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Ace Kaiser
22.10.2005, 14:13
Mein Gott, meine Göttin: Verlorenes Paradies

Erste Episode: Ar Ashir

Prolog:
Es ist nicht einmal ein Vierteljahr her, dass der junge Erdgott Makoto auf die Untere Ebene herab kam, um sich im Auftrag seiner Mutter Trema seinen ersten Gläubigen zu suchen.
Damals konnte Makoto noch nicht wissen, welche Erlebnisse ihm bevor stehen würden, welche Erinnerungen er fortan mit seinem Gläubigen teilen würde.
Gegen den mächtigen Feuergott Ausyl zu kämpfen oder in seine männliche und seine weibliche Komponente aufgespaltet zu werden erscheint da noch zu den harmlosen Dingen zu gehören.
Mit seinem männlichen Part zum normalen Menschen reduziert und der weiblichen Hälfte zur simplen Gesegneten hat Makoto, haben beide Makotos, die sich jeden Tag ein wenig mehr in ihre neuen Rollen eingefunden hatten, nicht verzagt und sich zusammen mit Ralf Schneider, ihrem Gläubigen tapfer gegen das Schicksal gestemmt.
Dämonen auf der einen Seite, Götter auf der anderen und sie selbst mit einer Handvoll Gesegneter mittendrin, auf der Jagd nach Inissars Auge, dem mächtigen Artefakt aus dem Dämonenkrieg auf der Mittleren Ebene wurde ihr Leben das, was Spötter interessant nennen würden.
Es kam zum offenen Krieg, in dem sich der Erdclan mit seinem wankelmütigen Verbündeten, dem Wasser gegen Feuer und Luft stellten.
Aber Ralf und beide Makotos entzogen das Streitobjekt, das Auge Inissars, den Händen des Herrn des Feuers Kailin – auf die Mittlere Ebene, in der die Götter einst den Streit mit den Dämonen beigelegt hatten. So glaubten sie zumindest.
Auf der Erde herrscht nun ein wackliges Patt und nur eines ist gewiss. Kailin hat noch lange nicht aufgegeben. Seine Gier nach Odem, nach der absoluten Macht ist noch lange nicht gestillt.
Die Freunde hingegen sind nun auf der Mittleren Ebene, auf dem Rücken einer Korran und auf dem Weg zur ersten Etappe ihrer Suche: Die Dämonenstadt Ar Ashir…

1.
Der Leib des Menschen war fast vollkommen verbrannt. Ruß lag auf jeder Wunde und er stank nach verkohltem Fleisch.
Als Istar die kleine Gasse mit seinen Helfern erreichte, erstarrte er kurz. Viel hatte er gesehen im Dienste seiner Göttin Naharet, doch selbst seine Grenzen wurden noch ab und an gesprengt.
Er trat neben den Schwerverletzten, legte eine Hand auf seine Stirn. Das Wasser aus seinen Wunden blieb an seiner Haut haften und die Gestalt, die früher einmal ein Mann gewesen war öffnete den Mund zu einem erbärmlichen Krächzen.
„Ruhig, ruhig, mein Freund. Wir sind Jünger von Naharet. Alles wird gut, das verspreche ich. Loran, Elenn, dies wird ein hartes Stück Arbeit. Loran, bring das Wasser zurück in seinen Körper. Elenn, stopp den Schmerz. Dann verbindet ihn und bringt ihn ins Hospital.“
Die beiden Götter nickten und machten sich an die Arbeit.
Istar nahm seine Hand zurück. Dabei zog er einige Streifen der verkohlten Haut mit sich, was dem Bedauernswerten weitere Qualen bereitete.
„Ein Feuergott oder einer seiner Gesegneten“, sagte er ernst, während Loran mit ihrer Macht Wasser aus der Umgebung abzog und einem feinen Nebel gleich über den Körper des Menschen senkte. Eine der größten Gefahren bei Verbrennungen war die Dehydrierung, die Hitze steckte im Fleisch selbst und kein Wasser konnte sie ableiten. Kühlung und die Hitze zu entziehen hatte erste Priorität, bevor er im zweiten Schritt verbunden werden konnte.
Elenn hatte beide Hände auf das verkohlte Gesicht gelegt und lächelte mit ihren wunderschönen Zügen auf den Mann herab. Aus trüben Augen sah dieser zu ihr hoch. Er hörte auf zu stöhnen, als die Göttin seinen Schmerz stoppte. Dabei zuckten kleine Überschlagsblitze aus Odem zwischen dem Verbrannten und der Feuergöttin hin und her.

Normalerweise hätte Istar ihnen geholfen, die Verbände vorbereitet oder schon mit der Heilung der Haut begonnen, denn niemand war so gut wie er darin, die Selbstheilung eines Menschen, Dämonen oder Gottes extrem zu beschleunigen.
Doch das war nicht seine einzige Aufgabe in Naharets Hospital in Ar Ashir. Er stand neben den dreien, überwachte die Arbeiten, gab hier und da einen hilfreichen Hinweis. Aber seine Sinne waren bis zum zerreißen gespannt. Denn wer immer dies getan hatte, er war noch hier.
„Wie erbärmlich“, erklang eine Stimme aus der Gasse. „Rettet diese Verrückte jetzt schon den letzten Dreck von der Straße?“
„Naharet rettet jeden“, entgegnete Istar, wandte sich aber nicht der Stimme zu. Dafür arbeiteten seine anderen Sinne umso genauer und lieferten ihm schnell ein ungefähres Bild von seinem, nun, Gesprächspartner.
„Ich war wohl nicht gründlich genug“, murmelte die Stimme wieder. „Ich dachte, ich hätte ihn getötet. Hm, aber das kann man ja noch nachholen.“
„Ich denke nicht, dass du das kannst“, entgegnete Istar.
„Wer will mich denn daran hindern? Du trägst die weißen Kleider der Verrückten, du bist einer ihrer Gnadenreichen. Meinst du, einer wie du kann mich stoppen?“
Elenn sah wütend auf. „Weiter arbeiten“, sagte Istar ernst und die Wassergöttin fügte sich dem Tadel.
„Was hindert mich eigentlich daran, euch alle drei zu töten? Ich meine, was habe ich schon mit der Verrückten zu schaffen? Und wenn es ein paar Weißkittel weniger gibt, dann gibt es auch weniger Abschaum mit der Zeit.“
Nun wandte sich Istar um und verglich das Bild, welches er sich gemacht hatte mit dem, der sich ihm nun bot. Aus dem Schatten der Gasse schälte sich ein rothaariger Mann von beachtlicher Größe hervor, breitschultrig und in eine Rüstung gehüllt.
War dieser Mann ein schlichter Dieb? Nun, es gab Diebe mit seiner Macht und vor allem mit dem überzogenen Geltungsbedürfnis, nicht als Diebe sondern als Krieger angesehen zu werden. Aber dieser hier… Seine Rüstung war zu fein gearbeitet.
Istar suchte nach Hinweisen auf Kleidung und Rüstung, zu welcher Fraktion er diesen Mann zählen musste, aber außer dem Hinweis, dass er ein Gott des Feuers zu sein schien, konnte er nichts erkennen. Das war bedenklich. Er musste es mit einem Assasinen zu tun haben.
Doch nur drei der vielen Fraktionen der Stadt setzten Assasinen ein und Istar kannte die meisten. Das war sein Job.
Kam er aber von auswärts, sah es schon anders aus, denn die auswärtigen Reiche setzten Assasinen ein wie Bäcker Brot backten.
Istar wandte sich ihm ganz zu und sagte: „Ich weiß nicht welchen Streit du mit diesem Mann hast, aber er ist jetzt Eigentum von Naharet, bis sie ihn wieder freigibt.“
„Denkst du, du kannst mich stoppen, Heiler?“ Die Haare des Mannes versanken in Flammen, wuchsen und peitschten um ihn, als hätten sie eigene Leben.
„Loran, Elenn, nehmt ihn und geht.“
„Aber Istar, wir…“
„Tu, was ich sage, Loran!“
„Ja, Istar.“
„Nicht so voreilig!“, rief der Feuergott. Zwei Stränge seiner brennenden Haare zuckten links und rechts an Istar vorbei und griffen nach den Göttinnen.
Doch sie erreichten ihr Ziel nie. Istar hatte je mit einer Hand nach einem Strang Feuerhaar gegriffen und sie gestoppt. „Geht endlich!“, rief er.
Die beiden Göttinnen unterbrachen ihre Behandlung und hoben den schwer verbrannten Menschen vom Boden auf. Mit dieser Last verließen sie die Gasse. Auf der Straße wartete ein Wagen Naharets darauf, sie in das Hospital zu bringen.
Indes starrte der Feuergott den Heiler an. „Du…“, raunte er wütend. „Wie kannst du es wagen, mich zu berühren?“
Er schrie auf, vor Zorn und Wut. Seine Flammenhaare wuchsen noch mehr, bildeten einen riesigen Wust und rasten auf Istar zu. Dann umschlossen sie ihn und der Heiler wusste, so musste dieser Gott den bedauernswerten Mann verbrannt haben.
„Und jetzt brenne!“
Istar riss die Ellenbogen nach außen und sprengte den Flammenkäfig. Entsetzen stand im Gesicht des Gottes geschrieben, als der Heiler unbeschadet aus der Flammenhölle hervor trat.
Ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen.
„War es das? Bin ich jetzt dran?“
„D-du…“ Entsetzt wich der Feuergott zurück.
Istar wuchs auf das Doppelte seiner Größe und Breite. Er füllte seine mächtigen Lungen mit Luft und stieß ein Furchterregendes Brüllen aus. Selbst ein Feuergott bekam davon eine Gänsehaut.
Dann schlug er seine Hände zusammen. Zwischen ihnen konzentrierte sich purer Odem.
Der Feuergott wandte sich um, wollte springen, doch Istar ließ ihn nicht. Die Kugel reinen Odems wurde zum Strahl, zu einer regelrechten Wand, die den Gott erfasste, umspülte.
Der Feuergott schrie auf, in höchster Not, während sein weltlicher Körper verging.
Istar schrumpfte wieder auf die normale Größe eines Menschen, während er interessiert dabei zusah, wie sich das Fluidum des Feuergottes aus der vergehenden Silhouette löste.
„Ich lasse dir deinen Rest Leben“, hauchte er dem Fluidum zu. „Komm nie wieder nach Ar Ashir, und sag das auch deinen Freunden.“ Er wandte sich um und verließ die Gasse.

