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Cattaneo
29.03.2004, 17:37
Diese Geschichte erzählt die Sicht der "anderen Seite" zu den Chevaliers. Es ist ein Blick auf die Junta des Chaos-Mark-Planeten Bryant und besonders auf den Diktator selber. Auf die handelnden Personen, auf Bryant als Welt und System und auf die Ziele und Strategien der Menschen, die sich mit List und Gewalt an die Spitze eines kleinen Staates gesetzt haben - wie eigentliche jede Führungsclique in der FIS. Die Hauptarbeit dabei übernimmt neben Ironheart meine Wenigkeit.

Die Junta

Leonid Sergejewitsch Dvensky

Der Herrscher über Bryant ist ein Mann Mitte Dreißig. Er ist hochgewachsen und von kräftiger Statur – auch als Regent hält er sich in Form. Die dunkelblonden Haare trägt er in einem militärischen Bürstenschnitt. Die dunkelbraunen Augen zeugen von Klugheit und Durchsetzungswillen, aber auch von Härte. Wenn er es drauf anlegt, kann er sehr einschüchternd sein. Die Gesichtszüge sind regelmäßig, auffällig ist eine Narbe auf der linken Wange. Sein Gesicht ist bartlos, und zeigt wie sein Körper keine Spuren von Wohlleben. Er hält sich aufrecht und bewegt sich wachsam und angespannt. Meist trägt er eine Uniform ohne Rangabzeichen. Seinem Auftreten wie seiner Natur verdankt er den Namen „Schatun“, der auch von seinen Untertanen gebraucht wird. Dvensky ist intelligent, energisch und ziemlich skrupellos, aber keineswegs nur ein brutaler Machtmensch wie viele lokale Kriegsherren. Er regiert sein Reich umsichtig und hat es darauf angelegt, seine Position zu sichern und auszubauen. Seine Ausstrahlung ist bedrohlich, wenn er es darauf anlegt, aber er kann auch ein mitreißender Redner sein, dessen Charisma Bevölkerung und Soldaten anspricht. Dann ist er ein überzeugender Volkstribun, ein Mann mit Visionen – er hat viele Masken und Gesichter. Er läßt sich von nicht vielen in die Karten schauen und ist außer gegenüber seinen engsten, besten Vertrauten stets mißtrauisch. Er arbeitet meist bist spät in die Nacht und kommt mit sehr wenig Schlaf aus, dies hat auch zu seinem Namen beigetragen. Er ist ein exellenter Jäger und Scharfschütze. Vor seinem Putsch diente er in einer Mecheinheit der Mark Capella. Rassismus und ähnliches sind ihm weitestgehend fremd – für ihn zählen Zweckmäßigkeit und Nutzen. Gegen Feinde schlägt er gezielt und gnadenlos zu, doch kennt er auch den Wert von Geduld und subtilem Vorgehen. Seit fünf Jahren ist er mit Vera Valentinowna Prokofjewna liiert, der Kommandeurin seiner kleinen Luftwaffe. Die beiden haben zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen – Zwillinge von drei Jahren. Ob er vorhat, die Regentschaft eines Tages an sie zu übergeben oder eher einen Regenten zu adoptieren, ist unklar, und bisher hat er sich dazu nicht geäußert.

Er regiert streng, aber geschickt. Es ist ihm klar, daß Terror allein nichts bringt. Er will mehr erreichen als nur einen Planeten zu knechten, und deshalb geht er zielstrebig vor. Seine Pläne beginnen langsam zu reifen. Er kennt wenig Rücksichten, wenn es nötig ist – außer die Klugheit erfordert dies. Er steuert selber seinen Mech (einen Marodeur), wenn es sein muß – und dies sehr gut – führt aber die Angriffe auf Nachbarplaneten selten selber.

Neben seinem Mißtrauen – außer einigen wenigen gegenüber – könnte man als negative Eigenschaften natürlich auch seinen nicht geringen Machthunger nennen, der ihn überhaupt erst in diese Position gebracht hat. Und er ist entschlossen, es dabei nicht bewenden zu lassen. Allerdings ist er kein krasser Egomane, sondern glaubt auch, daß er so wie er regiert den Menschen etwas Gutes tut. Feinden gegenüber kennt er wenig Hemmungen.

Colonel Hunt Thomsen

Der Davionoffizier ist der ehemalige Stellvertreter von Dvensky, und diese Funktion hat er beibehalten. Er kommt aus einer Familie von Berufssoldaten. Als ehemaliger Milizangehöriger wurde er in den regulären Truppen geschnitten und ausgegrenzt, kam nicht voran. Nachdem er einen Offizierskurs absolviert hatte, blieb er dennoch nur Lieutenant. Deshalb war es seinem Kompaniechef ein leichtes, ihn zu überreden, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Thomson ist etwas über fünfzig Jahre alt, ein hagerer Mensch, hochgewachsen, mit grauem Haar und kalten schwarzen Augen. Er ist ein guter Kommandeur mit großer Felderfahrung, vor allem im taktischen Bereich. Er hat schon als junger Soldat am 4. Nachfolgekrieg teilgenommen. Seitdem hat er großen Respekt vor Panzern und Infanterie und bevorzugt kombiniertes Vorgehen – seine Einheit erhielt einige Prügel von capellanischen Vernichtungsbataillonen und Panzereinheiten beim Stadtkampf. Er ist um gute Kontakte zu seinen Soldaten bemüht, achtet aber auf Disziplin. Seine Frau ist vor vielen Jahren gestorben, Kinder hat er nicht. Er geht ganz in der Fürsorge für seine neuen „Kinder“ auf – seine Soldaten und die Jugendlichen, deren paramilitärische Ausbildung ihm obliegt. Neben dem Oberbefehl über die Streitkräfte (neben Dvensky, versteht sich) ist nämlich auch dieser Bereich ihm unterstellt. Er gehört zum engsten Beraterkreis des Herrschers. Die Angriffe auf andere Welten kommandiert zumeist er. Thomson führt einen KMT-3S Kampftitan. Befehle setzt er ohne Zögern in die Tat um. Er hat viele Grausamkeiten im Zuge von Hanses Überfall auf die Konföderation gesehen und deshalb schreckt ihn nichts mehr. Er tritt gradlinig auf und sagt auch Dvensky seine Meinung. Dennoch, oder eher deswegen, kommen sie gut miteinander klar.

Major Vera Valentinowna Prokofjewna

Vera war die Führerin einer kleinen Söldnereinheit von Luft-/ Raumjägern. Sie folgte Dvenskys Ruf, als er Piloten auf Galatea heuerte, denn ihre Einheit, die „Schwarzen Turmfalken“, stand dicht vor dem Bankrott. Mit der Zeit machte sie sich seinen Kampf zu eigen, denn ihre Techniker und Soldaten fanden hier, was ihnen bisher immer gefehlt hatte – eine Heimat und einen Platz in der Gesellschaft. Sie und Dvensky wurden ein Paar, aber sie legt keinerlei „Königinnenallüren“ an den Tag. Sie ist Pilotin aus Überzeugung und Leidenschaft, eine gute dazu, und Dvensky hindert sie nicht daran, weiterhin ihre Jäger ins Gefecht zu führen, obwohl sie ihm offenbar etwas bedeutet. Sie fungiert als Befehlshaberin der kleinen Luftwaffe, und damit kommt ihr eine wichtige Aufgabe zu, in Angriff wie Verteidigung. Sie arbeitet energisch daran, ihre Waffengattung auszubauen, aber eine massive Vergrößerung war bisher nicht möglich, zu knapp sind die materiellen Ressourcen. Inzwischen plädiert sie dafür, ein kampfstarkes Korps aus einigen Staffeln konventioneller Kampfflieger zur Verteidigung und eventuell auch für eine Invasion aufzubauen.
Sie ist mittelgroß und von schlanker Statur, lange braune Haare und graue Augen – eine Schönheit, vor allem, da sie sich in Form hält. Ihr Markenzeichen ist eine ständig getragene Sunbeam-Pistole mit dem Abzeichen ihrer alten Einheit, einem schwarzen Greifvogel, im Griff. Sie und ihre „Falken“ sind spezialisiert auf Unterstützungsangriffe und Bombenabwurf, aber jeder von ihnen hat auch etliche Abschüsse. Sie agieren streng kollegial, geteilte Abschüsse zählen so viel wie allein errungene. Ihre Jäger greifen mit Vorliebe im Tiefflug an und setzen dabei Bomben und Einweg-Raketenwerfer ein. Sie selber fliegt eine Corsair. Sie gehört zum inneren Zirkel der Macht. Bisher scheint sie damit zufrieden, daß ihre und Dvenskys Kinder gut versorgt sind, besonderen Ehrgeiz, ihnen unbedingt die Macht zuzuschustern hat sie nicht gezeigt. Aber natürlich wird es ihnen auch nicht schlecht gehen, wer auch immer die Nachfolge antreten sollte, dafür wird sie sorgen. Sie arbeitet eng mit Thomsen zusammen.

Major Alexej Nikolajewitsch Tereschkow

Der junge Offizier – er ist vielleicht Mitte zwanzig – kommandiert die Panzertruppen Dvenkys. Er ist im Militär die Nummer Drei, und manchmal handelt man ihn als möglichen Nachfolger von Dvensky, der offenbar große Stücke auf ihn hält. Er verließ die Daviontruppen nach der Abspaltung der Lyranischen Allianz – er sah ganz klar die Schuld Victors, auch an den ersten aufflammenden Kämpfen während des Rückzugs der Lyraner, aber er wollte auch nicht zu Katrina gehen, da er fürchtete, es könnte zu offenem Krieg kommen. Dvensky „erwarb“ ihn auf dem Söldnermarkt, und er blieb, wie Vera. Inzwischen betrachtet er Bryant als seine Heimat. Er führt von vorne, und dies recht geschickt. Den Gedanken an Heimkehr hat er besonders seit Ausbruch des Bürgerkrieges aufgegeben.
Er ist schlank, durchtrainiert und gutaussehend, sein Auftreten sympathisch – auch einer der Gründe dafür, daß man in ihm einen möglichen Anwärter auf den Thron sieht (oder sehen möchte). Sein blondes Haar trägt er wie Dvensky kurz. Von einer festen Beziehung ist nichts definitives bekannt. Er ist sportlich interessiert und organisiert Wettkämpfe seiner Soldaten, die auch der Unterhaltung der Bevölkerung dienen. Dies arbeitet wiederum dem sportlich-militärischen Ertüchtigungsprogramm Thomsens in die Hände. Er ist mit Dvenskys Vorgehen einverstanden, denn er ist Realist – Diktatoren waren seine früheren Herren auch. Er ist meistens nicht in der Hauptstadt anwesend, sondern Militärkommandeur von Altario, dem Nordkontinent. Bisher hat er gute Arbeit geleistet bei der Verwaltung des Gebietes. Dabei hat er Repressionen so selten wie möglich verwendet, sich aber auch nicht gescheut, durchzugreifen, besonders gegenüber Kriminellen. Er kommandiert einen Shukow, dessen Raketenwerfer um eine Kategorie „abgemagert“ wurde, um Platz für Kommunikationsausrüstung zu schaffen – äußerlich ist aber nicht viel zu erkennen, denn es sind zwei Rohre als Attrappen angebracht worden.

Major Jelena Feodorowna Jegorowa

Die Endvierzigerin ist die grau(sig)e Eminenz des Regimes von Bryant. Man sieht es der kleingewachsenen Frau mit den schwarzen Augen und Haaren nicht an, aber sie ist eine der wesentlichen Stützen des Systems. Äußerlich unauffällig, abgesehen von den klugen Augen, verbirgt sich hinter der Maske grauer Normalität ein messerscharfer Verstand und eine gnadenlose Entschlossenheit. Sie war früher Leiterin einer Polizeiabteilung und ist jetzt aufgestiegen zur Chefin von Miliz (der paramilitärischen Polizei), Geheimpolizei und Geheimdienst von Bryant. Im Volksmund nennt man sie „die Hexe“ oder „die Spinne“, und sie ist es, die jeden Gedanken an Widerstand erstarren läßt. Ihr soll nichts entgehen, überall sollen ihre Spione sitzen. Wer sich in ihrem Netz verfängt, ihren Biß spürt, der ist verloren, sagt man.
Sie ist wie Dvensky selber eine unermüdliche Arbeiterin, die ihre Befriedigung vor allem in der Perfektion und Macht findet, die sie innehat. Dabei geht ihr Ehrgeiz aber nicht weiter als jetzt – der Posten sagt ihr zu, und ihr Herrscher läßt ihr weitestgehend freie Hand, so lange sie Erfolge erzielt. So hat sie im Laufe der Jahre einen effizienten (zwar kleinen, aber in den Augen der Menschen allmächtigen) Überwachungsapparat geschaffen. „SMERSCH“, die Geheimpolizei, hat vielleicht 100 Mitglieder und das Doppelte oder Dreifache an Zuträgern, aber das reicht vollkommen aus, um die Bevölkerung in Schach zu halten. Ihre Verhörkeller haben einen legendären Ruf, und keiner, so heißt es, käme dort heraus ohne zu sagen, was man wissen oder hören will. Sie bevorzugt unblutige Methoden (Schlafentzug, Hunger, Demütigungen und so weiter), aber sie kann auch andere Mittel einsetzen. Bei wichtigen Verhören macht sie selber mit. Über ihr Privatleben wird nur gemunkelt.
Was „SMERSCH“ (Tod den Spionen) im Inneren ist, das ist das GKVD (Staatskommissariat für Außenangelegenheiten) auf den Nachbarplaneten Bryantes. Agenten des Dienstes, meisterhaft getarnt, liefern die Informationen für Angriffe. Auch deshalb sind die Truppen Bryantes so erfolgreich – den Gegnern fehlt etwas Vergleichbares. Das GKVD führt auch Attentate und Sabotage durch, knüpft Verbindungen zu Freihändlern und Waffenschiebern und organisiert Neuanwerbungen. Über diese Organ kontrolliert „die Spinne“ fast alle Zufuhr nach Bryante und für Exporte gilt ähnliches. Die Anbindung an andere Märkte wäre ohne dies nicht möglich. Es gibt Gerüchte, daß das GKVD in Verbindung mit Vertretern der Großmächte steht, um für Bryant eine Anerkennung oder Hilfe auszuhandeln, aber das sind nur Vermutungen.
Sie hat neben dem Posten als Geheimdienstchefin auch den Oberbefehl über das „Innenministerium“, dem die Geheimpolizei und die Miliz unterstehen. Sie koordiniert die Wirtschaftsressourts und hat dort großes Mitspracherecht, auch in Sachen, was für das Militär angeschafft wird. Von ihrer Macht her ist sie vielleicht die zweite Person auf Bryant – noch vor Thomsen. Sie soll eine gute Pistolenschützin sein und stellt dies angeblich bei Exekutionen auch unter Beweis – ein weiterer Teil des Mythos, der Widerstand im Keim erstickt.

Natalija Sergejewna Dvenskya

Das einzige Geschwisterkind des Diktators von Bryant ist mit einem Alter von Ende 20 fast 10 Jahre jünger als sein Bruder. Natalija stand lange Zeit völlig im Schatten ihres „großen Bruders“. Erst in letzter Zeit ist Dvensky dazu übergegangen, ihr mehr und mehr Eigenverantwortung zuzubilligen. Sie hatte vor seinem Putsch gerade ihr Arztstudium in Allgemeinmedizin beendet – allerdings in Folge der Ereignisse ihren Beruf fast nicht praktiziert. Ihr Bruder bewegte sie dazu, sich mehr mit Management, Verhandlungsmethoden und dergleichen zu beschäftigen. Schrittweise übergab er ihr die repräsentativen Aufgaben, die die Führung eines Staates mit sich brachten. Sie vertrat Bryant bei diplomatischen Anlässen – etwa bei Empfängen von „Botschaftern“ benachbarter Planeten oder bei Verhandlungen mit ausserplanetarischen Handelsmagnaten. Sie hat nur eine rudimentäre militärische Ausbildung, trägt aber zu gewissen Anlässen offen eine schwere Pistole – daß sie eine verborgene Hold-Out-Laserpistole stets mit sich führt, wissen nur wenige.
Sie arbeitet recht gut mit den anderen Mitgliedern der Führungsriege zusammen – zu Major Prokofjewna ist ihre Beziehung allerdings etwas gespannt. Beide verdächtigen die jeweils andere, ihre unterschiedliche persönliche Beziehung zu Dvensky auszunutzen. Dennoch können sie durchaus auch zusammenarbeiten. Sie hat den Planeten mehrfach verlassen und offen und verdeckt verhandelt. Der Lohn für ihre Dienste ist ein Leben in gewissem Luxus – obwohl sowohl sie als auch ihr Bruder klug genug sind, es nicht zu übertreiben.
Es gibt Vermutungen, daß Dvensky vorhabe, sie mit Major Tereschkow zu verheiraten – um beiden ihren Platz zu sichern, sollte ihm einmal etwas zustoßen. Beide kommen gut miteinander klar – also dürfte von der Seite nicht übermäßig viel Widerstand zu erwarten sein. Natalija hält die Gesellschaft auf Bryant zwar für ziemlich spießig und nicht sonderlich attraktiv – aber sie kennt auch die Zustände auf anderen Planeten, und deshalb unterstützt sie ihren Bruder. Außerdem profitiert sie ja nicht schlecht dabei, wobei sie durchaus weiß, Maß zu halten – etwas, was viele Diktatoren und deren Angehörige nicht gelernt haben. Sie ist in Sachen Intrigen nicht schlecht – doch ohne die verläßliche Hilfe der „Spinne“ könnte sie kaum so gut bestehen. Hinter ihrem Gesicht, das recht hübsch ist, verbirgt sich einiges an Berechnung und Kaltblütigkeit, und mindestens zweimal hat sie mit eigener Hand einen Mensch erschossen. Sie hat lange, dunkelblonde Haare und grüne Augen, die manchmal abwesend wirken können oder verführerisch – wenn es ihren Zwecken entspricht.

Major Jurij Iwanowitsch Netschajew

Der Major ist Kommandeur der Infanterie – ein ehemaliger Fallschirmjäger. Er stammt von einem anderen Planeten der Chaosmark und kam als Flüchtling nach Bryant (wo man ihn gerne aufnahm). Er ist kirgisischer Herkunft (nicht, daß dies heute noch viel besagt), ein schweigsamer Asiate. Er drillt seine Männer erbarmungslos, aber überaus effizient. Häuser- und Guerillakampf, Bewegungskrieg - die ganze Palette. Neben der „Spinne“ gehört er zu denen, die man am meisten fürchtet, denn er war bei der letzten Säuberung das ausführende Organ. Er ist ein strikt loyaler Jagdhund, der für die Sicherheit des Staatschefs garantiert. Von stämmiger Gestalt, ist er ein exellenter Nahkämpfer. Haare und Augen sind schwarz, das Gesicht breit, mit leicht geschlitzenden Augen und flacher Nase – deutlich keine kaukasischen Gesichtszüge. Er ist ein kaltblütiger Offizier ohne Skrupel und Bedenken, als Infanterist kann er sich die auch nicht leisten. Er beherrscht sowohl den Blitzangriff als auch das geduldige Lauern. Seine Leute setzt er gezielt ein, wobei er vor keinem Mittel zurückschreckt, Kollateralschäden sind ihm weitestgehend egal. Ihm obliegt die Überwachung der fast menschenleeren Kontinente jenseits der Polarregion – eine fast unlösbare Aufgabe. Dennoch hat er einige gute Stellen von Lostech aufstöbern können – und die Leichen von Plünderern als Warnung und Wegmarkierung zurückgelassen.

Cattaneo
29.03.2004, 17:40
Die Streitkräfte

Bryant Regulars

Infanterie: 3 Bataillone
Panzer: 1 Bataillon
Mechs: 1 Bataillon
Jäger: 1 Staffel
Hubschrauber: 1 Staffel

Infanterie

Ein Infanteriebataillon besteht aus 4 Kompanien. Drei davon sind Schützenkompanien zu je drei Schützenzügen mit Lasergewehren oder Sturmgewehren bzw. Mpi‘s oder anderen Handfeuerwaffen. An schwererem Material haben sie nur Einweg-Rakfäuste, teilweise auch Unterlaufgranatwerfer. Der vierte Zug ist schwerer bewaffnet und verfügt über mindestens drei Scharfschützenteams, Maschinengewehre, KSR-Werfer, Rückstoßfreie Gewehre sowie drei leichte Mörser. Dieser Zug wird meistens auf die anderen drei aufgeteilt. Die vierte Kompanie ist die schwere Kompanie. Sie verfügt über einen Zug Raketenwerfer (4 LSR-15 Lafetten, die angehängt transportiert werden), einen Zug Mörser (8 schwere Mörser), einen Zug Flak (4 L-AK/8 ) und einen Zug Pak (sechs Support-PPK, oft auf Ketten- oder Hoover-MTW’s montiert als Selbstfahrlafette).

Die Truppe ist vollmotorisiert (Ketten- und Hoover-MTW's)

Die Infanterie verwendet Waffen aus dem Steinerraum und dem Marikgebiet, da diese auf dem Markt führend sind (Gunther MP-20 Mpi, Intek und Starfire Er-Lasergewehre, TK-Sturmgewehre, M&G Flechettewaffen, als Pistolen Blazer, Nova und Sunbeam-Laser sowie M&G Automatik).

Es existiert zusätzlich eine Kommandokompanie mit vier Zügen Fallschirmjägern, die bestens ausgebildet sind.

Panzer:
Leichte Kompanie (vier Scorpione, 2 Edgar, 2 Pegasus, 2 Saracen und 2 Scimitar)
Mittelschwere Kompanie (1 Lanze Myrmidon, eine Lanze Tank-34, 2 Drillson und 2 Kondor-D)
Schwere Kompanie( 2 Partisan, 2 Bulldog, 2 Zerstörer, 2 Konjew, 4 Shukow)
Artillerie: 4 Konjew-S III

Mechs:
Kommandotrupp: MAR-5D Marodeur (Dvenskys Maschine) und VTR-9K Victor
1. Kompanie: 2 WSP-3S Wespen, 2 CLNT-2-3U Clint, 2 VTD-3L Verteidiger, 1 KHM-7M Kriegshammer, 1 CTF-3D Cataphrakt, 1 CTF-3L Cataphrakt, 1 SHT-5S Schütze und 2 CRD-5L Crusader
2. Kompanie: 2 FFK-3D Feuerfalken, 1 VLK-QD Valkyrie, 1 SRP-10P Speerschleuder, 3 VOL-5D Vollstrecker, 2 DWD-7D Derwische, 1 KMS-5S Kampfschütze, 1 SHT-5S Schütze, 1 KMT-3S Kampftitan (Thomsens Maschine, zwei der Impulslaser wurden gegen einfache Laser ausgetauscht, um ein Doppelcockpit und verbesserte Kommunikationsausrüstung unterzubringen)

Jäger:
4 CSR-V12 Corsair, 2 TR-10 Transit, Major Prokofjewna fliegt eine der Corsair

Hubschrauber:
4 Cavalry und 8 Warrior H-7C Helikopter

Dazu kommt einiges an Nachschubstransportern (Ketten, Rad und Hooverfahrzeuge), einige Boomerang und Fretchen sowie ein paar Planetlifter.

Raummarine: 1 Invader und 2 Merchant-Sprungschiffe, 2 Leopard, 1 Union, 2 Buccaneer und 1 Seeker an Landungsschiffen, über dem Nadirsprungpunkt gibt es eine Ladestation.

Die Qualität von Hubschrauberbesatzungen, Panzer- und Infanterietruppen ist regulär, Mechspiloten, Jagdflieger und Fallschirmjäger rangieren unter Veteranen.

Weitere Einheiten:

Miliz
insgesamt 12 Züge paramilitärische Polizei mit Infanteriewaffen, zwei Squads Kommandos, motorisiert (Ketten-, Hoover- und Rad-MTW's)

Die Uniform der Miliz ist dunkelblau, das Militär trägt dunkelgrüne Uniformen. Mechpiloten und Jagdflieger haben schwarze, Panzerpiloten braune Uniformen. Die Rangtabelle entspricht Sternenbundvorschriften, auch die Abzeichen. Für einige Truppen sind auch Schleichanzüge vorhanden, Tarnanzüge in jedem Fall. Die Truppe ist auch in der Lage, in extrem unwirtlichem Gelände zu operieren.

Sonstiges

Ein Gutteil der Bevölkerung ist in paramilitärischen Verbänden organisiert und aktivierbar im Invasionsfall. Die Jäger in der Wildnis von Voltanasia und Tomainisia, sowie in den unbewohnten Gebieten der Polkontinente, arbeiten für Major Netschajew, wenn es darum geht, Plünderer aufzustöbern und ,bei kleineren Gruppen, auch anzugreifen. Sie JAGEN dann wie nach Wild, mit Falle, Scharfschützengewehr und Hinterlist. Zumeist aber fordern sie Hilfe an.

Der größere Teil der Truppen steht auf dem Südkontinent, Altario wird von den Hubschraubern, einem Bataillon der Infanterie, der 1. Mechkompanie sowie der leichten und der schweren Panzerkompanie verteidigt.

Brein und Tscheljabinsk verfügen über Bunker und Flakbatterien. Die kleineren Siedlungen haben zumeist nur kleine Schutzräume, aber die Bevölkerung würde sich vermutlich dennoch wehren, oder fliehen und in jedem Fall der Zentrale Bescheid sagen. Denn man hat genug „Erfahrungen“ mit Banditen, Plünderern und Piraten gemacht – da sind einem die Regierungstruppen noch zehnmal lieber. Es existieren an einigen Stellen Sensorkontrollnetze (Radar und andere), die von den Siedlungen aus überwacht werden, aber man kann natürlich nicht von einer lückenlosen Überwachung sprechen.

Die Waffen

Konjew-Panzer

Dieser Kampfkoloß ist eine schwerere Variante des Po, langsamer, aber deutlich besser geschützt und bewaffnet. Er ist nicht so teuer, daß sich an Stelle dieses Modells ein schnellerer und vielseitigerer Panzer wie der Manticore lohnen würde, der um einiges teurer ist. Der Panzer wurde als Durchbruchs- und Stadtkampfpanzer entworfen und ebenso robust wie durchschlagskräftig. Er ist zwar nicht beweglicher als etwa ein Zerstörer, aber um einiges vielseitiger und besser gepanzert. Alles in allem ein Panzer, der für ärmere Welten eine echte Alternative darstellt, um als Rückrat ihrer Verteidigung zu fungieren. Und da man nicht selten für seine KSR-Werfer Infernorakteten verwendet, hat der Panzer einen schrecklichen Ruf bei anderen Panzern und Infanterie. Mit fünf Mann Besatzung feuert er akkurat selbst in Bewegung. Auf Wunsch kann die AK/15 auch durch eine AK/10 ersetzt werden, die freiwerdende Tonne wird meist für einen Ausbau des KSR-Werfers zu einem KSR-4 verwendet, oder um einen Flammer mit einer halben Tonne Brennstoff einzubauen.

Kettenpanzer 65t
Cockpit und Steuerkontrollen 3,25t
Interne Struktur 6,5t
ICE 195 16t
Panzerung 14,75t( 236 Punkte: Bug 54 Turm 50, Seiten je 46, Heck 40)
Turm 1,5t
AK/15 (Turm) 13t
Muni (24) 3t
2 MG's (Bug und Turm) 1t
MG-Muni (200) 1t
LSR-5 (Bug) 2t
LSR-Muni (24) 1t
KSR-2 (Turm) 1t
KSR-Muni (50) 1t
Geschwindigkeit 3/5
Preis 1.395.500

Konjew-S III (Turm und Turmpanzerung entfällt, auch alle Waffen bis auf ein Bug-MG mit 0,5t Muni, 3 LSR-15 mit 5,5t Muni)

Tank 34

Dieser Panzer ist eine reale Alternative zum Vedette. Er ist nicht ganz so schnell, aber besser gepanzert und bewaffnet. Sein sparsamer Dieselmotor ist ein zusätzliches Plus, und die breiten Ketten sind auch in Schlamm und Schnee Garanten für schnelles Vorrücken. Vor allem ist er nur unwesentlich teurer als der Vedette. Der Tank wurde so konstruiert, daß eine Sturmgruppe von Infanterie ohne weiteres auf ihm Platz finden kann (etwas hinter dem Turm) und so als Sicherung fungiert. Bei Wunsch kann der Panzer auch mit der verbreiteten 50-Millimeter Kanone (AK-5) geliefert werden, falls der Käufer Probleme hat, 85 Millimeter Geschosse zu beschaffen. Die freiwerden Kapazitäten werden meist zum Einbau einer KSR-2 mit einer Tonne Munition im Turm genutzt, der Turm selber kann durch einen leichteren ersetzt werden (nur 1 Tonne) und die freigerwordene halbe Tonne für zusätzliche Munition oder Panzerplatten eingesetzt werden. Auch Einweg-Granatwerfer wurden schon instaliert, oder ein zusätzliches MG an der Turmluke. Alles in allem hat das Konzept sich bewährt. Der Panzer hat 4 Mann Besatzung.

Kettenpanzer 50 t
Cockpit und Steuerkontrollen 2,5t
Interne Struktur 5t
ICE 200 17t
Panzerung 10t (Bug 40, Turm 40, Seiten je 30, Heck 20)
Turm 1,5t
AK/8 10t
Muni (32) 2t
2 MG's (Bug und Turm) 1t
MG-Muni (200) 1t
Geschwindigkeit 4/6
Preis 795250

Autokanone 8 - ein Geschütz zwischen 8,0 und 8,8 cm.
Kosten 160000/ 5000
Wärme 2
Schaden 8
Minimal 2
Nah 1 - 5
Mittel 6 - 11
Weit 12 - 16
Gewicht 10 Tonnen
Zeilen 6
Muni pro Tonne 16

Autokanone 15 - Kaliber zwischen 12,0 und 13,5 cm.
Kosten 250000/ 8000
Wärme 5
Schaden 15
Minimal -
Nah 1 - 4
Mittel 4 - 8
Weit 9 - 12
Gewicht 13 Tonnen
Zeilen 8
Muni pro Tonne 8

L-AK/ 8

Schaden: 8
Wärme: 2
Minimal: -
Nah: 4
Mittel: 8
Weit: 12
Extrem: 16
Tonnen: 7
Zeilen: 3
Schuß pro Tonne Munition: 16
Kosten (Waffe/ Munition): 185.000/ 7.000

Cattaneo
29.03.2004, 17:41
Situation auf Bryante:

Auch für Bryante wurde das Jahr 3057 zum Jahr der Entscheidung – wie für so viele Planeten in der Mark Capella der Vereinigten Sonnen. Die Streitkräfte der Konföderation und der Liga traten an, um zurückzuholen, was ihnen im 4. Nachfolgekrieg geraubt worden war. Geführt von einem politisch inkompetenten und militärisch nicht sonderlich genialen Oberkommando versagte die Verteidigung der Armee des Vereinigten Commonwealths. Der totale politische Bankrott zeigte sich in den zahlreichen lokalen Putschen und Aufständen in der Mark, in der die Besatzer es nicht verstanden hatte, die Bevölkerung zu gewinnen. Der Abfall der Lyranischen Reichshälfte, die nicht erneut die Zeche zahlen wollte, tat ein übriges. Das Ergebnis war die Entstehung des Chaosmark.

Auch auf Bryante spielte sich daß selbe Drama ab, wie es so oder ähnlich auf vielen anderen Welten stattfand. Die lokale Verwaltung versagte, und angesichts des Bankrotts der Zentrale war der Weg frei für „starke Männer“ (und Frauen), die das Schicksal in die eigenen Hände nahmen und nachvollzogen, was ihnen die großen Häuser vorgelebt hatten: Nimm dir, was du willst, und wenn einer dir widerspricht, dann bring ihn zum Schweigen.

Hier war es der Befehlshaber der örtlichen Miliz – Major Leonid Sergejewitsch Dvensky. Er war vorher nie sonderlich aufgefallen. Sicher war er ein guter Soldat und Offizier, aber als Milizangehöriger (und dazu gebürtiger Märker) hätte er nie die Chance gehabt, über diese Position hinauszugelangen. Jetzt, in der Krisensituation, erklärte er den Notstand, und sich selbst zum Vicomte. Zunächst hatte er vermutlich nur vor, für die Dauer der Krise klar Verhältnisse zu schaffen. Die Zivilverwaltung war extrem unpopulär, da sie zum Gutteil aus gebürtigen Vereinigten bestand. Da die Zentrale nie viel für Bryante getan hatte, außer Steuern zu kassieren und dafür ihren menschlichen Müll in den Strafanstalten abzuladen (unter Liao) oder den Müll zu behalten, nur Steuern einzutreiben und den Menschen klarzumachen, daß sie Bürger Zweiter Klasse waren, die froh seien durften, wenn sie durch Davion „befreit“ wurden (unter der Ägide der Vereinigten), war sie auch nie besonders angesehen gewesen. Dvensky wollte sich wohl einfach als energischer Kommandeur empfehlen, seinen Karriere einen Schub geben und interne Unruhen verhindern. Da er einen Liaoangriff erwartete, rief er Prinz Victor um Hilfe an, vermutlich in der Berechnung, so zumindest seine Fortkommen zu sichern. Doch die Hilfe kam nie, ein Fehler des genialen Prinzen – einer unter vielen.

Damit sollte sich das Schicksal Bryantes anders entscheiden. Dvensky erkannte, daß er mit Hilfe nicht zu rechnen hatte. Eine Möglichkeit wäre gewesen, „sein Reich“ an den Meistbietenden zu verkaufen, oder sich mit seiner Einheit einen Herren zu suchen. Er hätte die Welt auch bis auf die Grundmauern ausplündern, die Frauen Bryantes zur Beute seiner Soldaten und die Bürger zu seinen Sklaven erklären können. Andere Kommandeure handelten genau so. Dvensky aber entschied sich anders.

Er hatte Gefallen an der Macht gefunden, und überdies hatte er seine eigenen Vorstellungen. Er wollte die Macht – vor allem, um noch mehr Macht zu erringen. Er hatte, unzufrieden über die Zustände vor dem Krieg, seine eigenen Gedanken über die richtige Gestaltung Bryantes, und nun konnte er sie umsetzen. Und vielleicht Byrante zum Sprungbrett für ein viel größeres Ziel machen. Er ergriff die Gelegenheit mit Umsicht und beiden Händen.

Aus Militärs, angeworbenen Söldnern und Polizisten stellte er einen Führungsstab zusammen. Widerstand wurde gebrochen mit gezielter Gewalt. Er und seine Leute besetzten die Schalthebel der Macht – Außenhandel, Transportwesen und Kommunikation. Ausgehend davon begann die Umorganisierung der Gesellschaft. Mit diesem Monopol und der Drohung eines Angriffes von Piraten, Plünderern und feindlichen Truppen im Nacken peitschte er eine Reihe von Reformen durch, die die Gesellschaft grundlegend veränderten. Die Betriebe wurden schrittweise verstaatlicht, und die Administration übernahm immer mehr Befugnisse von der privaten Hand. Appelle rüttelten die Bevölkerung auf. Angst und Enttäuschung über die früheren Zustände wurden zum Motor der Reform – zusammen mit der Drohung repressiver Maßnahmen. Bald war auf Bryante das Monopol des Staates in allen Lebensbereichen sichtbar. Daß die Menschen dies mittrugen, lag auch daran, daß hier einer der ihren zu ihnen sprach. Er traf den richtigen Ton. Bryante war immer vernachlässigt worden – dies hatte, außer bei einigen wenigen Profiteuren, für Verbitterung und Unmut gesorgt. Nun wurde der Haß auf einige Sündenböcke gelenkt, ein eigener Weg propagandiert. In einer großen Volksabstimmung – 75 Prozent stimmten dafür, 16 dagegen, der Rest enthielt sich bei 80 Prozent Wahlbeteiligung – wurde Dvensky als Vicomte bestätigt, Bryant für unabhängig erklärt.
Natürlich war die Wahl manipuliert worden. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Vorgängern ging Dvensky geschickt genug vor, um Unruhen zu verhindern. Das Wahlergebnis war glaubhaft, zumindest größtenteils. Und die Opposition konnte sich trösten, ein gutes Sechstel hinter sich zu haben. Erst dann wurden die Strukturen der politischen Opposition zerschlagen. Im Maße der zunehmenden Verstaatlichung wuchs aus die staatliche Überwachung, vor allem die Angst vor ihr.

