Rover
25.09.2005, 15:26
Prolog
Kilbourne
Kilbourne PDZ, Draconis March, Vereinigte Sonnen
13 März 3068
Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah starrte aus dem Fenster seines Büros. Seine Gedanken und sein Gemüt waren in etwa so finster wie die schweren grauen Wolken, welche als Vorboten eines schweren Unwetters über Trent hingen, der Hauptstadt dieses gottverlassenen Planeten im absoluten Hinterhof der Vereinigten Sonnen. Funkverbindung zur Außenbasis in Hereford war bereits vor über einer Stunde abgebrochen, deutliches Zeichen der tobenden Naturgewalten, welche Kilbourne in regelmäßigen Abständen heimsuchten.
Aber nicht das nahende Unwetter war der Grund für die trüben Gedanken des älteren Offiziers. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Computerausdrucke mit Berichten über verstärkte Banditenaktivitäten in der PDZ. Und die letzten Nachrichten aus New Avalon waren auch alles andere als ermutigend. Der Planet unter Belagerung durch WoB? Gerüchte besagten, daß die Blakisten in der gesamten Inneren Sphäre eine Art heiligen Krieg begonnen hatten, aber Hannah konnte nicht so recht daran glauben. Schon gar nicht nach dem eben erst beendeten fürchterlichen Bürgerkrieg im ehemaligen Vereinigten Commonwealth, welcher Hannah den Posten des Kommandeurs der Kilbourne DMM erst verschafft hatte. Die ehemalige Kommandeurin, Generalleutnant Mariva Kelly hatte sich, sehr zu ihrem Ungunsten, im Bürgerkrieg auf die Seite von Katrina Steiner-Davion gestellt und mußte den Preis dafür zahlen, als zu Beginn des Krieges die elitären 1. Crucis Lancers den Planeten überfielen und für den entthronten Prinzen Victor eroberten. Sowohl Kelly als auch PDZ-Commander Marshal Lisa Talrude wurden gefangen und später durch ein Militärgericht verurteilt. Und Hannah wurde von Marshal Rand-Davion zum Kommandeur der Kilbourne DMM ernannt, entgegen seines Protestes.
Der Generalmajor war nie ein richtiger Feldkommandeur gewesen. Er hatte es irgendwie geschafft, seine gesamte Laufbahn hinter Schreibtischen zu verbringen, wenn man mal von den ersten sechs Jahren seiner Karriere absah, welche er als junger Offizier im Cockpit eines BattleMechs bei den 1. Robinson Rangers verbrachte. In dieser Zeit kamen seine wahren Talente als Organisator zutage, während seine offensichtliche Unfähigkeit als MechKrieger ebenso deutlich hervortrat. Nach Beendigung des Pflichtdienstes wurde er zu den Rückwärtigen Diensten versetzt, wo er bis vor wenigen Jahren Karriere machte, bis Marshal Rand-Davion auf die glorreiche Idee kam, ihn zu „befördern“, wohl in Ermangelung anderer geeigneter, oder vielleicht besser noch ungeeigneter Offiziere. Hannah hatte protestiert, aber der Marshal hatte den Protest abgelehnt. Inmitten des Krieges konnte der General nichts anderes tun als den Posten zähneknirschend zu akzeptieren, anstatt, wie der Marshal es ausdrückte, „in die Mündung eines Lasergewehres zu sehen“. Ah, Kriegsrecht war ein starkes Mittel, um Offiziere zum Gehorsam zu zwingen.
