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Tyr Svenson
30.03.2004, 10:08
Hinter den feindlichen Linien – Teil III

(Anmerkung: Diese Geschichten wurden im alten Forum von mehreren Autoren verfaßt. Ich habe sie nur ins neue Forum übertragen. Beteiligt an diesen Geschichten waren neben mir Cunningham, Cattaneo, Ace Kaiser, Darkness und Hammer).

Nach Jahrzehnten des kalten Krieges, des Belauerns und des Spionierens kam es zu jenem Ereignis, welches man schlicht Krieg nennt.
Ein Schlachtfest, welches Millionen von Menschen und Akarii verzehrte. Allein die erste Schlacht kostet die Terran Space Navy vier Flottenträger und über 40.000 Männer und Frauen das Leben.
Darauf hin führte die TSN eine Art Guerillakrieg, stieß mit ihren leichten Trägern bis weit hinter die feindlichen Linien vor und jagte alles was vor die Geschütze kam.
Diese Aktion brachte ebenfalls über 20.000 Opfer allein auf Seiten der TSN.
Es ist erstaunlich, wie viel das zerbrechliche Wesen Mensch bereit ist auf sich zu nehmen. Wie lange es durchhalten kann und wie verzweifelt er mit allen ihm zur Verfügung stehender Mittel zuschlägt und weiterkämpft und weiter und weiter und weiter.
Epilog aus Lords of Space

Das Callahans war ein kleiner Saloon am hinteren Ende der Amüsiermeile auf Perseus-Station.
Lucas nippte genüsslich an seinem Scotch Bannahabhain. Zwei Fingerbreit mit zwei Eiswürfeln. Ihm gegenüber saß Darkness, das Gleiche vor sich stehend.
"Ich möchte Davis eine eigene Rotte geben", begann Lucas.
Darkness sah ihn etwas erstaunt an, doch ehe er antworten konnte fuhr Lucas fort: "Ich möchte, dass Du ihn noch mal ordentlich ins Gebet nimmst, ihm seine zukünftige Verantwortung klar machst."
"Hm, ja klar, werd ich machen." Justin wirkte auf Lucas, als sei er nicht ganz bei der Sache.
Lucas sah seinen Freund lang fragend an, bis dieser schließlich anfing zu reden: "Er ist wirklich gut."
"Wer? Davis?"
"Nun, der auch, aber den meine ich nicht."
"Die rote Echse?" Fragte Lucas, woraufhin Darkness nickte: "Ja und er ist verdammt gut. Wir hatten wirklich Glück."
Lucas nickte und nippte erneut an seinem Drink: "War es derselbe, der mich in Mantikor aus meiner Nighthawk geschossen hat?"
Nach kurzem überlegen antwortete Darkness: "Ja, sehr wahrscheinlich, Flugmuster, Aktionsverhalten und Präzision waren gleich. Dieser Kerl wird langsam zu einer Legende."
"Bloß was tun wir dagegen?"
"Wir müssen ihn erledigen, sollten wir das nächste mal auf ihn stoßen, hat das oberste Priorität, bevor er
sich selbst unsterblich macht."
Lucas nickte: "Ja, ja du hast recht ...", plötzlich fiel im Mel Auson auf, die ihn aus weiter Entfernung
anblickte. Sie ließ ein Lächeln aufblitzen, winkte ihm kurz und verschwand hinter der nächsten Biegung, " ... du äh, Jus, könntest du bitte bezahlen, ich hab noch was zu erledigen."
Etwas irritiert blickte Darkness seinem schnell davoneilenden Freund nach. Was hat den denn gebissen?

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:09
Man sollte eigentlich meinen, jemand, der mit der absoluten Leere des Alls aufgewachsen ist, würde die beklemmende Enge von Wasser meiden.
Dieses Gefühl, überall eingequetscht zu werden, keine Luft zu haben, umhüllt, GEFANGEN zu sein.
Aber man irrte. Denn der Aufenthalt im Wasser kam einem wichtigen Umstand am nächsten, den jeder Raumgeborene kannte und schätzte: Schwerelosigkeit.
Wenngleich die Luft in den Lungen für einen gewissen Auftrieb sorgte, wenngleich es ein festes Oben, ein festes Unten gab, durch Wasser zu gleiten war beinahe wie bei null Gravitation durch das kalte, glitzernde All zu schweben.
Okay, ich war ein lausiger, ein richtig lausiger Schwimmer.
Für die fünfzig Meter, die das Becken maß, brauchte ich fast anderthalb Minuten.
Aber tauchen, das konnte ich super. Fünfunddreißig, vierzig Meter am Stück, kein Problem.
Auf dem Kachelboden sitzen und die Luft anhalten, gut zwei Minuten.
Um es auf den Punkt zu bringen, ich war in meinem ureigensten Element.
Ich krümmte mich in der Schwerelosigkeit des Wassers zu einer Kugel zusammen und rotierte um die eigene Achse. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf, während ich mich dem Boden des
Schwimmbades näherte. PERSEUS Station war schon klasse. Dieses Bad war nur eines von neun, und bei weitem eines der schlichteren. Daher war es schlecht besucht. Was mir die Ruhe und die Besinnung gab, die ich so dringend benötigte.
Ruhe, um meinen Weg zu finden.
An Bord der CARNEGY, dem Frachter meiner Eltern, einem alten Pott der Whale-Klasse, hatte ich oft genug die Gelegenheit gehabt, einfach einen Raumanzug anzuziehen und mich einige Zeit auf der Außenhülle rumzutreiben. Mich treiben zu lassen.
Das Schwimmbecken war nur ein rudimentärer Ersatz dafür, aber besser als gar nichts.
Kräftig stemmte ich die Füße auf den Boden, stieß mich ab. Wie ein Pfeil schoss ich durch das Wasser, kam nach oben, durchbrach die Wasseroberfläche.
Es war viel geschehen, zu viel.
Zehn feindliche Piloten hatten im Kampf gegen mich versagt. Okay, neun und ein Shuttle.
Ich war der Wingman des stellvertretenden Geschwaderkommandanten, hatte ihm ebenso oft wie er mir das Leben gerettet. Wir waren beide dem Roten Baron entgegen getreten und hatten es überlebt – wobei er mir übler mitgespielt hatte als meinem Freund McQueen.
Soviel auf der Haben-Seite.
Ich hatte Kali verprellt. Ich hatte eine missglückte Freundschaft zu ihrem neuen Schwarm, dem jungen Piloten Ohka aufgebaut, was die Sache noch komplizierter machte.
Und ich hatte mich mehr als einmal sowohl mit dem Geheimdienst als auch Lilja angelegt, der unterkühlten russischen Pilotin. Wobei ich mir immer noch nicht sicher war, wer gefährlicher war.
Meine Hände griffen zu, fassten nach dem Beckenrand. Ich verlagerte mein Gewicht nach vorne und stieß mich regelrecht aus dem Wasser. In einer Fontäne sprang ich auf den Rand.
Die Gerüchte, ich könnte der Saboteur sein, den es angeblich auf der RED gab, waren erloschen, als keine Zwischenfälle mehr stattfanden. Nun ja, fast.
Das war die Soll-Seite, denn erloschen hieß nicht vergessen. Nur zurück gestellt.
„Danke“, knurrte eine bissige Frauenstimme neben mir.
Ich warf einen schnellen Blick in diese Richtung und erhaschte den Eindruck von hellblondem Haar.
Lilja? Imp? Nein, die hatten beide nicht diesen extrem kurzen Raspelschnitt.
„Wofür?“ fragte ich und begann mich mit meinem Handtuch trocken zu reiben.
„Na, dafür“, sagte die Frauenstimme wieder.
Ich sah herüber und entdeckte, worauf die Dame anspielte. Bei meinem Ausstieg hatte ich nicht nur einen Schwall Wasser mitgenommen, ich hatte einiges davon auch auf sie verteilt. Um nicht zu sagen, ich hatte sie geradezu getränkt.
Ich grinste verlegen. „Sorry. Aber da unten sieht man nicht, was hier oben passiert.“
Sie war hellblond, nein, weißblond. Ein Haaransatz verriet mir aber, dass der Ton gefärbt war. Dazu kam, dass sie recht groß war, ich schätzte sie auf gut eins achtzig.
Sie wirkte trainiert auf mich, hatte nicht viel mehr Speck am Körper als ich oder jeder andere Pilot der RED auch.
`Was denkst du denn da, Ace´, rief ich mich zur Ordnung. `Sieh dir nur diese Beine an. Diesen braunen, gut geformten Bauch. Diese…´
„Wenn du fertig bist, kannst du mich auch wieder anziehen“, sagte sie schnippisch.
Verdutzt starrte ich sie an. Ihre grauen Augen funkelten belustigt. Sie schien mir die kleine Visite nicht übel zu nehmen.
„Sorry. Aber es gibt da nichts, wofür du dich schämen müsstest.“
„Als wenn mich das trösten würde.“
Ich grinste und reichte ihr mein zweites Handtuch. „Hier. Wenn du willst, übernehme ich das auch gerne für dich.“
Sie ergriff das Handtuch und warf mir einen spöttischen Blick zu. „In deinen Träumen.“
Sie trug einen knappen, sehr knappen Bikini. Einfarbig, dunkelblau. Ein Abzeichen war darauf eingenäht. Ich konnte es nicht genau erkennen, weil ich ihr nicht auch noch auf das Oberteil starren wollte. Außerdem irritierten mich ihre Bewegungen genug, während sie sich langsam und sorgfältig abtrocknete.
„Warst ziemlich lange da unten“, sagte sie im Plauderton. „Ich dachte jede Sekunde springt die Rettungsautomatik an und leert das Becken. Du kannst ziemlich lange die Luft anhalten.“
Ich zuckte die Achseln. „Ich kann nicht schwimmen. Irgendwie muss man ja überleben, oder?“
Wieder dieser spöttische Blick. „Ich habe deine vierhundert Meter Kraul gesehen.“
„Sag ich doch“, bekräftigte ich. „Ich kann nicht schwimmen.“
Sie lachte. Es war ein helles, melodisches Lachen. „Dein Punkt.“
Sie warf mir das Handtuch wieder zu. „Du bist Cliff Davis von der RED, richtig?“
„Wie hast du das nur erraten?“ erwiderte ich spöttisch.
„Nun, man hat mir gesagt, suche nach einem Kerl, dessen Ego das halbe Schwimmbad ausfüllt. Ach ja, und er sollte blaue Haare haben.“
Na toll. Das fing ja gut an. Sehr gut sogar. „Protest“, brummte ich. „Mein Ego füllt das ganze Bad aus.“
Wieder lachte sie. Es klang herrlich. Labsal für meine bei der letzten Feindfahrt geschundene Seele.
„Keine Einwände“, murmelte sie.
„Und, was kann ich für dich tun?“
„Du kannst mir sagen, wie du die Begegnung mit dem Roten Baron überlebt hast.“
„Pilotin, eh?“ argwöhnte ich und zog die Brauen hoch. „Dann lass dir mal was gesagt sein: Die Rote Echse ist der wahrscheinlich beste Pilot, den die Schuppenhäute haben. Sollte er dir über den Weg laufen, greif ihn im Wing an. Oder jag den Nachbrenner rein und verschwinde.“
„Nein, das meinte ich nicht. Ich will Details wissen. Wie fliegt er? Was sind seine Manöver? Wie integriert er seinen Flügelmann? Ist er eher auf die Waffen oder eher auf die Raketen fixiert?“
Das letzte Mosaik war an seinem Platz.
„Du hast mir aufgelauert, was, Mädchen?“
Sie zog die Stirn kraus. „Och, aufgelauert kann man das nicht nennen. Verfolgt trifft es schon eher.“
Ich seufzte. „Lady, du bist hübsch. Du bist schlau, wie mir scheint. Und wer weiß schon, wie gut du als Pilot bist. Aber vergiss den Roten Baron. Überlass solche Typen Lone Wolf, Martell oder Darkness. Oder meinetwegen mir. Ich traue es mir wenigstens zu, den Sack mit in den Tod zu nehmen.“
Wenn ich geglaubt hatte, mein kalter Blick würde sie auf Distanz treiben, hatte ich mich geirrt. „Ach, komm schon. Ace. Überlebende eines Dogfights mit dem Baron sind selten. Und wer von PERSEUS los fliegt kann auf ihn treffen. Also, erzähl es mir. Nur damit ich vorbereitet bin.“
„Und damit sie dir den Goldenen Löwen mit Diamanten in die Urne packen? Vergiss es.“
„Komm, Ace. Unter Piloten. Ich würde dich auch einladen.“
Ich dachte nach. „Okay, Lady. Meinetwegen. Aber es ist dein Risiko. Nicht meines.“
„Nein, Ace, es ist auch deins. Es ist das Risiko jedes Piloten, der PERSEUS verlässt.“
„Wir treffen uns vor den Umkleidekabinen, ja?“ Ich ergriff meine Sachen und ging vor.

Drei Stunden später schreckte ich hoch. Automatisch flammte das Licht in der Kabine an. Neben mir im Bett lag Huntress. Zumindest ihr Callsign hatte ich herausfinden können, bevor sie mit ihrer besitzergreifenden, resoluten Art jeden Versuch meines kläglichen Widerstandes fort gewischt hatte.
Und hier waren wir gelandet. Ich setzte mich auf. Idiot.
Aber… War ich das wirklich? Kali wollte mich nicht mehr, das hatte sie mir deutlich gemacht. Lilja…
Sich auf sie Hoffnungen zu machen hieß, sowohl Pinpoint zu verletzen als auch Selbstmord zu begehen. Wenn ich das überhaupt wollte.
Nein, ich war kein Idiot. Bestenfalls, weil ich mit Huntress gleich beim ersten Date ins Bett gestiegen war. Aber ich musste zugeben, ich hatte es ihr nicht gerade schwer gemacht.
Mein Blick ging wie zufällig zur Uhr. So spät schon?
DARKNESS! Hastig sprang ich aus dem Bett, griff nach meinen Sachen.
Huntress öffnete die Augen, blinzelte. „Und, Ace, wohin nach deinem Abschuss?“
“So einer bin ich nicht. Aber mein Wing Leader wartet. Ich bin schon spät dran. Sorry, Huntress.“
Ich knöpfte mein Hemd zu, beugte mich vor und küsste ihre weiche Schulter. „Ruf mich an.“
Im Laufschritt verließ ich die Kabine. „Ach, auf welchem Kahn kann ich dich erreichen?“
Sie lächelte. „Auf der MARYLAND, Ace.“
„MARYLAND, gut.“ Ich stürmte auf den Gang, während ich meine Uniformjacke schloss…

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:10
Das Renoire war sehr gut besucht an diesem Abend. Justin beobachtete die Gäste, in der Mehrzahl Piloten der Redemption und der Maryland. Eine vollbusige Bedienung fragte nun schon zum achten Mal ob er noch was trinken wollte und zum siebten Mal verneinte er.
Wo blieb Cliff, langsam ging ihm diese Tusnelda auf den Zeiger.
Wie auf Stichwort betrat Clifford Davis das Etablissement. Er sah sich kurz um und steuerte dann zielstrebig Justins Tisch an.
"N´Abend Boss. Sorry ich wurde aufgehalten." Ace sah etwas zerzaust aus aber das war in letzter Zeit normal.
"Na endlich. Wenn ich noch zehn Minuten hätte warten müssen hätte ich wahrscheinlich wild um mich geschossen." Darkness sah viel sagend zu der Bedienung die bereits wieder Kurs auf sie genommen hatte.
Ace gluckste. "Scheint so als wärst du ihr sympathisch, alter Mann. Was gibt’s eigentlich so wichtiges, daß du mich hierher bestellst?"
"Klugscheißer wie dich sollte man an die nächste Rahe knüpfen..."
"An was?" Ace sah etwas verdutzt drein kicherte aber in einem fort.
"Vergiss es, Kleiner, ich hab keinen Bock auf Geschichtsunterricht. Zur Sache.."
"Möchten Sie jetzt was trinken?"
"Himmelherrgottnochmahl bringen Sie mir irgendwas aber gehen Sie mir nicht mehr auf den Geist... Rotorenjule." Darkness Faust traf krachend den Tisch und ließ die Bedienung leicht zusammenzucken.
Sie wandte sich ruckartig um und stampfte davon.
Jetzt musste Ace wirklich lachen. Er lag mit verschränkten Armen auf dem Tisch und versteckte sein Gesicht. Ein leichter Schlag mit der flachen Hand auf den Hinterkopf lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den älteren Piloten.
"Noch mal von Vorn. Der CAG hat mich angewiesen dir eine Rotte zuzuteilen. Meinen Glückwunsch Wingcommander."
Ace war das Lachen vergangen. Er saß mit offenem Mund da und wusste nicht so recht ob er lachen oder weinen sollte. "Machst du Witze?" fragte er etwas ungläubig.
"Nicht im geringsten Kleiner. Du bist einer der erfahrensten Piloten im Geschwader und als solcher bist du weit genug um eine Rotte zu befehligen. Und weit genug um die Verantwortung für deinen Flügelmann zu übernehmen." Darkness nahm einen Schluck aus seinem Glas Bourbon, das Zeug hielt keinem Vergleich mit seinem Whiskey stand schmeckte aber ganz passabel.
"Du willst mich wirklich verarschen, Justin." Ace schüttelte den Kopf.
"Wenn ich dich verarschen will dann setze ich an die Außenschleuse ein WC-Schild. Du wirst eine Rotte befehligen. Basta. Lass dir eins gesagt sein, es ist ein Haufen Verantwortung. Dir wird zwar der Hintern gedeckt aber du bist für alles verantwortlich. Dasselbe wie gehabt nur das du jetzt das Sagen hast. Denk aber bitte dran das ich nicht da bin um dir den Hintern zu decken, also verlass dich nicht auf jemanden der nicht da ist. Ich erwarte dass du deinen neuen Flügelmann einarbeitest und mit ihm trainierst. Wöchentliche Berichte an mich und den CAG."
Justin wusste nicht so Recht was er seinem Freund noch sagen sollte. Er hoffte Ace verstand was er ihm sagen wollte, nämlich daß er es sich nicht weiter leisten konnte feindlichen Jägern hinterher zujagen und den Blick von der Gesamtsituation abzuwenden.
"In Ordnung, danke Boss. Ich hoffe trotzdem dass wir öfter zusammen fliegen. Ich werd dich nicht enttäuschen." Ace war das Lachen vergangen, er blickte sehr ernst.
"Ich glaube auch nicht dass du uns enttäuscht, sonst wärst du nämlich immer noch an der Leine und nicht Rottenführer. Du kriegst das schon hin. Und jetzt lass uns deinen neuen Posten feiern, aber nicht hier sonst krieg ich ´nen Schreikrampf."
Darkness und Ace verließen das Renoire in Richtung Redemption. Eine Flasche uralter schottischer Brandkunst wartete auf die beiden.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:11
Als Murphy das „Upside Down“ betrat, war die Party bereits im vollen Gange. Murphy war erstaunt über die Anzahl der Gäste, bis ihm klar wurde, dass auch Leute von anderen Staffeln, ja von anderen Trägern dabei waren. Als man seine Ankunft bemerkte – und das war erst kurz bevor er die Ecke erreichte, wo die Partygesellschaft sich aufhielt – wurde er von einem Chor von „Hallo Skipper“ Rufen begrüßt. Murphy grinste, nickte und hielt die davoneilende Bedienung fest, um noch ein Bier zu ordern. Dann setzte er sich an den Tisch und sah in die Gesichter der Männer und Frauen, mit denen er geflogen war. Alle schienen höchst vergnügt und entspannt zu sein, einige auch schon leicht angetrunken. Thunder schien ebenfalls die Party zu genießen.
Insgeheim wusste sie, dass sie recht früh mit Murphy das Lokal wechseln würde, denn irgendwann musste man die Junioroffiziere unter sich lassen. Denn auch hier würden sie solange gehemmt sein, bis der „Alte“ weg war. Das war schon immer so in der Navy und würde immer so bleiben, quasi ein anderer Nachteil des Kommandos.

Aber für den Moment würden sie zusammenfeiern und genießen. Murphy konnte beobachten, wie Brawler zum wiederholten Male vor versammelter Mannschaft wegen seiner fehlenden Schießkünste
bloßgestellt wurde, was dieser seinem Flügelmann auf humorige Weise zurückgab, indem er entgegnete, er habe nie ein Shuttle zum Rückflug zum Träger benötigt.
Tank musste mehrmals seine Stärke im Armdrücken beweisen, wo er sehr zur Überraschung aller selbst Thunder schlug, die lange den Ruf der Unbesiegbarkeit innehatte.
Murphy unterhielt sich derweil mit Lord, einem derjenigen, die die Redemption verlassen würde.
„Na, haben Sie schon eine Zuteilung?“
„Ja, ich komme wieder zu einer Gripen Staffel, der 193.Staffel. Angeblich soll ich sogar Wing Commander werden.“
„Das klingt ja gut. Ich bin sicher, dass Sie das packen werden.“
„Danke Sir...mit Verlaub, ich war ja zwischendurch ein wenig skeptisch, aber ich muss sagen, dass ich froh war, unter Ihnen zu dienen.“
„Danke, Lord, das bedeutet mir viel. Wie geht es Ihrem Vater?“ Lords Vater war vor der letzten Feindfahrt schwer erkrankt und Murphy wusste, dass dies dem Lieutenant Sorgen bereitet hatte.
„Es geht ihm wieder besser. Die Ärzte sagen, es sei in 4 Monaten wieder ganz der alte.“
„Das ist ja eine gute Nachricht.“
„Sir, darf ich Sie noch mal was fragen?“
„Lord, vergessen Sie mal das Sir heute.....und ja, natürlich, ich fresse Sie schon nicht auf.“ Martell grinste.
„Ähm, ja, danke. Wie machen Sie das, ich meine Sie sind schon länger beim Militär als ich und die anderen hier. Mit ihrer Verwandtschaft oder ihren Beziehungen?“
„Da bin ich wirklich die falsche Adresse. Sagen wir es mal so, meine Eltern wollen nichts mehr von mir wissen, seit ich in die Navy eingetreten bin...zu meinem Onkel hab ich noch Kontakt, aber das
lässt sich gut über die regulären Kanäle erledigen. Und ansonsten hab ich keinen, der zu Hause auf mich wartet.“
Lord nickte und dachte nach.
„Ich weiß, ich bin fürchterlich indiskret...aber schieben Sie es auf die fortgeschrittene Stunde und meinen Alkohol...“
Martell ahnte, wie der Hase lief. „...Sie wollen wissen, wieso das so ist?“ Lord nickte.
„Sie wissen, wie es beim Militär ist. Nur haben Zivilisten in Friedenszeiten noch weniger Verständnis als jetzt, wenn man wieder versetzt wird, wieder erst in 8 Monaten zu Hause ist und kaum Kontakt halten kann, weil man Piraten jagt. Als Alternative bleiben dann nur Militärangehörige, aber da ich mir fest vorgenommen habe, Navy und Privates zu trennen, fällt das auch flach.“
„Wieso, vielleicht findet sich ja eine Lady bei den Marines?“ Lord grinste.
„Bei den Jarheads?“ Beide lachten angesichts dieser alten Bezeichnung für die Marines.
„Es wäre jedenfalls eine Abwechslung.“ Gluckste Lord.
„Das wäre es...was macht denn Ihre Freundin?“
„Die hat mir heute den ‚Dear John‘ Brief geschickt...“
„Sie hat es nicht mehr länger ausgehalten?“
„Schlimmer, sie hat nen Neuen, einen Freund von der Uni....das Schlimme an der Sache ist, dass ich
ihn auch noch kenne und weiß, dass er ein Schwein ist.“
Martell orderte noch zwei Bier und zwei Scotch bei der vorbeilaufenden Bedienung und wandte sich dann wieder Lord zu.
„Ok, lassen Sie es mich mal so formulieren. Ich habe vielleicht selber wenig Erfahrung in solchen Dingen, aber ich habe es dutzenden Male bei anderen Leuten mitbekommen. Haken Sie es ab. Sie wissen nicht, ob Sie sie je wiedersehen werden. Viele Zivilisten können früher oder später nicht mehr mit dem Korsett, dass das Leben beim Militär für uns scheinbar darstellt, leben. Dass es kein Korsett, sondern eine Berufung ist, ist eine andere Sache. Aber Sie sollten sich klar sein, dass selbst wenn Sie sie wiedersehen werden, werden Sie und Ihre Freundin sich sehr verändert haben. Schauen Sie sich selbst an, Sie sind ernster und verantwortungsbewußter geworden, Sie haben dem Tod mehrfach ins
Auge gesehen und Freunde verloren. Diese Erfahrung wird ein Zivilist nie machen, wenn er nicht wirklich Pech hat.“
Lord nickte. „Danke....da haben Sie mir was zum Nachdenken gegeben...aber erstmal muss ich Brawler jetzt mal zeigen, wie man vernünftig Dart spielt, so wie der die Pfeile hält, ist das ne Krankheit.“ Murphy lachte und gab seinem Piloten einen Klapps ab die Schulter.
„Machen Sie das.“
Eine Stunde später verließen Shukova und Murphy die Party und gingen ins „Havanna“, wo sie sich mit Midori Yamashita und einem gewissen Commander Gonzalez verabredet hatten.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:12
Nachdem er Darkness verlassen hatte schloss Lucas schnell zu Melissa Auson auf.
Gemeinsam und doch jeder für sich schlenderten sie die so genannte Main-Steet auf Perseus-Station entlang.
Sie kamen an Restaurants, Bordellen, Billardkneipen, Zeitungskiosken und normalen Supermärkten vorbei und steuerten auf das exklusivste Hotel auf Perseus zu.
Es war ein Hollyday-In. Lucas Mutter hätte schon beim Anblick Migräne bekommen. Er selbst hätte vor 4 Jahren die Nase gerümpft, doch nun erschien es im wie das Paradies.
Er schlenderte in der Lobby während Melissa an die Rezeption ging und ein Zimmer bestellte.
Wie zufällig betraten sie den gleichen Lift und schwiegen einander, wie auch die anderen Fahrgäste an.
Im sechsten Stock als letzte Passagiere angekommen stiegen sie aus, immer noch beharrlich schweigend.
Jetzt gingen sie aber erkennbar gemeinsam auf ein Zimmer zu.
Er warete geduldig, wärend sie aufsperrte und trat dann nach ihr ein.
Kaum war die Tür ins Schluss gefallen, da ergriff er sie und drückte sie fest an sich. Seine Lippen suchte gierig nach den ihrigen.
Sie begann hektisch an seinen Hemdknöpfen rumzufummeln und bekam die ersten beiden nur mit Mühe und Not auf.
Nichts würde sie stören: Keine übereifriegen Unteroffiziere würden an die Tür klopfen, kein noch so dämliches Problem würde ein Besatzungsmitglied an ihre Tür führen, keine noch so unsinnige Pflicht
und vor allem, kein Alarm würde sie auseinanderreißen. Schließlich packte er sie an den Handgelenken und drückte sie an die Wand: "Wir, ... wir brauchen uns gar nicht so zu beeilen, wir haben alle Zeit der Welt."
Ihre Augen funkelten und ihr Atem ging schnell: "Aber was, wenn ich es eilig habe?"
"Nun, .... dann .... wird .... sich ..... die Frau .... Commander .... in Geduld ... üben müssen." Hauchte er zwischen den Küssen.
Er ließ ihre Handgelenke los und begann sie sanft und liebkosend auszuziehen.
Den frühen Abend und die Nacht über liebten sie sich, bis beide befriedigt und ausgepumpt nebeneinander einschliefen.

Mark Seinfeld wurde durch das Öffnen der Kabinentür geweckt.
Das Licht wurde in gedämpfter Stufe eingeschaltet. Er drehte sich herum und sah seinen Mitbewohner Samuel Brendstone.
"Ahhhhhh, Bird, kannst Du nicht das Licht ausmachen oder zu normaler Zeit ins Bett gehen?"
"Sorry", entsuchuldigte sich Brendstone und dämpfte das Licht noch mehr.
Mark drehte sich wieder um und rollte sich in seine Decke zusammen.
Allerdings konnte er nicht einschlafen, da Brendstone in seinem Spind rumwurschtelte.
Dann wurde es zum Glück wieder still.
Er nickte gerade ein, als ein kurzes ihm entfernt bekannt vorkommendes Summen ihn erneut hochriss.
Wieder drehte er sich zu Brendstone um, um zu erfahren, was der Mist sollte.
Was er erblickte, ließ ihn geschockt inne halten: Brendstone saß auf einem der beiden Stühle und hielt sich eine bedrohlich aussehende H&K Pistole unter das Kinn.
Ehe er etwas sagen konnte, wurde das wenige Quadratmeter große Quartier kurz hell erleuchtet.
Noch viele Jahre würde das elektrische Knistern der H&K Mark Seinfeld aus dem Schlaf reißen.

Hallo Mom, hallo Dad,
wenn Ihr diese Zeilen lest, bin ich nicht mehr am Leben. Doch wurde es mir nicht von Feindeshand genommen. Ich entschied mich selbst zu diesem Schritt.
Um Eure Frage nach dem warum zu beantworten: Es sind nicht die getöteten Akarri, die mich zu diesem Schritt bewegten.
Ich habe wärend eines Einsatze weit im Feindgebiet einen terranischen Frachter abgeschossen. Mit wahrscheinlich über 30 Männern und Frauen an Bord. Diese ausgelöschten Leben lasten schwer auf mir.
Eine Zeit lang ermittelte die Militärjustiz gegen mich. Warum das Verfahren eingestellt wurde? Ich weiß es nicht.
Doch habe ich von Andrej erfahren, worum es ging: Meine vorgesezten Offiziere hatten offenbar meinen Abschuss zu vertuschen versucht.
Auf mein Nachfragen hin, versicherte mir mein Geschwaderchef, dass ich einen Akariifrachter abgeschossen hätte.
Nach dem Militärstrafgesetzbuch bin ich nicht schuldig, da ich mich beim Abschuss dieses Frachters an die mir und meinen Kammeraden erteilten Befehle gehalten habe, doch ich fühle mich so elend, so hilflos, so schmutzig.
Mom, Dad, ich habe euch furchtbar lieb.
Verzeiht mir
Sam

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:12
Ankunft
Die energische Stimme schnitt wie ein Messer durch die gedämpften Hintergrundgeräusche auf der Brücke des Schweren Kreuzers: „Captain Mithel? Die Perseusstation hat uns aufgefordert, uns zu identifizieren!“ Mithel ignorierte die Worte und wandte sich an den Offizier, der neben ihm die primären Bildschirme überwachte: „Überprüfen Sie, ob wir angefunkt werden. Machen Sie Meldung, sobald jemand etwas von uns will.“ Der Mann warf seinem Vorgesetzten einen fragenden Blick zu: „Sir...?“
Mithels Stimme klang ruhig und emotionslos: „Ich habe es gehört, Lieutenant. Sie haben Ihre Befehle.“ Der Brückenoffizier nickte gehorsam: „Jawohl, Sir!“
Die Stimme erklang wieder, näher kommend: „Captain Mithel?“. Der Captain wartete, bis er die Schritte des Sprechers hinter sich hörte. Dann, mit all der Autorität und Würde, die man in gut drei Jahrzehnten Dienst in der Flotte erwerben konnte, drehte er sich um. Der junge Offizier stoppte abrupt, als er den Gesichtsausdruck seines Vorgesetzten registrierte. Er erbleichte: „Uh, Sir...“
Für einen Augenblick schwieg der Captain. Wartete, bis die Stille auch die umstehenden Brückenoffiziere aufmerksam gemacht hatte. Seine Stimme war von schneidender Kälte: „Wir sind hier auf der Brücke eines Kriegsschiffes der Republik und nicht auf dem Markt von Alpha Zentauri,
Lieutenant Fuchida. Routinemäßige Meldungen werden hier nicht, ich wiederhole NICHT, einfach in Richtung des Adressaten gebrüllt. Ist das klar?“ Der junge Lieutenant mußte schlucken, dann nickte er
ruckartig: „Jawohl, SIR!“
Mithel fixierte ihn noch einige Sekunden, dann nickte er leicht: „Geben Sie unsere Identifizierung und die Codes durch. Und sorgen Sie dafür, daß ein Shuttle startbereit gemacht wird, falls man eine persönliche Besprechung wünscht.“ Der Brückenoffizier salutierte zackig: „Zu Befehl SIR!“ Dann drehte er sich herum und machte sich daran, die Anordnungen auszuführen.

Mithel blickte ihm einen Augenblick nach. Der JUNGE Lieutenant...
Was, wie ihm sehr wohl klar war, der eigentliche Grund des Problems war. An Bord dieses Schiffes – SEINES Schiffes – waren fast drei Viertel der Besatzung frisch ausgebildete Akademieabgänger.
Früher wäre das kaum denkbar gewesen – heute hingegen...
Für einen Augenblick hatte er die Bilder vom Beginn des Krieges vor Augen. Sah, wie die Akarii die Flottenverbände der Menschen zusammenschlugen. Neben den großen Trägern – Stars der öffentlichen Wahrnehmung – waren auch zahlreiche kleinere Schiffe, von Korvetten bis hin zu Kreuzern, zerstört oder schwer beschädigt worden. Er selber hatte das Kommando über die „Hydra“ übernommen, einen leichten Kreuzer, nachdem der Kapitän des Schiffes gefallen war. Es war ihm gelungen sein Schiff zu retten, doch natürlich hatte er das Blatt nicht wenden können. Sie waren zurückgeworfen worden, und die Verluste waren hoch gewesen, sehr hoch. Vielleicht ZU HOCH, um
sich davon in absehbarer Zeit zu erholen. Die TSN würde Jahre brauchen, um die Schiffe zu ersetzen, und bis sie den Verlust an erfahrenen Offizieren, Mannschaften und Piloten ausglich...
Und deshalb waren sie hier. An Bord eines neuen Schiffes, das eine Besatzung hatte, die zwar gut ausgebildet, aber größtenteils noch völlig unerfahren war. Im Abwehrkampf im eigenen Gebiet, und eine Kriegswende anscheinend in weiter Ferne. Er verzog seine Lippen zu einem grimmigen Lächeln. Angeschlagen – aber noch nicht besiegt. Wie die Akarii bald erfahren würden, wenn er ein Wörtchen mitzureden hatte.

Er öffnete einen Interkom-Kanal zu zweiten Brücke. Seine Stellvertreterin hätte an der Szene eben ihre Freude gehabt, da war er sich sicher. Aber es war Mithels Grundprinzip, daß die Ersatzbrücke immer
besetzt war, für den Fall eines Ausfalls der primären Kommandozentrale. Auch wenn sich das Schiff auf einem Transit im eigenen Gebiet befand. Sollte er ausfallen, würde sie das Kommando binnen weniger Sekunden übernehmen und den Kampf fortsetzen oder Maßnahmen zur Rettung des Schiffes einleiten.
Die Frau auf dem Bildschirm nahm sofort Haltung an: „Sir!“ „Commander Raffarin, die Brücke gehört Ihnen! Ich bin in meinem Quartier. Verständigen Sie mich, sobald man nach mir verlangt. Ich schätze, die werden bald nach mir fragen. Es gilt weiterhin Alarmbereitschaft, keine
Mannschaftstransfers.“ Sie salutierte: „Jawohl Sir!“ Raffarin würde die Reservebrücke an jemand anderen übergeben und selber die Primärbrücke übernehmen. Das Schiff würde – auch in unmittelbarer Nähe zur Perseusstation – voll einsatzbereit bleiben. Und bei ihr in guten Händen sein. Mithel vertraute nur wenigen Menschen, aber seine Erste Offizierin gehörte zu dieser Kategorie.

Mithel winkte dem Leiter der Waffenabteilung: „Kommen Sie mit!“ Beide machten sich auf den Weg zum Quartier des Captains, wo auch sein Arbeitszimmer lag. Der Lieutenant-Commander begleitete seinen Vorgesetzten schweigend. Mithel blickte ihn fragend an: „Haben Sie die Trainingsplanung abgeschlossen?“ Lieutenant-Commander Rogulski, er war Pole, nickte: „Einsatzbereit. Sobald Sie wollen, geht es los. Ich habe mich mit Commander Raffarin abgesprochen, was die anderen Abteilungen angeht.“ Er gestattete sich nicht den Luxus eines Lächelns, das andere sicher kaum hätten verkneifen können. Das Übungsprogramm würde ein Trainingsmarathon für die Besatzung werden, der sie erwischen würde wie eine kalte Dusche.
Mithel lächelte dünn: „Ausgezeichnet. Mal sehen, was man den Kindern beigebracht hat. Sobald wir näheres darüber wissen, wie lange wir hierbleiben, werden wir uns die Grünschnäbel mal vorknöpfen.“
Im Gegensatz zu der bei niederen Diensträngen nicht eben selten geäußerten Ansicht war Mithel kein Sadist, jedenfalls nicht mehr, als für einen Capitain nötig war. Aber er kannte wenig Nachsicht, und das kam am Ende fast auf das selbe heraus. Andererseits – Schweiß sparte Blut, zumindest hoffte man das. Und wenn dies zutraf, dann würde der „Relentless“, dem Schweren Kreuzer der Ticonderoga- Klasse, kaum etwas zustoßen, sollte Mithel dazu kommen, sein Programm durchzuziehen.

„Sie begleiten mich, wenn es notwendig seien sollte, Lieutenant-Commander.“ Rogulski nickte schweigend. Er war seinem Captain gegenüber loyal, und deshalb legte dieser – wenn sie unter vier
Augen waren – nicht den üblichen Wert auf exakte Befolgung der Dienstvorschrift. Viele hielten die militärische Zackigkeit und den Drill, den Mithel anscheinend bevorzugte, für eine Marotte des Captains. Aber er sah darin in erster Linie das Funktionieren der Menschen als Teil der Maschinerie, die aus einem Schiff – totem Stahl – und einer Besatzung – eine Ansammlung Männer und Frauen verschiedensten Charakters und Herkunft – erst eine tödliche Waffe machte. Er wußte nicht, mit welcher Mission sie hierher beordert worden waren. Alles war möglich. Allerdings gab es Gerüchte, es hätte mal wieder einige Verluste gegeben. Vermutlich sollte er mit seinem Kreuzer irgendeine Lücke füllen. Die Herren im Flottenstab schienen zu meinen, die Kreuzer seien so etwas wie entbehrliche Schutzschilde für ihre kostbaren Träger – eine Haltung, die Mithel immer erbitterte.
Kindermädchen für einen Träger spielen war NATÜRLICH wichtig, aber es ging oft an den Möglichkeiten eines Kampfschiffes wie der Relentless vorbei. Dafür brauchte man spezielle Flakzerstörer, keine Kampfkreuzer. Die waren geeignet für den Kampf gegen feindliche Großschiffe, für den Kreuzerkrieg, für Vernichtungsangriffe im feindlichen Rücken. Aber die Trägerfraktion war stark – seit den Tagen von Beins hatte sie das Geschick der Flotte bestimmt.
Vielleicht war es auch ein Sonderauftrag. Er hoffte bloß, die Herren im Flottenstab mochten nicht wieder eine ihrer berüchtigten „genialen Einfälle“ haben, denn dafür war sein Schiff kaum geschaffen – bedachte man die mittelmäßige Zusammenarbeit der Besatzung. Andererseits, das Potential war vorhanden, soviel stand fest. Mit ein bißchen Übung konnte man aus den Männern und Frauen gute Soldaten machen. Aber das brauchte Zeit. Wenn er die nicht bekam...

Wenn alles glattging, dann würde ihm das Training genug verraten. Diejenigen, die während des Trainings Schwäche zeigten, würde man austauschen oder dorthin versetzen, wo sie kein Risiko bedeuteten. Mithel war klar, daß er mit seinen Methoden Karrieren vernichtete, aber das war ihm ziemlich gleichgültig. Wer den Anforderungen nicht genügte – und sei es auch nur geringfügig – der hatte an Bord SEINES Kreuzers nichts verloren. Die Offiziere würden sich ein Bild von ihren Leuten machen können, würden erfahren, wo die Bruchpunkte ihrer Untergebenen lagen. Und Mithel wiederum würde den Abteilungsleitern auf die Finger schauen, und jeden Fehler registrieren. Oder besser, dies zumindest versuchen. Er konnte seinen Augen nicht überall haben, und aus diesem Grund umgab er sich mit einem Stab Offiziere, die ihm treu ergeben waren, und auf die er sich verlassen konnte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:13
Vier Stunden später
Seine beiden Vertrauten blickten ihn fragend an. Man hatte ihn zu einer ersten Vorbesprechung – unter vier Augen – gebeten. Natürlich erwarteten sie, daß dabei wichtiges erörtert worden war, etwa, wo es
demnächst hingehen sollte. Mithel erwiderte die Blicke und verzog seine Lippen zu einem verächtlichen Grinsen: „Nichts als die übliche ,Sie werden gebraucht, machen Sie Ihren Kreuzer einsatzbereit‘-Rede. Fehlanzeige, was genauere Angaben angeht. Offenbar wollen die Hühner erst gackern, wenn das Ei schon gelegt, oder besser, halb ausgebrütet ist!“
Raffarin schien das nicht zu gefallen: „Wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt, wird es uns schwer fallen, unsere Leute optimal vorzubereiten. Wir können sie nicht für ALLES ausbilden, nicht in ein paar Wochen. Und ich bezweifle, daß sie uns ein Vierteljahr geben, soviel bräuchten wir nämlich, um das auch nur zu versuchen.“ Mithel nickte grimmig: „Exakt. Aber die Herren vom Oberkommando wollen eben eine bombastische Großbesprechung – vielleicht haben sie auch Hemmungen, vor Leuten zu reden und wollen die Sache lieber nur einmal machen. Oder der Geheimdienst macht mal wieder alle verrückt.“

Rogulski, der sich nichts anmerken ließ, war in Gedanken schon weiter: „Was haben sie denn noch gesagt?“ „Nur, daß wir vorerst der Gallileo zugeteilt sind. Also wieder mal Kindermädchen. Da die zu ‚Husar‘ gehört, könnte ich mir vorstellen, wir werden an ein paar Geleitzugoperationen teilnehmen, oder an Angriffen auf leichter gesicherte feindliche Stützpunkte. Aber das ist nur eine Vermutung.“
Raffarin grinste leicht: „Wenigstens haben Sie uns nicht der Redemption zugeteilt. Das Schiff ist ein Vampir.“ Mithel – sonst nicht eben dafür bekannt, ausschweifende Gedankengänge zu billigen, war diesmal so perplex, daß er seine Stellvertreterin nur sprachlos anstarrte. Ihr Lächeln vertiefte sich: „Das heißt, es ist nicht umzubringen – aber es verlängert sein Leben auf Kosten anderer. Seine Geleitschiffe sind beide Male übel dezimiert worden. Es saugt ihr Blut, um selbst zu überleben – so was nennt man Vampir.“ Der Captain starrte sie einen Augenblick an, dann überraschte er beide mit einem bellenden Lachen: „Sehr treffend! Und ich bin sogar geneigt, Ihnen recht zu geben.“ Allerdings - Captain Ward von der Gallileo hatte auch nicht den besten Ruf. Hin und wieder hatten andere Offiziere ihn als "vorsichtig" bezeichnet. Und so etwas kam in Flottenkreisen dem Vorwurf der Feigheit ziemlich nahe. Andererseits würde sich Mithel da lieber selbst ein Bild machen.

Nur hier, im quasi vertraulichen Kreise, duldete der Captain Kritik an der Flotte, an hohen Offizieren oder am Oberkommando. Es war bekannt, daß er als Anhänger der Flottenfraktion der Trägerfraktion kritisch gegenüberstand, aber er ließ sich das selten anmerken. Mithel hatt enormen Respekt vor militärischer Etikette - nicht unbedingt vor ihren Objekten. Aber ein Captain, der öffentlich Befehle kritisierte oder respektlos über das Oberkammdo sprach, war fehl am Platz. Außerdem hatte derartiges schon manche Karriere ruiniert - wie Mithel sehr wohl wußte und auch ausgenutzt hatte. Gelegentlich.
Übergangslos wurde er ernst: „Nun, auch die anderen Flotten wurden gerupft. Ich finde unsere Aufgabe auch nicht sonderlich befriedigend. Die Flotte sollte lieber ein paar Flakzerstörer ausrüsten und denen den Geleitschutz überlassen, anstatt daß wir diese Rolle behelfsmäßig ausführen. Ein Schwerer Kreuzer ist ein Schiff mit großen Potential gegen kapitale Feindeinheiten - um Jagdangriffe abzufangen taugt er weniger. Wenn ich daran denke, was ein halbes Dutzend unserer Kreuzer im Rücken des Feindes alles anrichten könnten mit ihren Raketen - aber das Oberkommando will davon nichts wissen. Wenn sie ,Krieg' sagen, meinen sie in erster Linie die Jäger, seit den Tagen von Beins. Aber egal – wir müssen sehen, daß wir mit dem klarkommen, was wir haben. Aber ich hoffe, wenn alles glatt geht, kommen wir auch zum Schuß. Nicht, daß ich so versessen auf eine Schlacht bin, aber wo wir schon einen schweren Kreuzer haben, wäre es auch gut, ihn einzusetzen. Wenn nicht alles glattgeht, und das halte ich für nicht eben unwahrscheinlich, werden wir so und so genug zu tun haben, um unsere Schützlinge und uns herauszuhauen. Das heißt wir müssen uns vorbereiten. Rogulski – Ihre Meinung?“

Der Pole wiegte nachdenklich den Kopf: „Waffenabteilung zu 70 Prozent einsatzbereit, würde ich sagen. Sie brauchen immer noch zu lange, ein Ziel auszuwählen, Schäden zu beheben – und die Trefferquote ist nicht eben überragend. Und wir sind noch nicht mal im Gefecht, wo die Aufregung dazukommt.“ „Gehen Sie auf 100! Und wenn Ihre Leute abends mit blutenden Fingerkuppen in die Quartiere kriechen! Ich BRAUCHE die Waffenabteilung voll einsatzbereit! Sorgen Sie dafür, daß vor allem die Kanoniere endlich ihren Job beherrschen – sie sind unsere beste Waffe gegen feindliche Bomber! Mit Lasern richtet man gegen Schilde nicht so viel aus, vor allem muß man verdammt nahe
heran, aber Feindbomber kann man so knacken.“ „Ich werde außerdem anordnen, daß unsere Raketenwerfer gestaffeltes Schießen auf Mehrfachziele üben – falls wir uns mit Meuten feindlicher Kampfschiffe oder Hilfskreuzern befassen müssen. Kann ja mal sein, daß die Jäger beschäftigt sind oder Hilfe brauchen.“
„Gut, tun Sie das. Raffarin, Sie kümmern sich vor allem um unsere Schadenskontrolle und den Schildgenerator!“ „Zu Befehl, Sir!“
Mithel schüttelte den Kopf: „So gesehen sind ALLE Abteilungen wichtig. Aber wir müssen Prioritäten setzen. Nun, ich werde sehen, was uns die ‚Husar‘-Veteranen an Informationen über die Akarii geben können. Vielleicht sind ja Sachen dabei, die wir noch nicht wissen. Wenn wir Leute auswechseln müssen, werde ich mal schauen, ob ich nicht jemanden ‚pressen‘ kann. Und all das wegen der verdammten Eile! Und weil die Herren sich von den Akarii haben mit runtergelassenen
Hosen erwischen lassen!“ Er winkte angewidert ab: „Egal, das bringt uns auch nichts. Wir müssen eben sehen, wie wir klarkommen mit dem, was wir haben.“

„Achtung! Achtung! Dies ist eine Durchsage des Captains!
An alle Stationen! Wir haben die Reise zur Perseus-Station gut überstanden. Ihr habt bewiesen, daß ihr ein Schiff bedienen könnt. Das war bisher gute Arbeit – aber für unsere kommenden Aufgaben wird es mehr als das brauchen! Ihr werdet lernen müssen, wie man ein Schiff ins Gefecht bringt, an den Feind und wieder zurück! Das werdet ihr in den nächsten Wochen trainieren! Ich will es noch einmal betonen: Versagen in der Übung ist das selbe wie Versagen im Gefecht! Wer nicht bereit ist, eine Überprüfung seines Könnens ernst zu nehmen oder sie erfolgreich zu absolvieren, der wird auch im Ernstfall versagen! Ich erwarte deshalb Einsatz bis zum äußersten, von den Offizieren bis zum niedrigsten Mannschaftsdienstgrad! Entschuldigungen und Ausreden werde ich nicht akzeptieren! Die kommenden Wochen werden hart für Sie werden, aber ich erwarte, daß Sie sie durchstehen! Denn dies ist der Prüfstein, der Sie für die ultimative Herausforderung vorbereiten soll – für den Kampf auf Leben um Tod! Um diesen Kampf zu führen sind Sie zu den Streitkräften gekommen. Ich erwarte nicht, daß Sie der Schlacht entgegenfiebern, aber ich verlange Pflichterfüllung und Gehorsam! Getreu dem Eid, den wir alle geschworen haben! Vergessen Sie das nie! Hier, in der Übung, können Sie zeigen, ob Sie das Zeug haben, auch im echten Gefecht Ihren Mann zu stehen! Bis auf weiteres befindet sich das Schiff in Bereitschaft! Landgang erhält, wessen Abteilung als einsatzbereit angesehen wird! Es liegt also allein bei Ihnen! Ich verlasse mich auf Sie – mehr noch, die Republik verläßt sich auf Sie!
Captain Mithel Ende!“
Der Kommandeur drehte sich zu seinen Offizieren um. Diesmal hatte er alle – Neulinge und Veteranen – um sich versammelt, viele hörten erst jetzt von dem „Fahrplan“ der nächsten Wochen.
Sicher war auch bei ihnen die Begeisterung nicht groß. Perseus lockte...
Mithels Gesicht zeigte keine Emotionen, als er sie musterte: „Meine Damen und Herren – an die Arbeit!“
„JAWOHL SIR!“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:13
Midori Yamashita wachte auf und war für den ersten Moment etwas verwirrt. Neben ihr lag ein Mann im Bett. Dann erinnerte sie sich und verfluchte ihren Kater. Der letzte Abend war sehr feucht fröhlich gewesen und die beiden Flieger von den Jaguars waren für Einrique und sie eine sehr angenehme Gesellschaft gewesen, die nach zwei Minuten gewußt hatten, woher der Wind wehte. Der normaleweise eher dröge Murphy hatte nach einigen Bieren einige Stories aus seiner Zeit als Ausbilder zum Besten gegeben und Thunder war, wenn sie in Fahrt war, eh immer für einen Lacher gut. Was im nachhinein nicht so lustig gewesen war, war der Alkoholkonsum und Midori hatte die Ahnung, dass sie von allen Beteiligten das Teufelszeugs am wenigsten vertragen konnte. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte Shukova auch nach dem 10. Wodka noch ausgesehen, als wenn sie dienstfähig war und auch Murphy hatte sich gut gehalten. Einrique, nunja, Tripple E hatte nachher auch einen guten Schwipps gehabt und bevor es zu wild geworden war, sie in ihr Hotelzimmer gebracht. Dass er die Einladung auf einen Kaffee und mehr angenommen hatte, war für alle Beteiligten eh klar gewesen. Trotz des Alkoholpegels hatten beide noch eine bemerkenswerte Ausdauer bewiesen.
Es tat gut, wieder einen Mann zu haben, dachte sich Midori. Das Leben bei der Navy war zu gefahrvoll, um sich ewig in Trauer zu hüllen und sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie mit ihrem Mann darüber gesprochen hatte, was passieren würde, wenn einer der Partner frühzeitig sterben würde. Beide waren insgeheim eher davon ausgegangen, dass Midori die gefährdete Person war, aber das Schicksal hatte diese Überlegungen über den Haufen geworfen. Nein, ein schlechtes Gewissen mußte sie nicht haben. Sie war überzeugt, dass Triple E ihrem Gatten gut gefallen hätte, beide hatten dasselbe Lächeln und dieselbe Art von Humor.
Dann fiel ihr Blick auf das Gerät, das sie geweckt hatte. Ihr Pieper leuchtete auf. Die kurze Mitteilung war von ihrem Stab auf der Redemption. Verärgert stand sie auf und ging zum Comterminal, wo sie
zunächst auf Audioonlymodus schaltete. Dann rief sie ihr Büro auf der Redemption an.
Lieutenant Shriver meldete sich.
„Lieutenant, ich will hoffen, dass es dringend ist....“
„Jawohl, das ist es. Erinnern Sie sich an Lieutenant Brentstone?“
„Den Piloten, der unseren eigenen Frachter abgeschossen hat? Wo uns die Typen vom NIC die Beweise geklaut haben?“
„Der Mann hat sich gestern erschossen und, halten Sie sich fest, einen Abschiedsbrief hinterlassen, den wir sichergestellt haben. Wir können auch sicher belegen, dass er von Brentstone stammt.“
„Ok, sichern Sie alle Zeugenaussagen, ich bin in 90 Minuten da!....und Lieutenant...“
„Ja Madam?“
„Gute Arbeit, es war richtig, dass Sie mich angepiept haben.“
„Danke Madam.“
„Gut, bis nachher.“ Midori legte auf und überlegte gerade, ob sie erst Kaffe aufsetzen sollte, bevor sie unter die Dusche sprang. Da spürte sie die Hand von Gonzalez auf ihrer Schulter.
„Schatz, ich mach schon Kaffee, dusch mal lieber.“ Dann küßte er ihren Nacken und entließ sie aus seinem sanften Griff. Sie lachte und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sie im Bad verschwand. Gonzalez grinste breit und machte sich an die Arbeit.

Zwei Stunden später war Yamashita in ihrem Büro und überprüfte alle Details der Ermittlung. Ihre Untergebenen hatten im Prinzip die ganze Arbeit bereits gemacht, der Fall war diesmal so klar wie eine Kristallkugel. Schnell tippte sie ihre eigene Stellungnahme und wollte gerade einen Mann der MP rufen, als ihr Bedenken kamen. Was war, wenn Cunningham wieder seine Kontakte spielen lies.
Einmal hatte schon geklappt und ein zweites Mal wollte sie sich den Fall nicht durch die Lappen gehen lassen. Kurzentschlossen wählte sie an ihrem Comterminal die Nummer des ranghöchsten JAG Offiziers der Station.

Commander Rune Brandstedt war gerade nicht da, wie ihr sein Sekretär mitteilte, aber er würde Zeit für ein Gespräch in drei Stunden haben. Yamashita nickte zufrieden und lies sich diesen Termin geben. Dann sammelte sie ihre Unterlagen und rief Gonzalez an, um sich für ein kurzes Mittagessen zu verabreden.

Am Nachmittag wurde sie dann bei Brandstedt vorstellig. Der Commander, ein Mann mit Ambitionen und politischem Einfluss, hörte sich den Bericht an. Als die Sprache auf die Vertuschungsaktion kam, nickte er verständnisvoll, auch ihm war klar, dass Yamashita da keine Chance gehabt hatte. Umso mehr entstand auch bei ihm der Drang, zu zeigen, dass seine Behörde nicht der Papiertiger war, für den ihn viele Navyoffiziere gerne hielten. Einen CAG für eine solche Aktion zu belangen, konnte hier ein guter Anfang sein. Ein kurzer Anruf bei seinem Adjutanten ergab überdies, dass Captain Halstead an Bord der Station war. Halstead war einer der angesehensten Marinerichter, und aufgrund seines Ranges auch in der Lage, ein Verfahren gegen Cunningham zu leiten. Es wäre höchst nachteilhaft gewesen, denn Brandstedt wollte gerne selber die Anklage übernehmen und ohne den Captain wäre er der einzige gewesen, der den Commander hätte verurteilen können. Er lies sich seinerseits einen Termin bei Halstead geben und dankte dann Yamashita für ihren Einsatz. Als sie das Büro verlassen hatte, schwelgte Rune Brandstedt schon in Gedanken an die Möglichkeit eines vierten Streifens und einer Versetzung ins Hauptquartier von JAG, da wo die wirklichen wichtigen Spiele abliefen. Diesem elendigen Vertuscher Cunningham und denen, die ihn unterstützt hatten, würde es nun an den Kragen gehen. Entschlossen hieb er auf die Tischplatte seines Schreibtisches und begann im Kopfe bereits eine Strategie zurechtzulegen. Dann fiel ihm ein, dass er noch einen Verteidiger brauchte. Nach kurzer Überlegung fiel seine Wahl auf Lieutenant Commander Fred Austin, der sich bisher nicht als sonderlich gerissen, sondern eher grundsolide aber unspektakulär herausgestellt hatte. Was sollte man sich auch unnötig Steine in den Weg legen, wenn man doch die Möglichkeit hatte, alles so zu inszenieren, wie man es wollte. Dann rief er einen Kollegen an, der gute Kontakt zum Geheimdienst hatte, vielleicht ließ sich ja noch das Beweismaterial aus dem ersten Versuch, diese Leute anzuklagen, auftreiben. Der NIC dürfte mittlerweile jedenfalls das Interesse an der Problematik verloren haben, da ihre Mission beendet war.

Midori Yamashita hingegen wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Einerseits wußte sie, dass dieser karrieregeile Commander sich auf Cunningham stürzen würde wie ein Barracuda auf ein Kleinkind im Wasser, anderseits gefiel es ihr nicht, dass er im Prinzip nur erntete, wo andere das Feld bestellt hatte. Bei einem Kaffee kam sie dann zu dem Schluss, dass die Gerechtigkeit manchmal ihren Preis hatte. Sie zuckte mit den Schultern und war froh, wieder außer Dienst zu sein. Mal schauen, was Enrique heute abend so einfiel....

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:14
"Schon wieder Neue Piloten. Langsam wird das zur Gewohnheit." Darkness brummte leise vor sich hin. Natürlich bekam die Red neue Leute, bei ihren Verlusten während der letzten Operation nicht verwunderlich, aber er machte sich mit seinen Trainingstagen langsam Feinde.
Bisher war es immer eine gute Idee gewesen die neuen Piloten mit den "alten Hasen" trainieren zu lassen. Nun er würde sich mit Cunningham deswegen unterhalten müssen.
Die Namensliste der Neuen war schon auf seinem Schreibtisch. Einige würden bei Staffel Rot aufschlagen, auch der Ersatzmann für Ace. Darkness war es nicht gerade Recht einen neuen Flügelmann einzuarbeiten aber wenigstens schien Jaws kein Neuling zu sein...

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:15
Der Geschwaderchef der Maryland war nicht in bester Laune. Nicht nur, daß sein Schiff nur knapp der
Vernichtung entgangen war und jetzt wie ein harpunierter Wal zum Abspecken im Dock lag - die
Eierköpfe im Oberkommando hatten sich offenbar auch noch in den Kopf gesetzt, die waidwunde
Maryland zu kastrieren.
Eine große Anzahl seiner Piloten sollte auf die Redemption überwechseln, die Verluste der letzten
Schlachten ausgleichen - und ER wußte, was sein Schiff als Ersatz bekommen würde: Jungspunde,
frisch von der Akademie - "Eintagsfliegen" oder "Sternschnuppen", so von manchen Veteranen ob der
oft kurzen Überlebensdauer genannt. Oder natürlich, man würde die Heimatreserve, die
Ausbildungskader - und die Militärgefängnisse noch mal durchkämmen... Dieses Vorgehen hatten
geschichtsbewußte Soldaten bereits "Aktion Heldenklau" getauft.
Und das Schlimmste war, daß man ihm nur minimalen Spielraum gegeben hatte bei der Frage, WEN
er denn nun abgeben sollte. Nun, die Taktik mißliebige oder zweitklassige Piloten abzuschieben hatte
sich inzwischen auch "Oben" herumgesprochen. Er verlor eine ganze Anzahl verflucht guter Leute...
"Sir! Melde mich von Bord!" Der Captain blickte auf und sah den Mann vor sich an. Für einen Piloten
recht großgewachsen und kräftig, war 1st Lt. George "Blackhawk" Lincoln ein ziemlicher Blickfang,
vor allem auch durch seine fast nachtschwarze Haut. Seine Haltung war vorschriftsmäßig, aber nicht
zackig zu nennen - 15 Jahre Dienst für die Navy hatten übertriebenen Schneid abgeschliffen. Wenn
ihn der bevorstehende Wechsel beunruhigte, dann merkte man es ihm jedenfalls nicht an.
"Sie wissen, das ich Sie nicht freiwillig gehen lasse. Sie sind ein wertvolles Mitglied des Geschwaders.
Immerhin haben Sie mir geholfen, die Macken auszubügeln, die unsere Kücken noch von der
Akademie mitbrachten."
"Danke Sir. Aber die Navy hat offensichtlich vor, die Redemption bald wieder in die Feuerlinie zu
schicken." Das kam ruhig, nicht begeistert, aber auch in keiner Weise ängstlich oder nervös - aber
"Blackhawk" ließ sich nur selten aus der Ruhe bringen. Selbst im Gefecht klangen seine Funksprüche
fast immer wie auf einem Routineflug.
"Nun ja, Sie sind nicht der einzige, den wir abgeben müssen. In dem Zusammenhang - passen Sie mir
etwas auf diesen Perkele auf! Daß der uns mit seinen ständigen Insubordinationen keine Schande
macht! Immerhin gehört er zu unserer Truppe!"
Blackhawk hätte beinahe gegrinst. Seine Zeit auf der Navy-Akademie als Fluglehrer, sein
verhältnismäßig hohes Alter und lange Dienstzeit hatten ihm, zusammen mit seiner ruhigen, aber
bestimmten Art, zu einer Sonderstellung im Geschwader verholfen, ein Ausgleich fast, zwischen
Offizieren und Piloten - und ein "Kühlkörper" bei den diversen Rangeleien, die in jedem Geschwader
gang und gebe waren. Die Tatsache, daß ihn die meist jungen Piloten am Boden "Papa Lincoln" oder
"Onkel Tom" nannten, hatte dies reflektiert.
"Ich werde sehen was ich tun kann."
"Nun - viel Glück und Erfolg. Und ich hoffe, daß Sie die anderen beim Poker genauso rupfen wie uns -
DAS werde ich bestimmt nicht an Ihnen vermissen!"
Jetzt lächelte der Schwarze offen: "Ich werde mich bemühen, Ihr Vertrauen nicht zu enttäuschen. Viel
Glück - und fette Beute!"
Ein fester Händedruck war der Abschluß. Blackhawk salutierte noch einmal, wendete und ging.

Ein paar Stunden später
Parker studierte den Bildschirm und warf ab und zu einen gewollt düster-prüfenden Blick auf den
Mann, der vor ihr Aufstellung genommen hatte. Normalerweise hielt sie von solchen Spielchen nichts,
aber bei Neuen war es manchmal nötig, ihnen auf den Zahn zu fühlen. Vor allem, wenn der "Neue"
gar nicht so neu, sondern bereits erfahren war. Und dazu noch ein Aß, ausgezeichnet und mehrfach
lobend erwähnt. Manche Leute bildeten sich aufgrund solcher Verdienste eine Vorzugsbehandlung
ein.
Falls der 1st Lieutenant nervös war, dann zeigte er es nicht. Parker erinnerte sich selbst daran, daß der
Mann langjährige Diensterfahrung - und davon drei Jahre als Ausbilder auf der Akademie - hinter sich
hatte. Vermutlich kannte er alle Tricks, hatte sie selber oft genug angewendet.
"Also Lt. Lincoln. Sie haben eine beachtliche Erfahrung. 8 Abschüsse, Belobigungen, Ihr Dienst an
der Akademie... ."
"Danke. Aber ich habe nur versucht, meine Pflicht zu tun."
'So kann man ihn nicht auf's Glatteis führen. Ach zum Teufel, ich glaube einfach mal der Akte, auch
wenn die fast zu perfekt ist.'
"Sie waren Fluglehrer?"
"Jawohl, drei Jahre."
"Und Sie haben - steht hier - 'besondere Erfahrung und Kenntnisse in der taktisch-technischen
Einordnung der Akarii-Raumeinheiten'. Was genau bedeutet das?"
"Ich war an etlichen Lehrgängen und Komissionen beteiligt, die sich mit diesem Thema beschäftigten.
Im Auftrag des Navy-Stabes bin ich an der Erarbeitung einer allgemeinen Analyse und Neubewertung
der Kleinschiffeinheiten der Akarii beteiligt gewesen." All dies kam ruhig und ohne übermäßigen
Stolz - der Mann schilderte einfach seine Arbeit.
"Ich kann mich nicht erinnern, eine solche 'Neubewertung' zu Gesicht bekommen zu haben."
"Ihre Freigabe war noch nicht durch, als der Krieg begann."
"Nun gut. Sie werden eine meiner Pilotinnen als Flügelfrau übernehmen: Ina ‚Imp‘ Richter. Sie hat
schon zwei Feindfahrten hinter sich, allerdings hat sie dabei auch zwei Rottenführer verloren." Aber
auch das schien nicht die Ruhe des Lt. zu stören. 'Abergläubisch ist er also nicht.'
"Hier steht, das Sie vor allem auch für die Ausbildung und das Training empfohlen werden - aufgrund
'langjähriger Erfahrung und herrvorragender Arbeit an der Akademie und an Bord' - ich werde darauf
zurückkommen."
"Danke, Lt. Commander. Ich werde mein Bestes geben."
"Nichts anderes erwarte ich von Ihnen. Und passen Sie etwas auf Imp auf." Dann erhob sich Parker
und streckte die Hand aus: "Willkommen an Bord!" Der Händedruck Blackhawks war fest und sicher.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:16
Als es klopfte, unterdrückte Lieutenant-Commander Parker gerade tapfer ein Gähnen. Die Arbeit für
sie hatte seit der Ankunft auf Perseus nicht nachgelassen – im Gegenteil. Bei dem üblichen
Kompetenz- und Prioritätswirrwarr einer Militärmaschinerie im Kriege mußte man immer hinterher
sein, um auch ja schön weit oben auf der Prioritätsliste zu stehen. Kümmerte man sich nicht, dann
konnte man ewig und drei Tage auf neue Maschinen und ähnliches warten. Und weil in einer Armee
keine Schraube weitergegeben werden kann, ohne daß deswegen ein Hektar Wald gefällt oder
Unmengen an Daten durch elektronische Kommunikationsnetze gejagt wurden, fiel für die Führerin
einer Einheit – so sie denn ihren Job ernst nahm, nichts an die niederen Bürokräfte abwälzte oder
keine guten Beziehungen zum Beschaffungsamt hatte – immer eine Menge „Schreibkram“ an. Und da
dies alles für Diane Parker zutraf – Ohka stand als williges Opfer nicht mehr zur Verfügung, sie wollte
ihren Untergebenen nicht den Freigang vermiesen – hatte sie ihren bisherigen Urlaub größtenteils in
den Schützengräben des notwendigen Papierkriegs zugebracht. Aber immerhin lief alles gut, und
vielleicht konnte sie doch noch etwas Urlaub herausschlagen. Andererseits...
Sie hatte von dem ersten Neuling in der Staffel, Blackhawk, einen guten Eindruck gehabt. Er würde
sicher gut auf sich und auf Imp aufpassen. Und ausnahmsweise schickte man ihr nicht nur
disziplinarische Katastrophen. Allerdings sah das zumindest bei einem der anderen Ersatzleute, die
man ihr angekündigt hatte, weniger gut aus. Sie hatte die Personalakten studiert und war deshalb
leidlich vorgewarnt. Nun, der oder die Personen vor der Tür konnten ja nur der Rest ihrer Schäfchen
sein. Sie drehte den Computerbildschirm zur Seite – irgendwann würden ihre Augen noch
austrocknen, wenn sie so weitermachte – und wandte sich der neuen Aufgabe zu: „Herein!“
Das Aussehen und Auftreten der beiden Piloten überraschte sie auf Grund ihrer Vorbereitung wenig.
Die junge Frau – ziemlich kleingewachsen, schlank und gelenkig, legte eine vorbildliche
Ehrenbezeigung hin. Ihr Kamerad hingegen... Nun, bei den Marines hätte man ihn für so einen Gruß
vermutlich drei Tage lang über die Sturmbahn gehetzt. Lightning entschloß sich, es zu ignorieren.
Wenn sie an die Marotten einiger anderer ihrer Untergebenen dachte, dann war mangelnder
militärischer „Schneid“ nun wirklich nicht so schlimm. Sie gab also den erwarteten Befehl: „Stehen
Sie bequem.“, obwohl man bei dem Mann kaum von Strammstehen sprechen konnte. Nun, es würde
sich zeigen, wie er sich sonst bewährte.
„Also, Second Lieutenant Moratti und Second Lieutenant Lipponen, willkommen in der 3.
Geleitschutzstaffel, oder Schwadron Grün! Ich will gleich zur Sache kommen. Es freut mich, daß man
mir erfahrene Piloten wie Sie zugeteilt hat. Gleichzeitig ist mir natürlich klar, daß es für Sie nicht
leicht ist, einfach so auf ein anderes Schiff – dazu so einen morschen Kahn wie den unseren – versetzt
zu werden. Aber ich kann Ihnen versichern, bisher hat unsere Staffel gute Arbeit geleistet, und ich
hoffe, Sie werden sich schnell einleben. Ich erwarte von Ihnen weiterhin so gute Arbeit, wie Sie bisher
geleistet haben, dann sind Sie eine Bereicherung meiner Truppe. Ihre Quartiere haben Sie ja zugeteilt
bekommen – irgendwelche Beschwerden? Nein? Um so besser!“
Perkele hatte sich bei dem eher laxen Ton Parkers etwas entspannt, Virago schien da vorsichtiger zu
sein. Die Offizierin musterte die beiden, fuhr dann fort: „Wir reden uns an Bord mit unsere Callsigns
an, wenn nicht anderes erforderlich ist. Wenn Sie mich also in der Kantine treffen und ‚Lightning‘
nennen, ist das in Ordnung. Wenn Sie das tun, während ich Ihnen gerade eine Standpauke halte,
schmeiße ich Sie höchstpersönlich aus der Luftschleuse. Die Namen ihrer Kameraden werden Sie
schnell genug erfahren. Ach ja – dies besonders für Sie, Perkele: Es gibt an Bord Leute, die das
militärische Protokoll wichtiger nehmen als ich. Ich will nicht einen meiner Piloten im Arrest haben,
bloß weil sich ein Offizier in seiner Männlichkeit verletzt sieht, weil Sie ihn nicht gegrüßt haben. Also
sollten Sie sich überlegen, ob Sie Ihr Verhalten nicht überdenken. Für mich sind Ihre Leistungen – die
aber auch so bleiben sollten – eine Entschuldigung. Für andere nicht. Ist das klar?“ Der angesprochene
Pilot schien etwas sagen zu wollen, aber in diesem Augenblick machte Virago einen leichten
Seitenschritt, und ihr Stiefel landete auf seinem Fuß – nicht eben sanft. Der fast einen guten Kopf
größere Pilot zuckte zusammen – und schwieg.
Parker mußte sich ein Grinsen verkneifen. Tjaja, mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Virago
wollte wohl nicht, daß sie als Begleiterin einen Rüpels ihren Einstand in der neuen Staffel gab. Das
mochte nützlich sein. Vermutlich fürchtete sie, Parker könnte eine Antipathie gegen den Finnen
fassen, und diese dann auf seine Begleiterin ausdehnen. Immerhin hatten sie beide zu einer Staffel
gehört.
„Ich unterstelle Sie First Lieutenant Tatjana Michailowa Pawlitschenko – Lilja. Sie ist eine Veteranin
und hat fast den ganzen Krieg mitgemacht. Acht Abschüsse, einmal verwundet, Bronzestern. Ihre
Beförderung ist frisch und sie hat wenig Geduld, also treiben Sie es nicht zu weit, das als guter
Ratschlag. Sie werden mit ihr zusammenarbeiten und ihre Befehle befolgen, ansonsten soll Sie der
Teufel holen! Alles klar?“ Der Finne sah wenig begeistert aus – verständlicherweise – nickte aber
schweigend. „Gut. Virago – Sie werden Kano Nakakura, Callsign Ohka, zugeteilt. Er ist wie Sie
Second Lieutenant. Nehmen Sie das nicht als Ausdruck meiner Geringschätzung Ihren Leistungen
gegenüber. Ich weiß, daß Sie Hervorragendes geleistet haben. Aber Sie scheinen eine erstklassige
Flügelkameradin zu sein, jemand, der seinen Flightleader wieder nach Hause bringt. Ohka hat gute
Anlagen, aber er fliegt etwas aggressiv und unüberlegt. Er wird jemanden wie Sie vielleicht brauchen.
Auf der anderen Seite ist er ein ausgezeichneter Pilot mit immerhin vier Abschüssen bei einer einzigen
Feindfahrt. Passen Sie gut auf ihn auf – und auf sich selbst natürlich auch!“ Die Italienerin nickte
eifrig. Wenn ihr der Job als Kindermädchen nicht behagte, dann ließ sie es sich nicht anmerken. Zumal
Parker sich ja alle Mühe gab, die bittere Pille mit Lob zu zuckern. Außerdem hatte sie vermutlich
damit gerechnet. Sie hatte gute, aber keine genialen Anlagen gezeigt, und es war nicht zu erwarten,
daß ein neuer Einheitschef ihr den Vorrang vor den eigenen Leuten gab, die er immerhin kannte,
während er von ihr nur die Personalakte hatte.
„Ich erwarte, daß Sie beide mit Ihren neuen Partnern gut zurechtkommen! Klagen will ich nicht hören.
Das heißt, wenn Sie welche haben, äußern Sie sie, aber nur, wenn sich das nicht anders abstellen läßt!
Sie werden da draußen aufeinander angewiesen sein. Es mag hart klingen, aber ich erwarte, daß Sie
beide in den nächsten Wochen die Zusammenarbeit mir Ihren neuen Vorgesetzten trainieren. Wenn es
wieder hinaus geht, müssen die Flights funktionieren wie eine Einheit! Wir werden deshalb zusätzlich
zu Ihrem individuellen Training ein paar Staffelübungen abhalten, in zwei Wochen geht es los. Bis
dahin haben Sie Zeit, mit Ihren neuen Partnern zu üben. Das war es fürs Erste. Ich hoffe, die Staffel
wird für Sie ein Zuhause, wie es Ihre alte Einheit war. Weggetreten!“
Sie schaute den beiden kurz nach. Es würde schon gutgehen. Sie hoffte nur, daß sie für die beiden
nicht auch bald Briefe würde schreiben müssen wie für Spad. Der Tod des jungen Franzosen, der
frisch von der Akademie in ihre Einheit gekommen war und auf seiner ersten Feindfahrt den Tod
gefunden hatte, lastete immer noch auf ihr. Immerhin, diese Piloten waren erfahren. Aber das waren
Iceman und Hawkeye auch gewesen, und dennoch waren auch sie gefallen. Sie schüttelte den
unbequemen Gedanken ab. Im Krieg starben nun einmal Menschen! Aber daran gewöhnen konnte sie
sich einfach nicht.

„Vielen Dank!“ knurrte Perkele ironisch, als er neben Virago durch das Schiff stapfte. Die zuckte nur
mit der Schulter: „Du mußt es dir ja auch nicht mit JEDEM verderben, du finnischer Elchbulle!
Scheint doch nicht so übel zu sein, unser neuer Chef! Ich habe es dir hundertmal gesagt – manche
Offiziere gebärden sich eben wie ein Affe, dem man die Banane weggenommen hat, wenn man in
ihrer Gegenwart nicht auf dem Bauch kriecht. Mußt du die besseren auch noch verprellen?“
„Naja – vielleicht. Sie ist möglicherweise nicht so übel. Wenn ich da an unseren Alten denke...“ Virago
feixte. Der Alte hatte schon beinahe Wutanfälle bekommen, wenn er Perkeles laxe Art zu grüßen gesehen
hatte. Und daß der ihn duzte – nun, das war noch schlimmer gewesen. Deshalb war der Pilot
Dauergast im Arrest gewesen, beurlaubt vorzugsweise für Übungen und Kämpfe. Aber er hatte auch
nicht klein beigegeben, sondern alle Strafen achselzuckend ertragen. Was es für die Offiziere noch
schlimmer machte.
„Mal sehen, wie die so sind, unsere neuen Kameraden.“ meinte die Italienerin. Ihr Kamerad winkte
ab: „Werden sie schon hinbiegen.“ „Na dann verbieg dich mal selber nicht!“ spöttelte Virago.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:16
Lilja hielt auf beim Schießstand der Redemption auf. Im Gegensatz zum üblichen Verhalten –
momentan war freilich so gut wie niemand anwesend, die Besatzungsmitglieder hatten etwas besseres
zu tun – hielt sie ihre Waffe nicht beidhändig im Anschlag, auf die Scheibe gerichtet. Vielmehr befand
sich die Dienstpistole – eine leistungsfähige Laserwaffe – im Holster. Ihre Arme hingen herab, sie
hatte sich leicht zur Seite gedreht, so daß das Ziel überhaupt nicht im Blickfeld war. Wie auf ein
unhörbares Zeichen wirbelte sie herum, riß die Waffe heraus und feuerte, keinen Einzelschuß sondern
eine ganze Reihe von Blitzen, so schnell die Pistole es erlaubte. Gleichzeitig ging sie in die Knie und
rollte sich dann zur Seite ab, unablässig feuernd. Dann – als wäre nichts gewesen – stand sie wieder
auf und fixierte die Scheibe. Von sechs Schuß hatten zwei direkt getroffen und zwei das Ziel
immerhin gestreift. Nicht schlecht, wirklich nicht schlecht. Sie fing den fragenden Blick des einzigen
anderen Schützen – eines Marines – auf und zuckte mit den Schultern: „Wenn ich den Schießprügel
mal werde benutzen müssen, dann bestimmt nicht beim Sportschießen! Wozu soll ich was üben, was
ich nicht brauche?“ Der Mann verzog seine Lippen zu einem breiten Grinsen, dann wandte er sich
wieder dem Punktziel zu, daß er mit einem Lasergewehr beschoß.
Die Russin nahm die Waffe in die Hand und drehte sich mit dem Rücken zu den Zielen. In einer so gut
ausgerüsteten Einrichtung wie einem Schießstand der Marineinfanterie gab es weitaus bessere
Übungsmöglichkeiten als simples Scheibenschießen, womit man den Leuten früher das Töten
beigebracht hatte. Simulatorlehrgänge mit VR-Brillen waren nur eine Möglichkeit, den angehenden
„sniper“ zu testen. Das geringste waren noch farbcodierte Zielscheiben, die unterschiedlich viele
„Punkte“ wert waren – der Schütze mußte in Sekundenbruchteilen sein Ziel auswählen und treffen.
Die Pilotin zählte stumm bis drei, dann wirbelte sie herum und begann zu schießen. Dann kam
Scharfschießen dran, dann ein paar Bewegungsübungen – sie nahm ihr Training ernst. Als sie
schließlich nach einer Stunde Trainings frisch geduscht die Umkleidekabine verließ, wartete draußen
ihre Zimmergenossin auf sie.
„Na, Mustersoldatin? Wenn du so weitermachst, fällst du noch die Rangtreppe hinauf!“ grinste sie.
Lilja lachte spöttisch: „Und wenn DU so weiter machst, ernenne ich dich wegen deinem
Alkoholverbrauch nicht nur zur Russin ehrenhalber, sondern schlage auch vor, du schreibst einen
Kneipenführer über die Perseusstation, denn da dürftest du dich ja genug auskennen!“ Ina lächelte
maliziös zurück: „Nicht nur in den Kneipen Wenn du wüßtest...“ Ihre ältere Kameradin winkte ab:
„Schon klar, aber behalt deine Bettgeschichten für dich!“ Die andere grinste: „Wo du doch die besten
Männer in Beschlag nimmst, erst Ace und dann Pinpoint...“ Die Russin warf ihr einen grimmig
fragenden Blick zu: „Pinpoint? Wer ist das denn?“ Ina kicherte vor sich hin – kein gutes Zeichen für
Pinpoint: „Ace‘s Zimmernachbar. Jedenfalls hat er mir gegenüber angedeutet, er würde vielleicht
gerne mal mit dir ausgehen und ich sollte mal bei dir vorfühlen.“ Lilja Gelächter klang wie das Bellen
eines BISSIGEN Hundes: „Und wieso, ruchloses Weib, fällst du ihm dann in den Rücken?“
„Och, ich habe ihm ja nichts versprochen. Außerdem – wenn ich dich zu was überreden versuche, machst
du es doch sowieso nicht!“ Die Russin schlug ihr kameradschaftlich auf die Schulter:
„Volltreffer, Herzblatt!“
„Und, was ist mit Pinpoint? Wenn ich mich an sein Dackelgesicht erinnere – auf jeden Fall
ist er nicht halb so arrogant wie Ace.“
„Naja, muß aber auch eine zweite Auflage des Heilands sein. Oder kannst du dir jemanden vorstellen, der mit ACE in einem Zimmer wohnt, und ihm nicht an die Kehle geht?“
Inas Lächeln war so schmierig wie ein Faß Teer: „Ich habe munkeln hören, daß Kali, als sie mit ihm
zusammenlebte, möglicherweise ihre Hände ganz woanders hatte, bloß nicht an seiner Kehle.
Andererseits – wer weiß, was unserem Superpiloten so Spaß macht.“ Lilja Gesicht verdunkelte sich,
aus irgendeinem Grund strapazierte eine Erwähnung der Inderin in letzter Zeit ihre sowieso selten
blendende Laune noch mehr als sonst, dann warf einen gequälten Blick zur Decke: „Und da hast du
Frechheit zu behaupten, ICH wäre vulgär? Aber naja – was Pinpoint angeht, eher nicht. Ich habe zu
tun. Und wenn er mit mir sprechen will, soll er verdammt noch mal fragen – mehr als ihm ins Gesicht
lachen kann ich ja auch nicht. Diesseits einer Disziplinarstrafe, meine ich.“
„Zu tun? Du meinst den vorsätzlichen Mord an unschuldigen Zielscheiben, oder? Warum eigentlich?
Übst du für das entscheidende Treffen mit Ace am OK-Coral?“
„DAS wäre mal eine Idee!“ knurrte Lilja.
Ina schien noch eins draufsetzen zu wollen: „Da wir schon beim Thema sind - hast du übrigens
das schon gehört? Ich hab es von Stormrider, der hat es von Radio, und der will es von einem aus der
Technikercrew erfahren haben – unser blaues Wunder hat kaum den Fuß auf die Station gesetzt, als er
schon mit einer knackigen Pilotin von der Maryland aneinandergeriet. Es heißt, es sei zu äußerst
hartnäckigen Kurvenkämpfen gekommen, bevor er sie abschoß. Oder sie ihn.“ Lilja verzog angeekelt
das Gesicht. Sie war nicht besonders prüde, aber vom „Draufmachen“ hielt sie auch nicht viel. Dann
lächelte sie boshaft: „Vielleicht ist sein verflossener Sonnenschein nicht die einzige Person, die einen
Harem haben will. Na, abwarten, bis Kali das erfährt. DAS wird aber lustig.“
Ina nickte mit Feuereifer: „Ja, wird es, deshalb habe ich ihr auch ein paar der besten Fotos geschickt, die Radio im Angebot hatte.“
Liljas Kinnlade sackte herab, und sie starrte ihre Kameradin an: „Du hast WAS?“
Dann bemerkte sie das Zucken um die Mundwinkel im Gesicht ihrer Freundin. Sie schüttelte den
Kopf: „Einen Augenblick dachte ich wirklich... Du bist und bleibst ein Scherzkeks, Ina.“ Die Miene
der anderen wurde ernst. Sie legte ihre Hand auf Liljas Schulter: „Dafür habe ich dir zu danken.“ Die
verzog – verlegen – das Gesicht: „Ach was. Hättest du auch gemacht.“
Schweigend gingen die beiden ein Stück ihres Weges. Ina dirigierte ihre Kameradin zielsicher in
Richtung Kantine. Die Russin blickte sie nachdenklich an: „Führst du was im Schilde?“ Ina grinste:
„Aber nie im Leben! Nein, ich wollte dich bloß zu deinem neuen Wingman schicken. Der ist nämlich
gerade eingetroffen und probiert das Menü des Tages aus. Wenn du ihn also kennenlernen willst...“
Lilja setzte einen Blick auf, den man als gönnerhaft bis anerkennend bezeichnen konnte: „Schau einer
an, Madame kann auch an die Pflicht denken, und nicht nur an Alkohol- und sonstige Exzesse! Das
macht Hoffnung!“ Ihre Zimmernachbarin lächelte: „Naja, heute Abend zum Beispiel hatte ich mir gedacht...“

Perkele widmete sich währenddessen der Nahrungsaufnahme. Wie bei jedem echten Soldaten
rangierte die Verpflegung recht weit oben in der Liste der wichtigen Dinge. Immerhin war das oft der
einzige Luxus, den man hatte. Und sich mal in Ruhe den Bauch vollschlagen zu können, ohne daß
einem ein Probealarm dazwischen kam oder man sich hetzen mußte, war schon eine Wohltat. Deshalb
dauerte es ein paar Sekunden, ehe er wahrnahm, daß jemand zu ihm getreten war. Er blickte auf.
Die Frau trug die Abzeichen eines First Lieutenants, und ihre Uniform verriet, daß sie Pilotin war. Sie
war recht groß, durchtrainiert und wenn man ihr Gesicht betrachtete, vielleicht 30 Jahre alt. Überhaupt
war das Gesicht etwas besonderes. Sie wäre wohl recht hübsch gewesen, doch die Hälfte des Gesichts
war von feinen, aber gut erkennbaren Narben überzogen. Sie starrte ihn direkt an: „Second Lieutenant
Lipponen?“ Er nickte wortlos und deutete auf einen Stuhl: „Setz dich doch.“ Die Frau kniff die Lippen
zusammen und bedachte ihn mit einem finsteren Blick. Offenbar hatte sie etwas anderes erwartet.
Aber Perkele baute auch vor weit höheren Offizieren keine Männchen. Schließlich schien sie innerlich
mit den Schultern zu zucken – blieb aber stehen: „Ich bin First Lieutenant Pawlitschenko.“ Er grinste
sie an: „Lilja, ach so. Hab mich schon gefragt, wann wir uns über den Weg laufen.“ Er stand auf und
hielt ihr die Hand hin: „Perkele, für dich.“ Einen Moment lang schien sie zwischen einem
Donnerwetter und einer Annahme der angebotenen Hand zu schwanken, dann griff sie zu:
„Bescheidener Name.“ bemerkte sie spitz, während sie sich endlich setzte. Er zuckte nur mit den
Schultern: „Meine Idee war es nicht. Außerdem – du hast dir auch Mühe gegeben, oh Blume des Alls.“
Sein Lächeln wirkte freundlich. Er schob den Teller beiseite: „Na gut, man hat uns also verheiratet.
Bis daß der Tod uns scheidet, in guten wie in schlechten Zeiten, und so weiter und so fort. Bleibt die
Frage, was machen wir daraus“. Er blickte sie fragend an.
Lilja wußte nicht recht, wie sie sich verhalten sollte. Die burschikose Art schien zum Wesen des
Piloten zu gehören – so wie ihre Knappheit (und meistens schlecht Laune) zu ihr. Auf der anderen
Seite kränkte es sie ein bißchen, daß er ihr nicht den geringsten Respekt wegen ihres höheren Ranges
bezeigte. Allerdings – Lightning hatte ihr vage angekündigt, ihr ‚Neuer‘ sei zwar ein Aß, aber
disziplinarisch etwas schwierig.
Wie sollte sie sich nun verhalten? Sie war nicht gewohnt, respektlos behandelt zu werden, war
allerdings auch nicht oft selber als Respektperson angesehen worden. Bisher war sie immer
Untergebene gewesen. Ihn anschnauzen? Zurechtstutzen? Achtung verlangen? Eigentlich hatte sie das
Recht dazu. Sie HATTE sich bereits bewiesen, hatte Abschüsse erzielt und war dekoriert und
befördert worden. Alles war so ungewohnt, und in den Büchern stand darauf keine Antwort. Naja, es
war wohl nicht das optimale, sich wie ein Gockel auf dem Misthaufen zu gebärden, bloß weil man
einen Balken mehr an den Achselklappen hatte. Aber dennoch...
Sie entschied sich, es fürs erste so zu versuchen. Sie mußte mit ihm klarkommen, daran führte kein
Weg vorbei. Also nickte sie zögernd: „Kann man so sagen.“ Sie mustere ihn prüfend: „Du bist
Veteran. Also denke ich, wir werden miteinander auskommen. Aber...“ das konnte sie sich doch nicht
versagen: „...es gibt Leute, die sind etwas humorloser. Die könnten gewisse Dinge übelnehmen.“
Perkele wiegelte ab: „Wir sind im Krieg. Soll ich da kriechen vor einem, der mehr Lametta hat?
Morgen sind wir vielleicht eh schon tot, also wozu das Ganze? Befehle sind ja schön und gut, aber
dieser ganze Affenzirkus drum herum ist nun wirklich nicht nötig!“ Seine neue Vorgesetzte überlegte:
„Deine Entscheidung. Solange du im Gefecht an meinem Flügel klebst.“
Er grinste: „Solange du mir keine stählernen Fesseln anlegst... Aber du sollst ja das Aß hier sein.“ Ihr
Gesicht verfinsterte sich: „Nun, ich bin nicht schlecht. Wenn du aber unser Aß sehen willst, halt
Ausschau nach einem egomanischen Affen mit blauen Haaren, dann hast du es gefunden.“ Abrupt
stand sie auf: „Wir haben die nächsten Wochen, uns aneinander zu gewöhnen. Ich erwarte dich in
einer halben Stunde bei den Simulatoren. Sei pünktlich. Oder...“ sie lächelte knapp: „...um bei deinem
Bild zu bleiben – wo wir schon mal verheiratet sind, sollten wir die Hochzeitsnacht nicht zu lange
aufschieben!“ Dann ging sie – und registrierte natürlich, daß er NICHT salutierte, sondern sich wieder
seinem Essen zuwandte.

Perkele war sich nicht sicher, was er von seiner Vorgesetzten halten sollte. Sein Verhalten schien sie
etwas zu stören, aber sie war souverän genug, es zu schlucken, jedenfalls im Augenblick. Andererseits
sah sie wie jemand aus, der die Pflicht ziemlich genau nahm. Nun, mal schauen. Er hätte es schlimmer
treffen können. Wie er mit ihr klarkam, blieb abzuwarten. Aber sie würde ihn auch nicht dazu bringen,
Männchen zu machen, das war sicher.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:17
Der Sprungpunkt gab den schweren Kreuzer der Ticonderoga-Class frei. Augenblicklich drehten sich
sämtliche Geschütztürme nach Steuerbord und eröffneten das Feuer. Grüne und gelbe Lichtstahlen
schossen durch das All, gefolgt von einer Breitseite Raketen. Mit gespenstischer Zielgenauigkeit
schlug der Feuersturm in einen Akarii-Kreuzer, welcher promt auseinanderbrach.
Join the Navy. Join the thin blue line.
Die Navy als wichtigste unserer Teilstreitkräfte ist als einzige in der Lage unsere Kolonien und Schiffahrtsrouten effektiv zu schützen. Ihr obliegt die Aufgabe den Fortbestand unserer Zivilisation zu sichern.
Sind Sie ein junger ambitionierter und leistungsfähiger Mann oder junge Frau? Sind Sie bereit persönliche Verantwortung für Menschen und Ressourcen zu übernehmen?
Join the Navy. Join the thin blue line.

"Einen guten Abend liebe Zuschauer, hier ist wieder Scott McLean live von der Front." Wieder grinste
das jugendliche Gesicht des Kriegsberichterstatters in die Kamera.
Doch diesmal saß er auf der linken Seite, statt wie gewohnt auf der rechten.
Ihm zur Rechten saß eine 1st Lieutenant der Terran Space Navy, so dass man hauptsächlich Ihr linkes
Profil sah.
Ihre natürliche Atraktivität wurde von einer scheinbar antrainierten Strenge stark beeinträchtigt.
Die schwarzen Haare waren zu einem festen Zopf gebunden und sie schien um einen übertrieben
würdevollen Eindruck bemüht.
"Immer noch befinden wir uns auf der Raumstation, deren Name und Position unter die Geheimhaltung
fällt. Und wie in den Sendungen davor haben wir auch heute ein Fliegerass zu Gast, was sich durch
mehr als bloße Abschüsse in diesem Krieg hervorgetan hat. Begrüßen wir First Lieutenant Tatjana
Michailowa Pawlitschenko von den Angry Angles."
Er grinste sie breit an.
"Guten Abend Scott", brachte sie etwas nervös hervor.
"Nun Tatjana, man war so freundlich mir den genauen Befehl zu zeigen, mit denen Ihnen der Bronce
Star verliehen wurde, aber bitte, erzählen Sie doch unserem Publikum genau, womit Sie sich diese
Auszeichnung verdient haben?"
"Nun, ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Auszeichnung wirklich verdient habe, ich habe nur wie alle
anderen Piloten auf der Redemption meine Pflicht erfüllt. Wir alle sind bestrebt, unser Bestes für unser
Vaterland zu vollbringen." Sie pausierte etwas und brauchte soetwas wie ein Lächeln zustande. "Ich
zeichne mich darin nicht mehr aus, als alle meine Kammeraden."
Scott hätte am liebsten eine Grimasse geschnitten: "Nun sein Sie doch bitte nicht so bescheiden
Tatjana, die Navy muss doch überzeugt sein, dass Sie etwas Besonderes geleistet haben."
"Nun", wieder folgte eine kleine Pause und ein Räuspern, "in unserer ersten Schlacht, gelang es mir
bei einem feindlichen Jäger den Piloten ... auszuschalten, ohne den feindlichen Jäger wirklich zu
beschädigen. Ich glaube die Ingeneure vom Geheimdienst haben es einen Schatz genannt."
"Ah, da kommen wir der Sache doch schon näher, aber erzählen Sie uns doch bitte, wie ist sowas
zustande gekommen, einen Jäger so zu kapern?"
Seine Gegenüber versteifte sich etwas und lächelte etwas gezwungen: "Nun, sehen Sie, ... ich hatte
Glück. Der Pilot geriet wohl in Panik und stieg aus, als ich dem Jäger den Gnadenstoß geben wollte.
Meine Salve ging daneben, um genau zu sagen über den Jäger hinweg und der Akarii schleuderte sich
direkt in meinen Energiehagel."
Scott nickte bedächtig: "Ah, wirklich ein Glück", er zwinkerte auffällig, "zumindest für unsere
Ingenieure. Aber Sie haben noch mehr geleistet richtig?"
"Nun, ja, auf Vorposten lief uns ein Akariikonvoi in die Hände. Unsere Jabos verschossen Ihr Pulver
auf das Begleitschiff. Mir gelang es irgendwie das letzte flüchtende Frachtschiff zu erwischen.
Allerdings war dieses schon durch die Angriffe meiner Kammeraden schwer beschädigt, wie Sie sehen
also, dass diese Ehrung mir nicht allein zusteht."
Scott lächelte erst sie an, dann wieder in die Kamera: "Welch eine Bescheidenheit, sehr selten bei
der Spezies der Piloten zu finden, aber Tatjana möchten Sie noch jemanden grüßen?"
"Oh, ja, gerne, ich würde gerne meine Eltern und meinen Brieffreund Alexander Gulajew grüßen, ich
habe Eure Briefe erhalten, vielen Dank. Ich habe gestern meine Post aufgegeben. Wir geben hier
draußen alle unser Bestes."
Die Kamera schwenkte wieder auf Scott: "Das nächste mal melden wir uns Live vom Träger Maryland
und begleiten Captain Rossmann auf einem Rundgang durch sein Schiff. Guten Abend."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:17
Captain Susan Conners stand auf der Brücke der Dauntless und fluchte in einem fort. Die Dauntless
war alles andere als gefechtsbereit, viele Drills, die sie mit der Rumpfcrew gefahren war, mußten
abgebrochen werden, weil Subsysteme abstürzten. Das SM2 System war entgegen des eigentlichen
Testplanes noch überhaupt nicht abgefeuert worden, denn die Software war so fehlerhaft, dass sich
System schlichtwegs weigerte, die Raketen scharf zu machen. Insgeheim ahnte Conners, dass es wohl
besser so war, denn wenn mit den Raketen etwas passierte, würde Die Crew war ebenfalls noch wenig
eingespielt und da gerade mal 150 von 400 Mann der Besatzung an Bord waren, konnte sie keinen
kompletten Systemtest machen. Die Techniker der Werft waren derweil nur damit beschäftigt, die
größten Fehler zu beheben.
„Madam?“
„Ja, Lieutenant?“ Ein anderes Beispiel für die unzureichende Ausstattung, ihr XO war ein Lieutenant,
der eigentlich nur Chef der Funker und Sensorencrew war.
„Neuer Bericht von der Maschinencrew, die Triebwerke sind wieder auf 100 %.“
„Na immerhin etwas. Gibt’s was neues aus dem Feuerleitstand?“
„Nein, die Techniker suchen immer noch nach dem Problem.“
„Verdammt!“ Conners Laune hatte sich die letzten Tage immer weiter verschlechtert, was durch die
gelegentliche Übelkeit, die sie überkam, noch verstärkt wurde. „Machen Sie diesen verdammten
Zivilisten Dampf unter dem Hintern, wenn das so weiter geht, dann sind wir noch nicht gefechtsbereit,
wenn der beschissene Krieg vorbei ist!“
Der Lieutenant zuckte bei jedem neuen Kraftausdruck innerlich zusammen, lies sich aber nichts
anmerken, so dachte er jedenfalls.
Conners merkte indes, dass sie ihrer Laune etwas zu freizügig ihren Lauf gelassen hatte.
„Schon gut, Mr.Quinn, ist ja nicht Ihre Schuld, dass die Werft ihre Arbeit nicht gemacht hat...aber wir
müssen bis wir in Perseus ankommen, wenigstens wissen, welche Systeme klar sind, und welche wir
besser ausgeschaltet lassen, sonst fliegt uns der Kahn im Gefecht um die Ohren.“
Lieutenant Mark Quinn nickte, salutierte und machte sich auf den Weg zur Feuerleitzentrale, dem
Herzstück des neuen Schiffes. Insgeheim hoffte er, dass man die Dauntless auf Perseus noch einmal
generalüberholen würde, bevor es ins Gefecht ging. Denn er stimmte dem Urteil des Captains über die
fehlende Gefechtsbereitschaft des Kreuzers zu.

Drei Tage später lief die Dauntless in Perseus ein, ohne dass alle Probleme gelöst waren. Vielmehr
war ein neues Problem in Form der Gesundheit des Captains dazugekommen. Wegen
Schwindelgefühls war sie kurz vor dem Einlaufen auf der Brücke zusammengebrochen und lag im
Lazarett, wo sie vorerst von einem Sanitäter versorgt wurde, da natürlich auch kein Schiffsarzt
verfügbar war. Lieutenant Quinn schwitzte Blut und Wasser, als er zum ersten Mal in seinem Leben
ein größeres Schiff als ein Shuttel in ein Stationsdock dirigierte. Mehrmals entging er Kollisionen nur
um Haaresbreite. Als das Andockmanöver endlich beendet war, kam als erstes ein Arzt der Station an
Bord.
„Captain? Mein Name ist Dr.Popovich, ich bin Arzt auf der Perseusstation. Erzählen Sie mir bitte, was
Ihnen zu schaffen macht.“
Conners, die am Tropf hing und immer noch etwas blass war, nickte dankbar und schilderte ihre
Symptome, insbesondere die Übelkeit und das Schwindelgefühl. Popovich hörte aufmerksam zu und
nickte, ab und zu machte er sich kurze Notizen.
„Gut, ich werde Ihnen jetzt Blut abnehmen und einige Messungen vornehmen. Dann werden wir
weitersehen.“
„Ok, Doc, was immer Sie sagen.“

Drei Stunden später kam Popovich zurück zum Krankenbett.
„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie, Captain.“
„Schlechte Nachrichten bin ich gewöhnt, also raus damit.“
„Sie sind bis auf weiteres dienstunfähig.“
„Oh nein, und wer kümmert sich jetzt um diesen Blechsarg?“
„Sie jedenfalls nicht.“ Popovich grinste. „Sie kümmern sich jetzt um was anderes....“
„Doc?“
„Die gute Nachricht ist: sie sind schwanger.“
Conners sah den Arzt ungläubig an:“...“
„Jup, absolut sicher.“
„Aber wie?...“
„Meines Wissens gibt es da nach wie vor nur eine Methode, schwanger zu werden.“ Der Arzt grinste
nun noch breiter.
Conners dachte nach...“Der wievielte Monat?“
„Denke so ca der 2....genau kann ich das so nicht sagen, da brauche ich einen Ultraschall für.“
Vor zwei Monaten....da war sie auf Heimaturlaub gewesen, bei ihrem Mann. Sie hatte nicht für
möglich gehalten, noch schwanger zu werden, nachdem ihr alle Ärzte gesagt hatten, dass sie
unfruchtbar sei....und nun das. Ihr sehnlichster Wunsch ging in Erfüllung...nur leider zum falschen
Zeitpunkt.

Einige Stunden später war die Nachricht auf beim Flottenhauptquartier angekommen. Rear Admiral
Hamisch McAllister war gerade beim Billard spielen im exklusiven Flagoffizierscasino, als ein
Adjutant ihm eine Notiz mit der Nachricht brachte. Als er die Nachricht las, während er seine Tasse
Earl Grey trank, rutschte ihm letztere beinahe aus der Hand. Sein Aufstöhnen sorgte dafür, dass einige
neugierige Blicke auf ihn fielen, doch statt hierauf zu reagieren, drückte er dem Adjutanten das Queue
in die Hand und meinte trocken:
„Spielen Sie für mich weiter...und wehe, wenn Sie nicht gewinnen, dann haben Sie die nächste Woche
Doppelschicht.“
Alle außer dem betroffenen Commander grinsten ob der gutmütigen Drohung, der Commander
hingegen war irrtiert, der Humor seines Chefs neigte mitunter doch dazu, etwas unberechenbar zu sein.
Doch der Admiral stürmte ohne weiter hierauf einzugehen aus dem Casino.

In seinem Büro wartete bereits Captain Giorgy Shalikashvili, sein Stabschef. Während sich McAllister
in seinem Sessel bequem machte, goss Shalikashvili beiden einen Kaffee ein, dann setzte er sich auf
einen der Besucherstühle.
„Also, Giorgy, wir haben ein Problem, haben wir auch eine Lösung?“
„Hm, das weiß ich nicht so genau. Ich habe mir alle Kandidaten angeschaut, aber ehrlich gesagt,
entweder haben sie bereits ein Schiff oder sie haben nicht wirklich die Erfahrung, die man bräuchte.“
„Ok, also keine ideale Lösung...wäre ja auch zu schön gewesen, aber Sie haben doch sicherlich eine
Idee.“
Der Captain nickte. „Sagt Ihnen der Name Gonzalez etwas?“
„Triple E Gonzalez? Der Kommandeur der Fisher?“
„Jup, genau der. Die Fisher können wir eh für die nächsten 4-6 Monate abhaken und Gonzalez hat
seinen Job bisher gut gemacht, Commodore Clark hat die Crew sogar für eine Unit Commendation
vorgeschlagen.“
„Hm, aber der ist doch gerade erst Commander geworden...und eine Fregatte ist doch um einiges
kleiner als nen Kreuzer. Normalerweise würde man ihn eher als XO an Bord schicken.“
„Das stimmt, aber wir haben sonst nur noch einen Captain, der die letzten Jahre nur Frachter
kommandiert hat und einen Commander, der zwar älter ist, aber dessen Karriere schon vor zehn Jahren
wegen schlechter Leistungen seiner Kommandos beerdigt wurde.“
„Ich sehe schon, keine Alternativen?“
„Nein.“
„Gut, dann lassen Sie den Commander morgen mittag hier antreten. Bevor ich ihn auf die Dauntless
schicke, will ich mir den Knaben persönlich betrachten.“
„Aye, Sir.“
„Danke, Giorgy, Sie können wegtreten.“
Als der Captain den Raum verlassen hatte, sah sich McAllister die Berichte zur Operation der
Redemption Gruppe noch einmal genauer an, als er dies bisher getan hatte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:18
Langsam dämmerte der Morgan auf Perseus - auch wenn die Lokale rund um die Uhr geöffnet waren -
merkte man irgendwie, dass die Bordzeit den frühen Morgen eingeleutet hatte.
Und noch immer streifte eine kleine Gruppe wacker durch die Amüsiermeile. Es waren ausnahmslos
Piloten. Angeführt wurde die Gruppe von niemand geringeren als 1st Lieutenant Curtiss "Radio"
Long.
"Also ganz ehrlich Leute, ich weiß nicht, was Ihr habt. Ich verspreche Euch das beste Frühstück
diesseits von Terra und Ihr meutert", beschwerte sich Radio.
"Achne, lass ma gut sein, wir sind jetzt seit über 16 Stunden auf den Beinen. Sind durch Discos
gezogen, Kneipen, zwei Nacktbars, davon eine ohne Frauenabteilung und langsam werde ich wieder
nüchtern", antwortete ihm eine junge Bomberpilotin.
Radio ergriff ihre Hand: "Aber Sherryl, liebe, kleine, zuckersüße Sherryl, wenn du dich richtig
erinnerst sind Doom und ich," er deutete auf den riesigen Schwarzen in der Gruppe, "auf den Laufsteg
gestiegen und haben ganz allein für dich gestrippt."
Doom kicherte in sich hinein.
"Mein lieber Radio, dafür.... ganz allein dafür wirst du noch eine Rechnung von meinem Augenarzt
bekommen."
"Arrrrrrrrrrrrrg." Radio griff sich ans Herz und wandte sich an Pinpoint: "Aber dir hat es doch
gefallen oder?"
Dieser blickte Radio eine Weile an und sagte dann Trocken: "Ich werde dich nicht heiraten."
Schallendes Gelächter brach in der Gruppe aus, als sie wieder an die Szene, wo Radio in Shorts vom
Laufsteg hinuntergestiegen war und sich vor Pinpoint, den er in dem Augenblick mit Sherryl
angeredet hatte, hinkniete und um seine Hand angehalten hatte.
"Also ich werde mich jetzt in meine Koje verziehen", entschied Doom.
"Jepp ich auch." Stimmte Sherryl zu.
Einer nach dem anderen klopfte Radio auf die Schulter und gingen zurück zur Red. Schließlich standen nur noch Radio und Pinpoint zusammen.
"Und? Was ist mit dir? Kommst du mit frühstücken?" Frage Radio in etwas beleidigten Tonfall.
"Yeah, klar, hab Hunger."
Radios Stimmung hob sich augenblicklich: "Allright, jetzt wo die ganzen Versager weg sind, lad ich
dich ein."
"Cool, wohin gehen wir?"
"Das Hollyday In hat ein erstklassiges Restaurant."
20 Minuten später saßen die beiden Piloten vor einem Berg von Pfankuchen, Rührei, gebratenem
Speck, Würstchen, weißem Toastbrot, dazu Orangensaft und literweise Kaffee.
Eine Weile unterhielten sie sich über verschiedene Themen, bis schließlich Radio in die Höhe schoss:
"Na schau mal, wen wir da haben."
Pinpoint drehte sich um und sah Lone Wolf, der Melissa Auson gerade den Stuhl zurechtrückte und
ihr dann die Hand küsste.
"Holla, holla, sehr interessant", murmelte Radio.
"Verdammt, lass sie doch."
"Ich lass sie doch auch, ich sagte doch nur, dass es interessant sei."
Sie aßen schweigend weiter. Schließlich standen Lone Wolf und Mel Auson auf, wobei Lone Wolfs Blick auf Radio und Pinpoint fiel. Radio grinste ihn an und winkte mit einem auf die Gabel aufgepiekten Würstchenstück.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:19
Kano betrachtete sich kritisch im Spiegel. Sorgfalt in Erscheinung und Kleidung waren ihm seit
jüngster Kindheit anerzogen worden. Und diese Sorgfalt galt im Militär – diesem Hort steifer
Konventionen und Regeln – natürlich noch mehr.
Die Ausgehuniform saß, wenn auch nicht ganz makellos, denn er hatte sich allein mit Hilfe der linken
Hand anziehen müssen. Ein flüchtiges Lächeln spielte um Kanos Lippen – mit dem geschienten Arm, dem Verwundeten- und dem Raumkampfabzeichen sah er aus wie ein kampferprobter Veteran. `Nun, immerhin habe ich zwei Feindflüge überlebt, wurde einmal abgeschossen und zweimal verwundet. Das macht mein Überleben wohl zu einem Triumph über die Statistik.‘ Nach den geheimen Faustregeln der Navy stiegen nach den ersten paar Feindflügen die Überlebenschancen sprungartig – und Verwundungen bewiesen immerhin, daß man eine sehr kritische Situation überlebt hatte.
`Oder, daß man dumm war. Nun, ich werde es wohl noch herausfinden.‘
Als die Redemption bei der Perseus-Station „vor Anker“ ging, hatte er in einer der langwierigen
Untersuchungen und Wundnachbehandlungen gesteckt, deshalb war das erste Shuttle bereits
abgeflogen, mit ihm die meisten von Kanos Staffel.
Er war in seine Kabine zurückgekehrt und hatte sich zum Freigang umgezogen, aber die rechte Laune
hatte sich nicht eingestellt. Da waren zum einen seinen persönlichen Probleme und Hirngespinste:
Kali, Ace, der neue Flügelmann... . Und im Hintergrund seiner Gedanken lauerte immer noch die
Erinnerung an den Beinahe-Tod über Troffen. `Vielleicht sollte ich Dr. Hamlin mal fragen, ob er
etwas zum Schlafen hat – besser nicht. Sonst sperrt er mich noch länger...‘ Auch wenn er es sich
selbst nicht ganz eingestehen wollte – er hatte Angst. Angst vor dem Versagen, dem Tod – Angst vor
der Angst. Aber er verdrängte das Wissen darum ebenso wie die düsteren Gedanken.
Kano straffte sich, zuckte leicht zusammen, als seine Schulter mit einem Stechen protestierte. Dann
ging er.
Vor Kalis Kabine überprüfte er noch einmal den Sitz seiner Uniform – so perfekt wie möglich – und
klopfte, während er spürte, das sich sein Herz beschleunigte und seine Wangen leicht rot wurden. Das
ärgerte ihn.
Als nach einer Weile noch immer keine Reaktion erfolgt war, faßte er sich ein Herz und versuchte die
Tür zu öffnen. Sie war nicht verschlossen. Er hätte sich die Nervosität sparen können. Es war niemand
da.
Seine suchenden Augen fanden den eingeschalteten Bildschirm auf dem Tisch, der zur Tür gedreht
war und er sah seinen Namen:

Kano
Meine Staffel ist losgezogen, um das Überleben zu feiern, da mußte ich natürlich mit. Wir sehen uns
sicher bald. Hoffe, du hast diesen affigen Medizinmann überlebt und ihn nicht zur Luftschleuse
hinausgeschoben.

Ace
Falls du das liest - wenn du noch mal in meiner Kabine aufkreuzt, hetz ich dir Yamashida auf den
Hals. Du kannst ja mal an unserer Eisernen Anwältin deinen Charme ausprobieren. Geh zum Teufel
oder zur Eisprinzessin - falls es da einen Unterschied gibt.

Kano überlegte. Zu der Feier der Staffel wollte er lieber nicht stoßen - zum einen pflegten solche
Feiern häufig "geschlossene Gesellschaften" zu sein, zum anderen fühlte er sich nicht gerade in der
Stimmung für eine übliche "Survival-Party". Und ohnehin war er mit seiner offensichtlichen
Verwundung eher ein Stimmungsdämpfer. Viele wollten sich nicht immer an den Krieg erinnert
wissen - vermutlich ein Grund, warum seine Flügelfrau nicht so guten Anschluß fand, neben ihrem
kratzbürstigen Wesen. 'Und wohl auch ein Grund, daß sie die Narben behalten hat - eine Erinnerung
für sie und die Umwelt.'
Nun ja, an Bord des Trägers hielt ihn momentan nichts und selbst mit dem Arm gab es auf der
Perseus-Station eine ganze Anzahl Annehmlichkeiten, die er sich gönnen konnte. `Und ich werde mir
nicht den Kopf verrenken auf der Suche nach Kali, oder Ace, oder beiden...‘

Auf der Perseus-Station tummelte sich wie bei seinem letzten Besuch ein wirres Durcheinander aus Mitgliedern aller Streitkräfte und Zivilisten aller Art. Diesmal allerdings war Kano kein „Frischling“ mehr, der die
Piloten mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung ansah. Er gehörte dazu. Als ihn ein paar junge
Soldaten im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln musterten war er nicht sicher, ob er amüsiert sein
sollte. Offenbar reichte das Verwundetenabzeichen – und wohl auch der geschiente Arm – um bei den
jungen Leuten als „Alter Hase“ durchzugehen.
` ‚Junge Leute‘ – ein paar von ihnen dürften älter sein als ich. Warum erscheinen sie mir dann so...
jung? Steigt mir die eine Feindfahrt und der Sieg im Gefecht zu Kopf? Oder zählt denn das Überleben und die
Verwundungen mehr als Jahre? Ich denke wirklich zuviel dummes Zeug, wenn ich nichts zu tun habe!‘
Wenigstens verbot seine Verletzung ihm nicht, eines der Bäder aufzusuchen – die Wunde war
geschlossen und darüber ein (auch wasserabweisendes) Wundpflaster platziert worden.
Natürlich konnte er nicht richtig schwimmen. Aber als er in dem heißen Salzwasser trieb, löste sich
ein Teil der Spannungen, die ihn in den letzten Tagen belastet hatten.

Als nächstes war eine der Kampfsporthallen sein Ziel - auch wenn er selbstverständlich nur zusehen
konnte. Aber allein das reichte ihm - vorerst. Wenn er auch längere Zeit kein kendo mehr betreiben
konnte, den Kämpfen zu folgen, und die Fechter einzuschätzen war auch eine Erholung - und ein
Stück Heimat. Selbst wenn mehr als die Hälfte der Kämpfer Nichtjapaner waren, keiner schien ihn
besonders zu beachten, alle schienen vollkommen im Kampf aufzugehen. Allenfalls nickte man ihm
höflich, aber distanziert zu. Und Kano war nicht hierhergekommen, um Gespräche zu führen.

Dann suchte er eines der zahlreichen Lokale auf. Hier sollte es, hatte er gehört, echtes japanisches
Essen geben. Es war eine der exquisiteren Einrichtungen auf der Station - das bedeutete, es war teuer.
Außerdem (wie man in der Navy erzählte) bedeutete es, daß die Bedienung hier nicht auf den
Tischen tanzte oder zu mieten war – außer man nahm ein Hinterzimmer und zahlte noch einmal
drauf...
Der Sushi war frisch und der Sake wurde, wie es sich gehörte, heiß serviert und Kano gab sein bestes,
sich nicht den Genuß dadurch verleiden zu lassen, daß er nur mit der Linken, etwas ungeschickt,
hantieren konnte.
Das Vorhaben war allerdings vergebens, als er bemerkte, wie er von einem der Nachbartische
angesehen wurde. Dort saß ein Doppelpärchen – zwei Herren in Zivil und ihre offensichtlich jüngere
Begleitung, die leicht pikiert, beziehungsweise amüsiert, zu ihm herüberblickten.
Langsam drehte er sich um und sah sie direkt an. Seine Wangen waren vor Verlegenheit leicht gerötet, die Lippen bildeten eine dünne Linie, während er wütend die Zähne zusammenbiß.
Das dauerte nur ein paar Augenblicke – dann wandten sich die anderen etwas peinlich berührt wieder
ihren Angelegenheiten zu. `Gut!‘
Allerdings war ihm der Appetit verdorben. Er ging ziemlich schnell – nicht nur, um die Verluste in
seinem Sold gering zu halten. Kurz spielte er mit dem Gedanken, sich etwas Sake mitzunehmen, oder
sich anderswo zu betrinken... Nein. Er war sich nicht einmal sicher, was in ihm arbeitete, da erschien
Alkohol nicht die beste Idee. Besser noch, er kehrte nach Hause zurück – zum Träger.
In Grübeleien versunken fand er den Weg zur Shuttleschleuse. Seine Miene war so verschlossen, daß
die meisten der „professionellen Nachtschwärmerinnen“ ihn in Ruhe ließen. Die, die es dennoch versuchten, erhielten keine Antwort.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:19
1st Lieutenant William "Jaws" Boothe lag in seiner Koje und dachte nach.
Er hatte gerade seine Abkommandierung zur Redemption bekommen und war darüber nicht besonders glücklich. Jaws war bisher bei den Aces of Texas sehr gut zurecht gekommen und sich in den letzten 2
Jahren an seine Kameraden gewöhnt. Nun zumindest würden einige von ihnen ebenfalls zur Red wechseln. Gerüchten zu Folge verfügte der ältere Träger der Zeus-Klasse nur über kleinere Maschinen wie Griphen und Mirage. Innerlich fluchte der Pilot vor sich hin. Bisher hatte er im Raptor- Geschwader gedient, das ausschließlich Nighthawks verwendete. Einen anderen Jägertyp hatte er bisher nur aus der Ferne gesehen und nun das.
Seine Befehle teilten ihn dem Rot-Geschwader der Angry Angels zu. Scheinbar eine Phantom- Schwadron. Er verdrehte die Augen. Phantome waren die Vorgänger der Nighthawk und nicht ganz so effektiv. Wenigstens entsprach das Missionsprofil dem gewohnten. Raumüberlegenheit. Immerhin hatte man ihm nicht den Typhoons oder einer Bomberstaffel zugeteilt. Er würde damit zurecht kommen. Zumindest hoffte er das.
Er sah auf die Uhr. Noch 20 Minuten bis zum Shuttlestart. Seine Sachen waren bereits gepackt also beschloss er einen letzten Rundgang auf der Maryland zu machen. William verliess seine Kabine und machte sich auf den Weg zur Messe. Er hatte hier mit seinen Kameraden viele glückliche Stunden erlebt und auch einige Credits beim Poker gelassen. King hatte immer gesagt das Glück sei an seine Fersen geheftet. Nun nicht ganz. King war jetzt tot. Beim letzten Angriff, der die Maryland schwer getroffen hatte, war auch er abgeschossen worden.
Seine Schritte führten ihn durch die hell erleuchteten Gänge. Dieser Teil des Trägers war einigermaßen intakt. Andernorts, vor allem achtern, sah es übel aus. Eine Antischiffrakete hatte einen Teil der Maschinensektion zerrissen. Die Sektion war immer noch gesperrt. Schließlich erreichte der Pilot die Messe. Sie war leer. Natürlich waren die meisten Piloten der Maryland auf der Perseus. Kaum einer hatte über den unfreiwilligen Urlaub gemurrt auch Will nicht.
Es tat gut nach den letzten Monaten endlich mal wieder was anderes zu sehen. Eigentlich war er bis vor ein paar Stunden noch selbst durch die riesige Station gestreift und hatte sich amüsiert. Will hatte auch einige Piloten der Red getroffen. Wie waren die Namen? Pinpoint und
Radio. Nach ihren Erzählungen war die Red ein feines Schiff und es ging sogar das Gerücht um das mehrere der Offiziere wahre Könner waren. Nun man würde sehen. Jaws war selbst ein Könner.
Immerhin hatte er bis dato 17 Abschüsse zu verbuchen. 8 davon alleine im letzten Monat.
Seine Uhr piepte. Zeit sich zum Shuttle zu begeben. Jaws holte seine Sachen und machte sich auf den Weg zum Flugdeck. Kurz sah er noch auf seine Befehle, es konnte nicht schaden zu wissen, bei wem er sich melden sollte. Der Name sagte ihm überhaupt nichts. Lieutenant Commander Justin McQueen.
Der Pilot schloss die Kabinentür nach einem letzten langen Blick. Der Abschied fiel ihm sehr schwer.
30 Minuten später stand er vor der Tür seines neuen Kommandeurs. Unter dem Namensschild stand in kleinen Lettern "Stellv. Commander Air Group". Wenigstens war dieser McQueen kein Anfänger.
Jaws klopfte kurz und trat dann ein.
McQueen saß hinter seinem Schreibtisch. Scheinbar war er mit irgendwelchen Berichten beschäftigt denn er sah nicht auf.
Will nahm Haltung an und salutierte. "1st Lieutenant William Boothe meldet sich wie befohlen zum Dienst, SIR!" Er hatte keine Ahnung wie auf diesem Schiff das Protokoll war also hielt er sich lieber an den Standard.
Der ältere Pilot sah schließlich doch auf und salutierte lässig im Sitzen.
"Setzen Sie sich Lieutenant Boothe. Ihre Befehle?" McQueen nahm die ihm gereichten Befehle entgegen.
Will sah sich die Kabine des Offiziers genau an, während dieser das Papier las. Spartanisch eingerichtet. Sehr sauber und ohne persönliche Dinge. Scheinbar hatte der alte Knacker keine Familie oder Freunde. Das Einzige, das von der Norm abwich waren einige Fotos einer Akarii Maschine. Will erkannte sie sofort als Jäger vom Bloodhawk-Typ. Sah er richtig? War das Ding rot?
"Ihre Befehle sind in Ordnung Lieutenant. Melden Sie sich beim Quartiermeister, er wird Ihnen eine Koje zuteilen." McQueen reichte dem ehemaligen Texas Ace die Hand. "Willkommen bei den Angry Angels, Jaws."
"Danke, Sir." Will schüttelte die Hand des Offiziers. Das war nicht das Protokoll. Wenigstens schien es hier etwas lockerer zuzugehen als auf der Akademie.
"Sie können wegtreten Lieutenant. Melden Sie sich morgen um 0630 auf dem Flugdeck." McQueen wandte sich wieder seinen Unterlagen zu.
Will stand auf und wandte sich zur Tür. "Äh, Sir? Darf ich eine Frage stellen?" Neugier hatte ihn erfasst.
"Klar, solange Sie nichts mit Geheimhaltungsstufe fragen..." McQueen sah nicht auf. Hier wehte wirklich ein anderer Wind.
"Die Photos da drüben... Ist das der Rote Baron?" Will hatte schon viel von dem Akarii-Aß gehört. Vor allem schlechtes.
McQueen sah auf. "Ein eindeutiges Ja, Jaws."
"Wow. Gute Aufnahmen. Jemand der so nahe an das Vieh rankommt sollte sich vorsehen." Will schüttelte sich. Er war zwar schon länger im Einsatz, aber der Anblick dieses Jägers jagte ihm Schauer über den Rücken.
"Ich denke das weiß derjenige der diese Aufnahmen gemacht hat sehr gut, Lieutenant." McQueens Züge blieben unbewegt und Will zog es vor nicht noch mehr zu sagen und seine Fragen herunterzuschlucken. Sicher wussten die anderen Piloten an Bord wer diese Photos geschossen hatte.
Er salutierte und verließ die Kabine des Offiziers. Der Quartiermeister... wo war der nur zu finden?

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:20
Es gibt eine alte Pilotensaga: Ein Pilot im Dienste der Navy hat drei Namen. Einmal den Namen, den er von Geburt an trägt.
Dann sein Callsign, den er von den anderen Piloten verliehen bekommt, sich gelegentlich sogar selbst gibt. Und dann gibt es noch den Namen, den sich ein Pilot im Laufe seiner Dienstzeit verdient.
Konteradmiral Maike Noltze, war Pilotin und hatte sich ihr Callsign "Battleaxe" über die Jahre hinweg verdient.
Und wurde dem auch wieder gerecht, als sie über Konteradmiral Hamish McAllister und seinen Befehlsstab auf Perseus herfiel.
Innerhalb von 20 Minuten hatte sie sein Büro eingenommen, sowie das Kommando über seinen Stab übernommen.
Der in Ehren ergraute Konteradmiral war vom Kommandanten zum Befehlsempfänger geworden.
Nach drei Stunden Besprechung fiel McAllister eine Notiz des JAG auf: "Maike? Ich habe hier etwas, was Sie eventuell interessieren könnte."
"Lassen Sie hören Ham." Noltze lehnte sich zurück und nippt an ihrem Kaffee.
"Der JAG ermittelt gegen Commander Cunningham, CAG der Redemption, es gab dort vor einigen Tagen einen Selbstmord."
Noltze krazte sich hinterm Ohr: "Passt jetzt überhaupt nicht, wer ist Ihr ranghöchster JAG-Offizier?"
"Captain Halstead."
"Etwa Jan Halstead?" Noltze wurde nachdenklich.
McAllister nickte: "Kennen Sie ihn?"
"Ja, ich habe früher mit ihm auf einem Träger gedient. Würden Sie ihn bitte herrufen, ich möchte mit vier Augen mit ihm sprechen."
"Ich werde ihn holen." McAllister ging.
Captain Jan Halstead war ein jung aussehender Mittvierziger, von hoher und schlanker Figur. Die braunen Haare waren sauber zu einem Scheitel gekämmt.
"Ach schau an, wen haben denn die Sonnenwinde uns hereingeweht?!" Er war sichtlich erfreut Noltze zu sehen.
"Na alter Rechtsverdreher, möchtest du einen Kaffee?"
Er lächelte: "Gern. Darf ich?" Er deutete auf einen der Besucherstühle.
"Natürlich", Noltze beugte sich zur Gegensprechanlage, "Chief, bitte zwei Kaffee, einmal Schwarz, einmal mit 2 Stück Zucker und ein paar Kekse bitte."
Halstead setzte sich und schlug die Beine übereinander: "Also, warum werde ich zur persönlichen Stabscheffin von Jean Renault, und somit Nr. 3 in der Befehlskette der 2. Flotte, zitiert? Was möchtest du?"
"Mir ist zu Ohren gekommen, dein Verein möchte einen meiner Geschwadercommodore vors Kriegsgericht bringen."
"Aha, daher weht der Wind." Halstead brach ab, als ein Steward mit Kaffee und Keksen hineinkam.
Nachdem er vom Kaffee probiert hatte sprach er weiter: "Ja, Lucas Cunningham, von der Redemption. Einer seiner Piloten hat einen terranischen Frachter abgeschossen. Soweit ich mit den Fakten betraut
bin, wäre diese Sache Militärrechtlich nicht ausreichend um einen Kriegsgerichtsprozess zu rechtfertigen. Weder bei dem mittlerweile toten Piloten noch bei Cunningham. Es war so wie ich glaube ein Unfall. Doch was folgte... Die Autorität des J.A.G. muss gewahrt bleiben. Cunningham hat sich sein Bett wirklich fein bereitet."
"Der Depp hat also versucht die Sache unter den Teppich zu kehren statt einen ordentlichen Bericht zu schreiben."
"Genau."
Noltze nickte: "Hör mal Jan, zur Zeit ist hier eine wichtige Sache am Kochen. Ich kann jetzt keinen Mann in Cunninghams Postion entbehren." Sie nahm einen Keks und aß.
"Tut mir leid Maik, aber ich kann derartiges nicht durchgehen lassen...", er klang, als würde er es
wirklich bedauern, "...ich meine, wenn es nur um die Vertuschung des Abschusses ging, wäre er mit einen blauen Auge davon gekommen, aber dass er dann auch noch Ermittlungen behindert hat. Nein Maik, selbst für dich nicht. Tut mir leid."
"Verdammter Paragraphenreiter...", ein Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe, doch Halsteads Augen funkelten kurz beleidigt, "...aber, was ist, wenn ich dir eine andere Möglichkeit als ein Kriegsgericht aufzeige?"
Er schoss in die Höhe: "Denk nicht mal dran, sprich es nicht in meiner Gegenwart aus. Seit ich meine Anwaltsprüfung bestanden hatte, hab ich gegen diese UNSITTE gekämpft. Du lancierst doch einen 'Freispruch'."
"Ich gebe Dir mein Ehrenwort als Offizier, ich werde keinen Freispruch lancieren, aber ich brauche diesen verdammten Idioten von CAG. Ich schlage Dir jetzt ein Geschäft vor: ..."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:21
„Das war es dann wohl“, murmelte Juliane Volkmer. Zusammen mit neunzehn ihrer Kameraden würde sie von der MARYLAND auf die REDEMPTION wechseln.
Was sie dort erwarten würde, wusste sie noch nicht, aber nach dem, was sie bisher gehört hatte, war der leichte Träger der ZEUS-Klasse geradezu dazu prädestiniert, immer in die dickste Scheiße zu geraten.
Die MARYLAND würde noch Monate brauchen, um wieder gefechtsklar zu werden. Wieder in den Kampf einzutreten war nur mit der RED möglich.
Die Illusion, zu den G-MEN auf die MAJESTICS zu wechseln, machte sich Juliane nicht.
„Sir, ich melde mich ab. Erlaubnis, von Bord gehen zu dürfen.“
Der CAG starrte sie mürrisch an. „Ungern, Lieutenant. Ungern. Juliane, Sie sind einer meiner Aktivposten hier an Bord. Vielleicht hätte ich Sie halten können… Wenn Sie nicht selbst so gestochert hätten.“
Schuldbewußt blickte die Typhoon-Pilotin zu Boden. „Sir… Sam. Sie wissen, dass die MARY auf Monate hier fest hängt. Ich… Ich kann das nicht. Es dauert mir ja sogar schon zu lange, wenn wir draußen sind und auf das nächste Gefecht warten. Die Navy hat mich zum Adrenalinjunky gemacht, und ich komme da einfach nicht mehr von runter. Es heißt, die RED wird in einem Monat wieder raus gehen. Ich will dabei sein, Sam. Ich will dabei sein.“

Kurz nur nickte der Commander. „Ich verstehe, Juliane. Ich heiße es nicht gut, aber ich verstehe es. Wir werden Sie hier vermissen bei den Aces of Texas. Die Pik Aß-Staffel wird ohne Sie nicht mehr dieselbe sein. Reverend meinte, die drei Monate mit Ihnen als XO waren die Besten ihres Lebens.“
Juliane schmunzelte. Die kleine Italienerin war nach dem Tod von Lt.Commander Huisken als Staffelführerin nachgerückt. Ohne Julianes Rückhalt hätte sie es vielleicht nicht geschafft.
„Grüßen Sie das Pik Aß von mir, Sir. Ich werde es und die MARY in allerbester Erinnerung behalten.“
„Jaja“, brummte der Ältere halb wütend, halb beschwichtigt. „Ach, noch etwas, Juliane. Ich weiß, die RED hatte schwere Verluste. Gerade bei den Typhoon sind eine Menge Plätze frei geworden. Aber machen Sie sich nicht mehr Hoffnung als auf einen eigenen Wing, okay? Sie kommen als Fremde in ein bestehendes Team.“
Kurz nur jagte ihr ein Stich durch die Brust. Sie wusste, dass ihr defacto eine Degradierung bevorstand. Auf der MARYLAND war sie XO der Piker.
Auf der REDEMPTION aber war sie ein Neuling. Frischfleisch. Veteran, ja. Aber sie fing ganz von vorne an. „Das ist kein Problem, Sir. Hauptsache, ich komme da wieder raus und kriege was vor die Rohre.“

Sie salutierte. Commander Sam Rogers erwiderte den Gruß.
„Ach, noch etwas, Lieutenant. Wenn Sie drüben sind, haben Sie ein Auge auf die anderen Jungs und Mädels die rübergehen. Wir wollen der RED nicht den schlechtesten Eindruck von der MARY geben, okay?“
Juliane grinste. „Ich werde es versuchen. Aber Sie wissen ja, wie Perkele ist.“
Der Commander verdrehte die Augen. „DEN Kerl loszuwerden ist es beinahe wert, wieder mit einem ganzen Haufen Frischlingen neu anzufangen.“
Sie lachten beide.
Juliane Volkmer salutierte noch einmal und betrat dann das Shuttle zur REDEMPTION.
Das einchecken ging relativ schnell. Sie fand ihr Quartier, lud ihre Sachen ab und wunderte sich noch, keine Zweibettstube zugeteilt bekommen zu haben.

Der Termin beim CAG stand an.
Auf dem Weg machte sie eine kurze Pause in einem Waschraum. Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Dann musterte sie ihr Spiegelbild. Weißblond gebleichte Haare, etwas zu groß für eine Frau. Kaukasierin, ebenmäßiges Gesicht mit heller Haut und leicht nach oben gedrückter Nase. Ihre Lippen waren etwas zu schmal, fand Juliane.
Aber sie wollte ja auch auf der RED fliegen und keinen Schönheitswettbewerb gewinnen.
Zumindest der junge Bengel, der gegen den Roten Baron geflogen war, hatte sich nicht über sie beschwert. Sie musste lächeln. Sie selbst hatte auch keinen Grund zur Klage gehabt.
Zwei Minuten später klopfte sie am Büro von Lt.Commander Justin McQueen an, dem Stellvertretendem Geschwaderführer. Natürlich. Neue Piloten fielen unter die Ägide des XO.
Als sie eintrat, tat sie dies mustergültig. Die Uniformmütze unter dem linken Arm, ausdruckslose Miene, perfekte Wende.
„Commander, First Lieutenant Juliane Volkmer. Ich melde mich zum Dienst.“
McQueen, sein Callsign war Darkness, sah kurz auf und deutete auf den Stuhl vor sich. „Platzen Sie, Lieutenant. Willkommen an Bord der REDEMPTION. Ich sehe in Ihrer Akte, dass Sie sich freiwillig versetzen ließen. Gibt es dafür einen besonderen Grund?“
Juliane sah McQueen direkt in die Augen. „Ja, Sir, den gibt es. Ich will fliegen. Die MARY liegt auf dem Kiel. Aber die RED geht bald wieder raus. Da will ich dabei sein.“
„Ist das der einzige Grund? Akarii abschießen können Sie auch, wenn die MARYLAND wieder auf Feindfahrt geht.“
„Nun“, meinte Juliane leise, „die Piloten der RED sind bereits zweimal auf den Roten Baron getroffen. Ich würde mich nur zu gerne mal mit ihm messen.“
Darkness knallte die Akte kraftvoll auf den Tisch. „Soso. Sie waren XO der Pik Aß-Staffel der Aces of Texas? Sie waren wohl nicht besonders gut in diesem Job, oder? Denn mit Ihrer Einstellung, unbedingt dem Ruhm nachzujagen kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie es lange geblieben wären. Und erzählen Sie mir nicht, Sie wollen einzig und allein Dutzende terranische Piloten davor bewahren, vom Akarii-Aß getötet zu werden. Zu einem Führungsposten gehört es, das Ganze zu sehen. Und
nicht, Jagd auf einen Akarii zu machen.“
„Ja, Sir“, erwiderte Juliane spöttisch. „Ich werde mich da ganz nach Ihrem Vorbild richten.“
Für einen Moment war Darkness sprachlos. „Ich weiß nicht, woher Sie davon wissen. Und ich will es auch nicht wissen. Aber lassen Sie sich gesagt sein, es war Zufall, dass ich auf den Baron traf. Niemals hätte ich meine Pflicht als Stellvertretender Geschwaderkommandant vernachlässigt, um der Echse nachzujagen. Verstehen Sie das?“
„Wie ich schon sagte, Commander. Ich werde mich ganz nach Ihrem Vorbild richten.“
Darkness starrte sie an. Dann ging er ihre Akte durch. „Vierzehn verifizierte Abschüsse. Nicht übel. Guter Umgang mit Kameraden, tadelloser Leumund bei den Vorgesetzten. Wundert mich, dass der
CAG der MARYLAND Sie hat gehen lassen. Nun, wir befinden uns in einer prekären Lage, Lieutenant. Und in dieser Lage müssen wir alle unseren Dienst erfüllen, wo wir hingestellt werden.
Für Sie bedeutet das, ab sofort Dienst in der Typhoonstaffel Blau zu führen. Sie machen den Staffelchef. Eine Feldbeförderung zum Lt.Commander drücke ich noch durch. Fühlen Sie sich der Aufgabe gewachsen?“
„J-ja, Sir. Das kommt etwas plötzlich, aber ich fühle mich der Aufgabe gewachsen.“
„Gut. Die Staffel hatte einige Verluste. Einen Teil ersetzen wir mit Ihren Kameraden von der MARYLAND. Aber Sie werden demnächst noch Rekruten von der Akademie bekommen.“
Darkness zog einen Stapel Dokumente hervor und knallte ihn vor Juliane auf den Tisch. „Hier sind die Dossiers. Sie haben sie bis Morgen durchgearbeitet. Das erste Staffeltraining ist in zwei Tagen. In fünf
trifft das Frischfleisch von der Akademie ein. Enttäuschen Sie mich nicht. Lieutenant Volkmer.“
Er streckte ihr die Hand entgegen. „Und noch mal, willkommen an Bord, Huntress.“
Sie ergriff die angebotene Rechte und schüttelte sie fest. „Danke, Sir. Eine Frage, Sir, ist Ihr Flügelmann immer noch Ace?“
„Ace? Was? Nein, er bekommt seinen eigenen Wing.“
Juliane nickte bedächtig. „Ja, er hat durchaus Potential.“
Sie salutierte und verließ das Büro des XO.
Eine eigene Staffel. Mann, musste es der TSN dreckig gehen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:21
Yamashita nahm Haltung an, als der Captain des JAG ihr Büro betrat.
"Bitte, rühren. Ich bin Captain Halstead, ich bin hier um mit Ihnen über Commander Cunningham zu sprechen."
"Ja, bitte setzen Sie sich Sir." Sie deutete auf ihre Besucherstühle und Halstead nahm im rechten Platz.
"Sehen Sie Commander, ich bin persönlich gekommen, weil ich finde es nur richtig Ihnen in die Augen zu sehen, wenn ich es Ihnen mitteile...", schon bei diesen Worten wusste sie, das dieser verdammte Cunningham wieder davon kam, wie weit gingen dessen Beziehungen? "...wir legen den Fall Brendstone nieder."
"Sir, darf ich fragen, warum?"
"Nun, ich habe mit Admiral Noltze gesprochen. Wir werden die Angelegenheit anders regeln. Sie braucht den Commander auf seinen jetzigen Posten." Er pausierte kurz. "Würden Sie ihn bitte herrufen lassen?"
"Ja...., ja natürlich."

Keine 10 Minuten später traf Cunningham ein. Er war wütend und er wusste, dass Yamashita ihm mit Brendstone, dem verdammten Frachter und der Vertuschung kommen würde.
Jedoch fand er nicht nur Yamashita vor, sondern auch einen Captain des JAG. Er nahm Haltung an und salutierte vorschriftsmäßig.
Der Captain salutierte ebenfalls. Yamashita blieb hinter ihrem Schreibtisch sitzen.
"Guten Tag Commander, ich bin Captain Halstead. Man bat mich Ihnen Auszurichten, dass Sie sich entsprechend der lebendigen Traditionen der Terran Space Navy Ihren Offizierskammeraden gegenüber, für die Vorfälle im Fall Brendston, zu verantworten haben. Bitte finden Sie sich um neunzehnhundert auf Deck 10 Messe 21 auf Perseus-Station ein."
Yamashita schluckte ihre Galle herunter. Ein Ehrengericht. Soweit ist es mit dem JAG gekommen. Solch ein Preis muss also für Gerechtigkeit bezahlt werden. Man guckte nicht nur weg, man förderte es und legitimiert es.
Dann wanderte ihr Blich zu Cunningham. Sie erschrak.
Der Commander war stark erbleicht. Ein Stück Papier hätte sonnengebräunt im Vergleich zu ihm ausgesehen.
Der Schrecken stand in seinem Gesicht. Er bewegte den Mund, als wäre ihm die Sprach verschlagen. Dabei sah er aus wie ein Fisch.
"Aye ....", Cunningham räusperte sich, "aye, aye Sir."
Sie fand, dass seine Stimme zittrig klang.
Halstead nichte: "Ich wünsche einen angenehmen Tag." Das war eindeutig an Yamashita gewand, die im innern sowas wie Genugtuung empfand.
Nachdem Halstead ihr Büro verlassen hatte, ließ sich Cunningham in den linken Besucherstuhl fallen.
Er blickte eine Weile zu Boden. Als er schließlich aufblickte waren seine Augen getrübt von Hass.
"Sie....", er brach ab und schüttelte den Kopf.
Als er aufstand und ihr Büro verließ, kam es ihr so vor, als würde er leicht wanken.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:22
Gonzalez war überrascht, als sein Pieper losging und noch erstaunter, als er sah, wessen Nummer auf
dem Display stand. Er aktivierte sein Comgerät und rief beim Flottenhauptquartier an. Als er dann
erfuhr, dass er einen Termin bei Admiral McAllister hatte, fiel ihm beinahe die Kinnlade herunter.
Turner, der mit ihm in der Bar saß registrierte dies aufmerksam, schwieg aber, bis das Gespräch
beendet war.
„Also?“
„Ich hab morgen einen Termin bei Rear Admiral McAllister.“
„Hm, das riecht nach einem Notfall. Der Alte hat doch normalerweise mit den Kommandeuren der
kleineren Schiffe nichts zu tun.“
„Jup, scheint so. Vielleicht wirst du ja befördert.“
„Schon wieder? Nein, das denke ich nicht, vor allem, nachdem wir die Fisher so effektiv aus dem
Krieg genommen haben....wahrscheinlich stecken sie mich auf nen Geleitschiff für die
Nachschubkonvois.“
„Wir werden sehen. Wann ist der Termin?“
„Morgen früh um 0900.“
„Schade, dann wird das heute ja wohl nichts mit dem Umtrunk. Ich hab übrigens vorhin mit O’Keefe
gesprochen.“
„Und?“
„Nunja, es sieht so aus, als wenn man hier nicht die Kapazität hat, alle Schiffe zu reparieren. Die
Bürohengste überlegen, ob sie uns zurück nach Terra schicken, um die Reparaturen durchzuführen.“
„Hm, nachdem sie wahrscheinlich die Besatzung auseinanderreißen und die Fisher mit einer
Rumpfcrew ausstatten.“
Warren Turner nickte.
„Jedenfalls hat das Oberkommando was vor. Gestern ist ein weiterer Kreuzer hier angekommen, die
Relentless.“
„Ist da nicht dieser Betonkopf vom Mithel der Captain?“
„Jup. Dass die sowas überhaupt noch nen Kommando bekommt...“
„Aye, naja, die Navy war noch nie für Progressivität bekannt, deshalb sind wir doch bei dem Verein.“
Die beiden Männer lachten.
„Ok, Warren, dann wird ich mal auf mein Zimmer, will den Admiral ja morgen nicht enttäuschen.
Halte dich bitte bereit...und schau mal auf der Fisher vorbei, vielleicht braucht O’Keefe gegen diese
Werftbürokraten Unterstützung.“
„Gut, ich kümmere mich darum. Schönen Abend noch.“
Gonzalez ging auf sein Zimmer, wo er noch ein Glas Brandy trank. Gerade als er ins Bett gehen
wollte, klopfte es an der Tür.
„Herein, die Tür ist offen.“
Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf Midori Yamashita frei.
„Komm rein, Spatz.“ Enrique grinste.
„Danke....du willst schon schlafen gehen?“
„Jup. Ich hab morgen nen Termin bei McAllister.“
„Bei Admiral McAllister?“
„Genau.“
„Worum geht es denn?“
„Wenn ich das wüßte. Jedenfalls wollte ich morgen nicht so zerknautscht wie heute morgen
aussehen.“
„Hihi, stimmt.“
„Wie ist es denn bei Dir gelaufen?“
„Der verdammte Pilot kommt mit einem Ehrengericht davon....weil sie nicht auf ihn verzichten
können, denke ich.“
„Naja, damit ist seine Karriere wahrscheinlich in den Binsen.“
„Das denke ich auch und das ist auch das einzige, was mich davon abgehalten hat, Halstead an die Gurgel zu gehen, als er das sagte....dafür wird wohl die nächste Feindfahrt sehr unangenehm werden. Immerhin ist Cunningham nach wie vor ranghöher als ich, auch wenn er nicht mein Dienstvorgesetzter ist. Und wenn die Gerüchte stimmen, dass er was mit dem XO hat, dann kann es nur häßlich werden...zumal Auson mich auch nicht ab kann.“
„Lass dich doch versetzen.“
„Ich überlege, ob ich das tun soll...aber die Chancen, dass das Gesuch durchgeht, bevor die Red wieder ausläuft,sind eher gering. Zumal, wenn das die Runde macht, kann ich mich total einsargen lassen.“
„Das wird schon wieder. Murphy und Shukova scheinen doch ganz ok zu sein....“
„Nur dass die mir da auch nicht helfen können...“
Gonzalez nahm Yamashita in den Arm und drückte sie.
Am nächsten Morgen machte er sich zeitig auf den Weg zum Hauptquartier. Glücklicherweise hatte er
auf seinem Zimmer eine frische Uniform gehabt, was er einer unangenehmen Erfahrung als junger
Lieutenant verdankte, als er mitten in der Nacht einmal auf sein Schiff zurückgehastet war und
aufgrund seiner Fahne beinahe noch einen von seinem Vorgesetzten eingeschenkt bekommen hätte.
Seitdem hatte er sich angewöhnt, beim Landurlaub immer eine Dienst- und eine Galauniform
mitzunehmen. Am Eingang des Gebäudes zeigte er seinen Dienstausweis und teilte dem Marine mit,
dass er einen Termin beim Admiral hatte. Nach einem Kontrollanruf wurde er dann durchgelassen.
Insgesamt war Gonzalez von den Sicherheitsmaßnahmen überrascht. Die Zahl der Wachen war massiv
angehoben worden und vor allem waren die Kontrollen viel rigider, als er es bei seinem letzten
Aufenthalt auf Perseus in Erinnerung hatte. Nach kurzem Warten wurde er zu Captain Shalikasvili
vorgelassen.
Gonzalez salutierte, und wartete dann, bis ihm ein Stuhl angeboten wurde.
„Guten Morgen Commander. Der Admiral hat in wenigen Minuten Zeit. Ich hoffe, Sie genießen den
Landurlaub.“
„Ich tue mein Bestes.“ Gonzalez grinste, obwohl ihm gerade nicht so zu Mute war. Der Captain wirkte
irgendwie angespannt und das färbte auf die Stimmung ab.
„Was macht die Fisher?“
„Stand von heute morgen ist, dass wir hier keinen Werftplatz zugeteilt bekommen und daher die
Fisher mit einer Rumpfcrew nach Terra geschickt wird.“
„Ich verstehe. Dann wäre die Fisher nicht das einzige Schiff. Wir haben verdammt viele Krüppel hier
rumkriechen, wie Sie wahrscheinlich schon gesehen haben...und die Perseuswerften sind leider nicht
so groß. Momentan sind wir schon genug beschäftigt, die Träger und die Kreuzer in Schuss zu halten.“
„Ich will mich nicht beklagen, ich bin froh, heute überhaupt hier zu sein. Beinahe wären wir ja noch
kurz vor Ende der Fahrt draufgegangen...wenn Captain Orloff nicht gewesen wäre...“
„Orloff war ein guter Mann...“
In diesem Moment wurde das Gespräch unterbrochen, als die Tür aufging und ein Lieutenant eintrat.
„Sir, der Admiral hat nun Zeit.“
„Danke Mister Schmidt. Folgen Sie mir, Gonzalez.“
Die beiden Offiziere gingen einmal über den Flur und erreichten das Vorzimmer des Admirals. Der
Petty Officer, der als Sekretär diente, stand auf und öffnete die Tür zum eigentlichen Büro. Dort
kündigte er die beiden Ankömmlinge an.
Shalikasvili und Gonzalez traten ein und nahmen Haltung an. Der Admiral lächelte und bedeutete den
beiden aus seinem Ledersessel heraus, sich ebenfalls zu setzen.
„Nun, Commander, Sie werden sich fragen, weshalb Sie hergebeten wurden. Ich will nicht lange
herumreden. Wir hätten eventuell ein neues Kommando für Sie. Inklusive eines vierten Streifens.“
Gonzalez war überrascht. Der vierte Streifen würde die Beförderung zum Captain bedeuten, etwas, mit
dem er normalerweise frühestens in zwei bis drei Jahren hätte rechnen können. Der Krieg
beschleunigte vieles...
„Sagt Ihnen die Dauntless Klasse etwas?“
„Das sind doch die neuen Flakkreuzer...ich hörte davon, ja. Aber sind die nicht noch alle in der
Werft?“
„Wäre vielleicht besser, ja. Aber die Dauntless ist gestern hier angekommen. Leider ist der Captain
Conners, die das Schiff führen sollte, dienstunfähig. Der XO, den wir vorgesehen hatten, liegt mit
Drüsenfieber darnieder. Ich will ehrlich sein, die Dauntless ist momentan nicht in dem Zustand, dass
man den zukünftigen Kommandeur beneiden würde, sie ist noch unausgereift und das SM2 System
verweigert aktuell noch den Dienst. Dazu kommt, dass wir die Besatzung aus verschiedenen anderen
Schiffen zusammengezogen haben, so dass zu den technischen Problemen auch noch eine nicht
eingespielte Besatzung kommt.“
„SM2? Das System sollte doch erst in zwei Jahren bereit sein?“
„Richtig...aber die Politiker meinten, man könne über die Kinderkrankheiten hinwegsehen. Nunja, die
Dauntless ist sozusagen der Prototyp. Abgesehen davon erfordert sie komplette neue Taktiken....Sie
hätten also sehr freie Hand, um diese Probleme zu lösen...aber das würde wohl bedeuten, dass Ihr Urlaub beendet ist und außerdem die nächste Feindfahrt sehr haarig werden kann. Trauen Sie sich das zu?“
„Nunja, grundsätzlich schon, auch wenn ich die Details nicht kenne. Wer wäre denn mein XO?“
„Den müßten wir noch organisieren...genauso wie den Großteil der restlichen Offiziere.“
„Dann würde ich darum bitten, dass man mir meinen XO von der Fisher, Turner zuteilt und Lieutenant
O’Keefe als Waffen- oder Flugabwehroffizier. Dann hätte ich wenigstens da schon einmal ein
eingespieltes Team.“
„Sie wissen, dass der XO Slot eigentlich für einen Commander vorgesehen ist....beim Waffenoffizier
könnte man über den Dienstgrad hinwegsehen.“
„Sir, Turner ist der beste XO, den ich hatte und den ich in anderen Kommandos kennengelernt habe.
Wenn die Navy da auf Tradition beharrt, dann, mit Verlaub, soll man ihm den dritten Streifen geben.
Er würde mir jedenfalls den Rücken freihalten, dessen bin ich mir sicher.“
Der Admiral lehnte sich zurück. Insgeheim hatte er nach dem Studium der Akte von Gonzalez damit
gerechnet, denn Turner und er waren schon lange ein Team. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich ein
Kommandant für seinen XO stark machte, es wurde sogar erwartet, wenn das Team funktionierte.
Andererseits war es ungewöhnlich, dass ein Offizier Commander wurde, ohne je ein eigenes
Kommando gehabt zu haben.
„Ok, folgenden Kompromiß kann ich Ihnen anbieten. Turner bekommt den Dienstgrad provisorisch.
Sollte die Fahrt erfolgreich verlaufen, machen wir das permanent. Einverstanden?“
Gonzalez, der ahnte, dass er sein Blatt ausgereitzt hatte, nickte.
„Gut, sonst noch Fragen?“
„Ja, Sir, eine. Welchem Verband werden wir zugeteilt?“
„Das erfahren Sie recht bald. Vorerst machen Sie das Schiff bereit. Sie haben ausdrückliche Erlaubnis,
das Manövergebiet zu nutzen und scharfe Munition dort zu nutzen.“
„Danke Sir.“
„Gut, die Übergabezeremonie wird morgen an Dock 31a stattfinden, wo die Dauntless liegt. Der aktuelle Kommandeur, Lieutenant Quinn wartet draußen für Sie. Viel Glück, mein Junge, Sie werden es brauchen.“
Gonzalez verstand dies als Entlassung, stand auf, salutierte und rief:“Aye, aye Sir.“
Dann verließ er das Büro.
„Ob es wirklich der Richtige ist?“ fragte Shalikashvili seinen Chef.
„Ich hoffe es...wir brauchen die Dauntless da draußen, egal was für Witze man über das Schiff macht.“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:22
Die Messe war nicht besonders gut besucht. Solange die REDEMPTION an der PERSEUS Station
angelegt hatte, aß kaum einer freiwillig hier.
Immerhin lockte die Station nicht nur mit Kneipen, Bars, Geschäften und Supermärkten, sondern auch
mit Spezialitätenrestaurants, die beinahe jeden Wunsch erfüllen konnten – wenn der Preis stimmte.
Auch Helen Mitra aß lieber auf PERSEUS, solange sie angelegt hatten.
Sie mochte ihren Reis eben nur richtig scharf. Selbst das Chili auf der RED war eher ein leichter
Appetitanreger für sie.
Aber sie hatte mit Rusty eine außerplanmäßige Übung eingelegt. Der arme Junge hatte Kummer. War
während des Landgangs heftig abgeblitzt und hatte was zur Ablenkung unternehmen wollen.
Und Kali hatte nun mal ein weiches Herz und hatte mitgezogen.
Nun saßen sie hier in ihrer Stammkantine. Unwillig stocherte Kali in dem rum, was der Koch als
Rührei bezeichnet hatte.
Sie empfand es eher als Strafe Ganeshas an die Menschheit.
Seufzend zog sie eine kleine Schachtel aus ihrer Uniformjacke. Fünf Sorten Pfeffer, eine von ihr selbst
hergestellte Curry-Mischung und ihr ganz persönliches Geheimnis warteten darin.
Bedächtig streute sie erst die Strafe der Götter, dann den Kartoffelbrei - oder Instantzement, da war sie
sich noch nicht sicher – und letztendlich das Schweineschnitzel ein.
Sie ging so in ihrer Arbeit auf, dass sie kaum hörte, was Rusty planlos vor sich hinplapperte, während
er lustlos seine Folienkartoffel zu Tode quälte.
„Hörst du mir überhaupt zu, Kali?“
„Was? Ja, klar. Lange Beine, tolle Titten und sie ist ja sooo süß. Was noch mal? Sie ist
Lt.Commander? Aus dem Flottenstab? Rusty, du hast echt das Zeug, dich immer in die falschen
Frauen zu verlieben.“
Der Pilot grinste schief. „Nee, es gibt da noch einen besseren. Wenn die Gerüchte stimmen, hat es
unser Lieutenant Blauhaar seit neuestem tatsächlich auf unsere Eisprinzessin abgesehen.“ Rusty
schluckte trocken, als Kali beim Nachwürzen innehielt. Doch bevor er das Thema wechseln konnte,
wurde er unsanft beiseite geschoben.
Annegret Lüding drängte sich neben den Second Lieutenant. „Das ist doch noch gar nichts. Wie ich
gehört habe, ist Ace auf der PERSEUS Station mit einem Piloten der MARY aneinander geraten. Erst
haben sie zusammen in einer Bar gesessen, und dann konnten sie gar nicht schnell genug ins nächste
Hotel kommen. Radio hat erzählt, dass…“
Kali riß unmerklich die Augen auf.
„Hör mal, Rapier“, versuchte Rusty die Situation zu retten, „wir sollten das Thema nicht vertiefen.“
„Na, wenn hier einer was vertieft hat, dann ja wohl Ace, oder? Was ist der Kerl auch für ein Idiot. Erst
geht er mit Lilja aus, und als die nicht auf seinen kaum vorhandenen Charme anspringt, da steigt er mit
der Erstbesten ins Bett. Man sagt ja, was auf Landgang passiert soll unter den Beteiligten bleiben. Aber
er hat sich reichlich schnell getröstet.“
„Du plapperst ja genauso schlimm wie Radio“, versuchte Rusty das Thema zu wechseln. Auf seiner
Stirn bildeten sich Schweißperlen.
„Und jetzt haltet euch fest: Die Frau – klar war es eine Frau, falls das noch nicht klar sein sollte – nun
ja, diese Frau, es ist ein First Lieutenant mit dem Callsign Huntress, also, die wechselt nicht nur auf
die REDEMPTION, nein, sie übernimmt auch die blaue Staffel. Meine blaue Staffel. Ist das nicht ein
Gag? Blau. Blau wie die Haare von diesem Ace.
Angeblich hat Radio bereits einen Wettpool eingerichtet, wann und wie oft er und Huntress
übereinander herfallen werden“, plauderte Rapier munter weiter.
Mit einem lauten Klacken fiel Kali der Pfefferstreuer aus der Hand. Wäre der Tellerrand, auf dem er
aufschlug, nicht aus Metall gewesen…
„Äh, Rapier, du solltest wirklich mal lernen, die Klappe zu halten. Kali hat sich mit Ace doch die
Kabine geteilt, während der ersten Feindfahrt, weißt du nicht mehr?“
„Oh.“ Rapier sah zu Rusty, der kräftig nickte, um seine Worte zu unterstreichen.
„OH!“ Sie sah zu Kali, deren Rechte immer noch in der Luft hing, als hielte sie den Streuer noch.
„Kali, ich… Es tut mir leid. Ich habs vergessen. Da lebt man zwei Monate mit so einem Typen
zusammen und dann stellt sich heraus, dass er mit jeder ins Bett steigt, die nicht bei drei auf den
Bäumen ist. Du hast mein Mitgefühl.“
Ruckartig stand Helen Mitra auf. Ihr Kopf ruckte hoch und fixierte Rapier.
In der Kantine wurde es leiser. Die wenigen anwesenden Piloten und Techniker starrten herüber.
„Auf dein Mitgefühl scheiße ich, Rapier.
Dieser blauhaarige Bastard kann meinetwegen zwischen Terra und Akar vögeln, wen und was er will.
Es interessiert mich nicht. Soll er doch. Ist mir egal. Also verschone mich mit solchen exklusiven
Nachrichten, ja?
Dann laß ihn doch `ne Staffelführerin flachlegen. Vielleicht treibt er es ja sogar hoch bis in die Zweite
Flotte!“
Absolute Stille herrschte nun. „Entschuldigt mich. Mir ist der Appetit vergangen.“
Abrupt drehte sich Kali herum und verließ die Kantine.
Während sie wütend zu ihrer Kabine zurückmarschierte, murmelte sie wie ein Mantra: „Idiot, Idiot,
Idiot.“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:23
Als ich mich ausnahmsweise mal auf der RED aufhielt, nutzte ich die Gelegenheit, um mir zu
verdeutlichen, wieso ich lieber auf PERSEUS aß, solange der Träger festgemacht hatte.
Gutes, fettiges Essen aus meiner Stammkantine würde die richtige Grundlage für ein kleines Besäufnis
mit Darkness liefern. Das war schon lange fällig. Ich würde bald meinen eigenen Wing bekommen.
Wir hatten dann sehr viel weniger miteinander zu tun. Ein Umstand, der mir schon jetzt leid tat.
Aber ein eigener Wing… Ging es endlich mal wieder bergauf?
Ich stellte mich an, bekam eine undefinierbare Masse aufs Tablett geklatscht, die angeblich ein Texas
Chili sein sollte, holte mir dazu Pudding und mehrere Scheiben Weißbrot.
Dann nahm ich Platz. Bewußt wählte ich einen Platz, an dem ich alleine sitzen konnte.
Nun, wo ich ein wenig Zeit hatte, konnte ich meine Gedanken ordnen und nachdenken. Was war nicht
alles passiert, vor allem in den letzten Tagen?
Ich hatte festgestellt, dass ich außerhalb der Hülle der RED ein gefragter Mann war. Überlebende
eines Fights mit dem Roten Baron waren selten. Und ihre Erfahrung wurde geradezu herbeigesehnt.
Den letzten Abend hatte ich in einer Pilotenbar nicht einen einzigen Drink selbst bezahlt, und das alles
für ein paar Tipps und eindringliche Warnungen an die Nachwuchspiloten, die frisch von der
Akademie kamen und sich für unsterblich hielten.
Dann der eigene Wing. Lone Wolf oder Darkness, wem hatte ich das zu verdanken?
Ich entschied, dass es Lone Wolf war. Merkwürdig, denn der Mann mochte mich nicht. Darkness
hingegen verzichtete nicht freiwillig auf mich, das stand fest.
Als hätte ich damit ein Stichwort gegeben, hörte ich eine verschwörerische Stimme vom anderen Ende
des Tisches raunen: „Doch, es ist wahr. Der Alte muss Morgen rüber nach PERSEUS. Wenn ich’s dir
sage, Brawler, die halten ein Ehrengericht für ihn ab, wegen der Sache mit dem Friendly Fire. Mann,
der Alte kann froh sein, wenn er überhaupt noch fliegen darf, wenn die mit ihm fertig sind.“
Ehrengericht? Friendly Fire?
Ich erhob mich, nahm mein Tablett mit.
Radio bemerkte mich und grinste herüber. „Tag, Ace. Hast du schon gehört, dass…“
Mein Tablett landete direkt auf seiner Hose. Im Flug verstreute sich das Chili über seine ganze
Uniform.
Er starrte an sich herab und blaffte: „Sag mal, HAST DU DEN VERSTAND VERLOREN? Was soll
der Dreck?“
„Mir wird da so einiges klar, Curtiss“, blaffte ich wütend. „Sag mal, du weißt nicht zufällig, wer dem
JAG die Sache mit dem Friendly Fire gesteckt hat?“
„Was siehst du mich da so an? Ich war es nicht. Blauhaariger Idiot.“ Wütend stierte der Pilot mich an.
„Aber du warst doch der Erste, der diese Neuigkeit bekannt gegeben hat, nicht? Ich kann mich noch
sehr gut erinnern, dass jeder, der es mir erzählt hat, vorher sagte: Weißt du, was Radio erzählt hat?
Hoffentlich bist du stolz auf dich. Ein Mann hat Selbstmord begangen. Und unser CAG steht
wahrscheinlich vor dem Ende seiner Karriere, weil DU Labertasche dein Schandmaul nicht halten
konntest!“
Radio sprang auf. „Das… Das muss ich mir nicht sagen lassen!“
„Doch, das musst du, Curtiss“, knurrte ich wütend. „Du hast Scheiße gebaut. Das geht alles weit über
das hinaus, was du sonst verbockst.“
„Du bist doch bloß sauer, weil ich herausgefunden habe, dass du ne neue Flamme hast und jetzt
befürchtest, Kali und Lilja nicht mehr für nen flotten Dreier ins Bett zu kriegen!“, giftete der Pilot.
Mein Nachtisch landete in seinem Gesicht. „Es geht um dich, Curtiss, nicht um mich. Vorsicht, oder
wir veranstalten hier auch mal ein Ehrengericht.“
Abrupt drehte ich mich um. Der Appetit war mir vergangen.
„Das büßt du mir, blauhaariges Arschloch. Das büßt du mir.“
„Willst du mich zu Tode quatschen?“, höhnte ich und verließ die Kantine.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:24
Exakt um 19:00 Uhr betrat Lucas wie befohlen die ihm zugewiesene Messe.
Er trug die dunkelblaue Uniform. Auf dem Zweireiher waren sämtliche Ordens- und Kampagnenbänder angebracht. Von links nach rechts, wie er sie nach und nach erworben hatte.
Jacke, Hose, das weiße Hemd, die Krawatte hatte er selbst noch mal gebügelt und entfusselt. Die
Schuhe waren frisch poliert. Ebenso die goldene Pilotenspange.
Als er eintrat nahm er die goldbepresste Schirmmütze ab und klemmte sie unter den linken Arm. Das
dunkelblonde Haar war sauber zu einem Mittelscheitel gekämmt.
"Commander Cunningham meldet sich wie gewünscht." Er brauchte nicht salutieren, noch war er
herbefohlen worden, er trat vor seine Offizierskammeraden.
Doch seine Erwartung, einen Captain als Vorsitzenden und vier Commander vorzufinden wurde
enttäuscht.
Der Raum war sehr luxuriös eingerichtet, doch die meisten Tische waren an die Seite gerückt worden.
Allein zwei Tische standen noch in der Mitte. Einer für ihn.
Einer, etwa zwei Meter von seinem Tisch entfernt, für seine Offizierskammeraden, die schon
anwesend waren.
In der Mitte der fünf Offiziere saß eine Frau zwischen 40 und 50 Jahren. Den Ärmel ihres blauen
Einreihers zierten eine Doppelstreifen und zwei normale goldene Streifen. Die anderen Offiziere
waren Captains, drei Männer und eine Frau. Hinter ihnen war ein Fahnenständer mit der Fahne der
Navy und der Fahne der Republik.
"Guten Abend Commander, bitte setzen Sie sich", begann die Vorsitzende, "ich bin Vizeadmiral
Noltze. Das sind die Captains: Mithel...", sie deutete auf den Captain links von sich, dessen Alter
ungefähr dem von Noltze entsprach. Neben einem kurzen Nicken gab er allerdings keine Reaktion,
"...Chao...", sie deutete auf den jungen Asiaten links von Mithel und wandte sich dann an den Captain
rechts von sich. Ein würdevoller Offizier, mit komplett grauem Haar und Vollbart "..., Summersley...", als
letztes kam die junge Frau an die Reihe, " ...und Captain Chantir."
Lucas wandte sich zuerst an Chantir: "Ma'am,..." und dann die restlichen Captains, "...Sirs."
"Ich denke wir können beginnen", fuhr Noltze fort, "Sie sind hier, um sich für Ihre Handlungen in
Sachen Brendstone, die letztlich darin gipfelte, das 2nd Lieutenat Samuel J. Brendstone am 6. April
2636 Selbstmord beging."
Lucas zuckte für alle Anwesenden sichtlich zusammen.
"Bitte erheben Sie sich Commander." Lucas tat wie gefordert. "Entsprechend der lebendigen
Traditionen der Terran Space Navy sind Sie vor dieser Versammlung erschienen und werden, wie es
der Offizierskodex, Ihr Eid und Ihre Ehre als Offizier und Gentleman von Ihnen verlangt, alle Fragen
wahrheitsgemäß beantworten."
"Aye, aye Ma'am. Solange es mir die Pflicht gebietet." Er hatte den Befehl bestätigt, aber gleichzeitig
zu verstehen gegeben, dass er über Sachen der Geheimhaltung kein Wort verlieren würde.
"Bitte setzen Sie sich wieder und erzählen Sie uns von dem Abschuss des Terranischen Frachters und
Ihr dazugehöriges Handeln."
Lucas fing an zu erzählen. Auf Nachfrage erläuterte er genauer. Musste sich hin und wieder selbst
korrigieren. Den Namen Auson erwähnte er so wenig wie möglich, spielte ihre Beteiligung herunter.
Als er zu der 'Komm-zu-Jesus-Rede' mit Yamashita kam, bemerkte er auf Mithels Gesicht ein kurzes,
spöttisches Lächeln.
Chantir und Summersley zogen die Stirn kraus.
Als er schließlich zu der Verwicklung des N.I.C. kam fragte Chao immer häufiger nach. Auch was die
Mission anging. Lucas verweigerte die Antworten darauf.
Doch als Chao weiterbohren wollte, untersagte es Noltze mit einigen harschen Worten.
Schließlich schienen alle Offiziere befriedigt, mit Ausnahme von Chao, und Lucas wurde gebeten
draußen zu warten.
Kaum war die Tür hinter Lucas geschlossen, da begann Mithel: "Freispruch, ganz eindeutig. Wir
können niemanden ans Bein pinkeln, weil er den Ruf der Flotte schützen wollte."
"Wenn Sie gestatten...", antwortete Chao, "...so einfach ist es aber nicht. Der Commander hat eklatant
gegen die Vorschriften verstoßen. Er hätte den Vorfall melden müssen, dann hätte die Flotte auch
entsprechend drauf reagieren können. Er hat dem Oberkommando die Möglichkeit genommen
souverän auf die Geschehnisse zu reagieren."
Mithel betrachtete seinen Kameraden abschätzig: "Egal wie souverän unsere Flotte reagiert hätte,
der Schaden wäre da gewesen. Unser Ruf ist nach Mantikor eh im Eimer, da können wir keine
schlechte Presse mehr vertragen."
"Sehr richtig", Summersley nickte, er war schon immer der Meinung, dass die Navy ihre schmutzige
Wäsche am besten selbst wusch.
"Nun meine Herren, auch ich bin der Ansicht, dass wir den Commander nicht ungeschoren davon
kommen lassen können", schaltete sich Chantir ein, nur um dann gleich von Summersley unterbrochen
zu werden: "Das ist wieder mal typisch von Ihnen, René ..."
"Würden Sie mich bitte ausreden lassen?" fuhr die jüngste der Anwesenden mit zorngeröteten Wangen
Summersley an. "Danke. Zum einen gebe ich Captain Chao recht. Zum anderen sollten wir uns mal
vor Augen führen, was für einen Lawine der Commander in Gang gesetzt hat.
1. Er hat dem Flottenkommando die Möglichkeit genommen in dieser Sache vernünftig uns Souverän zu handeln. 2. Er hat uns die Möglichkeit genommen, nachzuvollziehen, was für Menschen auf dem Frachter waren.
Wir können dahin gehend nicht mehr nachforschen und ihre Angehörigen werden bis an ihr
Lebensende in Ungewissheit leben. Und ich denke mal DAS berührt hier jeden im Raum, wir sind
immerhin Raumfahrer, wie die 30 armen Teufel da draußen.
Aber weiter zu 3. ich möchte Sie nicht mit Ihren eigenen Gefühlen langweilen: Lieutenant Brendstone hat 30 terranische Zivilisten getötet. Nun, Cunningham wollte, das Brendstone davon nichts herausfand, aber Brendstone hat es herausgefunden und er kam damit nicht klar. Er hätte psychologische Hilfe gebraucht. Doch dank unserem Genie da draußen bekam er sie nicht. Cunningham hätte genauso die Knarre nehmen können
und Brendstone einen Energiblitz in den Schädel jagen können. Gleiches Ergebnis."
Mithel räusperte sich: "Und wollen Sie deshalb etwa zum Racheinstrument des JAG werden?"
Chantir sprang auf: "Also ... also, das ist doch die Höhe, statt über Ihre Pflicht als Offizier Ihren
Untergebenen gegenüber nachzudenken werfen Sie mir so was an den Kopf?"
"Bitte René setzen Sie sich...", zum ersten Mal seit Cunningham den Raum verlassen hatte sprach
Noltze, "...was schlagen Sie vor, sollen wir mit dem Commander machen?"
"Entfernen Sie ihn von seinem Posten und stecken Sie ihn dahin, wo er keinen Schaden mehr
anrichtet: Rekrutierungsbüro, Pressestelle - zum in die Kamera lächeln wird er wohl nicht zu dämlich
sein." Chatirs Stimme überschlug sich und sie warf Mithel immer wieder böse Blicke zu.
"Ich sage immer noch, wir sollten ihn freisprechen." Sagte Mithel bestimmt.
Sofort begannen Chao und Chantir lauthals zu protestieren.
Summersley verschränkte trotzig die Arme: "Einem Schuldspruch stimme ich nicht zu."
Noltzes Hand knallte auf den Tisch: "Doch, Sie werden einen Schuldspruch zustimmen."
Chantir lächelte ihren älteren Kollegen arrogant ins Gesicht.
"Weil ich es Ihnen befehlen werde", fuhr Noltze fort.
"WAS? Das können Sie nicht." Brauste Summerley auf. Auch Mithel wollte was sagen, doch Noltze
ließ ihn nicht zu Wort kommen: "Ach, sind Sie sich sicher, Ed?"
"Da hat er leider Recht Ma'am", warf Chantir kleinlaut ein.
"Madam, meine Herren, diese Versammlung nimmt Ihre Legitimität aus den so genannten lebendigen
Traditionen der Navy. Ein mächtige Legitimität. Dennoch, ist dies hier ein illegales Tribunal. Der JAG
würde sich sehr freuen, wenn jetzt ein Vizeadmiral mit einer Selbstanzeige bei ihm auftritt."
Noltze war aufgestanden und um den Tisch herumgegangen und lehnte jetzt an Cunninghams Tisch
und lächelte die entgeisterten Captains an: "Sie werden einstimmig meinen Schuldspruch unterstützen..."

Als Lucas wieder eintrat zeichnete sich auf den Gesichtern der vier Captains Ärger ab. Noltze behielt
einen neutralen Gesichtsausdruck. Vor Ihr stand ein eingeschaltetes Notebook.
"Commander: Diese Versammlung hat bei Ihnen einen mangelnden Respekt vor der Militärjustiz
festgestellt und wird diese Feststellung in Ihrer Akte vermerken." Sie begann zu tippen. "Desweiteren
muss ich feststellen, dass ich über Ihr eklatantes Fehlverhalten in dieser Angelegenheit über die Maße
schockiert bin. Allerdings haben wir uns entschlossen das nicht zu vermerken. Dabei ist Ihnen zugute
gekommen, dass Sie keinen Kommandantelehrgang hatten, um Sie auf diese Aufgabe als Geschwadercommodore vorzubereiten. Ansich keine Entschuldigung. Nichtmal ansatzweise. Sie können sich bei den Captains Mithel und Summerley für deren Fürsprache bedanken. Warum ich Sie aber auf Ihrem Posten belasse ist die gute Arbeit, die Ihr Geschwader bisher geleistet hat." Schließlich nickte sie. "Sie dürfen Wegtreten."
Lucas nahm Haltung an: "Aye, aye Ma'am! Danke Ma'am."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:24
Enrique Eduardo Emilio Gonzalez betrachtete sein neues Schiff. Von außen sah es ja ganz nett aus, die
Blechbüchse. Aber Lieutenant Quinns Mängelliste war ein herber Dämpfer gewesen. Er hatte sich
zwar gedacht, dass das Schiff unter Kinderkrankheiten litt, das war bei der Fisher auch der Fall
gewesen, aber es war doch etwas anderes, ein Schiff aus einer erprobten Klassen in Dienst zu stellen
oder eine komplett neue Klasse einzuführen. Aber selbst für die letztere Gruppe sah es bei der
Dauntless wirklich schlimm aus. Nicht nur Subsysteme, sondern auch wichtige Hauptsysteme
versagten komplett den Dienst. Die Software des Gefechtscomputers, der mal die
Flugabwehrbemühungen einer ganzen Flotte kontrollieren sollte, stürzte ständig ab und wenn er dann
doch mal lief, waren seine Berechnungen nicht immer korrekt. Die SM2 Werfer streikten komplett.
Hinzu kamen kleinere Unzulänglichkeiten, etwa mit dem Frischluftsystem, was die Stimmung an Bord
auf einen Tiefpunkt gedrückt hatte. Wenigstens hatte Gonzalez die Meldung erhalten, dass bereits bei
der Kommandoübergabe am nächsten Tag fast die komplette Besatzung zusammenkommen würde. Je
länger er über die Probleme nachdachte, desto froher war er darüber, Warren Turner und Douglas
O’Keefe im Boot zu haben. Turner kannte er ja schon lange und O’Keefe zeigte sehr gute Anlagen.
Ihn würde Gonzalez im der Feuerleitzentrale einsetzen. Mark Quinn machte ebenfalls einen guten
Eindruck auf ihn, er war für Sensoren und Funk vorgesehen. Ein dritter Lieutenant namens Sarah
Begin war für Navigation und Conn zuständig, Gonzalez hatte sie auf der Labrador kennengelernt, als
sie noch ein junger Ensign gewesen war. Insgesamt ein anständiges Team, wenn es auch noch sehr
jung und etwas unerfahren war. Aber erfahrene Offiziere waren in diesem Krieg nunmal selten. Aber
angesichts der Tatsache, dass diese Posten allesamt normalerweise mit Lieutenant Commandern
besetzt wurden, war Gonzalez klar, dass Turner und er einen harten Job vor sich hatten. Andererseits
bedeutete das auch, dass er die Offiziere prägen konnte und dass diese angesichts der naheliegenden
Möglichkeit der Beförderung nach dem Einsatz doppelt anstrengen würden.
Gonzalez schüttelte nochmals den Kopf, was hatte er sich da blos andrehen lassen. Die Tatsache, dass
sein Urlaub für die Katz war, war noch das kleinste Problem, denn er fragte sich, ob er auch nur hoffen
konnte, den Kahn rechtzeitig gefechtsbereit zu bekommen. Nach einem letzten Blick zur Dauntless
ging er ins Hotel, wo er seine letzte Nacht an Bord der Station verbrachte.
Am nächsten Tag traf Gonzalez mit den Offizieren im Schlepptau am Liegeplatz der Dauntless ein.
Die heutige Zeremonie würde insofern etwas ungewöhnlich sein, weil die Beförderung mit der
Kommandoübergabe verbunden war. Die gesamte schon zugeteilte Manschaft hatte in weißem
Paradedress Aufstellung genommen. Gonzalez und seine Begleiter trugen ebenfalls weiß heute und
stellten sich in eine Reihe vor die Mannschaft. Neben ihm stand Captain Conners, mit der er sich am
Vortag ausführlich unterhalten hatte. Dann traf der Admiral mit seinem Stabschef und seinem
Adjutanten ein. Alle anderen Anwesenden nahmen Haltung an, als ein Petty Officer die traditionelle
Schiffspfeife blies.
Dann rief der Adjutant: „Stehen Sie bequem.“ Die Besatzung reagierte trotz des Mangels an Übung
wie auf dem Paradeplatz. Der Admiral schritt kurz die Reihe einmal ab und kam dann vor Gonzalez zu
stehen. Dieser tat einen Schritt nach vorne.
„Commander Gonzalez, hiermit befördere ich Sie in den Rang eines Captains der Terran Space Navy
und verleihe Ihnen alle Rechte und Privilegien, die mit diesen Rechten einhergehen. Erweisen Sie
sich dieser Position würdig.“ Der Admiral lies sich von seinem Adjutanten die Adler, die das
Rangabzeichen des Captains waren, geben und befestigte diese auf den Schultern von Gonzalez. Die
alten Abzeichen reichte er wieder seinem Adjutanten.
„Herzliche Glückwunsch, Captain Gonzalez.“ McAllister reichte ihm seine Hand, die Gonzalez
annahm und schüttelte.
Dann trat McAllister an das Rednerpult, das aufgebaut worden war.
„Männer und Frauen von der Dauntless. Wir stehen in einem Krieg, in dem es um alles geht. Der
Feind ist mächtig und gnadenlos. Doch ich bin überzeugt, dass wir diesen Krieg gewinnen werden,
wenn wir geschlossen stehen und kämpfen. Wir werden heute einen Kommandowechsel miterleben.
Es ist bedauerlich, dass Captain Conners nicht die Dauntless in ihr erstes Gefecht führen kann. Doch
ich bin fest davon überzegt, dass ihr Nachfolger, Captain Gonzalez die Lücke, die das Fehlen von
Captain Conners reißt, füllen wird. Diese beiden Offiziere verkörpern die besten Werte der Navy, Mut,
Ehre und Kampfgeist.
Ihnen allen wünsche ich alles Gute im bevorstehenden Kampf gegen die Akarii.“
McAllister trat vom Pult zurück und setzte sich auf einen Stuhl, der zwei Meter weiter hinten stand.
Dann trat Conners an das Pult. Man sah ihr an, dass sie immer noch etwas zerrissen war zwischen der
Erfüllung eines langgehegten Wunsches und dem Verlust des Kommandos. Sie räusperte sich und
begann dann: „Ich bin nur kurz der Captain dieses Schiffes gewesen. Trotz aller Probleme, die wir
hatten, war es für mich eine Ehre und eine Freude, der erste Captain der Dauntless gewesen zu sein.
Ich bin überzeugt, dass dieses Schiff seinem Namen und der Tradition, für die er steht, Ehre machen
wird und dass es seine Besatzung schützen wird. Ihnen, Captain Gonzalez wünsche ich ein viel Erfolg
und eine glückliche Hand. Passen Sie auf die Dauntless gut auf, sie ist es wert, dass man dies tut. Ich
will schließlich mein Schiff wieder haben.“
Dann trat Gonzalez vor.
Conners begann mit der eigentlichen Zeremonie. „Sir, ich bin bereit, das Kommando zu übergeben.“
Gonzalez erwiderte:“Ich übernehme hiermit das Kommando.“
Dann wandte sich Conners zum Admiral: „Sir, ich habe das Kommando übergeben.“
Beide Captains salutierten, dann schüttelten sie einander die Hand.
Die Marinekapelle der Perseusstation spielte die Nationalhymne, währenddessen alle Anwesenden in
HabAcht gingen. Nachdem der letzte Ton verklungen war, trat Gonzalez ans Rednerpult. Auch er
beschränkte seine Rede auf wenige Sätze.
„Besatzung der Dauntless, es ist mir eine Ehre, ihr neuer befehlshabender Offizier zu sein. Vor uns
liegt ein hartes Stück Arbeit, aber ich denke, wir werden frohen Mutes an die Sache herangehen. In
den nächsten Tagen werden wir uns näher kennenlernen und Sie werden feststellen, dass man mit mir
auskommen kann, wenn man mit Kompetenz und Herz bei der Sache ist. Ich bin sehr froh, dass ich
Offiziere um mich weiß, denen ich vertrauen kann. Da ich weiß, dass viele von Ihnen vorher auf
anderen Schiffen gedient haben, empfehle ich Ihnen, sich mit ihren Kameraden und ihren Aufgaben in
den nächsten Tagen vertraut zu machen, denn wir werden schon bald mit Manövern beginnen. Ich
zähle auf Sie, lassen Sie mich nicht im Stich!“
Dann trat auch Gonzalez vom Pult zurück. Turner als XO ließ die Manschaft wegtreten.
Nachdem die Feier formal beendet war, wünschte McAllister Gonzalez noch einmal viel Glück, bevor
er davoneilte. Conners blieb noch einen Moment länger und betrachtete die Dauntless wehmütig.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:25
Jaws verstaute seine Siebensachen in dem kleinen Spind. Viel hatte er nicht zu packen gehabt aber in
Relation zu dem winzigen Schrank, den er zur Verfügung hatte, war es beinahe ZU viel.
Auf dieser alten Kiste würde ihm so einiges abgehen, das wurde ihm immer bewusster. Sein
Zimmergenosse, Willard "Shrike" Evans der mit ihm ebenfalls von der Maryland gewechselt war,
duschte. Immerhin funktionierte das Sanitärsystem.
"Ich geh aus, Kumpel." Will schloss die Kabinentür hinter sich ohne auf eine Antwort zu warten.
Vermutlich hatte Shrike ihn eh nicht gehört. Er sah den Gang hinunter und versuchte sich zu
orientieren. Wenn er den Plan richtig im Kopf hatte dann war da links die Messe. Sein knurrender
Magen erinnerte ihn daran, dass das Frühstück schon eine kleine Weile zurücklag. Also machte er sich
auf den Weg zur Fresskammer. Einige Piloten waren anwesend, kaum einen kannte er.
Das Menü war hervorragend. Er schnappte sich einen Erbseneintopf, Jaws war leicht
zufriedenzustellen, und nahm Kurs auf den dichtbesiedelsten Tisch.
"Ist hier noch frei?" Er lächelte freundlich seine neuen Kameraden an. Die Namen sagten ihm wenig.
"Klar Kumpel, setz dich und greif zu." Ein junger 2nd Lieutenant war der Sprecher. "Der Name ist
Schmitt aber nenn mich Claw."
"Angenehm, ich bin Will. Jaws." fügte er hinzu. Scheinbar nahm man es unter den Lieutenants hier
auch recht lax mit dem 1. und 2. Klasse. Gut er hasste es wenn jemand, der eigentlich gleichrangig
war, vor ihm kuschte.
Die Piloten verbrachten einen ruhigen Nachmittag in der Messe und Will genoß die Zeit. Vielleicht
war es doch nicht so schlecht hier wie er gedacht hatte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:26
Erinnerung
Lilja stromerte ziellos durch die „Straßen“ der Station. Sie wußte nicht recht, was sie mit ihrer Zeit
anfangen sollte. Das Training mit ihrem neuen Partner machte Fortschritte. Seine laxe Art nervte sie
zwar manchmal – er schien vieles allzu leicht zu nehmen, was sie durchaus für wichtig hielt. Wenn
man sich selber bemühte, eine Mustersoldatin zu sein, um bloß nicht wieder in die Reserve
abgeschoben zu werden, tat es nicht eben gut, jemandem zu begegnen, der klar zeigte, daß er den
größten Teil des militärischen Protokolls für Affenzirkus hielt. Einen Zirkus, den er nicht bereit war,
mitzumachen. Andererseits war er ein guter Pilot, der jedes noch so verrückte Manöver mitmachte und
vor keinem Feind zurückwich. Zumindest bei den Übungen. Aber alles, was sie über seine bisherige
Karriere erfahren hatte, schien darauf hinzudeuten, daß er es sonst nicht anders hielt. Sie hatte
natürlich nicht allzu tief geschürft. Wenn sie verlangte, daß er sich ihr gegenüber offenbarte, hätte sie
ihm ein ähnliches Recht zugestanden. Und dazu war sie nicht bereit.
Für heute hatte sie ihr Pensum erledigt, und eine gewisse Unruhe hatte sie dazu getrieben, sich nicht
wie immer in ihrer Kabine zu vergraben. Sie hatte kurz überlegt, sich Ina anzuschließen, sich aber
dann dagegen entschieden. Sie wußte, daß sie keine allzu angenehme Begleiterin war. Ihr war klar,
daß dies zum größten Teil ihre eigene Schuld war. Sie galt als ziemlich kratzbürstig, und mit anderen
Themen als dem Krieg konnte oder wollte sie nichts anfangen. Allerdings – ihre Narben trugen auch
dazu bei. Sie waren eine ständige Erinnerung an den Krieg, und gerade an den wollten viele nicht
immer gemahnt werden.
So war sie also allein unterwegs. Sie betrachtete die Besatzungsmitglieder, Piloten und Soldaten auf
Freigang mit dem Abstand einer Außenstehenden. Nicht unbedingt todtraurig darüber, aber dennoch.
Vermißte sie Gesellschaft? Nein, eher nicht. Wollte sie den Krieg vergessen? Auch nicht. Dies wäre
Verrat gewesen. So viele waren gestorben, so viele würden noch folgen. Einfach nur abschalten, sich
amüsieren, schien ihr einfach unpassend. Sie wußte, daß viele dies anders sahen. Sie verurteilte sie
nicht dafür. Aber sie konnte das geschäftige und vergnügungssüchtige Treiben nie sehen, ohne daß
etwas in ihr mißbilligend die Stirn runzelte. Wie konnten sie nur!
Sie verzog das Gesicht, als sie daran dachte, was ihr Ace geraten hatte: „Einfach alles mal
loszulassen.“ ,Dafür packt er selber aber eifrig zu!‘ dachte sie giftig. Es war gewiß keine Eifersucht,
was sie fühlte. Vielleicht nahm sie ihm einfach übel, wie er Kali so einfach abservierte – sie hatte sich
daran gewöhnt, an beide als eine Einheit zu denken. Das hatte vieles für sie einfacher gemacht.
Außerdem – so, wie diese Mata Hari sich gebärdet hatte, hätte man denken können, sie wäre immer
noch verknallt in den Piloten gewesen. Aber seinen Ratschlag nahm sie ihm noch mehr übel. Er
begriff wohl nicht, daß sie nicht „loslassen“ konnte, daß dies das einzige war, was sie zusammenhielt.
Daß sie etwas hatte, woran sie sich orientieren konnte, das ihr Halt gab im Krieg. Das loslassen? Da
konnte sie sich auch gleich umbringen! Und es wäre schändliche Treulosigkeit gewesen, hätte sie
ihren Haß losgelassen. Nicht, so lange es noch etwas zu rächen gab, nicht, ehe nicht vernichtet war,
was ihren Haß geweckt hatte. Aber was er wußte schon davon? Wie konnte er sich überhaupt
erdreisten, ihr weise Ratschläge geben zu wollen? Seine Arroganz – oder seine Unwissenheit –
erbitterte sie. Was wußte er schon!
Innerlich zog sie einen Schlußstrich. Sie wollte nicht an Ace denken. Wozu sich Stimmung und
Magen verderben? Sie ließ ihre Blicke umherschweifen. Mit einem Achselzucken entschied sie sich
für eine der Kneipen. Ein Schluck oder zwei konnten nicht schaden...
Drinnen orientierte sie sich. Halbwegs solide Soldatenkneipe, falls es so etwas gab. Hierher kam man,
um zu trinken – andere Amüsements wurden offenbar nicht angeboten. Sie begab sich zur Theke: „Ein
Vodka!“ knurrte sie: „Nein, Dummkopf, ich meine die FLASCHE!“. Dann widmete sie sich dem
ersten Glas. Sie wollte sich nicht betrinken, aber ein wenig Alkohol ließ meistens die Welt
freundlicher aussehen. Auf jeden Fall weniger langweilig. Vielleicht vermißte sie einfach den Krieg,
den Adrenalinschub – schämte sich, hier in der Etappe herumzusitzen, wer weiß wie lange noch.

Lieutenant Commander McQueen hatte die eintretende Pilotin erkannt. Er hatte sie schon ein paar Mal
gesehen. Ach ja, Lilja. Sie war ja erst kürzlich ausgezeichnet worden. Sonderlich glücklich sah sie
allerdings nicht aus. Sie wirkte isoliert – allerdings hatte sie etwas von einem Igel an sich, der die
Stacheln aufstellte. War da nicht etwas mit ihr und Ace gewesen? Ein Simkampf und ein Abendessen
als Preis. Er verzog seine Lippen zu einem Lächeln, als er an die Gerüchte dachte, die deswegen
bestimmt hochkochten. Soldaten waren unverbesserliche Klatschtanten. Eigentlich hatte er gehofft,
Ace zu treffen, doch der Junge war unauffindbar. Nun, er hatte sein Recht auf eigene Freizeit und
mußte nicht mit einem alten Schlachtroß zusammensitzen. Aber in gewisser Weise vermißte McQueen
ihn. Mit Cunningham war augenblicklich nichts anzufangen. Er schien beschäftigt zu sein – das hieß,
es steckte vermutlich eine Frau dahinter, oder eine Menge Ärger. Und außer ihm und Ace gab es nur
wenige, mit denen er gut klarkam. Mehr aus Neugier und halb in Gedanken trat er neben die junge
Frau.
Lilja war währenddessen mit der Vernichtung des Inhaltes ihres Glases beschäftigt. Die
Alkoholexzesse der russischen Soldaten in den Streitkräften waren berüchtigt – auch und gerade, weil
sie maßlos übertrieben wurden. Sie spürte jemanden neben sich und hob den Blick. Dann reagierte sie
reflexartig: „Lieutenant-Commander!“ Ihre Ehrenbezeigung war mustergültig. Doch der Offizier
winkte nur ab: „Lassen Sie mal. Wir sind ja nicht im Einsatz.“ Die Russin entspannte sich, aber nur
ein wenig. Er war Offizier – da war Vorsicht geboten. Er musterte sie: „Was dagegen, wenn ich Ihnen
Gesellschaft leiste?“ „Nein, Lieutenant-Commander!“ McQueen unterdrückte ein Kopfschütteln. Er
hatte selten jemanden gesehen, der es SO genau nahm. Er hob das Glas: „Auf den Krieg.“ Für einen
Augenblick huschte ein Lächeln über das Gesicht der Pilotin. Beide tranken aus. Sie schenkte nach:
„Auf den Sieg!“ meinte sie. Und dann, beim dritten Glas, mit harter Stimme: „Auf die Toten!“
Darkness wußte nicht, wie lange sie getrunken hatten. Die Gläser waren klein, aber es waren nicht
wenige. In gewisser Weise hatte er Gefallen an der wortkargen Gegenwart der Pilotin gefunden. Sie
erinnerte ihn etwas an sich selbst. Vor allem schien sie kein Verlangen nach Smalltalk zu haben. Wenn
sie schlechter Laune war, dann suchte sie jedenfalls nicht nach jemandem, um sich auszuheulen.
Schließlich, mehr aus Versehen, stellte er die Frage, die ihn eher am Rande beschäftigte: „Eine
Ahnung, wo Ace ist?“ Lilja zuckte zusammen, als hätte er ihr einen Schlag versetzt. Ihr Gesicht rief
erst rot an, dann wurde es wieder bleich. Ihre Stimme klang gepreßt, frostig: „Nein, Herr Lieutnant-
Commander!“ Von einer Sekunde zur nächsten war sie aufs Äußerste angespannt – falls man davon
reden konnte, daß sie sich vorher entspannt hatte. Er musterte sie überrascht: „Stimmt etwas nicht?“
Sie starrte ihn an: „Ich kümmere mich nicht um Ace.“ zischte sie wütend, seinen Rang
ausnahmsweise vergessend. Er schüttelte den Kopf: „Was ist los?“ Lilja zögerte. Dann, wieder
vorsichtig geworden, murmelte sie: „Persönliche Sache. Ich und Ace hatten ein paar...
Meinungsverschiedenheiten.“ Darkness versuchte in ihrem Gesicht – nun wieder eine Maske – zu
lesen: „Was für welche?“
Lilja zögerte. Vermutlich lag es am Alkohol, oder daran, daß sie ihren Ärger zu lange in sich
hineingefressen hatte, jedenfalls ließ sie ihre Zurückhaltung fahren: „Ace ist ein Schwachkopf!“
fauchte sie: „Er weiß nicht, warum wir hier sind. Er weiß nicht, wofür, und vor allem, WOGEGEN wir
kämpfen!“ Darkness war ehrlich überrascht: „Er kämpft, wie wir alle. Und gut. Ich weiß nicht, was du
meinst.“ Sie gestikulierte: „Er hat mir erzählt, er könne die Akarii nicht hassen, weil er quasi in ihrer
Nachbarschaft aufgewachsen ist. Er könne sie nicht hassen, weil ein paar Tausend gegen ihn fliegen.
Er meint, es sei möglich, in ihnen Gegner zu sehen, aber sie nicht zu verabscheuen.“ Ihre Augen
brannten vor Haß: „Diese PAAR TAUSEND Akarii haben meine alte Staffel ausgelöscht. Außer mir
lebt nur noch einer, und er ist für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt, verkrüppelt.
Manchmal denke ich, das ist schlimmer als der Tod. Manchmal denkt ER das! Und wer ist schuld?
Die PAAR TAUSEND Akarii! Das sind BESTIEN, sie alle! Wir sind hier, um sie zu töten, nicht, um
einfach ihre Schiffe zu verschrotten!“
Darkness spürte die eigenen Wunden. Oh ja, er konnte sich vorstellen, was Lilja fühlte. Er kannte das
Gefühl. Aber andererseits – hatte Ace ihm nicht auch gezeigt, daß ein solcher Haß nicht die einzige
Möglichkeit war? Er konnte Ace nicht verachten, daß er Freundschaft gegenüber dem gefangenen
Akarii empfunden hatte. Daß er nicht wie Lilja, wie er selber, den Gegner haßte. „Ich kann mir
vorstellen, was du fühlst, Lilja“ meinte er: „Auch meine Staffel haben sie vernichtet. Ich war dabei, als
unser Geschwader aufgerieben wurde bei Trafalgar. Aber ich weiß nicht, ob du Ace gerecht wirst. Er
tut seine Pflicht. Auf seine Weise. Woher sollen wir wissen, was richtig ist? Wir sind Soldaten, wir
sollen nicht hassen, wir sollen einen Auftrag erfüllen...“
„Gerede!“ spie sie: „Nichts als Worte! Wir müssen sie hassen, weil es das einzige ist, was sie verdienen!“ Sie blickte den Offizier direkt an: „Es gibt da eine Geschichte aus dem schlimmsten Krieg, den mein Volk jemals führte. Ich habe sie irgendwo gelesen, aber sie trifft auch heute noch zu. Einer unserer Piloten hatte einen feindlichen Jäger abgeschossen. Der Feind hatte seine Maschine hinter unseren Linien notlanden können und flüchtete vom Wrack in die Büsche. Unser Pilot wußte, würde er erst heimkehren und Meldung machen, würde
der Gegner entkommen. Er würde sich vielleicht zu seinen Leuten durchschlagen können, wieder fliegen, und vielleicht wieder töten. Also landete unser Flieger seine eigene Maschine in der Nähe, rief ein paar Soldaten zusammen, die in der Nähe unterwegs waren, und führte sie zum feindlichen Piloten. Er warf sich auf ihn, und erdrosselte ihn mit seinen bloßen Händen! Dann starrte er seinen Jäger und kehrte zu seinem Stützpunkt zurück. SO müssen wir Krieg führen!“
Dann schien ihr klar zu werden, was sie gerade gesagt hatte. Sie biß sich auf die Lippen: „Bitte
wegtreten zu dürfen, Herr Lieutenant-Commander! Ich melde, zuviel getrunken zu haben, dann rede
ich manchmal dummes Zeug!“ Darkness wußte, daß sie log. Sie hatte ihm gesagt, was sie glaubte.
„Gehen Sie.“ meinte er: „Und, Lilja – ich verstehe Sie. Ich weiß, was es bedeutet, seine Kameraden zu
verlieren. Ich weiß, was es heißt, zu hassen.“ Sie salutierte nur.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:26
Vorbereitung

Mithels Stimme klang verächtlich und erbarmungslos, aber ruhig: „Lassen Sie mich es noch einmal
zusammenfassen, Lieutenant-Commander Alverado. Sie haben also, als Sie das Feuer in Sektion A-24
unter Kontrolle bringen sollten, darauf vertraut, daß die Schließautomatik der Feuerschutzschotten
funktioniert, weil es keine Fehlermeldung diesbezüglich gab. Ist das richtig?“ Die junge Frau –
höchstens Mitte Zwanzig, eine durchaus hübsche Südeuropäerin, stand stocksteif da, das Gesicht
gerötet wegen der Demütigung: „Ja, Sir!“ „Sagen Sie, LIEUTENANT-COMMANDER, war Ihnen
nicht bewußt, daß die Vorschrift besagt, das Funktionieren der Schotten sei manuell zu überprüfen?“
„Nein Sir!“ „WAS? Nein, Sie wußten es nicht, oder Nein, es war Ihnen bekannt, aber Sie hatten es
vergessen.“ Sie biß sich auf die Unterlippe: „Nein, ich hatte es vergessen.“
Der Captain nickte grimmig: „Sehr richtig. Sie hatten es VERGESSEN. Vergessen, was im Falle eines
Feuers UNBEDINGT notwendig ist! Sagen Sie, warum haben Sie überhaupt die Akademie besucht?
Hat man Ihnen dort nur beigebracht, Ihre Kleidung in Ordnung zu halten und die Navy-Vorschriften
bezüglich des erlaubten Make-up nach besten Möglichkeiten auszulegen? Oder haben Sie
GELEGENTLICH auch etwas gelernt? Das Feuer, daß sich durch die wegen eines Kurzschlusses nicht
geschlossenen Schotten ausbreiten konnte, hat zu einer internen Explosion geführt, die das Ende des
Kreuzers bedeutete. Ist DAS Ihre Vorstellung von Ihren Pflichten?“ Ihre Stimme klang erstickt:
„Nein...Sir.“ „Ich verstehe Sie nicht. Was sagten Sie?“ „NEIN, SIR!“
Mithel betrachtete sie abschätzend: „Sehr schön, Sie sind ja tatsächlich zu einer Art Einsicht fähig.
Bloß leider würde uns das in einem echten Gefecht nichts nutzen. Wir wären dann TOT. SIE leiten die
Schadenssicherungsabteilung. SIE sind dafür verantwortlich, daß so etwas nicht geschieht. Oder sind
Sie mit Ihrer Aufgabe überfordert? Es gibt sicher Positionen, die Ihren Qualitäten angemessener sind.“
Sie wurde totenbleich. Eine Strafversetzung konnte das Ende ihrer Karriere bedeuten. Ihre Stimme
klang beinahe flehend: „Es wird nicht wieder vorkommen. Geben Sie mir noch eine Chance. Es tut
mir leid...“ Mithels Stimme troff vor Sarkasmus: „So, es tut Ihnen leid, Lieutenant-Commander! Wie
schön! Und wenn Ihnen das in der Schlacht passiert, was werden Sie vor Scham tun? Als Geist
zurückkehren, und die Familien von ein paar hundert Männern und Frauen damit trösten, daß es Ihnen
LEID TUT? Eine Chance? Meinen Sie denn, im Gefecht haben Sie noch eine? Da wird jeder Fehler
mit Blut erkauft. Und nicht nur mit Ihrem.“ Er schwieg, starrte sie schweigend, mißbilligend an. So
blickte ein Richter drein, wenn er ein Todesurteil verkündete.
„Ich gebe Ihnen Ihre Chance. Sie haben 24 Stunden Zeit, Ihre Abteilung auf Vordermann zu bringen
und einen UMFASSENDEN Bericht auszuarbeiten, wie man die Arbeit optimieren kann. Sie werden
sich so einen Fehler nicht noch einmal leisten. Nicht auf meinem Schiff.“ Sie nickte ruckartig.
Die Augen des Captains wanderten weiter. Vor ihm war die gesamte schuldige Abteilung angetreten.
Die Männer und Frauen blickten starr geradeaus, wie eine Armee von Puppen. „First Lieutenant
Dowd.“ Der Offizier machte ruckartig zwei Schritte nach vorne: „JA SIR!“ Der Captain ging langsam
auf den jungen Mann zu, hielt vor ihm an. Seine Stimme war deutlich vernehmlich: „Der First
Lieutenant hat heute Geistesgegenwart und Können bewiesen. Er hat durch den Einsatz von
Behelfsmitteln einen Nebenbrandherd in der Nähe des Munitionsdepots unschädlich gemacht. Ich
belobige Sie hiermit öffentlich.“
Er ließ seine Blicke über die Abteilung wandern: „Das Ganze – Weggetreten!“ Froh, dem
Donnerwetter entronnen zu sein, entfernten sich die Besatzungsmitglieder.
Mithel nickte Raffarin zu, die schweigend das Schauspiel verfolgt hatte: „Ordnen Sie für morgen, vier
Stunden vor Abgabe des Berichtes, eine verschärfte Alarmübung an.“ „Jawohl, Sir!“
Eine Weile schwiegen beide: „Sie sind nicht ganz meiner Meinung.“ stellte der Captain fest. „Nun,
was die Standpauke anging, die war nötig. Aber vor versammelter Abteilung? Das wird Alverados
Autorität nicht guttun.“ Mithel verzog das Gesicht: „Autorität VERDIENT man sich. Wenn sie bis
morgen gute Arbeit geleistet hat, ist Landgang für die Abteilung drin. Das dürfte ihrer Autorität
helfen. Wenn nicht – dann braucht sie auch keine Autorität mehr...“ Raffarin seufzte. Sie teilte ja die
Ansichten ihres Kommandeurs, aber manchmal schienen seine Praktiken fast zu rabiat. Er hatte
manchem Offizier wegen ähnlicher Fehler äußerst negative Beurteilungen gegeben, vor allem, wenn
die Betreffenden so dumm gewesen waren, Ausflüchte zu machen. Andererseits geizte er auch nicht
mit Lob, wenn er es (was so häufig nicht vorkam) für angebracht hielt. Er erzielte Ergebnisse, darauf
kam es an. Allerdings – die öffentlichen Demütigungen mußten ihr nicht gefallen. Und außer dem
Fußtritt gab es ja auch noch andere Methoden.

Die beiden Offiziere machten sich auf dem Weg zu Mithels Büro. Dort fanden die eher vertraulichen
Besprechungen statt. Und nun war es mal wieder Zeit für eine solche. Es gab...DINGE zu bereden.
Rogulski erwartete seine Kollegen. Der stämmige Lieutenant Commander ließ sich keine Unruhe
anmerken – wie immer. Er salutierte vor Mithel und nickte Raffarin zu. Es wurde gemunkelt, die
beiden stünden sich nahe, doch im Dienst war nie etwas davon zu bemerken – abgesehen davon, daß
sie einander offenbar vertrauten und sich ausgezeichnet ergänzten. Keiner der Untergebenen ergriff
das Wort – sie warteten auf ihren Captain.
Der kam wie immer gleich zur Sache: „Nun gut. Daß Vizeadmiral Noltze hier ist, wissen Sie ja schon.
Und nein, ehe Sie fragen, ich habe immer noch nicht erfahren, WARUM man uns hierher beordert hat.
Es scheint aber, wie immer, was Wichtiges zu sein, wenn die Dritte der Zweiten hier aufkreuzt. Aber
bis die Dame bereit ist, uns reinen Wein einzuschenken, vergeht noch ein Weilchen.“ Er rieb sich das
Kinn: „Sie ist eine ehemalige Pilotin, das verheißt nicht unbedingt Gutes. Erste Eindrücke sind stark.
Hoffen wir, daß Sie gelernt hat, in erster Linie Schiffe zu befehligen, und nicht mehr in Gedanken in
einem Cockpit sitzt.“ „Es gab Gerüchte über ein Ehrengericht“ meinte Raffarin. Natürlich wußte sie,
daß ihr Captain daran teilgenommen hatte. Es war ein nicht eben subtiler Hinweis, daß sie um
Aufklärung bat. Mithels Gesicht verzog sich verächtlich: „Das bleibt aber unter uns. Ich habe mir
schon genug Freunde gemacht. Also, irgend so ein Idiot von Geschwaderkommandeur – von Ihrem
Liebling, Raffarin, der Redemption – hatte einen friendly-fire-Zwischenfall vertuscht. Ein Pilot hat
sich deswegen umgebracht. Dummerweise sind diese aufgeblasenen Möchtegernhelden vom JAG
dahintergekommen und haben ein Wirbel darum gemacht, als hätte er seine Jagdpiloten wegen
Feigheit dezimieren lassen. Sie brauchen gelegentlich so etwas, um sich vorzulügen, sie seien nicht
der Wurmfortsatz in der Navy, den sie nun mal darstellen. Nichts als Wichtigtuerei und
Machtgehabe.“ Mithels freundschaftliche Gefühle für das JAG-Corps waren bekannt, deshalb
kommentierte keiner der Offiziere seine Worte. Sie teilten seine Ansicht in diesem Bereich. „Na egal.
Wenn er sich bloß ein BIßCHEN geschickter angestellt hätte!“ Auf Mithels Schiff, so munkelte man,
bekam das JAG kaum etwas mit. Er hätte lediglich aus Pietät darauf verzichtet, SEINEN JAG nicht
anzubinden, so lautete jedenfalls ein gehässiger Witz in der Besatzung. In Wahrheit war Mithel zu
klug, um es auf eine offene Konfrontation ankommen zu lassen – außer in extremen Ausnahmefällen.
Er begnügte sich vielmehr damit, dem Justizoffizier auf subtile Art und Weise ganze Wagenladungen
von Knüppeln und Zentner von Stolpersteinen vor die Beine zu werfen. Das genügte. Jedenfalls hatte
es auf seinen bisherigen Schiffen genügt. Und mit 30 Jahren Dienst in der Flotte war der Captain ein
alter Hase und mit allen Wassern gewaschen.
„Na gut, was gibt es sonst?“ Rogulski nahm Haltung an und antwortete: „Man zieht immer mehr
Schiffe hier zusammen. Binnen der letzten Woche kamen hier an die Dauntless, drei Zerstörer...“ er
ging die Liste durch. Mithel wirkte nachdenklich: „Dauntless. Hmmm... Ist das nicht dieser neue
Superkreuzer? Das Flakwunder?“ Wie alle altgedienten Militärs mißtraute er solch sensationellen
Erfindungen, die noch nicht erprobt waren. Aber das Schiff verkörperte für einige Militärs die
Hoffnung, die Nicht-Jagdfliegerstreitkräfte der Navy aufzuwerten. „Da war doch diese komische
Geschichte. Na, mal schauen...“ Irgend etwas schien ihm nicht zu passen. Aber er behielt seine
Gedanken für sich: „Also, fassen wir zusammen – keiner hat eine Ahnung, wohin es gehen soll. Es
wird KEINE Invasion sein, an eine Raumschlacht glaube ich auch nicht. Bisher spricht nichts dafür.
Wenn sie uns eine Jagdpilotin als Admiral vor die Nase setzen, dann bestimmt nicht, um endlich mal
zu beweisen, daß Jäger nicht das A und O der Raumkriegsführung sind. Also fehlen uns die Träger für
eine Schlacht, die Transporter für eine Invasion. Ein Vernichtungsangriff ist unwahrscheinlich,
obwohl wir hier genug Feuerkraft haben, um ein Dutzend Planeten in Schlacke zu schießen. Noltze
kuscht vor dem JAG, jedenfalls zur Hälfte. Ich kann mir nicht denken, daß sie glaubt, mit so etwas
durchzukommen, ohne daß unsere Tugendwächter hysterisch werden. Der Einsatz unserer Raketen
gegen strategische Ziele ist außerhalb der Konventionen.“
Er blickte seine Untergebenen an: „Ihre Meinung?“ „Positiv, Herr Captain.“ Meinte Raffarin: „Also
bleiben nur folgende Möglichkeiten. Entweder eine konzertierte Aktion, bei der die Träger einen
‚Rechen‘ bilden, der einen Raumabschnitt der Akarii leer spült. Oder man schickt eine Gruppe als
Köder voraus, um feindliche Jagdgruppen auszuschalten. Oder, sie haben einen wichtigen Planeten
oder eine Ansammlung von Schiffen ausgemacht, die sie gezielt angreifen wollen. Aber keinen
schweren Flottenverband der Akarii, nicht ohne schwere Träger. SO unvorsichtig ist keiner, erst recht
keine ehemalige Jägerpilotin, dies nur im Vertrauen auf ein unerprobtes Flaksystem zu wagen.“ „Sehr
richtig. Aber was es genau ist, das werden wir wohl fürs erste nicht erfahren. Haben Sie das Material,
worum ich Sie bat?“ Raffarin nickte: „Alles nicht als ultrageheim klassifizierte Material über ‚Husar‘“
Sie verzog ihre Lippen: „Über den letzten Einsatz der Redemption nicht viel. Stinkt nach
Schlapphutaktion. Aber immerhin etwas zu ihren Gefechten.“ „Gut. Lassen Sie mir das da – machen
Sie aber Kopien für sich und Rogulski. Ich erwarte übermorgen Bericht, was Ihre Schlußfolgerungen
sind.“ Er grinste: „Und wenn Sie Ihre Sache nicht gut machen, werden Sie Alverado noch beneiden.“
Die beiden Untergebenen schien das wenig zu schrecken: „Jawohl Sir!“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:27
Sobald sie gegangen waren, widmete er sich den Aufzeichnungen. Irgendwo da lag, was er suchte.
Wie ein Digger im Geröll und Schlamm suchte er nach den Goldkörnern, die seinem Schiff das Leben
retten konnten. Eine Sache schien ihn zu stören. ‚Mal schauen, ob sich da nicht etwas machen läßt...‘
dachte er. Er ging zum Schreibtisch und begann zu tippen.
An: Vizeadmiral Noltze
Von: Captain Mithel
Vertraulich
Admiral!
Wie Sie ohne Zweifel wissen, hat man mich bei meiner Ankunft über die Schiffe und Kommandanten
informiert, mit denen ich in nächster Zeit zusammenarbeiten werden. Diesbezüglich verlangt es meine
Pflicht von mir, Ihnen über einen Umstand Meldung zu machen.
Sie haben gewiß von dem Ausfall der Kommandantin der „Dauntless“ gehört. Wie man mir mitteilte,
wurde zu ihrer Vertretung ein gewisser Commander Gonzales bestimmt, Befehlshaber der Fregatte
„Fisher“. Er und sein Stellvertreter wurden von Ihrem Vorgänger bei simultaner Beförderung in
gleicher Position auf die „Dauntless“ versetzt.
Admiral, ich kenne Captain Gonzales und seinen Stellvertreter nicht persönlich. Zweifelsohne sind
beide Offiziere von untadeligem Auftreten und bester Eignung. Dennoch verlangt mein Gewissen von
mir, in dieser Hinsicht nachzufragen. Es treffen augenblicklich immer mehr Großkampfschiffe bei der
Perseusstation ein. Ich meine, man könnte in Erwägung ziehen, entweder Captain Gonzales, seinen
Stellvertreter oder beide durch Offiziere dieser Schiffe zu ersetzen. Bitte verstehen Sie dies nicht als
Kritik gegen die genannten Offiziere. Ich bin mir nur nicht im Klaren, ob beide den Anforderungen
ganz gewachsen sind. Beide haben bisher nur auf kleinen Schiffen gedient. Die Anforderungen an
Bord eines großen Schiffes aber sind, wie Sie als erfahrene Kommandeurin eines Trägers natürlich
wissen, anders und vor allem größer. Aus diesem Grund ist es ja auch Brauch, die künftigen
Befehlshaber von Großkampfschiffen erst eine Weile als XO an Bord eines Kreuzers oder Trägers
dienen zu lassen, damit sie sich an die Belastungen gewöhnen.
Die „Dauntless“ ist ein neues Schiff, die Besatzung ist ungeübt, ihre Technik noch nicht erprobt. Ich
habe persönlich als Captain der Navy große Bedenken, das Kommando und die Stelle des XO
Offizieren zu übergeben, die an derartige Herausforderungen nicht gewöhnt sind. Sollten sie, wovon
ich nicht ausgehe, es aber auch nicht völlig ausschließen kann, unter Druck auf Grund mangelnder
Erfahrung versagen, wäre das Ergebnis überaus tragisch für die Navy.
Ich bin sicher, unter den Besatzungsmitgliedern auf den hier versammelten Schiffen finden sich genug
erfahrene Offiziere, die eine solche Gefahr minimieren würden.
Ich weiß, dies mag unkollegial klingen, aber ich versichere Ihnen, zumindest aus meiner Sicht der
Dinge wäre es für Schiff und Besatzung das beste, einen erfahrenen Großschiffoffizier einzusetzen, als
XO oder Kommandeur.
Wie Sie wissen habe ich selber das Kommando über mein letztes Schiff, die „Hydra“, übernommen,
als der Captain im Gefecht fiel. Hätte man mich frisch von einem Zerstörer in solch eine Position
versetzt, so zweifle ich daran, daß ich meine Aufgabe so hätte ausfüllen können, wie es mir mit meiner
Erfahrung als XO an Bord eines Kreuzers möglich war.
Ich verbleibe mit dem Höchsten Respekt.
Captain Mithel
Nun, vielleicht würde das etwas helfen. Mithel hielt nichts von Senkrechtstartern. Einen Zerstörer zu
führen hieß noch lange nicht, daß man mit einem Kreuzer klarkam. Zu oft hatte die Navy durch die
Beförderung solcher „Helden“ Schaden genommen. Außerdem empörte es Mithels Sinn für Ordnung,
daß gemunkelt wurde, der Kommandeur der Fisher hätte die Beförderung seines XO quasi gefordert.
Wo war man denn! Nein, einem geltungssüchtigen Kleinschifkommandanten konnte man doch keinen
neuen Kreuzer anvertrauen. Vor allem nicht DIESEN Kreuzer.
Er wußte, sollte Noltzes Vorgänger das herausbekommen, würde er Mithels Pflichtbewußtsein nicht
eben loben. Es war nicht eben gebräuchlich, die Entscheidung eines Admirals in Frage zu stellen. Auf
der anderen Seite ging Mithels Ehrgeiz nicht so weit, daß er deswegen seine Pflicht vernachlässigte.
Besser, einen verärgerten Admiral, als einen überforderten Senkrechtstarter am falschen Platz. Sollte
man den Vorschlag ablehnen, und etwas ging schief - nun, er hatte sein Möglichstes getan. Er wäre
beruhigt gewesen, jemanden wie Raffarin oder auch Rogulski eingesetzt zu sehen, aber das hier...
Seine Gedanken wanderten wieder zu dem Ehrengericht. Dieser Cunningham – nun, der Mann war
sicher nicht besonders helle, sonst hätte er seine Spuren besser verwischt. Aber er war loyal seinen
Untergebenen gegenüber, hatte die Schuld nicht abzuwälzen versucht. Nicht eben häufig. Und tapfer
war er bestimmt – fast ein perfekter Held. Meinte jedenfalls Mithel, der von dieser Gattung nie eine
allzu hohe Meinung gehabt hatte. Vielleicht konnte er noch nützlich sein. Es wäre möglicherweise
nicht falsch, ihm in den nächsten Tagen ein oder zweimal eine gewisse Solidarität zu zeigen. Zum
einen dürfte er bei vielen anderen Offizieren fürs erste erledigt sein. Wenn Mithel ihn demonstrativ
nicht schnitt, so würde der Commander sich dies merken. Natürlich würde es ihm nicht viel nützen.
Mithel hatte wenig unmittelbaren Einfluß. Aber isoliert und mit dem Gefühl, ungerecht behandelt zu
sein, da wirkte eine Solidarisierung wie Balsam für die Seele. Und vielleicht konnte dieser
Cunningham noch mal nützlich sein.
Mithel hielt nicht viel von Jägerpiloten. Nicht, weil er ihre Leistungen nicht anerkannt hätte. Aber ihn
störte der Rummel, der um sie gemacht wurde, wie man sie zu den Helden per Definition
hochstilisierte. Wie man in ihnen die Waffe schlechthin sah. Dies war einseitig und damit unklug.
Nun, er würde sehen...