Der Staat übernahm alles. Er wurde zum einzigen Arbeitgeber und Lieferer von Waren, zum Garanten von Ordnung und Sicherheit und zum Anbieter der wichtigsten Dienstleistungen. Er versprach Absicherung eines gewissen Lebensstandards und stellte Prämien in Aussicht. Er übernahm und finanzierte die Ausbildung der Kinder und die Altersfürsorge. Und er drohte – verdeckt – mit einer scheinbar allwissenden Geheimpolizei.

Heute ist Bryante ein autoritärer Staat wie so viele in der Inneren Sphäre. Er funktioniert durch die Androhung von Gewalt, durch Konsens und Lohn, vor allem aber durch Akzeptanz der Bevölkerung. Aber auch durch Charisma und Ideologie, sowie durch äußeres und inneres Sicherheitsdilemma.

Alle Bürger Bryantes sind Staatsangestellte. Obleute legen die Arbeitsnormen fest – nach Stunden, Stückzahl, Qualität. Normerfüllung garantiert Grundversorgung. Sowohl medizinisch als auch mit Dienstleistungen und Grundgütern wird der Staatsbürger versorgt. Kinder müssen nicht arbeiten, doch gibt es dafür (oder für eine gute Teilnahme an der obligatorischen schulischen und paramilitärischen Ausbildung) Prämien. Wer sein Soll übererfüllt wird entsprechend besser versorgt. Wer sich nicht anpaßt, der hat mit Nachteilen bei Unterbringung und Versorgung zu rechnen. Die Gesetzte sind hart, aber die Kriminalität ist gering. Die Polizei ist hochmotiviert (da gut überwacht und gut belohnt), Eigentumskriminalität schwierig, da der Zahlungsverkehr vom Staat überwacht wird (er läuft in den Städten elektronisch). Auf Grund des relativen Reichtums von Bryant arbeitet das System effizient – auch, weil der Staat überschaubar ist. Die Führung sorgt dafür, daß die Bürokratie nicht kopflastig wird. Allerdings sind unproduktive Berufe natürlich stark benachteiligt – doch Schriftsteller, Schauspieler und dergleichen gab es hier auch früher nur wenige. Sie stehen jetzt auf staatlicher Linie oder leben sehr ärmlich. Wer aufbegehrte, sitzt hinter Gittern. Die Feindschaft zu den Nachbarn vereint den Staat, auch die Angst vor Banditen, Piraten und ähnlichem. Und viele glauben dem Vicomte, wenn er davon spricht, daß Gebiet zu erweitern und andere Planeten anzugliedern. Das Militär verspricht Aufstiegschancen und Belohnung, und die Leute sind sowieso gewohnt, „denen da oben“ zu folgen. Doch jetzt ist „der da oben“ einer von ihrem Planeten, der ihre Sprache spricht. Das verbindet. Man hat die Nase voll von Zentralen, die einen nur abkassieren und dann vergessen oder als Abschiebeplatz für Häftlinge verwenden, Regierungen, die auf einen herabsehen. Gestützt darauf kann Dvensky einen Gutteil des Volkes hinter sich wissen. Angst oder schlichte Apathie (letzteres wohl in weit größerem Umstand) hält den Rest gefügig, die renitenten Teile sind unter Überwachung, inhaftiert oder getötet worden.

Bryant verfügt über fruchtbare Böden, reiche Vorkommen an chemischen und mineralischen Rohstoffen und tiefe Meere mit einer reichhaltigen Flora und Fauna. Viele Tiere gelten als Delikatessen, etwa die Crowley Eidechsenkuh und der Juwelenseebarsch. An die frühere touristische Nutzung der Nichtpolar-Kontinente ist aber nicht zu denken, die Stürme dort sind mörderisch. Deshalb leben dort und in der Randregionen der Polarkontiente nur wenige Menschen, Jäger und Prospektoren (staatlich lizensiert), die nach Lostech und Bodenschätzen spüren – denn auf diesen Kontinenten liegen noch alte Städte aus der Sternenbundzeit. Aber es soll dort auch Siedlungen entflohener Sträflinge geben, obwohl nicht klar ist, ob die gelegentlichen Zusammenstöße nun auf diese oder auf Flüchtlinge neueren Datums zurückgehen. Bryants Militär ist wachsam und jagt Plünderer und Piraten mit großem Erfolg. Siedlungen sind auch auf den Hauptkontinenten eher klein. Brein, die Hauptstadt, hat vielleicht 15.000 Einwohner. Die größte Siedlung des Nordkontinents Altario, Tscheljabinsk, hat gerade mal 5.000 Einwohner. Allerdings ist die Besiedlung gewissermaßen konzentriert – Einzelgehöfte und Kleinstsiedlungen gibt es nicht. Die Menschen leben um die Mienen, Fabriken und Agrofarmen herum sowie an den Ufern des Meeres, relativ dicht beieinander. Vereinzelt leben nur die Jäger und einige wenige Fischer. Amtssprache ist Russisch.

In Brein liegt auch die Klasse B Com Star- Einrichtung, einziges Fenster zur Aussenwelt. Der Frachtverkehr läuft über die Raumhäfen von Tscheljabinsk und Brein, hier werden Rohstoffe, Luxusgüter (wie gewisse Felle und Tiere) und Fertigprodukte abgenommen, und dafür Fertigwaren geliefert, die Bryant nicht herstellt – sowie ein reglementiertes Kontingent von ausländischer Unterhaltungstechnik (Filme, Bücher, Musik und dergleichen), begehrtes Prämiengut. Da die Landung anderswo, vor allem aber die Unterschlagung größerer Gütermengen, schwer möglich ist, hat der Staat auch hier das Monopol und nutzt es weidlich aus.

In den letzten Jahren ist Dvensky dazu übergegangen, Neusiedler zu werben. Er bietet Sicherheit (und Starthilfe) – und Menschen aus den Marken, teilweise aber auch aus dem VerCom folgen dem Ruf. Denn besser ein Diktator (daran ist man gewöhnt), als ein harter Bürgerkrieg UND eine Regierung, die ebenfalls nicht mit Samthandschuhen zupackt (und dies gilt für Victor wie für Katrina). Vor allem fliehen nicht wenige Menschen vor der Benachteiligung für Menschen capellanischer Herkunft in der Mark Capella. Bryant behandelt sie da gerechter, denn Dvensky ist die Herkunft gleich – so lange sie spuren. Er hat erkannt, daß er für sein Offensivprogramm mehr Menschen braucht, Fachleute wie einfaches Volk. Und er beschafft sie sich nach Möglichkeit. Für ihn ist Bryant ein Sprungbrett, und es gilt, dies gehörig abzustützen. Dadurch, und durch Fördermaßnahmen für Familien, ist die Bevölkerungszahl angestiegen auf inzwischen bis zu 90.000 Menschen, Tendenz steigend.

Die Fahne Bryants zeigt einen schreitenden Bären (auf allen vieren) Rot auf weißem Grund - im Volksmund IST dieser Bär "der Schatun" und damit deckungsgleich mit Dvensky.

Cattaneo
29.03.2004, 17:42
Die Diktatur von Bryant

Man sollte es nicht beschönigen – Dvensky ist ein Diktator. Sein Regime gibt den Menschen vor, was sie zu tun haben, die Möglichkeit zur Mitbestimmung ist gering. Wer sich nicht anpasst, hat dadurch erhebliche Nachteile, wer sich nicht an die Regeln hält, wird streng bestraft. Und wer gar versucht, die Verhältnisse zu ändern, auf den warten Strafgefangenenlager oder die Kugel. Seit Entstehen der Diktatur sind etwa 70 Menschen standrechtlich exekutiert worden, immerhin ein Promille – auf einem Planeten mit einer Million Bevölkerung entspräche dies 1.000 Todesurteilen. Mindestens die dreifache Anzahl – etwa 200 – Menschen sitzen in den Gefängnissen oder Lagern oder stehen unter Hausarest - allein aus politischen Gründen (Zwangsarbeit gibt es auch für Kriminelle, und das Regime behandelt diese ebenso gnadenlos wie politische Gegner, weil sie eine Verletzung des politischen Konzept sind). Die Menschen können nicht bestimmen, was mit den Steuern gemacht wird, die sie zahlen, der Staat diktiert die Belohnung für ihre Arbeit. Er allein entscheidet über die Politik, die Bürger können zwar ihr Mandat abgeben, aber die Wahlen sind manipuliert – allerdings mit Augenmaß. Grundrechte gibt es (das Recht, nicht verhungern und erfrieren zu müssen), aber der Staat verlangt dafür die Grundpflicht, im Rahmen der Möglichkeiten zu arbeiten (allerdings – schuldlos Arbeitsunfähige wie Kranke, Verletzte, Alte oder Behinderte werden zwar nicht üppig, aber doch ausreichend versorgt). Wer dazu nicht bereit ist, wird mit Druck dazu gezwungen. Freie Medien gibt es nicht, Kultur und Kunst sind reglementiert.

Doch auf der anderen Seite darf man sich nichts vormachen – Bryant ist damit ein Staat unter vielen. In allen Nachfolgestaaten, erst recht bei den Clans, und auch bei vielen Peripherienationen handelt es sich um autoritäre Diktaturen. Die Bevölkerung hat zwar Grundrechte, doch können die jederzeit eingeschränkt und aufgehoben werden. Sie haben keinerlei Einfluß auf die Verwendung ihrer sauer erabeiteten Güter – was mit dem Staatshaushalt geschieht, welche Steuern erhoben werden, ob und wo Krieg geführt wird, all das entscheidet der Souverän. Und wenn die Bürger dagegen aufstehen, werden sie gnadenlos unterdrückt, oder ihr Widerstand wird auf geschmeidige Art und Weise mit Lügen und Täuschung gebrochen. Dies ist (fast) ÜBERALL so. Die Medien werden manipuliert, und oft hat der Bürger nur drei Dinge zu tun: Erstens, Steuern zahlen, Zweitens, Soldat sein, Drittens, Maul halten. Allmächtige Geheimdienste wachen darüber, und Menschenrechte und Menschlichkeit ist diesen Institutionen fremd. Nur solange die Untertanen der Linie folgen, werden sie anerkannt. Viele Staaten – die Clans, aber eingeschränkt auch das Kombinat – gehen nach rassistischen Grundsätzen vor, was den „Wert“ ihrer Untertanen angeht. Freiheit existiert nur in der Lokalverwaltung, und auch dort mischen örtliche Adlige mit der Macht der Manipulation kräftig mit. Zwar gibt es Welten, die von demokratisch gewählten Regierungen verwaltete werden, doch diese unterstehen der Zentralregierung, und die Geheimdienste sind auch dort aktiv, ebenso oft Zensurgesetze und dergleichen. Das Gerede von „Freiheit“, das besonders die Vereinigten Sonnen und die Lyranische Allianz oft anstimmen (besonders erstere) ist nichts als Maskerade, wenn man genau hinschaut. In der Hinsicht ist Dvensky also nur ein Mensch, der im Kleinen versucht, was die Großen tagtäglich vormachen. Er ist agressiv – die Nachfolgestaaten und die Clans haben in ihren Kriegen unzählige Menschenleben und unersätzliche Werte vernichtet. Er ist repressiv, allerdings auf gemäßigte Art und Weise – die Geheimdienste der großen Staaten und die Repressionsgruppen der Clans haben alles und mehr begangen, was er getan hat. Er ist nicht vom Volk legitimiert – aber solch eine Regierung gibt es selten.

Der Unterschied aus Sicht vieler Menschen ist jener: Früher saß der Diktator in New Avalon oder auf Sian. Er nahm Bryant nicht zur Kenntnis. Die Welt hatte zu parieren, dafür durfte sie Steuern zahlen. Als es darum ging, die Welt zu entwickeln, ihr Fortschritt zu ermöglichen, versagten Konföderation und Vereinigte gleichermaßen. Jetzt haben sie einen Diktator vor der eigenen Haustür, aber er ist wenigstens einer von ihnen, und jetzt haben sie das Gefühl, daß ihrer Mühen Frucht zumindest teilweise ihnen selbst zu Gute kommt und ihre Welt voranbringt. Er gibt ihnen das Gefühl, etwas zu sein, vollwertige Staatsbürger, der Keim eines neuen Reiches. Und das es besser werden könnte. Dafür sind viele bereit ihm zu folgen. Denn Dvensky bietet ihnen, was man ihnen bisher verwehrte: Aufmerksamkeit und Anerkennung. So zynisch es klingt – ihre bisherige Behandlung hat die Menschen so geprägt, daß viele einen Kriegsherren wie Dvensky als Fortschritt ansehen, die Situation als nicht unerhebliche Verbesserung. Und damit haben sie nicht einmal unbedingt Unrecht. Ob Dvensky sich halten wird, oder wohin er sein Reich führt, ist unklar. Er bietet Stabilität und einen Hafen der Sicherheit im Chaos. Deshalb ist er an der Macht, nicht nur wegen seiner Soldaten. Die Menschen nehmen an dieser – wie auch an den anderen – Diktaturen teil, werden ein Bestandteil und stützen so das System, daß sie ihrer Rechte beraubt. Aber daran wird sich wohl nie etwas ändern, nirgens.

Cattaneo
29.03.2004, 17:42
Ursprünglich von Iron

: Auftrag

Harlech-Zentralfriedhof, Söldnerdistrikt, Harlech, Outreach
Chaos-Marken

xx. Dezember 3064

Die Abenddämmerung setzte bereits über Harlech ein und fabrizierte ein faszinierendes Abendrot. Die Wolken - die wie in blutrote Farbe getränkte Wattebäusche aussahen - zogen genauso langsam über das sich langsam verdunkelnde Firmament wie die Trauerprozession über den Zentralfriedhof. Der massive, pechschwarze Sarg war auf einer Hoover-Trage aufgebahrt und wurde jeweils rechts und links von insgesamt sechs Sargträgern eskortiert.
Hinter dem Sarg trotteten schweigend in etwa 200 Trauergäste und begleiteten den Verstorbenen auf seinem letzten Weg in die Gruft, die einer Miniaturausgabe eines romanischen Tempels glich.

Evander Povlsen war einer der Trauergäste und versuchte angestrengt eine demutsvolle Miene aufzusetzen und damit seinen Abscheu vor der überaus kitschig arrangierten Beerdigung zu verbergen.
Jetzt sah er das die Prozession vor der Familiengruft des Toten hielt und auf die Abschiedsworte des Geistlichen wartete.
Hinter der verspiegelten Gläsern seiner Sonnenbrille konnte niemand sehen, wie Evander seine Augen verdrehte. Gerne hätte er auf die Ansprache verzichtet und wäre gegangen - kannte er den Toten doch nicht einmal - doch leider ging das nicht. Er musste hier warten, bis sich sein Kontaktmann wie vereinbart mit ihm in Verbindung setzte.

Vor vier Tagen hatten die Hinterbliebenen die Todesanzeige im „Outreach Daily Tribune“ veröffentlicht und wie so häufig waren tags darauf in derselben Zeitung die Kondolenzanzeigen von Freunden, Arbeitskollegen alten Bekannten und sonstigen Erbschaftsschleimern erschienen.
Evanders Info-Portal war darauf ausgerichtet, sämtliche Todesanzeigen zu scannen und nach bestimmten Namen Ausschau zu halten. Erschien einer dieser vorher festgelegten Namen in einer Beileidsanzeige, wußte Evander dass sich sein Kontaktmann auf dieser Beerdigung mit Ihm in Verbindung setzen würde.
Evander fand diese Geheimdienstspielchen zwar übertrieben, aber andererseits wimmelte es auf Outreach nur so von Agenten aller Häuser und Fraktionen und man konnte daher nicht vorsichtig genug sein. Er war sich sicher, dass er derzeit nicht observiert wurde, dafür war Povlsen eigentlich zu unbedeutend in den Augen der Agencies. Aber konnte er sich dessen wirklich voll und ganz sicher sein? Und galt das auch für den Kurier?

Erst als die Menge sich wieder in Richtung des Sarges in Bewegung setzte, merkte Evander das der Priester seine Rede beendet hatte und die Trauergäste nun Abschied von dem Toten nahmen.
Um den Schein zu wahren schritt auch der ehemalige LNC-Agent an den Sarg, tat so als würde er ein stilles Gebet sprechen und schüttelte ein paar Hände der Angehörigen ehe er sich knapp hinter dem letzten Familienmitglied umdrehte und nun seinerseits die Hände der Trauergäste die an ihm vorbeigingen schüttelte.
Die letzte Familienangehörige in der Reihe – eine etwas ältere von wie es schien Gram gebeugte alte Dame - drehte sich mit leicht gerunzelter Stirn zu ihm um und versuchte offensichtlich in Gedanken ihn irgendwo in Ihrem Gedächtnis einzuordnen.
Evander lächelte sie leicht gequält blickend an und schüttelte weiter die Hände der Trauergäste, die ihn nun ihrerseits für ein Familienmitglied hielten.
Schliesslich lächelte sie ebenfalls gequält zurück und wandte sich wieder zu den Gästen um.

Jetzt hoffte Evander, dass sein Kontaktmann bald erscheinen würde, bevor die Alte oder sonstein anderer Angehöriger auf den gedanken käme ihn zu fragen, wer er denn sei. Doch glücklicherweise liess sein Kontaktmann nicht lange auf sich warten und Evander sah ihn deutlich fluoreszierend an den Sarg herantreten.
Der schwarze Anzug, den der großgebaute Mann trug, schien in einer Aura bläulichen Lichts zu strahlen, allerdings nur sichtbar für Evanders Augen und das auch nur durch seine Sonnenbrille hindurch. Diese war so beschaffen und beschichtet, dass sie exakt die richtigen Wellenlängen des Lichts brach um die mikrofeinen in den Anzug eingewebten Gewebepartikel sehen zu können.
Niemand sonst konnte so also erkennen, wer der Kurier war. Der Kurier selbst trug ebenfalls eine verspiegelte Sonnenbrille und konnte so nun auch seinerseits den nur für ihn leuchtenden Anzug erkennen, den wiederum Evander trug.
Langsam kam der Kurier die Reihe der Angehörigen entlang und griff schliesslich in seine Jackentasche.
Unwillkürlich spannte sich Evander. Seine über Jahre antrainierten Reflexe schlugen Alarm und er machte sich innerlich bereit blitzschnell zu reagieren, wenn es sein mußte. Wer sagte ihm schon, das der Kurier hier war um ihm einen neuen Auftrag zu bringen. Schliesslich konnte er auch geschickt worden sein um ihn zu liquidieren.

Aufs äußerste gespannt sah er, wie die Hand des anderen Agenten wie in Zeitlupe aus seiner Jackentasche hervorkam.
Und schliesslich konnte er erleichtert aufatmen als er erkannte, das sein Gegenüber nur ein Taschentuch in der Hand hatte und ein paar imaginäre Tränen aus dem Gesicht wischte. Dann trat der Kurier an Evander heran und gab ihm die Hand. Sofort spürte der ehemalige LNC-Agent einen flachen metallischen Gegenstand, den der Agent mit dem taschentuch aus seiner Jackentasche gefischt haben musste, und nahm ihn an sich.
„Herzliches Beileid“ waren die einzigen Worte, die die beiden Agenten miteinander wechselten.

*****************************

Ein paar Stunden später – nachdem sich Evander vergewissert hatte, dass ihm keiner gefolgt war und das auch niemand seine kleine, unauffällige Wohnung in einem der Vororte von Harlech in seiner Abwesenheit verwanzt hatte - schob er die Datendisk in sein offline geschaltetes Terminal ein.

Mit einem kurzen Flackern erschien das vertraute Gesicht einer eher kleingewachsenen, dunkelhaarigen Endvierzigerin die äußerlich hätte nicht unauffälliger wirken können. Sie war eine der Menschen, bei denen man sich selbst nach einem intensiven Treffen an keinerlei besonderen Merkmale erinnern konnte.

„Mr. Povlsen, wie sie wissen ist es meine Art ohne lange Umschweife zum Punkt zu kommen.
Ich möchte sie gerne erneut für unsere Organisation anwerben. Die Leistungen, die sie bisher für uns erbracht haben waren äußerst zufriedenstellend.
Bitte haben Sie dafür Verständnis das ich dieser Disk keine detaillierten Einsatzinformationen zugefügt habe.
Doch soviel vorweg: Agenten unseres Außendienstes haben aus gesicherten Quellen Hinweise darüber erhalten, das unsere Nachbarn planen eine Söldnereinheit anzuwerben um einen Präventivschlag gegen uns durchzuführen. Ihre Aufgabe wird es sein, diese Söldnereinheit zu identifizieren und zu verhindern, dass sie heil bei uns ankommt."
Die Frau mit den Rangabzeichen einer Majorin machte eine kleine Pause, lange genug um Evander die Gelegenheit zu geben über den Einsatz nachzudenken.
Der Auftrag klang soweit interessant und schien eine Herausforderung zu sein und Evander musste zugeben, dass er jetzt schon Feuer und Flamme war. Endlich schien wieder ein Einsatz möglich zu sein und wenn er sich seine dezeitige Situation durch den Kopf gehen liess, konnte er gar nicht so wählerisch sein und es ablehnen.
„Wenn sie Interesse haben und derzeit verfügbar sein sollten,“ fuhr die Majorin fort „wird sich Kommandant Dorinel Raducanu – den sie bereits auf der Beerdigung kennen gelernt haben – sehr freuen Sie detailliert mit dem Auftrag vertraut zu machen.
Kommandant Raducanu ist einer meiner besten Männer. Er steht absolut loyal zu unserer Sache und ist über jeden Zweifel erhaben. Ich bin überzeugt davon, dass Sie beide sehr gut zusammenarbeiten werden.“
Evander runzelte ein wenig die Stirn. Er arbeitete nicht gerne mit Leuten, die er nicht kannte, aber anscheinend rechnete die Majorin mit einer schwierigen Aufgabe. Und letztlich hatte er keine andere Wahl.
„Falls ich sie erneut für den Geheimdienst von Byrant habe gewinnen konnte, finden Sie auf der Disk eine Beschreibung wie sie mit Kommandant Raducanu Kontakt aufnehmen können.
Viel Glück, Mr. Povlsen“

Mit einem Flirren verschwand die Holoaufzeichnung. Evander lehnte sich zurück und grinste. „Mit Glück hat das Ganze nichts zu tun Major Jegorowa, nicht das geringste!“

Cattaneo
29.03.2004, 17:43
Schatun

Ein eisiger Wind trieb die Schneeflocken vor sich her. Die Straßenlaternen auf dem Zentralen Platz von Brein tauchten das Pflaster in fahles Licht. In Schwaden fegten Schneeböen durch die Luft, nahmen den Passanten die Sicht. Nicht, daß momentan viele Menschen unterwegs gewesen wären. Es war noch sehr früh, die Dunkelheit zeigte nicht einmal eine Ahnung von Morgen. Selbst in einer hart arbeitenden Stadt wie Brein schliefen die meisten Menschen noch, und die Nachschicht hatte noch Arbeit vor sich, bevor sie nach Hause gehen und sich ausruhen konnte von den Entbehrungen einer anstrengenden Nacht. Die Plakate, die den Menschen den Willen ihrer Regierung verkündeten, blickten auf das leere Pflaster und harrten des kommenden Tages. Abgesehen von den Straßenlaternen waren wenig Lichter zu sehen. Hier, im Stadtzentrum, gab es kaum Betriebe, die rund um die Uhr arbeiteten. Nur gelegentlich zerschnitten die Scheinwerfer eines Autos das Dunkel – oft ein Fahrzeug der Miliz auf nächtlicher Streife.

Nur im Palast brannten noch Lampen. Die Bezeichnung klang eigentlich wie Hohn angesichts der massiven Mauern und wuchtigen Formen. Ein Gefängnis, eine Festung – das ja. Aber kaum ein Schloß. Die Zentrale Bryants schlief nie, und die Bürger wußten dies, mit einer Mischung aus Respekt, Erleichterung – aber auch Furcht. In einem der Flügel des Baus war die oberste Verwaltung von Polizei, Geheimdienst und Geheimpolizei untergebracht – von hier wachte man mit Argusaugen. Aber auch im Zentralgebäude, Wohnsitz des Vincomte und Tagungsort der Regierungssitzungen, gingen die Lichter nie aus. Und im Volksmund erzählte man sich manche wundersame, aber auch schauerliche Geschichte über den Mann, der den Planeten regierte. Rastlos sollte er durch die nächtlichen Korridore wandern, wachsam, unermüdlich. Es hing vom Erzähler ab, ob er sich bei diesem Gedanken erleichtert oder beklommen fühlte.

Leonid Sergejewitsch Dvensky schlief in der Tat nicht. Nicht, daß er Schlaf nicht gekannt hätte, wie manche munkelten. Er kam mit sehr wenig Ruhe am Tag aus, und konnte dennoch stets aufmerksam und hellwach agieren. Dies hatte ihm auch seinen Spitznamen eingetragen – nach einem Bären ,einem Einzelgänger, der keine Ruhe im Winter fand und rastlos durch die Wälder streifte, eine tödliche Gefahr für den Jäger. Er arbeitete oft bis spät in die Nacht und war stets früh auf den Beinen. Nur so, davon war er mehr oder weniger überzeugt, konnte er sichergehen, daß alles nach Plan lief, daß niemand hinter seinem Rücken Komplotte schmiedete oder nachsichtig arbeitete. Die Gestalt des rastlosen Herrschers trieb auch seine Untergebenen an, hielt sie in Atem. Sein Mißtrauen war ihm in langen Jahren, noch bevor er die Herrschaft über Bryant ergriffen hatte, zur Angewohnheit geworden. Und er wußte es zu nutzen. Wie auch die Furcht, die er damit bei manchen hervorrief.

Niemand ging an seiner Seite, während er durch die nüchtern eingerichteten Korridore schritt. Das Gebäude war viel zu groß für einen Planeten, der weniger Einwohner als selbst eine kleine Großstadt hatte. Erbaut zu einer Zeit, als Bryant ein blühendes Zentrum war, nahm die einstige Residenz – wehrhaft geschaffen gegen die Unbilden des Wetters – die Regierung auf, die doch nur einen Teil der Räume nutzen konnte. Zur Not hätte man sicher die gesamte Bevölkerung des Planeten in den Gebäuden und unterirdischen Schutzräumen versammeln können. Dvenskys Regierung vergeudete wenig Geld mit Prunkentfaltung. Eine wehrhafte Armee und eine gut funktionierende Wirtschaft waren besser – die effiziente Polizei nicht zu vergessen. Auch das Haupt des Staates, Bürokratie und Verwaltung, wurden möglichst schlank gehalten. Deshalb hätte ein Flügel des Komplexes für die gesamte Administration ausgereicht. Er nickte den Wachen zu, die schweigend an einigen Punkten plaziert waren. Auch wenn nicht mehr als ein Kompanie auf einmal den Palast überwachte, die Männer und Frauen waren hervorragend ausgebildet, und die Video- und Sensorüberwachung in gutem Zustand. Hier hatte man keinen Angriff zu fürchten, und ein Gutteil der auf dem Südkontinent stationierten Truppen Bryants war in unmittelbarer Reichweite. An seiner Hüfte baumelte eine schwere Pistole – ein Blaster – mit dem er durchaus umzugehen verstand. Ein Mann, der es vom Kompaniechef einer Miliz zum Herrscher eines kleinen Planeten brachte, mußte sich durchsetzen können.

Schließlich hatte er das Herz des Palastes erreicht – sozusagen die Kommandozentrale. Hier tagte das „Kabinett“ – oder besser der handverlesene innere Zirkel. Hier wurden Entscheidungen gefällt und Informationen ausgewertet. Er wußte, er wurde bereits erwartet. Seine Untergebenen hatten sich zumindest seinen Tagesrhythmus zu eigen gemacht. Die Wachen salutierten zackig, dann schwang die Tür auf.

Sie warteten auf ihn. Zwei Männer und zwei Frauen. Die vier hatten sich bei seinem Eintreten erhoben, aber sie salutierten nicht. Hier war dies unnötig. Er nickte ihnen zu: „Guten Morgen. Setzen Sie sich.“

Für einen Augenblick musterte Dvensky die Runde um ihn. Sie waren so ziemlich die einzigen Menschen, denen er wirklich vertraute. Und sie ihm. Er lächelte knapp: „Also, meine Damen und Herren, ich eröffne die Besprechung. Lassen Sie uns beginnen. Er wandte sich an einen der Männer, er mochte um die Fünfzig sein: „Colonel?“ Dieser verneigte sich knapp: „Ich melde keine besonderen Vorkommnisse. Die Ausbildung der Truppe macht Fortschritte. Die Schäden seit der letzten Operation wurden weitestgehend behoben. Ausgewählte Einheiten sind bereit zum erneuten Einsatz und haben bereits begonnen, sich auf ihre nächste Aufgabe vorzubereiten.“ „Wie steht es mit der materiellen Lage?“ „Ersatzteile vorhanden, Treibstoffversorgung gesichert. Munition für drei Monate Einsatz vorhanden. Fahrzeuge einsatzbereit, technische Dienste ebenso.“ „Truppenmoral?“ „Zufriedenstellend.“ „Was macht das Trainingsprogramm?“ „Nun, wir haben auch die Angehörigen der Neusiedler zunehmend erfassen können. Da bei ihnen keine Verpflichtung besteht, ist es uns nicht möglich, alle einzubinden. Aber durch Schaffung von Anreizen und die Propaganda können wir sie zunehmend ansprechen. Ich würde sagen, vielleicht zwei Drittel. Major Tereschkow meldet sogar 70 Prozent.“ Dvensky neigte leicht den Kopf: „Gründe?“ „Nun, ich vermute, seine Propaganda ist noch ein wenig wirkungsvoller. Außerdem“ der hagere Colonel grinste: „spricht er vermutlich besonders die Mädchen und halbwüchsigen Frauen unter den Neusiedlerkindern an.“ Für einen Augenblick erklang leises Gelächter. Dvensky seufzte bedauernd: „Ich kann Sie wohl nicht dazu überreden, einen Schönheitschirurgen zu besuchen, Thomsen?“ Der schüttelte den Kopf: „Ohne mein kantiges Gesicht wüßten meine Leute gar nicht, auf wen sie hören sollten. Sie können ja Major Jegorowa“ – er nickte einer unscheinbaren Frau in den Vierzigern zu – „mit dem Programm beauftragen. Da sagt auch von den Neulingen keiner nein, sobald sie ihren ersten Kneipenbesuch hinter sich haben.“ Wieder lachten die versammelten Offiziere. Major Jegorowa war Chefin des Innenministeriums und des Geheimdienstes – wenn es eine Person auf Bryant gab, von der man nur im Flüsterton zu reden wagte, dann war sie es.

Dvensky nutzte die Gelegenheit: „Nun, dann ist ja alles in Ordnung. Machen wir bei Ihnen weiter, Major Jegorowa. Haben Sie mir etwas zu melden? Nur das wesentliche.“ Die Frau setzte sich aufrecht hin. Jetzt, wenn sie sprach, ließen ihre wachen Augen das unspektakuläre Gesicht in den Hintergrund treten: „Nun, wir haben ein konspiratives Treffen in Brein. Unser alter Freund Denissow. Nichts Weltbewegendes, sonst wäre er jetzt bereits unser Gast. Der gute Herr hat sich mit einigen Hochschülern in seiner Wohnung getroffen. Die Gedichte, die er ihnen vorlas, waren eindeutig etwas zu kritisch. Ich fürchte, wenn das so weitergeht, werden einige der jungen Männer und Frauen noch eine Dummheit begehen – etwa Plakate kleben oder ähnliches.“ Sie lächelte kalt: „Zwei von ihnen gehören zu uns. Ich könnte den alten Herren für eine Weile aufs Land schicken, körperliche Arbeit wirkt manchmal Wunder.“ Dvensky schüttelte unmerklich den Kopf. Selbst bei unter 100.000 Einwohnern sollte er sich eigentlich nicht mit einem notorischen Dissidenten beschäftigen, aber Denissow war recht angesehen bei den wenigen Gebildeten: „Lassen Sie jemanden mit ihm reden. Und mit seinen Zuhörern. Mit allen. Machen Sie ihnen klar, daß wir Bescheid wissen und dies mißbilligen. Sie werden sich fragen, wer sie verraten hat, und ich denke, diese Frage wird sie davon abhalten, Dummheiten zu begehen. Sonst noch etwas?“ „Ja. Ein Bericht aus Tscheljabinsk. Offenbar haben sie die Bande geschnappt, die ihnen in den letzten Monaten Probleme bereitet hatte. Die Mutter von zwei Mitgliedern arbeitete bei der Miliz – deshalb die Probleme. Tereschkow läßt anfragen, wie hart er durchgreifen soll. Die Richter müssen ja wissen, was sie verhängen sollen.“

Unabhängige Justiz gab es auf Bryant – wie auf den meisten Planeten der Inneren Sphäre – nicht. Hier behielt sich Dvensky zumeist das Urteil vor. Die ,eigenständige‘ Entscheidung der Richter erfüllte seine Vorstellungen stets ,erstaunlich’ genau: „Was liegt gegen sie vor?“ „Oh, die ganze Palette. Widerstand gegen die Staatsgewalt – gewaltsam, also könnte man ohne Probleme auch auf Terrorismus plädieren. Ebenso Sabotage.“ Auf Bryant, wo vieles Staatseigentum war, lief Wandalismus und Sachbeschädigung je nach Auslegung auch unter diesem Etikett, je nach Zweckmäßigkeit. „Dazu schwere Körperverletzung, ein oder zwei Überfälle – daraus kann man auch Raub machen – und“ sie zögerte kurz: „einen Fall von Vergewaltigung. Alles in allem eine Bande von Jugendlichen, wie es sie eben immer mal wieder gibt. Aber die Einwohner waren doch etwas verstört und verärgert.“ Dvensky trommelte auf der Tischplatte: „Sie erhalten alle acht Jahre Arbeitsverpflichtung. Lassen Sie sie erst zu fünfzehn verurteilen, dann soll Tereschkow ein Gnadengesuch einreichen, ich werde ihm stattgeben. Der Anführer, der Vergewaltiger und die Milizionärin werden zum Tode verurteilt. Bei der Mutter werde ich Gnade walten lassen – die beiden anderen werden erschossen.“ „Jawohl!“ Dvensky blickte in die Runde: „Die Menschen verlassen sich darauf, daß wir ihnen Stabilität und Sicherheit bieten. Dies ist der Preis dafür, daß sie für uns arbeiten. Störungen müssen beseitigt werden.“ Widerspruch gab es keinen.
„Wirtschaftliche Lage?“ „Die Integration der Neusiedler läuft gut. Es macht sich bezahlt, sie zum Gutteil in ihren Gruppen zu lassen und sie nur behutsam zu assimilieren. Das erleichtert es zwar nicht gerade, sie zu überwachen, aber ich denke, von dort droht uns wenig Gefahr. Was die Produktion und den Handel angeht, so konnten wir im Vergleich zum Vorjahr einen Fortschritt von acht Prozent erzielen – außergewöhnlich gute Ergebnisse. Allerdings ist unsere Finanzlage weiterhin angespannt. Die Integration der Neusiedler, die wirtschaftliche Autarkiebestrebungen besonders bei wichtigen Gütern und das Wehrbevorratungsprogramm erfordern große Ausgaben. Wir haben momentan nur begrenzt freies Kapital – allerdings gibt es da gewisse Möglichkeiten, auf die ich mit Verlaub später eingehen werde.“ „Bestünde die Möglichkeit, vielleicht unsere Streitkräfte mit Söldnern zu verstärken?“ „Das hängt davon ab, ob sie Bezahlung teilweise in heimischen Gütern – Nachschub, Unterkunft, Verpflegung, Dienstleistungen und so weiter – akzeptieren würden. Zumindest mittelfristig ist es aber möglich, und billiger als eine Aufstellung einer neuen Einheit. Allerdings bleibt da noch das Problem der Loyalität.“ „Und haben Sie die nötigen Informationen für das nächste Ziel?“ Major Jegorowa zögerte einen Augenblick, schien abzuwägen: „Soweit es möglich ist, ja. Es gibt natürlich immer Probleme mit der Kommunikation. Es gibt da Gerüchte, unsere Freunde würden selber Söldner anheuern. Meine Leute arbeiten daran, aber Sie wissen ja – ich kann die Ergebnisse noch nicht sofort auswerten.“ Ihr gut ausgebautes Spitzelnetz krankte vor allem an dem Umstand, daß es wenig ratsam war, von den Zielplaneten direkte Botschaften nach Bryant zu senden. Die Nachrichten – selten als Dringlichkeitsspruch klassifiziert, um nicht aufzufallen – durchliefen etliche Stationen, ehe sie schließlich im Regierungspalast ankamen. Aber besser so, als eine nachvollziehbare Spur zu hinterlassen. Deshalb sahen die codierten Informationen, die natürlich von jeder Zwischenstation neu verschlüsselt wurden, etliche Planeten – obwohl Bryant doch unmittelbarer Nachbarplanet der Hauptziele New Home und Epsilon Indi war. Leider konnte man deshalb nie ganz hundertprozentig sicher sein, wie aktuell die Nachrichten noch waren. „Nun, das wird reichen müssen. Ich danke Ihnen.“ „Jawohl, euer Lordschaft!“

„Gut. Fahren wir fort. Major Prokofjewna – Ihr Einsatz.“ Die junge Frau kam gleich zur Sache. Sie sprach ruhig und sachlich. Ein unbeteiligter Zuschauer hätte nicht vermutet, daß sie seit fünf Jahren mit Dvensky liiert war und zwei Kinder mit ihm hatte. Hier, in der Runde der Führungsriege, agierte sie wie ein normaler Untergebener. Dies war vermutlich der Grund, warum die anderen sie akzeptierten – sie nutzte ihre Position nicht aus. „Die Luftwaffe ist einsatzbereit. Projekt Falke macht Fortschritte – ich konnte inzwischen die nötigen Trainingseinrichtungen und Schulflugzeuge ergattern, und der Bau der Horste läuft.“ Sie blickte Dvensky direkt in die Augen: „Aber ich benötige mindestens noch weitere 30 Millionen, um das Projekt wie geplant abzuschließen.“ Der Vincomte verzog schmerzhaft das Gesicht – nicht nur gespielt. Vera – in Gedanken nannte er sie bei Vornamen, was er sich sonst in der Öffentlichkeit nie erlaubt hätte – erfüllte ihre Aufgaben mustergültig. Und das hieß, daß sie ihren Teil des Militärprogramms hartnäckig verfolgte. Er wußte, daß er dieses Programm brauchte, aber Bryant hatte einfach nicht das nötige Kapital flüssig – wenn man die anderen Belastungen betrachtete. „Sie wissen, daß wir das Geld im Moment nicht haben. Leider. Wir werden sehen, ob sich im Zuge der Militäroperationen eine Möglichkeit ergibt.“ Die Luftwaffenchefin hatte mehr als einmal spöttisch darauf hingewiesen, daß ihr gesamtes Programm die Kosten zweier Mechs hatte, mehr oder weniger. Und erheblich mehr wert war. Aber bisher hatte man die Mittel einfach nicht auftreiben können. „Wie steht es mit der Pilotenausbildung?“ „Sie läuft und macht gute Fortschritte. Ich denke, das ist unser geringes Problem.“ „Ausgezeichnet. Machen Sie weiter, und bilden Sie vor allem eine Reserve aus.“ Das spöttische Lächeln seiner Geliebten schien ihm nahezulegen, doch nicht gerade einer erfahrenen Offizierin zu erzählen, wie sie ihren Job zu machen hatte. Dennoch nickte sie gehorsam.