Hannah war zwar ungewollt zu diesem Posten gekommen, aber überraschenderweise hatte ihn die Aufgabe, aus der durch den blitzartigen Sieg der Lancers doch arg demoralisierten Truppe wieder eine halbwegs schlagkräftige Truppe zu formen, fasziniert. Natürlich hatte er alte Beziehungen spielen lassen müssen, um dringend benötigte Nachschublieferungen, die eigentlich für die Fronttruppen bestimmt waren, nach Kilbourne umzuleiten, aber dank seiner jahrelangen Arbeit in der Logistik und den dort geknüpften Verbindungen war es ihm gelungen, halbwegs vernünftige Mechs, Panzer und Jäger zu bekommen und die gelichteten Reihen der Miliz mit vielversprechen-den Absolventen der Kilbourne-Trainingsakademie aufzufüllen, so daß die Miliz heute besser dastand als je zuvor. Der Lohn seiner Arbeit war vor einigen Wochen eingetroffen, zusammen mit der Beförderung zum Generalmajor. Hannah hatte sich die Nachricht ausgedruckt und eingerahmt, in welcher das Oberkommando den Erfahrungsgrad der Kilbourne DMM zu „regulär“ aufgestuft hatte. Sie hing direkt hinter ihm an der Wand.
Natürlich hatte das Ende des Bürgerkrieges seinen Teil dazu beigetragen. Viele erfahrene MechKrieger waren aus dem aktiven Dienst ausgetreten, dramatisch traumatisiert durch die bitteren Kämpfe. Sie entschieden sich, auf ihre Heimatplaneten zurückzukehren. Aber ganz wollten sie den Dienst auch nicht quittieren, und viele betrachteten es als ihre patriotische Pflicht, ihrer Heimat weiter zu dienen. Wenn schon nicht in den Fronttruppen der Vereinigten Sonnen dann wenigstens in den Milizen ihrer Heimatwelten. Andere quittierten den Dienst im regularen Militär aus Gewissensgründen oder weil sie im Krieg auf der anderen Seite gefochten hatten. Aber alle diese Krieger waren kampferfahrene Veteranen, und Hannah hatte überhaupt keine Probleme damit, die Reihen seiner Miliz mit ihnen zu füllen. Er bevorzugte die ehemaligen Anhänger Katrinas, da sie sich seiner Meinung nach bes-ser in seine Pläne einpassen würden. Und Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah hatte weitreichende Pläne, was die Kilbourne DMM anging. Der unterschwellige Glaubenskrieg auf den Planeten Kentwood und Hivrannee nur wenige Sprünge entfernt spielte dabei eine wichtige Rolle.
Sorgen machte sich der General allerdings wegen seiner sogenannten Verbündeten. In den letzten Jahren hatte er enge Beziehungen zu den lokalen Adligen aufgebaut und – vorsichtig – deren politische Meinung ausgelotet. Die meisten von ihnen gaben nicht viel auf die Zentralmacht und waren mehr damit beschäftigt, ihre eigenen kleinen Königreiche hier in den Außenwelten aufzubauen und zu sichern. Unabhängigkeitsgedanken waren seit langer Zeit ein Privileg der Planeten nahe der Peripherie. Aber bisher waren es eben nur laut geäußerte Gedanken. Bisher.
Hannah hatte andere Pläne. Die Kilbourne-PDZ war relativ reich an kostbaren Bodenschätzen. Eine Unabhängigkeit von der Zentralmacht auf New Avalon würde einem jungen neuen Staat enorm viel Profit einbringen, wenn die Bodenschätze gewinnbringend verkauft werden konnten. Bisher wurden sie einfach nur verschifft, um dem mächtigen Davion-Militärapparat die notwendigen Erze und Mineralien zukommen zu lassen, welche dieser zum Unterhalt seiner Armeen benö-tigte. Die Planeten selbst profitierten nur sehr gering von ihren Reichtümern. Wenn es nach Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah, ging, würde sich das sehr bald ändern. Die meisten der Adligen auf den umliegenden Welten hatten bereits ihre Zustimmung zu seinen vorsichtig vorgetragenen Plänen signalisiert. Er wußte, daß er die Unterstützung des Adels benötigte, um seine Ziele zu erreichen. Und ausgerechnet jetzt mußt einer seiner wichtigsten Helfer unvorhergesehen ins Gras beißen! Verdammt! Hannah ballte wütend die Fäuste.
