Ares
28.02.2005, 17:13
Die Folgende Geschichte beschreibt die Geschehnisse des in Produktion befindlichen gleichnahmigen Mods. Stellen die scheinbar sehr kurz gefasst wurden, werden in Kombination mit den Filmsequenzen und dem Spiel klar.
Operation Fimbulwinter
Herbst 3061
Die Hangartore quietschten leise in der morgendlichen Dämmerung. Die 15 Meter hohen Rolltore der Mechgarage waren breit genug um eine komplette Lanze in Linienformation ausrücken zu lassen. Dadurch fiel der nicht ganz einen halben Meter breite Spalt aus der Entfernung kaum auf.
Einem Betrachter in kurzer Entfernung hingegen musste die einsame Gestalt auffallen, die allein in Kühlweste und Shorts durch die Reihen der stählernen Giganten lief.
Die Kampfstiefel hallten laut durch die ansonsten vollkommen stille und vor allem kalte Herbstluft, während sich die Person zielstrebig auf Bucht 23a zu bewegte.
Von dem 30 Stunden Tag der auf Imbross III herrschte waren erst 6 vergangen und die meisten Bewohner des Stützpunktes schliefen noch oder versuchten mehr oder weniger erfolgreich, das Ende ihres Wachdienstes auch wachend zu erreichen.
Die Person hatte ihr Ziel erreicht. Im schwachen Licht der Notbeleuchtung ragte ein 50 Tonnen schwerer Mech empor. Der Torso glich in Form und Farbe einem überdimensionalen grinsenden Totenkopf. Er schien durch die nachtschwarzen Extremitäten des Mechs in der Dunkelheit zu schweben.
Die Maschine vom Typ Ursus war die einzige ihrer Art auf der gesamten Basis. Präziser formuliert war sie wohl auch die einzige ihrer Art jenseits des Geisterbärendominions.
Der Mann mit den Kampfstiefeln verharrte fast andächtig vor der Maschine.
Sie beide hatten einiges gemeinsam. Zunächst einmal waren sie beide Clan, und beide waren sie der Inneren Sphäre in die Hände gefallen.
Ein leises Seufzen entrang sich dem Clanner. Der Ursus war eigentlich ein Modell der Garnisonsklasse. Allerdings hatte er sich schon mehrfach an vorderster Front behaupten müssen. Noch eine Gemeinsamkeit.
Die Konstruktion war solide. So solide, dass der Mech, obwohl ihm praktisch jede Gliedmaße amputiert worden war, wieder fast wie neu erschien. Hier endete zum Glück die Analogie.
Fast ein Jahr war es mittlerweile her, dass er mit seinem fast vollkommen zerstörten Mech auf dem Rücken liegend seine Niederlage eingestehen musste. Er hatte sich die Gefechts-ROMs angesehen. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik. Allerdings nur aus der Sicht des Zeus, dessen ER-PPK auf den arm- und beinlos daliegenden Totenschädel zielte. Es war einer jener Momente gewesen.
Er hatte gewusst, dass er nun sterben würde. Sterben wie all die anderen tapferen Krieger, die glorreich gekämpft und gestorben waren - mit einer mehr oder weniger langen, nicht ganz so ehrenvollen Leidensphase. Er erinnerte sich an diese absolute Ruhe. Er hatte keine Angst empfunden. Um genau zu sein hatte er überhaupt nichts empfunden außer einer latenten Belustigung über die kleine, auf den Geschützlauf gemahlte Comickatze, die mit einem überdimensionalen Hammer nach einer Maus schlug.
Doch es war nichts geschehen. Die Schlacht war vorbei. Er erinnerte sich noch genau an die Worte, die dann aus seinem Funkgerät drangen:
„Ich bin Kommandanthauptmann Drake Voss. Ergeben Sie sich, Parder Krieger.“
„Ich bin Sterncommander Jack Nebelparder. Ich akzeptiere die Leibeigenschaft.“
Und nun war er hier. Die Arcturus Garde hatte genug Material gesammelt um seinen Mech wieder flott zu machen und Voss hatte ihn zu seinem Leibeigenen gemacht. Allerdings erst nachdem er Jack unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass es nur eine andere Alternative gab: Demilitarisierung.
Lieber wäre Jack gestorben, als das Leben eines Zivilisten anzunehmen.
Er hatte noch immer einen hellen Streifen an der Stelle, wo die improvisierte Leibeigenenkordel aus Isolierband befestigt gewesen war.
Aber heute war es so weit: Hunderte von Lichtjahren jenseits allem, was er jemals Heimat genannt hatte, wurde er nun als aktives Mitglied der Arcturusgarde gelistet und hatte die Erlaubnis, wieder als Mechkrieger zu dienen.
Der erhebende Moment hatte etwas gelitten, da Voss es Jack überlassen hatte, die Leibeigenenkordel selbst abzunehmen. Jack hatte den Verdacht, dass Voss sich dessen nicht mal richtig bewusst war, schließlich hatte er es auch Jack überlassen sich die Kordel anzulegen.
Aber jetzt war er kein Leibeigener mehr. Keine Hilfskraft, die mit Techs und Fußsoldaten zusammenarbeiten musste. Er war wieder Krieger und er hatte seinen Mech zurück.
Bedächtig kletterte er an der Gerüstleiter nach oben und öffnete das Cockpit. Bisher hatte er es erfolgreich geschafft, niemanden an die Kontrollen des Mechs zu lassen und Voss hatte es zum Glück auch davon abgesehen, den Mech einfach auszuschlachten.
Er begann die Startprozedur und kam schließlich zu dem Punkt, seine Identität zu bestätigen.
Die Techs hatten zwar dieses System umgangen, um den Mech normal zu nutzen. Es war ihnen aber nicht gelungen, an Jacks persönliche Einstellungen heranzukommen.
Lächelnd rezitierte er seinen persönlichen Codesatz:
„I will take what ever you throw at me and come back for more!“
Der Ursus erwachte zum Leben und die Systemdiagnose teilte Jack die Funktionsfähigkeit aller Systeme mit. Der Drang einfach loszulaufen und ein paar Feuerübungen abzuhalten war fast überwältigend. Aber Voss hatte ihm eine kurze Belehrung über die hiesigen Vorschriften gegeben. Also aktivierte er brav die Funkverbindung und wählte die Frequenz des diensthabenden Mastertechs, um den Ausflug anzumelden.
Dank digitalen Funks kam nicht einmal ein Rauschen als Antwort zurück.
Bedächtig verriegelte Jack die Beine und fuhr den Mech wieder herunter.
Gelassen ging er auf die Baracke zu, in der das technische Personal untergebracht war. Ein Blick auf den ausgehängten Dienstplan zeigte ihm das richtige Quartier.
Laut klopfte er gegen die Tür.
Ohne zu warten öffnete er und trat ein.
Ein verschlafen wirkender Mann mit Halbglatze stand in Shorts gekleidet neben seinem Bett und starrte ihn Ungläubig an:
„Sag mal, hast du sie noch alle? Was soll der Krach mitten in der Nacht? Mach, dass du aus meinem Quartier kommst, du dämlicher Penner.“
Diese Art von Beschimpfungen hatte Jack während seiner Leibeigenenzeit als durchaus angemessen betrachtet und nicht weiter beachtet. Jetzt war er wieder Krieger mit allen Pflichten und Rechten.
Ein boshaftes Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab...
Drake Voss vergrub das Gesicht in seiner rechten Hand, während er in der linken einen starken Kaffee hielt.
„Leutnant Jack, bitte erklären Sie es mir noch mal. Nur noch ein einziges mal, bitte.“
„Wie ich schon sagte: Diese Techfreigeburt zollte der Würde der Kriegerkaste nicht genügend Respekt. Also habe ich disziplinarische...“
„SIE HABEN DEN MANN BEWUSSTLOS GEPRÜGELT UND IHN IN SHORTS AN DEN FÜSSEN ÜBER DEN HALBEN STÜTZPUNKT GEZOGEN!!!
Warum haben Sie das getan?!?“
„Nun Sir, ich musste feststellen, dass schieben ziemlich ineffektiv gewesen wäre...“
„Seien Sie still, ich kriege Kopfschmerzen, wenn ich weiter darüber nachdenken muss.
Ich entlasse Sie aus dem Arrest und Sie werden auch nicht degradiert. Aber so etwas kommt nie wieder vor, verstanden?“
„Pos, Sir.“
„Und hören Sie gefälligst auf so zu grinsen!“
„Pos, Sir.“
„Und jetzt verschwinden Sie, bevor ich meine Meinung ändere!“
„Pos, Sir.“
Als die Tür hinter Jack zuschlug, lehnte sich Voss in seinem Stuhl zurück. Von all den ihm bekannten Leuten, die Leibeigene genommen hatten, hatte er nie von solchen Problemen gehört.
Blöderweise hatte er die ganze Sache auf eigene Verantwortung angeleiert und bisher hatte er auch noch nirgends ein praktisches Handbuch zum Umgang mit Clanleibeigenen gefunden.
Da kam ihm die Idee. Wenn Jack schon ein so aggressives Verhalten an den Tag legte musste man ihm eben eine Beschäftigung geben.
Er würde Jack als seine persönliche Leibwache abstellen. Auf die Art würde er ihn im Auge behalten können. Und außerdem: Wenn sich dieser kleine Wichtigtuer von Davionprinz eine Nebelparderelementarin als Leibwächter halten konnte, dann konnte ER sich doch zumindest einen durchgedrehten Nebelpardermechkrieger halten.
Er stand auf und eilte Jack hinterher. Einen Moment blickte er ratlos die beiden Gänge entlang und entschied sich dann, den zu nehmen, aus dem das erstickte Keuchen eines Wachsoldaten erklang.
„Jack! Lassen Sie den Hals dieses Mannes los! Und auch seine Genitalien!“
„Pos, Sir. Keine Angst, ich hätte ihn nicht über den Hof geschleift“
„Jack, Ruhe! Ich kriege schon wieder Kopfschmerzen! Kommen Sie mit! Ich habe eine neue Beschäftigung für Sie...“
Es gab keinen Zweifel daran: Jacks Situation in seinem neuen Clan hatte sich beträchtlich verbessert. Es hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass der bisher so ruhige und duldsame Hilfstech über Nacht zu einem der gefährlichsten Männer des Stützpunkts geworden war. Techs überlegten es sich seit kurzem dreimal, was Sie von sich gaben und der eine oder andere Wachsoldat war dazu übergegangen, die offizielle Uniform durch ein gewisses Ausrüstungsteil aus dem Icehokeybedarf zu erweitern.
Voss war zu dem Schluss gekommen, dass es im Umgang mit Clannern weniger Probleme gab, wenn man einige grundlegende Regeln beachtete:
Die Kommandos mussten klar und einfach sein, damit ihm gar nicht erst einfallen konnte, eigene Interpretationen zu verwenden.
Es musste ihm genug Auslauf im Simulator und in den anderen Trainingseinrichtungen ermöglicht werden, um die Aggressionen im Zaum zu halten.
Ansonsten war es wichtig viel mit ihm zu reden und ihn in der Nähe behalten, um ihn zu integrieren.
Ganz einfach also.
Als es klopfte legte Voss das Buch über Hundeerziehung beiseite. Nach einem kurzen „Herein.“ trat Jack ein.
Voss’ Büro wurde von dem massiven Eichenschreibtisch dominiert, der so aussah, als könne er dem Beschuss kleinkalibriger Waffen standhalten. Eine riesige Karte von Imbross III an der Wand, sowie ein paar gekreuzter Schwerter darüber stellten den einzigen Schmuck dar, den Voss sich gönnte.
Mit einem Nicken bedeutete Voss Jack sich zu setzen, welches dieser geflissentlich ignorierte.
Den Ex-Nebelparder zierte eine kleine Schramme über dem linken Auge und die Knöchel der rechten Hand wiesen deutliche Abschürfungen auf.
„Guten Morgen, Jack. Wie war Ihr Tag gestern?“ grüßte Voss, der von mehreren Seiten eine ziemlich genaue Aufstellung dessen erhalten hatte was Jack getan hatte. „Ich meine den Teil des Tages den Sie nicht im Arrest zugebracht haben.“
„Guten Morgen Nova Captain Drake, ich muss gestehen es gab einen kleinen Zwischenfall mit Mechkrieger Raimond.“
„Ach, Sie meinen nicht zufällig Raimond van Deeken, der Sohn von Duke Robert van Deeken?“
„Pos, ich glaube das waren die Namen die er gewimmert hat.“
„Jack wieso kam es zu diesem „Zwischenfall“?“
„Nun, Mechkrieger Raimond war der Ansicht der Platz an dem ich mein Essen in der Messe zu mir nahm, würde ihm zustehen. So wie auch der Platz daneben und der daneben und der daneben... Effektiv verlangte er von mir die Offiziersmesse zu verlassen.
Ich nahm die Herausforderung zu diesem Besitztest an und ging mit ihm in den Kreis der Gleichen.“
„Ah ja, mir wurde gesagt dass Sie auch noch den Boden mit Salatöl beschmiert haben“
„Seine Kameraden hatten sich leider geweigert einen Kreis zu bilden. Ich musste improvisieren“.
„Verstehe. Nun es wird Sie sicher freuen zu hören, dass die Rippe nur angebrochen ist und seine Nase wieder hergestellt werden kann.
Jack, ich sage das jetzt zum letzten Mal: Hören Sie auf beständig Mitglieder meines Stabes zu verprügeln! Darin schließe ich ein: Duelle mit scharfen Waffen und vor allem Duelle mit scharfen Mechs.“
Jacks Gesicht war starr bei diesen Worten und er visierte mit den Augen einen Punkt etwa 10 cm neben Voss linkem Ohr an.
„Pos, Nova Captain Drake“
„Wenn Sie Probleme haben, reichen Sie bei mir eine schriftliche Beschwerde ein und ich werde mich darum kümmern“ Bei diesen Worten deutete er auf einen etwa 5 cm dicken Stapel Papiere, der säuberlich gestapelt am Rand lag.
„Ich muss zu einer Besprechung mit Lord Donahugh. Da ich nicht annehme, dass eine Soldkürzung oder ein Ausgangsverbot viel Eindruck auf Sie machen würde, ergreife ich hiermit diese disziplinarische Maßnahme: Sie bearbeiten jede dieser Beschwerden schriftlich, erstellen eine stichpunktartige Zusammenfassung und geben Rückmeldungen heraus.
Noch irgendwelche Fragen?
Nein?
Hier sind die Dienstvorschriften falls irgendwelche Unklarheiten bestehen, wie sie einzelne Fälle zu behandeln haben.
Ich bin in etwa 3 Stunden zurück.“
„Pos, Nova Captain.“
Mit unterdrücktem Erstaunen betrachtete Voss einige Momente lang, wie Jack sich hinter den Schreibtisch setzte und gehorsam anfing die einzelnen Beschwerden zu bearbeiten. Die meisten waren sowieso über ihn, da fand es Voss nur fair, dass Jack sich auch damit herum schlagen musste. Die Unterredung nahm ihm ohnehin schon mehr als genug seiner knappbemessenen Zeit. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, dachte er fröhlich.
Voss kehrte mehr als nur ein wenig zerknirscht von der Unterredung zurück. Als er seine Bürotür öffnete, saß Jack recht entspannt hinter dem vollkommen leeren Schreibtisch und war vollkommen vertieft in die Dienstvorschriften.
„Interessante Lektüre?“
„Pos, mein Nova Captain. Ich stelle fest, dass sich diese Vorschriften in vielen Punkten nicht all zu sehr von denen der Nebelparder unterscheiden, auch wenn ich einige Dinge nicht vollkommen verstehen kann.“
„Gut, gut. Haben sie alle Beschwerden bearbeitet?“
„Pos. Fast alle hatten Formfehler, so dass ich sie, mit Verweisen auf die entsprechenden Vorschriften sowie die korrekten Schritte zur Anforderung von Beschwerdeformularen, welche auf den Seiten 4-7 der Dienstanweisungen beschrieben werden, zurücksenden konnte.“ Ein Grinsen machte sich auf Jacks Gesicht breit.
„Jack?“
„Ja, Nova Captain?“
„Ich hatte vergessen, Ihnen zu verbieten, Bürokratie als Waffe einzusetzen, stimmt’s?“
„Pos, Nova Captain“
„Wie dem auch sei, Lord Donahugh verlangt von mir, dass ich Manöver im Argyletal abhalte, - direkt an der Grenze zu den Schutztruppen des Sternenbundes. Ich möchte mir gar nicht ausmalen zu was für Zwischenfälle es bei dieser angespannten Lage kommen könnte.
Und bevor Sie fragen Jack: Nein, Sie werden nicht teilnehmen, sondern mich begleiten. Sie sind als mein Leibwächter abgestellt. Gewöhnen sie sich dran. Zumindest bis ich sicher sein kann, dass Sie nur noch die Feinde der Arcturusgarde auseinandernehmen und nicht auch ihre Kameraden.“
„Pos, mein Nova Captain“ Für einen Moment verspürte Voss so etwas wie Mitleid für Jack, der zwar Haltung bewahrte, dem aber die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand. Andererseits, dachte er sich, mit ihm hätte auch niemand Mitleid, wenn er die Verantwortung für einen Nebelparderkrieger übernehmen müsste der bei den Schlangen Amok läuft.
„Also los Jack. Wir haben viel zu tun. Sie können doch Autofahren, nicht war?“
Für eine Sekunde entglitten Jacks Züge und er sah aus wie jemand der gerade dabei ertappt wird wie er den letzten Keks aus der Dose stibizt. In Jacks Fall auch wie derjenige, der stattdessen eine Mausefalle darin platziert. Aber er hatte sich fast genauso schnell wieder unter Kontrolle.
„Pos, mein Nova Captain. Ich habe auf Garstedt als Mitglied der friedensichernden Einheiten gearbeitet und dort mit Radfahrzeugen etwas Erfahrung gesammelt.“
„Im Ernst, sie waren bei der Militärpolizei auf einem Kuritaplaneten?“
„Ich war seit meinem 11. Lebensjahr in der Besatzungszone der Nebelparder.“
„Interessant, dann haben sie ja die Hälfte ihres Lebens in der inneren Sphäre verbracht, ich dachte immer sie wären von Diana. Schließlich habe ich Sie dort auch geschnappt.“
„Ursprünglich stamme ich auch von Huntress - wie alle wahren Nebelparder. Aber ich wurde im Zuge der ersten Verstärkungswelle in die Innere Sphäre überstellt.“
„Gut, dann sind Sie hiermit auch als mein Fahrer eingeteilt.“ Und du bist ausreichend beschäftigt, keine weiteren Dummheiten anzustellen, dachte Voss.
Jack zeigte mehr Erfahrung mit dem Geländewagen, als Voss erwartet hätte und sie ließen die Kaserne zügig hinter sich.
„Sir, wohin fahren wir eigentlich?“
„Richtung Argyletal. Wohin sonst.“
„Wenn ich die Karten richtig im Kopf habe sind das fast 200km...“
„Deswegen biegen sie auch hier links ab, ich habe einen Suborbitalflieger geordert, wird also keine 10 Minuten dauern.“
Tatsächlich wartete ein kleiner Hopper mit geöffneter Ladeklappe und laufenden Triebwerken auf dem Flugfeld hinter der Kaserne.
Als Jack Anstalten machte auszusteigen, sagte Voss:
„Nicht notwendig, wir werden samt Fahrzeug angeschnallt“
„Sir, warum verlangt dieser Lord, die Manöver in diesem kritischen Gelände abzuhalten?“
„Tja Jack, offiziell wegen der fordernden Umgebung und der praktischen Lage.“
„Und inoffiziell?“
„Weil er die Kuritaschutztruppen beleidigen und reizen möchte“
„Das klingt für mich nach einem durchaus legitimen Ansinnen.“
„Ja, und genau das sollte für uns alle Grund genug sein, davon Abstand zu nehmen.
Aber ich dachte Sie seien im Draconis Combinat aufgewachsen?“
„Pos Sir, aber das Verhältnis der Eingeborenen zum Clan war ausgesprochen unfreundlich.“
„Unfreundlich im Sinne von Unhöflich?“
„Neg. Unfreundlich im Sinne von Bombenanschlägen auf Mitglieder der niederen Kasten, Überfälle auf Lazarette und nicht zuletzt Mordanschlägen auf die friedenssichernden Ordnungskräfte.“
„Warst du da schon Mitglied der Militärpolizei?“
„Pos. Ich bekleidete den Rang eines Inquisitors“
„Was hat der für Aufgaben?“
„Befriedung von Verbrechen ohne oder mit nur geringer militärischer Bedeutung, Verfolgung von subversiven Elementen, schwerer Waffeneinsatz und Taktik.“
„Sollte das nicht „Spezialwaffen und Taktik“ heißen?“
„Neg. Das örtliche organisierte Verbrechen hatte starken Zugriff auf Ausrüstung und Waffen der Kriegerkaste. Sie zögerten nicht, sie gegen uns oder Zivilisten einzusetzen.“
„Wie wurden diese Probleme gelöst?“
„Die Verantwortlichen wurden gestellt, abgeurteilt und exekutiert...
oder zum Arbeitsdienst überstellt.“
„Ich weiß ja, dass bei euch Clannern alles ein bisschen schneller geht, aber Sie können doch sicher kaum über 18 Jahre alt gewesen sein, als Sie dort angefangen haben?“
„Pos, Ich hatte diese Stelle inklusive meiner Ausbildung für 3 Jahre bekleidet. Solange bis durch den Angriff des Sternenbundes eine Aktivierung aller Krieger nötig wurde, was zu dem Ihnen bekannten Ausgang auf Huntress führte.“
Voss wartete vergeblich auf weitere Ausführungen. Irgendetwas sagte ihm, dass Jack ihm ein kleines Detail verschwieg. So etwa von der Größe eines Mechs der Sturmklasse aufwärts.
Er beließ es jedoch für den Moment dabei, da der Gleiter in den Sinkflug ging und sich nach einigen Momenten Schwerelosigkeit und anschließendem erhöhtem Anpressdruck die Heckklappe öffnete und die Verankerungen lösten.
Die Straßen hier waren schlecht und Jack musste sich sichtlich anstrengen den vielen Schlaglöchern auszuweichen. Östlich erstreckte sich eine weite Fläche von Feldern auf denen vereinzelt Agromechs oder andere Feldmaschinen zu sehen waren. Vornehmlich waren sie damit beschäftigt Pflanzenschutzmittel auszubringen. Östlich begannen die Argylewälder, in denen auch die Minengebiete lagen, die für das Manöver genutzt werden sollten.
Nach etwa 20 Minuten Fahrt brach Jack das Schweigen:
„Das Manöver wird diesen Niederkastlern nicht gefallen, franeg?“
„In der Tat, aber daran ist nichts zu ändern.“
„Die Wälder scheinen nicht allzu dicht zu sein. Für Mechs ist hier ideales Terrain, ab wo beginnt die Kuritazone?“
„Siehst du den Gebäudekomplex dort am Ende der Straße?
Das ist der Funkvorposten der SBVS. Um den müssen unsere Soldaten einen großen Bogen machen, oder wir kriegen Probleme.“
„Gilt das auch für die Niederkastler die vor den Toren des Stützpunkts ein Feuer entzündet haben?“
„Scheiße! Jack geben Sie Gas.“
Der kleine Stützpunkt, der eigentlich nur mit Funkern besetzt war, um anfliegende Landungsschiffe der SBVS auf die richtigen Felder zu lotsen, hatte sich spontan zu einem Ort des Austauschs kultureller Identitäten gewandelt.