Dvensky wandte sich an den Vierten in der Runde – ein stämmiger Kirgise. „Major Netschajew – haben Sie uns etwas mitzuteilen?“ „Nun, was den Zustand der Truppe angeht, so kann ich mich nur dem Colonel anschließen. Meine Männer sind voll einsatzbereit. Die letzten Manöver haben gezeigt, daß sie ihr Handwerk beherrschen. Wir haben sie im Stadtkampf, Guerillaaktionen und im Bewegungskrieg sowie in Mechabwehrtaktiken erprobt, und die Ergebnisse sind zufriedenstellend. Die Umrüstung der Bataillonspak auf Selbstfahrlafetten ist abgeschlossen. Es dürfte aber eine Weile dauern, ehe wir dies auch bei den Salvenwerfern nachholen können. Und ich benötige dringend Geld und Material zur Ausbildung zumindest einer, besser zwei Kompanien Pioniere.“ Dvensky seufzte: „Sie wissen, wie es aussieht. Keine zusätzlichen Mittel in Sicht. Glauben Sie mir, wenn wir genug Geld hätten, würden wir uns jetzt schon über die Verwaltung von New Home unterhalten. Aber wie es aussieht müssen wir das noch ein Weilchen verschieben.“ Netschajew lächelte wölfisch – kein Anblick, den man unbedingt angenehm genannt hätte: „Vielleicht doch nicht. Meine Jäger haben eine Trupp Plünderer aufgespürt und aufgerieben. Drei Mann sind in Gefangenschaft geraten.“ Er nickte Major Prokofjewna zu: „Ihr Sprungschiff mußte einen netten kleinen Preis zahlen, damit es nicht zu einem Haufen Schlacke verbrannt wurde.“ Dies war ein Vorteil eines Daseins als „Piratenherrscher“. Man war nicht an gewisse Grundregeln gebunden. Andererseits handelte es sich bei den Gegnern nur um Plünderer – nicht besser als Freibeuter. So war jedenfalls die Rechtfertigung Dvenskys. „Das Verhör der Gefangenen läuft.“ Dvensky musterte Major Jegorowna leicht kritisch: „Wieso erfahre ich erst jetzt davon?“ „Nun, ich wollte erst sehen, ob wir Chancen auf Erfolg haben. Es sieht nicht schlecht aus. Sie hatten offenbar irgendwoher eine alte Karte mit einer kleinen Fabrik aus Sternenbundzeiten. Nichts Spektakuläres, aber es könnte uns helfen. Zivile Güter wohl, aber Produktionseinrichtungen aus der Zeit – und wenn es automatische Webstühle wären – bringen einen guten Preis. Leider ist die Karte kodiert, und wir arbeiten noch an der ,Entschlüsselung‘. Aber wir sollten bald Erfolge aufweisen können.“ Der Vincomte unterließ es, nach dem Zustand der Gefangenen zu fragen. Wer in die Hände der „Spinne“ geriet, redete besser gleich. Ansonsten begann er eben etwas später auszupacken – und bereute die Halsstarrigkeit zumeist aus ganzem Herzen.

„Nun, das hört sich ja nicht so schlecht an. Wenn die nächste Operation halbwegs glatt geht, sollten wir eine gewisse Summe für zusätzliche Programme freihaben. Sie wissen, ich kann nicht alles auf den militärischen Sektor umleiten. Wir erhoffen immer noch weiteren Zustrom von Neusiedlern. Wir brauchen Menschen und Technik, genau so nötig wie Soldaten und Waffen. Aber ich werde Sie nicht vergessen. Das war es fürs Erste.“ Dvensky erhob sich, die anderen taten es ihm gleich. Sie alle würden sich wieder an ihre Arbeit. Sie würden in ihren Büros sitzen und Entscheidungen treffen und die Programme in Angriff nehmen, die Bryant weiter voran bringen sollten. Ob allerdings zu einer bessere Zukunft, das blieb abzuwarten.

Cattaneo
29.03.2004, 17:45
Ursprünglich von Iron

Sackgasse

Nahe des Djugena Appartement-Komplex, [Vorort] von Harlech, Outreach
Chaos-Marken

27. Dezember 3064, 03:50

Die Müdigkeit kroch langsam in die Glieder von Evander Povlsen als er und sein neuer Partner Dorinel Raducanu mit seinem Hoover-Truck durch das nächtliche Outreach fuhren. Der Verkehr zu dieser Nachtzeit hielt sich in dem Vorort in Grenzen, so dass Evander Zeit hatte über ihren gerade beendetem Einsatz nach zu sinnen.
Vor ihnen türmte sich das Djugena Hochhaus auf, in dem er und Raducanu für die Dauer ihres Auftrags ein Appartement bezogen hatten.
„Was übersehen wir?“ Wie aus dem Nichts kam die berechtigte Frage von Raducanu und riss Povlsen aus seinen eigenen Gedanken.
„Hmmm?“
„Ich meine, das ist jetzt der vierte Einsatz gewesen. Wir haben in den letzten zwei Wochen sämtliche Repräsentanten der im Moment auf New Home oder Epsilon Indi im Konflikt stehenden Kriegsparteien überprüft. Und was haben wir gefunden?“
„Nichts“ beantwortete Povlsen die rhetorisch gemeinte Frage und fuhr den Gedanken des Bryanter Agenten fort „Entweder suchen wir bei den falschen Leuten oder am falschen Ort. Wie ich ganz zu Anfang schon gesagt habe: Sowohl die Regulars als die 10 Lyranische auf New Home als auch die Zhanzheng de guang und die Irregulars auf Epsilon Indi haben andere Sorgen, als einen Präventivschlag gegen New Home auszuführen, oder?“
Povlsen lenkte den Hoover in die Tiefgarage des Appartementkomplexes und schlug den direkten Weg zu ihrem Stellplatz ein.
„Also WENN sie Söldner engagieren würden, so würden sie diese wohl eher gegen ihre direkten Konkurrenten einsetzen…“

Raducanu nickte matt. Allmählich kamen auch ihm Zweifel an dieser Mission auf. Sie hatten sich lautlos und ohne große Probleme Zugang zu den Büros der jeweiligen Söldnermakler verschafft. Diese Söldnermakler hatten sich darauf spezialisiert, die Rekrutierungsgeschäfte kleinerer Staaten und Fraktionen zu übernehmen, die es sich nicht leisten konnten, eigene permanente Repräsentanten auf Outreach zu haben.
„Und wenn sie die Daten gut versteckt haben?“
„Ach komm`, ich bitte dich. Das sind Amateure, glaub mir. Alleine schon die Leichtigkeit mit der wir die Sicherheitssysteme überlisten und an die Daten herankommen konnten…“
Evander lachte kurz auf bevor er fortfuhr „Vergiss nicht, dass sind in der Regel schlecht ausgebildete Ein-Mann-Unternehmen, die nichts ordentliches gelernt haben und sich nun damit durchschlagen für ihre ziemlich mittellosen Kunden billige drittklassige Söldner zu finden und zu engagieren. Die meisten von denen laufen doch sogar in jeder x-beliebigen Bar herum und fragen „Hey hast du Lust für New Home zu kämpfen?“ Keine Spur von Geheimhaltung.“ Er lenkte den Wagen in ihre Parklücke und stoppte den Motor, so dass sich der Wagen auf seine Luftkissen senkte.
„Nein, Dorinel! Es gibt nur zwei mögliche Optionen. Entweder sind die Informationen deiner Kollegen vom Bryanter Geheimdienst fehlerhaft, oder wir suchen am falschen Ort. Und das lässt uns nur noch einen Platz zum suchen übrig … Galatea!!“
Raducanu verzog das Gesicht. „Galatea? Oh nein, Ich will da nicht hin!“

Evander öffnete die Tür des Fahrzeugs und bedeutete Raducanu still zu sein. Im Innern ihres Fahrzeugs waren sie davor sicher abgehört zu werden, das überprüfte er vor jeder Fahrt. Doch bis zu ihrer Wohnung würden sie Schweigen müssen, wollten sie nicht riskieren von irgendjemandem belauscht zu werden.
Sie holten ihre Sporttaschen - in denen ihre Ausrüstung und die in dieser Nacht erbeuteten Informationen verstaut waren - aus dem Kofferraum und machten sich auf den Weg zum Fahrstuhl.
Im Fahrstuhl angekommen massierte er sich mit einer Hand seine Augen und schüttelte leicht den Kopf
Evander hasste es zugeben zu müssen, aber sie befanden sich in einer Sackgasse.

Wenige Minuten später waren sie an der Tür zu ihrem derzeitigen Domizil im 28ten Stock des Gebäudes angelangt. Evander fischte eine Holochip-Karte aus seiner Jackentasche und führte sie in das Schloss ein. Das Sicherheitsschloss, dass er extra hatte einbauen lassen, registrierte einen ganz besonderen holografischen Schlüssel. Absolut fälschungssicher, wie ihm der Verkäufer versichert hatte. Und nicht nur das, ein Display über dem Schloss zeigte ihm an, wer die Tür wann zuletzt geöffnet hatte. Zufrieden registrierte er die Anzeige, nachdem er selbst vor knapp 5 Stunden die Tür verriegelt hatte.

Kaum fiel die Tür ins Schloss, führte Raducanu das Gespräch aus der Tiefgarage fort.
„Glaubst du wirklich wir werden auf Galatea etwas finden?“ fragte er skeptisch während sie den kurzen Flur ins Wohnzimmer schritten.
„Entweder dass, oder Major Jegorowa hat sich die Gefahren für Bryant nur eingebildet.“
„Die Gefahrchrrr ist größerchrr als sie denken, Misterchrr. Povlsen!“

Die krächzige Stimme, die aus einem tiefen Sessel drang, der in einer dunklen Ecke des Zimmers stand, versetzte alle antrainierten Reflexe Evander Povlsens innerhalb von Sekundenbruchteilen in Alarmbereitschaft. Noch ehe sein Gehirn die Anwesenheit des Fremden vollständig wahrgenommen hatte, reagierte sein Unterbewusstsein und ließ ihn nach rechts hinter den zweiten Sessel im Raum hechten. Während des Fluges riss er seine Waffe aus dem Schulterholster und hatte sie bereits im Anschlag auf den Unbekannten. Auch Raducanu war in Defensivposition gegangen, so dass zwei rote Lasermarkierungspunkte auf der Stirn des Eindringlings tanzten.

„Rchrruhig, meine Herrchrren, rchrruhig. Wenn ich sie hätte töten wollen, hätte ich das schon längst tun können, nicht wahrchrr?“
Die furchtbar klingende Stimme des Fremden ließ Evander frösteln und erinnerte Evander ihn an Kreide, die über eine mittelalterliche Schiefertafel kratzte. Trotzdem war die Selbstsicherheit und Arroganz des Sprechers aus jeder einzelnen Silbe deutlich herauszuhören.
Evanders Gedanken kreisten. Wie konnte das sein? Wie war er hier eingedrungen? Die Fenster waren noch intakt und die Lüftungsschächte waren zu eng um als Zugang zu dienen.
„Ein hübsches Schloss, das sie da haben, Misterchrr Povlsen. Aberchrr wenn sie nicht noch mal von mirchrr überrascht werden wollen, sollten sie ein anderchrres Sicherchrrheitssystem wählen. Die Securchrriway Corchrrporchration ist nicht wirchrrklich eine Herchrrausforchrrderchrrung, wenn man die rchrrichtigen Chips besitzt“ Mit einem leisen kehligen Kichern hob die Gestalt langsam den rechten Arm empor und zeigte eine Chipkarte ähnlich der, die auch Povlsen benutzt hatte. Doch konnte diese anscheinend die angeblichen Hochsicherheitsschlösser knacken.
Povlsen fluchte innerlich und merkte sich vor seinem Händler mindestens die Nase zu brechen, wenn nicht noch ganz andere Dinge. Aber zunächst einmal war er sprachlos. Wer auch immer dieser Mann war, er war gut genug um eines der modernsten Sicherheitsschlösser zu knacken, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.
„Wer sind sie und was wollen sie?“ Raducanu war der erste der seine Sprache wieder erlangte.
„Sagen wirchrr, ich bin jemand in derchrr gleichen Interchrressenslage wie sie.“ Er deutete mit seinem linken Arm langsam auf den Holovidprojekter im Wohnzimmer der daraufhin flackernd das Bild von Major Jegorowa erschienen ließ.
„Ich grüße sie Commander Povlsen, Commander Raducanu.
Es haben sich neue Umstände ergeben, die ihre Mission unter ein neues Licht stellen wird.
Vor kurzem hat uns ComStar darüber informiert, dass sie die auf Bryant stationierten ComGuards in Kürze abziehen werden. Den Schutz der ComStar-Hyperpulsgeneratoranlage wird für eine Übergangszeit eine Söldnereinheit – Dantons Chevaliers – übernehmen um dann nach Abzug des ComStar-Personals an Blakes Wort über zu gehen
Diese Söldnereinheit wird vorher von New Home aus zu uns aufbrechen, wo sie ebenfalls die HPG-Station bis zum Eintreffen von Blakes-Wort Truppen bewachen soll.“
Povlsen tauschte einen kurzen Blick mit Raducanu aus. Das war das fehlende Puzzlestück! Nicht die Kriegsparteien auf New Home warben Söldner an, sondern ComStar. Die Erkenntnis traf Evander wie einen Blitzschlag. Kein Wunder das sie nichts hatten finden können.
„Das ist zumindest ComStars offizielle Begründung.
Wir haben Grund zu der Annahme zu befürchten, dass die Behauptung diese Söldnereinheit als Garnisonstruppen nach Bryant zu bringen schlichtweg gelogen sein könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ComStar ihre Präsenz auf unserem geliebten Heimatplaneten so kampflos an Blakes Wort abgibt ist als äußerst gering einzustufen.
Vielmehr halten wir es für möglich, dass es sich hierbei um einen Vorwand handelt eine Invasionsstreitmacht auf New Home zu bilden und diese dann gegen uns in Bewegung zu setzen. Da wir den bisherigen Kriegsparteien auf New Home von je her ein Dorn im Auge waren, könnten auch diese sich an solch einer Aktion beteiligen.
Wir sind uns relativ sicher, dass ComStar-ROM von unseren mittlerweile guten Kontakten zu Blakes Wort und von unseren weiteren Aktivitäten erfahren hat.“
Evander runzelte die Stirn. Er war immer noch nicht überzeugt von der Bedrohung für Bryant und hatte das Gefühl, das Major Jegorowa ein wenig unter Paranoia litt. Warum sollten sich alle Nachbarn vereinen um Bryant anzugreifen? Und warum war Dvensky mit Blakes Wort in Kontakt? Er hatte gehört, dass sich der radikale Orden immer stärker in den Chaosmarken engagierte, aber er hatte nicht gewusst, wie weit fortgeschritten sie in ihren Bemühungen um Bryant anscheinend schon waren.
„Meine Herren“ fuhr Major Jegorowa fort und holte Evander damit zurück aus seinen Gedanken „ich brauche ihnen sicher nicht zu erklären, dass eine solche Invasionsstreitmacht die Kräfteverhältnisse auf Bryant zu unseren Ungunsten verschieben würde. Wir brauchen daher so schnell wie möglich Informationen über diese Einheit, über den Vertrag mit ComStar und über mögliche Geheimklauseln. Finden sie heraus wie stark die Loyalität dieser Einheit zu ihrem Auftraggeber ist und ob und wie wir sie eventuell auf unsere Seite ziehen können. Bringen sie in Erfahrung ob die Chevaliers sich auf New Home mit weiteren Einheiten verbünden und sich mit dem Ziel auf den Weg machen, uns anzugreifen.
Der Überbringer dieser Nachricht wird sie mit weiteren Einsatzdetails versorgen. Folgen sie daher seinen weiteren Instruktionen.
Viel Erfolg meine Herren“

Und damit erlosch die Holovidanzeige und es legte sich wieder Stille und eine diffuse Dunkelheit über den Raum.
Povlsen und Raducanu blieben noch ein paar Sekunden regungslos stehen und steckten dann ihre Waffen wieder zurück in die Holster.
„Diese Dossierchrrs“ krächzte der merkwürdige Kurier und zerschnitt damit die Stille „beinhalten alle Inforchrrmationen die sie fürchrr ihrchrre Mission brchrrauchen.“ Der Mann zeigte auf zwei dicke Ordner mit jeweils den Namen Povlsen und Raducanu, die auf dem Couchtisch lagen.
Beide Agenten nahmen die Umschläge an sich und öffneten sie unverzüglich. Als sie die Umschläge hochnahmen, konnte er darunter noch einen Karton mit ein paar Ausrüstungsgegenständen erkennen, den sie sich später ansehen würden.
Evander pfiff anerkennend durch die Zähne. Die Unterlagen waren erstklassig aufbereitet. Grundrisse, Sicherheits- und Lagepläne. Sogar ein Protokoll über das Wachpersonal war dem Dossier beigefügt.
Wer auch immer diese Daten gesammelt und aufbereitet hatte, er verstand sein Handwerk.

Raducanu hatte seine Unterlagen kurz überflogen und stellte sich nun mit verschränkten Armen vor dem Sessel auf.
„Eine Frage noch: Wer zum Kuckuck sind sie? Ich denke, dass ich jedes Gesicht des Bryanter Geheimdienstes kenne und sie gehören definitiv nicht zu uns.“
Povlsen war überrascht. Falls das stimmen sollte, war das in der Tat besorgniserregend.
Ein paar Sekunden verstrichen ehe der mysteriöse Bote antwortete. „Nun, Commanderchrr Rchrraducanu, sie wissen bei weitem nicht soviel überchrr ihrchrre Orchrrganisation wie sie glauben mögen.“ Wieder ein kehliges Kichern. „Aberchrr ja, ich will ehrchrrlich zu Ihnen sein, ich gehörchrre genauso wenig zu Brchrryant wie es Misterchrr Povlsen tut. Ich bin nurchrr hierchrr, weil ich in derchrr Lage bin dafür zu Sorchrrgen, dass sie diese Mission erchrrfolgrchrreich abschließen.“
„Und warum machen sie es nicht selbst, wenn sie so gut sind?“ Raducanu schien erbost zu sein über die überhebliche Art des Unbekannten.
Die Antwort des Fremden klang ein wenig wie Schmirgelpapier das über blankes Metall gezogen wurde „Nun, ich habe die Inforchrrmationen aber nicht die Möglichkeiten um den Auftrchrrag auszuführchrren. Und sie haben zwarchrr die Möglichkeiten, aberchrr nicht die notwendigen Inforchrrmationen. Und somit helfen wirchrr uns gegenseitig, nicht wahrchrr.“
„Und woher wissen wir, dass sie uns nicht zu ihren eigenen Zwecken benutzen.“
„Ohhh“ lächelte der mysteriöse Fremde auf eine beklemmende Art und Weise „machen sie sich da mal keine Sorchrrgen, Commanderchrr Rchrraducanu. Natürchrrlich benutze ich sie fürchrr meine eigenen Zwecke.“
Unter einem weiteren kehligen Kichern stand der Mann – der einen unauffälligen Anzug trug – aus dem Sessel auf und bewegte sich langsam, aber mit dem sicheren Schritt eines durchtrainierten Mannes Richtung Ausgang. Evanders erster Gedanke, es würde sich aufgrund der Krächzstimme um einen alten Mann halten, war also falsch gewesen.
Stattdessen konnte er das Gesicht eines Mitte Dreißigjährigen Mannes erkennen. Doch sofort konnte Evander auch die Ursache für das Krächzen nachvollziehen. Von der Halskrause aufwärts zog sich eine tiefe Brandnarbe über die gesamte rechte Gesichtshälfte des Mannes, endete kurz unterhalb des rechten Auges und versetzte es damit in ein erschreckend aussehendes dauerhaftes Starren. Die Narbe zog sich weiter über die rechte Gesichtshälfte nach hinten Richtung Nacken und umwölbte ein künstliches rechtes Ohr bevor es wieder im Rücken des Mannes verschwand. Der kahle Kopf verstärkte zusätzlich das bedrohliche Äußere und Povlsen konnte nicht anders als bei diesem Augenblick unwillkürlich zusammen zu zucken.
„Also, Misterchrr Povlsen, Commanderchrr Rchrraducanu“ er setzte sich bei diesen Worten einen tiefen breitkrempigen Hut auf und tippte mit der Rechten an der Krempe „viel Erchrrfolg bei ihrcherchrr Mission. Ich werrchrrde sie wiederchrr kontaktierchrren.“

Kaum war der Krächzer durch die Tür verschwunden, schüttelte sich Raducanu.
„Brrr, meine Güte, hast Du so was schon erlebt? Weißt Du wer das gewesen sein könnte?“
Povlsen schüttelte nur den Kopf und versuchte die Implikationen des eben gesagten im Kopf zu sortieren. Er hatte eine dunkle Ahnung, um wen es sich hier handeln könnte. Aber er nahm sich vor Raducanu nicht weiter damit zu belasten. Wenn er Recht haben sollte mit seiner Vermutung, dann konnten sie froh sein, wenn sie heil wieder aus dieser Sache herauskamen.
„Ein versteh ich immer noch nicht“ ließ der sichtlich irritierte Raducanu nicht locker „Wenn er uns helfen will, warum hat er dann auf diese Art und Weise Kontakt aufgenommen? Er hätte sich doch einfach so mit uns in Verbindung setzen können, oder?“
„Nein“, Evander schüttelte den Kopf „er wollte uns seine Überlegenheit demonstrieren. Er wollte uns zeigen, das er in der Lage ist uns zu kriegen, wann er will und wie er will.“
Und Evander hatte die Befürchtung, dass das wohl auch stimmte.
Doch dann klatschte er in die Hände, verdrängte die Sorgen und griff erneut nach dem Umschlag.
„Nun gut, wir sollten keine Zeit mehr verlieren. So wie es aussieht sollten wir uns gut vorbereiten, denn irgendwie habe ich den Eindruck, das das kein Spaziergang werden wird.“

Cattaneo
29.03.2004, 17:46
Maskirovka

Eine Landung auf dem Astrodrom von Brein war nie leicht. Die Windböen konnten Sturmstärke erreichen, und fast immer trug der Wind Schnee mit sich. Die Normalsicht war zumeist gering, und die Piloten mußten oft genug um die Kontrolle über ihre Maschinen kämpfen. Die technische Hilfsausrüstung war nicht eben auf dem modernsten Stand – vieles stammte noch aus den Zeiten vor dem 4. Nachfolgekrieg. Allerdings war das alte Material in guter Verfassung und funktionierte immer. Dennoch machte jeder Pilot drei Kreuze, wenn er erst einmal sicher gelandet war.

Heute zeigte sich das Wetter von einer eher freundlichen Seite. Es war klar, kalt – und der Wind war nicht übermäßig stark. Als das Seeker-Landungsschiff herabsank, hatte der Steuermann offenbar nur geringe Probleme, den Kurs zu halten. In einem Inferno von Flammen und Wasserdampf setzte das Sternenschiff auf – ein beeindruckendes Schauspiel. Kaum begannen das Feuer zu ersterben, näherten sich mehrere Fahrzeuge. Es waren zwei geräumige Transportfahrzeuge in zivilen Farben – und vier kleine Mannschaftstransporter. Die Hoovercrafts hielten ein wenig vor der Rampe. Soldaten schwärmten aus und bezogen Stellung – in ihren dunkelgrünen Uniformen mit den Pelzmützen und den schweren Sturmgewehren boten sie einen martialischen Anblick. Die Reihe war exakt ausgerichtet. Der Offizier trug einen Säbel und eine schwere Pistole. Er nahm neben der Rampe Aufstellung. Von einem der Ziviltransporter lösten sich zwei Gestalten – ebenfalls in Pelzmänteln, aber in freundlicheren Farben als die Soldaten. Das andere Fahrzeug spie eine Gruppe aus, die leicht als Aufnahmeteam zu identifizieren war.

Die Rampe des Raumschiffes wurde gesenkt, just in dem Augenblick, als das Empfangskomitee – der Offizier und die zwei anderen Gestalten, ein Mann und eine Frau – ihre Plätze eingenommen hatten. Die Hydraulik jaulte leise, Dampfschwaden stiegen auf. Die Luft, die bisher nach Schnee und Winter geschmeckt hatte, dann nach Ruß und Feuer, trug den Geruch von Maschinenöl und Schmiermitteln mit sich. Keiner der drei rührte sich. Eine Windböe, heftiger als die bisherigen, hätte der Frau beinahe die Pelzmütze heruntergerissen, doch sie reagierte schnell genug und hielt ihre Kopfbedeckung fest. Die Rampe kam mit einem dumpfen Krachen auf. Dann öffnete sich das Schott des Raumschiffes.

Es waren sieben, die langsam die Rampe herunterkamen. Zwei trugen Zivil – gute, wertvolle Winterkleidung, aber nichts Protziges. Vermutlich wären sie in einem besseren Wintersportort kaum aufgefallen. Der dritte war einfacher gekleidet und trug einen kleinen Koffer. Seine Haltung schien auszusagen ,Ich bin der Diener.‘ Vermutlich ein Sekretär oder dergleichen, mochten die Wartenden denken. Die vier übrigen – Schrankwandgestalten, die sich mit der Routine von Elitesoldaten bewegten - waren eindeutig Leibwächter. In dem Augenblick, wo der erste den Boden betrat, bellte der Offizier einen Befehl – die Soldaten präsentierten das Gewehr. Er selber riß den Säbel heraus, die Hand an der Mütze.

Die Frau trat vor: „Meine Herren – willkommen auf Bryant.“ Ihre Stimme – wie auch ihr Aussehen – war durchaus angenehm zu nennen, doch ob es bei den Gästen Wirkung hatte, konnte man nur raten. Sie neigte leicht den Kopf – eine freundliche, aber keine unterwürfige Geste: „Dies ist mein Sekretär Sasonow. Ich bin Natalija Dvenskya. Der Viscount entschuldigt sich, daß er nicht persönlich zu Ihrem Empfang kommen konnte. Ich soll Sie zu Ihren Quartieren bringen.“ Einer der beiden „höherstehenden“ Zivilisten verneigte sich, etwas tiefer, und gab Antwort: „Ich danke Ihnen für Ihr Willkommen. Wenn ich vorstellen darf – dies ist Garreth Boyle, mein Partner, und dies ist unser Sekretär Bolton. Ich bin Winston Mayor.“ Die Frau begrüßte beide mit Handschlag. Dann deutete sie auf den einen Ziviltransporter. Während man den Zug abschritt, rissen die Soldaten den Kopf abrupt nach links, sobald die Gäste sie passiert hatten – so waren die Augen immer auf sie gerichtet. Boyle lächelte leicht – es war eine Begrüßung, fast wie für Staatsoberhäupter. Vermutlich als kleine Höflichkeit ihres Gastgebers – wie er auch seine Schwester zum Empfang geschickt hatte.

Das Fahrzeug war bequem eingerichtet. Man nahm Platz, und sofort setzte sich das Hooverfahrzeug in Bewegung. In die isolierte Kabine kam kein Laut von den heulenden Motoren. Die Gäste musterten aufmerksam das Bild. Gut sichtbar – die Lauf- und Panzergräben am Rande des Flugplatzes, die Tschechenigel, Flakstellungen und Feuerstände. Die Soldaten waren angetreten und salutierten. Alles vermittelte den Eindruck von kampfbereiter Wehrhaftigkeit. Und dieser Eindruck blieb, als die Kolonne – zwei MTW’s voraus, dann die Zivilfahrzeuge und der Rest der Truppentransporter – die Stadt erreichte. Die Straßen waren frei, nichts hinderte die Fahrt – aber schon von weitem war der klotzige Bau zu sehen, auf den man zuhielt. Bryants „Palast“ wirkte, als sei er für einen Atomkrieg entworfen, was teilweise wohl nicht ganz neben der Wirklichkeit lag. Die anderen Häuser wirkten massiv und meistens recht groß – keine Einfamilienbauten, sondern Wohnungen für größere Menschengruppen. Sie machten den Eindruck, als könnte man sie schnell in Gefechtsstände umwandeln. Menschen waren nur wenige Unterwegs. Mit den großen Fabrikanlagen in den Außenbezirken der Stadt wirkte Brein durchaus beeindruckend, auch wenn es keine Großstadt war.

Die Fahrt dauerte nicht lange. Obwohl die Gäste scheinbar gleichgültig durch die verspiegelten Panzerglasscheiben blickten, entging ihnen kaum etwas. In Wahrheit beobachteten sie sehr genau, was für einen Eindruck Brein machte. Und dies wiederum entging ihrer Begleiterin nicht.

Schließlich erreichte der Konvoi sein Ziel – die zentrale Regierungsbehörde (und Gefängnis, Festung und Palast) von Brein. Ein gewaltiges Tor verschluckte die Fahrzeuge gleichsam – dabei war es nur ein Nebeneingang. Der Innenhof wirkte halb wie aus einem alten Gefängnisfilm – aber die in Habachtstellung angetretenen Soldaten in Paradeuniform gaben der Szenerie einen düsteren Glanz. Stoisch harrten sie aus, unbeeindruckt vom ohrenbetäubenden Heulen der Triebwerke der Hooverfahrzeuge, und von dem von ihnen aufgewirbelten Schnee. Natalija sprang aus dem Fahrzeug. Sie neigte leicht den Kopf: „Wenn Sie mir folgen würden...“

Eine ganze Kompanie war hier angetreten. Die Uniformen und Abzeichen verrieten die Waffengattung – Fallschirmjäger. In den Tagen des Mechfetischismus hatten normale Truppenteile an Glanz verloren, doch Paratrooper galten immer noch als die härtesten unter den Infanteristen.

Dvensky wartete, inmitten einiger Offiziere. Gerade seine schmucklose, einfach Uniform hob ihn heraus. Er hätte ebenso ein Elitekämpfer im Kreis seiner Untergebenen sein können – aber er hatte Ausstrahlung, die darüber hinausging. Er kam seinen Gästen nicht entgegen – man durfte es mit dem Entgegenkommen nicht übertreiben – doch er bereitete ihnen einen Empfang wie ein souveräner Staatschef einem Amtskollegen. Er brauchte sie, aber ebenso wollten sie etwas von ihm. Wenn beide Seiten sich respektierten, war dies am besten.
Drei Stunden später

„Sie sehen also, meine Herren, Sie könnten erhebliche Gewinne aus einer Kooperation ziehen.“ Dvensky musterte die beiden Geschäftsleute. In den letzten Stunden hatte er ihnen ein umfassendes Konzept vorgelegt, daß sein Wirtschaftsstab ausgearbeitet hatte. Die beiden vertraten einen Firmenkonsortium, daß in den unterschiedlichsten Branchen tätig – und unter den unterschiedlichsten Namen bekannt war. Es operierte auch in der Chaosmark – wo es sich lohnte und die Chancen das Risiko aufwogen. Und Dvensky brauchte für seine Visionen Geld, Technik und Menschen – zu all dem konnten diese Männer ihm verhelfen. Und er wiederum konnte ihnen kommerzielle Perspektiven eröffnen, die nicht wenig verlockend klangen.