Herzog Maximilian Denardi war der Herrscher über den Eisplaneten Boondock, dem Hauptproduzenten und –lieferanten von Gold an die Zentralmacht auf New Avalon. Über vierzig Prozent des gesamten Goldaufkommens der Vereinigten Sonnen kamen von dort. Der Planet lag nur einen Sprung von Kilbourne entfernt. Seine reichen Goldvorräte machten Boondock zu einem bevorzugten Ziel von Piratenüberfällen, weshalb die Miliz dort permanent eine Kompanie Mechs statio-niert hatte, verstärkt durch ein volles Bataillon Panzer und eines der fünf Infanterieregimenter der gesamten Miliz. Die Häufigkeit der Überfälle war den dort statíonierten Milizverbänden insofern dienlich, weil das beste Material der Miliz normalerweise an die kämpfenden Truppenteile gingen, und die Boondock-Einheiten waren beinahe permanent im Einsatz. Vor gerade einer Woche hatte Generalmajor Hannah die Kompanie von Captain Ken Shepherd nach Boondock versetzt, die beste Mechkompanie der Miliz, in dem festen Glauben, daß keinerlei Schwierigkeiten von dort kommen würden. Das änderte sich jetzt.
Herzog Denardi war nur einen Tag vor Shepherds Ankunft auf Boondock einem Herzinfarkt erlegen gewesen. Der Mann, machtbesessen und skrupellos, war nicht einmal fünfzig Jahre alt geworden. Der Herzog hatte zwei Töchter und einen Sohn gehabt, allerdings war der Sohn und designierte Thronfolger im Bürgerkrieg auf der Seite der Katrina-Loyalisten gefallen. Die älteste Tochter Tayla, die nun den Titel und die Würde einer Herzogin übernahm, war ebenfalls eine ausgebildete MechKriegerin, hatte allerdings für Prinz Victor gekämpft und war bekannt für ihre absolute Loyalität dem Haus Davion gegenüber. Diese Loyalität hatte sie auch ihrem Vater entfremdet, und die schwelende Fehde zwischen Maximilian Denardi und seiner Tochter Tayla war allgemein bekannt. Die jüngere Tochter, Tanya, war gerade erst vor einem halben Jahr von der Kilbourne-Akademie graduiert und hatte sich bisher aus der Politik des Hauses Denardi herausgehalten.
Boondock war für die Pläne von General Hannah lebenswichtig. Er konnte nicht zulassen, daß sein Lebenstraum durch diese fanatisch ergebene Davionistin zerstört wurde. Entweder sie würde in die Fußstapfen ihres Vaters treten und entsprechend belohnt werden, oder die Konsequenzen ihres Handelns würden katastrophal für ihre Gesundheit werden. Die Pläne waren bereits zu weit gediegen und ihre Ausführung zu weit fortgeschritten, um jetzt einen Rückzieher zu machen oder wenigstens die Pläne auf Eis zu legen, bis eine zufriedenstellende Lösung gefunden war. Nein, Tayla Denardi war eine Gefahr. Wenn sie von den Plänen Wind bekam, war Hannah geliefert. Er mußte handeln. Jetzt!
