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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schattenspiele


Rover
25.09.2005, 15:26
Prolog

Kilbourne
Kilbourne PDZ, Draconis March, Vereinigte Sonnen
13 März 3068

Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah starrte aus dem Fenster seines Büros. Seine Gedanken und sein Gemüt waren in etwa so finster wie die schweren grauen Wolken, welche als Vorboten eines schweren Unwetters über Trent hingen, der Hauptstadt dieses gottverlassenen Planeten im absoluten Hinterhof der Vereinigten Sonnen. Funkverbindung zur Außenbasis in Hereford war bereits vor über einer Stunde abgebrochen, deutliches Zeichen der tobenden Naturgewalten, welche Kilbourne in regelmäßigen Abständen heimsuchten.
Aber nicht das nahende Unwetter war der Grund für die trüben Gedanken des älteren Offiziers. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Computerausdrucke mit Berichten über verstärkte Banditenaktivitäten in der PDZ. Und die letzten Nachrichten aus New Avalon waren auch alles andere als ermutigend. Der Planet unter Belagerung durch WoB? Gerüchte besagten, daß die Blakisten in der gesamten Inneren Sphäre eine Art heiligen Krieg begonnen hatten, aber Hannah konnte nicht so recht daran glauben. Schon gar nicht nach dem eben erst beendeten fürchterlichen Bürgerkrieg im ehemaligen Vereinigten Commonwealth, welcher Hannah den Posten des Kommandeurs der Kilbourne DMM erst verschafft hatte. Die ehemalige Kommandeurin, Generalleutnant Mariva Kelly hatte sich, sehr zu ihrem Ungunsten, im Bürgerkrieg auf die Seite von Katrina Steiner-Davion gestellt und mußte den Preis dafür zahlen, als zu Beginn des Krieges die elitären 1. Crucis Lancers den Planeten überfielen und für den entthronten Prinzen Victor eroberten. Sowohl Kelly als auch PDZ-Commander Marshal Lisa Talrude wurden gefangen und später durch ein Militärgericht verurteilt. Und Hannah wurde von Marshal Rand-Davion zum Kommandeur der Kilbourne DMM ernannt, entgegen seines Protestes.
Der Generalmajor war nie ein richtiger Feldkommandeur gewesen. Er hatte es irgendwie geschafft, seine gesamte Laufbahn hinter Schreibtischen zu verbringen, wenn man mal von den ersten sechs Jahren seiner Karriere absah, welche er als junger Offizier im Cockpit eines BattleMechs bei den 1. Robinson Rangers verbrachte. In dieser Zeit kamen seine wahren Talente als Organisator zutage, während seine offensichtliche Unfähigkeit als MechKrieger ebenso deutlich hervortrat. Nach Beendigung des Pflichtdienstes wurde er zu den Rückwärtigen Diensten versetzt, wo er bis vor wenigen Jahren Karriere machte, bis Marshal Rand-Davion auf die glorreiche Idee kam, ihn zu „befördern“, wohl in Ermangelung anderer geeigneter, oder vielleicht besser noch ungeeigneter Offiziere. Hannah hatte protestiert, aber der Marshal hatte den Protest abgelehnt. Inmitten des Krieges konnte der General nichts anderes tun als den Posten zähneknirschend zu akzeptieren, anstatt, wie der Marshal es ausdrückte, „in die Mündung eines Lasergewehres zu sehen“. Ah, Kriegsrecht war ein starkes Mittel, um Offiziere zum Gehorsam zu zwingen.
Hannah war zwar ungewollt zu diesem Posten gekommen, aber überraschenderweise hatte ihn die Aufgabe, aus der durch den blitzartigen Sieg der Lancers doch arg demoralisierten Truppe wieder eine halbwegs schlagkräftige Truppe zu formen, fasziniert. Natürlich hatte er alte Beziehungen spielen lassen müssen, um dringend benötigte Nachschublieferungen, die eigentlich für die Fronttruppen bestimmt waren, nach Kilbourne umzuleiten, aber dank seiner jahrelangen Arbeit in der Logistik und den dort geknüpften Verbindungen war es ihm gelungen, halbwegs vernünftige Mechs, Panzer und Jäger zu bekommen und die gelichteten Reihen der Miliz mit vielversprechen-den Absolventen der Kilbourne-Trainingsakademie aufzufüllen, so daß die Miliz heute besser dastand als je zuvor. Der Lohn seiner Arbeit war vor einigen Wochen eingetroffen, zusammen mit der Beförderung zum Generalmajor. Hannah hatte sich die Nachricht ausgedruckt und eingerahmt, in welcher das Oberkommando den Erfahrungsgrad der Kilbourne DMM zu „regulär“ aufgestuft hatte. Sie hing direkt hinter ihm an der Wand.
Natürlich hatte das Ende des Bürgerkrieges seinen Teil dazu beigetragen. Viele erfahrene MechKrieger waren aus dem aktiven Dienst ausgetreten, dramatisch traumatisiert durch die bitteren Kämpfe. Sie entschieden sich, auf ihre Heimatplaneten zurückzukehren. Aber ganz wollten sie den Dienst auch nicht quittieren, und viele betrachteten es als ihre patriotische Pflicht, ihrer Heimat weiter zu dienen. Wenn schon nicht in den Fronttruppen der Vereinigten Sonnen dann wenigstens in den Milizen ihrer Heimatwelten. Andere quittierten den Dienst im regularen Militär aus Gewissensgründen oder weil sie im Krieg auf der anderen Seite gefochten hatten. Aber alle diese Krieger waren kampferfahrene Veteranen, und Hannah hatte überhaupt keine Probleme damit, die Reihen seiner Miliz mit ihnen zu füllen. Er bevorzugte die ehemaligen Anhänger Katrinas, da sie sich seiner Meinung nach bes-ser in seine Pläne einpassen würden. Und Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah hatte weitreichende Pläne, was die Kilbourne DMM anging. Der unterschwellige Glaubenskrieg auf den Planeten Kentwood und Hivrannee nur wenige Sprünge entfernt spielte dabei eine wichtige Rolle.