Elenn und Loran hatten indes auf dem Wagen begonnen, den Verbrannten zu bandagieren. „Das hat aber nicht lange gedauert. Haben wir jetzt noch einen Sklaven?“, fragte Elenn.
Istar lächelte matt. „Ich glaube nicht. Ich habe ihn bis auf sein Fluidum zerstört.“
Elenn sah ihn aus großen Augen an, während Loran sich abwandte.
„Oooh, wie lässig!“, rief Elenn und hängte sich an Istars rechten Arm. „Du bist so lässig. Du bist mein Held, Istar!“
Die Feuergöttin rieb ihr Gesicht an seiner Schulter. „Und du fühlst dich auch noch so gut an. Und du riechst so gut. Hmmmm.“
Nun konnte Loran nicht mehr an sich halten. Die Wassergöttin lachte aus vollem Hals und verrutschte mit einer Bandage, was der Verletzte mit qualvollem Stöhnen quittierte. Verlegen nahm sie ihre Arbeit wieder auf. „Selber Schuld, Istar. Die wirst du jetzt den ganzen Tag nicht mehr los. Na vielleicht im Hospital, wenn sie einmal sämtliche Klatschmäuler abklappert, um von deiner neuen Heldentat zu erzählen.“
„Du bist ja nur neidisch, weil du dich nicht so gut mit ihm verstehst, blöde Ziege.“ Hoffnungsvoll sah sie zu Istar hoch. „Nicht? Nicht?“
Der Dämon fühlte, wie sich der Kragen seines Gewandes zuschnürte. Es überstand problemlos seine Verwandlung, aber wenn Elenn ihm so nahe war, spannte es immer fürchterlich am Hals. „E-elenn, wir haben eine Aufgabe.“
„Was? So? Ach so, verstehe.“ Wütend blies die Wassergöttin die Wangen auf und ließ seinen Arm wieder fahren.
Verlegen legte der Dämon eine Hand an seinen Hinterkopf. „Ich werde es bereuen, aber wollen wir nachher zusammen essen, Elenn?“
Die Wassergöttin wirbelte wieder herum. Ihre Augen glänzten wie Sterne am Nachthimmel. „Wirklich? Wirklich? Oh, darauf freue ich mich. Ich esse mit meinem großen Helden Istar.“
„Elenn. Der Sklave“, mahnte Loran ernst.
Nun wurde auch Elenn wieder ernst. Sie nickte und half der anderen Göttin dabei den Verband fertig zu wickeln.
„Vergib ihr, Istar“, sagte Loran und gab vor auf ihre Arbeit konzentriert zu sein. „Sie ist halt noch jung und leicht zu beeindrucken.“
„Jung? Ich bin fünfhundert Jahre alt“, beschwerte Elenn sich. „Außerdem warst du es doch, die so laut geseufzt hat, als die Odemexplosion die ganze Gasse ausgeleuchtet hat. Und die Hände hattest du gefaltet und ganz feuchte Augen hattest du auch!“
Übergangslos wurde Lorans Gesicht puterrot. Verlegen sah sie zur Seite. „Ich… Ich…“
„Ich sehe, ihr kommt hier klar. Dann gehe ich mal nach vorne zum Lenker“, meinte Istar und beeilte sich, die Szene zu verlassen. Er wurde ja schon aus Frauen nicht schlau, aber Göttinnen stellten ihn erst recht vor Rätsel.
**
Als sie das Hospital erreichten, wurde Istar von Dutzenden Sklaven begrüßt. Er gestand es sich nicht gerne ein, aber die Verehrung der anderen bedeutete ihm etwas. Es war ein weiter Weg gewesen vom Außenseiter, vom Dämon aus den Wüstenländern zu einem Gefolgsmann Naharets, respektiert und geachtet.
„Istar!“, rief Cern, einer der Menschenärzte. „Sie will dich sehen.“
„Gut. Ich bringe nur den Neuen in den Heilraum.“
„Sofort.“
Verwundert sah Istar auf. Elenn und Loran warfen ihm fragende Blicke zu. Auch die anderen Menschen, Götter und Dämonen, verstummten bei dem harten Wort Cerns.
Entschuldigend nickte Istar in Richtung der Helfer und seiner Kolleginnen und betrat den Palast Naharets, der als Stadthospital diente.
Ar Ashir war groß. Nein, riesig traf es besser. Zehntausend Götter lebten in ihr, das Doppelte an Dämonen und das zehnfache an Menschen. Und für sie alle gab es Naharets Hospital.
Ein neutraler Ort in dieser von Ränken der Gilde, der Tempel und der Händler durchwirkten Stadt.
Naharet behandelte jeden, wirklich jeden. Ihre Gnade war unerreicht. Und ihr Sinn für das Geschäftliche steckte locker die zerstrittenen Anführer der Handelshäuser in die Tasche.
Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er die Behandlungsräume und Ruhezimmer passierte, auf der großen Treppe den ersten Stock mit dem Materiallager und dann den zweiten Stock mit der Verwaltung erreichte. Von hier wechselte er über eine Brücke in Naharets eigentlichen Palast. Dort ging es noch einmal in den dritten Stock, in ihre privaten Gemächer.
Linviss, Naharets Sekretär und Chef der Verwaltung, empfing ihn und brachte ihn zur Audienzhalle.
Unwillkürlich hielt Istar die Luft an. Normalerweise empfing Naharet ihn in ihrem Büro oder ihrem Wohnzimmer. Und normalerweise musste er nicht sofort zu ihr. Sie wusste doch selbst zu gut, dass er niemals trödeln würde, wenn ihr Ruf ihn ereilte. Das waren also alles schlechte Zeichen.

Er betrat die Audienzhalle an der Seite von Linviss. Der alte Dämon verneigte sich vor der Frau auf dem Thron. „Istar aus den fernen Wüsten meldet sich auf deinen Wunsch hin, meine Göttin.“
Istar begann wieder zu atmen. Naharet saß wirklich auf dem Thron, der dem Oberhaupt der Familie Daress vorbehalten war! Noch ein schlechtes Zeichen. Dazu hatte sie sich mit ihrem Hofstaat umgeben, wie es ihr als älteste Daress zustand.
Verzweifelt kramte der junge Dämon in seiner Erinnerung, was er in letzter Zeit so eklatant falsch gemacht haben konnte, um diesen Auftritt zu verdienen.
„Istar“, erklang die Stimme der Göttin. Sie trug weiße Kleider wie ihre Sklaven, aber an der schlanken, sphärenhaften Luftgöttin wirkten sie wie Teil ihres Körpers, verwandelten die große blonde Frau mit den blassen Zügen und der beeindruckenden Schönheit in eine Puppe aus reinem Porzellan, zerbrechlich, wertvoll, beschützenswert.
„Herrin“, antwortete Istar auf den Ruf. Da er nicht Teil des Paktes zwischen der Familie und ihrem Oberhaupt und auch nicht ihr Gesegneter war, musste er sie entsprechend seines Status als Sklave ansprechen.
„Istar. Tritt näher.“
Gehorsam setzte sich der Dämon in Bewegung. Vor dem Thron sank er auf ein Knie.
„Du hast gekämpft heute?“, fragte sie leise.
„Herrin, er hatte es verdient! Ich meine, er hat einen normalen Menschen fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und…“
„Istar.“
Der Dämon senkte den Blick. „Ja, Herrin, ich habe gekämpft.“
„Und du hast gewonnen.“
„Ja, Herrin.“
„War es ein schwerer Gegner? Hattest du Mühe mit ihm?“
„Nein, Herrin. Es war ein Feuergott aus dem Ausland. Ein Assasine. Er hat nachlässige Arbeit am Menschen verrichtet. Er wollte sich wohl an den Qualen des Sterbenden weiden, deshalb war er auch noch in der Nähe, als ich mit meinem Trupp eintraf. Er wusste nichts über deine Heiler, Herrin, und er wusste nichts über mich.“
„Wie lange hat der Kampf gedauert? Eine Minute? Eine halbe?“ Amüsiert sah sie auf den Dämon herab.
„Ich habe nicht mitgezählt, Herrin, aber ich brauchte nur einen Angriff, um ihn bis auf sein Fluidum zu reduzieren.“
„Du hast ihm sein Fluidum gelassen? Istar, manchmal bist du zu weich“, tadelte sie ihn.
„Ich… Hielt es für sinnvoll, wenn er nach seiner Erholung seine Kameraden warnen kann. Wir haben hier in der Stadt bereits genügend eigene Sorgen. Wir brauchen nicht noch ausländische Unruhestifter in der Stadt.“
„Was bist du doch gewachsen, Istar.“ Die Luftgöttin erhob sich von ihrem Thron. Als sie das tat, spottete sie ihr Alter von über sechstausend Jahren Lügen. Sie trat auf den Dämon zu und lächelte ihn an. Dann ließ sie sich vor ihm auf die Knie sinken und setzte sich auf ihre Fersen. Sie bedeutete dem Dämonen ebenfalls, sich zu setzen.
Durch ihren Hofstaat ging ein erschrockenes Raunen. Istar hin, Istar her, für die Herrin von Haus Daress ziemte sich solche Vertraulichkeit nicht.
„Wenn es euch stört“, wies Naharet ihre Hofdamen an, „dann dürft Ihr gehen.“
Einige der zwölf Frauen taten dies auch, aber drei von ihnen, vor allem junge, hochgeborene Damen des Hauses Daress ließen sich neben ihrer Göttin und dem jungen Dämon nieder.
Istar versuchte krampfhaft, nicht rot anzulaufen. Was tat sie ihm da gerade an? Auf Wochen, nein, auf Jahre würde das Hospital vor Gerüchten nur so überquellen. Und bevor er sich versah, hatten ihn die Klatschmäuler zum neuen Prinzgemahl der Göttin gemacht.
„Wie lange ist es her, seit ich dich halbtot in der Ebene fand, Istar?“, fragte sie sanft.
„Siebenunddreißig Jahre, elf Monate und fünfundzwanzig Tage, Herrin“, antwortete er prompt.
„Und wie lange ist deine Sklavenschuld an mich?“
„Achtunddreißig Jahre.“ Misstrauisch sah Istar auf. Was sollte das bedeuten? Wenn das Hospital jemanden aufnahm, dann verlangte es einen Gegenwert. Entweder bezahlte derjenige für die Arbeit und die Mühe, die er bereitet hatte, oder er stand in Sklavenschuld zu Naharet. Je nachdem wie viel Mühe er bereitet hatte, wie viel Material, Arbeit und Zeit er gekostet hatte, ermaß sich seine Schuld. Bei ihm, jung, unbedarft und mit zerschmettertem Körper, in letzter Sekunde von seiner Herrin gerettet, waren es achtunddreißig Jahre gewesen. Das bedeutete, er würde seine Sklavenschuld in fünf Tagen abgeleistet haben.
Ein irrsinniger Gedanke durchfuhr ihn. Würde sie etwa…? Wollte sie etwa…?
„Naharet! Du willst doch nicht etwa…“, rief er aufgebracht und viel zu vertraulich gegenüber seiner Herrin.
Doch die Luftgöttin legte nur eine Hand auf seine Wange. Er verharrte bei dieser Berührung.
„Istar. Ich lasse dich ziehen.“
„Naharet“, hauchte er mit Schmerz in der Stimme. „Ich will nicht ziehen. Dieses Leben gefällt mir.“
„Ich weiß, Istar. Aber ich denke, du hast dich lange genug versteckt. Du bist in deinem Herzen mehr Krieger als Heiler. Dies ist deine Bestimmung, und der musst du folgen. Du kannst jederzeit wieder zu mir zurückkommen, aber dein Weg führt dich schon bald von mir fort.“
„Ich… Ich will nicht fort“, hauchte Istar und spürte wie ihm Tränen in den Augen standen. Warum musste er dieses Leben aufgeben? Konnte er seine Sklavenschuld nicht verlängern?
Nein, beantwortete er sich die Frage selbst, das ging nicht. Um Missbrauch zu verhindern konnte die Schuld nicht verlängert und nicht gekürzt werden. Und wer seine Schuld abgearbeitet hatte, war frei zu gehen. Einige taten dies auch, andere schlossen sich Haus Daress an. Wieder andere blieben in Ar Ashir und ein Leben lang loyale Verbündete der Luftgöttin, gingen aber mit all dem, was sie im Hospital und im Haus Daress gelernt hatten, in die freie Wirtschaft.
Naharet nahm ihre Hand zurück. „Ich würde dich sofort in mein Haus aufnehmen, Istar. Das musst du mir glauben… Du bist für mich wie ein Sohn und ich vermisse dich schon jetzt schmerzlich“, gestand die Göttin.
Istar erschrak bei diesen Worten fürchterlich und verneigte sich vorsichtshalber bis auf den Boden.
„Aber wir stehen vor dem Wandel der Welt. Die Mittlere Ebene gerät in Bewegung. Sie wird schon bald nicht mehr das sein, was sie jetzt noch ist. Und du wirst in dieser Sache mein Wille sein.“
Erstaunt sah er wieder auf.
„Es sind Götter, Dämonen und Menschen auf die Mittlere Ebene gekommen“, eröffnete sie ihm.
„Z-zusammen?“, rief er erstaunt. „Aber… Aber… Auf der Unteren Ebene bekämpfen sie sich doch, verstehen sich nicht und… Wirklich zusammen?“
„Ja. Ich spüre sie. Sie kommen hierher. Ich will, dass du sie findest und zu mir bringst, Istar. Ich werde mit ihnen sprechen. Und ich will, dass du sie fortan begleitest.“
Wieder verneigte sich Istar bis zum Boden, was die Damen amüsiert kichern ließ.
„Geh nun, finde sie. Und gib gut auf sie acht. Denn einer ist unter ihnen, der das Schicksal trägt. Einer, der alles ändern kann…“