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:27
"Also ich würde gerne mit Dir ausgehen und ähm ... ähm ... ich habe zwei Karten fürs Kino. Für ....
für", Pinpoint guckte auf die Karten, doch sie rutschten ihm aus der Hand. Schnell bückte er sich und
hob die Karten auf. ‚Das blaue Band Du Idiot, dass oder diese komische Schnulze, mehr war nicht zur
Auswahl.‘
Er starrte sich finster im Spiegel an. "Du bist doch schon früher mit Mädchen ausgegangen, warum
machst Du daraus jetzt so einen Affentanz? Mehr als nein sagen kann sie nicht."
Er überprüfte kurz noch einmal den Sitz seiner Uniform und verließ dann seine Kabine.
Auf dem Weg zu seinem Ziel nahm er unbewusst ein paar Umwege, blieb mehrmals unschlüssig
stehen und machte Anstalten umzukehren, doch schließlich stand er vor der Kabine von Imp und Lilja.
Er klopft an und wartete.
Gerade als er wieder umkehren wollte, wurde die Tür aufgerissen und Imp guckte ihn an: "Mensch
Pinpoint, Dich hat Deine Mama aber hübsch gemacht."
Sie merkte nicht, dass er bei dem Wort Mama kurz zusammenzuckte.
"Ist ... ist Lilja da?"
Imp grinste und drehte kurz den Kopf um. Als sie ihn wieder anguckte war ihr Grinsen noch breiter
geworden: "Klar, komm rein."
Er trat ein. Lilja saß am Tisch mit einigen aufgeschlagenen Büchern.
"Hi Lilja."
"Hallo", kam die Antwort.
"Äh, Leute, ich habe noch was zu erledigen, tschüs." Imp war zur Tür hinaus.
"Was willst Du?" fragte Lilja harsch.
"Nun, ähm ..., ich", er grinste ihr hartes Gesicht an, "ich habe zwei Karten für 'Das Blaue Band", die
Originalversion mit Carry Nolan als J.J. Jennings, Peter Smithon als Victor von Bein und dem
Schurkenschauspieler schlechthin George Tyre als Cox."
Er geriet leicht ins Schwärmen als er die Schauspieler des Navy-Epos schlechthin aufzählte. Nicht
weil es ein Navy-Epos war, er liebte nur die Filmkultur des 25. und 26. Jahrhundert.
"Und nun wollte ich Dich fragen, ob Du eventuell Lust und Zeit hättest, Dir den Film mit mir anzusehen. Ich sehe ihn immer wieder gern, musst Du wissen. Das war noch Filmkunst damals, nicht der neumodische Schrott und nun, ein Teil des Filmes spielt ja auch auf der RED. Also, was sagst Du?"
Lilja betrachtete ihn nachdenklich – in etwa so, wie jemand etwas betrachtete, aus dem er nicht ganz
klug werden könnte. In ihren Augen wechselten sich Mißtrauen und Überraschung ab. Dann warf sie
einen Blick auf die vor ihr liegenden Bücher. Ihre Finger trommelten leicht auf der Tischplatte.
Schließlich zuckte sie unmerklich mit den Schultern: „Einverstanden.“ Sie lächelte leicht – nicht
unbedingt freundlich: „Solange du deinen Zimmergenossen nicht erwähnst.“ Sie stand auf: „Gehen wir.“
Pinpoint hatte fast mit einer Ablehnung gerechnet, weshalb ihn ihre Zusage überraschte. Er zögerte
einen Augenblick, ob er ihr seinen Arm anbieten sollte, entschied sich dann aber, dass dies wohl
unklug wäre. Die Russin machte nicht den Eindruck, als legte sie auf so etwas Wert.
Auf dem Weg zum Shuttle sprachen sie über Belanglosigkeiten. Lilja schien nicht ganz bei der Sache
zu sein. „Was liest du eigentlich?“ fragte er – dieses Thema erschien ihm sicher. Sie machte eine vage
Handbewegung: „Alles mögliche. Taktikhandbücher, Leitfäden für Offiziere, solches Zeug. Immerhin
haben sie mich befördert, und da will ich ihnen keine Schande machen. Allerdings...“ wieder das halbe
Lächeln: „...weiß ich nicht so Recht, ob mein neuer Kamerad in den Büchern überhaupt berücksichtigt
wird. Ich denke, die Hälfte der Schreiber haben nicht mal gewußt, dass es so etwas gibt.“
Ihre weiteren Gespräche drehten sich um ähnliche Themen. Aber Lilja akzeptierte, dass Pinpoint
neben ihr ging.
Das Kino war recht gut besucht. Soldaten, Techniker und Zivilisten, alles durcheinander. Bei der
wachsenden Anzahl von Schiffen, die sich bei Perseus versammelten, war dies auch kein Wunder. Es
gab viele Besatzungen, die die gute Gelegenheit nutzen wollten, sich noch ein bißchen zu entspannen,
bevor es wieder losging. Wer wußte, ob es nicht die letzte Möglichkeit war?
Allerdings sorgte dies auch dafür, dass sich nicht alle Zuschauer auf den Film konzentrierten. Das
Kino war immer noch ein Ort, an dem sich Paare trafen, und, nun ja, nicht alle sahen auf die
Leinwand, sobald das Licht gelöscht wurde. Natürlich wäre es Pinpoint NIE in den Sinn gekommen,
so etwas bei Lilja zu versuchen. Auch, weil sie mit einigen ausgesuchten Flüchen ihre Meinung zu
solchem Verhalten kundtat. Sie schien sich auf das Bildgeschehen zu konzentrieren.
Als das Licht wieder anging, schlenderten sie nach draußen. „Guter Film“ meinte Pinpoint – etwas
ratlos. Lilja schaute ihn wieder prüfend an, dann versuchte sie es mit einem leichten Grinsen: „Nicht
schlecht. Größtenteils realistisch, wenn auch manchmal ein bißchen aufgebauscht, denke ich. Aber
naja, unsere glorreiche Marine braucht wohl so etwas.“ Sie schien sich jetzt etwas zu entspannen.
Pinpoint blickte sie zögernd an: „Sag mal...hättest du, ich meine könnten wir, ich wollte fragen...“ Er
verhaspelte sich und verfluchte sich innerlich. Die kühlen, fragenden Augen in dem vernarbten
Gesicht machten ihn immer unsicher. Zumal er nicht wußte, wie Lilja jeweils reagieren würde. Er
atmete tief durch: „Wollen wir noch was trinken gehen?“ Die Pilotin starrte ihn unverwandt an. Seine
Worte schienen sie an etwas zu erinnern. Mit einem Mal war es, als hätte sie einen Vorhang
vorgezogen, der eben einen Spaltbreit geöffnet worden war: „Tut mir leid.“ Ihre Stimme klang kalt:
„Ich habe noch zu tun. Danke für die Einladung.“ Sie nickte ihm einen Gruß zu und ging.
Er starrte ihr hinterher. Was war denn nun schon wieder los? Vage fühlte er, daß er beleidigt seien
sollte. Was hatte er ihr denn getan? Aber die Unsicherheit überwog.
Lilja stapfte zurück zum Shuttle. Sie war selber nicht ganz zufrieden mit der brüsken Zurückweisung
Pinpoints. Nicht, weil sie etwa unbedingt mehr Zeit in seiner Gegenwart verbringen wollte. Sie wußte
nie, wie sie mit Menschen umzugehen hatte. Erst gestern hatte sie sich gegenüber von McQueen
gehenlassen. Die Scham und die Wut brannten immer noch in ihr. Was mochte der jetzt von ihr
denken! Wenn sie so weiter machte, schrie sie geradezu nach einem Schnüffler vom JAG oder einem
Psychiater! Deshalb ihre Reaktion. Sie durfte nicht vergessen, dass die wahre Lilja niemand sehen
durfte. Sichtbar durfte nur die Soldatin Lilja sein, die Musterpilotin, die Trägerin des Bronzesterns.
Und das würde auch geschehen!

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:28
Am Abend stand Gonzalez nach einem Rundgang und einer intensiven Inspektion endlich auf der
Brücke der Dauntless. Die Liste von Quinn war schon schlimm gewesen, aber nach dem Rundgang
hatte Gonzalez Angst, graue Haare bekommen zu haben. Jetzt war es an ihm, die Prioritäten zu setzen.
Als erstest beorderte er soviele Leute, wie sinnvoll war, an die Reparatur des Gefechtscomputers. Ein
zweites Team setzte er auf die SM2 Werfer an. Die Instandsetzung der ganzen nicht absolut
notwendigen Systeme, zu denen leider auch die Luftfilter gehörten, wurden ersteinmal auf die lange
Bank geschoben. Das führte dazu, dass die Luft ungewöhnlich muffig und stickig war. Die
Luftfeuchtigkeit sorgte für welke Uniformen, aber da eh die halbe Besatzung am werkeln war, war das
auch egal. Das Paradepensum war mit der Zeremonie vom Morgen erst einmal erfüllt.
Gonzalez gönnte sich eine seiner Zigarren. Insgesamt war er trotz der vielen Problem positiv
überrascht. Die Dauntless hatte für Marineverhältnisse große Quartiere und die Vorratsräume und
Munitionsbunker waren ebenfalls großzügig angelegt. Wenn das Schiff einmal lief, würde man ohne
Probleme auch längere Feindfahrten ohne die Gefahr des Lagerkollers oder von schwindenden
Vorräten machen können. Auch das System des Munitionstransfers, das bei einer solch ausgeprägten
Raketenbewaffnung extrem wichtig war, war sehr intelligent konstruiert und barg wenig Risiken für
das Schiff. Beeindruckt hatte ihn auch die ungewöhnlich guten Freizeiteinrichtungen, immerhin stand
ein großer Fitnessraum und zwei kleinere Aufenthaltsräume bereit.
Gonzalez betrachtete die einzelnen Stationen auf der Hauptbrücke. Zwei Decks tiefer und weiter im
Heckbereich gelegen war die Sekundärbrücke, die auch als Flugabwehrzentrale diente. Daher hatte er
entschieden, dass auch hier O’Keefe zweiter Offizier sein würde, um bei einem Brückentreffer nicht
die halbe Kommandokette zu verlieren. Bereits die Flugabwehrzentrale hatte ihn beeindruckt, aber die
Möglichkeiten, die dem Kommandanten hier auf der Brücke zur Verfügung standen, um die Situation
zu überschauen, waren enorm. Ein riesiges Display war frei konfigurierbar um alle relevanten
Informationen darzustellen, daneben hatte er verschiedene Sekundäranzeigen, die ihm den Status der
Schiffssysteme anzeigte. Die Arbeitsbereiche der Crewmitglieder waren ebenfalls sehr gut und
komfortabel ausgestattet.
Gonzalez ahnte, warum die Kosten für diese Projekt wohl durch die Decke gegangen waren...aber
wenn die Navy es zahlte, sollte es ihm nur recht sein. Er zog genüßlich an seiner Zigarre und wollte
gerade Lieutenant Quinn sagen, er habe die Brücke, als Turner durch eines der Schotts trat. Getreu
dem Motto „Vier Augen sehen mehr als zwei“ hatte er unabhängig von Gonzalez einen zweiten
Rundgang gemacht.
„Skipper.“
„Ah, Warren...und?“
„Naja, Kinderkrankheiten noch und nöcher....aber ein Schiff, wo die Ingenieure nicht einfach
draufloskonstruiert haben, sondern vorher mal das Gehirn angeschaltet haben. Ich komm gerade vom
SM2 Werfer 1, die Jungs halten sich ran, in drei Stunden glauben sie das System endlich bereit zu
haben.“
„Das ist doch schonmal eine gute Nachricht. Sonst noch was?“
„Ja, ich weiß nicht, ob es Ihnen schon aufgefallen ist, aber die Maschine scheint etwas unzuverlässig
zu sein.“
„Ist mir aufgefallen. Ich will morgen mal für ein paar Stunden auslaufen und die Systeme im Raum
testen. Eventuell können wir auch schon die ersten Probeschüsse vornehmen. Ich habe eine
Verabredung mit dem CAG der G-Men, sie werden uns in einem Monat mit Drohnen angreifen. Bis
dahin muss alles funktionieren, das Manöver ist die Generalprobe für den Einsatz und die letzte
Möglichkeit, an Kleinigkeiten zu pfeilen.“
„Verstanden, Sir.“
„Gut, übernehmen Sie, ich gehe auf mein Quartier und schlage noch eine Schlacht im Papierkrieg,
bevor ich mich hinlege. Auslaufzeitpunkt ist morgen um 1230.“
„Verstanden, übernehme Brücke.“
Gonzalez betrachtete seine Zigarre und verlies dann die Brücke. Sein Quartier lag nur zwanzig Meter
von der Brücke entfernt, eine weitere Annehmlichkeit. Vor dem Papierkrieg jedoch entpackte er erst
einmal seine zwei Seesäcke, mehr Gepäck schleppte er nicht mit sich herum. Insgesamt war sein
Quartier groß, ja fast zu groß für seinen Geschmack. Die kahlen Wände wirkten irgendwie wie eine
Wüste. Gonzalez kam ein Gedanke.
Er aktivierte den Computer und forderte zusätzliche Informationen über Akarii Jäger an, insbesondere
auch mehrere Sätze postergroße Rißzeichnungen, auf denen auch die wichtigsten Daten bezeichnet
waren. Normalerweise war das eher für die Ausbildung von Jagdfliegern gedacht, aber letztendlich
würde dieses Wissen auch den Mitgliedern der Dauntless zu gute kommen, auch wenn sie sich mehr
auf die Sensoren als auf Sichtidentifikation verlassen mußten. Trotzdem war Gonzalez überzeugt, dass
sich seine Leute so etwas besser einprägen konnten, wenn sie dem Feind ein Bild geben konnten. Er
fügte dem ganzen noch eine gleichartige Anforderung für alle Raketen der Akarii an. Dann nickte er
zufrieden.
Er zog ein letztes Mal an seiner Zigarre, bevor diese soweit abgebrannt war, dass sie nur noch bitter
schmeckte. Nachdem er den Stumpen in den großen silbernen Aschenbecher abgelegt hatte, den er
immer mit sich genommen hatte und der eine Arbeit seines Großonkels war, wandte er sich seinen
Nachrichten zu. Größtenteils war es Routinekram, und konnte an die Offiziere weitergeleitet werden,
doch einige der Anfrage mußte er selber bearbeiten.
Eine Stunde später hatte er auch diese Arbeit erledigt und der frischgebackene Captain Gonzalez legte
sich zum ersten Mal in seine neue Koje auf der Dauntless. Nach wenigen Minuten war er
eingeschlafen, denn es war ein anstrengender Tag gewesen.
Der nächste Tag begann mit einer Hiobsbotschaft, offensichtlich war das Feuerkontrollsystem deshalb
nicht in Gang zu bekommen, weil die Hardware defekt war....und die Deppen von der Werft hatten das
nicht realisiert und die ganze Zeit an der Software herumgefummelt. Glücklicherweise war es ein
Standardteil, der ersetzt werden mußte, aber um den Papierkrieg abzukürzen, beschloss Turner, selbst
zum Marinedepot zu gehen und den Sesselfurzern Dampf zu machen. Die Drohung, man könne die
Bedenken gegen die Herausgabe eines solchen Teils ja gerne mit dem Stabschef von McAllister
diskutieren sorgte dafür, dass die Logistikfuzzis keinen Ärger machten, zumal sie schon mehrere Teile
an die Dauntless hatten herausgeben müssen. Als dann um 1130 schließlich der Gefechtscomputer
hochfuhr und nach Selbststests um 1200 Bereitschaft meldete, grinste Gonzalez.
Eine halbe Stunde später lief die Dauntless zum ersten Mal unter seinem Kommando aus und steuerte
auf das Manövergelände abseits der Station.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:28
Die Dauntless war nun seit 30 Minuten im Manövergebiet. Gonzalez, der nicht vorhatte, unnötige
Risiken einzugehen, hatte vor dem eigentlich Manöverbeginn nocheinmal alle funktionierenden
Systeme überprüfen lassen. Er hatte heute vor, einige computersimulierte Übungen durchzuführen,
außerdem hatte er Turner eine Feuerübung vorbereiten lassen, um die Schadenskontrollteams auf Trab
zu bringen. Wenn das alles klappte, dann würde ein Shuttle von der Station zwei Drohnen abschießen,
von denen er die erste mit einer Amraam aus dem Hauptwerfer und eine mit dem SM2 System
abschießen wollte. Turner, der bisher auf seinem Platz neben dem Captainsstuhl die eingehenden
Meldungen überwachte, drehte sich zu Gonzalez um.
„Sir, alle Stationen melden grünes Licht...abgesehen von denen, die noch nicht in Betrieb sind.“
„Danke, Warren.“
Gonzalez griff zum Mikrofon des 1MC.
„Achtung, hier spricht der Captain. Wir beginnen in zwei Minuten mit den eigentlichen Übungen.
Sinn der ganzen Veranstaltung ist zum einen, die Systeme bereitzumachen und zu testen. Zum anderen
möchte ich aber auch, dass sich alle Mannschaftsmitglieder anstrengen, ihre Zusammenarbeit auf den
Stationen und im Gesamtverbund zu verbessern. Das Schiff muss im Gefecht als Einheit
funktionieren, doch bis dahin ist noch ein langer Weg. Wir werden heute den ersten Schritt tun. Wenn
Sie einen Fehler machen, bleiben Sie ruhig, behalten Sie die Kontrolle und merken sich, was falsch
gemacht wurde. Wenn Ihnen etwas auffällt, was bei den Systemen noch nicht ideal funktioniert, oder
verbessert werden können, merken Sie es sich und geben Sie es Ihrem Vorgesetzten weiter. Geben Sie
Ihr Bestes. Ende der Durchsage.“
Gonzalez steckte das Mikrofon in die Halterung und setzte sich. Dann nickte er Turner zu, der die
verschiedenen Übungen an Bord über Computerprogramm kontrollierte.
Die erste Übung beinhaltete einen Angriff durch 4 Jäger, etwas, das selbst eine Fregatte leicht
bewältigen konnte. Gonzalez merkte, dass die Besatzung insgesamt noch recht unsicher war.
Immerhin funktionierte der Gefechtscomputer einwandfrei und nach einigen kleineren Schnitzern
gelang es, die simulierten Ziele abzuschießen. Indes waren die schon viel zu nahe herangekommen,
normalerweise hätten die SM2s schon auf doppelter Reichweite treffen müssen.
Turner sah Gonzalez fragend an, die nächste Übung würde bedeutend anspruchsvoller sein, denn sie
simulierte den Angriff zweier Staffeln auf einen kleinen Konvoi, bei dem der Gefechtscomputer auch
die Koordination der anderen Schiffe übernehmen würde. Der Captain nickte.
Achselzuckend aktivierte sein XO das zweite Übungsprogramm. Diesmal wurde auch von Gonzalez
einiges abverlangt, doch er hielt sich weitesgehend zurück, um der Mannschaft Gelegenheit zu geben,
Stärken und Schwächen zu zeigen. Er merkte, dass das Selbstvertrauen und die Eigeninitiative der
Crew noch gering entwickelt war, mit Ausnahme von O’Keefe, der ihn schon kannte und Lieutenant
Quinn, der einen guten Eindruck machte. Die erste Staffel fiel dem nunmehr verbesserten Feuer der
Dauntless zum Opfer, doch die zweite Staffel schoss drei der vier Frachter ab, bevor sie vernichtet
wurde....und Gonzalez wußte, dass die Fähigkeiten der simulierten Jägerpiloten eher niedrig waren.
Um ein wenig Abwechslung in die Übung zu bringen, aktivierte Turner noch vor Ende der
Abwehrübung zwei simulierte Schäden im Schiff, die die Schadenskontrollteams auf den Plan rief.
Aufgrund der Tatsache, dass die Teams noch nicht lange zusammenarbeiteten und sich nicht gut
genug auskannten, dauerte es insgesamt fast doppelt so lange, bis die Schäden unter Kontrolle waren.
Gonzalez war nicht zufrieden mit der Situation und als wenn Turner dies geahnt hätte, machte er sich
die Notiz, dies in den nächsten Tagen verstärkt zu üben.
Nach einigen weiteren Trockenübungen, die immerhin zeigten, dass die Mannschaft besser wurde –
auch wenn die Fortschritte für Gonzalez Geschmack zu langsam waren – wurde es ernst. Er nahm
erneut das Mikro in die Hand.
„Achtung, hier spricht der Captain. Wir haben nun den ersten Teil der Übung beendet. Wir werden
nun in Kürze die Waffensystem scharf einsetzen. Halten Sie die Augen offen für Fehlfunktionen, denn
dies ist das erste Mal, dass dies geschieht. Ich erwarte nocheinmal höchste Konzentration. Ende der
Durchsage.“
Gonzalez zündete sich eine Zigarre an und wandte sich an Quinn.
„Funken Sie der der „Hudson“, sie soll die erste Drohne abschießen.“ Dann wandte er sich an die
Waffenkontrolle.
„Amram Werfer 1 bereitmachen.“ Auf der Konsole vor Gonzalez leuchtete ein rotes Licht auf.
Gonzalez schob mit seinem Finger die Sicherung von dem Schalter unter dem Licht und bewegte den
Schalter auf die rote Position. Damit war der Werfer abschußbereit.
Eine Minute später erschien die Drohne auf dem Schirm der Dauntless. Das Shuttle war außerhalb der
maximalen Reichweite geblieben, um keinen Beschuss zu riskieren.
„Ziel in Auffassungsreichweite, Kurs 300/132, Geschwindigkeit 322. Designiere es als Tango 1.“
„Danke, Sensoren. Feuerleitzentrale, Ziel erfassen und anpeilen.“
„Ziel ist erfaßt. Bei gleichbleibenden Kurs und Geschwindigkeit ist das Ziel in dreißig Sekunden in
Feuerreichweite.“
„Danke.“
Auf dem Display vor Gonzalez wurden alle Informationen dargestellt. Jetzt erst wurde Gonzalez klar,
wie intelligent das Informationssystem an Bord funktionierte. Allerdings war ihm nicht ganz klar, wie
es funktionieren würde, wenn die Daten eines kompletten Flottenverbandes zusammenfließen würde,
denn zuviele Informationen waren ebenso von Nachteil wie zuwenige.
Dann lief die Uhr auf null herunter.
„Feuer eröffnen auf maximale Distanz.“ Der Amraamwerfer spuckte eine dreifach Salve aus.
Gonzalez konnte auf seinem Schirm verfolgen, wie die Raketen durch ihr autonomes Zielsystem
geleitet auf ihr Ziel zuschossen. Dadurch, dass der Werfer bis zum Abschuss mit Daten gefüttert
wurde, erzielte man eine etwa 5-10% Effizienzsteigerung beim Abfangmanöver, aber das war nur für
den Spezialisten erkennbar.
Nach wenigen Sekunden schlugen die Raketen in die Drohne ein. Gonzalez nickte befriedigt, auch
wenn ihm klar war, dass er das System hoffnungslos unterfordert hatte. Aber immerhin funktionierte
etwas auf dem Schiff. Einen Zug an der Zigarre ziehend nickte er anerkennend in den Raum, auch
wenn dies außer Turner niemand bemerkte.
Jetzt wurde es interessant. Der SM2 Werfer 1 war erst spät in der Nacht in funktionsfähigen Zustand
gebracht worden und allgemein galt das System ja nicht als wenig ausgereift.
„Ok, bereitmachen für Drohne zwei.“
Quinn setzte einen entsprechenden Funkspruch an die Hudson ab. Derweil sicherte Gonzalez das
Amraam System und machte das SM2 System scharf.
„Feuerleitzentrale, hier spricht der Captain, SM2 Werfer freigegeben, schießen Sie auf maximale
Distanz, zwei Schüsse.“
„Feuerleitzentrale, verstanden.“
Gonzalez überlies damit O’Keefe und seinen Leuten die Durchführung, um ihnen ebenfalls
Übungsmöglichkeiten zu geben. Er lehnte sich zurück, um das Schauspiel zu betrachten. Nach kurzer
Zeit erschien die Drohne auf dem Schirm. Die Sensorencrew gab die Daten direkt an die
Feuerleitzentrale weiter, die unabhängig hiervon ebenfalls direkten Zugriff auf die Daten hatte.
Gerade als die Raketen abgeschossen werden sollte, ging auf einmal ein Alarm los. Auf dem Display
von Gonzalez wurde ein katastrophales Versagen im SM2 Werfer angezeigt. Bevor er noch das
System sichern konnte, hatte die Crew reagiert und eine Notabschaltung vorgenommen. Das
bedeutete, dass das System komplett abgekoppelt wurde und keine Stromversorgung mehr hatte.
Außerdem wurden sämtliche Gase nach außen geleitet, danach das System in einem Vakuum
versiegelt. Gonzalez griff zum Mikrofon:
„Hier spricht der Captain, Übung sofort abbrechen, Schadenskontrollteams zum Abschnitt 3 Alpha 1.
Dies ist keine Übung. Out.“
Dann wandte er sich an Turner.
„Sie haben die Brücke.“ Gonzalez eilte von der Brücke und begab sich auf den Weg zum Werfer.
Nach einer Minute kam er zum Schott, hinter dem die Station lag. Mehrere Sicherungstrupps waren
bereits vor Ort. Gonzalez sah aber, dass er nicht weiter konnte, immer wenn das Schott geöffnet
wurde, quollen Rauchschwaden heraus und alle Gasmasken in der Nähe waren bereits in Verwendung.
Nach einigen Minuten kam ein Chief Petty Officer aus dem Schott.
„Sir, wir haben die Situation unter Kontrolle.“
„Was ist es?“
„Naja, es fing wohl als Fehlzündung an und hätte, wenn die Jungs hier nicht so schnell reagiert hätten,
wohl in einer Explosion geendet. So haben wir nur zwei Leute, die eine Rauchvergiftung haben und
einen Matrosen mit leichten Brandverletzungen.“
„Gute Arbeit, Chief. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Lassen Sie ein Team hier in der Nähe, bis
die Ingenieure sich das angesehen haben.“
„Aye, Sir.“
Dann aktivierte Gonzalez sein mobiles Com:“Turner, setzen Sie Kurs auf die Perseus Station und
geben Sie einen Schadensbericht durch. Ich mache einen kurzen Umweg über die Krankenstation.“
„Aye, aye Sir.“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:29
Als Juliane Volkmer den Briefingraum betrat, gellte ein scharfes „ACHTUNG“ auf.
Die anwesenden Personen, sechs Piloten, standen auf und gingen in Hab Acht.
Juliane lächelte. „Rühren. Nehmen Sie Platz, Herrschaften.“
Langsam ging sie zum Rednerpult hinüber.
„Ladies, einige von Ihnen kennen mich. Einige glauben mich zu kennen. Einige haben von mir gehört.
Um Spekulationen vorzubeugen: Ab sofort bin ich der neue Commander der Staffel Blau. Und Sie
bilden vorerst meine Staffel.
Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Lt. Commander Juliane Volkmer, Callsign Huntress. Frisch in
meinen Rang befördert.
Ich bin sechsundzwanzig, ledig. Das Weißblond ist gefärbt. Weiß der Henker, wie ich auf diese
Schnapsidee gekommen bin. Von meinen nächsten Verwandten leben noch meine Eltern und mein jüngerer Bruder Gerrit, der dieses Jahr in die Marsakademie eingetreten ist.
Meine Hobbies sind Sport, lesen, Akarii braten und tanzen. Ich bin bei der Navy, weil ich schon
immer davon fasziniert war, von zehn G in meinen Sitz gepresst zu werden. Als Ihr neuer Staffelkommandeur habe ich mir drei Dinge vorgenommen: Sie alle heil nach Hause zu bringen, Ihnen zuzuhören, wenn Sie etwas wichtiges zu sagen haben und mir bei der Einteilung der Staffel auf keinen Fall von Ihnen reinreden zu lassen.
Sie drei, Ladies, sind die Überlebenden der Staffel Blau. Sie drei, Ladies – grins nicht so doof, Demolisher – sind die Veteranen von der MARYLAND.
Sie, Miss, sind uns von der PERSEUS zugeteilt worden. Wir sieben sind das, was man im Volksmund
Veteranen nennt. Erfahrene Kämpfer, die bereits Blut für das Vaterland vergossen haben, meistens
feindliches.“
Demolisher strich über den silbernen Löwen auf seiner Brust und meinte: „So sollte es eigentlich sein.“
Leise wurde gelacht.
„Richtig. Aber kommen wir zum Thema. Wir bekommen nächste Woche fünf Rekruten frisch von der Akademie. Grüne Jungs und Mädels, die zwar glauben, sie könnten eine Jet fliegen, aber keinerlei Ahnung haben, was es bedeutet, da draußen zu sein, alleine mit den Akarii und den Kameraden. Immer an der Schwelle zwischen Leben und Tod.
Wir werden ihnen ein Gefühl dafür vermitteln. Und wir werden versuchen, sie heil durch die Scheiße durchzubringen.“
Zustimmendes Gemurmel antwortete ihr.
„Okay, Ihr habt meinen Lebenslauf gehört. Nun rückt mal mit euren raus. Sie fangen an, Second Lieutenant.“
Der Angesprochene stand auf. „Mein Name ist William Stucker. Mein Callsign ist Avenger.
Ich bin zweiundzwanzig und kam frisch auf die REDEMPTION, um beide Feindfahrten mitzumachen.
Ich habe dabei vier Abschüsse erzielt und warte auf den fünften, um ein Aß zu werden.
Meine Eltern leben auf der Erde. Ich bin ein Einzelkind.
Meine Hobbies, nun, ich boxe für mein Leben gerne. Ansonsten gehe ich gerne aus.“
„Gut, Avenger. Sie bitte, First Lieutenant.“
„Mein Name ist Annegret Lüding. Ich bin fünfundzwanzig. Mein Callsign ist Rapier. Ich kam kurz vor
dem Krieg nach Manticor, machte den Angriff der Akarii mit und war eine der Glücklichen, die es
schafften, zusammen mit der Moskau zu entkommen. Danach kam ich auf die RED und machte beide
Kampagnen mit. Ich wurde einmal verwundet.
Seither habe ich elf Abschüsse erzielt. Ich habe vor, diese Zahl noch zu steigern. Erheblich zu steigern.
Mein nächstes Etappenziel sind die fünfzig.
Ich bin auch Einzelkind. Mein Dad starb letztes Jahr. Mit meiner Mom rede ich nicht viel.
Hobbies, da halte ich es wie Sie, Huntress. Tanzen und Akarii grillen.“
„Gut. Sie bitte, Second Lieutenant.“
„Mein Name ist Andrea Morelli. Iche bin zweiundswanssig. Iche kam direkt von der Akademie für die
ssweite Feindfahrt der REDEMPTION an Bord. Mein Callsign isste Merkur, weil ich so snell bin und
so sicher ins Ziel treffe.
Iche habe zwei Abschüsse und war dabei, als die Raumstation über Troffen…
Scusi, Geheimhaltung. Meine Hobbies sinnde Kartenspiele, Roulette und Blumen. Iche züchte Tulpen
in meinem Quartier. Ssehr sssöne Blumen mit herrliche Duft.“
„Danke, Merkur. Deine Runde, Demolisher.“
„Mein Name ist Thomas Andrew Paul. Alter vierundzwanzig. Wie Huntress schon verraten hat, ist
mein Callsign Demolisher. Ich bin sein Kriegsbeginn an Bord der MARYLAND und habe dort fünf
Abschüsse erzielt. Das hörte schlagartig auf, als ich Huntress als Flügelmann zugeteilt wurde. Danach
schnappte sie sich die Sahnestücke. Nur deswegen läuft sie heute mit vierzehn verifizierten
Abschüssen herum.
Familienstand: Ledig, ungebunden. Über Internes redet man nicht.
Hobbies: Hinter Huntress hinterherjagen und ihren Arsch decken.“
Wieder wurde leise gelacht. „Wehe, Demolisher, wehe“, drohte Juliane. „Sie bitte, Second
Lieutenant.“
„Mein Name ist Makoto Takahashi. Mein Callsign ist Foreigner. Ich bin sechsundzwanzig.
Seit der Krieg ausgebrochen ist, krieche ich hier auf PERSEUS rum und warte darauf etwas tun zu
können. Die Untätigkeit nagt an meinen Nerven. An Bord der RED zu gehen ist für mich die einzige
Möglichkeit, dieser Eintönigkeit zu entkommen.
Ich will Action. Ich will Akarii jagen.
Okay, ich habe noch keine Abschüsse. Die Station wird nicht gerade oft angegriffen.
Aber ich bin eine gute Pilotin und arbeite hart an mir. Sehr hart.
Meine Hobbies sind zur Zeit zurückgestellt. Nur meine Perfektion als Pilotin zählt jetzt.
Commander, ich werde Sie nicht enttäuschen.“
„Gut zu wissen, Foreigner. Cloud, gib mal deinen Senf zum Besten.“
„Tja, ich bin Cloud. Richtiger Name: First Lieutenant Brandon Brannah. Weiß der Teufel, was meine
Eltern dabei geritten hat. Ich bin ebenfalls von der MARY und ich bin heiß, verdammt heiß darauf,
wieder in den Krieg zu gehen.
Ich bin fünfundzwanzig, habe alle Kampagnen der MARY mitgemacht.
Und das ist mein einziges Hobby. Fliegen, fliegen. Und Akariis abschießen. Die RED sucht Ärger.
Okay, da rennt sie bei mir offene Tore ein. Wir werden gut miteinander auskommen, solange es genug
Akarii für alle gibt.
Und Huntress, keine Angst, diesmal vergesse ich nicht, auf die Staffel zu achten, während ich mir
meinen fünften Abschuß hole.“
„Da bin ich mir noch nicht so sicher. A-Train. Du bist.“
„Mein Name ist Second Lieutenant John Bubba. Ich kam vor einem Vierteljahr auf die MARYLAND
als Ersatzpilot. In der Zeit musste ich Cloud als Wing Leader ertragen. Ihr könnt euch denken, wie
schwer das war.
Jedenfalls, ich bin dreiundzwanzig, habe drei Abschüsse und hoffe auf der REDEMPTION auf fünf zu
kommen.
Meine Hobbies, hm, ich schwimme gerne. Aber ich mag auch Kartenspiele. Wenn also einer Real
zuviel hat, ich finde immer Zeit für Poker. Ich lese auch gerne. Sogar sehr gerne. Ich bin übrigens
Vegetarier. Wäre nett, wenn mir einer sagen kann, ob die RED auf Typen wie mich eingestellt ist.“
„Danke, A-Train.
Herrschaften, ob wir wollen oder nicht, wir sind die neue Blaue Staffel. Dazu kommt, dass wir
fünfmal Frischfleisch einarbeiten müssen.
Was bedeutet, jeder von Ihnen wird ab sofort Wing Leader. Bis auf Sie, Foreigner. Sie wollen mich
nicht enttäuschen. Also werden Sie mein Wingman.
Demolisher, du machst den XO.
Ich weiß, diese Staffel hat stark gelitten. Aber wir alle sind Veteranen. Wir alle sind Überlebende. Wir
sind nicht mehr grün hinter den Ohren. Wir wissen was wir tun. Das wir noch leben beweist das.
Wir kriegen ein paar Kids. Es wird unsere Aufgabe sein, sie durch die kommende Fahrt
durchzubringen, okay?
Wenn sie sich nicht auf uns verlassen können, dann auf wen?
Die Blaue Staffel hat keinen Eigennamen. Der alte Commander wollte das nicht.
Nun, ich bin da anders. Sie wissen, ich, Demolisher, Cloud und A-Train kommen von den Aces of
Texas, dem Geschwader der MARY. Unser altes Symbol war ein Grundriß von Texas mit den vier
Assen davor.
Nun, ich kann uns nicht Aces nennen. Ich will es auch nicht. Ich hasse Imitate.
Ab sofort sind wir die Joker for Redemption.
Unser Einheitsabzeichen ist die rote Jokerkarte. Wir werden der immer stechende Trumpf sein, der die
RED im Zukunft aus der Scheiße holt. Ihre Maschinen werden damit bemalt werden.
Ab Morgen gilt ein rigoroses Trainingsprogramm. Wir werden in wechselnden Wings miteinander und
gegeneinander fliegen. Wir müssen einander kennen, bevor wir auch nur daran glauben, ein paar Kids
ausbilden zu können. Ich werde Sie alle hart rannehmen, und Sie werden um mehr betteln.
Einverstanden?“
„Ja, Ma´am“, antwortete ihr der Chor der Piloten.
Juliane ging kurz hinaus, kam mit einem Kasten Bier wieder. „Genug gearbeitet. Mein Opa sagte
immer: Wer arbeitet, darf auch feiern. Erst machen wir den Kasten alle, und danach gehen wir rüber
nach PERSEUS. Dienstbeginn ist erst Morgen um elf. Also lassen wir es uns heute noch mal gut
gehen.“
Huntress öffnete ein paar Bier und reichte sie weiter.
„Und danach… Nun, was danach kommt, wird den Akarii nicht gefallen. Erst recht nicht dem Roten Baron…“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:30
Der Morgen zeigte Kano, daß er wohl doch nicht hinreichend Maß beim Sake gehalten hatte – er
fühlte sich furchtbar. Er hatte sich bisher nur selten betrunken ,das letzte Mal, nicht ganz freiwillig,
nach bestandener Abschlußprüfung auf der Navy-Akademie, aber er wußte was das Dröhnen in
seinem Kopf bedeutete.
Eine kalte Dusche brachte wieder halbwegs Klarheit in seine Gedanken. Etwas schwerfällig, durch
Verwundung und Kater doppelt behindert, zog er sich an und ging in die Bordkantine.

Dort war es ziemlich leer – kein Wunder. Jetzt, im „Gelobten Land“, zogen es viele vor, auf der
Station zu essen – falls sie überhaupt von ihrem gestrigen Freigang zurückgekehrt waren. Außerdem
war der Schichtbetrieb gelockert worden, also lag es nun im Ermessen des Einzelnen, wann er sich
verpflegte.
Er nahm mit etwas Brot und Butter vorlieb. Der Tisch an dem er saß war leer, aber Kano war
momentan sowieso nicht nach Unterhaltung zu mute.
Er blickte erst auf, als er die Gegenwart eines Menschen spürte. Eine Pilotin stand vor ihm – jung,
eher zierlich, mit dunklen Haaren und Augen und einem sympathischen, offenen Gesicht. Sie trug das
Abzeichen seiner Staffel – aber Kano kannte sie nicht. `Muß eine der Neuen sein.‘
„Hallo. Du bist Ohka, nehme ich an. Ich bin Virago. Was dagegen, wenn ich mich setze?“
Kano erhob sich und streckte, etwas ungeschickt, die Linke aus: „Du hast recht. Und natürlich kannst
du dich setzen. Es freut mich, eine neue Kameradin kennenzulernen."
Angesichts seiner Förmlichkeit grinste die Pilotin etwas, setzte sich aber dann. Auch sie schien leicht
zu frühstücken, wofür Kano im stillen dankbar war. Der Geruch von Pinpoints üblichen
„Morgenmenüs“ wäre wohl zu viel für ihn gewesen.
„Falls du es noch nicht erfahren hast, ich mache deine Flügelfrau. Also kannst du am besten schon mal
anfangen, mich in eure Truppe einzuweisen.“
Nun, das Ansinnen war nur zu verständlich.

In der nächsten Stunde erfuhr er genug über seine Kameradin – und Virago schien auch ganz zufrieden
mit dem zu sein, was sie im Gegenzug hörte. Von den Offizieren und Eigenheiten der Redemption
kamen sie auf die Maryland zu sprechen und auf die Missionen, an denen sie beteiligt gewesen waren.
Falls es Virago störte, daß ihr Rottenführer erst eine Feindfahrt (wenn auch doppelt so viele Abschüsse
wie sie) aufzuweisen hatte, dann zeigte sie es nicht. Ihren Worten nach hatte sie in der Position der
Flügelpilotin bereits hinreichend Erfahrung, aber keinen großen Ehrgeiz, unbedingt Nummer 1 in der
Rotte zu sein.
Kano erfuhr auch Näheres über die anderen „Neuen“ der Typhoon-Staffel, Perkele und Blackhawk.
Der eine schien ein ziemlich respektloser Draufgänger zu sein, der am liebsten Akarii-Jäger abschoß
und arrogante Offiziere zur Weißglut brachte.
Blackhawk hingegen schien die Ruhe selbst – ein erfahrener Pilot, der dazu noch einiges über die
feindlichen Einheiten wußte und zu dem man mit (fast) jedem Problem kommen konnte.
`Die Maryland scheint gute Leute zu schicken.‘ Als er das gegenüber Virago äußerte, meinte sie
lachend, das wäre „von Oben“ angeordnet gewesen – und der Geschwaderchef hätte deswegen bereits
eine Rebellion erwogen.
Ein Blick auf die Uhr und ein überhasteter Aufbruch mit der Bemerkung, sie hätte Perkele noch eine
Trainingsrunde versprochen, beendeten das Gespräch.
`Also bleibe ich vorerst Rottenführer.‘ Das war ein angenehmer Gedanke – doch dann meldete sich
wieder Zweifel: `Hoffentlich werde ich der Anforderung gewachsen sein. Und im Kampf... . Ich kann
mich nicht darauf verlassen daß sie mir immer den Hals rettet, wie Lilja es getan hat. Sich zusehr
darauf zu verlassen, währe dumm. Ich muß besser werden!‘
Aber vorerst würde er nicht einmal in den einfachen Freizeit-Simulatoren üben können und dies
würde, dank Dr. Hamlin, noch eine Weile so bleiben.
`Hoffentlich erweist sich diese Pause nicht als verhängnisvoll. Für mich – und vor allem für meine
Kameraden.‘
Virago schien trotz ihre martialischen Namens (der „Heldin“ bedeutete, wie sie gesagt hatte) ein
umgängliches und kameradschaftliches Naturell zu haben. Hoffentlich würde er nicht schuld sein, daß
sie abgeschossen wurde... .
So gut es ging verdrängte er die düsteren Gedanken. Wenn Blackhawk so viel über Akarii-Maschinen
wußte, dann würde er am besten bei Gelegenheit versuchen, von diesem Wissen zu profitieren. Und
sobald er erst mal wieder den rechten Arm frei bewegen konnte, würde er jede freie Minute nützen,
um zu trainieren. Wenn nur der Wille und die Kampfbereitschaft groß genug waren, dann ließ sich
JEDES Ziel erreichen. Das jedenfalls hatte man ihm beigebracht.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:30
Zum Abschluss des Arbeitstages ging Noltze noch einmal ihr E-Mail-Postfach durch.
Eine neue Nachricht. Was will der denn?
Sie blickte auf die Uhr: 00:24 Bordzeit. Was solls.
Mit einem Doppelklick öffnete sie den Brief von Mithel.
Nach dem sie den Brief durchhatte, war sie nicht gerade begeistert. Zum einen hatte Mithel sie an
dieses verdammte Kuckucksei Dauntless erinnert, zum anderen kritisierte er die Entscheidung eines
vorgesetzten Offiziers.
Bevor ich mich nachher nochmals damit rumärgern muss.
Als erstes informierte sie sich aus den Datenbanken über den Ausfall des ursprünglichen Captains der
Dauntless.
Schwanger? Sie musste schmunzeln, wenigstens ein vernünftiger Grund.
Schließlich ging sie die Aktenvermerke McAllisters durch, die die Dauntless betrafen.
Auch diese begeisterten Noltze nicht gerade, aber letztens musste sie McAllisters Entscheidung
unterstützen.
An: Captain Mithel, T.R.S. Restless
Von: Vizeadmiral Noltzes, T.R.S.S. Perseus
Vertraulich
Captain!
Ich danke Ihnen, dass Sie mich über Ihre Besorgnisse in Kenntnis gesetzt haben. Nachdem ich mich
über die Angelegenheit genauestens informiert habe, bin ich zu folgenden Schlüssen gekommen:
1. Captain Gonzales ist als erfolgreicher Abgänger des Perisher-Kurses durchaus qualifiziert jedes
Schiff der Navy zu befehligen.
2. Diese Annahme wird dadurch vertieft, dass Captain Gonzales sich bereits im Gefechtseinsatz
ausgezeichnet hat.
Jedoch Teile ich Ihre Besorgnis hinsichtlich Lieutenant-Commander Turners, werde mich jedoch - da
ich wie Sie den Commander nicht kenne - auf das Urteil seines vorgesetzten Offiziers verlassen.
Auch teile ich Ihre Besorgnis, was ein Versagen der Dauntless angeht. Daher weise ich Sie hiermit an,
eine Reihe erfahrener Junioroffiziere aus Ihrer Crew auszuwählen, um die Rumpfbesatzung der
Dauntless zu ergänzen.
Die Ihnen dadurch fehlenden Recourcen werden durch Offiziere von Perseus ersetzt.
Gezeichnet
M. Noltze
Vizeadmiral
Als sie die E-Mail abschickte war es 01:05 Bordzeit.
"Verdammter Kindergarten. Nicht genug, dass ich mich mit diesem Basdardschiff rumärgern darf,
nein, jetzt prügelt man sich, welchem Protegé man es aufbürden darf."
Sie machte sich noch zwei Notizen in den Organizer: 1. Conners besuchen, falls noch auf Perseus. 2.
Dauntless wenn möglich aus den Kämpfen herauszuhalten.
Dann ging auch sie ins Bett, wohl wissen um 06:30 wieder hoch zu müssen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:31
„Welcher Sternenteufel hat mich bloß geritten, als ich diesen dämlichen Posten angenommen habe?“
Juliane Volkmer stöhnte zum Steine erweichen. Ihre neue Einheit, das blaue Geschwader, bestand
noch keine drei Tage, und trotzdem hatte sie mehr Papierkram um die Ohren als in ihrer kurzen Zeit
als XO der Piekerstaffel.
Kurz spielte sie mit dem Gedanken, einen Teil oder gar alles Demolisher zu überlassen. Ja, das wäre
es doch. Sollte er was tun für seine Heuer.
Aber nee, seit sie in einer kleinen intimen Runde mit dem CAG und dem Kommodore ihren halben
Streifen verliehen bekommen hatte, war sie zu allem Überfluß auch noch motiviert.
Wieder seufzte sie. Das einzige, was ihr zur Zeit noch Spaß machte, das waren die täglichen
Trainingseinheiten mit ihrer aus sieben Typhoon bestehenden Staffel.
Der Nachwuchs, wie die Juniorpiloten liebevoll genannt wurden, würden erst am Ende der Woche
eintreffen. Und bis dahin hatte sie etliche Manöver veranschlagt, die meisten auf den Sims, dazu
einige im All.
Zusammen mit dem Papierkrieg und ihrem Training machte das einen Achtzehn Stundentag aus.
Wenn sie also nicht freiwillig auf Schlaf verzichtete, war es erst einmal nix mit PERSEUS.
Sie hatte ja nicht einmal Gelegenheit, nach Ace zu suchen. Oder zu kontrollieren, ob er nach ihr
suchte.
Es klopfte an ihrem Büro. Hm, für den Chief wegen dem Termin mit dem Staffellogo war es doch
noch zu früh. „Herein.“
Die Tür öffnete sich und Annegret Lüding trat ein. Sie lächelte. „Störe ich, Huntress?“
„Nein, kommen Sie nur rein, Rapier. Ich bin für jeden Augenblick dankbar, an dem ich eine Ausrede
habe, mich nicht diesem Papierkrieg widmen zu müssen. Kann ich Ihnen was anbieten? Kaffee? Tee?“
First Lieutenant Lüding setzte sich. „Kaffee, schwarz, bitte.“
Juliane schenkte ihr einen Becher ein und sich selbst nach. Ja, ja, es stimmte schon, die
Kaffeemaschine war nach dem eigenen Vogel der zweitbeste Freund eines Commanders.
„Also, was kann ich für Sie tun, Rapier?“
Die Frau starrte in die Tasse. „Nun, Ma´am... Ich weiß, Sie müssen die Staffel von Grund auf neu
aufbauen. Aber…“
Ihr Kopf ruckte hoch. Hastig, als befürchte sie, ihre eigenen Worte hören zu müssen, haspelte sie:
„Warum haben Sie Demolisher vorgezogen? Ich bin auch First Lieutenant, wesentlich länger als
Demolisher. Und ich habe mehr als doppelt so viele Abschüsse wie First Lieutenant Paul. Außerdem
war ich von Anfang an dabei und bin mit der blauen Staffel durch die ganze Scheiße geritten. Warum
bin ich nicht Ihr XO?“
Huntress dachte einige Zeit über die Worte der jungen Frau nach. Nun, sie hatten Berechtigung. Und
Rapier verdiente eine Erklärung.
„Warum? Well, das ist nichts gegen Sie, Rapier. Es ist so, die blaue Staffel existiert nur noch auf dem
Papier. Himmel, nur ein Viertel all ihrer Piloten sind noch kampffähig. Sie haben es klar erkannt. Ich
baue die Staffel von Grund auf neu auf.
Wir kriegen fünf Grünschnäbel von der Akademie. Dazu kommt noch Foreigner, die sicherlich fliegen
kann. Aber kann sie auch treffen und töten?
Ich kenne Sie und Ihre beiden Kameraden noch nicht besonders gut. Meine beiden Kameraden von der
MARY aber kann ich sehr gut einschätzen.
Wenn ich etwas gebrauchen kann, Rapier, dann Sicherheit. Etwas festes, worauf ich setzen kann. Und
ich weiß, Demolisher kann diesen Job.“
Huntress legte die Hände unter dem Kinn zusammen. „Ich weiß, das ist kein Trost für Sie, Rapier. Für
mich wäre es das auch nicht. Aber die bisherige Konstellation ist vorläufig.
Sie kann sich jederzeit verschieben. Rapier, uns unterscheiden nur zwei Orden, eine Feindfahrt mehr
und drei Abschüsse. Es kann durchaus sein dass ich Sie auf den XO-Posten hieve, wenn ich meine, Sie
können den Job besser als Demolisher. Der Junge mag sowieso keine Verantwortung.“
Rapier senkte den Blick. „Ich nehme an, das soll mich trösten und ruhig stellen.“
Huntress lächelte. „Nein, Rapier. Und ich kann es Ihnen beweisen.“
Langsam schob Juliane der anderen ein Blatt Papier zu. „Lesen Sie.“
„Flight one: Huntress und Foreigner.
Avenger und Neuling.
Flight two: Rapier und Neuling.
Merkur und Neuling.
Flight three: Demolisher und Neuling.
Cloud und Neuling.“
Huntress legte die Linke in den Nacken und grinste.
„Damit dürfte wohl klar sein, was ich von Ihnen erwarte.
Okay, Sie sind nur die Nummer Drei in der Staffel, Rapier, aber hey, wir müssen alle ein paar
Frischlinge einarbeiten. Da sollte man wenigstens in anderer Beziehung versuchen, sich unnütze
Arbeit vom Hals zu halten. Außerdem, vielleicht kriegen Sie bald nicht nur Ihren eigenen Flight,
sondern auch das XO-Kommando.
Wer weiß schon, was uns da draußen erwartet.
Das heißt, wenn Sie mit mir arbeiten wollen, Rapier. Sie können auch jederzeit einen
Versetzungsantrag stellen…“
Annegret Lüding sah auf. „Äääääh, tja, vielleicht sollte ich mein Ego wirklich mal etwas
zurückschrauben. Verstehen Sie, Huntress, aber ich fühlte mich von dem Moment an übergangen, als
man einen First Lieutenant von der MARY herholte und einen halben Streifen gab. Das hätte ich sein
müssen.
Doch dann lernte ich Sie kennen. An Ihnen ist so gar nichts Männermordendes, finde ich… Ich mag
Sie. Und mit meinem eigenen Flight kann ich leben. Vorerst zumindest.“
Huntress zog eine Augenbraue hoch. „Männermordend?“
Rapier errötete. „Na ja… Die Sache mit Ace, Sie wissen schon. Ging die RED dreimal rauf und
wieder runter.“
„Und was sagt man so, die RED rauf und runter?“
Innerlich wand sich die junge Frau. „Nun, man sagt, dass Ace seinen Ärger gerade verdreifacht hat.
Erst Kali, dann Lilja, jetzt Sie, Ma´am.“
„Hm, hat der Tausendsassa mit beiden geschlafen?“
„Nein, oh nein, aber anscheinend hat er es nicht geschafft. Oder so. Wer weiß schon, was in einem
Männerhirn vorgeht.“
Huntress grinste frech. „Hm, das ist Kalis und Liljas Pech, nicht meines. Gibt es sonst noch etwas,
Rapier?“
„Nein, Ma´am, das war es. Und danke, dass wir reden konnten.“ Annegret Lüding stand auf und
verließ mit geröteten Wangen das Büro.
„Tja, Ace“, brummte Huntress leise, „da wird die Gerüchteküche wieder brodeln. Tut mir leid,
Kleiner, das konnte ich mir einfach nicht verkneifen.“

Als Lilja ihre Kabine verließ, bemerkte sie mich sofort. Ihre Reaktion verwunderte mich. Weder griff
sie nach ihrem, Gerüchten zufolge im Stiefel versteckten, Stilett, noch fauchte sie mich an wie ein
Jaguar seine Beute.
„Oh. Hi, Ace. Was willst du?“
Der seufzende, ergebene Unterton tat mir weh. Wo waren die Zeiten, als allein meine Anwesenheit die
Russin auf die Palme brachte?
„Hast du Zeit, Lilja? Keine Bange, es geht schnell.“
Sie musterte mich. Ihr lag ein derber Witz auf der Zunge, aber sie schluckte ihn runter. „Du hast zwei
Minuten.“
Ich nickte, ging den Gang hinunter und öffnete eine noch leerstehende Kabine. Wortlos ging ich
hinein.
Als hinter mir das Schott ins Schloß fiel, wusste ich, dass Lilja mir gefolgt war. Ich drehte mich um
und wurde wieder bitterlich enttäuscht. Sie hielt keine Waffe in der Hand, um mich auf Distanz zu
halten. Nein, sie hatte die Arme ineinander verschränkt und lächelte mich spöttisch an. „Na, was hat
denn der Kleine, jetzt, wo er ein großer Junge ist?“
Ich setzte mich auf das untere freie Bett. „Ich will dich um etwas bitten, Lilja.“
Ihr Gesicht wurde rot. „WENN DU GLAUBST, ICH STEIGE MIT DIR IN DIESE FLOHVERSEUCHTE KOJE, DANN…“
Lässig winkte ich ab. DAS war Lilja, wie sie leibte und lebte.
„Mach dir da mal keine Hoffnungen. Unter Seidenbezug läuft bei mir nichts.“
Zufrieden registrierte ich, dass Lilja ihr berühmtes zynisches Lächeln aufgesetzt hatte. „Ja, klar.“
„Ums kurz zu machen, ich will dich was fragen. Hast du von dem Ehrengericht für Lone Wolf
gehört?“
Die Russin versteifte sich. Langsam, beinahe steif setzte sie sich auf das andere Ende der Koje.
„Sprich.“
„Darkness hat mir erzählt, er darf weiterfliegen. Aber das war es. Seine Karriere ist im Arsch. Außer,
er schießt das kaiserliche Flaggschiff ab. Und weißt du, wem er das zu verdanken hat?“
„Dem Friendly Fire?“
Ich nickte. „Dem Friendly Fire und natürlich dem Selbstmord des Mirage-Piloten. Der arme Junge.“
Ich schwieg einige Zeit.
„Und was hat das mit mir bitte zu tun?“
„Nun, die haben das Ehrengericht abgehalten um einer JAG-Ermittlung zuvor zu kommen. Und jetzt kommt der Witz: Wie kam Yamashita nur an diese Informationen ran? Wer hat ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt? Wer ist die schlimmste Klatschbase an Bord?“
„Radio“, sagte sie leise, beinahe resigniert. „Radio“, bestätigte ich.
„Also, Fritzen, ich frage noch mal, was hat das mit mir zu tun?“
„Ich will dich, Lilja, für…“
„HATTEN WIR DAS NICHT GERADE? NEIN, FRITZEN!“
„…für den Vorsitz eines eigenen Ehrengerichtes“, führte ich meinen Gedanken ungerührt zu Ende.
„Oh. Warum mich? Warum nicht Darkness oder Martell?“
Wütend stemmte ich mich hoch. „Weil ich Radio an seiner empfindlichsten Stelle treffen will. Damit das klappt, muss das Ehrengericht unter uns bleiben, den Piloten der REDEMPTION. Niemand der höher als First Lieutenant ist, soll darin eingeweiht werden. Wir sind Radios primärer Umgang, und wir müssen ihn bestrafen.
Vorausgesetzt, dir liegt etwas daran, Lone Wolf zu rächen.“
Lilja sah mich lange an. „Vielleicht. Was schwebt dir vor, Ace?“
„Natürlich ist dieses Ehrengericht nicht nur illegal, es ist eigentlich auch nicht entscheidungsfähig.
Darum will ich Radio mit etwas bestrafen, was ihm weh tut. Und was wir Piloten vermögen. Ich will
ihn isolieren, Lilja. Ich will, dass dieses Gericht einen Zeitraum festlegt, indem jedem Piloten der RED
verboten wird, mit Radio ein einziges privates Wort zu wechseln.
Damit haben wir die Tratschtante bei den Eiern. Wenn ihn das nicht bessert, nun, es wird ihm ordentlich weh tun.“
Lilja sprang auf. „Ich würde ja gerne, aber ich habe genügend eigene Probleme, Ace. Ich wurde gerade befördert. Ich wurde ausgezeichnet. Ich muss mich dessen würdig erweisen. Bei einem illegalen Ehrengericht erwischt zu werden wäre da nicht… sehr gut. Ich habe da eine Verantwortung, verstehe das.“
„Verantwortung? VERANTWORTUNG?“ Ich lachte rau. „Lilja, ich habe dich gewählt, weil ich weiß,
dass du Akariis haßt. Aber du respektierst deine Kameraden.
Wenn du den Vorsitz übernimmst, dann werden hoffentlich alle dem Urteil folgen. Du, die
Musterpilotin… Das ist deine Verantwortung, Lilja.“
„Laß mich, Ace, ich habe genügend eigene Probleme. Da muss ich mir nicht noch gewaltsam welche
suchen, ja?“
„Du hast ja keine Ahnung, Lilja“, flüsterte ich. „Du bist nicht die einzige, die mit Dämonen kämpft.
Und trotzdem fliege ich weiter. Weiter, weiter, immer weiter.
Nimm an, Lilja, ich bitte dich. Übernimm den Vorsitz. Um Lone Wolfs Willen.“
Lilja stand auf. Sie drehte sich um, öffnete das Schott. „Ich… überlege es mir, Fritzen. “
„Gut.“
Sie ging ohne einen Gruß. Und ließ mich allein mit meinen eigenen Dämonen. Wenn sie wüßte...

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:32
Befehl ist Befehl
Mithel verzog grimmig das Gesicht. Er hätte es wissen müssen! Noltze hatte sich gegen seinen
Ratschlag entschieden und diesem Kleinschiffkapitän auf seinem neuen Posten belassen. Nun, ER
zumindest hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Aber was wußte die Admiralin schon davon, und was
kümmerte es sie? Andererseits – er durfte nicht ungerecht sein. Bloß weil sie aus den Jagdstreitkräften
kam, hieß das noch lange nicht, daß sie ihr Handwerk nicht verstand. Sie hatte sich als Kommandeurin
bewährt. Dennoch fragte er sich, ob sie sich eher aus Prinzip und um der Tradition willen hinter die
Entscheidung ihres Vorgängers gestellt hatte. Ja, dieser Gonzales mochte die entsprechenden
Lehrgänge absolviert und auch im Kampf zumindest seine Pflicht getan haben. Aber das hieß noch
lange nicht, daß er auch in der Lage war, mit der neuen Herausforderung fertig zu werden. Die
„Dauntless“ strotzte nur so von technischen Macken, die Besatzung war ungeübt und der Kapitän und
sein erster Offizier bisher nur auf kleinen Schiffen gefahren – das roch geradezu nach Ärger. Und er
durfte nun Offiziere abgeben, damit nichts schief ging! Der Captain hatte zu den versprochenen
Ersatzleuten kein rechtes Zutrauen, ihnen dürfte zum Gutteil die Praxiserfahrung fehlen. Die fehlte
zwar auch vielen seiner Junioroffiziere, aber die waren zumindest schon teilweise durch sein
liebevolles Trainingsprogramm, im Soldatenmund auch „Blut, Schweiß und Tränen“ genannt,
gegangen. Er öffnete einen Intercomkanal.
„Raffarin.“ Die Stimme der Offizierin klang ruhig, aber der Bildschirm blieb dunkel. Mithel überging
dies. Sie würde schon ihre Gründe haben, und die gingen ihn nichts an: „Wir haben Befehl, ein paar
Offiziere an die ,Dauntless‘ abzugeben. Juniorgrade. Überlegen Sie mal, wer geeignet wäre. Ich will,
daß die ,Dauntless‘ eine ordentliche Besatzung erhält, aber es nutzt nichts, wenn wir uns dabei
kastrieren. Wir sollen Ersatz von Perseus bekommen, also werden wir die auch noch zurechtbiegen
müssen. Könnte sein, daß sie etwas bequem geworden sind und vergessen haben, wie es bei der Navy
zugeht. Immerhin sind sie hier weit vom Schuß. Und der bisherige Kommandeur scheint mir, mit
Verlaub, kein sonderlich energischer Befehlshaber gewesen zu sein.“ Raffarin kommentierte die Kritik
ihres Vorgesetzten nicht. Sie schwieg, und was sie dachte konnte man auf Grund eines fehlenden
Bildes nicht sehen. Aber vermutlich war sie mit Mithel einer Meinung, auch wenn sie ,energisch‘ nicht
hundertprozentig so definierte wie ihr Vorgesetzter. „Ich kümmere mich drum. Bis wann brauchen Sie
es?“ „Mithel überlegt: „Es wäre gut, wenn ich es bis morgen Abend hätte. Aber wenn es einen Tag
länger dauert, macht es auch nichts. Hören Sie sich auch um, was man so über diesen Gonzales
erzählt. Ich will wissen, wem ich meine Männer anvertraue. Wenn Sie ihn sehen, sprechen Sie auch
mit Rogulski. Schlimm genug, wenn ich Sie störe – Privileg eines Stellvertreterpostens. Da will ich
ihm nicht auch noch Bescheid sagen. Das hat Zeit bis morgen. Er soll aus seiner Abteilung auch ein
paar Leute auswählen – aber daran denken, daß wir auch selber funktionstüchtig bleiben müssen.“
Täuschte er sich, oder zögerte sie einen Augenblick, bevor sie das gewohnte: „Jawohl Sir!“ über die
Lippen brachte. Nun, Mithel war es nicht wichtig. Es mochte sein, daß der Lieutenant-Commander
gerade bei Raffarin war, wenn an den Geschichten etwas stimmte, aber Mithel tat diesen Gedanken als
unwichtig ab. „Gute Nacht, Commander!“ „Gute Nacht, Captain!“
Wer unter Mithel arbeitete, war immer im Dienst. Der Captain verlangte Verfügbarkeit von seinen
wichtigsten Offizieren und ging mit gutem Beispiel voran. Kein geringer Preis, aber dafür war der
Lohn auch nicht gering.

Zwei Tage später
Der Captain musterte die angetretenen Offiziere. Sie zählten zum Besten, was das Schiff zu bieten
hatte, ohne sich seiner Kampfbereitschaft zu berauben. Angehörige der verschiedensten Abteilungen,
sorgfältig ausgewählt. Sie hatten sich bei den Übungen bewährt. Der Captain war zufrieden mit dem,
was er sah: „Das Ganze – Stillgestanden!“ Sie nahmen Haltung an.
„Offiziere! Ihr wißt, warum ich euch habe rufen lassen! Binnen Kurzem werdet Ihr euren Dienst auf
dem Kreuzer ,Dauntless‘ antreten. Die ,Dauntless‘ ist ein neues Schiff mit einer frisch ausgebildeten
Besatzung. Ihr seid dazu bestimmt, mitzuhelfen, aus diesem Kreuzer eine schlagkräftige Waffe zu
machen! Ihr habt euch unter meinem Kommando bewährt, und ich rechne fest damit, daß Ihr auch auf
dem neuen Schiff euren Mann stehen werdet! Vergeßt nie, was Ihr seid und warum Ihr hierher kamt!
Ihr seid der stählerne Schild der Menschheit, das tödliche Schwert, daß auf die Feinde zielt! Benehmt
euch entsprechend! Unsere Flotte versteht sich als Trägerin stolzer Traditionen – und Ihr werdet diese
Traditionen fortschreiben! Ich verlasse mich auf euch! Und ich weiß, daß ich dies zu Recht tue! Dient
Captain Gonzales so gut, wie Ihr mir gedient habt, und dient unter ihm dem, dem wir uns alle
verpflichtet haben – der Navy und der Republik! Ich danke euch!
Weggetreten!“
Wie EIN Mann fuhren die Männer und Frauen herum und entfernten sich im Gleichschritt.
Commander Raffarin, die das ganze Schauspiel beobachtet hatte, wahrte ihre ernste Miene, bis der
letzte verschwunden war. Dann lächelte sie ironisch: „Hübsche Rede.“ Mithel mußte an sich halten,
um nicht laut zu fluchen. Raffarins Bericht – den er aus anderer Quelle bestätigt bekommen hatte –
war vernichtend gewesen. Wenn auch Captain Gonzales fachlich halbwegs versiert schien, so bot er in
anderen Bereichen ein sehr schlechtes Bild. Ein Weiberheld, so hatte Raffarin ihn beschrieben, der
seine Besatzung nicht unter Kontrolle hatte, so daß er sie regelmäßig aus dem Arrest loseisen mußte.
Auf Mithels Schiff hätte man sich ein solches Verhalten nur EINMAL erlaubt. Ein Offizier, ein Soldat
war auch auf Landgang Repräsentant seines Schiffes. Und durfte sich deshalb nicht wie der letzte
Dreck benehmen UND sich dabei erwischen lassen. Wenn Mithels Leute auf Landgang Ärger
bekamen, dann erwartete sie an Bord meist noch eine zusätzliche Strafe, und die nicht zu knapp.
Allerdings war die meist etwas innovativer. Aber der Captain wollte nicht, daß die Matrosen der TSN
als Raufbolde, Säufer und Randalierer verschrienen wurden. Amüsieren konnte man sich auch ohne
das, das war Mithels felsenfeste Überzeugung.
Was nun das Privatleben von Gonzales anging – nun, Mithel war kein Sittenwächter. Aber ein Offizier
mit einem Ruf als Frauenheld vertrug sich nicht gerade mit dem Bild, das der Captain von der Marine
hatte. Wenn schon, dann sollte man das Ganze diskret abhandeln, aber Gonzales war da wohl weniger
sorgfältig gewesen. So etwas war nicht eben Weihrauch für das Offizierskorp der TSN. Und daß er
augenblicklich vermutlich mit der JAG der Redemption etwas hatte, wie Raffarin aufgeschnappt hatte,
war noch schlimmer. Mithel hatte nicht nachgefragt, welche Kanäle seine XO anzuzapfen pflegte, die
seriösesten waren es nicht. Aber zuverlässig. Der Captain der „Relentless“ schätzte das JAG nicht, und
dies schloß so ziemlich ALLE Angehörigen dieser überflüssigen und oft lästigen Einrichtung ein.
Nun, vermutlich war er altmodisch, sagte er sich selber, aber so dachte er nun mal. Beziehungen von
Offizieren waren ein Ablenkung und oft schlecht für die Truppenmoral, weil es fast immer Getuschel
gab und Unterstellungen. Offiziere waren Vorbilder und hatten sich auch so zu benehmen. Und SO
JEMANDEM vertraute er seine Leute an.
„Ich hoffe nur, CAPTAIN Gonzales macht keine Dummheiten.“ knurrte er. Raffarin nahm es ihm
nicht übel: „Sie meinen – nicht mehr als sonst, mon capitan.“ soufflierte sie spöttisch. Mithel warf ihr
einen schiefen Blick zu, dann grinste er. Wie hatte sie doch gesagt: ‚Man erzählt sich, wenn man ihm
seinen Schnurrbart abschneidet, bleibt nicht viel vom ganzen Gonzales übrig.‘ Sie hatte gelacht und
hinzugefügt: ‚Obwohl ich nicht weiß, ob mein Informant seinen BART meinte...‘ Mithel machte eine
vage Handbewegung: „Nun, hoffentlich geht alles glatt. Wir haben das getan, was in unserer Macht
stand. Hoffentlich haben wir keine guten Männer und Frauen einem schlechten hinterher geworfen.
Aber das bleibt unter uns.“ Er fand es fast bedauerlich, daß er keinen höheren Offizier an Bord der
„Dauntless“ hatte. Jemanden, der das Kommando übernehmen konnte, falls Gonzales oder sein
Vertreter versagten. Mithel wußte, eine einem Offizier unwürdige Haltung bedeutete nicht unbedingt,
daß ein Kommandeur schlecht war. Aber nicht selten hatte es eben doch etwas miteinander zu tun.
Und Gonzales hatte ein Ego, das wohl für einen ganzen Trägerverband gereicht hätte. So etwas
konnte, zumal er auf die Herausforderung möglicherweise nicht vorbereitet war, leicht fatal enden. Er
konnte nur hoffen, daß alles gut ausging.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:32
Captain Gonzalez stöhnte. Nicht nur, dass er ein Schiff auf Vordermann zu bringen hatte, er mußte
nun auch noch Leute von anderen Schiffen integrieren mußte, weil irgendein Depp im Oberkommando
meinte, er könne dies brauchen. Er ahnte aufgrund der Herkunft der Offiziere, auf wessen Impuls das
ganze in Gang gesetzt worden war.
Wenigstens hatte der Unfall vor zwei Tagen keine schweren Folgen gehabt, die Besatzungsmitglieder
waren wieder auf den Beinen und zumindestens für den leichten Dienst wieder eingeteilt. Dafür warf
das SM2 System weiterhin Fragen auf. Die Techniker hatten zwar den Fehler in einer Fehlschaltung
erkannt, die auch im zweiten System vorhanden war, aber Gonzalez war sich nicht sicher, ob er es nun
wagen sollte, noch einen Test durchzuführen.
Dann meldete sich Turner per Com.
„Sir, die Neuen kommen gerade an Bord, ich lasse sie auf die Brücke kommen.“
„Danke, Warren, lassen Sie Quinn kommen, ich bin auf dem Weg.“
„Aye Sir.“
Zwei Minuten später erreichte er die Brücke, wo die Neuankömmlinge bereits warteten.
Ein Petty Officer rief bei seinem Erscheinen: „Achtung, Captain auf der Brücke!“ woraufhin alle
Mann in Habacht gingen.
„Danke, weitermachen.“ Er musterte die Jungoffiziere, die Mithel ihm geschickte hatte. Insgesamt
machten sie einen schon fast parademäßigen Eindruck. Wie erwartet. Mithels Ruf als Erbsenzähler
und Traditionalist war mehr als bekannt und Gonzalez hatte gehört, dass man sich in den letzten Tagen
über ihn erkundigt hatte...wer da Informationen eingeholt hatte, war mehr als deutlich.
„Willkommen an Bord der Dauntless. Wie Sie wissen, ist dieses Schiff noch sehr neu, damit
einhergehend sind hier auch noch einige Fehler auszumerzen, bevor wir volle Gefechtsbereitschaft
erreichen. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie Ihre Erfahrung an die Mannschaft weitergeben und
dazubeitragen, aus der Crew ein eingespieltes Team zu machen, dass den Akarii Jägern Respekt, wenn
nicht sogar Angst einflößt. Wie von allen meinen Offizieren erwarte ich von Ihnen Loyalität und
Offenheit mir gegenüber. Ich bin jederzeit offen für Vorschläge, also halten Sie Ihre Ideen nicht
zurück. Soweit verstanden?“
Die Offiziere riefen im Chor:“Aye, aye Sir“ ...in einer Lautstärke, die Gonzalez fast zusammenzucken ließ.
„Gut...Lieutenant Quinn wird Sie nun zu Ihren Quartieren bringen und anschließend einen Rundgang
durch die Stationen führen. Sie sind entsprechend Ihrer Erfahrung auf der Restless eingeteilt worde,
aber es kann sein, dass Sie zumindestens in den Übungen auch einmal anderen Stationen zugeteilt
werden, um flexibel auf mögliche Gefechtsausfälle zu reagieren. Außerdem kann es nicht schaden,
mal über seinen eigenen Tellerrand zu schauen. Noch Fragen? Nein, gut, Sie können wegtreten.“
Nachdem das Schott sich geschlossen hatte, sah er Turner an. Der verdrehte als Antwort nur die
Augen. Gonzalez nickte zustimmend.
„Halten Sie die Leute im Auge, wenn die zu heftig zuhacken, dann muss ich sie mir nochmal
vorknöpfen. Wie laufen die Computertests?“
„Sehr gut, wir finden zwar immer wieder kleinere Fehler, aber die großen Probleme haben wir
ausgemerzt, denke ich. Wir werden nachher mal eine Übung machen, in der wir den Angriff durch
einen Trägerverband von 8 Trägern, Eskorten und Kleinvieh simulieren, wenn wir das packen, denke
ich, können wir davon ausgehen, dass wir diesen Modus voll nutzen können. Danach werden wir den
Jägerleitstandmodus mal testen.“
„Das sind gute Nachrichten. Wir werden morgen erneut auslaufen und das SM2 System testen, wir
müssen es in Gang setzen, sonst sinkt unsere Effizienz massiv.“
„Verstanden, ich werde alle Arrangements treffen.“
„Danke. Sind die Datenblätter schon gekommen?“
„Ja, vor zwei Stunden.“
„Lassen Sie einen Satz in mein Quartier und einen in Ihres bringen. Der Rest wird an die
Mannschaften ausgegeben. Ich will, dass in zwei Wochen jeder Mann an Bord jeden Jäger der Akarrii
und von uns wie seine Westentasche kennt.“
„Ok, mach ich.“
„Gut, ich werde nachher nochmal zum Geheimdienst gehen und mir neue Informationen besorgen.
Mal schauen, vielleicht haben die Spione ja noch Daten zu den Bombern, die sie nicht so leicht
rausrücken. Außerdem bin ich gespannt, was mir meine Freunde da zu unserem ersten Auftrag sagen
können.“
Am nächsten Morgen machte sich die Dauntless für ein erneutes Auslaufen bereit. Wiederum würde
ein Shuttel Drohnen für einen Testbeschuss abschießen. Gonzalez hatte erneut einen dichten
Übungsplan vorgesehen, diemals würden die Schadenskontrollübungen mit den Flugabwehrübungen
zusammenfallen. Der Captain wußte, dass er der Besatzung in diesem Stadium viel zumutete, aber
Drill jetzt würde weniger Verluste im Gefecht bedeuten und das war es, woran er sich selbst maß. Am
vorabend waren die SM2 Werfer „trocken“ abgefeuert worden, aber trotzdem war er keineswegs
überzeugt, dass dies bedeuten würde, dass das Waffe nun funktionierte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:33
Im Jägerhangar der Redemption herrschte selbst „in der Etappe“ Hochbetrieb. Auch wenn eine Schicht
der Techniker sich auf der Perseus amüsierte und die Dienstschicht sehnsüchtig das Ende ihrer Schicht
erwartete. Die Deckoffiziere und Kommandotechs hielten scharfe Aufsicht. Während der Träger
überholt und repariert wurde, sorgte man sich hier um seine „Hauptwaffe“ – die Jäger und
Jagdbomber.
Außerdem wurde auch die Innenausrüstung des Hangars und das mobile Gerät überholt, überprüft und
modernisiert.
Für die abgeschossenen Maschinen war Ersatz geliefert worden, der überprüft werden mußte.
Irreparabel beschädigte Einheiten wurden ausgeschlachtet – und die zahlreichen im Verlauf der
Operation beschädigten (und mit oft recht fraglichen Bordmitteln reparierten) Jäger wurden jetzt
gründlich überholt und wieder zu „Frontlinie“-Einheiten.
Deshalb war Kano im Hangar. Er lehnte nicht sehr bequem mit der linken Schulter an der Wand und
beobachtete die Reparaturcrew, die an seiner Typhoon arbeitete. Der Jäger war schwer
zusammengeschossen worden, eigentlich ein Wunder, daß er als reparabel eingestuft wurde. ,Und ein
Wunder, daß ich nicht „irreparabel beschädigt“ wurde...‘
Wie sein Pilot würde die Maschine nicht so bald wieder einsatzfähig sein. ,Aber wie mein Körper wird
meine Waffe die Wunden überstehen und wieder kämpfen. Bis...‘
Die Mechaniker hatten sich an seine Gegenwart gewöhnt. Sie achteten kaum noch auf ihn. Es war
auch nicht so ungewöhnlich, daß Piloten ihre beschädigten Maschinen „besuchten“. Zwischen
Maschine und Mensch bestand seit den Anfängen der Luftkriegsführung ein merkwürdiges Band,
geknüpft aus Aberglauben, Bräuchen und – wie in Kanos Fall – Traditionen.
Am liebsten hätte er bei der Reparatur geholfen. Aber Kano hätte nur mit der linken Hand arbeiten
können und wäre mehr eine Behinderung gewesen, als eine Hilfe. Also blieb er etwas abseits und
„überwachte“ die Arbeiten.
Als er sich umdrehte, stand Kali hinter ihm. Sie musterte ihn mit leicht spöttischer Miene und trug die
Ausgehuniform der Navy. „Wußte doch, daß ich dich hier finde! Ich habe mich schon gefragt, wann
du mich bemerkst. Ich muß ja scheußlich aussehen, wenn du den Anblick deiner zerschossenen Mühle
vorziehst. Oder erinnert sie dich an jemanden?“
Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er verstand was sie meinte. Dann verzog er das Gesicht leicht –
das ständige Hickhack zwischen Kali und seiner ehemaligen Flügelfrau ging ihm auf die Nerven, auch
weil er die Gründe dieser Feindschaft nicht verstand: „Was hast du nur immer mit Lilja?“
Kali überraschte ihn, indem sie loslachte: „Also DEN Namen hast du jetzt aufgebracht!“
Das brachte ihn fast zum Lächeln.
Nun runzelte Kali die Stirn und sah ihn nachdenklich an: „Was ist eigentlich in letzter Zeit mit dir los?
Du bist mir aus dem Weg gegangen. Und du machst ein Gesicht, wie auf einer Beerdigung.“
Kano zuckte unbehaglich mit den Schultern, verzog kurz den Mund, als sich dabei die rechte Schulter
meldete. Aber er war ihr gegenüber zur Ehrlichkeit verpflichtet: „Ich bin jedem aus den Weg
gegangen in den letzten Tagen.“
Das überging sie erst einmal. „Also, du bist mein Freund. Sogar, wenn ich dich erst aufspüren muß,
um dich einzuladen. Kommst du mit, oder willst du dich wieder unsichtbar machen?“
Nun mußte er doch lächeln. „Ich komme mit...“ ,Kano sah an sich herunter, er trug nur den einfachen
Dienstoverall, „…aber nicht in dieser Montur. Wenn du mir noch ein paar Minuten gibst?“
Jetzt grinste sie wieder: „Das müßte eigentlich mein Text sein. Na ja, es lebe die Gleichberechtigung.“

So schnell, aber auch so sorgfältig wie möglich wechselte Kano zu der Ausgehuniform, die erheblich
mehr darauf ausgerichtet war Eindruck zu schinden als die schmucklosen Dienstmonturen. Kurz
überprüfte er noch einmal den Sitz, dann gesellte er sich wieder zu Kali, die auf dem Gang wartete und
ungeduldig mit dem Fuß wippte: „Schon viel besser. Vielleicht auf der Brust noch etwas kahl...“
Das kam als gutmütiger Spott und Kano bemühte sich dem zu folgen: „Leider gibt es den ,Löwen‘ nur
einmal.“
Aber Kali bemerkte den Unterton in seiner Stimme, sie warf ihm einen kritischen Blick zu. Kurz
entschlossen hakte sie sich unter und bugsierte ihn in Richtung Shuttlehangar.
„Hast du eigentlich schon mal Indisch gegessen, Kano?“
„Bisher noch nicht – nach der japanischen Küche kamen gleich die Verpflegungssätze der Navy.“
„Nun, jeder sollte es mal versuchen. Zumindest einmal...“
Kano grinste bei diesen Worten. Überrascht stellte er fest, daß sich seine Stimmung spontan und
schlagartig gehoben hatte.

Das Shuttle war ziemlich voll und das vorherrschende Thema die Frage, was sich rund um die Perseus
- Station vorbereitete. Die meisten mochten zwar schon mit den Gedanken auf der „intergalaktischen
Amüsiermeile“ sein, aber selbst ein Blinder hätte die zahlreichen Großkampfschiffe bemerkt, die sich
um die Station gruppiert hatten: leichte Trägereinheiten, Kreuzer aller Größen, Zerstörer und Fregatten
– und natürlich die „good old“ Redemption, als Flottenträger die größte Einheit. Es roch förmlich nach
Zunder, nach irgend etwas „Großem“ – und der Träger würde vermutlich im Zentrum des
Schlamassels sein...
Kano beteiligte sich kaum an der Unterhaltung. Zum einen erschien ihm dieses „Fischen im Trüben“
nicht unbedingt angemessen, oder sinnvoll. Auf der anderen Seite beanspruchte Kali irgendwie den
Großteil seiner Aufmerksamkeit, wohl auch, weil er ihr in den letzten Tagen ausgewichen war. Und da
gab es noch diese andere Sache...

Wie immer – und zu jeder Zeit – quoll die Station vor Leben fast über. Diesmal schien es sogar
besonders schlimm, angesichts der zahllosen schweren Einheiten um die Station. Marines,
Navymitglieder und zivile Dienste bildeten eine kompakte – und manchmal ziemlich explosive –
Masse. Dem „Flottenfunk“ nach war es schon zu etlichen Massenprügeleien – und sogar einem
(unbestätigten) Totschlag gekommen. Der Sicherheitsdienst hatte alle Hände voll zu tun, angeblich
trauten sich manche „Etappenhengste“ überhaupt nicht mehr raus – und die Besitzer der Kneipen,
Nachtclubs und Bordelle (wenn es da Unterschiede gab) fuhren Riesengewinne ein.
Kali und Kano hatten manchmal direkt Mühe durchzukommen – obwohl die meisten Soldaten Kano,
als Verletzten, Platz machten. Dies war ein ungeschriebenes Gesetz, das sogar gegenüber Mitgliedern
anderer Waffengattungen eingehalten wurde.
Kali wußte offenbar genau, wo sie hin wollte, im Gegensatz zu Kano, der diesen Teil der Station noch
nicht besucht hatte. Hier waren nicht gerade die Vorzeigegänge, alles war etwas schäbiger – und die
Werbung der billigen Amüsierkneipen ziemlich eindeutig. Kano sah sich mißtrauisch um. Zum einen
entsprach das Ambiente nicht gerade seinem Geschmack, zum anderen schien ihm diese Gegend nicht
sicher. In diesem Sektor, das hatte er jedenfalls gehört, hatte es die meisten Prügeleien, ja sogar
angeblich illegale Duelle gegeben.
Und momentan fühlte er sich nicht gerade in Kampfbereitschaft. ,Vielleicht hätte ich die Pistole
mitnehmen sollen... .‘
Aber Kali schien sich völlig sicher zu fühlen. Als sie Kanos skeptische Miene und das wachsame
Sichern nach den Seiten bemerkte grinste sie: „Keine Bange, Waffenpause. Du mußt nur die richtigen
Leute kennen!“
„Und woher kennst du sie?“
Das Grinsen verbreiterte sich: „Ich erzähl’s dir, wenn du älter bist.“
Schließlich hatten sie offenbar das Ziel erreicht, das zwischen einer Mischung aus Stripbar und
Stundenhotel und einem Waffenladen lag. Im Gegensatz zu der „offensiven“ Werbung rechts und
links war hier einzig und allein ein kleines Schild angebracht: „NEW BOMBAY“
„Den Tip habe ich von `nem Piloten von der Maryland, `nem Sikh, der hier schon öfters stationiert war.“
Innen erwies sich das „NEW BOMBAY“ als kleines, etwas verräuchertes Lokal – ruhig und nicht sehr
stark besucht. Sehr zum Vorteil hatte man auf die üblichen klischeehaften „indischen“ Dekorationen
verzichtet.
„Du mußt schon vom Subkontinent kommen, um hier reinzukommen – oder eingeladen werden. Ich
weiß nicht, wie die sich hier über Wasser halten...“ ,sie kniff ein Auge zu, „und du solltest besser nicht
nachfragen. Vielleicht erinnert sie die Umgebung an die Heimat.“
Das Essen war gewiß gewöhnungsbedürftig, vor allem die recht ungewohnten Gewürze. Und daß man
zum Essen neben Wein auch Yoghurt trank, war ebenfalls eine neue Erfahrung. Aber es schmeckte auf
jeden Fall und hier stieß sich keiner an seiner Verwundung. Kali übersah sie jedenfalls, wofür ihr
Kano dankbar war.
Das Gespräch drehte sich zuerst, wie konnte es auch anders sein, um die Veränderungen an Bord der
Redemption, die neuen Piloten und die neue Mission.
„Und, wie sieht es bei dir aus? Die Eisprinzessin ist sich jetzt doch wohl zu fein, um sich mit dem
Flügelposten zu begnügen.“
Kano ignorierte die neue Spitze gegen seine ehemalige Rottenkameradin: „Ich habe Glück gehabt. Ich
bleibe Flightführer. Sie haben mir eine Pilotin von der Maryland zugeteilt, Virago.“
„Hübsch?!“ Das klang ziemlich scharf.
Kano stutzte, dann erkannte er das Funkeln in ihren Augen. Er lächelte: „Nicht so wie du, falls es das
ist, was du hören wolltest.“ Kali lachte.
„Sie hat zwei Abschüsse. Aber jedenfalls mehr Erfahrung als ich. Und sie soll eine gute Flügelfrau
sein...“
„Das hoffe ich für dich...“ ,sie überlegte kurz, „...und für sie! Was ist mit IHREM Flightleader?“
„Tot – von einem Zerstörer abgeschossen... .“
Ein paar Augenblicke schwiegen beide. Der Tod schwebte ständig über einem Piloten. Dennoch war
es immer beunruhigend, direkt an das erinnert zu werden was die meisten verdrängten. Beide spürten
es, deshalb brachte Kali das Thema auf ein unverfängliches Thema – die jüngsten Gerüchte, die Radio
in Umlauf gebracht hatte. Die Geschichte, daß er Geschwaderchef Cunningham und die XO der
Redemption praktisch inflagranti erwischt hatte war noch das Gewöhnlichste...

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:34
Zwei Stunden später
Irgendwann war in jeder Unterhaltung der Punkt erreicht, an dem sie stockte.
Kali fixierte Kano mit einem nachdenklichen Blick, während sie mit den Fingern der Rechten auf die
Tischplatte trommelte. Er war sich sicher, daß sie irgendetwas von ihm wollte. Während er Kali ansah
stellte er fest, daß er wohl nicht mehr völlig nüchtern war. ,Ich vertrage wirklich nicht viel. Oder ich
kann kein Maß halten.‘
„Was war nun eigentlich in den letzten Tagen los mit dir? Du hast mir die Frage noch nicht beantwortet.“
„Du hast doch gar nicht gefragt... .“
„Jetzt frage ich, du japanischer Dickkopf.“
Kano überlegte wie er ausweichen konnte, ohne zu lügen – und stellte zu seiner Überraschung fest,
daß er weiter sprach. ,Ich hätte die Finger von dem Wein lassen sollen... .‘ „Ich weiß nicht so recht.
Vielleicht bemitleide ich mich einfach selbst. Wegen dieser Wunde...“ ,er bewegte die rechte Schulter,
so weit es ging, „bin ich zu nicht viel zu gebrauchen. Ich kann nicht fliegen – wenn die Akarii
angreifen würden, ich könnte nichts tun. Ich kann nicht einmal bei den Reparaturen mitmachen,
trainieren, Virago anlernen... . Ich bin nutzlos, bis dieser Feldscher entscheidet, daß ich wieder
einsatzfähig bin. Ich soll warten, warten – verdammt!“ Kano unterbrach sich und murmelte einen
japanischen Fluch. Dann: „Entschuldigung. Ich benehme mich reichlich kindisch, du brauchst dir
wirklich nicht mein Selbstmitleid anzuhören... .“
„Hör auf. Wenn du mir auf die Nerven gehst, sag ich's dir schon. Und ich weiß was du meinst. Nach
diesem 'Unfall' wollte ich auch sofort wieder weitermachen. Du weist wie das ausging. Also übertreibe
es nicht! Fehlt bloß, daß du auch noch zusammenklappst... .“
„Ich werde NICHT zusammenbrechen!!“
Die Heftigkeit dieser Worte überraschte Kali. Und Ohka fühlte, wie er rot wurde. Er hatte nicht gerade
schreien wollen. „Entschuldigung.“
Kali sah ihn mit leicht schräg gelegten Kopf an, dann schnaubte sie abfällig: „Hör auf, dich andauernd
zu entschuldigen! Deine Leute müssen dir das ja richtig eingebleut haben!“
,Meine Leute? Was...‘ Dann fiel ihm ein, er hatte ihr, wenn auch nur vage, von der paramilitärischen
Vorausbildung und seinen japanischen Ausbildern erzählt. ,Das hätte ich vielleicht nicht machen sollen.‘
Er zwang sich zu einem zu einem Grinsen: „Eingebleut? Na ja, das kann man fast so sagen... .“
Aber so leicht ließ Kali sich nicht ablenken: „Das mit deiner Wunde ist doch nicht alles! Komm schon,
ich kenne dich inzwischen schon besser. Es hat etwas mit deinen ‚Leuten‘ zu tun. Und dem
‚Zusammenklappen‘ – oder nicht? Wovor hast du Angst?“
Bei ihren Worten war Kano zusammengezuckt. Sie saßen im Ziel, Kali kannte ihn inzwischen zu gut,
um sich täuschen zu lassen. Aber irgendwie ließ ihn das nicht in der ausdruckslosen Maske erstarren,
die er sonst versuchte aufrecht zuhalten. Kalis Worten lösten vielmehr die Barrieren, die er aufgebaut
hatte: „Ja. Ja – das ist es.“
„WAS?“
„Die Angst. Ich bin Pilot geworden, um meinen Mut zu beweisen, meinen Wert. Mir selber, meinen
Eltern, meinen Ahnen. Ich bin Soldat. Ich muß bereit sein, in den Tod zu gehen, wenn es befohlen
wird, wenn es nötig ist – einfach, wenn die Zeit dazu gekommen ist! Ich muß vortreten ohne Zögern
wenn es heißt, daß es von diesem Flug keine Rückkehr gibt. Alles andere wäre erbärmlich, eine
Schande! Ich würde meine Familie entehren – meinen Bruder, der für seine Pflicht gefallen ist. Einer
unserer Ahnen, ich trage seinen Namen, begleitete und schützte die Kamikaze. Er fiel bei der
Verteidigung derer, die zum Einsatz ohne Wiederkehr aufbrachen, damit sie ihr Ziel erreichen
konnten, ihr Tod einen Sinn hatte. Das verpflichtet mich. Wie könnte ich mir selber in die Augen
blicken, wenn ich dazu nicht bereit bin!“
Er vermied es, Kali anzusehen. Mit nicht ganz sicherer Hand griff er nach dem Weinglas und
versuchte den schlechten Geschmack in seinem Mund herunter zu spülen. ,Ich habe angefangen. Also
bringe ich es auch zu Ende.‘ „Ich darf vor dem Tod nicht zurückweichen.“ Kanos Stimme gewann an
Sicherheit, klang fast dozierend, als wiederhole er einen eingeübten Text: „Der Weg des Kriegers
bedeutet entschiedene Bereitwilligkeit zum Tod. Wenn ich mich am Scheideweg befinde und einen
Weg wählen muß, darf ich nicht zögern, den Weg des Todes einzuschlagen. Erst wenn die
Entschlossenheit, jederzeit zu sterben, eine feste Behausung in meiner Seele gefunden hat, erst dann
habe ich den Höhepunkt der bushido-Lehre erreicht. Pflicht und Ehre zu folgen ist alles – das Leben dagegen
nichts.“
Da er es weiterhin vermied, Kali anzusehen, entging ihm der fast schon entsetzte Ausdruck, der auf
ihrem Gesicht erschienen war. Sie sagte nichts und nachdem Kano hart geschluckt hatte, als würde er
einen Stein herunterwürgen, fuhr er fort: „So sollte ich denken. Dies muß mein Leben bestimmen,
denn ich habe mich den Streitkräften angeschlossen, im vollen Wissen und Bereitschaft dazu. Hier ist
kein Platz für Feiglinge oder Schwächlinge. Aber - ich habe ANGST!“
Seine Stimme war kurz lauter geworden, doch als Kano fortfuhr war es mit leisem, fast monoton
klingenden Wortlaut: „In der ersten Schlacht wurde ich abgeschossen. Bei meinem zweiten Feindflug
fehlte nur wenig dazu. Ich wäre beinahe im Cockpit verblutet. Das war Soldatenschicksal. Aber – es
verfolgt mich. Ich komme davon nicht los. Es sollte nicht so sein, aber ich habe Angst. Angst davor zu
versagen. Angst vor dem Tod, vor einer Verwundung, die mich zu einem nutzlosen Krüppel
degradiert. Ich habe Angst – vor der Angst. Meine Schwäche ist eine Schande! Ich darf das Gesicht
nicht verlieren, das Ansehen und den Stolz meines Landes und meiner Familie nicht entehren! Wenn
ich ‚zusammenbrechen‘ würde...“
Eine lange Zeit sagte keiner von beiden etwas. Kano war losgeworden, was auf ihm lastete – und Kali
wußte nicht ganz, wie sie reagieren sollte. Sie wußte, daß Kano die Pflichterfüllung über fast alles
ging, aber DAS...
Trotzdem ergriff sie als erster das Wort, die Stimme leise und weich: „Kano... Jeder hat Angst
draußen. Ich habe Angst, du hast Angst – und bestimmt hat sogar Cunningham Angst. Ich denke, auch
alle Fliegerasse haben Angst gehabt. Das ist nur natürlich, das ist menschlich, Kano. Es ist keine
Schande, sich zu fürchten. Es kommt darauf an, diese Angst zu beherrschen...“ ‚Oh Götter, ich höre
mich schon an, wie ein Militärpfarrer oder Seelenklempner in einem dieser bescheuerten
Kriegsstreifen!‘ „...hör mal. Es bringt dir doch nichts, wenn du dich verrückt machst! Du hast Angst –
na und? Wie gesagt, die haben wir alle! Du bist nach dem Abschuß bei deinem ersten Feindflug
wieder gestartet! Du hast überlebt – UND du hast insgesamt VIER Akarii heruntergeholt!“ Sie packte
Kano an den Schultern und ignorierte, daß er dabei zusammenzuckte. Sie zwang ihn, sie anzublicken.
Hinter der immer noch aufrecht erhaltenen Fassade ruhiger Selbstbeherrschung erkannte sie jetzt
deutlich Verunsicherung, Scham – und Wut auf sich selbst.
„Du bist mit deiner Angst fertig geworden, du sturer Samurai – und nicht einmal ich habe richtig
gemerkt, was mit dir los war! Und wenn es wieder losgeht, dann wirst du genau DAS tun, was du für
richtig hältst, das weiß ich!“ Sie verdrängte vorerst den Gedanken an die erschreckende
Todesbereitschaft, die Kano in seine Worte gelegt hatte, die ihn fremd und unheimlich wirken ließen:
‚Eins nach dem Anderen. Aber ich glaube nicht, daß das nur Phrasen waren - Verdammt!‘ „Aber es
bringt dir überhaupt nichts, wenn du dich selber fertig machst! Man kann sich auch so aufrecht halten,
das man zerbricht!“
„Es ging mir darum, das Gesicht zu wahren. So etwas gehört sich nicht für einen Piloten. Und mit
wem hätte ich darüber reden sollen? Sie hätten mich bloß noch zu diesem ‚Doktor‘ oder ihrem ‚Priester‘ geschickt. So als wäre ich krank – oder müßte um Vergebung bitten! Ich mußte das Gesicht wahren!“

Kali fühlte, wie sie langsam wütend wurde. Sie hatte das Gefühl, daß sie aneinander vorbei redeten –
und so etwas haßte sie. „Du hättest mit mir reden können! Ich hätte dich jedenfalls nicht zum Priester
geschickt! Aber vielleicht zu Hamlin, wenn ich dir Verstand hätte einprügeln müssen!“
Kano blickte ihr direkt in die Augen: „Nein. Was hättest du dann von mir gedacht? Und was sollst du
jetzt von mir denken?!“
„Wenn ich einen perfekten Samurai wollte, dann würde ich ‚Das Buch der fünf Ringe‘ lesen! Du hast
mir geholfen, als ich unten war – wie kannst du nur DENKEN, ich würde nicht das gleiche für dich
tun?! Nun falls du es unbedingt hören mußt, ich denke jetzt nicht irgendwie ‚niedriger‘ von dir! Ich
überlege höchstens, dir mit ein paar Ohrfeigen den Kopf zurechtzurücken! Und das, weil du es in dich
reinfrißt, statt darüber zu reden!“
Sie ließ seine Schultern los, Kano sah sie jetzt direkt an. Kali legte ihre Hand auf seinen linken Arm:
„Ich bin immer noch dein Freund, du Hohlkopf. Und dazu mußt du nicht ohne Furcht in’s Cockpit
steigen, das ist mir egal. NICHT egal ist mir, wenn du dich selber kaputt machst! Zum letzten mal, ich
WEISS, daß du nicht versagen wirst! Wenn ich es bei jemandem weiß, dann bei DIR!“ Sie holte tief
Luft und beruhigte sich etwas, es fiel ihr schwer: „Also wirst du in Zukunft dich wieder verkriechen –
oder wirst du reden? Da halte ich sowieso für mutiger.“
Kano sah sie an, lange, trotzdem er sichtlich verlegen wirkte. Dann nickte er: „Ich werde reden.“
„Gut. Damit ersparst du es mir, dir Schönburg UND Hamlin auf den Hals zu hetzen. Und da du schon
mal reden willst, fangen wir gleich damit an!“

Es mochte einige Zeit vergangen sein. In dieser Zeit waren im „New Bombay“ keine neuen Gäste eingetroffen, nur ein paar gegangen. Kano hatte sich an Kali orientiert, die diese Gestalten geflissentlich ignoriert hatte – sie waren im Gegenzug keines Blicks gewürdigt worden. Eine weitere Flasche Wein war geleert worden, trotzdem hatten beide mehr geredet als getrunken. Über den Krieg vor allem.
„Ich hätte früher mit dir reden sollen… “
„Na ja, ich hätte es früher merken sollen. Und mach dir keine Vorwürfe – wenn schon, dann
übernehme ICH das für dich.“
Beide lachten – etwas betrunken. Der Wein zeigte seine Wirkung.
„Noch einmal Kali – danke. Für...“
„Schon gut. Das versteht sich von selbst. Nebenbei...“ ,in ihre Stimme kehrte ein Teil ihres Humors
zurück, „...es gibt genug Möglichkeiten, mit der Anspannung fertig zu werden. Je nach Geschmack.
Manche Saufen, einige klopfen Karten – oder ihre Kollegen. Oder sie gehen tatsächlich zum ollen
Schönberg. Und...“
„Ja?“
„Siehst du denn überhaupt keine Filme?“ Kalis Stimme gewann einen gekünstelt melodramatischen
Klang: „Sie suchen Vergessen in den Armen eines Freundes!“
Kano lachte laut heraus. Dann aber verstummte er und sah Kali offen an. Als sie den direkten Blick
spürte – und was dahinter liegen mochte – fühlte Kali, wie sie leicht rot wurde. `Vielleicht ist er nicht
der einzige, der etwas zu viel getrunken hat.‘ Sie stieß Kano mit der Faust leicht gegen die linke
Schulter. „Hör auf zu träumen Soldat! Wir sind in der Öffentlichkeit!“
Jetzt wurde auch er rot: „Ent….Nein. Ich sollte mich ja nicht mehr so häufig entschuldigen.“ Wieder
lachten beide.
„Du lernst aber schnell… Gut für dich. Solltest du öfter tun.“
„Kommt darauf an, wer es sagt… Was nun?“
Kali starrte ihn mit einem halben Grinsen an `Täusche ich mich, oder…’
„Also ich habe Freigang. Cunningham scheint genug um die Ohren – oder was auch immer – zu
haben, dass er uns in Ruhe lässt. Du…“
Kano schüttelte langsam den Kopf und tippte auf seinen rechten Arm: „Kein Dienst, du erinnerst dich?
Der Medizinmann will mich erst wieder morgen sehen. Bis dahin…“ er brach ab und grinste.
„Warst du eigentlich schon öfter hier?“
„Erste Feindfahrt – vergessen? Ich bin hier angerückt, kurz bevor die Redemption auslief. Keine Zeit
also – und ich wollte unbedingt auf das Schiff!“
„Die alte Rostlaube? Na ja, jedem sein Vergnügen. Jedenfalls hast du was versäumt. Zeit, es
nachzuholen. HIER, kann sich sogar ´n TOTER amüsieren!“ Mit diesen Worten klopfte sie ihm leicht
auf die rechte Schulter, die unter der Uniform bandagiert war. Sie gingen. Die Tatsache, dass er jetzt
über die Verwundung lachte, die ihm vorher als fast eine Verkrüppelung vorgekommen war, zeigte
Kano, dass er wirklich nicht mehr nüchtern war. Doch das war ihm jetzt egal.

Später
Sie saßen in dem letzten Shuttle, dass die Station an diesem „Tag“ in Richtung Redemption verließ.
Abgesehen von den beiden Piloten waren keine Passagiere an Bord, dafür ein ganzer Stapel von
Kisten und Paketen, die man sogar auf den Sitzen gestapelt hatte. Auch wenn noch einige Zeit
vergehen würde, bis der Träger wieder auslief – viele an Bord sorgten vor. Außerdem waren die
Kontrollen jetzt etwas lascher, eine günstige Gelegenheit „nicht ganz einwandfreies“ Transportgut auf
die Redemption zu schmuggeln.
Kali saß neben Kano, lehnte an seiner linken Schulter. Sie schien halb zu schlafen. Kano versuchte,
die leichte Dumpfheit aus seinem Kopf zu verdrängen.
Er lächelte versonnen. Seine Ängste und Befürchtungen waren tatsächlich verstummt, ja momentan
dachte er nicht einmal an diese düsteren Begleiter der letzten Tage.
Die Perseus – Station war ohne Zweifel ein Ort, der einen Besuch lohnte. Nun, hoffentlich war er
morgen früh noch derselben Meinung. Sie waren in mindestens zwei weiteren Bars gewesen – und
auch wenn er versucht hatte Maß zu halten…
Als das Shuttle andockte wachte Kali auf. Sie bemerkte auch den Arm, der um ihre Schulter lag. Sie
schüttelte leicht den Kopf: „Entweder ICH oder der Pilot ist betrunken.“
„Du bist auch Pilot – ich auch. Wen meinst du…“
Sie murmelte irgendetwas.
Als sie den Hangar verließen summte sie leise vor sich hin, ihre Schritte waren recht – „beschwingt“.
Nun bei Kano war es kaum anders, auch wenn er nicht summte. Auch auf den Gängen der Redemption
war es ziemlich leer. Immerhin herrschte für die meisten Besatzungsmitglieder gerade „Nacht“, oder
sie waren gar nicht an Bord.
Daß er Kali in ihr Quartier gefolgt war, wurde Kano erst bewusst, als sie sich zu ihm umdrehte und
ihm direkt in die Augen blickte. Sie standen sehr nah beieinander. Er glaubte ihren Atem auf seinem
Gesicht zu spüren.
„Und nun?“
„Kali…“
Sie küsste ihn.
Als sie sich wieder etwas voneinander trennten, waren beide außer Atem. Sein Arm lag um ihre Hüfte.
Als er sein Gesicht wieder ihrem näherte, ließ ihn ein Gedanken kurz innehalten: „Ist das jetzt die
tröstende Hilfe eines Freundes?“
Kali lachte leise, während ihre Hand die Knöpfe der Uniformbluse öffnete: „Ich denke, dass musst du
selber herausfinden!“
Und das tat er.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:34
Zwischenspiel
In den Quartieren der Marines herrschte gähnende Leere. Ohnehin nicht gerade auf Komfort und
Bequemlichkeit ausgelegt, erschienen die 4 – Mann – Zimmer jetzt, mit den Verlockungen der Perseus
– Station in Reichweite, besonders trostlos. Diejenigen, die nicht gerade Dienst hatten, waren diesen
Verlockungen fast ausnahmslos erlegen.
Sergeant Clas Schiermer war das nur Recht. Je weniger, um so besser. Der knapp zwei Meter große
Soldat bewegte sich leise und behende. Die Aura der ständigen Kampfbereitschaft, die ihn umgab war
Teil seines Image an Bord der Redemption. Zusammen mit den kalten, blauen Augen und dem kurzen
militärischen Haarschnitt machten sie ihn zu einer Figur, die eher in einem Kriegsfilm, als in der
Wirklichkeit zu finden war. Er hätte ein Propagandoplakat für das Korps schmücken können als
Sinnbild eines perfekten Marines – oder eines perfekten Mörders. Was auf das selbe hinauslief.
In den 14 Jahren Dienst beim Marinekorps hatte er ebenso an regulären, wie irregulären und grob
gesetzwidrigen Aktionen teilgenommen, war mehr als ein Dutzend mal verwundet, dreimal vermißt
und einmal für tot erklärt worden. Dennoch hatte er es nicht geschafft, mehr als ein Sergeant zu
werden, trotz zahlreicher Auszeichnungen. Die Meinungen, woran dies liegen mochte, gingen
auseinander – doch keiner wagte es, zu sehr nachzubohren. Selbst Vorgesetzte hielten ihn für einen
Mann, den man besser in Ruhe ließ – und dieser Ruf war ihm recht.
Nur ein einziger Marine hielt sich in dem Quartier auf, das Schiermer ansteuerte. In einer der Kojen
lag Privat Juan und blätterte im „Colonial – Playboy“. Im Gegensatz zu Schiermer war der junge
Mann erst seit einem Jahr beim Korps. Der schwarzhaarige, schlanke Marine wirkte jungenhaft – aber
er fungierte nicht umsonst als Scharfschütze und Sprengstoffexperte. Besonders bei dieser Aufgabe
galt immer noch die Regel: „Ein Fehler – und du brauchst keine Mahlzeit mehr.“
Als er Schiermer bemerkte, sprang er auf – salutierte allerdings nicht.
„Na, Juan. Was machst du eigentlich noch hier? Ich dachte schon ich finde dich im Puff oder im
Bunker!“
Der andere zuckte mit den Schultern und verzog verdrießlich das Gesicht: „Für die Mädchen brauchst
du Geld. Also ist nichts...“
„Schickst du immer noch alles in das Rattennest in dem deine Leute leben?“
„Natürlich – das weist du doch! Oder glaubst du etwa, ich hätte den Sold schon durchgebracht?! Das
schaffst doch nicht mal du.“
„Ein Mex als perfekter Familienmensch. Was es nicht alles gibt... Na ja, es muß auch solche geben.
Los komm mit, ich lade dich ein!“
‚Er lädt mich ein – also...‘ Juan fuhr sich etwas nervös durch den Haarschopf, leckte sich die Lippen.
Dann grinste er und hob den „Colonial – Playboy“ hoch in dem sich eine dunkelhäutige Schönheit
sehr freizügig präsentierte: „Du lädst mich ein? Ist die hier drin?“
„Sehe ich aus wie `n Millionär? Die ist drin, wenn ich die Hurensöhne von der Flotte wieder beim
Poker ausnehmen kann. Bis dahin – Fehlanzeige! Los komm schon – wir gehen ins Kino!“ Auf dem
letzten Wort war eine leichte Betonung, die Juan bemerkte. Er holte Luft – es war soweit.
„Na ja, ich darf wirklich nicht wählerisch sein. Danke, ich komm mit.“
Damit war alles klar. Was ein zufälliger Zuhörer nicht verstanden hätte, der Ausdruck „ins Kino gehen“ hatte eine eigene Bedeutung. Bei der Fremdenlegion bezeichnete man so Einsätze mit hohem Risiko...
Keiner der beiden redete viel, bis sie auf der Redemption waren. Juan wirkte fast aufgekratzt,
Schiermer aber so ruhig wie üblich.

An Bord der Station übernahm der Sergeant die Führung, Juan folgte ihm, sich von Zeit zu Zeit etwas
nervös umblickend. Dennoch traf es ihn etwas überraschend, als sich eine junge Frau bei ihm
unterhakte: „Na Soldat, wie wäre es mit uns?“
„Laß ihn in Ruhe.“ Schiermer hatte sich umgedreht. Die Prostituierte verzog den Mund spöttisch:
„Schwul, was?“
„Falsch. Kriegsgefangene. Und die Akarii kastrieren ihre Gefangenen. Hast du das nicht gewußt?“
Die Frau wollte lachen – dann blickte sie Schiermer in die Augen. Sie wurde blaß und tauchte in der
Menge unter. Erst jetzt erlaubte sich Schiermer ein Lächeln – es war ausgesprochen widerwärtig. „Los
komm weiter Kleiner. Wir haben einen Zeitplan.“
Sonst wurden sie nicht weiter aufgehalten. Ohne Probleme erreichten sie die etwas schäbigeren
„Viertel“ der Station. Schiermer wußte offenbar genau, wo es hinging. Dann stoppte er abrupt, trat in
eine der Nischen, die beim Bau der Station durch geringfügige Konstruktionsfehler entstanden waren.
Hier waren sie vor fremden Blicken sicher. Hier lag unter einem Haufen Müll ein Paket.
In Militärstoff eingewickelt fanden sie zwei Uniform – Overalls des technischen Stationsdienst, zwei
Laserpistolen, zwei Mützen und ein elektronisches Einbruchsset. „Siehst du, alles da. Mach hin, zieh
dich um. Wir haben nicht viel Zeit.“
„Hör mal, Sergeant – ich weiß nicht...“
Der Ältere fuhr herum, die Uniformbluse schon halb aufgeknöpft, starrte den Jüngeren an: „Aber ICH
weiß! Verdammt, mach jetzt nicht schlapp Kleiner! Wir halten für einen Scheißdreck unseren Hals
hin! Willst du nur mit deinen paar läppischen Real deine Familie am Leben halten? Ich dachte du
willst nicht, daß deine Leute in dieser Müllgrube vergammeln?! Oder das deine Schwester auf den
Strich muß?! Jetzt hast du die beste Chance an Geld zu kommen und du machst schlapp?! Wenn du
VIERZEHN JAHRE durchhälst – was hast du dann? `N lumpigen Sergeantenrang, Blech an der Brust
für das du dir nichts kaufen kannst und `ne Pension, die nicht zum Leben reicht! Wahrscheinlicher
aber, das du vorher den Löffel abgegeben hast. Von meinem ersten Platoon, sind noch genau VIER
im Dienst. Einer sitzt, einer ist verrückt geworden, drei haben sie mit `ner stinkigen Invalidenrente und
nem Stück Blech abgespeist! Der Rest – tot oder vermißt! Wie gefällt dir das?!“
„Hast ja Recht – aber...“
„NICHTS aber! Du hast jetzt die Chance vorzusorgen. So was bietet sich vielleicht nie wieder!“
„O. K. – ich bin dabei!“
Schiermer grinste: „Na also Kleiner. Wußte doch, ich kann mich auf dich verlassen. Was meinst du,
warum ich DICH ausgewählt habe?!“
Dann wurde nicht mehr gesprochen. Beide legten die Tech – Overalls an. Die leichten Laserpistolen
verbargen sie am Körper. An den Händen trugen sie nun dünne, fleischfarbene Handschuhe. Die
Mützen verbargen den Haarschnitt. Ihre Marineuniformen kamen in leichte Umhängetaschen – sie
würden diesen Ort nicht mehr aufsuchen. Dann, Schiermer vorraus, gingen sie.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:35
Ihr Ziel waren die "Slums" der Station. Hier funktionierte die Beleuchtung teilweise nicht richtig, war
alles irgendwie schäbiger - und vielfach illegal. Aber deswegen waren sie ja hier.
"Schiermer - und du bist dir ganz sicher?"
"Zuerst läßt du es mal, meinen Namen zu benutzen! Und JA ich bin sicher! Wenn ich so was drehe,
dann richtig. Ruhe jetzt. Im Einsatz wird nicht gequatscht."

Ihr Ziel war einer der Amüsierläden, eine Mischung aus Bordell, Strippbar, Spielkasino und Kneipe.
Hier bekam man, dem Vernehmen nach, ALLES - wenn man das Geld hatte. Egal wie illegal es war.
Allerdings nahmen die beiden verkleideten Marines nicht den Vordereingang, sondern näherten sich
der Einrichtung durch einen spährlich erleuchteten Nebengang - instinktiv wurden die Bewegungen
geduckt, schleichend.
Plötzlich hob Schiermer ruckartig die Hand und preßte sich an die Wand.
"Was ist?"
"Verdammter Hurenbock..."
Vorsichtig spähte Juan nach vorne, erkannte, was seinen Kameraden hatte innehalten lassen.
Im Gang, vor ihnen, lehnte eine Frau an der Wand. Offenbar eine der zahlreichen "Professionellen"
der Station. Ihr T-Shirt lag am Boden und ein anscheinend betrunkener Navy-Lieutenant schob ihren
Rock hoch. Die Frau lachte leise.
"Lassen wir ihn fertig werden?"
"Nein verdammt. Der Bastard hätte sich halt ein Zimmer mieten sollen. Scheißflotte! Los."
Weder die Frau noch der Mann bemerkten die heranschleichende Gestalt. Der Lt. wurde zurück- und
herumgerissen. Ehe er noch etwas sagen konnte, pflanzte Schiermer ihm seine Faust in den Magen.
Der Lt. klappte wie ein Taschenmesser zusammen. Ein Kinnhacken trieb ihn wieder hoch und
schleuderte ihn den Gang entlang. Vor Schmerz japsend, mit offenem Hemd und Hose floh er. Der
Marine drehte sich zu der Prostituierten um - aber die hatte wesentlich schnellere Reflexe bewiesen
und war bereits geflohen. Beinahe währe sie mit Juan zusammengestoßen, der instinktiv das Gesicht
abwandte und auswich.
"Na bitte! Komm schon!"

Dann standen sie vor dem Hintereingang.
"An die Arbeit!"
Jetzt, in seinem Fach, arbeitete Juan schnell und effizient. Binnen kurzem war die Verriegelung und
die Sicherheitsanlage überbrückt.
Die beiden verkleideten Marines schlüpften hinein, maskiert. Schiermer kannte sich anscheinend gut
aus, er umging die Kameras, während sich sein jüngerer Kamerad peinlich genau an ihm orientierte.
Niemand begegnete ihnen.
Endlich standen beide vor einer weiteren Tür. Kurz lauschte der Ältere, dann nickte er. Beide zogen
die Waffen. Dann riß Schiermer die Tür auf.
Die beiden Zimmerinsassen fuhren herum - ein schmächtiger Mann mittleren Alters und ein bullig
wirkender, wesentlich jüngerer. Die Hand des Jüngeren fuhr unter die Jacke - ein Faustschlag riß die
Laserpistole aus seiner Hand, ein brutaler Tritt schleuderte ihn gegen die Wand, wo er liegenblieb.
Der Schmächtige hob die Hände.
"Na bitte! Los - rüber zu deinem Gorilla! Keine falsche Bewegung oder du bist tot!"
Während Schiermer die beiden mit seiner Waffe bedrohte trat Juan ein. Er wußte, was seine Aufgabe
war. In einer Ecke legte er einen von einem Schrank verborgen Safe frei und machte sich sofort an die
Arbeit.
Schiermer entging nicht das Zucken im Gesicht des Schmächtigen, der Haß, der in seinen Augen lag.
Hinter der Maske grinste der Sergeant kalt.
"Durch!" Das kam von Juan, mehr ein geflüstertes Keuchen, als ein normales Wort. Die Safetür
schwang auf - enthüllte Geldstapel, Schmuck - ein Vermögen.
Schiermer wandte sich halb zu seinem Kameraden um.
Das genügte dem jüngeren Gefangenen. Er war für genau EINEN Zweck angeworben worden - und
wenn er den nicht erfüllen konnte, dann gab es hier keinen Platz für ihn. Sein Bewacher schien
abgelenkt.
Blitzschnell warf er sich nach vorne, auf die Waffe zu, die am Boden lag. Das war sein Tod.
Seine Finger berührten den Kolben, als eine volle Salve in seinem Leib einschlug. Gnadenlos pumpte
Schiermer einen Schuß nach dem anderen in den zuckenden Leib.
Aber er hatte nicht genug aufgepaßt. Dei Hand des Schmächtigen fuhr in die Jacke, kam mit einer
Taschen-Laserpistole wieder frei. Kaltblütig visierte er Schiermer an. Der fuhr herum...
Plötzlich verkrampfte sich der Schmächtige. Die Waffe entglitt seinen Händen, er sackte zu Boden.
Schiermer sah zu Juan, dessen Laserwaffe ihm das Leben gerettet hatte, : "Guter Schuß Kleiner - für
einen Tech." Letzteres etwas spöttisch. Der andere schluckte krampfhaft, sichtlich geschockt.
"Los, einpacken! Beeil dich, wir sind noch nicht draußen!"
Hastig kam der Jüngere dem Befehl nach, verstaute Geld und Schmuck. Schiermer beugte sich über
die beiden am Boden liegenden - tot. 'Gut so!'
Dann wirbelte er herum, die Waffe angelegt. In der Tür stand ein Mädchen. Sie war sicherlich noch
keine 18, auch wenn Schminke und Kleider sie älter wirken ließen. Fassungslos starrte sie auf die
Leichen. Das Tablett, auf dem ein gefülltes Glas stand entglitt ihren kraftlosen Händen, fiel klirrend zu
Boden.
Mit zwei Schritten war Schiermer bei ihr, zerrte sie in das Zimmer, preßte sie gegen die Wand, eine
Hand auf ihrem Mund, die Waffe an ihrer Schläfe.
"Nein! Verdammt - töte sie nicht!" Juan war hochgefahren.
Eine paar Augenblikcke schien der andere ihn nicht gehört zu haben. Doch dann, abrupt, ließ er das
Mädchen los, das wimmernd zu Boden sank. "Ist ja gut Kleiner. Ihr passiert nichts."
Dann beugte sich er zu ihr herab, angstvoll versuchte sie ihm auszuweichen.
"PASS AUF! Wir waren MARINES, kapierst du - MARINES. Wir trugen die Uniformen des
Marinekorps! Wenn du was anderes erzählst, mach ich dich kalt!"
Angstvoll nickte das Mädchen.
"Gut! Los jetzt - Abgang!"
Leise und ungesehen verschwanden sie wieder. Erst als sie ihr Versteck erreicht hatten - eine Nische,
ähnlich der ersten, richte Juan wieder ein Wort an seinen Kameraden. Seine Stimme klang leicht
schwankend. "Ziemlich raffiniert von dir. Aber was, wenn sie das wirklich sagt?"
Der andere schnaubte nur: "Die MP kriegt es schon aus ihr heraus. Außerdem finden sie bestimmt
noch diesen Navy-Lieutenant und seine Nutte!"
Die beiden Waffen wurden zerlegt und kurz mit Säure übergossen. Dann wanderten sie, wie Masken,
Tech-Uniformen und Handschuhe in die Müllverwertungsanlage der Station...

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:35
Seine Atmung ging flach. Er wartete. Wild entschlossen Vergeltung zu üben.
Die schwere H&K Laserpistole lag fest in seiner rechten Hand. Geladen und entsichert.
Seine harten Augen wanderten zu seinem Ziel. Clifford Davis lächelnde Fratze blickte ihm entgegen.
Mit eleganter Präzision riss er die Pistole hoch und stützte die Schusshand mit der linken Hand ab.
Es war wie in der Ausbildung.
Lieutenant Curtis "Radio" Long drückte ab. Pah Ausbildung, dass einzig gute, was mein alter Herr
jemals leistete, war die Schusswaffenausbildung, die er mir mit 8 Jahren verpasste.
Die erste Dreiersalve zerriss das Gesicht seines Opfers. Er drückte erneut ab und auch die nächste
Dreiersalve ging genau ins Ziel und die nächste und die nächste und wieder.
Die Laserwaffen von H&K waren zu 100 % Rückschlagfrei.
Radio warf die Energiezelle aus und legte die Pistole auf den Thresen, seine Augen dabei immer auf
sein Opfer gerichtet.
Langsam zerriss ein Grinsen seine aufeinandergepressten Lippen.
Er drückte auf den grünen Schalter auf dem Thresen. Die Zielscheibe kam näher. Von dem
vergrößerten Passfoto Davis waren nur noch die Randfetzen übrig.
Er wechselte die Fotoreste gegen ein neues Foto aus und wiederholte seine Übung noch zweimal.
Danach packte er seine Pistole wieder in den Waffenkasten und schmiss die Fotoreste in einen
Recycler.
Als er ging grinste er den drei Marines zu, die ihn die ganze Zeit über beobachtet hatten: "Mr.
Blauhaar wird sich noch wünschen mich niemals kennen gelernt zu haben."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:36
Darkness joggte durch die Gänge der Redemption. Seine Gedanken waren bei den Ereignissen der
vergangenen Tage.
Er hatte einige Trainingseinheiten mit seinem neuen Flügelmann, Jaws, hinter sich gebracht. Der
jüngere Pilot war sehr gut. Vielleicht ebenso gut wie Ace sein mochte nur weniger geschwätzig. Das
stellte ihn zufrieden. Jemand weniger Leistungsfähiges hätte ihn unter Umständen bremsen können
aber Jaws war ein sehr guter Ersatz für Cliff.
Jedoch drehten sich Justins Gedanken nicht nur um Boothe. Er machte sich Sorgen um Lilja. Die
Veteranin wurde von einem tiefen Schmerz beherrscht. Genauso wie er selbst. Eine Ironie. Für sich
selbst hatte sich McQueen niemals eingestanden eine Gefahr für seine Umwelt zu sein. Jedoch wenn
er Lilja betrachtete mußte er seine Einschätzung wohl revidieren.
McQueen musste einigen Technikern ausweichen, die geschäftig durch die engen Gänge liefen. Sie
erinnerten ihn daran, das die Gefechtsschäden immer noch nicht behoben waren.
Lilja war nicht das Problem aber sie hatte ihm die Augen über sich selbst geöffnet. Sie teilten beide
den Schmerz des Überlebenden, den Verlust der Kameraden. Lilja kompensierte ihn mit Hassgefühlen
gegen die Akarii. Sie legte ihren Schmerz mit aller Leidenschaft in den Kampf und besänftigte damit
ihre Dämonen.
Justin jedoch nicht. Er versuchte seine Dämonen mit innerer Kälte zu besänftigen. Aber es
funktionierte nicht. Darkness sah immer wieder Bilder. Bilder der Vernichtung. Alte Freunde, die von
Waffenfeuer verzehrt wurden, Schiffe die vor der dunklen Kälte des Alls verbrannten. Jedesmal wenn
er in die Schlacht zog sah er diese Bilder und sein Inneres verwandelte sich in Eis. Er wurde zu einer
Killermaschine, bereit Leben auf Knopfdruck auszulöschen. Nur wenn er seine Maschine verließ
zogen sich seine Schattenseiten zurück, traten wieder unter die Oberfläche seiner Seele. Dort
schlummerten sie, bis zum nächsten Ausbruch.
Wie sicher konnte Justin sein, das der nächste Ausbruch wirklich Akarii traf? Wie sicher konnte er
sein, das er nicht seine Kameraden verletzen würde?
Wut brodelte in seinem Herzen.
Zum ersten Mal jedoch nicht auf die Echsen, sondern auf sich selbst.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:37
Gonzalez zog an seiner Zigarre, als das Schiff endlich wieder in Manöverposition war. Die SM2
Werfer waren beide abschussbereit, aber Gonzalez wollte kein simultanes Feuer riskieren. Stattdessen
entschärfte er zuerst nur die vordere Batterie.
„Sir, die Blackheart meldet Bereitschaft.“ Quinn wandte sich an den Captain und sah ihn
erwartungsvoll an. Die Blackhart war das heutige Shuttle mit den Drohnen.
„Drohne eins kann abgefeuert werden.“
„Verstanden, Sir.“ Nach wenigen Sekunden meldete der Lieutenant: „Bravo 1 ist unterwegs.“
„Ok, Augen offenhalten. Waffen sind frei auf maximale Distanz, ein Schuss.“
„Aye, aye Sir, ein Schuss“ kam die Antwort von O’Keefe.
Dreißig Sekunden später meldete sich Quinn wieder.
„Bogey 1 auf 230/140, Richtung 50/300. Geschwindigkeit 423.“
„Designiere Bogey 1 als Tango 1. Waffenkontrolle, engage and destroy.“
„Ayeaye Sir.“
Fünfzehn Sekunden später wurde Schiff von einem kaum spürbaren Ruckeln erfaßt, als die SM2 ihr
Werferrohr verließ. Der Abschuss ging dieses Mal glatt, auch der Nachlademechanismus zeigte an,
dass binnen der vorgesehenen Zeit eine neue Raketen im Rohr war. Gonzalez nickte befriedigt, Teil 1
klappte. Als wenige Sekunden später die SM2 die Drohne voll erwischte und zerfetzte, brach
verhaltener Jubel aus.
„Sehr gut Leute, aber das war nur der Anfang des Weges, wir haben noch viel zu tun. Quinn, die
Blackheart soll Bravo 2 abfeuern. O’Keefe, hinteren Werfer bereitmachen, ebenfalls nur einen
Schuss.“
Die beiden Männer führten die Befehle aus, während Gonzalez sich auf der Brücke umsah. Langsam
wuchs die Crew zusammen. Es gab weniger Kommunikationsprobleme als beim letzten Manöver und
die Reaktionszeiten verringerten sich langsam aber sicher. Trotzdem hatte er nicht übertrieben,
gefechtsbereit war die Dauntless lange noch nicht.
„Sir, neuer Kontakt, Bogey auf Parallelkurs zu Tango 1. Geschwindigkeit 445.“
Gonzalez entsicherte den hinteren SM2 Werfer.
„O’Keefe, Waffe ist frei, Feuer auf maximale Distanz eröffnen.“
„Aye, Sir.“
Auch der zweite Abschuss gelang und langsam bekam Gonzalez das Gefühl, dass das System doch
noch zu gebrauchen war.
Gonzalez griff zum Mikrofon.
„Achtung, hier spricht der Captain. Gute Arbeit, Leute. Die Arbeit der letzten Tage hat sich bezahlt
gemacht. Wir machen jetzt noch eine simulierte Schicht und dann geht es zurück zu Station. Ich
möchte nocheinmal volle Konzentration sehen. Ende der Durchsage.“
Dann nickte er Turner zu, der das nächste Übungsprogramm startete. Diesmal sollte die Dauntless ihre
Fähigkeiten unter vollem Schub und in engen Turns zeigen und gleichzeitig imaginäre Flieger
abwehren.
Gonzalez überlies die Übung wieder weitesgehend den Abteilungen und beschränkte sich darauf,
kurze Anweisungen zu geben, um zu schauen, wie selbstständig seine Untergebenen arbeiteten.
Überdies wurden so Stärken und Schwächen besser verdeutlicht.
Plötzlich ging ein Alarm los. Das Display vor Gonzalez zeigte sofort, dass etwas nicht in Ordnung
war. Der Maschinenraum meldete schwere Probleme.
„Achtung, hier spricht der Captain, Übung abbrechen, Schadenskontrollteams in den Maschinenraum.
Maschinenraum, sofort melden.“
„Hier Lieutenant Singer, Sir, wir haben starke Rauchentwicklung, außerdem laufen die Reaktoren
heiß.“
„Notabschaltung einleiten. Riskieren Sie nichts, ich will nicht, dass uns die Maschinen um die Ohren
fliegen. Geben Sie Schutzanzüge aus und untersuchen Sie die Angelegenheit.“
„Ayeaye Sir.“
Gonzalez steckte angewidert seine Zigarre in den Ascher und fluchte.
„Warren, gehen Sie zum Maschinenraum und unterstützen Sie den Lieutenant. Ich will einen zügigen
Bericht.“
Sein XO nickte und eilte von der Brücke.
„Quinn, Funkspruch an die Station: Melden Zwischenfall im Maschinenraum. Technischer Defekt von
bisher nicht geklärten Ausmaß. Schlepper bereithalten, falls wir nicht von selbst wieder flott werden.“
Dann starrte Gonzalez auf sein Display und wartete.
Eine halbe Stunde später meldete sich Turner.
„Sir, wir haben das Problem gefunden, ein Kühlkreislauf war undicht. Der Maschinenraum wurde
leicht kontaminiert, ich habe bereits alle Betroffenen auf die Krankenstation geschickt. Die nötigen
Ersatzteile haben wir an Bord, in 90 Minuten können wir die Maschinen wieder starten, allerdings
wohl keine Volllast, weil das ein wenig riskant erscheint.“
„Ok, für Sie gilt dasselbe wie für Singer, vorsichtig agieren, ich will nicht, dass die Mannschaft
verstrahlt wird oder sonstwas passiert.“
„Aye Sir.“
Nach zwei Stunden waren die Reaktoren wieder unter 60prozentiger Last und die Dauntless konnte
langsam, aber ohne fremde Hilfe die Station anlaufen, wo bereits die Ingenieuere von B&V warteten.
Derweil hatte der Arzt der Dauntless Entwarnung gegeben. Die Strahlendosen waren nur sehr gering
gewesen. Weniger beruhigend war die Tatsache, dass offensichtlich nur die Notabschaltung ein
größeres Desaster verhindert hatte. Gonzalez fragte sich langsam ernsthaft, ob er sich mit der
Dauntless in absehbarer Zeit in ein Gefecht trauen konnte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:38
Die Zähne zusammengebissen und mit durchgedrücktem Rücken marschierte Kano in Richtung
Krankenstation. Seine Stiefel hämmerten einen wütenden Trommelwirbel auf dem metallenen Flur.
Den Schmerz, der dabei in seinen dröhnenden Schädel schoß, ignorierte er – ja er hieß ihn
willkommen. Immerhin lenkte er ab. Nur die Tatsache, daß der Gang nicht leer war und seine
Erziehung hielten Kano davon ab, laut zu fluchen. Auf sich, auf Kali oder auf einfach Alles.
Als sie am Morgen im selben Bett, genauer Kalis Koje, aufgewacht waren, war Kano zuerst etwas
verwirrt gewesen, wahrscheinlich eine Folge des Alkoholkonsums. Dann hatte er sich allerdings
wieder an den vorherigen Abend – und die Nacht – erinnert. Kali offenbar auch.
Sie hatte ihn zwar nicht gerade hochkant hinausgeworfen, aber er hatte ihre Anspannung gespürt.
Keiner hatte den anderen angesehen, als sie sich anzogen. Und dann hatte sie ihm an den Kopf
geknallt, er solle sich „deswegen“ nicht zu viel einbilden!
Ein paar Augenblicke hatte er ziemlich sprachlos dagestanden. Er hatte einfach nicht gewußt, was er
hätte antworten sollen. Also hatte er sich einfach umgedreht und war gegangen.
Wenn er jetzt zurückdachte verspürte Kano den Drang jemanden zu ohrfeigen. Kali vielleicht – vor
allem aber sich selber.
Erst hatte er Kali von Ängsten und Befürchtungen erzählt, die er sogar vor sich selber nicht hatte eingestehen wollen. Auch wenn sie sich daran anscheinend nicht gestoßen hatte... . ,Das war mein erster Fehler!‘
Und danach... . ,Wir waren beide betrunken. Na und? Das war noch nie eine Entschuldigung!
Bedauern... . Nein ich bedauere es nicht. Aber Helen schon, wie es aussieht. Und wenn das unsere
Freundschaft ruiniert hat – dann kann ich es auch nur bedauern. Verdammt! Ich hätte nicht einfach
verschwinden sollen! Hätte ich nicht? Und WAS hätte ich sagen sollen?! Verdammt!‘
Seine scheußliche Laune besserte sich nicht gerade, während Dr. Hamlin – mißgelaunt wie immer –
unter dem Verband herumstocherte und über Piloten klagte, die ihre Gesundheit für eine Schande
hielten und den „Löwen“, das Verwundetenabzeichen, gleich mehrfach verdienen wollten.
Als Hamlin ihn allerdings spöttisch fragte, ob er denn den Aufenthalt auf Perseus genießen würde,
zuckte er zusammen und mußte an sich halten, um den Doktor nicht zu sehr anzufahren.
Dennoch war seine Stimme pures Eis: „Das ist wohl meine Sache, Doktor. Oder hat das mit der
Wundversorgung zu tun? Ansonsten respektieren Sie bitte mein Privatleben, wie ich das Ihre!“
Der Doktor hatte ihm ins Gesicht gesehen, geschnaubt – weitere Bemerkungen aber unterlassen.
Abschließend hatte er es sich allerdings nicht verkneifen können: „Wenn Sie in Ihrem ‚Privatleben‘
keinen Mist bauen, dann können Sie vielleicht bald wieder in den leichten Dienst. Und wenn Sie sich
wieder in Fetzen schießen lassen können, sind Sie vielleicht nur noch unerträglich.“
Kano hat sich auch jetzt eine Antwort gespart und war grußlos gegangen. Diesmal tat es ihm
allerdings anschließend nicht leid.

Sein Quartier war leer. Kanos letzter Zimmergenosse – Jim „Hawkeye“ Miller – war auf der letzten
Feindfahrt gefallen. Mit seinem neuen Nachbar George „Blackhawk“ Lincoln hatte er noch keinen
großen Kontakt gehabt. Er war momentan nicht anwesend. Das war Kano nur recht. Momentan war
ihm nicht nach Gesellschaft zu Mute.
Er warf sich in seine Koje und starrte zur Decke. Hätte es in der Kabine Kameras gegeben, dann hätte
ein Zuseher Kano nicht viel ansehen können. Doch hinter dem zu einer Maske erstarrten Gesicht
arbeitete es.
Er fühlte sich einfach gräßlich. Zu den Auswirkungen des Katers kam ein Wirrwarr von Gefühlen und
Emotionen, die er nicht einmal selber einordnen konnte.
Hätte er die Möglichkeit gehabt, dann hätte er jetzt einen Simulatorkampf gesucht. ‚Oder vielleicht
einen Marine herausgefordert. Auch nicht viel dümmer, als was ich sonst getan habe!‘
Doch das war momentan unmöglich, solange er sich wegen der Verwundung wie ein halber Krüppel
benehmen mußte. In Gedanken bedachte er Dr. Hamlin mit ein paar häßlichen Zunamen.
Aber das brachte ihn nicht weiter. ‚Die meisten Probleme in letzter Zeit habe ich mir eingehandelt,
weil ich zu viel gedacht habe!‘
Schließlich hatte er einfach genug davon, sich selbst zu bemitleiden. Das brachte ihm nichts, er fühlte
sich eher noch schlechter. ‚Also sollte ich mir etwas zu tun suchen!‘
Zuerst schluckte er ein paar Tabletten, die angeblich gegen Kopfschmerzen halfen. Dann kippte er sich
ein paar Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Das half tatsächlich etwas. Anschließend wechselte er
die Kleidung, legte die schmucklose graue Techkombination an, die er bei Arbeiten an seinem Jäger
benutzte. Die prunkvolle Ausgehuniform hätte er am liebsten in den Spind gepfeffert. Statt dessen
legte er sie so sorgfältig wie möglich zusammen.

Auf dem Weg zum Jägerhangar war ihm jedenfalls nichts anzumerken. Nur wer ihn gut kannte, dem
wäre vielleicht eine gewisse Steifheit in seinen Bewegungen aufgefallen, ein harter Zug um den Mund.
Im Hangar ging die Arbeit ihren gewohnten Gang. Auf den Katapulten standen – auch hier „im Hafen“
– kampfbereite Maschinen. Das war eine der strikten Sicherheitsmaßnahmen – wie etwa auch, daß
mindestens die Hälfte der gesamten Raumeinheiten kampfbereit sein mußten. Diese Regeln wurden
gerade jetzt penibel befolgt.
Kanos Jäger gehörte – natürlich – immer noch zur „anderen Hälfte“. Immerhin mußten praktisch beide
Flügel neu montiert und die Elektronik und Sensorik generalüberholt werden.
Gerade wurde der rechte Flügel montiert. Unwillkürlich starrte Kano auf seinen rechten, bandagierten
Arm. Die Ironie ließ ihn fast grinsen. Allerdings würde es bei seinem „rechten Flügel“ noch eine
Weile dauern...
Die Techs ignorierten ihn fast vollständig, nur einer nickte ihm knapp zu – mehr die Bestätigung, daß
er zur Kenntnis genommen wurde, als ein Gruß.
Sie ignorierten ihn auch, als er etwas näher trat um die bisher geleistete Arbeit zu begutachten. Der
Rumpf sah praktisch wie neu aus. Das Cockpit allerdings war fast vollständig ausgeschlachtet worden.
Daß man eine so schwer beschädigte Maschine überhaupt wieder in Stand setzte, hatte mehrere
Gründe. Zum einem machte es sich einfach in der Statistik besser, eine reparable, statt eine irreparable
Maschine aufzuführen. Ein Trick, die eigenen Verluste gering zu reden. Und außerdem – außerdem
waren in diesem Krieg die Ressourcen ohnehin angespannt. Nach den horrenden Verlusten der ersten
Schlachten sparte die Navy wo nur möglich.
Momentan jedenfalls wirkte der Jäger ziemlich unbeholfen, ohne die tödliche Eleganz, die eine
Typhoon im Raum bewies.
Als Kano sich umdrehte stand Kali hinter ihm. Wie gestern - doch trug sie heute wie er eine schlichte
Techuniform. Die Erinnerung an den gestrigen Abend ließ Kano das Blut ins Gesicht schießen, was
ihn ärgerte.
Allerdings ging es Kali offenbar nicht besser, wenn auch ihre dunklere Haut dies etwas kaschierte. Sie
sah ihn zuerst nicht an, blickte ihm aber dann doch in die Augen: „Hallo Kano.“
„Hallo Helen.“ Seine Stimme war ausdruckslos und distanziert – aber das kostete ihn Einiges.
Doch davon ließ sie sich jetzt nicht verunsichern: „Wir müssen reden. Kano...“
‚Zu den oni!‘ Er fühlte, wie die Ruhe in seiner Stimme bröckelte: „Reden? Ja, natürlich. Wo...“
„Jedenfalls nicht hier. Komm schon.“
Die Techs beobachteten sie nur aus den Augenwinkeln. Erst als sie außer Hörweite waren bemerkte
ein älterer Sergeant nachsichtig: „Na ja – Kinder halt...“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:38
Natürlich gingen sie nicht in Kalis Kabine. Und auch nicht in Kanos Quartier.
Kalis Ziel war einer der „Aufenthaltsräume“ an Bord – momentan natürlich leer, mit der Freizeit
hatten die meisten jetzt etwas Besseres anzufangen. Kali setzte sich an einen der Tische. Kano
überlegte kurz, dann setzte er sich auf die andere Seite, ihr gegenüber.
Kali hatte reden wollen. Aber eine ganze Weile sagte sie nichts, sondern starrte auf ihre Finger, mit
denen sie unschlüssig auf die Tischplatte trommelte. Und als sie einmal aufblickte, sah sie ihn nicht
an. Kano ging es allerdings nicht unbedingt besser.
Sie brach zuerst das unbehagliche Schweigen: „Hör mal Kano. Das – gestern...“
„Ich weiß, ich soll mir nichts darauf einbilden.“ Auch in Kanos Ohren klang seine Stimme gepreßt.
Kali zuckte leicht zusammen, murmelte etwas Unverständliches. Dann: „Schon gut, schon gut, das
war eine dumme Bemerkung.“
Kano zögerte kurz: „Auch von mir. Entschuldige bitte.“
Kali zuckte unbehaglich mit den Schultern: „Vergessen wir das, O. K. ? Aber trotzdem. Also ich wollte
damit nicht sagen, daß ich jeden abschleppe, mit dem ich einen heben gehe...“
‚Das habe ich auch nicht gedacht.‘ Aber Kano schwieg vorerst.
„...aber – ach verdammt!“ Kalis Stimme wechselte zu einem bemüht ironischen Ton: „Nicht daß du
gleich die Hochzeitsgäste bestellst!“
Jetzt mußte er doch lächeln, als sie ihn bei diesen Worten ansah. Irgendwie löste das ein wenig die
Spannung. Kalis Stimme war jetzt etwas ruhiger: „Ich meine – ich mag dich. Du bist ein Freund, ein
guter Freund. Du hast mir geholfen, als es mir mies ging. Du warst für mich da. Aber ich weiß nicht...
ich weiß nicht, ob ich jetzt unbedingt diesen Wechsel in unserer Freundschaft will. Ich meine, ich will
nur mal mit dir essen gehen, mich unterhalten – und BANG, am nächsten Morgen wachen wir in der
selben Koje auf. NEIN, ich gebe jetzt nicht dir die Schuld...“ ,sie stockte kurz, „jedenfalls nicht nur
dir. Aber das hatte ich eigentlich nicht vor.“ Sie blickte ihn an und runzelte die Stirn: „Du könntest
dich ruhig auch mal beteiligen.“
„Das hatte ich auch nicht vor.“ ‚Soweit habe ich nicht gehofft...‘ „Und du bist auch für mich ein guter
Freund gewesen. Mehr als ein Freund. Ich...“ ‚Ich liebe dich.‘ Aber irgend etwas hielt Kano davon
ab, dies zu sagen. Nicht, daß er sich schämte – aber er fürchtete Kalis Reaktion. Nachdem, was sie
gesagt hatte... Er räusperte sich und schluckte die Worte herunter, die ihm auf der Zunge lagen. ‚Ich
habe ihr schon genug aufgebürdet. Und wenn sie es so sieht…‘ Aber eine Frage konnte er doch nicht
herunterschlucken: „Bedauerst du es?“
„Ich – ich weiß nicht. Nein, ich glaube nicht. Aber ich weiß nicht, ob es RICHTIG war. Jetzt und hier.
Ich weiß nicht...“
‚Ob es an Ace liegt?‘ Kano fühlte Groll in sich hochsteigen. Es wäre einfach gewesen, die ganze
Unsicherheit auf das immer noch ungewisse „Dreieck“ abzuladen. ‚Zu einfach. Jenseits der Schlacht –
ist nichts mehr einfach gewesen. Und das hier ganz bestimmt nicht.‘
Seine Stimme klang ungewöhnlich rauh: „Ja – nun. Ich verstehe. Und das heißt?“
„Mach es mir doch nicht so schwer! Also ich denke einfach, das war irgendwie – etwas zu früh. Das
hatte ich nicht so geplant.“
‚Ich auch nicht Helen.’ „Ich – verstehe…“ ‚Obwohl ich damit lüge.’ „Und was nun? Ist damit unsere
Freundschaft auch erledigt?“ Kano bemühte sich, den verletzten Ton aus seinen Worten
herauszudrängen, der ihm kindisch vorkam.
„Auf keinen Fall! Aber darüber hinaus – nun…“
Kano hatte ein Einsehen. Auch wenn es ihm schwer fiel. Daß Kali sich so quälte wollte er aber
bestimmt nicht. „Also Freunde. Aber…“ , seine Ehrlichkeit siegte, „…einfach so tun, als wäre nichts
geschehen? Willst du das? Das kann ich nicht versprechen.“
Sie seufzte etwas frustriert: „Das will ich auch nicht. Das wäre idiotisch. Es IST etwas geschehen.
Aber was nun wird…“ ,sie schüttelte unsicher den Kopf, schob es erst einmal beiseite, „…also
Freunde.“
Das Lächeln, das sie einander zukommen ließen war eher halbherzig und nervös. Dann, mit dem
Verweis auf eine Übung ihres Schwadrons erhob sich Kali.
Aber sie gaben sich die Hände zum Abschied und das war, fand Kano, ein Schritt in die richtige
Richtung.
Nachdem Kali gegangen war sah er noch eine Weile da und starrte grüblerisch auf die Tür, durch die
sie verschwunden war. ‚Freunde? Nun vorerst. Für mich bist du aber nicht nur ein Freund, Helen.
Schon lange nicht mehr.'

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:39
Sorgfältig schloß ich die weiße Uniformjacke. Ich strich über die Aufschläge, die Säume und prüfte
den Sitz der Bügelfalten.
Kurz warf ich einen Blick auf die Schuhe. Sie waren so neu, sie glänzten gut genug, um mich drin zu
spiegeln.
Mit eisiger Ruhe zog ich das Paar weißer Handschuhe an.
„Willst du das wirklich durchziehen, Ace?“ fragte Pinpoint. „Es ist doch nur Radio.“
Ich griff zu meiner Schirmmütze, sah in den Spiegel und setzte sie so gerade auf wie irgend möglich.
Dann sah ich kurz zu meinem Zimmernachbarn herüber. „Richtig. Und genau das ist das Problem. Er
kann ja von mir aus eine Klatschtante sein. Aber er soll Feinde mit seinem Jäger töten, nicht
Kameraden oder Vorgesetzte mit Gerüchten. Wenn er den Unterschied selbst nicht kennt, werde ich
mein Möglichstes tun, um es ihm beizubringen.“
Einen kurzen Moment wankte ich in meiner Meinung. „Thomas, ich weiß, auch für mich könnte ein
Ehrengericht einberufen werden. Alleine schon mein Umgang mit Ry Hallas würde dies rechtfertigen.
Das dies nicht geschehen ist, muss an unserem Esprit de Corps liegen. Wie sieht es bei dir aus? Was
ist mit deinem Esprit de Corps? Wirst du das Urteil des Ehrengerichts annehmen, egal wie es
ausfällt?“
Pinpoint sah mir lange in die Augen. „Ja, Ace, verdammt, ich nehme das Urteil an.
Aber, Ace, was ist mit dir? Nimmst du das Urteil an, egal, wie es ausfällt?“
„Du spielst auf einen Freispruch an? Ja, ich werde es dann akzeptieren. Auch wenn es mir schwer fällt.“
Pinpoint nickte. „Und dann? Wenn Du deine Rache hattest? Was dann?“
Ich schüttelte den Kopf, trat zu Pinpoint und legte ihm beide Hände auf die Schultern. „Thomas, ich
mache das doch nicht für mich. Ich bin geborener Raumfahrer. Ich wurde mit Gerüchten von der
Muttermilch entwöhnt. Mir macht das nichts aus. Radio kann über mich erzählen, was immer er will.
Als ich noch mit Kali eine Kabine bewohnte, hatte Radio einen Wettpool eingerichtet, wann Kalis
Schwangerschaft bekanntgegeben würde. Glaub ja nicht, ich weiß das nicht. Aber die Superlative
seiner Gerüchte entlarven ihn.
Nur diesmal ist ein Mann gestorben. Und ein anderer guter Mann muss für einen Fehler gleich dreimal büßen.
Einmal mit seinem Gewissen, einmal mit seiner Karriere und einmal mit Radio, der nichts besseres zu tun hat, als sich intensiv auf ihn einzuschießen. Du als sein Flügelmann müsstest mich eigentlich verstehen.“
„Lone Wolf mag dich nicht, Ace“, platzte es Pinpoint heraus.
Ich nahm die Arme weg, sah dem Freund und Zimmernachbarn ins Gesicht. „Das ändert nichts. Wenn
ich hätte arschkriechen wollen, hätte ich Radio bei Yamashita angeschwärzt.
Es ist einzig der Esprit de Corps, der hier auf dem Scheideweg steht.“
Ich drehte mich um und ging zur Tür. Dort verharrte ich kurz. „Ich habe von deinem Rendezvous mit
Lilja im Kino gehört. Respekt, Kleiner. Sie in eine Dunkle Ecke zu schaffen und zu überleben hätte
ich mir nicht zugetraut. Soll ich deinem Schatz was ausrichten?“
Ein bitterböser Fluch begleitete mich auf dem Weg den Gang hinunter. Ein Grinsen huschte über mein
Gesicht. Hatte Thomas Andrews etwa Chancen bei der eiskalten Russin? Wenn ja, sollte ich als guter
Freund aufhören, meinen privaten Zwist mit ihr zu führen.
Nach einigen Minuten traf ich in der Messe ein. Ich war der Erste. So hatte ich es geplant. Die Messe
war leer, bis auf einen Tisch und sechs Stühle.
Fünf Stühle standen hinter dem Tisch, einer weitab vor dem Tisch mit der Lehne zur Tür. Dort würde
Radio Platz nehmen und Rede und Antwort stehen.
Drei Minuten nach mir traf Lilja ein. Sie salutierte korrekt, ich erwiderte den Gruß.
„Du bist zu früh, Lilja.“
„So wie du, Ace.“
Ich trat hinter den Tisch und rückte den mittleren Stuhl ab. Lilja kam um den Tisch herum und nahm
Platz.
Kurz darauf trat ein weiterer Offizier ein. Brawler von den Jaguars. Wir salutierten uns zu und ich bot
ihm den linken Platz neben Lilja an.
Darauf folgte Seeker von den Mirages. Die junge Second Lieutenant, so hieß es, konnte nichts mehr
erschüttern, weil sie bereits alles gesehen hatte – einschließlich Chief Cutter nackt.
Ich bot ihr den rechten Platz neben Lilja an.
Merkur trat ein. Der Pilot aus der Staffel Blau musterte mich kurz irritiert. Nein, meine Haare,
korrigierte ich mich. Andrea Morelli gehörte wie alle anderen im Raum zu den Veteranen der
REDEMPTION.
Radio war einer von uns. Die Neuen von der MARY oder die Grünspechte der Akademie, die nun
nach und nach über die RED hereinträufelten ging die Sache nichts an.
Merkur bekam den Platz Rechtsaußen.
„Wir sind vollständig“, stellte ich fest. Ich nahm linksaußen Platz und setzte meine Schirmmütze ab.
„Offizierskameraden. Dieses Ehrengericht untersteht First Lieutenant Tatjana Michailowa
Pawlitschenkow. Sie wird die Verhandlung führen.
Ich wiederhole noch einmal, wir sind nicht berechtigt, eine Haftstrafe auszusprechen oder einen
Verweis in die Akte von First Lieutenant Curtiss Long eintragen zu lassen.
Dies ist ein außerordentliches Ehrengericht, in dem Lieutenant Long wegen einem außerordentlichen
Delikt angeklagt ist: Bruch des Esprit de Corps.
Entsprechend sollte unser Urteil aussehen.
Andererseits braucht Lieutenant Long von dieser Einschränkung nichts zu wissen.“
Die anderen vier Piloten sahen mich an. Nacheinander nickten sie.
Ich sah kurz auf meine Uhr. „Es ist Zeit.“
Die Verhandlung begann.
Kurz darauf trat Radio ein.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:39
Radio saß in seiner Kabine.
Zum zweiten mal hatte er die Pistole auseinandergenommen und wieder zusammen gebaut. Er trug
einfache Bluejeans und ein grelles Hawaii-Hemd.
"Ehrengericht was? Ich wird‘s Euch Pissern schon zeigen." Er lud die Pistole und entsicherte sie. Kurz
darauf sicherte er sie wieder und nahm die Energiezelle hinaus. Das schwere matschwarze Metall
wirkte beruhigend.
Er lehnte sich zurück und ließ seine Gedanken schweifen.
*
Er war auf Luna, Lunacity. Kurz bevor er zur Marsakademie aufbrechen würde, 18 Jahre alt. Sein
Vater führte ihn in eine Kapelle der Raumfahrerkirche.
Nach einer Weile des Schweigens vor dem Altar bat sein Vater: "Schwöre es."
"Dad, nicht, ich ..."
"Bitte Curtis, es ist so Tradition in unserer Familie, leiste den Schwur." Die Stimme seines alten
Herren war eindringlich.
"Ich will nicht ... ich werde ihn nicht halten können."
Sein Vater packte ihn an den Schultern: "Du wirst es schwören und Du wirst weder Mutters, noch
meine Erwartungen enttäuschen, bitte, schwöre es. Er wird Dir die Kraft geben."
Lange starrte er in die klaren grauen Augen seines Vaters. Das Gesicht zeigte langsam aber sicherlich
die ersten Anzeichen von Alter, Fältchen hatten sich um die Augen eingebrannt.
Er seufste: "Ich ... ich Curtis Dwight Long schwöre hier im Angesicht Gottes, des Universums, unser
aller Herr, all mein Streben dahin auszurichten ein guter Soldat zu sein. Der Bundesrepublik Terra in
Treue zu dienen.
Und meine persönliche Verantwortung für den Schutz ihrer Verfassung, Kolonien und Bürger zu
tragen, so gut ich es vermag.
Ich schwöre der Navy die Treue zu halten, ihre geschriebenen wie auch ungeschriebenen Traditionen
zu achten, zu ehren, zu stützen und zu verteidigen.
Bei meiner unsterblichen Seele gelobe ich die Fackel der Tradition aufzunehmen und weiterzuführen.
Bis zu dem Tag an dem mich unser Herr zu sich beruft und über meine Taten richtet.
So wahr mir Gott helfe."
Der unerschütterliche Stolz, den die Augen seines Vaters verbreiteten, konnte kaum den nahezu
körperlichen Schmerz abmildern, den Curtis zu diesem Zeitpunkt verspührte.
*
Radio schreckte auf. "Die geschriebenen und ungeschriebenen Traditionen der Navy zu achten, zu
ehren, zu stützen und zu verteidigen", murmelte er, "verdammt, verdammt, verdammt. Du hast
diesen Schwur doch schon am ersten Tag in der Akademie gebrochen, warum machst du Idiot dir
darüber Gedanken."
Langsam ging er auf und ab, schließlich zu seinem Spind.
Als er die Tür öffnete blickte ihm das strenge Gesicht seines Vaters auf einem Foto entgegen.
"Du Arschloch, du hast gewonnen", fauchte er das Bild an.
Er zog Bluejeans und Hawaii-Hemd aus.
Als erstes holte er das langärmlige weiße Uniformhemd erhaus und zog es an. Beim Knöpfen ließ er
sich lange Zeit. Dann strich er nochmal über die Rangabzeichen, die auf den Schulterklappen steckten.
Zwei goldene Streifen und ein Stern auf schwarzem Grund.
Die Krawatte war schnell gebunden. Nachdem er mit der Fusselbürste über die Uniformhose gegangen
war, wurde auch diese angezogen.
Selbiges Verfahren erwartete die Jacke. Schnell wurden die Ordensspangen überprüft: 2
Sportabzeichen, Raumfahrtabzeichen, Raumkampfabzeichen, Verwundeter Löwe in Silber und Flying
Cross in Bronce.
Die Schuhe waren zum Glück sauber. Nach einem Blick in den Spiegel klemmte er sich die weiße
Schirmmütze unter den Arm und marschierte los.

Stolz erhobenen Kopfes trat er in die Vorbereitete Messe.
Es erstaunte ihn, Lilja anzutreffen. Er wusste keine Möglichkeit wie Blauhaar die Eisprinzessin zu
irgendetwas überreden könnte. Gab es da doch etwas tiefergehendes zwischen den beiden?
"Lieutenant Curits Dwight Long erscheint wie gewünscht, um sich seinen Offizierskameraden
gegenüber zu verantworten."
Lilja nickte ihm zu: "Sie wissen warum Sie hier sind Lieutenant?"
"Nein, nicht wirklich Lieutenant."
"Sie werden beschuldigt, durch Ihr unkollgiales Verhalten und Verbreitung von Gerüchten und
Halbwahrheiten, die Atmosphäre im Geschwader zu vergiften und einen Pilotenkameraden in ersthafte
Schwierigkeiten gebracht zu haben."
Radio nichte und Lilja fuhr fort: "Bitte schildern Sie die Ereignisse, wie sich die Informationen über
den Eigenbeschuss eines Frachters verbreiteten."
Langsam und schlich erzählte er seine Sichtweise, angefangen, von dem feucht-fröhlichen Abend mit
diesem Computer-Offizier, bis hin zu der unerklärlich schnellen Verbreitung der Geschichte. Namen
nannte er keine, da er weder den Namen des Computer-Offizier, noch des anderen Piloten mehr
wusste, die mit ihm gezecht hatten.
Lilja wollte ihn gerade entlassen, doch er kam ihr zuvor: "Lieutenant, ich möchte etwas vorbringen,
was durch die bloßen Fakten nicht zutage tritt"
Lilja nickte und er erhob sich in lockere Rührt-Euch-Stellung.
"Ich schwöre feierlich, die Bundesrepublik Terra, ihre Verfassung und ihre Bürger zu schützen und
zu stützen.
Die Befehle meiner vorgesetzten Offiziere sowie den mir vorgesetzten zivielen Behörden zu befolgen.
Mut, Ehrlichkeit und Treue sollen meine Tugenden sein.
Ich werde die Bundesrepublik, ihre Kolonien und assoziierten Territorien gegen jeden Feind - ob von
innen oder von außen - verteidigen.
Ihre Gesetze werde ich als heilig betrachten.
So wahr mir Gott helfe."
Radio brachte den Offizierseid der Streitkräfte flüssig rüber. Er kannt ihn seid seinem siebten
Lebensjahr auswendig.
"Ehrlichkeit, scheint etwas zu sein, was einen Offizier ausmacht, sonst würde es nicht im Eid
auftauchen.
Doch wurde nicht der Eid gebrochen, als die ganze Geschichte unter den Tisch gekehrt wurde?
Warum brach man etwas Heiliges wie einen Eid?
Sicherlich geschah es, um den Ruf des Geschwaders zu schützen. Ja, einer von uns tötete
unbeabsichtigt dreißig terranische Zivilisten." Seine Stimme war leise und bedächtig, doch dann
donnerte sie los: "Da ist es wirklich besser es zu verschleiern, statt darin rumzubohren, es ging ja um
unseren Ruf und so ein Altairfrachter bringt eine Menge Tonnage für unsere Abschussliste.
Doch über was werden wir als nächstes den Mantel des Schweigens werfen? Was ist, wenn nächsten
Monat einer von uns fällt? Hat es ihn dann etwa nie gegeben, damit wir uns nicht mit der Wirklichkeit
auseinandersetzen müssen?" Wieder sank seine Stimme und er fixierte Lilja. "Niemand, wirklich
niemand, ob nun einer unserer Kammeraden, der im Höllenfeuer der Akariigeschütze erlischt oder ob
es nun ein paar Zivilisten sind, die einem tragischen Unfall zum Opfer fallen - niemand hat es
verdient, dass wir ihn vergessen. Dort draußen allein zurücklassen."
Sein Blick wanderte über die fünf Richter, nein, die vier Richter und den Bastard Ace: "Vielleicht
wäre es für einige Leute besser und einfacher gewesen, wäre die Wahrheit begraben geblieben, doch
hätte mein Eid mich nicht sowieso verpflichtet es zu melden?"

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:40
Gewissen
Der Akariijäger wich elegant den feindlichen Schüssen aus. Energielanzen durchschnitten die
Schwärze des Raumes, tauchten ihn in tödliches Licht. Dann, auf einmal, wirbelte der Bloodhawk
herum. Die verfolgende Typhoon reagiert eine Sekunde zu spät – im Feuer der Bordgeschütze der
Alienmaschine verging sie.
Lilja flucht, kurz aber deftig. Der Bildschirm wurde schwarz und ein kleines Kästchen mit der
Inschrift „Shoot Down“ erschien – was ihre Laune nicht eben verbesserte. Als bräuchte sie eine
verdammte Maschine, um zu erkennen, daß sie verloren hatte. Wütend riß sie sich den Simulatorhelm
vom Kopf und unterbrach so die Verbindung zu ihrem Wingkameraden. Sie klappte die Kabine auf
und sprang heraus. Der Simulator neben ihr öffnete sich, und Perkele zeigte sein Gesicht: „Lilja! Das
ist das vierte Mal! Was zum Teufel ist denn mit dir los?“ Im Gegensatz zu den meisten anderen
Piloten – oder Menschen mit einem funktionierenden Gefahreninstinkt und Selbsterhaltungstrieb –
ließ er sich durch die mörderische Miene der Russin nicht einschüchtern. Für einen Augenblick schien
sie mit dem Gedanken zu spielen, RICHTIG wütend zu werden, aber dann entkrampfte sich ihr
Gesicht – es wirkte nun beinahe verlegen und bedauernd: „Tut mir leid. Ich kann mich einfach nicht
konzentrieren.“ Sie sagte aber nicht, warum. Der Finne grinste: „Na, Liebeskummer oder Eifersucht
schließe ich bei dir mal aus. Oder etwa doch?“ Das brachte ihm sofort wieder einen arktischen Blick
ein, was ihn freilich wenig störte.
Sie winkte nur ab: „Persönliche Probleme. PERSÖNLICHE. Machen wir Schluß für heute. Ich werde
versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen.“ Sie grinste schief: „Morgen um Sieben hier – dann
holen wir es nach, in Ordnung? Hast du halt heute mal frei.“ „Danke, Frau Lehrerin. Und grüß deinen
Freund.“ Er lachte und hob die Hände, als sie mit dem Simulatorhelm ausholte, als wollte sie ihm
dieses wertvolle Stück Technik an den Kopf werfen. Dann ging er. Lilja konzentrierte sich noch einen
Augenblick auf ihre Wut – mehr aus Gewohnheit. Es half natürlich nichts. Schließlich war nicht ihr
Kamerad der Grund für ihre schlechten Leistungen und Laune. Und es wäre falsch, diese an ihm
auszulassen.
Ihr war sehr wohl klar, was sie quälte. Ace. Warum mußte dieser Schwachkopf auch ausgerechnet zu
ihr kommen? Sollte er sich doch jemand anderen für seine Privatvendetta suchen! Sollte sie ihm
helfen? Seine Haltung war in DIESEM Fall vielleicht nicht falsch – auch wenn es ihr schwerfiel, dies
zuzugeben. Vor allem, da sie sich so ihre Gedanken machte, ob er nicht vielleicht andere Gründe hatte,
Radio anzuschwärzen. Sehr persönliche Gründe. Etwa, weil dieses Lästermaul mit dem größten
Vergnügen alle Aspekte von Ace’s Privatleben vor der Besatzung ausbreitete, soweit etwas darüber
herauszubekommen war. Hätte man das ihr gegenüber ähnlich gehalten, sie hätte Radio vermutlich
zusammengeschlagen. So wäre die Wut von Ace verständlich, aber kein Grund für ein Ehrengericht
gewesen. Ging es ihm um persönliche Rache oder um Lone Wolf?
Wenn letzteres der Fall, dann konnte sie dies billigen. Aber sollte sie mitmachen? War das ihrer
würdig? Sie war eine frisch beförderte Offizierin, es stand ihr kaum an, die Gesetzte der Navy
gegenüber ihren Bräuchen abzuwägen, nämlich, daß man einen Kameraden nicht verriet. Schon gar
nicht so. Beides zu verletzen war falsch. Wenn sie sich nicht korrekt verhielt, gab sie ein schlechtes
Beispiel – und beschämte damit die, die sie für würdig befunden hatte. Und was würde ihre Familie
von ihr denken, wenn sie erfuhr, daß Lilja, kaum befördert, ihren neuen Rang für ein illegales Gericht
mißbraucht hatte? Was aber, wenn sie sich weigerte, nur um keine Schwierigkeiten zu haben? War
DAS richtig? Sich nur deswegen um ihre Ehrenpflicht herumzudrücken, war auch nicht richtig. Vor
allem – sie schuldete Cunningham etwas. Sie war sicher, ihren neuen Rang verdankte sie ihm, und
auch den Orden. Zumindest hatte er es gegen die Einträge in ihrer Akte gebilligt. Sollte sie nicht
Vergeltung üben für das Unrecht, daß an ihm begangen worden war? Denn Unrecht war es in ihren
Augen. Unfälle passierten im Krieg. Und wenn diese dumme Gans Yamashida nicht gebohrt hätte,
dann wäre vermutlich der Selbstmord unterblieben, da war sie sich sicher. Sie kannte dieses Gesindel.
Verliebt in ihre Paragraphen, ohne die Umstände zu sehen. Es war KRIEG. Das erklärte vieles – und
daran mußte man denken, es nicht ignorieren wie diese törichten Nichtkombattanten.
Seit Ace mit ihr gesprochen hatte, trug sie diese Fragen mit sich herum. Sie konnte sich nicht recht
konzentrieren, war fahrig und unaufmerksam. Deshalb ihre miserablen Leistungen, ihre Wut darüber
und über ihre Unsicherheit. Wut auch auf Ace. Wenn dieser Mistkerl nun die Sache mit dem
Commander nur benutzte, um seine eigenen Rechnung mit Radio zu begleichen – nun, ein solches
Verhalten hätte sie mindestens so schäbig gefunden wie das von Radio. Natürlich sprach einiges dafür,
daß diese Plaudertasche wirklich Schuld daran hatte, daß der ganze dumme Zwischenfall
herausgekommen war und dieses Miststück von Yamashida mit ihrer bornierten Engstirnigkeit sich
darin verbissen hatte. Was sollte sie tun?
Ina war nicht da – sie nächtigte auf Perseus, so lange es ging. Schließlich war das erheblich bequemer.
Und sie ging nicht zum Militär, um eine reiche Frau zu werden. Warum sich nicht ein bißchen Luxus
gönnen, wenn schon die Möglichkeit bestand? Lilja leistete sich den Luxus seltener, ihr
Trainingsprogramm und die Arbeit mit Perkele spannte sie ziemlich ein. Außerdem hatte sie
schließlich eine große Familie, wo sie schon so gut verdiente – Raum- und Frontzulage, nicht
vergessen – war es ihre Pflicht, zum Beispiel ein paar nette Geschenke und Mitbringsel zu erwerben.
Und zuviel Entspannung, so fürchtete sie, könnte sie weich machen. Sie konnte also nicht mit ihrer
Kameradin sprechen. Sie DURFTE es auch nicht. Auch mit niemandem sonst von ihrem Kameraden.
Nicht mit Kano – der augenblicklich vermutlich andere Dinge im Kopf hatte. Aber auch nicht mit
Perkele, der war nicht zuverlässig genug in seiner Starrköpfigkeit. Nein, die Entscheidung mußte sie
selber treffen und die Konsequenzen tragen. Nun, sie wollte nicht überdramatisieren. Ein illegales
Ehrengericht war nicht unbedingt ein Kapitalverbrechen. Aber es würde den Commander zusätzlich
beschämen, und das konnte der gerade jetzt wohl am wenigsten gebrauchen.
Lilja aktivierte den Computer. Sie suchte eine Weile, bis sie die Bord-Mailadresse von Ace gefunden
hatte. Ihre Botschaft war einfach: „Einverstanden. Ich übernehme.“

Später
Ihre Laune war nicht die beste. Innerlich verfluchte sie Radio, Ace und Yamashida: ,Was für ein
Affenzirkus! Und das bloß, weil ein Idiot nicht sein Maul halten konnte, eine dumme Kuh sich
unbedingt profilieren mußte und ein zweiter Idiot denkt, er könne hier den großen Rächer spielen.‘
Lilja hatte große Übung darin, Unsicherheit und Verbitterung in Wut zu transformieren und griff
inzwischen fast automatisch zu diesem ,Spannungsabbauer‘. Es war immer so wohltuend, jemand
anderem die Schuld geben zu können, vor allem, wenn man dazu Grund hatte. Sie mied den Blick von
Ace und konzentrierte sich auf das, was auf sie zukam. Sie selber war herausgeputzt wie zur Parade.
Nicht, daß sie diesen Aufzug nicht schätzte. Es war sogar die Kleidung, die sie am schönsten fand –
schließlich war die Uniform gut geschnitten, und mit den Abzeichen und Orden sah man ihr die
Veteranin an. Sie gestand es sich nicht unbedingt selber ein, aber es erfüllte sie mit einem gewissen
Stolz auf sich selbst, und das war zumeist Balsam für die Wunden, die der Krieg in ihrer Seele
hinterlassen hatte. Vor allem, wenn sie daran dachte, wie stolz ihre Angehörigen auf sie seien würden,
wenn sie Lilja so sehen könnten. Sie war keine Heldin der Republik – oder nur ein bißchen – aber
doch eine verdiente Soldatin. Das alles ermöglichte ihr, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. So
harte sie der Dinge, die da kommen mochten.
Sie lauschte aufmerksam den Worten Radios. Sie berührten etwas in ihr - ohne Zweifel. Aber konnte
sie ihm glauben? War dies mehr als nur ein elender Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen?
Einmal mehr verfluchte sie im Stillen Ace, weil er die ganze Sache losgetreten hatte, mit Motiven,
über die sich sich im Zweifel war. Dieser verdammte Idiot. Sie mußte Entscheiden, was sie für richtig
hielt. Aber so leicht konnte sie ihn nicht davonkommen lassen.
Die Russin erwiderte kalt den Blick von Radio: „Wahre Worte, First Lieutenant. Und auch gute
Worte. Aber eines können Sie mir damit nicht erklären: Wenn Sie der Meinung sind, daß der
Zwischenfall nicht vergessen oder vertuscht werden dürfe – wieso haben Sie dann nicht Meldung
gemacht? Lassen Sie es mich schonungslos so ausdrücken – Sie haben den Ruf eines Schwätzers. Sie
gelten als jemand, der Gerüchte verbreitet, sie aufbauscht und weitererzählt. Ohne sich dabei darum zu
kümmern, ob Sie damit jemanden verletzen oder schaden. Ich denke, das wissen Sie auch. Wenn Sie
der Überzeugung waren, daß eine Untersuchung unerläßlich wäre – wieso sind Sie dann nicht zur
JAG-Offizierin gegangen? Oder haben Sich mit Commander Cunningham auseinandergesetzt? Sie
haben vielmehr Gerüchte in Umlauf gesetzt – wie Sie es auch bei vielen anderen Gelegenheiten getan
haben. Bei denen Sie Privates, ob rufschädigend oder nicht, weitererzählten, Vermutungen anstellten
und so Kameraden und Vorgesetzte in Verdacht brachten. Ich gebe Ihnen soweit recht, daß niemand es
verdient, vergessen zu werden. Aber ich habe meine Zweifel, ob Ihre Motive wirklich derart lauter
waren, wie Sie es uns jetzt schildern. Oder ob Sie nicht einfach aus Unaufmerksamkeit und
Gedankenlosigkeit wieder einmal weitererzählten, was Sie wußten beziehungsweise vermuteten, ohne
Sich um die Folgen Gedanken zu machen. Ohne die Konsequenzen für Kameraden und Vorgesetzte zu
berücksichtigen. Ich möchte, daß Sie einmal darüber nachdenken. Die Antwort darauf können wohl
nur Sie sich selber geben. Aber zumindest in Ihrem Inneren sollten Sie ehrlich sein - falls Sie es hier
nicht sind. Warten Sie draußen, bis das Gericht eine Entscheidung gefällt hat.“
Radio verließ den Raum, schweigend. Ob ihre Worte ihn getroffen hatten ob sie zutrafen - das zeigte
er nicht. Aber das hatte sie auch nicht erwartet. Jetzt war es an ihr, zwischen Schuld und Unschuld
abzuwägen, gemeinsam mit den anderen. Sie überdachte kurz das Gehörte. Lauschte sie ihrem Herzen,
so blieb ihr persönlich kaum eine Wahl. Als Richterin durfte sie sich nicht von persönlichen
Antipathien leiten lassen.
Lilja fixierte die anderen Richter: „Ich stimme für eine Verwarnung, aber gegen ein Urteil. Was First
Lieutenant Long gesagt hat, hat einen wahren Kern. Ich habe gewisse Zweifel, daß dies zum Zeitpunkt
der Weitergabe dieser Gerüchte seine wirklichen Motive waren. Aber es ist mir nicht gegeben, die
Gedanken anderer Menschen zu lesen. Auch wenn wir die Art seines Handeln verurteilen können –
wenn dies das Motiv war, halte ich eine Verdammung für fragwürdig. Im Zweifelsfall, wenn ich mich
nicht irre, soll man für den Angeklagten entscheiden. Und dieser ist unschuldig bis zu einem
schlüssigem Beweis. Einen solchen sehe ich hier nicht. Wir können nur aus einer Schuldvermutung
heraus urteilen. Und dies brächte uns selber in Verlegenheit. Denn die von uns – ich schließe mich da
nicht aus – die bereits einmal Ziel von Gerüchten waren, die First Lieutenant Long weiterverbreitete,
wollen doch wohl nicht den Eindruck erwecken als ginge es darum, hier alte Rechnungen zu
begleichen und unter dem Mantel eines Ehrengerichtes Rache zu nehmen. Die Traditionen der Navy
verlangen, daß wir dieses Gremium rein halten von persönlichen Antipathien und persönlichen
Kränkungen. Aber wir sollten den Angeklagten daran erinnern, daß er seine Worte nicht nur sprechen,
sondern auch LEBEN muß, will er sich nicht selbst als Heuchler und Lügner entlarven.“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:40
"Als Initiator dieses Gerichts kommt mir eine besondere Rolle in diesem Urteil zu. Deswegen wollte
ich mich weitestgehenst raushalten.
Andererseits werde ich - so oder so - der von Radio meistgehaßte Mann an Bord sein.
Ich will eine Empfehlung aussprechen, die ich jedem einzelnen von Ihnen bereits im Vorgespräch
offerierte.
Ich empfehle, First Lieutenant Curtiss Long mit einem Bann zu belegen.
Verbieten Sie ihm jeden persönlichen Kontakt über das Dienstliche hinaus. Nehmen Sie ihm die
Möglichkeit, seine Gerüchte zu verbreiten.
Wenn er der Wahrheit verpflichtet ist, so ist er dies noch in einer oder zwei Wochen.
Wenn er eine Tratschtante ist, wird ihn diese Entscheidung treffen. Und, so hoffe ich, bessern.
Sie alle wissen, wir sind Soldaten. Soldaten sind nun einmal Tratschtanten.
Aber wir sind auch eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft im Kampf gegen die Akarii, in der jeder
seine Pflicht erfüllen muß.
Auch Curtiss Long. Meiner Meinung nach hat er nicht unrecht gehandelt, als er Lone Wolf
diffamierte.
Aber er hat die Gemeinschaft verletzt und uns beinahe um einen fähigen Anführer gebracht.
Verspürt er deswegen Reue?
Nein, er verschanzt sich hinter seinem Spruch von der Wahrheit.
Morgen wird er neue Gerüchte haben, neue Wahrheiten aufdecken. Er wird wieder und wieder gegen
die Gemeinschaft querschießen.
Meinungsfreiheit. Wir sind alle damit aufgewachsen.
Meinungsfreiheit. Ein hehres Gut, daß in der Navy offiziell nicht existiert, aber geduldet wird.
Sie ist wichtig. Aber wie so viele Dinge, die umsonst sind, darf auch sie nicht mißbraucht werden, erst
Recht oder gerade nicht in einer Zweckgemeinschaft wie der unseren.
Seine Rechte in allen Ehren, aber Curtiss Long eckte bisher immer und überall mit seinem Begriff von
Meinungsfreiheit an, bis sene Vorgesetzten ihn versetzen lassen konnte.
Soll ihm das wieder passieren?
Ich sage nein.
Maßregeln wir ihn, zeigen wir ihm, was die Gemeinschaft der Piloten der REDEMPTION von seinem
Vertrauensbruch hält. Und überlassen wir dieses Tun nicht den Offizieren.
Und hoffen wir, daß er daraus lernt, und nicht nur auf dem Papier ein Pilot der REDEMPTION sein
wird."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:41
Der Landurlaub war dieses Mal sehr lang gewesen und so hatte Brawler Tüncay die Nachfrage von
Lieutenant Ace Davis nicht unbeantwortet gelassen. Als dann das magische Wort Ehrengericht fiel,
war seinen Neugier geweckt. Auch wenn es eigentlich eher zu Kadetten paßte, aber so nutzte Brawler
doch jede Gelegenheit, die weiße Uniform, die ihm so gut stand, zu tragen. Außerdem war er gerne
informiert über das, was an Bord vorging und offensichtlich lag einiges an Ärger in der Luft. Kurz vor
dem Beginn der Verhandlung trat er in den Tagungsraum.
Nachdem Lilja gesprochen hatteBrawler konnte sein Grinsen nicht verbergen. Seiner Ansicht nach war
dieses Theater, derentwegen er seinen Landurlaub unterbrochen hatte, eine einzige Scharade. Er
musterte die anderen Richter und sein Blick verweilte kurz über der Russin, dann nickte er und ergriff
das Wort.
„Wenn jemand Gerüchte in die Welt setzt, dann mag das vielleicht für den Einzelnen ärgerlich sein.
Aber meines Erachtens nach rechtfertigt dies nicht ein Ehrengericht, wie es hier stattfindet. So etwas
mag man auf informalen Wege erledigen. Aber ein persönliches Problem auf eine Ebene zu heben, wo
es das gesamte Geschwader betrifft, ist in meinen Augen schädlicher, als die Akte des ‚Angeklagten‘
jemals sein können. Denn wenn das so seinen Lauf nimmt, dann können wir bald wegen jedem
kleineren vermeintlichen Vergehen hier ein Gericht einberufen. Der Geschädigte hier, so es überhaupt
einen gibt – denn einen Nachweis dafür kann ich nicht finden, lediglich Indizien, die man auch anders
auslegen kann – ist der Commander und der wird wohl nicht unserer Hilfe bedürfen, um einen 1st
Lieutenant zur Rechenschaft zu ziehen, wenn er dies wünscht.
In Anbetracht dieser Situation halte ich es für angemessen, den Angeklagten freizusprechen. Unter
Umständen ließe ich mich auch von einer Verwarnung überzeugen. Mehr ist jedoch zuviel. Denn
wenn ein Offizier nicht in der Lage ist, seine persönlichen Konflikte wie ein Gentleman auszutragen,
dann sollte er deren Lösung nicht einem Ehrengericht übertragen. Genau das scheint mir hier aber der
Fall zu sein.“
Brawler unterbrach kurz seine Rede und griff zu seinem Wasserglas. Nachdem er seine Lippen etwas
befeuchtet hatte, fuhr er in einem weniger formalen Ton fort.
„Um es auf den Punkt zu bringen, Ace: Wenn du ein Problem mit Radio hast, dann regelt das im
Boxring oder im Simulator oder einer vergleichbaren Stelle. Aber eine Institution wie das
Ehrengericht für so etwas zu mißbrauchen, ist in meinen Augen schon fast ein Grund, ein zweites
Gericht einzuberufen. Das in die Welt setzen von Gerüchten ist, so man nicht gezielt jemanden in
Verruf bringen will, doch geradezu normal für das Soldatenleben. Dass hier der Commander aber in
Verruf gebracht werden sollte, dafür gibt es, wie meine Vorrednerin bereits sagte“, Brawler nickte
Lilja leicht zu, „keine stichhaltigen Anhaltspunkte.“
Brawler lehnte sich nach dieser Ansprache in seinen Stuhl zurück. Doch dabei beobachtete er
aufmerksam die Reaktionen seiner Kameraden.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:42
"Tüncay, verdammt, würde es hier um mich gehen, dann hätte ich Radio in den nächsten Ring gezerrt
und dem Bordzahnarzt zwei Wochen Arbeit beschert.
Wenn es dich beruhigt, meinetwegen stelle ich mich jederzeit einem Ehrengericht und stelle mich
dessen Entscheidung.
Aber hier geht es um mehr. Um viel mehr. Hier und jetzt fällt eine Entscheidung.
Diese Entscheidung lautet: Wer sind wir? Sind wir die Angry Angels oder sind wir die Piloten an Bord
der REDEMPTION, die im Geschwader der Angry Angels fliegen?
Ist Radio eine Tratschtante wie die meisten Soldaten, bis er wieder einmal zwangsversetzt wird?
Oder erteilen wir ihm eine Strafe, versuchen aber, ihn endlich in einer Gruppe zu integrieren?
Und stehen wir dann anschließend auch zu ihm?
Das heißt, decken wir ihn, sollte Lone Wolf nicht nur jemals auf den Gedanken kommen, über
welchem Umweg Yamashita von dem FF-Zwischenfall erfuhr, sondern auch eine Bestrafung
ansetzen?
Denn das er es ahnt, steht außer Frage.
In solch einem Fall wäre der bedingungslose Rückhalt des Geschwaders überlebenswichtig für Radio.
Jetzt aber bin ich nicht bereit, diesen ihm zu gewähren. Für mich fliegt der Mann zufällig in meiner
Staffel, aber er hat bisher nichts getan, um sich als besonderer Kamerad zu erweisen.
Man sagt, Strafe macht einen guten Mann schlecht und einen schlechten noch schlechter.
Aber man sagt auch, brich einen Rekruten, um ihn anschließend neu zu formen.
Ich gebe zu, ich war anfangs sauer auf Radio. Auf einmal wurde mir bewußt, wieso Lone Wolf zu
diesem Ehrengericht mußte.
Und ich zeigte sehr deutlich, wie sauer ich war.
Aber je mehr ich darüber nachdenke, je länger ich Radios Dienstakte ansehe (danke, Darkness), desto
mehr erkenne ich ein Muster darin.
Radio war bisher in jedem Geschwader, bis ihn seine Vorgesetzten abschoben. Weil er sich derart
unbeliebt gemacht hatte mit seinem Hang zu Gerüchten und deren Verbreitung.
Ist das der kollektive Wille der Angry Angels? Tolerieren wir sein Tun, bis Darkness, Martell oder
Lone Wolf ihn auf die MARYLAND versetzen lassen?
Oder sprechen wir, die Angry Angels mit einer Stimme, setzen diesem Piloten Grenzen, wie sie jeder
von uns hat und einhält und geben ihm endlich einen Platz in der Flotte?
Ich will es nicht verhehlen, irgend jemand hat Radio verdorben. Ein Staffelführer wird er wohl nie.
Vor allem aber nicht, wenn wir uns jetzt kollektiv dazu entschließen, ihn das gleiche erleben zu lassen
wie auf seinen anderen Dienststellen.
Denn ihn weiter gewähren zu lassen hieße, ihn seine bitteren Erfahrungen wiederholen zu lassen."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:42
Jaws massierte sich die schmerzenden Muskeln. Die andauernden Trainingssitzungen mit seinem
Flügelführer gingen langsam an die Substanz. Nicht das er Drill nicht gewohnt war aber dieser alte
Pilot, naja alt war man als Pilot schon mit mitte dreissig, verlangte eine Menge von ihm.
Darkness war einer der besten Piloten der Red, vermutlich sogar der Beste und Jaws musste mit ihm
mithalten können, wenn sie ein Team werden wollten. Er fragte sich wie sein Vorgänger das geschafft
hatte. Ace besaß, was sein Können anging, einen tadellosen Ruf aber er war anscheinend auch ein
arrogantes Arschloch, der mit seinen Attitüden noch eine Menge Ärger bekommen würde, wenn er so
weitermachte.
Will öffnete die Augen und sah sich um. Die Kabine, die er sich mit Shrike teilte, war in tadellosem,
fast klinisch reinem Zustand. Die Doppelkoje zwang ihn gebückt zu sitzen, eine weitere
Komforteinbuße gegenüber der Maryland aber noch zu ertragen. Sein Rücken schmerzte. Diese
verdammten Simsitzungen!
Er war seit seiner Versetzung nicht ein einziges Mal draussen gewesen. Simulatoren hatten den
unangenehmen Nebeneffekt Pilotenfehler übertrieben zu quittieren. Seit er mit Commander McQueen
flog machte er immer wieder Fehler. Es war ganz und garnicht einfach an dem Veteran kleben zu
bleiben wenn dieser einen Angriff flog. Gestern hatte er einen Asteroiden gerammt als er versuchte
hatte seinen Kurs McQueens Kehre anzugleichen. Im richtigen Einsatz würde ihm das nicht passieren,
dessen war er sich sicher aber er hatte einen ganz schönen Anranzer für diesen Stunt kassiert.
Für heute hatte er frei. Nun gut, vielleicht war ein kleiner Abstecher zur Perseus genau das was er
brauchte. Sollte Darkness zum Teufel gehen! Er hatte ein Recht auf Freizeit.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:43
Als das kleine Fährschiff auf PERSEUS zuflog, klang der Ruf auf: „DA IST SIE!“
„Mann, diese ZEUS-Pötte sind doch größer als erwartet.“
„Allerletzter Schrott, wenn Ihr mich fragt. Aber dieser hier… Der hat Glück.“
Albert sah auf. Er trat neben die anderen Piloten. Dank seines schlanken Wuchs konnte er bequem
über die vor ihm stehenden einen Blick durch das Sichtfenster werfen. Da lag sie, keine zwei Klicks
von PERSEUS STATION entfernt. Die REDEMPTION.
DIE REDEMPTION. Sein neues Schiff. Na, eigentlich sein erstes, aber Albert war sich sicher, sehr
sicher, dass er sich bewähren würde.
„Na, Schoki“, brummte Allan Swans zu ihm herüber, „da haben wir uns ja ganz schön was
eingehandelt, was?“
Schoki. So nannte ihn dieser Dreiviertelschwarze aus Boston schon, seit sie mal privat einen getrunken hatten – außerhalb der Akademie. Der Bursche beanspruchte für sich das Erbe seiner schwarzen Vorfahren, die als Sklaven nach Amerika verschleppt worden waren und sich nach und nach mit der weißen, indianischen und asiatischen Bevölkerung vermischt hatten. Was seinen sehr hellen Teint erklärte.
Er, Albert, WAR dieses Erbe. Er stammte aus dem terranischen Bundesstaat Südafrika, der die neun
ehemaligen Nationen umfasste, die südlich der Kalahariwüste lagen. Und dort gab es auch heute noch
genetisch reine Schwarze. Krieger wahren Blutes.
Zulus.
„Sprich nur für dich selbst, Dagger“, brummte Albert, „ich habe mich freiwillig für die REDEMPTION gemeldet.“
Erstaunt sah Swans zu ihm hoch. „Hab mich schon gewundert, was unser Wunderpilot in diesem
Shuttle voller Durschnittsabgänger, Quertreiber und Heißsporne macht.
Dachte eigentlich, du kommst zur MAJESTICS oder wenigstens auf die MARYLAND.“
„Sag mal, du warst doch vier Jahre mit diesem Musterpiloten an der Akademie“, mischte sich
Elfwizard ein. „Und du kennst ihn immer noch nicht? Die MARYLAND und die MAJESTICS bleiben
mindestens noch drei, vier Monate im Dock.
Aber die REDEMPTION fliegt bereits in vier Wochen wieder los. Und Shaka will natürlich da sein,
wo die Action als erstes anfängt.“
Allan musterte die schlanke, kleine Pilotin. „Wo hast du den Quatsch nur wieder her, Katherine? Wen
hast du für diese Information mal wieder mit deinem Jungmädchenlächeln betört?“
Die junge Europäerin aus der Region Poitiers grinste. „Das bleibt mein Geheimnis.“
Der Amerikaner seufzte. „Frauen. Du kannst nicht mit ihnen.
Also Schoki, was denkst du? Wo setzen sie dich hin?“
Albert schmunzelte. „Ich denke nicht, ich weiß. Ich komme in die Rote Staffel zu den Phantoms. Du
wirst übrigens in die Blaue Staffel gesteckt. Die Typhoon passt auch besser zu dir. Wenn du so schon
nicht mit dem Arsch hoch kommst, dann fliege wenigstens schnell.“
Die anderen Piloten lachten.
„Woher weiß er das?“ raunte eine leise Stimme hinter ihm. Bushfire.
Eine andere antwortete, eindeutig Nemesis: „Der Mami-Faktor. Die Mbanes haben immer einen
irgendwo in der Ersten Flotte in führender Position. Und das ist nun mal Shakas Mutter auf der
HORNET.“
„Ganz Recht.“ Albert wandte sich um und sah die beiden Flüsterer an, die erschraken und
zusammenzuckten. „Das hat mir meine Mami erzählt. Mami wollte mich auch auf die MAJESTICS
stecken. Aber ich wollte lieber auf die REDEMPTION.“
Für einen kurzen Moment glomm Vorfreude in den Augen des Schwarzen. „Es gibt einen Piloten auf
dem Pott, Ace, der hat erst zwei Feindfahrten mitgemacht. Und auf beiden Flügen hat er jeweils fünf
Akarii vom Himmel gepflückt. Wo dieser ZEUS-Träger hinfliegt, da spielt die Musik und es gibt mehr
Akariis als man abschießen kann. Der Ruhm ist einem sicher, wenn man gut ist. Der Ruhm, die
nächste Beförderung, Orden…“ Albert schnalzte genießerisch mit der Zunge.
„Und wenn man nicht gut ist?“ fragte Sneaker leise.
Albert schlug der kleinen Pilotin auf die Schulter. „Keine Bange, Eleni. Wir haben ein Auge auf dich.
Du schaffst das schon. Wäre doch gelacht, wenn Du nicht als Aß nach Hause kommst.“
Vier Jahre lang hatten sie, die sechs Akademieabgänger von Zimmer Zwölf, dritter Stock der
Marsakademie die junge Frau mitgezogen. Sie war in der Theorie unschlagbar und hatte allen außer
Albert mindestens den Abschluß und wenigstens eine bessere Theorieprüfung verschafft. Aber
sportlich gesehen war sie eine Blamage. Es hatte das Team viel Zeit und Kraft gekostet, Eleni
Sourakis so weit zu kriegen, dass sie wenigstens mit biegen und brechen bestanden hatte.
Albert sah keinen Grund, dies nicht auch weiterhin zu tun. Ihr Wissen war immens und würde auf der
REDEMPTION sicher sehr nützlich sein.
Wieder ging sein Blick hinaus. Mit wem würde er wohl fliegen? Vielleicht mit dem CAG?

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:43
Ich erhob mich und ergriff meine Schirmmütze.
"Wo willst du hin, Ace?"
"Ihr kennt meinen Standpunkt. Findet das Urteil in Ruhe und ruft mich dann wieder rein.
Ich will mir nicht nachsagen lassen, ich hätte ein Urteil gegen Radio durchgepeitscht."
Lilja nickte. "Gut. Wir rufen dich, sobald wir uns geeinigt haben."
Sie warf einen Blick zu Brawler. "Und wir werden uns einigen."
Ich salutierte knapp und trat vor die Tür.
Radio wirbelte herum, sah mich an. "Habt Ihr ein Urteil gefällt?"
Ein müdes Grinsen huschte über mein Gesicht. "Es dauert noch. Sie sind noch dabei."
Mißtrauisch zog Radio eine Augenbraue hoch. "Und was machst du dann hier draußen, Musterpilot?"
Ich griff in meine Uniform, zog ein Päckchen Kaugummi hervor und genehmigte mir einen Streifen.
"Warten."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:44
Merkur sah in die Runde.
"Iche kann mich nicht so gebildet ausdrücken wie Ace, si? Aber meine Mamma hat kein dummes Bambino geboren. Worum geht es hier? Radio hat den Esprit de Corps gebrochen.
Und er hat es zugegeben. Prego. Und seien wir mal ehrlich, diese Lektion würde Radio sehr gut tun."
Karen Seeker Jones legte kurz den Kopf schräg.
"Nun, dazu habe ich folgendes zu sagen: Können wir Radio vor Lone Wolf beschützen, wenn der es
auf sein Blut abgesehen hat? Wir wissen alle, das kann jederzeit passieren. Ich denke nein. Ich will es auch gar nicht. Wenn ich dieses Callsign nur höre, fallen mir gleich Gerüchte, Schwarzmarktgeschäfte, illegale Wetten
und dergleichen ein. Nun, wir tun dies alle mal. In gewissen Grenzen. Aber Radio ist ein arroganter, selbstherrlicher Meister in diesem Metier. Er tut, was er will, er verletzt, wen er will und er nimmt sich, was er braucht. Ich bezweifle, daß Dinge wie Kamerad oder Wahrheit für ihn auch nur den Hauch einer Bedeutung
haben. Für diesen Arsch, verzeiht bitte, versuche ich doch nicht, Lone Wolf aufzuhalten. Eher zeige ich ihm
noch den Weg. Ich würde wahrscheinlich anders denken, wenn Radio versucht, sich zu bessern. Da hat Ace schon recht.
Ich glaube zwar nicht, daß es was nützt, so wie neulich, als er mich mit der Rechnung sitzen gelassen hat, aber okay, bestrafen wir ihn und geben ihm aber auch eine neue Chance. Es liegt dann an ihm, ob er sie ergreift.
Oh, ich klinge schon wie dieser blauhaarige Superpilot. Superpilot mit Ironiezeichen."
Sie sah in die Runde. "Und was nun? Zwei dafür, zwei dagegen."
"Unentschieden." Lilja nickte. "Unser fünfter Richter hält sich ja lieber raus anstatt zu dem Brimborium zu stehen, daß er veranstaltet hat."
Andrea grinste in die Runde. "Tut er nicht. Er hat genau gesagt, was er will, si? Also steht es drei zu zwei."
"Wenn wir es so werten wollen", brummte Lilja.
"Und immerhin hat er den Corpsgeist gebrochen", warf Andrea ein.
"Zugegeben."
Ace und Radio wurden gemeinsam hereingerufen. Ace nahm seinen Platz am Tisch wieder ein, Radio stand aufrecht vor seinen fünf Offizierskameraden.
"Dieses Gericht sieht sich außerstande", begann Lilja leise, "Sie zu verurteilen, First Lieutenant Long. Zwar sehen wir die Doppelmoral Ihrer Argumentation, aber ist uns dies für eine harte Strafe nicht ausreichend."
Radio sah mit funkelnden Augen zu Ace herüber.
"Allerdings", fuhr Lilja fort, "sieht das Gericht Handlungsbedarf bei Ihrem Verständnis von Kameradschaft. Ihr Sozialverhalten ist desolat und Ihr Umgang mit der Wahrheit – beziehungsweise der Verbreitung derselben ohne jegliche Rücksicht - keinesfalls vorbildlich. Sie befinden sich auf dem besten Wege, sich selbst aus dem Kreis der Piloten der REDEMPTION zu entfernen. Dies ist Ihnen bereits mehrfach passiert. Und es hat Sie nie gekümmert. Um Ihnen aber den Wert des sozialen Kontaktes mit Ihren Offizierskameraden deutlich zu machen..."
Lilja sah zu Ace herüber und ein trotziges Lächeln spielte über ihre Lippen "...folgt das Gericht einer
Empfehlung von Second Lieutenant Davis und verbietet für den Zeitraum von einer Woche jedem Piloten der REDEMPTION mit Ihnen ein Wort außerhalb des Dienstes zu sprechen. Ausgenommen ist lediglich Ihr Stubenkamerad. Und dies auch nur auf der Stube. Sie können gehen."
Belustigung glomm in Radios Augen, als er salutierte und die Schirmmütze wieder aufsetzte.
Beinahe schien man seine Gedanken lesen zu können. Eine Woche, was war schon eine Woche?
Für einen Menschen wir Curtiss Long sicherlich eine halbe Ewigkeit.
Ace sah auf seine Uhr. "Die Zeit beginnt."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:44
Kano saß wieder in der Pilotenkanzel eines Jägers. Nein – es war SEIN Jäger. Nach mehr als einem
Monat hatte man ihm endlich wieder erlaubt zu fliegen. Er glaubte nicht, daß er es noch wesentlich
länger ausgehalten hätte. Im Augenblick waren alle düsteren Gedanken und Befürchtungen von einem
Gefühl reiner Freude verdrängt. Er konnte wieder fliegen!
Er hatte sich sehr intensiv – und zu seinem ständigen Verdruss sehr langwierig - auf diesen Tag
vorbereitet. Etwa eine Woche nach der Ankunft der Redemption auf der Station war endlich der
Verband und die Schienen von seinem Arm heruntergekommen. Aber er hatte natürlich noch längst
nicht fliegen können – leichter Dienst war alles, was Dr. Hamlin ihm erlaubt hatte. Aber Kano hatte
das beste aus der Situation gemacht.
Er hatte das gestellte Trainingsprogramm strikt eingehalten – auch wenn er mit dem Doktor nicht gut
klar kam (wie auch sonst kaum jemand), seinen Job verstand er. Aber er hatte es natürlich nicht dabei
belassen.
Er hatte hart an seinem Arm gearbeitet, um wieder eine ruhige, sichere Hand zu bekommen.
Und Kano hatte auch seine sonstige Ausbildung intensiviert. Als er erfuhr, dass Lilja sich aus
irgendwelchen Kanälen Material für den Raumkampf besorgt hatte, hatte er sich so schnell es ging
Kopien besorgt. Und da Kanos neuer Zimmernachbar Blackhawk nicht nur ein erfahrener Pilot,
sondern auch noch ehemaliger Ausbilder und ein Experte für die Akarii-Jäger war, hatte Kano ihn so
lange mit Fragen gelöchert, bis sogar der nie aus der Ruhe zu bringende Veteran etwas genervt
reagierte.
Blackhawk mochte zwar gelegentlich laut bedauern, dass er ausgerechnet mit Kano zusammengelegt
worden war, aber er half seinem jungen Kameraden dennoch, so gut er konnte.
Als er endlich wieder an die Simulatoren gelassen wurde, hatte Kano fast mehr Zeit in ihnen, als
außerhalb verbracht. Aber immerhin musste er fast 6 Wochen „Abstinenz“ kompensieren und lernen,
mit seiner neuen Flügelfrau Virago kooperieren zu können.
Auch wenn sie keine so gute Fliegerin wie etwa Lilja war, als Flügelfrau war sie mehr als kompetent.
Sie gewöhnten sich relativ schnell aneinander: Kano, weil er sich mit geradezu verbissenem Einsatz
auf diese Aufgabe konzentriert hatte – und Virago, weil sie erfahren und in der Zusammenarbeit gut
eingespielt war.
Allerdings hatte auch sie sich gelegentlich über den Ausmaß der Übungen beschwert und es
verstanden, den Umfang an Freizeit für sich durchzusetzen, den sie als „Minimum“ betrachtete.
Gestern war die Freigabe erfolgt, HEUTE flog er zum ersten mal wieder in einem Staffelmanöver, das
Parker angesetzt hatte, damit man „keinen Rost ansetzte“.

Die Staffel startete, bildete eine Formation und strebte weg von der Station, in den „freien Raum“, wo
nicht Shuttles, andere Jäger oder die „vor Anker liegenden“ Großraumer die Bewegungsfähigkeit
behinderten.
„ACHTUNG AN ALLE! Auf meinen Befehl in Flights auffächern! Wir spielen heute nur ein wenig –
Rotte Eins bis Drei Partei Rot; Rotte Vier bis Sechs Partei Blau. Die ‚Toten’ geben heute Abend die
Getränke aus! AUSFÜHRUNG!“
Die Staffel zerfiel in zwei Gruppen, die sofort die Jagd aufeinander eröffneten.
Als die Übung nach etlichen weiteren Durchgängen endete, war Kano in Schweiß gebadet. Er hatte
sich so teuer wie möglich verkauft, hatte aber dennoch häufiger zu den ‚Toten’ gehört, als ihm lieb
war. Aber immerhin, er war wieder „drin“. Alles weitere blieb Übungssache. Wenn er nur hart genug
an sich arbeitete, dann war alles möglich, alles erreichbar. Fast...
Übergangslos musste Kano an Kali – an Helen - denken und verzog das Gesicht.
Die letzten Wochen waren nicht einfach gewesen. Nicht für ihn, nicht für Kali. Was auch immer
gesagt worden war und ungeachtet aller Bemühungen, das alte freundschaftlich – vertraute Gefühl
stellte sich nur langsam wieder ein. Sie waren sich nicht direkt aus dem Weg gegangen, aber die
gemeinsame Nacht – und der nächste Morgen - standen zwischen ihnen. Statt zu verbinden, trennte es
sie. Das zeigte sich zwar meist nur an unscheinbaren Details, einem Stocken in der Unterhaltung etwa,
aber die Erinnerung hatte sie in der Gegenwart des anderen befangen und unsicher gemacht. Und
beide waren sich der „Lücken“ in ihren Gesprächen nur zu deutlich bewusst.
Dies mochte auch einer der Gründe gewesen sein, warum sich Kano so in die Arbeit gestürzt hatte.
Andere hätten vielleicht auf der Station Ablenkung gesucht – aber Kanos Variante bot den Vorteil,
eine gute Entschuldigung vor sich selbst darzustellen. Immerhin WAR das Kampf- und Flugtraining,
die Weiterbildung an Taktik und Technik des Feindes wichtig, sogar wichtiger.
Das hatte sich jedenfalls Kano eingeredet.
Nun, momentan hatte sich fast wieder die alte Freundschaft eingestellt. Er half Kali gelegentlich bei
der Arbeit an ihrem Jäger und sie trafen sich in der Kantine oder nach den, nun zunehmend häufigeren,
Geschwadermanövern. Aber darüber hinaus – nichts. Und natürlich blieben bestimmte Themen aus
den Gesprächen verbannt.
Kaon war sich nicht ganz sicher: war es dumm von ihm, mehr als jetzt zu erwarten? Oder war es
dumm von ihm und Kali, bemühte Normalität aufzubauen und die Veränderung totzuschweigen?
Wenn er darüber nachdachte und diese Fragen nicht von sich wegschob, vermutlich beides.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:45
Miles Griffin saß gemütlich hinter seinem Schreibtisch. Der Kaffe duftete ausgezeichnet. Echte
Bohnen aus Kolumbien.
Sein Telefon jauelte. Das Display zeigte, dass es sein Vorzimmer war: "Ja?"
"Commander Ling ist da Sir", meldete der 2nd Lieutenant, der in seinem Vorzimmer Dienst tat.
Lieutenant Schneider war eigentlich weit mehr als ein Bürohengst. Sie hatte ein völlig unschuldiges
Gesicht, schien immer etwas linkisch, besaß jedoch ein ausgezeichnetes Gedächtniss, eine
ausgezeichnete Schützin mit fast allen Faustfeuerwaffen die es im Angebot der Streitkräfte gab und
ihre Nahkampffähigkeiten waren ebenfalls mehr als erstklassig. Und was für Griffin am schwersten
wog, ihr Kaffe, göttlich.
"Schicken Sie ihn rein." Er erhob sich höflich als der eisengesichtige Lieutenant-Commander sein
Büro betrat. "Guten Tag, ich hoffe Sie genießen Ihren Aufentalt auf Perseus. Habe ja gehört das alte
Mädchen hat ordentlich was abbekommen."
"Ja, die Unterbringung wie auch die Unterhaltung sind adäquat." Antwortete Ling fast mechanisch.
"Bitte nehmen Sie doch Platz." Griffin wies auf einen der beiden Besucherstühle. "Darf ich Ihnen
einen Kaffee anbieten? Frisch von der Erde."
Einen Augenblick sah Ling so aus, als wolle er ablehnen: "Ja, bitte."
Griffin beugte sich vor und schaltete die Gegensprechanlage ein: "Bitte noch einen Kaffee für
Commander Ling. Und bitte winken Sie Commander Chamberland gleich durch, wenn er eintrifft."
"Aye Sir." antwortete Schneider.
Griffin versuchte noch etwas Smaltalk, kam aber bei Ling nicht sehr weit damit.
Schließlich trat seine Adjudantin ein, gefolgt von Chamberland.
Ling blickte in das Gesicht von Jason Rowland.
"Commander Chamberland", Griffin erhob sich, "Sie kennen Commander Ling."
"Ja, wir hatten das Vergnügen."
Ling ließ sich von seiner kurzen Verwirrung nichts anmerken: "Sir."
Chamberland setzte sich und Schneider stellte ihm als auch Ling eine Tasse Kaffee hin.
Nachdem die junge Offizierin draußen war holte Griffin zwei Mappen hervor und reichte diese seinen
Gästen: "Im Grunde geht es um diese beiden Leute."
Ling fand in den Mappen zwei Gesichter: Charles Bayonne und Clifford Davis.
"Über Bayonne fanden wir das wichtigste erst raus, als Sie schon unterwegs waren."
"Er gehört also nicht zu uns?" Fragte Ling.
"Nein, er gehört zu Vance höchst eigener Elitetruppe." Selbst Chamberland konnte seine
Überraschung nicht ganz verbergen, als Griffin den Chef des T.I.S. erwähnte.
"Und der hat sich Davis als Spitzel geangelt." Chamberland stellte eher fest, als dass er fragte.
"Exakt Wir konnten teilweise seinen E-Mailverkehr abfangen. Die Nachricht an Davis bekamen wir
nur verstümmelt, daher wissen wir leider nicht, wie wir ihn aktivieren können."
"Nehmen wir Davis aus dem Spiel?" Fragte Ling. "Er war von je her ein Sicherheitsrisiko, aber jetzt,
wo er für den T.I.S. schnüffelt, bin ich mir nicht sicher, ob er noch tragbar ist."
Chamberland nickte: "Wir würden einer Menge Leuten einen Gefallen tun. Ein Unfall ließe sich ganz
schnell arangieren."
Griffin lächelte: "Ich weiß, dass diese Möglichkeit jeden, der Davis näher kennt, in freudige Erregung
versetzen muss, doch zur Zeit sehen wir mal von dieser 'radikalen' Lösung ab."
Einen Moment glaubte Griffin sowohl auf Chamberlands als auch auf Lings Gesicht so etwas wie
Betroffenheit zu sehen.
"Nun Ling, Sie werden Davis so gut wie möglich überwachen. Ich gehe mal davon aus, sein Quartier
ist noch verwanzt?" - Ling nickte. - "Sehr gut. Von mir aus installieren Sie Wärmebildkameras oder
was auch immer. Der Kerl darf nicht mal Furzen, ohne dass wir es auf Band oder Video haben. Aber
bedenken Sie, nur im äußersten Fall dürfen Sie gegen ihn vorgehen. Aber dann das volle Programm."
Die beiden jüngeren Offiziere nickten.
"Hat diese Unterredung für mich mehr als nur Informationszweck?" Wollte Chamberland wissen.
"Nein Commander, eigentlich nicht. Sie werden im Hauptqaurtier auf der Erde erwartet."
Griffin nippte an seinem Kaffee. Er würde dem T.I.S. schon lehren in seinem Gebiet zu wildern.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:46
Tag 2.
Kein "Hey hast Du schon gehört..." oder kein "Ich hab gerade erfahren, dass..." war über Radios Lippen gekommen - auch wenn es ihm schon am ersten Tag sehr schwer gefallen war.
Die Pilotengemeinschaft stand offenbar hinter Lilja und Ace.
Auf dem Weg zu seiner Kabine hatte Radio die Hände tief in die Taschen versenkt und den Blick
nachdenklich auf den Boden gerichtet.
Als er eintrat blickte sein Mitbewohner von seinem Roman auf und mußterte ihn kühl, doch kaum war
die Tür zu, lächelte Peter Holzinger: "Na, ausgestoßener Parias?"
"Ach leck mich." Radio ließ sich in seine Koje fallen.
"Was denn, sind wir etwa immer noch nicht geläutert elendiger Sünder. In der Hölle soll Deine
verdammte Seele schmoren." Holzinger ließ scheine tiefe Stimme imposante Tonlagen annehmen.
"Ich werde Dir jetzt mal genau erzählen, warum diese Strafe der größten Schwachsinn im gesammten
von Menschen bewohnten Weltraum darstellt."
Holzinger legte sein Buch beiseite: "Ich höre."
Radio stand auf und verschränkte seine Arme hinter dem Rücken und nahm eine dozentenartige Pose
ein: "Ich wurde verurteilt, eine Woch lang kein privates Wort mit einem Piloten der Redemption zu
wechseln. - Du verstößt eben gegen ein höchstrichterliches Urteil Ace des allmächtigen und
unübertrefflichen Akariikillers und seines Schoßpudels, der Eisprinzessin. - Aber zurück zum Thema:
Die Redemption hat eine Besatzung von um und bei 1.000 Männer und zum Glück für uns alle auch
Frauen. Wieviele davon sind Piloten? - Ich werde es Dir sagen, unser Geschwader hat 96 Piloten, dazu
kommen noch gut zwanzig für die Shuttles.
Bedeutet, mir bleiben noch 890 Leute zum Reden. Desweiteren, wenn Du Deine Aufmerksamkeit mal
auf unseren Standort lenkst, liegt 2.000 Kilometer an Steuerbord eine Raumstation, die gut 30.000
Militärangehörige beherbergt. Wohin ich meine Flagge noch heute verlegen werde."
Radio zog seine Reisetasche hervor und begann zu packen.
"Vergiss nicht, in zwei Wochen, werden wir wohl aus dem Dock kommen und hey, bring die Sachen
mit, die werden hier sehnsüchtig erwartet."
Holzinger bekam noch Radios Stinkefinger zu sehen, dann war Radio auf weg.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:46
Lieutenant Tüncay, genannt „Brawler“ sass in einer der vielen Pilotenkneipen auf Perseus. In seinem
Inneren brodelte es, weil er wütend war. Wütend darüber, dass er sich von einem Egomanen wie Ace
in eine solche Sache hereinziehen hatte lassen. Wütend darüber, dass er sein eigenes Ego und seine
Neugier nicht im Zaum hatte halten können. So war sein Name mit einer Sache verknüpft, die ihm
entschieden gegen den Strich ging. Wütend schlug er auf die Bar, an der er sass, was ihm einige
irritierte Blicke einbrachte. Als er dies bemerkte, setzte er sich in eine Ecke, wo er in Ruhe grübeln
konnte. Er hatte bereits überlegt, ob er mit Thunder oder Snake Bite reden sollte, aber das schien ihm
nicht gerade ideal. Goose, sein früherer Flügelmann war leider gerade nicht erreichbar gewesen.
So brütetete er nun über dem Problem, ohne dass er eine befriedigende Antwort fand. In diesem
Moment trat eine Meute angetrunkener Matrosen in den Laden. Lärmend durchquerten sie die Kneipe
und setzten sich an einen größeren Tisch in der Nähe von Brawler.
Tüncay schüttelte nur den Kopf und sah auf sein Wasserglas. Er war kein religiösen Mensch wie der
Skipper, aber er hielt sich trotzdem an die Sitten seiner Vorfahren, was den Alkohol anging. Zudem
vertrug es sich mit der Fliegerei nicht besonders gut. Manche Leute mochten ja selbst im Vollrausch
einen Flieger mit Vorhalt treffen, Brawler ging diese Fähigkeit leider ab, auch wenn er fliegerisch
sicher einer der besseren Griphen Piloten war. Aber er machte sich keine Illusionen, dass jemand wie
Snake Bite ihn jederzeit vom Himmel holen konnte, vom Skipper ganz zu schweigen. Wieder
schüttelte er den Kopf. Der alte Ire war wirklich ein komischer Kauz, sein Führungsstil schwankte
zwischen dem eines Drillsergeanten im Bootcamp und dem eines Familienoberhauptes, das auf seine
Schäfchen aufpaßte und irgendwie traf er immer den Ton. Zudem schien er ein taktisches Genie zu
sein. Denn irgendwie tauchte er immer wieder aus einer Richtung auf, aus der man ihn nicht kommen
sah. Die meisten in der Staffel hatten den Wandel zum Religiösen nicht nachvollziehen können, aber
Tüncay verstand es. Sein Onkel zweiten Grades war selber ein moslemischer Prediger und auch wenn
er nie das religiöse Feuer in ihm entfacht hatte, so hatte Tüncay doch gelernt, was es hieß, das Leben
einem Glauben unterzuordnen. Vielleicht sollte er mit Murphy reden. Gerade als er aufstehen wollte,
sah er, wie die Matrosen die Bedienung rüde begrapschten. Er stand auf und sah auf die Sitzenden herab.
„Wenn ihr schon saufen müßt, dann laßt wenigstens die Frau in Ruhe.“
„Verpiss dich, du Arsch. Wir haben Landgang, da tun wir, was uns paßt.“ ,rief ihm der Rädelsführer entgegen. Offensichtlich war es ein Petty Offizier, seiner Fahne nach zu urteilen schon jenseits von gut und böse.
„Ich wiederhole mich nur ungern, Finger weg!“
„Ist das ein Befehl, Lieutenant?“ Der Mann stand auf und Tüncay sah, dass er ihn um einen guten
Kopf überragte. Trotzdem wurde er immer wütender.
„Wenn Sie es so wollen...“ knurrte er.
„Mach dich vom Acker, oder wir schmeißen deinen Pilotenarsch hier raus.“ Dabei stieß sein Finger
gegen die Brust von Brawler. Dem brannten nun endgültig alle Sicherungen durch. Er griff nach dem
Finger und bog diesen gegen die Hand zurück. Sein Gegenüber schrie auf und riss die Hand los.
Leider standen jetzt auch seine Kumpane auf und Tüncay merkte, dass die Situation nicht nur schnell
eskalierte, sondern auch für ihn bedrohlich wurde. Als dann die erste Flasche zu Bruch ging, wurde es
Zeit für Plan B....nur dumm, dass er keinen Plan B hatte. Manchmal sollte man wirklich seinem CO
glauben, wenn der einem erzählte, dass ein Angriffsplan mindestens zwei Backuppläne brauchte, um
erfolgreich zu sein. Jedenfalls fiel rückten jetzt vier Männer auf, die alle offensichtlich vor hatten, ihm
am lebendigen Körper die Haut abzuziehen. Den Schlägen seines ersten Gegners konnte er noch gut
ausweichen, dazu hatte er das Spiel schon zu oft gespielt. Aber er wußte auch, dass vier Gegner seine
Verteidigung einfach überwältigen konnten durch die Masse ihrer Angriffe. Drei seiner Gegner waren
überdies mit Messern und abgebrochenen Flaschen bewaffnet. Tüncay fluchte. Die übrigen Gäste
hatten offensichtlich nicht vor, einzugreifen und der Barkeeper schützte vor allem seine Bar.
Dann stürzten sich die Männer auf ihn und er konnte nur mit Mühe dem ersten Ansturm ausweichen.
Ein schneller Griff ans Fussgelenk förderte sein Stilett zu Tage. Mit der rechten Hand hielt er die
Klinge in einem lockeren Griff, mit der linken winkte er seine Gegner heran. Die ließen nicht lange
auf sich warten. Dem ersten konnte er mit einem schnellen Tritt das Kniegelenk brechen, doch dann
waren die anderen an ihm heran. Zwei Angriffen konnte er ausweichen, aber der Dritte versetzte ihm
einen Schnitt in den Oberarm. Gerade als es wirklich richtig losging, stürmte die MP das Lokal und
trennte mit freigiebigen Schlagstockeinsatz die Streithähne.