Weniger blumig ausgedrückt: Lyraner beschimpften Draconier, Draconier spielten bedrohlich an ihren Waffen herum.
Mit quietschenden Reifen kam der Geländewagen zum stehen und Voss sprang heraus. Aus der Nähe war erkennbar, dass das Feuer in Wirklichkeit eine brennende Mülltonne war, in der allerlei stinkendes Brennmaterial verfeuert wurde.
Einige Leute hielten selbstgemachte krakelig beschriftete Plakate in die Luft, die von ehrlichem Volkszorn zeugten und in einigen Fällen auch von ziemlich mangelhafter Grammatik.
Voss ignorierte den Sprechchor und drängte sich grob durch die Menge zu deren mutmaßlichen Anführer, der mit einem Megaphon immer wieder Texte der Plakate wiederholte:
Kuritas raus, Runter von unserem Land, Erntenvernichter verschwindet...
Die Litanei stoppte abrupt als Voss dem Mann das Megaphon aus der Hand riss.
„Seid ihr des Wahnsinns? Das ist militärisches Sperrgebiet, noch ein paar Meter weiter und diese Truppen hätten jedes Recht euch nieder zu schießen!“
Und einer Eingebung folgend meinte Voss noch:
„Ist keiner bisher auf die Idee gekommen, dass diese Draconier Eure auf deutsch gehaltenen Proteste überhaupt nicht verstehen können?“
Einige Leute schauten bei diesen Worten tatsächlich betreten auf ihre Plakate, die Mehrzahl jedoch ignorierte dieses Argument geflissentlich mit Gemurmel das sich in etwa als: „Ignorante Schlangen, sollen wir uns etwa denen anpassen?“ zusammenfassen ließ.
Voss schüttelte innerlich den Kopf, doch bevor er weiter sprechen konnte meldete sich der just so brutal in seiner Redefreiheit beschnittene Anführer:
„Diese Schlangen trampeln mit ihren Mechs auf unseren Feldern herum und versauen den Leuten hier die Ernte.“
„Das ist doch noch kein Grund hier Feuer zu legen und zu randalieren.
Geht nach Hause Leute bevor es Ärger gibt. Ich bin Kommandant Voss von der Arcturus Garde und ich rate ihnen dringend...“
Zu was Voss ihnen raten wollte, sollte der Mehrzahl der Leute unbekannt bleiben. Ein harter Tritt traf ihn am Rücken, die Welt drehte sich um 90 Grad. Kaum hatte sein Gehirn diese Information verarbeitet, schlug etwas mit einem satten Knall am Boden auf, gefolgt von einem herzhaften Knacken und einem spitzen Schmerzenschrei. Ziemlich irritiert sah Voss den faustgroßen Ziegelbrocken an, der ihn um Haaresbreite verfehlt hatte.
Als er sich aufrappelte sah er Jack, der einen der Zivilisten in einem ziemlich brutalen Armhebel zu Boden drückte.
Der Winkel, in dem dieser dabei abstand, ließ auf eine ausgekugelte Schulter schließen.
Bevor sich jedoch ein Mob auf den jetzt ziemlich einsamen Clanner stürzen konnte, holte das Geräusch von Schüssen alle beteiligten Parteien wieder auf den harten Boden der Realität zurück.
Am Tor des Stützpunktes stand ein draconischer Offizier, der ein Sturmgewehr in die Luft gerichtet hatte.
In lautem, klaren Englisch verkündete er:
„Diese Versammlung ist mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Bei zuwider Handlung werden wir auf Grundlage der Statuten der SBVS Zwangmaßnahmen zur Befriedung und Sicherung der öffentlichen Ordnung einsetzen.“
Wesentlich zum Verständnis dieser komplexen Ansprache trug das halbe Dutzend Wachsoldaten bei, die am Tor mit präsentierten Waffen Stellung bezogen hatten.
Dank dieses Stimulus erinnerten sich viele Demonstranten plötzlich an dringende Termine, denen sie sofort andernorts nachgehen mussten.
Der Mob löste sich auf. Zurück blieb nur ein demoliertes Megaphon, Voss, Jack und ein leise wimmernder Ex-Steineschmeißer.
„Lass ihn los, Jack, der hat genug.“
Voss wandte sich dem Offizier am Tor zu und nickte ihm knapp aber nicht unfreundlich zu. Dieser erwiderte die Geste mit einer angedeuteten Verbeugung.
Voss und Jack begaben sich zurück zum Wagen und machten sich auf den Rückweg.
„Sind Sie unverletzt, Sir?“
„Ja Jack, bin ich. Du hast schnell reagiert. Ich habe gar nicht mitbekommen, was genau passiert ist.“
„Ich sah nur eine Ausholbewegung und gab Ihnen einen Tritt um sie aus der Schussbahn zu bringen.“
„Das heißt, du wusstest gar nicht ob er etwas werfen wollte, oder ob er auf mich zielte?“
„Pos, aber ich hielt abwarten für die schlechtere Alternative.“
„Tja, manchmal hat deine Ungeduld auch ihre guten Seiten. Aber war es wirklich nötig dem Mann die Schulter auszukugeln?“
„Absolut. Der Angriff auf ein Mitglied der Kriegerkaste muss mit äußerstem Nachdruck unterbunden werden.
Außerdem verlagerte sich so die Aufmerksamkeit dieser Freigeburten weg von ihnen und Sie waren aus der Schusslinie.“
„Und stattdessen standest du darin“, dachte Voss. Laut sagte er:
„Du nimmst deine Aufgabe als Leibwächter ernst, nicht wahr?“
„Pos, das Wesen des Kriegers verlangt absolute Aufopferung für den Clan und die Einheit, - unabhängig von eigenen Vorlieben und Wünschen.“
Dem wusste Voss nichts zu entgegnen. Gedankenversunken starrte er auf die vorbeiziehenden Landschaft des Argyletals.
Das Schweigen wurde von Jack erst gebrochen, als sie schon wieder im Hopper waren:
„Diese Niederkastler waren nicht nur um ihre Ernte besorgt, frapos?“
„Wie kommst du darauf?“
„Sie hatten einen Anführer, der kein Landarbeiter war.“
„Und woran hast du das erkannt? Hatte er zu saubere Schuhe, keine Schwielen an den Händen oder eine zu kultivierte Aussprache?“
„Neg, er hatte seinen Zutrittsausweis um den Hals. Der Mann arbeitet in der Hauptstadt bei der Palastwache.“
„Oh, na gut. Idioten wie den gibt es überall. Gott sei Dank ist nichts passiert. Abgesehen davon, dass du mich in den Dreck gestoßen hast. Danke übrigens dafür.“
„Es war mir ein Vergnügen, Nova Captain.“
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Voss hatte schon einige Manöver organisiert, aber selten welche die praktisch in Feindgebiet stattfanden. Alle waren angespannt und schienen es gar nicht erwarten zu können, Flurschäden im Argyletal anzurichten. Deren Dimensionen würden die Spuren der Kuritas wie einen Teelöffel zu einem See erscheinen lassen würde. Das Wort See brachte ihn dazu sich eine mentale Notiz zu machen kein hiesiges Bier zu kaufen, sollte es wieder zu einem so großen Kühlmittelleck wie beim letzten Mal in der Nähe der Kornfelder geben.
Jack hatte sich erstaunlich ruhig verhalten - für seine Verhältnisse. Wie es schien hatte er im Simulator Pech gehabt, oder er hatte auch nur den Mund zu voll genommen. Immerhin hatte er zwei der vier Mitglieder seiner Lanze besiegt. (Voss hatte ihm die Bitte gewährt und ihn einen Stern aus fünf Mechs bilden lassen). Es hatte zwar einiges an Murren gegeben, aber Jacks Fähigkeiten und Erfahrungen waren mehr als ausreichend, ihm ein Kommando im Rahmen seiner früheren Position anzuvertrauen.
Voss hatte ihm jedoch kategorisch untersagt, das Training mit realen Mechs und Waffen zu wiederholen. Selbst wenn die Techs an seinem Simulator herumgepfuscht hätten. Ansonsten lief innerhalb seines Sternes alles glatt Niemand hatte sich über ihn oder seinen Führungsstil beschwert. Dabei interessierte es Voss nicht sonderlich, ob dafür ein „nicht wollen“ oder ein „nicht trauen“ verantwortlich war.
Die restliche Dienstzeit jedenfalls hatte Jack sich in seiner Nähe aufgehalten und ihm sogar bei der Administration geholfen, was in Voss Augen ausreichte um Jack ein gewisses Maß an Exzentrität zuzugestehen.
So kam es, dass Voss mit recht entspannter Laune das Manöver von seinem fahrbaren HQ aus überwachte. Jack und sein Adjutant Maier waren bei ihm und überwachten den Verlauf des Manövers auf dem Holoprojektor.
Momentan war eine Lanze Scoutmechs dabei, sich von einer Mittelschweren Angriffslanze zu lösen. Da das ganze in unmittelbarer Nähe stattfand, entschied sich Voss den Feldstecher zu nehmen und das ganze Spektakel live anzusehen.
Auf einem Hügel in der Nähe sah er auch schon seine beiden ranghöchsten Offiziere, Kommandant Samantha Raily und Hauptmann Bernhard Hoffman, die ebenfalls mit Feldstechern bewaffnet dem Geschehen folgten.
Erst jetzt fiel ihm das Kamerateam auf, das diese günstige Lage ebenfalls erkannt hatte.
Er erkannte die hübsche Brünette als Christina Shaw, eine Reporterin, die für Comstars Presseagentur arbeitete. Neben ihr stand ein Mann, den Voss nach einigem überlegen als Hagen York, ein hiesiger Journalist, identifizierte.
Voss kam gerade dazu als der Kameramann mit den Fingern von fünf abwärts zählte:
„Drei ... Zwei ... Eins ... Du kannst.“
Die Reporterin fing an:
„Seit dem Ausbruch heftiger Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Archon-Prinzession Katharina Steiner und ihrem Bruder Victor Steiner-Davion, dem Präzentor Martialum ComStars, unserer Agentur, hat sich die Aufmerksamkeit auch auf diese Region nahe Terra, den sogenannten Daumen um den Planeten Lyons, konzentriert. Wie alle Planeten dieser Region wurde auch Imbross III, auf dem wir uns befinden, bis zur Entspannung der innenpolitischen Lage der Verwaltung des Draconis Kombinats unterstellt. Mr. York, als alteingesessener Beobachter der örtlichen politischen Verhältnisse, können sie uns die Gefühle der Bevölkerung angesichts dieser Maßnahme schildern?“
York brachte sich bei diesen Worten in Positur und antwortete:
„Natürlich, Frau Shaw. Victor Steiner-Davion hat eindeutig gezeigt, dass seine ganze Rhetorik um Selbstbestimmung und Menschenwürde nichts als leere Phrasen sind. Nur um seine Ziele voranzutreiben, wirft er uns dem Drachen des Kombinats zu Fraß vor.“
„Aber warum sollte Victor so etwas machen? Schließlich gehört doch auch Imbross III zu jenem Herrschaftsgebiet, um den der Konflikt mit seiner Schwester sich dreht.“
„Nun, Frau Shaw, wie wir schon während der Clan Invasion gesehen haben, sind wir Lyraner den Davions eigentlich völlig egal und nur als Pufferzone gut genug. Wir sind ja bloß Teil der lyranischen Allianz. Wären wir Teil der Vereinigten Sonne, dann könnten sie sicher sein, dass alle Regimenter der AVS und wahrscheinlich noch ihre ComGuards gegen das Kombinat losschlagen würden, wenn Kurita auch nur eine Davion Welt schief ansieht. Aber uns kann man ja verraten und verkaufen, um sich von einer Invasion des Kombinats freizukaufen.“
„Aber der endgültige Status des Lyons Daumens ist ja noch nicht entschieden. Schließlich wurde dem Sternenbund ein Mitspracherecht bei der Verwaltung eingeräumt.“
„Das ist wohl nur eine Frage der Zeit. Schließlich wissen wir alle wer derzeit der erste Lord ist und mit wem Victor seine Freizeit verbringt. Was glauben sie, wen mag er da lieber...“
In diesem Moment bemerkte Shaw Voss und zeigte ihr hohes Maß an Professionalität als sie sofort auf ihn zu schritt und sagte:
„Hier bei mir steht auch Kommandanthauptmann Drake Voss, der derzeitige Kommandeur der 5. Arcturusgarde, die im Moment hier im Argyletal ein Manöver abhält.
Kommandant Voss, könnten Sie uns bitte einige Fragen beantworten?“
Sie hatte genau das richtige Tempo benutzt um Voss für einen Moment aus dem Konzept zu bringen, so dass er meinte:
„Ja natürlich, Frau äh.. Shaw.“
„Herr Kommandanthauptmann, verschiedene politische Beobachter, sowohl auf Imbross III als auch von Außerhalb, halten ihre Manöver angesichts der derzeitig angespannten Lage im gesamten Lyons-Daumen, sowohl von der Wahl des Zeitpunkts, als auch von der des Ortes her, für eine gezielte Provokation gegenüber den Sternenbund-Friedenstruppen. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Zurschaustellung militärischer Macht in der Nähe des 4. Dieron Regiments?“
Voss hatte schon etwas derartiges erwartet und brachte mit einem diplomatischen Lächeln seine einstudierte Antwort hervor:
„Ja, ich habe auch von solchen Spekulationen gehört. Aber das hat natürlich nichts mit der Realität zu tun. Die Kämpfe mit den Clans, obwohl so überaus erfolgreich, haben uns doch einen horrenden Blutzoll abverlangt. Das 2. Bataillon musste in großen Teilen neu aufgestellt werden. Und so sehr ich vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten und die Motivation meiner Leute habe, so bildet doch ein umfassendes Training die Grundlage für eine erfolgreiche Truppe.
„Aber warum im Argyle-Tal? Die Lager der Sternenbund Friedenstruppen liegen in einer Entfernung, welche die meisten Mechs in unter einer Stunde zurück legen können. Und warum jetzt? Es haben doch innerhalb der letzten Wochen die Proteste gegen die Kombinatstruppen massiv zugenommen.“
„Unser 2. Bataillon hat eine Tradition während des Herbstes Übungen abzuhalten. Das wurde schon bei Stationierungen auf anderen Planeten praktiziert. Gerade das Argyle Tal bietet zu dieser Jahreszeit eine hervorragende Übungsumgebung. Das widrige Wetter hier im Norden so wie das abwechslungsreiche, bergige Gelände fordern von unseren Leuten ihr ganzes Können und die vollste Aufmerksamkeit. Ein Kommandant kann sich keine besseren Voraussetzungen für ein Manöver wünschen.“
„Jedoch scheint die örtliche Bevölkerung nicht ganz erbaut von ihrer Anwesenheit zu sein. Die Vereinigung der landwirtschaftlichen Produzenten hat gegen die Manöver zu diesem Zeitpunkt protestiert. Die Farmer fürchten, dass die Aussaat der Imbross-Gerste verzögert, ja gar unmöglich gemacht wird.“
„Während der Vorbereitungen auf diese Übungen haben wir uns natürlich mit dieser Frage beschäftigt. Aber nach Konsultationen mit Experten des Landwirtschaftministerium sind wir zu dem Schluss gekommen, dass nach dem Ende der Übungen noch mindestens eine Woche Zeit für die notwendigen Arbeiten bleibt.“
Tatsächlich hatte es mehr als einige kleine Gefallen benötigt um diese Einigung zu erzielen. Die üblichen Reparationszahlungen und eine Mindestabnahme des Getreides zum Festpreis waren nur die Spitze davon.
Shaw wollte noch weiter nachhaken, als Voss von seinem Adjutanten der sich unbemerkt genähert hatte unterbrochen wurde.
„Sir, das müssen Sie sich ansehen. Es ist wichtig... und vertraulich!“
Während des Interviews waren Jack und Maier allein zurückgeblieben und Jack übte sich in der ihm etwas fremden Kunst des Smalltalks:
„Das Manöver läuft wie geplant, frapos.“
Maier, der etwas gelangweilt in einer Novemberausgabe 3060 von Mechs’n Babes blättere, sah nicht hoch als er antwortete:
„Ja, aber wir müssen am Sektor A/6 aufpassen.“
„Weil dort die Dobermannlanze an der Sicherheits-Zone pattrouliert, frapos?“
„Jepp, die Stelle ist tückisch“
„Weil dort der Fluss eine scharfe Biegung macht und Dobermann auf die falsche Seite gezwungen wird wenn sie der Stellung bei A/7 entgehen wollen und sich zwei Pattroulien der SBVS der Stelle nähern, frapos?“
„Ja, woher wissen Sie das? Haben Sie eine taktische Überprüfung des Geländes vorgenommen?“
„Neg, das Erwähnte ist nur gerade eben passiert...“
Voss und sein Adjutant entfernten sich einige Meter von dem Kamerateam und Shaw signalisierte ihrem Kameramann den Abbruch der Aufnahme, indem sie einen Daumen über ihre Kehle zog.
Der Kameramann fing leise an zu singen:
„Jemand will nicht reden, jemand will nicht reden...“
Shaw warf ihm einen genervten Blick zu und sagte:
„Da drüben läuft das Manöver. Mach doch mal ein paar Aufnahmen fürs Archiv.“
Bevor der Kameramann jedoch seine Kamera in Stellung bringen konnte hörten sie Voss rufen:
„Raily, Hoffman .. Stabsbesprechung. Sofort!“
Die Offiziere stürmten praktisch in das HQ und ließen das verdutzte Kamerateam zurück.
In Situationen wie diesen konnte man erkennen warum Voss so schnell Karriere auf dem Schlachtfeld gemacht hatte. Äußerlich war er vollkommen ruhig und nahm alle Informationen auf, überdachte sie kurz und gab seine Befehle. Wer ihm aber in die Augen sah, stellte wohl fest, dass es tausend andere wesentlich wichtigere Punkte zu sehen gab. Die unterdrückte Wut in ihm würde zu gegebenem Zeitpunkt die entsprechenden Personen treffen.
Hatte Voss gedacht, er hätte ein Problem, als er von der abgefangenen Lanze hörte, so war er jetzt eines besseren belehrt worden. Das war kein Problem gewesen, das war nur eine kleine Unannehmlichkeit.
Sie hatten jetzt den Funkverkehr auffangen und in eine verständliche Qualität optimieren können:
„Terrier 1 an Dobermann, ich glaube wir sind ein wenig vom Kurs abgekommen, bestätigen.“
„Hier Terrier 2, äh, ich glaube, wir hätten wieder über den Fluss zurück gemusst. Soll ich das HQ rufen?“
„Terrier 1 an Terrier 2, negativ wir verraten unsere Position wenn wir auf volle Leistung gehen, hier ist der Empfang blockiert.“
„Verstanden Terrier 1.“
„Terrier 3 and Dobermann, ich hab hier was auf dem Schirm, acht Mechsignaturen. Keine Manöver IFF Kennung.“
„Verflucht, was machen diese Schlangen hier?“
„Terrier 4 an Terrier 1, ich glaube wir sind in der Sicherheitszone.“
„Hier spricht Tai-i Natzuhara, sie befinden sich auf dem Gebiet der Sternenbund Sicherheitszone. Identifizieren sie sich.“
„Hier spricht Leutnant McKendrick. Verpisst euch, wir haben hier ein Manöver laufen, sie gefährden unsere Position.“
„Gut, Mr. McKendrick, wenn sie es so wollen: Sie stehen hiermit unter Arrest. Folgen sie uns zu unserer Basis zur erkennungsdienstlichen Behandlung.“
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„Sir, was sollen wir jetzt tun?“
„Terrier 2, wir tun was die sagen. Ich glaube nämlich nicht, dass die auch nur Manövermuni geladen haben. Bestätigen, Dobermann“
„Hier Terrier 2, bestätigt.“
„Hier Terrier 3, bestätigt.“
„Hier Terrier 4, bestätigt. Sir, was werden die mit uns machen?“
„Keine Panik. Die können uns gar nichts. Übrigens: Schaltet alle sofort diese dämliche Drosselung eurer Energiewaffen aus. Der Code lautet BravoFoxtrottGolf42.“
Voss verzog bei diesen Worten das Gesicht. Dieser Code hätte überhaupt nicht an die Lanzenführer ausgegeben werden sollen.
Er ließ die Aufzeichnung schnell vorlaufen.
„Hier Terrier 3, Sir der Dragon an meiner Flanke ist gerade gestürzt, die Lücke wäre groß genug. Wir könnten ausbrechen wenn ich ihm schnell eins verpasse.“
„Hier Terrier 1, Feuer halten. Nicht aufschalten!“
„In Ordnung, feuere manuell ohne Aufschaltung.“
Das charakteristische statische knacken einer PPK durchsetzte kurz die Aufzeichnung.
Voss verzog das Gesicht. „Was für Idioten“, dachte er sich.
„Scheiße, Meinert Sie Idiot! Ich meinte keinesfalls feuern! O.k., jetzt heißt’s die oder wir. Dobermann Feuer auf die Flanke konzentrieren und dann nichts wie weg.“
Der Rest war, wie man so schön sagte, Geschichte. Die Dobermann Lanze hatte den Dragon am Boden erwischt und scheinbar noch einen anderen Mech schwer beschädigt und war dann in die dichten Wälder geflüchtet. Natürlich in die falsche Richtung. Das erklärte warum gerade zwei volle Battalione der Dracs aktiviert wurden.
„Hauptmann Hoffmann, welche einsatzbereiten Lanzen haben wir in der Nähe?“
„Pollux und Barghest sind in der Nähe, Sir.“
„Wer ist der kommandierende Offizier bei Pollux?“
„Pollux wird im Moment provisorisch von Raimond van Deeken geführt...“
„Nicht noch ein Nagelringbaby, geben sie mir Barghest Lanzenführer. Der ist schon wesentlich länger dabei.“
„O.k. Sir, Verbindung steht“
„HQ an Barghestlanzenführer:
Hören Sie mir genau zu. Was ich Ihnen jetzt sage, ist sehr wichtig. Und behandeln Sie es vertraulich.
Dobermann Lanze ist in die S-Zone der SBVS Kräfte eingedrungen. Unsere Aufklärer melden, dass sie von zwei Lanzen abgefangen wurden. Zuerst haben sie sich zum SBVS Lager eskortieren lassen, aber dann scheint Dobermann die Nerven verloren zu haben und hat das Feuer eröffnet.
Dobermann Lanze konnte sich vom Feind trennen, ist aber immer noch zu weit von unserer momentanen Stellung entfernt, um es ohne Unterstützung zurück zu schaffen. Und derzeit werden zwei volle draconische Bataillone mobilisiert.
Sie werden mit Ihrer Barghest Lanze so schnell wie möglich in die S-Zone eindringen, mit Dobermann Lanze aufschließen und sie mit Höchstgeschwindigkeit da rausbringen.
Ich habe Sie für die Aufgabe ausgewählt, weil Sie am New Capetown ausgebildet wurden. Die meisten anderen Lanzenführer bei uns stammen vom Nagelring und dort scheint wohl gerade die „juckender Abzugsfinger“-Epidemie umzugehen.
Koordinaten folgen. Viel Glück.“
„Bestätigt HQ, breche auf.“
Voss lehnte sich zurück. Das war das Schlimmste am Kommandieren. Ab einem gewissen Punkt konnte man nur noch abwarten.
Jack lehnte sich vor:
„Das sind die Probleme, vor denen Sie den Lord gewarnt haben, frapos?“
„Ja Jack, aber im Moment haben wir auch nur Probleme. Ich fürchte aber, dass wir ganz schnell eine ausgewachsene Krise bekommen, wenn wir hier nicht sehr besonnen und diplomatisch vorgehen.“
„Das heißt wohl, dass ich bis auf Weiteres bei ihnen bleibe und nicht zu meinem Stern gehe, frapos.“
„Jack, deine rasche Auffassungsgabe ist bewundernswert. Komm, ich muss einige Dinge vorbereiten...