2.
Ralf begann heftig zu niesen. Besorgt äugte Arnim zu ihm herüber. „Was ist los, Junge? Zu nahe am Rand geschlafen?“
Der Träger von Inissars Auge wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und lächelte gequält. „Muss wohl jemand an mich gedacht haben. Hey, Anselm, brauchst du Hilfe beim einparken?“
Ralf dachte über ihre Situation nach. Um einen Krieg jenseits aller Vorstellungskraft zu verhindern hatte er Inissars Auge benutzt, um sich, seine Freunde und die alte Villa, die seiner WG als Wohnraum diente, auf die Mittlere Ebene zu versetzen.
Um dieses Ziel zu erreichen hatte er sterben müssen, war zum Dämon geworden und hatte anschließend das dritte Portal durchschritten, alleine nur, zum auf die Erde zurück zu gelangen.
Seitdem kannte er das Geheimnis, das zwischen Göttern, Dämonen und Menschen existierte.
Nun waren sie hier auf der Mittleren Ebene, das Haus und eine beachtliche Erdscholle mitsamt dem Garten ruhte auf dem Rückenpanzer eines Wesens, das einer Riesenschildkröte sehr ähnlich sah, und wanderte durch die Lande.
Anselm Stein lenkte das riesige Tier mit Hilfe eines langen Stabes, und im Moment parkte er tatsächlich ein.
Links und rechts von ihnen, in einem grünen Tal, lagerten Dutzende dieser Tiere, die meisten sehr viel kleiner, aber ein oder zwei waren sogar noch gewaltiger als ihr eigenes Reittier.
Anselm dirigierte das Wesen zu einer Art Stellplatz und ließ es dort halten.
Sofort sank es auf die Knie und zog den Kopf eng an den Körper. Der Weg war lang gewesen und das Gewicht schwer.
Es würde Tage brauchen, bis es sich weit genug erholt hatte, um den Weg fortzusetzen.
Anselm hatte nicht geantwortet, aber wenn Ralf ehrlich war hatte er auch keine Antwort erwartet. So war der große Student nämlich schon, seit sie die Mittlere Ebene erreicht und dieses Wesen gefunden hatten. Es schien als hätte der Gigant nur auf sie gewartet. Mit vereintem Odem war es der Gruppe gelungen, das Haus auf den Rücken zu bewegen und danach hatte Anselm seinen Platz am Kopf eingenommen und seitdem nicht mehr verlassen.
Rund um sie brodelte das Leben. Wo immer die Transportgiganten nicht unterwegs waren hatten sich hunderte Menschen zusammen gefunden, um Zelte aufzubauen, ihre Waren zu sortieren oder einfach nur ein Schwätzchen mit Fremden aus der Ferne zu halten.
Dies war ein Karawanenlager, wusste Ralf. Hier wurden die Tiere eingestellt. Der Umschlagplatz für all die Waren selbst lag in Ar Ashir, einer riesigen Stadt, die noch ein, zwei Kilometer entfernt war.
Die Tiere durften nicht bis an die Stadt oder sogar in sie hinein. Es war noch nicht lange her, da hatte man diese Giganten für Überfälle und kleine Kriege missbraucht, deshalb hatte man die Karawanenlager eingerichtet.
Nebenbei ergab es einen nützlichen Nebenverdienst für kleinere Transportunternehmen, die von hier aus die Waren auf Wagen in die Stadt schafften – vielleicht der Hauptgrund für diese Entscheidung.
Anselm gähnte herzhaft und streckte sich dabei. „So, ich gehe einkaufen, bereite das Abendessen vor und dann pennen. Sieben Tage am Stück am Steuer schlaucht doch ganz schön.“
Markus Holt sah den Kendoka aus großen Augen an. „Es hat gesprochen! Oh mein Gott, es hat gesprochen! Womöglich ist es intelligent!“
„Ha, ha, ha“, brummte Anselm mürrisch, während er den Stab beiseite legte. „Ich möchte dich mal sehen, wenn du eine ganze Woche auf deinen Mokar fixiert bleiben musst.“
„Mokar? So heißen diese Wesen? Woher weißt du das?“
Anselm legte eine Hand in den Nacken und grinste verlegen. „Intuition?“
„So leicht kommst du uns nicht davon, Anselm. Wir…“, begann Ralf.
„Hallo, da oben. Woher kommt ihr und wohin führt euch euer Weg? Und was ist euer Begehr in Ar Ashir?“
Arnim trat an den Rand des Panzers. Am Fuß des linken Vorderbeins stand ein riesiger Dämon und sah zu ihnen herauf. In den Pranken hielt er ein dünnes Buch.
„Wir sind… Wir sind…“
„Ist das wirklich Ar Ashir?“, zweifelte Ralf. Irgendwie wusste er, dass diese Stadt ihr Ziel war. Aber warum und was er hier sollte, konnte er nicht sagen. Er fühlte das Gewicht von Inissars Auge schwer auf seiner Brust ruhen.
„Natürlich ist das Ar Ashir“, erwiderte der Dämon im Tonfall eines beleidigten Beamten.
Anselm drückte die beiden beiseite und sprang auf das Bein herab. Es waren fünf Meter in die Tiefe, aber der große Sportler steckte es weg. Kurz darauf stand er auf dem Erdboden.
„Wir sind eine Karawane von Agrimat. Wir bringen Neues, Altes und Verrücktes, um in Ar Ashir damit zu handeln. Wir benötigen den Stellplatz, Futter für den Mokar und einen Stand im Basar.“
Der Dämon nahm Notizen in seinem Buch vor. „Wer ist euer Anführer? Welche Gildemeister oder Handelshausherren wollt Ihr sprechen?“
Anselm sah zu Arnim und Ralf hoch und bedeutete beiden herab zu kommen.
Die beiden wählten den direkten Weg, fünfzehn Meter in die Tiefe.
Der Dämon sah sie erstaunt an. „Was seid Ihr? Dämonen wohl kaum. Gesegnete? Gibt es denn noch Gesegnete in Agrimat?“
„So etwas in der Art“, erwiderte Ralf. Ein wenig wunderte er sich darüber, dass er die Sprache des Dämons problemlos verstehen konnte, aber nur ein klein wenig. Denn das bunte Treiben rund um sie, das quirlige Leben versetzte ihn in Staunen.
„Dies ist Ralf, unser Stellvertretender Anführer. Unser Anführer ist ein Mensch namens Makoto-kun. Er wird sich später eintragen. Wir wünschen keinen Gildemeister zu sprechen. Auch die Handelshausherren werden wir nicht sprechen müssen. Wir wollen unsere Waren verkaufen, Nahrung fassen und weiter ziehen.“
Ralf wechselte einen erstaunten Blick mit Arnim.
Der raunte zu Anselm herüber: „Machst du so was öfters?“
Der antwortete mit einem dünnen Grinsen.
„Gut, gut, gut“, sagte der Dämon und hielt Ralf das Buch hin. „Unterschreiben Sie hier, Herr Ralf. Damit wird euch Kredit gewährt, bis Ihr eure Verkäufe getätigt habt, für den Stellplatz und das Futter des Mokar.“
Ralf nahm das Buch entgegen, musterte die Schrift, in der die anderen Einträge verfasst waren. Eine Ordnung fand er nicht darin, also benutzte er die römischen Schriftzeichen, die er kannte.
„Ach, der neue Dialekt. Das passt zu Agrimat. Willkommen in Ar Ashir. Wenn Ihr einen Transport in die Stadt wünscht oder eine Karawane für eure Waren, meldet euch bei mir.“
„Wir danken, Wesir.“ Anselm verbeugte sich leicht vor dem Dämon.
Der Riese deutete ebenfalls eine Verbeugung an und ging weiter zum nächsten Neuankömmling.

„Ralf!“ Der junge Mann fuhr herum und bekam gerade noch mit, wie ein Schemen auf ihn zugeflogen kam. Er reagierte instinktiv und als er die Augen wieder öffnete, trug er Mako-chan auf den Armen. Die Göttin sah hoch zum Rand des Mokar und rief: „Was habe ich dir gesagt, Freya, er fängt mich.“
Die Frau aus Eisland hatte eine Hand auf die Stirn gelegt und murmelte eine Verwünschung. „Hitzkopf! Das war rhetorisch gewesen. Rhetorisch! Niemand hat von dir verlangt, dass du es ausprobierst!“
„Ach, ich war mir einfach sicher, dass er mich auffängt“, sagte die Göttin mit glänzenden Augen und rieb ihre Wange an Ralf.
„Also, Zucker brauchen wir in nächster Zeit nicht“, kommentierte Arnim amüsiert, als er die Szene betrachtete.
Neben ihm landete Makoto-kun. Er war direkt hinunter gesprungen, doch er erhob sich problemlos. Er sah von Ralf zu Arnim und dann zu Anselm. „Ich glaube wir müssen über einiges reden. Kommt bitte wieder ins Haus.“
„Ja, zum Beispiel warum du einen Sprung aus fünfzehn Meter Höhe so einfach wegsteckst!“, rief Ralf hitzig. „Das hätte dich genauso gut umbringen können!“
„Ach, das?“ Mako-kun lächelte verschmitzt. „Mir war irgendwie danach.“
„Ihm war irgendwie danach? Ihm war danach?“ Ralf ließ die Göttin auf ihre eigenen Beine herab und schüttelte den Kopf. „Mako-kun, du bist kein Gott mehr, hast du das schon vergessen? Du bist jetzt ein Mensch! Ein Mensch!“
„Wie könnte ich das vergessen? Ihr erinnert mich doch bei jeder Gelegenheit daran!“, erwiderte der ehemalige Gott wütend. Etwas versöhnlicher fügte er hinzu: „Ich bin nicht völlig zu einem Menschen reduziert worden. Mit Odem kann ich leider nichts anfangen, aber ich habe während der Kämpfe auf der Unteren Ebene gelernt, meinen eigenen Odem zu konzentrieren und zu verwenden. An einen Gesegneten reiche ich noch lange nicht heran. Leider.“
Der Gott erklomm den Mokar. „Kommt jetzt. Wir haben dieses Gespräch lange hinaus gezögert, aber langsam muß es stattfinden.“

