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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Blakes Djihad - Angry Eagles


Ace Kaiser
11.04.2004, 18:10
Prolog

Ein Lächeln glitt über meine Lippen, als ich die Holobotschaft betrachtete. Zum wievielten Mal schon? Zum hundertsten? Ich wußte es nicht. Aber ich wußte, daß ich sie immer sah, wenn meine Arbeit mir einen Funken Zeit ließ.
Meine Frau Jean hatte sie mir nach Skye hinterhergeschickt. Gott, wußte Jean, was diese Aufnahme mir bedeutete?
Die GREYHOUND II machte sich bereit zum Sprung nach Outreach. Neben uns hing die GLADOR im All und meldete letzte Bereitschaft. Ein Signal ging durch die Sprungschiffe und die angedockten Landungsschiffe. Auch durch den Overlord CALIBRA, meinem Flaggschiff. Noch fünf Minuten bis zum Sprung. Das bedeutete Freizeit für mich.

Das Holo aktivierte sich und zeigte die hübsche junge Frau mit den kastanienroten Haaren, in die ich mich verliebt hatte. „Hallo, Ace“, sagte sie und lächelte. Alleine für dieses Lächeln wäre ich den ganzen Weg zurück nach Towne gelaufen, wenn es sich ergeben hätte.
„Hier in Cimmerien ist einiges passiert, seit du mit den Eagles von Alexandria aufgebrochen bist. Ich dachte immer, meine Kompanie zusammenzuhalten wäre anstrengend“ - sie verdrehte die Augen in komischer Verzweiflung – „aber diese beiden Banditen unter Kontrolle zu halten ist um einiges schlimmer.“ Sie seufzte laut. „Was hast du mir nur angetan, du alter Pirat?“
Sie beugte sich vor. Als sie wieder ins Blickfeld der Kamera kam, hatte sie zwei Kleinkinder auf dem Schoß. „Schaut mal, wenn ihr in diese Kamera sprecht, dann kann Dad euch in zwei Wochen sehen.“
Der Junge war zwei Jahre und sieben Tage alt. Ich hatte seinen Geburtstag verpasst. Aus großen Augen starrte er in die Kamera und fragte: „Wo ist Daddy? Kommt er nicht wieder?“
„Dummkopf!“, sagte das kleine Mädchen und knuffte ihrem jüngeren Bruder gegen den Arm. „Dad ist weit, weit weg mit Onkel Chad und den anderen und hilft den anderen Kindern, denen es nicht so gut geht, David.“ Sie warf ihrer Mutter einen großen traurigen Blick zu. „Isdochso?“
„Ja, Rebecca, du hast Recht. Dad fliegt mit den anderen Eagles nach Outreach. Dort wird er einen Vertrag mit einem fernen Planeten machen und den Menschen dort helfen. Und wenn der Vertrag abgeschlossen ist, fliegen wir dort hin und sehen Dad.“
„Wir sehen Daddy“, jubelte Rebecca. David bekam feuchte Augen. „Warum kann ich Daddy nicht sofort sehen?“
Jean gab ihrem Sohn einen Kuß auf die Stirn. „Jetzt nicht, aber bald.“
Sie sah in die Kamera. „Abgesehen davon daß die Kleinen dich vermissen, hat sich nichts verändert. Sobald der Kontrakt steht, kommen wir zu euch, Ace. Also sieh zu, daß du einen Planeten erwischst, der in der Nähe liegt. Kittery, Kathil, etwas in der Art.“ Sie sah zu Boden, wenn auch nur für einen Moment. „Ich schätze, die Schäden des Bürgerkrieges sind weit schlimmer als wir alle erwartet haben. Vielleicht hätten wir uns nicht so lange raushalten dürfen. Aber vielleicht nützen wir als funktionierende Einheit mehr, indem wir beim Aufbau helfen.
Ich habe übrigens Nachricht von Alex Streb erhalten. Er verlegt die Bulls demnächst auch nach Towne, um seiner Einheit Ruhe von den letzten Kämpfen mit den Katrina-Loyalisten zu gönnen. Damit dürfte unsere neue Basiswelt bis auf weiteres die bestgeschützte Welt des Sektors sein. Wir...“
Der Sprungalarm gellte durch das Schiff. Mit einem Tastendruck unterbrach ich die Aufzeichnung. Bedauernd strich ich über Jeans wehmütig lächelndes Gesicht. Dann hielt ich mich an den Lehnen meines Stuhls fest.
Als der Sprung erfolgte, hatte ich das Gefühl, der Inhalt meines eigenen Magens zu sein. Kurz nachdem und kurz bevor er im Magen war. Ich hasste es zu springen.
Wie lange ein Sprung dauert, ist ein subjektiver Eindruck. Manche Menschen schwören Stein und Bein, sie würden während eines Sprungs Stunden im Zustand „Dazwischen“ verbringen. Andere wiederum meinten, er wäre vorbei, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte.
Alles, was ich darüber wußte, war, daß dieses Beben und Grollen überhaupt nicht zu den normalen Erscheinungen eines Sprungs gehörte. Ebenso wenig das Flackern der Beleuchtung.

Ich hieb auf den KommSchalter in meinem Schreibtisch. „Kaiser hier. Was liegt an, Charlie?“
Kapitän Marquard meldete sich sofort. Er war kreidebleich, während er sprach. Im Hintergrund der Zentrale der GREYHOUND raunten die Offiziere. Ein Mann brach zusammen. „Ace, geh am Besten sofort auf die Brücke der CALIBRA!“
Sofort schnallte ich mich los. „Bin unterwegs. Gib Alarm, Charlie.“
Der Mann nickte schwer, trennte die Verbindung. Kurz darauf erscholl Gefechtsalarm und rief alle Mann auf die Stationen. Sehnsüchtig glitt mein Blick über das angehaltene Holo meiner Familie.
Ein kurzer Stoß mit den Füßen, und ich segelte über den Schreibtisch Richtung Tür. Im Flur angekommen zog ich mich von Halteschlaufe zu Halteschlaufe. Somit erreichte ich eine beachtliche Geschwindigkeit. Auf jeden Fall ging es bedeutend schneller als mit den Magnetsohlen.

Als ich in die Zentrale der CALIBRA einschwebte, wandte sich Kapitän Xavier zu mir um. „Ace, das glaubst du nicht. Und verstehen kannst du es wahrscheinlich auch nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich tu’ s ja nicht mal.“
Anton Xavier deutete stumm auf den Holotank in der Zentralemitte. Unsere beiden vollbesetzten Invasorsprungschiffe waren im Zentrum durch zwei Eagle-Mons gekennzeichnet. Einige Dutzend Kontakte füllten den Zenitsprungpunkt von Outreachs Stern. Aber nur ein Kontakt war relativ nahe bei unseren Einheiten und strebte relativ schnell fort. Ein Kamerafenster war neben dem Kontakt aufgepoppt und zeigte die amputierten Reste eines Raumschiffs.
„Was ist passiert?“ Ich schwebte zu einem Notsitz, schnappte mir ein KommSet und schnallte mich an.
„Tja, sieht so aus, als wäre dieser Kahn mit einem Affenzahn quer durch den Zenitsprungpunkt gejagt. Du siehst ja, was seine Reste für eine Geschwindigkeit drauf haben. Dadurch waren sie nicht in der Lage, unseren Infrarotschatten auszuweichen, als sie kurz vor dem Sprung hierher projiziert wurden. Vielleicht haben sie es noch versucht, aber der größte Teil des Schiffes wurde regelrecht zermahlen, als wir hier ankamen.“
„Rotalarm für alle Schiffe. Wenn das ein Dragonerschiff war, könnten wir mächtig Ärger kriegen.
Alarm für Luft/Raumjäger. Ausschleusen und Verteidigungskordon um Landungsschiffe bilden. Für Noteinschleusung in der Nähe halten.
Befehl an GREYHOUND und GLADOR. Bereithalten für zweiten Sprung.
Achtung, KommZentrale, versuchen Sie, in den Überresten des Wracks jemanden zu erreichen. Versuchen Sie zugleich, Outreach zu kriegen und sagen Sie denen, wir wären über diesen Unfall entsetzt und tiefbetrübt.“
„Transponderdaten der anderen Ortungen kommen rein“, meldete der Funk. „Vereinzelte Signaturen der Dragoner, verschiedene Regimenter. Vielleicht fünf Landungsschiffe.
Dazu einzelne Signaturen, die verschiedenen Söldnereinheiten angehören. Blauer Sturm, Zwölfbund, Waco Ranger, Shepards Panzer.
Dazu Signaturen von dreiundzwanzig Luft/Raumjägern aller Klassen und verschiedener Einheiten.“
„ACHTUNG!“ gellte ein Ruf in meinen Ohren: „Jäger drehen bei! Ich wiederhole, Jäger drehen bei!“
„Scheiße“, murmelte jemand. Wie Recht er doch hatte.
„Abwarten“, befahl ich leise. „Wir schießen nicht zuerst.“
„Computer identifiziert Schiffswrack als Fregatte.“
„Auch das noch.“ Xavier warf mir einen verzweifelten Blick zu. Während des Bürgerkrieges waren eine Menge Kriegsschiffe zerstört worden. Mit diesem Unfall hätten wir uns normalerweise schon keine Freunde gemacht. In dieser Situation aber schon gar nicht.
„Transponder?“ fragte ich leise.
„Negativ, Sir. Computerberechnungen gehen davon aus, daß die Fregatte bei ihrer Zerstörung abrupt um dreißig Prozent abgebremst wurde. Die ganze Feinelektronik an Bord muß zumindest in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Wenn dort noch jemand lebt – falls noch jemand lebt, wird er das Wrack verlassen wollen, aber bestimmt nicht die Transponder herrichten.“
„Kontaktieren Sie die anderen Landungsschiffe und Luft/Raumjäger im Sektor. Wie lange noch, bis Antwort von Outreach zu erwarten ist?“
„Dreißig Minuten, Sir.“

Ich fluchte innerlich. Ich hatte zwar dreiundvierzig Jäger da draußen, zudem die Feuerkraft der Landungsschiffe und war außerdem zum Sprung bereit. Aber konnten wir das nicht alles aufklären? Mussten wir noch mehr Leben auslöschen?“
„Keine Antwort von den Jägern. Keine Antwort von den Landungsschiffen.“
Ich blickte resignierend zu Boden. Eine Antwort von der Hauptwelt hätte sie sicherlich gezügelt. Ein Blick auf das Holo offenbarte mir, daß ich die Chance auf eine schnelle Flucht vertan hatte. Zumindest einen Waffengang würde es mit den Jägern der Eagles geben, bevor ich sie einschleusen und uns hier wegbringen konnte.
„Jäger als feindlich deklarieren“, befahl ich tonlos.
„Deklariere Jäger als feindlich“, meldete der Computeroffizier. Im Holotank wurden die Jägerkontakte von grün auf rot geändert.
„Banditen passieren Wrack in zwanzig...neunzehn...achtzehn...“
„Computer gibt an, Wrack der Fregatte ist mit siebzig Prozent Sicherheit eine LOLA III.“
Das passte. Sternenbundtechnik. Keine Nachfolgerstaaten. Also doch ein Dragonerschiff? Das erklärte, warum die so sauer waren.
„...zehn...neun...acht... Vom Wrack sind es noch mal zwanzig Sekunden bis zu uns... drei... Banditen eröffnen Feuer auf Wrack!“ gellte der scharfe Ruf des Ortungsoffiziers durch die Zentrale. Sofort reagierte der Computeroffizier und vergrößerte das Szenario um das Wrack.
Tatsächlich. Die Luft/Raumjäger griffen das Wrack mit ihren Waffen an. Vereinzelt wurde aus den Resten sogar zurückgefeuert.
„Jäger drehen ab, meiden die Waffenreichweite unserer Jäger. Energiesignaturen und erhöhte Infrarotortung vom Wrack. Kollaps des Kearny/Fuchida in fünf...vier...drei...zwei...eins...“
Die Chance verpasst, Überlebende zu retten? Oder die eigenen Leute nicht unnötig in Gefahr gebracht? Was war die Wahrheit?
Das Wrack verging in einem stillen Lichtblitz.

Ich senkte den Blick. Es hatte noch Überlebende gegeben, verdammt! Das Abwehrfeuer aus dem Schiff bewies es.
„Holen Sie mir den Staffelführer auf die Leitung!“ blaffte ich. „Und wenn er sich wieder nicht meldet, drohen Sie damit, alle Einheiten aus dem All zu fegen!“
„Ja, Sir.“
Die Jäger drehten ab, zogen einen regelrechten Bogen um die Explosionsstelle, so als wollten sie sichergehen, daß die Fregatte wirklich vernichtet war.
„Verbindung steht. Ein Captain Spencer vom Blauer Sturm-Bataillon, Sir.“
„Etablieren. Auf den Großen Schirm.“


Die Sternenkarte verschwand und machte dem erschöpften Gesicht eines jungen Mannes Platz. „Sie haben uns nicht angegriffen. Das bedeutet dann wohl, Sie arbeiten nicht für die Blakies“, stellte er müde fest. Er atmete sichtbar aus. „Dann müssen wir Ihnen doppelt danken, daß Sie die Fregatte mit Ihrem Sprung vernichtet haben.“
„Ich verstehe nicht. Es war ein Unfall. Wir hatten bestimmt nicht vor, ein Kriegsschiff anzugreifen oder zu vernichten.
Warum haben Sie und Ihre Kameraden überhaupt auf das Wrack gefeuert? Hätte ich Sturmboote mit Rettungsmannschaften drüben gehabt, wären die mit drauf gegangen.“
Der müde Mann zuckte die Achseln. „Wir mußten sichergehen, Sir. Laut Signatur sprechen Sie von der CALIBRA aus, dem Flaggschiff der Angry Eagles. Ich nehme also an, Sie sind Oberst Kaiser.
Verstehen Sie, Herr Oberst, das war ein Blakes Wort-Schiff.“
Ich sah ihn an. „Hm, ein Schiff der Sekte über Outreach ist sicherlich ungewöhnlich. Aber mir ist der Zusammenhang immer noch nicht klar, Captain.“
Das Gesicht des Mannes verzerrte sich vor Schmerzen. Er sah aus, als wolle er weinen, aber er schien keine Tränen mehr zu haben. „Sie wissen es wirklich nicht? Sir, Blakes Wort hat vor drei Tagen Outreach angegriffen! Sie haben den ganzen Planeten mit Atombomben gepflastert. Wir sind alles, was zum Zenitsprungpunkt entkommen konnte. Wie es am Nadir aussieht, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber auf beide Sektoren haben die Blakies ein Kriegsschiff angesetzt.“
„Was reden Sie da? Outreach ist neutral. Und überhaupt, niemand setzt heutzutage Atombomben ein.”
Nun begann der Mann dennoch leise zu schluchzen. „Diese Schweine schon. Sie kamen überraschend über einen Piratensprungpunkt. Schossen alles ab, was sich ihnen widersetzte, Und dann begannen sie, die Planetenoberfläche abzustreuen. Ich habe es gesehen, Sir. Ich habe die Atompilze gesehen. Ich... ich habe alle Beweise auf den GefechtsROMs meines Jägers.“
Ungläubig starrte ich den Mann an. Wenn das wahr war...
„Ist die Antwort von Outreach immer noch nicht da?“ blaffte ich.
„Noch drei Minuten, bis sie bei uns sein kann“, meldete die Komm.
„Bemühen Sie sich nicht. Da gibt es niemanden mehr. Und sobald das zweite Kriegsschiff seine Arbeit auf der anderen Seite der Sonne beendet hat, kommt es rum und räumt bei uns auf.“

Was hatte Blakes Wort vor? Einen solchen Schlag gegen die Söldnerzentralwelt konnten sie niemals verheimlichen, selbst wenn sie alles und jeden in diesem System vernichteten.
Es ergab nur einen Sinn, wenn sie es nicht verheimlichten mußten.
Und das konnte nur bedeuten... Mir wurde heiß und kalt, als ich mir bewusst wurde, was ich gerade erfahren hatte.
„Signal wird erwartet. Der Kanal ist tot.“ Nach dreißig Sekunden meldete die Komm erneut: „Der Kanal ist tot.“ Halbminütig hörte ich mir fünf weitere Meldungen an.
„Bleiben Sie auf Empfang. An Jäger. Die Hälfte schleust wieder ein. Der Rest geht auf kurze und weite Phalanx.
Captain Spencer, was Sie mir hier sagen, ist für die gesamte Innere Sphäre von größter Bedeutung. Die Eagles übernehmen ab sofort den Flankenschutz. Ihre Landungsschiffe sollen sich um ums sammeln. Falls einige Ihrer Jäger keine Möglichkeit haben, zu landen und aufzumunitionieren, können sie dies auf den freien Plätzen auf meinen Schiffen tun.
Ich denke, Sie alle können Ruhe, eine warme Mahlzeit und eine Dusche gebrauchen.
Nehmen Sie sich alle zwei Stunden Zeit. Danach will ich Sie und einen Vertreter jeder Einheit hier draußen an Bord der CALIBRA sehen. Und diese verdammten ROMs!“
„Das werden Sie, Sir. Und danke. Obwohl wir alle bald drauf gehen werden.“
Ich zwinkerte ihm zu. „Ach, habe ich vergessen zu erwähnen, daß meine Sprungschiffe noch Saft für einen Sprung haben?“
In seinen Augen leuchtete es auf. „Das... das bedeutet...“ Ich nickte. „Schleusen Sie ein und kommen Sie in zwei Stunden rüber, Captain. Gemeinsam finden wir eine Lösung.“
Die Verbindung erlosch.

Ich fühlte, wie die anderen Eagles mich anstarrten. Major Stannic vom 2. MechBataillon kam gerade hereingeschwebt und ließ sich leise informieren. Sein keuchendes Ausatmen beschrieb das Entsetzen ganz gut, welches wir alle empfanden.
Hauptmann Tsuno war schon etwas länger hier. Ihr schmales Gesicht war blass und eingefallen. „Wenn das wirklich stimmt...“, murmelte sie.
„Wir haben mindestens zwei Tage, bevor der andere Blake-Kahn um die Sonne rum kommt und uns sehen kann“, stellte ich fest. „Zeit genug, um jederzeit hier zu verschwinden.
Aber erst müssen wir herausfinden, was hier passiert ist.“
Ich blickte den Anwesenden nacheinander in die Augen. Die Männer und Frauen strafften sich und nickten mir zu.
„Der Kanal ist tot“, meldete die Komm.

1.
Gute zwei Stunden später saß ich mit einer Handvoll meiner Offiziere und den von mir gewünschten Vertretern im Konferenzsaal der CALIBRA.
Stumm studierte ich den Bericht über die drei Jäger, die auf einem meiner Jägerträger eingeschleust hatten. Rudimentäre Radioaktivität, Gammastrahlung. Teilweise Spuren von Cäsium, Radium und Strontium. Die Werte lagen etwa dreißig Mal höher als erlaubt. Grund genug für MeisterTech Klyne, die Entseuchung der Maschinen und der Piloten anzuordnen.
Die Kleidung der Piloten war entsorgt worden, sie hatten sich mehrfach abduschen lassen müssen. Ihnen war Pseudoadrenalin gespritzt worden, um einer eventuellen Verstrahlung vorzubeugen. Eigene Radioaktivität hatten sie nicht ausgewiesen, ihre Jäger hatten sie beschützt. Andererseits konnten sie harter Strahlung ausgesetzt gewesen sein. Und ich hatte nicht vor, wegen einer Nachlässigkeit noch ein Leben eines Menschen erlöschen zu sehen.
Wir hatten die Entseuchung auch den anderen Landungsschiffen empfohlen. Eines war für solch einen Fall nicht ausgerüstet gewesen. Die drei Luft/Raumjäger hatten ebenfalls in einem meiner Schiffe das Procedere durchlaufen müssen.
Vom technischen Standpunkt aus waren alle Jäger mittel bis schwer beschädigt. Sie mußten durch die Hölle gegangen sein. Ich wagte nicht zu fragen, wie viele Kameraden diese tapferen Piloten verloren hatten, als sie den Landungsschiffen die Flucht erkämpft hatten.

Als der Letzte eingetreten war, sah ich mich kurz um. Ein einziger Soldat von Wolfs Dragoner war anwesend. Er war noch recht jung und trug eine Gefechtsweste mit den Abzeichen eines Leutnants. Wenn die Dragoner mir ihren ranghöchsten Offizier geschickt hatten, sprach das Bände davon, wie schwer die Söldner erwischt worden waren. Sie und vermutlich jede andere Einheit auch, die sich auf Outreach befunden hatte, als der Überfall über sie reingebrochen war.
Ich nickte Major DéForét zu. Meine Stabschefin legte eine der GefechtsROMs ein. Deutlich erkannte man die Silhouette einer Stadt. In der Ferne gab es einen Lichtblitz, vielleicht sechzig Kilometer entfernt. Nach dem Blitz folgte eine Feuerwalze, die alles verbrannte, was ihr näher als zehn Kilometer war. Dabei wurde Staub und Erde in die Atmosphäre gewirbelt. Zwei Hauptwolken bildeten sich. Die eine in etwa zehn Kilometern Höhe in der Tropospause, die zweite in etwa fünfundzwanzig Kilometern Höhe in der Stratopause.
Ich keuchte entsetzt. Für einen bangen Moment dachte ich, dies wäre vielleicht nur eines der Videos über den Ersten Nachfolgekrieg, die ich während meiner Ausbildung gesehen hatte.
Die Kamera flog parallel zur Staubwolke davon und zog hoch. Der Pilot zog seine Maschine in die Ionosphäre hoch, zweihundert Kilometer über der Oberfläche. Dort drehte er ein, zog eine Schleife um das Landungsschiff, welches er mit sieben Kameraden eskortierte und bot einen exzellenten Blick auf die Stadt, die er gerade noch überflogen hatte. Ein Blitz blendete die Kamera, dann sah man deutlich die kreisförmige Druckwelle, die sich aus dem Stadtzentrum hin ausbreitete. Kurz darauf raffte das Vakuum der Explosion Tausende Tonnen von Dreck und Erde zusammen und legte dieses Bild des Grauens unter einen gnädigen Schleier.
Je höher der Jäger stieg, desto deutlicher sah man den Rest des Kontinents. Überall blühten die charakteristischen Staubwolken einer Atomexplosion. Der Atompilz.

Einige Zeit darauf verließ der Jäger mit dem Landungsschiff die Exosphäre, den letzen Ausläufer der Atmosphäre und stach mitten in ein Wespennest. Hier oben wurde schwer gekämpft. Und gestorben. Wie eine todbringende Gottheit hing ein Kriegsschiff im Orbit um diese Welt und feuerte Bombe um Bombe auf die Planetenoberfläche ab, während Schwärme von Luft/Raumjägern alles vernichteten, was dem Riesen gefährlich werden konnte. Deutlich erkannte ich, wie ein Landungsschiff in einem Feuersturm regelrecht zerplatzte, welches dem Riesen zu nahe gekommen war.
Ein anderes Landungsschiff stürzte sich in einer Kamikazeaktion auf den Giganten. Es wurde vernichtet, aber Teile des Triebwerks prasselten dennoch auf ihn nieder. Die Beschädigungen waren eher oberflächlicher Natur.

Ich stoppte die Aufnahme. Behutsam nahm ich die GefechtsROM aus dem Leser und reichte sie Major DéForét. „Denise. Echtheit prüfen. Name des Schiffes und des Planeten feststellen. Danach einen Vergleich mit der historischen Datenbank anstellen.“
„Sie glauben doch nicht etwa, wir würden Ihnen eine Fälschung auftischen?“ rief Captain Spencer entrüstet.
„Ich glaube gar nichts, Captain. Jedenfalls nicht, bevor ich nicht alle Fakten habe. Aber das bedeutet nur, daß ich vorsichtig agieren werde. Nicht mehr und nicht weniger.“
Spencer schüttelte den Kopf und warf mir einen Blick zu, als hielte er mich für verrückt.
„Kommen wir zu Ihnen und den Landungsschiffen, die Sie evakuieren halfen. Ich nehme an, ein Sprungschiff wird Sie nicht abholen?“
„Nein, Herr Oberst. Wir sind einfach nur geflohen. Natürlich hatten wir die Hoffnung, hier ein paar Sprungschiffe zu finden. Aber ich denke, wer fliehen konnte, hat dies getan, solange er Zeit dafür hatte.“
„Was uns zum Thema bringt“, meldete sich der Dragoner zu Wort. „Sir, wir stehen unter enormen Druck durch die Tatsache, daß da tatsächlich noch ein Kriegsschiff um die Sonne rumkommt. Und wer weiß, ob das Einsatzkommando um“ - er schluckte hart – „Outreach noch an seinem Platz ist.
Ich habe mit den Vertretern der anderen Dragoner gesprochen. Für uns ist es erst einmal wichtig, zu überleben. Mechs und neue Schiffe werden sich beschaffen lassen.“
Er schluckte erneut und sah mir dann direkt in die Augen. „Sir, wir sind bereit, unsere Waffen und unsere Schiffe aufzugeben und bitten Sie, uns auf Ihren Landungsschiffen mitzunehmen.
Ich empfehle selbiges den anderen Söldnereinheiten.“
Sine Blick bekam etwas flehentliches. „Wir haben es durchgerechnet, Sir. Wenn Sie... Wenn Sie auf einen Teil Ihrer Ausrüstung verzichten und ein Drittel Ihrer Hangars räumen, dürften Sie alle Überlebenden an Bord nehmen können!“
„Bullshit. Ihr Dragoner habt leicht reden. Ihr habt doch sicher irgendwo in der Peripherie ein Ausweichdepot, aus dem Ihr euch versorgen könnt. Dazu kommen garantiert noch irgendwelche geheimen Konten, von denen Ihr zehren könnt“, brummte eine verhärmt aussehende Frau, die auf ihrer Brust das Logo des Zwölferbundes trug. Obwohl ihre Haut tiefschwarz war, hätte ich schwören können, die noch schwärzeren Ringe unter ihren Augen zu sehen. „Der Union RIGOLETTO ist alles, was von meiner Einheit noch übrig ist.“
„Was wollen Sie machen, Sergeant?“ spottete der Leutnant. „Die beiden Sprungschiffe der Eagles haben nur noch einen Dockkragen frei. Wollen Sie sich für Ihre Leute eine Passage erkaufen?“
„Vor allem“, stellte Major Benton scharf fest, „ geht es uns um unsere Eagles.“
Protestrufe wurden laut, die der Infanterist mit einer Handbewegung unterbrach. „Aber uns lagen Leben seit jeher am Herzen. Wir werden niemanden zurücklassen, auch wenn dies auf Kosten von unserer Ausrüstung sein sollte. Aber soweit werden wir es nicht kommen lassen müssen.“
Ich nickte. „Nein, soweit lassen wir es nicht kommen.
Wie viele Landungsschiffe haben Sie da draußen? Elf? Gut. Ich verschaffe Ihnen und Ihrer Ausrüstung eine Passage hier raus. Aber zu meinen Bedingungen.“
Erstaunte Blicke trafen mich. „Erwarten Sie noch weitere Sprungschiffe, Sir?“
Ich grinste den Dragonerleutnant an. „Negativ. Sie werden meine Sprungschiffe nehmen.“
Von einem Moment zum anderen war es absolut still im Raum.
„Was?“ fragte Captain Spencer dann. „Haben Sie den Verstand verloren? Wollen Sie etwa gegen das Kriegsschiff kämpfen? Das wäre Wahnsinn, sogar für einen verdammten Ritter wie Sie.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Ich werde mit meiner Einheit nach Outreach fliegen.“
„Und was dann? Outreach ist tot. Tot, verdammt!” Der junge Leutnant verlor letztlich die Fassung und sprang auf.
„Setzen Sie sich wieder, Leutnant, und hören Sie sich meine Bedingungen an.
Nichts ist umsonst, auch Ihre Rettung nicht, meine Damen und Herren.
Es gibt einen Grund, warum ich nach Outreach möchte. Wenn es auf dieser Welt noch Leben gibt, fühlen sich die Eagles verpflichtet zu helfen und es zu retten.“
„Mitten hinein ins Wespennest? Was, wenn die Blakies noch dort sind?“
„Halten Sie jetzt endlich mal die Klappe und hören zu, Leutnant?“ blaffte ich.

„Also, in diesem Moment befinden sich vier meiner Luft/Raumjäger auf einer Langstreckenmission. Einer versucht, ein paar gute Ortungen von Outreach zu kriegen, die anderen drei umrunden die Sonne, um festzustellen, ob und wann und auf welchem Kurs das angekündigte Kriegsschiff von Blakes Wort kommen wird. Mit etwas Glück hat es das System bereits verlassen. Wenn nicht, umrunden wir die Sonne in der Gegenrichtung und gehen auf Schleichfahrt tiefer in das System. Wir werden schon unsere Gelegenheit bekommen, unerkannt nach Outreach vorzustoßen. Früher oder später. Früher ist mir lieber.“
„Warum wollen Sie zurück, Sir?“ stammelte der Leutnant. „Die Blakies haben den ganzen Planeten genuket. Auf der ganzen Erdoberfläche lebt nichts mehr.“
„Richtig“, meldete sich Nathan Kreuzer zu Wort. Der alte Pilot klopfte mit seinem Bleistift nachdenklich auf den Tisch. „Aber Sie vergessen die Bunkersysteme auf dieser Welt. Die Bomben werden einen Teil, wenn nicht einen Großteil von ihnen nicht erwischt haben. Mit ein wenig Glück können wir sie freilegen und die Eingeschlossenen bergen. Und wenn ich ehrlich bin, haben wir so auch die Möglichkeit, hier und da etwas Dragonerausrüstung zu bergen.“
„Sie wollen plündern“, stellte der Sergeant fest.
Ich nickte. „Natürlich. Unsere Priorität hat die Rettung von Menschenleben. Aber wenn wir bei dieser Aktion Ausrüstung bergen können, werden wir dies tun. Ich habe so ein Scheiß Gefühl im Magen, daß wir sie noch bitter brauchen werden.“
„Verstehe. Immerhin sind wir alle Söldner.“

„Weiter im Text. Wir verlangen von Ihnen als Gegenleistung ein Landungsschiff. Sie werden es mit allen Vorräten beladen, die Sie entbehren können sowie mit allem, was man auf einer strahlenverseuchten Welt wie Outreach gebrauchen kann. Medikamente, Schutzanzüge, Pioniergerät. Ein paar erfahrene Soldaten für das Landungsschiff und das Gerät wären ebenfalls nett. Selbstverständlich verbleiben Schiff und Ausrüstung in Ihrem Besitz. Sie borgen es uns nur.
Dafür bringen wir Ihre anderen zehn Schiffe in ein sicheres System. Alexandria dürfte noch sicher sein. Von dort, so befehle ich Ihnen, verbreiten Sie Ihre Zeugenaussagen und Ihre GefechtsROMs über ComStar. Ein solches Verbrechen muß kollektiv von allen Mitgliedern des Sternenbundes geahndet werden. Wenn es nicht bereits zu spät dafür ist...“
Der Leutnant erhob sich. „Wir werden einen Union unseres Kontingents bereit machen. In zwanzig Stunden haben Sie Ihr Landungsschiff und Ihre Crew.“
Captain Spencer ergriff das Wort. „Dadurch wird die Transportkapazität der übrigen Schiffe wohl eher verschlechtert. Ich sehe es kommen, Sie werden die Luft/Raumjäger an Bord Ihrer Schiffe behalten müssen. Teufel, Sie werden sie sicher auch brauchen können.“
„Dann ist es abgemacht. Sie springen in vierundzwanzig Stunden. Ich wünsche Ihnen allen viel Glück.“
Major DéForét kam wieder in den Raum. In ihren Augen standen Tränen. „Die Aufnahmen sind authentisch. Die Welt ist eindeutig Outreach, Ace. Aber das Kriegsschiff... Es hat keine Transpondersignale ausgesandt, aber es scheint eigentlich der Liga Freier Welten zu gehören, Ace.“
Erschüttert sah ich sie an. „Denise, weißt du, was du da sagst?“

Ace Kaiser
11.04.2004, 18:14
2.
Erinnerungen.
„Ich will MechKrieger werden!“ verkündete der sechsjährige Blondschopf stolz.
Sein Großvater drückte die Hand des Jungen ein wenig. „Nein, das wirst du nicht, Ace.“
„Ich will MechKrieger werden. Und ich werde es auch“, erwiderte das Kind trotzig.
Corrand seufzte vielsagend. Warum hatte er dem Jungen nur versprochen, ihn zur großen Parade mit nach Port Howard zu nehmen? Da mußte er ja die todbringenden, waffenstarrenden Giganten sehen. Da mußte er ja auf diese dumme Idee kommen.
Vor ihnen stapfte gerade ein Katapult in den Farben der Miliz vorbei, frenetisch begrüßt von den Menschen.
Corrand Kaiser ging auf ein Knie runter und sah seinem Enkel lange in die Augen. „Sieh mal, Ace, das da sind BattleMechs. Es sind Waffen. Waffen zur Zerstörung, zur Vernichtung. Aus ihnen kann niemals etwas gutes entstehen.
Sieh mal, es waren BattleMechs, die deine Eltern getötet haben. Und beinahe hätten sie auch dich getötet“, brummte Corrand etwas hilflos. Wie konnte man einem Kind nur einen so abstrakten Begriff wie den Tod nahe bringen?
„Weißt du, Krieg führen die Menschen schon sehr lange, mein Junge. Aber seit es den BattleMech gibt, ist ein einziger Krieger in der Lage, eine ganze Stadt zu vernichten.“
Der Junge bekam große Augen. Corrand meinte, in ihnen ein wenig Angst zu sehen.
„Ja, eine ganze Stadt. BattleMechs gibt es seit über dreihundert Jahren. Länger, als ich lebe, Ace. Und seither haben sie die mit Abstand größten Verwüstungen angerichtet, die es gibt.“
Er sah hinüber zu den Giganten und fühlte seine alten Gefechtsnarben schmerzen. „Aus diesen Ungetümen entsteht nichts gutes. Und nichts und niemand kann sie aufhalten, wenn sie durchdrehen. Nur ein anderer BattleMech...“
„Ich will MechKrieger werden“, krähte der Kleine wieder.
Himmel, der Junge war doch sonst so intelligent! Warum beharrte er jetzt wie ein mißratenes Balg auf dieser dämlichen Meinung?
„Aber warum, Ace? Warum?“
„Wenn BattleMechs so schlimm sind, Opa, dann will ich MechKrieger werden, um... Um sie aufzuhalten. Ich will auch in einem BattleMech sitzen. Und dann achte ich auf sie.“
Corrand war beeindruckt. „Aber du wirst nicht alle aufhalten können. Egal, wie gut du bist. Egal, wie viele Freunde du um dich scharst.“ Er zog den rechten Ärmel hoch und deutete auf eine große, tiefe Narbe. „Glaub mir, ich habe es versucht. Und dies ist der Preis. Du wirst niemals alle retten können.“
Die Augen seines Enkels wurden alt, sehr alt. „Aber die, die ich rette, die sind es doch wert, oder?“
Der alte Mann starrte seinen Enkel entgeistert an. Dann hob er ihn hoch und setzte ihn auf seine Schultern. „Ja, die sind es wert. Schau mal, gleich kommt ein Tomahawk. In so einem Ding habe ich im 4. Nachfolgekrieg gegen die Draconier gekämpft...“


3.
Es war ein seltsames Gefühl, die GREYHOUND II und die GLADOR springen zu sehen und zu wissen, daß es das letzte Mal gewesen sein könnte.
Oberst Nathan Kreuzer, der Chef meiner Luft/Raumjäger und Lufteinheiten, hatte mir vor kurzem gemeldet, dass der erste Jäger einen Teil des Nadirsprungpunktes einsehen konnte, aber noch nichts von einem Blakes Wort-Kriegsschiff entdeckt hatte. Nur Trümmer. Gleißende Trümmer.
Dies hatte meinen Entschluß, rasch aufzubrechen, nur bestärkt. Und statt der Schleichfahrt durch das halbe System konnten wir Outreach direkt anfliegen. Der vorausgeeilte Jäger meldete keine Ortungen aus dem Orbit des Planeten.
Mittlerweile hatten wir uns eine halbe Tagesreise bei doppelter Gravitation vom Sprungpunkt entfernt. Der doppelte Schub würde unsere Reisezeit von drei auf anderthalb Tage reduzieren.
Es war nicht genügend Zeit, unsere Truppen ausreichend auf das vorzubereiten, was uns erwartete. Aber es würde reichen, die Ausrüstung zu präparieren.
Der Plan stand im groben und ganzen fest. Von den vier Overlords, sechs Union und dem Leopard meiner kleinen Streitmacht und dem Union der Wolfs Dragoner würden acht in einer leicht verstrahlten Region des Planeten landen. Welche der beiden Kontinente dies sein würde, Romulus mit der Hauptstadt Harlech oder Remus mit dem Gros der Trainingsgebiete, würde sich noch zeigen.
Unsere Spezialisten sagten den ersten Radioaktiven Regen erst für die nächste Woche voraus. Solange würde es dauern, über den Meeren genügend Wasser verdunsten zu lassen, um genügend Feuchtigkeit zu bilden, der sich um den radioaktiven Staub sammeln und dann abregnen würde.

Seit capellanische Agenten während der Xin Sheng-Offensive Giftgas gegen Politiker und Zivilisten eingesetzt hatten, rechnete ich mit dem Schlimmsten, mit Zuständen wie sie während des 1. Nachfolgekrieges geherrscht hatten. Unser Kriegsgerät war erbaut worden, um solchen Zuständen wie biologischen, chemischen und atomaren Angriffen zu trotzen. Und wie es schien, mußten auch die Soldaten im Umgang mit ihnen wieder ausgebildet werden.
Die Eagles kannten den Umgang mit Verseuchungen. Nicht umsonst hatte man uns gerufen, um Kontaminationen nach Schwarzer Lenz-Anschlägen zu untersuchen und zu beseitigen.
Auch mit Radioaktivität kannten wir uns aus – zumindest in der Theorie.
Die Maxime für diesen Fall war klar. Das Gros der Landungsschiffe würde ein Basislager errichten. Sicherlich in den Bergen, die Verseuchung dürfte in diesem Bereich recht gering sein. Zudem bestand die Chance auf Überlebende zu treffen. Hier ließ sich bestimmt auch unverseuchtes Wasser finden. Entweder in arthesischen Brunnen unter dem Gebirge, oder in den Jahrhunderte alten Schichten des Eises großer Gletscher. Und Wasser würde in den nächsten Wochen eine unserer wichtigsten Ressourcen bilden. Allein für die Dekontamination unserer Fahrzeuge und Einheiten, die im Strahlungsgebiet im Einsatz gewesen waren, würden wir Wasser Hektoliterweise brauchen, um den radioaktiven Staub abzuspülen.

An der Bürotür klopfte es. „Herein.“
Captain Aaron Spencer trat ein. Er hatte das Kommando über die Truppen übernommen, die zusammen mit Gerät und Vorräten auf die ROMULUS gewechselt waren, das Landungsschiff der Dragoner. Zweitausend Tonnen Hilfsgüter, vierhundert Tonnen Räumgerät und vierzig Soldaten unterstanden ihm. Viele von ihnen waren Dragoner.
„Sie hatten mich sprechen wollen, Sir?“, fragte er müde. Er hatte drei volle Tage im Cockpit seines Jägers verbracht und gerade mal die beiden Stunden geschlafen, die ich vor unserer Besprechung befohlen hatte. Der Mann gehörte ins Bett.
Ich nickte ihm zu und bedeutete ihm, neben Chadrik Benton Platz zu nehmen. Ich schob ihm ein Dokument zu.
Noch während er sich niederließ, schnappte er sich das Blatt und las es durch. Aufmerksam, mit jedem Moment wurde er etwas wacher. Schließlich sah er auf. „Das ist ein Standardvertrag.“
„Ja, da haben Sie Recht. Ich könnte Ihnen einfach befehlen, mir zu gehorchen. Schlau genug, zu wissen, daß dies in dieser Situation nötig ist, sind wir beide. Aber ich mache gerne Nägel mit Köpfen. Ich möchte Sie und die ROMULUS unter meinem Befehl, solange diese Krise dauert.“
Spencer lachte rauh. „Mit dem gleichen Trick hat Haus Marik sich bis ans Ende aller Tage den Rang als Generalhauptmann gesichert.“
Ich grinste. „Und es geht der Liga Freier Welten doch verdammt gut, oder?“
Übergangslos wurde ich ernst. „Wir befürchten das Schlimmste, Captain. Das Allerschlimmste. Wenn ich da runter gehe, muß ich wissen, daß alle Leute hinter mir stehen. Ich brauche eine ordentliche Befehlskette und keine Soldaten, die erst mal zu Ihnen schauen, ob sie meinen Befehl auch ausführen dürfen. Davon könnte vielleicht unser aller Überleben abhängen.“
„Ich weiß“, erwiderte der Pilot gereizt. „Es bleibt uns ja ohnehin nichts anderes übrig, als anzunehmen. Ich werde die Besatzung der ROMULUS anweisen, ihre Ränge an die der Angry Eagles anzupassen. Und ich werde unmissverständlich klar machen, daß Sie das letzte Wort haben, Sir. Ich will auch nicht, daß um uns herum das Chaos ausbricht, wenn unsere Nerven sowieso blank liegen.“

Blank liegen... Der Mann beliebte zu scherzen. Erste vorsichtige Schätzungen bezifferten die Verluste an Menschen auf Outreach auf etwa dreihundert Millionen. Vom materiellen Schaden einmal ganz zu schweigen, wenn wir den Einsatz von Atombomben mal außen vor ließen. Was eigentlich schon reichte, um jedem gestandenen Soldaten die Nackenhaare aufzustellen, daß die Uniform abstand.
„Gut“, sagte ich leise. „Mein erster Befehl an Sie lautet: Legen Sie sich hin und schlafen Sie sich aus. Lassen Sie sich dafür ein leichtes Schlafmittel im Bordlazarett aushändigen. Und nehmen Sie es auch. Ich brauche Sie wie jeden meiner Offiziere ausgeruht, wenn wir auf Outreach landen werden... Hauptmann.“
Spencer stand auf und salutierte. „Jawohl, Herr Oberst.“
Seine Miene verhärtete sich. „Die erste Hürde haben wir gemeistert und sind dem Tod von der Schippe gesprungen. Aber glauben Sie... Glauben Sie ernsthaft, wir...“
„...finden Überlebende?“ vervollständigte ich den Satz.
„Tausende“, sagte ich mit Nachdruck. „Und viele, wenn nicht alle werden auch überleben.“
Spencer sah mich an und lächelte matt. „Sie glauben das wirklich, was?“
Ich legte die Hände vor dem Mund zusammen. „Ich hoffe es. Wirklich, ich hoffe es. Auf Outreach gibt es tausende von Bunkern. Viele von ihnen sind dazu konstruiert, einem Atomschlag stand zu halten. Wir werden sie frei räumen müssen.
Außerdem sind Menschen wie Kakerlaken. Ein paar überleben immer. Überall.“
Ich sah auf. „Weggetreten, Hauptmann Spencer.“
Der Mann salutierte erneut und verließ den Raum. Sein Gang war schleppend. Bei doppelter Schwere eigentlich kein Wunder.

„Also?“ fragte ich Chad Benton leise.
„Scheint ein guter Junge zu sein. Ist relativ schnell beim Blauen Sturm aufgestiegen. Nie durch Gräueltaten aufgefallen oder mit ihnen in Zusammenhang gebracht worden. Ruhig, kompetent. Ideales Offiziersmaterial. Wir sollten zusehen, ihn zu behalten.“
„Das meinte ich nicht, Chad. Wie sieht es bei deinen GEST aus? Die gröbsten Brocken werden die Mechs und die Räumgeräte beseitigen können. Aber wenn es in die Bunkeranlagen geht, brauchen wir die gepanzerten Infanteristen deiner GEST.“
„Kein Problem. Die GEST-Panzeranzüge sind autarke Systeme. Selbst in einem Gebiet mit starker Strahlung rechne ich mit einem Operationsfenster von bis zu zwei Stunden. Ein Mech bietet sicher mehr Schutz, ist mir klar. Aber die Infanterie wird ihren Teil beitragen.“
Nachdenklich kratzte sich der Infanterieoffizier am Kinn. „Womit haben wir wohl auf Outreach zu rechnen? Als im prästellaren Krieg die Vereinigten Staaten von Amerika die japanische Stadt Hiroshima mit der Atombombe Little Boy vernichteten, gab es fünfzigtausend Tote am ersten Tag. Weitere zweihunderttausend in den nächsten Tagen, gestorben an Verbrennungen, schweren Verletzungen und an einer Überdosis Strahlung. Wobei nur ein Viertel einen Strahlenkater hatten. Eine beinahe tödliche Dosis, die erst nach mehreren Tagen letal wirkte. Die Liste lässt sich fortsetzen.“
„Ich weiß, Chad. Ich weiß. Die Bomben, die Blakes Wort gegen die planetare Hauptstadt Harlech eingesetzt hat, waren hundertmal so stark wie die in Hiroshima. Die Stadt selbst wird eingeebnet sein. Ebenso die Randbezirke. Ich setze alle meine Hoffnungen auf die Raumhäfen und die Bunkeranlagen. Dort werden wir vor allem mit Verstrahlungen, Wassermangel, konventionellen Verletzungen zu tun haben. Verbrennungen in Verbindung mit Strahlenkater vielleicht in Randbezirken, die von der Feuerwalze der Explosionen weitestgehend verschont geblieben sind.“

Müde rieb ich mir die Augen. „Mehrere hundert Millionen Tote. Wie kann Blakes Wort das in Kauf nehmen? Wie kann irgend jemand das in Kauf nehmen? Was haben diese Bastarde vor, Chadrik? Wie können sie es auch nur wagen?“
„Was weiß ich, was in den Köpfen dieser religiösen Spinner abgeht“, erwiderte der Major ruhig. „Ich weiß aber, daß sie sich ihrer Sache sehr sicher sein müssen, wenn sie sich nicht davor fürchten, daß die gesamte Innere Sphäre sie für den Einsatz von Atomwaffen zur Rechenschaft ziehen wird.“
Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Hätten wir es verhindern können, Chad? Hätten wir, die Eagles, es verhindern können?“
Der Blondschopf lachte rauh. „Wer weiß, auf wie vielen Welten Blakes Wort gerade zuschlägt. Hätten wir Outreach verhindern können? Vielleicht. Aber es wäre nur ein Aufschub gewesen. Beinahe müssen wir dankbar dafür sein. Denn Outreach ist für Blakes Wort sicherlich vorerst abgehakt. Ich hasse es, das zu sagen, aber vorerst sind wir hier sicher.“
„Auf einem toten, radioaktiv verseuchten Planeten.“
Chad nickte. „Wir werden die Zeit brauchen, Ace. Wir müssen planen, uns was überlegen. Ob wir wollen oder nicht, wir stecken fett im Geschehen mit drin. Und wir müssen es überleben.“
Die Hände des Majors ballten sich zu Fäusten. „Wir müssen es den Blakies zurückzahlen. Niemand darf so etwas tun. Niemand.“ Hilflos öffnete er sie wieder.
Wortlos stellte ich eine Flasche Whisky auf den Schreibtisch. Noch ein Tag bis in den Orbit um Outreach.


4.
Charlene war verzweifelt. Der letzte Befehl hatte gelautet, den zivilen Schutzbunker zu verschließen. Es war nicht gerade so, als hätte sie ein paar Millionen Menschen daran gehindert, hinein zu gelangen. Viele hatten den Großalarm sicher nicht einmal ernst genommen. Aber der Kontakt zum Hauptquartier war abgerissen und die Computer allesamt abgestürzt. Sie kannte die Symptome aus ihrer militärischen Schulung. Elektromagnetischer Impuls, Nebeneffekt einer Atombombenexplosion.
Sie hatte die Aufsicht über zweitausend Menschen, die wenigsten von ihnen Soldaten. Normale Menschen mit ihren Familien. Ein paar Veteranen. Zusammengepfercht auf zweihundert Quadratmeter pro Etage.
Ängstliche Menschen. Verzweifelte Menschen. Sie konnte es ihnen nicht verdenken.
Ihr standen genau sieben Dragoner zur Seite. Sieben gegen zweitausend. Nicht, daß sie Angst vor diesen Menschen hatte.
Aber sie sah die Gefahr, daß diese Menschen versuchen würden, die Tore des Bunkers mit Gewalt zu öffnen. Mit Gewalt nach draußen.
Charlene hatte versucht es ihnen zu erklären, hatte auf die Geigerzähler verwiesen, auf die Explosionen, die sie sogar hier unten noch gehört hatten, auf den Ausfall der Computer.
Aber nach drei Tagen entglitt ihr das Kommando merklich. Diese Menschen hatten Angst. Angst, Charlene könnte Recht haben.
Sie verdrängten die Möglichkeit, daß die Dragonerin Recht haben könnte. Einige der Zivilisten sprachen von einer perversen Übung, welche Commander Wolf mit ihnen durchführte. Von einem Reaktionstest für den Ernstfall. Anderen war das egal. Sie wollten einfach raus. Raus aus diesem engen Bunker. Ihre Familien und Freunde sehen... Die vielleicht allesamt längst tot waren.
Charlene war für sie alle verantwortlich. Musste dafür sorgen, daß sie überlebten. Auch wenn das bedeutete, mit der Dienstwaffe auf Zivilisten zu zielen.

Die Menge stoppte, als sie den gezogenen und entsicherten Nadler sah.
„Dieses Tor bleibt verschlossen“, sagte Charlene fest. „Dahinter erwartet uns eine Strahlungshölle. Wer immer es öffnet, tötet nicht nur sich selbst, er bringt die Strahlung auch in unser geschlossenes System und verstrahlt uns alle.“
„Wir wollen hinaus“, brüllte jemand. „Wir sind keine Spielzeuge Ihres Commander Jaime Wolf. Wir wollen unsere Leben fortsetzen!“
Charlene schüttelte ungläubig den Kopf. Hatte dieser Mann ihr auch nur ein wenig zugehört? Hatte er verstanden, worum es hier ging?
Eine junge Frau trat aus der Reihe der Zivilisten hervor. Auf ihrem Arm trug sie ein vielleicht zwei Jahre altes Mädchen. „Bitte“, sagte sie, „mein Mann und mein Sohn sind noch da draußen. Wir... wir müssen sie suchen. Sie müssen doch noch irgendwo da draußen sein.“
Charlene schossen die Tränen in die Augen. Was sollte sie dieser Frau sagen? Was konnte sie sagen, was durfte sie? „Es geht nicht“, haucht sie mit erstickter Stimme.
Wieder ergriff der erste Sprecher das Wort. „Sie kann uns nicht alle erschießen! Stürmen wir!“
Bevor sich auch nur ein einziger in Bewegung setzen konnte, legte sich eine riesige Hand auf die Schulter des Mannes. Sofort wurde es ruhig. Die Hand gehörte Paul, dem einzigen Elementare im Raum. Der Mann war Captain, Abtacha von den Novakatzen, der zufällig vor dem Bunker gestanden hatte, als der Alarm ertönt war. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, den Riesen abzuweisen. Vielleicht hatte sie ihm damit das Leben gerettet. Bestimmt aber die Vorräte gemindert.
„Du hast Angst“, stellte er mit ruhiger, sanfter Stimme fest. „Wir haben alle Angst. Vielleicht aber hilft es dir, wenn ich von meiner Vision erzähle.“

Der Elementare setzte sich. Wie durch Magie ließen sich auch die anderen Menschen auf dem Boden nieder.
„Ich sah in meiner Vision ein riesiges Weizenfeld. Es war durchsetzt mit großen, tragenden Ähren. Es war ein gutes, gesundes Feld. Doch dann fiel ein Schatten auf die Ähren, ein Sturm brach los.
Dieser Sturm aber knickte die Ähren und glättete das ganze Feld.
Doch halt, hier und da standen noch immer Ähren, alleine oder in Gruppen beisammen und trotzten dem Sturm, bis er vorbei war.
Und als die Sonne wieder schien, da kam ein Mann in weißem Schimmer. Er schritt über das Feld und sah die geknickten Ähren. Stumm schüttelte er den Kopf und begann die gefallenen Ähren aufzulesen. Doch als er die ersten stehenden Ähren erblickte, da lief er zu ihnen, betastete sie, und goss sie mit seinen Freudentränen.
Und diese Ähren waren gesund und gediehen und warfen ihre Körner ab eines Tages, um sich fortzupflanzen.“
Der Riese stand auf. „Wir sind die stehenden Ähren, das weiß ich jetzt. Habt noch Geduld. Wir werden gerettet werden. Und das schon sehr bald.“
Und tatsächlich, die Menschen beruhigten sich und gingen wieder zurück in die Anlage.

„Danke“, sagte Charlene und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Doch der ehemalige Novakatze hörte sie nicht. Er sprach leise weiter: „Und wie ich auf das Feld sah, da erhob ich mich vom Boden. Und je weiter ich mich erhob, desto mehr sah ich vom meiner Umgebung. Schließlich war ich so hoch, daß ich erkannte, das Weizenfeld bedeckte einen ganzen Kontinent. Und dieser Kontinent war Romulus.“
Charlene erstarrte. „Du hast es gewusst?“
Der Elementare schüttelte traurig den Kopf. „Ich hatte eine Vision. Hätte ich gewusst, was passiert, wäre ich dort draußen in meiner Gefechtsrüstung gestorben.“
Wie es sich gehört, schwang in seinen Worten mit, auch ohne das er es sagte.
„Ich bin dankbar dafür“, sagte sie leise und legte eine Hand auf seinen Oberarm.
Für einen Moment huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Für einen winzigen Moment.

Ace Kaiser
11.04.2004, 18:21
5.
Wir landen auf eine Welt, die vor Leben brodeln sollte. Vor Jahrhunderten hatte der Sternenbund hier seine Olympiaden abgehalten, alle zehn Jahre maßen sich die Besten der besten Militäreinheiten miteinander.
Nach dem Exodus der Sternenbundtruppe war es ruhiger geworden, aber gewiss nicht weniger lebendig.
Als Prinz Hanse dann diese Welt den Wolfs Dragoner schenkte, begann ein Kapitel in der Existenz dieser Welt, die beispiellos ist.
Outreach mauserte sich in wenigen Jahren zu DER Welt, auf der Söldner ihre Dienste anboten. Streng kontrolliert von der Söldnerkontraktkommission.
Galatea, die eigentliche Söldnerwelt versank in die Bedeutungslosigkeit. Sie wurde zur Welt der Zweiten Reihe, für Auftraggeber, die wenig erklärten und Söldner, die keine Fragen stellten.
Hier auf Outreach aber drängten sich die Eliteeinheiten dicht an dicht. Wer was auf sich hielt, hatte hier eine eigene Kaserne oder zumindest ein Büro. Auch die Eagles hatten hier eine kleine Vertretung.
Wer es sich leisten konnte, nahm die weitläufigen Trainingsanlagen in Anspruch und ließ sich von Dragoneroffizieren drillen.
Vorbei.
Alles vorbei. Die Welt hat einen neuen Abschnitt in ihrer Geschichte erreicht. Es war ein Abschnitt, der für Jahrhunderte einen Schlussstrich unter allem zog, was sie die letzten dreißig Jahre ausgemacht hatte.
Das Leben brodelt nicht länger hier.
Hier regiert fortan der Tod.
Persönliche Aufzeichnung von Oberst Ace Kaiser in das Regimentstagebuch der Angry Eagles.