Und eventuell ein Militärgericht.“
So unangenehm dieser Zwischenfall war und was für komplizierte Verstrickungen er hervorrufen würde, so absurd einfach und reibungslos gelang es Barghest mit Dobermann aufzuschließen und über den Fluss zurück in sicheres Gebiet zu wechseln.
Voss hatte befohlen, alle Lanzenmitglieder Dobermanns vorerst unter Arrest zu stellen, bis alle Fakten geklärt waren.
Jetzt saß er zusammen mit Jack im beheizten Innenraum des HQ und starrte auf den Compblock vor sich.
„Sir, ich verstehe nicht, was sie damit bezwecken?“
„Jack, sicher gab es bei euch Clans auch Fälle, bei denen unglückliche Schüsse gefallen sind die gar nicht in dieser Form beabsichtigt waren und die massive politische Probleme mit sich hätten bringen können.“
„Pos, während eines Widerspruchstest zwischen den Wölfen und den Witwenmachern traf ein schwerer Laser aus Versehen das Cockpit des Gründers und tötete ihn.“
„Na also, da haben sie sicher auch Diplomatie gebraucht.“
„Pos, sie haben es versucht.“
„Und, was ist daraus geworden?“
„Die vollständige Absorption der Witwen.“
„Ah ja, obwohl ich es besser wissen sollte, wie würdest du dann diese Affäre angehen? Diplomatisch.“
„Ich würde zunächst feststellen was will ich, und was wollen die anderen.“
„Das klingt sinnvoll.“
„Die Drakonier wollen weiterhin hier ihre Militärpräsenz zeigen und wenn möglich diesen Planeten unter ihre Kontrolle bringen. Wir hingegen wollen das ihre Militärpräsenz so gering wie möglich ist.“
„Korrekte Analyse, Jack“
„Darauf basierend frage ich mich was dieser Zwischenfall bedeutet:
Unsere Krieger haben aufgrund schlechter Führung ehrlos das Feuer auf ihre Krieger eröffnet. Unsere Verhandlungsposition ist dadurch verschlechtert, wir haben Unehre auf uns geladen.“
„Wiederum Korrekt.“
„Die Lösung ist klar: Wir erklären ein ehrenhaftes Batchall und treffen den Gegner so hart, dass er zu Verhandlungen zu unseren Bedingungen bereit sein muss.
Folglich gäbe es keinen Ehrverlust für uns und unserer Ziele wären vollständig erfüllt.“
„Danke Jack, ich glaube ich werde doch lieber dieses Schreiben des Chu-I bestätigen, dass es eine Fehlfunktion in den IFF Scannern gab und die Soldaten sich noch in einem Übungsszenario wähnten.“
„Aber diese Geschichte widerspricht doch allen Tatsachen.“
„Mag sein. Aber wenn die Alternative ein bewaffneter Konflikt ist, würden die Draks vermutlich auch sagen, dass der Himmel grün ist. Und Jack, bitte erinnere mich daran, dir keine diplomatischen Aufträge zu erteilen...“
Diese Stellungnahme war über die direkte Comfrequenz des Kommandanten des 4. Dieron Regiment versendet worden. Nicht jedoch ohne dabei auch von der Staatlichen Funküberwachung aufgefangen zu werden.
Lord Donahugh verzog keine Miene als er die Nachricht durchlas.
„Netter Versuch, aber damit werden sie nicht davon kommen.“ War alles, was er leise dazu sagte. Mit einem Wink signalisierte er seinem Sekretär ebenfalls eine Botschaft aufzusetzen...
Im HQ des Dieron Regiments erhielt ein gestresster Sho-Sa Sunijory no Jinsai einen weiteren Ausdruck eines Dokuments. Er ließ kurz seinen Blick über die Übersetzung schweifen. Dann las er sie noch einmal gründlich. Resigniert schüttelte er den Kopf.
“Hirotoyo-san, führen Sie die Standardprozedur mit diesen Dokumenten durch. Ich gehe noch einmal ins Lazarett.“
Sho-Sa Jinsai war ein ernster Mann mit wenig Humor, aber er kümmerte sich um seine Leute. Der Umgekehrte Fall hätte ihn auch niemals zu dieser Position aufsteigen lassen. Zumindest kannte er niemand in der Führungsebene, der durch ausgeprägten Sinn für Humor bekannt geworden wäre. Der Funkverkehr war mittlerweile übersetzt worden und er hatte eine ziemlich klare Vorstellung, was vorgefallen war.
Die Erklärung an Kommandant Voss widersprach den Geschehnissen. Aber wie sagte doch ein Sprichwort: Geschichte ist die Lüge auf die man sich geeinigt hat.
Zumindest würde es damit keine weiteren Eskalationen geben, auch wenn das nur ein schwacher Trost für Go-Cho Moline sein würde.
Er hatte das Lazerett erreicht und stand nun vor dem Zimmer der kleinen Intensivstation.
Ein Blick auf den mit einem Leintuch verhüllten Körper und den traurig kopfschüttelnden Medtech genügte ihm, um auf der Stelle kehrt zu machen und zurück ins HQ zu gehen.
Dort traf er wie erwartet seinen Adjutanten bei der Arbeit:
„Chu-I, bereiten Sie eine weitere Zeremonie vor. Go-Cho Moline ist an seinen inneren Verletzungen gestorben. Und wir brauchen kein Standardformular, um die Angehörigen zu benachrichtigen. Ich werde persönlich ein Schreiben verfassen.
Hirotoyo blickte auf:
Sehr wohl, Jinsai-san. Ich werde mich sofort darum kümmern. Tai-I Hosono hat uns die Daten über Kommandanthauptmann Voss überspielt. Er sagt, es wäre alles, was die ISA über ihn hat.“
„Fassen sie es bitte kurz zusammen.“
„Sehr wohl: Alte lyranische Offiziersfamilie. Ausbildung an der Gefechtsschule Tamar. Abschluss im oberen Mittelfeld. Kämpfte mit der Tamar-Miliz gegen die Clans. Recht schneller Aufstieg im Feld. Wird zuerst zu den Lyranischen Garden und danach zu den Arcturus Garden versetzt. Lyranischer Nationalist. Unterstützte als Kompaniechef die Rückkehr seiner Einheit in die Allianz. Meldete sich freiwillig zum Kampf gegen Clan Nebelparder. Schlägt sich sehr gut, nimmt sogar einen Sterncommander der Parder gefangen.“
Jinsai pfiff anerkennend.
„Sein Gefangener dient seit kurzem unter dem Namen Jack Arcturus offiziell als Lanzenführer in der 3. Kompanie. Desweiteren sagen hiesige Agenten, der Clanner würde ihn als persönlicher Leibwächter begleiten. Beide waren an der Auflösung des Tumultes bei unserem Horchposten beteiligt.“
„Das wird ja immer besser. Was sagt Tai-I Hosono über die Haltung des Kommandanthauptmanns in der derzeitigen Krise?“
„Voss hält den Raub dieses Planeten durch das Commonwealth für richtig und ist deshalb von unserer Anwesenheit hier nicht begeistert. Sie haben ja beim ersten Gespräch mit ihm selbst erlebt, wie reserviert er gegenüber den Soldaten des Drachen ist. Gleichzeitig hat er aber seinen Offizieren verboten, bei den hetzerischen Propagandaveranstaltungen des planetaren Lords gegen uns zu sprechen oder in Uniform teilzunehmen.“
Trotz seiner ruhigen Haltung konnte Jinsai die Bitterkeit nicht ganz aus seiner Stimme fernhalten: „Das dürfte ihm jetzt leichter fallen, er hat ja seine Lanze wieder und nur ich habe zwei gute Krieger verloren.
Tai-Sho Villagua persönlich hat mir befohlen es zu keiner weiteren Eskalation kommen zu lassen. Und er hat dabei die Rückendeckung von Tai-Shu Kurita und dem Koordinator selbst. Nachdem Voss die Erklärung verifiziert hat bereiten Sie bitte eine Stellungnahme für die Medien vor.“
Ohne eine Bestätigung abzuwarten verließ Jinsai den Raum. Er würde sich jetzt etwas Meditation in seinem Garten gönnen. Oder auch nicht.
Sein Blick glitt auf die zweite Nachricht, die er gerade von seinem Schreibtisch aufgehoben hatte.
Eine Einladung von Lord Donahugh.
Jack atmete ganz ruhig. Vor fünf Minuten hatte er die Nachrichten gehört. Der Radiosprecher hatte tatsächlich von einem bedauerlichen Unfall und auch von einer IFF Fehlfunktion gesprochen. Dabei hatte er den Brustton eines vollkommen Überzeugten zur Schau gestellt, die stets jenen zu eigen ist, die keine Ahnung haben wie sie sich das vorzustellen haben.
Doch diese Diplomatie war jetzt nebensächlich. Jack hatte das ECM des Ursus auf die höchste Stufe gestellt und den Reaktor auf Minimalleistung gedrosselt. Es bedurfte einiges an Übung die korrekte Einstellung zu erreichen. Das nukleare Brennen musste so niedrig sein, dass die Abschirmung möglichst wenig Emissionen verursachte, aber hoch genug damit der Plasmafaden nicht abriss und der Reaktor „abstürzte“.
Diese Art von Versteckspiel gehörte nicht zur Grundausbildung bei den Clans. Er hatte es auf die harte Tour lernen müssen. Der Grund war einfach: Der Ursus war langsam, sogar langsamer als die meisten Modelle der IS in seiner Gewichtsklasse. Zur Hölle, selbst viele schwere Maschinen waren schneller als sein Mech. In Kombination mit einer nur begrenzten Zahl an Langstreckenwaffen bedurfte es einiges an Geschick um auf einem Schlachtfeld zu überleben, das nicht nur aus Straßen und hohen Gebäuden bestand. Aber Überleben war Jacks zweiter Vorname, auch wenn einige Leute meinten „Verrückter Idiot“ käme noch davor.
Jack grinste. Nicht, dass es besonders lustig gewesen wäre, stumm auf einen Passiv-Radarschirm mit sich nähernden Punkten zu starren. Nein, Jack saß in einem Mech, irgendwann würden sich Feinde zeigen und dann würde er auf sie einschlagen. Das Ergebnis war dabei eher zweitrangig. Es war der Kampf, der ihn reizte. Wer kämpfen konnte, war am Leben. Und wer am Leben war konnte kämpfen. Diese simple Wahrheit reichte ihm vollkommen aus, um ihm gute Laune zu bereiten. Dann war es soweit.
Ein Panther kam auf seinen Sprungdüsen über eine Kuppe geflogen, landete und versuchte herauszufinden, warum er plötzlich keinen Empfang mehr hatte.
Der Pilot vermutete richtig, dass es an der Energieversorgung seines Funkgerätes liegen musste. Schließlich hatte gerade ein überdimensionaler Totenkopf mit fünf mehr oder weniger großen Lasern den Reaktor aus seinem Mech herausgeschnitten. Der Mangel eines funktionsfähigen Gyroskops machte sich kaum eine Sekunde später bemerkbar und der Mech kippte rückwärts in einen Tümpel. Irgendwie fühlte Jack sich schuldig kein Batchall ausgesprochen zu haben. Andererseits: Jetzt dürfte es diesen Piloten auch nicht mehr interessieren.
In diesem Moment landete auch schon der nächste Kandidat auf dem Hügel, ein Black-Hawk KU. In der Primärvariante.
Jeder Arm endete in einem Sechseck, das aus mittelschweren Extremreichweiten-Lasern gebildet wurde. Jack kannte das Modell. Es basierte auf der Nova der Clans, war aber im Gegensatz zum Original schwerer als sein Mech. Und schneller. Und sprungfähig. Und unangenehm gut in Reichweite mit seinen Waffen.
Jack reagierte instinktiv. Statt den Gegner anzuvisieren feuerte er mit seiner Kurzstreckenlaffete auf den Überhang auf dem der Black-Hawk stand.
Die sechs Sprengköpfe explodierten und verwandelten den bis eben noch festen Stand des Mechs in eine Murmelbahn.
Die zwölf Laser feuerten, jedoch nur einer streifte über das rechte Bein des Ursus. Die Infrarotoptik zeigte einen massiven Hitzeanstieg in der Feindmaschine und der MAD zeigte dass sich der Reaktor abgeschaltet hatte. Das gab dem Pilot wenig Möglichkeiten, den nun folgenden Sturz zu verhindern. Keine 10 Meter später kam der Mech vor Jack reglos liegend zum Stillstand.
„Tja,“ dachte Jack, „das blöde an „Alles oder Nichts Schlägen“ ist, dass man mit „Nichts“ ziemlich wenige taktische Möglichkeiten hat.“
Er nahm sich drei Sekunden Zeit seine Laserbewaffnung auszurichten.
Der XL Reaktor des Black Hawk verlor seine Abschirmung als dessen linke Torsoseite vaporisiert wurde.
Zwei ausgeschaltet, zwei noch im Rennen.
In diesem Moment fiel sein Blick auf die drei linear angeordneten Punkte auf seinem Radar.
Der Punkt im Zentrum stellte dabei seinen eigenen Mech dar und der Abstand verminderte sich rapide.
Wieder reagierte Jack ohne sein Handeln durch überflüssige Denkarbeit zu verzögern. Statt sich zurück zu ziehen oder zu fliehen richtete er seinen Mech in Richtung des schneller näherkommenden Gegners aus und ging auf Höchstgeschwindigkeit.
Einige Male wäre er fast gestürzt, aber jedes Mal konnte das Gyroskop mit Hilfe seiner Neuroverbindung das Gleichgewicht wieder finden während er sich den Hügel hoch kämpfte, den er eben noch selbst zu einem Geröllhaufen umgearbeitet hatte.
Er erreichte gerade rechtzeitig die Kuppe, um von einem Schwarm Langstrecken Raketen getroffen zu werden. In einer instinktiven Abwehrreaktion drehte er den Torso und hob den linken Arm in einer fast menschlich anmutenden Geste über sein Cockpit.
Die Sprengköpfe machten kurzen Prozess mit seinem Arm und verteilten die Reste der modellierten Hand, sowie die mittelschwere LSR-Lafette großzügig in der Landschaft.
Dieser Verlust brachte Jack gehörig aus dem Gleichgewicht und mit einem Mal drohte ihm das selbe Schicksal zu widerfahren wie dem Black Hawk Piloten.
Aber Jack war niemand der in einen Abgrund stürzte
Jack war jemand freiwillig sprang.
Die Stützstreben der Mechbeine knackten unwillig als sie mit Belastungen konfrontiert wurden, für die sie nicht ausgelegt worden waren. Panzerplatten zerbröselten, als sie aus unerwarteter Richtung gedehnt und gestaucht wurden. Aber Jack blieb auf den Beinen, wenn auch in kniender Position. Das Ganze hätte einen außenstehenden Betrachter an einen bizarren Balletttanz erinnern können. Aber außenstehende Betrachter hatten meist überhaupt keine Ahnung und taten gut daran, Jack gegenüber den Mund zu halten.
Wie zufällig entlud sich der schwere ER Laser auf das Cockpit des Katapults und verdampfte dort die gesamte Panzerung. Jack hatte nicht gezielt, aber er war auch nicht sonderlich überrascht. Das Cockpit eines Mechs war im Normalfall winzig im Vergleich zu den Ausmaßen der Maschine. Die meisten Mechkrieger zielten daher auf einen Mech als Ganzes, in der Absicht möglichst irgendetwas zu treffen, egal was es war.
Jack machte das auch so, aber er versuchte dabei seinem Gegner in die Augen zu sehen was zur Folge hatte, dass er häufiger den Piloten erwischte, als es die statistische Wahrscheinlichkeit eigentlich zugelassen hätte.
Seine restlichen Laser verteilten sich eher willkürlich über den gesamten Mech seines Gegners und nur 2 seiner 6 Kurzstrecken Raketen trafen ihr Ziel.
Der gegnerische Pilot erholte sich schneller als erwartet von dem Schlag gegen seine Kanzel und versuchte seinerseits Antwortfeuer zu geben.
Glücklicherweise hatte Jack sich mit seinem gewagten Sprung in die Minimumreichweite dessen LSRs gebracht, so dass die meisten Sprengköpfe nicht aufschalteten und nur geringe Schäden auf der breiten Brust des Ursus anrichteten.
Dieses Mal zielte Jack.
Noch immer kniend richtete er seine Waffen auf das linke Bein seines Gegners aus. Der erkannte Jacks Absicht einen Moment zu spät. Verzweifelt zündete der Pilot seine Sprungdüsen um aus der Gefahrenzone heraus zu kommen.
Zu Spät.
Die volle Salve des Ursus traf das Bein des Katapults und riss es just in dem Moment ab, als die Sprungdüsen genug Schub erzeugt hatten um die 60 Tonnen Maschine vom Boden zu heben.
Diese plötzliche Veränderung des Schubvektors veranlassten den Mech zu einer Art geschraubtem Salto mit anschließender Hechtsprunglandung.
Normalerweise hätte die Panzerung den Pilot vor einem solchen Sturz geschützt.
Die entsprechende Cockpitpanzerung befand sich nur im Moment leider im gasförmigen Aggregatzustand, verteilt über etwa 20 Quadratmeter.
Über die Außenmikrophone glaubte Jack unter dem ganzen anderen Lärm ein Geräusch zu hören das entfernt an eine überreife Banane erinnerte, die unter einen Autoreifen gerät.
Jack zwang seine Maschine trotz protestierender Aktivatoren wieder in die Höhe und wandte sich um.
15 Meter über ihm erhob sich die Gestalt eines überschweren Battlemechs vom Typ Spalter.
Bevor Jack reagieren konnte sah er das charakteristische Aufblitzen der Induktionsspulen des massiven Gaußgeschützes.
Wie man sich denken kann stecken in dieser Aussage zweierlei Informationen:
Erstens, die Spulen sind nur dann sichtbar wenn man exakt in Richtung der kurzen ballistischen Flugbahn einer Gaußkugel blickt.
Zweitens, die Spulen leuchten etwa eine halbe Sekunde bevor das Magnetfeld seine Maximalstärke erreicht hat und eine melonengroße etwa 100 kg schwere Nickeleisenkugel auf etwas mehr als Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Interessant dabei ist, dass man im Normalfall tot ist bevor man den Knall hört.
Um Jack herum war es schwarz und vollkommen still.
Mit einem seufzen gab Jack auf.
Er löste die Gurte, nahm den Neurohelm ab und tastete nach dem Öffnungsmechanismus des Simulators.
Automatisch griff Jack nach einem isotonischen Getränk. Eigentlich brauchte er es nicht, da er seinen Mech kein einziges Mal überhitzt hatte. Aber mit alten Gewohnheiten war schwer zu brechen. Etwas überrascht stellte er fest, dass Voss an der Überwachungskonsole stand.
„Na Jack, das war keine üble Leistung. Aber du hast den gefährlichsten Brocken ignoriert.“
„Pos, ich war mir ziemlich sicher, dass ich entweder den leichteren der beiden besiegen konnte oder keinen.“
„Du solltest dich mit dem Gedanken vertraut machen, lieber nur zwei zu töten und heil zurück zu kehren, statt drei und zu sterben. Ich meine es ernst! Zwei Abschüsse und dein Leben sind besser als drei und deine Überreste.“
„Pos Sir. Ich werde versuchen diesen Befehl einzuhalten.
Gestatten sie mir eine Frage: Seit wann gibt es eine Spalter-Variante mit Gaußgeschütz?“
Voss setzte ein schuldbewusstes Grinsen auf: „Tja, man sollte immer auf Überraschungen gefasst sein, nicht wahr?“
„Wie ist denn die Besprechung mit dem Sho-Sa verlaufen?“
Voss’s Mine wurde schlagartig so dunkel wie der Schatten eines Sturmmechs bei einem Todessprung.
„Wenn ich sage nicht besonders gut, wäre das eine maßlose Übertreibung. Katastrophal trifft die Sache schon besser. Donahugh ist ausgerastet und hat die Draconier auf übelste Weise beleidigt. Er ist soweit gegangen Theodore mit Amaris gleich zu setzen.Verständlicherweise sind die Dracs wutschnaubend abgezogen. Und ich habe einen üblen Verdacht was jetzt als nächstes passieren wird.“
„Sie werden Donahugh zum Duell heraus fordern, frapos?“
„Nein Jack, das wäre vermutlich die beste Lösung, viel wahrscheinlicher ist...“
In diesem erzähltechnisch günstigen Moment aktivierte sich Voss’s Kommunikator:
„Sir, über zivile, sowie militärische Frequenzen wird gerade eine Botschaft der Draconier übermittelt, die Sie sich unbedingt anhören sollten.“
„Stellen sie durch.“
Es rauschte kurz, dann war die Stimme Jinsais zu hören:
“Ich bin Sho-Sa Sunijory no Jinsai, Kommandant des 4. Dieron Regiments und Oberbefehlshaber der Sternenbund-Friedenstruppen auf Imbross III. Vor fünf Tagen haben Elemente des 2. Bataillons der 5. Arcturusgarde, trotz ausdrücklicher Verbote unsererseits, die Sicherheitszone um das Stationierungsgebiet der Friedenstruppen verletzt und aggressive Handlungen gegen unsere Patrouillen begangen. Dies stellt einen eklatanten Bruch des Status über Friedenstruppen des Sternenbundes dar. Weder die planetare Regierung noch das Oberkommando des betroffenen Bataillons der Arcturusgarde haben die Verfolgung und Bestrafung der Friedensbrecher bisher übernommen. Aus diesem Grund verlange ich als höchster Repräsentant des Sternenbundes auf diesem Planeten, die Übergabe der Leutnants Roger McKendrick, Hansjörg Meinert, Allison Dijkstra und Wilhelm Price an die Friedenstruppen innerhalb von 36 Stunden nach erstmaliger Ausstrahlung dieser Botschaft. Sollte nach Verstreichen dieser Frist die Kriminellen nicht im Gewahrsam unseres Regiments sein, werden die Sternenbund-Friedenstruppen im Einklang mit ihrem Statut alle geeigneten Maßnahmen ergreifen, sich der genannten Personen zu bemächtigen.“
Einen Moment waren beide Männer stumm.
„Sie werden die Krieger nicht ausliefern, franeg?“
„Wenn ich das täte wäre meine Karriere und vermutlich auch mein Leben zu Ende. Schlimmer, die Arcturusgarde würde vor lauter Deserteuren auseinander brechen.“
Wie nicht anders zu erwarten führte diese Ausstrahlung zu vielen Unruhen und einem plötzlichen Fall der Grundstückspreise in einigen Gebieten. Voss hatte den halben Tag damit zu tun, verschiedene Offiziere zu beruhigen. Den Rest der Zeit verbrachte er damit Gefechtsbereitschaft herstellen zu lassen.
In einem der wenigen stillen Momenten, in denen sein Adjutant ihm keine Nachrichten brachte oder Befehle abholte, dachte Voss zum ersten Mal bewusst über die herrschende Situation nach.
Auf der Habenseite konnte er verbuchen, dass das Dieron Regiment bisher sehr zurückhaltend war und stets innerhalb seiner Kompetenzen gearbeitet hatte.
Desweiteren schien im Jinsai ein vernünftiger Mensch zu sein, der lieber einmal mehr verhandelte als einen Menschen sinnlos sterben zu sehen, wobei er keinesfalls so naiv war anzunehmen, dass Jinsai sinnvollem Sterben abgeneigt war.
