Thorsten Kerensky
08.04.2004, 03:16
Der Kampfschütze verharrte kurz, als die Rauchwolken am Horizont in Sicht kamen. Dort, wo fetter schwarzer Qualm in der Luft stand und von großflächigen Bränden sprach, sollte Freeman’s Town sein, die Hauptstadt dieses Planeten. Hinter dem Kampfschützen kam ein Hunchback zum Stehen, auch sein Cockpit in Richtung der Stadt gewandt.
Auf beiden Maschinen prangte über abblätternder Farbe eine frisch aufgemalte Drachenklau auf rotem Kreis. Ein Helikopter knatterte über die Köpfe der Mechs und ein kleiner Schweber schoss zwischen ihnen hindurch, er war nun auf freiem Feld und beschleunigte.
Nach dem kurzen Stopp setzten sich die beiden Mechs wieder in Bewegung.
In der Pilotenliege des Kampfschützen lag eine junge Frau. Man konnte sie getrost niedlich nennen und als Mechpilotin trug sie nur Hotpants, eine Kühlweste und Kampfstiefel, sowie den Neurohelm, der sie mit ihrem Mech verband. Sie ließ den rechten Steuerknüppel los und ihre Hand flog über die Funk-Armaturen. „Hey, Lana, siehst du das?“ Eigentlich eine überflüssige Frage, dann nachdem sie aus dem hügeligen Gelände heraus waren, war die Qualmwolke nicht zu übersehen.
„Ja, scheint, als wären wir zu spät.“
„Ich hasse es, zu spät zu sein.“ Die junge Frau klang niedergeschlagen. „Wir gucken jetzt, was wir noch tun können und danach sehen wir weiter. Dir Piraten werden nicht abhauen, solange sie nicht mit Plündern fertig sind und wir werden sie gleich dabei stören.“
Am anderen Ende der Leitung schwieg ihre Flügelfrau Lana kurz, bevor sie antwortete. „Was können diese Typen eigentlich gegen uns ins Feld werfen?“
„Nicht viel.“, kam die prompte Antwort. „Laut dem, was unser Auftraggeber gesagt hat, haben sie vielleicht eine leichte Panzerlanze, ein wenig Infanterie und ein unbewaffnetes Landungsschiff. Eventuell einen oder zwei Mechs. Wir sollten damit fertig werden.“
„Ja, wenn wir sie erwischen.“
Die beiden jungen Frauen schwiegen und setzten ihren Weg fort. Die Pilotin des Kampfschützen – Rima Drachenklau – ließ ihren Blick immer wieder über Radar und Statusmonitor ihres Mechs gleiten, als sie der Stadt näher kamen. Ein Knistern kündigte einen Funkspruch an. „Hey Rima, Treice hier, wir stoßen zu euch, die Umgebung ist soweit sicher. Unsere Vögel sind unterwegs, um die Wespen aus dem Nest zu treiben.“
Rima nickte stumm und antwortete erst verzögert. „Wir marschieren ins geschlossener Formation ein, Timo und Marc warten vor der Stadt, sie machen vorher eine Umrundung und gucken, was so los ist. Wenn die Vögel drüber sind, gucken sie, was in der Stadt passiert und treiben sie raus. Den Rest übernehmen wir und die Panzer.“ Timo und Marc waren die Aufklärer der Söldnereinheit und hatten mit dem Helikopter und dem Schweber gerade erst die beiden Mechs passiert, zu denen nun ein Heuschreck und ein Jenner stießen. Treice und Jerry. Die Vögel waren die drei Jäger der Dragonclaws. Zwei Luftraumjäger und ein Mechbuster, ein konventioneller Jäger mit einer gewaltigen Autokanone.
Die vier Panzer der Einheit, besser gesagt die drei Panzer und ein bewaffneter LKW, bewegten sich parallel zu den Mechs ein Stück weiter westlich auf die Stadt zu. So sah der Plan aus.