Zwölf Stunden später erhielt Tüncay Besuch im Gefängnis. Innerlich hoffte er, dass es nicht der
Skipper sein würde. Seine Hoffnung wurde jedoch enttäuscht. Murphy trat in die Zelle und wurde
auch noch vom JAG der Red, Yamashita begleitet. Innerlich machte sich Brawler auf ein
Donnerwetter gefaßt. Erstmal jedoch stand er stramm.
„Brawler, ich hatte schon gehofft, dass dies endlich vorbei sein würde...aber nein, Sie müssen sich
wieder mit jemandem prügeln, ja sogar unter Verwendung von Waffen. Ich dachte, ich hätte mich
beim letzten Mal klar ausgedrückt. Haben Sie mir irgendetwas zu sagen, was mich vielleicht dazu
bewegen könnte, Sie nicht hier verschimmeln zu lassen?“ Murphy sah Brawler in die Augen, während
er diese Tirade vom Stapel ließ.
Der schluckte erstmal mehrmals, bevor er sich traute, den Mund aufzumachen.
„Sir, das soll keine Entschuldigung sein...aber ich wollte das wirklich nicht.“
„Sie wollten das nicht? Und wieso ist es dann passiert?“
„Weil, weil....“
„Stottern Sie nicht rum, Mann!“
„Sir, die Frau, Sie haben die Bedienung angegrapscht.“
„Und da mußten Sie den Cowboy spielen, der die Siedler rettet?“
„Sir, ähm, ja.“
„Nun gut. Sie werden aus dem Arrest entlassen und zur Redemption überstellt. Dort werden Sie den
Rest des Aufenthalts hier auf Perseus verbringen. Ihr Landurlaub ist gestrichen. Sie werden sich in
einer Stunde beim Wachoffizier dort melden. In zwei Stunden erwarte ich Ihre schriftliche
Stellungnahme zu dem Geschehen, die Sie mir in mein Büro bringen. Und jetzt WEGTRETEN!“
„Aye, aye Sir.“
Tüncay rannte förmlich aus der Zelle, vorbei an zwei MP‘s, die breit grinsten, weil sie alles
mitangehört hatten. Es war doch immer wieder lustig, wenn Offiziere von ihren Vorgesetzten
zusammengestaucht wurden.
In der Zelle grinste Yamashita Murphy an.
„Mußte das sein? Ich meine, diesmal konnte er wirklich nichts dafür.“
„Mag sein. Aber ich will nicht, dass meine Leute sich ständig in Schwierigkeiten bringen. Danke, dass
Du mir beim Papierkram geholfen hast...es wäre schade um Brawler, denn wenn er seine
Unbeherrschtheit in den Griff bekommt, hat er wirklich Potential...deswegen fasse ich ihn auch so hart an."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:47
„Nun komm schon, Rodney. Ich weiß, dass du so etwas hast. Jeder Marine im Universum hat es.“
Corporal Clark sah mich unschlüssig an. Seit er mich während meines Arrests zum Training geleitet
hatte, waren wir in Kontakt geblieben. Zwischen uns war eine merkwürdige Art von Freundschaft
entstanden, die keiner von uns genau definieren konnte. Sie wurde zudem von seiner Position und
meinem Rang überschattet.
Aber sie bestand.
„Okay, Ace“, brummte er schließlich zögerlich. „Aber ich war es nicht.“
„Schon gut, schon gut.“ Ich grinste. „Wenn es gut wird gebe ich auf PERSEUS einen aus.“
Das schien dem jungen Marine gut zu gefallen. Er feixte und deutete auf einen unbequemen Stuhl in
seinem Quartier. „Wenn der designierte CAG bitte Platz nehmen würde…“
Eine Viertelstunde später betrachtete ich das Ergebnis meiner kleinen Verschwörung im Spiegel. Es
war ein offenes Geheimnis, dass die Marines Haare haßten, die länger als zehn Millimeter waren.
Deswegen hatte jeder Marine seine eigenen Schablonen und seine eigenen Schneidwerkzeuge dabei.
So auch Rodney Clark.
„Und, Ace, zufrieden?“ brummte er beiläufig.
Ich strich mir mit beiden Händen über das, was bis vor kurzem noch ein Fünfzig Real-Haarschnitt
gewesen war. Nun hatten meine Haare, meine merkwürdigen blauen Haare nur noch eine Länge von
fünf Millimeter auf dem Kopf und drei an den Seiten. Dadurch wirkten sie nun eher schwarz als blau.
„Schöner bin ich nicht gerade“, murmelte ich.
Clark musterte mich und meinte: „Ich kann Haare schneiden, aber nicht zaubern.“
Spielerisch knuffte ich dem jungen Mann gegen die Schulter. „Danke. Ich denke, so kann ich da
rausgehen.“
Der junge Corporal wurde ernst. „Sag mal, Ace, warum? Warum dieser Kurzhaarschnitt? Ich meine,
kürzer geht es doch nicht.“
Ich zuckte die Schultern. „Demut.“
„Was?“ „Demut. Weißt du, ich ecke bei den Leuten dauernd an. Entweder denken sie, ich will
auffallen. Oder sie halten mich für arrogant. Andere wissen, dass ich arrogant bin. Und meine blauen
Haare sind sozusagen mein Aushängeschild und mein Warnhinweis.
Bisher hat mir das gut gefallen. Sogar sehr gut. Aber jetzt…“
„Verstehe.“
Ich half noch beim auffegen der abrasierten Haare. Danach verabredete ich mich mit Clark für eine
laute Disco in den Tiefen von PERSEUS.
Als ich durch die Gänge der RED eilte, versuchte ich nicht daran zu denken, dass ich gerade aussah,
wie ein schlecht gelaunter Igel. Seit meiner Kadettenzeit hatte ich die Haare nicht mehr so kurz
getragen. Ob die Botschaft ankam? Ich wusste es nicht.
Wahrscheinlich nicht, denn die meisten meiner Kritiker waren zu verbohrt, zu verbissen in ihrer
Meinung.
Aber wenigstens am guten Willen sollte es nicht scheitern.
Das waren meine Gedanken, als ich vor der Kantine mit einem Piloten ineinander rasselte.
Der Zufall haßte mich, das wurde mir deutlich, sehr deutlich, als ich ausgerechnet Helen Kali Mitra
davor bewahrte, schwer zu stürzen.
Sie sah mich an und wurde rot.
Ihr Blick ging zu meinen Haaren. „Oh!“, sagte sie.
Ich strich mir über den Rekrutenschnitt. „Tja“, machte ich. „Strafe.“
Mißtrauisch hob sie die Augenbrauen. „Strafe wofür?“
Ich zuckte die Achseln. „Lilja, Ohka, Lone Wolf, Auson, Darkness, du… Einfach für alles.“
Wieder errötete sie. Kali sah fort, sah mich wieder an, sah erneut fort und platzte dann regelrecht
heraus: „Ich habe mit Kano geschlafen.“
Ich riß die Augen auf. Was? „WAS?“
„Ist halt passiert“, murmelte sie. „Er hatte Probleme, wir sind zusammen ausgegangen und haben
zuviel getrunken. Und er ist ja auch ein netter Kerl.“
Ich zuckte die Schultern. „Okay.“
Erstaunt sah Kali mich an. „Das ist alles? Okay?“
Wieder zuckte ich die Schultern. „Ja. Okay.“
„Ace. Ich habe mit ihm geschlafen. Wir haben die ganze Nacht zusammen verbracht. Und alles, was
du dazu sagst, ist Okay?“
„Was?“, erwiderte ich wütend. „Du hast mir doch erst neulich klar gemacht, dass das, was du tust,
mich nichts mehr angeht. Was soll ich mich also aufregen? Werdet doch glücklich miteinander.“
Kalis Miene wurde starr. Sie musterte mich eine lange Zeit. „Du bist eifersüchtig, stimmts?“
„NATÜRLICH bin ich eifersüchtig!“, platzte ich heraus. „Aber Ohka ist… so was wie ein Freund für
mich. Und dir kann ich sowieso nichts vorwerfen. Erstens, weil wir keine Beziehung haben, Kali. Und
zweitens…“
„Weil du mit Huntress geschlafen hast“, vollendete sie. „Ich weiß.“
Ich hob die Arme. „Das… Ist einfach so passiert. So wie bei dir und Ohka. Ich… Ach, was rede ich
überhaupt darüber. Es ändert ja doch nichts. Guten Tag, Helen.“
Ich riß mich zusammen und ging an ihr vorbei.
„Der Haarschnitt steht dir, Ace“, rief sie mir nach. Unwillkürlich strich ich mir mit der Linken über
das Haar. Eigentlich hatte ich das Gegenteil erreichen wollen.
Ich sah auf meine Uhr. Es war noch Zeit, bevor die Disco öffnete. Zeit genug, um den Termin bei
Darkness wahrzunehmen. Ich war sehr gespannt, was mir mein alter Freund sagen wollte, wenn er
dafür extra einen Termin anberaumte…

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:47
Zwei Stunden später trat Tüncay in den Bereitschaftsraum der Staffel. Die Tür zu Murphys Büro war
geschlossen. Der Lieutenant klopfte an. Nach einem kurzen Moment hörte er die Stimme des
Staffelkapitäns durch das Schott klingen.
„Herein.“
Brawler tat wie geheißen. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, sah er, dass Thunder in der Ecke an
die Schottwand gelehnt stand. Er ahnte, das nun das volle Programm folgen würde.
„Lieutenant Tüncay wie befohlen zur Stelle, Sir!“
„Stehen Sie bequem.“
Tüncay entspannte sich nur marginal.
„Ich denke, Sie wissen, dass dies keine Heldentat war. Beim nächsten Male werde ich die Sache dem
JAG überlassen. Wie schon gesagt, Ihr Landurlaub ist gestrichen. Das gilt auch für den nächsten
Landurlaub, ich will Sie ja nicht in Versuchung führen. Weiterhin werden Sie auf der nächsten
Feindfahrt die doppelte Zahl an OvD Schichten ableisten.“
Brawler stöhnte innerlich, versuchte aber, sein Mißfallen zu verbergen.
„Weiterhin werden Sie sich um die Neuen kümmern, die nächste Woche an Bord kommen. Sprich: Sie
werden eine kleine Tour durch die Red machen, den Papierkram erledigen usw. usw.. Ich behalte mir
weitere Maßnahmen vor.“
Lieutenant Tüncay wußte nicht, ob er froh sein sollte, dass alles auf Staffelebene blieb oder ob er
angesichts dieser Maßnahmen.und der damit verbundenen Arbeit sich aus der nächsten Luftschleuse
stürzen sollte. Er machte sich schon bereit, sich abzumelden, als der Hammer kam...
„...und jetzt erzählen Sie mir von dem Vorfall neulich.“
Tüncay stotterte:“Vorfall?“
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass an Bord einige Junioroffiziere eine Art Ehrengericht abgehalten
war. Und ich habe gehört, dass Sie mehr wissen. Also?“
„Sir...“
„Wollen Sie außerdem noch ein Jahr Latrinendienst schieben?“ Murphys Stimme nahm einen noch
bedrohlicheren Ton an.“
„Sir...“
„Ganz offen, Lieutenant, Sie können mir jetzt sagen, was Sache ist, oder Sie werden, so lange Sie in
dieser Staffel sind, jeden Sonderdienst machen, den es in dieser Navy je gab, gibt oder geben wird.“
„Sir, es ging um Radio.“
„Lieutenant Long.“ Murphy nickte und wartete darauf, dass Tüncay seine Ausführungen etwas
ausführlicher gestaltete.
„Ja, Sir. Auslöser war, dass diese Sache mit der Vertuschungsaktion des CAG rauskam. Sie wissen
doch, was ich meine...“
Murphy nickte abermals.“
„Jedenfalls meinte Ace, ich meine Lieutenant Davis, dass es nur Radios Gerüchteküche zuzuschreiben
sei, dass die Sache herausgekommen sei. Daraufhin hat er einige Leute angesprochen, um ein
Ehrengericht abzuhalten wegen unehrenhaften Verhaltens.“
„Und Sie waren dabei?“
„Jawohl. Ich war einer der Richter, wie ich bekennen muss. Ich muss aber sagen, dass ich gegen eine
Bestrafung war. Trotzdem hat man gegen Radio eine Kommunikationssperre verhängt.“
„Ok, danke Lieutenant. Sie wissen, dass diese Ehrengerichte illegal sind.“
„Ja Sir.“
„Und Sie sind sich im Klaren, dass dies Ihre Karriere ruinieren kann.“
Tüncay nickte.
„Ich hoffe, das war das erste und letzte Mal, dass Sie eine solche Aktion mitgemacht haben.“
„Sir, ja Sir.“
„Gut, dann will ich es dabei beruhen lassen. Wenn ich Sie noch härter bestrafe, wird man sich fragen,
warum und das wollen wir ja nicht unbedingt.“
„Danke Sir.“
„Bevor Sie gehen, noch zwei Dinge. Zum einen zu Lieutenant Davis. Ich gebe Ihnen den
nachdrücklichen Rat, sich von ihm fernzuhalten. Dieser Kerl ist nicht ganz koscher. Entweder ist da
der ND dran oder zumindestens an ihm interessiert. Außerdem behagt mir nicht, dass er sich aufführt,
wie eine Primadonna. Solche Leute, die als Helden leben wollen, neigen dazu, auch als Held zu
sterben...und Helden sterben nicht nach einem langen Leben friedlich in ihrem Bett. Wir werden in
Kürze sechs neue Leute bekommen, sprich, wir müssen unser Teamwork komplett neu aufbauen, da
kann ich keine Einzelkämpfer und Möchtegernhelden brauchen.“
Tüncay nickte.
„Außerdem wird außer uns dreien hier keiner über die Vorfälle erfahren. Sollte ich auch nur ein
Sterbenswörtchen hören, was das Gespräch hier betrifft, lasse ich Sie zur Marineinfanterie
versetzen,verstanden?“
„Sir, ja Sir.“
„Gut, wegtreten.“
Als Brawler den Raum verlassen hatte, grinste Thunder Martell an.
„Wieder die dicke Keule ausgepackt?“
„Muss manchmal sein. Brawler hat das Herz am rechten Fleck, aber das reicht nicht, um zu überleben.
Wir müssen als Führungsoffiziere ja nicht nur schauen, dass unsere Leute den Schlamassel hier
überleben. Sondern wir sollen ja auch ein Auge auf deren Karriere haben. Wenn wir auf Brawler nicht
aufpassen, werden wir da versagen.“
„Und was ist mit Davis?“
„Davis ist ein Möchtegernheld. Die Sorte Pilot hab ich damals schon im Kampf gegen die Piraten
erlebt. Eine Gefahr für sich selbst und die, die mit ihm fliegen. Nehmen Sie sich Snake Bite beiseite
und sagen Sie ihr, dass Sie entsprechend auf die Neuen einwirken soll.“
„Ist das nicht ein wenig übertrieben?“
„Mag sein. Mag nicht sein. Aber im Zweifel bin ich lieber zu vorsichtig als dass nachher ein zweiter
Ace in meiner Staffel rumrennt.“
„Da ist was dran...wann kommen die Neuen, in einer Woche?“
„Jup. Scheinen fast alles Leute zu sein, die durch die beschleunigte Ausbildung gejagt worden sind.
Wenig echte Flugstunden, viel Simzeit und verkürzte Theorie. Anders formuliert: wenn wir wollen,
dass sie die ersten Einsätze überstehen, müssen wir uns mächtig anstrengen. Einen Veteranen
bekommen wir allerdings. Ist nen First Lieutenant, den ich flüchtig vom Mars kenne. Heißt Rod
Iverson, Callsign Crimson. Hat knallrote Haare, daher der Name. Der Mann ist ein guter
Formationsflieger und ein akzeptabler Schütze, was aber viel wichtiger ist, ist, dass er Fronterfahrung
hat und Befehle befolgt.“
„Immerhin etwas.“
„So, ich werde zurück nach Perseus, Schönberg hält heute einen Gottesdienst in der Kapelle. Wenn
etwas ist, regeln Sie das einfach.“
„Mach ich, Skipper.“
Murphy stand auf, griff nach seiner Pilotenjacke und verließ das Büro.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:48
"LI für Brücke!"
"Hier Brücke." Antwortete Auson.
"Maschinenraum 1 und 2 melden Bereitschaft. Reaktoren bereit zum hochfahren."
Auson wandte sich an Commodore Clark: "Commander Patrich meldet beide Reaktoren klar."
"In Ordnung dann wollen wir mal." Clarke zündete sich eine Zigarre an.
"Aye, aye Sir!" Sie aktivierte wieder die Gegensprechanlage: "LI: Reaktor Nr. 1 hochfahren."
"Reaktor Nr. 1 hochfahren, aye Ma'am."
Eine ganze Weile herrschte Ruhe, dann meldete sich der Chefingeneur wieder: "Reaktor Nr. 1 ist
hochgefahren."
"Ausgezeichnet: Nr. 2 hochfahren."
"Aye Ma'am."
Schließlich meldete sich Patrich wieder: "Brück, wir starten einen zweiten Versuch Reaktor zwo
hochzufahren."
"Bestätigt."
Clark trat zu ihr: "Probleme?"
"Reaktor zwei will anscheinend nicht hochfahren."
"Naja, die alte Ladie hat ja auch schon einige Jahre auf dem Buckel, wissen Sie, die Red ist einer der
wenigen Zeus-Träger, bei denen nie die Reaktoren ausgewechselt wurden. Lassen Sie mich überlegen,
die Inianapolis und die Invesible hatten bei der außer Dienststellung noch die originalen."
"LI für Brücke: Reaktor Nr. 2 hochgefahren, jetzt schnurrt er wieder!"
"Brücke verstanden", antwortete Auson.
Clark explodierte in Aktivität: "Hintere Verankerungen lösen! Rudergänger klar für Manöver!"
Auson wiederholte seine Befehle pflichtschuldigst und meldete ihm dann natürlich auch den Vollzug.
"Vordere Verankerungen lösen!" Bellte Clark.
Es folgte eine kurze Periode der Stille, die Auson schließlich unterbrach: "Hintere und vordere
Verankerung haben Sicherheitsabstand erreicht. Bereit um Schwebemodus einzuleiten."
"Leiten Sie Schwebemodus ein und lösen Sie die mittlere Verankerung!"
"Aye, aye Sir, Schwebemodus einleiten und mittlere Verankerung lösen." Sie wandte sich um: "Mr.
Hustle: Leiten Sie den Schwebemodus ein. Relative Geschwindigkeit zum Tenderschiff null." - "Aye,
aye Ma'am! - "Ms. St. Clair: Verankerungen backbord und steuerbord mittschiffs lösen!"
"Captain: Wir schweben im Tenderschiff!"
"Sehr schön, übernehmen Sie bitte das auslaufen."
"Aye, aye Sir. Mr. Hustel: Manöverdüsten achtern 25 Prozent."
Langsam schob sich der riesige Flottentärger aus dem Tenderschiff. Zu altem Glanz erstrahlt, leuchtete
seine plumpe Schönheit durch das Perseus-System.
Nur ein kleiner Hecht, dennoch ein Hecht in diesem Sternensystem.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:48
Auf mein Anklopfen bat Darkness mich herein.
Ich salutierte schneidig. „Commander, Second Lieutenant Clifford Davis. Ich melde mich wie
befohlen.“
Darkness nickte als Antwort. Er sah nur kurz vom Studium der Akte in seiner Hand auf, bevor er mir
mit einem Nicken einen Sitzplatz zuwies.
Auf dem zweiten Stuhl vor dem Schreibtisch saß bereits ein anderer Second Lieutenant. Das musste
Frischfleisch von der Akademie sein. Die linke Brust seiner weißen Ausgehuniform war nackt.
Ich setzte mich und wartete ab.
Der Pilot neben mir war groß, noch um einiges größer als ich. Ich schätzte den Mann auf gut zwei
Meter.
Seine Haare waren kurzgeschoren. Er hielt sich gerade und sah starr gerade aus.
Endlich ergriff Justin McQueen das Wort.
„Dies ist Second Lieutenant Albert Mbane, gerade frisch von der Akademie zu uns versetzt.
Cliff, ich will, dass du dich seiner annimmst. Er soll dein neuer Flügelmann werden.“
Dieses Glitzern in Darkness´ Augen gefiel mir gar nicht. Was hatte mein Freund nur wieder
ausgeheckt?
„Aye, Sir“, erwiderte ich, ungewöhnlich förmlich bleibend. „Gibt es einen besonderen Grund, warum
mir Lieutenant Mbane zugewiesen wurde?“
Wortlos schob Darkness mir die Akte zu.
Ich ging sie kurz durch. Jahrgangsbester, exzellente Noten. Das psychologische Profil allerdings
bereitete mir Sorgen. Der Mann galt aus undiszipliniert und vor allem rechthaberisch. Kritik vertrug er
so gut wie gar nicht. Befehle, die seinen eigenen Vorstellungen zuwider liefen befolgte er nur
widerwillig. Kurz und gut, der Bengel hielt sich für einen fliegenden Gott. Und bisher hatte er auch nie
einen Grund gehabt an dieser Einstellung zu zweifeln.
Denn er war noch nicht gegen Akarii geflogen. Hatte überhaupt mal einen richtigen Raumkampf von
Nahem gesehen. Und diesen arroganten, selbst überschätzenden Halunken hatte ich nun am Heck
kleben. Na toll.
Wieder sah ich dieses verräterische Glimmen in den Augen McQueens, als ich die Akte zurückreichte.
„Und, Lieutenant Davis, was denken Sie?“
„Womit, wenn ich fragen darf, habe ich diese Ehre verdient, Sir?“
Zum ersten Mal seit ich das Büro betreten hatte, zeigte Darkness offen eine Emotion. Er schmunzelte.
„Nun, eigentlich nur aus dem einfachen Grund, dass sich Lieutenant Mbane freiwillig gemeldet hat.
Genau wie Sie damals, Lieutenant. Ich hielt es für eine gute Idee, zwei derart hoch motivierte Piloten
als Team arbeiten zu lassen.“
Und mich dadurch, dass ich Mbanes Eifer bremste, selbst ein wenig ruhiger werden zu lassen.
„Ja, Sir. Eine gute Idee, Sir.“ Ich grinste schief. Das würde der alte Mann wieder bekommen. Früher
als ihm lieb war.
„Gut. Da das geklärt ist: Lieutenant Mbane, Lieutenant Davis war das letzte halbe Jahr mein
Flügelmann. Er hat da einen exzellenten Job gemacht und ich denke, er kann Ihnen einiges beibringen.
Versuchen Sie, an seinem Flügel kleben zu bleiben und hören Sie auf ihn. Dann sollten Sie lange
genug überleben, um auch ein paar Akarii abschießen zu können.“
„Jawohl, Sir!“, blaffte Mbane.
„Gut. Bitte warten Sie draußen. Ich habe noch einiges mit Lieutenant Davis zu besprechen.“
Der Mann stand auf. Er war tatsächlich größer als ich. Die breiten Schultern taten ein Übriges.
Mbane salutierte vorbildlich, drehte über den linken Hacken und verließ den Raum.
„Okay, alter Mann, sieht so aus, als hättest Du mich kalt gestellt.“
Darkness schmunzelte. „Ich habe nicht gelogen, Cliff. Der Junge ist ein Hitzkopf. Genau wie du.
Wenn ihn einer in Schach halten kann, dann du. Sollte er seine ersten Einsätze überleben und was
lernen, haben wir vielleicht einen weiteren guten Piloten auf diesem Träger.
Das hat nichts mit kalt stellen zu tun, Ace. Es musste dir doch klar sein, dass als Flügelmann für dich
kein Veteran der MARYLAND in Frage kommt.
Auch wenn du mit dem einen oder anderen… Nun, gut zusammenarbeitest.“
Ich spürte wie ich rot wurde. „Äh, hör mal, Darkness, das mit Huntress und so…“
„…geht mich nichts an. Aber vielleicht nutzt du die Gelegenheit und hörst auf, Kali nachzuhängen
und Lilja beeindrucken zu wollen.“
Ich senkte den Kopf. „Ja, Sir.“ Ich hasste es, wenn er Recht hatte.
„Ach ja, noch etwas. Was läuft da zwischen Radio und dir?“
„Nichts“, brummte ich.
„Nun, das ist gut, denn ich habe etwas läuten gehört, ein Typ mit Lieutenantsstreifen und blauen
Haaren hätte ein Ehrengericht angezettelt.
Wie blöd ist dieser Kerl bloß? Wo er doch genau weiß, dass Ling immer noch an seinem Arsch hängt
und nur auf die Gelegenheit wartet, ihn wegen so einem Scheiß dranzukriegen! Von Yamashita,
unserem scharfen JAG-Pitbull mal ganz zu schweigen!“
Ich behielt den Kopf weiter unten. „Es war kein Ehrengericht, Jus… Es war eine Frage des Esprit de
Corps. Ich weiß, vor Gericht macht das keinen Unterschied. Aber ich dachte, wenn Radio einmal sieht,
dass er mit seiner schnoddrigen Art nicht durchkommt, würde er…“
„Würde er was? Ein besserer Mensch werden? Radio ist mit Verlaub ein Soziopath. Dazu kommt ein
aggressives, egozentrisches Weltbild. Der Mann darf nur deswegen noch fliegen, weil er bei den
Akarii mehr Schaden als in der Flotte anrichtet. Noch. Wir brauchen Piloten, Ace. Piloten. Radio ist
ein Pilot. Das heißt aber nicht, dass ich nicht einschreiten würde, wenn er es zu weit treibt, mit seiner
Gerüchteküche oder seinen Schwarzmarktgeschäften. Aber wir sind auf ihn angewiesen.
Geh ihm aus dem Weg, solange er Fotos von dir für Zielübungen benutzt, okay?“
„Wie viel Sinn“, fragte ich mit noch immer gesenktem Kopf, „macht ein Pilot, der keinerlei
Gemeinschaftssinn hat?“
Darkness sah mir lange in die Augen. „Geh ihm aus dem Weg und laß ihn in Ruhe. Wenn es nötig
wird, werden Lone Wolf oder ich uns um ihn kümmern. Verstanden?“
Ich nickte. „War es das dann, Boß?“
„Nein, nicht ganz. Kommst du Morgen mit ins MIRAGE?“
„Hm, gerne. Aber ich esse keines dieser labbrigen Steaks.“
Darkness schmunzelte. „Noch etwas, Cliff. Mbanes Callsign ist Shaka.“
Ich runzelte die Stirn. „Soll mir das irgend etwas sagen?“
„Immer diese Weltraumgeborenen. Hast Du noch nie was von den Zulu-Aufständen im achtzehnten
Jahrhundert im Bezirk Südafrika gehört? Einer ihrer Anführer nannte sich Shaka Zulu. Eine sehr
interessante Geschichte.“
„Lass mich raten. Er hängt da irgendwie mit zusammen.“
Darkness schüttelte den Kopf. Ungläubig, spöttisch. „Ihr Weltraumgeborenen. Hast du dir Albert
Mbane mal genau angesehen? Er ist schwarz. Er stammt direkt vom Volk der Zulu ab. Zumindest steht
das in seinen Akten.“
Nun war es an mir, ungläubig den Kopf zu schütteln. „Das war alles? Die Zulus waren schwarz? Wenn
es Aufstände gab, dann müssen sie unterdrückt worden sein. So wie du das schwarz betont hast, wohl
von Asiaten oder Europäern. Ihr Planetengeborenen habt eine merkwürdige Art, eure Komplexe
abzubauen.“
“Tssss“, machte der Pilot leise. „Jetzt aber raus hier, sonst bezahlst du das Essen Morgen.“
Grinsend verließ ich das Büro meines ehemaligen Wing Leaders.
Draußen erwartete mich mein neuer Flügelmann. „Auf ein Wort, Sir.“
Ich winkte ab. „Schon gut, Lieutenant Mbane. Wir haben denselben Rang. Sie brauchen mich nicht Sir
zu nennen.“
Er grinste und entblößte dabei zwei Reihen makellos weißer Zähne. „Schon, aber Second Lieutenant
ist mir zu lang.“
„Okay“, brummte ich amüsiert. „Mein Callsign ist Ace. Jetzt, wo wir zusammen fliegen, nennen Sie
mich ruhig so.“
„Also Ace. Ich habe eine Frage an Sie.“
Ich nickte. „Schießen Sie los, Shaka.“
„Was wissen Sie über den Piloten, der auf der REDEMPTION zwei Feindfahrten mit gemacht hat und
bereits zehn Akarii abgeschossen hat?“
Ich erstarrte, als hätte mir jemand Eiswasser in den Kragen gegossen. „Nichts“, log ich.
Albert Mbane zog die Stirn kraus. „Nichts? Aber…“
„Hören Sie, Shaka, zehn Abschüsse sind nichts besonderes. Lone Wolf, Martell, Darkness, sogar
Lightning liegen alle weit darüber. Die meisten von ihnen haben Manticor mitgemacht und überlebt.
Und genau darin liegt das Geheimnis des Erfolges.
Wenn Sie an meiner Seite da rausfliegen um auf Teufel komm raus Akarii abzuschießen, dann werden
Sie schnell sterben. Wenn Wir da allerdings als Team rausgehen, dann verspreche ich Ihnen,
bekommen Sie genügend Gelegenheit, auf Akarii zu feuern. Und Sie erhalten auch Ihre Möglichkeit,
sich Ihre Abschüsse zu holen. Ein guter Pilot ist wie Snakebite. Er schießt dann, wenn er auch trifft.
Geringes eigenes Risiko, größtmöglicher Erfolg. Auf diese Weise habe ich zusammen mit Darkness so
mancher Echse die Schuppen abgepult.“
Unschlüssig sah der Riese mich an. „Wie viele Abschüsse haben Sie denn?“
Ich deutete auf das Flying Cross auf meiner Brust. „Genügend, Shaka. Genügend. Ich erwarte Sie
Morgen um Null Neunhundert Bordzeit in voller Montur im Briefingraum der Roten Staffel. Ich will
mir ansehen, was Sie drauf haben. Ist das in Ordnung, Lieutenant?“
Er nickte leicht. „Null neunhundert. Briefingraum Rote Staffel. Yebo, Ace - Ja, Ace.
Sizobonana – Wir sehen uns später.“
„Bis Morgen“, erwiderte ich und ging los. Bisher erschien mir der Junge recht vernünftig zu sein. Ich
war sehr gespannt darauf, wie er sich im Cockpit einer Phantom machen würde.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:49
Als Juliane den Raum betrat, gellte ein scharfes Achtung! auf. Die Piloten der blauen Staffel sprangen
auf und nahmen Haltung an.
„Rühren“, brummte Huntress und ging zum Rednerpult des Briefingraumes.
Umständlich langsam breitete sie eine Handvoll Papiere aus, bevor sie endlich aufsah und die
Anwesenden einzeln fixierte.
Das war also ihre Staffel. Zwei ihrer Kameraden von der MARY, drei Veteranen der RED, eine Pilotin
von PERSEUS und fünf Akademieabgänger, die entweder hofften, Ruhm und Ehre zu sammeln,
einfach nur hofften zu überleben oder schlimmstenfalls mit der Floskel hergekommen waren, um
ihrem Vaterland zu dienen.
„Guten Abend, Blaue Staffel“, sagte sie.
„Guten Abend, Commander“, antwortete Demolisher. Die anderen fielen ein. Auch die Neuen.
Juliane nickte schwer. „Für unsere Ersatzpiloten: Ich bin Lt. Commander Juliane Volkmer,
Kommandeurin der Blauen Staffel, den Joker for Redemption. Unser Einheitsabzeichen ist die rote
Jokerkarte.
In den letzten beiden Feindfahrten hat die blaue Staffel stark gelitten, aber immer mehr ausgeteilt als
eingesteckt.
Unter meinem Kommando wird die blaue Staffel hoffentlich immer noch hart austeilen, aber nicht
mehr soviel einstecken müssen.
In den letzten beiden Wochen hatten wir viel Gelegenheit, miteinander zu fliegen und uns kennen zu
lernen. Wir haben uns eine gute Basis erarbeitet, um Sie, meine Damen und Herren von der Akademie,
in ein funktionierendes System aufzunehmen und Sie auf Ihre neue Aufgabe als Kampfpiloten
vorzubereiten.
Vor uns allen aber liegt noch ein hartes Stück Arbeit. Die nächste Feindfahrt der REDEMPTION ist
nicht mehr weit und wir müssen erst noch werden, was wir auf dem Papier bereits sind: Eine Staffel.
Deswegen bitte ich Sie, meine Damen und Herren von der Akademie, hören Sie auf Ihre Flightführer
und Wing Commander, passen Sie auf und lernen Sie und Sie bekommen Ihre Chance zu überleben
und Akarii abzuschießen.
Und Sie, meine Damen und Herren Veteranen bitte ich, seien Sie Ihren neuen Kameraden Vorbild und
Freund. Passen Sie auf sie auf, wie es die Veteranen getan haben, die sich Ihrer annahmen, die es
Ihnen ermöglichten, so lange zu überleben.
Ich will, dass diese Staffel durch gutes Teamwork besticht. Wie die zwölf Zahnräder einer großen
Maschine müssen wir ineinander greifen, gemeinsam arbeiten und gemeinsam kämpfen. Wir müssen
aufeinander aufpassen, uns gegenseitig beschützen und vereint unsere Gefechtsaufträge erfüllen. Dann
werden wir alle überleben und unseren Teil dazu beitragen, die REDEMPTION zu beschützen und den
Sieg über die Akarii zu sichern.
Bitte, ich weiß, Sie sind erst wenige Stunden an Bord. Sie wollen sich ausruhen und anschließend in
Ihre Typhoons steigen. Aber erzählen Sie uns doch etwas über sich.
Wer fängt an?“
Ein großer Mann mit hellbrauner Haut erhob sich. „Ma´am, Second Lieutenant Allan Swans. Ich…“
„Nicht so förmlich, Lieutenant. Sagen Sie uns etwas über sich selbst, nicht was in den Akten steht.
Wenn wir für Sie töten und sterben sollen, wäre es nett, mehr über Sie zu wissen, right?“
Der große Mann lächelte verlegen. „Right, Ma´am. Also, ich bin Allan Swans. Ich komme aus
Nordamerika, genauer gesagt von der Ostküste aus Boston. Nord-Boston, um genau zu sein.
Quebecker in der neunten Generation und stolz drauf.
Ich bin einundzwanzig. Mein Callsign ist Dagger. Dagger, weil ich plötzlich auftauche, hart zuschlage
und meine Gegner schwer treffe, bevor ich wieder verschwinde.“
„Was haben Sie für Hobbies, Dagger? Sie haben doch Hobbies?“
„Äh, ja, Ma´am. Ich lese sehr gerne. Shakespeare, Watson, M´bato, Wong, Goethe…
Aber ich bin nicht vollkommen langweilig. Ich fechte Florett. Auf der Akademie war ich in der
Auswahl und hätte beinahe die Flottenauswahl besiegt.“
Juliane nickte, als der Mann sich wieder setzte. „Gut, Dagger. Wollen Sie jetzt?“
„Ich bin Katherine Lacroix. Mein Callsign ist Elfwizard.
Ich bin Südfranzösin, und das mit Leib und Seele.“ Die kleine Frau mit den schwarzen Haaren lächelte
verschmitzt. „Man nennt mich Elfwizard, weil ich die einzige Pilotin bin, die Dagger noch nie besiegt
hat. Er meint, das grenze an Zauberei.
Meine Hobbies sind Boule und tanzen. Ich habe immer meinen eigenen Satz Kugeln mit. Man kann ja
praktisch überall spielen… Wenn also jemand Lust und Zeit hat, er soll nur fragen.“
„Danke, Elfwizard. Sie bitte, Sir.“
Der Mann mit dem kantigen Gesicht stand auf. „Ich bin John Poindexter. Mein Callsign ist Bushfire,
weil ich mir meine ersten Sporen verdient habe, indem ich in meiner Heimat Australien einen Elvis IX
zur Bekämpfung von Buschbränden geflogen habe. Damals hatte ich den Wunsch, mal so richtig
schnell zu fliegen. So kam ich auf die Akademie.
Ich bin mit dreiundzwanzig etwas älter als die anderen Abgänger, aber das macht wohl nichts.
Meine Hobbies sind Lateinische Tänze, Kleinkaliberschießen und Kalligraphie.“
„Hm, gut. Sie, Sir?“
„Ich bin Nemesis. Sorry, Ma´am. Mein Name ist Cord Larkin. Ich komme aus den Orbitalhabitaten
der Venus. Ich bin quasi im All aufgewachsen und habe deswegen eine gesunde Abneigung gegen
Planeten. Was lag da näher, als eine Karriere in der Navy zu wählen? Besser als ein Pilot kann man
nicht leben. Auf einer feurigen Kanonenkugel reiten, nur durch zwei Zentimeter Transplex vom
eisigen Tod im All getrennt…
Äh, ja, meine Hobbies. Genau wie Bushfire mag ich lateinamerikanische Tänze. Wir waren harte
Konkurrenten auf der Akademie. Ansonsten spiele ich noch gerne auf meinem Saxophon. Ein Schiff
mit seiner eigenwilligen Akustik bietet für mein Spiel einen tollen Hintergrund.“
„Na, Sie sollten uns bei Gelegenheit mal was vortragen. Sie bitte, Miss.“
„Mein Name“, begann die kleine Frau schüchtern, „ist Eleni Sourakis. Mein Callsign ist Sneaker. Ich
bin echt top in Navigation und in Ortung und so. Aber es hapert noch im Kampf.
Tja, Hobbies. Ich koche gerne. Und ich löse gerne Wurmlochsprungberechnungsformeln.“
„Ein sehr nützliches Hobby, Sneaker.
Nun, wir werden noch gut eine Woche haben, in der wir uns näher kennen lernen können. Aber bis
dahin haben wir ein hartes Stück Arbeit vor uns.
Bis dahin fliegen wir in folgender Aufstellung:
„Flight one: Huntress und Foreigner.
Avenger und Sneaker.
Flight two: Rapier und Dagger.
Merkur und Nemesis.
Flight three: Demolisher und Bushfire.
Cloud und Elfwizard.
Noch Fragen? Gut. Ich erwarte Sie alle Morgen um Null Neunhundert an den Sims. Wir wollen mal sehen, was Sie alle so draufhaben. Sie sind entlassen.“
Wieder ordnete Juliane ihre Papiere. Diesmal aber war es nur ein Vorwand, um noch etwas im Raum
bleiben zu können und ihre Piloten zu beobachten. Wie sie erwartet hatte, gingen die Akademieabgänger zu ihren jeweiligen Flightleader und stellten sich vor. Gut. Es war immerhin ein Anfang.
Wenn jetzt noch das Glück mitspielte, würde der Großteil dieser Piloten die nächste Feindfahrt
überleben. Gott, sie haßte diesen Job.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:50
Radio marschierte durch die so genannte Main Street, die Hauptamüsiermeile von Perseus. Seine
Laune lief seit gestern dem Tiefpunkt entgegen.
Die Mechaniker der RED hatten ein Basketballspiel gegen die Marines, die auf der RED Dienst taten
Der entgangene Wettgewinn bereitete ihm Übelkeitsgefühle. Die Quote stand ganz klar für die
Marines und all die Deppen würden ihr teures Geld auf die Ledernacken setzen, weil keiner wusste,
dass Rodney Piers und Sue-Ellen Bryant aus Cutters Mechanikercrew vor dem Krieg beim planetaren
Meister von Seafort 9 spielten und kurz davor standen in die 1. Liga gekauft zu werden.
Aber nein, diese Drecksäcke mussten ja vor Ace, Lilja und Co kuschen, also konnte er schlecht den
Buchmacher miemen. Rückgradlose Arschlöcher.
Als er das Callahans betrat sah er ein bekanntes Gesicht, einen Bomberpiloten der RED. Reflexartig
hob er den Arm.
Auch der Bomberpilot hatte ihn gesehen und wand sich prompt ab.
Wichser.
Er wusste schon warum er die Navy hasste. Über 200 Jahre gab es die TSN. Ihr Handbuch und Ihre
Vorschriften wurden über die Jahre 16mal überarbeitet. Und doch war es möglich, daß ein Haufen
Sozialversager, die ein vernünftiger Mensch nicht mal als Pförtner einstellen würde, sich wie kleine
Könige aufführen können.
Nach einigem Umgucken sah er die Frau, die er suchte und ging zu ihrem Tisch, wo er sich
unaufgefordert setzte.
"Hi Schatz."
Der weibliche Lieutenant-Commander blickte auf und lächelte ihn breit an: "Hallo Curtis, Deiner Mail
habe ich entnommen, es sei dringend."
"Ja, ich möchte versetzt werden, kannst du was arrangieren?"
Sie wurde schlagartig ernst: "Du musst dich ganz schön in die Scheiße geritten haben. Dein CAG,
dieser Cunningham, hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um dich abzuschieben."
"Oh, und?"
"Tja, ein paarmal hätte es fast geklappt, aber da hab ich dazwischengefunkt."
"Hey, wieso?" Radio machte einen Handbewegung in Richtung des sich nähernden Kellners. Dieser -
die Bestellung wissend - drehte sich wieder um und verschwand in der Menge.
"Ganz einfach mein Junge, es hätte Dir dort nicht gefallen, außerdem habe ich immer noch Hoffnung,
dass du da draußen abkrazt." Die Frau lächelte immer noch fröhlich.
"Jetzt weiß ich wieder warum ich nach drei Monaten Ehe mit dir die Schnauze voll hatte." resignierte Radio.
"Wenn ich dich korrigieren darf, ICH habe dich verlassen, nicht umgekehrt. Und wir beide wissen warum."
"Ja-ja-ja, ich hätte nicht versuchen sollen, Dich dazu zu zwingen, die Navy zu verlassen rasel-fasel."
Er blickte ihr eine Zeit lang tief in die Augen. "Das war wohl der größte Fehler meines Lebens."
"Vergiss es, Schätzchen."
"Was vergessen?" wollte Radio wissen.
"Den Versuch mich ins Bett zu kriegen."
"Och Angie......" Jammerte Radio wärend seine Exfrau aufstand.
Sie lächelte ihn traurig an: "Sorry, aber mit Versetzung ist erstmal nichts, wo ich mich gerade gegen eine stark gemacht habe."
Dann ging sie. Der Kelner kam mit einem Gin Tonic und brachte dazu noch die Rechnung Radios Exfrau.
*
Tage Später wieder auf der Redemption

Die Woche war vorüber und Radio bezog wieder sein Quartier auf der RED.
"Man, einige Leute sind hier echt sauer auf Dich." Meinte Holzinger.
"Die können mich mal."
"Sind wir aber schlecht drauf, hast wohl keine..." Radios Stubenkammerad wurde von der Türklingel unterbrochen.
Holzinger stand auf und öffnete die Tür, wärend Radio seine Klamotten in den Schrank räumte.
"Hi Peter, ist Radio wieder da?"
"Ja."
"Dann mach Platz verdammt nochmal." fauchte Kerstin Thomale, eine neue Pilotin in der Roten Staffel, die sich auch prompt an Holzinger vorbeidrängelte: "Oh, Gott sei gedankt, dass dieses verdammte Embargo vorbei ist, hasst du mein Haarschampoo?"
"Nein", antwortete ihr Radio gelassen und packte seelenruhig seine Sachen wieter aus.
"Gut, hier sind deine... NEIN? Warum? WIESOO?"
"Nun, man hat mir geraten, ich solle ein besserer Soldat werden."
"Das kannst Du nicht machen, ich meine ..., verdammt ich bin gegen das Schampoo, was die hier auf
der RED verscheuern allergisch."
"Oh, das tut mir leid", Radio machte ein bedauerndes Gesicht, "aber mir schien, dass die Allgemeinheit auch wünschte, dass ich ein besserer Soldat werde."
"Aber wie komme ich jetzt an mein Schampoo?" Jammerte die hübsche Pilotin.
"Och, frag doch am besten Ace, oder Lilja oder sonstwen. Aber jetzt RAUS!"
Kerstin zuckte zusammen und schnappte mehrmals nach Luft, ehe sie sich umdrehte und davonstapfte.
"Curtis, was wird das?" Wollte Holzinger wissen.
Radio öffnete sich eine Cola: "Nun mein lieber Peter, ich lasse meinen Schwarzmarkt erstmal geschlossen."
"Scheiße. Du wirst Dir eine Menge Ärger einhandeln. Ist es das wert?"
"Ist DIES", Radio breitete die Arme zu beiden Seiten aus, "das Wohlwollen meines Vaters wert?"
Radio packte noch ein paar Hochglanzmagazine in eine Plastiktüte und ging. Die Hochglanzmagazine
landeten im Recykler.
Nachdem Radio mit Sport - es war das erste Mal, dass man ihn in der Sporthalle fand - vertig war fing
ihn James Bowman in der Unkleide ab: "Sag mal, stimmt es, dass Du gewisse Dinge, die Du einigen
von uns besorgen wolltest nun nicht besorgt hast?"
"Du hast feine Ohren mein Freund."
"Jetzt hör mal - und komm mir jetzt nicht mit dem besserer-Soldat-werden - was soll der Mist?"
"Okay, die Wahrheit Freundchen? Rache, ganz simple Rache. Das Kollektiv hat mich bestraft, nun
versuche ich das Kollektiv zu bestrafen."
"Radio: Du bist ein Arschloch, ein kleines mieses Arschloch. Ace hat vollkommen recht. Du hast
keinerlei Gemeinschaftsinn..."
"GEMEINSCHAFTSSINN? Du kleiner Pisser wagst es mir mit Gemeinschaftssinn zu kommen? Wo war DEINE tolle Gemeinschaft, als sich diese fünf Debielen angemaßt haben über mich zu urteilen? Keiner, kein einziger von Euch hat das Maul aufgemacht. Den Schwanz habt Ihr eingekniffen, vor Ace und seiner Eisvalkyrie, schneller als man gucken kann. Also erwartet von mir nichts mehr Leute."
Radio schmiss die Spindtür zu und brauste davon.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:50
Vor zwei Tagen waren die Arbeiten beendet worden und die Redemption hatte das Dock verlassen.
Der alte Träger der Zeus-Klasse war nicht nur repariert worden, sondern hatte einige
Modernisierungen erhalten. 4 Impulslaser zur Raketenabwehr, die Katapultschlitten waren komplett
überholt worden und irrwitziger weise hatte man ach das Beerdigungssystem erneuert. Statt die
"Suppendosen" rauszuschießen wurden jetzt richtige Särge verwendet.
Die Flottenrichtlinien schrieben vor, die Galauniform und eine Ausgabe des Verwundeten Löwen in
Gold in dem Sarg zu deponieren, wenn keine Leiche vorhanden war.
Doch in diesem Sarg lag eine Leiche. Und diesen Piloten hatten nicht die Akarii getötet.
Samuel Brendstone hatte sich selbst gerichtet.
Nun, wer hatte daran Schuld, Lucas sah da mehrere Faktoren und er war ehrlich genug, sich selbst
einen großen Teil dieser Schuld aufzubürden.
Curtis Long, sicherlich auch der trug seinen Anteil daran, doch dass änderte nichts daran, dass Lucas
sich hundeelend fühlte, Sam Brendstone die letzte Ehre zu erweisen.
"Und so erhob ich mich auf den Schwingen der Gerechtigkeit", las er die Worte der
Neuprotestantischen Kirche - im Volksmund auch Raumfahrerkirche genannt, "und flog durch den
Himmel bis hinauf ans Firmament. Dort soll mein Stern strahlen. Wachen und den Weg zum Sieg
weisen."
Er atmete kurz durch: "Universum, Herr, unser aller Gott, wir haben uns hier in Deinem Angesicht
zusammengefunden um Dir die sterblichen Überreste von Samuel Brendstone zu übergeben.
Mit ihnen zusammen überantworten wir Dir seine unsterbliche Seele und bitten Dich sie an Deiner
Seite willkommen zu heißen.
Wir bitten Dich seine guten Taten zu ehren und seine Sünden zu vergeben. Amen."
Sechs Piloten in weißem Gala nahmen die Flagge vom Sarg und falteten sie zusammen. Dabei erklang
der Zapfenstreich aus der Konserve.
"Ganze Abteilung rechts UM! SaluTIERT!"
Der Sarg fuhr automatisch in die Luftschleuse. Die Innentüren schlossen sich und die Luft wurde
abgepummt. Dann öffneten sich die Außentüren.
Das neue Katapult schoss den Sarg in die leere des Alls.
"Abteilung ACHTUNG! WeggeTRETEN!"
Das Geschwader löste sich auf. Nur Pinpoint blieb noch eine Weile und blickte hinaus. Schließlich
entschied er sich mit Lone Wolf zu sprechen.
*
Er fand seinen Geschwaderführer im Bordcasino. Lone Wolf saß recht abseits in einer Ecke am Panoramafenster.
Pinpoint machte einen kleinen Umweg zur Bar, wo wie seit einer Weile nicht mehr Radio stand,
sondern Shrike. Nicht dass dieser ihm irgendwie unsympatisch war, doch irgendwie hätte Pinpoint
lieber Radio hinter der Bar gesehen.
"Was soll das heißen, du bekämest keinen Burnout hin?" Nörgelte eine Pilotin den Barkeeper an.
"Dann erzähl mir doch, was da rein gehört?" Shrike klang generft.
Die zierliche Pilotin blickte zuerst zu Boden und zog eine Flunsch, bevor sie wieder zu dem großen
atraktiven Piloten hinaufblickte: "Weiß ich nicht, Radio hat ihn mir mal in die Hand gedrückt. Ich
habe nie nachgefragt, was drin ist."
Shrike ließ die Pilotin stehen - was diese kurzzeitig mit einem fassungslos offenen Mund quitierte -
und wand sich Pinpoint zu: "Keinen Extrawunsch Kleiner."
Seit Radios Ehrengericht waren drei Wochen vergangen, doch Radio blieb immer noch für sich. Die
Stimmung hatte sich drei Tage nach Ablaufen der Strafe gegen die fünf Richter gewand - genau zu
dem Zeitpunkt, wo klar wurde, das Radios anscheinend sehr lukrativer Schwarzmarkt wohl für längere
Zeit als die eine Woche pausierte.
Mit einem Bier in der Hand trat er an Lone Wolfs Tisch: "Darf ich mich setzen Boss?"
Lucas zuckte zusammen: "Ja, klar, setz Dich Kleiner."
Beide blickten sie schweigend nach draußen. Hin und wieder nippten sie an ihren Getränken. Lucas an
seinem Scotch und Pinpoint an seinem Bier.
"Wer waren sie?" Fragte Pinpoint.
"Bitte?"
"Ich habe mich gerade gefragt, wer die Leute an Bord des Frachters waren."
"Ich ... ich weiß es nicht", Lucas war erbleicht, "ich will es auch gar nicht wissen."
"Hatten sie Familien? Jemanden der auf sie wartet?"
Er ignorierte Lucas finsteren Blick.
"Wissen Sie Skipper etwas nicht zu wissen ist furchtbar. Ich meine, ich bin in einem Weisenhaus
aufgewachsen und habe meine Eltern niemals kennen gelernt. Ungewissheit ist was Schreckliches..."
"Halt bitte das Maul." Lucas umklammerte sein Glass Whiskey fest.
"Wenn du ein Veteran bist, wird alles einfacher haben wir uns auf der Akademie gesagt..."
Lucas unterbrach seinen Flügelmann mit einem bitteren Auflachen: "Junge tu mir den Gefallen und lerne schnellstens drei absolute Wahrheiten des Universums: 1. Es wir niemals einfacher werden.
2. Das Leben ist nicht fair. 3. Ich falle nicht unter die Kathegorie guter Mensch."
"Hätten Sie mir das nicht sagen können, bevor ich Sie als Freund ansah?" Ohne eine Antwort
abzuwarten verließ Pinpoint das Kasino und überließ Lucas seinen trüben Gedanken.
*
Das Kabine war Dunkel. Außer dem gleichmäßigem Atmen seines Stubenkameraden war nichts zu hören.
Leise wie möglich machte Pinpoint sich bettfertig und schlüpfte unter die Decke.
Einige Zeit wälzte er sich unruhig im Bett hin und her. Schließlich machte er das Licht seines Nachttisches an.
"Ace? Schläfst du schon?" Sein Stubenkamerad drehte sich von einer Seite auf die andere. "Ace?"
"Ja, ich schlafe schon." Kam die Antwort. Ace Stimme zeugte von Müdigkeit und auch Wut.
"Ich habe nachgedacht."
"Himmel hilf", stöhnte Ace.
"Du bist der Meinung, dass dieses Friendly Fire niemals hätte aufgedeckt werden dürfen", Pinpoint hielt inne.
"Worauf willst Du hinaus?" Ace klang mehr als genervt.
"Aber, in einem solchen Fall, ich meine, wenn es wirklich geheim bleibt, würdest du doch nie erfahren, was passiert, wenn plötzlich ein Sam Brendstone den Frachter deiner Eltern aus unserem Universum ballert. Naja, ich habe nur nachgedacht, du bist sicherlich müde. Gute Nacht."
Pinpoint schaltete das Licht wieder aus.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:51
Traditionen
First Lieutenant Valeria Shukova runzelte die Stirn. Die Nachricht auf ihrem PC sah nicht nach einer
dienstlichen Mitteilung aus: ,Absender First-Lieutenant Pawlitschenko. Was zum Teufel will die denn
von mir?‘ Sie hatte zu Lilja nicht viel Kontakt, obwohl sie Landsleute waren. Mit einem mentalen
Achselzucken öffnete sie das Verzeichnis.
First Lieutenant Valeria Shukova
Man ist mit der Bitte an mich herangetreten, unsere Landsleute an Bord dieses Schiffes zu
informieren, daß am 9. Mai ab 20 Uhr eine Feier anläßlich des Tages des Sieges auf der Perseus-
Station stattfindet. Als Ort wurde das Lokal „Sto Gramm“ genannt. Veranstalter ist der „Bund der
russischen Frontkämpfer“. Um Teilnahme wird gebeten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir
mitteilen könnten, ob Sie sich zu diesem Anlaß einfinden könnten. Unkostenbeitrag sind 10 Real.
Ich hoffe auf Ihre Antwort!
Lilja
Nun, DAMIT hatte sie bestimmt nicht gerechnet. Der Veranstalter war ihr bekannt – eine Mischung
aus Traditionsverein und „Bund der Soldatenmütter“. Aber von derartigen Aktivitäten war bisher
nichts an ihr Ohr gedrungen. Andererseits – dies war der erste 9. Mai im Krieg.
Eigentlich schätzte die TSN eine übertriebene „Ethnisierung“ ihrer Soldaten gar nicht. Schließlich war
die Welt und die Kolonien jetzt eine große glückliche Familie. Mit Betonung auf EINE. Andererseits
aber war ein Militär eine im Grunde reaktionäre Organisation, die sich noch nach hunderten (oder
mehr) Jahren vergangener Waffengänge rühmte. Tradition war alles, vor allem, wenn man darauf stolz
seien konnte. Und deshalb hatten gewisse nationale Elemente überlebt. Allein schon, weil man eine
gemeinsame Sprache hatte und mitunter sich eben doch von den anderen abhob. In Rußland und
überall dort, wo Russen lebten, feierte man den 9. Mai noch immer, obwohl manche den Ursprung des
Feiertages gar nicht mehr kennen mochten. Valeria zählte zu denen, die es wußte – und sie hätte einen
Aufklärer gegen einen Flottenträger gewettet, daß dies für Lilja ebenfalls galt – aber sie hatte das
Datum bisher kaum sonderlich gefeiert. Andererseits tat es vielleicht ganz gut, mal wieder die eigene
Sprache hören zu können. Und man mußte die Feste feiern, wie sie fielen. Also warum nicht? Das
„Sto Gramm“ kannte sie jedenfalls. Es handelte sich dabei um ein recht gutes russisches Speiselokal,
das so hieß, weil angeblich zu jeder Mahlzeit „100 Gramm“ – und zwar „Sprit“ – gehörten.

Lilja überprüfte ihr Spiegelbild. Sie lächelte ein wenig zynisch. So oft, wie sie sich in Galauniform
warf, konnte man noch meinen, sie leide unter Eitelkeit. Aber heute war es – anders als bei diesem
dämlichen Ehrengericht – ein WIRKLICH passender Anlaß. Das mußte gewürdigt werden. Bei dem
Gedankengang ,Ehrengericht‘ verzog sich das „holde“ Gesicht der Russin zu einer Grimasse. Sie trug
es – wieder mal – Ace nach, daß es nicht so gelaufen war, wie sie gewollt hatte. Still bedachte sie den
Piloten mit ein paar Freundlichkeiten. Wenn ein Kind solche Worte laut ausgesprochen hätte, nun,
eine besorgte Mutter hätte ihm vermutlich den Mund ausgewaschen. Andererseits hoffte sie, er würde
sie künftig in Ruhe lassen. Aufmerksamkeit war ja, angesichts ihres Aussehens, durchaus
schmeichelhaft. Aber nicht gerade von IHM. Außerdem hatte sie so ihre Vermutungen, was die
Motive von Ace anging. Nun, momentan schien er ja Ersatz gefunden zu haben...
Sie bedauerte, daß sie Ina nicht mitnehmen konnte. Aber die hätte sich dort wohl nicht recht wohl
gefühlt. Außerdem war es eben ein Treffen der russischen Soldaten. Sie freute sich darauf, endlich
einmal wieder unter Landsleuten zu sein. Und außerdem billigte sie die hinter dem Treffen stehenden
Gedankengänge. Jetzt, wo die ganze Menschheit im Kampf stand, war es nur richtig, an die Siege zu
erinnern, die man errungen hatte. Aus der Vergangenheit konnte man Kraft für die Gegenwart und
Zukunft schöpfen, davon war sie fest überzeugt. Und wie andere Gegner zerschmettert worden waren,
so würden auch diese fallen.
So gesehen war es ihr sogar ganz Recht, diesen Abend nicht an Bord des Trägers verbringen zu
müssen. Seit dem „Ehrengericht“ hatte sich die Stimmung langsam aber sicher gegen sie gewandt.
Radio hatte sich wie die sprichwörtliche gekränkte Unschuld vom Rest der Piloten zurückgezogen.
Und da er vorher ein wichtiger Faktor auf dem internen Schwarzmarkt gewesen war, wurde dies nicht
eben mit Freude registriert. Inzwischen gaben einige den „Richtern“ die Schuld daran. Nicht ganz zu
Unrecht, wie Lilja zugeben mußte. Wenn sie nicht mitgemacht hätte oder Ace an seinem privaten
Rachefeldzug gehindert hätte... Das Ehrengericht WAR richtig gewesen – das Urteil aber...
Aber wenn sie ehrlich war, so zweifelte sie daran, daß Radio sich nur aus rechtschaffender Empörung
so verhielt. Eher legte er es ganz genau darauf an. Wenn er aber glaubte, SIE damit klein zu kriegen,
dann hatte er sich geschnitten!
Es war Lilja ziemlich egal, was der Rest der Piloten von ihr dachte. Perkele war neu, er konnte ihr
nichts nachtragen. Ina nahm die Sache wie immer mit Humor, und ihre Freundschaft war zu fest, um
dadurch auch nur angekratzt zu werden. Lightning war als Commander sowieso nicht auf die Umtriebe
eines kleinen First-Lieutenant angewiesen, und Ohka war viel zu ehrenhaft. Niemand also, der ihrer
Meinung nach zählte, nahm ihr das Urteil übel - falls er davon überhaupt wußte. Aber die teilweise
mürrischen und wütenden Mienen zu sehen ärgerte sie dennoch.
Was für eine erbärmliche Bande! Ließen sich in die Ecke drängen von einem einzigen Piloten, der
nicht mehr war als ein Großmaul und Schieber! Ein paar Mal hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte sich
eine Disziplinarstrafe wegen tätlicher Auseinandersetzung eingefangen. Gegen Radio oder jemand
anderen...
Nun, glücklicherweise waren nicht alle so. Auf der Station hatte sie dahingehend nicht mit
Verärgerung zu rechnen. Besser das, als die schmollend - anklagenden Mienen in der Messe zu sehen,
und mit dem Wunsch zu kämpfen, in das eine oder andere Gesicht hineinzuschlagen.

Sie machte sich rechtzeitig auf den Weg. Pünktlichkeit war eine Tugend, und auf dem Träger hielt sie
momentan nichts. Vom Dienstlichen her war sie mit der Entwicklung der letzten Wochen und Tage
zufrieden. Perkele hatte sich als zuverlässig erwiesen und sie kamen immer besser miteinander klar.
Was das Fachliche betraf, natürlich. Privat hatten sie nicht viel miteinander zu tun. Und so, wie sie die
Laxheit des Finnen etwas störte, so registrierte er ihre extreme Korrektheit mit einer Mischung aus
Resignation und Erheiterung. Aber was machte das schon! Hauptsache, sie konnten Seite an Seite
fliegen und einander den Rücken decken. Alles andere war, so lange persönliche oder dienstliche
Streitereien nicht die Gefechtsbereitschaft untergruben, nebensächlich.

Lilja erkannte schon von weitem First Lieutenant Shukova. Das rote Haar der Pilotin war ein fast
ebenso unverkennbares Markenzeichen wie Ace mit seinem widerlichen Blau. Thunder zog eine
Augenbraue hoch, als sie Liljas Aufmachung registrierte. Allerdings trug auch sie Galauniform. Dann
grinsten beide. Lilja unterließ es, zu salutieren - bei Gleichrangigen war dies ja auch unnötig -
stattdessen beugte sie sich vor und küsste Thunder auf beide Wangen. Die lachte und erwiderte den
Gruß. Ein Marine, der ebenfalls auf den Start des Shuttles wartete, riß die Augen auf. Offenbar war er
nicht sonderlich mit den Bräuchen fremder Völker vertraut und schien sich zu überlegen, ob er nicht
eine launige Bemerkung machen sollte. Aber ein Blick auf die Rang- und sonstigen Abzeichen der
beiden ließ ihn wohl zu einem anderen Entschluß kommen...

Thunder registrierte, daß Lilja diesmal irgendwie anders wirkte. Sie hatte bisher nie viel Kontakt mit
der Typhoon-Pilotin gehabt, aber bisher schien die „Eisprinzessin“ vor allem bemüht gewesen, ihren
Spitznamen zu rechtfertigen. Heute aber wirkte sie irgendwie gelöster, beinahe fröhlich.
Die beiden Pilotinnen schlenderten über die Promenade der Station. Ihr Ziel lag in den nicht ganz so
erlesenen Regionen der Station. Was bedeutete, daß der größte Teil der Besatzungsmitglieder der bei
Perseus versammelten Schiffe sich hier herumtrieb. Vorausgesetzt natürlich, man hatte Freigang. Die
wirklich „edlen“ Bereiche waren für niedere Offiziere und für Manschaftsmitgleider oft etwas zu
teuer, und man konnte sich auch schwer entspannen, wenn man ständig so viel Lametta um sich hatte.
Deshalb fand ein gewisse Trennung der Dienstränge statt - für Geldbeutel und Nerven war es das
Beste. Denn wenn auch Position und Orden bei Landgang nicht zählen sollten, so war es doch schier
unmöglich, die Unterschied VÖLLIG zu vergessen.

Das „Sto Gramm“ hatte an diesen Abend für normale Gäste geschlossen. Wer eintreten wollte, mußte
den üblichen Obolus entrichten. Nichtrussen waren nicht direkt ausgeschlossen, aber wer war schon
scharf darauf, an einer Feier teilzunehmen, auf der er die Leute nicht verstehen konnte? Zumal es da
gewisse Geschichten gab...
Weder Thunder noch Lilja hatten Probleme, eingelassen zu werden. Der „Abteilungsleiter“ des
"Bundes der russischen Frontkämpfer" hatte gründlich recherchiert und Listen angefertigt, wer
vermutlich kommen würde.
Normalerweise war das Lokal so eingerichtet, wie sich die Leute eben ein „russisches Restaurant“
vorstellten. Eher etwas rustikal, Samoware, Wandteppiche und so weiter. Vermutlich hätten die
normalen Gäste den Speisesaal nicht wieder erkannt. Nicht, weil natürlich die Tischordnung verändert
worden war und mehrere Büfettische aufgebaut worden waren. Das war ja zu erwarten gewesen. Aber
wo ansonsten „volkstümliche Motive“ das Auge verwöhnten (wenn man so etwas mochte), da
präsentierten sich heute völlig andere Bilder. Die Wand über dem Kopfende der langen Tafel
schmückte ein Meer von Flaggen. Standarten der TSN und der anderen Teilstreitkräfte nahmen dabei
nur einen kleinen Platz inne. Die anderen Embleme verkörperten hunderte von Jahren russischer
Staatlichkeit - und russischer Armee. An den Wänden hingen Bilder mit Fotographien aus den
verschiedensten Kriegen, an denen Soldaten Rußlands teilgenommen hatten. Es gab sogar
Gemäldekopien von berühmten Feldherren und Helden - Suworow, Kutusow, Schukow und andere.
Die Wände waren förmlich bedeckt mit einer Flut von Farben. Überall standen, einzeln und in
Gruppen, Soldaten, Offiziere, Techniker. Die Galauniformen blendeten das Auge, zahlreiche
Abzeichen und Orden verstärkten den Effekt noch. Es mußten mindestens hundert Menschen hier sein.
Bereits jetzt, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn, war es ziemlich voll. Vertreten waren so
ziemliche alle Dienstgrade und Waffengattungen. In dieser Stunde allerdings wurden Rang und
Einheit beinahe Nebensache. Binnen kurzem fanden sich die Neuankömmlinge schon im Kreis ihrer
Kameraden wieder.

Es war genau um 20 Uhr, als das Treffen begann. Ein kurzes Trompetensignal – „Achtung! Achtung!“
– aus den Lautsprechern kündigte den Beginn der Feier an. Die Soldaten blickten auf. Von einer
Sekunde zur anderen herrschte Totenstille. Dann erklangen die erste Takte der alten Nationalhymne.
Überall nahmen die Männer und Frauen Haltung an. Sie salutierten, bis der letzte Ton sich in der Luft
verlor. So grüßten sie nicht einen Staat – in erster Linie grüßten sie die Heimat.
„Soldaten – Kameraden!“ Am Kopfende der Tafel bildete sich ein freier Raum um einen Offizier –
einen Captain. Er sprach frei, hoch aufgerichtet. Das graue Haar und die Orden zeugten von einer
langen Dienstzeit.
„Ich heiße euch, meine Landsleute, heute hier willkommen. Ich bin Captain Pjotr Andrejewitsch
Bereschkow, Befehlshaber des Zerstörers ,Charkow‘, und der Bund der russischen Frontkämpfer hat
mich gebeten, heute eine kleine Rede zu halten – anläßlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges.
Ihr werdet euch sicher fragen, warum diese Feier. Es ist ein Feiertag, der in früheren Jahren eher privat
gefeiert wurde. Aber diesmal nicht. Diesmal haben wir uns heute hier zusammengefunden, um ihn
gemeinsam zu begehen. Und ich denke, ihr wißt auch, warum! Wieder sind wir im Krieg – wie so oft
vorher!
Wieder hat der Feind unsere Heimat überfallen. Wieder stehen wir im Abwehrkampf, um das zu
schützen, was uns lieb und teuer ist. Und ich meine, in solchen Zeiten ist es wichtig, an die Schlachten
vergangener Kriege zu erinnern. Daran, daß es oft schon schlecht stand. Daß alle Hoffnung vergebens
schien, der Sieg des Feindes unabänderlich.
Und doch kam es nie so. Immer gab es Menschen, die nicht die Hoffnung aufgaben. Die weiter
kämpften, obwohl es sinnlos schien. Die ihre Heimat liebten, und bereit waren, lieber zu sterben, als
zuzulassen, daß ein Aggressor sie in Ketten legte! Und an diesen Menschen scheiterte jeder Feind!
Ich will nicht sagen, daß unser Sieg zwangsläufig ist. Unser Gegner ist stark, er ist gut ausgerüstet und
er hat alles auf eine Karte gesetzt. Er weiß, daß er uns vernichten muß, will er der Strafe für seinen
feigen und hinterlistigen Angriff entgehen. Er wird es uns nicht leicht machen. Viele sind schon
gefallen oder verwundet worden, und es werden nicht die letzten sein. Doch am Ende, da bin ich
überzeugt, werden wir auch diesen Feind vernichten! Wir werden die Bestie in ihre Höhle
zurückjagen, und ihr Nest ein für allemal ausräuchern! Dann, wenn dem Feind das Genick
zerschmettert ist, dann werden wir den Frieden haben, den wir uns ersehnen!
Wir sind hier, um des größten Sieges zu gedenken, den unser Land, unsere Heimat jemals errungen
hat. Wir feiern damit auch all die anderen Siege, und wir gedenken jener, die in den Kriegen starben.
Ihnen verdanken wir es, daß wir heute hier stehen können – als Kinder eines freien Russlands.
Wir wollen, wir müssen – und wir WERDEN uns dieses Opfers als würdig erweisen. Nicht nur für den
Eid, den wir alle geschworen haben, nicht nur für den Staat, dem unsere Treue gilt – sondern vor allem
für unsere Heimat, die uns geboren und erzogen hat, und der wir jetzt wie einer Mutter verpflichtet
sind!
Soldaten! Gedenkt der Siege der Vergangenheit, und laßt uns anstoßen auf die Siege, die uns die
Zukunft bringen wird!“ Er hob sein Glas, und die anderen taten es ihm gleich: „Auf den Sieg!“
Aus hundert oder mehr Kehlen kam die Antwort: „Auf den Sieg!“
Captain Bereschkow lächelte: „Und nun zum angenehmen Teil – meine Damen und Herren, zu Tisch.“
Die versammelten Soldaten und Offiziere suchten sich ihre Plätze. Das Angebot war reichlich, und vor
allem war es „von Zuhause“. Immer wieder standen einzelne Männer oder Frauen auf und brachten
einen Trinkspruch aus: „Auf die Flotte!“ , „Auf die Heimat!“... Dann leerte man die Gläser und füllte
nach.
Lilja wartete einen günstigen Augenblick ab, ehe sie aufstand: „Auf die Lebenden – und auf die Toten!“.
Schnell kamen Gespräche auf. Vom Krieg, von Zuhause – worüber Soldaten eben so redeten. Hier, im
Kreise ihrer Landsleute, konnten sie sich wirklich geborgen fühlen, auch wenn es nur eine
Gemeinschaft auf Zeit war.
Schließlich erhob sich Bereschkow und bedeutete Schweigen. Eine knappe Geste leitete den nächsten
Programmpunkt ein. Sie alle kannten das Lied, daß nun erklang. Es war die inoffizielle Hymne der
russischen Soldaten. Viele sprangen auf, fielen ein. Auch Lilja. Die Röte in ihrem Gesicht kam wohl
nicht vom Alkohol. Der Gesang erhob sich wie das Donnern eines Orkans: „…wojna narodina,
swjaschtschennaja wojna!“. Sie ging auf in dem Haß und der Kampfbereitschaft des Liedes.
Es folgten andere Lieder aus längst vergangenen Kriegen: „Der Unterstand“, „Das Blaue Tuch“,
„Katjuscha“, „Das Lied der Panzergrenadiere“. Thunder bemerkte beinahe bestürzt, daß einige Tränen
über das Gesicht Liljas liefen, als man „Die roten Falken“ anstimmte. Aber schnell hatte sich Lilja
wieder gefangen.

Auf die Lieder folgten Tänze – selbst die höheren Offiziere genierten sich nicht. Hier und heute
konnten sie alle übereinander und miteinander lachen. Vermutlich würden viele den nächsten 9. Mai
nicht mehr erleben, aber heute vergaßen sie das. So feierten sie – Soldaten, Offiziere. Techniker,
Piloten, Besatzungsangehörige, Marines. Der Abend endete spät, sehr spät.
Thunder und Lilja gingen schweigend nebeneinander, als sie sich auf den Weg zum Shuttle machten.
Beide genossen sie die wortlose Kameradschaft, die noch nachklang. Sie kannten sich nicht sonderlich
gut, aber im Augenblick reichte es, daß sie Landsleute waren. Sie hatten Kraft und Mut, vielleicht
auch Trost aus dieser Feier geschöpft, wie es auch beabsichtigt gewesen war. Egal was morgen
kommen mochte, zumindest jetzt fühlten sie sich zu allem bereit.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:52
Murphy machte sich innerlich bereit, die Neuankömmlinge zum empfangen. Insgesamt warteten derer
sieben vor seinem Büro. Bis auf Crimson alles Frischlinge. Murphy schüttelte den Kopf. Das würde er
dem Jägerkommando nie verzeihen, dass man sein Team so zerrupft hatte. Man hatte ihm nur Tüncay,
Goose, Snake-Bite und natürlich Thunder belassen. Wenigstens würde jede Rotte von einem
erfahrenen Piloten angeführt. Als erstes lies er Crimson eintreten. Außer ihm war noch wie immer
Thunder anwesend, die bei solchen Anlässen sein natürlicher Schatten war.
Die Tür öffnete sich und ein Mann mit knallroten Haaren und von großer, kräftiger Statur trat ein. Sein
gepflegter Schnäuzer und seinen makellose Uniform zeigten, dass er viel auf sein Äußeres hielt.
„Lieutenant Rod Iverson meldet sich zum Dienst, Sir.“
„Setzen Sie sich. Schön Sie zu sehen, Crimson.“
„Danke, Sir. Wenn ich offen sein darf...“ Martell nickte. „ich bin froh, hier gelandet zu sein. Die Red
hat ja einen recht guten Ruf, und Sie sollen sich gut gehalten haben.“
„Das ist dankenswerterweise zutreffend. Ich hoffe, dass Sie mir dabei helfen können, dass es dabei bleibt.“
„Sie meinen wegen der Grünschnäbel, mit denen ich gekommen bin?“ Crimson deutete in Richtung
des Bereitschaftsraumes.
„Exakt. Man hat mir die Staffel gerupft wie es schlimmer kaum noch geht. Abgesehen von Thunder
habe ich hier nur Leute, die erst frisch dabei sind. Ich werde Sie dem dritten Flight zuteilen, wo Sie die
zweite Rotte führen werden. Lieutenant Bahrani ist ihr Flightleader. Sie ist zwar jung, aber wirklich
gut, hat taktisches Gespür und weiß aber auch, wann es besser ist, den Rückzug anzutreten.
Unterstützen Sie sie nach besten Kräften, es ist ihr erstes Kommando.“
„Das werde ich, danke Sir für das Vertrauen.“
„Keine Ursache. Ich kenne Sie ja noch von früher.“ Murphy grinste. „Das war dann erstmal alles. Sie
können wegtreten. Ruhen Sie sich aus, ab morgen werden wir ein massives Übungsprogramm starten.“
„Aye, Sir.“ Crimson schauderte angesichts diesen Gedankens. Martells Vorstellung von einem
massiven Übungsprogramm waren schon auf dem Mars Legende gewesen. Andererseits hatte er auch
eine niedrige Verlustrate unter den Schülern gehabt, der Erfolg gab ihm also recht.

Der nächste Pilot, der eintrat, hieß Marcello Fernandez, ein Filipino. Sein Rufname „Hatchet“ kam
nicht ganz von ungefähr, denn die Narbe in seinem Gesicht sah aus, als wenn eine Axt eingeschlagen
hätte. In Wirklichkeit handelte es sich laut Akte um ein Überbleibsel eines Haiangriffes aus seiner
Jugend. Die Ausbilder hatten Hatchet als guten Piloten, aber schlechten Schützen bezeichnet.
Insgesamt lass sich die Akte wie eine Fotokopie von Brawlers Akte. Murphy verzweifelte langsam.
„Nun, Lieutenant, ich sehe, dass Sie manchmal Probleme mit der MP bekommen. Wenn Sie sich das
hier leisten, lasse ich Sie zur Schiffsbesatzung, genauer, zur Putzkolonne versetzen und Ihren
Flugschein einziehen. Ich hoffe, wir verstehen uns.“
„Ja..jawoll Sir.“ Fernandez hatte einen solchen Empfang erwartet, nach allen Gerüchten, die die
Jaguars und ihren Skipper umgaben. Aber das machte es nicht einfacher, in die kühlen Augen dieses
Iren zu schauen, der das absolut ernst zu meinen schien.
„Außerdem besagt Ihre Akte, dass Ihre Trefferquote unter 40 % liegt. Ich erwarte, dass Sie diese vor
dem ersten Gefecht auf über 50 % heben, ansonsten sind Sie nicht fronttauglich, mithin werde ich Sie
dann auch nicht fliegen lassen. Thunder wird Ihnen dabei helfen, zumal sie auch Ihre Rottenführerin
ist. Sie hat Erfahrung, also hören Sie auf sie. Das ist alles, wegtreten!“

Die nächsten vier Piloten, allesamt Frischlinge, erforderten keine genauere Aufmerksam und bekamen
die normale „willkommen im Boot, alles tanzt nach meiner Pfeife“ Ansprache. Es war wiederum eine
recht gemischte Truppe: Marko Antonescu, genannt Gladius, Torben Palme, ein Schwede, der auf den
Namen Icepick hörte, eine Australierin namens Shawn „Wombat“ Fergusson und „Tango“, eine
Argentinieren namens Martina Cruz. Den letzten Problemkandidat hatte sich Murphy für den Schluss
aufgehoben.
Thunder trat zur Tür. „Lieutenant La Salle, bitte eintreten.“
Ein Mann in einer Pilotenuniform, die so ziemlich jede Vorschrift verletzte, die die Navy in dieser
Hinsicht erlassen hatte, trat ein und führte einen Salut durch, für den jeder Drill Sergeant einen sofort
zu fünf Jahren Toilettenschrubben verhängt hätte.
„Lieutenant La Salle meldet sich zum Dienst.“
Anders als bei den anderen Neulingen ließ Murphy La Salle in dessen Interpretation von Habacht
Stellung stehen. Er würdigte ihn auch keines weiteren Blickes.
„Lieutenant, ihre Akte ist eine einzige Zumutung. Ich frage mich, wieso Sie nicht schon längst hochkant aus der Navy rausgeflogen sind. Insubordination, Befehlsverweigerung, tätlicher Angriff auf einen Mitoffizier, Mißachtung der Navy Vorschriften für die Bekleidung des Personals, Beleidigung der Gattin eines Admirals....also?“
„Sir, ich weiß es nicht.“
„Sie sollten mir besser eine Erklärung liefern, warum Sie soviel Mist gebaut haben und wieso es hier
nicht genauso sein wird. Ansonsten werde ich Sie nicht fliegen lassen.“
„Sir, mit Verlaub. Sie wissen und ich weiß, dass Sie jeden Mann benötigen.“
„Sagen Sir mir nicht, was ich weiß. Ich sage Ihnen, was ich weiß: Ich fliege lieber mit 11 Mann als mit 11 Mann und einem Sicherheitsrisiko. Und Sie sind ein Sicherheitsrisiko, wenn man Ihrer Akte glauben darf.“
„Sir, wenn Ich Ihnen versichere, dass ich alles tun werde, um der Staffel nicht zu schaden, werden Sie mir das glauben?“
„Wenn Sie mich schon so fragen, kennen Sie die Antwort.Ist das alles, was Sie zu bieten haben?“
La Salle schwieg.
„Gut, verschwinden Sie. Ich werde Sie nicht eher auf das Flugdeck lassen, bis ich eine hinreichende Erklärung habe.“
Der Lieutenant rührte sich nicht von der Stelle.
„Lieutenant, sind Sie schwerhörig? Ich sagte wegtreten!“
„Sir, ich...“
„Was ist?“
„Es, es...es tut mir leid. Ich kann das auch nicht erklären....aber wenn Sie sich die letzten Fälle
anschauen...ich wollte das nicht, aber ich wurde da hineingezogen...“
„Das soll ich Ihnen glauben? Schauen Sie sich doch mal im Spiegel an. Sie haben nicht mal genug
Voraussicht, um bei ihrem neuen Staffelkapitän einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und jetzt raus
aus meinem Büro!“
La Salle machte den Mund auf, schloss ihn wieder, salutierte – diesmal auf vorschriftsmäßige Art –
und verließ den Raum.
Murphy fluchte, kaum dass das Schott geschlossen war. „Scheiße. Zwei Leute mit Disziplinproblemen.“
Thunder lachte. „Naja, Hatchet bekommen wir schon gerade gebogen....aber was machen wir mit
Enigma?“ Enigma war das Callsign von La Salle.
„Bei dem ist das Callsign wirklich passend. Als Pilot scheint er wirklich gut zu sein, ich kenne einige
seiner Ausbilder und die geizen normalerweise mit Ausdrücken wie Naturtalent, exzellenter Schütze
usw...aber andererseits kann so ein undisziplinierter Pilot die ganze Staffel draußen gefährden.“
„Auffallend ist aber doch, dass er im Raum offensichtlich keine Disziplinprobleme hat. Die tauchten
immer am Boden auf.“
„Das stimmt, das hab ich auch gesehen. Vorschläge?“
„Vielleicht hilft hier das Spiel guter Vorgesetzter, böser Vorgesetzter...“
„Hm...denkst Du dasselbe wie ich?“
„Ich denke schon...ich werde nachher mal auf seine Kabine gehen und mit ihm reden. Vielleicht
schaffen wir es ja, ihn aus den Problemen außerhalb des Cockpits fernzuhalten.“
„Ok, einen Versuch ist es wert. Du hast freie Hand.“

Eine Stunde später klopfte Thunder am Schott der Kabine von La Salle, der niedergeschlagen auf
seiner Koje lag.
„Herein.“
Thunder trat ein und bevor Enigma irgendeinen Gruß loswerden konnte, winkte sie schon ab.
„Was wollen Sie, Madam?“
„Ihnen helfen.“
„Mir hätten Sie beim Skipper helfen können. Aber der würde mich am liebsten aus der nächsten
Luftschleuse schmeißen.“
„Ganz so schlimm ist es nicht. Aber ich kenne Ihre Akte ja genausogut wie der Commander. Ihre
Probleme scheinen ja grundsätzlich nur außerhalb des Cockpits aufzutreten.“
„Ja, so kann man es nennen.“
„Gut, dann möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. In meiner alten Staffel hatten wir auch einen
wie Sie und einen ähnlichen Skipper wie Murphy....“
„Wenn es helfen kann...“
„Sie werden in folgendes einwilligen: auf dem Schiff und im Landurlaub werden Sie immer von
einem Bürgen begleitet, dem Sie zum absoluten Gehorsam verpflichtet sind. Bedingungslos. Denn der
Bürge muss für alles geradestehen, was Sie in den Teich setzen.“
„Aber wer will für mich schon bürgen?“
„Ich habe zwei Piloten in dieser Staffel angesprochen, die diese Aufgabe erfüllen würden. Der eine ist
ihr Stubenkamerad, Goose. Die andere ist Lt. Bahrani, genannt Snake-Bite.“
„Wieso würden die das machen? Sie kennen mich doch gar nicht.“
„Das ist wahr. Aber so funktionieren die Jaguars. Wir sind füreinander da. Wir kämpfen im Team, ob
im Raum oder an Land. Das gilt auch für den Skipper, aber der Skipper ist eben nur in zweiter Linie
ein Jaguar, in erster Linie ist er der Skipper, und daher sind Sie auch so empfangen worden, wie es
vorhin geschehen ist. Also, was sagen Sie?“
„Ich will es gerne versuchen.“
„Gut, dann gebe ich Ihnen gleich mal die erste Lektion: Achten Sie mehr auf Ihr Äußeres. Auf sowas
reagieren Vorgesetzte nämlich grundsätzlich allergisch!“
„Ich werde es mir merken.“
„Gut, dann ruhen Sie sich auf, morgen ist Besprechung um 0800.“
„Aye, Madam....und Danke.“
„Danken Sie mir, wenn es klappt.“ Thunder zwinkerte ihm zu und verließ die Kabine.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:53
Diese Story spielt noch in der Kabine zusammen mit Pinpoint.

Ich seufzte leise und schaltete das Licht an.
"Willst du es wissen oder bevorzugst du deine Meinung?"
"Was?"
"Ich fragte, willst du es wissen, oder..."
"Ist mir schon klar, aber was meinst du damit?"
"Ich will wissen, ob es Sinn macht, wenn ich dir meinen Standpunkt erkläre, Thomas."
Ich setzte mich auf.
"Ich habe selbst recherchiert und einiges herausbekommen. Einiges betrifft diesen Frachter, einiges Radio. Einiges Lone Wolf.
Und?" Ich sah zu Pinpoint hoch.
"Na dann fang mal an, Cliff."
"Aaaaaalso. Ich weiß nicht, was du über Radio weißt, aber nach dem, was ich herausbekommen habe,
ist der Bursche durch etliche Staffeln durchgereicht worden, weil er irgendwann entweder seinen
Kommandierenden Offizier oder seine Staffelkameraden oder beide gegen sich aufgebracht hatte mit
seinem, nun, nennen wir es Hobby. Es scheint so, als hätte er sich damit abgefunden, nie lange an
einem Ort bleiben zu dürfen. Deshalb schwätzt er, wie ihm die Schnute gewachsen ist.
Ich gebe zu, anfangs war ich ganz schön sauer auf ihn. Aber das hat sich gelegt, als ich mehr über ihn
herausfand.
Vielleicht wollte ich den CAG rächen. Anfangs. Später aber ging es mir nur darum, Radio klar zu
machen, daß die Piloten der RED eine Gemeinschaft bilden, in die er sich einfügen muß.
Tja. Er treibt sich wann immer es geht auf PERSEUS rum. Ich denke, er hat es nicht kapiert. Und er
macht sich nicht gerade Freunde mit seinem Verhalten. Er macht nur deutlich, wie egal ihm alle
anderen sind."
"Ich höre nur Ace laut seinen Haß rausbrüllen", brummte Pinpoint.
"Warts ab, Junge.
Auch zum Frachter habe ich recherchiert. Das meiste war ja den Gerüchten zu entnehmen, die
Pinpoint gestreut hat. Demnach fuhr der Frachter im Feindesland ohne Transponder.
Entschuldige bitte, aber meine Eltern würden nie den Transponder abschalten. Auf eine kürzere
Reichweite vielleicht, ab der es sowieso egal ist. Ja.
Aber abschalten, nein.
Die Mirages haben vielleicht zu früh geschossen. Aber kein terranisches Gericht hätte sie dafür
verurteilt.
Die Vertuschung war also eigentlich unnötig. Lone Wolf hätte das gewußt, wenn er den CAG schon
länger gemacht hätte. Ich denke nicht einmal, daß es seine Idee war.
Vielleicht hat es der Skipper angeordnet, um die Bilanz seines Geschwaders sauber zu halten, ich weiß
es nicht.
Radio interessiert sich für so etwas nicht. Er will nur eines: Im Mittelpunkt stehen. Reden und gehört
werden. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Das geht aber auf Dauer nicht gut. Deshalb wurde er immer wieder versetzt. Immer wieder in eine
neue Staffel überstellt.
Aber das kapiert er nicht, oder es ist ihm egal.
Glaub es oder glaub es nicht, aber ich wollte Radio nicht schaden. Das tut er selbst zur Genüge."
Ich löschte das Licht wieder. "Mehr kann ich dir nicht bieten, Thomas. Nimm es oder laß es."
Ich schloß die Augen.
"Übrigens, ja, ich würde es gerne wissen wollen.
Obwohl ich aus einer Soldatenfamilie komme und mit entsprechenden Litaneien aufgewachsen bin.
Aber Radio... Hat er versucht, herauszufinden, welche armen Schweine dort gestorben sind? Hat er
ihre Familien ausgekundschaftet? Hat er den JAG informiert? Irgend etwas getan? Nein. Nur gesagt:
Hey, weißt Du schon das Neueste?
Radio eben. Vielleicht kann man ihn nicht ändern."
Ich gähnte. Sollte der Bengel doch auf PERSEUS bleiben. Dies bot mir wenigstens einige Möglichkeiten...

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:54
„Dieser Bastard!“ Wütend warf Shaka seinen Raumhelm in den offenen Schrank.
Dagger blinzelte kurz und grinste.
„Und DU hast ihm dabei geholfen, Mann!“
„Ich habe nur Befehle befolgt, Schoki“, erwiderte der Kanadier süffisant.
Albert Mbane überging diese Antwort. Er malträtierte seinen Spind, bis sich eine tiefe Delle im Metall
abzeichnete. „Dieses Arschloch. Mit dem soll ich fliegen? Niemals. Ich gehe zum CAG.“
„Nun komm mal wieder runter. So schlimm war es doch gar nicht.“ Dagger grinste den Freund an.
„Schlimm? Er hat mich geradewegs ins offene Messer fliegen lassen. Da hätte er sich genauso gut in
meine sechs hängen und selbst abdrücken können.“
„Wenn ich mich richtig erinnere“, erwiderte Allan Swans und betonte seine Worte genüsslich, „dann
hat er dich nicht gerade gezwungen, ins offene Messer zu fliegen, oder?“
„Ach! Was weißt du schon?“ Immer noch wütend öffnete Shaka seinen Flightoverall. „Das kann er
jedenfalls nicht mit mir machen. Er nicht. Nicht ein popliger Second Lieutenant.“
„Ach, komm schon wieder auf den Teppich. In ner Übung abgeschossen zu werden ist nicht so
schlimm wie in einem richtigen Gefecht.“
„Es war für mich aber eine wichtige Übung!“ Shaka starrte zu Dagger herüber. „Ich wollte zeigen, was
ich drauf habe. Zeigen, dass ich bereit bin. Zeigen, dass ich Akariis töten kann.“
„Und dann bist du mitten in die Falle getappt und wurdest zerrissen.“
„Verräter!“ blaffte Shaka und ging in die Dusche.
„Bist ja auch selber Schuld. Ich kann es immer noch hören, wie Ace sagte: Ich habe Huntress gebeten,
uns ein paar Typhoons für einen Trainingsfight auszuborgen. Die Bordcomputer werden sie als
Bloodhawks simulieren. Das bedeutet, sie sind stärker gepanzert und haben zwei Raketen mehr als die Typhoon.
Tja. Soweit so gut. Warum musstest du auch gleich drauf los stürmen, kaum dass Rapier und ich auf
dem Radar waren?“
Shaka sah kurz wieder in den Raum. Eine weiße Krone Shampoo thronte auf seinem Kopf. „Weil das meine erste Gelegenheit war. Wenn ich schon keinen echten Akarii abschießen kann, dann wenigstens einen verdammten simulierten.“
Dagger grinste. „Wie war das doch gleich? Bleiben Sie an meinem Wing, Shaka. Kehren Sie zurück,
Shaka. Achtung, Shaka, auf der sechs.“
„Da siehst du es. Von Huntress und Foreigner hat Ace überhaupt nichts erwähnt. Er hat mich voll
reintreten lassen.“
„Aber Ace hat auch nicht gesagt, wie viele Typhoons Bloodhawks simulieren würden.“
„Haarspalterei. Hätte ich’s gewusst, dann hätte mich Huntress nicht mit nur einen Salve vom Himmel geputzt.“
Dagger prustete los. „Und was ist mit dem zweiten Versuch? Dem dritten? Soweit ich weiß, hat Ace
jedes Mal überlebt. Nur du wurdest regelmäßig abgeschossen. Okay, du hast sogar mal Rapier
erwischt. Aber sie haben dich im Kurvenkampf oft genug gerupft.“
„Ace hat… überlebt, weil er sich immer zurückgezogen hat, wenn der zweite Wing ankam, anstatt mir
zu helfen. Zusammen hätten wir…“
„Auch nicht mehr ausrichten können. Mit zwei Phantom gegen vier Bloodhawks anzutreten ist schwer.“
„Ace hat es anscheinend geschafft. Ich habe die Aufzeichnungen gesehen. Zusammen mit Darkness,
dem XO. Da hat er sich nicht zurück gezogen. Darkness im Stich gelassen.“
Shaka kam wieder herein und trocknete sich die Haare ab.
„Ja, schon. Aber wenn du dir die Aufzeichnungen genauer angesehen hättest, Schoki, sind die beiden als Team geflogen. Der eine hat den anderen gedeckt. So hat Ace zwei seiner Abschüsse geholt. Du aber bist davon gestürmt und hast deinen Wing Leader in Stich gelassen. Die Bloodhawks sind schneller, besser bewaffnet und besser geschützt. Wir können sie nur knacken, wenn…“
„Ja, ich weiß. Wenn wir als Wing rangehen. Das habe ich auf der Akademie oft genug gehört.“
„Und warum hältst du dich nicht daran?“
„Weil…“ Shaka sah zu Boden. „Weil ich nicht schlechter sein wollte als Ace. Immerhin ist da mein
Job. Akarii killen.“
Dagger grinste. „Und vielleicht ist es der Job von Ace, dich wieder nach Hause zu bringen. Tote
Piloten nützen der REDEMPTION nämlich nichts. Anstatt den Flight wechseln zu wollen solltest du
vielleicht mal versuchen, mit Ace zusammen zu arbeiten.
Der Mann hat nicht umsonst bereits zehn Abschüsse, obwohl er nur ein Jahr vor uns die Akademie…“
„ACE IST DAS?“ rief Albert überrascht.
„Sag bloß, das wusstest du nicht, Schoki? Und all die Abschüsse hat er als Wingman gemacht.“
Von einem Moment zum anderen schien Shaka müde zu werden. Er setzte sich auf seine Koje.
Nachdenklich strich er sich durch sein Kraushaar. „Nein, ich habe ihn gefragt, wer der Junge mit den
zehn Treffern ist. Aber er hat abgewiegelt.“
„Vielleicht, weil ihm die Treffer nicht wichtig waren?“
„Natürlich sind sie wichtig. Jeder Abschuss bedeutet einen Akarii-Jäger weniger“, tadelte Albert.
„Vielleicht nicht wichtig genug zum protzen? Denk mal drüber nach. Und denke dran, was du hier
machen willst.“ Dagger grinste erneut und beschloß, Shaka mit den fünfzig Real, die er für diese Rede
von Ace erhalten hatte, auf PERSEUS einzuladen.
„Okay!“ Shaka fuhr wieder hoch. „Ich versuche es. Dann mache ich ihm mal den Wingman. Und zwar
den besten Wingman, den es je gegeben hat. Aber wenn er mich von der Leine lässt, dann werde ich
Akarii killen. Und wenn’s nichts bringt, kann ich immer noch um Versetzung bitten.“
„Sicher, Schoki, sicher. Lust auf ein Bier?“

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:54
"Warum machst Du es Dir und allen anderen nur so schwer?" fragte Pinpoint und ließ sich gegenüber
von Radio in den Stuhl fallen.
Das Kasino war mäßig besetzt und es war sehr still.
"Was meinst Du, Kleiner?"
Pinpoint zuckte die Schultern: "Nun, alles eben, dein Getratsche, dein jetziges Verhalten ..."
Ein lautes Seufzen entfuhr Radio: "Ich hab Lust mich zu besaufen. Komm mit."
"Mitkommen? Wohin?"
"Komm einfach mit." Radio ging noch mal zur Theke und langte unter sie. Er beförderte eine leicht
verstaubte Flasche Whiskey hervor und nahm zwei Gläser aus dem Schrank.
Widerstrebend folgte Pinpoint seinem älteren Freund, der ihn scheinbar planlos durchs Schiff führte.
Schließlich kamen sie in Schönbergs Kapelle an.
"Aha, du gehst als zum Besäufniss in die Schiffskapelle." Bemerkte Pinpoint.
"Japp, nirgendswo kannst du dir besser ungestört einen hinter die Binde gießen." Radio ließ sich auf
der hintersten, linken Bank nieder und goss zwei Gläser voll.
Sichtlich pikiert nahm Pinpoint sein Glass entgegen und setzte sich ebenfalls.
Die ersten drei Gläser tranken sie schweigend.
"Du willst also wissen, warum ich so bin, wie ich bin? Tja, eine schwierige Frage. Nun, ich bin nicht
gerade das, was man einen guten Menschen nennen würde ..."
"Das hab ich schonmal gehört", konnte sich Pinpoint nicht verkneifen.
" ... aber, ich möchte, wenn die ganze Scheiße vorbei ist und ich diese Uniform wieder ausziehe - und
davon wird mich auch nicht mein Vater abhalten können - ja, dann möchte ich mir noch guten
Gewissens im Spiegel gegenübertreten können. Nun, als ich das von dem Frachter hörte, war ich zwar
besoffen, aber auch im nüchternen Zustand hätte ich nicht schweigen wollen ... sieh mal, wenn ich
etwas entdecke was meiner Meinung nach nicht richtig ist, schweige ich nicht darüber. Ich weiß, ich
hätte wohl zu Yamashita gehen sollen, aber dazu fehlte mir der Mut. Ich bin eben schon zu oft am
Rande der Legalität vorbeigeschrammt."
Radio goss beiden nach: "Darf ich dir einen Rat geben?"
"Wenn du nicht darauf bestehst, dass ich ihn annehme."
"Halte dich von Leuten wie Ace, dem CAG und ganz besonders mir fern, wir hätten nur schlechten
Einfluss auf dich. Ach was red ich, zu spät, du sitzt in ner Kirche und besäufst dich."
Pinpoint kicherte und hielt Radio sein Glass entgegen: "Gieß nach!"

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:55
Kali sah sich suchend im Hangar um. Seitdem der Träger endlich wieder aus dem Dock gekommen
war, herrschte hier schon fast wieder die alte Geschäftigkeit. Wie während den Feindfahrten, wenn der
Hangar eigentlich fast nie leer war. Das Übungsprogramm für die Redemption war intensiviert
worden. Fast an jedem Tag der letzten Woche waren mehrstündige Geschwadermanöver angesetzt
worden, dazu kamen die Simulatorübungen, Staffelmanöver und Lehrgänge. Die Veteranen der
Maryland paßten sich mehr oder weniger schnell an – aber viele der „Jungfüchse“ hatten noch viel zu
lernen, und sei es auch nur, etwas Bescheidenheit zu zeigen. ‚Aber wir haben ja auch noch einige
„Alte“ die da auch noch einiges zu lernen hätten... .‘
Zusammen mit der ungewohnten Konzentration von Großkampfschiffen bildete die intensivierte
Ausbildung, die Verlegung von Veteranen auf die Redemption und das komprimierte
Ausbildungsprogramm für Piloten ein beunruhigendes Bild – oder wie es manche Veteranen
ausdrückten, Piloten also, die nicht erst unmittelbar vor oder während des Akarii-Krieges in die
Streitkräfte eingetreten waren – es roch nach „Zunder“.
Aber eigentlich kümmerte sie das alles relativ wenig und beunruhigte sie nicht sehr. Im Grunde
begrüßte sie sogar den intensivierten Borddienst. Er bot eine gute Ablenkung von anderen, weniger
einfacheren Problemen als einem sauberen „von Bein - “ oder „Pokryschkin – Manöver“ oder der
richtigen Kalibrierung der Energiewaffen.
Wenn Kali in den letzten Tagen nicht bis zum Hals in Übungen, Wartungen und Lehrgängen gesteckt
hätte - sie war sich nicht sicher was sie dann getan hätte. Entweder Kano um den Hals gefallen – oder
ihm ein paar runtergehauen, weil er ihr nicht aus dem Kopf ging. Es war ja nicht gerade so, daß sie
Tag und Nacht an ihn dachte – aber er blieb präsent. Daß es ihm anscheinend nicht anders ging, war
ein geringer Trost. Die Tatsache, daß persönliche Beziehungen zwischen Piloten offiziell verboten
waren, stellte dabei noch das geringste Problem dar, da sie ja noch nicht einmal ganz sicher war, WAS
das für eine Beziehung war, die sie verband – oder was daraus werden sollte.
Es wäre sicher einfacher gewesen, die gemeinsame Nacht als etwas Einmaliges – als einen „One night
stand“ abzuhaken. Aber sie war sich sicher, daß Kano es nicht so sah und sie eigentlich auch nicht.
Es war eindeutig mehr gewesen, auch wenn es vielleicht nicht richtig gewesen war – oder? Auch
wenn sie betrunken gewesen war, wenn sie BEIDE betrunken gewesen waren...
Das einzig Positive bei der ganzen Angelegenheit war, daß wenigsten noch nicht öffentlich darüber
getratscht wurde, denn in letzter Zeit war der Bordklatsch drastisch reduziert worden. Angeblich hatte
eine Ehrengericht Radio für eine Woche einen Maulkorb angelegt. ‚Vermutlich mit einem großen
Knüppel.‘ Auch wenn sowohl Ace als auch Lilja bei den Richtern gewesen waren – und auf beide war
sie aus unterschiedlichen Gründen nicht unbedingt gut zu sprechen – der „Schandschnauze des
Geschwaders“ mal etwas Mäßigung beizubringen, war eine gute Idee. ‚Wenn auch eine vergebliche.‘

Jetzt hatte sie Kano entdeckt. Er saß neben seiner Maschine auf einer Werkzeugkiste – und er
zeichnete? Das war noch etwas, was ihre Beziehung, wenn man es denn so nennen wollte,
komplizierte. Sie wurde nicht ganz schlau aus ihm. Einerseits gab sich Kano nach außen immer
bemüht ungerührt, fast unnahbar – aber andererseits konnte er manchmal regelrecht schüchtern, aber auch gelöst
sein. Der Furcht vor dem Tod im Kampf stand eine unheimliche Todes- und Opferbreitschaft
gegenüber, eine schon unvernünftig zu nennende Risikobereitschaft. Kano war nicht ohne Grund bei zwei
Feindflügen zweimal zusammengeschossen worden, hatte dabei aber auch vier Akarii
erledigt. Tja – und Kanos fast besessene Fixierung auf Pflicht und Dienst – und dann das hier...
Die Teile paßten nicht zusammen. ‚Oder ich übersehe etwas.‘

Als sie sich ihm näherte, blickte Kano auf. Zuerst lächelte er sie offen an und sie erwiderte das
Lächeln instinktiv. Dann allerdings wurde er rot und wandte den Blick ab. Beinahe hätte Kali geseufzt.
Das war noch eine Besonderheit ihrer Beziehung: die Fähigkeit, den anderen – und sich selber – in
Verlegenheit zu bringen, ohne es zu wollen. ‚Ist Liebe nicht etwas Wunderbares?‘ Dann überdachte sie
diesen Satz und fuhr sich innerlich über den Mund.
„Ich wußte nicht, daß du dir überhaupt genug Freizeit läßt, um zu ESSEN. Und dann auch noch Zeichnen... ?“
Kano zuckte leicht mit den Schultern: „Eigentlich war das meine einzige Wahl. Es ist eine – Tradition,
sich auch künstlerisch zu versuchen.“
„Auch für einen Samurai?“ In ihrer Stimme schwang freundlicher Spott.
„GERADE für einen Samurai. Nun, musizieren und dichten war keine gute Wahl. Aber ich habe eine
ruhige Hand, da blieb das Zeichnen übrig. Und irgendwie bin ich dabeigeblieben.“
Nun, wenn er das so betrachtete, dann waren die Widersprüche, die sie in ihm sah, vielleicht nur
natürlich. Der Gedanke amüsierte Kali irgendwie. „Darf ich sehen?“
Kano sah sie einen Augenblick lang an. Dann lächelte er leicht. „Natürlich. Aber einen Wettbewerb
kann ich damit wohl nicht gewinnen.“
Das Bild war noch nicht fertig. Es schien die Typhoon darzustellen, Kanos Maschine. Allerdings war
das nicht ganz eindeutig. Trotzdem erst die Umrisse des Jägers zu erkennen waren, erkannte sie sofort,
daß dies nicht ein einfaches Abbild der Maschine war. Etwas in den skizzenhaften Umrissen der
Typhoon ließ sie – organisch wirken. Wie ein riesiges Lebewesen, das am Boden kauerte – lauerte,
voller zurückgehaltener Kraft.
Als sie von dem Bild aufsah, begegnete sie Kanos Blick.
„Gut. Gut gezeichnet – ehrlich, du brauchst nicht so mißtrauisch zu gucken! Siehst du die Maschine so?“
Kano zuckte mit den Schultern. „Nicht unbedingt hundertprozentig realistisch, ich weiß. Aber man hat
mir gesagt, für die Realität gäbe es Kameras. Beim Zeichnen käme es darauf an, das WESEN zu
erfassen. Ich weiß natürlich nicht, ob es genau das war, was sie meinten...“
„Hast du noch mehr davon? Das interessiert mich.“ ‚Vielleicht verstehe ich dich dann besser.‘
„Das ein oder andere. Ich kann sie dir bei Gelegenheit geben.“
„Du kannst sie mir gleich jetzt zeigen. Momentan habe ich keinen Dienst – und du auch nicht, es sei
denn, Parker sieht DAS als geeignetes Training für den Raumkampf an.“
Erst als sie bereits nebeneinander den Hangar verließen, fiel Kali ein, wo sie jetzt hingingen, was sie
kurz stoppen ließ. Seit dem gemeinsamen Landgang – und der anschließenden Nacht – hatten beide
vermieden, die Kabine des anderen zu betreten. Nun... ‚Das ist doch idiotisch. Wir benehmen uns
wirklich kindisch. Oder...‘ ,sie mußte innerlich halbherzig grinsen, ‚...es ist eben nicht kindisch. Und
das ist dann wohl das Problem.‘
Aber was sollte das eigentlich. Wenn sie jetzt mit Kano zusammen seine Kabine aufsuchte, sie
würden wohl kaum sofort übereinander herfallen. ‚So etwas passiert nur in diesen idiotischen
Pilotenstreifen.‘ Nach dem „klärenden Gespräch“ – sie haßte die Erinnerung – würde Kano
hundertprozentig den Abstand halten, den sie verlangt hatte. Und wenn sie damals nicht beide mehr
als ein wenig betrunken gewesen wären... ‚Im Wein liegt die Wahrheit – allerdings war’s nicht nur
Wein...‘

Kanos neuer Zimmernachbar war momentan abwesend. Aber das war nur natürlich, denn als Veteran
mit etwa 15 Dienstjahren Erfahrung und ehemaliger Fluglehrer wurde Blackhawk intensiv in den
Versuch eingespannt, aus „Frischlingen“, Problemfällen und selbstbewußten Veteranen eine
funktionierende Einheit zu formieren.
Die Kabine war so aufgeräumt, daß sie fast unbewohnt wirkte. Kano befolgte das Reglement sehr genau – und sein Zimmernachbar schien als Veteran jederzeit bereit, aufzubrechen. ‚Oder dem Spieß, dem Verwaltungsoffizier, die Arbeit zu sparen, hinter dem Toten aufzuräumen.‘ Dieser Gedanke erschien Kali allerdings als etwas zu zynisch.
Kano suchte in seinem Spind herum – viel Persönliches schien er nicht mit sich herumzuschleppen.
Dann hatte er gefunden, was er suchte. Mit einem etwas unsicherem Gesichtsausdruck drückte er ihr
eine schmucklose Mappe in die Hand.
Das erste Blatt, daß sie in die Hand nahm, zeigte einen Piloten. Das Gesicht war unter dem schweren
Helm nicht zu erkennen. Es war so ähnlich wie mit der Skizze der Typhoon. Auf den ersten Blick war
es nur eine Wiedergabe der Wirklichkeit. Auf den Zweiten Blick... . Der wuchtige Schutzhelm und der
schwere Raumjägeranzug ließen die Gestalt eher wie einen gepanzerten Krieger wirken, der einen
Vollhelm trug. Auch wenn die Gestalt einfach dazustehen schien, auf eine „heroische Pose“ verzichtete, wirkte sie trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, kampfbereit...

Bei dem zweiten Bild waren die Modifikationen eindeutiger. Dies sollte wohl der Hangar der Redemption sein, aus dem eine Staffel Raumjäger ausgeschleust wurde. Allerdings war der Hangar irgendwie – höhlenartig gezeichnet. Was bei der Skizze der Typhoon nur angedeutet wurde, trat hier deutlich hervor. Die Raumjäger waren keine Maschinen mehr, sondern Lebewesen: riesige, drachenähnliche Kreaturen, die kampfbereit in die Dunkelheit des Alls strebten. Die Piloten waren nicht einmal mehr angedeutet, in den Raubtieren aufgegangen, mit ihnen verschmolzen. Jedenfalls machte es diesen Eindruck.
Das dritte Bild... Ein Schlachtfeld, kein Zweifel. Der Boden wahr übersät mit Leichen. Pferde und
gepanzerte Männer, zerhauene Waffen und Standarten zwischen ihnen. Inmitten der Leichen und
Trümmer eines erbitterten Kampfes saß eine einsame Gestalt. Eine Frau. Der schwere Panzer war von
wuchtigen Hieben eingekerbt, aus Rissen sickerte eine dunkle Flüssigkeit. Der Helm lag auf dem
Boden, deshalb konnte man das Gesicht erkennen. Die vernarbte Gesichtshälfte machte deutlich, wer
als Vorbild gedient hatte. Tränen schienen der Kriegerin über das Gesicht zu laufen, aber sie
umklammerte immer noch das lange, gebogene Schwert.
Kali fühlte eine Art Schauer im Nacken, sie legte das Blatt schnell beiseite. Lilja gehörte nun wirklich
nicht zu ihrem Freundeskreis – aber sie so zu sehen...
„Ich hätte wohl damit rechnen müssen, daß es keine Stilleben oder Blumenvasen sind, die du zeichnest?!“
Kano grinste schwach und zuckte mit den Schultern: „Hier? Nun, wir sind auf einem Kriegsraumer.
Und es ist Krieg. Vielleicht habe ich mich davon etwas beeinflussen lassen.“
„So kann man es sagen. Also hör mal, das... .“ Sie verstummte, denn sie hatte das nächste Blatt
aufgenommen. Überraschenderweise war es nicht besonders kriegerisch, auch wenn der dargestellte
Ort militärisch zu nennen war. Diesmal waren der Hangar der Redemption und die Reihen der Jäger und Jagdbomber realistisch, aber nur flüchtig gezeichnet, sie waren nur Hintergrund. Im Vordergrund ragte ein
Überlegenheitsjäger der „Phantom“–Klasse auf. Sie kannte den Jäger. Und natürlich erkannte sie die
Person, die neben der Maschine kniete und an der Phantom arbeitete. Auf der Zeichnung schien sie
gerade die Stirn zu runzeln, ihr Gesichtsausdruck war angespannt und konzentriert, auf die Maschine
fixiert. ‚Das muß gewesen sein, als ich an dem Trackball gearbeitet habe. Wann war das? Vor drei
Monaten? Verdammt viel passiert seit dem...‘ Als sie sich daran erinnerte, was sich daraus ergeben
hatte, fühlte sie verärgert, wie sie rot wurde. Kano bemerkte das natürlich – also brachte sie schnell
raus, was ihr gerade in den Sinn kam. „Ich frage lieber mal nicht, was du noch für Bilder von mir hast!“
Kano sah sie überrascht an, dann lachte er und schüttelte den Kopf.
‚Schon besser.‘ dachte Kali, während sie mitlachte.
Das Lachen hatte etwas von der Spannung genommen, die sich in der letzten Zeit so leicht zwischen
ihnen aufbaute. Und das war schon mal ein Anfang.
Als sie aufstand klopfte sie Kano leicht auf die Schulter. Er erwiderte ihr Grinsen.
„Danke, daß du mir die Bilder gezeigt hast.“
Kano begriff. Es ging nicht unbedingt um die Bilder. Nicht mal darum, ob sie besonders gelungen
waren oder nicht, was das betraf, hatte er keine übertriebene Meinung von sich selber. Es ging
darum, daß er bereit gewesen war, ihr einen Teil seines Wesens offenzulegen – ohne irgendwelche
Erwartungen damit zu verknüpfen. ‚Das ist die wahre Bedeutung von Freundschaft. Und vielleicht... .‘
Gemeinsam gingen sie. Der Dienst wartete.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:55
Captain Gonzalez sass in seinem Büro an Bord der Dauntless und brütete über den Statusbericht, den
er an das Flottenoberkommando senden mußte. Die letzten Wochen waren hart gewesen. Die vielen
Übungen hatten immer neue Schwachstellen des Schiffes aufgezeigt und viele der Reparaturen waren
mehr provisorischer Natur, weil man eben nicht in der Lage war, das Schiff zurück zur Werft zu
schaffen. Glücklicherweise waren die Maschinen kein zweites Mal ausgefallen, aber das SM2 System
neigte bei multiplen Zielen immer noch zu Fehlern und die Flugkörper hatten eine so hohe
Blindgängerrate, dass Gonzalez alle Waffen im Arsenal hatte auseinandernehmen und untersuchen
lassen. Wie sich herausstellte, hatte der Hersteller zu schwache fiberoptische Leitungen verwendet, die
Gonzalez dann austauschen ließ. Eine entsprechende Meldung war an das Beschaffungsamt
weitergegeben worden und ihm war versprochen worden, dass verbesserte Raketen noch vor dem
Auslaufen sowohl an die Dauntless wie auch die Flottentender ausgegeben werden würden. Das
einzige Glanzlicht im ganzen Chaos war der Gefechtscomputer der Dauntless, der wie ein Uhrwerk
lief. Die Crew war sich einig, dass da den Ingenieuren ein Meisterwerk gelungen war. Einmal hatte
Gonzalez die Anweisung gegeben, den Rechner mutwillig zu überlasten. Nach drei Stunden hatten es
die Computerfachleute schließlich geschafft, aber dazu hatte es schon eines simulierten Gefechtes
bedurft, an dem die kompletten Flottenverbände.
Die Mannschaft hingegen funktionierte recht zufriedendstellend. Die Junioroffiziere, der er von Mithel
erhalten hatten, paßten sich langsam seinem Stil an, auch wenn sie immer noch ein wenig steif und
formell wirkten. Insbesondere die Stationsteams arbeiteten schon gut zusammen, schwieriger wurde es
nur, wenn es um interstationäre Koordination ging. Aber langsam merkten die Unteroffiziere und
Offiziere, was ihre „Nachbarn“ konnten und was nicht. Auch die Moral war insgesamt gut, wenn man
von dem Zwischenfall mit dem Fisch absah, der wie sich später herausstellte, kontaminiert war. Leider
lagen zu dem Zeitpunkt schon zwanzig Mann mit einer Lebensmittelvergiftung auf der
Krankenstation.
Nach einigen Überlegungen begann er, den Brief zu schreiben.

AN: Vizeadmiral Noltze
VON: Captain Gonzalez, CO des leichten Kreuzers TRS Dauntless
BETREFF: Statusbericht des Schiffes
CODIERUNG: TOP SECRET – Stufe Gelb –
Madam,
wie befohlen reiche ich hiermit die Statusmeldung der Dauntless nach. Seit ich das Schiff
übernommen habe, haben die Besatzung, meine Offiziere und ich versucht, es gefechtsklar zu machen.
Wie durchaus bei neuen Schiffen üblich, hat die Dauntless einige Kinderkrankheiten. Einige dieser
Probleme sind so gravierend, dass ich insgesamt nur eine eingeschränkte Gefechtsbereitschaft melden
kann. Insbesondere das SM2 System ist noch nicht wirklich ausgereift und daher nur bedingt
verläßlich. Einen schwerwiegenden Konstruktionsfehler haben wir etwa in der Verkabelung gefunden,
dieser wurde auch an das Materialamt weitergeleitet. Weiterhin sind einige Softwarefehler zu
beklagen, die insgesamt zu einer erheblichen Reduzierung der Letalität des Systems aufgrund von
Fehlzündungen oder Blindgängern führen. Desweiteren ist die Schnittstelle zwischen dem System und
dem Feuerleitcomputer der Dauntless derart fehlerhaft, dass ich einige Ingenieure beauftragen mußte,
einige Programmteile massiv zu überholen. Ob diese Maßnahme wirklich erfolgreich war, wird sich
erst im Gefecht zeigen.
Die Triebwerksprobleme hingegen scheinen beseitigt zu sein. Auch hier muss das Gefecht letztendlich
als finaler Testlauf gelten. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass hier das Problem ausgemerzt wurde. Auf
der Habenseite steht ein Leistungsoutput, der leicht über den Werftangaben liegt.
Die Sekundärbewaffnung macht aufgrund der Tatsache, dass es sich um erprobte Systeme handelt,
keine Schwierigkeiten mehr. Daher sind diese Stationen voll gefechtsbereit.
Positiv überrascht hat uns der Gefechtscomputer der Dauntless. Das System ist voll gefechtsbereit und
dürfte seine vorgesehene Aufgabe vorzüglich erfüllen.
Die Mannschaft ist ebenfalls voll gefechtsbereit, zwischenzeitliche Probleme mit der
Nahrungsmittelversorgung wurden bereinigt und die Neuankömmlinge gut integriert. Dies gilt auch
für die Junioroffiziere, die ich erhalten habe.
Zusammenfassend liegt also das Hauptproblem im SM2 System. Die Wichtigkeit dieses System
begründet meine Einschätzung der Gesamtlage dahingehend, dass ich, wie anfangs angeführt, nur eine
bedingte Gefechtsbereitschaft melden kann.
Hochachtungsvoll
Captain E.E.E. Gonzalez
TRS Dauntless

Gonzalez las die Meldung noch zweimal durch und verschlüsselte sie dann mit seinem persönlichen
Code. Nachdem er die Nachricht versendet hatte, wartete er noch auf die Empfangsbestätigung, dann
schaltete er das Comterminal aus und ging auf die Brücke.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:56
Wieder einmal war es spät in der Nacht, für manche sogar früher Morgen.
Maike Noltze nippte an ihrem x-ten Kaffee. Natürlich passiert sowas immer nur mir.
Gonzales Bericht sagte letzten Endes nur eins aus: Einsatzfähig.
Und das hieß für sie, dass sie mit der Dauntless arbeiten musste, ob sie wollte oder nicht.
Ein einsatzbereites Schiff, von einem festgelegten Einsatz fernzuhalten behagte ihr nicht. Nicht im Geringsten.
Ein Teil von ihr sagte, dass die Dauntless nur bei einem Gefecht wirklich erprobt werden konnte und es
eben nötig war.
Andererseits, sah sie die Dauntless als Risikofaktor für die Operation an. Wenn irgendein System auf
der Dauntless im Gefecht versagte, konnte es schlicht und einfach zu einer Katastrophe kommen.
Überhaupt machte ihr die Zusammenstellung der Kampfgruppen große Sorgen.
Besonders Mithels Auffassung von Raumkampf teilte sie nicht wirklich und war sich nicht sicher,
welchem Verband sie ihn zuteilen sollte.
Clark war ein Schreibtischtäter, der seinen Begleitschiffkommandanten weitestgehend freie Hand
ließ. An sich nicht schlecht, da sie alle weit mehr Ahnung von Raumkampf hatten als er, aber ein zu
selbstständiger Charakter wie Mithel konnte dort einen fatalen Einfluss haben.
Usher war eine ausgezeichnete Trägerkommandantin, die sich auch sehr gut von Jägertaktiken auf
Flottentaktik umgestellt hatte. Doch war Usher seit Beginn des Krieges sehr ungestüm.
Wenn Mithel sie lange genug bearbeitete, würde sie ihm wohl mit ihrem Träger in Kiellinie in den
Nahkampf folgen.
Noltze musste lächeln. Renault würde ausgezeichnet mit Mithel auskommen, sie sah besser zu, das die
beiden nicht allzubald in Kontackt kommen.
Aber was blieb ihr? Die Gallileo mit Ward als Captain. Niemand hätte sie lieber aus der Aufstellung
geschmissen als Ward.
Wie hatte ihr Adjudant Ward beschrieben? Als "zurückhaltend". Und "zurückhaltend" setzte Noltze
gleich mit feige. Und Feigheit stand noch unter Mithels Volle-Fahrt-voraus-Manier.
Aber Ward würde den sichersten Weg nehmen und aller Wahrscheinlichkeit die wenigsten
Feindkontakte haben.
Und Ward war definitiv der Mann, um Mithel unter Kontrolle zu halten. Er war stets auf seinen Ruf als
"starker" Mann bedacht und würde Mithel notfalls kraft seiner Autorität kalt stellen.
Ebenso würde sich die Dauntless als Eskorte für die Gallileo gut machen.
Zufrieden ihr schwierigstes Problem beseitigt zu haben, wandte sie sich der weiteren Liste zu.
Chantier würde ausgezeichnet zur Redemption-Trägergruppe passen, vielleicht als Clarks
Stellvertreter. Ja, die junge Frau war ambitioniert, selbständig, aufgeschlossen und pflichtbewusst. Sie
würde spuren, wenn Clark pfeift...

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:56
Das große Auditorium von Persues war gefüllt.
Über 20 Schiffskommandanten, ihre Stellvertreter und die drei Geschwaderkommandanten der
Gallileo, Majestic und Redemption waren anwesend.
Einige Unteroffiziere arbeiteten am Projektor, teilten Kaffee und Aktenmappen aus.
Als Noltze in den Raum stürmte brüllte einer der Unteroffziere: "ACHTUNG!"
Doch ehe der erste der Offiziere Haltung angenommen hatte, erwiderte Noltze schon: "Setzen."
Die Vizeadmiralin schritt zum Pult. Unterwegs schaltete sie die große Videowand per Fernbedienung an.
Am Rednerpult angelangt mußterte sie die Versammlung: Das ist also die Elite unserer Gesellschaft.
Ihr Blick schweifte über die Schiffskommandanten. Alle hatten sie den Perisher absolviert, den
Kommandantenlehrgang der TSN. Die Knochenmühle. Und nur wer diesen Kurs überstand, erhielt das
Kommando über ein Raumschiff der Navy und wenn es nur ein Frachter war.
Nur die Besten der Besten wurden zugelassen, jahrelang durch das streng darwinistische System der
Navy ausgesiebt.
Sie war die Akten dieser Männer durchgegangen. Die ganzen Leistungsberichte von Abteilungsleitern
und ersten Offizieren waren schlichtweg unwichtig. Das einzigste, was zählte waren die 1 -2 Din A4
Seiten, die vom Kommandanten des Perisher stammten.
Allan Longwood in der ersten Reihe: Gerade noch ausreichend.
Peter Jungblut: Geeignet.
Mithel, dernoch unter dem alten Admiral Straus den Perisher absolvierte hatte von Straus ein wahnsinniges Lob
erhallten: überdurchschnittlich gut.
Tripple-E Gonzales, ihr derzeitiges Problemkind: Ausreichend.
Egal welche Beziehungen man in der Navy hatte, beim Perisher zählten sie einen Scheißdreck und
niemand bekam eine zweite Chance. Ein Commander oder Lieutenant-Commander, sofern sie auf einem Raumschiff Dienst als erster Offizier taten, besuchte den Perisher und bestanden oder bestanden nicht. Wer bestand konnte sicher sein, in den nächsten Jahre das Kommando über ein Schiff zu erhalten. Wer nicht bestand, konnte noch zehn Jahre als exellenter 1. O. fahren und würde niemals den Titel Captain in Anspruch nehmen
können. Den Rang vielleicht, aber den Titel niemals.
"Ladies und Gentlemen: seit gut einem dreiviertel Jahr befinden wir uns im Krieg und befinden uns seit Beginn in argen Schwierigkeiten. Operation Husar hat sehr großen Erfolg gezeigt, doch scheinen die
Echsen etwas aus dem Hut gezaubert zu haben, um all unsere Anstrengungen zu nichte zu machen."
Auf dem Wandschirm erschien die Darstellung eines Sternensystems mit 6 Planeten. Ein Haufen gelber
Punkte zeigte Sprungpunkte an. Über 20 an der Zahl.
"Was Sie hier sehen ist das Goankar-System, quasi das Akarii-Gegenstück zu Sterntor...", die Erwähnung von Sterntor machte den Anwesenden erst wirklich klar, was sie sahen. Sterntor lag "südlich" von Terra und war der Verkehrsknotenpunkt der Republik mit über 30 Wurmlochverbindungen konnte man quasi in alle Sektoren der Republik springen. Und die beiden bewohnten Planeten Seafort und Masters waren die ältesten beiden interstellare Kolonien der´Menschen und der Zweit- und Drittreichste Planet nach New Boston,
"...die Akarii stellen einen riesigen Geleitzug zusammen. Wir gehen von über 60 Frachtschiffen aus."
Sie pausierte kurz und nahm einen Schluck Wasser. "Wir alle wissen, wofür der Konvoi bestimmt ist. Die Offensivflotte der Akarii befindet sich immer in Mantikor - unter dem Befehl von Prinz Jor." Auf dem Bildschirm erschien das Bild eines Akarii mit herrschaftlichen Gebahren. "Unseren Schätzungen zufolge kommandiert er sechs Flottenträger und über 100 Begleitschiffe." Sie blätterte kurz durch ihre Papiere. "Ich werde Sie jetzt über den aktuellen Zusant von Mantikor informieren. Alles was Mantikor betrifft ist Top-Secret. Seien Sie sich versichert, sollte einer von Ihnen plappern jage ich ihm persönlich einen Energieblitz in den Kopf." Ihr Blick wanderte nochmal über die Anwesenden. "Den Akarii gelang es Trafalga Station zu erobern. Die Dockanlagen konnten zwar gesprengt werden, doch konnten die Akarii die Antimateriemine im Reaktorraum von Trafalgar entschärfen, ehe Admiral Alexander die Station sprengen konnte. Hierbei sei zu sagen, das Mel Alexander entgegen der Ihnen zugegangenen Gerüchte gekämpft hat wie eine Löwin. Beim Angriff auf Trafalgar haben die Akarii einen Flottenträger und gut dreißig Begleitschiffe verloren. Bei der anschließenden Enterung war das Abschussverhältniss der Marines und bewaffneten Matrosen ungefähr 6:1 für uns.
Leider ging der Bodenkampf nicht ganz so gloreich für uns aus. Das 3ème Régiment Etranger d' Infanterie, das einzige Regiment der Fremdenlegion auf Mantikor, wurde bei der Verteidgung des Flugplatzes komplett ausgelöscht.
Aber der wohl größte moralische Schaden - wenn es denn bekannt würde - ist die Kapitulation Brigadegenerals George Walkers, sechs Tage bevor die Akarii die Neutronenbombe auf Fort Bannister warfen." Sie wartete, bis sich die Aufregung wieder gelegt hatte. "Ja, Sie haben richtig gehört, Walker hat mit seiner gesamten Brigade, etwa 10.000 Mann, vor dem Feind kapituliert."
Erneut musste sie pausieren, jetzt aber der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher: "Die Schlacht von Mantikor war eine Niederlage. Dennoch haben wir den Echsen einen ernsten Blutzoll abverlangt. Jor und seine Flotte brauchen dringend Nachschub um wieder offensivfähig zu werden. Unsere Berechnungen sagen, sollte dieser Konvoi Mantikor erreichen,dann sind die Echsen innerhalb von 2 Monaten wieder auf dem Vormarsch. Und es ist vollkommen sicher, dass wir Texas nicht werden halten werden."
Ein anderes Sternensystem erschien auf dem Wandmonitor.
"Das ist Jollahran. Dort werden Sie meine Damen und Herren den Feind angreifen. Sie werden drei Einsatzgruppen bilden. Die Gallileo unter Captain Johnathan Ward mit den Begleitschiffen Relentless,
Dauntless und den vier Zerstörern Harrison Flint, Paul Reinhard, Prince of Wales und Sao Paulo
werden über Tau Ceti nach Jollahran springen. Sie werden direkt in dem Nebel landen." Ein großes
Raumgebiet leutete hell auf. "Sie werden sich einen Weg durch den Nebel bahnen müssen und am
äußeren Ende Stellung beziehen. Der Konvoi wird Sie passieren müssen. Weitere Daten untnehmen
Sie bitte Ihren Unterlagenmappen." Abrupt wechselte sie. "Commodore Clark, Sie werden die
Redemption über Wolf 359 nach Jollahran bringen. Das bedeutet, sie müssen dieses Asteroidenfeld
überwinden." Der Monitor wechselte von dem Nebel zu einem riesigen Asteroidenfeld. "Ihre
Begleitschiffe werden die Kreuzer Bakersfield, Agamemnon, Perregine sowie die Zerstörer Princeton,
Tripolis, Madrid und Jerome Custer sein."
Eine zischende Stimme unterbrach sie: "Verdammt, wir sind dem Vampier zugeteilt." Es war
offensichtlich René Chantirs 1.O., die ihn aber auch schnell wieder zum schweigen brachte.
Noltze ignorierte es einfach: "Captain Usher: Sie und die Majestic bekommen die schwerste Aufgabe.
Sie werden über New Hope ins Zielgebiet eindringen. Das heißt, Sie werden keinen Sichtschutz haben
und müssen sich auf ihr ECM verlassen. Ihnen stehen zur Seite die Kreuzer Ares, Pinkerton, sowie die
Zerstörer Brisbane, Honshu, Mölders und Tycho Brahe."
Sämtliche Schiffskommandaten waren dabei sich Notizen zu machen. Auf vielen Stirnen hatten sich
tiefe Falten gegraben.
"Ich möchte Sie alle nochmals darauf hinweisen, dass dieser Konvoi unter keinen Umständen Mantikor
erreichen darf. Wir sind nicht bereit für eine erneute Offensive der Akarii. Besonders wichtig ist der
Zeitplan, Sie müssen gleichzeitig da sein, um den Konvoi in die Mangel zu nehmen." Auf vielen
Gesichtern stand eine Frage und sie musste diese beantworten. "Admiral Renault und ich sind uns sehr
wohl bewusst, dass es sich hierbei um eine Falle handeln könnte, selbst wenn nicht wird der Schutz
enorm sein, doch es geht nicht anders, wir müssen Sie da hinaus schicken."

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:57
Das Admiralsshuttle strebte auf den Flottenträger „Redemption“ zu. Vier Abfangjäger der Perseus –
Defensivstreitkräfte gaben Geleitschutz. Admirälin Noltze stand an einer der Sichtluken und schien in
die Dunkelheit des Alls zu starren. Wie die Offiziere ihres Stabs trug sie ihre Galauniform und die
Orden, Kampagnespangen und Auszeichnungen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Die
Aufgabe einer Admirälin, das hatte sie nach ihrer Beförderung schnell bemerkt, erschöpfte sich längst
nicht in der strategischen, taktischen und logistischen Sisyphusarbeit, eine Kampfgruppe zu führen.
Als Admiral konnte man kaum die komplizierten und vor allem riskanten Verwirrungen der Politik
vermeiden, ob es nun um die Bewilligung von Geldmitteln ging, oder die Verteidigung und
Rechtfertigung „militärischer Sachzwänge“ die mit den diplomatischen Regeln kollidierten.
Und er, oder sie, mußte auch der Aufgabe gerecht werden, die Flotte nach außen zu repräsentieren, das
„Gesicht“ der Navy zu sein. Außerdem Noltze mußte auch den Traditionen gerecht werden - und den
Erfordernissen der psychologischen Kriegsführung und Truppenbetreuung.
Deshalb war diese Aktion angelaufen: der Besuch der befehlshabenden Admirälin auf allen
Großkampfschiffen die sich bei der Perseus–Station versammelt hatten. Am Besten wäre es gewesen,
ALLE Schiffe anzufliegen, auch die Zerstörer, Fregatten und Korvetten, aber das war zeitlich
unmöglich gewesen. Nun, das Mindeste war eine aufgezeichnete Grußbotschaft...
Der Besuch auf der „Relentless“ war wie nach dem Drehbuch verlaufen. Captain Mithel mochte ein
harter Vorgesetzter und selbstbewußter, manchmal schwieriger Untergebener sein. Aber seine
Mannschaft war erstklassig gedrillt – und würde auch im Kampf wie eine gut geölte
Vernichtungsmaschine funktionieren. Sie kannte diesen Typ von Flottenoffizier.

An Bord der Redemption war nahezu die gesamte Mannschaft im Bordhangar angetreten. Rings um den dräuenden Raumjägern und Jagdbombern drängten sich Matrosen, Marinesoldaten und die Piloten, alle in ihren Paradeuniformen. Natürlich waren die Rangunterschiede beachtet worden. Hinten standen die Mannschaftsdienstgrade, vorne die Offiziere – darunter auch die Piloten, die „Stars“ der Redemption.
Ganz vorne und am Beginn der Reihen hatten sich die Kommandooffiziere positioniert. Ausgewählte
Mitglieder des Marinekorps waren als Ehrengarde angetreten.

Das Shuttle dockte an. Noltze überprüfte kurz den Sitz ihrer Uniform und straffte sich. Als sie das Shuttle verließ waren ihre Bewegungen kraftvoll und zielstrebig, ihr Gesichtsausdruck ernst und entschlossen.
„ACHTUNG! ADMIRAL AN BORD!“ bellte der Lieutenant der die Marinesformation kommandierte. Die Marineinfanteristen präsentierten die Waffen, zackig und präzise, jeder Handgriff tausendfach geübt.
Der Flottentradition folgend setzte ein Schiffsoffizier eine Bootsmannspfeife an die Lippen und blies
das Signal „Admiral an Bord“. Noltze salutierte vor der Ehrenformation und hielt den Gruß, während
sie die Formation abschritt.
Im Hangar lief eine Welle durch die Reihen, als die Männer und Frauen in „Hab Acht“ erstarrten und das Ritual mit lange eingeübter Präzision abrollte. Die Admirälin schritt nun die Formation entlang, an deren Spitze die führenden Offiziere standen. Sie suchte den Blickkontakt, während sie langsam die Reihe abschritt, sah den zu Statuen erstarrten Soldaten direkt in die Augen. Wenn möglich strafften sich diese dann noch mehr.

Das Selbstgefühl bekam einen ordentlichen Schub, wenn man von einer Admirälin direkt angesehen wurde, das wußte Noltze nur zu gut. Deshalb tat sie es ja auch. Aber gegenüber den Brücken-, den Kommandooffizieren und Staffelführern begnügte sie sich nicht mit Blickkontakt: ein kurzer, aber fester Händedruck würde ihnen im Gedächtnis bleiben. Noltze hätte fast gelächelt. Inzwischen hatte sie es gelernt, die Traditionen und Bräuche der Navy anzuwenden.
Dann war dieser Teil der Zeremonie zu Ende. Gegenüber den angetretenen Mannschaften hatte man ein eher unscheinbares Rednerpodest aufgestellt, das Admirälin Noltze nun betrat. Ein paar Augenblicke sagte sie nichts, ließ ihre Augen über die Angetretenen schweifen: Männer und Frauen, Veteranen und Neulinge, Abkömmlinge aller Völker und zahllosen Planeten der Republik, Piloten, Matrosen und Marinesoldaten.
Ihre Stimme war klar und hallte durch den riesigen Hangar des Flottenträgers : „RÜHRT EUCH!“ Die
Soldaten entspannten sich etwas, doch trotzdem standen die meisten immer noch akkurater und
angespannter als üblich. Es war eben doch etwas Besonderes, vor einem Admiral der Flotte zu stehen.
Etwas, worauf man stolz sein konnte, etwas was man vielleicht noch seinen Kindern erzählen würde.
„SOLDATEN! MANNSCHAFT DER REDEMPTION! KAMERADEN! Ihr dient auf einem Schiff
stolzer Tradition! Einem Schiff, das wie kein anderes den Ruhm und die Ehre der republikanischen
Flotte verkörpert! Ihr habt das Banner aufgenommen von den Helden der Vergangenheit und tragt es
in einer harten und schweren Zeit! Dies ist eine große Verantwortung an einen Jeden von euch, denn
ihr werdet an den Taten eurer Vorgänger gemessen werden. Sich dieser Aufgabe zu stellen habt ihr
euch bereit erklärt, als ihr euch diesem Schiff verpflichtet habt.
Kameraden! Ihr seid diesen Anforderungen auf zwei Feindfahrten gerecht geworden. Was dieses
Schiff im Krieg geleistet hat, in dem wir angetreten sind, die Freiheit, ja die Existenz der Republik zu
verteidigen, war außergewöhnlich. Zusammen mit euren Kameraden habt ihr dazu beigetragen, daß
die Flutwelle der Aggressoren aufgehalten wurde, unsere Frontlinien die Zeit fanden, sich zu ordnen
und die Verteidigung zu organisieren. Und das Risiko, das ihr dabei getragen habt, es war nicht
geringer als in der vordersten Verteidigungslinie unserer Schlachtreihen. Abgeschnitten von jedem
Nachschub und jeder Verstärkung habt ihr nicht nur dem feindlichen Nachschub harte Schläge
versetzt, sondern auch zahllose Jäger abgeschossen und Großkampfschiffe vernichtet.
Ihr könnt stolz auf euch sein. Und ich weiß, daß ihr alle weiterhin das Äußerte geben werdet, um der
Verantwortung gerecht zu werden, die auf euch allen ruht.
Doch der Krieg ist nicht vorbei, trotz der Schlachten, die wir geschlagen haben, trotz der Siege, die wir
errungen haben und trotz der Opfer, die wir bringen mußten. Noch immer bedroht ein grausamer und
unmenschlicher Feind unsere Heimat, eine fanatisierte Flut, einzig beseelt mit dem Willen zu zerstören
und zu morden. Einmal mehr kommt es uns zu, Schild und Schwert für unsere Heimatwelten zu sein
und auch diese Angriffswelle aufzuhalten. Die Aufgabe, die der Kampfgruppe auferlegt wurde ist
nicht weniger wichtig als die direkte Verteidigung der Heimat in der Raumschlacht. Denn wieder
werdet ihr diejenigen sein, die die Wucht des feindlichen Ansturms brechen.
Wir kämpfen hinter den feindlichen Linien, als die Speerspitze der Verteidigung und des Angriffs,
damit bald – sehr bald – der Krieg wieder zurückgetragen wird zu dem Ort, wo er begann!
Kameraden! Das Geschwader der Redemption mag noch jung sein, doch ihr habt euch bereits einen
Namen gemacht, den die Akarii fürchten. Ich weiß, daß ich mich in der kommenden Schlacht auf euch
und auf dieses Schiff verlassen kann!“
Aus den Lautsprechern des Hangars dröhnte die Nationalhymne der Republik.

Als Admirälin Noltze wieder an Bord des Shuttles war, fiel die nach außen getragene Zuversicht von
ihr ab. Es war wichtig, Autorität und Selbstbewußtsein zu zeigen. Aber sich selber konnte sie mit den
hehren Worten kaum überzeugen. Es stand nicht gut im Krieg. Und die Mission, die man ihr
übertragen hatte konnte schlachtentscheidend sein. Das war eine schwere Verantwortung. Und sie
hatte niemanden, der ihr Mut zusprach, auf den sie ihr Vertrauen und Zuversicht setzen konnte.
Niemanden außer sich selbst.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:58
Die Würfel sind gefallen

„Nun, was halten Sie davon?“ Mithel musterte seine beiden Untergebenen. Er vermißte schmerzlich seinen alten Beraterstab von der „Hydra“, aber selbst seine guten Beziehungen hatten es ihm nicht ermöglicht, mehr als zwei seiner Offiziere „mitzunehmen“. So hatte er das Beste aus der Misere gemacht. Die beiden waren die einzigen, die an Bord von der kommenden Operation wußten. Und Rogulski kannte nicht einmal die Einzelheiten – die Geheimhaltungsstufe der Operation war hoch. Mithel hätte sich nicht gescheut, dem Waffenoffizier zu sagen, was er wusste, aber er war Offizier der Flotte, und als solcher musste man sich eben an bestimmte Vorgaben halten. Also hatte er seinem Vertrauten nur vage Informationen gegeben. Falls dies den Polen kränkte, so zeigte er es nicht. Aber vermutlich wußte er, daß solche Dinge manchmal eben so und nicht anders liefen.
Raffarin überlegte einen Augenblick. Sie schaute kurz zu Rogulski, der kaum merklich nickte. Er ließ ihr den Vortritt – wie meistens. Dann fixierte sie ihren Kapitän: „An und für sich klingt das recht verführerisch. Die Vernichtung eines so großen Geleitzugs wäre ein Schlag für die Akarii, fast so schlimm wie die Schlacht um Manticor für uns. Wenn man sechzig Raumtransporter vernichtet, reißt das zusammen mit den Verlusten während ‚Husar‘ ein deutliches Loch in ihre Transportkapazitäten. Ohne die aber können die Akarii ihre Offensive nicht fortsetzen, es wird sogar unter Umständen schwierig für sie, das augenblicklich eroberte Gebiet zu halten. Nimmt man die psychologischen Auswirkungen hinzu, dann könnte dies ein schwerer Rückschlag für sie werden. Natürlich dürften sie sich Mühe geben, es geheim zu halten oder zu verharmlosen, aber den Verlust einer solchen Menge von Schiffen kann man nicht ewig verschleiern.“
Mithel lächelte knapp: „Ich höre förmlich das ABER in Ihren Worten. Nun, lassen Sie hören!“
„Aber ich kann nicht glauben, daß die Akarii nicht damit rechen, daß ihr Geleit über einen oder mehr als einen der Träger von ‚Husar‘ stolpern könnte. Ich denke eher, sie werden das fest eingeplant haben! Seitdem es Zufuhrkrieg gibt, war der Geleitzug eine der Standartwaffen, und immer ging es darum, Geleitzüge vor feindlichen Großkampfverbänden zu schützen.“
„Exakt.“ meinte Rogulski: „Selbst wenn wir mal die Frage beiseite lassen, ob die Akarii die ganze Aktion als Falle geplant haben – dafür ist es fast ein wenig zuviel Aufwand – so werden sie ihre Schiffe zu schützen wissen.“
Der Capitän nickte: „Sehr richtig. Ich muß gestehen, meine letze Vorlesung zu dem Thema ist schon ein wenig her – es ist ja auch nicht unbedingt unser tägliches Brot. Raffarin – was meinen Sie, werden die Echsen mitschicken?“
Die Offizierin überlegte kurz: „Ich kann natürlich nur schätzen. Aber wenn ich mich auf die verschiedenen Beispiele aus der terranischen Geschichte beziehe und einkalkuliere, womit die Akarii rechnen dürften...“
„Nun, ich will nur Ihre Meinung. Hellsehen müssen Sie nicht.“ meinte Mithel, wobei ein leichtes Lächeln seinen Worten die Schärfe nahm.
„Nun, ich rechne ungefähr mit einer Division Kreuzer, also vier bis sechs Stück, davon zwei oder drei schwere. Dazu auf jeden Fall zwei, vielleicht drei Flottillen Kleinkampfschiffe. Also zwanzig bis dreißig Korvetten, Fregatten und Zerstörer. Davon vermutlich die Hälfte Zerstörer. Etliche davon flaktauglich, denn der Gegner dürfte ja einen massierten Jagdangriff einkalkulieren. Möglicherweise ist ein Teil der Transporter bewaffnet, über das normale Maß hinaus. Es wäre untypisch – aber nicht unmöglich – daß die Akarii einen Flottenträger mitschicken. Momentan brauchen sie die an der Front und es entspricht nicht dem, was wir über ihre übliche Flottendoktrin wissen. Aber auch bei ihnen kann es unorthodoxe Köpfe geben, und wir wissen nicht, wie wichtig ihnen der Konvoi wirklich ist, oder wie weit ihre Decke momentan reicht. Betrachtet man freilich die augenblicklichen Gegebenheiten, so dürfte es ihnen nicht leicht fallen, einen Flottenträger zu detachieren. Aber wir sollten es auch nicht ausschließen. Leichte Träger haben sie ja nicht in ihrem Arsenal – unwahrscheinlich, daß sie einen „Golf“ mitschicken, sie dürften von dem Modell noch nicht genug haben. Also haben sie vermutlich keinen Jagdschutz, es sei denn, sie können ein paar ihrer Frachter umrüsten.“
Mithel hab fragend eine Augenbraue: „So starke Sicherung?“ Raffarin nickte: „In der terranischen Geschichte wurden wichtige Geleitzüge maximal mit einer gleich großen Anzahl von Kriegsschiffen abgesichert, vor allem, wenn man Deckungsgruppen und Reserven mitrechnet. Ich würde deshalb durchaus eine starke Eskorte erwarten. Möglicherweise sogar noch mehr als von mir geschätzt.“
Der Captain schien nachzudenken: „Ich stimme Ihnen zu. Nach den Verlusten, welche die Akarii durch ‚Husar‘ erlitten haben, wäre alles andere unwahrscheinlich.“ Er verzog die Lippen zu einer verächtlichen Grimasse: „Unsere Flottengenies können natürlich bei ‚Angriff‘ in erster Linie nur an ihre bombastischen Jäger denken. Daß zwei Divisionen Kreuzer und ein paar Zerstörer mindestens ebenso gute Arbeit leisten können, wenn man sie nur gegen Jäger abschirmt, kommt ihnen kaum in den Sinn. Wir werden also wieder für einen Träger – die Gallileo – Kindermädchen spielen. Aber ich hoffe, wenn alles glatt geht, kommen wir auch zum Schuß. Wenn nicht alles glattgeht, und das halte ich für nicht eben unwahrscheinlich, werden wir so und so genug zu tun haben, um unsere Schützlinge und uns herauszuhauen. Das heißt – wir müssen uns vorbereiten. Rogulski – Ihre Meinung?“
Der Pole wiegte nachdenklich den Kopf: „Die Waffenabteilung hat in den letzten Wochen ordentlich dazugelernt – aber die Bewährungsprobe steht immer noch aus. Ich hoffe, daß die Übungsroutine ihnen auch im Gefecht weiterhilft, aber den Ersntfall kann man einfach nicht simulieren.“ Der Kapitän verzog das Gesicht: „Sie
Wissen, daß dies nicht genug ist. Sie müssen Sich absolut sicher sein – soweit man dies kann – daß im Ernstfall jeder Mann und jede Frau ihre Pflicht erfüllt. Oder wir enden als Weltraumschrott. Ich brauche Sie ja nicht daran zu erinnern, was die Akarii bei Mantikor angerichtet haben, sie waren ja selbst dabei. Wenn wir mit unserer unerfahrenen Besatzung in ein Gefecht geraten...“ Rogulski nahm Haltung an, auch wenn der implizierte Tadel nur teilweise ihm galt: „Ich werde das Training noch einmal intensivieren und die Anzahl der Alarmübungen ehöhen. Besonders, was die Abwehr von Jägern und Raketen angeht.“
„Gut, tun Sie das.“
Der Captain rieb sich das Kinn: „Mir will bloß das eine oder andere bei der Sache nicht gefallen. Die
Zergliederung in drei Kampfgruppen und der getrennte Anmarsch macht zwar Sinn – so können wir
sie umfassen. Aber das erhöht die Gefahr, daß einer der Verbände auf dem Vormarsch Feindkontakt
hat. Außerdem haben Pläne die Angwohnheit, umso anfälliger zu werden, je komplizierter sie sich
gestalten. Sollte bei der entscheidenden Party einer der Teilnehmer fehlen, weil er sich verspätet, dann
werden es die anderen nicht leicht haben. Außerdem passt mir die Zusammensetzung unseres
Verbandes nicht. Die Dauntless hat immer noch ihre Macken, und mir wäre es ehrlich gesagt lieber,
statt eines Wunderkindes mit Krankheiten einen normalen Kampfkreuzer dabei zu haben. Wenn die
Dauntless versagt wird es für uns unangenehm. Deshalb muß unser Schiff hundertprozentig
einsatzbereit sein! Unsere Position dürfte uns vor dem Gegner abschirmen, aber ich würde mich nicht
drauf verlassen, daß die Akarii nicht auf die Idee kommen, den Nebel ein bißchen zu durchleuchten.
Und dann könnte es unangenehm werden. Für den Fall müssen wir SEHR schnell reagieren.
Allerdings - immer noch besser, als durch ein Asteroidenfeld zu marschieren oder gar keine Deckung
zu haben. Vor allem der Verband ist schlecht dran. Die Akarii müßten wirklich völlig verblödet sein,
wenn sie keine Vorausfeger losschicken - allerdings heißt das natürlich auch, daß wir mit Achterfegern
rechnen müssen. Und die müssen wir SEHR schnell ausschalten, denn wenn wir uns lange mit ihnen
rumschießen kann der Gegner sich auf andere Gruppen konzentrieren und dann uns fertigmachen.“
Rogulski nickte: „Ich werde dafür sorgen, daß die Waffenstationen bereit sind – so bereit wie nur
möglich.“ Mithels Blick sagte, daß dies besser SEHR bereit seien sollte. Raffarin mischte sich in das
Gespräch ein: „Ich denke, wir sollten noch einmal die Schadenskontrollgruppen überprüfen. Ihre
Leistung hat sich in letzter Zeit ansehnlich verbessert, aber wenn es zum Kampf kommt sind sie so
wichtig wie die Kanoniere.“
Rogulski lächelte leicht: „Rührend, dieses Vertrauen in den Schlachtplan. Das heißt ja wohl, daß wir auf jeden Fall damit rechnen, ein paar Schläge zu kassieren.“
Mithel seufzte: „Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Ich schätze, es wird mit an uns liegen, die
Dickschiffe des Gegners auszuschalten. Die Bomber – selbst von allen drei Trägern zusammengenommen – dürften dazu bei weitem nicht ausreichen. Ihre Raketen sind nicht einmal annähernd so stark wie unsere, und außerdem rechne ich mit starker Luftabwehr und ein paar guten Störsendern. Vielleicht sollten wir dafür sorgen, daß die Besatzung sich mit den Profilen der feindlichen Schiffe vertraut macht, damit wir schnell und zielsicher reagieren können, egal, wem wir gegenüberstehen. Schwachstellen, Bewaffnungen und Modifikationen – ich gehe davon aus, daß sowohl unsere Sensorcrews als auch die Kanoniere sich damit vertraut machen!“
„Jawohl, Sir!“ kam die Antwort von den beiden Offizieren.
„Also gut. Gehen wir es an. Urlaub wird gestrichen, weitere Freistellung muß von mir oder Commander Raffarin genehmigt werden, Schiff ist gefechtsklar zu machen. Sobald wir ablegen gilt volle Bereitschaft. Ich will, daß jeder zu jedem Zeitpunkt eine Waffe griffbereit hat. Schutzkleidung nach Möglichkeit. Nein, ich rechne eigentlich nicht damit, geentert zu werden – aber das dürfte auch dem letzten Frischling klarmachen, daß wir im Krieg sind. Und keiner darf das vergessen, zu keinem Zeitpunkt!“
Rafarin lächelte innerlich, als sie ihren Vorgesetzten betrachtete: ,Der Alte hat mal wieder Blut gerochen.’ dachte sie. Dann salutierte sie: „Ich beginne sofort mit der Ausführung!“ Die Relentless machte sich kampfbereit.

Tyr Svenson
30.03.2004, 10:59
„Ach, komm schon, Ace. Was ist denn dabei?“
Skeptisch sah ich Martin Goedecke an. Der Deckchief lächelte scheinheilig.
„Was dabei ist? Ling hat mich sowieso auf dem Kieker. Und unsere JAG hat allen Gerüchten nach auch ein Auge auf mich geworfen, weil sie glaubt, ich würde noch mal einen richtig spektakulären Prozess abgeben.
Nein.“
„Aber Sie treten doch gar nicht auf, Lieutenant Davis. Aushängeschild der Aktion werde ich sein.“
„Klingt ja ganz nett, Foreigner. Trotzdem nein.“
„Ace, es geht aber nicht anders. Wir brauchen dich dafür. Wir haben alles. Uns fehlt nur noch jemand
wie du. Ich verspreche dir, falls wir auffliegen, nehmen wir dich nicht mit in den Untergang.“
„Kriege ich das schriftlich, Rodney?“, lachte ich heiser.
Der Marine lachte ebenfalls.
Ich seufzte und lehnte mich in meinem Sessel zurück.
Das MIRAGE war eigentlich etwas exklusiv für einen einfachen Marines-Corporal, aber die
Begleitung eines Second Lieutenant in Form von Makoto Takahashi und Chief Martin Goedecke
öffnete dem jungen Mann Tür und Tor. „Okay, erklärt es mir noch mal.“
Chief Goedecke grinste in die Runde und nippte an seinem Scotch. „Also, seit du Radio runtergeputzt hast, haben wir auf der REDEMPTION eine Versorgungslücke. Ich hatte ja keine Ahnung, in wie vielen krummen Geschäften der Bengel drin hängt. Scheint so, als wäre er Großlieferant gewesen. Er belieferte Weiterverkäufer auf allen Decks des Schiffs. Im Prinzip war er ein Nadelöhr, über das sämtliche Transaktionen für die RED gingen. Jetzt will er nicht mehr und hat seine Kontakte geschlossen. Schwierig, jetzt seine Nachfolge anzutreten.“ Martin nickte Makoto zu. Die junge Frau nahm den Faden auf.
„Nun, wie Sie wissen, Davis-san, war ich seit Kriegsbeginn auf PERSEUS stationiert. Ich kenne hier beinahe jede Ecke und fast jeden Händler, ob legal, ob illegal. Ich kann in kurzer Zeit große Mengen an Material besorgen. Erst neulich bat mich eine Pilotenkollegin darum, ihr ein besonderes antiallergenes Shampoo zu besorgen. Als das fuktioniert hatte, häuften sich die Nachfragen. Ich bin nicht Radio. Aber ich werde in seine Rolle gedrängt.“
„Und da komme ich ins Spiel. Takahashi-san braucht einen Distributor an Bord der RED. Das bin ich. Krumme Geschäfte habe ich schon gemacht, seit ich auf der Unteroffiziersschule war. Ich weiß, wie so was geht und wie ich die Preise gestalten muss. Takahashi besorgt die Waren, ich verkaufe sie.“
„Und ich besorge den Lagerraum. Ich verwalte zwanzig Prozent der Lagerkapazität der REDEMPTION. Wenn jemand dort Ware verstecken kann, dann ich“, schloß Martin ab. „Du siehst, du wirst mit uns überhaupt nicht in Verbindung gebracht werden.“
„Aha“, brummte ich. „Und Ihr braucht mich dann für was? Soll ich das Kassenbuch führen?“
„Etwas in der Art“, brummte Rodney. „Du bist doch Top in Buchführung, oder? Stammst aus ner Händlerfamilie und so. Aber das ist nicht der einzige Grund. Wir haben die Kontakte. Wir haben den Stauraum. Und wir haben jemanden, der das Zeug vertickt. Was uns fehlt, ist Kapital. Wir müssen die Waren zwischenfinanzieren.“
Ich entspannte mich etwas. „Aha. Ich soll also die Buchführung machen und das Geld vorschießen, richtig?“
„Etwas in der Art.“
„Vergeßt es. Ich bin viel zu eingespannt, um noch ein Kassenbuch zu verwalten. Außerdem hat man
solche Dinge besser im Kopf, anstatt es Yamashita auch noch leicht zu machen.“
Die anderen drei sahen zu Boden.
„Allerdings könnte ich euch mit ein paar tausend Real Startgeld aushelfen. So gegen ein Viertel
Beteiligung am Gewinn. Mein Name darf natürlich niemals auftauchen… Und ein Teil des Gewinns
müsste ins Matrosenhilfswerk einfließen…“
„Machbar“, brummte Chief Goedecke.
„Außerdem hätte ich ein paar Wünsche, das Sortiment betreffend. Keine Drogen. Außer natürlich
leichte Medikamente, Zigaretten, Alkohol, Kaffee. Keine Waffen. Ausgenommen sind Spielzeuge wie
das Ding, mit dem Ohka zum CAG gerannt ist. Und ich will verdammt sein, wenn ich eine
Schweinerei unterstütze wie die Verbreitung von Videos wie der Bombardierung einer bestimmten
Welt in einem bestimmten Einsatz. Verstehen wir uns?“
Die drei nickten.
Ich grinste und zückte meine Brieftasche. „Ich überweise Rodney auf sein Konto dreiundzwanzigtausend Real. Offiziell, weil du mich als Freund darum gebeten hast, ein Aktiengeschäft für deine Altersvorsorge zwischenzufinanzieren. Um den Schein zu wahren, wird ein Dauerauftrag eingerichtet, der mir monatlich fünfhundert Real zurückpumpt.
Die Gewinne aus den Verkäufen sollten meinen Anteil und damit die fünfhundert Real mehr als abdecken. Deine Verbindung zu Takahashi-san kenne ich nicht. Und in deinen Magazinen war ich nie, okay, Martin?“
Der alte Chief grinste. „Abgemacht.“
„Also ist es beschlossen. Ich bestätige den Eingang der Dreiundzwanzigtausend und ziehe den Dauerauftrag ein. Überschüsse aus deinem Anteil werden als Aktiengewinne zur schnelleren Darlehnstilgung auch auf dein Konto gebucht?“
„Nett gemeint, nein. Die Dreiundzwanzigtausend sind teilweise Gewinne aus meinen krummen
Geschäften während meiner Akademiezeit. Ich wollte sie schon lange mal einem guten Zweck
zuführen. Die Überschüsse kommen ebenfalls in den Fonds des Matrosenhilfswerk.“
Ich fischte einen Zettel aus meiner Tasche. „Euer erster Auftrag. Könnt Ihr mir dieses Medikament besorgen?“
Foreigner warf einen Blick auf den mit zittriger Handschrift beschriebenen Zettel. „Schwierig. Für Sie,
Ace-san? Dann sollten Sie besser Doc Hamlin aufsuchen.“
„Iie, nicht für mich. Besorgen Sie mir zwanzig Einheiten. Das Sedativ ist für einen guten Freund. Ich schulde ihm etwas. Ich habe ihm keine Fragen gestellt. Ihr solltet das auch nicht tun. Immerhin sind es keine harten Drogen.“
Die drei nickten. „Okay, wir fangen dann mal an. Wir haben schließlich nur noch eine Woche, bis
dahin müssen die Bestände voll sein.“ Goedecke erhob sich. Die anderen standen ebenfalls auf.
„Wir halten dich auf dem laufenden, Ace.“
Ich winkte zum Abschied hinterher. Mist, die hatten mir tatsächlich die Rechnung dagelassen.

Zehn Minuten später kam meine Verabredung. Ich lächelte freundlich und winkte.
Kurz darauf kam der Mann an meinen Tisch und verbeugte sich steif. „Arigato gozaimas, ace-kun.
Danke für die Einladung.“
„Hajimemashite, Ohka-kun. Es ist mir eine Ehre, heute dein Gastgeber sein zu dürfen. Wir haben zu
reden, und bei einem Essen spricht es sich entspannter.“
Der Japaner setzte sich. Die Bedienung servierte sofort heißen Sake. Danach trug sie zwei Schälchen
Suppe auf.
„Du gibst die Mühe, Ace-kun. Aber Miso wird traditionell zum Frühstück serviert“, tadelte Ohka mich grinsend.
„Oh, es hat Symbolcharakter. Immerhin geht es mir um ein Morgengespräch…“
Ohkas Grinsen erstarb. „Hai. Ich wusste es.“
Schweigend hielt ich ihm mein Schälchen mit Sake hin. Wir stießen mit den dickwandigen Schalen an
und tranken ein wenig.
Danach widmeten wir uns schweigend der Suppe.
Als der Hauptgang kam, Sushi und Sashimi, eröffnete ich das Gespräch erneut. „Ohka-kun. Du weißt, ich schätze dich sehr. Gerade und vor allem, weil du für Kali da bist, seit ich sie ohne es zu wollen so
schwer verletzt habe.“
„Hai. Ich weiß. Es ist schade, dass wir keine richtigen Freunde werden können. Kali würde immer
zwischen uns stehen.“
Ich schnappte mir eine Sashimi mit Tintenfisch. Urgs, das Ding hatte ja noch Saugnäpfe. Na egal.
Sushi war sehr gesund.
„Hai. So ist es. So ka, wie Ihr Japaner sagen würdet. Und normalerweise würde ich mich nicht
einmischen. Weder in eure Freundschaft, noch in eure Liebe, so es eine gäbe. Aber du musst
verstehen, Ohka-kun, ich bin noch immer in Kali verliebt. Und ich werde sie nicht so schnell
aufgeben. Wenn ich mich zurückhalte, liegt das nicht daran, dass ich dir den Vortritt lasse.
Sobald Kali mich wieder in ihrer Nähe duldet, werde ich diese Gelegenheit zu nutzen wissen. Bis
dahin übe ich mich in Geduld und Demut.“
Ohkas Blick zuckte kurz zu meinem extrem kurzen Haarschnitt. „So ka“, kommentierte er.
„Selbstverständlich beobachte ich die Entwicklung in eurer Freundschaft aufmerksam. Sollte ich… zu
spät kommen, werde ich nicht versuchen, mich zwischen euch zu drängen. Ich behalte es mir aber vor,
eine Freundschaft aufzubauen.“
„So ka. Und dies, nachdem du mit Huntress geschlafen hast?“
„Und das, obwohl ich mit Huntress geschlafen habe. Aber da bin ich ja nicht allein, ne?“
Der Japaner errötete. „Uns unterscheidet, dass die Beziehung zu Kali mein Ziel ist.“
„Und ich nicht vorhatte, eine mit Huntress aufzubauen. Hai. Aber dies ist der springende Punkt.
Mir bereitet die Tatsache, dass du mit Kali… Es bereitet mir Sorge. Kali trägt ihr Herz auf der Zunge.
Aber es ist auch viel zu groß für sie.
Wenn es sich vollends dir zuwendet, das habe ich schon gesagt, Ohka-kun, dann werde ich
zurücktreten.
Aber wenn sie sich mit dir einlässt, nur weil sie dich nicht verprellen will, weil sie eurer Freundschaft
zuwillen glaubt, eine Affaire eingehen zu müssen, erwarte ich, dass du ebenso konsequent bist.“
„Hai.“ Ohka stopfte sich Sushi mit Rogen in den Mund. „Wie ich schon sagte, ist die Beziehung zu
Kali mein Ziel. Ohne ihre Liebe ergäbe sie keinerlei Sinn. Ich würde mich mit einer Alibibeziehung
niemals zufrieden geben. Ich kenne die Bedeutung des Wortes Ehre, Ace-kun.“
„Dann sind wir uns einig?“ Ich streckte die Hand aus.
Ohne zu zögern ergriff Ohka die Hand und drückte sie fest. „Hai. Das sind wir.“
Schweigend aßen wir weiter.
Waren Ohka und ich nicht längst so etwas wie Freunde? Ich hoffte es. Ich mochte ihn, und seit seiner
zweiten schweren Verletzung hatte ich Sorge um ihn.
„Was macht der Arm? Was sagt Schlächter Hamlin?“, begann ich eine zwanglose Konversation und
goß mir Soße nach…

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:00
Eine Frage des Standpunkts

Huntress blickte sich in der Kantine um. In den letzten Tagen war der Dienstbetrieb intensiviert
worden, und die meisten Piloten schliefen wieder an Bord. Die süßen Tage des Urlaubs waren vorbei –
offenbar lag etwas in der Luft. Nachdem man die verlorenen Jäger ersetzt und die Einheiten aufgefüllt
hatte, waren die Staffelkommandeure jetzt dazu übergegangen, die Neulinge auf Herz und Nieren zu
prüfen. Wie auch die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Staffeln. Sie selber konnte ein
Liedchen davon singen, oder besser gleich eine ganze Liedersammlung...
Sie hatte sich ganz gut an Bord eingelebt. Natürlich hatte sie es als „Junioroffizierin“ nicht eben leicht.
Alle anderen Staffelführer hatten erheblich mehr Erfahrung, und das Militär wäre nicht Militär
gewesen, wenn das keine Rolle gespielt hatte. Also hatte sie sich eine ganze Latte von „gutgemeinten
Ratschlägen“ anhören dürfen, die ihr teilweise nur dürftig verschleiert mitteilten, daß an ihrer
Befähigung noch erhebliche Zweifel herrschten. Es ging ja noch, wenn der CAG so mit ihr redete. Er
hatte ja auch das Recht dazu, war ihr Vorgesetzter. Aber selbstverständlich war er nicht der Einzige
gewesen – ihre Kollegen hatten ins selbe Horn gestoßen.
Aber Juliane konnte ihnen dies nicht unbedingt verübeln – wenn sie ehrlich war, was sich als nicht so
einfach erwies. Sie kam von einem anderen Träger, war erst eben befördert worden und übernahm
dazu eine Einheit, die quasi von Grund auf neu formiert werden mußte. Das fiel selbst erfahrenen
Kommandeuren nicht immer leicht. Also waren die anderen Staffelführer nur zu gerne bereit, ihr zu
„helfen“. Sprich: „Zeigt dem Mädchen mal, wie das geht, wir wollen schließlich die Staffel nicht noch
einmal verlieren!“ Offen ausgesprochen hatte es keiner, aber unterschwellig...
Andererseits war dies für sie nicht nur ein Nachteil. Wenn sie als neue Kommandeurin in eine eingespielte Staffel gekommen wäre, nun, als „Frischling“ hatte man auf diesem Posten auch nicht viel zu lachen.
Besonders die Führerin der anderen Typhoon-Staffel, Lieutenant Commander Parker, hatte neben der
Arbeit an ihrer eigenen Staffel Zeit gefunden, Huntress mehr als einmal über die Schulter zu sehen.
Und die junge Kommandeurin hatte sich dazu durchgerungen, ihre Ratschläge doch hin und wieder zu
berücksichtigen. Es war nicht eben angenehm, sich jetzt, kurz nach der Beförderung, immer noch
Vorschriften machen zu lassen. Auch wenn diese als Vorschläge maskiert wurden. Aber alles auf
eigene Faust zu machen wäre auch unklug gewesen. Parker hatte Erfahrung, ebenso wie die anderen
Staffelchefs. Sie führten Einheiten, seit der Krieg begonnen hatte, etliche sogar schon eine ganze Zeit
länger. Huntress konnte nur auf ihre relativ kurze Dienstzeit als XO zurückgreifen – und das war
definitiv ein bißchen wenig.
Man hatte sie nicht direkt ungerecht behandelt. Dennoch herrschte an Bord ein gewisser Stolz auf die
eigene Einheit, ein gut ausgeprägter Korpsgeist. Die Redemption-Piloten bildeten sich auf ihre
bisherigen Erfolge nicht wenig ein, teilweise wohl zu Recht. Natürlich hatte Huntress genauso gute
Arbeit an Bord ihres alten Trägers geleistet, aber dennoch mußte sie sich hier erst einmal beweisen.
Nun, mit ein bißchen Glück sollte ihr das nicht zu schwer fallen. Die Redemption hatte bereits den Ruf
weg, immer dort zu sein, wo der Rauch am dicksten war. Bei ihren Einsätzen war das Schiff immer
wieder dem Tod von der Schippe gesprungen und hatte dem Gegner einige heftige Hiebe verpaßt.
Folglich hatte es den Ruf eines „guten“ Schiffes. Natürlich nur, solange man dem Selbstbetrug der
Piloten aufsaß, die sich gebärdeten, als gäbe es nichts wichtigeres als ins Gefecht zu fliegen und
Heldentaten zu vollbringen. Aber gute Piloten, gut weil bisher überlebend, wußten auch, daß Chancen
auf Heldentaten auch immer die Möglichkeit des Heldenbegräbnisses in sich bargen, vorausgesetzt
man hatte Glück – wenn nicht, dann gab es nicht einmal ein Grab. Und bei den Besatzungen der
anderen Kampfschiffe hatte die Redemption nicht unbedingt den Ruf als Heldenschiff, sondern
firmierte unter der Bezeichnung TSS Dracula – denn wie ein Vampir lebte sie vom Blut anderer,
nämlich ihrer Begleiter, die mehr als einmal den Preis für das Entkommen der Redemption hatten
zahlen müssen. Das hieß nun nicht, daß man dem Kapitän oder der Besatzung vorwarf, sie würde ihr
Leben auf Kosten anderer verlängern. Aber das Schiff, DAS SCHIFF – nun, dies war eine andere
Sache. In den finstersten Ecken und Winkeln der von Aberglauben verdunkelten Raumfahrerhirne
lebten „Tatsachen“ und „Gesetzmäßigkeiten“. Dort war ein Schiff beinahe ein lebendes Wesen, mit
einem eigenen Schicksal und eigener Identität. Und der Ruf der Redemption war einer, der nicht
unbedingt zu den besten zählte.
Wie dem auch sei, vermutlich würde es auch diesmal wieder mitten hinein in die Schlacht gehen.
Natürlich spürte Huntress dabei auch mehr als nur ein bißchen Unsicherheit, schließlich war sie
diesmal für elf andere Menschen voll verantwortlich. Allein der Gedanke, vielleicht einen der
berüchtigten Briefe schreiben zu müssen – „Werte Frau... ! Es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen,
daß...“ – bereitete ihr Bauchschmerzen. Aber andererseits hoffte sie natürlich, sich hier als dem
Vertrauen in ihre Fähigkeiten würdig erweisen zu können. Sicher würde kaum sie es sein, die, sagen
wir mal, den Roten Baron abschoß, aber dennoch, sie wollte zeigen, was in ihr steckte.
Schlecht lebte es sich an Bord jedenfalls nicht. Als Lieutenant Commander mußte sie ihre Kabine
nicht teilen und hatte so viel Platz, wie normalerweise zwei Piloten – vielleicht sogar mehr. Die Arbeit
nahm freilich in dem selben Maße zu, vor allem Schreibstubendienst. Aber dennoch, im Vergleich zu
früher hatte die Situation so ihre Vorteile...
Die Verpflegung war – zumindest jetzt – gut und reichlich, in keiner Hinsicht eine Verschlechterung
zu ihrem alten Schiff. Die Redemption mochte alt sein, aber man hatte das Schiff ausreichend
modernisiert, um es mit demselben Wohnkomfort wie einen Träger der Majestic-Klasse auszustatten.
Natürlich lebten an Bord bei weitem mehr Menschen, aber dafür war das Schiff auch ein ganzes
Stückchen größer. Huntress hatte sich mit den Freizeitmöglichkeiten vertraut gemacht, und sie
schienen durchaus ausreichend. Alles in allem ließ es sich hier aushalten. Im Moment widmete sie sich
ihrem Essen und ließ nebenher die Atmosphäre der Kantine auf sich wirken. Es war ziemlich voll,
aber an ihrem Platz hatte sich bisher keiner niedergelassen, gegenüber einem Lieutenant Commander
blieben viele niedere Dienstgrade auf Abstand. Eher müßig musterte sie das Treiben.

Lilja hatte sich zusammen mit Ina in die Schlange gestellt, die sich vor der Essensausgabe gebildet
hatte. Solche Unannehmlichkeiten hatte der Mensch sonderbarerweise nie überwinden können, auch
wenn er inzwischen zu den Sternen flog. Die Schlange in der Kantine war sozusagen nicht
auszurotten. Beide hatten genug Erfahrung und nahmen das Warten deshalb mit Gelassenheit hin.
Trotz erhöhter Bereitschaft war der Dienstplan noch nicht allzu eng, da mußte man nicht nach jeder
Minute sehen. Also warum sich aufregen? Schließlich waren sie dran, bekamen ihre Ration – dieser
Name war für das eigentlich gute Essen, an dem die Soldaten natürlich trotzdem immer etwas
auszusetzen hatten, fast schon beleidigend – und machten sich auf, um einen Sitzplatz zu ergattern. Sie
balancierten die Tabletts mit Essen und Getränken mit einem Geschick, das auf lange Erfahrung
hindeutete. Zumindestens Lilja hatte ja auch schon eine ansehnliche Dienstzeit hinter sich.
Die Russin hatte sich schnell orientiert und steuerte nun einen Tisch an, an dem noch zwei Plätze frei
waren. Die anderen sechs waren belegt – Besatzungsmitglieder, keine Piloten. In dieser Hinsicht war
Lilja nicht sonderlich wählerisch, da sich ihre Kommunikation beim Essen sowieso auf ein Minimum
beschränkte. Sie wollte sich eben setzen, als der Mann, der neben ihrem Ziel saß, sich demonstrativ
zur Seite drehte und so den Platz blockierte. Einer seiner Kameraden handelte beim zweiten Sitzplatz
ähnlich. Das Gespräch am Tisch verstummte, und die Augen richteten sich auf die zwei Pilotinnen.
Lilja ahnte sofort, worum es ging. Seit etwa einer Woche nach dem Ehrengericht war sie an Bord noch
unbeliebter geworden. Radio hatte sich geweigert, seinen privaten Schwarzmarkt wieder aufzumachen,
und das hatte für viele bedeutet, sich neue Lieferanten suchen zu müssen. Auch wenn dies durchaus
machbar war, hier bei der Station, so brachte es doch oft längere Wartezeiten und höhere Kosten mit
sich. Und während die Strafe für Radio nur von den Piloten vollstreckt worden war, so betraf seine
Reaktion ALLE. Und das nichtfliegende Personal mußte sich nicht einmal sagen, es habe doch bei der
Sache mitgemacht. Folglich war die Verärgerung bei den anderen Besatzungsmitgliedern noch etwas
größer als bei den Piloten. Und das zeigten sie.
Die Russin kniff die Lippen zusammen. Der Blick aus ihren dunklen Augen war eindeutig drohend –
schien aber keineswegs auszureichen. Nun, wenn man bedachte, daß ihr Gegenüber verärgert oder
dumm genug war, einen First Lieutenant zu brüskieren, so konnte das kaum überraschen.
Für einen Augenblick saß es so aus, als würde sich die Situation häßlich entwickeln. Lilja war in den
letzten Tagen oft genug geschnitten worden, und ihre Geduldsvorrat näherte sich dem Ende. Zudem
war sie schon gar nicht bereit, sich als Offizier von einem Mannschaftsmitglied vorführen zu lassen.
Aber ehe die Lage eskalieren konnte, legte ihr Ina die Hand auf die Schulter. Lilja zuckte zusammen,
dann entspannte sie sich – ein wenig. Sie drehte sich um. Der Techniker lachte: „Immer schön auf
Muttchen hören, oder du kriegst noch mehr Ärger.“
Lilja wurde bleich. Nicht viel, und sie hätte sich umgedreht und dem Mann ins Gesicht gespuckt.
Obwohl sie so etwas vermeiden wollte, denn eine Schlägerei würde sich in ihrer Akte nicht gut
ausnehmen. Aber irgendwo war auch bei ihr die Grenze erreicht. Aber der warnende Blick Inas
verhinderte Schlimmeres. Also knirschte sie nur innerlich mit dem Zähnen und versuchte, die
halblauten hämischen Worte und das Lachen der anderen Besatzungsmitglieder zu ignorieren.
Huntress hatte das Schauspiel aus den Augenwinkeln verfolgt. Offenbar gab es an Bord auch eine
gewisse Ladung Sprengstoff. Ihr selber fehlte allerdings, das gestand sie sich selber ein, das
Hintergrundwissen. Sie erkannte die eine der beiden Pilotinnen. Lilja war ob ihres Äußeren leicht zu
identifizieren, und auch Huntress, obwohl neu, hatte zumindest ein bißchen von ihr gehört. Zwar war
Lilja nicht die beste Pilotin des Schiffes, dies war gewiß. Aber mit einem Bronzestern und einem
Fangschuß auf einen Frachter ließ es sich auch ganz gut protzen. Nicht, daß die Russin den Ruf gehabt
hätte, anzugeben. Aber man nahm sie zur Kenntnis.
Beide steuerten jetzt auf Huntress‘ Tisch zu. Das Gesicht von Lilja sah aus, als stünde sie kurz davor,
entweder selber zu explodieren oder jemand anderen in die Luft zu jagen. Andererseits hatte sie den
Ruf, fast immer in dieser Stimmung zu sein. Ihre Kameradin blieb vergleichsweise ruhig. Die
„Kollektivstrafe“ traf sie nur, wenn sie mit Lilja zusammen war.
Lilja nickte Huntress zu: „Erlaubnis, sich zu setzen, Lieutenant Commander Volkmer?“ Ihre Stimme
klang kühl und beherrscht. Huntress mußte sich Mühe geben, um nicht zu grinsen. Ein solches
Verhalten war wirklich altmodisch. Aber Lilja stand in dem Ruf, sich als die perfekte Mustersoldatin
zu geben, so lange man ihr nicht in die Quere kam. Also nickte die junge Staffelführerin. Die beiden
anderen Frauen setzen sich. Sie hatte keinen Grund, sich unbedingt feindselig zu verhalten.
Während Huntress sich wieder ihrem Essend widmete – dabei freilich angelegentlich die beiden
anderen musterte – aß Lilja mit verbissenem Gesichtsausdruck. Und das lag vermutlich nicht am
Speisezettel. Ina hingegen schien sich nicht sonderlich den Tag vermiesen zu lassen. Sie plauderte
fröhlich vor sich hin und knüpfte ein Gespräch mit Huntress an. Die war darüber zwar ein wenig
überrascht – daß Untergebene Smalltalk mit Offizieren pflegten war keineswegs gewöhnlich. Aber es
war so gesehen nicht schlecht, sich mit jemanden unterhalten zu können. So merkte sie nicht, daß Ina
in Wahrheit das Gespräch aus purer Heimtücke angefangen hatte und sich von niederen
Beweggründen leiten ließ. Geschickt wie ein Seemann mit langen Jahren Erfahrung sein Schiff, so steuerte sie das Gespräch um sämtliche Klippen und Untiefen herum, wobei sie das Ziel im Auge behielt.
Schließlich machte sie sich daran, den Hafen anzulaufen. Sie hatte mit einer unverbindlichen Plauderei
über alles und nichts angefangen, war dann zur augenblicklichen Vorbereitung gekommen, und wohin
diese wohl führen würde, hatte die Qualität der gegnerischen Jagdpiloten angelegentlich tangiert und
war dann zielstrebig zu einer vergleichenden Betrachtung der eigenen Piloten übergegangen. Und hier
lag auch ihr Ziel: „Habt ihr gehört? Sie haben Ace einen neuen Flügelmann zugeteilt, will sagen, der
Junge wird Flightleader. Sein Kindchen ist irgend so ein Schwarzer, frisch aus dem Busch, ich meine
von der Akademie. Offenbar – nach dem, was ich gehört habe – so ein ganz scharfer Bursche, der es
gar nicht abwarten kann, seinen ersten Kampf zu erleben. Offenbar soll Blauhaar auf ihn aufpassen...“
Erst jetzt begann Huntress zu schwanen, was die Absicht der anderen Pilotin gewesen war. Ihr...
Kontakt...mit Ace war offenbar an Bord des Schiffes bekannt. Und wenn sie jetzt das leichte Lächeln
begutachtete, daß um Inas Mundwinkel spielte, dann war ihr klar, was die mit ihrer Frage
beabsichtigte.
Aber es war Lilja, die reagiert: „ACE? Also dann können sie ihren Neuling auch gleich aus der
Luftschleuse schmeißen. Wenn Blauhaar auf ihn aufpassen soll, muß ja jemand den Neger
VERDAMMT hassen!“ Huntress setzte zu einem Einwurf an, und verharrte. Aha, daher wehte also der
Wind. Sie konnte förmlich spüren, wie Ina auf eine Entgegnung lauerte. Die Pilotin schien nicht
unbedingt boshaft, aber andererseits...
Innerlich lachte Huntress beinahe anerkennend. Geschickt eingefädelt das Ganze. Vermutlich von Ina
alleine, aber sicher konnte man sich nicht sein. Aber warum sollte sie nicht mitspielen. Sie gab ihrer
Stimme einen gönnerhaften Ton: „Na, so schlecht wird er nun wieder auch nicht sein. Schließlich wird
sich sein Commander was dabei gedacht haben, und es heißt ja, Ace hätte schon ein Gefecht mit dem
Roten überstanden."“Lilja verzog das Gesicht: "„Ich sage nicht, daß Ace nicht fliegen kann. Er ist gut,
verhältnismäßig. Bestimmt nicht der Beste, bei weitem nicht – aber gut ist er. Es geht hier auch nicht
darum, ob er gut kämpfen kann. Es geht darum, ob er einen Flightleader abgibt. Und DER Posten paßt
zu ihm, wie der Sattel zur Kuh!“
„Wieso? Ist er so schlimm?“
Lilja holte Luft. Offenbar hatte sie die Rede schon parat gehabt – aber sie war mit dem Herzen bei der Sache: „Für HERR Davis ist der Krieg doch nichts als ein besseres Sportereignis! Eine Leinwand, auf der Cliff ,Ace‘ Davis sich selber bewundern kann, in Farbe, Überlebensgröße und mit Fanfarenklang! Mit dieser Einstellung wird man vielleicht zum Helden, aber wenn man Leute führt, kann man sie auch gleich ERSCHIEßEN.“
Sie schüttelte den Kopf: „Erstens – seine ungesunde Einstellung zu den Akarii. Für ihn ist der Krieg hier wie eine Art Wettkampf. Du mußt den Gegner k.o. schlagen, ohne selber eine verpaßt zu bekommen. Anschließend kannst du ihm durchaus die Hand geben. Dieser SCHWACHKOPF hat sich beinahe mit einem Akarii angefreundet, den er verhören sollte. ANGEFREUNDET. Mit einem von DENEN! Er kapiert es einfach nicht, daß wir nicht hier sind, um Akariischiffe zu verschrotten, oder um den verdammten Echsen zu zeigen, daß wir auch kämpfen können! Wir sind hier, um sie zu VERNICHTEN! Wir sollen den Gegner nicht einfach k.o. prügeln, oder ihm ein paar Zähne ausschlagen! Wir müssen ihm das Genick brechen, damit er nie mehr kämpfen kann! Wer das nicht kapiert, wer den Krieg nicht kapiert, der ist als Kommandeur ungeeignet!
Zweitens – seine maßlose Selbstüberschätzung. ACE, DER SUPERPILOT, macht natürlich, was er für richtig hält. Mit den Sachen, die er sich leistett, kommt er vielleicht selber durch. Aber nicht mit einem Frischling im Schlepptau, der noch nicht EINMAL unter Beschuß gestanden hat! Der Typ denkt doch – beide denken sie es – daß es so was wie Angst kaum gibt! Blauhaar hat die Erfahrung, aber der Neger hat sie nicht! Und wenn er Schwäche zeigt – im ersten Kampf ist das keine Schande, das kann jedem passieren. Feigheit beim ersten Feindkontakt gibt es nicht. Aber wird unser großer Held damit rechnen, daß sein Kamerad ja nur ein sterblicher Mensch ist, und vielleicht die Hosen voll hat?
Und Drittens – seine charakterlichen Mängel. Ace hält sich für den Größten. Der Rest der Menschheit ist – bis auf einige wenige – da, um ihn zu bewundern. Sie dürfen ihm sagen, wie toll er doch ist, und er darf sich selbst beweisen, wie überlegen er diesen niederen Wesen doch ist. Ihm ist es egal, was das den anderen bedeutet und ob er ihnen damit vielleicht weh tut. Er kennt nur seine Wahrheit, und er überlegt nicht, bevor er was sagt! Wenn er den Neulinge in seine Obhut nimmt, dann haben wir bald zwei Arschlöcher und Angeber. Tolle Aussichten für den Jungen!“
Das alles wurde mit dem Brustton der Überzeugung vorgebracht. Und wenn man Liljas Gesichtsausdruck betrachtete, konnte man sich wundern, daß sie und Ace sich noch nicht geprügelt hatten. Huntress erinnerte sich, daß jemand ihr gesagt hatte, Ace hätte auch versucht, bei Lilja zu landen. Sie kicherte innerlich. Da dürfte es dem Jungen wirklich leichter fallen, den Roten Baron abzuschießen. „Also, so einem schlimmen Eindruck hatte ich bisher nicht von ihm.“ Ina mischte sich prompt ein: „Na, vielleicht zeigt er sich manchmal eben von seiner besseren Seite“ feixte sie. Sie zwinkerte Huntress zu.
Lilja schien pikiert: „Herr Davis kann mir mit allen seinen Seiten gestohlen bleiben! Ich sage, ihm einen Neuling zu übergeben ist eine Schnapsidee. Der braucht eher jemanden, der auf IHN aufpaßt!“ Sie stand auf: „Commander.“ Dann drehte sie sich um und ging.
Huntress blickte ihr nach: „Ist die immer so?“ Ina grinste: „An ihren besseren Tagen.“ Sie lachte aufgeräumt: „Aber sie trägt ihr Herz auf der Zunge...“ Dann nickte sie Huntress zu und stand selber auf: „Nun, Volkes Stimme – wahre Stimme...“ sie zwinkerte der Staffelführerin erneut zu, während sie Lilja folgte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:00
Training

In den Tagen nach der Besprechung an Bord der Perseus-Station intensivierten Mithel und seine
Offiziere die Ausbildung noch einmal. Die Besatzungsmitglieder wurden bis an die Grenze getrieben,
teilweise wohl auch darüber hinaus. Simulierte Notfälle, Schießübungen, Manöverflüge, Enterabwehr,
Dienst in einer anderen Abteilung als sonst – man ließ nichts aus. Der Captain war unermüdlich
unterwegs, überwachte die Mannschaft, trieb an, rügte und lobte je nach Leistung. Vermutlich haßten
ihn die meisten Besatzungsmitglieder zumindest hin und wieder, etwa, wenn er sie mitten in der Nacht
aus den Kojen scheuchte, nach einem harten Tag voller Arbeit. Aber gleichzeitig impfte der Captain
ihnen auch einen Stolz auf ihr Schiff und ihre Waffengattung ein. Und die wenigsten waren dagegen
immun, wenn er sich doch einmal zu einem Lob herabließ.
Vor allem aber – und das gestanden ihm auch viele seiner Kritiker zu – schonte Mithel weder sich
selbst noch seine Offiziere. Zwar mußten die nicht damit rechnen, heute Schadenskontrolle zu üben
und morgen – oder noch am selben Tag – Schießübungen durchzuführen oder im Maschinenraum
Hilfsdienste zu leisten. Aber dafür wurde erwartet, daß sie sich bis zum Letzten mit ihren Aufgaben
vertraut machten und ihre Station auf Vordermann brachten. Und Mithel selber studierte in jeder freien
Minute die Aufzeichnungen über frühere Geleitzugsschlachten. Ob es um Angriffe von Piraten ging,
um Kriege auf Terra oder um richtige Raumgefechte, er und der engere Führungsstab machten sich
damit vertraut, welche Methoden ein Angreifer nutzte, um einen Geleit zu zerschlagen, welche Schiffe
normalerweise ein Geleit schützten und wie sie agierten.
Die Parameter und Signaturen der wichtigsten Begleitschiffe der Akarii mußten die Offiziere
auswendig lernen. Im Gefecht mußte man sofort in der Lage sein, mit dem Codenamen eines
feindlichen Schiffes die Bewaffnung und das Gefahrenpotential eines Gegners zu identifizieren. Man
mußte quasi ein „Bild“ im Kopf haben, um schnell und richtig zu reagieren. Mithel ließ taktische
Manöver abhalten, um verschiedene Varianten der Schlacht durchzuspielen. Er versuchte – soweit es
sich einrichten ließ – die Kommandeure der anderen Schiffe kennenzulernen. Er wollte wissen, mit
wem er es zu tun haben würde. Leider würden sie nicht die Zeit haben, gründliche Übungen
durchzuführen. Aber da ließ sich eben nichts machen.
Captain Gonzales und die Kommandeure der Zerstörer Harrison Flint, Paul Reinhard, Prince of Wales
und Sao Paulo lernten Mithel jedenfalls gut kennen – nicht unbedingt ein Vergnügen. Man arbeitete
zusammen, nach bestem Wissen und Gewissen, das hieß aber noch lange nicht, daß man einander
mochte. Besonders gegenüber dem Captain der Dauntless hatte Mithel offenbar eine gewisse
Abneigung, umgedreht war es freilich nicht anders. Während der Kommandeur der Relentless der
Meinung war, Gonzales sei zu schnell zu hoch aufgestiegen und überdies nicht eben eine Zierde des
Offizierskorps, hielt andererseits dieser Mithel für einen Pedanten und Leuteschinder. Daß in beiden
Ansichten ein Körnchen Wahrheit steckte, machte die Sache nicht gerade besser. Mit den
Zerstörerkommandeuren und mit Captain Jonathan Ward von der Gallileo, dem Kommandeur der
Kampfgruppe, kam Mithel besser klar. Entgegen gewisser Unkenrufe war er kein direkter Feind von
Trägerkommandeuren – er verabscheute nur den Rummel, den man in der Öffentlichkeit um die
Piloten machte. Deshalb hatte er sogar eine recht gute Beziehung zu einigen Trägeroffizieren, denn
nicht wenige knirschten innerlich mit den Zähnen, wenn die Geschwaderchefs – technisch gesehen
ihre Untergebenen – den Ruhm einheimsten, wie es nicht selten geschah.
Der Kommandeur der Relentless hatte sich schnell ein Bild des Trägerkommandanten verschafft und
entschieden, daß es wenig sinnvoll war, hier zu versuchen seine Linie durchzudrücken. Er schätzte die
Art Wards nicht unbedingt – der war ihm zu vorsichtig. Nicht, daß Mithel die Angewohnheit hatte,
ohne zu überlegen loszustürmen. Aber im Gefecht gewann oft der, der schnell und hart zuschlug, den
Gegner überraschte. Aber Captain Ward galt als autoritär – ein merkwürdiger Kontrast zu seinem
Verhalten gegenüber dem Gegner, wie seine Kritiker spöttelten. Aber Mithel hatte sich entschlossen,
den Kooperationsbereiten zu spielen, um vielleicht doch etwas Einfluß ausüben zu können, indem er
sich als zweiter Mann des Verbandes etablierte. Immerhin hatte er reichliche Erfahrung in
Flottentaktik und kommandierte ein kampfstarkes Schiff – beides konnte man von Gonzales nicht
unbedingt sagen. Captain Ward war deshalb recht zufrieden, Mithel an seiner Seite zu wissen. Vor
allem, da dieser eben keinen Zweifel daran ließ, daß er Wards Führungsrolle nicht einmal im
entferntesten in Frage stellte. Jedenfalls im Augenblick. So etwas war nicht immer selbstverständlich,
wenn eine Kampfgruppe aus mehreren Großschiffen bestand, die alle von Captains befehligt wurden.
Auch wenn offiziell Klarheit herrschte, so waren interne Machtkämpfe selbst im Krieg nicht völlig
abzustellen. Und bei manchem Schiff wachten Argusaugen, ob der Kommandeur einen Fehler machte.
Mithel allerdings dachte in dieser Hinsicht pragmatisch. Er hatte durchaus Ambitionen und stand
Leuten nahe, die mit der Flotte und aus der Flotte Politik gemacht hatten. Er war der Meinung, daß
nichts erfolgreicher sei als der Erfolg, und er achtete schon darauf, daß NACH der Schlacht sein Licht
nicht unter den Scheffel gestellt wurde.

Augenblicklich jedenfalls vertiefte er sich emsig in die Lektüre verflossener Geleitzugsschlachten, die
anderen Kommandeure hielten es kaum anders. Leider gaben die Archive dazu nicht übermäßig viel
her. Zu finden war einiges über Piratenangriffe und ähnliche Zwischenfälle, aber keine umfassende
Studie über eine groß angelegte Kampagne dieser Art durch Raumstreitkräfte. Also konnte er nur die
Berichte von „Husar“ und anderen Operationen studieren. Und die Schlachten auf Terra. Hierbei
waren ihm unter anderem die Geleitgefechte im Terranischen Zweiten Weltkrieg von gewissem
Nutzen, denn Angriffe mit Flugzeugen und U-Booten hatten eine zwar ungenügende aber immerhin
vorhandene Ähnlichkeit mit dem dreidimensionalen Kämpfen im Weltraum. Dies war überhaupt einer
der Vorteile des Kampfes im Weltraum – der Gegner mußte in alle Richtungen sichern. Andererseits
war eine unbemerkte Annäherung schwer, oft unmöglich. Und es war leicht, Schwerpunkte bei der
Verteidigung zu bilden. Deshalb vertieften er und Captain Ward sich zusammen mit den anderen
Kommandeuren in Besprechungen über die optimale Vorgehensweise.
Sollte man sich auf die Frachter konzentrieren? Wenige Salven der Kampfschiffe, selbst wenn die
Gallileo zurückblieb, genügten, um unzählige Frachter zu vernichten. Die Relentless konnte immerhin
30 Exocet-Raketen abfeuern, und die vier Zerstörer, zwei Schiffe der Norfolk- und zwei der
Duquesne-Klasse, brachten es auf nicht weniger als 12 Exocet und 16 Harpoon. So eine volle Breitseite
konnte verheerend wirken und ein gutes Dutzend oder mehr Frachter auf einmal zerstören.
Oder sollte man erst die Geleitschiffe ausschalten, um den eigenen Jägern gute Möglichkeiten zum
Schuß zu geben und Sorge zu tragen, daß man nicht selber zum Ziel wurde?
Es war freilich nicht sehr wahrscheinlich, daß man an den Konvoi auf Schußweite herankommen
würde, ohne bemerkt zu werden. Vermutlich würde der Feind einige Schiffe detachieren, um die
Angreifer abzufangen. Falls er zu dem Zeitpunkt noch Kapazitäten hatte. Der Optimalfall sah einen
konzentrierten Angriff aller Kampfverbände aus verschiedenen Richtungen vor. In diesem Fall –
gegen die Geschwader von drei Trägern, gegen sechs Kampfkreuzer und 12 Zerstörer verschiedener
Klassen – war damit zu rechnen, daß der Gegner kaum in der Lage seien würde, Schwerpunkte zu
bilden. Aber im Krieg lief oft eben nicht alles optimal. Man wußte nicht, ob der Aufmarsch klappen
würde. Und wie stark der Konvoi eskortiert wurde, konnte man nur raten. Es war ja kein simpler
Nachschubskonvoi von einem Planeten des Hinterlands zu einem anderen, dieser ging an die Front
und war für die Akarii von enormer Bedeutung. Auch wenn es keine Falle war – ein Umstand, den
man nicht ausschließen konnte – so war die Meldung der Redemption von zumindest einem
Flottenträger des Gegners in den rückwärtigen Gebieten alarmierend. Was, wenn der mit von der
Partie wäre?
Deshalb bereitete man sich darauf vor, sich den Weg freikämpfen zu müssen. Daß die Jäger den Job
allein erledigen würden, das hielt auch Ward für ausgeschlossen. Selbst wenn jede Maschine startete,
so konnte man nicht mehr als etwa vier Staffeln Bomber und ungefähr 10 Staffeln Jäger verschiedener
Typen losschicken. Selbst mit den neuen Werfersystemen für Jäger war dies zu wenig. Vor allem,
wenn man mit einer Eskorte von mindestens zwanzig Kampfschiffen verschiedener Größe und sechzig
bewaffneten Frachtern, davon sicherlich einige Hilfskreuzer, rechnete. Es WÜRDE zur Schlacht
kommen, und dann würde die Stunde der Kampfschiffe schlagen. Und man war entschlossen, sich
diese Chance nicht entgehen zu lassen. Der Wunsch nach Ruhm, Pflichtgefühl und Haß auf den Feind
sorgten dafür, daß die Kommandeure fest entschlossen waren, die Stunde zu nutzen. Was auch einer
der Gründe war, warum es Captain Gonzales nicht ganz leicht hatte. Mehr als einer der anderen
Kommandeure betrachtete die Dauntless mit geringer Begeisterung. Das Schiff war vor allem als
Flakkreuzer nützlich. So lange es noch nicht hundertprozentig einsatzbereit war – und das war es
offenbar noch nicht – wäre vielen wohl ein altgedienter Kreuzer lieber gewesen. Besonders die
angeblichen „Wunderwaffen“, die Langstreckenraketen, streikten ja am häufigsten. Und ohne die war
die Dauntless im Vergleich zu ihrer Größe nur ein geringer Gewinn. Selbst wenn ein Captain einfach
nur Pech hatte – der Ruf und die Wertschätzung, die sein Schiff genossen, färbten auch auf ihn ab.
Allerdings war Captain Ward alles andere als Wohl bei dem Gedanken, seinen Träger selber wie einen
Kreuzer einzusetzen oder auch nur die gesammte Deckungsgruppe für den Angriff zu detachieren.
Was, wenn die Akarii einen Gegenangriff starteten? Deshalb weigerte er sich, jetzt schon eine Taktik
zu definieren. Ob es Unsicherheit und kluge Vorsicht oder gar Feigheit war, konnten die anderen
Kommandeure natürlich nicht wissen - aber vermutlich machten sie sich ihre Gedanken.
Dennoch – sollte es hart auf hart kommen so kommen, so konnte sich Noltze auf die Kampfgruppe
Gallileo verlassen. Inoffiziell hatte Captain Ward die Kampfgruppe auf den Namen „Henry Morgan“
getauft, nach einem erfolgreichen Kaperkapitän der Erde. Und die Formation würde ihr Bestes geben.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:30
Captain Enrique E.E. Gonzalez sass mit seinem XO in seiner Kabine. Auch wenn er Turner nicht alles
sagen durfte, so hatte er hinreichende Andeutungen gemacht, um Turner an den Überlegungen
teilhaben zu lassen.
„Also, was denkst du?“
„Naja, zunächst bin ich mal froh, dass wir nicht bei der Redemption im Verband sind. Nicht, dass ich
abergläubisch wäre, aber wir haben beide erlebt, wie der Träger seine Eskorte verschleißt.“
Gonzalez nickte. Er mußte wieder einmal an den Opfergang denken, den sein Freund Orloff für die
Redemption getan hatte.
„Bei Captain Ward ist jedenfalls die Chance groß, dass wir den Feind nicht zu Gesicht bekommen,
wenn sein Ruf der Realität entspricht.“
„Ich hoffe nur, dass er nicht, um seinen eigenen Arsch zu retten, uns voran schickt.“ Gonzalez nickte wieder.
„Absolut richtig. Naja, im Zweifelsfalle wird er sich eher von den Kampfkreuzern trennen, denke ich.
Aber lassen wir das. Womit können wir rechnen?“
„Nunja, meiner Meinung nach werden Akarii eine solche Menge von Schiffen nicht ohne Eskorte
loslassen, schon gar nicht nach Husar. Allerdings wird das wohl nicht deren Topmaterial sein, sondern
kleinere Kampfschiffe älteren Datums. Dass die nicht ungefährlich sind, wissen wir. Mit Jägern rechne
ich eher weniger. Selbst wenn ein Träger dabei ist, werden dessen Jäger mit den drei Geschwadern der
Galileo, Redemption und Majestic genug zu tun haben. Selbst wenn wir großzügigerweise mit
Jägertendern in Form umgebauter Frachter rechnen, dann liegen wir bei sagen wir maximal zwei
Geschwadern, die sicherlich primär defensiv sind. Sprich: kaum Bomber.“
„Was alles für uns auf eine entspannte Runde hinauslaufen würde, wenn uns kein Dickschiff jagt,
welchem wir aufgrund unserer Geschwindigkeit weglaufen könnten. Vielleicht schickt uns Ward ja
voran, um die Jäger zu koordinieren. Auch wenn ich das nicht glaube. Clark würde es vielleicht
machen, Ward wird uns eher als Rückversicherung behalten wollen, um sich vor Bombern zu
schützen, während die Jäger angreifen.“
Turner nickte zustimmend. „Das würde ich auch so sehen. Natürlich kann auch der GAU eintreten.“
„Eine als Konvoi getarnte Trägerkampfgruppe mit Tenderunterstützung.“
„Richtig. Dann könnten wir locker von 6-10 Geschwadern ausgehen, die sich die Träger einzeln
vornehmen könnten.“
„Dann wären unsere Chancen gleich null, wenn wir nicht sofort abhauen. Denn zwei, drei Geschwader
überladen unsere AAA Fähigkeiten massiv. Zumal bei dem Zustand des SM2 Systems.“
„Jep. Zwar könnten die Jäger der Galileo in defensiver Rolle auch helfen, zumal unser Computer hier
als Multiplikator anzusehen ist...aber hiergegen spricht, dass die Piloten ein Leitsystem wie dieses
kaum kennen und schon oft genug mit den AWACS Shuttels ihre Probleme bekommen.“
„Ok, dann würde ich folgenden Vorschlag machen. Wir erarbeiten drei Szenarios aus. Best Case:
leichter Schutz durch Kreuzer und Zerstörer und leichter Jagdschutz im Bereich von 1-2 Geschwadern.
Middle Case: einige dickere Pötte, zwei Flottenträger mit voller Offensivschlagkraft und Jägertendern,
sprich 4 Geschwader gemischter Fähigkeiten. Worst Case, also der große Hinterhalt. 6-8 Träger plus
Unterstützung, 8-10 Geschwader ausschließlich von Frontkaliber. In diesem Falle ginge nur der
schnelle kämpfende Rückzug, sofern wir die Iniative haben. Ich halte das aber für eher
unwahrscheinlich, der Aufwand lohnt einfach nicht, um solche Verbände zu rupfen. Dann würde ich
eher einen solchen Verband gegen ein strategisches Ziel einsetzen und dort gebundene Kräfte
vernichten. Denn so weiß ich, dass ich nicht umsonst warte, was hier durchaus passieren kann.“
„Aye, Sir. Ich werde O’Keefe einige Simulationen durchlaufen lassen. Wenn wir die Orte und die
Zusammenstellung der Kräfte auf beiden Seiten modifizieren, sollten wir zudem mehr Gefühl für die
einzelnen Faktoren bekommen.“
„Gut, beziehe auch die anderen Stationen partiell mit ein. Ich will nicht, dass man denkt, wir würden
O’Keefe übermäßig bevorzugen, weil er auch von der Fisher kommt. Außerdem brauchen wir ein
eingespieltes Team.“
„Stimmt. Ich kümmere mich drum. War es das?“
„Nicht ganz. Ich habe für übermorgen eine letzte Übung mit scharfen Waffen angesetzt, wir dürfen
alle Werfer mal so richtig heißfeuern und das will ich auch nutzen. Also nochmal das SM2 System
checken, ich habe vor, es voll auszulasten, als wenn es um die Wurst ginge. Wäre blöd, wenn wir das
erst im Gefecht machen würden und dann neue Probleme auftauchen. Außerdem wollen wir ja sehen,
was die neue Verdrahtung der Flugkörper bringt. Wenn sie versagt, können wir die SM2 Bunker
eigentlich leeren und lieber Amraams mitnehmen, die treffen wenigstens was.“
„Ich geb das an Martinez weiter.“ Martinez war der Spezialist für die Wartung des SM2 Systems. Als
einer der Militärtechniker, der dem Lieferanten Textron Industries bei der Entwicklung und Erprobung
geholfen hatten, war er einer der wenigen Navyangehörigen, die über mehr Erfahrung mit dem System
verfügte als der Rest, der nur die normale Einführung erhalten hatte. Martinez war es auch gewesen,
der den letzten Fehler gefunden und eine Lösung vorgeschlagen hatte. Sollte alles klappen, hatte
Gonzalez vor, eine Belobigung und eventuell eine Beförderung zum Petty Officer 2nd Class
vorzuschlagen. Leider würde Martinez wohl nach der Fahrt als Ausbilder für das System das Schiff
verlassen. Trippel E hoffte, dass bis dahin der Rest der Besatzung genug Erfahrung mit dem System
sammeln konnte.
„Danke, Warren.“

Nachdem sein XO und Freund seine Kabine verlassen hatte, besah sich Gonzalez nochmal die
Sternenkarten und ihm wurde wiedereinmal klar, dass die Operation sehr vom guten Timing der drei
Gruppen abhing. Kamen sie versetzt an, würde selbst ein unterlegener Feind hohe Verluste
verursachen. Dann überprüfte er die Zusammenstellung des Galileo Verbandes. Ein Kampfkeuzer war
nicht gerade viel und ob die Bomber des Trägers angreifende Dickschiffe so schnell abfangen konnten,
war keineswegs sichergestellt. Andererseits erschien es ihm nicht klug, wie die Kavallerie auf die
Transporter loszugehen. Auch die Akarii konnten im Nebel Träger oder Großkampfschiffe verstecken.
Man mußte Mithel, auf dessen Mist nach Gonzalez diese Idee gewachsen war, zwar zugestehen, dass
er Mumm hatte. Aber ob es nicht sinnvoller war, langsam und methodisch mit mehreren Wellen die
Transporter durch Bomber und Jäger zu vernichten, die Frage stellte er sich häufiger. Das war
schließlich der Sinn eines Trägerverbandes. Kampfkraft durch die Jäger projizieren, ohne selbst so
schnell in die Schusslinie zu geraten.
Immerhin war gegen leichtgepanzertere Transporter auch der Einsatz der SM2 denkbar, wohingegen
die Exocets schon fast Overkill waren.
Was Gonzalez aber noch mehr Sorgen machte, war die Tatsache, dass in der Kampfgruppe
offensichtlich jeder versuchte, seine eigene Politik zu machen. Das war ihm zwar grundsätzlich nicht
fremd, aber bei solch einem Einsatz konnte das ganz schnell böse enden. Angewidert warf er den Stift,
den er in der Hand hatte, auf seinen Schreibtisch und ging auf die Brücke.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:30
Murphy trat wie schon so oft vor die Staffel. Nur dass diesmal einige neue Gesichter dabei waren. Er nickte Thunder zu, die am Ausgang des Bereitschaftsraumes stand. Shukova schloss die Tür ab, so dass kein ungebetener Gast hineinkommen konnte. Dann trat sie nach vorne und setzte sich in die erste Reihe.