Allerdings war da noch ein kleines Problem – oder besser gesagt, mehrere kleine Probleme. Der Zufall hatte es gewollt, daß ausgerechnet in diesem kritischen Moment die Teile des Puzzles nicht mehr zusammenpaßten. Captain Ken Shepherd war einer der unbekannten Faktoren, über die Hannah sich Sorgen machen mußte. Die Akte Shepherds war tadellos und wies ihn als absolut fähigen Kommandeur und Krieger aus. Geboren und aufgewachsen auf Delos IV als Sohn des dortigen Milizkommandanten hatte er dank dem Einfluß seines Vaters die Gelegenheit erhalten, im berühmten NAIW auf New Avalon zu studieren. Als vielversprechender Lieutenant diente er kurz vor Ausbruch des Krieges bei den Davion Assault Guards, nachdem er eine Tour beim 3. NAIW-Kader absolviert hatte. Die Loyalität der Guards zu Prinz Victor war für den jungen Offizier von einer Welt nahe der Peripherie allerdings nicht tragbar. Er quittierte den Dienst und schloß sich einer kleinen unabhängigen Söldnerkompanie an, welche im Krieg auf der Seite der Archon-Prinzessin kämpfte. Die Akte wies einige Lücken auf, wo genau die Söldnereinheit im Krieg eingesetzt war und was sie genau getan hatte, aber der Kommandeur der Einheit, ein gewisser Major Stan Copper, hatte Ken Shepherd ein einwandfreies Zeugnis ausgestellt. Hannah hatte den erfahrenen Offizier natürlich sofort eingestellt, als dieser vor etwa sechs Monaten den Antrag zur Aufnahme in die Miliz gestellt hatte. Shepherd hatte sich des Vertrauens bisher als würdig erwiesen. Die ihm anvertraute Kompanie galt als Vorzeigeeinheit des gesamten Mechregiments, was ihre Fähigkeiten als Krieger anging. Da Hannah aber niemals etwas dem Zufall überließ – jedenfalls hatte er das bisher geglaubt – hatte er dem Captain einen Spion unterge-schoben, der dem General persönlich ergeben war. Es war Zeit, die Loyalität des guten Captain ein für allemal zu testen.
Der General verzog sein finsteres Gesicht zu einer Grimasse. Er beendete die Eingabe auf seinem Terminal und speicherte die Befehle ab. Heute abend noch würden diese Befehle über Com-Star mit Alpha-Priorität Kilbourne verlassen und ihre Empfänger in spätestens vierundzwanzig Stunden erreichen.
*****
Kilbourne
Kilbourne PDZ, Draconis March, Vereinigte Sonnen
13 März 3068
Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah starrte aus dem Fenster seines Büros. Seine Gedanken und sein Gemüt waren in etwa so finster wie die schweren grauen Wolken, welche als Vorboten eines schweren Unwetters über Trent hingen, der Hauptstadt dieses gottverlassenen Planeten im absoluten Hinterhof der Vereinigten Sonnen. Funkverbindung zur Außenbasis in Hereford war bereits vor über einer Stunde abgebrochen, deutliches Zeichen der tobenden Naturgewalten, welche Kilbourne in regelmäßigen Abständen heimsuchten.
Aber nicht das nahende Unwetter war der Grund für die trüben Gedanken des älteren Offiziers. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Computerausdrucke mit Berichten über verstärkte Banditenaktivitäten in der PDZ. Und die letzten Nachrichten aus New Avalon waren auch alles andere als ermutigend. Der Planet unter Belagerung durch WoB? Gerüchte besagten, daß die Blakisten in der gesamten Inneren Sphäre eine Art heiligen Krieg begonnen hatten, aber Hannah konnte nicht so recht daran glauben. Schon gar nicht nach dem eben erst beendeten fürchterlichen Bürgerkrieg im ehemaligen Vereinigten Commonwealth, welcher Hannah den Posten des Kommandeurs der Kilbourne DMM erst verschafft hatte. Die ehemalige Kommandeurin, Generalleutnant Mariva Kelly hatte sich, sehr zu ihrem Ungunsten, im Bürgerkrieg auf die Seite von Katrina Steiner-Davion gestellt und mußte den Preis dafür zahlen, als zu Beginn des Krieges die elitären 1. Crucis Lancers den Planeten überfielen und für den entthronten Prinzen Victor eroberten. Sowohl Kelly als auch PDZ-Commander Marshal Lisa Talrude wurden gefangen und später durch ein Militärgericht verurteilt. Und Hannah wurde von Marshal Rand-Davion zum Kommandeur der Kilbourne DMM ernannt, entgegen seines Protestes.