Sorgen machte sich der General allerdings wegen seiner sogenannten Verbündeten. In den letzten Jahren hatte er enge Beziehungen zu den lokalen Adligen aufgebaut und – vorsichtig – deren politische Meinung ausgelotet. Die meisten von ihnen gaben nicht viel auf die Zentralmacht und waren mehr damit beschäftigt, ihre eigenen kleinen Königreiche hier in den Außenwelten aufzubauen und zu sichern. Unabhängigkeitsgedanken waren seit langer Zeit ein Privileg der Planeten nahe der Peripherie. Aber bisher waren es eben nur laut geäußerte Gedanken. Bisher.
Hannah hatte andere Pläne. Die Kilbourne-PDZ war relativ reich an kostbaren Bodenschätzen. Eine Unabhängigkeit von der Zentralmacht auf New Avalon würde einem jungen neuen Staat enorm viel Profit einbringen, wenn die Bodenschätze gewinnbringend verkauft werden konnten. Bisher wurden sie einfach nur verschifft, um dem mächtigen Davion-Militärapparat die notwendigen Erze und Mineralien zukommen zu lassen, welche dieser zum Unterhalt seiner Armeen benö-tigte. Die Planeten selbst profitierten nur sehr gering von ihren Reichtümern. Wenn es nach Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah, ging, würde sich das sehr bald ändern. Die meisten der Adligen auf den umliegenden Welten hatten bereits ihre Zustimmung zu seinen vorsichtig vorgetragenen Plänen signalisiert. Er wußte, daß er die Unterstützung des Adels benötigte, um seine Ziele zu erreichen. Und ausgerechnet jetzt mußt einer seiner wichtigsten Helfer unvorhergesehen ins Gras beißen! Verdammt! Hannah ballte wütend die Fäuste.
Herzog Maximilian Denardi war der Herrscher über den Eisplaneten Boondock, dem Hauptproduzenten und –lieferanten von Gold an die Zentralmacht auf New Avalon. Über vierzig Prozent des gesamten Goldaufkommens der Vereinigten Sonnen kamen von dort. Der Planet lag nur einen Sprung von Kilbourne entfernt. Seine reichen Goldvorräte machten Boondock zu einem bevorzugten Ziel von Piratenüberfällen, weshalb die Miliz dort permanent eine Kompanie Mechs statio-niert hatte, verstärkt durch ein volles Bataillon Panzer und eines der fünf Infanterieregimenter der gesamten Miliz. Die Häufigkeit der Überfälle war den dort statíonierten Milizverbänden insofern dienlich, weil das beste Material der Miliz normalerweise an die kämpfenden Truppenteile gingen, und die Boondock-Einheiten waren beinahe permanent im Einsatz. Vor gerade einer Woche hatte Generalmajor Hannah die Kompanie von Captain Ken Shepherd nach Boondock versetzt, die beste Mechkompanie der Miliz, in dem festen Glauben, daß keinerlei Schwierigkeiten von dort kommen würden. Das änderte sich jetzt.
Herzog Denardi war nur einen Tag vor Shepherds Ankunft auf Boondock einem Herzinfarkt erlegen gewesen. Der Mann, machtbesessen und skrupellos, war nicht einmal fünfzig Jahre alt geworden. Der Herzog hatte zwei Töchter und einen Sohn gehabt, allerdings war der Sohn und designierte Thronfolger im Bürgerkrieg auf der Seite der Katrina-Loyalisten gefallen. Die älteste Tochter Tayla, die nun den Titel und die Würde einer Herzogin übernahm, war ebenfalls eine ausgebildete MechKriegerin, hatte allerdings für Prinz Victor gekämpft und war bekannt für ihre absolute Loyalität dem Haus Davion gegenüber. Diese Loyalität hatte sie auch ihrem Vater entfremdet, und die schwelende Fehde zwischen Maximilian Denardi und seiner Tochter Tayla war allgemein bekannt. Die jüngere Tochter, Tanya, war gerade erst vor einem halben Jahr von der Kilbourne-Akademie graduiert und hatte sich bisher aus der Politik des Hauses Denardi herausgehalten.
Boondock war für die Pläne von General Hannah lebenswichtig. Er konnte nicht zulassen, daß sein Lebenstraum durch diese fanatisch ergebene Davionistin zerstört wurde. Entweder sie würde in die Fußstapfen ihres Vaters treten und entsprechend belohnt werden, oder die Konsequenzen ihres Handelns würden katastrophal für ihre Gesundheit werden. Die Pläne waren bereits zu weit gediegen und ihre Ausführung zu weit fortgeschritten, um jetzt einen Rückzieher zu machen oder wenigstens die Pläne auf Eis zu legen, bis eine zufriedenstellende Lösung gefunden war. Nein, Tayla Denardi war eine Gefahr. Wenn sie von den Plänen Wind bekam, war Hannah geliefert. Er mußte handeln. Jetzt!
Allerdings war da noch ein kleines Problem – oder besser gesagt, mehrere kleine Probleme. Der Zufall hatte es gewollt, daß ausgerechnet in diesem kritischen Moment die Teile des Puzzles nicht mehr zusammenpaßten. Captain Ken Shepherd war einer der unbekannten Faktoren, über die Hannah sich Sorgen machen mußte. Die Akte Shepherds war tadellos und wies ihn als absolut fähigen Kommandeur und Krieger aus. Geboren und aufgewachsen auf Delos IV als Sohn des dortigen Milizkommandanten hatte er dank dem Einfluß seines Vaters die Gelegenheit erhalten, im berühmten NAIW auf New Avalon zu studieren. Als vielversprechender Lieutenant diente er kurz vor Ausbruch des Krieges bei den Davion Assault Guards, nachdem er eine Tour beim 3. NAIW-Kader absolviert hatte. Die Loyalität der Guards zu Prinz Victor war für den jungen Offizier von einer Welt nahe der Peripherie allerdings nicht tragbar. Er quittierte den Dienst und schloß sich einer kleinen unabhängigen Söldnerkompanie an, welche im Krieg auf der Seite der Archon-Prinzessin kämpfte. Die Akte wies einige Lücken auf, wo genau die Söldnereinheit im Krieg eingesetzt war und was sie genau getan hatte, aber der Kommandeur der Einheit, ein gewisser Major Stan Copper, hatte Ken Shepherd ein einwandfreies Zeugnis ausgestellt. Hannah hatte den erfahrenen Offizier natürlich sofort eingestellt, als dieser vor etwa sechs Monaten den Antrag zur Aufnahme in die Miliz gestellt hatte. Shepherd hatte sich des Vertrauens bisher als würdig erwiesen. Die ihm anvertraute Kompanie galt als Vorzeigeeinheit des gesamten Mechregiments, was ihre Fähigkeiten als Krieger anging. Da Hannah aber niemals etwas dem Zufall überließ – jedenfalls hatte er das bisher geglaubt – hatte er dem Captain einen Spion unterge-schoben, der dem General persönlich ergeben war. Es war Zeit, die Loyalität des guten Captain ein für allemal zu testen.