Auf dem Papier waren seine Mechkräfte nur etwa halb so groß wie die Jinsais. Allerdings wusste Voss nur zu gut, dass in den Dieron Regimentern eine Menge Veteranen steckten. All jene, welche die höllischen Gefechte mit den Clans aufgenommen hatten waren entweder verdammt gut, hatten unglaubliches Glück oder waren tot.
Theoretisch galt das Selbe auch für seine Einheit, jedoch lag da das Verhältnis eindeutig auf Seiten der Letztgenannten. Dafür hatte er jede Menge Frischlinge von den Akademien denen ihre Feuerprobe noch bevor stand.
Damit war er auch schon auf der Sollseite angekommen:
Ein Vorgesetzter, der ein Verhalten an den Tag legte wie aus einem schlechten Holovidroman, eine aufgeputschte Bevölkerung, ein Haufen Frischlinge und zu allem Überfluss auch noch einige Offiziere, die eigenmächtige Entscheidungen zu treffen schienen.
Im Moment befand er sich allein in seinem Büro.
Jack hatte er wohlweislich erlaubt, weiter Simulatorübungen abzuhalten, so dass er sich unbesorgt seiner Arbeit widmen konnte. Das Wort „unbesorgt“ musste sofort wieder gestrichen werden, als er die eingehende Nachricht auf seinem Schirm las:
Ansprache des Planetaren Herrschers zur Lage der Nation.
Beginn 20.00 Lokalzeit im Archon-Jeniffer-Steiner Park.
Auch wenn es noch viel anderes zu erledigen gab, diese Veranstaltung würde er sich wohl antun müssen. Kurz ertappte er sich bei dem Gedanken, wie leicht es wäre, dort einen Anschlag auf den Duke zu begehen. Das grimmige Lächeln auf seinem Gesicht konnte er sich dabei nicht erklären.
Er hinterließ Jack eine Nachricht mit dem Wagen auf ihn zu warten und machte sich dann wieder daran die verschiedenen Versorgungsgesuche zu bearbeiten.
Es waren mehr Leute gekommen als er gedacht hatte. Der Steiner Park war so gut wie voll. Mehrere Kamerateams der Lokalpresse hatten ihre Vans an den Außenmauern aufgebaut, um das ganze Life zu übertragen. Voss hatte sich schon einen Weg durch die Menge Richtung Tribüne bahnen wollen, aber Jack hatte ihn mit stählerner Mine und einem nicht gerade subtilen Hinweis auf ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko zurückgehalten. (Nach Voss’s Blick des Unverständnisses hatte er sich beeilen müssen Jack daran zu hindern eine Demonstration an einem Passanten zu vollführen.)
Stattdessen waren sie begleitet von einigen Männern der Palastgarde über einen Nebeneingang vor die Tribüne eskortiert worden, was Voss eigentlich gar nicht recht war. Er wusste: Seine Abneigung gegen die Palastwache war eigentlich vollkommen irrational, „uneigentlich“ konnte er die Kerle trotzdem nicht ausstehen.
Erstaunt musste Voss feststellen, dass viele Männer seines eigenen Stabes bereits da waren und ein, in seinen Augen übermäßiges Maß an Begeisterung zeigten. Voss hatte nichts gegen Enthusiasmus, aber deswegen hätten die Männer nicht gleich auf der Stelle hüpfen müssen.
Mehrere Sprechchöre hatten sich gebildet und schrieen immer wieder kuritafeindliche Parolen, welche die gleiche Einfallslosigkeit besaßen wie fast jede Parole, die auf mangelndem Hintergrundwissen basiert.
Dann sah er den Lord, der in seiner Prunkuniform eher an einen Weihnachtsbaum als an einen Würdenträger erinnerte. Dieser bestieg flankiert von zwei bewaffneten Uniformierten das Podest und begann mit seiner Rede:
„All diejenigen, die vor Jahrhunderten den ursprünglichen Sternenbund in all seiner Pracht kannten, die sahen, welche Perle Imbross III zu jener Zeit war, würden sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn sie sehen und hören könnten, wie der Name dieser großartigen Allianz von genau jenen Machtgruppen missbraucht wird, die am aktivsten an ihrer Zerstörung mitgewirkt haben.
Genau jene verlogenen Kurita - Brut, die vor über 300 Jahren hoffte, aus der Schreckensherrschaft des Usurpators Profit zu ziehen, nennt sich heute Friedenstruppe ...“
Er spuckte zu Boden.
„Und an ihrer Spitze steht ein Kerl, der sich nur deshalb Erster Lord schimpfen darf, weil ein verräterischer Bastard seinem Volk den Rücken gekehrt hat und aus reinem Eigennutz sich für politische Spielchen einspannen lässt. Und derselbe kleine Verräter, derselbe Westentaschen-Napoleon will uns in einen Krieg treiben, Lyraner gegen Lyraner hetzten, damit wir eine leichte Beute für die Klauen des Kurita Drachens sind.
Aber dazu sagen wir NEIN!
Wir sagen Nein zum Diebstahl unserer lyranischen Existenz!
Wir sagen Nein zum Ausverkauf unserer lyranischen Freiheiten!
Wir sagen Nein zur Unterdrückung unserer lyranischen Brüder und Schwestern durch fremde Herrscher!
Wir sagen Nein zur Charade dieser Friedenstruppen, hinter denen sich nur die Kurita Tyrannei verbirgt!
Vor allem aber, und an erster Stelle sagen wir NEEEEEEEEIIIIIIIIIINNNNNNNNNN dazu, dass gute, ehrliche, loyale, tapfere lyranische Krieger eingekerkert und Kurita Folterknechten überantwortet werden sollen.
Und wer glaubt, er könne uns erpressen und mit der Macht seiner Unterdrückungsmaschinerie schrecken, der wird sich gewaltig über unsere Entschlossenheit wundern.“
Jack bemerkte, wie Voss das Gesicht zu einer Grimasse verzog. Es schien nicht nur an den Worten des Mannes zu liegen, sondern auch an den sonderbar glasigen Gesichtsausdrücken welche die anderen Umstehenden zeigten.
„Jack, lass uns hier verschwinden. Unauffällig!“
„Pos, mein Novacaptain.“
Knapp eine halbe Stunde später waren beide im Manöver HQ der Garde. Erst jetzt sprach Jack seinen Kommandanten wieder an:
„Sie wollten die Rede des Lords nicht bis zum Ende verfolgen?“
„Der Duke von Harlington war vielleicht mal ein Meister der gut gedrechselten Worte und der politischen Finten, aber das hier war an Plumpheit nicht mehr zu übertreffen.“
„Ich verstehe. Sie denken es wäre Verschwendung von Zeit. Zeit welche sie besser dazu verwenden, zu überlegen, wie man mit drei unterbesetzten Trinärsternen aus Geschkowelpen gegen einen Sternhaufen erfahrene Krieger ankommt.“
Voss lachte bitter: „Ja, in weniger als 28 Stunden steht uns ein höllischer Tanz bevor. Wie dem auch sei, ich habe schon einen Plan. Meine Offiziere haben sich jetzt lange genug diesen Schwachsinn angehört. Zeit für einen Kriegsrat.“
Eine Stunde später war die komplette Führung der 5.Arcturusgarde versammelt.
Voss saß mit ernster Mine am Kopfende des Tisches, Jack stand in starrer Rührt-Euch-Stellung schräg hinter Voss, was ihm von mehr als nur einem der Offiziere einen unsicheren Blick einbrachte.
„Meine Herren, die Lage ist ernst.“ begann Voss.
“Wie Sie unzweifelhaft mitbekommen haben, hat Lord Donahugh die Forderung Jinsais rigoros abgelehnt. Daher steht aller Wahrscheinlichkeit nach ein Angriff auf unseren Stützpunkt bevor. Das heißt, wenn wir uns weigern, den Schutztruppen die Gefangenen auszuliefern werden sie von ihrem Recht der Entwaffnung gebrauch machen. Da wir aber unter gar keinen Umständen die Waffen strecken werden, ist ein Konflikt unvermeidlich.
An Mechtruppen befinden wir uns im Moment in einem ungünstigen 2:1 Verhältnis. Wir haben zwar ein beträchtliches Kontingent an Konventionellen Einheiten, jedoch sind diese bei einer offenen Feldschlacht stark im Nachteil.
Mein Plan sieht deshalb vor, uns auf eine starke Verteidigung zu konzentrieren und uns auf eine Belagerung einzustellen. Wir haben im Gegensatz zu den Kuritas ausgezeichnete Ortskenntnis und Zugang zu Befestigungen und Nachschublagern von denen die Angreifer nichts wissen können. Um erfolgreich einen Sturm auf eine befestigte Stellung durchzuführen braucht ein Angreifer eine vierfache Übermacht. Ich vertraue darauf, dass Jinsai das ebenfalls weiß. Desweiteren vertraue ich darauf, dass der Erste Lord des Sternenbundes keine weiteren Friedenstruppen entsenden wird, solange wir nicht durch eigene Angriffe provozieren.
Parallel dazu werden wir unsere erfahrenen Truppen in den schwer zugänglichen Gebieten stationieren und die Schlangen mit Guerilla Taktiken zermürben.
Da diese überaus nützliche Taktik leider nicht an den Akademien gelehrt wird, werden alle unerfahrenen Einheiten der Verteidigung zugeordnet.
Der Feind hat mehr Männer als wir. Daher muss uns sehr daran gelegen sein, lieber Boden als Männer zu verlieren und das umgekehrte Prinzip bei unserem Gegner zu forcieren.“ Ein Offizier mit tiefschwarzem Haar unterbrach ihn:
„Bei allem Respekt Sir, das ist unser Planet! Wir haben erstklassige Ausrüstung und hochmotivierte Männer. Ich denke mit einer Demonstration der Stärke können wir diesen Kuritabastarden ihre Ambitionen schnell austreiben.“ Voss sah Hauptmann Rainier einen Moment an bevor er antwortete.
„Darf ich sie daran erinnern, dass unsere hochmotivierten Männer gegen ihrerseits hochmotivierte und was noch schlimmer ist, tief gekränkte Krieger antreten, von denen die meisten gegen die Clans gekämpft und, was noch wichtiger ist, überlebt haben?
Moral mag vielleicht ein Verhältnis eins zu zehn aufwiegen, aber das nützt nichts wenn diese zehn Männer mit einem einzigen gut gezielten Treffer für immer aus der Schlacht ausscheiden!“
Rainier schien damit immer noch nicht zufrieden zu sein, aber er kam nicht dazu, zu antworten, da in diesem Moment ein Obergefreiter den Raum betrat und Voss eine Nachricht übergab.
„Meine Damen und Herren, ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt. Kümmern sie sich um die Besetzung der Stellungen und die Vorbereitungen auf eine Belagerung. Ich sehe gerade, dass sich die Dracs in Bewegung gesetzt haben.
Also los, Ausführung!“
Während Bewegung in die anwesenden Offiziere kam, blieben nur Voss, Jack und Rainier zurück. Erst jetzt wurde Voss bewusst, dass es sich dabei auch um Jacks direkten Vorgesetzen handelte.
„Leutnant Jack Arcturus, verlassen Sie den Raum. Ich habe privat mit dem Kommandanten zu reden.“
„Jack, ignorieren Sie diesen Befehl. Sprechen Sie, Rainier.“
„Sir, ich hatte heute die Gelegenheit mit Lord Donahugh zu sprechen und ich bin, ebenso wie einige andere Stabsmitglieder, der Ansicht, dass wir sehr wohl in der Lage sind die Battalione einzeln zu erledigen, wenn wir in einer koordinierten Aktion mit der Palastwache zusammen arbeiten. Lord Donahugh legt ihnen diese Option dringend ans Herz.“
„Die Arcturus Garde untersteht meinem Kommando und ich bin vollständig in der Lage, die Situation korrekt einzuschätzen und entsprechend zu handeln. Die Palastwache hat keinerlei Erfahrung für eine solche Operation. Abgesehen davon wären unsere Verluste katastrophal!“
„In diesem Fall sollten Sie sich nicht wundern, wenn Sie nicht mehr lange auf diesem Posten bleiben. Es gibt hier durchaus noch andere Offiziere, die nicht so feige sind entsprechende Entscheidungen zu treffen. Ihnen sollte klar sein, dass wir das nicht hinnehmen werden. Lord Donahugh hat sich entsprechend geäußert, dass...“
Voss unterbrach ihn. Sein Ton war dabei so scharf und leise wie das Knirschen im Schnee, bevor die Lawine losbricht.
„Gut. Ich verstehe. Dann haben Sie ja scheinbar eine Entscheidung getroffen. Sie sind hiermit solange suspendiert, bis Sie ihr Versetzungsgesuch zu den Palastwachen eingereicht haben. Wegtreten.“
Rainier drehte sich um, nicht jedoch ohne Voss noch einmal mit einem herablassenden Blick zu taxieren.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, wandte sich Voss an Jack:
„Wie es scheint habe ich gerade einen Kompanieführer verloren. Die Stelle muss ich schleunigst wieder besetzen. Da ich im Moment zu wenig fähige andere Leute in diesen Lanzen habe und ich gerade jetzt Loyalität ganz besonders brauchen kann, komme ich wohl nicht daran vorbei.
Leutnant Jack Arcturus, hiermit befördere ich ...“
„Sir einen Moment bitte. Bevor sie mich befördern muss ich noch eine wichtige Formalität erledigen.“
Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und rannte aus dem Büro, ohne die Tür hinter sich zu schließen.
Voss hörte ihn nach Oberleutnant Rainier rufen.
Was Jack als nächstes sagte, konnte Voss nicht verstehen. Die aufgebrachte Entgegnung Rainiers war hingegen klar verständlich:
„Was meinst du mit Positionstest du Clanspinner... Uff.“
Dieser letzte Ton wurde vom Geräusch klatschender Fäusten begleitet, gefolgt von einem lauten Wimmern.
Keine fünf Sekunden später stand Jack wieder in Voss’s Büro.
„Jack, was habe ich dir über das Verprügeln von Mitgliedern meines Stabes gesagt?“
„Sir, es wird sie freuen zu hören, dass Hauptmann Rainier gerade im Begriff war, sein Versetzungsgesuch einzureichen. Außerdem wäre es mir unmöglich ein Kommando anzutreten, ohne darum gekämpft zu haben.“
Voss musste innerlich genauso grinsen wie Jack offensichtlich. Immerhin: Weiteren Unruhestiftern würde das sicher eine Lehre sein und rein rechtlich hatte Jack tatsächlich keinen Vorgesetzten geschlagen.
„Nun gut. Wie ich vorhin schon sagte: Ich befördere dich hiermit zum Oberleutnant. Hohle dir ein paar Klappen, informiere deine Kompanie und beginne mit der Mobilmachung.
Wegtreten.“
Exakt 30 Minuten nach Ablauf der Frist begann der Konflikt.
Fenris Lanze meldete Kontakt mit einer ganzen Kompanie des Dieron und konnte sich zwar hastig, jedoch ohne Verluste absetzen. Im Schutz dreier Bunkerstellungen und einer Lanze Demolisher Panzer gelang es den Angriff zurückzuschlagen. Leutnant Johannes Schneider kam in seinem Herkules ums Leben als ein Lasertreffer die Munition seiner Blitz-KSR Lafette entzündete.
Schwer angeschlagen lösten sich beide Seiten. Das Ergebnis fiel leicht zu Gunsten der Verteidiger aus, da, abgesehen von dem Mech mit der Munitionsexplosion, bei allen Maschinen eine Reparatur möglich war.
Voss blickte düster von diesem Bericht auf. Drei Panzerbesatzungsmitglieder waren gestorben, vier weitere schwerverletzt. Bestätigt waren drei getötete Kuritas, insgesamt war eine komplette Lanze ausgeschaltet worden als diese ins Kreuzfeuer der getarnten Demolisher gestolpert war.
Es war eine gut geplante Rückzugsstelle gewesen und sie hatte perfekt funktioniert. Nur leider war sie jetzt ziemlich nutzlos. Keine Minute nachdem die letzte Maschine geborgen worden war, kam ein Artilleriehagel auf das kleine Wäldchen mit der Stellung herab, der sie praktisch dem Erdboden gleich machte.
Die Bunker überstanden den Beschuss mehr oder weniger intakt aber die Stellung selber war nicht mehr zu gebrauchen. Sie mussten sich zurück ziehen. Boden statt Blut. Das war die Devise die er ausgegeben hatte. Doch jetzt kamen ihm Zweifel ob die Durchführung wirklich funktionieren konnte. Er hatte Schneider gekannt, ein guter Pilot mit viel Erfahrung. Im Laufe seines Soldatenlebens hatte Voss schon viele Kameraden verloren, dennoch schmerzte es jedes Mal wieder und ließ Zweifel an seinen Entscheidungen und seinen Fähigkeiten wachsen.
Doch Voss vereinte in sich drei der wichtigsten Führungsfähigkeiten überhaupt: Sturheit, Entschlussfähigkeit und Intelligenz. Es musste weitergehen. Auch wenn der Weg hart war, ein Umkehren würde mehr Schaden anrichten als ein Fortsetzen der Strategie.
Ähnliche Berichte häuften sich im Laufe des Tages. Die Infanterie setzte die überlegene Geländekenntnis immer wieder mit großem Vorteil ein, musste jedoch Mangels freier Mechkapazitäten zur Rückzugsdeckung schwere Verluste einstecken.
Diese Formulierung war jedoch, wie ihm sehr bewusst war, nichts als ein Euphemismus für: Ein paar arme Teufel hatten sich mit Transportablen Geschützen verstecken müssen und merkten erst nachdem sie das Feuer auf den Gegner eröffnet hatten, dass sie nicht schnell genug weglaufen konnten.
Der erste Tag dieses Konfliktes neigte sich dem Ende zu und schon hatte der Tod reiche Ernte gehalten. 27 Tote auf der eigenen Seite, acht Tote und drei Gefangene von den Gegnern.
Diese Zahlen schockierten Voss, aber er zwang sich dabei sich auf die Materialliste zu konzentrieren.
Vier eigene Mechs waren unrettbar zerstört, zwei weitere waren schwer beschädigt und würden wohl erst nach einer langwierigen Generalüberholung wieder eingesetzt werden können.
Dagegen standen 13 abgeschossene Maschinen von denen fünf Stück vollständig geborgen werden und trotz eines gewissen Ersatzteilmangels wohl wieder eingesetzt werden konnten. Ein Demolisher war so schwer beschädigt worden, dass er nur noch abgeschleppt werden konnte, ein weiterer hatte einen Treffer kassiert, der den Innenraum schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte.
Voss machte sich keine Illusionen. Wenn die Dracs einen konzentrierten Angriff gestartet hätten, wären sie durch die einzelnen Stellungen wie ein Katana durch Seide gefahren und hätten die Kaserne erreicht bevor irgendwelche Gegenmaßnahmen getroffen werden konnten. Genau genommen grenzte es schon fast an ein Wunder dass nicht mehr Soldaten gestorben waren.
Dass dies nicht geschah verdankten sie einerseits den dicht besiedelten fruchtbaren Gebieten, in denen die Sternenbund Schutztruppen schlecht einmarschieren konnten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Andererseits lag es Jinsai offensichtlich daran, nur die Garde zu vernichten und den Herrscher somit zur Aufgabe zu zwingen und nicht gleich die Hauptstadt zu attackieren. Irgendwie vermochte dieser Gedanke ihn nicht so recht aufzumuntern.
Aber dann war da noch sein Ass im Ärmel. Genaugenommen war es mehr das Springmesser das man zog wenn der Gegner sein fünftes Ass ausgepackt hatte.
Barhestlanze operierte hinter den feindlichen Linien und sorgte mit einer Reihe von Störangriffen für genug Ablenkung um eine Konzentrierung der feindlichen Kräfte zu verhindern. Faszinierenderweise hatte dessen Anführer es bisher geschafft immer mehr Mechs heim zu bringen als er ins Feld mitgenommen hatte.
Die Nacht brachte eine Feuerpause, da die Dracs es scheinbar nicht riskieren wollten im Dunkeln in irgendwelche Hinterhalte zu tappen.
Voss sah von seiner Karte auf. Am anderen Ende des Tisches stand Hauptmann Hoffmann, der immer noch in voller Tarnmontur war und, wenn Voss sich nicht schwer täuschte, eine leicht blutbespritzten Kampfanzug trug.
„Nun Bernhard, was hältst du von der Idee?“
„Drake, wir kennen uns jetzt seit über zehn Jahren und ich hab schon einigen Blödsinn mit gemacht, aber das hier kannst du doch nicht ernst meinen.“
„Ich gebe zu, es ist riskant...“
„Riskant? Du schlägst ernsthaft vor, einen Zug meiner Männer abzuziehen, um damit eine einsame, abgeschnittene Basis von geringer strategischer Bedeutung zu besetzten,
nur damit der Feind sich genötigt sieht sie uns wieder abzunehmen?
Wo liegt der Sinn?“
„Der Sinn? Wenn wir die Kuritas nicht bald ablenken sind sie übermorgen hier.
Verdammt noch mal, sobald unsere Truppen nicht mehr in Bewegung sind werden die Schlangen ihre Kräfte sammeln und einen massiven Schlag mit beiden Battalionen auf unsere einzelnen Gruppen durchführen. Es wird ihnen egal sein, ob sie dabei Verluste in Kauf nehmen, solange sie in einer so großen Überzahl sind. Wir dürfen einfach nicht zulassen, dass sie sich vereinigen.“
„Mag ja sein, aber dein Plan wird daran auch nichts ändern, außer dass wir noch ein paar Stunden länger hier aushalten können und das einige meiner besten Männer einfach so abgeschlachtet werden, während sie eine vollkommen nutzlose Milizbasis in Betrieb nehmen.“
„Bernhard, ich habe nicht vor deine Männer in den Tod zu schicken. Barghest begleitet sie und wird die Gegner ablenken bis sie die Basis präpariert haben.“
„Moment mal. Jetzt willst du auch noch deine Jokertruppe hinterher werfen?! Wenn dein Plan wirklich vorsieht den Anschein zu erwecken, dass du eine ganze Kompanie dorthin verlegt hast, dann werden die Kerle mit nicht weniger als zwei gemischten Kompanien ankommen. Darauf geh ich jede Wette ein. Wie glaubst du sollen deine Mechbubies und meine Männer das überleben?“
„Da hab ich vollstes Vertrauen in meine Leute. Barghest hat mittlerweile Schlimmeres überstanden.
Und da du keinen besseren Vorschlag hast wird es so gemacht.“
„Wie Sie befehlen, Herr Kommandanthauptmann. Wenn Sie so sicher sind, dass meine Männer das lebend überstehen, haben Sie sicher nichts dagegen, dass ich persönlich an der Operation teilnehme.“
Voss starrte ihn eine volle Sekunde nur verblüfft an. Widerstreitende Gefühle von Trotz und Stolz auf der einen Seite und Sorge um einen langjährigen Kameraden ließen ihn zögern.
„Wie du willst. Nimm aber genug Unterstützung mit.“
„Keine Sorge. Ich leih mir von der Miliz ein paar Helis. Damit sind meine Jungs dann so gut wie weg, wenn der Tanz beginnt. Ich fürchte nur, dass wir kein Landungsschiff bekommen werden um deine Zinnsoldaten da raus zu fliegen...“
Mit einem letzten Kopfschütteln verlies Hoffman das Büro. Erschöpft und ein wenig deprimiert lehnte sich Voss in seinem Sessel zurück. Jetzt war es zu spät. Der Befehl war erteilt und wurde ausgeführt. Die Männer würden ihren Zweck erfüllen, egal ob sie zurück kamen oder nicht.