Was er vorgeschlagen hatte, war eine umfassende Kooperation bei der Ausbeutung der Bodenschätze Bryants gewesen. Die Welt war reich an den unterschiedlichsten Rohstoffen – man mußte sie nur abbauen. Dvensky fehlten dazu das Kapital und die Menschen. Die Industriellen brauchten ihn wiederum, um die Sicherheit vor Piraten zu garantieren, und vor den lokalen Konflikten. Und sie brauchten seine Infrastruktur. Aber seine Visionen gingen weit darüber hinaus. Bryant bot auch viele andere Möglichkeiten. Auch wenn eine Nutzung der sturmgepeitschten Kontinente außer an den Polen kaum möglich war, so waren diese allein so reich, daß Dvenskys vielleicht 90 bis 100.000 Bürger sie kaum nutzen konnten. Da gab es die reichen Fischgründe, und die wildreichen Wälder. Unter anderen Umständen hätten sie sich zum Beispiel für Tourismus angeboten, ebenso für kommerzielle Erschließung und Besiedlung. Es war Platz für Millionen Menschen, Potential für Milliardenprofite. Aber das erforderte eine langfristige Strategie der Erschließung und Besiedlung – etwas, was Bryants Potential bisher immer überstiegen hatte. Und die hohen Herren in Sian und New Avalon hatten nie für diesen Hinterwäldlerplaneten Interesse gezeigt. Dvensky, der nur diesen Planeten hatte, und in ihm eine Basis für Größeres sah, hatte da weitaus weitergehende Träume.

Er war gern bereit – und auch dabei rechnete er auf Hilfe – die Menschen aufzunehmen, die auf anderen Planeten flohen. Vor Krieg, Bürgerkrieg, Armut. Diejenigen, die keiner wollte – Lumpenproletariat, das Strandgut der Kriege. Nicht aus Menschenfreundlichkeit. Er brauchte sie als Menschenmaterial für seine Visionen. Er würde sie – wie jeder gute Handwerker sein Werkzeug – gut behandeln, aber er würde sie benutzen, wie er es für richtig hielt. Und Leonid Dvensky, der Schatun, war nicht der Mann, der seinem Werkzeug gestattet, sich gegen ihn zu wenden. Hierin unterschied er sich nicht von den Nachfolgefürsten – außer, daß er mit der Macht der Bajonette auf den Thron gekommen war, und nicht durch die heuchlerische Tradition einer Herrscherfamilie, die auch nicht mehr war als eine erbliche Diktatur, wie in so vielen Staaten der Inneren Sphäre.

Er sah den Zweifel in den Augen seiner Gesprächspartner. Sie erkannten die Möglichkeiten – aber auch das Risiko. War Dvensky verläßlich? War seine Herrschaft stabil? Würde er alles für seine privaten Gelüste und Kleinkriege opfern, wie mancher andere Kriegsfürst? Ob er seine Untertanen gut behandelte – DAS fragten sie sich nicht. Hauptsache, er konnte Ordnung waren. Geld stinkt nicht, wie man so sagt. Und wenn auch Blut daran klebte, man nahm es.

Dvensky wußte, er durfte nicht zuviel verlangen. Deshalb hatte er jetzt keine Antwort erwartet. Noch nicht. Also setzte er ein freundliches Lächeln auf, als die Antworten ebenso höflich wie nichtssagend waren: „Nun, ich erwarte nicht sofort eine Entscheidung. Sicher wollen Sie erst einmal einige unserer Produktionsstätten besichtigen, sich mit dem Land vertraut machen. Und überprüfen, ob Ihre Investitionen hier in guten Händen sind. Ich verstehe das. Ich habe einiges vorbereitet – ab Morgen können Sie sich informieren. Jetzt aber möchten Sie sich sicher ausruhen. Ich lasse Sie in Ihre Quartiere bringen.“ Er nahm die höflichen Worte seiner Gäste entgegen, erwiderte sie nach bestem Können – auch hierbei unterstützt von seiner Schwester, die während des ganzen Gespräches bereitgestanden hatte, um in die Bresche zu springen, wo nötig. Er hatte gelernt, daß die „Spinne“, wiewohl in vielen Belangen auch für die Wirtschaft tätig, nicht immer für Verhandlungen geeignet war. Nicht, daß sie nicht überaus intelligent gewesen wäre, und dazu loyal. Aber sie war nicht unbedingt vorzeigefähig, vor allem wenn die Gesprächspartner Gerüchte über ihre ...anderen... Aufgaben kannten. Das hübsche Antlitz und die guten Manieren seiner jüngeren Schwester waren da weit besser – zumal sie auch keine schlechte Arbeit leistete. Gerade jetzt war sie die perfekte Gastgeberin, höflich und zuvorkommend. Sie geleitete – zusammen mit einer Ehrenwache – die Gäste zu ihren Quartieren.

Zwei Wochen darauf.

Winston Mayor lehnte sich in seinen Sitz zurück. Er war warm angezogen, und so konnte er die Kälte Bryants gut ertragen. Vor allem – der Anblick war imposant, wenn auch nicht gerade herzerwärmend. In den letzten Wochen hatten er und sein Kollege nicht nur Brein besichtigt, sondern weite Gebiete auf Altario und Zephyrim. Die beiden anderen Kontinente hatte er nur überflogen. Auch dort mochten sich Chancen ergeben, die über das kurzsichtige Wühlen nach Lostech hinausgehen. So etwas war natürlich verlockend – aber für seriöse Geschäftsleute einfach zu unsicher. Da war Fisch, Pelze, Chemikalien, Mineralien und dergleichen schon weit verläßlicher. Er nahm Dvensky nicht alles ab, aber das Potential war vorhanden. Und so war er bereit, auch diese Show mitzumachen. Heute feierte Dvensky seinen Staat – damit auch sich selbst. Und er bewies, daß investiertes Geld gut angelegt war. Auf dem Platz vor dem Haupteingang des Palastes erhob sich eine große Tribüne. Sie bot Platz für die Würdenträger Bryants, für verdiente Bürger – und auf Ehrenplätzen saß er und sein Partner. Dvensky hatte sie elegant umworben. Nicht auf die plumpe Art und Weise – mit Geld, Geschenken, Mätressen. Er arbeitete mit Ehrerbietung und geschickter Propaganda. Was den Geschäftsleuten nicht entging – ihnen aber dennoch schmeichelte.

Von den Türmen und Dächern flatterte die Fahne Bryants, aus Lautsprechern erklang Marschmusik. Die Bürger säumten die Straßen. Viele jubelten. Sicher auch, weil sie wußten, was man von ihnen erwartete. Und man konnte ja auch nicht wissen, ob der Nebenmann seinen Lohn dadurch aufbesserte, daß er die Augen und Ohren offenhielt. Die „Spinne“ hatte den Ruf, niemals Pause zu machen. Andererseits waren nicht wenige wohl auch wirklich stolz auf das Militär – Garant der Sicherheit und Unabhängigkeit Bryants.

Zuerst stampften die Mechs vorbei. Über ein Dutzend, gewaltige Kampfkolosse. Über ihnen donnerten im Tiefflug vier Corsair, dahinter schlossen sich Hubschrauber an. Auf die Mechs folgten Panzer, dann Mannschaftstransportwagen – ausreichend für mindestens drei Bataillone – sowie Zugmaschinen mit Flakgeschützen und Raketenwerfern. Dazu Pak auf Selbstfahrlafetten. Erneut donnerten Kampfflieger über die Szenerie – zwei Transit und zwei Corsair, kurz darauf noch einmal zwei Corsair. Dann kam auf dem Boden die Infanterie, die Sturmgewehre auf der Brust, in Pelzmänteln und –mützen, maskierte Kommandos, Fallschirmjäger. Dann die Miliz, schließlich paramilitärische Erwachsenen- und Jugendverbände. Das Pflaster dröhnte unter dem Stechschritt, die Bewegungen waren genau abgezirkelt. Gegen seinen Willen war Mayor beeindruckt. Zwei Transit schlossen die Parade ab. Alles in allem ein martialisches Bild der Kampfbereitschaft. Ihm gefiel was er sah.

Neben ihm saß Natalija Dvenskya. Die lange Routine ermöglichte ihr, sich nichts anmerken zu lassen. Die Gäste konnten nicht wissen, daß die sechs Jäger Bryants die Route mehrfach geflogen waren, und daß in den MTW’s keine Soldaten gesessen hatten...

Zwei Tage später, kurz vor ihrem Abflug, unterzeichneten die beiden Geschäftsleute die gewünschten Verträge mit Dvensky. Er hatte nicht alles erreichen können, was er gewünscht hatte, aber mehr, als er vermutet hatte. Mit Hilfe des außerplanetaren Kapitals würde es möglich sein, Bryants Reichtum besser zu erschließen. Sie würden sich bemühen, Arbeiter und Flüchtlinge zu werben – gegen Vergünstigen seitens Dvenskys. Nicht zum Besten der Bürger unbedingt – zum Besten des Staates. Für die Verwirklichung von den Träumen von Unabhängigkeit und Größe, die Dvensky hegte – aber nicht er allein.

Das Staatsbankett und die Abschiedsparade hätten auch einem Nachfolgefürsten gelten können – aber zu DIESEM Anlaß lies sich der Viscount nicht lumpen. Ein schlechtes Gewissen hatte er nicht. Zum einen war ihm derartiges sowieso relativ fremd, zum anderen – wenn es Bryant diente...

Cattaneo
29.03.2004, 17:46
Ursprünglich von Iron

Silvester (Ein Dank an Senex für wertvollen Input)

Djugena Appartement-Komplex, [Vorort] von Harlech, Outreach
Chaos-Marken
31. Dezember 3064, 20:54

Wortlos und entschlossen verließen Povlsen und Raducanu ihr gemeinsames Appartement in ganz normaler Freizeitkleidung. Jemand Außenstehendes hätte vermutet, das sich die beiden Männer auf den Weg zu einer der vielen Silvesterfeiern machten. Alleine die vielen prall gefüllten schwarzen Taschen und Rücksäcke passten nicht ganz ins Bild.
Sie stiegen in den Fahrstuhl und Povlsen betätigte die Taste des höchstgelegenen Stockwerks.
„Ähmm, ich kenn mich noch nicht sonderlich gut aus in diesem Gebäude“ brummte Raducanu irritiert und runzelte die Stirn „aber liegt die Tiefgarage nicht unten?“
„Kleine Änderung im Plan, wir nehmen nicht den Hoover!“ grinste Povlsen und hob die beiden übergroßen Taschen in seinen Händen ein wenig empor. „Ich wusste nicht ob ich dieses Baby noch rechtzeitig geliefert bekomme, daher habe ich dir erstmal nichts erzählt…“
Raducanu´s Stirnfalten wurden immer tiefer. „Was zum Teufel…?“
„Ich zeig es dir gleich, sei nicht so neugierig, o.k.?“
Raducanu lächelte gequält „Neeeiin, natüüürlich nicht. Geht ja nuuur um mein Leben…“ Seine Stimme troff vor Ironie und beide lachten etwas nervös. Dann fügte er ernster hinzu. „Ich hoffe du weißt was du tust.“
Sie stiegen aus dem Fahrstuhl und legten die letzten Schritte zum Dach über die Treppe zurück.
„Keine Sorge,“ versuchte Povlsen seinen Partner zu beruhigen während er die Alarmanlage am Notausgang zum Hochhausdach überbrückte. „es gibt keine sicherere, leisere Art um in die Kaserne hinein und wieder hinaus zu kommen.“
Dann zückte er ein Stemmeisen und stemmte die Tür auf „Genieß einfach die Aussicht“ witzelte Povlsen und schaute sich selber um.
Vom 38ten Stock aus hatte man eine herrliche Aussicht auf die Skyline des nächtlichen Outreach. Das vereinzelte Wummern von Böllern im Hintergrund erinnerte an die Geräusche einer weit entfernten Schlacht und man konnte mehrere Freudenfeuer erkennen. Für einen kurzen Augenblick fühlte er sich wieder zurückversetzt an die Schlachtfelder seiner Vergangenheit und er spürte die Anspannung in seinem Körper ansteigen. Er konnte nicht mehr sagen, wie häufig er dieses Gefühl schon gespürt hatte, so oft hatte er sich schon auf eine Mission begeben. Aber es beflügelte ihn jedes Mal wieder.
Er riss sich los von seinen Gedanken und von diesem Anblick und begann seine Ausrüstung anzulegen und hoffte innerlich, dass er auch diesen Einsatz sauber und komplikationslos durchziehen konnte so wie die vielen Einsätze zuvor auch.
„Lautlos rein und lautlos raus“ murmelte er wie eine Beschwörungsformel vor sich hin als er sich schließlich an die beiden großen Taschen machte.

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Die Bar „Hell and Heaven“, Söldnerdistrikt, Harlech, Outreach
Chaos-Marken
31. Dezember 3064, 21:13

Zdenek „Denny“ Dukic stand am oberen Ende der Treppe, die auf die Empore im Hell and Heaven führte. Er ließ seinen Blick über seine feiernden Kameraden und über seine geliebte Bar schweifen.
Links von ihm – in der Nähe der Eingangstür – saßen die Elementare um First Lieutenant Wolf McHarrod der sichtlich bemüht war seinen ehemaligen Clanner Kampfgefährten den Hintergrund hinter diesen Feierlichkeiten nahe zu bringen. Anhand der teilweise offen vor Abscheu verzerrten Gesichter dieser Riesen konnte Denny erkennen, das dies aber augenscheinlich ein sinnloses Unterfangen war.
Sein Blick wanderte weiter von der Bar und den unter ihm voll besetzten Tischen zur Band. Georgie hatte sich nicht lumpen lassen und eine erstklassige Band organisiert, die es geschafft hatte die Stimmung im Saal jetzt schon ordentlich einzuheizen. Lady Angelinas höhere Töchter, die zwischen den Tischen hin und her wuselten taten ein Übriges.
An der Bar erkannte Denny seinen Lanzenkameraden und Flügelmann Hank Borer, der mit wild rudernden Gesten ganz offensichtlich einen seiner vielen Kämpfe in den Arenen von Solaris schilderte. Denny musste grinsen und nippte kurz an seinem Glas Golden Sierra. Wie es schien hatte Hank auch einen neuen Kumpan gefunden. Der junge Swoboda lachte lauthals über einen der zahlreichen Witze, die Hank immer so gerne in seine Kampfbeschreibungen einwebte und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, so als ob sie sich schon Jahre kennen würden und die dicksten Freunde seien.
Denny blickte sich weiter um und konnte an allen Tischen glückliche, lachende Chevaliers sehen. Auch rechts von ihm, an einem der Tische auf der Empore, wurde viel gelacht. An diesem Tisch saß fast die gesamte Führungsriege der Chevaliers und amüsierte sich köstlich. Einen kurzen Augenblick musste Denny an den Abend ihrer Rekrutierung denken und ein kleiner Schatten fiel über sein Gesicht. Irgendwie hatte er an diesem Abend das Gefühl gehabt, das er hätte dazugehören können, dass er sich auch mit dem Captain und dem Major hätte anfreunden können.
Doch er hatte sich getäuscht. Er gehörte nicht dazu und er hatte auch nicht den Eindruck, dass er je dazu gehören würde. Er wusste nicht genau woher dieser Eindruck rührte, ob es an seinen ständigen Reibereien mit Master Sergeant Metellus lag oder an seinen Differenzen mit seiner Lanze. Aber er war sich sicher, dass er nicht gerade beliebt war in seiner Einheit.
Denny war so tief in seinen Gedanken versunken, dass er erst merkte angesprochen worden zu sein, als die Person sich sanft in sein Blickfeld schob.
Denny runzelte verwirrt die Stirn und drehte sich zu Gustav Brauer um, dem Chef des Hell and Heaven Sicherheitsteams.
„Gustav, Entschuldigung, was haben Sie gesagt?“
Der blonde Hüne lächelte ein klein wenig bevor er sich wiederholte „Sir, ich sagte sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, wir haben alles unter Kontrolle.“
„Schön Gustav, das freut mich zu hören.“ Und das tat es tatsächlich, da es ihn von anderen Gedanken ablenkte. „Wie sieht’s aus im Eingangsbereich?“
„Alles ruhig, die Big Boys und die Männer vom 3. Trupp flössen den Passanten wie es aussieht genug Respekt ein “ war Brauers Antwort Sekundenbruchteile bevor ein lautes Grölen aus dem hinteren Teil des Hell and Heaven zu vernehmen war, dort wo vorher der Spielhöllenbereich gewesen war und nun das Buffet und ein paar Extratische platziert worden waren. In diesem Abschnitt hatte sich fast die komplette Panzerkompanie der Chevaliers breit gemacht – die Höllenhunde.
„Na ja, wie es scheint, sollten sie vielleicht lieber ein paar Sicherheitskräfte nach hinten abstellen, sonst bleibt bald nichts mehr vom Buffet übrig, oder?“ grinste er Gustav Brauer an, der sich kopfschüttelnd auf den Weg machte um nach dem Rechten zu schauen.
Denny lachte kurz in sich hinein. Solange sich die Chevs nur selbst Ärger bereiteten, war die Welt mit Sicherheit noch in Ordnung.

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Das Dach des Djugena Appartement-Komplex, [Vorort] von Harlech, Outreach
Chaos-Marken
31. Dezember 3064, 21:34

Evander Povlsen stand am Rande des Daches des Djugena Appartementkomplexes und blickte durch ein Nachtsichtfernglas in die Dunkelheit der Vororte von Harlech. Anhand der Kompassanzeige am unteren Bildrand der Anzeige konnte er exakt die Richtung ausmachen, in der die Kaserne der Chevaliers gelegen war.
Dann zog er sein Visier über und schaltete es ein. Mit einem leichten Summen nahm das Gerät seinen Dienst auf und Povlsen konnte die Anzeige auf seine Augenbewegungen kalibrieren.
Ein kurzes „Wow“ sagte ihm, das auch Raducanu sein Gegenstück zu diesem Wunder an Technik übergezogen hatte.
Wer auch immer der Krächzer war, er hatte Zugang zu einigen extra feinen Ausrüstungsgegenständen, wie Povlsen festgestellt hatte. Und diese Visiere waren erst der Anfang gewesen. Auch der Rest der Ausrüstung wie Panzerwesten, Hand- und Sturmfeuerwaffen und die Sprengladungen waren besser als alles was Povlsen hätte auf dem freien Markt bekommen können. Das schien zumindest Povlsens Vermutung über die Herkunft des Krächzers zu bestätigen, aber er verdrängte jetzt diesen Gedanken um sich wieder voll auf den Einsatz zu konzentrieren.
Er aktivierte mit einem Blinzeln eines der am rechten Rand befindlichen Icons und das Visier schaltete auf den grünen Nachtsichtmodus. Dann ging er wieder an den Rand des Daches, fixierte die Position des Kasernengeländes der Chevaliers, das ca. 6 Klicks von hier entfernt war und markierte die Position. Jetzt konnten sie die Anlage nicht mehr verfehlen.
Povlsen schritt hinüber zu seinem Partner, der ein wenig skeptisch das pechschwarz lackierte Gebilde begutachtete, das jetzt komplett vor ihnen aufgebaut war.
„Und mit diesem Ding willst Du zur Basis der Chevaliers fliegen und wieder zurück?“
„Dieses Ding ist ein Ultraleicht-Tandem-Flugdrache und wird uns sicher hin- und auch wieder zurück bringen, ich versprech´s dir.“
„Bist du das Ding denn schon je einmal geflogen?“ fragte Raducanu immer noch nicht überzeugt.
„Ja, schon seit meiner frühesten Jugend“, gab Povlsen zurück. „Dort wo ich herkomme, gibt es Gebirge von denen kannst du mit diesem Fluggerät abfliegen wie ein Adler, hunderte von Kilometer weit. Schau, wir haben hier einen kleinen Propellermotor, den wir ca. eine Minute vor der Chevaliers Kaserne ausschalten werden und damit können wir punktgenau in das Lager einschweben, ohne das uns jemand hört, geschweige denn sieht. Und bevor irgendjemand etwas bemerkt hat, steigen wir auf dem Dach ihres Verwaltungsgebäudes wieder auf den Flugdrachen und schweben fast unsichtbar für die Chevaliers davon.“
„Na gut“, seufzte Raducanu, als ihn Povlsen mit einem Karabiner an das Fluggerät sicherte „dann lass es uns endlich hinter uns bringen.“
„Du wirst sehen“ sagte Povlsen, während er sich selbst sicherte „das macht sogar Spaß.“ Und mit diesen Worten gab er seinem Partner einen Schubs und sie rannten los in Richtung des Hochhausdaches und sprangen ab zu ihrer gemeinsamen Mission.
Das kurze Wummern in seinem Magen und das laute Aufkeuchen Raducanu`s, als sie sich vom Dach abstießen, wich einem Hochgefühl als sie begannen elegant in Richtung ihres Ziels zu schweben.
Vor der Wachstube, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach, Chaosmarken
31. Dezember 3064, 21:56

Sergeant Terry Koszarek und zwei seiner Männer schlenderten die Ost-West-Strasse des Kasernengeländes hinab, direkt auf das Haupttor zu. Alles war ruhig, bis auf das gelegentliche Fauchen von Feuerwerkskörpern, deren Geräusche vom nahe gelegen Harlech hinübergeweht wurden.
Vor dem Haupttor konnte er den Rest seines Trupps erkennen, der sich um den Eingang des Wachhäuschens versammelt hatte und auf ihren Truppführer wartete. Sie alle hatten ihre Wachrunde schnell beendet und wer konnte es Ihnen auch schon verdenken? Während sich der überwiegende Teil der Chevaliers in dieser Nobelkneipe in Harlech vergnügte, mussten sie hier Dienst schieben. Da war es kein Wunder, das seine Leute ihre Runde schnell beenden und zurück zu ihren Kameraden in die warme Wachstube wollten.
Aber Dienst war Dienst und somit forderte er Ihren Bericht an, als er sie schließlich erreicht hatte.
„Bei den Verwaltungsgebäuden alles in Ordnung.“
„In Panzerhangar ist alles ruhig, Sarge, aber in der Fliegerhalle schraubt die verrückte Hawk an ihrer Mühle rum und in einem der Mechhangars machen das Trent, die Clannerin und der Tech Megahiro.“ Bei diesen Worten schüttelte der Corporal den Kopf. Auch Sergeant Koszarek kam es schleierhaft vor, wie man so kurz vor Silvester noch so eifrig sein konnte, schließlich stand ja kein Angriff bevor. Aber aus diesen Mechheinis war er eh nie sonderlich schlau geworden. Und was die Hawk betraf, das die nicht mehr ganz dicht war, hatte sich unter den Infanteristen eh schon rumgesprochen.
Also drehte er sich ohne weiteren Kommentar zu seinem letzten Corporal um, der auch gleich mit seinem Bericht losprustete.
„Bei den Wohnunterkünften ist fast alles ruhig, Sarge! Bis auf ein paar seltsam grunzende Geräusche hmmpff…“ kicherte der Corporal los. Offensichtlich waren die einen oder anderen Chevaliers Päarchen zurückgeblieben um das neue Jahr auf eine andere Weise zu feiern. Und fast war sich Sergeant Koszarek sicher, dass unter einigen seiner Männer – sich selbst eingeschlossen - ein paar neidische dabei waren.
„Das reicht meine Herren, “ ging der Sergeant nicht weiter auf die Bemerkung ein und schickte seine Männer in die Wachstube „wie mir scheint ist hier alles in Ordnung.“
Und während seine Männer die Wachstube betraten, genoss er die kühle Brise, die über ein paar in der Nähe stehende Bäume strich und ihre Blätter zum Rascheln brachte.

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Das Dach des Verwaltungsgebäudes, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach, Chaosmarken
31. Dezember 3064, 21:57

Mehr als ein Rascheln war auch nicht zu hören, als Povlsen und Raducanu auf dem flachen Dach des Verwaltungsgebäudes landeten. Erst nachdem Povlsen den Flugdrachen sicher aufgesetzt hatte, setzte auch Raducanu seine Beine auf dem Dach ab. In einer flüssigen Bewegung öffnete Povlsen seinen und Raducanu´s Karabiner und sofort nahmen beide Männer ihre Rucksäcke von ihrem Rücken und zogen ihre Commando MK-3 Maschinenpistolen heraus. Ein zwei schnelle Handgriffe und die mit Schaldämpfern ausgestatteten und darum klobig wirkenden Waffen waren einsatzbereit.
Einen kurzen Augenblick hielten die beiden Männer inne und lauschten der Umgebung. Keine Geräusche trappelnder Füße waren zu hören.
Hörbar atmete Povlsen vor Erleichterung aus. In nicht einmal 20 Meter Höhe waren sie gerade über einen Wachtrupp der Chevaliers gesegelt und Povlsen hatte schon befürchtet, der Einsatz könnte schon brenzlig werden, bevor er erst richtig begonnen hatte. Doch zum Glück hatte keiner der Wachmänner gen Himmel geschaut und damit konnten sie weiter nach Plan vorgehen.
Mit der Hand gab er Raducanu ein Zeichen der ebenfalls mit einer knappen Geste bestätigte und sich schon lautlos aufmachte in Richtung seines ersten Ziels.
Es war keine Zeit mehr zu verlieren, denn sie hatten wahrscheinlich noch knapp zwei Stunden Zeit ehe jemand wieder die Wachstube verlassen würde, und bis dahin mussten sie bereit sein für die zweite Phase ihres Plans.

Cattaneo
29.03.2004, 17:48
weiterhin von Iron

Nahe der Wachstube, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach, Chaosmarken
31. Dezember 3064, 23:11

Der Schatten huschte vorsichtig und fast lautlos unterhalb der teilweise offenen Fenster der Wachstube zu einem kleinen, mit einer Antenne versehenen Verteilerkasten. Dieser Kasten empfing per Funk die Signale aller Überwachungskameras der Basis und leitete sie dann an die Bildschirme in der Wachstube weiter.
Der Plan der beiden Agenten sah allerdings vor, das zu ändern.
Leise zog Dorinel Raducanu einen altmodischen Schraubenzieher heraus und begann vorsichtig die Verkleidung abzunehmen. Die Geräusche, die aus der Wachstube drangen übertönten seine Arbeitsgeräusche dabei bei weitem. Er nahm die Verkleidung ab und suchte nach den richtigen Kabelsträngen. Nachdem er die Verbindung überbrückt hatte, schnitt er die entsprechenden Kabel durch und lauschte angestrengt den Geräuschen aus der Wachstube knapp über ihm.
Doch alles blieb beim Alten. Das leise Murmeln von Gesprächen und ab und an zu hörendes Lachen signalisierte ihm, das er die richtigen Drähte getrennt hatte.
Raducanu atmete seine Nervosität aus, holte einen kleinen schwarzen Kasten aus seinem Rucksack und führte die getrennten Drahtenden in das kleine Zusatzgerät ein. Nachdem er diese dann befestigt hatte, setzte er einen kleinen Schalter um, der das kleine Gerät in Betrieb nahm. Die Apparatur würde exakt 10 Minuten vor Mitternacht beginnen die digitalen Eingänge der verschiedenen Kameras zu kopieren und dann 5 Minuten vor Zwölf abzuspielen. Der damit entstehende Loop würde den Wachmännern – wenn denn überhaupt welche auf die Bildschirme schauen würden - vorgaukeln, das alles noch in Ordnung sei und er und Povlsen würden ungestört ihrem eigentlichen Hauptplan nachgehen können.

Raducanu grinste als er die Verkleidung wieder anbrachte. Bisher hatte Povlsen die menschliche Seite der Wachposten richtig eingeschätzt. Niemand war während der letzten anderthalb Stunden des alten Jahres auf Streife gegangen. Und somit hatten sie ungestört ihre Vorbereitungen durchführen können. Raducanu war überrascht wie einfach das bis hierher gewesen war und wie schwach das Sicherheitsnetz der Chevaliers war.
Aber andererseits konnte das Raducanu auch gut verstehen. Ein hocheffizientes Sicherheitsnetz kostete eine Menge Geld und die Chevaliers hatten diese Kaserne nur angemietet. Sie planten sicher keine längeren Aufenthalte hier, also warum sollten Sie die Basis aufwändig sichern? Zumal jeder wusste, dass es kein perfektes Sicherheitssystem gab. Jedes Sicherheitsnetz hatte seine Schwächen und konnte umgangen werden. Man konnte es potenziellen Eindringlingen nur so schwer wie möglich machen.

Er war damit beschäftigt die letzte Schraube der Verkleidung anzubringen, als er plötzlich innehielt und die Stirn runzelte. Die Diskussion in der Wachstube war lauter und lebhafter geworden und Raducanu wusste nicht warum. Vorsichtig zog er seine Waffe von der Schulter und strengte sich an, den Inhalt der Gespräche zu verstehen.
„Pagat ultimo! Jetzt hat der Kerl den Mond gefangen! Farbensolo! Ich rufe den Pik König!“

Er hatte keine Ahnung was das bedeutete und befürchtete irgendwie erkannt worden zu sein. Langsam und mit der Waffe im Anschlag zog er sich zurück, darauf vorbereitet, das jeden Augenblick die Wachmannschaft aus der Stube gerannt kommen konnten, um das Feuer auf Ihn zu eröffnen.

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Die Bar „Hell and Heaven“, Söldnerdistrikt, Harlech, Outreach
Chaos-Marken
31. Dezember 3064, 23:12

„HEY CHEVALIERS, IHR SEID CLANNER-ABSCHAUM!“
Gustav Brauer schaute beunruhigt hinüber zum Old Coventry Pub auf der anderen Straßenseite und beobachtete die immer mal wieder Beschimpfungen herüber grölende Menge.
Der Sergeant an seiner Seite spannte sich bei dieser neuerlichen Beleidigung, so dass ihn Brauer kurz am Arm zupfte.
„Ganz ruhig, Sergeant. Lassen sie sich nicht provozieren. Die wollen doch nur einen Vorwand.“
Der Sergeant, der mit seinem Trupp von Captain Peterson eingeteilt worden war um die Big Bad Boys bei der Sicherung des Hell and Heaven zu unterstützen, nickte nur kurz und knirschte vor Wut mit den Zähnen. Aber er hatte sich und seine Männer soweit im Griff, als das sich Gustav sicher war, das sie sich würden beherrschen können.
Er hoffte nur, dass dies auch für den Mob auf der anderen Straßenseite galt.

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Die Wachstube, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach, Chaosmarken
31. Dezember 3064, 23:13

„Pagat ultimo! Jetzt hat der Kerl den Mond gefangen! Farbensolo! Ich rufe den Pik König!“
Sergeant Koszarek, der mit Sergeant Major McLachlan im hinteren Teil der Wachstube saß, grinste zu den Männern und Frauen hinüber, die um einen Tisch herum saßen und Karten, auf einen Tisch droschen. Sie spielten ein neues Kartenspiel das Irgendjemand von einem Planeten namens Vienny mitgebracht hatte. Tarock sagte er dazu – und es war bei der Infanterie beinahe zur Sucht geworden.
Aber Sergeant Koszarek interessierte das Spiel derzeit überhaupt nicht. Er sinnierte über die Ungerechtigkeit des Lebens nach. Seit er bei den Chevaliers war, hatte er versucht, bei der Sekretärin des Chefs zu landen. Und dann kam dieser dicke Kloß Kleinweich – und Cindy warf sich in seine Arme. Und dann gingen die beiden zu Silvester nicht einmal aus. Was die wohl SCHON WIEDER machten? Und WIE machten sie es? Dieses Walross und die schlanke Cindy! Oh mein Gott!
Er legte die Füße hoch und versuchte an etwas anderes zu denken, als an dieses Bild vor seinen Augen. Er hoffte, dass sie irgendwann genug von diesem Walfisch haben würde und er sich dann an sie ranmachen konnte.
„Nächstes Jahr“ murmelte er in sich hinein „nächstes Jahr wird alles besser.“
Das Dach des Verwaltungsgebäudes, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach, Chaosmarken
31. Dezember 3064, 23:59

Evander Povlsen beobachtete angespannt die Anzeige seiner Uhr. Alle Vorkehrungen waren getroffen, die Sprengladungen platziert und er und sein Partner waren bereit für die zweite Phase des Plans.
Er stellte sich den Wachzug der Chevs vor, wie sie im Wachlokal beieinander saßen und an ihren alkoholfreien Getränken nippten. Sich überlegten, ob es statthaft war, um Mitternacht eine Flasche Sekt zu öffnen, um auf das neue Jahr anzustoßen!
Welch ein Glück, dass die Ausbreitung der Menschheit mit den unterschiedlichen Neujahrstagen Schluss gemacht hatte. Selbst die Moslems und die Menschen mosaischen Glaubens, aber auch die aus dem asiatischen Raum kommenden, hatten sich auf einen Jahresanfang geeinigt, alte Sitten hin, örtliche Zeitrechnung her. Interstellar konnte nur ein einheitliches System funktionieren.
Nur eines war der lokalen Zeitrechnung überlassen – die Uhrzeit. Genau in der Mitte zwischen Sonnenunter- und Aufgang. (Sprungschiffe bedienten sich dafür der Bordzeit – auch da galt Neujahr um 24.00. Nur einige seltsame Sekten feierten Neujahr zu dem Zeitpunkt, wo es an dem Ort Mitternacht war, wo ihr Haupttempel stand. Die Chevs verfügten allerdings über keines dieser Sektenmitglieder.)
Der Agent konnte die Wachen beinahe vor sich sehen. Wieder musste er grinsen. Er malte sich aus, wie zumindest die Davions unter ihnen bunte Papierhütchen über die Käppis setzten, wie Papierschlangen und Konfetti geworfen wurden. Wie die Lyraner unter dem Wachpersonal zu schunkeln begannen und die Asiaten unter große, bunte Papierdrachen schlüpften, um derart kostümiert durch die Wachstube zu tanzen.

Doch dann riss er sich zusammen. Er durfte seinen Gegner nicht unterschätzen, noch hatten sie ihren Auftrag nicht erfüllt und die Chevaliers würden sich sicher nicht wie komplette Idioten benehmen, auch wenn er sich das wünschte.

Leise flüsterte er den er den letzten Countdown des Jahres mit. „Fünf, vier, drei, zwo, eins, JETZT!“
Hunderte Finger senkten sich auf Hunderte Schalter, Tausende Streichhölzer und Feuerzeuge wurden an Tausende Zündschnüre gehalten, Zehntausend Sektkorken knallten aus Zehntausend Flaschen.
„PROSIT NEUJAHR!“ jubelten Millionen Menschen in Harlech. Und auch in der Chevaliers-Kaserne senkte sich ein Finger auf einen Schalter.
Das leise Puffen der Sprengladung an der Alarmanlage und an der Kommunikationsanlage ging im Donnern der Feuerwerke über der Stadt unter. Wenn ein leises Echo den Wachraum erreichte, so wurde es übertönt von den Sektkorken (für jeden Mann ein halbes Glas!) und dem Krachen vor den Toren.
Die Tür, die vom Flachdach ins Verwaltungsgebäude führte war zwar deutlich lauter als es durch die Sprengladungen aus den Angeln gehoben und auf das Dach geschleudert wurde. Aber auch das Geräusch war nicht laut genug um von der feiernden Wachmannschaft wahrgenommen zu werden.
Die Kameraleitungen waren durch den Eingriff der Agenten auf Schleife geschaltet worden, so dass die beiden Agenten nun mit der Waffe im Anschlag ins südliche Treppenhaus eindringen konnten ohne beobachtet werden zu können und sich auf den Weg zu ihrem Ziel machten.