Der General verzog sein finsteres Gesicht zu einer Grimasse. Er beendete die Eingabe auf seinem Terminal und speicherte die Befehle ab. Heute abend noch würden diese Befehle über Com-Star mit Alpha-Priorität Kilbourne verlassen und ihre Empfänger in spätestens vierundzwanzig Stunden erreichen.

*****

Rover
25.09.2005, 20:31
1. Kapitel

Boondock
Kilbourne PDZ, Draconis March, Vereinigte Sonnen
16. März 3068

„Blau Sechs, hier ist Gold Sechs, Statusreport!“ Auf der Funkfrequenz der Einheit prasselte die Statik und machte eine vernünftige Kommunikation beinahe unmöglich. Ken versuchte ein Feintuning, aber die Verbesserungen waren nur minimal. Die Solaraktivitäten des hiesigen Sterns und deren Auswirkungen auf die militärische Kommunikation waren ihm in seinem Missionsbriefing vor dem Abflug nach Boondock nicht mitgeteilt worden. Was soll’s? Er würde sich später darüber aufregen.
„Wir schauen besser mal nach, was Blau Sechs anstellt, meinst du nicht, Boß?“ kam die Frage klar durch. Kein Wunder, stand sein Absender doch keine fünfzig Meter entfernt von Kens Marauder. Lieutenant Brian Peterson, Kens Stellvertreter und Kommandeur der Kampflanze, hob den rechten Arm seines 70 Tonnen schweren Caesar und wies nach Norden, wo die Scoutlanze unter Lieutenant Alex Proctor vor etwa einer halben Stunde in den schneeverwehten Schluchten des Makaranja-Gebirges verschwunden war.
„Negativ!“ antwortete Ken gereizt. Nicht nur, daß es ihn nervte, daß Peterson seinen Kommentar zu beinahe allem abgab, was Ken sagte, der Kerl hatte nicht einmal den Anstand, die private Frequenz zu benutzen, welche Ken für jeden einzelnen seiner Krieger bereitgestellt hatte. Und dann der persönliche Ton! Wer hatte dem Typen die Erlaubnis erteilt, dermaßen persönlich zu werden? Die Kompanie war noch neu und nicht richtig eingespielt, und Ken wollte sicherstellen, daß Befehle klar und deutlich erteilt und empfangen und ausgeführt wurden. Eine private Frequenz zum Kompaniechef war dabei immer hilfreich, um eventuelle Fragen und Unsicherheiten diskret zu klären, ohne daß die ganze Einheit mithörte. „Wir halten uns an den Plan!“
„Der Plan sah vor, daß Blau Sechs sich vor vier Minuten hätte melden sollen, was...!“
Dem Kommandeur platzte der Kragen. Er wählte die private Frequenz zu Peterson. „Das ist mir bekannt, Lieutenant! Halten sie die verdammte Frequenz frei von Ihrem Geschnatter!“ fuhr Ken ihn an. „Wenn Sie ein Problem mit meinen Befehlen haben benutzen Sie die private Frequenz, aber diskutieren Sie meine Befehle gefälligst nicht über die Einheitsfrequenz! Sonst bleibt mir nichts weiter übrig, als Sie wegen Subordination im Feld auf der Stelle unter Arrest zu stellen! Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Lieutenant Peterson?“
Der Lanzenkommandeur preßte seine Lippen zusammen und starrte Ken beinahe feindselig an. „Aye, Sir! Es ist nur, daß...!“
„Ihre Gründe interessieren mich nicht, Lieutenant!“ schnitt Ken ihm das Wort ab. „Seit ich den Posten als Kompaniechef bekommen habe versuchen Sie, meine Autorität zu untergraben. Sie sind ein sehr guter MechKrieger, Peterson, und ich habe allen Respekt vor Ihren Fähigkeiten an den Kontrollen Ihres Mechs, aber ich habe ihre Sticheleien gegen mich lange genug geduldet. Wir sind jetzt hier im Feld, und hier gilt nur eines: mein Wort! Und wenn sie mich das nächste Mal auf der offenen Frequenz ansprechen, dann erwarte ich die korrekten militärische Etikette! Shepherd out!“ Er killte die Verbindung und atmete tief durch. Er hatte keine Ahnung, warum Peterson dieses schmutzige Spiel mit ihm durchzog, aber er war nicht gewillt, sich das länger gefallen zu lassen. Hier standen Menschenleben auf dem Spiel.
„Sir, Erlaubnis, meinen Mech auf den Hügel 24-17A zu bringen!“ kam die Anfrage über den privaten Kanal von MechKriegerin Adrienne Buya. „Könnte sein, daß das Gelände eine vernünftige Funkverbindung mit Blau Team verhindert. Von dort oben könnten wir eventuell Verbindung bekommen!“
Ken rief die topographische Karte auf seinen Zweitmonitor und studierte das Gelände sorgfältig. Die Pilotin des Phönix Hawk hatte Recht. Sein Fehler! Er ärgerte sich, daß er das übersehen hatte. „Erlaubnis erteilt, Babe! Geben Sie Ton, sobald Sie Kontakt haben! Gut mitgedacht! Und nehmen Sie Tiger zur Deckung mit!“
„Ja Sir! Und danke, Sir!“ MechKriegerin Adrienne Buya, Rufname Babe, setzte ihren 45 Tonnen schweren Mech in Bewegung und lief mit Höchstgeschwindigkeit zu dem etwa vier Kilometer entfernten Hügel, gefolgt von dem Wolfhound von MechKrieger Nelson Obote.. Am Fuß des Hügels angekommen betätigte sie die Sprungdüsen des Phönix Hawk, um den steilen Hang schneller zu passieren. Kaum hatte sie den Hügelkamm erreicht, als die Einheitsfrequenz zum Leben erwachte.
