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Darkness
11.03.2005, 10:08
A Marshals Life

1. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 1 Mai 3063

Kolonialmarshal Evverson Brock rieb sich die größer werdende Beule an seiner Stirn, die er sich geholt hatte nachdem jemand ihn überraschend gerufen hatte. Er war gerade bis zu seiner Hüfte im Knie seines BattleMechs verschwunden um eines dieser verdammten Chiquieri-Hühner zu fangen, das sich auf der Flucht vor einem Hund dorthin geflüchtet hatte. Heute war er nun wirklich nicht in Stimmung um den Besitzer der Stimme zu treffen.

Er grub sich aus der Wartungsluke und lehnte sich lässig mit den Unterarmen auf das Geländer des Wartungsgerüsts. Knapp 6 Meter unter ihm stand der Störenfried: "Gouverneur" Jeffrey Sikes war knapp 1,55 m groß, kahlköpfig und fettleibig. Dem Mann bekam das trockne, heiße Klima auf diesem Planeten scheinbar nicht, denn er hustete und schwitzte in einem fort. Den Titel des Gouverneurs hatte sich Sikes, genauso wie fünf andere allein auf diesem Kontinent, selbst zugelegt. Eigentlich war er wenig mehr als ein Farmbesitzer der zu etwas Geld gekommen war. Sikes wurde wie üblich von fünf seiner Schläger, seiner Polizeitruppe, begleitet. Er beschäftigte insgesamt 30 dieser mürrisch dreinblickenden Söldner und Tagediebe.

"Was verschafft mir das Vergnügen Ihres Besuches Gouverneur?" fragte Brock mit mehr Freundlichkeit als er eigentlich empfand.

"Guten Tag Marshal." Die Stimme des kleinen Mannes klang genauso unangenehm wie er im allgemeinen roch. "Ich wollte nach Ihrem Befinden fragen und bei dieser Gelegenheit Sie und Ihren Stab zu einem Dinner anlässlich des Geburtstages meines Sohnes in mein Haus einladen."

Brock musste bei dem Wort "Stab" lächeln. Eine Sekretärin, Laura, knapp über 60 und Brian Holloway, ein alternder Deputy Mitte fünfzig. Wahrscheinlich standen sie beide auf Sikes Gehaltsliste, denn wie alle Kolonialmarshals operierte Evverson üblicherweise allein.

Der dicke Mann schien das Lächeln als Zustimmung zu deuten. "Gut. Dann also heute Abend gegen 20:00 Uhr. Ich freue mich." Ohne eine Antwort abzuwarten drehte sich der Mann um und verließ mit seinem Gefolge den Mechhangar.

Brock sah zur Decke. Der Mechhangar, wie Sikes ihn gerne nannte, war eigentlich eine größere Scheune mit einem nachträglich angebrachten Spezialtor, damit ein BattleMech von der Größe von Brocks Marshal hindurchpasste. Er lag mitten in der Stadt Gathering Hill oder besser gesagt dem Städtchen, Einwohnerzahl knapp über 5000.

Er fasste sich in die Brusttasche seines Overalls und nestelte nach seinen Zigaretten. Kurze Zeit später erfüllte blauer Dunst die Luft, in dem sich das Licht das durch die Ritzen in Dach und Wänden fiel, abzeichnete. Was hatte der dicke Kerl jetzt schon wieder vor? Beim letzten Treffen zum Dinner hatte er versucht Brock zu bestechen. Beim vorletzten Dinner, dem ersten, hatten zwei seiner Schläger versucht seinen Marshal, den einzigen BattleMech auf Last Chance, zu stehlen waren aber an den Sicherheitseinrichtungen gescheitert.

Brock schüttelte den Kopf und nahm einen tiefen Zug. Er liess den Kopf hängen und wurde schmerzhaft an den Unterschenkelaktivator erinnert in dessen Nähe sich noch immer ein Teil der hiesigen Fauna tummelte. Er seufzte und drückte die Zigarette am Geländer aus. Es gab noch was zu tun.

Kurz vor zwanzig Uhr an diesem Abend bot sich den zufälligen Zuschauern vor Gouverneur Sikes Anwesen ein nicht ganz alltägliches Schauspiel. Auf der Strasse, besser gesagt dem hartgefahrenen Grund, fuhr ein Geländewagen der außer den Marshalsternen auf den Türen jedem Farmer im Umkreis hätte gehören können. Der Verbrennungsmotor des alten Gefährts wurde jedoch vom stampfen des ihm folgenden 55 Tonnen schweren MHL-X1 Marshal mehr als übertönt. Der Mech war in einem Wüstentarnschema bemalt und auf der linken Brust, knapp über dem Zwillings MG, prangte das Zeichen der Kolonialen Marshals. Ein silberner alter Sheriffstern auf einem Feld aus Sternen. Ein Hyänenhund, die hiesige Koyotenart, rannte über den Weg und wurde von den Scheinwerfern des Jeeps angestrahlt. Die nahende Nacht erfüllte die Umgebung mit allerlei Geräuschen. Hier und da hörte man eine der Hyänen jaulen.

Evverson saß im Cockpit des Marshal. Seine Gedanken waren immer noch bei den Plänen Sikes´. Was war es diesmal? Ein Anschlag? Er hatte vorsichtshalber seine kugelsichere Weste angezogen und auch seine Sternennacht Automatik Pistole hing in seinem Hüftholster. Wenn es heute zu einem Zwischenfall kommen sollte, würde der dicke Kerl diesen Geburtstag seines Sohnes niemals vergessen.

Die Farm kam langsam in Sicht. Er vergrößerte das Bild und besah sich die Szenerie genauer. Ein grosses Haupthaus, das aus dem Zusammenbau von mehreren kleineren Häusern bestand, dominierte die Farm unübersehbar. Auf der Veranda, welche die komplette Front des Haupthauses einnahm, standen oder saßen mehrere Männer von Sikes Söldnertruppe. Die Söldner waren wenig mehr als eine kleine Infanterieeinheit. Nicht sehr gut ausgebildet, was Kommandotaktiken anging aber mehr als genug um kleinere Farmer und Stadtbewohner zu unterdrücken und Schutzgeld zu erpressen. Evverson wusste schon länger von diesem "Nebenverdienst" Sikes aber er hatte es ihm noch nie nachweisen können. Links neben dem Haupthaus stand eine Scheune, in der Sikes Chancestiere und anderes Kleingetier hielt. Sie waren seine Haupteinnahmequelle und nach der Größe der Scheune zu urteilen, besaß er eine der größten Herden dieses Kontinents. Rechts neben dem Haupthaus befand sich ein überdachter Abstellplatz, der Fuhrpark, auf dem neben einigen gängigen Geländewagen und Schwebern, auch ein alter Panzer von Typ Rommel stand. Brock schätzte, dass dieser Panzer von den Söldnern mitgebracht worden war. Der Besitz von Waffen war keineswegs verboten aber Brock bekam Magenschmerzen bei dem Gedanken, dass ein Kerl wie Sikes eine solche Waffe besaß.

Die Sonne verschwand gerade gänzlich hinter dem Horizont als der kleine Tross die Farm erreichte. Evverson musste sich bücken um das Schild, das über dem Eingang zum Hof der Farm hing, nicht herabzureißen. Er stellte seinen Mech vor der Veranda des Haupthauses ab und verriegelte die Beine des Riesen. Der Marshal war gerade dabei seine Uniformjacke anzulegen, als er aus dem Fenster sah. Vor dem Mech stand ein kleiner Junge, vielleicht 11 oder 12 Standardjahre alt. Seine Augen und sein Mund waren weit aufgerissen. Scheinbar hatte der Kleine noch nie einen BattleMech aus der Nähe gesehen. Brock lächelte. Die kindliche Unschuld und das Unwissen, zu was für schrecklichen Dingen solche Maschinen fähig waren rührte ihn.

Er öffnete die Cockpitluke und ließ die Strickleiter hinunter. Der Kleine sprang hastig nach Hinten um ihm Platz zu machen. Der Mechkrieger stieg zum Boden herab , ging auf ein Knie und begrüßte den Jungen mit einem freundlichen Lächeln. "Hallo mein Kleiner, bist du das Geburtstagskind?"

"J-ja, S-sir. M-marshal Sir. Ich heiße Ryan." stammelte der kleine Junge dessen Blick förmlich an dem Marshalstern auf Evversons Jacke klebte.

"Also dann herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Ryan." Brock drückte dem Kleinen eine Imitation eines Deputysterns in die Hand. "Damit mein Junge bist du offizielles Mitglied der kolonialen Marshalverbände, meinen Glückwunsch Deputy Ryan." Das Leuchten in den Augen des Jungen verriet echte Freude. Vielleicht wurde das heute doch ein schöner Abend.

Diese Hoffnung starb einen schnellen Tod, als Gouverneur Sikes die Veranda betrat. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Anscheinend war es ihm gar nicht recht dass der Marshal seinen BattleMech zu der kleinen Feier mitgebracht hatte. Wahrscheinlich fühlte er sich von der gewaltigen, humanoiden Maschine bedroht. Er hatte auch allen Grund dazu, war der Mech doch die mächtigste Waffe auf diesem Planeten.

Seine Stimme wurde zuckersüß als er seinen Sohn zu sich rief. Dann wandte er sich wieder Brock zu, bei dem sich mittlerweile dessen "Stab" versammelt hatte und er nahm seinen normalen, schnarrenden Ton wieder an. "Wie schön, dass Sie gekommen sind Marshal. Bitte, kommen Sie doch rein."

Wie üblich drehte sich Sikes ohne eine Antwort abzuwarten um und führte seinen Sohn an der Hand ins Haus. Evverson schüttelte den Kopf und folgte dem Farmbesitzer in einigem Abstand. Die Gesichter der Söldner die ihm begegneten waren nicht nur unrasiert, sie waren großteils auch dreckig. Einige dieser Gestalten zierten mit großer Sicherheit Steckbriefe. Evverson war sich sicher, dass einige dieser "Söldner" abgehalfterte Piraten waren, die hier eine neue Bleibe gefunden hatten. Der einzige Grund, weshalb er diese Kerle noch nicht inhaftiert hatte, war der, dass die Anwesenheit der Söldner einige der anderen Gouverneure davon abhielt Raubzüge auf Sikes Land zu verüben und so noch mehr Leid über die Bevölkerung zu bringen. Brock betrachtete das als notwendiges Übel und so lange niemand Anzeige gegen diese Taugenichtse erstattete waren ihm sowieso die Hände gebunden.

Das Haus machte von Innen genau denselben Eindruck wie von außen: Etwas schäbig aber durchaus gemütlich und mit etwas Luxus ausgestattet. Die Vorhalle war, wie das ganze Gebäude komplett aus Holz. Brock fand es gemütlich und Sikes mit Sicherheit, denn die anderen Gebäude der Farm waren aus Beton.

Nach einem reichhaltigen Abendessen, verabschiedete sich Ryan und ging zu Bett. Mittlerweile war es kurz vor Mitternacht. Jetzt endlich schien Sikes zu geruhen dem Marshal seine Absichten zu offenbaren, denn er zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück.

"Möchten Sie etwas trinken, Mr. Brock?" fragte der Grundbesitzer süffisant.

"Danke, einen Fruchtsaft bitte." Brock rauchte zwar aber er lehnte Alkohol in jeder Form ab. Ein Laster war ihm genug.

"Sie fragen sich sicher, warum ich Sie hierher eingeladen habe..." begann der Gouverneur.

"Wenn Sie so direkt fragen, in der Tat. Sir." Evverson hatte genug von der Farce. Er wollte wissen was im Busch war.

"Sie sollen es erfahren. Ich habe Sie hierher gerufen um Ihnen ein Angebot zu machen." fuhr der Gouverneur fort.

"Wenn es sich wieder um eine Bestechung handelt, Sikes, brauchen Sie gar nicht erst weiterzureden. Ich lehne ab." Der Mechkrieger versteifte sich etwas und machte sich bereit aus dem Haus verschwinden zu müssen.