6.
Die Landung erfolgte wie im Bilderbuch. Luft/Raumjäger schossen über das Gebirge hinweg und sondierten das kleine Tal, welches wir neu getauft hatten, New Hope. Anschließend schleuste die VTOL-Kompanie aus, ging tiefer und sicherte den Anflug der Transporthubschrauber. Diese zogen eine enge Schleife über dem Tal und entließen dann ihre Ladung – GEST-Aktivpanzer. Fünfzig von ihnen sondierten den Boden, stellten Ausmaße und Tragfähigkeit der Bodenflächen fest und maßen die Radioaktivität. Schließlich gaben sie das O.K.-Zeichen.
Die Landungsschiffe senkten sich herab, zuerst der Leopard, danach die Overlords, die eng beieinander ins Zentrum des schmalen Tals steuerten.
Die Union bildeten einen losen Ring um die Overlords. Drei von ihnen würden bald wieder von hier aufbrechen. Schon sehr bald, um auf dieser Welt Überlebende zu suchen.
Die Radioaktivität lag nur wenig über dem Durchschnitt, den man in dreitausend Metern Höhe erwartete. Also öffneten sich die Schotten der Schiffe und entließen ungeschützte Mannschaften. Sofort begannen sie, eine untereinander vernetzte Zeltstadt zu errichten. Zwei der Union wurden komplett ausgeräumt, um als provisorisches Lazarett zu dienen.
Die Pioniere brachen derweil zu einem nahen Gletscher auf, um dessen Unterschichten abzubauen und das Schmelzwasser abzufangen.
Die Prognosen waren gut. In den Bergen würde es für ein Vierteljahr verdammt kalt, aber trocken bleiben. Radioaktiver Regen war nicht zu erwarten. Aber keiner meiner Offiziere war so naiv zu vergessen, sich nicht darauf einzustellen.
Deswegen wurde der Leopard als Waschmaschine umgebaut. In seinem Landedeck würde die erste Verseuchung mit radioaktivem Staub abgespült werden.
Schließlich wurden auch die Landungsschiffe vernetzt. Bei einigen wurden die Hangars direkt mit speziell konstruierten Manschetten an die Zelte gekoppelt, andere hingen nur mit Mannschleusen am System.

Ich unternahm meinen ersten Rundgang.
Denise DéForét scheuchte ihre Leute im MASH-Bereich der Zeltstadt umher. Nun zahlte es sich aus, daß die Eagles viel Wert darauf legten, daß sich ihre Krieger in Nichtmilitärischen Belangen auskannten. Die meisten Soldaten hatten eine Ausbildung zum Sanitäter, einige von ihnen hatten Praxis als Feldärzte. Denise selbst war auf Schusswunden spezialisierte Chirurgin und würde unser MedTech-Team unterstützen, wo es nur ging.
Betten wurden aufgestellt. Interne Kammern eingerichtet und OP-Räume errichtet.
Sie sah mich aus großen, stumpfen Augen an. „Wir sind bereit, Ace. Die Strahlungsopfer können jederzeit kommen.“
„Haben wir genügend Pseudoadrenalin?“ fragte ich leise.
Sie sah fort. „Wäre schön, wenn Du noch was besorgen kannst. Wir haben Reserven für zehntausend Menschen. Aber ich wette, irgendwo auf Outreach gibt es noch ein unbeschädigtes Lager.“
Ich deutete auf einen Bereich, der eine eigene Schleuse bekam. Und das inmitten der Zeltstadt.
„Was wird das denn? Platz für fünfzig Personen, schätze ich.“
Ihr Blick traf mich wieder. Ich erschauerte. „Das ist der Bereich für die Strahlenopfer, die selbst so sehr strahlen, daß wir sie isolieren müssen, Ace. Ich habe bereits ein Team um Dr. Ling zusammengestellt und Schutzanzüge austeilen lassen.“
Ich wollte aufschreien, meinen Schmerz in die Welt brüllen. Stattdessen ballte ich die Hände zu Fäusten, bis es schmerzte. „Gute Arbeit, Engelchen. Gute Arbeit.“
Sie lächelte blass. „Danke, Sir. Ach, Ace, sie werden doch bezahlen, ja? Ich meine, wir werden die Blakies dafür doch zur Rechenschaft ziehen?“
„Sie werden bezahlen, und zwar weit mehr, als ihnen lieb ist.“
Ich ergriff mein Funkgerät und sagte: „Landungsplatz gesichert. Nathan, Patrouillen ausschleusen. Ich will drei Augen im Weltraum haben. Dazu Erkundungspatrouillen auf beiden Kontinenten.“
„Wird erledigt“, kommentierte der alte Pilot wortkarg.
„PAX TERRA hat Starterlaubnis. Ich werde mitkommen.“
„Verstanden, Sir“, erwiderte Kapitän Andressen. Ihm unterstand das kleine Erkundungskommando, dessen Ziel der Ort war, an dem wir Überlebenden vermuteten: Die Raumhäfen von Harlech.

Eine Stunde später waren die Union PAX TERRA, WATERKANT, GLOCK und die Leopard WILDFANG auf dem Weg nach Osten. Die Luft/Raumjäger hatten uns Bilder geliefert, die das detailliert zeigten, was wir aus dem Orbit bereits gesehen hatten: Harlech war dem Erdboden gleichgemacht worden. Vereinzelt sah man schwarze Pyramiden in den Himmel ragen, doch keine war größer als zwei, drei Stockwerke. Die Straßen der bombardierten Stadt waren mit Schutt gefüllt. Nur auf den Hauptrouten würde ein Vorankommen noch einigermaßen möglich sein. Auf den Raumhäfen sah es ähnlich wüst aus. Die Piloten hatten über vierzig Landungsschiffe gezählt, ein Großteil beschädigt. Dazu Dutzende Trümmer, die früher einmal Landungsschiffe gewesen waren.
Bei einem Pulk relativ unbeschädigter Lander wollte ich unser provisorisches Quartier aufschlagen. Von hier würden wir die Bunker der Raumhäfen erkunden, die Landungsschiffe nach Überlebenden untersuchen und in die Stadt Harlech selbst vorstoßen.
Die Radioaktivität war stark genug, einen ungeschützten Menschen irreversibel zu verstrahlen, aber in der Stadt selbst herrschte eine Strahlungsstärke, die einen Menschen binnen weniger Sekunden sofort getötet hätte. Die Jäger meldeten fünf Punkte in der Stadt, an denen nicht einmal BattleMechs einen ausreichenden Schutz boten.
Also hatten diese Verrückten fünf Atombomben alleine auf die Hauptstadt geworfen. Hatten wohl auf Nummer Sicher gehen wollen.

Peter Andressen sah mich an. Ich nickte. Der junge Mann räusperte sich einmal, zweimal, endlich begann er zu sprechen. „Kapitän Andressen an Einsatzkommando. Wir haben grünes Licht, ich wiederhole, wir haben grünes Licht. Landung beginnen.
GEST schleusen zuerst aus, sichern und beginnen mit ersten Erkundungen. Mechs und Pioniere räumen uns ein Areal für einen Notstützpunkt und beginnen mit der Suche nach Vorräten und Bunkeranlagen. Die Strahlung ist moderat, ich wiederhole, moderat. Niemand setzt sich ihr ungeschützt aus. Die Pioniere bleiben in ihren Räumgeräten.
Die MedTechs agieren nur mit Unterstützung der GEST und der Mechs.
Und unsere Waschmaschine“- Leises Gelächter ertönte-„macht sich bereit für erste Entseuchungsmaßnahmen.“
Oberleutnant Wang kommentierte den Scherz über sein Schiff mit einer chinesischen Verwünschung. Wieder wurde gelacht.

Andressen grinste fahl. „Bootsmann geben Sie Signal zur Landung.“
Ein Unteroffizier trat vor und ergriff seine Pfeife. Direkt vor der Komm pfiff er das Signal zur Landung. Auf weniger traditionsbewussten Schiffen wie der WATERKANT und der GLOCK würde nun eine Lautsprecherdurchsage oder ein schlichter Gong ertönen.
Kurz darauf setzte der Gigant zur Landung an. Sofort öffneten sich die Hangartore im Windschatten, um zu verhindern, daß der Wind radioaktiven Staub in die Schiffe drückte.
Die GEST schwärmten als erste aus. Die Gefechtspanzer waren hermetisch abgeschirmt. Ihre Luftvorräte erlaubten ihnen ein Aktionsfenster von zwei Stunden. Die Panzer selbst konnten der Strahlung noch Wochenlang widerstehen.
Danach kamen die ersten Mechs. Men Shen und Raben, die mit ihren sensiblen Ortungsgeräten die erste Suche beginnen würden.

„Eine Nachricht von der CALIBRA, Sir. Kapitän Xavier spricht.“
„Durchstellen“, befahl Andressen.
„CALIBRA hier. Wir melden die ersten Überlebenden. Die GEST haben eine Gruppe von dreiundvierzig Überlebenden entdeckt und ins Lager geleitet. Die Ärzte haben sie schon durchgecheckt. Sie werde es alle schaffen. Sie haben kaum Strahlung aufgenommen.“
„Das ist eine sehr gute Nachricht“, meldete ich mich zu Wort. „Anton, Ihr gebt uns allen Hoffnung.“
„Genug, um mal über meinen Sold zu reden?“ erwiderte der Offizier. „CALIBRA Ende.“
Wir lachten. Humor tat uns gut, half uns, dieses Grauen zu verarbeiten. Zu verstehen, nein, zu akzeptieren, ja.
„Na, das sollte uns wohl motivieren, was? Finden wir auch ein paar Überlebende“, sagte ich fest. „Oder soll uns das Basislager etwa überflügeln, obwohl wir ausgesandt wurden, Überlebende zu finden?“
„Nein, Sir“, antworteten mir die Eagles und begannen hektische Aktivität zu entfalten.

7.
Chadrik Benton war selbst in einem der Teams, welche die Hafenanlagen durchkämmten. Das Gros war zerstört worden, hinweggefegt von der Urgewalt der atomaren Explosionen. Einige Terminals, die das Glück gehabt hatten, im Deckschatten einiger Lander zu stehen, sahen besser aus, hatten aber keine Scheiben mehr. Ein Überleben in diesen Gebäuden war definitiv nicht möglich. Chad benutzte dennoch eines von ihnen, um Zugang zu den unterirdischen Anlagen zu erhalten. Wenn, dann lebte hier noch jemand. Vielleicht gab es kleinere Bunker.
Genaueres wußten sie nicht. Die Dragoner waren nicht sehr freizügig mit der Weitergabe solcher Daten gewesen.

„GEST eins von Pionier eins“, kam eine Funkmeldung.
„Sprechen Sie, Hauptmann Marco.“
„Wir beginnen jetzt mit der Tiefenlotung. Nicht, daß Sie sich erschrecken.“
Chad grinste kurz über den Kommentar des Elementare, den sie einst von den Jadefalken erobert hatten. „So laut ist der Knall nun auch wieder nicht. GEST eins Ende.“
Kurz darauf hallte ein Schuß über den Raumhafen. Die Pioniere hatten einen schweren Bolzen mit doppelter Schallgeschwindigkeit in den Boden geschossen, um die Schwingungen der Schallwellen durch die feste Erde zu jagen. Ein Spezialgerät zeichnete eventuelle Reflektionen auf. Anhand dieser Daten konnten sie Objekte im Boden ausmachen. Ursprünglich wurde diese Technik für die Archäologie entwickelt, hatte sich aber auch in anderen Bereichen bewährt.
„GEST eins von Pionier eins. Chad, wenn du im Gebäude bist, such dir einen Weg in den Keller. Dort unten scheint es einen großen quaderförmigen festen Bereich zu geben.“
„Hm, könnte ein Bunker sein. Danke, Marco. Sucht weiter.“
„Das hatten wir ohnehin vor. Pionier eins Ende.“
Chad sah sich kurz um. Sieben Mann in GEST-Rüstungen begleiteten ihn. Team eins. „Ihr habt den Hauptmann gehört. Wenn wir drin sind, suchen wir uns einen Weg in den Keller. Von dort muß es einen Zugang zum Bunker geben. Wenn wir einen entdecken, benachrichtigen wir die MedTeams und die Pioniere, damit sie den Bunker öffnen und eventuelle Überlebende herausschaffen können. Dazu werden sie einen Teil des Gebäudes abtragen müssen und eine strahlungsabweisende Manschette anbringen. Aber ihr kennt das ja. Ist im Prinzip das Gleiche wie bei den Übungen für den Schwarzen Lenz.“
„Was, wenn wir im Gebäude selbst Überlebende finden, Boß?“
Chad schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Unwahrscheinlich. Der Angriff mit den Atombomben ist fast eine Woche her. Kein Mensch überlebt solange ohne unverseuchtes Wasser. Wenn er aber radioaktives Wasser getrunken hat, ist er mittlerweile tot.“
Die Worte auszusprechen schmerzte Chad Benton. Dies war vielleicht die schwerste Mission, die er jemals mitgemacht hatte. Bei anderen Gelegenheiten waren die Eagles als Retter gekommen, als Rekonstrukteure ganzer planetarer Ökonomien. Aber hier auf Outreach würde sich ein Wiederaufbau nicht lohnen. Nicht für die nächsten tausend Jahre.
„Aber wenn wir doch jemanden finden?“ beharrte der GEST-Spezialist. McCullen, der Sprengstoffspezialist und Spotter für den Scharfschützen des Teams.
„Dann reißt ihn zu Boden, deckt ihn mit einer der Planen aus den Notfallpaketen ab und ruft sofort die MedTechs, damit sie mit ihrem abgeschirmten Bus rüberkommen, um den Überlebenden aufzunehmen. Haben das alle kapiert?“
„Ja, Sir“, antworteten seine Leute.

Die GEST hielten sich nicht lange mit der Suche nach einer nicht eingestürzten Tür auf. Chad zündete die Sprungdüsen und flog durch ein leeres Fenster im ersten Stock ein. Das Team folgte ihm, verteilte sich.
Über die Leitung erklang ein Würgen. „Holloway hier“, erklang die gepresst klingende Stimme der Nahkampfexpertin. „Ich habe einen Toten gefunden, Sir. Sieht grauenvoll aus, die Strahlung muß ihn voll erwischt haben. Großflächige Verbrennungen auf dem Körper, die Kleidung offensichtlich verbrannt, regelrecht vom Körper gerissen. Dazu Dutzende Wunden von Glassplittern. Viele stecken noch im Körper. Ich kann nicht sagen, wie dieser Mensch gestorben ist, aber ich hoffe, es ging schnell. Ich kann nicht einmal sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war.“ Wieder würgte sie.
„Alles okay, Laura?“, fragte Chad besorgt, während er sich einen Weg die halb zusammengefallene Treppe hinab bahnte.
„Es.. es geht schon. Ist nicht mein erster Toter. Aber beim Gedanken daran, was hier passiert ist, schnürt sich mir die Kehle zu. Wenigstens ist er nicht von Ratten oder Kakerlaken zerfressen.“
„Wieso von Ratten zerfressen?“ hakte McCullen nach.
„Na, kennst du das nicht, Greg? Es heißt doch, nur Ratten und Kakerlaken würden einen Atomschlag überleben.“
„Das ist so nicht richtig, Herrschaften!“ Als erster erreichte Chad den Fuß der Treppe. Links von ihm war ein großes Fenster geborsten. Rechts endete der Gang, der sich an die Treppe anschloss, blind. Dort hatte sich ein kleiner Berg aus Unrat und Menschenleibern gebildet, die von der Wucht der Detonation zusammengekehrt worden waren. Vorsichtig begann der Eagle damit, den Haufen auseinander zu nehmen. Er fand neun Tote in unterschiedlichen Stadien der Verbrennung und Verletzung. Immerhin schien niemand erst unter diesem Leichenberg gestorben zu sein. „Hier sind noch mehr Tote, unten im Erdgeschoss. Wurden alle in eine Ecke gedrückt.“
„Warum ist es nicht richtig, Boß?“ „Was?“ „Na, Sie sagten, es wäre so nicht richtig.“
„Ach ja. Es stimmt schon, Kakerlaken sind beinahe unempfindlich gegen Radioaktivität. Und Ratten haben das Talent, sich sehr schnell an eine veränderte Lage anzupassen. Aber ich würde sagen, die gesamte Population dürfte zu neunundneunzig Prozent ausgelöscht worden sein. Der Bestand wird sich erholen, aber auch hier gilt, wie in allen Fällen, daß das Nahrungsangebot die Population regelt. Die Leichen der Toten werden nicht sehr lange vorhalten. Und sehr viel mehr zu fressen gibt es hier nicht. Nein, ich denke, wir werden auf Wochen hinaus keine Ratten sehen.“
„Was ist mit wilden Hunden? Ich habe mal ein Buch gelesen, über Nagasaki, eine Stadt auf Terra, die wurde auch gebombt. Und die Überlebenden berichteten, Nachts seien Rudel wilder Hunde in die Ruinen eingefallen und hätten die Toten und Kranken gefressen.“
„Na, guten Appetit. Soweit ich weiß gibt es keine Hunde auf Outreach. Überhaupt ist die Fauna hier nicht gerade ausgeprägt. Das machte diese Welt ja so ideal für große Manöver und Kampftraining.“
Chad brach eine Tür ein. Hinter ihr führte eine enge Treppe in die Tiefe.
Wieder hallte ein Schuß von draußen herein. Die Pioniere sondierten ein weiteres Gelände.
„Na, wenn das einer hört und falsch versteht“, lachte jemand.

„Eagle eins an alle Eagles. Erfreuliche Nachrichten. Unsere Luft/Raumjäger haben eine Gruppe MechKrieger auf den Übungsarealen auf Remus entdeckt. Sie haben bis jetzt in ihren isolierten Cockpits überlebt und freuen sich, uns zu treffen. Ein Union holt sie gerade ab.“
„Sehr gute Neuigkeiten. Dragoner?“
„Können wir noch nicht sagen. Die Krieger sind erschöpft und die Mechs in Tarnfarben bemalt. Beim einschleusen werden wir mehr sehen.“
„Schickst du die Waschmaschine hin, Ace?“
„Nein, ich denke nicht. Das Gebiet, in dem sich die Mechs bewegen, ist nur rudimentär verstrahlt. Die Mechs selbst werden zurückgelassen, falls sie selbst strahlen sollten. Wir können sie immer noch bergen.“
„Eine gute Idee. GEST eins an Team. Ich habe eine Treppe ins Untergeschoss gefunden. Bei mir sammeln.“
„Auch gute Nachrichten, Chad. Marco hat mir berichtet, daß die Pioniere unter deinem Gebäude einen Bunker ausgemacht haben.“
„Wir hoffen das Beste. GEST eins Ende.“

Neben und hinter ihm traten die Rüstungen zusammen. „Hält die Treppe?“ fragte jemand. Wahrscheinlich Kabrinskaya, die Scharfschützin.
„Na, das finden Sie doch bitte gleich mal raus, Lady“, erwiderte Chad grinsend und machte eine einladende Handbewegung auf die Treppe zu. Eine der Rüstungen löste sich aus der Gruppe und folgte der Handbewegung. „Danke“, säuselte sie. „Es gibt eben immer noch echte Kavaliere, die einer Dame den Vortritt lassen.“
„Dame würde ich nicht unterschreiben“, raunte McCullen leise. Die anderen lachten.
Alexi Kabrinskaya tastete sich vorsichtig auf die Treppe. „Kein Holz, scheint Beton zu sein. Ich belaste sie jetzt mit den vollen tausendzweihundert Pfund. Hm, hält.“
Vorsichtig stieg die Scharfschützin hinab, immer darauf bedacht, ob ein verräterisches Knirschen ertönte. Der Panzer würde sie schützen, aber es war immer peinlich, sich aus einer Lawine aus Schutt zu befreien. Nichts geschah.
Als die GEST-Frau unten war, winkte sie einladend. „Nun kommt schon, Ihr Angsthasen.“
Die anderen folgten. Chad schmunzelte. „Okay, Keller erkunden. Wir suchen einen Weg, der uns tiefer hinunterführt. Laut den Daten, die Hauptmann Marco mir überspielt hat, liegt der Bunker nördlich von uns. Die Richtung nehmen ich und Holloway.“
„Typisch. Der Chef schnappt sich wieder das Sahnestück“, murrte McCullen leise.
„Danke“, flötete Laura schnippisch.
Chad meinte beinahe, den stämmigen Schotten rot werden zu sehen. „Ich habe den Weg gemeint, Holloway. Den Weg.“
„Ja, ja“, neckte Andy Stone, der KommExperte, „hinterher kann man das immer sagen.“
„Genug Unsinn angerichtet. Auf den Weg, GESTs. Und achtet auf Schweinereien wie automatische Abwehranlagen. Ich glaube nicht, daß die Dragoner ihre Feinde bis zu ihren Bunkern vordringen zu lassen. Und im Moment haben wir keine Möglichkeit, eine automatische Anlage davon zu überzeugen, daß wir keine eindringende Feinde sind.“
Gemurmelte Bestätigungen erklangen. Die GEST gingen auseinander.

Schnell fand Chad, was er hier auch vermutet hatte. Ein isoliertes Treppenhaus, daß sichtlich weiter in die Tiefe führte. „Kennst du diesen Türentyp, Laura?“
„Hm, scheint mir der obere Bereich einer Schleuse zu sein. Wir riskieren nichts, wenn wir sie aufreißen.“
„Aber der Gang dahinter könnte verstrahlt werden und uns die Rettung von Überlebenden unnötig erschweren.
Eagle eins von GEST eins. Wir brauchen einen großen Bruder.“
„Hier Eagle eins. Mech ist unterwegs. Weise ihn ein. Soll ich auch gleich einen SanLKT in Marsch setzen?“
„Positiv. Wir haben hier im Keller eine Schleuse gefunden. Wenn wir sie gleich mit einer Manschette abdecken, dürften wir schnell nachsehen können, was sich dahinter verbirgt.
Okay, GEST. Ich weise den Mech ein. Der Rest hat fünf Minuten, um diesen Bereich des Gebäudes noch einmal abzusuchen. Danach reißen wir ihn ein, um besser an den Bunker zu kommen.“
Neben ihm schlug Holloway gegen die schwere Tür.
„Was soll denn das werden?“ brummte Chad ärgerlich.
„Na, Klopfzeichen. Morsecode. Ich habe gerade gefragt, ob jemand Zuhause ist.“
„Und du glaubst, die antworten?“ spottete der Major.
Klopf-Klopf-Klopf...
„Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Was sagen sie?“
„J-A... Ja. Es ist jemand Zuhause. Warte, ich frage, wie viele sie sind.“
Wieder hämmerte Laura Holloway gegen das Schott.
Kurz darauf erklang die Antwort. „Über zweihundert Menschen. Wir werden mehr brauchen als einen SanLKT.“ Ich gebe ihnen Bescheid, daß sie warten sollen. Wir reißen einen Teil des Gebäudes ab, damit wir sie direkt in Fahrzeuge evakuieren können.“
Sie klopfte erneut und erhielt prompt Antwort.
„Was sagen sie?“ „Sie wollen wissen, von welchem Regiment wir sind.“
„Sag ihnen...“ Hilflos warf Chad die Arme in die Höhe. Wie sollte er diesen Menschen verständlich machen, daß es vielleicht keine Dragoner mehr gab, geschweige denn als Regiment? „Sag ihnen, wir sind Sternenbundtruppen.“
„Sie wollen wissen, welche. Und warum wir so schnell da sind.“
„Sag ihnen nur, wir sind die Angry Eagles. Wenn ihnen das nicht reicht, dann sollen sie von mir aus da drin versauern. Moment, das letzte war aber nicht für die da drin gedacht. Laura!“
Ihr Kopf schwenkte zu ihm herum. „Zu spät, Boß.“
Wieder erklang die Antwort. „Sie sagen, das reicht ihnen. Und das wir loslegen können.“
„Okay, ist der Mech in Position?“ „Kampftitan ist bereit.“
„Dann evakuieren wir jetzt. Alles, was GEST heißt, raus hier.“

8.
Ein Teil des Gebäudes war eingeebnet worden. Der Kampftitan hatte ganze Arbeit geleistet. Ohne die PPK verfügte der Schwere Mech über zwei vollmodellierte Hände, was ihm die Abrissarbeit erleichtert hatte. Den Schutt hatte der Gigant äußerst vorsichtig fortgeschafft, um den Bunkerweg nicht zu beschädigen. Anschließend hatte er eine Rampe für die Luftkissentransporter geschaffen. Der erste fuhr bis kurz vor das Tor. Sie wurde mit einem Schaum abgespritzt, der Schaum fortgeblasen und anschließend die Manschette angelegt. Sie war etwa zwei Meter lang. Genug Raum für zwei Pioniere, um die Schutzmembran auf der Türseite zu öffnen und an der Tür selbst zu arbeiten.
Kurz darauf schwang sie auf. Die Pioniere warfen einen Blick auf die Geigerzähler, der Treppengang in die Tiefe war nur leicht verstrahlt. Wenn sie die Menschen hier durch evakuierten würde es ihnen nicht schaden. Ein Schutztunnel in die Tiefe erübrigte sich.
Die Pioniere arbeiteten sich weiter in die Tiefe vor und schlugen gegen die untere Tür. Die öffnete sich und entließ zwei schwerbewaffnete Dragoner, die sofort auf die beiden Pioniere zielten.
Beide waren unbewaffnet, genau mit dieser Reaktion hatte Ace gerechnet.
„Sie können uns erschießen“, sagte einer von ihnen, „oder die Menschen mit uns in Sicherheit bringen.“
„Woher wissen wir, daß Sie nicht doch zu den Angreifern gehören?“ argwöhnte der Ältere.
„Warum sollten wir dann so einen Aufwand betreiben? Wir wollen Sie retten.“
Der Ältere senkte die Waffe. Der andere Dragoner folgte seinem Beispiel.
Müde wischte sich der Mann durch die Augen. „Himmel, seit Tagen habe ich nicht geschlafen. Seit dieser Scheiß passiert ist. Dann brach der Kontakt zur Zentrale ab, oben war alles tot und die obere Kamera fiel auch aus. Die Geigerzähler tickerten wie wild. Die Menschen hatten Angst. Die Vorräte sind beinahe aufgebraucht. Wasser haben wir seit Heute Morgen nicht mehr.
Und dann kamen Sie.“ Übergangslos sackte der Mann in sich zusammen. Sein Kamerad wollte ihn stützen, war aber selbst zu schwach. Die Pioniere sprangen hinzu und fingen ihn auf. „Wir sollten beginnen“, wies einer den jüngeren Dragoner an. „Unser LKT kann immer zwanzig Personen zugleich zu den Landungsschiffen schaffen. Teilen Sie die Leute entsprechend ein. Frauen und Kinder bitte in den ersten Wellen, Soldaten zuletzt. Aber achten Sie darauf, keine Familien auseinander zu reißen.“
„Ja, Sir. Darf ich Ihren Namen erfahren?“
Der Mann grinste. „Ich bin Ace Kaiser von den Angry Eagles. Dieser Gentleman neben mir ist Keene Richards.
Braucht jemand ärztliche Versorgung? Haben Sie Strahlungsopfer da unten? Tote?“
„Nein, Sir, nur hysterische Menschen, dehydriert und hungrig.
Sie sind da ein ganz schönes Risiko eingegangen, Sir. Wir hätten Sie erschießen können.“
Der Eagle lachte und deutete die Treppe hoch in Chads Richtung. „Erstens muß ich bereit sein, die Risiken einzugehen, die ich von meinen Leuten verlange. Und zweitens haben Sie, seit das Tor aufging, das Laservisier eines Scharfschützen auf der Stirn. Ihr Risiko war ungleich größer als meines.
Fangen wir an.“

Ace Kaiser
11.04.2004, 18:30
9.
Mit zitternden Händen akzeptierte der Mann das Glas Wasser. Auf seiner Kühlweste prangten die Zeichen eines Sergeants. Nachdem er hastig getrunken hatte, begann er stockend zu berichten. „Wir waren auf dem Trainingsgelände Sigma unterwegs. Die Übung sah den Konflikt eines Bataillon Mechs mit Panzerunterstützung gegen eine Kompanie SturmMechs mit Sprungtruppen vor.
Wir hatten bereits eine Woche Übung hinter uns. Endlich gelang es uns, die Infanterie zu stellen. Sie hatten sich eingegraben und uns für jeden Meter furchtbar bezahlen lassen.
Mindestens neun unserer Mechs wurden deaktiviert, bevor wir sie überwunden hatten.“
Der Sergeant grinste flüchtig, als hätte er gerade einen guten Witz erzählt. „Unterschätze nie ein Bataillon Infanterie. Wenn sie sich eingraben, sind die verdammt effektiv.
Der Rest des Bataillons zog um einen kleinen Hügel herum und traf dort auf eine Lanze der SturmMechs. Wir gingen sofort in den Nahkampf über. Hinter uns brachen die anderen beiden Lanzen aus einem Waldstück hervor und nahmen uns in die Zange. Erst dachte ich Major Terence hätte uns mitten in die Falle geführt. Aber die Panzer fielen den SturmMechs in die Flanke und zwangen sie, uns die Zeit zu geben, um zwei Drittel des Bataillons zu drehen.“
Die Hände des Sergeants begannen plötzlich so sehr zu zittern, daß er beinahe das Glas fallen ließ. „Ich gehörte zu dem Kommando, daß sich mit der einzelnen Lanze herumschlug, während der Major rausging, um die Panzer zu unterstützen.
Mein Bushwacker befand sich im Nahkampf mit einem aufgemotzten Highlander. Wir bewegten uns während unserer kleinen Schlacht bis hinter den kleinen Hügel.
Das war unser Glück. Oder unser Verhängnis. Plötzlich war da dieses grelle Licht. Dieses gleißende, alles erfüllende Licht. Es war... es kam von überall, sogar aus dem Boden. Für einen Moment noch hörte ich die panischen Schreie meine Kameraden, dann rissen sie ab. Mein Mech desaktivierte sich. Doch ich sah, was vor mir geschah. Kathies Katamaran stand zu weit vom Hügel entfernt. Im einen Moment war ihr Mech noch im Clinch mit einem Schläger, und als ich wieder sehen konnte, war da nichts mehr. Absolut nichts mehr.“
Der Sergeant grub das Gesicht in die Hände. „Alles, was nicht nahe genug und auf der richtigen Seite des Hügels gestanden hatte, war ausgelöscht worden. Weg. Fort. Als hätte man sie wegradiert.
Als mein Mech wieder hochfuhr, bewegte ich ihn als erstes den Hügel hinauf, um einen Überblick zu bekommen. Doch was ich sah, war... Nichts. Absolut nichts. Kein Wald zur Linken, keine Grenzmarkierungen, keine eingegrabene Infanterie. Sogar unsere neun Mechs, die während der Übung deaktiviert wurden, waren fort.“
Der Mann schluchzte. „Ihr Versagen bedeutete auch ihren Tod.
Übrig geblieben waren ich, fünf Leute aus meiner Kompanie und zwei von der SturmMechgruppe. Harris ist leider erblindet, hat zuviel von der Explosion gesehen. Als dann der Geigerzähler raste, da... da habe ich erkannt, daß da eine besonders fette Bombe geplatzt sein mußte. Eine Atom- oder Wasserstoffbombe. Die Strahlenwerte lagen so hoch, wir konnten unser Mechs nicht verlassen. Und sie wurde verdammt schnell höher. Also tat ich das einzig Richtige und befahl den Abzug von der Strahlenquelle fort.“
Mühsam ging er sich durch sein Haupthaar. „Ich wollte einen Hangar erreichen, einen Schiedsrichterbunker. Aber von Sigma war nichts mehr übrig geblieben.
Also marschierten wir weiter zum nächsten Gelände. Aber auch dort war alles planiert, und die Geigerzähler machten Überstunden. So alleine war es nicht leicht, aber Harris mitsamt Mech mitnehmen zu müssen, gab uns wenigstens eine Aufgabe, an die wir uns halten konnten, die uns nicht verzweifeln ließ.
Als wir den dritten Punkt mit starker Strahlung erreicht hatten, erkannte ich, daß uns gar kein Unglück erwischt hatte. Wir waren flächendeckend bombardiert worden.
Also irrten wir über die Trainingsgelände. In der Hoffnung, andere zu finden, einen intakten Hangar oder zumindest einen Ort, an dem wir anhalten konnten, an dem die Strahlung nicht mehr so intensiv war, um wenigstens Harris zu helfen.
So war es, bis die Jäger der Eagles uns entdeckten.“

Major DéForét legte dem erschöpften Mann eine Hand auf die Schulter. „Danke für Ihren Bericht, Sarge. Ruhen Sie sich nun etwas aus. Ihre Leute werden noch untersucht, aber ich kann Ihnen schon jetzt sagen, daß es Hoffnung für Harris gibt. Wir haben noch viel zu tun auf Outreach und brauchen dafür jeden Mann.“
Der Sergeant nickte schwer. „Und danach, Ma´am? Sie haben gesagt, Blakes Wort hat ganz Outreach zerstört. Werden wir uns rächen?“
„Wenn die Zeit kommt“, erwiderte sie leise, „wird uns nichts und niemand daran hindern können.“


10.
Ich unterdrückte mühsam ein Gähnen. Es war eine Sisyphusarbeit. Alleine an den Raumhäfen gab es Dutzende Bunker, und wir suchten gerade mal den zweiten Tag. Dazu kam noch Harlech selbst. Unter der Stadt vermutete ich mehrere Großbunker, die einigen Tausend Menschen als Aufenthaltsort dienen würden. Dazu militärische Bunker und dergleichen.
Wieder gähnte ich. Chad Benton stieß mich an und meinte: „Geh schlafen, Ace. Ich kann die Evakuierung von Lima, Ecco und Papa auch allein koordinieren.“
Ich schüttelte unwillig den Kopf. „Nein, Chad. Ich bleibe, bis ich im stehen schlafe.“
„So kenne ich dich ja gar nicht, Ace. Sonst machst du doch immer einen auf supervernünftig.“
„Wenn ich die Augen schließe, Chad, dann sehe ich nur wieder allzu deutlich, daß das, was wir hier tun, nur Flickwerk ist. Verdammt, Romulus ist ein Riesenkontinent. Harlech alleine war einen Großstadt von gigantischen Ausmaßen. Alles abzusuchen wird uns für paar Menschlein Monate kosten.“ Ich grinste matt. „Direkt am Raumhafen neben diesem hier können gerade Menschen in einem umgeworfenen Landungsschiff elendig verrecken, und wir würden es nicht einmal mitkriegen. Die Zeit, die verdammte Zeit, sie macht uns zu schaffen. Wir wissen zu wenig. Wie ist die Versorgungslage? Wo stehen die Bunker? Wo sind die von den Dragonern für diesen Zweck angelegten Ressourcen? Und wann kommt Blakes Wort wieder?“
„Wieder?“ Chad zog eine Augenbraue hoch.
„Ja, wieder. Wie viele Mechfabriken gibt es auf Outreach? Fünf? Sechs? Würde mich nicht wundern, wenn sie hier vorbeischauen, um ihre Verluste aufzubessern. Wenn hier keiner mehr lebt.“
„Was, wenn sich diese Einsatzkräfte bereits auf Outreach befinden? Würden unsere Jäger sie finden?“
„Schwer zu sagen. Vielleicht würden wir nur zehn Kilometer aneinander vorbei laufen und uns nicht bemerken.“ Ich winkte ab. „Beruhige dich. Zwar sind wir auf Alarm, aber ich glaube nicht daran, daß sich hier wirklich Wobbies befinden. Und wenn doch werden sie kaum ein Feuerwerk machen, um uns auf sich aufmerksam zu machen.“

Von einem Moment zum anderen schrillte der Gefechtsalarm durch die PAX TERRA. Gefechtsalarm? „Hier Kaiser. Was ist los?“
„Sir, wir messen Gefechtsemissionen von Luft/Raumjägern an. Siebzig Kilometer südlich unserer Position.“
„Okay, Kapitän Andressen, wir gehen nach Standard vor. Eine Lanze Jäger zur Erkundung raus. Eine Lanze Mechs in Bereitschaft halten. Panzer auf Patrouille. Und macht meinen Tai-sho klar.“
Ich zog meine Uniform aus und nahm Kühlanzug und Weste aus einem Eckschrank. „Scheiße, scheint so, als hätte ich mich geirrt. Entweder flippen da gerade ein paar Dragoner aus...“ „...oder jemand bekämpft ein paar Bad Guys“, vervollständigte Chad leise. „Und da wir bisher keine Luftaktivitäten festgestellt haben...“
„Keine Spekulationen, bitte. Ich sehe es mir mal selbst vor Ort an. Du übernimmst hier das Kommando. Und fordere eine zusätzliche Kompanie Mechs an.“
Als ich hinausstürmen wollte, hielt mich der GEST-Kommandeur einen Moment zurück. „Ace, wenn es Blakies sind, schieß einen für mich ab, ja?“
„Versprochen“, sagte ich und rannte den Gang hinab, Richtung MechHangar.


11.
Hauptmann Aaron Spencer zog seinen Sperber in eine enge Wende über dem Raumhafen und besah sich die Lage. „Eagle eins von Kolibri eins. Habe mit Lanze Koordinaten des Kontakts erreicht und gehe zur Sondierung tiefer. Keine Luft/Raumkräfte, ich wiederhole, keine Luft/Raumkräfte auf der Ortung.“
„Hier Eagle eins. Das Profil entsprach einem Bodenangriff. Seien Sie vorsichtig. Wer immer bereit ist, auf dieser strahlenverseuchten Welt zu kämpfen, hat am Kampf mehr Interesse als am Überleben.“
„Copy, Eagle eins. Beginne Anflug.“
Der Sperber ging tiefer und raste über das weitläufige Areal hinweg. „Sir, ich zeichne MechWracks. Laut Infrarot rauchen sie noch. Sieht so aus, als wären sie zu Klump geschossen worden.“
„Können Sie Details erkennen? Hat ein Transponder überlebt oder sehen Sie Abzeichen auf den Mechs?“
„Negativ, die Mechs sind verrußt. Ich tippe auf Infernos. Moment, ich rufe die Daten meiner ROM auf. Hm, ich erkenne hier eindeutig eine zerstörte Cockpitkapsel. Aber da ist auch nichts zu finden. Scheint mal zu einem Tomahawk gehört zu haben.“
„Scheiße, Tomahawks werden in der halben Inneren Sphäre verwendet. Kreisen Sie mit der Lanze über dem Gelände in zwei Höhen und decken Sie unseren Anmarsch. GAZ vierzig Minuten.“
„Sie kommen selbst, Eagle eins? Ist das wieder der Ich muß bereit sein zu tun, was meine Leute tun-Scheiß?“
Sein Gegenüber lachte. „Nein, ich will mir nur einen Abschuss holen, wenn Blakes Wort da draußen ist. Überspielen Sie Ihre GefechtsROM nach New Hope. Major DéForét soll die Daten gleich mal auf leicht beschädigte Landungsschiffe untersuchen. Eventuell dehnen wir unsere Suche auf diesen Hafen aus, wenn es sich lohnt.“
„Wie man es nimmt. Es scheint eine A-Bombe in der Nähe explodiert zu sein. Die Strahlung ist ziemlich hoch, Operationsfenster liegt unter einer Stunde. Aber es war wohl ein kleinerer Kaliber.“
„Unter einer Stunde. Verdammt. Eagle eins Ende und aus.“

Spencer grinste gedankenverloren. Das würde eine verdammt kurze Erkundung werden. Im Groben hatte er den Suchplan im Kopf. Zuerst wollten die Eagles die Randgebiete der Hauptstadt und die Häfen untersuchen, weil die Wahrscheinlichkeit nach Überlebenden hier sehr hoch war. Viele große Bunkeranlagen. Danach nach Harlech vordringen. Die Tiefenbunker der Planetaren Verteidigung suchen und vielleicht öffnen, wenn es möglich war und Blakes Wort sie nicht durch spezielle Bunkerknackerbomben vernichtet hatte.
Die Zeit war knapp, das Areal riesig, und es waren viel zu wenig Eagles auf dieser Welt, um wirklich allen helfen zu können. Bei dem Gedanken, wie viele Menschen bis jetzt überlebt hatten und in den nächsten Tagen starben, weil die Eagles ihnen nicht helfen konnten, legte sich wie ein dunkler Schatten über seine Gedanken.
„Okay, Wesley und Sparks gehen auf Höhe. Tyrelle bleibt bei mir. Wir ziehen noch eine Runde über die Anlagen.“

Kurz darauf machte Hauptmann Spencer einen zweiten Anflug, seinen Flügelmann an der Seite. „Ich werde erfasst, Sir“, meldete Tyrelle kühl. Die alte Pilotin war ein Eagle.
Erfasst? „Ausbrechen!“ befahl Spencer und riß seinen Sperber nach links weg, während der Subutai Tyrelles nach Rechts wegbrach. Vor ihnen kreuzten sich plötzlich PPK- und Laserstrahlen.
„Eagles eins und Auge eins von Kolibri eins. Wir werden beschossen. Ich wiederhole, wir werden beschossen. Augenscheinlich eines der Landungsschiffe. Erlaubnis zum Angriff?“
„Ich orte Jägerausschleusung“, kommentierte Tyrelle trocken.
„Negativ, Kolibri eins. Schalten Sie Ihre Transponder ein und werfen Sie, wenn es geht erst mal einen Blick auf das Landungsschiff, daß sich mit Ihnen anlegen will. Ich will sicher sein, daß wir die Richtigen zum Henker jagen.“
„Der Feind schleust Jägerunterstützung aus.“
„Versuchen Sie, die Banditen zu kontaktieren. Vermeiden Sie einen Kampf. Sollten Sie angegriffen werden, weichen Sie aus. Aber bevor es brenzlig wird, kommen Sie in Richtung meiner Mechs und lassen Sie die Höhenpatrouille absteigen.“
„Copy, Sir. Also, Tyrelle, Transponder an.
Hier spricht Hauptmann Spencer von der Söldnereinheit Angry Eagles. Unbekannte Luft/Raumjäger, identifizieren Sie sich.“
„Die Jäger kommen schnell näher. Einer will sich an mein Heck setzen.“
„Ruhig bleiben, Tyrelle. Durch Ihre Panzerhaut braucht der Tweety eine Weile.
Ich wiederhole, hier spricht Hauptmann Tyrelle von der Söldnereinheit Angry Eagles. Wenn Sie sich nicht identifizieren, sind wir gezwungen, Sie abzuschießen.“
Ein kehliges Lachen antwortete ihm. „Mit einem Sperber und einem Subutai wollen Sie gegen zwei Visigoth bestehen? Lächerlich.“
Immerhin, er hatte Kontakt. Immerhin.
„Wir sind gute Piloten“, konterte er und ging in eine enge Kehre, um den Avatar abzuschütteln.
„Der gerade versucht, mich vor die Läufe seines Flügelmanns zu bugsieren. Netter Trick.“
„Achtung, Achtung, hier spricht Captain Naginata vom Ulster Space Marine Corps. Soweit ich weiß, gibt es keinen Sperberpiloten namens Spencer bei den Eagles. Ihre Erklärung wird darüber entscheiden, ob ich Sie abschießen lasse oder nicht.“
„Ich bin adoptiert, Ma´am. Die Eagles haben mich und meine Leute am Zenitsprungpunkt vor den Blakeisten gerettet. Und weil ich die Schnauze voll davon hatte, davon zu laufen, bin ich mit zurück geflogen, um hier was Gutes zu tun. Und wenn Sie zu diesen Fanatikern gehören, wird es mir eine Freude sein, erst Ihre Jäger und dann Ihr Landungsschiff in tausend Fetzen zu zerballern.“
„Hooo, langsam, langsam, Kleiner. Sergeant Striker hier. Wir sind nicht von den Wobbies und sind ebenfalls sauer auf die. Aber wie kannst du beweisen, was du sagst? Bisher sind uns nur bewaffnete Wobbies hier begegnet. Und die Geschichte mit den Angry Eagles ist doch etwas weit hergeholt.“
„Nun“, meldete sich eine weitere Stimme amüsiert zu Wort, „vielleicht diskutieren Sie das besser mit mir aus, Striker.“
„Kaiser? Sind Sie das? Teufel, was machen Sie hier auf Outreach?“
„Wahrscheinlich das selbe wie Sie. Arbeit suchen. Scheint so, als hätten wir mehr als genug gefunden. Kolibri eins, Kampfhandlungen einstellen. Ich glaube, die Space Marines und die Eagles haben einiges zu bereden. GAZ in fünfunddreißig Minuten.
Ach, eines noch, haben die USMC Feindkontakt?“
„Wir hatten. Eine Sechserlanze Wobbies.“
„Weitere Ortungen?“ „Nein.“
„Na, immerhin etwas. Ich hätte nur nie geglaubt, daß Blakes Wort auf dieser Welt Truppen landet. Und das Letzte, was ich hier wollte war zu kämpfen. Bis gleich, Striker.“

Es knackte in der Leitung, als Ace das Gespräch auf den Kanal zwischen sich und Spencer umstellte. „Hören Sie, Kolibri eins, es ist mir sehr peinlich, daß ich nicht daran gedacht habe. Noch peinlicher ist mir, daß wir keine Landungsschiffe der Blakies entdeckt haben. Ich möchte Sie bitten, darauf zu achten. Haben Sie auch ein Auge auf Spionagesatelliten und MechAktivitäten am Boden. Kann sein, daß gerade ein Regiment Mechs mit den Resten der Dragoner den Boden aufwischt. Obwohl... Nach über einer Woche haben sie es wohl schon längst getan. Eagle eins, Ende und aus.“
Spencer nickte schwer. So wie die Wobbies es mit ihm und dem Blauen Sturm gemacht hatten. Aber es schien so, als wären noch nicht alle Feinde mit dem Aufwischen fertig. Die würden sich noch wundern!
„Tyrelle, wir gehen auf hohe Beobachtung.
USMC-Pilotin, wir haben vielleicht bei der Jagd auf Blakes Wort noch Gelegenheit, herauszufinden, wer der Bessere ist.“
„Das werden wir. Mein Name ist First Lieutenant Katharina Griegoriejewitsch. Ich freue mich auf diese Gelegenheit. USMC Ende und aus.“

Ace Kaiser
11.04.2004, 18:33
12.
Zwei Tage auf Outreach, und sie verfluchte bereits jede Minute. Denise DéForét grinste matt. Mit den Angry Eagles hatte sie bereits einiges erlebt. Sie war auf Strana Mechty gewesen, hatte gegen den und im Bürgerkrieg gedient, zuvor einem guten Dutzend Welten geholfen, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen und schließlich und endlich war sie mit ihrer Einheit nach Outreach gekommen. Wie so oft.
Doch dieses Mal würde bestimmt das letzte Mal werden.
Outreach war eine Strahlenhölle. Eine verdammte, verfluchte, verseuchte Strahlenhölle. Die Winde, der radioaktive Staub und der Regen würden schon dafür sorgen, daß selbst kaum oder gar nicht kontaminierte Landstriche wie die Bergregion, in der New Hope, ihr Stützpunkt lag, verseucht werden würden.
Doch hier hatten sie eine Chance, eine echte Chance. Zu helfen, zu retten. Zu überleben.
Und vielleicht würden sie von hier aus auch kämpfen müssen.
Seit Hauptmann Spencer auf seiner Patrouille an Ace und sie Feindkontakt gemeldet hatte, wußten sie, daß Blakes Wort sich nicht mit der atomaren Vernichtung zufrieden gegeben hatte. Sie mußten die überlebenden Söldnereinheiten der Dragoner und ihrer Verbündeten am Boden angegriffen haben. Dies war nun mindestens neun Tage her. Der größte Teil der Kämpfe mußte abgehandelt worden sein, sicher zum Nachteil der Dragoner. Es war eine Erklärung dafür, daß sich keine Sprungschiffe von Blakes Wort mehr im Orbit befanden. Drei, vier Landungsschiffe der Union und Overlord-Klasse fielen auf einem Planeten wie Outreach nicht besonders auf, vor allem nicht, wenn der Elektromagnetische Impuls das halbe Magnetfeld der Welt rebellisch gemacht hatte.

„Also“, sagte sie wie eine Oberlehrerin und ging im großen Holotank des Stabes auf und ab. Neben ihr kreiste eine zwei Meter durchmessende Holosimulation des Planeten. Die neuesten verfügbaren Daten waren eingearbeitet worden. Immer wieder klappten kleine Fenster auf, schraffierten eine Region und berichteten über Radioaktivität, Regenwahrscheinlichkeit und vermutete Überlebende, Ressourcen oder Bunker. „Wir wissen jetzt, daß Blakes Wort doch nicht so sang- und klanglos abgezogen ist. Mit welchen Kräften haben wir zu rechnen, und vor allem wo?“
Hauptmann Miko Tsuno verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Von ihrer zurückhaltenden draconischen Art war in den letzten acht Jahren nicht viel geblieben. „Der Auftrag der Truppen ist klar. Die Vernichtung allen Widerstandes. Die Stärke der Einheit dürfte in etwa ein Regiment Mechs betragen. Dazu eventuell Unterstützungstruppen, alles in allem genug für einen, maximal zwei Gefechtsmonate. Dies dürfte in etwa das Operationsfenster sein. Erst dann können sie frühestens ein Sprungschiff zurückerwarten.“
Oberleutnant Warren, ebenfalls gebürtiger Draconier, nickte eifrig. „Sie werden auf einen Guerillakrieg eingestellt sein. Das bedeutet großzügige Ressourcen und mittelschwere Mechs und Scouts. Ich denke nicht, daß sie besonders viele Luft/Raumjäger haben werden. Dann könnten sie gleich über eine bestimmte Region des Planeten fliegen und rufen: Wir kommen gleich mit Mechs zur Jagd, bleibt bitte solange hier.“
„Großzügige Ressourcen?“ echote Denise leise.
Tetsu Warren zuckte die Schultern. „Ma´am, ich habe mich vorhin mit Major Stannic unterhalten, und er meinte, die Wobbies würden erst zufrieden sein, wenn sie wissen, daß die Brutanlagen der Dragoner sowie das gesamte Generbe vernichtet als auch die wichtigsten Offiziere getötet worden sind.“
Virgil Stannic sprang auf. „Vom Generbe habe ich gar nicht gesprochen, Junge“, keuchte er.
Auch Denise starrte den frisch beförderten Kompaniechef aus großen Augen an. „Weißt du, was du da gerade gesagt hast, Tetsu?“
In völliger Missachtung der Tragweite seiner Worte warf der junge Draconier die Arme in die Luft und rief: „Himmel, das ist doch logisch. Die Brutstation wurde sicher beim ersten atomaren Angriff vernichtet. Aber das Genarchiv ist garantiert in einem Bunker, gut gesichert und noch besser verteidigt. Die Wobbies können nur zwei Dinge tun: Das Ding für immer verschließen oder es erobern.“
Denise wechselte einen schnellen Blick mit Virgil. Der grinste.
„Wir sollten Ace warnen. Da will einer auf seinen Posten“, lachte sie. Denise griff an ihr Bügelmikrofon. „Auge eins hier. Alarm für den MechHangar. Alarm für den Jägerhangar. Alarm für das GEST. Sofort eine Verbindung zu Eagle eins. Es bereiten sich vor: Ein Overlord und zwei Union für einen Außeneinsatz auf Remus. Zwanzig Luft/Raumjäger. Wir nehmen mit: Zwei schwere Panzerkompanien sowie alles, was wir noch an GEST hier haben. Dazu zwei Kompanien Mechs. Ja, ich weiß, daß wir dann nur noch eine Kompanie hier haben. Das ist mir egal. Die Mission auf Remus wird der größte Coup, den wir hier landen können. Aber danke für den Hinweis, Andy.“
Sie sah wieder in die Runde. „Herrschaften“, sie nickte in Richtung von Oberst Charles Morai, dem capellanischen Kommandeur der Panzereinheiten, „wir versuchen, uns das Genarchiv von Wolfs Dragonern zu holen. Panzer und Mechs stehen Wache und die GEST geht rein und rettet, was zu retten ist. Vielleicht gelingt es uns auch, einige Persönlichkeiten der Dragoner zu retten.“
„Falls es noch was zu retten gibt“, brummte Charles leise.
Denise nickte zustimmend. „Wir können nicht mehr tun, als es zu versuchen. Und wenn wir bei der Gelegenheit ein paar Wobbies erwischen, um so besser.“
„Das werden wir. Wenn sie sich für erobern entschlossen haben, finden in diesem Moment gerade schwere Infanteriegefechte im Genarchiv statt“, murmelte Tetsu Warren und grinste sardonisch. „Das wird der Schock ihres Lebens, wenn sie Feuer im Rücken kriegen.“

„Gut. Gut. Wer übernimmt das Kommando über diese Mission?“
Charles erhob sich. „Ich mach das schon, Denise. Kriege ich Tetsus Kompanie?“
Der Draconier nickte. „Meine Leute rosten schon ein.“
„Dazu die Amboß-Kompanie von Hauptmann Schreiber. Sie soll sofort mit der schweren Kommandolanze von der Patrouille zurückkommen. Ich will die Kompanien nicht unnötig auseinander reißen. Sagt mal jemand Nathan Kreuzer Bescheid, er soll zum aufmunitionieren landen und sich neunzehn Begleitjäger aussuchen. Leutnant Grace, da die anderen Offiziere der GEST gerade in Einsätzen sind, übernehmen Sie das Kommando über unsere GEST-Truppe. Sind alles in allem virundzwanzig Mann.“
Die riesige Elementare schaffte es, selbst im voll besetzten Holotank unscheinbar zu wirken. Bis sie sich bewegte und man sie nicht übersehen konnte. Sie war den Eagles noch in der GeschKo in die Hände gefallen und seither in der Rangordnung nach oben geklettert. Langsam erhob sie sich und verließ den Tank mit den Worten: „Bin schon unterwegs.“
Denise verdrehte die Augen. „Manchmal wünschte ich, sie würde nicht mit so vielen Kontraktionen um sich schmeißen.“
Leises Gelächter antwortete ihr.
„Weiter im Text. Das Genarchiv liegt in einem Tiefenbunker auf Remus, wir haben die genaue Position einmal aus reiner Neugier von ROM gekauft. Etwas abseits der MechAnlagen. Etwas tiefer mit gut ausgebautem Verteidigungssystem. Genaue Pläne existieren nicht. Verständlich. Wenn Blakes Wort diese Anlage erobern will – das Bombardement wird sie gut überstanden haben - wird in der Nähe mindestens ein Landungsschiff als Ressource und Kaserne bereit stehen. Ich will es haben. Nathan soll es mit den Jägern am Boden halten. Tetsu, du eroberst es.“
„Apropos Ressourcen“, meldete sich Miko Tsuno noch mal zu Wort. „Ich glaube, die Wobbies haben irgendwo auf dieser Welt eine ähnliche Anlage aufgebaut wie wir sie hier haben. Von dort operieren sie. Wir sollten sie uns holen.“
„Faszinierender Gedanke“, murmelte Charles Morai. „Ich werde Nathan sagen, er soll seine Augen nach ungewöhnlichen Metallansammlungen in strahlungsarmen Gebieten aufhalten. Wäre doch nett, wenn uns der gesamte Nachschub von Blakes Wort in einem Handstreich in den Schoß fällt, während ihre Mechs Dragoner jagen.“
„Negativ. Sollten er und seine Jäger was finden, sollen die Helis eine Gruppe Schleicher absetzen, die sich das mal ansehen. Wir wissen nicht, wie stark solch eine Anlage verteidigt wird. Wenn wir Pech haben, nutzen sie sogar eine gute verteidigte Kaserne, die sie zu diesem Zweck extra verschont haben.“
„Soll ich meine VTOL schon mal suchen lassen?“ brummte Hauptmann McKenzie, der Chef der Hubschraubertruppen.
Denise winkte ab. „Zu auffällig. Warte das Ergebnis der Suche ab.“

Sie klatschte in die Hände. „So, meine Verbindung zu Ace steht. Ich werde ihm Bericht erstatten. Raus mit euch Halunken und bereitet den Einsatz vor.
Außerdem habe ich gleich eine Sitzung mit dem medizinischen Stab.“
Während die anderen Eagles den Holotank räumten, berichtete Denise DéForét Ace Kaiser in knappen Worten vom neuesten Plan und den Möglichkeiten, die sie darin sahen.
„Das die Entsatztruppe vorsichtig sein muß, brauche ich nicht zu erzählen, oder?“, klang die spöttische Stimme des Oberst auf. „Immerhin sind gerade mal bestenfalls zwei, drei Luft/Raumjäger über den Kontinent geflogen. Das ist keine flächendeckende Erkundung.“
„Ich weiß. Aber Ace! Das Genarchiv der Dragoner. Wir können sie alle retten. Ich denke, das ist das Risiko wert.“
„Genehmigt. Aber halte dich zurück, falls ihr den Stützpunkt der Blakies findet. Ich will erst sichergehen, daß wir stark genug sind, um es mit ihnen aufzunehmen.
Ich verhandele gleich mit den USMC, vielleicht kann ich ihnen einen Kontrakt anbieten, der sie dazu verführt, uns zu helfen.
Ach, und Denise. Wenn neben der GenAnlage zufällig ein Landungsschiff rumsteht, will ich es haben.“
„Kriegst du, Ace. Kriegst du. Mit ner hübschen Schleife drum und beinahe unbeschädigt.“
„Beinahe unbeschädigt?“, lachte Ace. „Denise, ich wünschte, du würdest diese Kontraktionen lassen.“
„Arschloch“, murrte sie.
„Angenehm“, erwiderte der Oberst, „ich bin Ace Kaiser.“
Denise verdrehte in komischer Verzweiflung die Augen. Na, sie hatte es auch nicht besser verdient. „Okay, Ace, ich halte dich auf dem Laufenden. Auge eins ende und aus.“

Unruhig wanderte sie durch den Holotank. Hatte sie auch nichts vergessen? Die Daten über das Genarchiv wurde gerade an den Overlord NANJING überspielt, die Truppen würden in zwei Stunden abmarschbereit sein. Die Hälfte der Jäger konnte sie jederzeit vorschicken. Einer solchen Walze an Feuerkraft würde nur eine gleich große Walze oder ein Kriegsschiff etwas entgegenzusetzen haben. Sie behielt diese Option im Hinterkopf.
Dann das Meeting mit dem MedTechs. Sie gab zu, daß sie ihre Kompetenzen immer mehr in die Hände von Dr. Ling legte. Der organisatorische Albtraum, die immer größer werdende Zahl an geretteten Menschen und Kriegern zu versorgen, nahm sie immer mehr in Anspruch. Sie sah den Tag kommen, an dem die Zeltstadt auf ein weiteres Tal ausgedehnt werden mußte. Die Pioniere, die mit Panzerunterstützung die Raumhäfen und kleineren Städte evakuierten, hatten schon lange die Anweisung, nach unverseuchten Materialien und Nahrung Ausschau zu halten. Wenigstens mit dem Wasser brauchten sie nicht zu sparen.
Aber nur wenn sie sowohl die Medizin als auch die Logistik im Auge behielt, konnte sie die Hilfe reibungslos organisieren und vielleicht ein paar Stunden Schlaf herausschinden. Während des Anfluges hatte sie jede freie Minute der anderthalb Tage geschlafen. Das schaffte Vorrat, reichte noch ein wenig.