„Na dann, gehen wir. Ich will schon lange wissen, warum du uns auf die Mittlere Ebene gezerrt hast, Ralf“, murmelt Arnim.
„Es könnte vielleicht mit einem Kampfwagen des Feuers zusammenhängen, mit einer feuerbereiten Hauptwaffe und einem vollkommen durchgedrehten Obergott Kailin, der drohte, damit Klingburg auszuradieren, wenn Ralf ihm Inissars Auge nicht übergibt“, bemerkte Anselm ernst. „Sag mal, hörst du mir zu, Ralf?“
„Was? Ja, ist schon klar. Das Auge musste raus aus der Stadt. Irgendwohin, wo Kailin es erst suchen muß. Mir geht gerade was anderes durch den Kopf. Wenn Mako-kun zum Menschen reduziert wurde und nun lernt seinen Odem selbst zu nutzen…“
Die Göttin sah ihn aus großen Augen an. „Dann wird er vielleicht als erster Gott alleine das Portal der Kraft durchschreiten.“
„Was ist, wenn er auch das Portal der Macht durchschreitet? Ist Mako-kun dann der erste Gott, der zum Dämon geworden ist?“, fragte Arnim leise. „Irgendwie gefällt mir dieser Gedanke nicht, Leute.“
„Nun kommt schon!“, rief Freya von oben herab.
Schweigend kletterten sie wieder auf den Panzer des Mokar.
**
Schnell hatte sich die kleine WG im ehemaligen Esszimmer versammelt. Einige bekannte Gesichter fehlten, weil sie lieber auf der Unteren Ebene geblieben waren. Aber als Ralf seinen Blick über die Anwesenden streifen ließ, wurden ihm zwei Dinge bewusst: Erstens, mit dem eigenen Haus zu reisen war ungeheuer komfortabel, obwohl warmes Wasser gleich von zwei Gesegneten abhängig war. Und zweitens, sie hatten hier einige der mächtigsten Wesen der Unteren Ebene versammelt.
Ralf nahm dankbar den Kaffee entgegen, dem Katy Vaillard ihm reichte. Sie setzte sich zu ihrem Bruder Jean, der als das kommende Genie von Terre de France galt und in Klingburg quasi die letzte freie Zeit außerhalb eines Lebens im Rampenlicht verbracht hatte. Der drahtige Zweitsemester blickte erwartungsvoll zu ihm hoch.
Arnim hatte sich in die Eckcouch geflegelt und rauchte schon wieder. Ralf betete für den Tag, an dem ihm die Glimmstengel endlich ausgehen würden.
Neben ihm hatte Anselm Platz genommen. Im Moment lief ein Votum, in dem von ihm verlangt wurde, unmittelbar nach der Besprechung eine lange Dusche zu nehmen.
Klaus schien nicht zu dieser Gruppe zu gehören, denn der Riese saß neben ihm, ohne eine Miene zu verziehen. Der große HELIOS-Agent wartete mit unbewegter Miene auf das, was Ralf zu sagen hatte. Neben ihm saß Mako-kun, die männliche, zum Menschen reduzierte Hälfte seines Gottes. Wie immer, wenn er mit anderen zusammen saß, hatte er eine undurchdringliche Miene aufgesetzt, ernst und direkt.
Mako-chan neben ihm hingegen hatte sich schlimmer hingefläzt als Arnim. Zudem trug die blonde, zur Gesegneten reduzierten Göttin wieder mal bauchfrei. Aber von ihnen allen schien es, als würde sie den meisten Spaß an der Situation haben.
Ein schöner Kontrast zu Doktor Myers und Frau Prokovniewa, die einigermaßen anständig auf der Couch saßen.
Hinter der Couch stand Shawn Ironheart, unbeweglich wie ein Standbild. Lediglich ein feines Lächeln spielte um seine Lippen, während er auf Ralfs erste Worte wartete.
Die letzten beiden im Raum waren Freya Helensdottir, die Wassergesegnete aus Eisland und Markus Holt, der Dämon von Europäischen Rat, der den Gott Makoto und Ralf nachhaltig in diese WG gelotst hatte. Es war nicht ihr Schade gewesen. Wenn man vom Leid, den Mühen, Ralfs Beinahetod und der Aufspaltung von Makoto in Mann und Frau absah.
Gerade huschte Yoshi durch die Tür herein, der zweite HELIOS-Agent, verbeugte sich entschuldigend vor Ralf und setzte sich schnell neben Arnim auf die Couch.
„Dann sind wir ja alle da und können anfangen“, schloss Ralf. „Ihr habt sicher alle jede Menge Fragen. Und jetzt ist endlich die Zeit, um sie zu beantworten.“
„Na endlich. Über eine Woche lässt du uns zappeln, seit du uns auf die Mittlere Ebene geschleift hast. Da waren ein paar Antworten echt überfällig“, beschwerte sich Katy. „Aber da es Ralf ist, sehe ich das nicht so eng.“
Sie zwinkerte dem großen Mittländer zu, was dieser irritiert zur Kenntnis nahm. Mako-chan, seine Göttin anscheinend auch, als sie irritiert die Stirn runzelte.
„Wie dem auch sei. Jedenfalls gab es damals in Klingburg für uns nur drei Möglichkeiten. Kailin wollte Inissars Auge als Odemverstärker haben, um die Welt für den Feuerclan zu unterwerfen. Dafür drohte er die ganze Stadt zu vernichten. Möglichkeit eins war, ihm das Auge zu überlassen und die Welt in die Hand des Feuerclans zu geben. Möglichkeit zwei war, Klingburg vernichten zu lassen oder zumindest das Risiko einzugehen, dass dies geschehen würde, das Auge aber zu behalten. Die letzte Möglichkeit war, ihm das Auge zu entziehen, damit es keinen Sinn mehr gab, Odem zu verschwenden um die Stadt zu zerstören.“
Beifallsheischend sah sich Ralf um, erntete aber nur desinteressierte Blicke.
„Also, etwas mehr Enthusiasmus wäre schon nett.“
„Den kriegst du, sobald du uns was Neues erzählst. Also, warum die Mittlere Ebene?“, hakte Mako-kun nach.
„Oder noch wichtiger, wieso konntest du uns durch die Dimensionen transferieren?“, klang Freyas Stimme auf.
Ralf dachte über beide Fragen nach. „Nun, Freya, das konnte ich, weil ich nach meinem Abstieg aus der Zwischendimension den Tunnel zwischen den Dimensionen benutzt hatte und wusste wie ich hinein gelangen konnte. Und Mako-kun, als ich da stand, vor die Wahl gestellt, Klingburg zu opfern oder die ganze Welt, mit Inissars Auge in der Hand und Kailins gierige Blicke auf mich gerichtet, auf eine Art, die ich nie wieder sehen will, da blieben mir nicht sehr viele Möglichkeiten. Ich musste verschwinden. Einen winzigen Moment spielte ich mit dem Gedanken, auf die Obere Ebene zu fliehen. Ihr müsst wissen, ich besitze aus welchen Gründen auch immer…“
„Ja, schon klar. Das hat uns Carine schon erklärt. Ihr beide habt Fluidum entwickelt, genau wie dein Vater Thomas und deine Mutter Marianne.“
„V-vater hat Fluidum? Und Marianne ist meine Mutter? Die gleiche Marianne von HELIOS?“, rief Ralf aufgeregt.
Mako-chan gab ihrem Bruder einen Klaps auf den Hinterkopf. „Ich habe dir gleich gesagt, wir hätten es ihm erzählen sollen.“
„Wozu? So ist es doch viel lustiger“, kommentierte der Erdgott amüsiert.
Ralf hatte sich indes wieder gefangen. „Na, die Obere Ebene schied aber aus. Ich kenne sie nicht und die Gefahr, dass ich da oben ein leichtes Opfer sein würde war zu groß. Marianne ist also meine Mutter… Sachen gibt es. Deshalb habe ich sie gleich gemocht…
Na, jedenfalls, mit Inissars Auge lässt sich nicht soviel anstellen. Es ist eben nur ein Fragment von einem wesentlich größeren magischen Potentialfeld. Also nutzte ich seine Macht, um wieder in den Transfer zu gehen. Aber ich wusste auch nicht, wie die Mittlere Ebene aussieht, also war ich feige und wollte nicht alleine gehen. Entschuldigt, dass ich euch alle da rein gezogen habe.“
„Schon in Ordnung“, sagte Klaus ernst. „Du hast ja jedem die Wahl gelassen. Wir sind alle aus freien Stücken hier.“
„Moment mal, Moment mal. Ralf, alter Knabe, heißt das, du bist in die Mittlere Ebene geflohen, weil dir nichts Besseres einfiel?“
„Na, ganz so ist es auch nicht, Arnim. Da war eine Stimme in meinem Kopf, die… Sie sprach von Ar Ashir, von der Mittleren Ebene und von unserem Zirkel. Ich glaube, einer der Götter gab mir den Rat, hierher zu fliehen. Und er sagte mir noch etwas: Dass Inissars Auge eine Bestimmung habe, die es bald erfüllen müsse.“
Interessiert richtete sich Jean auf. „Und was ist das für eine Bestimmung?“
„Ich habe keine Ahnung.“
Ein enttäuschtes Raunen ging durch den Raum. „Bisschen mager. Und dafür reisen wir durch die Dimensionen?“ Jean seufzte. „Ich fasse zusammen. Das Artefakt ist hochgefährlich und darf nicht wieder zurück auf die Untere Ebene. Nicht solange Kailin eine Idee hat, mit der er die ganze Welt unterwerfen kann. Aber ich wette meinen Arsch, dass… Auuuuu, Katy, das tut weh!“
Die Frau aus Terre de France zog ungerührt weiter an seinem Ohrläppchen. „Mittlere Ebene oder nicht, solche unflätigen Ausdrücke dulde ich nicht von dir.“
„Isjagut. Was ich sagen will ist… Danke, Katy. Jedenfalls, wie hoch ist die Chance, dass Kailin weiß, wo wir hin sind? Und das er uns verfolgen wird?“
Mako-kun hob eine Hand. „Bei der Geschichte gibt es ein Problem für Kailin. Die Mittlere Ebene wurde nach dem Sieg über die Dämonen versiegelt. Wie wir hier her gelangen konnten ist mir ein Rätsel. Muss am Auge liegen. Aber bis Kailin jemanden hier her schicken kann, können Wochen vergehen.“
Freya kniff die Augen zusammen. „Aber unmöglich ist es nicht.“
„Nein, unmöglich ist es nicht. Doch es wird dauern, denn die Siegel sind sehr gut, und wurden sehr lange nicht mehr entfernt.“
„Hm“, machte Jean und erhob sich. „Wir werden also wahrscheinlich bald verfolgt werden. Was tun wir also? Ziellos umher irren bis wir meinen, es ist wieder sicher auf der Unteren Ebene? Oder gibt es hier etwas, was uns helfen kann, Inissars Auge zu entschärfen?“
„Hallo? Habe ich nicht gerade gesagt, dass Inissars Auge eine Aufgabe zu erfüllen hat?“
„War das die gleiche Stimme die dir geraten hat nach Ar Ashir zu suchen?“, fragte Jean.
„Äh, ja.“
„Ich würde den Stimmen eher vertrauen, wenn sie konkreter werden würden.“
„Ich auch“, murmelte Ralf und bemühte sich, nicht in Gelächter auszubrechen.
In diesem Moment erhob sich Anselm. Er trat an eines der Fenster des Raumes, sah hinaus. Dann nickte er zufrieden. „Ich denke es ist soweit. Ar Ashir erwartet uns. Die Göttin erwartet uns. Ralf, sie wird dir sagen, was die Aufgabe von Inissars Auge auf dieser Welt ist.“
„Ich wusste es“, erklärte Arnim und grinste mit der Zigarette zwischen den Zähnen. „War ja klar, dass du auch irgendwas Besonderes bist, Anselm. Also, zu welcher Fraktion gehörst du? Götter, HELIOS, Dämonen oder irgendein obskurer Konzern? Womöglich arbeitest du für Thomas?“
Anselm wandte sich in den Innenraum. Er lächelte, aber es war ein sehr ernstes Lächeln. „Zuerst einmal muß ich sagen, dass ich vollkommen zufällig in diese WG geraten bin.“
„Hört, hört“, murmelte jemand leise.
„Aber es ist wahr, ich gehöre einer Fraktion in diesem Krieg an.“
Triumphierend sah sich Arnim im Raum um, aber die meisten starrten den ansonsten eher stillen Kendoka und Meisterkoch an.
„Nun spann uns nicht so auf die Folter“, rief Mako-chan entrüstet. „Noch mehr Spannung, und wir können sie in Streifen schneiden, filetieren und in Ar Ashir auf dem Basar verkaufen!“
Ralf lachte prustend los. „Du bringst das fertig, meine Göttin.“
Sie schenkte ihm einen spöttischen Blick. „Daran zweifelst du doch hoffentlich nicht, mein Gläubiger?“
„Ich weiß nicht genau. Ich habe großes Vertrauen in deine Fähigkeiten – eigentlich.“
„Eigentlich?“ Mako-chan stand auf und kam zu Ralf herüber. „Eigentlich, mein Gläubiger?“
„Bevor das Balzverhalten der beiden ausufert“, fuhr Mako-kuns Stimme dazwischen, „sollten wir vielleicht wieder Anselm zuhören. Also, welcher Fraktion gehörst du an?“
„Jedenfalls nicht HELIOS. Nicht, dass ich wüsste“, meldete sich Klaus Fischer zu Wort. Entschuldigend fügte er hinzu: „Ich wollte halt auch mal was sagen. Ist echt mies, nur auf die Stichworte der anderen reagieren zu können.“
„Schon gut, schon gut. Also, Anselm, sag es uns endlich. Welcher Fraktion gehörst du an?“
Der Kendoka schien sich über den Disput köstlich zu amüsieren. Aber Mako-kuns Worte ließen wieder den Ernst auf seine Züge treten. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Öffnete ihn erneut. Resignierend sah er zu Boden. „Ihr werdet lachen.“
„Lachen?“ Freya sah den Mitbewohner erstaunt an. „Warum sollten wir lachen? Hör mal, wir hatten es mit Göttern und Dämonen zu tun, mit Großkonzernen, HELIOS und mit rabiaten, verliebten Studenten. Warum denkst du, lachen wir über deine Fraktion?“
Anselm straffte sich merklich. „Ich… Ich… Ich bin… Ich bin ein Schamane.“
Ralf sackte die Kinnlade herab. Freya winkte ab. „Lächerlich.“
Mako-chan wechselte einen erstaunten Blick mit Jean und Katy. „Was bitte ist ein Schamane?“
„Unglaublich“, hauchte Norton Myers ergriffen. „Es gibt sie also noch immer…“
„Auch auf die Gefahr, unwissend zu erscheinen“, sagte Mako-kun mit leichtem Spott in der Stimme, „was ist ein Schamane, Anselm?“
Der Kendoka sah in die Runde aus Unglaube, Unverstand und blanke Neugier. „Na, zumindest habt Ihr nicht gelacht.
„Ein Schamane“, ließ sich Shawn Ironheart vernehmen, „ist so etwas ähnliches wie ein Gott.“
Ein raunen ging durch die kleine Gruppe.
„Moment, Auszeit!“ Die Lehrerin aus Rus machte das in manchen Sportarten beliebte Zeichen für einen Break. „Ich weiß ja nicht, was man euch hier beibringt, aber bei uns in Rus lernen die Kinder, dass die Götter Götter sind. Kein Mensch kommt in irgendeiner Form an sie heran.“
„Das ist so nicht ganz richtig, Natalia“, ließ sich Norton vernehmen. „Aber das ist ja nicht die erste Sache, die dem widerspricht, was du gelernt hast, oder?“
Die Frau aus Rus zuckte mit den Schultern. „Ja, ich weiß. Seit ich euch kenne, ist mein Weltbild andauernd im Umbruch. Okay, Anselm ist ein Schamane. Und was bedeutet das? Vor allem, was bedeutet es für uns?“
Die Blicke der Anwesenden richteten sich wieder auf den Freizeitkoch. Der grinste verlegen.
„Shawn?“ „Erklär es selbst, Anselm.“
„Norton?“ „Nein, nein, sag du es. Es ist immer besser, dieses Wissen aus erster Hand zu bekommen.“
Anselm ließ die Schultern hängen. Er seufzte und griff nach einem Glas Wasser auf dem Tisch. Plötzlich wölbte sich die Oberfläche auf und das Wasser bildete eine dünne Säule.
Als es wieder ins Glas zurück sank, bildeten sich nicht mal die charakteristischen Ringe in der Flüssigkeit. Sie benahm sich eher wie ein dicker Sirup.
Im Fernsehzimmer war es still. Entsetzte Blicke trafen Anselm. Freya schluckte heftig. „Du wilderst in meinem Revier? Komm, Wasser formen ist mein Job.“
Anselm lächelte dünn und fixierte Arnims Zigarette. Die begann plötzlich aufzuflammen und noch schneller abzubrennen.
„Hey, ich habe nicht mehr so viele von den Dingern!“, beschwerte sich der Feuergesegnete und löschte seinerseits die Flamme auf ein erträgliches Maß herab.
Ein Windhauch entstand, trennte die Asche vom Filter und trug sie zielsicher in den Aschenbecher.
„Jetzt ich, jetzt ich!“, rief Mako-chan aufgeregt. „Jetzt musst du zeigen, was du mit toter Materie anfangen kannst!“
Verlegen legte Anselm eine Hand in den Nacken. „Tut mir leid, aber Materie formen kann ich noch nicht so gut.“
Ein enttäuschtes Raunen ging durch den Raum.
„Um es auf den Punkt zu bringen, wir Schamanen… Wir kommunizieren mit unserer Umwelt, mit unserer Umgebung. Wir sprechen mit den Naturgeistern, achten auf die Strömungen der Erdmagie und dergleichen.
Als wir auf der Mittleren Ebene ankamen, spürte ich die Erschütterungen der wandernden Mokar, weil jeder einzelne Schritt das Magnetfeld des Bodens beeinflusste. In Resonanz mit dem Magnetfeld konnte ich mit ihr kommunizieren. Nun, eine Mokar hat nur eine rudimentäre Intelligenz, aber wir verständigen uns durch Bilder. So konnte ich der Mokar sagen, wer wir sind. Und so konnte sie mir sagen, wo wir sind, wozu eine Mokar gut ist, wie man sie benutzt und wohin sie unterwegs ist. Unsere Mokar hatte eigentlich gar nicht vorgehabt, eine Last zu tragen. Sie war auf dem Weg zur Paarung. Aber sie hat noch nie mit einem Schamanen kommuniziert und hat beschlossen, ihre Wanderung für einige Zeit abzubrechen und stattdessen uns zu tragen. Als Gegenleistung erhält sie Nahrung, die sie sonst erst lange sammeln müsste.
Sie brachte uns nach Ar Ashir. Diese Stadt ist eines der Hauptziele der meisten Karawanen. Oder um es mal so auszudrücken, dass jeder es versteht: Hier steppt die Luzie.“
„Hast du nicht gerade was von jeder soll es verstehen gesagt?“, tadelte Ralf.
„Wie dem auch sei. Eine Mokar braucht einen Lenker, um die Schritte auf die Last auszutarieren. Sie hat mir gesagt, wie sie gelenkt wird, und da ich der einzige war, der es tun konnte, habe ich sie die letzte Woche gelenkt. Soweit alles klar?“
„Ja, das erklärt die Mittlere Ebene. Aber was ist mit dem Rest? Komm schon, komm schon, Untere Ebene, Schamanen.“
„Wir Schamanen spielen im Wechselspiel zwischen Menschen und Göttern keine Rolle. Wer sich der Geister der Natur bedienen will, sucht sich einen Gesegneten. Einem Menschen wird diese Fähigkeit nicht zugetraut. Ja, oftmals war sie nicht einmal erwünscht.
Während der Kriege zwischen Göttern und Dämonen kam es mehr als einmal vor, dass eine oder beide Seiten die Schamanen jagten, als unheilvolle Wesen, die irgendwo dazwischen anzuordnen waren. Wir… sind nie besonders viele, geben unser Wissen von Generation zu Generation weiter und wirken meist im Verborgenen. Unsere Existenz rechtfertigt sich eigentlich nur durch eine Sache: Es gibt uns und wir haben nun mal diese Fähigkeiten.“
„Junge, Junge, und ich dachte, ein Dämon zu sein wäre schwer“, murmelte Markus Holt leise.
„Da sitzt du ja ganz schön zwischen den Stühlen, was, Anselm?“, stellte Mako-chan fest.
Der Schamane lächelte schwach. „Nun, zumindest hier ist mein Talent nützlich. Ansonsten würden wir immer noch mit der kompletten Villa irgendwo festsitzen.“
Die Blicke der meisten Anwesenden gingen zu Ralf. Der lächelte verlegen. „Ich weiß deine Talente zu schätzen, Anselm. Sehr sogar.“