„Ja, okay.“, gab Treice zurück. „Wir laufen euch nicht weg.“
Rima antwortete nicht, sondern beschleunigte ihren Mech etwas und ging aus dem Marschtempo in ein Laufen über, womit sie auf etwa sechzig Kilometer in der Stunde kam. Auch Lana, Treice und Jerry beschleunigten auf dieses Tempo und die Dragonclaws näherten sich der Stadt jetzt unaufhaltsam.
Zehn Minuten später stießen sie über breite Asphaltstraßen in die Siedlung vor, von den hohen Häusern eingerahmt. Lana marschierte mit ihrem Hunchback voran, gefolgt vom Heuschreck, dem Jenner und zuletzt dem Kampfschützen, dessen Arme notfalls auch nach hinten feuern konnten. Die vier Panzer rumpelten auf Ketten und Rädern unter den Mechs entlang und ein Tosen kündete vom erneuten Überflug der Jäger. Wie zu erwarten waren die Piraten ausgeflogen und hatten nicht viel zurückgelassen, so schien es auf den ersten Blick. Die meisten Häuser zeigten Spuren von Gewalt, zerschossene Fenster, eingeschlagene Türen. Am Marktplatz war es am Schlimmsten, zwei Gebäude waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt, an zwei Straßenlaternen hingen Leichen und sämtliche Geschäfte waren geplündert worden.
Die acht Fahrzeuge der Dragonclaws kamen neben dem kleinen Schweber von Timo zum Stehen, gerade als Marc mit seinem Hubschrauber neben ihnen niederging. Rima ließ ihren Kampfschützen niederknien und schwang sich aus dem Stahlkoloss auf die Straße.
Ein paar Einwohner musterten sie mit starren, ausdruckslosen Blicken, ein paar sahen sie verachtend an, ein paar andere schienen sie für Engel zu halten. Rima räusperte sich in die Stile hinein, die nur vom leiser werdenden Rotor-Geräusch des Hubschraubers entschärft wurde. „Gibt es hier einen Bürgermeister oder so etwas?“
Eine Frau kreischte, ein junger Mann nahm sie in den Arm und tröstete sie, ein anderer trat vor Rima. „Sie müssen sie entschuldigen. Sie ist die Frau vom Bürgermeister und ihr Mann hängt mitsamt ihrem ältesten Sohn an den beiden Laternen dort.“
Die junge Söldnerin schluckte hart und nickte dann. „Dann sind sie so eine Art Anführer?“
„Ja, so in der Art. Ich bin der Polizeichef. Auch wenn die Polizisten zum größten Teil jetzt tot sind oder genauso verängstigt wie wir alle. Du musst Rima sein, oder?“ Sein Blick sprach Bände und drückte das aus, was wohl die meisten empfanden: Wut. Warum waren die Söldner nicht früher gekommen?
„Ja.“, gab die Anführerin der Dragonclaws zurück. „Wir hatten vor dem letzten Sprung einen Riss im Solarsegel und sind so schnell gekommen wie möglich. Was hier geschehen ist, tut mir leid.“
„Es tut ihnen leid.“, spie der Polizeichef zurück. „Was wissen sie davon schon?“
Die junge Frau trat einen Schritt auf den Mann zu. „In meiner Einheit sind verdammt noch mal alle Leute, inklusiver meiner Wenigkeit verdammte Waisen, ich weiß davon ne ganze Menge, glauben sie mir das.“ Ihre Augen glitzerten zornig, der Mann war zu weit gegangen.