Operation Fimbulwinter
Herbst 3061
Die Hangartore quietschten leise in der morgendlichen Dämmerung. Die 15 Meter hohen Rolltore der Mechgarage waren breit genug um eine komplette Lanze in Linienformation ausrücken zu lassen. Dadurch fiel der nicht ganz einen halben Meter breite Spalt aus der Entfernung kaum auf.
Einem Betrachter in kurzer Entfernung hingegen musste die einsame Gestalt auffallen, die allein in Kühlweste und Shorts durch die Reihen der stählernen Giganten lief.
Die Kampfstiefel hallten laut durch die ansonsten vollkommen stille und vor allem kalte Herbstluft, während sich die Person zielstrebig auf Bucht 23a zu bewegte.
Von dem 30 Stunden Tag der auf Imbross III herrschte waren erst 6 vergangen und die meisten Bewohner des Stützpunktes schliefen noch oder versuchten mehr oder weniger erfolgreich, das Ende ihres Wachdienstes auch wachend zu erreichen.
Die Person hatte ihr Ziel erreicht. Im schwachen Licht der Notbeleuchtung ragte ein 50 Tonnen schwerer Mech empor. Der Torso glich in Form und Farbe einem überdimensionalen grinsenden Totenkopf. Er schien durch die nachtschwarzen Extremitäten des Mechs in der Dunkelheit zu schweben.
Die Maschine vom Typ Ursus war die einzige ihrer Art auf der gesamten Basis. Präziser formuliert war sie wohl auch die einzige ihrer Art jenseits des Geisterbärendominions.
Der Mann mit den Kampfstiefeln verharrte fast andächtig vor der Maschine.
Sie beide hatten einiges gemeinsam. Zunächst einmal waren sie beide Clan, und beide waren sie der Inneren Sphäre in die Hände gefallen.
Ein leises Seufzen entrang sich dem Clanner. Der Ursus war eigentlich ein Modell der Garnisonsklasse. Allerdings hatte er sich schon mehrfach an vorderster Front behaupten müssen. Noch eine Gemeinsamkeit.
Die Konstruktion war solide. So solide, dass der Mech, obwohl ihm praktisch jede Gliedmaße amputiert worden war, wieder fast wie neu erschien. Hier endete zum Glück die Analogie.
Fast ein Jahr war es mittlerweile her, dass er mit seinem fast vollkommen zerstörten Mech auf dem Rücken liegend seine Niederlage eingestehen musste. Er hatte sich die Gefechts-ROMs angesehen. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik. Allerdings nur aus der Sicht des Zeus, dessen ER-PPK auf den arm- und beinlos daliegenden Totenschädel zielte. Es war einer jener Momente gewesen.
Er hatte gewusst, dass er nun sterben würde. Sterben wie all die anderen tapferen Krieger, die glorreich gekämpft und gestorben waren - mit einer mehr oder weniger langen, nicht ganz so ehrenvollen Leidensphase. Er erinnerte sich an diese absolute Ruhe. Er hatte keine Angst empfunden. Um genau zu sein hatte er überhaupt nichts empfunden außer einer latenten Belustigung über die kleine, auf den Geschützlauf gemahlte Comickatze, die mit einem überdimensionalen Hammer nach einer Maus schlug.
Doch es war nichts geschehen. Die Schlacht war vorbei. Er erinnerte sich noch genau an die Worte, die dann aus seinem Funkgerät drangen:
„Ich bin Kommandanthauptmann Drake Voss. Ergeben Sie sich, Parder Krieger.“
„Ich bin Sterncommander Jack Nebelparder. Ich akzeptiere die Leibeigenschaft.“
Und nun war er hier. Die Arcturus Garde hatte genug Material gesammelt um seinen Mech wieder flott zu machen und Voss hatte ihn zu seinem Leibeigenen gemacht. Allerdings erst nachdem er Jack unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass es nur eine andere Alternative gab: Demilitarisierung.
Lieber wäre Jack gestorben, als das Leben eines Zivilisten anzunehmen.
Er hatte noch immer einen hellen Streifen an der Stelle, wo die improvisierte Leibeigenenkordel aus Isolierband befestigt gewesen war.
Aber heute war es so weit: Hunderte von Lichtjahren jenseits allem, was er jemals Heimat genannt hatte, wurde er nun als aktives Mitglied der Arcturusgarde gelistet und hatte die Erlaubnis, wieder als Mechkrieger zu dienen.
Der erhebende Moment hatte etwas gelitten, da Voss es Jack überlassen hatte, die Leibeigenenkordel selbst abzunehmen. Jack hatte den Verdacht, dass Voss sich dessen nicht mal richtig bewusst war, schließlich hatte er es auch Jack überlassen sich die Kordel anzulegen.
Aber jetzt war er kein Leibeigener mehr. Keine Hilfskraft, die mit Techs und Fußsoldaten zusammenarbeiten musste. Er war wieder Krieger und er hatte seinen Mech zurück.
Bedächtig kletterte er an der Gerüstleiter nach oben und öffnete das Cockpit. Bisher hatte er es erfolgreich geschafft, niemanden an die Kontrollen des Mechs zu lassen und Voss hatte es zum Glück auch davon abgesehen, den Mech einfach auszuschlachten.
Er begann die Startprozedur und kam schließlich zu dem Punkt, seine Identität zu bestätigen.
Die Techs hatten zwar dieses System umgangen, um den Mech normal zu nutzen. Es war ihnen aber nicht gelungen, an Jacks persönliche Einstellungen heranzukommen.
Lächelnd rezitierte er seinen persönlichen Codesatz:
„I will take what ever you throw at me and come back for more!“
Der Ursus erwachte zum Leben und die Systemdiagnose teilte Jack die Funktionsfähigkeit aller Systeme mit. Der Drang einfach loszulaufen und ein paar Feuerübungen abzuhalten war fast überwältigend. Aber Voss hatte ihm eine kurze Belehrung über die hiesigen Vorschriften gegeben. Also aktivierte er brav die Funkverbindung und wählte die Frequenz des diensthabenden Mastertechs, um den Ausflug anzumelden.
Dank digitalen Funks kam nicht einmal ein Rauschen als Antwort zurück.
Bedächtig verriegelte Jack die Beine und fuhr den Mech wieder herunter.
Gelassen ging er auf die Baracke zu, in der das technische Personal untergebracht war. Ein Blick auf den ausgehängten Dienstplan zeigte ihm das richtige Quartier.
Laut klopfte er gegen die Tür.
Ohne zu warten öffnete er und trat ein.
Ein verschlafen wirkender Mann mit Halbglatze stand in Shorts gekleidet neben seinem Bett und starrte ihn Ungläubig an:
„Sag mal, hast du sie noch alle? Was soll der Krach mitten in der Nacht? Mach, dass du aus meinem Quartier kommst, du dämlicher Penner.“
Diese Art von Beschimpfungen hatte Jack während seiner Leibeigenenzeit als durchaus angemessen betrachtet und nicht weiter beachtet. Jetzt war er wieder Krieger mit allen Pflichten und Rechten.
Ein boshaftes Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab...
Drake Voss vergrub das Gesicht in seiner rechten Hand, während er in der linken einen starken Kaffee hielt.
„Leutnant Jack, bitte erklären Sie es mir noch mal. Nur noch ein einziges mal, bitte.“
„Wie ich schon sagte: Diese Techfreigeburt zollte der Würde der Kriegerkaste nicht genügend Respekt. Also habe ich disziplinarische...“
„SIE HABEN DEN MANN BEWUSSTLOS GEPRÜGELT UND IHN IN SHORTS AN DEN FÜSSEN ÜBER DEN HALBEN STÜTZPUNKT GEZOGEN!!!
Warum haben Sie das getan?!?“
„Nun Sir, ich musste feststellen, dass schieben ziemlich ineffektiv gewesen wäre...“
„Seien Sie still, ich kriege Kopfschmerzen, wenn ich weiter darüber nachdenken muss.
Ich entlasse Sie aus dem Arrest und Sie werden auch nicht degradiert. Aber so etwas kommt nie wieder vor, verstanden?“
„Pos, Sir.“
„Und hören Sie gefälligst auf so zu grinsen!“
„Pos, Sir.“
„Und jetzt verschwinden Sie, bevor ich meine Meinung ändere!“
„Pos, Sir.“
Als die Tür hinter Jack zuschlug, lehnte sich Voss in seinem Stuhl zurück. Von all den ihm bekannten Leuten, die Leibeigene genommen hatten, hatte er nie von solchen Problemen gehört.
Blöderweise hatte er die ganze Sache auf eigene Verantwortung angeleiert und bisher hatte er auch noch nirgends ein praktisches Handbuch zum Umgang mit Clanleibeigenen gefunden.
Da kam ihm die Idee. Wenn Jack schon ein so aggressives Verhalten an den Tag legte musste man ihm eben eine Beschäftigung geben.
Er würde Jack als seine persönliche Leibwache abstellen. Auf die Art würde er ihn im Auge behalten können. Und außerdem: Wenn sich dieser kleine Wichtigtuer von Davionprinz eine Nebelparderelementarin als Leibwächter halten konnte, dann konnte ER sich doch zumindest einen durchgedrehten Nebelpardermechkrieger halten.
Er stand auf und eilte Jack hinterher. Einen Moment blickte er ratlos die beiden Gänge entlang und entschied sich dann, den zu nehmen, aus dem das erstickte Keuchen eines Wachsoldaten erklang.
„Jack! Lassen Sie den Hals dieses Mannes los! Und auch seine Genitalien!“
„Pos, Sir. Keine Angst, ich hätte ihn nicht über den Hof geschleift“
„Jack, Ruhe! Ich kriege schon wieder Kopfschmerzen! Kommen Sie mit! Ich habe eine neue Beschäftigung für Sie...“
Es gab keinen Zweifel daran: Jacks Situation in seinem neuen Clan hatte sich beträchtlich verbessert. Es hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass der bisher so ruhige und duldsame Hilfstech über Nacht zu einem der gefährlichsten Männer des Stützpunkts geworden war. Techs überlegten es sich seit kurzem dreimal, was Sie von sich gaben und der eine oder andere Wachsoldat war dazu übergegangen, die offizielle Uniform durch ein gewisses Ausrüstungsteil aus dem Icehokeybedarf zu erweitern.
Voss war zu dem Schluss gekommen, dass es im Umgang mit Clannern weniger Probleme gab, wenn man einige grundlegende Regeln beachtete:
Die Kommandos mussten klar und einfach sein, damit ihm gar nicht erst einfallen konnte, eigene Interpretationen zu verwenden.
Es musste ihm genug Auslauf im Simulator und in den anderen Trainingseinrichtungen ermöglicht werden, um die Aggressionen im Zaum zu halten.
Ansonsten war es wichtig viel mit ihm zu reden und ihn in der Nähe behalten, um ihn zu integrieren.
Ganz einfach also.
Als es klopfte legte Voss das Buch über Hundeerziehung beiseite. Nach einem kurzen „Herein.“ trat Jack ein.
Voss’ Büro wurde von dem massiven Eichenschreibtisch dominiert, der so aussah, als könne er dem Beschuss kleinkalibriger Waffen standhalten. Eine riesige Karte von Imbross III an der Wand, sowie ein paar gekreuzter Schwerter darüber stellten den einzigen Schmuck dar, den Voss sich gönnte.
Mit einem Nicken bedeutete Voss Jack sich zu setzen, welches dieser geflissentlich ignorierte.
Den Ex-Nebelparder zierte eine kleine Schramme über dem linken Auge und die Knöchel der rechten Hand wiesen deutliche Abschürfungen auf.
„Guten Morgen, Jack. Wie war Ihr Tag gestern?“ grüßte Voss, der von mehreren Seiten eine ziemlich genaue Aufstellung dessen erhalten hatte was Jack getan hatte. „Ich meine den Teil des Tages den Sie nicht im Arrest zugebracht haben.“
„Guten Morgen Nova Captain Drake, ich muss gestehen es gab einen kleinen Zwischenfall mit Mechkrieger Raimond.“
„Ach, Sie meinen nicht zufällig Raimond van Deeken, der Sohn von Duke Robert van Deeken?“
„Pos, ich glaube das waren die Namen die er gewimmert hat.“
„Jack wieso kam es zu diesem „Zwischenfall“?“
„Nun, Mechkrieger Raimond war der Ansicht der Platz an dem ich mein Essen in der Messe zu mir nahm, würde ihm zustehen. So wie auch der Platz daneben und der daneben und der daneben... Effektiv verlangte er von mir die Offiziersmesse zu verlassen.
Ich nahm die Herausforderung zu diesem Besitztest an und ging mit ihm in den Kreis der Gleichen.“
„Ah ja, mir wurde gesagt dass Sie auch noch den Boden mit Salatöl beschmiert haben“
„Seine Kameraden hatten sich leider geweigert einen Kreis zu bilden. Ich musste improvisieren“.
„Verstehe. Nun es wird Sie sicher freuen zu hören, dass die Rippe nur angebrochen ist und seine Nase wieder hergestellt werden kann.
Jack, ich sage das jetzt zum letzten Mal: Hören Sie auf beständig Mitglieder meines Stabes zu verprügeln! Darin schließe ich ein: Duelle mit scharfen Waffen und vor allem Duelle mit scharfen Mechs.“
Jacks Gesicht war starr bei diesen Worten und er visierte mit den Augen einen Punkt etwa 10 cm neben Voss linkem Ohr an.
„Pos, Nova Captain Drake“
„Wenn Sie Probleme haben, reichen Sie bei mir eine schriftliche Beschwerde ein und ich werde mich darum kümmern“ Bei diesen Worten deutete er auf einen etwa 5 cm dicken Stapel Papiere, der säuberlich gestapelt am Rand lag.
„Ich muss zu einer Besprechung mit Lord Donahugh. Da ich nicht annehme, dass eine Soldkürzung oder ein Ausgangsverbot viel Eindruck auf Sie machen würde, ergreife ich hiermit diese disziplinarische Maßnahme: Sie bearbeiten jede dieser Beschwerden schriftlich, erstellen eine stichpunktartige Zusammenfassung und geben Rückmeldungen heraus.
Noch irgendwelche Fragen?
Nein?
Hier sind die Dienstvorschriften falls irgendwelche Unklarheiten bestehen, wie sie einzelne Fälle zu behandeln haben.
Ich bin in etwa 3 Stunden zurück.“
„Pos, Nova Captain.“
Mit unterdrücktem Erstaunen betrachtete Voss einige Momente lang, wie Jack sich hinter den Schreibtisch setzte und gehorsam anfing die einzelnen Beschwerden zu bearbeiten. Die meisten waren sowieso über ihn, da fand es Voss nur fair, dass Jack sich auch damit herum schlagen musste. Die Unterredung nahm ihm ohnehin schon mehr als genug seiner knappbemessenen Zeit. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, dachte er fröhlich.
Voss kehrte mehr als nur ein wenig zerknirscht von der Unterredung zurück. Als er seine Bürotür öffnete, saß Jack recht entspannt hinter dem vollkommen leeren Schreibtisch und war vollkommen vertieft in die Dienstvorschriften.
„Interessante Lektüre?“
„Pos, mein Nova Captain. Ich stelle fest, dass sich diese Vorschriften in vielen Punkten nicht all zu sehr von denen der Nebelparder unterscheiden, auch wenn ich einige Dinge nicht vollkommen verstehen kann.“
„Gut, gut. Haben sie alle Beschwerden bearbeitet?“
„Pos. Fast alle hatten Formfehler, so dass ich sie, mit Verweisen auf die entsprechenden Vorschriften sowie die korrekten Schritte zur Anforderung von Beschwerdeformularen, welche auf den Seiten 4-7 der Dienstanweisungen beschrieben werden, zurücksenden konnte.“ Ein Grinsen machte sich auf Jacks Gesicht breit.
„Jack?“
„Ja, Nova Captain?“
„Ich hatte vergessen, Ihnen zu verbieten, Bürokratie als Waffe einzusetzen, stimmt’s?“
„Pos, Nova Captain“
„Wie dem auch sei, Lord Donahugh verlangt von mir, dass ich Manöver im Argyletal abhalte, - direkt an der Grenze zu den Schutztruppen des Sternenbundes. Ich möchte mir gar nicht ausmalen zu was für Zwischenfälle es bei dieser angespannten Lage kommen könnte.
Und bevor Sie fragen Jack: Nein, Sie werden nicht teilnehmen, sondern mich begleiten. Sie sind als mein Leibwächter abgestellt. Gewöhnen sie sich dran. Zumindest bis ich sicher sein kann, dass Sie nur noch die Feinde der Arcturusgarde auseinandernehmen und nicht auch ihre Kameraden.“
„Pos, mein Nova Captain“ Für einen Moment verspürte Voss so etwas wie Mitleid für Jack, der zwar Haltung bewahrte, dem aber die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand. Andererseits, dachte er sich, mit ihm hätte auch niemand Mitleid, wenn er die Verantwortung für einen Nebelparderkrieger übernehmen müsste der bei den Schlangen Amok läuft.
„Also los Jack. Wir haben viel zu tun. Sie können doch Autofahren, nicht war?“
Für eine Sekunde entglitten Jacks Züge und er sah aus wie jemand der gerade dabei ertappt wird wie er den letzten Keks aus der Dose stibizt. In Jacks Fall auch wie derjenige, der stattdessen eine Mausefalle darin platziert. Aber er hatte sich fast genauso schnell wieder unter Kontrolle.
„Pos, mein Nova Captain. Ich habe auf Garstedt als Mitglied der friedensichernden Einheiten gearbeitet und dort mit Radfahrzeugen etwas Erfahrung gesammelt.“
„Im Ernst, sie waren bei der Militärpolizei auf einem Kuritaplaneten?“
„Ich war seit meinem 11. Lebensjahr in der Besatzungszone der Nebelparder.“
„Interessant, dann haben sie ja die Hälfte ihres Lebens in der inneren Sphäre verbracht, ich dachte immer sie wären von Diana. Schließlich habe ich Sie dort auch geschnappt.“
„Ursprünglich stamme ich auch von Huntress - wie alle wahren Nebelparder. Aber ich wurde im Zuge der ersten Verstärkungswelle in die Innere Sphäre überstellt.“
„Gut, dann sind Sie hiermit auch als mein Fahrer eingeteilt.“ Und du bist ausreichend beschäftigt, keine weiteren Dummheiten anzustellen, dachte Voss.
Jack zeigte mehr Erfahrung mit dem Geländewagen, als Voss erwartet hätte und sie ließen die Kaserne zügig hinter sich.
„Sir, wohin fahren wir eigentlich?“
„Richtung Argyletal. Wohin sonst.“
„Wenn ich die Karten richtig im Kopf habe sind das fast 200km...“
„Deswegen biegen sie auch hier links ab, ich habe einen Suborbitalflieger geordert, wird also keine 10 Minuten dauern.“
Tatsächlich wartete ein kleiner Hopper mit geöffneter Ladeklappe und laufenden Triebwerken auf dem Flugfeld hinter der Kaserne.
Als Jack Anstalten machte auszusteigen, sagte Voss:
„Nicht notwendig, wir werden samt Fahrzeug angeschnallt“
„Sir, warum verlangt dieser Lord, die Manöver in diesem kritischen Gelände abzuhalten?“
„Tja Jack, offiziell wegen der fordernden Umgebung und der praktischen Lage.“
„Und inoffiziell?“
„Weil er die Kuritaschutztruppen beleidigen und reizen möchte“
„Das klingt für mich nach einem durchaus legitimen Ansinnen.“
„Ja, und genau das sollte für uns alle Grund genug sein, davon Abstand zu nehmen.
Aber ich dachte Sie seien im Draconis Combinat aufgewachsen?“
„Pos Sir, aber das Verhältnis der Eingeborenen zum Clan war ausgesprochen unfreundlich.“
„Unfreundlich im Sinne von Unhöflich?“
„Neg. Unfreundlich im Sinne von Bombenanschlägen auf Mitglieder der niederen Kasten, Überfälle auf Lazarette und nicht zuletzt Mordanschlägen auf die friedenssichernden Ordnungskräfte.“
„Warst du da schon Mitglied der Militärpolizei?“
„Pos. Ich bekleidete den Rang eines Inquisitors“
„Was hat der für Aufgaben?“
„Befriedung von Verbrechen ohne oder mit nur geringer militärischer Bedeutung, Verfolgung von subversiven Elementen, schwerer Waffeneinsatz und Taktik.“
„Sollte das nicht „Spezialwaffen und Taktik“ heißen?“
„Neg. Das örtliche organisierte Verbrechen hatte starken Zugriff auf Ausrüstung und Waffen der Kriegerkaste. Sie zögerten nicht, sie gegen uns oder Zivilisten einzusetzen.“
„Wie wurden diese Probleme gelöst?“
„Die Verantwortlichen wurden gestellt, abgeurteilt und exekutiert...
oder zum Arbeitsdienst überstellt.“
„Ich weiß ja, dass bei euch Clannern alles ein bisschen schneller geht, aber Sie können doch sicher kaum über 18 Jahre alt gewesen sein, als Sie dort angefangen haben?“
„Pos, Ich hatte diese Stelle inklusive meiner Ausbildung für 3 Jahre bekleidet. Solange bis durch den Angriff des Sternenbundes eine Aktivierung aller Krieger nötig wurde, was zu dem Ihnen bekannten Ausgang auf Huntress führte.“
Voss wartete vergeblich auf weitere Ausführungen. Irgendetwas sagte ihm, dass Jack ihm ein kleines Detail verschwieg. So etwa von der Größe eines Mechs der Sturmklasse aufwärts.
Er beließ es jedoch für den Moment dabei, da der Gleiter in den Sinkflug ging und sich nach einigen Momenten Schwerelosigkeit und anschließendem erhöhtem Anpressdruck die Heckklappe öffnete und die Verankerungen lösten.
Die Straßen hier waren schlecht und Jack musste sich sichtlich anstrengen den vielen Schlaglöchern auszuweichen. Östlich erstreckte sich eine weite Fläche von Feldern auf denen vereinzelt Agromechs oder andere Feldmaschinen zu sehen waren. Vornehmlich waren sie damit beschäftigt Pflanzenschutzmittel auszubringen. Östlich begannen die Argylewälder, in denen auch die Minengebiete lagen, die für das Manöver genutzt werden sollten.
Nach etwa 20 Minuten Fahrt brach Jack das Schweigen:
„Das Manöver wird diesen Niederkastlern nicht gefallen, franeg?“
„In der Tat, aber daran ist nichts zu ändern.“
„Die Wälder scheinen nicht allzu dicht zu sein. Für Mechs ist hier ideales Terrain, ab wo beginnt die Kuritazone?“
„Siehst du den Gebäudekomplex dort am Ende der Straße?
Das ist der Funkvorposten der SBVS. Um den müssen unsere Soldaten einen großen Bogen machen, oder wir kriegen Probleme.“
„Gilt das auch für die Niederkastler die vor den Toren des Stützpunkts ein Feuer entzündet haben?“
„Scheiße! Jack geben Sie Gas.“
Der kleine Stützpunkt, der eigentlich nur mit Funkern besetzt war, um anfliegende Landungsschiffe der SBVS auf die richtigen Felder zu lotsen, hatte sich spontan zu einem Ort des Austauschs kultureller Identitäten gewandelt.
Weniger blumig ausgedrückt: Lyraner beschimpften Draconier, Draconier spielten bedrohlich an ihren Waffen herum.