„Und? Wie geht es jetzt weiter?“, fragte Yoshi in die Stille hinein.
„Ja, wie geht es weiter? Sag was dazu, großer Anführer.“ Freya nickte Ralf zu.
„Hat Anselm nicht Mako-kun in die Kommandoposition erhoben?“, wehrte dieser ab.
„Wie dem auch sei“, sagte Anselm bestimmt, „unsere Ankunft blieb nicht unbemerkt. Jemand hat uns registriert. Und dieser jemand wird mit uns Kontakt aufnehmen. Mehr weiß ich nicht. Nicht einmal ob er uns wohl gesonnen ist oder feindlich gegenüber steht.“ Er deutete auf die Beule unter Ralfs Hemd, Inissars Auge. „Ob uns dieses Ding Glück oder Pech bringt.“
Anselm reckte sich. „So, ich bade dann mal. Anschließend mache ich Abendbrot.“
Diese Bemerkung löste spontanen Beifall aus.
„Ach, da ist übrigens etwas, was Ihr tun könnt“, sagte er, bevor er ging. „Ihr kennt doch die Gerümpelkammer hinter dem Bad.“
„Ach, die Todesfalle“, kommentierte Jean.
„Dies ist eine Handelsstadt. Wenn wir nichts verkaufen fallen wir auf. Außerdem müssen wir das Futter für die Mokar bezahlen. Wir haben Kredit, aber das auch nur, weil eine Mokar nicht schnell genug stiften gehen kann. Also solltet Ihr das Haus nach Dingen durchsuchen, die wir auf den Märkten verkaufen können. Irgendetwas Brauchbares wird hoffentlich dabei sein.“
„Klingt logisch, wir brauchen einheimische Währung.“ Ralf sah in die Runde. „Freiwillige vor. Wer geht mit mir da rein?“
Arnim hustete. „Tut mir leid, ich habe ne Stauballergie.“
Shawn verschwand übergangslos im Schatten. Katy sah unbeteiligt in eine andere Richtung.
„Ich sehe schon, Ihr kommt zurecht“, kommentierte Anselm und gähnte herzhaft. „Endlich ein Bad.“
Mako-chan sprang auf und hängte sich an Ralfs Arm. „Ich helfe dir. Du wirst meine Erdclankräfte brauchen, wenn du dich da rein wagst.“
„Ich helfe natürlich auch“, sagte Mako-kun ernst. „Immerhin geht es hier um meinen Gläubigen.“
Sein Blick wanderte durch den Raum. „Und Ihr sucht inzwischen im Haus zusammen, was Ihr nicht mehr braucht und von dem Ihr denkt, dass wir es verkaufen können.“
Der zum Menschen reduzierte Gott dachte einen Moment nach. „Nein, bringt besser alles, was Ihr nicht mehr braucht. Wir haben ja keine Ahnung, was hierzulande verkauft werden kann, also sollten wir das Angebot so weit wie möglich fächern. Verstanden?“
Die Anwesenden nickten.
„Noch irgendwelche Fragen, warum Anselm Mako-chan zum Anführer befördert hat?“, fragte Freya und grinste dem ehemaligen Erdgott hinterher.

Ace Kaiser
21.11.2005, 13:26
3.
Eine Woche war vergangen. Eine Woche, seit Ralf Schneider die Macht von Inissars Auge benutzt hatte, um mit seinen Freunden und der alten Villa an einen unbekannten Ort zu verschwinden.
Thomas betrachtete das Loch im Boden, in dem früher das große Haus gestanden hatte. Er machte sich absolut kein Illusionen darüber, was Kailin gerade tat. Bestimmt setzte er gerade alle ihm zur Verfügung stehenden Kräfte ein, um zu erfahren, wohin Ralf verschwunden war – und wo das Auge nun war.
Thomas hatte eine Ahnung, aber… Nein, das konnte nicht sein. Niemand hatte Ralf jemals etwas über die Mittlere Ebene und die große Schlacht erzählt. Andererseits, wenn der Junge wirklich das Tor des Stamina durchbrochen hatte, dann war es nicht unmöglich. Dann hatte er vielleicht mehr über Dämonen, Götter und Menschen erfahren. Vielleicht mehr als gut für ihn war.
Thomas ballte die Hände zu Fäusten. Ralf war sein Sohn, verdammt! Und er hatte absolut keine Chance, ihm beizustehen. Und das gefiel ihm nicht. So blieb ihm nur, sein Bestes auf der Unteren Ebene zu geben.

„Thomas.“ Marianne war lautlos neben ihn getreten. „Es ist Zeit.“
„Machst du dir gar keine Sorgen um ihn?“, fragte der Geschäftsmann und bereute die Frage sofort wieder.
Marianne sagte darauf nichts. Sie starrte in das Loch hinab, bevor sie sich abrupt umwandte.
„Ich sterbe vor Angst um ihn“, hauchte sie leise.
Für einen Moment kämpfte Thomas mit dem Wunsch, seine Frau in die Arme zu nehmen und sie so zu trösten.
„Entschuldige. Ich hätte so etwas Dummes nicht fragen sollen.“
„Schon gut. Du hast dich die letzten Jahre um ihn gekümmert, nicht ich. Vielleicht habe ich gar kein Recht, Angst um ihn zu haben, weil ich ihn verlassen habe. Weil ich Carine verlassen habe. Weil ich…“
„Weil du in Selbstmitleid ertrinkst?“, half Theresa freundlich lächelnd aus.
Marianne wollte etwas erwidern, aber dann machte sie sich bewusst, dass die Erdgöttin, die als Trema ihren Clan anführte, noch viel mehr litt als sie selbst. Ihr einziges Kind Makoto war von einer Menschenwaffe aufgespaltet worden, in den männlichen Part, der zum Menschen reduziert worden war, und in die weibliche Hälfte, die nun bestenfalls noch eine Gesegnete war. Zudem waren beide, Mako-chan und Mako-kun zusammen mit Ralf und den anderen verschwunden. Ihr Schicksal war so vollkommen ungewiss, dass sich Marianne fragte, warum die Göttin nicht lange und ausgiebig ihre Angst hinausbrüllte, bis sie heiser war.
Und sie fragte sich, warum sie selbst es nicht tat. Marianne trat neben die größere Göttin und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Schon gut, Schatz, ich weiß, dass ich mich anstelle. Also, wollen wir unsere eigenen Probleme angehen?“
Theresa rieb sich verwundert die Wange. „Sachen gibt es. Thomas, hast du sie unter Drogen gesetzt, oder warum ist sie so verständnisvoll?“
„Ich habe sie mal geheiratet, aber sie zeigt doch immer wieder Facetten, die ich an ihr noch gar nicht kenne.“
„Kommt Ihr?“, rief Marianne von der Limousine her.

