und hätten jede Untersuchung unnötig erschwert.
Van Holland schnappte sich einen Hocker, fuhr neben den Chef der Beyonder und begann eine zwanglose Unterhaltung, während er die Diagnose hochfuhr.
Zwischen den beiden Männern entstand ein Hologramm, welches Tarnaus Brustkorb nachbildete. Nach einem Befehl des Arztes spaltete es sich längs auf und klappte auseinander.
Van Holland deutete auf die linke Seite mit dem pochenden Herzen.
„Zoom“, befahl er leise.
Interessiert beugte sich Andy vor. Eine tolle Technologie.
„Hier, sehen Sie, Chef, das ist der Einschusskanal. Die Kugel ging durch die Rippen durch, wurde hier gebremst, zersplitterte an dieser Stelle in etwas mehr als fünfhundert Fragmente und verteilte sich dabei in einem ungefähr dreißig Zentimeter großen Radius.
Die Panzerung der Rüstung hat die Kugel bereits beträchtlich verlangsamt und zwei Drittel des Weichkerns abgesprengt. Der Rest aber hat ordentlich gestreut. Wäre die ganze Kugel rein gegangen, dann wäre Ihr Oberkörper nur noch eine schlammige Masse aus Blut und geheckselten Fleisch gewesen, die notdürftig den Panzer ausgefüllt hätte.“
„Das weiß ich bereits, Doc. Erzählen Sie mir was Neues.“
„Gerne.“ Der Arzt deutete auf das Herz. „Hier, hier, hier, hier, hier und hier haben sich die Nanoroboter, die über die Narbenpaste in Ihren Körper gelangt sind, selbst gesprengt. Diese Explosionen wirkten wie ein Elektroschock, der das Herz dazu animierte, weiter zu arbeiten.
Dennoch hat das Organ dadurch schwere Verbrennungen erlitten. Dazu haben sich die meisten Splitter abgekapselt, ein paar hätten beinahe Infektionen ausgelöst, wenn die Narbenpaste nicht genau das verhindert hätte. Ich sage Ihnen wie es ist, Alex Tarnau. Wir können die Behandlungen mit Narbenpaste fortsetzen und Ihren Zustand von Woche zu Woche erneut stabilisieren. Oder Sie geben mir einen Monat Zeit, ich suche alle Splitter und operiere sie ein für allemal raus. Dazu lege ich frisches Muskelgewebe an den geschwächten Stellen des Herzens an, die Kulturen zu entwickeln und wachsen zu lassen dauert nicht einmal zwei Wochen. Ich werde Sie maximal fünfmal mit der minimalinvasiven Operationstechnik aufmachen müssen, aber dafür sind Sie in etwas mehr als vier Wochen auf dem Weg zu einer wirklichen Genesung. Aber dafür müssen Sie mir Zeit geben. Ich muß die Splitter lokalisieren, katalogisieren und die Verletzungen bewerten und die Behandlung vorbereiten.
Außerdem könnten Splitter in der Lungenwand stecken und jederzeit dazu führen, dass die Lunge zu bluten beginnt, oder noch schlimmer, keine Luft mehr halten kann.“
„Aus diesem Grund schlafe ich in meiner Uniform. Ich habe damit immer einen medizinischen Scanner an meinem Leib.“
„Das ist ein Kompromiss, aber keine Lösung“, tadelte der Arzt.
Alex nickte ernst. „In Ordnung. Wir warten, bis wir Zehn Steine erreicht haben. Ich werde mich einer Vollversammlung der Großgruppenführer stellen müssen. Danach stehe ich Ihnen zur Verfügung. Aber damit wir uns gleich verstehen: Ich bleibe lediglich im Hoffnungstal. Meine Arbeit werde ich nach bestem Wissen und Gewissen fortsetzen.“
„Das ist mehr als ich zu hoffen gewagt habe“, gestand der Arzt sichtlich erleichtert.
„Stimmt. Ich dachte, du würdest dich länger sträuben“, fügte Andy hinzu.
„Was?“, erwiderte Alex amüsiert. „Dachtet ihr, ich markiere den starken Mann und schiebe die Operation vor mir her, weil es sooo viele Dinge gibt, die gerade wichtiger für uns und die Beyonder sind?“
Simultan nickten der Arzt und der Commander.
„Ihr habt doch einen Knall. Es geht um mein Leben! Und das mag ich zufälligerweise sehr, sehr gerne! Diese Operationen nicht machen zu lassen wäre grob fahrlässig. Das würde ich keinem meiner Leute durchgehen lassen. Warum dann mir?“
„Ist das vielleicht ein erstes Anzeichen einer Infektion, Doktor? Dieser Anflug von Vernunft passt ja gar nicht zu unserem tollkühnen Anführer“, spottete Andy.
„Eieieiei“, meinte der holländische Arzt. „Ich hoffe nicht. Aber bei vielen Entzündungen kann es zu atypischem Verhalten und zum Delirium kommen.“
Tarnau runzelte die Stirn. „Wenn ihr damit fertig seid, euch über mich lustig zu machen, könntet ihr den Raum verlassen. Ich will mich wieder anziehen.“
„Du liegst hier seit zwanzig Minuten nackt rum. Warum zierst du dich plötzlich?“, brummte Andy.
„Weil ich euch beiden für den schlechten Witz in den Arsch treten werde, sobald ich wieder Stiefel trage“, brummte Tarnau.
Der Arzt und der Kapitän erhoben sich. „Das ist ein Argument. Nichts wie raus.“
Alex sah den beiden nach und schmunzelte.
Dann begann er seine Kleidung zusammen zu suchen. Mist, ob er van Holland von diesem stechenden Schmerz in der linken Brust erzählen sollte, der ihn ab und zu überfiel? Zumindest saß er nicht auf Höhe des Herzens, viel weiter rechts. War das schon lebensbedrohlich? Alex Tarnau wusste es nicht, und er fürchtete sich vor der Antwort.