Mit quietschenden Reifen kam der Geländewagen zum stehen und Voss sprang heraus. Aus der Nähe war erkennbar, dass das Feuer in Wirklichkeit eine brennende Mülltonne war, in der allerlei stinkendes Brennmaterial verfeuert wurde.
Einige Leute hielten selbstgemachte krakelig beschriftete Plakate in die Luft, die von ehrlichem Volkszorn zeugten und in einigen Fällen auch von ziemlich mangelhafter Grammatik.
Voss ignorierte den Sprechchor und drängte sich grob durch die Menge zu deren mutmaßlichen Anführer, der mit einem Megaphon immer wieder Texte der Plakate wiederholte:
Kuritas raus, Runter von unserem Land, Erntenvernichter verschwindet...
Die Litanei stoppte abrupt als Voss dem Mann das Megaphon aus der Hand riss.
„Seid ihr des Wahnsinns? Das ist militärisches Sperrgebiet, noch ein paar Meter weiter und diese Truppen hätten jedes Recht euch nieder zu schießen!“
Und einer Eingebung folgend meinte Voss noch:
„Ist keiner bisher auf die Idee gekommen, dass diese Draconier Eure auf deutsch gehaltenen Proteste überhaupt nicht verstehen können?“
Einige Leute schauten bei diesen Worten tatsächlich betreten auf ihre Plakate, die Mehrzahl jedoch ignorierte dieses Argument geflissentlich mit Gemurmel das sich in etwa als: „Ignorante Schlangen, sollen wir uns etwa denen anpassen?“ zusammenfassen ließ.
Voss schüttelte innerlich den Kopf, doch bevor er weiter sprechen konnte meldete sich der just so brutal in seiner Redefreiheit beschnittene Anführer:
„Diese Schlangen trampeln mit ihren Mechs auf unseren Feldern herum und versauen den Leuten hier die Ernte.“
„Das ist doch noch kein Grund hier Feuer zu legen und zu randalieren.
Geht nach Hause Leute bevor es Ärger gibt. Ich bin Kommandant Voss von der Arcturus Garde und ich rate ihnen dringend...“
Zu was Voss ihnen raten wollte, sollte der Mehrzahl der Leute unbekannt bleiben. Ein harter Tritt traf ihn am Rücken, die Welt drehte sich um 90 Grad. Kaum hatte sein Gehirn diese Information verarbeitet, schlug etwas mit einem satten Knall am Boden auf, gefolgt von einem herzhaften Knacken und einem spitzen Schmerzenschrei. Ziemlich irritiert sah Voss den faustgroßen Ziegelbrocken an, der ihn um Haaresbreite verfehlt hatte.
Als er sich aufrappelte sah er Jack, der einen der Zivilisten in einem ziemlich brutalen Armhebel zu Boden drückte.
Der Winkel, in dem dieser dabei abstand, ließ auf eine ausgekugelte Schulter schließen.
Bevor sich jedoch ein Mob auf den jetzt ziemlich einsamen Clanner stürzen konnte, holte das Geräusch von Schüssen alle beteiligten Parteien wieder auf den harten Boden der Realität zurück.
Am Tor des Stützpunktes stand ein draconischer Offizier, der ein Sturmgewehr in die Luft gerichtet hatte.
In lautem, klaren Englisch verkündete er:
„Diese Versammlung ist mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Bei zuwider Handlung werden wir auf Grundlage der Statuten der SBVS Zwangmaßnahmen zur Befriedung und Sicherung der öffentlichen Ordnung einsetzen.“
Wesentlich zum Verständnis dieser komplexen Ansprache trug das halbe Dutzend Wachsoldaten bei, die am Tor mit präsentierten Waffen Stellung bezogen hatten.
Dank dieses Stimulus erinnerten sich viele Demonstranten plötzlich an dringende Termine, denen sie sofort andernorts nachgehen mussten.
Der Mob löste sich auf. Zurück blieb nur ein demoliertes Megaphon, Voss, Jack und ein leise wimmernder Ex-Steineschmeißer.
„Lass ihn los, Jack, der hat genug.“
Voss wandte sich dem Offizier am Tor zu und nickte ihm knapp aber nicht unfreundlich zu. Dieser erwiderte die Geste mit einer angedeuteten Verbeugung.
Voss und Jack begaben sich zurück zum Wagen und machten sich auf den Rückweg.
„Sind Sie unverletzt, Sir?“
„Ja Jack, bin ich. Du hast schnell reagiert. Ich habe gar nicht mitbekommen, was genau passiert ist.“
„Ich sah nur eine Ausholbewegung und gab Ihnen einen Tritt um sie aus der Schussbahn zu bringen.“
„Das heißt, du wusstest gar nicht ob er etwas werfen wollte, oder ob er auf mich zielte?“
„Pos, aber ich hielt abwarten für die schlechtere Alternative.“
„Tja, manchmal hat deine Ungeduld auch ihre guten Seiten. Aber war es wirklich nötig dem Mann die Schulter auszukugeln?“
„Absolut. Der Angriff auf ein Mitglied der Kriegerkaste muss mit äußerstem Nachdruck unterbunden werden.
Außerdem verlagerte sich so die Aufmerksamkeit dieser Freigeburten weg von ihnen und Sie waren aus der Schusslinie.“
„Und stattdessen standest du darin“, dachte Voss. Laut sagte er:
„Du nimmst deine Aufgabe als Leibwächter ernst, nicht wahr?“
„Pos, das Wesen des Kriegers verlangt absolute Aufopferung für den Clan und die Einheit, - unabhängig von eigenen Vorlieben und Wünschen.“
Dem wusste Voss nichts zu entgegnen. Gedankenversunken starrte er auf die vorbeiziehenden Landschaft des Argyletals.
Das Schweigen wurde von Jack erst gebrochen, als sie schon wieder im Hopper waren:
„Diese Niederkastler waren nicht nur um ihre Ernte besorgt, frapos?“
„Wie kommst du darauf?“
„Sie hatten einen Anführer, der kein Landarbeiter war.“
„Und woran hast du das erkannt? Hatte er zu saubere Schuhe, keine Schwielen an den Händen oder eine zu kultivierte Aussprache?“
„Neg, er hatte seinen Zutrittsausweis um den Hals. Der Mann arbeitet in der Hauptstadt bei der Palastwache.“
„Oh, na gut. Idioten wie den gibt es überall. Gott sei Dank ist nichts passiert. Abgesehen davon, dass du mich in den Dreck gestoßen hast. Danke übrigens dafür.“
„Es war mir ein Vergnügen, Nova Captain.“
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Voss hatte schon einige Manöver organisiert, aber selten welche die praktisch in Feindgebiet stattfanden. Alle waren angespannt und schienen es gar nicht erwarten zu können, Flurschäden im Argyletal anzurichten. Deren Dimensionen würden die Spuren der Kuritas wie einen Teelöffel zu einem See erscheinen lassen würde. Das Wort See brachte ihn dazu sich eine mentale Notiz zu machen kein hiesiges Bier zu kaufen, sollte es wieder zu einem so großen Kühlmittelleck wie beim letzten Mal in der Nähe der Kornfelder geben.
Jack hatte sich erstaunlich ruhig verhalten - für seine Verhältnisse. Wie es schien hatte er im Simulator Pech gehabt, oder er hatte auch nur den Mund zu voll genommen. Immerhin hatte er zwei der vier Mitglieder seiner Lanze besiegt. (Voss hatte ihm die Bitte gewährt und ihn einen Stern aus fünf Mechs bilden lassen). Es hatte zwar einiges an Murren gegeben, aber Jacks Fähigkeiten und Erfahrungen waren mehr als ausreichend, ihm ein Kommando im Rahmen seiner früheren Position anzuvertrauen.
Voss hatte ihm jedoch kategorisch untersagt, das Training mit realen Mechs und Waffen zu wiederholen. Selbst wenn die Techs an seinem Simulator herumgepfuscht hätten. Ansonsten lief innerhalb seines Sternes alles glatt Niemand hatte sich über ihn oder seinen Führungsstil beschwert. Dabei interessierte es Voss nicht sonderlich, ob dafür ein „nicht wollen“ oder ein „nicht trauen“ verantwortlich war.
Die restliche Dienstzeit jedenfalls hatte Jack sich in seiner Nähe aufgehalten und ihm sogar bei der Administration geholfen, was in Voss Augen ausreichte um Jack ein gewisses Maß an Exzentrität zuzugestehen.
So kam es, dass Voss mit recht entspannter Laune das Manöver von seinem fahrbaren HQ aus überwachte. Jack und sein Adjutant Maier waren bei ihm und überwachten den Verlauf des Manövers auf dem Holoprojektor.
Momentan war eine Lanze Scoutmechs dabei, sich von einer Mittelschweren Angriffslanze zu lösen. Da das ganze in unmittelbarer Nähe stattfand, entschied sich Voss den Feldstecher zu nehmen und das ganze Spektakel live anzusehen.
Auf einem Hügel in der Nähe sah er auch schon seine beiden ranghöchsten Offiziere, Kommandant Samantha Raily und Hauptmann Bernhard Hoffman, die ebenfalls mit Feldstechern bewaffnet dem Geschehen folgten.
Erst jetzt fiel ihm das Kamerateam auf, das diese günstige Lage ebenfalls erkannt hatte.
Er erkannte die hübsche Brünette als Christina Shaw, eine Reporterin, die für Comstars Presseagentur arbeitete. Neben ihr stand ein Mann, den Voss nach einigem überlegen als Hagen York, ein hiesiger Journalist, identifizierte.
Voss kam gerade dazu als der Kameramann mit den Fingern von fünf abwärts zählte:
„Drei ... Zwei ... Eins ... Du kannst.“
Die Reporterin fing an:
„Seit dem Ausbruch heftiger Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Archon-Prinzession Katharina Steiner und ihrem Bruder Victor Steiner-Davion, dem Präzentor Martialum ComStars, unserer Agentur, hat sich die Aufmerksamkeit auch auf diese Region nahe Terra, den sogenannten Daumen um den Planeten Lyons, konzentriert. Wie alle Planeten dieser Region wurde auch Imbross III, auf dem wir uns befinden, bis zur Entspannung der innenpolitischen Lage der Verwaltung des Draconis Kombinats unterstellt. Mr. York, als alteingesessener Beobachter der örtlichen politischen Verhältnisse, können sie uns die Gefühle der Bevölkerung angesichts dieser Maßnahme schildern?“
York brachte sich bei diesen Worten in Positur und antwortete:
„Natürlich, Frau Shaw. Victor Steiner-Davion hat eindeutig gezeigt, dass seine ganze Rhetorik um Selbstbestimmung und Menschenwürde nichts als leere Phrasen sind. Nur um seine Ziele voranzutreiben, wirft er uns dem Drachen des Kombinats zu Fraß vor.“
„Aber warum sollte Victor so etwas machen? Schließlich gehört doch auch Imbross III zu jenem Herrschaftsgebiet, um den der Konflikt mit seiner Schwester sich dreht.“
„Nun, Frau Shaw, wie wir schon während der Clan Invasion gesehen haben, sind wir Lyraner den Davions eigentlich völlig egal und nur als Pufferzone gut genug. Wir sind ja bloß Teil der lyranischen Allianz. Wären wir Teil der Vereinigten Sonne, dann könnten sie sicher sein, dass alle Regimenter der AVS und wahrscheinlich noch ihre ComGuards gegen das Kombinat losschlagen würden, wenn Kurita auch nur eine Davion Welt schief ansieht. Aber uns kann man ja verraten und verkaufen, um sich von einer Invasion des Kombinats freizukaufen.“
„Aber der endgültige Status des Lyons Daumens ist ja noch nicht entschieden. Schließlich wurde dem Sternenbund ein Mitspracherecht bei der Verwaltung eingeräumt.“
„Das ist wohl nur eine Frage der Zeit. Schließlich wissen wir alle wer derzeit der erste Lord ist und mit wem Victor seine Freizeit verbringt. Was glauben sie, wen mag er da lieber...“
In diesem Moment bemerkte Shaw Voss und zeigte ihr hohes Maß an Professionalität als sie sofort auf ihn zu schritt und sagte:
„Hier bei mir steht auch Kommandanthauptmann Drake Voss, der derzeitige Kommandeur der 5. Arcturusgarde, die im Moment hier im Argyletal ein Manöver abhält.
Kommandant Voss, könnten Sie uns bitte einige Fragen beantworten?“
Sie hatte genau das richtige Tempo benutzt um Voss für einen Moment aus dem Konzept zu bringen, so dass er meinte:
„Ja natürlich, Frau äh.. Shaw.“
„Herr Kommandanthauptmann, verschiedene politische Beobachter, sowohl auf Imbross III als auch von Außerhalb, halten ihre Manöver angesichts der derzeitig angespannten Lage im gesamten Lyons-Daumen, sowohl von der Wahl des Zeitpunkts, als auch von der des Ortes her, für eine gezielte Provokation gegenüber den Sternenbund-Friedenstruppen. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Zurschaustellung militärischer Macht in der Nähe des 4. Dieron Regiments?“
Voss hatte schon etwas derartiges erwartet und brachte mit einem diplomatischen Lächeln seine einstudierte Antwort hervor:
„Ja, ich habe auch von solchen Spekulationen gehört. Aber das hat natürlich nichts mit der Realität zu tun. Die Kämpfe mit den Clans, obwohl so überaus erfolgreich, haben uns doch einen horrenden Blutzoll abverlangt. Das 2. Bataillon musste in großen Teilen neu aufgestellt werden. Und so sehr ich vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten und die Motivation meiner Leute habe, so bildet doch ein umfassendes Training die Grundlage für eine erfolgreiche Truppe.
„Aber warum im Argyle-Tal? Die Lager der Sternenbund Friedenstruppen liegen in einer Entfernung, welche die meisten Mechs in unter einer Stunde zurück legen können. Und warum jetzt? Es haben doch innerhalb der letzten Wochen die Proteste gegen die Kombinatstruppen massiv zugenommen.“
„Unser 2. Bataillon hat eine Tradition während des Herbstes Übungen abzuhalten. Das wurde schon bei Stationierungen auf anderen Planeten praktiziert. Gerade das Argyle Tal bietet zu dieser Jahreszeit eine hervorragende Übungsumgebung. Das widrige Wetter hier im Norden so wie das abwechslungsreiche, bergige Gelände fordern von unseren Leuten ihr ganzes Können und die vollste Aufmerksamkeit. Ein Kommandant kann sich keine besseren Voraussetzungen für ein Manöver wünschen.“
„Jedoch scheint die örtliche Bevölkerung nicht ganz erbaut von ihrer Anwesenheit zu sein. Die Vereinigung der landwirtschaftlichen Produzenten hat gegen die Manöver zu diesem Zeitpunkt protestiert. Die Farmer fürchten, dass die Aussaat der Imbross-Gerste verzögert, ja gar unmöglich gemacht wird.“
„Während der Vorbereitungen auf diese Übungen haben wir uns natürlich mit dieser Frage beschäftigt. Aber nach Konsultationen mit Experten des Landwirtschaftministerium sind wir zu dem Schluss gekommen, dass nach dem Ende der Übungen noch mindestens eine Woche Zeit für die notwendigen Arbeiten bleibt.“
Tatsächlich hatte es mehr als einige kleine Gefallen benötigt um diese Einigung zu erzielen. Die üblichen Reparationszahlungen und eine Mindestabnahme des Getreides zum Festpreis waren nur die Spitze davon.
Shaw wollte noch weiter nachhaken, als Voss von seinem Adjutanten der sich unbemerkt genähert hatte unterbrochen wurde.
„Sir, das müssen Sie sich ansehen. Es ist wichtig... und vertraulich!“
Während des Interviews waren Jack und Maier allein zurückgeblieben und Jack übte sich in der ihm etwas fremden Kunst des Smalltalks:
„Das Manöver läuft wie geplant, frapos.“
Maier, der etwas gelangweilt in einer Novemberausgabe 3060 von Mechs’n Babes blättere, sah nicht hoch als er antwortete:
„Ja, aber wir müssen am Sektor A/6 aufpassen.“
„Weil dort die Dobermannlanze an der Sicherheits-Zone pattrouliert, frapos?“
„Jepp, die Stelle ist tückisch“
„Weil dort der Fluss eine scharfe Biegung macht und Dobermann auf die falsche Seite gezwungen wird wenn sie der Stellung bei A/7 entgehen wollen und sich zwei Pattroulien der SBVS der Stelle nähern, frapos?“
„Ja, woher wissen Sie das? Haben Sie eine taktische Überprüfung des Geländes vorgenommen?“
„Neg, das Erwähnte ist nur gerade eben passiert...“
Voss und sein Adjutant entfernten sich einige Meter von dem Kamerateam und Shaw signalisierte ihrem Kameramann den Abbruch der Aufnahme, indem sie einen Daumen über ihre Kehle zog.
Der Kameramann fing leise an zu singen:
„Jemand will nicht reden, jemand will nicht reden...“
Shaw warf ihm einen genervten Blick zu und sagte:
„Da drüben läuft das Manöver. Mach doch mal ein paar Aufnahmen fürs Archiv.“
Bevor der Kameramann jedoch seine Kamera in Stellung bringen konnte hörten sie Voss rufen:
„Raily, Hoffman .. Stabsbesprechung. Sofort!“
Die Offiziere stürmten praktisch in das HQ und ließen das verdutzte Kamerateam zurück.
In Situationen wie diesen konnte man erkennen warum Voss so schnell Karriere auf dem Schlachtfeld gemacht hatte. Äußerlich war er vollkommen ruhig und nahm alle Informationen auf, überdachte sie kurz und gab seine Befehle. Wer ihm aber in die Augen sah, stellte wohl fest, dass es tausend andere wesentlich wichtigere Punkte zu sehen gab. Die unterdrückte Wut in ihm würde zu gegebenem Zeitpunkt die entsprechenden Personen treffen.
Hatte Voss gedacht, er hätte ein Problem, als er von der abgefangenen Lanze hörte, so war er jetzt eines besseren belehrt worden. Das war kein Problem gewesen, das war nur eine kleine Unannehmlichkeit.
Sie hatten jetzt den Funkverkehr auffangen und in eine verständliche Qualität optimieren können:
„Terrier 1 an Dobermann, ich glaube wir sind ein wenig vom Kurs abgekommen, bestätigen.“
„Hier Terrier 2, äh, ich glaube, wir hätten wieder über den Fluss zurück gemusst. Soll ich das HQ rufen?“
„Terrier 1 an Terrier 2, negativ wir verraten unsere Position wenn wir auf volle Leistung gehen, hier ist der Empfang blockiert.“
„Verstanden Terrier 1.“
„Terrier 3 and Dobermann, ich hab hier was auf dem Schirm, acht Mechsignaturen. Keine Manöver IFF Kennung.“
„Verflucht, was machen diese Schlangen hier?“
„Terrier 4 an Terrier 1, ich glaube wir sind in der Sicherheitszone.“
„Hier spricht Tai-i Natzuhara, sie befinden sich auf dem Gebiet der Sternenbund Sicherheitszone. Identifizieren sie sich.“
„Hier spricht Leutnant McKendrick. Verpisst euch, wir haben hier ein Manöver laufen, sie gefährden unsere Position.“
„Gut, Mr. McKendrick, wenn sie es so wollen: Sie stehen hiermit unter Arrest. Folgen sie uns zu unserer Basis zur erkennungsdienstlichen Behandlung.“
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„Sir, was sollen wir jetzt tun?“
„Terrier 2, wir tun was die sagen. Ich glaube nämlich nicht, dass die auch nur Manövermuni geladen haben. Bestätigen, Dobermann“
„Hier Terrier 2, bestätigt.“
„Hier Terrier 3, bestätigt.“
„Hier Terrier 4, bestätigt. Sir, was werden die mit uns machen?“
„Keine Panik. Die können uns gar nichts. Übrigens: Schaltet alle sofort diese dämliche Drosselung eurer Energiewaffen aus. Der Code lautet BravoFoxtrottGolf42.“
Voss verzog bei diesen Worten das Gesicht. Dieser Code hätte überhaupt nicht an die Lanzenführer ausgegeben werden sollen.
Er ließ die Aufzeichnung schnell vorlaufen.
„Hier Terrier 3, Sir der Dragon an meiner Flanke ist gerade gestürzt, die Lücke wäre groß genug. Wir könnten ausbrechen wenn ich ihm schnell eins verpasse.“
„Hier Terrier 1, Feuer halten. Nicht aufschalten!“
„In Ordnung, feuere manuell ohne Aufschaltung.“
Das charakteristische statische knacken einer PPK durchsetzte kurz die Aufzeichnung.
Voss verzog das Gesicht. „Was für Idioten“, dachte er sich.
„Scheiße, Meinert Sie Idiot! Ich meinte keinesfalls feuern! O.k., jetzt heißt’s die oder wir. Dobermann Feuer auf die Flanke konzentrieren und dann nichts wie weg.“
Der Rest war, wie man so schön sagte, Geschichte. Die Dobermann Lanze hatte den Dragon am Boden erwischt und scheinbar noch einen anderen Mech schwer beschädigt und war dann in die dichten Wälder geflüchtet. Natürlich in die falsche Richtung. Das erklärte warum gerade zwei volle Battalione der Dracs aktiviert wurden.
„Hauptmann Hoffmann, welche einsatzbereiten Lanzen haben wir in der Nähe?“
„Pollux und Barghest sind in der Nähe, Sir.“
„Wer ist der kommandierende Offizier bei Pollux?“
„Pollux wird im Moment provisorisch von Raimond van Deeken geführt...“
„Nicht noch ein Nagelringbaby, geben sie mir Barghest Lanzenführer. Der ist schon wesentlich länger dabei.“
„O.k. Sir, Verbindung steht“
„HQ an Barghestlanzenführer:
Hören Sie mir genau zu. Was ich Ihnen jetzt sage, ist sehr wichtig. Und behandeln Sie es vertraulich.
Dobermann Lanze ist in die S-Zone der SBVS Kräfte eingedrungen. Unsere Aufklärer melden, dass sie von zwei Lanzen abgefangen wurden. Zuerst haben sie sich zum SBVS Lager eskortieren lassen, aber dann scheint Dobermann die Nerven verloren zu haben und hat das Feuer eröffnet.
Dobermann Lanze konnte sich vom Feind trennen, ist aber immer noch zu weit von unserer momentanen Stellung entfernt, um es ohne Unterstützung zurück zu schaffen. Und derzeit werden zwei volle draconische Bataillone mobilisiert.
Sie werden mit Ihrer Barghest Lanze so schnell wie möglich in die S-Zone eindringen, mit Dobermann Lanze aufschließen und sie mit Höchstgeschwindigkeit da rausbringen.
Ich habe Sie für die Aufgabe ausgewählt, weil Sie am New Capetown ausgebildet wurden. Die meisten anderen Lanzenführer bei uns stammen vom Nagelring und dort scheint wohl gerade die „juckender Abzugsfinger“-Epidemie umzugehen.
Koordinaten folgen. Viel Glück.“
„Bestätigt HQ, breche auf.“
Voss lehnte sich zurück. Das war das Schlimmste am Kommandieren. Ab einem gewissen Punkt konnte man nur noch abwarten.
Jack lehnte sich vor:
„Das sind die Probleme, vor denen Sie den Lord gewarnt haben, frapos?“
„Ja Jack, aber im Moment haben wir auch nur Probleme. Ich fürchte aber, dass wir ganz schnell eine ausgewachsene Krise bekommen, wenn wir hier nicht sehr besonnen und diplomatisch vorgehen.“
„Das heißt wohl, dass ich bis auf Weiteres bei ihnen bleibe und nicht zu meinem Stern gehe, frapos.“
„Jack, deine rasche Auffassungsgabe ist bewundernswert. Komm, ich muss einige Dinge vorbereiten...