Im Fonds des großen, gepanzerten Wagens teilte die Chefin von HELIOS Akten aus. „Dies ist die momentane Lage in Klingburg, in Mittland und in der Welt.
Zuerst die Weltlage. Die afrikanischen Flotten haben Südamerika erreicht und etablieren eine Seeblockade um das Kap Horn und im Südatlantik. Zum Glück versuchen sie keine Landeoperationen. Aber ich schließe nicht aus, dass sie Kommandoteams abwerfen, um wichtige militärische Ziele auszuschalten. In Südamerika geht der Gebetsmarathon übrigens weiter, allerdings in einem gemäßigten Tempo.
Die Lage in Nordamerika ist konfus. Die Native Nations im Inland des Kontinents streiten sich mit den East Cost States. Ein interner Bürgerkrieg der Luft scheint in der Luft zu liegen. Was seht Ihr mich so an?“
„Na, das war ja wieder ein Kalauer“, tadelte Theresa. „Ein Bürgerkrieg der Luft liegt in der Luft.“
„Hä? Habe ich das so gesagt? Na, auf jeden Fall hat Herress erstmal genügend eigene Sorgen.
Vor allem da der Feuerclan anscheinend die Isthmus-Staaten übernehmen will. Trotz der angespannten Lage mit den Afrikanern sammeln sie Truppen und Gesegnete an der Landbrücke nach Nordamerika. Diese Staaten, die Isthmus-Koalition, ist seit jeher neutral. Aber kann der Feuerclan sie zu seinem Glauben bekehren, bedeutet das auf einen Schlag vierzig Millionen neue Gläubige. Das wird der Clan der Luft ebenso wenig hinnehmen wie der Wasserclan, der den großen Isthmus-Kanal gebaut hat, über den Handelsschiffe die Landenge passieren können.
Was uns nach Afrika bringt. Du hast deinen Clan gut im Griff, Theresa. Ich würde sogar sagen, du bist die einzige, die derzeit ihren Clan im Griff hat. Leider ist das noch nicht bis zu deinen Anhängern durchgedrungen. Im Moment streiten die verschiedenen Bündnisse darüber, wie sie deinen Clan unterstützen können. Während einige ebenfalls einen Gebetsmarathon einlegen wollen, reicht anderen die Blockade. Und wieder andere sprechen davon, die Götter eine Landbrücke nach Südamerika erschaffen zu lassen, um auf ihr mit Bodentruppen vorrücken zu können.“
Theresa nickte. „Ich werde mich darum kümmern. Der Gebetsmarathon wäre eine Option. Aber ich denke, ein stabiler Status Quo ist im Moment das Beste für die Region. Wie sieht es in Agrinals Hinterhof aus?“
„Nun, der Clan des Wassers ist noch instabiler als sonst auch. Agrinal hat alle Hände voll zu tun, um ihre Kontrolle über den Wasserclan nicht zu verlieren. Im Moment ist sie nur auf dem Papier unsere Verbündete. Außerdem verliert sie schleichend ihren Einfluss auf den Nihon-Inseln. Diese normalerweise neutralen Staaten fallen immer mehr unter den Einfluss des Feuers. Wenn wir da nicht aufpassen, entsteht eine zweite Front gegen uns auf den Nihon-Inseln.“
„Also heißt es im Moment wir gegen das Feuer“, stellte Theresa sachlich fest.
„Richtig. Was uns zur Lage in Mittland und Klingburg bringt. Der Kampfwagen des Feuers schwebt noch immer über der Stadt. Ebenso der Kampfwagen der Erde.
Die Wagen von Luft und Wasser hingegen sind wieder auf die Obere Ebene aufgestiegen. Das bedeutet, wir haben in Klingburg ein Patt der Kräfte.“ Marianne atmete heftig aus. „Außerdem haben wir es endlich mit vereinten Kräften geschafft, die marodierenden Anhänger des Feuers aufzuhalten.“
Thomas schüttelte den Kopf. Es waren schlimme Tage gewesen, als die Gesegneten des Feuers gewütet hatten, als gebe es kein Morgen mehr. Das Schlimme daran war, dass die meisten von ihnen von Kailin zu Gesegneten gemacht worden waren. Es schien so, als hätte sich der Herr des Feuers vor seinem feigen Angriff auf das Klingburger Rathaus hunderte neuer Gesegneter zugelegt.
Und diese nicht ausgebildeten Menschen, meistens auch noch mit zweifelhaftem Charakter, hatten nicht viele Hemmungen gehabt, ihre neue Kraft auch zu benutzen. Oftmals war es das Eingreifen von Ausyl und seinen acht Anhängern gewesen, dass Schlimmeres verhinderte.
Inzwischen war die Stimmung umgeschlagen.
„Zur Zeit beschützen zwanzig HELIOS-Agenten die Hauptkirche des Feuers vor Übergriffen aus der Bevölkerung und von Gesegneten der anderen Clans. Wir verhaften jeden Feuergesegneten, dem wir eine Beteiligung an den Kämpfen nachweisen können. Das Harz-Gefängnis quillt beinahe schon über. Aber der normale Feueranhänger, der lediglich Odem gespendet hat kann nichts für Kailins Pläne.
Es zeichnet sich übrigens ein Schisma ab. Tausende Anhänger des Feuers versammeln sich um die Hauptkirche, wo sie von uns beschützt werden. Aber fast ebenso viele versammeln sich um die Kapelle von Ausyl. Das sind sechsmal so viele wie Ausyl Anhänger in Klingburg haben sollte. Wenn die Stimmung anhält, gibt es vielleicht bald zwei Clans des Feuers.“
Marianne senkte den Kopf. „Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass meine Kontakte in Südamerika melden, dass die Ausyl-Gläubigen interniert werden, wo immer man sie aufgreift. Es kam auch schon zu Gewaltexzessen zwischen Ausyl-Gläubigen und Kailin-Anhängern.“
„Das sind keine guten Neuigkeiten“, stellte Theresa fest.
„Das nenne ich die Untertreibung des Jahres“, erwiderte Marianne. „Die Welt steht vor einem großen Krieg, den wir beim jetzigen Stand der Dinge nicht abwenden können. Und dieser Krieg wird schlagartig für Kailin entschieden werden, wenn er Inissars Auge bekommt.“

Die Limousine hielt auf dem Innenhof der Firma, die Thomas Schneider als Hauptsitz für seine weltweiten Operationen diente.
Die Göttin und die beiden Menschen stiegen aus. Thomas blinzelte kurz in die Mittagssonne. „Wir sollten uns mit dem Dämonenkönig absprechen. Vielleicht können die Dämonen etwas für die Ausyl-Anhänger in Südamerika tun.“
„Das ist zumindest eine Idee“, murmelte Marianne und machte sich eine Notiz.
Vor dem Wagen hatte der Werksschutz Aufstellung genommen. Nun, zumindest der Teil, der gerade nicht im Einsatz war.
Thomas unterdrückte ein Auflachen, als er die ganze Bande musterte.
Grima, einer der Dämonen des Werksschutzes, kratzte sich verlegen am Kragen seines schwarzen Anzugs. Die schwarze Sonnenbrille schien ihn ebenfalls zu stören.
Carine, seine und Mariannes Tochter, trat vor. Sie trug ein schwarzes Kostüm mit extrem kurzem Rock, wie ihre Mutter es auch meistens tat. Die junge Frau sagte: „Der Werksschutz ist angetreten, Vater. Hallo, Mom. Tante Theresa.“
Thomas nickte bestätigend. Er deutete auf die siebenundzwanzig angetretenen Menschen und Dämonen. „Hier, Marianne, sie gehören dir.“
Die Chefin von HELIOS nickte zufrieden. Dann trat sie vor die Reihe und schenkte jedem einen Blick. „Die Teilnahme ist temporär begrenzt und außerdem freiwillig“, sagte sie ernst. „Auch wenn ich jedem von euch hier vertraue, weil Herr Schneider es vorbehaltlos tut, ich werde niemanden dazu zwingen, HELIOS beizutreten.“
Niemand sagte etwas oder verließ die Reihe.
Marianne nickte zufrieden. „Gut. Hiermit erkläre ich die Anwesenden laut Artikel neunzehn der Notstandsgesetze zu Mitgliedern von HELIOS. Hebt bitte die Rechte zum Amtseid.“
Marianne musste mehrfach blinzeln, als sie sah, dass auch Thomas die Hand hob.
Er lächelte sie an und stellte sich neben seine Tochter.
„Na, das kann ja was werden“, murmelte sie amüsiert und merkwürdigerweise sehr zufrieden.

4.
Ausyl, Uafin und Sarenn saßen beisammen im Foyer des Hotels DREI EBENEN. Seit die Kämpfe ausgebrochen waren, hatte das Hotel geschlossen und diente als provisorisches Lager für Menschen, die ihr Zuhause hatten verlassen müssen. Es gehörte einem Luftgesegneten Naiels, der diesen Ort inoffiziell für neutral erklärt hatte. Es war jeder willkommen, solange die Kapazitäten nicht gesprengt wurden und sich die Gäste friedlich verhielten.
Was dazu geführt hatte, dass sich zu diversen Menschen und Gesegneten, die aus den Kämpfen geflohen waren, nun auch einige Dämonen gesellt hatten.
Sie liefen in Menschengestalten herum, sofern sie in der Lage waren zu laufen, um die Götterdiener und Menschen nicht zu provozieren. Aber Ausyl hatte schon viel zu lange mit ihresgleichen zu tun, um nicht wenigstens einen Teil von ihnen zu erkennen.
Zugleich diente die Lobby Ausyl als Sammelpunkt für seine Feuergötter, ebenso für Naiel, den Luftgott und weitere seiner Freunde aus seinem Clan, die sich nicht auf die offizielle Seite ihres Clans gestellt hatten.
Mit seinem Sohn Uafin und seiner Frau Nande, die beinahe ohne Bewusstsein in einem der oberen Zimmer dahin dämmerte hatte Ausyl, der eigentliche Erbe des Feuerclans nun neun Feuergötter auf seiner Seite. Das war nicht viel, vor allem nicht wenn man bedachte, dass es früher einmal fast hundert gewesen waren. Aber Kailin, der Herr des Clans, hatte eine Säuberungsaktion gestartet, bevor er es gewagt hatte, seinen wahnsinnigen Plan auszuführen. Damals war es nur Ausyls mächtigsten Verbündeten gelungen zu fliehen.
Dennoch sammelten sich hier nach und nach auch die Gläubigen und Gesegneten jener Götter, deren Schicksal auf der Oberen Ebene ungewiss war.
Ausyl hoffte, dass sie noch lebten, die meisten zumindest. Viele waren seit Jahrhunderten seine Freunde. Und jemanden zu verlieren, den man eine derart lange Zeit kannte, machte selbst einem Gott zu schaffen.
Für Naiel sah es weit besser aus.
Mit der Entscheidung seiner Herrin Herress, der Herrin der Luft, sich vorbehaltlos Kailin anzuschließen, um ihrem Clan einen eigenen Anteil an der absoluten Beherrschung der Erde zu verschaffen, hatte sie eigenmächtig gehandelt, zudem nur unterstützt von ihrem engsten Kreis Vertrauter. Dies hatte viele Götter des Clans gegen sie aufgebracht; umso mehr als der Plan gescheitert war.
Um Naiel sammelten sich nun Götter und Gesegnete jener Luftgötter, die sich nach und nach in Opposition zu Herress befanden. Oder dort ihre Vorteile sahen.
Naiel war nun in der vorteilhaften Position, über achtzig verbündete Götter zu verfügen, und mit jeder Stunde kam einer hinzu, der ihn, den jungen Luftgott in die Oppositionsrolle zu Herress schob, aber seine Stellung war bei weitem nicht so komfortabel wie die von Ausyl.
Der Feuergott konnte sich vollkommen auf seine Jahrzehnte alten Verbindungen verlassen, Naiel musste zwanzig und mehr Interessengruppen in eine gemeinsame Linie bringen.
Sie hatten eine Chance, eine gute Chance, diesen Krieg auf der Unteren Ebene zu beenden und auf die Obere zu tragen, fort von den Menschen, die hier Opfer und Objekte der Begierde waren. Aber es wurde ihnen nicht leicht gemacht. Wahrlich nicht leicht gemacht.
Zudem war Ausyls Fraktion recht klein. Mehr Feuergötter aus Kailins Koalition herauszutrennen wäre eigentlich ein Muss gewesen. Leider war Ausyl ein Sturkopf, der seinen Standpunkt und seine Antipathie gegen die anderen Feuergötter, die Kailin so bereitwillig gehorcht hatten, nicht so ohne weiteres aufzugeben bereit war.