Sie... Ein lauter Knall löschte den letzten Gedanken aus ihrem Bewusstsein. Sofort warf sie sich zu Boden. Der Knall einer Projektilwaffe. Einzelfeuer, Kaliber neun. Wahrscheinlich Shimatzu oder Glock. Geschrei der Sicherheitskräfte wurde laut, aber das Geräusch wiederholte sich nicht. Denise sprang auf und verließ den Holotank. Die Zeltstadt war weitläufig. Aber wenn sich ihr Gehör nicht getäuscht hatte, war der Schuß aus der Nachbarkuppel gekommen, wo die Eagles die OPs und den Isolationstrakt betrieben. Schnell hetzte sie durch den Verbindungstunnel. Dabei schob sie andere Menschen –Eagles und Gerettete – beiseite. Die meisten erkannten sie und machten dem Major Platz.
Vor dem Isolationstrakt angekommen sah sie einen Mann im weißen Sicherheitsanzug des Medopersonals aus der Schleuse getaumelt kommen. In der Hand hielt er eine Glock Halbautomatik, wie sie die Sprungtruppen der Eagles mit Schalldämpfer für Schleicheinsätze benutzten. Der Mann ließ die Waffe aus seinen kraftlos werdenden Fingern gleiten, sank in die Knie und legte beide Hände auf die Stirn. Dort berührten sie den Schutzanzug. Er griff sich in den Nacken, um den Helm abzunehmen. Dabei ging er nicht sehr ordentlich vor, erwischte den Verschluss mehrfach nicht. Er riss und wühlte und schrie, bis der Helm endlich lose war und er ihn nach hinten schieben konnte.
Der Mann legte die Hände auf sein Gesicht und begann leise zu schluchzen.

„Was ist hier los?“ fragte Denise, und nahm vorsichtig die Glock auf. Der Soldat vor ihr war Eric Straten, frisch beförderter Fähnrich bei den Sprungtruppen, seit zwei Jahren ein Eagle. Denise konnte verstehen, daß seine Augen noch viel zu jung waren, um das Grauen eines atomaren Konfliktes zu überstehen. Teufel, jedermanns Augen waren zu jung.
Aus der Schleuse trat Doktor Ling. Als Chefarzt betreute er auch den Bereich Strahlenkater. Den Sektor der Anlage New Hope, der den Verstrahlten vorbehalten war. Denen, die so stark verstrahlt waren, daß man sie isolieren mußte und sogar die behandelnden Mediziner in Schutzkleidung steckte. Der Arzt sah sie an. Sein Gesicht war vollkommen emotionslos. Er hatte, seit die drei Soldaten in diesen Bereich eingeliefert worden waren, bereits zwei seiner Patienten durch den Strahlentod verloren. Die drei waren Überlebende eines halb zerstörten Leopards gewesen. Ihre Überlebenschancen hatten gleich null gelegen, von vorne herein. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen.
„Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, Major DéForét, daß auch die Patientin Sergeant Annafred Terence mittlerweile verstorben ist. Ich werde Anweisung geben, den Isolationstrakt für erneute Benutzung zu präparieren. Außerdem...“, die Stimme des Arztes verlor für einen Moment die Ruhe, „bitte ich um die Ressourcen für ein ehrenvolles Begräbnis des Sergeants, Ma´am.“
„Wie ist das passiert?“ fragte Denise gefährlich leise.
Niemand antwortete ihr. „WIE DAS PASSIERT IST, VERDAMMT!“ Der laute Befehlston ließ die Menschen zusammenzucken. So waren sie die zierliche Frau nicht gewohnt. „Und ich will die Wahrheit wissen.“
Ling zögerte, warf einen Blick auf den jungen Offiziersanwärter. „Langfristig gesehen liegt es an der radioaktiven Strahlung. Wir teilen die Verstrahlungen in neun Stufen ein, von denen die obersten drei definitiv tödlich wirken. Wie Sie wissen, hat der Sergeant eine Dosis der Stufe sieben über einen längeren Zeitraum erhalten. Der ungedeckte rechte Arm erhielt sogar eine Dosis der Stufe neun...“
„Doktor“, sagte Denise ruhig und sah dem Arzt direkt in die Augen.
„Himmel, Denise“, rief er und deutete auf den Fähnrich, „ich kann ihn verstehen. Hätte ich eine Waffe gehabt, hätte ich es vielleicht sogar selbst gemacht. Ich weiß, es war mein Fehler, einen untrainierten Mann als Hilfskraft in den Trakt zu holen. Aber er hat Private Watson und Corporal Kent an der Strahlung sterben sehen. Hat dabei zugesehen, wie sich ihre Zellen aufgelöst haben, wie sie aus allen Poren und aus allen Öffnungen zu bluten begannen. Wie sie langsam den Verstand verloren haben. Ihnen ist das Gehirn nahezu aus der Nase geflossen.“
Der Mann trat vor und legte eine Hand auf die Schulter des Fähnrichs. „Terence hat mich und fast jeden auf der Isolationsstation angefleht, ihr einen würdigen Tod zu geben. Doch erst als... Erst als wir Kent in einem Sack rausgeschafft haben, hat der Fähnrich wohl auf Sergeant Terence gehört. Da wir ihr den verstrahlten Arm amputiert hatten und der andere mehrfach gebrochen war, konnte sie es nicht selbst machen. Es war ein glatter Schuß in die linke Schläfe, er trat zwischen Großhirn und Kleinhirn am Hinterkopf wieder aus. Sie zerfetzte Teile des Stammhirns. Der Sarge war sofort tot. Die Kugel wurde vom Bett aufgefangen. Es gab keine Beeinträchtigung in der Isolation.“

Fähnrich Straten stand auf und schüttelte die Hand des Arztes ab. „Danke“, sagte er schwer atmend, „aber ich brauche Ihre Hilfe nicht. Nicht mehr.“
Er wandte sich der Offizierin zu und sagte fest: „Ma´am, ich bin bereit, die Konsequenzen meines Handelns zu tragen. Ich bin es nicht wert, ein Eagle zu sein.“
Denise sah dem jungen Mann lange in die Augen. „Eric, ein Eagle zu sein bedeutet nicht, sich an Vorschriften zu klammern. Es bedeutet, das Richtige zu tun.
Doktor Ling, Sie sagen, es war eine Verstrahlung der Stufe sieben?“
„Ja, Ma´am. Definitiv tödlich.“ „Und die Patientin Sergeant Annafred Terence starb an der Verstrahlung innerhalb dieser Stunde?“
„Nun, sie hätte bestenfalls noch zwei, drei Stunden überlebt.“
„Und die Patientin starb an der Strahlung?“, wiederholte Denise stur.
Die Augen des Arztes leuchteten auf. „Ja, Ma´am. Sie starb an der Strahlung. Sie...“, fügte er leise hinzu, „hat nicht lange gelitten.“
„Dann ist es ja gut. Fähnrich Straten, stellen Sie das Begräbniskommando auf und begleiten Sie Sergeant Terence auf ihrem letzten Weg.“
Der Offiziersanwärter sah sie überrascht an.
„Sind Sie bereit für diese Ehrenpflicht?“
„Jawohl, Major DéForét.“
„Dann führen Sie meinen letzten Befehl aus.“
Sie sah sich einmal in der Runde um. Es waren Dutzende Eagles und etliche Zivilisten anwesend. „Ich sehe hier niemanden“, stellte sie fest.
Die Eagles verstanden als erste und zogen sich leise zurück, um ihren Beschäftigungen nachzugehen. Die Patienten und Zivilisten, die freiwillig in der Zeltstadt halfen, folgen ihnen.

„Gibt es eine inoffizielle Nachricht an Ace?“ fragte Ling leise.
Denise erhob erstaunt die Brauen. „Wovon, Edward?“
Der Arzt sah sie an und nickte. „Vom Tod unseres letzten Isolationspatienten.“
„Sicher, Edward. Delegiere die Dekontaminierung des Iso-Traktes. Wir haben eine Besprechung in drei Minuten.“

Ace Kaiser
11.04.2004, 20:31
13.
Das WA1-Warzenschwein bewegte sich vorsichtig über die Trümmer der einst stolzen Stadt Harlech. Eigentlich war das Pionierfahrzeug dazu bestimmt, mit dem nach Art eines Mähdreschers in Front befestigten Schlagwerkzeugs Minen aus dem Boden zu fegen und auszulösen. Dadurch verfügte der Panzer naturgemäß über eine robuste Technik und eine enorm gute Panzerung – falls mal eine Mine übersehen worden war.
Im Moment aber war das Schlagwerk einem Keilschub gewichen, welches es dem Kettenfahrzeug ermöglichte, kleinere Hindernisse beiseite zu schieben.
Alles in allem ermöglichte es den neun Angry Eagles, inmitten von Harlech mit einem anderthalbstündigen Fenster zu operieren, ohne eine erhöhte Strahlung zu riskieren.
Die Mission von Feldwebel Blaut Copak und seinen Spezialisten war eine Good Will-Tour. Ace, das heißt, Oberst Ace Kaiser, der Chef der Söldnertruppe, hatte ihnen den Auftrag gegeben, im Stadtgebiet von Harlech nach der Ruine zu suchen, die einst das Bürogebäude gewesen war, welche die Räume der Rekrutierungs- und Logistikbüros der Angry Eagles beherbergt hatten. Blaut glaubte nicht wirklich, daß sie wesentlich mehr finden würden als das, was er und seine acht Männer bereits sahen: Schlackeberge, Geröll und Staub. Tonnen, Abertonnen von Staub.

„Hm“, brummte Zimmerman leise vor sich hin. Er war der Fahrer des Warzenschweins. „Wenn wenigstens Nelly mitgekommen wäre...“
„Du weißt, daß das nicht geht“, erwiderte Blaut Copak leise, während er anhand des Computers die Ruine rechts vom Wagen als Einkaufszentrum identifizierte. „Frauen dürfen in diese Extremzone nicht eindringen. Sie reagieren wesentlich empfindlicher auf Strahlung als Männer. Sie neigen eher zu Tumoren.“
„Aber wir können uns ruhig etwas Strahlung einfangen, wie?“ brummte Zimmerman wieder. „Was, wenn ich unfruchtbar werde?“
Jason Chan lachte von hinten. „Darauf hofft die gesamte Menschheit, Hank.“
Zimmerman sah böse zurück und warf dem Capellaner einen Wenn Blicke töten könnten, wärst du jetzt nur noch Asche-Blick zu.
Blaut grinste. Die beiden waren wie die zwei Seiten einer Medaille. Sie ergänzten sich als Richtschütze und Fahrer beinahe gespenstisch, aber ihre gegenseitige Abhängigkeit und die tiefe Freundschaft hätten sie niemals freiwillig zugegeben.
Blaut Copak gab dem Korporal am Steuer einen Klaps auf den Hinterkopf und meinte grinsend: „Augen nach vorne.“
„Ja, Sir, Arsch, Sir“, brummelte Zimmerman beleidigt.
Blaut streckte die Beine aus und legte sie auf die Konsole vor sich. „Was beschwerst du dich auch? Der Alte hat ausschließlich Freiwillige für diese Mission haben wollen. Und du warst der Erste, der sich gemeldet hat.“
Für einen Moment verschwand das Mürrische aus Hank Zimmermans Miene. „Nimm das nicht so ernst, Blaut. Du weißt, ich würde für den Alten sterben...“
Blaut blinzelte überrascht. So emotional kannte er den Mann sonst nicht – und sie arbeiteten schon zusammen, seit die Eagles die alte Einheit Zimmermans während des Bürgerkrieges absorbiert hatten. Damals wäre die Truppe, bestehend aus einem Bataillon Steinertreuer Miliz beinahe von einer neutralen VerCom-Einheit vernichtet worden. Die Miliz hatte die Einheit etwas übereifrig attackiert und sich eine blutige Nase geholt. Als Zimmermans alte Truppe nur noch aus einem Drittel der alten Größe bestanden hatte, waren es die Eagles gewesen, die verhindert hatten, daß die VerCommies auch diesen Rest vernichteten. Seither waren die Milizionäre nicht immer glücklich mit den Entscheidungen des Alten gewesen, aber sie vertrauten ihm. Sogar so sehr, daß sie sich an den Kämpfen gegen Steinertreue Truppen beteiligt hatten. Bisher waren sie verdammt gut damit gefahren. Wie sie alle. Es hielt sich bis heute hartnäckig das Gerücht, daß Zimmerman mit seinem zerschossenen Savannah Master bereits unter der Sohle eines Wächter gelegen hatte, als Ace persönlich in seinem Tai-sho verhindert hatte, daß der VC-Mech zutreten konnte.
„So habe ich das auch nicht gemeint. Jeder hier würde für den Alten die Hand ins Feuer legen. Und jeder hier würde für einen Bull das letzte Hemd hergeben.“
Zustimmendes Gemurmel erfüllte den Transportraum.
„Aber du bist doch eigentlich nicht der Typ für diese Selbstmordmissionen, Hank. Du bist besonnen, ruhig, tust das Richtige zur richtigen Zeit... Meistens jedenfalls.“
Zimmerman blinzelte kurz in seine Richtung. „Weißt du, es gibt da diese Frau im Büro...“
Blaut sah erschrocken auf. Frau? Der alte Bärenbeißer? „Im Büro der Eagles?“
„Ich weiß nicht, ob du sie kennst. Jellico. Sie hat uns damals mit Kaffee versorgt, nachdem uns Major Kramstedt und Oberst Morai nach der missratenen Übung den Marsch geblasen haben.“
„Ich erinnere mich. Mann, waren die beiden geladen.“
„Und, na ja, ich bin mit Erie ins Gespräch gekommen. Hat mich sowieso gewundert, daß sie mich überhaupt freiwillig ansieht.“
„Erie? Erie Jellico? Das Model? Rasalhaag, wenn ich mich nicht irre“, brummte Jason. „Verdammt schönes Kind. Und die hast du rangenommen? Respekt.“
„Nein, ich habe sie nicht rangenommen“, blaffte Zimmerman. Etwas leise fügte er hinzu: „Wir haben angefangen, uns zu schreiben. Die letzten beiden Jahre, fast jede Woche...“
Blaut schluckte den lockeren Kommentar runter, der ihm auf der Zunge lag. Jellico war mit Sicherheit tot. Darüber Witze zu reißen war nicht fair. Einfach nicht fair.
„Ich glaube, ich habe mich verliebt“, sagte Zimmerman leise. „Ich wollte eigentlich mit ihr reden, wenn ich hier bin. Aber das hat sich ja jetzt wohl erledigt.
Hm, tja, und ich bin eigentlich nur dabei, damit ich den Schlackehaufen selbst sehe, damit ich mir keine falsche Hoffnung mehr mache. Die letzte Woche habe ich mich selbst belogen, mir was vorgemacht, in Gedanken durchgespielt, wie sie als letzte in den rettenden Bunker stürmt, oder wie die Druckwelle der Explosion sie hineindrückt und die Tore hinter ihr schließt, so einen Kram eben. Das kann so nicht weiter gehen. Ich muß da raus. Ein Ende machen, versteht ihr?“
Jason begann leise zu pfeifen. „Dann hättest du besser nicht mitkommen sollen. Denn deine Hoffnungen erhalten gerade ungeahnte Nahrung, Hank.“
„Wie meinst du das, Jason? Ist in der Nähe ein Bunker?“
„Besser, mein Freund, besser. Wir kommen gleich an einem Einschlagskrater einer der fünf Atombomben vorbei. Neben dem Kraterwall steht was, das dürfte dich interessieren.“
„Was?“
Der Asiate winkte ab. „Gleich, wenn wir um die nächste Ecke biegen.“

Die Geigerzähler begannen für ein paar Sekunden in schnellem Stakkato zu rattern, beruhigten sich aber wieder, als der Wall des Bombenkraters hinter ihnen zurück blieb.
Zimmerman umfuhr einen besonders großen Schlackeklumpen und stieß einen Fluch aus, der einen Mech zum Erröten gebracht hätte. „Das kann doch nicht wahr sein“, fügte er ehrfurchtsvoll hinzu. Sechshundert Meter vor ihnen erhob sich das Bürohochhaus, in dem sich auch die Büros der Eagles und der mit ihnen befreundeten Söldnereinheit Stampeding Bulls befanden. Bis auf rudimentäre Schäden an der Fassade war es vollkommen unversehrt. Im neunten Stock prangte sogar noch das Einheitsabzeichen, der zornige Cartoon-Adler.
„Wie ist das möglich? Wie zum Henker ist das möglich?“
Blaut Copak wurde übergangslos ernst. „Strahlung?“ „Eher schwach. Hauptsächlich sekundäre Verstrahlung durch aufgewirbelten Staub“, meldete Jennings, der an den Ortern saß.
„Wie groß ist die Enklave?“
„Soweit ich das beurteilen kann, umfasst sie das Hochhaus sowie einen Bereich von zwanzig Metern Radius, der unzerstört ist“, meldete Chan leise von seinem Beobachtungsposten. „Hey, wir können da sogar ungeschützt reingehen. Nicht für lange, aber bis in den neunten Stock sollten wir es schaffen.“
Zimmerman schüttelte den Kopf. „Wie ist das möglich? Wie zum Henker ist das möglich?“
„Nun, ich bin kein Experte, Jungs, aber dieses Phänomen trat auch schon in Hiroshima auf, der ersten Stadt, die die zweifelhafte Ehre hatte, von einer atomaren Bombe zerstört zu werden“, meldete sich Maffeo Antani zu Wort, ihr Einheitsgenie. „Ein paar hundert Meter rund um die Explosionsstelle war alles planiert. Aber direkt neben dem Explosionskrater soll ein Gebäude beinahe unzerstört erhalten geblieben sein. Das Geheimnis war die Wucht der Explosion. Sie behinderte sich im wahrsten Sinn des Wortes selbst und schuf so einen blinden Bereich. Eine Ecke, in der die Luft geradezu still stand. Hier gab es keinerlei Zerstörungen.
Tja, denkt euch das ne Nummer größer, und wir haben das hier.
Aber macht euch keine Hoffnungen auf Überlebende. Hier ging eine atomare Feuerwalze durch. Auch wenn das Gebäude noch steht, die Walze hat sämtlichen Sauerstoff in der Umgebung weggebrannt. Die Luft aus diesem blinden Bereich muß regelrecht rausgesaugt worden sein. Sorry, Zimmerman.“
„Schon gut“, erwiderte der Fahrer. Hoffnungsvoll sah er den Sarge an. „Gehen wir rein?“
Blaut Copak dachte nach. „Eddie, Nachricht an die PAX TERRA. Sag ihnen, was wir gefunden haben. Unser Aktionsfenster erhöht sich gerade beträchtlich. Von dieser Insel aus können wir beinahe im gesamten Stadtgebiet operieren.
Wir bilden zwei Teams. Eddie bleibt im Warzenschwein und hält Kontakt. Team eins geht rein und sucht nach Überlebenden und versucht, in unseren Büros die Computer und Unterlagen zu bergen. Hank, das führst du an.
Team zwei macht eine Lotung und sieht nach, ob es hier Bunker gibt. Eines unserer Mottos ist: Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Er schlug Zimmerman kräftig auf die Schulter. „Wenn sie noch lebt, verdammt, dann finden wir sie.“

Zehn Minuten später stürmten vier Mann unter der Führung von Korporal Zimmerman das Treppenhaus des Bürogebäudes hoch. Sie meldeten beträchtliche Schäden, allerdings keine Leichen.
Derweil ließ Blaut Copak das Bolzenschussgerät aufbauen. Sie versprachen sich nicht wirklich etwas davon, aber falls es auch in dieser Region Bunker gab, dann wollten sie diese natürlich aufspüren.
Eher lieblos feuerten die Leute den ersten Schuß ab, während Blaut gelangweilt am Empfänger saß.
„Ein Grauen, was?“ fragte Antani leise.
„Was meinst du, Maffeo?“ „Na, wie viele Bunker gibt es im Stadtgebiet? Zehn, zwanzig? Dreißig? Wie viele wurden zerstört, wie viele gibt es noch? Wie viele Menschen haben in ihnen überlebt?“ Demonstrativ stampfte er auf. „Die Explosionen haben alles dicht gemacht. Ohne Räumgerät geht da nichts. Und Funkwellen dürften zu schwach sein, um durch zehn Meter Erde zu gehen. Antennen, die nach außen führen, wurden vernichtet.
Alles, was uns bleibt, ist russisches Roulette, indem wir raten, welcher Bunker Hilfe bekommen soll und welcher warten kann.“
„Ja, das ist ein Grauen. Hey, Professor, was ist das denn? Das habe ich auf diesen Dingern noch nie gesehen. Sieht aus wie ein Darm.“
Antani beugte sich vor und sah dem Sarge über die Schulter. Er prustete los. „Darm. Ha, ha. Darm. Sarge, das ist die U-Bahn.“ „Die U-Bahn?“
Antani grinste. „Ein Verkehrsweg unter der Erde. Spart Platz und verbindet jeden Punkt der Stadt.“
„Ich weiß, was eine U-Bahn ist“, erwiderte Blaut wirsch. „Aber warum ist die da? Warum ist sie nicht zerstört?“
„Tja, weiß nicht. Liegt vielleicht daran, daß Blakes Wort für Harlech Oberflächenexplosionen für geeigneter hielt als Tiefendetonationen. Dadurch wird das, was tiefer liegt, natürlich geschont. Die U-Bahn. Die Kanalisation. Das Stromnetz, was nett wäre, wenn die Generatoren und Kraftwerke nicht vernichtet wären.“
In Blauts Augen blitzte es auf. „Denkst du, das Netz ist vollständig?“
„Neeeee. Dort wo die Bomben runterkamen ist es sicherlich unterbrochen. Aber ansonsten, tja, wer weiß?“
„Und? Wie sieht es da unten aus? Strahlung?“ „Keine Ahnung. Auf jeden Fall isoliert. Möglich, daß genügend atembare Luft vorhanden war, um bis jetzt zu überleben. Aber Wasser und Nahrung? Man müsste halt nachsehen.“
„Copak an Zimmerman. Hank, du suchst deine Freundin in der falschen Richtung. Geh in den Keller, verdammt. Soweit ich mich erinnere, gab es da einen Wartungszugang für die Linie Raumhafen – Rathausplatz.“
„Das ist die U-Bahn“, kam die verstörte Antwort.
„Richtig. Die beinahe unzerstörte U-Bahn, Hank.“ Der Korporal atmete keuchend aus. „Bin schon unterwegs. Ich lasse Jason und Cho hier oben, damit sie weitere Unterlagen bergen. Und da wundere ich mich die ganze Zeit, daß es keine Toten im Gebäude gibt...“

„Das ist doch eine verdammte Chance“, erwiderte Antani grinsend. „Hey, wo willst du hin, Blaut?“
Der Sergeant klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Du bist ein Genie. Ich empfehle dich für den Silbernen Sonnenorden, wegen herausragender Genialität, Professor. Und ein Empfehlungsschreiben für das NAIW kriegste auch.“
Blaut kletterte ins Warzenschwein zurück. „Gib mir Ace, Eddie.“
Der kleine Mann grinste und reichte dem Sergeant ein Headset. „Habe ich schon dran. Er fragt bereits nach dir.“
Blaut ergriff das Set und begann die Unterhaltung mit seinem Chef. „Sir, es ist so. Die U-Bahn ist fast vollständig erhalten. Sie lag zu tief, um komplett zerstört zu werden. Wir können sie nutzen, um Menschen auf unzerstörten Linien aus der Stadt rauszukriegen. Und da wäre noch eine Idee. Alles was wir brauchen sind transportable Stromgeneratoren und ein paar Computerspezialisten...“

14.
Langsam fielen Charlene die Augen zu. Sie schreckte wieder hoch. Erneut senkten sich ihre Lider herab. Doch wieder schreckte sie hoch. Das Spiel wiederholte sich, bis die Lider ganz zufielen. Ihr Körper erschlaffte und sie fiel von ihrem Drehstuhl. Der Aufschlag brachte sie wieder zu sich. Sie fluchte laut.
Paul lachte leise auf, als er sich erhob und der Dragonerin half, wieder auf die Beine zu kommen. „Warum schläfst du nicht etwas, Charlene? Du kannst die Ruhe gebrauchen.“
Sie sah den riesigen Elementare an. „Ja, vielleicht. Aber wie sieht das denn aus? Als würde ich mich gehen lassen. Ich...“
Paul legte ihr einen Finger auf den Mund. Er reichte aus, ihn vollständig abzudecken.
„Leg dich hin, Charlene. Morgen ist auch noch ein Tag. Die Menschen sind ruhig, deine Untergebenen ausgeruht. Gönn es dir.“
Mühselig befreite sie sich von Pauls gutgemeinten Block. „Und wenn was wichtiges passiert?“
Der Elementare lachte. „Was soll den passieren?“
Charlene setzte zu eine Antwort an, als sie ein schrilles Geräusch unterbrach. Zuerst dachte sie an einen Alarm. An eine Säge. An irgend etwas, nur nicht an das, was dieses Geräusch auslöste.
„Das Telefon“, kommentierte Paul trocken.
„Das Telefon“, bestätigte Charlene ebenso trocken.
Es klingelte noch ein paar Mal. Keiner von beiden bewegte sich.
„Wir sollten rangehen“, stellte der Riese fest.
„Ja, das sollten wir“, erwiderte Charlene leise. Sie ging zum Arbeitspult, in dem das Telefon integriert war. Vorsichtig nahm sie es ab und legte es an. „Hallo?“ fragte sie zaghaft.
Die Erwiderung ging ihr durch Mark und Bein. Unwillkürlich nahm sie Haltung an. „Sir, Sergeant Charlene Andrews am Apparat. In meinem Bunker befinden sich acht Dragoner und zweitausendvierzig Zivilisten. Unser Vorratsstatus ist ausreichend. Wir haben Wasser und Nahrung für weitere zwei Wochen.
Wie haben Sie... Ach, wirklich? Die Telefonleitungen verlaufen aus Kostengründen in der U-Bahn? Wie, nicht zerstört? Ach so... Neue Stromerzeuger? Gute Idee, Sir. Geniale Idee. Was? Nein, das ist nicht so schlimm. Jetzt wo ich weiß, daß es Rettung gibt, können wir sicher warten, bis sich die Eagles zu uns durchgewühlt haben. Was? Durch die U-Bahn? Die Strahlung ist moderat? Das sind gute Neuigkeiten. Aber Sir, eine Frage. Was soll ich den Menschen sagen? Wer hat uns angegriffen? Und wie sieht es oben aus?“
Stumm hörte die junge Frau zu, nickte ein paar Mal, bejahte und merkte nicht einmal, wie ihr die Tränen aus den Augen schossen. „Blakes Wort. Mögen diese Bastarde in der Hölle schmoren.
Nein, ich habe mich im Griff, Sir. Ich kann warten. Was? Das Telefonnetz ab jetzt nutzen? Kann ich es den Zivilisten ebenfalls zur Nutzung freistellen? Viele haben Verwandte, die sich vielleicht in andere Bunker retten konnten. Oh, danke, Sir. Ja, ich achte darauf. Zwanzig Leitungen für meinen Bunker. Ich danke Ihnen.
Ob wir... Ja, ich denke, das geht. Wir können eine der Telefonleitungen auf die Lautsprecher im Bunker schalten, aber wieso? Ein Radioprogramm? Ja, ich glaube auch, daß das den Menschen Hoffnung geben wird. Jetzt gleich? Okay, ich schalte Sie auf die Lautsprecher. Danke, Sir, und ich hoffe, wir werden uns bald sehen.“
Charlene nahm die Schaltungen vor. Kurz darauf erscholl eine Stimme im gesamten Bunker.
„Hallo. Mein Name ist Major Chadrik Benton von der SöldnerEinheit Angry Eagles. Ich kann ihnen mitteilen, daß Sie gerettet sind. Wir werden ein paar Tage brauchen, um bis zu Ihnen vorzudringen, und damit Ihnen in dieser Zeit nicht langweilig wird, hören Sie ab sofort Radio Eagle.“
Charlene lauschte verzückt der Stimme, die von einer fetzigen Rocknummer abgelöst wurde. Sie fluchte. Sie lebte. Sie durfte leben. Sie würde leben. Sie und alle in diesem Bunker. Himmel, sie hatte alles richtig gemacht. Erleichtert knickte sie ein, fiel zu Boden und war eingeschlafen, bevor die kräftigen Arme des Elementare sie vor dem harten Sturz bewahrten.
Schmunzelnd nahm Paul sie auf seine starken Arme und brachte sie in ihre Koje.

Im Bunker war derweil die Hölle los. Die Menschen waren bereits aufgewacht oder wurden geweckt. Viele schrien ihre Freude geradezu hinaus. Es gab Hoffnung. Endlich wieder Hoffnung.

15.
Als Hank Zimmerman der schlanken Frau half, durch das aufgesprengte Schott in den Keller heraufzuklettern, liefen ihm Tränen über die Wangen. Die Menschen, die aus der Tiefe nach oben strömten, waren schmutzig, schlecht gelaunt und hungrig. Aber sie lebten. Siebenundachtzig Menschen aus dem Bürogebäude hatten in der U-Bahn Schutz gesucht. Und gefunden. Soeben flog ein Transporthubschrauber in den Weak Spot, wie die Zone schwacher Radioaktivität genannt wurde, MedTechs, Nahrung und Zelte ein. Tatsächlich würde dieser Bereich nun Ausgangspunkt für eine Menge Aktivitäten in der Region werden. Solange der radioaktive Regen nicht fiel. Solange sich die Verwehungen radioaktiven Staubes in Grenzen hielten.
Merkwürdig, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen, während er der Frau klettern half, die er zu lieben glaubte, ging es Hank durch den Kopf.
Kaum stand Erie Jellico einigermaßen sicher auf dem Boden des Kellerraums, versetzte sie dem Panzerfahrer einen schmerzhaften Hieb auf den Solar Plexus. „Was habt Ihr so lange getrödelt?“ fauchte sie. „Die GAZ für die Eagles war Gestern Abend.“
„Mann“, beschwerte sich Hank und rieb sich den schmerzenden Magen, „Blakes Wort, ein paar Atombomben, Dutzende Bunker mit Überlebenden, das hält alles etwas auf, Erie.“
Das sie bereits den dritten Tag auf dieser Welt waren, erwähnte er lieber nicht.
Übergangslos fiel Erie dem Panzerfahrer in die Arme. Sie klammerte sich an ihn, als hätte sie Angst, er könnte wieder verschwinden. „Sag mir, daß es kein Traum ist. Sag mir, daß du wirklich bist. Und sag mir, daß du nicht wieder verschwindest.“
Nur mühsam legte Hank seine Hände um ihren schmalen Körper und drückte sie an sich.
Jason Chan bedeutete ihm grinsend, daß er den Platz des Fahrers einnehmen wolle.
Hank nickte dankbar und zog die Frau tiefer in den Raum hinein.
„Erie, sieh mich an. Ich bin da. Ich bin wirklich da. Die Eagles sind hier, hier auf Outreach. Sie sind hier, um euch zu retten.“
„Ich habe davon geträumt“, schluchzte sie. „Davon geträumt, daß du kommst, mir sagst, daß wir gerettet sind. Und jedes Mal bin ich aufgewacht und lag wieder in diesem verdammten Schacht. Gestern ging uns das Wasser aus und ich habe an die Decke gestarrt und gedacht: Wenn ich schon sterben muß, Gott, dann verschone bitte die anderen. Laß sie nicht in die Arme der Angreifer geraten.
Und wenn du hier bist, dann...“
„Pssssst“, machte er. „Es ist alles in Ordnung. In Harlech regieren die Eagles, niemand sonst. Wir sind gut durchgekommen. Und wir kommen hier auch wieder raus.“
Vorsichtig nahm er Erie auf seine Arme, trat in den Strom der Zivilisten und verließ den Keller. Draußen wartete er geduldig, bis ein MedTech die junge Frau auf Radioaktivität kontrolliert hatte. Dann trug er sie zum Medozelt, wo ihr Pseudoadrenalin gespritzt und ein Bett zugewiesen wurde. Die MedTechs hängten sie sofort an einen Salzwassertropf. Alle Überlebenden zeigten Anzeichen einer Dehydrierung.
Der Lösung war ein leichtes Schlafmittel beigemengt. Erie spürte, wie sie schläfrig wurde.
„Hank“, hauchte sie, als ihre Lider schwerer und schwerer wurden, „bist du da, wenn ich aufwache?“
„Ich bin da. Ich bin da.“ Er beugte sich vor und küßte sie.
Ein Lächeln spielte um ihre Lippen. „Danke. Jetzt weiß ich, daß ich nicht träume. In meinen Träumen hast du nie nach Paprika geschmeckt.“
Sie schlief ein.
Hank Zimmerman setzte sich auf die Bettkante. Und schwor sich, solange zu bleiben, wie man ihn ließ.

Ace Kaiser
11.04.2004, 20:32
16.
„Lotsen Sie mich, Willard“, gab ich schnell durch, als mein Tai-sho sich bereits ruckend in Bewegung setzte. Gleichzeitig aktivierte ich eine zweite Verbindung. „Lanze melden.“
„Henker bereit“, meldete sich Oberleutnant Sarna, eine Abtachakriegerin, die wir von den Jadefalken bekommen hatten. Sie war ein wichtiges Mitglied meiner Befehlskompanie.
„Hatamoto-kaze bereit“, meldete sich Hauptfeldwebel Henry Roberts. Der baumlange Schwarze stellte mit der Artilleriekonfiguration seines Drac-Mechs eine tödliche Bedrohung für jedermann dar – und eine verdammt gute Rückendeckung für uns.
„Banshee bereit“, kam die letzte Meldung. Sie gehörte Feldwebel Gordon. Wir hatten ihn als Leibeigenen auf Diana genommen. Seither hatte er sich seinen Weg in die Kriegerränge erkämpft und war stur hier geblieben. Der ehemalige Nebelparder führte die Banshee souverän und tödlich. Was würde der Bengel wohl erst leisten, wenn ich ihm eine Clanschüssel unterschob?
„Zero Leader, hier Zero Leader“, meldete ich mich im Befehlscode der MechKrieger meiner Einheit. „Willard ist Auge, ich wiederhole, Willard ist Auge. Roberts bleibt hinten, ich bin die Mitte. Sarna geht links voraus. Gordon rechts voraus. Auf Angriffsbefehl warten. Vorrücken Nordnordost. Einen halben Klick. Marsch.
Also, Willard, was haben Sie für mich?“
„Noch nichts definitives, Sir. Strikers Lanze ist auf Abfangkurs zu den ersten vier Kontakten. Deutlich überschwer, eine Verifizierung ist noch nicht möglich.
Die anderen vier Kontakte versuchen eine Umgehung. Wäre nett, wenn Sie die abfangen, bevor die bösen Buben meinen Kids in die Flanke fallen.“
„Roger. Aktualisieren Sie meine Karte. Anzeichen, daß sie uns geortet haben?“ „Negativ, Sir.“
Ich überlegte einen Moment. Meine Truppe war schwer. Die FeindMechs aber waren laut der Erschütterungen, die sie verursachten, ebenfalls schwer, wenn nicht überschwer. An ein ausgeglichenes Gefecht war nicht zu denken, wenn nicht wenigstens einer oder zwei meiner Krieger aussteigen sollten. Aber da keiner von ihnen über eine Cockpitkapsel verfügte, bedeutete dies den sicheren Strahlentod.

„Wegpunkt erreicht“, meldete Sarna. Ich hörte ihre Stimme zittern. Sie freute sich auf den Kampf. Andererseits zitterte ihre Stimme auch, wenn es in der Kantine Erdbeerkuchen zum Nachtisch gab. Oder wenn sie das Papier von ihren Weihnachtsgeschenken riß.
„Gordon aufschließen. Ich und Roberts folgen. Wir suchen den Deckschatten des Leopards auf.“
„Wollen Sie nicht lieber angreifen, Sir? Was, wenn die zweite Lanze zu Striker durchbricht?“
„Das wird sie nicht, Willard, mein Wort drauf. Sagen Sie mir lieber Bescheid, wenn Strikers Einheit mit dem Tanz beginnt.
Zero Leader, hier Zero Leader. Standby.“
Dreifaches Roger kam als Erwiderung. Die vier Mechs meiner Lanze wurden runtergefahren. Ihre energetischen Emissionen waren nun auf einem Tiefstand. Der Reaktor lief mit sowenig Belastung, wie irgend ging. Normalerweise hätte man uns auf kurze Distanz dennoch aufspüren können. Aber nicht in dieser Strahlung. Und nicht direkt neben achttausend Tonnen Metallschrott.

„Strikers Lanze hat angegriffen, Sir“, meldete Willard. „Greifen Sie jetzt an?“
„Negativ. Seien Sie mein Auge. Veränderungen bei unseren Opfern?“
„Sie beschleunigen. Passieren Ihre Stellung bei vier... drei... zwei...“
„Aktivieren“, befahl ich, fuhr meinen Mech hoch und warf ihn in einen schwerfälligen Trab. „Fuchs und Hunde“, gab ich schnell die taktische Anweisung.
„Sind schon unterwegs“, meldete Sarna und zündete die Sprungdüsen. Neben ihr erhob sich die Banshee von Gordon in die Luft.
Ich beschleunigte noch ein wenig mehr. Gerade eben kam der erste Blakie um die Spitze des zerstörten Leopards herum. Ich ließ den Schwarzer Ritter ziehen. Der zweite Mech war ein Toyama, das erste sichtbare Zeichen, daß Blakes Wort wirklich in diesem Überfall involviert war. Ich zögerte nicht lange und feuerte meine beide PPKs im schnellen Wechsel, während ich meine Kiste näher ran brachte.
Gleichzeitig bemühte ich mich, den dritten Mech, einen Grashüpfer, mit meinem Zielerfassungslaser im Visir zu halten.
„Habe ihn, Boß“, meldete Henry.
Der erste PPK-Schuß traf den Toyama am linken Arm, der zweite schmolz Panzerung vom rechten Bein. Die schwere Maschine beendete ihren Sturmlauf und ging schwerfällig in einen Kurs, der sie in meine Richtung drehen würde.
Kurz darauf schoß eine volle Salve LSR des Hatamoto über meinen Mech hinweg und landete im Torso des Grashüpfers, der sich ebenfalls zu drehen begonnen hatte. Sein RakAbwehrsystem erwischte nur drei. Die übrigen sieben LSR brachen Panzerung aus seinem Torso.
Der Toyama erwiderte das Feuer auf mich mit den schweren ER-Lasern, doch nur einer traf und wischte über den rechten Mecharm. Seine LSR-Salve ging an meinem Mech vorbei. Ich war bereits zu nahe für eine Zielerfassung.
Der erste Mech, der Schwarzer Ritter, hatte seinen Sturmlauf ebenfalls beendet und kam nun langsam zurück. Ich grinste. Zwei Mechs gegen vier, das mußte doch ein gefundenes Fressen für sie sein.

Neben mir zuckten zwei PPK-Blitze vorbei und trafen den Grashüpfer erneut zentral. Eins mußte man Henry lassen, wenn seine LSR ein Ziel erfasst hatten, dann saßen auch die anderen Waffen.
Während sich der Grashüpfer nun auf einen Clinch mit dem DracMech einzulassen schien, feuerte ich erneut die PPKs auf den Toyama, um mich für die ER-Laser zu bedanken. Einer ging vorbei, der andere saß in der rechten Schulterlafette seiner 20er LSR. Als ich nahe genug dran für einen todsicheren Treffer war, setzte ich das erste Mal meine AK/10 ein, ebenfalls auf die Lafette. „Ja, Kleiner, mein Mech ist nicht nur hübsch, er hat auch Zähne.“
Der Schwarzer Ritte war noch etwas entfernt, außerdem standen seine FreundMechs zwischen ihm und einem sauberen Treffer auf mich. Ich überlegte, meine Luft/Raumjäger hinzu zu bitten, während ich meinen Mech herumwarf, um der Antwort der gegnerischen AK/10 zu entgehen, als der Tai-sho ungeahnte Hilfe beim Manöver erhielt und dem Granantenstrom knapp entging. Leider zum Preis von sechzig Prozent Panzerung am rechten Arm. Dabei war ich nur gestriffen worden. Ein Gaußtreffer. Mir klingelten die Ohren. Wieder feuerte ich die PPKs im Wechsel und versuchte das Kunststück, den Toyama sowohl zwischen mich, den Schwarzer Ritter als auch den neuen Gegner zu bringen. Einen Atlas.
„ATLAS auf dem Schlachtfeld!“ blaffte ich. Hundert Tonnen Kriegsmaschine sollte man immer ernst nehmen, selbst wenn es nur nachgerüstete IS-Tech war. Mein RAS begann knatternd zu leben, als der Atlas mir eine volle Salve LSR aufdrückte. Elfe erwischt, drei gingen vorbei. Sechs verteilten sich auf meinem Torso, als ich den rechten Arm aus dem Trefferbild rausdrehte. Ich brauchte die PPK noch, verdammt.

„Zimmerservice“, erklang plötzlich Sarnas Stimme. „Ist jemand Zuhause?“
Von einem Moment zum anderen senkte sich der Henker auf den Atlas nieder. Die Laufgeschwindigkeit des Hunderttonners war dem Fall des Henkers angepasst und so riß der ClanMech den Gegner zu Boden und ritt auf ihm, bis sich seine Bewegung aufgezehrt hatte.
„Anscheinend nicht“, höhnte Sarna und feuerte ihre S-Laser und das Gaußgeschütz auf den Grashüpfer ab, der sich nun zwei Gegnern gegenüber sah.

In meinem Gegner schlug eine Gaußkugel ein. Dem folgten zwei PPK-Blitze, von denen jedoch nur einer traf, und den linken Arm abriss, den der Gaußtreffer bereits arg mitgenommen hatte. „Darf ich mich an dem Abschuss beteiligen, Ace?“ lachte Gordon.
„Such dir einen eigenen Mech“, erwiderte ich grinsend und fügte ein Danke an.
„Jederzeit, Sir. Jederzeit.“ Der Banshee löste die Sprungdüsen aus, um dem Schwarzer Ritter näher zu kommen, der mittlerweile nahe genug heran war, um seine Kameraden zu unterstützen.
Der Toyama hatte nun seine Hauptwaffe verloren, die AK/10. Das vereinfachte die Sache für mich. Wieder feuerte ich meine Autokanone auf die LSR-Lafette ab. Der Schaden war immens, warf den Toyama einen Schritt nach hinten und löste Panzerung. Mehr geschah nicht.
„Explodier endlich, verdammt“, blaffte ich atemlos und setzte eine PPK hinterher.
Diesmal hatte ich mehr Erfolg. Der Treffer schlug in die Lafette ein, erwischte die frisch geladene Munition und ließ sie hochgehen. Die Explosion zertrümmerte die Lafette, trennte den rechten Mecharm ebenfalls ab und demolierte das Cockpit.
„Selber Schuld, wenn du kein CASE hast“, brummte ich böse und ging näher.
Mit dem Mut der Verzweiflung eröffnete der Toyama das Feuer aus seinen mittelschweren Lasern auf mich und ging erneut auf Geschwindigkeit. Der Bastard wollte mich rammen.
Ich hielt meinen Mech an, drehte die Beine in einen 45er Winkel zum Torso. Distanz zum Toyama waren achtzig Meter, schnell weniger werdend. Wieder flammten seine Laser auf und kochten Panzerung von meinem Mech. Ich atmete die heiße Luft in meinem Cockpit und legte die AK mit einer PPK zusammen. Bei vierzig Meter feuerte ich beide auf das Cockpit meines Gegners ab und setzte meine Maschine in Bewegung.
Ich sah gerade noch, wie das Cockpit des Toyama unter einer Detonationswolke verschwand, als mein Mech aus dem Sturmlauf des 75er Koloss heraustrat. Bei zwanzig Metern fiel der Mech vornüber und rutschte noch gute vierzig, bevor er zur Ruhe kam. Dieser Bastard. Er hätte mich selbst im Tode noch gerammt.

„Zero Leader, hier Zero Leader. Bin rot, aber gleich wieder gelb. Braucht jemand Hilfe?“
„Negativ, Sir.“ Der bullige Henker unterstützte den Hatamoto gerade dabei, den Grashüpfer mit Lasern und PPKs auszuweiden. Der Mech machte nicht mehr lange.
„Ace!“ blaffte Gordon. “Mein Gegner wendet dir den Rücken zu!”
Ich grinste. Was für eine Gelegenheit.
Der Kampf der beiden hatte den Schwarzer Ritter gedreht. Nun stand er mit dem Rücken zu mir, den Wahlspruch jedes MechKriegers vergessend, in Bewegung zu bleiben – keine sechzig Meter entfernt. Schwerfällig setzte ich meinen Mech in Bewegung.
Vor mir taumelte der Blakie unter der Salve eines PPK-Treffers.
„Willard, wie sieht es bei Striker aus?“ „Zwei Ausfälle. Aber die USMC hat mit ihren Gegnern bereits den Boden aufgewischt.“
„Tot?“ „Die medizinischen Sensoren sagen nein. Und wenn wir unsere Piloten schnell genug versorgen, bleibt es auch dabei.“
„Aber Striker war schneller? Na, hat ja auch früher angefangen.“
„Wollen Sie sich um die Party drücken, Sir?“ lachte der Kommunikationsoffizier.
„Eine andere Frage, haben Sie in letzter Zeit mal ein Verhör geführt, Willard?“
„Wieso fragen Sie, Sir?“
Ich stellte meinen Funk auf den offenen Kanal und rammte dem unachtsamen Schwarzer Ritter den Lauf meiner rechten PPK in den Rücken.
„Deaktiviere deinen Mech, Feindpilot. Oder du erlebst eine Reaktorexplosion aus erster Hand.“
Keine Reaktion. Der Schwarzer Ritter feuerte erneut auf die Banshee. Gordon hielt sich zurück, um mich nicht zu gefährden.
Wütend zog ich den Arm zurück und stieß erneut zu. Die Rückenpanzerung brach, der Lauf der PPK drang tief in die Eingeweiden des Mechs ein. „Drei...zwei...eins...“
Vor mir sackte der Schwarzer Ritter in sich zusammen. Er hatte sich deaktiviert.

„Zero Leader, hier Zero Leader. Bericht.“
„Banshee hier. Kampfbereit mit mittleren Panzerungsschäden. Brauche Munition.“
„Henker hier. Leichte Schäden. Brauche Munition.“
„Hatamoto-kaze hier. Mittlere Panzerungsschäden, leichte Schäden in der Internen. Brauche Munition.“
„Sarna, sieh dir mal den Toyama an. Wenn sein Cockpit zerstört ist, lass es gut sein.“
„Und wenn nicht?“ „Tritt drauf. Wir brauchen nur einen zum Verhör.“
Irrte ich mich oder ging ein leichter Ruck durch meinen Gegner?
„Sie haben es gehört, Willard. Ich brauche ein Taxi, eine Arrestzelle und einen Verhörraum.“
„Sir, Sie wollen diese Bestie doch nicht am Leben lassen?“
Ich atmete tief ein. „Hat Akila zugestimmt, sich meinem Kommando zu unterstellen?“
„Ja, Sir, aber...“
„Dann führen Sie meinen Befehl aus. Der Gefangene wird vor ein ordentliches Militärgericht gestellt. Meinetwegen dürfen Sie es anführen, aber vorher quetschen wir ihn aus. Mich interessieren Dinge wie Einheiten, Truppenstärke, Gefechtsplanung, Vorräte und dergleichen.“
„Eigentlich keine dumme Idee, Sir. Und... Ich wäre lieber beim Erschießungskommando dabei.“
„Lässt sich einrichten.“ Ich nickte wütend. Ein Mech würde feuerbereit bleiben, die PPK in den Eingeweiden des Gegners, bis das Gefechtstaxi der USMC den Gegner aus dem Cockpit geholt hatte.
„Zero Leader an Zero sechs bis acht. Das Sensornetz der USMC gibt uns eine gewisse Sicherheit. Zum Landungsschiff zurückziehen, reparieren und aufmunitionieren.“
Die EaglesMechs setzten sich in Bewegung.
„Ach, Ace, das Cockpit des Toyamas war zwar eingebrochen, aber zur Sicherheit habe ich noch mal reingetreten. Wer Atomwaffen einsetzt, hat jedes Anrecht auf die Würde eines Kriegers verloren“, schnaufte Sarna wütend. „Aber keine Sorge. Ich habe es so dosiert, daß unsere Techs nicht zuviel zu tun haben, um ihn wieder flott zu kriegen.“
„Gute Arbeit. Wir sollten mal über deinen Sold sprechen, Sarna.
Eagle eins an Kolibri ein.“
„Kolibri eins hier.“ „Spencer, fliegen Sie eine weite Höhenpatrouille um diesen Raumhafen herum. Suchen Sie nach einem feindlichen Landungsschiff. Diese Bastarde müssen doch irgend wo her kommen. Wenn Sie es gefunden haben, alarmieren Sie Major Benton. Er soll einen Zug GEST darauf ansetzen. Wenn möglich erobern.“
„Verstanden, Sir. Darf ich es abschießen, falls es flieht?“
„Nein, vielleicht ergibt sich später noch eine Gelegenheit, es zu erobern. Eagle eins Ende und aus.
Zero Leader an Willard. Ist Striker unter den Verwundeten?”
„Nein, Sir. Stahl bricht nicht.“
Ich lachte. „Da habe ich meine eigenen Erfahrungen, Willard.“
Für mich begann das Warten. Aber wenn es eines gab, was ich in meiner Zeit als Krieger gelernt hatte, dann war das Geduld.
„Mist, jetzt schulden die Eagles den USMC ja eine Party...“, ging es mir durch den Kopf.