"Sie missverstehen meine Absichten, Mr. Brock. Ich wollte Ihnen einen Waffenstillstand anbieten." Jetzt war der Marshal überrascht.

"Reden Sie weiter."

"Wir hatten einen schlechten Start und ich bedauere meine jüngsten Versuche Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten. Sie wissen sicher, dass ich eine der größten Farmen auf diesem Planeten mein Eigen nenne. Sie wissen natürlich auch, dass ein solcher Grundbesitz beschützt werden muss." Der Gouverneur setzte sich in einen ausladenden Bürosessel während er sprach und nippte an seinem Glas. "Es ist Ihre Aufgabe darüber zu wachen, dass in einer Welt wie unserer das Gesetz aufrechterhalten wird."

"Erzählen Sie mir nichts, was ich nicht schon weiß, Sikes. Kommen Sie zum Thema." Brock wurde langsam ungehalten. Der Mann redete um den heißen Brei herum und sowas schätzte der Marshal überhaupt nicht.

"Sie sind ungehobelt aber das will ich Ihnen noch mal verzeihen." Der dicke Farmer lehnte sich zurück. "Ich biete Ihnen folgendes an: Unterstützen Sie meine Schutztruppe bei der Sicherung der Farm und meine Leute werden Ihnen bei der Sicherung von Gathering Hill helfen." Sikes lächelte erwartungsvoll.

Evverson war heute zum zweiten mal verwundert. Sein Verstand arbeitete fieberhaft, suchte nach dem Haken in der Geschichte. Er fand nichts. "Ein interessanter Vorschlag, Mr. Sikes. Wo steckt das ABER in dieser Angelegenheit?" er betonte das Wort bewusst um Sikes zu zeigen, dass er zwar interessiert aber immer noch misstrauisch war.

"Es gibt kein ABER, Marshal. Sie bleiben weiterhin unabhängig und werden von mir in keiner Form belästigt oder behindert. Was sagen Sie?" Der Gouverneur stellte sein Glas ab und entzündete eine Zigarre. "Auch eine?"

Brock schüttelte den Kopf. "Ich habe selber welche." Der Qualm der Zigarre vermischte sich mit dem der Zigarette in seiner Hand. Er senkte seine Stimme so sehr, dass Sikes genau auf seine nächsten Worte achten musste. "Lassen Sie es mich so sagen: Ich nehme an ABER wenn Sie mich betrügen oder eine Ihrer Zusagen diesmal nicht einhalten, reiße ich Ihnen den Arsch auf und trete Ihren Kopf bis nach Taurus. Habe ich mich klar ausgedrückt Herr Gouverneur?"





2. Kapitel

Outer Rim, 50 km südlich von Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 5 Mai 3063

Der mittelschwere Mech marschierte stampfend durch das Tal. Immer wieder liefen kleinere Tiere vor ihm davon und flüchteten in kleine Erdspalten. Doch der Pilot des Marshal suchte nicht nach Erdhörnchen. Er war etwas anderem auf der Spur.

Seit dem Abkommen mit Sikes waren vier Tage vergangen. Bis Gestern war es bemerkenswert ruhig in der Stadt gewesen und Brock hatte tatsächlich etwas Vertrauen in die Abmachung gefunden. Einen Tag zuvor war der AgroMech vom alten Bane, einem kleinen Bauern, dessen Farm knapp außerhalb der Stadt lag gestohlen worden. Der Marshal hatte leider erst vor drei Stunden von dem Diebstahl erfahren und war sofort aufgebrochen um den Dieb zu stellen. Kurz vor seiner Abreise hatte ihn Deputy Holloway davon in Kenntnis gesetzt das vor einem Monat zwei schwere MGs aus einem alten Militärlager auf der Südseite der Stadt verschwunden waren. Unter Umständen waren diese bereits auf dem AgroMech installiert worden.

Brock schnaubte. Ein AgroMech mit MGs stellte keinen Gegner für seinen Mech dar aber eine Farm konnte diese Arbeitsmaschine ohne größere Probleme angreifen und schwer treffen.

Der Torso des Marshal schwang suchend von links nach rechts. Das Tal war recht eng und die Wände stiegen 80 Meter steil gen Himmel. Es war bereits Abend und Evverson schaltete den Restlichtverstärker ein um die Umgebung besser beobachten zu können.

Plötzlich meldete sich sein Magnetischer Anomalie Detektor. Der MAD zeigte eine unbekannte Spur, die sich langsam von seiner Position entfernte. Evverson atmete auf. Endlich hatte er den Mech gefunden. Er versetzte den Marshal in einen donnernden Galopp und nahm direkten Kurs auf das Signal. Der Mech hinterließ tiefe Fußabdrücke in dem weichen Boden, der das Tal bedeckte als seine gewaltigen Schritte die Erde erzittern ließen.

Dann sah er ihn. Etwa einen Kilometer voraus bewegte sich der Pitban Metalworks AGP ErnteMech. Die Maschine war für große Ernten ausgelegt und wog unbeladen etwa 80 Tonnen. Er ging auf vier Beinen aber sein massiger Rumpf war so gut wie überhaupt nicht gepanzert. Der Marshal kam zum stehen und aktivierte den Suchscheinwerfer auf der rechten Schulter seines Mechs und die Außenlautsprecher.

"Hier spricht Kolonialmarshal Evverson Brock, Vertreter des Taurus Konkordats auf diesem Planeten! Bleiben Sie sofort stehen! Ihr Spiel ist aus. Ich verhafte Sie wegen Diebstahls eines Agrarfahrzeugs!" Brock hoffte das der Bandit aufgeben würde, er wollte ihn nur ungern töten. Nicht weil er Bedenken gehabt hätte sondern weil der Mech der Besitz des alten Bane war und er dem nicht die einzige Einnahmequelle nehmen wollte die dieser besaß, was mit Sicherheit passieren würde, sollte der Bandit das Feuer eröffnen oder sich anderweitig zur Wehr setzen.

Der AgroMech drehte sich schwerfällig um. Brock vergrößerte das Bild und seine Hoffnung erstarb. Er hasste diese Welt. Der AgroMech war bewaffnet!

Mehrere MGs und ein Raketenwerfer waren nachträglich auf dem Torso befestigt worden. Der Bandit nahm Fahrt auf und kam mit gemächlichen 30 km/h auf den Marshal zu. Brock zögerte seinen LSR-Werfer einzusetzen, da er die Agro-Maschine nicht vollkommen zerstören wollte.

Der massige 80 Tonner bewegte sich wie eine überdimensionale Krabbe. Seine großen Erntevorrichtungen schnappten auf und zu, wohl eine Eigenart dieser Maschine denn Evverson war sich sicher, dass diese Scheren seiner Maschine keinen nennenswerten Schaden zufügen konnten. Die Entfernung zwischen den beiden Giganten schmolz dahin und als sie die Marke von 400 m unterschritt eröffnete der Bandit das Feuer. 20 Raketen schossen mit flammendem Antrieb auf den Marshal zu und hinterließen jede für sich eine rußschwarze Rauchspur. Brock hatte das Vorausgesehen und reagierte bereits als die erste Rakete den Werfer verließ.

Der Torso seiner Maschine schwang herum und der Mech machte einen Schritt zur Seite. Selbst in der Enge der Schlucht hatte dieses Manöver einen durchschlagenden Erfolg. Auf den modernen Schlachtfeldern der Inneren Sphäre galten ungelenkte Raketen seit langem als billige Massenware. Die neueren Sprengköpfe wurden von sogenannten Artemis- und anderen Lenksystemen ins Ziel geführt. Die Raketenwerfer in der Peripherie jedoch waren weit von diesem technischen Standard entfernt. Der Werfer konnte nur einmal abgefeuert werden und hatte bei weitem nicht die Streudichte und Reichweite einer LSR-Lafette. Mehrere Raketen schlugen schon auf dem Weg gegen die Schluchtwände, wo sie große Brocken des roten Gesteins absprengten, die polternd und qualmend zu Boden fielen. Andere wiederum verließen komplett ihre Bahn und wirbelten umher bevor sie in den Boden schlugen oder steil nach oben stiegen. Die letzten Projektile setzten ihren Weg fort aber ihr Ziel war längst nicht mehr dort wo der Schütze es vermutet hatte.

Brock sah den Raketen kurz hinterher und schüttelte den Kopf. Warum glaubte nur jeder, der einen AgroMech steuern konnte, zum Mechkampf geboren zu sein? Er drehte seine Maschine wieder und besah sich amüsiert den Banditen, der etwas überrascht schien. Die Rauschwaden der Raketen und die Wolken aufgewirbelten Sands und Drecks hatten ihm wohl die Sicht genommen. Er hatte wahrscheinlich alles erwartet aber nicht einen völlig unbeschädigten BattleMech in Geschützreichweite.

"Netter Versuch, Kleiner. Du hast noch eine Chance aufzugeben. Steig aus oder ich hole dich." Evverson musste den Außenlautsprecher abschalten sonst hätte er laut losgelacht. Die Erntemaschine bebte etwas, anscheinend zitterte der Pilot an den Kontrollen dermaßen, dass er die Steuerknüppel ständig verriss. Er richtete den Mech zu dessen vollen Größe auf und ging langsam auf die vierbeinige Maschine zu. Wenn der Bandit keine Dummheiten beging konnte er den Tag vielleicht doch noch erfolgreich zum Abschluss bringen.

Brock kam dem Banditen immer näher und dieser wurde scheinbar immer unruhiger. Er feuerte auf 200 m die MGs seiner Maschine ab aber die Entfernung war zu groß um mehr als ein paar Macken in den Lack des Marshal zu schlagen. Evverson hob den rechten Arm seiner Maschine und machte den schweren Laser an dessen Unterseite scharf. Der Saphirgrüne Lichtspeer zuckte knapp an dem ErnteMech vorbei und zerschmolz hinter ihm Sand und Fels gleichermaßen zu Glas.

"Das war meine letzte Warnung, Bursche. Gib auf und du landest nur im Kittchen anstatt in einem Sarg." Langsam wurde es dem Marshal zu bunt. Der Kerl wusste genau, dass er nicht den Hauch einer Chance gegen den BattleMech hatte aber trotzdem versuchte er mit allen Mitteln einen Kampf vom Zaun zu brechen. Was ging hier vor?

Plötzlich beschleunigte die Erntemaschine und kam in gestrecktem Galopp auf Evversons Mech zu. Das MG-Feuer das um diesen herum einschlug oder harmlos abprallte machte dem Marshal kein Sorgen. Ihm graute vor dem was geschehen konnte, wenn die massige Maschine es schaffen sollte seinen Mech zu rammen. Er machte nun alle Waffen seines Stahlriesen schussbereit und visierte den herandonnernden Banditen an. Der mittelschwere Laser schmolz eine gerade Bahn hoch in den linken Torso. Kleinere Sekundärexplosionen zeichneten die Bahn des Lasers nach und Funken schlugen aus dem geschmolzenen Metall. Der mittlere Impulslaser sandte ein Stakkato an blutroten Lichtnadeln in den breiten Rumpf der vierbeinigen Maschine und lösten in ihrem Inneren ein heilloses Chaos aus. Hinter den dampfenden und teilweise geschmolzenen Öffnungen konnte man deutlich elektrische Entladungen erkennen, anscheinend waren mehrere Leitungen und Kondensatoren geschmolzen. Der schwere Laser jedoch richtete den größten Schaden an. Der Lichtblitz bohrte sich direkt in das Kniegelenk des rechten vorderen Beins und schmolz dieses zu einem unkenntlichen Klumpen glühenden Metalls. Der nächste Schritt des Ernters brach das Gelenk vollends in zwei Teile und das Mechbein gab nach. Der AgroMech donnerte mit ohrenbetäubendem Lärm auf den Talboden und blieb regungslos in einer gewaltigen Staubwolke liegen.