Sarenn seufzte tief und lange. Ein menschlicher Ober brachte ihr ein Glas mit klarer Flüssigkeit. Sie nickte dankbar und trank den Inhalt in einem Zug leer. „Danke. Das gleiche noch mal bitte.“
Der Ober nickte. „Sofort, Master Sarenn.“
Ausyl hob eine Augenbraue. „Was trinkst du denn da, Mäuschen?“
Die Wassergöttin lächelte den Feuergott gewinnend an. Bei ihrem beinahe puppenhaften Gesicht und der zerbrechlich wirkenden Figur wirkte es so hübsch, dass man sich in die uralte Wassergöttin hätte verlieben können. „Wasser, mein lieber Ausyl. Wasser aus einem Geysir in Eisland. Es ist eine Heilquelle, ein wenig schwefelhaltig, aber sehr gesund und erfrischend, deshalb…“
„Schon gut, schon gut, so genau wollte ich es gar nicht wissen“, wehrte Ausyl ab.
Ein Hochgewachsener, kräftiger junger Mann kam auf sie zu, murmelte ein Dutzend sehr unfeiner Flüche und ließ sich zwischen Uafin und Ausyl nieder.
Uafin, Sohn von Ausyl und Nande, sah den jungen Burschen erstaunt an. „Was ist los, Kumpel? Gehen dir die Luftgötter so auf die Nerven?“
Die Gestalt flackerte, schien sich zu verformen. Aus dem groß gewachsenen Mann wurde eine kleinere, drahtige Gestalt mit runzligem Gesicht. „Kannst du Gedanken lesen, Kleiner?“, seufzte Naiel und legte den Kopf weit in den Nacken. „Herress hat einen schweren Stand in meinem Clan. Die Attacke schlug fehl, der Kampfwagen wurde beschädigt. Und Kailin hat versagt. Es gibt gerade drei Strömungen in meinem Clan. Eine will sich sofort mit der Erde verbünden um den Feuerclan auszulöschen, bevor das Feuer doch noch die Hand auf Inissars Auge bekommt. Eine andere sagt, jetzt erst recht und verlangt von Herress, zu möglichst komfortablen Bedingungen mit Kailin weiter zu paktieren. Und die dritte Strömung meint, mich als Herress´ Konkurrenten aufzubauen und sie abzulösen. Bei der Schlacht auf der Mittleren Ebene, manche Götter geben einen Mist von sich, es ist kaum zu glauben.“
„Wieso soll es dir besser gehen als mir?“, seufzte Sarenn und nahm dankbar das zweite Glas in Empfang. „In meinem Clan sieht es ähnlich aus. Da gibt es eine Richtung, die wirft Agrinal Führungsschwäche vor, als sie sich auf die Seite der Erde schlug, dann eine die fordert, den Feuerclan für diesen Affront auszurotten. Wieder eine Richtung meint, die Waffe selbst in die Hand bekommen zu müssen, mit der Kailin die Welt unterwerfen wollte. Und so weiter, und so fort. Würde mich nicht wundern, wenn meine Schwester sich weich klopfen ließe und zumindest eine neutrale Haltung gegenüber dem Konflikt einnimmt. Dabei brodelt und kocht es überall in Asien, seit das Feuer seine Aktivitäten in Nihon ausbaut. Auch die anderen Feuerenklaven wie Ceylon und Madagaskar sind wie Dolche an unserer Kehle. Sie sah zu Naiel herüber. „Und dann sind da noch die Luft-Enklaven Kamschatka, Hong Kong und Malaysia, die mir Sorgen machen. Kannst du da was für meinen Clan tun, Naiel?“
Der Luftgott schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, leider nicht. Von den Göttern, die sich mir unterstellen, hat niemand Geweihte oder Gesegnete in dieser Region. Diese Herrschaftsgebiete sind sehr alt, ebenso die Götter, die dort ihre Kirchen haben. Und die meisten meiner… Anhänger sind in meinem Alter oder jünger.“
„Alt gegen jung, eh? Ein Krieg der Generationen“, kommentierte Uafin grinsend.
„Das hat einen Nachteil. Die meisten potentiell erfahrenen Mitstreiter sind damit auf der Seite von Herress, von einigen Genies wie Naiel mal abgesehen“, kommentierte Ausyl.
„Ich sage doch, es ist verfahren“, seufzte der Luftgott.
„Hier steckt Ihr also“, klang eine sympathische Männerstimme auf.
„Jaques!“, rief Ausyl ehrlich erfreut. „Komm, setzt dich doch.“
Der Dämonenkönig nahm neben Sarenn Platz und sah in die Runde. Er lächelte, aber es war ein gehetztes, nervöses Lächeln. „Ihr denkt, Ihr habt Probleme? Was soll ich da erst sagen. Es gibt vier Götterclans, richtig? Was meint Ihr, wie viele Dämonen es gibt? Und in wie vielen Organisationen sie aufgeteilt sind? Gerade in diesem Moment schicken zwanzig weltweite Organisationen ein paar hundert Dämonen nach Mittland, um in unserem Konflikt mitzumischen. Der heiße Tanz beginnt gerade erst und wir können froh sein, wenn es dieses Land hinterher noch gibt. Falls nicht der schlimmste aller Fälle eintritt und Kailin das Auge dennoch in seine Gewalt bringt.“
„Das wird ihm aber noch nicht reichen“, gab Ausyl zu bedenken. „Das letzte Mal brauchte es einen Katalysator, seine eigene Tochter und mein ungeborenes Kind. Auf beides kriegt er nie wieder die Hand, das schwöre ich.“
Uafin knurrte grimmig und zustimmend.
„Er könnte einen anderen Katalysator finden“, gab Javala zu bedenken.
„Es muß ein Feuergott sein“, stellte Ausyl wütend fest. „Ein sehr mächtiger Feuergott, der in der Lage ist, den gereinigten Odem eines ganzen Clans zu fokussieren.“
„Ein Gott, der die stärksten Kräfte des gesamten Clans in sich vereinigt.“
Uafin hob beide Hände und macht eine abwehrende Geste. „Was seht Ihr mich denn dabei so an?“
„Natürlich!“ Sarenn sprang auf. „Du bist das Ergebnis der beiden stärksten Linien des Feuerclans. Kailins Haus und Ausyls Erbe! Du…“
Sarenns Augen wurden groß, als ihr die Erleuchtung kam. „Es war gar nicht Nande! Es war die ganze Zeit nicht Nande!“
Ausyl ballte die Hände zu Fäusten. „Dieser alte Schuft. Er hatte es von Anfang an gewusst! Er hatte es geplant!“
„Wahrscheinlich hat er es getestet, vor langer Zeit“, stimmte Javala zu. „Irgendwann hat er Uafin getestet und herausgefunden, dass er der Kraft nicht standhalten kann. Jedenfalls nicht lang genug.“
Uafin sah erschrocken auf. „Was?“
„Dieser alte Halunke. Seine eigene Familie. Sein eigener Enkel.“
„Es ist deine Schwester, Uafin. Sie sollte das Feld erschaffen“, erklärte Javala ernst.
„Dann ist sie es also, die in Gefahr ist – noch mehr als jeder andere auf der Unteren Ebene.“
„Was uns einen Vorteil verschafft. Kailin muß nun herausfinden, wohin Ralf mit dem Auge verschwunden ist. Und er muß seine Hand auf das ungeborene Leben kriegen, das Nande trägt. Vielleicht verschafft das Ralf genügend Zeit“, murmelte Naiel leise.
„Wofür?“
„Um die Welt zu retten, Uafin.“

In diesem Moment wurde die Welt in Falschfarben getaucht. Das Licht erschien plötzlich grellweiß, die Gesichter der Anwesenden wirkten, als hätte sie jemand in schwarze Farbe getaucht. Lediglich die Konturen und die Augen stachen weiß hervor. Der Effekt dauerte nur eine Sekunde, reichte aber aus, um die Götter und den Dämonen zu alarmieren.
„Bei meinen Vorfahren“, hauchte Ausyl, „das kann nicht sein!“ Er sprang und verschwand vor den Augen der anderen.
„Das Kind! Das Kind wird geboren!“ Verzweifelt sah Sarenn in die Runde. „Aber warum hier auf der Unteren Ebene? Warum jetzt schon?“ Sie erhielt keine Antwort. Niemand hatte eine.

5.
Zufrieden betrachteten die drei den gewaltigen Haufen, den sie nach und nach aus der vollkommen überfüllten Abstellkammer hervor geholt hatten.
„Na, das ist doch schon mal ein ansehnlicher Batzen“, stellte Mako-chan zufrieden fest.
„Und es ist nur ein kleiner Teil von dem, was wir rausholen konnten“, erwiderte Ralf.
Die Göttin warf ihrem Gesegneten einen bösen Blick zu. „Schieb es nicht auf mich. Nicht einmal meine Fähigkeit, Materie zu formen kann in diesem Wirrwarr etwas bringen. Außer, du willst einen schönen, handlichen Klumpen Metall haben.“
„So habe ich das nicht gemeint“, beteuerte Ralf.
Mako-kun war inzwischen schon bei der Arbeit. „Hier Mako-chan, wie wäre es, wenn du diese beiden Fahrräder reparierst? Ich denke, die dürften auf dem hiesigen Markt für eine Überraschung sorgen.“
„Reparieren? Die Dinger? Die sind doch uralt. Die waren ja schon alt, bevor wir geboren wurden.“ Der zum Menschen reduzierte Gott warf ihr einen ernsten Blick zu.
„Schon gut. Schon gut. Aber die Reifen aufpumpen überlasse ich Shawn, ja?“
„Hat mich jemand gerufen?“
Entsetzt fasste sich die Göttin ans Herz, als direkt hinter ihr die Stimme des American Native aufklang. „Shawn, musst du mich so erschrecken? Kannst du nicht mit deinem Leisetreten aufhören?“
„Nein, denn es ist einfach meine Art, mich lautlos zu bewegen“, erwiderte der groß gewachsene Jura-Student mit ernster Miene. „Aber ich könnte von Zeit zu Zeit dezent rülpsen, wenn dir das hilft.“
„Wehe dir“, drohte sie und unterdrückte ein Grinsen.
Shawn lächelte dünn und hielt der Göttin einen Stapel CDs hin.
„Nanu? Was soll ich denn damit?“
„Na, verkaufen. Sind alles Rohlinge und Werbe-CDs, die ohnehin keiner mehr braucht.“
„Verkaufen? Hör mal, Shawn, ich glaube nicht, dass sie hier auf der Mittleren Ebene die Technik haben, um CDs abzuspielen“, gab Mako-kun zu bedenken.
Shawn schüttelte den Kopf. Dann hob er die oberste CD an. Nun konnte man erkennen, dass die nächsten fünf CDs mit ihr durch eine Nylonschnur verbunden waren.
Shawn hielt die sechs CDs in die Höhe und ließ sie sich drehen wie ein Mobile. „Na?“
Ralf und Mako-kun wechselten einen überraschten Blick. „Gute Idee.“
„Oooooh, das ist ja mal ein toller Einfall“, sagte Mako-chan mit glänzenden Augen. „Kann ich so ein Ding haben, für mein Zimmer? Sieht bestimmt gut aus, wenn sich das Sonnenlicht darin fängt.“
„Mako-chan wir wollen die Dinger verkaufen“, mahnte ihr Bruder.
„Papperlapapp, bis vor einer Minute wusstet Ihr das noch gar nicht. Auf ein paar mehr oder weniger kommt es nun wirklich nicht an.“