Er schien die Gefahr zu spüren, die von Rima ausging und hob abwehrend die Hände. „Okay, wie sie wollen. Was werden sie jetzt gegen die Piraten tun?“
„Ist hier schon alles geplündert?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, wieso...“
„Dann kommen sie zurück und wir werden sie hier willkommen heißen, während meine Jäger ihr Landungsschiff zerschießen.“
„Sie wollen sie in der Stadt stellen?“ Der Polizist sah sie entsetzt an. „Das ist Wahnsinn. Das...“
Rima unterbrach ihn. „Evakuieren sie die Leute, bringen sie alle persönlichen Dinge in Sicherheit und sorgen sie dafür, dass es schnell geht. Je länger wir uns hier aufhalten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch mal zurückkommen. Sie koordinieren das und ich inspiziere in der Zeit die Stadt. Tut mir leid für sie, geht aber nicht anders.“
Der Mann sah ein, dass er keine Erfahrung von Krieg und Taktik hatte und nickte. „Gut, wie sie meinen.“
„Sammeln sie ihre Leute in den Bergen südlich von hier. Dort sind sie vor dem rauen Wind geschützt und es gibt dort frisches Wasser. Suchen sie die Leute heraus, die Medizin-Kenntnisse haben und lassen sie ihre Polizisten alles ordnen. Sie haben genau sechs Stunden, um die Stadt zu räumen.“
Rima streifte durch die Straßen und Häuser in der Nähe des Marktplatzes, beobachtete die hektisch packenden Menschen und begutachtete die Schäden, die von den Piraten bereits verursacht worden waren. In einer Wohnung lag ein erschossener Mann, in einer anderen deuteten nur Blutspuren auf eine Gewalttat hin. Die junge Frau fröstelte, obwohl sie in einen Uniformmantel gehüllt war. Zwei Straßen weiter, in einem anderen Wohnblock, war es still. Die Menschen waren schon weg, die Wohnungstüren standen offen und gaben den Blick frei auf durchwühlte oder hastig geräumte Wohnungen. Die Mechpilotin überflog im Kopf noch mal ihre Informationen, es waren ca. 200 Piraten in der Stadt gewesen, wenn sie in Gruppen von vier oder fünf Mann losgezogen waren, bedeutete das ungefähr vierzig Herde von Verwüstung und Zerstörung, vielleicht mehr, wenn die Zahlen falsch waren, die sie bekommen hatte. Dann war es kein Wunder, wenn so viele Häuser so gebeutelt waren von den Angriffen der plündernden Bande.
Ohne genau zu wissen, wieso, stieg Rima die Treppe des Hauses hinauf in den zweiten Stock und warf einen Blick in eine weitere Wohnung.
Ein Mann lag erschossen auf dem Boden, einer hässlichen blutige Schmierspur nach zu urteilen, war er vorher an der Wand heruntergerutscht, also wurde er von der Tür aus erschossen. Wahrscheinlich stand die Söldnerin nun genau dort, wo der Mörder gestanden hatte.
Sie setzte einen Schritt in die Wohnung und sah sich um. Schränke waren umgeworfen, Fenster eingeschlagen, Stühle zertrümmert.
Dann hörte sie leises Schluchzen aus einem anderen Raum. Die Soldatin schlich sich leise weiter und lugte durch die halb geöffnete Tür. Da saß ein Mädchen auf einem Bett, vielleicht fünfzehn Jahre alt und erst auf dem Weg, eine Frau zu werden. Ihr Kleid war zerrissen, das Bett zerwühlt und ihr Gesicht tränenüberströmt. Es fiel Rima nicht schwer, sich auszumalen, was dem Kind angetan wurde. Neben Plünderung und Mord stand auch Vergewaltigung recht weit oben auf der Liste der Dinge, die Piraten auf ihren Raubzügen so taten.
Leise stieß Lana die Tür auf und machte einen Schritt auf das Mädchen zu. Die Kleine sah auf, schrak zusammen und rutschte schreiend vom Bett, um sich dahinter zu verstecken, die Augen ängstlich auf Rima gerichtet.