„Gold Sechs, hier ist Gold zwo! Ich habe visuellen Kontakt. Banditen auf null eins null, Entfernung drei Klicks. Kein...Moment, ich habe Blau Sechs auf Kompaniefrequenz. Stelle durch!“
„Gold Sechs, zwo Lanzen Banditen auf Kurs eins null null. Wir versuchen seit einigen Minuten Kontakt aufzunehmen, aber umsonst. Erbitte Anweisung.“
Ken schüttelte den Kopf. Damit konnte er nichts anfangen. „Blau Sechs, benötige nähere Angaben über Stärke der Banditen. Reißen Sie sich zusammen, Lieutenant!“
„Sorry, Sir. Zwei leichte Lanzen mit Kurs auf Sektor vierzehn Delta. Wir haben sie in einem der Täler aufgestöbert und ziehen uns langsam auf Ihre letzte Position zurück, Sir. Meine Sensoren haben allerdings weitere Kontakte weiter nördlich registriert. Ich würde sagen, daß es sich da um schwerere Brocken handelt, aber ohne visuelle Bestätigung kann ich nur vermuten. Meine Lanze ist von leichten Panzerschäden abgesehen voll einsatz- und kampfbereit, Sir!“ Das war wohl der vollständigste Bericht, den Ken von dem jungen Kommandeur der Scoutlanze erwarten konnte. Alex Proctor war ein begnadeter Pilot von leichten Mechs und in der Handhabung von Sensorausrüstung ein absoluter Profi, aber seine Unerfahrenheit kam doch ab und zu mal durch, vor allem in Situationen wie diesen, in welcher sich seine Lanze im Kampf befand.
Ken wählte die Frequenz des Phönix Hawk. „Gib mir Bilder und Geschichten, Babe!“ sagte er ruhig.
„Sieben Banditen, Sir, Identifizierung als drei Brigand, zwo Locust, ein Commando und ein Panther. Blau Team auf dem Rückzug nach Plan Tau, wie es aussieht. Sie locken sie in unsere Richtung. Bezweifle, daß sie mich bemerkt haben.“
„Sehr gut, Gold zwo.“ Ken schaltete zurück zur Einheitsfrequenz. „Blau Sechs, geben Sie die Koordinaten der unbekannten Sensorkontakte durch und ziehen Sie sich weiter auf unsere letzte Position zurück. Gold Team geht in Stellung, um die ungebetenen Gäste in Empfang zu nehmen. Rot sechs, nehmen Sie Ihre Lanze und umgehen sie Sektor vierzehn Delta. Versuchen Sie die unbekannten Kontakte zu lokalisiern und zu identifizieren, die Team Blau entdeckt hat!“
„Verstanden, Sir!“ kam die knappe Antwort von Peterson. „Rot Team, um mich formieren und Kurs zwo neun null einschlagen! Wollen doch mal schauen, was die Typen sonst noch aufweisen können.“ Die Kampflanze scherte aus der Reihe aus und bewegte sich im Laufschritt nach Nordwesten, weg von den sich nähernden Banditen.
„Gold zwo, Rückzug auf Position zero, jetzt! Maulwurf, hier ist Gold Sechs. Kommen!“
„Maulwurf hört Sie, Gold sechs! Teams sind in Stellung und erwarten Befehle!“ kam eine neue Stimme über Funk.
Ken nickte zufrieden. Auf den Mann konnte er sich verlassen, daß war ihm von dem Augenblick klar gewesen, als er Major Glenn Ricoh zum ersten Mal begegnet war. Die beiden Soldaten hatten sich auf Anhieb verstanden.
Kens Befehlslanze ging am Ausgang des Tales in Stellung, aus welchem die Scoutlanze die Banditen locken sollte. Der Kommandeur lenkte seinen Marauder MAD-5D hinter einen der im ausgewaschenen Bett eines bereits vor langer Zeit ausgetrockneten Flusses reichlich vorhandenen riesigen Felsbrocken und ging in die Hocke. Der Felsen verdeckte den Mech nun vollständig. Der Pilot etablierte eine sichere Kommunikationsverbindung mit seinem vorgeschobenen Beobachter, indem er die Kanzel seines Cockpits öffnete und einen Miniaturempfänger an der Außenpanzerung des Marauders anbrachte, welcher auf die Frequenz der Beobachter voreingestellt war. Die Verbindung lief über verschiedene Relais, welche durch die Maulwürfe einige Stunden vorher installiert worden waren. Ken liebte es, wenn sorgfältige Vorbereitungen sich auszahlten.
„Gold Team, Maulwürfe, Funkstille! Auf mein Zeichen warten, dann Plan Epsilon drei ausführen! Jetzt!“ Er schaltete seinen Sekundärschirm auf die Frequenz des Miniaturempfängers und wartete.
Einige Minuten tat sich nichts. Das war der schwierige Teil jeder Operation: Warten. Ken war zu lange dabei, um das Spiel nicht zu beherrschen. Sorgen machte er sich um seine weniger erfahrenen Krieger. Nelson Obote war als Heißsporn bekannt, den es kaum fünf Minuten am gleichen Platz hielt. Für ihn mußte die Zeit besonders quälend langsam vergehen.
Schließlich kam Bewegung in das statische Bild auf dem Monitor. Als erstes sah Ken die Cicada von MechKrieger Will „Maverick“ Marciano hinter der Flußbiegung hervorsprinten. Der Mech trug einige schwere Brandspuren, wo Laserstrahlen seine Panzerung an Torso, Armen und Beinen weggeschmolzen hatte. Der Krieger brachte den Mech zum Stehen, wandte sich um und feuerte seine ER-PPK auf den bis jetzt noch unsichtbaren Gegner.
Ihm folgte auf flammenden Sprungdüsen der schwerste Mech der Scoutlanze, ein 55 Tonnen schwerer, beinahe fabrikneuer Wolverine WVR-8D. Ken bewunderte die ruhige Hand des Piloten zum wiederholten Mal. Raul „Hitman“ Mondesi zählte zu den coolsten MechKriegern, denen er jemals begegnet war. Und die Treffsicherheit mit den Waffen seines Mechs hatte Mondesi einen beinahe schon legendären Ruf in der Miliz eingebracht, obwohl er nicht müde wurde, sich lauthals über die „Spielzeugkanone“ des Wolverine zu beschweren. Es war allgemein bekannt, daß der Krieger ein fanatischer Fan der RAC-5 war, während er die RAC-2 verabscheute.