Freya kam ins Zimmer. Sie grinste. „Ich habe gerade Anselm aus dem Bad geholt. Er ist tatsächlich eingeschlafen. Der Ärmste muß vollkommen erschöpft sein. Wir sollten ihm ein paar Tage Schlaf gönnen.“
Mako-kun nickte bestätigend. „Nett, dass du an ihn gedacht hast, Freya. Ist er dein Typ?“
„Wieso plötzlich die Frage, Mako-kun? Interessiert dich das Thema?“
„Was, wenn es das wirklich tut?“
„Ach, bist du etwa eifersüchtig? Das ist so niedlich, mein kleiner Erdgott.“
Ralf räusperte sich lautstark. „Danke, Freya. Hast du sonst noch etwas für uns?“
„Klar.“ Sie warf dem Erdgeweihten zwei große Packen Kopierpapier zu. „Die sollten in dieser Gegend eine echte Überraschung sein, denkst du nicht? Wenn wir sie blattweise verkaufen…“
„Du denkst sie kennen hier kein Papier?“
„Nein, das nicht. Aber mit ein wenig Glück kennen sie hier weder Buchdruck noch ordentliche Zellulose-Verarbeitung. Ich habe auch noch einen Packen Fotodruckpapier.“
Ralf zuckte die Achseln. „Sehen wir erstmal zu, ob wir das hier verkaufen können.“
Er wandte sich wieder dem Stapel zu, der mittlerweile um zwei Fahrräder erleichtert war.
Des Weiteren machte er in dem Gewimmel noch diverse Schutzbleche, dreieinhalb Skier und diverse Metallrohre aus. Außerdem ein Bettenrost und sogar einen alten Autoreifen.
„Junge, Junge, in dem Raum lagert wirklich alles, was unsere Vorgänger nicht wegwerfen wollten“, brummte Ralf beeindruckt, als er auch noch auf einen Fußballpokal stieß. Die letzte Plakette war dreißig Jahre alt.
„Was wir nicht gebrauchen können“, ließ sich Mako-kun wieder vernehmen, „kann meine Schwester zu Barren formen. Metall wird hier auf jeden Fall gebraucht werden. Hat noch jemand was gefunden, was sich verkaufen lässt?“
„Gut, das du danach fragst“, meldete sich Katy vom Eingang her. Sie hielt in der Hand eine kleine Schachtel und reichte sie dem Erdgott.
Der nahm sie und öffnete die Schachtel. „Hm. Schmuck? Bist du dir sicher, Katy? Das Zeug hier drin hat doch sicher den Wert von zehntausend Real, oder?“
Die Frau aus Terre de France schüttelte energisch den Kopf. „Erstens bin ich eh nicht der Typ Frau, der gerne Schmuck trägt. Und zweitens müssen wir jetzt alle zusammenhalten. Jeder muß seinen Teil beitragen, oder?“
„Ja, schon, aber Schmuck?“, fragte Freya tonlos.
„Ein paar Sachen habe ich ja auch behalten“, beschwichtigte Katy. „Aber das Meiste hier habe ich von meiner Oma, und die hat sowieso einen merkwürdigen Geschmack. Wenn ich zum Beispiel diese Ohrringe tragen würde, dann würden meine Ohrläppchen irgendwann auf dem Boden schleifen.“ Sie zog zwei Ohrringe hervor, die ein feines Gespinst an Fäden und Steinen bildeten. Ralf schätzte das Gewicht eines Rings in Anbetracht der Größe auf zwanzig Gramm. Das konnte auf die Dauer doch recht schwer werden.
Freya sah betreten zu Boden. Dann griff sie in ihre Hose und zog eine kleine Schachtel hervor. Darin lagen mehrere Ohrringe, kleine Armreife und ein paar Halsketten ohne Anhänger. „Pack es dazu, Mako-chan, bevor ich es mir anders überlege.“
„Freya“, murmelte die Göttin und nahm die Schachtel vorsichtig entgegen.
Es gab einen stumpfen Laut, als Arnim zufrieden grinsend den Raum betrat. Er hatte seine Last auf den Boden geworfen. „Habt Ihr schon an den Dachboden gedacht? Da oben gibt es auch noch wahre Schätze zu entdecken. Zum Beispiel dieses Ding hier. Ein ehemaliger Vorhang eines Theaters. Warum der bei uns auf dem Boden liegt, tja, benutzt wurde er jedenfalls danach nie wieder. Aber der Stoff ist heile, und wir können ihn gebrauchen, nicht?“
„Du bist nicht der einzige, der was gefunden hat“, erklang die Stimme von Klaus. In seinen Händen hielt er einen großen Korb, gefüllt mit Äpfeln aus dem Garten der Villa. „Yoshi erntet noch, aber wenn wir unseren eigenen Bedarf abziehen, kommen wohl fünf oder sechs Körbe zusammen. Wenn man in Ar Ashir keine Äpfel kennt, wird das eventuell der Renner.“
„Ihr glaubt nicht, was wir gefunden haben“, erklang die Stimme von Norton Myers. Er betrat das Fernsehzimmer, eine schwere Truhe auf den Armen, die er mit erstaunlicher Leichtigkeit balancierte. Hinter ihm kam Frau Prokovniewa herein, mit einem Gesicht, bleich wie ein Leichentuch.
Als Norton die schwere Kiste hart auf dem Boden absetzte, zuckte sie erschrocken zusammen. „Musst du sie so hart absetzen, Norton?“, fragte sie mit dünner Stimme.
„Keine Angst. Sie sind harmlos, solange man sie nicht in eine Torchfähige Waffe lädt.“
Ralf spitzte die Ohren. Er trat an die Truhe heran und wischte den Staub fort. „Colin O´Brian… Klingelt da bei jemandem etwas?“
„Also, ich muß da spontan an Ian O´Brian denken. Ich meine natürlich den Dämonen Ibran.“
„Nicht nur du, Arnim“, meldete sich Mako-kun zu Wort.
Ralf ballte die Hände zu Fäusten. Ian O´Brian oder vielmehr der Jahrtausende alte Dämon Ibran hatte ihn durch das Stamina-Tor geführt und damit zurück ins Leben gebracht. Ralf war weit genug gewesen, um dem Dämon vorbehaltlos zu vertrauen – bis er seine Schwester angegriffen hatte, um an Inissars Auge zu kommen.
„Und es klingelt wirklich bei keinem etwas beim Namen Colin?
„Ich habe den Register“, meldete sich Markus aus der Küche, „und sehe gerade nach. Hier ist jeder Student verzeichnet, der jemals in diesem Haus gewohnt hat. Hat ihn schon. Hm, das war vor fast fünfzig Jahren. Irgendwie klingt das nach unserem lieben Ibran, findet Ihr nicht?“
„Ja, denke ich auch. Hat er also was hier gelassen, so als Notfallreserve, hm? Was machst du eigentlich gerade in der Küche?“
„Ich gehe ein paar Formelsammlungen durch und schreibe sie ab. Eventuell können wir hier ein paar chemische Formeln, mathematische Grundsatzformeln und dergleichen verkaufen.
Und ich rede hier nicht vom Satz des Pythagoras.“
Ralf grinste zufrieden. Alle gaben sich Mühe. Wirklich alle. Bis auf Anselm, der gerade selig schlummerte.

Der junge Schneider öffnete den Deckel. „Sagt mal, Norton, Natalia, wo genau habt Ihr die Kiste gefunden?“
„Unter dem Fundament. Es gibt einen Wartungsschacht der da runter führt. Es war Natalias Idee.“
„Ich… Ich habe mir eingebildet, etwas würde mich da hinab rufen. Dann sind wir da unten auf eine Steinmauer gestoßen, Norton hat sie eingeschlagen und dahinter war diese Kiste.“
Ralf pfiff anerkennend, als er den Inhalt betrachtete. „Jackpot.“
Nun drängten auch die anderen heran um einen Blick in die geheimnisvolle Schatzkiste zu werfen. Ralf nahm die ersten Dinge heraus und reichte sie weiter. Es gab allein zehn volle Boxen mit Torches aller vier Odemarten, mehrere gut eingewickelte Torchthrower, einige Schmuckstücke, die Mako-chan als schwach Magische Potentialfelder identifizierte, diverse Bücher und Notizen. Es war viel Privates dabei, aber auch ein paar kleine Barren Gold.
„Da haben wir also wirklich Ibrans Notgroschen gefunden.“
„Wisst Ihr was ich gefunden habe?“, fragte Jean mit tonloser Stimme vom Eingang her.
Die Freunde sahen zu ihm herüber. Und erstarrten. Hinter dem schmächtigen jungen Mann stand ein riesiger Dämon.
**
„Mein Name ist Coral. Ich bin ein Sklave von Naharets Hospital. Meine Herrin Naharet lässt die Karawane Makoto Yamas bitten, ihre Abgesandten zu einer Audienz zu schicken.“ Der Dämon sah in die aufgerissenen Augen und fügte sicherheitshalber hinzu: „Eine große Ehre.“
„Warum ausgerechnet unsere Karawane?“, fragte Mako-kun, der den Schock an besten verdaut hatte. Wieso waren sie so schnell gefunden worden? Was war der Grund? Wo lag in dieser Entwicklung der Nutzen, wo die Gefahr?
Der Riese Coral sah in Richtung Ralfs und sagte: „Meine Herrin lässt ausrichten, Inissar hätte nach ihr gerufen.“
„Was?“ Ralf glaubte für einen Moment Sterne zu sehen. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Als er sie wieder öffnete, saß er auf dem Boden, während Mako-chan ihn stützte, und besorgt auf ihn einredete.
„Ralf, bist du in Ordnung?“ „Was ist passiert?“ „Du bist plötzlich umgekippt.“
„Mir wurde plötzlich schwarz vor Augen. Das Potentialfeld war auf einmal so schwer…“
Ralf griff unter sein Hemd und zog das Auge hervor. Das Artefakt des Feuerclans schien ein schwaches Licht auszustrahlen. Der Blick des Mittländers wurde glasig, als er in die Struktur des Schmucksteins sah. Wieder ruckte sein Kopf zur Seite. „RALF!“
Mako-chans wütender Blick ließ Coral einen Schritt zurückweichen. „DU! Du bist Schuld!“
„I-ich habe nichts getan! Ich habe nur die Botschaft meiner Herrin ausgerichtet!“
Die Göttin erhob sich. Odemspuren tanzten blau irrlichternd über ihren Körper. Wer sie kannte, fürchtete den Blick, den sie nun aufsetzte: Sie war sauer. Und sauer erlebte man sie nur, wenn Ralf in Gefahr war.
„Stopp, Erdgöttin“, erklang eine fremde Stimme neben Mako-chan. Eine Hand legte sich schwer auf ihre Schulter. Übergangslos war sie nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Erschrocken sah sie zur Seite. „Ralf?“
Der junge Mittländer hatte sich wieder erhoben. Freundlich lächelte er sie an. „Du musst es jetzt noch nicht verstehen, Erdgöttin. Du musst mir nur vertrauen.“
„Ralf, deine Stimme klingt so anders! Sie…“
Ralf sah den Dämonen an. „Richte Naharet aus, dass wir kommen. Ich, Makoto-kun Yama, Makoto-chan Yama, Jean Vaillard und Klaus Fischer. Wann ist es deiner Herrin Recht?“
„Heute noch, wenn es geht.“
„Gut. Wir brechen mit dir auf.“
„Wer bist du? Was hast du mit Ralf gemacht?“, fragte Mako-chan mit zitternder Stimme, noch immer an ihren Platz gebannt.
„Ist das nicht offensichtlich?“, fragte Ralf Schneider, und sein Gesicht schien für eine Sekunde doppelt zu existieren, sich gegenseitig überlagernd, verwirrend mehrdimensional zu sein. Dann verschwand dieser Eindruck wieder und Ralf schlug die Hände zusammen. „Also, wollen wir dann?“
„Jetzt klingt deine Stimme wieder normal“, stellte Mako-chan fest. Auch, dass sie sich wieder bewegen konnte, nun, da Ralf seine Hand wieder von ihrer Schulter genommen hatte.
„Kein Wunder. Inissar hat sich wieder zurückgezogen.“
Ein erstauntes Raunen ging durch den alten Speisesaal. „Was? Redest du von dem Inissar, der vor fünftausend Jahren in der Großen Schlacht auf der Mittleren Ebene getötet wurde?“, fragte Arnim fassungslos.
„Genau der.“ Ralf hob das Artefakt. „Mako-kun hat mir gesagt, dass ein Gott sein Fluidum willentlich spalten kann, also mehrfach existieren, aber mit verminderten Fähigkeiten. Es ist ein schmerzhafter Prozess und vor allem ist er gefährlich. Inissar hat einen Teil seines Fluidums in seinem Stab gebannt, als er ihn erschuf. Also gelangte auch ein wenig des Fluidums in den Teil des Potentialfeldes, das wir Inissars Auge nennen. Es hat schon damals zu mir gesprochen, als Kailin die ganze Stadt einäschern wollte. Es war Inissars Idee, auf die Mittlere Ebene zu gehen. Und es war seine Idee nach Ar Ashir zu gehen. Hier erwartet uns eine Verbündete… Vielleicht.“
„Vielleicht? Wieso diese Einschränkung?“, hakte Markus Holt nach, der nun ebenfalls ins Zimmer kam.
„Hey, es sind fünftausend Jahre vergangen. Da ist Inissars Bewusstseinsfragment nicht mehr auf dem neuesten Stand.“
„Nachvollziehbar“, brummte Markus.
„Also wollen wir es wagen.“ Mako-kun sah seine weibliche Hälfte an, danach Katy, die unauffällig nickte. „Jean, mach dich fertig. Du kommst mit.“
„Super!“ Abenteuerlustig reckte der junge Mann aus Terre de France die geballte Rechte hoch.
„Aber du bist vorsichtig. Versprich mir das!“, sagte Katy hastig. „Ralf, du passt auf ihn auf, ja?“
„Versprochen, Schwester.“ „Versprochen, Katy.“
„Dann ist ja gut.“
„Nachdem das geklärt ist, geh voran, Coral.“
„Die Herren. Die Dame. Ich habe Reittiere… Was ist denn das? Diese merkwürdigen Scheiben sehen aber hübsch aus. Was ist das für ein Material? Sie funkeln ja im Sonnenlicht und reflektieren es, obwohl es keine Spiegel sind. Oder doch? Was kostet dieser Schmuck?“
In Mako-kuns Augen blitzte es auf. Er reichte dem Dämonen ein Mobile. „Dieses ist umsonst. Sie es als Geschenk an. Aber du wirst dafür doch sicherlich jedem, der daran interessiert ist berichten, wer diese Dinge verkauft – und noch viel mehr?“
„Oh, danke. Ja, natürlich. Das werde ich.“

„Ein gerissener Hund, dieser Erdgott“, murmelte Shawn anerkennend, nachdem die beiden Götter und die zwei Menschen zusammen mit dem Dämon das Haus verlassen hatten. „Also, machen wir weiter. Mal sehen, was es noch für Schätze zu entdecken gibt.“
„Hoffentlich nicht noch mehr Torches“, murmelte Natalia leise. „Mir tut die Hand von letzten schießen immer noch weh.“
„Wir können sie gebrauchen. Katy, passen diese Patronen in deine Waffe?“
„Sie ist ein Standardkaliber, fasst aber nur vier Patronen. Dafür kühlt sie aber auch schneller ab, Klaus.“
„Wir sollten vielleicht mal ausprobieren, ob die Torches noch funktionieren, was?“
„Und uns mit diesem Berg alleine lassen, vom nicht ausgeräumten Abstellraum ganz zu schweigen?“ Arnim grinste schief. „Das habt Ihr euch so gedacht, ihr zwei Geheimagenten. Ballern könnt Ihr später noch.“
„Mist“, murmelte Klaus ärgerlich. „Er hat uns erwischt.“
„Wer hat dich überhaupt zum Anführer gemacht, Arnim?“, beschwerte sich die Frau aus Terre de France.
„Ich.“ „Oh. Ich wollte es nur wissen…“