Die junge Soldatin hob die Hände und fing an, beruhigend auf das Mädchen einzureden. „Hey, keine Angst, ich tu dir nichts.“ Sie erinnerte sich daran, dass sie auch einmal so hinter einem Bett gesessen hatte. Damals, als ihre Eltern ermordet worden waren. „Guck, ich bleibe hier stehen, wenn du nicht willst, dass ich weitergehe.“
Das Mädchen hörte auf zu schreien, blieb aber stumm weinend und mit leerem Blick sitzen. „Ich weiß, wie du dich fühlst.“, fuhr Rima fort. „Aber du kannst nicht hier bleiben. Du bist hier nicht sicher.“
Das Mädchen war erst fünfzehn, fuhr es Rima durch den Kopf. Sie stand unter Schock und war total neben sich. „Komm, ich will dir helfen. Komm mit, du bist sicher bei mir.“
Schluchzend sah die Kleine zu der Soldatin auf und zum ersten Mal sah Rima ihre haselnussbraunen Augen, die bislang von Strähnen des schwarzen Haares verdeckt gewesen waren. Rima machte einen Schritt nach vorne und als das Kind vor ihr ruhig blieb, ging sie neben ihr in die Hocke und legte ihr einen Arm um die Schulter. Völlig verstört zuckte sie zusammen, aber dann entspannte sie sich etwas. „Komm, steh auf, bitte. Ich bring dich weg von hier, ja?“ Sie zog das Kind auf die Beine, griff kurz in deren Kleiderschrank und zog ein paar Kleider hervor. „Zieh dir ein neues Kleid an, ich bin sofort wieder da.“
Das Mädchen sah Rima an und schluckte. „Bitte ... bleib.“
Ruhig antwortete die Mechpilotin ihr. „Ich komme gleich wieder, ich bin nur einen Moment weg. Versprochen.“
Ein Nicken antwortete ihr und Rima ging betont langsam und ruhig aus dem Zimmer. Draußen auf dem Flur bedeckte sie den Vater mit einem Tuch und warf einen Blick in ein anderes Zimmer. Dort lag eine ältere Frau, wohl die Mutter des Kindes, nackt und mit Blutergüssen und ziemlich erschossen auf einem breiteren Bett. Die Schweine hatten sich offenbar nicht mit der Mutter zufrieden gegeben und auch die Tochter vergewaltig. Abscheu für die Piraten überkam die Söldnerin und sie schloss die Tür, um zu dem Mädchen zurückzugehen.
Als sie in das Zimmer trat, legte sie wieder eine ruhige, freundliche Miene auf, denn das Kind musste nicht sehen, welcher Hass auf die Piraten in ihr tobte. Die einzige Überlebende aus der Familie trug nun eine blaue Jeans und einen viel zu weiten Pullover, die Kleider lagen unberührt auf dem Bett. Rima nahm einen Koffer, setzte sich auf das Bett und packte ein paar Klamotten ein, die sie im Schrank noch fand, so dass der Koffer voll war. Das Mädchen sah ihr stumm zu, bis sie fertig war und aufstand. „Wo sind meine Eltern?“, fragte sie dann plötzlich.
Rima schluckte. Sie hatte mit der Frage gerechnet, war aber trotzdem total überfahren. „Sie ... sie sind fort.“
„Tot, oder?“
Was hatte Rima eigentlich erwartet. Mit fünfzehn Jahren wusste man, was laute Schüsse und böse Männer im Haus bedeuteten. Lügen war hier sinnlos. „Ja, gab Rima zu. Deswegen musst du hier weg, verstehst du?“
Das Mädchen nickte mit ausdruckslosem Gesicht. Der Schock entfaltete seine volle Wirkung und schaltete jegliche Emotion ab. Die Gefühle, Wut, Trauer, Schmerz, all das würde wiederkommen aber nicht hier, nicht jetzt. Rima legte ihr einen Arm um die Schulter und führte sie aus dem Zimmer.
Auf dem Flur hingen Bilder.
Bilder, die eine glückliche Familie zeigten. Vater, Mutter und Tochter einträchtig lächelnd. Rima nahm drei Stück von der Wand, eins auf dem das Mädchen noch ein Baby war, ein recht aktuelles und eines, dass irgendwo dazwischen lag und steckte auch sie in den Koffer. „Komm mit, wir gehen jetzt.“, flüsterte sie dem Mädchen zu. „Ich bin Rima und du?“
Das Mädchen folgte ihr und schmiegte sich an sie. „Joanna. Joanna Roswald.“
Die beiden verließen das Haus und Rima fasste einen Entschluss, der ihr Leben auf den Kopf stellen würde.