Murphy sah sich um und sah, dass er offensichtlich die volle Aufmerksamkeit aller genoß.
„Ladies und Gentlemen...willkommen zur ersten Besprechung in der neuen Zusammensetzung. Bevor ich die Zusammenstellung der einzelnen Flights noch mal durchgehe, möchte ich ein paar grundsätzliche Worte an Sie richten. Die alten Hasen werden teilweise den Inhalt schon kennen, aber trotzdem möchte ich diese Gelegenheit nutzen, meine grundsätzlichen Prinzipien hier zu verdeutlichen.
Als erstes möchte ich noch mal vor Augen führen, dass wir da draußen nur unser Ziel erreichen werden, wenn wir zusammenarbeiten. Vor allem, wenn wir auch wieder heil zurückkommen wollen. Insofern sollten Sie aufhören, den besten Piloten danach zu messen, wie viele Abschüsse er erzielt und danach schauen, welche Staffel als Gemeinschaft die geringste Verlustrate und die höchste Effizienz aufweist. Auch hier am Bord gibt es einige Individuen, die sich für etwas Besseres halten. Ich möchte Ihnen anraten, solchen Leuten gegenüber skeptisch gegenüber zu treten. Weiterhin erwarte ich, dass meine Piloten sich auch außerhalb des Jägers sich benehmen, wie es sich für einen Offizier gehört. Ich hoffe, das ist klar. Seien Sie versichert, dass ich alle Schritte einleiten werde, die erforderlich sein sollte, die Disziplin in dieser Einheit aufrechtzuhalten.“
Er sah, wie die meisten Anwesenden nickten, als er sich nacheinander ansah. Offensichtlich war die Nachricht angekommen.
„Gut, da das nun geregelt ist, kommen wir zum nächsten Bereich. Wie Sie alle wissen, haben wir für die letzte Mission den Fronttest für die Hydras durchgeführt. Wir haben nun Serienmodelle bekommen, die zuverlässiger arbeiten sollen. Ich möchte Sie alle auffordern, sich weiter mit dem System vertraut zu machen. Ich habe Andeutungen aus den Stäben vernommen dass wir möglicherweise in Situationen geraten werden, wo wir das Waffensystem ausgiebig nutzen werden. Das sind kein der üblichen Buschtrommelgerüchte...und wenn jemand von Ihnen davon außerhalb dieses Raumes redet, schnalle ich ihn auf die nächste Sparrow, die ich abschieße...
Außerdem werden wir nun in einen Übungszyklus übergehen, der dafür sorgen wird, dass Sie nur aus den Simulatoren herauskommen werden, um in die Jäger zu steigen. Nutzen Sie also die Pausen, die sie trotzdem haben werden. Landurlaub ist daher ab morgen früh gestrichen. Sie haben also nur noch heute abend für Besorgungen und eventuelle andere Aktivitäten. Ich erwarte, dass Sie morgen um 0900 auf dem Simulatordeck nüchtern und ohne Beschwerden antreten. Jeder, der den Simulator vollreihert, bekommt Putzdienst bis zu jüngsten Gericht.
Die Übungen werden zunächst darauf angelegt sein, die Interaktion der Flights und Rotten zu verbessern. Ich kann Ihnen nur den Tip geben, Ihren Flügelmann oder Ihre Flügelfrau so gut wie möglich auch außerhalb des Flugdienstes kennenzulernen, jede Nuance, die sie erkennen, wird Ihnen draußen helfen. Und glauben Sie mir, das werden Sie brauchen, die Akarii sind keine Tontauben, sondern sehr gefährliche Gegner.
Stichwort Akarii. Ich erwarte, dass Sie die Doktrinen zum Angriff auf Flottenverbände jeder Art wiederholen. Das Desaster von Troffen, wo der Zerstörer geflitzt ist, darf nicht noch mal passieren. Von erheblicher Relevanz sind auch alle Erkenntnisse, die wir von den Jägern und Großschiffen der Akarii haben. Lieutenant Shukova wird Ihnen nach der Besprechung Datenträger aushändigen, die streng vertraulich sind, und genau diese Erkenntnisse enthalten. Schließen Sie diese in ihre persönlichen Safes ein, wenn Sie nicht gerade mit dem Material arbeiten. Ich erwarte, dass alles, was ich an theoretischem Material erwähnt habe, beim Auslaufen sitzt. Wer im Abschlusstest keine 80 % erreicht, bekommt Sonderdienst, wer weniger als 60 % erreicht, dem zieh ich die Flugerlaubnis solange ein, bis er bei einem Test 80 % erreicht.“
Murphy merkte, wie seine Piloten ihr Unbehagen zu verbergen suchten. Innerlich grinste er. Mittlerweile machte es ihm richtig Spass, den harten Hund heraushängen zu lassen.
„Weiter im Text. Das gleiche gilt auch hinsichtlich der finalen Übungen. Nur dass Sie dort auch für die Fehlerquote des Flügelmannes haften. Sprich: wenn ihr Flügelmann versagt, dann versagen auch Sie.“
„Sir, gilt das auch für Sie und den XO?“ fragte Brawler grinsend.
„Nein, das ist das Privileg der Seniorität. Damit das aber für unsere Flügelleute nicht zu einfach wird, bekommen sie gesteigerte Aufmerksamkeit. Zudem ist es denkbar, dass ich ganz willkürlich deren Schwellenwerte anheben werde...“
Brawler grinste, nun aber, weil er offensichtlich Schadenfreude ob des Schicksals der armen Schweine empfand, die das zweifelhafte Vergnügen hatten, den beiden alten Hasen zugeteilt zu werden. Denn Thunder und Martell waren sicherlich Top Piloten, auch wenn ihre Abschussraten unspektakulär waren. Brawler hatte das als Flügelmann von Thunder ja selber zu spüren bekommen.
„Kommen wir zur mit mehr oder weniger viel Spannung erwarteten Einteilung der Flights und Rotten. Meine Wenigkeit wird auf der eins fliegen, das sollte wohl keinen überraschen. Mein Flügelmann wird Gladius sein. Ich hoffe, dass Sie sich Ihre Noten in der Ausbildung wohl verdient haben, denn schenken werde ich Ihnen nichts. Auf der drei ist Brawler, der sich um sein Patenkind Enigma kümmern darf. Ich bin mit dem Arrangement einverstanden, aber glauben Sie mir, wenn etwas schief geht, dann werden Sie eine ganz neue Seite von mir kennenlernen...und glauben Sie mir, das wollen Sie nicht.
Flight 2 wird von Thunder kommandiert. Hatchet wird Ihr Flügelmann. Es gilt auch hier: einmal aus der Reihe tanzen, und es hat sich ausgetanzt.“
Murphy sah den Filipino schlucken und merkte, dass die Botschaft angekommen war.
„Gut, Rotte zwei besteht aus Goose und Icepick. Flight 3 wird von Snake-Bite geführt. Tango geht hier an den Flügel. Und auf 11 und 12 sitzen dann Crimson und Wombat. Soweit dazu. Sind irgendwelche Fragen?“
„Sir, wann erfahren wir, wann es genau losgeht und vor allem was anliegt?“
„Ich habe noch kein genaues Datum, Snake-Bite. Aber ich rechne mit einigen Wochen. Rechnen Sie
aber damit, dass es was großes wird.“
„Sir, stimmen die Gerüchte, dass wir vor dem Ablegen noch neue Griphens bekommen? Einige Leute
in der Wartung haben so was erzählt.“
„Goose, wir wissen doch, wie die Buschtrommeln funktionieren. In diesem Fall hat man wohl aus einem routinemäßigen Upgrade ein neues Flugzeugmuster gemacht. Sprich: es wird ein weiteres Update der Software geben, die den Betrieb optimieren soll. Aber auch nicht mehr. Finden Sie sich ab, dass wir nie die neuesten Muster bekommen werden.“ Murphy grinste.
„Ok, das war es dann auch schon fast. Wie bereits gesagt. Dieses Briefing ist vertraulich. Der Inhalt darf vorerst nicht den Kreis der Anwesenden verlassen.“ Murphy nickte nocheinmal und trat vom Rednerpult. Daraufhin stand Shukova auf und leitete ihr Briefing bezüglich der weiteren Vorgehensweise bis zum Auslaufen an. Dies betraf insbesondere die Übungspläne. Murphy sah von seinem Stuhl an der Wand, wie die Gesichter der Piloten immer länger wurden. Ihm war bewusst, dass er seine Leute bis an die Grenze der körperlichen und psychischen Belastung treiben würde, möglicherweise sogar darüber hinaus. Aber er wusste auch, dass er dies tun musste, um zu verhindern, dass er allzu viele Briefe an die Verwandten schreiben musste, um den Tod des Sohnes, der Tochter oder des Ehepartners mitzuteilen. Denn tief in seinem Innersten hatte er ein wirklich schlechtes Gefühl hinsichtlich der nächsten Mission. Zu knapp war die Red das letzte Mal dem Teufel von der Schippe gesprungen. Nach einer knappen halben Stunde war das Briefing von Shukova ebenfalls beendet und die Piloten wurden nach Empfang der Dokumente entlassen. Shukova hingegen folgte Murphy in sein Büro, wo sie die Details der ersten Übung durchgingen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:32
Johnathan Ward stand vor dem Spiegel in seiner Kabine. Er trug die einfache Dienstuniform, die nur
die beiden Captainsrangabzeichen am Kragen und die goldene Pilotenschwinge über der linken
Brusttasche verzierten.
Seine Gäste - die Kommandanten der Begleitschiffe seines Trägers - warteten schon in der
reichgeschmückten Offziersmesse der Galileo.
Von seinem Ersten Offizier, der jeden der Captains persönlich in Empfang genommen hatte, wusste
Ward, dass diese in Galauniformen erschienen waren.
Mit allen Kampagnen- und Ordensbändern.
Von beiden besaß er nur leidlich wenig.
Die Flugschule hatte er als Draufgänger verlassen, als einer der Besten seines Jahrgangs. Doch all das Heldentum war beim ersten richtigen Raumkampf verflogen.
Piratenjagd. Mit ihren schnittigen und modernen Griphens waren die Piloten der TSN gegen eine
Bande zerlumpter Piraten angetreten, die ein paar ältere Phantome und noch viel ältere Mustangs besaßen.
Doch er hatte dem Tod ins Auge geblickt und dieser Anblick hatte sich tief in sein Gehirn eingebrannt. Seit diesem Tag hatte er versucht, so ehrenvoll wie möglich aus dem Cockpit zu kommen.
Hatte seinen Freunden erzählt, dass die Fliegerei nur ein Zwischenspiel war, und das er ein Kommando über einen Träger anstrebte.
Die kamen bei Antipirateneinsätzen nicht in die Schusslinie und wer hatte wirklich damit gerechnet, dass die verdammten Echsen wirklich mal einen Krieg beginnen würden?
So konnte er nur mit dem Raumdienstabzeichen, dem Raumkampfabzeichen und einigen Sportabzeichen aufwarten. Nicht mal mit dem begehrten Flying Cross.
Er entschied sich die Dienstuniform zu tragen und begab sich in die Messe.
Er entschuldigte sich peinlich berührt bei seinen Gästen, dass er zu spät war, aber sie wüssten ja, was es
hieß ein Schiff zu kommandieren.
In kameradschaftlichen Verständnis übersah man seine Unhöflichkeit in Dienstuniform zu erscheinen.
Der Abend wurde recht angenehm, hauptsächlich wurde Small Talk gehalten, wo es vor allem Captain
Peter Rice zu verdanken war, dass das frostige Verhalten zwischen Gonzales und Mithel nicht zu stark
auffiel.
Hauptsächlich wurden Erfahrungen über den Perisher ausgetauscht - jeder war der Ansicht, er habe es
damals am schwersten gehabt, seine Lehrer sein die strengsten gewesen.
Schließlich wechselte man aber zu Kriegserlebnisse über. Rice und zwei weitere Zerstörerkommandanten hatte bisher bei Perseus Wache geschoben.
Der vierte Lorenzo Garth war mit der Majestic draußen gewesen und erzählte von den wahnsinnigen
Husarenstücken, die Usher vollbracht hatte.
Ward berichtete von dem 'Pech' was seine Kampfgruppe bisher begleitet hatte und für eine sehr mäßig
vernichtete Tonnage gesorgt hatte.
Schließlich richteten sich die Augen auf Gonzales, man wollte etwas über die sagenumwogenen TRS
Vampir wissen...

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:32
Captain Gonzalez hatte nie viel für solche formellen Abende übrig gehabt. Auch wenn er sonst bei
jeder Gelegenheit seine Zigarren paffte, so mußte er es sich hier verbeißen, denn es würde auf seine
Besatzung zurückfallen und dass wollte er nicht riskieren oder verantworten. Als dann das Gespräch
auf die Redemption kam, merkte er, wie die Aufmerksam sich in seine Richtung richtete.
„Nun, Sie wollen wissen, ob die Geschichten stimmen, ob die Redemption wirklich ein Vampir ist. Ich
muss gestehen, dass ein Körnchen Wahrheit in diesem Ruf steckt, wenn man sich den letzten Einsatz
ansieht. Wie Sie wissen war ich, bevor ich die Dauntless übernommen habe, Captain der Admiral
Fisher. Sie dürften auch wissen, dass die Fisher nun erstmal für 4-6 Monate in die Werft muss.“
Er sah, dass seine Kollegen nickten.
„Gut, dann will ich mal etwas weiter ausholen, damit sich jeder von Ihnen ein Bild machen kann,
anstatt auf Gerüchte und Halbwahrheiten angewiesen zu sein. Auftrag des Verbandes war der Angriff
auf einen Planeten der Akari namens Troffen. Da das Ziel nur untergeordnete Bedeutung hatte,
bestand die Flotte dort aus einer kleineren Gruppe Zerstörern und den Jägern, die auf der Raumstation
stationiert waren. Jedenfalls gelang es uns, unbemerkt zum Ziel zu kommen, wobei wir beinahe von
einem Nomad aufgespürt und verraten worden wären. Glücklicherweise konnten wir ihn vorher
abschießen. Im Zielsystem angekommen, trennten wir uns von der Flotte und wurden auf einen
vorgelagerten Posten geschickt, um zu verhindern, dass ein Feind entkommen und die Operationen des
ND verraten konnte. An sich rechneten wir nicht damit, viel vom Kampf zu sehen bekommen, denn
die Jäger der Redemption hätten mit allem spielend fertig werden müssen. Doch dann kam die
Meldung, dass einer der Zerstörer entkommen war. Zwar ein älteres Model, aber ein Zerstörer.
Offensichtlich hatte er sich mit Hilfe der Schwerkraft von Troffen der Angriffe der Jäger entziehen
können und nahm nun einen Kurs, der uns die Möglichkeit bot, ihn abzufangen. Ich will den Kampf mit
dem Zerstörer jetzt nicht im Detail schildern, aber es gelang uns, ihn von hinten zu packen und ihn
dann zu vernichten. Allerdings nur auf Kosten der kompletten Frontpanzerung und einiger
Waffensysteme. Hätte der Feind einen Moment länger durchgehalten...ich wüßte nicht, ob ich heute
hier mit Ihnen sitzen könnte.“
Gonzalez nahm eine Schluck Wasser, um die Kehle anzufeuchten. Dann sah er in die Runde und setzte
seine Erzählung fort.
„Jedenfalls wurden wir nach diesem Kampf zurück zur Red gerufen, wo wir nun in die Eskorte wieder
eingegliedert wurden. Aufgrund des Schadens wurden wir in den achteren Bereich der Redemption
beordert, so dass wir hier im Feuerschatten lagen. An den weiteren Operationen auf und über Troffen
waren wir nicht beteiligt, so dass wir einige notdürftige Feldreparaturen durchführen konnten.
Als wir dann abmarschierten wurden wir auf dem Rückweg von einem Trägerverband angegriffen, der
uns einen Großteil der Eskorte, darunter die Royal Oak kostete, weil die Jäger nicht rechtzeitig alle
Angriffswellen abfangen konnten. Die Abwehr der Kreuzer und Zerstörer ist schlichtwegs mit Zielen
überladen worden. Seltsamerweise brachen die Akarii dann den Angriff ab...sie hätten sicherlich noch
eine Welle oder zwei schicken können und dann wären wir alle draugegegangen, wenn das
Geschwader der Red keine Wunder vollbracht hätte. Naja, jedenfalls haben wir auch dies noch
überlebt. Als die Redemption sich dem Sprungpunkt näherte, fingen wir Signale von einem neuen sich
nähernden Verband auf, der aus zwei Kreuzern und zwei Zerstörern bestand. Commodore Clark befahl
daraufhin der Suffolk unter Captain Orloff und zwei Fregatten, darunter auch wir, den Feind lange
genug hinzuhalten, bis die Red gesprungen sei, danach konnten wir nachkommen. Um ehrlich zu sein,
ich hielt diesen Befehl für unser Todesurteil. Dann ging es Schlag auf Schlag. Kurz nachdem das
Gefecht losbrach, erhielten wir die Meldung, die Red sei gesprungen. Daraufhin befahl uns Orloff, uns
abzusetzen, während er den Feind aufhielt. Denn die Suffolk war bereits so beschädigt, dass ein
Entkommen unmöglich war. Die Sheridan, die zweite beteiligte Fregatte versuchte wie wir zu
entkommen, doch kurz bevor sie aus der Waffenreichweite der Akari kam, erhielt sie einen
Direkttreffer im Haupttriebwerk. Orloff hat die Suffolk direkt in einen Yankee gesteuert und diesen
mitgerissen...sonst hätten wir es nicht geschafft.
Im Endeffekt hatten wir also fast die komplette Eskorte verloren, während die Red kaum einen Kratzer
abbekommen hat...wenn man dies also betrachtet, dann ist ihr Ruf nicht ganz unbegründet.
Andererseits kann ich keinen groben Fehler im Handeln des Flottenkommandos erkennen und glauben
Sie mir, ich habe die Mission im Geiste schon oft nachexerziert. Gut, der Zerstörer hätte nicht
entkommen können, aber das waren wohl eher Fehler der Piloten, die übereifrig ihre Waffen gegen die
Station eingesetzt haben, anstatt die mobilen Einheiten zu bekämpfen. Ansonsten hätte man schneller
den Rückzug antreten müssen, aber so wie ich das verstanden habe, waren Clark da die Hände
gebunden aufgrund der Tatsache, dass der ND da die Kontrolle hatte. Und wir wissen ja alle, welche
Auswirkungen das haben kann.“
Gonzalez sah, dass die anderen Kommandanten ihm zugehört hatten und nun selber versuchten, die Aktionen nachzuvollziehen, um zu analysieren, welche Fehler gemacht wurden. Nachdem die ersten die Geschichte verarbeitet hatten, kamen noch weitere Nachfragen. Dankenswerterweise hielt sich Mithel bedeckt. Dann driftete das Gespräch wieder in andere Richtungen ab und Gonzalez war froh, dass er seine Ruhe hatte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:33
Eigentlich erschien es mir merkwürdig, auf der REDEMPTION eine dunkle Ecke aufzusuchen.
Zugegeben, an dunklen Ecken mangelte es dem Träger nicht. Aber dann in solch einer zu stehen hatte
etwas konspiratives, gehemnisvolles.
„Hast du es bekommen?“ wisperte eine leise Stimme.
Ich nickte und zog die schmale Schachtel aus meiner Hosentasche. Langsam reichte ich das leichte
Sedativ weiter.
Das Päckchen wurde mir aus der Hand gerissen und begutachtet. „Tausend Einheiten. Ja, das ist das
richtige. Danke, Ace. Was kriegst du dafür?“
„Dreißíg Real und zwei Minuten deiner Zeit.“
Ein leises Stöhnen antwortete mir. „Ist schon wieder Märchenstunde mit dem Meisterpiloten?“
Ich steckte die drei Scheine ohne nachzuzählen in die Tasche.
„Ich kenne meinen Ruf in der Einheit. Nun… Zumindest meinen Ruf der letzten zehn Minuten und er war grausig.
Hör mal, ich weiß, das ist nur ein leichtes Medikament. Aber es steht nicht auf der offiziellen Liste. Und das du dir so ein Zeug nicht direkt bei Schlachter Hamlin besorgt hast, spricht Bände.“
„Was willst du mir sagen? Das ich eher eine Therapie unter Doc Hamlin machen soll, mit Kontrolle meiner Blutwerte und Körperfunktionen? Mit Alouvera-Therapie und dergleichen?“
Ein hässliches Lachen klang auf. „Ace, was meinst du, warum ich dich gebeten habe, das Zeug schwarz zu besorgen? Ich KANN NICHT zu Doc Hamlin gehen. Ich kann nicht und ich darf nicht. Ich muss Leistung bringen. Und das werde ich auch.“
„Das verstehe ich. Aber… Wenn du merkst, es geht nicht mehr, dann kannst du jederzeit zu mir kommen. Wir denken dann zusammen über eine Lösung nach. Bitte.“
„Nanu, was ist das denn? Die sensible Seite des Meisterpiloten? Das sind ja ganz neue Töne“, kam die
spöttische Antwort.
„Ich meine es ernst“, erwiderte ich.
„Ich weiß. Aber ich muss mich erst daran gewöhnen. Gib mir Zeit, okay? Freundschaft ist ein Konzept, mit dem ich noch nicht vertraut bin.“
„Okay. Aber das Angebot steht. Du kannst jederzeit zu mir kommen.“
Ein Gedanke nur, und ich stand alleine in der Ecke. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. Er beinhaltete alles: Frustration, Erleichterung, Zorn, Verzweiflung und eine stille Freude.
Als meine Armbanduhr piepte und mich an meinen Termin auf dem Flightdeck erinnerte, merkte ich erst, dass ich mein Mittagessen verpasst hatte.

Auf dem Deck angekommen sah ich, wie Albert Mbane gerade seine Maschine bemalte. Es war die Phantom, in die ich umgestiegen war, nachdem ich über Troffen meine alte, schwer beschädigte Mühle verlassen hatte. Ein Wunder, dass mich niemand wegen dieser Entscheidung aufgezogen hatte. Ob Lone Wolf doch schützend seine Hand über mich hielt?
„Was wird das denn, Shaka?“ fragte ich und betrachtete die Airbrush-Arbeit.
Der Riese drehte sich um und grinste mich an. „Du hast mich gerade das Erste Mal mit meinem Callsign angeredet, Boß.“
Ich grinste. „Du bist jetzt ja auch ein Pilot, Shaka.“ Der Junge hatte sich in den letzten Wochen harten Trainings wirklich gemacht. Er klebte an meinem Flügel wie der Kartoffelbrei in der Kantine am Löffel und ergänzte mein Feuer zwar nach eigenem Willen, aber recht effektiv. Er lernte und wartete geduldig auf seine Chance. Ich dachte sogar schon darüber nach, einen Trackball für ihn zu beantragen. Immerhin war seine Abschlussklasse zumindest rudimentär auf dem Gerät geschult worden.
„Und?“ fragte ich und nickte auf die Zeichnung.
„Das ist ein Kriegsschild. Wenn meine Leute in den Krieg zogen, dann trugen sie Schild und Speer.
Ursprünglich war der Schild kleiner und der Speer wesentlich länger.
Erst Shaka Zulu ließ den Schild derart vergrößern, damit ein Man vor geworfenen Speeren geschützt
war. Und er ließ zwei Sorten Speere herstellen: Den Kurzen für den Nahkampf, vergleichbar mit dem
römischen Kurzschwert, und den langen, auch vergleichbar mit dem Langspeer er Römer.
Was wollte ich sagen? Also, der Schild wurde vom Krieger zur Abwehr benutzt. Und bevor ein
Krieger in die Schlacht zog, gestaltete er den Schild nach eigenen Vorstellungen. Um den Gegner
abzuwehren, um den Tod zu erschrecken, um die bösen Geister zurück zum Feind zu treiben. Dies ist
der Schild, wie er in meiner Familie weiter gegeben wurde. Generation für Generation, Krieger für
Krieger.
Das Original steht in meiner Kabine. Kannst ihn dir gerne mal ansehen, Ace.“
Ich grinste. „Später vielleicht. Komm, sitz auf, die Übung beginnt gleich.“

Zwanzig Minuten später befanden wir uns in einem simulierten Angriff auf die RED.
Darkness führte die Übung an, während Lone Wolf am Rande des Geschehens lauerte und die
Leistungen der einzelnen Staffeln bewertete.
Die Rote Staffel hatte in seinem Szenario den Durchbruch geschafft und versuchte nun, die Abwehr der RED bestehend aus der Blauen Staffel, zu knacken, um den Bombern den Durchmarsch zu ermöglichen.
Die RED, einer ihrer Begleitkreuzer und die Blaue Staffel waren in dieser Übung die Akarii und hatten
entsprechende Leistungsmerkmale vom SimCom bekommen.
„Okay, Angry Angels, gebt ihnen mal was zu futtern! Fox two!“ Darkness klang aufgelöst, beinahe
fröhlich, als er zwei Phönix auf die Reise schickte.
„Fox three“, bellte ich und schickte ein Zweierpack Amraams los.
„Fox two“, klang Shakas Stimme auf. Er hatte auch noch Phönix.
Die blaue Staffel ließ sich nicht lumpen und schickte uns ebenfalls einen Strom Raketen entgegen.
Zudem trat die Staffel bereits in die Reichweite des Kreuzers ein.
„Flight three räumt weiter auf. Flight two kümmert sich um die Jäger am Kreuzer. Flight one folgt mir.“
Wir verloren durch den Schusswechsel zwei Jäger. Obwohl, bei Radio war es vielleicht nur Lustlosigkeit. Die blaue Staffel büßte nur einen ein, aber zwei weitere wurden teils schwer beschädigt. Ohne Lone Wolf wurde es damit noch einmal schwerer für uns. Mit Shaka als Schatten stürzte ich dem Gegner entgegen. Die Typhoons kamen rasend schnell näher und stürzten sich in den Kurvenkampf.
Als wir die ersten Annäherungsschüsse ausgetauscht hatten und einander passierten, warf ich meine
Mühle in einen von Bein und schickte der Typhoon, die mich beschossen hatte, eine volle Ladung
hinterher. War das Huntress? Demolisher, Mercur? Egal.
Eine Rakete von Shaka knackte das Ding wie eine Konservendose. „Guter Schuß, Shaka“, lobte ich den Mann.
„Zwei von sechs Uhr, eins über Horizont.“ Die Antwort von Shaka kam kühl und professionell.
„Lösen…“, sagte ich gedehnt, „und angreifen, Shaka.“
Ein Freudenschrei antwortete mir. „Danke, Boß. Ich nehme den linken.“
Ich stürzte hinterher. Eine Rakete hängte sich an mein Heck. Ich stieß Täuschkörper aus, riß meine Phantom aus dem Kurs und hielt genau auf meinen Gegner zu. Hinter mir fiel die Amraam auf die Täuschung rein, während ich zwei Raketen und alle Werfer in die Seite meines Gegners versenkte. Glücklicherweise genau die Seite, welche von einer Amraam bereits beschädigt worden war. Ein guter Tag war das.
Und Shaka? Ich ließ ihn das erste Mal von der Leine, seit er vernünftig flog. Er schlug sich gut und lieferte sich einen erbitterten Kurvenkampf mit seinem Gegner.
„Brauchst du Hilfe? Bin schon fertig mit meinem.“
Die Antwort kam zögerlich, aber ernst. „Hilfe soll man nie ablehnen, Boß. Ich treibe ihn dir vor die Rohre.“
Ich ging in eine enge Kehre und zog die Phantom in Position. Wurde der Junge wirklich derart
vernünftig? Das erste, das richtige Gefecht würde darüber entscheiden.
„Bin bereit.“
„Spiel mit, sobald du Lust hast, Boß…“
Ich grinste. Tippte auf den Nachbrenner und half so, die Typhoon in die Zange zu nehmen. Oh ja, ein schöner Tag.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:34
Verantwortung

Lieutenant Commander Parker blickte auf die Uhr. ,Noch fünf Minuten...‘ dachte sie. Sie ließ ihren
Blick über die wenig einfallsreiche Inneneinrichtung des Konferenzraumes wandern. Tja,
Innovationen und militärischer Dienstbetrieb, das war eben selten vereinbar – sagten jedenfalls die
Unverbesserlichen. Ob es allerdings Unfähigkeit oder einfach die Konzentration auf real oder
vermeintlich wichtigere Dinge war, darüber ließ sich streiten.
Ihre Finger trommelten einen Rhythmus auf der Tischplatte. Ihre Entscheidung war gefallen, aber sie
hatte nicht alle Bedenken ausräumen können. Andererseits, absolute Sicherheit gab es leider nicht.
Und wenn man ihr nichts Besseres gab, dann mußte sie eben mit dem klarkommen, was sie hatte. Bald
würden die Mitglieder ihrer Staffel eintreffen, für große Überlegungen war keine Zeit mehr. IHRE
Staffel. Nun, wenn man es so nennen konnte. Von den elf Piloten, die ihr unterstellt worden waren, als
sie ihren Dienst auf der Redemption antrat, lebten drei nicht mehr. Zwei weitere waren schwer verletzt
worden, und niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob sie überhaupt wieder kampftauglich werden
würden. Innerlich schalt sie sich für diesen ziemlich herzlos wirkenden Gedanken. Wenn sie die
Wunden nur halbwegs gut auskurierten, dann war es egal, ob sie wieder in den Einsatz kommen
würden – sie hatten ihren Teil geleistet, und mehr als das. Sie seufzte leise: ,Du bist nun einmal Soldat
und denkst wie einer. Auch wenn das heißt, daß dich an Leuten vor allem die Fähigkeit interessiert,
andere zu töten.‘ Manchmal fragte sie sich selber, was der Krieg aus ihr gemacht hatte. Es gab Tage,
an denen sie sich müde fühlte, müde und alt. Wie ein Greisin im Körper einer jungen Frau. Aber
schnell rief sie sich wieder zur Ordnung: ,Nun häng‘ mal nicht dem Weltschmerz nach, Mädchen! Du
hast es bisher geschafft, du wirst es auch weiterhin schaffen! Und wenn es zwei oder drei,
meinetwegen auch zehn Jahre dauert, ich will verdammtnochmal das Ende dieses Krieges miterleben!
Und dann zur Hölle mit allem!‘ Es waren nicht so sehr die Kämpfe, die sie so „fertigmachten“. Es
waren die Briefe, die sie an die Familien der Toten schreiben mußte, der Tod von Kameraden in ihrer
und anderen Staffeln. Von den Piloten ihrer Klasse waren nicht wenige gefallen und verwundet
worden. Und immer wenn sie daran dachte, fragte sie sich unwillkürlich, wer der nächste seien würde.
Sie schüttelte den Kopf: ,Genug! Werd‘ mal nicht depressiv! Du tust, wofür du ausgebildet wurdest,
und bisher machst du deine Arbeit gut. Also weiter so! Dann hast du gute Chancen, deine Leute und
dich wenigstens halbwegs heil durchzubringen.‘ Sie nickte innerlich. Ja, das war die Antwort. Die
einzige. Einen anderen Weg gab es sowieso nicht.
Ihre Gedanken kehrten zum hier und jetzt zurück. Sie spürte es, die nächste Operation stand unmittelbar bevor. Bald würde es wieder hinausgehen, würde sie ihre Staffel ins Gefecht führen. Wenigstens hatte man die Einheit diesmal mit erfahrenen Piloten aufgefüllt. Sie hatte jetzt niemanden dabei, der nicht wenigstens ein paar Mal gegen den Feind geflogen war. Das konnte lebensrettend sein.
Parker hörte das Klopfen an der Tür, dann traten die ersten Piloten ein. Wie nicht anders zu erwarten, handelte es sich dabei um Ohka, Lilja und Imp. Ohka war pflichtbewußt bis in die Knochen, Lilja beinahe übertrieben diensteifrig – und Imp war vermutlich von ihr mitgeschleppt worden. Alle drei waren eine Minute zu früh da. Sie wies ihnen ihre Plätze zu. Kurz darauf kamen die anderen. Keine Sekunde zu früh oder zu spät. Schließlich waren alle versammelt – sogar Perkele kam nur geringfügig verspätet. Sie hatte sich inzwischen mehr oder weniger an ihn gewöhnt. Da sie selber nicht eben den Ruf einer übertriebenen Pedantin hatte, hatte der Finne es mit der Widerborstigkeit nicht übertrieben. Allerdings hatte sie ihm wegen der Beschwerden eines Marine-Offiziers schon einmal eine Strafe aufbrummen müssen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte er es mit „Großmut“ akzeptiert. Und da sie mit dieser Art Soldat Erfahrung hatte, versuchte sie erst gar nicht, ihn grundlegend zu bessern.
Ihr Blick umfaßte die Piloten. IHRE Piloten. Alle hatten sie Kampferfahrung. Und einige hatten sich
sogar in besonderem Maße ausgezeichnet. Das Flying Cross trug mehr als einer. Zwar würde die
Truppe nie als Vorzeigestaffel für einen Film taugen – dazu fehlte der strahlende Held – aber dazu
waren die Männer und Frauen ja auch nicht da. Ihre Pflicht, Akarii zu töten vollbrachten sie jedenfalls
mit wachsender Routine und teilweise nicht geringem Erfolg.
„Also, mal herhören!
Ich schätze, ihr alle habt schon gehört, daß die fetten Tage sich dem Ende nähern. Wird Zeit, daß es
mal wieder `rausgeht – angesichts eurer sich sicherlich leerenden Taschen. Ich hätte ja auch nichts
dagegen, den Rest des Krieges hier zu verbringen, aber so viel Glück haben wir nicht. Unser
,Fliegender Holländer‘ muß also wieder mal auslaufen.“
Die Gesichter der Piloten zeigten wenig Überraschung. Sie alle hatten damit gerechnet. Begeisterung
fehlte allerdings auch weitestgehend. Sie waren keine Neulinge – also lächelten sie nicht voller
Vorfreude, aber sie zeigten auch keine Angst.
„Nun, die Herren vom Flottenstab machen mal wieder ein Geheimnis aus der Mission – jedenfalls bis
jetzt. Aber da ,Husar‘ noch nicht abgeblasen ist, kann man wohl damit rechnen, daß es so weitergeht
wie bisher. Also eine Operation hinter den feindlichen Linien. Für uns alle nichts neues. Ich schätze,
sobald man sich überzeugt hat, daß keine Akarii in den Mülleimern und unter den Betten lauern, wird
man uns auch den Rest erzählen.
Ich will mir eine große Motivierungsrede sparen – die gibt es bekannter Weise in den Nachrichten
oder vom Geschwaderchef, das Dutzend billiger beziehungsweise als Gebrauchtwarenartikel.“ Sie sah
das Zucken um die Mundwinkel bei einigen ihrer Untergebenen – ihre Antipathie gegenüber Lone
Wolf war bekannt.
„Wir werden ganz einfach das tun, was unser Auftrag ist. Die Bedeutung unserer Mission und die
historisch epischen Dimensionen dieses Konfliktes entnehmen Sie bitte den Flottenhandbüchern oder
gleich aus ,Das blaue Band‘.“ Jetzt grinsten etliche Piloten ganz offen – insbesonders Perkele und Ina.
Ohka zeigte wieder mal keine Emotionen und Lilja auch nicht. Die beiden gehörten zu den
„Unverbesserlichen“, die den hehren Tönen noch etwas abgewinnen konnten, wenn auch aus
unterschiedlichen Gründen und nicht unbedingt auf die selbe Art und Weise.
„Ich will noch einmal betonen – denn bekannter Maßen hört der gemeine und der nicht so gemeine Pilot nichts lieber als Lob – daß ich stolz bin, eine Staffel wie die eure zu kommandieren. Ich bin stolz, so gute Untergebene zu haben – sogar Sie, Perkele – und ich bin stolz, auf diesem Träger zu dienen. Ich sehe es als eine große Verpflichtung, in dieser Flotte zu kämpfen. Leider bleibt bei all diesem Stolz für meinen Geschwaderchef keiner mehr übrig.“ Jetzt lachten die Piloten, sogar Lilja, Ohka und Blackhawk.
„In den letzten Wochen haben wir gelernt, zumindest im Manöver gut zusammenzuarbeiten. Ein
Manöver ist noch keine Schlacht, und wer wieder besseren Wissens gehofft hat, der Beginn der
Feindfahrt – und der dürfte bald anstehen – würde ein Ende der ganzen Übungen bedeuten, der kann
sich freuen, daß ihn seine innere Stimme nicht betrogen hat. Wir werden noch einen Zahn zulegen.
Wir müssen die taktische Zusammenarbeit noch verbessern, und Schießübungen haben außer den
Zielen und den Waffenwarten noch nie jemanden geschadet. Aber damit ich nicht alles alleine
organisieren muß, kommt hier die neue Strukturierung der Staffel.“
Ihre Ankündigung sorgte nicht unbedingt für Freude, aber eigentlich hatte man auch nichts anderes
erwartet. Übungen waren das A und O jeder Armee, und gerade als Pilot konnte man es sich nicht
leisten, auch nur ein bißchen einzurosten. Ein winziger Fehler konnte bei Start, Landung oder Gefecht
fatale Auswirkungen haben.
„Also, ich selber übernehme Sektion A. Bestehend aus Flight Eins mit Claw und meiner Wenigkeit
sowie Flight Zwei – Mace und Stormrider. Sektion B übernimmt Blackhawk, die Gruppe besteht aus
Flight Drei, Blackhawk und Imp, sowie dem vierten Flight, Ohka und Virago. Und dann wären da
noch Flight Fünf, Lilja und Perkele, sowie Flight Sechs, Harpy und Katana. Beide Flights bilden
Sektion C, die von Lilja geführt wird.
Und da ich gesehen habe, daß die anderen Staffelchefs so etwas auch haben und ich nicht einsehe, warum das bei mir anders seien sollte, bestimme ich auch gleich meine XO – Lilja, das werden Sie übernehmen.“

Dies sorgte doch für einige Überraschung. Weniger, daß man die Flights ein wenig durcheinander
gewirbelt hatte. Aber Lilja als XO – das rief nicht unbedingt Begeisterung hervor.
Imp und Perkele nahmen es gelassen. Der Finne stand sowieso schon unter ihrer Fuchtel, und Imp war mit Lilja befreundet. Ohka – nun, wenn man berücksichtigte, daß er der Russin zuerst vorgesetzt gewesen war, dann war es möglich, daß er ihre erneute Beförderung als Zurücksetzung betrachtete.
Allerdings würde er sich so etwas kaum anmerken lassen, es hätte wohl seinem Ehrenkodex widersprochen. Blackhawk war viel zu ausgeglichen, um irgendwelche Emotionen zu zeigen. Und bei all seiner Erfahrung, die eigentlich ihn für diesen Posten prädestinierte, wußte er wohl auch, daß es besser war, nicht gleich einen Staffelneuling zu verwenden. Die anderen...
Lilja war nicht unbedingt beliebt gewesen. Sie hatte etwas an sich, was die Leute auf Abstand hielt.
Ihre Leistungen waren natürlich durchaus positiv aufgenommen worden, so etwas kam ja auch der
Staffel zugute. Einen Bronzestern in der Einheit, das konnte nie schaden. Aber besonders in letzter
Zeit hatte es ihr gegenüber gewisse Animositäten gegeben. Parker war nicht ganz dahintergekommen,
was, aber es war offenbar nichts direkt strafbares.
Das war auch der Grund gewesen, warum sie lange geschwankt hatte. Lilja hatte einiges an sich, das
sie für den Posten empfahl. Abgesehen von Blackhawk und Lightning selber war sie die erfahrenste
Pilotin der Staffel. Sie kannte den Feind, war unermüdlich in ihrer Pflichtausübung und steckte ihre
ganze Energie in den Kampf. Sie hatte schon vor dem Krieg gedient und war deshalb in taktischer
Hinsicht versiert. Nichts deutete darauf hin, daß die Gefahr bestand, sie würde im Gefecht die
Übersicht verlieren. Sie befolgte Befehle gehorsam und scheute keine Arbeit. Und wer sich selbst so
rücksichtslos antrieb, der konnte auch andere auf Trab bringen. Außerdem gehörte sie zu der
Kategorie Piloten, die so etwas vor allem als Verpflichtung sahen und deshalb alles daran setzen
würden, der neuen Verantwortung gerecht zu werden. Nachlässigkeit war kaum zu befürchten.
Auf der anderen Seite stand einmal ihre isolierte Stellung. Sie eignete sich wenig als Vertrauensperson, war korrekt – die richte Nähe zu anderen kam bei ihr kaum auf. Und dann waren da in ihrer Akte einige Aspekte, die nicht hundertprozentig klar waren. Keine eindeutigen Bemerkungen, eher so eine Art Unterton, der ahnen ließ, daß sie einige Eigenheiten hatte. Offenbar nichts, was direkt greifbar war – oder zumindest nichts, was ihr alter Vorgesetzter als großesProblem gesehen hatte.
Lightning hatte da so ihre Vermutung, vor allem, da sie von einigen Kameraden von anderen Geschwadern Geschichten aus dritter Hand gehört hatte. Nicht über Lilja selber, aber gewisse Muster schienen vertraut.

Dennoch hatte sie sich entschieden, die „Eisprinzessin“ zu wählen. Sie ahnte, daß Lilja ihren Haß auf den Feind fokussierte, und so Angst, Verbitterung und Schmerz in eine Bahn lenkte, die den Verursacher dieser Gefühle traf. Vermutlich war es dieser Haß, der sie einige Sachen hatte durchhalten lassen, an denen andere gescheitert waren. Und das machte sie zu einer guten Soldatin. Ob sie in der Lage war, Menschen wirklich zu führen – als XO würde dies nur teilweise ihre Aufgabe sein – war damit natürlich noch nicht bewiesen. Aber sie konnte auf jeden Fall die auf sie zukommenden Pflichten übernehmen, davon war Parker überzeugt. Oder besser – sie redete sich ein, daß sie überzeugt war. Von den First Lieutenants war sie einfach der beste Kandidat, was Erfahrung und Leistung anging – berücksichtigte man, daß man der Staffel nicht einfach jemanden vor die Nase
setzen konnte, der für die meisten Piloten ein Fremder war.
Und sie brauchte Lilja. Ebenso, wie sie Blackhawk brauchte. Es war einfach notwendig, daß sie ein
paar erfahrene Untergebene hatte, auf die sie sich voll und ganz verlassen konnte und die die einzelnen
Sektionen, zur Not aber sogar die ganze Staffel führen konnten. Was man auch immer über Lilja sagen
mochte, ihr ging der Krieg – genauer gesagt ihre Rolle in diesem Krieg – über alles. Und sie würde in
dieser Hinsicht nie Nachlässigkeit oder Schwäche zeigen, dazu bedeutete ihr dieser Kampf zuviel.
Zumindest dabei war sich Lieutenant Commander Parker sicher. Und genau so jemanden konnte sie
brauchen. Vor allem, da sie sich nicht nur um ihre eigene Staffel kümmern mußte. Seit diese Neue,
diese Volkmer, das Kommando über die Blaue Staffel übernommen hatte, war Parker dazu
übergegangen, ihr gelegentlich über die Schulter zu schauen. Seit dem Tode Bergstroms hatte sie sich
für diese Staffel mitverantwortlich gefühlt, vielleicht, weil ihre Einheit zu spät gekommen war, um
noch etwas auszurichten. Die Neue gab sich Mühe, das war klar – aber das allein war möglicherweise
nicht genug. Und obwohl sie wußte, daß es weder ihre Aufgabe noch von der neuen
Staffelkommandantin unbedingt gerne gesehen war, bemühte sie sich, über Wohl und Wehe der
Schwesterstaffel zu wachen. Und das UND die Arbeit mit ihrer eigenen Einheit war wirklich eine
Menge zu tun – da war es ratsam, einen Teil der Arbeit auf verläßliche Untergebene zu verteilen. Und
sie rechnete Lilja in diese Kategorie.
Natürlich wurde Parkers Befehl nicht diskutiert. Wirklich substanzielles konnte keiner gegen Lilja
vorbringen – und andere Argumente waren wohl kaum für die Ohren eines Offiziers geeignet. Nicht
einmal einer so toleranten Offizierin wie Parker, die gegenüber ihren Leuten eher als Kamerad, denn
als Vorgesetzter auftrat.
Parker registrierte aufmerksam die Reaktionen. Nicht eben überschäumende Freude – aber es würde
schon gutgehen. „Also gut. Ich rate Ihnen, meine Damen und Herren, heute noch mal auszuschlafen.
Ab Morgen geht es wieder richtig los! Das wöchentliche Staffeltreffen bleibt übrigens in Kraft und“
sie grinste: „ich hoffe, daß jeder in die Staffelkasse einzahlt, um dem ganzen noch etwas mehr
Rückhalt zu geben. Ich werde mal eine Klingelbüchse in der Kantine aufstellen, und ich gehe davon,
daß ich sie bald wohlgefüllt wieder einkassieren kann. Das war es dann – weiteres folgt, wenn ich
etwas weiß. Ach ja – wer Gerüchte hört, ist verpflichtet, seine Kameraden zu informieren, und wehe,
ich höre es nicht als erstes. Und das ist ein Befehl.“ Mit diesen Worten scheuchte sie ihre
„Kinderchen“ hinaus. Bis auf Lilja.
Die Staffelkommandeurin wurde ernst. Ihre Untergebene zeigte nicht, was in ihr vorging. Lilja wirkte
gefaßt, ruhig, entschlossen: „Lieutenant Commander.“ Die Russin brach als erste das Schweigen: „Ich
danke Ihnen für Ihr Vertrauen.“ Parker musterte die jüngere Frau, die freilich eher wie eine
Gleichaltrige wirkte: „Ich bin sicher, Sie verdienen es. Ihre Aufgaben werden zunächst vor allem im
Bereich der Ausbildung liegen. Verbessern Sie die Zusammenarbeit innerhalb der Sektion, führen Sie
Simulatorübungen und werten Sie diese aus. Sie wissen, wie man so etwas macht – schließlich
kommen Sie ja auch mit Perkele klar. Später werden Sie mich dann hin und wieder bei Staffelübungen
ersetzen, wenn ich beschäftigt bin. Sie sind für Ihre Sektion verantwortlich, im Gefecht auch in
taktischer Hinsicht. Außerdem brauche ich wohl auch hin und wieder etwas Hilfe bei dem ganzen
Papierkram – wobei ich nicht vorhabe, Sie nur als Bürokraft zu verwenden. Aber Sie kennen ja wohl
die typischen Pflichten eines XO.“
„Jawohl, Lieutenant Commander!“
Parker zögerte, aber sie wußte,es war nötig: „Fühlen Sie sich der Aufgabe gewachsen? Oder haben Sie Bedenken?“
Lilja nahmreflexartig Haltung an: „Ich werde Sie nicht enttäuschen!“ Parker unterdrückte einen resignierenden
Seufzer – das war klar gewesen. Die Antwort der Mustersoldatin. Wenn es eine Antwort war. Aber
was hatte sie auch anders erwartet? Doch wohl genau das. Und sie ging auch davon aus, daß es
stimmte: „Gut. Kommen Sie heute Abend, gegen halb Neun, in mein Büro. Wir gehen die Einsatzpläne durch.“ Die Russin nahm Haltung an. Ihr Gruß hätte auch einem Admiral gelten können. Aber Parker erwiderte den Salut ernst. Sie wußte, es war gleichzeitig auch eine Art Schwur von Lilja. Die Pilotin war sich ihrer Verantwortung bewußt und war entschlossen, die Herausforderung zu meistern. Dann wirbelte Lilja herum und ging.
Parker wandte sich dem Computer zu. Dort waren verschiedene Einsatzbeschreibungen aufgelistet.
Angriffe auf Konvois, Abfangeinsätze, Eskortmissionen. Sie würde sich die Parameter genau
anschauen und dann für Übungen verwenden. Sie rieb sich die schmerzenden Augen. So viel Arbeit!
Ihre quälenden Gedanken waren vergessen – sie hatte etwas zu erledigen.

Lilja stapfte durch die Gänge, auf dem Weg zu ihrer Kabine. Eigentlich, das wußte sie, sollte sie jetzt
jubilieren. Der neue Posten bedeutete ganz klar, daß sie der negativen Eindruck, den ihr
Zusammenbruch vor ein paar Monaten hinterlassen hatte, inzwischen ausgeglichen war. Sie hatte sich
offenbar im Kampf bewährt und war in den Augen ihrer Vorgesetzten auch zu noch mehr fähig.
Aber unter der Oberfläche, die fast immer die kühle, selbstsichere Soldatin zeigte, das eiskalte Antlitz
der „Eisprinzessin“, unter dieser Oberfläche verbarg sich ihre Angst. Angst, erneut zu versagen, den
Anforderungen nicht gerecht zu werden. Fehler zu machen, die das Leben von Kameraden kosteten.
Und jetzt, wo ihre Verantwortung gestiegen war, würde ein Versagen noch schlimmere Folgen haben.
Abgesehen davon, daß auch die Schande eine größere wäre. Sie fürchtete natürlich den Tod, aber mehr
noch fürchtete sie, den Tod ihrer Untergebenen zu verschulden, selbst aber am Leben zu bleiben. Auch
wenn die Tage des Trainings mit Perkele geholfen hatten, ein wenig die Angst abzubauen –
überwunden hatte sie ihre Dämonen noch lange nicht. Sie hatte einerseits auf der letzten Feindfahrt
zwei Kameraden das Leben gerettet – aber nicht verhindern können, daß Kano zweimal übel
zusammengeschossen worden war. Würde sie sich jetzt als des Vertrauens von Lightning würdig
erweisen? Sie MUßTE es einfach schaffen!
Innerlich nickte sie grimmig. Sie würde in den kommenden Tagen bis zum Äußersten gehen. Auch
wenn das bedeutete, daß sie jeden Abend Schlaftabletten nehmen musste, um nicht von Alpträumen
gehetzt schluchzend aufzuwachen. Und jeden Morgen wieder andere Medikamente, um auf der Höhe
zu sein. Sie würde sich auf der Station einen Vorrat beschaffen – nicht an Bord des Schiffes. Hier
durfte es keiner erfahren. Sie würde NICHT, würde auf KEINEN Fall versagen!
Die Eisprinzessin hatte ihre Entscheidung getroffen. Erziehung und Überzeugung ließen ihr sowieso
kaum eine andere Wahl. Sie war Soldatin, und so lange der Feind nicht vernichtet war, hieß es eben,
die eigene Gesundheit zu riskieren. So oder so. Ihre großen Vorbilder hatten sich auch nicht geschont!
Die Heimat hatte ihr das Leben geschenkt, jetzt war es an der Zeit, das Konto etwas auszugleichen.
Wenigstens hatte sie in Ina eine Freundin, die ihr helfen würde. Die kommenden Tage und Wochen
würden von ihr das Letzte verlangen, aber sie würde es meistern.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:34
Die Kabine war in Dunkelheit gehüllt.
Einzig und allein der Flachbildschirm auf dem Schreibtisch spendete etwas Licht.
Leise dudelte aus den Lautsprechern Joan Beaz.
Einsatzdaten liefen über den Bildschirm. Lucas kannte sie schon beinahe auswendig. Seid dem
Ehrengericht und der Beerdigung von Brentstone hatte er sich so gut es ging zurückgezogen.
Mehrere Tage hatte er nur im Bett gelegen und die Decke angestarrt. Selbst Mel Ausons drängende
Kontaktversuche hatte er abgewiesen.
Die V-Mail seiner Mutter, in der sie über das High Society-Leben von Boston tratschte, war noch unbeantwortet.
Gebrochen oder nur besiegt?
Nur besiegt entschied Lucas und schaltete die Auflistung der taktischen Daten ab.
Ein Blick in den Spiegel sagte ihm, dass er furchtbar aussah.
"Eine Dusche würde dir gut tun mein Junge." Nach ein paar Augenblicken das Starrens setzte er diesen Gedanken in die Tat um.
Dreißig Minuten heißes Wasser, das über den Körper spült, können eine solche Wohltat sein.
Lebensgeister weckend, kraftschöpfend.
Eine Rasur und eine frische Uniform ließen ihn dann wieder als menschliches Wesen erscheinen.
Melissa, schoss es ihm durch den Kopf. Idiot, Idiot, Idiot.
Als er aus der Kabine stürmte wäre er in der Dunkelheit beinahe über einen der Sessel gestolpert.
Da er bei den anderen Piloten untergebracht war, musste er drei Decks höher.

Als Lucas in den Korridor einbog, der ihn zu Ausons Kabine brachte stand er auf einmal Yamashita gegenüber.
Die beiden blickten sich unverwandt an. Wut und Hass stiegen sofort in ihm auf.
Schließlich unterbrach Yamashita den Blickkontakt und versuchte sich an ihm vorbeizuschieben.
"Irgendwann werden Sie dafür noch mal bezahlen", zischte Lucas.
Sie blieb stehen und blickte zu ihm hoch: "Bevor oder nachdem Sie den kläglichen Rest Ihrer Karriere
das Klo runtergespült haben?"
Hoch erhobenen Hauptes ging Yamashita ihres Weges.
Lucas schoss ihr noch einen Blick hinterher, der tödlich hätte sein können, wandte sich um und ging
die letzten Meter zu Ausons Quartier.
Dreimal musste er klingeln, ehe sie aufmachte.
"Oh, Du", begrüßte Auson ihn verschlafen.
"Hab ich Dich etwas geweckt?"
"Ist schon okay, komm rein", sie schloss hinter ihm die Tür, "ist sogar ganz gut so, ich bin am Computer eingeschlafen. Morgen wäre für mich die Hölle gewesen."
"Du hast noch gearbeitet?"
"Ja, ich habe mir die Route noch mal angesehen. Der Asteroidengürtel wird die Hölle. Wahrscheinlich
müssen wir uns wahrscheinlich Stellenweise den Weg freischießen."
"Shit", Lucas setzte sich an ihren Schreibtisch und blickte sich die Diagramme auf dem Monitor. Er
kannte die Darstellung und war schon fieberhaft am Überlegen, ob man überhaupt einen Kampfpatrouille rausschicken sollte und wenn ja, WER sollte die fliegen?
"Du sagst es, möchtest du einen Kaffee?" sie ging zur Kaffeemaschine, die schon seid Stunden ununterbrochen Unmengen des schwarzen Goldes produzierte.
"Ja, gern." Doch Melissa hatte nicht auf seine Antwort gewartet und schon zwei Tassen eingeschenkt. Schwarz für sich selbst und mit drei Stück Zucker für Lucas.
Schwungvoll setzte sie sich auf seinen Schoß: "Und warum bist du nun gekommen?"
"Oh, nunja, mir ist - endlich - aufgefallen, dass ich dich vernachlässigt habe."
"Es war alles etwas viel für dich nicht?" Sie kuschelte sich an ihn.
"Yeah, diese verdammte Schlampe."
"Welche? Noltze oder die JAG?"
"Such's dir aus Mel, such's dir aus."
Sie küsste ihn auf die Stirn: "Morgen laufen wir aus und du kannst Deinen Frust an den Echsen auslassen."
Sie richtete sich auf und schaltete den Computer aus: "Sag mal Luke, bleibst du über Nacht?"
"Gern."

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:35
„Das war, gelinde gesagt Scheiße.“ Huntress sah auf ihre Piloten herab. „Was ist eure
Entschuldigung?“
„Wir haben Ace und Darkness abgeschossen“, wagte Foreigner einzuwenden. „Und wir haben den
Angriff der roten Staffel abgeschlagen.“
Die anderen Piloten murmelten zustimmend. Sie dachten wohl, nun bekämen sie Oberwasser.
„BULLSHIT!“, erinnerte sie Huntress an die Realität. „Vielleicht haben wir die rote Staffel abgewehrt. Vielleicht hatten wir wirklich nur fünf Maschinen und zwei Piloten Verluste, während der Gegner aufgerieben wurde.
Aber während die Herrschaften sich mit den Phantom rumgebalgt haben, ist Staffel Gold durchgebrochen und hat ein halbes Dutzend Mavericks im Leib der REDEMPTION versenkt. Im Klartext, wir hatten keinen Platz zum Landen mehr. Im Ernstfall wären wir also verloren gewesen.“
Betretene Stille senkte sich über den Briefingraum. Huntress nickte schwer. „Ja, das ist die Wahrheit. Gesteht sie euch nur ein. Wir haben schlicht und einfach versagt.
Wir sind die Blaue Staffel. Wir sind der Schutzschild der REDEMPTION. Wir sind dazu da, um dafür zu sorgen, dass solche Schweinereien wie voll geladene Deltas oder Bomber gar nicht erst bis zu unserem Träger vordringen können. Ich weiß nicht wie Ihr das seht, aber ich denke, als die Bomber in Reichweite kamen, hätten wir sie attackieren müssen. Das hätten auch Avenger sein können.“
„Aber“, wandte Elfwizard ein, „damit hätten wir die Rote Staffel doch geradezu eingeladen, uns ein
paar in unsere Sechs zu verpassen.“
„Und?“ Huntress setzte eine strenge Miene auf. „Das hätten wir in Kauf nehmen müssen.“
Erschrocken sprachen die Piloten durcheinander.
„Ich sage nur, wie es ist, Ladies. Wir sind die Staffel, die den Träger schützt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Träger, Ladies, ist nicht nur unsere Heimat. Er ist unsere Lebensversicherung. Er ist unsere einzige Fahrkarte nach Hause. Heute habe ich euch da draußen agieren lassen wie Ihr wollt. Morgen werde ich mir ein paar Stunden lang die guten Ratschläge von Lightning, Martell und Darkness anhören und euch an die Kandare
nehmen. Zwischen einer gegnerischen Atomrakete und der RED stehen nur wir.
Bestenfalls noch Lightning mit ihrer Staffel, aber darauf würde ich mich nicht verlassen. Versteht mich nicht falsch, eure fliegerischen Leistungen sowohl einzeln als auch im Team waren gut. Die besten Ergebnisse seit langem und weit über dem Trainingsdurchschnitt. Aber, Ladies, versteht endlich unsere Aufgabe. Und versteht endlich, wie wichtig sie ist. Wir werden das üben. Staffel weggetreten. Rapier und Demolisher bleiben bitte noch.“
Die Piloten standen auf. Die Jüngeren, die Küken frisch von der Akademie verließen den Raum recht
schnell. Wahrscheinlich, um draußen über ihren Kommandierenden Offizier herzuziehen. Die Kids
waren leicht zu durchschauen.
Die Älteren ließen sich Zeit. Einige dachten sogar über ihre Worte nach. Als sie mit Demolisher und Rapier allein war, ließ sie die mühsam aufrecht gehaltene zornige Maske fallen.
„Das war eine feine Arbeit, Leute. Rapier, Ihr Flight hat Ace aus diesem Universum geputzt. Respekt,
Respekt. Der Junge gilt als Komet.“
Annegret Lüding schien überrascht. „Sie sind doch nicht sauer, Commander?“
Huntress zwinkerte. „Geht schon in Ordnung. War eine gute Gelegenheit, den Kids die Prioritäten zu
erklären. Demolisher, dein Flight war auch nicht schlecht. Einfach so Darkness auzuknipsen. Hm. Der
hat gegen die Rote Echse gekämpft und überlebt.“
„Gegen zwei volle Raketenbreitseiten kommt er auch nicht an“, kommentierte der Pilot grinsend.
„Eigentlich schon“, gab Rapier zum Besten.
„Aber nicht, wenn sie aus zwei verschiedenen Richtungen kommen und er sich nur noch entscheiden
kann, in welche er lieber fliegt.“
„Wie dem auch sei“, unterbrach Huntress. „Das war die beste Staffelleistung seit langem. Vielleicht
die allerbeste. Wir haben den Kids gezeigt, wie man fliegt. Wir haben uns mit den Veteranen
zusammengerauft und gelernt im Team zu arbeiten.
Wir agieren nicht mehr wie einzelne Maschinen, wie einzelne Wings oder Flights. Wir sind eine
Staffel geworden.
Aber jetzt müssen wir noch einen Schritt weiter gehen. Wir müssen den Kids die Prioritäten
beibringen.“
Rapier keuchte auf. „Sie wollen den Kids doch nicht sagen, sie sollen sich opfern? Himmel, es gibt in
Lightnings Staffel diesen Japaner, der hat sich schon so oft geopfert, ein Wunder, dass er noch lebt.“
„Nein, Rapier. Wir sagen den Kids nicht, dass sie sich opfern müssen. Es würde nichts bringen.
Entweder würden sie es tun – und dann zu einem Zeitpunkt, der uns oder der RED nichts nützt – oder
sie würden es nicht tun und dem Untergang unseres Trägers zusehen.
Nein, wir werden ihnen in den nächsten Übungen ein paar Beispiele geben.
Natürlich nicht zu offensichtlich.
Ich habe vor, in der nächsten Übung durch ein Manöver zu fallen, indem ich mit meiner Typhoon eine
Atomrakete abschieße, selbst aber zu nahe an der Explosion bin.
Wir tarnen es als Test der Kommandokette.
Morgen bist du dann dran, Demolisher. Du fliegst in eine solche Rakete rein.
Und Sie sind auch noch an der Reihe, Rapier.“
Die Pilotin schüttelte trotzig den Kopf. „Das ist… Das ist doch nicht richtig. Okay, Sie haben Recht, wir brauchen den verdammten Träger. Aber können wir sie verliebt auf den Tod machen? Das ist schmutzig, Huntress. Irgendwie schmutzig.“
„Es ist ein schmutziger Krieg, Rapier“, erwiderte die Staffelchefin kühl. „Letztendlich haben wir keine
Macht darüber, ob und wann eine solche Situation eintrifft. Und wer dann einer solchen Rakete am
nahesten ist und durch sein Opfer das Schiff retten kann.
Aber wir können unseren Piloten beibringen, eine solche Situation zu beurteilen. Zu denken und dann zu handeln.“
„Falls Zeit zum denken bleibt“, warf Demolisher ein.
„Ja. Falls Zeit bleibt. Ich weiß, das sind harte Worte. Aber wir werden da draußen operieren, mitten im
Gebiet der Akarii. Uns erwarten Feindeinheiten in unbekannter Stärke, und ich will verdammt sein,
wenn noch was von unserer Angriffstruppe übrig bleibt, und sie keinen Träger vorfindet, auf dem sie
wieder aufmunitionieren und tanken könnte.
Auf der MARY war ich in einer Offensivstaffel. Ich habe nicht vor, meinen Job als Staffelchefin einer
Defensivstaffel schlechter zu machen. Helfen Sie mir, Rapier.“
„Sie haben Recht“, gab sich Annegret Lüding geschlagen. „Es ist ein schmutziger Krieg. Und es
sterben täglich gute Leute. Vielleicht macht es Sinn, wenn wir ihnen sagen, wann es sich lohnt zu
sterben. Obwohl ich mich für diesen Gedanken hasse.“
Huntress legte eine Hand auf die Schulter des Lieutenants. „Nicht nur Sie, Annegret.“
Rapier sah auf, blickte Huntress in die Augen. Schließlich nickte sie. „Langsam glaube ich, es ist ein
Glück, dass ich nicht Ihren Job habe, Huntress.“
„Vorsicht“, meinte diese und nahm ihre Hand mit einem Lächeln zurück, „als Dritte in der Rangfolge
könnte Ihnen das schneller passieren, als Ihnen lieb ist.“

Zwei Stunden später saß Juliane Volkmer in der Messe und wühlte lustlos auf ihrem Teller herum.
Warum meldete sich dieser Halunke nicht? Er hatte es doch gesagt, er sei nicht so einer.
Und sie Idiotin hatte entgegen aller Vernunft auch noch geglaubt, was er sagt. Oder stand ihr Rang
plötzlich zwischen ihnen?
Arh, warum machte sie sich überhaupt einen Kopf darum? Sie hatte Ace ausfragen wollen. Dass sie im
Bett gelandet waren, tja, Flugfehler passieren. Warum ging er ihr nun nicht mehr aus dem Kopf?
Man sollte eigentlich meinen, eine Staffel zu bemuttern und achtzehn Stunden am Tag bei der Arbeit
zu sein würden einem nicht genügend Zeit für solche Gedanken lassen.
Und sie hatte doch noch genügend andere Probleme. Lightning zum Beispiel. Sie meinte es gut, und
Huntress nahm die Vorschläge der Dienstälteren gerne auf. Aber es war ihre Staffel, und wenn sie
Fehler machte, dann waren es ihre Fehler. Huntress wusste, dass sie sich da freikämpfen musste, auch
wenn sie es irgendwann bereuen würde, weil dies Fehler bedeutete.
Weil es ihr die Parker zum Feind machen konnte.
Aber wenn sie ehrlich war, Lightnings Hilfe bedeutete vor allem eine Arbeitserleichterung. Alles was
die Pilotin in die Blaue Staffel steckte, fehlte dann der anderen Typhoon-Einheit.
Und da war der Punkt, wo selbst Huntress die Bremse ziehen musste.
Ein Tablett wurde vor ihr abgesetzt. Sie sah auf und sah in zwei strahlende braune Augen unter einem
kecken schwarzen Pony.
„Meine Güte, Commander, töten Sie es schnell und lassen Sie es nicht mehr so lange leiden.“
Huntress starrte die junge Frau verständnislos an, sah dann verstehend auf das malträtierte Steak auf
ihrem Teller und musste grinsen. Das war Kali. Den Gerüchten an Bord nach die Beinahe-Freundin
von Cliff Davis, diesem Bengel, der durch ihre Gedanken spukte. Kali hatte sich in letzter Zeit ein
paar Mal mit Lilja gebalgt. Die Oma oder Eisprinzessin war anscheinend so etwas wie das neue Opfer
von Ace auf der letzten Feindfahrt gewesen. Die Gerüchte sprachen von einem intimen Dinner bei
Kerzenschein und so.
War nun sie selbst an der Reihe? Die neue Feindin? Nun, dann konnte sich die Inderin aber gut
verstellen. Helen Mitra alias Kali lächelte sie freundlich an. Zu freundlich für eine Rivalin.
„Vielleicht geht es leichter, wenn ich mir vorstelle, dies wäre Ace“, brummte Huntress missmutig.
Kali sah sie aus großen Augen an. Dann verbarg sie ihren Mund hinter der Rechten und kicherte leise.
„Er kann einen schon in den Wahnsinn treiben, ja“, sagte sie nach einiger Zeit.
Huntress hob eine Augenbraue. „Sie wissen, dass..“
„Ace mit Ihnen geschlafen hat? Ja.“
„Und Sie sind nicht…“
„Nein. Ich bin nicht, wenn Sie das beruhigt, Commander.“
„Aber mit Lilja sind Sie doch…“
Kali runzelte die Stirn. „Sehen Sie, es ist auch für mich merkwürdig. Ace war mein Freund. Mein Lebenspartner. Mein Zimmergenosse. Bis alles auf den Kopf gestellt wurde. Bis ich erkannte, dass er etwas aussprechen konnte, was ich kaum zu denken wagte. Es hat mich verunsichert, verletzt. Ich bin nicht besonders mutig, also zog ich mich zurück. Ließ ihn allein. Trotzdem habe ich mir keine großen Sorgen um ihn gemacht. Ich weiß, dass er mich liebt. Ich weiß, daß… Daß ich Zeit habe.
Zudem ist mein Leben gerade nicht das leichteste. Ich… Habe eine Entscheidung zu treffen, vor der ich mich beinahe noch mehr fürchte. Aber ich will nicht schon wieder weg laufen. Bevor Sie fragen. Ich stehe deshalb mit Lilja auf dem Kriegsfuß, weil ich weiß… Weil ich spüre, daß… Ich will nicht sagen, daß Ace sie auch liebt. Aber er interessiert sich für sie. Mehr als gut ist und mehr als mir gefällt. Sie ist, ob sie es will oder nicht, ein Gegner für mich.“
„Dann haben Lilja und Ace also…“
„Nein, haben sie nicht. Ich wüsste das. Dann wären sie und Ace längst ein Paar, glauben Sie mir.“
Kalis Augen wurden traurig. „Oh. Sie denken gerade an… Es tut mir leid, Huntress, aber ich bin mir sehr sicher, daß… Daß Ace Sie nicht liebt. Ich sehe in Ihnen weder eine Gefahr noch eine Konkurrentin. Aber er mag sie. Vielleicht, wenn Sie der Sache Zeit geben…“ Kali beugte sich vor, „setze ich Sie doch noch auf die Liste meiner Gegner.“
Eigentlich hätte Huntress jetzt sauer sein müssen. Merkwürdigerweise war sie es nicht. Sie war sogar erleichtert. Das Gespräch mit Kali hatte ihr viele Fragen beantwortet. Und ihr ein paar neue Möglichkeiten eröffnet. Einige davon gefielen ihr sehr gut.
„Und?“, fragte Kali wie beiläufig, geradezu desinteressiert, „wie ist Ace so? Im… In der Freizeit?“
Huntress schluckte ein Grinsen runter. „Schon mal ne Nighthawk geflogen?“

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:36
Die Flottille hatte sich formiert und strebte auf den ersten Wurmlochsprungpunkt zu.
Einsatzbereit, das Geschliffene Schwert der Republik, waffenstarrend, beeindruckend und tödlich.
Lucas betrat den Briefingroom seines Geschwaders.
"ACHTUNG!" erscholl der Ruf eines Piloten.
"Bitte setzen Sie sich", erwiderte Lucas.
Er nahm die beiden Stufen zum Rednerpult in einem Satz: "Guten Morgen Ladies und Gentlemen. Viele von Ihnen haben mich noch nicht zu Gesicht bekommen, aber ich bin sicher, meine Schwadronenkommandanten haben Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich gemacht."
Bitteres Lachen stieg von den Piloten auf. Gerade die letzten Tage über hatten die Lieutenant-Commander anscheinend versucht sich gegenseitig darin zu übertreffen ihre Leute zu schinden.
"Mein Name ist Lucas Cunningham. Draußen ihm Raum bin ich Lone Wolf. Aber egal, ob dort draußen oder auf dieser alten Lady, Sie tanzen nach meinem Takt, ausnahmslos." Sein Blick streifte Lightning, Ace, Brawler, Perkerle und einige von Martells neuen Aspiranten.
"Und damit Sie auch wissen, warum ich so laut belle und warum ich auch beißen werde, wenn Sie Mist bauen, werde ich Sie jetzt über unser Missionsziel informieren."
Auf den Wandbildschirm erschien ein unscharfes Bild, was einen Haufen Raumschiffe im Konvoi
zeigte.
"Dies ist ein Konvoi der Akarii, laut dem ND umfasst er rund 60 Großraumfrachter. Dieser Konvoi ist
für die Offensivflotte in Mantikor bestimmt. Das Oberkommando hat beschlossen, dass dieser
Konvoi sein Ziel niemals erreichen wird. Und wir, sowie die Galileo und die Majestic werden den
Beschluss des Oberkommandos durchsetzen."
"Oh, Scheiße", zischte einer der Piloten in der anonymen Masse.
"Yeah, ganz großer Dreck", raunte ein anderer.
"Sir?", Raven hob den Arm., "wie gut wird der Konvoi gesichert sein?"
"Was denken Sie? Wir haben es hier mit der wichtigsten Lieferung an Nachschub für Mantikor zu tun,
seid Beginn des Krieges."
Raven legte kurz den Kopf schräg: "20 Zerstörer, mehrere Kreuzer, massig Fregatten als Vorhut und
zur Minenräumung. Wenn ich hab, mehrere Kreuzer der Golf-Class, als Flakzentrale und für Langstreckenaufklärung."
"Langstreckenaufklärung mit einem Kreuzer?" fragte Huntress.
Darkness schaltete sich ein: "Die Golf trägt bis zu 20 Jäger und hat ein enormes Tiefenraumradar."
"Wenn dieser Konvoi für Mantikor bestimmt ist...", jetzt war auch Martell mit von der Partie – Lucas gefiel es zwar gar nicht so die Einsatzbesprechung aus den Händen genommen zu bekommen, aber das Brainstorming hatte ihn erfasst - "...könnte es doch auch sein, dass die Akarii einen Flottenträger mitschicken."
"Einen Flottenträger zur Konvoi-Eskorte? Übertreiben Sie da nicht?" schaltete sich der frisch gebackene Lieutenant-Commander Becker ein.
"Als Sahne auf dem Kuchen. Eigentlich als Ersatz für die über Mantikor zerstörten Träger, aber so schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe."
Es ergab sich eine Debatte über das Für und Wider der verschiedenen Eskortzusammensetzungen. Es war nicht gerade die Einsatzbesprechung, die sich die neuen Geschwadermitglieder vorgestellt hatten. Auch die alten hatten so was noch nicht erlebt.
Und wäre Lucas nicht die letzten beiden Tage wie ein zufriedener Kater durch die Gegend gestrolcht, hätte er so was auch nicht geduldet.

So vergingen die ersten beiden Sprünge und die ersten drei Wochen ihrer Fahrt geschäftig, aber ereignislos.
Die Staffelführer gingen immer wieder die Aufgaben ihrer Staffeln durch. Die Schwadronen Gold, Silber, sowie die Griphens der Staffel Gelb würden den Angriff auf die Frachter fliegen. Rot und Grün würden den Jagdschutz für die Bomber geben. Die blaue Staffel unter Huntress würde wie eh und je die RED bewachen.

Doch auch der Nachrichtendienst der Akarii schlief nicht. 8 Tage nachdem die Redemption das erste Wurmloch hinter sich gelassen hatte, fing eine getarnte Boje - die in der Nähe der Wurmlochöffnung postiert worden war - an zu senden.
Jedes Schiff der Redemptionträgergruppe war katalogisiert worden. Hatte einen einzigartigen Codenamen bekomme, der mit einer Messung der Antriebssignatur gekoppelt wurde.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:37
Die Jägerschwadron kroch förmlich durch den Raum. Die Umgebung, ein ausgedehntes Asteroidenfeld, gebot das geringe Tempo, zumal die Typhoon ihre Steuerdüsen so sparsam wie möglich benutzten. Bis zur „Heimat“ war es weit und der Weltraum ziemlich kalt. Es war ein leider nicht unübliches, aber ruhmloses Ende, „einzufrieren“ – wenn einen dann nicht der Feind fand und tötete, besorgte das All diesen Part.
Gelegentlich leuchteten die Schutzschilde einzelner Jäger auf, wenn Weltraumstaub oder Mikrometeoriten auf die unsichtbaren Energiewände trafen, die die Maschinen und ihre Piloten schützten.
Der Angriff erfolgte überraschend. Und wie für die Fronteinheiten der Akarii typisch, war er schnell, brutal und zielsicher. Drei der Erdjäger wurden in den Raum geblasen, bevor sich die Formation gefangen hatte. Dann war das halbe Dutzend Bloodhawk bereits über den Typhoon, aus allen Rohren feuernd. Ein gnadenloser Kurvenkampf entbrannte zwischen den durch den Raum driftenden Fels- und Eisbrocken.

Am Ende waren drei Bloodhawks abgeschossen worden, eine hatte sich für immer in einem Eisasteroiden geparkt. Die übrigen zwei Akarii waren geflohen. Auf der anderen Seite waren allerdings sechs Typhoon durch Feindfeuer und zwei durch Asteroidentreffer vernichtet worden. Die überlebenden vier Einheiten waren schwer zusammengeschossen, keine ohne ernste Treffer. Die Stimme des Staffelchefs klang rauh und erschöpft aus dem Bordfunk: „Ende.“

Die Mitglieder der Staffel Grün kletterten mit recht gemischten Gefühlen aus den Simulationskapseln. Bei den Abgeschossenen überwog die Frustration. Aber auch die „Überlebenden“ – Lightning, Lilja und Kano – zeigten ,aus unterschiedlichen Gründen, nicht unbedingt reinen Enthusiasmus. Huntress, die als „Gastpilot“ mitgeflogen und knapp der „Vernichtung“ entgangen war, schien am besten gelaunt.
Kaum war sie aus der Kabine heraus, wandte sie sich an Parker: „Bei Gelegenheit leihe ich mir mal Blackhawk aus. Mal sehen, wie meine Pottköpfe abschneiden.“ Sie grinste schief: „Die realistischste Akarii-Atacke die bisher von einem Menschen gegen mich geflogen wurde. Sollte man den Sicherheitsdienst benachrichtigen?“ Parker grinste zurück – bei den Piloten steckten ein paar die Köpfe zusammen. Aus irgendeinem Grund lachte Ina „Imp“ Richter plötzlich schallend los, während Lilja den Mund verzog.
Huntress runzelte die Stirn, beließ es dann aber dabei. „Nun, Sie haben sicherlich noch genug zu tun. Wenn Sie wieder mal einen Piloten brauchen... .“
Sie war kaum ein paar Schritte gekommen, als Parker ihr gefürchtetes „Gebet“ begann – eine schonungslose Manöverkritik, unterlegt mit bissigem Humor: „Wir haben gesiegt – aber das ist nichts, worauf wir stolz sein können. Der Feind hat die doppelte killing rate erreicht und die Einheit effektiv vernichtet. Mit unseren traurigen Resten hätten wir nicht mal ein Aufklärungsshuttle aufhalten können. Abgeschossen zu werden ist schlimm – aber sich in einen Asteroiden zu rammen ist wirklich peinlich. Was soll man denn dann der Familie schreiben?!“ Die derart gerügten wirkten angemessen zerknirscht, während Lightning schon fortfuhr und die Schwachstellen und Versäumnisse auflistete. Daß sie alle überrascht worden waren, war dabei keine Entschuldigung, vielmehr ein weiterer Kritikpunkt.
Der XO der Staffel – Lilja – brachte das schließlich auf den Punkt: „Wir haben in diesem verdammten Asteroidenfeld einfach eine zu geringe Sensorreichweite. Die verfluchten Echsen sind uns da über. Kein Wunder, daß sie einen Hinterhalt legen konnten... .“
„Sehr schön XO. Und, haben Sie auch eine Lösung oder referieren Sie nur das Offensichtliche?“
Lilja schien der Spott nicht aus der Ruhe zu bringen. Wer Parker kannte, der kannte auch ihren bissigen Ton nach einem mißglückten Manöver. „Wir sollten einen der Jäger mit Aufkärungspods bestücken. Das kostet ihn zwar Raketen, erhöht aber unsere Reichweite.“

Der "Aufklärungspod" war, wie so viele gute Erfindungen, aus Kostengründen entstanden. Die Navy
hatte nie genug Geld zur Verfügung gehabt (oder Stellplätze an Bord der kostbaren Träger) um einen
speziellen Aufklärungsjäger einzuführen. Aus den selben Gründen wurde es als wenig praktisch
angesehen, die konventionellen Einheiten zum Aufklärer umzubauen. Andererseits waren Shuttles nur
bedingt für solche Aufgaben geeignet – manche Einsatzprofile forderten die Geschwindigkeit und
geringe Signatur eines Jägers, aber Sensoren, die unmöglich in einer solchen Maschine installiert
werden konnten. Der "Aufkärungspod" (oder STB-X5) war die Lösung. In den voluminösen
Zylindern, die üblicherweise paarig an den Raketenpylonen eines Jäger befestigt wurden, steckten die
besten und kompaktesten Sensoren, die die Navy liefern konnte. Damit konnte man „weiter sehen“ als
mit sämtlichen zur Zeit in Dienst befindlichen Erdjägern, auch wenn ein Aufklärungsshuttle natürlich
immer noch die überlegenere, aber auch langsamere, verwundbarere und teurere, Alternative
darstellte. Und das Beste, eine Umrüstung kostete nicht mehr als ein paar Stunden und konnte eben so
schnell wieder rückgängig gemacht werden.
„Das könnte sogar realisierbar sein. Mal sehen, wie es auf dieser Rostlaube damit aussieht. Wer hat
eigentlich überhaupt Erfahrung mit diesen Dingern?“
Das Ergebnis war nicht unbedingt üppig. Lilja und Virago, die neue Flügelfrau von Kano, meldeten
sich. ‚Dazu kommen noch ich – und Blackhawk, schätze ich.‘ Lightning machte sich eine
Gedankennotiz, den Bestand an Aufklärungspods abzufragen, einen entsprechenden Antrag für die
Verwendung bei Flügen im Asteroidenfeld zu stellen und bei den künftigen Spähpatrouillen immer
einen der „Experten“ mitfliegen zu lassen. Bei dem Gedanken an den unvermeidlichen Papierkrieg
sank ihre Laune. Aber mit dem Gedanken, damit erstens ihren Leuten zu helfen und zweitens
eventuell „Lone Wolf“ ein wenig Extraarbeit zu verschaffen tröstete sie sich etwas.

Ungefähr eine viertel Stunde später war die Abschlußbesprechung beendet, die Staffel marschierte
geschlossen in die Turnhalle, einschließlich Blackhawk, der wieder zu seinen Kameraden stieß,
nachdem er sie vorher nach Kräften „dezimiert“ hatte.
Wie so viele andere Offiziere schwor auch Lightning auf die kombinierte Wirkung von Manövern und
Krafttraining. Angeblich förderte dies das Zusammengehörigkeitsgefühl der Soldaten. ‚Vermutlich,
weil sie vereint den jeweiligen Drilloffizier aus tiefstem Herzen verfluchen.‘
Hier schien die Schwadron wesentlich besser in Form als im Asteroidenfeld. ‚Na ja, alles was recht
ist, daß sie wesentlich besser abschneiden war nicht zu erwarten. Aber so ein kleiner Dämpfer hat auch
mal etwas Gutes. Dann passen sie draußen besser auf.‘

Etwa eine halbe Stunde später beendete sie das Training: „Das reicht Herrschaften. Für jetzt ist genug.
Morgen sehen wir uns wieder.“ Dieses Versprechen, oder Drohung, wurde gemischt aufgenommen.
Dann machte sie sich auf den Weg, um ihrer Einheit die "Pods" zu besorgen und einem gewissen
arroganten Geschwaderchef Zusatzarbeit aufzuladen.

Kano’s eigene Manöverkritik fiel durchwachsen aus. Zum einen war es ihm gelungen, zu „überleben“ – aber schwer angeschossen. Virago wäre wahrscheinlich gestorben, wenn das Gefecht nicht nur im Simulator stattgefunden hätte. ‚Wir müssen unsere Zusammenarbeit noch mehr verbessern. Wenn wir wirklich auf den Feind stoßen... .‘ Inzwischen hatten sie sich ganz gut aneinander gewöhnt, aber es gab auf jeden Fall noch mögliche Verbesserungen. Daran hatte er ebenso zu arbeiten, wie an seinen eigenen Fähigkeiten.
Wenn Kano sich selbst gegenüber ehrlich war, dann hatte Liljas Beförderung zum XO ihm doch einen leichten Stich versetzt, so sehr er sich auch dessen schämte. Immerhin war er früher der Flightführer gewesen. Nun war Lilja First Lieutenant, Träger des Flight Cross, des Bronce Star und stellvertretende Staffelkommandantin. Sollte Parker versetzt werden – etwa um ein eigenes Geschwader zu übernehmen – ums Leben kommen oder sonstwie ausfallen, würde Lilja wahrscheinlich die Staffel übernehmen.
Er mußte an sich arbeiten. Wenn die Anforderungen so hoch gestellt waren, dann würde er nur durch
verbesserte Leistungen – und nicht durch Selbstmitleid oder gar Neid – bestehen.
Inzwischen fühlte er sich wieder fit. Nach der erzwungenen Pause war er geistig und körperlich in
jeder Hinsicht wieder der Alte und kampfbereit. Das redete er sich jedenfalls ein. Auch wenn
Blackhawk langsam erwog seinen Dienstrang ins Spiel zu bringen, von dem Veteranen hatte Kano
alles erfahren, was der bereit war über die feindlichen Jäger und Taktiken zu erzählen.
Kali kam ihm in den Sinn. In der letzten Zeit hatten sie sich, dienstbedingt, seltener gesehen. Die Zeit
nach dem Auslaufen war traditionell besonders angefüllt mit Arbeit und Training. Dazu war das Ziel
der Operation jetzt bekannt geworden und die Staffelkommandanten taten ihr Bestes, die
verschärften und ausgeweiteten Übungen den neuen Forderungen und Gegebenheiten anzupassen.
Wenig Zeit, eine Freundschaft zu pflegen.
‚Eine Freundschaft – sei ehrlich, du weißt doch ganz genau, daß es für dich nicht nur das ist!‘
Das Gespräch mit Ace hatte keine Klarheit gebracht. Und ehrlich, wenn er den Piloten auch
respektierte, die Beweggründe seines Handeln konnte er nicht ganz nachvollziehen. Kali schien sich
ihrer Gefühle auch nicht ganz sicher zu sein. Auch wenn sie Ace nicht erwähnte, ja ihm aus den Weg
zu gehen schien...
Und selbst wenn sie und Kano ziemlich viel ihrer knappen Freizeit zusammen verbrachten – Kali hatte
eine Linie gezogen, die sie nicht überschritt. Bestimmte Themen blieben tabu.
Abgesehen davon war ihre Freundschaft wieder die selbe wie vorher – aber darin lag ja teilweise auch
das Problem. ‚Aber sie ist es wert.‘
Nachdem er schnell geduscht hatte und eine neue Dienstmontur angezogen hatte sah Kano auf die Uhr
und beeilte sich, aus dem Zimmer zu kommen. Die Phantom–Schwadron würde ihre kombinierte
Übung jeden Augenblick beendet haben. Er konnte Helen wenigsten in der Kantine Gesellschaft
leisten. Und sich überzeugen, daß es ihr gut ging. Sie gehörte zu der Sorte Menschen, die von sich
selber viel, manchmal zu viel forderten. Das Phantom–Kontingent der Redemption würde am
„Knacken“ der feindlichen Eskorteinheiten beteiligt sein – die Phantom konnte von allen Jägern die
schwersten und die meisten Raketen schleppen. Deshalb wurden sie jetzt auch besonders intensiv geschliffen.
Kano überprüfte den Sitz seiner Uniform und ging.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:37
Murphy fluchte laut, was allerdings niemand hörte, da er in der schalldichten Kuppel eines Simulators
saß. Das war jetzt bereits die fünfte Übung am heutigen Tag gewesen, in dem ein Angriff auf einen
Frachtkonvoi kleineren Ausmaßes geflogen wurde. Murphy variierte dabei immer die
Zusammenstellung des Konvois, aber auch die Umweltbedingungen. Einmal waren sie durch ein
Asteroidenfeld geflogen, ein anderes Mal aus dem Schatten eines Mondes.
Grund des Ärgers war, dass wieder einmal die Verlustrate über 66 % gestiegen war. Gegen ein solch
vergleichsweise leichtes Ziel war das unakzeptabel. Es fehlte immer noch an allen Ecken und Enden.
Zwar spielten sich die Paare in den Rotten langsam ein, aber die Reaktionszeit auf Flight- und
Staffelebene war grausam lange. Murphy drückte einen Knopf, der das Ende der Übung einleitete, und
öffnete dann die Simkuppel. Als er ausstieg, standen die „Abgeschossenen“ schon bereit, die
Überlebenden, in diesem Fall Thunder, Gladius und erstaunlicherweise Enigma kletterten noch wie er
aus dem Simulator. Wie immer bei solchen Nachbesprechungen versammelten sich die Piloten um den
Staffelkapitän in einem losen Kreis.
„Das war nichts. Absolut nichts. Snake Bite, warum sind Sie so früh ausgeschert, Sie haben Ihren
halben Flight in einem Anflug in der Flak verloren. Und was davon übrig blieb, ist genau in die Arme
der Eskortjäger gerauscht.“ Murphy sah, wie sich Bahrani auf die Lippe biß.
„Und Sie, Brawler? Sie gehen auf die Jagd, treffen nicht mal diese fliegenden Scheunentore und
kollidieren dann mit einem Shuttle. Sind wir hier in der Grundausbildung, dass solche Fehler
passieren? Hatchet, wenn Sie bei Thunder geblieben wären, hätten Sie vielleicht überlebt. Stattdessen
verlassen Sie ohne Erlaubnis die Formation. Das grenzt schon an Befehlsverweigerung! Und Sie,
Goose, brauchen gar nicht so zu grinsen, Ihre Flugschaumanöver können Sie sich schnell wieder
abgewöhnen, wir sind hier nicht in Hollywood. Vielleicht sollten Sie sich mal andere Freunde zum
Pokern suchen, die nicht soviel von Ihren Heldentaten erzählen. Mir scheint, Ihnen ist das zu sehr in
den Kopf gestiegen. Da wir das Mittagessen haben ausfallen lassen...ein Stunde Pause, und dann will
ich Sie wieder hier sehen. Dann fliegen wir noch zwei Übungen. Und wenn das dann nicht besser
klappt, verlassen Sie das Simdeck nicht eher, als bis es klappt. Wegtreten!“
Die Jaguars schleppten sich aus dem Simbereich und steuerten kollektiv die Messe an. Nur Murphy
und Shukova blieben zurück.
„Sir, übertreiben wir es nicht ein wenig? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste im Simulator
zusammenklappt.“
„Valeria, was meinst du, wie es aussieht, wenn wir nicht vorfinden, was der ND uns gesagt hat,
sondern Flottenverbände? Dann dürfen wir mehr als die 8 Stunden, die wir jetzt am Stück im
Simulator saßen, Einsätze am laufenden Band fliegen. Nur dass unsere Einsatzstärke immer stärker abund
der Druck immer mehr zunimmt.“
„Stimmt schon, Martell...aber es bringt uns auch nichts, wenn wir die Leute so fertig machen, dass sie
im Zielgebiet nicht mehr den Knopf für den Autopiloten finden.“
„Du kennst doch den Übungsplan. Im Feindgebiet stellen wir die Übungen weitesgehend ein.“
„Ok, Du bist der Boss.“

Währenddessen kamen die Piloten ermattet in der Messe an. Der Mann hinter der Theke grinste sie
freundlich an, während er die Männer und Frauen bediente. Das Programm von Murphy und die
Auswirkung auf seine Piloten machte bereits die Runde. Dann setzten sich die Piloten in Grüppchen
an die Tische. Enigma folgte dabei seinen Paten Goose und Snake Bite. Nach den ersten Bissen sah er
die beiden anderen an.
„Ist der Skipper immer so drauf? Ich kann bald nicht mehr geradeausfliegen vor Erschöpfung.“
Snake Bite antwortete:“Naja, dass er ab und an einen auf Attila, den Hunnenkönig macht, ist im
Prinzip nichts neues. Aber in diesem Ausmaße ist schon heftig.“
„Ich frag mich, woher er wußte, dass ich ab und an mit Ace mal ne Runde Poker spiele“, mischte sich
Goose ein.
„Eure Pokerrunden sind doch bekannt.“ Bahrani grinste. „Ehrlich gesagt, ich denke, der Skipper weiß
oder vermutet, dass etwas richtig Dickes im Busch ist. Sonst würde er nicht so extrem drillen lassen.
Was ich ehrlich gesagt verstehen kann. Als wir alle zur Red gekommen sind, waren wir zwar auch alle
neu, aber die Missionen am Anfang waren ja noch nicht soo heftig.“
„Trotzdem, zwischendurch dachte ich, ich müsse kotzen.“ Enigma grinste schief.
„Mach das lieber nicht, den Dreck darfst du, so wie ich Martell momentan einschätze - und ich kenne
ihn wohl besser als jeder andere hier außer Thunder und vielleicht Crimson – selbst wegmachen...nach
der letzten Übung am Tag. Versteh mich nicht falsch, Enigma, der Skipper ist eigentlich wirklich ok,
aber in solchen Übungszyklen sollte man sich zurücknehmen, da versteht er keinen Spass.“
„Wie ist er denn im Einsatz?“
„Sehr kühl. Der weiß genau, wo die Schwachstelle des Feindes ist und schlägt genau da dann auch zu.
Im Nahkampf läßt er sich nicht auf Kurbeleien ein, wohl auch, weil die meisten Feinde wendiger sind,
sondern haut kurz die Nachbrenner rein, verschwindet und taucht dann aus einer Richtung wieder auf,
aus der man ihn nicht vermutet. Ich wundere mich, dass Gladius es schafft, so an ihm zu kleben, ich
hatte da lange meine Schwierigkeiten. Aber das ist wohl auch der Grund, weshalb er die letzte Übung
überlebt hat. Ich hab bei Murphy selten erlebt, dass er Feindtreffer geschluckt hat, dazu fliegt er zu
defensiv. Manchmal hab ich mich anfangs gefragt, wieso er einen scheinbar erfolgsversprechenden
Angriff abgebrochen hat. Als ich ihn mal darauf angesprochen habe, lies er mich mal einige
Simulationen anschauen, die die Missionen nachbildeten. Jedes Mal, wenn er abgebrochen hat, hätte
Sekunden später möglicherweise ein Feind im Heck gesessen.“
„Das ist wohl auch der Grund für seine recht geringe Abschusszahl oder mißverstehe ich da was?“
„Nein, Enigma, ist schon richtig. Würde er riskanter fliegen, sähen seine Statistiken anders aus...aber
ihr kennt ja sein Credo..“
Wie im Chor antworteten ihr ihre beiden Tischnachbarn:“Lieber ein lebender Pilot als ein totes Ass.“
„Aber laßt uns aufhören zu quatschen, ich wollte vor der nächsten Übung noch unter die Dusche springen.“
Vierzig Minuten später stiegen die Jaguars wieder in die Simulatoren. Gestärkt durch das Essen und die Pause erreichten die Piloten diesmal ein Ergebnis, das Murphy insgeheim zufriedenstellte. Was nämlich außer ihm und Thunder keiner wußte, war, dass die Flakabwehr und die gegnerischen Piloten allesamt ein absolutes Eliteniveau hatten, was in der Realität nicht vorkommen würde. Trotzdem putzte er die Piloten wieder herunter und schickte sie dann in die Kojen. Auf ihn selbst wartete noch Büroarbeit.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:38
Start
Captain Jonathan Ward blickte sich um. Er stand auf der Brücke seines Schiffes, der Gallileo. Der
Leichte Träger – eine reichlich verharmlosende Bezeichnung für fast 40.000 Tonnen Tod und
Zerstörung mit mehr als 2.000 Mann Besatzung – trieb inmitten der Kampfgruppe „Henry Morgan“.
Die sechs Begleitschiffe bildeten eine Phalanx um das Flagschiff der Verbandes. In der
Kommandozentrale herrschte die gespannte Aufmerksamkeit, die für einen Augenblick wie diesen
passend war. Alles wartete. Auf ihn.
Ward mußte an sich halten, um nicht zu fluchen. Er fühlte, wie sich sein Magen verkrampfte. Jetzt gab
es kein Zurück mehr. Diesmal kein Streifzug im Rücken des Gegners in der Hoffnung, nur leicht
geschützte Geleitzüge anzugreifen. Diesmal würde es eine Schlacht geben. Und er würde daran
teilnehmen. Würde dem Tod erneut ins Auge sehen müssen – etwas, was er wie nichts anderes
vermeiden wollte. Denn immer fühlte er in sich die Angst, zu versagen. Aber ihm blieb keine Wahl. Er
durfte sich nicht einmal einen Augenblick der Schwäche leisten, damit niemand ihm etwas anmerken
konnte. Captain Ward konzentrierte sich auf seine Aufgabe.
Vor ihm waren auf Vidschirmen die Gesichter der Kapitäne der anderen Schiffe zu erkennen. Sie
warteten auf seine Freigabe. Und sie würden jedes Zögern registrieren. Ward räusperte sich:
„Relentless, Prince of Wales und Sao Paulo – Dreikommafünf Minuten.“ Der Kommandeur des
Kreuzers reagierte sofort – ein zackiger Salut: „Wir sind bereit!“ Auch die beiden Norfolk-Zerstörer
meldeten Bereitschaft. Lorenzo Garth schien geradezu begierig, den Startbefehl zu geben. Seine
Kollegin Phara „Nhoi“ Samut verbeugte sich leicht. Die schweigsam Thai hatte in diesem Krieg noch
keinen Kampfeinsatz erlebt, doch sie zeigte kein Zeichen von Unruhe. Dann verschwanden die Bilder,
als die Kampfschiffe ihre Schilde hochfuhren und sich in Bewegung setzten. Sie würden die
Vorausabteilung bilden. „Dauntless, Paul Reinhard, Harrison Flint – Vierkommanull Minuten!“ Auch
hier wurde der Empfang bestätigt. Ward drehte sich zu seinem XO: „Startcountdown beginnen!“
„Jawohl, Sir!“
Er fragte sich – wie fast immer – ob er überzeugend gewirkt hatte. Manchmal empfand er fast Haß
gegenüber den anderen Kapitänen, die sich so leichthin kampfentschlossen gaben. Ob das echt war
oder gespielt, blieb dahingestellt – jedenfalls fiel ihnen die Pose leicht. Ward kämpfte nicht selten mit
Selbstzweifeln, ob man ihn nicht durchschaute.
Der Plan war einfach, und von Ward und Mithel ausgearbeitet worden. Zuerst sprangen die beiden schwereren Zerstörer und der Kampfkreuzer. Genau dreißig Sekunden darauf der Träger – natürlich mit startbereiten Kampffliegern – und die anderen Begleitschiffe. Gonzales hatte zwar dafür plädiert, die Dauntless nach vorne zu verlagern, aber Mithel hatte ihm eine erste Kostprobe seiner überlegenen Diensterfahrung gegeben – auch was die Durchsetzung von taktischen Ansichten anging. Er hatte so argumentiert, daß die Dauntless ja fast so wertvoll sei wie der Leichte Träger. Und auf Grund ihrer eingeschränkten Diensttauglichkeit nicht unbedingt als Mauerbrecher geeignet. Ward hatte Mithel zugestimmt.
Was auf der anderen Seite des Sprungtors auch wartete – unterhalb eines kompletten Bombergeschwaders, eines Dutzend oder mehr kleineren oder zwei großen Kampfschiffen hatte es jedenfalls keine Chance die „Vorausabteilung“ zu vernichten, ehe die restlichen Schiffe eintrafen. Natürlich herrschte an Bord aller Schiffe Gefechtsbereitschaft. Die Werfer waren bestückt und feuerbereit, die Kanoniere warteten nur auf Befehle. Der Feind würde kein leichtes Spiel haben. Ward warf wieder einen Blick auf die Zeitanzeige. Es war gleich so weit. Vor ihm setzten sich die drei Kampfschiffe mit zunehmender Geschwindigkeit in Bewegung. Und dann – waren sie auf einmal weg. Als hätte es sie nie gegeben. Der Captain der Gallileo hoffte nur, daß dies keine Bestätigung seiner Befürchtungen war.

In perfekter Formation, einem umgedrehten V gleich – oder einem Dolch, wenn man die martialische
Metaphorik des Militärs bevorzugte – fielen die terranischen Raumer in den Normalraum zurück. Die
Relentless bildete die Spitze, seitlich dahinter, etwas versetzt, die Zerstörer. Der Captain stand aufrecht
auf seiner Gefechtsbrücke, ein Arm um eine Stützstrebe geschlungen. Daß er aufrecht stand, war er
seinen Leuten schuldig. Aber das hieß nicht, daß man nicht sichergehen wollte, falls man unter Feuer
geriet. Ein Captain, der vom ersten Einschlag über die ganze Brücke geschleudert wurde, war zu
wenig nutze. Die kalten Augen bohrten sich in den primären Sichtschirm, als könnten sie ihm alle
Geheimnisse abzwingen: „Bericht!“ Die Antwort kam sofort: „Primäre Suchsequenz abgeschlossen.
Negativ. Leiten sekundäre Sequenz ein!“ An Bord der Relentless waren die Meldungen knapp, kurz –
Mithel hatte seinen Leuten beigebracht, an Worten zu sparen wie ein Zahlmeister mit den guten
Sachen. Sekundenbruchteile konnten entscheiden.
Er wußte, hunderte Meter von ihm entfernt war Raffarin auf ihrem Posten. Durchforschten ihre Untergebenen den Weltraum wie die Leute in der primären Kampfzentrale. Sollte die Zentrale ausfallen – Ersatz war bereit. Ein Seitenblick zeigte ihm, Rogulski war ebenfalls auf seinem Posten. Wie nicht anders zu erwarten. „Vektor Delta. Flankierungsmanöver.“ Die drei Kampfraumer beschleunigten und drehten sich. Sie zeigten dem Sprungpunkt – ebenso wie der entgegengesetzten Seite – ihre Breitseiten, um sofort alle Geschütze einsetzen zu können. Ihr Kurs trug sie tiefer in den leeren Raum hinein. Und ihre Sensoren lauschten, spähten in die unendliche Weiten, um jedes Anzeichen eines feindlichen Schiffes aufzuspüren. Aber kein Anzeichen kündete von der Anwesenheit eines Feindes.
Mithel verspürte keine Enttäuschung. Natürlich hatte er ein Interesse an – siegreichen – Gefechten.
Die Republik brauchte sie für ihr Überleben. Die Flotte brauchte sie für ihr Image und ihren Sieg. Und
er selber brauchte sie für seine Karriere und die Karriere seine Förderer und Gefolgsleute. Aber das
hieß nicht, daß es hier und heute unbedingt zu einer Schlacht kommen sollte, wenn es nach Mithel
ging. Wenn er etwas zu sagen hätte, würden sie keinem Akarii begegnen, bis sie über den Konvoi
herfallen würden wie Wölfe über die Schafherde. Die Mission war äußerst wichtig – und für alle drei,
Republik, Flotte und für Mithel selber, war es wichtig, daß sie erfolgreich endete. Und das war dem
Captain nur zu klar. Also verspürte er Erleichterung, als der letzte Sensoralgorithmus bestätigte, daß
kein Feind in Reichweite war. Was nicht hieß, daß die Bereitschaft auf Mithels Schiff nachließ.
Auf der Brücke sah es nicht unbedingt so aus, wie man die Zentrale eines Sternenschiffes in den
Unterhaltungsserien darstellte. Die Farben der Wände und Armaturen sowie die Uniformen wirkten
irgendwie unheilvoll, düster. Die Stimmen klangen ruhig, aber kalt – von schneidender Schärfe. Die
Gesichter waren auf die Anzeigen gerichtet. Die zahlreichen leichten Panzerungen – teilweise sogar
Helme – und leichten bis schweren Seitenwaffen gaben dem Schiff eher das Odium eines
Piratenkreuzers. Mithel meinte es tödlich ernst, wenn er von „Gefechtsbereitschaft“ sprach. Einige
hielten ihn deshalb vermutlich für einen Spinner, aber er glaubte an den Erfolg seiner Methode. Seine
Leute sollten sich – bis zum letzten Maschinisten – als SOLDATEN fühlen. Nicht als Techniker, als
halbe Zivilisten. Hier hatte er sich über lieb gewordene Traditionen hinweggesetzt. Galt er auch sonst
als absoluter Traditionalist, so war er doch in der Lage, mit unpraktischen Gewohnheiten – oder
besser, was er dafür hielt – zu brechen. Etwa mit der Regel, ein Captain hätte immer ein Gentleman zu
sein, oder sich aus der Politik herauszuhalten. Er war vor allem praktisch orientiert. Manchmal fragte
er sich, was ihm eigentlich mehr Kritik einbrachte, seine Genauigkeit in einigen Dingen, oder sein
Pragmatismus in anderen. Aber sein Rezept wirkte, und nur darauf kam es ihm an.
Natürlich war die Wahrscheinlichkeit eines feindlichen Entermanövers recht gering. Und Saboteure
gab es Bord wohl kaum. Aber Mithel ging es hier - neben dem Wunsch, optimal vorbereitet zu sein -
vor allem um die psychologische Komponente. So vergaßen die Leute nicht so leicht, weswegen sie
eigentlich hier waren - was bei einer längeren Fahrt durchaus passieren konnte. Irgendwann schliff
sich Routine ein, und das konnte manchmal fatale Folgen haben. Deshalb würde er so etwas auf
seinem Schiff nicht zulassen. Nicht, wenn er es verhindern konnte.
Außerdem steigerte es das Selbstbewußtsein seiner Leute und, wie er sich zynisch eingestand, das konnte nicht schaden, wenn man die Männer und Frauen täglich drillte, bis sie ihre Aufgaben perfekt beherrschten.

Dreißig Sekunden nach der Vorhut tauchten die vier übrigen Schiffe des Kampfverbandes im Normalraum auf. An der Spitze die Dauntless. Ihre Gefechtsradar und Zielcomputer – bösen Zungen zufolge daß einzige, was an dem Schiff funktionierte – konnten den anderen Schiffen wertvolle Informationen liefern. Dahinter driftete die Gallileo, ein todbringender Koloß, flankiert von der Harrison Flint und der Paul Reinhard, den Zerstörern der Duquesne-Klasse. Ob Mithel wieder einmal daran dachte, was man aus dem Träger hätte machen können, wenn man nicht auf die Jäger fixiert gewesen wäre, sondern ihn als Großkampfschiff konzipiert hätte? Vielleicht. Seine Ansichten waren bekannt. Allerdings konnte er sie auch zurückstellen oder unterdrücken, wenn es nötig oder ratsam war.
Die Klarmeldung kam beinahe sofort. Dann machten sich die Schiffe auf den Weg. Vor ihnen lagen
sechs bis sieben Wochen Schleichfahrt. Sie würden sich auf Hintertreppen zu ihrem Ziel stehlen,
peinlich bemüht, jeden Kontakt zu vermeiden. Was allerdings nicht hieß, daß die Mannschaft in der
Zeit allzu viel Ruhe bekommen dürfte. Die Kapitäne hatten sich auf eine verschärfte
Einsatzbereitschaft und auf zahlreiche Übungen verständigt. Vor allem auf der Relentless hatte man
wenig Hoffnung, daß Mithel jetzt nachlässiger werden würde. Anders als auf allen anderen Schiffen –
außer der Dauntless – war seine Besatzung relativ neu, nur begrenzt eine Einheit. Dies galt es zu
ändern, und er würde nicht ruhen, bis sie so perfekt wie möglich war.
„Secundärer Kommandostand.“ „Hier Raffarin“ Mithel nickte der Französin zu: „Augenblicklich ist
nichts in Sicht. Sie können anfangen.“ Raffarin lächelte leicht: „Aye Aye Sir!“ Sie ließ die
Verbindung bestehen, damit man von der Primärbrücke das Geschehen verfolgen konnte. Im nächsten
Augenblick kam schon die Meldung: „Feindverband im Anmarsch!“ Das Computerprogramm, das
einen feindlichen Angriff sowie das Verhalten der eigenen Schiffe simulieren würde, begann mit der
Arbeit. Schon wenige Sekunden später befand sich die Sekundärbrücke im organisierten Chaos eines
heftig geführten Abwehrgefechtes. Später würde ein Angriff auf einen Konvoi folgen. Normalerweise
hatte die Belegschaft der Reservebrücke bei solchen Überführungsflügen wenig zu tun – aber Mithel
wollte keine Sekunde vergeuden. Und wenn die Leute schon mal an den Konsolen saßen, konnten sie
auch zeigen, was man ihnen beigebracht hatte. Andere Abteilungen des Schiffes würden ebenfalls
simulierte Notfälle bekämpfen, Ziele angreifen und was dergleichen mehr war.

Captain Ward ließ die Schiffe wieder Formation bilden. Im Zentrum die Gallileo, etwas über ihr und
ihr voraus die Dauntless. Denselben Platz auf der Unterseite nahm die Relentless ein. Die Zerstörer
flankierten den Verband, einige Flight Jäger mit Aufklärungspods übernahmen die
Langstreckenaufklärung, andere hielten sich in Kampfbereitschaft. Ward fühlte, wie sich sein Magen
etwas entkrampfte. Gleichzeitig dachte er resigniert: ,Und das erwartet uns nun anderthalb Monate.’
Aber ihm wäre es vermutlich lieber gewesen, noch erheblich länger durch den Raum zu schleichen.
Die Prognosen über die feindliche Geleitsicherung sahen alles andere als gut aus. Es würde, wenn sie
nicht viel Glück hatten, ein harter Kampf werden. Und wenn sie kein Glück hatten – nun, dann würde
es nicht lange dauern…

Später
An Bord der Relentless war halbwegs Ruhe eingekehrt. Die Manöver wurden ausgewertet, eine neue
Schicht zog auf. Mithel hatte sich in die Offiziersmesse begeben, um sich eine kleine Stärkung zu
gönnen. Er hatte es sich angewöhnt, keinen festen Gewohnheiten zu folgen. Er aß und schlief, wann es
sich ergab – zumindest im Einsatz. Rogulski leistete ihm Gesellschaft. Der Waffenoffizier schien mit
seiner Abteilung halbwegs zufrieden, obwohl er sie natürlich immer noch „schliff“. Aber langsam
wurde aus ihnen so etwas wie eine kampfkräftige Belegschaft. Die beiden unterhielten sich über die
taktischen Finessen ihrer Mission.
„Und ich sage Ihnen, dieser Gonzales hat von Flottentaktik keine Ahnung!“ meinte Mithel. „Er hat
vermutlich zu lange Zeit mit der Redemption verbracht. Andererseits – man braucht sich wohl nicht zu
wundern, wenn er immer noch wie ein reiner Begleitschiffkapitän denkt. Dieses sklavische Hängen an
der Jägerdoktrin wird uns eines Tages noch das Genick brechen.“ Rogulski legte de Kopf schief:
„Nun, Captain, vergessen Sie nicht, daß Jäger wirklich sehr effektiv wirken können. Schauen Sie sich
nur an, wie der Redemption-Verband von den Akarii beim letzten Einsatz dezimiert wurde.“
„Zugegeben. Aber ich meine ja nur, daß Jäger nicht IMMER die Lösung sind. Die Akarii hätten sofort
mit der Sicherungsdivision hinterher stoßen müssen. Dann hätten sie den Verband vernichtet. Daß sie
die Redemption erst am Sprungpunkt abfangen wollten, war ein Fehler – und zwei Kreuzer mit zwei
Zerstörern sind auch etwas zu wenig. So haben sie einen Sieg errungen, aber die Redemption und die
Madrid sind ihnen entwischt. Man muß Jäger UND Kampfschiffe einsetzen! Aber, Gott sei’s geklagt,
die meisten Admiräle sind ehemalige Piloten und können eben nicht anders. Glücklicherweise auch
bei den Akarii, sonst hätten wir den Krieg vielleicht schon verloren! Was wir brauchen sind
Kampfschiffe und Flakeinheiten – nicht nur Jäger. Aber was rede ich da, daß wissen Sie ja alles selbst.
Finden Sie denn Gonzales Vorschläge richtig?“
„Nun, sie sichern uns etwas in der Hinterhand, falls der Gegner Schiffe in Reserve hat und uns
angreift. Aber es scheint mir in der Tat sehr kurzsichtig – und wohl wirklich der beschränkten
Weitsicht des Captains geschuldet – nur auf Jäger zu setzen. Allein die sechzig Frachter des Gegners
dürften, auch wenn keine Hilfskreuzer dabei sind, über eine ganze Anzahl von Raketen verfügen. Von
den Geleitschiffen mal ganz abgesehen, die wohl Außensicherung bildet. An der werden die Jäger
nicht kampflos vorbei kommen. Sie auszuschalten dürfte die Feuerkraft unserer vielleicht vier Staffeln
Jagdbomber wohl überfordern und nicht ohne Verluste abgehen. Gerade wegen ,Husar’ muß der
Gegner mit Kontakt mit unseren Kampffliegern rechnen. Also wird er einige Flakfregatten und –
zerstörer mitschicken. Vielleicht sogar ein oder zwei dieser ,Golf’, wenn sie welche haben. Und die
dürften in der Lage sein, die Jäger frühzeitig zu orten, ihre Zielerfassung zu stören und sie
wirkungsvoll zu bekämpfen. Wenn der Geleitschutz stark ist, dann werden wir kaum mehrere
Angriffswellen fliegen können, ehe unsere Staffeln ausbluten. Und Piloten von dezimierten Staffeln
zielen teilweise nicht unbedingt gut, wissen sie doch, was das Risiko ist.“
„Exakt! Deshalb habe ich ja auch dafür gestimmt, ZUGLEICH loszuschlagen. Mit Großkampfschiffen
und mit Jägern. Captain Ward will vielleicht seinen kostbares Träger nicht riskieren, und damit hat er
ja auch Recht. Aber dann soll er mit der Dauntless zurückbleiben. Im Nahkampf nützt DIE uns
sowieso nicht viel. Ihr bißchen Feuerkraft ist gegen den feindlichen Geleitschutz nutzlos, und gegen
Frachter brauchen wir sie nicht. Außerdem gefällt mir die eingeschränkte Bereitschaft nicht. Sie hat
quasi keine verlässliche Langstreckenbewaffnung. Aber unser Schiff und die Zerstörer – zumindest die
Sao Paulo und die Prince of Wales – könnten im Verein mit Flotteneinheiten der anderen Verbände
den Ausschlag geben. Wenn die Akarii einen Kreuzerdivision und zwei Flottillen Begleitschiffe
mitschicken – und damit rechne ich – wäre es Wahnsinn, die Jäger alleine vorzuhetzen. Wahnsinn und
Mord.“
Rogulski grinste schief: „Und natürlich könnte man mit einem Erfolg die Sache der Flottenfraktion
stärken. Und die eigene Popularität.“ Mithel lachte leise: „Nun, warum es leugnen. Ich diene zuerst der
Flotte und der Republik. Aber ich habe meine eigene Ansicht, wie das am besten geht. Warum auch
nicht? Sicher würde ich gerne Vizeadmiral werden, eines Tages. Oder dazu beitragen, daß man im
Oberkommando die Scheuklappen abnimmt. Das hier ist unsere Chance, und die werden wir nutzen.
Und da lasse ich mir von einem vorsichtigen Trägerchef und einem altklugen Senkrechtstarter nicht
die Suppe versalzen.“ Der Pole nickte. Er teilte weitestgehend die Ansichten seines Captains.
Allerdings wusste er wie dieser, man mußte behutsam vorgehen, um seinen Willen durchzusetzen.
Aber Mithel hatte nicht umsonst dreißig Jahre Erfahrung. Es würde schon klappen.
Kampfverband „Henry Morgan“, sieben Schiffe mit fast 6.000 Mann Besatzung und genug Waffen,
um einen ganzen Planeten in Schutt und Asche zu legen, bahnte sich seinen Weg in das feindliche
Territorium. Bei allen Rivalitäten an Bord – für den Gegner waren sie eine viel tödlichere Bedrohung.
In der endlosen Weiten des Raumes schienen die Schiffe Oasen des Lebens – doch sie waren
bestimmt, Vernichtung zu bringen. Und diese Mission würden sie erfüllen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:38
Midori Yamashita stöhnte. Die Matrosen der Redemption hatten beim letzten Landgang noch mehr
Dampf abgelassen als sonst und daher brach ihr Schreibtisch vor lauter Akten bald zusammen.
Größtenteils war es zwar Routinekram, aber da Yamashita letztendlich für alles verantwortlich war,
musste sie die Arbeit ihrer Untergebenen zumindenstens größtenteils überprüfen. Probleme machten
nur zwei Fälle, in denen es um schwere Körperverletzungen ging. In dem einen Fall war ein Marine
Sergeant der Redemption angegriffen worden und hatte den Räuber, nachdem er diesen schon
kampfunfähig geschlagen hatte, noch ein Knie- und ein Handgelenk zertrümmert. Hier neigte Midori
dazu, nur ein geringes Strafmaß vorzuschlagen, da der Marine offensichtlich unter Druck stand und
zudem in psychologischer Behandlung wegen geheimer Vorfälle im Troffensystem war.
Anders hingegen sah der zweite Fall aus. Ein Petty Officer war von einer Hure beschuldigt worden, ihr
das Gesicht mit einem Stilett zerschnitten zu haben. Die Anzeige war erst erfolgt, als die Red bereits
das Dock verlassen hatte, so dass Yamashita den Fall leider nicht den Kollegen auf der Station hatte
überlassen können. So hatte sie den Beschuldigten verhört, der alles natürlich abgestritten hatte. Auch
die Durchsuchung seiner Habseligkeiten hatte, ebenfalls natürlich, kein Tatobjekt an Tageslicht gefördert. Weitere Zeugen standen nicht zu Verfügung, jedenfalls nicht auf der Redemption. Angeblich hatte sich noch
eine weiter Hure auf Perseus gemeldet, aber deren Verhör war erst nach dem ersten Sprung und somit nach Eintritt in die Funkstille erfolgt.
Es gab nun zwei Möglichkeiten: entweder sie arrestierte den Beschuldigten aufgrund des Verdachtes, der allerdings nicht wirklich für eine Verhandlung reichte, oder sie riskierte, dass er sich beim nächsten Landurlaub davonmachte. Sie entschied sich für einen Mittelweg. In einem kurzen Memo an den Chef der MP beauftragte sie diesen, die fragliche Person 24h vor dem nächsten Zielhafen in Arrest zu nehmen.
Dann lehnte sie sich zurück und dachte über die Geschehnisse der letzten Wochen nach. Seit dem Ehrengericht von Cunningham wurde sie von den meisten höheren Offizieren geschnitten, Stellungnahmen zu einzelnen Fällen kamen nur selten pünktlich, ihre Anforderungen wurden verzögert....die ganze Palette der bürokratischen Nickeligkeiten prasselte auf das JAG Büro hernieder. Yamashita vermutete die Hand Ausons dahinter, denn Clark dürfte von der ganzen Aktion recht wenig mitbekommen haben und Cunningham traute sie nicht den notwendigen Einfluss auf die Schiffscrew zu. Immerhin hatte sie noch einige wenige Freunde an Bord der Redemption. Kurzentschlossen stand sie auf und verließ ihr Büro, um in Richtung Bereitschaftsräume zu gehen. Als sie schließlich vor dem der Jaguars ankam, öffnete sie das Schott und sah, dass hier langsam wieder die Normalität eingetreten war. Der Drill der letzten Tage war etwas reduziert worden und so sah man wieder einige der Piloten, die hier einen Kaffee tranken, während sie den Papierkram für die Staffel erledigten. Zwei Lieutenants, einer davon war Goose, während der andere ein Frischling zu sein schien, sahen sich gerade zusammen ein Video von der letzten Übung an, während Snake-Bite offensichtlich mit einem zweiten Frischling Theorie paukte. Ohne große Umschweife klopfte sie an Murphys Büro, was miteinem „Herein“ beantwortet wurde.
Nachdem sie eingetreten und das Schott hinter sich wieder verschlossen hatte, erkannte sie, dass Murphy einen ähnlichen Papierkrieg ausfocht wie sie, weshalb er auch noch gar nicht aufgesehen hatte. Dies holte er nun nach.
„Oh, welch seltener Besuch. Hallo Midori.“
„Hallo Jack, wie geht es Ihnen?“
„Ich bin etwas hintendran mit der Arbeit, ansonsten gut, danke.“
„Ich dachte immer, Sie werden fürs Fliegen bezahlt.“
„Das dachte ich auch, bis man mir diesen Posten angedreht hat. Ich kann noch soviel auf Thunder und
die anderen delegieren, es bleibt mehr als genug bei mir hängen. Und wie ist es bei Ihnen?“
„Das übliche, was nach einem Landurlaub so anfällt. Irgendwie ist jeder Seeman ein potentieller Rauf- und Trunkenbold und das merkt man, wenn man sich anschaut, was da in 4 Wochen in den Arrestzellen landet. Da ich die meisten Sachen gegenzeichnen muss, kann ich ebenfalls eher wenig delegieren und so passiert es, dass mein Schreibtisch fast zusammenbricht.“ Midori grinste schief.
„Hm, ist meine Staffel davon betroffen?“ Murphy meinte damit nicht die Piloten, die er ja recht gut im Blick hatte, sondern die ihm ebenfalls unterstellten unterstützenden Bereiche der Staffel wie Wartung, Nachschub und dem ganzen Anhang.
„Nicht wirklich, es waren hauptsächlich Leute aus den Bereichen Maschinenraum und Defensivbewaffnung.“
Murphy atmete erleichtert auf. Noch mehr Arbeit konnte er nicht gebrauchen.
„Weshalb ich eigentlich hier bin: Sie haben doch sicherlich noch nicht zu Mittag gegessen.“
„Jetzt wo Sie es sagen...einen Moment noch, ich komme sofort.“
Midori verstand dies richtigerweise als Bitte, den Raum schon einmal zu verlassen. Murphy indes stand auf und zog sich die Schuhe an. Es war nämlich ein nicht ganz so geheimes Geheimnis, dass Murphy im Büro häufig die Schuhe auszog und dann barfuss durch den Raum tigerte. Nach zwei Minuten folgte er Midori und zusammen gingen sie in die Messe, wo zufälligerweise direkt vor ihnen in der Reihe Pater Schönberg stand.
„Guten Tag, Pater Schönberg.“
„Ah, Mr. Murphy und Mrs. Yamashita. Guten Tag.” Die Minuten des Anstehens vergingen schnell,
während die drei Offiziere schnell Neuigkeiten austauschten.
Nach dem Empfang des Essens, es gab mal wieder etwas Pekingente und Reis, setzten sich die drei an einen der freien Tische. Das Essen ging weitgehend schweigend von statten, doch beim Nachtisch fragte Schönberg in die Runde:
„Nun, was denken Sie von der neuen Mission?“
Yamashita zuckte mit den Schultern:“ Da ich genauso wenig wie Sie Teil der kämpfenden Truppe bin,
dürfte ich nicht mehr wissen als Sie, eher weniger, weil ich kaum aus dem Büro herauskomme.“
Beide Augenpaare richteten sich auf Murphy.
„Nunja, ich darf Ihnen leider nicht viel sagen. Aber ich kann Ihnen soviel versprechen, dass dies ein heißer Tanz wird. Das OK hat sich was ausgedacht...nur wenn die Jungs falsch gedacht haben, dann werden wir wirkliche Probleme bekommen, gegen die sich Troffen wie eine Spazierfahrt auf ruhiger See ausnimmt.“
„So schlimm?“ Yamashita zog die Augenbrauen hoch.
Schönberg nickte. „Das deckt sich mit meinem Eindruck von der Stimmung an Bord. Sie können sich ja denken, dass Leute aus allen Bereichen zu mir kommen...und die Besorgnis ist unübersehbar.“
Murphy nickte nun ebenfalls. „Aye, es verbreitet sich durch das ganze Schiff. Nicht alle mögen wissen, was los ist, aber alleine, dass die Leute, die es wissen, unruhig werden, bewirkt vieles. Ich hab schon die abenteuerlichsten Gerüchte gehört, was unser Auftrag sei. Einer meinte doch tatsächlich, wir sollten einen Mond im Akar System angreifen. Offensichtlich scheint es nach wie vor bewusstseinserweiternde Drogen an Bord zu geben, denn anders kann man auf solch absurde Ideen nicht kommen. Aber zerbrechen wir uns darüber nicht beim Essen den Kopf, ich tu das schon, wenn ich die Übungen zusammenstelle.“
„Das kann ich mir denken. Kommen Sie denn heute abend in die Messe?“
„Ja, Pater.“
„Schön. Es wäre schön, wenn Sie nach der Messe noch etwas Zeit für mich erübrigen könnten.“
„Ich werde sehen, was sich machen lässt.“
„Danke. Ich muss jetzt weiter, in zehn Minuten muss ich im Beichtstuhl sitzen.“
Dann stand der Pater auf. Auch Murphy schickte sich an, die Messe zu verlassen, als er sah, wie Lone Wulf in den Raum trat. Als er Yamashita erblickte, verhärtete sich dessen Miene sofort. Auch bei Yamashita entdeckte er eine ähnliche Reaktion. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm aber, dass er spät dran sei, und so verschwand er nach einem kurzen Abschiedsgruß aus der Messe.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:39
Seit nunmehr mehr als drei Wochen bahnte sich die Kampfgruppe ihren Weg durch die eisigen Weiten
des Weltraums. Die Erregung der „Frischlinge“ über ihren ersten „scharfen“ Einsatz hatte langsam
nachgelassen, nachdem sie eingesehen hatten, daß nicht an jedem Sprungtor ein Schlachtverband der
Akarii lauerte. Allerdings sorgten die Offiziere dafür, daß keine Nachlässigkeit einriß. Von den sieben
Kampfschiffen hatten erst zwei schon einmal „am Feind gestanden“, wie die Gefechtsberührung in der
großartigen Sprache der Militärs hieß. Die Prince of Wales und Gallileo hatten bereits Kampferfahrung.
Die Besatzungen der anderen Schiffe hatte da weniger Glück. Von den Kommandeuren konnten sich
außer Ward und Garth nur Mithel und Gonzales als kampferprobt bezeichnen. Die Captains Samut,
Rice und Geissler hatten höchstens kleinere Gefechte mit Piraten erlebt, und das war oft schon lange
her. Kein ermutigender Gedanke. Zudem waren die Besatzungen der beiden Kreuzer relativ frisch
zusammengestückelt worden. Sprich, sie waren nicht nur zum Gutteil unerprobt – ihnen fehlte auch
die Routine einer längeren Zusammenarbeit unter Manöver- oder Friedensbedingungen.
Grund genug für einen erfahrenen Captain, graue Haare zu bekommen. Sicher, die Zusammenarbeit
verbesserte sich von Tag zu Tag. Die ständigen Manöver und Übungen sorgten für wachsende
Routine, und die wachsamen Augen der Offiziere spürten Fehler und Unachtsamkeiten unnachgiebig
auf. Aber dennoch – die Bewährung im Gefecht stand noch aus. Natürlich stimmte das ganze
Geschwafel vom Kampf als wahre Bewährungsprobe für einen echten Mann (in den Tagen der
Kriegsbarden hatten nur wenige Frauen gekämpft) nur recht eingeschränkt. Aber die Erregung einer
echten Schlacht – das war schon ein Sonderzustand. Etwa so ähnlich wie ein echter schwerer Notfall.
Männer und Frauen, die in der Normalität gut funktionierten, konnten unter dem Druck
zusammenbrechen, kläglich versagen. Andererseits war es schon mehr als einmal passiert, daß völlig
unscheinbare Besatzungsmitglieder über sich hinauswuchsen.
Alles in allem – Captain Mithel machte sich Sorgen. Große Sorgen. Zwar sprachen die Berichte seiner
Offiziere von spürbaren Erfolgen und die Mannschaft war inzwischen in etwa so bereit, wie sie es
überhaupt werden konnte unter diesen Umständen und in dieser Zeit. Aber bei dieser Mission hing so
viel – für seinen Geschmack zuviel – vom Glück ab. Und der Einsatz war enorm wichtig. ,Wenn DAS
alles ist, was die Terranische Republik aufbringen kann – ein alter Kahn von Flottenträger und zwei
leichte Träger, dazu ein halbes Dutzend Kreuzer und doppelt so viele Zerstörer, und die Kampfflieger
noch nicht einmal moderne Maschinen – dann muß es WIRKLICH schlimm um uns stehen!’ dachte
er. Natürlich hätte er so etwas nie gesagt. Nach außen verkörperte er – wenn er nicht gerade den
strafenden Gott spielte – ruhige und unerschütterliche Zuversicht. Aber in seinem Inneren war
keineswegs so vom Sieg überzeugt: ,Der Konvoi MUß abgefangen werden, so viel ist klar. Aber mit
diesen Mitteln – wenn wir wenigstens noch eine Flottille Fregatten hätten!’

Er hatte verschiedene Varianten durchspielen lassen. Allzu zufrieden war er nicht. Nach seinen
Prognosen würde es ein harter Kampf werden, auch wenn die Akarii keinen Angriff vermuteten oder
gar eine Falle vorbereitet hatten. In dem Fall – nun, dann würde es ein sehr kurzer Waffengang
werden. Aber bestimmt kein einseitiger, dafür würde er sorgen…
Die Kommandeure der Schiffe kommunizierten sehr spärlich. Funkübertragungen konnten – zufällig –
aufgefangen werden. Dies setzte zwar ein gerüttelt Maß an Pech voraus, aber man wollte es lieber
nicht drauf ankommen lassen. Und niemand wollte, daß ein Akarii-Schiff, das ein paar Lichtstunden
oder –minuten entfernt unterwegs war, plötzlich einen Funkspruch auffing. Deshalb nutzte man
Richtverbindungen, oder schwieg lieber gleich. Mithel bedauerte dies. Er hätte gerne die anderen
Kommandeure noch etwas „bearbeitet“. Immerhin war es ihm gelungen, ein paar Pflöcke einzuhauen.
Er wusste, daß Garth auf seiner Seite stand. Auch Captain Samut schien entschlossen – wenn sie das
vermutlich auch nicht so laut und agressiv betonte – sich nicht völlig zugunsten der Jäger abschieben
zu lassen. Rice hingegen schien sich nicht festlegen zu wollen. Und Geissler – der Himmel mochte
wissen, was der dachte. Bei Gonzales und Ward hatte Mithel gar nicht erst vorgefühlt. Wie er auch
dafür gesorgt hatte, daß seine kleinen Diskussionen mit den anderen Kommandeuren vertraulich
blieben. Natürlich war ein Kampfverband keine Demokratie. Und sollte Ward sich entscheiden, dem
Kampf fernzubleiben, dann würde Mithel gehorchen, auch wenn er den Captain innerlich zur Hölle
wünschen würde. Aber Meuterei brachte nichts, und er wollte es keineswegs auf eine Machtprobe
ankommen lassen, ob seine Mannschaft hundertprozentig hinter ihm stand. Nein,
Befehlsverweigerung war undenkbar. Außer, Ward zeigte offen Feigheit, und selbst Mithel ging nicht
so weit, ihm das so ohne weiteres zu unterstellen. Ward galt als vorsichtig, vielleicht zögerlich. Aber
bei ,Husar’ und vorher bei Manticor war die Flotte massiv dezimiert worden, auch die kostbaren
Träger. Da war Vorsicht durchaus verständlich.
Aber wenn genug Kommandeure sich für ein etwas modifiziertes Vorgehen aussprachen, dann
überdachte auch Ward vielleicht die Taktik. Bisher hatte er noch kein „letztes Wort“ gesprochen. Und
da gedachte Mithel anzusetzen. Er hatte Captain Ward um ein persönliches Gespräch gebeten. Sie
hatten gerade einen Sprung – den dritten – hinter sich gebracht, und weit und breit war kein Feind zu
sehen. Zwei weitere Sprünge noch und zwei Wochen, und sie würden ihr Zielgebiet erreichen. Dann
würden sie sich durch den Nebel schleichen und an dessen Rand Position beziehen, bis die Stunde
zum Losschlagen gekommen war. Aber momentan war kein Feindkontakt zu befürchten.
Radarshuttles und Kampfflieger mit Aufklärungspods flogen großräumig Aussensicherung, und alles
deutete darauf hin, daß das System leer war wie die Kassen des Republikanischen Finanzministeriums
nach gut einem dreiviertel Jahr Krieg. Also konnte er es sich wohl leisten. Zudem fühlte er sich durch
Raffarin würdig vertreten.

Das Shuttle setzte ihn präzise im Hangar des Leichten Trägers ab. Mit elastischen Bewegungen – in
diesem Augenblick sah man ihm seine Jahre kaum an – schritt er die Rampe hinunter. Unten warteten
ein paar Marines und ein Lieutenant Commander der Flotte – ein improvisiertes Empfangskomitee.
Mithel nickte den Soldaten und der Offizierin zu und erwiderte den militärischen Gruß. „Captain –
wenn Sie mir bitte folgen würden…“ Natürlich hätte er seinen Weg auch weitestgehend allein finden
können – er hatte schon mehr als einmal auf so einem Schiff gedient. Aber es gab natürlich bestimmte
Regeln, und die beachtete man. Also überließ er der Frau mit einer leichten Verbeugung die Führung.
Er registrierte, dass die Ehrenbezeigungen der Besatzungsmitglieder korrekt ausfielen und prompt
erfolgten – sowohl vor ihm als auch vor Lieutenant Commander Prokofjewa. Nun, was immer man
von Ward auch sagen konnte – er schien seine Leute im Griff zu haben. Alles, was Mithel sehen
konnte, deutete darauf hin, daß der Träger voll gefechtsbereit war, und die Besatzung gut eingespielt.
Nun, er hatte auch nichts anderes erwartet.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:40
Captain Ward empfing ihn im Konferenzraum. In seiner Dienstuniform wirkte er nüchtern,
geschäftsmäßig. Mithel hatte bewusst darauf verzichtet, sich selbst „in Schale“ zu werfen. Er wußte
über Ward, daß dieser weder mit Kampagnespangen noch mit Auszeichnungen aufwarten konnte, und
wollte auf keines Fall riskieren, den Captain zu brüskieren. Manche Vorgesetzte nahmen es
persönlich, wenn ihre Untergebenen mehr „Lametta“ aufzuweisen hatten. Und besser einmal zu
vorsichtig, als eine wichtige Frage durch persönliche Animositäten zu riskieren. Mithel salutierte:
„Sir!“
Der Kommandeur der Gallileo nickte dem Kreuzerkommandeur zu: „Setzen Sie sich. Sie wollten mich
sprechen?“ Mithel nahm Platz – wobei er darauf achtete nicht zu „besitzergreifend“ zu wirken.
„Jawohl Sir. Zunächst einmal wollte ich Ihnen melden, daß meine Besatzung ab jetzt als voll
einsatzfähig angesehen werden kann.“ Er betonte das Wort „voll“ besonders, um deutlich zu machen,
was er meinte. Natürlich war sie auch schon vorher einsatzbereit gewesen – sonst hätte man die
Relentless nicht losgeschickt. Was Mithel aber sagen wollte – und Ward verstand ihn sofort – war, daß
jetzt auch der Kommandeur halbwegs zufrieden mit seinen Leuten war. Die Meinungen des
Flottenoberkommandos und der einzelnen Kapitäne war dahingehend nicht immer ganz
deckungsgleich.
Ward nickte leicht: „Ausgezeichnet. Aber dies wird wohl nicht der einzige Grund gewesen sein – Sie
hätten mir das ja auch einfacher melden können.“ Mithel lächelte: „Sehr richtig.“ Er wurde ernst: „Sir,
ich wollte Sie fragen, wie wir den Konvoi angreifen werden – und den Vorschlag unterbreiten, den
mein Stab ausgearbeitet hat.“ Ward schien sich zu straffen. Vorschläge eines Untergebenen – nun, es
gab Kommandeure, die so etwas SEHR übel aufnahmen, es als Eingriff in ihre Autorität betrachteten.
Der Blick des Kapitäns der Gallileo war nicht unbedingt freundlich, als er den anderen Offizier
fixierte: „Die Entscheidung darüber liegt bei mir, Commodore.“ Er sprach sein Gegenüber mit dem
niederen Dienstrang an – an Bord eines Schiffes gab es nur einen Kapitän, auch um ihm die
Machtverhältnisse klarzumachen. Sollte Mithel dies gekränkt haben, so ließ er es sich nicht anmerken:
„Selbstverständlich. Aber ich denke, ein Vorschlag kann nicht schaden. Meine Offiziere haben daran
lange und gründlich gearbeitet, und sich bemüht, alles zu berücksichtigen, was wir über die Akarii und
ihre Flottendoktrin wissen. Ich bitte Sie nur, sich den Vorschlag anzuhören.“ Ward schien einen
Augenblick mit sich zu ringen, dann nickte er: „Erzählen Sie. Aber das heißt noch gar nichts.“
„Nun, Sir, es ist ja unsere Aufgabe, am Rande des Nebels auf Lauer zu liegen. Zum vereinbarten
Zeitpunkt werden wir den feindlichen Verband dann von hinten angreifen – er wird uns ja passieren
müssen. Und wenn alles glatt geht, greifen in derselben Sekunde die anderen Verbände an. Soweit so
gut. Aber meine Offizieren haben einige Vorschläge gemacht, um die Risiken für uns zu minimieren,
entdeckt zu werden. Das könnte ja die ganze Operation gefährden.“
Er räusperte sich: „Ich würde vorschlagen, die Gallileo und einen Teil der Eskorte ein wenig tiefer im
Nebel zu verstecken. Etwas weiter am Rand steht die Voraussicherung – dies könnte die Dauntless
übernehmen, oder mein eigener Kreuzer, vielleicht mit ein oder zwei Zerstörern. Sie werden die ECM
maximal einsetzen und verhalten sich still. Am Rand des Nebels oder schon außerhalb liegen unsere
Aufklärer – ein oder zwei Shuttles oder Jäger, im passiven Ortungseinsatz, so weit heruntergefahren
wie nur möglich. Sie orten den feindlichen Verband, geben uns Nachrichten über Richtverbindung. So
haben wir einen ungefähren Eindruck, woraus der Verband besteht, welche Formation die Akarii
gewählt haben und welchen Kurs sie steuern. Die Aufklärer melden an die Voraussicherung, und diese
an den Hauptverband. Würden wir die ganze Zeit im Nebel bleiben, um erst in der Sekunde des
Angriffes hervorzubrechen – auf Grund eines gut zwei Monate im Voraus berechneten Planes – so
wäre meiner Ansicht nach das Risiko hoch, daß wir den Gegner verfehlen oder uns zu früh in
Bewegung setzen. Immerhin kann es auch beim Feind zu Verzögerungen kommen. Und wir wüßten,
womit wir zu rechnen haben. Vielleicht könnte man sogar durch den Nebel ein oder zwei Meldeflieger
zu den anderen Verbänden schicken – wir wissen, wo sie dann seien müssten. Schnelle Maschinen, die
den Konvoi abhängen können und wegen des Nebels von ihm nicht geortet werden. Dann wüßten auch
unsere Kampfgefährten Bescheid.
Aber ob in Abstimmung oder nach Zeitplan – wir greifen den Gegner an. Ich schlage dabei vor, daß
die Dauntless mit Ihrem Schiff und eventuell den beiden Duquesne zurückbleibt. Es wäre riskant,
Ihren Träger in den Einsatz zu bringen, obwohl seine Waffen eine machtvolle Hilfe wären. Die
Dauntless ist relativ wertlos – mit etwas Glück haben wir nicht mit großen Horden Feindjägern zu tun
und wir haben ja auch selber Jagdschutz. Ihre Langstreckenraketen sind unzuverlässig, ihre
Sekundärbewaffnung reicht nicht weit – ein so neues Schiff ist in meinen Augen zu wertvoll, um es zu
riskieren, wenn es gegen Frachter und Kampfschiffe vielleicht den Gefechtswert einer Fregatte hat.
Die Jäger und Jagdbomber greifen an, während die beiden Norfolk und mein Schiff ihnen folgen.
Wenn die anderen Verbände losschlagen, denke ich, wir können die Sicherung überwinden. Sie wissen
ja – wir haben vermutlich mit mindestens einer Division Kreuzer und zwanzig Kleinkampfschiffen zu
rechnen, wenn wir berücksichtigen, was wir über die bisherigen Geleitzüge der Akarii wissen. Wie die
letzten Einsätze etwa der Redemption gezeigt haben, sind Großkampfschiffe zwar verwundbar gegen
Schwarmattacken, sie können aber auch recht effizient verteidigen und zumindest einigen Schaden
anrichten. Die Akarii werden sicher zehn bis zwölf Flakschiffe dabeihaben. Damit wären unsere Jäger
schwerem Feuer ausgesetzt, von feindlichen Einheiten, deren Zielcomputer genau für diese Aufgabe
entworfen wurden. Ich halte deshalb ein koordiniertes Vorgehen für ratsam. Gemeinsam können wir
mit etwas Glück in EINEM Ansturm die feindliche Sicherung zerschlagen und die Frachter
vernichten.“
Ward hatte aufmerksam zugehört. Das meiste war ihm bekannt – allerdings die Idee mit der
Aufklärung und vor allem den Kurierschiffen klang nicht schlecht. Dennoch – das Risiko für seinen
Verband blieb. Wenn die Akarii eine Reservegruppe hatten, oder wenn sie eine noch stärkere
Sicherung, dann würden die angreifenden Schiffe und möglicherweise auch die Gallileo ins offene
Messer rennen. Und das sagte er Mithel auch.
„Sie haben vollkommen Recht, Captain. Aber, wenn ich Admiral Noltze richtig verstanden habe, dann
ist es fast überlebenswichtig, daß der Konvoi vernichtet wird. Selbst wenn die Sicherung stark ist – ein
forcierter Angriff könnte Erfolg haben. Auch, wenn er mit hohem Eigenrisiko verbunden ist.“ Mithel
wirkte absolut ruhig und gefasst, obwohl er hier quasi einen Kamikazeeinsatz erwähnte.
Der Kommandeur des Kampfverbandes zögerte. Vieles an Mithels Plan war riskant. War vor allem
IHM, Jonathan Ward, zu riskant. Aber er wusste, er mußte gut abwägen, wollte er nicht als Feigling
gelten. Er ahnte, daß man in Offizierskreisen teilweise über ihn munkelte. Er vermutete, daß auch
Noltze ihn nicht für ganz voll genommen hatte. Aber war es das wert? Er wollte sein Schiff – und sich
– lebend durch diesen Krieg bringen. Aber er wollte auch selber sein Gesicht wahren. Irgendwie
mußte es einen Weg geben. Er blickte Mithel an, ohne eine Emotion zu zeigen: „Ich werde den
Vorschlag in Erwägung ziehen. Und mich mit den anderen Kommandeuren unterhalten. Dann sehen
wir weiter.“ Das war weniger, als Mithel gehofft, aber mehr, als er befürchtet hatte. Auf zwei der
anderen Captains konnte er sich verlassen, und nur bei Gonzales war er sich relativ sicher, daß der
anderer Ansicht war. Und der Befehlshaber der Dauntless war ein Newcomer, ein Senkrechtstarter,
dessen Blitzkarriere nicht jedem Flottenoffizier schmeckte. Außerdem färbte die eingeschränkte
Kampfbereitschaft seines Schiffes auch auf seinen Ruf ab. Der Kapitän der Relentless wußte, daß man
Kommandeure nicht drängen durfte. Deshalb sparte er sich jeden Appell an Ward. Er salutierte nur,
und übergab die Disks mit den Analysen. Dann ging er.
Draußen erwartete ihn die Offizierin, die ihn hergebracht hatte. Im nächsten Augenblick war Mithel
wieder der höfliche Gast – das konnte er nämlich auch sein. Sich mit den Offizieren des Flagschiffs
gut zu stellen, war ebenfalls ein Weg, Einfluß zu nehmen. Und er arbeitete daran – glücklicherweise
kannte er einige flüchtig von früher.

Als Mithel gegangen war, fluchte Captain Ward leise, aber vernehmlich. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Daß man ihm ausgerechnet SO jemanden auf den Hals gehetzt hatte! Er konnte Mithels Vorschläge kaum von der Hand weisen – soviel war sicher. Er würde sehr genau überlegen müssen, wie er weiter vorzugehen hatte. Auf der einen Seite die Akarii und der Tod in den eisigen Tiefen des Alls – auf der anderen Seite Verachtung und ein Ende der Karriere. Beides wollte er nicht riskieren! Es MUßTE einen Weg geben, und er würde ihn finden. Vielleicht waren Mithels Vorschläge nicht so schlecht.
Aber wenn der Plan fehlschlug, würde ihn die Schuld treffen. Wenn die Relentless und die beiden
Zerstörer vernichtet würden, würden sich Leute finden, die ihm vorwerfen würden, er hätte diesen Angriff nicht verhindert. Oder, er hätte ihn nicht genug unterstützt, etwa durch die restlichen Zerstörer.
Hielt er Mithel zurück und etwas ging schief, etwa daß die Jäger von der Flak abgeschlagen wurden und der Einsatz scheiterte oder mußte im zweiten Anlauf von den Kampfschiffen durchgeführt werden – ebenfalls nicht auszudenken! Wie war er bloß in diese verfluchte Zwickmühle geraten! Nicht das erste und bestimmt auch nicht das letzte Mal verwünschte Captain Ward leidenschaftlich die Akarii und Admiralin Noltze, sowie Mithel, Gonzales und Gott obendrein. Viel besser fühlte er sich danach nicht.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:40
Zwischenspiel: Haus der Republik, Berlin, Terra
"... und daher meine verehrten Damen und Herren ist es von immenser Wichtigkeit dass wir durch die
Überstellung der Miliz- und Nationalgardeeinheiten der Planeten an die Navy und die Army die
Kriegsanstrengungen vorantreiben."
Edgar Stark beendete seine Ausführungen, woraufhin die Mitglieder der Republikanischen Partei in
Beifall ausbrachen und Teile der derzeit herrschenden Demokraten sogar Buhrufe ertönen ließen.
Patricia Birmingham Präsidentin der Bundesrepublik Terra und stellvertretende Vorsitzende der
Demokratischen Partei machte sich etwas kleiner in ihrem Stuhl.
Teile Ihres Kabinetts drängten sie immer wieder das Militärnotstandsgesetz 228 zu unterzeichnen und
somit der Vorderung der Republikaner nachzukommen.
Und das alles gegen den Widerstand ihrer eigenen Partei. Auch die Militärs drängten sie in diese Richtung. Diese drängten noch viel weiter und zwar wollten dsie die komplette Homefleet an die Front werfen.
Allan DeMarko, ihr neuer Verteidigungsminister, beugte sich zu ihr herüber: "Stark hat verdammt
recht, allein mit der Boston-Space-Miliz könnten wir einen Flottenträger mit Piloten ausrüsten und mit
dem Rest könnten wir verdammt viele Löcher stopfen. Ich sprach mit von Richter, sie haben die Pilotenausbildung um 14 Monate verkürzt, aber es wird auf Dauer nicht reichen."
New Boston, wie sehr sehnte sich Patricia nach ihrer Heimat. Und die jungen wie die alten Männer der
Space-Miliz wollte DeMarko an der Front schicken. Natürlich wollte DeMarko, DeMarko war Admiral a.D.
"Sands und Jeromin würden mich bei lebendigen Leib braten, wenn ich 228 unterschreibe.", antwortete
Patricia und fragte sich, ob sie für DeMarko auch wie ein verängstigtes Kind klang.
"Verdammte Zivilisten. Diese beiden Geldsäcke denken wieder nur an ihre Wählerstimmen. Die
begreifen nicht, was dort draußen abläuft, wir brauchen die Milizen und Nationalgarden."
"Mein Gott nochmal, was soll ich den tun?"
"Madam, Sie sind nicht Ihrer verdammten Partei verpflichtet"; DeMarko macht wiedermal klar, dass er
unabhängig war, "sondern unserer Nation und auch deren Militär."
"Hören Sie Allan, die Republikaner werden einer dauerhaften Aufrüstung der Milizen und Nationalgarden nicht zustimmen und ich gebe diesen Leuten recht, New Boston braucht keine leichten Träger für seine kleine Privatarmee. Und der Großteil der Demokraten hat sich in den Kopf gesetzt die Kolonialmilizen nur dann in den Krieg zu schicken, wenn das Gesetz zur Aufrüstung ratifiziert wird. So und wer hilft uns nun die nötigen Schritte durchzustehen?"
DeMarko rieb sich die Augen: "Darf ich Sie an unseren Kriegsstatus erinnern? Sie dürfen 228 unterschreiben und jeden, der sich quer stellt, den buchten wir ein."
"Allan: Ich frage mich gerade ernsthaft, ob Sie der richtige Mann für die Verantwortung sind, die ich
Ihnen aufgebürdet habe ..."

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:41
"Big Basket, hier Angel Leader, ready to take off. KAT 1." Festgeschnallt in seinen Pilotensitz wartete
Lucas darauf ins All geschleudert zu werden.
"Angel Leader, hier Big Basket, bestätigt. Take off in drei, zwo, eins, take off!"
Er wurde schwer in den Sitz gedrückt, als der Katapultschlitten die Schiene entlangschoss und den
Jäger aus der Schiffsschwerkraft in die Leere des Alls beförderte.
"Lone Wolf für Pinpoint: Status!"
"Alles klar Boss, setze mich an Ihren Flügel!"
Lucas sah die andere Phantom zwei komplizierte Schleifen fliegen, ehe sie sich elegant an seinen
rechten Flügel setzte.
"Gut Kleiner, wirklich gut. Schaffst du es auch, Synchron zu bleiben?"
"Hey, bin ich Victor von Bein? Oder J.J. Jennings?" konterte Pinpoint fröhlich.
"Nun, zumindest siehst du nicht annähernd so gut aus."
"Wie wer? Von Bein oder Jennings?"
"Beide", frotzelte Lone Wolf weiter. Nirgendwo war er so entspannt wie im Cockpit.
"Hey, Sie sind hier um aus mir ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu machen, mich zu bemuttern und so, aber nicht, um mir Komplexe einzuimpfen. Ich mein, ich weiß, dass ich kein Trevor Yates bin aber ..."
"Trevor Yates?" Fragte Lucas.
"Lieutenant-Commander Trevor "Smart" Yates, bestaussehenster Pilot 2605, wissen Sie denn gar nichts?"
Lucas lachte: "Besser als ich?"
"Ohje, was dachten Sie denn?"
"Gut, dass hilft meinem Ego um einiges", verstand Lucas den jungen Piloten absichtlich falsch.
"Um einiges natürlich." Pinpoint dachte nicht daran sich auch nur eine Spitze zu verkneifen.
"Na warte Bengel, dass heißt heute nicht nur Pflichtprogramm, sondern auch Kü ... shitt, was ist dass?"
Am äußeren Rand des Radars erschien ein roter Punkt.
"Wir bekommen Gesellschaft Boss, sieht wirklich nach der Kür aus."
"Bestätigt. Zähle zwo nein vier. Automatische Freund-Feind-Erkennung weist die ersten als Deltavögel aus."
"Wollen Sie erst die schlechte oder die weniger gute Nachricht hören?"
"Die weniger gute Pinpoint."
"Das zweite Paar sind auch Deltas und die schlechte: Sie haben uns entdeckt."
"Dann werden wir mal aggressiv!"
Lucas schaltete den Nachbrenner ein, beinahe synchron reagierte Pinpoint.
Die beiden eleganten Raumjäger schossen ihren vier Widersachern entgegen.
Lucas trug wie eh und je Nahkampfbewaffnung, Pinpoint zählte die Standardkonfiguration sein eigen.
"Gib den ersten beiden was zum Nachdenken!"
"Roger! Fox three!" Pinpoint feuerte auf den nächsten Gegner eine Phönix und wechselte sofort das
Ziel. "Fox three!"
In der Regel - wie auch in diesem Augenblick - konnten Lone Wolf und Pinpoint die Akarii mit diesem Manöver überraschen, da das Standardmusster der TSN vorsah, dass der Rottenführer als erstes schoss.
Die beiden beschossenen Akarii scherten aus der Formation aus und widmeten sich dem eigenen Überleben.
Lucas und Pinpoint hielten weiter auf die restlichen beiden Akarii zu, die ihrerseits auf die Menschen zuhielten.
Wie üblich bei diesem Manövermuster "Angsthase" setzten die Akarii auf ihre Strahlengeschütze und
ebenso Pinpoint, der wieder als Erster schoss.
Lucas jedoch ließ die Rohre schweigen, feuerte im letzten Moment eine Amraam und schmiegte
sich noch dichter an seinen Flügelmann.
Die vier Jäger passierten einander, Lucas und Pinpoint zwischen den beiden Deltas hindurch, von denen
einer frontal von Lucas Rakete getroffen wurde.
Kaum, dass sie die Akarii hinter sich hatten, führte Lucas ein Manöver aus, welches in der Atmosphäre
eines Planeten oder ohne Trägheitsdämpfer unmöglich wäre.
Eine Drehung quasi im Stand.
Das einzige Manöver, mit dem er Amazon - die gefallene Kommandantin der Blue Angels – mal wirklich überrascht hatte. Nicht durch das eigentliche Manöver. Die Drehung im Stand war zwar schwer, aber Standard, doch wurde dabei selten über 12g angezeigt. Lucas drehte sich in diesem Moment mit 16,5g.
Die beiden Akarii versuchten gar nicht erst zu drehen, sie schossen nach steuerbord und backbord davon.
"Fox four!" Lucas feuerte eine weitere Amraam ab.
Auch Pinpoint hatte sich gedreht und folgte dem anderen Akarii.
Auch Lucas' zweite Rakete traf sein Ziel.
Unbeirrt folgte er dem immer schwerfälliger werdenden Deltavogel und überschüttete diesen mit
Salven aus seinen Strahlenkanonen.
Teile des Hecks des Deltavogels verdampften im Energiesturm. Ein Großteil der Panzerung war
verkocht, der Akarii wurde immer schwerfälliger.
Ein Blick auf den Radarschirm zeigte Lucas, dass zumindest einer des ersten Delta-Pärchen Pinpoints
Phönix abgeschüttelt hatte und wieder auf Lucas einschwenkte.
Sein erstes Oper wurde von Explosionen durchgeschüttelt und verging in einem Feuerball.
Lucas wendete auf den wieder ins Spiel einsteigende Deltavogel zu, der in diesem Augenblick eine
Salve aus vier Raketen feuerte.
Keine Spielerei? Kein präziser Schuss? Keine Chirurgie? Nur der Holzhammer?
Lucas begann wie wild zu manövrieren und stieß einen Täuschkörper nach dem anderen aus. Doch der
Raketenwarnton wurde immer dringender.
"Fuck, fuck, fuck." Er zerrte am Steuerknüppel.
"Boss ich brauch hier Hilfe, einer der ersten Zwei ist wieder aufgetaucht, ich bin hier echt am Arsch!"
Das Jaulen des Raketenalarms klingelte in Lucas Ohren. Dann wurde seine Phantom ordentlich
durchgeschüttelt. Die Schilde flammten auf.
Schnell überflog Lucas das Statusdiagramm. Die Schilde luden sich schon wieder auf.
"BOSS!"
"Bin unterwegs!" So schnell es ging wendete Lucas auf seinen Wingman zu und gab Vollschub.
Was er sah ließ seinen Atem stocken. Pinpoint trudelte. Ein Deltavogel drehte von ihm weg, ein
zweiter drehte frontal auf ihn zu.
"Er kommt zurück .. oh Gott ... nein ... Nein ... NEEEEIIIIIIINNN!" Der Deltavogel leuchtete in einem
ganzen Spektrum greller Faben auf, als seine enorme Bugbatterie zum Leben erwachte.
Noch als Pinpoints Schrei verstummt war dauerte das Feuer des Akarii an. Pinpoints Phantom löste
sich Stück für Stück auf.
Nein!
137 Sekunden später lichtete sich der rote Schleier über Lucas Augen. Zu seinem ersten Opfer hatten
sich auch die drei anderen Deltavögel gesellt.
Er kreiste um einen Ausgestiegenen Akarii und brachte sich in Position, daß der Akarii - wenn er noch
lebte - ihn sehen konnte.
Lucas Hände zitterten, als er die Echse beobachtete.
Töte ihn!
"Wenn ich jetzt schieße, könnte Yamashitas größter Wunsch in Erfüllung gehen."
Töte ihn! TÖTE IHN!
Langsam krümmte Lucas den Finger um den Abzug. Nichts geschah, die Rohre blieben kalt.
Verwundert drückte Lucas noch mal ab. Und noch mal, und noch mal.
Das Schadensdisplay zeigte an, dass die Feuerleitung beschädigt war.
Wütend schlug Lucas auf seine Instrumente ein, doch es half nichts, die Geschütze schwiegen noch immer.
Mit tränenverschmierten Augen blickte Lucas den Akarii an.
Langsam und auf der Stelle drehte er seine Phantom um 180 Grad.
Er atmete kurz durch und schlug die Drossler ganz in den Anschlag.
Die Abgasstrahlen der beiden Rolls Royce Turbinen zerrissen den Leib des Akarii.
Lucas schlug einen direkten Kurs zur Redemption ein.
Mit defekten Geschützen und nur noch zwei Raketen wollte er sich nicht erwischen lassen.
*
"ALARM! ALARM! FLUGDECK AUF NOTLANDUNG VORBEREITEN!" dröhnte es aus den Lautsprechern.
Während sämtliches Dienstpersonal das Flugdeck räumte, bemannten die Feuerwehreinheiten ihre
Posten.
Ein Fangnetz wurde hochgefahren, falls die Phantom zu schnell reinkommen würde und sich dem
Griff der Traktorstrahlen entwand. Ebenso wurden Kraftfelder errichtet, sollte es zu einer Explosion kommen.
Langsam segelte die Phantom von Lone Wolf herein. Die letzten Raketen hatte er im Bereich der
Patrouillen der Redemption abgeworfen.
Sauber führte das ATLS den schweren Überlegenheitsjäger auf das Flugdeck. Schon von weitem
konnten die Feuerwehrleute die schweren Brandnarben am Schiff erkennen.
Der Jäger setzte auf und der Traktorstrahl gab ihn frei. Langsam rollte Lone Wolf weiter, dann knickte
das Vorderrad ein und die Phantom schlitterte zehn Meter bis kurz vor das Fangnetz.
Sanitäter eilten auf den sich selbst aus dem Cockpit befreienden Lone Wolf zu.
Lucas nahm den blaugoldenen Pilotenhelm ab und schmetterte ihn mit voller Wucht auf das Deck.
Aufgrund seiner Beschaffenheit kratzte nur Farbe von Helm ab, aber die teure Elektronik blieb
unbeschädigt.
Die Sanitäter richteten einen Haufen Messinstrumente auf den Geschwaderkommandanten.
"Geht es Ihnen gut? Ist Ihnen schwindlig?" Wollte einer von Ihnen wissen, doch Lucas legte nur
seinen Helm mit der Kopföffnung nach unten und setzte sich drauf. Seinen Kopf legte er in die Hände.
Techniker und Piloten kamen wieder auf das Flugdeck geeilt.
"Scheißdreck, der Steuerbordtank ist durchschlagen", bemerkte einer der Techniker, "Stinkt gewaltig,
wenn da nicht bloß noch Reste drin gewesen wären..."
Chief Cutter kletterte auf das Wrack.
"Oh, Du armes, armes Ding", er untersuchte einige Stellen auf dem Rumpf.
Schließlich löste sich Radio aus der Gruppe und marschierte auf Lucas zu: "Pinpoint?"
Lucas blickte zu Radio hoch und schüttelte leicht den Kopf.
Dieser packte seinen Kommandeur am Raumanzug und zog ihn hoch: "Verdammt, Sie hätten auf
Ihn...."
Aufpassen sollen, vervollständigte Lucas den Satz in Gedanken.
"SCHEISSE!" Radio kickte Lucas Helm über das halbe Flugdeck.
Cutter kam hinzu und klopfte Radio auf die Schulter: "Geh einen trinken, Kleiner und bring mir
nachher den Helm zum Ausbessern."
Nachdem Radio sich verzogen hatte blickte der alte Deckoffizier Lucas mitfühlend an: "Hat nicht viel
gefehlt, und sie wären dem Jungen gefolgt. Der Steuerbordtank muss fast leer gewesen sein, als die
Echse Ihnen da einen reingesetzt hat."
Lucas nickte: "Ja, war nur eine leichte Explosion. Wird die Mühle jemals wieder fliegen?"
Jetzt war es daran, dass Cutter dem Commander auf die Schulter klopft: "Sorry Skipper, die wird nie
wieder fliegen, die werden wir verschrotten."
"Okay, machen Sie mir einen der Ersatzjäger klar."
"Aye, aye Sir."
Lucas blickte sich um, er hoffte Darkness zu finden. Er brauchte jetzt jemand, wo er sich auskotzen
konnte, aber dieser führte die Langstreckpatroulie.
"Ähm, Cutter, ich bin mir nicht sicher, aber der Flugschreiber, ich weiß nicht genau, was er alles
aufzeichnet, aber ich will kein Risiko eingehen...."
"Schon verstanden Sir, der wird wohl eh hin sein, wenn ich mir die Spuren so ansehe."
Der Chief ging zurück zur Maschine und Lucas drehte sich im Kreis. Die Sanitäter waren wieder da: "Würden Sie uns jetzt bitte auf die Krankenstation begleiten?" Sanft wurde er vom Flugdeck geführt.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:41
Manchmal denkt man sich nichts schlimmes, und sei es im Krieg, und dann passiert etwas, was einem
die Beine unter dem Körper wegfegt, als würde eine startende Phantom sie mitreißen.
Als ich von der Patrouille zurückkam, hatte ich noch gute Laune.
Der Plan schien aufzugehen. Kein Akarii weit und breit zu sehen, geschweige denn zu orten.
Die Patrouille war ruhig und langweilig gewesen.
Shaka passte sich immer mehr an. Nun, mein Versprechen, ihm wann immer es möglich war, einen
Abschuß zuzuschustern hatte sicherlich einiges dazu beigetragen.
Aber der Junge war gut. Verdammt gut. Wenn er wirklich noch die Disziplin bekam, die ein guter
Pilot brauchte, würde er vielleicht eines Tages Lone Wolf überflügeln.
„Wann sehen wir endlich Akarii?“ fragte der Riese mich grinsend und klopfte mir auf die Schulter.
„Ich will endlich meinen ersten Abschuß haben.“
„Das gleiche habe ich Darkness, meinen alten Wingleader auch gefragt. Und weißt du, was er
geantwortet hat, Shaka?“
„Nee, erzähl, Boß.“
„Er sagte: Sobald die Chance besteht, dass du einen erwischen kannst, ohne sofort selbst abgeschossen
zu werden.“
„Verstehe, Boß.“
„Nicht traurig sein. Ich sehe schon zu, dass du wenigstens mal auf einen Akarii feuern kannst. Wir…“
„ForCAP kommt rein. Landedeck räumen! Landedeck räumen!“
„So ein Aufstand, nur weil zwei Mühlen zurück kommen?“ wunderte sich Albert.
Während ich langsam die Bahn verließ dachte ich über die Worte meines Wingmans nach. Shaka hatte
Recht. Da musste was schief gelaufen sein.
ForCAP hatten Lone Wolf und… PINPOINT!
Am Seitenrand stand Huntress parat. „Na, wie macht sich dein Kleiner“, begrüßte sie mich. Ihre
Flügelfrau, eine meiner Geschäftspartnerinnen, stand neben ihr und grinste uns an.
„Er wird mich schon bald überflügeln“, sagte ich laut genug, damit der Riese mich hören konnte.
Zuckerbrot und Peitsche.
Aus den Augenwinkeln konnte ich einen Blick auf sein stolzes Lächeln erhaschen.
„Sag mal, Huntress, was stimmt mit der ForCAP nicht, wenn die gleich das ganze Deck räumen lassen?“
„Keine Ahnung, Ace. Weiß genau so viel wie du. Ich hoffe, Cunningham ist nichts passiert.“
„Ich hoffe, Pinpoint ist nichts passiert“, brummte ich dagegen.
Die Deckchief schaltete auf roten Alarm. Sanitäter und Löschmannschaften machten sich bereit. Sah
alles nach einer Landung nach einem Gefecht aus.
Mir schwante Übles.
„Da kommt die erste Phantom“, brummte Shaka und deutete auf den landenden Überlegenheitsjäger.
Die Mühle setzte hart, aber einigermaßen gerade auf, wurde vom Fangsystem gebremst und zur Ruhe gebracht.
Ich wartete auf die zweite Phantom.
Sie kam nicht. Als der rote Alarm abgeblasen wurde, spürte ich, wie die Kälte meinen Nacken
hochkroch. Es kam nur einer zurück. Aber wer? Lone Wolf oder Pinpoint?
Ich lief los, leicht hinter mir Shaka.
Als wir näher kamen, erkannte ich die Abschüsse an der Seite der Maschine. Das war eindeutig Lone Wolf.
Radio war vor mir bei unserem Geschwaderführer. Ich sah, während ich näher lief, wie sie sich
unterhielten. Radio brüllte und trat nach Lone Wolfs Helm. War es möglich? War es wirklich möglich?
„Was ist mit Thomas?“ rief ich, als die Mediker Lone Wolf gerade überreden wollten, auf einer
bequemen Liege Platz zu nehmen.
Der Commander antwortete nicht. Für einen Moment sah es so aus, aus wolle er mich ignorieren.
Aber er wandte sich um und sah mich direkt an. „Tot.“
Ich fühlte mich in diesem Moment, als hätte mich wirklich jemand an eine startende Phantom gehängt.
Ich wollte es nicht, aber meine Beine gaben nach. Ich sackte ein. Tränen füllten meine Augen.
„Nein…“, brachte ich mühsam hervor. „Nein, das kann nicht sein. Nicht Thomas.“
Lone Wolf sah traurig zu mir herab. „Es waren vier Deltas. Wir haben ihnen zuerst ein paar Phönix zu
schmecken gegeben und sind dann in den Kurvenkampf. Leider hat einer der Deltas die Phönix
überstanden und ging dann auf Pinpoint los. Ich kam leider zu spät, um ihn zu retten. Aber ich habe
die anderen Mühlen erwischt, Ace. Ich habe sie vernichtet. Ausradiert!“
Ich atmete stoßweise, heftig und zornig. Mit einem Ruck stand ich wieder auf. Meine Phantom zum
Startdeck zu schaffen würde nur eine Minute in Anspruch nehmen. „Ich gehe noch mal raus. Geben
Sie mir Ihre Flugdaten durch, Lone Wolf. Ich kann nicht glauben, dass er tot ist.“ Wütend marschierte ich los.
„Ace“, Lone Wolf hielt mich zurück, „er ist tot. Verdammt, ich habe ihn auch gemocht, aber ich habe
seine Maschine explodieren sehen. Das kann er nicht überlebt haben.“
„Ist egal. Ich eskortiere das SAR und bringe zurück, was von ihm noch übrig ist.“
„Es… es wird kein SAR geben, Ace.“ Lone Wolf sah zu Boden. Was?
„WAS?“
„Verstehen Sie doch, Ace! Wir sind auf Schleichfahrt. Ich habe die Bastarde alle erwischt. Aber wir dürfen nicht mehr dahin zurück! Mein Gott, auch die Akarii haben SAR‘s. Wenn sie dann eines unserer Shuttles dort sehen, wenn sie ihm zur REDEMPTION folgen, dann fliegt der ganze Plan auf! Verdammt, wollen Sie das Überleben der Menschheit riskieren?“
Ich schüttelte den Arm auf meiner Schulter ab. „Ich werde die Akarii nicht hier her führen, versprochen. Eher gehe ich drauf. Schafft meine Phantom aufs Katapult. Habe ich Startfreigabe, Lone Wolf?“
„Nein, Ace. Keine Startfreigabe.“
„Ace“, mischte sich Huntress ein, „sei doch vernünftig. Damit bringst du Pinpoint auch nicht wieder zurück.“
„Ich komme mit, Boß“, sagte Shaka.
„Das kann ein Flug ohne Wiederkehr werden, Shaka“, erwiderte ich.
„Wer will schon ewig leben? Und wer deckt deinen Arsch, wenn ich nicht dabei bin?“ Shaka lächelte mich an.
„ACHTUNG!“
Soldatische Reflexe waren antrainiert. Man konnte sich ihnen nicht entziehen. Also wirbelte ich herum
und nahm Haltung an. Der Kinnhaken traf mich vollkommen unvorbereitet und schickte mich zu
Boden.
Lone Wolf griff hart zu und zerrte mich am Saum meines Overalls nach oben. „Ich mag Sie nicht, Ace. Ich mag Sie wirklich nicht. Aber wenn ich Ihnen sage, dass Pinpoint tot ist, dann ist er das auch. Verdammt, Ace, er war mein Flügelmann. Er war ebenso mein Freund wie für Sie. Glauben Sie nicht, daß mir sein Tod nicht weh tut? Glauben Sie nicht, daß ich nicht gerne da raus gehen würde, um jeden verdammten Akarii abzuballern, der zwischen hier und Akar rumschwirrt? Doch, das will ich!
Aber wir haben eine Mission! Eine Mission, die über die Zukunft der Menschheit entscheidet. Wenn Sie Pinpoints Andenken ehren wollen, Ace, dann opfern Sie sich während des Angriffs auf den Konvoi, und nicht heute, so vollkommen sinnlos.
Thomas ist tot. Seine komplette Maschine ist hochgegangen. Ich habe es gesehen. Ich habe seinen…
Todesschrei gehört.“
Cunningham ließ meinen Overall wieder fahren. Eine einsame Träne lief seine Wange hinab.
„Ich weiß, Thomas würde sich wünschen, dass Sie vernünftig sind, Ace. Sie wissen, auch wenn Sie mit Shaka lebend zurückkehren, ist Ihre Karriere am Ende. Trotzdem wollen Sie raus. Ich respektiere das. Aber denken Sie doch mal nach. Wir brauchen Sie hier auf der REDEMPTION! Bleiben Sie. Oder fliegen Sie. Ich werde Sie nicht hindern, Ace.“
So lag ich da am Boden. Die Tränen quollen und ich wurde mir bewusst, was überhaupt gerade
passiert war. „Thomas“, brachte ich mühsam hervor, „war mein Freund.“
„Verdammt, Ace!“ Lone Wolf schrie. „Ich habe sie alle erwischt! Alle!“
„Dafür…“, erwiderte ich flüsternd, „dafür danke ich Ihnen.“
Ich stand auf, nickte Shaka zu und sah in die Runde. „Wir fliegen nicht, Shaka.“
Für diese Entscheidung schämte ich mich sehr…

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:42
Gonzalez runzelte die Stirn. Das Manöver war gerade beendet, aber das Verhalten seiner Mitkapitäne
irritierte ihn. Dass die Kommunikation sparsam war, war richtig und entsprach der Standard-
Operationsdoktrin der Navy, was jedoch irritierend war, war dass bei Flugabwehrmanövern einige der
Kollegen nur sehr zögernd die Fähigkeiten des Gefechtscomputers nutzten. Computerprojektionen
zeigten, dass bestenfalls 80% der möglichen Performance erreicht wurde. Überflüssig zu erwähnen,
dass der Computer der Dauntless hoffnungslos unterfordert war. Währenddessen umschlich Mithel
Ward wie eine Katze die heiße Milch. Bedachte man dessen Meinung von der Dauntless, würde dies
wohl bedeuten, dass man sie konservativ einsetzen würde. Das aber war in Gonzalez Augen eine
Sünde gegen die Effizienz des Verbandes. Selbst wenn der SM 2 Werfer ausfallen sollte – Triple E
war sich aber ziemlich sicher, dass dies eher nicht passieren würde – würden die Amraams jeden
Anflug von Bombern zu deren Alptraum werden lassen. Was Gonzalez aber noch mehr irritierte war
die Überlegung Mithels, ohne Flakdeckung in den Konvoi zu stürmen. Wollte der Kerl beweisen, wie
leicht man einen Kreuzer konventioneller Bauweise an Bomber verlieren konnte?
„Sir?“ Turner stand neben dem Kommandosessel und schaute seinen Captain an.
„Ja, XO....lassen Sie wieder auf normale Stationen zurückkehren. Die Männer haben genug getan und
wir sollten sie langsam schonen, schließlich geht es bald los. Außerdem möchte ich, dass die
Sensorencrew auf doppelte Wache gesetzt werden, uns darf nichts entgehen.“
„Aye, Sir. Sonst noch etwas?“
„Ich möchte detaillierte Analysen der heutigen Manöver heute abend auf dem Schreibtisch haben. Die
taktische Abteilung soll sich hier mal anstrengen, die letzten Analysen hätte auch ein Kadett von der
Akademie liefern können.“
„Werde ich weitergeben.“
„Gut, danke. Übernehmen Sie, ich mache mal einen Rundgang.“ Gonzalez stand auf und griff nach
seiner Mütze. Dann verließ er die Brücke und ging in Richtung der vorderen Waffenbatterie. Die
Männer und Frauen waren die unregelmäßigen Inspektionen mittlerweile gewohnt und so grüßten nur
die Besatzungsmitglieder, deren Dienst es zuließ, dass man kurz die Augen von den Konsolen nehmen
konnte. Insgesamt war die Moral an Bord gut, auch wenn einige der Mannschaften noch etwas
mißtrauisch hinsichtlich der Zuverlässigkeit des neuen Equipment waren. Ironischerweise war dies vor
allem auf den Stationen der Fall, die bisher zuverlässig arbeiteten, während die SM2 Besatzungen als
Pechvögel die Sache entweder mit Humor nahmen oder aber meinten, sie würden mit jedem Problem
zurechtkommen, weil man das System schon mehrfach zerlegt und wieder zusammengesetzt hatten.
Zwar konnte man keine weiteren Übungsschüsse abgeben, aber durch Tests der Subsysteme war es
möglich, die Zuverlässigkeit täglich weiter zu erhöhen. Mittlerweile waren überdies alle SM2
Flügkörper und auch per Zufallsprinzip ausgesuchte Amraams getestet und für gut befunden worden.
Offensichtlich war die verbesserte Version deutlich zuverlässiger als die Flugkörper, die man bei den
Übungen verwendet hatte.

Ensign Conrad Bois Guilbert salutierte, als Gonzalez schließlich den vorderen SM2 Gefechtsstand
erreichte. Der Ensign hatte trotz seiner geringen Erfahrung bisher sich als guter Offizier bewährt.
Gonzalez war vor allem erfreut, dass er sich immer wieder Rat bei den erfahrenen Unteroffizieren
holte, ohne sich zu schämen, dass er etwas nicht wußte. Viele Frischlinge von der Akademie waren
hierfür zu stolz oder zu ängstlich. Bois Guilbert hingegen schien begierig alles aufzusaugen, was er
lernen konnte. Hiervon profitierte die komplette Abteilung und die Chiefs schienen selbst etwas stolz
auf ihren „Jungen“ zu sein, wie sie ihn hinter seinem Rücken nannten. Gonzalez wußte allerdings
auch, dass man erst im Gefecht wirklich sehen würde, wie gut der Ensign sich wirklich halten würde.
Leider galt dies für viele Mitglieder der Dauntless Besatzung. Daher setzte Gonzalez sein Hoffnung
vor allem in die Unteroffiziere, die waren durch die Bank recht erfahren, einige von denen hatten sich
als richtige Glücksgriffe entpuppt und die drei Kandidaten, die Probleme hätten bereiten können, hatte
Turner noch vor Auslaufen identifiziert und elegant auf die Stationen rotiert, wo sie wenig Schaden
anrichten konnten. Außerdem erfreuten sie sich nach wie vor der erhöhten Aufmerksamkeit des XO
der Dauntless. Hier zahlte es sich wieder aus, dass die beiden Senioroffiziere ein eingespieltes Team
waren, solche Dinge konnte Gonzalez ungesehen Turner überlassen.

Zehn Minuten später hatte Gonzalez die Station wieder verlassen und Bois Guilbert atmete innerlich
auf. Zwar hatte der Captain ihn und seine Männer gelobt, aber er wußte auch, dass dies keine
Aufforderung war, nun sich zufrieden zurückzulehnen, sondern nur noch härter an sich zu arbeiten.
„Sir, alles in Ordnung?“, fragte Chief Groton, sein ranghöchster Untergebener.
„Ähmja, Chief....“ Bois Guilbert merkte erst jetzt, dass er auf den Fingernägeln herumgekaut hatte.
Noch etwas, was man vom Captain abschauen konnte, der war immer cool, wie es schien, auch wenn
alles schief ging. Deswegen war er wohl auch der Captain. Conrad grinste.
„Chief, ich will, dass wir uns nochmal das Programm zur Einspeisung der Daten des Hauptcomputers
vornehmen. Ich habe das Gefühl, das können wir noch optimieren.“
„Sir, wir haben den Code schon massiv gekürzt.“
„Ich weiß. Aber wir wissen doch beide, dass der Code fürchterlich umständlich ist.“
Groton nickte. Der Junge hatte einen Abschluss in Elektronik und Computerwissenschaften und das
merkte man ihm an. Andererseits war es ihm so lieber als wenn er einen Vorgesetzten hatte, der keine
Ahnung vom System hatte, weil er nicht einmal die Grundlagen verstand. Dann drehte er sich um und
setzte sich wieder an die Konsole, wo er das Programm aufrief.

Gonzalez indes war im Maschinenraum angelangt. Auch hier war emsiges Treiben zu beobachten,
weil die Stationsmitglieder unter dem für Ingenieure typischen Hang zur Perfektion neigten. Nachdem
er sich vergewissert hatte, dass alles in Ordnung war, begab er sich in seine Kammer und legte sich für
eine Stunde in die Koje. Dann weckte ihn das Fiepen des Computers auf, weil die ersten Berichte von
O’Keefe eingetroffen waren. Grummelnd stand Gonzalez auf, steckte sich eine Zigarre an und begann
mit der Lektüre.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:43
Auf dem Marsch
Seit dem Beginn der Feindfahrt hatte sich an Bord einiges ereignet. Die Offiziere hatten, natürlich
völlig erwartungsgemäß, alles daran gesetzt, um die Neulinge einzuarbeiten. Und dies bedeutete Drill,
Drill und nochmals Drill. Da die glorreichen Zeiten der Sturzäcker und Gewaltmärsche vorbei waren –
größtenteils, bei den Bodentruppen sah das mitunter noch etwas anders aus – konzentrierte man sich
auf Simulatorübungen und echte Raummanöver, bei der in bekannter Manier einige Gruppen die Rolle
der Angreifer übernahmen und andere die Verteidiger spielten. Wenn man auch nichts außer Acht ließ
– es war ja keineswegs ausgeschlossen, daß man selber von Feindjägern angegriffen wurde – so
konzentrierten sich die Manöver doch auf Angriffs- und Eskorteinsätze. Dabei wurde auch geübt, wie
man sich am besten gegenüber schweren Einheiten verhielt – was bedeutete, sich möglichst nicht
abschießen zu lassen. Selbst die Hydra-Werfer waren schon gegen eine Korvette relativ nutzlos, diese
kleinen Schiffe waren als sehr wendig bekannt. Und gegen Zerstörer und ähnliches hatten sie etwas
wenig Durchschlagskraft, wenn nicht eine ganze Abteilung kombiniert angriff.
Anders sah die Sache für die Piloten der Jagdbomber aus. Sie durften Anflüge aus allen Lagen, mit
und ohne Feindjäger und gegen alle möglichen Ziele üben. Keine leichte Aufgabe, und im Einsatz
würde es noch schwerer werden. Die Reichweite der Schiff-Schiff-Raketen war so gering, daß man
fast unweigerlich in die Reichweite der feindlichen Mittelstreckenraketen geriet. Und für eine saubere
Zielerfassung waren volle zehn Sekunden nötig. Vor allem – die Chance auf einen Treffer nahm in
dem Maße zu, in dem sich die Entfernung zum Ziel verringerte. Aber gleichzeitig stieg natürlich auch
die Chance, selber zum Ziel zu werden. Nur wenige brachten es fertig, ruhig zu bleiben, wenn ein
entnervender Piepton feindliche Zielerfassung signalisierte oder gar von ankommenden Raketen
kündete. Oft schossen dann Bordschützen vorbei, klinkten zu früh aus, ließen dem Feind Zeit für
Ausweichmanöver. Andere wiederum warteten zu lange. Mit tödlichen Folgen.
Nun, wenigstens waren die meisten Piloten der Redemption Veteranen, das gab wenigstens Anlaß zu
ETWAS Hoffnung. So mancher hatte schon harte Gefechte miterlebt und seine Waffen punktgenau ins
Ziel gebracht. Was nicht hieß, daß man ihn jetzt in Ruhe ließ...
Ein Rhythmus von Übungen und Freizeit, unterbrochen von Patrouilleeinsätzen, hatte sich langsam
eingeschliffen. Die Staffeln agierten jetzt zumindest bei den Manövern und im Simulator wie EIN
Organismus, nicht wie eine Ansammlung von Einzelmaschinen. Ob es im Ernstfall so gut klappen
würde – das blieb abzuwarten. Besondere Ereignisse waren bisher ausgeblieben. Es war zu keinerlei
sonderlich unerfreulichen Zwischenfällen an Bord gekommen, was an sich schon mal ein Grund zur
Freude war. Weder war Huntress der Geduldsfaden angesichts der ewigen guten Ratschläge ihrer
Offizierskameraden gerissen, noch hatte ein wütender Mob Radio gelyncht oder war Lilja die Hand
ausgerutscht. Oder hatte sonst eines der braven Schäfchen an Bord in besonderer Weise von sich reden
gemacht.
Was natürlich nicht hieß, daß bestimmte Krisenherde nicht noch am Köcheln gewesen wären. Lilja
wurde auch weiterhin von vielen gemieden und geschnitten. Daß sich noch keiner gefunden hatte, ihr
zum Beispiel den „Heiligen Geist“ zu geben, lag zum einen an ihrem Rang, zum zweiten an ihrem Ruf
– Messer inklusive – und schließlich an dem Umstand, daß Cliff „Ace“ Davis auch noch keine
Abreibung kassiert hatte, obwohl er sie in den Augen nicht weniger genau so oder noch mehr
verdiente.
Radio hatte sich – jetzt, wo die Feindfahrt begonnen hatte und seine Nachfolger den Markt nicht in
dem Maße beliefern konnten wie früher – mit seinem Verhalten auch nicht gerade beliebter gemacht.
Die Gerüchteküche brodelte natürlich dennoch. Hauptziel war neben der Mission der Geschwaderchef.
Sowohl das Ehrengericht als auch seine Beziehung zur XO des Trägers gab den Lästermäulern für
diese Feindfahrt genug zu tratschen. Vermutlich würde es auch noch für eine zweite reichen. Und
nicht alle Stimmen waren den beiden sonderlich gewogen.
Aber selbstverständlich war auch das Ziel Objekt erbitterter Debatten. Die „Experten“ stritten sich
über Zusammensetzung, Zweck und Fracht des Konvois, wobei die offiziellen Verlautbarungen
natürlich nur gelegentlich berücksichtigt wurden. Kurz und gut – es ging zu wie eh und je, Rufmord
und Unkenrufe gehörten nun einmal zu einem Flottenverband dazu. Und daß der Schwarzmarkt etwas
eingeschränkt agierte, führte nicht zu einem Nachlassen des Handels, lediglich die Preise stiegen stark
an und „Ersatzartikel“ machten die Runde – allerdings bisher ohne nennenswerte negative Folgen. Vor
Jahren war es bei einer Patrouillenfahrt auf einem Zerstörer zu mehreren schweren Fällen von
Alkoholvergiftung wegen unsachgemäß gebrannten „Behelfsschnaps“ gekommen.

Doch im Augenblick war alles etwas anders. Die Meldung, daß Lone Wolf und Pinpoint auf einer
Patrouille Feindkontakt gehabt hatten, war schnell herumgegangen. Auch, daß alle vier Deltas
vernichtet – und Pinpoint gefallen war. Die Maschine des Geschwaderführers war beschädigt worden
und eine Reparatur konnte man sich sparen – an dem Zustand konnte man leicht ablesen, wie erbittert
der Kampf gewesen war. Lone Wolfs Jäger taugte nur noch als Heldendenkmal oder Ersatzteilspender.
Sofort waren die Kampfpiloten in Bereitschaft versetzt worden – für den Fall, daß die Akarii-
Sturmjäger nur die Vorboten eines Angriffes waren oder der Feind auf ihr Verschwinden reagierte.
Schließlich konnte man nicht wissen, ob sie vor ihrer Vernichtung noch hatten funken können. Aber es
schien, als würden die Akarii den Verlust ihrer Raumjäger nicht bemerken. Vermutlich hatten sie
vorher keine Meldung abgeben können, und die Nachsuche hatte in den Weiten des Alls den
Erdverband verfehlt. Raumfahrt war auch heutzutage noch gefährlich – auch, wenn man die
Geschichten über... DINGE ... klugerweise als die moderne Variante des Seemannsgarns abtat. Ein
Navigationsfehler, ein Meteroitensturm – im Weltraum gab es genug Erklärungen für das
Verschwinden einiger kleiner Kampfflieger. Zumindest hoffte man das an Bord der Schiffe des
Redemption-Verbandes.
Dennoch herrschte auch jetzt, nachdem die Bereitschaft gelockert worden war, eine gewisse
Nervosität. Der Zusammenstoß lag inzwischen mehr als einen Tag zurück. Aber natürlich wurde das
Gefecht und seine möglichen Folgen noch immer lebhaft diskutiert. Einige äußerten – neben der
selbstverständlichen Betroffenheit über den Tod Pinpoints, der recht beliebt gewesen war – ihre
Bewunderung für den Geschwaderchef. Der Abschuß von drei Feindmaschinen in einem Gefecht,
noch dazu weitestgehend solo, war eine Leistung, die in diesem Krieg bisher höchst selten, wenn
überhaupt, erbracht worden war. Immerhin hatte er mit allen dreien auf einmal kurbeln müssen. Und
etliche meinten, dafür hätte Cunningham eine Auszeichnung verdient, auf jeden Fall sei der Fleck, den
das Ehrengericht auf seiner Weste hinterlassen habe, ausgetilgt worden.

Es gab jedoch auch andere Stimmen. Eine davon gehörte Lieutenant Commander Diane „Lightning“
Parker, ihres Zeichens Chefin der 3. (grünen) Geleitschutzstaffel – und alles andere als eine
Bewunderin von Lone Wolf. Das mochte einerseits daran liegen, daß die beiden schon bisher
wiederholt „aneinandergeraten“ waren, aber ihre Worte nur als private Animositäten abzutun wäre
etwas kurzsichtig gewesen. Sie schwang ihre Reden natürlich nicht öffentlich – aber die Angehörigen
ihrer Staffel bekamen recht schnell mit, wie sie darüber dachte. Und sie wären keine Soldaten
gewesen, wenn gewisse Ansichten nicht weitergesickert wären – allerdings zumeist im Deckmantel
des „ich habe gehört...“ und des „hast du dir schon überlegt..., man sagte mir, daß...“.

In den letzten Wochen hatten Lightning und Lilja eine gute und nutzbringende – wenn auch für den
Rest der Staffel äußerst strapaziöse – Zusammenarbeit aufgebaut. Die Neulinge waren inzwischen fast
nahtlos in den Verband integriert, und die Staffel schnitt bei den Übungen immer besser ab. Durch die
Entlastung, die Lilja und Blackhawk der Staffelchefin brachten, konnte diese sich noch besser auf ihre
Arbeit konzentrieren. Sowohl die Sektionen als auch die Staffel an sich arbeiteten inzwischen gut
zusammen, die taktische Flexibilität war enorm gestiegen. Allerdings war dies nicht ohne einen
gewissen Preis abgegangen.
Lilja – die anders als Blackhawk nicht über eine langjährige Erfahrung in diesen Bereichen verfügte –
hatte sich in ihrer Aufgabe ziemlich verausgabt. Die Zeit, die ihr neben ihrem Dienst und ihrem
privaten Konditions- und Reflextraining blieb, nutzte sie zur Lektüre von Lehrbüchern und Filmen, die
ihr helfen sollten, sich weiterzubilden. Sowohl körperlich als auch geistig hatten sie die letzten
Wochen sehr in Anspruch genommen. Oft kam sie viel zu spät zum schlafen, wenn man bedachte, wie
sehr sie ihren Körper strapazierte. Die Folge davon war, daß sie zunehmend wieder unter ihren alten
Schlafstörungen litt. Alpträume, Nervosität, mitunter auch leichte Schwächeanfälle – die ganze
Palette. Warnsignale des Körpers, daß sie ihre Grenze erreicht hatte. Bisher hatte sie sich noch im
Griff behalten, wenn auch nicht ohne Hilfsmittel.
Wie früher benutzte sie Schlaftabletten, um ihre Erinnerungen zu betäuben, und jeden Morgen nahm
sie „Muntermacher“, um wieder auf die Beine zu kommen. Dabei ignorierte sie den zunehmend
besorgten Gesichtsausdruck ihrer Freundin und Zimmergenossin Ina.
Freilich – es ging ihr immer noch besser als in den Wochen vor ihrem Zusammenbruch am Anfang
des Krieges. Selbst die Belastungen durch den ständigen Dienst ließen sich kaum vergleichen mit dem
Dauerstreß durch die permanenten Kampfeinsätze, den psychischen Folgen der häufigen Niederlagen
und der hohen Verluste. Sie war inzwischen stärker abgestumpft, hatte einen Weg gefunden, ihre
Probleme zu transformieren – in Haß auf den Gegner. Körper und Seele – wenn man an letzteres
glauben mochte – legten sich eine Hornhaut zu. Dennoch sah sie inzwischen definitiv nicht mehr sehr
gesund aus – bleiche Wangen und ein oft etwas verschleierter Blick, vor allem außerhalb des Dienstes,
wenn sie nicht ganz so darauf achtete, sich unter Kontrolle zu haben. Sie versah ihren Dienst
mustergültig, aber sie hatte in den drei Wochen immerhin sechs Kilo abgenommen. Kopfschmerzen
machten sie noch unleidiger als sonst, und sie hatte sich, angesichts der gegen sie herrschenden
Stimmung, einige Male ziemlich zusammennehmen müssen. Bisher hatte sie mit der Belastung fertig
werden können, und langsam begann sie auch, sich etwas an den Zustand zu gewöhnen. Daß es ihr
GUT GING, konnte man natürlich nicht sagen. Aber sie arbeitete daran, einen Zusammenbruch wie
beim letzten Mal um jeden Preis zu vermeiden. Und es sah so aus, als sei dies auch zu bewerkstelligen
– möglicherweise. Bis jetzt.

Im Moment nahm sie gerade ihr Frühstück zu sich – wenn man es so nennen konnte. Allein der
Gedanke an reichliches Essen drehte ihr in letzter Zeit den Magen um, und sie hatte sich in den
vergangenen Wochen ein paar Mal übergeben müssen. Nervöse Magenbeschwerden nannte man dies
wohl – Lilja gebrauchte andere Bezeichnungen, und keine war geeignet, in der Gegenwart von Frauen,
Kindern oder Männern unter 30 wiederholt zu werden. Deshalb begnügte sie sich mit einer dünnen
Scheibe Brot mir etwas Butter und Salz, dazu einige Tassen stark gesüßten Tees – ihr
Hauptenergielieferant in letzter Zeit. Daneben schluckte sie heimlich irgendwelche Pillen, die
Vitamine und ähnliches enthielten oder lutschte Traubenzucker – Dinge, die sie noch halbwegs vertrug.
Ihre Staffelchefin leistete ihr Gesellschaft. Sie waren nicht direkt das geworden, was man Freundinnen
nennen konnte, aber sie verstanden sich recht gut. Abgesehen davon hatten sie eng
zusammengearbeitet. Und Lilja war für Lightning ein Gesprächspartner , mit dem sie mehr anfangen
konnte als mit den meisten ihrer Offizierskollegen – von denen einige eben eher zu Lone Wolf hielten.
Ina war augenblicklich im Einsatz, auf Außensicherung. Blackhawks Sektion flog gemeinsam –
angesichts der möglichen Bedrohung hatte man die Patrouillen verdoppelt. Dies war auch einer der
Gründe, warum Lilja etwas nervös war – was sie aber zu unterdrücken wußte. Der Gedanke, auch Ina
wie schon so viele andere Freunde zu verlieren, war schwer zu ertragen. Zudem war Ina die einzige
Person an Bord, der Lilja wirklich und vollkommen vertraute. Allen anderen – und besonders solchen
sogenannten Vertrauenspersonen wie dem „Popen“ oder den Ärzten – verschwieg sie etwas, machte
ihnen was vor. Nur ihre Zimmergenossin wußte, wer die Eisprinzessin wirklich war, wo ihre
Schwachpunkte lagen.
Aber sie ließ sich nichts anmerken. Angesichts der kürzlichen Ereignisse war das Thema des
Gespräches keine Überraschung. Es ging natürlich um den Zusammenstoß der beiden Phantome-Jäger
mit der Deltavogel-Sektion. Und Lightning hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg.
„Nein, ich meine, wir haben es nur unserem verdammten Glück zu verdanken, daß wir noch nicht
TIEF in der Scheiße sitzen! Obwohl ich bisher gar nicht wußte, daß wir so etwas wie Glück besitzen.
Die Akarii werden bestimmt nach ihren Schäfchen gesucht haben – oder nach dem, was für ihr
Verschwinden verantwortlich ist. Ein Wunder, daß sie uns dabei nicht aufgestöbert haben.“ Lilja
nickte. Sie wirkte etwas bedrückt, und das war Lightning offenbar nicht entgangen: „Stimmt etwas
nicht?“ Die Russin zuckte unbehaglich mit den Schultern: „Na ja. Es ist wegen Pinpoint. Noch auf
Perseus, da ist er mal mit mir ins Kino gegangen. Ich war wohl – ein wenig unhöflich zu ihm. Und
jetzt – jetzt tut es mir leid. Ich meine, es war ja nicht so, daß er mir irgendwie auf die Nerven
gegangen wäre oder so. Ich habe ihn auf reinen Verdacht hin angefahren und ziemlich unwirsch
abgefertigt.“ Lightning schwieg unsicher. Zum einen, weil sie nicht daran gewöhnt war, daß Lilja ihr –
oder überhaupt jemanden außer vielleicht ihrer Zimmergenossin – etwas persönliches erzählte, zum
anderen weil es schwer war, auf so etwas zu antworten. Dann rang sie sich ein: „So was kann man
nicht vorher wissen.“ ab, eine ziemlich lahme Entgegnung. Lilja nickte, etwas gedankenverloren:
„Stimmt schon. Trotzdem wünsche ich mir, ich hätte ihn nicht so angeschnauzt.“ Sie wechselte
bemüht das Thema: „Aber warum denkst...Du... es ist zum Gutteil auch die Schuld von Lone Wolf?“
Sie hatte mit der persönlichen Anrede, die Lightning außerhalb des Dienstes vorzog, immer noch
gewisse Probleme.
Die Staffelführerin gestikulierte: „Na, zum einen war es schon mal blödsinnig, ohne Aufklärungspods
rauszugehen. MIT denen hätten sie die Akarii orten und ihnen ausweichen können. Die hätten mit
etwas Glück gar nichts gemerkt. Außerdem hätte Lone Wolf sie auf unseren Verband – oder auf eine
andere Patrouille – ziehen können. Selbst seine lahme Ente ist schneller als ein Deltavogel. Sicher, die
hätten funken können – aber diese Gefahr bestand ja auch so. Was hätte er eigentlich gemacht, wenn
die Akarii sich geteilt hätten? Eine Gruppe fliegt zurück und schlägt Alarm, die andere jagt die
Phantome. Er war nicht gezwungen, es hier und gleich auszufechten. Aber natürlich, Superheld Lone
Wolf stürzt sich Hals über Kopf in die Schlacht. Vier zu zwei – da war die Wahrscheinlichkeit
ziemlich hoch, daß genau das passierte, daß einer unserer Leute erwischt wird. Selbst bei solchen
Mühlen wie den Deltas kann sich da eine todsicher in Position setzen. Und außerdem - es hätte auch
noch schlimmer ausgehen können.“ Sie kniff ihre Augen ein wenig zusammen: „Ich habe den
Eindruck, HERR Cunningham will entweder jemanden imponieren – wem auch immer – oder er hält
sich für unschlagbar. Oder er ist zu sehr mit ANDEREN Dingen beschäftigt und verliert die Realitäten
aus den Augen. Wenigstens sind alle Akarii erledigt.“ Lilja spürte sehr wohl das versteckte Gift in den
Worten. Lightning meinte es wohl auch so, und nicht wenige würden ähnlich denken.
Cunningham hatte allen Grund, eine Heldentat zu vollbringen – wollte er jemals weiterkommen, so
mußte er schon außergewöhnliches leisten. Drei Jäger in einem Luftkampf quasi alleine abzuschießen
– selbst wenn man den Verlust seines Wingmans betrachtete, war vier zu eins (und dabei schwere
Akarii-Maschinen auf der Haben-Seite) ein ausgezeichnetes, ja sogar überragendes Ergebnis. Zudem
würde man Lone-Wolfs Maschine nicht als "abgeschossen" werten, also blieb es bei dem Verhältnis
von vier zerstörten Akarii bei einem vernichteten Erdjäger. Damit ließ sich schon einiges an Scharten
auswetzen. Außerdem – wer wußte, ob er nicht nur seine Vorgesetzten, sondern auch sein
persönlichen...UMFELD...beeindrucken wollte? Seine Beziehung zu Commander Auson war
inzwischen "allgemein bekannt" – wie kaum anders zu erwarten. Wer die Ohren aufsperrte, konnte das
Getuschel gar nicht überhören.
Und ob es Neid war, Empörung über gewisse PRIVILEGIEN von Offizieren oder was auch immer,
jedenfalls dachten einige, der Geschwaderchef wollte vielleicht vor ihr angeben oder sei mit dem Kopf
bei ganz anderen Dingen, nicht bei seinen Aufgaben. Jedenfalls nicht so, wie er sein sollte. Und denen
würden die jüngsten Ereignisse als Bestätigung dienen. Mal ganz abgesehen davon, daß Lone Wolf
sowieso einen gewissen Ruf bezüglich großer Selbstsicherheit hatte. So etwas konnte einen selber,
aber auch andere, schnell ins Grab bringen. Bezüglich von Gerüchten war ein Kampfschiff auf
Feindfahrt ein ideales Treibhaus, soviel war klar. Und „liebstes“ Opfer waren „die da oben“ – vor
allem, wenn sie angreifbar schienen.
Lilja wußte selber nicht so recht, was sie von der Sache halten sollte. Sie hielt die Vorschriften über
das Verhalten von Besatzungsmitgliedern zueinander gelinde gesagt für dämlich. Aber daß gewisse
Leute sich von der Regel ausnahmen, während andere dieses Privileg nicht hatten, fand wiederum
keineswegs ihre Billigung. Einerseits hielt sie viel von Lone Wolf – er hatte ihrer Auszeichnung und
Beföderung zugestimmt. Und seine letzte Leistung war ausgezeichnet. Aber andererseits – manches an
ihm paßte ihr weniger. Und sie mußte Lightning teilweise recht geben.
„Was denken Sie, äh, denkst du – wie wird es jetzt weitergehen?“ Lightning zuckte mit den Schultern:
„Ich denke mal, im Augenblick sind wir ihnen entwischt. Keine Fühlungshalter, keine Spur von
Verfolgern. Noch mal Glück gehabt, wie gesagt. Aber ich fürchte, das wird nicht ewig so bleiben.
Irgendwann werden Akarii anfangen zu vermuten, daß was im Busch ist. Ich schätze, die verfolgen die
Bewegungen unserer Träger so genau wie möglich. Und sie wissen, daß wir bald wieder welche parat
haben. Sie werden sich schon wundern, wo die Redemption und die beiden andere leichten Träger
stecken. Sie wissen, daß die alle nicht so schwer beschädigt sind, daß eine noch längere Liegezeit
nötig wäre. Und sie wissen, daß wir nicht gerade jetzt unsere Einheiten auf der faulen Haut liegen
lassen können. EIN Schiff könnte einen Unfall haben oder so – aber drei? Nein, die Echsen werden
schon nervös auf das kleinste Anzeichen achten. Und ich würde nicht darauf wetten, daß sie nicht
doch ein paar Spione haben oder sonst etwas in der Art. Sie werden auf das kleinste Zeichen achten,
daß unsere Schiffe wieder in Marsch gesetzt wurden. Und der Verlust von vier Deltavögeln – das ist
ein Hinweis, der schon fast ZU deutlich ist. Die werden den Sektor mit einer Stecknadel auf der
Sternenkarte markieren und anfangen zu überlegen, wohin mögliche Schiffe von hier unterwegs seien
könnten. Wenn dieser Idiot doch nur aufgepaßt hätte!“
Lilja nickte zögernd: „Er hätte wirklich Aufklärungspods mitnehmen sollen – allerdings, nachdem er
sie erstmal gesichtet hatte, MUßTEN sie zerstört werden. Wenigstens sind alle tot.“ Nun war es an
Lightning, zu zögern. Liljas Haß war nur zu bekannt. Aber angesichts des sich hinziehenden Krieges,
der hohen Verluste und angesichts des Todes von Pinpoint konnte auch sie nicht anderes als
zuzustimmen. Wie gut, daß die Akarii tot waren. Konventionen, Gnade, Achtung vor dem Feind –
solche Regungen waren zunehmend die Ausnahme in einem modernen, einem totalen Krieg.
„Na, Lilja, ich schätze, da kommt noch was auf uns zu. Wir werden verdammt aufpassen müssen, in
alle Richtungen.“ Lightning ließ ihre Schultern kreisen und verzog das Gesicht, als die Muskeln
wütend protestierten: „Ich werde dann mal schauen, was unser Häuptling ausbrütet. Wenn er mal Zeit
für den Dienst findet. Du...“ Die Russin schrak hoch und nickte krampfhaft: „Beginn der
Einsatzbereitschaft ein einer halben Stunde, Dauer sechs. Ich sorge dafür, daß meine Sektion bereit
ist.“ Lightning grinste: „Du wirst ja noch eine richtig gute Offizierin.“ Lilja wurde rot – selten bei ihr –
und salutierte. Als Lightning lachend aufstand, vertiefte sich die Röte ihres Gesichts noch. Hastig
stürzte sie ihren Tee hinunter und stand ebenfalls auf. Sie hatte sich vorzubereiten. In Gedanken
murmelte sie: ,Wenigstens hat Lone Wolf die Schweine erwischt.‘ Sie glaubte – sie hoffte – daß
Pinpoint so besser schlafen würde, seine Mörder waren ihm gefolgt. Sie selber hatte ihren Kameraden
diesen Dienst nicht erweisen können – aber sie würde nicht ruhen, bis auch der letzte Akarii, der bereit
war zu kämpfen, vernichtet war. Bis die Akarii am Boden lagen, oder sie selber den Tod fand.
Lilja eilte aus der Kantine. Sie verdrängte die Kopfschmerzen, den Gedanken an die toten Kameraden,
alles bis auf einen Gedanken – ihre Pflicht zu erfüllen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:44
"Und so erhob ich mich auf den Schwingen der Gerechtigkeit und flog durch den Himmel bis hinauf
ans Firmament. Dort soll mein Stern strahlen. Wachen und den Weg zum Sieg weisen."
Lucas pausierte kurz und räusperte sich. In seiner Kehle hatte sich eine tonnenschwerer Klos gebildet:
"Wir haben uns im Angesicht des Universums versammelt um Thomas Andrews die letzte Ehre zu
erweisen.
Thomas ist wohl nie über die Bezeichnung Jungfuchs hinausgekommen", Lucas lächelte kurz, "und doch können wir viel von diesem jungen Mann lernen. Er war ein Mann, der für uns alle als Vorbild dienen könnte.
Durch sein freundliches und kameradschaftliches Auftreten war er eine Anlaufstelle für jeden von uns
der Sorgen hatte.
Seine Missionen führte er ruhig und professionell aus. Dem Feind trat er mit Achtung, Mut,
Selbstbewusstsein und Respekt entgegen.
Seine Freundschaft, sein Verständnis und seine mahnenden Worte werden uns auf dem Weg zum Sieg fehlen."
Martell übernahm das Kommando: "Geschwader stillgestanden!"
Der übliche Trompetensolo erklang. Die sechs Mann starke Ehrenwache zu beiden Seiten des Sarges
drehten sich zum Sarg.
Radio, Ace, Shrike, Jaws, Kali und Rusty nahmen die Fahne der Republik auf. Sie zogen das blaue
Tuch mit den silbernen Fransen stramm.
Die silbernen Sterne funkelten im Licht.
Langsam zum Trompetenklang falteten die sechs Piloten die Fahne zu einem Dreieck zusammen.
Diese Fahne wäre eigentlich für die Eltern des gefallenen Piloten gedacht, doch Thomas "Pinpoint"
Andrews war in einem Waisenhaus aufgewachsen.
Und auch für solche Fälle hatte die Navy ihre Regelungen und Vorschriften.
Lucas trat auf Radio zu, der ihm die Fahne entgegenhielt. Die beiden Piloten blickten sich gegenseitig
in die Augen.
Beide Augenpaare waren von Trauer erfüllt und Lucas sah in den Augen des Jüngeren ungeweinte Tränen.
Lucas befestigte an der Fahne einen Verwundeten Löwen in Gold, sowie das Flying Cross in Bronce
und übernahm die Fahne.
Der Fahnenübernahme folgte eine Drehung um 180° und einige Schritte, so dass er mit Darkness auf
gleicher Höhe war.
Als Lucas sich erneut um 90° auf die Formation zudrehte, trat Darkness einen Schritt vor.
Mit drei weiteren Schritten war Lucas auf Armeslänge an Darkness heran: "'Lieutenant Commander
McQueen: Von einer dankbaren Nation übergebe ich Ihnen die Fahne von Lieutenant Thomas Andrews."
Darkness nahm die Fahne entgegen: "Stellvertretend für das Geschwader der Angry Angels nehme ich
die Fahne entgegen."
Wieder gab Martell Kommandos: "Geschwader rechts UM! SaluTIERT!"
Die Trompete verklang und der Sarg wurde ins All katapultiert.
Da die Redemption auf Schleichfahrt fuhr durfte die Bordartillerie kein Salut feuern. Stattdessen ließ
man den Ton schießpulverbetriebener Geschütze über die Lautsprecher laufen. 21 Schuss an der Zahl.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:45
Einundzwanzig Schüsse. Vom Band. Für einen gefallenen Helden.
Ich zuckte bei jedem einzelnen Schuß zusammen.
Meine Gedanken waren beinahe verstummt, eine Reihe sehr leiser Stimmen rauschten noch in meinem
Kopf. Sonst gab es nichts mehr.
Kali nicht, Lone Wolf nicht, Radio nicht, Lilja nicht, Darkness nicht.
Nur diese Zeremonie und die Fahne mit dem Löwen und dem Cross in den Armen von Darkness.
Ich hätte mir gerne die Tränen aus den Augen gewischt, aber meine antrainierte Disziplin ließ dies
nicht zu. Geduldig und gehorsam wartete ich, bis der offizielle Teil vorbei war.
Gott, hatte Lilja Recht? Hatte Darkness Recht? War ich nur ein arroganter, selbstverliebter Bastard,
der gerade jetzt erkannte, was Krieg wirklich war?
Als Lone Wolf uns entließ hatte ich die Antwort.
Ich schluckte hart und trocken, als die höheren Offiziere des Geschwaders den Raum verließen.
"Ich möchte die Kameraden und Freunde von Pinpoint bitten, noch einen Augenblick zu bleiben",
sagte eine krächzende, harte Stimme, die ich nur mühsam als die meine erkannte.
Dutzende Gesichter drehten sich mir zu, sahen mich an, wie ich am Fenster stand, im Hintergrund der
Abgrund der Sterne, in dem Thomas Andrews gefallen war.
Andere Piloten verließen den Raum. Ich war dankbar dafür, daß schlußendlich nur die Staffelkameraden, Freunde und einige wenige Neugierige zurückgeblieben waren.
Ich griff in die linke Brusttasche meiner Uniform und zog ein Blatt Papier hervor. Mühsam entfaltete
ich es und hob es vor meine tränenverschleierten Augen.
"Wie Sie alle wissen, bin ich... war ich Thomas´ Stubenkamerad. In der gemeinsamen Zeit war er mir
ein guter Freund, ein besserer Kamerad und mein ewiges Gewissen. Ich verdanke ihm viel. Und ich
bereue es, daß ich es ihm nie wirklich vergelten konnte. Seinen größten Wunsch erfüllte er sich selbst
und sein zweitgrößter war unmöglich.
Zu meinen ungeliebten Pflichten in den letzten Tagen gehörte es, Second Lieutenant Andrews´
privaten Dinge einzupacken. Da er keine Verwandten mehr hat, gehen diese Dinge an das Waisenhaus,
das ihn aufgezogen hat.
Bei der Durchsicht dieser Dinge fiel mir dieses Stück Papier in die Hände."
Verstohlen wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel.
"Es ist unrecht, vorzulesen, was Thomas gerade für einen anderen Menschen schrieb, aber es hat mich
getröstet. Es hat mir gezeigt, daß Thomas ein noch weit besserer Mensch war, als er uns immer
erschienen ist. Und es hat gezeigt, daß es so etwas wie ein höheres Ziel tatsächlich gibt.
Ich lasse die Anrede weg, da dies persönlich ist und nur die Person angeht, an die der Brief gerichtet ist.
Die Anrede.
Seit ich dich kenne, fühle ich Angst in mir. Angst in seiner elementarsten Form. Schlichte Angst,
kochende Angst, bebende Angst. Doch nicht um mich. Es ist die Angst um dich.
Halte mich für verrückt, meinetwegen.
Ich bin als Waise aufgewachsen. Ich habe nie das kennengelernt, was du als deine Familie bezeichnest.
Wenn du so willst, war ich vom ersten Moment meines Lebens an kaserniert. Nie hatte ich viel mehr
als mein Können, mein Wissen und meine Freundschaften, von denen nur zwei die Kindertage
überdauert haben.
Jetzt aber habe ich eine Ahnung davon, was dies ist, was du Familie nennst.
Denn seit ich dich kenne, erscheinst du mir so kostbar zu sein, so unendlich entfernt und doch so nahe.
So erreichbar. Habe ich den Mut, nach dir zu greifen? Habe ich den Mut, dir zu gestehen, was in mir vorgeht?
Kann ich dir sagen, daß du für mich das bist, was ich mir unter einer Familie vorstelle?
Darf ich dir sagen, daß ich dich liebe?
Nein, ich kann es nicht.
Denn genauso wie ich nicht wirklich verstehe was eine Familie ist so fällt es mir schwer, für eine
Sache Mut aufzubringen, die letztendlich nur mir selbst dient.
Diesen Brief wirst du niemals lesen, diese Worte niemals hören - außer, Ace klaut ihn mir und macht
Kopien für das ganze Schiff.
Klingt das traurig für dich? Das ich etwas so nahe bin, was ich ersehne und dann doch davor
zurückschrecke, bevor ich es erreiche?
Das muß es nicht. Denn um wieviel ärmer wäre ich, hätte ich dich nie getroffen. Um was müßte ich
die anderen Menschen beneiden, die dieses Gefühl, dieses Kribbeln in sich gespürt hatten, dieses
Feuer und diese Ruhe, und ich hätte es nie erfahren?
Nie fühlte ich mich menschlicher, nie fühlte ich mich fröhlicher.
Wir sind im Krieg, jeder Tag kann mein letzter sein, kann dein letzter sein. Aber ich bin dankbar für
jeden einzelnen, den ich erlebe und an dem ich dich sehen darf. Denn dann weiß ich, wofür ich
kämpfe. Für wessen Leben ich da raus gehe und fliege.
Und wenn ich Morgen fliege und sterbe im Kreuzfeuer der Akarii, wenn ich im All ersticke, wenn ich
in einer Sonne verglühe, bedaure mich nicht.
Denn ich liebe dich, und mit diesem Gefühl werde ich gehen.
Liebe, Vertrauen in die Menschheit, Vertrauen in dich.
Dein Thomas."
Wortlos faltete ich das Papier wieder ein und steckte es in die Brusttasche zurück. In der absoluten Stille, die sich über den Raum gelegt hatte, drehte ich mich zum Fenster um und salutierte. Endlose Minuten lang.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:45
Murphy sass in der Kapelle wie immer in einer der ersten Reihe. Ihm war es ziemlich egal, was einige
an Bord über seinen „religiösen Tick“ erzählten. Der Glaube war eine sehr persönliche Sache und für
Murphy die Fackel, die sich in der Dunkelheit, der Leere seiner Seele entzündet hatte. Da spielte die
Meinung anderer keine relevante Rolle. Andächtig lauschte er den Worten Schönbergs, dessen
Stimme, gleichwohl sie salbungsvoll klang, nie den Hauch des Überheblichen verlor. Irgendwie
erinnerte er Murphy immer mehr an Pater O’Brian aus Dublin. Der hatte auch dem Typ des
bodenständigen Pfarrers entsprochen. Gleichwohl war Jack klar, dass Schönberg intellektuell und von
seiner Lebenserfahrung in einer anderen Liga spielte.
Nach der Messe blieb Murphy noch sitzen, er hatte es in der Tat geschafft, Arbeit auf Thunder und den
Rest der Staffel abzuwälzen, um für Schönberg Zeit zu haben. Denn er hatte die angedeutete
Dringlichkeit in der Bitte sehr wohl erkannt. Fünf Minuten nach der Messe kam Schönberg aus der
Sakristei. Murphy fiel auf, dass er sich des Talars entledigt hatte und nun wieder die Dienstuniform
trug. Lediglich der Kragen und das silberne Kreuz auf den Schultern machte deutlich, dass man hier
nicht nur ein Mitglied der Navy, sondern vor allem einen Soldaten Gottes vor sich hatte. Er winkte
Murphy in die Sakristei und verschwand wieder hinter dem Vorhang.
Der Pilot folgte dem Priester. Als er in die Sakristei trat, sah er, dass der Raum ebenso schlicht wie die
Kapelle war. Ein Holzkreuz mit Palmwedeln hing an der Wand, davor stand eine kleine Bank, auf der
der Pater beten konnte. Daneben hingen in einem geöffneten Schrank die Messgewänder, einige
kleinere Schubladen enthielten wohl andere Utensilien, die der Pater für die verschiedenen
Zeremonien benötigte. Neben dem Betstuhl und dem Schrank war das einziges Möbelstück im Raum
ein kleiner Tisch, an dem zwei Hocker standen. Auf einem sass Schönberg, den anderen bot er seinem
Besucher an.
„Nun, Pater, was kann ich für Sie tun?“
„Ich will Sie nicht lange aufhalten. Aber bevor ich zum Punkt komme, weshalb ich Sie hergebeten
habe, lassen Sie mich kurz etwas erklären. Ich bin sehr viel beunruhigter, als ich heute Mittag in der
Messe habe zu erkennen geben lassen. Sie können sich denken, dass man als Pater Zugang zu
Informationen hat wie kaum sonst jemand auf diesem Schiff. Ich will hier keine Namen nennen, aber
Sie kennen ja einige der regelmäßigen Besucher in der Messe...und das sind nur einige. Aus den
Puzzleteilen, die da zusammenkommen, fügt sich ein beunruhigendes Bild zusammen.“
Murphy nickte. „Ich kenne den Plan...er ist riskant, aber potentiell auch sehr gefährlich für den Feind.“
Schönberg fuhr fort: „Jedenfalls ist unser aller Schicksal unklar. Im Gefecht kann es passieren, dass
Sie deutlich größere Chancen zum Überleben haben, als die Männer und Frauen an Bord der
Redemption. Daher möchte ich Ihnen noch etwas mit auf dem Weg geben, bevor wir ins Gefecht
geraten.
Sie haben mir mehrmals von Ihrer Situation erzählt und von dem Drang, Ihr Leben mit mehr als nur
dem Militär zu füllen. Auf der anderen Seite wollen Sie das Militär und die Fliegerei auch nicht
verlassen. Ich habe ein wenig nachgedacht darüber, weil ich Ihnen gerne helfen würde. Neulich kam
mir dann eine Idee.
Kennen Sie den Deutschen Orden?“
„Hm, ich hab es mal gehört. Ist das nicht einer dieser kirchlichen Orden gewesen, die die Kreuzzüge
betrieben haben?“
„So ungefähr. Jedenfalls sind im 20. Jahrhundert die Orden, soweit sie noch bestanden zu sagen wir,
normalen Orden ähnlich den Mönchsorden geworden. Man kann sie vielleicht ganz gut mit uns
Jesuiten vergleichen, auch wenn die Stoßrichtung eine andere ist. Jedenfalls haben Malteser – man
kennt sie auch als die Johanniter – und der Deutsche Orden im Schatten des Konfliktes mit den Akari
erneut angefangen, eine Präsenz im militärischen Bereich, diesmal jedoch eingebunden im regulären
Militär aufzubauen. Das geschieht dann über Militärpfarrer, aber auch über Laien, deren Dienste man
nie ganz aufgegeben hat. Diese Laien, Familiare genannt, findet man auch zunehmend in den
Streitkräften. Für den Nichteingeweihten sind diese Männer und auch Frauen kaum zu erkennen, sie
tragen in der Regel nur eine schlichte Ordenskette und manchmal einen Siegelring, wenn sie eine
hervorgehobene Stellung bekleiden.“
„Sie wollen, dass ich da mitmache?“
„Plump formuliert, ja. Ich habe einen guten Freund aus dem Priesterkolleg, der zu den Deutschen
gegangen ist und nun in deren Hauptsitz aktiv ist. Normalerweise muss ein Familiarkandidat zwei
Bürgen im Orden haben. Aber die Tradition wird mitunter nicht so eng genommen. Ich habe meinem
Freund, Pater Malachias, bereits eine Nachricht zukommen lassen. Wenn Sie also auf Terra sind, dann
schauen Sie doch mal in Wien in der Kirche zur heiligen Elisabeth vorbei und fragen nach dem Pater.
Auch wenn Sie einen Ort zur Besinnung suchen, dann gehen Sie ruhig dorthin. Zum einen findet man
dort eine vorzügliche Bibliothek, zum anderen finden sich dort einige Männer, die eine ähnliche
Geschichte haben, wie Sie und ich.“
„Ich werde darüber nachdenken, danke Pater.“
„Das tue ich doch gerne. Bevor Sie gehen, lassen Sie mich Ihnen noch etwas mitgeben.“
Schönberg trat an den Schrank und öffnete eine Schublade. Aus ihr entnahm er ein Buch, das er
Murphy reichte.
„Die Geschichte des Ordo Teutonicus...von Walter Nienberg, Berlin 2457.“
„Ist immer noch das Standardwerk...schnuppern Sie mal rein, es ist gut geschrieben.“
„Danke, Pater, jetzt muss ich aber wirklich los, in einer Stunde habe ich eine Patrouille zu fliegen.“
„Gott mit Ihnen, Jack.“
„Und mit Ihnen, Pater.“
Murphy verließ die Sakristei und Schönberg und eilte in den Bereitschaftsraum.