Ace Kaiser
11.04.2004, 20:34
17.
Kurz nachdem mein Mech dekontaminiert war, schob ich den Neurohelm in die Halterung und öffnete den Sechspunktgurt. Schnell löste ich die Neuropflaster vom Körper und verstaute die Kabel in einem Staufach unter meine Liege. Routiniert stöpselte ich den Kühlanzug und die Kühlweste aus dem Kühlkreis des Mechs aus und hängte den Schlauch auf.
Ich entsiegelte das Cockpit, nahm dankbar die Hand an, die sich mir entgegen streckte und trat auf den Laufsteg.
„Danke“, brummte ich dem Tech zu.
„Gern geschehen, Sir. Reparaturen, Sir?“
„Panzerschäden ausbessern und aufmunitionieren. Ich glaube zwar nicht, daß die Blakies noch mehr Mechs und Fahrzeuge hier draußen haben. Aber ich habe mich in dem Punkt schon einmal geirrt.“
Der Techniker grinste mich an. „Junge, wie Sie will ich mich auch mal irren. Da laufen Sie einer Wobbie-Lanze in die Arme und wischen mit ihnen den Boden auf.“
Ich erwiderte das Grinsen. „Ist deren eigene Schuld. Wer nicht auf seine sechs achtet, der kann schon mal von hinten beschossen werden.
Ist der Gefangene schon da, Corporal?“
Der Tech nickte. „Kam vor fünf Minuten an. Es gab ein ganz schönes Geschrei an Bord. Hätte nicht viel gefehlt, und die Gefangene wäre gelyncht worden. Aber Captain Naginata hat das verhindert. Hat gesagt, wir brauchen sie noch. Die Gefangene hat trotzdem ein paar Zähne verloren.“ Argwöhnisch sah der Tech mich an. „Sie haben da doch kein Problem mit? Sir?“
„Wieso?“ „Na, wissen Sie, der Cap sagt immer, Sie seien so ein verdammter Ritter und hätten so einen Ehrenzeuchs. Und da wir jetzt unter ihrem Kommando stehen...“
„Das nennt sich Kodex, junger Mann. Und nein, ich habe damit kein Problem, daß die Gefangene verprügelt wurde. Erstens hat sie gegen die Ares verstoßen und damit ihren Schutz verloren. Und zweitens soll sie den Gedanken gleich mal vergessen, ihr Status als Frau würde irgend etwas hier für sie vereinfachen.“
„Wow“, brummte der Tech. „Sie sind doch ganz schön taff. Respekt.“
Ich klopfte dem Corporal auf die Schulter und sagte: „Niemand vergrößert mitten im Bürgerkrieg seine Einheit, ohne taff zu sein.
Nehmen Sie sich zuerst den rechten Arm vor. Falls ich schnell wieder raus muß, soll die PPK geschützt sein.“
Ob der junge Mann vom Themenwechsel überrascht war, zeigte er nicht. Stattdessen salutierte er karikiert und rief: „Ja, Sir. Sofort, Sir. Für den Helden von Outreach, Sir.“
„Spötter“, erwiderte ich mit einem Schmunzeln und ging die Bühne entlang. Unterwegs sammelte ich meine Krieger ein.

Sarna verschränkte die Finger ineinander, drückte sie nach außen und seufzte genießerisch, als es knackte. „Das war mein dreißigster Kill. Und mein neunter erfolgreicher Todessprung. Das die Leute aber auch nie kapieren, was passiert, wenn fünfundneunzig Tonnen Stahl und Myomer auf sie niederfahren.“
„Du bist eine Angeberin, Sarna“, lachte Gordon und knuffte ihr in die Seite. „Hätte Ace meinen Gegner nicht dazu bestimmt, Kriegsgefangene zu werden, hätte ich garantiert auf sechzehn Kills erhöht.“
„Sie ist keine Kriegsgefangene“, stellte ich ruhig fest.
Die ehemaligen Clanner sahen mich entsetzt an. Henry Roberts war blankes Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Ace...“
„Nichts, Ace“, knurrte ich. „Wer gegen die Ares-Konvention verstößt, verliert ihren Schutz. Und diese Lady hat geholfen, Atombomben auf eine dicht besiedelte Welt zu werfen, Entschuldigung, aber das ist das schlimmste Verbrechen, was ich bisher erlebt habe. Wir schleifen ihren Arsch so schnell es geht vor ein Kriegsgericht.“
Nachdenklich fügte ich hinzu: „Aber vorerst brauchen wir sie lebendig. Gordon, Sarna, seht mal zu, daß die USMC ihr nicht zu übel mitspielen. Ich will keine Brüche sehen, okay?
Henry, bleib bitte im Hangar und überwach die Wartung unserer Mechs. Ich will sie alle vier so schnell wie möglich wieder einsatzbereit haben.“
Ein KommTech der USMC trat an mich heran. „Sir, die PAX TERRA ruft nach Ihnen, in der Zentrale, Sir.“
Ich nickte. „Ihr habt eure Befehle, also ab mit euch.
Führen Sie mich, Crewman.“

O´Connor nickte mir zu, als ich eintrat. Er warf mir ein KommSet zu.
„Ace hier. Was gibt es?“ Schweigend lauschte ich den Ausführungen des Anrufers. Meine Miene hellte sich auf. „Gute News. Stellt mich zum Warzenschwein durch.
Ace hier. Gib mir den Kleinen Dicken, Eddie.“
Ich hörte das Gelächter des Funkoffiziers und wartete einen Augenblick. Leise ging ich mit Sergeant Copak die Details durch und tat meinen Teil, dem Mann die Arbeit zu erleichtern.
„Weiter so, und wir haben bald einen neuen Master Sergeant, Blaut“, sagte ich zum Abschied.
Ich nahm das KommSet ab und fühlte mich für einen Moment leicht und unbeschwert.
„Meine Damen und Herren, ich darf Ihnen zwei Dinge mitteilen, die ich gerade erfahren habe.
Nummer eins ist: Ein Einsatzteam der Eagles konnte bis zu unserem Büro vorstoßen. Das Gebäude steht noch.
Nummer zwei: Die Bürocrew konnte sich in die U-Bahn retten und hat überlebt. Über nicht zerstörte U-Bahnen kommen wir an sämtliche Bunker im Stadtgebiet heran und haben eine Möglichkeit, die Überlebenden zu bergen.
Außerdem haben wir die Hoffnung, daß das Telefonnetz von Outreach unzerstört geblieben ist und von uns wieder in Betrieb genommen werden kann. Wir können also bald mit den Bunkern Kontakt aufnehmen.“
Von einem Moment zum anderen veränderte sich die Szene. Gerade noch hatten mir die Space Marines konzentriert zugehört. Beim nächsten Augenzwinkern sprangen sie auf, fielen einander in die Arme und jubelten.
„Das sind verdammt gute Neuigkeiten, Sir“, lachte O´Connor und schlug mir auf die Schulter.
„Es ist ein Anfang“, erwiderte ich.

„Ein guter Anfang“, klang hinter mir eine Stimme auf.
Ich drehte mich um und erkannte Captain Naginata, die Einheitsführerin.
„Es freut mich für die Eagles. Ich wollte gerade zum Verhör der Gefangenen gehen. Kommen Sie mit, Oberst Kaiser?“
Ich lächelte, knuffte O´Connor freundschaftlich in die Seite und ging neben Naginata durch die Korridore des Landungsschiffs.
„Sagen Sie Ace zu mir, Captain“, brummte ich.
Die Asiatin sah mich an.
„Da Sie jetzt unter meinem Kommando stehen, ist es nur Recht und billig, wenn ich Ihnen erlaube, was jeder in meiner Einheit tut.“
„Okay. Ace. Aber Ihre dämlichen deutschen Ränge muß ich nicht übernehmen, oder?“
Ich schmunzelte. „Nein, das müssen Sie nicht. Ich fand es schon immer dämlich, eine Frau mit Hauptmann anzureden. Deswegen befördere ich weibliche Hauptleute auch so schnell es geht in den Majorsrang.“
Ich grinste Naginata an. „Nur ein Witz.
Ach ja, abgesehen von den Nahrungsvorräten, die wir Eagles Ihnen liefern. Ich habe eine erste Bezahlung für die USMC. Ich überlasse Ihnen den fast unbeschädigten Schwarzer Ritter.“
Akila Naginata schmollte. “Ich hätte auch den Toyama genommen.”
Ich lachte laut auf. „Schießen Sie sich selbst einen, Captain.
Falls es noch einen gibt, lasse ich dem USMC gerne den Vortritt.“
Naginata fiel in das Lachen ein. „Das wird eine gute Zusammenarbeit, Ace.“
„Das hoffe ich.“ Ich wurde ernst. „Gut und erfolgreich.“

18.
Als wir den Verhörtrakt erreichten, war Willard bereits an der Arbeit. Gordon war bei ihm und versuchte, mit einer bösen Miene den Druck auf die Gefangene zu erhöhen.
Sie sah übel aus. Das Gesicht war grün und blau geschlagen, ein Auge geschwollen. In ihrem Blick lag Trotz, zorniger Trotz. Nicht ein Wort kam über ihre Lippen, egal was Willard versuchte.
„Darf ich?“ fragte ich leise. „Seien Sie mein Gast, Ace“, sagte Naginata.
Ich trat in den Verhörraum ein. Gordon trat in Hab Acht und brüllte: „Offizier anwesend!“
Automatisch glitten auch Willard und die Gefangene in Hab Acht.
Aha, die Kleine war also Soldatin. Ein wichtiger Hinweis.
„Das würde ich gerne öfters bei den Eagles sehen“, raunte ich Gordon zu.
„Willst du nicht“, erwiderte der ehemalige Nebelparder grinsend.
„Touché“, schmunzelte ich.

Ich setzte mich an den kleinen Tisch und starrte der Gefangenen in die Augen. Nach gut drei Minuten sah sie weg. Ein erster, wichtiger Sieg.
„Name, Rang, Dienstnummer, Einheit.“
„Sie töten mich doch sowieso“, erwiderte meine Gefangene und entblößte beim sprechen eine lückenhafte untere Zahnreihe.
Willard raunte überrascht. Bei ihm hatte sie wohl nicht mal gesprochen.
„Das hängt davon ab, wie gut Sie kooperieren!“ brüllte ich mit Lautstärke sieben auf meiner persönlichen Skala. Zehn, die höchste Stufe konnte problemlos – so sagte man mir – mit einem durchgehenden Reaktor mithalten.
Die Gefangene zuckte zusammen.
„Name, Rang, Dienstnummer, Einheit.“
Unsicher sah sie mich an. „Rogers, Eileen. Corporal. 149382XZ83.”
“Einheit?” Keine Reaktion. „EINHEIT?“
„Crescent Hawks.“
Gordon nickte unmerklich und verließ den Raum. Er würde nun zusammentragen, was die Speicher der USMC und der Eagles zu einer militärischen Einheit namens Crescent Hawks zu sagen hatten.
„Was ist Ihr Auftrag?“ Wieder zeigte sie keine Reaktion. „Auftrag.“
Sie begann zu schmunzeln. Unwillkürlich rieb sie sich den rechten Oberarm. Sie hob den Kopf und sah mich an. Spöttisch, wie es schien.
Das passte nicht. Sie sollte ängstlich sein, verschüchtert. Wieso bekam sie nun Oberwasser?
Einem Gedanken folgend sprang ich auf und riß den Ärmel ihres Shirts hoch. Sie wehrte sich dagegen, aber Willard sprang geistesgegenwärtig hinzu und hielt sie fest.
„Intramuskulärer Einstich“, konstatierte ich, als ich die leichte Rötung in ihrem Bizeps sah. „Sie hat sich irgend was gegeben.“
Die Augen von Corporal Rogers funkelten böse. „Ihr seid tot. Alle miteinander. Das Unreine wird ausgemerzt.“
Denken, Ace, denken. Denk nach. Überlege und tu das richtige.
„Ich will sofort einen MedTech hier haben“, blaffte ich. „Er soll eine Blutprobe nehmen. Dann holt den Schwarzer Ritter rein und nehmt das Cockpit auseinander. Was immer jetzt in ihrem Körper ist, wird Spuren hinterlassen haben. Eine leere Verpackung, eine nicht ganz geleerte Spritze. Etwas in der Art.“
Corporal Rogers sprang auf. Ich drückte sie zurück auf den Stuhl. Sie wehrte sich gegen meinen Griff. „Ihr seid unrein!“ blaffte sie. „Unrein. Das Feuer wird euch reinigen. Das Feuer von innen und von außen! Blakes Wille geschehe!“
„Das Feuer von innen und von außen?“ argwöhnte ich. „Erklären Sie das.“
Trotzig sah sie mich an. „Ich sage nichts.“

Ein paar Minuten später stand sie in einer Schleuse.
„Hinter der Außenschleuse herrscht Strahlung, die binnen einer Stunde tödlich wirkt. Zehn Minuten reichen aus, den Körper irreparabel zu schädigen. Zwanzig, um den Körper selbst in eine Strahlenbombe zu verwandeln. Erst fallen die Haare aus. Dann die Zähne. Zum Schluß tritt Blut aus. Aus Haut, Mund, After, Ohren. Der letzte Punkt ist dann, daß sich die Gedärme verflüssigen.“
„Das wagen Sie nicht“, rief Rogers. „Ich bin eine Kriegsgefangene.“
Ich zuckte die Schultern. „Sind Sie nicht. Sie haben gegen die Ares-Konvention verstoßen. Damit verlieren Sie deren Schutz. Außerdem haben Ihre Freunde das Chaos da draußen angerichtet. Wollen Sie es sich nicht ansehen?“
„Das wagen Sie nicht“, heulte sie auf.
„Sagen Sie mir, was ich wissen will“, blaffte ich zurück.
„Niemals!“
Ich drückte auf den Kontakt. Vor mir schloß sich das Innenschott der Schleuse. Als das Grünzeichen kam, öffnete ich die Außenschleuse.

Aus meiner Gefechtsweste zog ich eine Packung Kaugummi und verteilte sie unter den Anwesenden.
„In dieser Höhe wird sie gut dreißig Stunden überleben. Solange der Schwarze Regen nicht kommt und die Schleuse kontaminiert und sie tödlich verseucht“, stellte Naginata fachmännisch fest und versuchte, eine Blase zu machen.
„Das weiß ich, das wissen Sie. Aber unser Corporal weiß das nicht“, erwiderte ich.
„Eine Minute“, kommentierte Willard leise. „Zwei Minuten.“
Die Gefangene hämmerte gegen das Innenschott. „Lassen Sie mich rein! Im Namen Blakes, lassen Sie mich rein! Ich sage Ihnen alles, was Sie wissen wollen! Alles!“
Ich grinste. Es wurde bösartig. Ich ließ das Außenschott wieder zufahren. Dekontaminationsexperten reinigten Corporal Rogers und die Schleuse, bevor sie die Gefangene freigaben.

Im Verhörraum legte ich ihr einen Block vor. „Aufschreiben. Alles. Einheitsstruktur, Namen, Erfahrung, Mechtypen. Ausrüstung. Einfach alles. Aber zuerst sagen Sie mir, was Sie sich gespritzt haben.“
Die Frau war gebrochen. Sie zitterte und hatte erbärmliche Angst. „E-ein Gegenmittel, Sir.“
„Gegenmittel?“ „Ein Gegenmittel für den biologischen Kampfstoff, mit dem die Ruinen der großen Städte verseucht wurden...“
Ich sprang auf. „Gordon! Die Harlech-Gruppe untersteht ab sofort der Quarantäne! Sag dem USMC, sie sollen sofort Techs losschicken, um die abgeschossenen FeindMechs nach dem Antidot abzusuchen. Würde mich nicht wundern, wenn jeder Mech eine Ration an Bord gehabt hätte.“
„Ja, Ace.“
Oh Gott, ging es mir durch den Kopf. Biologische Kampfstoffe. Was hatte ich meiner Einheit angetan?
Jean. Rebecca und David. Was hatte ich ihnen angetan?

Ace Kaiser
11.04.2004, 20:36
19.
Der bullige Helikopter legte sich auf die Seite und jagte knapp über den Wald hinweg. Hauptmann McKenzie grinste schief, als einer der Baumwipfel von den Landekufen abrasiert wurde.
„Hoooo, Jockey, vorsicht. Das ist ein Bell 1UHD-Transporthubschrauber, nicht Ihr leichter Hawk Moth“, brummte Allard Jackson von hinten.
Zur Antwort ging McKenzie noch ein wenig tiefer und rasierte diesmal einem Baum den Wipfel absichtlich ab.
Die Infanteristen protestierten wütend. Der Hubschrauberpilot hatte den Ruf eines Heißsporns, eines Draufgängers und waghalsigen Spinners, der überflüssige Risiken liebte. Doch gerade diese Eigenschaften machten den Mann am Steuerknüppel eines Jagdhelis so gefährlich. Verständlich, wenn die Soldaten dachten, daß Ray McKenzie auch bereit war, sein Leben zu riskieren, wenn er nicht in seinem eigenen Helikopter saß.
Allard Jackson wußte es besser. Die Bell war gut gepanzert. Sie konnte einige Treffer einstecken, bevor sie zu Boden ging. So ein Baumwipfel war für sie nur eine Lachnummer.
Ray McKenzie drehte sich zum Transportraum um und grinste.
„GAZ drei Minuten für Gruppe eins. Das Gebiet ist wahrscheinlich leicht verstrahlt. Wir befinden uns in einem Gebiet, in dem sich die Ausläufer von zwei atomaren Explosionen überlappt haben. Die Marschrichtung ist in die Computer eurer Schleicher eingegeben worden, Jungs.
Geht raus, seht euch die Anlage an und macht Meldung.“
„Ich weiß“, erwiderte Jackson in beleidigtem Tonfall. „Ich habe die Besprechung geleitet.“
Ray ging nicht darauf ein. „Ace hat gesagt, wenn es ein Ausweichposten oder etwas anderes Kleines ist, dann dürft Ihr ihn selbst hochnehmen.
Und noch was: Die Radioaktivität ist nicht besonders hoch. Aber der Wetterbericht sagt für den Abend Regen voraus. Und Ihr wisst, wenn der Regen schwarz ist, dann haben wir es mit einer schweren Kontaminierung zu tun.
Macht also um Himmels Willen nicht die Anzüge auf. Das alleine schon, weil wir nicht wissen können, ob die Wobbies hier nicht auch ihren Kampfstoff versprüht haben.“
Allard Jackson schüttelte sich. Biologische Kampfstoffe, besser gesagt, ein hochinfektiöser Virus auf einem Trägeraerosol, der sich durch Tröpfcheninfektion verbreitete.
Der Alte hatte auf einem Raumhafen eine gegnerische MechPilotin gefangen genommen. Die hatte ihm im Verhör davon berichtet, daß Blakes Wort diese Welt nicht nur durch atomaren Beschuss vernichtet, sondern auch die zerstörten Städte verseucht hatte, um Outreach ein für alle mal zur lebendigen Hölle zu machen.
„So eine verdammte Scheiße“, murrte Maria Andrews, seine Scharfschützin. „Wenn die Wobbies sauer sind, dann aber richtig, was?“
„Wenn du nicht raus willst, brauchst du auch nicht, Mädchen“, sagte Ray leise und übergab das Steuer seinem Co-Piloten. „Wir können niemanden gebrauchen, der sich und seine Kameraden da draußen gefährdet. Ist nicht böse gemeint, aber keiner von uns hat noch besonders viel Nerven übrig.“
Maria winkte ab. „Nee, ist schon gut. Ich stehe das durch. Ich verstehe es nicht, aber ich stehe es durch.“
„Okay, GAZ eine Minute.“

Als der Helikopter landete, wurde der Cockpitbereich hermetisch versiegelt. Die Seitenluken öffneten sich, und der kleine Trupp Schleicher sprang hinaus. Sofort spritzten sie auseinander und sicherten die Umgebung.
Die Verständigung erfolgte durch Handzeichen, was zugegeben in den leichten Rüstungen ein wenig komisch aussah. Das übliche Handzeichensystem hatte nicht übernommen werden können, aber zum Glück hatten die GEST schon sehr lange ein System für ihre Gefechtsrüstungen entwickelt.
Jackson gab Anweisung, die Umgebung zu sichern. In Zweiergruppen gingen sie sternförmig auseinander und verschwanden in der Umgebung.
Jackson hockte sich hin und lauschte atemlos auf alles, was die feinen Außenmikrofone seines Nighthawk-Schleichkampfanzugs auffingen. Er hörte allerdings nur den Herzschlag seines Partners Kent, der drei Meter von ihm entfernt in einem Busch geradezu unsichtbar geworden war.
Als sich nach zehn Minuten noch niemand meldete, keine Schüsse fielen oder eine Meldung bei ihm ankam, öffnete er einen Kanal für den Funk. Die Sendeleistung war schwach und würde keine hundert Meter reichen.
„Okay, Ihr Höllenhunde. Jetzt könnt ihr mal beweisen, daß der Alte die hübschen Nighthawks nicht sinnlos angeschafft hat. Seid dankbar dafür, denn ohne müsstet Ihr jetzt in den stinknormalen Schleichkampfanzügen durch den radioaktiven Dreck robben. Wir gehen vor wie geplant. Funkkontakt nur im Notfall. Andrews, du baust deine Wumme an einem Punkt auf, an dem du das Feindlager einsehen kannst. Der Rest hält sich zurück, macht Beobachtung und sichert Andrews´ Position. Abmarsch.“

Was wußte er über den Einsatz? Ziel war es, die planetare Basis der Wobbies zu finden. Beim Abflug für den Einsatz Genarchiv hatte einer der Luft/Raumjäger in dieser Region von Remus eine ungewöhnliche Metallansammlung geortet. Möglicherweise ein Landungsschiff. Vielleicht auch zwei. Die Schleicherkompanie der Infanterie war daraufhin in Marsch gesetzt worden, um sich die Lage mal anzusehen. Immerhin eine Möglichkeit, denn die Metallansammlung hatte direkt neben einem Außenkomplex der Blackwell Industries gestanden. Hier waren die Bandits hergestellt worden, die leichten Luftkissenpanzer, die der Konzern ehemals angeboten hatte. Eine willkommene Beute.
Nur für wen?
Jackson hielt es für wesentlich wahrscheinlicher, daß sich die Wobbies wenn schon im Hauptkomplex von Blackwell eingerichtet hatten. Wenn überhaupt.

In seinem Helm knackte es zweimal, danach noch zweimal. Maria war in Position und begann, das schwere Zeusgewehr aufzubauen. Auch er selbst kam dem Komplex jetzt nahe genug. Er reduzierte seine Geschwindigkeit und begann zu schleichen. Die Mimikry-Tarnung versteckte ihn effektvoll, aber er wollte nicht unwissentlich eine Sensorenfalle auslösen. Dann hätten die GEST, mit denen die Infanterie seit jeher einen harmlosen Wettstreit hatten, echt was zu lachen gehabt.
Gruppe zwei kam von Norden, Gruppe drei von Westen. Damit hatten die Schleicher hier dreißig Soldaten in Position. Und alle warteten auf das Zeichen ihres Oberleutnants.
Für einen Moment fühlte der junge Mann die volle Last, für neunundzwanzig andere Menschen verantwortlich zu sein. Er fragte sich, wie der Alte es aushielt, für mehrere tausend Menschen sorgen zu müssen.
Neben dem Industriekomplex, fünf monströsen Hallen, die von einer zehn Meter hohen Mauer umgeben waren, parkte unübersehbar ein Union-Landungsschiff. Es stand recht günstig, so daß Allard Jackson sehen konnte, wie fertig gestellte Bandits vollgepackt die Rampe hochgefahren wurden.
Dragoner, die ihr Material bargen? Vielleicht Blackwell-Sicherheitsleute? Auf keinen Fall waren sie aber von Blakes Wort. Die Menschen dort arbeiteten hastig, aber vollkommen ungeschützt. Sie wußten anscheinend von der leichten Radioaktivität in der Region, aber nichts über das Aerosol, daß durchaus auch über diesem Komplex versprüht worden sein konnte.
BattleMechs sah Jackson keine. Dafür aber patrouillierten Jeeps mit schweren, aufgesetzten MGs, die auch einem Nighthawk gefährlich werden konnten, wenn genügend Kugeln die gleiche Stelle trafen. Allard zählte acht auf seiner Seite. Er ließ die Leitung zweimal kurz knacken und danach in schneller Folge acht mal.
Ein Doppelknack antwortete ihm, gefolgt von vier schnellen Knacken.
Noch ein Doppelknack, dem aber nur zwei schnelle Knacken folgten. Vierzehn Jeeps also.
Aber wer waren die da?
Er zoomte an einen der hastig arbeitenden Männer heran. Unrasiert, verkniffenes Gesicht. Die Uniform war zerrissen und dreckig. Kaukasier, hm, das ließ keinerlei Rückschlüsse auf die Einheit zu. Kaukasier gab es wie Sand am Meer in der Inneren Sphäre.
Kurz glitt er mit dem Zoom über den Rumpf des Unions. Enola Gay, stand da in großen, bunten Buchstaben. Kein Einheitsabzeichen.
Wer also waren diese Knaben? Im besten Fall mußte er damit rechnen, daß es sich hier um Plünderer handelte.
Die Eagles besaßen auf dieser Welt kein Polizeirecht. Aber als größte reguläre Streitmacht hatte ihr Wort einiges an Gewicht. Sollte er sie gewähren lassen? Aufhalten? Vernichten?
Oder ihnen einfach sagen, daß Schluß mit lustig war, wenn sie nicht unter die Räder kommen wollten.
„Links vom Tor“, kam eine knappe Meldung über Funk. Es mußte wichtig sein, wenn Maria dafür die Funkstille brach.
Allard zoomte sich ran und erschrak. Leichen. Mindestens zwanzig. Ein Blick die Wand hoch zeigte braungetrocknete Blutspuren, regelrechte Bahnen. Diese Menschen waren erschossen worden. Dabei ließ die Kleidung keinen Zweifel daran, daß es sich um Zivilisten gehandelt hatte. Durchgehend Männer und zwei ältere Frauen.
Allard Jackson wurde es heiß und kalt zugleich. Plünderer, Plünderer der übelsten Sorte!

Mit sicherem Griff überzeugte er sich, daß die Shimmie im Oberschenkelholster entsichert war. Die KSR-Einzelschußlafette war bereit. Er zog das leichte Lasergewehr hervor und machte es feuerbereit. „Go auf drei“, flüsterte er. Doppelklicker meldeten Bereitschaft.
Er vergrößerte die Funkleistung, um die anderen beiden Trupps zu erreichen. „Go auf drei.“
Wieder antworteten ihm Doppelklicks.
„Eins...!“ Er erhob sich und visierte den MG-Schützen auf dem vordersten Jeep an. Die KSR wollte er noch nicht benutzen. Falls hinter der Mauer ein Mech stand und sie überraschte, würde der bald seine eigene Überraschung erleben. „Zwei...!“ Keuchend atmete er aus und wieder ein. Die Entscheidung war gefallen. Er würde den Komplex nehmen.
„Drei!“ blaffte er und feuerte einen Schuß ab. Der Mann sackte in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hatte. Sofort sprang er auf und lief auf den Komplex zu.
„Auf Feuer aus dem Union achten!“ befahl er, während vor ihm ein führerloser Jeep kreuz und quer fuhr. Vor ihm starb in den ersten Sekunden jeder Plünderer, der keine Deckung hatte. Jackson sah zweimal, wie auf den Köpfen von zweien die charakteristische Blutblume aufging, die von den Kugeln des Zeus-Scharfschützengewehrs verursacht wurden. Er hetzte über einen umgeworfenen Jeep hinweg, tötete den Mann, der sich dahinter gekauert hatte und rief: „Vier in den Union. Was sich nicht ergibt, wird getötet. Der Rest kommt mit mir rein.
Keller, Durac, wie sieht es bei euch aus?“
„Keller hier. Haben die FeindJeeps ausgeschaltet und gehen jetzt über die Mauer. Soll ich dir bei dem Union helfen?“
„Schick mir vier.“
„Durac hier. Beide Jeeps ausgelöscht. Gehe ebenfalls über die Mauer. Wir... FEINDMECH!“
Die Verbindung brach ab.
„Meldung!“ blaffte er, als sein Nighthawk neben dem großen Tor zum stehen kam. Er warf einen kurzen Blick um die Ecke und erkannte einen abgestellten Heuschreck. Er sah noch mal herum und bemerkte den Piloten, der sich ins Cockpit hangelte. Sofort schoß Allard Jackson und traf den Feind von hinten in den Rücken. Der Mann fiel sechs Meter in die Tiefe und blieb leblos auf dem Beton liegen.
“Warninger hier. Den Leutnant hats erwischt. Ist einem Vulcan direkt in die Arme gelaufen. Kalinsky ist ebenfalls gefallen. Wir haben ihn aber mit den KSR erledigt. Rücken weiter vor.“
Verdammt, zwei Ausfälle. Und das so früh im Gefecht.
„Heuschreck gesichert“, gab er bekannt. „Rücke weiter vor.“
„Hangar gesichert, dringe zur Brücke vor“, meldete Roberts, der das Kommando über die kleine Entergruppe übernommen hatte.
„Wir sind gleich da, Gerard“, meldete Keller leise. „Übernimm dich nicht.“
„Auf Mechs achten“, blaffte Jackson wütend. Zwei hatten sie schon gesehen. Ein Union konnte zwölf transportieren, dazu zwei Luft/Raumjäger. Er rechnete mit vier Maschinen. Die Piraten würden für ihre Beute keine BattleMechs auf dieser Welt zurücklassen.
Als er auf das Verwaltungsgebäude zugestürmt kam, eröffnete jemand aus den oberen Stockwerken das Feuer auf ihn. Sein Partner feuerte eine Granate in das Fenster. Es gab eine heftige Explosion und das Feuer erstarb.
Zu zweit warfen sie sich durch die Frontverglasung der Empfangshalle. Drei Plünderer. Sie feuerten sofort. Jackson hörte das leise plicken, mit dem die Kugeln ihrer Gewehre von der Panzerung absprangen. Er griff die Shimatzu und gab einen langen Feuerstoß auf einen der drei Männer ab. Die anderen beiden warfen sich in Deckung, während der erste von den Kugeln herumgeworfen wurde, als hätte er einen epileptischen Anfall.
Sein Partner feuerte erneut eine Granate ab. Sie ging hinter der Deckung der beiden Männer runter und zerfetzte sie vollständig. Was es noch an Glas gegeben hatte, wurde von der Druckwelle hinaus gefegt.
Hinter ihm stürmte eine Zweiergruppe seiner Teileinheit in das Treppenhaus. Sie sicherten die Position und gaben kurze, konzentrierte Feuerstöße nach oben ab.
„Das ist nur Pistolenfeuer, verdammt!“ blaffte Jackson. Er stürmte die Treppe hoch. Das Pistolenfeuer konzentrierte sich auf ihn. Aber solange kein Glückstreffer sein Visir traf, war er absolut sicher vor dieser Spielzeugwaffe. Er blickte in entsetzte Gesichter, als er scheinbar unbeschadet bis nach oben kam. Sein Partner Kent gab ihnen keine Zeit, diese neue Erfahrung zu verdauen. Aus kurzer Distanz erschoss er den vorderen der beiden mit der eigenen Shimatzu. Jackson richtete den anderen hin, bevor der Mann auf die Idee kam, die Handgranaten zu zünden, die er am Gürtel trug. Die hätten selbst den Nighthawk beschädigen können.
„Treppe sicher“, gab er durch. Die zweite Gruppe kam hoch und ging in den Gang bis zur ersten Tür, während er ihnen Deckung gab. Sie traten die Tür auf, warfen einen schnellen Blick hinein.
Daraufhin ging einer hinein, sah sich kurz um. „Leer.“
Das Spiel wurde an der nächsten Tür wiederholt. „Leer.“
Bevor sie auch die nächste Tür auftreten konnten, bellte ein Gewehr auf und hustete seine Kugeln durch die Holzplatte nach draußen. Die Kugeln erwischten einen der Nighthawks, Korporal Morai wurde nur einen halben Schritt zurückgeworfen. Sie trat die Tür ein und gab sofort einen konzentrierten Feuerstoß ab. Danach trat sie ein und stellte fest: „Sicher.“

„Landungsschiff gesichert“, kam die Meldung von Gerard Roberts. „Keine Ausfälle, keine Gefangenen. Drei Geiseln gesichert.“
Geiseln? „Geiseln?“
Die Stimme des Infanteristen klang mit einem Mal sehr alt. „Weiblich, jung. Muss ich mehr sagen?“
„Verdammt!“ presste Jackson hervor. Nein, Roberts mußte nicht mehr sagen.
„Halle eins gesichert. Kein Widerstand“, kam eine neue Meldung, begleitet von einem anerkennenden Pfiff. „Das wird den Alten aber freuen. Die ganze Halle ist voll mit fertigen Bandits. Genug, um ein Bataillon aufzustellen. Und alle lassen sich hermetisch versiegeln.“
Wieder bellten Schüsse durch den Gang. Wieder blieben die Schleicher Sieger.
„Ja, klingt nicht schlecht. Sucht weiter.“
Die linke Seite hatten sie durch. Nun begann das gleiche Spiel auf der rechten Seite. Die Zimmer waren allerdings alle leer.
„Nächster Stock“, befahl Allard Jackson leise.
Auch dort wurden sie nicht fündig. „Hat das Ding einen Keller?“ fragte Morai nachdenklich.
„Sehen wir mal nach.“

„Halle zwei gesichert. Sieben Tote. Sie tragen leichte Schutzkleidung. Sicherheitsleute. Wurden ebenfalls hingerichtet.
Der Rest der Halle ist sehr interessant. Scheint so, als würden einige der Maschinen hier für die Innenpanzerung der Bandits Kevlar herstellen. Die Maschine neben mir spuckt das Kevlar als Endlosstreifen von zehn Meter Breite aus.“
Jackson grunzte amüsiert. „Toll. Damit können wir gesamt New Hope überdachen.“
„Negativ. Kevlar hält keine Radioaktivität ab.“
„Das war ein Scherz, Warninger.“
„Hm, die Idee hat aber was. Eine andere Maschine klatscht nämlich eine Alu-Kaschierung auf das Kevlar.“
„Ich melde das dem Alten. Mit den Fahrzeugen, dem Lander und dem Kevlar müsste sich doch was anfangen lassen.“
„Vergiß den Heuschreck nicht. Und wir sollten prüfen, was die Plünderer geladen hatten und was sie zugeladen haben.“
„Klingt gut“, gestand Allard Jackson leise. „Es scheint, als würden wir hier fette Beute machen, ein paar böse Buben bestrafen und noch ein paar Leben retten.“
„Und das alles für den Preis von zwei toten Infanteristen“, brummte jemand leise.
Allard wollte ihn maßregeln, konnte es aber nicht. Er hatte ja Recht.

„Das ist die Bilanz, Ma´am. Vierunddreißig Bandits, Nahrungsmittelvorräte für mehrere Wochen, ein paar hundert Quadratmeter Kevlar sowie ein Heuschreck und ein lädierter Vulcan.
Wir wissen noch nicht, wer die Plünderer waren, aber sie gehörten nicht zu Blakes Wort. Sonst wären sie nicht ungeschützt auf dem Gelände unterwegs gewesen. Vielleicht können die überlebenden Frauen uns mehr über sie sagen. Ma´am, wir sollten sie isolieren, solange wir nicht wissen, womit wir es zu tun haben.“
„Das sollten wir und werden wir. Gute Arbeit, Oberleutnant. Ein Landungsschiff mehr ist eine verdammt gute Nachricht.“ Aber es ist nur ein Anfang, schwang in der Stimme von Major DéForét mit, auch ohne, daß sie es sagte.
„Wir werden es schaffen. Wie immer, Ma´am.“
Ein amüsiertes Lachen antwortete ihm. „ Ich schicke Ihnen den Union SPIRIT mit einer Verladecrew, um Ihnen zu helfen. Passen Sie auf weitere böse Buben auf, bis Sie mit den Verladearbeiten fertig sind. Und bringen Sie mir jeden Fetzen Kevlar, den Sie finden. Auge eins ende und aus.“
Allard Jackson kommentierte amüsiert: „Scheint so, als wollen wir New Hope doch überdachen.
So, die drei Scharfschützenteams auf die Mauer. Vier Mann tragen die Leichen zusammen und begraben sie. Seht aber zu, daß dieser stinkende Abschaum nicht mit den Werksarbeitern zusammengelegt wird. Der Rest überwacht die Verladearbeiten.
Die SPIRIT kommt in einer halben Stunde. Bewegung.“
Ein leichtes Zittern ging durch das Gebäude, daß anschwoll und sich zu einem ausgewachsenen Beben entwickelte. „Ein Erdbeben? Diese Region des Planeten gilt als stabil!“
„Blakes Wort“, knurrte Kent. Das sagte alles. Ihnen war wirklich jede Schandtat zuzutrauen, einschließlich der Destabilisierung der kontinentalen Schelfs.
„Bastarde“, knurrte Jackson.

Ace Kaiser
11.04.2004, 20:37
20.
Ich hatte es ihnen verboten. Ich hatte einen Tagesbefehl erlassen, der eindeutig besagte: Das und das und das dürft Ihr nicht tun.
Ich hatte untersagt, Bunker zu untersuchen, die nicht auf unsere Telefonanrufe antworteten. Ich ahnte, nein, ich wußte, was meine Leute dort erwarten würde.
War es Neugier? War es das berühmte Pflichtbewusstsein der Eagles? Was trieb sie dazu, den Bunker Charly Lima dennoch zu öffnen und zu untersuchen?
Charly bedeutete, daß es ein kleinerer Bunker im Stadtgebiet war, ausgelegt auf gut sechshundert Personen. Lima bezeichnete die entsprechende Zahl, die der Buchstabe L im Alphabet einnahm und zeigte damit, daß dieser Charly unsere zwölfte Entdeckung gewesen war.
Nach Menschen Ermessen waren die Telefonleitungen intakt gewesen. Und nach menschlichen Erkenntnissen hätte eine Verbindung zum Bunker bestehen müssen, nachdem unsere findigen Ingenieure das Telefonnetz reorganisiert und mit Strom versorgt hatten. Die Tests der Leitungen hatten ergeben, daß sie nicht unterbrochen waren. Die Logik, die eiskalte Logik gebot nun, daß es ergo keine Überlebenden im Bunker geben konnte – an sich ein Widerspruch. Denn bisher hatten die Pioniere und die GEST noch in jedem entdeckten Bunker Überlebende retten können.
Ja, vielleicht lag es daran, daß Hauptmann Kramstedt die Erlaubnis gegeben hatte, den Bunker zu entsiegeln. Vielleicht hatte er deswegen nur Freiwillige geschickt.
Was sie gefunden haben, wurde dokumentiert. Ich habe die Aufnahmen gesehen, und ich weiß, tief in meinem Herzen, die Perspektive, ein Beobachter auf der anderen Seite der Kamera zu sein, hat mich beschützt. Ich weiß nicht, wie es in den Eagles aussieht, die dabei gewesen waren.
In meinen Armen ist ein gestandener Feldwebel zusammengebrochen.

Was die Kamera aufgenommen hatte, war schrecklich, obwohl dieses Wort nicht einmal dem nahe kommt, was ich empfand, als ich die Aufnahmen sah. Aber die Menschheit hat kein anderes Wort dafür.
Als das Team über einen unzerstörten U-Bahntunnel bis in die Nähe des Bunkers vorgedrungen war, hatte es sich bis an die Wand der Schutzzelle gesprengt. Den Zugang hatte es sich mit schwerem Gerät aufgebrochen.
Hätten sie nicht alle schwere Schutzanzüge getragen, um einer eventuellen Kontaminierung mit dem von Blakes Wort versprühten Virus zu entgehen, sie hätten bereits gerochen, was sie erwartete.
Die ersten Menschen, die sie fanden, lagen in dichten Haufen beieinander. Sie hatten sich zusammengedrängt, wie um beieinander Schutz zu suchen. Erste Untersuchungen hatten keine äußeren Einflüsse erkennen lassen. Die Eagles dachten zu diesem Zeitpunkt, die unbekannte Seuche sei Schuld gewesen.
Dann fanden sie die ersten, die erschossen worden waren. Dann mehrere Männer, die sich mit ihren Waffen das Leben genommen hatten. Alle tot. Fünfhundertdreiundvierzig Zivilisten und sieben Wolfs Dragoner tot. Dahingerafft, als wäre der grimmige Schnitter zwischen sie gefahren und hätte ihnen ihre Leben durch eine bloße Berührung genommen.
Frauen, Männer, Kinder... Nichts und niemand war verschont worden...
An diesem Ort konnten die Eagles niemanden retten.

Vor mir liegt der abschließende Bericht.
Der Charly-Bunker war niemals für einen Atomschlag ausgelegt gewesen. Er hatte lediglich über oberirdische Filtersysteme verfügt, die radioaktiven Staub für gut zwei Wochen aus der Atemluft sortiert hätten.
Und diese Filter bargen das Verhängnis. Denn sie waren beim Atomschlag vom Antlitz Harlechs gewischt, der Schacht sowie der Zugang regelrecht zusammengedrückt worden. Den Menschen war nur das bisschen Luft geblieben, was sich im Bunker befand. Hoffnung auf Rettung gab es keine.
Untersuchungen.... Untersuchungen der Leichen hatten ergeben, daß der letzte von ihnen gerade mal zwölf Stunden vor der Reaktivierung der Telefonanlagen erstickt war.
Wir waren zu spät gekommen. Die Eagles hatten versagt.
Und auf dieser Welt der ewigen Prüfung, auf diesem Mahnmal werden die Eagles noch öfter versagen...

Persönliche Aufzeichnung von Oberst Ace Kaiser in das Regimentstagebuch der Angry Eagles.

21.
Nate hatte sich dafür entschieden, mit allen zwanzig Jägern, die Denise für ihn losgeeist hatte, zugleich loszufliegen. Zwei als hohe Erkunder, zehn vorweg, und je zwei auf Flanke und vier als Nachhut für die Landungsschiffe. Er selbst flog als Chef der Vorhut in seinem Visigoth vorweg.
Bei den Eagles hatte der alte Mann nicht gerade steile Karriere gemacht. Aber mit der Entscheidung seines Freundes und Vorgesetzten Ace, das Luft/Raumkontingent der Eagles auf ein verstärktes Geschwader auszubauen, war er die Rangleiter während des Bürgerkrieges schließlich und endlich bis auf den Rang eines Oberstleutnant hinauf gefallen. Nachdem ihm formell auch das Kommando über die Landungsschiffe übertragen worden war, hatte er den Rang eines Oberst angenommen – und eine Verdreifachung seiner Arbeit.
Nate pfiff einen schnellen Marsch. Das Outreach von Blakes Wort regelrecht zerbombt worden war, bedeutete für Nathan Kreuzer eine der wenigen Gelegenheiten, selbst mal wieder in ein Cockpit zu steigen.

Seine übergroße Staffel aus fünf Rotten flog dicht über dem Boden. Der Plan sah vor, über einen Gebirgskamm zu hüpfen, wieder dicht auf den Boden zu gehen und das Genarchiv von zwei Seiten in einem Kreuzanflug zu sichern. Wenn... Falls sich Truppen der Blakies dort aufhielten, würde ein Zwei Seitenangriff ihnen gehörig zusetzen, bis die Landungsschiffe der Eagles mit Oberst Morai und seiner hastig zusammengestellten Einsatztruppe eintrafen und landen konnten.
Der Gebirgszug kam schnell näher.
„Okay, Kids, hier spricht Pappie Nate. Chandler, deine Stuka-Rotte bleibt bei mir.
Junior, dir gehören die Drossel-Rotte und die beiden Stingray-Rotten. Kreuzüberflug im neunzig Grad-Winkel. Bei Zielerfassung sofort feuern. Noch Fragen?“
„Ja“, kam es von Sharon Kreuzer, „wann hörst du auf, mich Junior zu nennen, Dad?“
Gelächter kommentierte den Disput.
„Wenn du mir einen Enkel schenkst, Junior.“
„Im nächsten Leben vielleicht“, erwiderte sie frech.
„Wie die Mutter“, kommentierte Nathan und befahl: „Falcon eins, hier Falcon eins. Tank eins, wir beginnen mit der Vorauserkundung.“
„Falcon eins von Tank eins. Verstanden. Und, Nate, gute Jagd.“
„Verstanden, Tank.“ Nate nickte grimmig. Charles würde was bekommen für sein Geld. „Falcon ende und aus.
Okay, Eagles, wir starten auf drei. Eins... zwei... drei...“

Kurz noch dachte er an die merkwürdige Ortung massierten Metalls, die Chandler gemeldet hatte. Was die anderen Eagles dort wohl entdecken würden?
Noch bevor dieser Gedanke zu Ende formuliert war, zog er den Steuerknüppel leicht zu sich heran. Der schwere Clanjäger hüpfte geradezu elegant über den kleinen Kamm.
Neben und hinter ihm folgten die anderen Jäger seiner Maschine in die Tiefe.
Nathan ließ sich von Computer ein Hologramm geben und glich damit die wahrscheinliche Position der zweiten Abteilung mit seinen Jägern ab. Für den Vorteil des Erstschlags war es wichtig, nahezu gleichzeitig anzukommen.
Falls Blakes Wort-Luftabwehr sie erfasste, würde sie sich für einen der Pulks entscheiden müssen und damit das eigene Ende heraufbeschwören.
„Auf Erfassung achten“, brummte er leise. Beinahe glaubte er es zu hören, das leise Singen der Warnung, daß die eigene Mühle von einem Feuerleitsystem gesehen und gelockt war, bereit, von einem guten Kanonier vom Himmel geputzt zu werden. Nichts passierte.
„GAZ eine Minute“, gab er durch. „Geschwindigkeit zurück, Junior. So eilig haben wir es nicht.“

Und dann ging es doch rasend schnell. Sie erreichten den Aktionsradius ihrer Waffen, fuhren die Aktivorter hoch und erfassten sofort eine unglaublich starke Wärmesignatur.
„Wow, ist da ein McKenna abgestürzt?“ raunte jemand.
„Keine Ortungen außer der IR-Quelle“, meldete Sharon Kreuzer.
„Wachsam bleiben.“
Sie überflogen die Stelle, an der sich das Genarchiv der Wolfs Dragoner befand unbehelligt – wo es sich hätte befinden sollen.
„Was ist das?“ rief Chandler aufgeregt.
„Das, mein Junge, ist eine Mischung aus Vulkan und Schlucht.“
Hatte er das wirklich gesehen? Nate griff auf die Aufzeichnung seiner GefechtsROM zurück und wiederholte den schnellen Anflug. Tatsächlich. Ein mehrere Kilometer langer Riss im Boden, aus dem glutflüssiges Gestein quoll, im Volksmund auch Lava genannt.
„Was... was ist da passiert?“ Nate schüttelte den Kopf. „Falcon eins, hier Falcon eins. Suchradius, sternförmig, rottenweise. Hier in der Gegend muß es etwas geben. Etwas, was das da überlebt hat.“
„Und was ist das da, Dad?“
„Das da ist die Auswirkung einer speziellen Atombombe. Sie schimpft sich Bunkerknacker. Sie schlägt im Erdboden auf, bohrt sich mehrere Dutzend Meter tief und explodiert erst dann.
Dieses Baby hier ist noch etwas weiter entwickelt. Es war dazu gedacht, gleich die gesamte Planetenkruste zu sprengen. Wie man sieht hat es geklappt.“
„Diese verdammten Bastarde von Blakes Wort!“ Die Stimme gehörte Yamuga, einem der Stuka-Piloten. „Wenn ich die in die Finger kriege...“

„Mayday, Mayday“, blaffte der harte Ruf im Funk. „Werden erfasst. Wir drehen ab.“
Das war seine Tochter. Sie flog nur einen Aufklärer, eine verdammte kleine Drossel.
„Sharon!“ rief er.
„Nichts passiert, Dad.“ Nate atmete auf. Sie auch noch zu verlieren hätte er nicht ertragen können. „Meldung, Captain.“
„Der Zielcomputer eines Unions hat mich und meinen Flügelmann erfasst. Voraussichtlicher Standort ist zweihundertzehn Klicks nordwestlich von der Lavaspalte.“
„Feindlich?“ „Nicht zu erkennen.“
Nathan dachte nach. Dragoner? Oder Blakes Wort? Wenn Blakes Wort, was taten sie da? Was war ihnen wichtig genug, um auf Remus ein ganzes Union, wahrscheinlich voll gestopft mit Truppen zu verlegen?
Dragoner? Ein hoher Offizier? „Was sagt der Computer? Kam ein Transponder rein?“
„Negativ. Transponder war nicht aktiviert.“
Nathan traf eine Entscheidung. „Ortung wird als feindlich deklariert. Wir machen einen vierfachen Angriff über Kreuz.
Tank eins von Falcon eins, Charles, das Gendepot wurde vernichtet. Aber ich habe voraussichtlich am Fuß des Gebirges, gut zweihundert Klicks nordwestlich unserer Position was neues zum spielen gefunden. Mindestens ein Union ohne Transponder.“
Der Panzerkommandeur überlegte nicht lange. „Angriff.“
„Ihr habt den Mann gehört. Greifen wir an. Und wenn es Blakies sind, dann gebt ihnen Saures.“
Und wenn sie es nicht sind, gebe Gott uns die Kraft, es rechtzeitig zu erkennen und keine Freunde zu bombardieren, ging es Nate durch den Kopf.

Ace Kaiser
11.04.2004, 20:42
22.
Milos, drei Jahre zuvor.

„Ace, hast du mal Zeit?“ Denise DéForét nahm ihren Vorgesetzten beiseite.
„Schieß los, Denise. Was gibt es Wichtiges? Hat die Weltpresse wieder ein Ultimatum der Gruppe Freies Milos veröffentlicht?“
„Nicht ganz... Wie du weißt, beginnen wir gerade Truppen aus der gesamten Inneren Sphäre zusammenzuziehen. Laut Standardvertrag, den wir mit den von uns aufgestellten oder wiederhergestellten Firmen abschließen, können wir zehn Prozent der von uns trainierten oder gegründeten Schutztruppen für die Angry Eagles rekrutieren.“
„Ich weiß. Wir machen das seit Beginn des Bürgerkrieges, um uns auf ein Regiment zu vergrößern. Hat DeHavilland Enterprises sich wieder über den Abzug seiner Hammerschlag-Mechlanze beschwert?“
Denise sah den Major ernst an. „Gestern trafen die neuen Rekruten von Gunderland ein. Die Eagles hatten für ein halbes Jahr einen Pionierzug auf dieser Welt und drei Großbetrieben wieder auf die Beine geholfen.“ „Sowie Truppen trainiert, um die ewigen Piratenüberfälle einzudämmen. Ich weiß. Der Befehl ging über meinen Schreibtisch. Die von uns ausgebildete Truppe geht aber nicht über eine verstärkte Kompanie Mechs und Infanterie hinaus. Sie werden uns bestenfalls zwanzig Mann Infanterie schicken, richtig?“
„Nun, Borland-Yodama Unlimited ging noch etwas weiter. Sie schickten uns zwei Killer. Beide Luft/Raumjäger sind in exzellentem Zustand. Dazu kommen die Piloten und ein dreiköpfiges Wartungsteam pro Maschine. Direktor Ishino bezeichnet diese übergroße Gabe als Pflicht. Nicht an die Eagles, Ace, sondern an dich. Kannst du dir das erklären?“
Ein Schatten fiel auf das Gesicht des Majors.

Fünf Minuten später saßen beide bei einem Kaffee in seinem Büro. „Es gibt einen Grund, warum ich nur einem Zug Pioniere erlaubt habe, nach Gunderland zu gehen.
Dies ist die draconische Welt, auf die ich verschleppt worden war. Dort hielt man mich für die sechs längsten Monate meines Lebens gefangen wie ein Tier.
Ich... Ich hatte einfach Angst, diesen Ort wieder zu sehen.“
Denise rechnete im Kopf nach. „Hm. Das dürfte jetzt in etwa neunzehn Jahre her sein, richtig?“
„Dürfte stimmen. Wieso?“ „Und anschließend hast du noch ein halbes Jahr in der Obhut des planetaren Herrschers verbracht, wo du von deinen seelischen und körperlichen Wunden genesen bist, japanisch lerntest und in den Bushido eingeführt wurdest.“
„Ja, richtig. Aber wieso ist das alles interessanter, als der Ärger, den wir hier auf Milos haben?“
Denise legte eine Akte auf den Schreibtisch. Ace ergriff sie und blätterte sie durch. „Beachtlich. Der junge Mann ist noch keine zwanzig, aber führt den Killer bereits wie ein Großer. Ich werde Nathan sagen, er soll den Bengel mal hart ran nehmen. Vielleicht eignet er sich zum Staffelführer. Akira Tenoh...“
„Tenoh ist die romanische Schriftweise der Lautfolge. Du kannst sie auch Tenno schreiben.“
Nachdenklich kratzte sich der Eagle am Kopf. „Tenno bedeutet Kaiser.“
„Was genau hast du eigentlich gemacht, als du in der Obhut des planetaren Herrschers warst, Ace?“
Dem Major entgleisten die Gesichtszüge. Sein Kiefer sackte nach unten. „Arghllll“, brachte er mühsam hervor.
„Nun, ich höre“, bemerkte Denise spitz.
„Eine Geisha war zu meiner Genesung abgestellt worden. Sie... kümmerte sich um all meine Bedürfnisse. Kulturelle und körperliche.“

Der Eagle barg sein Gesicht in den Händen und schnaufte laut. „Himmel, ich kann es mir nicht erklären. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie freiwillig...
Vielleicht hat man ihr befohlen... Wie habt Ihr es gemerkt?“
Denise wurde ernst. „Wir haben die Neuankömmlinge wie immer durch die Medizinische gejagt. Dabei wurde die Blutgruppe bestimmt. Nebenbei, wir testen seit Jahren für den Feldeinsatz, welcher Eagle einem anderen bedenkenlos Blut spenden kann. Dabei kam heraus, daß Du der ideale Spender für Akira Tenoh bist, Ace.
Das kam uns merkwürdig vor, also ordnete ich eine Genanalyse an. Das Ergebnis ist: Du bist Akiras Vater.“

Ace sackte in sich zusammen. „Und jetzt, nach neunzehn Jahren, schickt man mir also den Menschen als Soldaten, der mein Sohn hätte sein sollen.“
Er stand auf, lehnte sich schwer gegen die Wand. „Weiß Akira es?“
„Nein. In den Unterlagen wird geführt, er sei ein Bastard des Herzogs von Gunderland. Wir haben ihn von der Genanalyse nicht informiert.“
„Ich will ihn sehen.“
„Ace...“ „Ich will ihn sehen. Dieser Junge ist achtzehn Jahre alt. Er ist ohne mich aufgewachsen. Ich habe ihn nicht in dieser Welt begrüßen dürfen. Ich habe ihm kein einziges Wort beigebracht. Ich weiß nichts über ihn. Jetzt erfahre ich, daß es ihn gibt und daß er Krieger geworden ist.“
„Wirst du es ihm sagen?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht lebt es sich für ihn besser, wenn er weiterhin glaubt, der Herzog wäre sein Vater.“
Denise erhob sich. „Ich schicke ihn dir, Ace.
Und, ich glaube, du wärst ein toller Vater geworden.“


23.
Die Ereignisse überschlugen sich. Aus einer einfachen, atomar verseuchten Welt, auf der mehrere hundert Millionen Menschen gestorben waren, war ein Tollhaus geworden. Wütend ballte ich die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Blakes Wort...
Schritt für Schritt offenbarte sich mir die ganze Tragweite des Verbrechens, welches sie an dieser Welt, welches sie an den Dragonern begangen hatten.
Nach der atomaren Vernichtung von Remus hatten sie auch die großen Städte auf Romulus bombardiert. Und, um sicher zu gehen, auf die Raumhäfen und die Großstädte noch ein paar Atombomben mittleren Kalibers gesetzt.
Doch das war ihnen noch nicht genug gewesen. Zusätzlich hatten sie ein Aerosol versprüht, eine Trägersubstanz für ein Bakterium oder Virus, um diese Welt auf Jahrtausende hinaus zu verseuchen.
Und um dem ganzen das I-Tüpfelchen aufzusetzen streiften Söldner aus der Peripherie über die zerstörten Landstriche und vernichteten, was die Bomben übrig gelassen hatten.