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Die Bar „Hell and Heaven“, Söldnerdistrikt, Harlech, Outreach
Chaos-Marken
01. Januar 3065, 00:14

Während sich drinnen im Hell and Heaven die Besucher immer noch um den Hals fielen und zum neuen Jahr beglückwünschten, waren nur eine Handvoll der Chevaliers nach draußen getreten um in der kühlen Winternacht das Feuerwerk über Harlech zu betrachten.
Der einzige der dem Spektakel über Ihnen keine Aufmerksamkeit widmete war Gustav Brauer, der etwas beunruhigt vom Eingang des Hell and Heaven die knapp 30 betrunkenen Männer aus der Kneipe gegenüber auf sie zukommen sah.
Er reagierte sofort. „Team, sammeln beim Eingang!“ gab er durch sein Head-Set an seine 11 Kollegen durch „Hasheem, informier die Dragoner-Sicherheit, wir könnten hier ein Problem kriegen.“
Dann wandte er sich an den Chevalier-Sergeant. „Überlassen Sie das Reden mir, in Ordnung? Schaffen Sie ihre Leute rein, ich kann mir fast denken, weswegen diese Herren auf dem Weg zu uns sind.“
Der Sergeant der Chevaliers – der die Gefahr ebenfalls registriert hatte - nickte nur kurz und gab seinen Leuten Anweisungen.
„Schau dir das Mal an“ höhnte einer der Männer als sie auf Hörweite heran waren „die feigen Clannerfreunde rennen gleich zu Mami.“ Der Chor aus höhnischem Gelächter, der Brauer und seinen Leuten entgegenschlug, verhieß nichts Gutes.
Brauer lächelte und trat einen Schritt nach vorne. „Frohes neues Jahr, meine Herren“, lächelte und versuchte abzuschätzen wie ernst es dem Pöbel war.
Er konnte keine Waffen sehen, aber einige der ihm gegenüberstehenden Männer hielten ihre Arme auffällig hinter ihrem Rücken verschränkt und er registrierte mehrere Ausbuchtungen in Jacken und Beulen, die Rückschlüsse auf die Bewaffnung der möglichen Gegner schließen ließ.
Die Big Bad Boys und auch die Chevaliers waren nur mit Schockern, Schlagstöcken und leichten Laserpistolen bewaffnet, alle schwereren Waffen waren drinnen.
„Aus dem Weg, du Penner“ grunzte ihn der gleiche Mann von vorhin an – offensichtlich der Anführer der Truppe – wir wollen nur ein wenig feiern und Spaß haben, oder?“ Seinem hohlen Lachen folgte das Gelächter einiger seiner Kumpanen, doch in den Mienen von mehr als einem konnte Brauer die gewisse Entschlossenheit sehen, die ihn befürchten ließ, das sie nicht unbedingt dieselben Ansichten über Spaß hatten.
„Tut mir Leid“ blieb Brauer trotz allem höflich „das ist eine geschlossene Gesellschaft.“
„Dann wird es Zeit, dass wir das etwas auflockern, oder?“
Brauer blickte die Reihe des Pöbels ab, zuckte nur mit den Schultern. „Wir wollen doch keinen Ärger machen, oder?“ fragte er mit einem leicht drohendem Unterton. „Da drinnen sind noch mindestens 300 weitere Chevaliers.“
„Na und“ blaffte der Rädelsführer zurück „Was meinst du wie schnell wir hier 1000 andere Leute aus den umliegenden Kneipen herholen können, die nichts lieber tun würden als Clanner und ihre Freunde platt zu machen, häh?“
Brauer schaute seinem Gegenüber – der mittlerweile bis auf zwei Schritte heran war – tief in die Augen und hoffte, dass diese Männer nicht so dumm waren und tatsächlich einen Straßenkrieg provozieren würden.
Doch andererseits hatte er in den letzten zwei Jahren nicht sonderlich viele vernünftige Männer dieses Schlages auf Outreach erlebt.
Und somit bereitete er sich auf das Schlimmste vor.

Cattaneo
29.03.2004, 17:49
Auch das ist von Iron

Mannschaftsunterkünfte, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach
Chaos-Marken
01. Januar 3065, 00:15

Es war dunkel und still in dem Zimmer der Chevalierskaserne auf Outreach. Nur leises, feminines Atmen und dunkles, maskulines Grollen war zu hören, bis ... „Pweeeet, Pweeet!“ .... ein seltsames Geräusch das Idyll störte.
„Merde!“ Ein Blick auf die Uhr. „Jetzt haben wir glatt den Jahresbeginn verschlafen! Aber was...?“
Ein Lattenrost ächzte protestierend, als sich das Nilpferd, welches das dunkle Grollen (Cindy sprach in diesem Zusammenhang beschönigend von ‚Schnarchen’) von sich gegeben hatte, von der Matratze wälzte und auf eine Taste des Laptops drückte, der auf dem Nachttischchen ruhte und oben genannte seltsame Geräusche von sich gab.
„Hmmmm?“ Für Chevaliers und andere Leser dieser Berichte kann es wohl keinen Zweifel geben, von wem dieser ewig aktuelle Laut aus weiblicher Kehle kam. Natürlich von Cindy.
„Da ist ein Unbefugter an Major Dantons Computer!“ informierte Willem sein ‚Gschpusi’.
Cindy verwandelte sich in einen Wirbelsturm, der ihre im Raum verstreute Unterwäsche und ihr Ettore Galbani – Kostüm förmlich aufsaugte.
„.isst u siher!“ klang es gedämpft unter dem modischen Rollkragenpullover hervor, der über Cindys Kopf floss und allmählich ihre herrlichen Kurven mehr betonte als verbarg.
„Nun, zum ersten meldet sich der Major wie jeder andere bei mir, wenn er außerhalb der üblichen Zeiten seinen Computer benützt. Zweitens tippt der User weit schneller, als es Danton je könnte und drittens...“
Cindy kramte in ihrer Tasche und hob den Kopf. „Ja, drittens?“
„Trägt Germaine Danton sicher keine Maske, wenn er in sein Büro kommt!“
„WAS?“ Cindy materialisierte neben Willem und betrachtete den Bildschirm. “Wie..”
„Ein kleiner Trick. Das Bild wird vom Bildschirm des Chefs auf meinen Laptop übertragen!“
„Dann gib stillen Alarm und benachrichtige...“
„Hab ich schon versucht!“ gab Willem an seine ‚seine’ Cindy zurück. „Der Alarm ist schon raus, aber die Alarmanlage scheint genau wie das kaserneneigene Telefonnetz zusammengebrochen zu sein. Jemand müsste zur Wachstube und Sergeant Major McLachlan verständigen.“
„Nun, das ist wohl ein Fall für Tante Inge“ meinte Cindy und zog aus ihrer Tasche eine Maschinenpistole Typ Ingram Mk DXXIIV und schob ein langes 75-Schuß-Magazin in den Griff. Willem schüttelte den Kopf.
„Ich werde nie begreifen, wie du diese Dinger in deine kleine Handtasche bringst!“
Cindy lächelte. „Du weißt doch – Frauen und Handtaschen...“ Sie wandte sich zur Tür.
„Moment!“ rief Kleinweich. „Ich glaube, es ist doch kein Fall für Tante Inge! Du solltest deine Walther & Klock .50 mitnehmen, und steck’ noch ein paar Runden von der speziellen Panzerbrechenden ein!“
„Häh???“
„Der Typ hat eine verdammt gute Ausrüstung, das Visier das er hat, kriegt man mit Sicherheit nicht um die Ecke und die liebe kleine Tante Inge schlägt bestimmt nicht durch die Weste! Und außerdem, meine Liebe, “ Willem drehte sich zu ihr um, ein KommSet baumelte am Bügel von seinem Zeigefinger. „Außerdem solltest Du das niedliche, kleine Ding hier nicht vergessen!“ Rasch stülpte Cindy die Kommunikationsanlage über den Kopf. „Verdammt, das Ding ruiniert wieder meine Frisur!“
Willem tippte wieder wie ein Wilder auf seinem Computer. „Das Ding ist an das mobile HQ gekoppelt. Das scheinen die Eindringlinge nicht angetastet zu haben. Und damit ist es derzeit unsere einzige Kommunikationsmöglichkeit. Ich lotse dich.... merda!“
„Was ist denn jetzt schon wieder?“ Wieder hielt Cindy inne. „Irgendwas stimmt mit dem Kamera-Überwachungssystem nicht, die Bastarde müssen das irgendwie manipuliert haben! Physisch! Da kann nicht einmal ich noch was machen. Na, vielleicht – in vielen Räumen gibt es Computerbildschirme! Möglich, dass ich zumindest von diesen Räumen ein Bild bekomme. Und die Gegensprechanlagen – die als Akustiksensoren eingesetzt....“
Den Rest seiner Worte schnitt die zufallende Tür ab. Cindy war unterwegs, um den Wachzug zu alarmieren und sie über die Bemühungen Kleinweichs zu unterrichten.
Kleinweich blickte einen kurzen Augenblick auf die geschlossene Tür und hoffte, dass die Kleine auf sich Acht geben würde.
Dann wandte er sich seinem Laptop zu und begab sich auf den digitalen Kriegspfad
Das Büro Major Dantons, Verwaltungsgebäude, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach,
Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:16

„Oh, oooh! Scheiße“ fluchte Raducanu und blickte von seiner Arbeit an Dantons Computer auf. „Evan, ich fürchte, wir bekommen Besuch“ rief er seinem Kollegen zu der im Vorraum der Sekretärin Aktenordner durchblätterte und nach Informationen suchte. „Da ist ein Signal an einen anderen Computer gegangen – und wir müssen damit rechnen, dass der Mann am Computer diesen Alarm nicht übersieht. Wahrscheinlich ist der Wachzug schon unterwegs. Es ist vielleicht besser du sicherst die Fluchtwege!“
„Wie lange brauchst du noch?“ rief Povlsen hinüber.
Raducanu schaute das kleine Wunderwerk der Technik an, das Ihnen der Krächzer mitgegeben hatte. Das Ding hatte den Zugangscode zum Chevaliersnetz schneller geknackt als sie an der verriegelten Eingangstür zu Dantons Büro gebraucht hatten. Und damit nicht genug, das Teil, saugte die Informationen aus dem digitalen System der Chevaliers schneller ab, als er die Daten aufrufen konnte.
„Wenn ich nicht gestört werde, würde ich sagen noch höchstens 5 Minuten, aber wer auch immer den Alarm entgegengenommen hat, ist gut.“ er tippte hektisch ein paar Befehle ein „Also geh mal lieber von 10 bis 15 Minuten aus.“
Povlsen fluchte laut. „Scheiße, beeil dich, o.k.?“
Dann schmiss er den Schreibtisch um und zerrte die Platte vor die offene Tür des Sekretariats. Er stieg über den umgestürzten Tisch, der jetzt als Schutzschild diente und rannte nach rechts zum Nordaufgang des Treppenhauses. Eine Minute später hatte er eine kleine Überraschung für die Wachmannschaft angebracht, rannte zum Südaufgang und brachte auch dort dieselbe Überraschung an. Dann zog er seine Schallgedämpfte Pistole und mit „Pfft, Pfft,…Pfft, Pfft“ zerschoss er die Lampen im langen geraden Flur dieses Stockwerks. Der Wachzug würde im Dunkeln kommen müssen und Povlsen hatte vor sie gebührend zu empfangen.

Raducanu bekam Povlsens Vorbereitungen nur zum Teil mit, denn er hatte sich schon längst wieder über die Tastatur gebeugt. Ein elektronisches Duell nahm seinen Anfang. Sein Gegner versuchte Daten zu retten und zu verbergen, während der Bryanter Geheimdienstmann die Daten suchte und versuchte sie zu kopieren und zu löschen.

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Die Bar „Hell and Heaven“, Söldnerdistrikt, Harlech, Outreach
Chaos-Marken
01. Januar 3065, 00:16

Die Sekunden schienen sich endlos in die Länge zu ziehen als sich beide Seiten fast stumm gegenüber standen.
Dann war der Anführer des Mobs der Meinung, dass genug gesprochen worden war und rannte mit einem lauten Schrei auf Brauer los.
Der Sicherheitsmann, der mit einem ungestümen Angriff gerechnet hatte, wich dem rechten Haken des Angreifers geschickt aus, zog den rechten Arm seines Gegners in einer flüssigen Bewegung zu sich und drückte mit enormer Kraft in Entgegengesetzter Schwungrichtung gegen den Ellenbogen. Dieser war nicht darauf ausgelegt solchen Belastungen stand zu halten und brach mit einem lauten Knacken. Ohne den wilden Aufschrei seines Gegenübers weiter zu beachten rammte ihm Brauer zusätzlich das Knie in die rechte Nierengegend und sein Gegner brach vor ihm zusammen und krümmte sich vor Schmerzen.
Blitzschnell registrierte Brauer dass um ihn herum die Hölle ausgebrochen war. Wild schreiend gingen Gegner beider Seiten aufeinander los, wobei die Bad Boys und die Chevaliers ihren Gegnern durch bessere Ausstattung und ihre Nüchternheit überlegen waren.
Aus dem Augenwinkel sah Brauer einen neuen Gegner auf ihn zu stürmen, drehte sich blitzschnell um seine eigene Achse, ließ den Angreifer damit ins Leere laufen und zog dabei seinen Schlagstock und den Schocker. Er vollführte eine fast völlige Drehung um seine Achse und ließ den Schlagstock in hohem Bogen auf den Nacken seines Gegners krachen.
Noch bevor dieser auf dem Boden aufgeschlagen war, ging jetzt Brauer in die Offensive und setzte einen weiteren Gegner mit seinem Schocker außer Gefecht.
Dann kam der Gegenangriff. Brauer hatte den Angriff fast nicht kommen sehen und konnte gerade noch den linken Arm empor reissen um damit den Schlag abzufangen. Als die schwere Eisenstange auf seinem Unterarm aufprallte, vernebelte ihm der Schmerz kurzzeitig die Sinne. Der Schocker flog ihm aus der Hand und er hatte gerade noch Zeit seinen rechten Arm hochzubringen um den zweiten Hieb mit dem Schlagstock abzufangen.
Als der Angreifer zu einem dritten Schlag ansetzte, wich Brauer diesem elegant aus und versetzte dem Gegner seinerseits mit einem Backspin-Kick einen Fußtritt direkt in den Solarplexus. Röchelnd krachte auch dieser Angreifer zu Boden.

Brauer hatte keine Millisekunde Zeit zu überlegen, als sich eine Hand auf seine linke Schulter legte. Ohne nachzudenken wirbelte er wieder um seine Achse und entschwand dadurch dem Griff desjenigen, der sich ihm von hinten genähert hatte und sein Schlagstock sauste in die Richtung in der er den Kopf seines Angreifers vermutete.
Doch noch während er in der Drehung war, fiel ihm auf das etwas nicht stimmte, denn statt den Kopf eines Angreifers zu erwischen, wurde sein Schlagstock von einer riesigen Hand gefangen und festgehalten.
„Du hast gut gekämpft!“ dröhnte eine tiefe Stimme ca. 30 cm über ihm und er erkannte, dass es einer der Elementare war, der mit ihm sprach.
„Aber der Kampf ist vorbei, frapos?“
Erst jetzt nahm Brauer wieder seine Umgebung wahr und erkannte, dass sich der Pöbel auf der Flucht befand. Statt zusätzlicher Verstärkung waren in der Entfernung die Sirenen der Dragoner-Sicherheit zu hören und viele der Chevaliers und ihrer Offiziere waren jetzt ebenfalls vor der Tür um zu helfen. Brauer blickte sich unter seinen Männern und dem Wachtrupp um und erkannte erleichtert, dass es durchweg nur relativ harmlose Blessuren gab.
„Ja“ war Brauers einzige Antwort und er grinste trotz der Schmerzen seines linken Armes. Schließlich hörte man nicht alle Tage anerkennende Worte aus dem Munde eines Elementars.

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Die Wachstube, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach, Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:19

„EINDRINGLINGE…“ das atemlose Keuchen von Cindy, die laut rufend in die Wachstube gerannt kam, ließ das Gelächter und alle Gespräche der anwesenden Soldaten mit einem Schlag verstummen. „… in Dantons … Büro“ keuchte Cindy weiter und lief direkt zu Sergeant Major McLachlan.
„Unmöglich!“ erwiderte dieser und schritt nach hinten in das Büro mit den Überwachungskameras. „Unsere Kameras zeigen ein absolut ruhiges…“ Und jetzt erst Begriff der Sergeant, was an diesem Bild nicht stimmte. Vor der Wachstube standen ein paar Männer im freien und feierten, doch auf den Bildschirmen war nichts davon zu sehen.
„Was zum Teufel…“
„Die Überwachungsanlage ist manipuliert, die Alarmanlage sowie die Kommunikation tot und irgendjemand ist in Dantons Büro und macht sich da an seinem Terminal zu schaffen.“
Einen Augenblick starrte McLachlan die Sekretärin entgeistert an um dann wie ein Wirbelwind loszulegen.
„Scheiße, alle Mann schnappt euch eure Waffen, Westen an, los, los, los…“ gab er seinen Leuten Anweisungen.
„Wie viele sind es?“ fragte Sergeant Koszarek.
„Einer auf jeden Fall, aber Willem geht von mindestens einem zweiten aus, wahrscheinlich noch mehr…“ sie fasste sich kurz an das Head-Set „ja, Willem sagt es sind sicher zwei und sie sind verdammt gut ausgerüstet.“
„Wieso funktioniert das Ding?“ fragte McLachlan, der das letzte mitbekommen hatte.
„HQ-Kommunikationsanlage“ gab die Assistentin des Majors zurück.
„Her damit“ befahl er und Cindy gab ihm den Bügel mit einem kurzen Murren „und versuch bitte den Major zu erreichen, irgendwie o.k.?“
„Kleinweich, hier ist McLachlan, Bericht!“ schnarrte er in den Bügel während er mit seinen Armen und wilden Handbewegungen parallel dazu seine Männer in Gruppen formierte.
„Ich habe dem Chef GESAGT, wir brauchen ein besseres Sicherheitssystem! Aber nein, keine Zeit, zuviel Geld, zuviel Aufwand, wir sind ja bald weg!“ grummelte Kleinweich in sein Gegenstück des Komm-Sets, während seine Finger über die Tastatur flogen. „Also es sind mindestens zwei, gut ausgerüstet wie mir scheint und sicher nicht hier um Kaffeetassen zu klauen.“
„Gut“, mit einem Klacken führte McLachlan ein volles Magazin in sein Sturmgewehr und gab das Zeichen zum Aufbruch „schnappen wir uns die Schweine.“

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Das Büro Major Dantons, Verwaltungsgebäude, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach,
Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:23

Geduldig wartete Povlsen hinter dem umgekippten Schreibtisch auf die mit Sicherheit schon anrückende Wachmannschaft. Durch seine dunkelgrüne Anzeige des Restlichtmodus seines Visiers würde er anders als seine Gegner jede Bewegung im Gang erkennen können.
Im Hintergrund hörte er das stetige Klackern der Tastatur und das leise Fluchen seines Partners, der offenbar Probleme hatte.
Dann sah Povlsen die Tür des Treppenaufgangs im Norden langsam aufschwingen. Eine Gestalt huschte an die gegenüber liegende Seite und ging in die Hocke, die Waffe im Anschlag. Der Kopf der Gestalt ruckte nach oben und Povlsen musste grinsen. Das schien dem Chevalier nicht zu schmecken, dass kein Licht im Flur war.
Povlsen konnte sich die Gedankengänge des Wachsoldaten fast denken und fragte sich, für was sich die Chevaliers entscheiden würden. Zurückgehen und Nachtsichtgeräte beschaffen und oder weiter vorrücken.
Als eine zweite Gestalt in gedrungener Haltung in den Flur trat und langsam vorwärts schritt, wusste Povlsen für was Sie sich entschieden hatten. Dann trat eine dritte und eine vierte Silhouette in den Gang und kam auf ihn zu.
„Böser Fehler“ flüsterte Povlsen und wechselte seinen Sichtmodus auf Infrarot in dem Augenblick, in dem die auf Bewegung eingestellte Durix-Claymore-Mine zündete.
Der Chevalier der sich am weitesten vorne befunden hatte, wurde wie eine Stoffpuppe emporgerissen und an die gegenüberliegende Wand geschleudert und blieb sofort regungslos liegen am Boden liegen. Der zweite wurde auch umgerissen und brüllte umgehend seinen Schmerz laut hinaus.
Povlsen achtete nicht auf ihn, sondern feuerte mehrere gezielte Feuerstösse auf den dritten Wachsoldaten und konnte erkennen, wie die rot-orange leuchtende Silhouette nach hinten geschleudert wurde.
Der vierte Soldat des Wachzuges reagierte sofort und erwiderte das Feuer. Povlsen ging in Deckung und ließ die Wachmänner unnütze Schüsse auf die massive Steinwand und auf den umgekippten Tisch abfeuern.
„Ahhhhhhh…
„Sani, wir brauchen Hilfe…
„Zieht in da raus…“
Povlsen konnte gedämpft die Panik in den Stimmen der gegnerischen Soldaten hören. Er achtete nicht weiter darauf, zündete eine Rauchgranate und warf sie weit in den Flur.
Das würde Ihnen definitiv etwas mehr Zeit geben, Zeit die sie anscheinend nötig hatten.
„Kommt nur, ihr Bits und Bytes, kommt zu Papa!“ flüsterte Raducanu. In wenigen Minuten hatte sich ein Krieg im Computer entwickelt, mit Eroberungs- und Verteidigungsstrategien, Gegenangriffen, Erfolg und Verlust. Während Raducanu`s gegenüber die Löschung essentiell wichtiger Daten verhindern konnte, gelang es dem Einbrecher, einige Dateien auf dem Datenträger zu kopieren. Schweiß stand auf der Stirn des Einbrechers, während wie aus weiter Ferne das Knallen von Schüssen an sein Ohr drang. Er wusste das ihnen nicht mehr viel Zeit blieb, bis die Chevaliers erneut angreifen würden.
Und während Raducanu weiter seinen virtuellen Kampf focht, bereitete Povlsen schon ihre Flucht vor.

Cattaneo
29.03.2004, 17:50
Und das auch... :D

Nord-Treppenhaus, Verwaltungsgebäude, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach,
Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:24

„Verfluchte Scheiße!“ Sergeant Major McLachlan fluchte vor allem über sich selbst. Wer auch immer gerade in Dantons Büro war, es waren absolute Profis. Und es war daher töricht gewesen, seine Männer so kopflos nach vorne stürmen zu lassen.
„Koszarek, nehmen sie ihren Trupp und sichern den Südaufgang. Aber Vorsicht!“ er hielt den Sergeant, der sich bereits auf den Weg machen wollte, an der Schulter fest „… Vorsicht vor weiteren Überraschungen, o.k? Und platzieren sie ein paar Männer auf dem Dach der Turnhalle gegenüber!“
„Das sind aber keine Scharfschützen…“ protestierte der Sergeant.
„Ich weiß, ich weiß. Aber wir haben im Moment eben keine.“
Sergeant Koszarek nickte und machte sich mit seinen Männern auf den Weg.
Der Rest von McLachlans Trupp sicherte zum einen den Nordaufgang und kümmerte sich zum zweiten um die Verletzten. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich, als ihm der Sanitäter signalisierte, dass Private Grady nicht mehr zu helfen war.
Innerlich kochte McLachlan vor Wut, aber jetzt blieb den Chevaliers zunächst mal nichts anderes übrig als zu warten. Zu warten, das seine Männer in Stellung waren, um noch mal in die Offensive gehen zu können. Zu warten, das einer seiner Männer – den er bereits losgeschickt hatte – die Nachtsichtgeräte und Sprengladungen holte, um die Feinde auszuräuchern. Und zu warten, das die Eindringlinge die Köpfe aus Ihrer Mausfalle steckten, und das würden sie früher oder später tun müssen.

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Das Dach der Turnhalle, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach,
Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:31

PFC Maraaike Koopmans blickte durch das Zielfernrohr ihres Sturmgewehrs auf das gegenüberliegende Verwaltungsgebäude. Durch die dunkle Glasfront des Bürofensters konnte sie keine Bewegung ausmachen und spielte mit dem Gedanken, sie zu zerschießen. Aber andererseits hörte sie immer wieder Schüsse und Salven aus dem Gebäude und konnte nicht wissen, was in dem Büro vor sich ging.
Nicht auszudenken was passieren konnte, wenn sie die Glasfront zerschoss und das vielleicht ausgerechnet in dem Augenblick in dem die Kollegen das Büro stürmten.
Sie wünschte sich, dass das Kommunikationssystem noch funktionieren würde, denn so fühlte sie sich taub und blind und wusste nicht wie weit die beiden Trupps waren in der Vorbereitung der Erstürmung des Büros waren.

Mit einem großen Schreck zuckte sie schließlich in Ihren Gedanken zusammen, als die große Fensterscheibe zu Dantons Büro mit einem enormen Knall explodierte und mehrere Meter weit auf die Straße geschleudert wurde. Rauch quoll aus der entstandenen Bresche und sie konnte nichts im Inneren des Gebäudes erkennen.
Wie es schien, hatten McLachlan und Koszarek die Eindringlinge herausgebombt und PFC Koopmans ballte mit einem lauten „Jaaa“ jubelnd die rechte Faust. Sie drehte sich zu ihren beiden Kollegen um, die mit jeweils ein paar Metern Entfernung ebenfalls auf dem leicht schrägen Dach der Turnhalle lagen und nahm gerade noch aus den Augenwinkeln eine Bewegung in der Nähe der offenen Wand wahr.
Ihr Corporal reagierte als erster und eröffnete das Feuer auf zwei komplett schwarz vermummte Gestalten, die sich rasend schnell aus dem 3. Stock des Verwaltungsgebäudes abseilten und gen Boden zu stürzen schienen. Noch bevor Koopmans Ihr Sturmgewehr wieder in Anschlag genommen und die beiden Gestalten hatte ins Visier kriegen können, waren diese auf dem Boden angekommen, hatten sich nach vorne abgerollt und hinter einen am Straßenrand stehenden Hoover-Jeep in Deckung gebracht.
Erst als die Magazine ihrer beiden Kollegen leer waren und sie diese wechseln mussten, hatte sie sich soweit gefangen um ebenfalls in das Geschehen einzugreifen.
Sie blickte durch das Zielfernrohr und versuchte Ihre Gegner zu erfassen. Geschockt nahm sie wahr, wie diese blitzschnell rechts und links um den Wagen herumkamen und mit erhobenen Waffen - aus denen man deutlich das Mündungsfeuer sehen konnte – das Feuer auf sie eröffneten. Sie ignorierte die in Ihrer Nähe aufschlagenden Projektile, entschloss sich für den linken Angreifer und erwiderte das Feuer.
Die ersten Kugeln ihres Feuerstosses trafen die Motorhaube des HooverJeeps bohrten sich in Rasen und Asphalt und folgten dem Angreifer förmlich in seiner Bewegung. Dann sah sie, wie der linke Arm des Angreifers getroffen wurde, eine leichte Blutfontäne herausschoss und er die Waffe in dieser Hand im hohen Bogen verlor.
Der Angreifer geriet ins Taumeln, stürzte aber nicht und überbrückte die kurze Entfernung über die Strasse und konnte zwischen ein paar Büschen in Deckung gehen.
Koopmans freute sich ein paar Sekundenbruchteile über ihren Treffer, bis ihr Gehirn meldete, das irgendetwas nicht in Ordnung war. Wieder nur wenige Sekundenbruchteile später schoss eine unglaubliche Hitzewelle durch ihren Körper und ließ sie vor Schmerzen aufschreien und sich aufbäumen. Noch ehe sie realisieren konnte woher dieser unerträgliche Schmerz kam, verlor sie das Gleichgewicht und stürzte von der Turnhalle gen Boden.
Zumindest sorgte die undurchdringliche Dunkelheit, die Besitz von ihr nahm, dass sie den Aufprall nicht mehr wahrnahm.

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Nahe der Panzerhallen, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach,
Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:34

Povlsen und Raducanu waren bereits einige Minuten durch die nächtliche Kaserne gehetzt, als Raducanu schließlich hinter einem Busch in der Nähe eines Hangars zusammenbrach.
Er atmete gepresst aufgrund der Schmerzen und Povlsen kramte ohne Worte einen Schnellverband und ein Aufputschmittel hervor. Es würde ein paar unendlich lange Minuten dauern, bis die Medikamente wirken würden. Soweit es Povlsen sehen konnte, hatte Raducanu mehrere Kugeln im linken Arm und in der linken Brust eingefangen. Wenn er nicht die Panzerweste getragen hätte, wäre er sicherlich tot.
Povlsen horchte auf als er das nicht sehr entfernte Geschrei und die trappelnden Stiefel ihrer Jäger hören konnte.
Sie hatten Glück gehabt, der Ausstieg aus dem Fenster hatte die Chevaliers überrumpelt, aber sie waren clever genug gewesen, um noch ein paar Mann auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes zu platzieren.
Povlsen konnte von Glück sagen, dass es nur Raducanu so relativ leicht erwischt hatte. Doch er wusste, dass sie jetzt nicht lange würden hier bleiben können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Chevaliers sie finden würden.
Raducanu biss die Zähne zusammen, auch er wusste, dass er sich aufrappeln musste. Als das Schmerzmittel zu wirken begann, wandte er sich an Povlsen „Und jetzt? Über die Mauer?“
Povlsen schüttelte den Kopf „Zu hoch und mit Stacheldraht gesichert.“
Beide überlegten einen Augenblick und schließlich zeigte Povlsen mit einer Handbewegung zu einem Seiteneingang des Hangars. Raducanu nickte und kurze Zeit später war das Schloss geknackt und sie verschwanden im Dunkel des Gebäudes.

Die Waffe im Anschlag schlichen sich die beiden Agenten durch die Halle. Sofort erkannte Povlsen wo sie waren. Panzer an Panzer waren hier aneinandergereiht, aber die Panzerkompanie war anscheinend komplett ausgeflogen.
Vorsichtig tasteten sie sich vorwärts, bis Povlsen auf einen der Panzer zeigte. Raducanu runzelte die Stirn und beobachtete seinen Partner, der die Sprossen zur Fahrerluke emporkletterte. Er zog an der Luke und sie öffnete sich mit einem metallischen Quietschen.
Povlsen verschwand im Innern des Panzers und Raducanu kletterte hinterher. Zumindest waren sie da drinnen, gegen die Infanteriewaffen der Chevaliers besser geschützt und konnten sich einen Augenblick ausruhen.

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Panzerhallen, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach,
Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:39

Sergeant Terry Koszarek öffnete langsam die Tür zur Panzerhalle, gesichert von drei seiner Kameraden. Langsam, vorsichtig und einer nach dem andern drangen sie in den Hangar mit den Panzern der Höllenhunde ein.
Nachdem die Angreifer sie überrascht hatten und durch das Bürofenster des Majors geflüchtet waren, hatten sich die Chevaliers Wachmannschaften in mehrere Vierergruppen getrennt und die Verfolgung aufgenommne. Irgendwo auf der Basis mussten sie sein und die Teams waren aufgebrochen, um alle auf dem Gelände befindlichen Einheiten zu alarmieren.
Die Panzerhalle war leer, die Höllenhunde waren komplett zu den Feiern aufgebrochen. Als er den Hauptlichtschalter betätigte und die Lichter hoch oben an der Decke aufflammten, musste er kurzzeitig mit den Augen blinzeln, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten.
Es war ruhig in der Halle, kein Mucks war zu hören. Langsam drang das Chevalier-Team in die Halle ein, ihre Sturmgewehre drohend nach rechts und links schwenkend.
Ein ungutes Gefühl beschlich Sergeant Koszarek. Auch wenn Panzer nicht ganz so eindrucksvolle Kriegsgeräte waren wie BattleMechs, so hatte er als Infanterist auch vor diesen Maschinen einen Heidenrespekt.
Wenn die Angreifer in einem dieser Panzer saßen oder sogar einen in Gang bekamen… bei dem Gedanken stellten sich Koszarek Nackenhaare hoch.
Sie gingen langsam die Reihe der Panzer ab. Zwei Mann sicherten unten, zwei Mann stiegen die Panzer empor, öffneten die Luken und untersuchten die Panzer von innen. Einer seiner Männer öffnete die Luke eines Bulldog, der zweite zielte sofort ins Innere. Wieder leer. Mit jedem Panzer der sich als leer entpuppte entspannte sich Koszarek weiter. Und jetzt war der nächste dieser Giganten an der Reihe.
„Krieeeeetsch…“
Plötzlich fuhren die Hangartore der Panzerhalle mit einem lauten metallischen Kreischen auf. Blitzschnell fuhren Koszarek und seine Männer herum. Das Herz schlug ihm bis zum Hals als er mit seinen Kameraden in Richtung Eingang lief. Wer hatte die Öffnung der Hangartore betätigt? Waren die Angreifer so dumm, auf diese Weise in die Halle kommen zu wollen. Mit pochender Brust näherte er sich dem Hangartor und sie nahmen den Schalter des Hangartores ins Visier. Doch niemand war zu sehen.
Etwas verwirrt stellte sich der Vierertrupp Rücken an Rücken, hielt Ausschau nach den Gegnern und näherte sich der mittlerweile relativ großen Toröffnung.
Niemand war zu sehen.

Doch dafür konnte er mit einem Mal das Brummen und anschließende Fauchen eines Fusionsreaktors hören. Mit vor aufsteigender Panik weit geöffneten Augen sah Koszarek, wie sich einer der Schwebepanzer langsam auf seinen Luftkissen erhob und aus der Parkreihe direkt in Richtung Hangartor beschleunigte.
„WEEEEG!“ schrie er seinen Männern gerade noch zu und eröffnete mit seinem Sturmgewehr das sinnlose Feuer auf den Pegasus, der immer schneller werdend auf sie zujagte.
Und dann feuerte der M-Impulslaser auf seine flüchtende Gruppe.
Hitze wallte durch Koszareks Unterkörper und entsetzt blickte der Sergeant an sich hinunter. Es schien eine kleine Ewigkeit zu dauern bis er die Weigerung seiner Beine weiterzulaufen mit dem ekelhaften Geruch von versengtem Fleisch und dem Anblick eines großen Melonengroßen schwarzen Loches - das anstelle seines Unterleibs klaffte - in Verbindung gebracht hatte.
Als sein Unter- und Oberkörper in zwei verschiedene Richtungen auseinanderklappte, war Sergeant Koszarek bereits tot.

Cattaneo
29.03.2004, 17:51
Und schließlich jenes auch...

Panzerhallen, Kasernengelände der Chevaliers, Außerhalb von Harlech, Outreach,
Chaosmarken
01. Januar 3065, 00:39

Ohne die geringste Befriedigung steuerte Povlsen den Pegasus über den getöteten Chevalier und registrierte grimmig die Schüsse, die die restlichen Infanteristen auf ihr Fluchtfahrzeug abgaben.