Endlich stieg der Bandit aus. Er versuchte zu Fuß zu entkommen aber Brock wusste das mit einer Garbe seiner MGs vor dessen Füßen, die einige Splitter und Staub über den Mann verteilte, effektiv zu unterdrücken. Er markierte die Position des Ernters auf seiner Karte und machte sich mit seinem Gefangenen, den er mit der linken Mechfaust packte, auf den langen Rückmarsch nach Gathering Hill. Den Banditen selbst würde er dort befragen. Für heute hatte er genug von der Einöde des Outer Rim.



3. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 6 Mai 3063

Evverson schaute dem Banditen in die Augen. Der Mann, dessen Name Willis Cardonez lautete, schwieg schon seit zwei Stunden. Der Marshal hatte eine Engelsgeduld, was Verhöre anging und hatte seine anfängliche Frage nach dem Warum des Diebstahls nur einmal gestellt. Mittlerweile rauchte er schon die zweite Zigarette. Cardonez trug den rechten Arm in einer Schlinge. Er hatte ihn sich beim Sturz des Ernters verrenkt. Licht fiel von draußen durch das vergitterte Fenster, dass außer der Tür selbst die Einzige Öffnung des Verhörraumes darstellte. Der Raum selbst befand sich im hinteren Drittel des Mechhangars. Er war mit zwei Stühlen und einem Tisch ausgestattet auf dem ein antiquiertes Tonbandgerät stand. Es war momentan abgeschaltet.

Cardonez bewegte sich unbehaglich auf dem harten Stuhl und leckte sich über die Lippen. Dem Mann war anscheinend heiß und der Häufigkeit nach, mit der er sich über die Lippen leckte hatte er Durst. Brock ignorierte dies jedoch völlig. Wenn Cardonez ihm nicht entgegenkam würde er es auch nicht tun. Eine weitere Stunde verging und keiner der beiden Männer sprach ein Wort. Der Bandit wurde immer unruhiger. Er schwitzte fürchterlich und sein Hemd, das er unter seinem Overall trug, war bereits durchweicht.

Die Sonne erreichte im Laufe der folgenden Stunde ihren höchsten Stand und noch immer gab der Gefangene keinen Laut von sich. Brock nahm zum wiederholten Male einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Er sah dabei Cardonez genau in die Augen. Eine Aufforderung mit der Sprache herauszurücken. Der Mann war mit den Nerven ziemlich am Boden, das sah man ihm an. Scheinbar schmerzte ihm auch sein Rücken und der Arm denn er konnte kaum mehr ruhig sitzen. Die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster drangen brannten unbarmherzig auf den Tisch und verliehen dem Raum ein merkwürdiges Licht. Außerdem heizte die Sonne die Platte zusätzlich auf. Der Bandit musste gehörig schwitzen. Brock machte die Hitze nicht viel aus. Er war schlimmeres aus seinen BattleMechs gewöhnt und daher etwas unempfindlicher als Andere.

Scheinbar hatte Cardonez genug. Er wand sich noch kurz auf dem Stuhl und öffnete dann den Mund. Brock schaltete schnell das Tonbandgerät ein.

"Ich wurde dafür bezahlt den Ernter zu stehlen." kam es leise und stockend über seine Lippen. Er sah hinab auf die Tischplatte und kniff die Augen zusammen als die Sonne ihn abermals blendete.

"Für wen arbeiten Sie?" fragte der Marshal knapp.

Cardonez schüttelte den Kopf. "Das kann ich Ihnen nicht sagen, Sir. Wenn ich es tue bringt er mich um." Der Bandit schwitzte auf einmal noch mehr als vorher. Irgendwas schien ihm mehr Angst zu machen als von Brock in die Zange genommen zu werden.

"Vielleicht hilft Ihnen das: Wenn Sie mir nicht sagen, wer Ihr Auftraggeber ist, klage ich Sie wegen Diebstahls, versuchten Mords und Angriff auf einen kolonialen Marshal an. Ich glaube kaum, dass Sie weniger als 15 bis 20 Jahren zu erwarten haben." noch während der Marshal sprach wurde vor dem Fenster ein Tumult laut.

Brock sprang auf und sah hinaus. Hinter den Häusern der Stadt sah er dicke, schwarze Rauchschwaden aufsteigen. Er kettete Cardonez mit Handschellen an den Tisch und verließ im Laufschritt den Verhörraum.

Auf der Straße angekommen sprang er in den Geländewagen und gab Vollgas. Er folgte dem bereits vorausfahrenden FeuerwehrLKT. Was war passiert? Scheinbar brannte es knapp außerhalb der Stadt. Dem Rauch nach musste das Feuer gewaltig sein. Wenige Minuten später kam die Feuerstelle in Sicht. Jedes Gebäude des kleinen Hofes brannte. Das Dach des kleinen Haupthauses war bereits eingestürzt und Flammen züngelten funkensprühend in den mittäglichen Himmel. Dicker Rauch verdeckte die Sonne und tauchte die Szenarie in ein dunkles, rotes Bild zu dem donnernd das Prasseln des Feuers einstimmte.

Brock kannte die Farm. Sie gehörte Seamus Bane...

Alarmglocken schrillten in Brocks Kopf. Er zog die Handbremse seines Wagens und wendete so schnell er konnte. Dann raste er zurück zu seinem Stützpunkt. Erst der Diebstahl des Ernters und nun die Farm desselben Mannes in Flammen. Scheinbar hatte es jemand auf Bane abgesehen und in seinem Verhörraum saß derjenige, der ihm sagen konnte wer das war.

Der Wagen kam schlingernd vor dem Mechhangar zum stehen und Brock sprang heraus. Er hastete durch die Scheune auf die Tür des Verhörraumes zu.

Er kam zu spät.

Willis Cardonez saß immer noch auf seinem Stuhl aber sein Oberkörper war leicht schräg nach links geneigt. Die Handschellen verhinderten, dass der Körper vollends umkippte. Sein Kopf war in den Nacken gefallen und die Wand hinter ihm war mit Blut und Teilen eines menschlichen Schädels beschmiert. Das Gesicht des Banditen war praktisch nicht mehr vorhanden und in seinem Hinterkopf klaffte ein gähnendes Loch von der Größe einer Faust. Der Boden und der Tisch vor der Leiche waren mit Glassplittern übersät, das Fenster selbst geborsten.

Brock schlug mit der Faust gegen den Türrahmen. Hier hatte scheinbar jemand darauf gewartet, dass er den Raum verließ und dann zugeschlagen. Offensichtlich wollte Cardonez´ Auftraggeber keinesfalls, dass seine Identität bekannt wurde.

Das würde sich trotzdem ändern. Evverson Brock nahm die Sache nun persönlich.



4. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 7 Mai 3063

Evverson rieb sich die schmerzende Schulter. Er war mit anderen freiwilligen Helfern dabei die Trümmer von Banes Farm nach Hinweisen auf die Brandursache zu untersuchen. Den alten Farmer hatte man schon heute Nacht gefunden. Er war tot. Die Obduktion lief gerade, hatte aber noch keine genauen Erkenntnisse gebracht. Der Marshal hatte heute Nachmittag einen Termin bei dem MedTech der Banes Leichnam und den Körper von Cardonez untersuchte. Jeder Handgriff wirbelte kleine Wölkchen Asche auf und die Sonne, die wegen der vormittäglichen Stunde noch recht tief stand brannte bereits schon jetzt die letzten Reste der Kühle der Nacht hinweg.

Brock sah sich um und kniff die Augen zusammen, als die Sonne ihn blendete. Der Hof war vollkommen zerstört worden. Kein Schuppen stand mehr. Das Haupthaus hatte am meisten abbekommen. Der Dachstuhl war eingebrochen und die Mauern waren teilweise unter der Hitze der Flammen zusammengebrochen. Das Haus war eine einzige Ruine. Der Marshal setzte sich auf einen umgestürzten Balken und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Feldflasche. Die Sonne brannte ihm auf dem Rücken und ließ sein Uniformhemd unangenehm eng erscheinen. Einige seiner Helfer, ein paar Stadtbewohner und einige von Sikes´ Söldnern, machten indessen ebenfalls eine Pause. Viele von ihnen hatten in der Nacht und am Tag zuvor dabei geholfen den Brand unter Kontrolle zu bekommen, der bis weit nach Mitternacht gewütet hatte. Last Chance war ein, bis auf wenige Landstriche im Südwesten, sehr trockener Planet, was den Nachteil hatte das alles Holz, auch das zum Bau verwendete, leicht entzündlich war. Ein Hausbrand erwies sich meist als fatal in dieser Gegend.

Evverson seufzte als er aufsah und auf der Straße die zu dem Hof führte den vertrauten Anblick von Sikes´ Schweberlimousine erblickte. Der Kerl hatte ihm gerade noch gefehlt. Hinter der Limousine bewegten sich zwei Geländewagen in denen jeweils vier seiner "Angestellten" Platz genommen hatten. Soweit der Marshal feststellen konnte waren die Männer nicht bewaffnet aber er lockerte trotzdem den Sicherungsriemen seiner Sternennacht etwas.

Die Limousine hielt 10 Meter vor dem, was einmal Banes Wohnhaus gewesen war und der Fahrer öffnete die hintere Tür. Heraus quoll der massige Körper von Jeffrey Sikes. Der kleine Mann sah sich kurz um und ging dann zielstrebig aber gemächlich auf Brocks Position zu. Die Söldner saßen indes geschlossen ab und verteilten sich schlendernd auf dem Innenhof.

"Ah Marshal," begrüßte Sikes ihn in bestem Plauderton. "Schon was gefunden?" Der Gouverneur stocherte mit seinem Gehstock oberflächlich in einem Häufchen Asche und unterstrich dadurch sein Interesse.

"Bisher nur eine Landmine," scherzte Brock gelangweilt. Als der Gouverneur erbleichte genehmigte sich der Marshal ein schmales lächeln. "Rein garnichts haben wir bisher gefunden Sikes. Nur einen Haufen Asche und verbrannte Erde. Bane liegt im Leichenschauhaus und etwas stinkt hier ganz gewaltig. Ich war gestern dabei den Dieb von Banes Ernter zu verhören als das Feuer ausbrach. Als ich zurückkam war dem Mann das Gehirn aus dem Schädel geschossen worden. Ich sehe da einen Zusammenhang, Sie nicht auch?" Brock redete sich den Frust von der Seele und beobachtete Sikes´ Reaktion auf seine Worte. Der Großgrundbesitzer schwitzte nicht mehr als sonst und seine Gesichtsfarbe wechselte auch wieder zu ihrer normalen rötlichen Tönung.

"Hm, vielleicht hatte jemand etwas gegen den armen, alten Mann. Vielleicht war es auch nur Zufall, dass der Bandit erschossen wurde. Vielleicht hatte der Kerl Komplizen die Angst hatten, dass er sie verrät. Fragen über Fragen." murmelte Sikes in sein Doppelkinn. "Wissen Sie, es könnte ja auch sein, dass jemand den Strolch erschossen hat, weil der ihm was schuldete. Das ist in meinen Augen die einzig glaubhafte Möglichkeit. Solche Kerle haben immer Schulden." während der dicke Farmer weiter über das Motiv sinnierte überschlugen sich die Gedanken in Brocks Kopf. Cardonez hatte gesagt, dass er für den Diebstahl bezahlt worden war. Er hatte einen Auftraggeber gehabt und war unter Garantie dafür gestorben damit die Identität dieses Mannes oder Frau geheim blieb. Jedes Wort das Sikes abließ, war reine Spekulation aber Brock wollte sich eher die Zunge abbeißen bevor er dem fetten Gelegenheitsverbrecher Informationen zukommen ließ. Sikes war genauso verdächtig wie jeder andere. Evverson traute niemandem und dem Mann der inzwischen ziemlich zusammenhanglos vor sich hin plapperte schon gar nicht.

"Gouverneur, tut mir leid Sie zu unterbrechen, aber ich muss los. Ich habe noch einen Termin beim MedTech wegen der Sache mit Cardonez." Evverson stand auf und bedeutete dem Gouverneur, dass dieser ohne ihn auf der Unglückstelle nichts zu suchen hatte.