Corporal Rogers von den Crescent Hawks hatte angegeben, daß ihr Teileinheitskommandeur in Ungnade gefallen war. Er hatte den Chef seines Bataillons, die Finger des Todes, offen für die Unterstützung von Blakes Wort kritisiert. Die verstärkte Kompanie war daraufhin nach Romulus strafversetzt worden. Das, was wir den GefechtsROMs entnehmen konnten bewies, die Soldaten hatten seitdem einige hundert Überlebende auf dem Gewissen.
Mich schmerzte der Gedanke, daß es oft – zu oft - eher ein Akt der Gnade gewesen war anstatt pure Grausamkeit. Mit Schrecken sah ich die Aufzeichnung einer unregelmäßigen Kolonne aus blinden, nackten, vollkommen verbrannten Gestalten, die zufällig alle in die gleiche Richtung wankten. Wer fiel, versuchte, sich aufzurappeln oder wurde von den Nachfolgenden totgetreten. Apathisch wanderte der Rest weiter. Diesen Menschen, Opfern des Feuersturms der Atomexplosion, den Tod zu geben war wahrlich eine Erlösung gewesen. Die Verbrennungen lagen bei nahezu hundert Prozent. Nicht einmal das NAIW konnte Verbrennungen von über neunzig Prozent der Haut heilen.
Sprach das aber für die Finger des Todes? Sprach das für die strafversetzte MechKompanie der Crescent Hawks?
Müßig, entschied ich. Wir hatten sie alle erwischt. Alle sechzehn Maschinen. Weitere ROM-Auswertungen hatten auch den Einsatzbeginn auf Romulus hervorgebracht. Dort waren immer sechzehn MechTypen in Erscheinung getreten. Die sechzehn, die das USMC erledigt hatte. Mit bescheidener Hilfe der Eagles.

Dann die Überlebenden aus dem Büro. Sie kamen direkt aus dem kontaminierten Gebiet. Wohl oder übel mußte ich davon ausgehen, daß Jedermann, der sich ungeschützt am strahlungsarmen Brückenkopf unserer Pioniere nahe Detonationspunkt Ecco bewegte, mit dem Träger und damit dem biologischen Kampfstoff kontaminiert war. Die Ärzte der Eagles erforschten bereits den Impfstoff, den wir Corporal Eileen Rogers abgenommen hatten, um eventuelle vergleichbare Medikamente aus der eigenen Reserve parat zu haben, um eventuelle ausbrechende Symptome lindern zu können.
Ich machte mir nichts vor. Die Waffe würde schnell wirken und sie würde tödlich wirken. Wer sich infiziert hatte, bekam eine Chance von acht zu eins, daß er überlebte. Danach blieb er garantiert Überträger – permanenter Brutofen für neue Erreger und wandelnder Ansteckungsherd. Nur eine vollständige Heilung konnte die Erlösung bringen.
Wenn sich kranker menschlicher Verstand eine derartige Perversion ausdachte, war das Augenmerk immer auf größte Effizienz ausgelegt. Darauf, so viele Leben wie möglich auszulöschen und zu zerstören. Die Virologen von Blakes Wort bildeten da keine Ausnahme.
Was mich zu einer weiteren Frage brachte. War es ein Bakterium, also ein relativ eigenständiges mikrobiologisches Lebewesen, welches durch diese Eigenart recht schwierig zu kontrollieren aber ebenso schwer zu verbreiten war?
Oder ein Virus, eine mikrobiologische Hülle, die im Gegensatz zu den Bakterien darauf angewiesen war, ihren Gencode in andere Zellen zu transferieren, damit diese neue Viren produzierten? Etwas, was für Bakterien nicht notwendig war. Sie reproduzierten sich selbst.
Ich tendierte eher zum Virus, da dieser nicht so leicht mutieren konnte. Leichter zu handhaben. Leichter zu verbreiten. Der eigene Schutz konnte besser koordiniert werden.

Aber ich konnte weder die Einsatztruppe noch die Geretteten lange in der Stadt lassen, denn die Meteorologen sprachen von Regen in den nächsten Tagen. Und mit dem Regen würden radioaktive Staubpartikel gebündelt werden und zur Erde fallen. Womit jeder einzelne Regentropfen zu einer hochaktiven, strahlungsstarken Bombe werden würde. Ergebnis war ein Strahlungskater und darauf folgender Tod. Schwarzer Regen, nannten die Experten das, so benannt nach dem Staub, der die Regentropfen schwarz färbte.
Was ich brauchte, waren drei oder vier Overlords, um direkt im Stadtgebiet zu landen, und die ganzen Leute aufzunehmen.
Natürlich gab es immer noch die Option, daß Blakes Wort derart nahe an einem Explosionsherd keine Kampfstoffe versprüht hatte. Was nicht einmal unwahrscheinlich war, denn die Piloten hätten sich vor allem selbst gefährdet.
Aber dennoch erschien mir eine mindestens zehntägige Quarantäne für angebracht. Dazu eine Aufsplittung in kleine und kleinste Grüppchen, um wenigstens zu versuchen, die Infizierten nicht noch unzählige Gesunde anstecken zu lassen.
Mit zitternder Hand unterschrieb ich den Befehl, der eine Erweiterung des Isoliertraktes vorsah.

Müde strich ich mir durch die Haare. Was nun? Ein Kontingent der Eagles brach auf, um das Gendepot einzunehmen und zu sichern. Eine weitere Truppe der Infanterie war auf dem Weg, eine metallische Anormalie zu untersuchen.
Die Ulster Marines würden sich bald mit einigen tausend Menschen aufmachen, um nach New Hope zu kommen. In eines der wenigen Gebiete auf dieser Welt, die strahlungsfrei und höchstwahrscheinlich auch unkontaminiert waren.
Was mich aber auch wieder zu unserer Gefangenen brachte. Laut ihr hatte Blakes Wort mit mehreren Regimentern angegriffen. Acht oder neun. Das Gros hatte die Welt wieder verlassen und war weiter gezogen. Ebenso die Kriegsschiffe. Aber eine Einsatzgruppe von der Größe eines knappen Regimentes mußte sich noch auf Outreach befinden. Mechs, Infanterie und Panzer. Söldner und ein paar Blakeisten. Allerdings eingespielte Truppen, gestählt durch den Kampf gegen Wolfs Dragoner. Um ebenso wie die Hawks bereit, alles auszulöschen, was die Vernichtungsorgie überlebt hatte.

Was hatte ich dem entgegen zu setzen? Meine Eagles, ausgerüstet mit etwa vier Kompanien Mechs, einem Bataillon Panzern, drei Kompanien Infanterie und GEST sowie eine Kompanie Pioniere. Dazu kamen unsere Luft/Raumjäger und die Landungsschiffe.
Dem schlossen sich die Ulster Space Marines an. Eine Lanze Mechs, Panzer, Infanterie, teilweise gepanzert. Alles in allem fast ein Bataillon.
Dazu kamen einige Dutzend Überlebende, die teilweise über eigenes Kriegsgerät verfügten. Die Beute von den Fingern des Todes. Ein wenig erbeuteter Nachschub.
Durch die Neurekrutierungen während des Bürgerkrieges waren die Eagles bestenfalls Veteranen, weit entfernt vom Status einer Eliteeinheit. Wenn wir jetzt erneut rekrutierten, würde das die Gesamtkampfkraft zwar verstärken, aber auch die Ressourcen mindern und einige Teileinheiten sehr verwundbar machen. Andererseits konnte ich diese Menschen nicht davon abhalten, gegen Blakes Wort zu kämpfen. Nicht einmal wenn ich es gewollt hätte.

Nachschub. Wir brauchten Nachschub.
Und das dringend. Viel. Sehr viel.
Outreach hätte voll davon sein müssen. Nur wo war dieser Nachschub? Wo war dieser verdammte Nachschub?

Es klopfte an meiner Bürotür.
Striker trat ohne meine Aufforderung ein und strahlte mich an. „Ace, verdammt, jetzt spendierst du uns zwei Parties.“
Ich blinzelte, wie ich es oft tat, wenn ich etwas nicht sofort verstand. „Was?“
Striker grinste. „Ist ein ganz einfacher Deal. Wir haben einen Standardvertrag mit den Eagles unterschrieben. Bedeutet, Ihr kriegt euren prozentualen Anteil von fünfzig Prozent an allen Beutestücken, die wir machen – ausgenommen das volle Bergerecht.“
Der Sergeant ging zum Getränkeschrank meines kleinen Büros und holte eine Flasche Scotch und zwei Gläser hervor. Er stellte beides auf meinen Schreibtisch und goss die goldene Flüssigkeit bis zur Unterkante ein.
„Was habt Ihr gefunden, Striker?“ fragte ich geradeheraus.
Wieder grinste der Space Marine. „Lebensmittel, unverseucht, wie ich anmerken möchte. Waffen, Nachschub für die MechWartung und dergleichen. Alles in allem Material im Wert von einigen hundert Millionen C-Noten. Wir haben einige versiegelte Lagerhallen entdeckt, die vielleicht sogar das Ziel der Finger des Todes waren.
Deine Eagles bekommen die fünfzig Prozent. Die USMC versorgen sich bis auf drei Monate im voraus. Den Rest bieten wir dir zum absoluten Vorzugspreis an. Sagen wir zehn Prozent vom Marktwert. Wir sind zwar nicht die Eagles, aber wenn wir mit etwas weniger Verdienst etwas Gutes tun können, machen wir das gerne.“
Ich ergriff mein Glas und stieß mit Striker an. „Abgemacht. Wir sind im Geschäft. Und der erste Mech, den ich abschieße, gehört den USMC.“
Wendete sich das Blatt? Von Anfang an hatte ich nicht besonders große Hoffnung gehabt, viele Menschen auf dem verseuchten Staubball zu retten. Später hatte ich die Angst gehabt, zu wenige der tausenden Überlebenden retten zu können.
Nun hatte ich Angst, sie nicht gut genug vor Blakes Wort beschützen zu können.
„Wie viele Lebensmittel, Striker?“ fragte ich.
Der grinste mich an. „Zweitausend Tonnen in Notrationen, Konserven und eingeschweißt.“
Ich atmete auf. „Danke, Striker, das ist die beste Nachricht des Tages.“
Ich nahm einen vorsichtigen Schluck vom Whisky. Ein recht junger Bursche, noch wild im Mund, aber recht angenehm im Magen. „Und die zweite Party spendiere ich auch.“

Ace Kaiser
11.04.2004, 20:44
24.
Wieder flogen die Luft/Raumjäger der Eagles ein Manöver über Kreuz.
Dabei hielten sie ihre von Fusionsreaktoren angetriebenen Maschinen tief. Je später sie geortet wurden, desto besser.
Rasend schnell kam der Punkt näher, an dem sich der Union befinden sollte. Nathan hatte nicht viel mehr zu tun, als beim aufblinken des Zielkreuzes einmal durchzuziehen, um alles rauszuhusten, was sein Visigoth ausspucken konnte. Mit ein wenig Glück würde er treffen. Den konzentrierten Angriff von zehn Jägern konnte der Lander nicht ohne Schaden überstehen.
„Auf Mechs achten“, schnarrte Nathan leise.
Das Fadenkreuz blinkte auf, Nathan Kreuzer drückte den Feuerknopf. Dann war er auch schon wieder vorbei. Hastig sah er auf sein Datendisplay, aber keines der Einheitsicons der Eagles war verschwunden.
„Schadensbericht“, blaffte er.
Leichte Schäden, war der Grundtenor. Es sah ganz so aus, als hätten die Geschütze des Unions versucht, alle Ziele gleichzeitig abzuschießen anstatt das Feuer auf ein oder zwei Jäger zu konzentrieren. Schwein gehabt.
„Noch einen Anflug“, wollte der Oberst befehlen, als seine IR-Ortung eine kleine Explosion zeichnete.
„Munitionsexplosion an Bord des Unions. Scheint, als hätten wir ihn übel erwischt. So schnell fliegt der nirgends mehr hin“, meldete sich seine Tochter Sharon zu Wort.
„Wir gehen noch mal rüber. Aber diesmal langsamer. Wir schalten die restlichen Geschütze aus und jagen Mechs. Hat jemand Mechs gezeichnet?“
„Ich hatte ein paar leichte Scouts auf der Ortung, östlich am Berghang. Sah so aus, als wären sie auf Wache oder so“, brummte Yamuga. „Da scheint es irgend etwas interessantes zu geben. Meine ROM hat eine Straße in der Region aufgezeichnet.“
Nathan dachte kurz nach. „Haben wir Transponder gezeichnet?“
„Negativ, Pappie. Die sind mucksmäuschenstill.“
„Als Feinde betrachten. Stukarotte löscht sie aus. Visigothrotte hilft. Der Rest vernichtet die Waffen am Union. Ausführung.“

Wer es noch nicht selbst gesehen hatte, konnte sich nicht vorstellen, was passierte, wenn ein Stuka einen Mech am Boden beharkte. Der Lao Hu hatte nicht wirklich eine Chance, als zwei Drittel der Breitseite von Yamuga in ihn hineinrauschten. Der Mech wurde regelrecht von den Beinen geprügelt. Nathan setzte zwei Salven LSR hinterher und vernichtete den Mech vollständig. Bei diesem Anflug wurden noch ein Feuerfalke vernichtet und zwei Stadtkoloß schwer beschädigt. Der zweite Anflug radierte sie aus. Das Gegenfeuer war ungenau, sporadisch und grundsätzlich verzogen. Der Oberst hatte das Gefühl, gegen eine grüne Einheit angetreten zu sein. Oder hatten die Eagles sie einfach überrascht? Und das, nachdem die Rotte seiner Tochter bereits erfasst worden war?
Nein, entschied Nathan. Etwas anderes war der Grund. Was immer hier getan wurde, es stand kurz vor der Vollendung. Dies war die letzte, die allerletzte Chance für die Eagles, noch etwas zu retten.
„Tank eins von Falcon eins, Charles, mach mal Dampf unterm Kessel. Ich brauche hier Bodentruppen.“
„Ich schicke einen Union vorneweg. Er trägt die GEST-Einheit. GAZ in einer Minute. GAZ für Kommando in zehn Minuten.“
„Copy. Ich hoffe, das reicht.“
„Das hoffe ich auch, Tank aus.“
„Ihr habt es gehört, Eagles. Unsere GEST treffen ohne Panzerschutz oder Mechs ein. Ich will die Gegend sauber haben. RICHTIG sauber. Sternförmige Patrouille. Die Stukas gehen auf Höhensicherung. Die Drosseln untersuchen die nähere Umgebung. Ausführen.“
Die gut trainierten Piloten ließen ihre Maschinen auseinander spritzen. Mehr konnten die Luft/Raumpiloten der Einheit nicht mehr tun. Der Rest mußte den Bodenratten überlassen werden.

25.
„GAZ fünf Minuten“, hallte die Stimme von Oberleutnant Tenoh durch die BLOOD, dem Unionsklasse-Transporter, der die GEST transportierte.
Zwei Firmen in der Lyranischen Allianz, eine im Arc Royal Defensiv-Kordon, eine auf Roadside fertigten die Aktivpanzer exklusiv für die Eagles und die Bulls an. Die Stückzahl war gering, aber die Auftragsbücher immer voll. Vor allem, da viele von den Angry Eagles eingerichteten Garnisonen oftmals eher auf die GEST-Panzer als Mechs setzten und ständig Ersatzteile orderten.
Der flexiblen GEST-Waffe hatten die Eagles Rechnung getragen und einen kompletten Lander für die Bedürfnisse der speziellen Infanterie umgerüstet.
Es waren zusätzliche Zwischenböden gezogen worden, sowie neuartige Wartungsnischen für die Rüstungen. Außerdem verfügte die BLOOD über genügend LKT-Stellplätze, um die Truppen noch flexibler zu machen. Für die folgende Operation waren die Luftkissentransporter allerdings unnötig.
Leutnant Grace sah die Hand ihres persönlichen Techs vor der Visierscheibe. Er zeigte den hoch gestreckten Daumen, das Zeichen, daß mit der Rüstung alles in Ordnung war.
Grace nickte dankbar. Eine gute Wartung war der Schlüssel zum Erfolg.
Sie linkte sich in den internen Funk ein.
„Gruppe von Haudrauf eins. Hergehört.
Wir teilen uns klassisch in Achterteams auf. Ich weiß nicht, was uns erwartet, aber da draußen steht ein halb zerschossener Union und eine Lanze abgeschossener Mechs rum. Möglich, daß sie eine Infanterieoperation decken. Das könnte Bunkerkampf bedeuten.
Unsere Jäger haben zu laut angeklopft, als das wir heimlich rankommen könnten.
Unsere Ziele sind wie folgt: Alles was nach Blakes Wort aussieht, wird abgeschossen. Alles, was auch nur nach Dragoner aussieht, ist unser Freund, auch wenn sie es noch nicht wissen. Feuer von Elementaren oder regulärer Infanterie der Dragoner wird nicht erwidert. Sollten wir auf sie treffen, versuche ich, die Dragoner davon zu überzeugen, daß wir keine Feinde sind.
Zwei, drei Dutzend eliminierter Blakeisten wären dabei ein hilfreiches Argument.
Ach, noch was, die Blakeisten haben sich mit den Dragonern angelegt. Das heißt, sie rechnen mit Elementaren. Damit geraten auch unsere Aktivpanzer in Gefahr. Denn was einen Elementar verletzen kann, ist auch in der Lage, einen GEST-Anzug zu beschädigen.“

„GAZ eine Minute!“
Kurz stockte Grace. Das war der Moment. Der Augenblick vor der Schlacht. Der letzte Moment, bevor ihr Kampfinstinkt die Kontrolle übernahm. Bevor sie vollends bereit war, zu kämpfen und zu töten.
„Auf geht´s, Kids“, rief sie, als der Lander hart aufsetzte und die Innenseiten der Schleusen auffuhren. In Anbetracht einer möglichen Kontamination der Landungszone mit Kampfstoffen hatte sich Oberleutnant Tenoh für die langsame Ausschleusung entschieden. Es konnten somit immer drei GEST zugleich in einer Schleuse das Schiff verlassen. Das machte vier Durchgänge, bevor alle Soldaten des Kommandos kampfbereit waren.
Grace schleuste als eine der Ersten aus. Sie mußte auf den Rest ihres Trupps warten. Trupp zwei war schon bereit.
„Andy, nimm deinen Trupp und hol dir den Lander. Komm dann nach zu den Mechwracks.“
Der Feldwebel bestätigte und zündete die Sprungdüsen seiner Rüstung, um im nahen Wald zu verschwinden.

Als ihr Trupp vollständig war, setzte sich auch Grace in Bewegung. Das Ziel waren die Mechs. Was immer in dieser Gegend von Interesse für Blakes Wort war, entweder fanden die GEST es bei dem Lander – oder bei den Mechs.
Trupp drei eilte ihrer Eins hinterher und ging auf Flankendeckung.
Eine zweischneidige Vorgehensweise. Wer schnell das Ziel anging, lief Gefahr, in Minen oder eine andere Falle zu laufen.
Wer langsam war, vielleicht in den Feind.
Grace hatte sich für einen schnellen Anmarsch entschieden. Und sie behielt Recht.
Als Erste erreichte sie das Wrack des Stadtkoloß, der als Alpha bezeichnet worden war. Mehrere direkte Treffer mit PPK und großkalibriger Autokanone hatten den zweibeinigen Mülleimer, wie er liebevoll genannt wurde, böse zugerichtet. Das Cockpit war ebenfalls zerstört, und von der Einrichtung war nicht einmal genug übrig geblieben, um einen Sarg zu füllen.
Ihrem Instinkt folgend wechselte sie auf die nahe Straße und ging ihr nach. Sie passierte das Gebirge nahezu parallel auf einer Serpentine, die für die Operation keine Bedeutung gehabt hätte. Wenn nicht der kleine, kaum befestigte Weg in einen kleinen Hain aus Fichten abgezweigt wäre. Und wenn der nicht mitten vor einem aufgeschossenen Bunkertor geendet hätte.
Die Offizierin pfiff leise. „Aha. Die Dragoner haben hier also ein hübsches, kleines Nebenversteck eingerichtet.
Team von Haudrauf eins. Bei mir sammeln. Zweierteams bilden und reingehen. Zeichnet jemand Feindkontakt oder ungewöhnliche Ortungen?“
Negativrufe antworteten ihr.
Grace erlaubte sich ein schmales Grinsen. Sie trat zwischen die zerschossenen Stahltüren und feuerte eine volle Salve ihres MGs in den Gang hinein. Boden, Wände, Decke.
Als keine Sekundärexplosionen erfolgten, glaubte sie umso mehr an eine Falle.
„Langsam vorrücken. Achtet auf Feindkontakt, Bündelladungen, Sensoren und Minen.
Haudrauf eins geht rein.“
„Haudrauf zwei geht rein.“
Janner Arguile hielt sich direkt neben ihr, in der rechten Hand das schwere Autogewehr. Wegen der rotierenden Trommel, die zwanzig panzerbrechende Schüsse pro Sekunde erlaubten, wurde es gerne Tommygun genannt. Im Nahkampf auf engstem Raum war sie eine der effektivsten Waffen.
Grace selbst hatte sich für einen Leichten Impulslaser als Primärbewaffnung entschieden. Zusammen mit dem Feuerleitcomputer erlaubte diese Waffe ihr, eine bereits angeschlagene Stelle immer wieder unter Beschuss nehmen zu können.
Hinter ihr kam das zweite Zweierteam ihres Trupps.
Henderson trug ein großkalibriges Scharfschützengewehr vom Typ Zeus, welches bei den geringen Distanzen selbst eine Elementarrüstung durchschlagen konnte. Seine Partnerin Chen wiederum verließ sich lieber auf die großkalibrige, speziell für den Kampf gegen Elementare entwickelte Autowaffe.

Die zerschossene Tür leitete in einen Vorraum ein, der alle Anzeichen eines heftigen Kampfes zeigte. Mehrere Tote lagen herum, einige Dragoner, von den hereinbrechenden Türen zerquetscht, zwei Elementare, die aus wenig mehr als verkohltem Fleisch bestanden. Und drei unbekannte Tote in unmarkierten Rüstungen, die mit Präzisionsschüssen in den Schwachstellen der Rüstungen getroffen und getötet worden waren.
„Da soll mich doch Blake persönlich holen“, stieß Chen Soon erstaunt aus. „Seit wann hat Blakes Wort Aktivpanzer?“
„Scheiße, scheiße, scheiße“, fluchte Grace unbeherrscht. „Blood eins von Haudrauf eins, kommen.“ „Blood eins hört.“
„Ich melde Alpha Papa bei Blakes Wort, ich wiederhole, Alpha Papa bei Blakes Wort. Ich lasse einen Trupp mit unseren Fundstücken zurückkehren und rücke weiter vor.“
„Haudrauf eins von Blood. Blakes Wort sollte nicht über Alpha Papa verfügen. Nutzen Sie das zu Ihrem Vorteil. Die Gefechtsdoktrin der Rüstungsträger ist garantiert veraltet.“
Grace mußte grinsen. Der Junge vom Alten hatte einiges auf dem Kasten.“
„Haudrauf eins, GAZ Tank eins liegt bei Fünnef Minuten, haben Sie verstanden, fünnef Minuten.“
„Verstanden. Haudrauf rückt ein.“
Sie wechselte auf die interne Einheits-Kommunikation zurück. „Okay, Herrschaften, Gefechtsrüstungen oder nicht, wir treten jetzt in ein paar Wortie-Ärsche.“
Bestätigungen erreichten sie. „Trupp vier sammelt die Rüstungen ein und bringt sie an Bord. Danach rückt Ihr sofort nach. Der Rest folgt mir.“
Für einen Moment dachte Grace daran, daß ihr alter GeschKo-Leiter für eine derartige Anweisung, geschweige denn bei ihrer Aussprache eine Lektion im Kreis der Gleichen erteilt hätte. Und sie dachte auch daran, um wie viel effektiver der Stil der Eagles war. „Los!“

Ace Kaiser
31.01.2007, 22:10
26.
Die Arbeiten gingen gut voran. Je länger ich mit meinen Angry Eagles auf dieser Welt festsaß, desto mehr kam ich mir vor wie ein Bürgermeister, weniger wie ein Söldnerführer.
Aber es gab so viel zu organisieren, so viel zu verwalten.
Auf dieser Welt fanden wir beinahe stündlich Überlebende, unglaubliche Schätze, sowohl militärischer als auch ziviler Art, und Hoffnung.
Outreach war einstmals die Ausbildungswelt des Sternenbunds gewesen, danach lange Zeit ein unbedeutendes Besitzstück der großen Häuser.
Erst mit dem Eintreffen der Dragoner war diese Welt erwacht, war zur vollen Blüte gereift und zur Zentralwelt aller Söldner geworden.
Müde rieb ich mir die Schläfen. Wir kämpften an zu vielen Fronten zugleich.
Eine Einheit meiner Leute kämpfte in der Stadt Harlech, den Resten der einstigen Hauptstadt der Dragoner darum, die Überlebenden aus ihren Bunkern zu befreien. Letztendlich war Harlech eine Stadt des Sternenbunds gewesen, letztendlich hatten die Bewohner seit dem Ersten und dem Zweiten Nachfolgekrieg damit gerechnet, irgendwann einmal zur Hölle genuked zu werden. Aber die Stadt war gewuchert, gewachsen und hatte längst nicht allen Bürgern Platz geboten.
Es waren auch längst nicht alle Plätze in den Bunkern belegt gewesen. Als der Alarm aufgeklungen war, war dies so plötzlich geschehen, dass nicht alle in der Lage waren zu reagieren, oder es nicht ernst genommen hatten.
Tausende halb verkohlter Leichen knapp außerhalb der fünf Kernzentren der Atomexplosionen bewiesen, dass genügend Menschen das hellste Licht ihres Lebens gesehen hatten.
Oh Gott, wie zynisch war ich nur geworden, in ein paar lächerlichen Tagen.
Eine andere Gruppe arbeitete zusammen mit dem Ulster Space Marine Corps auf dem Raumhafen, um die Landungsschiffe abzusuchen, Überlebende einzusammeln und zu retten und Aufstellungen von der Fracht zu machen.
Die dritte Gruppe war aufgebrochen, um das genetische Archiv von Wolfs Dragonern zu erobern, bevor die verbliebenen Truppen von Blakes Wort dies konnten. Oder bevor die es zerstörten.
Um Commander Jaime Wolf zu retten waren wir zu spät gekommen, einfach zu spät. Geschweige denn von hunderten, tausenden, Millionen anderen.
Vielleicht konnten wir wenigstens einen Hauch von ihnen retten, einen Traum, eine Illusion, ein Gedanke, einfach ein Gedanke.
Wütend ballte ich die Hände. Wir fanden Schätze auf Outreach. Eine Fabrik für Bodenfahrzeuge war uns unbeschädigt in die Hände gefallen. Wir hatten zudem ein paar tausend Quadratmeter Kevlar erobert, der in diesem Moment auf dem Gletscher, der uns Frischwasser lieferte, ausgebreitet und verschweißt wurde, um eine radioaktive Kontamination vom Eis zu verhindern. Wir hatten mittelfristig vor, weitere Gletscher auf diese Weise zu impfen, und so einer größeren Gruppe von Menschen den Zugang zu sauberem, nicht mit verstrahltem Staub verunreinigtem Wasser zu gewährleisten.
Außerdem hatten wir Dutzende Krieger entdeckt und hierher gebracht. Mechs, Panzer, Battle Armor, Luft/Raum-Jäger hatten unser Arsenal genug verstärkt, sodass ich ruhigen Gewissens von einer Division sprechen konnte. Einer Zusammengewürfelten, untrainierten Division. Aber wenn wir die Zeit bekamen, dann würde es unsere Division sein, und sie würde bittere Rache an Blakes Wort nehmen…
Wem machte ich mir etwas vor? Ich hatte Harlech gesehen. Ich hatte den Raumhafen gesehen. Mit diesen meinen eigenen Händen hatte ich sie aus einem Bunker befreit. Und dennoch, ich konnte nicht über meinen Schatten springen, ich konnte nicht meine Prinzipien verraten. Ich konnte nicht jeden einzelnen Soldaten unter der Flagge von Blakes Wort als das Böse abstempeln und zur Jagd freigeben.
Vielleicht war es das, was uns und sie voneinander unterschied.
Der vierte Kampf wurde hier ausgetragen. Und, zugegeben, in der Innenstadt von Harlech, wo die Ärzte, Pfleger und Soldaten mittlerweile Gefahr liefen, mehr als ihre Jahresdosis an Radioaktivität abzubekommen.
Ich hatte mir sagen lassen, dass da unten Jod-Pillen heiß begehrt waren.
Wir hatten unsere Vertretung unzerstört vorgefunden. Wir hatten unsere Leute aus dem Keller gerettet. Es war ein Wunder gewesen, aber die Freude darüber hatte nicht lange vorgehalten.
Denn der vierte Kampf wurde nicht auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Er fand in den Körpern meiner Mitarbeiter und Untergebenen in Outreach statt – und im zweiten Isoliertrakt unseres Lazaretts.
Blakes Wort hatte viel mehr getan als die Hauptstadt zu bombardieren, und die Trainingsanlagen auf Remus, die Truppen der ComStar-Renegaten hatten auch einen Virus verbreitet, die Städte kontaminiert.
Erfahren hatten wir davon durch eine Gefangene, eine Söldnerin in den Diensten des Ordens. Ihr Gegenmittel und das ihrer Freunde bildete nun unsere einzige Grundlage beim Versuch, ein Gegenmittel zu finden, während in Isoliertrakt zwei drei junge Frauen lagen, vergewaltigt, gedemütigt, zusammengeschlagen und nun auch noch infiziert mit einem Virus, der sie von innen heraus zerfraß. Unser vierter Kampf fand hier statt, und wenn wir ihn nicht gewannen, dann hatte Blakes Wort eine Waffe in Händen, die schlimmer, die gefährlicher war als eine Atombombe.
Hatte ich mich schon so alt gefühlt, bevor wir nach Outreach gesprungen waren?
Und was war mit Jean und meinen Kindern auf Towne? Waren sie sicher? Himmel, waren sie sicher? Hatte Blakes Wort sein Feuer mit der Vernichtung der Söldnerwelt verbraucht oder war dies ein apokalyptischer Großangriff, wie ihn Myndo Waterly seinerzeit am Ende des ersten Clankrieges mit Operation Skorpion versucht hatte?
Zuzutrauen war es ihnen, denn geächtete Waffen einzusetzen konnte sich nur ein Sieger leisten.
Was also noch? Die Kernwelten der ehemaligen terranischen Hegemonie? Danach die Hauptwelten der Nachfolgerstaaten? Danach die Distrikthauptwelten?
Wie weit ging die Hybris der ComStar-Renegaten? Und hätten wir einmal unvernünftig sein sollen, Blakes Wort ausradieren? Wäre das hier dann nie passiert?

Als die Gegensprechanlage auf meinen Schreibtisch summte, zuckte ich zusammen. Es war soweit.
„Kaiser.“
„Sir, kommen Sie bitte in den Isoliertrakt zwei.“
„Verstanden, Doc Ling. Ich bin auf dem Weg.“
Langsam erhob ich mich. Auf meiner Schulter ruhte eine ganze Welt, und ihre Last nahm mit jeder Sekunde zu.
Mein letzter Blick galt der Uhr. Der Angriff auf das Genarchiv dauerte bereits eine Dreiviertelstunde. Es würde bald Zeit für ein Update sein.
„Denise?“, begrüßte ich meine Stabschefin.
Major DéForét nickte, nahm ihre Arbeitsmappe auf und folgte mir.
Zusammen gingen wir bis zum Isolationstrakt, in dem die drei Frauen lagen, die so unglaublich viel hatten durchmachen müssen. Und nun mussten sie auch noch mit ihren Leben bezahlen.
Doktor Ling empfing uns bereits und geleitete uns in einen Beobachtungsraum. Insgeheim beglückwünschte ich mich zum sechsten oder siebten Mal, dass ich die Eagles nach dem Schwarzen Lenz in ABC-Abwehrmaßnahmen trainiert hatte. Dies ermöglichte uns, andere Menschen zu retten.
„Patientin eins zeigt die typischen Anzeichen einer Virus-Infektion. Hämmorhages Fieber, innere Blutungen, hohes Fieber, schwacher Blutdruck.
Patientin zwei hat hohes Fieber, aber einen stabilen Blutdruck, bisher keine Blutungen.
Patientin drei starb vor fünf Minuten und elf Sekunden an akuter Dehydrierung und massivem Blutverlust. Wir werden ihre Leiche verbrennen müssen. Und am liebsten würde ich jeden Quadratzentimeter da drin mit einem Flammenwerfer ausräuchern lassen. Wenn der Kampfstoff, den Blakes Wort auf diese Welt wie einen bösen Fluch herab gerufen hat, wirklich auf einem Virus basiert, dann ist es ein teuflischer, hinterhältiger Virus, wie man ihn seit der Zeit der großen Infektionskrankheiten auf der Erde nicht mehr gesehen hat.“
„Doktor Ling, können Sie uns etwas Definitives sagen? Inkubationszeit, Symptome, Ansteckungswege, Toleranzen des Virus.“
„Wir arbeiten tatsächlich daran. Unsere bisherigen Hinweise sind gering. Wir konnten nicht einmal den Erreger isolieren, weil ich kein Elektronenmikroskop zur Hand habe.“
„Sie kriegen eines. Ich lasse die Krankenhäuser absuchen“, versprach ich. Dieser Mann wurde nun zu einem wichtigeren Verteidiger gegen Blakes Wort als ich. „Außerdem kriegen Sie jeden Arzt, den Sie haben wollen. Von Ihnen hängt jetzt mehr ab als die Behandlung verstrahlter Menschen.“
„Kein Pathos, bitte. Aber ein Elektronenmikroskop wäre wirklich nett. Die Inkubationszeit des Erregers ist zwei Tage. Der Infektionsweg ist Tröpfcheninfektion. Symptome sind klassische Anzeichen der Virus-Infektion: Fieber, Dehydrierung. Hinzu kommen innere Blutungen, Organversagen und Hirnschäden. Es ist gibt Parallelen zu einem klassischen Virus der Präastronautik auf der Erde. Er wurde nie ins Weltall mit hinaus geschleppt, weil er zu tödlich ist. Er tötet in wenigen Tagen und ist deshalb zuhause geblieben. Sein Name ist Ebola. Allerdings ist dieser Ebola-Virus nicht durch die Luft übertragbar. Oder um im Laien-Fachkauderwelsch zu sprechen: Tröpfchen-Infektion klappt nicht, außer es ist ein beachtlich großer Tropfen. Es gibt noch weitere Unterschiede. Ebola löst die inneren Organe auf, beginnt mit der Leber und hält sich das Herz bis zum Schluss vor.
Dieses Mistding hingegen nimmt sich zuerst die Nieren und das Gehirn vor. Dadurch sind Infektionen relativ schnell zu erkennen, wenn die Gehirntätigkeit herabgesetzt wird. Ich gehe davon aus, dass das geplant ist. Ein Soldat, der zwar noch eine Waffe halten kann, aber nicht mehr die Richtung weiß in die er schießen soll, ist in den letzten Tagen seines Lebens keine Gefahr.“
„Grausam“, hauchte Denise neben mir.
„Patient eins wird definitiv binnen der nächsten Stunden sterben. Damit hat sie zwei Tage und fünf Stunden durchgehalten plus jeder Sekunde, die ab jetzt hinzukommt.“
„Was wissen wir über das Gegenmittel?“, hakte ich nach.
„Wir haben es analysiert. Es ist ein Abfallprodukt aus der Virenforschung. Genauer gesagt aus der AIDS-Behandlung. AIDS ist…“
„Ich weiß, was AIDS ist. Ein Tripper, der auch über das Blut übertragen werden kann, und auf einigen Hinterwäldlerplaneten ganz schönen Ärger anrichtet.“
„Wow. Herr Oberst, ich werde Sie als Referent für das NAIW empfehlen“, spottete der Arzt. „Ernsthaft, Sir. AIDS ist eine so genannte Immunschwächekrankheit. Sie befällt… Ein paar Zellen in unserem Körper, die für die Aktivierung des Immunsystems zuständig sind. Genau jene Zellen, die eigentlich für die Abwehr der Viren zuständig ist.“
„Teuflisch. Der Virus wird zu seinem Wirt gebracht, infiziert ihn, lässt sich reproduzieren und befällt weitere Wirtszellen. Aber daran stirbt man nicht.“
„Nein, aber am Schnupfen, der Lungenentzündung oder dem hartnäckigen Husten, der mit gesundem Immunsystem kein Problem gewesen wäre.
Das Gegenmittel von Corporal Eileen Rogers hat starke Ähnlichkeit mit einem Abfallprodukt dieser Forschung. Bevor es den Impfstoff gab, hatte man ein Mittel entwickelt, um die Stimulanz des Immunsystems ohne die Aktiv-Zellen, die der Virus vernichtet, zu gewährleisten. Man entwickelte auch ein anderes Medikament, welche das Gegenteil bewirkte, für den Fall, dass die Aktiv-Medizin überdosiert wurde.
Nun, abgesehen von einigen Komponenten haben wir es hier mit dem Passiv-Medikament zu tun.“
„Sie wollen sagen dass… Dieses Ding bremst das Immunsystem?“
„So sieht das aus.“
„Dann ist dieses Medikament ein Placebo? Ein Ersatz? Ein… Witz?“
Doktor Ling schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Sir. Mit einem NAIW-Team und fünf Jahren Forschung könnte ich es definieren, vielleicht. Aber so, auf die schnelle bleibt mir nur eines. Ich kann das Mittel synthetisieren. Nicht das Zeug von Corporal Rogers, aber das alte Medikament aus der AIDS-Forschung. Es ist besser als nichts, Sir.“
„Und wenn das Medikament eine Ablenkung ist und eine der unbekannten Komponenten das eigentliche Medikament ausmacht?“
„Eine kleine Hoffnung ist besser als keine Hoffnung.“
Ich seufzte schwer. Und ballte die Hände. Neben mir sah meine Stabschefin betreten zu Boden. „Dann lieber eine kleine Hoffnung. Tun Sie Ihr Bestes, Doc.“
Der Mann salutierte Vorschriftsgemäß. „Jawohl, Sir.“
„Was geschieht nun mit Patienten eins und zwei?“, fragte Denise ernst.
„Wie gesagt, Patient eins wird bald sterben. Das Gehirn hat bereits Aussetzer, und die Blutungen sind sehr stark. Wir halten mit Infusionen von Kochsalzlösungen und Blutplasma dagegen, aber alles was wir das reinschütten kommt eigentlich nur verseucht wieder raus.
Patient zwei hat bisher nur Fieber und ist nicht bei Bewusstsein. Ich… ich habe Hoffnung.“
Ich wechselte einen kurzen Blick mit meiner Stabschefin. „Töten Sie Patient eins.“
„Sir, ich… Es ist gegen den hippokratischen Eid, etwas gegen das Wohl meines Patienten zu tun.“
„Ist es auch gegen den hippokratischen Eid, sein Leiden über Gebühr zu verlängern?“, fauchte ich.
„Das ist eine Entscheidung der Ethik.“
„Gut. Dann gebe ich Ihnen einen direkten Befehl.“
„Den ich hiermit verweigere, Sir.“
„Doc? Ich gebe Ihnen hiermit Anweisung, die Dosis Morphium, die Patient Nummer eins bekommt, nach eigenem Ermessen und Ihrer langjährigen Erfahrung zu erhöhen“, mischte sich Denise ein.
Ling sah sie erstaunt an, nickte aber schließlich. „Jawohl, Frau Major.“
Ich nickte zufrieden und verließ mit meiner Stabschefin den Lazarettbereich.
„Warum klappt das bei dir und bei mir nicht?“, flüsterte ich.
„Du hast kein Ärztedeutsch gesprochen. Ling wird da jetzt reingehen und den Morphiumtropf so hoch aufdrehen wie er kann, und Patientin eins wird mit dem was von ihrem Gehirn noch übrig ist, komplett wegdämmern.
Du hast von Ling verlangt, sie zu töten. Das kann er nicht. Ich habe verlangt, ihre Behandlung zu ändern.“
„Das ist Heuchelei, Denise“, versetzte ich.
Indigniert zog sie die Augenbrauen hoch. „Du verhandelst seit wie vielen Jahren auf Outreach und willst mir etwas über Heuchelei erzählen?“
„Mist.“
„Nicht sauer sein. Du bezahlst mich dafür, dass ich auf deiner Seite bin, oder?“
„Hoffentlich gut genug“, entgegnete ich.
„Es geht“, erwiderte sie, zwinkerte mir zu und ging in ihr Büro.
Virgil Stannic fing mich knapp vor meinem eigenen Büro ab. „Ace, komm in die Operationszentrale. Dein Junge gibt gleich einen Live-Bericht. Aber soviel vorweg, von der eigentlichen Anlage ist nichts mehr übrig. Blakes Wort hat einen Riss in der Erdkruste ausgenutzt und das ganze Ding gesprengt. Wir wissen noch nicht, wie schlimm es ist. Aber es gibt anscheinend ein Ersatzarchiv und…“
„Himmel, Major, hol mal Luft.“
„Entschuldige, aber das ist spannend wie ein Krimi. Wenn wir das Ersatzarchiv in die Finger kriegen, dann haben wir Blakes Wort wehgetan, wirklich wehgetan!“
Der Hochgewachsene Lyraner ballte beide Hände zu Fäusten. „Und das wird mir gut tun, Ace.“
„Nicht nur dir“, erwiderte ich. „Geh und sag Denise Bescheid. Ich hole Striker.“
„Okay.“

Ace Kaiser
10.02.2007, 13:13
28.
Die Übertragung war gezeichnet von statischem Rauschen. Eindeutig der Einfluss eines Störsenders. „Wiederhole, Robert!“, rief Jean Kaiser.
„Ich s…. Überlegene Feindkräfte… …bardieren die Kas… …mpfehle euch zu… Muss aufhören… Rob… …Kaiser Ende.“
Die Verbindung erlosch und ließ eine erschütterte Oberstleutnant zurück. „Alles Glück der Welt für dich, Robert Kaiser.“ Der junge Mann war Hauptmann der Towne-Miliz und durch den Bürgerkrieg gegangen. Das hatte den Cousin ihres Mannes Ace reifen lassen, sowohl als Soldaten als auch als Mensch. Vor allem hatte er die Abgründe dessen kennen gelernt, was Menschen einander antun können, und wenn er den Eagles riet, stiften zu gehen, dann war das eine ernstzunehmende Warnung.
Jean wandte sich den anderen Personen im Übertragungsraum zu. „Wie es aussieht wird der Raumhafen von Towne gerade bombardiert. Die Miliz ist ausgerückt und bezieht Verteidigungsstellungen. Die Frage ist, was wir jetzt tun sollten.“
„Jean, ich sage es nicht gerne“, begann Larry Crux, Major der Mechs und Chef des 3. Bataillons der Eagles, „aber wir sind Söldner. Solange wir nicht zu Hilfe gerufen werden sollten wir gar nichts tun. Und solange wir nicht selbst angegriffen werden. Wenn das die Dracs sind, dann könnten wir den schönen Adelstitel von deinem Mann riskieren, wenn wir übereilt handeln.“
Jeans Blick ging dem Piloten durch und durch. Er kannte die Frau als hitzköpfig und temperamentvoll. Eigentlich sollte sie mit der Geburt ihrer beiden Kinder ruhiger geworden sein, aber Pustekuchen. Sie war immer noch voller Feuer und beseelt vom Glauben an eine höhere Gerechtigkeit, die in den PPKs ihres Kriegshammers ruhte.
Die Leichte Eridani Reiterei behauptete von sich, den menschenwürdigsten Krieg zu führen. Die Eagles behaupteten nichts dergleichen. Sie riskierten auch nicht gerne zuviel oder machten sich selbst zur Zielscheibe. Aber hinterher waren immer sie es, die aufräumen kamen und aus der Asche der alten Zivilisation die neue empor lifteten.
Außerdem hielt Jean nicht viel davon, Menschenleben zu verschwenden. Das hatte sie mit ihrem Mann gemein. Und wenn die Miliz angegriffen wurde und wenn dort Menschen und Zivilisten starben, dann sah sie es als ihre Pflicht an, einzugreifen, wenn sie es denn konnte.
„Einer musste es ja sagen“, murrte Larry.
„Ist in Ordnung, Großer.“ Besänftigend legte Jean eine Hand auf die Schulter des Größeren. „Und du hast ja Recht. Solange die Miliz uns nicht anfordert, haben wir auf diesem Schlachtfeld nichts zu suchen. Und solange wir nicht selbst angegriffen werden.
Die Frage ist, warum hat Robert uns gesagt, dass wir uns verkriechen sollen, anstatt uns anzufordern? Wir haben einen Kontrakt mit Towne und der Mark Draconis.“
Andrew Klyne strich sich über seinen weißen Bart. Der unbestrittene MeisterTech aller Eagles sagte nachdenklich: „Unsere Ortungen aus dem Orbit sind ungenau, Jean. Wir wissen nicht, was da alles auf Port Howard herabkommt, und die Verbindung mit der Miliz ist abgerissen. Wir sollten die Lage aufklären und versuchen wieder Kontakt herzustellen.“
„Genehmigt. Bis dahin folgen wir der Empfehlung von Hauptmann Kaiser und verlagern auf den Kampfstand.“ Sie sah zur Seite. „Kolibri, ich will, dass du mit allem was du hast über die Berge rüber nach Port fliegst und nachschaust. Aber sei vorsichtig, ja? Deine sechs Vögel sind alles, was wir da oben haben. Ace hat zuviel von deinen Kollegen mitgenommen.“ Sie senkte den Kopf. „Und ich habe das Scheiß-Gefühl, dass er jeden einzelnen gut gebrauchen kann.“
Cord McHale nickte zustimmend. „Verstanden, Boss. Ich steige sofort auf. Soll ich auf dem Rückweg direkt zum Kampfstand kommen?“
„Wuirr lassen die Landebahn soforrrt prrräparrieren, Lad“, versprach MeisterTech Klyne.
„Dann ist es beschlossen. Jemand soll Yvie Bescheid sagen. Sie übernimmt das Kommando über den Rückzug. Makoto, du übernimmst die Evakuierung der Zivilisten. Notfallplan B, ich denke, wir haben genügend Zeit um das wichtigste einzupacken.“
Die Draconierin nickte schwer. „Ich halte ein paar Kröten zurück, falls du ein paar Bodenbeobachter mit Helis näher an Port bringen willst, Jean.“
„Gut mitgedacht. Gebt jetzt Großalarm für die ganze Kaserne. Keine Versieglung. Wir kommen entweder schnell hierher zurück oder nie mehr.“
Die anderen Offiziere sahen sie irritiert an. Normalerweise wenn die Eagles geschlossen in den Einsatz rückten, wurden sämtliche Gebäude versiegelt und ein Notfallteam aus Infanterie und Mechs bewachte den Stützpunkt. Notfallplan B sah aber eine komplette Räumung vor. Das betraf auch die Ausrüstungsgegenstände.
„Dir liegt die zusammengebrochene Kommunikation quer im Magen, was?“ Larry sah sie besorgt an.
„Elf Welten, verdammt. Elf Welten, unter ihnen Outreach. Und jetzt sind wir ganz vom Rest der Inneren Sphäre abgeschnitten. Ich habe Angst, Larry.“
Der Lyraner räusperte sich vernehmlich. Zu frisch waren noch die Erinnerungen an den Bürgerkrieg, an die Qualen und Toten, an ihre verzweifelten Versuche, richtig zu machen was andere falsch gemacht hatten. Sollte sich die ganze Scheiße nun wiederholen?
„Ausführung, Herrschaften“, befahl Jean Kaiser.
***
Zwei Stunden später rückten die ersten Schweber und Lastwagen aus der großen Kaserne aus.
Sie würden in die Berglandschaft der Eiglophen fahren und den Ausweichstützpunkt aktivieren. Er war darauf ausgelegt, zehntausend Mann zu versorgen. Tief in den Berg getrieben bot er fast die gleichen Möglichkeiten wie eine der legendären Sternenbundfestungen. Jean Kaiser grinste schief, als sie sich bewusst machte, welchen Zweck die alten Forts zu erfüllen hatten. Sie hatten keine Invasionen verhindern sollten. Aus der Sicherheit ihrer Bunker hatte den Invasoren nur das Leben so schwer wie möglich gemacht werden sollen. Wieso erschien ihr das auf einmal so realistisch.
„Kolibri an Auge, bitte kommen.“
„Hier Auge. Sprechen Sie, Kolibri.“
„Ich melde schwere Luftkämpfe über der Stadt Port Howard. Zumindest über dem, was von ihr noch übrig ist.“
„Wiederholen Sie, Kolibri!“
„Port Howard wurde vernichtet, ich wiederhole, Port Howard wurde vernichtet. Ich bin mir nicht sicher, aber das sieht hier aus wie die Bilder von Edo auf Turtle Bay, die wir im ABC-Training gezeigt bekommen haben.“
Die Offiziere im Kommunikationsraum sahen sich erschrocken an. Orbitalbombardement.
„Kolibri, aber es wird noch gekämpft?“
„Ja, die Luftgebundenen Jäger der Miliz wehren sich noch, und sie scheinen auch gut gegenhalten zu können. Auf dem Boden können wir ebenfalls kämpfende Truppen identifizieren, die sich vom Raumhafen und dem zerstörten Stadtgebiet zurückziehen. Kleinere Ströme von Flüchtlingen verlassen die Stadt und die nicht zerstörten Vororte. Gott, das ist nicht einmal ein Hundertstel von dem, was Port sonst beherbergt.“
„Können Sie die Feinde identifizieren, Kolibri? Was sagen die Transponder?“
„Der Feind hat zwei Overlord und ein Excalibur auf dem Raumhafen gelandet. Er geht vor mit Mechs und Panzern. Seine Stoßrichtung ist die Stadt und die Kaserne der Miliz. Die Kaserne wurde ebenfalls vernichtet. Es befinden sich laut unserer Erfassung fünfzig bis fünfundfünfzig gegnerische Mechs auf dem Boden, dazu zwei volle Kompanien schwere Panzer. Ihnen entgegen stehen noch gut zwei Kompanien Mechs, weit verstreut.
Aus den Resten der Kaserne brechen mehrere Fahrzeuge auf.“
„Kolibri eins, ich erkläre hiermit den Feind zum Gegner des Sternenbunds. Als Mitglieder der SBVS befehle ich Ihnen hiermit den Angriff. Die Ares-Konvention gilt für diesen Gegner nicht, ich wiederhole, die Ares-Konvention gilt für diesen Gegner nicht.“
„Verstanden. Primäre Ziele?“
„Versuchen Sie den Abmarsch der Miliz zu decken. Aber nicht um jeden Preis. Wenn Sie in den Luftkampf gezogen werden, hat das Priorität. Ach, und bleiben Sie von den Landern fort.
Haben Sie das Schiff in der Ortung, das für das Orbitalbombardement verantwortlich ist, Kolibri?“
„Negativ, Ma´am. Ein Blip am Rande des Horizonts, mehr nicht.“
„Verstanden. Halten Sie Kontakt mit uns. Die Kaserne ist ab sofort verlassen. Ich wiederhole, die Kaserne ist ab sofort verlassen.“
„Copy und Roger.“

Jean sah in die Runde. „Wir wechseln zu Evakuierungsplan A!“
Eine Schrecksekunde folgte für alle Anwesenden. Dann begann der erste KommTech in sein Funkgerät zu brüllen, ein zweiter löste Großalarm aus. Die Offiziere stürmten aus dem Raum.
„Himmel, Jean, ein Orbitalbombardement auf eine Großstadt. Was ist hier los?“, rief Larry über den Lärm.
„Ich weiß es nicht. Aber ich will nicht erleben, wie das meinen Eagles passiert. Ich muss nach meinen Kindern sehen!“
„Ich habe Pawly nach ihnen geschickt. Der ganze Kindergarten dürfte jetzt fest in seiner Hand sein. Wir haben die Krabbler und die Grundschüler mit dem ersten Zug rausgeschickt.“ Larry sah sie unsicher an. „Entschuldige, dass Yvie und ich das hinter deinem Rücken entschieden haben.“
„Danke. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Mein Kriegshammer soll fertig gemacht werden. Die Piloten im Training sollen die Reservemaschinen übernehmen. Wir lassen hier so wenig wie möglich zurück.“ Ihr Blick ging durch die Kommunikationszentrale. „Sobald alle Befehle raus sind, verlegt die Kommunikationsgruppe geschlossen ins Mobile HQ. Wir nehmen ein Kommunikationsloch in Kauf. Niemand bleibt hier. Ab sofort kann jederzeit ein Kriegsschiff oder ein bis an die Zähne bewaffneter Lander am Horizont auftauchen und uns mit den gleichen Eiern beschmeißen wie die Miliz und Port Howard.“
„Ja, Ma´am.“
„Denkst du, die kommen auch zu uns?“, fragte Larry, aber die Frage war eher rhetorisch.
„Wir sind hier die stärkste Militärmacht auf dem Planeten, oder? Wir können froh sein, dass die Kasernenanlage gerade mal ein Jahr in Dienst ist. Darum haben sie die Miliz zuerst angegriffen, und nicht die SBVS auf dieser Welt.“
„Jetzt habe ich auch Angst, Jean“, erwiderte Larry.
***
Plan A sah vor, so schnell wie möglich so viel wie möglich zu evakuieren. Ganze Container wurden mit Plündernetzen auf den Rücken der Mechs befestigt, das war die schnellste Möglichkeit, Material schnell zu bewegen. Lastkrafthover, die nach Plan B mehrmals zwischen den Bergen und der Basis hätten wechseln können, würden laut Plan A bleiben wo sie waren. Sie würden Ausrüstung zurücklassen müssen, aber bestimmt und niemals Menschen!
Infanterie durchkämmte noch einmal sämtliche Gebäude, sah auf allen Toiletten nach und ging dabei ein großes persönliches Risiko ein. Tatsächlich fanden sie eine Gruppe Techs beim Tauchtraining, die nichts von den Sirenen mitbekommen hatten und nun mit allem was sie am Leib trugen fliehen mussten. Für das einpacken ihrer persönlichen Habe blieb keine Zeit. Aber ihre Spinde würden irgendwo in einem Packnetz wieder zu finden sein. Der Rest ihrer persönlichen Habe… Nun, das hing von den Angreifern ab.
Fünf Stunden nach dem ersten Alarm verließ der letzte Zug die Basis. Jean Kaiser übernahm mit ihrer Lanze persönlich die Nachhut. Für einen Moment dachte sie daran, dass die Kaserne mit dem natürlichen Baumbestand dieser Region durchsetzt war, dass man auf Luftbildern so gut wie nichts von dieser Anlage sah, vom Exerzierplatz und dem Sportplatz einmal abgesehen. Dass diese Anlage vielleicht überleben würde, weil sie übersehen wurde, genau so wie die Eagles übersehen worden waren.
Dann seufzte sie und wandte ihren Mech ab.
Als der Konvoi zwanzig Kilometer Distanz zur Kaserne geschafft hatte, kam eine Warnung vom Kampfschütze des Begleitteams. Jean ließ halten und die Emissionen herab fahren. Sie glaubte nicht an einen Luftangriff. Und sie glaubte auch nicht daran, dass ein Kampfschütze ein Kriegsschiff im erdnahen Orbit erfasst hatte. Aber etwas hatte die Ortungsanlage erfasst, und das wollte sie sehen.
In der Ferne standen Lichtblitze am Horizont. Jean zählte sechs, sieben, acht… Dann kam der Donner bei ihnen an, begleitet von einem Sturmwind, der Laub, Asche und kleinere Bäume mit sich trug. Schließlich wölbte sich eine große Staubwolke über dem Gebiet, das einmal ihre Kaserne gewesen war.
Wenn ihnen schon so eine Scheiße passierte, was war dann erst mit Ace und den anderen, ging es Jean durch den Kopf.
Und vor allem: Wer griff die Garnison und SBVS-Truppen an?