Der Wolverine nutzte geschickt die Deckung des Geländes aus und legte konzentriertes Feuer aus, nachdem er gelandet war. Beinahe gleichzeitig brachen schließlich ein Spector und ein Firestarter hinter der Biegung hervor und rannten auf den Ausgang des Tals zu, hinter welchem Kens Lanze den Hinterhalt gelegt hatte. Ihnen dicht auf der Spur kamen die ersten Banditen zum Vorschein, angeführt von ihrem schwersten Mech, dem Panther, welcher im Laufen seine PPK auf den Wolverine feuerte und eine häßliche Narbe auf der bis dahin unbeschädigten Panzerung des rechten Beins hinterließ.
„Komm schon, zieh dich weiter zurück!“ murmelte Ken. Seine Hände waren vor Aufregung schweißnaß, trotz der klirrenden Kälte im Cockpit. Er wußte, daß sich das schnell ändern würde, wenn der Marauder erst einmal in den Kampf eingriff. Nach langen Monaten harten Trainings würde dies sein erster echter Kampf seit fast einem Jahr werden, obwohl die Piraten kaum ebenbürtige Gegner waren für das, was Ken ihnen entgegenstellte.
Der Wolverine und die Cicada zogen sich unter dem Deckungsfeuer des Spectors und des Firestarters weiter zurück, mußten jedoch weitere Treffer einstecken. Will Marcianos Cicada erbebte unter den schmerzvollen Stichen der Impulslaser der drei Brigands, einem Design, welches noch relativ neu unter Piraten war, sich aber schnell wachsender Beliebtheit erfreute. Relativ billig und gut bewaffnet, aber mit dünner Panzerung, war der Brigand ausgezeichnet für Überfälle geeignet, welche so typisch für Piratentaktik waren. Ken sah die Cicada wanken und stürzen und hielt die Luft an. Was würden die anderen Mitglieder der Lanze tun?
Raul Mondesi pumpte einen langen Feuerstoß seiner Autokanone in einen der Brigands und pflanzte seinen Wolverine breitbeinig vor der gestürzten Cicada auf, um den beschädigten Mech abzuschirmen. Wieder einmal nickte Ken anerkennend. Dem Beispiel des MechKriegers folgend drehten auch der Spector und der Firestarter um und überschütteten die Banditen mit mörderischem Laserfeuer. Die pure Wucht des Angriffs warf die Banditen für einen Moment zurück, Zeit genug für Maverick, die Cicada aufzurichten und zum rettenden Talausgang zu rennen. Der Rest der Scoutlanze folgte.
Ken wartete, bis der Panther am Talausgang erschien, dicht gefolgt von einem Locust und dem Commando. Dann öffnete er die Frequenz zur Einheit. „Gold Sechs an alle: Epsilon drei! Ausführen!“
Er rammte den Regler des Fusionsreaktors seines Mechs bis zum Anschlag hoch. Die schlummernden Gewalten im Inneren des Reaktors erwachten brummend zum Leben. Der Marauder richtete sich hinter dem Felsbrocken auf. Ken malte sich die Panik aus, als er sich die Reaktion der Banditen vorstellte, die jetzt auf ihren Sensorschirmen diverse neue Reaktorsignaturen registrieren mußten. Und nicht nur das. Aus sorgfältig getarnten Stellungen tauchten gepanzerte Infanteristen im Rücken der Banditen auf. Ein volles Platoon Grenadier-Gefechtspanzer, unterstützt von Cavaliers und Infiltrator MkII, stürzten sich auf die hinteren Mechs, feuerten ihre KSR ab und säten Chaos und Terror in den Reihen der Banditen. Major Ricohs Renegades waren der Stolz der Kilbourne DMM. Alle Mitglieder der Renegades waren handverlesene Spezialisten im Kampf gegen Mechs.
Der Marauder von Ken wurde durch den Einschlag von Kurzstreckenraketen zurückgeworfen. Ken korrigierte die Balance des Mechs ohne Probleme und drehte den Torso in Richtung des Panthers, der die Salve abgefeuert hatte. Die Arme des Marauders richteten sich drohend auf den Piraten, während Ken die Breitbandfrequenz öffnete. „Achtung Banditen! Hier spricht Captain Ken Shepherd von der Kilbourne DMM. Ihr seid eingekesselt und hoffnungslos in der Unterzahl. Ergebt euch oder...!“
„F**k‘ dich selbst, Davie!“ (Selbstzensur) kam die rüde Antwort, gefolgt vom gleißend blauen Strahl der PPK im rechten Arm des Panthers. Der Einschlag schmolz einen guten Teil der Panzerung vom Torso des Marauders und war definitiv zu nahe am Cockpit. Ken antwortete mit einem Doppelschlag seiner beiden PPK’s in den Armen, gefolgt vom schweren Impulslaser, welcher über dem eiförmigen Torso montiert war. Auf die kurze Entfernung war es unmöglich, daneben zu schießen. Die Temperatur im Cockpit schoß augenblicklich in die Höhe. Leise summend nahmen die Kreiselpumpen der Kühlweste des Kriegers ihre Arbeit auf.
Der Effekt von Kens Kanonade war vernichtend. Der Panther wurde durch die brutalen Einschläge der Partikelstrahlen in eine gleißende Aura bläulich-weißen Lichts gebadet. Die hämmernden Impulse des schweren Lasers ließen den leichten Mech einen zuckenden Totentanz ausführen, ehe die Maschine zusammenbrach. Der Torso des Panthers war praktisch nicht mehr bestehend und ein einziger qualmender Matsch aus verbrannten und verkohlten Panzerresten und interner Struktur. Es war ein Wunder, daß der Reaktor noch existierte.