"Oh," Sikes war scheinbar über den Umschwung des Gespräches überrascht. "Natürlich Marshal. Ich bin sicher Sie haben eine Menge zu tun. Genauso wie ich." Sikes grinste dem Mechkrieger ins Gesicht und ermöglichte diesem somit einen Blick auf seine krummen Zähne. "Sie informieren mich doch, wenn Sie was herausfinden?" fragte er noch während sie zu seiner Limousine gingen.

Den Teufel werde ich tun, dachte Brock bei sich selbst aber ein "Sicher Mr. Sikes, wir sind doch Partner." kam über seine Lippen.

Nachdem der Schweber hinter einer Staubwolke verschwunden war, stieg Brock in seinen Geländewagen. Er nahm das Handmikrophon des Funkgeräts und rief seinen Stützpunkt.

"Brock an Holloway, Brian bist du da?" Evverson ließ den Motor an und lenkte den Wagen aus dem Hof heraus auf die Stadt zu.

"Hier Holloway, kommen Marshal." Brian hörte sich etwas außer Atem an, scheinbar war er zum Funkgerät gerannt. Wahrscheinlich hatte ihn Laura gerufen und sich weiter die Nägel lackiert während er durch den ganzen Hangar hechten musste. Der Gedanke daran belustigte den Marshal wie immer, wenn er an die Arbeitsteilung seines Stabes dachte.

"Brian, sei so gut und schau mal beim Notar vorbei. Ich möchte wissen ob Bane dort ein Testament hinterlegt hat. Dann sieh auch bitte im Archiv nach ob du etwas über Cardonez herausbekommst. Der Kerl muss ja von irgendwoher kommen." Brock spielte auf das Archiv der Einwanderungsbehörde an. Dort wurden alle Menschen erfasst die Last Chance betraten und sollten diese länger bleiben, auch ihr Stammbaum.

"Notiert. Sonst noch was?" Holloway klang kühl und professionell wie immer. Brock hätte sich glücklich geschätzt, wenn er ihm hätte vertrauen können aber der Mann stand vermutlich auf Sikes Gehaltsliste und war folglich ein Risikofaktor.

"Nein, das war's. Ach ja tu mir 'nen Gefallen und bring Laura auf Trab, sie soll Erkundigungen über Banes und Cardonez Aktivitäten während der letzten drei Monate einholen." Das würde der älteren Dame zwar keineswegs schmecken aber schließlich wurde sie dafür bezahlt, wenn auch wahrscheinlich ebenfalls aus Gouverneur Sikes Portokasse.

"Ok, ich kümmere mich drum. Ach Marshal hier hat ein gewisser Sullivan angerufen und nach Ihnen verlangt. Kann sein, dass er zurückruft."

"Alles klar, danke. Brock Ende." Sullivan? Evverson kannte niemanden mit diesem Namen. Er zuckte mit den Schultern und lenkte den Wagen tiefer in die Stadt. Gathering Hill war einer Stadt im alten Wilden Westen Terras nicht unähnlich. Überall sah man Häuser aus Holz, die diesen Bauten nachempfunden waren. Konstruktionen aus Stahlbeton und mehrere Wasseraufbereitungswerke unterbrachen die Illusion. Die Straßen waren, bis auf die Hauptstraße, weder gepflastert noch geteert. Der Geländewagen rumpelte über den Staubigen Weg und hinterließ eine dichte Staubwolke, die sich wegen dem schwachen Wind nur langsam verflüchtigte.

Brock lenkte den Wagen zum hiesigen Krankenhaus. Das St. Johns Hospital war eines der modernsten auf dem ganzen Planeten. Erst vor 4 Jahren gebaut war es eines der wenigen Häuser in Gathering Hill, das komplett aus Stahlbeton gebaut war. Es war außerdem das höchste Gebäude der Stadt, wodurch es sehr leicht zu finden war.

Der Marshal stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz ab und rückte die Sonnenbrille zurecht, bevor er das Gebäude betrat. Evverson erregte einiges Aufsehen. In diesem Haus sah man die Uniform eines Kolonialmarshals recht selten. Er schenkte dem keinerlei Beachtung und ging geradeaus zur Rezeption.

"Hi, ich möchte zu Dr. Argyle. Er erwartet mich." Brock lehnte sich mit den Unterarmen auf die Theke und nahm eine bequemere Haltung ein. Sein Rücken tat ihm von der Suchaktion auf der Farm gehörig weh und die Nacht war auch nicht gerade erholsam gewesen.

"Mal sehen... Ahja Marshal Brock? Dr. Argyle hat gerade Zeit. 3. Stock Zimmer 118." Die Schwester an der Pforte lächelte freundlich und wies in Richtung des Fahrstuhls.

Evverson bedankte sich, ging in die gewiesene Richtung und betrat nach kurzem warten den Fahrstuhl. Die Luft in dem Gefährt war angenehm kühl und er schloss kurz die Augen. Das Zimmer von Dr. Argyle war schnell gefunden und er klopfte leise an die Tür. Ein gedämpftes Herein antwortete ihm sofort.

"Ah, Marshal Brock. Ich habe Sie schon erwartet." sagte der Mann hinter dem Schreibtisch freundlich. Dr. Argyle war ein Mittfünfziger, durchschnittlich groß und mit einer angenehmen tiefen Stimme.

"Guten Tag, Dr. Haben Sie schon was herausgefunden?" Evverson schüttelte dem Doktor die Hand und setzte sich dann auf einen der Ledersessel die vor dessen Schreibtisch bereit standen.

"Nun," begann der ältere Mann. "Ich habe zuerst Cardonez Leiche untersucht. Ich schätze er wurde aus einer Entfernung von knapp 100 Metern erschossen. Die Kugel drang knapp unterhalb des Nasenbeins ein und prallte im Rachenraum nach oben ab. Sie durchschlug das Gehirn und trat am Hinterkopf wieder aus." Während Argyle sprach zeichnete er den Weg der Kugel mit einem Zeigestock auf einer Explosionsskizze eines menschlischen Schädels nach. "Der Mann war sofort tot."

"Haben Sie eine Idee was für eine Art Waffe das gewesen sein könnte?" Der Marshal schauderte bei dem Gedanken an eine solche Wunde.

"Ich bin Arzt und kein Ballistiker, Marshal." bemerkte der Doktor lachend. "Aber ich würde sagen, dass der Mann von keinem Jagdgewehr getroffen wurde. Dafür ist das Kaliber zu klein."

"Ok, Doc. Das hilft mir weiter. Was ist mit Bane?" Brock machte sich Notizen und auch einen Vermerk für Laura, damit diese die komplette Autopsieakte anfordern konnte.

"Beim alten Seamus ist mir etwas aufgefallen. Ungefähr 80 % seiner Haut waren verbrannt bis er geborgen werden konnte. Er wäre mit Sicherheit daran gestorben, der gute Knabe war immerhin um die 75, aber er war schon tot als sein Körper Feuer fing." Argyle sprach langsam und deutlich, fast so als wollte er sichergehen, dass der Marshal jedes einzelne Wort genau verstand.

Brock wurde neugierig. "Er war schon tot? Wie das? Rauchvergiftung?"

"Haben Sie in der Nähe der Leiche irgendwelche größeren Gegenstände gefunden?" Argyle lehnte sich nach vorne und faltete seine Hände auf dem Tisch.

"Nicht dass ich wüsste. Auf den Fotos die vom Fundort gemacht wurden habe ich nichts erkennen können." Brock rutschte ebenfalls auf seinem Sessel nach vorne. "Was haben Sie gefunden Doc?"

"Bei der Obduktion habe ich mehrere Verletzungen festgestellt, die auf keinen Fall vom Feuer kommen können." Der Doktor stand auf und schaltete eine Lichtwand ein, vor der mehrere Röntgenbilder hingen. "Seamus starb nicht an einer Rauchvergiftung, Marshal. Sein Rückgrat war an drei verschiedenen Stellen gebrochen, auch mehrere Rippen und das Brustbein weisen Brüche auf. Außerdem konnte ich einen zweifachen Schädelbasisbruch ausgehend von einem Trauma auf den Cortexbereich und eine punktierten Lunge, wahrscheinlich durch einen scharfen Gegenstand feststellen." Er zeigte Brock die entsprechenden Stellen auf den Röntgenbildern.
"Der Mann wurde ermordet." Argyle sprach genau das aus, was Brock in diesem Moment dachte.

"Nur wer hätte etwas davon einen alten Farmer umzubringen? Danke für die Informationen Doc. Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich was neues weiß." Der Marshal schüttelte dem nachdenklich dreinschauenden Arzt die Hand.

"Tun Sie mir einen Gefallen, Marshal. Wenn Sie den Mistkerl erwischen, der das getan hat, dann erschießen Sie ihn nicht gleich sondern sorgen Sie dafür, dass er auf meinem OP-Tisch landet. Seamus war ein alter Freund meines Vaters." Argyle sah dem Mechkrieger in die Augen.

"Das kann ich nicht versprechen aber ich garantiere Ihnen, dass Sie dabei sein werden, wenn der Kerl hängt."

Brock verließ den Arzt und wandte sich nach links, wieder dem Fahrstuhl zu. Während er auf die Kabine wartete, dachte er über die Worte von Dr. Argyle nach. Er war gespannt, was in dem Testament von Bane stand. Vielleicht gab es dort ja ein Motiv zu finden. Der Mechkrieger ging zu seinem Wagen und wollte gerade einsteigen, als das Glas der hinteren Tür mit einem Krachen zersprang.

Der Marshal warf sich sofort auf den Boden und zog noch im Fallen seine Sternennacht. Um ihn herum stoben die Menschen auseinander und einige Hilfeschreie erfüllten die Szenerie. Brock rollte sich unter den Wagen und spähte angestrengt in die Ferne. Das Flimmern der Hitze über der Stadt und die Sonne verhinderten allerdings, dass er etwas sah. Er wartete einige Minuten aber keine neuen Projektile kamen bei ihm an. Niemand schoss mehr. Brock verließ seine Position unter dem Geländewagen und kroch auf der anderen Seite des Wagens hervor. Er richtete sich in eine hockende Position auf und lugte vorsichtig durch das, noch intakte, Fenster der Beifahrertür. Außer einigen Häusern mit flachen Dächern konnte er nichts entdecken. Nirgendwo zeichnete sich der Umriss eines Mannes oder eines Teils davon ab. Er öffnete vorsichtig die Tür und griff nach seinem Fernglas aber auch damit konnte er nichts entdecken.


5. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 9. Mai 3063


Die Hand wischte über den, vom Wasserdampf beschlagenen, Spiegel. Evverson sah sein übermüdetes Gesicht darin. Schlank, mit hohen Wangenknochen, eckigem Kinn, braunen Augen und schwarzem Haar. Sein schlanker, athletischer Körper wurde nur von einem Handtuch über seiner Hüfte verdeckt. Die Dusche hatte gut getan. Das einzig Wahre nach den Ereignissen der letzten Tage. Während er sich rasierte dachte der Marshal über das Attentat auf ihn nach. Der Schütze hatte absichtlich vorbeigeschossen, das belegte der Anruf eines Mannes, der sich zu der Tat bekannt und gedroht hatte, dass wenn Brock die Untersuchungen nicht einstellen würde, die nächste Kugel träfe. Natürlich hatte der Mann weder seinen Namen noch seine Beweggründe genannt. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Eine Untersuchung der Umgebung des Krankenhauses hatte ebenfalls nichts zu Tage gefördert. Keine Patronenhülse oder Zeugen, die den Schuss gesehen haben könnten, waren aufzutreiben.

Evverson zuckte leicht als die Rasierklinge in seine Haut eindrang. Er fluchte leise vor sich hin und tupfte mit dem Handtuch die kleinen Blutstropfen weg. Eine Zigarette wurde entzündet und der Qualm vertrieb den Schmerz recht schnell. Der Anruf hatte Laura sichtlich mitgenommen und sie hatte sofort keifend nach einer schusssicheren Weste verlangt. Brian hatte sie damit beschwichtigen können, dass sie wohl das letzte wahrscheinliche Ziel wäre und sie außerdem keine derartigen Westen besaßen. Laura war nach diesem Kommentar mit hochrotem Kopf und wüsten Beschimpfungen über Brians und Evversons Vorfahren davon gerauscht aber schon nach 30 Minuten zurückgekehrt.