Eine Stunde später stand er vor seinem Griphen, bekreuzigte sich und stieg ein. Petty Officer M’Boko
hatte sich mittlerweile an die Marotten seines Chefs gewöhnt. Er reichte ihm den Helm mit dem Kreuz
auf der Stirn und half ihm dann, die Vorbereitungen für den Start zu treffen. Murphy war in Gedanken,
als er die Checkliste durchging, aber er merkte trotzdem, wie gut die Maschine in Schuss war. Er
würde M’Boko wohl mal eine Kiste Bier spendieren, damit dieser die mit seiner Crew vernichten
konnte.
Zwei Minuten später waren er und sein Flügelmann Gladius im Raum und steuerten den ersten Punkt
auf der Route an. Murphy stellte mal wieder fest, dass er sich den richtigen Frischling ausgesucht
hatte. Gladius war ein guter Formationsflieger, eher ein wenig vorsichtig denn draufgängerisch.
Außerdem hielt er die Klappe und meldete sich nur, wenn auch etwas passierte, das Kommunikation
notwendig machte.
An Wegmarke drei war das dann der Fall.

„Jaguar 2 an Lead. Zwei Kontakte auf 11 Uhr. Etwa 30 Tausend Klicks.“
„Copy, Jaguar 2. Bestätige Kontakt. IFF negativ. Abfangkurs auf 10/0, voller Schub, Waffen scharf
machen. Wir greifen an.“
„Verstanden, Lead.“
Murphy folgte den eigenen Anweisungen und beschleunigte den Griphen auf maximalen Schub. Den
Nachbrenner hielt er noch zurück. Dann wählte er die Sparrows aus. Nach zehn Sekunden reagierten
die Ziele. Offensichtlich hatte der Feind ein ineffizienteres Radar. Dieser Eindruck bestätigte dann der
Bordcomputer. Bei den Feindmaschinen handelte es sich um zwei Bloodhawks älteren Typs.
„Formation beibehalten. Mein Ziel ist Bravo 1.“
„Verstanden, übernehme Bravo zwo.“
Dann eröffneten beide Seiten mit Raketen das Feuer. Martell und Gladius feuerten beide eine
Doppelsalve ab, während die Akarii nur eine einzelne Rakete pro Maschine abschossen. Dann
initiierten beide Flights Ausweichmaßnahmen, was auf einen Beobachter wie eine seltsame Form des
Syncronturnens im Raum gewirkt hätte. Keine der Raketen traf ihr Ziel, doch Murphy hatte sich an
einen der Feindjäger herangepirscht. Als dieser ihm, um der zweiten Rakete auszuweichen, das Heck
zuwandte, feuerte Murphy zwei Sidewinder ab, die prompt ihr Ziel trafen. Der Bloodhawk explodierte
in einem Feuerball und Schrotteile flogen in alle Richtungen. Sein Flügelmann war schlauer und setzte
sich seinerseits in Schussposition.
Zwei Raketen flogen auf Gladius zu, der nicht schnell genug reagierte, und so nur einer von beiden
ausweichen konnte. Die andere Rakete explodierte, und schlug durch den Schild, um den hinteren
Vektor und die linke Tragfläche zu beschädigen. Doch bevor der Akarii sich auf den angeschlagenen
Terraner stürzen konnte, flog er mitten eine eine Bordwaffensalve von Murphy, der abermals die
Position gewechselt hatte. Die panische Ausweichreaktion trug in direkt vor die trudelnde Maschine
von Gladius, der dies ausnutzte und dem Feind mit Sidewinder und Raketen den Rest gab.
Nachdem beide Feinde vernichtet war, inspizierte Martell die Schäden an Gladius Maschine.
Offensichtlich war sie gerade noch flugtüchtig.
Als Gladius eine Stunde später landen konnte, stieg er nassgeschwitzt aus seiner Maschine aus. Auch
Murphy war erschöpft, denn er hatte um seinen Kameraden gebangt, insbesondere, als es auf dem
Rückflug noch einige Kurzschlüsse gab.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:46
Die Trauerfeierlichkeit war vorbei und hatte bei vielen Piloten einen schlechten Geschmack
hinterlassen. Egal wie abgebrüht man war, durch Krieg, Blut und Tod gehärtet – so etwas ließ keinen
ungerührt. Egal wie dick der Panzer aus Zynismus, Fatalismus oder Haß war.
Pinpoint war einer der beliebtesten Piloten gewesen – obwohl, oder vielleicht auch WEIL er nicht zu
den Spitzenassen des Geschwaders gehörte. Seine freundliche, etwas unbekümmerte Art hatte ihn
jünger wirken lassen, als er war. Er war einer der Typen, von denen man irgendwie geneigt war
anzunehmen, daß sie den Krieg überleben und einfach abstreifen würden. Zusammen mit dem Wissen
um seine Kindheit – er war eine Waise gewesen, in einem Fürsorgeheim aufgewachsen – ließ das
seinen Tod noch ungerechter erscheinen. Es weckte Wut und es weckte Haß auf den Feind.
Währe man nicht auf einer Feindfahrt und unter ständiger Kampfbereitschaft gewesen, mancher
hätte sich vermutlich einen Rausch angetrunken, um zu vergessen. Doch das war nun einmal nicht
möglich. Und die Anspannung der Situation, die Unsicherheit der unmittelbaren Zukunft, verstärkte
das Mißbehagen.
Dazu kam noch etwas anderes. Viele Piloten waren abergläubisch. Und so gab es manche, die in dem
an sich „normalen“ Zwischenfall, dem absolut unbedeutenden Scharmützel, eine düstere Sinngebung
für die ganze Operation vermuteten.
In einer solchen Situation verstärkten sich unwillkürlich die „familiären“ Bindungen im Geschwader –
man schloß sich enger mit den Kameraden des Flight, der Sektion oder der Staffel zusammen. Und
auch wenn Pinpoints Name selten genannt wurde, sein Tod beeinflußte unwillkürlich die Gespräche
und Gedanken vieler Piloten.

So war es wohl auch eine der Spätfolgen, daß einige der Piloten der Staffel Grün auf die Frage kamen,
was die beste Todesart war. Perkele machte die Eröffnung in dem er bissig bemerkte, er wünschte sich
den „Heldentod“ eines Stabsoffizier: „In Pension, mit Orden und Prämien abgefüllt und mit `ner
Krankenpflegerin im Bett!“
Das brachte ihr einen schiefen Blick von Lilja ein, während Imp einwarf, das klänge ganz gut, mit ein
paar geringfügigen Änderungen... .
Lightning zuckte mit den Schultern: „Habe ich mir noch nie überlegt. Denke mal, am besten in - na
sechzig, siebzig Jahren im Kreis der Familie und nachdem man das Buch bis zur letzten Seite
geschrieben hat!“ Sie erläuterte diese etwas merkwürdige Redewendung nicht, sondern nahm einen
Schluck aus dem Glas, das vor ihr stand. Dann fluchte sie - nicht einmal ein Lieutenant Commander
durfte zur Zeit offiziell etwas Härteres trinken als Apfelsaft. Auch wenn er – oder sie – es gerne getan hätten.
„Das wäre für Pinpoint nicht machbar gewesen.“
Diese Bemerkung von Claw ließ die anderen verstummen. Tja, er hatte wohl recht.
„Scheiße. Manchmal geht es wirklich verdammt schnell.“ Das war Lightning. Aus ihren Worten
sprach eine Erfahrung, die die anderen Veteranen auch schon gemacht hatten. Nicht alle waren damit
fertig geworden. Es hatte sie hart gemacht oder zerbrochen. Und die, die damit nicht fertig wurden –
die kehrten bald auch nicht mehr wieder.
„Schnelles Ende – Gutes Ende!“
Liljas Stimme klang hart, fast grausam. Die anderen musterten sie: verstehend die einen, etwas
schockiert die anderen. Dann fuhr die Veteranin fort: „Besser so, als verstümmelt zu werden. Besser,
als in der Maschine zu verbrennen, im Raum zu erfrieren. Durch Dekompression zu verrecken... .“
Die anderen Piloten schwiegen. Auch das war wahr. Die meisten Todesarten im Raum waren unschön.
Dann meldete sich Kano zu Wort. Er sprach nur leise, aber die anderen verstanden ihn gut: „Er ist im Kampf gefallen. Bei der Erfüllung der Aufgabe, der er sein Leben gewidmet hat. Er hat einen Feind mitgenommen – und dank seines Opfers wurden diese Deltas vernichtet. Sie konnten unseren Verband nicht sichten.
Ich hoffe, wenn es dazu kommt, daß ich so ehrenvoll falle wie er. Im Gefecht und einen Gegner mitnehmend.“
„Ehre... .“ Perkele schürzte die Lippen. Aber er behielt für sich, was er dachte.
„Ach Scheiße! Scheiße, Scheiße!“
Keiner kommentierte diesen Ausbruch der Staffelkommandantin. Aber die schien selber zu der
Meinung gekommen zu sein, dass diese Äußerung als Abschluß des Gespräches nicht genügte.
Lightning holte eine flache Metallflasche hervor: „Gläser her!“ Nur Lilja zögerte – nicht weil sie
Alkohol nicht vertrug, aber eigentlich war es ja verboten… . Dann aber schloß sie sich an. Lightning
füllte in jedes der Gläser die gleiche Menge. Dann stand sie auf. Die anderen Piloten erhoben sich
ebenfalls. „Auf unseren Kameraden! Und in die Hölle mit den verdammten Echsen!“
Wie auf Kommando kippten die Piloten ihre Gläser herunter.
„Und jetzt genug damit! In fünfzehn Minuten will ich euch am Simulator sehen!“

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:46
Gold und Blut
Lilja kam vor der Tür von Parkers Büro – falls man die doch eher beengten Räumlichkeiten so nennen
konnte – zum Stehen. Sie wollte schon anklopfen, als sie spürte, wie ihre Beine nachgaben. Mit einem
wütenden Keuchen presste sie beiden Hände gegen Wand, stützte sich ab. So schnell wie der kurze
Schwächeanfall gekommen war, ging er auch wieder vorbei. Sie fluchte unterdrückt. Obwohl sie
langsam das Gefühl gewonnen hatte, sicher selber unter Kontrolle zu haben, so hatte sie doch immer
wieder solche und ähnliche Probleme. Vor zwei Tagen hatte sie sich dabei ertappt, wie sie eine Stunde
lang auf die Seite eines Buchs gestarrt hatte, ohne umzublättern. Und das war nicht das erste Mal
gewesen.
Sie kannte die Anzeichen, aber sie weigerte sich, ihnen nachzugeben. Mit der ganzen Kraft ihres
Willens kämpfte sie darum, sich selber im Griff zu haben. Und schrittweise schien sie den Kampf zu
gewinnen – wenn es auch nicht leicht fiel. ,Bloß gut’, dachte sie ,daß wir für den Anmarsch immerhin
anderthalb Monate brauchen!’ Hätte man sie in ihrer neuen Stellung völlig unvorbereitet und
unmittelbar auch noch ins Gefecht geworfen – sie hätte nicht sagen können, ob sie nicht vielleicht wie
damals, vor ihrer Abschiebung in die Reserve, zusammengebrochen wäre. Aber jetzt, mit inzwischen
etwa einem Monat Einarbeitungszeit, begann sie, sich daran zu gewöhnen. Die Arbeit ging ihr etwas
leichter von der Hand, sie mußte nicht mehr so viel lesen und studieren – viele Dinge hatte sie sich
jetzt weitestgehend angeeignet und beherrschte sie im Rahmen des Nötigen. Natürlich hieß das nicht,
daß sie jetzt sonderlich viel Freiraum gehabt hätte. Aber sie fühlte sich auch nicht mehr, als würde
jemand sie mit einer Knute einen steilen Berg hinaufhetzen, während sie einen Zentner Gepäck trug.
Jetzt war es nur noch die Hälfte des Gewichtes…
Aber ganz ließ sich nun einmal nicht verleugnen, daß sie Raubbau an ihrem Körper betrieben hatte.
Und der rächte sich jetzt gelegentlich. Inzwischen begann die Arbeit teilweise fast Spaß zu machen.
Vor allem – sie gab zumindest ihrer Seele ein wenig Frieden. Nicht, daß sie an so ein Konzept wie
eine Seele vorbehaltlos glaubte, Religion war ihre Sache nie gewesen. Aber indem sie ihre neue
Aufgabe meisterte, indem sie sich aufrieb in diesem Krieg – dadurch trug sie ihre Schuld gegenüber
ihren Kameraden ab, die sie nicht hatte retten können. Sie bewies ihnen und ihrer Familie, daß sie es
ernst meinte mit ihrem Eid und ihrer Pflicht.
Lilja holte ein paar Mal tief Luft, dann strich sie ihre Uniform glatt. Die saß inzwischen ein bißchen
lose angesichts dessen, daß sie ganz schön an Gewicht verloren hatte. ,Na, immer noch besser als
umgedreht!’ dachte sie zynisch. Sie straffte sich und kloppte energisch. Das „Herein!“ klang ungefähr
so ,erledigt’, wie sie sich fühlte.
Der Anblick von Lieutenant Commander Diane Parker – auch genannt Lightning, wenngleich die
Staffelführerin selten einschlug – gab ihr ein gutes Gefühl, wie sie selber aussehen musste. Auch
Parker hatte in den letzten Wochen weder sich noch die Staffel geschont. Und während die
Einheitsmitglieder schon unter dem strikten Trainingsprogramm stöhnten, so kam für die ,Alte’ auch
noch der Schreibkram hinzu. Zudem hatte sie ihre ,mütterlichen Gefühle’ für ihre Kollegin von der
blauen Typhoon-Staffel – genauer gesagt für die Staffel selber – entdeckt und bemühte sich, bei der
Neuformierung der Schwestereinheit so gut es ging zu helfen. Was auch daran liegen mochte, daß sie
der neuen Chefin von Blau noch nicht ganz traute, was die fachliche Kompetenz anging. In Folge
dessen hatte sie kaum Möglichkeit gehabt, sich sonderlich viel Ruhe zu gönnen oder auch mal
auszuspannen. Nicht, wenn man den zusätzlichen Verwaltungskram bedachte, den normalen Dienst
und so weiter. Ähnlich wie bei ihrer neuen XO, die sich erst einmal mit dem A und O ihres Jobs
vertraut machen mußte.
Der Blick von Lightning wirkte reichlich abwesend, als könne sie sich gar nicht auf ihre Besucherin
konzentrieren. Sie zögerte, dann kniff sie die Augen zusammen und fixierte Lilja, als müsse sie sich
mit Gewalt dazu zwingen, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. Oh ja – der Stress
hinterließ seine Spuren, das war unübersehbar. Lilja salutierte zackig, wie es ihre Art war. Lightning
quittierte mit einem Knurren, das sich anhörte wie die Laute einer unter Zahnschmerzen leidenden
Tigerin. Die Staffelchefin war in Sachen Dienstreglement keine Fanatikerin und augenblicklich ein
wenig ,dünnhäutig’. Deswegen verkniff sich Lilja auch ein Grinsen. Statt dessen entspannte sie ihre
Haltung etwas, eine Konzession an ihre Vorgesetzte. Lightning seufzte, wandte sich endgültig von
ihrem Computer ab, an dem sie zu dieser späten Stunde wohl den üblichen Kleinkram erledigt hatte.
Dann nickte sie Lilja zu: „Was gibt es?“
„Nun, Ma’am, es geht um einen Vorschlag, den ich Ihnen machen wollte.“ Lightning zog eine
Augenbraue hoch. Die Anrede deutete darauf hin, daß es sich um etwas Dienstliches handelte: „Lassen
Sie hören.“ „Ich habe mich ja in letzter Zeit vor allem mit unserer Staffel beschäftigt. Aber inzwischen
ist mir etwas eingefallen, das ich mir schon vorher überlegt hatte. Ich bräuchte Ihr OK, und es wäre
auch gut, wenn Sie mit jemanden von der Führung reden könnten. Auf Sie wird man hören.“
Lightning verdrehte die Augen: „Hör mal,“ sie wechselte auf die eher vertrauliche Anrede, wohl auch,
weil es sehr spät, sie sehr müde und sehr überarbeitet war: „ ich will um Deinetwillen hoffen, daß das
jetzt kein Vorschlag nach dem Motto ,Wie wir den Krieg gewinnen können‘ sein soll! Was meinst du,
wie oft ich so was schon gehört habe? Warum denken eigentlich alle, die da oben hätten kein Hirn?“
Lilja ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, vermutlich, weil sie recht gut nachfühlen konnte, wie
Lightning zu Mute war: „Nein, darum geht es nicht. Ich will nur nach Möglichkeiten ein wenig helfen
– im Rahmen dessen, was machbar ist. Wenn es nicht klappt, wird es keinem schaden, höchstens mir
selbst, und auch da nur meinem Stolz.“ Sie ignorierte Lightnings skeptischen Gesichtsausdruck – die
wie viele Offiziere nicht übermäßig viel von Untergebenen hielt, die dachten, sie wüßten es besser. So
etwas implizierte immer den Vorwurf der Inkompetenz.
Die Staffelführerin seufzte: „Also dann. Worum geht es. Aber dir dürfte klar sein, daß ICH nicht
gerade diejenige bin, die Lone Wolf zu etwas beschwatzen kann. Und setzt dich, falls es länger dauern
sollte.“ Lilja nahm Platz und ermordete so die Hoffnungen Lightnings, es könne sich nur um eine
kurze Sache handeln: „Nun, die Sache ist folgende...“
Eine halbe Stunde später nickte Lightning schließlich: „Also gut. KLINGT nicht schlecht. Klingt
wirklich nicht schlecht. Bloß – ich würde mir nicht allzu viele Hoffnungen machen. Es kann gut sein,
daß viele eher denken ,Wir geben schon unser Blut‘ und so weiter, auch wenn es ja nur bedingt stimmt
– schließlich kann man das ja auch von einigen der Arbeiter und Matrosen der Handelsmarine sagen,
die gehen teilweise auch ein hohes Risiko ein für Leib und Leben. Es kann also passieren, daß die
Resonanz niederschmetternd ist. Dann stehst du als naiv da. Aber du hast recht – schaden kann es
nicht. Erwarte nur nicht zuviel davon. Ich spreche mal mit jemanden vom Kommando. Wenn die
einverstanden sind, dann hast du grünes Licht. Dann warten wir ab, wie es weiter läuft.“ Lilja
salutierte – wieder auf ekelhaft korrekte Art und Weise. Aber diesmal grinste sie offen: „Danke,
Ma’am Lieutenant Commander!“ Dann ging sie, wohl registrierend, daß Lightning halb im Spaß nach
dem Briefbeschwerer angelte.
Lightning blickte ihr kopfschüttelnd nach. Trotz ihres Zynismus war Lilja manchmal eben doch vom
Guten im Menschen überzeugt. Vor allem, wenn dieses Gute helfen konnte und sollte, noch mehr
Akarii zur Hölle zu schicken. Sie blickte auf das Chrono und stöhnte auf – schon wieder ein Abend
um, und wenn sie nicht bald in die Falle kam, würde sie morgen SEHR schlecht aus der Wäsche
schauen. Sie würde morgen mit jemanden von der Führung sprechen. ,Aber‘ so sagte sie sich: ,besser
nicht mit Lone Wolf...‘
Am nächsten Abend
Commander Melissa Auson war ein wenig besser dran als ihre Kollegen von den Kampffliegern.
Nicht, daß sie unter Unterbeschäftigung gelitten hätte. Sie war XO auf dem Träger und mithin, glaubte
man bösen Zungen, die Person, die den Laden am Laufen hielt – während der Kapitän vor allem
Galionsfigur und Mützenständer sei. Das stimmte selbstverständlich nicht, aber es war schon richtig,
daß viele der kleineren Dinge – wichtig aber potentiell langwierig – auf ihrem Schreibtisch landeten,
um dem Kommandeur den Hals frei zu halten. Damit er sich damit belasten dürfte, den Flohzirkus
zusammen zu halten, den ein ganzer Kampfverband nun einmal darstellte. Da blieb nur begrenzt Zeit
für den eigenen Stall. Und an dieser Stelle mußte sie einspringen.
Aber bisher ging es noch. Immerhin war die Redemption ein erprobtes Schiff, und die Besatzung
eingespielt. Die Crew hatte ja, anders als die Jägerverbände, keine hohen Verluste zu beklagen gehabt
und mußte deshalb kaum Neulinge integrieren. Als Lieutenant Commander Parker um eine
Unterredung bat, war Auson in der Lage, es relativ leicht so einzurichten, daß sie zur Verfügung stand.
Die Staffelchefin kam gleich zur Sache.
„Es geht um einen Vorschlag, den jemand aus meiner Staffel gemacht hat – meine XO, First
Lieutenant Pawlitschenko, um genau zu sein. Sie regte an, an Bord eine Sammlung durchzuführen.“
Commander Auson runzelte die Stirn: „Eine Sammlung? Sie meinen, für Hinterbliebene oder so?
Also, ich habe nicht den Eindruck, daß die Navy ihre Pflichten vernachlässigt, was die Fürsorge für
die Angehörigen von Gefallenen angeht, und so etwas ist doch eher Sache der zuständigen Stellen.“
Parker nickte: „Sehr richtig. Und deshalb ging es auch nicht um so eine Sammlung, sondern um etwas
ganz anderes.“
„Lilja – ich meine Lieutenant Pawlitschenko – schlug vor, für den Krieg zu sammeln. Für neue Jäger,
Waffenentwicklung – solche Sachen. So etwas hat es früher auch schon gegeben, eine Erfindung der
totalen Kriege am Anfang des 20. Jahrhunderts. Daß wir gegen die Akarii nicht gut dastehen – sowohl
technisch als auch mengenmäßig – ist bekannt. Man würde dann an die Soldaten appellieren nach dem
Motto: ,Hilf die Heimat schützen!‘ oder so. Sie schlug vor, eine Art Sammelstelle einzurichten, bei der
Besatzungsmitglieder, egal welchen Ranges, Spenden abgeben können. Sie dachte wohl an eine
Sammelbüchse mit einem Scheckheft daneben. Wer etwas spenden will, der füllt eine Überweisung
aus und wirft sie in die Spendenbox. Lilja schlug vor, die Sache, wenn sie etwas Erfolg hat, ein wenig
,auszuschlachten‘. Verkündigung, wieviel schon gesammelt sei und so etwas. Vielleicht auch eine Art
Auszeichnung mit Bordmitteln für die, die von ihrem Sold einen bestimmten Anteil gespendet haben –
unabhängig von der reinen Menge, sagen wir einen Monatssold oder zwei. Sie hat da schon ein paar
Vorschläge gemacht. Sollte die Kampagne irgendwelchen Erfolg zeitigen, so könnte man sie auf
andere Schiffe, die rückwärtigen Dienste und auf die Zivilbevölkerung ausweiten“

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:47
Commander Auson schwieg, etwas verdutzt. Sie hatte von so etwas noch nie gehört – allerdings war
dergleichen auch nicht ihr Spezialgebiet. „Hören Sie, Lieutenant Commander – glauben Sie, das bringt
etwas? Ich meine, wieviel kann da schon zusammenkommen, selbst wenn einige etwas spenden?“
Parker zuckte mit den Schultern: „Ich habe mich mal schlau gemacht. In einigen Fällen hat so etwas
durchaus Achtungserfolge erzielt. So wurden teilweise einzelne Panzer, Flugzeuge, sogar kleinere
Einheiten bezahlt. Es gab da zum Beispiel ein Fliegeraß, der flog eine Maschine, die so finanziert
wurde – er sagte, sie hätte ihm Glück gebracht.
Vor allem aber hätte es – so führte Lieutenant Pawlitschenko aus, und ich bin geneigt ihr zu glauben –
möglicherweise gute Auswirkungen im Propagandabereich. Verstehen Sie, die Aussage davon ist
doch: ,Jene, die schon mit ihrem Blut für unsere Heimat einstehen – sie sind bereit, auch materielle
Opfer zu bringen!‘ Das setzte, sozusagen, die Zivilisten moralisch unter Druck. Wie können sie da
beiseite stehen? Wenn schon die Soldaten spenden, die ja ständig ihr Leben riskieren – wie können sie
da einfach sagen: ,Wir tun unseren Job, und damit hat es sich!‘ Wenn man eine solche Aktion bei den
Truppen erfolgreich durchführen könnte und sie im Hinterland gut ,verkauft‘, dann können die Leute
nicht einfach alle wegschauen. Solche Aktionen zeigen, daß man alle Kräfte anspannt, um zu
gewinnen. Die Einheit von Front und Hinterland, die Opferbereitschaft – das ganze Zeug, all das kann
man durch so etwas propagandieren. Ich weiß nicht, wieviel Augenmerk man in der Etappe auf solche
Dinge richtet, aber ich denke, ein Versuch kann nicht schaden. Vielleicht haben sie ja schon mit so
etwas ähnlichem angefangen – hier draußen kriegt man nur wenig mit – aber die Initiative hätte den
Vorteil, daß man sie als von ,unten’ ins Leben gerufen vermarkten könnte“
Die XO des Trägers überlegte: „Hm. Möglich. Und die Navy kann natürlich jeden Real gebrauchen –
auch wenn ich nicht glaube, daß damit viel zusammenkommt. Vielleicht macht sich Ihre
Stellvertreterin etwas falsche Vorstellungen über die Menschen, zumindest über die Menschen in
unseren Tagen. Also schön, ich rede mal mit dem Captain. Wieso sind Sie eigentlich zu mir
gekommen, und haben nicht den Dienstweg über Commander Cunningham gewählt?“ Parkers
Antwort war aalglatt: „Der Commander hat in letzter Zeit genug um die Ohren. Vor allem nach der
Sache mit den Deltas. Immerhin war er mit dem anderen Piloten befreundet. Ich wollte ihn nicht noch
damit belasten.“ Sie hätte noch hinzufügen können, was ihr durch den Kopf ging, unterließ es aber
lieber: ,Und außerdem würde er mir sowieso kaum zuhören, und wenn er es von DIR erfährt, sieht er
es wohl ein wenig anders.‘ Dieser Gedanken war gemischt mit einer gewissen Prise Häme, aber nicht
viel. Auch wenn sie Cunningham nicht ausstehen konnte und für einen Rüpel, einen überheblichen
und selbstgerechten Offizier hielt – gegen Auson hegte sie keinen Groll. ,Vielleicht sogar etwas
Mitleid.' dachte sie spöttisch.
Aber etwas gab es noch zu erwähnen: „Ach ja, Commander – Sie könnten auch eiwerfen, daß es nichts
schaden würde, wenn sich einige der höheren Offiziere beteiligen. Das hat vielleicht eine gute
Wirkung auf die Mannschaft.“
Parker wußte selber nicht, ob sie sich von dem – nun, nennen wir es mal fanatischen Idealismus –
Liljas hatte anstecken lassen, aber inzwischen war sie doch der Meinung, ihre Untergebene verdiente
eine gewisse Unterstützung. Die Idee war gut. Aber ob dies ausreichte – das stand in den Sternen. Und
gewisse Zweifel waren angebracht.
Und so kam es, daß am übernächsten ,Morgen‘ in der Kantine neben der Wandzeitung auf einem der
Tische eine mittelgroße Box plaziert wurde, neben der ein Abrißstapel mit Überweisungsformularen
lag. Auf der Vorderseite war eine vergrößerte Aufnahme einer Guncam angebracht, die einen Akarii-
Jäger unter Beschuß zeigte. Am ,Schwarzen Brett‘ aber prangte in großen Lettern der Aufruf: „Helft
siegen!“ Daneben hing ein Blatt mit einem aufgedruckten Text.
Soldaten, Offiziere – Kameraden!
Ich weiß, Ihr steht alle im Einsatz gegen den Feind. Und es erfüllt mich mit Stolz, in eurer Mitte
meinen Dienst für die Heimat zu verrichten. Wir haben eine harte, mühsame – aber auch stolze und
ehrenvolle Aufgabe auf uns genommen. Wir schützen die Heimat und sind dabei bereit, zur Not auch
unser Leben zu geben.
Kann es einen größeren Beweis der Liebe für unserer Vaterland geben? In meinen Augen – NEIN!
Dennoch wende ich mich jetzt mit einer Bitte an euch. Will euch bitten, noch mehr tun als jene Pflicht,
die uns in unserem Eid auferlegt wurde. Denn ich glaube, ich bin fest überzeugt, daß in diesem Kampf
jede, auch die letzte Anstrengung nötig und richtig ist.
Ihr wißt es alle – der Feind hat uns schwere Schläge versetzt. Er hat uns zurückgeworfen, aber nicht
besiegt. Wir haben seinen Angriff zum Stehen gebracht, seine Kriegsmaschinerie gestoppt. Und in
diesem Augenblick sind wir dabei, sicherzustellen, daß dieses Werkzeug der Vernichtung und der
Zerstörung, das unsere Angehörigen und Kameraden bedroht, daran gehindert wird, den Angriff
wieder aufzunehmen. Ich bin fest davon überzeugt – ich WEIß es – daß uns dies gelingen wird!
Der nächste Schritt wird die Gegenoffensive sein. Wir werden ins feindliche Territorium vorstoßen,
nicht nur, um den Feind Schläge zu versetzen, wie wir es bisher wieder und wieder getan haben. Nein,
wir werden ihn angreifen, um ihn ein für allemal zu vernichten! Auf immer soll ihm die Lust auf Krieg
und Mord vergehen!
Die Stunde der Abrechnung naht. Doch noch ist es nicht soweit. Noch halten die Aggressoren Gebiete
der Republik. Unsere Flotte hat durch den heimtückischen Überfall des Feindes hohe Verluste erlitten.
Sie hat Schiffe, Kampfflieger und Menschen verloren. Die Bodentruppen, die heldenhaften Verteidiger
Manticors, mußten einen hohen Blutzoll zahlen. Ihr alle wißt das. Die Republik muß jetzt ihre Verluste
wieder ausgleichen. Sie muß ihren Soldaten neue und bessere Schiffe, Kampfflieger und Waffen geben,
muß jetzt die Formationen aufstellen, die dazu bestimmt sind, den Krieg ins Gebiet des Feindes zu
tragen, ins Herz seines Reiches! Wir befinden uns am Wendepunkt der Gezeiten – doch noch zieht die
tödliche Flut sich nicht zurück!
Unser Land hatte einen solche grausamen Überfall nicht gerechnet. Wir haben die Hinterlist des
Gegners unterschätzt. Er war bereit, alles zu wagen, einen vernichtenden Krieg zu riskieren. Eine
derartige Rücksichtslosigkeit haben wir nicht erwartet. Wir wollten diesen Krieg nicht, und wir gingen
davon aus, daß auch die Akarii wie wir lieber in Frieden – einem wachsamen Frieden, aber doch
einem Frieden – leben wollten. Dies war ein Irrtum. Die Führung des Akarii-Reiches wollte diesen
Krieg, und sie begann ihn. So konnten sie uns überraschen. Wir müssen jetzt die Folgen dieses Fehlers
ausgleichen – und sicherstellen, daß er sich nie wieder wiederholen kann!
Deshalb bitte ich euch, zu helfen! Helft der Navy, der Marine und dem Heer! Helft Ihnen, uns die
Waffen zu geben, die wir benötigen! Helft Ihnen, die Verluste auszugleichen, neue und besser Waffen
und Kampfflieger zu entwickeln und zu bauen!
Jeder kann helfen! Und jede Hilfe ist willkommen!
Ihr werdet euch fragen – „Warum wir? Leisten wir nicht schon unseren Teil? Und sogar mehr als
das? Ist es nicht genug, daß wir mit unserem Leib und Leben für unsere Heimat einstehen? Sollen
nicht eher jene zahlen, die nicht in vorderster Front kämpfen?“
Nun, dies ist wahr. Ja, auch, und GERADE die Menschen in der Etappe müssen ihren Teil tun. Aber
ich denke, es ist nur ein Teil der Wahrheit. Ich glaube, in diesem Kampf ist es nötig, ALLES zu geben,
ALLES zu wagen.
Wir kämpfen nicht, um zu erobern. Wir kämpfen nicht aus Lust am Krieg. Wie kämpfen nur, um uns zu
verteidigen in einem Krieg, der uns brutal und heimtückisch aufgezwungen wurde. Gegen einen Feind,
der unsere Bodentruppen und Flotteneinheiten erbarmungslos niedermacht, wo sich ihm die
Gelegenheit bietet. Der kein Mittel scheut. Es geht ihm nur um eines – uns zu vernichten!
In einem solchen Kampf, will mir scheinen, kann es nur eine Parole geben – Kampf bis zum Sieg! Und
ich will alles tun, was in meiner Macht tun, um diesen Sieg zu erringen. Ich bin sicher, Ihr seht dies
ebenso!
Sollte die Republik geschlagen werden – wozu brauche ich da noch Geld und Gut? Ob ich falle oder
nicht, weltliche Güter sind dann von geringem Wert.
Sollte ich fallen – was nützt mir dann Reichtum? Mein letztes Hemd hat keine Taschen, und ich weiß,
um meine Angehörigen wird sich die Navy kümmern, denn sie läßt nicht die Familien derer im Stich,
die ihr Leben gaben.
Doch wenn wir siegen – dann will mir mein Geld ein geringer Preis dafür erscheinen! Einen Preis,
den ich gerne zahlen will! Denn ich weiß, die Navy wird uns nicht vergessen, die wir ihr in diesen
Zeiten des Krieges gedient haben.
Deshalb bitte ich euch – laßt uns gemeinsam helfen, auf daß dieser Krieg sein Ende nehme, und die
Schuldigen ihre Strafe erhalten! Jeder noch so kleine Beitrag ist von Nutzen! Laßt uns das Schwert
schmieden, das den Feind ins Herz trifft! Laßt uns unsere gefallen Kameraden rächen!
Helft siegen!
Neben den Worten waren Bilder befestigt, die Kriegsschiffe der Erde zeigten, lange Reihen
Kampfflieger auf dem Deck eines Raumträgers – Bilder, die von der Macht der terranischen
Waffen kündeten. Sie sollten dem Leser zeigen, wofür er sein Geld gab.
Lilja hatte den Aufruf wohlweislich nicht mit ihrem Namen unterzeichnet. Sie wußte um ihre geringe
Popularität an Bord – obwohl man ihre Leistungen meistens respektierte. Sollten sich die Leser selber
einen Reim aus den Worten machen! Sie selber glaubte an die Worte. Vor allem an ihren Inhalt – sie
hielt sich nicht unbedingt für eine Könnerin auf dem Felde der Rhetorik. Aber sie glaubte jede
einzelne Silbe. Für sie war dieser Krieg ein Krieg des Volkes, ein heiliger Krieg war – wie es in dem
Lied hieß, das sie so liebte. Und in diesem Krieg würde sie alles, wirklich ALLES tun, was sie für
möglich und richtig hielt.
Die Russin betrat die Kantine absichtlich etwas später. Sie konnte nicht erkennen, ob schon jemand
gespendet hatte, aber einige Mannschaftsmitglieder standen um den Anschlag. Sie trat hinzu und
studierte die Worte gründlich. Las sich den Aufruf aufmerksam durch. Einen Augenblick schien sie
sinnend vor dem Plakat zu stehen. Dann ging sie zum Spendenblock. Riß einen Zettel ab und füllte ihn
aus. Nicht demonstrativ – eher ruhig, überlegt, aber wie eine Selbstverständlichkeit. Die Summe, die
sie einschrieb, nannte einen Betrag, der gut vier Monatsgehältern entsprach. Das waren fast ihre
ganzen finanziellen Privatreserven – der Rest war an ihre Familie gegangen. Nicht, daß die Not litt,
aber Lilja war nicht im Krieg um reich zu werden. Kleinere Geschenke für die Daheim gebliebenen
waren für den Sold eine gute Verwendungsmöglichkeit gewesen – in ihren Augen. Einiges war auch
für „private“ Zwecke draufgegangen, vor allem für gewisse Medikamente, die man sonst nicht so
einfach in größeren Mengen bekam. Es fiel ihr nicht leicht, fast all ihr Geld zu opfern, aber sie sagte
sich, daß es seien mußte. Zum einen konnte sie selber kaum zurückstehen – dies hier war ihre Idee
gewesen. Sie wollte es auch gar nicht. Zum anderen war es RICHTIG.
Sie warf den Zettel ein, stellte sich – ohne eine Emotion zu zeigen oder etwa weiterhin in Richtung
Sammelstelle zu spähen, ob andere ebenfalls spendeten – in die Schlange an der Essensausgabe. Dann
suchte sie sich einen Platz und frühstückte – wie jeden Morgen. Nichts verriet, daß sie innerlich hoffte
und gleichzeitig bangte. Würde sie Erfolg haben?

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:47
Am nächsten Morgen hing ein kleiner Zettel neben der Verlautbarung.
In dickem Edding stand dort als Überschrift: ÜBERSETZUNG!
Der weitere Text ging wie folgt:
Was brauchst Du Geld, wenn Du tot bist?
Was brauchst Du Geld, wenn Du keine Heimat mehr hast?
Okay, ein bißchen Geld brauchen wir hier, um uns den harten Dienst etwas angenehmer zu machen.
Aber wenn Du zu einer Familie zurückkehren willst, und nicht auf einen verbrannten Planeten in ein
Straflager, dann rück mal ein paar Real raus.
Der Künstler wurde nie gefunden. Aber es ist belegt, daß Second Lieutenant Davis einen Dauerauftrag
einwarf, der fortan zwanzig Prozent seines Soldes spendete.
Von Lt. Commander Volkmer war bekannt, daß sie einen Betrag spendete, der ihrer gesamten
Flugzulage und ihrem Einsatzaufschlag für den Zeitraum von etwa drei Monaten entsprach.
Einige Beispiele von vielen.

Es hatte begonnen wie ein ganz normaler Tag. Flugdienst auf Patrouille, Nachbesprechung, Essen,
duschen, mit den anderen im Casino abhängen, zuhören, wie Shaka darüber prahlte, wie gut er
mittlerweile geworden war, die Tränen zurückhalten, wenn man erwartete, dass Pinpoint gleich eintrat,
obwohl er tot war, die Angst um die Menschen, die man mochte oder sogar liebte und die den eigenen,
brandgefährlichen Job teilten…
Eigentlich ein Tag wie jeder andere. Auch wenn er uns dem Konvoi einen Schritt näher brachte.
Mit einer Ausnahme. Als Lilja das Casino betrat, erwartete ich ihren üblichen bösen Blick, vielleicht
eine etwas zu laute Lästerei über mich im Kreis der wenigen Menschen, die man beinahe ihre Freunde
hätte nennen können, wenn sie dieses Prinzip wirklich verstanden hätte.
Diesmal war es anders. Wie eine eingelockte Amraam hielt sie auf mich zu. Ihre vernarbte
Gesichtshälfte glühte, als sie geduldig wartete, bis ich sie ansah.
„Ich will eine Revanche, Ace“, sagte sie statt einer Begrüßung.
„Wieso? Du hast doch schon gewonnen. Damals im Ring.“
„Das war ein Unentschieden. Du hast mich im Raumkampf besiegt. Das kann ich nur mit einem Sieg
ausgleichen.“
Ich nickte. „Okay. Gehen wir.“
„Was?“, fragte sie spöttisch. „Setzt du keinen Gewinn fest? Willst du nicht irgendwas im Falle eines
Sieges von mir?“
„Nein“, erwiderte ich. „Nein, will ich nicht. Denn wenn ich verliere, dann könntest du etwas von mir
fordern. Und ich bezweifle ernsthaft, dass ich bereit wäre zu leisten, was du mir abforderst. Und das
ich verliere ist eine ernsthafte Option. Ich hätte damals schon fast verloren. Ich hatte nur Glück.“
„Deswegen“, erwiderte sie spitz, „will ich ja meine Revanche. Vielleicht habe ich heute Glück.“
Wir stiegen in die Simulatoren auf dem Freizeitdeck. Ich sah zu ihr herüber. „Gleiche Sim wie letztes
Mal? Planet mit Asteroidenfeld?“
„Von mir aus“, brummte sie.
Die Kapseln schlossen sich, ein Countdown zählte die Zeit bis zum Beginn der Simulation herunter.
Bei null erwachten die Bildschirme zum Leben. „SCHEIßE!“, rief ich meine Wut hinaus, als ich
merkte, wo der Computer mich abgesetzt hatte. Ich war in der äußeren Atmosphäre des Planeten
gelandet. Zudem war es diesmal ein Gasriese. Ich kämpfte also gegen die Gasmassen UND die
Gravitation.
Der Computer konnte die Maschinen absetzen, wo er es wollte. Solange sie flugfähig blieben. Somit
hatte ich einen verdammt schlechten Startplatz erwischt, denn ich musste erst der Umklammerung des
Planeten entkommen.
Nach einigen Minuten hatte ich es geschafft. Wo also konnte ich Lilja finden?
„Das war bestimmt ein netter Ritt, karascho?“, klang ihre Stimme in meinem Kopfhörer auf.
Ich suchte die nähere Umgebung ab und entdeckte sie in meiner oberen Sechs. In der idealen Position
für den Todesstoß.
„Das war ja eine kurze Sim“, brummte ich.
„Njet, Ace. So leicht will ich nicht gewinnen. Ich gebe dir zehn Sekunden, um dich mit dem
Nachbrenner abzusetzen. Ab… Jetzt.
Was ist los? Findest du den Knopf nicht?“
„Ich will nichts von dir geschenkt, Lilja“, presste ich wütend hervor. „Der Computer hat mich in diese
miese Startposition gestellt. Und dich gleich darübergepackt. Das wars. Ich habe verloren.“
„Nun stell dich nicht so an, Ace. Steig auf den Nachbrenner und laß uns etwas Spaß haben.“
„Nein, verdammt. Du bist in der idealen Position für einen perfekten Abschuss. Wäre es anders herum,
würdest du es auch ablehnen, wenn ich dir einen Vorsprung gewähre. Ich will keine Almosen. Das
macht keinen besseren Flieger aus mir.“
„Das ist mir doch egal. Ich will dich im ehrlichen Gefecht vernichten. Genauso wie du mich erwischt
hast. So ist das doch zu einfach. Zu leicht. Das kann doch jeder.“
Ich knurrte böse. „Du willst einen eindeutigen Sieg, damit dir niemand nachsagen kann, du hättest
durch Glück gewonnen.
Ich will dir mal was sagen. Ein guter Pilot, der weiß eine gute Gelegenheit doch zu schätzen.
Mensch, wäre ich ein Akarii, dann hättest du mich doch schon lange in tausend Fetzen zerblasen.“
„Nun tritt endlich auf den verdammten Nachbrenner, Ace!“, blaffte Lilja gereizt.
Ich schüttelte den Kopf und drückte den Steuerknüppel herunter. Der Jäger begann langsam wieder
tiefer in die Atmosphäre des Gasriesen einzutauchen. „Wenn mich die Atmosphäre fertig macht, wird
es als Unentschieden gewertet, Lilja.“
„Das ist nicht fair, du verdammter Arsch. Das ist nicht fair!“
„Entscheide dich!“, blaffte ich zurück.
Kurz darauf begann mein Zielerfassungswarngerät zu heulen an.
Als ich aus dem Simulator stieg, erwartete mich bereits eine zornbebende Lilja. „Ich will noch eine
Revanche.“
Wütend deutete ich auf den Score, der Lilja als Siegerin auswies. „Du hattest deine Revanche.“
Ich drückte sie beiseite und trat auf den Gang hinaus.
Sie folgte mir wütend.
Mitten im Gang packte sie mich und drückte mich in einen Seitengang. Dort presste sie mich an die
Wand. „Verdammt, Ace, ich nehme auch keine verdammten Almosen. Das war doch kein richtiger
Sieg. Das reicht mir nicht. Ich will dich richtig fertig machen.“
Ich schüttelte resignierend den Kopf. „Ist das alles, woran du denken kannst, Tatjana?“
Ich küsste sie kurz auf den Mund. Die schallende Ohrfeige ließ nicht lange auf sich warten.
Erschrocken sah sie mich an.
Ich rieb meine schmerzende Wange und meinte: „Ich weiß nicht, welche Dämonen dich reiten und
daran hindern, ein Mensch zu sein. Aber ich hätte mich fast in dich verliebt.
Eine Zeitlang erschien mir das eine gute Option zu sein. Du bist gar nicht so hart, wie du eigentlich
tust. Irgendwo da drin in deinem eisenharten Körper ist eine zerbrechliche Seele, die umarmt werden will.“
„Rede nicht so einen Stuß, Ace“, blaffte sie, „sonst kriegst du noch eine!“
„Doch dann lernte ich dich kennen“, sagte ich und senkte den Blick. „Und ich mag nicht, was ich sehe, Lilja.
Ich gehe jetzt. Ich werde nie wieder mit dir reden. Und ich werde dir außerhalb des Dienstes auch nie wieder antworten.
Und wenn es dich beruhigt, Pinpoints Brief war nicht an dich gerichtet.
Und wenn wir schon dabei sind, hör auf, im Voraus zu sterben. Noch lebst du und bist ein Mensch.“
Was mir noch eine Ohrfeige einbrachte.
Ich wandte mich um und ging.
„Ace“, hörte ich sie, für einen winzigen Moment unsicher. „Ich will meine Revanche.“
Doch ich antwortete nicht. Lilja war für mich erledigt.
Warum aber tat es dann so weh?

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:48
Gladius sass auf seiner Koje und merkte, wie er immer noch zitterte. Bei seinem ersten Feindkontakt
wäre er beinahe draufgegangen. Als er versuchte, das Glas Wasser von seinem Nachtschrank zu
heben, zitterte die Hand so sehr, dass er einige Tropfen verschüttete. Stöhnend lehnte er sich zurück.
Da ging das Schott auf und Brawler, sein Stubenkamerad trat herein.
„Oh man, du siehst ja richtig scheiße aus.“ Tüncay drückte sich wie immer reichlich unverblümt aus.
„Das wundert mich nicht.“
„Ich weiß, ich hab es schon gehört und mir Deinen Flieger angeschaut. Manoman, die Maschine sieht
fast genauso dreckig aus wie du.“
„Ich hab immer gedacht, es wäre so einfach, man geht raus, fliegt, schießt ein paar Akarii ab...na ja,
nicht ganz so, aber du verstehst schon...“
Brawler nickte. „Erst da draußen merkst du, wie ernst es ist. Als ich hier auf der Red ankam und
Murphy Staffelkapitän wurde, da hat er uns gedrillt bis uns das Blut im Stiefel stand. Als ich den
ersten Einsatz hinter mir hatte, verstand ich, warum. Heute frag ich mich, wie ich damals überleben
konnte.“
„Und?“
„Glück. Genauso ergeht es dir auch. Ein schlechterer Flügelmann, ein anderer Tag, und du wärest tot.
Mausetot.“
Gladius schluckte, aber er erkannte, dass Brawler recht hatte.
„Was folgerst du daraus?“
„Bei jedem neuen Einsatz wirst du besser, sicherer, bekommst das notwendige Gefühl. Bei Thunder
zum Beispiel gewinne ich langsam den Eindruck, dass sie vorher schon weiß, wenn eine Echse sie von
hinten nehmen will.“
Gladius gluckste angesichts der Doppeldeutigkeit.
„Jedenfalls hat die Frau es drauf, ich hab selten erlebt, dass sie überhaupt Treffer in den Heckschild
bekommen hat. Geschweige denn Panzerungsverluste oder schwere Treffer.“
„Was ähnliches ist mir bei Martell heute auch aufgefallen. Auf einmal hing er hinter dem Bloodhawk
und trieb ihn vor meine Geschütze. Ich hatte Ihn nicht kommen sehen.“
„Jaja, Martell und seine Vektoren. Aber versuch nicht, das System zu kopieren, bevor du es richtig
studiert hast. Snake Bite wäre dabei beinahe draufgegangen.“
„Wieso?“
„Hat sich zu sehr darauf konzentriert und den Überblick verloren, auf einmal hatte sie ein Head on
Head mit einem Delta.“
„Das klingt....ungesund.“
„Das ist ungesund.“
„Und was rätst du mir?“
„Kleb an Murphy, dann wird dir mit relativer Sicherheit nicht viel passieren.“
„Leicht reden...“
„Naja, egal, jedenfalls bekommst Du heute die Elefantenportion.“
„Elefantenportion?“
„Ja, das ist nen dreifacher Rum...Du hast heute schließlich den Elefanten gesehen und lebst noch.“
„Dann mal her damit, vielleicht hilft mir das weiter.“

Zur gleichen Zeit brütete Murphy über die theoretischen Arbeiten, die er heute erhalten hatten.
Insgesamt schien seine Predigt Erfolg gehabt zu haben. Keiner der Kandidaten war gefährlich nahe
über den geforderten Punkten. Besonders wunderte ihn das hohe Ergebnis von Enigma. Er sah sich
dann den Bericht von Thunder an, die zusammen mit Goose und Brawler auf das Problemkind
aufpasste. Insgesamt schien sich Enigma im Griff zu haben, auch wenn vereinzelt Anzeichen
vorhanden waren, dass dies nur unter erheblichen Willensanstrengungen von statten ging. Er würde
die Sache weiter im Auge behalten.
Auch Gladius machte ihm Sorgen. Beim ersten Feindkontakt gleich so zusammengeschossen zu
werden, konnte demoralisierend wirken. Innerlich war er wütend über sich selbst, denn er war
vorgegangen, als wenn Snake-Bite und nicht der weniger erfahrene Gladius an seinem Flügel hing.
Um wieder Kontrolle über den Gefühlssturm in seinem Geist zu bekommen, zog er den Rosenkranz
vom Hals und begann, ihn zu beten.
Nach einige Zeit hatte er sich dann soweit beruhigt, dass er sein Büro verlassen und so begab er sich
zur Kabine seines Flügelmanns. Dort angekommen wollte er gerade anklopfen, als sich das Schott
öffnete. Brawler steckte seinen Kopf heraus und grinste. Murphy konnte eine leichte Fahne riechen.
„Sir, Gladius schläft gerade. Der wird schon wieder.“
„Hm, ok....danke, Brawler.“
„Gern geschehen, Sir.“
„Ich geh dann mal wieder....äh, und Lieutenant...keinen weiteren Alkohol heute abend.“
„Aye Sir.“
Brawler grinste, fluchte, weil Murphy so aufmerksam gewesen war und grinste wieder, als er über die
Reaktion des Skippers nachdachte.
Murphy grinste ebenfalls, weil er merkte, dass sich die neuen und die alten Mitglieder der Staffel
offensichtlich gut zusammenfügten. Trotzdem schickte er einen kurzen Hinweis an Thunder, dass sie
am nächsten Tag Brawler genauer überprüfen sollte. Vertrauen war gut, Kontrolle jedoch besser.
Thunder sass derweil in ihrer Kabine. Als sie die kurze Nachricht von Murphy auf ihrem Com erhielt,
lächelte sie. Der Skipper machte immer noch zuviel selbst. Aber er schien sonst keine Ruhe zu finden.
In all den Jahren in der Navy hatte sie viele Typen kennengelernt, aber jemanden wie Murphy. Die
meisten Piloten waren selbst als Staffelkapitäne noch Lebemenschen, wenn auch etwas gesetzter als
die Frischlinge. Murphy hingegen schien den meisten Freizeitaktivitäten aus dem Weg zu gehen,
suchte wann immer möglich die Kapelle auf. Dann wanderten ihre Gedanken zu Anatoli, ihrem
Freund auf der Erde. Auf Perseus hatte sie das letzte Mal von ihm gehört, ihm schien es gut zu gehen.
Doch sie war sich nicht sicher, ob er dies nur sagte, um sie nicht mit seinen Problemen abzulenken.
Beide wussten, dass Ablenkung im Raum tödlich war. Aber Valeria wusste auch, dass Verschweigen
von Problemen in einer funktionierenden Beziehung der falsche Weg war. Andererseits...was war
schon eine funktionierende Beziehung? Sicherlich nicht eine, die von den seltenen
Kommunikationsmöglichkeiten am Leben gehalten wurden, die die beiden hatten. Innerlich bereitete
sich Valeria darauf vor, beim nächsten Aufenthalt auf Perseus einen neuen Schritt zu gehen. Welcher
das sein würde, wusste sie noch nicht.
Mit diesem Gedanken legte auch sie sich schlafen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:49
Zur gleichen Zeit in einem anderen Sektor

Lieutenant Commander Wolfgang Graf Berg von Hauenstein, Callsign „Count“ und sein Pilot,
Commander Darren „Duke“ Burns flogen in ihrer Crusader an der Spitze des Bombergeschwaders
„Crimson Talons“ auf den Zielplaneten zu. Die Jäger hatten laut ND die komplette Luftwaffe der
Akarii ausgelöscht und nun sollten die Crusader die orbitalen Fabriken und Werften zerstören. Die
Crew galt als beste in der Navy, beide waren ausgiebig an der Entwicklung des neuen Crusader
Modells, der B Version beteiligt gewesen, und hatten zahlreiche Waffensysteme getestet. Außerdem
waren beide voll qualifiziert als Fluginstruktoren. Einige Systeme kannten die beiden besser als die
Ingenieure, die sie entworfen hatten. Die Belohnung, die die beiden für diese Tätigkeit erhalten hatten,
war das Kommando über eine der wenigen Bomberformationen, die größer als eine Staffel war. Das
sogenannte kombinierte Geschwader umfasste etwa zweieinhalb normale Bomberstaffeln. Und nun
rasten sie an der Spitze dieses Geschwaders durch das All um Tod und Vernichtung über den Feind zu
bringen. Langsam kam das Geschwader in Angriffsreichweite.
„Finaler Check, Count.“
„Roger, Schilde – ok, Triebwerk 1 – ok, Triebwerk 2 – ok, Bordwaffen – voll aufgeladen und
feuerbereit, Waffentürme – ok und auf Automatikbetrieb. Beginne mit Überprüfung der Raketen.“
„Copy, Schirm ist weiterhin sauber.“
„Ok, ich habe 6 grüne Anzeigen.“ Das bedeutete, dass alle schweren Raketen der Crusader, die in
einem internen Revolvermagazin transportiert wurden, eine positive Selbstdiagnose meldeten. Der
Graf lächelte unter seiner Maske. Das lief alles wie geschmiert.
„Sehr gut, was macht das Geschwader?“
„Keine nennenswerten Probleme.“
„Gut.“ Duke wechselte auf den Geschwaderkanal.
„Angriffsformation einnehmen, Ziele wie gebrieft auswählen. Feuer eröffnen auf maximale Distanz.“
Das Einnehmen der Angriffsformation bedeutete eine Schwächung der Defensivfähigkeiten des
Geschwaders, weil die Formation aufgelockert wurde und daher sich die Bomber nur noch begrenzt
gegenseitig decken konnten. Gleichzeitig erleichterte es grade großen Formationen die Zielerfassung
und reduzierte die Gefährdung bei Fehlzündern.
Plötzlich explodierte der Radarschirm vor roten Punkten.
„Massiver Feindkontakt, die Schweine müssen sich in den Fabriken versteckt haben, scheiße.“ Counts
Puls hatte gerade einen Sprung nach oben gemacht.
„Wieviele Jäger?“
„Sieht mir nach zwei Geschwadern aus.“
„Verdammt, Geschwader, zurück in die Combat Box, aber schnell.“Auch der Duke wurde unruhig.
Was nach einer gemütlichen Mission ausgesehen hatte, war zu einer tödlichen Falle geworden. Das
Geschwader war fast ohne Jagdschutz und die Defensivfertigkeiten der Crusader waren nicht so stark,
dass sie sich alleine gegen massive Jägerangriffe behaupten konnte.
„Count, organisier uns Verstärkung, oder wir gehen alle drauf.“
„Copy. Talon Lead für Stormhome, kommen, Talon Lead für Stormhome.“
„Hier Stormhome, was gibt es, Talon Lead?“, meldete sich die Missionskontrolle an Bord des
Flaggschiffes der Flotte.
„Wir zeichnen massive Jägerabwehr am Ziel. Benötigen dringend Jagdunterstützung. Vermutete
Feindstärke etwa zwei Geschwader.“
„Copy, Talon Lead. Wir schicken sofort die Kavallerie los, haltet aus.“
„Macht hin, sonst kann die Kavallerie nur noch unsere Asche einsammeln.“
„Count, wir schaffen das nicht. Bis die hier sind, sind unsere Jungs Geschichte. Wenn wir uns
zurückziehen, hilft das auch nicht.“
„Dann brauchen wir eine Ablenkung. Wir brauchen eine Minute bis zum Ziel, dann würden wir etwa
auch selbst angegriffen.“
„Opfern wir eine Gruppe, um den Rest zu retten?“
„Müssen wir, anders geht es nicht.“
„Scheiße....Talon Lead an alle Talons. Unsere Lage ist beschissen. Gruppen 2, 3 und 4 führen jetzt
eine Kehre aus und ziehen Leine. Gruppe 1 mir nach. Alle Einheiten beschleunigen auf Nachbrenner.
Und keine Widerrede.“
Eine Crusader nach der anderen drehte ab und floh, während die erste Staffel beschleunigte und noch
enger zusammenrückte. Die Elite der Bomberpiloten der Navy flog der sicheren Vernichtung
entgegen, gewillt, dabei einen möglichst großen Schaden beim Feind anzurichten.
Eine halbe Minute später lieferte der leistungsfähige Zielcomputer der Crusader erste Daten der
Feindjäger. Größtenteils handelte es sich um Bloodhawks, aber auch einige Deltas flogen auf
Abfangkurs. Gleichzeitig aktivierte Count das Angriffsradar und schaltete auf die nächstliegende
Fabrik auf. Gleichzeitig aktivierte er die Sprengköpfe an den Mavericks. Kilotonnen der Zerstörung
warteten nur darauf, abgefeuert zu werden.
Dann begann der Radarwarner zu piepen.
„Mehrfache Radarerfassung.“
„Mach die Sparrows bereit, ich will die Formation aufbrechen.“
„Verstanden Duke.“, Wolfgang schaltete das Angriffsradar auf Jägermodus um. Zwar konnte man
auch im Angriffsmodus Sparrows abschießen, doch die Bekämpfung mehrfacher Ziele erledigte man
besser im Jagdmodus. Und es war offensichtlich, was Duke vor hatte. Wenn die Akarii ungebremst auf
die Bomber stoßen würden, würden sie diese schlichtwegs zermalmen. Eine erprobte Taktik dagegen
war, alle Jagdraketen auf unterschiedliche Ziele abzufeuern. Dies würde dazu führen, dass die
anfliegenden Jäger ihre Formation auflösen mußten, um den Raketen auszuweichen.
Das Zielradar der Crusader galt schon immer als erstklassig und auch jetzt lieferte es sofort Zieldaten
für eine komplette Staffel, die bekämpft werden konnten. In kurzer Abfolge schoss Duke alle
Jagdraketen ab. Der Rest der Staffel tat es ihm gleich. Wie vorhergesehen, stoben die Akarii Jäger wie
ein Schwarm Fische auseinander. Vereinzelt sah Count sogar Treffer, aber das war jetzt egal.
Letztendlich ging es nur darum, Zeit zu erkaufen.
Noch waren es 20 Sekunden bis zum Erreichen des Abschusspunktes und die Jäger rückten immer
näher. Der Graf schaltete das bordeigene ECM ein.
10 Sekunden vor Erreichen des Punktes durchdrangen die Feuerradare der Akarii den elektronischen
Lärm des ECM. Mit einem Schlag wurde ein gutes Dutzend Raketen alleine auf die Crusader von
Duke und Count abgefeuert. Als Antwort warf die Besatzung massenhaft Störkörper ab. Dennoch
schlug die erste Rakete im Heckbereich ein.
Dann kam das Ziel in Reichweite. Der Duke feuerte die erste Maverick ab und schickte die zweite
hinter her, sobald der Werfer seine sechstel Rotation vollendet hatte. Dann visierte er das nächste Ziel
an. In diesem Moment schlug eine zweite Rakete im Heck ein und der Schild brach zusammen.
Nur Sekunden später feuerte Duke die zweite Salve ab. Bordwaffenfeuer schüttelte die Crusader
durch. Die Lasertürme feuerten mit maximaler Frequenz. Ein kurzer Blick auf die Formation zeigte
dem Graf, dass bereits sieben Bomber verloren waren. Dann platzte Talon 2, der unmittelbare
Flügelmann, wie eine überreife Frucht, als eine weitere Rakete in dem Bomber einschlug. Der
Raketenwarner von Talon 1 fing wieder an zu piepen. Das dritte Ziel kam in Reichweite, so dass Duke
die beiden letzten Raketen abschoss. Dann schlug die Akarii Rakete ein und zerfetzte die Crusader.
Dank der Rettungsautomatik wurde die Crew herausgeschossen, aber Count sah, dass sein Pilot von
Schrappnellen getroffen wurde. Dann explodierte etwas neben dem Rettungspod und Lieutenant
Commander Wolfgang Graf Berg von Hauenstein wurde bewußtlos.
Drei Tage später wachte er im Krankenrevier auf, wo er erfuhr, dass er der einzige Überlebende der
Gruppe war. Auch dem restlichen Geschwader war es nicht gut ergangen, aber zumindestens zwei arg
ramponierte Gruppen hatten dank des Angriffs überlebt.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:50
Der letzte Sprung war getan, die Redemption und ihre Begleitschiffe flogen auf den Asteroidengürtel zu.
"Alle Mann auf Gefechtsstation", befahl Clarke.
"Aye, aye Sir!" Ein junger Lieutenant legte den Alarmschalter um. Dröhnend erwachte die Sirene zum Leben.
Für viele Matrosen war es ein furchtbares Erwachen - es gab nichts schlimmeres als durch einen
Alarm aus der Koje gerissen zu werden.
Dutzende von Matrosen ereilte das zweitschlimmste Schicksal, sie waren gerade beim Essen. Simon Winkler ein junger Spaceman 1st Class hatte es sich gerade auf dem Pott gemütlich gemacht, mit einem noch nicht 'gelesenen' Hochglanzmagazin.
In einem organisiertem Chaos hasteten die Matrosen auf ihre Gefechtsstationen. Die Besatzung der
Redemption galt als unerfahren und demnach lag sie weit hinter dem Rekord, den eine Crew auf der
Redemption vor über 25 Jahren aufgestellt hatte.
Doch Clark und Auson hatten ihre Crew aufs feinste gedrillt, damit sie zumindest im akzeptablen
Rahmen gefechtsklar war.
Dann prasselten schon die ersten Meldungen ein:
"Reaktorraum 1 auf Gefechtsstation!"
"Schiffsartillerie und CIC auf Gefechtsstation!"
"Flugdeck klar!"
Reaktorraum 2 auf Gefechtsstation!"
Die Litanei ging weiter, bis schließlich Lieutenant Commander Fischer an Auson herantrat: "Ma'am
Brücke auf Gefechtsstation, die Schiffsfeuerwehr meldet Druckschotts geschlossen!"
"Danke Mr. Fischer, weitermachen." Sie drehte sich zu Clarke: "Captain: Schiff klar zum Gefecht!"
"Danke, ausgezeichnet. Lassen Sie die Aufklärer starten und dann soll sich die Flotte in
Gefechtsformation begeben, wir stoßen in das Asteroidenfeld vor."
"Aye, aye Sir!"
Kurz drauf wurden zwei Typhoon ins All katapultiert. Vier weitere Typhoon führten die bewaffnete Raum-Überwachung durch.
Die beiden Kreuzer Bakersfield und Perregine schoben sich vor den Kreuzer. Die Zerstörer Madrid
und Jerome Custer nahmen Flankenpositionen ein.
Die Zerstörer Princeton und Tripolis bildeten mit dem Kreuzer Agamemnon hinter der Redemption
eine Linie.
So drang die Redemption in den Asteroidengürtel ein.

Zigtausende Kilometer entfernt arbeiteten sich der leichte Träger Majestic und seine Begleitschiffe
durch das Akarii-Land vor.
Die Majestic galt schlicht hin als Elite unter den leichten Trägern der Majestic-Class. Wie Erik
Roberts sagte, als er die Majestic als erster Captain auf ihr in Dienst stellte: "Als erstes Schiff dieser
Class haben wir die Verpflichtung als Vorbild für alle weiteren Träger der Majestic-Class zu dienen.
Uns wurde die schwere Last auferlegt sowohl die beste Crew zu bilden als auch das beste Geschwader
zu stellen."
Und so wurde es seitdem gehalten. Die Crew der Majestic war hervorragend gedrillt und hielt diverse Rekorde.
Ebenso schimpften sie die G-Men mit Fug und Recht Elite. In den letzten 10 Jahren hatten sie viermal
den AKM - Allkampf Manöver - Pilot des Jahres gestellt. Und überflügelte somit auch die legendären
Blue Angles. Kritiker behaupten es läge aber daran, dass die Blue Angles in den letzten 10 Jahren nur
dreimal an den AKMs teilnehmen konnten.

Auf der anderen Seite näherte sich die Galileo mit ihren Begleitern durch den Nebel.
Der Ruf dieses stolzen Schiffes hatte etwas unter ihrem jetzigem Captain gelitten. Und das, obwohl
Mannschaft und Offiziere größtes Können bewiesen.
Manöver wurden schnell und konsequent durchgezogen. Die Zeiten waren zwar nicht ausgezeichnet,
dennoch sehr gut.
Das Geschwader war ein eingespieltes Team.
Irgendwo zwischen den drei Kampfgruppen sollte sich ein riesiger Akarii-Konvoi befinden. Es wurden
60 Frachter gezählt.
Die Verteidigung war unklar. Was würden die Akarii in Marsch setzen um diese Masse an Material zu sichern?

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:50
Die beiden Piloten trugen bereits die schweren Schutzanzüge, die sie in den Maschinen vor den Folgen
von Hüllenbrüchen schützen und ihr Überleben sichern sollten, wenn sie gezwungen wären
auszusteigen. Zu den Anzügen gehörten auch spezielle Pistolenhalfter für die Standart–Laserpistolen
der Streitkräfte. Die Waffen stellten die letzte Verteidigungsmöglichkeit dar, wenn etwa nicht die
eigenen Leute, sondern der Feind einen ausgestiegenen Piloten fand. Es kursierten grausige Gerüchte
darüber, wie die Akarii mit Gefangenen, vor allem Raumpiloten, verfuhren. Es war ein inoffizielle
Grundregel, „den letzten Schuß“ für sich selber aufzusparen. Die schweren Schutzhelme mit den
dunklen Sichtscheiben lagen auf dem Tisch.
Seit dem Verlassen der Perseus – Station waren sieben Wochen und ein halbes Dutzend Sprünge
vergangen. Fast jeden Tag waren Ohka und Virago „draußen“ gewesen, Teil der Außensicherung der
Redemption – Kampfgruppe. Zweimal hatte es Kampfberührung gegeben – und dabei waren die
Typhoon – Staffeln nicht einmal beteiligt gewesen. Aber Pinpoint war bei dem ersten Gefecht
gefallen. Auch wenn er nicht zur Staffel gehört hatte – beide Piloten und auch Parker hatten den
jungen Flieger gekannt. Wenn von dem reichlichen Hundert der fliegenden Streitkräfte (Piloten,
Kopiloten und Bordschützen) einer fiel, dann merkten es alle. Die „fliegende Gemeinde“ an Bord der
Redemption war so klein, daß jeder Verlust spürbar war – eine Erinnerung an die eigene Sterblichkeit.
Dennoch waren die mehrstündigen Patrouillenflüge nach drei Wochen Flug wieder Routine geworden.
Doch heute war alles anders.
Vor wenigen Stunden hatte die Flotte ihren letzten Sprung durchgeführt und schob sich jetzt langsam,
aber methodisch durch ein ausgedehntes Asteroidenfeld. Jenseits der gefährlichen Zusammenballung
aus Eis- und Steinbrocken sollte das Ziel der Mission liegen: ein riesiger Nachschubskonvoi des
Feindes, der in einer kombinierten Aktion vernichtet werden sollte.
Wenn die Geheimdienstnachrichten stimmten. Wenn die anderen Angriffsflotten rechtzeitig ihre
Positionen erreichten. Wenn die Akarii nicht irgendwie gewarnt würden – wenn dies nicht alles eine
gigantische Falle war... .

Lieutenant Commander Parker versuchte, sich die Anspannung der letzten Tage nicht anmerken zu
lassen, während sie die Instruktionen gab: „Die Einsatzparameter sind klar. Sie sind primär
AUFKLÄRER. Sollten Sie Feindkontakt haben, dann versuchen Sie unbemerkt zu bleiben. Angreifen
werden Sie nur, wenn der Feind Sie entdeckt hat oder die Gefahr besteht, daß er den Verband aufspürt.
Sollte dies allerdings eintreten oder drohen, dann hat die Ausschaltung des Gegners oberste Priorität –
tun Sie ALLES NÖTIGE um die Entdeckung zu vermeiden. Verstehen Sie?“
Beide Piloten nickten fast unisono: „Jawohl Lieutenant Commander. “ Das war Kano. Virago hielt ein
etwas weniger formelles „Ja Ma’m!“ für ausreichend.
Sie beide hatten tatsächlich verstanden. Sollte dieser Fall eintreten – die drohende Entdeckung der
Flotte – dann hatte die Erfüllung ihres Auftrages Vorrang vor dem eigenen Überleben. Und auf der
anderen Seite sollte es keine Überlebenden geben. Die Geheimhaltung entschied über Scheitern oder
Gelingen der Operation.
„Sie wissen, die Schlacht steht unmittelbar bevor. Und wir sind die Augen und Ohren der Kampfgruppe – wir müssen die Dickschiffe abschirmen und aufklären. Deshalb haben wir die Patrouillestrecken erweitert. Das bedeutet allerdings auch, daß Ihre Treibstoffreserve nur noch 15 Prozent umfaßt. Seien Sie vorsichtig, wir wollen schließlich nicht, daß Sie kalt draußen bleiben. Fliegen Sie sparsam – besser Sie fliegen etwas langsamer, als daß Sie durch irgendwelche Ausweichmanöver Ihre Reserven verbrennen.“
„Jawohl Lieutenant Commander!“ „Jawohl Ma’m!“
„Ihre Karten haben Sie ja bereits. Virago, Ihr Jäger trägt die Aufklärungspods – nutzen Sie den
Vorteil. Halten Sie den Funkkontakt gering und benutzen Sie Richtfunk!“
„Jawohl Lieutenant Commander!“ „Ja Ma’m!“
Parker rief sich zur Ordnung. Sie referierte jetzt nur noch über Selbstverständlichkeiten, die die Piloten
schon oft genug zu hören bekommen hatten. Virago hatte schon mehr als ein Jahr Diensterfahrung,
war im Einsatz der Aufklärungspods ausgebildet. Und auch Ohka konnte man nicht mehr als Neuling
bezeichnen, trotzdem das erst seine zweite Feindfahrt war. Vor allem, wenn er lernte, nicht mehr jedes
Risiko einzugehen. Sie zuckte innerlich mit den Schultern. Kein Grund, sich selber oder ihre Piloten
mit Zweifeln verrückt zu machen. Auch wenn sie bei dieser ganzen Operation kein gutes Gefühl
gehabt hatte – von Anfang an. „Passen Sie auf da draußen! Viel Glück!“
Die Piloten standen auf, salutierten und gingen, Kano vorran, Virago hinter ihm. Auf dem Gang, der
zum Jägerhanger führte, fielen beide in eine lockerere Gangart nebeneinander. In den letzten Wochen
hatten sie bei Training, Patrouilleflügen und Einsatzbesprechungen genug Zeit miteinander verbracht,
um sich aufeinander einzustellen. Im Einsatz – ob nun auf Patrouille, bei den Manövern oder im
Simulator – funktionierte die Zusammenarbeit. Auch wenn sie privat wenig miteinander zu tun hatten
– beide wußten, daß sie sich auf den anderen verlassen konnten.
„Parker hatte heute aber ziemlich viele Worte. Wenn das kein schlechtes Zeichen ist...“
Kano zuckte mit den Schultern, bevor er nach ein paar Augenblicken antwortete: „Immerhin, wir sind
zum letzten Mal gesprungen. Und wenn das System so eine Bedeutung für den Feind hat... Es könnte
ja alles mögliche im Asteroidenfeld unterwegs sein.“
„Ist es Zeit, den letzten Willen zu verfassen?“
„Das habe ich schon.“
„Das hätte ich mir denken können. Hoffentlich hat die ,Alte‘ nur einfach schlecht geschlafen. Diese
Veteranen riechen nämlich sonst den Ärger, habe ich gehört.“
Kano antwortete nicht.
Die Bezeichnung „Alter“ für Staffel- und Geschwaderkommandeure oder Kapitäne war eine feste Tradition der Navy und hatte nichts mit dem tatsächlichen Alter der so bezeichneten Offiziere zu tun. Dieser "liebevolle" Titel wurde auch von Untergebenen benutzt, die selber älter waren als ihre Kommandeure.

Im Hangar der Redemption ging es hoch her. Gleichzeitig mit den beiden Typhoon Ohkas und Viragos wurden andere Jäger betankt und aufmunitioniert, die die Außensicherung übernehmen sollten. Weitere Maschinen wurden gewartet und überprüft.
Kano sah sich suchend um, während sie ihre Maschinen ansteuerten, verlangsamte allerdings dabei sein Tempo nicht. Virago bemerkte das und grinste vor sich hin, sie wußte nach wem Ohka Ausschau hielt. Sie sparte sich allerdings eine Bemerkung. In DER Beziehung verstand ihr Kamerad keinen Spaß.
Unmittelbar vor den beiden Jägern trennten sich ihre Wege. „Also Ohka – guten Flug und guten
Kampf.“ Ohka nickte: „Guten Flug. Wir sehen uns dann am Boden.“
Ein schneller Handschlag und beide kletterten in ihre Maschinen, jeder mit seinen eigenen Gedanken
beschäftigt – die allerdings um das gleiche Objekt kreisten: den Flug.
Auch wenn Ohka es nicht gesagt hatte, er hatte Parkers Beunruhigung bemerkt und er wußte, daß die
Staffelführerin sich Sorgen machte. Die Risiken waren mit jedem Sprung gewachsen und jetzt,
praktisch unmittelbar vor der „heißen Phase“ der Operation, am größten.
Die Techniker räumten den Raum um den Jäger. Jetzt übernahm der Deckoffizier das Kommando und
leitete den Start ein.
Als Kano sich noch einmal umblickte sah er, wonach er Ausschau gehalten hatten. Neben einer
Phantom, bei der Teile der Verkleidung gelöst waren, erblickte er Kalis schwarzen Haarschopf. Die
Hände in die Hüften gestemmt, hielt sie offenbar einem Tech eine Strafpredigt. Aus einem Reflex
heraus hob Kano die Hand und winkte herüber, obwohl die getönte Cockpitverglasung effektiv den
Blick ins Innere der Maschine verwehrte, er also für Kali nicht zu sehen war. Doch als die Typhoon
sich ruckartig in Bewegung setzte und in Richtung der Hangartore bugsiert wurde, glaubte Kano zu
erkennen, daß Kali sich unvermittelt umsah und kurz zu dem Jäger blickte, der in den Weltraum
geschleudert wurde. Unter dem Pilotenhelm verzogen sich Kanos Lippen zu einem stillen Lächeln.
Dann verhärteten sich seine Gesichtszüge. Als er den Richtfunkkanal öffnete, klang seine Stimme
ruhig und emotionslos: „Virago? Alles klar?“
„Alles klar! Bin auf Sieben Uhr! Bringen wir es hinter uns!“
Die beiden Abfangjäger richteten sich aus und strebten weg von dem Flottenverband, in die
Dunkelheit des Alls – und in das Labyrinth von Eis- und Felsasteroiden.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:51
Drei Stunden waren vergangen, eintönig und ereignislos – aber keiner der beiden Piloten hatte Zeit
gefunden, sich zu entspannen. Das Manövrieren im Asteroidenfeld erforderte ständige Wachsamkeit.
Virago hatte dazu immer die Sensoranzeigen im Auge – sie war schließlich "Auge" und "Ohr" des
Flights – ja eigentlich der kompletten Redemption - Kampfgruppe, zumindestens in diesem Sektor.
Und auch Kano blieb wachsam, obwohl seine Geräte bei weitem nicht so weitreichend waren wie die
aufgerüsteten Sensoren von Viragos Jäger. Nicht, daß er ihr irgendwie mißtraute – aber... Immerhin,
irgendwo da draußen WAR der Feind.
Es war Virago, die die Akarii zuerst sichtete. Trotzdem sie damit gerechnet, den Feind ERWARTET
hatte, brauchte sie ein paar Sekunden, um zu reagieren. Dann griffen die Reflexe. Mit ein, zwei
Handgriffen stellte sie Richtfunkverbindung mit Kanos Maschine her, die links vor ihr flog.
Gleichzeitig entsicherte ihre linke Hand die Waffen.
Ihre leise, angespannte Stimme explodierte förmlich in der Stille, die Kano umgab: „ACHTUNG
OHKA! Objekte einkommend, Elf Uhr, hoch. Zwo, Kleinschiffe. Kurs Fünf Uhr!“ Dann nach ein paar
Sekunden: „Anscheinend Marschgeschwindigkeit!“
Während sich seine Hände um die Steuer- und Waffenkontrollen verkrampften, rasten Kanos Gedanken. Der Kurs zielte fast genau auf seinen Flight. Waren sie entdeckt? Doch dann begriff er etwas anderes, wesentlich wichtigeres – dieser Kurs würde den Feind direkt zum Flottenverband führen. Und selbst wenn die Akraii die beiden Erdjäger noch nicht bemerkt hatten, eine Flotille aus vier Großkampf- und vier Begleitschiffen konnten sie unmöglich übersehen. Und wenn sie das melden würden...
So gesehen hatte er nur eine Möglichkeit zu reagieren. Die Befehle waren klar. Die feindlichen Einheiten mußten eliminiert werden. Und dort direkt vor ihm...
„Virago – der Asteroid auf zwölf Uhr! Wir tauchen ab. Wenn sie passieren – Feuer frei!“
„Verstanden. Bin an deiner Sieben!“
Die Jäger beschleunigten nicht, benutzten auch ihre Steuerdüsen so sparsam wie möglich – sie glitten
verstohlen in den Schutz des Asteroiden, wie jagende Haie über eine Sandbank.
Jetzt konnten sie nur noch warten, hoffen, daß der Feind das tat, was Kano vermutete.
Er hatte seine Entscheidung getroffen – ob es die richtige war, würde er innerhalb der nächsten
Minuten erfahren. Hoffentlich mußte er seine Idee nicht bedauern – wenn er überlebte. Kano blinzelte,
als Schweißtropfen in seine Augen tropften. Die Hand, die den Steuerknüppel umklammerte, war
bereits jetzt schweißnaß und verkrampft. 'Gleich, gleich...'
Da kamen sie – zwei Jäger, Bloodhawks, schnell und tödlich. Ihre atemberaubende Eleganz wurde
allerdings von den voluminösen Behältern gemindert, die unter den Tragflächen befestigt waren.
‚Zusatztanks!‘ Damit war es klar – diese Einheiten waren auf einem Langstreckeneinsatz, der sie mit
fast tödlicher Sicherheit den Kurs des Redemption – Verbandes kreuzen lassen würde.
„ANGRIFF!“ Selbst in seinen eigenen Ohren klang Kanos Stimme gespannt, fast schrill.
Praktisch gleichzeitig eröffneten die Erdjäger das Feuer, überschütteten den Feind mit einem Laser- und
Neutronengewitter.
Virago hatte gut gezielt und ihr Gegner hatte keine Chance zu reagieren. Während die Energiestrahlen
bereits die Schilde der Bloodhawk schwächten, hatte sie zwei Amrams abgefeuert. Dem Akarii blieb
weder die Zeit auszuweichen, noch einen Täuschkörper auszustoßen. Er verging in einer spektakulären
Explosion.

Kano hatte nicht so viel Glück. Zwar lagen seine Laser- und Neutronensalven im Ziel, doch irgendwie
hatte der Gegner Zeit zur Reaktion gefunden – Zwei Täuschkörper fingen die Amrams auf, während
die Bloodhawk in einem Korkenzieher – Manöver nach Oben auswich.
Einen Fluch zwischen den Zähnen zerbeißend, setzte Kano ihm nach. ‚Er darf nicht entkommen! Er
darf nicht melden! ER DARF NICHT!!‘
Keiner der beiden benutzte den Nachbrenner – die Gefahr war viel zu groß, einen Asteroiden zu rammen.
Der Akarii floh, den Typhoon in seinem Nacken. Mit einer Wende nach Rechts versuchte er, hinter
einem Asteroiden zu verschwinden, während erbarmungslos Energiesalven auf seine Schilde hämmerten.
Mit zusammengebissenen Zähnen riß Kano den Steuerknüppel herum, die schrundige
Asteroidenoberfläche flog am Cockpit vorbei – Wo war der Bloodhawk? Da!
Der Akarii versuchte nicht zu kämpfen – vermutlich rechnete er sich wenig Chancen gegen ZWEI
Feindjäger aus, die dazu noch an seiner Sechs klebten. Seine einzige Chance war die Flucht. Und die –
das war Kano klar – DURFTE IHM NICHT GELINGEN!
Ruckartig schob er den Hebel des Nachbrenners nach vorne, die innere Stimme ignorierend die ihm
zuschrie, dass dies in einem Asteroidenfeld fast sicherer Selbstmord war. Nur kurz, doch der Jäger
machte einen regelrechten Satz nach vorne, auf den Feind zu. Im nächsten Augenblick mußte Kano
zur Seite wegbrechen, entging knapp einem vernichteten Zusammenstoß mit einem der driftenden
Gesteinsbrocken.
Doch dann war der Bloodhawk in seiner Zielerfassung, für ein paar Sekunden nur – Kano drückte auf
alle Feuerknöpfe.
Die Kanonen trafen. Doch noch einmal hatte der Akarii Glück – nur drei der vier Raketen erfaßten ihn
und eine von diesen wurde von einem Täuschkörper abgelenkt. Eine Rakete aber traf seine Schilde,
explodierte und ließ sie kollabieren. Der letzte Flugkörper explodierte unmittelbar neben dem jetzt
schildlosen Jäger, schleuderte ihn aus seiner Bahn – allerdings auch aus Kanos Schußfeld.
Doch der hatte andere Probleme – auf den feindlichen Jäger fixiert hatte er nicht bemerkt, daß ein
Asteroid in seinen Flugvektor gedriftet war. Er bemerkte die Gefahr spät – fast zu spät. Ein wortloser
Schrei brach aus ihm, während er sich verzweifelt an den Steuerknüppel hängte – zog, ZOG... .
'Geschafft!' – knapp, nur Sekundenbruchteile schrammte er am sicheren Tod vorbei.
Dem Akarii hatte dies kostbare Sekunden verschafft, die er benutzte, um zur Seite wegzubrechen, in
dem Versuch, im Gewirr der Asteroiden unterzutauchen. Seine verzweifelten Funkrufe waren im
Rauschen der Statik untergegangen. In dem Labyrinth der treibenden Gesteinsbrocken zu
verschwinden war seine einzige Chance.
Vergebliche Hoffnung – der andere Erdjäger verlegte ihm den Weg, erzwang mit einem Angriff aus
allen Rohren, wieder zu wenden. Die Raketenexplosionen mußten den Antrieb beschädigt haben, der
Bloodhawk bewegte sich langsamer, schwerfälliger. Das war sein Untergang.
Wahrscheinlich bemerkte der Akarii nicht einmal, daß Kanos Maschine plötzlich wieder an seiner
Sechs auftauchte, sich mit tödlicher Zielstrebigkeit näherte, wie eine Rakete, die der Zielerfassung folgte.
Feuer! Feuer! Feuer!
Laser- und Neutronenstrahlen zerhämmerten die Reste der Schilde, bohrten sich in den Rumpf des
Bloodhawk, schlitzten Zelle und Cockpit auf.
Kano behielt die Finger auf den Feuerknöpfen, bis die feindliche Maschine nur noch ein Haufen
expandierender Trümmer war.
Er brauchte einige Augenblicke, um wieder rationell denken zu können. Der Feind war vernichtet. Ein
Blick auf die Treibstoffanzeigen ließ ihn zusammenzucken – die Reserven waren gefährlich
zusammengeschrumpft. Es würde knapp werden.
„Virago. Wie sieht es mit deinen Treibstoffreserven aus?“
„Nicht so prächtig – müßte aber noch reichen. Willst du mich anpumpen?“
Das ließ ihn auflachen. Nicht weil die Bemerkung so witzig war – er war einfach froh, am Leben zu sein.
„Wir kehren um. Zurück zum Träger.“
Es wurde eine knappe Sache. Bei Kano leuchtete bereits die rote Lampe, die einen leeren Tank
anzeigte, als endlich die wuchtigen Rümpfe der Großkampfschiffe in Sicht kamen, in ihrer Mitte die
Redemption – die Heimat. Erst jetzt kam Kano zum Bewußtsein, was er erreicht hatte und er lächelte.
Sie hatten den Feind vernichtet, der ansonsten vielleicht die Kampfgruppe aufgespürt hätte. Sie hatten
es – mit fast leeren Tanks – nach Hause geschaffen. Er hatte seinen fünften Abschuß erzielt – was ihn
zum Aß machen würde. Er hatte den Feindflug erfolgreich beendet, ohne beschädigt oder gar
abgeschossen zu werden. Und er hatte einmal mehr seine Ängste und Befürchtungen niederkämpfen
können. Das würde ihm auch weiterhin gelingen!
Seine Freude erhielt allerdings einen Dämpfer, als er sich bewußt machte, was dieser Zusammenstoß
mit feindlichen Jägereinheiten noch bedeutete.
Kamen die Bloodhawk von einem Träger? Von einer Station? Oder von einer Bodenbasis? Würden
Einheiten entsandt werden, um die Jäger zu suchen? Wie würden die Akarii auf das Ausbleiben der
Jäger reagieren? Würden sie am Ende vielleicht den Konvoi umleiten, zusätzliche Kräfte heranziehen?
Das waren Fragen, die sich die Flaggoffiziere stellen würden. Aber sicher würde es auch Fragen an ihn geben...

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:53
Das letzte Wort
Der Kampfverband der Gallileo bereitete sich auf seinen letzten Sprung vor. Dieser würde die sieben
Schiffe ins Zielsystem Jollahran bringen. Direkt in einen kosmischen Nebel hinein, der sie hoffentlich
vor feindlichen Sensoren verbergen würde. Bereits seit dem vorigen Sprung waren sie durch ein
gleichartiges Nebelgebiet vorgerückt. Hatte die geringe „Sichtweite“ zunächst für Unruhe gesorgt –
viele fürchteten, unverhofft mit einem Akariiverband zusammenzustoßen – so hatte sich dies
inzwischen gelegt. Viele hatten realisiert, daß der Weltraum etwas zu groß für zufällige Begegnungen
in einem Gebiet war, in dem die Sensorreichweite zusätzlich reduziert wurde. Dennoch war man
wachsam gewesen. Inzwischen aber war sich die Führung des Verbandes relativ sicher, daß der Feind
keine Ahnung von der Gegenwart der Terraner hatte. Offenbar war der unbemerkte Anmarsch
zumindest bisher geglückt. Blieb nur zu hoffen, daß es den anderen Verbänden gleichfalls geglückt
war, unentdeckt zu bleiben.
Dennoch herrschte an Bord eine gewisse Unsicherheit. Der Kapitän der Gallileo hatte noch keinen
definitiven Schlachtplan bekanntgegeben. Dies sorgte für eine gewisse Nervosität. Ward war als
Cuntator bekannt, bei einigen als Feigling verschrien – auch wenn keiner das laut zu sagen wagte.
Aber die Besatzung wartete mit Spannung, und dies galt für die einfachen Techniker wie für die
höchsten Offiziere inklusive der Kommandeure der Begleitschiffe.
Jetzt, unmittelbar vor dem Sprung, hatte Ward sie zu einer letzten Besprechung gebeten. Ein
feindlicher Angriff war momentan unwahrscheinlich bis unmöglich, sicherheitshalber waren die XO
der einzelnen Schiffe aber auf ihren Posten, ebenso alle drei Jagdstaffeln der Gallileo. Im großen
Besprechungsraum des leichten Trägers waren neben den sieben Captains nur noch der Commander
des Kampffliegergeschwaders anwesend. Brian Turner, ein ruhiger, beherrschter Brite mit ordentlicher
Kampferfahrung, kommandierte die 48 Kampfflieger, in taktischer Hinsicht war er Chef der
Jagdbomberstaffel. Auch wenn die Kommandeure der Begleitschiffe unruhig waren, so beherrschten
sie ihre Gefühle doch meisterlich und ließen sich nichts anmerken. Es war schon beeindruckend, wie
sie sich gegenseitig etwas vorspielten. Immerhin fieberten sie der Entscheidung des Verbandsführers
entgegen, mochte diese doch über Sieg und Niederlage, Leben oder Tod entscheiden.

Ward kam sofort zur Sache. Er hielt sich aufrecht, seine Stimme klang ruhig, aber entschlossen: „In
wenigen Stunden springen wir in Standartprozedur nach Jollahran. Voraussicherung Relentless, Prince
of Wales und Sao Paulo. Die anderen Schiffe folgen. Wir werden unter Berücksichtigung der nötigen
Vorsichtsmaßnahmen in die Position vorrücken, die uns der Plan zuweist. Typhoons mit
Aufklärungspods werden als Vorausspäher eingesetzt. Bei ihrer Aufklärung ist Heimlichkeit oberstes
Gebot – besser, sie orten nichts oder nicht viel, als daß wir durch Übereifer den ganzen Plan
gefährden. Die Flotte bezieht im Nebel Warteposition.“
Gonzales bemerkte, daß Mithel die Augen leicht zusammenkniff. Der ältere Captain schien aus
irgendeinem Grund erfreut. Der Kapitän der Dauntless sah dies nicht unbedingt mit Freude, ihre
Auffassungen über Flottentaktik gingen auseinander. Ward fuhr fort: „Sobald der Zeitpunkt
gekommen ist, schlagen wir los. Wir schicken die Griphen, die Phantome und die Mirage los. Die
Typhoon bleiben als Eskorte beim Träger. Die Mirage setzen Mavericks ein, zwei verfügen über je
zwei HARM, dazu werden alle leichte Raumkampfraketen tragen. Die Griphen werden mit je zwei
Hydras bestückt – ansonsten mit Raumkampfraketen. Hinter den Jägern – zeitlich etwas versetzt als
zweite Welle – folgen die Relentless, die Sao Paulo und die Prince of Wales. Dauntless, Paul Reinhard
und Harrison Flint bilden Geleitschutz bei der Gallileo." Der Blick, den Ward in die Runde warf, war
einerseits eine Frage nach Kommentaren – aber etwas in seinen Augen warnte auch davor, den Plan in
Frage zu stellen. Rice und Geissler schienen sich zurückzuhalten. Die Blicke von Nhoi und Garth aber
waren auf Mithel gerichtet. Ward blieb dies nicht verborgen, und sein Gesichtsausdruck verfinsterte
sich ein wenig. Der Kreuzerkommandeur straffte sich etwas. Seine Stimme klang ruhig – hatte aber einen
harten Unterton. Kaum merklich zwar, doch wer wußte, wonach er suchen mußte, der fand ihn.
„Captain, darf ich einwerfen, daß wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben? Es ist zweifelsohne
eine sinnvolle Überlegung, den Träger ausreichend zu schützen, und mit den Großkampfschiffen die
Verwirrung des Jägerangriffes auszunutzen. Aber ich denke, wir sollten auch die Möglichkeit im Auge
behalten, daß der Geleitschutz so stark ist, daß er die Jäger weitestgehend abwehren kann. Wäre es
nicht besser, Jäger und Kampfschiffe koordiniert einzusetzen, und dazu die beiden anderen Zerstörer
sowie die Typhoon mit hinzuzuziehen? Wir könnten so...“ Wards Stimme klang frostig: „Ich kenne
Ihre Meinung, Commodore Mithel. Sie erscheint mir zu gewagt. Wir wissen nicht – und es scheint mir
vielmehr sehr wahrscheinlich daß dies der Fall ist – ob der Feind eine Deckungsgruppe in der
Hinterhand hat. Ich werde NICHT die Gallileo unnötig riskieren. Wir haben genug Träger verloren.“
Mithels Stimme war nun eindeutig ebenso frostig wie die des Trägerkommandanten: „Wenn diese
Aktion scheitert, Sir, werden wir mehr verlieren als einen leichten Träger nebst Begleitschiffen.
Erheblich mehr. Wir...“
„Das genügt! Das Risiko ist zu groß.“ Wards Stimme schloß Widerspruch von dieser Seite aus: „Noch jemand Einwürfe?“ Gonzales räusperte sich. Sofort richteten sich die metallisch funkelnden Augen des Seniorcaptains auf ihn, aber er ergriff trotzdem das Wort – in weit moderaterem Ton als Mithel: „Sir – Sollten wir nicht wenigstens die Dauntless mitschicken? Sie könnte Jägerschutz bieten, weitere Kampffliegerwellen koordinieren und dergleichen.“ Ward schien einen Augenblick zu zögern, dann schüttelte er den Kopf. Gonzales ahnte, wieso. Er wollte jetzt, nachdem er Mithel zurechtgewiesen hatte, nicht nachgeben. Oder lag mehr dahinter? „Die Dauntless ist unerprobt, Commodore Gonzales. Ich werde das erste Typschiff, dessen Primärwaffe nicht voll einsatzbereit ist, nicht riskieren. Zudem es im Kampf gegen Großschiffe wenig tauglich ist. Das war alles.“
Mithel starrte den Verbandsführer an. Sein Gesicht zeigte keinen lesbaren Ausdruck, aber innerlich
mochte er kochen. Gonzales wiederum verwünschte den Älteren. Wenn der nicht so entschieden
aufgetreten wäre, vielleicht hätte Ward eingelenkt. Nhoi und Garth blickten fragend zu Mithel – doch
der gab kein Zeichen. Gonzales fragte sich, was hier gespielt wurde. Das Gespräch wandte sich
einigen Kleinigkeiten zu – der genauen Position des Verbandes relativ zum Nebelrand und zur
berechneten Position des feindlichen Verbandes im Augenblick des Angriffes. Mithel hatte sich
wieder gefangen und war äußerlich gelassen bei der Sache. Gonzales seufzte innerlich. Wenn die
Kampfgruppe nur an EINEM Strang gezogen hätte! Aber das Wort des Kommandeurs war Gebot – da
gab es nichts zu diskutieren, wenn dieser es nicht wollte. Dann übernahm Turner und sprach über das
Vorgehen der Kampfflieger. Nichts, was ihn, Gonzales, viel sagte. Er holte eine Zigarre heraus und
steckte sie sich an.
Schon nach ein paar Zügen traf ihn ein vernichtender Blick Wards. Die Stimme des Trägerkommandeurs war erfüllt von unterdrückter Wut: „Würden Sie wohl Ihren...Tabakkonsum bis zum Ende der Besprechung stoppen?" Mithel warf ihm einen konsternierten Blick zu, wobei ihm Garth Gesellschaft leistete. Rice schien amüsiert, ebenso Geissler. Nhoi war wie immer die Ruhe selber. Offenbar faßte Ward es als Angriff auf seine Autorität auf und als „Trotzreaktion“ des Captains der Dauntless. Gonzales wußte nicht, ob nicht sogar ein wenig Genugtuung in Mithels Blick war. Aber „Tripple E“ wollte es nicht auf eine Kraftprobe mit Ward ankommen lassen. Er gehorchte also. In seinem Inneren schüttelte er den Kopf.

Die Besprechung brachte sonst nicht viel. Es war zuviel eisiges Schweigen, zuviel vorsichtiges
Taktieren. Die Ansichten gingen auseinander, und auch wenn jeder sein Bestes gab, den gefaßten Plan
in die Tat umzusetzen, so merkte man, daß etliche nicht überzeugt waren. Ward war wieder in seinem
Element. Souverän und autoritär führte er die Besprechung zu Ende. Dann verabschiedete er die ihm
unterstellten Kapitäne. Von Herzlichkeit – außer zwischen ihm und den beiden Duquesne-
Kommandeuren – war nicht viel zu merken. Gegenüber Gonzales, Nhoi, Garth und vor allem Mithel
herrschte eisige Distanz. Und vermutlich war deren Respekt gegenüber dem Amt des Kommandeurs
nur geheuchelt. Aber anmerken ließen sich die Kapitäne nichts. Sie würden die Befehle ausführen und
ihr Bestes tun. Sollte der Plan Wards aber nicht aufgehen – dann würden sie sich vielleicht sogar über
das ungeschriebene Gesetz hinwegsetzen, einen Vorgesetzten nicht zu kritisieren. Nichts war tödlicher
für den Ruf. Und doch hatte sich manche Karriere genau darauf begründet – und noch mehr hatten
durch Denunziationen geendet.
Die Kapitäne begaben sich zum Hangar, um die Shuttles zu betreten. Sie würden sich vielleicht nie
mehr in die Augen sehen. Aber sie wahrten eisiges Schweigen – nur sich keine Blöße geben.
Vermutlich waren die Gedanken, die einige füreinander und gegenüber Ward hegten, alles andere als
kollegial.
Ein Shuttle würde Mithel und die Kommandeure der Norfolk-Zerstörer zu ihren Schiffen bringen, ein
zweites Gonzales und die beiden anderen Captains zu den ihren. Der Kommandeur der Relentless
drehte sich zu den anderen um: „Viel Glück. Wir werden es brauchen können.“ Er tauchte einen Blick
stummen Einverständnisses mit Nhoi und Garth, dann betraten die drei ihr Shuttle. Gonzales schaute
die beiden anderen an. Rice ließ sich nichts anmerken, aber Geissler schüttelte den Kopf: „Der ,iron
backside‘ scheint ja kurz davor zu stehen, zu explodieren.. Nun – wir werden sein Glück brauchen
können.“ Gonzales hatte lernen müssen, daß die älteren Kommandeure Mithel respektierten – wegen
seiner Kampferfahrung und seinen Verdiensten – und so verkniff er sich eine Bemerkung. Er selber
erkannte Leistungen zwar auch an, aber ihn störte die Art Mithels. Aber das Militär war eben ein
konventioneller Verein. Er überlegte, was der Blick zu Nhoi und Garth bedeutet hatte. Garth galt als
energisch, die Thai-Kapitänin war hingegen pures Eis. Was verband sie mit Mithel? Und wie weit
ging diese Verbindung? Aber, selbst Mithel würde wohl keine Dummheit machen.

Der Verband machte sich bereit zum Sprung. Vereint im Handeln, doch nicht im Geiste. Ward wußte
das. Für einen Augenblick hatte er gefürchtet, Mithel würde es auf eine Kraftprobe ankommen lassen.
Würde ihm vielleicht sogar Feigheit unterstellen. Aber der Captain der Relentless hatte wohl gewußt,
daß ihm das im Extremfall – jetzt, im Einsatz – Arrest und Suspendierung bringen konnte. Bringen
mußte. Also hatte er glücklicherweise zurückgesteckt. Jetzt mußte bloß der Plan aufgehen. Falls nicht
– soviel war Ward klar – würde Mithel bestimmt nicht vergessen, wer seine Einwände
zurückgewiesen hatte. Und der Captain hatte Freunde in höheren Posten in Flotte und Politik...
Aber Ward wollte auch nicht die Gallileo riskieren. Wie all die Jahre zuvor fürchte er den Kampf auf
Leben und Tod. Fürchtete die Akarii, mehr als er jeden Piraten gefürchtet hatte. Die Echsen hatten so
viele Schiffe vernichtet – wie leicht konnte es seinem Träger ebenso ergehen! Und wenn er im Gefecht
zusammenbrach – nicht auszudenken! Besser, es nicht so weit kommen zu lassen. Dazu würde er
DIESES Risiko eingehen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:54
Als Alarm gegeben wurde, befand sich Lilja in der glücklichen Lage, NICHT überrascht zu werden.
Zum einen hatte sie es sowieso geahnt – sie hatte lange genug Dienst auf Trägern getan, und die
Vorbereitungen für den letzten Sprung waren ja kaum zu übersehen. Außerdem hatte sie – recht
eigenmächtig – ihre Sektion sowieso in Bereitschaft beordert. Eine kleine Übung konnte nicht
schaden. Als das Alarmsignal gegeben war, sprinteten sie zu ihren Jägern. Natürlich würden sie jetzt
nicht starten – das Pech (oder Glück) hatten andere. Ihre Gruppe war momentan nicht für den Dienst
vorgesehen – das würde erst in ein paar Stunden der Fall sein, wenn die ersten Aufklärer und
Kampfpatrouillen entnervt vom Flug im Asteroidenfeld zurückkamen und ersetzt werden mußten.
Glücklicherweise war ihr Anmarschweg ja bekannt gewesen, und sie hatten üben können.
Sie war stolz auf sich selbst, als sie die schnellen Reaktionen ihrer Untergebenen sah. Natürlich war
dies in erster Linie deren und nicht ihr eigener Verdienst. Aber ein bißchen, ein bißchen hatte sie auch
dazu beigetragen. Und ihr Stolz speiste sich auch aus dem Umstand, daß sie trotz der Belastung nicht
zusammengebrochen war. Sie hatte diese Herausforderung bis jetzt gemeistert. Und sie fühlte sich
bereit, dies auch weiterhin zu tun – auch in Kampf und Schlacht. Nun, zumindest HOFFTE sie, daß sie
auch wirklich bereit war.
Der Blick auf ihren Jäger gab ihr etwas Kraft und Zuversicht. Die weiße Lilie – „ihr“ Symbol.
Darunter die acht roten Sterne, Zeugniss von acht Abschüssen. Sie hoffte, es würden noch ein paar
mehr werden. Dazu der Stern, der ihren Orden darstellte. Sie rief sich zur Ordnung. Wichtig war, daß
ihre Untergebenen nicht selber zu Sternen würden.
Sterne, so nannte man die Toten. Sie leuchteten, doch ihr Licht war unerreichbar fern und wärmte
nicht. Und man konnte unter ihnen niemals einen bestimmten wiederfinden. Sie schüttelte den Kopf.
Daß alle am Leben blieben, DAS war wichtiger als schmückende Zeichen an der Maschine. Das durfte
sie nie vergessen. Und das würde sie wohl auch nicht, zu tief und schmerzhaft war der Verlust ihrer
Kameraden in ihr Herz eingebrannt. Eine Wunde, die vielleicht nie ganz heilen würde, egal, wieviel
Hektakomben an Brandopfern sie ihnen auch darbringen mochte. Akarii-Brandopfer.
Ihre Gedanken wanderten zu den letzten Tagen. Sie lächelte innerlich – etwas bitter und zynisch. Noch
so ein Versuch von ihr, sich ,loszukaufen‘. Vor sich selber bestehen zu können mit der Gewißheit, den
Tod der Kameraden zu sühnen. Die Spendenaktion war langsam angelaufen – aber inzwischen hatte
sie zumindes gewisse Resultate erzielt. Das mochte daran liegen, daß mit Huntress und Parker zwei
Staffelkommandeure gespendet hatten. Auch einige andere Offiziere hatte sich beteiligt, aber dann
auch Mannschaftsmitglieder und Piloten. Dennoch – der große Sturm blieb aus. Es war eher ein
Bächlein als ein Strom, und kein sonderlich breiter. Wenn Lilja daran dachte, fühlte sie Wut, aber auch
Scham. Wie hatte sie sich nur so täuschen können! Aber zugleich – wie konnten sie nur! Die Republik
kämpfte um ihr Überleben, und so viele von ihnen klammerten sich an das Geld, daß sie verdienten,
als hätte es IRGENDWELCHE Bedeutung! Sicher, Geld WAR wichtig. Aber hier ging es um die
Heimat! Das heiligste, was ein Mensch hatte! Begriffen sie denn nicht, daß es auch um ein
symbolisches Opfer ging? Daß die ganze Aktion auch propagandistischen Wert hatte, weit mehr als
das Geld, das auf einem einzigen Träger zusammenkommen konnte? Narren! Ignoranten und
Egoisten!
Sie hatte sich nichts anmerken lassen, auch bei Bemerkungen von Piloten und Besatzungsmitgliedern,
die sie mit Wut erfüllten. Über ,die da oben, die uns nur das Geld aus der Tasche ziehen wollten‘ und
so ähnlich. Sie hoffte immer noch, die Männer und Frauen würden sich besinnen und verstehen,
worum es ging.
Lightning, die sich ein bißchen für die Sammelaktion verantwortlich fühlte, unterrichtete Lilja vom
Fortgang. Nicht eben überragend, aber doch halbwegs beachtlich. Bloß – das war in Liljas Augen zu
wenig. Es mußte einfach mehr werden. Sie MUßTEN doch begreifen! Sie mußten einfach! Überrascht
hatte sie nur Radios Verhalten. Sie hätte ihm bestimmt keine Beteiligung zugetraut. Vielleicht wegen
Pinpoints Tod? Nun, zumindest in so weit hatte sie dem Piloten wohl Unrecht getan. Was dazu führte,
daß sie Ace seine Haltung bei dem Ehrengericht weiterhin übelnahm, denn Radios Verhalten deutete
darauf hin, daß er damals größtenteils die Wahrheit gesagt hatte. Auch wenn sie den blauhaarigen
Piloten angesichts seines Sinneswandels mit etwas mehr Nachsicht betrachtete, immerhin beteiligt der
Junge sich auch, und das nicht einmal schlecht. Vielleicht wurde aus ihm doch noch ein richtig guter
Soldat. Nun, das was Lilja dafür hielt - ein Begriff, der mit den Space Operas nur ENTFERNT etwas
zu tun hatte.
Die Russin schnitt eine Grimasse und konzentrierte sich wieder auf den Augenblick. Bald würde es
gegen den FEIND gehen. Sie grinste in sich hinein. Krieg als Aggressionsabbau – nun ja. Sie nahm
das geschäftige Treiben im Hangar in sich auf. DIES war klar und richtig. Den Feind angreifen – und
vernichten. Selbst der Anblick Kalis, die sich bei ihrem eigenen Jäger aufhielt, konnte ihre Laune nicht
trüben. In letzter hatte eher eine vorsichtige Neutralität zwischen ihnen geherrscht. Oder besser, Lilja
hatte zuviel zu tun gehabt, um sich mit Kali zu streiten, und die wiederum schien nicht unbedingt
scharf darauf, den alten Zwist wieder aufzuwärmen. Vielleicht auch, weil beide sich als Siegerinnen
betrachteten. Kali, weil sie beim letzten „Zusammenstoß“ mit Lilja das letzte Wort behalten hatte. Und
Lilja, weil sie sich ausrechnete, daß Kali über die Gegenwart von Huntress nicht glücklich seien dürfte
– wenn sie auch nur halb so empfand wie früher. „Wenn ich daran denke, was für eine Szene die
abgezogen hat, bloß weil dieser blauhaarige Affe mich zum Abendessen eingeladen hat oder sich mit
mir geprügelt hat, dann will ich gerne wissen, was sie sagt, wo er mit Huntress noch ganz andere
,Nahkampftaktiken‘ trainiert!“ murmelte sie vor sich hin. Ja, ihre Stimme hatte einen angemessenen
Grad von Häme. Komischerweise aber war es noch zu nichts gekommen. „Na, vielleicht hat Mata Hari
endlich kapiert, was sie an Ace hat – nämlich nichts. Ich weiß bloß nicht, ob ich Kano bei ihr Glück
wünschen soll. An seiner Stelle würde ich dieses selbstverliebte Früchtchen nicht mal geschenkt
wollen! Das wäre ja so, als wäre ich auf Ace scharf. Schon der Gedanke ist..." sie überlegte:
"Besorgniserregend!“
Sie war froh, daß keiner sie hören konnte. Schon das Eingeständnis, daß sie sich mit solchen
Trivialitäten beschäftigte, war schlimm genug. Auch wenn sie es sich nur selbst sagte. Wenn jemand
anders davon gewußt hätte – nicht auszudenken.
Nun, genug davon. Sie hatte wahrlich wichtigeres im Kopf. Zwar würde es bis zum Angriff auf den
Konvoi noch eine Weile dauern – aber dann mußte sie bereit sein. Sie blickte den startenden Typhoons
nach. Beneidete sie die Piloten? Nein, eigentlich nicht. Die Chance auf ein Gefecht war augenblicklich
nicht so groß, die Navigation im Asteroidenfeld ein einziger Alptraum. Na, das kam ja auch noch auf
sie zu...
Bald würde sie auch da draußen sein. Und mit etwas Glück – mit etwas Glück würde sich die Mission
als ein Akarii-Alptraum entpuppen. Dafür würde sie arbeiten und kämpfen. Sie nickte grimmig und
machte sich daran, ihre Maschine gründlich durchzuchecken. Sollte der Befehl zum Alarmstart
kommen, würde sie bereit sein. Die Bestückung war dieselbe, die sie vermutlich beim Angriff auf den
Konvoi tragen würden. Amram und Sparrow-Raketen. Die ideale Bestückung für den Kurvenkampf,
wenn man nur Sekunden hatte, um die Feindjäger abzufangen, während sie auf die Bomber eindrehten.
Dann würden Augenblicke entscheiden. Sie war fest entschlossen, keinen Feind bei ihrer Sektion
durchbrechen zu lassen. Nicht, so lange sie es verhindern konnte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:54
Die Nachricht von Kanos Begegnung mit Feindaufklärern erreichte Murphy schon, bevor Kano
gelandet war. Der Airboss, also der Chef im Tower, hatte ihm eine kurze Meldung zukommen lassen.
Als erstes lies er Thunder in seinem Büro antreten und beauftragte sie, die Staffel
zusammenzutrommeln. Kaum hatte sie das Büro wieder verlassen, rief er Crimson zu sich. Dieser
hatte mittlerweile die Rolle des Wartungsoffiziers übernommen und fungierte als Martells Verbindung
zur Instandhaltung.
„Sir, geht es los?“
Murphy nickte nur. „Wie ist der Status?“
„Nun, die Maschine von Gladius ist noch nicht komplett geflickt, ich würde vorschlagen, ihm die erste
Ersatzmaschine zu geben. Alle anderen Maschinen sind in bestem Zustand.“
„Gut. Setzen Sie sich mit dem Flugdeck in Verbindung. Ich will alle Maschinen startklar haben.“
„Bestückung?“
„Vier Hydra Waffenbehälter und zwei Sidewinders. Und lassen Sie die zweite Ersatzmaschine als
Aufklärer mit Zusatztanks und Aufklärungspods ausrüsten, vielleicht müssen wir noch mal raus.“
„Verstanden Sir. Sonst noch etwas?“
„Nein, das wäre alles, Sie können wegtreten.“
Crimson salutierte und verschwand wieder.

Eine halbe Stunde später – Kano war mittlerweile an Bord gelandet und wurde debrieft – fand bei den
Jaguars bereits das Premissionbriefing statt. Kaum war das letzte Staffelmitglied, in diesem Falle
Crimson, der vom Flugdeck zurückkehrte, eingetroffen, trat Murphy ans Podium. Er merkte, dass die
Männer und Frauen unter seinem Kommando angespannter wirkten als sonst, die Erregung war
geradezu physisch fühlbar. Bevor er das eigentliche Briefing begann, wanderte sein Blick durch die
Reihen. Alle erwiderten diesen Blick, einige lächelten nervös, während andere gar nicht zu merken
schienen, wie angespannt sie waren.
„Leute, es geht bald los. Der Moment, wo sich zeigen wird, ob wir uns richtig vorbereitet haben, wird
bald kommen. Wie einige von Ihnen sicherlich aufgrund der Übungen schon vermutet haben, geht es
bei diesem Einsatz um den Angriff auf einen größeren Flottenverband. Zusammen mit den Einheiten
der Majestic und der Galileo wird das Geschwader der Redemption einen großen Konvoi von
schätzungsweise etwa 60 Frachtern plus Eskorte angreifen. Der Angriff wird simultan aus drei
Richtungen vorgetragen.“
Murphy aktivierte eine dreidimensionale Sternenkarte, die den Sektor zeigte.
„Die Galileo wird durch diesen Sternennebel verdeckt. Die Majestic wird etwa aus dieser Richtung
angreifen.“ Murphy aktivierte jeweils weitere Anzeigen auf der Karte.
„Wir stehen momentan hier. Soeben ist eine unserer Patrouillen auf Feindaufklärer gestoßen. Wir
müssen also damit rechnen, bald Feindkontakt zu haben. Überdies zeigt dies, dass der Feind über
zumindestens leichte Fliegerdeckung verfügt. Möglicherweise handelt es sich dabei um die neue
Kreuzerklasse, die einige von uns schon kennengelernt haben.
Leider wissen wir wenig über die Eskorte des Konvois, der übrigens wohl für Mantikor bestimmt ist.
Sie sehen, es ist absolut notwendig, die Möglichkeit, die Offensivanstrengungen des Feindes
empfindlich zu stören, zu nutzen.“
Crimson meldete sich:“ Sir, gibt es denn Vermutungen, welche Eskorte uns erwartet?“
„Nunja, man kann mindestens von einer Kampfgruppe ausgehen, die von einem schweren Kreuzer
geführt wird. Das wäre auch ein mögliche Erklärung für den Feindaufklärer. Andererseits ist es
durchaus denkbar, dass die Akarii dem Konvoi höhere Prioritäten und damit mehr Eskorten zuordnen.
Stellen Sie sich auf jeden Fall auf feindliche Abfangjäger ein, Sie werden daher auch je zwei
Sidewinders mitführen. Dazu wird das Flakfeuer nicht zu vernachlässigen sein, ich denke, dass die
Akarii durchaus in der Lage sind, die Frachter zu bewachen...und die Kreuzer und Zerstörer sind ja im
Flakbereich eh recht kampfstark.“
„Werden wir HARMs im Verband haben?“
„Gute Frage, Brawler. Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht genau. Der CAG hat sich hierzu noch
nicht geäußert und die Mirage Staffeln scheinen sich da etwas unschlüssig zu sein. Ich halte es für
durchaus möglich, dass noch ein Aufklärungsflug vorher stattfindet. Ich habe daher bereits den
zweiten Ersatzflieger als Langstreckenaufklärer konfigurieren lassen, normalerweise fällt uns ja dieser
Job zu.
Wir werden bei dieser Mission uns auf die kleinen Ziele konzentrieren und die dicken Brocken den
Bombern überlassen. Außerdem möchte ich, dass Flight 1 sich zurückhält und Munition aufspart für
den Fall, dass wir anderen Zielen den Gnadenstoß geben müssen. Haltet die Flights zusammen und
gebt Euch Deckung. Sobald die Behälter leergeschossen sind, abwerfen. Denken Sie daran, dass man
auch mit Bordgeschützen einen Frachter vernichten kann, wenn man die Schwachstellen gezielt
angreift. Außerdem will ich, dass koordiniert vorgegangen wird. Wir können es uns nicht leisten, dass
wir Munition verschwenden.“
„Wie sieht das mit der Jagddeckung aus?“ wollte Goose wissen.
„Der Plan sieht vor, dass wir die bekommen...aber sie wird sich wohl primär auf die wertvolleren und
anfälligeren Mirage und weniger auf uns konzentrieren. Fliegt daher defensiv, bis Sie die Außenlasten
los seid. Sonst noch Fragen?“
Das Briefing dauerte noch einige Minuten, unter anderem wurde diskutiert, welche Frachter und
Transporter die ersten Ziele sein würden und welche man eher als Sekundärziele betrachten sollte.
Murphy hörte sich alle Ideen und Vorschläge geduldig an und setzte dann die Prioriäten fest, in dem er
bestimmte, dass man erst die größeren Frachter angreifen sollte, die einem reinen Bordwaffenangriff
am ehesten widerstehen konnten. Dann beendete er das Briefing, und ging in sein Büro, während die
Piloten im Bereitschaftsraum blieben und auf den Einsatzbefehl warteten.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:55
Gonzalez biss wütend auf seine Zigarre. Ward war nicht bloß übervorsichtig, er war feige von Grund
auf. Nicht, dass ihm Mithels Ideen grundsätzlich gepasst hätten, aber das, was Ward fabrizierte,
gefährdete unter Umständen auch die die anderen beiden Flottenverbände. Selbst Mithel, der deutlich
mehr Einfluss auf Ward hatte als er, hatte kein offensives Vorgehen durchsetzen können. Jetzt war er
zum Zusehen verdammt und wusste nicht, ob er darauf hoffen sollte, dass trotzdem alles glatt ging
oder darauf, dass die anderen Verbände Hilfe benötigen würden.
Turner beobachtete seinen Vorgesetzten und Freund und ahnte, was in diesem vorging. Gonzalez war
kein Mann, der sich mit einem intakten Schiff aus dem Gefecht heraushielt. Und mittlerweile waren
sich die meisten Leute an Bord einig, die Dauntless war ein Schiff, das besser war, als der Ruf in der
Flotte vorgab. Er wusste auch, dass die Kombination aus Captain und Schiff nicht dazu geeignet war,
in der Flottillenpolitik große Zugeständnisse zu erreichen. Aber das, was nun vorging, war weniger,
als alle erwartet hatten.
„O’Keefe, Feuerdrill in zwei Minuten.“ Gonzalez erwachte aus seiner Nachdenklichkeit. Die Übungen
hatten zwar deutlich abgenommen, aber ab und an lies Gonzalez einzelne Stationen oder auch das
ganze Schiff noch einmal exerzieren. Zuviel Ruhe vor der Schlacht bedeutete zuviel Zeit zum
Nachdenken und nachdenkliche Soldaten waren zögerliche Soldaten. So galt es, die feine Klinge, die
geschliffen war, scharf zu halten, ohne sie schartig zu wetzen.

In der Gefechtszentrale hörte O’Keefe den Befehl von Gonzalez, bestätigte ihn und nickte seinen
Leuten zu. Mittlerweile was das Team zusammengewachsen, man verstand sich fast blind. Die Chiefs
hatten die Ausbildung im Detail übernommen und O’Keefe dadurch einen Großteil der Arbeit
abgenommen. Der hatte dafür den Vorteil, dass er Gonzalez schon von der Fisher kannte, so dass er
dessen Befehle öfters antezipieren und dementsprechend schnell umsetzen konnte. Wohl wissend, das
Mikromanagement in einer großen Station wie dieser für den Offizier unmöglich war, hatte er sich
früh darauf verlegt, nur die großen Entscheidungen zu treffen, während er die Kleinigkeiten den
Spezialisten überließ.
Die zwei Minuten waren um und ein computergenerierter Feind in Staffelgröße tauchte auf und schoss
mehrere Flugkörper ab.
„Primärziel sind die Vampires, danach die Banditen angreifen.“
„Verstanden Sir, Feuerleitradar aktiviert, Victor 1 bis 18 sind markiert.“
„SM2 fertigmachen und auf maximale Reichweite abfeuern. Zeit bis zum Abschuss?“
„15 Sekunden....10.....5, 4, 3, 2, 1, Feuer.“
Simulierte Raketen schossen nun aufeinander zu. Die SM2 Werfer schossen noch mehrere Salven,
dann kamen auch die AMRAM-Werfer dazu. Nach 30 Sekunden meldete der Chief:“ Vampires
zerstört, Zielwechsel auf die Bandits“
O’Keefe nickte und blickte auf die Uhr. Bei einem solchen Standardmanöver war es elementar, dass
man möglichst präzise und schnell handelte, der Kampf gegen die Stoppuhr war hier das Maß aller
Dinge.
„Zielerfassung steht.“
„Feuer auf mittlere Distanz. Feuer halten,....halten....halten...., Feuer frei!“ O’ Keefe klang, als wenn er
Börsenkurse aus einer Tageszeitung vorlesen würde. Ein Betrachter hätte dies für Gleichgültigkeit
oder Langeweile halten können, in Wirklichkeit jedoch lag die Ruhe darin begründet, dass den
Männern und Frauen die Arbeit so vertraut war, dass es keinen Grund zur Aufregung gab.
„Drei Ziele erfolgreich bekämpft, eins dreht nach Beinahetreffer ab.“
„Feuer auf die zweite Gruppe konzentrieren, AMRAMs auf die dritte Gruppe.“
„Aye, Sir.“
Nach wenigen Minuten war die Übung erfolgreich beendet. Die Jäger hatten nur minimale Schäden an
den Schilden angerichtet, während sie selbst fast vollständig der Vernichtung anheim gefallen waren.
Gonzalez war mäßig erfreut. Zum einen war der Computer anerkanntermaßen berechenbarer als der
echte Feind, zum anderen hatte die Crew für seinen Geschmack zu lange gebraucht. Aber jetzt die
Keule a la Dschingis Khan herauszuholen erschien ihm nicht als weise, zumal er nicht ausschließen
konnte, dass seine Laune immer noch eine Rolle spielte.
„Turner, übernehmen Sie mal für drei Stunden, wenn was ist, rufen Sie mich.“
„Aye, Sir.“

Gonzalez verließ seinen Stuhl und die Brücke und begab sich in seine Kabine. Papierkram lief jetzt
weniger auf, weil sich alles auf das Gefecht konzentrierte, aber trotzdem war da ein gewisser Rest, der
auf seinem Schreibtisch landete. Aber seine Gedanken schweiften ab zu der Dame, die sein Herz
berührt hatte. Triple E wunderte sich über sich selbst, normalerweise konnte er Frauen abhaken, sobald
sie außer Sicht waren. Diesmal war es jedoch etwas anderes. Achselzuckend schob er den Papierstoß
von sich und griff zu seiner Gitarre.


Yamashita sass derweil in ihrem Büro auf der Redemption. Auch wenn sie nicht zur kämpfenden
Truppe gehörte, so merkte sie doch, welche Anspannung sich über das Schiff gelegt hatte. Viele der
Männer und Frauen hatten ernste Mienen aufgesetzt, gerade die Piloten, die sonst immer für einen
Scherz gut waren, waren nun geradezu leise. Aber auch Midori wusste, was ihnen bevorstehen konnte.
Letztendlich war es egal, ob man an Bord des Schiffes Smut, Marine, Geschützbedienung oder Anwalt
war, wenn die Redemption angegriffen wurde, saßen alle im sprichwörtlichen einem Boot. Zum ersten
Mal seit langem fingerte sie an dem Schlüssel für das Waffenkabinett des JAG. Wie jede andere
Abteilung an Bord hatte auch der JAG ein kleines Kontingent an Infanterieausrüstung zur Abwehr
eines Entermanövers an Bord, außerdem konnten sich Ermittler des JAG in besonderen Fällen,
insbesondere bei Meutereien auch selbst bewaffnen um sich zu schützen. Der Schlüssel für diesen
Sicherheitsschrank war in der Gewalt des höchstens Offiziers der Abteilung, hier also in der von
Midori Yamashita. Die Infanterieausbildung schien eine Ewigkeit her zu sein und der Schlüssel hing
wie ein Mühlstein um ihren Hals. Sie schüttelte den Kopf und trank ein Glas Wasser, dann zwang sie
sich zurück an die Arbeit.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:56
Die letzten Ereignisse hatten Lucas Laune etwas gebessert.
Vor allem der hirnrissige Versuch - der sich dank Radio als ganz und gar nicht hirnrissig herausgestellt
hatte - von Lilja, die Leute zum Spenden für den Krieg zu bewegen.
Als Melissa ihm von dem Gesuch Parkers erzählt hatte, hatte er lauthals gelacht und war sofort auf
Lilja gekommen.
Nun, das Lachen hatte eine Strafpredigt zur Folge gehabt, die sich gewaschen hatte, aber Mel sah so
unheimlich süß aus, wenn sie wütend war.
Aber schließlich hatte sie ihm seine Verantwortung in Erinnerung gerufen und er hatte 1.500 Real
gespendet.
Aber den Stein ins Rollen gebracht hatte Radio. Er hatte wohl seine geheimen Handelsvorräte
hervorgekramt und in der Messe versteigert.
Das hatte Lucas noch mal um 2.000 Real leichter gemacht, die Radio mit einem hämischen Grinsen
für eine Flasche Antigua-Scotch, vom anderen Ende des von Menschen besiedelten Weltraums,
verlangt hatte.
Gerüchten zufolge soll ein Sergeant der Marines für drei Ausgaben des Colonial Playboy über 1.000
Real rausgerückt haben.
Der restliche Plunder wie Schokolade, Haarwaschmittel und so, war für weit weniger über den Tresen
gegangen. Letztendlich hatte Radio wohl die Spendenkasse um 4.000 Real erleichtert.
Die ganze Aktion hatte die Spannung an Bord gelindert und auch das Verhältnis von Radio zu den
anderen Piloten der RED wieder ansatzweise eingerenkt.
Aber wie immer sollte die gute Laune nicht lange anhalten. Die Aufklärer waren im Austeroidenfeld auf Akarii-Patrouillen gestoßen.

Lucas betrat den Geschwaderbesprechungsraum. Anwesend waren Darkness, die beiden Piloten Kano
und Virago, sowie Lightning, die ihn musterte wie etwas, dass ihre Jungen verspeisen wollte. War die
blöde Kuh wirklich so nachtragend?
Kano nahm augenblicklich Haltung an, als er Lucas bemerkte. Virago schien erst unschlüssig, schloss
sich aber dann ihrem Rottenführer an.
Darkness blieb ungerührt sitzen und lächelte dünn über das Verhalten der beiden jüngeren Piloten.
Lightning legte die Stirn in Falten.
"Rühren, erzählen Sie, was geschehen ist."
"Aye, aye, Sir!" begann Kano. Lucas wandte sich halb ab, damit der junge Pilot nicht sein Grinsen
sah. "Wir führten wie befohlen unsere Patrouille durch das Asteroidenfeld durch." Der Junge trat an
den großen Wandbildschirm und zeichnete mit einem Laserpointer die Route nach. "HIER", er machte
einen Kreis auf der interaktiven Karte, "trafen wir auf die feindlichen Jäger. Es war für uns unmöglich
einem Kampf auszuweichen, also haben wir zuerst zugeschlagen."
Kano blickte Lucas direkt in die Augen und Lucas musste eingestehen, dass dieser wirklich nicht den
Eindruck eines abschussgeilen Jetjockeys vermittelte.
Dann fingen Lucas, Darkness und auch Lightning an, den beiden Piloten Fragen über das kurze Gefecht zu stellen und alles so gut wie möglich zu rekonstruieren. Natürlich hätten die drei Commanders auch auf die Auswertung der Flugschreiber warten können, hielten es aber für besser sich die ungefilterten Daten durch die Piloten geben zu lassen.
Die Befragung endete damit, dass beide Piloten aussagten, dass sie der Meinung wären, die Akarii hätten keine Möglichkeit mehr zum Funken gehabt. Dannach wurden sie schließlich entlassen. Kaum hatte sich die Tür hinter Kano geschlossen, prustete Lucas los: "Der Junge hat sich doch wahrlich seine Sporen schon verdient."
Auch Darkness kicherte: "Ja, klingt aber immer noch frisch nach Akademie."
"Es ist ja wirklich schön, dass Sie beide sich über einen meiner Piloten amüsieren", erboste sich Lightning, die selbst innerlich amüsiert war - das war eben Kano sagte sie sich.
"T'schuldigung", antwortete Lucas mit übertrieben ernstem Gesicht, "aber zurück zum Geschäftlichen: Meinungen?"
Lightning trat an den Kartenschirm: "Leider können wir nicht davon ausgehen, dass die Akarii nicht
mehr funken konnten."
"Genau", stimmte Darkness zu, "wir sollten uns wirklich beeilen."
"Verflucht, das können wir jetzt ganz und gar nicht gebrauchen, zumal wir nicht schneller können."
Lucas fuhr sich durch die Haare. "Langsam glaube ich echt an den Ruf dieser alten Kiste."
Lightning hob spöttisch die linke Augenbraue.
"Was soll‘s, wir können ja eh nichts mehr dran ändern, Boss." Darkness klang auch irgendwie niedergeschlagen.
"Yeah, Lightning: Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen von jetzt an noch mehr aufpassen, die Akarii
werden jetzt wohl richtig wild sein und geben Sie Kano das Cross, er hat die Marke überschritten."

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:56
Vor der Tür klopfte Virago ihrem Kameraden auf die Schulter: „Na also! Das ging doch gut, sie haben
uns nicht den Kopf abgerissen.“
„Wir hätten aber auch nicht anders handeln können.“
„Hab ich das behauptet? Nebenbei, du brauchst vor den Lamettaträgern nicht so zu übertreiben. Momentan haben die doch auf jeden Fall andere Prioritäten, als darauf zu achten, ob du korrekt Männchen machst... .“
„Vorschrift ist Vorschrift...“
„Na ja, deine Sache. Dann bekommst du wahrscheinlich ein paar Extrapunkte in der Akte. Schwamm
drüber – Glückwunsch zum fünften Abschuß!“
„Danke.“
Noch ein paar Belanglosigkeiten, dann ging jeder der Piloten seine eigenen Wege. Momentan hatten
sie schließlich frei. Und man konnte nicht sicher sein, wann es wieder losgehen würde. Wenn einer der
feindlichen Jäger etwa doch hatte funken können... Besser also, die Freizeit optimal zu nutzen.

Kano wechselte erst einmal die Kleidung. Obwohl die Flugkombination angeblich perfekt für
mehrstündige Einsätze und Langzeitflüge unter Extrembedingungen geeignet waren, das Zeug war
durchgeschwitzt und klebte regelrecht auf seiner Haut. Nach einer Dusche und mit einer frischen
Dienstmontur fühlte er sich wieder richtig als Mensch. Ein Blick auf die Uhr – Kali dürfte noch auf
Patrouille sein. Aus einem Reflex heraus verzog Kano kurz den Mund. Er haßte diese Ungewißheit die
immer noch unterschwellig weiterschwelte. Die letzten Wochen hatten ihre Freundschaft wieder
hergestellt, wenn auch unter dem Vorbehalt, daß gewisse Themen ausgespart blieben. Darin waren sie
beide recht gut geworden. Allerdings war er sich nicht sicher, ob das eine gute Entwicklung war. Und
sich selber konnte er jedenfalls nicht überzeugend belügen. Zumindest seine Gefühle für seine
indische Kameradin gingen über die bloße Freundschaft hinaus. Aber Kali hatte ziemlich deutlich
gemacht, daß sie ihre „Beziehung“ vorerst auf die Kameradschaft beschränken wollte. Und bisher
hatte sie diese Linie beibehalten. Außerdem – sie waren auf Feindfahrt, die Pflicht und der Auftrag
hatten jetzt Priorität. Also schwieg Kano zu diesem Thema und verschloß seine Gefühle.
Er würde in die Kantine gehen. Es war viele Stunden her, daß er etwas gegessen hatte und jetzt, da die
Anspannung des Einsatzes endgültig abklang, fühlte er ein flaues Gefühl im Magen. Außerdem konnte
man in der Kantine Neuigkeiten erfahren. Ob das Ehrengericht über Radio nun nachhaltige Wirkung
entfaltete oder nicht, die „Kanäle“ funktionierten immer noch. Und neben dem Bordklatsch, für den er
sich (in der Regel) nicht interessierte, sickerten dort nicht selten auch wirklich WICHTIGE
Informationen durch, oder es berichteten andere Piloten von ihren Einsätzen.

Parker hatte inzwischen die Einsatzbesprechung verlassen. Sie hatten allerdings auch nicht sehr viel
tun können, als die Wachsamkeit noch einmal zu verschärfen. Die besonderen Gegebenheiten des
Asteroidenfelds – und des Auftrags insgesamt – beschnitten die Reaktionsmöglichkeiten. Ihr Magen
zog sich zusammen, während sie an die bevorstehende Schlacht dachte. Sie hatte von Anfang an kein
gutes Gefühl gehabt. Und jetzt, da zwei Akarii–Maschinen im Asteroidenfeld „verschwunden“
waren... Hoffentlich ging die Sache glatt. Irgendwie hatte sie in der Hinsicht erhebliche Zweifel. Aber sie hatte auch noch um andere Dinge Sorgen zu machen, als bloß die Zukunft. Zum Beispiel um die Moral in ihrer Schwadron. Also würde sie Kano das Flying–Cross jetzt verleihen. Normalerweise wurden in der Navy, typisch für diesen traditionsreichsten aller traditionsreichen Vereine, Auszeichnungen und Orden in aufwendigen Zeremonien vergeben. Dazu war zwar jetzt keine Zeit, aber sie würde es trotzdem machen.
Zum einen war es auch eine gewisse Auszeichnung für die ganze Staffel, wenn es jemand zum Aß
schaffte. Vor allem, wenn man damit andere Staffeln ausstechen konnte. Kano war selbstverständlich
nicht das einzige Aß in der Staffel, aber er hatte sämtliche Abschüsse in dieser Staffel erzielt – und
auch das zählte.
Außerdem, aber dieser Gedanke gefiel Parker überhaupt nicht, konnte es natürlich passieren, daß
der „Junge“ nach dem nächsten Feindflug nicht mehr viel mit dem Flying–Cross anfangen konnte...
Kano gehörte zu den Besten in ihrer Staffel, aber er war schon zweimal nur haarscharf dem Tod
entgangen. Und wenn der nächste Einsatz das wurde, was die Vorzeichen und ihre Erfahrung
versprachen... Also würde Kano das Fliegerkreuz „feldmäßig“ verliehen bekommen - und am Besten
noch einmal eine Ermahnung, etwas besonnener zu fliegen.

Sie fand den Piloten in der Kantine. Anscheinend war er in das Essen vertieft, denn er bemerkte Parker
erst, als sie praktisch an seinem Tisch stand. Als er sie dann allerdings sah – sofort war er hoch und
salutierte vorschriftsmäßig: „Lieutenant Commander!“
Das war etwas, was Kano sich trotz mehr als einem halben Jahr Einsatzzeit nicht abgewöhnt hatte. Er
salutierte und grüßte immer noch wie auf der Akademie. Parker hatte es inzwischen aufgegeben, das ändern zu wollen. Und diesmal paßte es sogar. Also erwiderte sie den Salut, wenn auch lässiger und mit
einem Grinsen: „Schon gut. Weitermachen! Aber wenn du fertig bist, in dreißig Minuten in RR–3,
aber in Galauniform. Weist schon, worum es geht.“ Damit ging sie, nicht ohne leicht amüsiert zu
bemerken, daß der junge Pilot rot geworden war.

Zwanzig Minuten später marschierte Kano in „voller Montur“ in Richtung des Freizeitraums. Natürlich wußte er, worum es ging. Trotzdem war er ziemlich nervös. Abgesehen von dem Verwundetenabzeichen war dies ja auch die erste – und eine wichtige – Kampfauszeichnung. Aber er hatte es sich das Fliegerkreuz schließlich verdient. Schade nur daß Kali nicht dabei sein würde, ihr Flight war immer noch im Einsatz.
Irgendwie hatte Parker es verstanden, die ganze Staffel zusammenzutrommeln – und auch alle zu
überreden, ihre Galauniformen anzuziehen. Sogar Perkele, der es allerdings schaffte, zerknittert und
irgendwie – informell zu wirken. Aber es ging ja schließlich auch die ganze Schwadron an, wenn einer
von ihnen Aß wurde. Und gewisse Traditionen mußten eben befolgt werden.
„Achtung! Stillgestanden!“
Die Soldaten nahmen, mehr oder wenig enthusiastisch vor Parker Aufstellung.
„Second Lieutenant Kano Nakakura! Vortreten!“
Kano befolgte den Befehl mit zackigen, eintrainierten Bewegungen und bemühte sich erfolgreich, das
stolze Lächeln von seinen Lippen fernzuhalten.
Parker trat auf ihn zu: „Für den Abschuß von fünf Feindmaschinen, für fortgesetzten tapferen und
entschlossenen Einsatz im Dienst der Republik, wird Second Lieutenant Kano Nakakura das
Fliegerkreuz in Bronze verliehen! Die Navy ist stolz, ein weiteres Aß in ihren Reihen zu haben. Ihre
Leistungen stehen in der ruhmreichen Tradition unserer Streitkräfte!“ Der Text war, wie die Zeremonie,
Tradition und wurde seit Jahrhunderten mit nur geringen individuellen Variationen verwendet.
Wenn möglich straffte sich Kano noch mehr, während Parker das Kreuz an seiner Uniformbrust
befestigte. Ein zackiger Salut, dann drehte er sich um und marschierte zurück in die Reihe. Damit war
der formelle Teil abgeschlossen. Die Piloten gruppierten sich um ihren Kameraden und gratulierten
Kano. Auch Parker – die es sich allerdings nicht verkniff hinzuzufügen: „Ein Grund mehr für das
Cross ist, daß du es auch mal mit heiler Maschine heim geschafft hast. Weiter so!“ Ihre gute Laune
kam auch daher, daß Schwadron Grün damit seine ausgezeichnete Position innerhalb des Geschwaders
ausbaute...
Wegen den besonderen Umständen wurden die „Feierlichkeiten“ diesmal aber kurz gehalten,
immerhin rückte der Flottenverband im feindlichen Territorium vor. Wer wußte schon, wann es
„losgehen“ würde. Kein Plan – und erst recht kein Zeitplan - überlebte die Begegnung mit dem Feind.
Deshalb fiel auch der traditionelle „Umtrunk“ aus.

Ungefähr eine Stunde später marschierte Kano, jetzt wieder in der bequemeren Dienstuniform, in
Richtung Hangar. Allerdings, wenn er ehrlich war, es wäre ihm nicht unrecht gewesen, wenn an der
Dienstuniform, nicht nur an Ausgeh- und Galauniform, das Tragen von Orden üblich gewesen wäre.
Das behielt er aber für sich, wie auch die ungebetene Erinnerung, die ihn plötzlich überkommen hatte.
Einer seiner Ausbilder, ein Veteran der Piratenjagd und des „Kalten Krieges“ mit den Akarii hatte da
eine stehende Redewendung gehabt. „Paßt auf ihr Jungfüchse! Auf das Fliegerkreuz folgt fast immer
das Leichenkreuz, wenn ihr euch den Erfolg zu Kopf steigen laßt. Übergroße Selbstsicherheit killt
euch schneller als ein Bandit in eurer Sechs!“
Nun, er würde den Rat beherzigen. Auch wenn er natürlich stolz war.
„Kano!“ Das ließ ihn innehalten, er drehte sich um. Es war Kali. Ihr Gesicht zeigte ein offenes
Lächeln und Kano fühlte, daß er das Lächeln stolz erwiderte.
„Es stimmt also! Du hast wirklich Fliegerglück! Ich werde mich anstrengen müssen, um nicht völlig
hinterherzuhängen!“ Damit war sie bei ihm und hieb ihm kräftig auf die Schulter. „Herzlichen
Glückwunsch Kano!“ Dann küßte sie ihn. Das geschah ziemlich überraschend für ihn, aber wohl auch
für Kali, denn als sie sich von ihm löste, wirkte sie etwas verlegen: „Also – dann muß ich weiter. Sie
haben verschärfte Alarmbereitschaft befohlen, der 'Alte' will alle Mühlen gefechtsbereit haben. Nur für
den Fall, daß die Akarii noch mehr zum Spielen schicken. Wir – sehen uns.“ Damit eilte sie weiter.
Kano starrte ihr noch ein paar Augenblicke hinterher, ein Lächeln auf den Lippen, daß er ansonsten
energisch unterdrückt hätte. Aber momentan war ihm der äußere Schein den er präsentierte ziemlich
egal. Nicht daß sie sich nicht schon einmal geküßt hätten – aber in den letzten Wochen hatten sie beide
ziemlichen Abstand gehalten. Nun...
Dann schob er aber diese Gedanken beiseite. Dazu war nach der Schlacht genug Zeit. Momentan fiel
es ihm nicht im geringsten ein, daran zu zweifeln, daß der Einsatz ein voller Erfolg sein würde. Er
setzte seinen Weg fort. Keiner seiner Kameraden wunderte sich über seine gute Stimmung – immerhin
hatte er das Fliegerkreuz erhalten...

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:57
Als Huntress sich im Bett herumwälzte, erklang neben ihr ein kurzer Schmerzensschrei. Sie lächelte
und sah herüber. „Guten Morgen, Ace.“
Ihr Gegenüber sah sie missmutig an. „Ich hasse mich dafür.“
Juliane verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund. „Sag das mal deiner linken Hand.“
Ace grinste. „Ich sagte, ich hasse mich dafür. Ich sagte nicht, ich hasse dich.“ Seine Hand glitt tiefer
unter die Bettdecke. „Oder deinen Körper.“
„Ngh… Und warum hasst du dich dafür, Spitzenpilot? War ich nicht gut genug?“
„Das ist doch Quatsch, Juliane, und du weißt das.“ Sanft küsste der Pilot ihre Schulter. „Wir hatten
einen tollen Sex. Aber ich komme einfach nicht dahinter, warum wir so schnell im Bett gelandet sind.
Ich war gestern Abend nicht gerade in der Stimmung, und nun sieh uns an.“
Juliane lächelte und schob nun ihrerseits ihre Rechte unter die Bettdecke.
Der junge Pilot riss die Augen auf.
„Sieh es… doch mal so, Ace. Du brauchtest Ablenkung. Und ich brauchte mal ne Pause. Wir wissen
beide, dass es nicht ernst zwischen uns ist. Ngh… Aber wir haben Spaß dabei und harmonieren gut.
Was liegt näher, als sich etwas… zu entspannen?“
Clifford Davis küsste ihren Nacken, ihren Hals, wanderte auf ihren Brustkorb.
„Deswegen hasse ich mich ja. Es ist nur Sex. Reiner, oberflächlicher Sex. Du hast Besseres verdient, Huntress. Obwohl, es ist phantastischer Sex, zugegeben. Ich habe nur das Gefühl, dass ich dich ausnutze…
Was, uh.. was machst du eigentlich da unten?“
„Was immer ich will, Ace. Hm, wer nutzt hier eigentlich wen aus? Immerhin bin ich die Ranghöhere,
schon vergessen, Second Lieutenant?“
Spielerisch salutierte Ace. „Jawohl, Ma´am. Ich stehe stramm vor Ihnen.“
Juliane kicherte, als Ace erschrocken aufstöhnte. „Stimmt sogar.“
Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Wir haben noch etwas Zeit…“
„Ich weiß“, nuschelte Ace und arbeite sich ihren Körper hinunter.
„Hoffentlich gibt es keinen Alarm. Das wäre ein Bild. Wir beide stürzen splitternackt aus meine Kabine…“
„Neben uns Auson und Lone Wolf… Und wer weiß, mit wem Lightning gerade schläft.“
Juliane kicherte erneut. „Und Martell mit der Bibel in der einen und dem Rosenkranz in der anderen…“
Ace lachte leise, während er ganz unter der Decke verschwand. „Und Darkness mit einem Fotoalbum
über die Rote Echse…“
„Ah.“
Kurz sah Ace wieder unter der Decke hervor. „Ist was?“
„Nein, nein. Weitermachen, Soldat.“
„Ich gebe mein Bestes.“

Als Huntress ihren Briefingraum betrat, war die Blaue Staffel bereits komplett versammelt.
Sie knallte ihre Unterlagen auf das Sprechpult und rief: „Morgen, Jokers for Redemption.“
„Guten Morgen, Ma´am“, antworteten die Piloten. Einige leise, andere stramm, jeder nach seiner
Fasson. Allen gemein war ein anzügliches Grinsen.
Die Gerüchteküche an Bord musste mittlerweile auch ohne Radios Beteiligung wieder Maximalwerte erreicht haben.
„Haben Sie gut geschlafen, Commander?“, fragte Annegret Lüding zwinkernd.
„Ich habe überhaupt nicht geschlafen, Rapier“, erwiderte Huntress direkt. „Aber ich habe mich
trotzdem gut erholt.“
„Man sieht es“, brummte Demolisher. „Du strahlst ja, als hätte dich Lone Wolf angefleht, den Posten
des CAG zu übernehmen.“
„Und du siehst aus, als hättest du die Nacht durchgepokert“, konterte sie.
Bevor die Diskussion ausarten konnte, leitete sie gleich zur Besprechung über.
„Ladies, ich erwarte die einführende Einsatzbesprechung des CAG jeden Tag. Wir kommen dem
Gefechtsziel immer näher.
Ich werde euch nun mitteilen, was ich von euch erwarte.
Ich bin das Gefecht, das vor uns liegt, einige Male durchgegangen. Ihr wisst, die Blaue Staffel wird
wie immer die RED decken, während unsere Kameraden mit einem Haufen Akarii spielen gehen.
Diesmal ist es allerdings anders als sonst.
Wir haben die letzten Wochen einiges geübt. Verbundwaffengefechte im Simulator mit den Begleitschiffen der REDEMPTION, Verbundwaffengefechte nur mit dem Träger und auch alleine. Wir haben neue Taktiken eingeübt, um gegnerischen Bombern aufzulauern und diese schnellstmöglich auszuschalten. Die Jägerbegleitung auszutricksen und das Feuer der RED und der anderen Schiffe einzuweisen.
Und für eine grüne Einheit machen wir das eigentlich schon ganz gut.“
Die Piloten murmelten verhalten. Teils zustimmend, teils empört, da sie ihrer eigenen Meinung nach
weit besser waren als Huntress es darstellte.
„Herhören, Ladies. Neben den Patrouillen werden wir ab sofort noch jeden Tag eine Stunde im Sim
verbringen. Wir werden für den WORST CASE üben.“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Elf Paar Augen sahen Juliane an. „WORST CASE? Der
größtmögliche Fehlschlag?“ Foreigner blinzelte nervös. „Wird es so schlimm, Commander?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Lone Wolf wird Sie alle briefen.
Aber ich will verdammt noch mal meine Schwingen abgeben, wenn ich euch nicht für WORST CASE
gedrillt habe und die Akarii die Frechheit haben, es dazu kommen zu lassen.
Also, wir werden verstärkt folgende Szenarien üben: Bomberangriffe auf die angeschlagene RED
abwehren. Zielselektion und Angriffswinkel.
Gefechtslandungen auf dem Träger zwecks Treibstoff und Raketen.
Unterstützung von SAR-Shuttles.
Kampf gegen eine feindliche Übermacht.
Fragen?“
„Ja. Werden wir unseren Angriff überleben?“, fragte Bushfire trocken.
Huntress neigte den Kopf zur Seite und erwiderte: „Wenn Sie weiter fliegen wie ein angesengtes
Känguruh sicherlich nicht, Bushfire. Der Rest liegt in unserer Hand.“
Huntress nahm einen Stapel ihrer Unterlagen hervor und begann sie zu verteilen. „Hier sind noch mal
die Unterlagen der wichtigsten Jagdflieger, Jabos und Bomber der Akarii, ihre Schwachstellen und
ihre Bewaffnung. Einarbeiten, sage ich euch nur. Besonders wichtig sind für uns Bomber und Jabos.
Sicherheitshalber habe ich auch noch die Deathhawk aufgeführt sowie weitere Vorläufermodelle
heutiger Akarii-Modelle. Wie die REDEMPTION gezeigt hat, trifft man bei Garnisonskräften oder
Etappeneinheiten immer noch auf sie.
Wenn Ihr auf sie trefft, solltet Ihr wissen, wie sie zu vernichten sind, Ladies.
Da wir näher an der RED operieren und damit die Möglichkeit, einsatzfähig nach einem Ausstieg
geborgen zu werden höher ist, rechne ich außerdem damit, daß wir neben unseren beiden
Ersatzmaschinen im Gefecht auch die beiden Typhoon der grünen Staffel zugeteilt bekommen werden.
Oder zumindest eine.
Bedeutet, wir können drei oder vier Maschinen verlieren. Keine Piloten.
Das war keine Aufforderung, Demolisher.
Ja, Avenger?“
„Darf ich fragen, warum hier auch Unterlagen über Kriegsschiffe der Akaari drin sind, Ma´am?“
„Sie dürfen. Allgemeinbildung. Man kann eben nie wissen, wann einem ein Hilfsträger der GOLFKlasse
über den Weg läuft.“
„Oder ein ausgewachsener Flottenträger“, witzelte Elfwizard.
„Oder ein ausgewachsener Flottenträger“, bestätigte Huntress ernst. „Okay, Briefing beendet.
Demolisher und Wingman ForCAP Patrouille, Avenger und Wingman löst nach Plan in zwei Stunden
ab. Rapier und Wingman auf Flanke, ich und Foreigner tauschen mit euch in zwei Stunden. Merkur
und Wingman auf Tiefraumpatrouille. Vorsichtig navigieren da draußen. Lightnings Kettenhunde sind
da neulich auf Akarii gestoßen. Dürfte im Meteoritenfeld schwer werden, dort einen guten Kampf zu
liefern. Cloud und Wingman lösen in zwei Stunden ab.
Ansonsten Dienst nach Dienstplan. Weggetreten.“
Die Piloten murmelten ein „Ja, Ma´am“, und verließen den kleinen Raum. Nur Demolisher blieb noch etwas.
Juliane fuhr sich durch die gefärbten Haare. „Was denkst du, Thomas? Langsam kriege ich die Bande
doch in den Griff, oder?“
Der Riese erhob sich und kam herüber. „Du weißt, Juliane, ich bin für dich da und gebe mein Bestes um dir zu helfen. Solange wir zusammen halten, kann nichts schief gehen. Die Kids und die Alten von der RED haben das mittlerweile gefressen und funktionieren so, wie sie sollen. Und ja, du machst hier einen guten Job. Aber…“
„Aber was? Kommt jetzt das dicke Ende?“
„Das aber hat nichts mit der Staffel zu tun. Hör mal, ich habe es vorhin von Nemesis gehört. Ace kam
gestern auf deine Stube. Es geht mich eigentlich nichts an, aber ich sehe es als meine Pflicht, dich
darauf hinzuweisen, dass das nicht gut gehen kann. Verdammt, Juliane.“
Huntress wechselte einen betroffenen Blick mit Demolisher. „Du… du meinst, er ist nicht gut für
mich? Oder das mich eine solche Beziehung im Einsatz meinen neuen Rang kosten kann?“
„Nein, Juliane. Du… bist nicht gut für ihn.“
Verdutzt starrte sie ihren alten Freund an. Ihre Kinnlade sackte herab.
„DU!“, rief sie schließlich und landete einen schweren Treffer auf seiner rechten Schulter. „Jetzt wäre
ich doch glatt drauf reingefallen!“
„Du bist drauf reingefallen!“, lachte Thomas Paul und rieb sich die schmerzende Schulter.
„Zur Strafe sollte ich dir meine Patrouille auch noch aufdrücken.“
„Hm. Muss ja gut gewesen sein, wenn du so reagierst, Juliane.“
„Du“, sagte sie und drohte gespielt mit der Faust. „Noch mal falle ich da nicht drauf rein.“
„Schon gut“, brummte Demolisher und folgte ihr aus dem Briefingraum.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:58
Lucas trat ans Rednerpult. Das gesamte Geschwader war zusammengetreten: "Ladies, Gentlemen: Es
geht los. In genau 20 Minuten beginnen wir mit dem Start. Wir führen einen Alphastart durch.
Huntress: Sie und Ihre Leute fliegen für den Träger und die Flottille Deckung.
Raven, Joker: Ihr Auftrag ist klar, Ihre Schwadronen werden als Bomber fungieren. Sie werden den
feindlichen Verteidigungsring durchbrechen und so viele Frachter wie nur möglich ausschalten.
Martel: Sie werden den Schwadronen Silber und Gold bei der Entenjagd Gesellschaft leisten. Laden
Sie so viele Hydras wie es nur geht und holen Sie sich die Einkaufstaschen.
Grüne Schwadron, Rote Schwadron: Wir fliegen Jagdschutz für unsere Bomber. Es ist zwar nicht mit
vielen Jägern zu rechnen, aber seien Sie trotzdem vorsichtig.
Wegtreten und gute Jagd Ihnen allen."
Die Aufregung im ganzen Geschwader war schier spürbar.
Es wurde sich auf die Schulter geklopft, geneckt und gut zugeredet. Aufmunternde Handzeichen
wurden ausgetauscht.
Lucas trat an seine beiden Wingmen für diese Mission: "Kali, Rusty: Sie beide werden bei mir bleiben,
bis ich Ihnen was anderes befehle. Wenn sich die Chance bietet, werden wir die Akarii im Dreierpack
angreifen. Los, ab mit Ihnen."
Auf dem Flugdeck herrschte wieder dieses professionelle Chaos. Mit lautem Donner hoben zwei
Typhoon ab.
Lucas trat auf seine neue Maschine zu: "Na Lady, hat man dir gesagt, was auf dich zukommt?" Ganz
gegen seine Art sprach er mit dieser Maschine, seinem Werkzeug, doch je öfter er flog und kämpfte,
desto mehr sah er Jäger als lebendiges Wesen.
"Es gibt Leute, die werden wohl sagen, du hättest Pech mit deinem Piloten ..."
Ein leises Räuspern ließ ihn herumfahren.
Darkness grinste ihm entgegen: "Werden wir weich auf unsere alten Tage?"
"Vielleicht....... hey, was heißt hier alt?"
Darkness grinste noch breiter: "Ach gar nichts. Habe mit Cutter geredet, der alte Kauz meinte, deine
neue Maschine habe Charakter, was immer er damit meinte."
Lucas zuckte die Achseln: "Weiß der Geier, vielleicht hat uns der Kauz doch einige Jahrzehnte voraus."
Darkness drückte seinem Freund noch mal die Hand, zumindest wollte er ihm nur die Hand drücken,
doch Lucas drückte ihn an sich: "Wir sehen uns in einigen Stunden wieder an Deck."
"Aye Sir", antwortete Darkness. Man sah ihm an, dass er doch etwas peinlich berührt war.
Darkness klopfte ihm noch mal auf den Rücken und ging dann zu seiner Maschine. Das Ausschleusen begann.

15 Minuten später auf der Brücke der Redemption.
"Captain: Geschwader ist ausgeschleust und hat sich zum Angriff formiert." meldete ein junger
Radartechniker. Die Redemption hatte vor über einer halben Stunde das Asteroidenfeld verlassen.
"Sir, ich habe da ein Radarecho achtern!" Meldete ein anderer Radartechniker.
"Identifizieren!" Befahl Clarke, ohne von seinem Monitor aufzublicken.
Das Geschwader der Redemption befand sich in perfekter Geleitschutzformation.
Auf dem Monitor war neben dem von Interferenzen durchzogenen Akariikonvoi noch der sich in
Keilformation auf die Akarii zubewegende Verband der Majestic zu sehen.

Auf der Brückes des Akarii-Flaggschiffes war Totenstille eingekehrt. Die Monitore schimmerten im
grünen Licht.
Der Hauptbildschirm zeigte zwei Terranische Schiffsgeschwader, eines näherte sich von achtern, das
andere aus dem Asteroidengürtel.
"Lord Admiral, sollten wir nicht die Vashihon ans Ende des Konvois befehlen?"
Der Admiral schüttelte den Kopf: "Nein, der Nebel ist eine zu große Verlockung um einen ganzen
Verband drin zu verstecken...." Noch ehe der Admiral seine Lehrstunde beendet hatte, tauchten rote
Signale aus dem Nebel aus. "Schau einer an."
Die Akarii warteten, schließlich kamen die Jäger aus dem Nebel in den Feuerbereich der Vashihon.
"Alarmstart für alle Jäger, ECM abschalten!" Befahl der Admiral.

"Feindliches ECM ist unten...."
"Automatische Feindidentifizierung läuft....."
"Das Echo an Achtern ist ein Akarii-Schiff....."
Auf der Brücke der Redemption brach die Hölle los.
"Shitt, der Pott in der Mitte ist ein Träger, der schleust seine Jäger aus!"
"Vorn und Achtern jeweils eine Golf-Class identifiziert!"
Clark blickte schließlich doch auf: "Geben Sie das an den Geschwaderkommandanten weiter!"
"Heilige Unendlichkeit!" Keuchte einer der Radartechniker.
"Machen Sie gefälligst ordentlich Meldung, Märtens!" Schnauzte Auson. "Also was ist?!"
"Ma'am, der Comp zeigt mir ein Schlachtschiff an achtern, Klassifizierung Bravo II."
"Das ist doch lächerlich, Schlachtschiffe sind überholt, ihre Magnetgeschütze verglühen in unseren
Schilden und selber haben sie auch keine Schilde."
"Ma'am, wir werden von Feuerleitradar angestrahlt", meldete Märtens.
Im nächsten Moment begann der Raketenalarm zu jaulen. Fassungslos starrten die Brückenoffiziere
auf den Hauptbildschirm, welcher das Akarii-Schlachtschiff zeigte, das eine unvorstellbare Breitseite
an Antischiffraketen ausspiee.
"ECM hochfahren! Raketenabwehr klarmachen! Feuer frei für Sparrows!" brüllte Auson in die Stille
hinein.
Der Akarii hatte sich auf die Seite gerollt um den terranischen Trägerverband direkt zu beschießen.
Die vier Sparrow-Werfer der Redemption hingegen mussten Vektorschießen. Wie vorprogrammiert
feuerte der Computer vier Sparrows auf eine reinkommende Akariirakete.
Noch bevor die Werfer der Redemption die erste Salve gefeuert hatten, waren die Werfer des
Schlachtschiffs nachgeladen und feuerten erneut.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:58
Angriff
In der Schwärze des interstellaren Raumes trieben die Kampfschiffe des Gallileo-Verbandes. Formiert
in einer waffenstarrenden Phalanx bereiteten sie sich auf die Schlacht vor. An Bord der Kreuzer und
Zerstörer herrschte angespannte Erwartung. Sie alle wussten, in wenigen Minuten würde der Befehl
kommen, daß Gefecht zu eröffnen. Die Meldungen der Vorausspäher waren eingetroffen. Der
Akariikonvoi näherte sich. Die Stunde der Entscheidung nahte.
Auf der Kommandobrücke des Leichten Trägers Gallileo bemühte sich Captain Ward, keine
Nervosität zu zeigen. Es war nicht nur die Schlacht, die ihn beunruhigte – auch wenn er den Kampf
und die Begegnung mit dem Tod fürchtete. Vor allem gefielen ihm die Nachrichten nicht, die er
bekam. „Aufklärer melden Konvoi in Sensorerfassung. Bisher keine Anzeichen von Feindortung.
Starke feindliche Störsender. Geschätzt 70 bis 100 Schiff, keine Jäger geortet. Interferenzen nehmen
zu. Feger an den Flanken, vermutlich Kreuzer.“
Es passte ihm nicht – obwohl er damit hatte rechnen müssen – loszuschlagen, ohne ein Bild vom Feind
zu haben. Insgeheim betete er, der Gegner möge nicht irgendwo eine Deckungsgruppe bereithalten. Er
hätte sich gerne mit den anderen Verbänden abgestimmt, aber dazu blieb keine Zeit mehr. Sie mußten
angreifen. Ward war sich darüber im klaren, daß mehr als die Hälfte der ihm unterstellten Kapitäne
seinen Schlachtplan zumindest in Teilen ablehnten. Die Kommandeure gehorchten nur, weil sie es als
Soldaten so gewohnt waren und weil Meuterei im Einsatz undenkbar schien. Aber sollte sein Plan
schief gehen, so würden sie sich auf ihn stürzen wie die Haie auf ein blutendes Opfer – gnadenlos.
Aber zum Zögern und Warten war jetzt keine Zeit mehr. Mit Gewalt zwang der Captain seine
Befürchtungen nieder, holte unhörbar Luft und erhob seine Stimme mit weit mehr Sicherheit und
Zuversicht, als er empfand: „Angriff beginnt!“ Und während der Richtfunk das Signal in Nullzeit zu
den anderen Schiffen trug, wurden tief unter ihm, im Katapulthangar des Trägers, die ersten
Kampfflieger ausgeschleust. Binnen weniger Minuten waren sie bereit, eine wohl organisierte Phalanx
von Jägern und Jagdbombern. Die Typhoon formierten sich, um die Gallileo zu schützen, die anderen
Maschinen bildeten den Angriffsverband. Genügend Feuerkraft, um einen kompletten Schlachtkreuzer
in Schlacke zu verwandeln – sie würden sie brauchen.
Beinahe abwesend nahm Ward die Klarmeldung des Geschwaderführers entgegen. Seine Augen
suchten die schweren Schiffe. Sie würden den zweiten Schlag führen. Er wußte, ein Gutteil seiner
Kritiker befand sich an Bord dieser Schiffe. Und sollte er einen Fehler gemacht haben, so würden sie
ihm dies nicht vergessen. Er konnte nur hoffen, daß alles glatt lief.

An Bord der Relentless – und ebenso auf den beiden sie begleitenden Zerstörern – lief alles ab wie
tausendmal durchgeführte Routine. Ein unwissender Beobachter hätte niemals erraten, daß nur die
Prince of Wales in diesem Krieg schon einmal im Gefecht gestanden hatte. Die Meldungen kamen in
rascher Folge, ein ungeübter Zuhörer hätte sie kaum alle verstehen können: „Werfer Alpha – klar!“,
„Backbordbatterie – klar!“, „Steuerbordbatterie – klar!“, „Antrieb – bereit!“, „Werfer Beta -…!“
Schließlich waren alle Stationen Gefechtsbereit. Mithel ließ sich weder Zufriedenheit noch
Verstimmung anmerken – normalerweise hatte er solche Vorgänge mit beißendem Spott kommentiert,
da es ihm bei den Übungen nie schnell genug gegangen war. Doch diesmal schwieg er, als nähme er
das Treiben um sich nicht einmal wahr. In Wirklichkeit entging ihm nichts, doch wie auch Ward hatte
er seine Bedenken – wenn auch gänzlich anderer Natur. Dann richtete der Captain sich auf:
„Countdown – ab JETZT!“. Alle wussten, was das bedeutete. In kürzester Zeit würde die Relentless,
begleitet von den beiden Zerstörern, den Jägern folgen. Auf Grund ihrer geringeren Geschwindigkeit
würde sie zeitlich versetzt am Ziel eintreffen, wenn – so hoffte man – die Abwehr durch den Angriff
der Kampfflieger durcheinandergebracht war. Sollte das Kalkül fehlschlagen, würde es allerdings ein
harter Kampf werden. Und niemand wußte, womit die Akarii ihren Konvoi eskortierten.
Die Jäger und Jagdbomber der Gallileo beschleunigten. Ihr ECM arbeitete mit maximaler Kraft, um
den Überraschungsmoment zu gewährleisten. Weit hinter ihnen, mit nahezu unglaublicher
Geschwindigkeit und doch mehr als hundert Kilometer pro Sekunde zurückbleibend, rückten die
Kampfschiffe vor. Der Angriff hatte begonnen.
Mithel war zufrieden. Die Besatzung funktionierte weitestgehend reibungslos. Die harte Ausbildung
zeigte Wirkung. Nun, seine Offiziere verstanden ihr Handwerk. Dennoch verspürte er eine nagende
Unruhe. Man hatte ihm nur zwei Zerstörer mitgegeben, und er wusste nicht, ob die anderen Verbände
ebenfalls Schiffe für den Angriff detachiert hatten. Wenn nicht – in seinen Augen ein großer Fehler,
aber typisch für die oft eindimensionale Denkweise der kommandierenden Trägeroffiziere – dann
würde es vermutlich ein kurzer Angriff werden. Dann blieb ihm nur EINE schneller Attacke, um so
viele Frachter wie möglich herauszuschießen, und dann sofortiger Rückzug. Aber zusammen mit der
Prince of Wales und der Sao Paulo hatte sein Schiff eine vernichtende Feuerkraft. Das mußte genügen.
Der Konvoi DURFTE einfach nicht sein Ziel erreichen.

Den Kampfschiffen weit voraus, eilten sich die Jäger und Jagdbomber ihrem Ziel entgegen. In jeder Sekunde legten sie hunderte Kilometer zurück. Commander Turner betrachtete die Sensoranzeigen. Er war nicht mit dem zufrieden, was er sah. Die feindliche ECM störte die Funkaufklärung und würde später eine Zielerfassung sehr schwer machen. Und wenn man nur zwei Flugkörper pro Maschine bei einem Dutzend Jagdbomber hatte, konnte man sich nicht allzu viele Fehlschüsse erlauben. Von den Hydras der Griphen hielt er nicht viel. Ungelenkte Raketen waren gegen manövrierende Frachter im Weltraum keine ideale Lösung, und man mußte SEHR nah heran. So nah, daß selbst die schlechte Bewaffnung eines Frachters eine Chance hatte. Von eventuellen Flakschiffen und Abfangjägern mal ganz abgesehen. Aber es bliebe keine andere Wahl.
Erneut verschaffte er sich einen Überblick – die Anzeigen waren unverändert. Ein großer Pulk feindlicher Schiffe, und abgesondert ein paar Seitenfeger. Sie würden einen passieren, und das bald. Er erwog eine Kursänderung, doch dann machte er sich klar, daß der Feind ihn zum fraglichen Zeitpunkt sowieso schon auf dem Schirm haben mußte. Und er durfte sich nicht verspäten. Bloß die Anzeigen bei der Flankensicherung waren unklar. Er konnte einfach nicht klar erkennen, WAS dort war. Ein ECM/ ECCM-Zerstörer, ein Schiff zu elektronischen Kriegführung? Und – nicht weniger schlimm – er bekam auch keine deutliche Ortung, aus wieviel und welchen Schiffen der Feindverband überhaupt bestand.

Die Kommunikation zwischen den Angriffsschiffen war eingestellt. Kein Funkspruch sollte ihre Ankunft verraten. Mithel und die beiden anderen Kapitäne hofften, der Gegner würde in erster Linie einen Angriff mit Jägern erwarten, wie es im Rahmen von ,Husar’ bisher üblich gewesen war. Das konnte entscheidende Sekunden bringen. Wenn die drei Angreifer erst auf Schußweite ihrer Langstreckenraketen heran waren, mußte es für Gegenmaßnahmen des Feindes zu spät sein, oder dieser würde einfach ein halbes Dutzend Zerstörer detachieren und sie schon vor dem Hauptverband in Kämpfe verwickeln. Dann waren die Chancen dahin, noch zum Schuß auf die eigentlichen Ziele, die Frachter, zu kommen.
Der Kapitän der Relentless wartete. Es konnte nicht mehr lange dauern…

Auf der Sao Paulo saß Captain Samut gelassen auf ihrem Platz, als ginge es gerade um einen normalen Überführungsflug und nicht um ihren ersten Kampfeinsatz in diesem Krieg. Mit ihrer stoischen Gelassenheit wirkte sie auf ihre Untergebenen beruhigend. So schlimm konnte es ja nicht sein. Spötter verglichen sie – außerhalb ihrer Hörweite aber nicht ohne ihr Wissen – mit der Statue eine Khmer-Göttin, der sie angeblich in solchen Sekunden glich. Aber ihre Besonnenheit bei Notfällen war bekannt – sie hatte vor dem Krieg einige brenzlige Situationen gemeistert und genoß deshalb den Respekt ihrer Untergebenen.

Der Kommandeur der Prince of Wales hingegen hatte beide Hände in die Lehnen gekrallt, sein Körper war vornübergebeugt – er fieberte dem Kampf entgegen. Er hatte schon etliche Gefechte in diesem Krieg erlebt und brannte darauf, sich erneut auszuzeichnen.

Commander Brian Turner öffnete einen Funkkanal zu seinen Soldaten – gleich war es soweit: „Angriffsformation drei!“ Bisher waren noch keine Feindjäger zu sehen – aber sie kamen dem einen Geleitschiff immer näher. Die Mirage bildeten den Kern des Verbandes, an ihren Flanken die Griphen und Phantome. Jetzt schien es, als sei eine genaue Ortung möglich. Turner musterte die Anzeigen – und erstarrte.
Fast anderthalb Kilometer lang. Weit über hunderttausend Tonnen schwer. Ein Gigant, selbst in der
endlosen Weite des Weltraums. Ein Riese, der ihn und seine Kampfflieger zu lästigen Mücken
degradiert. Sein erster Gedanke war – „Das kann nicht sein!“
Und doch war es so. Größer noch als die gigantischen Flottenträger, grandioses Zeugnis der
Fähigkeiten vernunftbegabter Wesen, Schiffe zu konstruieren, die den endlosen Ozean zwischen den
Sternen meisterten. Turner wußte, es gab nur EINEN Namen für eine derartige Einheit –
Schlachtschiff.
Starrend von Geschützbatterien und Raketenwerfern schob es sich durch die Dunkelheit des Alls.
Der Commander fühlte, wie ihm der Mund trocken wurde. Die Schlachtschiffe galten als überholt,
veraltet in den Tagen der Kampfflieger und Trägergeschwader. Aber irgend etwas sagte ihm, daß er es
hier bestimmt nicht mit einem greisen Riesen ohne Zähne und Muskeln zu tun hatte. Blitzschnell – in
den wenigen Augenblicken, die er hatte – überdachte er die Situation. Versuchte, mit dem
Unmöglichen fertig zu werden. Schnell wurde ihm klar, daß ihm kaum eine Wahl blieb. Den Giganten
zu ignorieren und den Hauptverband anzugreifen bedeutete, die eigenen Kampfschiffe mit diesem
Monstrum allein zu lassen. Und das Schlachtschiff war sicher genau für diese Aufgabe, nicht aber
unbedingt für den Kampf gegen Jäger gedacht. Als gewaltige Ein-Schiff-Flotte konnte es gewiß jeden
Vorstoß terranischer Kampfschiffe abwehren. Es konnte verlagern und die Angriffe abfangen,
Angreifern den Rückweg abschneiden. Seine Salven mußten ausreichen, einen Flottenträger in einen
Feuerball zu verwandeln.
Also war seine Aufgabe klar. Angreifen und vernichten, wenn möglich. Eine SOLCHE
Flankensicherung konnte er nicht einfach ignorieren, wie es bei einem Zerstörer oder auch einem
Kreuzer möglich gewesen wäre. „An alle Einheiten. Ziel ist feindliches Schlachtschiff. Auf mein
Zeichen – VORWÄRTS!“ Er zögerte kurz, dann öffnete er eine Verbindung zur Relentless – Mithel
hatte die Führung über den Angriffsverband erhalten. Mit monotoner Stimme gab Turner durch, was
er sah, während seine Mirage sich mit den anderen zum Angriff formierte.

Mithel hatte sich halb aufgerichtet, als er die Meldung Turners kam. Also doch. Der Feind hatte sich also entschlossen, auch DIESE Waffe zu nutzen. Der Captain fragte sich, ob das Schlachtschiff neugebaut war – der Rumpf eines Flottenträgers, bestückt mit zusätzlichen Waffen – oder die Akarii ein altes eingemottetes Kriegsschiff reaktiviert und vermutlich modernisiert hatten. Was es auch war – vermutlich war es KEIN leichter Gegner. Denn niemand würde solch ein Schiff als Zielscheibe allein an der Flanke eines wichtiges Konvois marschieren lassen – schon aus Prestigegründen und wegen der Anzahl der Besatzungsmitglieder, die so ein Gigant nötig hatte. Er verständige Garth und Samut – und hoffte, Turner würde in der Lage sein, ihnen eine Bresche zu schlagen. Wenn der EINE Außenfeger ihren Angriff schon abfing, wie sollte dann der Konvoi vernichtet werden? Er verfluchte ein weiteres Mal – das wievielte wohl? – Gonzales und Ward. Wenn diese Idioten doch nur einen FUNKEN Verstand gehabt hätten! Jetzt mußte er sehen, was er mit zwei gut geführten Norfolk als einzige Hilfe anrichten konnte. Hoffentlich hatten die anderen Verbände auch Kampfkreuzer detachiert.

Die Stimme Turner klang ruhig und beherrscht: „Zielerfassung läuft. Feindentfernung 37.000, sinkt ständig. Noch keine Gegenwehr. Starkes ECM erschwert Zielerfassung. Gehen näher heran. Entfernung 34.000. Zielerfassung weiterhin gestört. Griphen beschleunigen zum Angriff mit Hydra. Gegner...“ Die Stimme verstummte in einem Keuchen.

Drüben auf dem Schlachtschiff gab ein einziger geknurrter Befehl das Zeichen für den Angriff auf die Jäger. Es war kein Kampf – eher ein Hinrichtung.
Einen schrecklichen, hoffnungsvollen Augenblick dachte Turner an eine Täuschung. Der Gegner konnte unmöglich SO viele Raketenwerfer haben. Aber dann erkannte er, daß es die Wirklichkeit war – und er und sein Verband verloren. Mit überschnappender Stimme brüllte er: „Feuer frei! ALLES WAS DRINN IST!“ Er hämmerte auf den Feuerknopf. Ob die HARM, die seine Mirage trugen, trafen, würde er wohl kaum jemals erfahren. Hunderte von Raketen – von leichten Raumkampfgeschossen bis zu massiven Atomraketen – schossen auf den feindlichen Riesen zu. Doch die starke Störeinrichtungen und Impulslaserbatterien fingen die meisten ab, reduzierten den Angriff auf eine bemitleidenswerte Geste des Trotzes, wie ein geworfener Stein gegen einen Gepanzerten. Dann kam die Antwort – Salve auf Salve, ein schier endloser Strom von Raketen. Mehr als eine Division Kreuzer hätte abfeuern können. Sie fuhren durch die Jägerformation wie eine MG-Salve durch eine
Menschenmenge. Die wenigen Energiewaffen des Schlachtschiffes begnügten sich damit, die Überreste zu vernichten. Viel Arbeit blieb ihnen nicht.
Die Terraner versuchten auszuweichen, Störkörper abzuwerfen – doch vergebens. Fast immer kamen zu viele Raketen auf einen Jäger. Binnen Sekunden wurden sie aus dem All gepflückt, in Fetzen gerissen. Aus den meisten Maschinen konnte keiner mehr aussteigen – zu groß war die Vernichtungskraft. Commander Turner hatte nicht mehr die Zeit, richtig zu begreifen, was geschah. Ein halbes Dutzend Raketen ließen Schilde, Panzerung und Interne Struktur seines Jägers in einer Feuerwolke vergehen, die wenige Sekunden darauf erlosch, als der Sauerstoff verzehrt war. Es blieben nichts als ein paar im All treibende Trümmer, bis zur Unkenntlichkeit deformiert.

Captain Ward starrte erschüttert auf die Anzeigen. Das konnte unmöglich sein! Er sah, wie die Anzeichen seiner Jäger flackerten und verloschen wie Kerzen in einem Orkan. Eine eiserne Faust schnürte ihm die Kehle zu. ,Vernichtung! Tod und Vernichtung!‘ schrie die Stimme in seinem Kopf. Auge in Auge mit dem Tod seiner Untergebenen konnte er nur eines denken: ,Eine Falle! Die verdammten Echsen haben uns in eine Falle gelockt! Jetzt sind wir an der Reihe.‘ Er erwartete fast, Panik auf der Brücke ausbrechen zu sehen – doch es kam nicht dazu. Fassungsloses Entsetzen regierte – aber keine blinde Angst. Vielleicht aber konnten die Offiziere noch gar nicht richtig erfassen, was sich da abgespielt hatte. Für Ward stand der Entschluß fest. Wenn er sein Leben und das seiner Untergebenen retten wollte, gab es nur einen Weg. Nur EINE Möglichkeit. Und er ergriff diese Chance, ohne zu zögern: „Nachricht an ALLE Schiffe – RÜCKZUG!“ Seine Stimme war eher der Aufschrei eines jungen Kadetten – und wirklich war er für einen Augenblick wieder in der Einsamkeit des Alls, im Nahkampf mit den Piratenjägern. Dies hier war wieder so. Er MUßTE hinaus.

Mithel warf seinem Funker einen wütenden Blick zu: „Der Befehl lautet WIE?“ Der nahm Haltung an: „Rückzug, SIR!“. „Fuchida - Direktverbindung!“ schnauzte der Captain der Relentless seinen Kommunikationsoffizier an. Fast sofort leuchtete auf dem primären Transmissionsbildschirm das Bild Wards auf – der Einfachheit halber und um den Captain der Gallileo zu zwingen, ihm zuzuhören, hatte Lieutenant Fuchida eine Direktverbindung mit der Brücke der Gallileo hergestellt, so daß die Worte jetzt in der ganzen Kommandozentrale zu hören waren. „Sir, das können Sie nicht tun! Wenn wir uns zurückziehen, lassen wir die anderen Verbände im Stich! Der Feindkonvoi muß vernichtet werden! Lassen Sie uns angreifen, schicken Sie Ihren eigenen Träger ins Gefecht. Noch ist unser Verband nicht geschlagen! Wir DÜRFEN nicht fliehen! Denken Sie daran, was Admiral Noltze gesagt hat!“
Ward war beinahe sprachlos. Er spürte immer noch den Würgegriff der Furcht – aber gleichzeitig auch
ein brennende Wut auf Mithel und dessen Anmaßung. Mit welchem Recht wollte DER ihm
Vorschriften machen? Er sah die Anklage, den Vorwurf in den Augen des anderen Offiziers, hörte sie
in seinen Worten – die Übertragung war deutlich genug. Und dies war etwas, was er immer noch
meistern konnte – anders als die Konfrontation mit den Akarii „Befehle werden nicht diskutiert
CAPTAIN MITHEL! Wir sind in eine Falle geraten! KEHREN SIE SOFORT UM, ODER ICH
LASSE SIE ABSETZEN! DAS IST EIN BEFEHL! Wollen Sie den etwa VERWEIGERN?“
Einen Moment lang schien es, als wolle Mithel etwas erwidern. Das sonst so ruhige, kalte und
beherrschte Gesicht des Captains war eine Maske der Verachtung und des Zorns. Wenn er geantwortet
hätte, jetzt, so wie er es empfand, es hätte ihm entweder Heldentod oder Kriegsgericht gebracht. Aber
dann gewannen Gewohnheit und eintrainierter Gehorsam die Oberhand. „Zu Befehl – Sir.“ Die
Stimme war erfüllt von unterdrückter Wut. Aber er gehorchte.
Der Captain der Relentless blickte sich auf seiner Brücke um. Für einen Augenblick hatte er ernsthaft
erwogen, den Befehl – vor allen Leuten und in aller Öffentlichkeit – zu verweigern. Aber er wußte
nicht, ob ihm sein Schiff folgen würde, wußte nicht, ob sich Garth und Nhoi ihm anschließen würden,
ob sie die Kontrolle über ihre Schiffe würden halten können. Er hatte sich unter Kontrolle – nach
außen hin. Innerlich jedoch kochte er. Dies war mehr als die normale Abneigung – es war Haß.
Abgrundtiefer Haß. Und als er seine Offziere sah, wußte er, so mancher teilte seine Gefühle. ,Dafür
hole ich mir Wards Kopf – und noch ein paar andere dazu!‘ Dann gab er mit emotionsloser Stimme
den Befehl, den er sich vermutlich noch lange vorwerfen würde: „Bereitmachen zum Rückzug. Wir
drehen ab.“
Die Schiffe der Angriffsgruppe zogen sich zurück, ohne einen einzigen Schuß auf den Feind
abgefeuert zu haben. Sie gehorchten Befehlen, die viele von ihnen haßten – die nicht wenige andere
mit einer Mischung aus Schuldbewußtsein und Erleichterung entgegennahmen, blieb ihnen ein
Gefecht doch erspart. Aber sie gehorchten alle, gedrillt und erzogen im Geiste der republikanischen
Flotte. Einem Befehl zu folgen, selbst wenn man ihn ablehnte. Aber mehr als einer sann auf Rache –
und haßte die eigenen Leute in diesem Augenblick nicht weniger als den Feind.
Von den 36 Kampffliegern, die die Gallileo ausgesandt hatte, kehrten nur drei Mirage wieder zu ihrem Träger zurück. Mit den meisten seiner Männer und Frauen war auch Commander Turner „am Feind geblieben“, wie man den Tod im Gefecht in der bombastischen Sprache des Militärs umschrieb. Sein Geschwader war vernichtet, und ob es den Gegner überhaupt nur angekratzt hatte, war fraglich. Auf Befehl des Kommandanten zogen sich die Schiffe der Kampfgruppe Henry Morgan zurück. Sie hatten versagt – vollständig.

Tyr Svenson
30.03.2004, 11:59
„Sir, Jäger der Galileo sind gestartet,“ meldete der Funkoffizier der Dauntless.
„Gut, überwachen Sie den Flug, solange es geht. Brückenkontrolle, Rotlicht anschalten.“ Gonzalez sah
sich um und nahm dann das Mikrofon für das 1MC.
„Achtung, hier spricht der Captain. Die Operation, für die wir so lange geübt haben, hat soeben
begonnen. Die Galileo hat ihre Jäger ausgeschleust. Ich erwarte von allen ihr Bestes...Alle Mann auf
Gefechtsstation!“ Anschließend betätigte er den Buzzer, mit dem er das entsprechende akkustische
Signal für den allgemeinen Alarm ausgeben konnte.
Leise, so dass nur Turner es mitbekommen konnte, nuschelte er: „Hoffen wir, daß dieser sogenannte
Plan gut geht.“
Er lehnte sich in seinem Kommandostuhl zurück und betrachtete aufmerksam das Display, welches
nun zeigte, wie die Jäger der Galileo Formation einnahmen. Dann griff er in seine Tasche und wollte
eine Zigarre herausholen. Dann entsann er sich, dass er ja mittlerweile dank der Brückencrew und
Chief Holliczek ein Fach an seinem Stuhl hatte, welches nicht nur klimatisiert war, sondern auch
Zubehör wie Cutter und ähnliches enthielt. Gonzalez grinste schelmisch. Die Jungs und Mädels, die
unter ihm dienten, waren in Ordnung. Nachdem er das Ende sauber abgeschnitten hatte, roch er kurz
an der Zigarre, dann erwärmte er sie, um sie schließlich anzuzünden. Einen Moment fühlte er sich, wie
immer, wenn er diese Marke rauchte, in die kleine Bar in Havanna zurückversetzt. Dann riß er sich los
von den Erinnerungen und blickte wieder auf den Sichtschirm. Die Jäger der Galileo waren mittlerweile komplett und in Formation und nahmen nun Kurs auf das Einsatzgebiet.
Turner konfigurierte den Screen so um, dass Gonzalez nun im oberen linken Viertel den Funkverkehr
zwischen den Jägern mitlesen konnte.
„Alle Station letzte Überprüfung!“
Turner gab diese Meldung an die Stationen weiter und legte dann ein transparentes Statusdisplay auf
das rechte obere Viertel des Screens, auf den Gonzalez blickte.
Überflüssigerweise meldete der Funker: „Sir, Jägerverband meldet schweres ECM.“
„Danke, Funk, ich weiß.“ Es hatte keinen Sinn, den Mann jetzt zusammenzustauchen, denn der konnte
ja nicht wissen, daß Gonzalez quasi mithörte.
Wenige Momente später blinkte das Statusdisplay grün, also waren alle Stationen bereit. Gonzalez
nickte. „Ut veniant omnes“ murmelte, er das alte Motto der „Admiral Fisher“.
„Hoffentlich nicht zuviel auf einmal“, grinste Turner.
Dann kam die Meldung, die die Stimmung rapide herabsinken ließ.
„Sir, Commander Turner meldet die Ortung eines Schlachtschiffes!“
„Verdammt, wo kommt der denn her?“ fragte Gonzalez.
Dann wurden sie Zeugen des Gemetzels an den Jägern der Galileo. Gonzalez musste schlucken.
Einerseits sollte ein Flakschiff genau so funktionieren – und die Dauntless hatte ihre Fähigkeit zu
einem solchen Manöver noch nicht bewiesen – andererseits war er geradezu erschrocken, als er diese
Fähigkeiten bei einem Schlachtschiff sah. Vor allem bei einem Schlachtschiff, das auf der falschen
Seite stand.
„Funk, Befehle von der Galileo?“
„Nein, die sind ruhiger als ein Friedhof.“
„Raketen scharf machen, Feuerleitradar aktivieren, vielleicht kommt jetzt der Gegenschlag. Wenn der
Kahn auch noch Antischiffsraketen an Bord hat, steht die Galileo als nächstes auf dem Speiseplan.“
„Sir, Funkspruch von der Galileo: Rückzug, sofortiger Rückzug!“
„Fordern Sie sofort Bestätigung an! Das kann doch nicht wahr sein!“ Gonzalez Coolness war erst
einmal verflogen. Erst dieser dicke Pott, der ein Gemetzel sondergleichen veranstaltete und dann so was!
„Sir, Meldung bestätigt, wir sollen uns zurückziehen!“
„Direktverbindung zum Flottenführer herstellen! SOFORT!“
Nach einem kurzen Moment stand die Verbindung.
„Sir, bei allem Respekt, wir können uns jetzt nicht zurückziehen. Entweder ist das eine Falle, aus der
wir den anderen Verbänden raushelfen müssen, oder der alte Pott ist alles, was sie haben.“
„Kommen Sie mir nicht auch noch mit Aufmüpfigkeit! Befolgen Sie den Befehl, JETZT!“
Gonzalez sah aus den Augenwinkeln, daß die Galileo bereits einen Kurswechsel vollzog.
„Sir, ich protestiere energisch. Das ist gegen unseren Einsatzbefehl.“
„Der Einsatzbefehl sieht solche Möglichkeiten nicht vor. Führen Sie den Befehl aus oder übergeben
Sie das Kommando an jemanden, der dies tut. Ward aus.“
Der Bildschirm wurde schwarz. Gonzalez’ Unterlippe zitterte so sehr, daß die Zigarre auf die Erde
fiel. Ein Mannschaftsmitglied stürzte vor und hob sie auf, um sie zu entsorgen. Derweil hielt sich
Tripple E dermaßen fest an den Armlehnen seines Stuhls fest, daß die Händer kalkweiß wurden und
so einen starken Kontrast zum tiefroten Gesicht des Captains bildeten.
Der Steuermann, der nicht wagte, den Captain anzusprechen, sah fragend herüber. An seiner Stelle
nickte Turner: „Passen Sie den Kurs an die Formation an.“
Nachdem Gonzalez dem nicht widersprach, befolgte der Steuermann den Befehl. Die Dauntless
wandte sich vom Feind ab und floh.
Leise murmelte Gonzalez: „Ich werde mir den Schädel dieses Feiglings holen und mir daraus einen
Aschenbecher machen.“
Turner zog die Augenbraue hoch, wusste aber aus langer Erfahrung, dass er besser schweigen sollte.
Innerlich stimmte er seinem Captain aber zu und das leise Murren auf der Brücke zeigte ihm, daß es
der restlichen Crew ebenso ging.
Gonzalez zog eine neue Zigarre hervor, war jedoch so angewidert, dass er sie wieder zurücklegte.
Dann beobachtete er auf dem Screen, wie die drei überlebenden Jäger heimkehrten, ebenso wie die
Relentless samt Eskorte umkehrte. Er konnte sich denken, daß das größte Problem in der Abrechnung
mit Ward darin bestand, den anderen Captains zuvorzukommen. Denn Mithel würde mit Sicherheit
nur unter Drohung vom Feind abgelassen haben. Der Captain der Relentless mochte alles sein, ein
Feigling wie Ward war er keinesfalls. Noch mehr Sorge aber machte ihm die Situation der anderen
Flottenverbände. Das Verschwinden der Galileo und ihrer Eskorte würde Druck von den Akari
nehmen und so eine noch härtere Abwehr ermöglichen. Gonzalez machte sich keine Illusionen
darüber, daß der Feind wie er Ward gesagt hatte, nur ein altes Schlachtschiff als Eskorte dabei hatte.
Das Ganze roch nach der Falle, die er immer insgeheim prophezeit hatte und nun würden sich Majestic
und Redemption samt ihrer Eskorten alleine den Weg freischießen müssen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:00
Lieutenant Commander Murphy schritt durch den Hangar. Wie immer war er einer der Letzten, die zu
ihren Maschinen gingen. Das lag weniger daran, dass er weniger Zeit für das Überprüfen der Maschine
benötigte als vielmehr daran, dass er als CO der Staffel immer noch bemüht war, die letzten
Informationen vor dem Start brühwarm zu erhalten. Heute hatte sich aber nicht viel Neues ergeben.
Der Griphen Mehrzweckjäger glänzte im fahlen Licht des Hangars. Der dunkelgraue Lack, der Licht
aufsog wie ein schwarzes Loch, bot im Kampf einen kleinen Vorteil, denn er machte die visuelle
Erfassung schwerer als einige der bunteren Muster, die im Umlauf waren. Martell war gerne bereit,
auf jeden Showeffekt zu verzichten, wenn es die Effizienz und die Überlebenschance erhöhte.
Eigentlich hätte er selbst dann darauf verzichtet, wenn es die nicht getan hätte. Rechts und links von
Murphys Maschine standen die seiner Flightpiloten, die bereits im Cockpit saßen. An Jäger angelangt
sah er, wie Chief M’Boko bereits auf ihn wartete.
Bevor er mit dem Rundgang begann, schüttelte er dem riesigen Schwarzen die Hand und legte seine
Tasche ins Cockpit. Dann begann er die Außenkontrolle beginnend mit dem Bug des Griphens.
Obwohl es ihm an diesem Tag schwerfiel, konzentrierte er sich voll auf diese Arbeit, denn ein defekter
Sensor oder eine falsch angebrachte Außenlast konnte einem schnell den Tag ruinieren, von so ernsten
Dingen wie defekten Fahrwerken oder Schubvektoren ganz zu schweigen. Nach etwa zehn Minuten
war der Außencheck beendet, Martell hatte nichts wichtiges zu beanstanden, lediglich eine der
Scheiben, hinter der die Sensoren angebracht waren, war etwas verkratzt, aber wie M’Boko
versicherte, hatten Tests gezeigt, dass die Leistung nicht eingeschränkt wurde. Alles weitere würde
Murphy erst überprüfen können, wenn er im Cockpit saß und die Generatoren angeschaltet waren.
Doch bevor er im Cockpit irgend einen Knopf berührte, versank er in ein kurzes Gebet. Irgendwie
fühlte er, dass dies heute ein schicksalhafter Tag werden würde.

Fünfundzwanzig Minuten später wurde Murphy und sein Jäger ins Catapult eingeklinkt. Als
Staffelführer war er der erste, der herausgeschossen wurde, damit die die restlichen Jäger der Staffel
sich ihm einfach anschließen konnten. Auf diese Weise sparte man Zeit bei der Formierung der
Verbände. Jack schickte noch ein kurzes Gebet zum Allmächtigen, dann wurde er in die Weiten des
Alls hinausgeschossen. Dort überprüfte er ein letztes Mal die Systeme, da sich manche Probleme erst
außerhalb der Atmosphäre des Trägers zeigten, dann verringerte er den Schub und wartete auf den
Rest der Staffel. Im Geiste lies er den Schlachtplan noch einmal vor sich ablaufen. Nicht zum ersten
Male fiel ihm auf, dass alles von der Genauigkeit der Geheimdienstberichte abhing. Ein paar Eskorten
mehr, ein, zwei Staffeln Abfangjäger und der Tanz würde so heiß werden, dass die Fusssohlen
qualmten.
Währenddessen gesellten sich die übrigen Jaguars zu ihm. Während er auf die Staffel wartete
überprüfte er den Sensor, dessen Scheibe ihm bei der Außeninspektion aufgefallen war. M’Boko hatte
ihm nicht zuviel versprochen, Reichweite und Effizienz waren bei 100 %. Diese Tatsache beruhigte
Murphy etwas. In seinen vorherigen Kommandos hatte er miterleben können, was schlampige
Wartungsarbeiten anrichten konnten. Gerade bei den Trainingsstaffeln wurde das Material hoch
beansprucht und allzu häufig hatte man dort in Friedenszeiten als erstes den Rotstift angesetzt. Doch
der Staffelkapitän der Jaguars zwang seine Gedanken zurück in die Gegenwart. Formationsfliegen war
zwar für einen Piloten wie ihn keine wirkliche Konzentrationsfrage, aber als Boss musste man eine
gute Figur abgeben, alles andere würde die Moral und die Konzentration in der Staffel stören.
Zuerst wurde sein Flight komplettiert, dann folgte Thunder und zum Schluss Snake-Bite mit Nummer
2 und 3. Als alle Staffelmitglieder in Formation waren, schaltete Martell auf den Staffelkanal.
„Jaguar Flight von Jaguar Lead, Statuscheck nach Flights.“
Seinen eigenen Flight hatte er bereits überprüft, jetzt musste er nur noch auf die beiden anderen
Flightleader warten. Thunder meldete sich wenig überraschend zuerst.
„Flight 2 ist grün.“
Snake-Bite, die weniger Routine hatte, meldete sich fünfzehn Sekunden später: „Flight 3 100 Prozent
bereit.“
„Copy.“ Martell änderte die Frequenz. „Missionskontrolle, hier Jaguar Staffel, melde
Einsatzbereitschaft.“
„Verstanden, Jaguar Eins. Warten Sie, bis die Mirage draußen sind, dann kann es losgehen.
Kontrolliert noch mal die Hydrabehälter.“
Die Hydras hatten sich zwar mittlerweile als zuverlässig und kampfstark erwiesen, aber Murphy
konnte sich nur zu gut an die ersten Erprobungsversuche erinnern.
Nachdem auch dies geschehen war, hörte Murphy Cunningham auf dem Geschwaderkanal, wie dieser
den Marschbefehl gab. Kurze Zeit später nahmen die Sensoren Tuchfühlung zum Feind auf, wurden
jedoch von einem starken ECM gestört. Martell irritierte dies sehr.
„Jaguar 5, hier eins.“ rief er Thunder über den Privatkanal.
„Ja, Martell?“
„Seit wann nutzen Akarii Geleitzüge starkes ECM?“
„Gute Frage, ist mir neu....irgendwas ist hier faul.“
„Mein Bordrechner teilt mir grad mir, dass er das ECM mit 67,4 % zuordnen kann. Scheint ein Golf
zu sein.“
„Hoffentlich nur einer. Die sind hart genug.“
„In der Tat.“ Murphy merkte, wie sein Adrenalinspiegel stieg, während sich seine Nackhaare
aufrichteten. Hier war wirklich etwas faul. Plötzlich war der elektronische Lärm verschwunden. Die
Sensoren zeichneten ein Horrorszenario.
Sein Gefechtscomputer lief nun auf Hochtouren. Gut 100 Kontakte zeichnete er und es wurden immer
mehr. Der größte Kontakt in Reichweite war ein riesiger Flottenträger, dazu kamen zwei der neuen
Golfkreuzer. Martells Mund wurde mit einem Mal trockener als die Oberfläche von Troffen nach dem
Bombardement. Der Träger war gerade dabei, eine Staffel nach der anderen auszuschleusen. Die
Golfkreuzer mit ihrem Flakarsenal nahmen eine Defensivposition ein und aktivierten ihr potentes
Feuerleitradar. Einige der Frachter schienen ebenfalls aufgerüstet zu sein und taten es den Kreuzern
gleich. Gleichzeitig zeichneten die Datenübertragungen von der Redemption und den anderen
Flottenschiffen, dass auch hinter dem Verband schwere Feindkräfte aufgetraucht waren. Der
Bordcomputer der Griphen hörte gar nicht mehr auf, Warnmeldungen auszugeben, die alle auch
akustisch untermalt wurden.
Auf der Staffelfrequenz war es mit der Funkdisziplin vorbei. Flüche hallten durch den Äther, doch
soweit er es sehen konnte, klang keiner der Männer und Frauen panisch.
„Ruhe Leute, es gilt jetzt einen klaren Kopf zu behalten. Formation auflockern. Denkt dran, wir sind
hier draußen ja nicht alleine!“
Die Ermahnung schien zu wirken, denn es kehrte auf der Stelle wieder Ruhe ein. Was Martell wirklich beunruhigte, war, dass sich weder die Redemption noch der CAG meldete. In seinem Magen wuchs
ein Ball aus Eis. Das Letzte, was jetzt passieren durfte, waren gegensätzliche Befehle oder ähnliche
Dinge.
„Martell an Lone Wolf, bleibt es beim Plan?“
Offensichtlich war der CAG selber beschäftigt, denn es kam keine Antwort. Murphy wartete einige
Momente, dann versuchte er es erneut:
„Lone Wolf von Martell, bitte kommen.“
„Martell, stand by.“
“Verstanden.”

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:00
Vor dem Angriff
Lightning blickte in die Runde. Die Piloten ihrer Schwadron standen in einem lockeren Halbkreis um
sie versammelt. Alle trugen bereits die schweren Schutzanzüge, abgesehen von den Helmen. Während
sie ihre Soldaten musterte, versuchte sie wieder, das bohrende Gefühl kommenden Unheils zu
unterdrücken. Immerhin würden drei Träger angreifen - das mußte doch genug sein, um jeden
Widerstand niederzukämpfen. Hoffte sie jedenfalls.
Inzwischen kannte sie jeden der Piloten gut - wußte, was sie von ihnen zu erwarten hatte, wußte, daß
sie sich auf sie verlassen konnte. Es waren gute Soldaten - Männer und Frauen, inzwischen allesamt
mit Kampferfahrung und mit ihren Maschinen vertraut.
Aber es blieben Zweifel - und in ihrem Inneren fürchtete sie bereits, bald wieder diese verdammten
Briefe schreiben zu müssen, um Menschen, die sie gar nicht kannte, den Tod von Geschwistern,
Kindern, Eltern oder Ehepartner begreiflich zu machen.
Aber es brachte überhaupt nichts, wenn sie sich das anmerken ließ. Im Gegenteil, es hätte die Piloten
vielleicht beunruhigt, verunsichert - und das konnte im Raumgefecht tödlich sein.
Lightning gab ihrer Stimme einen gewollt forschen Klang: "Also Jungs und Mädels! Unsere Aufgabe
ist klar! Wir spielen mal wieder Kindermädchen für die Raumkriecher. Das solltet ihr ja inzwischen
gewöhnt sein! Also laßt keine verdammte Eidechse auch nur in die NÄHE der Mirage. Wir wollen
doch unsere langsamen Brüder nicht in die Verlegenheit bringen mit Zielen zu kurbeln, die schneller
als ein verrosteter Wettersatellit sind!"
Das brachte ihr ein paar leise Lacher ein. Das ständige, aber meist freundschaftliche, Hickhack
zwischen Bombern und Eskorteinheiten war eine verbreitete Gewohnheit.
"Paßt auf eure Sechs auf und kommt heil wieder nach Hause! Wenn Ihr natürlich dabei noch ein paar
Schuppenhäute in die Eidechsenhölle schicken könnt... Gute Jagd, Ihr Himmelhunde!"
Als sie in ihren Jäger kletterte, hatte Lightning die quälenden Befürchtungen und vagen Ahnungen
verdrängt. Jetzt war sie im Einsatz und da hatte ihr ganzes Denken und Fühlen nur noch EIN Ziel zu
haben. Wäre sie dazu nicht in der Lage gewesen - nun sie wäre wohl nie Staffelführerin geworden,
wäre wahrscheinlich nicht mehr am Leben.

Während Kano auf die Startfreigabe wartete, kreisten seine Gedanken um die Einsatzbesprechung.
Nicht daß er Angst gehabt hätte! Es versprach ja, ein nicht zu komplizierter Einsatz zu werden. Die
Schätzungen gingen im allgemeinen von HÖCHSTENS einem Golfträger aus. Das würde für mehr als
zwei Geschwader Erdjäger und -jagdbomber kein Problem sein. Er war aber dennoch fest
entschlossen, sich der erhaltenen Auszeichnung auch in diesem Kampf würdig zu erweisen.
Nein, er fragte sich leicht beunruhigt, was dieser Spezialauftrag für Kali bedeutete. Sie war ohne Zweifel eine gute Pilotin - mit inzwischen drei Abschüssen war sie dem Flight Cross schon recht nahe - dennoch...
Dann beruhigte er sich selber. Vielleicht wollte der "Alte" auch einfach nur eine ausreichende Rückensicherung für sich selber. Nachdem er seinen Flügelmann verloren hatte, war so etwas nur logisch. Es würde schon alles gutgehen!
Schnell übersah er noch mal alle Systeme: Waffen klar, die Raketen - vier Amrams und zwei Sparrows
- ebenso. Und auch er selber war kampfbereit.

Das Gleiche galt für Virago, die allerdings Lightning aufmerksam im Auge behalten hatte. Sie nahm sich vor, auf der Hut zu sein. Alles, was der Staffelführerin Sorgen bereitete, sollte auch ihre Aufmerksamkeit fordern. Sie würde sich eng bei Ohka halten - im "Doppel" war es immer noch am sichersten...

Blackhawk schien die Ruhe selbst und seine kaltblütige Selbstsicherheit hatte auf Imp abgefärbt. Mit dem erfahrenen Veteranen hatte sie die besten Chancen ihre "Tradition" - sie hatte auf zwei Feindfahrten jedesmal ihren Flightleader verloren - durchbrechen zu können.

Perkele riß noch als er ins Cockpit stieg einen extrem unflätigen Witz über Bodenpersonal im Allgemeinen und Deckoffiziere im Besonderen. Lilja ignorierte ihn. Auch wenn ihr der ziemlich anarchisch eingestellte Finne manchmal gehörig auf die Nerven ging - fliegen konnte er!

Die Typhoon starteten als erste, formierten sich schnell und präzise, während die Phantome, Griphen
und Mirage ausgeschleust wurden. Binnen weniger Augenblicke hatten sie ihre Geleitposition eingenommen - ein zuverlässiger Schutz für die etwas schwerfälligeren Mirage, die das Kernstück des Angriffs bildeten. Ihre S-S-Raketen sollten die feindlichen Frachter vernichten und damit dem Nachschub des Feindes einen verheerenden
Schlag versetzen.
Geschützt durch das Asteroidenfeld nahm das Geschwader Kurs auf den Konvoi, bereit, Tod und Vernichtung zu sähen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:01
Als ich in meine Phantom stieg, warf ich einen flüchtigen Blick zu Shaka herüber. Der Junge zog
geradezu bedächtig die Handschuhe seiner Montur über. Er strich sich danach mit der Rechten über
die Stirn, um den feinen Schweißfilm abzuwischen. Als er in seine eigene Phantom kletterte, verfehlte
er die kleine Leiter beim ersten Versuch und rutschte ab. Er fing sich aber wieder.
Im Cockpit angekommen, riss er dem diensttuenden Tech seinen Helm geradezu aus der Hand.
Ich grinste.
Es war eben eine Sache, zu einer Patrouille zu starten und vielleicht auf den Feind zu treffen. Oder zu
wissen, dass man in ein Gefecht startete und garantiert auf Gegner traf. Das man garantiert um sein
Leben kämpfen würde. Das man töten würde, um nicht selbst zu sterben.
Das erste Mal, seit ich ihn kennen gelernt hatte, zeigte Shaka Nerven.
Entweder würde sich das geben, sobald wir draußen waren. Oder er würde für mich zu einem Risiko
werden. Vor allem aber für sich selbst.
„Okay, Shaka, das war die Freigabe. Wir gehen zusammen raus und setzen uns direkt hinter Darkness
und seinen Flügelmann. Zusammen dürften wir heute Futter für unsere fliegenden Wölfe bekommen.“
Ich hatte Protest erwartet, weil ich die Besprechung wiederkäute.
Stattdessen meldete der schwarzhäutige Riese nur: „Verstanden, Boß.“
Ich runzelte die Stirn. Während das Katapult meinen Jäger ins All hinausschleuderte, begann ich mir
ernsthafte Sorgen um einem Wingman zu machen. Eigentlich hatte ich gedacht, ihn auf alles
vorbereitet zu haben.
Aber dem war wohl nicht so. Mit der eigentlichen Aufgabe, mit dem letzten Kick, dem Kampf mit
scharfen Waffen auf Leben und Tod, musste jeder wohl selbst fertig werden.
Aber zumindest konnte ich etwas drauf achten, dass sich Albert nicht selbst umbrachte.
Ich erinnerte mich noch gut an meinen ersten scharfen Raumkampf. Willinson war krank geworden,
also hatte ich provisorisch mit Dad raus gemusst.
Wir hatten Ortungskontakt mit Zielen ohne Transponder gehabt. Deutlicher hätten sich die Piraten
nicht anmelden können.
Also waren wir voraus geflogen, um die CARNEGIE in einen nahen Nebel und hindurch zu lotsen.
Ein Gefecht hatten wir gar nicht geplant.
Bis die Piratenjäger direkt vor unseren Visiren aufgetaucht waren.
Sekunden hatten sich für mich zur Ewigkeit gedehnt, während die Zielerfassung eingelockt und der
Bordcomputer das Raketensystem als abschussbereit meldete.
In diesem Moment begriff ich, dass ich drauf und dran gewesen war, einen anderen Menschen zu töten
– oder es zumindest zu versuchen.
In meinen Ohren hatte es zu rauschen begonnen. Schemenhaft konnte ich Dad etwas rufen hören. Es
drang nicht bis zu mir durch. Dann dachte ich an meine Geschwister. An Mom. An Grandpa. Und
drückte ab.
Zwei Amraams zerfetzten den völlig überraschten Feindjäger.
Erst Stunden später, als wir den Nebel durchquert hatten und wir wieder auf der CARNEGIE landen
konnten, nahm mich Dad beiseite und fragte mich, wieso ich nicht auf seinen Befehl gehört hatte,
mich auf Schleichfahrt abzusetzen, anstatt mich mit der schwereren und moderneren Phantom
anzulegen.
Ich begriff, wie knapp ich dem Tod entkommen war. Wie viel Glück ich gehabt hatte. Und ich begriff,
dass ich getötet hatte.
Man erzählte sich in den Raumfahrerkneipen in den Neuen Kolonien, dass das erste Mal das schwerste
war. Das das töten danach leichter von der Hand ging.
Sie hatten Unrecht. Es war jedes Mal gleich schwer. Und jedes Mal schämte man sich ein wenig mehr
dafür. Aber der Gedanke, ob man selbst überlebte oder der Gegner, ließ einen automatisch handeln.
Präzise. Eiskalt. Zum in die Ecke stellen und schämen war später immer noch Zeit.
Mit halbem Ohr hörte ich dem allgemeinen Funkverkehr zu. Als Lone Wolf neue Befehle erteilte und
mir klar wurde, dass wir unseren Bombern keinen weiteren Jagdschutz geben würden, begriff ich, dass
etwas mehr als schief gelaufen war.
Lone Wolf wies uns neue Ziele zu. Automatisch schwenkte ich ein.
Doch Shaka war nicht mehr an meiner Seite.
„Shaka?“ Keine Antwort. Ich checkte das Radar und erkannte, dass der junge Second Lieutenant noch
immer auf dem alten Kurs flog.
Was sollte ich ihm sagen? Ihm erklären, dass er nur Angst hatte? Das jeder Angst hatte? Diese
entsetzlichen Farcen, die sie immer in den Navy-Propagandafilmen breittraten?
Gewiß nicht.
„Shaka, Kursvektor ändern auf 273 auf Horizont und sieben über Horizont.
Nachbrenner für vier Sekunden auf… JETZT!“
Kurz darauf schloss mein Flügelmann zu mir auf.
„Hör mal, Boß, ich…“
„Ist in Ordnung, Shaka. Gehen wir uns deinen ersten Abschuss holen.“
Was immer ich als Reaktion erwartet hatte, ich wurde enttäuscht.
Weder ging Shaka auf den Nachbrenner, noch ließ er einen wilden Rebellenschrei hören.
Er hielt sich einfach kommentarlos an meiner Seite.
Aber ich registrierte, dass er seine Waffen scharf machte.
„Himmel, der Junge wird tatsächlich erwachsen“, kommentierte ich auf meiner persönlichen Leitung
zu Darkness.
Mein alter Lehrmeister lachte nur. „Jetzt siehst du mal, was ich alles mit dir durchstehen musste.“
Und von einem Moment zum anderen fühlte ich mich wieder vom Lehrmeister zum Schüler degradiert.