Der Generalmajor war nie ein richtiger Feldkommandeur gewesen. Er hatte es irgendwie geschafft, seine gesamte Laufbahn hinter Schreibtischen zu verbringen, wenn man mal von den ersten sechs Jahren seiner Karriere absah, welche er als junger Offizier im Cockpit eines BattleMechs bei den 1. Robinson Rangers verbrachte. In dieser Zeit kamen seine wahren Talente als Organisator zutage, während seine offensichtliche Unfähigkeit als MechKrieger ebenso deutlich hervortrat. Nach Beendigung des Pflichtdienstes wurde er zu den Rückwärtigen Diensten versetzt, wo er bis vor wenigen Jahren Karriere machte, bis Marshal Rand-Davion auf die glorreiche Idee kam, ihn zu „befördern“, wohl in Ermangelung anderer geeigneter, oder vielleicht besser noch ungeeigneter Offiziere. Hannah hatte protestiert, aber der Marshal hatte den Protest abgelehnt. Inmitten des Krieges konnte der General nichts anderes tun als den Posten zähneknirschend zu akzeptieren, anstatt, wie der Marshal es ausdrückte, „in die Mündung eines Lasergewehres zu sehen“. Ah, Kriegsrecht war ein starkes Mittel, um Offiziere zum Gehorsam zu zwingen.
Hannah war zwar ungewollt zu diesem Posten gekommen, aber überraschenderweise hatte ihn die Aufgabe, aus der durch den blitzartigen Sieg der Lancers doch arg demoralisierten Truppe wieder eine halbwegs schlagkräftige Truppe zu formen, fasziniert. Natürlich hatte er alte Beziehungen spielen lassen müssen, um dringend benötigte Nachschublieferungen, die eigentlich für die Fronttruppen bestimmt waren, nach Kilbourne umzuleiten, aber dank seiner jahrelangen Arbeit in der Logistik und den dort geknüpften Verbindungen war es ihm gelungen, halbwegs vernünftige Mechs, Panzer und Jäger zu bekommen und die gelichteten Reihen der Miliz mit vielversprechen-den Absolventen der Kilbourne-Trainingsakademie aufzufüllen, so daß die Miliz heute besser dastand als je zuvor. Der Lohn seiner Arbeit war vor einigen Wochen eingetroffen, zusammen mit der Beförderung zum Generalmajor. Hannah hatte sich die Nachricht ausgedruckt und eingerahmt, in welcher das Oberkommando den Erfahrungsgrad der Kilbourne DMM zu „regulär“ aufgestuft hatte. Sie hing direkt hinter ihm an der Wand.
Natürlich hatte das Ende des Bürgerkrieges seinen Teil dazu beigetragen. Viele erfahrene MechKrieger waren aus dem aktiven Dienst ausgetreten, dramatisch traumatisiert durch die bitteren Kämpfe. Sie entschieden sich, auf ihre Heimatplaneten zurückzukehren. Aber ganz wollten sie den Dienst auch nicht quittieren, und viele betrachteten es als ihre patriotische Pflicht, ihrer Heimat weiter zu dienen. Wenn schon nicht in den Fronttruppen der Vereinigten Sonnen dann wenigstens in den Milizen ihrer Heimatwelten. Andere quittierten den Dienst im regularen Militär aus Gewissensgründen oder weil sie im Krieg auf der anderen Seite gefochten hatten. Aber alle diese Krieger waren kampferfahrene Veteranen, und Hannah hatte überhaupt keine Probleme damit, die Reihen seiner Miliz mit ihnen zu füllen. Er bevorzugte die ehemaligen Anhänger Katrinas, da sie sich seiner Meinung nach bes-ser in seine Pläne einpassen würden. Und Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah hatte weitreichende Pläne, was die Kilbourne DMM anging. Der unterschwellige Glaubenskrieg auf den Planeten Kentwood und Hivrannee nur wenige Sprünge entfernt spielte dabei eine wichtige Rolle.