So plötzlich wie der Kampf hier begonnen hatte endete er auch. Ken überprüfte seinen Hauptschirm und sah die Sensorkontakte der Banditen einen nach dem anderen vom Schirm verschwinden. Dreißig Meter neben ihm trat der Enforcer von MechKrieger Ted Tolen mit dem rechten Bein gegen einen am Boden liegenden Brigand. Babe Buya pumpte eine Laserbreitseite nach der anderen in einen Locust. Nelson Obote prügelte mit dem linken Arm seines Wolfhound auf den Commando ein, der ihm allerdings nichts schuldig blieb. Cavalier Gefechtspanzer umschwärmten einen weiteren Brigand und einen Locust, rissen ganze Panzerplatten von Torso und Beinen der Mechs und setzten ihre Armlaser ein, um wichtige Knieaktivatoren oder andere Innereien zu beschädigen. Der Kampf war binnen weniger Augenblicke entschieden.
Schließlich trat eine beinahe unheimliche Stille über das Schlachtfeld. Keiner der Banditen hatte sich freiwillig ergeben. Die Cicada war am schwersten beschädigt und würde einige Tage im Reparaturkokon verbringen müssen. Jeder Mech der beiden Lanzen hatte Schäden davongetragen, wenn auch nur leichte wie Kens schwer gepanzerter Marauder.
„Gold Sechs an alle: Feuer einstellen. Maulwürfe, alle Cockpits der Banditen auf eventuelle überlebende Piloten überprüfen. Gute Arbeit, Leute. Blau Sechs, folgen Sie Rot Team und unterstützen Sie Prowler bei der Suche nach den von Ihnen georteten Kontakten. Der Rest formiert sich um mich. Wir folgen Rot Team und sehen, ob wir sie unterstützen können.“ Er wechselte die Frequenz: „Gold Sechs an Mutterbau: Bergefahrzeuge zu folgenden Koordinaten...“

*****

Rover
26.09.2005, 19:21
Boondock
Kilbourne PDZ, Draconis March, Vereinigte Sonnen
18. März 3068

Ken sah den wutschnaubenden Colonel in den Hangar rauschen, sobald er seinen Mech im Wartungskokon abgestellt und den Reaktor heruntergefahren hatte. Er ließ sich absichtlich Zeit mit der gesamten Prozedur und stählte sich in Gedanken für die zu erwartende Predigt. Colonel Yvan Lapellier pflanzte sich mit in die Hüften gestemmten Armen herausfordernd vor dem Mech auf und starrte hinauf zum Cockpit.
Nach dem erfolgversprechenden Anfang der Operation war alles so schief gegangen, wie es nur möglich war. Während Kens Mechkompanie den ominösen Sensorkontakten hinterhergejagt war hatten die Banditen zwei Ortschaften und eine abseits gelegene Goldlagerhalle überfallen und geplündert. Wie sich später rausgestellt hatte waren die Sensorkontakte falsch und clever gelegt, eben um die Mechs der DMM aus der Operation herauszuhalten. Die Aufklärung hatte sich noch keinen Reim darauf machen können, ob die beiden leichten Lanzen der Banditen mit Absicht als Kanonenfutter geopfert worden waren oder ob die Kommandeure der beiden Lanzen einfach nur an leichte Beute glaubten und ihrem Jagdtrieb erlegen waren, als sie Alex‘ Scoutlanze verfolgten und schließlich in Kens Hinterhalt gerieten.
Wie auch immer waren die entstandenen Schäden in den beiden Ortschaften signifikant, von den zivilen Opfern gar nicht zu sprechen. Die Banditen waren besser ausgerüstet gewesen als man vermuten konnte. Augenzeugenberichte aus beiden Orten sprachen von mindestens drei überschweren BattleMechs, von denen einer als Pillager eindeutig identifiziert werden konnte, ein Mech, der normalerweise nicht von normalen Banditen und Piraten benutzt wurde, wenn man den Informationen der Aufklärung glauben konnte. Die kleinen lokalen Milizkontingente konnten den Banditen nichts entgegensetzen und wurden einfach überrannt. Beide Kommandanten hatten scharfe Proteste an Colonel Lapellier geschickt, in denen sie sich über die fehlende Unterstützung durch die Mechkompanie beschwerten, welche irgendwo in den Bergen Phantomen nachjagte.
Ken konnte die Frustration der Milizoffiziere verstehen. Er war selbst wütend auf sich, weil er auf die Finte der Piraten reingefallen war. Er kam langsam das Wartungsgerüst herunter, nachdem er dem in dieser Schicht für seinen Mech zuständigen Tech das Bordbuch übergeben hatte mit genauen Instruktionen, welche Probleme zu beheben waren.
Er war noch nicht einmal am Boden angekommen als Lapellier auch schon mit seiner verbalen Kanonade begann: „Wird auch Zeit, daß Sie sich endlich wieder nach Hause bequemen, Captain! Wo zum Teufel haben Sie in den letzten Tagen gesteckt? Wissen Sie eigentlich was in der Zwischenzeit alles passiert ist? Dank ihrer großartigen Aktion haben wir einige Dutzend guter Milizionäre verloren zusammen mit zwei Lanzen Panzer. Können Sie mir bitte sagen, wie ich das meinen Vorgesetzten erklären soll?“ Seine Stimme trieft vor Sarkasmus und Wut.
Ken klemmte den schweren Neurohelm unter den Arm und versteifte sich. „Bei allem Respekt, Sir, die Kompanie hat lediglich getan, was im Rahmen unserer SOP war. Wir haben verdächtige Kontakte verfolgt, um sie zu überprüfen.“ Die Entschuldigung kam lahm und nicht wirklich von Herzen, das wußte er.
„Standard Operating Procedure schreibt ebenfalls vor, daß immer zumindest eine Lanze als schnelle Reaktionseinheit in der Basis bleiben muß, für eben diesen Fall, daß mehrere Orte gleichzeitig angegriffen werden!“ beharrte der Colonel stur.
„Sehen wir es doch realistisch, Sir: Selbst wenn eine Lanze hiergeblieben wäre hätte sie keine Chance gehabt, auf beide Überfälle zu reagieren. Die beiden Orte sind viel zu weit voneinander entfernt, von der Lagerhalle oben auf der Hochebene ganz zu schweigen. Wir haben BME mehrmals auf die Gefahr hingewiesen, die Halle dort oben aufzubauen, aber sie wollten nicht hören. Jetzt haben sie die Quittung!“
„Ihre Einstellung gefällt mir nicht, Captain!“ sagte Lapellier schneidend. „Wir sind hier, um diese Menschen und Installationen zu schützen, egal, ob es uns in den Kram paßt oder nicht.“
„Verzeihung, Sir!“ Wo der Colonel Recht hatte, hatte er Recht. Auch wenn Ken in vielen Dingen mit dem planetaren Kommandeur der Miliz nicht einer Meinung war mußte er ihm diesen Punkt zugestehen.