„Also Ladies, hergehört. Wie es aussieht, treiben sich da draußen ein paar mehr Akarii herum, als wir
geglaubt haben. Es sieht so aus, als hätten wir es mit einem kompletten Trägergeschwader zu tun, dass
zu allem Überdruss auch noch unsere gute alte REDEMPTION als Ziel ausgesucht hat. Die Roten und
die Grünen sind eingeschwenkt, um die gegnerischen Jäger und Bomber abfangen.
Das heißt, unser Feind wird gleich sehr beschäftigt sein.
Wäre doch eine Frechheit, wenn wir das nicht ausnutzen würden.“
Huntress spürte, wie das automatische Gebläse ihres Helms den leichten Schweißfilm von ihrer Stirn
vertrieb. Sie spürte deutlich die Emotion, die sie am meisten haßte: Angst.
Und nur ein Narr konnte keine Angst dabei verspüren, wenn er sah, was da auf die RED und ihre
Begleitschiffe zukam. Sie hatte ja schon oft in Auswegslosen Situationen gesteckt. Aber aus denen
hatte sie lediglich abhauen müssen.
Diesmal aber mussten sie ausharren, bis Martell und die Bomber so viele Akarii-Frachter wie irgend
möglich vernichtet hatten. Solange musste die RED gefechtsbereit bleiben.
Und alles, was zwischen diesem Geschwader und dem Träger stand, das war ihre blaue Staffel. Ihre
JOKER FOR REDEMPTION.
„Was hast du vor, Huntress?“
Juliane schnalzte mit der Zunge. Es wurde Zeit, Lightning zu beweisen, dass ihre Mehrarbeit und die
Lehrstunden nicht umsonst gewesen waren.
Die Bomber durften ihr Ziel nicht erreichen. Natürlich wäre es auch ein angenehmer Nebeneffekt
gewesen, auch die Jäger aus dem All zu fegen. Aber wichtig waren jetzt die Bomber mit ihren
Antischiffsraketen.
„Demolisher, dir gebe ich da schwerste Brot zu kauen. Dein Flight bleibt hier auf Position. Spielt ein
wenig mit den hereinkommenden Jägern und versucht sie in das Feuer der REDEMPTION zu locken.
Rapier, Ihr Flight geht zweihundert Klicks achtunddreißig unter Horizont und sieben auf Horizont
hinaus. Dort draußen haltet Ihr Funkstille und Passivortung, bis die Bomber vorbei kommen. Dann
greift ihr an. Und zwar ausschließlich die Bomber.
Wenn euch natürlich ein Jäger am Arsch hängt, könnt Ihr gerne eine Ausnahme machen.“
Leises Gelächter antwortete ihr.
„Aber das ist ein Selbstmordkommando. Die Akarii werden unseren Anflug bemerken und uns wie
Tontauben vom Himmel pflücken.“
„Ruhig, Rapier. Natürlich fliegt mein Flight ebenfalls da raus. Ich gehe mit meinen Ladies auf die
andere Seite des voraussichtlichen Anflugkorridors.
Zweihundert Klicks. Weit genug draußen, um den Akarii in den Arsch zu treten. Und nahe genug, um
schnell wieder auf den Träger zu kommen.
Vergeßt nicht, auf uns warten zwei Ersatzmühlen. Und vielleicht kann ich den Captain überreden, uns
noch eine von Lightnings Reserven zu überlassen.
Was nicht heißt, dass Ihr euch abschießen lassen sollt! Wenn doch, überlebt es aber bitte.“
Wieder wurde leise gelacht.
„Na gut, dann gehen wir eben zu acht auf dieses Kommando. Vielleicht vernichten wir wirklich ein
paar Bomber, bevor die Akarii uns aus unseren Jägern schießen.“
„Ich verstehe Ihre Skepsis, Rapier, aber vergessen Sie nicht, mit etwas Glück sind die meisten Akarii
mit Lone Wolf und Lightning beschäftigt. Ic glaube nicht, dass Akarii vergesslich sind. Aber es wäre
doch leichtfertig, wenn wir es nicht wenigstens mal ausprobieren würden.
Okay, Flight eins, Flight drei, auf eure Positionen. Zwei Anflüge Maximal, danach sammeln bei Flight
zwei. Ausführen!“
Die Bestätigungen trafen kurz hinereinander ein. Ihre Einheit, ihre Staffel war bereit.
Juliane machte sich nichts vor. Vielleicht flog sie inmitten dieses riesigen Desasters nun mitten in ihr
persönliches Desaster.
Aber verdammt, sie würde diesen Raumsektor nicht verlassen, ohne wenigstens gekämpft und sich ein
paar Abschüsse geholt zu haben.
Ihren eigenen Tod kalkulierte sie mit ein. Aber das tat sie schon, seit sie das erste Mal aus ihrem Jäger
geschossen worden war.
Es wäre eine Farce ohnegleichen gewesen, zur Navy zu gehen und nicht mit der Möglichkeit zu
rechnen, in einem Gefecht zu sterben.
„Thomas?“, funkte sie ihren XO über die persönliche Leitung an.
„Was ist los, Julie?“
„Tut mir leid, dass du den Schwarzen Peter hast.“
„Ist schon in Ordnung. An mir kommt jedenfalls kein Akarii vorbei.“
„Das erwarte ich auch von dir. Aber wenn es hart auf hart kommt, vergiß nicht den Wahlspruch der
Aces of Texas.“
„Hooka Hey“, brummte der Pilot.
„Hooka Hey“, erwiderte Huntress und stieg auf den Nachbrenner.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:02
Ein paar Augenblick war Kano wie paralysiert. Seine Augen nahmen zwar war, daß da vor ihm ein
Flottenträger der Akarii im Raum schwebte und seine tödliche Fracht an Bombern, Jagdbombern,
Sturmjägern und Jägern ausspie, daß die Redemption von einem Schlachtschiff – einem
SCHLACHTSCHIFF – angegriffen wurde, aber Kanos Gehirn weigerte sich einfach, das zu
verarbeiten. Er hörte nicht die wütenden Befehle des Geschwaderführers und die Proteste gegen den
selbstmörderischen Angriff, den Lone Wolfe den Jagdbombern und Griphen-Jägern befahl.
Erst Lightnings Stimme riß ihn aus der Erstarrung: „SCHWADRON GRÜN! Ihr habt den Alten
gehört. ANGRIFF AUF DIE BOMBER! Wir gehen mit Nachbrenner rein – Vollschubbremse – das
ganze noch mal. Alles klar?!“ Keiner erhob Einspruch, keiner hatte Fragen – obwohl, oder weil der
Befehl in seiner brutalen Klarheit keinen Zweifel über die Chancen dieses Angriffs ließ. „REISST SIE
IN FETZEN!!“ Und wie EIN Mann regierte die Staffel und folgte ihrer Kommandeurin.

Einen Vorteil hatten die Angreifer. Die Akarii rechneten offenbar nicht mit ihrem Vorgehen. Wer auch
immer der Geschwaderkommandeur war – er hatte eindeutig nicht erwartet, daß die Erdmaschinen sich
aufteilen würden um seinen Verband – UND die Frachter – zu attackieren. Das war eine
Angriffsweise, die bewußt ein Überleben unwahrscheinlich machte und die deshalb überraschend kam.
Kano hatte auf Lightnings Befehl automatisch reagiert und war ihr gefolgt. Erst, als die Jäger auf
ihrem neuen Kurs dem Feind entgegen rasten, wurde ihm voll bewußt was jetzt geschah: die
terranischen Jäger griffen einen mehr als doppelt so großen Akariiverband an. Die Chancen...
Unter dem Helm verzerrte sich Kanos Gesicht, als er wütend die Zähne zusammenbiß und die
panikerfüllte Stimme niederkämpfte, die in seinem Unterbewußtsein aufschrie. Seine Rechte
umkrampfte den Steuerknüppel. Er hatte das Flight Cross erhalten! Er würde sich dem würdig
erweisen! Und wenn er sterben mußte!
Dann verdrängte die Raumschlacht den Gedanken an Selbstzweifel oder Angst.
Auf dem Schirm waren die feindlichen Einheiten nun genauer zu erkennen: Raptor–Jagdbomber und
Avenger-Bomber, die primären Ziele. Aber dazwischen auch die schweren Deltavogel–Sturmjäger
und Bloodhawks. Kanos Entscheidung war schnell getroffen. Er würde die Avenger angreifen.

Die Typhoon stießen wie ein Dutzend Blitze zwischen dem Abfangschirm der überraschten
Akariijäger hindurch. Nur ein paar Raketen wurden abgefeuert, die meisten zu spät oder zu ungenau.
Als in Kanos Cockpit der heulende Warnton des Raketenalarms ertönte, löste er zwei Täuschkörper
und zwang die Maschine in eine korkenzieherartige Bahn, ohne aber vom Generalkurs abzuweichen.
Die Rakete explodierte an einem der Störmittel.
Virago, Kanos Flügelkameradin, hatte weniger Glück – zwei Raketen an ihrer Sechs zwangen sie zu
einem abrupten Ausweichmanöver, das Schub und Geschwindigkeit kostete, sie von der
Offensivformation zurückfallen ließ. Kano bemerkte ihr Fehlen nicht einmal, er war total auf die
heranjagenden Feindmaschinen fixiert.
Dann waren die Typhoon auf Raketenreichweite an den Bomberpulk heran, dicht gefolgt von den
Phantome–Jägern, die bereits vorher eine Raketensalve auf die Akariijäger abgefeuert hatten.
Kano hatte sich bereits einen Avenger ausgesucht, eine der Maschinen mitten im Pulk – mit etwas
Glück... Er war mit den Raketen ein bestenfalls durchschnittlicher Schütze, das wußte er. Eben
deshalb zögerte er, auf den Knopf zu drücken. ‚Warten, warten, noch nicht, noch nicht... . JETZT!‘ Er
war schon im Feuerbereich der Bordkanonen, als er gleichzeitig alle Feuerknöpfe drückte. Zwei
Sparrows und zwei Amrams zischten auf den feindlichen Bomber zu, im Flug überholt von den
Energiestrahlen der Laser- und Neutronenkanonen.
Vermutlich hatte sich der feindliche Pilot inmitten seiner Kameraden sicher gefühlt. Zu sicher. Viel zu
spät leitete er ein Ausweichmanöver ein, mehr ein verzweifelter, instinktiver Versuch als eine reelle
Chance. Eine der Amrams verfehlte ihr Ziel, eine der Sparrows explodierte an dem zu spät
ausgestoßenen Täuschkörper – zu nah am Schiff, die Explosion schwächte die Schilde des Bombers.
Die beiden anderen Raketen trafen.
Die Schilde des Avengers wurden wie Papier von der explodierenden Sparrow zerfetzt, die letzte
Rakete traf voll den Rumpf und riß ihn auf. Das Gewitter der Energiewaffen vollendete das
Vernichtungswerk, ließ den Bomber in einer spektakulären, lautlos sich öffnenden Feuerblüte
vergehen – die die Schilde der Nachbarmaschinen aufleuchten ließ, sie schwächte. Genau damit hatte
Kano gerechnet, darauf hatte er gehofft.

Das Gegenfeuer der Akarii war in seiner Wucht einschüchternd – und diesmal trafen sie auch. Kano
fühlte wie die Maschine sich schüttelte, als Strahlenbahnen auf die Schilde einhämmerten. Ruckartig
riß er den Steuerknüppel herum, schoß in einem unter Atmosphärebedingungen unmöglichen Winkel
in den Raum, aus dem Feuerbereich der Bordschützen heraus – nur um die Maschine fast sofort in eine
brutale Kehre zu zwingen.
‚Schilde bei 80 %, gut. Keine Schäden – gut.‘ Ein Blick auf die feindlichen Jäger zeigte, daß die sich
ebenfalls geteilt hatten. Ein Teil war offenbar auf die Vernichtung der terranischen Jagdbomber aus, die unbeirrt
den Konvoi angriffen und Chaos und Vernichtung stifteten. Ein anderer Teil versuchte zu den
Erdjägern aufzuschließen, die die Akariibomber angegriffen hatten. Einige der Akariijäger flogen
sogar stur weiter Richtung Redemption – offenbar fest entschlossen, dieses Ziel zu erreichen.
Die Typhoon hatten fast geschlossen gewendet – nicht umsonst hatte Lightning sie in diesem
Hochgeschwindigkeitsmanöver geschliffen, bis sie es im Schlaf beherrschten – und griff noch einmal
die Bomber an. Kano sah auch sofort SEIN Ziel: einen Avenger, der offenbar eine Rakete
abbekommen hatte, die Schilde schienen deutlich geschwächt - der Bomber flog, etwas aus der
Formation gelöst, langsamer als seine Kameraden.
Aber er kam um Weniges zu spät. Er hatte die Maschine bereits im Visier, als zwei sauber gezielte
Raketen ihre Bugschilde durchschlugen und den Avenger explodieren ließen.
„YAHOO!!“ meldete sich Viragos Stimme über Funk – sie hatte den Bomber vernichtet. Kano
unterdrückte die kurz aufflackernde Verärgerung – das war SEIN Ziel gewesen – und sah sich nach
anderen Opfern um. ‚Da!’
Ein Trio aus zwei Avenger und einem Raptor flog weiterhin unbeirrt Richtung Redemption – durch
den Überraschungsangriff der Phantome und Typhoon vom Bomberpulk abgesplittert. Das war sein Ziel!
„Virago! Die drei Einheiten – Zwo Uhr! Flankierungsangriff!“
„Verstanden, Ohka!“
Kano schob den Nachbrennerhebel bis zum Anschlag. Die Typhoon wurde nach vorne geschleudert,
setzte sich auf gleiche Höhe mit den stur ihren Kurs haltenden Akariimaschinen.
Dann riß Kano den Steuerknüppel herum, zwang die Maschine in eine scharfe Linkswende und stieß
auf die Bomber zu, Virago neben sich.

Die Bomber bemerkten den Feind früher als erhofft, eröffneten mit den Flankengeschützen ein
unangenehm gut liegendes Feuer. Und die Raptor – im ersten Augenblick schien es, als hätte der Pilot
die Beherrschung verloren, der Akarii gab Schub und riss seine Maschine auf einen Kurs, der ihn um
ein Haar mit der zweiten Avenger kollidieren ließ. Aber eben nur um ein Haar – und jetzt richtete er
seinen schwer bestückten Bug auf die heranrasenden Erdmaschinen.
Kano bemerkte dies gar nicht, fixiert auf sein Ziel, den ersten Avenger. Während die Strahlenkanone
des Gegners auf seine Schilde einhämmerte, blieb er auf Kurs, feuerte pausenlos mit Laser- und
Neutronenkanonen. '4000 Kilometer, 3500, 3000, 2500... .' – Sein Zeigefinger lag auf dem
Raketenknopf: ‚Gleich, gleich… . 2000 KILOMETER! LOS!!’ Seine letzten beiden Amrams
verließen die Startschienen, schossen auf den Bomber zu, der auf diese Entfernung nicht mehr mit
einem Raketenangriff gerechnet hatte. Beide Flugkörper trafen auf die ohnehin schon geschwächten
Backbordschilde – und schlugen durch, verwandelten den Bomber in ein durch das All taumelndes
Wrack. Nur einer der Besatzungsmitglieder konnte aussteigen.
‚Sieg!’ Doch ein Blick auf die Anzeigen dämpfte den Triumph, seine Bugschilde waren auf 20 % ihrer
normalen Stärke zusammengesunken. Und Virago – ‚VERDAMMT!’

Die Pilotin hatte nicht mehr voll ausweichen können, als der Jagdbomber sie ins Visier genommen
hatte. Sie hatte schon den verbliebenen Avenger anvisiert gehabt, zwei Amrams abgefeuert, als sie die
tödliche Gefahr bemerkte. Das einzige, was ihr geblieben war, war ein Hieb auf die Raketen- und
Kanonenknöpfe. Sie hatte ihre letzten Amrams auf den Raptor abgefeuert, während das Sperrfeuer des
Jagdbombers ihre Bugschilde zerschlug. Mit knapper Not war sie durch ein Korkenziehermanöver
davongekommen, bei dem der Heckschütze des Raptor auch noch ihre Steuerbordschilde bepflasterte.
Daß eine der Amrams traf – und wohl auch teilweise die Schilde durchschlug - war da ein schwacher
Trost. Die Bloodhawk hinter ihr bemerkte sie zu spät.
Kano blieb nur ein erstickter Warnschrei, zu spät um noch etwas zu bewirken, als sich der Akariijäger
in den Rücken seiner Kameradin setzte und gnadenlos eine Salve nach der anderen in ihre Heckschilde
jagte – sie durchschlug. Die Cockpitverglasung der Typhoon explodierte und spuckte den
Schleudersitz aus, als Virago ausstieg - zwei Sekunden, bevor ihre Maschine in die Luft flog.
Wütend fixierte Kano die feindliche Maschine. Das würde dieser Hund büßen! Auch wenn Virago
sich hatte retten können – das war er ihr schuldig. Die zwei überlebenden Bomber beachtete er nicht mehr –
aber die strebten, beide beschädigt und ziemlich demoralisiert, ohnehin zurück in Richtung ihres
Heimatträgers.
Als Kano allerdings die zweite Bloodhawk sah, die jetzt zu seinem Gegner aufschloß – da wusste er,
daß er in Schwierigkeiten steckte…
Während rings um sie die Raumschlacht tobte, hatten diese drei Piloten nur Augen füreinander. Die
Akarii wollten offensichtlich dem frechen Erdjäger das Schicksal seines Kameraden bereiten. Sie
trennten sich, um ihn in die Zange zu nehmen.
Der Kampf wurde durch eine Rakete eröffnet, die einer der Bloodhawks abfeuerte – seine letzte. Beide
waren bereits in Raumkämpfe verwickelt gewesen und hatten sich verschossen.
Kano reagierte reflexartig, aber beinahe zu spät. Die Rakete hatte ihn schon fast erreicht, als er seine
Maschine mit einem „Von Bein“ herumriß, gleichzeitig mehrere Täuschkörper ausstieß und dann den
Nachbrennerhebel vorschob.
Es klappte, die Rakete verlor ihre Zielerfassung, explodierte harmlos an einem der Täuschkörper. Im
Augenblick der Explosion zwang Kano seine Maschine noch einmal in eine Vollschubwende – und
raste auf eine der Bloodhawks zu, sie von der Seite fassend. Es war seine einzige Chance, die Feinde
einzeln zu erwischen.
Schon auf Maximalentfernung eröffnete er das Feuer, überschüttete den Gegner mit seinen Kanonen –
'Treffer! Treffer!'
Der Bloodhwak wendete und floh, während die Typhoon die Verfolgung aufnahm. Kano ließ die
Finger auf dem Feuerknopf, die Bordwaffen spuckten fast ununterbrochen Laser- und Neutronenblitze,
die, wenn sie trafen, die Schilde des Gegners aufleuchten ließen, sie schwächten – und auch ein, zwei
mal durchschlugen.
Abrupt änderte der Akarii seine Taktik: Hochgeschindigkeitswende, Vollschub – ehe Kano reagieren
konnte war der Bloodhawk an ihm vorbei. Er setzte dem Gegner nach – und irgendetwas schlug voll in
seine Backbordschilde. 'Der andere Jäger!' Er war mit Vollschub gefolgt – und jetzt, da Kano versucht
hatte zu wenden, war er heran und überschüttete ihn mit seinen Bordwaffen.
Während die Typhoon ,wie von einer Riesenhand gepackt, durchgeschüttelt wurde und ein, zwei, drei
Alarme losheulten, versuchte Kano verzweifelt, auszubrechen. Ein Korkenziehermanöver, ein
Abschwung und noch ein Nachbrennermanöver verschafften ihm etwas Luft.
Es sah ernst aus – verdammt ernst. Sein Treibstoff ging langsam aber sicher zur Neige. Seine Schilde
waren schwer zusammengeschlagen. Und zu allem Überfluß waren durch die Treffer in seiner
Maschine Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit beeinträchtigt worden. Gegen die zwei
Bloodhawk, die sich wieder zusammengetan hatten und aufschlossen, hatte er keine reellen Chancen.
Dann waren sie heran – und der tödliche Tanz begann von neuem.
Er wusste nicht, wie lange es dauerte. Ausweichen, Rollen, Wenden, Gegenschub – er flog so gut wie vielleicht noch nie in seinem Leben – aber es reichte nicht. Zwei, drei mal konnte er noch Schüsse anbringen, aber die bewirkten fast nichts, während der feindliche Beschuß immer genauer und stetiger zu werden schien. Die Neutronenkanonen fielen aus, überall im Cockpit leuchteten jetzt Warnlampen und ertönten die schrillen Signaltöne des Bordalarms. Methodisch und gnadenlos wurde er gehetzt.
Kano wusste, daß er am Ende war. Sein Körper war schweißgebadet, mehr als einmal war ihm bei den abrupten Ausweichmanövern schon schwarz vor Augen geworden. Seine um den Steuerknüppel gekrampfte Rechte zitterte vor Anstrengung. Jeden Augenblick konnten sie ihn erwischen, diesmal voll – und endgültig. Fast automatisch riß er seine Maschine ein ums andere Mal in verzweifelte Manöver, die sein Ende verzögerten, ihm aber nicht die Freiheit brachten. ‚Hoffnungslos!’
Vor ihm tauchte einer seiner Verfolger auf – das schwache Feuer seiner letzten funktionsfähigen Laserkanone wurde von den Schilden einfach geschluckt. Wie hypnotisiert starrte er auf den Feind. ‚Deine letzte Chance – letzte Chance – TU ES!!’ Seine Linke tastete nach dem Nachbrennerhebel. Da warf sich die feindliche Maschine plötzlich herum, und mit einem Aufblitzen ihrer Triebwerke jagte sie davon, gefolgt von dem zweiten Akariijäger.
Kano starrte ihnen hinterher, unfähig das Geschehen zu begreifen. ‚Was, Wie?’
Die Stimme, die plötzlich über Funk in seine Ohren dröhnte, ließ ihn zusammenzucken: „ALLES IN
ORDNUNG?“ Es war Blackhawk. Dicht gefolgt von Imps Maschine nahm er eine flankierende
Position für Kanos zusammengeschossene Typhoon ein.
„Ja… Danke. Das war…“
„Schon gut. Wir lassen einen Kameraden nicht im Stich. Kannst du noch fliegen?“
Kano brauchte ein paar Augenblicke, bis er sich genug gesammelt hatte, um sich auf die
Instrumentenanzeigen zu konzentrieren: „Ich glaube schon. Es dürfte noch knapp bis zur Redemption
reichen. Das heißt, ist sie…“
Jetzt klang Blackhawks ruhige Stimme grimmig: „Ich habe keine Ahnung. Ein verdammtes
Schlachtschiff hat sie angenommen, das war das letzte, was ich gesehen habe. Finden wir’s heraus!“
Die drei Typhoon – alle mehr oder minder vom Gefecht gezeichnet - machten sich auf den Rückflug.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:02
Ein sauberer Schlachtplan hatte sich in die Hölle verwandelt.
Ein riesiger Flottenträger der Akarii hatte begonnen seine Raumjäger auszuschleusen. Ebenso ihre
beiden Golf-Class Träger/Kreuzer.
An hinteren Ende des Konvois formierte sich eine Kampfschiffgruppe um der Majestic
entgegenzutreten.
Warum immer ich? schoss es Lucas durch den Kopf. Wir sind tot, wir sind alle tot.
Er überflog seinen Radarschirm. Ein Großteil der Jäger und Bomber des Trägers stürzte der
Redemption entgegen.
"Commander, wir haben hier ein Problem", ertönte Clarks Stimme aus dem Lautsprecher. Panisch
verzerrt. Was Du nicht sagst., "Wir haben ein Schlachtschiff in unserem Rücken, es feuert
ununterbrochen Raketen."
Nein. "Roger!"
"Lucas, halten Sie um Himmels Willen die Jäger auf, scheißen Sie auf den Konvoi!"
Scheißen? Ja, Du mich auch. Eine Chance, oh verdammt, ich brauch nur eine Chan... "Angles
herhören: Schwadronen Geld, Silber und Gold: Durchbrechen, holt Euch an Frachtern, was nur geht!"
"Was? Das ist Selbstmord, das können Sie von uns nicht verlangen!" erklang Bäckers Stimme, er
zeigte ähnliche Panik wie Clarke.
Lucas ignorierte ihn: "Die Gruppen grün und rot folgen mir, wir holen uns die Bomber! Jäger sind Nebensache!"
"Sir, Sie können......"
Bäcker wurde von Raven unterbrochen: "Tallyhoo!" Die Mirages des Goldschwadrons beschleunigten.
Dicht gefolgt von Murphys Griphens und immer mehr von Bäckes Silbernen Mirages.
Das ist der letzte Kavallerieangriff. In Lucas Hinterkopf schrieen zwei Stimmen und versuchten sich
gegenseitig zu übertönen. Die erste schrie ihm direkt ins Gehirn, er solle umdrehen und weglaufen.
Die andere schrie nur ein Wort: Fehler, Fehler, Fehler...
"Tallyhoo!" Erklang Darkness Schlachtruf, als die 23 Terranischen Jäger die doppelte Übermacht der
Akarii stellten.
"Phönix auf die Eskorte, danach durchbrechen!" Wieder war es Darkness.
40 Sekunden später feuerten sieben Phantome jeweils vier Phönix-Raketen ab.

Rene Chantir starrte auf ihren Hauptbildschirm. Nein, so was konnte es nicht geben, so was gab es
nicht mehr. Überholt, ausgestorben, einfach nicht mehr existent.
Und doch bekämpften gerade die Raketen der Agamemnon diese Kuriosität.
"Signaloffizier: An Tripolis und Princeton: Flankeposition für Agamemnon aufrechterhalten.
Rudergänger: Hart Backbord! Wende 180! Äußerste Fahrt voraus!"
Sie ignorierte die Bestätigungen ihrer Offiziere.
Als sich die Agamemnon zur Hälfte gewendet hatte, meldete sich der Signaloffizier: "Captain: Anfrage
der Redemption, Zitat: Was machen Sie da für einen Unsinn."
"Antwort an Redemption: Wir holen uns den dicken Pott, bei der Langstreckebewaffnung muss er im
Nahbereich sehr verwundbar sein." Oh mein Gott, was für ein Männerspielzeug.
"Schiffsartillerie: Raketenfeuer! Vektorfeuer nach eigenem Ermessen!" Chantier packte das
Geländer vor ihr so fest, dass die Fingerknochen weiß hervortraten.
Clarke sah zu, wie seine hintere Abschirmung sich dem Schlachtschiff zuwandte. War er nur von
Idioten umgeben? Cunningham, dieser Idiot, hatte seinen Befehl geflissentlich ignoriert und ging eine
weit überlegene Feindheitheit mit 2/5 seines Offensivpotentials an. Womit hatte er - Jefferson B.
Clarke nur sowas verdient?
Die ersten Akarii-Raketen brachen durch den Raketenschirm der Redemption und ihrer Begleitschiffe.
Bald darauf eröffneten die Impulslaser das Feuer. Rote Energiebälle durchpflügten das Weltall.
Dutzende von Atomraketen vergingen wirkungslos in großer Entfernung, doch das unvermeidliche
ließ nicht auf sich warten.
"Kollisionsalarm! Raketen hat Abwehrschirm durchbrochen!" Clarke konnte die ängstliche Stimme
nicht identifizieren. Er klammerte sich am Kartentisch fest.
Dann wurde sein Träger von einer Explosion durchgeschüttelt. Das Aufleuchten war so hell, das der
Monitor dies nicht mehr kompensieren konnte.
Männer und Frauen schrieen erschrocken und verängstigt auf. Er hörte - merkwürdig distanziert - auch
seine eigene Stimme.
"Schadensbericht!" bellte Auson, ehe er sich von dem Licht erholt hatte.
"Achterschilde halten Ma'am."
"Da kommt die nächste!"
Erneut ging ein Ruck durch die Redemption.
"Schilde achtern bei 40 %!" Meldete der stellvertretende Artillerieoffizier.
Clarks Gehirn fühlt sich an, als habe man es in Watte gepackt.
"Sir, wir sollten ihnen unsere Breitseite zeigen." Clarke erholte sich langsam von dem grellen Licht
und konnte Auson vor sich erkenne.
"Machen Sie es so, unsere Seitenschilde sind stärker."
"Rudergänger: Hart Backbord! 90 Grad!"
"Aye, aye, Ma'am!"
Auson betrachtete den Radar. Lucas Jäger schlugen sich gut gegen die Akarii, doch die hatten jetzt gut
die dreifache Übermacht, die Bomber würde durchbrechen.
"Signaloffizier: An Bakersfield, sie soll sich den reinkommenden Akariijägern in den Weg werfen!"
Sie blickte Clarke kurz an. Diesem blieb nichts anderes übrig als dankbar zu nicken.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:03
„Es ist schon merkwürdig“, murmelte Kali im Selbstgespräch, leise genug, um das Kehlkopfmikrofon
nicht zu aktivieren. „Ich fliege da raus in die schlimmste Schlacht meines Lebens. Und ich habe keine
Angst. Ob das die Ruhe vor dem Tod ist?“
Unwillig schüttelte sich die Pilotin, um diesen unsinnigen Gedanken loszuwerden.
Vor ihr flog Commander Cunningham, der Lone Wolf. Sie und Rusty hatten heute die Ehre, seinen
Wing zu bilden. Seit Thomas Andrew alias Pinpoint im Kampf gefallen war, fiel ihrem Wing diese
Ehre recht oft zu. Kali glaubte nicht von sich, ein schlechter Wing Leader zu sein. Oder mit Rusty,
ihrem Wingman einen schlechten Partner erwischt zu haben. Aber die Nähe von Lone Wolf gab ihr
doch Vertrauen. Andererseits hieß es, der Commander hätte seit neuestem einen Knacks weg und
würde vielleicht versuchen, in dieser Schlacht einen spektakulären Heldentod zu sterben.
Sie hatte das mit Ohka besprochen, aber der junge Japaner hatte nur gemeint, es wäre Ninjo.
Als sie wieder einmal eine der seltenen Gelegenheiten genutzt hatte, mit Ace zu reden, hatte der nur
gelacht und gemeint, dass Lone Wolf einen großen Fehler hätte – er stand auf Ruhm. Und Ruhm
genoß man am besten, wenn man selbst noch lebte.
Das hatte Kali eingeleuchtet. Aber würde Lone Wolf für diesen Ruhm vielleicht sie und Rusty opfern?
Sie glaubte nicht daran, aber langsam schlich sich fieser, gemeiner Zweifel in ihr Bewusstsein. Ohne
es zu wollen, beschloss sie darauf zu achten.
Gedankenlos klebte sie an den Flügeln des Commanders. Das Geschehen während des Angriffs bekam sie kaum mit. Wie es wohl Ace schaffte, derart elegant an seinem Wing Leader dran zu bleiben? Ahnte er vielleicht die Bewegungen seines Vorgesetzten? Hatte er einen sechsten Sinn dafür entwickelt? Es hieß ja, die Menschen, die im Weltraum geboren waren, hätten eine besondere Fähigkeit entwickelt. Sie konnten den Sonnenwind singen hören, sagte man.
Was man genau darunter zu verstehen hatte, wusste Kali nicht. Sie war sich auch nicht ganz sicher, ob
sie es überhaupt wissen wollte.
„Kali?“, kam Lone Wolfs Stimme über den Funk. „Ausgeträumt?“
Verwirrt checkte die Pilotin die Lage. Sie hing noch immer am Flügel ihres Commanders. Die komplette Staffel war aber eingeschert und hielt nun auf einen gemischten Verband aus Reapers, Bombern und Bloodhawks zu.
„Bereit, wenn Sie es sind, Sir“, brachte sie gepresst hervor.
„Gut. Phoenix feuern auf mein Zeichen. Drei… zwei… eins… Fox four!“
„Fox two!“, blaffte Kali. „Fox two“, fiel Rusty ein.
Die Raketen lösten sich aus der Aufhängung und jagten zusammen mit der Salve der gesamten Staffel auf den Akarii-Verband zu. Mit etwas Glück würden einige der Bomber und Blood Hawks bereits von dieser Salve vernichtet werden oder zumindest mit geschwächten Schutzschirmen aus den Gluten kommen. Dann hatten sie wenigstens so etwas wie eine Chance.
„Wir kommen auf Duellreichweite. Auf mein Zeichen lösen und angreifen. Ich nehme mir die Bloodhawks vor. Kali, Rusty, versuchen Sie sich auf die Bomber zu konzentrieren. Jeder verdammte Bomber, der uns durch die Maschen schlüpft, kann die REDEMPTION gefährden.“
„Aye, Sir“, sagte sie und machte die Amraam scharf.
„Ja, Sir.“ Rusty machte sich ebenfalls feuerbereit. Die Party konnte beginnen.

Als sie ihren Typhoon in Stellung gebracht hatte, gab es für Huntress nicht viel zu tun. Sie hatte Zeit,
sich den Kampf anzusehen, den Lone Wolf vom Zaun gebrochen hatte. Die Akarii bildeten einen
Schwarm aus mehreren Staffeln. In diese Formation waren die Jäger der Roten eingebrochen und
trieben einen Keil durch die Jäger bis hin zu den in der Mitte geschützten Bombern.
Doch die Bewegung kam zu spät. Es war deutlich zu sehen, dass diese Attacke die Angriffswelle in
zwei Hälften spalten würde.
Aber die vordere Hälfte würde durchkommen. Auf die RED feuern.
Fast sechzig Maschinen. Die Hälfte Jäger. Das konnten ihre Blauen nicht schaffen. Jedenfalls nicht,
ohne zu sterben.
Das war es also. Das war der Punkt, den jeder Pilot einmal in seinem Leben erreichte. Grimmig spürte sie die Opferbereitschaft in ihren Gedanken. Die Wut auf die Akarii. Den Willen, so viele wie irgend möglich mit zu nehmen.
Auf maximale Entfernung feuerten die Bomber ihre ersten Salven Antischiffsraketen ab.
Huntress erschrak. Damit hatte sie nicht gerechnet. Taktischer Fehler. Sie wollte die Nachbrenner
zünden, mitten hinein in den Feindverband und eine zweite Salve verhindern. Aber es zogen gerade
die Jäger an ihnen vorbei. Es wäre Selbstmord gewesen. Sinnloser noch dazu.
Eine Minute später aber kam die Chance. Vereinzelt feuerten einige Bomber bereits die zweite Salve.
Aber der Pulk war durcheinander geraten. Die Jäger konzentrierten sich vorne und hinten. Die Flanken
waren nahezu frei. Dies war die Chance.
„Nur die Bomber! Phönix! Fox four!“, blaffte Huntress. Neben ihr erwachten die anderen drei Jäger
ihres Flights zum Leben. Acht Raketen jagten in den Verband hinein, während die Lt. Commander
bereits auf Nachbrenner ging und hinterher jagte.
Auf der anderen Seite des Verbandes feuerte Rapiers Flight ebenfalls eine Salve Phoenix ab und ging
auf Nachbrenner.
„Tut mir leid, dass ich dir die Hauptlast aufbürde, Demolisher“, murmelte Juliane wie im
Selbstgespräch. „Du wirst die RED alleine retten müssen.“
Schnell hatte der Flight die Linie der Bomber erreicht. Sie kamen als vollkommene Überraschung über den Feind. Huntress blaffte: „Lösen und angreifen, Foreigner. Hol dir einen!“ Ohne auf eine Antwort zu warten griff sie selbst einen taumelnden Bomber an, der zu nahe an den Maschinen gewesen war, die durch die Phoenix-Salven vernichtet worden waren.
Alleine mit den Bordwaffen zerfetzte sie den ungeschützten Bomber. Einer weniger, der die RED
gefährden konnte.
Weitere Bomber vergingen, als die Typhoon Jagd auf die schwerfälligen Maschinen machten. Eine weitere explodierte, als Foreigner ihr mit einer Amraam und einer Salve aus den Bordwaffen ein Ende setzte. „Jaaaa! Stirb, du Bastard! Dafür bin ich Pilotin geworden! Das ist der Sinn des Lebens!“
„Disziplin, Foreigner. Es gibt noch mehr als genug Akarii zu töten! Außerdem kommen die Jäger!
Avenger, abdrehen! Sie haben eine Hawk am Arsch!“
„Den schaffe ich noch! Jaaaa, ich… Steige aus, steige aus, steige aus!“
„Sneaker, zu mir. Bleib eng an mir dran, Mädchen!“
„Ich kriege den Bastard. Danach komme ich zu Ihnen rüber, Ma´am.“
„SOFORT, SNEAKER! Die Bomber sind das Ziel!“
„Sie haben da einen Hawk am Arsch, Huntress! Abdrehen, abdrehen!“
Verwirrt sah sie sich um. Dann hörte sie die Zielerfassungswarnung. Verdammt! Sie ging in eine enge Kehre, feuerte eine Salve Amraams auf einen Bomber, der sichtlich um Kurs und Schirme kämpfte und stieß Täuschkörper aus. Aber der Akarii war gut, blieb an ihr haften.
„Ich brauche Hilfe! Sneaker, Foreigner!“
„GAZ eine Minute, Huntress.“
„Ich brauche noch länger, Ma´am.“
Wieder jammte die Warnung. Kurz darauf schlugen zwei Raketen in ihren Heckschilden ein. Sie
brachen zusammen. Die heftige Erschütterung trieb die Typhoon aus dem Kurs. Dort wo sie eben noch
geflogen wäre, kreuzten sich die Strahlbahnen der Bordwaffen des Bloodhawks. Sie hatte Glück
gehabt. Aber für wie lange?
Ein Blick auf die Statusanzeige bestätigte ihr: Einen weiteren Treffer würde sie nicht überstehen.
„Steige aus, steige aus, steige…“
„Nicht so hastig, Huntress“, kam Demolishers ruhige Stimme über Funk. „Bin mit meinem Flight
eingetroffen. Oder vielmehr, Ihr habt ihn gerade erreicht. Deinem Verehrer habe ich gerade ne
Amraam verpasst. Der hat keine Lust mehr zum spielen.“
Juliane atmete auf. „Danke, Demolisher. Hast einen gut bei mir. Ich fliege zur RED und hole mir eine
Ersatzmaschine. Du übernimmst das Kommando. Foreigener, Sie bilden mit Sneaker einen Wing, bis
ich wieder da bin. Bis gleich!“
Huntress ging auf Nachbrenner und hielt auf die REDEMPTION zu. Zwei ihrer Leute waren
ausgestiegen, ihre eigene Mühle schrottreif. Aber für den Kampf gegen solch eine Übermacht war das
kein schlechtes Ergebnis.
Andererseits standen sie erst wenige Minuten im direkten Kampf.
Wie es am Ende des Gefechtstages stehen würde, wollte sie gar nicht wissen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:04
Am Konvoi
Das Katapult schleuderte Liljas Jäger in die Tiefen des Alls. Sofort nahm sie ihre Position in der
Formation ein. Die Sektion war auf ihrem Platz – alles lief wie geplant. Aber Lilja wußte, daß dies
noch gar nichts bedeutete. Dennoch – hoffentlich war es ein gutes Omen. Sie gab Lightning ihre
Klarmeldung. Der kompakte Verband – immerhin gut sechzig Erdmaschinen – bereitete sich auf den
Angriff vor. Irgendwo dort draußen war nicht nur der Akariikonvoi, sondern auch die beiden anderen
Trägerverbände der TSN. Eigentlich ein beruhigender Gedanke. WENN sie da draußen waren. Und
WENN die Akarii nicht damit rechneten, daß so etwas passieren würde. Mindestens ein „Wenn“
zuviel, für Liljas Geschmack. Aber sie war daran gewöhnt. Und diesmal würde es anders laufen als zu
Anfang des Krieges, als sie mehr als einmal Angriff hatte eskortieren müssen, die mühelos von der
Akariiabwehr zerfetzt worden waren.

Lightning ließ ihren Blick über die Formation wandern. Ja – ihre Staffel war bereit. Dank ihr und auch dank ihrer beiden Helfer. Na, bloß gut, daß Staffel Blau beim Träger blieb. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie der neuen Staffel und ihrer Chefin ganz vertraute – besser ihnen noch etwas Zeit zu geben, zu lernen und zu üben. Sie legte ihre Hände entspannt um den Steuerknüppel. Bald würde es losgehen…

Als der Akariiverband auf den Sensoranzeigen auftauchte, war Lilja wenig überrascht, noch keine klaren Anzeigen zu haben. Bei der Entfernung – und die Echsen setzten vermutlich ihr ECM ein…
Sie fühlte keine Angst, trotzdem sie sah, daß der Verband GROß war. Die meisten Schiffe würden Frachter sein, und gegen einen konzentrierten Angriff hatten diese keine Chance. Nicht, daß sie den Gegner unterschätzte, aber gegen zwei leichte und einen Flottenträger dürften die Akarii wenig Chancen haben. Die Russin bereitete sich auf den entscheidenden Moment vor. Das eiskalte Gesicht zeigte ein grimmiges Lächeln – in solchen Augenblicken bot sie mit ihren Narben einen ausgemacht unangenehmen Anblick. „Lilja an alle – bereitmachen!“
Die Staffelchefin der grünen Schwadron hatte bisher mannhaft alle Bedenken unterdrückt. Vor allem die bohrenden Zweifel, ob die Feindberührungen ihres Flottenverbandes, immerhin drei an der Zahl, bei denen die Akarii insgesammt acht Maschinen verloren hatten, nicht eine überdeutliche Warnung für die Echsen waren. Ob diese sich nicht an den Klauen abzählen konnten, daß dort ein Erdträger im Anmarsch war. Jetzt, im Cockpit, waren die Zweifel so stark wie zuvor. Aber noch schien alles in Ordnung zu sein. Noch...

Die Anspannung stieg von Sekunde zu Sekunde. Es konnte nicht mehr lange dauern.
Aber als dann der Augenblick kam, waren alle für einen Moment wie gelähmt. Zuviel stürzte auf einmal auf sie ein. Vor ihnen – ein Flottenträger und zwei Golf-Kreuzer, Schiffe, die für die Abwehr von Jagdangriffen wie geschaffen waren. Hinter ihnen, in der Nähe ihrer einzigen Fahrkarte nach Hause, ein SCHLACHTSCHIFF. Daß es bei dem feindlichen Konvoi von Kreuzern und Zerstörern nur so wimmelte, das entging den meisten – die Lage war ohnehin schon schlimm genug. Lightning hauchte etwas in ihr Mikrophon, sie wußte selber nicht, ob es ein Fluch, ein Gebet oder was auch sonst war. Ihr einziger Gedanke war: „Das ist das Ende!“ Und mit einer nicht ganz rationalen, aber menschlich in gewisser Weise verständlichen, Wut fügte sie hinzu: „Jetzt hat es Lone Wolf geschafft!“ Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten, während denen die Kampfflieger unbeirrt ihren Weg fortsetzen, weil keiner auf den Gedanken kam, ihnen einen neuen Kurs zu geben. Was sollte das auch nutzen? Doch dann hörte sie den Befehl des Geschwaderchefs. Auch wenn sie es ihm gegenüber nie zugeben würde – und nie ihm dafür danken – so riß dieser scheinbar wahnsinnige Befehl die Staffelchefin aus ihrer Erstarrung. Sie gab ihre Befehle, in der Gewißheit, daß der Angriff so gut wie Selbstmord war. Ein intensiver Einsatz der Nachbrenner würde den Treibstoff binnen kürzester Zeit auffressen, die Jäger recht schnell zur Bewegungsunfähigkeit verdammen – aber vermutlich würden bald etliche ihrer Jäger sowieso keinen mehr brauchen. Und wenn die Redemption zerstört wurde, blieb erst recht keine Hoffnung. Also traf sie ihre Entscheidung.

Es war nicht die Hoffnungslosigkeit, die feindliche Übermacht, die Lilja lähmte. Sie hatte schon unter solchen Bedingungen gekämpft, mehr als einmal. Vielmehr war es gerade diese Erfahrung, wegen der sie für einen Augenblick wie erstarrt war. Für einen Augenblick – ein Äon – war sie gefangen im Kerker ihrer Alpträume, in den schrecklichen Erfahrungen aus den ersten Monaten des Krieges. Sie nahm Lightnings Befehle nur am Rande wahr. Alles was sie fühlte war eine betäubende Müdigkeit. Würde sie jetzt den selben Weg ohne Wiederkehr antreten, den ihr so viele vorausgegangen waren? Würde sie jetzt ihrer alten Staffel folgen? Für einem Moment war ihr, als würde ihr Herz stocken, sie keine Luft mehr bekommen.
Aber dann loderte wieder der alte Haß in ihr auf. Ja, vielleicht, sicher würde sie in diesem Kampf fallen. Aber nicht, ohne vorher noch ein paar der verdammten Echsen mitzunehmen! Sie würde nicht klein beigeben, um KEINEN Preis. Nicht vor denen! Ihre Stimme klang emotionslos – als tobte nicht ein Widerstreit von kalter Furcht und brennendem Haß in ihrer Brust: „Sektion greift an! Flankierungsmanöver – JETZT!“ Und die vier Typhoon traten an, vermutlich zu ihrem letzten Angriff.
Lilja vergeudete kaum einen Gedanken an die Jagdbomber, die einen quasi selbstmörderischen Angriff flogen. Sie selber hatte mit allem abgeschlossen. Jetzt kam es nur noch darauf an, so lange wie möglich zu überleben – um so viel wie möglich zu töten. Tote interessierten sich nicht für andere Tote.
Sie fühlte eine Träne über ihre Wange rinnen. Imp – ihre einzige Freundin – würde mit ihr sterben. Ihre Familie, ihr Freund, der letzte Überlebende ihrer Staffel, würden niemals ein Grab haben, an dem sie trauern konnten. Sie, Lilja, würde verbrennen in der eisigen Kälte des Alls. Dann biß sie das Selbstmitleid weg. Es war so gekommen – nun mußte sie ihren Weg zu Ende gehen. Die weiße Lilje würde nicht kampflos aufgeben, wie ein Kaninchen zitternd vor dem nahenden Tod!
Lautlos, tödlich, rasend schnell – so kamen die Typhoon über den Feind. Die Akarii versuchten noch, sie abzufangen, aber hier bewährte sich einmal die legendäre Wendigkeit und Geschwindigkeit der Abfangjäger. Der Feind hatte wohl eher mit einer Blockformation gerechnet, nicht mit einem Selbstmordangriff. Das Feuer der Akarii lag ungenau – aber das würden die Echsen sicherlich bald korrigieren. Dennoch, für den Moment brachen die agilen Angreifer durch, stürzten sich wie die Falken auf ihre Opfer. Flight Sechs hing etwas zurück, deckte den Rücken von Lilja und Perkele. Der Finne hatte ausnahmsweise keine launige Bemerkung parat. Liljas Aufforderung: „Bleib an meinem Flügel!“ quittierte er mit einem knappen Grunzen – und er verstand es, seine Maschine zu führen. Die Nachbrenner verschlangen den Treibstoff, aber gleichzeitig beschleunigten sie die Kampfflieger auf eine enorme Geschwindigkeit, machten es fast unmöglich, sie abzufangen. Sie stießen mitten
hinein in den Pulk der Bomber und Jagdbomber.

Lightning mußte an etwas denken, was sie vor vielen Jahren gelesen hatte: „Noch einmal stürmt, noch einmal!“ wie war das noch mal gewesen? „Und tilg die Schand, die Schmach! Mit meines Lebens Länge!“ Ach ja, Henry V., ein altes Theaterstück. Nun, es mußte wohl so sein.
Vermutlich würde niemals jemand auf der Erde erfahren, was hier geschehen war. ,Auch egal! Tun wir so, als wäre es für ein Heldendenkmal!’ Sie lächelte wie gefroren. Des Lebens Länge einiger Akarii würde sie noch abkürzen, ehe ihr eigenes endete!

Lilja hatte sich wieder gefangen. Ruhig und gelassen dirigierte sie ihre Sektion. Die Entfernung zu den schweren Akariimaschinen nahm schnell ab: „Ignoriert die Deltas! Wir müssen die Bomber und Jabos vernichten!“ Nun, es war bestimmt nicht leicht, einen Sturmjäger zu ignorieren, der genug Feuerkraft hatte, um einen Jäger binnen Kurzem in Trümmer zu schießen. Der einzige Vorteil der Erdjäger war ihre höhere Geschwindigkeit und Wendigkeit. Aber das würde ihnen wenig gegen die Bloodhawks helfen, die zusammen mit den Deltas die Sicherung der Bomber übernahmen. Jedenfalls nicht auf lange Sicht. Im Moment jedoch schienen die Akarii überrascht – ein tödlicher Fehler im Krieg. Das mochte auch an den Schwärmen der Phönix-Raketen liegen, mit denen sie von den Phantome-Jägern bedacht wurden. Lightnings Staffel nutzte die Gunst der Stunde.
Lilja registrierte, daß ihre Sektion das Feuer eröffnet hatte. Die Akarii feuerten, augenblicklich noch eher unkoordiniert, zurück. Die Russin ließ ihren Jäger etwas taumeln, um sowohl den Abwehrschützen als auch eventuellen Verfolgern das Zielen zu erschweren. Ihre Zielerfassung hatte eine Avenger als Primärziel markiert – eine weitere als sekundäres Opfer. Sie zögerte noch – auf weite Entfernung schoß sie mit Raketen nicht besonders gut. Erst als ihre Bordwaffen bereits das Feuer eröffneten, feuerte sie auch zwei Sparrow-Raketen ab. Die schlanken Flugkörper überbrückten die Entfernung in wenigen Sekunden – viel zu wenig Zeit, um noch angemessen zu reagieren. So gesehen war es eine Unterforderung, die Mittelstreckenraketen erst auf diese Entfernung einzusetzen, aber es hatte auch seine Vorteile. Ein Grund, warum viele Piloten ähnlich vorgingen - Kano vermutlich auch, der wie sie nicht gerade ein Scharfschütze mit den Lenkwaffen war. Die Raketen trafen die durch das gnadenlose Dauerfeuer zermürbten Schilde. Einschlag, Explosion – aus. Neben ihr vollzog Perkele ein ähnliches Vernichtungsritual. Blitzschnell schaltete sie die Zielanzeige um und feuerte auf ihr Sekundärziel zwei Amram ab. Doch diesmal konnte der Akarii der Vernichtung entgehen – wenn auch ziemlich knapp. Er hatte gesehen, was für ein Schicksal seinen Kameraden ereilt hatte, und war vorgewarnt. Ein gekonntes Ausweichmanöver – kaum glaublich bei einer eher „faulen“ Maschine wie der Avenger – hängte eine Rakete ab. Die zweite traf allerdings, ließ die Schilde aufleuchten. Lilja hämmerte unablässig auf den Gegner ein, während sie immer näher kam, und ihn schließlich mit Höchstgeschwindigkeit überholte. Der Akarii war getroffen – aber nicht vernichtet. Vielleicht würde er sich zu seinem Träger zurückschleichen müssen – im Heck hatte er einige schwere Treffer kassiert – doch noch war er nicht wehrlos. Seine Geschütze deckten Lilja unangenehm präzise ein – nur ihre hohe Geschwindigkeit und die begrenzte Reichweite der feindlichen Waffen rettete sie. Die junge Russin unterdrückte den Fluch nicht, der ihr auf der Zunge lag. Bei den Heckschilden saß es übel aus. Diesen Bastard würde sie sich noch holen. Sie öffnete einen Funkkanal, während sie das von Lightning befohlene Manöver durchführte: „Auf ein Neues! Flight Sechs – haltet uns ein wenig den Rücken frei!“ Sie ignorierte die besorgniserregende Anzeige auf der „Treibstoffuhr“ und brachte ihre Maschine erneut auf Angriffskurs.

Die Warnung kam fast gleichzeitig mit den ersten Einschlägen: „Bloodhawks!“ Die feindlichen Jäger
waren diesmal auf der Hut – noch einmal würden sie sich nicht überraschen lassen. Mehr aus einem
Reflex heraus stieß Lilja sofort Täuschkörper aus. Das rettete ihr wohl für den Augenblick das Leben,
denn keine Sekunde später beutelte eine Explosion die Typhoon. Ein schneller Blick verriet ihr, daß
zumindest ihre Sektion in Schwierigkeiten war. Für den Rest der Staffel hatte sie keine Zeit. Flight
Sechs war mit mindestens zwei Akarii in ein Gefecht verwickelt, und eine Echse hing hinter ihr. Die
Geschütze des Aliens leuchteten auf, und eine erneute Serie von Treffern erschütterte ihr Schiff. Die
Erdjäger tanzte wie wahnsinnig hin und her, um den gleißenden Energiebahnen zu entgehen. „Perkele!
Schaff‘ uns der Kerl vom Hals!“ brüllte Lilja – die selber genug damit zu tun hatte, zu überleben. Im
nächsten Augenblick gab es eine spektakuläre Explosion. Sie hörte die Stimme ihres Flightkameraden mit
deutlich spöttischem Unterton: „Keine Angst – erledigt.“ Zumindest in diesem Augenblick war
Lilja bereit, die gespielte Überheblichkeit ihres Begleiters zu ignorieren. Der Finne hatte entweder
seine Raketen so programmiert, daß sie den dicht hinter den beiden Erdjägern fliegenden Akarii voll
im Bug getroffen hatten – die Zielerfassung erlaubte es ja, Flugkörper auch „rückwärts“ abzuschießen,
sie schlugen dann einen Bogen – oder er hatte eine scharfe Wende vollführt. Und der Akarii, vom
Jagdfieber ergriffen, hatte zu spät reagiert. Vielleicht war er ein Neuling, ein noch unerfahrener Pilot,
vielleicht hatte ihm nur noch ein Abschuß für einen Orden gefehlt, oder er hatte sich aus Haß zu sehr
auf sein augenblickliches Opfer konzentriert. Eine nicht seltene Todesursache für Piloten.
Liljas Jäger saß jedenfalls übel aus. Ein Treibstofftank leckte – glücklicherweise war er nicht
explodiert, etliche Systeme waren als „unklar“ angezeigt, mit anderen Worten, man konnte nur raten,
ob sie noch liefen. Das Triebwerk gab sehr ungesunde Geräusche von sich und bereitete sich wohl
darauf vor, beim nächsten Vollschubmanöver den Dienst aufzukündigen. Die Russin öffnete einen
Kanal zu ihrem Begleiter: „Angriff alleine fortführen. Ziel die Bomber.“ Perkele protestierte: „So bist
du eine Zielscheibe für jeden verdammten Akarii.“ Liljas Nerven lagen bloß: „Verpiss dich, oder ich
knalle dich persönlich ab!“ zischte sie: „Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für Selbstlosigkeit! Für deinen
verdammten Befehl aus!“ Der Finne schwieg – ob er ihre Worte ernst nahm, war zweifelhaft, mehr
noch, ob sie ihn schreckten. Aber es gab andere Gründe: „Viel Glück!“ Dann jagte die Typhoon
Perkeles davon. Lilja blickte ihm nur einen Augenblick nach und schaltete das Funkgerät ab: „Wir
sehen uns auf der anderen Seite.“

Sie konnte sehen, daß es keineswegs gut lief. Auch wenn sie von hier aus nicht beurteilen konnte, wie
es der Redemption mit dem Schlachtschiff erging, so war nur zu deutliche zu erkennen, daß die
Staffeln Rot und Grün nicht ausgereicht hatten, die Akarii zu stoppen. Während sich die Eskortjäger
der Echsen mit den übrig gebliebenen Erdjägern herumschossen, war der etwas gerupfte
Bomberverband auf dem Weg zum Träger der TSN. Und ob die Begleitschiffe der Redemption und
die eine Staffel, die noch zur Abwehr eingesetzt werden konnte – und die sowieso von einer
unerfahrenen Befehlshaberin geführt wurde – etwas daran zu ändern vermochten, war fraglich. Die
Mirage und Griphen waren offenbar in harte Kämpfe verwickelt, und ungewiß war wohl nur der
augenblickliche, nicht der längerfristige Ausgang. Lilja überflog die Anzeigen: kaum Energie, kaum
Treibstoff und eine Liste von Schadensmeldungen, die durchzugehen ihr sowieso die Zeit fehlte. Sie
war definitiv „draußen“. Das nächste Gefecht mit einem Akariijäger würde ihr letztes sein. Allerdings
– sie hatte auch wenig Neigung, in Gefangenschaft zu gehen. Im Augenblick war sie ziemlich allein,
die Kämpfe hatten sich etwas verlagert - immer näher an die Redemption und ihre Begleitschiffe
heran. Sie fluchte noch einmal inbrünstig, dann nahm sie Kurs auf den alten Zeus-Träger. Dort, in dem
Durcheinander der Gefechte, konnte sie vielleicht noch etwas ausrichten. Ehe das Ende kam. Und da
sah sie ihn.
Der Avenger hatte offenbar schon bessere Tage gesehen. Die Panzerung war verwüstet, mit
Brandspuren gezeichnet. Die Schilde waren laut Anzeige alles andere als im Bestzustand, und der
Bomber schlich eher, als daß er flog. Verhältnismäßig gesehen, natürlich – dieses Kriechen wäre für
ein Atmosphärenflugzeug immer noch unerreichbar gewesen. Offenbar hatte der Akarii einen
schweren Angriff überstanden. Sein Pilot hatte sich aber nicht entschieden, zum Träger
zurückzukehren – wohl von der Tatsache ausgehend, daß die sechs Schiff-Schiff-Raketen eines
Bombers manchmal entscheidend seien konnten. Deshalb hinkte er seinem Verband hinterher. Wie so
viele Menschen und Akarii gab er einfach sein Bestes, um seiner Heimat zu dienen.
Lilja lächelte grausam. Eine pflichtbewußte Echse! Nun, das schrie geradezu nach einem
Heldenbegräbnis. Anders als einige Kameraden gab es für sie bei einem Akarii nichts, was irgendwie
Anerkennung verdiente – und es war noch besser, eine tapfere Echse zu töten, als eine feige. Wobei
man sie auch bei letzterer nicht hätte bitten müssen. Die Russin versicherte sich, daß die Zielerfassung
stand – dann hieb sie auf den Feuerknopf für ihre Raketen. Nichts passierte.
Sofort hämmerte sie erneut auf den Auslöser – wieder nichts. Sie versuchte es manuell. Ebenfalls
Fehlanzeige. Die Abschußvorrichtung mußte irgendwie defekt sein. Vielleicht waren die Zündkabel
beschädigt, jedenfalls fielen ihre stärksten Waffen, die eine vergleichsweise große Reichweite hatten,
aus. Mit einer gotteslästerlichen Verwünschung fuhr sie das Triebwerk ihrer Maschine so weit hoch,
wie überhaupt noch möglich. Der Akarii würde ihr nicht – würde ihr in keinem Fall entkommen.
Drüben bemerkte man sie natürlich. Der Reichweitenvorteil ihrer Bordwaffen nützte ihr wenig,
angesichts ziemlich ramponierter Zielerfassung. Sie mußte näher heran, und ohne Zögern entschied sie
sich. Mit zusammengebissenen Zähnen begann Lilja den Angriff. Das war kein Blitzangriff, kein
Passierflug – sie war nicht sehr viel schneller als ihr Gegner. Es war vielmehr ein brutales aufeinander
Einprügeln, bei dem allein das Glück entschied, wer verlor. Das Abwehrfeuer des Bombers lag exakt
im Ziel, ungeachtet Liljas Ausweichmanövern. Auf der anderen Seite ließ sie sich vom unbeholfenen
Taumeln ihres Gegners ebensowenig irritieren. Hätte der feindliche Beschuß ihr Heck getroffen – sie
wäre vermutlich sofort zerfetzt worden. Aber am Bug waren Panzerung und Schilde noch am
stärksten. Und ihre Feuerkraft war der des Gegners durchaus gewachsen. Stur blieb der Akarii auf
Kurs. Erfüllt vielleicht von fanatischem Haß, tiefer Liebe für seine Heimat oder unerbittlichem
Pflichtgefühl. Aber ebenso fanatisch blieb auch Lilja auf Kurs, feuerte Salve um Salve ab und
ignorierte die Schäden, die die feindlichen Waffen anrichteten. Sie hätten beide versuchen können,
aufzugeben. Lilja hätte abdrehen können und hoffen, daß der Akarii nicht ihre papierdünne
Heckpanzerung zerfetzte. Ihr Gegner hätten seine Schiff-Schiff-Raketen ausklinken können, um sich
so besser seiner Haut zu wehren. Aber bei beiden hätte dies Schwäche gegenüber dem Feind bedeutet,
die Nichterfüllung des Kampfauftrages. Und dazu war keiner bereit.
Eine neuerliche Salve ließ den Erdjäger erbeben, stärker diesmal. Lilja registrierte noch, daß ein
weiteres Warnlämpchen aufleuchtete, dann versank für eine Sekunde alles in Dunkelheit. Irgend etwas
traf sie mit der Wucht eines Vorschlaghammers, eine rasende Welle der Finsternis und des Lichts
zugleich schien das Cockpit zu überfluten. Als sie die Benommenheit wegblinzelte, war nur ein
Augenblick vergangen.
Aus der rechten Cockpitwand leckten Flammen, tasteten nach ihrem Sitz, ihrem Körper. Die
Armaturenanzeige war ein einziges Meer von Rot und Gelb – Systeme die Alarm gaben oder vor
möglichen Problemen warnten. Sie spürte einen stechenden Schmerz in der rechten Brustseite. Die
letzte Salve des Akarii mußte ihren Jäger mit voller Wucht getroffen haben – ein Wunder, daß sie
noch lebte, das Cockpit noch Luft hatte. Das Triebwerk jaulte nur noch leise vor sich hin. Ihr wurde
klar, daß die Löschanlage sich weigerte, den Betrieb aufzunehmen – wenn kein Wunder geschah, war
sie verloren. Der Akarii mußte sie – verdammt!
Lilja konzentrierte sich. Nur noch EINS zählte – diese verdammte Echse zu vernichten. Ihr Gegner
entfernte sich von ihr, sein Feuer lag zunehmend ungenau. Auch er mußte schwere Schäden erlitten
haben. Aber wenn sie nichts unternahm, würde er entkommen. Sie schrie sich selber an, krampfte die
Hand um den Steuerknüppel. Alles in ihr verlangte nach Rache. Als sie erneut das Feuer eröffnete –
der Avenger hatte sie wohl schon abgeschrieben – verbannte sie den Schmerz aus ihren Gedanken,
registrierte kaum, daß sie selber schrie, vor Wut und vor Schmerz. Sie visierte den Feind an – und
löste die Waffen aus. Zwei, drei Salven jagte sie dem Feind hinterher. Traf. Und vernichtete. Eine
Explosion, die dem Bomber die Flanke aufriß, Atemluft, die austrat und das Feuer für einen
Augenblick entfachte, eine zweite Detonation, als an Bord irgend etwas hochging – vielleicht eine der
Raketen auf Grund eines Kurzschlusses. Es war ein kurzer, aber spektakulärer Abgang, Todesfanal für
drei pflichtbewußte Soldaten. Aber an ihrem Grab würden sich nie morgen die Gegner von heute die
Hand reichen, um eine neue, friedliche, bessere Zukunft zu beschwören. Zu tief saß der Haß.
Die junge Russin wimmerte, während sie sich in ihrem Pilotensitz wand. Das Feuer hatte längst ihren
Anzug erreicht, fraß sich in ihre Seite. Das ganze Universum schien nur noch aus diesen Flammen zu
bestehen, die an ihrem Körper emporzüngelten. Sie riß sich vom Sitz los, warf sich nach vorne auf das
Armaturenbrett. In der Enge des Cockpits gab es kein Entrinnen. Blindlings tastete sie über die
Schalttafel.

Sie wußte später nicht, WAS es genau gewesen war. Vielleicht Zufall, vielleicht hatte sie ein Notprogramm gestartet, mehr unbewußt. Jedenfalls nahm die Bordlöschanlage auf einmal den Betrieb wieder auf. Das Feuer war binnen kurzem erstickt – Lilja konnte dies freilich kaum fassen. Sollte sie tatsächlich noch einmal davonkommen? Sie hatte schon damit gerechnet, daß dies ihr letzter Flug geworden wäre. Aber wenn sie viel Glück hatte, und es zum Träger zurück schaffte, und wenn der durchkam, dann hatte sie VIELLEICHT noch eine Chance. Würde erneut fliegen und kämpfen können.
Sie biß sich auf die Lippen, fest, um einen Schrei zu ersticken. Auch wenn das Feuer erloschen war –
ihre rechte Körperseite schien noch immer zu brennen. Der Schmerz wütete in ihr, ließ jeden Atemzug
zur Qual werden. Sie mußte alle Kraft darauf verwenden, nicht ohnmächtig zu werden. Streckenweise
lallte sie Lieder – Kriegslieder oder kindliche Jugendverse – vor sich hin, um sich abzulenken. Oder
sie fluchte, verwünschte die Akarii, Menschen, denen sie begegnet war. Aber sie rief nicht um Hilfe –
denn wer hätte sie hören können? Daß ihr Blut über Kinn und Hals lief – sie hatte sich die Lippen
blutig gebissen, um nicht zu schreien – nahm sie gar nicht wahr.
Liljas Jäger taumelte durch den Raum, nur noch ein schwacher Abglanz der todbringenden
Hochgeschwindigkeitsmaschine, die er vorher gewesen war. Nicht viel mehr als ein Wrack – und doch
brachte er sie nach Hause. Wie der Kampf weiterging – sie wußte es nicht. Sosehr sie es auch danach
verlangte, es zu erfahren, sie konnte einfach nicht auch nur eine Sekunde ihre Aufmerksamkeit von
sich selbst und ihrem Schmerz weg auf dieses Problem richten – sie wäre zusammengebrochen. So
konzentrierte sie sich allein darauf, ihren Jäger zu steuern und gegen den Schmerz anzukämpfen. Als
sie die Maschine schließlich aufsetzte, ließ sie sich mit einem fast zufriedenen Seufzer in die
Dunkelheit gleiten. Alles, nur um diese Qualen zu vergessen...

Die Techniker, die sie aus dem Cockpit des wracken Jägers befreiten, trugen sie auf einer Bahre zur
Krankenstation. Ein dünnes Rinnsal Blut sickerte aus Liljas Mundwinkeln und verlor sich an ihrem
Hals. Das Gesicht war wachsbleich, die Uniform über der rechten Seite vom Feuer zerfressen, man sah
das verbannte Fleisch. Kaum einer nahm Notiz davon – der Verwundeten waren so viele, und nicht
weniger hatten es überhaupt nicht zurück geschafft.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:04
„Angels herhören: Schwadronen Gelb, Silber und Gold: Durchbrechen, holt Euch an Frachtern, was
nur geht!"
Martell wollte seinen Ohren nicht trauen, aber nach kurzer Überlegung nickte er beifällig, das konnte
funktionieren.
„Jaguar Staffel, hier Jaguar Lead. Ihr habt es gehört. Kopf einziehen und vorwärts!“
Dann schaltete er auf den Kanal zu den beiden Führern der Miragestaffeln.
„Ok, würde vorschlagen, wir geben euch Deckung und spielen anschließend Aasgeier.“
„Klingt nach einem Plan. Gold geht zuerst rein, Silber folgt und ihr sammelt den Rest ein. Wenn wir
die Mavs los sind, Angriff nach Flights.“
„Verstanden. Dann zeigt mal, was in euren lahmen Kisten steckt.“ Martell grinste.
Statt zu antworten beschleunigten die Miragestaffeln.
„Jaguar Staffel, zusammenbleiben. Gebt den Mirage Deckung. Wenn der Feind Jäger hier rumfliegen
hat, beschränkt euch auf defensive Aktionen. Wartet mit dem Hydraeinsatz, bis die Mavericks Ziele
angeschlagen haben. Angriffsformation einnehmen.“
Murphy beschleunigte seine Maschine und schloss leicht zu den Mirage auf. Ihm war klar, dass selbst
ohne Feindjägerpräsenz die feindliche Flugabwehr eine ernsthafte Bedrohung für die Jäger waren.
Der Feind hatte den Träger in die Mitte seines Verbandes gestellt, die Golfkreuzer lagen am vorderen
und hinteren Ende. Dazwischen zogen in drei Reihen die Frachter und Transporter wie an einer
Perlenkette in enger Formation. Ein recht effektives Arrangement, wie Martell befand. Das starke
Flakfeuer stellte die Angreifer vor eine schwere Wahl. Einerseits durfte man nicht zu eng fliegen,
ansonsten würde ein Fehlschuss den Nebenmann erwischen. Andererseits bedeutete eine zu weite
Formation, dass man noch mehr Flakfeuer aushalten musste, weil noch mehr Schiffe in Reichweite
lagen, außerdem barg eine weite Formation immer die Gefahr, dass der Angriff nicht mit der nötigen
Konzentration an Feuerkraft vorgetragen wurde.
Daher wurde nach allgemein gültiger Doktrin der Mittelweg gewählt. Zusätzlich begannen die
Formationen, sobald sie in Reichweite der Flak kamen, nach Zufallsmustern, die vom Bordcomputer
vorgeschlagen wurden, auszuweichen. Dann begannen die Mirage, das Feuer zu erwidern. Murphy
erkannte sofort, dass Raven es auf die Truppentransporter abgesehen hatte, während Bäcker eher auf
die kleineren Frachter zielte. Er traf seine eigene Entscheidung:
„Jaguars, auf Ziel Tango 6 konzentrieren. Ich will, dass dieser Pott brennt.“
Ein Chor von Rogers antwortete ihm, und er meinte, vor allem Kampfgeist und nur wenig Angst
heraushören zu können. Tango 6 war der Truppentransporter, der am Rande der Feindformation lag.
Dann schlugen die Mavericks in der Feindformation ein. Einige erzielten Treffer, andere wurden im
letzten Moment abgefangen. Eine der Raketen, die auf Tango 6 gezielt war, explodierte vorzeitig, als
ein Akarii Bloodhawk sich rettend in die Flugbahn warf. Der Feuerball zeriss die Maschine in Atome,
so dass kein nennenswertes Trümmerteil übrig blieb.
„Achtung, Feindjäger! Augen auf!“
Dann fegten die Mirage der Goldstaffel über Tango 6, der immerhin einen Treffer kassiert hatte,
hinweg, aber nicht ohne Grüße mit den Bordwaffen zu übermitteln. Murphy aktivierte die Hydras und
schaltete auf Doppelfeuer. Der Pott schien eine Menge auszuhalten. Plötzlich schüttelte ihn eine
Explosion durch.
„Verdammt, was war das?“
„Habe zu spät Störkörper abgeworfen, sorry.“ meldete sich Gladius.
„Schäden?“
„Keine, hat alles der Schild abgefangen.“
„Gut, Feuer frei!“
Murphy jagte zwei Salven Hydras in den Rumpf des Truppentransporters, dann riß er die Maschine
hoch und warf sie in eine Fassrolle, um Schüsse von der Seite zu erschweren. Nach wenigen
Momenten zog er ein zweites Mal am Steuerknüppel und dirigierte so seinen Jäger vom Feind weg.
Jetzt erkannte er, dass in der Tat eine Staffel Bloodhawks im Konvoi versteckt war. Glücklicherweise
lagen die Griphen direkt auf dem Abfangkurs, den die Abfängjäger auf die Mirage der Staffel Silber
genommen hatte.
„Raven, Bäcker, wir kaufen uns die Jäger.“
„Ok, haltet uns die Läuse vom Pelz.“
„Jaguars, neuer Plan. Konzentriert euch auf die Jäger, die Mirage dürfen nichts abbekommen. Angriff
in Staffelformation, danach Break Up nach Paaren.“
Murphy beobachtete, wie die Akari, ebenfalls in Formation auf, auf die Jaguars zukamen. Doch subtile
Kurskorrekturen bei den Echsen zeigte ihm, dass sie nach wie vor hinter den Mirage herwaren. Wenn
es nach Murphy ging, würden sie hierfür einen hohen Preis zahlen.
„Jaguars, Nachbrenner aktivieren!“
Wie von einem gewaltigen Hammerschlag getrieben jagten die Griphen durch das All. Der Feind
reagierte, aber nicht schnell genug. Noch bevor die Akari ihre Formation richtig ausgerichtet hatten,
jagten die Griphen wie ein Pack hungriger Wölfe in den Feind. Lichtblitze zuckten, als die Bordwaffen
der Mehrzweckjäger zum Einsatz kamen. Dann war der Angriff auch schon wieder vorüber.
Martell riss in einer halsbrecherischen Steilkurve seine Maschine herum. Noch mit Überschussschub
vom Nachbrenner ausgestattet, wurden die Trägheitsdämpfer bis an ihre Belastungsgrenzen gebracht.
Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, dass Gladius Mühe hatte, ihm zu folgen. Da! Ein Akarii,
der nicht schnell genug reagiert hatte, zeigte Martell sein Hinterteil. Ohne zu zögern schoß Murphy
seine beiden Sidewinder ab, die den überraschten Feind aus kürzester Entfernung trafen und ihn in
Stücke rissen.
„Ruhe in Frieden.“ murmelte Martell leise genug, damit es nicht über den Äther ging. Gladius hatte
indessen wieder aufgeschlossen.
„Guter Schuss, Sir.“
„Danke, verdammt, die lassen sich überhaupt nicht beeindrucken.“ Erst jetzt bemerkte Murphy, dass
nur vier der Jäger zurückgeblieben waren, die anderen Bloodhawks schossen mit maximalem Schub
auf die Mirage zu. Immerhin hatten die vier Maschinen, die die Ablenkung besorgt hatten, den Preis
mit ihrer Vernichtung gezahlt.
„Hinterher, bevor es den Bombern an die Wäsche geht!“
Murphy aktivierte erneut den Nachbrenner, aber er erkannte, dass es zu spät sein würde. Die Akari
trafen als erste bei den Mirage ein, die dichtgepackt in einer engen Formation flogen. Doch die
konnten auf sich selbst aufpassen. Das Feuer aus den Bordgeschützen der beiden Staffeln verwüstete
die acht Bloodhawks, die überdies das Pech hatten, dass ihre Formation durch den Angriff der Jaguars
zerrissen worden war. Drei der acht Abfangjäger wurden sofort zerstört, ein vierter war offensichtlich
kampfunfähig, weil seine Triebwerke sich verabschiedet hatten. Die übrigen Maschinen waren alle
zumindestens leicht beschädigt. Aber ihr Angriff hatte ebenfalls einen gewissen Erfolg. Zwei der
Mirage waren schwer beschädigt, so schwer, dass die Crews aussteigen mussten.
„Scheiße,“ fluchte Murphy, „Schnappt sie euch, bevor sie ihre Raketen hinter den Bombern
herschicken können.“
Die Griphen jagten hinter den verbliebenen Bloodhawks her, doch diesmal gelangt es den Akarii,
ihren Häschern zu entkommen. Alle vier Jäger feuerten ihre Raketen auf die Bomber ab. Zwei Mirage
konnten dem Beschuss ausweichen, in dem sie scharfe Kurven flogen und Störkörper abwarfen. Die
beiden anderen Ziele hatten nicht so viel Glück. Einer Mirage wurde die gesamte Heckpartie förmlich
abgeschnitten, nur Sekunden später explodierte sie in einem großen Feuerball. Der Flügelmann
versucht einen Turn gegen die Flugbahn der Raketen, doch diese waren schneller. Eine übertriebene
Korrektur eines Flugkörpers sorgte dafür, dass dieser nicht im Triebwerksauslass, sondern direkt am
Cockpit explodierte. Die Crew der Mirage hatte keine Chance. Wütend biss Murphy auf die Zähne. Er
zwang seine Maschine in eine enge Kehre und versuchte seinerseits wieder auf die 6 Uhr Position des
nächstgelegenen Feindes zu kommen. Doch bevor er die Bloodhawk im Visier hatte, explodierte sie
durch konzentrierten Beschuss von Seiten Snake Bites und ihres Flügelmannes Tango. Aus den
Augenwinkeln sah Murphy, wie Thunder einen zweiten Jäger abschoss. Damit blieben nur zwei
Maschinen, die beide jeweils von zwei Griphen verfolgt wurden. Dann stockte Murphy der Atem. Die
Maschine, vor Crimson und Wombat floh, blieb plötzlich im Raum stehen und die beiden terranischen
Jäger schossen an ihm vorbei. Plötzlich waren die Rollen von Jäger und Gejagtem verfolgt und der
Akari lies sich nicht lange bitten. Er schoss zwei ungelenkte Flugkörper ab, denen Wombat nur knapp
ausweichen konnte. Dann setzte die Echse mit Bordwaffen nach und demolierte die Heckschilde des
Griphens, der keine Chance hatte, den wendigeren Verfolger abzuschütteln. Martell sah, wie Snake
Bite und Tango hinter dem Bloodhawk herstießen, um ihren Flightkameraden zu entsetzen. Auch
Crimson hatte sich von dem Schock erholt und versuchte seinen Wingman zu retten. Doch sie kamen
zu spät. Wombats Panzerung löste sich unter den gutgezielten Schüssen des Akari auf und im letzten
Moment bevor die Maschine zerstört wurde, schoss sich Wombat aus dem tödlich getroffenen Jäger
heraus.
Doch der Akari konnte seinen Triumph nicht genießen. Snake Bite ware eine ungleich bessere Pilotin
als Wombat, erfahren genug, um nicht auf einen Trick wie eine Vollbremsung hereinzufallen.
Aufgrund der Unterstützung durch Tango und Crimson, die die Fluchtvektoren abdeckten, war es dem
Akari unmöglich, die überlegene Wendigkeit seiner Maschine auszuspielen, weil ihn dies in das
Schussfeld der beiden anderen Griphen gebracht hätte. Erbarmungslos feuerte Snake Bite auf den
Bloodhawk wieder und wieder ein, bis sich der Heckschild nicht länger widersetzte. Dann fraßen sich
die Bordgeschütze durch die dünne Heckpanzerung des Akariijägers wie ein heißes Messer durch die
Butter. Anders als sein Opfer hatte der Akarii nicht die Chance auszusteigen. Als er in einem letzten
verzweifelten Manöver die Maschine hochzog, flog er direkt in die Visierlinie von Crimson, der keine
Moment zögerte und seine Strahlenwaffen direkt in das Cockpit des Feindes lenkte.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:05
In Keilformation schossen die Agamemnon, die Tripolis und die Princeton auf das riesige
Akariischlachtschiff zu, welches den beiden Zerstörern und dem Kreuzer an Tonnage überlegen war.
Noch immer feuerte das Schlachtschiff seine Antischiffsraketen auf den Hauptverband der
Redemption ab, der sich langsam auf die Seite legte.
Die drei angreifenden terranischen Schiffe versuchten zwar so gut es ging mit ihren Sparrows und
Ammrams die Verteidigung der Redemption zu unterstützen, doch ging einiges an Wirkung verloren.
Schließlich jedoch sah man auf dem Akarii-Schiff die Bedrohung und splittete das Feuer auf.
Besonders die Tripolis kassierte mehrere Treffer.
Dann schwenkte auf dem Vordeck des Schlachtschiffes ein Geschützturm herum. Die Läufe glühten
azurblau auf und kurz darauf wurden zwei Energiebälle ins All geschleudert.
Beide Energiebälle verpufften wirkungslos am Schild der Tripolis.
Auf allen drei Schiffen wurde der Einsatz einer gegen Schilde wirkungslosen Magnetkanone als
Zeichen der Verzweiflung der Akarii aufgefasst.
Die Akarii hielten das Feuer der Magnetkanone aufrecht und intensivierten das Raketenfeuer auf die
angreifenden Terraner.
Schließlich knackte eine Rakete das Frontschild der Tripolis.
Kurz darauf schlugen zwei Magnetgeschosse in die Front des Zerstörers ein.
Der erste fraß sich durch die mehrere Meter dicke Panzerung, als sei sie gar nicht vorhanden. Durch
die Panzerung durch drang die destruktive Energie die Längschsache des Schiffes weiter vor. Auf
ihrem Weg töte sie gut 1/3 der Besatzung, riss Decks auf, Notluken, Schotts, Wände. Sie verfehlte
knapp das Raketenmagazin und verpuffte kurz vor dem Reaktorraum.
Der zweite Energieball drang nur wenige Meter neben dem erste ein.
Und vollführte einen ähnlichen Weg der Zerstörung, doch blieb er schon im Raketenmagazin hängen
und brachte es pflichtschuldigst zur Explosion.

Auf der Agamemnon sah man hilflos zu, wie sich der Zerstörer, der sich eben noch an Steuerbord
befand, langsam weiter nach Steuerbord krägte und von innen heraus zerplatzte.
"Wir müssen näher ran!" brüllte Chantir sinnloserweise.
Langsam füllte das Schlachtschiff den gesamten Hauptbildschirm der Agamemnon aus. Was für ein
Gigant.
"Meldung von der Princeton Ma'am: Schwere Schäden an den Schilden, Lebenserhaltung und
Antrieb!"
"Position halten! Soll mit uns Längsseits zum Schlachtschiff gehen!"
Dann war es soweit, man war nur noch wenige Kilometer des Gigangten entfernt.
"Rudergänger: Hart Steuerbord! 45 Grad! Rolle nach Backbord! Ebenfalls 45 Grad!"
Die beiden terranischen Schiffe gingen längsseits zu dem Schlachtschiff und drehten ihm das
Oberdeck zu, um die Hauptbewaffnung einsetzen zu können.
Ebenfalls drehte sich das Schlachtschiff weiter so, daß auch seine Oberdecksbewaffnung die beiden
terranischen Zwerge anvisierte, die es wagten seiner Kraft zu trotzen.
Dann einen winzigen Augenblick schien das Universum still zu stehen, als wolle es höchst persönlich
den Besatzungen der Agamemnon und der Princeton Zeit geben, ihren Fehler zu bereuen.
Doch schon beinahe im gleichen Augeblick wurden die Befehle gebrüllt. Auf drei verschiedenen
Schiffen, in zwei verschiedenen Sprachen: "FEUER!"
Und tatsächlich verschwand dieser Ort nur wenige Kubikkilometer groß für einen weiteren kurzen
Augenblick - einen Gedanken lang - in einem orangeroten Feuerball.

Hinter dem Keil aus zwei Kreuzern und vier Zerstörern bewegte sich die Majestic auf die Akarii-
Flotte zu.
Für Maria Usher der Kommandantin der Majestics war der Tag der Rache gekommen. Heute würden
die Echsen bluten. Sie würden bezahlen, für das was sie der Navy angetan hatten, für das was sie der
Menschheit angetan hatten und für das was sie IHR angetan hatten.
Gene Usher, Geschwaderkommandant der Screaming Eagles - einem der Stationsgeschwader von
Mantikor - ihr Ehemann, hatte sein Leben für die Menschheit gegeben.
Über zwei Monate lang hatte sie Anrufe, E-Mails und V-Mails erhalten, in denen hochrangige
Offiziere und auch einfache Piloten - Überlebende von Mantikor - ihr Mitgefühl ausdrückten. Wie
stolz sie doch auf Gene sein könne.
Dieser Idiot hat seine Mirage gegen das Schutzschild eines Großkampfschiffes gerammt, OHNE WAS
ZU BEWIRKEN.
Sie kämpfte die aufsteigenden Tränen nieder: "Statusmeldung Nr. 1!"
"In zwei Minuten sind wir in Schussweite zu ihren Abfangeinheiten Ma'am", meldete Ruben Bonzanin.
"Das Geschwader soll sich noch weiter hinter uns halten und die Abfangeinheiten umgehen, so bald
wir im Clinch mit ihnen sind."
Die nächsten zwei Minuten vergingen schweigend.
"Pinkerton eröffnet das Feuer Ma'am", meldete eine junger Radartechnikerin.
Usher verzichtete auf eine Antwort, sie beobachtete auf dem Hauptschirm, wie die sechs
Begleitschiffe ihr Feuer auf die Mitte der feindlichen Formation konzentrierten, dann war auch die
Majestics in Reichweite.
"Feuer auf den Kreuzer in der Mitte!" Doch dieser brach, noch bevor sie den Befehl vollendet hatte, auseinander.
"Korrektur, Feuer auf den nächsten Kreuzer Backbord!" Die Raketenwerfer der Majestics begannen
mit ihrem tödlichen Handwerk.
Nun setzte auch das mörderische Gegenfeuer der Akarii ein. Der Zerstörer Honshu war der erste, den es erwischte.
Usher sah noch, wie einzelne Rettungskapseln sich lösten.
"Voll Fahrt, wir brechen durch! Befehl an die G-Men: Aus unserem Schatten lösen und nichts wie drauf!"
Hinter dem Träger tauchten nun 48 Jäger und Jagdbomber auf, die nach steuerbord ausscherten und die
Akariiverteidiger umgingen.

Der Admiral blickte auf seinen Hauptschirm.
Der terranische Fliegerkommandant hatte ihn überrascht. Der Terraner hatte seine Bomber mitten in
den Konvoi geschickt und sich einer erdrückenden Übermacht in den Weg geworfen. Die Bomber
hatten es allerdings in den Konvoi geschafft und fledderten jetzt.
Die Flak innerhalb des Konvois war mehr als nur ineffizient. Die vielen Frachter waren eben den
Raketen und Strahlengeschützen im Weg.
Und während die militärisch besetzten Nachschubfrachter ihre Disziplin behielten, gerieten die zivilen
Frachterbesatzungen immer mehr in Panik.
Und jetzt versuchte sich auch noch eine ganze terranische Kampfgruppe - entgegen der allgemein vermuteten
terranischen Doktrin - im Nahkampf.
In Ordnung Menschenlinge, wenn ihr es umbedingt so ausfechten wollt.
"Kommandant: Wenden Sie die Promma, die Tralo soll uns folgen. Die Evron soll unsere Position
einnehmen, sie hat ein viel effizienteres Flakradar als wir."
"Jawohl!"
Der riesige Flottenträger der Quasarklasse schob sich aus dem Konvoi und wendete auf die
Majesticträgergruppe zu.
Der hintere Träger/Kreuzer der Golf-Class führte ein ähnliches Manöver durch, während der vordere
sich auf die ursprüngliche Postion des Quasaren zurückfallen ließ.

Auf der Vashihon jubelte die Besatzung auf allen Decks und in allen Stationen klopfte man sich gegenseitig auf die Schultern, gab sich gegenseitig Komplimente und verspottete die Terraner. Man hatte soeben mit einer einzigen Raketensalve ein terranisches Jagdgeschwader vernichtet – ja geradezu exekutiert und drei Großkampfschiffe in die Flucht geschlagen.
Doch jubelten alle? Nein, im Backbordmaschinenraum des Schlachtschiffes starrte man einen
Fremdkörper an, der mit der Nasenspitze durch den Rumpf guckte.
Man kannte weder den Namen noch die Kennung für dieses Ding. Man wusste nur zwei Dinge: Es war eine von terranern hergestellte Antischiffrakete und sie trug einen Atomsprengkopf - der jetzt innerhalb der Schutzschilde - ausreichte um das ganze Schlachtschiff in handliche Moleküle zu verwandeln.
Der Chefingenieur starrte die weiße Raketen mit den führ ihn unleserlichen Schriftzeichen an. Er hielt seinem Assistenten die rechte Hand hin um einen Elktroschraubenzieher in Empfang zu nehmen. Schweiß perlte auf seiner weißen schuppigen Stirn, der ehemals bunte - vom Alter ausgebleichte - Kamm zitterte.
Sein Assistent reichte ihm den Schraubenzieher, doch ließ dieser zu früh los und der Schraubenzieher viel zu Boden.
Die umstehenden Akarii zuckten zusammen und gingen in Deckung.
Wütend verfluchte der Chefingenieur seinen Assistenten, dessen Ahnen und Urahnen.
Dieser nahm es schweigend hin und hob den Schraubenzieher auf.
Langsam und sorgfältig schraubte der Chefingenieur eine Wartungsklappe auf - zumindest so
sorgfältig wie es mit zwei inkompatiblen Schraubensystemen geht. Schließlich musste er die
Schrauben mit etwas Gewalt lösen.
Immer und immer wieder zuckten seine Untergebenen zusammen.
Doch als er ganz vorsichtig die Abdeckplatte hochnahm und sich mit dieser in den Händen grinsend zu
seinen Leuten umdrehte strafften diese sich wieder und lächelten ebenfalls.
Gerade richtig zu dem Zeitpunkt als sich die ASM 83 Maverick dazu durchrang doch noch zu explodieren.
Über 1.400 Männer und Frauen vergingen in einem Aufleuchten, welches einer kleinen Nova glich.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:05
"Danke für die Unterstützung, Shaka. Das war mein zweiter Avenger. Komm, einen holen wir uns noch.“
Shaka grinste. Es machte Spaß, mit Ace zu fliegen. Sollen die anderen doch reden. Er wusste, was er
an seinem Leader hatte. „Okay, Boß, den kriege ich aber dann, ja?“
„Mal sehen“, kam die Antwort. „Wenn Du in der besseren Position bist, lasse ich dir gerne den Vortritt.“
Keiner der feindlichen Bomber durfte die RED erreichen. Das wussten sie alle. Der Träger war ihr
einziges Ticket nach Hause. Deshalb waren auch zwei Staffeln eingeschwenkt und versuchten die
Bomber und ihre Jägereskorte zu vernichten oder wenigstens auszudünnen.
„Boß, der CAG hat Probleme. Legt sich zusammen mit Rusty und Kali gerade mit zehn Jägern an.“
„Kein Problem. Lone Wolf schafft alleine sechs. Kali vier und Rusty sieht zu, dass er nicht im Wege
ist und stört“, scherzte Ace. „Rot sieben an Blau eins, der CAG hat Probleme. Ich schnappe mir Rot
acht und helfe ihm.“
„Hier Blau eins. Kommt bloß schnell wieder. Es sind mehr Akarii hier draußen, als wir abschießen
können.“
„Keine Bange, Huntress, so schnell wirst du mich nicht los“, neckte Ace über Funk und ging auf
Nachbrenner. Shaka tat es ihm gleich. Aber bevor sie den CAG erreichen konnten, schob sich einer
ihrer Kreuzer dazwischen und nahm die angreifenden Jäger unter Raketenfeuer.
„Was will die BAKERSFIELD denn hier?“ rief Shaka erstaunt, folgte der Wende von Ace aber
automatisch.
„Scheißegal, der Kahn kommt goldrichtig. Los, zurück. Wir werden bei der Verteidigung des Trägers gebraucht.“
„Wie du befiehlst, Großer Meister.“ Shaka ging noch vor Ace auf Nachbrenner und behielt seinen
Vorsprung bei.
„Vorsicht, Shaka, über dir ist ein Bloodhawk. Aber er scheint nicht angreifen zu wollen… Flieg mal
weiter zur Blauen und spiele den Lockvogel. Ich bin weit genug hinter dir, vielleicht hat er mich noch
nicht gesehen.“
Ace deaktivierte seinen Nachbrenner und fiel noch weiter zurück.
Auf seinem Gefechtsmonitor konnte Albert Mbane sehen, wie Ace plötzlich hoch riss und dem Akarii
genau in dem Moment eine volle Salve und zwei Amraams in den Bauch rammte, als dieser auf seine
eigene Phantom niederstoßen wollte. Nach einer weiteren Salve verging der Akarii in einem Feuerball.
„Ich dachte, ich kriege den nächsten Abschuß“, maulte Albert spaßeshalber.
„Hier fliegt genügend rum, bedien dich. Ich schließe auf.“
Auch dafür hatte Shaka einen witzigen Kommentar parat, doch er kam nicht mehr dazu, die Pointe zu
setzen. „HIMMEL! Was war das denn?“
„Die RED! Verdammt noch mal, die RED wurde getroffen! Da müssen ein paar Bomber
durchgebrochen sein. Eine Rakete hat es mindestens durch die Schilde geschafft.
Beidrehen, Shaka, beidrehen und die verdammten Bomber suchen!“
„Habe sie. Nee, die sind leer und drehen gerade ab. Macht es Sinn, nach geladenen Vögeln zu
suchen?“ Shaka zog eine Schleife und kam Ace wieder näher. Vergessen war seine Unsicherheit, seine
Angst. Mit dem Trackball fühlte er sich sicher. Nicht unbesiegbar. Aber ruhiger, überlegter. Er war
jetzt ein Gegner, mit dem die Akarii rechnen mussten.
„Schwirren bestimmt ein paar rum. Halte einfach die Augen auf. Schließ auf zur Blauen Staffel, die
haben bestimmt ein paar Zielscheiben für uns parat.“
„Roger, drehe bei…“ Ein Signal auf seinem Gefechtsbildschirm fesselte seine Aufmerksamkeit.
„Ace… Da ist ein Boogie im All. Passiert dich in dreißig Sekunden in zehn Kilometer Entfernung.
Ziel ist die REDEMPTION. Und der Kahn hat wie es aussieht keine Schilde mehr. Kriegst du den?“
„Habe ihn im Visir. Schicke ne Mav. Fox two, Fox two.
Scheiße, die Aufhängung klemmt. Muss die Rakete desaktivieren. So ein Mist.“
„Ich drehe um und helfe dir.“
„Negativ. Ich schaffe das schon mit den Bordwaffen. Die verdammten Partikelkanonen versagen auch
noch. Ist mal wieder mein Glückstag.“
„Bin gleich da. Drehe bei.“
„Weiter auf Kurs bleiben!“, blaffte Ace, und automatisch gehorchte Shaka.
Nur um durch eine gigantische Explosion geblendet zu werden.
„Erwischt! Junge, Junge, das war ein Meisterschuss! Aber mit deiner Mühle solltest du erst mal
zurück auf die RED. Mit defekten Waffen nützt du uns nichts hier draußen, Chef.“
Stille antwortete dem Piloten. Er schloss zur Blauen Staffel auf und von dort zur Roten. Vorerst
schloss er sich dem CAG an, der einen seiner Flügelmänner verloren hatte.
„Ace?“, fragte er nach einiger Zeit vorsichtig.
Bis nach und nach die Erkenntnis durchsickerte. Ace war bestimmt zu nahe dran gewesen, als die
Rakete hochgegangen war. Immerhin war es eine Antischiffsrakete gewesen. Bestimmt trieb sein
Leader gerade mit einer schrottreifen Mühle durch das All und wartete auf ein SAR-Shuttle. Er
unterdrückte den Impuls, aus der Formation zu brechen und bei der Suche nach Ace zu helfen.
Stattdessen tat er seine Pflicht und holte sich endlich seinen ersten Abschuss.
„Jaaaaa! Ace, ich habe mir einen geholt!“
„Funkdisziplin!“, blaffte Cunningham über Direktfunk. „Ich verstehe ja, dass Sie Ihren Wing Leader
rächen wollen, Pilot. Aber blockieren Sie den Funk nicht mit diesem Unsinn!“
„Rächen?“, fragte Shaka vorsichtig, während er eine Bloodhawk davon überzeugte, dass der Platz in
der Sechs des CAGs der unsicherste des gesamten Universums war.
„Sie haben doch gesehen, dass er in die Antischiffsrakete reingeflogen ist?“, fragte der CAG verdutzt.
Es war für Shaka, als hätte ihn jemand eiskalt abgeduscht. Ihm gingen Gedanken durch den Kopf, die
ersten Treffen mit Ace, die Lehrstunden, der erste Feindeinsatz, nur eine gute Stunde her.
Er dachte daran, versuchte es zu denken, aber es ging nur langsam in seinen Schädel rein. Ace war tot.
Niemand rammte eine Antischiffsrakete und überlebte.
Als seine Warnanlage heulte, reagierte Shaka automatisch, stieß Täuschkörper aus und drehte ab. „Der
Kampf ist noch nicht vorbei“, versuchte er sich selbst Mut zu machen. „Zum trauern ist später noch Zeit.“

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:06
"Schadensmeldung!" Rene Chantir richtete sich langsam wieder auf. Ein warmer Strom Blut sickerte
aus einer Platzwunde an ihrer Stirn.
Sie taumelte leicht und stützte sich auf den Kartentisch. Es war ein Wunder, dass sie noch lebten.
"Schilde Backbord, Bug und Oberdeck ausgefallen!" Der Operationsoffizier der Agamemnon hatte
sich aufgerappelt. "Hüllenbruch auf dem 1., 2. und 3. Vorderdeck."
"Ma'am Commander Jensen ist tot", meldete eine Junge Offizierin, die neben der Leiche des ersten
Offiziers hockte.
Chantir taumelte rüber zur Radarkonsole: "Das Schlachtschiff?"
Der Radartechniker gab ein paar Befehle ein und das Radarbild wurde von einem Kamerabild ersetzt.
Von dem Schlachtschiff war nur noch ein Wrack übrig. Flammen loderten aus seinem Inneren.
"Ma'am von der Princeton werden Rettungskapseln gestartet."
Chantir griff zum Mikrophon: "1MC: Allem Mann klar zum Bergen Überlebender!"
Dann wandte sie sich an die Brückenbesatzung: "Rudergänger: Hart Steuerbord, 180 Grad!
Signaloffizier: An Redemption: fahren Rettungsmanöver!"

Captain Miranda Vasquez war bisher überzeugt gewesen zu überleben, zumindest, wenn die Madrid
weiterhin die als 'Vampir' bezeichnete Redemption begleiten würde.
Doch nun im Feuer des Akariischlachtschiffe schwand die Zuversicht. Die Redemption hatte
mittlerweile fünf Treffer kassiert. Der nächste würde die Schilde durchbrechen.
"Waffenoffizier: ECM abschalten! Notenergie auf die Schutzschilde!" Vasquez stemmte sich auf den Kartentisch.
Das Schlachtschiff feuerte erneut. Mittlerweile hatte es das Feuer aber aufgeteilt.
"Hoffentlich schaffen sie es", wisperte der Rudergänger. Alle wussten, das er damit die Agamemnon
und ihre Begleiter meinte.
Die Raketen des Schlachtschiffes nahmen jetzt statt der Redemption - die sich unter ihrem eigenen
ECM verbarg - den deutlich erkennbaren Zerstörer aufs Korn.
"Ma'am, das Raketenfeuer der Redemption hat aufgehört!"
Vasquez fluchte und hoffte inständig, das die Feuerpause nur temporär war und nicht, dass die
Raketenmagazine leer waren.
"Kollisonsalarm! Raketen haben uns erfasst. Zähle 18 Reinkommende. Nein, 20, 23, ... 26 ....
verdammt! Vier haben die Redemption erfasst!"
Schweiß erschien auf Vasquez Stirn: "Raketenfeuer auf die vier Vampire!"
"Aye, aye Ma'am!"
Die Raketenwerfer der Madrid legten nach einigen Sekunden erneut los. Doch es wurden exakt nur die
vier Raketen beschossen, die nicht auf die Madrid zuhielten.
Schließlich setzte die Nahabwehr ein und holte einen Großteil der reinkommenden Raketen herunter.
"Gesamte Besatzung klar bei Rettungskapseln", befahl Vasquez. Sie wusste es war zu spät, keiner
würde mehr entkommen.
Ein älterer Unteroffzier begann zu beten:
"Und das Licht von zehntausend Sonnen verzehrte Sie.
Universum! Herr! Unser aller Gott!
Erbarme Dich unseren Seelen.
Erbarme Dich derer, die Dir trotzen! Deiner Unendlichkeit! Deiner Ewiglichkeit! Und Deiner
Herrlichkeit!
Vergib uns unsere Sünden.
Wir wollen in Deiner Heerscharen Dienst tun!
Dein flammendes Schwert hinaus in die fernsten Winkel Deiner selbst tragen!
Und Deiner wollen wir lobpreisen!
Du Du bist der Anfang! Der Schöpfer! Und ewiger Prüfer!
Amen."
Am Ende neigte sich seine Stimme zu einem schrillen Schrei.
"ALLE MANN VON BORD!" schrie Vasquez doch schon im gleichen Moment schlugen die Raketen ein.
Im hellen Glanz wurde der Zerstörer herumgeworfen. Die Schilde brachen, kurz darauf wurde die
Panzerung durchstoßen.
Das atomare Inferno brach sich den Weg ins Innere des Schiffes frei.
Innerhalb von wenigen Sekunden wurde der stolze Zerstörer und seine über 400 Mann starke
Besatzung verbrannt.

Auf der Brücke der Redemption sah man fassungslos zu, welches Schicksal die Madrid ereilte. Dieser
kleine tapfere Zerstörer hatte die Redemption bisher auf jeder Feindfahrt begleitet.
"Da kommen welche durch!" kreischte ein Radartechniker und tatsächlich drei Antischiffraketen der
Akarii brachen durch die Feuerwand.
Durch die Trümmer gestört, setzte die Nahverteidigung viel zu spät ein und holte nur eine der drei
Raketen runter.
Die Schilde der Redemption blitzten bläulich-weiß auf. Ein Ruck ging durch das riesige Kriegsschiff..
Die gesamte Backbordwand wurde grellrot von der Explosion erhellt.
"SCHADENSBERICHT!" Clarke hatten den Rhythmus der Schlacht endlich gefunden.
"Direkter Treffer Mittschiffs! Backbordschilde ausgefallen! Hüllenbruch auf den Decks 23 - 27
Sektionen C3 bis D1!" Auson gab Befehle in ihre Konsole ein: "In Sektion D1 haben wir Stromausfall,
Sicherungsteams sind unterwegs um die Sicherheitsschotten zu schließen!"
Auf den Decks 23 - 27 in den Sektionen, wo der Hüllenbruch war herrschte Chaos, Grauen und Tod.
Männer und Frauen verbrannten im Inferno der Ankariiraketen und von denjenigen, die es überlebten,
wurde gut die Hälfte ins All gesogen.
In den Sektionen C2 schlossen sich die Sicherheitsschotten automatisch. Eine dieser 60 Zentimeter
breiten Schotten teilte einen jungen Raumfahrer in zwei Teile, der sich mit letzter Kraft vor dem Sog
zu retten versuchte.
In den Sektionen D2 war es um einiges schwieriger. Da der Strom ausgefallen war, mussten die
Notschotten per Hand geschlossen werden.
Laut Betriebsanleitung kein Problem, da die historisch wirkenden Drehräder sich durch permanente
Wartung im perfekten Zustand hätten befinden müssen, doch hatten der Zahn der Zeit während der
Einmottung des Trägers an den Rädern genagt und nach der überhasteten Reaktivierung hatte man
kaum Zeit für diese Schotten gefunden.
Also kämpften die Raumfahrer nicht nur gegen den Sog, sondern auch gegen die Drehräder der
lebensrettenden Notschotten.
Schließlich nahm in der betroffenen Sektion der Notstromkreis seine Arbeit auf und die Schotten
schlossen sich wie von Geisterhand.

Auf der Brücke der Bakersfield war professionelle Ruhe eingekehrt. Sie hatte sich von dem Verband
gelöst und sollte nun mit ihrer enormen Bewaffnung das Jagdgeschwader unterstützen.
Stefan Hold der Kommandant des Kreuzers hatte 15 Jahre gebraucht um ein eigenes Kommando zu
bekommen. Die Offiziersschule der TSN hatte er als vorletzter seines Jahrgangs abgeschlossen, den
Perisher hatte er nur ganz knapp als "gerade noch geeignet" abgeschlossen. Doch er zählten zu den
Leuten, wie es sie in allen Streitkräften der Erde im Laufe der Geschichte gegeben hat. Er war ein
Praktiker. Seine Lehrer hatten ihn mit George Armstrong Custer verglichen. Doch Hold dachte nicht
daran dessen Schicksal zu teilen.
"Mr. Sung: Geben Sie die Geschwaderfrequenz auf den Hauptkanal!"
"Aye, Skipper!"
"... damt, brich weg Shrike!"
"Ich versuch ja......."
"..... Jaws, wir nehmen sie in die Zange!"
"Yeah Boss, wenn die 'hawks uns lassen."
"Er kommt näher, ... verdammt, ... ich kann nicht ... doch ...... NEEEEEIIIIIIIIIIIINNNNN!"
"SHRIKE! VERFLUCHT SHRIKE!"
"Yeah! Blattschuss!"
"SHRIKE! OH MEIN GOTT!"
"Radio: Kümmer Dich um den Schreihals, sonst leistet sie Shrike Gesellschaft!"
"Einfühlsam, wirklich einfühlsam Skip..... FUCK! BRICH WEG KLEINE! FOX TWO! FOX TWO!"
"Lightning für Lone Wolf, von 382 kommt eine neue Gruppe Reaper!"
"Roger! Kali! Rusty! Flankenformation!"
"WAS? Drei gegen zehn?"
"Besser wird die Quote heut nicht mehr Rusty......"
"Captain, wir sind in Raketenreichweite!"
"Kriegen wir die 10 Neuankömmlinge?" Wollte Hold wissen.
"Roger."
"Vektorschießen, drei Raketen pro Reaper. Feuer Frei!"
"Aye! Aye! Vektorschießen, drei Raketen pro Reaper!" Bestätigte der Waffenoffizier.
Der Ticonderoga-Class Kreuzer war dazu ausgelegt andere Großkampfschiffe anzugreifen oder als
Begleitschiff für einen Träger zu dienen.
Hold konnte sich nicht daran erinnern, wann ein Kreuzer derart schon mal in ein Jägergefecht
eingegriffen hätte.
Was er als nächstes aus dem Lautsprecher hörte, bestätigte seinen Verdacht, dass sich auch die Flieger
nicht daran erinnern konnten, geschweige denn mit so was gerechnet hätten.
In ihrer puren Arroganz hatten sie diese mehrere Zigtausend Tonnen schwere Kriegsschiff einfach
übersehen. Ein Blick auf dem Hauptschirm veranlasste ihn jedoch seine Meinung zu ändern. Bei dem
wahnsinnigen Durcheinander, konnte NIEMAND auch noch auf ein sich näherndes Kriegsschiff achtern.
"Verflucht, wer feuert da?"
"..... AAAAAAAAAAAAAAAAaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh hhhhh!"
"Der Kreuzer da! Es ist die Bakersfield!"
"Yeah, jetzt sind die Schuppenflechten Geschichte!"
"Ja ..., ja ..., HAB IHN!"
"Die Bomber formieren sich neu!"
"Holt Euch die verdammten Bomber!"
"Nur die Ruhe Darkness....."
"Waffenoffizier: Feuer nach eigenem Ermessen!" Holt verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
Wie ein Löwe unter einem Rudel Hyänen stach die Bakersfield hervor und feuerte Ihre mächtigen
Breitseiten ab.
Holt fühlte sich großartig. DAS war SEINE Schlacht. Wie lästige Mücken schwirrten Akarii und
terranische Jäger um die Bakersfield herum.
"Skipper, da haben sich ein paar Akarii-Bomber formiert. Identifikation: Bomber! Avenger!" Wurde
er von einem Radartechniker aus seiner Euphorie gerissen.
"Abwehren!" Wie konnten es diese Mücken wagen?
"Wir werden angepeilt! RAKETENSTART!"
Holt stützte sich auf den Kartentisch: "Ja, versucht es nur. Versucht es nur." Er flüsterte beinahe, doch
die Brückenoffiziere, die ihm am nächsten waren hörten ihn.
Irritiert drehten sich einige zu ihm um.
Die Nahbereichsabwehr eröffnete das Feuer, doch zwei Raketen wurden vom Impulslaser verfehlt.
Der doppelte Ruck, der die Bakersfield erschütterte hob Holt von den Beinen und schleuderte ihn
gegen ein Geländer. Das laute Knacken, dass das Brechen seines Genicks begleitete übertönte selbst
die Warnsirenen.

Maxwell Harris der 1. Offizier der Bakersfield betrachtete den leblosen Körper seines Kommandanten,
danach ließ er seinen Blick hilflos über die Brückenoffiziere gleiten.
"Die formieren sich erneut!" Kam die Meldung von der Radarstation.
Harris schluckte: "Ab ... ab ... abwehren!"
Der Waffenoffizier reagierte von der Lähmung seines Vorgesetzten angesteckt viel zu spät. Ein
Großteil der reinkommenden Raketen brachen durch.
Die Schilde brachen und unsägliche Gewallt riss an der Panzerung.
Mit aller Gewallt hielt sich Harris am Kartentisch fest. Eine der Außenkameras zeigten einen der
Avenger. Der Bomber wurde von einer der Raketen der Bakersfield erwischt. Der Pilot bearbeitete
seinen Steuerknüppel wie ein Berserker, doch der Bomber blieb auf Kurs.
Wie in Zeitlupe sah Harris den Avenger auf die ungeschützte Breitseite der Bakersfield zurasen. Auf
den Zügen des Akarii glaubte er panische Angst zu sehen.
Rollen! Du musst das Schiff rollen! Brüllte eine Stimme in seinem Gehirn, doch er starrte nur auf den Monitor.
Der Avenger bohrte sich durch die angeschlagene Backbordpanzerung des Kreuzers.
Treibstoff explodierte und flammendes Inferno breitete sich in das Innere aus.
Harris erwachte langsam aus seiner Starre: "Alle Mann von Bord, wir evakuieren das Schiff!"
Während sich immer mehr Rettungskapseln lösten, brach der Kreuzer langsam in der Mitte
auseinander.
Und die Akarii hatten genügend Jäger, so dass die Bomber durchbrechen konnten.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:07
Mittlerweile waren einige Maschinen aus dem Geschwader der Majestic eingetroffen. Insgesamt etwas
über Staffelstärke handelte es sich hauptsächlich um Mirage, einige Griphens und ein Paar
Nighthawks. Letztere scheuchten ein einzelnes Shuttle der Akari vor sicher her, welches kurz darauf
im Kreuzfeuer der Jäger explodierte. Dann griffen die Jabos der Majestic den vorderen Teil des
Konvois an und sorgten sofort für weitere Verwirrung.
Unterdessen hatten die Mirage der Redemption ihre restlichen Mavericks verschossen und befanden
sich nun im Nahkampf im Konvoi. Murphy konnte erkennen, dass das Flakfeuer zunahm und vor
allem immer genauer wurde. Schon mehrere Bomber hatten sich angeschlagen zurückziehen müssen
und bisher waren nur eine Handvoll von Transportern vernichtet, auch wenn viele von dem Angriff
der Bomber angeschlagen waren. Nicht zum ersten Male wünschte sich Martell eine schwere
Bomberstaffel herbei. Letztendlich war der Angriff der Mirage auf solche Ziele nur eine Notlösung,
Crusaders mit ihrem erheblich größeren Raketenvorrat und Panzerung hätten hier ein Schlachtfest
veranstalten können, das den Fliegern der Redemption schlichtwegs unmöglich war. Dennoch führte
er seine Jaguars zurück in den Konvoi.
„Jaguars, ein Anflug auf Tango 6, danach Feuer nach Belieben, aber versucht euch auf die
angeschlagenen Ziele zu konzentrieren.“
Murphy richtete seine Maschine auf das Ziel aus und wartete, bis es seine ganze Cockpitscheibe
ausfüllte, dann feuerte er zwei Gruppen Hydras ab, wobei er versuchte, ein Loch, welches die
Mavericks der Mirages gerissen hatten, zu treffen. Die erste Salve ging fehl und explodierte ohne
einen großen Schaden zu hinterlassen, an der massiven Panzerung. Die zweite Salve hingegen stieß
durch das Loch ins Innere des Schiffs hervor und entlohnte Martells Bemühungen mit mehreren
Sekundärexplosionen. Dann rollte Murphy sein Maschine auf den Kopf und zog dann den
Steuerknüppel so weit zurück, wie er konnte. Nur mit viel Glück konnte er den größeren Aufbauten
des Zieles ausweichen, so nah war er herangeflogen. Da wütende Flakfeuer schoss an ihm vorrüber,
sein gewagtes Manöver zahlte sich aus, denn das Feuer lag zu weit vom Schiff weg.
„Scheiße, war das knapp,“ jappste Gladius. „Ich hoffe, Sie haben Ihre Brille dabei.“
Murphy grinste: „Willst du mir unterstellen, ich wäre kurzsichtig.“
„Warum fliegt man sonst so nah an ein Ziel ran?“
„Um das junge Volk mal etwas zu fordern. Erneuter Anflug, wir wollen mal schauen, ob wir das Loch
noch etwas vergrößern können.“
„Aye, ....Sir, der Golfkreuzer hat seine Position geändert.“
„Was? Verdammt, der kommt hierher. Ok, wir müssen uns beeilen, diesen Pott zu erledigen. Wenn der
Golf da ist, dann wird es eng.“ Murphy verspürte keine Lust, sich mit einem Kreuzer anzulegen, wenn
die Mirage ihre Mavericks verschossen hatten. Noch ein Grund, sich Crusaders herbeizuwünschen.
Murphy fühlte sich wie Shakespeares Richard III....nur dass er kein Königreich hatte.
„Verstanden.“ Gladius Stimme war wieder ruhig.
Während des neuen Anfluges konnte Murphy sehen, wie Thunders Flught einen Frachter erledigten.
Offensichtlich war es ein besonders altes Exemplar gewesen, denn die Raketen wirkten trotz ihres
kleinen Sprengkopfes auf das Schiff wie ein Dampfhammer. Panzerschotts flogen davon und die
Triebwerke erloschen, dann sah Murphy, wie einige Rettungskapseln davonschossen, bevor der
Frachter explodierte. Offensichtlich hatte er Fahrzeuge für die Bodenstreitkräfte geladen, denn die
Schrottteile, die davonflogen, erinnerten frappierend an einen Flakpanzer.
Einer weniger, aber die Arbeit war längst noch nicht getan. Murphy fragte sich, wo die Staffeln der
anderen Träger blieben. Waren die etwa in einen Hinterhalt geraten? Man konnte doch nicht mit drei
leichten Jabostaffeln einen großen Konvoi zertrümmern. Mehr und mehr beschlich ihn das Gefühl,
dass die Aktion ein Fehlschlag war, die alles zuvor gewesene um Längen übertraf. Verdammt! Wütend
hämmerte er mit der linken Hand, mit der er den Schub kontrollierte, auf die Lehne seines
Schleudersitzes. Dann musste er sich auf den neuen Anflug konzentrieren. Der Kapitän von Tango 6
hatte seine verwundbarste Stelle erkannt und versuchte, mit einer Rollbewegung den Jägern eine
weniger beschädigte Stelle zuzuwenden. Murphy schüttelte den Kopf. Das mochte ja gegen
Dickschiffe Erfolg haben, aber gegen die schnellen Jäger....er korrigierte den Kurs leicht, begann dann
mit einer Fassrolle, die die Bemühungen der Flak, ihn anzuvisieren, zum Scheitern verurteilten und
drückte dann, als er nah genug heran war, den Steuerknüppel nach vorne, bis er die Wunde im Panzer
von Tango 6 im Visier hatte. Dann feuerte er wieder zwei Doppelsalven ab, womit er das erste
Hydrapaar leergeschossen hatte. Noch während er wegzog, warf er die nunmehr nutzlose Außenlast
ab, die im zornigen Abwehrfeuer explodierte. Der Blick zurück zeigte ihm, dass Gladius, dessen erster
Angriff noch überhastet gewesen war, nun ruhiger agiert hatte und beide Salven ins Ziel gebracht
hatte. Er imitierte Murphys Manöver, wählte jedoch einen etwas anderen Ausgangsvektor, um die
Gefahr von Streifschüssen zu mindern. Dann sah Murphy, dass der riesige Truppentransporter von
Erschütterungen bebte.
„Scheiße, der Kahn fliegt gleich in die Luft. Jaguars, weg von Tango 6, das Ding geht gleich hoch.“
Murphy aktivierte den Nachbrenner. Keine Sekunde zu früh. Nur wenige Momente später explodierte
der Transporter in einer gigantischen Explosion, die einen benachbarten Frachter mit sich in den Tod
riss. Auch zwei Mirage, die den Anflug zu spät abgebrochen hatten, wurden von den
hochbeschleunigten Trümmerteilen zerfetzt. Martell und Gladius selbst wurden heftig
durchgeschüttelt.
„Status, Gladius.“
„Habe leichte Schäden am Triebwerk, maximale Leistung auf 89,5%. Heckschilde sind erst mal weg.
Leichte Schäden an den Hecksensoren. Positionslicht hinten rechts ausgefallen. Hüllenintegrität auf 95%.“
„Ok, halt dich zurück. Thunder, Snake Bite, wie sieht es aus?“
Thunder meldete sich als erste. „Wir haben nur noch wenig Munition, Icepick hat mittelschwere
Schäden, insbesonder am Triebwerk. Goose hat minimale Schäden, kann aber weitermachen.“
„Snake Bite hier.“ Die junge Pilotin klang verzweifelt. „Sir, Tango und ich sind grün, aber es hat
Crimson erwischt. Ist mitten in eine Salve reingeflogen. Kein Schleudersitz.“
Verdammt, noch einer. Das Gefecht wurde zu dem, was es versprach, eine sehr blutige Angelegenheit
für beide Seiten.
„Ok, Icepick soll sich mit Gladius zusammenschließen und sich an die Peripherie des Gefechts
absetzen. Spielt den Beobachter. Wenn ihr ein einzelnes, angeschlagenes Ziel seht, greift an, aber geht
nicht mehr ins eigentlich Gefecht. Goose kommt an meinen Flügel.“
Dann schaltete er auf einen Privatkanal zu Snake Bite. „Alles in Ordnung?“
„..J..aa Sir. Es geht.“
Martell ahnte, wie es Snake Bite ging. Erstes Gefecht als Flightcommander und gleich zwei Leute aus
dem Flight verloren, das war hart. Auch wenn es nicht ihre Schuld war.
„Brawler, wie siehts bei dir aus?“
„Wir beiden haben Spass. Allerdings hört der bald auf, ich habe grad meine letzten Hydras
verschossen und Enigma hat auch nur noch eine Salve.“
„Gut, kommt zurück in Flightformation. Alleine mit Bordwaffenfeuer wird es schwierig.“
„Copy, wir sind unterwegs.“
Murphy wartete, bis Goose an seinem Flügel war, dann flog er zum hinteren Rand des Konvois, wo
auch die Mirage der Staffel Gold wüteten. Auch die Flieger der Majestic, die im Verlaufe des
Kampfes weiter dezimiert worden waren, sorgten für reichlich Verwüstung im vorderen Bereich des
Konvois. Einige der Frachter sahen nicht gut aus. Leider waren die beiden anderen Truppentransporter
im Feuerschatten des Trägers und eines Kreuzers. Da verbat sich ein weiterer Angriff ohne Mavericks.
Viele der Frachter verfügten über beachtliche Geschütze, auch wenn ihre Treffsicherheit nicht wirklich
hoch war. Aber die Masse ersetzte hier die Klasse und kostete immer mehr Piloten das Leben oder
zumindestens die Maschine. Murphy erkannte mehrere Schleudersitze. Gott sei Dank war ein SAR
Shuttle der Red aufgetaucht und hatte Wombat aufgesammelt. Nun wagte sich die tapfere Besatzung
mitten ins Feuergefecht und die Mirage verdoppelten ihre Anstrengungen, etwaige Hindernisse aus
dem Weg zu räumen. Glücklicherweise hatten auch die Jabos noch Hydrabehälter dabei und die im
Vergleich zum Griphen stärkere Bordbewaffnung erwies sich gegen die kleineren Frachter als recht
effizient. Die größeren Frachter hingegen waren oft harte Nüsse, die nur dauerhafter konzentrierter
Beschuss beeindrucken konnten.
Martell suchte sich einen Frachter als Ziel aus, der offensichtlich schon angeschlagen war und deshalb
aus der Formation gefallen war. Offensichtlich war er nur minimal bewaffnet und das Abwehrfeuer
war nur sporadisch. Wahrscheinlich war die Mannschaft mehr mit der Schadenskontrolle beschäftigt,
als mit der Abwehr weiterer Angriffe. Doch das beeindruckte Murphy nicht, als er die
Triebwerkssektion mit Hydras und Bordwaffen unter Feuer nahm. Goose, Brawler und Enigma taten
es ihm gleich und der angeschlagene Riese verlor seinen Antrieb. Noch bevor die vier Griphen Piloten
einen erneuten Angriff starten konnten, gaben ihm zwei Mirage von Staffel Gold den Gnadenstoß.
„Danke für die Vorarbeit,“ meldete sich Raven.
„Nichts zu danken. Wie ist euer Status?“
Ravens Stimme wurde sofort ernster. „Ich habe vier Maschinen verloren, Bäcker sogar 5.
Hydramunition ist nur noch im geringen Umfang vorhanden. Und die Jungs von der Majestic haben
mir grad signalisiert, dass sie den Rückzug antreten, die haben alles verschossen. Wenn das so
weitergeht, dann müssen wir hier bald abhauen.“
Murphy nickte. „Das sehe ich auch so. Zumal ich keine Ahnung hab, wann die Jäger von dem Träger
hier wieder eintreffen. Ich kann kaum glauben, dass die nur eine einzige Staffel als Jägerdeckung hier
gelassen haben.“
Plötzlich meldete sich Icepick. „Sir, wir haben Kontakte, die schnell näher kommen. Computer
bezeichnet sie mit hoher Wahrscheinlichkeit als Jäger. Schätzungsweise mehrere Staffeln.“
„Da kommen sie. Raven, einer meiner Leute draußen meldet mir feindliche Jäger, mehr als wir
bekämpfen können.“
„Verdammt, das war es. Immerhin, nen gutes Drittel der Frachter ist hin.“
„Eine Minute geb ich uns noch, dann hauen wir ab.“
„Einverstanden.“
Murphy zögerte nicht lange und flog das nächste Ziel, einen größeren Frachter, an. Das Abwehrfeuer
war heftig. Murphy konzentrierte sich voll auf den Anflug. Da war ein Loch, sehr gut. Murphy raste
auf den Frachter zu, feuerte alles, was er noch an Hydras hatte, ab und zog im letzten Moment mit
einem Immelmann Manöver am Ziel vorbei. Brawler und Enigma taten es ihm gleich, doch Goose
hielt seinen Kurs bei.
„Scheiße, Treffer an den Schubdüsen, Verdammt..AAAAAAAAAAAAH...“ Die Verbindung brach
ab. Goose raste mit vollem Schub in den Frachter rein. Die Maschine zerschellte am Rumpf, aber die
kinetische Energie war zu groß, als dass der Frachter ihr hätte widerstehen können. Er brach in zwei
Teile.
Murphy musste sich auf die Zunge beißen, um die Tränen zurückzuhalten. Noch einer seiner Männer.
Noch ein Brief an die Angehörigen. Noch ein Name der auf einer Gedenktafel stehen würde anstatt
nach Kriegsende heimzukehren. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen, denn
die Feindjäger rückten näher. Icepick und Gladius waren bereits abgehauen, da sie wussten, dass sie
noch langsamer sein würden als die Mirage. Auch die Maschinen der Majestic hatten sich bereits
abgesetzt. Die verbliebenen sieben Griphen würden den Rückzug decken müssen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:07
Kiel an Kiel lagen die Schiffe des Matjestic-Verbandes jetzt mit den Akarii im Clinch. Diese Art des
Flottenkampfes sollte eigentlich mittlerweile ausgestorben sein.
Die Terraner waren eindeutig im Nachteil. Der Feind hatte mehr Schiffe und mehr Jäger im Gefecht.
Und jetzt schob sich auch noch der Flottenträger heran.
"KanK-Spruch an die Redemption!" bellte Usher: "Haut hier ab, wir beschäftigen sie!"
"Aye, aye Ma'am!" bestätigte der Signaloffizier.
"Steuermann! Bringen Sie uns ran an den Flottenträger!"
"Ma'am?"
"Na los, machen Sie schon, wir holen uns den Drecksack!"
"Aye, aye Ma'am."
"Ma'am, die Ares und die Mölders schließen auf!" meldete ihr 1. Offizier.
Ein Blick auf den Hauptschirm sagte ihr, dass die verbliebenen drei Schiffe sich nicht mehr lange
halten würden und schon sah sie wie einer der Zerstörer auseinanderbrach.
"Waffenoffizier: Vektorschießen, volles Feuer auf den Träger!"
Sie sah wie sich der Träger nach steuerbord drehte und sich auf die rechte Seite legte. Kaum war das
Manöver beendet, erwiderte das riesige Akarii-Kriegsschiff das Feuer mit Direktbeschuss.
"Näher rann! Wir passieren ihn in Gefechtslinie und decken ihn mit allem ein, was wir haben!"
Die Matjestic begann, gefolgt von der Ares, mit ihrem Anflug. Die Mölders musste einen schweren
Treffer am Heck einstecken und fiel zurück.
"Da taucht was aus dem Schatten des Trägers auf! Ein Golf!"
Der Bastard aus Kreuzer und leichtem Träger schob sich zwischen die Majetstics und die Ares.
Schweres Laserfeuer wurde ausgetauscht.
Die Golf war eigentlich als Flakschiff gebaut worden und dem schweren Kreuzer daher eindeutig
unterlegen, doch das schien den Akarii nicht sonderlich zu stören.
Der Träger der Akarii war immer näher an die Majestic herangekommen. Ein entfernter Beobachter -
so es diesen gegeben hätte - hätte den wahren Größenunterschied der beiden Schiffe gesehen.
Der kleine trotzige Erdenträger, gegen diesen Leviatan von Akariikoloss.
Plötzlich wendete der Akarii-Träger mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte
auf die Majestic zu und tauchte seine gesamte Oberdecksbatterie abfeuernd unter ihr durch.
Im selben Moment ließ der Golf von der Ares ab und vollführte einen Vorbeiflug bei der Majestic.
Der Träger der Akarii hingegen legte sich auf die Steuerbordseite und vollführte einen Vorbeiflug an
der Ares.
Die vernichtende Salve des Trägers riss an dem Erdenkreuzer, der nach einem schweren Treffer
Achtern anfing zu treiben.
Auch der Rumpf der Majestic war schwer gezeichnet. Mittschiffs gab es zwei Sekundärexplosionen.

Der Admiral bleckte sich die Lippen: "Kommunikation: Sprechen Sie terranisch?"
Der Kommunikationsoffizier sah den Admiral etwas unschlüssig an: "Nun, nur das, was wir auf der
Funkschule beigebracht bekommen haben."
"Können Sie sie auffordern sich zu ergeben?"
"Jawohl, My Lord!" Der Kommnikationsoffizier wandte sich seinen Instrumenten zu: "Terranische
Schiffe, terranische Schiffe, hier spricht der Flottenträger Promma der imperialen akariischen
Weltraumstreitkräfte, hiermit werden Sie aufgefordert sich zu ergeben. Wir sichern Ihnen eine
ehrenvolle Behandlung zu!"

"Ma'am, wir müssen das Schiff aufgeben!" Usher starrte ihren Stellvertreter entgeistert an. Dieser
sprach jedoch ungerührt weiter. "Der L.I. hat den Reaktor runtergefahren, bevor er uns um die Ohren
fliegt. Die Hilfsenergie arbeitet nur mit 42 Prozent. Überall auf dem Schiff wüten Brände."
"Ma'am", mischte sich der Signaloffizier ein, "die Ares, sie sendet den Akarii, dass sie kapituliert, die
Schilde und Waffensysteme wurden abgeschaltet."
"Niemals!" hauchte Usher. "Waffenoffizier: Volle Breitseite auf den Träger!"
"Ma'am?" Fragte der Mann ungläubig.
"Sie haben den Captain gehört!" schnautzte ihn - sehr zu Ushers Verwunderung - ihr 1. Offizier an.
"Aye, aye, volle Breitseite!"

Der Admiral blinzelte ungläubig, als der terranische Träger eine Salve Raketen abfeuerte.
"Steuermann! Zeigen Sie ihnen unser Oberdeck. Waffenoffizier: Oberdecksraketen, Direktfeuer! Volle
Breitseite!"
Der Träger legte sich erneut auf die Seite und antwortete dem sporadischen Feuer der Majestic mit
einer todbringenden Salve nach der anderen.
Ungerührt sah man zu, wie die Raketen erst die schwachen Schilde des Terraners brachen und sich
kurz darauf durch die Panzerung sprengten.
Schließlich fand eine der Raketen das Munitionsdepot des leichten Trägers und verschlang ihn in
einem Feuerball, der einer Sonneneruption alle Ehre gemacht hätte.

Die jägergestützte Antischiffrakete schlug Achtern in die Redemption ein. Das arg geschwächte Schild
leistete kaum Widerstand.
Panzerung platzte ab.
"Feuer im Maschinenraum Nummer 1! Feuer im Maschinenraum Nummer 1! Alle Mann zur
Brandbekämpfung!" plärrte eine emotionslose Computerstimme aus dem Lautsprecher.
"Ich bin unterwegs!" rief Auson dem Captain noch zu, bevor sie - sich die Atemschutzmaske
überziehend - die Brücke verließ.
"Mr. Fischer: Was ist noch zu Bruch gegangen?"
Der Zweite Offizier der Redemption übernahm sofort Ausons Platz: "Der Schildemitter ist zerstört,
wir sind komplett ohne Schilde.
"Captain: KanK-Spruch von der Majestic, man wird die Akarii solange beschäftigen, bis wir uns
zurückgezogen haben."
Clarke schüttelte fassungslos den Kopf: "Steuermann: Wende, 180 Grad, volle Kraft Richtung
Asteroidenfeld. Fischer sehen Sie zu, dass SAR-Shuttles unsere Piloten aufsammeln."
"Die Jerome Custer hat zwei Shuttles zur Pilotenbergung rausgeschickt. Aber die Bomberpiloten, die
es im Akariikonvoi erwischt hat, werden wir nicht rausholen können."

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:08
Die Feindjäger rückten immer näher. Murphy war, als wenn er den Atem der Feinde im Nacken
spüren konnte. Mittlerweile hatten die Jaguars erfahren, was dem Rest der Gruppe der Redemption
widerfahren war. Die Stimmung war angespannt, soweit Murphy es beurteilen konnte. Wenigstens
waren die Mirage entkommen. Eine Staffel Deltavögel führte die Verfolger an. Normalerweise wäre
ein Gefecht Griphen gegen Deltas eine ausgeglichen Sache gewesen, Feuerkraft und Panzerung gegen
höhere Beweglichkeit. Aber in Unterzahl, nach einem kräftezehrenden Angriff und feindlicher
Verstärkung in unmittelbarer Reichweite, machten die Aussichten auf ein Überleben der Jaguars im
Falle eines Kampfes zunichte. Murphy’s Leute hatten den kompletten Treibstoff für den Nachbrenner
aufgebraucht. Glücklicherweise schien auch der Feind nicht mit vollen Tanks ins Gefecht gegangen zu
sein, denn sonst hätte das letzte Gefecht der Jaguars schon längst stattgefunden. Doch die Deltas
kamen immer näher. Plötzlich plärrte der Raketenwarner.
Die Deltas hatten auf maximale effektive Distanz Langstreckenraketen abgefeuert. Nun hatten die
Griphens zwei Möglichkeiten: zu hoffen, dass man die Raketen mit Störkörpern ablenken und ihnen
im Geradeausflug entkommen konnte oder defensive Ausweichmanöver, die zwar bessere Aussichten
auf Erfolg hatten, aber die Deltas noch näher herankommen ließ.
„Formation halten, periodisch Störkörper absetzen.“ Martell war froh, dass die Designer des Griphens
diesen mit großen Störkörperbehältern ausgestattet hatten. In einem Gefecht wie diesem wäre
manchem leichten Jäger schon die Puste ausgegangen. Die Raketen kamen immer näher. Murphy sah,
wie Brawler und Enigma unruhig wurden.
„Nicht zucken, geradeaus!“
Die erste Rakete explodierte an einem Störkörper. Gott sei Dank verwendete niemand für
Langstreckenwaffen IR Suchköpfe. Die konnte man mit einem solchen Manöver nicht täuschen. Die
radargelenkten Waffen hingegen waren zugleich schlauer, als auch dümmer. Schlauer, weil sie mehr
Parameter erlaubten und ein Ziel auch aus anderen Positionen als von hinten erfassen konnten.
Dümmer, weil sie eher Täuschkörpern zum Opfer fielen. So wie hier. Aber die Masse der Raketen
kam näher, ließ sich nicht täuschen. Murphy warf noch mehr Täuschkörper ab. Weitere Raketen
explodierten vorzeitig. Doch drei hielten weiter Kurs auf die fliehenden Griphen.
„Scheiße, mich haben zwei erfasst.“ Thunder klang nicht mehr so cool, wie sie sonst im Gefecht war.
Noch zehn Sekunden....
„Täuschkörper raus, verdammt.“ Doch das Ziel war zu nah. Eine Rakete hatte Brawler erfasst. Dieser
manöverierte im letzten Moment, zündete seinen Nachbrenner, für den er offensichtlich doch noch
einen letzten Rest Sprit übrig hatte. Die Rakete explodierte, doch Brawler war dem Todeskreis, dem
Bereich, in dem ein Raketentreffer effektiv wirkte, entkommen. Das Statusdisplay zeigte nur leichte
Schildschäden. Thunder hingegen hatte schlechtere Karten. Ein abruptes Manöver schüttelte den
ersten Flugkörper ab, doch der zweite explodierte direkt am Leitwerk.
„Raus!“ Thunder bestätigte den Befehl von Murphy nicht, sondern befolgte ihn lieber zügigst. Die
Rettungskapsel entfernte sich schnell vom zum Untergang verurteilten Jäger, der sich ohne große
Explosionen einfach auflöste.

Zehn Minuten später landete der Rest der Griphen auf der Redemption. Murphy verließ nicht einmal
das Cockpit.
„Auftanken, volle Luftkampfladung, aber zackig!“ M’Boko zuckte zusammen. Der Chef schien
ungewöhnlich aufkratzt.
„Das gleich für Snake-Bite. Alles andere kann warten!“
Murphy wandte sich dann an Icepick. „Ich will, dass draußen ein SAR Shuttle wartet. Wenn sich
irgendjemand darüber aufregt, schalten Sie ihn aus, verstanden?“
Icepick nickte. Er winkte Gladius her und die beiden eilten vom Flugdeck.
Jack Murphy fluchte. Nicht auch noch Valeria. Er hatte gesehen, wie die Akarii die Jagd abgebrochen
hatten, offensichtlich mussten sie zurück zum Träger. Aber einen abgeschossenen Piloten würde man
sicherlich zu bergen versuchen. Eine Gefangennahme oder gar die Hinrichtung von seinem XO würde
Murphy nicht zulassen, niemals.
Die Flightdeckcrew, ohnehin bis an die Grenze des Belastbaren gebracht, gab ihr Bestes und so waren
die beiden Jäger schnell wieder startklar. Murphy jagte mit Snake Bite zum Ort des letzten Gefechtes,
während das Shuttle zu folgen versuchte. Glücklicherweise funktionierte das Notsignal von Thunder.
Unglücklicherweise hatten das aber auch die Akarii bemerkt. Vier Deltas waren unterwegs, um
ihrerseits die Pilotin gegen Rettungsversuche zu „verteidigen“.
„Anweisungen, Martell?“ fragte seine alte und neue Flügelfrau.
„Jeder Akarii, der sich zu nah an Thunder herantraut, muss sterben. Wie ist mir egal.“

Das kommende Gefecht würde später in der Erinnerung von Murphy nur noch verschwommen sein.
Bereits bei der Landung auf der Red waren die beiden Piloten erschöpft gewesen. Martell, der
normalerweise für einen Piloten ungewöhnlich bedacht flog, verließ sich nur auf seine Instinkte und
missachtete fast jedes Risiko. Snake Bite stand ihm in Nichts nach. Die ersten beiden Deltas fielen
dem wütenden Angriff der beiden Menschen schnell zum Opfer. Dann entwickelte sich eine wilde
Kurbelei. Snake Bites Maschine wurde mehrfach getroffen wodurch sie alle Bordwaffen verlor. Dann
gelang es ihr, ihre letzte Sidewinder aus nahester Distanz in ein den angeschlagenen Delta zu setzen,
der sofort explodierte und den angeschlagenen Griphen fast mit sich riß.
Murphy erhielt mehrere Treffer in Cockpitnähe, die beinahe sein Lebenserhaltungssystem zerstörten.
Dann setzte er mehrere Salven mit seinen Photonenkanonen in die rechte Tragfläche des Deltas,
welches daraufhin noch mehr Wendigkeit einbüßte. Doch der Akari gab sich nicht geschlagen,
beschleunigte Murphy aus und wendete dann. Auf einmal sah sich Murphy der überlegenen
Frontalfeuerkraft des Feindjägers ausgesetzt und nur mit schier unmenschlicher Gewalt, die er auf den
Steuerknüppel ausübte, entging er der Vernichtung. In einer halsbrecherischen Korkenzieherrolle, an
die er einen Split S anschloss brachte ihn aus dem Schussfeld des ebenfalls wild manöverierenden
Deltas, welches verzweifelt versucht, Murphy daran zu hindern, wieder hinter ihn zu kommen. Doch
Martell war schneller. Die Neutronenkanonen vernichteten auf kurzer Distanz den Rest der
Heckpanzerung des Deltas. Dann bremste der Akarii plötzlich. Murphy konnte nicht mehr ausweichen
und rammte den schwereren Feind, der sofort auseinanderbrach. Wie ein Wahnsinniger riß Murphy im
letzten Moment den Hebel unter seinem Schleudersitz. Das Cockpit schoss in die Höhe, bevor sich die
beiden Jäger im Tode vereinten. Die brutale Gewalt des Raketenantriebs des Schleudersitzes presste
Murphy in die Sitzschale. Dann ließ der Schub nach, als der Raketentreibstoff verbraucht war. Er sah,
wie sich Snake Bites angeschlagener Jäger näherte, in seinem Schlepptau das Shuttle, das bereits
Thunder aufgesammelt hatte. Dann wurde er ohnmächtig.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:08
Kali hörte noch Lone Wolfs Worte im Ohr: „Besser werden die Chancen heute nicht, Rusty.“
Zu dritt gegen zehn Hawks, was für ein Wahnsinn. Dann hatte sich die BAKERSFIELD dazwischen
geschoben, den enormen Druck auf sie alle entlastet. Bis sie eine Staffel Bomber auf sich gezogen
hatte und schwer angeschlagen aufgegeben werden musste.
Doch es war nur eine Atempause gewesen, denn die Akarii hatten natürlich etwas dagegen, dass die
Rote Staffel ihre Bomber vernichtete.
Kurz darauf hatten sich Lone Wolf und seine beiden Wingmen doch mit einer Übermacht Akarii gebalgt.
Und nun stand Kali vor der Entscheidung, welchem der beiden sie helfen sollte. Bei Lone Wolf hingen
zwei Bloodhawks am Arsch, Rusty kämpfte mit einem Deltavogel.
Obwohl es nur wenige Sekunden waren, dehnte sich die Zeit für Helen Mitra in eine kleine Ewigkeit.
„Verdammt!“, hörte sie Lone Wolf fluchen. „Schilde sind runter.“
Damit war ihre Entscheidung gefallen. Sie kehrte ein und putzte dem Commander eine völlig
überraschte Hawk vom Heck.
„Danke, Kali“, brummte Lone Wolf, als er half, die zweite Hawk zu vertreiben. „Sie haben was gut bei mir.“
Helen musste lächeln. Ein Lob vom Boß tat gut. „Jederzeit wieder, Commander.“ Nun aber zu Rusty.
Sie wendete scharf, ging auf Nachbrenner. Aber wo war Rusty?
Sie checkte die Ortung. Keine Spur von seiner Mühle. Nur eine angeschlagene Delta schlich langsam
nach Hause.
Eiskalt kroch die Erkenntnis in ihr hoch. Rusty hatte verloren! Sie ging auf Nachbrenner, dem
fliehenden Feind hinterher.
„Was soll der Scheiß, Kali? Bei mir formieren!“, blaffte Lone Wolf.
„Aber der hat Rusty erwischt! Ich…“
„Das ist egal, Kali. Wenn Rusty noch lebt, werden die SAR-Shuttles ihn retten. Da können Sie nichts
bewirken. Hier sind aber noch ein paar aktive Feinde, die auf unseren Träger zuhalten!“
„Ich…“, Kali schluckte trocken. „Ich hätte ihm helfen sollen…“
„Dann wäre ich jetzt ausgestiegen oder tot“, fauchte der Commander wütend. „Zu wählen fällt niemals
leicht. Munitionieren Sie auf und kommen Sie dann wieder ins Gefecht.“
Die eiskalte Stimme brachte sie wieder zu Besinnung. Tatsächlich hatte sie kaum noch Sprit, die
Raketenaufhängungen waren leer. Es wurde Zeit für sie.
War ihre Entscheidung richtig gewesen? Immerhin war der Commander der CAG. Aber Rusty war ihr
Freund. Schmerzhaft wurde ihr bewusst, dass sie fortan mit dieser Entscheidung leben musste. Wenn
sie denn überlebte.

Als sich die RED zurückzog, übernahm die Blaue Staffel die Hauptlast der Rückendeckung. Die
Akarii hatten zwar genauso genug wie ihr eigener Trägerverband, aber immer wieder wagte ein
vorwitziger Deltavogel den Durchbruch.
Huntress saß erschöpft in ihrer Ersatzmühle. Eine „Leihgabe“ der grünen Staffel. In den anderen
beiden Ersatzmaschinen saßen Demolisher und Avenger.
Trotzdem hatte sie nur noch sechs Maschinen hier draußen. Was hieß, dass lediglich drei Typhoon den
Kampf von Anfang an mitgemacht und überstanden hatten.
Elfwizard war gerade so mit letzter Kraft gelandet. Nemesis lag im Lazarett, Sneaker leistete ihm dort
ebenso Gesellschaft wie Rapier. Bushfire und Cloud waren ausgestiegen und wurden gerade
eingesammelt. Wenn sie denn noch lebten.
Merkur war tot. Er hatte seine Typhoon in eine Antischiffsrakete gelenkt. Wie sie es ihm beigebracht hatte.
Dagger flog noch, war aber verletzt. Wie schwer, wusste Huntress nicht.
Und Foreigner… Das einzige, was ihre Typhoon zusammenhielt, schien der Glaube zu sein.
Sobald der Befehl zur Landung kam, würde Huntress sie zuerst rein schicken. Gleich danach Dagger.
Juliane lachte gehässig. Im Gegensatz zu den anderen Staffeln hatte sie es noch gut erwischt. Sie kam
mit etwas Glück noch auf fünfzig Prozent Bereitschaft…
Was für ein mieser Tag. Und er war noch lange nicht vorbei.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:09
Der Rückweg war ein Alptraum. Nicht, daß die drei Typhoon angegriffen wurden – die Akarii hatten
wohl wichtigere Ziele – aber sie flogen durch die Trümmer der Schlacht.
Zerschossene oder in Stücke gesprengte Jäger, die durchlöcherten und aufgerissenen Hüllen der
Großkampfschiffe zogen vorbei. Akariieinheiten – aber vor allem auch Schiffe der Republik.
Hinter ihnen, das wußten die Piloten, wurden die letzten Mirage der Redemption niedergekämpft, die
sich nach dem kamikazeartigen Angriff auf die Transporter nicht mehr hatten zurückziehen können.
Die Trümmer zahlreicher Frachter zeugten von der Wucht und Zielsicherheit ihrer Attacke. Aber das
war ein schwacher Trost.
Kano hatte den Untergang der Majestic miterlebt, er hatte, wie Imp und Bloodhawk, die letzten
Funksprüche aufgefangen. Wenn es je noch eine Hoffnung gegeben hatte, daß die Schlacht von den
Erdstreitkräften zu gewinnen sei – die Vernichtung des Trägers hatte diese Hoffnung zu Asche
verbrannt. Jetzt ging es nur noch ums Überleben.
Nicht einmal das zerschossene Schlachtschiff der Akarii, das steuerlos durch den Raum driftete,
konnte in dem jungen Piloten Genugtuung wecken. Der Gigant hatte mehrere Zerstörer und einen
Kreuzer in seinem Todeskampf mit sich gerissen.
Einige andere Maschinen schlossen sich den drei Abfangjägern an, auf der Suche nach der
Redemption. Eine Mirage, die linke Tragfläche abrasiert, eine kampfgezeichnete Phantome.
Zweimal passierten kleine Gruppen von Akarii die Erdmaschinen. Jagdbomber oder Bomber auf dem
Rückflug, von einigen Jägern geschützt. Sie hatten kein großes Interesse an den Erdmaschinen gezeigt und
diese hatten sie ebenfalls ignoriert. Alle waren mehr oder weniger beschädigt, ohne Raketen und
mit schwindenden Treibstoffreserven. Blackhawk, als ranghöchster Offizier, hatte einen Angriff auf
die zahlenmäßig überlegenen Feindmaschinen untersagt: „Wir würden zusammengeschossen, ehe wir
`rankämen. Selbst wenn wir es überleben würden – wir würden es nicht mehr zur RED schaffen. Also
Rückflug, auftanken und aufmunitionieren! Wir sind Soldaten und keine Einwegwaffen!“
Nicht, daß irgendeiner der Piloten besonders begierig auf einen Kampf gewesen wäre. Bei Kano hatten
sich im Verlauf des Fluges die Probleme gehäuft. Die Maschine reagierte nur noch extrem faul und zu
allem Überfluß hatte sie nun auch noch angefangen zu „flattern“. Der Steuerknüppel vibrierte, zog
nach Links. Das zwang ihn dazu, den Steuerknüppel krampfhaft – schließlich mit beiden Händen –
festzuhalten. Schweiß rann über Kanos Gesicht. Nach dem aufreibenden Kurvenkampf war das
Schwerstarbeit. Deshalb bemerkte er relativ wenig von seiner Umgebung. Wäre er so alleine
zurückgeflogen, er wäre wahrscheinlich im Vorbeiflug durch einen heimkehrenden Akarii vernichtet
worden.
Imp meldete sich über Funk mit überschlagender Stimme: „Sie fliegt noch! Die alte RED – Sie ist
noch da!“
Kano atmete auf – und mußte sofort den Steuerknüppel fester packen, um ein Ausbrechen der
beschädigten Maschine zu vermeiden. Verbissen kämpfte er mit den Kontrollen des bockenden Jägers.
Ein geflüstertes „Oh mein Gott!“ ließ ihn hochfahren – und erst jetzt sah er den alten Zeus -
Flottenträger genauer an.
Die Flanken des Trägers waren grausam verwüstet worden. Auch Kano erkannte die Spuren eines
Beschusses mit schweren Schiff-Schiff-Raketen. Die Schilde schienen komplett ausgefallen, an
mehreren Stellen war die Panzerung durchschlagen worden. Ein Leck schien groß genug, um mit
einem Jäger hindurchzufliegen. Unbewußt murmelte Kano ein Gebet. Auch wenn er kein sehr
gläubiger Mensch war - dieser Anblick... .
Um den Flottenträger wimmelten die Reste des Geschwaders. Beschädigte oder leergeflogene
Maschinen wollten landen. Andere Maschinen, noch kampffähig oder hastig wieder aufgetankt und
–munitioniert, versuchten einen Abwehrschirm zu bilden, hinter dem sich das waidwunde
Großkampschiff in Richtung Asteroidenfeld schleppte.
Blackhawks Stimme klang fast so ruhig wie immer. Doch ein leichtes Zittern verriet ihn: „Landen!
Seht zu, daß die Mühlen wieder aufgerüstet werden. Und die Anzüge braucht ihr erst gar nicht
auszuziehen!“
Die Warteschleifen in der Reihe der beschädigten Maschinen waren noch einmal aufreibend. Es
dauerte einfach zu lange! Kanos Arme zitterten bereits vor Erschöpfung. Die Sorge um seine
Kameraden kam hinzu. Er konnte weder Lilja, noch Ace ausmachen. Und vor allem – nirgendwo sah
er Kalis Maschine. Zweimal wäre er bei dem Versuch, sich einen besseren Blick zu verschaffen
beinahe mit einem anderen Jäger kollidiert. Ein entnervter First Lieutenant der Gold – Schwadron
schnauzte ihn wütend an. Danach ließ Kano die Extramanöver. Es brachte nichts, wenn er
ausgerechnet JETZT noch einen Unfall baute. Die Landung im Griff des ATLS ging ruckartiger als
sonst vonstatten. Während er in den Hangar gezogen wurde, registrierte Kano beunruhigt, daß nur das
Steuerbordkatapult benutzt wurde, um die aufgetankten Maschinen zu starten. Das verhieß nichts
Gutes...

Im Hangar herrschte blankes Chaos. Aus irgendeiner Quelle strömte Rauch in die riesige Halle, ließ
die Techniker und Bordwarts husten und fluchen. Gleichzeitig wurden Maschinen aufgetankt, mit
Raketen bestückt und gestartet. Schwer beschädigte Einheiten wurden hastig beiseite geräumt, um
Platz für die zu schaffen, die man wieder hinausschicken konnte. Die sonstige Ordnung und Sorgfalt
schien sich in einen wimmelnden Ameisenhaufen aufgelöst zu haben. Da war es ein Wunder, daß
dennoch Jäger neu bestückt und über das noch funktionsfähige Backbordkatapult ausgeschleust wurden.
Kano hatte Schwierigkeiten, die Gurte zu lösen. Beim Austeigen wäre er beinahe, wenig heldenhaft,
auf den Hangarboden gestürzt.
Völlig erledigt lehnte er an der Wand, nahm nur unbewußt wahr, wie ein paar Techniker sich auf seine
Maschine stürzten, geführt von einem völlig verschwitzten und heisergebrüllten Sergeant. „Keine
Chance...zu lange...weg damit! Eh das Ding wieder fliegt haben sie uns am Arsch!“
Dann schüttelte ihn plötzlich jemand an der Schulter. Ein Marine, mit der weiß-roten Armbinde eines
Sanitäters: „LIEUTENANT! SIND SIE VERLETZT?!“ Der Mann brüllte, um den Lärm zu übertönen,
den ein startender Jäger verursachte.
Kano schüttelte den Kopf. Der Sanitäter drehte sich um und hastete weiter. Er hatte wohl Wichtigeres
zu tun. Aber er hatte Kano aus der Lethargie gerissen. Er überwand die bleierne Müdigkeit in seinen
Knochen, machte sich auf die Suche. Nach einem Offizier, einer Maschine – nach seiner Pflicht.
Aber es war Lightning, die ihn fand. Sie war mit noch leidlich intakter Maschine, aber ohne Raketen
und kaum Treibstoff gelandet und versuchte, so schnell wie möglich wieder starten zu können.
Allerdings sah sie sich auch um, wen sie von ihrer Schwadron finden konnte. Dabei entdeckte sie
Kano, der sich etwas planlos durch das Durcheinander wühlte.
„Ohka! Was suchen Sie? Wieso sind Sie nicht bei Ihrer Maschine?!“
Der Pilot sah sie ein paar Herzschläge verwirrt an. Dann riß er die Knochen zu einer Ehrenbezeugung
zusammen: „Lieutenand Commander! Melde zwei Avenger abgeschossen. Eigene Maschine
beschädigt – momentan außer Dienst.“ Seine Stimme schwankte leicht, als er hinzufügte: „Virago hat
eine weitere Feindmaschine vernichtet. Einen Bomber. Aber – sie mußte aussteigen...“
„Hoffen wir, daß die SAR’s sie aufgelesen haben! Lilja hat ganz schön was abbekommen. Stormrider
mußte auch aussteigen. Und Mace hat’s erwischt.“ Das klang kalt, fast grausam in der Gleichgültigkeit
des Tonfalls. Aber jetzt hatte keiner der beiden Zeit, sich damit zu beschäftigen. Wut und Trauer
würden später kommen.
„Kannst du fliegen, Ohka?“ Lightning wußte, mit dieser Frage ließ sie dem Piloten nicht wirklich eine
Wahl. Aber sie brauchte JEDEN, der fliegen konnte. Sie hatte so wenig Alternativen wie Ohka.
„Jawohl! Melde einsatzbereit!“ Dabei wußte Kano selber, daß er nicht gerade diesen Eindruck machte.
Aber er wußte auch, was man von ihm erwartete. Die Navytradition...
„Lassen Sie sich einen ‚Schuß‘ setzen. Sie kriegen eine der Reservemaschinen. Die andere mußte ich
an Huntress geben. Sie braucht Ersatz. Ihre EV konnten schnell eingesammelt werden – und gehen
wieder raus. Ich seh‘ mal zu, wen ich noch finde...“ Sie verbiß sich die Bemerkung, Ohka solle
diesmal mit heiler Maschine heimkehren. Der Junge war gut geflogen – und was jetzt auf ihn zukam,
war nicht leichter.

„Schuß“ war die Bezeichnung für einen ziemlich üblen Chemiecocktail, den manche auch „Kamikaze“
nannten: ein Mittel, um erschöpfte Piloten wieder „auf die Beine zu bringen“. Das Mittel wirkte
mehrere Stunden, unterdrückte erstaunlich effektiv Erschöpfung und Müdigkeit. Allerdings war es
nicht unumstritten – und bei den Bordärzten in schlechtem Ruf. Es gab Geschichten von
Zusammenbrüchen und Kreislaufkollaps nach Verstreichen der Wirkungsdauer. Und daneben hieß es,
daß das Zeug die Piloten „scharf“ machte – was zu einigen „friendly fire“ – Vorfällen geführt haben
sollte...

Kano fand, was er suchte. Bei einer überarbeitet wirkenden Sanitäterin des Marinekorps hatte sich eine
regelrechte Schlange gebildet. Es ging wie am Fließband. Binnen einer halben Minute hatte er den
„Schuß“ und rannte zu den Stellplätzen der Reservemaschinen. Obwohl das Mittel erst nach fünf
Minuten wirken sollte, fühlte er sich schon wesentlich besser. Kurz darauf war er wieder im Raum.


Captain Clark starrte auf die Anzeigen, die das Todesurteil für die Redemption bedeuten konnten.
Schilde zerstört, Hauptwaffenleitkreis außer Dienst, Maschinenraum Eins brannte immer noch.
Mehrere Lecks. Die Begleitschiffe beschädigt oder vernichtet, das Bordgeschwader schwer angeschlagen.
Seine Stimme klang rauh und kratzig: „Steuermann – bringen Sie uns näher an die Agamemnon! Wir
geben uns gegenseitig Feuerschutz. Signal an die anderen Schiffe – Zusammenschließen. Wir müssen
einander Feuerunterstützung geben!“
„Sir.“ Das war der Waffenoffizier. „Der Hauptwaffenleitkreis ist ausgefallen... .“
„ICH WEISS, VERDAMMT!!“ Dieser Ausbruch kam überraschend. Für die Crew, aber auch für Clark
selber. Normalerweise erhob er nicht die Stimme. Aber natürlich war die momentane Situation alles
andere als normal. In ungewohnt scharfem Ton fuhr der Captain fort: „Und wenn Sie die Ziele PER
HAND anrichten müssen – ich will jede Kanone feuerbereit und im Einsatz! Und wenn es möglich ist,
schicken Sie die Shuttles raus. Wir brauchen jede Waffe da draußen. Sie können außerdem die
Ausgestiegenen auflesen. Funkoffizier – Spruch an die Jäger!“
„Jawohl, Captain!“
„Hier spricht Captain Clark. Unsere Lage ist ernst. Die Schilde sind zusammengebrochen, unsere
Geschwindigkeit stark verringert. SIE sind die einzige effektive Waffe, die wir jetzt noch haben, das
einzige Schild der Redemption. Der Gegner wird sich diese Beute nicht entgehen lassen. Die Majestic
hat sich geopfert, um uns den Rückzug zu ermöglichen. An IHNEN liegt es, daß dieses Opfer nicht
umsonst war. Ich verlasse mich auf Sie. ES DARF KEIN FEINDLICHER BOMBER
DURCHKOMMEN! Dies zu verhindern ist Ihre Mission, die absolute Priorität hat! Wenn Sie die
Bomber abwehren, haben Sie ihre Aufgabe erfüllt – selbst wenn es dabei bleibt!“
Nach dem kaum verhüllten Kamikazebefehl herrschte ein paar Augenblicke Schweigen auf der
Brücke. Dann meldete sich der Radaroffizier. Seine Stimme vibrierte vor Anspannung:
„Einkommende Signale! Zwölf – Plus! Feindkennung!“

Lightning musterte ihren Verband. Statt einem vollen Dutzend hatte sie nur noch acht Jäger zur
Verfügung. Und vier der Maschinen, das wußte sie, waren eigentlich nicht voll einsatzfähig, waren bei
dem verrückten „Kavallerieangriff“ beschädigt worden. Einige der Maschinen hatten immerhin neue
Raketen erhalten – und alle waren betankt.
‚Ob das reicht... .‘ Die zusammengeschmolzenen Überreste der Phantome- und Typhoon-Staffeln
bildeten die Verteidigung, verstärkt durch die kampffähigen Überreste der Mirage und Griphen. ‚Das
ist ein verdammter Last Stand Hill!‘
Und die „Rothäute“ kamen schon, um die Kavallerie in Fetzen zu reißen...

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:10
Erst jetzt hatte Kano Zeit, um die Bestückung der Ersatzmaschine zu begutachten. Zwei Amrams,
zwei Sparrow, zwei Sidewinder. Nicht gerade die Kombination, die er gewählt hätte. Die Sidewinder
brauchten fast drei Sekunden für sichere Zielerfassung und mußten auf das Heck des Gegners
abgeschossen werden. Er verließ sich lieber auf die Sparrow, oder die Amram-Sofortfeuer-Raketen.
Aber Kano wußte, er konnte froh sein, überhaupt noch eine Maschine bekommen zu haben.
Er fühlte sich – gut. Keine Angst, nicht einmal Sorgen. Die Aufgabe war klar. Akariis abfangen. Es
gab keine Zweifel, kein Zögern. ‚So haben die Samurai gekämpft.‘

Lightning musterte den ankommenden Verband. Eine knappe Staffel Jabos und Bomber. Fast die selbe
Anzahl Jäger. ‚Haben wohl nicht mehr in den Raum bekommen. Die Echsen haben wohl Bammel, daß
wir die Party vor der Sperrstunde verlassen.‘
Immerhin bot diese Hast eine Chance. Momentan waren die Maschinen der Redemption zahlenmäßig
leicht überlegen. Und das gedachten die Veteranen der Angry Angels zu nutzen.
Während die Typhoon sich auf die Jäger stürzten, konzentrierten sich Phantome, Mirage und Griphen
mit ihrer größeren Feuerkraft auf die Bomber. Binnen Sekunden wurde der Weltraum mit
Energiebahnen und Raketenexplosionen erleuchtet. Aus der Entfernung eröffneten Redemption und
Agamemnon das Feuer, gefolgt von den anderen Großkampfschiffen.

Kano hatte darauf verzichtet, die Raketen abzufeuern. Stattdessen überschüttete er die Bloodhawk, die
er ins Visier genommen hatte, mit einem wahren Feuerwerk aus den Laser- und Neutronenkanonen,
brach mit einem schnellen Dreißig – Grad – Kurswechsel aus dem Schußvektor des feindlichen Jägers.
Seitlich versetzt passierte er den Gegner, wendete abrupt und hängte sich an das Heck des Akarii. Der mußte
den Angriff auf eine Phantom abbrechen, die sich ihrerseits an einen Raptor heranpirschte. Aber der Akarii
verstand sein Fach. Sobald er die Bedrohung in seinem Nacken bemerkt hatte riß er seine Maschine
zur Seite.
In Kanos Visier erschien nun die Raptor. ‚Abfangen! Vernichten!‘ Die Bloodhawk beachtete er nicht
mehr. Den Nachbrennerhebel voll nach vorne geschoben stieß die Typhoon auf den Jagdbomber
herab. ‚Die Sidewinder... .‘ Kano visierte den Raptor an. Sein Daumen schwebte über dem Knopf der
Raketenkontrolle. ‚Gleich... .‘
Das Plärren des Raketenalarms riß ihn aus dem fast tranceartigen Zustand. Die Sidewinder
verschwanden irgendwo im Weltraum. Kano ließ die Typhoon abtauchen, während er eine ganze
Wolke von Täuschkörpern ausstieß.
Hinter ihm blitzte es ein, zweimal. Etwas hämmerte in seine Heckschilde. ‚Verdammter Hund!‘ Ein
Von Bein riß seine Maschine herum, brachte die Bloodhawk in seine Zielerfassung. Wutentbrannt
drückte Kano auf alle Feuerknöpfe. Eine der Amrams traf, konnte die Schilde aber nicht völlig
knacken. Die Laser- und Neutronenkanonen ließen sie dann kollabieren. Aber der Feindjäger war
vorbei, ehe Kano ernste Schäden anrichten konnte. Wieder drückte Kano den Nachbrennerhebel nach
vorne – trieb den Jäger in eine scharfe Wende.
Die Bloodhawk jedoch hatte kein Interesse an einem Head-on-Head. Mit Höchstgeschwindigkeit eilte
sie den Jäger und Jabos hinterher, die von allen Seiten angegriffen wurden.
‚Nicht so schnell!‘ Kano setzte hinterher.
„Ohka!“ Das war Perkele. Seine Maschine kurbelte mit einer Bloodhawk. Und dieser Akarii schien
gut zu sein, trotz der verrückten Manöver des Finnen hing er in Perkeles Nacken. Aber der Akarii war allein.
Als Kanos Maschine in SEINER Sechs auftauchte und Laser und Neutronenkanonen auf seine Schilde
hämmerten, floh der Akarii. Die beiden Typhoon jagten hinter den Bombern hinterher.

Der Angriff der Akarii verlor an Geschlossenheit. Etliche Maschinen waren abgeschossen worden,
andere mußten beschädigt abdrehen, oder die Raumraketen im Notschuß loswerden. Einige kamen
aber auch durch.
Die Peregrine wurde beinahe durch die schneidige Attacke eines Raptor-Quartetts vernichtet – zwei
schwere Treffer im Heck ließen den Großraumer erbeben – aber sie schaffte es, einen Zusammenstoß
mit den anderen Kampfschiffen zu vermeiden und sich, im Verbund mit der schwer beschädigten
Agamemnon, weiterzuschleppen.

Kano und Perkele waren etwas zu spät gekommen. Gemeinsam hatten sie sich auf einen Raptor gestürzt. Sie nahmen ihn in die Zange. Doch dann waren plötzlich zwei Bloodhawk im Gefecht, drängten die Erdjäger ab. Kano kassierte eine leichte Rakete und eine volle Salve in seine Schilde. Nur ein schnelles Abtauchen rettete ihn. Perkele sah alleine wenig Chancen. Zwei Amrams auf den Jagdbomber, dann mußte er weichen. Der Raptor wurde nur beschädigt, löste seine Schiff-Schiff-Raketen, allerdings auf Maximaldistanz, und drehte ab.
‚Verdammt! Versagt! Das darf nicht sein!‘ Darkness müde, aber befehlsgewohnte Stimme schnitt
durch Kanos lautlosen Wutausbruch: „ACHTUNG! Zweiter Verband im Anflug! Geschätzte Ankunft
– Zwanzig Minuten! Etwa Dreißig! Vor allem Jäger und Sturmjäger!“
Das hieß also Bloodhawk und Deltavögel. Auch wenn die Sturmjäger keine Schiff-Schiff-Raketen
führten, mit ihrer massiven Vorwärtsbewaffnung und zahlreichen Raumkampfraketen waren sie für
die schildlose Redemption eine ernste Bedrohung.
In Kano brodelte Wut. ES WAR NICHT FAIR! Da hatten sie mit äußerster Mühe den ersten Angriff abgewehrt – die Redemption flog noch. Das Schutz versprechende Asteroidenfeld war schon zum Greifen nahe. Aber diese verfluchten Echsen! Die gaben keine Ruhe. Jetzt begriff er, was Lilja meinte. Dieser Abschaum mußte ausgelöscht werden! Die Hände um die Kontrollen verkrampft, fluchte er wütend.
„Ohka! Was ist, zum Teufel?! Funkdisziplin!“
Das ließ ihn innehalten. Er schüttelte den Kopf, um wieder etwas klarer denken zu können. Was hatte er...
„Entschuldigung.“
Lightning fragte nicht nach. Sie konnte sich vorstellen, warum der Pilot sich so benahm. Manche „auf
Kamikaze“ neigten zu Kurzschlußreaktionen. ‚Hoffentlich dreht der mir nicht durch...’

Diesmal war die Gegenwehr der Erdjäger deutlich schwächer. Die meisten hatten schon gegen die
erste Welle ihre Raketen verbraucht und waren jetzt auf die Bordkanonen angewiesen. Kano hatte
Glück – zwei Sparrows hingen noch an den Flügelhalterungen. Allerdings waren nach dem letzten
Gefecht die Schilde noch nicht wieder völlig aufgebaut. Nicht, daß er jetzt darauf geachtet hätte.
Während er mit Höchstgeschwindigkeit auf die feindliche Formation zuraste, machten seine Augen
automatisch ein Ziel aus – ein Raptor, sichtlich schon kampfgezeichnet. ‚Das wird dein letzter Flug!’
Er griff nicht direkt von vorne, sondern von 10 Uhr an, aus allen Rohren feuernd. Erst auf kürzeste
Entfernungn löste er die Sparrow. ‚Rakete los! Los!’
Dann war er vorbei, hinter ihm leuchtete eine doppelte Explosionswolke auf – und eine volle Salve
krachte in sein Heck, ließ die schon geschwächten Schilde kollabieren. ‚Verdammt!’
Der Raptor hatte sein Manöver vorausgesehen und war im letzten Augeblick durch eine harte
Backbordwende und den Ausstoß von Täuschkörpern entkommen. Die Explosionen schwächten seine
Schilde, vernichteten ihn jedoch nicht. Und der Heckschütze nützte nun die Gelegenheit, den Erdjäger
mit gutgezielten Feuerstößen einzudecken. Ein Hieb auf den Nachbrennerhebel, und ein
Korkenziehermanöver brachten Kano vorerst aus dem Schussfeld, eine Hochgeschwindigkeitswende
richtete seinen Bug wieder auf den Raptor. Kano fletschte die Zähne. ‚Noch bin ich nicht aus dem Spiel!’
Wieder schob er den Nachbrennerhebel nach vorne, ohne auf den Treibstoffverbrauch zu achten. Er
eröffnete das Feuer, sobald er in Waffenreichweite war, überschüttete den Jagdbomber mit
Energiesalven – die allerdings zum Gutteil nicht trafen. Der Bordschütze drüben schwenkte seine
Waffe und nahm die heranrasende Maschine auf’s Korn – innerlich die unzureichende
Durchschlagskraft seiner Waffe verfluchend.
Keiner der Duellanten hatte jetzt noch ein Auge auf die tobende Raumschlacht. Während sich die
Bloodhawks bemühten, die Erdmaschinen abzufangen, versuchten die Sturmjäger und die einzelnen
Bomber und Jagdbomber, durchzubrechen und die beschädigten Großkampfschiffe aufs Korn zu
nehmen.

Die Angry Angels kämpften mit dem Rücken zu Wand – und das wussten sie. Ohne die Redemption
gab es für sie keine reale Chance. Einige würden vielleicht aussteigen können und von den anderen
Großkampfschiffen aufgelesen werden – auf den Rest wartete der Tod oder die Gefangenschaft. Und
die verwundeten Kameraden, die gesamte Bodencrew, Heimat und Familie für die meisten, würde
dieses Schicksal teilen. Deshalb wehrten sie sich mit einer Verbissenheit und Wut, die selbst im Krieg
nicht gewöhnlich war.

Kanos Typhoon jagte unter dem Jagdbomber hindurch. Der Bordschütze riss seine Waffe herum – da
blitzte dicht hinter ihm irgendetwas auf und Feuer schlug in das Gesicht des Akarii, dutzende Metall- und
Kunststoffsplitter zerlöcherten Raumanzug und Körper des Akarii.
Perkele hatte die Gelegenheit genutzt, um sich an die Raptor heranzuschleichen. Beim Passierfeuer
hatte er fast eine vollständige Breitseite von einem Deltavogel kassiert, was seine Schilde auf 20 % der
Normalstärke herunterprügelte. Er war froh, so glimpflich davongekommen zu sein. Dann hatte er sich
erfolglos mit einer Bloodhawk herumgeschossen, allerdings mehr ausgeteilt als eingesteckt, bis der
Feindjäger sich zurückgezogen hatte – wohl um ein leichteres Ziel zu suchen. Er hatte ihn nicht
verfolgt, denn in diesem Augenblick war ihm ein besseres Ziel aufgefallen. Kaltblütig hatte er seine
Chance genutzt und erst aus nächster Nähe das Feuer eröffnet. Jetzt jagte er eine Salve nach der
anderen in das Heck des Jagdbombers, sah mit grimmiger Genugtuung, wie die Schilde kollabierten
und sich die Strahlenbahnen in den Rumpf bohrten.

Der Bordschütze würgte. Irgendeine Flüssigkeit rann in seine Kehle, erschwerte das Atmen. Ein
Krampf schüttelte seinen Körper, als grausamer Schmerz ihn in Flammen zu setzen schien. Er war am
Ende. Aber da, vor ihm, genau im Visier der Kanone, hing der verdammte Erdjäger, den er übersehen
hatte, verhöhnte seine Qualen und pumpte Schuß um Schuß in seine Maschine. Mit einem röchelnden,
halb erstickten Fauchen packte der Akarii die Kontrollen – und feuerte. Seine Finger hielten den
Feuerknopf noch gedrückt, als sein Körper zusammensackte und er mit einem Keuchen starb.

Die Schüsse der Strahlenkanone saßen im Ziel. Schon die erste Salve zerschlug die dünnen
Restschilde der Typhoon, die zweite schlitzte den Rumpf auf. Die dritte traf den Treibstofftank.
Perkele blieb nicht einmal mehr Zeit zu schreien, zu begreifen, was geschah – seine Maschine verging
in einem riesigen Feuerball, der nichts als ein paar zersplitterte Trümmerteile zurückließ.
Der Pilot des Raptors drehte bei und gab Vollschub – weg von der Schlacht, zurück zu seinem Träger.
Laut fluchte er, voller Wut und Trauer. Aber sein Bordschütze und Kamerad hörte ihn nicht mehr.

Kano hatte nicht einmal bemerkt, was hinter ihm geschehen war. Als er wendete, sah er nur noch den flüchtenden Raptor. Mit Mühe hielt er sich davon ab, ihn zu verfolgen – Sein Hauptziel, das wurde ihm wieder bewusst, waren Einheiten, die noch im Angriffsflug waren. Also gab er Vollschub und jagte dem Hauptpulk der Akarii hinterher.
Inzwischen war jede Ordnung und Übersichtlichkeit dahin. Akarii- und Menschenmaschinen bildeten ein wildes, chaotisches Durcheinander, in dem jeder für sich allein kämpfte. Einzelne Deltas versuchten, mit ihrer schweren Bugbewaffnung und Raumkampfraketen die angeschlagenen Großkampfschiffe anzugehen. Selbst wenn ihre Waffen zu schwach waren, diese Giganten zu vernichten - ein guter Treffer, etwa bei den Triebwerken, würde die schweren Raumer lahm legen, eine leichte Beute für spätere Angriffswellen oder eigene Großkampfschiffe.
Andere Deltas schossen sich im Verein mit den Bloodhawk mit den Erdjägern herum. Ihre geringe Wendigkeit wurde durch Bewaffnung und Standfestigkeit ausgeglichen.
Kano tauchte ein in einen Strudel aus Strahlenbahnen und durcheinander kurvenden Maschinen. Es gab kaum regelrechte Duelle: kurze Begegnungen mit dem Feind, ein paar Feuerstöße, dann war der Gegner auch schon im Durcheinander verschwunden. Er traf und wurde selber getroffen. Ein, zwei, drei Lampen leuchteten warnend an der Konsole auf, informierten ihn über einen Leistungsabfall der Manöverdüsen, den endgültigen Zusammenbruch des Heckschildes und den immer knapper werdenden Treibstoff.
Kano achtete nicht darauf. Er ging völlig im Fliegen auf. Zum ersten mal fühlte er sich, als wäre er
wirklich EINS mit der Maschine, die Typhoon eine Ergänzung seines Körpers, ein Werkzeug seines
Willens. Während er mit Bloodhawks Schüsse austauschte, lachte er.
Plötzlich wuchs vor ihm eine Maschine förmlich in die Zieloptik hinein. Eine Bloodhawk, vollkommen fixiert auf eine vor ihr kurvende Phantom. Mit einem kalten Lächeln drückte Kano die Knöpfe der Bordkanonen. Die Treffer schüttelten die Bloodhawk regelrecht durch, durchschlugen ihre Schilde.
Einen verzweifelten Abschwung des Gegners glich Kano mühelos aus, gnadenlos wie ein jagender Hai
am Heck der Bloodhawk hängend. ‚Feuer! Feuer! Feuer!!’
Der Akarii flog in die Luft. Kanos Maschine stieß durch die expandierende Explosion – und wurde
brutal durchgeschüttelt. Die Trümmerteile durchdrangen die geschwächten Schilde teilweise und
schlugen in den Rumpf. Das durchdringende Heulen des Bordalarms zeigte Kano, daß es ernst aussah.
Schilde hatte er keine mehr – und die Treffer an seiner Maschine reduzierten die Wendigkeit um 30 %.
Der Schaden war nicht irreparabel, machte ihn hier draußen aber zu einer leichten Beute. Auch an
seinem Zielcomputer schien einiges nicht in Ordnung.
Aber um ihn verebbte der Kampf. Die Akarii zogen sich zurück. Ihr Hauptziel, die Vernichtung der
Redemption, hatten sie nicht erreicht. Sie hatten die verteidigenden Einheiten schwer dezimiert und
auch Treffer bei den Großraumern gelandet. Aber am Ende war den Akarii vor den Menschen „der
Atem ausgegangen“. Der Redemption–Verband war abgeschlagen worden, doch nicht vernichtet.
Jetzt tauchte der Träger in den „Schutz“ des Asteroidenfeldes. Zwischen den treibenden Eis- und
Gesteinsbrocken war das Manövrieren schwierig, die Ortung erschwert. Das würde eine Verfolgung
verzögern, vielleicht sogar unmöglich machen.

Es traf Kano unvorbereitet, als die Wirkung des Aufputschmittels nachließ. Plötzlich sah er alles
doppelt. Abwechselnd schwitzte und fror er, seine Hände zitterten unkontrolliert, so daß er den
Steuerknüppel mit beiden Händen halten mußte. Die Funksprüche der Leitstelle klangen verzerrt und
dumpf in seinen Ohren. Seine eigene Stimme kam ihm fremd vor. Um ein Haar streifte seine
Tragfläche die Hangarwand - nur der Griff des ATLS verhinderte eine Bruchlandung – das war die
schlechteste Landung seit Beginn seiner Dienstzeit. Als er endlich aus dem Cockpit war, mußte er sich
an der Hangarwand festhalten, als seine Beine den Dienst versagten. Langsam rutschte er zu Boden,
saß dann auf dem Boden, gegen die Wand gelehnt, die Hände unter die Achseln gepreßt in dem
Versuch, das Zittern zu stoppen.
Es dauerte einige Zeit, bis er begriff, daß die Schlacht vorbei war.
Die Fragen kamen später.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:11
Der halbierte und stark angeschlagene Redemptionverband formierte sich erneut. Von der Eskorte
waren nur noch die beiden Kreuzer Agamemnon und Perregine - ersterer arg angeschlagen – und der
Zerstörer Jerome Custer übrig. Die Perregine und die J. Custer waren noch unbeschädigt, ihre Schilde
hatte bis jetzt alles abgefangen, was die Akarii ihnen in den Rachen jagen wollten und regenerierten
sich wieder.
Deshalb setzte sich die Perregine auch direkt hinter die Redemption, die wieder die ersten Jäger zum
Auftanken und Aufmunitionieren aufnahm.

Roland Pfeuffer war Lieutenant 1st Class. Er hatte die Navy eigentlich ausnutzen wollen: billig -
eigentlich umsonst - Medizin studieren, dabei noch das beinahe fürstliche Offiziersgehalt einstreichen
und danach 5 Jahre Dienst mit der linken Arschbacke absitzen. Eigentlich egal, wo, ob auf einer
Raumstation, einem Planeten oder sogar auf einem Raumschiff.
Die Versetzung auf die Jerome Custer war ihm gerade recht gekommen, da seine Mutter wieder mal
Heiratspläne für ihn schmiedete. Die Raumdienstzulage war ein weiterer netter Bonus.
Zumal man bei 12 Monaten Borddienst nicht allzu viel ausgeben konnte. Doch dann hatten die Akarii
ihm in die Suppe gespuckt.
Und jetzt saß er in einem zerbrechlichen kleinen SAR-Shuttle und durfte ausgestiegene Piloten
versorgen. Natürlich konnte ihm keiner sagen, ob die Akarii SAR-Shuttle als Nonkombatanten einstuften.
Er arbeitete gerade daran, das linke Bein eines Piloten zu retten. Zum einen hatte es einiges an
Splittern abbekommen und naturgemäß eine sehr starke Erfrierung.
Mit halben Ohr hörte Pfeuffer, wie ein weiterer Pilot geborgen wurde.
"Doc, der hat starke Strahlenwerte."
"Dann geben Sie ihm den üblichen Cocktail verdammt", brummte Pfeuffer und holte den letzten
Splitter, so weit er es beurteilen konnte heraus.
Der Sanitäter hielt ihm ein Messgerät unter die Nase: "Die sind viel zu hoch, unsere Mittel reichen
nicht aus."
"Himmel Herrgott, Mann! Frieren Sie ihn ein."
Der Sanitäter und eine Krankenschwester legten den Piloten in die Kryokammer und der Sanitäter
begann erneut zu nerven: "Ich habe hier keine offene Wunde, wo ich die Pumpen anschließen kann. Sir."
Er ist neu, und jung und neu... betete Pfeuffer im Geiste und ging zu der Kryokammer, das
Laserskalpel in der rechten Hand: "Dann nehmen Sie einfach die verfluchte Halsschlagader!"
Mit einen geübten Schnitt öffnete er den Hals und durchtrennte dann die Halsschlagader. Unwirsch
klemmte er die beiden Schläuche der Kryokammer an. Die Pumpe links, das Saugstück rechts.
Natürlich saute er damit die gesamte Kammer voll. Dann wurde rechts das Blut aus dem Körpersystem
des Piloten gesogen und rechts weißbläuliche Kryoflüssigkeit reingepumpt.
Hm, wenn was schief gelaufen ist schiebe ich die Schuld auf.... , er suchte das Namensschild des
jungen Sanitäters, ... Malone.

Auson kam am Maschinenraum an: "Meldung!"
"Wir haben drei oder mehr Brandherde entdeckt, sind uns nicht sicher... Die Sprühanlage konnte es gar
nicht schaffen, die unter Kontrolle zu halten. Wir müssen den Reaktor abschalten und selbst dann
müssen wir uns was einfallen lassen um das Feuer los zu werden, wir haben eine Menge explosives
Material." Der Leitende Ingenieur der Redemption war über und über mit Russ beschmiert.
"Kommen Sie zum Reaktor durch?"
"Keine Ahnung Ma'am, wir müssen es auf jeden Fall versuchen. Fogg, Anderson, Möller nehmt Euch
die Chemielöscher, wir vier gehen rein. Olafson, halten sie das B-Rohr solange es geht auf uns
gerichtet." Der L.I. stülpte sich wieder seine schwere Atemschutzmaske auf, zog den
feuerresistenten Overall zu und eilte davon. Seine Männer folgten ihm.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:11
Brawler stand im Bereitschaftsraum der Staffel und sah sich um. Gerade war die Nachricht von
Martells Ausstieg und Thunder’s Rettung gekommen. Die Metzgerrechnung stieg an. Wombat war nur
noch tot geborgen worden. Crimson war erst gar nicht ausgestiegen, wie auch Goose, der in den
Frachter gerast war. Thunder war nach ersten Berichten des SAR Shuttles schwer verwundet, Martell
bewusstlos. Snake Bite hatte ebenfalls um Sanitäter gebeten, offensichtlich hatte sie sich im Cockpit
an austretenden Dämpfen verbrüht. Damit war die Staffel vom Personal auf 50 %, keiner der
Flightführer war noch kampffähig. Bei den Maschinen sah es noch schlechter aus, da die von Gladius und
Icepick beschädigt waren. Kurzentschlossen griff Brawler zum Com und wählte die Nummer der
Instandhaltung.
„Hallo, ja, hier ist Lt.Tüncay von den Jaguars. Wie ist der Stand bei den Reservemaschinen?“
„Das weiß ihr CO doch.“
„Der ist aber nicht hier. Also?“
„Beide flugbereit.“
„Gut, schaffen sie die Maschinen auf das Flugdeck. Die Reparatur der beschädigten Maschinen soll
zurückgestellt werden hinter die Bereitstellung von sechs Maschinen mit Luftkampfbestückung.“
„Auf wessen Befehl?“
„Auf meinen.“
„Sir, bei allem Respekt, ich bin nur autorisiert, dies aufgrund eines Befehls vom Staffel CO oder XO
zu veranlassen.“
„Ich bin momentan der amtierende CO aufgrund der Kommandokette.“
„...Ok, verstanden. Die Maschinen sind in zehn Minuten auf dem Flugdeck.“
„Danke.“ Brawler legte das Com beiseite und fluchte. Er, ausgerechnet er, hatte jetzt das Kommando.
Denn alle dienstälteren Offiziere waren tot oder kampfunfähig, dito alle Flightführer und dann lag die
Kommandogewalt nach der Organisationsstruktur beim ersten Wingleader des ersten Flights. Das war
dummerweise Brawler. Hinzukam, dass er der letzte der ursprünglichen Crew der Jaguars war.
Tüncay sah in die Runde und bemerkte, wie ihn die anderen Piloten ansahen.
„Ok, ja, ich übernehme das Kommando. Wir werden sobald es geht, wieder rausgehen und bei der
Verteidigung mithelfen. Werft euch ein, was ihr bekommen könnt, Risiken und Nebenwirkungen
interessieren nicht....“
Alle nickten. Wenn die Redemption zerstört würde, bestanden nur noch minimale Überlebenschancen.
Der Verband der Majestic war aufgerieben und von der Galileo hatte man nichts mehr gehört. Die
Stimmung schwankte zwischen Verzweifelung und Entschlossenheit. Die Nachrichten, dass der
Skipper außer Gefecht war, hatte alle hart getroffen.
„Wie teilen wir uns denn auf?“
„Wir gliedern nur in Wings auf. Flights machen keinen Sinn. Gladius kommt zu mir. Seine Maschine
ist bereits repariert. Dann kommen Icepick und Enigma. Hatchet und Tango bilden dann das letzte
Pärchen.“
Plötzlich piepte das Comgerät. Brawler nahm das Gespräch an.
„Lieutenant Tüncay hier.“
„Lieutenant, hier Commander Cunningham, geben Sie mir Martell.“
„Sir, der Lieutenant Commander ist nicht auf der Redemption.“
„Dann Thunder.“
„Sir, auch Thunder ist nicht anwesend.“
„Dann geben Sir mir den, der verantwortlich ist.“
„Mit Verlaub, das bin wohl ich, Sir.“
„SIE?!.....na gut, wie ist ihr Status?“
„Wir haben in ca 15 Minuten sechs startbereite Griphen mit Luftkampfbewaffnung.“
„Nur sechs?“
„Ja Sir. Wir haben weder mehr Piloten, noch mehr Maschinen, die einsatzfähig sind.“
„Gut, sorgen Sie dafür, dass Sie so schnell wie möglich draußen sind, die Akari können jeden Moment
wieder angreifen.“
„Ayeaye, Sir!“
Brawler sah wieder in die Runde.
„Ab in die Maschinen!“
Alle verließen fluchtartig den Bereitschaftsraum in Richtung Flugdeck.

Eine viertel Stunde später standen die ersten Maschinen auf dem Katapult. Brawler bereitete sich auf
den enormen Schub vor, der nun kommen würde. Nicht dass man ihn sehr spüren würde, aber alleine
die visuelle Wahrnehmung der Beschleunigung sorgte immer für eine Zusammenkrampfen des
Magens bei Brawler. Abwesend wischte er mit der Hand über die Visierplatte des Helmes, während er
darauf wartete, dass die Katapultcrew Bereitschaft meldete. Als es soweit war, salutierte er und wurde
dann sofort aus dem Bauch des Trägers in All geschossen. Neben ihm reihte sich sofort Gladius in der
Formation ein. Zu seiner Linken und seiner Rechten tauchten dann kurz danach die beiden anderen
Paare auf. Insgesamt flogen die verbliebenen Jaguars nun in einer V Formation, mit Brawler an der
Spitze.
Dieser fühlte sich irgendwie ungeschützt, nun da er die Speerspitze der Jaguars bildete. Als Mitglied
in einer Staffelformation war man von Kameraden umgeben. Wer jedoch an der Spitze flog, musste
den Hals schon verdrehen, um zu sehen, dass er nicht allein flog.
Nach wenigen Minuten waren sie auf der Position angelangt, die den Jaguars von der Jägerleitzentrale
zugeteilt worden war.
„Hm, vielleicht kommen die ja gar nicht mehr.“ mutmaßte Gladius nach einigen Minuten.
„Das glaube ich für dich mit. Eine Chance, einen angeschlagenen Träger zu klatschen lässt sich kein
Akari Admiral entgehen. Überleg doch mal, wie groß der Schaden ist, den die Trägerverbände
angerichtet haben.“ antwortete Hatchet.
„Leute, das ist kein Debatierclub. Konzentriert euch auf die Sensoren.“ Brawler war selbst erstaunt,
dass ihm dieser Satz herausgerutscht war. Aber er hatte Erfolg.

Zehn Minuten später herrschte Gewissheit. Der Feind flog mit einer neuen Welle an. Avenger-Bomber
begleitet von Reapern und Deathhawks. Glücklicherweise – aus Sicht der Jaguars – griffen sie aus
einem Vektor an, der sie nicht frontal auf die Griphen Formation zulaufen lies, sondern eher in den
Bereich einer der Typhoon Staffeln fiel. Dennoch beorderte der Jägerleitoffizier der Red sofort auch
die Griphen ins Gefecht.
„Ok Leute, die Reaper und die Deathhawks können der Red nichts. Ignoriert sie, so gut ihr könnt.
Außerdem sind die Typhoons nicht so stark gegen die Bomber.“
Ein Gruppe Avenger-Bomber schien etwas außerhalb der Feindformation zu sein. Brawler änderte den
Kurs entsprechend. Dann trafen die Typhoons auf die Feindstaffeln. Der erste Feuerwechsel war
mörderisch, der Raum voller Raketen und Strahlen von den Bordwaffen. Glücklicherweise schienen
die Akari sich voll auf die Typhoons zu konzentrieren. Die Griphens stürzten sich auf die Avenger.
Jeweils zwei Jaguars konzentrierten sich auf einen Bomber, doch deren starke Schilde und die
darunterliegende Panzerung verhinderten einen Abschuss. Dafür war das Abwehrfeuer umso heftiger.
Die Ionenkanonen trafen immer wieder auf die Schilde der Griphen und einige flackerten bedrohlich.
Doch sie hielten letztendlich. Brawler riss die Maschine hoch und zog dann gegen die Flugrichtung
der Avenger weg, um schnellstmöglich Abstand zu gewinnen. Dann flog er einen halben Looping und
gelangte so exakt auf die Sechs Uhr-Position der Bomber, die stur auf Kurs blieben. Dafür sah Tüncay
erste Anzeichen dafür, dass sich die Eskorte auch für ihn interessierten. Warnlichter zeigten die
Aufschaltung mehrer Zielradars. Unbeirrt wartete er, bis sein Zielcomputer die Markierung für die
Raketen von gelb auf rot umschaltete, dann feuerte er zwei Sparrows auf den nächstgelegenen Bomber
ab.
Das Abwehrfeuer der Bomber schoss die erste Rakete mit einem Glückstreffer ab, die zweite jedoch
traf genau mittig am Heck des Zieles. Doch der Bomber war noch nicht aus dem Rennen. Die
Hecksektion sah zwar übel aus, aber die Maschine flog weiter.
Brawler fluchte. So eine harte Nuss. Doch bevor er eine weitere Salve abgeben oder zum
Bordwaffeneinsatz aufschließen konnte, sah er, wie zwei Raketen auf ihn zukamen. Offensichtlich
wollte es ein Deathhawk genauer wissen. In einem waghalsigen Manöver flog Brawler den Raketen
entgegen, aktivierte im letzten Moment den Nachbrenner und raste an den Flugkörpern vorbei, so dass
diese zu spät explodierten. Trotzdem bekamen die Heckschilde etwas ab. Dafür war aber auch der
Deathhawk, der seinen Geschossen gefolgt war, so überrascht, dass er verspätet auf den Frontalangriff
reagierte. Dann erwiderte er das Feuer von Brawler, bevor er sich eines Besseren besann, da er im
leichtergepanzerten und leichterbewaffneten Flieger sass. Doch die Reaktion kam zu spät. Sein scharfe
Kurve brachte ihn genau in die Schusslinie von Gladius, der denn schon stark angekratzten Akari mit
zwei Salven erledigte. Brawler achtete nicht weiter auf die anderen Jäger und wandte sich wieder den
Bombern zu. Der bereits angeschossene Avenger schien etwas zurückzuhängen, offensichtlich arbeitete
das Triebwerk nicht mehr effizient. Brawler wollte gerade eine zweite Raketensalve auf sein
angeschlagenes Opfer abschießen, als eine Typhoon hinter dem Avenger einkurvte und diesen in einen
Nahkampf verwickelte.
Grummelnd suchte sich Brawler ein neues Ziel. Kurz bevor sein Zielcomputer die Raketen freigab,
schoss sein Flügelmann auf sein Ziel. Brawler wartete ab und wurde belohnt, denn die Salve erwischte
den Avenger offensichtlich an einer Schwachstelle, und der Bomber explodierte. Brawler wählte
sofort den nun verwaisten Flügelmann und schoss sein zweites und letztes Sparrow-Paar ab. Doch
diesmal reagierte der Bomber, warf Störkörper ab und flog eine für einen Bomber enge Kehre. Dabei
wurde er von den Griphen von Hatchet und Tango beharkt, die ihre Bordwaffen einsetzten. Trotzdem
gelang es den Bomber, den Raketen zu entkommen und dem Beschuss zu widerstehen. Brawler
fluchte erneut. Plötzlich merkte er, dass Gladius nicht mehr an seinem Flügel hing.
„Gladius, wo steckst du?“
„Boss, ich hab zwei Flöhe am Hintern...Scheiße, sind die wendig....ich brauche Hilfe, schnell!“
Brawler fand nach einen Blick auf den Schirm die drei Jäger, die miteinander kämpften. Mit
aktiviertem Nachbrenner eilte er seinem Flügelmann zur Hilfe. Einer der Reaper bemerkte den
Neuankömmling und wandte sich ihm zu. Jetzt verfluchte Brawler die Tatsache, dass er alle Sparrows
verschossen hatte, denn von vorne waren die Sidewinder nutzlos. Er warte, bis er auf Schussweite
heran war, und eröffnete dann das Feuer mit den Bordgeschützen. Doch der Reaper flog eine
Fassrolle, die ihn aus der Schussbahn hielt. Immerhin litt sein Gegenfeuer ebenfalls unter diesem
Manöver. Ohne seinen ersten Gegner zu beachten, jagte Brawler weiter zum zweiten, um Gladius zu
entlasten. Auf seinem Schirm erkannte er, dass der erste Reaper bereits hinter ihm einkurvte.
„Gladius, halt auf mich zu, wir streifen einander die Flöhe ab.“
„Gute Idee, ich hasse Ungeziefer.“
Die beiden Griphen schossen aufeinander zu, die Reaper im Schlepptau. Einer der Akari erkannte im
letzten Moment, welchen Sinn das Manöver hatte, der andere jedoch flog direkt ins Visier von
Brawler, der sich mit einigen gut gezielten Salven bedankte. Der Reaper explodierte in einem Regen
aus Metall und Feuer. Nun, da die Stärkeverhältnisse umgedreht waren, wurde der überlebende Reaper
defensiver. Immerhin hatten die beiden die Griphen für einige Zeit von den Bombern abgelenkt.
Währenddessen hatten Tango und Hatchet endlich ihr Ziel zur Strecke gebracht. Doch dafür hatten
beide einen hohen Preis zahlen müssen. Tangos Frontpartie wurde nur noch von vielen Gebeten
zusammengehalten und Hatchet hatte eine Tragfläche fast komplett verloren. Nur das Schutzinteresse
der Akarijäger an den Bombern ermöglichte ihnen, sich zurückzuziehen. Weniger gut erging es
Enigma, der im letzten Moment seine zerschossene Maschine verlassen konnte. Glücklicherweise
passierte dies an der Peripherie des Gefechtes, so dass im Nu ein SAR Shuttle bei ihm war. Insgesamt
schienen die Bomber geschwächt, doch ein paar würden durchkommen, das schien sicher. Brawler
hoffte inständig, dass die Red die Raketen abfangen konnte, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass
sie noch viele Treffer vertragen konnte.
Doch vielleicht konnte er noch eine Maschine abfangen, bevor die Avenger in Angriffsreichweite
kamen. Mit einem erneuten Einsatz des Nachbrenners jagten Gladius und er hinter den Akari her.
Gerade als sie in Reichweite der Sidewinder waren, beganngen die Avenger, ihre tödliche Fracht
abzuschießen.
Wutentbrannt über sein eigenes Versagen schoß Brawler die beiden verbliebenen Raketen auf den
letzten Avenger ab. Der war anscheinend so beschäftigt mit dem Abschuss der Antischiffsraketen,
dass er die Gefahr zu spät bemerkte. Die Sidewinder schlugen an den Triebwerksschächten ein und
rissen den Flieger der Länge nach auseinander.
Die Bomber drehten dann plötzlich ab. Offensichtlich reichte es ihnen, die Raketen abzufeuern.
Zusammen mit der Eskorte zog sich der Feind zurück. Als die Redemption kurz darauf meldete, dass
sie zwar Treffer erhalten hatte, aber noch in der Lage war, Jäger aufzunehmen, atmete Brawler
erleichtert auf, zumal er die Nachricht erhalten hatte, dass es Enigma den Umständen entsprechend gut
ging.
Nach weiteren 15 Minuten landeten die verbliebenen Griphen auf der Red.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:12
Die Redemption hatte das Asteroidenfeld erreicht. Es schien, als sei eine unsichtbare Grenze
überschritten, denn die Akarii ließen von der Verfolgung ab.
Doch die Arbeit der Kanoniere war noch nicht beendet. Dauerfeuer machte dem Flottenträger der
Zeus-Class den Weg frei.
In diesem Zustand konnte ein Asteroidentreffer der Tod des Raumschiffs sein.
Auson blickte den vier Ingenieuren hinterher, die sich in die feurige Hölle wagten, die vor ein paar
Minuten noch Maschinenraum Nr. 1 gewesen war.
Olafson und seine Männer jagten Liter um Liter der Löschflüssigkeit in den Maschinenraum, obwohl
Auson bezweifelte, dass dieses Manöver irgendwas bringen würde.
Dann wurde der Maschinenraum von einer Explosion erschüttert. Eine helle Stichflamme hüllte den
Gang ein, den die vier Ingeneure genommen hatten.
Ein schrilles Kreischen war zu hören und schon bald stürzte eine brennende Gestallt auf Auson und
die restlichen Ingeneure zu.
"Haltet den Schlauch drauf!" rief Auson. Unnötigerweise, da Olafson schon reagiert hatte.
Kreischend wand sich die brennende Gestallt unter dem Schaumstrahl am Boden.
Es war Fogg.
"Irgendein Schaltpult ist hochgegangen, den Chief hat es erwischt, Möller auch, von Anderson weiß
ich es nicht ... " sprudelte es aus dem jungen Offizier hervor, als er den Schutzhelm abgenommen
hatte. " ... ich glaube, wir müssen das Feuer erst löschen, ehe wir den Reaktor runterfahren können ...
und bevor sie fragen, nein, wir können ihn nicht weiterlaufen lassen, wenn das Feuer aus ist, das ist zu
nahe an einigen Kühlleitungen gewesen, die werden demnächst aufreißen."
"Ma'am", meldete sich eine junge Ingeneurin zu Wort, "wir könnten die Seitenwand aufsprengen, die
ist dazu gedacht. Doch vorher müssen wir den Maschinenraum abschotten."
"Von wo können wir die Seitenwände aufsprengen?"
"Entweder aus dem Maschinenraum selbst ...."
"Das wäre Selbstmord!" Warf Fogg ein.
"Oder 20 Meter den Gang runter ist auch noch `ne Zündeinrichtung."
Auson ging an die Sprechanlage: "Brücke hier Maschinenraum 1, wir müssen die Seitenwände
aufsprengen, um das Feuer zu löschen, erst dann können wir den Reaktor runterfahren, was selbst bei
gelöschtem Feuer notwendig ist. Maschinenraum 1 in 3 Minunten versiegeln."
"Brücke hat verstanden!" kam die Antwort.
Auson wandte sich an die Ingenieure: "Los raus hier, in drei Minuten ist die Tür zu."
Kurze Zeit später fielen die Türen zu.
Die junge Ingenieurin trat an die Konsole und gab einige Befehle ein. Erst erschien ein Gesamtdiagram
auf dem Monitor. Beide Maschienenräume blinkten gelb auf.
"Hier sehen Sie Ma'am: Beide Maschinenräume haben an den Außenwänden Sprengluken, um ihn zu dekomprimieren. Ist natürlich eine Schwachstelle, aber um ein außer Kontrolle geratenes Feuer zu
ersticken, war das früher das Beste. Es gab damals noch keine so effektiven Abpumpanlagen, wie
man sie auf den neueren Schiffen findet."
"So, Ende der Geschichtsstunde, sprengen Sie!"
"Aye, aye Ma'am!"
Die Ingeneurin hackte auf die Tastatur ein und gab dann den Eingabebefehl. Sie zog die Stirn in Falten
und tippte den Befehl nochmals ein.
"Ma'am, dieses Pult, es ist vom Maschinenraum abgeschnitten."
Auson trat gegen das Pult: "Okay, das bedeutet wir müssen von drinnen sprengen."
Betretenes Schweigen breitete sich in der Gruppe aus.
"Ma'am", es meldete sich erneut die junge Ingenieurin zu Wort, "ich gehe rein. Sam, kommst du mit?"
Der angesprochene Techniker riss erschrocken die Augen auf: "Ich? Nein, ich will da nicht rein. Ich
will nicht sterben."
"Aber du wirst auch sterben, wenn du da nicht rein gehst."
"Nein, nicht wenn jemand anderes rein geht." beharrte Sam. Die restlichen Ingenieure blickten zu
Boden.
"Sam, allein schaffe ich es nicht und du kennst den Maschinenraum am besten ....."
Sam schüttelte kurz den Kopf, nahm dann eine Halskette ab und gab sie Auson: "Bitte sorgen Sie
dafür, dass meine Frau dies erhält."
Sam und die junge Ingenieurin legten sich die Brandbekämpfungsausrüstung an und nahmen zwei
Chemielöscher auf.
Auson hatte dafür gesorgt, dass die Brandschutztüren zum Maschinenraum wieder geöffnet wurden.
Und sie sorgte auch dafür, dass die Brandschutztüren nach den beiden Ingenieuren wieder geschlossen wurden.
8 Minuten später ging ein Ruck durch die Redemption. Innerhalb von Sekunden wurde dem Feuer der
Sauerstoff entzogen und es erlosch.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:12
Auf der Redemption wurde mit allen Mitteln gegen die verschiedenen Brandherde gekämpft. Das Asteroidenfeld hatten sie hinter sich gelassen. Es musste irgendwo einen Schutzengel geben. Die Akarii hatten die Verfolgung aufgegeben, als der letzte Erdenkreuzer ins Asteroidenfeld eingetaucht war.
"Wir nähern uns dem Jumppoint", meldete der Steuermann.
Clarke nahm das Mikrofon: "Air-Boss: Holen Sie die letzten Jäger rein." Dann schaltete er auf den allgemeinen Kanal: "1MC hier spricht der Kommandant. Alles vorbereiten für den Sprung."

Vor der Redemption flogen die Jerome Custer und die Agamemnon. Die Nachhut bildete die Perregine.
Der schwere Kreuzer hatte ein paar Treffer am Heck einstecken müssen. Die Panzerung war nicht
durchschlagen worden.
Doch der Chefingenieur erhielt auf seinem Hauptdisplay merkwürdige Anzeigen vom
Sprungtriebwerk.
Er machte sich trotz aller Geschehnisse der letzten Stunden eine Notiz, das Triebwerk einer genauen Wartung zu unterziehen, so bald Perseus wieder erreicht war.
Das Wurmloch öffnete sich und nahm die vier Schiffe auf.
Die Anzeigen auf dem Hauptdisplay des Chefingenieurs der Perregine tanzten wie wild auf und ab. Innerhalb von Hundertsteln von Sekunden fing die Perregine an sich zu zersetzen. Das Wurmloch fluktuierte in den schillerndsten Farben. Schließlich wurden die Jerome Custer, die Agamemnon und die Redemption wieder in den Normalraum ausgespuckt.
"Sir: Wir befinden uns nicht wie vorgesehen in Wolf 359."
Clarke betrachtete seinen jungen Sensoroffizier: "Wiederholen Sie das bitte!"
"Wir haben einen Fehlsprung gemacht. Ich identifiziere zwei weitere Schiffe, die Agamemnon und die
Jerome Custer. Keine Spur von ...... Oh mein Gott! Trümmerstücke an Steuerbord."
"Auf dem Hauptschirm!“
Der Schirm zeigte mehrere Trümmerstücke. Viele kleine und ein riesiges. Das Heck war quasi mit
dem Bug verschmolzen, ragte sogar teilweise vorne aus dem Bug wieder hinaus.
"Heilige Scheiße......."
"RUHE!" blaffte Clarke: "Meyer: Bestimmen Sie unsere Position!"
"Aye ... aye ... Sir...." der junge Offizier hackte auf seine Tastatur ein. "Wir befinden uns in Tau Ceti.
Zumindest dem Nebel und der Sternenkonstellation nach."
"Gott sei Dank", murmelte einer.
"1MC hier spricht der Kommandant. Meldung von allen Decks!"
Auson rannte durch die Gänge der Redemption. Katapult Eins war total im Eimer. An zwölf verschiedenen Ecken brannte der Träger. Sie versuchte überall zu sein.
Über ihr Head Set koordinierte sie Lösch- und Rettungsarbeiten auf dem ganzen Schiff.
"Herricks!" rief sie einem Offizier der Schiffsfeuerwehr zu. "Wir brauchen mehr Druck auf den Schläuchen Vorne und mehr Männer!"
Herricks sah kurz auf: "Kann nicht versprechen, wir haben arge Probleme in Reaktorraum 1, der fliegt uns bald um die Ohren."
"Scheiße!" Sie drehte sich um weiterzurennen, doch da platzte eine Leitung an der Wand. Melissa Auson wurde gegen die nächste Wand geschleudert. Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihren rechten Arm.
Sie rutschte zu Boden. Wellen des Schmerzes durchzuckten ihren Körper. Ihr Blick war auf einen Arm gerichtet, der ihr gegenüber an der Wand lag. Ihr Arm. Leise stöhnte sie.
"SANITÄTER!" brüllte Herricks und bückte sich zu ihr. Sie wollte etwas sagen, doch ihre Stimme versagte.

Ein lautes Knarren ging durch den gesamten Körper des Raumschiffs. Auf allen Decks loderten Feuer. Riesige Panzerplatten lösten sich vom Rumpf, der stellenweise grellrot aufleuchtete.


Die Brücke der Redemption war schwach erleuchtet. Die Offiziere versuchten so gut es ging die Lösch- und Bergungsarbeiten zu koordinieren. Clarke hatte seid über 48 Stunden die Brücke nicht verlassen. Er versuchte an zehn Orten gleichzeitig zu sein.
Das Feuer in Reaktorraum 1 hatte nur durch Abriegelung und gezielter Dekompression gelöscht
werden können.
Erneut trat Lieutenant Richard Stelzer an den Kommandanten heran. Nach dem Tod des L.I. war Stelzer rangältester Ingenieuroffizier: "Sir, ich sehe es als meine Pflicht an Ihnen mitzuteilen, die Crew von Reaktorraum 2 ist tot. Die Männer wissen es zwar noch nicht, aber die Strahlung, die der Reaktor abgibt, ist zu 100 % tödlich. Desweiteren liegt meine Prognose darin, den Reaktor noch 3 Stunden so in Betrieb halten zu können, dass er seine Aufgaben erledigt. Jede weitere Stunde wäre ein Wunder."
Clark entließ Stelzer mit einem Nicken. Er faltete die Hände. ‚Herrgott vergib mir.‘ "Signaloffizier! Fahren Sie den Langstreckenfunk aus und senden Sie ein allgemeinen Notruf!"
Der junge Lieutenant blickte auf: "Sir, einen allgemeinen Notruf werden auch die Akarii hören können, wenn die nun schneller reagieren als die Flotte... Und wir wissen auch nicht, wie deren Protokolle für so was aussehen."
"Dann beten Sie einfach, dass die Akarii bereit sind Gefangene zu machen. Bestätigen Sie den Befehl!" Clark hoffte, dass er das Richtige tat.
"Befehl erhalten und verstanden. Aye, aye Sir!"
Der Lieutenant schaltete den Langstreckenfunk ein und fing an unverschlüsselt zu senden: "SOS, hier TRS Redemption unsere Position ist 343 zu 449 zu 702 mit einer Geschwindigkeit von 30 km/s mit Kurs 002. SOS, hier TRS Redemption unsere Position ist 343 zu 449 zu 702 mit einer Geschwindigkeit von 30 km/s mit Kurs 002. SOS, hier TRS Redemption....."

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:13
Lieutenant Peter Langenscheit wartete förmlich im Blut der Toten und Sterbenden. Er war Bordarzt auf
der Redemption und dafür zuständig auszusortieren, wer auf dem Tisch der Chirogen kam, wer in
Kryostasis versetzt wurde und wen man einfach sterben ließ.
"Tot!" stellte er bei einem röchelnden Matrosen fest und wandte sich dem nächsten zu, einem
weiblichen Marine. Die Untersuchung ging schnell und war nur oberflächlich: "Tot!"
"Bitte....", presste die junge Frau hervor, die er eben zum Sterben verurteilt hatte. Er achtete nicht
darauf und wechselte zum nächsten.
Auch hier war die Untersuchung oberflächlich: "Für die OP vorbereiten!" Und schon war er weiter.

Hillary Jones hatte sich immer als Frontkämpferin gesehen und so hielt sie es auch jetzt. Sie stand bei
Schott 4 und hielt den Schlauch direkt auf die Flammen, die sich immer weiter vorarbeiteten.
Die Hitze, die das Feuer ausstrahlte war schon seit Stunden durch den Schutzanzug zu spüren.
"Chief! Lange halten wir nicht mehr!" brüllte Frank Mayer ihr Hintermann.
"Wir müssen! Wir müssen!" schrie sie zurück.

Lieutenant Maren Geißler war Komoffizier auf der Galileo. Wie die meisten, wenn nicht alle anderen
Offiziere der Galileo, schämte sie sich über den Rückzug. Sie kam sich feige vor und sie verdammte
Ward für dessen Versagen.
Gut, wenn die Galileoträgergruppe angegriffen hätte, wäre sie und alle anderen Männer und Frauen
dieser Trägergruppe jetzt tot, aber dann hätte sie jetzt nicht das Gefühl des Versagens. Plötzlich zeigte
Ihr Display die Meldung NOTRUF.
"Commander", rief sie den diensthabenden Offizier.
Travis Gray der 1. Offizier der Galileo trat zu ihr: "Was gibt's?"
"Wir empfangen einen Notruf."
"Auf die Lautsprecher."
"... von 30 km/s mit Kurs 002. SOS, hier TRS Redemption unsere Position ist 343 zu 449 zu 702 mit
einer Geschwindigkeit von 30 km/s mit Kurs 002. SOS, hier TRS Redemption....."
"Navigator: Zeigen Sie mir unsere Position und die der Redemption auf dem Kartentisch."
"Aye, aye Sir!"
Gray begutachtete die Karte.
Die Galileo hatte Jollaran über den gleichen Sprungpunkt verlassen wie betreten und befand sich
immer noch in einem Sternennebel.
"Verdammt, die funken über alle Frequenzen", bemerkte einer der Wachoffiziere.
"Worauf sollten die einen Notruf sonst senden?" fragte Geißler.
"RUHE!" Gray und der Navigationsoffizier John Maynard waren am Rechnen.
"Okay Maynard, machen wir es so."
"Aye, aye Sir", Maynard wandte sich an den Steuermann, "Ms. Nelson: Kursänderung auf 217.
Verbandsbeschleunigung auf 100 km/s erhöhen."
"Commander, sollten wir nicht den Captain wecken?" wollte Geißler wissen.
"Negativ, der Captain ist erst ins Bett gegangen. Ich lasse ihn wecken, wenn wir in Position für eine
Rettungsmission sind."
"Aye, aye Sir!"

Zweieinhalb Stunden später:
Gray trat an die Bordsprechanlage: "Brücke für Captain."
"Ja, Captain hier?"
"Sir, Sie werden auf der Brücke gebraucht, wir haben einen Notruf empfangen."
"Bin unterwegs."
Jonathan Ward tauchte mit zerknitterter Uniform auf der Brücke auf: "Meldung!"
Gray nahm Haltung an: "Vor zwei Stunden empfingen wir einen Notruf der Redemption. Wir gingen
auf Rendezvouskurs und befinden uns am Rand des Nebels, die Redemption dürfte in etwa 30 Minuten
auf gleicher Höhe mit uns sein."
Ward erbleichte und stützte sich auf den Kartentisch: "Warum zum Teufel haben Sie mich nicht rufen
lassen?"
"Nun Sir, Sie waren gerade zu Bett gegangen und ich dachte ..."
"Travis: Lassen Sie es, um unser aller Willen, lassen sie es sein." Ward fuhr sich nervös durch die
Haare. Einfach abhauen konnte er nicht.
Die Raumfahrtgesetzte waren eindeutig: Jeder Raumfahrer ist verpflichtet einem in Not geratenen
Raumfahrer mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen, so weit er dabei nicht selbst in
Gefahr gerät.
Desweiteren war es laut den Marinestatuten - zum Schutz der zivilen Raumfahrt - verboten ein SOS
ohne Grund abzusetzen oder als Falle zu missbrauchen.
Er konnte versuchen, sich mit der operativen Sicherheit rauswinden, doch damit würde er nicht
durchkommen.
"Okay, die operative Sicherheit lässt es nicht zu, dass wir die gesamte Flotte aus dem Nebel führen ..."
Ward bekam mit, das Gray ihn unterbrechen wollte. "Geben Sie mir die Relentless und die Dauntless."
"Aye, aye Sir!"
Sofort teilte sich der Hauptbildschirm und zwei Captains erschienen, denen man ihren Verdruss
deutlich ansehen konnte.
"Sie beide haben sicherlich ebenfalls den Notruf der Redemption erhalten...", begann Ward ohne
Umschweife - wobei er sonderbar ruhig klang, "...ich kann nicht die gesamte Flottille aufs Spiel setzen,
daher werden Sie beide den Nebel verlassen und dem Notruf nachgehen. Sie werden alles in Ihrer
Macht stehende unternehmen um die Überlebenden der Redemption zu retten."
Die beiden Kommandanten ließen keine Regung in ihren Gesichten erkennen.
"Viel Erfolg, Gentlemen!" Weder Gonzales noch Mithel antworteten, sondern schalteten nur ihre
Komverbindung ab. Ihre eisige Verachtung blieb im Raum hängen.
Die Brückenbesatzung der Galileo wich dem Blick ihres Captains aus. Er schickte die beiden Captains
in die Gefahr hinaus, von denen sicher war, dass sie alles mögliche tun würden, um ihn abzusägen.

Lucas stolperte auf die Brücke der RED.
Sein Gesicht war russgeschwärzt und noch immer trug er seinen Fliegeranzug. Seine Gelenke waren
schwer wie Blei. Er hustete stark.
"Captain: Das Feuer geht in Richtung Magazin und Wartungsbreich für die Jäger!" Er unterbrach sich
um erneut zu husten. "Cutter meint, wir sollte die Magazine so schnell wie möglich leeren."
Sein Blick wanderte zum Signaloffizier: "Wir funken SOS?"
"Haben Sie ein Problem damit, Commander?!" herrschte Clark ihn an.
Lucas wandte den Blick von Clark ab in Richtung Boden und schüttelte leicht den Kopf - was seine
Kopfschmerzen kurzzeitig verschlimmerte: "Nein Sir."
"Lieutenant Stelzer?" Clark suchte nach dem Ingenieur.
"Sir?"
"Können wir das Magazin leeren?"
"Die Automatik müsste funktionieren."
"Dann raus damit!"
"Aye, aye Sir!"
Ohne Verzögerung öffneten sich die Außenluken für die Raketenlager. Diesen folgten dann auch die
mittleren Panzerluken und schließlich die Innenluken. Die Raketenlast wurde von der entweichenden Luft mit hinaus gesogen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:13
Eine zweite Chance
Der Gallileo-Verband war der Schlacht entkommen. Ohne einen Zusammenstoß hatte man sich vom
Feind gelöst und sich zurückgezogen. ,Eigentlich etwas, wozu man sich beglückwünschen konnte.'
dachte Mithel. Aber, wie er sehr wohl wußte, genau da lag das Problem.
Vermutlich hätten sich die Soldaten und Offiziere wesentlich besser gefühlt, wenn sie sich den Weg
hätten freikämpfen müssen. Aber so...
Sie hatten gekniffen, ohne auch nur einmal austeilen zu können - und diese Art von Rückzug gehörte
mit zu den bittersten. Erleichterung, aber auch Scham - und Wut über die Erleichterung - mochten die
vorherrschende Stimmungslage sein. Und das schloß auch die Kommandooffiziere ein.