Und eventuell ein Militärgericht.“
So unangenehm dieser Zwischenfall war und was für komplizierte Verstrickungen er hervorrufen würde, so absurd einfach und reibungslos gelang es Barghest mit Dobermann aufzuschließen und über den Fluss zurück in sicheres Gebiet zu wechseln.
Voss hatte befohlen, alle Lanzenmitglieder Dobermanns vorerst unter Arrest zu stellen, bis alle Fakten geklärt waren.
Jetzt saß er zusammen mit Jack im beheizten Innenraum des HQ und starrte auf den Compblock vor sich.
„Sir, ich verstehe nicht, was sie damit bezwecken?“
„Jack, sicher gab es bei euch Clans auch Fälle, bei denen unglückliche Schüsse gefallen sind die gar nicht in dieser Form beabsichtigt waren und die massive politische Probleme mit sich hätten bringen können.“
„Pos, während eines Widerspruchstest zwischen den Wölfen und den Witwenmachern traf ein schwerer Laser aus Versehen das Cockpit des Gründers und tötete ihn.“
„Na also, da haben sie sicher auch Diplomatie gebraucht.“
„Pos, sie haben es versucht.“
„Und, was ist daraus geworden?“
„Die vollständige Absorption der Witwen.“
„Ah ja, obwohl ich es besser wissen sollte, wie würdest du dann diese Affäre angehen? Diplomatisch.“
„Ich würde zunächst feststellen was will ich, und was wollen die anderen.“
„Das klingt sinnvoll.“
„Die Drakonier wollen weiterhin hier ihre Militärpräsenz zeigen und wenn möglich diesen Planeten unter ihre Kontrolle bringen. Wir hingegen wollen das ihre Militärpräsenz so gering wie möglich ist.“
„Korrekte Analyse, Jack“
„Darauf basierend frage ich mich was dieser Zwischenfall bedeutet:
Unsere Krieger haben aufgrund schlechter Führung ehrlos das Feuer auf ihre Krieger eröffnet. Unsere Verhandlungsposition ist dadurch verschlechtert, wir haben Unehre auf uns geladen.“
„Wiederum Korrekt.“
„Die Lösung ist klar: Wir erklären ein ehrenhaftes Batchall und treffen den Gegner so hart, dass er zu Verhandlungen zu unseren Bedingungen bereit sein muss.
Folglich gäbe es keinen Ehrverlust für uns und unserer Ziele wären vollständig erfüllt.“
„Danke Jack, ich glaube ich werde doch lieber dieses Schreiben des Chu-I bestätigen, dass es eine Fehlfunktion in den IFF Scannern gab und die Soldaten sich noch in einem Übungsszenario wähnten.“
„Aber diese Geschichte widerspricht doch allen Tatsachen.“
„Mag sein. Aber wenn die Alternative ein bewaffneter Konflikt ist, würden die Draks vermutlich auch sagen, dass der Himmel grün ist. Und Jack, bitte erinnere mich daran, dir keine diplomatischen Aufträge zu erteilen...“
Diese Stellungnahme war über die direkte Comfrequenz des Kommandanten des 4. Dieron Regiment versendet worden. Nicht jedoch ohne dabei auch von der Staatlichen Funküberwachung aufgefangen zu werden.
Lord Donahugh verzog keine Miene als er die Nachricht durchlas.
„Netter Versuch, aber damit werden sie nicht davon kommen.“ War alles, was er leise dazu sagte. Mit einem Wink signalisierte er seinem Sekretär ebenfalls eine Botschaft aufzusetzen...
Im HQ des Dieron Regiments erhielt ein gestresster Sho-Sa Sunijory no Jinsai einen weiteren Ausdruck eines Dokuments. Er ließ kurz seinen Blick über die Übersetzung schweifen. Dann las er sie noch einmal gründlich. Resigniert schüttelte er den Kopf.
“Hirotoyo-san, führen Sie die Standardprozedur mit diesen Dokumenten durch. Ich gehe noch einmal ins Lazarett.“
Sho-Sa Jinsai war ein ernster Mann mit wenig Humor, aber er kümmerte sich um seine Leute. Der Umgekehrte Fall hätte ihn auch niemals zu dieser Position aufsteigen lassen. Zumindest kannte er niemand in der Führungsebene, der durch ausgeprägten Sinn für Humor bekannt geworden wäre. Der Funkverkehr war mittlerweile übersetzt worden und er hatte eine ziemlich klare Vorstellung, was vorgefallen war.
Die Erklärung an Kommandant Voss widersprach den Geschehnissen. Aber wie sagte doch ein Sprichwort: Geschichte ist die Lüge auf die man sich geeinigt hat.
Zumindest würde es damit keine weiteren Eskalationen geben, auch wenn das nur ein schwacher Trost für Go-Cho Moline sein würde.
Er hatte das Lazerett erreicht und stand nun vor dem Zimmer der kleinen Intensivstation.
Ein Blick auf den mit einem Leintuch verhüllten Körper und den traurig kopfschüttelnden Medtech genügte ihm, um auf der Stelle kehrt zu machen und zurück ins HQ zu gehen.
Dort traf er wie erwartet seinen Adjutanten bei der Arbeit:
„Chu-I, bereiten Sie eine weitere Zeremonie vor. Go-Cho Moline ist an seinen inneren Verletzungen gestorben. Und wir brauchen kein Standardformular, um die Angehörigen zu benachrichtigen. Ich werde persönlich ein Schreiben verfassen.
Hirotoyo blickte auf:
Sehr wohl, Jinsai-san. Ich werde mich sofort darum kümmern. Tai-I Hosono hat uns die Daten über Kommandanthauptmann Voss überspielt. Er sagt, es wäre alles, was die ISA über ihn hat.“
„Fassen sie es bitte kurz zusammen.“
„Sehr wohl: Alte lyranische Offiziersfamilie. Ausbildung an der Gefechtsschule Tamar. Abschluss im oberen Mittelfeld. Kämpfte mit der Tamar-Miliz gegen die Clans. Recht schneller Aufstieg im Feld. Wird zuerst zu den Lyranischen Garden und danach zu den Arcturus Garden versetzt. Lyranischer Nationalist. Unterstützte als Kompaniechef die Rückkehr seiner Einheit in die Allianz. Meldete sich freiwillig zum Kampf gegen Clan Nebelparder. Schlägt sich sehr gut, nimmt sogar einen Sterncommander der Parder gefangen.“
Jinsai pfiff anerkennend.
„Sein Gefangener dient seit kurzem unter dem Namen Jack Arcturus offiziell als Lanzenführer in der 3. Kompanie. Desweiteren sagen hiesige Agenten, der Clanner würde ihn als persönlicher Leibwächter begleiten. Beide waren an der Auflösung des Tumultes bei unserem Horchposten beteiligt.“
„Das wird ja immer besser. Was sagt Tai-I Hosono über die Haltung des Kommandanthauptmanns in der derzeitigen Krise?“
„Voss hält den Raub dieses Planeten durch das Commonwealth für richtig und ist deshalb von unserer Anwesenheit hier nicht begeistert. Sie haben ja beim ersten Gespräch mit ihm selbst erlebt, wie reserviert er gegenüber den Soldaten des Drachen ist. Gleichzeitig hat er aber seinen Offizieren verboten, bei den hetzerischen Propagandaveranstaltungen des planetaren Lords gegen uns zu sprechen oder in Uniform teilzunehmen.“
Trotz seiner ruhigen Haltung konnte Jinsai die Bitterkeit nicht ganz aus seiner Stimme fernhalten: „Das dürfte ihm jetzt leichter fallen, er hat ja seine Lanze wieder und nur ich habe zwei gute Krieger verloren.
Tai-Sho Villagua persönlich hat mir befohlen es zu keiner weiteren Eskalation kommen zu lassen. Und er hat dabei die Rückendeckung von Tai-Shu Kurita und dem Koordinator selbst. Nachdem Voss die Erklärung verifiziert hat bereiten Sie bitte eine Stellungnahme für die Medien vor.“
Ohne eine Bestätigung abzuwarten verließ Jinsai den Raum. Er würde sich jetzt etwas Meditation in seinem Garten gönnen. Oder auch nicht.
Sein Blick glitt auf die zweite Nachricht, die er gerade von seinem Schreibtisch aufgehoben hatte.
Eine Einladung von Lord Donahugh.
Jack atmete ganz ruhig. Vor fünf Minuten hatte er die Nachrichten gehört. Der Radiosprecher hatte tatsächlich von einem bedauerlichen Unfall und auch von einer IFF Fehlfunktion gesprochen. Dabei hatte er den Brustton eines vollkommen Überzeugten zur Schau gestellt, die stets jenen zu eigen ist, die keine Ahnung haben wie sie sich das vorzustellen haben.
Doch diese Diplomatie war jetzt nebensächlich. Jack hatte das ECM des Ursus auf die höchste Stufe gestellt und den Reaktor auf Minimalleistung gedrosselt. Es bedurfte einiges an Übung die korrekte Einstellung zu erreichen. Das nukleare Brennen musste so niedrig sein, dass die Abschirmung möglichst wenig Emissionen verursachte, aber hoch genug damit der Plasmafaden nicht abriss und der Reaktor „abstürzte“.
Diese Art von Versteckspiel gehörte nicht zur Grundausbildung bei den Clans. Er hatte es auf die harte Tour lernen müssen. Der Grund war einfach: Der Ursus war langsam, sogar langsamer als die meisten Modelle der IS in seiner Gewichtsklasse. Zur Hölle, selbst viele schwere Maschinen waren schneller als sein Mech. In Kombination mit einer nur begrenzten Zahl an Langstreckenwaffen bedurfte es einiges an Geschick um auf einem Schlachtfeld zu überleben, das nicht nur aus Straßen und hohen Gebäuden bestand. Aber Überleben war Jacks zweiter Vorname, auch wenn einige Leute meinten „Verrückter Idiot“ käme noch davor.
Jack grinste. Nicht, dass es besonders lustig gewesen wäre, stumm auf einen Passiv-Radarschirm mit sich nähernden Punkten zu starren. Nein, Jack saß in einem Mech, irgendwann würden sich Feinde zeigen und dann würde er auf sie einschlagen. Das Ergebnis war dabei eher zweitrangig. Es war der Kampf, der ihn reizte. Wer kämpfen konnte, war am Leben. Und wer am Leben war konnte kämpfen. Diese simple Wahrheit reichte ihm vollkommen aus, um ihm gute Laune zu bereiten. Dann war es soweit.
Ein Panther kam auf seinen Sprungdüsen über eine Kuppe geflogen, landete und versuchte herauszufinden, warum er plötzlich keinen Empfang mehr hatte.
Der Pilot vermutete richtig, dass es an der Energieversorgung seines Funkgerätes liegen musste. Schließlich hatte gerade ein überdimensionaler Totenkopf mit fünf mehr oder weniger großen Lasern den Reaktor aus seinem Mech herausgeschnitten. Der Mangel eines funktionsfähigen Gyroskops machte sich kaum eine Sekunde später bemerkbar und der Mech kippte rückwärts in einen Tümpel. Irgendwie fühlte Jack sich schuldig kein Batchall ausgesprochen zu haben. Andererseits: Jetzt dürfte es diesen Piloten auch nicht mehr interessieren.
In diesem Moment landete auch schon der nächste Kandidat auf dem Hügel, ein Black-Hawk KU. In der Primärvariante.
Jeder Arm endete in einem Sechseck, das aus mittelschweren Extremreichweiten-Lasern gebildet wurde. Jack kannte das Modell. Es basierte auf der Nova der Clans, war aber im Gegensatz zum Original schwerer als sein Mech. Und schneller. Und sprungfähig. Und unangenehm gut in Reichweite mit seinen Waffen.
Jack reagierte instinktiv. Statt den Gegner anzuvisieren feuerte er mit seiner Kurzstreckenlaffete auf den Überhang auf dem der Black-Hawk stand.
Die sechs Sprengköpfe explodierten und verwandelten den bis eben noch festen Stand des Mechs in eine Murmelbahn.
Die zwölf Laser feuerten, jedoch nur einer streifte über das rechte Bein des Ursus. Die Infrarotoptik zeigte einen massiven Hitzeanstieg in der Feindmaschine und der MAD zeigte dass sich der Reaktor abgeschaltet hatte. Das gab dem Pilot wenig Möglichkeiten, den nun folgenden Sturz zu verhindern. Keine 10 Meter später kam der Mech vor Jack reglos liegend zum Stillstand.
„Tja,“ dachte Jack, „das blöde an „Alles oder Nichts Schlägen“ ist, dass man mit „Nichts“ ziemlich wenige taktische Möglichkeiten hat.“
Er nahm sich drei Sekunden Zeit seine Laserbewaffnung auszurichten.
Der XL Reaktor des Black Hawk verlor seine Abschirmung als dessen linke Torsoseite vaporisiert wurde.
Zwei ausgeschaltet, zwei noch im Rennen.
In diesem Moment fiel sein Blick auf die drei linear angeordneten Punkte auf seinem Radar.
Der Punkt im Zentrum stellte dabei seinen eigenen Mech dar und der Abstand verminderte sich rapide.
Wieder reagierte Jack ohne sein Handeln durch überflüssige Denkarbeit zu verzögern. Statt sich zurück zu ziehen oder zu fliehen richtete er seinen Mech in Richtung des schneller näherkommenden Gegners aus und ging auf Höchstgeschwindigkeit.
Einige Male wäre er fast gestürzt, aber jedes Mal konnte das Gyroskop mit Hilfe seiner Neuroverbindung das Gleichgewicht wieder finden während er sich den Hügel hoch kämpfte, den er eben noch selbst zu einem Geröllhaufen umgearbeitet hatte.
Er erreichte gerade rechtzeitig die Kuppe, um von einem Schwarm Langstrecken Raketen getroffen zu werden. In einer instinktiven Abwehrreaktion drehte er den Torso und hob den linken Arm in einer fast menschlich anmutenden Geste über sein Cockpit.
Die Sprengköpfe machten kurzen Prozess mit seinem Arm und verteilten die Reste der modellierten Hand, sowie die mittelschwere LSR-Lafette großzügig in der Landschaft.
Dieser Verlust brachte Jack gehörig aus dem Gleichgewicht und mit einem Mal drohte ihm das selbe Schicksal zu widerfahren wie dem Black Hawk Piloten.
Aber Jack war niemand der in einen Abgrund stürzte
Jack war jemand freiwillig sprang.
Die Stützstreben der Mechbeine knackten unwillig als sie mit Belastungen konfrontiert wurden, für die sie nicht ausgelegt worden waren. Panzerplatten zerbröselten, als sie aus unerwarteter Richtung gedehnt und gestaucht wurden. Aber Jack blieb auf den Beinen, wenn auch in kniender Position. Das Ganze hätte einen außenstehenden Betrachter an einen bizarren Balletttanz erinnern können. Aber außenstehende Betrachter hatten meist überhaupt keine Ahnung und taten gut daran, Jack gegenüber den Mund zu halten.
Wie zufällig entlud sich der schwere ER Laser auf das Cockpit des Katapults und verdampfte dort die gesamte Panzerung. Jack hatte nicht gezielt, aber er war auch nicht sonderlich überrascht. Das Cockpit eines Mechs war im Normalfall winzig im Vergleich zu den Ausmaßen der Maschine. Die meisten Mechkrieger zielten daher auf einen Mech als Ganzes, in der Absicht möglichst irgendetwas zu treffen, egal was es war.
Jack machte das auch so, aber er versuchte dabei seinem Gegner in die Augen zu sehen was zur Folge hatte, dass er häufiger den Piloten erwischte, als es die statistische Wahrscheinlichkeit eigentlich zugelassen hätte.
Seine restlichen Laser verteilten sich eher willkürlich über den gesamten Mech seines Gegners und nur 2 seiner 6 Kurzstrecken Raketen trafen ihr Ziel.
Der gegnerische Pilot erholte sich schneller als erwartet von dem Schlag gegen seine Kanzel und versuchte seinerseits Antwortfeuer zu geben.
Glücklicherweise hatte Jack sich mit seinem gewagten Sprung in die Minimumreichweite dessen LSRs gebracht, so dass die meisten Sprengköpfe nicht aufschalteten und nur geringe Schäden auf der breiten Brust des Ursus anrichteten.
Dieses Mal zielte Jack.
Noch immer kniend richtete er seine Waffen auf das linke Bein seines Gegners aus. Der erkannte Jacks Absicht einen Moment zu spät. Verzweifelt zündete der Pilot seine Sprungdüsen um aus der Gefahrenzone heraus zu kommen.
Zu Spät.
Die volle Salve des Ursus traf das Bein des Katapults und riss es just in dem Moment ab, als die Sprungdüsen genug Schub erzeugt hatten um die 60 Tonnen Maschine vom Boden zu heben.
Diese plötzliche Veränderung des Schubvektors veranlassten den Mech zu einer Art geschraubtem Salto mit anschließender Hechtsprunglandung.
Normalerweise hätte die Panzerung den Pilot vor einem solchen Sturz geschützt.
Die entsprechende Cockpitpanzerung befand sich nur im Moment leider im gasförmigen Aggregatzustand, verteilt über etwa 20 Quadratmeter.
Über die Außenmikrophone glaubte Jack unter dem ganzen anderen Lärm ein Geräusch zu hören das entfernt an eine überreife Banane erinnerte, die unter einen Autoreifen gerät.
Jack zwang seine Maschine trotz protestierender Aktivatoren wieder in die Höhe und wandte sich um.
15 Meter über ihm erhob sich die Gestalt eines überschweren Battlemechs vom Typ Spalter.
Bevor Jack reagieren konnte sah er das charakteristische Aufblitzen der Induktionsspulen des massiven Gaußgeschützes.
Wie man sich denken kann stecken in dieser Aussage zweierlei Informationen:
Erstens, die Spulen sind nur dann sichtbar wenn man exakt in Richtung der kurzen ballistischen Flugbahn einer Gaußkugel blickt.
Zweitens, die Spulen leuchten etwa eine halbe Sekunde bevor das Magnetfeld seine Maximalstärke erreicht hat und eine melonengroße etwa 100 kg schwere Nickeleisenkugel auf etwas mehr als Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Interessant dabei ist, dass man im Normalfall tot ist bevor man den Knall hört.
Um Jack herum war es schwarz und vollkommen still.
Mit einem seufzen gab Jack auf.
Er löste die Gurte, nahm den Neurohelm ab und tastete nach dem Öffnungsmechanismus des Simulators.
Automatisch griff Jack nach einem isotonischen Getränk. Eigentlich brauchte er es nicht, da er seinen Mech kein einziges Mal überhitzt hatte. Aber mit alten Gewohnheiten war schwer zu brechen. Etwas überrascht stellte er fest, dass Voss an der Überwachungskonsole stand.
„Na Jack, das war keine üble Leistung. Aber du hast den gefährlichsten Brocken ignoriert.“
„Pos, ich war mir ziemlich sicher, dass ich entweder den leichteren der beiden besiegen konnte oder keinen.“
„Du solltest dich mit dem Gedanken vertraut machen, lieber nur zwei zu töten und heil zurück zu kehren, statt drei und zu sterben. Ich meine es ernst! Zwei Abschüsse und dein Leben sind besser als drei und deine Überreste.“
„Pos Sir. Ich werde versuchen diesen Befehl einzuhalten.
Gestatten sie mir eine Frage: Seit wann gibt es eine Spalter-Variante mit Gaußgeschütz?“
Voss setzte ein schuldbewusstes Grinsen auf: „Tja, man sollte immer auf Überraschungen gefasst sein, nicht wahr?“
„Wie ist denn die Besprechung mit dem Sho-Sa verlaufen?“
Voss’s Mine wurde schlagartig so dunkel wie der Schatten eines Sturmmechs bei einem Todessprung.
„Wenn ich sage nicht besonders gut, wäre das eine maßlose Übertreibung. Katastrophal trifft die Sache schon besser. Donahugh ist ausgerastet und hat die Draconier auf übelste Weise beleidigt. Er ist soweit gegangen Theodore mit Amaris gleich zu setzen.Verständlicherweise sind die Dracs wutschnaubend abgezogen. Und ich habe einen üblen Verdacht was jetzt als nächstes passieren wird.“
„Sie werden Donahugh zum Duell heraus fordern, frapos?“
„Nein Jack, das wäre vermutlich die beste Lösung, viel wahrscheinlicher ist...“
In diesem erzähltechnisch günstigen Moment aktivierte sich Voss’s Kommunikator:
„Sir, über zivile, sowie militärische Frequenzen wird gerade eine Botschaft der Draconier übermittelt, die Sie sich unbedingt anhören sollten.“
„Stellen sie durch.“
Es rauschte kurz, dann war die Stimme Jinsais zu hören:
“Ich bin Sho-Sa Sunijory no Jinsai, Kommandant des 4. Dieron Regiments und Oberbefehlshaber der Sternenbund-Friedenstruppen auf Imbross III. Vor fünf Tagen haben Elemente des 2. Bataillons der 5. Arcturusgarde, trotz ausdrücklicher Verbote unsererseits, die Sicherheitszone um das Stationierungsgebiet der Friedenstruppen verletzt und aggressive Handlungen gegen unsere Patrouillen begangen. Dies stellt einen eklatanten Bruch des Status über Friedenstruppen des Sternenbundes dar. Weder die planetare Regierung noch das Oberkommando des betroffenen Bataillons der Arcturusgarde haben die Verfolgung und Bestrafung der Friedensbrecher bisher übernommen. Aus diesem Grund verlange ich als höchster Repräsentant des Sternenbundes auf diesem Planeten, die Übergabe der Leutnants Roger McKendrick, Hansjörg Meinert, Allison Dijkstra und Wilhelm Price an die Friedenstruppen innerhalb von 36 Stunden nach erstmaliger Ausstrahlung dieser Botschaft. Sollte nach Verstreichen dieser Frist die Kriminellen nicht im Gewahrsam unseres Regiments sein, werden die Sternenbund-Friedenstruppen im Einklang mit ihrem Statut alle geeigneten Maßnahmen ergreifen, sich der genannten Personen zu bemächtigen.“
Einen Moment waren beide Männer stumm.
„Sie werden die Krieger nicht ausliefern, franeg?“
„Wenn ich das täte wäre meine Karriere und vermutlich auch mein Leben zu Ende. Schlimmer, die Arcturusgarde würde vor lauter Deserteuren auseinander brechen.“
Wie nicht anders zu erwarten führte diese Ausstrahlung zu vielen Unruhen und einem plötzlichen Fall der Grundstückspreise in einigen Gebieten. Voss hatte den halben Tag damit zu tun, verschiedene Offiziere zu beruhigen. Den Rest der Zeit verbrachte er damit Gefechtsbereitschaft herstellen zu lassen.
In einem der wenigen stillen Momenten, in denen sein Adjutant ihm keine Nachrichten brachte oder Befehle abholte, dachte Voss zum ersten Mal bewusst über die herrschende Situation nach.
Auf der Habenseite konnte er verbuchen, dass das Dieron Regiment bisher sehr zurückhaltend war und stets innerhalb seiner Kompetenzen gearbeitet hatte.
Desweiteren schien im Jinsai ein vernünftiger Mensch zu sein, der lieber einmal mehr verhandelte als einen Menschen sinnlos sterben zu sehen, wobei er keinesfalls so naiv war anzunehmen, dass Jinsai sinnvollem Sterben abgeneigt war.