Nach langen Minuten hatte es Povlsen schließlich geschafft – wieder mit maßgeblicher Hilfe des kleinen schwarzen Kastens des Krächzers - das System des Pegasus zu knacken. Per Funk hatte er die Hangartore öffnen können und nun preschten sie schnell in Richtung des Haupttores.
Noch war er nicht nah genug um das Tor mit dem M-Impulslaser in Beschuss zu nehmen, doch sie näherten sich dem Tor mit hoher Geschwindigkeit. Er war sich nicht sicher, ob das reichen würde und hatte keine andere Wahl, als das Tor mit voller Beschleunigung zu rammen und zu hoffen, das sie durchkommen würden.
Die Wachmannschaften der Chevaliers, die jetzt von allen Seiten das Feuer auf den Panzer eröffneten, konnte er getrost ignorieren. Ihre Waffen waren nicht stark genug um die Panzerung des Pegasus zu durchbrechen.
Umso erstaunter war er, als ihr Heck in voller Fahrt in bläulichen Flammen aufzugehen schien, fast eine Tonne Panzerung quasi verdampft wurde und eine enorme Hitzewelle durch den Innenraum des Panzers waberte.
„Was war das?“ schrie Raducanu ebenfalls überrascht.
„PPK!“ analysierte Povlsen mit einem kurzen Blick auf die Schadensanzeige. Wenn die Chevaliers tragbare PPK´s hatten konnte der Ritt schlimmer werden als er befürchtete.
Der Einschlag eines weiteren PPK-Blitzes, der hauchdünn über ihr Cockpit schoss und einen Baum in der Nähe zum explodieren brachte und der rubinrote Schein eines Lasers der sich in ihre linke Seite bohrte, ließen Povlsen schlucken. Soviel schweres Gerät ließ eigentlich nur einen Schluss zu….
„BATTLEMECHS“ brüllte jetzt auch Raducanu, der ihre neuen Gegner hilflos durch die linke Luke erspäht hatte.
„Ein Kriegshammer und eine kleinere Maschine, ich weiß nicht welcher Bautyp…“ Raducanu`s Stimme überschlug sich leicht vor Panik.
„Kabuto“ las Povlsen von der IFF-Kennung der in blau angezeigten Kampfmaschine ab. Und so wie es aussah, war diese Maschine sehr schnell.
„Keine Panik“ rief Povlsen „den Kriegshammer haben wir gleich abgehängt.“
Von halb links hinten kommend liefen die beiden humanoid wirkenden Mechs quer über den Exerzierplatz des Kasernengeländes, um den schnellen Scoutpanzer abzufangen. Doch der Kriegshammer war tatsächlich zu langsam. Noch bevor die schwere Maschine eine zweite Salve – die sicher der Untergang des leichten Scoutschwebers gewesen wäre – nachsetzen konnte, war der Panzer hinter einem Gebäude verschwunden und damit außerhalb der Reichweite. Doch der Kabuto hatte sie noch rechtzeitig erfassen können, um Ihnen zwei Salven KSR-Raketen hinterherzuschicken. Von den 8 Raketen trafen 5 und verteilten starken Schaden vor allem auf dem Raketenturm des Pegasus. Mit einem roten Alarm meldete der Panzer, dass der Turm seine Beweglichkeit eingebüßt hatte. Doch das war Povlsen egal, sie hatten eh keine Raketen geladen.
Dann hatte der Pegasus das Haupttor der Chevaliers in Reichweite des M-Impulslasers. Povlsen feuerte den Laser so oft es ging, um das Tor zu schwächen, dann prallten sie in voller Fahrt hinein.
„FESTHALTEN…“ schrie Povlsen seinem Partner zu und hielt sich mit voller Kraft an den Kontrollen des Panzers fest und betete dass die Bugpanzerung dem Aufschlag mit der Wucht von mehr als 140 km/h Aufprallgeschwindigkeit standhalten würde. Doch sie hatten Glück. Unter unglaublich lautem Kreischen gab das Tor nach und flog aus den massiven Angeln und segelte auf die Strasse vor dem Kasernengelände.
Povlsen und Raducanu wurden wie Puppen in ihren Sitzen hin und her geschleudert, doch zum Glück verletzten sie sich nicht. Das Klingeln einer Raketenzielerfassung alarmierte Povlsen, der sofort wieder Gas gab.
Doch zu spät. Die Raketen schlugen in die bis dahin unbeschädigte rechte Seite, konnten aber die Panzerung nicht durchschlagen.
Mit Vollgas fegte der Pegasus die Hauptstrasse in Richtung Outreach und Povlsen registrierte mit Erleichterung, dass der Kriegshammer bereits nicht mehr auf dem Radarschirm war. Der Kabuto folgte ihnen zwar immer noch, aber der Abstand wurde stetig größer.
Nur ein schnell von der Basis der Chevaliers zu Ihnen aufschließender neuer Kontakt beunruhigte ihn. Die IFF-Kennung identifizierte die Maschine als einen leichten Ripper Kampfhelikopter, und dieser war ohne weiteres in der Lage Ihnen zu folgen und Povlsen wusste nicht, wie die den Kampfheli würden abhängen können.

Dann hatte der Helikopter sie erreicht und eröffnete das Feuer mit seinem M-Impulslaser. Der Pilot musste verrückt sein, da er sich ihnen bis auf wenige Meter und knapp über dem Boden näherte um zu feuern. Povlsen versuchte durch einen leichten Zickzackkurs die Zielerfassung des Helis zu erschweren. Dann bremste er stark, um den Heli in sein Heck rauschen zu lassen, als dieser sich fast direkt hinter Ihnen knapp über dem Boden befand und ihnen mit wahnwitziger Geschwindigkeit folgte.
Der Helikopter reagierte blitzschnell, wich dem Pegasus elegant aus und stabilisierte sich ein paar Sekunden in der Luft. Dann stieß er wieder herab wie ein Habicht auf seine Beute.
Aber anscheinend hatte auch der Ripper keine Raketen geladen, denn er feuerte nur mit dem mittelschweren Impulslaser im Bug. Doch Povlsen musste trotzdem aufpassen, denn sehr viel mehr Treffer konnte der Pegasus nicht mehr schlucken.

Während Povlsen sich auf das Ausweichen konzentrierte musste, schaffte es der Kabuto wieder näher heranzukommen. Der BattleMech war schon fast wieder in Waffenreichweite, als Raducanu auf das Radar zeigte „Neue Kontakte, eine neue Lanze aus 11 Uhr! Sind das neue Chevaliers?“
Noch bevor ihm Povlsen antworten konnte, war ein Knacken in der Leitung zu hören.
„Hier spricht Lieutenant Garber von der Dragoner Sicherheit. Stoppen sie sofort ihre Maschinen und fahren die Reaktoren herunter oder wir eröffnen das Feuer.“
Povlsen dachte natürlich nicht daran und beschleunigte von neuem. Die Dragoner waren zu weit weg um ihn zu kriegen, nur der Ripper würde ihnen folgen können.
„Hier spricht Sergeant Major Rebecca von den Chevaliers“ kam es durch die offene Leitung „wir verfolgen Eindringlinge, in unsere Basis eingedrungen sind und die einen Pegasus gestohlen haben. Wir werden sie weiter verfolgen.“
Die Entschlossenheit in der Stimme ließ Povlsen frösteln. Wenn sie es nicht schafften ihre Verfolger abzuschütteln, waren sie verloren.
„Nein, das werden sie nicht tun“ gab der Lieutenant der Dragoner zurück „ich sehe hier auf meinem Schirm vier Kampfeinheiten der Dantons Chevaliers die in Richtung Outreach unterwegs sind und wenn sie nicht sofort stoppen, werden es bald vier weniger sein, verstanden?“
„Stravag…“
Der Kabuto hielt an und auch der Kriegshammer verschwand wieder vom Bildschirm, da der Pegasus weiter in Richtung Outreach preschte, das nur noch weniger als einen Kilometer entfernt war.
Den Dragonern sei Dank, waren die beiden Verfolger-BattleMechs stehen geblieben. Die Dragoner selbst waren ebenfalls zu langsam, die Lanze schwerer und mittelschwerer Mechs fiel zu schnell zurück um sie zu stoppen.
„Pegasus, Ripper, halten sie an oder unsere Einheiten in der Stadt werden sie pulverisieren.“
Povlsen konnte ahnen, dass die Dragoner bereits weitere Einheiten in Marsch gesetzt hatten um sie aufzuhalten. Also mussten sie bald raus aus dem Panzer. Aber wie, da Ihnen der Ripper immer noch folgte?

Dann erreichten sie die Vororte von Outreach und Povlsen wusste wie sie fliehen konnten. Die Hauptstrasse nach Outreach führte direkt auf ein Straßenfest zu, wo hunderte von Menschen immer noch das neue Jahr feierten.
Doch der heranbrausende Panzer und Helikopter ließen die Feiernden aufschrecken. Povlsen steuerte den Panzer so nahe es ging an die bereits flüchtende Menge heran. Dann bremste er mit voller Wucht, lenkte scharf nach links und rammte eine mittlerweile leere Jahrmarktbude. Der Panzer kam mit einem Krachen und Quietschen zum Stehen und der Kampfhelikopter schoss an ihnen vorbei.
Während der Helikopter eine enge Schleife flog um den Panzer wieder ins Visier zu bringen, stiegen Povlsen und Raducanu von Bord und tauchten in der inzwischen panisch flüchtenden Menge unter.
Mit seinem Suchscheinwerfer versuchte der Ripper sie zwar noch in der Menge ausfindig zu machen, aber Povlsen und Raducanu waren als zwei von vielen Köpfen bereits unerkannt der Menge verschwunden.
Kurze Zeit später hielten sie in einer Seitengasse inne, als sich Raducanu vor Schmerzen seine Seite hielt und nutzen die kurze Pause um sich umzuziehen. Als sie fertig waren grinste Raducanu etwas gequält hinüber. „Frohes neues Jahr!“ wünschte er seinem Partner und jetzt musste auch Povlsen ein klein wenig lächeln. Doch sofort trat der Ernst wieder in seinen Gesichtsausdruck zurück. Sie waren nur hauchdünn davon gekommen, Raducanu war verletzt und sie waren noch nicht durch.
„Wollen wir es hoffen“ erwiderte Povlsen und sie machten sich auf den Rückweg zu ihrem Appartement.
Djugena Appartement-Komplex, [Vorort] von Harlech, Outreach
Chaos-Marken
03. Januar 3065

Nachdenklich sprang Evander Povlsen von Bildschirmseite zu Bildschirmseite durch den Berg an erbeuteten Daten, der in dem kleinen schwarzen Zauberkasten gespeichert war. Raducanu und dieses kleine Stück High-Tech sehr gute Arbeit geleistet und die genauen Aufstellungen der Chevaliers, Aufzeichnungen über ihre Kampfstärke, über die größten Teile Ihrer Ausrüstung und sogar eine Menge an Trainingsbeurteilungen absaugen können.
Doch auch ihr virtueller Gegner war gut gewesen. Viele der Daten waren nur noch bruchstückhaft, wiesen Lücken auf oder waren unkenntlich gemacht worden. Vor allem alle finanziellen Daten der Chevaliers waren somit vor ihren Augen gerettet worden. Doch diese hatte Povlsen eh nicht sonderlich interessiert.
Ärgerlicher fand er es dann doch, das sie nicht allzuviel an künftigen Missionsbeschreibungen hatten finden können.
Dann zuckte kurz ein Name durch Povlsens Wahrnehmungsfeld und ließ einige Alarmglocken läuten.
„Dukic?“ flüsterte der Agent ungläubig während er nach dem Abschnitt suchte, wo er glaubte diesen Namen gelesen zu haben. Konnte das Universum wirklich so klein sein? War es möglich das dieses Dukic…? Und tatsächlich, da prangte ihm dieser Name vom Bildschirm und er überlegte, welche Möglichkeiten das bieten konnte.

„Misterchrr Povlsen,“ ertönte wie aus dem Nichts die schräge Stimme des unbekannten Krächzers und ließ Evander aus seinen tiefen Gedanken schrecken und senkrecht seinem Sitz emporschnellen „warchrr ja nichhht gerchrrade eine Meisterchrrleistung, oderchrr? Von einem Ex-Bondianerchrr hchatte ich ja ehrchrrlich gesagt etwas mehrchrr erchrrwarchrrtet! Wie warchrr noch gleich einerchrr euechrrerchrr Leitsprchrrüche? Lautlos rchrrein und lautlos rchrraus?“
„Herrgott, können Sie nicht anklopfen wie jeder normale Mensch?“ fauchte ihn Evander an und ignorierte seine Sticheleien.
Was bei anderen Menschen wie ein Lächeln hätte interpretiert werden können, wirkte beim entstellten Gesicht des Krächzers wie das schiefe Grinsen eines Haies, kurz bevor er zubiss.
„Nichhht solange sie das Schloss nichhht auswechhhseln, Misterchrr Povlsen. Hchaben Sie die Inforchrrmationen, die wirchrr haben wollten?“
„Wir haben eine Menge Daten erobern können. Unter anderem auch die Beschreibung des Auftrags den Sie von ComStar erhalten haben.“ Evander reichte dem Krächzer ein Notepad, der daraufhin die Unterlagen durchging. Kurze Zeit später ließ dieser das Gerät auf den Tisch knallen und verschränkte missmutig die Arme vor der Brust.
„Bullshit. Das hchätte ich auch bei der Söldnerchrrkommission nachhhlesen können. Das ist nurchrr wiederchrr die offizielle Verchrrsion.“
„Das ist die einzige die wir finden konnten“ verteidigte sich Povlsen. „Vielleicht gibt es eben keine andere?“
„Unsinn“ bellte ihn der Krächzer förmlich an „das sie nichts gefunden haben bedeutet nicht, das es nicht existiert. Wirchrr werchrrden wohl auf anderchrrem Wege prchrrüfen müssen, was ComStarchrr wirchrrklich vorhat.“

Ein leises Stöhnen aus dem hinteren Schlafzimmer unterbrach den laut gesprochenen Gedankengang des Krächzers
„Wie gehchtt es ihrchrrem Parchrrtnerchrr?“ fragte er und zuckte mit seinem Kopf in Richtung des Schlafzimmers.
„Na ja, Doktor Chen hat – so wie man es von ihm ja gewohnt ist - erstklassige und äußerst diskrete Arbeit geleistet. Dorinel ist zwar etwas groggy, wird aber sicher bald wieder auf den Beinen sein. Es wird aber wohl noch 2-3 Wochen dauern bis er wieder zu einem Einsatz fähig sein wird.“
„Zu schhhade, oderchrr? Man hchätte ihn sicherchrr jetzt gut bei den Chevalierchrrs einschleusen können, wo sie ihnen ja ein paarchrr ihrchrerchrr Infanterchrristen ausgeschaltet haben, Nun gut, dann werchrrden wirchrr eben sie einschleusen.“ Das eiskalte Lächeln auf dem entstellten Gesicht hatte nicht die geringste Spur von Freundlichkeit.
Povlsen ließ sich in seinem Sessel zurückfallen während sich auch sein mysteriöser Auftraggeber in den zweiten Sessel setzte.
„Eigentlich eine gute Idee, aber wie ich eben festgestellt habe, wäre ich kein Unbekannter für mindestens einen der Chevaliers. Second Lieutenant Dukic, - Lanzenführer der Scoutlanze - und ich hatten des öfteren, hmmm, nun ja beruflich mit einander zu tun.“
Für einen Sekundenbruchteil verengten sich die Augen des Fremden in rasierklingenbreite Schlitze. „Liesse sich das zu unserem Vorteil nutzen?“
Povlsen überlegte einige Herzschläge und ließ sich die Möglichkeiten durch den Kopf gehen. Er wusste von Dukic´s Drogensucht und fragte sich, wie sie das für Ihren Vorteil nutzen konnten. Es dauerte nicht lange und sein Grübeln verwandelte sich in ein breites Grinsen, als sich eine Idee in seinem Kopf formte.
„Ja, ich denke schon das uns Mr. Dukic behilflich sein kann.“

Cattaneo
29.03.2004, 17:52
Dies war von Ace

Ace: Demi-Präzentor Ares Darebi sah Dvensky verzweifelt an. Für den Großgewachsenen Schwarzen, der gewohnt war, über eine ganze Brigade zu kommandieren, ein mehr als ungewöhnlicher Anblick.
„Ich flehe Sie an, Dvensky, überlegen Sie es sich noch mal! Hören Sie nicht auf diese Spinner von Blakes Wort. Verlassen Sie sich für den Schutz des HPGs weiterhin auf meine ComGuards!“
Die Miene des Herrn über eine ganze Welt blieb kalt und wächsern wie das Klima hier auf auf dem Nordkontinent von Bryant.
Darebi versuchte es erneut. „Wir haben den HPG so lange beschützt. Sie wissen, was wir können. Eine lückenlose Kommunikation mit der Inneren Sphäre ist überlebenswichtig – die ComGuards garantieren dafür. Und das schon seit Jahren.
Alle haben Sie im Stich gelassen. Das Vereinigte Commonwealth, die Lyranische Allianz, die Konförderation Capella.
Nur wir sind geblieben.“
Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch den Schatun.
Sofort verstummte Darebi in Erwartung einer Antwort.
„Nun, Demi, das stimmt. Sie haben uneingeschränkt Recht. Aber Blakes Wort hat mir etwas angeboten, was ich von ComStar noch nie gehört habe.
Für den Fall eines Angriffs haben sich die BlakeGuards dazu verpflichtet, Übergriffe auf die Bevölkerung zu verhindern.
Kann ich selbiges von Ihnen erwarten, Demi Darebi?“
Die Gedanken des ComGuards jagten sich. So hehr die Worte Dvenskys auch klangen, Schutz der Bevölkerung, es war eine Einmischung. Eine Einmischung in die internen Belange einer eigenständigen Nation.
Zudem mögliche Angriffe nicht gerade unprovoziert passieren würden.
Epsilon Indi und New Home waren wiederholt von Bryants Elitekadern angegriffen und bestohlen worden.
Eine entsprechende Antwort war schon lange überfällig.
„Sie wissen, dass ich das nicht kann. Es wäre eine Einmischung weit über die Neutralität ComStars hinaus.“
`Außerdem´, dachte Darebi, `würde es große Teile deiner Truppen freistellen, wenn wir deine Bevölkerung beschützen. Du könntest deine Angriffe noch weiter verstärken, während die Guards hier mit ihrem Wort gebunden stehen und für deine Verbrechen bezahlen müssen – damit es nicht deine Bevölkerung muss´.
„Dann“, begann der Schatun, „haben wir uns nichts mehr zu sagen, Demi Darebi. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie fristgerecht meine Welt verlassen.“
Nur mühsam unterdrückte der ComGuard seinen Zorn. Stattdessen schlug er die weiße Kapuze hoch und salutierte streng. „Sir.“

Als sich der Demi zum gehen wandte, erklang noch einmal die Stimme Dvenksys.
„Ach, Demi, eines noch. Natürlich begrüße ich die Lösung, dass eine Söldnereinheit die HPGs beschützt, während Ihre Guards bereits abgezogen, die BlakeGuards aber noch nicht eingetroffen sind. Die Reibereien zwischen Ihnen erspare ich meiner Heimat gerne.
Aber sagen Sie, warum kommt diese Söldnertruppe ausgerechnet von New Home?“
Darebi drehte sich nicht einmal um. Er lächelte nur unter seiner Kapuze. Eines wusste er genau: Egal, was er sagte, er konnte Dvensky nur in seiner Meinung bekräftigen. „Da gibt es keinen Grund, Sir. Die ComGuards ziehen nun halt früher von New Home ab als von Bryant. Es ist logisch, dass die BlakeGuards also zuerst in New Home einziehen.
Ich dachte, dieses Arrangement würde angemessen sein.
Es hat absolut nichts mit den neuesten Spannungen zwischen den beiden Welten zu tun.“
Darebi konnte beinahe fühlen, wie Dvenskys Blick auf ihm ruhte. Wie sich der Blick geradezu in seinen Rücken, seinen Schädel bohren wollte, um seine geheimsten Gedanken lesen zu können. Aber den Gefallen tat der Guard dem Bryanter nicht.
„Sir.“ Forsch marschierte er aus.
***
Akoluth Delaware trat lautlos aus dem Schatten eines schweren Vorhangs hervor. Seine Rechte ruhte noch immer auf seinem Strahler. Es hatte ihn einiges an Mühe gekostet, den verdammten Ketzer nicht einfach niederzuschießen, aber lehrte Blake in seinen Schriften nicht selbst, dass niemand für ewig verloren war und jedem im Leben zwei Chancen eingeräumt wurden, um den rechten Pfad zu finden?
Kurz zupfte er an seiner Robe, dann ging er zu Dvensky und neigte respektvoll das Haupt. „Blakes Segen mit Ihnen, Herr Präsident.“
Dvensky sah ihn mit kalten Augen an. „Und mit Ihnen Akoluth Delaware. Sind Sie zufrieden?“
Wieder verneigte sich Delaware respektvoll. „Ja, das bin ich. Darebi, dieser unflexible Kommisskopf, hat genauso reagiert, wie ich es erwartet habe. So sieht also ein Mann aus, der den wahren Glauben verloren hat und nun nur noch einen Mech anbetet.
Allerdings…“
Dvensky horchte auf. „Allerdings?“
„Allerdings, Herr Präsident, macht mir wirklich eine Sache Sorgen. Es stimmt, dass wir auf New Home zuerst das HPG übernehmen. Hätte ComStar dies vorgeschlagen, dann würde ich irgendeine Teufelei vermuten. Aber so…
So glaube ich fast, als würden unsere eigenen Wünsche gegen uns selbst geführt werden.“

„Wissen Sie schon, wer das HPG übernehmen wird?“
„Es ist eine relativ neue Einheit. Sie nennt sich Dantons Chevaliers. Eine Verbundwaffentruppe von der Größe eines verstärkten Bataillons. Sie erhielt neulich erst die Aufstufung auf regulär. Sie wird mehr als ausreichend sein, um das HPG zu schützen, bis die BlakeGuards eintreffen.“
Dvenksys Miene blieb starr. Doch Delaware wusste, dass seine Spitze ihr Ziel gefunden hatte. Mehr als ausreichend. Also weit stärker als sie sein musste. Wozu rekrutierte ComStar eine solche Einheit? Steckte da nicht noch weit mehr dahinter?
„Ihre Meinung, Akoluth Delaware?“
„Es dürfte Sie interessieren zu hören, worin der frühere Auftrag der Chevaliers bestand, Herr Präsident.
Sie haben auf dem Gebiet des Geisterbärendominiums draconische Ronin gejagt, die auf sieben Welten die Bärenmilizen in Atem gehalten haben.
Niemand hat erwartet, dass die Chevaliers so schnell erfolgreich sein würden. Am allerwenigsten wir, denn dadurch wurde leider die Kontaktaufnahme unseres heiligen Ordens mit ihrem Anführer unterbunden.“
Dvensky hob eine Augenbraue. „Blakes Wort hat Interessen an der Clansfront?“
„Blakes Wort hat als einziges Interesse das Überleben der Menschheit, Herr Präsident.
Und wenn dies dazu führt, dass es nötig wird, die Clans mit Agenten zu infiltrieren, dann werden wir dies tun.
Wenn es uns dabei gelingt, dem einen oder anderen Clan ein paar schmerzhafte Hiebe zu verpassen, umso besser.
In Zusammenarbeit mit Anatoli Kenda wäre uns dies sicherlich auf Jahre hinaus gelungen. Nun müssen wir erst unsere eigenen Strukturen etablieren.“
„Warum waren die Chevaliers so schnell erfolgreich?“, fragte Dvensky unvermittelt.
„Nun“, ein spöttisches Lächeln legte sich um Delawares Züge, „sie haben den Ronin eine Falle gestellt. Sich verwundbar gezeigt und als offensichtliche Beute dargestellt.
Kenda konnte dem nicht widerstehen und hat dafür einen hohen Preis bezahlt.
Die Chevaliers sind den Ronin sogar bis in ihren Bau gefolgt. Dies war ihr Ende.“
Wieder hob Dvensky eine Augenbraue.
Delaware nickte. „Und diese Einheit, Herr Präsident, ist nun auf dem Weg hierher. Wir sollten sie im Auge behalten.“
Dvensky starrte den Blakeist an. „Wir haben keinerlei Anhaltspunkt zu glauben, dass die Chevaliers sich gegen Bryant richten werden.“
„Wir haben aber auch keinen Anhaltspunkt dafür, daß sie es nicht tun werden, Herr Präsident, wenn ich dies höflich anmerken darf.“
Die Miene Dvenskys wirkte, als wäre sie aus Stein gemeißelt worden.
Delaware war zufrieden. Er hatte erfolgreich Zweifel in seinem Herzen gesät. Schon bald würde diese seinem Orden zum Vorteil gereichen.
„Herr Präsident.“ Delaware verneigte sich und zog sich leise zurück.

Cattaneo
29.03.2004, 17:52
Noch etwas von Iron

Pleasure Island

Garrett River, Harlech, Outreach, Chaosmarken
15. Januar 3065

Die Städteplaner des Sternenbundes hatten sich bei der Errichtung der Stadt Harlech für die Martial Olympiads viel Mühe gegeben um das zukünftige Verkehrsaufkommen möglichst erträglich zu halten. Sie hatten mit ConstrutionMechs extra breite Strassen bauen lassen, damit diese sowohl den Verkehr einer Großstadt als auch die Battlemechs tragen konnten, die sie benützen würden. Aber sie hatten nur drei große Brücken über den Garret River gebaut.
Die Städteplaner des Sternenbundes hatten nicht wissen können, das sich Outreach zu einem der geschäftigsten Zentren der Inneren Sphäre entwickeln würde. Sie hatten nicht ahnen können, das der Söldnerstern irgendwann aus allen Nähten platzen würde und das auch das Verkehrsaufkommen dementsprechend zunehmen würde. Jeden Tag waren die Straßen Harlechs bis an die Grenzen Ihrer Tragfähigkeit voll. Und das galt vor allem für die Brücken.
Der Garrett River, der im Westen die Harlech Heights verliess, teilte Harlech von West nach Ost fliessend in nahezu zwei gleich große Teile, ehe er schließlich in den Lake Kearny mündete. Die Tatsache, das es nur drei große Brücken gab, die das Nord- mit dem Südufer verband, führte dazu das diese sehr häufig überlastet waren. Daher wimmelte es auf dem Garrett River vor lauter Fähren, Wassertaxis, Hoovertaxis, Schnellbooten und Ausflugsdampfern.

Mitten durch dieses Getümmel jagte ein Hoover-Jeep in Richtung Lake Kearny und versuchte möglichst mit keinem der anderen Gefährte zu kollidieren. Normalerweise würde das Hoover-Fahrzeug, das von einem geübten Piloten gesteuert wurde, ruhig über den Fluss schweben, aber bei all den Bugwellen der anderen Fahrzeuge war auch dieses starken Schwankungen ausgesetzt.
Evander Povlsen gab Gas und schoss zwischen zwei rechts und links heranbrausenden Hoover-Taxis hindurch, haarscharf vorbei am Heck eines der beiden. Aus den Augenwinkeln sah er, das Dorinel Raducanu sein Gesicht verzog und sich mit seiner rechten Hand förmlich an den Haltegriff der Beifahrertür klammert. Er rutschte unbehaglich auf seinem Sitz herum und es war offensichtlich, das ihm Povlsens Fahrweise nicht behagte.
Seit seiner Verletzung trug der Bryanter Kommandosoldat nicht nur seinen linken Arm in einer Schlinge, sondern war auch nicht mehr ganz der alte. Auch wenn er sich erstaunlich schnell aufgerappelt hatte, so schien er zumindest mental nicht mehr ganz so ruhig zu sein wie vor der Silvesternacht.
„Alles in Ordnung?“ Povlsen machte sich nicht wirklich Sorgen um Raducanu. Er war sich sicher, dass sich das wieder geben würde. Aber so langsam griff dessen Nervosität auch auf ihn über.
„Ich wünschte du würdest nicht so waghalsig fahren, Evan. Und ich wünschte wir würden uns das noch einmal überlegen. Ich meine ist das wirklich klug?“
Povlsen rollte mit den Augen, nicht schon wieder diese Diskussion.
„Ich weiß nicht, ob es klug ist“ erwiderte er schließlich „aber wahnsinnig viele Alternativen haben wir nicht, oder?“
Gar keine um genau zu sein, fügte er in Gedanken hinzu und fuhr dann fort. „Wir haben einen klaren Auftrag: Findet heraus, ob ComStar oder die Chevaliers oder sonst irgendjemand eine Invasionsstreitmacht auf New Home bildet um Bryant anzugreifen! Bisher können wir diese Frage nicht beantworten. Wir wissen fast alles über die Chevaliers. Wir kennen ihre genaue Aufstellung, ihre Ausrüstung, die Namen ihrer Piloten, sogar die Sim- und Manöverbewertungen haben wir erobert. Nur Ihre finanziellen Daten haben wir nicht kriegen können und eben leider keinerlei Hinweise auf ihre Einsätze auf New Home und Bryant!“
Povlsen seufzte kurz und wich einem geradewegs auf sie zuschiessenden Schnellboot aus bevor er weiterredete. „Dorinel, es fällt mir auch schwer es zuzugeben, aber wir haben in der Silvesternacht im Grunde versagt.“
Raducanu wollte etwas erwidern, aber Povlsen ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Kannst Du die Fragen von Major Jegorowa mit Sicherheit beantworten?“
Raducanu holte tief Luft. Povlsen konnte sehen, dass er sich den Frust von der Seele reden wollte. Doch dann hielt er betreten inne und senkte den Blick. Müde und Matt presste er ein leises „Nein“ hervor.
„Also müssen wir uns Hilfe von aussen holen.“
„Aber Ex-ComStar-Leute? Können wir sie dazu bringen eine Einheit anzugreifen, die von ComStar angeheuert wurde? Soweit ich weiß, sind Sie nicht im Streit von ComStar gegangen. Wer sagt uns, das Sie nicht sofort zu ComStar laufen werden und Ihnen alles verraten?“
Povlsen grinste schräg. „Lass mich mal machen. Ich hab da so meinen Plan.“
Diesmal war es Raducanu der die Augen verdrehte. „Ich habe befürchtet, dass du so etwas sagen würdest.“

Mickey Wu´s Pleasure Island lag auf einer Insel im Flussdelta des Garrett River, dort wo der Fluss in den Lake Kearny mündete.
Die gesamte Anlage war im Grunde ein gigantischer Vergnügungspark, berühmt in der gesamten Inneren Sphäre. Viele Touristen und Söldner besuchten die Vergnügungsinsel um zu entspannen und Spaß zu haben.
Doch Povlsen und Raducanu waren aus anderem Grunde hier. Nur knapp zwei Meter oberhalb der Wasseroberfläche stand Povlsen am Panzerglasfenster und genoß die Aussicht auf die nächtliche Skyline von Outreach. Weit im Süden konnte er mehrere Landungsschiffe erkennen, die sich auf donnernden Flammenzungen gen Himmel erhoben, und andere die ihre Turbinen auf Vollschub brachten um Ihren freien Fall Richtung Oberfläche abzubremsen. Direkt voraus im Westen erkannte er die hohen Türme der Hiring Hall und sein Blick schweifte weiter zu den hell leuchtenden Bars und Kneipen die das Ufer des Lakefront North säumten.
Als sein Blick wieder in Richtung Flussmündung wanderte, erkannte er ein Hoover-Taxi, das direkt auf ihre in den blanken Fels gehauhene VIP-Lounge zuhielt.
„Dorinel, unsere Gäste sind anscheinend auf dem Weg“ rief er seinem Partner zu, der etwas weiter hinten die Luxusversion einer Minibar begutachtete.

Povlsen hatte diesen Treffpunkt mit Bedacht gewählt. Die VIP-Lounges von Mickey Wu waren zwar nicht der billigste Treffpunkt, aber für ihre Sicherheit und vor allem ihre Diskretion berühmt. Man konnte sie nur auf dem Seeweg über einen einzigen Zugang erreichen, der zudem gesichert war und in den man ohne Einladung gar nicht gelangte.
Die scheinbar über dem Wasser schwebenden, fast komplett aus Glas bestehenden aber von aussen her durch eine silbrige Beschichtungsfolie nicht einsehbaren Luxussuiten wurden vielfach an betuchte Söldner, Adlige oder auch Kriminelle vergeben, die kein Interesse daran hatten, das irgendjemand erfuhr, wer sich hier mit wem warum traf.
Der perfekte Treffpunkt für wichtige geheime Treffen und Povlsen konnte von Glück sagen, dass er den Geschäftsführer des ganzen regelmäßig mit Rekog versorgte und daher die Chance hatte, relativ einfach eine solche Suite für einen Abend zu buchen.

Ein halblautes „Bing“, das die Ankunft Ihrer Gäste bedeutete, riss Evander aus seinen Gedanken. Dorinel war schon an die Tür geeilt und betätigte einen Summer woraufhin die Tür sich zischend öffnete.
Der Mann, der als erstes eintrat, entsprach nicht ganz Povlsens Erwartungen. Nach einem Helden ComStar´s sah Carter nun wahrlich nicht aus. Eine untersetzte, wuchtig wirkende Statur, ein kantiges, schroff wirkendes Gesicht mit einer Augenklappe über dem linken Auge und einem vollkommen kahlen Schädel.
Ausserdem wusste Povlsen aus Carters Dossier von der Prothese, die der Ex-ComGuardist statt des rechten Unterarmes besass.
Hinter Carter schritt ein hagerer Mann ein, den Povslen aufgrund der Beschreibung als Allan Smithee erkannte.
Sicheren Schrittes folgten die beiden Männer Raducanu an einen Tisch in der Mitte des Raumes, genossen einen kurzen Augenblick den interessanten Ausblick und etwas später dann die Drinks, die Ihnen Dorinel gebracht hatte. Nach ein paar Worten Small-Talk setzten sich die die vier Männer um einen edlen Hartholztisch, der in der Mitte des Raumes platziert war.

Gerade als Sie sich gesetzt hatten und Povlsen das Gespräch eröffnen wollte, bemerkte er Carters Blick auf Raducanus linken Arm.
„Ich hoffe die Schusswunde von Silvesternacht ist gut verheilt!?“ fragte er den jungen Geheimdienstmann.
Raducanu war die Überraschung deutlich anzusehen, als er unsicher erwiderte: „Woher…???“
„Sagen wir einfach jahrelange Erfahrung und ein Schuss Intuition.“ Carter lehnte sich leicht zurück und verschränkte die Arme, bevor er fortfuhr. „Sie wollen sich mit uns treffen, weil sie uns einen Kontrakt in den Chaosmarken anbieten wollen. Wir lehnen ab und sie ködern uns, indem sie uns mitteilen, dass es gegen die Dantons Chevaliers gehen wird.
Sie wissen also – woher auch immer – von unserer Einstellung zu diesen Clannerfreunden“ Carter spuckte das Wort fömlich aus „und haben sicher auch von unserem letzten Aufeinandertreffen mit Ihnen gehört.“
Povlsen nickte zur Bestätigung ohne den Anführer der Crusaders zu unterbrechen.
„Ich habe im Laufe meiner Karriere zu oft mit Agenten zu tun gehabt,“ erläuterte dieser weiter „um sofort einen erkennen zu können, wenn ich Ihn vor mir hab. Wir haben von der waghalsigen Aktion gehört, die sich Silvester ereignet hat und bei der sich einer der Agenten eine Schusswunde im linken Arm zugezogen hat. Da braucht man nicht allzu viel Grips zu haben, um eins und eins zusammenzuzählen, oder?“

Povlsens Lächeln wurde immer breiter. „Mr. Carter, natürlich lag es nicht im geringsten in unserem Interesse Ihnen etwas vorzugaukeln. Wenn wir von Ihrer Erfahrung und ihren analytischen Fähigkeiten nicht überzeugt wären, würden wir nicht… “
„Schluss mit dem Geschwätz!“ Carter unterbrach den Ex-LNC-Agenten schroff und dessen Lächeln erstarb augenblicklich. „Ihr Angebot ist nicht gerade üppig. Warum sollten wir es annehmen?“
„Nicht üppig?“ Raducanu schnaubte verächtlich „Volle Bergerechte, voller Ersatz ihrer eingesetzten Munition und adäquater Ersatz von 60% Ihrer Verluste. Und alles was sie dafür tun müssen ist die Chevaliers ein wenig aus ihrem Bau zu locken, damit wir sehen können, ob sich irgendwelche Truppen von New Home sich auf Ihre Seite stellen?“
„Bah.“ Carter schien immer noch nicht sonderlich beeindruckt.
Bryants finanzielle Mittel waren begrenzt. Eine viel größere Truppe hätten Sie sich nicht mal leisten können. Und diese konnten Sie auch nicht sonderlich üppig bezahlen, da hatte Carter Recht.
Doch Povlsen wusste, das es etwas gab, weswegen die Crusaders überhaupt erst hierher gekommen waren. Die grobe Beschreibung der Mission und das finanzielle Angebot hatten die Crusaders bereits im Vorfeld erhalten. Wenn es sie also überhaupt nicht interessiert hätte, wären Sie gar nicht erst gekommen.
„Sie könnten es den Chevaliers endlich mit gleicher Münze heimzahlen. Und zwar auf dem Schlachtfeld!“
Carter und Smithee sahen sich einen kurzen Augenblick an und Povlsen wusste das er ins Schwarze getroffen hatte.