Sorgen machte sich der General allerdings wegen seiner sogenannten Verbündeten. In den letzten Jahren hatte er enge Beziehungen zu den lokalen Adligen aufgebaut und – vorsichtig – deren politische Meinung ausgelotet. Die meisten von ihnen gaben nicht viel auf die Zentralmacht und waren mehr damit beschäftigt, ihre eigenen kleinen Königreiche hier in den Außenwelten aufzubauen und zu sichern. Unabhängigkeitsgedanken waren seit langer Zeit ein Privileg der Planeten nahe der Peripherie. Aber bisher waren es eben nur laut geäußerte Gedanken. Bisher.
Hannah hatte andere Pläne. Die Kilbourne-PDZ war relativ reich an kostbaren Bodenschätzen. Eine Unabhängigkeit von der Zentralmacht auf New Avalon würde einem jungen neuen Staat enorm viel Profit einbringen, wenn die Bodenschätze gewinnbringend verkauft werden konnten. Bisher wurden sie einfach nur verschifft, um dem mächtigen Davion-Militärapparat die notwendigen Erze und Mineralien zukommen zu lassen, welche dieser zum Unterhalt seiner Armeen benö-tigte. Die Planeten selbst profitierten nur sehr gering von ihren Reichtümern. Wenn es nach Generalmajor Edgar Jeremiah Hannah, ging, würde sich das sehr bald ändern. Die meisten der Adligen auf den umliegenden Welten hatten bereits ihre Zustimmung zu seinen vorsichtig vorgetragenen Plänen signalisiert. Er wußte, daß er die Unterstützung des Adels benötigte, um seine Ziele zu erreichen. Und ausgerechnet jetzt mußt einer seiner wichtigsten Helfer unvorhergesehen ins Gras beißen! Verdammt! Hannah ballte wütend die Fäuste.
Herzog Maximilian Denardi war der Herrscher über den Eisplaneten Boondock, dem Hauptproduzenten und –lieferanten von Gold an die Zentralmacht auf New Avalon. Über vierzig Prozent des gesamten Goldaufkommens der Vereinigten Sonnen kamen von dort. Der Planet lag nur einen Sprung von Kilbourne entfernt. Seine reichen Goldvorräte machten Boondock zu einem bevorzugten Ziel von Piratenüberfällen, weshalb die Miliz dort permanent eine Kompanie Mechs statio-niert hatte, verstärkt durch ein volles Bataillon Panzer und eines der fünf Infanterieregimenter der gesamten Miliz. Die Häufigkeit der Überfälle war den dort statíonierten Milizverbänden insofern dienlich, weil das beste Material der Miliz normalerweise an die kämpfenden Truppenteile gingen, und die Boondock-Einheiten waren beinahe permanent im Einsatz. Vor gerade einer Woche hatte Generalmajor Hannah die Kompanie von Captain Ken Shepherd nach Boondock versetzt, die beste Mechkompanie der Miliz, in dem festen Glauben, daß keinerlei Schwierigkeiten von dort kommen würden. Das änderte sich jetzt.
Herzog Denardi war nur einen Tag vor Shepherds Ankunft auf Boondock einem Herzinfarkt erlegen gewesen. Der Mann, machtbesessen und skrupellos, war nicht einmal fünfzig Jahre alt geworden. Der Herzog hatte zwei Töchter und einen Sohn gehabt, allerdings war der Sohn und designierte Thronfolger im Bürgerkrieg auf der Seite der Katrina-Loyalisten gefallen. Die älteste Tochter Tayla, die nun den Titel und die Würde einer Herzogin übernahm, war ebenfalls eine ausgebildete MechKriegerin, hatte allerdings für Prinz Victor gekämpft und war bekannt für ihre absolute Loyalität dem Haus Davion gegenüber. Diese Loyalität hatte sie auch ihrem Vater entfremdet, und die schwelende Fehde zwischen Maximilian Denardi und seiner Tochter Tayla war allgemein bekannt. Die jüngere Tochter, Tanya, war gerade erst vor einem halben Jahr von der Kilbourne-Akademie graduiert und hatte sich bisher aus der Politik des Hauses Denardi herausgehalten.