Ace Kaiser
11.02.2007, 21:17
29.
Ich fühlte mich unwohl. Quatsch, ich schämte mich, fühlte mich erniedrigt und hatte eine Scheiß-Angst. Da stand ich nun, im Isoliertrakt des Lazaretts und lauschte dem Bericht der jungen Frau, die gerade erst eine Frau geworden war, die ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hatte, die vielleicht sterben würde.
„Im Prinzip war es ein Vormarsch wie aus dem Lehrbuch“, sagte Leutnant Grace und versuchte, ihre zitternde Stimme ruhig zu halten. „Wir sind mit den GEST zuerst rein, dem Geschützfeuer hinterher. Ich hatte den Eindruck, dass wir uns beeilen sollten. Und ich hatte Recht damit.“ Sie versuchte, sich den dünnen Schweißfilm von der Stirn zu wischen, aber die bandagierte Rechte behinderte sie dabei. „Wir rechneten mit Waffen gegen Kampfrüstungen, wurden aber vom auftauchen eigener Aktivrüstungen bei den Blakies überrascht. Dennoch haben wir das zu unseren Vorteil gedreht. Als wir tiefer kamen, dem Lärm der Schlacht entgegen, erwies sich, dass der Union, der draußen rum stand, seine Freunde drinnen nicht mehr warnen konnte. Sie kümmerten sich um die Attacke auf die Verteidiger, aber sie hatten den rückwärtigen Raum weder durch Nachhut noch durch Minen gesichert.“
Ich rief mir die Fakten ins Gedächtnis, die Nathan Kreuzer und Charles Morai vermittelt hatten. Der beschädigte Union wurde von Trupp zwei der GEST im Alleingang erobert und wurde gerade überführt. Eigenname CONQUISTADOR.
Weitere Feindeinheiten, abgesehen von Infanterie und Aktivrüstungen hatte es in der Region nicht gegeben. Dennoch hatte Ace befohlen, das Gelände so schnell wie möglich zu räumen, bevor die Blakeisten nachsehen kamen, was aus ihrer Angriffstruppe geworden ist.
Grace legte die Linke an den Hinterkopf und lachte mädchenhaft. Es war erstaunlich, dass dies einer zwei Meter zwanzig großen Elementare gelang. „Schätze, ich bin übermütig geworden und habe mich zu weit vorgewagt. Wir haben ein paar Waffen verloren und einige Verletzungen kassiert. Ich war aber die einzige, deren Versiegelung aufgesprengt wurde. Wir haben die restlichen Angreifer, gut dreißig Rüstungen, zwischen uns und den Dragonern dann zerrieben. Wir hatten keine Totalausfälle, aber die Dragoner hat es übel erwischt. Es gab nur gut zwanzig Überlebende, davon acht in Rüstungen. Dazu etwas über vierzig Zivilisten, die bis dahin überlebt hatten. Die meisten gehörten zur Anlage, aber es waren auch ein paar Flüchtlinge dabei.
Kurz bevor wir kamen haben die Dragoner einen der Flüchtlinge hingerichtet, weil sie glaubten, er habe ihre Position an Blakes Wort verraten. Ich halte es zumindest für möglich.“
Die junge Frau sah mich an, mich direkt. Sie sah mir tief in die Augen. „Ich entschuldige mich für meine Fehlleistung.“ Dad. Irgendwie schwang das mit. Seit ich sie in jungen Jahren in die Einheit adoptiert hatte, seit sie bei uns aufgewachsen war, hatte sie mich immer als ihren Lehrmeister angesehen. Und ich hatte sie stets wie meine eigene Tochter behandelt. Es fiel mir schwer, sie jetzt im Isoliertrakt zu sehen, schwer zu verstehen, was mit ihr passieren konnte. Der Tod der drei jungen Damen, erst missbraucht, dann verseucht, war schlimm genug in meinen Augen gewesen. Ich würde es nicht ertragen können, meine kleine Grace in solch einem Zustand zu sehen.
„Du hast nichts falsch gemacht, Grace. Im Gegenteil. Du hast deinen Trupp heile nach Hause gebracht, wie ich es dir beigebracht habe.“
Sie lächelte schüchtern. „Nur ich habe Pech gehabt.“ Ernster fragte sie: „Wann wissen wir es?“
„Die Inkubationszeit ist zwei Tage. Wir legen einen Tag zur Sicherheit drauf. Dann darfst du hier wieder raus.“
Sie lachte, und es hätte herzlich geklungen, wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass sie sich eventuell den biologischen Kampfstoff von Blakes Wort zugezogen hatte. Wir kannten den Sprühraster nicht. Deshalb hatten wir Grace und die ungeschützten Dragoner isolieren müssen, und das tat mir weh, verdammt weh. „Ist in Ordnung, ist in Ordnung. Dann kann ich mich endlich mal ausschlafen. Aber sag meinen Clowns, dass sie sich deshalb nicht auf die faule Haut legen können. Janner wird mir alles petzen, wenn ich wieder draußen bin.“
Sie wurde ernst, so ernst, dass ich Denise neben mir erschrocken aufjapsen hörte. „Wenn ich es habe… Wenn es das Zeug ist, und wenn es mein Gehirn zerfrisst, dann erschieß mich bitte, bevor es zu sehr weh tut.“
Es tat weh, so unendlich weh. Würde sie verletzt auf der Intensivstation liegen und würden die Ärzte gerade jetzt um ihr Leben kämpfen, ich hätte es akzeptieren können. Soldaten lebten mit dem Schwert und starben durch das Schwert. Aber auf diese Weise, diese hinterhältige Attacke… Ich fand keine Worte. Diese vielen kleinen Schwerter, die sie vielleicht gerade jetzt von innen heraus zerstückelten waren monströs. „Was denn? Ich komme gerne in drei Tagen und lass dich hier persönlich raus. Wenn du brav warst und auf den Onkel Doktor gehört hast. Wir wissen nicht einmal, ob die Blakeisten in dieser Region gesprüht haben.“
„Aber einer von ihnen kann das Zeug am Panzer gehabt haben“, erwiderte sie trocken.
Das war nicht von der Hand zu weisen. Wir wussten immer noch nicht, wie ansteckend die Emulsion war. „Wenn es soweit kommt, bin ich auch da“, flüsterte ich.
„Danke, Dad“, hauchte sie und drückte ihre Hand gegen die Trennwand aus Hartplastik. Ich legte meine Hand darüber. Sie hatte die größeren Hände. Schon seit zwei Jahren. Aber dennoch, sie war mein Kind, und ich wollte sie nicht sterben lassen. Niemals.
„Ich lass dich raus“, versprach ich. „In drei Tagen.“
„Ich gehe nicht weg“, versprach sie, ohne eine Miene zu verziehen. Den Humor hatte sie sich eindeutig bei Virgil und Larry abgeguckt.
***
„Das war hart“, sagte Denise und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. „Es tut weh, sie so zu sehen, Ace.“
„Ich weiß. Aber Ling tut was er kann. Haben wir schon sein verdammtes Elektronenmikroskop gefunden?“
„Mehr als das. Wir haben ein Krankenhaus in einem ländlichen Distrikt gefunden, das bisher nicht bedroht wurde. Es hat eine virologische Abteilung, und sowohl das Umland als auch das Krankenhaus selbst arbeiten noch in normalen Parametern. Wir versorgen die Menschen mit LKT-Schwebern mit wichtigen Ressourcen. Im Gegenzug dürfen wir die Reinräume benutzen. Beziehungsweise sie arbeiten daran, denn es liegt auch in ihrem Interesse, dass der Kampfstoff erforscht wird.“
Ich dachte kurz nach. Die Sprühaktion der Blakeisten war bereits fast eine Woche her. Es wäre längst zu Infektionen gekommen, wenn die Gegend kontaminiert worden war. Vielleicht war sie einfach zu uninteressant für Blakes Wort. Hoffentlich blieb es so.
„Über Land? Gute Idee. Wenn wir nicht hinfliegen, fällt die Region den Blakeisten vielleicht nicht auf. Gibt es vielleicht weitere solche Regionen? Für den Fall, dass diese Fanatiker die Überlebenden gezielt ausradieren wollen.“
„Wir könnten ihnen ein paar Fallen stellen.“
„Aber wir können sicher nicht alle Überlebenden beschützen.“
„Nein, wir können nur das tun, was wir Eagles immer tun: Es versuchen.“
„Hm. Schick Panzer und Mechs hin. Es kann sein, dass dieses kleine Krankenhaus noch sehr wichtig für uns wird.“
„Wen soll ich schicken?“
Ich dachte kurz nach. „Stell einen Verband aus den Angeschlossenen zusammen. Für einen richtigen Kampfeinsatz haben sie zu wenig zusammen trainiert. Aber vorbereitete Verteidigungsstellungen sollten sie halten können.“
„Wie viele?“
„Ein Bataillon. Und sie sollen sich auf Sprühaktionen mit dem Kampfstoff oder schwarzen Regen einstellen.“
„Ich stelle eine adäquate Mischung zusammen.“

Als Ace den kleinen Besprechungsraum betrat, wandte sich ein Riese zu ihm um und salutierte. „Major Jérome von Wolfs Dragonern, Oberst Kaiser. Ich war verantwortlich für die Sicherung des Ersatzarchivs. Ich danke Ihnen für unsere Rettung in letzter Sekunde.“
„Gern geschehen, Major. Ich freue mich über jedes einzelne Leben, das wir auf dieser Welt retten können.“ Ich bedeutete dem großen Mann, Platz zu nehmen. „Wie schlimm hat es Sie erwischt, Major Jérome?“
Für einen Moment wirkte der Riese unsicher. War er ein Elementare? Ich konnte ihn nicht auf Anhieb einschätzen. „Mir unterstanden zwanzig Techniker, fünf Wissenschaftler sowie zehn Elementare-Rüstungen, dazu achtundzwanzig Infanteristen in Gefechtsrüstungen. Ebenfalls zähle ich acht Zivilisten dazu, die durch Zufall von uns erfahren haben und bei Dragoner-Truppen Schutz suchten.
Vor Blakes Worts Angriff auf diese Welt hätte ich das jederzeit für ausreichend gehalten, um die Anlage zu halten. Zudem sie geheim war.“
„Wie viele haben Sie noch über?“
„Siebzehn Infanteristen, drei Elementare. Die Wissenschaftler haben es alle geschafft, aber die Techniker haben als Hilfstruppe ebenfalls gekämpft. Es haben nur drei überlebt.“ Der Dragoner sah mich ernst an. „Sie haben Gefangene gemacht?“
„Wir konnten fünf BlakeGuards verletzt bergen. Wir haben sie ebenso wie Ihre ungeschützten Überlebenden vorläufig isoliert, bis wir uns sicher sein können, dass sie dem Kampfstoff nicht ausgesetzt waren.“
Die Augen des großen Mannes wurden verzweifelt. „Haben die BlakeGuards wirklich… Ist Harlech wirklich… Das Genarchiv, wurde es…?“
„Harlech wurde eingeebnet. Die Trainingsanlagen auf Remus wurden flächendeckend atomar bombardiert. Wir finden eine Menge Überlebende, aber das Gelände ist auf Jahrhunderte nicht mehr nutzbar. Das Genarchiv wurde mit Hilfe eines atomaren Sprengkopfs ausradiert, der einen Riss in den tektonischen Platten ausgenutzt hat. Wer nicht in der neuen Verwerfung umkam, starb in der Hitzewelle oder an der radioaktiven Staubwolke. Die Gegend ist zu heiß, um meine Leute zum nachsehen rein zu schicken, also kann ich Ihnen überhaupt nichts sagen, außer dass ich nicht einen einzigen Überlebenden erwarte.“
„Danke, dass Sie so ehrlich mit mir sind. Die Regimenter?“
„Soweit ich es übersehen kann, ist meine Einheit die größte organisierte Streitmacht auf diesem Planeten. Uns zur Seite stehen die Ulster Space Marines und diverse kleinere Gruppierungen, die wir retten oder aufgabeln konnten. Es gibt ein größeres Kontingent der Dragoner unter ihnen, aber es ist nicht mal mehr ein verstärktes Bataillon. Noch. Wir sind nicht fertig mit suchen, und es kommen stündlich neue Leute in den Camps an. Hier und am Raumhafen.“ Ich versuchte zuversichtlich zu klingen, aber mir versagte auf einmal die Stimme. Die fünf Regimenter der Dragoner waren in der ganzen Inneren Sphäre legendär. Zu wissen, dass sie vernichtet worden waren, war ein Schock für mich. Und ebenso für den Major.
„General Wolf? Commander Wolf? Die anderen Regimentskommandeure?“
„Ich weiß es nicht, und das ist wohl die einzige gute Nachricht, die ich für Sie habe, Major. Ich würde gerne sagen, dass wir nach ihnen suchen. Das tun wir auch, aber wir suchen nach allen und jedem, und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn wir sie nicht finden.“
„Wenn sie noch leben.“
„Wenn sie noch leben“, bestätigte ich. „Falls es Sie tröstet, am Sprungpunkt ist eine Flüchtlingsgruppe der geordnete Rückzug gelungen. Anführer war ein Leutnant und…“
„Ein Leutnant? Himmel, wie schwer hat es uns nur erwischt?“
„Sagen Sie es mir. Wie schwer hat es Wolfs Dragoner erwischt? Wie viel des Generbes konnten Sie beschützen?“
Die Augen des großen Mannes verschwammen. „Es ist kein Ersatz für jene, die sterben mussten, Herr Oberst, aber das Genarchiv ist vollständig. Es sind keine kompletten Giftakes, aber dazu war das Reservearchiv auch nie vorgesehen. Wir können welche produzieren, jederzeit, die Mittel vorausgesetzt.“
„Das können Ihre Leute übernehmen. Und eines Tages wird es wieder Dragoner geben, die für den Massenmord auf Outreach Rache üben wird. Ich bin sicher, die Ausrüstung für die Regimenter existiert irgendwo. Oder Snords Wilder Haufen hilft Ihnen aus.“
„Falls sie nicht auch angegriffen wurden.“
„Das kann ich nicht ausschließen.“
Es folgte eine Zeitlang schweigen zwischen uns.
„Genug geredet. Sorgen Sie dafür, dass die Genproben sicher nach New Hope verbracht werden. Und dann treten Sie Ihren Dienst an, Major Jérome. So wie ich das sehe sind Sie der ranghöchste Offizier von Wolfs Dragonern auf dieser Welt, der mir bisher begegnet ist. Es wird den Leuten gut tun, wenn Sie das Kommando über sie übernehmen. Unter meinem Oberbefehl, vorläufig.“
„Natürlich, vorläufig. Kann ich Ihre Kommunikationseinrichtungen nutzen?“
„Selbstverständlich. Ab sofort sind wir im gleichen Team, Major Jérome.“
„Hier entlang, Herr Major. Ich bringe Sie.“ Denise nickte ihm zu und ging zur Tür.
Ich nahm auf einem beliebigen freien Stuhl Platz und ließ meinen Blick über die Karte schweifen, die auf dem Tisch ausgebreitet war. Eine Weltkarte und ein paar Karten der größeren Städte. Wir hatten Sektoren markiert, in denen wir bereits gesucht hatten. Diverse Vermerke zeigten Explosionskrater von Atomwaffen oder Orbitalbombardements auf, Fundorte von Überlebenden waren vermerkt, ebenso viel versprechende Depots und Hinweise auf weitere Überlebende. Ich war sicher, wir würden noch mehrere Regionen entdecken wie jene, in der das geheimnisvolle Krankenhaus mit Virenlabor stand. Wenn wir schneller waren als die Blakeisten.
Aber die Menschen durften in diesen Regionen nicht bleiben. Wir mussten sie in die Berge zurückziehen, bevor der schwarze Regen kam und alles um sie herum verseuchte. Oder sie in unterirdische Bunkeranlagen bringen, die in unverwüsteten Regionen standen. Verdammt, wenn das so weiterging, würde sich das ganze Leben auf Outreach unter Kuppeln und im Erdboden zurückziehen müssen.
Virgil Stannic, der die ganze Zeit schweigend im Raum gesessen hatte, stand auf und tippte auf die Weltkarte. „Weißt du was man über Outreach sagte? Diese Welt war nicht nur der Ort, an dem die berühmte Olympiade der Sternenbundstreitkräfte abgehalten wurde. Diese Welt war auch hochgerüstet wie kaum eine andere. Es heißt, die Dragoner hätten mit ihrem Wissen der desertierten SBVS, die Kerensky gefolgt waren, gigantische unterirdische Anlagen entdeckt und für sich genutzt. Diese müssen über den ganzen Planeten verteilt sein. Und wenn Blakes Wort sie nicht vernichtet hat, können wir sie als dezentrale Sammelpunkte nutzen. Nicht nur, um unsere Ausrüstung aufzupeppen.“
„Das ist kein schlechter Gedanke, Virge. Aber wir verzetteln uns in der Verteidigung dieser Regionen.“
„Es ist besser als den Menschen gar keine Chance zu geben, oder, Ace? Willst du alle hier in die Berge holen? Oder ihnen in ihrer alten Nachbarschaft eine Chance geben? Vergiss nicht, diese Anlagen sind Sternenbundanlagen! Gebaut um ABC-Angriffen zu widerstehen! Wenn irgendwo auf dieser Welt das Leben wieder aufblühen kann, dann in den unterirdischen Anlagen. Wir werden es da unten schon wohnlich machen. Zumindest wohnlicher als im radioaktiven Regen.“
Ich lachte hässlich. „Da ist was dran. Gut, das dir das einfällt, Virge. Jetzt müssen wir die Anlagen nur noch finden. Ich hoffe, Major Jérome kennt ein paar.“
„Rate mal, wie ich darauf komme, Ace. Das Krankenhaus mit der virologischen Abteilung steht auf so eine Anlage. Ich habe mir erlaubt, die Evakuierung der Zivilbevölkerung in die Anlage anzuordnen. Wir lassen die Produktion in einigen Bereichen wieder anlaufen und räumen andere, soweit wir dazu bereits imstande sind. Ein beschäftigter Mensch denkt nicht soviel nach. Und auf dieser radioaktiven Hölle zu denken bedeutet, Gefallen am Selbstmord zu finden.“
Ich ließ den Kopf hängen. Übermüdung, Überanstrengung und eine ständige kreatürliche Angst hatten mir zu schaffen gemacht. Zudem hatte ich die Verantwortung für eine ganze Welt übernommen. Striker hätte mir jetzt ein Bier und ein Barbeque empfohlen, und ich wusste, ich sollte daran noch eine Mütze Schlaf hängen. Wenn ich zusammenklappte nützte ich niemandem. Aber ich kam aus der Verantwortungszwickmühle nicht so einfach raus.
„Waren meine Gedanken so leicht zu lesen, Virge?“, fragte ich den Freund.
„Nein, aber ich habe mir diese Gedanken gemacht. Ich habe geraten.“
Ich seufzte. Es tat gut, so einen Freund an der Seite zu haben. „Weißt du, was die wahren Schrecken von radioaktiver Strahlung sind? Alle hören immer von Strahlenkater, Zellschädigungen und Krebs, der durch sie ausgelöst wird. Aber das sind alles nur Begriffe, mit denen wir uns dem Phänomen annähern. Die wirkliche Gefahr ist Energie. Radioaktive Strahlung transportiert Hitze. Je stärker sie ist, desto mehr. Sie kocht dich bei lebendigem Leib, Virge. Und wenn du durch bist, bist du tot.“
„Danke für die Erklärung. Dann mache ich besser einen weiten Bogen um jeden Explosionskrater, was?“
„Eine weise Entscheidung.“
Denise kam zurück. „Die Besprechung findet ohne Charles statt. Er räumt noch mit ein paar Pionieren hinter sich auf, sagt er.“
„Sprengfallen. Manchmal kann dieser kleine St.Ivesler wirklich gemein sein“, sagte ich grinsend. Nicht, dass die Blakies es nicht verdient hatten.
„Was ist das Thema der Besprechung, Ace?“, fragte meine Stabschefin geradeheraus.
„Die Truppen von Blakes Wort. Crescent Hawks, Finger des Todes und was immer die BlakeGuards für uns hier gelassen haben. Wir müssen sie finden, bevor sie uns finden. Und das nach Möglichkeit, bevor wieder eines ihrer Kriegsschiffe über dieser Welt auftaucht.“
Das wäre das schrecklichste Szenario für mich. Die Aufräumarbeiten waren nicht einmal eine Woche im Gange, und ein verdammtes Kriegsschiff warf noch ein paar Eier auf Harlech ab und vernichtete erbarmungslos meine Leute und zehntausende Zivilisten, die sich bereits gerettet geglaubt hatten.
„Unser Auge im All sagt, dass alles ruhig ist. Genauer gesagt sind wir die einzigen Ankömmlinge im System“, referierte der weibliche Major.
„Für eine Welt wie Outreach sehr ungewöhnlich. Es scheint sich rum gesprochen zu haben, dass die Blakies hier ein Riesenbarbeque veranstaltet haben.“ Resigniert ließ ich den Kopf sinken. „Na, wenigstens bedeuten keine Ankömmlinge auch, dass Blakes Wort keine Verstärkung bekommt.“ Ich schlug mit einer Hand auf den Tisch. „Also los, lasst uns beginnen. Ich will diese Bastarde finden, bevor sie uns finden.“

Ace Kaiser
14.07.2007, 23:02
30.
„Kolibri, hier Kolibri. Folgen Sie meinem Anflug, Darkness.“
„Kolibri, hier Darkness. Ich kann kein Ziel ausmachen! Sind Sie sicher, dass wir hier eine Landebahn finden?“
„Vertrauen Sie mir, Darkness. Bleiben Sie an meinem Flügel und landen Sie Ihre Voss. Ich begleite Ihre Landung und starte dann durch, um den nächsten zu eskortieren. Wir müssen alle überlebenden Vögel so schnell wie möglich runter bringen.“
„Ich weiß. Und ich danke Ihnen, dass Ihre Staffel uns raus gehauen hat. Und dass sie ihr Leben riskiert, um unsere Schlammstampfer in die Berge entkommen zu lassen. Aber ist da wirklich eine Landebahn?“
„Soll ich zuerst landen? Fühlen Sie sich dann besser, Darkness?“
„Port Arthur wurde eingestampft, unsere Kaserne wurde vernichtet und es sieht schlimmer aus als die Dracs damals nach Towne kamen. Natürlich wäre es mir lieber. Aber ich glaube nicht, dass Sie sich so viel Mühe machen, nur um mich in einem cimmerischen Wald in den Boden zu bohren. Gehen Sie voran, Kolibri, ich folge Ihnen.“
Erleichtert atmete McHale auf. Er wäre ungern gelandet, denn das hätte die Landeaktion der sieben Voss nur unnötig verzögert. Und je länger die Maschinen in der Luft blieben, desto eher würden die Angreifer sie finden. Das war etwas, was sich die Eagles nicht leisten konnten. Nicht, solange sie überhaupt nichts wussten. Außerdem verlor niemand gerne eine Landebahn.
„Okay, folgen Sie mir, Darkness.“ Cord McHale zog seinen Sperber tiefer, ging dicht über den Boden und registrierte, dass die Propellergetriebene Voss dicht hinter ihm klebte.
„Kolibri, wir fliegen mitten auf eine Wand zu! Der Wald steht zu dicht!“
„Vertrauen Sie mir, Darkness. Gehen Sie tiefer, drosseln Sie den Flug.“
„Sie verlangen viel.“
„Und ich werde Sie nicht enttäuschen.“
Tatsächlich öffnete sich, je näher die beiden Vögel dem Waldrand kamen, eine Lücke, als hätte jemand einen Vorhang fort gezogen. „Die Landebahn ist einen Kilometer lang. Wir können hier sogar Leopards landen lassen. Sehen Sie den Weg?“
„Positiv, Kolibri. Danke. Entschuldigen Sie, dass ich Schiss habe.“
„Sie wären kein Mensch, wenn Sie nach der ganzen Scheiße keinen Schiss hätten. Landen Sie normal und räumen Sie danach sofort die Landebahn. Ich führe Ihre anderen Piloten runter. Die dürften mit dem Sprit bald am Ende sein.“
„Positiv.“
„Also, wer ist der Nächste?“

Eine halbe Stunde später stand der drahtige junge Mann vor seiner derzeitigen höchsten Vorgesetzten, während zeitgleich seine Gefechts-ROMs ausgewertet wurden.
„Gib mir einen Crashkurs, Cord“, sagte Jean Kaiser, während sie ihren Jüngsten fütterte.
„Die Miliz zieht sich in die Berge zurück. Dank unseres eingreifen konnten wir die Lufthoheit zurück erobern. Wir haben sie hart getroffen und wenigstens zeitweise den Luftraum über Port Arthur erobert. Dann ist den ersten Voss der Sprit knapp geworden und ich habe entschieden, die knappen in den Bergen auf ihren eigenen Stützpunkten landen zu lassen und die mit vollerem Tank hierher zu bringen. Sobald die Knappen aufgetankt haben, kommen sie ebenfalls her. Ich habe ihnen meine Leute zugeteilt, um sie zu führen. Alles, was fliegen und kämpfen kann, wird hier her kommen. Die Bodentruppen haben Anweisung, die Flughäfen aufzugeben und sich zu verbergen, bis wir neue Anweisungen geben.“
„Das ist gut entschieden. Nein, David, drei Löffel noch. Einen für Papa, einen für Andrew, einen für Pawly. Siehst du, es geht doch. Du bist ein braver Junge.
Also, wie sieht es mit der Miliz aus?“
„Vorweg eines, ich hatte keine Verluste. Auch wenn der Gegner an uns genagt hat, wir kamen sehr überraschend für sie. Wir können uns drei neue Abschussmarkierungen aufmalen lassen.“
„Andrew wird das mit Liebe selbst übernehmen“, versicherte die Chefin der Angry Eagles auf dieser Welt ernst.
„Die Miliz wurde vernichtend geschlagen. Es ist uns gelungen, einen Großteil auf dem Weg in die Berge zu decken. Etliche Zivilisten folgen ihnen. Jene, die die Berge erreichen, haben eine Chance, sich in andere Regionen des Planeten abzusetzen.“
„Was ist noch über? Lebt Robert noch?“
„Ich weiß es nicht, tut mir leid. Es sind noch mehr Miliz-Truppen entkommen, er kann bei jeder einzelnen dabei sein. Oder er ist schon tot. Jedenfalls sind die Zivilisten hoch gefährdet. Es sieht nicht so aus, als würden die Angreifer zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheiden.“
Jean grunzte wütend. Jeder, der dieses Geräusch jemals gehört hatte, reflektierte sofort seine eigenen Fehler und suchte nach einer Entschuldigung. „Wir müssen sie retten.“
„Wir müssten mit Landern fliegen. Mehrfach. Nur um sie hier her zu schaffen.“
„Nein, ein solcher Flugverkehr würde den Gegner auf uns aufmerksam machen. Wir brauchen unsere Lander-Operationen noch für andere Gelegenheiten. Aber wir sollten Truppen einsetzen, um ihre Flucht zu decken. Bodentruppen. Pawly und Larry werden sich sofort in Bewegung setzen.“
Cord McHale wirkte erleichtert. „Danke, Jean. Aber wo sollen sie hin?“
„Gibt es Hinweise darauf, dass die Angreifer auch andere Städte angreifen?“
„Bisher nicht, aber sicherheitshalber werden sie evakuiert. Alles zieht aufs Land oder ins Gebirge.“
Wütend ballte Jean die Hände zu Fäusten und zerbrach dabei den Plastiklöffel, mit dem sie David gefüttert hatte. „Verdammt! Das ist ja schlimmer als der Bürgerkrieg. Was wollen sie erreichen? Ein zweites Massaker wie Kentares?
So, du bist fertig, David. Geh schön spielen, hörst du?“
Der kleine Junge, der mit spitzen Ohren gelauscht aber natürlich nicht allzu viel verstanden hatte, gehorchte missmutig. Vielleicht ahnte er, was hier besprochen wurde. Aber seine Mutter war unerbittlich.
„Was machen wir mit ihnen, nachdem wir sie gerettet haben?“, fragte Cord trocken. Als Eagle wusste er, dass ein erloschenes Menschenleben nicht wieder entzündet werden konnte und hatte deshalb ein ernstes Problem mit den Invasoren.
„Wir müssen sie in Lagern zusammenfassen. Victor hat Depots anlegen lassen, für den Fall, dass Towne während Operation Bulldog erneut angegriffen wird und genau das Szenario entsteht, das wir heute haben. Die Vorräte werden eine Zeitlang reichen. Die Frage ist nur, wo die Zivilisten sicher sind. Und noch wichtiger ist, ob die Angreifer diese Welt und ihre Bewohner erobern wollen, oder ob sie die Menschen als überflüssig betrachten.“
„Das hältst du für möglich?“, fragte Cord erschrocken.
„Sie haben Port Arthur dem Erdboden gleich gemacht. Was denkst du?“
Der Pilot räusperte sich vernehmlich.
„Und das Schlimmste ist, wir wissen immer noch nichts über unsere Situation. Was ist, wenn wir einen falschen Schritt machen? Was ist, wenn wir auf dieser Welt zu laut sind? Was wenn ein Dutzend Regimenter über uns hereinbricht?“
„Dann kämpfen wir. Und für jeden von uns der stirbt gehen fünf Feinde mit in den Tod.“
Jean schnaubte wütend. „Wenn möglich würde ich es vermeiden als tragische Heldin in die Geschichte einzugehen.“
„Ma´am, die erste Analyse der Gefechts-ROMs ist jetzt fertig“, meldete die Gegensprechanlage.
„Komm rein, Stacy.“
Die Tür zum Büro öffnete sich, und zusammen mit Captain Hillary von der Miliz betrat Major Stacy Orwell den Raum.
„Ich habe die Bilder bereits gesehen“, sagte der Voss-Pilot verstört. „Verfügen Sie über mich und alles, was auf mein Kommando hört, Oberst Kaiser.“
„Das macht die Sache interessant. Was hast du herausgefunden, Stacy?“
„Die Mechs kämpfen ohne erkennbares Transpondersignal. Es gibt nur ein unterschwelliges Identifikationszeichen, welches sie einander zuordnet, damit sie nicht aufeinander schießen. Dessen Untersuchung hat nichts gebracht. Aber die Analyse der Mechs, die auf dieser Welt gelandet sind, hat uns auf eine Spur gebracht. Es sind ein paar Maschinen dabei, die exklusiv von Word of Blake entwickelt werden. Dazu kommen einige exklusive Mechs der Liga Freier Welten und der Konföderation Capella.“
„Die Blakies?“, hauchte Jean erschrocken. Sie trat an ihren Computer heran und begann in den Daten zu forsten. „Hier. Eine Warnung von Präzentor Martialum. Demnach stockt Blakes Wort seine Einheiten auf. Sie steigerten sich von acht Divisionen auf zehn. Ein Angriff auf die ComStar-Einrichtungen wurde seit Jahresbeginn erwartet.“
„ComStar war also bereit für Blakes Wort. Aber was machen die Fanatiker dann auf unserer Welt? Und warum fallen so viele HPGs aus?“, fügte Cord an.
„Weil ComStar nicht das einzige Ziel von Blakes Wort war. Ich glaube, dass die Aktion auf Towne nur ein kleiner Teil einer Offensive ist, gegen die Operation Skorpion wie ein Kaffeeklatsch wirken wird. Stimmt jeder im Raum mit mir überein, dass wir es zumindest teilweise mit Truppen von Blakes Wort zu tun haben?“
Die drei Anwesenden nickten.
„Sich mit ComStar anzulegen ist eine Sache. Aber sich mit den Vereinigten Sonnen anzulegen eine andere. Außerdem sind einige der Welten, mit denen wir Kontakt verloren haben, sowohl im capellanischen als auch im steinerschen Raum. Das sieht erschreckend nach einer Großoffensive aus.“
„Hat sie überhaupt die Mittel? Ich meine, wir reden hier von Word of Blake!“
„Nun, Captain Hillary, warum fliegen Sie nicht rüber und fragen sie?“, fragte Jean düster.
„Besser nicht. Wann wird ComStar eingreifen?“
„Wann wird Towne von einem Nebenschauplatz zum Hauptschauplatz? Wahrscheinlich nie.“ Jean stützte sich schwer auf ihrem Schreibtisch ab. „Wenn sich die Blakies um Towne kümmern können, dann hat ComStar gerade alle Hände voll zu tun. Ohne Ace und unsere anderen Truppen sind wir schwach. Vielleicht zu schwach, um Towne zurück zu erobern oder um die Zivilisten zu schützen. Aber auf jeden Fall zu schwach, um einen Gegenangriff von Blakes Wort aufzuhalten. Aber wir sind nicht zu schwach um stärker zu werden. Wir müssen uns mehr Material besorgen. Mehr Truppen heran ziehen. Sie trainieren, vorbereiten. So viele Menschen wie möglich retten. Alles für den Tag.“
„Für welchen Tag?“, fragte Cord, obwohl er die Antwort ahnte.
„Für den Tag, an dem wir entweder stark genug sind um die Angreifer von unserer Welt zu jagen oder eine Regimentskampfgruppe zu unserer Unterstützung eilt.“
***
Der Gefechtsstand der Angry Eagles bestand aus mehreren Sektionen. Die Hauptsektion war eine riesige Höhle unter den Bergen, in der vor dreihundert Jahren Salze abgebaut worden waren. Ironischerweise war der Berg, unter dem sich das künstliche Gewölbe befand, trotz der gigantischen Lücke nie in sich zusammen gestürzt, also hatte Ace irgendwann entschieden, dass sie es auch die nächsten dreihundert nicht tun würde. Sicherheitshalber hatten die Pioniere die Decke an entscheidenden Punkten verstärkt und hier und da künstliche Pfeiler gegossen, und hatten damit das sicherste Versteck auf dieser Welt erschaffen.
Verteilt über drei Quadratkilometer verfügten die Eagles über Kasernen, Mechwartungsgerüste, Hallen für die Panzer, Gefechtsrüstungen und Jagdflieger und einige andere Einrichtungen, die aus dem Gefechtsstand die Keimzelle des kommenden Widerstands machte. Es gab mehrere, gut verteidigte Zugänge. Zudem hatte jeder Zugang künstlich angelegte Barrieren, von denen aus eine Kompanie Bodentruppen ein Regiment Mechs aufhalten konnte. Und es gab einen direkten Durchbruch in ein unzugängliches Bergtal, das nur auf diesem Weg oder aus der Luft zu erreichen war. In diesem Tal lebten die Zivilisten der Eagles, sofern sie nicht im Gefechtsstand zu tun hatten. Solange das Tal nicht als Ziel identifiziert war, sollte es den Menschen und den meisten Soldaten auf Freiwache etwas Sonnenlicht geben. Es war ein psychologisch wichtiger Faktor, dass sie einen Zugang zur normalen Welt beibehielten und sich nicht auf vielleicht Jahre in dieser finsteren Höhle verkrochen.
Es gab außerdem berechtigte Hoffnungen, dass das Tal selbst bei einem Bombardement der Berge mit Nukleargefechtsköpfen von Kontamination verschont blieb. Außer jemand warf eines dieser Eier direkt in das Tal. Das hätte den Tod von zweitausend Menschen bedeutet.
Nun, das galt nur für den Fall, dass jemand sehr intensiv nach einer Spur der Eagles suchte… Und durch einen sehr unglücklichen Zufall auf dieses Tal stieß.
Aber Jean machte sich da keine großen Hoffnungen. Sie sah den Tag kommen, an dem es evakuiert und der Zugang gesprengt werden musste, weil ihnen der Feind zu nahe auf den Kamm gerückt kam. Aber dieser Tag sollte weit in der Zukunft liegen, damit die ihr anvertrauten Truppen und Menschen die Normalität genossen, die natürliches Sonnenlicht ihnen bot. Als Kommandeurin hatte sie nicht nur eine Sorge für die körperliche Unversehrtheit zu tragen, sie musste auch für die Seelen sorgen.
Nun, im Moment befanden sich nur ein paar Schulklassen, zwei Ortungsfahrzeuge mit Besatzung sowie eine gut versteckte Hubschrauberstaffel im Tal. Jeder, der laufen konnte, hielt sich im Gefechtsstand auf und hing Jean Kaiser an den Lippen.
„Feldwebel, sorgen Sie für Ruhe“, befahl die schlanke Frau ruhig.
„Jawohl, Ma´am. STILLGESTANDEN!“
Die Soldaten der Eagles reagierten sofort. Und auch die vielen anwesenden Zivilisten, nicht wenige von ihnen in der Verwaltung oder in anderen zivilen Bereichen tätig, verstummten.
„Lassen Sie rühren, Feldwebel.“
„RÜHRT EUCH!“
„Gentlemen!“, begann Jean Kaiser laut, „ich habe euch hier zusammen gerufen, um euch über den Stand der Dinge zu informieren. Ich weiß, der Grabenfunk war fleißig, und der grobe Sachverhalt ist insoweit bekannt. Dem will ich jetzt ein detailliertes Bild hinzufügen.
Tatsache ist, dass die Großstadt Port Howard durch ein Orbitalbombardement ausgelöscht wurde. Ebenso die dortige Milizkaserne. Die Überlebenden werden zur Stunde von Hauptmann Pawly und seinem Krötenzug tiefer ins Gebirge geführt, wo Pioniereinheiten bereits provisorische Lager errichten. Nachrichten über die anderen Großstädte liegen zur Zeit noch nicht vor, da Funk und Trivid zusammen gebrochen sind.
Es wird vielen aufgefallen sein, dass sich mittlerweile neunzehn Voss der Miliz in unserem Stützpunkt befinden, dazu drei Luft/Raumjäger.
Wir werden in den nächsten Tagen Erkundungen starten, um die anderen Regionen von Towne zu kontrollieren und eventuell die Medien wieder in Gang zu bringen.
Wie dem auch sei, der Gefechtsstand und das Tal werden auf lange Zeit unser Zuhause sein, also findet euch alle so schnell wie möglich damit ab.
Darüber hinaus verbiete ich jedem, ohne einen Befehl von mir oder dem direkten Vorgesetzten den Gefechtsstand zu verlassen. Unser Feind hat Port Howard ausradiert, und es gibt keine Garantie, dass er das nicht auch mit den anderen Zivilisten auf dieser Welt machen wird. Im schlimmsten Fall stehen wir vor einem gigantischen Genozid.“
Lautes Raunen ging durch die Reihen der Angetretenen.
„Kommen wir zum Wichtigsten: Unserem Gegner. Der Feind hat zwei Overlord und einen Excalibur gelandet. Er verfügt mindestens über ein weiteres Raumschiff, das in der Lage ist, ein orbitales Bombardement auszuführen. Dieses Raumschiff hat auch unsere Kaserne angegriffen und vernichtet. Ein Späherteam sondiert zur Stunde das Gelände, aber ich denke nicht, dass viel zu retten ist. Die Evakuierung war demnach die einzig richtige Entscheidung.
Wir konnten den Gegner bis zur Stunde nicht sicher identifizieren, aber die Massierung von exklusiven Mechs von Word of Blake ist auffallend. Und sicher haben die meisten schon davon gehört, dass zuerst der HPG-Kontakt zu elf Welten und mittlerweile zu allen abgebrochen ist. Ich weiß, es widerspricht dem guten Grundsatz jedes Militärs, haltlos drauf los zu spekulieren. Aber unser Gegner ist höchstwahrscheinlich Blakes Wort. Und er steht nicht nur hier, sondern mindestens auf elf weiteren Welten, wenn nicht weit mehr.“
Wieder wurde geraunt. Einzelne Menschen riefen Zwischenfragen, aber Jean winkte ab. „Ich weiß, ihr alle habt viele Fragen, aber ich kann sie nicht beantworten. Noch nicht. Ich weiß nicht wie es Blakes Wort schafft, zwölf Welten zugleich anzugreifen, darunter höchstwahrscheinlich Outreach. Ich weiß nicht, wie viele Truppen sie zusammengefasst haben, um solch einen Streich zu wagen. Ich weiß nicht, wann Ace mit unseren Leuten wiederkommt. Wir müssen in Betracht ziehen, dass sie entweder auf Outreach kämpfen, oder mitsamt den anderen Einheiten vernichtet wurden, was ich aber persönlich nicht glaube.“
Allein der Gedanke jagte ihr einen Stich durch das Herz. Nein, niemand konnte Ace töten. Nichts und niemand.
„Ich weiß nicht, ob und wann die Vereinigten Sonnen Hilfe schicken werden und vor allem wie viel. Vielleicht haben sie auch viel zu viel mit sich selbst zu tun.
Aber ich weiß, dass wir etwas tun können. Das ist, den Gegner zu stellen, zu packen und zu Boden zu werfen. Und mit ihm all das, was er noch nach Towne werfen kann.
Ja, wir sind zu schwach um das jetzt zu wagen. Ja, mit dem Todesengel im Orbit, der bereits unsere Kaserne vernichtet hat, riskieren wir alles, unsere Leben, unsere Existenz und unsere Einheit. Ja, wir können im Moment nicht mehr tun als zu retten was zu retten ist.
Aber wir werden stärker werden. Wir werden uns vermehren wie die Karnickel im Frühjahr. Wir sind eine Einheit der Sternenbund-Verteidigungsstreitmacht, und wir tun alles was wir können um die Angreifer zur Rechenschaft zu ziehen. Mehr noch, wir werden Towne zurück erobern! Und wenn uns das gelungen ist, brechen wir zu anderen Welten auf und helfen diese zu befreien! Machen wir Word of Blake klar, dass dieses Abenteuer sehr, sehr teuer für sie sein wird!“
Entschlossenes Gemurmel antwortete der Obersten. Vereinzelt wurde gepfiffen und geklatscht.
„Um es auf den Punkt zu bringen: Kraft meines Ranges erkläre ich hiermit im Namen der SBVS und der Vereinigten Sonnen das Kriegsrecht auf Towne. Zudem erkläre ich die angreifenden Einheiten für vogelfrei.“
Nun wurde erst recht geraunt. Dies bedeutete nicht mehr und nicht weniger, dass die Ares-Konvention für die Angreifer nicht mehr galt. Jeder Mann und jede Frau auf dieser Welt, in der ganzen Inneren Sphäre konnte nun jederzeit einen von ihnen töten, ohne Strafe fürchten zu müssen.
„Außerdem rekrutiert die SBVS ab sofort! Alle Reservisten der Eagles werden reaktiviert! Die letzten drei Schuljahrgänge werden zwangsverpflichtet und erhalten einführende Waffenausbildungen. Wir befinden uns im Krieg, und ich will es nicht sein, die ihn und damit euch alle verliert.
Ich übernehme den Oberbefehl über alle freundlichen Einheiten auf dieser Welt, und ich verspreche, wir treten sie in den Arsch!“
Diese martialischen Worte wurden teilweise von Jubel aufgenommen, aber es gab genügend Menschen, die sich um ihre Angehörigen sorgten. Besonders viele Eltern der Jugendlichen, die Jean soeben in die SBVS gerufen hatten, sahen diese Entwicklung mit Bestürzung. Noch schlimmer, diese Rekrutierung würde nicht bei den Eagles stoppen. Sie würde die ganze Welt umfassen.
„Melde mich zum Dienst, Oberst Kaiser!“, rief eine Stimme über das Gemurmel hinweg.
An der Spitze von zwanzig teilweise verletzten Soldaten in Miliz-Uniform ging ein Offizier durch die Menge. „Als derzeit ranghöchster Offizier der Miliz erkenne ich Ihren Oberbefehl an. Haben Sie Befehle für mich und meine Leute, Oberst?“
„Teufelsbraten. Du hast es tatsächlich geschafft. Willkommen im Gefechtsstand, Major Robert Kaiser. Versorgen Sie als erstes Ihre Leute und bringen Sie Ihre Einheit wieder in Gefechtsbereitschaft. Wir werden bald zurückschlagen, und dafür brauchen wir jeden Soldaten.“ Jean stieg von ihrem Podest und umarmte den Cousin ihres Bruders.
„Au. Nicht drücken. Habe mir beim aussteigen ein paar Rippen gebrochen. Du hast nicht zufällig einen Mech für mich, Jean?“
„Ich werde dir einen schießen“, versprach sie erleichtert. „Wir holen uns unser Material beim Feind!“
Diese letzten Worte hatten eine größere Wirkung als die ganze Rede. Eine Aura von Entschlossenheit ging von der Menschenmenge aus. Wilder Jubel brach aus, das Entsetzen wurde zu Wut auf die Angreifer, und eine Legende nahm ihren Anfang.
***
Vorsichtig stemmte sich Lydia Jones in ihr Zeus-Gewehr. Von diesem Abhang aus hatte sie eine vortreffliche Sicht auf den Pass. Und das was sie sah, gefiel ihr außerordentlich. Die junge Frau war Feldwebel und Mitglied der Schleichertruppe der Eagles. Mit ihrer Nighthawk-Rüstung verschmolz sie fast mit ihrer Umgebung, so sehr dass ihre Kameraden mehrfach über sie gestolpert waren. Kurz, sie war eine der besten. Selbst Hauptmann Pawly konnte es trotz einem Jahrzehnt Erfahrung nicht mit ihr aufnehmen. Das war auch der Grund für ihre exponierte Position. Im Moment beschützte sie den Passweg, auf dem immer noch Überlebende aus Port Howard und dem Umland Schutz in den Bergen suchten. Sie wartete auf das Unvermeidliche – die Verfolger.
Als sie sah, dass in die dünne Kette an Wagen und Hovercrafts Unruhe kam und die Fußgänger zu laufen begannen wusste sie, dass das Ende der Kolonne angegriffen wurde. Es ärgerte sie, dass die Eagles das nicht verhindern konnten. Vielleicht hätten sie es geschafft, mit einem Tag Vorbereitung, aber die ließ der Angreifer ihnen nicht.
Sekunden später lag der Pass leer unter ihr. Die letzten Wagen waren teilweise nebeneinander geflohen, obwohl die Passage sehr eng war. Rauch von brennenden Wracks hinter der Sohle des Passes zeigte ihnen überdeutlich ihr Schicksal an, wenn sie sich nicht mächtig beeilten.
Die Flüchtlinge, die zu Fuß unterwegs waren, weil es ihnen nicht gelungen war, einen Platz in einem der Wagen oder Laster zu ergattern, wären wahrscheinlich das erste Opfer der nachdringenden Einheiten gewesen. Aber dem stand sie ja vor. Sie und ihr treues Zeusgewehr.
Da stürmte schon der erste Mech über den Hang. Es war ein Vulkan. Die Mündungen seiner Flammer waren verrußt, er hatte diese besonders für Infanterie gefährlichen Waffen bereits eingesetzt. Vermutlich um ein paar Unschuldige in ihren Wagen zu braten.
Lydia nahm Ziel auf und drückte einen Kontakt an ihrem Hals. „Ziel in Sicht. Erbitte Freigabe.“
„Verstanden. Freigabe erteilt. Gute Jagd.“ Die Stimme von Leutnant Kurtz klang so gelangweilt, als würde er Akten wälzen und nicht jederzeit in einem Kampf auf Leben und Tod gezogen werden können.
Lydia Jones verzichtete auf eine Antwort. Was nun folgte würde ein perfektes Zusammenspiel des ganzen Zugs sein. Und sie würde die Angreifer zum Tanz bitten. Dieser Gedanke gefiel ihr, und ein zynisches Lächeln ging über ihre Züge.
Achthundert Meter. Sechshundert. Der Vulkan hatte es reichlich eilig. Ihm folgten weitere Mechs, sie zählte drei weitere leichte Maschinen. Interessant. Wespen und ein Heuschreck. Uralte Modelle, und so sahen sie auch aus. Was sagte das über die Angreifer aus? Nun, bald würden einige ihrer Fragen beantwortet sein.
Vierhundert Meter. Zweihundert. Sie nahm Maß und drückte ab. Das Geschoss, eine Spezialanfertigung mit Kobalt-Kern, wurde mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit aus dem Lauf geschossen, schlug eine elliptische Flugbahn ein und krachte schließlich in die Cockpitscheibe des Vulkans. Dort verlor sie ihre kinetische Energie, riss dabei aber die Scheibe auf. Der Kobaltkern hingegen war weit härter als das Stahlmantelgeschoss und durchdrang das Sicherheitsglas.
Was daraufhin geschah entzog sich der Sicht der Angry Eagle, aber als der Mech stolperte und der Länge nach hinfiel, grinste sie von einem Ohr bis zum anderen. Wie sie gehofft hatte, hatte der Kobalt-Kern den Piloten erwischt. Und das war noch eine gnädige Behandlung, fand sie. Die anderen drei Mechs zögerten kurz, dann stürmten sie den Hang weiter hinauf.
Wieder berührte Lydia den Kontakt. „Go, go, go.“
Der Heuschreck stürmte voran, seine MGs spieen einen Kugelhagel über die Wände des Pass, die beiden Wespen eilten hinterher und waren bald an Lydia vorbei. Dreihundert Meter hinter ihr aber brach die Hölle erst Recht über den Gegner herein. Vierundzwanzig Rüstungen kamen mit ihren Sprungdüsen über die drei uralten Maschinen.
Nach nicht einmal einer Minute Kampf und ohne eigene Verluste war die Situation geklärt.
Feldwebel Jones hingegen widmete sich weiterhin ihrer Aufgabe, den Pass zu bewachen, damit die Eagles, die unten im Pass kämpften, keine böse Überraschung erlebten.
„Einer sollte sich auch um den Vulkan kümmern“, merkte sie an.
„Copy. Ich schicke vier Mann los, die das Cockpit untersuchen und den Vulkan vorbereiten“, erwiderte Kurtz
„Vorbereiten?“, fragte sie argwöhnisch.
„Wir haben zwei Gefangene gemacht und vier Mechs beinahe unversehrt erobert. Wäre doch eine Schande, sie umkommen zu lassen. Pass so lange auf den Pass auf.“
„An mir kommt nichts vorbei“, erwiderte sie. Vielleicht schafften sie es tatsächlich, die vier Mechs zu bergen und dem Arsenal der Eagles zu zu fügen.

Ace Kaiser
16.08.2007, 15:54
31.
Seit Beginn der Invasion von Towne waren siebzig Stunden vergangen. In dieser Zeit war die planetare Hauptstadt dem Erdboden gleichgemacht worden, war die Kaserne der Angry Eagles hier in Cimmerien vernichtet worden, und eine unbekannte Einheit in Regimentsstärke stand auf diese Welt.
Würde sie diese Welt erobern? Oder würde sie das grausige Werk in Port Howard fortsetzen und alles und jeden töten?
Wenn sie es wirklich mit Blakes Wort zu tun hatten – zuviel sprach dafür – dann würden sie ein furchtbares Progrom unter den Häretikern halten, wie sie die säkularisierten Menschen sahen, die Jerome Blake nicht als Gott betrachteten, und von den Überlebenden würden sie verlangen, vorbehaltlos ihren Glauben anzunehmen.
Die Frage war nur, wie weit ging das Progrom und wie viele Menschen durften überleben?
Jean Kaiser runzelte die Stirn, als sie sich wieder und wieder diese Frage stellte.
Als offizielle und ranghöchste Vertreterin des Sternenbundes hatte sie den Kriegszustand verhängt, die Angreifer von der Ares-Konvention ausgeschlossen und in einer kämpferischen Rede den Widerstand angekündigt.
Im nachhinein fragte sie sich, ob es so klug gewesen war, auf den Kampf zu drängen. Sie hätten sich auch wunderbar ein, zwei Jahre lang im Gefechtsstand verstecken können, um dann überraschend zu zu schlagen und den Angreifern zu zeigen, dass es die Angry Eagles immer noch gab. Aber zu welchem Preis wäre das erfolgt? Wie viele Menschen hätten sie verloren?
Ihre Gedanken schweiften zu einer alten Geschichte ab, die sich auf New Earth zugetragen haben sollte. Dort soll ein lokaler Verwaltungsbeamter während einer Hungersnot fünfzig Prozent seiner Schutzbefohlenen von jeder Nahrung ausgeschlossen haben, damit die anderen fünfzig Prozent genügend zu essen hatten. Die Selektion, wer zu den Totgeweihten gehören sollte und wer leben durfte, soll sehr harsch, brutal und vor allem subjektiv erfolgt sein. Familien waren auseinander gerissen worden. Alte und Kranke sowie geistig Benachteiligte hatten zu den ersten Kandidaten gehört, denen Nahrung verweigert wurde. Aber auch persönliches Vermögen, Bildung und die politische Einstellung wurden schnell zu einem Kriterium.
In einer Heldengeschichte wäre ein Regierungskonvoi rechtzeitig eingetroffen, um den Bedrohten Nahrung zu bringen, den Regierungsbeamten vor ein ordentliches Gericht zu stellen und die Ordnung wiederherzustellen. Aber das Leben war nicht immer eine Heldengeschichte, und wenn die Geschichte stimmte, dann waren dreißig Prozent der Bevölkerung verhungert oder bei Hungeraufständen getötet worden, bevor doch endlich Hilfe hatte eintreffen können.
Der Verwaltungsbeamte hingegen war sich absolut keiner Schuld bewusst und hatte selbst vor Gericht immer wieder betont, dass alle in Gefahr gewesen wären, wenn er das Essen nicht limitiert hätte. Und mit dieser Einstellung war er auch erschossen worden.
Wenn sie die Situation voll Willkür und angeblichen Notwendigkeiten auf ihre Situation übertrug, dann bedeutete dies, dass Blakes Wort die Ungläubigen nachhaltig dezimieren würde, bis sie vor Angst, Hunger und Verzweiflung gehorchten. Und sie wusste, dass ihre Eagles dieses Meer von Blut nie hingenommen hätten.
Nein, Ace und seine verteufelten Ideale hatten die Einheit viel zu tief durchdrungen. Allzu deutlich sah man die Grundsätze, die er von seinen Ausbildern der Leichten Eridani mitbekommen und die er im Laufe eines Lebens im Gefecht selbst entwickelt hatte.