Auf beiden Maschinen prangte über abblätternder Farbe eine frisch aufgemalte Drachenklau auf rotem Kreis. Ein Helikopter knatterte über die Köpfe der Mechs und ein kleiner Schweber schoss zwischen ihnen hindurch, er war nun auf freiem Feld und beschleunigte.
Nach dem kurzen Stopp setzten sich die beiden Mechs wieder in Bewegung.
In der Pilotenliege des Kampfschützen lag eine junge Frau. Man konnte sie getrost niedlich nennen und als Mechpilotin trug sie nur Hotpants, eine Kühlweste und Kampfstiefel, sowie den Neurohelm, der sie mit ihrem Mech verband. Sie ließ den rechten Steuerknüppel los und ihre Hand flog über die Funk-Armaturen. „Hey, Lana, siehst du das?“ Eigentlich eine überflüssige Frage, dann nachdem sie aus dem hügeligen Gelände heraus waren, war die Qualmwolke nicht zu übersehen.
„Ja, scheint, als wären wir zu spät.“
„Ich hasse es, zu spät zu sein.“ Die junge Frau klang niedergeschlagen. „Wir gucken jetzt, was wir noch tun können und danach sehen wir weiter. Dir Piraten werden nicht abhauen, solange sie nicht mit Plündern fertig sind und wir werden sie gleich dabei stören.“
Am anderen Ende der Leitung schwieg ihre Flügelfrau Lana kurz, bevor sie antwortete. „Was können diese Typen eigentlich gegen uns ins Feld werfen?“
„Nicht viel.“, kam die prompte Antwort. „Laut dem, was unser Auftraggeber gesagt hat, haben sie vielleicht eine leichte Panzerlanze, ein wenig Infanterie und ein unbewaffnetes Landungsschiff. Eventuell einen oder zwei Mechs. Wir sollten damit fertig werden.“
„Ja, wenn wir sie erwischen.“
Die beiden jungen Frauen schwiegen und setzten ihren Weg fort. Die Pilotin des Kampfschützen – Rima Drachenklau – ließ ihren Blick immer wieder über Radar und Statusmonitor ihres Mechs gleiten, als sie der Stadt näher kamen. Ein Knistern kündigte einen Funkspruch an. „Hey Rima, Treice hier, wir stoßen zu euch, die Umgebung ist soweit sicher. Unsere Vögel sind unterwegs, um die Wespen aus dem Nest zu treiben.“
Rima nickte stumm und antwortete erst verzögert. „Wir marschieren ins geschlossener Formation ein, Timo und Marc warten vor der Stadt, sie machen vorher eine Umrundung und gucken, was so los ist. Wenn die Vögel drüber sind, gucken sie, was in der Stadt passiert und treiben sie raus. Den Rest übernehmen wir und die Panzer.“ Timo und Marc waren die Aufklärer der Söldnereinheit und hatten mit dem Helikopter und dem Schweber gerade erst die beiden Mechs passiert, zu denen nun ein Heuschreck und ein Jenner stießen. Treice und Jerry. Die Vögel waren die drei Jäger der Dragonclaws. Zwei Luftraumjäger und ein Mechbuster, ein konventioneller Jäger mit einer gewaltigen Autokanone.
Die vier Panzer der Einheit, besser gesagt die drei Panzer und ein bewaffneter LKW, bewegten sich parallel zu den Mechs ein Stück weiter westlich auf die Stadt zu. So sah der Plan aus.
„Ja, okay.“, gab Treice zurück. „Wir laufen euch nicht weg.“
Rima antwortete nicht, sondern beschleunigte ihren Mech etwas und ging aus dem Marschtempo in ein Laufen über, womit sie auf etwa sechzig Kilometer in der Stunde kam. Auch Lana, Treice und Jerry beschleunigten auf dieses Tempo und die Dragonclaws näherten sich der Stadt jetzt unaufhaltsam.