Weitere Untersuchungen, die Brian angestellt hatte, hatten schon mehr Erfolg gehabt. Bane hatte keine näheren Angehörigen auf dem Planeten nur einen Sohn im Taurus-Konkordat, der bereits vor Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Die Farm und der Grund auf dem das Anwesen sich befunden hatte war damit öffentliches Eigentum und würde an den Meistbietenden verkauft werden. Auch Laura war nicht untätig gewesen. Über Banes Aktivitäten gab es einiges zu sagen aber nichts davon war sehr ungewöhnlich.

Mit einer Ausnahme: Er hatte für den Folgetag seiner Ermordung einen Termin beim Notar gehabt, der aber nie zustande gekommen war.

Cardonez war erst vier Tage vor seinem Tod auf Last Chance angekommen. Danach war er sofort untergetaucht. Woher er kam war unbekannt, der Frachter auf dem er eingetroffen war, gehörte einem Schmuggler. Schmugglerschiffe gab es in der New Colony Region mehr als genug und sie wurden toleriert solange sie keinen Ärger verursachten.

Der mysteriöse Mr. Sullivan hatte sich nicht mehr gemeldet.

Brock verließ das Bad und ging in sein Schlafzimmer. Die Wohnung, die er in Gathering Hill unterhielt war nicht mehr als ein 3 Zimmer Appartement in der Nähe des Mechhangars aber sie genügte seinen Ansprüchen völlig. Das Schlafzimmer war nicht besonders geräumig und wurde von dem Bett und dem Kleiderschrank beinahe völlig ausgefüllt. Er öffnete den Schrank und warf Unterwäsche und eine frische Uniform auf das nicht gemachte Bett. Er setzte sich auf die Matratze und griff nach dem Aktenordner der daneben lag. Darin fand er einige Dokumente die Auskunft über Banes Leben gaben. Während er seine Zigarette rauchte, las er in dem Ordner. Schließlich klappte er ihn zu und drückte die Kippe im Aschenbecher aus. Brock zog sich an und schnallte den Waffengurt um. Er vergewisserte sich noch ein mal, dass die schwere Sternennacht geladen und gesichert war und verließ dann die Wohnung.

Während er mit seinem Wagen durch die Straßen fuhr, das zerschossene Fenster war behelfsmäßig mit einem Stück Folie abgedichtet worden, dachte er über Banes Termin beim Notar nach. Der Notar selbst, ein kleiner Bürokrat aus dem Magistrat Canopus, hatte nicht gewusst über was der alte Farmer mit ihm hatte reden wollen. So blieb das ein Geheimnis, das der alte Mann mit ins Grab genommen hatte. Schließlich parkte der Mechkrieger den schweren Geländewagen auf dem Parkplatz des Mechhangars und begab sich nach drinnen. Dort bot sich ihm ein merkwürdiges Bild:

Die Halle war angefüllt mit Menschen. Überall waren Blitzlichter und Kameras zu sehen und mehrere Reporter stürzten in Evversons Richtung als sie ihn erblickten. Sich durch die Körpermassen und großteils unverständlichen Fragen der Zeitungs- und Fernsehleute wühlend, nahm der Marshal Kurs auf sein Büro. Unterwegs kamen ihm einige von Sike´s Söldnern entgegen und hielten die Reporter etwas zurück, so dass der Marshal etwas besser vorankam.
Hinter ihm sagte ein Reporter etwas: "Marshal, was hat es mit dem Attentat auf Sie und dem Mord an Seamus Bane auf sich?"

Brock erstarrte. Diese Information hatte er bisher keinem Menschen mitgeteilt und er drehte sich langsam zu der jungen Frau in Geschäftskostüm um.

"Ich werde keinerlei Auskünfte zu den laufenden Ermittlungen geben, Ms äh," er musste kurz den Namen auf ihrem Presseausweis entziffern der für seinen Geschmack viel zu nah an dem tiefen Ausschnitt ihrer Bluse befestigt war. "Ms Connors. Woher haben Sie diese Information, dass es sich bei dem Unfall von Mr. Bane um einen Mord handeln soll?"

Er sah der Frau tief in die schönen, graublauen Augen und diese wurde etwas unsicher. "Meine Quellen sind geheim, Marshal. Haben Sie sich beim rasieren geschnitten?" sagte sie schließlich nachdem die Professionalität wieder in ihrem attraktiven Gesicht Einzug gehalten hatte.

Brock verdrehte die Augen und drehte sich wieder um. Er ließ die Reporter hinter der Söldnerbarrikade zurück und betrat sein Büro. Der kalte Geruch von alten Zigarren schlug ihm entgegen und er wusste noch bevor er die Tür richtig geschlossen hatte, wer da in seinem Stuhl mit dem Rücken zu ihm saß.

"Guten Morgen Gouverneur. Was verschafft mir die Ehre?" fragte Evverson sarkastisch. Die Söldner vor der Tür hatten ihn bereits vorgewarnt aber warum musste diese Qualle immer bei ihnen sein?

Der Stuhl drehte sich herum und Sikes betrachtete den Marshal amüsiert. "Guten Morgen Marshal Brock. Oh haben Sie sich beim rasieren geschnitten?" Warum musste nur jedem dieser winzige Schnitt an seinem Kinn auffallen, ärgerte sich der Mechkrieger.

"Kommen Sie bitte zur Sache Sikes, ich habe zu tun."

Der kleine Mann grinste süffisant und steckte sich eine neue Zigarre an, bevor er begann. "Ich wollte nur einen Höflichkeitsbesuch machen und nachfragen wie es um die Ermittlungen steht. Ich habe gehört es gab einen kleinen Zwischenfall vor dem Krankenhaus? Sind Sie verwundet?" Der Ausdruck auf dem aufgequollenen Gesicht des Gouverneurs blieb neutral bis schadenfroh aber Brock konnte keine echte Sorge erkennen.

"Nur mein Wagen wurde verletzt. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich mich melde." Also frühestens Weihnachten 3154, fügte er in Gedanken hinzu. Er dachte nicht im Traum daran jemandem seine Erkenntnisse mitzuteilen und schon garnicht dieser fetten Qualle.

"Tja dann hat sich mein Besuch gerade erledigt würde ich meinen. Übrigens befremden mich Ihre permanenten Anfeindungen doch etwas Marshal. Wir sind Partner. Ach da fällt mir was ein... Ich habe gehört, dass Bane keine Erben hat und deswegen das Gelände verkauft wird. Ich denke mal, dass ich es mir zulegen werde." mit diesen Worten erhob sich Sikes schwerfällig und begab sich zur Tür. Der Tumult der Reporter hatte sich inzwischen gelegt, das war deutlich zu hören als er die Tür öffnete.
"Ich hoffe dass Sie dem Killer auf die Spur kommen. Verpassen Sie ihm von mir eine Kugel."

Bevor Brock antworten konnte war Sikes schon verschwunden.



6. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 9. Mai 3063


Endlich waren die Reporter verschwunden. Holloway hatte sie zusammen mit Sikes Söldnern hinauskomplimentiert kurz bevor deren Arbeitgeber den Marshal verlassen hatte. Jetzt saß der Deputy auf einem Sessel vor Evversons Schreibtisch und gähnte herzhaft in seine linke Hand.

"Ich weiß was du meinst, Brian. Ich bin auch müde. Irgendwas über diesen Sullivan herausbekommen?" Das Zusammentreffen mit Sikes von heute Morgen hatte den Marshal sichtlich mitgenommen.

Brian öffnete die Augen und blinzelte den Marshal an. "Negativ. Allein hier in Gathering Hill gibt es 20 verschiedene Sullivans und 75% davon sind Männer." Der Deputy streckte sich in dem Sessel. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet um herauszufinden, wer der geheimnisvolle Anrufer gewesen war, der angeblich Informationen zu Banes Tod liefern konnte.

"Mist. Ich hoffe der Kerl meldet sich noch mal. Unsere Ermittlungen drehen sich im Kreis." Brock schlug mit der Faust auf den Tisch. Das dumpfe Krachen ließ Holloway zusammenzucken. Er hatte anscheinend geschlafen.

"Geh nach Hause Brian. Du nutzt mir hier nichts, wenn du nicht bei Kräften bist. Schlaf dich aus und komm Morgen wieder." sagte Evverson leise. Der Deputy hatte gute Arbeit geleistet, bessere als er erwartet hätte. Er vertraute dem älteren Mann immer noch nicht.

"Ok, Boss. Falls was sein sollte... Sie haben ja meine Nummer." Brian verließ das Büro. Die "Halle" war wie immer von Sonnenlicht durchflutet. Hier und dort hinterließen Chiquiriehühner kleinere Staubwölkchen, in denen sie nach Würmern scharrten. Brian lächelte müde und sandte Laura noch kurz einen gewunkenen Gruß zu bevor er den Hangar verließ.

Auf der Strasse angekommen sah er sich kurz um. So früh am Tag waren noch nicht viele Leute unterwegs aber hier und da gingen doch schon einige der Einwohner ihren Geschäften nach. Etwas weiter die Straße runter stand ein Übertragungswagen des hiesigen Trividsenders.

Er entschloss sich nach Hause zu laufen. Er konnte beim Spazieren einfach besser denken. Seine schweren Stiefel machten knirschende Geräusche auf dem teils aus Schotter und teils aus Asphalt bestehenden Boden als er den Weg zur Innenstadt einschlug. Brian musste unwillkürlich wieder lächeln. Innenstadt war gut. Gathering Hill war zwar eine der größten Städte des Planeten aber im Vergleich zu den Metropolen, die auf vielen Planeten der Inneren Sphäre oder auch der Peripherie vorkamen nahm es sich geradezu winzig aus.

Sein breitkrempiger Hut schützte ihn vor der vormittäglichen Sonne aber er hob ihn trotzdem um die Menschen zu grüßen, die ihm begegneten. Brian war ein höflicher Mensch, das konnte jeder in der Stadt bezeugen. Kaum einer hätte gedacht, dass dieser Mann ein dunkles Geheimnis mit sich herumtrug. Holloway seufzte. Er wurde schon wieder nachdenklich. Das war nicht gut in seinem Gewerbe.

Er erblickte auf der anderen Straßenseite das Sally´s, sein Stammcafe und sein Gesicht hellte sich auf.. Eine Tasse Kaffee wäre jetzt bestimmt das Richtige. Brian überquerte die Straße und griff nach der Türklinke, nachdem er seine Stiefel provisorisch auf der Fußmatte gesäubert hatte. Die Tür schwang auf und kühle Luft, gepaart mit dem Duft von Kaffee und Speck schlug ihm entgegen.

"Hi Sally, sei doch so nett und bringe einem armen, alten Mann einen deiner berühmten Kaffees." scherzte Brian mit der Wirtin. Er kannte die Frau schon 10 Jahre lang.

"Aber klar alter Tattergreis, kommt sofort!" kam es von Sally zurück. Die Wirtin des Sally´s war an die 70, keiner kannte ihr genaues Alter aber sie war eine Seele von einem Menschen und es gab niemanden in der Umgebung, der die alte Dame nicht gemocht hätte.

Der Deputy setzte sich auf seinen Stammplatz, eine der Seitenbänke die links an der Wand, immer wieder unterbrochen von Tischen, Rücken an Rücken aufgereiht standen. Das rote, weiche Polster tat seinem Rücken gut. Brian schloss die Augen einen Augenblick.

"Velvet." Brian riss die Augen auf. Seine Sinne waren voll da. Die Stimme kam von der Bank hinter seinem Rücken. Er versteifte sich leicht.

"Blue" antwortete er leise. Der Deputy ließ sich gegen die Lehne sinken und lauschte.

"Bericht." kam es wieder von hinten.

"Die Operation verläuft nicht nach Plan. Das Zielobjekt gibt sich keinerlei Blöße." Brian gab sich Mühe leise zu sprechen. Er wusste, dass sein Gesprächspartner einen Akustikverstärker trug, der ihn jedes seiner Worte klar und deutlich vernehmen ließ.