Das Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. „Herein.“
Larry Crux trat ein und wedelte mit einem Papierdokument. „Die neuesten Nachrichten. Ein allgemeiner erster Überblick über die weltweite Situation, und das Vernehmungsprotokoll der beiden Mech-Piloten, die Pawly gemacht hat, als einer seiner GEST-Züge eine Lanze leichter Mechs hochgenommen hat.“
„Gib her“, erwiderte sie müde.
Grob durchblätterte sie das Dossier und grinste. „Gelobt sei der Zivilfunk. Es scheint so als würden die Invasoren den Kurzwellenfunk nicht unterbinden können.“
„Wir haben uns das zunutze gemacht und deine Befehle weitergegeben. Die militärischen Funknetze existieren nur noch teilweise, aber Privatfunker gibt es fast überall. Ich schätze spätestens morgen weiß ganz Towne, dass du die Angreifer zu Vogelfreien erklärt hast. Wie viel das uns nützen wird weiß ich nicht. Aber vielleicht sagt uns die Reaktion der Angreifer etwas.“
„Optimist“, brummte Jean und blätterte weiter. Die Invasion beschränkte sich in der Tat auf Port Howard, den dortigen Raumhafen, und das Umland. Von weiteren Schäden war nichts bekannt, wenn man mal von dem Angriff hier in Cimmerien absah.
Teilweise begannen die Leute im Süden wieder in die Städte zurückzukehren, in denen die Polizei und die dortige Miliz einen unsicheren Status Quo aufrecht erhielt. Bis sie von überlegenen Feindkräften angegriffen wurden.
Das Vernehmungsprotokoll war eine echte Überraschung für sie. Die beiden gefangenen Piloten – beides Männer – waren recht auskunftwillig gewesen, nachdem man ihnen glaubhaft versichert hatte, dass ihre Leben nicht durch die Ares-Konvention geschützt waren.
Demnach gehörten sie einer Söldnereinheit namens Finger des Todes an und bezeichneten sich selbst als Rabauken-Regiment. Diese Einheit war normalerweise in der Peripherie unterwegs und unterstützte oder verwüstete autarke Planeten. Je nachdem wer bezahlte und welche Befehle er gab. Das erklärte auch den desolaten Zustand ihrer Mechs und die Auswahl der Modelle, die sie bisher gesichtet hatten.
Das Regiment umfasste eine Standardaufstellung, also drei Bataillone mit insgesamt vierzig Maschinen und einer Regimentsbefehlskompanie. Ihnen zugeteilt war ein Bataillon der Gibson-Miliz, was den Durchsatz mit Blakes Wort-Mechs und einigen exklusiven Modellen cappellanischer und ligistischer Bauart erklärte. Das machte insgesamt einhundertzweiundsiebzig hautsächlich ältere, mittelschwere Maschinen, die Reservemaschinen und die abgeschossenen noch nicht abgerechnet.
Unterstützt wurde die Einheit durch ein Regiment Infanterie, das ebenfalls die Farben der Gibson-Miliz trug.
Beim Namen Gibson klingelte es bei Jean. Aber Larry, die gute Seele, hatte mitgedacht und ein Dossier über diese Welt in die Unterlagen gepackt. Demnach war Gibson die Emigrantenwelt gewesen, auf die sich Blakes Wort nach dem Schisma mit Comstar zurückgezogen hatte. Damals hatten die Wahren Gläubigen den Bürgerkrieg unterstützt und einen der unsaubersten, verzweifeltsten und gefährlichsten Kriege geführt, von dem Jean je gehört hatte. Allein ihre Methode, die Verluste mittels Statistiken zu erklären hatte dazu geführt, dass die Miliz alleine jeden Rebellen rechnerisch viermal getötet hatte.
Dieses Bataillon war also ausgebildet worden, um einen schmutzigen Guerilla-Krieg zu kontern, genau die Art Krieg, zu der die Eagles eigentlich gezwungen waren.
Dann war da noch die Lufthoheit, die sich aber auf ein Bataillon beschränkte. Und von diesem Bataillon, sprich achtzehn Luft/Raumjäger, waren bereits fünf abgeschossen worden.
Zusammen mit den Voss verfügten sie also über die Luftüberlegenheit. Dafür konnte der Gegner mehr Bodentruppen ins Feld führen, auch wenn es ältere Modelle waren.
Im Vernehmungsprotokoll hatten sich die Gefangenen erleichtert gezeigt, gefangen genommen worden zu sein. Sie hatten von Indoktrinationen durch Polit-Offiziere berichtet, von einer regelrechten, hypnotischen Einschwörung auf den heiligen Jerome Blake und die Ziele der Organisation, die seinen Willen verwaltete.
Es hatte eine regelrechte Fanatisierung stattgefunden, begleitet von paranoiden Razzien, um die Ungläubigen und Verräter auszumerzen.
Beide Piloten hatten zugleich ausgesagt, dass sie sich fühlten, als wären sie aus einem langen, bösen Traum erwacht. Aus Angst um das eigene Leben hatten sie jeden Auftrag ausgeführt, im Namen Blakes und im Namen von Major Ducruex, dem Anführer der Gibson-Miliz.
Dies war sicher keine Entschuldigung für den Überfall auf einen Treck fliehender Zivilisten. Aber es war eine Erklärung.
Jean sah es vor sich. Auf der einen Seite die Ruinen der bombardierten Stadt Port Howard, die nur zu deutlich zeigte, welches Schicksal jene erwartete, die sich dem Willen von Blake nicht beugten, auf der anderen Seite die misstrauischen Blicke der Denunzianten und Polit-Offiziere, die pedantisch auf jede Aussage, auf jedes Wort achteten, in der verzweifelten Hoffnung, einen Ketzer zu finden – und dabei den geringsten Verdacht zum Anlass nahmen, das erste arme Würstchen in die Mangel zu nehmen. In einer solchen Atmosphäre wurde man schnell selbst zum Denunzianten, um sich selbst wertvoll erscheinen zu lassen und von sich selbst abzulenken.
Jean schloss die Akte. „POW, beide.“
Larry runzelte die Stirn. „Verzeihung, Oberst, aber sie sind Vogelfrei. Sie zu Prisoners of War zu machen würde bedeuten, ihnen Rechte zuzugestehen, die sie nicht haben dürfen.“
„POW, Larry.“
„Jawohl, Ma´am. Was planst du?“
Jean faltete nachdenklich die Hände vor dem Gesicht. „Wir sind die Eagles. Wir töten keine Gefangenen, oder?“
„Nach einem fairen Prozess gibt es ein Erschießungskommando. Das haben sie sich beide dafür verdient, dass sie einen Tross wehrloser Zivilisten zusammen geschossen haben.“
„Ist das bewiesen? Haben wir die Gefechts-ROMs eingesehen? Oder haben nur der tote Pilot des Vulcan und der tote Pilot des Heurschrecks geschossen?“
„Ich werde das prüfen lassen. Aber was willst du damit erreichen, Jean?“
Sie deutete auf die Akte. „Die Gibson-Miliz hat so ihre Erfahrungen mit Hinhaltetaktiken, Guerilla-Aktionen und dergleichen. Wir können ihnen auf diese Weise nicht beikommen. Im Gegenteil. Sobald sie den Raumhafen befestigt haben, werden sie sich den anderen großen Städten zuwenden und diese kampflos erobern. Niemand möchte ein zweites Port Howard am eigenen Leib erleben. Dann werden sie die Nahrungsversorgung an sich reißen und damit zum Mittelpunkt auf dieser Welt werden. Danach die Medien. Auf diesem Weg werden sie ihren eigenen Weg propagieren und den Menschen so lange ihre Sicht der Dinge um die Ohren hauen, bis die ersten sagen werden: Gut, dass Port Howard zerstört wurde, dieser Sündenpfuhl.
Hunderte, nein, tausende werden sich ihnen anbiedern, und genau das ist es, was Blakes Wort in die Hände spielen wird. Sie werden eigene Miliztruppen aufstellen, sie spärlich bewaffnen und sie benutzen, um gegen uns zu kämpfen. Und mit jedem Menschen von Towne, den wir töten, werden wir die Bevölkerung mehr und mehr gegen uns aufbringen. Dann werden wir gespalten sein. In jene, die notgedrungen oder aus Überzeugung auf die Blakies hören und jene, die zu uns halten. Es wird zu einem zweiten Bürgerkrieg kommen, und ich befürchte, damit wird Blakes Wort diese Welt gewonnen haben.“
„Halt mal, halt. Hast du heute keine Antidepressiva geschluckt? Das Szenario ist ja ultraschwarz.“
Jean lächelte müde. „Wir sind ihnen unterlegen, Larry. Wir haben nur ein Bataillon Mechs, eine Kompanie Luft/Raumjäger und die bisher neunzehn Voss der Miliz.“
„Robert hat uns noch ein wenig mehr mitgebracht. Er hat zwei zusammengewürfelte Bataillone aus Panzern und Mechs retten können. Dazu kommen zwei Regimenter Miliz-Infanterie.“
„Ja, über die halbe Welt zerstreut. Und wir wissen noch nicht welche der Einheiten auf uns und welche auf Blakes Wort hören werden. Wenn deine eigene Familie mit dem Tod bedroht wird, bist du unglaublich schnell bereit, neue Ideale kennen zu lernen.“
„Wir haben noch die Panzer von Yvette. Ein ganzes Bataillon. Und dann ist da noch die Kompanie Hubschrauber von Oberleutnant Ellen Wong. Außerdem verfügen wir über ein halbes Bataillon Pioniere. Wenn wir das alles zusammen rechnen und unseren Materialvorteil berechnen, dann sollten wir…“
„Was sollten wir dann? Die Gegner in einer offenen Feldschlacht besiegen können? Während über unseren Köpfen der vierte Lander kreist und uns jederzeit ein Ei auf den Kopf schmeißen kann?“
„Wir werden uns um den Bastard kümmern, sobald die Zeit gekommen ist, Jean.“ Der Major straffte sich. „Ich habe die Reservemaschinen bemannen lassen. Alles Reservisten, die nur ein wenig Übung brauchen, um wieder gefährlich zu werden.“ Er zwinkerte Jean zu. „Außerdem habe ich Anweisung gegeben, dass dein Kriegshammer gefechstbereit gehalten wird. Ich kenne dich gut genug um zu wissen, dass es dich hier nicht lange hält, junge Dame.“
„Hm. Das ist das Vorrecht des Ranges, oder?“ Müde rieb sie sich die Schläfen. „Verdammt, wir waren zu laut und haben uns schon zu sehr eingemischt, um uns einfach ein paar Jahre zu verstecken und die Sache auszusitzen. Außerdem werden da draußen Zivilisten bedroht, und das will ich nicht.“
„Blakes Wort will es sich einfach machen, wenn du Recht hast. Sie halten lediglich die Städte und lassen das Umland in Ruhe. Dafür stellen sie Truppen als Kanonenfutter aus Einheimischen auf. Ich denke, wir dürfen es nicht so weit kommen lassen.“
„Das denke ich auch.“
Die junge Frau stand auf und ging neben ihrem Schreibtisch auf und ab. „Was also sollten wir jetzt tun? Was würde Alexandr Kerensky tun?“
„Alles einpacken, in den unbekannten Raum fliehen, um in dreihundert Jahren mit einer technologisch überlegenen Streitmacht zurück zu kehren, um die Innere Sphäre zurück zu erobern?“, scherzte Larry.
„Sehr witzig.“
„Ich halte das für eine machbare Option, Jean.“
„Sehr witzig.“
„Nun, hast du vielleicht eine bessere Idee?“
„Kale Bay.“
„Kale Bay?“ Irritiert runzelte der Mechpilot die Stirn. „Meinst du nicht, dass wir es hier auf Hyboria schon hart genug haben? Warum willst du nach Gherst rüber? Reicht dir ein Kontinent nicht?“
Jean lächelte dünn. „Falsch, Großer. Ich gedenke zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Kale Bay ist nach Port Howard die größte Stadt auf Towne. Wir werden sie zur neuen Hauptstadt erklären und dort unser Militärgouvernat einrichten.“
„Es ist mir klar, dass die Angreifer irgendwann Kale Bay ins Auge gefasst hätten, ebenso die anderen Kontinente von Towne. Aber wenn du das machst, dann wird Kale Bay ihr erstes Ziel werden.“
Jeans Lächeln wurde breiter. „Aber wir können die Stadt mit einer kleinen Einheit und gut ausgebauten Stellungen ewig halten.“
„Und sollen wir dafür den Rest von Towne aufgeben? Abgesehen davon, dass sie uns als allererstes den verdammten Bomber schicken werden, wenn sie erfahren, wo…“ Für einen Moment schluckte der Major trocken und glich verblüffend einem Karpfen auf dem Trockenen. „Wie kriegen wir die Nachricht rüber?“
„Vielleicht haben wir Glück, und wir haben ein paar Blakes Wort-Agenten unter den Milizionären oder den Flüchtlingen, die sich bereits im Gefechtsstand aufhalten.“
„Ich denke nicht. Für die Blakies sollten wir Eagles mit der Vernichtung unserer Kaserne eigentlich abgehakt sein. Hoffe ich zumindest.“
„Sie werden spätestens kommen, wenn wir in Kale Bay das Militärgouvernat ausrufen.“
„Ich rufe sofort Captain Hillary und McHale.“ Hastig stand der Mechkrieger auf und verließ das Büro.

Eine halbe Stunde später spendeten die anwesenden Offiziere ihrer Kommandeurin stehenden Applaus. Die Idee, der Plan und die Ausführung waren genau das, was Jean angekündigt hatte: Offensiv. Gegen eine Einheit, die den Guerillakampf gewohnt war konnte man am besten auf regulärem Weg kämpfen. Und gegen einen Feind, der aus der Umlaufbahn angriff… Nun, auch dafür gab es Lösungen.
„Ich nehme also eine Kompanie Mechs mit. Dazu kommt der Krötenzug, eine Kompanie Infanterie unserer regulären Truppen und eine Kompanie Panzer. Was bietest du auf, Robert?“
„Eine Kompanie Mechs, eine Kompanie Panzer, zweimal Infanterie. Außerdem unterstelle ich dir die örtliche Miliz.“
„Das klingt doch gut. Wir werden einen Overlord nehmen, um das ganze Material schnell rüber zu schaffen. Captain Hillary, was steuern Sie bei?“
„Sie kriegen von mir jede Maschine, die es nach Gherst schafft. Das sind meine drei Luft/Raumjäger und zwölf atmosphäregebundene Jäger vom Typ Voss.“
„Ich denke das wird reichen, um Blakes Wort die Überraschung ihres Lebens zu bereiten. Cord?“
„Keine Einwände, Ma´am. Wir entblößen uns zwar etwas, aber ein Sieg dürfte für uns unendlich wertvoll sein.“
„Makoto?“
Der Draconier im Rang eines Hauptmanns nickte schwer. „Keine Sorge, Jean. Ich treibe die Ausbildung der frisch aufgestellten Infanterietruppen voran. Wenn du wiederkommst, steht das erste frisch aufgestellte Bataillon.“
„Das wollte ich hören. Pawly, du und deine Kröten begleiten mich ebenfalls. Wer passt freiwillig auf Rebecca und David auf?“
Es war erstaunlich, wie interessant eine Zimmerdecke plötzlich sein konnte, wenn sie es musste.
Jean lächelte freundlich. „Ach kommt, Leute. So schlimm sind die beiden nun wirklich nicht.“
„Bei dir nicht“, sagte Larry. „Aber lieber stoppe ich einen Masakari mit einer Wespe als zu versuchen, Rebecca im Blick zu halten.“
„Gibt es denn keinen Freiwilligen?“, murrte sie nach einem bösen Blick in Richtung des Mechkriegers.
„Ich mach´s. Werde ich dann befördert?“, meldete sich die Hubschrauberkommandeurin zu Wort.
„Falls du überlebst, Helen, reden wir da noch drüber“, sagte Jean spitz.
„Moment mal. Sind die beiden wirklich so schlimm? Äh, Leute? Vielleicht sollte ich doch…“
„Falls du es nicht schaffst, Makoto kann dir sicherlich ein paar Sprunginfanteristen zur Verfügung stellen“, scherzte Larry.
„Spaß beiseite. Danke, dass du den Job übernimmst, Helen. Als meine und Ace´ Kinder sind sie besonders gefährdet. Und ich vertraue in erster Linie euch. Wenn ich weiß, dass jemand ein Auge auf sie hat, kann ich beruhigt selbst in den Einsatz gehen“, sagte Jean ernst und brach damit den humorvollen Bereich ab.
„Du kannst dich auf mich verlassen. Aber schieß bitte einen Blakie für mich mit ab, ja?“
„Versprochen. Und jetzt, Herrschaften, Ausführung. Ich will in zwölf Stunden auf Gherst stehen.“
Die Offiziere nickten bestätigend, salutierten und verließen das Büro.
Nur Larry Crux blieb noch. „Stacy? Frischen Kaffee für zwei, bitte.“
„Verstanden, Major Crux.“
„Kaffee für zwei? Hast du nicht zu tun, Freundchen?“
„Sieh es als Sonderservice für meine beste Freundin an, Jean Kaiser. Wir gehen dein Einsatz noch mal durch, während wir den Kaffee trinken und entwickeln dabei Szenarien, in denen er zu scheitern droht. Dann entwickeln wir Gegenmaßnahmen. Aber die wichtigste Gegenmaßnahme nenne ich dir sofort.“
„So? Wie lautet sie denn?“
„Stirb nicht“, sagte Larry fest. „Oder Ace zählt meine Atome einzeln, während er mich zerpflückt.“
„Ich richte es ein“, erwiderte die junge Frau.

Ace Kaiser
26.12.2007, 14:35
32.
Kale Bay war die zweitgrößte Stadt auf Towne. Sie wurde oft auch wenig liebevoll Howards Stiefkind genannt, denn nachdem sich der Gründer der Siedlung Towne mit Namensgebungen auf dem hyborischen Kontinent ausgetobt hatte, waren nicht wirklich viele Namen der Conan-Literatur für die anderen Kontinente von Towne übrig geblieben. Die Namensgebung war demnach nicht sehr einfallsreich. Meistens wurden die übrigen Kontinente von Towne auch einfach ignoriert. Sie spielten selten eine Rolle, weder innen- noch außenpolitisch.
Kale Bay hingegen als zweitgrößte Stadt des Planeten musste bemerkt werden. Dies bot sich alleine schon, weil die Stadt auch über die zweitgrößten Hafenanlagen der Welt verfügte. Sogar ein kleiner Raumhafen, der es Schiffen bis zur Größe eines Unions erlaubte zu landen, war vorhanden. All dies würde die Stadt irgendwann in der Zukunft für Blakes Wort interessant machen.
Als Jean Kaiser zusammen mit dem Riesen Pawly das Pub betrat, hatte sie sich vorgenommen, den Zeitplan rapide zu beschleunigen.
Als der Elementare gebückt durch die Vordertür eintrat, raunten die Menschen. In der rauchgeschwängerten Luft konnte man nicht allzuweit sehen, aber ein Mann von fast zwei Metern vierzig, der den blauen Dunst alleine mit seiner Körpergröße zerteilte, konnte nicht übersehen oder ignoriert werden.
Jean sah sich kurz einmal in der Bar um, bevor sie sich in Richtung Theke in Bewegung setzte. Ein typisches Irish Pub mit Pint-Gläsern, Dartboard, rustikaler Holzausstattung und einigen Dutzend Menschen, die um zwölf Uhr Ortszeit nichts besseres zu tun hatten als in einer Kneipe abzuhängen.
Sie schlug mit der flachen Hand auf die Theke. „Bedienung!“
Der Barmann kam zu ihr herüber und musterte ihre Eagles-Uniform. Der grüne Feldanzug war nicht besonders imposant und hätte hunderten Einheiten der Inneren Sphäre gehören können. Der Eagle-Aufnäher auf der Schulter, welche den wütenden Adler zeigte, sprach jedoch Bände.
„Was kann ich für Sie tun, Colonel?“, fragte der Mann geschäftig.
„Ich kriege ne Cola. Das gleiche für meinen Begleiter, aber er nimmt einen Pitcher.“
„Cola?“, fragte der Barmann irritiert.
„Wenn die Menschen von Kale Bay meinen, sich zur Mittagszeit besaufen zu müssen, soll mir das Recht sein. Ich hingegen muss einen kühlen Kopf bewahren, wenn ich gegen die Blakies will.“
„Die Blakies kommen hierher?“, rief eine aufgeregte Männerstimme.
„Still, Brown“, mahnte der helle Sopran einer Frau. „Solange wir sie nicht provozieren, wird sich hier vorerst kein Blakie niederlassen. Egal was ein Möchtegernsöldner vorhat oder nicht.“
Jean identifizierte die Sprecherin. Sie trug eine abgewetzte Lederjacke ohne Rangabzeichen. Die schweren Militärstiefel ließen auf Infanterie oder Panzer tippen; die meisten Mechkrieger der Marc Draconis konnten der Versuchung zumeist nicht widerstehen, ihren Stiefeln Sporen zu verpassen. Ihr langes schwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz gerafft. Und Jean war sich sicher, wenn sich die Frau umgedreht hätte, dann hätte sie ihre leicht geschlitzten Augen erkennen können, die sie als Draconis-Bastard identifizierten.
„Sie werden herkommen. Weil ich es so will“, sagte Jean und nahm einen Schluck Cola.
„So?“ Nun wandte sich die Frau um. „Was haben Sie vor? Die Blakies solange provozieren, bis sie unsere Stadt ebenso platt machen wie Port?“
Jean nahm sich ein paar Sekunden, um das ebenmäßige, symmetrische Gesicht ihrer Gegenüber zu mustern. Sie war nicht das, was man klassisch schön nennen konnte. Aber hässlich war sie auch nicht. Es waren wohl eher die eingefallenen Wangen und die schwarzen Ringe unter ihren Augen, die den Gesamteindruck trübten. Viel geschlafen schien die Frau die letzten Tage ja nicht zu haben.
„Etwas in der Art, ja. Ich habe beschlossen, Kale Bay zu meinem Regierungssitz zu machen. Jetzt wo der planetare Gouverneur tot und Port Arthur zerstört ist, übernehme ich als SBVS-Offizier die Regierungsgewalt. Und irgendwo muss ich ja anfangen, oder?“
Die Halb-Drac zog die Stirn kraus. „Regierungssitz? Sie wollen die Blakies wirklich mit Gewalt herlocken, oder? Wissen Sie, was die mit Kale Bay machen werden, wenn sie hören, die SBVS hätte sich hier festgesetzt? Sie werden angreifen, massiv angreifen!“
Jean grinste schief. „Oh, das hoffe ich doch. Das hoffe ich wirklich.“
„Was tun Sie, wenn sie dieses Ding schicken, das schon Port und den Raumhafen platt gemacht hat?“
„Jetzt hör mal zu, Kleine“, sagte Jean mit einem dünnen Grinsen. „Ich verstehe, dass sich ein Panzerfahrer leicht in die Hose macht, wenn er mit einem Mech konfrontiert wird, aber das ist doch nicht das Ende.“
„WAS?“, rief die Halb-Draconierin entrüstet und sprang von ihrem Stuhl auf.
„Oh, da steckt ja doch ein wenig Mumm in First Lieutenant Annabelle Conrad, wie es scheint“, murmelte Jean vor sich hin, gerade laut genug, damit sie gehört werden konnte.
„Sie wissen wer ich bin?“
„Mein Cousin Robert Kaiser hat mich eingehend gebrieft, bevor ich hierher aufgebrochen bin. Er hat Sie in den höchsten Tönen gelobt. Aber er hat vergessen mir zu erzählen, dass Sie beim ersten Anzeichen von Problemen den Schwanz einkneifen und alles auszusitzen versuchen.“
„Es ist nicht so, als würde ich das wollen“, blaffte die Miliz-Offizierin aufgebracht. „Aber waren Sie in letzter Zeit bei diesem riesigen Loch im Boden, das mal eine Großstadt war? Ich habe keine Lust, aufgeteilt in meine Atome zu enden!“
„Und was ist die Alternative, Miss Conrad? Hier sitzen, beim Alkohol zu versacken und zu hoffen, dass die Blakies nie bis hierher kommen?“
„Ich halte mein Halb-Bataillon im Schuss. Für den Fall der Fälle“, brummte sie und setzte sich wieder.
„Aber das ist doch langweilig. Wie wäre es mit ein wenig Bewegung für Ihre Leute? Wie wäre es mit ein paar Abschussmarkierungen?“
„Sie überschätzen Ihre Fähigkeiten, Colonel Kaiser“, erwiderte die Halb-Draconierin mit einem flüchtigen Grinsen.
„Ach, kommen Sie, Lieutenant. Wir wissen nicht warum die Blakies Towne einen Besuch abstatten, und wenn wir nicht ein paar von ihnen abgeschossen hätten, wüssten wir nicht einmal, dass Jerome Blakes wirre Vision neue Opfer fordert. Wir wissen nicht, wie groß die Operation der Blakies wirklich ist, wir haben zu Dutzenden Welten den Kontakt verloren. Wir wissen nicht wie die Kämpfe auf ihnen stehen, oder ob überhaupt gekämpft wird. Wir wissen nichts, außer, dass anderthalb gemischte Regimenter unter dem Kommando der Gibson-Miliz auf dieser Welt stehen, und das einer ihrer Lander großkalibrige Bomben schmeißt. Es ist definitiv kein Kriegsschiff, nur ein Lander. Denn dafür ist Towne zu unbedeutend. Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir die anderthalb Regimenter besiegen. Kommen dann Truppen von anderen Welten? Haben sie die Einheiten? Schicken sie die Einheiten? Tragen sie mehr Krieg zu uns, oder sollten wir den Krieg auf unsere Nachbarwelten tragen?
Wir sind blind und taub, stumm und gefühllos. Wir wissen nichts!“
Wieder sah die junge Anführerin in die Runde und registrierte zufrieden, dass sie die Aufmerksamkeit aller hatte. „Was also können wir tun? Hier sitzen und warten, bis Blakes Wort kommt und mit eine Säuberungswelle beginnt, an dessen Ende die Überlebenden für die Fanatiker kämpfen dürfen? Oder hinnehmen, dass wir den Ausgang eines bewaffneten Konfliktes nicht wissen können, aber den Kampf aufnehmen?“
„Ich habe gehört, Ihre Basis wurde zerstört, Kaiser. Ich habe gehört, das Gros der Einheit ist auf Outreach. Falls es dort je angekommen ist“, wandte Conrad ein.
„Oh ja. Und falls mein Mann es nach Outreach geschafft hat, und es dort ähnlich ausschaut, ist er sicher gerade dabei, Blakes Wort tüchtig in den Arsch zu treten.“
„Bis er vernichtet wird.“
„Natürlich. Haben Sie etwas anderes von Ace Kaiser erwartet? Ich würde ihn nicht lieben, wenn er sich anders entschieden hätte“, erwiderte Jean, und ein belustigtes Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. „Wir wissen nicht, was in Zukunft sein wird. Wir wissen nicht, wie schwer die Kämpfe sein werden, denen wir uns stellen müssen. Aber ich habe zwei Kinder, und ich werde sie selbst groß ziehen, anstatt das den Blakies zu überlassen! Ich werde mich jedem Kampf nacheinander stellen, und ich werde meine Taktik der Situation anpassen. Es kann der Tag kommen, an dem ich Kale Bay aufgeben muss. Es kann der Tag kommen, da ich befehle, auf anderen Welten zu kämpfen. Es kann der Tag kommen, an dem ich einen letzten Angriff befehlen muss. Aber das weiß ich heute noch nicht. Doch ich werde nicht zögern, dies alles zu tun, wenn es soweit ist. Bis dahin leiste ich meinen Teil, um Blakes Wort wieder ins All zu treiben. Genau wie tausende andere Soldaten auf Dutzenden anderen Welten, die von Blakes Wort angegriffen wurden, und genau wie wir jetzt um Freiheit und Frieden kämpfen müssen. Wir wissen nichts von ihnen, aber sie sind da. Und jeder Mech, der von uns auf Towne abgeschossen wird, verhindert, dass er auf anderen Welten gegen unsere Kameraden eingesetzt werden kann. Unser Kampf hier wird den Feind binden, vielleicht vernichten. Wir werden Ressourcen ziehen. Wir werden ein Mahlstrom, der Blakes Wort sehr teuer kommen wird.“
„In dem die Zivilbevölkerung der Hauptleidtragende sein wird“, warf Conrad ein.
„Sicher. Aber sehen Sie mal nach Port Howard. Blakes Wort ist nicht zimperlich. Der einzige Unterschied, den ich anbieten kann ist, still zu halten und zu zu sehen, was Blakes Wort an Verbrechen begehen wird, oder etwas zu tun. Und ich tue lieber etwas!“
Wieder erhob sich die Panzerfahrerin. „Sie haben einen Plan?“
„Ich habe Dutzende Pläne“, erwiderte Jean mit einem Grinsen.
„Es wird schwierig, den Rat und den Bürgermeister zu überzeugen.“
„Komisch. Das gleiche hat er von der Anführerin der Miliz erzählt.“
„Wie verlässlich sind die Eagles?“
„Haben Sie je Gerüchte über uns gehört?“
„Ja.“
„Legen Sie auf die unglaublichste Geschichte noch mal fünfzig Prozent Übertreibung drauf, dann haben Sie eine ungefähre Ahnung, was wir sind. Wer wir sind.“
„Teufel. Das ist immer noch besser als zu warten. Ich bin dabei, Jean Kaiser.“
„Willkommen bei der SBVS.“
Die beiden Frauen reichten sich die Hände und besiegelten damit ihren Pakt.

Ace Kaiser
27.06.2008, 15:07
33.
Jean Kaiser wurde oft nachgesagt, sie sein nur das Anhängsel ihres Mannes Ace. Entweder nannte man sie blass, rabiat, gewalttätig, übertrieben mild, oder was einem sonst gerade einfiel, ihren momentanen Eindruck negativ übersteigerte und gegen sie gerichtet sein konnte. Sie war eben nicht Ace. Daraus resultierte für viele, das sie auch keine besonders gute Anführerin war, geschweige denn in der Lage, ein Regiment zu führen. Sie war eben nur der Schatten von Ace, der sie geheiratet hatte, um jene Geldmittel frei zu bekommen, um sein Regiment auszubauen.
Andere wiederum beschrieben sie als willfährige Puppe, als Modell, das von Kaiser geformt worden war wie immer er es brauchte. Sein höriger, kleiner Gebärofen, die ihm alles verzieh, sogar ein Kind aus einer früheren Affäre.
Als Major Ducruex ebendiese Jean Kaiser im Holovid sah, in ihrer augenscheinlich besten Uniform, mit klaren, fest blickenden Augen, gerader Haltung und kraftvoller Stimme, die den schmalen Körper Lügen zu strafen schien, war er sich nicht ganz sicher, ob nicht Kaiser die Marionette war und sie im Hintergrund die Fäden zog.
Andächtig lauschte er den Worten von Oberstleutnant Jean Kaiser, nahm jede einzelne Facette ihrer Rede auf, lauschte auf Akzente in ihrer Stimme, die vielleicht von Unsicherheit berichteten, fand aber keine. Als sie geendet hatte und leiser Applaus erklang, spulte er die Aufnahme zurück und sah sie sich erneut an.
Endlich schien er zufrieden, deaktivierte das Holovid und sah sich in der Runde seiner Offiziere um. Präzentor Dirks war per Laserfunkleitung zugeschaltet.
„Nun, meine Herren, was halten wir also von Oberst Kaisers offener Herausforderung?“
Colonel Strokes von den Fingern des Todes legte bedächtig beide Hände an seine Nase. „Sie fordert uns heraus, so viel ist klar. Kale Bay als neue Hauptstadt zu deklarieren und zum Sitz eines Militärgouvernats zu machen ist eine Einladung für uns, sie wieder zu beenden.“
„Dann muss sie sich sicher sein, Kale Bay verteidigen zu können“, brummte Captain Lever, Chef der Hoverpanzer im Rabauken-Regiment.
„Ich denke nicht“, fuhr Ducruex fort. „Wir sollten zuerst eine Frage klären: Was ist Jean Kaiser als Anführerin wert? Wer ist sie? Welche Ausbildung hat sie erhalten? Wie gefährlich ist sie?“
Akoluth Miller räusperte sich leise. „Wie es der Wille des geheiligten Blakes ist, konnten die Agenten des Lichts Einsicht nehmen in die Akten, welche der Militärgeheimdienst der Liga Freier Welten über die Eagles unterhält. Zwar haben die Angry Eagles nie dort operiert, aber es gelang dennoch einiges über sie zusammen zu tragen, da man lange Zeit erwartet hatte, Ace Kaiser würde zugunsten seines Freundes Victor Davion in den Krieg eingreifen. Schon damals war sie seine Stellvertreterin, und auch wenn die Eagles nicht wirklich Stellung an Davions Seite bezogen haben, so waren sie doch an vielen Schlachten beteiligt. Aus dieser Zeit existieren umfangreiche Dossiers über alle Offiziere der Eagles, welche diese Kämpfe überlebt haben.“
„Bitte, Akoluth“, sagte Ducruex und erlaubte ihm mit einer Handbewegung, weiter zu sprechen.
„Jean Kaiser lernte ihren Mann Ace im Alter von vierzehn Jahren kennen, als er die MechKompanie ihrer alten Einheit übernommen hat. Er kam gerade frisch aus draconischer Gefangenschaft und hatte zuvor ein Ausbildungsbataillon mit Bravour absolviert. Es heißt, wenngleich es unbestätigt ist, er habe seinen ersten erfolgreichen Kampf mit diesem Ausbildungsbataillon geführt, während ihr eigentlicher Ausbilder gefallen war.
Nun, wie es in alten Militärfamilien üblich ist, sollte Jean als zukünftige Erbin der Einheit als MechKriegerin trainiert werden. Die meisten kleinen und mittleren Einheiten trainieren ihre Kinder mit zehn Standardjahren an. Ace übernahm ihre Ausbildung zur Pilotin und brachte ihr alles bei was er wusste. Sie wuchs mit dieser Aufgabe, und als die Mechsektion auf Bataillonsgröße anwuchs, übernahm Jean Grayson eine eigene Kompanie. Später wurde die Einheit aufgelöst und auf Outreach neu gegründet, was eine erneute Vergrößerung zur Folge hatte. Sie trat in die Dienste des Sternenbunds ein, und bei der erneuten Vergrößerung erhielt Jean Grayson ein Bataillon. Die Einheit absolvierte mehrere Einsätze für den Sternenbund, aber der wichtigste ist zweifellos das Stand&Hold auf Wayside, einem von den Draconiern eroberten, beinahe atmosphärelosen Planeten auf halber Strecke zum Raumbereich der Clans, wo die Einheit, bereits deutlich stärker als ein Regiment, den Planeten gegen die vor Operation Bulldog fliehenden Nebelparder verteidigten.
Die Kämpfe waren hart und langwierig, weil nahezu jede Einheit, welche die Innere Sphäre verlassen hatte, den Versuch unternahm, im Kampf gegen die Eagles ein wenig ihrer verlorenen Ehre zurück zu holen, aber sie hielten stand. Von Beginn der Kämpfe bis zu deren Ende vergingen acht Monate, dann erst traf Victor Davion mit den Einsatztruppen der Operation Bulldog ein und vertrieb die letzten Nachzügler. Ein Teil der Eagles schloss sich dem Feldzug an, während der Großteil auf Wayside blieb. Ab hier berichten die Dokumente von Jean Kaiser, also müssen die beiden kurz vor den Kämpfen, währenddessen oder kurz danach geheiratet haben, zehn Jahre, nachdem sie sich kennen gelernt haben. Trotz der starken Gegenwehr haben die Eagles als intakte Einheit überlebt, und dies nicht zuletzt wegen ihrer Anführer und der hervorragenden Offiziere. In dieser Zeit stieg Jean Kaiser zur stellvertretenden Regimentschefin auf.
In diesen Zeitraum fällt auch die Ernennung von Oberst Kaiser zum Herzog von Wayside, ausgesprochen von Koordinator Theodore Kurita. Offiziell wegen der erfolgreichen Verteidigung dieser Welt, aber inoffiziell sicherlich, um die nun unwichtige Welt von einer Söldnertruppe schützen zu lassen und dem Kombinat die Kosten zu ersparen, den diese fern der Grenzen eingesetzte Garnison kosten würde.
Danach brach der Bürgerkrieg aus, und die Eagles beteiligten sich selten aktiv an den Kämpfen. Wenn sie es aber taten, dann mit Furor. Alle Offiziere der Angry Eagles bestätigten ihre Reputationen als gute Offiziere. Die Einheit überstand auch den Bürgerkrieg relativ intakt.“
„Dann können wir von Glück sagen, dass das Gros nach Outreach abgeflogen ist“, brummte Ducruex zufrieden. Aber selbstverständlich war es kein Glück gewesen, sondern die göttliche Voraussicht des seligen Blakes, der all ihre Wege beschützte, nichts anderes.
Colonel Strokes schien etwas nervös zu sein. „Wir können also davon ausgehen, dass Jean Kaiser gewohnt ist, Stellungen gegen überlegene Feindkräfte zu halten, womöglich bei mangelnder Versorgungslage. Zudem sind sie den Kampf gegen Clanner gewohnt.“
„Es ist eine zweischneidige Sache“, erwiderte Major Remberg, Chef der1. Milizinfanterie. „Sie kann vermutlich ewig in vorgefertigten Stellungen aushalten, aber nach allem was ich gehört habe ist sie nicht dumm. Sie muss wissen, dass Präzentor Dirks mit der SCHWINGEN AUS LICHT bereit steht, um jeden Feind in Grund und Boden zu stampfen, der sich gegen das heilige Gebot Jerome Blakes stellt.“
„Und das bringt Sie zu welchem Entschluss?“, hakte der Major nach.
„Das sie es eingeplant hat. Sie kann sich sicherlich denken, das wir diese Welt schnell befriedigen wollen, um Truppen für Phase zwei der Operationen frei zu bekommen. Port Howard zu zerstören war Teil dieser Strategie. Sie wird damit rechnen, dass wir Kale Bay ebenfalls bombardieren werden, eigentlich in der gleichen Minute, in der sie den Ort als neue Hauptstadt und sich selbst als Gouverneurin deklariert hat.“
„Und warum tut sie es dann? Will sie, dass Kale Bay vernichtet wird?“
Remberg grinste schief. „Das will sie wohl in der Tat. Wenn wir eine zweite Stadt in so kurzer Zeit bombardieren, rechnet sie sicherlich damit, dass dies allgemeines Entsetzen und Empörung auf Towne auslöst. Wir wissen alle, dass wir es schwer hätten, uns gegen eine hostile Bevölkerung durch zu setzen. Die Befriedung würde Jahre dauern, vor allem wenn die Eagles überleben und uns andernorts attackieren können. Andererseits, wenn wir auf ein Bombardement verzichten und gegen ihre Stellungen anrennen, ist die Gefahr groß zurück geschlagen zu werden, vernichtet zu werden. Das dürfte unsere Reputation ebenso nachhaltig schwächen.“
„Kann sie uns denn werfen?“, fragte Strokes.
„Himmel, William, sie haben gegen die Nebelparder gekämpft! Clanner! Aus der Verteidigung heraus! Und verdammt noch mal gewonnen! Natürlich können sie uns werfen, alles andere anzunehmen wäre blauäugig und fahrlässig!“
„Und falls wir die Stadt bombardieren werden die Eagles sie sicherlich zuvor verlassen, um ihr wichtiges Kriegsgerät zu schonen“, murmelte der Major nachdenklich. „So oder so sieht es schlecht für uns aus. Aber unser Hauptaugenmerk muss darin liegen, Oberst Kaiser und ihre Truppen zu vernichten.“
Nachdenklich begann der Major zu kippeln. „Colonel, können Ihre Leute die Eagles in ihren Stellungen festnageln?“
„Für eine gewisse Zeit sicher, aber bedenken Sie, dass wir auf vorgefertigte Stellungen zumarschieren müssen. Selbst mit Luftunterstützung werden wir empfindliche Verluste einstecken müssen.“
„Aber Sie können die Eagles in ihren Stellungen halten.“
„Für eine gewisse Zeit“, wiederholte der Chef der Rabauken.
„Vielleicht lange genug um Jean Kaiser davon zu überzeugen, dass wir vorhaben sie mit konventionellen Mitteln zu vernichten?“ Nachdenklich begann sich Ducruex mit dem rechten Zeigefinger gegen die Stirn zu tippen. „Was wenn wir es schaffen die Eagles so lange in den Stellungen zu halten, bis die SCHWINGEN AUS LICHT sie bombardieren kann? Wir würden ihre Streitkräfte vernichten und alle Schuld an zivilen Opfern auf sie schieben können, auf die Einheit, die sich zwischen den Zivilisten verschanzt hat.“
Stroke schien von dieser Idee nicht sehr begeistert. „Dafür müssten meine Leute verdammt dicht ran, um Kaiser vormachen zu können, wir würden es ernst meinen.“
„Generell ist gegen ein präzises Bombardement nichts zu sagen“, meldete sich Dirks zu Wort. „Ich kann die Ladungen gezielt platzieren, wenn ich Laserleitfeuer von Ihren Leuten bekomme, Strokes. Die Kaliber werden groß sein, die Stadt wird in Mitleidenschaft gezogen werden, je nachdem wie die Stellungen der Eagles strukturiert sind. Und vielleicht verlieren Sie ein paar der leichten und weiter vorne liegenden Mechs. Aber wir hätten eine riesige Sorge weniger auf dieser Welt, können den Gouverneur töten oder gefangen nehmen und zeigen, das Widerstand gegen den Willen Blakes sinnlos ist. Towne wird sich uns schnell unterwerfen, wenn diese Stellung vernichtet wurde.“
„Hat nicht noch gerade jemand gesagt, dass die Zerstörung von Kale Bay die Welt gegen uns aufbringen würde?“, raunte Captain Lever.
„Die Zerstörung von Kale Bay sicherlich. Aber die Beschädigung der Stadt, während wir die Feinde Blakes vernichten sicherlich nicht“, erwiderte Ducruex.
Der große Mann hörte auf zu kippeln. „Also gut. Sehen wir uns die Karten an und hoffen wir, das wir gute Satellitenbilder der Stellungen der Eagles kommen. Oberst Strokes, wie viele Truppen können Sie entbehren?“
***
Kale Bay war wie der Name schon sagte, in einer natürliche Bucht des Kontinents Ghersts errichtet worden. Die große Stadt war nicht lange am Strand und den umliegenden Hügeln geblieben, sondern war über sie hinüber gewuchert und bedeckte nun auch einen großen Teil des umliegenden Hügellandes. Zwei Zuglinien und vier große Straßen verbanden die Stadt mit dem Rest des Kontinents, und eine Viertelmillion Menschen lebten und arbeiteten permanent in der Stadt oder derer direkten Umgebung. Das Hügelland zog sich nahtlos in der Umgebung fort, und nur das Flusstal des Dnjepr, welcher in der Bucht von Kale Bay endete, verflachte die schwierige Umgebung.
In den Hügeln war es einfach die Stadt zu verteidigen. Die Eagles und die Miliz hatten auf den Kronen der größeren Hügeln Stellungen bezogen, von wo aus sie jeden Angreifer bestreichen konnten, der in ihre Waffenreichweite marschierte. Im Gegenzug mussten alle Angreifer bergauf schießen und marschieren. In der Flusstalsenke, in der auch zwei der Straßen und eine der Bahnlinien verliefen, wurde Angreifern, vor allem Mechs und Panzern, ein schneller Angriff ermöglicht, der Boden war eben, glatt und zu dieser Jahreszeit beinahe so fest wie Beton. Hier wurde die Verteidigung schwieriger, aber diverse Sperrwerke, Infanterie mit Antimech-Bewaffnung auf den Anhöhen des Flusstals und gut ausgebaute Stellungen würden den Verteidigerbonus der Eagles und der Miliz weiter ausbauen.
„Sehr gut“, murmelte Jean Kaiser zufrieden, während sie mit ihrem Feldstecher vom Flusslauf auf die nördliche Hügelkette schwenkte. Die Pioniere hatten Minen gelegt, Sperrgräben ausgehoben und – was beinahe noch wichtiger war – Markierungen platziert, die nur von den Verteidigern eingesehen werden konnten und ihnen beim ausrichten des Feuers helfen würden.
Sie reichte das Glas an Lieutenant Conrad weiter, die ebenfalls die Flussebene und danach das nördliche Hügelland inspizierte. „Nett. Man kann die Minenfelder nicht erkennen. Und das in nur zwei Tagen hastiger Arbeit.“
„Unsere Pioniere gehören zu den Besten der Inneren Sphäre“, erwiderte Jean grinsend. „Sie waren schon für mehr als einen Angreifer eine Überraschung. Wir werden in diesen Stellungen ewig aushalten.“
„Falls uns nicht die Munition ausgeht.“
„Wir haben ein Übergewicht auf nicht Munitionsabhängiger Bewaffnung.“
„Falls sie uns mit Artillerie nicht weich kochen.“
„Sie haben kaum Artillerie, aber Artilleriemechs, und wenn die uns in Waffenreichweite haben, sind sie auch in unserer Reichweite.“
„Wenn ihre Luft/Raumjäger uns nicht in die Steinzeit bomben.“
„Wir haben mehr Flieger als sie. Und glauben Sie mir, Annabelle, eine Voss kann einen Luft/Raumjäger fällen. Wenn der Pilot gut ist.“
„Hm“, machte sie halb zufrieden und halb skeptisch. „Und davon haben Sie ja genug mitgebracht.“
Wie auf Bestellung zogen zwei Voss über ihre Köpfe hinweg. Deutlich konnte man die schwere Raketenbestückung sehen, die modernen Luft/Raumjägern mehr als einmal gefährlich geworden war. Tatsächlich gab es GefechtsROMs über die draconische Invasion, in der eine Voss in nur einem Gefecht fünf der als eigentlich überlegen geltenden Maschinen abgeschossen hatte... Eine legendäre Glanzleistung, die mit der Vernichtung der Maschine geendet hatte, aber nichtsdestotrotz Dutzende junger Piloten inspiriert hatte. Heutzutage war die atmosphäregebundene Luftwaffe von Towne eine der besten ihres Fachs.
Jean beschirmte ihre Augen mit einer Hand, um den von Heckpropellen angetriebenen Voss bei ihrer langen Kehre nach Norden hinterher sehen zu können. „Sie werden ihren Teil leisten.“
Sie sah daraufhin die Panzerfahrerin an. „Ich hoffe, Sie tun das auch.“
„Darauf können Sie sich verlassen, Frau Oberst. Ich, meine Crew, und mein von Luckner.“ Lässig deutete sie hinter sich, wo das monströse Gefährt auf seine Kommandantin wartete.
Jean bedachte die Maschine mit einem Lächeln. Dieses Ungetüm konnte auch einem SturmMech gefährlich werden, vor allem wenn sich beide in einem Gelände bewegten, das von Vorteil für den Panzer war. Mechs hatten meist einen leichten Überhang wegen ihr großen Höhe und dem damit verbundenen erweiterten Schussfeld. Und die meisten Geländearten waren für sie ein zweites Zuhause, während viele Fahrzeuge in ihnen Nachteile hatten. Gerieten Mechs aber auf Terrain, das Gegnern Vorteile verschaffte, schmolz diese Überlegenheit leicht dahin. In Verbindung mit den Minenfeldern eine ungesunde Mischung für Angreifer, die ohnehin besser die drei zu eins-Regel beachten sollten.
„Dann verstehen wir uns“, sagte die Kommandeurin der Angry Eagles.
Conrad nickte grimmig, während ihre scharfen Augen versuchten, die Stellungen der Infanterie in diesem Gelände zu entdecken. Sie fand keine, obwohl sich hier sowohl Elementare als auch Rüstungs- sowie Sprunginfanterie verbarg. Das war eine Menge Ausrüstung, aber mit bloßem Auge war nichts davon zu sehen. Dazu kamen diverse Scharfschützenteams, die sich bereits in diesem Konflikt als wirksam gegen Mechs erwiesen hatten. Vielleicht würden sie es wieder sein.
Conrad deutete gen Himmel. „Was macht unser Schutzengel? Muss der nicht langsam mal zum pinkeln landen?“
Jean folgte dem Finger und schüttelte dann den Kopf. „Sie wollen nicht wissen, wie diese Soldaten mit Druck auf der Blase im Einsatz umgehen.“
„Wahrscheinlich ähnlich wie wir Panzerfahrer“, erwiderte Annabelle Conrad mit dem schelmischen Grinsen des Insiders, der Verbotenes kannte und auch selbst tat.
„Vermutlich.“ Jean schenkte der Frau ein Lächeln und schwenkte mit dem Feldstecher gen Osten, auf die Bucht. „Blakes Wort hat keine Seestreitkräfte, lediglich eine Hover-Abteilung. Um die See brauchen wir uns nicht viel Sorgen machen. Wenn sie wirklich mit Schwebepanzern in die Bucht einschwenken wollen, spielen sie Zielscheiben für unsere Voss und die Artillerie. Das geht dann kurz und schmerzlos.“ Sie deutete in die andere Richtung, das Flusstal hinab. „Hier wird die Party spielen, und eventuell mit leichten Mechs und Panzern auf den Hügelland. Und hier werden wir ihnen kräftig in den Arsch treten.“
„Falls ihr Feuervogel uns lässt“, murrte Conrad.
„Falls ihr Feuervogel uns lässt“, bestätigte Jean.
„Frau Oberst“, erklang eine Stimme in ihrem Headset.
„Sprechen Sie, Leutnant.“
„Die CALYBSO hat eine Ortung. Zwei Overlord und zwei Leopard halten auf die Kos-Ebene zu. Sie werden begleitet von einem Schwarm Luft/Raumjäger. Sollen wir angreifen?“
„Das werden die Truppen sein, die sich mit uns anlegen wollen. Kein Angriff. Lasst sie in Ruhe ausladen. Wir wollen doch nicht, das der Spaß zu früh vorbei ist.“
„Verstanden. Weitere Befehle?“
„Alle Mann klar zum Gefecht.“
„Verstanden.“
Kurz darauf gellten Alarmierungssignale durch die Reihen von Eagles und Miliz. In der Stadt heulten Sirenen und riefen die Bewohner in die Schutzeinrichtungen.
„Wir sollten dann auch mal“, meinte Conrad, salutierte und wandte sich um, um im Laufschritt zu ihrem Panzer zurück zu kehren.
Jean erwiderte den Salut und ging dann ganz gemächlich zu dem zwölf Meter hohen Ungetüm zurück, das keine dreißig Meter hinter ihr auf sie wartete.
***
Der Plan war einfach gehalten, fand Captain Lever. Während Colonel Strokes mit einer gemischten Brigade aus vierzig Mechs, zwanzig Panzern und einem halben Regiment Infanterie vorgab, durch das Flusstal des Dnjepr und die nördlichen Hügel auf Kale Bay vorzustoßen, führte er mit seiner Hover-Kompanie einen Ablenkungsangriff auf die Stadt durch, indem er von See in die seichte Bucht vorstieß.
Dabei war die Geschwindigkeit auf seiner Seite, keiner seiner Luftkissenpanzer war schwerer als fünfzig Tonnen, dafür aber recht gut bewaffnet. Es juckte ihm in den Fingern, seine Leute die erwartete schwache Verteidigung am Hafen zu durchbrechen und den Verteidigern im Flusstal in den Rücken zu fallen. Aber das war nicht ihre Aufgabe. Sie mussten nur die Bedrohung aufbauen und dafür sorgen, dass zusätzliche Einheiten durch die Stadt geschickt wurden, um den Hafen zu verteidigen. Dies nicht einmal um die Verteidiger am Dnjepr zu schwächen, sondern um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass Jean Kaiser ihre Truppen aus der Stadt abzog, bevor das Bombardement durch die SCHWINGEN AUS LICHT einsetzte.
Er verfügte für diesen Zweck über eine Scoutlanze, bestehend aus zwei fünfunddreißig Tonnen schweren Hunter, beide mit zwei fünfzehner LSR ausgestattet sowie einem Doppelpack vierzig Tonnen schwerer Galdius, die ebenfalls munitionsabhängig waren, aber mit je einer AK-10 beachtliche Waffen zur Verfügung hatten. Die Artillerielanze bestand aus vier Kampfrichtern von fünfundvierzig Tonnen, und alle vier Panzer verfügten über ein Gaussgeschütz, das verheerende Schäden beim Gegner anrichten würde, vor allem wenn er sich in statischen Stellungen befand.
Zwei fünfzig Tonnen schwere Drillson-Panzer, bestückt mit je einem schweren Impulslaser und zwei zweier Blitz-KSR sowie sein eigener Bandit und dessen Flügelmann, beide ebenfalls fünfzig Tonnen schwer und mit PPKs als Hauptwaffe ausgerüstet, vervollständigten als Kommandolanze die Truppe. Alles in allem war das eine ansehnliche Feuerkraft, und die Verteidiger mussten aus allen Wolken fallen, wenn sie diese mittlere Invasion über die See kommen sahen. Schon so wäre seine Hover-Kompanie kein leichter Gegner gewesen, aber mit dem Überraschungseffekt im Nacken waren sie eine tödliche Gefahr. Wenn sie doch nur tiefer vorrücken dürften! Aber das ging nicht, wenn sie nicht in den Mahlstrom des Bombardements der SCHWINGEN AUS LICHT geraten wollten. Und alle Finger des Todes hatten gesehen, was das Landungsschiff mit Port Arthur gemacht hatte. Ein kalter Schauder ging über seinen Rücken.