„Und warum diese Geheimniskrämerei?“
Jetzt hatte Povlsen die Söldner am Haken, aber er musste aufpassen, das ihm der Fisch nicht in letzter Minute entwischte.
„Nun sie werden sicher verstehen,“ führte er vorsichtig aus „dass Bryant nicht direkt in Verbindung gebracht werden darf mit Ihrem Angriff auf die Chevaliers. Kein Planet der Chaosmarken kann es sich ungestraft leisten, ComStar oder eine Ihrer Einheiten anzugreifen. Ds heisst offiziell werden Sie diesen Einsatz auf eigene Faust durchführen.“
„Vergessen Sie´s! Die Crusaders sind gut, ohne Zweifel. Aber wir sind keine Selbstmörder. Schon alleine die Chevaliers sind uns zahlenmässig überlegen. Und wenn diese tatsächlich eine Invasionsstreitmacht anführen sollten, dann werden Sie uns schneller pulverisiert haben, als wir Piep sagen können.“
„Keine Sorge“ versuchte Povlsen den Söldnerführer zu beruhigen „Ihr reibungsloser Abzug wird gesichert werden.“
„Ach ja? Und wie? So eine unsichere Ausage reicht mir nicht, Mr. Povlsen. Entweder weihen sie uns komplett in Ihre Pläne ein oder sie machen diesen Ritt alleine, ist das klar?“

Povlsen zögerte einen Augenblick und blickte seinem Partner in die Augen. Raducanu schien weiterhin seine Zweifel zu haben und schüttelte ganz leicht mit dem Kopf.
Povlsen riskierte viel, indem er die Crusaders einweihte. Wer sagte Ihnen, das die Feindschaft zwischen den Crusaders und den Chevaliers nicht gespielt war und alles von langer Hand geplant um die Bryanter Truppen in die Falle zu locken.
Er schaute seinem Gegenüber tief in die Augen und irgendetwas in seinem Blick sagte ihm, das dieser Hass auf alles was mit den Clans zu tun hatte nicht gespielt sein konnte.
Povlsen musste eine Entscheidung treffen, eine die ihm unheimlich schwer fiel: Erst hatte er akzeptieren müssen, mit einem Partner zusammen zu arbeiten und jetzt musste er einem wildfremden Mann sein Leben anvertrauen, um seinen Auftrag zu Ende zu bringen.
Auch wenn er Carter nicht mochte, spürte er, dass dieser kein falsches Spiel spielte. Er konnte nur hoffen, das ihn sein Instinkt nach all den Jahren nicht verlassen hatte, als er begann den beiden Crusaders den Plan zu erläutern.

Cattaneo
29.03.2004, 17:53
Vorbereitung

Dvensky war sich der forschenden Augen von Major Jegorowa nur zu bewußt. Sie gehörte zu den Menschen, die seine Pläne durchaus kritisch hinterfragten. Und da er nur zu gut wußte, auf welch schmalem Grad er balancierte, nahm er ihr dies keineswegs übel, sondern erwog stets sorgfältig, ob ihre Ansichten nicht einen besseren Weg zeigten, als seine Pläne. Seinen engsten Mitarbeitern räumte er das Recht auf Kritik durchaus ein – so lange er es war, der am Ende die Fäden in der Hand hielt.

Er lächelte ihr leicht zu: „Also, was meinen Sie, Major? Was schließen Sie aus den Informationen über diese Söldner?“ Die Frau überlegte kurz: „Militärisch gesehen sind sie möglicherweise ein Problem, natürlich. Wir haben ja ihre Struktur und die Qualität ihrer Piloten. Nicht überdurchschnittlich – abgesehen davon, daß sie über ein vergleichsweise hohes Potential an Clanwaffen verfügen. Ich glaube aber nicht, daß sie schon perfekt zusammenarbeiten.“ Der Herr von Bryant machte eine ungeduldige Handbewegung: „Ihre militärischen Potenzen sind mir bekannt. Glauben Sie mir, die kann ich gut einschätzen. Was meinen Sie in ANDERER Hinsicht. Dieser Danton – könnte er eine Gefahr sein? Und wäre er möglicherweise der Richtige, wenn Com-Star eine Invasion vorbereiten will.“ Im Gesicht der Geheimdienstlerin zuckte kein Muskel: „Zunächst einmal ist dieser Söldnerführer sowohl gewissenlos – absolut – als auch ein Idealist. Eine gefährliche Mischung, und nur scheinbar widersprüchlich. Er ist zu fast allem bereit, wenn er es vor sich selber rechtfertigen kann. Er hat für die Clans gekämpft – nachdem man ihm dies schmackhaft gemacht hatte. Als er erst einmal überzeugt war, daß die Ronin ,Verbrecher‘ seien, hat er sich ohne zu zögern an die Clans verkauft. Ich denke, ich überschätze Com-Stars Möglichkeiten nicht, wenn ich sage, daß ich sie für durchaus in der Lage halte, diesem Danton Honig ums Maul zu schmieren. Genug, daß er glaubt, mit einer Invasion die ,unterdrückte Bevölkerung Bryants‘ zu befreien. Wenn sie ihn dazu bringen, das zu glauben, dann ist er zu jedem Verrat fähig.“ Dvensky nickte: „Das kann ich mir vorstellen. Ich halte ihn nicht für übertrieben weitsichtig oder intelligent – was nicht heißen soll, daß er dumm ist – sonst hätte er sich von den Dracs und den Bären nicht einlullen lassen. Ihm fehlt der nötige Weitblick und deshalb dürfte es nicht schwer sein, ihn zu umgarnen, wenn Com-Star sich Mühe gibt. Zweifelsohne wissen sie das auch – und werden ihne möglicherweise gegen unsere Argumente imunisieren.“

Jegorowa fuhr fort: „In der Tat, Count. Ich rechne mir auch wenig Hoffnung aus, ihn anzuwerben. Zudem tut sich noch eine Gefahr auf. Ein Mann von derartigem Charakter könnte, selbst wenn er keinen so weitreichenden Plan als Vorgabe hat, eigenmächtig seine Grenzen überschreiten. Etwa, wenn er zu dem Schluß kommt, es sei ,nötig'. Zum Beispiel bei unserem kommenden Angriff auf New Home. Auch wenn er nicht mit den örtlichen Militärs in Kontakt steht – er könnte gegen die ,bösen, bösen Piraten‘ zu Felde ziehen wollen. Nicht anders war es ja im Kampf gegen die Kombinats-Partisanen.“ Dvensky seufzte: „Als ob wir nicht genug Probleme hätten....“

Dann straffte er sich: „Sei es, wie es sei. Ich halte Danton für einen Feind – einen, mit dem man rechnen muß. Mehr aber noch jene, die hinter ihm stehen. Leider haben Ihre Leute bei dem Versuch versagt, uns Gewißheit zu verschaffen. Ich will nur ungern diese Chevaliers auf meinem Planeten haben, ohne zu wissen, woran ich bei ihnen bin!“ Der implizierte Tadel berührte die Innenministerin offenbar nicht im Geringsten: „Sie wissen wie es in diesem Geschäft ist, Count. Ich habe nicht überall und immer Agenten, die nur darauf warten, eingesetzt zu werden. Sie selber haben mir klargemacht, daß unser Budget begrenzt ist, an Menschen wie an Mitteln. Schlimm genug, daß wir uns Hilfe von außen holen müssen.“ Dvensky wehrte ab: „Ich weiß, ich weiß. Aber wir können nicht unsere Mittel zu sehr auf EINE Sache richten, und andere vernachlässigen. Das Neusiedlerprogramm, der Ausbau unserer Wirtschaft, das Luftwaffenprojekt – wir bräuchten zehnmal soviel Geld, fünfmal soviel Leute und doppelt soviel Zeit! Aber wir haben sie nicht.“ Die Geheimdienstlerin widersprach nicht. Es wäre ihr auch nicht in den Sinn zu kommen, Dvensky zu unterstellen, er würde, sagen wir mal, der Luftwaffe zuviel Mittel zuteilen, weil seine Geliebte und Mutter seiner Kinder diese Waffengattung befehligte. Der Schatun war in Sachen Politik und Krieg zu erfahren, um sich von persöhnlichen Gefühlen lenken zu lassen. Sonst wäre er nie Diktator eines kleinen, aber nicht zu unterschätzenden Planeten mit eigener Armee geworden.

„Ich kann und will den Angriff nicht abblasen, Major. Wir brauchen das Material – und Ihre Leute arbeiten schon lange genug daran. Aber wir können die Sache auch nicht unnötig gefährden.“ Der Count seufzte erneut: „Also werden wir es wie vorgeschlagen machen. Wir heuern Söldner an, die die Chevaliers testen, wenn möglich anschlagen. Wir bekommen raus, ob sie sich mit New Home absprechen, und wenn ja, werden sie Schwierigkeiten haben, uns in die Suppe zu spucken. Wenn sie Federn lassen müssen, umso besser – dann sind sie bei ihrer Ankunft auf Bryant schon etwas gerupft und machen weniger Probleme, sollte es zum Schlimmsten kommen. Und wir wissen, woran wir sind.“ Er lächelte: „Und die von Ihnen ausgesuchte Einheit sollte die richtige sein. So kann man noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, daß wir dahinter stecken. Es gibt genug Leute, die Geld aufbringen würden, um Kollaborateure abzustrafen. So hat weder Com-Star noch Danton die Möglichkeit, den Angriff gegen uns zu verwenden. Vor allem, wenn ihr Angriff gar nicht gleichzeitig mit dem unseren erfolgt. Wir machen es, wie Sie vorgeschlagen haben - die Söldner gehen schon vorher in Stellung und beobachten die Chevaliers. Sie schlagen aber nur dann zeitgleich mit uns los, wenn Danton Anstalten macht, sich mit den Verteidigungstruppen zu verbünden. In dem Fall haben wir den Beweis, den wir brauchen, und Com-Star muß ihn selber abstrafen, um nicht in aller Öffentlichkeit ihre ,Neutralität' als Farce zu entlarven. Sie dürften ihn dann als Bauernopfer verwenden, denke ich. Sollte Danton ruhig bleiben, warten unsere Verbündeten ab - sicher ist JEDE Reaktion der Chevaliers interessant, und sei es nur die Zeit, die sie für ihren Alarm brauchen. Denn die werden mindestens ihre Mechs hochfahren, wenn wir anrücken. Unsere Verbündeten schlagen ein paar Wochen später zu - wenn sich der Staub gelegt hat.“ Er zögerte einen Augenblick: „Aber das Problem ist – die Söldner werden wohl kaum übersehen können, daß sie ihre Hand in ein Fangeisen halten. Wir werden uns nicht vor sie stellen - wir können das auch gar nicht - und Com-Star könnte sie für Angriffe auf ,neutrale Einheiten' zur Verantwortung ziehen. Auch wenn die Chevaliers keine Com-Guards sind, so unterstehen sie in diesem Augenblick doch den Kuttenträgern. Sie müssen also selber bereit sein, daß Risiko einzugehen, daß man ihnen vorwirft, Com-Star Einrichtungen abgegriffen zu haben. Und wenn sie nicht sehr dumm sind, dann wissen sie, daß wir sie nicht schützen können.“ Die Geheimdienstchefin lächelte: „Ich denke, da gibt es Leute, die dennoch mitmachen. Rache ist ein starkes Motiv…“

Der Herrscher von Bryant war nur zu gerne bereit, seiner Innenministerin Recht zu geben. Ja – Rache war unter Umständen ebenso nützlich, wie sie verderbenbringend wirken konnte. „Nun gut. Aktivieren Sie die GKVD-Leute auf New Home. Ich will, daß wir – und unsere Verbündeten – möglichst genaue Informationen bekommen. Lassen Sie der Söldnereinheit, wenn Sie eine finden, alles Material über Danton übergeben. ALLES. Aber sie bürgen uns mit ihrem Leben dafür, daß das nicht in falsche Hände gerät!“ Jegorowa salutierte. Normalerweise legte sie – trotz ihres offiziellen Ranges – auf militärisches Zeremoniell wenig wert. Aber diesmal schien es passend. Sie zögerte dennoch, zu gehen – obwohl man Dvenskys Worte auch als Entlassung auffassen konnte. „Ist noch etwas?“ Sie musterte ihren Souverän: „Das selbe wie immer. Ich halte es nicht für sonderlich ratsam, daß sowohl Sie als auch die Chefin der Luftwaffe“ unausgesprochen hingen die Worte ,die Eure Lebensgefährtin ist.’ In der Luft: „an einer Operation teilnehmen, die wegen der Anwesenheit einer starken feindlichen Streitmacht äußerst riskant ist. Wir können nicht wissen, ob unser Plan funktioniert. Solltet Ihr scheitern, könnte das fatale Folgen haben.“ Dvensky nickte bestätigend: „Nur zu wahr. Ich verstehen Ihre Einwände. Aber Sie kennen meine Ansichten zu dem Thema.“ Die Augen der Geheimdienstlerin funkelten: „Geht es Ihnen und Major Prokovjewna darum, Bryant und seine Streitkräfte zu führen – oder sich als Krieger zu beweisen? In vorderster Front sind Sie, ist Ihre Gefährtin sicher ein Vorbild – aber auch im Schußfeld.“ Dvensky blieb völlig gelassen: „Vielleicht ist es auch das. Vielleicht kann ich nicht einfach immer von meinen Soldaten verlangen, in die Schlacht zu ziehen, ohne selber ein Risiko einzugehen. Vielleicht. Vor allem aber – es geht eher darum, daß wir es uns nicht leisten können, daß ich untätig bleibe. Oder Major Prokovjewna. Wir haben einfach nicht genug gute Piloten, daß wir auch nur auf einen verzichten können – vor allem, wenn wie Bryant verteidigen UND zugleich unsere Nachbarn schwächen wollen. Hätte ich genug Mechs, genug Piloten – meinen sie, ich würde dieses Risiko eingehen? Gewiß nicht! Nicht, wenn es nicht wirklich schlimm stünde. Aber so bleibt mir kaum eine andere Wahl.“ Er seufzte: „Sie wissen das. Wir versuchen, mit einer Handaxt einen Urwaldriesen zu fällen. Da können wir nicht immer dran denken, ob der Vorarbeiter vielleicht von einem Ast erschlagen wird – er muß selber mit anpacken. Sehen Sie zu, daß Sie alle Informationen liefern, die uns nutzen können. Wenn SIE versagen, wird es sicher ein Debakel.“ Die ältere Frau verneigte sich leicht, und ging.

Dvensky schaute ihr noch einen Moment nach. Er konnte sich auf sie verlassen – soviel wußte er. Wäre dies nicht der Fall, er hätte kaum die letzten Jahre überlebt. Aber Jegorowna war Geheimdienstlerin, sie war eher defensiv eingestellt. Er aber wollt vorankommen – um jeden Preis. Nun, um fast jeden. Dazu mußte er ein gewagtes Spiel spielen. Aber andererseits – es war den Einsatz wert…

Cattaneo
29.03.2004, 17:53
Sturm

Bryanter Falken

Der Eintritt in die Atmosphäre war für Major Prokofjewna nichts neues. Sie hatte derartige Manöver schon auf vielen Planeten durchgeführt – mitunter unter feindlichem Beschuß. Die unvermeidlichen Turbulenzen schreckten sie wenig, denn in den letzten Jahren hatte sie auf Bryant eine harte Lehre in dieser Hinsicht absolviert. Die dortigen Stürme waren... beeindruckend. Dennoch – übergroße Selbstsicherheit brachte einen Piloten ebenso sicher ins Grab, wie eine Transgressor auf 12 Uhr. Also überprüfte sie ein weiteres Mal ihren eigenen Jäger, wie auch die Formation ihrer Kameraden. Alles schien soweit in Ordnung.

Die Pilotin wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Route zu. Sie lächelte leicht unter dem massiven Helm. Gegen ein „normale“ Welt wäre ein Angriff wie dieser kaum möglich. Die modernen Überwachungsmöglichkeiten machten es sehr schwer, unbemerkt in die Atmosphäre vorzustoßen. Satelliten und Radarstationen konnten einen Angreifer frühzeitig entdecken. Nun ja – normalerweise war das so. Allerdings war New Home selbst in der Freien Inneren Sphäre nicht unbedingt der Normalfall...
Die Mächte auf diesem Planeten – die meuternde 30. Lyranische Garde und die von der Konföderation unterstützte Armee der „New Home Regulars“ - bekämpften sich inzwischen seit etlichen Jahren, mit wechselndem Erfolg. Die Gefechte hatten die technischen Einrichtungen arg in Mitleidenschaft gezogen, und der Kampfkraft der Kontrahenten teilweise übel zugesetzt... Weite Teile des Landes wurden gar nicht oder nur locker kontrolliert. Wenn man also einen Piratensprungpunkt nutzte und die Eintrittsschneise über unbewohntes Gebiet verlaufen ließ, dann hatte man gute Chancen, ungesehen durchzuschlüpfen.
Natürlich brauchte man Glück. Es herrschte Krieg auf New Home – und beide Seiten waren in ständiger Alarmbereitschaft. Glücklicherweise hatten sie sich im Laufe der Zeit gegenseitig so sehr ausgeblutet, daß sie erstens wohl niemals kooperieren würden und zweitens so etwas wie eine voll funktionierende Raumabwehr kaum noch möglich war. Eine Einladung für Bryants Soldaten, die hier das holen konnte, was ihnen zu Hause fehlte. Und dabei die Gegner auf New Home weiter schwächten, um vielleicht einmal die Kontrolle zu übernehmen.

Unwillkürlich blickte die Offizierin sich kurz um – natürlich vergeblich. Die Landungsschiffe der Bryanter folgten ihren Jägern in genügendem Abstand. Wie stets, wenn es ins Gefecht ging, spürte sie eine leise Unruhe. Die war früher nicht da gewesen – früher, als sie noch freie Söldnerin war. Aber jetzt war sie Mutter geworden, und der Gedanke, ihre zwei Kinder oder ihren Lebensgefährten nicht wiederzusehen, beunruhigte sie. Um so mehr, als Dvensky ebenso wie sie in den Kampf gehen würde. Wie leicht konnten ihre Kinder beide Eltern verlieren?
Aber wie stets tat sie diese Gedanken ab. Sie war Soldatin, und dies war alles, was sie konnte, alles, was sie – bisher – gewollt hatte. Sie würde ihre Pflicht tun. Auch und gerade für ihre Kinder.

Die schlanken Silhouetten der Jäger durchschnitten stählernen Pfeilen gleich die Luft. Sie verloren jetzt rasch an Höhe, schienen sich gleichsam in den Ozean stürzen zu wollen. Die Hand am Steuerknüppel zitterte nicht. Alle anderen Gedanken hatte Majorin Prokofjewna verbannt. Sie war ganz auf den Kurs ihrer Maschine konzentriert. Ein Fehler – und der Jäger würde im Meer versinken, das hier über 1000 Meter tief sein mochte oder mehr. Noch ein kleines bißchen, noch eine Sekunde... JETZT. Im genau richtigen Moment fing sie ihre Maschine ab. Im Tiefflug donnerte der Kampfflieger über den nächtlichen Ozean. Hinter ihr ihre Kameraden. Sie sah sie nicht, aber sie wußte, daß die Landungsschiffe der Bryanter hinter ihr ebenfalls dazu ansetzten, in den Tiefflug überzugehen. Die stromlinienförmigen Lander – zwei Leopard-Schiffe – trugen einen Gutteil der Invasionsstreitmacht. Der Rest befand sich noch im Orbit – an Bord des Union-Landungsschiffs, das zusammen mit dem Seeker-Lander bereit war, ebenfalls in die Atmosphäre einzutreten. Sobald der rechte Moment gekommen war. Für einen Präzisionsflug in der Atmosphäre waren die Kugellander wenig zu gebrauchen. Es blieb bloß zu hoffen, daß die Einheimischen – oder diese Söldnerbande – nicht doch auf der Hut waren. Allerdings waren die Landungsschiffe auch nicht gerade wehrlos.

BVK Suworow, im Landeanflug

Dvensky überprüfte ein letztes Mal die Funktionen seines Mechs. Der Marodeur war eine der tödlichsten Kampfmaschinen seiner Gewichtsklasse – aber natürlich alles andere als unbesiegbar. Und diesmal konnte aus dem geplanten Raid leicht auch ein Vernichtungskampf werden. Die örtliche Garnison der 30. Garde sollte eigentlich kein Problem sein, wenn die Informationen stimmten, die von den Spionen beschafft worden waren. Wenn sich allerdings diese Chevaliers einmischten, dann war es zweifelhaft, ob das halbe Dutzend Mechs, das die verbündeten Söldner, Carters Crusaders, in die Wagschale werfen konnten, ausreichen würde, um einen Fluchtweg freizukämpfen. Abgesehen davon, daß Dvensky diesem Carter ebenfalls nicht allzu weit traute. Er mochte die Clans hassen – das war dem Dossier, das der GKVD über ihn angefertigt hatte, zu entnehmen. Und deshalb war nur wahrscheinlich, daß er auch die Chevaliers haßte, denn die waren Clansöldlinge und hatten mehrere Müllgeburten in ihren Reihen. Allerdings hatte er auch den Ruf, immer noch Kontakte zu Com-Star zu haben. Und wenn ROM die Fäden zog, dann war die Wahrscheinlichkeit gering, daß der Bryanter Nachrichtendienst das rechtzeitig bemerkte – zu ungleich waren Möglichkeiten und Ressourcen verteilt. Die Chevaliers hatten über ein Dutzend Mechs, und dabei waren mehrere Clanmaschinen. Und eine verstärkte Panzerkompanie, und vier Jäger – ihre Infanterie und die Handvoll Elementare fiel da kaum ins Gewicht, es war auch so schon schlimm genug. Nun, im Krieg ging nichts ohne Risiko...

Insgeheim mußte er seiner Geheimdienstchefin Recht geben. Es war Wahnsinn und Narretei, daß er sich selber in den Kampf stürzte. Insgeheim empfand er für Herrscher, die sich gebärdeten wie bessere Bataillonsführer, nur Verachtung. Wieso einen Souverän eine Aufgabe verrichten lassen, die ein „kleiner Mann“ mindestens ebenso gut erledigen konnte? Aber wenn der Souverän so ein Hungerleider wie er selber war, mit weniger Menschen unter seiner Herrschaft als in einer mittleren Großstadt lebten – dann hatte er keine Wahl. Zumindest im Augenblick.
Er hätte sich natürlich mit dem von ihm errungenen zufriedengeben können. Bryant gehörte ihm, und der Planet war reich genug, um einem Herrscher ein Leben in Dekadenz und Luxus zu ermöglichen. Aber das, was Dvensky am meisten verlockte, das konnte er so nicht erringen: Macht. Macht über Menschen, über Armeen, über Planeten. Die Möglichkeit, zu herrschen, das Leben der Menschen zu lenken - in die richtige Richtung. Vermutlich nur einen Nischenplatz in der Geschichte, aber einen gewichtigen in der Historie SEINES Planeten. Wollte er mehr werden als ein drittklassiger Warlord auf einem viertklassigen Planeten, als ein bloßer Nabob und Piratenfürst, dann mußte er kämpfen, was immer es kosten mochte – auch unter Einsatz seines Lebens. Und dazu war er bereit. Sein Blick streifte das Bild seiner Geliebten, das er am Armaturenbrett angebracht hatte. Eine sentimentale Geste, gewiß – und für Sentimentalität hatte er eigentlich nichts übrig. Aber wenn es etwas gab, daß ihm etwas bedeutete, neben der Macht und seinem Hunger nach noch mehr Macht, dann war sie es, sie und seine Kinder.

Er rekapitulierte den Schlachtplan. Zwei der Jäger würden einen Angriff auf die Luftwaffenbasis des Feindes durchführen – wenn man die paar Einheiten als Luftwaffe bezeichnen konnte. Die vier anderen und die beiden Leopards würden ihm und seinem Sturmkommando den Weg bereiten. Die Leopards hatten eine vernichtende Feuerkraft, und wenn es gelang, einen Gegenangriff feindlicher Flieger zu vereiteln, würde der feindliche Garnisonskommandeur seine Leute eher zurückziehen. Schließlich brauchte dieser seine Leute noch, gegen die New Home Regulars. Und die Bryant Regulars würden die Lagerhäuser plündern, die gewünschten Ersatzteile, Munition und dergleichen erbeuten – während die Leopards und die Jäger das Ganze von oben absicherten – und in die landenden Kugelraumer verladen. Und dann würden sie sich wieder zurückziehen. Bis zum nächsten Mal...

Die Frage war bloß, ob die Chevaliers ihre Jäger mit ins Spiel bringen würden. Oder gar selber mit ihrer ganzen Streitmacht losschlugen. Natürlich – gegen vier kampferprobte Bryanter UND die zwei Landungsschiffe wäre das sicher keine allzu gute Idee gewesen, aber wenn möglich war natürlich ein Luftkampf zu vermeiden. Dvensky konnte weder den Verlust eines Jägers, aber noch viel weniger den eines Leopard gebrauchen. Vor allem die feindlichen Stukas bereiteten ihm Sorgen. Nun, manchmal mußte man eben hoch pokern.

Es entsprach natürlich der gängigen militärischen Taktik, Landungsschiffe als Kanonenboote einzusetzen. Aber mit gängigen Taktiken kam man eben nicht immer weit. Und seine Aufklärer – oder, wie er sich säuerlich eingestand, die Aufklärer seiner Innenministerin, denn die und nicht er kontrollierte die Spionage – hatten gemeldet, daß ein Gutteil der Flak anderswo beschäftigt war. Zum Beispiel in den Kämpfen. Eine Taktik, die nachvollziehbar war – aber fatale Folgen haben mochte. Er kontrollierte die Zeitangabe – nur noch wenige Minuten bis zum Abwurf. Er wußte seinen „Flügelmann“ neben sich. Die Leopard-Schiffe trugen neben diesen beiden Mechs – seinem Marodeur und einem Victor – die sechs schwersten Maschinen der 1. Kompanie. Zusammengenommen schon eine beeindruckende Streitmacht, und sechs weitere Mechs würden von dem Union-Lander abgesetzt werden.

Cattaneo
29.03.2004, 17:54
Bryanter Falken

Weit voraus gab die Kommandeurin der Kampfflieger inzwischen den Befehl, der die entscheidende Phase der Attacke einleitete: „Flanke. Flanke. Flanke.“ Sofort korrigierten die Maschinen ihren Kurs, die Formation brach auseinander. Sie selber und eine weitere Corsair bogen ab – die übrigen vier behielten die alte Richtung bei. Der Countdown lief...

Fünfzig Kilometer vor dem Ziel zog sie ihren Jäger hoch, sofort gefolgt von ihrem Flügelmann. Sie würde noch etwas mehr als zwei Minuten bis zum Ziel brauchen – gerade genug Zeit für den Gegner, seine Jäger auf die Rollbahn zu schicken. Mit etwas Glück würde sie so eine weitere der kostbaren Maschinen des Gegners vernichten. Was um so besser wäre, da es im Interesse Bryants lag, der 30. Garde stärker zuzusetzen als deren Gegnern. Denn die ehemaligen Lyraner waren bisher die stärkeren gewesen, und würden bei einer Eroberung den meisten Widerstand leisten.
Doch als sie über ihrem Ziel auftauchte, erlebte sie eine Enttäuschung. Kein Flieger war zu sehen – dafür schlug ihr eine Wand aus Leuchtgeschossen der leichten Flak entgegen. Offenbar hatte der feindliche Kommandeur genug Verstand, seine wenigen Maschinen nicht durch so einen Trick aus der Reserve locken zu lassen. Doch die Majorin ließ sich nicht zu einer Unmutsäußerung hinreißen. Es lief eben nicht immer so, wie man wollte. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen.

Wie Tropfen von einem regenschweren Blatt lösten sich die Bomben – direkt über der Rollbahn. Die Maschine schwankte im Flakfeuer, blieb aber auf Kurs. Hinter dem Jäger brach die Hölle los, als die Betonbrecher die Rollbahn zerrissen. Wenn schon die feindlichen Jäger sich verbargen, so konnte man wenigstens ihren Start zu späterer Stunde verhindern. Aufmerksam huschten ihre Augen über die Anzeigen der Bordgeräte, bereit, sofort auf gefährliche Treffer zu reagieren. Ihre Maschine flog nur wenige Meter über dem Boden. Sie kannte das Terrain aus Aufnahmen – nur so konnte sie ein solches Manöver wagen. Natürlich war es dennoch nicht ganz ungefährlich, aber die Richtkanoniere konnten sie so schlechter anvisieren.
Anflug auf Anflug folgte in dichtem Abstand. Die Flak schwieg längst – Raketen und Bordwaffen hatten sie zum Schweigen gebracht. Aber es wäre vergebliche Mühe gewesen, unter den Bunkern die zu suchen, in denen die Feindjäger standen – und Bunker zu zerstören kostete Zeit. Nun, vielleicht beim nächsten Mal.
Im Gefecht

Über dem Zielgebiet war inzwischen die Hölle losgebrochen. Die Kampfflieger kreisten wie Geier über dem Schlachtfeld – und diese Geier warteten nicht, bis ihr Opfer von selbst fiel...
Zusammen mit den Leopards hatten die Bryanter hier eine Feuerkraft konzentriert, die die wenigen Flakbatterien im Nu zum Schweigen brachte. Ohne Schäden ging es natürlich nicht ab – aber die zumeist leichte Flak hatte keine echte Chance. Wer von den Kanonieren Glück hatte, rettete sich mit einem schnellen Sprung beiseite – aber nicht alle gelang dies. Hier und da detonierten Fehlschüsse – es würde keine gute Nacht werden, auch für die Zivilisten. Ob Splitter der Flakgranaten und Beschuß der Jäger, im Endeffekt war es egal, was sie verwundete und tötete...

Dvenskys Mech rückte unterdessen vor. Die Route, die er nahm, war schon lange vorher ausgespäht worden. In den Archiven des GKVD lagerten genaue Straßenkarten der Zielstädte, und die Karten wurden ständig aktualisiert. Orientierung war das A und O, und wer irgendwo einmarschierte, machte sich nicht nur lächerlich, wenn es ihm an Kenntnissen mangelte – so etwas konnte tödlich enden. Natürlich waren die Informationen nicht immer hundertprozentig genau und aktuell – aber es genügte. Meistens.
Mit einem Fluch kämpfte der Count um die Kontrolle über seine Maschine. Da war ein neuer Gefechtsbunker mit einem schweren Raketenwerfer gewesen, offenbar als Verteidigung für diese Kreuzung, sollten die Cappellaner oder seine Leute angreifen – und der Feind hatte abgewartet, bis er nahe genug heran war. Die Panzerung auf seiner rechten Torsohälfte war ziemlich angeschlagen, und beim rechten Arm sah es noch schlimmer aus. Mühsam stabilisierte er die Maschine und hob den lädierten Arm. Die PPK spuckte einen Lichtblitz aus – daneben. Ein Rucken kündigte davon, daß offenbar die Kondensatoren den Dienst aufkündigten. Hitze wallte auf, als er nun auch den linken Arm hob und feuerte. Diesmal traf er – der Werfer mochte nur noch eine zerschmolzener Haufen Stahl sein. Der Mech nahm den Weg wieder auf, den rechten Arm wie eine Keule schwingend. Dvensky setzte grundsätzlich alle Waffen ein, die ihm zur Verfügung standen...

Die Meldungen von der zweiten Angriffsgruppe trafen inzwischen ein. Die unterschiedlichen Angriffsschneisen waren vorher abgesprochen worden, und dank einem ausgeklügelten Codesystem konnten wenige Worte ein überraschende Entwicklung an die Kameraden weitergeben. Man merkte den Soldaten manchmal kaum an, daß sie ursprünglich Milizionäre und Angehörige von Söldnereinheiten der zweiten Linie waren. Es hatte freilich auch einiges an Zeit und Mühe gekostet, sie zu dem zu machen, was sie heute waren.
Der Angriff der Regulars kam gut voran. Die feindliche Verteidigungsstreitmacht – eine Lanze Mechs und eine Panzerkompanie, dazu etwas Infanterie – wollte offenbar nicht den pathetischen Kampf bis zur letzten Patrone führen, von dem im „Immortal Warrior“ immer die Rede war. Verstärkung würde kaum kommen, so lange die Jäger und Landungsschiffe Bryants den Luftraum kontrollierten. Zweifelsohne bereitete sich die 30. auf einen Gegenangriff vor – aber so viel Zeit würde Dvensky seinen Feinden nicht lassen. Der Herrscher Bryants hütete sich, zu sehr Druck auf die weichenden Feinde auszuüben, er wollte sie nicht in die Enge treiben. Heute ging es um Beute – nicht um Abschüsse. Als die letzten Gegner sich absetzten, gab Dvensky den Kugelraumern die Landung frei. Der Marodeur bezog Wachstellung, während Techniker und Infanterie der Bryanter zusammen mit den Mechs, die helfen konnten, die Beute verluden.

In diesem Augenblick knackte die Kommleitung – Sonderfrequenz. Die Stimme sprach Russisch, und klang irgendwie künstlich. „Alpha. Delta. Hundert Omega.“ Dvensky fluchte. Der Kanal war für die Männer vor Ort reserviert – falls es keine Frauen oder ein Kinder war. Er selber kannte ihre Namen oder Identitäten nicht – die Frequenz wurde immer von einem Techniker des GKVD eingestellt. Auch die Agenten benutzten ein Codesystem, ähnlich dem der Truppen. Alpha bedeutete, die Meldung war wichtig, Delta bedeutete, es drehte sich um die Chevaliers. Hundert Omega teilte ihm mit, daß eine größere Gruppe aktiv war. Vermutlich besetzten sie gerade ihre Mechs und Panzer. Dvensky kannte die Abläufe. Binnen kurze würde die Söldnertruppe einsatzbereit sein. Und das konnte blutig werden. Offenbar war bisher noch nicht abzusehen, was die Söldner planten, aber der Count von Bryant war kein Mann, der Hoffnung über Befürchtung setzte. Besser, er ging vom schlimmsten aus. Würden sie ausrücken? Oder hatten sie nur Angst, jetzt kämen sie oder die kostbare Anlage der Kuttenträger dran?

Sollten sie ihn angreifen, dann würde er seinen Vorteil aus den überlegenen Ortskenntnissen seiner Krieger ziehen können. Sie sahen die Chevaliers – durch die Augen der GKVD-Leute. Und sie kannten den Stadtplan. Mal sehen, ob Danton DAMIT gerechnet hatte. Aber besser wäre es, es käme erst gar nicht zum Kampf. Vielleicht konnte man die Söldner noch ein wenig „entmutigen“ – oder besser ermutigen, neutral zu bleiben.

„Achtung, Meldung an die Luftwaffe. Quadrant 12. Linie 40-50-60. Halten. Tangieren sie es – Warnschuß, dann gezielt Feuer. Probe - 63“ Die Antwort war ein knappes: „Jest!“ Und die Nacht explodierte in Flammen.
Die Landungsschiffe hatten einen Straßenkreuzung unter Beschuß genommen, über die die Chevaliers marschieren mußten, sollten sie in die Kämpfe eingreifen wollen. Wenn dieser Danton kein völliger Narr war... Sollten sie ruhig sehen, was ihnen blühte... Den Gedanken an die Leute, die dort leben mochten, verdrängte er – es fiel ihm nicht schwer. Er war nicht begierig auf ihren Tod, viel lieber wollte er eines Tages über sie herrschen. Nun, seine Schützen schossen normalerweise recht genau. Und wenn es ein paar Opfer gab, dann war das natürlich bedauerlich, aber auch nicht zu ändern. Zugleich beorderte er einige Mechs an seine Seite. Zur Not mußte der Rückzug gedeckt werden...