"Was ist mit dem Sekundärziel?" wollte der Unbekannte wissen.

"Ebenfalls..." weiter kam Brian nicht. Sally stand vor ihm. Ein breites Grinsen im Gesicht und eine Kanne mit dampfendem Kaffee in der Hand.

"Führst du wieder Selbstgespräche, Brian?" fragte sie belustigt.

Holloway lachte. "Nein Sal. Ich hab nur laut gedacht. Danke für den Kaffee. Was bin ich dir schuldig?"

"Wie immer du Tattergreis. Ein Lächeln und 2,50." zwinkerte Sally ihm zu. Brian legte das Geld auf den Tisch und lächelte die Wirtin an.

"Danke dir, Kleine. Grüß deinen Gatten von mir." Sally lachte noch einmal kurz und ließ ihn dann alleine.

Brian wartete noch kurz bevor er fortfuhr. "Ebenfalls Negativ. Das Sekundärziel konnte bisher nicht erreicht werden. Es bietet sich bisher kein Angriffspunkt." Ein Grunzen war hinter ihm zu hören.

"Hören Sie mir jetzt genau zu. Wenn das Sekundärziel nicht erreicht werden kann, muss es eliminiert werden. Das Primärziel MUSS erreicht werden. Wir können uns diesmal keinen Patzer erlauben. Habe ich mich klar ausgedrückt?" Der Mann sprach etwas gehetzt. Scheinbar regte er sich gerade fürchterlich auf.

"Aber, das Sekundärziel könnte zum Erfolg der Operation beitr..." Brian bekam es mit der Angst zu tun. Wenn sein Gegenüber nervös wurde, hatte er allen Grund dazu es auch zu sein.

"Keine Diskussion. Sie haben Ihre Befehle." Hinter Brian war ein Rascheln zu hören. Der Mann hinter ihm stand auf und verließ das Sally´s. Brian konnte nur einen kurzen Blick auf dessen Gestalt werfen. Ein langer. schwarzer Mantel bedeckte beinahe den gesamten Körper des Mannes. Seine Statur war nicht weiter auffällig. Bis auf die Tatsache, dass der Mann dunkelhäutig war, konnte er an ihm nichts erkennen, was nicht in diese Bar gepasst hätte.

Brian senkte den Blick. Ja er hatte seine Befehle erhalten aber er war nicht damit einverstanden. Das interessierte den Farbigen, der gerade die Bar verlassen hatte, zwar nicht aber er hatte auch einen eigenen Willen.

Brian stand auf. Den Kaffee brauchte er nun wirklich nicht mehr. Er war mehr als wach. Er winkte Sally noch kurz und betrat dann die Straße. Die Sonne blendete ihn kurz und er zog seinen Hut tiefer ins Gesicht.

Holloway rieb sich noch kurz das Kinn und den Dreitagebart. Er wusste was zu tun war. Er wandte sich wieder der Innenstadt zu und ging los.

Er kam nicht weit. Die Kugel schlug knapp über seiner linken Brust ein und wirbelte Brian um seine eigene Achse. Der Deputy nahm alles wie in Zeitlupe wahr. Er fühlte wie die Kugel heiß an seinen inneren Organen riss und schließlich eine Rippe durchschlug bevor sie an seinem Rücken wieder austrat.

Holloway schlug hart auf dem Gehweg auf. Staub und Benommenheit vernebelten seine Sicht. Er hörte noch kurz Sally die nach einem Krankenwagen schrie, dann wurde es schwarz um ihn.



7. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 9. Mai 3063


Brock schrak auf, als er die Sirenen der Ambulanz hörte, die am Hangar vorbeiraste. Der Mechkrieger sprang auf und spurtete aus dem Büro. "Laura! Weißt du was da los ist?" fragte er seine Sekretärin im vorbeirennen.

Ihr "Nein." ging im Knallen der Tür unter. Evverson sprang in den Geländewagen und gab Gas. Wenige Minuten später konnte er die Ambulanz sehen, die vor dem Sally´s stand. Eine Menschentraube hatte sich um den Wagen und die Eingangstür gebildet. Auch ein Übertragungswagen der Medien stand auf der Strasse und das Fernsehteam war bereits bei der Berichterstattung.

Der Marshal hielt mit quietschenden Reifen nahe des Unglücksortes und stieg aus dem Wagen. Sofort nahm das Fernsehteam Kurs auf ihn. Brock erkannte die Reporterin, von heute Morgen, wie war der Name noch gleich? Connors!

Sie holte gerade Luft um ihn mit Fragen zu löchern aber Brock bedeutete ihr mit erhobenem Finger und hartem Blick, dass er dazu nun wirklich nicht in Stimmung war.

Er bahnte sich fluchend und brüllend den Weg durch die Menge. "Verdammt noch mal! Platz da! Aus dem Weg. Kolonialmarshals. Aus dem Weg verdammt!" Langsam wurde er ärgerlich.

Endlich machten die Menschen einen Korridor frei und er kam unbehelligt bis zu dem Ärzteteam. Was er sah ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Brian Holloway lag in einer Blutlache auf dem Rücken. Seine Brust war freigelegt worden und der Arzt versuchte ihn gerade mit einer Herz-Lungen-Massage wiederzubeleben. In Holloways Brust klaffte ein Loch von gut acht cm Durchmesser aus dem sich in regelmäßigen Abständen ein dicker Schwall Blut auf die Strasse ergoss. Die transparente Sauerstoffmaske über Mund und Nase des Deputys färbte sich kurz rot als der Mann sein eigenes Blut erbrach. Brian schlug die Augen auf. Evverson kniete mittlerweile neben seinem Mitarbeiter auf dem Boden und sah ihm in die Augen. Beinahe konnte er Erkennen in dessen Augen sehen, dann brach der Blick abermals. Sofort begann der Arzt wieder mit der Massage und ein Sanitäter bediente den Sauerstoffgenerator. Evverson sprang schließlich auf.

"Hat hier irgendwer etwas gesehen? Wie ist das hier passiert?" fragte er in die Menge. Kaum einer rührte sich. Brock sah sich noch einmal nach Brian um. Dieser war leichenblass aber immerhin wieder bei Bewusstsein.

"Ich habe gesehen wie er umgefallen ist!" meldete sich die Eigentümerin des Sally´s. Brock ging zu ihr und sah sie durchdringend an.

"Von wo kam der Schuss? Bitte Sally es ist sehr wichtig." Brock sprach langsam und beruhigend mit der alten Frau. Sie war sichtlich mitgenommen und den Tränen nahe. Ein gequälter Ausdruck trat auf ihr Gesicht.

"Er kam glaube ich von dort. In diese Richtung wollte Brian als...." Sally begann zu schluchzen. Brock sah in die gewiesene Richtung und erspähte knapp 200 m weiter ein Gebäude, dass in Frage kam.

"Danke Sally, setz dich erst mal und beruhige dich. Ich sehe später noch mal nach dir." Brock verließ die Wirtin und ging zu dem Notarzt der gerade damit beschäftigt war die Blutung auf Brians Brust zu stoppen. "Wie sieht es aus Doc?"

Der Mann keuchte schwer. Anscheinend hatte sich Holloway nur schwer in den Griff bekommen lassen. Wie üblich. "Er wird es schaffen denke ich. Wir bringen ihn gleich zur OP ins Hospital." Weiter kam der Mann nicht.

Eine Kugel schlug knapp neben den beiden in den Asphalt. Der Querschläger riss einer jungen Frau, die daneben stand, eine tiefe Wunde ins Gesicht. Ihr Blut spritzte auf einige Passanten, die sich panisch schreiend auf den Boden warfen.

Brock zog seine Sternennacht und warf sich auf den Doktor. Eine weitere Kugel jaulte über sie weg, und schlug eine weitere Macke in die Strasse. Der Marshal rollte sich unter den Krankenwagen und versuchte den Standort des Attentäters zu erspähen. Kein Knall war zu hören. Der Attentäter benutzte wahrscheinlich einen Schalldämpfer. Zwei weitere Einschläge später hatte er den Schützen entdeckt. Er befand sich etwa 200 m entfernt auf eben dem Dach, von dem schon die ersten Schüsse auf Holloway abgegeben worden waren. Der Mann war gut zu sehen, denn er stand nun um ein besseres Blickfeld zu haben.

Brock kroch hinter dem Krankenwagen vor und nahm Deckung. Dieser Attentäter hatte von da oben ein exzellentes Schussfeld. Er prüfte noch einmal die Ladung seiner schweren Automatikpistole. Dann rannte er los.

Er hetzte quer über die Strasse auf eines der Häuser zu. Die meisten Häuser in dieser Gegend besaßen eine überdachte Veranda, die dem Marshal wenigstens ein Minimum an Deckung bieten konnten. Mehrere Kugeln schlugen um ihn herum ein als er seinen Spurt über die Strasse begann. Scheinbar benutzte der Attentäter ein Sturmgewehr.

Evverson schlug mit der Schulter hart gegen die Bretterwand des Gebäudes. So schnell war er, seiner Erinnerung nach, noch nie gelaufen. Seine Lunge brannte heftig aber er gönnte sich keinerlei Verschnaufpause sondern hetzte weiter auf das Gebäude zu. Kugeln schlugen in das Dach über ihm ein und durch selbiges hindurch. Staub, Sand und Holzsplitter regneten auf den Gesetzeshüter hinab, während dieser seinem Ziel immer näher kam.

Schließlich erreichte er das Gebäude auf dessen Dach der Schütze saß. Brock hielt sich nicht damit auf, nach einem Eingang zu suchen, sondern sprang direkt durch ein geschlossenes Fenster. Er ignorierte den Splitterregen, der mit ihm auf dem Boden ankam und rollte sich ab. Einige Splitter bohrten sich durch seine Uniform und hinterließen kleine Schnitte auf Unterarmen und Rücken des Mechkriegers. Mit der Pistole im Anschlag kam er wieder auf die Füße. Mit geübtem Blick suchte er den Raum nach Gefahren und Ausgängen ab. Dort! Eine Tür!

Er spurtete los und riss die Tür auf. Ein kleiner Korridor verband die Front des Hauses mit den Räumlichkeiten im hinteren Viertel des Gebäudes. Etwa zur Mitte des ganz aus Holz gefertigten Flurs führte eine schmale Treppe ins erste Obergeschoss.

Brock ging vorsichtig die Treppe hinauf, die großkalibrige Pistole fest auf den Treppenabsatz gerichtet. Plötzlich erschien dort eine Gestalt. Der Marshal hätte beinahe abgedrückt, erkannte aber im letzten Moment eine ältere Dame, die am Stock ging und anscheinend nachsehen wollte was der Lärm im Erdgeschoss zu bedeuten hatte. Beim Anblick des bewaffneten Mannes auf ihrer Treppe schrie die alte Frau heiser auf und fasste sich an die Brust. Scheinbar erwartete Sie Blut zu spüren, denn Ihr Gesicht war aschfahl. Brock hatte vorsichtshalber die Waffe steil nach oben gerissen und sprang nun die letzten Stufen nach oben.

"Alles in Ordnung Miss. Ich bin Kolonialmarshal. Wie komme ich aufs Dach?" Er sprach ruhig aber mit fester Stimme mit der Frau um sie wieder aus ihrem Schockzustand zu reißen. Eine zittrige, dürre Hand wies ihm die Richtung. Brock dankte mit einem Nicken und bedeutete der Hausbesitzerin mit einem Zeigefinger auf seinen Lippen, dass sie sich ruhig verhalten sollte.

Evverson ging jetzt um einiges vorsichtiger vor. Die Waffe im Anschlag tastete der koloniale Marshal sich Schritt für Schritt vor. Leise knarrten die Bretter unter dem Teppich, wenn er auf sie trat. Er hörte sein Herz pochen und Schweiß rann ihm Stirn und Rücken hinunter. Überall zweigten Türen ab. Der Mechkrieger untersuchte sämtliche Räume dahinter oberflächlich. Er hatte keine Lust von hinten erschossen zu werden, nur weil er es zu eilig hatte.