Als die Küstenlinie in Sicht ging, ließ er die Formation auffächern. Die Bucht war breit genug für großzügige Manöver, und auf diese Weise verhinderte er die Glückstreffer von zufälligem Artilleriefeuer.
Schon wuchsen die Hügel rund um Kale Bay in den Himmel, die ersten Gebäude waren zu sehen, und in freudiger Erwartung krampften die Hände des Captains. Dann erschütterte eine Explosion den Kampfwagen.
„Meldung!“, blaffte er in sein Headset.
„Rot drei wurde getroffen!“, klang die nervöse Stimme von Cuddlestone auf, dem Kommandeur des zweiten Bandits. „Ein Dutzend Langstreckenraketen hat seine Schürzen zerfetzt! Der Drillson sinkt gerade!“
Raketen? Beschuss von der Stadt? Auf diese Entfernung? Unmöglich! Vielleicht von Marine-Einheiten? Erneut klang eine Explosion auf.
„Diesmal hat es Blau eins erwischt!“, rief Cuddlestone noch nervöser. „Er sinkt wie ein Stein!“
Das war die Scoutlanze, einer der Hunter. „Verdammt, was ist hier los?“, rief Lever wütend, während weitere Explosionen das Ende eines weiteren Panzers signalisierten.
„Es sind die Voss! Verdammt, es sind diese bissigen kleinen Voss! Sie fliegen uns in der Flanke dicht über dem Wasser an und schießen dann auf unsere Reihe! Auf diese Weise treffen sie irgendetwas! Und bevor wir sie ins Visier nehmen können, haben sie schon abgedreht! Da! Gelb vier geht auch zu den Fischen!“
Luftwaffe, ausgerechnet! Und seine Leute fuhren wie mobile Zielscheiben auf der spiegelglatten See! Eine zerschossene Schürze bedeutete mit hundert Metern Wasser unter den Füßen nicht einfach Havarie, sondern Totalverlust!
„Auseinander!“, rief er außer sich. „Versucht die Voss unter Feuer zu nehmen! Blau zwei, kriegt ihr sie mit dem Artemis?“
„Negativ, Rot eins! Die Biester sind zu agil! Einen Luft-Raumjäger könnten wir damit kriegen!“
Es klang wie eine lahme Entschuldigung, und das war es auch. Lever blieb nichts anderes übrig, als seine Linien zu zerschlagen, um ihnen die Treffer zu erschweren, aber das funktionierte nicht so gut wie er es gehofft hatte. In einem Doppelschlag traf es Rot zwei und Gelb vier. Den Besatzungen blieb nach dem Verlust der gepanzerten Schürze nicht viel mehr als den Panzer fluchtartig zu verlassen und so weit wie möglich fort zu schwimmen, um vom Sog nicht in die Tiefe gerissen zu werden! Die Panzerung nützte ihnen in dieser Situation überhaupt nichts, vor allem nicht solange sich die Voss wie verdammte Torpedobomber aufführten. Zielscheiben waren sie hier, Zielscheiben!
„Zurück!“, rief er ins Headset, wohl wissend, das ihm für die Verluste und für dem Rückzug ein Tadel blühte, wenn nicht gleich eine Indoktrination und Neuorientierung bei den Adepten des Geheimdienst.
Die Reihe der Hover-Panzer zerfaserte noch mehr. Einige unmotivierte Schüsse gingen von ihnen aus, aber die wendigen Voss hatten keine Probleme mit ihnen. Allerdings ließen sie die Schwebepanzer nicht ohne Abschiedsgruß fahren. Die Probleme, die Lever mit Blakes Wort voraussah, erledigten sich dadurch recht schnell, als sein eigener Bandit schwer erschüttert wurde und sich in voller Fahrt auf die Seite legte. Nun ging es erst einmal ums nackte Überleben.
„Raus!“, brüllte Lever seinen Leuten zu, riss das Turmluk auf und klärte es so schnell er konnte, wohl wissend, das es nur zwei Möglichkeiten für seine Leute gab, den sinkenden Panzer zu verlassen. Dann paddelte er auch schon in angenehm warmen Wasser vor Ghersts Ostküste. Er sah lediglich vier Panzer in Sicherheit fahren, noch immer verfolgt von einigen hartnäckigen Voss.
Auf der anderen Seite hatte sich die Küstenlinie wieder entfernt. Es würde ein langer Weg sein, dorthin zu schwimmen. „Immerhin eine bessere Chance als gegen Ducruex“, murmelte er bitter und rief einzeln seine Leute auf.
***
„Sie kommen“, murmelte Larry Crux zufrieden. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, die Kompanie zu stellen, die Jean Kaiser begleitete, und kommandierte sie zudem selbst. Die mächtige King Crab, die er sich dafür hatte bereit machen lassen, lauerte nur fünfzig Meter von Jeans Kriegshammer entfernt hinter einer Stellung im Nordhügelland, mit exzellentem Blick auf die heran stürmenden Mechs und Panzer der Finger des Todes. „Alte Modelle, 3050 und früher. Auf dem ersten Blick nicht aufgerüstet.“
„Die Blakies können nur eines. Entweder Toyamas bauen oder Nachrüstpacks herstellen“, erwiderte Jean gelassen. Die Entfernung zur ersten Stellung am Fluss betrug noch drei Kilometer, da gerieten die Führungsmechs, eine gemischte Lanze aus Wespen und Heuschrecks, in ein Minenfeld. Es waren keine Vibraminen, noch nicht. Dennoch reichte es, einem Heuschreck das linke Bein abzureißen, ihn wanken zu lassen und mit dem Cockpit voran gen Boden fallen zu lassen. Eine weitere Mine brauchte es nicht um zu wissen, dass dieser Mech und dieser Pilot im weiteren Kampf keine Rolle mehr spielen würden. Eine Wespe erhob sich auf ihren Sprungdüsen und versuchte das Minenfeld rückwärts zu verlassen, als ein Schwarm Blitz-KSR die zwanzig Tonnen schwere Maschine mitten im Sprung traf und herum wirbelte.
Es war eine alte, in diesen Tagen aber oft missachtete Regel, dass man ein Minenfeld mit eigenem Feuer bestreichen sollte, um bereits angeschlagenen Gegnern den Rest geben zu können, und genau das taten die Soldaten in vorderster Front auch. Ein Totschläger wandte sein hässliches Antlitz der Hügelflanke zu und übersäte das Gelände mit ungezielten Schüssen aus seinem Mittleren Laser, aber der Beschuss war ohnehin schon verstummt. Nachdem die Infanteristen ihre Blitz-KSR verschossen hatten, zogen sie sich über die Laufgräben zurück auf die nächste getarnte Stellung. Blakes Wort hatte den Eagles einfach zu viel Zeit gelassen. Und das würden sie nun teuer unter dem Feuer der SBVS bezahlen.
„Zwei Scouts, bevor auch nur einer unserer Mechs einen Schuss abgegeben hat“, murmelte Jean zufrieden. Sie warf einen Blick auf ihre eigenen Anzeigen. Auf der Hügellandflanke kamen ebenfalls leichte Mechs heran, unterstützt von einem Bataillon Sprunginfanterie, in der Hoffnung, hier eine dünnere Verteidigung vorzufinden.
Ein Hilfsmonitor zeigte eine eingehende Verbindung an, und Jean akzeptierte.
Annabelle Conrads Stimme klang in ihrem Helm auf. „Bereit, wenn Sie es sind, Oberst.“
„Nur keine clanische Hast“, erwiderte sie amüsiert. „Unsere Gelegenheit kommt noch früh genug und schnell genug.“
Der Monitor zeigte eine weitere eingehende Nachricht an. „Darkness hier. Ma´am, wir haben den Luftkissenpanzerangriff aufgerieben und sind nun bereit auf Ihrer Seite zu helfen.“
„Bisher noch keine Luftaktivität hier, aber kommen Sie ruhig auf meine Höhe zurück.“ Sie lächelte nur für sich selbst. „Der Spaß beginnt bald.“
***
Über ihren Köpfen, in beinahe einhundert Kilometern Höhe, hockte Cord McHale in seinem Sperber und löste Kreuzworträtsel. Er befand sich für seinen Geschmack etwas zu dicht am unteren Van Allen-Gürtel des Planeten, einer magnetischen Region der Atmosphäre, die einen Großteil der eintreffenden Radioaktivität absorbierte wie ein Schwamm, aber es half alles nichts. Der Geigerzähler tuckerte nicht viel stärker als bei üblichen Missionen im All, und zur Not gestattete er sich die Illusion, dass der Weltraumschrott in direkter Nähe ihn vor besonders harter Strahlung abschirmte. Unter ihm würden nun gerade die Eagles und die Miliz im Kampf stecken. Wie hart er geführt werden würde wusste Cord nicht. Aber er wusste, dass sein Part mindestens ebenso wichtig war wie der von Jean Kaiser und dem neuen Gouvernat Townes. Mit ihm lauerten neun Kameraden in Luft/Raumjägern über Kale Bay, versteckt in einer Wolke aus Debris, die ihnen schon etwas Kummer bereitet hatte. Zuerst beim Versuch, sie an diesem Ort zu platzieren, dann durch unaufhörliche Mikrokollisionen, die an den Nerven zehrten.
Ein weiterer Sperber hing an seinem Flügel, dazu kamen zwei Killer, drei Stingray, eine Sulla, die sie von den Nebelpardern erobert hatten, und ein einsames Paar Chippewa, den härtesten Stimmen in ihrem Chor. Eigentlich wäre eine solche Ansammlung an Stahl und Plastik kaum zu übersehen, aber mit dem niedrigen Van Allen-Gürtel über ihren Köpfen und den Stahlschrott rund um sie hatten sie gute Chancen übersehen zu werden, vor allem wenn ein religiös beseelter Kommandant darauf brannte, ein paar Heiden ins Nirvana zu bomben und deshalb nach unten sah, aber nicht nach oben.
Ein Blip auf seinem Radar ließ ihn aufsehen. Er checkte die erste Ortung, verglich sie mit einer Live-Kameraaufnahme und grinste zufrieden. Also doch, ein Union. Das musste ihr Opfer sein, denn er hielt einen Kurs, der ihn in weniger als zehn Minuten über die Stadt führen würde.
Es wurde Zeit ihn abzufangen. Hatte er Begleitschutz? Egal, zehn Luft/Raumjäger waren mehr als genug, um sowohl einen Union als auch begleitende Jäger Medium zu braten.
Cord wartete drei weitere Minuten, dann fuhr er die Energie seines Jägers hoch. Die anderen Piloten der Eagles und der Miliz reagierten und fuhren ebenfalls ihre Energie hoch. Nacheinander befreiten sie sich aus dem Debris-Feld und begannen danach sofort mit einem schnellen Angriff. Cord flog als erster vorneweg, die Geschwindigkeit bis zum Anschlag ausgereizt.
Er öffnete eine Funkleitung. „Ziel hat keinen Begleitschutz, ich wiederhole, keinen Begleitschutz! Feuert alles was ihr habt! Er darf nicht in den Orbit über Kale Bay kommen!“
Betätigungen von neun Luft/Raumjägern trafen ein.
Auf dem Union hatte man die Gefahr mittlerweile bemerkt, Autokanonen erwachten zum Leben, Lasergeschütze begannen zu feuern, und übergangslos hatte Cord McHale auch LSR auf dem Schirm. Doch es war noch zu früh, das Feuer zu erwidern. Erst als eine sichere Zielerfassung stand,
eröffnete er das Feuer als Breitseite aus allen vier schweren Lasern.
Seine Flügelmann tat es ihm gleich, und mit ihm die nachfolgenden Piloten. Zu diesem Zeitpunkt trafen ihn fünf LSR. Der Sperber wurde durchgeschüttelt und passierte den Union. Ein harter Ruck warf ihn herum, zerriss den Gurt und ließ McHale hart gegen die Kanzel schlagen. Mit klingenden Ohren versuchte er sich zu fangen, aber es dauerte einige Zeit.
„...nicht geschafft“, vernahm er unglaublich leise.
„Wiederholen!“, verlangte er, während der Funkenregen vor seinen Augen geringer wurde.
„Wir haben den Union schwer getroffen, aber er wurde nicht vernichtet!“, meldete Leutnant Cromwell aufgeregt. Sie war Pilotin der Sulla und hatte bereits wieder gedreht.
Auch McHale wandte die Maschine für einen zweiten Anflug, aber der Sperber wollte kaum seinem Willen folgen.
„Die Abwurfvorrichtung wurde auf keinen Fall beschädigt! Ich erkenne offene Bombenluken am Union! Und er hat höchstens noch drei Minuten bis Kale Bay!“
„Ruhig bleiben, Rembrandt“, rief er Cromwell bei seinem Callsign an. „Wir machen einen zweiten Anflug.“
„Das werden wir nicht mehr schaffen!“, rief der junge Pilot zurück. Dann schien ein Ruck durch seine Stimme zu gehen. „Ich kann ihn noch einholen! Ich...“
„Negativ, Cromwell, negativ.“ Ein Blick auf die Schadensanzeige offenbarte ihm, dass es den Sperber übel erwischt hatte. Und er selbst fühlte sich auch nicht besonders wohl. Blut schwebte neben ihm im Cockpit und verriet, dass sein Raumanzug undicht sein musste. Außerdem fühlte er den linken Arm nicht mehr. „Sie übernehmen das Kommando für den zweiten Anflug“, befahl McHale und riss eine Wandverkleidung ab. Wenn man nur lange genug Pilot war, dann lernte man seine Maschine so gut kennen wie die Techs. Daher wusste er, wo er die Leistungsbegrenzer für den Fusionsreaktor finden konnte. Es war mühselig mit einer Hand, aber er konnte sie schließlich brachial heraus reißen. „Ich führe den nächsten Angriff selbst aus.“
„Ihre Mühle ist schwer beschädigt! Lassen Sie sich zurückfallen, Kolibri!“, protestierte Lieutenant Schwartz von der Miliz.
„Ruhig, Mädchen, vorher habe ich einen Job zu erledigen. Der Bastard schmeißt mir keine Eier auf meine Jean“, brummte er trotzig. „Der nicht!“
Als Cord McHale diesmal den Fahrtriegel vorschob, schlugen acht Gravos auf ihn durch. Die schlanke Maschine machte einen mächtigen Satz nach vorne, und der Oberleutnant konnte nur hoffen, gut genug gezielt zu haben, denn korrigieren konnte er seinen Kurs bei dieser Geschwindigkeit nicht mehr.
„Eine Minute, bis der Union über Kale Bay steht“, meldete jemand, aber Cord konnte die Stimme nicht erkennen. Der Andruck hatte eine üble Wirkung auf sein Bewusstsein. Neun Gravos mittlerweile, vielleicht zehn. Und der Sperber beschleunigte weiterhin.
„Oh Gott, ich kann die erste Rakete sehen! Zwei!“
„Sir, das ist Wahnsinn! Wir schaffen den zweiten Anflug auch so!“, rief Cromwell aufgeregt.
„Ver...ar...sch... mich... nicht...“, presste Cord zwischen den Lippen hervor. Ihm wurde schwarz vor Augen, aber er wehrte sich verzweifelt dagegen, das Bewusstsein zu verlieren. Jemand schrie wie ein Verrückter, während jemand irgendetwas von zehn Sekunden sagte, und Cord McHale sollte nie erfahren, dass es sein eigener Schrei gewesen war.
Dann trafen fünfunddreißig hart beschleunigte Tonnen Stahl auf ein lädiertes Landungsschiff der Union-Klasse.
***
„Schwere Explosion im Orbit“, meldete das HQ. „Jäger melden zwei Verluste und Vollzug der Operation.“
„Ich habe nichts anderes erwartet“, erwiderte Oberstleutnant Kaiser. Sie sah auf die Mechs, Panzer und Infanteristen der Finger des Todes, die in Erwartung des Bombardements den hastigen Rückzug angetreten hatten. Hastig, ungeordnet und verletzlich. „Holt sie euch!“, rief sie auf der allgemeinen Frequenz und warf ihren Kriegshammer in einen schnellen Vormarsch. Bestätigungen antworteten ihr, und schon begannen die Voss wie Sturzkampfbomber vom Himmel zu fallen, während die Eagles und die Miliz die Distanz zur flüchtenden Reihe der Gegner reduzierte, so schnell sie konnte. Ein Feind auf der Flucht war nicht viel mehr als ein Opfer, und Jean hoffte, dass er sich in dieser ungeordneten Linie stellen würde, wenn auch deren Oberbefehlshaber merkte, das es kein Bombardement Kale Bay geben würde.
Cord McHale hatte jedenfalls einen ziemlich großen und ziemlich wichtigen Orden verdient. Jean würde es eine Freude sein, ihn dem jungen Heißsporn an die Uniformjacke zu pinnen.

Ace Kaiser
14.02.2010, 16:02
34.
"Tränen sind salziges Wasser, das aus den Augen austritt. Hier auf Outreach sind sie nicht nur salzig, sondern auch radioaktiv."
(Regimentstagebuch der Angry Eagles, Oberst Ace Kaiser auf Outreach während der Interimskampagne)

Es gab genauso viele schlechte wie gute Nachrichten. Insofern war es erstaunlich, weil ich mit guten Nachrichten überhaupt nicht gerechnet hatte. Im Gegenteil, seit wir den biologischen Kampfstoff enttarnt hatten, den Blakes Wort über Teilen von Outreach versprüht hatten, rechnete ich eigentlich nur noch mit schlechten Nachrichten. Nach dem Tod von drei jungen Frauen, die erst dem Kampfstoff ausgesetzt gewesen und dann die Opfer von Plünderern geworden waren, hatte ich wenig Hoffnung, auf dieser Welt mehr zu hinterlassen als ein Massengrab. Dabei musste ich eigentlich zugeben, dass es meine Eagles kaum getroffen hatte. Andere große Einheiten wie die Wolf Dragoner hatten hingegen bis hin zur Vernichtung bluten müssen. Die fünf Regimenter der Einheit und die Kampfschiffe waren Geschichte. Mit dem was ich hatte zusammenraffen können konnten die Dragoner bestenfalls ein Mech-Bataillon aufstellen. Leider hatten sie nicht genügend Mechs dafür. Gut, wir hatten ihr Ersatz-Genarchiv retten können und damit die Giftake genannten Genproben aller großen Anführer und fähigen Soldaten der Dragoner retten können. Das nützte nur halt den Toten herzlich wenig. Und bis aus dem Giftake trainierte und erfahrene Truppen geworden waren, hatte Blakes Wort entweder die Innere Sphäre unterjocht, oder der Krieg war vorbei.
Wenn ich daran dachte, wie wir vor wenigen Tagen, die mir mittlerweile wie Jahre vorkamen, in das System gesprungen waren, um inmitten dieses Konfliktes zu landen, schauderte es mich. Die Blakies hatten uns nicht gerade vorgewarnt, aber selbst über meine SBVS-Kanäle hatte ich keine Hinweise, keinen Fingerzeit bekommen, dass etwas Großes im Busch war. Wofür wurde ROM eigentlich bezahlt?
Outreach hatte dafür büßen müssen, bitter büßen müssen. Ich schätzte die Verluste der Zivilbevölkerung auf mittlerweile achtzig Prozent, jene noch nicht eingerechnet, die an der Radioaktivität oder am Kampfstoff sterben würden. Von einer Millionenbevölkerung waren die Menschen auf Romulus jedenfalls weit, weit entfernt. Und auf eine irrsinnige Art war ich dankbar dafür, denn die Zahlen, mit denen wir gerade kämpften, waren zu handhaben. Ein Millionenvolk verängstigter und panischer Zivilisten hätte uns vor weit mehr Probleme gestellt.
Dennoch bedeutete jeder Tote ein Schicksal, ein Leben, eine Vergangenheit und eine Zukunft, alles verloren. Ich war mir sicher, keiner von ihnen hatte vorgehabt, in diesem Monat von Blakes Wort mittels einer Atombombe getötet zu werden. Oder an einer geheimnisvollen Krankheit zu sterben, die bisher einhundert Prozent Tödlichkeit erwarten ließ. Und das war nur der kleinste Teil unserer Probleme. Blakes Wort würde wiederkommen, dessen war ich mir sicher. Wir hatten eines ihrer Kriegsschiffe zerstört, und das würden sie vermissen, auch ohne das die hiesigen Söldner, die hier als Statthalter agierten, über einen HPG verfügten. Wie viel Zeit wir hatten war die Frage. Einen weiteren Tag? Eine Woche, einen Monat? Fest stand für mich, dass Hunderte Söldnerorganisationen und mindestens ebenso viele staatliche Stellen und private Unternehmen einen solchen Akt der Barbarei und des Geld Verdienens nicht hin nehmen würden.
Die Frage war nur, was sie tun würden. Oder wie weit Blakes Wort schon gekommen war.
Gedanklich schob Ace das alles weit beiseite, weit, weit beiseite. Irgendwann würde er sich damit beschäftigen müssen, aber im Moment hatte er genügend andere Probleme. Zum Beispiel von hier aus, dem Hoffnungstal, einen Krieg zu führen. Und wenn der geschlagen war standen Entscheidungen von enormer Wichtigkeit an. Was geschah mit der planetaren Bevölkerung? Wohin würden sich seine Eagles als nächstes wenden? Welche Welt war noch sicher, welche war es nicht?
Ein Signal an meinem Schreibtisch signalisierte ein hereinkommende Verbindung.
"Ja?" "Ace, wir haben Kontakt zur GREYHOUND", meldete meine Stabschefin.
Ich runzelte die Stirn. "Sie sind zurück gesprungen? Marquardt hat Befehl, sich bis nach Alexandria durch zu schlagen. Und was ist mit der GLADOR?"
"Die GLADOR setzt ihren Weg fort. Sie steuert die Isle of Skye an. Das scheint zur Zeit ein sicherer Hafen zu sein. Kapitän Marquardt ist hier, um uns auf den neuesten Stand zu bringen. Und nachdem ich das erste Datenpaket gesichtet habe, denke ich, dass er richtig entschieden hat."
"Will ich Details wissen?", scherzte ich halbherzig.
"Nimm lieber Baldrian, bevor du es dir ansiehst. Kommst du ins HQ?"
Ich nickte. "Gib Jérome Bescheid. Er sollte dabei sein, auch wenn er in erster Linie ein Wissenschaftler ist."
"Okay, Chef."
Die Verbindung erlosch, und ich erhob mich. Dieser Gang würde schwer werden, das ahnte ich mit allen Sinnen. Aber entkommen konnte ich wahrscheinlich nur, wenn ich all meine Eagles einpackte und mit ihnen raus nach Wayside flog, meinem eigenen kleinen Planeten auf halbem Weg zu den Clans. Wie lautete doch ein alter chinesischer Fluch? Mögest du in interessanten Zeiten leben.
Nun, die Zeiten für mich und meine Eagles wurden mehr und mehr interessant.

Ich begrüßte Major Jérome vor dem HQ, er erreichte es zeitgleich mit mir.
"Neuigkeiten von draußen?", fragte er mit einem düsteren Schnauben.
"Sieht so aus." Ich ließ dem Riesen den Vortritt und fragte mich erneut, ob er ein riesenhafter Mann oder ein zu kurz geratener Elementare war.
Denise stand bereits am Holotank. Diverse Nachrichtensendungen flimmerten synchron in verschiedenen Darstellungen im Innern der Halbkugel.
"Sie haben Tharkad angegriffen. Schon vor über zwei Wochen", sagte sie anstelle einer Begrüßung.
"Was?", wollte ich fragen, aber mein Mund war plötzlich staubtrocken.
"Es gibt Berichte über eine atomare Explosion", fügte sie hinzu und atmete müde aus. "Des Weiteren sprechen wir über eine Angriffsstreitmacht in Divisionsstärke. Allerdings sind die Meldungen aus dritter Hand. Sie gingen per Staffette von Sprungschiff zu Sprungschiff. Auf die meisten HPGs ist zur Zeit kein Verlass."
"Na Klasse. Hast du noch mehr so wundervoller Nachrichten?", knurrte ich.
"Hey, ich bin nur der Bote, nicht der Übeltäter", erwiderte sie. Ihr Blick war noch müder als ihre Haltung. "Sie haben alle vier Regimenter der Northwind Highlander auf Northwind blockiert."
"Gibt es sie noch?", fragte ich erschüttert.
"Im Moment ja. Es scheint, dass sie ihre Einheiten, die in der Lage für Bombardements sind, für Outreach aufgespart haben.
Ach ja, diese Nachricht wird Sie freuen, Major", sagte sie in Richtung des Dragoners, "die fliehenden Truppen, die wir aus dem System geschafft haben, konnten Kontakt zum Beta-Regiment unter Maeve Wolf herstellen. Es scheint, dass es da draußen noch mindestens anderthalb Regimenter der Wölfe gibt. Sind sogar ein paar Kriegsschiffe dabei, Zahl und Typ unbekannt."
Jérome räusperte sich. "General Wolf leitete die Evakuierung von Outreach. Es lief alles sehr überhastet ab, weshalb es zu dem Nachzüglergefecht kam, in das die Eagles im wahrsten Sinn des Wortes hinein gesprungen sind. Das Oberkommando hatte keinerlei Übersicht über die tatsächliche Situation, deshalb ging es darum zuerst einmal die verbliebene militärische Stärke zu retten. Gegen die ursprünglich im System befindlichen Einheiten hätten sie keine Chance gehabt. Ihre Eagles hatten Glück, zu so einem günstigen Zeitpunkt gekommen zu sein, und..."
"Hm", machte ich und bedeutete ihm mit einer beschwichtigenden Handbewegung, sein Verteidigung zu beenden. "Niemand macht Ihnen einen Vorwurf, Major. Die Dragoner müssen verdammt in der Scheiße gesteckt haben. Die Entscheidung war militärisch korrekt, wenngleich nicht sehr erfreulich. Weder für die Nachzügler, noch für Ihre Einheit. Ich nehme an, Sie hatten Befehl, die Stellung zu halten?"
"Wir ebenso wie die Teams am Hauptarchiv", gestand er.
"Die ALEXANDER wurde vernichtet", merkte Denise an. "Das Flaggschiff der Dragoner. Hier im System. Natürlich hatten sie es schwer. Und sie sind beileibe nicht die einzigen.
In der ganzen Inneren Sphäre geht es drunter und drüber, und im Moment sieht es sogar so aus als würde Thomas Marik mit den Blakies kooperieren."
"Nun rück schon mit deinen Hiobsbotschaften raus", fuhr ich sie an. Denise nahm es mir nicht übel. Sie war in der gleichen Stimmung wie ich. "Tukkayyid wurde bombardiert, heißt es. Außerdem gab es einen Staatsstreich auf Luthien. Und auf New Avalon steht ebenfalls eine Division Bodentruppen."
Ich atmete tief ein und hart wieder aus. "Was ist mit den Prinzen? Victor? Peter? Yvonne? Was mit Theodore und Hohiro?"
"Noch leben sie. Aber die Nachrichten sind auch schon Wochen alt."
Fahrig öffnete und schloss ich die Hände. "Wir sind hier fehl am Platz. Wir sind hier vollkommen fehl am Platz. Wir müssen hier so schnell es geht fertig werden und dann an einen der Brennpunkte eilen. Wir..." Als ich bemerkte was ich mit meinen Händen tat, zwang ich mich damit aufzuhören. Dann stellte ich die wichtigste Frage: "Towne?"
"Direkter Angriff. Port Howard vernichtet. Ebenso unser Stützpunkt, aber Jean hat unsere Leute rechtzeitig in den Gefechtsstand geführt."
Für eine Sekunde erlaubte ich mir aufzuatmen. Eine gute Nachricht, immerhin. Den Gefechtsstand würden die Blakies nicht mal mit Atombomben knacken können. Der war solider als die guten alten Brian-Kastelle. "Woher haben wir diese Nachricht?"
"Ein Sprungschiffer hat Word of Blake-Nachrichten abgefangen. Demnach hat der örtliche Kommandeur berichtet, die Angry Eagles wären in Cimmerien nicht vernichtet worden, sondern seien verschwunden."
Ich grinste matt. "Ja, das klingt nach Jean."
"Was also tun wir?", fragte Denise ernst.
Ich sah Major Jérome ernst an. "Sie sind der ranghöchste Dragoner auf dieser Welt, Sir."
Der riesige Mann ließ seine Hände krampfen. "Oberst Kaiser, Sie haben die größte militärische Macht auf diesem Planeten unter sich. In solchen Dingen muss man realistisch sein. Und wenn nicht die Angry Eagles auf unserer Seite sind, wer dann? Wolfs Dragoner ordnen sich den Eagles unter."
Damit lag der schwarze Peter wieder bei mir. Mir und den anderen Truppen, die wir nach und nach hatten sammeln können, unter ihnen die Ulster Marines. "Wir bleiben hier und vernichten die Garnison von Word of Blake. Zeitgleich versuchen wir so viele Überlebende wie möglich zu retten und zum Beispiel in die unterirdischen Anlagen zu bringen. Wenn die Blakies wieder kommen, müssen sie in Sicherheit sein. Wenn Einheiten zu unserer Rettung eilen, werden sie niemals alle mitnehmen können. Umso wichtiger ist also für uns, diesen Menschen eine Zukunft zu verschaffen, die den Namen auch verdient hat. Wir müssen und wir werden Menschen auf diesem atomar und biologisch verseuchten Staubball zurück lassen müssen. Aber wir werden jetzt schon beginnen dafür zu sorgen, dass sie nicht elendig vor die Hunde gehen müssen."
"Also werden wir was?"
"Wir bauen die Kavernen weiter aus, Denise. Wir versuchen so viele Menschen wie möglich dort und in ähnlichen Anlagen unter zu bringen. Major Jérome, wenn Sie ein paar kennen, wären wir dankbar für Details."
"Sicher. Es gibt einige Großanlagen, die in Frage kommen."
Langsam und ein wenig wehmütig schüttelte ich den Kopf. "So weit ist es also gekommen. Da werden die Hauptwelten riesiger Sternenreiche angegriffen, und wir erfahren erst Wochen später davon, während wir schon selbst Feindkontakt haben. Verdammt, wenn wir es nicht vorher gewusst hätten, jetzt wäre es klar: Word of Blake meint es bitterernst. Also sollten wir auch anfangen es ernst zu nehmen. Noch ernster als bisher. Und das bedeutet, wir räumen mit den Fingern des Todes so schnell wie möglich auf."
"Und wie willst du das anstellen, Ace? Wir sitzen hier auf einem riesigen Planeten und haben gerade mal einen Satelliten im Orbit, um die Sprungpunkte wenigstens ansatzweise überwachen zu können. Das reicht nicht, um einen ganzen Planeten abzusuchen", erwiderte Déforét bissig.
"Wie ich das anstellen will? Ein altes terranisches Sprichwort sagt: Kommt der Berg nicht zum Propheten, kommt der Prophet eben zum Berg. Wir locken sie raus, in eine Position, die uns genehm ist, zu einer Zeit, die uns in die Hände spielt." Ernst sah ich den Major an. "Dafür brauche ich Ihre Unterstützung, Sir."
"Sie kriegen jede Form der Unterstützung, die ich gewähren kann. Das ist nicht viel, seit die Waco Ranger auf den Stufen der Hiring Hall Commander Wolf ermordet haben, aber Sie kriegen alles was ich habe."
Die Waco Ranger? In stiller Verzweiflung schüttelte ich den Kopf. Hatte der alte Mann seine Rache also auf den Höhepunkt getrieben. Ich bezweifelte, dass die Dragoner nach dem Tod ihres Gründers besonders viel Gnade mit ihren Gegner gehabt hatten, also war die ganze Rache eine Verschwendung an gutem Material und noch besseren Leuten gewesen, auf beiden Seiten. Die Gewinner waren Blakes Wort, die anschließend nur noch die Reste hatten aufkehren müssen.
"Gut, denn was ich haben will, liegt durchaus in Ihren Möglichkeiten. Ich brauche Ihre aktuellen Chiffrierschlüssel. Wenn möglich so geheim und so komplex und so Wolf Dragoner wie möglich."
"Und was werden Sie damit tun, Herr Oberst?", fragte der Riese.
Ich lächelte matt. "Eine Tragikomödie in zwei Akten. Ganz im griechischen Stil. Wie gut können Sie schauspielern, Major Jérome?"
"Schauspielern?"
"Schauspielern." Mein mattes Lächeln wurde ein breites Grinsen. "Um Ihr Leben."
"Hoffentlich gut genug, Herr Oberst."
"Gut, dann ist das ja entschieden. Denise, projiziere mir den militärischen Sektor des Harlecher Raumhafens. Ich brauche ein paar Geländeinformationen."
Die Würfel waren gefallen, das Spiel würde beginnen. Und einige unserer Leute, egal ob Dragoner oder Eagles, Marines oder Zwölferbund, würden auf meine verdammte Anweisung ein großes Risiko eingehen. Aber besser jetzt zu einem Zeitpunkt, der vielleicht gleich bedeutend mit der Ankunft eines Kriegsschiff von Blakes Wort war.

Ace Kaiser
14.02.2010, 17:49
35.
Es war keine Heimkehr, es war ein Triumphzug. Als Oberst Jean Kaiser mit ihrem Kriegshammer die Kaverne betrat, erwartete sie eine jubelnde, begeisterte Menschenmenge, die sie und das Kommando von Kale Bay hoch leben ließ.
Der eindeutige Sieg, die harsche Niederlage von Blakes Wort und die überreichlich ausgefallene Beute trugen dazu bei, die Stimmung noch weiter zu puschen. Nachdem sie mit der Miliz geteilt hatten, war für die Eagles immer noch mehr als dreihundert Tonnen Mechs und Material übrig geblieben. Darunter vier reparaturfähige mittelschwere Mechs.
Und wenn es ihnen noch gelang, den einen oder anderen Panzer zu bergen, den die Voss in der Bucht vor Kale Bay versenkt hatten, würde Towne bald über den besten Schutz im ganzen Sektor verfügen.
Nun, das war so nicht richtig, hochgepriesen und unrealistisch, aber Jean hatte eines auf Wayside V gelernt: Zu realistisch zu sein zerbrach die Leute noch leichter als eine gegnerische Attacke, die die eigenen Reihen aufbrach. Also gönnte sie sich die Freude, puschte die Menge mit einer markigen, improvisierten Rede, stellten ihren Kriegshammer IIC in seinem Wartungsgestell ein und berief ihre Offiziere zum Rapport.
Mittlerweile waren neue Rekruten eingetroffen, weitere Milizverbände hinzu gekommen. Es hatten auch fertig aufgestellte Einheiten das Areal verlassen, um die Flüchtlingsströme aus Port Howard zu beschützen oder um auf den anderen Kontinenten den Widerstand gegen die Finger des Todes und die Blake-Miliz fortzuführen. Alles in allem war die Zukunft ungewiss, aber in einem geordneten Maße, seit ihre Luft/Raumjäger den Unheilsboten aus dem Orbit hatten wischen können.

Pawly erwartete sie bereits mit steinerner Miene, als die Kommandeurin der Eagles aus Towne ihr Büro betrat. Sie lächelte den großen Elementare an. "Du bist meine Rettung. Hilfst du mir die Stiefel auszuziehen?"
Der große Mann, sonst ein Ausbund an Lebendigkeit, griff mechanisch und stumm zu. Wenn es darum ging, geschwollene Füße aus engen Lederstiefeln zu kriegen, waren Elementare immer die erste Wahl.
"Danke dir. Wie geht es Rebecca und David?"
"Sie sind im Kindergarten, drüben im Tal. War das erste was ich gecheckt habe, gleich nachdem ich mit der Vorhut ankam. Sind beide wohlauf. Dem ganzen Tal geht es gut."
"So soll es ja auch sein", erwiderte Jean und ächzte, als sie ihre Beine ausstreckte. "Langsam müssen wir uns Gedanken darüber machen, wann uns jemand an Blakes Wort verrät. Entweder weil er sein Heil als Verräter sucht, oder weil er ein professioneller Agent ist. Aber ich denke nicht, dass wir hier noch länger als einen Monat unentdeckt bleiben werden."
"Sicher nicht."
"Da bleiben uns nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir richten uns auf eine lange Belagerung und einen Guerillakampf ein, oder wir nehmen den Planeten." Jean lachte über ihre Worte wie über einen guten Witz. "Als wenn das so einfach wäre."
Pawly machte sich derweil am Getränkeschrank zu schaffen, der zur Standardausrüstung eines jeden Offiziers der Inneren Sphäre zu gehören schien. "Scotch?"
"Trinken um diese Uhrzeit?"
"Es ist eine besondere Gelegenheit", erwiderte der Elementare und stellte das filigrane Glas mit der fast klaren Flüssigkeit vor der jungen Frau ab.
"Vielleicht hast du Recht. Aber nur den einen. In Gedenken an die Tradition, die Ace pflegt", erwiderte sie und zog das Glas näher zu sich heran. Sie seufzte behaglich. "Herrlich, keine Stiefel. So sieht also das Paradies aus. Wenn Cord landet, schicke ihn umgehend zu mir. Ich will ihm ein paar Dutzend Verdienstmedaillen des Sternenbunds um den Hals hängen."
Pawly sah sie düster an. "McHale ist tot."
Entgeistert richtete sich die junge Frau im Sessel auf. "Was?"
"Er wurde schwer beschädigt und hat den letzten Angriff auf den Todesengel alleine geflogen. Kamikaze. Damit hat er das Schiff zerstört und uns alle in Kale Bay gerettet."
Übergangslos begannen Jeans Hände zu zittern. Sie langte nach dem Schnapsglas, doch erst beim dritten Versuch gelang es es ihr, den Stiel zu ergreifen. Mit einem heftigen Ruck stürzte sie den Schnaps die Kehle runter. Danach saß sie nur da und starrte ins Leere. "Verdammt! ICH habe ihn ausgebildet! ICH habe seine Karriere begleitet! Ich wollte ihn als Nathans Nachfolger aufbauen! Ich..." Sie schluckte heftig. "Lass mich allein, Hauptmann."
Der Infanterist wollte etwas erwidern, aber dann seufzte er nur. Er kannte sein Mädchen nun seit mehr als fünfzehn Jahren. Er wusste, wann etwas aussichtlos, gefährlich oder beides war.
"Ich bin drüben im Besprechungsraum. Zehn Minuten ab jetzt", sagte er ernst und zog die Tür hinter sich zu.
Jean starrte auf das Glas in ihren Händen. Dann warf sie es gegen die Granitwand ihres Büros. Es zersprang mit einem hellen Klirren, ebenso wie das Leben von Cord McHale in einem Gedanken geendet hatte. "Verdammt!", rief sie unbeherrscht. Leise begann sie zu schluchzen. Wie viele Vertraute, wie viele Freunde, wie viele Kameraden würden die Blakeis sie noch kosten? So fing es also an. Aber wo und wie endete es?
***
"Herrschaften!" Jean sah mit blitzenden Augen in die Runde. "Wie ihr alle mittlerweile wisst, hat sich Leutnant McHale selbst geopfert, um unseren Todesengel auszuschalten. Die letzten Telemetriedaten seiner Maschine sowie das Protokoll seiner Lebensüberwachung besagen, dass er nach dem letzten Glückstreffer ohnehin nicht mehr lange gemacht hätte. Es ist zynisch, so zu sprechen, ich weiß das. Aber wenn es für irgend jemand ein wenig Trost ist, so sei es drum." Sie atmete tief aus und wieder ein. Schließlich stieß sie einen derben Fluch aus. "Ich hasse es wenn meine Leute sterben. Stacy, nimm bitte ins Protokoll auf, dass ich Oberleutnant Cord McHale posthum zum Major befördere. Des Weiteren werde ich eine Verdienstmedaille des SBVS für ihn beantragen." Sie sah zur Seite. Robert?"
"Mit sofortiger Wirkung wurde Conrad zur Brevet-Majorin ernannt. Ich habe ihr ein provisorisches übergroßes Bataillon aus vier Kompanien zur Verfügung gestellt, das allerdings zur Hälfte aus Infanterie besteht. Der Rest teilt sich ziemlich genau in vier Lanzen Panzer und zwei Lanzen mittelschwere Mechs auf. Da wir die Lufthoheit über Towne haben, sehe ich allerdings keine große Gefährdung. Alles was Blakes Wort nach Gherst schafft, können wir jederzeit auskontern. Oder vorher versenken." Er warf einen kurzen Blick in seine Notizen. "Wir haben siebenundachtzig Gefangene gemacht, und fünfunddreißig Tote geborgen. Sieben Soldaten der Gegenseite, die laut STAN am Angriff beteiligt waren, gelten als verschollen. Die meisten von ihnen beim Angriff der Voss auf die Schwebepanzer in der Kale Bay. Wir haben ein Internierungslager für sie errichtet und lassen sie am Tage die Gefechtsschäden beseitigen, die ihre Leute angerichtet haben. Sie werden schwer bewacht, doch die Wachen sind eher zu ihrem Schutz da. da die SBVS die Truppen der Finger des Todes und von Blakes Wort - also du, Jean - zu Vogelfreien erklärt hat, glauben einige Anwohner der Hauptstadt, die Gefangenen wären quasi zum Abschuss freigegeben."
Jean runzelte die Stirn. Natürlich, die Angreifer nach der Vernichtung von Port Howard als Verbrecher wider der Ares-Konventionen zu Vogelfreien zu erklären war der richtige Schritt gewesen. Und die richtige Motivationsspritze für ihre Leute. Aber genauso natürlich stand es außer Frage, dass sich die Eagles für Schauhinrichtungen hergaben, oder die Gefangenen wie Freiwild wütenden Zivilisten auslieferte. Sie hatte mehr als einmal vor einem Mob gestanden, der zu Dingen in der Lage gewesen war, die jedem zivilisierten Menschen Ekel, Abscheu und tiefe Furcht eingeflößt hätte. Und sie hatte mehr als einen Menschen gesehen, der nach dem Erwachen aus dem kollektiven Wahnsinn Abscheu vor sich selbst empfunden hatte. Einige hatten sich aus dieser Abscheu heraus umgebracht. Andere nicht. "Ich weiß noch nicht was wir mit den Blakies machen, aber ich denke, ich würde Gherst und das dortige Internierungslager ab sofort gerne für alle Gefangenen nutzen. Allerdings werden wir zwei brauchen - eines für die Mitläufer und Bürger von Towne, die kollaboriert haben, und eines für die ganz harten Fanatikersäue."
"Dazwischen zu unterscheiden wird das große Problem werden", entgegnete Robert.
"Wir können die Anheizer nicht auf eine größere Menschengruppe los lassen", widersprach Jean. "Im Gegenteil. Wenn wir Gnade walten lassen, wenn sie merken das sie weiter leben dürfen, sind sie eventuell leichter zu handhaben."
"Verstanden, Ma'am. Wer sich mit den Eagles einlässt, muss mit einer solchen Entwicklung rechnen. Nicht das ich Ambitionen hätte, sämtliche Soldaten, die an der Bombardierung und Auslöschung unserer größten Stadt beteiligt waren, einem Exekutionskommando vorstellen möchte."
"Robert", mahnte Jean. "Zivilisation fängt genau hier an. So wie du Menschen behandelst, die dir ausgeliefert sind, so bist du. Und ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals für den Titel "Neuer Stefan Amaris" kandidiert hast."
"Keine Sorge, meine Überlegungen sind rein theoretischer Natur. Ich bringe doch nicht die größte Militärmacht Townes gegen mich auf."
Jean kommentierte die Sticheleien mit einem Schnauben.
Abwehrend hob der Miliz-Offizier die Hände. "Ich bin nicht Ace, Jean. Ich komme leider nicht annähernd an deine Moral-Ikone heran. Ich bin nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, kein Übergott, der alleine mit seiner Anwesenheit auf einem Planeten die Ares-Konventionen durch setzt."
"Es reicht mir, wenn du die Ares-Konventionen mit deinen Taten durchsetzt."
Die beiden maßen sich mit einem langen Blick.
Schließlich seufzte Robert wehmütig. "Ist sowieso alles nur Theorie. Ich habe mich deinem Kommando unterstellt, schon vergessen, Frau Oberst?"
Jean nickte grimmig. "Weiter im Text. Es ist uns gelungen, die Lufthoheit über Towne zu erobern und den Fingern des Todes auf Gherst tüchtig was auf selbige zu geben. Wie sieht die Situation sonst aus?"
Larry Crux ergriff das Wort. "Wir haben einige provisorische Lager für die Flüchtlinge aus Port Howard in den Bergen errichtet. Aber das kann nur ein Provisorium sein, das nur für den Sommer gilt. Der Winter in den Bergen ist zu hart. Wir müssen sie entweder nach Cimmerien bringen, oder Port Howard zurück erobern. Das sollte beim derzeitigen Stand der Dinge machbar sein. Die Finger des Todes haben gerade einen großen Teil ihrer Stärke eingebüßt, und teilen sich bei ihren Rekrutierungsversuchen noch weiter auf. Selbst wenn sie sich nach der Niederlage von Gherst wieder zusammen ziehen, können wir ihnen, solange sie so verstreut sind, tüchtig ein paar verpassen."
Zustimmend klopften die anderen Offiziere auf den Holotisch.
"Die örtliche Polizei kann uns dabei helfen. Uns erreichen stündlich Meldungen über Einheiten von Blakes Wort, die sich zu einer der anderen Städte aufgemacht haben. Selbst wenn davon nur achtzig Prozent akkurat sind, können wir ihnen vielleicht ein weiteres Viertel ihrer Militärmaschinerie abnehmen."
"Und was dann, Laddie?", klang MeisterTech Klynes Bassstimme auf. "Wie machen wir ab dort weiter? Wenn wir Towne zurück erobert haben, was dann?"
Der große bärbeißige Schotte sah einen nach dem anderen an. "Ich hoffe, ihr habt nae vergessen, dass wir nae Kontakt zu Ace und den anderen haben. Und bevor die Sassenach hier landeten, konnten wir etliche Welten nae mehr erreichen. Wir haben drei Prrobleme, Lads und Lasses.
Eins: Die Finger des Todes können jederzeit Verstärkungen erhalten, darrunter vielleicht sogarr ein Krriegschiff. Zwei: Selbst wenn es uns gelingt Towne zu nehmen, rrund herrum um uns herrrscht höchstwahrrscheinlich ein Goddamit War, den die Blakies führen. Drrei: Wir haben nae Ahnung, wie grroß diese Offensive ist, werr ihre Verrbündeten sin' und wen sie angegrriffen haben. Die Herrrscher der Nachfolgestaaten haben viele Feinde. Wir sollten in Betrracht ziehen, dass wir die einzige noch funktionierende SBVS-Einheit in Erdnähe sind. Und das uns höchstwahrrscheinlich niemand rraushauen kommt. Eine Offensive dieserr Grröße brraucht Jahrre derr Vorrbereitung. Und da wir nicht gewarrnt wurden, haben die Blakies eine exzellente Geheimhaltung. Wenn die Blakies schon so weit gekommen sind, dann können sie gewinnen. Ich weiß, das klingt nicht sehrr aufbauend, aberr wir sollten das in Betracht ziehen. Deshalb müssen wir uns auf den schlimmsten Fall vorrberreiten."
Stacy Orwell zuckte sichtlich zusammen. "Du meinst kapitulieren?"
"Ich meine Towne aufzugeben, Lass." Andrew sah jedem der Offiziere ernst in die Augen. "Lads und Lasses, die Blakies wollen hierr bleiben. Deshalb rrekrrutieren sie berreits Zivilisten, die ihrre Kampftruppen frei machen sollen. Und wenn Towne im Bürgerkrieg gegen sich selbst versinkt, erroberrn sie die nae Welt. Wenn wirr also merrken, dass wir nae gewinnen können, müssen wir einen Sammelpunkt suchen und finden. Um gemeinsam mit unseren Kamerraden wieder zuschlagen zu können."
Jean nickte ernst. "Du hast Recht. Wir haben absolut keine Ahnung, wie groß die Bedrohung wirklich für uns ist. Aber die Tatsache, dass sie sogar nach Towne gekommen sind, obwohl wir nicht gerade mit Wichtigkeit glänzen, spricht für sich. Ich wette, die Blakies und ihre Verbündeten sind mittlerweile auf nahezu jeder Welt, die einmal zur Terranischen Hegemonie gehört hat. Und wer weiß wie weit ihre Arme noch reichen."
"Das ist Wahnsinn!", rief Captain Hillary. "Wie konnten sie eine Operation dieser Größenordnung verheimlichen?"
"Mich beschäftigt eine ganz andere Frage", sagte Robert ernst. "Wenn die Eagles Towne verlassen, kann ich ihnen das nicht verdenken. Aber was wird aus meiner Miliz?"
"Entweder kommt ihr mit uns, oder ihr führt einen Guerilla-Krieg. Und das auch noch gegen die eigenen Leute", sagte Jean ernst. "Aber so weit sind wir noch nicht. Noch lange nicht.
Ein Gutes hat es, wenn sich Blakes Wort mit einhundert Planeten auf einmal angelegt hat. Sie können nicht von heute auf morgen Verstärkungen schicken. Ich wette, ihre Ressourcenlage ist enger als eine Jungfrau auf Echo V."
"Was für ein passender Vergleich, Jean. Allerdings neigen gewisse... Einheiten dazu, sich dem Sieger anzubiedern", mahnte Larry Crux. "Blakes Wort könnte sich mit etlichen Extremisten verbünden. Den Separatisten der Isle of Skye, dem Schwarzen Drachen, den Silberfalken... Und eventuell haben sie sich mehr gefügig gemacht als ein paar Söldnereinheiten aus den Peripherie-Staaten. Eventuell gehören ihnen diese Staaten mittlerweile, und wir erleben eine Umkehrung der Vereinigungskriege. Nur dass die Truppen der Peripherie-Staaten nun in die Innere Sphäre einfallen, und nicht umgekehrt."
"Was uns zum wichtigsten Punkt bringt. Wir brauchen dringend mehr Informationen. Und wir müssen irgendwen da draußen wissen lassen, dass es uns noch gibt. Ich denke nicht, dass Blakes Wort es geschafft hat, Tukkayyid zu erobern. Dort stehen ComStar und einige weitere SBVS-Einheiten die gegen die Clans einen Sperrriegel gen Terra bilden. Wenn wir irgendwo Informationen und Anweisungen erhalten können, dann sicher von dort, von Victor Martialum."
Die Offiziere schmunzelten bei dieser Wortschöpfung. Sie existierte, seit man den scheidenden Präzentor Martialum, Anastasius Focht, und den neuen, Victor Davion, unterscheiden musste. Ein typisches Slangwort. "Notfalls müssen wir uns mit den Clans verbünden", stellte sie mit eiserner Miene fest. Ein spitzbübisches Grinsen huschte über ihr Gesicht. "Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Außerdem, mein lieber Robert, selbst wenn wir bis nach Wayside V zurückgedrängt werden würden, kämen wir dennoch immer wieder nach Towne zurück, sei unbesorgt."
Der Miliz-Offizier runzelte die Stirn. "Den Blick kenne ich. Was hast du vor, Jean?"
Die Oberstleutnant lächelte geheimnisvoll. "Stacy, was empfängt die Black Box?"
Die Black Box war eine Erfindung des New Avalon Institut der Wissenschaften. Sie ermöglichte interstellare Kommunikation mit anderen Black Boxes. Bei weitem nicht so schnell wie mit der Hyperpulsgeneratortechnologie, aber es war immer noch besser als eine Sprungschiffstafette.
"Die letzten Meldungen, die herein kamen, waren Standby-Signale der großen Anlage auf New Avalon. Aber wenn das Funknetz reaktiviert wird, rechne ich jeden Tag mit dem entsprechenden Signal, Ma'am. Leider braucht die Black Box-Kommunikation von New Avalon bis zu uns fast zehn Tage."
"Ihr habt auch eine Black Box?", fragte Robert erstaunt.
"Ein kleines Hilfsmittel, das uns vor Operation Bulldog zugeteilt wurde. Wir haben es nie gebraucht. Vielleicht aber brauchen wir es jetzt. Dennoch, was uns hier und heute am meisten nützt, ist ein HPG. Also, Herrschaften, ist das HPG von Port Howard in der Lage zu senden und zu empfangen?"
Major Orwell erhob sich hastig. "Ich hole die Luftaufnahmen von Port!"
"Du hast einen Plan", stellte Robert fest. Es klang zufrieden.
"Ein Eagle hat immer einen Plan, treuer Vetter", erklärte sie treuherzig. "Und dazu mindestens noch zwei weitere Pläne für die Zukunft."
"Ich bin gespannt", sagte Robert schmunzelnd.
Larry schmunzelte ebenfalls, allerdings aus einem anderen Grund. Er ahnte, was Jean vor hatte. Und er ahnte, dass dieser Plan hinter dem Plan über das Schicksal der Eagles entscheiden würde. Vielleicht für Jahre.

36.
Es kam nicht oft vor, dass ich, seit wir Outreach erreicht hatten, gute Laune hatte. Oder dass mir nach singen, lachen und tanzen zumute war. Im Moment aber schien ein gigantischer Chor in meinem Herzen Jubilate zu singen, und nur mit meiner ganzen stoischen Ruhe gelang es mir, nichts von meiner Freude nach außen dringen zu lassen. Denn in genau diesem Moment öffnete sich vor mir die Tür zum Isolationstrakt, in dem wir jene Menschen untergebracht hatten, die eventuell dem Kampfstoff ausgesetzt gewesen waren. Nachdem einige Zivilisten aus Harlech bereits unter größten Qualen verstorben waren, hatten wir die Kontaminationen eingrenzen können. Die entsprechenden Gebiete hatten Besuch von zwei Vulcan erhalten. Ich wusste, es war nicht fair, sich darüber hinaus zu freuen, dass unsere Büroleute, sofern sie überlebt hatten, nicht mit diesem Höllenzeug angesteckt worden waren. Aber es hatte für mich etwas von höherer Gerechtigkeit. Doch das war nichts, absolut gar nichts gegen die Emotionen, die mich genau jetzt überschwemmten, als die riesige Frau in Felduniform der Eagles durch die Schleuse trat. Als hinter ihr die Außenschleuse wieder zu fuhr, streckte sie die Arme zu den Seiten weg und seufzte tief und lang. "Endlich frische Luft."
Ace schmunzelte bei diesem Anblick. Ein klein wenig zumindest. "Ich habe doch gesagt, ich lasse dich raus, Grace."
Die Infanteristin lächelte mich an. Nein, das war kein Lächeln, das war ein breites Grinsen. "Ich habe nie dran gezweifelt."
Ich räusperte mich, um den Kloß in meinem Hals los zu werden. "Bist du fit, Grace? Es steht eine Mission an, bei der ich dein Platoon gut gebrauchen kann."
"Ich habe drei Tage Däumchen gedreht. Ich könnte einen Union umwerfen."
"Dann bist du im Team." Ich klopfte ihr auf die breite Schulter. Dafür musste ich mich beinahe etwas recken. "Willkommen zurück, Leutnant." Gemeinsam verließen wir den Lazarett-Trakt.
"Schön, wieder zurück zu sein, Ace. Und, was ist das für eine Mission?"
"Oh, eine äußerst wichtige. Commander Wolf hat überlebt, weißt du?"
"Tatsächlich?" "Oh ja. Er hat die letzten Tage im Ausweicharchiv verbracht. Er ist dem Tod näher als dem Leben, aber jetzt wo das Ausweicharchiv angegriffen wurde und man die Attacke nur mit Mühe und Not abschlagen konnte, wird er nach Harlech zum Raumhafen gebracht, um ihn mit Hilfe eines Landers vom Planeten zu schaffen."
"Ich werde verrückt. Das ist starker Tobak."
"Allerdings. Es gibt einen Nachteil bei der Geschichte. Die Tatsache, dass der Commander lebt, dringt so mittlerweile bis in alle Winkel von Romulus. Versprengte Einheiten sammeln sich, um dem Commander zu folgen. Dabei machen sie naturgemäß etwas zu viel Lärm und sind auch etwas zu auffällig, vor allem im Funkverkehr."
"Naturgemäß", spottete Grace. "Und wer soll diesen Schwachsinn glauben?"
"Na, wer wohl? Die Finger des Todes natürlich." Ace grinste breit. "Sie werden kommen, so wie die Motten ins Licht fliegen."
"Ich hoffe, mit Licht meinst du den Mündungsblitz einer PPK."
"Nicht nur einer PPK."
"Dann sollten wir dafür sorgen, dass der gute alte Jaime Wolf die Aufmerksamkeit erhält, die ihm gebührt."
"Oh ja, das sollten wir", erwiderte ich schmunzelnd.
***