Zehn Minuten später stießen sie über breite Asphaltstraßen in die Siedlung vor, von den hohen Häusern eingerahmt. Lana marschierte mit ihrem Hunchback voran, gefolgt vom Heuschreck, dem Jenner und zuletzt dem Kampfschützen, dessen Arme notfalls auch nach hinten feuern konnten. Die vier Panzer rumpelten auf Ketten und Rädern unter den Mechs entlang und ein Tosen kündete vom erneuten Überflug der Jäger. Wie zu erwarten waren die Piraten ausgeflogen und hatten nicht viel zurückgelassen, so schien es auf den ersten Blick. Die meisten Häuser zeigten Spuren von Gewalt, zerschossene Fenster, eingeschlagene Türen. Am Marktplatz war es am Schlimmsten, zwei Gebäude waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt, an zwei Straßenlaternen hingen Leichen und sämtliche Geschäfte waren geplündert worden.
Die acht Fahrzeuge der Dragonclaws kamen neben dem kleinen Schweber von Timo zum Stehen, gerade als Marc mit seinem Hubschrauber neben ihnen niederging. Rima ließ ihren Kampfschützen niederknien und schwang sich aus dem Stahlkoloss auf die Straße.
Ein paar Einwohner musterten sie mit starren, ausdruckslosen Blicken, ein paar sahen sie verachtend an, ein paar andere schienen sie für Engel zu halten. Rima räusperte sich in die Stile hinein, die nur vom leiser werdenden Rotor-Geräusch des Hubschraubers entschärft wurde. „Gibt es hier einen Bürgermeister oder so etwas?“
Eine Frau kreischte, ein junger Mann nahm sie in den Arm und tröstete sie, ein anderer trat vor Rima. „Sie müssen sie entschuldigen. Sie ist die Frau vom Bürgermeister und ihr Mann hängt mitsamt ihrem ältesten Sohn an den beiden Laternen dort.“
Die junge Söldnerin schluckte hart und nickte dann. „Dann sind sie so eine Art Anführer?“
„Ja, so in der Art. Ich bin der Polizeichef. Auch wenn die Polizisten zum größten Teil jetzt tot sind oder genauso verängstigt wie wir alle. Du musst Rima sein, oder?“ Sein Blick sprach Bände und drückte das aus, was wohl die meisten empfanden: Wut. Warum waren die Söldner nicht früher gekommen?
„Ja.“, gab die Anführerin der Dragonclaws zurück. „Wir hatten vor dem letzten Sprung einen Riss im Solarsegel und sind so schnell gekommen wie möglich. Was hier geschehen ist, tut mir leid.“
„Es tut ihnen leid.“, spie der Polizeichef zurück. „Was wissen sie davon schon?“
Die junge Frau trat einen Schritt auf den Mann zu. „In meiner Einheit sind verdammt noch mal alle Leute, inklusiver meiner Wenigkeit verdammte Waisen, ich weiß davon ne ganze Menge, glauben sie mir das.“ Ihre Augen glitzerten zornig, der Mann war zu weit gegangen.