Schließlich erreichte er den letzten Treppenaufgang, besser gesagt die Leiter, die zum Dach führte. Evverson überprüfte zum X-ten Male ob die Sternennacht entsichert war. Er lud die schwere Pistole durch. Ein leises Klickgeräusch und ein Schnappen bedeuteten ihm, dass eine Patrone im Lauf lag. Er wischte sich noch einmal den Schweiß von der Stirn und stieg dann vorsichtig die Leiter hinauf. Am Ende der Treppe konnte er einen kleinen, schmalen Gang sehen, der an einer Tür endete. Evverson tat einen Schritt und ließ sich sofort zu Boden fallen. Die Wände des Korridors wurden von Gewehrfeuer durchsiebt und Holzsplitter regneten wieder auf ihn herab.

"Zumindest habe ich ihn gefunden." sagte er mehr zu sich selbst, konnte sich aber über das Krachen der einschlagenden Kugeln kaum selbst hören. Brock kroch weiter auf die Tür zu. Wenn er blieb wo er war, würde der Attentäter vielleicht auf die Idee kommen niedriger zu zielen, was dem Marshal effektiv den Tag vermiesen könnte.

Meter für Meter näherte sich Evverson der Holztür. Ein kurzer Blick ließ ihn lächeln. Sie hatte kein Schloss. Die Schüsse des Attentäters hatten ausgesetzt, wahrscheinlich lud der Strolch nach. Die Schüsse waren von links gekommen. "Sehr gut, jetzt weiß ich genau wo du bist mein Freund." murmelte er.

Evverson stemmte sich in die Hocke und warf sich gegen die Tür. Er fiel mit der rechten Schulter voran auf das Flachdach, rollte sich ab und kam in der Hocke zum stehen. Die Sternennacht zielte mitten auf das Brustbein des Schützen, der gerade wieder sein Gewehr hob.

"WAFFE WEG DU BASTARD!" brüllte Brock noch kurz bevor die Waffe des Attentäters einen Feuerstoss abgab. Der Marshal ließ sich nach vorne fallen und entging den Kugeln, die harmlos hinter ihm einige Bretter des Daches durchlöcherten. Die Sternennacht bellte kurz auf und der Rückschlag der schweren Pistole riss den Lauf und Brocks Hand nach oben. Der Marshal nahm sich nicht einmal die Zeit um zu sehen ob er getroffen hatte, sondern rollte zur Seite und gab noch weitere drei Schuss ab.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die erste Kugel traf den Attentäter in den Hals und sprengte dessen Kehlkopf, bevor sie aus seinem Genick wieder austrat. Eine Blutfontäne schoss aus seinem Hals und der Mann hauchte eine Qualmwolke aus. Das zweite Projektil schlug in seine linke Schulter ein und wirbelte den Schützen um seine eigene Achse, während die dritte und vierte Kugel in seinen Rücken einschlugen, wo sie wichtige Organe zerrissen bevor sie die Brust des Mannes durchschlugen und ihn kopfüber vom Dach schleuderten.

Brock blieb noch einige Sekunden mit der Waffe im Anschlag auf dem Bauch liegen. Er keuchte schwer. Kurz schloss er seine Augen und sicherte dann seine Waffe. Sämtliche Knochen taten ihm weh. Der Marshal erhob sich mühsam und trat an die Kante des Daches um nach unten zu sehen. Der Attentäter lag verkrümmt auf der Straße, um ihn herum eine kleinere Menschenmenge und, sehr zu Brocks Ärger, das Fernsehteam mit Ms. Connors.

Evverson steckte seine Waffe ein und griff in seine Hemdtasche. Seine Zigaretten waren zwar flach aber immer noch genießbar stellte er zufrieden fest.


8. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 9. Mai 3063

Brock nahm die Waffe des Attentäters auf und wandte sich wieder dem Treppenhaus zu. Er durchquerte das Haus, wobei er sich einige böse Blicke der Hausbesitzerin einfing, und trat auf die Strasse. Sofort wurde er von den Reportern, allen voran Ms Connors, bestürmt.

"Marshal Brock! Wer ist der Attentäter? Warum haben Sie ihn nicht festgenommen sondern erschossen?" Ms Connors stellte Fragen ohne Luft zu holen.

Brock setzte sein bestes Lächeln auf. "Was würden Sie tun, wenn jemand mit einem Sturmgewehr auf Sie schießt? Die Sache ausdiskutieren? Er hatte eine Chance die Waffe wegzulegen. Eine zweite bekommt niemand. Wer es ist, wird sich noch herausstellen und jetzt gehen Sie mir bitte aus dem Weg ich habe zu arbeiten." Er schob die Reporterin bei Seite und ging zu dem Leichnam des Schützen.

Der Mann trug einen schwarzen Mantel, wie man sie überall erstehen konnte. Seine Stiefel und Hände ließen keinen Schluss auf seine normalen oder vorhergehenden Tätigkeiten zu. Evverson kniete sich neben den Körper und durchsuchte dessen Taschen. Die Reporter um ihn herum störten ihn keineswegs obwohl ihm der Kameramann beinahe auf die Füße trat. Schließlich wurde er fündig. Eine Brieftasche kam zum Vorschein. Er nahm sie kurz in die Hand und ließ sie dann, sehr zum Ärger von Ms. Connors, in einer seiner Taschen verschwinden.

Endlich kam ein zweiter Ambulanzwagen. Der Körper des Attentäters wurde eingeladen und abtransportiert. Brock selbst verscheuchte nun endgültig die Reporter und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen um das Gewehr zu verstauen. Nachdem das erledigt war, ging er zurück zum Tatort und besah sich die Umgebung genauer.

Scheinbar war der Attentäter über eine Außentreppe, die auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses lag, aufs Dach gelangt. Brock sammelte mehrere Patronenhülsen auf und steckte sie in einen kleinen Plastikbeutel. dann sah er sich um. Kein Hinweis darauf, wie lange der Mann hier schon gewartet hatte war zu sehen. Brock setzte sich auf die Brüstung, die das Flachdach umgab und dem Schützen Deckung geboten hatte. Er griff in seine Tasche und holte die Brieftasche hervor. In ihrem Inneren fand der Mechkrieger neben einem Bündel C-Noten und Kleingeld auch einen Ausweis.

Der Name auf dem Ausweis sagte Brock überhaupt nichts. Der Attentäter hieß Bernhard Linder. Scheinbar aus dem Lyranischen Commonwealth. Was machte ein Kerl wie Linder auf Last Chance und warum hatte der Mann gerade auf Brian geschossen? Im Ausweis selbst konnte Brock den Einwanderungsstempel des Zolls sehen. Linder war vor knapp einem halben Jahr auf den Planeten gekommen. Das war interessant. Er beschloss das Kaliber der Waffe mit dem des Attentats auf Cardonez vergleichen zu lassen. Vielleicht hatte er hier seinen Täter.

Fragte sich nur noch wer Linders Auftraggeber gewesen war. "Noch am Grübeln?" Brock schrak auf. Die Sternennacht flog blitzschnell aus seinem Holster und richtete sich bedrohlich auf den Störenfried. Als er die Person erkannte, entspannte sich der Marshal sichtlich.

"Was machen Sie denn noch hier Ms. Connors? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass das Interview beendet ist." Die Reporterin steckte ihre Hände in die Hosentaschen ihres Kostüms und lächelte sanft.

"Wer sagt Ihnen, dass ich geschäftlich hier bin, Marshal?" Der Blick der jungen Frau wanderte scheinbar gleichgültig über das Dach und blieb an dem durchlöcherten Verschlag hängen, der die Treppe vor dem Wetter hatte schützen sollen. "Bei Blake, da haben Sie aber ein höllisches Glück gehabt, dass Sie nicht so aussehen." Sie wandte sich dem Marshal zu der mittlerweile rauchend zu ihr auf sah. "Wäre ein echter Jammer gewesen." fügte sie schnippisch hinzu.

"Finde ich auch. Ich habe mich mittlerweile an mein Fell gewöhnt und möchte es mir nur ungern abziehen lassen.

"Das kann ich mir vorstellen. Hören Sie ich bin aus einem bestimmten Grund hier." Die Reporterin setzte sich ohne Aufforderung neben Evverson auf die Brüstung. Ihr Blick wich krampfhaft den Blutspritzern aus, die Linder vor seinem unfreiwilligen Hechtsprung verursacht hatte.

"Immer auf der Suche nach einer Story, was? Könnt ihr Reporter denn nie locker lassen?" Sie sah dem Marshal in die Augen. Abgesehen davon, dass ihr gefiel was sie sah, machte der Gesetzeshüter einen müden Eindruck.

"Darum geht es mir nicht. Wie Sie selbst gesagt haben, das Interview ist beendet. Es geht mir um die Geschehnisse der letzten Tage und die Umstände, die zu dieser Schiesserei geführt haben. Ich schlage Ihnen einen Handel vor: Ich helfe Ihnen bei den Ermittlungen und Sie gewähren mir das Exklusivrecht an dieser Story."

"Wie könnten Sie mir schon helfen Ms. Connors?" Der Mechkrieger rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. Er sah wirklich erschöpft aus.

"Ich weiß zum Beispiel, wer dieser Sullivan ist, der Sie und im übrigen auch mich kontaktiert hat. Mein Name ist übrigens Deirdre." Deirdre Connors musste grinsen als sie den geschockten Ausdruck auf Brocks Gesicht sah. Der Mann gefiel ihr wirklich.

"Und das sagen Sie mir erst jetzt Ms... ähm Deirdre? Sie haben damit die Ermittlungen behindert und vielleicht meinen Deputy auf dem Gewissen, ist Ihnen das klar?" Evverson war wütend. Sein Mitarbeiter, für den ER die Verantwortung trug lag mit einer Schusswunde im Krankenhaus und nun erzählte ihm diese Frau, dass ihr die Identität des wichtigsten Zeugen bekannt war. Er zitterte förmlich vor Ärger, konnte diesem aber nicht Luft machen, da Deidre weitersprach.

"Ich habe erst kurz bevor auf Ihren Mann geschossen wurde einen Anruf von Sullivan erhalten. Er hat mich zum Sally´s geschickt und mir gesagt ich solle Holloway warnen, doch ich kam zu Spät. Tut mir leid." Deirdre fühlte sich angegriffen. Wie konnte ein so offensichtlich süßer Mann nur glauben, SIE würde Menschenleben gefährden? Sie lebte nach einem Motto: Zuerst die Menschen, dann die Story. Natürlich hielt nicht jeder Reporter etwas von diesem Grundsatz und so konnte sie Brock den Ausbruch nachsehen.

"Wer ist der Mann und was hat er Ihnen noch gesagt?" Evverson dachte im Traum nicht daran, sich zu entschuldigen. Erstens machte er so etwas recht selten und zweitens hatte die Reporterin einen kleinen Denkzettel wegen ihrer penetranten Fragerei verdient. Wie alle Gesetzeshüter stand Brock mit Reportern auf Kriegsfuss, obwohl er zugeben musste, dass ihm ihre Beine sehr gefielen.

"Er hat nicht seinen vollen Namen genannt. Schauen Sie nicht so enttäuscht und lassen Sie mich ausreden. Kurz bevor er aufgelegt hat, zitierte er mich ins Outer Rim zu einem Treffen. Er sagte, er wolle mir die ganze Sache erklären und mir den Urheber der Verbrechen gegen Seamus Bane nennen. Sullivan war es auch, der mir gesagt hat, dass Bane ermordet wurde. Damals jedoch wollte er anonym bleiben. Sie verstehen sicher, dass ich meinen Informanten nicht vergraulen wollte, oder?" Deirdre betrachtete den Ausdruck auf Brocks Gesicht. Er hatte sich offensichtlich beruhigt und hörte ihr aufmerksam zu.

"Na gut. Ich werde Sie zu dem Treffen begleiten Deirdre." Brock erhob sich schon als die Reporterin ihn am Arm packte.