Auf dem Papier waren seine Mechkräfte nur etwa halb so groß wie die Jinsais. Allerdings wusste Voss nur zu gut, dass in den Dieron Regimentern eine Menge Veteranen steckten. All jene, welche die höllischen Gefechte mit den Clans aufgenommen hatten waren entweder verdammt gut, hatten unglaubliches Glück oder waren tot.
Theoretisch galt das Selbe auch für seine Einheit, jedoch lag da das Verhältnis eindeutig auf Seiten der Letztgenannten. Dafür hatte er jede Menge Frischlinge von den Akademien denen ihre Feuerprobe noch bevor stand.
Damit war er auch schon auf der Sollseite angekommen:
Ein Vorgesetzter, der ein Verhalten an den Tag legte wie aus einem schlechten Holovidroman, eine aufgeputschte Bevölkerung, ein Haufen Frischlinge und zu allem Überfluss auch noch einige Offiziere, die eigenmächtige Entscheidungen zu treffen schienen.
Im Moment befand er sich allein in seinem Büro.
Jack hatte er wohlweislich erlaubt, weiter Simulatorübungen abzuhalten, so dass er sich unbesorgt seiner Arbeit widmen konnte. Das Wort „unbesorgt“ musste sofort wieder gestrichen werden, als er die eingehende Nachricht auf seinem Schirm las:
Ansprache des Planetaren Herrschers zur Lage der Nation.
Beginn 20.00 Lokalzeit im Archon-Jeniffer-Steiner Park.
Auch wenn es noch viel anderes zu erledigen gab, diese Veranstaltung würde er sich wohl antun müssen. Kurz ertappte er sich bei dem Gedanken, wie leicht es wäre, dort einen Anschlag auf den Duke zu begehen. Das grimmige Lächeln auf seinem Gesicht konnte er sich dabei nicht erklären.
Er hinterließ Jack eine Nachricht mit dem Wagen auf ihn zu warten und machte sich dann wieder daran die verschiedenen Versorgungsgesuche zu bearbeiten.
Es waren mehr Leute gekommen als er gedacht hatte. Der Steiner Park war so gut wie voll. Mehrere Kamerateams der Lokalpresse hatten ihre Vans an den Außenmauern aufgebaut, um das ganze Life zu übertragen. Voss hatte sich schon einen Weg durch die Menge Richtung Tribüne bahnen wollen, aber Jack hatte ihn mit stählerner Mine und einem nicht gerade subtilen Hinweis auf ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko zurückgehalten. (Nach Voss’s Blick des Unverständnisses hatte er sich beeilen müssen Jack daran zu hindern eine Demonstration an einem Passanten zu vollführen.)
Stattdessen waren sie begleitet von einigen Männern der Palastgarde über einen Nebeneingang vor die Tribüne eskortiert worden, was Voss eigentlich gar nicht recht war. Er wusste: Seine Abneigung gegen die Palastwache war eigentlich vollkommen irrational, „uneigentlich“ konnte er die Kerle trotzdem nicht ausstehen.
Erstaunt musste Voss feststellen, dass viele Männer seines eigenen Stabes bereits da waren und ein, in seinen Augen übermäßiges Maß an Begeisterung zeigten. Voss hatte nichts gegen Enthusiasmus, aber deswegen hätten die Männer nicht gleich auf der Stelle hüpfen müssen.
Mehrere Sprechchöre hatten sich gebildet und schrieen immer wieder kuritafeindliche Parolen, welche die gleiche Einfallslosigkeit besaßen wie fast jede Parole, die auf mangelndem Hintergrundwissen basiert.
Dann sah er den Lord, der in seiner Prunkuniform eher an einen Weihnachtsbaum als an einen Würdenträger erinnerte. Dieser bestieg flankiert von zwei bewaffneten Uniformierten das Podest und begann mit seiner Rede:
„All diejenigen, die vor Jahrhunderten den ursprünglichen Sternenbund in all seiner Pracht kannten, die sahen, welche Perle Imbross III zu jener Zeit war, würden sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn sie sehen und hören könnten, wie der Name dieser großartigen Allianz von genau jenen Machtgruppen missbraucht wird, die am aktivsten an ihrer Zerstörung mitgewirkt haben.
Genau jene verlogenen Kurita - Brut, die vor über 300 Jahren hoffte, aus der Schreckensherrschaft des Usurpators Profit zu ziehen, nennt sich heute Friedenstruppe ...“
Er spuckte zu Boden.
„Und an ihrer Spitze steht ein Kerl, der sich nur deshalb Erster Lord schimpfen darf, weil ein verräterischer Bastard seinem Volk den Rücken gekehrt hat und aus reinem Eigennutz sich für politische Spielchen einspannen lässt. Und derselbe kleine Verräter, derselbe Westentaschen-Napoleon will uns in einen Krieg treiben, Lyraner gegen Lyraner hetzten, damit wir eine leichte Beute für die Klauen des Kurita Drachens sind.
Aber dazu sagen wir NEIN!
Wir sagen Nein zum Diebstahl unserer lyranischen Existenz!
Wir sagen Nein zum Ausverkauf unserer lyranischen Freiheiten!
Wir sagen Nein zur Unterdrückung unserer lyranischen Brüder und Schwestern durch fremde Herrscher!
Wir sagen Nein zur Charade dieser Friedenstruppen, hinter denen sich nur die Kurita Tyrannei verbirgt!
Vor allem aber, und an erster Stelle sagen wir NEEEEEEEEIIIIIIIIIINNNNNNNNNN dazu, dass gute, ehrliche, loyale, tapfere lyranische Krieger eingekerkert und Kurita Folterknechten überantwortet werden sollen.
Und wer glaubt, er könne uns erpressen und mit der Macht seiner Unterdrückungsmaschinerie schrecken, der wird sich gewaltig über unsere Entschlossenheit wundern.“
Jack bemerkte, wie Voss das Gesicht zu einer Grimasse verzog. Es schien nicht nur an den Worten des Mannes zu liegen, sondern auch an den sonderbar glasigen Gesichtsausdrücken welche die anderen Umstehenden zeigten.
„Jack, lass uns hier verschwinden. Unauffällig!“
„Pos, mein Novacaptain.“
Knapp eine halbe Stunde später waren beide im Manöver HQ der Garde. Erst jetzt sprach Jack seinen Kommandanten wieder an:
„Sie wollten die Rede des Lords nicht bis zum Ende verfolgen?“
„Der Duke von Harlington war vielleicht mal ein Meister der gut gedrechselten Worte und der politischen Finten, aber das hier war an Plumpheit nicht mehr zu übertreffen.“
„Ich verstehe. Sie denken es wäre Verschwendung von Zeit. Zeit welche sie besser dazu verwenden, zu überlegen, wie man mit drei unterbesetzten Trinärsternen aus Geschkowelpen gegen einen Sternhaufen erfahrene Krieger ankommt.“
Voss lachte bitter: „Ja, in weniger als 28 Stunden steht uns ein höllischer Tanz bevor. Wie dem auch sei, ich habe schon einen Plan. Meine Offiziere haben sich jetzt lange genug diesen Schwachsinn angehört. Zeit für einen Kriegsrat.“
Eine Stunde später war die komplette Führung der 5.Arcturusgarde versammelt.
Voss saß mit ernster Mine am Kopfende des Tisches, Jack stand in starrer Rührt-Euch-Stellung schräg hinter Voss, was ihm von mehr als nur einem der Offiziere einen unsicheren Blick einbrachte.
„Meine Herren, die Lage ist ernst.“ begann Voss.
“Wie Sie unzweifelhaft mitbekommen haben, hat Lord Donahugh die Forderung Jinsais rigoros abgelehnt. Daher steht aller Wahrscheinlichkeit nach ein Angriff auf unseren Stützpunkt bevor. Das heißt, wenn wir uns weigern, den Schutztruppen die Gefangenen auszuliefern werden sie von ihrem Recht der Entwaffnung gebrauch machen. Da wir aber unter gar keinen Umständen die Waffen strecken werden, ist ein Konflikt unvermeidlich.
An Mechtruppen befinden wir uns im Moment in einem ungünstigen 2:1 Verhältnis. Wir haben zwar ein beträchtliches Kontingent an Konventionellen Einheiten, jedoch sind diese bei einer offenen Feldschlacht stark im Nachteil.
Mein Plan sieht deshalb vor, uns auf eine starke Verteidigung zu konzentrieren und uns auf eine Belagerung einzustellen. Wir haben im Gegensatz zu den Kuritas ausgezeichnete Ortskenntnis und Zugang zu Befestigungen und Nachschublagern von denen die Angreifer nichts wissen können. Um erfolgreich einen Sturm auf eine befestigte Stellung durchzuführen braucht ein Angreifer eine vierfache Übermacht. Ich vertraue darauf, dass Jinsai das ebenfalls weiß. Desweiteren vertraue ich darauf, dass der Erste Lord des Sternenbundes keine weiteren Friedenstruppen entsenden wird, solange wir nicht durch eigene Angriffe provozieren.
Parallel dazu werden wir unsere erfahrenen Truppen in den schwer zugänglichen Gebieten stationieren und die Schlangen mit Guerilla Taktiken zermürben.
Da diese überaus nützliche Taktik leider nicht an den Akademien gelehrt wird, werden alle unerfahrenen Einheiten der Verteidigung zugeordnet.
Der Feind hat mehr Männer als wir. Daher muss uns sehr daran gelegen sein, lieber Boden als Männer zu verlieren und das umgekehrte Prinzip bei unserem Gegner zu forcieren.“ Ein Offizier mit tiefschwarzem Haar unterbrach ihn:
„Bei allem Respekt Sir, das ist unser Planet! Wir haben erstklassige Ausrüstung und hochmotivierte Männer. Ich denke mit einer Demonstration der Stärke können wir diesen Kuritabastarden ihre Ambitionen schnell austreiben.“ Voss sah Hauptmann Rainier einen Moment an bevor er antwortete.
„Darf ich sie daran erinnern, dass unsere hochmotivierten Männer gegen ihrerseits hochmotivierte und was noch schlimmer ist, tief gekränkte Krieger antreten, von denen die meisten gegen die Clans gekämpft und, was noch wichtiger ist, überlebt haben?
Moral mag vielleicht ein Verhältnis eins zu zehn aufwiegen, aber das nützt nichts wenn diese zehn Männer mit einem einzigen gut gezielten Treffer für immer aus der Schlacht ausscheiden!“
Rainier schien damit immer noch nicht zufrieden zu sein, aber er kam nicht dazu, zu antworten, da in diesem Moment ein Obergefreiter den Raum betrat und Voss eine Nachricht übergab.
„Meine Damen und Herren, ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt. Kümmern sie sich um die Besetzung der Stellungen und die Vorbereitungen auf eine Belagerung. Ich sehe gerade, dass sich die Dracs in Bewegung gesetzt haben.
Also los, Ausführung!“
Während Bewegung in die anwesenden Offiziere kam, blieben nur Voss, Jack und Rainier zurück. Erst jetzt wurde Voss bewusst, dass es sich dabei auch um Jacks direkten Vorgesetzen handelte.
„Leutnant Jack Arcturus, verlassen Sie den Raum. Ich habe privat mit dem Kommandanten zu reden.“
„Jack, ignorieren Sie diesen Befehl. Sprechen Sie, Rainier.“
„Sir, ich hatte heute die Gelegenheit mit Lord Donahugh zu sprechen und ich bin, ebenso wie einige andere Stabsmitglieder, der Ansicht, dass wir sehr wohl in der Lage sind die Battalione einzeln zu erledigen, wenn wir in einer koordinierten Aktion mit der Palastwache zusammen arbeiten. Lord Donahugh legt ihnen diese Option dringend ans Herz.“
„Die Arcturus Garde untersteht meinem Kommando und ich bin vollständig in der Lage, die Situation korrekt einzuschätzen und entsprechend zu handeln. Die Palastwache hat keinerlei Erfahrung für eine solche Operation. Abgesehen davon wären unsere Verluste katastrophal!“
„In diesem Fall sollten Sie sich nicht wundern, wenn Sie nicht mehr lange auf diesem Posten bleiben. Es gibt hier durchaus noch andere Offiziere, die nicht so feige sind entsprechende Entscheidungen zu treffen. Ihnen sollte klar sein, dass wir das nicht hinnehmen werden. Lord Donahugh hat sich entsprechend geäußert, dass...“
Voss unterbrach ihn. Sein Ton war dabei so scharf und leise wie das Knirschen im Schnee, bevor die Lawine losbricht.
„Gut. Ich verstehe. Dann haben Sie ja scheinbar eine Entscheidung getroffen. Sie sind hiermit solange suspendiert, bis Sie ihr Versetzungsgesuch zu den Palastwachen eingereicht haben. Wegtreten.“
Rainier drehte sich um, nicht jedoch ohne Voss noch einmal mit einem herablassenden Blick zu taxieren.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, wandte sich Voss an Jack:
„Wie es scheint habe ich gerade einen Kompanieführer verloren. Die Stelle muss ich schleunigst wieder besetzen. Da ich im Moment zu wenig fähige andere Leute in diesen Lanzen habe und ich gerade jetzt Loyalität ganz besonders brauchen kann, komme ich wohl nicht daran vorbei.
Leutnant Jack Arcturus, hiermit befördere ich ...“
„Sir einen Moment bitte. Bevor sie mich befördern muss ich noch eine wichtige Formalität erledigen.“
Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und rannte aus dem Büro, ohne die Tür hinter sich zu schließen.
Voss hörte ihn nach Oberleutnant Rainier rufen.
Was Jack als nächstes sagte, konnte Voss nicht verstehen. Die aufgebrachte Entgegnung Rainiers war hingegen klar verständlich:
„Was meinst du mit Positionstest du Clanspinner... Uff.“
Dieser letzte Ton wurde vom Geräusch klatschender Fäusten begleitet, gefolgt von einem lauten Wimmern.
Keine fünf Sekunden später stand Jack wieder in Voss’s Büro.
„Jack, was habe ich dir über das Verprügeln von Mitgliedern meines Stabes gesagt?“
„Sir, es wird sie freuen zu hören, dass Hauptmann Rainier gerade im Begriff war, sein Versetzungsgesuch einzureichen. Außerdem wäre es mir unmöglich ein Kommando anzutreten, ohne darum gekämpft zu haben.“
Voss musste innerlich genauso grinsen wie Jack offensichtlich. Immerhin: Weiteren Unruhestiftern würde das sicher eine Lehre sein und rein rechtlich hatte Jack tatsächlich keinen Vorgesetzten geschlagen.
„Nun gut. Wie ich vorhin schon sagte: Ich befördere dich hiermit zum Oberleutnant. Hohle dir ein paar Klappen, informiere deine Kompanie und beginne mit der Mobilmachung.
Wegtreten.“
Exakt 30 Minuten nach Ablauf der Frist begann der Konflikt.
Fenris Lanze meldete Kontakt mit einer ganzen Kompanie des Dieron und konnte sich zwar hastig, jedoch ohne Verluste absetzen. Im Schutz dreier Bunkerstellungen und einer Lanze Demolisher Panzer gelang es den Angriff zurückzuschlagen. Leutnant Johannes Schneider kam in seinem Herkules ums Leben als ein Lasertreffer die Munition seiner Blitz-KSR Lafette entzündete.
Schwer angeschlagen lösten sich beide Seiten. Das Ergebnis fiel leicht zu Gunsten der Verteidiger aus, da, abgesehen von dem Mech mit der Munitionsexplosion, bei allen Maschinen eine Reparatur möglich war.
Voss blickte düster von diesem Bericht auf. Drei Panzerbesatzungsmitglieder waren gestorben, vier weitere schwerverletzt. Bestätigt waren drei getötete Kuritas, insgesamt war eine komplette Lanze ausgeschaltet worden als diese ins Kreuzfeuer der getarnten Demolisher gestolpert war.
Es war eine gut geplante Rückzugsstelle gewesen und sie hatte perfekt funktioniert. Nur leider war sie jetzt ziemlich nutzlos. Keine Minute nachdem die letzte Maschine geborgen worden war, kam ein Artilleriehagel auf das kleine Wäldchen mit der Stellung herab, der sie praktisch dem Erdboden gleich machte.
Die Bunker überstanden den Beschuss mehr oder weniger intakt aber die Stellung selber war nicht mehr zu gebrauchen. Sie mussten sich zurück ziehen. Boden statt Blut. Das war die Devise die er ausgegeben hatte. Doch jetzt kamen ihm Zweifel ob die Durchführung wirklich funktionieren konnte. Er hatte Schneider gekannt, ein guter Pilot mit viel Erfahrung. Im Laufe seines Soldatenlebens hatte Voss schon viele Kameraden verloren, dennoch schmerzte es jedes Mal wieder und ließ Zweifel an seinen Entscheidungen und seinen Fähigkeiten wachsen.
Doch Voss vereinte in sich drei der wichtigsten Führungsfähigkeiten überhaupt: Sturheit, Entschlussfähigkeit und Intelligenz. Es musste weitergehen. Auch wenn der Weg hart war, ein Umkehren würde mehr Schaden anrichten als ein Fortsetzen der Strategie.
Ähnliche Berichte häuften sich im Laufe des Tages. Die Infanterie setzte die überlegene Geländekenntnis immer wieder mit großem Vorteil ein, musste jedoch Mangels freier Mechkapazitäten zur Rückzugsdeckung schwere Verluste einstecken.
Diese Formulierung war jedoch, wie ihm sehr bewusst war, nichts als ein Euphemismus für: Ein paar arme Teufel hatten sich mit Transportablen Geschützen verstecken müssen und merkten erst nachdem sie das Feuer auf den Gegner eröffnet hatten, dass sie nicht schnell genug weglaufen konnten.
Der erste Tag dieses Konfliktes neigte sich dem Ende zu und schon hatte der Tod reiche Ernte gehalten. 27 Tote auf der eigenen Seite, acht Tote und drei Gefangene von den Gegnern.
Diese Zahlen schockierten Voss, aber er zwang sich dabei sich auf die Materialliste zu konzentrieren.
Vier eigene Mechs waren unrettbar zerstört, zwei weitere waren schwer beschädigt und würden wohl erst nach einer langwierigen Generalüberholung wieder eingesetzt werden können.
Dagegen standen 13 abgeschossene Maschinen von denen fünf Stück vollständig geborgen werden und trotz eines gewissen Ersatzteilmangels wohl wieder eingesetzt werden konnten. Ein Demolisher war so schwer beschädigt worden, dass er nur noch abgeschleppt werden konnte, ein weiterer hatte einen Treffer kassiert, der den Innenraum schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte.
Voss machte sich keine Illusionen. Wenn die Dracs einen konzentrierten Angriff gestartet hätten, wären sie durch die einzelnen Stellungen wie ein Katana durch Seide gefahren und hätten die Kaserne erreicht bevor irgendwelche Gegenmaßnahmen getroffen werden konnten. Genau genommen grenzte es schon fast an ein Wunder dass nicht mehr Soldaten gestorben waren.
Dass dies nicht geschah verdankten sie einerseits den dicht besiedelten fruchtbaren Gebieten, in denen die Sternenbund Schutztruppen schlecht einmarschieren konnten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Andererseits lag es Jinsai offensichtlich daran, nur die Garde zu vernichten und den Herrscher somit zur Aufgabe zu zwingen und nicht gleich die Hauptstadt zu attackieren. Irgendwie vermochte dieser Gedanke ihn nicht so recht aufzumuntern.
Aber dann war da noch sein Ass im Ärmel. Genaugenommen war es mehr das Springmesser das man zog wenn der Gegner sein fünftes Ass ausgepackt hatte.
Barhestlanze operierte hinter den feindlichen Linien und sorgte mit einer Reihe von Störangriffen für genug Ablenkung um eine Konzentrierung der feindlichen Kräfte zu verhindern. Faszinierenderweise hatte dessen Anführer es bisher geschafft immer mehr Mechs heim zu bringen als er ins Feld mitgenommen hatte.
Die Nacht brachte eine Feuerpause, da die Dracs es scheinbar nicht riskieren wollten im Dunkeln in irgendwelche Hinterhalte zu tappen.
Voss sah von seiner Karte auf. Am anderen Ende des Tisches stand Hauptmann Hoffmann, der immer noch in voller Tarnmontur war und, wenn Voss sich nicht schwer täuschte, eine leicht blutbespritzten Kampfanzug trug.
„Nun Bernhard, was hältst du von der Idee?“
„Drake, wir kennen uns jetzt seit über zehn Jahren und ich hab schon einigen Blödsinn mit gemacht, aber das hier kannst du doch nicht ernst meinen.“
„Ich gebe zu, es ist riskant...“
„Riskant? Du schlägst ernsthaft vor, einen Zug meiner Männer abzuziehen, um damit eine einsame, abgeschnittene Basis von geringer strategischer Bedeutung zu besetzten,
nur damit der Feind sich genötigt sieht sie uns wieder abzunehmen?
Wo liegt der Sinn?“
„Der Sinn? Wenn wir die Kuritas nicht bald ablenken sind sie übermorgen hier.
Verdammt noch mal, sobald unsere Truppen nicht mehr in Bewegung sind werden die Schlangen ihre Kräfte sammeln und einen massiven Schlag mit beiden Battalionen auf unsere einzelnen Gruppen durchführen. Es wird ihnen egal sein, ob sie dabei Verluste in Kauf nehmen, solange sie in einer so großen Überzahl sind. Wir dürfen einfach nicht zulassen, dass sie sich vereinigen.“
„Mag ja sein, aber dein Plan wird daran auch nichts ändern, außer dass wir noch ein paar Stunden länger hier aushalten können und das einige meiner besten Männer einfach so abgeschlachtet werden, während sie eine vollkommen nutzlose Milizbasis in Betrieb nehmen.“
„Bernhard, ich habe nicht vor deine Männer in den Tod zu schicken. Barghest begleitet sie und wird die Gegner ablenken bis sie die Basis präpariert haben.“
„Moment mal. Jetzt willst du auch noch deine Jokertruppe hinterher werfen?! Wenn dein Plan wirklich vorsieht den Anschein zu erwecken, dass du eine ganze Kompanie dorthin verlegt hast, dann werden die Kerle mit nicht weniger als zwei gemischten Kompanien ankommen. Darauf geh ich jede Wette ein. Wie glaubst du sollen deine Mechbubies und meine Männer das überleben?“
„Da hab ich vollstes Vertrauen in meine Leute. Barghest hat mittlerweile Schlimmeres überstanden.
Und da du keinen besseren Vorschlag hast wird es so gemacht.“
„Wie Sie befehlen, Herr Kommandanthauptmann. Wenn Sie so sicher sind, dass meine Männer das lebend überstehen, haben Sie sicher nichts dagegen, dass ich persönlich an der Operation teilnehme.“
Voss starrte ihn eine volle Sekunde nur verblüfft an. Widerstreitende Gefühle von Trotz und Stolz auf der einen Seite und Sorge um einen langjährigen Kameraden ließen ihn zögern.
„Wie du willst. Nimm aber genug Unterstützung mit.“
„Keine Sorge. Ich leih mir von der Miliz ein paar Helis. Damit sind meine Jungs dann so gut wie weg, wenn der Tanz beginnt. Ich fürchte nur, dass wir kein Landungsschiff bekommen werden um deine Zinnsoldaten da raus zu fliegen...“
Mit einem letzten Kopfschütteln verlies Hoffman das Büro. Erschöpft und ein wenig deprimiert lehnte sich Voss in seinem Sessel zurück. Jetzt war es zu spät. Der Befehl war erteilt und wurde ausgeführt. Die Männer würden ihren Zweck erfüllen, egal ob sie zurück kamen oder nicht.