„Prima Einstand, Captain. Sie sind gerade einmal eine Woche hier auf Boondock und schon haben wir die halbe Bevölkerung des Planeten gegen uns, dank ihrer Unfähigkeit, auf einen simplen Piratenüberfall akkurat zu reagieren. Als Captain Delalui und ihre Kompanie noch hier waren herrschten Ruhe und Frieden, und Banditen hätten es niemals gewagt, so eine Aktion durchzuziehen. Wie, denken Sie, macht sich diese Tatsache wohl in Ihrer Dienstakte, Captain?“
Ken mußte sich zusammenreißen, um nicht auszurasten. „Nicht besonders gut, vermute ich!“ antwortete er mit erzwungener Ruhe. „Aber ich bitte den Colonel zu bedenken, daß meine Kompanie auf strikten Befehl der Basis gehandelt hat. Ich bin sicher, eine Überprüfung der Übertragungsprotokolle wird den Befehl der Basis bestätigen, der uns tiefer in die Berge schickte, um die Kontakte weiter zu verfolgen.“ Er holte einen Speicherkristall aus einer der angesteppten Taschen seiner Kühlweste hervor und ließ ihn spielerisch durch die Finger gleiten, ehe er ihn wieder zurücksteckte. „Das war, wenn ich mich recht entsinne, nur ein paar Stunden vor dem Überfall auf Frostbite, auf welchen die Kompanie hätte reagieren können, weil sie sich zu dem Zeitpunkt auf dem Rückmarsch zur Basis in der Gegend aufgehalten hätte.“
Lapelliers Gesicht lief rot an. Er trat einen Schritt vor und starrte Ken feindselig an. „Was soll das, Captain? Versuchen Sie, mich hier zu erpressen? Ich könnte Sie auf der Stelle verhaften und einsperren lassen dafür!“
„Verzeihung Sir, aber mir liegt nichts ferner als das, glauben Sie mir.“ entgegnete Ken laut und starrte an dem Mann vorbei auf einen imaginären Punkt irgendwo im weiten Hangar. „Ich bin nur der Überzeugung, daß sich ein glaubwürdiger Grund für das Versagen der Mechkompanie finden wird, einer, der alle Seiten zufriedenstellen wird. Die Mechkompanie wird hart daran arbeiten, eine solche Performance wie während der vergangenen Operation nicht zu wiederholen, das verspreche ich, Sir!“ Er sagte nicht, daß er der Überzeugung war, in eine sorgfältig vorbereitete Falle gelaufen zu sein. Seit zwei Tagen hatte er über die Tatsache gegrübelt, daß die Banditen so koordiniert angegriffen hatten und offensichtlich zu jedem Zeitpunkt genau über den Aufenthaltsort der Mechkompanie Bescheid wußten. Selbst Peterson gab ihm Recht, etwas, was der Lieutenant sonst nie tat. Offensichtlich wurmte es den Lieutenant gewaltig, auf so eine Art in die negativen Schlagzeilen zu geraten. Er und Ken hatten stillschweigend einen Waffenstillstand geschlossen, bis die Umstände dieser katastrophalen Operation restlos aufgeklärt waren.
„Wird sie das? Also gut, ich bin gewillt, Ihnen in dem Punkt eine weitere Chance zu geben, Captain Shepherd!“ sagte der Colonel mit leiser, aber immer noch drohender Stimme. „Zumal wir offensichtlich auf turbulente Zeiten zugehen, was Boondock angeht. Herzogin Denardi scheint uns Ärger machen zu wollen! Wir müssen auf der Hut sein, Captain!“
„Wie das? Ich dachte die Herzogin...“
„Überlassen Sie das Denken Leuten wie General Hannah oder mir, Shepherd. Sie führen die Befehle aus, die wir Ihnen erteilen. Herzogin Denardi hat gestern bekanntgegeben, daß sie auf die anhaltende Banditenbedrohung reagieren würde. Heute haben wir erfahren, daß sie eine Söldnertruppe anheuern will. Angeblich die BattleRats, deren Vertrag mit Herzog Guptajee auf Bassfield am Ende dieses Monats ausläuft.“
Ken hörte interessiert zu. „Söldner? Hmm, warum denn das?“
„Das wissen wir nicht, allerdings könnte die unglaublich schlechte Performance Ihrer Truppe ihren Teil dazu beigetragen haben. Die BattleRats sind keine schlechte Truppe, die sich bei der Verteidigung der Eisenminen auf Bassfield gegen Piraten einen respektablen Ruf erworben haben. Angeblich wollten sie aber für eine Verlängerung ihres Vertrages dort eine ziemlich drastische Solderhöhung, welche Herzog Guptajee nicht gewillt ist zu zahlen.“
„Unsere gute Herzogin aber schon!“ fügte Ken hinzu. „Interessant!“
Lapellier blickte sich sorgfältig um und vergewisserte sich, daß niemand sonst in der Nähe war. „Intel meint, daß Herzogin Denardi mit der Anheuerung der Rats aber viel weitreichendere Pläne verfolgt.“ sagte er mit verschwörerischer Miene. „Wir sprechen hier über Hochverrat, Shepherd.“ Er runzelte angestrengt die Stirn.
„Nein!“ Kens Augen wurden kugelrund.
„Das bleibt aber erst einmal unter uns!“
„Absolut, Sir! Ich meine, ich kann kaum glauben, daß die Herzogin so weit gehen würde. Ich meine, all das Gerede hier in der PDZ über...“
„Genug!“ unterbrach Lapellier den Redeschwall des Captains. „Zu viele Ohren hier! Behalten Sie die Information vorerst für sich, Captain, aber halten Sie Ihre Kompanie in Bereitschaft. Wenn die Aufklärung mit weiteren Beweisen für den Verrat der Herzogin kommt werden wir eventuell schnell und hart reagieren müssen.“
„Verstehe, Sir. Ich werde tun, wie Sie befehlen. Meine Mechkompanie wird die verräterische Schlange wie eine lästige Fliege vom Antlitz dieses Planeten fegen, glauben Sie mir!“
Lapellier klopfte dem Captain jovial auf die Schulter. „Natürlich. Daran hatte ich auch nie einen Zweifel!“ Mit diesen Worten wandte er sich um und stiefelte davon, überzeugt, den Captain am Haken zu haben, so wie General Hannah es wünschte.