Er schien die Gefahr zu spüren, die von Rima ausging und hob abwehrend die Hände. „Okay, wie sie wollen. Was werden sie jetzt gegen die Piraten tun?“
„Ist hier schon alles geplündert?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, wieso...“
„Dann kommen sie zurück und wir werden sie hier willkommen heißen, während meine Jäger ihr Landungsschiff zerschießen.“
„Sie wollen sie in der Stadt stellen?“ Der Polizist sah sie entsetzt an. „Das ist Wahnsinn. Das...“
Rima unterbrach ihn. „Evakuieren sie die Leute, bringen sie alle persönlichen Dinge in Sicherheit und sorgen sie dafür, dass es schnell geht. Je länger wir uns hier aufhalten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch mal zurückkommen. Sie koordinieren das und ich inspiziere in der Zeit die Stadt. Tut mir leid für sie, geht aber nicht anders.“
Der Mann sah ein, dass er keine Erfahrung von Krieg und Taktik hatte und nickte. „Gut, wie sie meinen.“
„Sammeln sie ihre Leute in den Bergen südlich von hier. Dort sind sie vor dem rauen Wind geschützt und es gibt dort frisches Wasser. Suchen sie die Leute heraus, die Medizin-Kenntnisse haben und lassen sie ihre Polizisten alles ordnen. Sie haben genau sechs Stunden, um die Stadt zu räumen.“
Rima streifte durch die Straßen und Häuser in der Nähe des Marktplatzes, beobachtete die hektisch packenden Menschen und begutachtete die Schäden, die von den Piraten bereits verursacht worden waren. In einer Wohnung lag ein erschossener Mann, in einer anderen deuteten nur Blutspuren auf eine Gewalttat hin. Die junge Frau fröstelte, obwohl sie in einen Uniformmantel gehüllt war. Zwei Straßen weiter, in einem anderen Wohnblock, war es still. Die Menschen waren schon weg, die Wohnungstüren standen offen und gaben den Blick frei auf durchwühlte oder hastig geräumte Wohnungen. Die Mechpilotin überflog im Kopf noch mal ihre Informationen, es waren ca. 200 Piraten in der Stadt gewesen, wenn sie in Gruppen von vier oder fünf Mann losgezogen waren, bedeutete das ungefähr vierzig Herde von Verwüstung und Zerstörung, vielleicht mehr, wenn die Zahlen falsch waren, die sie bekommen hatte. Dann war es kein Wunder, wenn so viele Häuser so gebeutelt waren von den Angriffen der plündernden Bande.
Ohne genau zu wissen, wieso, stieg Rima die Treppe des Hauses hinauf in den zweiten Stock und warf einen Blick in eine weitere Wohnung.
Ein Mann lag erschossen auf dem Boden, einer hässlichen blutige Schmierspur nach zu urteilen, war er vorher an der Wand heruntergerutscht, also wurde er von der Tür aus erschossen. Wahrscheinlich stand die Söldnerin nun genau dort, wo der Mörder gestanden hatte.
Sie setzte einen Schritt in die Wohnung und sah sich um. Schränke waren umgeworfen, Fenster eingeschlagen, Stühle zertrümmert.
Dann hörte sie leises Schluchzen aus einem anderen Raum. Die Soldatin schlich sich leise weiter und lugte durch die halb geöffnete Tür. Da saß ein Mädchen auf einem Bett, vielleicht fünfzehn Jahre alt und erst auf dem Weg, eine Frau zu werden. Ihr Kleid war zerrissen, das Bett zerwühlt und ihr Gesicht tränenüberströmt. Es fiel Rima nicht schwer, sich auszumalen, was dem Kind angetan wurde. Neben Plünderung und Mord stand auch Vergewaltigung recht weit oben auf der Liste der Dinge, die Piraten auf ihren Raubzügen so taten.
Leise stieß Lana die Tür auf und machte einen Schritt auf das Mädchen zu. Die Kleine sah auf, schrak zusammen und rutschte schreiend vom Bett, um sich dahinter zu verstecken, die Augen ängstlich auf Rima gerichtet.