"Was ist mit meinen Exklusivrechten? Sie wissen doch, eine Hand wäscht die andere." Die junge Frau lächelte ihn bei den Worten an und brachte den Mechkrieger damit vollkommen aus dem Konzept.

"Wie? Achso... Ähm... Ja." Evverson musste sich zusammenreißen um nicht mehr auf ihr lächelndes Gesicht starren zu müssen. Ihre Hand auf seinem Arm fühlte sich sehr gut an. Er blinzelte ein paar mal bevor er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.

Deirdre schien das zu bemerken und grinste nun breit. "Also abgemacht?"

"Ja abgemacht. Sie haben die Exklusivrechte, wenn Ihre Hinweise zum Abschluss der Ermittlungen führen." Brock versuchte einen förmlichen Ton aufzusetzen, was gründlich daneben ging. Diese Frau brachte ihn vollkommen durcheinander.

"Gut, dann ist das geklärt. Übrigens, wie heißen Sie eigentlich mit Vornamen? Ich hasse es Sie mit Marshal oder Mr. Brock titulieren zu müssen." bemerkte sie beiläufig während sie sich erhob. Ihr langes, schwarzes Haar wurde von einer leichte Brise angehoben und umrahmte ihr hübsches Gesicht auf eine Art, die Brock förmlich zu hypnotisieren schien.

"Meine Freunde.... Meine Freunde nennen mich Sonny," brachte dieser etwas stockend heraus "Seien Sie äh so gut und erzählen Sie es nicht weiter ja?" Brock versuchte wirklich die junge Frau nicht anzustarren aber es misslang ihm kläglich.

"Versprochen Sonny." lachte Deirdre und kreuzte Zeige und Mittelfinger über ihrem Herzen.

Hier endet der bislang bekannte Teil

Darkness
11.03.2005, 10:08
9. Kapitel

Gathering Hill, Last Chance, äußere Peripherie, 10. Mai 3063

Deirdre Connors erwachte am frühen Morgen. Der gestrige Tag war nicht nur aufregend, sondern auch anstrengend gewesen. Nach dem Treffen mit Marshal Brock, Nein, Sonny war sie noch etwas am Tatort geblieben und hatte sich umgesehen. Der Treppenvorbau, der den Marshal vor den Kugeln des Attentäters geschützt hatte war förmlich durchsiebt worden. Ihr fröstelte bei dem Gedanken dass ihr neuer Freund so ausgesehen haben könnte. Sie war von Brock mehr als beeindruckt. Nicht nur seine Statur und seine, zugegeben etwas ruppige, Art gefielen ihr, nein, sein Mut und seine Unerschrockenheit hatten es ihr angetan. Sie sang leise vor sich hin, als sie unter die Dusche stand.

Nach dem erfrischenden Nass wickelte sie sich in ein Handtuch und war gerade dabei sich die Haare zu trocknen als es wild an ihrer Wohnungstür hämmerte. Sie fuhr herum. Die Tür erbebte förmlich im Rahmen. Sie eilte zu ihrem Nachttisch und öffnete die oberste Schublade. Der Nadler, Marke Mauser & Grey, lag leicht in ihrer Hand. Deirdre war keine Kriegerin und hatte auch noch nie wirklich auf einen Menschen schießen müssen aber sie war fest entschlossen, sich zur Wehr zu setzen falls der Störenfried etwas anderes wollte als ein Autogramm. Die Tür zitterte nun deutlich, anscheinend wollte jemand die Tür einschlagen.

Deirdre ließ sich hinter dem Bett in die Hocke fallen und zielte auf die Tür. Das Hämmern hörte urplötzlich auf. Hatte einer der anderen Hausbewohner etwa Alarm geschlagen und den Kerl damit verjagt? Sie lauschte. Keine Stimmen, keine Sirenen, nichts. Ihre Handflächen begannen zu schwitzen. Sie spürte ihren Herzschlag bis zum Hals hinauf und kam sich mit einem Mal furchtbar alleine vor. Wenn nur ihr Vater, der berühmte und große Mechkrieger, da wäre um sie zu beschützen oder wenn Sonny vorbeikäme um sie mit seiner schillernden Rüstung hier wegzuholen. Sie schalt sich selbst. Das waren keine Gedanken für eine erwachsene Frau, sie war doch keine 12 mehr!

Die Tür brach mit einem donnernden Krachen auf und flog förmlich in den kleinen Vorsaal hinein, bevor sie an einer Angel hängen blieb. Deirdre erschrak dermaßen, dass der erste Schuss aus ihrem Nadler in die gegenüberliegende Wand fuhr, die das Zimmer vom Vorsaal abgrenzte. Sie stieß einen heiseren Schrei aus, als mehrere Männer durch die Tür und auf sie zu stürmten. Noch während sie einen weiteren Schrei ausstieß feuerte sie den Nadler erneut ab. Einer der Männer wurde an Schulter und Oberkörper von den Plastiknadeln getroffen und stürzte. Sein Schwung reichte jedoch aus um ihn seitlich gegen die Bettkante fallen zu lassen. Das Bett wurde weggeschoben. Deirdre spürte den Stoss des Bettrahmens und verlor das Gleichgewicht. Sie fiel hintenüber und verlor dabei ihre Waffe. Ein anderer Mann stand plötzlich auf dem Bett und wollte sich gerade auf sie stürzen. Deirdre sah ihn in Zeitlupe auf sich zu kommen.

Ein bellender Schuss zerriss ihre Sicht der Dinge. Der Angreifer wurde von einer großkalibrigen Kugel getroffen und über sie weggeschleudert bevor er mit einem hässlichen Geräusch an die Wand hinter ihr prallte. Drei weitere Schüsse krachten, einer davon war definitiv eine andere Waffe, dann war es still.

"Deirdre! Bist du in Ordnung?" Deirdre atmete erleichtert auf. Sonny war da!

"Ja ich bin hier hinten." sagte sie mit zitternder Stimme. Sie hatte noch nicht die Kraft sich zu erheben, sondern blieb erst einmal liegen und war froh noch zu atmen. Sie spürte Brocks Schritte eher als das sie sie hörte, als dieser um das Bett herumkam und sich auf die Bettkante setzte.

"Du hast merkwürdigen Besuch am frühen Morgen." scherzte er. Sie sah auf und wollte ihn am liebsten treten, bekam aber nur einen halbherzig erzürnten Blick zustande.

"Scherzkeks. Die wollten mich umbringen." Deirdre war selbst über ihren fauchenden Ton überrascht. Sie raffte das Handtuch fester um sich und stand auf.

"Ich glaube eher, dass sie dich entführen wollten. Sie haben erst geschossen, als ich aufgetaucht bin. Übrigens schuldest du der Dame von gegenüber einen Drink. Sie hat mich gerufen als sie die Kerle vor dem Haus sah und eine Waffe bei ihnen bemerkte. Schön solche Nachbarn zu haben, muss ich schon sagen." während Evverson sprach, verstaute er seine Waffe in seinem Gürtelholster und untersuchte die Toten genauer.

"Das kann nur Mrs. Vance gewesen sein. Sie ist die Hausbesitzerin und hängt normalerweise den ganzen Tag am Fenster," murmelte Deirdre während sie ihre Kleider vom Vortag zusammenraffte und das Bad ansteuerte. Sie machte sich eine gedankliche Notiz, der alten Frau eine Schachtel Pralinen zu kaufen.

"Kennst du einen von denen?" Brocks Stimme drang nur gedämpft durch die geschlossene Tür.

"Nicht das ich wüsste." Sie hatte sich die Gesichter der Männer nicht genau betrachtet. Die junge Reporterin zitterte immer noch am ganzen Leib während sie in ihre Kleider schlüpfte. Als sie das Bad verließ traf sie beinahe der Schlag.

Ihre Wohnung sah aus wie ein Schlachtfeld. Die Eingangstür hing schief in den Angeln und war in der Mitte quer angebrochen. Vor ihrem Bett lag der Mann, den sie erschossen hatte. Er blutete fürchterlich und Deirdre ertappte sich bei der Überlegung, wie sie die Flecken wieder aus dem Teppich bekommen sollte. Neben dem Eingang zum Vorsaal lag ein weiterer Mann mit einem klaffenden Loch in der Brust. Eine Schrotflinte lag nicht weit von ihm auf der Erde. In der Decke über dem Toten konnte sie mehrere, rußgeschwärzte Löcher erkennen, anscheinend hatte der Mann noch im Fallen einen Schuss abgegeben. Der dritte Tote lag mit verkrümmtem Hals an der Wand. Er hatte sich beim Aufprall das Genick gebrochen.

Evverson saß auf der Bettkante und sah sich eine Brieftasche genauer an. Außer ein paar Geldscheinen förderte die Durchsuchung nicht zu Tage. Der Marshal grunzte und steckte die Fundsachen in einen Plastikbeutel.

"Glück gehabt?" Deirdre zitterte immer noch leicht aber sie versuchte es zu verbergen. Es gelang ihr nur kläglich.

"Nein, die Kerle waren nicht so freundlich ihre Ausweise mit sich rumzuschleppen. Verdammt es wäre auch zu schön gewesen." Evverson bückte sich und hob Deirdres Nadler auf. "Nettes kleines Ding... Wo hast du das her?" Er wog die Waffe kurz in der Hand und sah die Reporterin fragend an.

"Mein Vater hat ihn mir geschenkt als ich von zu Hause wegging. Er meinte irgendwann würde ich ihn vielleicht brauchen können.... Wie recht er doch hatte."

"Hat er damals schon gewusst das du Reporterin werden wolltest?" lachte Brock in sich hinein. Dem anfliegenden, feuchten, Handtuch konnte er mit Leichtigkeit ausweichen.

"Idiot." fluchte die junge Frau. Sie suchte nach einem weiteren Handtuch um die immer noch nassen Haare trocken zu rubbeln, während Brock mit dem Krankenhaus telefonierte und einen Leichenwagen bestellte.

Als er das Gespräch beendet hatte, verfiel Brock wieder ins Grübeln. Wer konnte einen Nutzen davon haben Deirdre etwas anzutun...

"Bist du in letzter Zeit jemandem auf die Füsse getreten?" Er stellte die Frage recht beiläufig um sie nicht zu beunruhigen.

"Was?" Deirdre lugte unter dem Handtuch vor. Sie stand in gebückter Haltung da und wirbelte das Handtuch um ihren Kopf um das Wasser aus den Haaren zu bekommen. Als Brock seine Frage stellte hielt sie kurz inne. "Wem bin ich auf was getreten?"

"Ich fragte ob du dich mit jemandem angelegt hast, der das hier inszeniert haben könnte." Brock musste grinsen als er sie so sah. Das Gesicht unter Haaren und Frottee versteckt, nur ein Auge und die Hälfte ihres Munds waren zu sehen.

"Grins nicht so du Affe. Hast du noch nie ein Mädchen mit nassen Haaren gesehen? Nein ich hab mich mit niemandem angelegt, es sei denn der Gemüsebauer am anderen Ende der Stadt hat sich darüber aufgeregt dass ich so einen niedrigen Preis für die Tomaten erzielt habe." Sie wickelte das Handtuch nun um die Haare und setzte sich neben Brock aufs Bett.

"Deirdre das ist verdammt Ernst. Derjenige der hinter der ganzen Sache steckt könnte auch dir ans Leder wollen, weil du in der Sache recherchierst. Hast du irgendwem unangenehme Fragen gestellt?" Brock machte sich Sorgen um seine neue Freundin. Irgendwie weckte sie Beschützerinstinkte in ihm.

"Nicht das ich wüsste, lass mich überlegen." Deirdre konnte man ansehen, dass sie scharf nachdachte. Ihr Blick wanderte über die Wand und blieb kurz an dem Blutfleck hängen den der zweite Attentäter hinterlassen hatte. Sie schüttelte sich kurz und sah dem Mechkrieger dann in die Augen. "Außer mit dir und meinem Informanten, habe ich nur mit einem einzigen Mann darüber gesprochen. Mit Jeffrey Sikes."