Der Captain der Relentless befand sich in seinem Quartier. Er hatte sich, auf Anraten Raffarins,
zurückgezogen, um wenigstens etwas Atem zu holen, denn er war auf seinem Posten geblieben, bis
klar war, daß sich der Verband definitiv vom Feind gelöst hatte. Und, wie seine Stellvertreterin sehr
richtig bemerkt hatte, ein Captain, der halb einschlief, war schlechter, als gar kein Captain - nur ein
Sandsack, der den Kommandosessel in Beschlag nahm.
Nun, sie hatte es nicht SO ausgedrückt - sie hatte nur auf eine frühere Begebenheit angespielt, wo
genau das ihre Worte gewesen waren. Und er hatte den Wink verstanden. Obwohl er sich fragte, wie
seine Besatzung das aufnehmen würde. Einige würden sagen: ,Wir wissen nicht, ob nicht gerade
unsere Schwesterschiffe zusammengeschossen werden - und der schläft!'. Aber, wie er bitter dachte,
selbst wenn er nackt und gackernd durch die Gänge hüpfen würde, konnte das die Lage nicht
wesentlich verschlechtern.
Schlaf fand er jedenfalls keinen, zuviel ging ihm im Kopf herum.
Mithel rechnete damit, daß es noch Probleme geben würde - und das nicht nur mit dem Feind. Für die
Schiffe, die bei der Gallileo zurückgeblieben waren, war es ja schwer genug - aber für sein Schiff,
die Sao Paulo und die Prince of Wales war die Sache noch schlimmer. Sie waren DA gewesen - sie
HÄTTEN etwas tun können. Um ihre Kameraden zu rächen, die von dem feindlichen Schlachtschiff
zusammengeschossen worden waren - und um den anderen Flottenverbänden beizustehen. Sie hatten
es nicht getan. Schon das war schlimm, aber es war ja nicht alles.
Die Ungewissheit über das Schicksal der anderen Erdschiffe kam noch hinzu. Wer hatte überlebt -
wenn überhaupt jemand überlebt hatte? War man selber mit knapper Not der Vernichtung entgangen,
oder hatte man durch die Feigheit des Flottenführers und die eigene Unfähigkeit, sich gegen diese
Feigheit zu stellen, die Majestic und die Redemption zum Tode verurteilt? Das fragte sich wohl jeder,
vom einfachen Matrosen bis zum Kapitän.
Und was sollten die Soldaten von einer Führung halten, die so handelte? Wie sollten sie diese
respektieren? Der Captain mußte an sich halten, um Ward nicht laut und ausführlich zu verfluchen.
Dieser Idiot! begriff er nicht, was er angerichtet hatte?! Ward hatte gekniffen, und er, Mithel, hatte ihm
gehorcht.
Und das bedeutete - er war mitschuldig. Mithel war nicht ein Mann mit übertriebenen moralischen
Skrupeln, aber er war auch ein loyaler Angehöriger der Streitkräfte. Was ja auch das Dilemma war,
denn als solcher hatte er natürlich zu gehorchen und nicht SEINE Auffassung von Strategie und Taktik
über die des dienstältesten Kommandeurs zu stellen. Andererseits - er war auch seinen Kameraden und
seinem Eid verpflichtet. Und wenn der Kapitän der Gallileo aus reiner Feigheit gehandelt hatte...
Wenn er sich nur sicher gewesen wäre! Aber das war jetzt sinnlos. Mithel hatte gehorcht, und er
konnte nichts mehr daran ändern. Eine Meuterei im Gefecht galt in der Marine quasi als zweiter
Sündenfall, etwas undenkbares. Deswegen hatte er sich nicht überwinden können - und auch, weil er
nicht wußte, wer ihm gefolgt wäre. Mit den Folgen mußte er leben. Die Lippen des Captains verzogen
sich zu einer Grimasse: ,Ich werde nicht der einzige sein, der die Konsequenzen zu tragen hat, dafür
werde ich sorgen!' dachte er wütend. Glücklicherweise konnte niemand sehen, wie seine sonst eiserne
Selbstbeherrschung Risse zeigte. Daß er sich überhaupt so weit hinreißen ließ, war schon ein
bedenkliches Zeichen.
Er würde in den kommenden Tagen aufpassen müssen. Mit tödlicher Sicherheit konnte er davon
ausgehen, daß es disziplinarische Probleme geben würde. Die Stimmung an Bord war geladen genug -
Gefühle, die ein Ventil suchten. Der kleinste Befehl, ein schiefer Blick, eine unbedachte Bemerkung -
und es konnte zu einer Schlägerei kommen. Er hatte genug Diensterfahrung, um die ungefähren
Auswirkungen einer solchen Vertrauenskrise abschätzen zu können.
Die Mannschaft würde an sich selbst zweifeln und sich Vorwürfe machen. Und sie würde an ihren
Offizieren zweifeln, auch an ihm. Reflexartig ballte er die Faust: ,Verdammt! Dieses feige Schwein!
Und ich darf dann sehen, wie ich meine Leute bei der Stange halte!' Denn es war klar - die Gefahr
endete erst, wenn man im sicheren Hafen war. Wenn der sicher war, wenn es überhaupt noch so etwas
wie Sicherheit gab. Der Konvoi war offenbar durchgekommen, und die Akarii würden ihre Offensive
wieder aufnehmen. Und dann - welche Sicherheit würde es dann noch geben? Er brauchte seine Leute,
brauchte jeden einzelnen von ihnen. Jetzt, auf der Heimfahrt, aber auch in Zukunft. Und da konnte er
nicht hinnehmen, daß es Zweifel an ihm gab. Die Zweifel, die man gegenüber dem Flottenchef haben
würde, war schon schlimm genug. Aber an denen würde er bestimmt nichts ändern. Er wollte es auch nicht.
Mithel seufzte leise. Er würde die Disziplin durchsetzen müssen, soviel war klar. Aber diesmal, so
überlegte er sich, war es wohl besser, etwas elastischer vorzugehen. Normalerweise kannte er wenig
Gnade, wenn es um Disziplinlosigkeit ging. Die Leute kamen freiwillig zum Militär – sie wußten,
worauf sie sich einließen. Die Republik brauchte keine Randalierer und Hooligans, an Bord eines
Kriegsschiffes war ein reibungsloser Dienstablauf überlebenswichtig. Aber diesmal konnte er seinen
Untergebenen ein gewisses Maß an Verständnis nicht verweigern. Er selber hätte am liebsten ein Dutzend
Marines um sich gesammelt und Ward abgesetzt – oder ihn gleich erschossen. Also würde er jeden
Fall sorgfältig prüfen und die Strafen abwägen müssen. Verständnis zeigen. Er konnte nicht anders,
und er durfte auch nicht. Raffarin würde ihm dabei helfen können – sie stand der Besatzung sowieso
näher. Ihn hatte man - bisher - immer respektiert, vielleicht auch ein wenig gefürchtet. Wieviel von
dem Respekt noch geblieben - das wußte er nicht. Aber mit Furcht allein konnte man nicht
kommandieren. Raffarin würde einen Weg finden. Er gestattete sich ein schmales Lächeln. Dafür hatte
er sie ja auch ausgewählt…
Was Ward anging – nun, die Stunde der Abrechnung würde noch schlagen. Wenn Mithel da auch nur
ein Wort mitzureden hatte, dann war der Trägerkapitän längste Zeit Kommandeur eines Schiffes
gewesen. In Gedanken war der Captain der Relentless schon dabei, einen ersten Entwurf seines
Berichtes zu verfassen. Die Frage war bloß, ob er sich bemühen sollte, nur Ward zu belasten. Mithel
hatte genug flottenpolitische Erfahrung um zu wissen, daß diese Aktion in den richtigen Händen weit
mehr Wirkung zeitigen konnte, als einen notorisch feigen Captain endlich auf das Altenteil zu
schicken. Auch die Schöpferin der Planes, Vizeadmirälin Noltze, konnte leicht ins Kreuzfeuer der
Kritik geraten. Ihre Idee, in drei getrennten Verbänden anzugreifen, die nur ungenügend koordiniert
angreifen konnten, war ebenso angreifbar wie ihre Personalpolitik. Immerhin hatte sie Ward zum
Kommandeur bestimmt – obwohl etliche der Kreuzerkommandeure genug Erfahrung gehabt hatten,
um selber einen Verband zu befehligen. Und nahm man hinzu, daß sowohl sie als auch Ward
ehemalige Jagdflieger und Angehörige der Trägerfraktion waren…
Der Konflikt zwischen der Kreuzer- oder Flottenfraktion und den Anhängern der Träger schwelte
schon lange, und gerade in letzter Zeit war er verstärkt aufgeflammt. Um Ressourcen und um Einfluß
im Flottenkommando, um die künftige Taktik der Navy und die Planstellen für neue Schiffe wurde
fast ebenso erbittert gekämpft wie gegen die Akarii im Felde. Da konnte so etwas sehr leicht Öl ins
Feuer gießen. Mithel überlegte. Nein, das war wohl ein wenig zu hoch für einen kleinen Captain. Aber
wenn er die richtigen Leute informierte, würden die schon wissen, wie sie vorzugehen hatten. Er
selber würde sich eher darauf konzentrieren, Captain Ward anzuschwärzen. Er wusste auch, mit wem
er dazu sprechen mußte. Auf der Relentless und auf den anderen Schiffen. Sie hatten auf dem
Rückweg genug Zeit – und wenn sie bei der Perseus-Station ankamen, dann würde man ja sehen, ob
sich Noltze vor Captain Ward stellen würde. In dem Fall, das schwor er sich, würde sie Wards
Schicksal teilen.
Mithel war nie ein selbstloser Heroe gewesen - obwohl man ihm im Einsatz große Tapferkeit
bescheinigt hatte. Er hatte immer seine Pflicht getan, aber auch auf den eigenen Vorteil gesehen.
Diesmal aber war er erstmals bereit, diesen unter Umständen völlig außer Acht zu lassen - sollte er
sich mit Noltze anlegen müssen. Und das würde er, wenn die Admirälin Ward deckte. Aber diesmal
konnte er - auch um vor sich selber zu bestehen - nicht klein beigeben.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:14
Ihm war als wäre er erst eben eingenickt, als er auch schon wieder hochschreckte. Die
Bordkommunikation hatte einen Signalton, der im Ruf stand, auch Tote wieder auf die Beine zu
bringen. Mithel rieb sich die schmerzenden Augen – Folgen der langen Stunden, die er auf der
Kommandobrücke verbracht hatte – und nahm den Anruf an. Es war Raffarin: „Sir, wir haben hier
etwas, daß Sie sich ansehen sollten!“
„Komme sofort!“ Er fragte nicht, was – er kannte seine Stellvertreterin gut genug um zu wissen, daß
sie ihn nicht wegen einer Lappalie wecken würde. Jahrelange Übung ermöglichte ihm, binnen weniger Augenblicke ,präsentabel’ zu sein – ein paar Tabletten vertrieben die Müdigkeit.
Als er durch die Gänge zur Zentrale eilte, registrierte er sehr wohl, dass einige Soldaten sich Zeit
ließen mit der Ehrenbezeigung. Und der eine oder andere schien ihn überhaupt nicht zu sehen. Mithel
kniff die Lippen zusammen – aber jetzt war nicht die Zeit. Und er konnte es ihnen auch kaum
verdenken.
„Bericht!“ knurrte er, als er, begleitet vom „Achtung – Kapitän auf Brücke!“, die Kommandozentrale
betrat. Der Kommunikationsoffzier salutierte: „Sir, melde Notruf von der Redemption!“ Mithel
beherrschte sich mühsam, um ihn nicht anzufahren – nicht aus Wut, sondern weil er darauf brannte,
die Nachricht zu hören. Seine Stimme klang ruhig wie immer: „Abspielen.“ Der Offizier betätigte
einen Schalter: „SOS, hier TRS Redemption unsere Position ist 343 zu 449 zu 702 mit einer
Geschwindigkeit von 30 km/s mit Kurs 002. SOS, hier TRS Redemption unsere Position ist 343 zu…“
er unterbrach die Sendung auf eine Geste des Captains: „Sir, sie funken unverschlüsselt und auf allen
Kanälen.“ Mithel nickte knapp: „Danke.“ Er warf Raffarin einen Blick zu, doch bevor er den Mund
öffnen konnte, erstattete sie schon Meldung: „Die Gallileo hat soeben den Kurs gewechselt und die
Geschwindigkeit erhöht. Wir sind auf Kurs.“ In ihren Worten – unausgesprochen aber für den
kundigen Höher deutlich erkennbar – schwang etwa folgendes mit: „Wo hat der Alte plötzlich das
Rückrat her?“ Mithel teilte diese Ansicht, aber er war – noch – nicht so weit, so etwas öffentlich zu
äußern. Er nickte ihr zu, dann straffte er sich: „Krankenstation vorbereiten – Alpha-Priorität.
Schadenssicherungs- und Reparaturtrupps sollen sich bereithalten. Shuttles betanken und startklar
machen. Waffen in erhöhte Alarmbereitschaft. Wir wissen nicht, ob die Akarii vielleicht mithören. Oder
der Notruf von ihnen stammt. Ich will nicht hoffen, daß die Redemption kapituliert hat und sich so
mißbrauchen lässt, aber wir müssen auf alles gefasst sein.“ Er bemerkte den Eifer, mit dem die Befehle
bestätigt wurden. Natürlich, die Leute hofften, so einen Teil der Schuld, den sie gegenüber ihren
Kameraden und vor sich selber zu haben glaubten, abtragen zu können.
„Raffarin – gegen Sie auf die Ersatzbrücke. Ich bleibe hier.“ Die XO schien etwas sagen zu wollen,
aber nach einem Blick in Mithels Gesicht überlegte sie es sich anders. Sie salutierte und ging. Der
Captain nahm im Kommandosessel Platz. Die ersten Klarmeldungen kamen eben herein – und Mithel
betete, daß es diesmal anders ausgehen würde als beim letzten Mal, wo er von hier seine Befehle
gegeben hatte.

Die folgenden Stunden waren von hektischer Betriebsamkeit erfüllt. Die Relentless machte sich –
etwas unpassend für ihren Namen – bereit, havarierten Kameraden alle Hilfe zu geben, die möglich
war. Aber sie machte sich auch bereit, nötigenfalls die Zähne zu zeigen.
Als die Gallileo sich meldete, mußte Mithel sich beherrschen, damit man seine Gedanken nicht
überdeutlich in seinem Gesicht lesen konnte: ,Verdammt, der Kerl hat sich wieder in die Hosen
gemacht und wird die Rettungsmission jetzt kippen!’ Innerlich bereitete sich der Captain der
Relentless darauf vor. DIESMAL würde er nicht klein beigeben – diesmal waren die Gesetze der Navy
auf seiner Seite. Auch wenn er nicht wusste, ob ihm alle Besatzungsmitglieder folgen würden – wenn
er jetzt klein beigäbe, würde er nie mehr das Vertrauen der Männer und Frauen unter seinem
Kommando erringen können.
Er konnte die Abneigung gegenüber Ward nicht völlig aus seinem Gesicht verbannen, als das Antlitz
des Flottenchefs auf dem Bildschirm erschien. Und er begrüßte ihn nicht, noch verbeugte er sich, wie
er es gegenüber einem Kommandeur getan hätte, den er respektierte. Ward kam gleich zur Sache –
seine Stimme klang weit ruhiger, als Mithel an seiner Stelle gewesen wäre. Wenn er hätte damit
rechnen müssen, von den eigenen Untergebenen gekreuzigt zu werden. „Sie beide haben sicherlich
ebenfalls den Notruf der Redemption erhalten. Ich kann nicht die gesamte Flottille aufs Spiel setzen,
daher werden Sie beide den Nebel verlassen und dem Notruf nachgehen. Sie werden alles in Ihrer
Macht stehende unternehmen um die Überlebenden der Redemption zu retten." Obwohl Mithel ein
Stein vom Herzen fiel – weder war Ward bereit, die Redemption aufzugeben, noch war Mithel
gezwungen, es hier und jetzt auszufechten – ließ er sich nichts anmerken. Zu groß war die Abneigung.
So beendete er, nachdem der Kommandeur ihm Glück gewünscht hatte, die Verbindung. Nach den
Traditionen der Marine eine ziemliche Unverschämtheit, aber für derartige Dinge fehlte ihm
momentan der Sinn. Zumindest, wenn es um Captain Ward ging.
Er öffnete einen internen Kommunikationskanal: „Achtung, Achtung, herhören. Hier spricht der
Kapitän. Wie Sie sicher alle wissen, haben wir einen Notruf der Redemption empfangen. Captain
Ward hat uns und die Dauntless detachiert, um unseren Kameraden zu helfen. Ich habe vor, unsere
Kameraden zu retten – und wenn wir uns dazu mit der 3. Akarii-Flotte herumschlagen müssen. Ich
erwarte von jedem einzelnen Pflichterfüllung bis zum letzten, und ich weiß, daß ich darauf rechnen
kann. Ab jetzt volle Gefechtsbereitschaft – wir wissen nicht, wer noch mithört. Mithel Ende.“ Er
drehte den Kopf leicht: “Steuermann – gehen Sie auf Volle Kraft Voraus!“ „Aye Aye, Sir!“ Er hörte
den Enthusiasmus in der Stimme des Offiziers. Hoffentlich kamen sie nicht zu spät. Und hoffentlich
war es keine Falle – eine Möglichkeit, die er der Mannschaft gegenüber tunlichst nicht erwähnt hatte.
Zögern, Zweifeln – das konnte er sich nicht leisten. Sollte es eine Falle sein – nun, in dem Fall würde
man sehen…
„Verbindung an die Dauntless. Kapitän an Kapitän.“ Mithel straffte sich, um einen optimalen
Eindruck zu machen. Er und Captain Gonzales waren nie sonderlich gut miteinander klargekommen,
aber jetzt war nicht der Augenblick für solche Streitereien. Aber Mithel war auch fest entschlossen,
auf keinen Fall Gonzales das Kommando zu überlassen. Als der Captain der Dauntless auf dem
Kommunikationsschirm erschien, neigte Mithel leicht den Kopf – Äquivalent einer höflichen
Begrüßung.
„Captain. Ich schlage vor, daß wir uns trotz Ihrer höheren Geschwindigkeit nicht trennen. Wir wissen
nicht, was uns erwartet, und der Zeitunterschied wäre nur minimal. Ich würde sagen, es wäre das Beste
wenn Sie mit Ihrem Schiff eine achterliche Position beziehen. So kann mein Schiff Ihres beschützen,
und Sie halten uns Jäger und Raketen vom Hals.“ Während er auf Gonzales Antwort wartete, wandte
er sich wieder an den Kommunikationsoffizier: „Verschlüsselten Funkspruch an die Redemption, wir
kommen. Und bitten Sie sie, nicht mehr alle Welt zu informieren.“ Dann lehnte er sich zurück. Nun
hing es von Gonzales ab. Aber neben diesen eher geringfügigen Problemen blieb immer noch die
Frage, ob sie die Redemption rechtzeitig erreichen würden – vor den Akarii.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:15
Das gesamte Schiff wurde nur noch von Reaktor Nr. 2 im Backbordmaschinenraum am Leben
gehalten. Der Maschinenraum war abgeschottet worden und nur noch 12 Männer und Frauen taten
dort ihren Dienst.
Das Kommando hatte ein junger Ensing, Samantha Frazier.
Sie war 21 Jahre alt und hatte vor einem Jahr die Akademie verlassen. Sie war ganz sicher nicht
Qualifiziert, in solch einer Situation den Maschinenraum zu leiten und man sah ihr genau an, dass sie
unter größtem Stress litt.
Aber sie tat ihr Bestes, bis zu einem gewissen Moment.
Sie hielt einen Augenblick inne um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Dabei blickte sie auf
den Geigerzähler im Maschinenraum und gegen jegliche Bestimmung war dieser abgeschaltet, ebenso
das Redundanzgerät.
In diesem unbedachten Moment trat die junge Frau an das Kontrollpult und schaltete den Geigerzähler
an.
Eine Sekunde später schlug das Messinstrument aus, bis weit in den Bereich hinein, der als absolut
tödlich galt.
"Oh mein Gott! Die Strahlung!" Sie begann am ganzen Leib zu zittern.
Senior Chief Allison Harper trat hinzu: "Au verdammt, Ma'am, ..."
Doch Frazier hörte der älteren Frau nicht zu, sie drehte sich um und rannte zum Hauptschott. Dort
begann sie an der Konsole herumzuhantieren.
Als sich das Schott jedoch nicht öffnete, begann sie mit aller Gewalt dagegen zu schlagen: "Lasst uns
raus! Bitte! Die Strahlung bringt uns um!"
Die Ingenieure im Maschinenraum ließen ihre Arbeit liegen und blickten zu der jungen Offizierin.
"Weitermachen Leute!" grummelte Harper.
"Aber Chief.........."
"Zurück an die Arbeit Boyle!"
Sie ging auf Frazier zu und legte der schluchzenden Frau die Hände auf die Schultern: "Es ist zu spät,
Ma'am, wir sollten jetzt dafür sorgen, dass die Maschinen weiterlaufen."
"A... ab... aber wir werden sterben ...."
"Ja, das werden wir Ma'am."
Frazier ließ sich mit dem Rücken zum Schott zum Boden sinken. Sie legte den Kopf in die Hände und
weinte.
Harper wandte sich ab. Nachdem sie den Geigerzähler wieder abgeschaltet hatte, sorgte sie dafür, das
Reaktor Nr. 2 weiterlief.

Auf der Brücke fieberte man der Ankunft der Relentless und der Dauntless entgegen. Auf den
codierten Funkspruch von Mithel hatte man den Notruf abgeschaltet.
"Captain, zwei Bogies, aus Richtung Nebel!"
Clark fuhr herum: "Identifizieren!"
"IFF-Code, Terraner, es sind die Relentless und die Dauntless, Sir!"
"Geben Sie mir die Relentless."
"Aye, aye Sir!"
Wenig später war Mithels Gesicht auf dem Hauptschirm zu sehen.
"Sie können sich nicht vorstellen, wie froh ich bin, Sie zu sehen Captain", Clarke lächelte. "Der
Zustand der Redemption ist mehr als nur kritisch, ich möchte damit beginnen, die Verwundeten zu
evakuieren und auf die Relentless zu verlegen."
"Selbstverständlich, Sir ..." antwortete Mithel, doch Clark sprach weiter.
"Wo ist die Galileo und wie ist ihr Zustand?"
Mithels Blick wurde kurz verschlossen: "Sie hat im Nebel Position bezogen, das Bordgeschwader
wurde aber zu 3/4 aufgerieben."
Clark wandte sich an einem Mann, der am Kartentisch lehnte, oder sich darauf stützte. Mithel erkannte
ihn als Commander Cunningham, das "Opfer" von Noltzes Ehrengericht.
"Commander: Verlegen Sie so viele unserer Maschinen auf die Galileo, wir brauchen ein
einsatzbereites Jagdgeschwader."
Der abgekämpfte Pilot nickte und ging.
"Ich werde Ihnen die Koordinanten der Gallileo überspielen und alles für die Aufnahme von
Verwundeten vorbereiten lassen."
"Gut, Redemption Ende."

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:15
Lucas stürzte beinahe aufs Flugdeck: "DARKNESS! DARKNESS! DARK..."
Der ältere Pilot trat auf ihn zu: "Was ist los, Boss?"
"Im Nebel befindet sich die Galileo. Wir verlegen das Geschwader so gut es geht. Ruf die Piloten
zusammen."
Darkness nickte: "Aye!" Und wandte sich an den nächsten Piloten: "KANO! GESCHWADER
SAMMELN!" Er deutete auf Lucas.
Kurze Zeit später war der klägliche Rest des Geschwaders versammelt und Lucas hatte von der Brücke
einen Zustandsbericht des Galileo-Geschwaders erhalten.
"Okay Ladies und Gentlemen, die Angles werden auf die Galileo verlegt." Ein Murren wurde laut.
"Wir lassen doch nicht unser Schiff im Stich." Lucas glaubte Radio zu hören, doch das war bei solche
einem Satz vollkommen unmöglich.
"Damit sorgen wir für eine fortbestehende Kampfbereitschaft und erhöhen die Chance hier
herauszukommen."
Er blickte in die Gesichter seiner Piloten und sah immer noch bei vielen Unmut: "Die Galileo hat noch
15 Jäger, drei Mirages, der Rest Thyphoon. Sprich wir haben Platz für 31 Jäger und bei der
Zusammenstellung haben Mirages und Phantome Vorrang. Und Sie wissen, wir haben noch mehr als 31
Jäger übrig.
Darkness: du übernimmst auf der Galileo das Kommando über das Geschwader."
Der Veteran zog die Stirn kraus: "Und was ist mit dir, Boss?"
Lucas schüttelte leicht den Kopf: "Wegtreten!"
Lucas wollte sich umdrehen und zurück zur Brücke, doch Darkness hielt ihn fest: "Was zur Hölle hast
du vor, Boss?"
"Irgendwer muss auf Clark aufpassen."
"Nehm' ich dir nicht ab...."
"Du hast doch sicherlich davon gehört." zischte Lucas gereizt.
"Okay, verdammt, such sie. Wir sehen uns auf der Galileo."

Doktor Langenscheit betrat den OP. Er traf keine besonderen Hygienevorkehrungen. Ein OP in
Kriegszeiten war nie wirklich hygienisch.
"Commander Hamlin, wir fangen jetzt mit der Verlegung der Verwundeten an. Als erstes die
Transportfähigen. Sobald die auf der Relentless sind, kommt der Rest an die Reihe. Wozu zählt
der auf Ihren Tisch?"
"Kann ich nicht sagen Peter, bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt durchkommt. Mehr saugen
Laura, .... ja, so ist gut...."
Stelzer drehte sich um und klapperte die anderen vier OPs ab.
In der Postoperativen begannen Krankenschwestern und -pfleger schon mit dem Transport der
Verletzten zum Flugdeck.

Auf dem Flugdeck herrschte mehr als nur reger Betrieb.
Zum einen wurden am Bug Jäger über das verbleibende Katapult gestartet. Gleichzeitig wurde das Achterdeck zum Start und zur Aufnahme von Shuttlen bereit gemacht. Die Aufzüge brachten die beiden SAR-Shuttles, sowie die vier weiteren Transportshuttles aus dem Hangar zum Flugdeck hinauf.
Gelbe Traktoren zogen die Shuttles in Startposition.
Die Bodencrews waren mit den Vorbereitungen noch nicht fertig, da wurden schon die ersten Tragen
mit Verwundeten aufs Flugdeck gebracht.
So notwendig dieser Schritt auch war, die Evakuierung der Verletzten gaben der Angst und den
Gerüchten, man würde die Redemption demnächst aufgeben, sehr glaubhafte Nahrung.

Im All formierten sich die die Jäger der Redmeption. Viel zu langsam und viel zu schlampig um bei
irgendeinem der Staffelführer auch nur einen Hauch von Begeisterung zu wecken.
Doch niemand sagte etwas. Die Piloten waren ausgelaugt. Am Ende ihrer Kräfte.
Die Jäger waren zwar voll aufgetankt, doch trug nicht einer von ihnen Raketenlast. Da die Redemption
ihre Raketenmagazine geleert hatte, war nichts mehr da gewesen, um die Jäger aufzumunitionieren.
Es wäre dafür allerdings sowieso keine Zeit mehr gewesen.
"Alles herhören!" blaffte Darkness in den Geschwaderkanal. Es war erstaunlich, was der alte Veteran
noch an Reserven mobilisieren konnte. "Sehen wir zu, dass wir auf die Galileo kommen. Ich will, dass
die Hälfte von Euch versucht zu schlafen, während der Autopilot die Kontrolle übernehmt. Ihr seid
dann die Ersten, die ich wieder rausschicke! Wir brauchen Jagdschutz."
Das Geschwader ging auf eine Marschgeschwindigkeit von 400 km/s. Darkness glaubte, dass mehr als
nur die Hälfte der Piloten unterwegs einfach zusammenklappen würde. Der Autopilot war zurzeit um
einiges sicherer als die menschlichen Reflexe und der Durchhaltewille des Einzelnen.
Während das moderne Gefechtsradar der Dauntless das halbe System erleuchtete und abtastete - jede
Zurückhaltung war hinfällig geworden, jetzt hieß es so schnell wie möglich entdecken, was auf einen
zukam, lief auf der Relentless eine gut geölte Maschinerie militärischer Präzision und Organisation
an.
In Rekordschnelle war die Krankenstation bereit gemacht worden. Alle drei OPs waren besetzt worden
um das erneut zu flicken, was der Transport wieder aufgerissen hatte.
Die der Krankensation am nächsten gelegenen Quartiere wurden zu Krankenrevieren umfunktioniert.
Und fünf Minuten, bevor das erste Shuttle von der Redemption startete, hob das erste Shuttle der
Relentless in Richtung Träger ab um bei der Evakuierung zu helfen.

Tyr Svenson
30.03.2004, 12:16
Eine Hand packte Kanos Schulter. Er fuhr herum, fixierte mühsam die Gestalt, die vor ihm stand. Das
fiel ihm nicht leicht. Er war hundemüde. Seit seiner knapp geglückten Landung hatte er kaum eine
ruhige Minute gehabt. Fast sofort, nachdem er aus der Pilotenkanzel halb geklettert, halb gefallen war,
hatte ihn ein Lieutenant der Reparaturabteilung „rekrutiert“. Normalerweise hätte man die Piloten,
zudem nach zwei aufreibenden Feindflügen, in Ruhe gelassen, in „Bereitschaft“ abgeschoben - für den
Fall, daß der Feind noch einmal angreifen würde. Doch nun sendete die Redemption offen auf allen
Frequenzen SOS. Und wenn die Akarii als erste das wracke Schiff erreichen würden, dann würde es
keine Gegenwehr geben, nur Kapitulation. Als Kano sich dessen bewußt wurde, hatte er die Tränen
zurückdrängen müssen, ein erstickendes Gefühl der Niederlage und der Schande, das seinen Hals
zuschnürte. Er hatte sich geschworen – ER würde nicht in Gefangenschaft gehen!
Aber die Arbeit hatte diese Gedanken in den Hintergrund gedrängt. So gut er konnte, hatte er bei den
Reparatur- und Sicherungsmaßnahmen mitgemacht, obwohl er jetzt vor Müdigkeit taumelte.
Die Belüftungsanlage war defekt, die Luft schmeckte widerlich nach Rauch. Der ekelhafte
Brandgeruch in der Luft ließ ihn würgen und mit dem grauenhaften Gefühl zu ersticken kämpfen. Er
trug immer noch den Pilotenanzug, der nach zwei Feindflügen und Stunden ermüdender Arbeit
schweißgetränkt war und an seiner Haut klebte. Die anderen Mitglieder seiner Schwadron hatte er aus
den Augen verloren. Wo Kali war, wußte er nicht – nicht einmal, ob sie noch lebte...
Vor ihm stand Blackhawk. Sein dunkles Gesicht wirkte grau, eingefallen. Dennoch lagen in den
Bewegungen des Veteranen noch eine Energie, die Kano bei sich nicht mehr finden konnte.
Kano versuchte eine Ehrenbezeugung, aber zu mehr als einem müden Salut reichte es nicht. Er war
einfach zu fertig. Das entging natürlich auch Blackhawk nicht, der Kanos Fixierung auf Vorschriften
und exakten Dienst kannte. Ohne Kommentar reichte er dem jüngeren Kameraden eine Flasche,
irgendein Elektrolyt-Getränk.
„Danke.“ Kano’s Stimme klang kratzend, heiser vor Müdigkeit und Austrocknung. Er stürzte die
lauwarme Flüssigkeit gierig herunter, verschluckte sich und hustete krampfhaft. Es dauerte ein paar
Augenblicke, bis er sprechen konnte: „Entschuldigung. Haben Sie neue Befehle, First Lieutenant?“
Unausgesprochen lag in diesen Worten die bange Frage: ‚Wie sieht es aus?‘
„Ich wollte Ihnen bloß sagen, daß Virago in Ordnung scheint. Und Lilja – ist nicht in Lebensgefahr.
Ich hab’s von Lightning.“
Das waren gute Nachrichten – Kano lächelte. Aber das Lächeln war hölzern und Blackhawks Grinsen
wirkte aufgesetzt. Beide wußten – der Träger, sie alle, waren noch längst nicht außer Gefahr. Immer
noch tobten Brände an Bord der Redemtion, kämpften sie um das Leben des Schiffes. Und wenn der
Feind sie fand – die Akarii galten nicht als ein Gegner, der Pardon gewährte. ‚Wenn wir Pardon
überhaupt annehmen! Ich werde nicht kapitulieren. Lieber... .‘ Kano tastete reflexartig nach seiner
Laserpistole. Aber selbst dieser Gedanke war irgendwie kraftlos, automatisch.

Als irgendwo hinter ihm die Stimme des „Alten“, Wing – Commander Cunninghams Stimme ertönte,
brauchte Kano einige Augenblicke, bis er die Worte verstand, die er hörte. Und bis er begriff, daß
nicht der Feind, sondern die eigenen Leute die Redemption und ihre Begleitschiffe gefunden hatten.
Daß sie weiterleben, weiterfliegen und weiterkämpfen würden. Der Befehl zur Verlegung allerdings...
Die Stimmung sank schlagartig wieder. Zum einen war allen klar, was dieser Befehl voraussetzte –
das Geschwader der Gallileo war vernichtet worden – sonst wäre überhaupt kein Platz auf dem
Leichten Träger gewesen. Außerdem bedeutete dies einen mehrstündigen Raumflug. Und die Gefahr war
offensichtlich nicht gebannt. Aber da gab es noch etwas anderes. Die Redemption zu verlassen, um auf
die unbeschädigte Gallileo zu wechseln, das kam den meisten wie Flucht, wie Verrat vor. Die
Redemption war ihre Heimat. Sie zu verlassen, wie das Ratten das sinkende Schiff...
Und abergläubisch, wie viele Navymitglieder waren, würde diese Verlegung als böses Omen erscheinen,
eine vorweggenommene Aufgabe des Trägers. Das beunruhigte die meisten, sogar Blackhawk.
Die Miene des First Lieutenant blieb ungerührt, aber seine Stimme klang leicht gepreßt, als er sich an
Lightning wandte, die aus dem Durcheinander von Piloten, Marines und Matrosen auftauchte: „Sollen
wir – packen?“
Sie schüttelte den Kopf, wirkte aber auch nicht ganz glücklich:„So schlimm ist es noch nicht. Ist nur
für kurze Zeit. Bloß damit wir auftanken, reparieren und aufmunitionieren können.“ Lightning
wünschte, so sicher zu sein, wie sie ihre Stimme klingen ließ.
„Befehl vom Alten – die Hälfte kann auf dem Verlegungsflug den Autopilot fliegen lassen. Aber
schlaft mir nicht zu tief! Währe doch Scheiße, wenn ihr erst auf der anderen Seite aufwacht! Ich spiele
den Wächter, dazu noch Blackhawk und... .“
„Ich, Lieutenant Commander!“ Kanos Stimme schwankte etwas, er fühlte sich so müde – aber er
richtete sich so grade wie möglich auf, biß die Zähne zusammen und sah der Schwadronsführerin
direkt in die Augen.
Lightning musterte ihn nur kurz. Sie hatte viel zu tun. Und wenn er sich schon freiwillig meldete...
„Angenommen, Kano. Das wäre also geklärt. Sonst noch Fragen?!
Gut! Weggetreten und an die Arbeit!“
Blackhawk verkniff sich eine Bemerkung. Er war zwar provisorischer XO – und er hätte Kano
bestimmt nicht ausgewählt – aber jetzt eine Diskussion anzustrengen, hatte wenig Sinn. Er kannte
seinen Zimmernachbar inzwischen gut genug, um zu wissen, wie sehr ihn irgendwelche Zweifel an
seiner Einsatzfähigkeit treffen würden, auch wenn sie berechtigt waren. Außerdem waren sie alle
geschafft. Und Kanos stures Beharren auf Pflichterfüllung machten ihn wiederum doch geeignet für
die Aufgabe.

Als die Piloten in Richtung ihrer Maschinen trotteten, wirkten sie keineswegs wie diese
energiegeladenen, gutaussehenden Gestalten, die in den Propagandastreifen auftauchten...
Das Chaos im Hangar wurde durch die startenden Maschinen noch mehr vergrößert. Dazu kamen die
Krankenträger, die die transportfähigen Verwundeten zu den Shuttles brachten. Kano betete, daß Kali
nicht unter den Opfern dieses Tages sein würde – den Toten und den Verwundeten, die jetzt
eingeladen wurden oder im hoffnungslos überfüllten Krankenrevier oder den provisorischen
Verbandsstellen um ihr Überleben kämpften. Unmöglich, in diesem Chaos ein einzelnes Gesicht zu
finden. Dennoch versuchte Kano es. Aber er konnte Kali nicht sehen. ‚Helen muß es gutgehen. Es
muß...‘
Diesmal dauerte es fast doppelt so lange wie üblich, bis er seinen Jäger startklar hatte. Nicht nur, daß
die beschädigte Maschine langsamer zu reagieren schien. Vor allem er selber war das Problem. Kano
hatte Mühe, sich zu konzentrieren, mußte die Startprozedur zweimal wiederholen.
Als ihn das Katapult in den Weltraum schleuderte, weckte der Ruck, der die Maschine durchzuckte
wieder etwas seine Lebensgeister. Als er sich über Funk mit den anderen Staffelpiloten verständigte
stellte er zufrieden fest, daß seine Stimme klarer und wacher klang.
Die Typhoon bildeten mit den Phantome, Griphen und Mirage, die noch als flug- und kampffähig
eingestuft wurden, einen beachtlichen Pulk: 30 Maschinen. Aber das war weniger als die Hälfte der
Angry Angels. Und die meisten Maschinen waren beschädigt. Hinter ihnen blieben die wracke
Redemption zurück – ihre Heimat. Mehr als einer betete lautlos, daß dieser Abschied nicht für immer
sein würde.

Der Flug war für Kano ein verbissener Kampf. Nicht gegen die Akarii, nicht gegen die Maschine –
gegen sich selbst. Eine halbe Stunde nach dem Start war die bleierne Müdigkeit zurückgekehrt, die
vorher auf ihm gelastet hatte. Mehrmals fuhr er hoch, in der panischen Erkenntnis, daß er beinahe
eingeschlafen war. ‚Ich darf nicht einschlafen! Sie verlassen sich auf mich!‘
Er hatte den Autopilot ausgeschaltet. Das war riskant und eigentlich unnötig. Aber wenn er überhaupt
nichts zu tun gehabt hätte – er wäre bestimmt eingenickt. Und da war noch Blackhawk. Der Veteran
war ungewöhnlich redselig – ebenso wie Lightning. Es dauerte eine Weile, bis Kano begriff, daß die
Veteranen so sich und Kano wach hielten. Trotzdem war es hart. Von Lightning erfuhr er, daß der
Wing–Commander an Bord der Redemption geblieben war. Das weckte in ihm ein erniedrigendes
Schuldgefühl. Während sie zur Gallileo flogen, blieb ihr Kommandant zurück auf dem beschädigten
Schiff. Um mit ihm unterzugehen..?
Als endlich vor ihnen die wuchtige – und unversehrte – Silhouette der Gallileo auftauchte, stieß Kano
dennoch erleichtert die Luft aus: ‚Geschafft!‘ Die Landung war nicht gerade Kanos beste Leistung –
aber er wahr froh, sie halbwegs sauber durchgeführt zu haben.

Lightning musterte die Piloten, die vor ihr standen. Sie verkniff sich irgendwelche markigen Worte.
Die wären sowieso bei dieser Truppe nicht groß angekommen. Im Hangar der Gallileo stauten sich
jetzt die Überreste der Angry Angels und die verbliebenen Maschinen der Gallileo. Die Bodencrews
hatten sich bereits auf die Maschinen gestürzt um sie zu reparieren, zu betanken und zu bestücken.
Hoffentlich würde diese Vorsichtsmaßnahme überflüssig sein – mit dieser Einheit, das war Lightning
klar, war wenig Staat zu machen: ‚Die schlafen mir noch in der Raumschlacht ein, wenn sie nicht
wenigstens zwölf Stunden Ruhe kriegen.’
„Also – das war’s für’s erste, Kinder. Alles weitere ist nicht mehr unsere Sache. Ihr kriegt Quartiere
zugewiesen. Haut euch erst mal hin. Ich will keinen im Hangar sehen, außer die Echsen wollen die
Party sprengen. Ach ja – ihr habt eure Sache verdammt gut gemacht. Weggetreten!“
Die Piloten verliefen sich. Man mochte über Captain Ward munkeln was man wollte, die Mannschaft
war gut ausgebildet und der Borddienst arbeitete schnell und reibungslos. Die Piloten erhielten ihre
Quartiere – vielfach die Wohnräume der abgeschossenen Gallileo – Flieger. Allerdings waren die
meisten einfach zu müde, sich darum groß zu kümmern. Sie bemerkten auch nicht die Blicke der
Crewmitglieder der Gallileo, die diesen schnellen Belegungswechsel mit teilweise recht gemischten
Gefühlen sahen.
Kano wollte sich schon Blackhawk anschließen, der sich von einem Sergeant einweisen ließ, als er
durch das organisierte Durcheinander eine vertraute Gestalt sah, die ihn die Müdigkeit vergessen ließ:
Kali. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, an ihre Maschine gelehnt. Sie sah müde aus. Aber sie lebte –
und nur das zählte. Er hatte sie aus den Augen verloren gehabt, hatte die Gedanken an sie verdrängt,
aber jetzt fühlte Kano, wie eine schwere Last von seinen Schultern fiel. Sie war eine erfahrene Pilotin, aber
in der Schlacht waren viele erfahrene Piloten nicht mehr zurückgekehrt. Er eilte zu hier.
Sie schien in Gedanken, bemerkte ihn nicht, stand einfach an der Flanke ihres Jägers, die Arme
aufgestützt, den Kopf gesenkt.
„Helen!“
Sie blickte auf. In ihrem Gesicht war etwas, was Kano stocken ließ, als er sie umarmen wollte. Ihre
Augen wirkten – tot. Und falls sie sich freute, ihn zu sehen, dann verbarg sie es gut.
„Helen…“ Sie sah ihn nur schweigend an, nein schien eher durch ihn hindurch zu sehen, sich auf
irgendetwas zu konzentrieren, dass jenseits seines Blickfeldes lag. Als sie sprach, war ihre Stimme
ebenso tot, wie ihre Augen: „Ace ist tot. Rusty ist tot. Ich…“ Sie verstummte.
Er machte eine Bewegung auf sie zu, streckte den Arm aus – sie blockte ihn ab: „Laß mich allein. Laß
mich bitte allein!“
Das saß. Ein paar Augenblicke starrte er sie an, suchte nach einem Anzeichen, dass ihn zum Bleiben
aufforderte. Aber Helen meinte offenbar, was sie gesagt hatte. Er hätte sie gerne getröstet, hätte sie
gerne in den Arm genommen. Anstatt dessen drehte Kano sich um und ging, müde, automatisch einen
Fuß vor den anderen setzend. Er fühlte sich wie ausgebrannt. Und er blickte nicht zurück.
Blackhawk wartete auf ihn. Falls er bemerkt hatte, was passiert war, äußerte er sich nicht. Dafür war
Kano dankbar. Schweigend marschierte er hinter dem First Lieutenant her. Keiner der beiden Piloten
sagte etwas. Schließlich hatten sie ihr Ziel erreicht: eine der Pilotenkabinen. Die zuständigen Stellen
hatten offenbar schnell gearbeitet – die persönlichen Sachen der Piloten waren bereits weggeräumt
worden.
Blackhawk war dies allerdings als erfahrenen Veteran ohnehin gleichgültig und Kano hatte momentan
anderes im Kopf um darauf zu achten.
Blackhawk warf seinen Seesack auf einen Stuhl. Egal was Lightning gesagt hatte – er hatte lieber
vorgesorgt und sein „Notgepäck“ gegriffen – die wenigen Dinge, die er auf keinen Fall verlieren
wollte. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden: „Also Second Lieutenant – Wie sieht es aus?
Losen wir, wer als erster duschen darf?“.
Kano schüttelte den Kopf: „Sie haben den Vorrang, First Lieutenant.“ Seine Stimme klang abwesend.
Er sah seinen Kameraden nicht an und saß zusammengesunken auf der Koje.
Blackhawk verkniff sich ein Grinsen und musterte den jungen Piloten: ‚Muß ja `ne ziemliche
Breitseite gewesen sein, die er abbekommen hat. Aber da wird der Junge alleine mit zurechtkommen
müssen…’. Er nahm sich aber vor, doch lieber ein Auge auf seinen Kameraden zu haben.
Liebeskummer war ja nicht so selten bei den meist jungen Piloten – aber das konnte auch sehr schnell
böse Folgen haben. Wenn man im Einsatz nicht aufpasste, weil man mit dem Kopf woanders war…
Aber Kano mit seiner fast schon fanatischen Einstellung zu Pflicht und Ehre würde sich schon in den
Griff bekommen. Zumindest dienstlich.
„Also wenn du es mir schon so anbietest, Kano…“
Der aber antwortete nicht. Er war im Sitzen zusammengesackt und schlief – tief und fest. Letzten
Endes hatte der Körper sein Recht gefordert. Blackhawk überlegte kurz, ob er ihn noch mal wecken
sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er hievte Kano vollständig in die Koje und warf dem
Schlafenden kopfschüttelnd eine Decke über.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:15
Ohne Wiederkehr
Ina Richter nahm den Befehl zur Verlagerung auf die Gallileo mit einer Mischung aus Erleichterung
und Besorgnis entgegen. Erleichterung, weil es natürlich kein angenehmer Gedanke war, auf einem
Schiff zu fliegen, daß mehr Löcher hatte als ein handelsübliches Sieb. Sollten die Akarii noch einmal
auftauchen, war es sicher besser, auf einem kampfbereiten Träger stationiert zu sein, wo die
Maschinen gewartet werden konnten, der frei manövrieren und kämpfen konnte. Nicht auf einem
halben Wrack. Allerdings – sollten die Akarii jetzt aufkreuzen, dann wären sie wohl sowieso kein sehr
gefährlicher Gegner für die Echsen. Die Müdigkeit machte sich immer deutlicher bemerkbar, und
auch, wenn sie noch nicht alles doppelt sah – gewissen Tabletten sei dank – so fühlte sie sich, als sei
sie zwei Wochen nicht aus dem Anzug gekommen und hätte 20 Kilometer rennend zurückgelegt. Und
das bitteschön JETZT – nicht erst im Gefecht, wo man noch mehr gefordert wurde. Die Hilfsdienste,
die man angesichts der Lage an Bord der Redemption von den Piloten erwartete, hatten auch nicht
gerade dafür gesorgt, daß die sich von den Anstrengungen der zwei Kampfeinsätze erholten. Die
Piloten glichen mehr und mehr einer Horde vom Zombies – mit stierem Blick und fahrigen
Bewegungen schlurften sie durch die Gegend. Wenn man ihnen nicht bald eine Pause gestattete,
würden die ersten zusammenbrechen – und der Rest würde bald folgen.
Andererseits, es war nie ein angenehmes Gefühl, das eigene Schiff zu verlassen. Vor allem, weil es
da diese Geschichten gab. Eine alte Regel besagte, wenn jemand von Bord ging – auf einer Feindfahrt
oder davor – dann hieß das möglicherweise, daß er auf ein Schiff käme, das verloren gehen würde.
Oder sein altes Schiff war zum Untergang bestimmt, und er war ausersehen, übrig zu bleiben.
Natürlich war das nur dummer Aberglaube. Aber es wurde nur zu oft geglaubt.
Imp hatte es immer leicht gehabt, Freunde zu finden – und nicht wenige davon dienten hier an Bord.
Und der Gedanke, sie im Stich zu lassen, war ziemlich schmerzhaft, selbst wenn sie versuchte, ihre
innere Stimme zu überzeugen, daß es ja nicht auf Dauer war und sie nur ‚umzog‘, um weiter zu
kämpfen. Die Sorgen blieben. Vor allem, wenn sie an Lilja dachte. Die Russin war im Augenblick
völlig hilflos, nicht bei Bewußtsein. Sie schwebte nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr, aber
dennoch – Lilja war an Bord die Person, die Imp so ziemlich am nächsten stand. Außerdem, so grotesk
das angesichts der Umstände auch klingen mochte, Imp fühlte sich immer ein bißchen für ihre
Zimmergenossin verantwortlich. Sie hatten sich beide über ihre Probleme hinweggeholfen, und Lilja
hatte ihr das Leben gerettet. Sie wusste, vermutlich als einzige an Bord, was in Liljas wirklich
vorging. Deshalb hatte sie das Gefühl, auf die – ältere und weitaus erwachsener wirkende – Pilotin
aufpassen zu müssen. Es war verrückt, aber sie konnte eben nicht anders. Nun, wenigstens würde man
Lilja wohl auf die Relentless verlagern. Vielleicht sogar mit dem ersten Schub, denn sie gehörte zu
den Leuten, bei denen eine Verlagerung ,Sinn' machte. Sie würde gesund werden und wieder fliegen
können, ihr Transport war unproblematisch. Bei anderen sah das wesentlich kritischer aus, und nach
der brutalen Logik des Militärs verlagerte man die Leute, die noch am nützlichsten waren, zuerst.
Auch, weil man mehr von ihnen in ein Shuttle pferchen konnte.
Sie überlegte kurz – ein klein bißchen Zeit blieb ihr noch…
Während auf dem Hangar ihr Jäger startklar gemacht wurde, eilte die junge Pilotin in die Kabine, die
sie mit Lilja teilte. Mit wenigen Handgriffen hatte sie zusammengerafft, was ihr von ihren Sachen am
meisten am Herzen lag. Dann packte sie schnell noch die Dinge ein, die Lilja um keinen Preis würde
verlieren wollen. Ein paar Fotos und Briefe – mehr war es nicht, und mehr konnte sie in der Eile auch
nicht mitnehmen. Sie fühlte sich ein bißchen, als würde sie ein Sakrileg begehen – kein Soldat
berührte normalerweise ohne ausdrückliche Erlaubnis die „Heiligtümer“ eines Kameraden. Aber, so
rechtfertigte sie sich, Lilja würde sicher lieber das tolerieren, als diese Gegenstände zu verlieren, wenn
die Brände sich ausbreiten sollten. Auf dem Rückweg hetzte sie durch die Kantine, schnappte sich dort
Liljas Sammelbüchse und ihren Aufruf und spurtete zum Hangar. Gerade noch rechtzeitig kam sie an.
Nicht, daß ihr verspäteter Auftritt in dem Chaos hier sonderlich auffiel. Sie kletterte in das Cockpit
ihres Jägers. Als sie die Maschine hochfuhr, spürte sie, wie ihre Hände zitterten. Die Übermüdung
zeigte Wirkung. Eigentlich hätte sie so etwas wie aufrichtige Freude empfinden müssen – sie hatte
heute ihren fünften Abschuß erzielt. Doch die Freude darüber, daß sie zum Aß geworden war, drang
nicht mal an ihr Bewußtsein. Zuviel war geschehen, zu groß die Opfer – und zu ungewiß die Zukunft.
Das Katapult schleuderte ihren Jäger ins All. Man hatte ihnen zwar eigentlich erlaubt, zu schlafen,
doch es war eher ein unruhiges Dahindämmern, das die Müdigkeit kaum linderte. Immer wieder fuhr
sie hoch, glaubte die Alarmtöne des Raketenabwehrradars zu hören. Die ständige Anspannung zeigte
Wirkung – und auch die Medikamente.

Das Landemanöver gelang ihr – aber sie mußte sich ziemlich Mühe geben. Wie ,die da oben‘ es sich
vorstellten, daß diese übermüdeten Piloten erneut gegen den Feind fliegen könnten – ohne 24 Stunden
Erholung – das war Imp ehrlich gesagt schleierhaft. Aber wenn der Befehl kam, würde sie natürlich
ebenfalls in ihre Maschine klettern. Im Augenblick allerdings dachte sie beinahe nur daran, irgendwo
ein bequemes Plätzchen zu finden – etwa den Fußboden – und sich langzulegen. Und die nächsten
Stunden nicht mehr aufzustehen, egal was kam.
Schmerzhaft wurde ihr die Leere an Bord der Gallileo bewußt. Wo sich sonst Jäger stauten, waren
jetzt nur einige wenige zu sehen. Die seltsam sterile und mustergültige Umgebung an Bord des
leichten Trägers stand in völligem Gegensatz zu den vom Kampf gezeichneten Jägern des
Redemption-Geschwaders, oder dem Zustand der drei arg lädierten Mirage, die im Hintergrund
überholt wurden. Arme fingen die taumelnde Pilotin auf und führten sie zur Seite, wiesen ihr einen
Platz zu. Die Worte Lightnings bekam sie allenfalls am Rande mit. Und hätte die Offizierin länger
gesprochen – Imp hätte vermutlich versucht, sie zu erdrosseln. Als sie jemand zu ihrem neuen Quartier
führte, mußte sie sich mehr als einmal an der Wand abstützen. Schließlich griff ihr Führer ein und
stützte sie. So kam sie schließlich an. Sie taumelte in Richtung Hygienezelle – glücklicherweise hatte
die Quartiere alle Einheitsmaß – und schälte sich auf ihrem Anzug, der inzwischen wie eine zweite
Haut anlag. Eine zweite, schweißige, abgestorbene Haut – wie bei einer Schlange, die im Begriff war
sich zu häuten. Als das Wasser über ihren Körper strömte, keuchte sie auf – mit Absicht hatte sie den
Regler auf ,kalt‘ gestellt, so sehr sie sich nach einer warmen Dusche sehnte. Aber bei der wäre sie
wohl im Stehen eingeschlafen. So konnte sie wenigstens klar sehen. Sie tat ihr bestes, Ruß und
Schweiß abzuspülen, dann stolperte sie in Richtung Bett – wo sie, nackt und naß wie sie war – lang
hinfiel und einschlief. Zum Abtrocknen oder gar Anziehen brachte sie einfach keine Energie mehr auf.
Nur noch schlafen...

Von der Brücke seines Schlachtkreuzers verfolgte Mithel die Evakuierung. Die Verlagerung der Jäger
auf die Gallileo machte Sinn – allerdings fragte er sich ernsthaft, ob diese Maßnahme nicht am Ende
kontraproduktiv war. Sollten HIER Akarii aufkreuzen, würde Ward bestimmt nicht zu Hilfe eilen.
Andererseits – so kam wenigstens die Gallileo durch, die augenblicklich durch ihre vier
Begleitzerstörer eher notdürftig gesichert wurde. Am ratsamsten wäre gewesen, beide Flottenverbände
zusammenzulegen, aber ob Ward und Clarke sich dazu entschließen würden, das stand in den Sternen.
In Gedanken formulierte der Captain ein paar ausgemacht gehässige Sätze, mit denen er Clarke – unter
vier Augen, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab – über Wards Versagen informieren würde. Er
brannte darauf, genaueres über den Schlachtablauf zu erfahren, doch das mußte warten.
Augenblicklich galt es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das bedeutete, das Schiff
gefechtsbereit zu halten. Die Agamemnon sah übel aus, die Redemption war sowieso nie zum direkten
Schlagabtausch vorgesehen gewesen und augenblicklich vermutlich nicht mal so kampfstark wie eine
Fregatte. Vielleicht sogar weniger als eine Korvette. Blieb die Jerome Custer, denn von der Dauntless
hielt Mithel in der Hinsicht nicht viel. Als Radaraufklärer mochte sie tauglich sein, aber sollte der
Gegner ihnen nicht den Gefallen tun, nur mit Jägern anzugreifen, dann war die Dauntless nicht mehr
wert als die Custer. Eher weniger, denn sie hatte kaum schwere Bewaffnung mit adäquater
Reichweite. Aber das kam heraus, wenn die Wissenschaftler meinten, sie könnten goldene Eier legen,
ohne sich mit den Frontoffizieren abzusprechen. Ein lumpiger Vierlingswerfer für Harpoon- oder
Exocet-Raketen hätte doch drin sein müssen!
Aber daran ließ sich jetzt nichts ändern. Sollten feindliche Kampfschiffe auftauchen, dann würde sein
Kreuzer die Hauptlast der Abwehr zu tragen haben. Und deshalb durfte die Wachsamkeit nicht
nachlassen. Egal, wieviel Sorgen sich die Brückenbesatzung um die Kameraden machen mochte, egal
wie gerne er selber Genaueres erfahren hätte – es gab Wichtigeres zu tun. Hoffentlich funktionierte
wenigstens das Radar der Dauntless.
Mithel bedauerte ehrlich, daß man außer den Jägern nicht auch einen fähigen Kommandanten auf die
Gallileo versetzen konnte. ,Etwa den Schiffskoch!‘ dachte er säuerlich: ,Der dürfte mehr Mumm in
den Knochen haben, als dieses Waschweib!‘

Unablässig starteten und landeten die Shuttles – so schnell es eben ging, denn auf der Redemption
herrschte Hochbetrieb. Es galt ja nicht nur, die Kampfflieger für die Verlagerung zu starten, sondern
auch, die zurückbleibenden Maschinen in so etwas wie einen einsatzbereiten Zustand zu versetzen.
Tausendfach geübte und eintrainierte Handgriffe liefen quälend langsam ab, immer wieder kam es zu
Verzögerungen, kleinen Fehlern, die korrigiert werden mußten. Die Besatzung, seit dem Gefecht im
Dauereinsatz, war bis zu ihren Grenzen gegangen, und teilweise erheblich darüber hinaus. Ehe Schiff
und Besatzung wieder voll einsatzfähig waren, würde wohl lange vergehen – falls sie es überhaupt
nach Hause schaffen.
Die Männer und Frauen an Bord der Relentless packten mit Feuereifer zu. Einerseits, weil sie ihr
,Alter‘ gut ,erzogen‘ hatte. Aber es war für viele auch eine Möglichkeit, ein wenig ihre Schuldgefühle
zu bekämpfen indem sie jetzt den Verletzten halfen. Aber nicht wenige erkannten jetzt, WIE schlimm
es wirklich gekommen war. Und machten sich Vorwürfe, weil sie nicht versucht hatten, es zu
verhindern – gleichgültig, ob sie das überhaupt gekonnt hatten.
Der Captain der Relentless wußte nur zu gut, was es bedeutete, daß hier nur drei Schiffe waren, zwei
davon Wracks. Es war unwahrscheinlich, daß die anderen Einheiten einen anderen Fluchtweg
gefunden hatten. Der Weg durch das Asteroidenfeld war der einzige Ausweg gewesen – die Majestic
hätte sich beim Rückzug kaum auf ihrer alten Route bewegen können, ohne Deckung. Das war schon
auf dem Hinmarsch ein Risiko gewesen. Jetzt, vermutlich mit den Akarii im Nacken, wäre es
Selbstmord. Er mußte der Möglichkeit ins Auge sehen, daß diese drei Schiffe die einzigen waren, die
von den beiden Kampfgruppen entkommen wären. Mithel biß sich auf die Lippen. Dafür WÜRDE
jemand bezahlen – nicht zuletzt die Akarii.
Insgeheim dachte er an die Worte Noltzes, als sie den Plan entwickelt hatte. Wenn dieser Einsatz
wirklich so wichtig war – und die Stärke der Akariieskorte legte das nahe – dann war das Scheitern
vermutlich noch schlimmer als die sowieso schweren, kaum ersetzbaren Verluste. ,Und da sollen wir
sie zurücktreiben!‘ fluchte der Captain insgeheim. ,Ich wollte, die Herren im Flottenstab würden mal
herkommen, dann würden sie sehen, wer hier wen zurücktreibt!‘
Aber natürlich würde er auch weiterhin seine Pflicht tun – und mehr als das. Irgendwie mußten die
Akarii gestoppt werden, und Mithel hatte vor, seinen Teil zu tun. Und es schmerzte ihn, daß er bei
diesem Einsatz – wenn er ehrlich war, konnte er es nicht anders nennen – versagt hatte. Ob er nun auf
Befehl gehandelt hatte oder nicht, er war seinem Eid und seiner Verpflichtung nicht gerecht geworden.
Aber das sollte sich nicht noch einmal wiederholen!
Mithel glaubte, es sei schon so schlimm gekommen, wie es überhaupt kommen konnte. Aber im Krieg
konnten sich selbst so erfahrene Soldaten wie der Kapitän der Relentless irren. Wie auch in diesem Fall.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:16
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Gonzalez stand auf seine Brücke und beobachtete aufmerksam, wie sich die kleine Hilfsflotille dem
tödlich getroffenem Träger näherte. Wie von Mithel angeregt blieben die beiden Kreuzer in
Formation, denn Gonzalez hatte die Weisheit hinter diesem Vorschlag erkannt. Eine feindliche
Jägerformation wäre der Relentless eine große Gefahr und Gonzalez wusste, dass die Dauntless in
einem Gefecht gegen einen feindlichen Kreuzer sich nur auf die höhere Geschwindigkeit verlassen
konnte, um den Kampf zu vermeiden. Alles andere wäre eine Verzweifelungstat gewesen Als jedoch
der Konvoi in Reichweite der Redemption kam, wandte er sich zu seinem Funkoffizier:
„Funkspruch an die Relentless. Wir verlassen Formation und gehen auf volle Kraft. Wir wollen
schauen, dass wir die Evakuierung möglichst schnell bewältigen können.
Gefechtszentrale...übernehmen Sie die Jägerleitkontrolle der Redemption und koordinieren Sie die
Jäger. Maximale Energie auf die Sensoren.“
Gonzalez war durchaus bewusst, dass die Emissionen des Radars ausstrahlten und die Akarii in
Reichweite heranlocken würden wie Haie, die Blut gewittert hatten. Aber andererseits würde er so
mehr Vorwarnungszeit bekommen und etwa Shuttles und Jäger aus beziehungsweise in die
Schusslinie lotsen können.
„Captain, hier O’Keefe, keine Feinde in Sensorenreichweite. Es scheint, dass die Red sie abgeschüttelt hat.“
„Hoffen wir das Beste. Wann können wir mit der Evakuierung beginnen?“
„In zehn Minuten wird das erste Shuttle andocken.“
„Gut. Krankenstation?“
„Hier Doktor Grisham, Sir, wir sind so bereit, wie man es unter diesen Umständen sein kann. Der
Smut hat schnell noch einen Speicherraum leergeräumt, so dass wir noch 20 Betten mehr stellen
können...aber wenn wir so viele Verletzte bekommen, wird das ein Horror. Ich habe weder Personal
noch genug medizinische Vorräte für solche eine Zahl.“
„Ich werde die Evacshuttles anweisen, die Vorräte der Red auf die Relentless und uns aufzuteilen.“
„Danke Sir, ich habe bereits eine entsprechende Liste an den Funker geschickt.“
„Turner, sind die Männer bereit?“
„Jawohl Sir, wir haben alle Mann, die keinen Dienst haben, für die Evakuierung eingeteilt.“
„Dann wollen wir mal.“
Gonzalez beobachtete, wie die ersten Shuttles auf die Dauntless zurasten. In seinem Innersten brodelte
es. Kein Seemann sah gerne, wie ein stolzes Schiff evakuiert und dem Untergang preisgegeben wurde.
Aber für ihn gab es jetzt viel zu tun. Die Arbeit würden die einzelnen Stationen übernehmen, die
Männer und Frauen auf den Gängen der Dauntless, die die Vorräte und Verwundeten aus den Shuttles
in die entsprechenden Räume schafften.
Gonzalez fragte sich insgeheim, auf welches Schiff Midori evakuiert werden würde. Sicherlich auf die
Relentless, denn der Stab musste intakt bleiben. Er hoffte, dass sie das Feuer, das an Bord der
Redemption tobte, unbeschadet überlebt hatte.

Midori Yamashita sah sich in ihrem Büro um. Alle wichtigen Daten waren auf Datenträger überspielt
und anschließend vernichtet worden. Erst nachdem dies geschehen war, hatte sie die Männer und
Frauen, die ihr unterstanden, in ihre Quartiere entlassen, um der Standardprozedur bei Evakuierungen
gemäß jeweils einen Seesack mit den wichtigsten persönlichen Dingen einzupacken. Sie selber hatte
dies in weiser Voraussicht schon vor dem Gefecht getan. Am meisten würde sie ihr Chello vermissen,
doch das war ihr von Anfang an klar gewesen, dass sie es in Gefahr brachte, wenn sie es mit auf ein
Kriegsschiff mitnehmen würde. Gedankenverloren betastete sie ihren Kopf, der dick und nicht allzu
fachmännisch bandagiert war. Beim Einschlag einer Rakete war sie gegen ein Schott geworfen
worden. Das Resultat war eine lange Platzwunde an der Stirn gewesen sowie blaue Flecken am ganzen
Körper. Die Platzwunde hatte sie nur notdürftig von Chief Snyder versorgen lassen, da sie den
ohnehin überlasteten medizinischen Stab nicht weiter belasten wollte. Bevor sie den Raum verließ,
öffnete sie den feuersicheren Koffer, der neben ihr stand und legte die letzten Schriftstücke aus dem
privaten Safe hinein. Zuoberst lag eine Akte, auf der der Name von Commander Cunningham stand.
Mit einer geschmeidigen Bewegung verschloss sie den Koffer und aktivierte das Sicherheitsschloss.
Nun würde jeder nicht autorisierte Zugriff zu einer Zerstörung des Inhalts durch eine
Chemikalienkapsel nach sich ziehen. Nachdem sie einen letzten Blick in ihr Büro geworfen hatte,
verlies sie den Raum und traf auf dem Gang den Rest ihrer Abteilung, der vollständig angetreten war.
„Alles bereit zur Evakuierung? Gut.“
Yamashita machte eine entsprechende Meldung an die Brücke und erhielt eine Shuttlezuteilung.
Gemeinsam machten sich die Anwälte und ihr Stab auf den Weg zur Shuttleschleuse 4.

Murphy wachte auf, als das SAR Shuttle an die Redemption andockte. Neben sich sah er Thunder
liegen, deren Gesicht leichenblass schien. Als er sich aufrichten wollte, eilte ein Medtech zu ihm.
„Commander, Sie müssen liegen bleiben. Sie hatten einen harten Ausstieg.“
„Ich weiß, verdammt, mein Schädel brummt, als wenn ich ihn gegen den Akarii Träger gerammt hätte.
Was ist mit meinem XO?“
„Sie ist kritisch. Mehr können wir erst auf der Krankenstation sagen. Sie hat jedenfalls viel Blut
verloren, Erfrierungen und eine mächtige Gehirnerschütterung. Möglicherweise Gehirnblutungen.
Quetschungen im Unterkörper.“
„Verdammt, Valeria....“, Murphy kämpfte mit den Tränen.
„Bin ich flugfähig?“
„Sind Sie wahnsinnig? Mit ihrem Kopf würden Sie nur eins schaffen, nämlich das Cockpit von oben
bis unten vollzukotzen. Da helfen auch keine Medikamente.“
„Dann schaffen Sie mich wenigstens zu meiner Staffel, sobald ich an Bord bin.“
„Ich glaube, ein Lieutenant Tüncay wartet bereits auf Sie.“
„Gut.“ Murphy lehnte sich zurück, wurde dabei aber von solchen Schwindelgefühlen übermannt, dass
er sich fast übergeben musste. „So eine Scheiße...“ Verzweifelt griff er nach dem Rosenkranz, der
immer noch an seinem Hals hing.
Zehn Minuten später ließ sich Murphy von Brawler gestützt vorsichtig in seinem Büro nieder. Der
Rest der Staffel wartete bereits auf ihn.
„Ok, Leute, ihr habt es gehört, packt euer Zeugs zusammen und macht euch bereit für die Verlegung
auf die Galileo.“
Alle nickten, die Müdigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
„Sir, wir haben ein Problem: die beiden Ersatzmaschinen wurden wieder hergerichtet. Zwar nur
provisorisch, aber immerhin. Jedenfalls fehlt uns ein Pilot.“
„Verdammt. Ich....ich schaue, was sich machen lässt. Wegtreten.“
Nachdem die Männer und Frauen das Büro verlassen hatten, rief Murphy Hamlin an.
„Doc, ich habe ein Problem, ich muss eine Maschine wegschaffen, aber mir fehlt ein Pilot.“
Murphy schilderte seine Schwindelanfälle.
„Ist es irgendwie möglich, mich kurzfristig flugtauglich zu bekommen?“
„Es gäbe ein Möglichkeit, aber die würde Sie danach eine Woche außer Gefecht setzen, Spätschäden
nicht ausgeschlossen.“
„Sprechen Sie weiter.“
„Wir haben vom medizinischen Hauptquartier ein neues Medikament für solche Fälle bekommen. Die
Nebenwirkungen sind nur unzureichend bekannt, jedenfalls sehr schwer. Das Zeug ist nur für
den absoluten Notfall gedacht...ist die Rettung einer Maschine ein solcher?“
„Ja.“
„Gut, auf Ihre Verantwortung. Ich schicke gleich jemanden los. Hamlin aus.“
Als der Bote, ein Mitglied der MP, ihm die Pillen samt Packung brachte, verzichtete er auf die
Durchsicht des Verordnungszettels, insbesondere den langen Part mit den Nebenwirkungen, und warf
sich zwei der grünlichen Kapseln ein. Fünf Minuten später fühlte er sich soweit genesen, dass er
langsamen Schrittes zum Hangar ging. Dankenswerterweise hatte Brawler seine persönliche Habe
bereits in seinen Jäger gepackt, so dass Murphy nur noch einsteigen musste. Auf einen Rundgang
verzichtete er, jetzt war jede Minute kostbar. Er schnallte sich in seinen Schleudersitz und wurde
prompt auf das Katapult gezogen. Der Abschuss und die visuelle Wahrnehmung sorgten für eine neue
Welle der Übelkeit, Murphy wurde fast schwarz vor Augen. Mit letzter Kraft aktivierte er den
Autopiloten und sank erschöpft in seinen Pilotensitz zurück.
Als er schließlich in die Nähe der Galileo kam und den Landeanflug begann, merkte er, wie die
Wirkung der Medikamente schon nachließ. Er ächzte, als er mehr Kraft als normal zum Steuern
aufbringen musste, weil einer der Schubvektoren schwergängig war. Als er dann auf die Galileo
aufsetzte, merkte er angesichts der harten Landung, wie wenig er die Maschine unter Kontrolle hatte.
Alles schien sich hinter einem grauen Schleier abzuspielen. Als seine Maschine schließlich zum
Stehen kam, schlug sein Kopf gegen die Cockpitkanzel. Martell verlor zum zweiten Mal an diesem
Tag das Bewusstsein und bekam so nicht mehr mit, wie ihn Brawler und Enigma aus der Kanzel bargen.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:16
Es schien Huntress, als wäre es erst wenige Minuten her, dass sie mit den Resten ihrer Staffel Seite an
Seite mit Martells Griphen die letzten angreifenden Bloodhawks abgewehrt hatte.
Um Abschüsse war es schon lange nicht mehr gegangen. Beide Seiten hatten die Schnauze gestrichen
voll gehabt. Man zeigte nur noch Präsenz.
Im Gewirr der Asteroiden war es der RED und ihren Begleitschiffen dann gelungen, sich abzusetzen
und zu springen.
Doch zu welchem Preis.
Juliane hatte noch nie einen Fehlsprung gesehen, aber sie würde den Anblick der in sich selbst
verschobenen PERREGRINE niemals wieder vergessen.
Gott, was für einen Preis hatten sie nur bezahlt? Einige der Piloten der MAJESTIC waren ebenfalls
zum aufmunitionieren auf der RED gelandet, das sprach Bände, wie es dem leichten Träger ergangen war.
Zwei von ihnen, Carlsen und Terrano, hatte sie unter ihre Fittiche genommen, kaum dass die beiden
Pioten aufmunitioniert mit ihren Nighthawks wieder gestartet waren.
Nighthawks… Der sehr angenehme Gedanke an den flexiblen Überlegenheitsjäger half ihr etwas, die
brutale Situation zu verdrängen.
Die REDEMPTION funkte SOS. Juliane hatte noch keine besonders enge Bindung mit dem alten
Träger aufbauen können, dazu war sie noch nicht lange genug an Bord. Aber dennoch erschütterte sie
dieser Ruf. Denn das SOS war zugleich auch eine Kapitulation.
Nun konnten sie alle nur noch hoffen, dass die eigenen Einheiten schneller hier waren als die
Verbände der Akarii. Zudem hatten sie ja nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wohin sie der
Fehlsprung getragen hatte. Die Astrogation arbeitete noch daran.
Tonlos befahl sie ihren acht Maschinen, die Aktivortung hochzufahren und die Waffen zu
desaktivieren. Desweiteren gab sie First Lieutenant Olof Carlsen und First Lieutenant Miguel
Terrano den Befehl, die Selbstzerstörung der hochmodernen Nighthawks vorzubereiten.
Wenn die Akarii als erste hier ankamen, dann sollten sie nichts von großem Wert erobern, schwor sich
die Pilotin.
„Ruhig, Huntress“, brummte Demolisher über Funk. „Wir sind nicht so weit gekommen, nur damit
jetzt alles schief geht.“
„Du hast gut reden“, erwiderte sie genervt. „Ich kann mich gar nicht entscheiden, was für mich besser
ist: Von den Akarii gefangen genommen zu werden und den Rest des Krieges interniert werden, oder
von Terranern gerettet zu werden und mich für den Verlust meiner halben Staffel zu verantworten.“
„Einkommende Telemetrie aus dem nahen Nebel“, blaffte plötzlich Brawler, der zeitweise das
Kommando über die Griphen übernommen hatte. „Es ist die RELENTLESS!“
Für einen Moment war Juliane sprachlos. Dann machte etwas in ihrem Kopf Klick.
„Waffen scharf machen! Flankenpositionen beziehen! Unsere Leute waren schneller!“
„Und die DAUNTLESS! Wir sind gerettet!“
Jubel brach über den offenen Kanal aus. Zwei Schiffe des Begleitverbandes der GALILEO hatten sie
gefunden. Ein eiskalter Schauer ging Huntress über den Rücken. Waren dies die Überlebenden des
gesamten Verbandes? Hatte es damit auch noch den anderen leichten Träger erwischt? Wie hoch sollte
der Preis für diesen Angriff denn noch werden
Huntress konzentrierte sich auf das Naheliegenste und koordinierte die Formation ihrer Staffel.

Drei Stunden später stand sie auf dem Flugdeck der GALILEO. Vor sich das, was einmal ihre Staffel
war. Ihre verletzten Piloten befanden sich jetzt entweder auf der RELENTLESS oder der
DAUNTLESS. Doch vor ihr hatten sich sieben Piloten aufgestellt.
Eigentlich hätte sie erwartet, dass sie alle so erschöpft und müde waren wie sie selbst. Doch in den
Augen von Demolisher, Avenger, Elfwizard, Bushfire und Cloud war eisiger Trotz zu lesen. Warum
ging es der GALILEO noch so gut? Und wo waren die Maschinen des Geschwaders?
Die Crew antwortete nur ausweichend oder gar nicht. Aber die fehlenden Gefechtsschäden an der
Oberfläche des Trägers und beim Begleitverband sprachen Bände.
Der Verband hatte einfach nicht am Gefecht teilgenommen!
Der Skipper der GALILEO hatte den Schwanz eingekniffen und war geflohen.
Besonders Carlsen und Terrano konnten ihre überschäumenden Gefühle kaum noch zurückhalten, seit
sie vom Opfergang der MAJESTIC gehört hatten.
Wie konnte ein Kapitän so selbstlos sein und ein anderer so feige?
„Herrschaften wir haben uns da draußen sehr gut geschlagen. Die Staffeln Gold und Silber berichten
davon, dass wir ein Drittel der Frachter weg geputzt haben, dazu etliche Klein- und Dickschiffe. Wir
haben den Nachschub erheblich kastriert. Außerdem wurde der feindliche Träger schwer beschädigt.“
Huntress senkte den Blick, damit die anderen Piloten nicht sahen, wie sich Tränen in ihren Augen
bildeten. Die endgültige Schlächterrechnung blieb noch aus, aber so in etwa würde es stimmen.
Vielleicht ein Frachter mehr oder weniger, ein oder zwei Kleinschiffe dazu oder ab.
Es war eine Frechheit, ihren eigenen Leuten einen Sieg verkaufen zu wollen.
Und dies noch angesichts von Captain Ward.
Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten. Aber sie gestattete ihren Emotionen nicht, bis zu ihrem
Gesicht zu kommen.
„Alles in allem ein denkwürdiger Tag. Wir haben den technisch und personell weit überlegenen Akarii
zwei Dinge bewiesen: Wir sind besser als sie. Und wir sind bereit, für unsere Ziele zu sterben.“
Irrte sie sich oder zuckten ein paar der Techniker der GALILEO bei ihren Worten zusammen?
„Rot und Grün stellen die erste Eskorte für die GALILEO. Die blaue Staffel die zweite. Deswegen
befehle ich hiermit, wegzutreten. Schlaft, soviel Ihr könnt. In vier Stunden müssen wir sechs
Maschinen da draußen ablösen.“
„SIE ZERSTÖREN DIE REDEMPTION!“, gellte ein lauter Ruf durch das Flugdeck.
Die Disziplin war sofort wie weggewischt. Unordentlich eilten sie zum nächsten Monitor und sahen
dabei zu, wie die AGGAMEMNON das Wrack der RED unter Raketenfeuer nahm.
„Nein…“, hauchte Elfwizard. Sie begann hemmungslos zu schluchzen.
„Verdammt!“, fluchte Demolisher unbeherrscht. „Wir haben es mit dem alten Mädchen so weit geschafft.“
Auch Huntress flossen die Tränen über die Wangen.
„Jokers stillgestanden“, flüsterte sie und kramte nach dem letzten Rest ihrer Reserven, um
einigermaßen gerade zu stehen.
Als sie salutierte, taten es ihr einige ihrer Leute gleich.
Auf dem Monitor zerplatzte die REDEMPTION unter dem Raketenfeuer wie eine reife Frucht.
„Das werden sie büßen“, sagte Bushfire mit tränenschwangerer Stimme. „Das werden sie büßen. Für
jeden Matrosen, der auf ihr gefallen ist, holen wir uns zwei von ihnen.“
Seine Stimme erstarb.
„Aye“, sagte Huntress und nahm den Arm ab. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Dienstschlaf, Ladies.
Zur Rache ist später noch Zeit. Die freundlichen Damen und Herren der GALILEO bringen Sie auf
Ihre neuen Quartiere. Weggetreten.“
Die Piloten murmelten vereinzelte Jawohls, doch die Müdigkeit war kaum zu übersehen. Sie
schlurften eher als dass sie gingen den Petty Officers der Besatzung hinterher.
Nur Juliane blieb noch einen Moment zurück. Sie umschlang sich mit den Armen, als würde sie
frieren. Das war es also. Diesmal hatte die RED nicht überlebt. Dabei hatte dieses Schiff mehr
Schlachten gesehen als die meisten anderen Pötte der Flotte.
Und solange Ward die GALILEO kommandierte, würde der leichte Träger diese Zahl nicht aufholen
können.
Vor dem Katapult machte sich Shaka bereit zum Start.
Aus Ermangelung an Piloten setzten sie nur eine FORCAP und Flankenpatrouillen ein. Die
DAUNTLESS übernahm die Rückendeckung alleine.
Huntress fühlte sich noch fit genug, um kurz mit dem jungen Piloten zu sprechen.
„Und?“, fragte sie im Plauderton, während Albert sich fertig machte, um ins Cockpit zu klettern.
„Wieviele hast du?“
Shaka sah sie an. Seine Augen waren zornige kleine schwarze Löcher, in denen eine kaum zu
bändigende Gier brodelte. „Drei. Bei zwei weiteren unterstützt. Sorry, ich muss, Ma´am.“
Shaka ergriff einen monströsen schwarzen Schild und verkeilte ihn in seinem Cockpit. Danach stieg er
in sein Cockpit nahm den Helm entgegen und setzte ihn mit einem eiskalten Lächeln auf.
Juliane trat zurück, als der Katapultstart angekündigt wurde.
Als die Phantom startete, fand Huntress Kali. Sie stand an eine Wand gelehnt und weinte still.
Huntress berührte sie an der Schulter. „Helen. Es war schwer für uns alle. Wenn du reden willst, dann...“
Übergangslos fiel die Inderin der Deutschen in die Arme. Hilflos griff Juliane zu und hielt sie fest.
Kali liefen die Tränen ebenso stark über die Wangen wie vor wenigen Minuten Huntress selbst, als sie
das Ende der RED gesehen hatte.
„Rusty ist tot“, schluchzte Kali leise. „Er war mein Flügelmann. Ich habe nicht auf ihn aufgepasst. Ich
habe es zugelassen.“
„Du musstest auch auf Lone Wolf aufpassen, Schatz“, erwiderte Huntress und drückte die jüngere
Pilotin an sich. „Es ist immer schwer so eine Entscheidung zu treffen.“
„Ja…“ Kali begann in Huntress´ Armen zu beben. „Ace…“
Huntress erstarrte. „Ja?“ „Ace… Er ist tot.“
Ein eiskalter Schock ging durch Huntress. Er begann in ihrem Nacken und raste bis in ihren Unterleib.
Von allen Piloten der REDEMPTION hatte sie von Cliff am ehesten erwartet zu überleben.
„Er… er flog mitten in eine Antischiffsrakete rein, als die RED keine Schilde mehr hatte.“
Huntress wollte weinen, ebenso wie Helen, aber sie konnte es nicht. Es kam nichts mehr.
Sie hatte keine Tränen mehr. Darum war Shaka so grimmig gewesen.
„Er starb“, hörte Huntress eine raue Stimme sprechen, die sie mühsam als ihre eigene erkannte, „wie
er gelebt hat. Viel zu schnell.“
Endlich löste sich Kali von Huntress und sagte: „Dafür werden sie bezahlen. Dafür werden die
verdammten Akarii bezahlen.“
Sie drückten einander die Hände. Huntress sagte: „Das werden sie. Versprochen, Kali.“

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:17
Lucas stürmte die Krankenstation und hätte beinahe zwei Träger mit einem Verwundeten über den
Haufen gerannt.
"Aus dem Weg, du Arsch", herrschte ihn einer der beiden Pfleger an.
Lucas entschied, das zu ignorieren und sich einen Verantwortlichen zu suchen.
Als er an einen Arzt herantrat, ging das Piepen eines Gerätes in einen durchgehenden Pfeifton über.
Der Arzt drehte sich zu Lucas um: "Los holen Sie ein Beatmungsgerät!" Dann wandte er sich an eine
Schwester: "Die Elektroschocks!"
Lucas stand verdattert da: "Was?"
"Den Beatmer, Gesichtsmaske mit Blasebalg dran, mittlerer Schrank oben!"
Lucas holte das beschriebene Gerät und hielt es dem Arzt hin, der gerade
Wiederbelebungsmaßnahmen an seinem Patienten vornahm.
"Drücken Sie es auf Mund und Nase und kneten Sie den Blasebalg, Mann!"
Lucas tat wie geheißen, während der Arzt die Elektroschocks vorbereitete.
"Treten Sie zurück!" befahl der Arzt und drückte dem Verwundeten die Elektroschocks auf die nackte
Brust.
Der Patient zuckte einmal auf, doch der Pfeifton blieb. Lucas fing erneut an zu beatmen. 10 Sekunden
später wurde dem Patienten erneut ein Elektroschock verpasst. Der Pfeifton blieb. Die Prozedur wurde
noch sechs mal wiederholt. Dann stellte der Arzt das Diagnosegerät ab und wandte sich einem
weiteren Verletzten zu.
"Doc, hatten Sie Commander Auson hier?" fragte Lucas mit zitternder Stimme. Unachtsam wäre er
beinahe in einer Blutlache ausgerutscht.
"Was wollen Sie?"
"Ich suche Commander Auson, war sie hier?"
Der Arzt blinzelte überrascht: "Glauben Sie, ich merke mir hier jedes verdammte Gesicht, dass ich
heute in diesem Schlachthaus hatte?" er deutete auf einen jungen Mann, der auf einer Trage auf dem
Boden lag. "Untersuchen Sie seinen Verband, ob er auch vernünftig sitzt, der geht als nächstes auf Wanderschaft."
Lucas gehorchte der natürlichen Autorität in der Stimme des Arztes.
Melissa Auson befand sich am Bord des ersten Shuttles, das in Richtung Relentless abhob, dass sollte
Lucas aber erst viel später erfahren.

Die Besprechung mit seinen beiden wichtigsten Offizieren - Lieutenant Commander Markus Fischer,
der Auson vertrat, und dem rangältesten Ingenieuroffizier - ließ Clark keine Wahl.
"Computerlogbuch TRS Redemption. 8. August 2636. 06:00 Greenwich. Dies wird der letzte Eintrag.
Auf Rat des diensttuenden 1. Offiziers Lieutenant Commander Fischer und des diensttuenden
Leitenden Ingenieurs Lieutenant 1st Class Stelzer habe ich mich entschlossen das, was von der
Redemption übrig geblieben ist, aufzugeben. Gemäß der Gefechtsbefehle 236 und 236 A werde ich das
Schiff durch Eigenbeschuss zerstören lassen, sobald die gesamte Besatzung von Bord ist.
Jefferson B. Clark, Commodore, Captain TRS Redemption."
Er wandte sich an seinen Signaloffizier: "Geben Sie den Schiffen Bescheid, dass die Redemption
aufgegeben wird. Und teilen Sie der Agamemnon mit, dass sie der Red den Fangschuss verpassen
sollen. Dann geben Sie das Signal: Alle Mann von Bord!"
"Aye, aye Sir!" schnell und präzise gab der junge Offizier die Befehle von Clark weiter, dann
schaltete er auf die Bordsprechanlage: "1 MC: Alle Stationen, alle Mann, hier Brücke! Alle Mann von
Bord. Ich wiederhole: Alle Mann von Bord! Evakuierung einleiten! Alle Mann von Bord..."
Ein Raumfahrer der Terran Space Navy fiel im allgemeinen unter die Kategorie gut ausgebildeter Spezialist.
Doch selbst diese gut ausgebildeten Spezialisten können in Situationen geraten, wo Disziplin und
Ausbildung versagt.
Das Verlassen eines sterbenden Schiffes kann einer dieser Momente sein, wo Überlebenswille und der
menschliche Instinkt sich über all das Gelernte hinwegsetzen. Erwachsene und erfahrene Offiziere und
Unteroffiziere können plötzlich in Panik geraten.
Doch es gibt auch die Spiegelseite dieser düsteren Medaille. Junge Männer und Frauen wachsen über
sich selbst hinaus. Entdecken ungeahnte Fähigkeiten und Kräfte. Werden zu Helden.
Wie so häufig in einer derart dunklen Stunde fand man beides auf der Redemption in den Momenten
der Evakuierung.
Zwei junge Sanitäter ließen die Bare mit dem zu evakuierenden Verwundeten im Gang zurück und
verschwanden zur nächsten Rettungskapsel, während eine zierliche Raumfahrerin alles daran setzte
einen ihrer Kameraden unter einem heruntergefallenen Decksbalken hervorzuholen.
Bei den meisten Besatzungsmitglieder griffen jedoch die antrainierten Verfahrensweisen.

"... Mann von Bord!" Die Männer und Frauen im Maschinenraum Nr. 2 blickten auf.
Mit lautem Zischen wurde das Schott entriegelt.
"Na, ob sich das für uns noch lohnt?" fragte einer.
Boyle lacht heiser auf: "Hey, ich will ne Entschädigung, das wird sich lohnen."
"Und was willst Du damit machen? Wirst doch eh krepieren."
"Mich durch die Puffs in Lunapolis vögeln, was denn sonst."
Frazier war mittlerweile aus dem Maschinenraum gestürmt.
Harper zog einen Flachmann aus der Tasche: "Okay Jungs, machen wir Feuerabend."
Sie nahm einen Schluck aus dem Flachmann und reichte ihm zum nächsten: "Habt Ihr schon die
Geschichte von der TRS Bellerophon gehört?"
Boyle trat hinzu: "War doch dieser alte Zerstörer der Duquesne-Class right?"
Harper nickte: "Yeah, der 10, der in Dienst gestellt wurde."
"Hat es den nicht bei einer Sprungtriebwerksfehlfunktion zerrissen?" fragte ein anderer.
"Ja", bestätigte Harper, "aber das ist noch nicht die ganze Geschichte, das steckt noch mehr
dahinter......"
"Buuuuuhhhhhhuuuuhhuuuuu", machte Boyle, "jetzt wird es gruselig."
Die tödlich verstrahlten Ingenieure setzten sich in einer Runde zusammen und ließen den
Flachmann rumgehen.
Während das Schiff um sie herum aufgegeben wurde, saßen 11 Männer und Frauen im
Maschinenraum und erzählten sich Geistergeschichten.

Lucas schlurfte gerade aus dem Lazarett und würgte mehrmals Galle hoch. Er wünscht, dass er etwas
gegessen hätte, dann hätte er sich jetzt vernünftig übergeben können. Sein Raumanzug war
mittlerweile über und über mit Blut besudelt. Da kam die Durchsage, das Schiff aufzugeben.
Der Arzt, Peter Langenscheid hieß er, wie Lucas schließlich erfahren hatte, holte ihn erneut ins Lazarett.
"Los Commander, wir müssen zusehen, dass wir hier so viele wie möglich raus bekommen!"
Pfleger und Schwester begannen die übrigen Verwundeten, die man noch nicht auf die Relentless hatte
verlegen können, auf Bahren festzuschnallen. Doch die Bahren reichten nicht für alle mehr aus.
Schließlich blieben nur noch Langescheit und Lucas mit 8 Verwundeten zurück. Langenscheit
untersuchte schnell und oberflächlich die acht und wählte dann einen jungen Mann aus.
Lucas nahm die Beine, Langenscheit die Arme.
Die drei von den übrigen sieben, die bei Bewusstsein waren, bettelten um ihr Leben.
Jammervolle Stimmen begleiteten Lucas bis weit durch die Gänge.
Schließlich kamen sie mit ihrem Verwundeten bei den Rettungskapseln an, wo sich schon einige
Matrosen drängelten.
Sie legten den Verwundeten ab und Lucas versucht Platz zu machen: "Los, verdammt, wir haben einen
Verletzten, macht uns Platz."
"Nicht mehr nötig Commander", hörte er Langenscheit sagen, "er ist tot."
Lucas ließ die Schulter hängen.
Ein Deckoffizier mittleren Alters koordinierte das Einsteigen in die Rettungskapseln. So wurden
Lucas und Langenscheit getrennt.
Ein schwerer Ruck erschütterte die Rettungskapsel und sie war frei vom Schiff im Weltraum
schwebend. Zwei Sekunden später zündete das Schubtriebwerk, welches die Rettungskapsel vom
Schiff entfernte.
Die Rettungskapsel war für 20 Menschen ausgelegt. Sie fasste Sauerstoff und Nahrung für 20 Tage bei
voller Belegung. Des weiteren besaß die Rettungskapsel vier am Heck angebrachte Triebwerke,
welches für 60 Sekunden Brennstoff besaßen und nur die Aufgabe hatten, die Rettungskapsel vom
Schiff wegzubringen.
Lucas saß mit sieben weiteren Männern und Frauen in der Rettungskapsel. Die Gesichter aller waren
mit Ruß beschmutzt. Die Schultern hingen herab, die Augen waren leer. Sie waren geschlagen. Hier
und jetzt waren sie besiegt.
Ein Häufchen menschlichen Elends. Kein Wort wurde gesprochen, die Blicke gingen ins leere.
Es roch nach Schweiß und Blut.
Dann, Lucas wusste nicht wie lange sie im Raum getrieben waren, ging ein Ruck durch die
Rettungskapsel.
Keiner blickte auf.
Langsam wurde die Kapsel in den Rettungshangar der Relentless gezogen.

Den Leuten aus der Rettungskapsel wurde hinausgeholfen. Sofort eilten Sanitäter herbei, halfen mit
warmen Getränken, Decken und Vitaminspritzen.
Es waren mehrere Rettungskapseln in dem Hangar.
Lucas wanderte wie betäubt durch die Gegend und betrachtete das, was für ihn einem Schlachtfeld am
nächsten kam.
Wie soll ich hierauf reagieren? Wie soll ich mit dem allen fertig werden? Wie soll ich das alles verkraften?
Denk logisch!
Soll ich etwa meinen Halt in dem Hass auf die Akarii finden? Soll ich zu einem Scherzkeks werden,
dem die ganze Scheiße nichts ausmacht?
Denk LOGISCH!
Soll ich meine Rettung in der Religion finden, wie andere vor mir? Herrgott, was soll ich tun?
DENK LOGISCH!
Hände griffen nach ihm und drehten ihn um. Er blickte in ein ihm unbekanntes Gesicht. Der weiße
Kittel kennzeichneten den Mann als Arzt.
"Commander? Können Sie mich verstehen?"
"Ja."
"Geht es Ihnen gut?"
"Ja." Lucas wollte sich von ihm lösen, doch der Arzt hielt ihn fest. "Geht es Ihnen wirklich gut Sir?"
"Was zur Hölle!" Platzte es Lucas heraus. "Ich bin 29 Jahre alt, habe den Rang eines Commander der
TSN inne und bin wohl für den Tod von mehr intelligenten Lebewesen menschlich wie
nichtmenschlich verantwortlich, als ich zählen können möchte. Wenn ich sage, es geht mir gut, dann
GEHT ES MIR GUT!"
"Ja, in Ordnung, Sir." Der Arzt ließ ihn mit der rechten Hand los und griff sich in die Tasche. Schneller
als Lucas reagieren konnte, hatte der Arzt diese wieder aus der Tasche und ein Hypospray an Lucas
Hals gedrückt. Es entlud sich mit einem leisen Zischen.
"Was ist das?" verlangte Lucas zu wissen.
"Nur ein leichtes Beruhigungsmittel. Bitte setzen Sie sich."
Lucas ging scheinbar mechanisch in die Knie und hockte sich auf den Fußboden. Der Arzt folgte ihm
und hielt ihm eine kleine Lampe vor die Augen.
"Patient: L. Cunningham, Commander, apathisches bis aggressives Verhalten. Starke Weitung
der Pupillen, postraumatischer Schock, starke Erschöpfung, wahrscheinlich Vitaminmangel." Er
wandte sich an eine Schwester in der Nähe: "Geben Sie dem Commander eine Vitaminspritze, dann
sorgen Sie dafür, dass er unter die Dusche und dann ins Bett kommt."
Hier setzte Lucas' Erinnerungsvermögen für die nächsten vier Tage aus.

René Chantier schluckte schwer. Die Redemption hatte es nicht geschafft. Sie hatte bei Ihrer Aufgabe
den Träger zu schützen versagt.
Und nun der Befehl, dem Leiden des alten Schiffes ein Ende zu setzen.
"Steuermann! Bringen Sie uns in Position für den Beschuss der Redemption durch die Bugartillerie!"
"Aye aye, Ma'am."
René fuhr sich durchs blonde Haar: "Waffenoffizier: Bugwerfer, Rohre 1 bis 4 bereit machen für
Präzisionsbeschuss! "
"Aye Ma'am."
Lang,sam schwenkte der schwere Kreuzer der Ticonderoga-Class in Feuerposition.
Der Waffenoffizier hackte auf seiner Tastatur rum. "Ma'am, Raketenwerfer bereit für
Präzisionsbeschuss, Koordinaten eingegeben."
Auf dem Hauptschirm erschien ein taktisches Display. Es zeigte ein Realbild der Redemption. Die
Flanke des uralten Trägers leuchtete an mehreren Stellen gelborange auf.
Einzelne Panzerstücken brachen ab.
Dann erschienen vier Fadenkreuze. Eines am Bug, eines am Heck und zwei Mittschiffs.
"Brückenbesatzung, Achtung STILLGESTANDEN!" befahl Chantir. Sie faltete die Hände und neigte
das Haupt: "Universum, Herr, unser aller Gott. Wir übergeben Dir die lebendige Seele von TRS
Redemption und all jener, die in teuer Pflichterfüllung an Bord dieses stolzen Schiffes ihr Leben
ließen. Amen."
Sie holte tief Luft: "FEUER!"
Die vier Exocets rasten auf den alten Träger zu, völlig synchron.

Als die vier Atomraketen einschlugen befanden sich noch 27 lebende Besatzungsmitglieder auf der
Redemption.
Als das atomare Inferno sich durch den Rest von Panzerschutz brannte, saßen die Ingenieure um Chief
Harper noch im Maschinenraum Nr. 2 und feierten das baldige Ende. Sie sprachen jetzt über ihre
Träume, ihre Wünsche und ihre Liebsten.
Auf der Krankenstation lagen sechs Verwundete. Fünf von Ihnen waren bewusstlos, der sechste betete
seid über einer halben Stunde, das man ihn noch retten möge.
Der siebte hatte sich von seiner Liege gerollt und hatte es bis in den Gang vor der Krankenstaion
geschafft, wo er bewusstlos zusammenbrach.
Die restlichen neun waren Hilary Jones und ihre Brandbekämpfungscrew, die völlig abgeschnitten war
und den Evakiirungsbefehl nicht mitbekommen hatte. Immer noch kämpften diese wenigen tapferen
Männer und Frauen für das Überleben ihres Schiffes.
Die Redemption brach in der Mitte auseinander. Die grelle Explosion hüllte langsam aber sicher das
gesamte Schiff ein.
Bug und Heck wurden von weißem Feuer verzehrt.
Schließlich blieb nichts mehr als zwei ausgebrannte Hüllenstücke zurück.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:18
"ACHTUNG, STILLGESTANDEN!" donnerte der Befehl über das Flugdeck der Galileo. Als
rangältester Pilot stand Darkness vor den im Viereck angetretenen Piloten.
Den Piloten stand eine Abordnung der Schiffsbesatzung gegenüber, geführt von Ward und seinen
Kommandooffizieren.
Darkness fiel als rangältester Offizier der Redemption an Bord der Galileo eine besondere Rolle zu.
Er trat an ein Rednerpult, welches quasi an der Stirnseite beider Formationen stand und von Marines
flankiert wurde.
"Wir haben uns hier im Angesicht des Universums versammelt um unseren gefallenen Kameraden zu
gedenken. Die Zahl ihrer ist zu enorm um ihre Namen verlesen zu lassen.
Daher bleibt uns nichts, als Fürbitte zu leisten.
Universum, Herr unser aller Gott: Wir bitten um Deinen Segen für unsere Gefallenen Kameraden.
Nimm sie in Dein Reich auf. Behüte und beschütze sie.
Richte ihrer guten Taten, vergib ihnen aufgeladene Schuld. Denn in Augenblick ihres Todes dienten
sie der guten Sache.
Und so erhob ich mich auf den Schwingen der Gerechtigkeit und flog durch den Himmel, bis hinauf
ans Firmament. Dort soll mein Stern strahlen. Wachen und den Weg zum Sieg weisen. AMEN!"
Dann donnerten aus den Lautsprechern 21 altertümliche Kanonenschüsse.

Warum? - Diese Frage würde unvermeidlich auf Johnathan Ward zukommen. "Warum haben Sie sich so früh abgesetzt.", "Warum haben Sie nicht versucht in die Schlacht einzugreifen?", "Wo waren Sie, als wir Ihre Hilfe brauchten?"
Ward nahm einen Schluck Scotch. Er war über 20 Jahre alt, doch heute schmeckte er irgendwie schal.
"Verdammt, wäre die Galileo nicht her gewesen, wären die Leute von der Redemption umgekommen. Ich habe das Richtige getan."
Er begann zu schreiben.

An: Admiral Jean-Baptist Renault, CO 2. Flotte
Von: Captain Johnathan E. Ward, CO TRS Galileo CV 43
Dear Sir.
Sie werden sicherlich eine Menge Berichte über die Schlacht von Jollarahn erhalten haben. In vielen von ihnen wird mit ziemlicher Sicherheit ein nicht gerade rühmliches Bild von mir dargestellt. Dies ist zu großen Teilen korrekt. Weder die Galileo noch ich als ihr Kommandeur haben sich mit Ruhm bekleckert.
Die Captains unter meinem Kommando und die Überlebenden der Redemptionträgergruppe, mögen
meinen Rückzug als feige Flucht auslegen.
Doch muss ich darauf bestehen, dass Sie sich als Kommandant dieser Flotte alle Fakten ansehen.
Wie sie den anderen Berichten korrekt entnehmen können, wurde meine erste Angriffswelle mit einer
einzigen Salve vernichtet. Drei Jäger von 36 konnten zurückkommen, ohne das von unserer Seite zu
erkennen war, das Schlachtschiff auch nur angekratzt zu haben.
Diesen zweifachen Moralkiller entgegenzutreten hielt ich nicht für vertretbar. Die Galileo ist ein
Trägerschiff und kein Schlachtschiff.
Die Kampfkraft des Begleitschwadrons der Galileo war auch mehr als fragwürdig und durch die
Zuteilung der Dautnless ganz klar unterminiert.
Ich möchte jetzt hier definitiv nicht Admiral Noltzes Strategie in Frage stellen, doch wäre meines Erachtens ein Durchbruchversuch meiner Schiffe ohne die Jägerunterstützung zum Scheitern verurteilt gewesen.
Das einzige, was dadurch bewerkstelligt worden wäre, wäre der Verlust eines weiteren kostbaren
Trägerschiffes.
Und gar nicht auszudenken, was mit den Männern und Frauen der Redemption passiert wäre, wenn
der Galileoverband nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen wäre.
So bitte ich Sie, sich Ihre Schritte genau zu überlegen, statt den Hetzparaden der mir untergebenen
Offiziere blindlings zu folgen.
Mit dienstlichen Grüßen
Johnathan E. Ward
Captain, TRS Galileo

Eine Woche später
Prinz Jor starrte aus dem Fenster seines Büros. Es roch immer noch nach Mensch. Es hatte einst einer
menschlichen Admiralin gehört. Doch nun, war es und die gesamte Trafalgar Station sein, genauso der
Planet Mantikor, auf den er gerade hinabblickte.
Doch all dieses konnte ihn heute nicht erfreuen.
Sein Nachschub für Mantikor war eingetroffen. Doch das was ankommen sollte, kam nicht,
stattdessen humpelte ein maroder Haufen von Wracks in den Hafen.
Ein Drittel seines Nachschubs vernichtet. Darunter ein Truppentransporter mit über 10.000 Mann Infanterie.
Er würde seine Flotte nicht komplett ausrüsten können. Hinzu kam noch, dass die Verstärkung, die
ihm zugesichert wurden war, schwerste Schäden erlitten hatte. Der Flottenträger der Quarsar-Klasse
musste für über drei Monate ins Dock, wenn überhaupt Material für seine Instandhaltung übrig blieb,
ebenso einer seiner leichten Träger.
Die beiden Wunderwaffen, die Schlachtschiffe hatten versagt. Dafür würden Köpfe rollen.
"Ist die menschliche Admiralin noch hier?"
Der Adjutant trat an ihn heran: "Nein mein Lord, sie wurde schon abtransportiert."
"Aber ihr Sohn?"
"Ja, mein Lord, Commander Alexander befindet sich noch auf Trafalgar." der Adjutant hielt sein
Haupt unterwürfig gesenkt.
"Bringt ihn her."
Als die Wachen den Gefangenen in Jors Büro führten, spielte Jor mit einem Drehh, einem akariischem Schwert. Jors Drehh war über 2.000 Jahre alt, von den Schwertmeistern des Feuerbergs geschmiedet in über 20 Zyklen.
Nirgendwo in der Galaxie, gab es etwas vergleichbares. Das einzige, was eventuell, etwas der Eleganz
eines Drehh an sich haben könnte, war das Katana, was die Menschen vereinzelt benutzt hatten.
"Ihre Mutter sagte mir, dass Ihr Menschen hartnäckiger seid, als ihr ausseht."
Er hörte den Gefangenen auflachen: "Ja, ich habe von dem Debakel Eures Nachschubkonvois gehört."
In Jors Innenohr rauschte die Wut.
"Meine Mutter hat es Ihnen gesagt, und ich sage es Ihnen: Sie werden diesen Krieg verlieren. Jeder
Aggressor in der Menschengeschichte hat letztendlich verloren."
"Wissen Sie", antwortete Jor kühl, diese Art war bei seinem Stab viel gefürchteter, als wenn er brüllte,
"die Akarii haben in den letzten 1.000 Jahren jeden militärischen Konflikt für sich entscheiden können
und das gegen härtere Gegner als euch stinkende, wertlose Kreaturen."
Jor drehte sich blitzschnell um und schlug Alexander den Kopf vom Rumpf. "Aber vielleicht möchten
Sie das ja weiter mit Ihrer Mutter erörtern."
Er blickte zu seinem Adjutanten: "Bringt den kleineren Teil von ihm zu seiner Mutter. Den Rest könnt
ihr entsorgen."
Zum erneuten mal fragte er sich, wie wohl Menschenfleisch schmecken mochte. Von dem Gedanken
angeekelt verdrängte er ihn ganz schnell wieder.

Admiralin Maike Noltze vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie hatte Dutzende Berichte erhalten.
Von so ziemlich jedem überlebenden Offizier der drei angreifenden Trägergruppen, der der Ansicht
war, irgendetwas zu melden zu haben.
Sie hatte darauf verzichtet das Geschwafel in den Berichten zu lesen und hatte sich nur die harten
Zahlen zu Gemüte geführt. Diese Zahlen übertrafen alles, was sie als Worst Case eingeräumt hatte.
Sie schüttelte den Kopf, dann fing sie an zu schreiben:

An: Admiral Jean-Baptist Renault, CO 2. Flotte
Von: Vizeadmiral Maike Nolzte, Operationscheffin 2. Flotte
Sir,
es ist mein Pflicht Ihnen zu berichten, das unser Angriff auf den für Mantikor bestimmten Geleitzug
der Akarii trotz horrender Verluste nur mäßigen Erfolg hatte.
Die daraus resultierenden Schlussfolgerungen sind uns allen klar. Die Hauptangriffsstreitmacht der Akarii verfügt zumindest über den Nachschub um wieder rudimentäre Operationen durchführen zu können.
Die Katastrophalen Verluste belaufen sich, auf die komplette Trägergruppe der Majestic, sowie die
Redemption mit drei ihrer Begleitzerstörer und zwei der Kreuzer. Dazu gut 120 Jäger und Jagdbomber.
All dieses könnte durch den Tod des Prince of Wales, der an Bord der Majestic Dienst tat, noch weit
aus schlimmer für uns werden.
Die restlichen Schiffe werden in zwei Wochen in Perseus erwartet.
Wir gehen von über 500 Verwundeten aus und bitten daher um Entsendung eines Lazarettschiffes.
Sir, für die gesamte Aktion trage ich persönlich die volle Verantwortung und stelle daher meinen
Posten zur Verfügung.
Mit dienstlichen Grüßen
Maike Noltze,
Vizeadmiral, 2. Flotte.

Zwei Stunden nachdem die Depesche auf dem Flaggschiff der 2. Flotte eingetroffen war, ging der Verlegungsbefehl an den zum Lazarett umgebauten Truppentransporter Maria Theresia heraus. Im Ärztebesprechungsraum herrschte reges Treiben. Der Chefarzt der Theresia Captain J. Arthur
Jellico wies seine Leute ein.
"Okay Dan, Sie übernehmen die Postoperative auf dem A-Deck. Wir werden Etliche noch mal
aufmachen müssen. Die Strahlenpatienten lagern auf dem C-Deck ein, wir beginnen schnellstmöglich
mit der Therapie. Zum Glück sind unsere Vorräte an Dextorkordynon gerade aufgefüllt worden." Er
wandte sich an eine junge Ärztin: "Hillary: Wir werden auch mit gut 30 Patienten in Stasiskammern zu
rechnen haben. Einige davon mit sehr starken Strahlenschäden. Aber das ist für uns zweitrangig, wir
werden keine der Stasispatienten aufwecken, dass sollen die Experten auf Luna übernehmen, aber wir
werden auch dort bei den Verstrahlten sofort mit der Therapie beginnen."
"Aye, aye."
Jellico deutete auf einen anderen Mann: "Marc, sorgen Sie dafür, dass die Patienten so schnell wie möglich, ihrem Gesundheitszustand nach duschen und sich frisch machen können und sorgen Sie für saubere Uniformen."
"Geht klar, Boss."
"So, wir warten eigentlich nur noch auf zwanzig Flottenpsychologen und 5 Geistliche. Ne halbe
Stunde später geht es dann los."

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:19
Rückkehr
Etwa vier Wochen früher (zwei Tage nach der Aufgabe der Redemption)

Das dumpfe Klopfen des Schmerzes, der das letzte gewesen war, was sie wahrnahm, war auch das erste, was sie wieder verspürte. Aber es war ein ferner Schmerz, wie in Watte gehüllt. Ähnlich einer alten Wunde, die nicht ganz verheilt war. Eine Weile lag sie schweigend da, reglos – versuchte einfach, ihre Gedanken zu ordnen. Was war geschehen? Bruchstückhaft tauchten die Erinnerungsfetzen vor ihrem inneren Auge auf. Erst als sie sich erinnerte, auf der Redemption gelandet zu sein, entspannte sie sich ein bißchen. Dann war sie also nicht gefangengenommen worden.
Sie war in Sicherheit – zu Hause. Einen Augenblick lang wollte sie sich wieder ins Dunkel
hinabgleiten lassen. Es schien so leicht, und sie fühlte sich so müde...
War es das erste Mal, daß sie seit dem Gefecht zu Bewußtsein kam? Sie war sich nicht ganz sicher.
Für einen Augenblick meinte sie, sich an irgendetwas zu erinnern, wie sie zwischen Bewußtlosigkeit
und Erwachen schwebte, gemartert von ihrer Wunde, aber unfähig zu schreien oder sich zu regen.
Undeutliche Bilder, die sich ihr sofort entzogen. Für einen Moment zögerte sie, ob sie wirklich
erwachen wollte. Erwachen bedeutete Schmerz, bedeutete die quälende Frage nach dem, was dieser
Kampf nicht nur von ihr, sondern auch von ihren Kameraden gefordert hatte. Es schien verlockend,
dem aus dem Weg zu gehen, zumindest noch ein kleines Weilchen…
Aber dann verbot sie es sich selber. Wenn sie überlebt hatte, dann mußte sie erfahren, wie es um sie
stand. Sie mußte wieder hinaus, um jeden Preis – so sagte sie sich, überzeugte sich selbst. Mußte,
WOLLTE noch mehr Akarii töten. Ihr war klar, bei diesem Kampf waren wieder Menschen gestorben.
Sie wußte nicht wer, und sie hatte Angst, danach zu fragen. Angst, die Namen, Diane Parker, Kano
Nakakura und besonders Ina Richter zu hören. Aber auch wenn jene, die ihr irgendetwas bedeuteten
überlebt hatten – Menschen waren gestorben, und da draußen waren noch Akarii, die dafür büßen
würden. Sie zwang ihre Augen auf, versuchte sich aufzurichten.
Ein Fehler. Der dumpfe Schmerz wurde zu einer glühenden Lanze in ihrer Seite. Sie schrie auf, ehe sie
den Laut in einem Keuchen erstickte. Ihr Körper sackte zurück. Sie hörte Schritte, jemand beugte sich
über sie. Das Gesicht war verschwommen, aber waren es eigentlich ein, oder zwei? Hände griffen
nach hier, halfen ihr, sich aufzusetzen. Ein Kissen stützte ihren Oberkörper.
Langsam klärte sich das Bild. Sie kannte die Frau nicht, die sich um sie bemühte, damit Lilja sich
nicht noch mehr verletzte. Das hatte an sich nicht viel zu sagen – die Russin gehörte nicht zu den
kontaktfreudigen Personen an Bord der Redemption. Sie kannte nicht mal jeden Piloten, vom
medizinischen Personal ganz zu schweigen. Vielmehr hatte sie gerade das aus nahe liegenden Gründen
gemieden. Sie akzeptierte die Hilfe – und wäre wohl auch zu schwach gewesen, sie abzuwehren.
Momentan hatte sie genug damit zu kämpfen, Luft in ihre Lungen zu zwingen, den bohrenden
Schmerz zu unterdrücken. Den Raum nahm sie nur langsam wahr. Ein klassisches Navy-
Krankenzimmer, bloß daß man diesmal zu ihrem eigenen Bett noch zwei weiteres hereingestellt hatte.
In dem anderen lag eine Frau, deren Gesicht und Oberkörper in Verbände gewickelt war. Sie schien zu
schlafen, vielleicht hatte man sie auch unter Medikamente gesetzt. In dem anderen ruhte ein Mann –
wie er verwundet worden war, konnte Lilja nicht erkennen. Aber es war beunruhigend genug – ehe die
Navy in ihrer Prüderie mal die getrenntgeschlechtliche Zimmerbelegung aufgab, mußte es schon
SEHR schlimm kommen. Das Zimmer war damit ziemlich voll, nahm man die Apparate hinzu. Lilja
selber hing an mehreren Schläuchen, die sie mit einigen Infusionsflaschen und Diagnosegeräten
verbanden.
Ihre Helferin musterte sie besorgt: „Alles in Ordnung, Lieutenant?“ Lilja spürte eine Anwandlung
ihres üblichen Sarkasmus. So schlecht ging es ihr offenbar doch nicht: „Das sollte wohl eher ich Sie
fragen.“ Die Frau lächelte leicht – natürlich. Sie war vom medizinischen Personal, und hätte wohl zu
allem die Antwort gegeben, die ihre Patientin vermutlich gewünscht hätte. ,Verdammte Fürsorge!’
dachte Lilja, die es niemals schätzte, übertrieben behutsam angefasst zu werden. Dadurch, daß sie sehr
wohl wußte, wo ihre Schwächen lagen, war sie oft eher bestrebt, für härter und zäher gehalten zu
werden, als sie wirklich war – und nicht umgedreht.
Eine Weile konnte Lilja nur ruhig dasitzen. Dann gab sie sich einen Ruck: „Machen wir es kurz. Ihnen
geht es gut – und wie geht es mir?“ Die Pflegerin oder Ärztin – ihr Namensschild zeigte, daß sie
Sophie Argyris hieß – musterte ihre Patientin besorgt: „Wie fühlen Sie sich?“ Lilja knirschte mit den
Zähnen. Vermutlich versuchte die Frau einzuschätzen, ob Lilja schon stark genug war. „Abgesehen
davon, daß ich das Gefühl habe, bei lebendigem Leib gehäutet worden zu sein und mir so ist, als hätte
man mir einen Lungenflügel herausgeschnitten, fühle ich mich prächtig.“ Sie wußte, daß das
eigentlich dumm klang – wie diese aufgeblasenen Heldentypen aus den verschiedenen Filmen, die
immer einen schlechten Scherz oder eine schnoddrige Bemerkung auf den Lippen hatten. Aber sie
fürchtete einfach, weich zu werden, sich eine Blöße zu geben. Und das wollte sie auf keinen Fall. Also
zwang sie sich, flüssig und sogar in einem fast lockeren Tonfall zu sprechen, obwohl ihr der Schweiß
auf der Stirn stand vor Anstrengung, ein Stöhnen zu unterdrücken. Nun, wenn man es genau nahm,
klang es eigentlich eher etwa zickig...
Offenbar war Doktor Argyris – Lilja entschied, sie in Gedanken so zu nennen – aber an derart
,freundliches’ Verhalten gewöhnt. Oder sie zeigte aus einem anderen Grund Langmut. Sie schien die
Russin als robust genug einzuschätzen, um ihr reinen Wein einzuschenken: „Nun, Sie haben einige
Verbrennungen am rechten Oberkörper – auf Brust und Bauch. Aber Sie brauchen keine Angst zu
haben, daß lässt sich leicht therapieren – Sie werden vermutlich kaum Narben zurückbehalten. Dann
drei Rippen gebrochen und eine Verletzung des rechten Lungenflügels. Das heilt nicht augenblicklich
– wird aber alles wieder in Ordnung kommen. Schließlich noch ein paar geringführigen Verletzungen
an ihren Lippen und eine leichte Löschmittelvergiftung. Alles in allem also nichts, was die moderne
Medizin nicht kurieren kann.“ Lilja nickte erleichtert. Also keine dauerhafte Untauglichkeit. „Wie
lange werde ich nicht diensttauglich sein?“ Die Ärztin überlegte: „Das hängt davon ab, wie es sich
entwickelt. Ich würde sagen, mindestens zehn Wochen.“ Sie zog leicht eine Augenbraue hoch, als die
Russin unflätig fluchte – leise zwar, da ihr einerseits die Kraft fehlte und sie andererseits auch ihre
Mitpatienten nicht wecken wollte, aber doch vernehmlich.
Lilja wollte gerade zu einer weiteren Bemerkung ansetzen, als der Schmerz wieder zuschlug. Ihr
Atemzug wurde zu einem gedämpften Stöhnen, aber ein wütender Blick hielt die Ärztin auf Abstand.
Dann, mühsam, presste sie hervor: „Und… was ist mit der Schlacht?“
Diesmal war deutlich zu sehen, daß die Ärztin überlegte, was sie der Russin sagen sollte. Lilja spürte,
wie die vage Besorgnis sich zu einer kalten Angst verdichtete. „Wir haben uns vom Feind gelöst.“
kam die zögerliche Antwort. Lilja stemmte sich hoch, ihre Wunden ignorierend: „Genauer,
Verdammt!“ Ihre Maske der beherrschten Soldatin zeigte deutliche Risse. Ina, Lightning, auch Kano –
was war mit ihnen, wie war das Gefecht verlaufen? „Ich muß es wissen!“ Doktor Argyris versuchte,
die Patientin wieder in Ruhelage zu bringen, aber jetzt widersetzte sich Lilja. Die Ärztin faßte sie
behutsam bei den Schultern – in dem Augenblick erkannte die Russin, was sie bisher übersehen hatte.
Auf dem Namensschild stand TRS Relentless. Sofort bäumte sie sich auf, ihr Stimme wurde lauter,
panisch: „Wo bin ich? Was ist mit der Redemption? Sagen Sie es mir! Lassen Sie mich los!“ Die
Angst, mühsam unter Kontrolle gehalten, brach durch. War das Schiff verloren? Waren alle andern
gefallen? Sie mußte hier raus! Wochen, Monate der Selbstkontrolle – in diesem Augenblick vergaß
Lilja all das. Ihre Nerven, noch durch die Erinnerung an das Gefecht mehr als nur angekratzt,
versagten.
Die Ärztin, überrascht von der Gegenwehr, mußte mit ansehen, wie einige Kanülen herausgerissen
wurden. Lilja stammelte Worte in ihrer Muttersprache – nicht eben Segenssprüche – und warf sich hin
und her. Mit einem letzten Kraftakt rollte sie sich aus dem Bett – Blut rötete ihre Kleidung. Sie hatte
ihre Pflegerin einfach überrumpelt.
Aber damit war sie entschieden zu weit gegangen. Sie kam auf dem Boden auf – und im selben
Augenblick explodierte der Schmerz. Sie schrie auf, ein trostloses Schluchzen, den Kopf in den
Nacken gelegt, wand sich. Die Umgebung verschwamm vor ihren Augen. Sie spürte kaum, wie die
Ärztin sich um sie bemühte, nahm außer ihren Wunden kaum etwas wahr. Als sie schließlich wieder
ins Bett gehoben wurde, wimmerte sie nur noch undeutlich vor sich hin – zu keiner Handlung, zu
keinem klaren Wort mehr fähig. Sie flehte darum, daß man sie gehen ließe – aber die Pfleger konnten
sie gar nicht verstehen, so undeutlich war ihre Stimme. Den Stich der Beruhigungsspritze spürte sie
nicht, sie nahm nur die bleierne Müdigkeit wahr, die ihren Körper ergriff und sie davontrug..
Die Ärztin schüttelte leicht den Kopf, während sie die schlafende Pilotin betrachtete. Das vernarbte
Gesicht war von Angst und Qual verzerrt. Sie wollte helfen – aber es gab so viel zu tun, so viele
Verwundete. Diese hier würde warten müssen, sie konnte sich nicht um alle kümmern. In ein paar
Stunden würde Lieutenant Pawlitschenko wieder erwachen. Dann würde sie da sein, um ihr
mitzuteilen, was geschehen war. Sie hatte ein Recht darauf, es zu erfahren. Wie so oft in den letzten
Tagen und Stunden fühlte Sophia Argyris Schuldgefühle – wie immer, wenn sie es mit Verwundeten
von der Redemption zu tun hatte. ,Wir sind davongelaufen. Sie mußten an unserer Stelle leiden.’ Sie
verfluchte lautlos Ward und Mithel, Aber was konnte sie schon tun? Nur versuchen, zu helfen. Die
Narben in den Seelen würde sie nicht heilen können. Und derer gab es viele…

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:20
Narben

Es war eine schwere Lektion in Sachen Geduld, die Lija lernen mußte. Als sie das nächste Mal
erwachte, kämpfte sie mühsam ihre Panik nieder und bemühte sich, ruhig und konzentriert zu wirken.
Nur der Umstand das es dunkel und sie allein war, ermöglichten es ihr, diesmal zur Besinnung zu
kommen, die Lage wenigstens halbwegs ruhig zu analysieren.
Sie wollte nicht länger als unbedingt nötig in der Krankenstation bleiben. Unter der dünnen Schale der
Selbstbeherrschung allerdings quälten sie ihre Angst vor dem, was sich während ihrer Bewußtlosigkeit
ereignet haben mochte, vor dem, was es für sie bedeuten würde. Sie beherrschte sich – aber nur knapp.
Es war ein Schmerz, der fast ebenso weh tat wie ihre Wunden – aber so, wie sie diese ignoriert hatte,
um den zweiten Akarii-Bomber abzuschießen, so unterdrückte sie ihre Furcht, zumindest nach außen.
So erfuhr sie – Stück für Stück, Tag für Tag – was sich ereignet hatte. Imp hatte ihr eine knappe
Nachricht hinterlassen, und die half ihr sehr. Wenn ihre Kameradin gefallen wäre...
Aber auch so war es schlimm genug. Die zahllosen Schiffsverluste, die Toten in der Staffel, die Flucht
der Gallileo, das Ende der Redemption – all das war wie ein Wahrheit gewordener Alptraum. Hätte
man ihr all das auf einmal mitgeteilt – vielleicht wäre sie daran zerbrochen. Sie balancierte sowieso
zwischen Apathie, Verbitterung und Panik, vor allem, wenn sie manchmal unverhofft erwachte und
sich auf einem fremden Schiff, in fremder Umgebung wiederfand. Aber sie konnte die niederschmetternden Neuigkeiten verarbeiten – mit Mühe. Wie so oft vorher konzentrierte sie sich darauf, den Haß und die Trauer in sich einzuschließen, sich nach außen zu verhärten, sich niemanden zu öffnen. So zeigte sie keine oder kaum Schwäche – doch so mußte sie auch allein mit allem fertig werden.
Die ersten Tage nach dem Gefecht waren die schlimmsten. Mehr als einmal lag sie stundenlang wach,
die Augen im Dunkeln geöffnet, und kämpfte mit dem Schmerz, der ihren Körper folterte. Man konnte
sie nicht die ganze Zeit mit Medikamenten vollpumpen, um ihr das zu ersparen – der menschliche
Körper zahlte seinem Besitzer auch in den Tagen der Hochleistungsmedizin Unachtsamkeit und
Mißhandlungen heim. Und wenn man ihn verletzte, mußte man die Rechnung begleichen. In der
Dunkelheit, wenn niemand es sah, krallte sie ihre Fingernägel in die Decke, um nicht zu schreien.
Aber gleichzeitig kämpfte sie tagsüber darum, möglichst schnell wieder gesund geschrieben zu werden
– auch wenn sie dafür die Quittung bekam. In erster Linie hielt ihre grimmige Entschlossenheit sie
aufrecht. Man kümmerte sich aufopferungsvoll um sie, so gut es eben ging, denn Verletzte gab es
viele, und einige waren erheblich schlechter dran. Man trug neue Haut auf den Brandnarben auf.
Natürlich würden ein paar kleinere Spuren zurückbleiben, sich mit den älteren Narben vermischen. Für
eine gründliche kosmetische Rekonstruktion – die hätte etwa drei Monate gedauert – fehlte Lilja die
Geduld und hier an Bord das Material. Das konnte warten bis nach dem Krieg – zusammen mit den
anderen Narben. Jetzt kam es erst einmal darauf an, schnell wieder zumindest beschränkt dienstfähig
gestellt zu werden. Die anderen Verletzungen heilten – aber unter Schmerzen.
Sie musste sich oft genug Mühe geben, um nicht die Beherrschung zu verlieren und jemanden vom
Pflegepersonal oder ihre Zimmernachbarn anzuschreien. Höflichkeit war Liljas Sache nie gewesen
und würde es wohl auch nie sein. Aber jetzt bemühte sie sich, kooperativ zu erscheinen. Immer
gehorsam, immer ruhig – kein Wunder, das es durchaus nicht immer klappte. Sie WAR den Ärzten
dankbar für die Mühe, die sie sich mit ihr gaben – aber auf der anderen Seite konnte sie nicht umhin,
sie dafür verantwortlich zu machen, daß sie in diesem Kerker saß. Und so gut wie nichts darüber
erfuhr, was ,draußen‘ vor sich ging. Die Kommunikation zwischen den Schiffen war
verständlicherweise auf ein Minimum beschränkt. Sie hatte erfahren, daß Ina ihre kostbarsten Güter
von Bord der Redemptin geschafft hatte – ihre Kameradin hatte einfach einen Verwundeten gebeten,
daß an Lilja weiterzugeben. Das war immerhin etwas, aber bei weitem nicht genug. Sie wußte
wenigstens, daß Imp noch lebte – aber wie stand es mit den anderen?
Das Pflegepersonal wußte es nicht, oder es schwieg sich aus. Und ihre Zimmergenossen konnten ihr
auch kaum weiterhelfen. Die Frau, Janine Copé, eine Angehörige der Marines, hatte schwere
Brandnarben bei einem Löscheinsatz davongetragen. Dem Mann – er hieß Jon Sturlason und war
Besatzungsmitglied – hatten Splitter die Hand zerschmettert, sie hatte amputiert werden müssen, und
er würde eine neue erhalten. Beide hatten genug mit ihren eigenen Problemen zu tun, beide hatten
selber Kameraden verloren, ihre Heimat – beide wußten, daß ihre größere Heimat, die Republik, durch
das Scheitern der Mission gefährdet war. Sie konnten einander nicht helfen – sie konnten sich ja nicht
mal selber helfen. Jeder mußte seine eigene Last selber ertragen, damit fertig werden.
Als sie das erste Mal ihre Wunden genauer betrachtete – die neuen Narben auf der frischen Haut
verbanden sich „harmonisch“ mit ihren früheren „Andenken“ – wußte sie, daß die Heilung noch lange
dauern würde. Jeder Atemzug, jedes Stechen in der Brust sagte ihr dasselbe. Daß der Krieg seine
Spuren auf ihrem Körper hinterließ, nahm sie mit relativer Gelassenheit hin. Sie war nicht auf ihre
Schönheit fixiert. Natürlich gab es auch Augenblicke, in denen sie sich selber als verstümmelt
empfand, verunstaltet, kein vollwertiger Mensch, keine vollwertige Frau mehr. Bei ihrer ersten
Verletzung, den Gesichtswunden, war das noch schlimmer gewesen. Aber sie hatte auch das
überstanden, sie würde es auch jetzt überstehen. So etwas ließ nach. Es war im Grunde auch nicht
wichtig – nichts war wichtig außer dem einen...
Sie lächelte zynisch: ,Komisch, daß die Echsen immer meine rechte Seite erwischen! Na, so lange ich
mit der rechten Hand noch schießen kann, ist noch nicht alles verloren.’
Was Lilja neben ihren Wunden zu schaffen machte, war das Gefühl der Isolierung und der
Nutzlosigkeit. Sie konnte momentan wirklich nicht die Kraft aufbringen, die Zeit auch nur für Lektüre
und ähnliches zu nutzen – das mußte warten. Die von ihren Staffelkameraden, die noch fliegen und
kämpfen konnten, waren auf der Gallileo. Sie konnte sie nicht sehen, nicht einmal mit ihnen sprechen.
Hier an Bord waren die Evakuierten, aber von denen stand ihr keiner nah. So war sie allein – einsamer,
als sie hätte sein müssen. Aber sie konnte sich auch nicht überwinden und sich jemandem öffnen. Sie
wagte es nicht.
Und wenn ihr die Tränen kamen, dann preßte sie ihr Gesicht ins Kissen und unterdrückte jeden Laut.
Nach außen mußte sie ruhig, selbstsicher und vor allem auf dem Weg der Besserung sein. Sie selber
verachtete sich nicht, wenn sie weinte. Tränen waren nur natürlich. Aber das ging keinen etwas an,
bestimmt nicht die professionellen Fürsorgedilettanten. Das letzte, was sie wollte, war ein
Truppenpsychologe oder einen Pope – sei es diesen Schwätzer von ihrem eigenen Schiff oder den
Prediger der Relentless. An den Gott der Priester glaubte sie nicht, und den Psychologen traute sie
nicht. Vor allem, da sie wußte, daß schwache Punkte in der Psyche sehr schnell den Weg in die Akte
fanden und vielleicht sogar einen längere u.k. Stellung nach sich ziehen konnten. Und das war das
letzte was sie wollte. Sie konnte nur hoffen, daß es besser wurde – aber in den ersten paar Tagen
schien dies manchmal unerreichbar fern...

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:20
Abrechnung
Drei Wochen von Perseus entfernt

Captain Mithel kniff die Augen leicht zusammen. Er war kein junger Mann mehr. Dreißig Jahre im
Dienst der Republik waren eine lange Zeit. Aber für sein Alter hielt er sich gut – sehr gut. Er konnte
die Müdigkeit immer noch beiseite schieben, auch nach zwölf Stunden Arbeit und mehr. Wenn es
darauf ankam. Wenn es wichtig war – und dies hier war wichtig.
Ein letztes Mal überflog er seine Worte. Er hatte sie möglichst sorgfältig gewählt, und den Bericht
gründlich vorbereitet. Hatte mit anderen Kapitänen gesprochen – etwa mit dem Kommandanten der
Redemption, der jetzt unfreiwillig ein Gast an Bord der Relentless war. Von diesem brauchte er keinen
Verrat zu befürchten. Und auch nicht von seinen Gesprächspartnern – eine sorgfältige Auswahl half,
Schwierigkeiten zu vermeiden. Auf die Kapitäne der Sao Paulo und der Prince of Wales konnte er sich
verlassen. Er hatte die Schlacht an Hand der zur Verfügung stehenden Aufzeichnungen analysiert und
sich auch die Mühe gemacht, sie mit einigen anderen Gefechten früherer Zeiten und Kriege
abzugleichen. Eine provisorische „Schlächterrechnung“ hatte er ebenfalls beigelegt, um seine Worte
zu unterstreichen. Mehrmals hatte er den Entwurf überarbeitet, bis er schließlich zufrieden war.

An: Vizeadmiral Maike Noltze, Perseus-Station
Von: Captain Chris Mithel, TRS Relentless
Admiral!
Sie haben ohne Zweifel bereits vom Ausgang der Operation der Träger Majestic, Gallileo und
Redemption gegen den Akariikonvoi erfahren. Es steht mir nicht zu, Schlußfolgerungen aus dem
Ergebnis der Operation zu ziehen, und sie zu beurteilen. Ich kann nur von meiner Warte – der Warte
des Kapitäns eines Kreuzers – aus urteilen. Dennoch, bitte verzeihen Sie mir, sehe ich als meine
Pflicht an, Ihnen einige meiner Gedanken mitzuteilen. Dies ist kein Zeichen von mangelndem
Vertrauen von meiner Seite. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie die richtigen Schlußfolgerungen
ziehen werden, welche auch immer das seien mögen. Doch es gibt etwas, das nicht unerwähnt bleiben
darf. Es kostet mich ein gewisses Maß an Überwindung, doch bin ich es meinem Gewissen und
meinem Eid schuldig, hier meine Meinung zu äußern.
Es geht um Captain Jonathan Ward, Kommandeur der Gallileo-Kampfgruppe, Befehlshaber des
leichten Trägers Gallileo. Ich weiß, daß Ward Ihr Vertrauen hatte – sonst hätten Sie ihn nicht auf
diesen Posten berufen. Doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß er sich dieses
Vertrauens in der Stunde der Bewährung als unwürdig erwies.
Sie, Admiral, kennen gewiß den genauen Ablauf der Operation. Captain Ward befahl mir und den
beiden Zerstörern Sao Paulo und Prince of Wales, die Jäger seines Trägers zu unterstützen. Dies
geschah gegen die Vorschläge der Kapitäne der genannten Zerstörer, wie auch gegen meine
Einwände. Alle brachten wir an, daß es ratsamer sei, konzentriert und mit aller Macht zuzuschlagen –
nicht unbedingt mit dem Träger selber, aber mit einem Großteil der Begleitschiffe. Captain Ward
lehnte dies ab.
Sie wissen, daß der Angriff der Jäger scheiterte – sie wurden fast alle von einem einzelnen Bravo-II
Schlachtschiff vernichtet. Captain Ward befahl darauf unverzüglich den Rückzug – gegen meinen
Protest. Es ist mir klar, daß dies sein gutes Recht als Kommandeur der Kampfgruppe war. Ein
Kommandeur kann Pläne ändern, er muß dies sogar oft. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht
erwehren, daß die Entscheidung hier in Panik fiel – nicht unter Abwägung der taktisch-strategischen
Notwendigkeiten.
Erlauben Sie mir, dies zu erläutern.
Captain Ward gab den Befehl quasi sofort nach der Vernichtung der drei Angriffsstaffeln. Weder
wartete er eine zumindest provisorische Analyse des Schlachtgeschehens und des Vorgehens der
anderen Verbände ab, noch führte er eine Beurteilung des Schlachtschiffes durch. Er informierte auch
nicht die anderen Verbände.
Wie der heldenhafte Angriff Captain Chantirs mit der Agamemnon und ihren Begleitzerstörer bewies,
sind die feindlichen Schlachtschiffe durchaus besiegbar. Selbst ein Angriff der Prince of Wales, der
Sao Paulo und der Relentless hätte Aussicht auf Erfolg gehabt.
Es ist mir durchaus klar, daß dabei ein großes Risiko bestanden hätte, die Schiffe zu verlieren. Aber
meiner Ansicht nach hätte der mögliche Gewinn dieses Risiko gerechtfertigt. Der Gegner hätte Schiffe
gegen die Bedrohung detachieren müssen, die ihm nicht zur Abwehr der Kampfflieger der Redemption
und der Majestic, sowie des Majestic-Verbandes selber zur Verfügung gestanden hätten. Ich vermute,
die Vernichtung einer Reihe weiterer Frachter, eventuell auch von Kriegsschiffen, wäre dadurch in
den Bereich des Möglichen gerückt. Selbst angesichts der gewaltigen feindlichen Übermacht konnten
die angreifenden Jäger und Kampfschiffe immerhin im Nahkampf zwei feindliche Kreuzer, zwei
Geleitschiffe und etwa zwei Dutzend Frachter vernichten, ein Kreuzer/ Träger und ein Flottenträger
des Feindes erhielten vermutlich einige Treffer. Angesichts der Primäraufgabe, den feindlichen
Großangriff zu verhindern, wäre es meiner Meinung nach – wenn ich Ihre Befehle richtig interpretiere
– unbedingt nötig gewesen, noch mehr Frachter zu vernichten.
So schwer es mir fällt – ich muß Ihnen mitteilen, daß ich erhebliche Zweifel daran habe, daß Captain
Ward der Verantwortung gerecht geworden ist, die Sie ihm aufgetragen haben. Meiner Ansicht nach
agierte er zu zögerlich und brach den Angriff zu früh ab. Es ist meiner Ansicht nach keineswegs ein
Fehler, den Gegner ernst zu nehmen. Sich aber von Angst oder Überraschung lähmen zu lassen,
überstürzte Entscheidungen zu treffen – dies ist meiner Meinung nach für einen Kapitän inakzeptabel.
Ich bitte Sie, diese Worte zu bedenken. Ich weiß nicht, wie die anderen Kapitäne der überlebenden
Einheiten dies sehen. Doch ich fürchte, die Besatzungen der zerstörten Schiffe fiel in dem Glauben, im
Stich gelassen worden zu sein. Ich denke, ich schulde es ihnen, meine Bedenken bezüglich Captain
Wards an sie weiterzugeben.
Durch seinen Rückzug lieferte er die Schwesterverbände der feindlichen Übermacht aus. Dies steht in
keiner Weise in irgend einer Verbindung mit den lebenden Traditionen unserer Marine.
Und es gibt noch einen Grund, der meiner Meinung nach dafür spricht, die Eignung Captain Wards
für einen Kommandoposten zu überdenken. Ich fürchte, die Besatzung hat gegenüber Captain Ward
jegliches Vertrauen verloren. Ich weiß, daß es an Bord meines Schiffes so ist, und selbst
Disziplinarstrafen können daran nichts ändern. An Bord der Gallileo dürfte die Lager vermutlich
nicht anders sein. Ein Kommandeur, der nicht den Respekt seiner Offiziere und Besatzungsmitglieder
genießt, ist meiner Ansicht nach nicht in der Lage, seine Pflicht in zufriedenstellender Art und Weise
zu erfüllen. Es besteht die Gefahr, daß seine Untergebenen seine Entscheidungen in Frage stellen -
auch die richtigen Entschlüsse. Dies aber kann im Gefecht tödlich enden.
Ich hoffe, Sie verstehen, daß nur meine Verantwortung meinen lebenden und toten Untergebenen und
mein Eid gegenüber der Republik der Grund sind, aus dem ich mich an Sie persönlich wende.
Ich verbleibe mit besonderer Hochachtung
Chris Mithel, Captain der Terranischen Streitkräfte, TSR Relentless.

So – das dürfte hoffentlich ausreichen. Nicht, daß er es lediglich dabei bewenden lassen würde.
Natürlich war es zum Teil gelogen – er wußte sehr wohl, was einige andere Kapitäne dachten. Und es
war ihm auch nicht sonderlich schwer gefallen, diese Worte zu schreiben. Wenn man von moralischen
Gesichtspunkten her argumentierte. Mithel hatte wenig Hemmung, die Karriere eines Kollegen zu
ruinieren, wenn er es für nötig hielt – wie hier. Nein, Ward mußte fallen.
Nun, es blieb abzuwarten, wie Noltze darauf reagieren würde. Sollte sie sich nicht rühren, Ward in
Schutz nehmen – dann mußte er einen anderen Weg finden. Dieses Debakel war Sprengstoff –
politisch wie militärisch. Und ebenso, wie solche Katastrophen Karrieren beenden konnten, konnten
sie auch welche begründen, lästige Konkurrenten ausschalten. Auch und gerade jetzt, mitten im Krieg.
Mithel wußte das nur zu gut, stand er doch selber gewissen politischen Kreisen nahe. Seine Schwester
Alexandra war Mitglied des Senats, sein Bruder Ronald Gewerkschaftsfunktionär – beide hatte er,
hatten die ihm nahestehenden Kreise benutzt, so wie er auch benutzt worden war. Natürlich nicht
umsonst. Und deshalb würde er dafür Sorge tragen, daß ein oder zwei Kopien dieses Berichtes
„verlorengehen“ würden. Er hatte da seine Beziehungen. Mithel liebte die investigative Presse nicht
eben, aber er war nicht so dumm, sie zu unterschätzen. In ihrer ständigen Suche nach der „Wahrheit“
durfte man sie nicht abwürgen. Man mußte ihr hin und wieder ein paar gute Brocken hinwerfen, im
richtigen Augenblick – immer gegenwärtig, selber zum Ziel zu werden. Aber sie konnte nützlich sein.
Wenn zum Beispiel publik wurde, wer für den Tod so vieler Menschen verantwortlich war...
In dem Fall war die betreffende Person erledigt. Ob sie nun Ward oder Noltze hieß. Wenn es erst mal
genug Medienrummel gab, dann war kein Entrinnen mehr. Aber das war nur eine Möglichkeit für den
äußersten Notfall – es war Mithel lieber, es würde nicht notwendig sein.
Nun, die Zeit würde es zeigen. Er würde tun, was notwendig war. Und das würden auch seine
militärischen und politischen Patrone tun. Er konnte ihnen nur das Rüstzeug liefern...
Es war ein schmutziger Krieg, ein Krieg aus dem Hinterhalt – aber Mithel kämpfte auf diesem
Schlachtfeld schon seit vielen Jahren, und etwaige Skrupel hatte er sich schon lange abgewöhnt. Er
wußte, es gab Offiziere, die so etwas – das Agieren in die Politik und im Dienste der Politik – für unter
ihrer Würde hielten. Nun, er sah das anders. Die Wähler gaben nun einmal das Geld, ihre Vertreter
entschieden über die Verteilung – wer sich dem nicht anpaßte, war ein Narr. Ohne politische
Patronage war keine Strukturreform durchführbar, kaum modernes Material in ausreichender Menge
erhältlich. Zu vielfältig die Bedürfnisse. Und wer, wie Mithel und die Flotten-Fraktion, eine
grundlegende Umorientierung in der Beschaffungspolitik und dem strategischen Konzept wollte, der
konnte die Realitäten nicht ignorieren. Außerdem war es ziemlich arrogant, sich über die Politik
erhaben zu dünken. Die Militärs betrieben ihre eigene Politik, die Waffengattungen intrigierten
gegeneinander, nur zu oft waren persönliche Bekanntschaft und Patronatsverhältnis von Bedeutung für
eine Karriere. Warum also Berührungsängste haben? Mithel kannte sie nicht.
Der Captain der Relentless seufzte. Mochte Gott wissen, wie alles enden würde! Er würde seine
Pflicht tun – im Feld wie in den eigenen Reihen. Zur Hölle mit irgendwelchen Ehrvorschriften! Er
hatte einen Krieg zu führen. Und daran würde ihn keiner hindern. Niemals.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:21
„Tagsüber“ - während der Dienstzeit – war es noch erträglich. Sein Flugbuch war voll mit Patrouille- und
Sicherungsflügen. Viele der Maschinen, die es auf die Gallileo geschafft hatten, waren in einem schlechteren Zustand gewesen als die Ersatzmaschine, die Kano jetzt flog. Außerdem war er nicht verletzt worden, also flog er noch mehr als sonst. Dazu kamen Wartungsarbeiten und Training – immer wieder Training, von Parker befohlen oder „selbstorganisiert“. An manchen Tagen fand er kaum Zeit zu essen.
Aber dennoch – auch wenn er häufig wie zerschlagen an Ende seines „Tages“ in die Koje fiel, meist fand er lange keinen Schlaf, wälzte sich hin und her, allein mit Gedanken, die er in der Stille und Dunkelheit nicht mehr beiseite schieben und in den Hintergrund drängen konnte.
Er hatte genug zu bedenken. Da war zuerst Kali. Ihre Freundschaft war Kano in der letzten Zeit bestenfalls fragil erschienen. Und jetzt schien es, als hätte Kali alle Fäden zerrissen und sich in sich selbst zurückgezogen. Mit ihrem Schmerz wollte sie offenbar allein sein. Und dies – daß sie sich nicht von ihm helfen ließ – schmerzte besonders. Er hatte etwas anderes – mehr – erhofft. Und erwartet, verflucht sollten seine Selbstillusionen sein.
Jetzt merkte er erst richtig, wie viel ihm diese Freundschaft bedeutet hatte, wie sehr er sie vermisste. Sie hatten sich in den letzten Wochen seltener gesehen, aber da das jetzt auf unbestimmte Zeit endgültig vorbei schien, sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, fehlten ihm diese kurzen Augenblicke, die Vertrautheit, um so mehr. Er versuchte sich mit Arbeit und Training abzulenken, den Tag bis zur letzten Minute auszufüllen – aber es gelang ihm nicht.
Und er machte sich auch Sorgen um sie. Sie versah ihren Dienst weiter, aber bei den paar
Gelegenheiten, bei denen er sie sah, hatten ihre Bewegungen automatisch gewirkt, ihre Augen leer.
Sie war Kano nicht etwa aus dem Weg gegangen, sondern schien durch ihn hindurchzusehen, ihn nicht
richtig wahrzunehmen. Ihre Staffelkameraden schien sie ebenso zu behandeln, nach dem, was er
gehört hatte. Und das war keine tröstliche Information. Aber es fehlte nun mal an flugfähigen
Veteranen – also mußte Kali weiter Dienst tun.
Ace war gefallen. Er und Kano waren nicht gerade dicke Freunde gewesen – aber sie hatten sich respektiert und waren erstaunlich gut miteinander ausgekommen. Kano bedauerte den blauhaarigen Piloten nicht. Er war als Held gestorben, in dem Bestreben, die Redemption zu retten. Er hatte sich auf eine Schiff-Schiff-Rakete gestürzt und hatte so möglicherweise den Träger gerettet. Das war ein Tod, den sich ein Pilot wünschen sollte. Das jedenfalls hatte man Kano gelehrt. Und er verspürte fast so etwas wie Gewissensbisse, daß er noch lebte. Ja er war geflogen und hatte gekämpft. Aber trotz allen Anstrengungen hatte man den Träger aufgeben müssen. Da er noch lebte, kam es Kano irgendwie so vor, als wäre er nicht fähig gewesen, genug zu tun und zu opfern, um die Redemption zu retten. Ace aber hatte alles gegeben, was ein Mensch geben konnte.
Ja, die Redemption war tot. Sie hatten ihr Heim verloren. Das Schiff, mit dem zahllose Ruhmestaten
verbunden waren, das „Heldenschiff“. Bevor sie auf diese unselige Feindfahrt gegangen waren, hatte
Vizeadmiralin Noltze sie an diese Tradition erinnert, ihnen ins Gedächtnis gerufen, welche
Verpflichtungen sie mit der Redemption übernommen hatten.
Und sie hatten versagt. Sie hatten ihr Schiff verloren – und schlimmer noch, sie hatten den Auftrag nicht erfüllen können, einen Auftrag, an dem so viele Hoffnungen und Erwartungen gehangen hatten. Der Nachschub für die feindlichen Invasionsstreitkräfte würde durchkommen. Was dies für den Krieg bedeutete, das konnte Kano nicht einmal voll ermessen. Sie hatten auf der vollen Linie versagt. Er hatte versagt. In mehr als einer Hinsicht. Das Schwert, das ihm von seinem Vater vor der Verlegung auf die Redemption übergeben worden war, war verloren. Das war ein Schande, die tief ging. Er fürchtete keine Strafe – er hatte seine Pflicht tun müssen und hatte einfach keine Zeit gehabt, es zu holen. Aber diese Waffe war seit nun mehr als zweihundert Jahren im Besitz seiner Familie gewesen. Und er hatte es verloren. Da spielte es fast keine Rolle mehr, ob er Schuld daran war, oder nicht.
Daß Kano schon wieder eine Maschine verloren hatte - seine beschädigte Typhoon war auf der Redemption verglüht, während er eine Ersatzmaschine überführte - fiel da ebenso wenig ins Gewicht wie die Tatsache, daß er praktisch nur mit der Einsatzmontur an Bord der Gallileo gekommen war. Wenn er im Dunklen lag und sich wieder und wieder die Verluste und die Schande vor Augen führen mußte, die binnen vierundzwanzig Stunden über ihn und über die Überlebenden der Kampfgruppe hereingebrochen war, dann konnte es passieren, daß er die Zähne zusammenbeißen mußte, um die Tränen zurückzuhalten.
Und er HASSTE. Haßte, wie er nicht geglaubt hatte, hassen zu können. Lautlos verfluchte er die Akarii, diese unmenschlichen Bestien, die mit ihrer überlegenen Technik gnaden- und skrupellos mordeten und zerstörten. Das waren wirklich keine beseelten Wesen. Das waren nicht einmal Tiere. Diese Mordmaschinen mußte man ausradieren, auslöschen, oder sie würden ebenso kaltblütig die Erde auslöschen, wie sie die Kampfgruppe zusammengeschossen hatten. Der Haß, der in diesen Augenblicken in ihm wütete, erschreckte ihn selber, wenn er sich in einem ruhigeren Augenblick daran erinnerte. Und er haßte Ward. Seitdem bei den Überlebenden bekannt geworden war, daß der Gallileo–Verband geflohen war, daß zwei Kreuzer, vier Zerstörer und ein leichter Träger mit mindestens der selben Schiff-Schiff-Feuerkraft wie die Redemption–Gruppe ohne Feindberührung den Rückzug eingeleitet hatten, schwelte ein Funken. Strategische Erwägungen hin und her – in den Augen der meisten Überlebenden war das Feigheit, ja Verrat. An ihnen – und an den Toten. Vor allem an den Toten. Daß Ward ohnehin einen keineswegs rühmlichen Ruf hatte, verschärfte das – wie auch die Tatsache,
daß die Captains der Relentless und der Dauntless gegen den Rückzug protestiert hatten. Das ganze mußte irgendwann mal zum Ausbruch kommen.

Es geschah fünf Tage nach dem Untergang der Redemption. Inzwischen wußte der letzte Privat oder
Seamen an Bord von den Ereignissen auf der Brücke der Gallileo , von den horrenden Verlusten der
Redemption–Gruppe und von der Vernichtung des Majestic–Verbandes.
Kano arbeitete an seinem Jäger. Die meisten Techs waren auf die schwer beschädigten Maschinen
Konzentriert und die einfachen Wartungsarbeiten blieben deshalb vielfach an den Piloten hängen. Ein
paar andere Piloten der Redemption waren ähnlich beschäftigt, während zwei Techs der Gallileo unter
dem Kommando eines Chief an einer ziemlich zerschossenen Griphen arbeiteten.
Kano beteiligte sich nicht an den vereinzelten, halblauten Gesprächen. Er kapselte sich zwar nicht so
total ab wie Kali, aber momentan hatte er keine Lust auf Small Talk. Er war, auch wenn er es sich
selber nicht eingestand, in einer mörderischen Stimmung. Am Ende des letzten Patrouillefluges war er
beinahe in Kali hineingelaufen. Sie hatte ihn nur kurz angesehen, hatte sich dann umgedreht und war
gegangen - beinahe schon davongerannt. Das war schon schlimm genug. Zusätzlich aber hatte er sie
dann auch noch in der Kantine gesehen. Sie saß in einer Ecke zusammen mit Huntress. Die beiden
unterhielten sich leise. Das verstand er nicht. Nach den Geschichten, die über Huntress und Ace im
Umlauf gewesen waren, erschien ihm dieses Verhalten Kalis ziemlich merkwürdig. Und er war
gekränkt, fast schon eifersüchtig, daß Kali sich offenbar an Huntress wandte, ihm aber aus dem Weg
ging. Die Tatsache, daß er wußte wie idiotisch und kleinlich dieses Gefühl war, machte es noch
schlimmer. Er hatte auf der Stelle kehrt gemacht, der Appetit war ihm vergangen. Wenn er
zurückdachte, hätte er am liebsten das Werkzeug in die Ecke gepfeffert und laut geflucht. Stattdessen
arbeitete er verbissen weiter.
Dann allerdings ließ ihn ein Satzfetzen aufblicken: „Ich bleib dabei, es war eine Schande! Einfach
abzuhauen – nicht mal ein verdammter Pirat hätte so etwas gemacht…“ Das war ein Miragepilot –
Kano kannte nicht einmal seinen Namen. Und er hatte recht, wenn man Kano gefragt hätte. Halblaut
knurrte er etwas, instinktiv dabei in seine Muttersprache verfallend.
„Was hast du gesagt?“ Der Miragepilot hatte sich zu Kano umgedreht, sah ihn direkt an.
Kano zögerte nur einen Augenblick, seine Stimme klang hart und laut in dem fast menschenleeren
Hangar: „Früher, als Traditionen und Ehre noch etwas in der Navy bedeuteten, hätte so ein Captain
wenigstens den Anstand besessen, die Toten, die auf seinem Gewissen lasten, um Vergebung zu
bitten. Und sich dann zu erschießen. Heute hält er es anscheinend nicht einmal mehr für notwendig,
den Kopf etwas gesenkter zu tragen. Kein Wunder, daß wir bei solchen Offizieren verlieren!“
Es war mit einmal totenstill geworden. Die anderen Piloten der Redemption starrten ihn an. Und
ebenso die Techniker der Gallileo. Die beiden Mannschaftsdienstgrade wirkten irgendwie betreten.
Vielleicht waren sie ja der Meinung, daß diese Vorwürfe irgendwie gerechtfertigt waren.
Der Chief allerdings…
„WAS haben Sie gesagt?!“
Kano drehte sich nun zu ihm um. Seine Stimme klang sehr kalt, als er antwortete: „Das haben Sie
doch ganz genau verstanden, Chief! Oder wollen Sie die Wahrheit nicht hören?! Ihr Captain hat uns
im Stich gelassen! Er hat uns und die Majestic an’s Messer geliefert, damit er seine kostbare Haut
retten konnte! Was steht auf Feigheit vor dem Feind?! Was steht auf Desertation?!“
Das Gesicht des Chief lief langsam rot an. Zwei, drei Schritte und er stand direkt vor Kano. Er
überragte den Piloten um mehr als Kopfeslänge – aber Kano dachte jetzt nicht mehr daran
zurückzustecken. Der Seemann brüllte ihm praktisch ins Gesicht: „HÖR MAL DU ARSCH! Wenn
wir nicht da gewesen wären, dann wäre eure verdammte Rattenschüssel mitsamt der Besatzung
abgegangen! Wir haben euch Idioten das Leben gerettet! Oder währt ihr vielleicht in euren
Scheißjägern zurück nach Terra geschippert?!“
„Wenn Ward sich nicht gedrückt hätte, dann wäre es nicht so weit gekommen! Oder wir hätten
wenigstens unser Ziel erreicht! Jetzt sind die Akarii durch – und will eurer tapferer Captain sich ihnen
dann in den Weg stellen, wenn sie die nächste Offensive beginnen?! Oder verlegt er da auch wieder
aus ‚taktischen Gründen‘ in die Etappe?!“
„Du reißt dein Maul ganz schön auf, Schlitzauge! WER KONNTE SICH DEN GARNICHT
SCHNELL GENUG AUF DER GALLILEO VERKRIECHEN?!!“
Der Chief hatte den Angriff nicht kommen sehen. Plötzlich, ohne Übergang, ohne noch ein Wort zu
verlieren, pflanzte ihm Kano beide Fäuste in die Magengrube. Nur der Tatsache, daß der Seemann durch
die Wucht der Schläge wie ein Taschenmesser zusammenklappte, verhinderte, daß der nächste Hieb
seinen Kehlkopf traf. Stattdessen kollidierte Kanos Faust mit voller Wucht mit der Stirn des Chief.
Der fand gerade genug Zeit, um die Fäuste hochzukriegen, und Kano einen Kinnhacken zu versetzen,
der aber abgeblockt wurde. Der Chief mochte zwar größer und stärker sein – aber der Pilot war
schneller, besser ausgebildet und kämpfte wie ein Berserker. Ein paar Sekunden flogen die Schläge
hin und her, ein wuchtiger Schlag riß Kanos Wange auf, zwei Hiebe gegen den Oberkörper ließen
seine Rippen knirschen. Er spürte den Schmerz nicht, jetzt zählte für ihn nur, den Feind zu schlagen, zu
vernichten. Fast tierhaft fletschte der Pilot die Zähne.
Dann trat Kano plötzlich zur Seite und versetzte seinem schon wankenden Gegner einen brutalen Tritt gegen die Kniekehlen. Der Chief strauchelte, hielt sich an der Tragfläche von Kanos Maschine fest, um nicht hinzufliegen. Er fand keine Zeit mehr, sich zu fangen. Ein Sicheltritt ließ seine Beine einknicken. Dann, die eigene Deckung vernachlässigend, rammte ihm Kano die Fäuste ins Gesicht. Der Kopf des Chief's flog nach hinten, er krachte mit dem Kreuz gegen die Tragfläche und brach zusammen.
Erst jetzt hatten sich die anderen Soldaten gefasst und packten Kano, zerrten ihn zurück…

Zwei Stunden später
Darkness sah düster und übernächtigt aus. Er hatte in den letzten Tagen nicht viel schlafen können. Er
wünschte, Cunningham wäre endlich wieder hier und würde seine Pflicht tun. Er verstand ja, was den
Commander auf der Relentless hielt. Aber es wäre verflucht noch mal einfacher gewesen, wenn der
momentane Kommandant des Redemption–Geschwaders nicht nur ein Lieutenant Commander
wäre. Ward war in letzter Zeit alles andere als ein unkomplizierter Zeitgenosse gewesen. Und auch der
Umgang mit den anderen Bordstellen fiel Darkness mit seinem „niedrigen“ Rang nicht einfach. ‚Und dann noch so etwas...‘ Mit finsterer Miene starrte er den in Habacht eingefrorenen Piloten vor seinem Schreibtisch an. Er hatte Kano nicht die Erlaubnis erteilt zu rühren, also stand der jetzt wie ein Zinnsoldat vor ihm. Normalerweise verzichtete er zwar auf übertriebene Formalitäten. In diesem Fall allerdings…
Neben Darkness stand Lieutenant Commander Parker. Ihr Gesicht war ebenfalls finster. Auch wenn sie „Ihren Kindern“ sonst viel durchgehen ließ – Kano sollte deutlich mitbekommen, daß er erhebliche Scheiße gebaut hatte.
Die Stimme des XO glich einem wütenden Knurren: „ Und da haben Sie den Chief angegriffen?“
„Ja, Sir!“
„Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Sie Mist gebaut haben?! Sie haben im Dienst einen Streit
provoziert und ein Mitglied der Streitkräfte fast krankenhausreif geprügelt! Nicht nur das, Sie haben
sich auch noch respektlos über einen Führungsoffizier der Flotte geäußert. Haben Sie IRGEND
ETWAS zu Ihrer Entschuldigung auszusagen?“
„Nein, Sir!“
„Nein, Sir – soso. Wie bequem für Sie. HÖREN SIE, Soldat. Was Sie getan haben ist schlimm genug
– aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was Ihr idiotisches Verhalten für das Bordklima
bedeuten kann?! Falls Sie es noch nicht wissen, WIR SIND IM KRIEG! Wir können uns interne
Katzenkämpfe einfach nicht leisten! Verstanden?!“
„Ja, Sir!“
„Sie werden für’s erste mal von der Bildfläche entfernt. Dass soll heißen, bis auf weiteres stehen Sie unter Arrest. Raus kommen Sie nur für den Dienst. Außerdem, Sie Schwachkopf, bedeutet das einen Eintrag in Ihre Akte. Und BETEN Sie, daß nicht noch mehr draus wird. Ob Sie weiterhin als fähig angesehen werden, einen Flight zu kommandieren, wird sich noch zeigen. Bilden Sie sich nicht ein, nur weil Sie zu den Veteranen gehören und Aß sind, könnte die Navy nicht auf Sie verzichten! Denn das kann sie, wir brauchen nämlich SOLDATEN – und keine Schläger! Und wenn Sie im Bau sitzen, dann DENKEN SIE NACH! Wenn Sie das können! Sie haben Ihrem Geschwader Schande gemacht. Wenn Sie nicht in der Lage sind, mit den Regeln der Navy klarzukommen – ICH halte Sie nicht!
WEGGETRETEN!“
Kano knallte die Hacken zusammen, salutierte so zackig, daß es schon fast wie eine Verhöhnung
erschien, drehte sich um und ging. An der Tür ließ ihn die Stimme Darkness innehalten: „Ich sage das
nur EINMAL. Noch mal so ein Scheiß – und Sie sind die längste Zeit Pilot gewesen! Dann können Sie
von Glück reden, daß sie nicht unehrenhaft entlassen werden! VERSTANDEN?!“
„JA, SIR!“
„Dann HANDELN Sie auch danach – oder ich reiße Ihnen persönlich den Arsch auf, bevor Sie rausfliegen!“

Als der Pilot draußen war, war es Parker, die zuerst das Wort ergriff: „Ich gebe dir Recht, daß das eine
Riesendummheit war. Aber – so denken neunzig Prozent unserer Leute. Wir können ihnen den Mund
verbieten – aber das Denken nicht.“
„Genau darum geht es ja. Wenn ich jetzt lasch gewesen wäre – was, wenn beim nächsten mal irgendein Schwachkopf zur Waffe greift? Ward ist eh schon so empfindlich wie eine Jungfrau vor der Hochzeitsnacht, weil er weiß, was hinter seinem Rücken so `rumgeht. Ich will nicht, daß er seine Autorität an unserem Geschwader wieder aufzubauen versucht. Ich habe mich um diesen Posten nicht gerissen. Aber ich will verdammt sein, wenn ich hier eine Blutfehde zulasse. So wie die Stimmung zur Zeit ist, kann die ganze Scheiße in unserem Gesicht explodieren, wenn wir nachlassen. Der Junge bleibt vorerst im Bau. Und Sie halten ihn unter Beobachtung! Fehlt noch, daß irgendeiner von Wards loyalen Hurensöhnen glaubt, auf eigene Faust die Ehre seines Captains wiederherstellen zu müssen.“
„Aber ich verstehe ihn. Es wundert mich eigentlich, daß noch kein anderer laut geworden ist. Die
Stimmung ist am Kochen.“
„Es geht aber nicht darum, ob ich – oder du - Kano versteht. Es geht um Disziplin. Wir sind keine
Freibeuter. Und der Junge hat gegen die Regeln verstoßen. Also wird er eingebuchtet.“
Parkers Stimme wurde bissig: „Ich kann mir vorstellen, Ward würde GENAU diese Worte benutzen!“
Darkness fixierte sie. „Ich bin aber nicht Ward!“ knurrte er.
„Natürlich nicht. `Tschuldigung, O. K. ?! Aber willst du dem Jungen wirklich die Kariere versauen?“
Darkness zuckte mit den Schultern: „Wenn mir nichts anderes einfällt, dann ja. Er darf nicht glauben,
mit so etwas durchzukommen. Sonst noch was?“

Nachdem Parker den Raum verlassen hatte, sanken Darkness Schultern deutlich herab. Mit einem
gedämpften Fluch fuhr er sich über die Augen. Er war hundemüde. Schon wieder hatte er sein Schiff,
seine Heimat – und viel zu viele Piloten an die verdammten Akarii verloren. Die Arbeit fraß ihn auf.
Und er mußte sich zu allem Überfluß auch noch Sorgen um den „Alten“ machen. Cunningham war
nach diesem verfluchten „Ehrengericht“ ohnehin zum Abschuß freigegeben. Er konnte von Glück
reden, wenn man ihm nicht auch noch aus der gescheiterten Mission einen Strick drehte… Das wäre
eine beschissene Art und Weise, einen guten Geschwaderchef zu verlieren.

Kano wurde währenddessen von einem Marine abgeführt, dem seine Aufgabe nicht sehr recht war.
Gottseidank schliefen zur Zeit die meisten an Bord, also kamen sie ohne Aufsehen an ihr Ziel - eine
Pilotenkabine, die jetzt als Arrestzelle fungierte.
"Wir lassen Ihr Zeug herbringen. Essen werden Sie hier."
Kano nickte: "Danke." Der Marine warf ihm noch einen prüfenden Blick zu, dann schloß er die Tür.
Kano setzte sich auf die Pritsche und starrte ausdruckslos auf die Wand. Er hatte wirklich Mist gebaut
- auch wenn er zu seinen Worten stand. Hoffentlich würde man ihn weiter fliegen lassen - bei dem
Gedanken, davon abhängig zu sein, wie ausgerechnet Ward über diesen Vorfall erfuhr und dachte, biß
Kano wütend die Zähne zusammen. Mit Unbehagen, fast mit Furcht dachte er an die langen, untätigen
Stunden, die vor ihm lagen.
Er würde nichts haben, um das zurückzudrängen, was auf ihm lastete. Allerdings war das auch seine eigene Schuld.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:22
Zwei Wochen vor Perseus.
Gonzalez seufzte. Die letzten Tage und Wochen waren hart gewesen. Das Schiff war überfüllt mit
Verletzten und Evakuierten, auch wenn man ein Teil auf den Rest der Flotte verteilt hatte. Aber gerade
die Schwerstverletzten, die man nicht erneut hatte verlegen wollen, ließen das Lazarett mehr an ein
Schlachthaus denn an eine Fürsorgeeinrichtung erinnern. Die Schlachterrechnung war horrend
gewesen und die Ärzte an Bord gaben ihr Bestes, um sie am weiteren Ansteigen zu hindern. Innerlich
war er beschämt, dass sein Schiff ohne jeden Kratzer, ohne jeden Feindkontakt davongekommen war,
während dies anderen Verbände fast vollständig zerstört worden waren. Die Lage wurde nicht besser
durch die politischen Manöver, in die nun auch Gonzalez gefangen war.
Er ging noch mal über die Nachricht, die er heute streng vertraulich aus dem Flottenhauptquartier
erhalten hatte.

VON: Vizeadmiral M. Noltze, Perseusstation
AN: Captain E.E.E.Gonzalez, CO TRS Dauntless
VERMERK: Geheime Kommandosache
Captain,
Uns ist aus verschieden Quellen zu Ohren gekommen, dass das Verhalten von Captain Ward als
Führer des ihm anvertrauten Verbandes nicht den Prinzipien der Navy entsprochen hat. Insbesondere
andere Captains des Verbandes, aber auch Überlebende der Verbände Redemption und Majestic
haben in verschiedenen Schreiben geäußert, Captain Ward habe sich ängstlich, ja feige verhalten und
einen möglichen Sieg durch sein zögerliches Verhalten zunichte gemacht.
Ich bitte Sie daher, unverzüglich eine Stellungnahme abzugeben. Weiterhin bitte ich Sie, einen Bericht
zur Erprobung der Dauntless abzugeben.
Gez. Commodore Jackson Blair, Chief of Staff Perseus Station

Gonzalez wunderte sich, dass die Meldung so unverblümt war. Andererseits passte das zu Noltzes
Arbeitsweise, die sicherlich auch auf ihren Stab abfärbte. Außerdem wäre Ward ein passendes
Bauernopfer, um sich bei den Politikern aus der Affäre zu ziehen. Trotzdem ärgerte es ihn, dass man
die Sache auf diese Weise anging. Sollten sie doch einen Ermittlungsausschuss oder gleich ein
Kriegsgericht einberufen, anstatt diesen Eiertanz zu veranstalten. Resignierend machte er sich daran,
die Antwort zu verfassen.

VON: Captain E.E.E. Gonzalez, CO TRS Dauntless
AN: Vizeadmiral M.Noltze, Perseus Station
VERMERK: Geheime Kommandosache
Madam,
Mit Bedauern muss ich feststellen, dass die Vorwürfe gegen meinen kommandierenden Offizier auf
dieser Mission nicht aus der Luft gegriffen sind. Captain Ward handelte bereits bei der
Missionsplanung sehr defensiv. Unabhängig davon, ob man die komplette Kreuzerschwadron
vorgeschickt hätte, oder nur die Dauntless zum Zwecke der Koordinierung der Jäger, es wäre
jedenfalls für die Mission förderlicher gewesen. Nach der Vernichtung der Flieger brachen jedoch
offensichtlich alle Dämme. Ward befahl praktisch Hals über Kopf den Rückzug, ohne die Situation
umfassend zu würdigen. Insbesondere lies er die Belange der Schwesterverbände außer Acht.
Aus zuverlässigen Quellen weiß ich außerdem, daß, als das Kommando zur Kursänderung zum Zwecke der
Rettungsaktion erfolgte, Ward nicht auf der Brücke war. Ich frage mich mittlerweile, ob er selber
diesen Befehl gegeben hätte.
Alles in Allem kann ich nur sagen, dass dieser Offizier den Respekt, verloren hat, auf meinem Schiff
und ich denke auch auf allen anderen. Darüberhinaus hat sein Verhalten erhebliche Folgen für die
Moral, viele meiner Leute fühlen sich, als wenn sie verantwortlich für den fehlenden Feindkontakt
waren. Ich möchte daher empfehlen, sämtliche Schiffe des Verbandes für eine kurze Weile von der
Front abzuziehen, bis sich die Gemüter beruhigen.
Ich möchte betonen, dass ich bereit bin, diese Aussage jederzeit vor einem Ausschuss oder einem
Gericht zu wiederholen.
Zum zweiten Punkt ihrer Anfrage: Die Dauntless verhält sich in Drills mittlerweile mustergültig.
Fehler tauchen nur vereinzelt auf. Das Verhalten im echten Gefecht jedoch ist weiterhin unbekannt, da
wir keinen einzigen Schuss abgeben konnten. Ich hänge an diesen Bericht einen detaillierteren Bericht
der Stationen und eine Diagnose des Bordcomputers an.
Hochachtungsvoll
Captain Enrique Eduardo Emilio Gonzalez, Terranische Streitkräfte,
CO TRS Dauntless

Seufzend lehnte er sich zurück. Wards Fall schien beschlossen und Gonzalez war darüber im Grunde
nach nicht traurig. Eher über die Art und Weise, wie es zustandekam. Kopfschüttelnd wandte er sich
anderen Angelegenheiten zu. Nach wie vor mussten Vorräte ausgetauscht werden, denn die Dauntless
hatte 80 % Überbelegung. Der Papierkrieg war enorm.
Zwei Stunden später war die Arbeit erledigt. Er lehnte sich zurück und blickte auf seine Gitarre, die an
der Wand hing. Dabei schweiften seine Gedanken zu der Frau, die er liebte.
Mittlerweile hatte er erfahren, dass Midori nach einem kurzen Aufenthalt auf der Relentless auf die
Agamemmnon gebracht worden war. Offensichtlich war an Bord der Galileo ebenfalls der Raum
knapp. Er sah auf das Foto von ihr auf seinem Schreibtisch, dann zog er sein Uniformhemd aus und
legte sich auf seine Koje.

Währenddessen sass Murphy im neuen Bereitschaftsraum der Staffel. Er war zwar nur „geliehen“ aber
immerhin etwas. Abgesehen von Thunder, die immer noch im Koma auf der Intensivstation lag, waren
alle anderen wieder genesen. Murphy selber spürte immer noch die Nachwirkungen der
Gehirnerschütterung und der Pillen. Immer wenn er schnelle Bewegungen mit dem Kopf machte,
verschwamm alles um ihm herum. Deswegen war er auch nach wie vor flugunfähig geschrieben. Aber
das war ja jetzt recht egal, die feindlichen Linien lagen weit hinter der Galileo. Das Hauptproblem war
eher die Moral. Insbesondere Enigma wirkte sehr gereizt und es war schon zu einigen Zwischenfällen
gekommen, bei denen sich Besatzung der Galileo und Flieger beinahe an die Kehle gegangen wäre.
Dazu kamen dann noch die Toten in der Staffel, für die Schönberg und Murphy einen Gottesdienst
drei Tage nach der Evakuierung abgehalten hatten. Außerdem machte er sich Sorgen über den
Fortbestand der Staffel. Zwar waren die personellen Verluste noch zu verkraften, aber der Träger war
zerstört und die Verluste an Maschinen hoch. Zwar war es denkbar, dass das Oberkommando die
Jaguars einfach der Galileo zuteilte, aber das, so ahnte Murphy, würde zu einem totalen Verfall der
Moral führen. Sollte es dazu kommen, würde er sich mit aller Kraft dagegen stemmen und er wusste,
dass ihm noch der ein oder andere im Fliegerkommando einen Gefallen schuldete. Nicht zuletzt sein
alter Kommandant auf dem Mars....
„Sir....“
„Ja, Snake Bite?“
„Thunder ist aufgewacht?“
„Wann?“
„Gerade. Die Ärzte haben außerdem mitgeteilt, dass ihr Status auf stabil geändert wurde.“
„Wenigstens ein Lichtblick in diesem Chaos.“
Murphy stand langsam auf und machte sich auf den Weg zur Krankenstation.

Als Murphy auf der Krankenstation ankam, wartete schon Dr. Hamlin auf ihn.
„Sieht so aus, als wenn Sie mich erwartet hätten, Doc.“
„Es sieht nicht nur so aus. Commander, ich kann mir denken, was Sie wollen. Ich kann Sie leider nicht zu ihr lassen. Ihr Zustand ist noch etwas instabil und wir wollen verhindern, dass sie sich eine Infektion oder ähnliches einfängt. Ihr Immunsystem ist etwas durcheinander und da können wir keine Störung gebrauchen.“
Murphy nickte müde. Dabei verschwamm wieder die Umwelt vor seinen Augen. Dann sah er den
Doktor wieder an und bemerkte, dass dieser sein kleines Problem erkannt hatte.
„Sind die Schwindelgefühle immer noch da?“
„Hmmm...“
„Verdammt, ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie zu mir kommen sollten, wenn sich die Sache nicht bessert. Sie bleiben erst mal hier, bis wir uns Ihren irischen Dickschädel mal genauer angeschaut haben.“
Hamlin schüttelte angewidert den Kopf. Er orderte eine der Schwestern herbei und schob Murphy auf
einen der Behandlungsstühle. Dann brachte er verschiedene Sensoren am Kopf des Piloten an. Der Ire
lehnte sich zurück und versuchte sich zu entspannen, denn er kannte die Prozedur schon zu Genüge.
Ein leichtes Kribbeln durchflutete die Sinne in seinem Kopf und wie üblich hatte er das Gefühl, dass
sich seine Haare aufrichteten, als der Doktor das Gerät aktivierte.
Kurze Zeit später zog sich der Doktor zur Auswertung der Ergebnisse zurück. Derweil konnte sich Murphy ein genaueres Bild von der Krankenstation machen. Immer noch lagen viele Schwerverletzte in den Betten und die Kapazität war durch Aufstellung von Feldbetten mehr als verdoppelt worden. Auch das Personal schien an der Belastungsgrenze zu arbeiten, obwohl ja die Crew der Majestic durch die der Redemption ergänzt worden war. Überall liefen beschäftigte Schwestern und Pfleger herum, und wenn dann mal ein Arzt auf den Gang trat, war das erste, was Murphy auffiel, deren Augenringe. Aber er wusste auch, dass es seinen Leuten nicht anders ging. Mit dem stark reduzierten Geschwader mussten alle Patrouillen geflogen werden, zusätzlich fiel immer noch der gleiche Papierkram an und wenn das alles nicht reichte, dann waren da noch so unseelige Dinge wie die Totenwache für die gefallenen Kameraden, von denen es viel zu viele gab. Immer wenn er in den Bereitschaftsraum kam, schien es ihm, als wenn er noch auf die fehlenden Männer und Frauen warten müsse. Erst nach einem Moment wurde ihm bewusst, dass er die Gesichter nie wieder sehen würde. Murphy versank ins
Grübeln und merkte gar nicht, dass der Doktor zurückkam.
„Commander?“
„Ähm...ja, Doc?“
„Ihr Schädel hat mehr abbekommen, als wir gedacht haben. Normalerweise würde ich Sie jetzt hierbehalten wollen, aber angesichts der Zustände hier...“
„Also?“
„Ich kann Ihnen noch einmal Medikamente geben. Aber ich warne Sie, die Dinger, die ich Ihnen geben werde, sind nicht ohne. Nehmen Sie nur genau nach Dosierungsanleitung und melden Sie sich übermorgen bei mir.“
Hamlin holte eine Pillenbox heraus und drückte sie Murphy in die Hand.
„Was ist daran so übel?“
„Das Zeug macht recht schnell süchtig. Und ich muss ihre Flugberechtigung noch länger entziehen.
Aber es wirkt. Sollten Probleme auftauchen, melden Sie sich unverzüglich.“
Martell nickte leicht, um seinen Kopf zu schonen und stand dann vorsichtig wieder auf.
„Wann kann ich zu Thunder?“
„Lieutenant Shukova? Sagen wir, wenn Sie wieder hier zur Untersuchung auftauchen, in zwei Tagen. Und jetzt verschwinden Sie aus meiner Krankenstation.“ Hamlin zwinkerte Murphy zu, der nun ebenfalls grinste.
Auf dem Weg zurück zum Bereitschaftsraum machte Murphy einen Umweg zur Kapelle der Majestic.
Sie war kleiner als die der Redemption und irgendwie kälter von der Ausstrahlung. Aber
nichtsdestotrotz fühlte er sich hier heimisch. Er setzte sich auf eine der Edelstahlbänke und versenkte
den Geist in ein Gebet. Dabei betastete er seinen Rosenkranz. Nach zwanzig Minuten sah er wieder
auf und merkte, dass Schönberg neben ihm saß. Dieser lächelte ihn freundlich an und bedeutete ihm,
ihm in die Sakristei zu folgen.
Dort setzten sich die beiden Männer auf die Bänke, die dort bereitstanden.
„Jack, wie geht es Ihnen, Sie sehen ein wenig geschafft aus.“
„Nunja, ich komme direkt von der Krankenstation, weil mein Kopf immer noch etwas matschig ist.
Aber schlimmer ist es...“ Jack’s Stimme brach.
„Die Verluste, die Verletzten?“
„Ja. Ich wollte heute eigentlich zu Valeria, sie ist heute aufgewacht. Aber genaues weiß ich immer
noch nicht. Da man mich nicht in den Flieger lässt, bleibt mir nur der Papierkram, und der ist wahrlich
keine gute Ablenkung.“
„Ich verstehe. Haben Sie über meinen Vorschlag bereits einmal nachgedacht?“
„Ja. Ich denke, ich werde es mir einmal anschauen.“
„Freut mich. Kann ich Ihnen sonst noch helfen?“
„Nicht wirklich, danke, Pater.“
„Dann Gott mit Ihnen.“
„Und mit Ihnen.“
Als Murphy aufstand und ging, blickte ihm Schönberg nach, bis er die Kapelle verlassen hatte. Dann
schüttelte er den Kopf. Manchmal fragte er sich, wieso Gott immer die prüfte, denen er am meisten am
Herzen lag. Aber dann dachte er wieder an die Worte seines Lehrers Pater Ross. „Nur die Prüfungen
des Lebens zeigen, wer wahrhaft würdig ist.“

Murphy ging unterdessen zurück zum Bereitschaftsraum. Dort wurde er schon mit fragenden Blicken erwartet.
„Nein, ich habe keine wirkliche Ahnung, wie es Thunder geht. Die Quacksalber haben mich nicht zur
ihr gelassen. Aber sie scheint sich langsam zu stabilisieren.“
Brawler beobachte seinen Staffelkapitän genauer als seine Kameraden. Er kannte den Alten schon etwas länger als die meisten Anwesenden und als früherer Unruhestifter hatte er einen Instinkt dafür entwickelt, was in den Vorgesetzten vorging. Er blickte zu Snake-Bite hinüber und sah, dass auch diese ihre Stirn in Furchen legte. Offensichtlich war der Skipper etwas sehr mitgenommen. Tüncay wusste, dass Murphy in den letzten Wochen mehr als sonst gearbeitet hatte und immer noch unter den Folgen seines Ausstiegs litt. Jeder Blinde konnte erkennen, dass er nicht immer sicher auf den Beinen war. Die Tatsache, dass ihm die Flugerlaubnis entzogen war, machte die Sache auch nicht besser. Als Murphy in sein Büro verschwunden war, winkte er die restlichen Jaguars zusammen. „Leute, ihr seht ja alle, dem Skipper geht’s nicht so gut.“ Snake-Bite nickte.
„Absolut korrekt, ich hab ihn selten so daneben gesehen. Der Ausstieg war ja auch schon hart genug,
aber jetzt fehlt ihm der XO, der ihn entlastet. Dazu kommen die Verletzten und Toten...“
„Du willst vorschlagen, dass wir ihn entlasten?“
„Jup, Snake-Bite. Nur sollte er davon so wenig wie möglich mitbekommen. Der Alte macht ja so
schon zu viel selbst. Aber in der aktuellen Situation sollte er sich lieber mal schonen.“
Icepick grinste: „Und wie wollen wir das anstellen?“
„Ganz einfach: wir werden einfach so tun, als hätte Murphy die Aufgaben delegiert. Ist zwar strenggenommen nicht ganz legal....aber der Zweck heiligt die Mittel, zumal wir aus der Kampfzone raus sind.“
„Nicht ganz legal ist gut. Das dürfte gegen so ziemlich jede Vorschrift verstoßen, die es zum Thema
Kommandokette gibt.“ Enigma grinste, ein eher seltener Ausdruck bei ihm.
„Das gefällt dir doch, gibs zu“ lachte Snake-Bite.
„Jup. Ich mach mit. Gladius?“
„Bin dabei. Das Daumendrehen nervt mich eh schon.“
Hatchet und Tango nickten auch.
„Dann an die Arbeit. Ich mach regel das mal beim Geschwaderstab. Die wissen ja eh nie, was hier passiert.“ Tüncay’s Grinsen wuchs in die Breite. Die Sache gefiel ihm. Die Jags drehten mal wieder gemeinsam ein Ding.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:22
„Sehr geehrte Mrs. Morelli, sehr geehrter Mr. Morelli, sehr geehrte Ms. Morelli.
Ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen von der Tapferkeit Ihres Sohnes zu berichten, der…
ACH, VERDAMMT! ICH KANN SOWAS NICHT!“
Wütend schlug Huntress auf ihren Schreibtisch ein. Sie barg ihren Kopf in den aufgestützten Händen.
„Ich kann so was nicht.“
Helen Mitra beobachtete die Freundin amüsiert. Sie schenkte Kaffee nach und legte ihr eine Hand auf
die Schulter. „Es ist nun mal nicht leicht, den ‚Letzten Brief‘ zu schreiben.
Sieh es doch so. Du musst nur einen schreiben. Die anderen Staffelkommandeure müssen drei bis zehn
schreiben. Gerade bei Gold und Silber sieht es da ganz übel aus.“
„Und das soll mich trösten, Helen?“ Huntress sah verzweifelt auf.
„Nein, natürlich nicht.“ Die Inderin lächelte. „Aber es soll dir zeigen, dass du deine verdammte Arbeit
verdammt gut gemacht hast. Hey, du hast deine Staffel zusammen gehalten, zwei fremde Piloten
adoptiert und du hast mich wieder hingekriegt, als ich ganz am Boden war.“
Mit einem kalten Schauer gedachte Juliane den ersten Tagen nach der Zerstörung der REDEMPTION.
Sie und Kali hatten die dienstfreie Zeit immer zusammen verbracht, die ersten Nächte sogar in einem
Bett geschlafen. In diesen Tagen war aus der oberflächlichen Pilotenbeziehung eine echte
Freundschaft geworden. Es stimmte, Huntress hatte Kali mit der ständigen Nähe, mit der Treue und
Freundschaft den Verstand bewahrt.
Aber Huntress wusste nur zu gut, dass es gerade diese Situation war, sich um jemanden derart intensiv
kümmern zu können, die ihr selbst den Verstand gerettet hatte.
Mittlerweile waren die beiden füreinander so etwas wie Familie.
Juliane legte ihre Rechte auf die Hand auf ihrer Schulter. „Danke, Schatz. Vielleicht verstehe ich es ja
irgendwann.“
Kali verzog die Lippen zu einem Schmollmund. „Sag nicht Schatz zu mir, Juliane. Damit heizt du nur
die Gerüchteküche an.“
„Die Gerüchteküche?“ Huntress runzelte die Stirn.
„Na“, meinte Kali und drückte den kräftigen Bizeps der Vorgesetzten ein, „die große, starke
Vorgesetzte und das kleine, zarte und tief verschreckte Pilotenhascherl…“
Huntress verstand und verdrehte die Augen. „Ist Radio wieder aktiv geworden? Verbreitet er etwas das
Gerücht, dass wir…“
„Lesbisch geworden sind? Nein, Radio hat damit nichts zu tun. Soweit ich weiß. Trotzdem geht es das Geschwader rauf und runter. Und das wir soviel Zeit miteinander verbringen ist da noch Wasser auf den Mühlen.“
„Hm“, nachdenklich kniff Kali die Augen zusammen. „Das erklärt diesen verträumten Blick, mit dem
Elfwizard uns immer mustert. Die Kleine ist eine Romantikerin.“
Kali dachte kurz nach. „Ach, hm. Da kannst du Recht haben. Sollen wir sie aufklären?“
Huntress schüttelte den Kopf. „Sie würde uns nicht glauben. Lass das Gerücht ruhig weiter kursieren.
Das lenkt vielleicht ein paar unserer Leute ein wenig ab.“
„Oh, das ist süß. Die große und starke Vorgesetzte opfert ihren guten Ruf, um ihre Kameraden vom
grausamen Schicksal abzulenken.“
Kali beugte sich vor und drückte Huntress einen langen Schmatzer auf die Wange, was diese mit
einem halb unwilligen, halb schmunzelnden Lächeln hinnahm.
In diesem Moment betrat Demolisher das kleine Büro. Er musterte die beiden, grinste über das ganze
Gesicht und meinte süffisant: „Oh, hört nicht auf. Ich habe Zeit.“
„Spinner“, blaffte Huntress. Sie sah zu Kali, die gerade einen Lachanfall unterdrückte. „Sehen wir uns
zum Mittag?“
„Aye, Ma´am.“
Kali verließ das Büro, sah noch mal zurück und sagte zu Demolisher: „Lass ja mein Mädchen in Ruhe,
hörst du, großer, böser Pilot?“
Demolisher feixte ihr zu.
Als die Bürotür hinter Kali schloss, lachte Demolisher herzhaft. „Ein Prachtmädchen, diese Helen. Ich
würde sie in die Staffel holen. Aber Darkness rückt sie nicht raus.“
„Ja, das ist sie wohl. Ihre Wunden sind noch frisch und tief, aber sie hat sich schnell gefangen. Was
kann ich für dich tun, Thomas? Außer mich dafür entschuldigen, dass ich dir keine heiße Liebesszene
mit Helen zeigen konnte?“
Der Riese schmunzelte. Er murmelte was von Tennisarm und setzte sich ungefragt. „Hm, was du für
mich tun kannst. Wie wäre es mit einem eigenen Flottenverband?“
„Abgelehnt. Einen eigenen Träger kann ich dir vielleicht besorgen.“, scherzte sie.
„Nein, das reicht mir nicht. Es hätte schon die Erste Flotte sein müssen.“
„Okay, reich deine Anfrage über den Dienstweg ein. Fünffache Ausfertigung, mit Dossier, Zielsetzung
des Einsatz und die Qualifikation des Antragstellers. Das geht dann über mich an Darkness, von dort
an Ward bis zu Renault. Anschließend direkt nach Terra ins Flottenhauptquartier. Und schwups, in
zehn Jahren ist dein Antrag bearbeitet.“
„Bis dahin habe ich die Akarii alleine besiegt!“, brummte Demolisher.
„Mehr kann ich da leider nicht tun, Thomas.“, erwiderte Huntress mit scheinheiligem Grinsen.
„Nun, vielleicht kann ich aber was für dich tun!“ Demolisher sprang aus dem Sessel auf, ging zur Tür
und riss sie auf. Er winkte in den Gang hinein.
Huntress sprang auf, als sie die Eintretende erkannte. Diese lächelte bei der Reaktion und salutierte.
„Ma´am, First Lieutenant Annegret Lüding. Ich melde mich zurück zum Dienst.“
Huntress eilte um den Schreibtisch herum und ergriff Rapiers Hände. „Willkommen zurück, Annegret.
Der Löwe steht Ihnen ausgezeichnet. Sind Sie auch wirklich wieder fit?“
Rapier bewegte den Nacken. „Alles verheilt, Huntress. Ich hatte verdammtes Glück, dass die Ärzte
den Wirbelanbruch während der Behandlung der Frostbeulen zufällig entdeckt haben. Eine falsche
Bewegung und ich wäre tot gewesen. Jedenfalls bin ich für den Rest der Woche für den leichten
Dienst tauglich geschrieben worden.
Nächsten Montag darf ich zur Nachuntersuchung hier auf die GALILEO. Danach kann ich hoffentlich
wieder in einen Jäger klettern.“
„Wird ja auch höchste Zeit“, lachte Huntress. „Leichter Dienst, eh? Okay, Flight Leader. Dann
schnappen Sie sich mal Ihren Flight und halten Sie die Ladies auf Trab.“
Rapier salutierte. „Jawohl, Ma´am. Es ist schön, wieder zurück zu sein.“
„Es ist schön, Sie wieder zu haben. Die alte Dame wäre stolz auf Sie.“
Die alte Dame, das war die REDEMPTION. Die Erwähnung dieses mit viel Stolz ausgesprochenen
Kosenamen ließ Rapier kurz den Kopf senken. „Das hoffe ich.“
Sie salutierte erneut und verließ das Büro wieder. Demolisher blieb.
„Wie lange brauchen wir noch bis Perseus?“
„Keine Ahnung. Eine Woche, acht Tage, je nachdem, wie viele Umwege Ward noch fliegen lässt. Wieso?“
„Ich mache mir da etwas Sorgen. Sie haben Gestern Ohka wieder auf normalen Dienst gestellt. Der
Junge kann froh sein, dass sein Wutausbruch ihn nicht vor ein Kriegsgericht gebracht hat.“
„Den ich übrigens gut nachvollziehen kann. Die GALILEO hat sich nicht gerade mit Ruhm
bekleckert. Sie ist ihm geradezu davon gelaufen.“
„Aber das ist nicht alles. Ich habe recherchiert. Ohka und dein Betthäschen…“
„Demolisher…“
„Ohka und Kali haben vor dem Angriff was zusammen gehabt. Das war wie weggewischt, nachdem Ace gefallen ist. Ich denke, das macht dem Jungen mehr zu schaffen als die Feigheit eines Jonathan Ward. Kali hat sich vollkommen zurückgezogen und den armen Jungen allein gelassen. In einer Staffel, die noch mehr gelitten hat als unsere. Zudem ist er Junge Japaner. Er frisst eher was in sich rein anstatt es wie ein vernünftiger Mensch auf dem Sportdeck am Sandsack auszulassen.“
„Und? Was soll ich deiner Meinung nach tun?“
„Red ihr in Gewissen. Okay, niemand verlangt von ihr, mit Ohka ins Bett zu steigen.“
Huntress verdrehte die Augen.
„Außer Ohka vielleicht.“, scherzte Demolisher. „Aber du solltest deinen Einfluss auf Kali ausnützen und ihr wirklich ins Gewissen reden. Die beiden müssen sich aussprechen. Nicht, dass der Junge noch mal hoch geht. Das letzte Mal hat einem Raumfahrer der GALILEO zwei Zähne gekostet.“
Huntress seufzte. „Okay, ich rede beim Essen mit ihr. Es ist noch weit bis PERSEUS.“
„Danke, Juliane. Das wollte ich hören.“ Er nickte ihr zu und verließ das Büro. Im Türrahmen sah er
noch mal zurück und sagte: „Und falls Ihr zwei Süßen mal Lust auf Café au Lait habt…“
Huntress warf dem Piloten den erstbesten Aktenordner hinterher.
„Mist“, murrte sie, als die Tür geschlossen war. „Wo ist meine ganze schöne schlechte Laune hin?“

Beim Mittagessen stocherte Huntress nur lustlos an ihrem Steak herum.
„Hallo“, sagte Kali und setzte sich mit ihrem Tablett dazu. Sie nickte Imp zu, die ebenfalls am Tisch saß. Danach Demolisher und Viking, einer der überlebenden Nighthawk-Piloten.
„Was ist los mit dir? Willst du das Steak essen oder sezieren?“
Huntress ging nicht darauf ein. Stattdessen hielt sie Kali einen Zettel hin.
Die nahm den Zettel und studierte ihn aufmerksam. „Wessen Idee war das? Klingt ja eigentlich ganz
gut. REDEMPTION- und MAJESTIC-Society. Gegen das Vergessen und für das Gedenken der
tapferen Schiffe und der Soldaten, die auf ihr fuhren.“
„Ist von Shaka. Er wollte irgendwas für Ace tun. Dann hat er gemerkt, dass da ein Bedarf besteht.
Also hat er es ausgeweitet. Mich hat er als erstes gefragt, ob ich beitreten will.“
Huntress deutete auf ihre Unterschrift unter der offiziellen Urkunde.
„Imp ziert sich noch. Wie wäre es mit dir?“
Huntress reichte Kali einen Kugelschreiber. Die nahm ihn und unterschrieb schwungvoll.
„Eintrittsberechtigt sind alle Piloten, Matrosen, und Offiziere, die auf einem der beiden Träger oder in einem der Begleitverbände gedient haben. Also halte es den GALILEO-Leuten nicht gerade unter die Nase.“
„Schon klar.“ Kali lächelte. „Kriegen wir Aufnäher oder Anstecknadeln?“
Huntress ging nicht darauf ein. „Der da ist auch beitrittsberechtigt.“ Sie deutete auf Ohka, der steif wie
eine Marionette am Tisch saß und mechanisch sein Essen zu sich nahm.
Kurz legte sich ein Schatten über Kalis Gesicht. Sie kämpfte sichtlich mit ihren Gefühlen und ihrer
Erinnerung. Dann stand sie auf, schwenkte den Zettel und meinte fröhlich: „Ich frag ihn mal, ja?“
Sie ging rüber zum Second Lieutenant, legte ihm den Zettel hin und stützte sich mit einer Hand auf
seiner Schulter ab. „Lies das mal, Nakakura-chan“, raunte sie ihm zu.
Imp stieß Huntress ziemlich unsanft in die Seite. „Wie, ich ziere mich?“
Ihr böses Gesicht wich einem Lächeln, als sie sah, wie sich eine leise Unterhaltung zwischen Ohka
und Kali entsponn. Beide wirkten entspannt, in das Gesicht des Japaners kehrte sogar etwas Farbe
zurück. „Übrigens, Commander, das haben Sie gut gemacht.“
Huntress grinste. „Danke, Lieutenant.“

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:23
Copernikus
Der Weltraum bot eigentlich immer einen grandiosen Anblick. Die tiefschwarze Unendlichkeit,
unterbrochen durch das Schimmern von fernen Sternen, die vielleicht seit Millionen von Jahren
erloschen waren. Ein Anblick, der selten einen Menschen kalt ließ – auch wenn es sicher kein
besonders anheimelndes Gefühl war. Eher fühlte man sich klein, unbedeutend und flüchtig angesichts
dieser endlosen Ewigkeit. Manche mochten auch Neugier verspüren, den Ruf des Unbekannten.
Mochten sich hier – jenseits des irdischen Einerlei – eine neue Zukunft, eine neue Welt erhoffen,
vielleicht sogar die Erkenntnis Gottes. Für andere war das Sternenmeer ein Ozean, auf dem sie in den
Kampf fuhren.
Lieutenant Commander Diane Parker gehörte nicht zu den Menschen, die als außergewöhnlich
empfänglich für melancholische oder philosophische Anwandlungen galten. Als Offizierin der TSN,
gerade mal um die dreißig Jahre alt und mitten in der größten militärischen Auseinandersetzung seit
Menschengedenken, konnte sie sich so etwas auch nicht leisten. Aber normalerweise machte der freie
Raum auch auf sie einen gewissen Eindruck – obwohl sie als Veteranin gelten konnte und als
Jagdpilotin diesen Anblick weit öfter geboten bekam, als die meisten Angehörigen der Streitkräfte.
Aber die letzten Wochen war dergestalt gewesen, daß sie vermutlich nichts aus ihrer ausgemacht
schlechten Laune reißen konnte – unterhalb der bedingungslosen Kapitulation der Akarii. Während
ihre Maschine auf Kurs war, und sie mit einem Auge die Geräte beobachtete, machte sie in Gedanken
wieder einmal Inventur. Man hatte sie zur Außensicherung abkommandiert, und diesmal flog sie mit
Blackhawk. Die normale Aufteilung hatte sich sowieso fürs erste erledigt.
Nein, es gab wirklich wenig, was zur Freude Anlaß bot. Zwei Piloten ihrer Staffel waren in der
verzweifelten Schlacht von Jollahran gefallen. Sie hatte bereits die Briefe an die Familien abgefaßt.
Inzwischen war ihr das fast zur Routine geworden. Sie haßte sich ein wenig dafür – aber andererseits,
wenn sie sich nicht daran gewöhnen würde, wie sollte sie es überhaupt ertragen? Unter ihrem
Kommando waren auf den drei Feindfahrten der Redemption sechs Piloten ums Leben gekommen –
50 Prozent der Nominalstärke einer Staffel. Und sie wußte nur zu gut, es würden nicht die Letzten sein.
Egal, wo man sie jetzt hinschicken würde – so lange Krieg herrschte, würde das Sterben weitergehen.
Die Maschinen von Perkele und Mace waren mitsamt ihrer Piloten verlorengegangen. Lilja, die sich
immer noch auf der Relentless befand und definitiv für eine ziemliche Weile nicht dienstfähig seien
würde, und Ohka hatten ihre Jäger zwar arg lädiert zur Redemption zurückgebracht – aber beide Kampfflieger waren bei der Evakuierung der Trägers zurückgeblieben und zerstört worden. Virago, Katana und
Stormrider hatten aussteigen müssen – sie waren dienstfähig, aber ihre Jäger Totalverluste. Sie hatte
auf der Gallileo eine Ersatzmaschine der Typhoon-Staffel des leichten Trägers erhalten – genauso wie
Huntress. Es war besser, im Notfall so viele Maschinen wie möglich einsatzbereit zu haben. Nominell
hatte ihre Staffel also zwei Piloten und sieben Jäger verloren. Augenblicklich standen acht Piloten
unter ihrem Kommando, und sieben Kampfflieger.
Auf dem Papier eine reichliche Halbstaffel. Mit der wirklichen Einsatzbereitschaft mochte es ganz
anders aussehen. Wie die Piloten den erneuten Verlust ihrer Kameraden verkrafteten – wer mochte das
sagen? Und die Vernichtung der Redemption, der Verlust ihrer Kriegsheimat – was für Wunden hatte
der hinterlassen? Lightning wußte es nicht. Niemals war sie auf so eine Situation vorbereitet worden.
Natürlich – die Navy der Republik betrieb doch kein Vernichtungstraining! Nein, derartige Schlappen
fehlten in den Ausbildungsprogrammen. Hier mußte jeder sehen, wie er oder sie damit klarkam. Der
Teufel sollte sie doch alle holen!
Und ausgerechnet diese Zeit, wo es darauf angekommen wäre, alle Kräfte darauf zu konzentrieren,
wieder Tritt zu fassen – da mußte sie sich auch noch mit den eigenen Leuten herumärgern. Nun, in
gewisser Weise war dies nicht Ursache, sondern Symptom der Probleme, die es gab.
Kano saß seit einer Woche im ,Bau‘. Das Gruppenklima hatte sich dadurch gewiß nicht gebessert, denn die meisten dachten ähnlich wie er. Natürlich, wie sollten sie auch anders? Aber daß Lightning, als Staffelchefin, keine Wahl gehabt hatte, als die Strafe zu vollstrecken – inklusive reduziertem Dienstplan für Ohka, damit er mehr Zeit zum ,Nachdenken‘ hatte – hatte beinahe das Vertrauensverhältnis unterminiert, das zwischen ihr und ihren Untergebenen bestand. Es war soviel Gift und Mißtrauen in der Luft, daß man froh seien konnte, daß es bisher nicht noch mehr Zwischenfälle gegeben hatte.
Mit einem wachsamen Blick auf das Funkgerät leistete sich Lightning den Luxus, alle Plagen und
Übel zu verfluchen. Einschließlich störrischer Untergebener, feiger Flottillenchefs und ungeliebter
Geschwaderkommandeure. Das half etwas – aber nicht viel.
Sie hatte so ihre Vermutungen, sowohl was die Abwesenheit von Commander Cunningham, als auch was die völlig untypische Disziplinlosigkeit von Second Lieutenant Nakakura betraf. Sie empfand fast so etwas wie zynische Belustigung – auch wenn ihr schiefes Grinsen in keiner Weise erfreut wirkte.
,Männer!‘ dachte sie: ,Der eine vergißt seine Pflicht, die verdammt nochmal auf diesem Schiff eines schafsköpfigen Feiglings wäre – der andere zettelt eine Schlägerei an, weil sein Mädchen nichts mehr von ihm wissen will!‘ Sie schüttelte den Kopf. Natürlich steckte bei Nakakura auch mehr dahinter, da war sie sich sicher. Bei Cunningham – nun, bei dem war sie weit weniger bereit, mildernde Umstände geltend zu machen. Außer der schweren Verletzung von Auson – die den Gerüchten zu Folge ja die Geliebte des ,Alten‘ war – gab es eigentlich keinen Grund für ihn, auf der Relentless zu bleiben. Sie konnte sich kaum vorstellen, daß er wegen der Gastfreundschaft von Captain Mithel blieb, denn der stand in dem Ruf, kein unbedingter Bewunderer des Jagdfliegerkorps zu sein. Außerdem führte er sein Schiff angeblich wie eine Mischung aus Mönchsseminar und Drillcamp für Rekruten. Aber sollte Lone Wolf doch bleiben, wo der Pfeffer wuchs! SIE brauchte ihn bestimmt nicht! Ihre Gedanken waren ungefähr an diesem Punkt angelangt, als sich Blackhawk über Funk meldete. Seine Maschine flog mit Aufklärungspods, während ihre an Stelle dessen die volle Kampflast
schleppte. „Einkommendes Signal bei 3 zu 10 – SOS, terranische Welle.“
Eines mußte man Lightning lassen – andernfalls hätte sie es sich genommen: Sie konnte blitzschnell auf ,dienstlich‘ umschalten. Ein Blick sagte ihr, was sie schon vorher wußte – ihre eigenen Sensoren zeigten nichts an. Sie war sofort hellwach: „Was ist es genau.“ Die Antwort kam – irgendwie zögerlich: „Ein automatisches SOS-Signal. Sehr unregelmäßig, und ungewöhnliche Frequenz, ziemlich verstümmelt – aber definitiv menschlich. Ein zivile Kennung. Entfernung 300.000.“
Lightning mußte an sich halten um nicht noch einmal nachzufragen. Sie kannte Blackhawk inzwischen gut genug, um zu wissen, daß er so etwas nur sagte, wenn er sich sicher war. Der Funkspruch WAR terranisch und zivil – davon konnte sie ausgehen. Oder zumindest – es war eine gute Kopie. Denn was machte ein Erdfrachter hier draußen, mitten im Krieg? Piraten? Aber die waren meist nur dort, wo es auch Beute gab – logischerweise. Nicht irgendwo im Nirgendwo.
Ein SOS-Signal SOLLTE eigentlich nur gesendet werden, wenn es wirklich notwendig war. Und es SOLLTE eigentlich auch in keinem Fall zu Kriegszwecken verwendet werden. Piraten nutzen diesen Trick manchmal – aber wohl kaum hier draußen. Das Protokoll verlangte, dem nachzugehen. Aber wenn es eine Falle der Akarii war? Der Verband – wiewohl jetzt aus einem überbelegten Leichten Träger, einem kampfbereiten und einem lädierten Schweren sowie einem unerprobten Leichten Kreuzer und fünf Zerstörern bestehend – war alles andere als in Bestverfassung. Wenn das eine Hunter-Killer-Gruppe der Akarii war, vielleicht eine Handvoll Zerstörer, zwei oder drei Kreuzer und ein Golf – nun, das würde kein gutes Ende für die Erdenschiffe nehmen.

Aber konnte sie es ignorieren? Was, wenn da draußen Raumfahrer waren, durch einen Unfall weit jenseits der normalen Routen verschollen, havariert, hilflos? Wenn sie sie im Stich ließe, dann waren sie zum Tode verurteilt, wenn kein Akarii-Schiff vorbeikam. Und angesichts der Weite des Alls war dies nicht sehr wahrscheinlich. Sie erinnerte sich sehr wohl daran, daß auf der ersten Feindfahrt – wiewohl es nie offiziell bestätigt worden war – unter den vernichteten Frachtern auch ein Erdenfrachter gewesen war, zerstört von den eigenen Leuten. Dutzende Matrosen, auf immer verschollen. Wenn sie sich jetzt abwandte – machte sie da nicht einen fast ebenso schlimmen Fehler?
Sie traf ihre Entscheidung. „Hier Streife Alpha-drei. Meldung an Gallileo – haben SOS-Ruf, terranische Herkunft, zivile Kennung. Schauen uns das mal an. Streifenführerin Ende.“ Sie kappte die Verbindung, noch ehe ein Befehl kommen konnte – der sie etwa zurückrief. Sie traute Ward inzwischen fast alles zu – wenn er Wind von der Sache bekam...
Der schlanke Jäger beschleunigte, jagte seinem Ziel entgegen. Lightnings Finger ruhten auf den
Auslösern der Raketen. Wenn es Piraten oder Akarii waren – nun, in DEM Fall würde sie nicht
kampflos untergehen, gleichgültig, daß niemand je davon erfahren würde.
Ihre Sensoren zeichneten ein klares Bild – doch es war nicht das, was sie erwartet hatte. Sie hatte mit einem Altair- oder Laboe-Frachter gerechnet oder etwas in der Art. Oder mit einigen bewaffneten Frachtern und alten Jägern – eine Piratenbande. Auch eine Akarii-Falle hatte sie für durchaus möglich gehalten – aber DAS...

Das Schiff war eher mittelgroß – vielleicht 8.000 Tonnen. Schiffe dieser Größenordnung waren oft in
Besitz von Privatleuten, sie wickelten den Handel zwischen weniger wichtigen Welten ab. So gesehen
nichts besonderes – aber das Design, das war ein anderer Sache. Sie hatte an Bord der Redemption –
eines Schiffes, daß älter war als die Menschen, die auf ihm Dienst taten – gelebt. Während ihrer
Einsätze vor dem Krieg hatte sie die alten Schiffe der selbständigen Händler kennengelernt, und die
waren oft nicht jünger. Aber dieses Schiff hier – dieses Schiff war ALT. Solche Muster wurden seit
mindestens einhundert Jahren nicht mehr gebaut! So starrte sie völlig verblüfft auf den Frachter.
Es war kein hilfloses Wrack mit aufgerissener Flanke, steuerlos im All treibend. Das Schiff zog seine
Bahn, scheinbar auf festem Kurs – als würde immer noch eine Hand das Steuer führen. Im Weltall, wo
es so etwas wie Reibung und ähnliches nicht gab, konnte natürlich ein Körper fast unbegrenzt lange
seine Geschwindigkeit beibehalten. Vorausgesetzt, er geriet nicht in die Anziehungskraft anderer
Himmelskörper. Aber dennoch – dieses Schiff konnte doch nicht seit all den Jahren die
eingeschlagene Richtung weiterverfolgt haben. Das war – unmöglich.
Die Positionszeichen waren gesetzt, und noch immer sendete das Schiff sein SOS. Wer wußte schon
wie viele Jahre? Keine Wunde verunstaltete den Rumpf, die Waffenstellungen – zwei leichte Laser,
ein altertümlicher Raketenwerfer – wirkten einsatzbereit, soweit sich Lightning auf ihre Sensoren
verlassen konnte. Beinah wie in Trance führte sie einen gründlicheren Scan durch. Sie holte den Bug
näher heran – unverletzt prankte dort die Aufschrift „Copernikus“. Alles sah aus wie bei einem
normalen Handelsschiff, das von einem Kolonialplaneten zum anderen flog – bis das Schiff sich leicht
zur Seite zu drehen schien. Die Shuttlerampe war offen...
Und in dem Augenblick fühlte Lightning, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Sie wußte nicht, was
es gewesen war – aber da war ETWAS. Sie spürte es, ohne sagen zu können, was der Auslöser war.
So wie ein Mensch manchmal in einem dunklen Raum, in trüben Wasser spürte, daß er nicht allein
war, daß sich etwas in seiner Nähe befand. Wie unsichtbare Augen, die sie aus dem Dunkel des
Hangars anstarrten...
Erst jetzt registrierte sie, wie nah sie dem Schiff war – und widerstand nur mühsam dem Drang, ihren
Jäger sofort zu wenden. Sie mußte ein, zweimal schlucken, um ihrer Stimme einen sicheren Klang zu
geben: „Registrieren Sie etwas, Lieutenant?“ Blackhawks Stimme klang eigenartig gepreßt: „Negativ.
Der SOS-Ruf ist zu verstümmelt, und ich erhalte keine Antwort. Man könnte – Raumanzug
vorausgesetzt – durchaus an Bord gehen. Oder ein Shuttle der Marines anfordern.“ Lightning
konzentrierte sich auf seine Worte. Es hörte sich so an, als würde er dies ebenso gerne tun, oder eine
Inspektion durchführen lassen, wie einen Sturmangriff auf die Zentralwelt der Akarii mit einem
leichten Hilfskreuzer zu kommandieren. Offenbar fühlte er das auch. Ihre eigene Stimme hörte sich
unsicher an: "Ich denke nicht, daß das notwendig ist. Das Schiff treibt hier seit mindestens 50 Jahren.
Dort... ist nichts mehr...“ Sie wußte, irgendwo in ihren Worten war ein Fragezeichen – und die
Hoffnung, die Wahrheit zu sagen. Mit einmal klangen ihre Worte sehr bestimmt: „Wir kehren um.
Hier ist nichts, als ein totes Wrack!“
„Jawohl!“

Zwei Stunden darauf
Darkness hatte ihren Bericht mit einem Achselzucken registriert. Vor allem, weil sie ihm nicht alles erzählt hatte. Im Weltall – wo ein Schiff so leicht ausgelöscht werden konnte, wie eine Kerzenflamme im Wind – konnte es ebenso passieren, daß manche Dinge erhalten bleiben, weit länger als ein Menschenleben. Der Geschwaderchef hatte genug Probleme, um sich auch noch darum zu kümmern. Und wenn er den Eindruck hatte, daß Lightning unsicher war – vermutlich dachte er, sie hätte Angst, man würde es ihr zum Vorwurf machen, sie hätte einem Phantom nachgejagt und ihre Pflicht vernachlässigt. Also hatte er es dabei belassen. Lightning war keineswegs bereit, auch nur sich selber über ihre Angst Auskunft zu geben, ihr Gefühl zu benennen. Für ein paar Sekunden – auch wenn sie es sich nie eingestanden hätte – war sie wieder ein Kind gewesen, für das im Dunkel Geister und
Schemen lauerten, Dinge, die weder Gesicht noch Namen hatten.

Vor dem Quartier des Geschwaderchefs wartete Blackhawk auf sie. Dem Schwarzen war nichts anzumerken. Schweigend ging er neben der Staffelchefin. Als er aber das Wort ergriff, wäre ihr schnell lieber gewesen, er hätte geschwiegen: „Ich habe im Schiffscomputer nachgeschaut. Das Schiff war ein Merkur-IV, ein Handelschiff von 7.500 Tonnen, 48 Mann Besatzung. Die letzten Schiffe dieser Klasse wurden 2528 produziert. Es gab nur ein Schiff dieses Typs, das den Namen Copernikus führte. Es verschwand 2531 – über 200 Lichtjahre von hier entfernt.“ Lightning starrte ihn an: „Wissen Sie, was Sie sagen? Selbst, wenn es zum Zeitpunkt des Verschwindens Höchstgeschwindigkeit geflogen wäre – es kann in der Zeit niemals so weit gekommen sein.“ Der ältere Soldat nickte: „Vielleicht wurde es damals gekapert und von Piraten oder Schmugglern weiterverwendet. Später ging es dann verloren – an ganz anderer Position. Und so sind wir darauf gestoßen.“ Lightning nickte: „Natürlich. Nun, das wäre ja geklärt.“ Sie bemerkte seinen Seitenblick. Piraten oder Schmuggler gaben ihren Schiffen oft andere Namen, anstatt die alten weiterzuverwenden – aus logischen wie aus psychologischen Gründen. Und sie spürte – er hatte es auch gefühlt. Als wäre da immer noch etwas auf dem Schiff, nach alle den Jahren. Vielleicht schlafend – aber in jedem Fall wartend...