Die junge Soldatin hob die Hände und fing an, beruhigend auf das Mädchen einzureden. „Hey, keine Angst, ich tu dir nichts.“ Sie erinnerte sich daran, dass sie auch einmal so hinter einem Bett gesessen hatte. Damals, als ihre Eltern ermordet worden waren. „Guck, ich bleibe hier stehen, wenn du nicht willst, dass ich weitergehe.“
Das Mädchen hörte auf zu schreien, blieb aber stumm weinend und mit leerem Blick sitzen. „Ich weiß, wie du dich fühlst.“, fuhr Rima fort. „Aber du kannst nicht hier bleiben. Du bist hier nicht sicher.“
Das Mädchen war erst fünfzehn, fuhr es Rima durch den Kopf. Sie stand unter Schock und war total neben sich. „Komm, ich will dir helfen. Komm mit, du bist sicher bei mir.“
Schluchzend sah die Kleine zu der Soldatin auf und zum ersten Mal sah Rima ihre haselnussbraunen Augen, die bislang von Strähnen des schwarzen Haares verdeckt gewesen waren. Rima machte einen Schritt nach vorne und als das Kind vor ihr ruhig blieb, ging sie neben ihr in die Hocke und legte ihr einen Arm um die Schulter. Völlig verstört zuckte sie zusammen, aber dann entspannte sie sich etwas. „Komm, steh auf, bitte. Ich bring dich weg von hier, ja?“ Sie zog das Kind auf die Beine, griff kurz in deren Kleiderschrank und zog ein paar Kleider hervor. „Zieh dir ein neues Kleid an, ich bin sofort wieder da.“
Das Mädchen sah Rima an und schluckte. „Bitte ... bleib.“
Ruhig antwortete die Mechpilotin ihr. „Ich komme gleich wieder, ich bin nur einen Moment weg. Versprochen.“
Ein Nicken antwortete ihr und Rima ging betont langsam und ruhig aus dem Zimmer. Draußen auf dem Flur bedeckte sie den Vater mit einem Tuch und warf einen Blick in ein anderes Zimmer. Dort lag eine ältere Frau, wohl die Mutter des Kindes, nackt und mit Blutergüssen und ziemlich erschossen auf einem breiteren Bett. Die Schweine hatten sich offenbar nicht mit der Mutter zufrieden gegeben und auch die Tochter vergewaltig. Abscheu für die Piraten überkam die Söldnerin und sie schloss die Tür, um zu dem Mädchen zurückzugehen.
Als sie in das Zimmer trat, legte sie wieder eine ruhige, freundliche Miene auf, denn das Kind musste nicht sehen, welcher Hass auf die Piraten in ihr tobte. Die einzige Überlebende aus der Familie trug nun eine blaue Jeans und einen viel zu weiten Pullover, die Kleider lagen unberührt auf dem Bett. Rima nahm einen Koffer, setzte sich auf das Bett und packte ein paar Klamotten ein, die sie im Schrank noch fand, so dass der Koffer voll war. Das Mädchen sah ihr stumm zu, bis sie fertig war und aufstand. „Wo sind meine Eltern?“, fragte sie dann plötzlich.
Rima schluckte. Sie hatte mit der Frage gerechnet, war aber trotzdem total überfahren. „Sie ... sie sind fort.“
„Tot, oder?“
Was hatte Rima eigentlich erwartet. Mit fünfzehn Jahren wusste man, was laute Schüsse und böse Männer im Haus bedeuteten. Lügen war hier sinnlos. „Ja, gab Rima zu. Deswegen musst du hier weg, verstehst du?“
Das Mädchen nickte mit ausdruckslosem Gesicht. Der Schock entfaltete seine volle Wirkung und schaltete jegliche Emotion ab. Die Gefühle, Wut, Trauer, Schmerz, all das würde wiederkommen aber nicht hier, nicht jetzt. Rima legte ihr einen Arm um die Schulter und führte sie aus dem Zimmer.
Auf dem Flur hingen Bilder.
Bilder, die eine glückliche Familie zeigten. Vater, Mutter und Tochter einträchtig lächelnd. Rima nahm drei Stück von der Wand, eins auf dem das Mädchen noch ein Baby war, ein recht aktuelles und eines, dass irgendwo dazwischen lag und steckte auch sie in den Koffer. „Komm mit, wir gehen jetzt.“, flüsterte sie dem Mädchen zu. „Ich bin Rima und du?“
Das Mädchen folgte ihr und schmiegte sich an sie. „Joanna. Joanna Roswald.“
Die beiden verließen das Haus und Rima fasste einen Entschluss, der ihr Leben auf den Kopf stellen würde.