Ein bärenhaft aussehender Mann kam näher und sah dem Colonel nach. „Was wollte der denn?“
Ken schob sich einen Kaugummi in den Mund, um den faden Geschmack loszuwerden, und kaute genüßlich. „Glenn, wir sollten ein Bier trinken gehen! Jetzt!“
„Du bist ein Hellseher. Ich mag dich von Augenblick zu Augenblick immer besser, mein Freund!“

*

„Interessant, oder?“
Major Glenn Ricoh stützte seinen Kopf auf die Handfläche, während seine Augen über den Schirm des tragbaren Computers flogen. „Woher hast du diese Info?“
„Ich gehe niemals unvorbereitet auf eine Mission!“ antwortete Ken kryptisch. „Bevor ich bei der DMM unterschrieben habe hatte ich Gelegenheit, Zugriff auf diverse Dateien aus dem MercNet zu erhalten. Habe die Chance ergriffen. Natürlich haben mich Informationen, welche die Kilbourne PDZ angehen, besonders interessiert.“
Ricoh blickte von dem Schirm auf. „Ich hatte schon bei unserem ersten Treffen das Gefühl, daß mehr hinter der Fassade eines coolen Captains steckt. Die Frage ist nur, ob das ‚Mehr‘ mir gefallen wird oder nicht!“
Sie saßen in einer abgedunkelten Ecke der Bar, welche den wohlklingenden Namen THE HAPPY HOUR trug. Allerdings, wie so oft, waren Name und Realität weit voneinander entfernt. Die Bar war eine der heruntergekommensten Spelunken, in welche Ken je seinen Fuß gesetzt hatte. Allerdings konnten Ricoh und er sich hier relativ ungestört unterhalten. Der hünenhafte Ricoh flößte jedem Respekt ein, der sich den über zwei Meter großen Schrank näher ansah.
„Och, du wirst angenehm überrascht sein, nehme ich mal stark an!“ grinste Ken und prostete dem Infanteristen zu. Wenigstens war das Bier hier nicht halb so schlecht wie der Ruf der Kneipe. „Aber das hängt natürlich auch von deinen Neigungen ab!“
„He, ich mag die Richtung unserer Unterhaltung nicht!“
„Ich habe es rein politisch gemeint!“ wehrte Ken ab. „Du bist nicht von hier, oder?“
Ricoh schüttelte den Kopf. „Tsamma, Mark Crucis. Aber so wie ich dich einschätze weißt du das bestimmt schon. Habe meine gesamte Dienstzeit bei den Tsamma Lancers, oder 6. Crucis Lancers, gedient. Langhorne und Tikonov waren die Hölle, sage ich dir!“
„Habe ich auch gehört.“ nickte Ken. „Was hat dich hierher verschlagen?“
„Ist das jetzt ein Vorstellungsgespräch oder was? Ich wollte einfach ein wenig Ruhe haben nach all den Jahren unter konstanter Bedrohung durch capellanische Terroristen. Bin während meiner Zeit bei den Lancers in der Handhabung von Gefechtspanzern geschult worden und dachte, ich könnte hier draußen am Arsch des Universums damit was anfangen. Hannah hat mich beinahe geküßt, als ich meinen Antrag zum Eintritt in die Miliz bei ihm einreichte. Er brabbelte etwas von wichtigen Ereignissen, welche in der PDZ vor sich gehen und wie sehr meine Erfahrung der Miliz helfen würde. Ich habe ihm klipp und klar gesagt, wo meine Loyalität liegt. Ich meine, ich habe meinen Kopf nicht umsonst über zwanzig Jahre für Haus Davion hingehalten.“
„Verstehe! Und deine Leute?“
Der Infanterist musterte Ken aufmerksam und mit einer gewissen Skepsis. „Ich lege für jeden meiner Leute meine Hand ins Feuer, außer für diesen Schleimer Gonzales. Der ist mir von Hannah förmlich als Stellvertreter aufgedrängelt worden. Kein schlechter Soldat, versteh‘ mich nicht falsch, aber von Gefechtspanzern hat der Typ keinen blassen Schimmer.“
„Du meinst, Hannah hat ihn bei dir eingepflanzt?“
„Darauf kannst du Gift nehmen, Mann. Wie gesagt, ich habe nichts gegen ihn persönlich, aber er paßt einfach nicht in die Truppe. Den Rest habe ich selbst ausgesucht und verbürge mich für jeden einzelnen von ihnen.“
„Gut genug!“ Ken wies auf den Schirm des Computers. „Und was meinst du dazu?“
„Macht irgendwie keinen richtigen Sinn, wenn du mich fragst.“ antwortete Ricoh nach einer Weile angestrengten Nachdenkens. „Jemand sollte dringend mal mit der Dame reden, unbelauscht und sehr privat, verstehst du?“
„Hmm, denke schon.“ Ken lächelte breit. „Dazu bräuchte ich jemanden mit Fähigkeiten in Infiltration, oder? Jemanden, der in seiner Dienstzeit auch in Covert Ops geschult worden ist?“
Ricoh ließ sich nichts anmerken. „Irgendwie bin ich nicht überrascht, daß du das erwähnst, mein Freund. Und ja, genau so einen benötigst du!“ Er erwiderte das breite Lächeln und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas vor ihm.
Die Unterhaltung der beiden Krieger zog sich bis weit nach Mitternacht hin, und beide fanden das Ergebnis ihres nächtlichen Umtrunks äußerst zufriedenstellend. Allerdings blieben bei Ricoh noch einige Zweifel offen, was Ken Shepherd anging. Wer war der Mann? Welche Pläne verfolgte er? Er beschloß, sich näher mit der Vergangenheit des MechKriegers zu beschäftigen, dezent, wohlgemerkt. Allerdings zweifelte er daran, ob genügend Zeit dafür blieb. Die drohenden Gewitterwolken am Horizont über Boondock konnte selbst ein Blinder erkennen. Er würde sich wohl auf seinen gesunden Menschenverstand und das Training als SpecOp verlassen müssen.

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