Aber als sie am Abend vor dem Einschlafen noch einmal darüber nachdachte, schalt sie sich selbst eine Närrin. Fehlte noch, daß sie begann an Geisterschiffe und dergleichen zu glauben! Nein, dafür gab es eine ganz normale Erklärung – und ihre überreizten Sinne hatten ihr einen Streich gespielt. Kein Wunder bei dem Streß! Ohka war schon ausgerastet – offenbar stand sie auch dicht davor! Nein, sie würde sich nicht verrückt machen! Und damit verbannte sie die Copernikus aus ihren Gedanken.
„SOS...schiff...ikus...wurde...te..lfe...or...brau chen...lichst...sicht...“...

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:23
Brawler sass über den Unterlagen, die eigentlich zum Skipper gemußt hätten. Langsam erahnte er,
welchen Papierkrieg die Heavies, der CO und der XO zu bewältigen hatten. Er verstand nun auch erst
recht, wieso man Martell und Thunder immer wieder über die Bürokratie schimpfen hörte. Brawler
wunderte sich nur, wieso es kein Formular gab, dass man beim Gang auf das WC ausfüllen musste,
dass hätte irgendwie noch dazu gepasst.
Wenigstens lenkte der Papierkram die Leute vom Geschehen auf dem Schiff ab. Schon mehrfach war es zu Schlägereien gekommen und insbesondere Enigma zeigte manchmal beunruhigende Tendenzen in dieser Hinsicht. Brawler musste aber auch anerkennen, dass der Posten als Staffelkapitän eben nicht immer nur aus Privilegien bestand. Innerlich schwor er sich, von seinem Traum, ebenfalls eine solche Position zu erreichen, Abstand zu nehmen, aber andererseits wusste er, dass er sich nicht selbst verleugnen konnte. Achselzuckend machte er sich wieder an die Arbeit. Da klopfte es an seine Kabinentür.
„Ja, herein.“ Brawler warf die Unterlagen schnell auf sein Bett und deckte die Decke drüber. Als
Snake Bite eintrat, atmete er auf.
„Was gibt’s?“
„Wollte mal fragen, was der Papierkram macht.“
„Ätzend. Langsam versteh ich, wieso sich Murphy immer hinter seinem Schreibtisch verschanzt hält.“
„Stimmt. Aber ich bin endlich fertig. Die Wartungsprotokolle sind echt ne Zumutung. Ohne den
AdminChief würde ich da morgen noch dransitzen.“
„Schau dir erst mal das ganze Personalzeugs an. Man vergisst ja immer, dass man nicht nur die paar
Piloten hat, sondern auch den ganzen Anhang.“ Tüncay deutete vielsagend auf den Stapel auf seinem Bett.
„Wie lange brauchst du denn?“
„Hm, drei oder vier Stunden, denke ich.“
„Und wenn ich dir helfe?“
„Dann weniger, wieso?“
„Wir wollten heute abend in der Kabine von Hatchet ne Pokerpartie veranstalten. Alle wollten kommen – bis auf den Skipper natürlich – und deswegen wollen wir dafür sorgen, dass du auch dabei bist.“
Tüncay antwortete nicht sofort, sondern schob Snake-Bite einen Stapel Akten hinüber.
„Dann los. Etwas Entspannung wäre genau das richtige jetzt.“

Zwei Stunden später war die Arbeit getan und die beiden gingen zur Kabine von Hatchet. Die anderen gesunden Mitglieder der Staffel saßen schon auf den Betten und diskutierten eifrig darüber, welche Variante man denn spielen sollte. Als es sich alle bequem gemacht hatten, holte Enigma ein Kartenspiel vor und die Partie begann. Gladius hatte noch irgendwo zwei Flaschen Bourbon organisiert und so nahm das Treiben seinen Lauf. Es wurde viel gelacht und zum Schluss hatten alle einen leichten Schwips. Tüncay wurde mehr und mehr bewusst, wie gut Snake-Bite aussah, wenn sie lächelte. Dann lächelte sie auf einmal ihn an und ihm war, als wenn man ihm einen schweren Schraubenschlüssel auf den Schädel geschlagen hätte. Den Rest des Abends versuchte er sich vergeblich auf seine Karten zu konzentrieren und so kam es, dass ihm ein nicht unerheblicher Teil des Monatssoldes fehlte, als man zum Ende kam. Vor allem Hatchet grinste zufrieden, er hatte am meisten von seinem „Pech“ profitiert. Langsam löste sich die Gesellschaft auf. Brawler stand auf und wollte grad die Kabine verlassen, als ihn Snake Bite anrempelte. Zum ersten Mal nahm er den Geruch seiner Kameradin wirklich war und ihm wurde erneut etwas schwindelig. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle.
„Alles in Ordnung, Brawler?“
„Ähm...ja, wieso?“
Tüncay rannte förmlich zu seiner Kabine, gefolgt von seinem Stubenkameraden Gladius, der sich Sorgen um seinen Freund machte. Nachdem Brawler die Tür geschlossen hatte, fragte Gladius: „Alles ok bei dir?“
„Ähm ja.“
„Sicher?“
„Jaaa, verdammt.“
Gladius war immer noch nicht überzeugt, verzichtete aber auf weitere Nachfragen.

Währenddessen stand Murphy an einem der Blickfenster auf der Krankenstation und sah Thunder, die im Bett lag an. Valeria hatte sich gut erholt und lächelte ihm schon wieder zu. Aber die Ärzte ließen ihn noch nicht in ihr Zimmer aus Angst vor Infektionen. Murphy selbst litt unter den Medikamenten, die er erhalten hatte. Er merkte förmlich, wie diese mehr und mehr Besitz von ihm ergriffen. Hamlin hatte ihm geraten, die Packung aufzubrauchen und danach zu ihm zu kommen. Aber Murphy war sich unsicher, ob das wirklich eine so gute Idee war. Immerhin waren seine Schwindelgefühle verschwunden. Die letzte Untersuchung hatte auch gezeigt, dass sein Kopf auf dem Weg der Besserung war. Den zerbrach er sich nun über seinen nächsten Posten. Keineswegs wollte er zum Schreibtischtäter werden, womit er aber auch nicht wirklich rechnete, wenn man so hörte, dass man nun alles an die Front warf. Aber auch ein Ausbilderposten würde ihn nicht wirklich befriedigen. Es war durchaus denkbar, dass man erfahrene Leute aus dem Frontdienst abzog, um diese Erfahrung weiterzuvermitteln. Martell hoffte, nicht auf seine Kontakte zurückgreifen zu müssen, um eine solche Versetzung zu verhindern. Sein Platz war an der Front, nicht in der Etappe.
Beim Stichwort Etappe wurde ihm bewusst, dass er seinen Aufenthalt auf Terra noch überhaupt nicht geplant hatte. Gut, er wollte nach Wien zu jenem Bekannten von Schönberg. Aber das würde ja nicht den kompletten Aufenthalt dauern. Familie wartete keine. Freunde hatte er außerhalb des Militärs auch kaum. Und die waren fast alle auf Schiffen stationiert, die nun im Krieg waren. Bei einigen wusste Murphy, dass sie gefallen waren oder als vermisst gemeldet waren. Der Krieg dauerte nun schon einige Zeit und soweit Murphy es mitbekam, lief es nicht besonders gut für die Terraner. Er winkte Valeria ein letztes Mal zu und verlies dann die Krankenstation.

Midori Yamashita wusste hingegen schon, was nun mit ihr passieren würde. Sie hatte von ihrem Kommandeur bei der Flottenleitung erfahren, dass man sie ins JAG Hauptquartier versetzen würde. Möglicherweise sogar verbunden mit einer Beförderung. Insgeheim war sie erleichtert, endlich von der Front wegzukommen. Sie merkte, wie der Stress an Bord bedingt durch die Feindesnähe und die Enge ihr zu schaffen machte. Hinzu kam, dass sie Commander Cunningham aus dem Weg gehen wollte. Sie wusste, dass er ihr als Mitglied der kämpfenden Truppe immer noch einiges an Einfluss bei den wirklich hohen Tieren voraus hatte. Da half die Deckung durch die eigenen Vorgesetzen nur beschränkt etwas. Gerade die sozialen Kontakte litten doch sehr, auch wenn sie sich mit einigen wenigen wie Schönberg oder Murphy noch gut verstand. Der Verlust ihres teuren Chellos – sie hatte es auf der Red zurücklassen müssen - machte die Sache auch nicht einfacher. Aber auch sie wusste nicht, was sie auf Terra erwartete. Der Verlust ihres Mannes, den sie die ganze Zeit verdrängt hatte, kam nun mit einem Schlag zurück ins Bewusstsein und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Dazu kam noch, dass sie nicht wusste, was aus ihrer Beziehung zu Trippel E werden würde. Sie warf einen langen Blick auf die zwei Bilder, die sie mitgenommen hatte von der Redemption. Dann beschloss sie, die Arbeit ruhen zu lassen und legte sich schlafen.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:24
Neuanfang mit Hindernissen
Die Ärztin mußte an sich halten, um nicht laut zu seufzen. Irgendwie war es immer das gleiche!
Während ein Gutteil der Verletzten eindeutig froh war, genug Zeit zu haben, sich zu erholen, gab es
immer zwei Kategorien von Patienten, die für Probleme sorgten.
Einmal die, die ihren Aufenthalt im Krankenhaus aus welchen Gründen auch immer am liebsten auf die gesamte Kriegsdauer oder Dienstzeit ausgedehnt hätten – und jene, denen es gar nicht schnell genug gehen konnte. Und bei beiden Gruppen mußte man als Angehöriger des ärztlichen Personals sehr genau abwägen, ob man nicht jemanden zu lange vom aktiven Dienst fernhielt – was Ärger mit den Offizieren geben konnte – oder ob man jemanden nicht zu früh in den Einsatz zurückschickte. Denn in DEM Fall hatte man ebenfalls Ärger am Hals, falls etwas schief ging. Da konnte man zehnmal betonen, es sei Druck gemacht worden – dann galt wieder „Sie als Arzt sind ja in der Hinsicht nicht weisungsgebunden!“ Als ob das etwas half, wenn ein Commander sich in den Kopf setzte, diesen oder jene wieder an die Front zu schicken oder er Ersatz für seine Einheit brauchte...
In diesem Fall kam der Druck freilich „von unten“, genauer gesagt von der Patientin selber. Einige Leute waren offenbar ganz versessen darauf, möglichst bald wieder die Chance zu haben, andere umzubringen. First Lieutenant Pawlitschenko war in der Hinsicht wohl nicht die Schlimmste – aber verdammt hartnäckig und uneinsichtig. Doktor Argyris wußte, die Pilotin hatte sich sogar nach den Möglichkeiten für einen Antrag auf Versetzung in eine andere Einheit erkundigt – egal welche, Hauptsache eine Fronteinheit – um einem längeren Aufenthalt in der Etappe zu entgehen. Vor allem, seit es Gerüchte gab, man würde die Leute auf die Erde schicken, zur Neuformierung und Erholung. Diese Haltung kam wohl nicht daher, daß sie keinen Wert auf ihre Familie gelegt hätte. Die Akte der Patientin, auf die die Ärztin ja Zugriff hatte, zeichnete in der Hinsicht ein eindeutiges Bild, ebenso wie der Umstand, daß sie regelmäßig Briefe „auf Vorrat“ schrieb. Aber Pawlitschenko schien beinahe panische Angst davor zu haben, den nächsten Großangriff der Akarii in der Etappe zu verpassen. Ob das nun daran lag, daß sie nach weiteren Abschüssen und Auszeichnungen gierte, eine Rechnung mit den Echsen offen hatte oder ein penetrant ausgeprägtes übersteigertes Pflichtgefühl besaß, oder alles zusammen – seit sie auch nur halbwegs auf den Beinen war, machte sie Druck.
Also durfte die Ärztin auch heute den Anblick der jungen Pilotin „genießen“, die mit störrischer Miene vor ihr stand und ihr erläuterte, warum sie wieder voll einsatzbereit war, oder zumindest in Kürze sein werde. „Ich sage Ihnen, Lieutenant, Sie sind noch lange nicht so weit! Es ist noch nicht einmal anderthalb Monate her, daß wir mit Ihrer Behandlung begonnen haben. Sie können von Ihrem Körper nicht zuviel erwarten! Ja, die Verbrennungen sind abgeheilt und die Rippen zusammengewachsen – aber die Verletzung Ihrer Lunge erfordert Rücksichtnahme. Sie brauchen mindestens noch zwei Wochen, um auch nur eingeschränkt diensttauglich zu sein.“ Es war das, was sie immer gesagt hatte – aber die Antwort zeichnete sich auch nicht eben durch Originalität aus: „Ich weiß, daß Sie sich berechtigte Sorgen um meine Gesundheit machen. Aber ich bin wirklich wieder voll und ganz hergestellt. Außerdem diene ich bei den Jägern, nicht bei den Marines, und deshalb kommt es nicht darauf an, ob ich die 10.000 Meter in der vorgeschriebenen Zeit laufen kann, oder nicht! Sondern, inwieweit ich einen Jäger führen kann. Und dazu bin ich bereit! Je länger ich raus bin, desto mehr verliere ich an Sicherheit. Ich bin VOLL einsatzfähig, im Rahmen der Gefechtsparameter.“ Der trotzige Blick und die Uneinsichtigkeit hätten vermutlich einem Maulesel zu Ehren gereicht. Aber Argyris war – trotzdem sie noch nicht so alt war – erfahren genug, um sich davon nicht über Gebühr beeindrucken zu lassen. „Sie können noch nicht einmal Ihr alltägliches Trainingsprogramm voll absolvieren, First Lieutenant.“ meinte sie ruhig.
Lilja errötete vor Scham, aber auch vor Wut. Warum mußte die Ärztin auch davon erfahren! Ja, es stimmte, daß sie bei einer Trainingsrunde in der Sporthalle – sie hatte ihr Fitnessprogramm in reduziertem Rahmen wieder aufgenommen, sobald sie wieder hatte gehen können und die Schmerzen nachgelassen hatten – zusammengebrochen war? Sie hatte ihrer Lunge ebenso wie ihrem gesamten Körper zuviel zugemutet, und das hatte sich prompt gerächt. Sie wußte nur zu gut, daß die Schuld bei ihr selber lag, sie hatte eben zuviel zu schnell erzwingen wollen. Aber daß der Einwand der Ärztin berechtigt war, machte es nicht leichter. Deshalb schnappte sie wütend: „Spionieren Sie mir nach? Da gibt es ja wohl Wichtigeres! Ich hatte eben einfach einen schlechten Tag.“ Eine glatte Lüge, aber darauf kam es Lilja nicht an. Die Stimme von Sophie Argyris klang leicht gereizt, auch ihre Langmut hatte Grenzen: „Sie wissen sehr wohl, daß dies keine einfache Kreislaufschwäche war! Ich bin gerne bereit, Ihnen soweit es geht entgegenzukommen, aber wenn Sie sich selbst gefährden, kann ich auch
dafür sorgen, daß man Ihre Trainingsmöglichkeiten auf ärztlich kontrollierte Übungen beschränkt und nicht Ihnen ein Programm vorschlägt, die Einzelheiten aber freistellt! Wir sollen Sie gesund machen, nicht dabei stehen und zusehen, wie Sie Ihre Gesundheit schon wieder ruinieren.“ Die Pilotin senkte den Kopf. Weniger aus ehrlich empfundenem schlechten Gewissen, als vielmehr, weil sie wußte, daß sie verloren hatte. Sie zwang sich dazu, die Ärztin gerade anzuschauen: „Nein. Ich verspreche Ihnen, ich passe auf.“
Argyris war nur teilweise zufrieden – solche Einsicht pflegte nur von begrenzter Dauer zu sein – aber sie wußte, auch ein gewisses Nachgeben war besser als ein fruchtloser Streit. Also meinte sie – in freundlichem Tonfall: „Ich denke, man wird Sie bald wieder in den Einsatz schicken. Gerade jetzt wird man erfahrene Piloten nicht zu lange im Hinterland lassen. Aber verstehen Sie – Ihre Kameraden und Sie sind einfach zu wertvoll, um Sie zu verheizen. Piloten und Soldaten, die nicht voll einsatzfähig sind, riskieren, ohne Nutzen zu fallen. Und sie sind auf Grund ihrer eingeschränkten Gefechtsbereitschaft auch ein Risiko für ihre Kameraden.“ Liljas Stimme war eine Mischung aus Zerknirschung, Resignation und unterdrücktem Trotz: „Ja, ich weiß.“ Sie holte tief Luft: „Darf ich gehen?“ Die Ärztin nickte nur – vermutlich würde sich das Schauspiel in einer Woche spätestens
wiederholen. Halb im Scherz fügte sie hinzu: „Keine Angst, in ein paar Wochen können Sie wieder Akarii umbringen.“ Die Russin quittierte diese Worte mit einem ebenso strahlenden wie boshaften Lächeln – das vieles bedeuten konnte

Lilja nahm ihre Krücken, die an der Wand lehnten, und verließ den Behandlungsraum. Wenigstens mußte sie sich nicht mehr im Bett liegend untersuchen lassen wie ein Krüppel! Sie haßte die Krücken, die man ihr verpaßt hatte, um sie zu schonen – ein Sturz oder Überanstrengung konnten ihren Rippen und ihrer Lunge immer noch schaden. Aber immer noch besser so, als völlig ans Bett gefesselt zu sein wie in den ersten Wochen! Inzwischen konnte sie lesen, Sport treiben – unter diskreter Beobachtung vermutlich – und sich zumindest eingeschränkt auf dem Schiff bewegen. Nun, ehrlich gesagt haßte sie alles, was sie an ihre Verletzung erinnerte. Sie kam sich so verdammt nutzlos vor!
Sie hatte die Gelegenheit genutzt, um ihre Studien wieder aufzunehmen – ansonsten wäre sie vermutlich vor Ungeduld die Wände hochgegangen. Zumindest gegen Lektüre und Lehrfilme auf einer Sichtbrille – die modernere Ein-Mann-Version der typischen Filmwiedergabeeinheit – hatte man nichts einzuwenden, so lange sie es nicht übertrieb. Mit einem Anflug galligen Humor dachte sie daran, daß sie den Akarii fast dankbar seien konnte, so ihre Bildungslücken schließen zu können. Bemühte Fröhlichkeit und naßforsches Auftrumpfen auch sich selbst gegenüber war schon immer ein Mittel gewesen, Rückschläge zu verdauen. Lilja hatte darin einiges an Übung, selbst, wenn sie sich damit selbst belog.
Es war natürlich nicht die Chance auf einen Heimaturlaub an sich, der ihr zu schaffen machte.
Objektiv betrachtet war dies absolut notwendig. Nicht nur, was ihre Person betraf. Nach allem, was sie
gehört hatte, war nicht nur die Redemption vernichtet worden – auch die Staffeln waren schwer
angeschlagen und brauchten Zeit, sich neu zu formieren. Und wenn man das Geschwader als solches
erhalten wollte, brauchte es eine kleine Ruhepause – und ein neues Schiff.
Aber sie hatte ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, die nächste Angriffswelle der Akarii zu
verpassen. Die vermutlich bald anlaufen würde. Vor allem, da daß Versagen der Redemption und der
beiden leichten Träger für diese nächsten Welle direkt verantwortlich war. Natürlich hatte sie ihr
Bestes gegeben – wie die meisten anderen auch. Sah man mal von Ward ab und seiner Bande von
Feiglingen, die gekniffen hatten.
Aber dieses Beste war eben nicht gut genug gewesen. Und da sollte sie in der Etappe sitzen, während
andere ihren Fehler ausbügelten, dabei wohl auch ihr Leben ließen? Außerdem war Liljas
Geschwadergeist sowieso nicht sehr stark entwickelt. Sie hatte hauptsächlich Loyalitäten gegenüber
Personen – nicht von Einheiten. Zumindest, seit ihre erste Staffel vernichtet worden war. Sie hatte
seitdem in etlichen Alarmeinheiten gedient, und wäre auch jetzt dazu bereit gewesen, wenn es ihr eine
Möglichkeit gegeben hätte, wieder an die Front zu gehen.
Tja, sah nicht so aus, als ob sie die Möglichkeit hätte. Sie spürte deutlich den Stich des schlechten Gewissens, als ihr klar wurde, daß sie sich auch darauf freute, ihre Angehörigen wiederzusehen, ihre Freunde, ihre Heimat. Sie hatte seit gut einem halben Jahr nicht mehr persönlich mit ihnen sprechen können – im Krieg eine lange Zeit. Nicht mehr, seitdem sie aus der Reserve wieder in die Fronteinheiten versetzt worden war. Und zu der Zeit war sie keine gute Gesprächspartnerin gewesen. Wütend, verletzt, mit sich selber unzufrieden – bezeihungsweise ziemlich euphorisch, als sie erfuhr, daß man sie wieder angefordert hatte.
Also hieß es, sich in Geduld zu üben. Etwas, das Lilja immer schwer gefallen war. Nun, irgendwie würde sie die Zeit schon nutzen. Sie hatte auch hier, an Bord der Relentless, einen Spendenaufruf gestartet. Sie war damit – insgeheim auf ihren Status als Verletzte, als ,Heldin‘ und als Veteranin zählend – bis zum Kapitän gegangen. Captain Mithel – ein nicht mehr junger Offizier mit erstklassiger Haltung und einem ganzen Satz Auszeichnungen – hatte ihr schweigend und eiskalt zugehört. Dann hatte er nur knapp genickt und ihr die Erlaubnis erteilt. Er selber hatte zu den ersten und wohl auch großzügigsten Spendern gehört. Vielleicht hatte er das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen. Ähnliches galt wohl auch für seine Offiziere und Untergebenen – oder sie hörten auf ihren Kapitän. Überhaupt behandelte man Lilja und die anderen Verletzten von der Redemption mit geradezu fürsorglicher Umsicht, noch jenseits dessen, was selbstverständlich war. Und wenn es bittere Töne gab, vor allem gegen Captain Ward und die Gallileo, dann schienen an Bord viele eher zuzustimmen, oder zumindest wegzuhören. Das war Balsam für die Wunden der Besatzungsmitglieder der Redemption. Lilja selber hatte den Tod des Trägers relativ gut verkraftet. Es war nicht das erste Mal, daß sie einen solchen Verlust erlitt. Das Schiff war Heimat gewesen, gewiß – aber die echte Heimat war noch da, und um ihr zu dienen durfte man nicht zu sehr an einem stählernen Rumpf hängen, der als zerschmolzenes Wrack durch das All trieb. Wichtig war nur eines – weiterzukämpfen, und Rache zu nehmen. Und die Liste dessen, was vergolten werden mußte, war lang.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:24
Lucas betrat das Büro der Bordärztin der Relentless. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken,
damit dem Arzt das Zittern der linken Hand nicht auffiel.
"Doktor."
"Ah, Commander, setzen Sie sich bitte." Die Ärztin deutete auf einen der beiden Besucherstühle. Lucas setzte sich, legte die Hände in den Schoß und sorgte dafür, dass seine rechte Hand die linke bedeckte.
Sie lächelte ihn an: "Und wie geht es uns denn Heute? Ist das Zittern in der linken Hand besser geworden?"
Lucas zuckte zusammen: "Etwas ... ich wollte eigentlich mit Ihnen über meine Diensttauglichkeit sprechen, Sie haben die letzten beiden Wochen alle möglichen Test an mir vorgenommen, literweise Blut abgenommen, Urinproben, Proben von Erbrochenem und sonst was. Die Tabletten die Sie mir gegeben haben sind zum einen nur schwer runterzuwürgen und zum anderen haben sie auch ganz nette Nebenwirkungen."
Die Ärztin faltete die Hände auf dem Schreibtisch: "Nun Commander, wir haben keinerlei körperliche
Gebrechen gefunden, die dazu führen, dass Sie ständig Ihr Essen wieder erbrechen ..."
"Ach, soll ich mein Leben lang diese verfluchten Tabletten schlucken, damit ich nicht regelmäßig
meine Mahlzeiten wieder auskotze?"
"Sir, ich kann Ihre Frustration verstehen, aber aus Medizinischer Sicht kann ich Ihnen nur diese
Tabletten geben, bis Sie eben die Mahlzeiten wieder bei sich behalten können. Allerdings haben wir
herausgefunden, wie das Zittern Ihrer linken Hand zustande kommt. Es ist eine der Nebenwirkungen
auf die Tabletten, die Sie vorhin angesprochen haben."
Zu ihrem Erstaunen, folgte dieser Eröffnung kein Wutanfall.
"Was Ihre Diensttauglichkeit angeht, so werde ich Sie an den psychotherapeutischen Dienst
überweisen und Sie für den leichten Dienst wieder zulassen, aber bis auf Weiteres erteile ich Ihnen
Flugverbot. Wie es dann weitergeht, entscheiden die Psychologen auf Perseus.“
Sie sah wie der Commander eine giftige Erwiderung im wahrsten Sinne des Wortes herunterschluckte,
er wollte also noch etwas von ihr.
"In Ordnung, Doc, dann habe ich noch eine andere Frage: wie geht es Commander Auson?"
Doktor Argyris hatte schon davon gehört, dass der Commander mehrfach das Personal über den
Zustand von Melissa Auson auszuquetschen versucht hatte.
"Darf ich fragen, woher das gesteigerte Interesse für Commander Auson kommt?"
"Und warum nicht für die Piloten die unter meinem Kommando standen, wollten Sie fragen ..." Lucas
anklagender Blick misslang völlig.
"DAS haben Sie gesagt. Und immerhin wollen Sie vertrauliche Informationen von mir, da Sie nicht so aussehen, als ob Sie sich mit einem, 'sie befindet sich auf dem Weg der Besserung' zufrieden geben würden."
Lucas nickte: "Mel und ich, wir sind ... befreundet."
Argyris wusste, dass sie nichts Weiteres von dem Commander erfahren würde, was noch näher an 'Wir sind ein Paar' rankommen würde: "Nun, leider ist ihr Zustand immer noch kritisch. Starker Blutverlust, Schock und eine Entzündung im Armstumpf. Die Chancen stehen zwar dafür, dass sie es überleben wird, aber die Medizin hat mich gelehrt in solchen Fällen nicht allzu viel Optimismus an den Tag zu legen. Es gibt zu viele Berichte von Leuten, die - wie gerade in Amputationsfällen - schon auf dem Weg der Besserung waren und es dann doch nicht geschafft haben."
Lucas nickte: "Ich danke Ihnen für die Auskünfte." Langsam erhob er sich.
Herrgott Mel, ich will Dich nicht verlieren.
"Ich werde mit Commodore Clarke und Captain Mithel reden um schnellst möglich auf die Galileo
verlegt zu werden."
Argyris hielt ihm die Hand entgegen: "Alles gute Commander, wir werden für Commander Auson
unser Möglichstes tun"

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:25
Wenn die KAZE nach PERSEUS zurückkam, war dies immer ein großes Ereignis.
Sie war etwas ganz besonderes. Ganz besonders alt.
Die Fregatte war das letzte im Dienst stehende Schiff der MIDWAY-Klasse. Warum es noch nicht
außer Dienst gestellt und die Besatzung auf andere Schiffe verteilt worden war, wusste wohl allein der
Kommandant der Dritten Flotte.
Fakt war aber, dass die Offiziere der Terran Space Navy, so sie denn überhaupt von der KAZE
wussten, den Kahn benutzten, um ihrer Crew zu drohen, oder Unverfrorene gleich auf den
Seelenverkäufer abzuschieben.
Es war ja nicht nur, dass die Fregatte eigentlich längst verschrottet gehörte. Die Crew war mindestens
ebenso desolat.
Ein Sammelsurium an Rebellen, Querdenkern und Strafversetzten.
Und der Schlimmste von ihnen war der Kommandant, Commander Justus Schneider.
Gemäß ihres Konzepts des Schnellen, bewaffneten Erkunders wurde die KAZE auf Einzelmissionen
geschickt. Aufspüren und vernichten von feindlichen Frachtschiffen, Überwachung der Handels- und
Marschrouten sowie Überwachung von Akarii-Stützpunkten.
Man konnte sagen, jede Fahrt der KAZE war ein besseres Himmelfahrtskommando.
Das sie seit Ausbruch des Krieges aber immer wieder nach Hause gefunden hatte, ließ mittlerweile auf
PERSEUS das Gerücht kursieren, der Skipper der KAZE sei feige und ginge jedem Kampf aus dem
Weg. Mit einer überragenden Beschleunigung und einer starken Primärbewaffnung ausgestattet litten
die Fregatten der MIDWAY-Klasse seit jeher aber unter mangelnder Manövrierfähigkeit und einer
ausreichenden Sekundärbewaffnung, die ein Schiff wie die KAZE einfach dazu zwang, vielen
Kämpfen aus dem Weg zu gehen, wenn sie überleben wollte.
Auf PERSEUS galt diese schlichte Erkenntnis aber wenig.
Würde das Schiff nicht ab und an einen Akarii-Frachter als Prise mitbringen oder die neuesten
Tonnagevernichtungen melden, hätte dies schon längst ein Kriegsgerichtsverfahren nach sich gezogen.
So aber brillierten Schneider und seine Mannschaft nicht gerade, erfüllten jedoch die Aufträge. Selten mehr.

Haruka Ishihiro trug wie immer beim Übersetzen nach PERSEUS seine Ausgehuniform. Einige Orden
klebten auf seiner Brust. Unter ihnen der Silberne Löwe, seine älteste Auszeichnung. Die hatte er
bekommen, lange bevor er degradiert und auf die KAZE versetzt worden war.
Der First Lieutenant war der Waffenoffizier an Bord und gebot über eine zehnköpfige Crew Gunner,
die aus der gesamten Flotte zusammengestoppelt worden war.
Raufbolde, Hitzköpfe und Besserwisser, ja, aber keine schlechten Matrosen.
Beinahe hätte Haruka stolz auf diese Männer und Frauen sein können. Wäre damit nicht sein Dienst an
Bord der KAZE verbunden gewesen.
Die KAZE, oder auch KAMIKAZE, wie man sie auf PERSEUS manchmal spöttisch nannte, war seine
einzige Chance, seine Karriere zu retten.
Sich mit einem Admiral anzulegen war schon immer eine schlechte Idee gewesen. Nach dieser Sache
noch eine Karriere zu haben eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit,
Und in dieser Unmöglichkeit lebte Haruka nun. Zwei Jahre, so lautete der Deal. Zwei Jahre auf der
KAZE bleiben und allerbeste Arbeit leisten.
Wenn er es schaffte und der Kahn ihm nicht von selbst um die Ohren flog, dann stand ihm die Einsetzung in seinen alten Rang bevor, den er nur läppische achtundvierzig Stunden inne gehabt hatte. Außerdem die Versetzung auf einen Träger. Auf ein richtiges Schiff, nicht auf ein fliegendes Wrack wie die Fregatte der MIDWAY-Klasse.
Haruka straffte sich, als die Fähre auf PERSEUS zuhielt. Der Halbamerikaner legte Wert auf ein
blendendes, überkorrektes Aussehen und Auftreten. Wenn er schon nicht auf einem Eliteraumschiff
dienen durfte, so wollte er zumindest keinen äußerlichen Grund bieten, der seine Versetzung auf die
KAZE nachträglich rechtfertigte.
Elf Monate. Elf Monate lagen noch vor ihm. Und bisher war die KAZE weder explodiert noch irreparabel beschädigt gewesen, was ihm jede Möglichkeit genommen hätte, sich zu rehabilitieren. Was ihn auf einen Schreibtischposten verbannt hätte. Über die Hälfte seiner Zeit in seiner persönlichen Hölle hatte er geschafft. Hoffentlich hielt die Rostschüssel noch lange genug durch. Und dann… Dann lag seine Zukunft wieder vor ihm. XO, Perisher-Kurs, der Captainsrang, möglicherweise ein eigener Verband…
Als er bemerkte, dass er unbewusst lächelte, setzte Haruka wieder seine starre Miene auf.
Lt.Commander Soleil sah ihn an und schmunzelte. „Sie können ja doch lächeln, Lieutenant Ishihiro.“
Haruka fühlte, wie sich seine Wangen röteten. „Ich… Äh…!“
Der XO der KAZE winkte ab. „Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen, Ishihiro. Ich freue mich halt,
bei Ihnen mehr entdeckt zu haben als das steife Getue, dass Sie auf der Brücke immer darstellen. Wir
stecken alle in der gleichen Bredouille, und wir freuen uns alle, wenn wir mal wieder eine Fahrt mit
der KAZE überlebt haben. Da sind wir alle gleich.“
Haruka zog die Augenbrauen hoch. Amber Soleil war eine wunderbare Frau und Vorgesetzte. Sie
verfolgte die Regeln der Flotte mindestens ebenso korrekt wie er selbst. Aber das hieß nicht, dass sie
übertrieben streng war. Nein, sie legte nur Wert auf Exaktheit, Genauigkeit und gute Leistung. Das es
die KAZE noch gab, lag zu einem nicht unbeträchtlichen Teil an ihr.
Sie war es, die die Crew zusammen hielt. Sie war es, die den Bordbetrieb aufrecht hielt.
Sie setzte all ihre Kraft ein, um aus der KAZE noch eine halbwegs erfolgreiche Fregatte zu machen.
Wie schön sie doch war, wenn sie lächelte.
Manchmal bedauerte Haruka es, Befehle von einem dienstjüngeren Offizier bekommen zu müssen,
immerhin war er fünf Jahre älter als Commander Soleil.
Aber dieser Ärger währte nur kurz, denn sie gab ihm niemals das Gefühl, weniger wert zu sein als sie. Nein, sie beide arbeiteten exzellent zusammen. Das lag nicht zuletzt daran, wie sehr er die Elitesoldatin verehrte, die ein mindestens ebenso grausames Schicksal wie das seine auf die KAZE verschlagen hatte.
Sie sprach nicht darüber, aber es ging das Gerücht um, dass ihr Handabdruck ins Gesicht eines
zudringlichen Captains gebrannt war.
Seither saß sie auf diesem Klapperkasten fest, bis er außer Dienst gestellt oder vernichtet wurde.
Sie hatte nicht einmal die Chance wie Haruka, nach einer festgelegten Zeit das Schiff wechseln zu
können. Verdammt, an das Schicksal der KAZE gebunden. Schrecklich.
Andererseits hatte sie es auch noch nicht ernsthaft versucht, sich versetzen zu lassen.
„Da haben Sie wohl Recht, Ma´am. In dem Punkt sind wir alle gleich. Bis auf den Skipper.“
Amber zog eine Augenbraue hoch. „Wie meinen Sie das, Ishihiro?“
Der Lieutenant schluckte schwer. Amber duldete keine Kritik an Schneider, außer sie sprach sie selbst aus. Zwar stellte sie seine Befehle sehr oft in Frage, führte sie aber ohne zu zögern aus. Zwischen den beiden gab es ein merkwürdiges Verhältnis aus Hass und Freundschaft.
„Nun, Commander Schneider freut sich auf jede einzelne Feindfahrt der KAZE“, stellte er fest und bemühte sich, nebensächlich zu klingen. „Und er ärgert sich immer, wenn wir zur PERSEUS zurück kommen. Er liebt diesen alten Kahn wirklich.“
Amber Soleil lächelte. „Ja, der Skipper mag den alten Seelenverkäufer. Ich gebe zu, ich auch.
Immerhin hat er uns bisher sicher durch jede Mission gebracht.“
„Das stimmt“, musste Haruka zugeben. Schaudernd erinnerte er sich an die Begegnung mit der
KONARR, einem Akarii-Zerstörer.
Das Feindschiff in einem Asteroidenfeld zu stellen und mit den ersten zwei Salven zu vernichten war
ein unglaublich geschicktes Manöver gewesen. Schneider hatte die geringere Größe der KAZE
geschickt genutzt und die KONARR regelrecht gedreht, bis sie eine Position eingenommen hatte, die
es der KAZE gestattet hatte, zwei volle Salven ohne Gegenfeuer auszuteilen.
Man hätte den Skipper also durchaus brillant nennen können – wäre er nicht gleich nach dem
Abschuss schlafen gegangen.
„Ein Verrückter“, brummte Lieutenant Johansson leise von seinem Platz. Der rothaarige Hüne
blinzelte unter den halb geschlossenen Lidern hervor. „Er ist und bleibt ein Verrückter.
Wenn ich nur an die KONARR denke… Wir hatten von unseren zwanzig Salven für die
Antischiffsraketen nur noch drei. Und zwei hat der Captain in den Zerstörer gejagt.
Hätten die Raketen nicht mit viel Glück das Triebwerk kastriert und die Reaktoren hochgejagt, wir
wären ebenso tot gewesen wie die Akarii von der KONARR.
„Na, dann muss die letzte Mission für Sie ja die reinste Freude gewesen sein“, stichelte Commander
Soleil. „Die Überwachung der Nordwest-Passage auf feindliche Frachteraktivität war dagegen ja Erholung.“
Johansson öffnete die Augen vollends. „Erinnern Sie mich nicht daran, Commander.
Gefangen in dieser Blechbüchse, auf Schleichfahrt an der meistbefahrensten Route der Akarii nach
Mantikor, umgeben von Dutzenden Kriegsschiffen, das zehrt an den Nerven. Ein falsches Manöver,
ein unbedachtes Signal, ein schlauer Captain, der eine unserer Sonden zurückverfolgt, und wir hätten
ein Dutzend Fregatten und genauso viele Zerstörer am Hals gehabt.
Aber das Schlimmste ist, das ich meine Marines nicht einsetzen konnte. Es gibt nichts Grausameres, als einen Marine in einer Blechbüchse einzusperren und nicht kämpfen zu lassen. Normalerweise hätten wir wenigstens ein Kurierschiff oder einen Frachter entern können.“
„Wie Sie schon sagten, ein falsches Signal, ein falsches Manöver…“, murmelte Ishihiro bedeutungsschwer.
„Ja. Ich weiß. Deswegen ist es dennoch schwer. Schwer, inaktiv zu bleiben, während der Feind um einen herum lauert. Während Truppentransporter und Großraumfrachter direkt vor der Nase herumdümpeln, einige zum Teil schwer angeschlagen. Manchmal denke ich, das wäre es wert gewesen.“
Soleil schüttelte sich. „Nanu, Lieutenant, sehe ich da suizide Tendenzen bei Ihnen? Sie wären bereit
gewesen, die KAZE und die Mannschaft zu opfern, nur um sich den Truppentransporter zu holen?“
Carl Johansson grinste schief. „Entern hätte wohl nicht funktioniert, oder?“
Ishihiro unterdrückte ein Lächeln. Nein, mit vierzig Marines einen Truppentransporter mit
zehntausend Akarii an Bord zu entern wäre nicht sehr erfolgreich verlaufen. Einmal ganz davon
abgesehen, dass der Geleitschutz extrem stark war.
„Wir hatten unseren Auftrag, nicht?“, brummte Haruka Ishihiro stattdessen. „Und dieser Auftrag sah nun einmal vor, zu überleben und unsere gewonnenen Daten zurück nach PERSEUS zu bringen.“
„Hoffentlich wird unser nächster Auftrag etwas ansprechender. Mir geht das Getue auf PERSEUS jetzt schon auf die Nerven.“ Johansson verzog die Miene zu einem blasierten Lächeln und verstellte seine Stimme zu einem nasalen Klang. „Wie, wieder keinen Feindkontakt und keinen Abschuss? Seht, da kommt die CREW der KAZE, die fliegenden Feiglinge. Die sind nur stark gegen Frachter.“ Amber Soleil räusperte sich. Sofort verstummte Johansson. Wenn er auch sonst sehr eigenwillig war, aus irgendeinem Grund respektierte er den XO.
„Das werden wir überleben, nicht wahr, Lieutenant Johansson? Sie werden ein paar Witze über uns
reißen und wir werden das Lokal wechseln, so wie immer.
Sie werden unseren Captain in den Schmutz ziehen und wir werden uns ärgern, so wie immer. Aber wir werden bald schon wieder rausgehen und unsere Pflicht tun. Wir haben nun einmal nur die KAZE und keinen Flottenverband.
Unsere Arbeit ist mindestens ebenso wichtig wie die jedes anderen Schiffs der Flotte. Und unsere
Aufklärungsdaten werden vielleicht nicht kriegsentscheidend sein.
Aber sie können Leben retten. Vielleicht gerade die Leben der Soldaten, die gerne über die KAZE und
Captain Schneider spotten.“
Ishihiro richtete sich stolz auf. „So ist es. Lassen wir sie doch spotten. Wir wissen, was wir wert sind.
Wir sind eine Mannschaft. Wir sind die Crew der KAZE. Und wir tun unsere Pflicht.“
„So ka“, brummte Johansson bestätigend.
„Was uns eigentlich zu einer letzen Frage bringt“, sagte Commander Soleil leise.
„Ja?“
„Die Daten, die wir gesammelt haben. Wer hat diesen Nachschubkonvoi nur so entsetzlich zusammengeschlagen?“

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:26
Als Commander Cunningham das Büro Mithels betrat, wußte er nicht ganz, was ihn erwartete. Clarke hatte seiner Versetzung zugestimmt – jetzt brauchte er nur noch die Startfreigabe von Mithel. Das Verhältnis zwischen Lone Wolf und dem Kapitän der Redemption war nicht völlig frei von Verstimmungen gewesen – Clarke nahm ihm vermutlich die Befehlsverweigerung zu Beginn der Schlacht übel. So war der Abschied nicht unbedingt herzlich ausgefallen, vielleicht war Clarke auch ganz froh, ihn los zu seien. Es war nicht das erste Mal gewesen, daß sie aneinander gerieten. Nun, das war ihm im Augenblick ziemlich egal. Mit seiner Karriere stand es sowieso nicht zum Besten, seit diesem Ehrengericht. Soviel schlimmer konnte es in der Hinsicht auch nicht mehr kommen – selbst wenn Clarke versuchen sollte, ihm die Befehlsverweigerung anzuhängen.
Er erwartete nicht, daß Mithel ihm Steine in den Weg legen würde. Der Captain galt als Mann, der wenig Sinn dafür hatte, wenn Leute längere Zeit vom Dienst freigestellt wurden wegen Gesundheitsproblemen, die eher psychischer Natur waren. Es gab immer noch Offiziere, die so etwas für Schwäche bei einem Soldaten hielten, oder es zumindest weitaus kritischer sahen, als „richtige“ Verletzungen. So gesehen stellte sich lediglich die Frage, ob Mithel nicht ein wenig verstimmt war, daß er, Cunningham, immer noch als dienstuntauglich galt. Andererseits war dies ja nicht sein „Verdienst“.
Der Blick, mit dem Captain Mithel ihn begrüßte, war undeutbar. Vielleicht abwägend, prüfend. Der
Kommandeur der Relentless, soviel hatte Cunningham mitbekommen, galt als jemand, der es mit dem
Protokoll genau nahm. Deshalb salutierte er vorschriftsmäßig, was in gleicher Weise erwidert wurde:
„Setzen Sie sich, Commander!“.
Das Zimmer war ziemlich nüchtern eingerichtet – zweckmäßig. An der Wand hingen einige Bilder von Raumschiffen verschiedener Klassen, aber ansonsten nichts, was auf persönliche Erinnerungsstücke hindeuten würde. Viele andere Offiziere hatten in ihren Büros auf dem Tisch ein Familienfoto stehen oder dergleichen – hier fehlte dies. Noch bevor Cunningham das Wort ergreifen konnte, kam Mithel ihm zuvor: „Es geht um Ihre Versetzung zur Gallileo, nehme ich an. Captain Clarke war so freundlich, mich zu informieren.“ Der Blick war recht kühl, ebenso die Stimme - allerdings auch nicht unfreundlich oder feindselig: „Fühlen Sie sich dazu gesundheitlich in der Lage? Ihre Meinung – nicht die der Ärzte.“ Der Commander nickte: „Voll und ganz, Sir.“ Der ältere Offizier seufzte: „Es tut mir leid, daß Sie noch nicht als wieder flugtauglich eingeschätzt werden. Aber da kann man eben nichts machen. Nun, ich denke, Captain Ward wird Ihnen schon einen Posten zuweisen –
das Kommando über Ihr Geschwader können Sie wohl wieder übernehmen, hoffe ich. Aber wir werden sehen…“
In den Worten schwang unausgesprochen mit „Das, was von Ihrem Geschwader übrig geblieben ist…“ Keineswegs als Vorwurf, eher als resignierte Feststellung. Aber das machte es auch nicht leichter. Mithel schien jetzt schnell zur Sache zu kommen und fuhr fort: „Das Shuttle startet in drei Stunden. Bei der Gelegenheit wird natürlich auch Post übergeben, und zwei verletzte Piloten, die wieder diensttauglich sind, werden Sie begleiten.“ Der Funkverkehr zwischen den Schiffen wurde aus begreiflichen Gründen auf ein Minimum beschränkt, und Richtfunk wurde nicht für solche „Trivialitäten“ verwendet. „Ich hoffe, Sie behalten dieses Schiff – ungeachtet der tragischen Umstände Ihres Aufenthaltes – in nicht zu schlechter Erinnerung. Viel Glück.“
Mithel erhob sich, und auch Cunningham stand auf. Beide schüttelten sich die Hände. Der Commander wollte eben gehen, als eine knappe Bewegung des Captains ihn zögern ließ. Der andere musterte ihn prüfend – seine Stimme war jetzt eher halblaut, fast vertraulich: „Etwas will ich Ihnen noch auf den Weg geben – von Offizier zu Offizier.“
Commander Cunningham wußte nicht recht, was das jetzt bedeuten sollte. Hatte die Ärztin etwas über sein „Interesse“ an Commander Auson erzählt? Beziehungen zwischen Angehörigen der Streitkräfte waren wegen des etwas bigotten Ehrenkodex der Flotte nicht gerne gesehen. Aber darum ging es Mithel offenbar nicht…

„Ich erinnere mich noch gut an die unglücklichen Umstände unseres ersten Zusammentreffens. Sie
erschienen mir damals als ein Offizier, dem die Ehre der Flotte wie auch seine Untergebenen etwas
bedeuten.“ Ob da vielleicht verdeckter Spott mitschwang, daß konnte der Jagdflieger nicht erkennen.
Der Flottenoffizier schien es ernst zu meinen – oder zumindest so zu tun.
„Nun, Sie werden jetzt an Bord der Gallileo gehen. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, wie die Rolle des Schiffes bei der letzten Schlacht war." Mithels Gesicht war ausdruckslos - eindeutig ZU neutral, um nicht Mißbilligung anzudeuten. ,,Ein Kommandeur wie Captain Ward muß manchmal Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die nicht die Zustimmung aller finden, selbst wenn sie richtig sind. Es ist Aufgabe des Kapitäns, sich durchzusetzen und trotz solcher Verstimmungen sein Schiff richtig zu führen.“

Mithel ließ sich zwar nicht direkt anmerken, was er von den „Entscheidungen“ hielt. Aber sein Tonfall implizierte doch Zweifel an der Richtigkeit. „Nun, ich wollte nur sagen – es ist gut möglich, daß Captain Ward Probleme hat. Probleme mit seiner Mannschaft. Schwierigkeiten, die ein Mann, der Kapitän unserer Marine ist, meistern muß. Ebenso, wie er sich im Kampf nun einmal richtig zu entscheiden hat oder die Folgen trägt. Ansonsten wäre er ja für seinen Posten ungeeignet. Ich bin sicher, Ward ist dazu in der Lage – aber man kann ja nie wissen… Nun, denken Sie darüber nach.“ Abrupt straffte sich der Captain und salutierte: „Commander – auf Wiedersehen!“ Verdutzt erwiderte Lone Wolf den Gruß. Was sollten diese Worte bezwecken? Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Quartier, um zu packen – viel zum Mitnehmen gab es sowieso nicht…
Mithel lächelte leicht. Je mehr Leute Ward beobachteten, mißtrauisch, ob er einen Fehler machte – desto besser. Sollte sich herausstellen, daß der Captain der Gallileo unfähig war, mit den Konsequenzen seines Handelns fertig zu werden, dann würde das alleine einen Fleck in seiner Personalakte hinterlassen. Niemand schätze einen Kapitän, der mit seiner Mannschaft auf Kriegsfuß stand – aus eigenem Verschulden…

Zwei Stunden darauf
Das Shuttle setzte auf dem Boden des Hangars auf. Als Commander Cunningham das kleine Schiff verließ, spürte er erneut den Schmerz der Niederlage. Die Stellplätze für Jäger waren überfüllt – aber er wußte, daß hier nur ein Teil, vielleicht die Hälfte, der Maschinen der Redemption Aufnahme gefunden hatten. Die anderen waren verloren – und nur zu oft die Piloten mit ihnen. Die Redemption war zerstört, viele Besatzungsmitglieder gefallen. Dies hier war nicht „sein“ Schiff, die Heimat, zu der man aus dem Gefecht zurückkehrte. Das war eine Zuflucht, die nur daran erinnerte, was man verloren hatte.
„Commander.“ Die Sprecherin hob kaum die Stimme. Er drehte sich um. Hinter ihm stand Lieutenant Commander Parker. Die Offizierin musterte ihn gelassen, während sie korrekt – aber ohne besondere Herzlichkeit – salutierte. „Willkommen zurück beim Geschwader.“ sagte sie – mehr nicht. Aber ihm war, als hätte sie hinzugefügt: „Zu dem Sie sich erst JETZT gesellen.“ Er wollte schon etwas sagen, aber dann ließ er es. Was auch? Diese Rangspielchen und persönlichen Animositäten kamen ihm so belanglos vor. Stattdessen fragte er nur: „Können Sie mich zu Commander McQueen bringen?“ Einen Augenblick zögerte die Offizierin – weniger, weil sein Wunsch sie überraschte, vielleicht hatte sie einen Ausbruch erwartet. Aber Mitleid war in ihrer Miene jedenfalls nicht zu finden: „Selbstverständlich. Wenn Sie mir bitte folgen würden…“ Cunningham schloß sich ihr an, während seine Stimmung auf ein Rekordtief sank. War es nicht schön, wieder zu Hause zu sein?

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:27
Lucas verbarg sein Gesicht in den Händen.
Drei Stunden hatte er sich mit Darkness besprochen und kannte jetzt die genaue Schlächterrechnung.
Wo ist der Sinn von alldem geblieben?
Er blickte sich in dem Quartier um, dass noch vor zwei Tagen von jemand anderem bewohnt worden war.
Auf dem Schreibtisch stand noch ein Bild von Commander Turner, zusammen mit einer brünetten
Frau, die ein Baby auf dem Arm hatte.
Er trat vor den Spiegel und blickte sich lange an.
Früher hatte er ganz klare Ziele gehabt. Karriere war sein Ziel, hoch hinaus.
Geschwaderkommando, einen eigenen Träger und dann in den Flottenstab, irgendwann der Admiralsrang.
Ein legendärer Pilotenruf wäre auch nicht zu verachten gewesen.
Doch spielte das alles noch eine Rolle?
Das zackige Auftreten, der paradewürdige Salut, das Arschbacken zusammenkneifen? Er wollte
Melissa Auson wieder haben. Das war alles was für ihn zählte.
Sein Magen rumoret Ich hab die Tabletten vergessen ...
Er rannte zur Toilette seines Quartiers und riss den Spiegelschrank auf. Gierig griff er nach den
Tabletten, doch es war zu spät.
Ein heldenhafter Hechtsprung beförderte ihn zum Toilettenbecken.
Hustend würgte er das halbverdaute Sandwich wieder aus, was er zum Mittag gegessen hatte.
"Ich hab die Schnauze voll ..." Lucas fing an zu weinen.
Nach einer Weile, er wusste nicht wie lange erhob er sich und blickte in den Spiegel.
Eingefallene Augen, ausgemergeltes und blasses Gesicht.
Was zählt noch, wenn ich morgen tot bin? Wenn ich morgen wieder Leute in den Tod befehlige?
All dieser Mist: Ehre, Pflicht und Verantwortung. Wo ist das Ehre, wenn junge Menschen sterben?
Kann es meine Pflicht sein sie in den Tod zu schicken?
Er bespritzte sich das Gesicht mit Wasser. All das zählte nicht.

Immer noch in Alarmbereitschaft bahnte sich der zusammengewürfelte Kampfverband seinen Weg
durch den Weltraum.
René Chantier hatte auf Anweisung ihres 1. Offiziers und des Bordarztes drei Tage nach der
Zerstörung der Redemption die Brücke verlassen. Nach zwei Tagen Schlaf hatte sie dann ihren regulären Dienst wieder aufgenommen. Sie blickte in Ihr Logbuch:
8. August 2636: Auf Befehl von Commodore Jefferson B. Clarke, Captain TRS Redemption, dem
Flottenträger Redemption den Fangschuss verpasst.
Sie schüttelte traurig den Kopf.
8. August 2636: Flottenträger zerstört, 59.000 BRT. Dachte sie zynisch. Ja, das wird sich wirklich gut
in der Geschichte dieses Schiffes machen.
"Wie konnte es nur so weit kommen?" Fragte sie in die leere.
Wie konnte es nur soweit kommen? Wie konnten uns die Akarii so zusammenschießen? Wo zur Hölle
waren die Galileo und ihre Begleitschiffe?
René kniff sich in den Nasenrücken.

Richard Schönberg saß am Bett eines jungen Piloten.
"Father, bitte, nehmen Sie mir die Beichte ab ..."
Schönberg nahm seine Hand: "Natürlich mein Sohn, dazu bin ich zu dir gekommen, die Ärztin sagte
mir Bescheid."
Der Pilot lächelte: "Wissen Sie, ich wollte meine Seele beruhigen, ich ... ich habe getötet wissen Sie..."
Schönberg lächelte: "Ja mein Junge, ich weiß, aber dass muss Sie nicht belasten, es ist Ihre Arbeit ..."
"Ja, Father, aber wird das dadurch besser ...?"
Schönberg lächelte mitfühlend: "Die Frage kann ich Ihnen leider auch nicht beantworten, dass weiß nur das allmächtige Universum, aber bitte denken Sie doch über etwas nach: Sie beschützen Ihre Heimat, Ihre Familien und Freunde. Sie kämpfen gegen einen Gegner, der auf unser Gebiet vorgedrungen ist und der uns sein System aufzwingen will. Kann das wirklich schlecht sein, können Sie dadurch ein böser Mensch sein?"
Der junge Pilot lächelte zu Schönberg hoch: "Danke Father, würden Sie mir Ihren Segen geben?"
Schönberg nickte und sprach seinen Segen.
Zwei Tage später starb der junge Pilot, nach dem vorletzten Sprung nach Perseus.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:27
Die Gallileo war bei der Perseus-Station „vor Anker gegangen“. Die Stimmung an Bord des Leichten Trägers war angespannt, trotz der Vergnügungen und Erholung, die auf der Station lockten. Dafür gab es mehrere Gründe. Captain Ward war „abkommandiert“ worden – ohne Angabe von Gründen. Da es Gerüchte gab, die Kapitäne der anderen Schiffe hätten praktisch kollektiv Beschwerde gegen Ward eingelegt, hatte diese Abkommandierung in den Augen vieler den Beigeschmack von Suspendierung.
Und das bedeutete mit fast absoluter Sicherheit Wards „Abschiebung“, eine Degradierung – oder vielleicht sogar das Kriegsgericht. So etwas geschah selbst in Kriegszeiten nur selten und in der langen Friedenszeit vor dem Akariikonflikt hatte man solche Fälle an den Fingern einer Hand abzählen können. Der Ruf des Schiffs hatte damit erheblichen Schaden genommen. Das machte viele Besatzungsmitglieder gereizt und unsicher. Heimlich wurde über „Schuld“ und „Unschuld“ des Captains gestritten, auch wenn Ward nur wenige Befürworter hatte, nicht mal an Bord seines Schiffes. Das mochte nicht unbedingt fair sein, aber er bot sich nun einmal als Sündenbock an.
Außerdem war da noch die Sache mit dem „Veteranenverein“. Die Idee war im Redemption-Geschwader aufgekommen. Und es war sehr schnell klar geworden, daß die Piloten der Angry Angels und die paar Überlebenden des Majestic die Besatzung der Gallileo keineswegs als Veteran der Schlacht bei Jollahran ansahen. Abgesehen von den Piloten. Das hatte einiges an bösem Blut gegeben.
Die meisten der Anngry Angels standen der Idee Shakas positiv gegenüber – es hatte allerdings ein paar bissige Bemerkungen gegeben, daß ausgerechnet ein „Frischling“ auf seiner ersten Feindfahrt „einen auf Veteran machte“. Und einige Piloten hatten die Idee als „beknacktes Elite-Gehampel“ bezeichnet. Aber sie waren in der Minderzahl, wohl auch, weil die Idee dem eigenen Selbstwertgefühl schmeichelte. Allerdings verzichteten die meisten Piloten auf eine derartige Selbstanalyse. Sie glaubten sich voll im Recht.
Da binnen 24 Stunden der Transport Richtung Erde beginnen sollte, waren viele Piloten der Angry Angels fest entschlossen, aus der Freizeit noch mal so viel wie möglich zu machen. Ihre Zukunft schien ungewiß.
Verlegung in eine Garnison? Das geschah gelegentlich mit „abgeflogenen“ Geschwadern.
Die Auflösung des Geschwaders, die Verteilung der Staffeln – oder gar einzeln Piloten – auf andere Geschwader?
Wie die Verlegung ins Hinterland hatte das den Ludergeruch des Versagens an sich. Außerdem hätte dies ein Auseinanderbrechen der bestehenden Bindungen bedeutet. Die einzelnen Staffeln mochten zwar miteinander konkurrieren, inzwischen aber WAREN die Angry Angels ein eingespieltes Geschwader. Ein Geschwader, das trotz hoher Verluste auch auf stolze Erfolge und beeindruckende Abschußzahlen verweisen konnte.
Die einzige „Alternative“, die nach den Traditionen und Bräuchen der Navy nicht als entehrend empfunden werden würde, wäre die geschlossene Verlegung auf ein neues Schiff. Und darauf konzentrierten sich die Hoffnungen der meisten Piloten. Momentan allerdings versuchten die meisten auf der „intergalaktischen Amüsiermeile“ der Perseus-Station den Krieg und die Zukunft zu vergessen.
Kano war an Bord geblieben. Er war zwar wieder aus dem Arrest entlassen worden, aber Parker hatte ihn reichlich mit Arbeit versorgt – aus „pädagogischen Gründen“, wie sie nicht ganz ernst bemerkt hatte. Daß sein Landgang gestrichen wurde, war ebenfalls noch eine Spätfolge seiner Prügelei. Parker hatte Kanos „Berühmtheit“ an Bord Rechnung getragen – die Prügelei und seine Äußerungen über
Ward hatten schnell die Runde gemacht. Parker wollte deshalb die Möglichkeit ausschließen, daß
irgendwelche „letzten Getreuen“ Wards ihre Frustration an dem jungen Piloten ausließen. Kano
mochte ja in der Lage sein, auf sich selbst aufzupassen – aber die Staffelkommandantin wollte keinen
neuen Ärger oder Disziplinarverfahren in ihrer Einheit.
Kano nahm es mit ziemlicher Gleichmut. Immerhin sollte es bald zur Erde gehen. Noch acht oder neun Tage und er würde seine Heimat und seine Familie wiedersehen. Da konnte er den Freigang auf die Perseus-Station entbehren. Außerdem war da noch Kali. Der Bruch zwischen ihnen war schon fast verschwunden und er hatte den Eindruck, daß es von Tag zu Tag besser wurde. In den letzten Wochen hatte er sie sehr vermißt. Auch wenn sie an Bord des selben Schiffs gewesen waren, war Kali ihm fast wie einem Fremden begegnet oder war ihm direkt aus dem Weg gegangen. Doch das war jetzt anscheinend vorbei. Sie hatte den Tod von Ace und Rusty noch nicht voll verarbeitet – aber ihren Frieden gefunden.
Kano sah auf die Uhr. Der eher häßliche Standart-Chronometer war eines der wenigen „persönlichen“
Besitztümer, die ihm geblieben waren. In zwei Stunden stand ein Patrouilleflug auf dem Plan. Seine
Flügelfrau war auf "Landurlaub". Da Virago inzwischen auch wieder dienstfähig war, mußten sie sich
die Maschine teilen. Auch wenn das die Maschine ziemlich belastete. Momentan allerdings bedeutete
das immerhin, daß Virago Freigang hatte. Das mochte für sie vielleicht ein kleiner Trost für den
Verlust ihrer Maschine sein – zumal sie Kanos Vorstellung von einer „Verbindung“ zwischen Pilot
und Jäger für „mystischen Jumbo-Mumbo“ hielt.

Momentan war Kano in den menschenleeren Trainingsräumen der Gallileo. Er kniete auf einer der
Übungsmatratzen. Seine Augen waren geschlossen, die Arme ruhten auf den Knien. Das Gesicht war
ausdruckslos und ruhig. Er schien regelrecht zu Stein erstarrt.
Abrupt sprang er auf, ließ seinen Körper in die eingeübte Kampfstellung fallen: die Beine in leichter
Schrittstellung, angespannt. Der Oberkörper vorgebeugt, die Hände zu Fäusten geballt. Ein paar
Augenblicke verharrte er noch in dieser Haltung. Dann begann er den Schattenkampf.
Mit vor Konzentration starrem Gesicht absolvierte er eine komplexes Schlag- und Trittkombination.
Bald war er in Schweiß gebadet, „kämpfte“ aber unbeirrt und verbissen weiter. Bei dem Gedanken an
die Sicherheitsoffiziere an den Überwachungsmonitoren (falls denn auch die Übungsräume überwacht
wurden) verlor er beinahe die Konzentration und grinste dünn. Ob sie die Übungen als Zeichen von
Aggressionsstau oder –abbau werteten – oder eine Übung für die nächste Prügelei?
Plötzlich flog hinter ihm eine Tür auf. Kano fuhr herum, die Fäuste immer noch zum Schlag erhoben,
einen Augenblick in der Erwartung, ein „Loyaler“ wolle ihm Achtung vor Captain Ward einbleuen.
Dann zuckte er zusammen und nahm Haltung an.
Der eintretende First Lieutenant schien durch die etwas ungewöhnliche Begrüßung nicht aus der
Fassung gekommen zu sein. Aber es gab auch wenig, was Blackhawk noch aus der Fassung bringen
konnte. Der Veteran grinste kurz, dann wurde er ernst: „Der Alte will dich sehen. Jetzt.“
Damit konnte nur Geschwaderchef Cunningham gemeint sein. Kano fühlte, wie die Anspannung seine
Kehle zuschnürte und räusperte sich, während er sein Gesicht ausdruckslos hielt. Was mochte
Cunningham jetzt – fast sieben Wochen nach dem Vorfall, der Kano in den „Bau“ gebracht hatte –
noch von ihm wollen? `Bestimmt nichts Gutes…’
Aber Befehl war Befehl, also salutierte er nur und folgte Blackhawk. ‚Hoffentlich nimmt er nicht zu
sehr Anstoß an der Kleidung.‘
Cunningham starrte auf den Bildschirm, auf dem Kanos Akte flimmerte. Er war nicht ganz zufrieden mit dem, was er jetzt tun würde. Er mochte es nicht, wenn einer seiner Piloten Mist baute. Das fiel todsicher auf ihn zurück. Aber er brachte es am Besten hinter sich. Er hatte sowieso noch genug anderes zu tun.

Es klopfte. Auf sein geknurrtes „Herein!“ ging die Tür auf, Kano trat ein – wie immer mit zackigen, vorschriftsmäßigen Bewegungen, allerdings nicht ganz vorschriftsmäßiger Kleidung – er trug geborgt aussehende, verschwitzte Trainingsklamotten. Kano salutierte und erstarrte in Hab-Acht-Stellung. Cunningham winkte unwirsch ab: „Stehen Sie bequem!“ Kano entspannte sich nur unwesentlich.
„Ich will es kurz machen. Sie haben hoffentlich inzwischen begriffen, was Sie für einen Fehler gemacht haben. Aber das reicht nicht. Sie haben sich im höchsten Maße unsoldatisch benommen. Und das toleriere ich nicht in meinem Geschwader. Sie haben es Ihren sonst so guten Leistungen zu verdanken, daß Sie noch einmal eine Chance bekommen. Aber glauben Sie nicht, Sie könnten sich so etwas noch einmal erlauben. Einen Eintrag in Ihre Akte bekommen Sie sowieso. Und außerdem – angesichts Ihrer bisherigen Leistungen sollten Sie nach dieser Feindfahrt zum First Lieutenant befördert werden…“ Überrascht bemerkte Cunningham, wie sich Kano bei diesen Worten aufrichtete und leicht rot wurde. Aber der junge Pilot wusste offenbar schon, was nun kam.
„…aber daraus wird nun erst mal nichts. Es reicht nun einmal nicht, Akariis abzuschießen. Verstehen Sie?“
„Ja, Sir! Es wird nicht noch einmal vorkommen, Sir!“
„Davon gehe ich aus!“ Zufrieden stellte Cunningham fest, das seine Worte ihr Ziel nicht verfehlt hatten. Kanos Wangen hatten sich gerötet und auch wenn er die Augen weiter starr geradeaus hielt, es war zu erkennen, daß er sich schämte. ‚Der Junge wird nicht noch einmal so einen Fehler machen, denke ich. Na ja – wird auch Zeit, das er erwachsen wird.’ „Das war dann alles. Sie können gehen!“
„Sir!“
Kano konzentrierte sich, gerade wegen seiner etwas unpassenden Kleidung, auf den makellosen Ablauf seines Kehrt-Um und Abgang. Außerdem bekam er so seinen Ärger unter Kontrolle. Ärger, vor allem auf sich selber. Aus dem Mund des Geschwaderkommandanten zu hören, daß die fast sichere Beförderung für’s erste gestrichen war, fuchste schon ziemlich. Auch wenn er immer noch der selben Meinung über Ward war wie vorher – seine Unbeherrschtheit kam ihm teuer zu stehen. Aber er würde das wieder Ausbügeln! Und der Commander würde ihm noch die Streifen anstecken! Abrupt stoppte er, denn vor ihm bog plötzlich Kali um die Ecke: „Kano! Na, hat dir der Alte den Kopf gewaschen?“
Kano fühlte, wie sein Ärger schlagartig nachließ: „Hallo Helen! Es hat gereicht. Er wollte wohl in der Sache noch mal seine Position klarmachen und nicht alles Lightning und Darkness überlassen. Woher wußtest du überhaupt..?“
„Blackhawk ist mir über den Weg gelaufen.“
Kano grinste halb: „Und deshalb bist du zurückgekommen, hast deinen Landgang abgebrochen?“
Kali lachte: „Bild dir mal nicht zu viel ein, Samurai. Wurde durchgegeben – die Transporter sind im Anflug. Der Landgang ist gestrichen, es geht nach Hause.“ Sie paßte ihren Schritt dem seinen an: „...und von Radio habe ich gehört, wir werden nicht in die Reserve abgeschoben oder aufgeteilt. Wir sollen in ein Elitegeschwader umgewandelt werden und erhalten einen erbeuteten Akarii-Träger."
"Er ist verrückt."
Kali schüttelte grinsend den Kopf: "Nein - er war betrunken! Aber egal - mir wäre jedes Schiff recht.
Hauptsache sie behalten das Geschwader zusammen und lassen uns nicht in der Etappe versauern!"
"Geht mir genauso, Helen."
Dann sagte ein paar Augenblicke keiner der beiden etwas. Sie beide hatten ihre Gründe, weshalb sie
keine Verlegung in die Etappe wollten - oder eine Zerstückelung des Geschwaders...
Dann wandte sich Kali wieder an Kano: „Ich nehme an, du weinst der Gallileo keine Träne nach?“
Der Pilot zuckte mit den Schultern und grinste trocken: „Meine Koffer sind gepackt. Wenn du Hilfe
brauchst..?“
„Danke. Ich will auch so schnell wie möglich von Bord. Hast du eigentlich Radios neueste Geschichte
über unseren Commodore gehört...“

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:28
Die Ankunft
Die Perseus-Station. Eine gigantische künstliche Welt, Reparaturwerft, Erholungszentrum, Festung, Planungszentrale in einem, einer der Stützpfeiler im militärischen System der Republik. Über sie wurden Schiffe an die Front geschickt, hier wurden sie wieder kampfbereit gemacht. Allerdings, die Gedanken von Lieutenant Commander Diane Parker gaben der Station momentan eine weit weniger schmeichelhafte Bezeichnung: ,Und hier strömt auch all der Abfall durch, hier kommen die Trümmer an, um wiederverwertet oder auf die Müllhalde geworfen zu werden‘ dachte die Pilotin. ,Hier landet das, was die Front ausspuckt. Restverwertung.‘ Angewidert verzog sie das Gesicht. Oh nein, diesmal kamen sie nicht als Sieger hierher zurück. Nicht einmal mit erhobenem Haupt. Diesmal kamen sie als Geschlagene. Gedemütigt, dezimiert, entmutigt. Und von der eigenen Führung bitter enttäuscht, soviel war sicher. Parker konnte es den Piloten und Besatzungsmitgliedern nicht verdenken. Was die Zukunft bringen würde, darüber wurde noch gemutmaßt. Es hieß, man würde die Überlebenden von der
Redemption zur Erde verlagern. Auf die Verwundeten wartete die Maria Theresia, so wurde gemunkelt, ein Lazarettschiff. Und sinnigerweise würde man die Unverletzten auf demselben Schiff transportieren. Was das auch immer bedeuten sollte... Aber was dann kam – wer wußte das schon?
,Na, vorbei ist die Sache für uns bestimmt nicht! Der Krug wird so lange zum Brunnen getragen, bis er bricht! Die sind mit uns noch lange nicht fertig.‘ Eigentlich war Parker weit weniger subversiv, als ihre Gedanken suggeriert hätten, hätte sie diese ausgesprochen. Sie tat ihre Pflicht, und das gut – und egal, wie schwer es ihr fiel. Allerdings war diesmal auch ihr eigener Geduldsvorrat erschöpft. Und die Ungewißheit bezüglich der weiteren Zukunft machte sie reizbar. Bei allen drei bisherigen Missionen der Redemption hatte die Fliegerdivision bluten müssen, und dies nicht zu knapp. Bei den letzten beiden Einsätzen war die Eskorte übel zusammengeschlagen worden, und die Verluste bei den Kampffliegern waren hoch gewesen. Sie konnte sich gut vorstellen, wie mehr und mehr Leute insgeheim dachten: ,Was machen die da oben bloß! Wieso schickt uns die Führung immer dahin, wo es am schlimmsten kommt?‘ Und wenn Soldaten erst mal das Vertrauen in das eigene Oberkommando verloren – nun, das verhieß nichts Gutes.
Jetzt hieß es jedenfalls Abschied nehmen von der Gallileo. Nicht, daß ihr dies sonderlich schwerfallen würde. Die Zusammenarbeit mit den Bordoffizieren und besonders mit dem Kapitän des Schiffes war ein ständiger Drahtseilakt gewesen. Mal ganz abgesehen davon, daß sie sich selber schon Mühe geben mußte, um Ward nicht ins Gesicht zu spucken – ihre ,Kinderchen‘ unter Kontrolle zu halten, war zu einer ziemlichen Dauerbelastung geworden. Die Spannung hatte sich einfach nicht mildern wollen. Auch, weil es in regelmäßigen Abständen Aktualisierungen der Sterbelisten gegeben hatte, die letzte erst vor wenigen Tagen. Immer, wenn ein neuer Name auf der Liste auftauchte, und bekannt wurde, daß auf der Relentless – wo die meisten Verwundeten untergebracht waren – wieder ein Begräbnis stattfand, war die Lage äußerst heikel gewesen. Möglicherweise hatte der Umstand, daß den ehemaligen Besatzungsmitgliedern der Redemption die Teilnahme verwehrt worden war – Personentransfer während eines Marsches im Feindesland war natürlich kaum möglich – das Problem sogar noch verschärft. Die Soldaten konnten nicht einmal Abschied von ihren gefallenen Kameraden nehmen und blieben mit ihrer Wut und ihrem Schmerz weitestgehend allein. Es war ihr und den anderen Offizieren gelungen, solche unangenehmen Zwischenfälle wie den mit Lieutenant Nakakura zu vermeiden – jedenfalls größtenteils. Ein halbes Dutzend Besatzungsmitglieder hatten Bekanntschaft mit den hiesigen Arrestzellen machen können, aber wenigstens war nichts WIRKLICH Fatales passiert.
Parker blickte sich ohne Wehmut in ihrem Quartier um – ihrem Behelfsquartier, das sie sich mit Bianca Moratti teilte. Als Lieutenant Commander war sie eigentlich Einzelunterbringung gewöhnt, aber da war nicht zu machen gewesen, die Gallileo war überbelegt. Aber das war ihr geringstes Problem gewesen – zum einen hatte sie im Rahmen der Staffelbetreuung Überstunden machen müssen, zum anderen stand sie nicht SO weit über ihren Leuten, daß eine solche Unterbringung ihr sonderlich zu schaffen machte. ,Nun, wenigstens habe ich wenig zu packen, das ist ja immer der größte Ärger bei Umzügen!‘ dachte Parker mit wütender Selbstironie. Fast ihr gesamter ,Kriegsbesitz‘ war auf der Redemption geblieben. Sie hatte nur ein paar – nicht unbedingt passgenaue – Uniformen, quasi keine persönlichen Gegenstände. Ein Grund mehr, warum sie in Gedanken einigen Leuten die
Pest an den Hals wünschte. Aber egal, daran ließ sich nichts ändern. Mit einem leisen Fluch schnappt sie sich ihren abgemagerten Seesack und machte sich auf den Weg.
An Bord des leichten Trägers herrschte reges Treiben. Alles bereitete sich auf die Liegezeit bei der Station vor. Dieser Umstand ließ die schwelende Wut in Parkers Herzen wieder auflodern. Die Gallileo würde nicht ins Dock müssen – DIE nicht! Ihre Jäger hatten einen hohen Preis gezahlt, aber das Schiff hatte sich einfach so davongestohlen. Die Offizierin knirschte mit den Zähnen – bloß nicht jetzt noch die Beherrschung verlieren...

Besatzungsmitglieder der Redemption bereiteten sich darauf vor, von Bord zu gehen, Gallileo- Matrosen warteten auf den Beginn ihres Landurlaubs. Vermutlich nicht immer mit gutem Gewissen. Man machte der Offizierin mit der verbiesterten Miene eilig Platz – sie sah nicht aus wie jemand, mit dem gut Kirschen essen war.
Lightning begleitete jeden Schritt mit einer gedanklichen Verwünschung und trat dabei weit wuchtiger
auf, als notwendig war. Sie hatte sonst kein so grimmiges Naturell, aber der Umstand, daß zwei ihrer
Piloten tot, eine immer noch dienstunfähig und der Rest schwer demoralisiert war, war in ihrem
Augen eine gute Entschuldigung. Allerdings galt keineswegs ihr ganzer Zorn Ward alleine, auch wenn
der einen Ehrenplatz innehatte.
Auch ihren eigenen Geschwaderkommandeur bedachte sie mit wenig freundlichen Worten. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie der sich ihr gegenüber aufgeführt hatte, als sie einmal gewagt hatte, ihm zu widersprechen: ,Damals konnte er MEINE Leute nicht schnell genug wieder hinausjagen! Und jetzt? Jetzt ist unser Bostonjunge nicht mehr als eine jammernde halbe Portion, die sich die Seele aus dem Leib kotzt! Tja, mein Bürschchen, das war wohl eine harte Landung! Ist vielleicht doch was anderes, wenn man nicht nur Befehle gibt!‘ Sicher, wenn sie gerecht war, mußte sie zugeben, daß es den Commander hart getroffen hatte. Er hatte einen seiner wenigen Freunde verloren, und seine Geliebte war offenbar schwer verwundet worden. Aber wenn sie an seine Überheblichkeit dachte, die er früher kultiviert hatte – nun, ihr Mitleid hielt sich in Grenzen. Ihre Schritte führten sie zu den Shuttlelandeplätzen. Da die Gallileo nicht eingedockt wurde, fand der Personenverkehr auf diese Art und Weise statt. Shuttles von der Station und von der Gallileo wechselten sich ab. Sie brauchte nicht lange, einen Platz zu finden.
Lightning blickte durch die Shuttleluke zurück. Hinter ihr trieb die Gallileo im All. Sie spürte ein bitteres Gefühl im Mund. Jetzt war sie endgültig heimatlos. Die Gallileo war nie die Redemption gewesen, gewiß. Aber besser als nichts war sie auf jeden Fall. Und sie hatte dort immer noch ihre Kameraden um sich gehabt, ihr gewohntes Umfeld. Jetzt hieß es vielleicht, bald ein neues Kommando auf einem neuen Schiff zu übernehmen. Ob sie es wollte oder nicht, sie hatte sich an die alte Rostlaube ebenso gewöhnt, wie an die Männer und Frauen unter ihrem Kommando. Sollte das alles jetzt vorbei sein? Sie unterdrückte eine Träne – das hätte ihr gerade noch gefehlt, jetzt sentimental zu werden! Egal wo man sie hinschicken würde, sie würde es schon schaffen!

Ina Richter schied, anders als ihre Staffelchefin, nicht im Zorn von der Gallileo. Sie hatte sich zu der Entscheidung durchgerungen – mühsam, aber immerhin – das zumindest die Besatzung ja nichts dafür konnte. Dennoch, während der quälend langsamen Rückfahrt war es auch ihr schwergefallen, nicht so streitsüchtig und gereizt zu werden wie viele andere. Und kaum jemanden, mit dem man reden konnte. Sie hatte sich größtenteils abgesondert. Mit ihren Kameraden war nicht viel anzufangen, und die Männer und Frauen an Bord der Gallileo hatten entweder ein schlechtes Gewissen gehabt, oder sie meinten, ihren Ruf vor den Redemption-Leuten verteidigen zu müssen. Einer Atmosphäre zwanglosen Beisammenseins war beides nicht förderlich. Ihr war auch jetzt erst klar geworden, wie sehr sie sich an die Kameradschaft mit Lilja gewöhnt hatte. Und dies fehlte ihr jetzt. Nun, wenigstens würde sie ihre Freundin jetzt wiedersehen, auf dem Transport zur Erde. Das war etwas, worauf sie sich freute. Allerdings plagten sie auch noch andere Sorgen. Sie fragte sich – nicht ohne Unruhe – ob man nicht ihren Jäger auf der Gallileo belassen würde, wenn man die Leute der Angry Angels auf die Erde zur Neuformierung schickte. Die Maschine hatte sie von Anfang an begleitet, und inzwischen hatten sie sich – wie man so sagte – aneinander gewöhnt. Sie wußte, daß dies Aberglauben war, aber ein bißchen war ihr Jäger in ihren Vorstellungen fast so etwas wie ein lebendes Wesen. Eines, das sie nie im Stich gelassen hatte, so lange sie selber die Nerven behalten hatte. Sich jetzt an eine neue Maschine zu gewöhnen, und ihre alte einem Fremden zu überlassen – dieser Gedanke behagte ihr gar nicht.
Die Angry Angels nahmen Abschied von der Gallileo. Für manche fiel der Abschied deshalb so schwer, weil jetzt das letzte Bindeglied mit ihrem alten Schiff abgeschnitten wurde. Erst jetzt, da die Feindfahrt endete, man den Hafen erreichte und in eine ungewisse Zukunft blickte, war die Redemption endgültig tot. Und nicht wenige fürchteten, daß für die Angry Angels das selbe gelten würde.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:28
Verglichen mit dem Deck eines Trägers war der Shuttlehangar der Relentless beinahe klein zu nennen
– dabei handelte es auch hier um eine geradezu imposante Halle. Wenn hier Hochbetrieb herrschte,
fand ein gutes Dutzend Shuttles hier ausreichend Platz für Start und Landung. Viele Festsäle waren
gewiß kleiner. Und deshalb bot der Hangar eine geeignete Kulisse für die feierliche Verabschiedung
der Verletzten und Evakuierten der Redemption.
Die bereits wieder dienstfähigen Männer und Frauen waren angetreten. In vorderster Reihe standen die Offiziere, unter ihnen Commodore Clark. Ihnen gegenüber waren die Marines und Abordnungen von allen Stationen des Kreuzers in Galauniformen angetreten. Die Flaggen der Republik und der Streitkräfte zierten die Wände, verwandelten den Hangar gleichsam in einen Paradeplatz. Auch wenn man sich mit gutem Grund als geschlagen betrachten mußte – Mithel war entschlossen, zumindest nach Außen ein gutes Bild von der Navy zu zeigen. Ein Bild voller Kampfbereitschaft und Trotz, das weder an Niederlage noch an Kapitulation denken ließ. Wenn man nach Außen Haltung bewahrte, gab einem das vielleicht auch innerlich Halt. Oder verhinderte zumindest, daß die Niederlage noch mehr Leute demoralisierte. Er mußte nicht nur den Leuten von der Redemption, sondern mindestens ebenso auch seinen eigenen Untergebenen ein Schauspiel bieten, das mehr war als der Anblick eines geschlagenen Haufens. Und insgeheim hoffte er wohl auch, die Soldaten würden daran auch selber etwas Halt finden.

Er hatte darauf verzichtet, eine große Rede zu halten. Der Captain wußte nur zu gut, wie viele sich fühlten, und außerdem waren etliche immer noch nicht ganz wiederhergestellt. Den schwerer Verwundeten hatte man die Zeremonie wohlweislich erspart. Also hatte er sich nur darauf beschränkt, noch einmal den Abwehrerfolg der Redemption zu würdigen, die Heldentaten der Schadenssicherungstrupps und Kampfflieger. Er hoffe, so sagte Mithel, die Männer und Frauen der Redemption bald wieder an seiner Seite zu wissen, auf einem neuen Schiff – um Vergeltung an den Akarii zu üben. Vergeltung, für die sie alle sich einsetzen würden. Doch es war schwer, mit einigen Worten die Wunden vergessen zu machen, die diese Schlacht geschlagen hatte. Schwer, oder gar ganz unmöglich.
Auf sein Zeichen hin nahmen die Matrosen der Relentless Haltung an, aus den Bordlautsprechern ertönte die Nationalhymne. Eskortiert vom Pflegepersonal, wurden die ersten Verwundeten zu den Shuttles gebracht, durch ein Spalier salutierender Soldaten. Es war kein triumphaler Marsch, soviel war sicher. Viele der Verletzten mußten gestützt werden. Aber einige mochten doch Mut fassen und erwiderten den Gruß. Es war wohl auch das Zeichen, daß sich zumindest Mithel und seine Untergebenen zu den Männern und Frauen der Redemption bekannten, daß sie nicht versuchten, diese Zeugen der Niederlage und des eigenen Versagens zu verdrängen. Man ehrte die Schiffbrüchigen wie die Besatzungsmitglieder eines siegreichen Schiffes, das aus der Schlacht heimkehrte. Mithel stand am Ende der Formation. Und er ließ es sich nicht nehmen, vor jedem der Besatzung zu salutieren und ihn mit Handschlag zu verabschieden. Das alles mochte ein schwacher Trost sein, aber er war besser als gar nichts.
Lilja marschierte ziemlich weit vorne. Sie war inzwischen zumindest weitestgehend wiederhergestellt – auch wenn sie noch nicht als völlig dienstfähig galt. Die Russin ging hoch aufgerichtet, fast unnatürlich gerade. Sie ignorierte die Schmerzen in ihrer Brust, biß die Zähne zusammen. DIESEN Weg wollte sie ohne die verdammten Krücken gehen! Und sie würde nicht gerade jetzt zusammenbrechen! Sie blickte starr geradeaus. Als sie das Ende der angetretenen Matrosen und Soldaten erreichte, drehte sie sich zackig herum und salutierte. Sie spürte den festen Händedruck des Captains und erwiderte ihn: „Viel Glück, First Lieutenant!“
„Danke, Sir!“
Dann marschierte sie die letzten Schritte bis zur Rampe des Shuttles und stieg ein. Es waren viele Shuttles – einige mit der Kennung der Maria Theresia, andere die Bordshuttle der Relentless. Viele Shuttles, viele Verwundete. Nicht wenige ihrer Bordkameraden aber ruhten fern von hier in der Einsamkeit des Alls. Drinnen sackte die junge Pilotin auf einen Sitz, die starre Haltung fiel von ihr ab, als sie vorsichtig ein und aus atmete, um die Schmerzen zu lindern. Auf ihrer bleichen Stirn standen Schweißperlen – und sie verfluchte sich für diesen Beweis, daß sie bei weiten noch nicht wieder ganz gesund war.
Die ersten Maschinen hoben ab, und immer noch kamen Verwundete. Verbrannte, Menschen, deren Körper von Splittern zerfleischt worden waren, Gefechtsverletzte – die Liste war lang, schier endlos. Hinter ihnen reihten sich die unverletzten Besatzungsmitglieder der Redemption ein. Viele von ihnen boten ein nur unwesentlich besseres Bild als die Verwundeten. Körperlich unversehrt, doch in den Augen wenig Hoffnung, die Gesichter eingefallen, von Müdigkeit gekennzeichnet. Sie hatten alle mit der Erinnerung an die mörderische Schlacht zu kämpfen gehabt, und ob es ihnen jemals glücken würde, sich von diesem Alpdruck ganz zu befreien, das stand in den Sternen. Commodore Clark kam als letzter. Er ließ sich nichts anmerken von dem, was ihn bewegte. Die goldbetresste Uniform saß makellos, sein Gesicht zeigte weder Zweifel noch Bitterkeit. Beide Kommandeure gaben sich die Hand. Mithel zögerte nur einen Augenblick – aber er wußte, er war es dem anderen schuldig. Seine Stimme klang ruhiger als er sich fühlen mochte: „Leben Sie wohl, Commodore. Ich – möchte Sie um
Verzeihung bitten, daß wir Ihnen und Ihrem Schiff nicht früher zu Hilfe gekommen sind. Daß wir Sie in der Schlacht im Stich gelassen haben.“ Clark musterte seinen Kollegen. Er wußte, wie schwer diese Worte Mithel gefallen seien mußten. Eine Schuld einzugestehen – das fiel niemals leicht. Und eine derartig schwere, das war doppelt schwer. Auch wenn Mithel leise gesprochen hatte – mehr als einer seiner Untergebenen mußte ihn gehört haben. Einen Captain, der einen solchen Fehler eingestand. Einen Fehler, der gewiß nicht nur seine Schuld war.
Doch Clark schüttelte nur leicht den Kopf. Er hatte lange mit sich gehadert – und auch mit Mithel und den anderen Kommandeuren. Er wollte, er durfte jetzt nicht rachsüchtig erscheinen. Mochte er innerlich auch Mithel nicht völlig von Schuld freisprechen – hier ging es um mehr. Darum, welches Bild man den Untergebenen und sich selber bot: „Sie trifft keine Schuld Captain.“ Er betonte das erste Wort kaum merklich – und sah, daß Mithel ihn verstand. Ob Clark wirklich davon überzeugt war, spielte keine Rolle. Die Navy konnte sich eine Selbstzerfleischung nicht leisten. Die, oder besser der Schuldige würde ausgestoßen werden, und dann würde man von den Kapitänen und Soldaten erwarten, daß sie wieder problemlos zusammenarbeiten. Bis sie sich insgeheim keinen Vorwurf mehr machten, mochte noch einige, mochte viel Zeit vergehen.
Aber der Captain der Relentless schien wirklich aufrichtig erleichtert über die Worte Clarks. Ob dieser nun wirklich gesagt hatte, was er meinte oder nicht – Mithel würde sich selber auch weiterhin Vorwürfe machen. Aber etwas besser fühlte er sich dennoch. Er behielt Habachtstellung bei, bis Commodore Clark – ungebeugt, wie eine Propagandagestalt für einen Navy-Streifen – die Shuttlerampe erklommen hatte. Oben drehte sich der ehemalige Kapitän der Redemption um. Er grüßte die Soldaten und Offiziere der Relentless, er grüßte die Flaggen. Vor allem aber grüßte er seine gefallenen Untergebenen. Ein letzter Salut. Dann drehte er sich um, und hinter ihm wurde die Rampe eingezogen. Mit heulenden Triebwerken hob das Shuttle ab, während die angetretenen Soldaten die Habacht-Stellung beibehielten. Die Männer und Frauen in den Beibooten hörten es nicht, aber im Hangar erklangen immer noch Navymärsche. Erst, als das Shuttle den Hangar verlassen hatte und der letzte Ton aus dem Lautsprecher verklungen war, senkte Mithel die Hand, die am Mützenschirm gelegen hatte: „DAAAS GANZEEE – WEGGETRETEN!“

Die Maria Theresia nahm die Geschlagenen und Versehrten auf – einen schier endlosen Strom. Von der Agamemnon und der Jerome Custer kamen weitere verletzte und traumatisierte Besatzungsmitglieder. Doch so viele es auch waren – dies konnte nicht darüber hinweg täuschen, wie gering die Zahl im Vergleich zu denen war, die nicht zurückgekehrt waren. Allein im Verband der Redemption waren ein Kreuzer und zwei Zerstörer mit der gesamten Besatzung vernichtet worden oder verloren gegangen. Und auf den anderen vernichteten Schiffe hatte es ebenfalls Verluste gegeben. Lilja ließ sich willenlos eine Zimmernummer zuweisen. Bei dem Durcheinander und den ständig ankommenden Shuttles – oft mit Schwerverwundeten an Bord – konnte sich niemand um eine eigentlich halb gesunde Pilotin kümmern. Ihre Brust schmerzte, und sie fühlte vor allem eine bittere Müdigkeit. Was weiter geschah, lag fürs Erste nicht mehr in ihrer Macht. Sie würde abwarten müssen, was die Zukunft brachte. Teilnahmslos betrachtete sie das mehr oder minder organisierte Chaos an Bord, während immer mehr Verletzte eingeliefert wurden. Einige der schwerer Verwundeten waren nicht ganz bei Bewußtsein, immer noch künstlich ins Koma versetzt, in der Hoffnung, sie würden so besser heilen. Bekannte und unbekannte Gesichter, so viele. Einzelschicksale, jedes für sich eine Tragödie – doch die Russin fühlte die Trauer nur gedämpft, als würde nicht sie, sondern jemand anders dies alles beobachten, als würde sie sich selber von außen betrachten. Als wären die Gefühle nicht ihre eigenen. Sie sah, wie Commander Auson an ihr vorbei getragen wurde. Die frühere XO war abgemagert, die Wangen eingefallen, das Haar wirkte stumpf. Sie hatte die Augen geschlossen – ob sie schlief oder bewußtlos war, konnte Lilja nicht erkennen. Ihr Atem ging flach, und ihr Gesicht war wachsbleich. Aber auch das berührte Lilja nicht sonderlich, sie fühlte einfach gar nichts mehr.
Schließlich fiel jemanden die apathisch dastehende junge Frau auf. Lilja gab erst auf die dritte Frage Antwort, und folgte dann wie ein Automat dem Krankenpfleger, der sie zu ihrem Zimmer brachte. Dort rollte sie sich auf dem Bett zusammen, ohne sich vorher auszuziehen. Sie wollte einfach nur schlafen und vergessen – vergessen, und ihren Kampfgeist wiederfinden. Doch bis sie die Niederlage würde vergessen können, würde wohl noch viel Zeit vergehen. Die Schmach, die Hilflosigkeit und der Schmerz wartete in ihren Träumen auf sie – und davor konnte sie nicht davonlaufen.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:29
Zur gleichen Zeit, Terra, Mitteleuropa, Deutschland

Lieutenant Commander Wolfgang Graf Berg von Hauenstein sass auf der Terrasse des Landsitzes seiner Familie. Noch immer schmerzte der linke Arm, den man mit einer Gentherapie hatte neu heranzüchten müssen. Die täglichen Übungen, die den Arm kräftigen sollten, forderten ihren Tribut, gleichzeitig war auch der eigentliche Heilungsprozess noch nicht vollkommen abgeschlossen. Doch schlimmer waren die mentalen Wunden. Viele Freunde waren damals gestorben, Kameraden, mit denen er zusammen gekämpft, aber auch gefeiert hatte. Nun waren sie nicht mehr. Stattdessen hatte er als Einziger schwerverwundet überlebt. Der Verwundete Löwe in Silber war für ihn ein Hohn gewesen.
Das Wetter war wunderschön und die Bäume im Garten des Landsitzes strahlten Kraft und Stärke aus. Von Hauenstein stand langsam auf und ging die drei Stufen hinunter, bis er auf der Wiese stand. Dann schüttelte er den Kopf traurig und ging zurück ins Haus. Seine Mutter Theresia Berg von Hauenstein beobachtete ihn sorgenvoll. Aus dem einst so blühenden jungen Mann voller Enthusiasmus war nun ein verbitterter Veteran geworden, der mit sich selbst nicht im Reinen war. Die aufrechte Haltung war einem gebückten, schlurfenden Gang gewichen. Früher hatte er die Gesellschaft gesucht, heute zog er sich zurück in sein Arbeitszimmer und brütete vor sich hin. Wenigstens war der Alkoholkonsum nicht merkbar gestiegen.
Der Count ahnte nicht um die Besorgnis seiner Familie. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftig, als er die Stufen zu seinen Räumen hinaufstieg. Die alten Eichenstufen knarrten leise und der Geruch vom Bohnerwachs stieg ihm in die Nase. Ohne weiter nachzudenken ging er in seinen Arbeitsraum und aktivierte den Computer, der auf einem alten großen Schreibtisch aus Mahagoni stand. Nach wenigen Momenten war das System bereit. Dann blinkte ein Icon auf dem Bildschirm auf. Von Hauenstein runzelte die Stirn und aktivierte das Programm.
>>>>Request Authorization Code>>>
Jetzt wurde es interessant und der Count augenblicklich aufmerksam. Eine solche Meldung konnte nur vom Oberkommando kommen. Er zog die Chipkarte, die er um den Hals trug, ab und steckte sie in den Schlitz am Computer.
>>>>Authorization accepted>>>

Von: Vice Admiral Mohammed Al Mukawil, Chief of Staff Bomberkommando Terra Homefleet
An: Lieutenant Commander Wolfgang Graf Berg von Hauenstein, derzeit ohne Zuteilung
Commander,
wie wir erfahren haben, haben Sie sich wieder als fronttauglich gemeldet. Eine Konsultation mit den
behandelnden Ärzten hat diese Meldung widerlegt. Nichtsdestotrotz kann ich Ihnen versichern, dass
Sie bald eine neue Stelle erhalten. Ich erwarte daher, dass Sie sich in drei Wochen in Berlin bei
Commodore Hayes melden. Dieser wird weitere Befehle für Sie bereithalten.
ViceAdm. Al Mukawil
Gez. Captain Steiner

Von Hauenstein lehnte sich zurück. Innerlich schien eine Last von ihm abzufallen. Die Zeit des Müßigganges war vorbei und endlich konnte er etwas gegen die dunklen Gedanken tun, die ihn umschwebten. Zugleich kamen aber auch die Zweifel wieder hoch. Würde er wirklich in der Lage sein, wieder ein Gefecht durchzustehen. Kurzentschlossen stand er auf und tigerte durch den Raum. Ein Beobachter hätte feststellen können, dass zumindestens ein Teil des Feuers zurück gekommen war. Dann setzte er sich wieder an den Computer und begann, sich einen Überblick über den aktuellen Stand des Krieges zu machen. Offensichtlich lief es nicht gut. Einer seiner Kontakte deutete an, dass die leichten Träger ordentlich Prügel bezogen hatten. Wenn die wegfallen würden, dann lag die Last einzig auf den Flottenträgern und den Kampfschiffen. Als Bomberpilot wusste er aber um die Verwundbarkeit letzterer, auch wenn einzelne Schiffe einer Bomberstaffel mehr als gefährlich werden
konnte. Vor einem Golf hatte der Count etwa einen gesunden Respekt und bei den technischen Daten, die er über die Dauntless Klasse zu sehen bekommen hatte, betete er nur, dass die Echsen nicht zu früh auf dieselbe Idee kamen. Andererseits...ein System zu entwerfen und es im Kampf einzusetzen waren zwei absolut unterschiedliche Dinge. Das brachte ihn dazu, erneut sich die Daten des Golf Kreuzers anzusehen. Anschließend rief er sich die Daten zum neuen Upgrade Programm für sein Baby, die Crusader, auf. Offensichtlich versuchte man, die defensiven Fähigkeiten des Bombers weiter zu verbessern, neue Panzerlegierungen und stärkere Schilde, aber auch akkuratere Zielprogramme für die Türme waren im Gespräch. Er zuckte mit den Schultern. Solange es nicht genug Leute gab, die die Crusi vernünftig fliegen konnten, würde ein Nachrüstprogramm auch nicht helfen. Und die Leute waren der wirkliche Mangelposten. Eine Umschulung auf die Mirage war einfach, aber die Crusader benötigte eine viel größere Koordination und Zusammenarbeit der Crewmitglieder und sehr viel mehr Spezialwissen. Gerade die Elektronik konnte so manches neues Crewmitglied zum Wahnsinn treiben
wegen ihrer Komplexität.
Von Hauenstein merkte, dass sein Arm immer noch schmerzte. Er beschloss, ein warmes Bad zu nehmen und dann in die Stadt zu fahren, um einen alten Freund zu treffen. Vorher machte er aber noch einen Anruf.
„Ja?“
„Guten Tag, Pater. Kann ich morgen einmal bei Ihnen vorbeischauen?“
„Es geht um Ihre neuen Befehle?“
„Ähm...“ von Hauenstein war überrascht. Er wusste, dass sein Gegenüber gut informiert war...aber so
gut? „...ja, ist korrekt, unter anderem.“
„Gut, kommen Sie morgen Nachmittag.“
„Danke, Pater, guten Abend.“
„Guten Abend, Wolfgang.“
Von Hauenstein ging ins Bad und genoß das dampfend heiße Bad. Anschließend wählte er einen konservativen Abendanzug aus und ließ einen der Diener seinen Sportwagen vorfahren. Zwei Stunden später war er an seinem Bestimmungsort angekommen. Als erstes besuchte er eine Bar, die immer aufsuchte, wenn er in der Stadt war, das Billy Bones. Dort tauschte er die neuesten Gerüchte mit einigen alten Bekannten aus. Nach einigen Drinks erblickte er den eigentlich Grund seiner Anwesenheit. Eine blonde Schönheit mit eisblauen Augen kam durch die Tür des Lokals. Gekleidet war sie in in ein schlichtes schwarzes Cocktailkleid, dass zwar Einblicke bot, jedoch nicht zuviel verriet. Ihre langen Beine wurden noch durch die hohen Absätze betont und ihr Gang sorgte
dafür, dass sie so ziemlich jeder männliche Gast nach ihr umdrehte. Wolfgang lächelte und entspannte sich. Freya, mit vollem Namen Freya Freifrau zu Hardenberg, hatte mal wieder ihren Auftritt und den wollte er ihr nicht nehmen. Als sie schließlich bei ihm an der Theke angekommen war, stand er auf, begrüßte sie und führte sie in eine der diskreten Nischen am Rande.
„Schön dich zu sehen, Wolfgang. Ich hatte schon gehört, du seiest der Entlassung aus psychologischen Gründen nahe.“
„Der Geheimdienst ist nicht immer gut informiert, stelle ich fest.“ Count lächelte. Freya war
normalerweise nicht nur eine gutaussehende, sondern auch eine blendend informierte Frau, aufgrund
ihrer Tätigkeit für den Militärgeheimdienst, das NIC.
„Aber du siehst nicht gerade gut aus.“
„Gut geht es mir auch nicht gerade. Mein Arm ist immer noch nicht in Ordnung...“
„Und geistig? Sei ehrlich. Ich habe die Berichte von dem Einsatz gesehen, danach ist niemals alles wie zuvor.“
„Nun...“
„Verdammt, Wolfgang, wir kennen uns lange genug, ich weiß, dass du dich verändert hat. Wußtest du,
dass deine Mutter bei mir angerufen hat, um zu erfahren, was passiert ist?“
„Waaaas?“ Wolfgang merkte, dass er etwas laut wurde, denn einige Gäste drehten sich nach ihm um.
Etwas leiser fügte er an: „Mutter hat angerufen?“
„Jawohl. Sie klang richtig fertig. Ich hab ihr gesagt, dass ich ihr auch nichts sagen dürfe, aber dass sich
die Sache wieder einrenken würde. Ich hoffe schwer, dass ich da nicht zu optimistisch war. Immerhin
bekommst du bald eine neue Stelle.“
„Du weißt auch schon davon? Irgendwie bin ich der Letzte, der das erfährt...“ Count war etwas angesäuert.
„Beruhig dich. Soweit ich das übersehen kann, sieht es nicht schlecht aus für dich. Es dürfte bald
wieder an die Front gehen. Bist du dafür bereit?“
Wolfgang wollte erst nur nicken, aber er erkannte, dass er damit nicht durchkommen würde. Nicht bei
Freya, die ihn mit ihren eisblauen Augen musterte.
„Ich...weiß es nicht.“
„Ich verstehe. Du triffst morgen unseren gemeinsamen Freund?“
„Ja.“
„Dann höre auf ihn. Der Mann kommt dem Begriff eines weisen Mannes sehr nahe. Gut. Dann lass
uns das Thema wechseln. Noch einen Drink?“
„Sicher.“ Wolfgang konnte wieder lächeln.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:29
Translichtspruch, Priorität B, Verschlüsselung Gold
An: Admiral Jean-Baptist Renault, CO 2. Flotte
Von: Rear-Admiral Hamish McAllister, Perseus Station
Sir,
ich bin mir bewusst, dass dieses Schreiben gegen jede militärische Ordnung ist und das Admiral Noltze bereit ist, alle sich aus dem Jollarahn-Desaster entstehenden Konsequenzen zu tragen. Ebenso weiß ich, dass das Oberkommando den Jollarahn-Einsatz als Erfolg verkaufen möchte und daher auf eine Untersuchung der Handlungen Captain Johnathan E. Wards verzichten will. Dennoch muss ich den Admiral an seine Pflicht gegenüber der gesamten Navy hinweisen. Sie sind nicht nur verpflichtet, über Captain Ward Recht zu sprechen, sondern auch die Moral der Flotte aufrecht zu erhalten.
Die Männer und Frauen, die an dieser Operation teil genommen haben, werden auf verschiedene Kommandos versetzt und dort werden Geschichten über das Verhalten von Captain Ward in der Schlacht die Runde machen.
Sir, als Offizier dieser Flotte verlange ich, dass den Gefallenen Männern und Frauen von Jollarahn
Gerechtigkeit wiederfährt.
Ich beschwöre Sie, lassen Sie nicht zu, dass in unserer Flotte jemand mit Feigheit und Pflichtvergessenheit davonkommt. Gerade nicht in einer ernsten Zeit wie dieser.
Gezeichnet
Hamisch McAllister,
Rear-Admiral

Keine drei Stunden nach Erhalt von McAllisters Nachricht verließen mehrere Translichtbotschaften Renaults Flaggschiff.

Translichtspruch, Priorität A, Verschlüsselung Gold
An: Captain Chris Mithel, CO TRS Relentless
Von: Admiral Jean-Baptist Renault, CO 2. Flotte
Hiermit werden Sie angewiesen, sich nach der Aufnahme der folgenden Passagiere:
- Admiral Maike Noltze (inklusive Stab)
- Commodore Jefferson B. Clarke
- Captain Jonathan E. Ward
der Hauptstreitmacht der 2. Flotte im Texas-System anzuschließen und sich beim Flottenkommandeur
zu melden.
Gezeichnet
Jean-Baptist Renault,
Admiral, CO 2. Flotte

Translichtspruch, Priorität A, Verschlüsselung Gold
An: Captain Johnanthan E. Ward, CO TRS Galileo
Von: Admiral Jean-Baptist Renault, CO 2. Flotte
Hiermit werden Sie angewiesen, das Kommando über den leichten Träger TRS Galileo an ihren 1.
Offizier abzugeben und sich an Bord von TRS Relentles zu begeben.
Die Relentless wird Sie zum Hauptquartier der 2. Flotte transportieren, warten Sie dort auf weitere
Anweisungen.
Gezeichnet
Jean-Baptist Renault,
Admiral, CO 2. Flotte

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:30
Es war schon ein merkwürdiges Gefühl für Albert Mbane, vor so vielen Menschen zu sprechen. In den Saal passten gut hundert Menschen. Die Kameras aber machten Shaka bewusst, das weit mehr Leute ihm zuhören würden.
Der Saal war brechend voll. In den Türen standen die Menschen und versuchten noch einen Platz zu
ergattern. Die Marines reagierten noch nicht, solange sich die Piloten, Matrosen und Techniker –
Überlebende der REDEMPTION- und MAJESTIC-Verbände sowie Besatzungsmitglieder der
GALILEO – diszipliniert verhielten. Ein Aufstand oder eine Panik wurde nicht erwartet.
Das letzte Mal, als er vor so vielen Menschen gesprochen hatte, war bei seinem Akademieabschluss
gewesen. Als Jahrgangssprecher, als die Akademie ihn und seine Klasse ein halbes Jahr verfrüht auf
den Marsch geschickt hatte.
Doch das war nicht mit diesem Anblick hier zu vergleichen.
Unsicher warf der schwarze Hüne einen Seitenblick auf die anderen Anwesenden hier auf der kleinen
Bühne. Huntress nickte ihm auffordernd zu.
Also straffte sich Shaka und bot mit einem Handzeichen um Ruhe.
„Guten Morgen, Ladies und Gentlemen.“
Ein lauter Chor antwortete ihm. Die fanden das anscheinend auch noch lustig.
Shaka grinste.
„Viele hier kennen mich. Teufel, zumindest hat jeder hier schon mal von mir gehört.
Denn ich bin der Initiator der REDEMPTION&MAJESTIC-Society. Und wie ich an den metallenen
Stickern erkennen kann, die viele tragen, die Schiffe beider verloren gegangenen Verbände darstellen,
sehe ich, dass nicht wenige von Ihnen mittlerweile Mitglied geworden sind.“
Zustimmendes Raunen ging durch den Saal.
„Nun, bevor ich zur Sache komme, lassen Sie mich kurz erklären, warum ich diese Sache ins Leben
gerufen habe. Ursprünglich ging es mir nach der Schlacht von Jollahran wie jedem hier in diesem
Saal, wie jedem in den drei Flottillen. Ich war müde, abgekämpft, fühlte den Verlust so vieler Schiffe,
so vieler Freunde. Und den Verlust so vieler Menschen, die ich nicht kannte und nun niemals kennen
lernen würde.
Einer dieser Menschen war Ace. Second Lieutenant Clifford Davis, ein Pilot der REDEMPTION. Mit
zwölf Abschüssen auf drei Feindfahrten hat er eine beeindruckende Leistung gezeigt. Kein Akarii, der
sich mit ihm angelegt hat, konnte ihn abschießen. Nun, ich räume ein, er hat sich vielleicht nie mit
wirklich guten Akarii-Piloten angelegt.“
Wieder wurde leise gelacht.
„Von der letzten Feindfahrt aber kehrte er nicht zurück. Er starb wie so viele bei der Verteidigung der
REDEMPTION.
Für viele war Ace ein Angeber. Ein Großmaul. Ein Besserwisser. Ein selbstgerechtes Arschloch, dass
sich maßlos überschätzte und dadurch bald den Tod finden würde.
Für mich aber war er mein Wing Leader. Der Mann, der mich unter seine Fittiche nahm. Der mich
trainierte. Mir die üblichen Flausen austrieb, die man hat, wenn man frisch von der Akademie kommt.
Der auf mich achtete.
In meinem ersten Gefecht, welches auch das letzte von Lieutenant Davis werden sollte, achtete er auf
mich und beschützte mich so lange, bis ich endlich die Arschbacken zusammenkniff und meine Pflicht
tat. Das Ergebnis waren zwei Abschüsse, die ich hiermit gerne meinem Wing Leader widmen möchte.
Ich kam zurück. Ace nicht. Das passiert. Jeden Tag. An jeder beliebigen Stelle der Front gegen die
Akarii. Aber Jollahran wurde das Grab von Abertausenden tapferen Raumfahrern, sowohl Akarii als
auch Menschen. Gerade Menschen.
Als ich aus meiner Trauer aufsah, bemerkte ich, dass wir ALLE trauerten. Das wir ALLE etwas
verloren hatten. Das wir ALLE wussten, wir würden Vergeltung wollen.
In meinem Schmerz um Ace war ich vielleicht alleine.“
Irrte er sich, oder ging ein Ruck durch Huntress?
„Aber in meinem Gefühl des Verlustes hatte ich zehntausend Stimmen.
Was lag näher, als diese Stimmen zu suchen, zu vereinen?
Ursprünglich wollte ich nur mit den Piloten der REDEMPTION einen losen Kreis gründen. Doch
dann wurde ich gefragt: Was ist mit den Technikern, die unsere Maschinen gewartet haben? Sind die
weniger wert?
Nein, antwortete ich und bezog die Techniker sowie die restliche Besatzung mit ein.
Dann wurde ich gefragt: Was ist mit der MAJESTIC? Hat sie nicht tapfer gekämpft? Ist sie kein
Totalverlust?
Da habt Ihr Recht, antwortete ich und schloss die MAJESTIC mit ein.
Aber was ist mit den Begleitschiffen? Wir haben etliche verloren, viele haben sich geopfert, um uns zu
retten. Wer denkt an sie?
Wir, war meine Antwort, und so entstand die REDEMPTION&MAJESTIC-Society.
Damit glaubte ich alle meine Probleme gelöst, obwohl aus einer lockeren Gesprächsrunde mittlerweile
eine Bewegung geworden war.
Dann aber nahm mich einer meiner Vorgesetzten – nennen wir sie mal Lightning – ins Gebet und
fragte mich: Sind Sie wirklich so vermessen, die GALILEO auszuschließen? Glauben Sie wirklich,
der Verlust des gesamten Geschwaders wäre nicht hart und schwierig zu ertragen? Denken Sie nicht,
dass die Kapitäne der Schiffe ebenso bereit waren ihre Leben zu geben wie es die Kapitäne waren, die
in Jollahran zurückblieben?“
Shaka sah auf. „Ich hoffe ernsthaft, das war es dann aber. Oder möchte noch jemand die PERSEUS-Station
aufnehmen?“
Wieder wurde leise gelacht.
„Lightning hatte natürlich nicht einfach nur Recht. Ich wollte den GALILEO-Verband auch nicht
ausschließen. Mir fielen eben nur die Namen der beiden verlorenen Träger zuerst ein.
Diese Erkenntnis aber brachte mich auf eine weitere.
Wir sind gar nicht die REDEMPTION&MAJESTIC-Society.
Wir sind die JOLLAHRAN-Society.“
Jubel wurde laut, vereinzelt wurde applaudiert.
„Und wir sind keine lose Gesprächsrunde. Unser Schmerz, unser Verlust eint uns. Eint uns im
Angesicht der Akarii-Bedrohung. Eint uns als Soldaten. Eint uns als Menschen.
Und da wir nun alle zusammen gefunden haben, sollen wir da aufhören, wenn wir uns hübsche
Schiffsreliefs auf die Brust heften? Oder ist in dieser Bewegung noch mehr Kraft?
Gibt es in ihr Leben, Energie? Menschen, die etwas bewirken wollen?
Was ist mit dem Kameraden, die mit uns in Jollahran waren? Vergessen wir sie oder achten wir fortan
aufeinander? Sind wir nicht durch diese Schlacht eine Schar von Brüdern und Schwestern geworden,
die fortan füreinander da ist?
Haben unsere Toten nicht Familien auf der Erde und den anderen Welten der Republik?
Haben wir nicht viele traumatisierte und verletzte Kameraden retten können?
Wollen wir diese Menschen alle allein lassen?
Nein, sage ich. Und ja, behaupte ich, wir können etwas tun. Zur Zeit gibt es einhundertelf eingetragene
Mitglieder in der Society. Bis wir erneut starten sind es vielleicht dreihundert oder mehr.
Und wir, diese Schar steht nun vor der Erkenntnis, dass wir etwas bewirken können. Miteinander.
Füreinander. Oder wir bleiben auf ewig eine lose Diskussionsrunde.
Ehren wir das Andenken an die gefallenen Kameraden, an die gefallenen Schiffe. Helfen wir den
Hinterbliebenen mit Ratschlägen, mit unseren Verbindungen, mit unserem Trost.
Stehen wir unseren Versehrten bei den langen Heilungsphasen zur Seite und zeigen wir ihnen, dass
wir sie nicht aufgeben.
Ich weiß, es ist genau so schwer zu handeln wie die Schlacht um Jollahran zu verarbeiten.
Aber wir sind nicht alleine. Wir sind viele, und das werden wir in der JOLLAHRAN-Society auch für
immer bleiben.
Zusammen wird es uns gelingen, wenn jeder seinen Teil beiträgt. Wenn wir weiterhin die
Gemeinschaft sind, die uns bis in diese Schlacht getragen hat und die uns half, den Akarii kräftig in
den Arsch zu treten.“
Shaka machte eine kurze Pause und sah erneut in die Runde. Viele Anwesenden nickten. Nicht wenige
von ihnen Veteranen von der GALILEO.
Wenn dies funktionierte, wenn es wirklich funktionierte…
„Sämtliche Veteranen von Jollahran sind fortan Beitrittsberechtigt. Jeder leistet seinen Teil.
Auf Terra wollen wir uns treffen und einen Vorstand wählen. Techniker, Piloten, Offiziere, Matrosen.
Wer sich berufen fühlt wird seinen Teil der Pflicht bekommen.
Und in diesem Krieg werden wir nie mehr allein sein.“
Shaka trat vom Redepult zurück und zeigte damit an, dass seine Rede beendet war.
Applaus klang auf. Applaus, der sich steigerte. Bis er ein Tosen wurde.
Er hatte gewonnen. Die JOLLAHRAN-Society hatte gewonnen. Für heute.
Und sie würde niemals aufgeben.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:31
Transport zur Erde, das bedeutete sieben bis acht Tage relative Ruhe vom täglichen Dienstalltag. Nachdem das Geschwader, oder besser dessen Reste, von Bord der Gallileo gegangen, war es faktisch nicht mehr im Einsatz. Weder galt Bereitschaft, wie noch an Bord des leichten Trägers, noch waren die Soldaten auf Schiffen stationiert, die Kampfflieger starten konnten. Ein Lazarettschiff wie die Maria Theresia war nun einmal kein Kampfschiff. Der tägliche Dienstbetrieb war also – auch angesichts der noch unklaren Zukunft der Angry Angels – stark eingeschränkt worden. Den meisten Soldaten kam dies gerade Recht, von einem besonderen Enthusiasmus konnte man kaum sprechen. Und selbst die Offiziere hatten zumindest gegen eine kleine Ruhepause nichts einzuwenden. Für Lightning freilich war die Folge vor allem Langeweile. Die Bordbibliothek ihres zeitweiligen Zuhauses war nicht eben gut ausgestattet, vor allem, wenn man die große Zahl der ,Gäste‘ bedachte, die außer lesen nicht viel tun konnten. Und ihre Kollegen um deren „Colonial Playboy“ zu bitten –
nun, DAS kam ihren Vorstellungen von Freizeitlektüre auch nicht gerade entgegen. Also konnte sie nicht viel unternehmen, außer die ebenfalls etwas überbeanspruchten Sportmöglichkeiten an Bord zu frequentieren. Und, natürlich, sich Sorgen um die Zukunft machen, was sie dann auch mit „Feuereifer“, aber mit wenig Begeisterung tat.
Natürlich waren da noch die ganzen anderen Piloten und Soldaten der Redemption und besonders des Geschwaders. Aber obwohl man sie gewiß keine Schinderin nannte, war auch das nur eine begrenzt
nutzbare Option. Sie war keine Einzelgängerin, aber gewiß auch keine Salonlöwin. Ein gewisser
Abstand zwischen den Second und First Lieutenants auf der einen und ihr auf der anderen Seite blieb
immer, und sie war erfahren genug um zu wissen, daß es kaum möglich – oder klug – war, diese Kluft
gänzlich zu überbrücken. Sie durfte natürlich nicht zu groß werden, aber ganz verschwinden sollte sie
auch nicht. Wozu sollte es sonst in einer Armee Offiziere geben? Also bleiben als richtig
Gleichgestellte nur die Staffelchefs
Und in einigen Punkten war sie definitiv anderer Ansicht als ihre Offizierskameraden. Sie verstand
sich nicht sonderlich gut mit dem Geschwaderchef – der zudem genug mit sich selbst zu tun hatte.
Und auch mit den anderen war sie kaum richtiggehend befreundet. Nun, das ließ sich eben nicht
ändern. Gegenüber den Piloten, besonders denen anderer Staffeln, war dies nicht viel anders. Und mit
einigen kam sie nicht unbedingt so gut klar – was auch ihre eigene Schuld seien mochte. Wie zum
Beispiel bei Shaka. Sie erinnerte sich, warum sie mit ihm aneinander geraten war. Vermutlich wäre es
etwas anders verlaufen, wäre sie zu dem Zeitpunkt nicht – wie so oft in letzter Zeit – in ziemlich
schlechter Stimmung gewesen.
Als sie von dessen Idee einer Redemption- und Majestic-Society gehört hatte, da brauchte sie nicht lange, um die Haare in der Suppe zu erkennen. Anders als viele andere hatte sie Kommandoerfahrung und bereits eine gewisse Dienstzeit hinter sich, auch wenn sie noch lange nicht alt war. Und diese Erfahrung sagte ihr, daß der Afrikaner offenbar die Sache keineswegs bis zu Ende gedacht hatte – oder ihm fehlte jegliches psychologisches Gespür. Wie wohl auch vielen, die an seiner Idee Gefallen fanden. Also hatte sie ihn kurzerhand zu sich befohlen. Parker war klar, daß dies eigentlich die Aufgabe von Darkness war – aber der hatte genug zu tun, auch, weil sein unmittelbarer Vorgesetzter, Commander Cunningham, nicht unbedingt uneingeschränkt einsatzbereit war. Deshalb gedachte sie, sich selber darum zu kümmern. Der Umstand, daß sie eigentlich die ganze letzte Zeit das Gefühl hatte, nicht nur Migräne sondern auch Magengeschwüre und ein halbes Dutzend anderer
Unannehmlichkeiten mit sich herumzuschleppen, sorgte dafür, daß sie diesmal die Humanität vergaß, die sie sonst im Umgang mit Untergebenen an den Tag legte.
Als der hochgewachsene Zulu eintraf, musterte ihn Lightning nicht übermäßig wohlwollend. Sie kannte diesen Typus Pilot – immerhin hatte sie mit Claw ein Prachtexemplar in der Staffel – und schätzte ihn nicht gerade über die Maßen. Wie es ihre Art war, kam sie gleich zur Sache: „Also, Second Lieutenant – was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?“ Und mit diesen Worten schob sie ihm eine Kopie des Zettels hin, in der für die „Society“ geworben wurde. Offenbar hatte Shaka wirklich keine Ahnung, denn er fragte nur: „Ma’am?“

Die Offizierin verzog das Gesicht. Begriffsstutzigkeit mochte sie ebenfalls nicht. Ihre Miene verfinsterte sich noch etwas: „Hören Sie, Soldat, das ist doch nicht sonderlich schwer zu verstehen! Ich will wissen, was diese Idee soll.“ Sie las vor: „ ,Redemption und Majestic-Society. Gegen das Vergessen und für das Gedenken der tapferen Schiffe und der Soldaten, die auf ihr fuhren.‘ DAS meine ich – und die Begleitumstände Ihrer Aktion.“ Der junge Pilot verstand offenbar immer noch nicht ganz, was sie meinte: „Was ist damit, Ma’am? Hat sich jemand von der Gallileo beschwert, oder...“ Lightning schnitt ihm mit einer knappen Geste das Wort ab: „Nein, beschwert hat sich keiner, jedenfalls bisher. Darum geht es auch nicht.“ Sie setzte eine geduldige Miene auf, während sie innerlich einige sehr unfreundliche Worte unterdrückte.
„Es geht darum, daß Ihre ganze Aktion in meinen Augen ziemlich bedenklich ist. Zunächst einmal der Name. Das ist an sich schon nicht sonderlich geschickt gewählt. Genannt werden nur die beiden verlorengegangenen Träger. Sie haben zwar – und das kann ich nur loben – auch die Begleitschiffe mit einbezogen. Aber die Wortwahl Ihres kleinen Aufrufs impliziert dennoch, es ginge nur um die Trägerschiffe. Wieso, könnten sich die Leute von der Agamemnon, der Jerome Custer, der Bakersfield oder der Princeton fragen, werden nicht unsere Schiffe als Namensgeber ausgewählt? Und wieso nicht die Madrid oder Tripolis oder Perregrine – die mit allen Besatzungsmitgliedern verlorengingen? Es entsteht – wieder mal – der Eindruck, als würde man nur die Träger als wesentlich betrachten. Und man sollte dieses Vorurteil der Flottenmatrosen nicht unbedingt noch unterstützen. Hätten Sie einen unverfänglichen Namen gewählt – meinetwegen ,Gemeinschaft der Veteranen von Jollahran‘ oder dergleichen – dann hätten Sie so etwas vermieden. Aber das ist nicht alles. Auch der Umstand, daß Sie offenbar die Gallileo und ihre Begleitschiffe ausschließen wollen – sowohl vom Gedenken als auch
von der Teilnahme – scheint mir nicht sonderlich gut durchdacht. Ist Ihnen eigentlich klar, Shaka, daß das Geschwader der Gallileo mehr Verluste – an Maschinen wie an Menschen – erlitten hat als die Angry Angels? Es sind 15 Maschinen von 48 geblieben, und 18 Männer und Frauen von 60. Der Umstand, daß ihr Tod nichts bewirkt hat – schließt der diese Toten vom Andenken aus? Sind sie deshalb weniger wert?“

Ihr Gegenüber wurde von diesen Worten anscheinend überrascht, aber Lightning ließ ihm keine Zeit zu einer Entgegnung, sondern fuhr gnadenlos fort. Einmal in Fahrt gekommen nutzte sie die Gelegenheit – ohne es selber richtig zu merken – um sich all ihren Frust von der Seele zu reden: „Sie mögen über das Verhalten des Verbandes während der Schlacht denken, was Sie wollen. Es ist mir durchaus bekannt, daß gerade Captain Ward von vielen als halber Verräter betrachtet wird. Es ist nicht meine Sache, darüber zu urteilen – Ihre übrigens auch nicht – aber der gesunde Menschenverstand verbietet es, dies an den Männern und Frauen unter seinem Kommando auszulassen. Diese Soldaten befolgten Befehle, über deren Richtigkeit sie nicht zu entscheiden hatten. Es waren moralisch vielleicht bedenkliche Befehle – aber wenn jeder kleine Soldat anfängt, die Strategie in Frage zu stellen, ist eine Armee gleich verloren! Und Sie wollen den Leuten vorwerfen, daß sie das nicht getan haben, mitten im Gefecht? Damit, Second Lieutenant, untergraben Sie etwas, was eben so wichtig ist wie die lebenden Traditionen unserer Navy. Die Geschlossenheit und Einigkeit, die eine Armee erst stark machen. Wir brauchen hier keine Mehr-Klassen-Ideologie, die die Leute einteilt, allein danach, wer wann auf welchem Schiff dient. Vor allem nicht in solch verletzender ,Die nicht!‘-Manie. Wir brauchen Soldaten und Matrosen, die an einem Strang ziehen. Ich habe einen meiner besten Piloten für einige Wochen in den Bau geschickt, weil er ebenso wie Sie vergessen hat, daß wir unsere persönlichen Ansichten im Dienst beiseite zu lassen haben. Machen Sie so weiter, und ich garantiere Ihnen, daß bald an Kanos Stelle ein ganzes Dutzend im Arrest steckt! Andenken an die Gefallenen und Ehre ihrem Andenken schön und gut. Aber nicht auf Kosten des Bordklimas – das ist auch so schon schlecht genug. Und überdies ist so etwas im höchsten Maße unwürdig! GERADE Sie sollten das verstehen! Ich kann mich nicht erinnern, daß man IHNEN vorgeworfen hat, daß Sie nach dem Tode
Pinpoints, als Ace noch einmal raus wollte, um ihn zu suchen und der Commander es ihm verbot – daß Sie da nicht zusammen mit Ace den Befehl verweigert haben. Und überlegen Sie sich mal, wie es Ihnen gefallen würde, wenn ICH eine Mannschaftsversammlung aufmache und in die Satzung aufnehme ,Nur Weiße‘! Das was Sie vorgeschlagen haben – ohne vorher Ihren unmittelbaren Vorgesetzten zu informieren – läuft genau darauf hinaus!“ Dem Piloten schoß das Blut ins Gesicht – und wohl nicht unbedingt aus Scham. Er öffnete den Mund.

Lightning – und diesmal spürte man ihn, den drohenden Blitz – brachte ihn mit einem einzigen Blick zum Verstummen: „Vorsicht Pilot. Überlegen Sie sich, was Sie sagen. Ich gebe Ihnen vielleicht keine Disziplinarstrafe, aber ich kann Sie schleifen, bis Sie nicht einmal mit einer Bibel mehr wissen, wo Gott ist!“ Und im Augenblick sah sie so aus, als meinte sie das ernst – und sei auch dazu in der Lage. Shaka gab aber nicht klein bei: „Erbitte Erlaubnis, frei sprechen zu dürfen!“ knurrte er. Lightning zögerte nicht: „Abgelehnt! Wir sind hier nicht im ,Blauen Band‘!“ Sie musterte ihn kalt: „Ich will, daß Sie gehen, und sich diese Worte mal durch den Kopf gehen lassen. Wenn Sie wollen, sprechen Sie mit jemanden darüber, der ein bißchen mehr Erfahrung hat, als Sie. Aber ich rate Ihnen, GUT zu überlegen, was sich für einen Angehörigen der Navy gehört, vor allem für einen Offizier! Das mag vielleicht dort anders gewesen sein, wo Sie herkommen – ich bin schon lange genug aus der Akademie raus, um nicht zu wissen, wie es dort jetzt zugeht – aber nicht auf einem Schiff, wo ich ein Wort zu sagen habe.“ Sie winkte knapp: „Und jetzt raus!“
Innerlich schalt sie sich selber ein wenig, als sie jetzt daran zurück dachte. Nicht, weil ihre Worte falsch waren. Denn das waren sie ja ganz eindeutig nicht. Aber sie hätte es auch anders sagen können. Nach dem bißchen, was sie über Shaka wußte, war der Junge ziemlich ehrpusslig, was das Erbe seiner Vorfahren anging – also war ihr Beispiel vielleicht ein kleiner Tiefschlag gewesen. Andererseits – sein Verhalten lag auch etwas unterhalb der Gürtellinie. Wenn sich das herumsprach, dann würde es sicher ein paar Leute geben, die gerne ausführlich mit ihm über die Kampfkraft der Gallileo ,diskutieren‘ wollten. Mal abgesehen davon, daß es dem Bordklima nicht wohltun würde, wenn jemand die frustrierenden Begleitumstände der Schlacht künstlich wieder ans Tageslicht zerrte. Die waren zwar noch lange nicht vergessen, geschweige denn vergeben – aber zumindest hatten sich die Konflikte ein wenig abgeschliffen. Und da kam so ein Idiot daher, und schliff die Kanten wieder scharf!
Nein, sie hatte richtig gehandelt, da war sie sich sicher. Nun zumindest dem Geiste nach – das Wort war nicht unbedingt das beste gewesen. Andererseits – den Jungen brachte das sicher auch nicht um, vielleicht lernte er ja was. Daß sie damit allerdings nicht nur ihn, sondern auch einige andere verärgert hatte – nun, das mußte Lightning wohl in Kauf nehmen. Wenn die einzige Folge Langeweile auf dem Weg zur Erde war, würde sie sich nicht beschweren...

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:31
Captain Mithel las die Meldung gerade das dritte Mal, als der Türmelder ertönte. Er hatte gleich nach dem Eintreffen der Mitteilung ,Alarm‘ gegeben, und die Reaktion war prompt erfolgt. Nach einer knappen Aufforderung von ihm traten die beiden Offiziere ein, die er im Grunde als ,inneren Zirkel‘ seines Kommandostabes betrachtete. Commander Raffarin und Lieutenant Commander Rogulski. Er nickte beiden zu und sie nahmen Platz. Lange Vorreden gehörten nur selten zu Mithels Taktik – außer, er versprach sich etwas davon, und dies war hier eindeutig nicht der Fall. Also informierte er sie kurz und knapp: „Man hat gleich einen neuen Auftrag für uns. Wir sollen Noltze und ihren Stab sowie Commodore Clark und Captain Ward an Bord nehmen, und ins Texas-System bringen. Sieht so aus, als wolle die Zweite was von ihnen, und vielleicht auch von uns.“
Man merkte sowohl seiner XO als auch seinem Waffenoffizier an, daß sie nicht gerade begeistert waren. Das Texas-System war quasi die vorderste Linie – genau dort, wo in Kürze der Angriff der Akarii losbrechen mochte. Und das mit einem Kreuzer, dessen Besatzung augenblicklich ein gewisses Problem mit ihrer Einsatzmoral und dem Vertrauen in ihren Kapitän hatte, und der noch keinen richtigen Feindkontakt hinter sich hatte, dafür dreieinhalb Monate Schleichfahrt, in der zweiten Hälfte mit einem Haufen Verletzte an Bord. Sie stellten die Befehle natürlich nicht in Frage – dafür waren sie viel zu professionell, im Gegensatz zu vielen Besatzungsmitgliedern. Aber begeistert waren sie nicht. Mithel nickte, zum Zeichen, daß er sie verstand: „Ich weiß – eigentlich könnten wir zumindest ein, zwei Tage brauchen, um klar Schiff zu machen, die Vorräte aufzufüllen und so weiter. Aber es muß auch so gehen. Glauben Sie, wir können es schaffen, bis unsere Gäste eintreffen?“ Rogulski legte den Kopf leicht schief: „Für die Waffenabteilung ist unsere Reise nach Texas kein besonderes Problem – jedenfalls keines, bei dem ein oder zwei Tage einen großen Unterschied machen.“ Er wußte, Mithel erwartete genau diese Antwort – und eine andere zu geben stand ihm, Rogulski, auch nicht zu. Die
Männer und Frauen mußten selber mit ihren psychologischen Problemen fertig werden. Vielleicht war die Aussicht, die Scharte der letzten Mission auszuwetzen, dabei sogar hilfreich. Blinder Übereifer konnte allerdings auch schädlich sein.
Raffarin sah das etwas kritischer, da sie als Stellvertreterin des Captains eher das ganze Bild im Auge zu behalten hatte – nicht nur einzelne Aspekte: „Nun, bei den Quartiermeistern werden wir wie verrückt ranklotzen müssen, um ein paar anständige Quartiere bereitzustellen. Nachdem wir die Leute von der Redemption aufgenommen haben, dauert es ein wenig, bis so ein Quartier einem Stabsoffizier zugemutet werden kann. Die medizinische Abteilung braucht auch dringend Nachschub – die waren auf den Andrang nicht gerade vorbereitet. Und unsere Gäste haben uns ein riesiges Loch in die Lebensmittelvorräte gefressen. Ich dachte ja, das sei kein Problem – hier bei Perseus zieht es viele ja zu ganz anderen Fleischtöpfen – und deshalb habe ich die Auffüllung für nicht so wichtig erachtet.“
Mithel seufzte müde. Er hatte etwas in der Richtung geahnt: „Besteht wenigstens Hoffnung, daß Noltze und ich nicht die Heimfahrt in einem Beiboot antreten müssen, während man Ward kielholt?“ Raffarin grinste – so schlimm konnte es nicht sein, wenn der ,Alte‘ noch Witze machte. „Sie meinen ,Meuterei auf der Relentless‘? Also, bis man den Streifen hier drehen kann, muß es noch ein BIßCHEN schlimmer kommen. Die Leute werden es schon verkraften. Obwohl – 14 Wochen draußen und ohne Möglichkeit, sich zu, hm, entspannen...“ Mithel knurrte etwas, das eigentlich nicht in den Mund eines Offiziers und Ehrenmannes gehörte. Als er Rogulskis steinerne Miene und die schockiert hochgezogenen Augenbrauen seiner Stellvertreterin bemerkte, lachte er kurz auf: „Zur Kenntnis genommen. Achten Sie nicht auf einen alten Mann wie mich. Aber ich fürchte, da kann ich keine Rücksicht drauf nehmen.“
Er überlegte kurz: „Na gut, gehen wir es systematisch an. JEDER an Bord außer der Notwache und einer Abteilung Marines als Ehrengarde ist ab sofort einzusetzen. Ich will, daß die Gästequartiere so eingerichtet sind, daß auch ein Vizeadmiral zufrieden ist! Also zuerst die Räume, die wir WIRKLICH für unsere Gäste brauchen, je nach Dienstrang. Dann sollen sofort die Lebensmittelvorräte aufgefrischt werden. Und wenn Sie ein Enterkommando auf die Perseusstation schicken müssen – weder der Mannschaft noch unseren Gästen soll es an irgend etwas mangeln. Medizinische Abteilung ebenso. Setzen Sie ALLE Leute ein. Und wenn das Beschaffungsamt sich querstellt, dann besorgen Sie sich was aus einem der Restaurants – sagen Sie, es würde für den Krieg gebraucht, ich setze es dann auf die Spesenrechnung.“ Er winkte ab: „Ich weiß, ich weiß, das gibt Murren bei den Leuten – aber uns bleibt ja wohl nichts anderes übrig, oder? Ach ja – bestücken Sie zur Sicherheit auch die Getränkebar, am besten auch die in den Gästezimmern. Auf Feindfahrt darf man ja nicht trinken, aber das hier ist ja wohl etwas anderes. Alkoholisches und Nichtalkoholisches.“
„Bliebe noch ein Problem…“ stellte Raffarin fest: „Captain Ward.“ Mithel verzog die Lippen, als hätte er einen schlechten Geschmack im Mund, zögere aber, auszuspucken. Er nickte, und Raffarin fuhr fort: „Sir, Sie wissen, daß die Stimmung sowieso nicht die Beste ist. Ich weiß nicht, ob man von den Leuten erwarten kann, daß sie Ward mit dem Respekt behandeln, der seiner Stellung gebührt – egal, ob er den nun verdient oder nicht. Wenn wir die Dinge schleifen lassen, wirft das ein schlechtes Licht auf unser Schiff. Greifen wir durch, wird die Besatzung das nicht vergessen.“
Der Captain überlegte: „So schlimm?“ Raffarin zuckte mit den Schultern: „Es hat seit Jahrzehnten keinen Fememord mehr in der Flotte gegeben, aber das könnte glatt einer werden, wenn es schlecht läuft.“ Mithel lächelte zynisch: „Mir wäre es auch lieber, Ward die ganze Strecke in einem Shuttle und unter Arrest reisen zu
lassen. Aber Sie wissen, so etwas liegt nicht in unserer Macht. Wir mögen ihn persönlich für einen Feigling und eine Schande für die Flotte halten, aber wir können nicht dulden, daß die Disziplin den Bach runter geht. Nicht einmal, wenn Ward genau das verdient hat.“ Er überlegte: „Sie haben die besten Kontakte zu den Leuten. Geben Sie folgendes raus – die Führung des Schiffes will, daß Captain Ward korrekt behandelt wird. Er ist immer noch Offizier der Navy, und als solchen werden wir ihn behandeln. Ansonsten ist es mir gleich, was die Leute über ihn denken oder auf welche Art und Weise sie ihm begegnen. Kalt, aber korrekt.“
Raffarin grinste: „Wer Captain Ward mit Steinen bewirft, wird erschossen. Wer ihm zujubelt, wird gehängt. Meinen Sie so etwas?“ Der Captain lachte leise: „In der Art. Ich will keinen Skandal auf meinem Schiff, und ich will nicht, daß ich ein Exempel statuieren muß. Glauben Sie das geht?“ Die Offizierin überlegte: „Wenn wir Glück haben, dann ja. Die Leute haben immer mehr Respekt vor den Schulterstücken, als vor dem Menschen, der sie trägt. Jedenfalls meistens. Ich denke, wenn ich mit ein paar von meinen Spezies rede, läßt sich das Ganze beherrschen.“ Mithel schaute seine beiden Untergebenen kurz an: „Wollen wir es hoffen! Und nun – wir haben viel zu tun. Ich werde mal sehen, ob ich ein paar Shuttles der Station für uns reservieren kann, und oberste Priorität für unsere Neuausrüstung bekomme.“ Die beiden jüngeren Offiziere wandten sich zum gehen, als Mithel noch etwas einzufallen schien: „Ach ja, Raffarin – was Sie da eben sagten, klang fast wie ein Zitat. Was war das?“
Die Französin lächelte nicht unbedingt freundlich – wobei die Häme nicht Mithel galt: „Das soll die Anweisung gewesen sein, als man Ludwig XVI. nach seinem Fluchtversuch nach Paris zurückbrachte, während der Großen Französischen Revolution.“ Mithel schien zu überlegen: „Meine Geschichtskenntnisse bezüglich Ihres Landes sind nicht die Besten. Was wurde aus dem Mann.“ Commander Raffarins Lächeln wurde ein wenig breiter: „Das Volk stürmte nicht allzu lang danach seinen Palast und warf ihn ins Gefängnis. Am Ende wurden er und seine Frau hingerichtet…“
Als das Shuttle mit dem Stab Admiral Noltzes eintraf – und natürlich der Admirälin selber – da schirmte eine Ehrenformation sie wohlweislich von dem organisierten Chaos ab, das im Hangar herrschte. Das Stimmengewirr wurde von mit voller Lautstärke gespielten Navymärschen übertönt. Bedachte man, was die Relentless nebenher zu organisieren hatte, ließ das Schauspiel sich sehen. Mithel erwartete seine Gäste, ordnungsgemäß in Paradeuniform. Er wusste, was sich gehörte – auch gegenüber Ward. Das würde ihn allerdings nicht daran hindern, alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Konsequenzen der Niederlage in die richtige Richtung zu lenken…

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:32
Kano stand an einer der wenigen Sichtluken der „Maria Theresia“, die die Redemption-Crew
aufgenommen hatte. Er war nicht allein – fast ein halbes Dutzend Männer und Frauen drängte sich vor
dem schweren Panzerglas. Aber an Bord herrschte die ganze Zeit großes Gedränge – der Platz war
ziemlich knapp bemessen. Ein paar Augenblicke erinnerte sich Kano an seine Ankunft auf der
Perseus-Station. Auch damals hatte er an einem Sichtfenster gestanden. Sein Lächeln verblaßte etwas
– seitdem war vieles passiert...
Nur ein paar hundert Kilometer entfernt lag die Erde: Hauptwelt der terranischen Republik, Zentrum
von Verwaltung, Flotte und Armee – und für die meisten Männer und Frauen der Redemption immer
noch „die Heimat“. Trotzdem zur Republik längst die Planeten, Monde und Raumstationen zahlreicher
Systeme gehörten – die Erde war immer noch der am dichtesten besiedelte Planet und kultureller
Mittelpunkt. Und außerdem Stationierungsort der Homefleet.
Das Gerücht, daß die Angry Angels ein neues Schiff bekommen würden hatte sich verdichtet, aber keine direkte Bestätigung gefunden. Aber wozu sollte sonst die gesamte Crew ins Sol-System transportiert werden, zu den Mars-Marinewerften, den bedeutendsten Werften der Republik? Diese Überlegungen – und Selbstversicherungen - hatten die Stimmung an Bord etwas gehoben, mehr noch aber die Aussicht auf RICHTIGEN Landgang. Im Vergleich zur Erde und den orbitalen Vernügungsstationen wirkte die Perseus-Station wie ein verschlafenes Provinznest auf einem Kolonialplaneten. Diejenigen, die auf der Erde oder einem anderen Planeten, Mond oder Station des Sonnensystems geboren worden waren, bot sich außerdem die Chance, die Familie – Eltern, Geschwister, Ehepartner, Freunde und Kinder – wiederzusehen. Vielfach das erste mal seit Monaten, seit Beginn des Akariikrieges.
Ein riesiges Objekt schob sich über den „Horizont“ der Erdkugel. Der Mond konnte es nicht sein, der
war deutlich zu sehen. Der monströse Raumkörper wirkte zu groß, zu massig, um von Menschenhand
gefertigt zu sein. Und tatsächlich hatte der Mensch nur letzte Hand angelegt.
„Ist das..?“ Einer der seamen hatte das Wort ergriffen, die Stimme rauh.
Kano beantwortete die unvollendete Frage: „Ja, Fort Lexington. Der Kampfmond.“
In einen riesigen Asteroiden hatte man im Verlauf von 30 Jahren eine gigantische Festung gegraben, ein Weltraumfort mit der Vernichtungskraft mehrerer Schlachtflottillen, starrend von Schiffslasern, Neutronen-, Photonen-, Plasma- und Tachyonenbatterien, Raumkampf- und Schiff-Schiff-Raketenwerfern und Jägerbasen.
Mehr noch als die Heimatflotte verkörperte Fort Lexington die militärische Macht im Sol-System.
Jede Flotte, die es wagen sollte, die Erde anzugreifen, würde es mit der Feuer- und Vernichtungskraft
der Kampfstation aufnehmen müssen. Aber jetzt, zum ersten Mal so lange ein lebender Mensch
zurückdenken konnte, bestand diese Gefahr tatsächlich. Was, wenn man die vorwärtsdrängenden
Akariis nicht würde stoppen können? Was, wenn Fort Lexington eines Tages wirklich zur letzten
Verteidigungslinie der Menschheit wurde? Soweit dachte allerdings keiner der Piloten und
Crewmitglieder, die sich um die Sichtluke drängten.
Die Bordlautsprecher erwachten dröhnend zum Leben. Die monotone Stimme des Kommunikationsoffiziers hallte durch die Gänge: „ACHTUNG! Es folgt eine aufgezeichnete Botschaft von Commodore Jefferson B. Clark an die Besatzungsmitglieder der Redemption!“
Wie auf ein Kommando nahmen die Männer und Frauen Haltung an, als Clarks Stimme aus den
Lautsprechern drang:
„SOLDATEN! KAMERADEN! Auf drei Feindfahrten haben wir dem Feind getrotzt. In den acht Monaten, in denen ich das Glück hatte, euch zu führen, haben wir den Angreifern schwere Verluste zugefügt. Egal wie schwierig die Mission war, wie ungleich das Kräfteverhältnis – ihr habt immer eure Pflicht erfüllt! Im Dienst für die Republik, für die Menschheit, seit ihr über euch selbst hinausgewachsen und habt bewiesen, was wahre Pflichterfüllung, Treue und Tapferkeit ist. Auch wenn wir nun angeschlagen zurückkehren – wir sind nicht besiegt! Die Redemption mag gefallen sein...“ Die Stimme des Captains wurde bei diesen Worten rauh, die Gefühle des alten Seemanns angesichts des Verlustes waren spürbar „...aber der Kampf ist nicht vorbei! Und solange es Männer und Frauen wie euch gibt, wird der unmenschliche Feind nicht siegen können! Wenn ihr nun euren mehr als wohlverdienten Heimaturlaub antretet, dann könnt ihr eine Gewißheit mit euch nehmen! Ich werde tun, was nur menschenmöglich ist, damit wir GEMEINSAM wieder in die Schlacht gehen. Ein neues Schiff wird unsere Waffe werden gegen die Akarii – und der Feind wird bitter und blutig bezahlen für seinen feigen und hinterhältigen Angriff, für all das Leid das er brachte – und für jeden Toten in unseren Reihen! Es lebe die Republik! Es lebe die Freiheit!“
„ES LEBE DIE REPUBLIK! ES LEBE DIE FREIHEIT!“ Die Besatzungsmitglieder wußten, was man
von ihnen erwartete und nahmen die letzten Worte Clarks auf.
Ein wenig später ertönte wieder die emotionslose Stimme des Kommoffziers aus den Lautsprechern: „Transport erfolgt mit Fähren. Bereitmachen zum Von-Bord-Gehen. Transport läuft nach Standartprozedur!“ Das bedeutete, daß die Offiziere als erste von Bord gingen. Die Flottentradition verlangte zwar, daß die Brückencrew – und vor allem der Captain – als letzte ein todgeweihtes Schiff verließen. Im „normalen Leben“ galt das aber keineswegs.
Kano machte sich auf den Weg zu seinem Quartier: einer Kabine in der zur Zeit vier Mann schliefen
– der Platz war wie gesagt knapp. Er hatte schnell gepackt, seine Besitztümer füllten den Standart-
Seesack nicht einmal zur Hälfte. Das meiste war mit der Redemption verlorengegangen. Aber
immerhin – er hatte überlebt, war nicht einmal abgeschossen oder verwundet worden...

Im Hangar ging es hoch her. Um die beiden Landungsfähren drängten sich die Offiziersdienstgrade der Redemption. Die Stimmung war gut, regelrecht aufgekratzt. Endlich ging es „nach Hause“. Kano sah sich nach Kali um, konnte sie allerdings in dem Durcheinander nicht finden. Dafür sah er den Geschwaderführer. Commander Cunningham ließ es sich nicht nehmen, jedem seiner Piloten noch einmal die Hand zu geben. Das mochte vielleicht nur eine der üblichen Gesten sein, die das Offizierslehrbuch empfahl – aber auch Gesten zählten viel. Der Geschwaderchef sah ernst aus, fast bitter. Aber sein Händedruck war fest und sicher. Er sah jedem der Piloten direkt in die Augen. Dann saß Kano zusammen mit den anderen Piloten der grünen Schwadron und Offizieren der Crew in der Landungsfähre „Abyssinian“. Der Flug verlief ruhig und ereignislos. In einem Jahrhundert, in dem die Reise zwischen den Sternen zur Selbstverständlichkeit geworden war, war es kaum noch
vorstellbar, daß einmal jeder Shutllestart oder –landung ein gefährliches Unterfangen gewesen war. Die Fähre landete im Militärbezirk des Baikonur-Spaceport. Von hier war der erste Satellit und der erste Mensch in den Weltraum gestartet. Heute war Baikonur einer der größten Weltraumhäfen – und auf jedem Fall der mit der längsten Tradition.
Es mochte an der besonderen Natur der (gescheiterten) Mission liegen, daß am Boden nicht einmal die
speziell ausgewählten Reporter der regierungsnahen Zeitungen warteten um ein paar Aufnahmen und
Statements für die Propaganda zu bekommen. Sicherheitschef Ling hatte nicht umsonst noch einmal
klar gemacht, daß JEDE Verlautbarung militärischer Aktionen jenseits der offiziellen Kommuniqués
als Geheimnisverrat angesehen werden konnte.
Endlich auf dem Boden verliefen sich die Soldaten. Sie ließen sich den Sold auszahlen, suchten nach
Anschlüssen, die sie in ihre Heimatländer bringen würden oder legten eine Zwischenstation im Casino
ein, wo sie damit rechnen konnten, vom Bodenpersonal im Austausch für ein paar „Frontberichte“
ausgehalten zu werden.
Lieutenant Commander Parker hatte allerdings ihre Leute noch etwas zusammengehalten. Zumindestens, um noch ein paar Worte loszuwerden: „Also Jungs und Mädels. Das war’s für’s erste. Ich weiß, daß ihr heim wollt und ich werde nicht versuchen, den Commodore auszustechen. Ihr wißt selber gut genug, was ihr geleistet habt. Also alles Gutes! Und kommt mir sauber aus dem Urlaub. Nicht, daß sich jemand in die Konföderation verirrt – was sollte die Navy denn bloß ohne euch anfangen!“ Damit hatte sie den Lacher auf ihrer Seite. „in die Konföderation verirren“ war der Navyausdruck für Desertion.
„...das war’s schon. Haut besser ab, bevor ich rührselig werde – das würde meine Reputation nicht überleben!“
Ein fester Handdruck und ein Schulterschlag für jeden beendete diese „Abschiedsrede“.
Die Landungsfähren der „Maria Theresia“ wurden rasch aufgetankt und starteten wieder. Diesmal
brachten sie auch den Rest der Angry Angels auf den Boden.

Kali war nicht besonders überrascht, daß Kano auf sie gewartet hatte. Sie hatte sogar damit gerechnet. Unwillkürlich spürte sie, wie sie etwas nervös wurde. Sie hatte vor, ihre Familie zu besuchen – und sie wußte, daß auch Kano seine Eltern und Geschwister in Tokio besuchen wollte. Aber abgesehen davon... ‚Was würdest du machen, Mädchen, wenn er dir vorschlägt, mal ein paar Tage gemeinsam zu verbringen?‘ dachte sie selbstkritisch. ‚Würdest du dich freuen? Würdest du ja sagen? Tja...‘ Das Leben war wirklich verflucht kompliziert. Sie und Kano hatten ihre Freundschaft wieder aufgefrischt – darüber hinaus...
„Hallo Kano. Hast du auf mich gewartet – oder hat der ‚Alte‘ dir Garnisonsdienst aufgehalst?“
Kano lächelte – allerdings etwas unsicher: „Hallo Helen. Nein, hat er nicht. Ich habe allerdings auch
darauf geachtet, ihm in den letzten Tagen nicht zu sehr auf die Nerven zu gehen.“
Er wechselte auf ihre rechte Seite: „Ich bring‘ dich zum Transporter. Wissen deine Leute schon, daß
du kommst?“
„Natürlich. Wenigstens dabei hat die Navy langsam alles im Griff. Zu Beginn des Krieges konnte es ja
Monate dauern, bis ein Brief durchkam. Und eine Leitung zur Erde zu bekommen war ungefähr so
aussichtsreich, wie die Suche nach fließendem Wasser auf dem Mars... Und du?“
„Virago hat auf der Perseus-Station für mich eine Nachricht aufgegeben. Und Tarro hat zur Zeit auch Urlaub. Zwei Tage noch.“ Tarro war Kanos älterer Bruder – Deckoffizier auf dem Zerstörer „Caulaincourt“. Ein anderer Bruder, Ioura, war wie Kano Pilot gewesen – und über Manticor mit der „Akagi“ gestorben.

Dann waren sie auch schon durch die Sicherheitsschleusen und in dem riesigen unterirdischen
Bahnhof, der Baikonur mit dem Rest der Welt verband. Im 27. Jahrhundert waren auf der Erde
Entfernungen, die nach hunderten oder tausenden von Kilometern zählten, fast bedeutungslos
geworden. Die beiden Piloten fielen in der Menge nicht auf – Uniformen gab es genug, darunter auch
viele „Frontschweine“.
Sie erreichten schnell ihr Ziel – einen der überschallschnellen Züge, die unterirdisch die wichtigsten Zentren miteinander verbanden und gleichzeitig Komfort und Schnelligkeit boten. Daß das Tunnelsystem dazu noch ein verzweigtes Bunkersystem bot, das sogar Nahschlägen mit taktischen Nuklearwaffen standhalten konnte, war allerdings nur einigen Spezialisten bekannt. Mit Schwung beförderte Kali ihren schweren Seesack in die Tür. Ein Matrose des Zerstörer „Maddox“, wohl ebenfalls auf Heimaturlaub, mußte beiseite springen und fluchte lauthals – was Kali konterte: „Bewegung tut gut! Was denkst du denn, wie du erst wetzt, wenn du in die Rettungskapseln
mußt!“
Dann wandte sie sich etwas unsicher an Kano: „Also dann, Kano. Ich...“
Diesmal ergriff Kano die Initiative und küßte sie. Eigentlich sollte es nur ein Abschiedskuß werden –
doch dann wurde mehr daraus. Irgendein Witzbold auf dem Bahnsteig applaudierte. Schließlich
trennten sich beide etwas atemlos.
Kali sah ihn an, bevor sie eine Antwort formulieren konnte, ertönte das Zugsignal. Sie umarmte Kano
wortlos und kletterte hastig in den Zug. Die Türen schlossen sich und der Zug beschleunigte und
schoß in die Fahrtröhre.
Kano sah dem Transrapid hinterher, den Arm winkend erhoben. Es war ihm egal, daß Kali ihn
wahrscheinlich gar nicht sehen konnte. Dann wandte er sich ab.
„Wie kommt es eigentlich, daß so einer wie du so ein Mädchen hat?!“
Kano blickte den Frager an: der Mann mochte Mitte Zwanzig sein, wirkte sportlich und gutaussehend. Auf jeden Fall war seine Kleidung erheblich teurer, als alles, was Kano jemals getragen hatte. Der junge Pilot überlegte kurz – und grinste dann etwas bösartig: „Melde dich freiwillig zu den Kampffliegern, du Drückeberger!“
Ein Sergeant der Marines, der in der Nähe stand, lachte wiehernd.
Dann schulterte Kano den halbvollen Seesack und suchte nach seinem Anschluß – über Peking nach Tokio.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:33
Murphy sass an seinem Schreibtisch auf der Maria Theresia – auch hier ließ in der Papierkrieg nicht
im Stich - während der Rest der Staffel sich die Zeit mit Müßiggang vertrieb. Sein Computer zeigte
ihm, dass einige neue Meldungen eingetroffen waren.

Prioritätsmeldung Stufe Gamma
An: Lt.Com. Murphy, CO VF-2710
Von: Commodore Jackson Hayes, Jägerkommando Terra
Hallo Jack,
Freut mich, dass Du das Jollahran Debakel gut überstanden hast. Ich habe gehört, dass es euch hart
getroffen hat.
Genug der Vorrede jedoch. Ich schreibe aus einem dienstlichen und einem privaten Grund.
Dienstlich muss ich dir mitteilen, dass du dich bereit machen sollst, das Kommando an deinen XO zu
übergeben. Wir wissen, dass es ihr noch nicht so gut geht, aber die Bericht vom medizinischen Stab,
die du wohl auch kennst, besagen ja, dass sie nach einer Rekonvaleszenzzeit auf Terra wieder auf die
Beine kommt.
Für dich ist eine neue Aufgabe vorgesehen, wobei ich den Eindruck habe, dass noch nicht ganz klar
ist, welche das sein wird. Aber sei dir im Klaren, dass Leute mit deinen breiten Qualifikationen
momentan so selten sind wie Wasser in der Wüste. Lass dir also nicht irgend ein zweitklassiges
Kommando andrehen, was dir nicht zusagt.
Privat möchte ich dir eine Einladung aussprechen. Laura und ich sind nach Berlin gezogen. Wir
würden uns freuen, wenn du uns – so lange wie du willst – besuchst. Wir haben uns viel zu erzählen.
Ich glaube, du weißt gar nicht, dass wir mittlerweile drei Kinder haben. Verdammt. Es ist lange her.
Komm einfach vorbei.
Gruß
Jackson

Murphy schmunzelte. Das waren in der Tat gute Neuigkeiten. Jackson war eine Bekanntschaft aus der Zeit an der Akademie gewesen. Ein Mann, dem viele glänzende Zukunftsaussichten prophezeiten, und der mittlerweile im Stab eines Senior Admirals diente. Für Jack war er vor allem Tutor in seinem ersten Jahr in Akademie gewesen, als Hayes Ausbilder für Astronavigation und Flottentaktik war. Als Murphy sich als ernster, ruhiger Student herausgestellt hatte, hatten viele ihm das Temperament für die Jagdfliegerei abgesprochen. Hayes hatte jedoch erkannt, dass es diese Ruhe sein würde, die Murphy später zum Staffelkapitän machen würde, wo viele Akademiekameraden bereits gefallen waren. Die Männer waren nach der Akademie Freunde geblieben und Hayes hatte immer wieder dafür gesorgt, dass Murphy nicht im falschen Kommando landete. Auch hatte er das Ansinnen seines jungen Freundes gefördert, möglichst viele Flugzeugmuster zu fliegen und diesbezügliche Qualifikationen zu erwerben. Denn auch wenn es innerhalb des Geschwaders kaum bekannt war, so war Murphy einer der wenigen Männer in der Navy, der als Ausbilder für nahezu alle Flugzeugmuster der Navy zugelassen
war. Normalerweise sah die Navy dies als Verschwendung an, aber Jackson hatte Murphy unter die Arme gegriffen und ihm so indirekt zu seinem Posten auf dem Mars verholfen.
Jack las die Nachricht nochmals durch, dann sandte er eine kurze Antwort, in der er den Befehl bestätigte und die Einladung – zumindestens für einige Tage – annahm.
Dann wandte er sich der nächsten Nachricht zu.

Zur gleichen Zeit erhielt Gonzalez auf der Dauntless einen neuen Befehl. Anders als die Relentless hatte man den leichten Kreuzer erst mal auf Perseus versauern lassen. Offensichtlich wollte niemand in seinem Flottenverband ein unerprobtes Schiff haben. Gonzalez hatte leichten Dienst verordnet und so weit als möglich Landurlaub gegeben. Gleichzeitig waren ein weiteres Mal Techniker der Werft an Bord, um die Systeme zu überprüfen und die neugewonnenen Daten auszuwerten.
Gonzalez zog an seiner Zigarre und rief dann nach seinem XO. Warren Turner kam wenige Minuten später von der Brücke in das Quartier des Captains.
„Neuer Befehl?“
„Ja, lies selbst.“
Er reichte Turner den Ausdruck und paffte weiter an seiner Zigarre.
Turner las folgendes:

Priorität Delta-grün
Verschlussache
An: Captain E.E.E. Gonzalez, CO TRS Dauntless
Von: Rear Admiral Hamish MacAllister, Perseus Station
Captain,
Zunächst einmal meine Anerkennung für Ihren gründlichen Bericht hinsichtlich des Zustandes Ihres
Schiffes. Mir scheint, dass Sie es geschafft haben, systematisch jeden Fehler aufzuspüren, den es gab.
Ihnen wird ab sofort ein neuer Auftrag erteilt. Der Konvoi BravoTango 4 verläßt morgen um 1200
Terranormzeit Perseus. Sie werden angewiesen, sich dem Konvoi anzuschließen und als Flaggschiff
der Eskorte zu dienen. Der Kommandeur des Konvois, Commodore Gareth Reich wird vier Stunden
vor Auslaufen an Bord eintreffen und das Kommando übernehmen. Sie werden daher ferner
angewiesen, entsprechende Vorbereitungen zu treffen.
Der Konvoi ist von äußerster Wichtigkeit, ich zähle darauf, dass kein Frachter verloren geht.
Nach Ankunft auf Sternentor werden Sie sich ins Texassystem begeben und sich dort dann dem sich
formierenden Kreuzerschwadron 2.3 unter Commodore Hennig Schupp anschließen, um diesen
Flakdeckung zu gewähren.
Gez.
MacAllister, Perseus Station

„Wollen die uns aus dem Weg haben oder ist das wirklich `nen wichtiger Konvoi?“
„Ich hab das auch erst gedacht, aber dann hab ich mir die Daten angeschaut. Wir haben noch zwei Fregatten und einen Zerstörer dabei. Das ist ne Menge Aufwand für zehn mittelgroße Frachter. Daraufhin hab ich mal meine Kontakte auf der Station angerufen. Angeblich transportieren die Frachter wichtige Rohstoffe für die Werften und Fabriken auf Tau Ceti.“
„Hm, das kann interessant werden. Wir sind zumindestens an zwei Stellen recht nahe an den feindlichen Linien, wenn wir einen halbwegs geraden Kurs fliegen.“
„Richtig, und nach den Zeitvorgaben, die MacAllister angehängt hat, bleibt uns nichts anderes übrig.“
„Ok. Und was ist mit Reich?“
„Für mich ein unbeschriebenes Blatt. Keine Ahnung, aber ich befürchte, es wird ein Bürohengst
übelster Sorte mit null Ahnung von dem, was hier abgeht.“
„Schlechtes Karma, würde ich sagen.“
„Du sagst es, Warren, du sagst es.“
„Soll ich den Landurlaub sofort streichen und die Leute zurückholen?“
„Ja, mach das besser. Ich habe keine Lust, das Auftauchen irgendwelcher Schnapsleichen am nächsten Tag dem Commodore zu erklären. Und such ein paar Leute heraus, die wir für die Empfangszeremonie vorzeigen können. Du kennst den Typ, auf den die Büroheinis stehen, Rekrutierungspostermaterial halt.“
„Wird gemacht. Sonst noch was?“
„Ja, lass meine und deine Kabine räumen, wir müssen dem Commodore ja ein Quartier bieten.“
„Das war es dann mit Einzelkabine.“ Turner seufzte.
„Wie du sagtest, schlechtes Karma.“ Gonzalez grinste.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:33
Die Militärjustiz war von je her eine diffizile Angelegenheit. Was war den Richtern wichtiger: den Ruf
der Truppe zu wahren, Unfähigkeit auszumerzen oder Feigheit zu bestrafen?
Ein Kriegsgericht war aber, was immer letztlich auch herauskam, eine heikle Angelegenheit, die
Karrieren beenden konnte.
Captain Johnathan Eugene Ward musste nur eine Untersuchung über sich ergehen lassen.
Alles war innerhalb weniger Tage abgehandelt: fünf ranghohe Offiziere bildeten den
Untersuchungsausschuss: Ein Rearadmiral: Maria Adropolis, vier Captains: Scott Reley, Walter
Kirschner, Chantal Lanier und Moraiko Chao.
Hinzu kamen zwei Lieutenant Commander des JAG-Corps: Jake Smollet als Rechtsbeistand und
Forrest Marsh als Untersuchungsoffizier.
Als Zeugen wurden nur Mithel, Clarke und Ward selber verhört.
An Berichten wurde der gesamte Schriftverkehr zwischen dem Kommando der 2. Flotte und den
Captains der Trägergruppe Galileo als Beweise vorgelegt.
Und schließlich zog sich der Ausschuss zur Beratung zurück.
"Also, was ich so gesehen habe, reichen die Zeugenaussagen und Beweise dafür, dass ein
Kriegsgericht ihn verurteilt und erschießen lässt", begann Reley.
Kirschner nickte: "Ja, aber sollten wir wirklich ein Militärgerichtsverfahren einleiten lassen? Ich
meine, ich bin zwar kein Flieger, aber wenn plötzlich und auf einen Schlag 33 von 36 Jägern
vernichtet werden, so was ist ein hochgradiger Moralkiller."
"Das mag ja sein, doch sollte Captain der TSN um ein vielfaches mehr Ruhe und Selbstdisziplin
wahren, als dieser... Kerl." spuckte Lanier aus.
"Captain, Sie sprechen immer noch von einem Captain der Navy und werden, solange mit Respekt
über ihn reden, wie er in Rang und Würden ist." Andropolis Stimme durchschnitt den luxoriös
eingerichteten Besprechungsraum an Bord des Flottenträgers Gettysburg.
"Entschuldigung Ma'am." Lanier blickte beschämt zu Boden. Diesen Drecksack sollten sie aus der
nächsten Luftschleuse stoßen.
"Also Ladies und Gentlemen, was machen wir?"
"Nun Ma'am, ich für meinen Teil bin der Ansicht, das wir einerseits Ward nicht einfach ans Messer liefern sollten, für einen Fehler, der darin bestand, dass man ihn nicht früher aussortiert hat. Und zum anderen dürfen wir ihn nicht auf seinem jetzigen Posten belassen, das wäre grob fahrlässig." Kirschner nickte bei Chaos Plädoyer.
"Und wie haben Sie sich das vorgestellt?" wollte Lanier wissen.

Die Entscheidung war gefallen. Ward wurde in zurück in den Besprechungsraum geführt, wo die gesamte Untersuchung statt gefunden hatte. Fünf Minuten später trat der Untersuchungsausschuss ein. Nachdem die fünf Offiziere Platz genommen hatte begann Andropolis: "Captain Johnathan Eugene Ward: Dieser Untersuchungsausschuss hat folgendes festgestellt: Ihre Handlungsweise nach der Vernichtung Ihrer Flugdivision im Gefecht um Jollahran ist im weiteren Sinn durchaus verständlich. Genauso ist zu berücksichtigen, dass nur so die Überlebenden des Redemptionverbandes gerettet werden konnten.
Dieses alles, und vor allem deshalb, weil es nicht vorherzusehen war, dass die Redemption in Tau Ceti auftauchen würde, entschuldigt nicht Ihr unsolidarisches und unmoralisches Verhalten. All diese Erkenntnisse, die uns diese Untersuchung beschert hat, führt uns zu folgendem Schluss kommen: Sie sind nicht fähig, das Kommando über ein Raumschiff zu führen. Schon allein um die Disziplin innerhalb der Flotte aufrecht zu erhalten, ist es unsere Pflicht Sie von Ihrem Posten zu entfernen." Die Admiralin pausierte kurz.
"Als nicht gerichtlicher, aber offizieller Untersuchungsausschuss gibt es für uns nur eine Möglichkeit: mit sofortiger Wirkung entziehen wir Ihnen Ihr Raumfahrtpatent."
Das Raumfahrtpatent machte in der zivilen Raumfahrt einen Captain aus und wurde bei der Terran
Space Navy zusammen mit dem Offizierspatent verliehen, um somit jedem Offizier der Navy
bestätigte und ermächtigte im Notfall das Kommando über ein Raumschiff zu übernehmen.
Wards Offizierskarriere war mit einem Schlag beendet, ohne Kriegsgericht, ohne Skandal.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:34
Das war es dann also. Das Intermezzo war vorbei. Juliane packte das, was sie von der REDEMPTION
hatte retten können, zusammen. Viel war es nicht. Aber sie war es auch nicht gewöhnt, besonders viele
Kinkerlitzchen mit sich herumzuschleppen.
Einzig ihre Seidenunterwäsche würde ihr fehlen. Die war mit dem Träger untergegangen. Die
Standardunterwäsche war ihr einfach zu kratzig, und jetzt hatte sie nur noch eine Garnitur…
Aber das war nichts, womit sie sich im Moment des Abschieds beschäftigen sollte, entschied sie. Die
Slips und BHs würden sich ersetzen lassen. Immerhin wartete ein fetter Bonus auf sie sowie die
Einkaufsmöglichkeiten der Erde.
Ein letztes Mal sah Huntress auf die Aufstellung der Staffel. Sie hatten arg gelitten. Foreigner ging
zweimal die Woche zum Psychologen.
Merkur war tot.
Rapier war immer noch auf leichtem Dienst und würde erst in drei oder vier Wochen wieder das
Flugtraining aufnehmen können. Die Verletzung der Wirbel hatte auch die Nerven im Rückenmark
beeinträchtigt. Selbst heutzutage war die Regeneration von Nerven eine langwierige Sache.
Nemesis fiel für mehrere Monate aus. Er hatte das linke Bein ganz und das rechte bis zum Knie
verloren. Es würde einige Wochen dauern, bis sie mit Hilfe der modernen Medizin nachgewachsen
waren. Aber sie zu trainieren und auf die alte Leistung zu bringen, ganz mal davon abgesehen, dass
diese Erfahrung ein Schock für den jungen Burschen sein müsste…
Aber weit gefehlt. Er schien ein derart sonniges Gemüt zu besitzen, dass er die Information über die
fehlenden Beine mit einer Handbewegung abtat und lieber danach fragte, wann er den Dienst wieder
aufnehmen könne.
Sneaker war Gestern entlassen worden, rechtzeitig für den Heimaturlaub.
Elfwizard war flugtauglich, ging aber ebenfalls einmal die Woche zum Psychologen.
Bushfire war zwar auch flugtauglich, stand aber ebenso unter Beobachtung der Psychologen. Seit
neuestem hatte er was gegen Kälte und weite Räume.
Cloud hatte ein paar Finger durch Erfrierungen verloren. Sie waren mittlerweile fast nachgewachsen,
aber sein Händedruck war immer noch etwas schwammig. Sein Kommentar dazu war: Na, wenn’s
nicht schlimmer ist…
Dagger hatte ihr Thoraxtrauma mittlerweile überstanden. War aber zur Kur befohlen worden. Sie
würde frühestens in drei Wochen flugtauglich geschrieben werden.
Avenger hatte seine Torheit während der Schlacht viel zu gut überstanden. Deshalb hatte Huntress ihn
auch jede verdammte Tour fliegen lassen, die sie ihm noch zumuten hatte können. Mittlerweile hatte
der Junge eine Ahnung davon, was eine Befehlskette war.
Die Lieutenants Carlsen und Terrano, die sie mitsamt ihrer Nighthawks unter ihre Fittiche genommen
hatte, waren ihr lange, zu lange zugeteilt geblieben.
Beide hatten ein schweres Trauma aufgrund des Verlusts ihres Trägers, aber die harte Arbeit und die
vielen Patrouillen hatten sie aufrecht gehalten.
Miguell Terrano hatte sogar einen Versetzungsantrag zu den Jokers gestellt. Huntress konnte ihn
verstehen. In der kurzen Zeit waren sie alles gewesen, was er noch hatte. Auch wenn er bei der
Versetzung seine Nighthawk verlieren würde.
Der einzige, der vollkommen unbeschadet aus der Schlacht hervorgegangen war, das war Demolisher
gewesen. Es war, als könnte nichts und niemand ihren ehemaligen Wingman erschüttern. Wie ein
nachtschwarzer Fels in der Brandung hatte er die Fluten der Akarii gebrochen. Bei den Technikern
ging das Gerücht um, dass seine Maschine lediglich ein paar Schrammen abbekommen haben sollte,
und das auch nur, weil einer der Techniker die Leiter falsch angesetzt hatte.
Somit kam sie Summa sumarum auf eine kastrierte halbe Staffel.
Damit konnte sie noch zufrieden sein. Die anderen hatte es wesentlich schlimmer erwischt. Gerade
Gold und Silber hatten nicht nur Tote, sondern auch viele Vermisste zu beklagen. Nur ein SAR-
Shuttle der REDEMPTION hatte sich zwischen die Frachter des Konvois gewagt. Wen die
heldenhafte Crew dieses Shuttles nicht gerettet hatte aber noch am Leben war, befand sich nun in der
Hand der Akarii.
Huntress hatte wenigstens Gewissheit über das Schicksal ihrer Leute.
Ein letztes Mal warf sie einen letzten Blick auf die Aufstellung. Daneben lag eine Kopie des
Abschiedsbriefes für Lieutenant Morellis Eltern und seine Schwester. Sie hatte letztendlich doch einen
Text zustande gekriegt. Keine Nullachtfuffzehn-Geschichte, sondern ihre Sicht der Schlacht und
Merkurs Rolle darin. Natürlich hatte sie mit dem Geheimdienst Rücksprache gehalten, was von
Jollahran Geheimsache war und was nicht. Der Eisenbeißer hatte sogar Probe gelesen und genickt.
Ein anderes Schicksal aber ging Huntress noch immer nicht aus dem Kopf.
Seit Ace tot war, schien es ihr, als fehle da was in ihrem Leben. Es war nur Sex, ja, ja.
Es war eine tiefe und ehrliche Freundschaft, die sie beide sehr genossen hatten. Der Sex war da nur
eine Dreingabe gewesen.
Sie aktivierte ihr Computerterminal, während die letzten Stücke ihres Eigentums im Seesack landeten.
Ein letztes Mal rief sie die Verlustlisten auf und suchte nach Morellis Namen.
Dahinter stand eine Feldbeförderung zum First Lieutenant. Und die Verleihung des Goldenen Löwen.
Konnte das eine Familie trösten? Nein. Beruhigen? Nein. Aber vielleicht dieser Familie das Leben retten.
Wie beiläufig, als interessiere es sie überhaupt nicht, rief Huntress auch noch die Vermisstenliste auf
und suchte nach Second Lieutenant Clifford Davis. War seine posthume Beförderung endlich durch?
Hm. Suchfehler.
Sie gab den Namen erneut ein.
Suchfehler.
Und noch mal.
Suchfehler.
Merkwürdig. Dann hatten sie ihn bereits auf die Verlustliste gepackt. Huntress würde…
-Piiep-
Der Wecker gellte auf. Es wurde Zeit. Ihr Shuttle zur Erde ging bald. Zuerst nach Baikonur, danach
mit der Tram nach Berlin. Von dort würde sie ein Flieger an die Waterkant bringen. Nach Hause.
Sie deaktivierte den Terminal. Ein letztes Mal.
Dennoch, vielleicht sollte sie mit Kali drüber sprechen. Das würde sie auch interessieren. Ob Ace auch
den Goldenen Löwen erhalten würde?
Was sie zu sich selbst brachte. Wie würde es mit ihr weitergehen? Wie mit ihrer Staffel, wie mit ihrem
Geschwader? Würde es zerfetzt und in alle Winde zerstreut werden? Oder würde sie der Rückmarschbefehl
zur MARYLAND erreichen?
Die würde in wenigen Tagen aus dem Dock kommen. Aber nein, dann wäre sie gleich auf PERSEUS
abkommandiert worden.
Dann wurden sie entweder doch zerfetzt – was sie persönlich als Beleidigung empfand, weil ihr das
Geschwader der RED näher war als die Aces of Texas – oder sie würden gemeinsam auf einen Träger
geschickt. Alternativ auf einen Stützpunkt in der Etappe.
Wenn es ein Träger war, würden sie dann weiterhin Angry Angels heißen? Über Mantikor waren es
die Blue Angels gewesen. Die Überlebenden hatten in Anlehnung daran das Geschwader der RED
Angry Angels genannt.
Sollten sie nicht eine weitere Modifikation suchen? Warum nicht ein neuer Name für das Geschwader? Raging Angels oder so?
Gedankenverloren ging Huntress weiter. Es herrschte einiges Gedrängel. Demolisher stieg gerade in
sein Shuttle ein. Er flog nach Houston und von dort mit einer Bahn nach Arizona. Er hatte Juliane
eingeladen, während des Urlaubs ein paar Tage vorbeizukommen.
Sie hatte dankend angenommen.
In der Warteschlange ein Stück vor ihr entdeckte sie Kali. Sie würde auch nach Baikonur runter und
dann mit der Bahn nach Indien. Bombay.
Auch sie hatte Huntress eingeladen, für ein paar Tage am indischen Meer zu plantschen.
Auch diese Einladung hatte Juliane angenommen.
Gerade wollte Huntress die Freundin anrufen und von der Neuigkeit über Ace erzählen, als sie Ohka
an Kalis Seite sah. Nein.
Das wäre ungerecht gewesen. Gegen Ace konnte der Junge nie gewinnen, ihn wieder und wieder zur
Sprache zu bringen hieße, der Freundin die Chance zu nehmen, wenigstens ein wenig Glück im Leben
zu finden – bis sie oder Ohka fielen.
Später, wenn Huntress in Bombay war, konnte sie das Thema immer noch ansprechen.
Jetzt aber wollte sie den beiden Jüngeren die gemeinsame Zeit lassen.
Ace war tot und damit ein Gespenst geworden. Gegen ihn zu eifern konnte nur in einem Fiasko enden.
Und Ohka in diesen verlorenen Kampf zu stellen wäre grausam gewesen.
Man konnte nicht gegen Legenden ankämpfen.
Und für Helen war Ace fortan eine Legende. Ein Mythos. Ein Ideal. Zwölf Abschüsse binnen eines
Jahres. Gestorben bei der Verteidigung des Trägers. Es wäre unfair gewesen. So verdammt unfair.
Ihr Blick strich über Ohka. Sie grinste. „Wehe, du tust ihr weh, Soldat, dann lernst du mich kennen.“
Ihr Zug würde gleich nach dem von Kali starten…

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:34
Unzählige Schienenstraßen verbanden den Kosmodrom mit anderen Metropolen. Die Schnellzüge
durcheilten die Erdteile fast so schnell, wie früher die Flugzeuge. Und dies erheblich billiger und
zuverlässiger. Aber für diejenigen, die abseits der großen Metroplexe wohnten, war das Flugzeug
immer noch unabdingbar. Deshalb brachte Ina ihre verletzte Kameradin zu einem Terminal, über das
,Regionalflüge‘ – also auf DIESEM Kontinent – abgewickelt wurden. Die Maschine sollte bald starten.
Ina erwiderte die Umarmung ihrer Kameradin enthusiastisch. Sie hatten sich beide auf die eine oder
andere Art und Weise das Leben gerettet, und das verband. „Also – wenn du nichts zu tun hast, kannst
du mich gerne mal besuchen kommen.“ sagte Lilja. Ihre Freundin grinste: „Klar – wenn ich Lust auf
Mücken, Moore und Taiga habe – und der Wolf singt ein Liedchen...“ Beide lachten. Die Klischees,
die die rußländischen Gebiete der Erde betrafen, hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht
viel geändert. Lilja nahm Imp das Gefrotzel nicht übel. Sie kannte die Art ihrer Freundin. „Nun, für
dich gilt das selbe, Eislilie.“ Lilja seufzte nur: „Ich fürchte, wenn wir nicht Glück haben, bist du von
diesem Gesteinsklumpen runter, bevor ich von den Quacksalbern die Erlaubnis bekommen, eine kleine
Luftveränderung vorzunehmen.“ Was zwar übertrieben war – Lilja stand nicht mehr unter
medizinischer Beobachtung. Aber sie wollte auch nichts riskieren.
Beide salutierten spöttisch voreinander. „Mach's gut, Tanja!“ „Wir sehen uns, Ina!“ Dann faßte die Russin ihre Krücken fester und machte sich auf den Weg zu ihrem Flugzeug. Imp blickte ihr wehmütig nach. Wie sie da an ihren Krücken lief, sah sie wirklich aus wie eine Invalide. Und für einen Augenblick hatte sie Angst, Lilja als Kameradin zu verlieren. Doch dann verdrängte sie ihre Unruhe. Es würde schon alles gut werden! So jemand wie Lilja endete nicht in der Etappe – da war sie sich sicher! Und die Angry Angels auch nicht!

Für sie selber bedeutete Heimkehr eine Zugfahrt durch halb Europa und Asien. In früheren Tagen hätte das Tage, gar Wochen gedauert - wenn die Grenzen nicht ganz unpassierbar waren, wie es in der menschlichen Geschichte immer wieder geschehen war. Aber heute war das alles mehr oder weniger ein Land. Natürlich war ein Nationalgefühl nie ganz auszurotten. Die Traditionen der Staaten, die sich zur Republik vereinigt hatten, bestanden fort, verwischten sich aber im Laufe der Jahre immer mehr. Der Raumhafen hier war ein gutes Beispiel. Menschen aller Hautfarbe wimmelten durcheinander und sprachen die selbe Sprache - mehr oder weniger.
In der Menge fiel Ina nicht auf. Es gab hier auch viele Soldaten und Offiziere, und ein Second
Lieutenant der Raumjäger war da nicht besonders interessant. Außerdem hatte sie nicht gerade ihre
Paradeuniform angezogen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß sie noch eine halbe Stunde Zeit hatte,
bevor ihr Zug abfuhr. Also gönnte sie sich einen Happen in einem der Schnellrestaurants. Um sie
herum quirlte das geschäftige Treiben.
Ein wenig nur verwunderte sie die Sorglosigkeit der Menschen. Die meisten schienen irgendwie zu
verdrängen, daß da draußen ein Krieg geführt wurde. Eingelullt von den öffentlichen
Flottennachrichten und all den kleinen Nichtigkeiten des normalen Lebens, mochte vielen der Blick
darauf fehlen, wie ernst die Lage wirklich war.
Auf der anderen Seite - ein Blick auf einen der Zeitungsständer zeigte ihr auf einer öffentlichen
Zeitung die Schlagzeile: "Sieg über Akarii-Nachschubskonvoi!" und ähnliches. Da brauchte man sich
ja nicht zu wundern. Sie schüttelte ein wenig den Kopf. Auch wenn sie nicht so extrem eingestellt war
wie Lilja - die am liebsten die Bevölkerung bei Wassersuppe 12 Stunden täglich in die
Rüstungsfabriken geschickt hätte - so hatte sie ihre Zweifel daran, daß diese Politik der kontrollierten
öffentlichen Meinung so richtig war.
Aber das war nicht ihre Sache. Die Leute verließen sich auf die Flotte, verließen sich darauf, daß die
Armee alle Angriffe abfangen würde. Die Flotte verließ sich auf ihre Leute - also auch auf sie. Nun,
sie würde ihr Bestes geben, damit die Leute ihrem banalem Alltag auch weiterhin würden nachgehen
können. Sie hoffte nur, daß dies ausreichen würde...

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:35
Die Erde war eine wunderschöne blaue Kugel, durchzogen von braunen Inseln.
Lucas saß in einer Standardraumfähre der TSN, entgegen seinen Wünschen würde er nicht nach
Lunapolis fliegen, sondern er war nach Fort Lexington befohlen worden.
Langsam näherte sich die Raumfähre dem riesigen künstlichen Mond.
Im großen Bogen ging es in die Hauptlandezone der Orbitalstation. Schon vom weiten wurden die
Geschützbatterien sichtbar: riesige Raketenwerfer, Lucas schätzte, dass der ein oder andere mit einem
Schuss hundert Raketen ins All jagen konnte.
Das Shuttle reihte sich in den stetigen Raumverkehr um Fort Lexington ein und erreichte Portland, die
Hauptlandebucht der Raumstation.
Hier lag die Homefleet. Aufgereiht: Zerstörer, Kreuzer und das Kernstück der Homefleet, dicht nebeneinander, ein Flottenträger der Pegasus-Class die Peking und daneben der Stolz der Flotte die beiden neuesten Flottenträger der TSN, zwei Lexington-Class Träger, die Lexington und die Victory. Um ein Vielfaches eleganter als die Pegasus, welche in Lucas Augen schon eine Schönheit darstellte. Langsam schwebte das Shuttle am Heck dieser drei Schönheiten vorbei, dann kam ein leerer Liegeplatz, der einst die Melbourne enthalten hatte, dahinter lagen dann die Kreuzer der Ticonderoga-Class.
Selbst Lucas, der sich selber als abgehärteten Veteranen sah, stockte der Atem bei dieser Zurschaustellung militärischer Schlagkraft.
Ihr solltet an der Front stehen. Ihr solltet kämpfen.
Er war der einzige Gast an Bord des Shuttles. Er betrachtete seine linke Hand, die leicht zitterte.
Scheiß Medikamente. Kotzen oder zitternde Hand. Regen und Traufe.
Man hatte ihm befohlen auch während des Urlaubs alle zwei Tage einen Psychologen aufzusuchen. Er schmunzelte. Mutter würde wohl versuchen, ihn dazu zu bewegen, zum alten O'Reley zu gehen, ihrem Psychologen, der sich um jedes Kinkerlitzchen kümmerte, das sie plagte. Er entschied sich einen Psychologen aufzusuchen, der gedient hatte, am besten einen aus dem Flottendienst. Der Pilot informierte ihn über Lautsprecher, dass das Shuttle gelandet war und er aussteigen konnte. Er wurde von einem Lieutenant Commander erwartet der, so schien es, vom Werbeplakat herunter gesprungen war.
Lucas rieb sich das Kinn und bemerkte erst jetzt einen Drei-Tage-Bart. Du wirst nachlässig Junge.
"Sir, Commander Edwards, aus dem Stab von Admiral Renault, der Admiral möchte Sie sehen."
Jetzt war Lucas baff: "Renault ist hier und... möchte mich sehen?"
"Ja, Sir, bitte folgen Sie mir."
Lucas tat wie verlangt. Den Weg über und im Lift sprachen die beiden Offiziere nicht. Edwards trug eine Reihe Ordensbänder und die goldene Stabskordel, Etappenhengst. Schließlich führte Edwards ihn in eine Art Büro/Besprechungszimmer. Jean-Baptist Renault erhob sich, als Lucas den Raum betrat: "Guten Tag Commander, danke, daß Sie sich die Zeit genommen haben."
Als ob ich die Wahl gehabt hätte.
"Aber bitte, setzen Sie sich Lucas, einen Kaffee? Etwas zu Rauchen?"
"Ja, gerne, Schwarz und wenn Sie eine Zigarette hätten?"
Renault wandte sich an den Lieutenant Commander: "Peter, eine Tasse Kaffee und eine Schachtel..."
"Lucky Strikes", half Lucas dem Admiral aus. Edwards verließ den Raum.
"Seit Mantikor ist eine Menge passiert nicht wahr Lucas?" Renault lächelte. "Sie wundern sich, dass
ich mich an Sie erinnere nicht wahr. Nun, immerhin haben Sie eine kurze Zeit mein Bordgeschwader
befehligt, bevor Sie doch noch abgeschossen wurden."
"Ja, von der Roten Echse."
Renault wollte was sagen, wurde jedoch von Edwards unterbrochen, der zwei Tassen Kaffee und eine
Schachtel Lucky Strikes Lights brachte.
"Ich habe leider nichts anderes auftreiben können." Dann verschwand der junge Commander wieder.
Renault wartete bis Lucas von dem Kaffee probiert hatte und sich eine Zigarette angesteckt hatte.
"Wie sehen Sie die aktuelle Kriegslage Commander?"
Lucas war sichtlich erstaunt. "Ehrlich und offen Sir?"
"Bitte, nur zu."
"Beschissen Sir. Wir sind in der Defensive und ich sehe nicht, dass eine Gegenoffensive auf unserer
Seite ins Rollen kommt, geschweige denn geplant wird. Mit unseren Einsätzen schieben wir das
Unvermeidliche nur hinaus und verheizen kostbare Recourcen und Menschen. Himmel, ich habe die
Hälfte meiner Männer verloren, dafür daß wir Zeit erkaufen. ZEIT."
Er hielt an sich und nahm einen Schluck Kaffee.
"Bitte reden Sie weiter Commander." Renault lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander.
Er mußterte Lucas aus seinen dunklen Augen heraus.
Lucas rutschte unsicher im Sessel hin und her.
"Nun Sir..." Er brach wieder ab.
"Dann lassen Sie mich etwas fragen: Sie haben Ihre Männer und Frauen, so geht es aus den Berichten
hervor, wissentlich in den Tod geschickt. Es ist ein Wunder, dass die Mirages so einen Erfolg hatten.
Was glauben Sie, hatte diese Aktion einen Nutzen oder wurden diese Männer und Frauen von Ihnen
einfach weggeworfen?"
Während Renaults Rede war Lucas immer kleiner geworden und schaffte es dem Admiral jetzt nicht in
die Augen zu sehen.
"Sir, ich..."
"HABEN SIE DIESE MÄNNER UND FRAUEN NUTZLOSER WEISE AUF DIE
SCHLACHTBANK GESCHICKT? Haben Sie sie ermordet?"
Lucas sprang auf, kippte dabei sowohl seine eigene Tasse und den Aschenbecher um: "Ich habe das gemacht, was ich für richtig hielt um die mir gesetzten Einsatzziele zu erreichen. Ob das nun sinnlos ist oder nicht, hängt davon ab, was SIE und das Oberkommando aus dem Erreichten der Mission machen!"
Er schluckte schwer. ‚Du selten dämlicher Idiot‘. Lucas setzte sich wieder: "Aber ich glaube kaum, dass
der Admiral mit dem Commander die Kriegslage besprechen will."
Renault nickte, er nahm Lucas Ausbruch nicht zur Kenntnis: "Ich will wissen, was bei Troffen
gelaufen ist."
Lucas versteifte sich: "Troffen, Sir?"
"Ja, Troffen, Commander. Der Planet, den die Redemption bei ihrer zweiten Mission angelaufen hat.
Und mir sind da einige Gerüchte zu Ohren gekommen."
Eine Weile schwiegen sich die beiden Offiziere an und blickten sich gegenseitig in die Augen. Der
umgeschüttete Kaffee tropfte mittlerweile auf das Deck.
"Commander, ich habe nicht alle Zeit der Welt, ich werde zu einer Besprechung mit dem CNO und
der Präsidentin erwartet, also reden Sie!"
"Sir, gemäß Paragraph..."
"Tischen Sie mir nicht solch einen Scheiss auf. Ich will wissen, was in meiner verdammten Flotte
passiert. Ich will wissen, womit ich bei den Akarii zu rechnen habe."
"Womit Sie bei den Akarii zu rechnen haben?" Lucas fuhr sich mit der Linken übers Gesicht, ‚du solltest Dich wirklich mal wieder rasieren‘, und zündete sich eine Zigarette an. "Nun, wenn die Troffengeschichte unter den Akarii die Runde macht. Fanatismus. Rache. Krieg bis aufs Messer. Keine Gnade."
Renault nickte: "Wieso? Was ist auf Troffen geschehen."
‚Verdammt, dafür können sie mich erschießen.‘ Doch Lucas erzählte, alle Einzelheiten, so weit er sie kannte.
20 Minuten später saß Lucas wieder im Shuttle und flog Richtung Lunapolis.

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:36
Endlich wieder zu Hause. War es wirklich sein zu Hause? Murphy, langsam genesen von den Nachwirkungen seines Ausstieges, machte sich auf den Weg zum Shuttle, das ihn zu der Orbitalstation bringen würde. Von dort würde er nach Berlin fliegen, um seinem Freund Jackson Hayes zu besuchen. Danach... nun, er spielte mit dem Gedanken, nach Wien zu fahren. In Dublin würde ihn jedenfalls niemand mit offenen Armen empfangen. Er griff nach der Tasche, die sein letztes persönliches Eigentum enthielt, der Rest war mit der Redemption zu nuklearer Asche verbrannt worden. Verblieben waren nur einige Kleidungsstücke, der Rosenkranz und einige Bücher. Einen Psalm murmelnd stieg er ins Shuttle. Der Lieutenant, der an der Luke die Gäste einlies sah ihn etwas befremdet an, sagte aber nichts. Hinter Murphy schloss sich die Kabine und er setzte sich auf den letzten verfügbaren Platz. Eine gute Stunde später war er an Bord der Orbitalstation und versuchte den nächsten Flug nach Berlin zu buchen. Doch es herrschte mehr Betrieb als er gedacht hatte. Schließlich bekam er eine Verbindung nach Warschau, von wo er mit der Monorail weiterreisen konnte. Eine weitere Stunde später checkte
er ein. Eine brünette Stewardess begrüßte ihn lächelnd. Angesichts der Tatsache, dass er noch immer Uniform trug, wunderte sie sich auch nicht, dass er so wenig Gepäck bei sich hatte, obwohl es selbst für einen Militär wenig war. Umso mehr bewunderte sie die Schwingen und die Ordensbänder. Insgeheim träumte sie wie so viele von einem Piloten, auch wenn sie rationell wusste, dass sie mit dem Rechtsanwalt, der auf sie in Krakau wartete, besser bedient war. Den sah sie immerhin wöchentlich. Bei Soldaten hingegen...sie hatte einmal einen Deckoffizier auf einem Kreuzer gekannt. Den hatte sie alle drei Monate einmal gesehen. Nach dem dritten Landurlaub hatte sie ihm den Laufpass gegeben.
Während sie Murphy’s Ticket überprüfte, fiel ihr auf, dass ihr Gegenüber eine seltsame Ausstrahlung
hatte. Die meisten Piloten, die nach Hause kamen, waren entweder erleichtert oder enthusiastisch. Bei
diesem Kandidaten spürte sie keines von beidem, eher eine Art Unruhe. Schade, eigentlich sah er nett
aus. Sie zuckte mit den Schultern und wandte sich dem nächsten Fluggast zu.
Murphy hatte die Aufmerksamkeit der Stewardess gar nicht registriert. Innerlich spürte er den Aufruhr der Gefühle. Selbst in seiner Zeit auf dem Mars war er selten auf der Erde gewesen. Nun würde er dort auf unbestimmte Zeit den Landurlaub verbringen. Seufzend stieg er in den Flieger, der ihn zur Wiege der Menschheit bringen würde. Glücklicherweise war der Flug nur halb belegt, so dass er keine nervenden Nachbarn hatte. Stattdessen versuchte er sich auf den neuesten Stand der Geschehnisse zu bringen, indem er die bordeigenen Datenbanken durchforstete. Er bekam den Eindruck, dass der Krieg noch nicht wirklich bis zur Erde vorgedrungen war. Sicher, die Steuern waren höher und die Militärausgaben auch, viele Familien hatten Gefallene zu beklagen, aber der Kampf fand eben nicht vor der eigenen Haustür statt. Einige Kommentatoren schlugen sogar Friedensverhandlungen vor, um die Wirtschaft nicht zu sehr durch die überhöhten Steuern zu belasten. Murphy schüttelte angewidert den Kopf.
Als nächstes rief er sich einen Stadtführer für Berlin auf. In der Stadt war er erst einmal gewesen und
so war er neugierig, was ihn dort erwartete. Schließlich schickte er Jackson eine Nachricht mit der
ungefähren Ankunftszeit an der Berliner Monorailstation.
Dann lehnte er sich zurück und genoß den Blick auf die blaue Kugel, die unter ihm immer größer
wurde. Die Stewardess vom Eincheckcounter brachte ihm ein leichtes Mahl, das er als Abwechslung
zum Marinefraß richtig genießen konnte. Dann lehnte er sich zurück.

Die Landung in Warschau war ohne besondere Vorkommnisse. Schnell griff er nach seinem Gepäck
und eilte zur Monorail. Unterwegs verlief er sich zweimal, obwohl alle Schilder zweisprachig war.
Dann wurde er noch beinahe von zwei Geschäftsleuten über den Haufen gerannt, die dringend ihren
Zug bekommen wollten. Irgendwie hatte er das alles überhaupt nicht vermisst...
Wenige Minuten später sass er in der Monorail in Richtung Berlin.


Zur gleichen Zeit wurde Thunder, die immer noch auf der Krankenstation war, ebenfalls von Bord gebracht. Ihre Verlegung auf eine Raumstation erfolgte problemlos. Schukova fühlte sich mittlerweile wieder deutlich besser. Doch dafür machte ihr die Untätigkeit zu schaffen. Dann kam noch dazu, dass Murphy ihr kurz vor seinem Abflug mitgeteilt hatte, dass sie das Kommando über die Jaguars übernehmen werde, sobald sie genesen sei. Das hatte ihr einen Schock versetzt. Martell hatte ihr zugeredet und ihr versichert, dass sie reif für den Job sei. Aber sicher war sie sich nicht. Für den Moment hatte es sie beruhigt, dass Murphy ihr zugesichert hatte, ihr am Anfang zu helfen. Aber dann war ihr eingefallen, dass es gut sein konnte, dass dies durch Jacks neuen Posten unmöglich werden konnte. Doch bevor sie sich weitere Gedanken machte, wurde sie von einem eintretenden Arzt aufgeschreckt.


Brawler war kurz nach Murphy auf Terra gelandet. Die halbe Familie – die andere Hälfte hatte nicht in die Fahrzeuge der Familie gepasst – hatte ihn am Raumport Istanbul abgeholt. Die nächste halbe Stunde war mit Begrüßungen und der Überreichung von Geschenken vergangen, so dass sich Brawler nun wie der christliche Nikolaus fühlte, nur mit dem Unterschied, dass die Geschenke alle für ihn waren. Dann waren sie über den Bosporus in Richtung Anatolien gefahren und nach etwa einer Stunde im Heimatdorf der Tüncays angekommen. Wo Teil zwei der Begrüßungsorgie auf ihn wartete. Und natürlich noch mehr Geschenke. Langsam wünschte sich Brawler zurück ins Cockpit seines Griphen, denn sich durch die Massen zu drängen, und von allen im Dorf an sich gedrückt zu werden, gestaltete sich als ziemlicher Stress. Deswegen war er auch froh, als man endlich am Haus seiner Eltern angekommen war. Kaum war die Tür geschlossen, ergriff die Mutter, die draußen eher schweigsam,das Wort:
„Nun, mein Sohn und Held, was möchtest du essen?“
„Nicht essen, Mutter, schlafen.“
„Aber du hast doch die ganze Zeit auf dem Lazarettschiff...“
„Jein. Wir hatten mehr als genug zu tun...aber das erzähle ich nachher. Kann ich mich wenigstens frischmachen?“
Das Gesicht der Mutter, zuvor überzogen von Gewitterwolken, klarte auf.
„Sicher, mach das. Ich mache in der Zeit dein Lieblingsgericht fertig.“
Bevor Brawler jedoch im Bad verschwinden konnte, wurde er nochmals von seinem Vater und seiner Mutter gedrückt, ersterer klopfte ihm auch noch auf die Schulter. Trotz der Müdigkeit konnte Brawler sein Grinsen nicht verkneifen. Genauso hatte er sich die Heimkehr vorgestellt. Hier in diesem ländlichen Teil war jeder, der in den Krieg zog, ein Held. Auch wenn Brawler selbst nicht ausgezeichnet worden war, seine Abschüsse alleine sorgten dafür, dass er für diesen Heimaturlaub kaum etwas selbst bezahlen würde. Auf die heimatliche Küche und insbesondere die seiner Mutter hatte er sich gefreut, insbesondere weil das Essen der Navy immer noch sehr an westlichen Standards orientiert war. Schnell machte er sich frisch und ging dann wieder nach unten in die Wohnküche, aus der es schon so lecker roch. Endlich wieder zuhause!

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:36
Die beiden Nachrichtendienstoffiziere sahen sich über den Tisch hinweg an.
Lt. Commander Scott blinzelte. Lieutenant Sanchez quittierte dies mit einem Stirnrunzeln.
Die Ursache für ihre Unruhe war Commander Schneider von der KAZE, der unbekümmert vor dem
mit Papier übersäten Schreibtisch saß und in aller Seelenruhe einen Kaffee trank.
Juri Scott blinzelte erneut. „Also, noch einmal, Commander.“
Bei dieser Aufforderung warf Schneider dem Geheimdienstoffizier einen bösen Blick zu. „Ach, kommen Sie. Das machen wir jetzt schon zum dritten Mal. Davon werden die Nachrichten auch nicht besser.“
Marita Sanchez warf dem Vorgesetzten einen schnellen Blick zu und wechselte ihre Taktik. Sie beugte
sich vor und wisperte dem Skipper der KAZE leise ins Ohr: „Commander, Sie wissen doch, dass wir
nur unseren Job machen. Eine dritte, eine vierte Wiederholung bringt eventuell etwas ans Licht, was
Ihnen jetzt noch nicht bewusst ist. Es wird vielleicht nicht Kriegsentscheidend sein. Aber vielleicht ist
es trotzdem hilfreich für uns. Ein paar weitere Splitter im Mosaik, das wir Geheimdienstler
zusammenfügen, im Kampf gegen die Akarii.“
Es waren weniger ihre Worte als die Nähe von Schneiders Kopf zu ihrem aufgeknöpften Ausschnitt, von dem sie sich die Zusage zur Kooperation erhoffte. Man hatte sie nicht ohne jeden Hintergedanken den Debriefingteams zugeteilt. Ihr gutes Aussehen und die beachtlichen, für eine Latina üblichen Rundungen hatten schon ganz andere Offiziere wieder auf Linie gebracht. Schneider sah zu ihr herüber. Was Sanchez verwunderte, denn er sah ihr nicht in den Ausschnitt, wie es die meisten anderen männlichen Offiziere taten, er sah ihr direkt in die Augen. Und sein Blick war mehr als verärgert.
Bis sich ein Objekt vor ihre Augen schob und den Blickkontakt unterbrach.
Es dauerte einen Moment, bis Marita dieses Objekt als Schneiders Kaffeebecher identifizierte.
„Okay, meinetwegen. Noch einmal, von mir aus. Aber dann seien Sie auch so gut und holen Sie mir
einen frischen Kaffee, Lieutenant.“
Entsetzt musterte sie die Tasse. Und ebenso entsetzt sah sie sich selbst dabei zu, wie sie die Tasse entgegen nahm.
Unsicher sah sie zu Scott herüber, der ihr aber nur zunickte.
Was war los mit diesem Kerl? Warum wirkten ihre Reize nicht auf ihn? Und wie konnte er es wagen,
sie zur Kaffeeholerin zu degradieren?
Brüsk wandte sie sich um und verließ den Raum.
Als sie mit einem Tablett mit drei Tassen dampfenden Kaffees zurückkam, waren Scott und Schneider schon recht weit gekommen. Zusammen gingen sie gerade die Orterdaten der KAZE durch, welche von dem vorbeiziehenden Konvoi gemacht worden waren – dem gewaltigsten Konvoi, der bisher auf dem Weg nach Mantikor von ihnen aufgeklärt worden war. Scott hielt ein Foto hoch und besprach das Bild mit dem Skipper der KAZE.
„Und Sie sind sich sicher, dass dieser Träger das schwerste Schiff im Konvoi war?“
„Ja, ja, ja!“, blaffte Justus Schneider und warf die Arme hoch. Dabei stieß er gegen das Tablett mit
dem Kaffee und schlug es Sanchez beinahe aus der Hand. Eine der Tassen kippte über den Rand und
stürzte zu Boden. Doch Schneider griff zu, bevor ein Teil der heißen Flüssigkeit über den Rand
schwappen konnte. „Danke, Lieutenant.“
Juri Scott warf Sanchez einen hilflosen Blick zu. „Wir haben den Träger identifiziert. Es ist ein Neubau. Wir haben ihn Uniform XX genannt. Er hat einige Schäden einstecken müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Träger einige Zeit in ein Werftdock muss, ist sehr hoch.“
Sanchez reichte Scott die zweite Tasse und griff sich selbst die dritte. Nachdenklich sah sie auf das Foto. Als ausgebildete Ingenieurin kannte sie die Schwachstellen in einer Schiffskonstruktion, vor allem in denen der Akarii. Das war ihr Job. Auch der zwanzigste Blick auf dieses Bild sagte ihr eines: Der Träger hatte Prügel bezogen, war aber nicht in der Integrität geschädigt. Je nachdem wie wichtig den Akarii die Reparatur war konnte er in einem halben oder in einem Vierteljahr wieder an die Front gehen. Aber das hatte sie bereits mehrfach festgestellt. Darauf wollten sie und Scott auch gar nicht hinaus.
Der Lt. Commander seufzte schwer, legte beide Hände in den Nacken und begann sich langsam zu
massieren. Als er damit fertig war, öffnete er eine Schublade seines Schreibtischs und zog einen
versiegelten Umschlag hervor. Aus diesem Umschlag holte er ein Dutzend Fotos, die unverkennbar
von Jagdmaschinen geschossen worden waren.
„Sehen Sie sich bitte diese Bilder an, Commander. Sie zeigen zwei Schlachtkreuzer der BRAVO II Klasse. Wir dachten, die Akarii hätten sie schon lange außer Dienst gestellt. Entsprechend überrascht waren wir, als wir feststellen mussten, dass sie den von Ihnen beobachteten Konvoi eskortierten. Dies sind geheime Aufnahmen von der Einsatzgruppe, die den Konvoi angegriffen hat. Sie unterliegen Top drei.“
Schneider nickte wissend. „Ja, schon klar. Zu keinem Untergebenen ein Wort und so. Also, was soll
ich mit diesen Dingern?“ Mehr gelangweilt als wütend ging Schneider die Bilder durch und warf die
Gesehenen hinter sich zu Boden.
Mit einem Laut der Entrüstung kniete sich Lieutenant Sanchez hin und begann die Fotos wieder
einzusammeln.
„Wenn ich Sie richtig verstehe, Lieutenant Commander, dann haben diese Riesenbabys die Frachter und den Träger eskortiert. Und wenn mein Bericht stimmt, dann eskortieren beide Schiffe den Konvoi nicht mehr.
Das lässt eigentlich nur einen einzigen Schluss zu: Sie wurden bei dem Angriff vernichtet.“
„Unwahrscheinlich. Die Einsatzgruppe berichtet zwar von Kämpfen mit diesen Monstern, aber nicht
von der Vernichtung beider Dickschiffe. Einer wurde angeschlagen oder zerstört. Der zweite jedoch...
Da ist es eher wahrscheinlich, dass…“
„Das was?“, rief Schneider und sprang auf. Bei dieser Bewegung wippte Kaffee aus seinem Becher
und verfehlte die immer noch am Boden knieende Offizierin nur knapp. „Daß ich die beiden
Riesenpötte übersehen habe? Wie soll das denn möglich sein?“
„Beruhigen Sie sich, Commander. Genauso gut können die BRAVO II sich auch vom Konvoi getrennt haben.“
„Absoluter Quatsch ist das! Warum sollten sie das wohl gemacht haben? Sie wurden anscheinend
eingesetzt, um diesen Konvoi zu eskortieren. Warum sollten sie damit aufhören?“
„Äh“, bemerkte Sanchez schüchtern, „weil sie beschädigt wurden und nun hinterher fahren müssen?“
„Blödsinn!“, blaffte Schneider. Erschrocken duckte sich die Geheimdienstoffizierin.
„Der ganze dämliche Konvoi hinkt doch sowieso nur so dahin. Er kann nur so schnell sein wie das langsamste Schiff, und das ist dieser beschädigte Truppentransporter. Noch langsamer können Ihre BRAVOS gar nicht sein.“
„Kein Blödsinn“, blaffte Scott zurück. „Wenn die Schäden schwer genug sind, könnten sich die
Kapitäne dazu entschlossen haben, Feldreparaturen durchzuführen und dem Konvoi nachzufolgen!“
„Und sie verstoßen dann freiwillig gegen die Auflage, die Frachtschiffe zu eskortieren, was? Ich gebe
Ihnen einen Tipp, Lieutenant Commander, unterrichten Sie niemals Taktik!“
„Was?“, brauste Juri Scott auf, sprang in die Höhe und starrte Schneider in die Augen.
„Sie haben schon richtig gehört!“ Der Skipper der KAZE trank den Kaffee aus und wandte sich zum
gehen. „Da die Katze jetzt aus dem Sack ist und Sie Ihre Frage gestellt haben, kann ich wohl gehen.“
Scott starrte auf Schneiders Rücken und unterdrückte mühsam einen Wutschrei.
„Ja, das war es dann, Commander“, antwortete Sanchez stattdessen. „Sie können gehen, aber bitte halten Sie sich bereit, falls wir noch weitere Fragen haben. Eventuell wird auch die Admiralität nachhaken.“
„Gut!“ Schneider grunzte zufrieden.
„Ach, noch etwas. So ganz von der Hand zu weisen ist Ihre Reparaturthese nicht. Aber man kann sie leicht bestätigen oder widerlegen. Ich bin sicher, Lieutenant Commander Scott, First Lieutenant Sanchez, Sie verfügen über genaue Schätzungen der Verluste der Akarii bei diesem Angriff. Und Sie stimmen mir sicherlich zu, dass der Kommandeur der Nachschubflotte zwei BRAVOS nicht ohne den Schutz von wenigstens ein paar Kleinschiffen und vielleicht sogar einem Golf zurück lassen würde.
Vergleichen Sie die Verlustliste doch mit den Aufnahmen der KAZE, und Sie sehen ja, ob die
Möglichkeit besteht, dass eine solche Eskorte gestellt wurde.“
Wieder musste Sanchez für ihren Vorgesetzten antworten. Doch diesmal war der Commander vor
Verlegenheit sprachlos, nicht vor Ärger. „Das ist eine gute Idee, Commander. Wir werden das berücksichtigen.“
Schneider hielt kurz inne und drehte sich ein wenig, sodass er Lieutenant Sanchez mit beiden Augen
ansehen konnte. Ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen, als er seine Hände in der Uniformhose
vergrub. „Ach, da wäre noch was, Lieutenant. Es ist sehr kühl hier drin. Sie sollten Ihre Uniformbluse
wieder zuknöpfen, bevor Sie sich erkälten.“
Schneider ließ beide Geheimdienstoffiziere mit hochroten Köpfen allein.
Lieutenant Sanchez fasste ihren Ärger in Worte: „Was für ein unmöglicher Kerl. Ein vollkommen
unmöglicher Kerl. Das der ein Kommando hat, und sei es nur über diese mickrige Fregatte der
MIDWAY-Klasse… Was tun wir jetzt, Sir?“
Scott starrte dumpf auf die geheimen Fotos der Leviathans in den Händen seiner Untergebenen. „Na,
was wohl. Sie knöpfen Ihre Bluse zu, und dann sehen wir nach, ob Schneider Recht hat. Wenn nicht,
tja, dann werde ich an meine Vorgesetzten melden, dass beide Schlachtschiffe wahrscheinlich in der
Schlacht von Jollahran oder kurz danach vernichtet oder aufgegeben worden sind.“
Wieder wurde Sanchez rot und knöpfte eilig ihre Bluse zu. „Ja, Sir. Trotzdem ist er ein unmöglicher Kerl.“
Der Commander begann zu lachen. „Ja, das ist er. Aber irgendwie mag ich ihn. Es gibt wohl nur diese
beiden Varianten bei ihm. Mögen oder hassen…“

Tyr Svenson
13.04.2004, 11:37
Sehr geehrte Mrs. Greenhouse,
voller Trauer und Mitgefühl...
Sehr geehrte Mr. und Mrs. Phillips,
... ist es meine traurige Pflicht Ihnen vom Tode...
Sehr geehrter Mr. Neuhaus,
... Ihres Sohnes Michael zu berichten...
Sehr geehrter Mr. und Mrs. Davis,
... Er starb, als er im Kampf für seine Heimat...
Sehr geehrte Mrs. MoButo,
...an einem Angriff auf einen Nachschubkonvoi der Akarii teilnahm...
Sehr geehrte Mrs. Fowler,
... Im vollem Bewusstsein der Überlegenheit des Feindes...
Sehr geehrte Mr. und Mrs. Fraquar,
...und mit dem Mut der Verzweiflung warf er sich in den Kampf...
Sehr geehrter Mr. Calavera,
...und ebnete mit seinen Kameraden unseren Weg für den Sieg...
Sehr geehrte Mrs. Moore,
... Sein Tod ist ein tiefer Verlust für seine Kameraden, die Terran Space Navy...
Sehr geehrter Mr. Nakamura,
... und unser aller Nation, doch sein Streben und Handeln für die Freiheit ...
Sehr geehrte Mrs. Tannas,
... und den Frieden sind uns allen Vorbild...
Sehr geehrte Mrs. Olafsdotter,
... So mag es - wenn auch nur ein schwacher - Trost für Sie sein,...
Sehr geehrter Mr. und Mrs. Najenkov,
... dass Ihr Sohn so im Leben wie auch im Tode...
Sehr geehrter Mr. McCool,
... ein Vorbild und eine Zierde in den Reihen...
Sehr geehrte Mrs. Bertelli,
... der Streitkräfte der Bundesrepublik Terra war und ist...
Sehr geehrter Mr. von Hohenzollern,
... So verbleibe ich in tiefer Verbundenheit
Ihr Klaus von Richter
Admrial, Chief of Naval Operations

Prolog:

An: Die gesamte Flotte
Von: Admiral Klaus von Richter, Chief of Naval Operations
Captain René Chantir wird mit Datum des 16. August 2636 mit dem Victory Star der Bundesrepublik
Terra ausgezeichnt.
Für ihre heldenhaften Leistungen und ihre beispiellose Tapferkeit im Angesicht des Feindes, die sie
dazu brachte mit ihrem schweren Kreuzer Kiellinie an Kiellinie mit einem feindlichen Schlachtschiff
zu kämpfen, wie es in der Marinegeschichte aus grauer Vorzeit überliefert wurde, als die Schiffe der
Navy noch mit Segeln angetrieben wurden.
Ihr Handeln, nach den besten Traditionen der Terran Space Navy und der dadurch entstandene Beitrag
zu unserem Sieg in der Geleitzugschlacht von Jollaran, sollen sie zu einer Heldin unserer Navy machen.
So soll ihr Name in das steinerne Buch der Geschichte gemeißelt werden und wir, sowie uns alle
nachfolgenden Generationen von Raumfahrern sollen ihrem Beispiel gedenken, es ehren und aus ihm
Lehren ziehen.
Captain Chantir spiegelt die höchsten Traditionen der Terran Space Navy wieder.
Mit besten Grüßen und voller Stolz
Klaus von Richter,
Admiral, Chief of Naval Operations

An: Alle Einheiten der 2. Flotte
Von: Admiral Jean Baptist Renault, CO 2. Flotte
2nd Lieutenant Clifford Davis wird mit Datum des 17. August 2636 postum die Defense Meritorious
Service Medal verliehen.
Lieutenant Davis gab bereitwillig sein Leben um sein Basisschiff, den Flottenträger Redemption zu
schützen.
Er manövrierte seinen schwer beschädigten Jäger so nah an eine feindliche Anti-Schiff-Rakete heran,
dass diese detonierte.
Bei der Detonation der Rakete kam Lieutenant Davis ums Leben.
Lieutenant Davis zeigte im Kampf gegen den Feind immer Mut und Können.
Einhergehend mit dem Verwundeten Löwen in Gold und der Defense Meritorious Service Medal wird
2nd Lieutenant Davis postum zum 1st Lieutenant befördert.
Er spiegelt die höchsten Traditionen der Terran Space Navy wieder.
In kameradschaftlicher Trauer
Jean Baptist Renault,
Admiral, CO 2. Flotte