Boondock war für die Pläne von General Hannah lebenswichtig. Er konnte nicht zulassen, daß sein Lebenstraum durch diese fanatisch ergebene Davionistin zerstört wurde. Entweder sie würde in die Fußstapfen ihres Vaters treten und entsprechend belohnt werden, oder die Konsequenzen ihres Handelns würden katastrophal für ihre Gesundheit werden. Die Pläne waren bereits zu weit gediegen und ihre Ausführung zu weit fortgeschritten, um jetzt einen Rückzieher zu machen oder wenigstens die Pläne auf Eis zu legen, bis eine zufriedenstellende Lösung gefunden war. Nein, Tayla Denardi war eine Gefahr. Wenn sie von den Plänen Wind bekam, war Hannah geliefert. Er mußte handeln. Jetzt!
Allerdings war da noch ein kleines Problem – oder besser gesagt, mehrere kleine Probleme. Der Zufall hatte es gewollt, daß ausgerechnet in diesem kritischen Moment die Teile des Puzzles nicht mehr zusammenpaßten. Captain Ken Shepherd war einer der unbekannten Faktoren, über die Hannah sich Sorgen machen mußte. Die Akte Shepherds war tadellos und wies ihn als absolut fähigen Kommandeur und Krieger aus. Geboren und aufgewachsen auf Delos IV als Sohn des dortigen Milizkommandanten hatte er dank dem Einfluß seines Vaters die Gelegenheit erhalten, im berühmten NAIW auf New Avalon zu studieren. Als vielversprechender Lieutenant diente er kurz vor Ausbruch des Krieges bei den Davion Assault Guards, nachdem er eine Tour beim 3. NAIW-Kader absolviert hatte. Die Loyalität der Guards zu Prinz Victor war für den jungen Offizier von einer Welt nahe der Peripherie allerdings nicht tragbar. Er quittierte den Dienst und schloß sich einer kleinen unabhängigen Söldnerkompanie an, welche im Krieg auf der Seite der Archon-Prinzessin kämpfte. Die Akte wies einige Lücken auf, wo genau die Söldnereinheit im Krieg eingesetzt war und was sie genau getan hatte, aber der Kommandeur der Einheit, ein gewisser Major Stan Copper, hatte Ken Shepherd ein einwandfreies Zeugnis ausgestellt. Hannah hatte den erfahrenen Offizier natürlich sofort eingestellt, als dieser vor etwa sechs Monaten den Antrag zur Aufnahme in die Miliz gestellt hatte. Shepherd hatte sich des Vertrauens bisher als würdig erwiesen. Die ihm anvertraute Kompanie galt als Vorzeigeeinheit des gesamten Mechregiments, was ihre Fähigkeiten als Krieger anging. Da Hannah aber niemals etwas dem Zufall überließ – jedenfalls hatte er das bisher geglaubt – hatte er dem Captain einen Spion unterge-schoben, der dem General persönlich ergeben war. Es war Zeit, die Loyalität des guten Captain ein für allemal zu testen.
Der General verzog sein finsteres Gesicht zu einer Grimasse. Er beendete die Eingabe auf seinem Terminal und speicherte die Befehle ab. Heute abend noch würden diese Befehle über Com-Star mit Alpha-Priorität Kilbourne verlassen und ihre Empfänger in spätestens vierundzwanzig Stunden erreichen.
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