„Achtung, hier Luftwaffe.“ Dvensky mußte unwillkürlich erleichtert lächeln, als er die Stimme von Major Prokofjewna hörte. Also war sie und ihr Kamerad zu den anderen gestoßen. Sie hatte ihren Einsatz nicht mit dem Leben bezahlt, oder war gefangengenommen worden – etwas, was er immer befürchten mußte. „Die Chevaliers beziehen Verteidigungsstellung. Wiederhole. Sie bilden Blockadeformation.“ Der Count atmete auf – erst jetzt fiel ihm auf, daß er die Luft unwillkürlich angehalten hatte. Wäre Danton ausgerückt, ihm wäre nichts anderes übrig geblieben, als die Crusaders zur Hilfe zu rufen...
Nun, offenbar ging der Altruismus von Danton nicht SO weit. Vielleicht hatte er keine Absprache mit New Home – oder er hatte eingesehen, daß er die Abkunft nicht enttarnen durfte. Nun, mit ihm und seinen Söldnern würde man sich zu gegebener Zeit beschäftigen...

Dvensky schüttelte leicht den Kopf. Wenn Danton glaubte, er könnte ihm, Dvensky, wegnehmen, was er sich aufgebaut hatte – nun, dann würde der Söldner eine Überraschung erleben. Und wenn dieser Clanknecht meinte, die Bevölkerung Bryants wartete auf ihn und Com-Star als Befreier, dann würde der sturmgepeitschte Planet wohl Dantons Grab werden – und das seiner Chevaliers. Dies hier war nur die erste Runde. Er führte seinen Mech zum wartenden Landungsschiff. Sein Ehrgeiz ging nicht so weit, unbedingt als letzter zu gehen – solche Gesten empfand er als zumeist etwas pathetisch. Und das mied er, wenn es nicht sein mußte. Aber er wollte auch nicht als erster einschiffen. Es genügte, wenn seine Soldaten sahen, daß sie sich auf ihn verlassen konnten – wie in so vielen Gefechten bisher.
Als die Landungsschiffe der Bryanter abhoben, waren seit dem ersten Schuß kaum zwei Stunden vergangen. Einige Mechs und drei der Jäger hatten ernstere Beschädigungen davongetragen, jedoch nichts, was sich nicht reparieren ließe. Der Gegner hatte einen Mech und zwei Panzer verloren, dazu etliche Geschütze. Weder die 30. Lyranische Garde noch die New Home Regulars unternahmen einen Versuch, die abziehenden Plünderer aufzuhalten. Der Weltraum nahm die Angreifer auf, die ihm entsprungen waren. Sie würden wiederkommen – vielleicht in einem Monat, vielleicht in zwei oder erst in einem halben Jahr. Aber eines Tages, das schwor sich Dvensky, würden sie bleiben – und diese Welt würde ihnen gehören...

Cattaneo
29.03.2004, 17:55
Ein herzliches Willkommen

Der innere Zirkel Bryants war versammelt. Diesmal war es nicht eines der eher formloseren Treffen der wichtigsten Vertreter des Regimes – diesmal war es eine „Große Lagebesprechung“. Dergleichen fand nur selten statt, und stets vor wichtigen Ereignissen. Wenn es um das unmittelbare Wohl Bryants ging – oder eher, was man dafür hielt. Diesmal waren wirklich alle anwesend. Weshalb man solche Treffen nie am selben Platz stattfinden ließ.
Den genauen Sitzungsort legte Dvensky fest – erst unmittelbar zuvor. Weniger aus Mißtrauen gegen seine Untergebenen – aber jeder konnte einer falschen Personen vertrauen oder abgehört werden. Da es nicht das erste Mal gewesen wäre, daß eine Regierungsmannschaft durch eine einzige wohlgezielte Bombe vernichtet wurde, widersprach keiner.

Der Schatun brachte seine Mitarbeiter auf den neusten Stand der Dinge: „Wie Sie alle wissen, werden diese Söldner in zwei Wochen hier eintreffen. Sie alle haben die Informationen über unsere letzte Operation auf New Home erhalten, und die Auskünfte, die das GKVD über die Chevaliers ermitteln konnte. Sowohl was ihre Vergangenheit angeht, als auch ihre Struktur und ihr Verhalten auf New Home. Es gilt jetzt zu entscheiden, wie wir sie behandeln werden, wenn sie auf unsere Welt kommen.“ Der Diktator von Bryant grinste humorlos – in diesem Augenblick glich sein Gesichtsausdruck eher dem eines Wolfes oder Haies, nicht seinem Namenstier: „Am liebsten würde ich nur ihre zerschossenen Überreste landen lassen, aber diese Option steht uns nicht unmittelbar zur Verfügung.“
Er nickte seiner Geliebten zu, und sein Lächeln gewann etwas an Wärme: „Major Prokofjewna?“ Die Kommandeurin der Luftwaffe wählte ihre Worte mit Bedacht: „Soweit ich dies beurteilen kann, deutet bisher nichts direkt auf konspirative Absichten der Söldner hin.“ Sie blickte kurz zu Major Jegorowa, und die senkte bestätigend den Kopf. Die ehemalige Söldnerin fuhr fort: „Natürlich heißt dies nicht, daß keine existieren. Ich würde vorschlagen, ihnen von Anfang an einen Landungskorridor zuzuweisen. Man sollte ihnen klar machen, daß der Luftraum Bryants unser Hoheitsgebiet ist, und jede Verletzung des Korridors als unfreundlicher Akt gesehen werden kann. Truppenabwürfe und dergleichen sind sogar noch mehr. Ich plädiere dafür, zu verhindern, daß ihre Landungsschiffe eventuell im Orbit verbleiben. Ihr Sprungschiff sollte sich bei der Aufladestation aufhalten, wenn das Schiff gedenkt, so lange hier zu bleiben. Sie haben ja wohl kein eigenes, aber vielleicht zahlt Com-Star genug. Der Verbleib erfolgt natürlich unter Wahrung der Sicheitsbedingungen, falls sie vorhaben sollten, ein Kommandoteam zur Ladestation zu schicken. Ihre Jäger müssen dann ja wohl den Flughafen von Brein oder Tscheljabinsk nutzen, richtig? Und wir haben sie unter Kontrolle und können ihnen vorschreiben, wann sie zu starten und zu landen haben, wo sie fliegen können und wo nicht.“
Dvensky nickte: „Sehr richtig. Falls dieser Danton kein Narr ist, wird er allerdings erkennen, daß er sich so teilweise in unsere Hand gibt. An der Aufladestation haben unsere Schiffe zur Not leichtes Spiel mit dem Sprungschiff, der Rückweg ist ihm damit abgeschnitten – und seine Luftwaffe ist davon abhängig, was wir ihr gestatten. Wenn er etwa Verrat plant, wird er ahnen, daß wir ihm mißtrauen. Und wenn nicht, wird ihn das aufbringen.“
Major Jegorowa mischte sich ein: „Man kann es ihm ja versüßen, indem man die Forderungen in höfliche Floskeln packt. Und er wird einsehen müssen, daß wir in Hinsicht auf die volle Souveränität Bryants auf unseren Bedingungen bestehen müssen. Natürlich könnte man ihm zubilligen, daß seine Schiffe keine Platzgebühren zahlen müssen, daß wir uns so entgegenkommend zeigen wie möglich, was Flugrechte angeht, ihm sogar für wenig Geld unsere Techniker ausleihen...“ Sie verstummte, als die anderen Mitglieder des Regierungsrates in Gelächter ausbrachen. Ihnen allen war klar, warum Jegorowa das letzte „Angebot“ gemacht hatte. Natürlich hatte sie auch dort ihre Leute. Sie selber lächelte schmal angesichts der allgemeinen Heiterkeit. Devnsky schüttelte den Kopf: „Ich halte Danton nicht für SO dumm... Aber wir können es versuchen.“ Er überlegte: „Was Manöverrechte angeht, so gilt das selbe. Ein Verlassen der ComStar-Basis muß von einer Person mindestens im Majorsrang genehmigt werden. Größere Aufmärsche sowieso nur in bestimmten Gebieten. Wir werden ihnen anbieten, eine direkte Verbindung herzustellen, auf der sie ständig jemanden der Führung erreichen können. Wir bieten ihnen gute Bedingungen an, was Ersatzteile und dergleichen angeht, und Techniker. Sie müssen natürlich bezahlen. Ich rechne nicht damit, daß sie annehmen, aber wenn doch, sollen unsere Leute die Augen offenhalten.“

Nun meldete sich Colonel Thomsen zu Wort: „Mir will bloß nicht gefallen, daß die Söldner hier in Brein eine Truppe haben werden, die unseren Truppen fast ebenbürtig ist, Count. Ich würde lieber noch einige Elemente aus dem Norden hierher verlagern.“ Er neigte den Kopf, den Widerspruch von Tereschkow registrierend: „Ich weiß, Major. Damit schwächen wir Ihre Truppen, und sollte das ganze ein Ablenkungsmanöver sein, wären die Folgen fatal. Aber hier liegt unser Nervenzentrum.“ Auch Dvenskys Schwester schien Widersprüche anzumelden. Sie war oft als administrative Vertreterin des Schatun in Tscheljabinsk – möglicherweise auch, um Major Tereschkow näher kennenzulernen und ihre Zeit mit ihm zu verbringen, auch wenn dies nicht sicher war – und fühlte sich für den Nordkontinent verantwortlich: „Immerhin haben Sie hier Luftwaffe und bereits einen erheblichen Teil unserer Streitkräfte.“ Major Prokofjewna lächelte leicht bissig – sie und Dvenskys Schwester waren nicht eben befreundet – und mischte sich wieder ins Gespräch ein: „Aber hier liegen auch die wertvollsten Einrichtungen, nicht zuletzt alles, was wir an Rüstungsindustrie aufbauen konnten.“ Natalija konnterte: „Sie meinen wohl, vor allem die ersten Maschinen die Ersatzteile und Treibstoff für Ihre kostbaren Jäger liefern, Major?“
Dvensky beendete die aufkeimende Auseinandersetzung. Er wußte, seine Untergebenen setzten sich in erster Linie für das ein, was sie für richtig hielten – aber wenn sich das unterschied und eventuell persönliche Antipathien dazukamen...

„Ich denke, die Truppen, die wir hier haben, werden reichen. Wenn wir wachsam genug sind. Außerdem stehen uns die Verbände der Crusaders zur Verfügung. Ich habe vor, sie aus Sicherheitsgründen bei Tscheljabinsk zu belassen. Die Chevaliers dürfen nicht erfahren, daß wir hinter dem Angriff auf New Home stecken. Die Crusaders dürften verlässlich sein. Nach allem was wir wissen, werden sie wenig Grund haben, Danton zu lieben. Aber sie sollten versteckt bleiben, damit die Chevaliers nicht gleich über sie stolpern. Deshalb müssen wir verhindern, daß Danton über Altario Luftaufklärung betreiben kann. Ich werde zudem anregen – persönlich, manche dieser Söldnerhäuptlinge sind da etwas heikel – die Maschinen umzuspritzen. Mit den Crusadermechs können wir einen Angriff auf Altario sicher abschlagen, sie sind weit moderner als vieles von dem, was uns zur Verfügung steht.“ Er musterte Major Jegorowa: „Ich weiß, auch dieser Carter gilt nicht als hundertprozentig verlässlich, aber ich denke, seine persönlichen Antipathien sind stark genug, daß wir sie für unsere Zwecke nutzen können.“ Er überlegte kurz: „Und da uns so sechs zusätzliche Mechs zur Verfügung stehen, verlagern wir die Zweite Lanze der Ersten Kompanie nach Brein. Damit sind wir den Chevaliers mehr als gewachsen – und Tscheljabinsks Verteidigung ist dennoch gestärkt. Wir haben dann um Brein immerhin 18 Mechs, unsere Luftwaffe, die mittelschwere Panzerkompanie und weitere Verbände. Gemessen an unseren Möglichkeiten sollte das genügen.“ Major Tereschkow schien darüber nicht sehr glücklich, aber er akzeptierte die Logik des Entschlusses.

Natürlich gab es Einspruch, aber keinen sehr massiven. Die Mitglieder des Regierungsrates sahen die Notwendigkeiten ein. Man einigte sich schließlich darauf, daß ein Gutteil Truppen verdeckt in der Nähe des Raumhafens in Bereitschaft stehen würden, um im Falle einer Hinterlist – etwa, wenn die Lander bis oben hin mit Sturmtruppen vollgestopft waren – loszuschlagen. Brein würde in Alarmbereitschaft versetzt werden – inklusive Straßensperren und Luftschutz. Auch in Tscheljabinsk würde man auf der Hut sein. Dvensky stimmte nur sehr zögerlich zu, daß die Begrüßung der Chevaliers durch seine Schwester stattfinden würde. Aber man würde auch den örtlichen Akulothen ComStars hinzuziehen – das würde die Chevaliers vielleicht von einer Dummheit abhalten. Denn wenn sie etwas eine Geiselnahme versuchten, dann drohte auch dem Vertreter ihrer Auftraggeber Gefahr – und der konnte dann schwerlich leugnen, mit ihnen im Bunde zu stehen. Und Dvensky hatte vor, auf jeden Fall ein paar Sniperteams zu postieren – zusätzlich zu den angetretenen Truppen.

Blieb die wichtigste Frage – wie sollte man die Chevaliers während ihres Aufenthaltes behandeln? Vor allem in geheimdienstlicher Hinsicht war das eine heikle Sache. Major Jegorowa faßte ihre Vorstellungen zusammen: „Unsere Leute bei den Dissidenten werden natürlich die Ohren offen halten. Die Chevaliers erhalten die Möglichkeit, Bryant-Geldkarten zu erwerden, denn die C-Note ist ja in unserer internen Wirtschaft nicht im Einsatz. So erhalten wir auch noch ein paar Devisen. Ich werde dafür sorgen, daß die Karten eine Datenbombe angehängt bekommen, die eine für unsere Spezialisten sichtbare Spur hinterläßt, wenn man damit etwas einkauft. So können wir immer feststellen, wer sich wo aufhält. Wir arbeiten daran, die ComStar-Anlage passiv auf das sorgfältigste zu überwachen – optische Beobachtung, Lauschmikros, Kameras und so weiter. Natürlich auch die Zugangsstraßen. Das tun wir ja schon seit geraumer Zeit, aber jetzt werden wir es intensivieren. Wenn sie ein Abkommen mit einer Lieferfirma treffen – sie werden nicht alle Lebensmittel mitschleppen, und ob sie die nötigen Reinigungskräfte und dergleichen dabeihaben, bleibt abzuwarten – werden wir das ebenfalls für unsere Zwecke nutzen.“ Sie schien erfreut, als sie Dvenskys Zufriedenheit bemerkte. Doch in einem Punkt hatte er noch ein Ergänzung: „Sollten sie versuchen, mit irgendwelchen subversiven Elementen Kontakt anzuknüpfen, dann sehen Sie zu, was die Söldner wollen. Und wenn Sie können, lassen Sie die Chevaliers etwas tun, was uns eine feste Handhabe gibt. Eine Bitte um Hilfszusagen, Waffenlieferungen oder dergleichen. Sie haben ja Ihre Leute im ,Widerstand’.“ Der Schatun lächelte verächtlich. Der Widerstand auf Bryant war weitestgehend unterwandert und unter der Kontrolle von SMERSCH. Er diente als Ausgleichventil für Inzufriedenheit, und deshalb zerschlug man ihn nicht.

Die Geheimdienstchefin nickte. Sollten die Chevaliers so einen Fehler begehen, dann hatte Dvensky eine Handhabe, nötigenfalls loszuschlagen – ComStar würde es schlucken müssen. Er und seine Untergeben würden das Menschenmögliche tun, um ihren Planeten zu sichern. Die Frage der Moral stellte sich dabei erst gar nicht. In der Hinsicht waren sie alle perfekte Machiavellisten.

Dvensky faßte das Ergebnis am Ende noch einmal zusammen: „Wir werden die Söldner mit Wachsamkeit behandeln – etwas anderes würde sie sofort mißtrauisch machen. Wir werden dabei aber immer Korrektheit zeigen und uns um gute Beziehungen bemühen. So, als wollten wir nichts lieber, als daß sie wieder verschwinden und wir keinen Grund hätten, ihn unmittelbar etwas zu unterstellen. In Wahrheit müssen wir natürlich vorbereitet sein, loszuschlagen. Sie dürfen nicht den Eindruck haben, wir wollten sie einlullen. Danton weiß sicher, daß wir mit ComStar bereits Katz und Maus gespielt haben. Wenn wir ihm eine Vorzugsbehandlung einräumen, wird er gleich erkennen, daß wir etwas verbergen. Ich halte ihn nicht für so dumm zu glauben, wir würden gerade jetzt einen freundlichen Krus fahren, wo Com-Star dabei ist, abzuziehen. Täuschung ist alles.“ Und er sah ihnen an, daß sie ihn verstanden hatten. Eigentlich gab es nichts mehr zu sagen – aber Major Jegorowa schien sichergehen zu wollen: „Wenn die Chevaliers vorhaben uns zu verraten – was machen wir dann mit ihnen?“ Der Schatun zögerte keine Sekunde: „Wenn sie uns nehmen wollen, was wir uns hier aufgebaut haben, werden sie sterben.“ Sein Gesicht, seine Stimme war vollkommen kalt und gelassen – das machte seine Worte noch drohender. Und er hatte bewiesen, daß er selten leere Versprechungen machte.

Cattaneo
29.03.2004, 17:55
Neuanfang

Das leichte, gepanzerte Fahrzeug hob sich durch nichts von seinen Begleitern heraus. Die drei Schützenpanzerwagen wirkten in ihrem weißen Tarnanstrich im unsicheren Licht des Nachmittags wie Nebelfetzen, Schwaden von Schnee, die der stürmische Wind vor sich her trieb. Immer wieder wechselten sie die Rheinfolge. Die Maschinengewehre schwenkten wachsam von einer Seite zur anderen. Niemand hätte sagen können, welches Fahrzeug sich im nächsten Augenblick wo befand. Und genau das beabsichtige man auch.

Die Fahrzeuge verlangsamten nicht, als sie den Eingang des Flughafens passierten. Die Straßensperre war auf einem über Funk erteilten Befehl hin geräumt worden. Sie donnerten vorüber, ohne sich um den Salut der wachhabenden Soldaten zu kümmern. Zielsicher fanden sie ihren Weg durch die gewaltige Anlage – viel zu groß für eine Welt mit weniger als 100.000 Einwohnern, wie so vieles auf Bryant. Inklusive der Visionen des Herrschers, wie einige insgeheim meinten.

Das Ziel war ein gewaltiger Hangar – einst Unterkunft eines Landungsschiffes, ein sicherer Schutz vor den Stürmen der Polarregion. Heutzutage wurden trotz allen durchaus erfolgreichen Bemühungen des Herrschers von Bryant nur ein Bruchteil der zahlreichen Lagerhallen und Hangars – Bunker hätte es eher getroffen – genutzt. Nun, auf diesem Planeten wurden keine Ressourcen verschwendet, und irgendeine Nutzungsmöglichkeit fand sich immer.

Man hatte die halb unterirdisch gebaute Anlage zu einem Versammlungsraum umgearbeitet – die Lagerräume für das technische Zubehör waren in Behelfsunterkünfte verwandelt worden. Man hatte Wände in die Nebenhallen eingezogen und Fertigbaumöbel eingebaut – was sich hier befand, war weit besser als die standardmäßigen Notquartiere für Flüchtlinge. Außerdem war die Anlage selten ganz ausgelastet.

Dennoch war es eine durchaus eindrucksvolle Menschenmenge, die dort wartete. Die Menschen wirkten zum Großteil recht uniformiert – die meisten trugen dunkle Kleidungsstücke, die man an sie verteilt hatte. Die Sachen, mit denen sie angekommen waren, waren oft zerlumpt und verdreckt gewesen. Dvensky verstand sich auf die Wirksamkeit von Symbolen und Gesten – und ehe er die Menschen auf seiner Welt willkommen hieß, wurden sie eingekleidet, medizinisch versorgt, erhielten Essen und die Möglichkeit, sich zu waschen. Dann erst trat er vor sie – mit einem gewissen Kredit durch diese Vorleistungen.

Der Diktator vor Bryant stand auf. Wie immer bewegte er sich geschmeidig – mitunter gab ihm das etwas drohendes. Er blickte kurz seinen Adjutanten an: „Wie viele?“ Der junge Mann, den man weniger wegen seiner administrativen Befähigungen, als wegen seines Wuchses, seiner Fähigkeiten mit der Pistole und dem Impulslaser sowie seiner fanatischen Ergebenheit und Opferbereitschaft ausgewählt hatte, zögerte einen Augenblick, dann fiel es ihm wieder ein: „Zweitausend, eure Hoheit.“ Der Herrscher lächelte dünn. Einerseits erfüllte ihn die Mitteilung mit Genugtuung – andererseits war es für ihn auch nach den Jahren der Herrschaft eine Quelle der Erheiterung, wenn er mit „Hoheit“ angeredet wurde. Er, ein einfacher Milizoffizier. Er ließ es sich nicht zu Kopf steigen – was erhöht wurde, konnte auch wieder erniedrigt werden – aber es war ein sehr gutes Gefühl. Dann straffte er sich und sprang aus dem Schützenpanzerwagen. Eine kaum merkliche Handbewegung sorgte dafür, daß seine Soldaten – Para-Commandos – nur in loser Formation umgaben. Er wollte nicht wie ein Despot wirken, der Angst vor seinem Volk hatte. Denn das waren sie jetzt, oder würden es binnen kurzem sein. Entweder das – oder es gab für sie keine Existenz auf Bryant.

Mit festen, zielsicheren Schritten ging er zu der kleinen Tribüne, die man errichtet hatte. Auch diese scheinbar banale Anlage war sorgfältig geplant worden. Sie durfte nicht zu schäbig wirken – aber auch nicht überladen und protzig. So war sie relativ niedrig, aber doch gut zu sehen, und ausgeschlagen mit dem Wappen Bryants. Flankiert von zwei Soldaten und seinem Adjutanten trat der Diktator von Bryant ans Rednerpult.

Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Zweitausend Menschen warteten hier auf ihn. Sicher blickten sie nicht zu ihm auf wie zu einem Messias – so naiv waren die wenigsten. Es war eher ein profundes Mißtrauen und Vorsicht, mit dem er rechnete. Allerdings erwartete – und fand – er auch Dankbarkeit. Eine korrekte Behandlung, heißes Wasser, saubere Kleidung, nahrhaftes Essen – für nicht wenige von diesen Menschen war dies keine Selbstverständlichkeit. Denn nicht viele Leute, die dergleichen hatten, wären nach Bryant gekommen. Der Planet galt nicht als reich, er lag in den Chaosmarken, wurde von einem Emporkömmling regiert. Sicher, dieser Emporkömmling hatte Geschäftsbeziehungen mit einigen angesehenen Unternehmen und zahlte akzeptable Löhne für Arbeiter mit der Perspektive, hier eine Heimat zu finden und soziale Anerkennung. Aber damit alleine hätte Dvensky nie genug Menschen für seine ehrgeizigen Pläne anlocken können – Pläne, die vielleicht erst unter seinen Erben, so sie sich den halten konnten, reifen würden.
Wie so viele „Länder ohne Menschen“ hätte er auf Anreize setzen können – doch mit positiven Lockungen konnte er nur bedingt dienen. Aber er offerierte, was in diesen Tagen nicht eben häufig war: Chancengleicheit und Sicherheit. Er bot einen Planeten, der ein Militär hatte, das sich nicht gegenseitig unter Feuer nahm, einen Welt, auf der weder Krieg noch Bürgerkrieg tobten. Eine Regierung, die als hart, aber korrekt galt, und gegen Kriminalität scharf durchgriff. Eine Welt, in der niemand wegen Rasse, Religion, Geschlecht oder sozialer Herkunft diskriminiert wurde. Das war keine Selbstverständlichkeit. Das alte Vereinigte Commonwealth, besonders die ehemaligen Liaogebiete, die Davion im Vierten Nachfolgekrieg eroberte hatte, war ein Staat gewesen, in dem Rassendiskriminierung und Vorurteile an der Tagesordnung gewesen waren. Prinz Victor hatte nie ein Interesse gehabt, daran etwas zu ändern – er war Davion, und mit Vorurteilen gegen die ehemaligen Cappelaner aufgewachsen. Und jetzt, während im VerCom und der Lyranischen Allianz der Bürgerkrieg tobte, und die Chaosmarken vor Kriegerfürsten regiert wurden, feierte die rassistisch motivierte Unterdrückung ein glanzvolles Comeback.

Manche Warlords lehnten bestimmte Bevölkerungsgruppen ab, andere hatten religiöse Vorurteile. Nicht etwa so häufig, weil sie selber an ihre Parolen glaubten – es war vielmehr praktisch, lokale Feindschaften zu bedienen, um die Bevölkerung hinter sich zu bringen. Man konnte so Sündenböcke identifizieren, Güter einziehen und mit Hilfe eines klaren Feindbildes die neuen „Staatsgebilde“ festigen. Fast alle jungen Staaten brauchten ein einigendes Element – und nichts war besser geeignet als die Angst vor dem Fremden, auch wenn der Fremde der Nachbar von gestern war. Ob es seine Kultur, seine Hautfarbe oder seine Religion war, das spielte keine Rolle. Auf anderen Welten war jegliche Regierungsgewalt zusammengebrochen, plündernde Banden zogen umher und terrorisierten die Einwohner, während die Infrastruktur zusammenbrach. Der Bürgerkrieg und die blutigen Repressionen der Putschisten und Loyalisten sorgten dafür, daß es immer wieder Menschen gab, die im VerCom keine Zukunft mehr sahen. Und manche waren verzweifelt genug, nach Bryant zu kommen. Dvensky nahm sie alle. Er nahm die Waisen aus den staatlichen Fürsorgeeinrichtungen, die auf vielen Welten hoffnungslos überlastet waren – wenn man dort nicht ebenso klug war wie er, und die Jugendlichen zum Arbeitsdienst oder als Kindersoldaten rekrutierte. Er ließ sie von seinen Abgesandten – Händlern, die er anheuerte und deren Bemühungen er finanzierte und streng überwachte – von der Straße holen. Er holte sich Menschen – gegen Lieferungen von Bodenschätzen aus den Internierungslagern und sogar aus den Gefängnissen. Kleinkriminelle, Verzweifelte, Unerwünschte. Er gab ihnen eine Chance – eine einzige nur, aber mehr, als man ihnen anderswo gewährte.

Natürlich tat Dvensky dies keinesfalls aus Großzügigkeit oder Freundlichkeit. Er war ein Mann, der wenige Skrupel, dafür um so mehr Visionen hatte. Für diese Visionen brauchte er Menschen. Er brauchte sie als Soldaten, als Arbeiter – als Humankapital. Ohne Menschen war Bryant nichts weiter als ein eisiger, von Stürmen gepeitschter Planet ohne gute Vergangenheit und ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er brauchte Menschen, wollte er mehr werden, als Herr einer besseren Kleinstadt – wenn er ein HERRSCHER werden wollte. Und so nahm er, was er bekommen konnte. Er würde all das Material, daß die anderen nicht wollten, einschmelzen und für seine Zwecke neu schmieden. All das, was andere als unsicher, feindlich, unbequem eingeordnet hatten. Das war seine Vision – und er würde sich daran weder von Herrschern noch von den Menschen vor ihm daran hindern lassen.

Der Diktator schwieg gerade lange genug, damit weitestgehend Schweigen eintreten konnte. Länger zu warten hätte die Stille zur Belastung werden lassen. Wenn einige Kinder noch schwatzten, ein paar Säuglinge weinten – ihn focht das nicht an. Seine Stimme klang ruhig, nicht übertrieben freundlich, aber auch keineswegs erhaben. Er sprach Standartenglisch – in Worten, die der einfache Mensch verstand. Keine geschliffenen Phrasen, nicht die Sprache der gehobenen Schichten – der normale Slang der Mittelschicht.
„Im Namen des Volkes und der Regierung von Bryant – Willkommen!
Ich will Euch nicht mit einer Lüge begrüßen – es wäre falsch, und Euch und Eurem Schicksal gegenüber nicht gerecht.
Ich weiß, daß es für viele von Euch nicht leicht ist, hier zu stehen. Ihr seid auf diese Welt gekommen, um eine sichere Zuflucht zu finden – eine Zuflucht, die Euch Eure alte Heimat nicht bieten konnte. Es gibt viele ungerechten Dinge – doch dies zählt zum Schlimmsten, was man einem Menschen antun kann. Ein Mensch mag an vielen Orten leben, doch nur einen Platz nennt er Heimat. Den Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte, an dem er aufwuchs, an dem er auch seine Kinder aufwachsen sehen will. Sicher und geborgen – und mit der Gewißheit, daß es eine Zukunft gibt, für die zu arbeiten es sich lohnt.
Ich weiß – vielen von Euch hat man diesen Platz, hat man diese Zukunft genommen. Ich will nicht über das Leid und den Schmerz hinweggehen, der viele von Euch erfüllen muß. Ihr kamt hierher, weil man Euch in Eurer angestammten Heimat das Recht entzogen hat, Euch ein besseres Leben aufzubauen. Man hat Menschen beschimpft, beraubt, mißhandelt. Ihr habt Euch entschlossen, dies nicht länger mehr hinzunehmen. Deshalb seid Ihr hier.
Ich weiß, dieser Planet ist nicht Eure angestammte Heimat, und noch lange werdet Ihr voller Schmerz an Eure alte Heimat zurückdenken – und ich kann euch dies nicht verdenken. Die Wurzeln, die jeden Menschen mit der Heimaterde verbinden, sind fest, und langsam heilen sie, wenn man sie brutal herausreißt.
Dennoch habe ich die Hoffnung, daß Ihr Eure neue Heimat eines Tages lieben und achten werdet, wie Eure alte. Denn auch wenn Ihr hier keine Vergangenheit habt – eine Zukunft wird es hier für Euch geben. Für Euch, Eure Kinder und deren Kinder. Eine Heimat für kommende Generationen, von der niemand Euch vertreiben wird!
Ich will Euch nicht täuschen – Bryant ist kein Paradies. Hier blühen keine Gärten, hier wartet kein Leben im Luxus – das wißt Ihr, und Ihr habt auch nichts dergleichen erwartet. Bryant ist wie ein Diamant – roh, ungeschliffen ist er wenig ansehnlich. Er muß erst bearbeitet werden, mit Fleiß und unter großen Mühen geschliffen, bevor er seine ganze Pracht entfaltet. Wir haben Bodenschätze und Naturschätze – wir haben all das, um aus dieser Welt eine blühende Enklave zu machen – doch der Weg dorthin wird lang sein, und voller Beschwerden. Aber wenn wir ihn gehen, gemeinsam, mit vereinten Kräften, dann werden wir Erfolg haben.
Ihr habt Eure alte Heimat geliebt, das weiß ich. Ihr habt sie erst verlassen, als die Unterdrückung, als Krieg und Not unerträglich wurden. Hier, auf Bryant, habt Ihr die Gelegenheit, etwas Neues aufzubauen. Nicht für irgendwelche kriminellen Warlords oder für ferne Herrscher, die euren Reichtum und euer Leben um einer Laune Willen verschleudern. Sondern für Euch, Eure Mitbürger – und die kommenden Generationen.
Die Vergangenheit liegt hinter euch. Was früher war, ist jetzt nicht mehr von Belang. Ihr habt ein neues Kapitel im Blatt Eures Lebens aufgeschlagen – die Blätter sind weiß und leer. Ihr werdet sie beschreiben, und es liegt allein an Euch, was spätere Generationen über euch lesen werden. Aber ich bin mir sicher, daß Ihr eine Geschichte schreiben werdet, die Ihr dereinst voll Stolz an Eure Nachkommen weitergeben könnt, damit Sie sie fortsetzen. Und deren Kinder werden das Buch fortschreiben – und dies durch Euch und dank Euch. Denn ihr habt Ihnen den Weg bereitet, Ihr werdet das Fundament legen, auf daß sie aufbauen.
Diesen Weg zu beschreiten, dazu seid Ihr hier. Ihr habt Euch dazu entschlossen, die Brücken hinter Euch abzubrechen. Die Zukunft wartet auf Euch – und Ihr entscheidet, wie Ihr sie gestalten werdet.
Gemeinsam, davon bin ich überzeugt, werden wir den Grundstein legen, um aus Bryant eine bessere Welt zu machen. Einen Hafen des Friedens, der Sicherheit und der Toleranz inmitten eines von Krieg und Bürgerkrieg gepeitschten Universums. Eine sichere Zuflucht, die uns kein Feind rauben wird und die, das verspreche ich Euch, unsere Soldaten immer zu verteidigen wissen werden. Denn sie kämpfen nicht für Kriegsherren, denen es nur um ihre abscheulichen Gelüste geht, und nicht für ferne Herrscher, die für NICHTS – ALLES fordern. Sie kämpfen für Ihr Heimat, Ihre Familien, und in ihrem Schutz werden die kommenden Generationen heranwachsen. Bis Bryant, dieser rohe Edelstein, ein kostbares Juwel dieses Universums sein wird – eine Welt, vor allem für Ihre Einwohner.
Männer, Frauen, Kinder – im Namen der Zukunft, eurer, unserer Zukunft heiße ich Euch Willkommen!“

Es gab keinen Sturm der Begeisterung – doch der Diktator hatte damit auch gar nicht gerechnet. Diese Menschen waren mißtrauisch und unsicher, das konnte ihnen niemand verdenken. Dvensky trug dem Rechnung – er zielte gar nicht darauf ab, eine glühende Verehrung seiner Person bei ihnen hervorzurufen. Alles, was er beabsichtigt hatte, war, eine Grundlage zu schaffen. Die Menschen mußten zumindest die Bereitschaft haben, sich auf Bryant und auf dessen Herrscher einzulassen. Indem er ihnen klarmachte, daß es kein zurück gab, forderte er sie zugleich gebieterisch auf, sich auf das Neue einzulassen. Sie hatten keine andere Wahl – das war allerdings nicht einmal Dvenskys Verdienst. Andere hatten Vorarbeit geleistet, unbeabsichtigt, doch deshalb nicht weniger gründlich. Er wußte, er hatte sie erreicht. Sie würden einen Neuanfang versuchen, und er würde diesen Neuanfang dirigieren. Sie alle waren das despotische Herrschaftssystem der Inneren Sphäre gewohnt – Freiheiten waren Gnadenerweise, und in den Zeiten von Krieg und Bürgerkrieg wurden Konventionen und Rechte wie dürres Reisig von einer Sturmflut hinweg gerissen. Wie sollten sie also aufbegehren? Was Dvensky ihnen versprach, war zumindest Sicherheit und Stabilität, zumindest die Hoffnung darauf. Eine Regierung, die vor Ort war, nicht ein vagabundierender Prinz mit vollmundigen Versprechen, der „seine Heimat“ mit Blut und Vernichtung überzog, mit fremden Soldaten kämpfte. Auch nicht das Chaos der Warlords, deren Soldaten sich nahmen, was sie wollten, und die kein „Nein“ gelten ließen. So wenig – und doch so viel bot er ihnen. Und sie würden annehmen.

In seinem Schützenpanzerwagen lächelte der Diktator. Man würde die Siedler schon morgen in ihre neuen Quartiere bringen. Der Staat von Bryant bot ihnen Unterkunft und Grundversorgung – und sie würden diese Schuld abarbeiten. Wer kriminell würde, gar aufbegehrte, den würde man hart bestrafen – wie die Menschen es gewohnt waren. Die Einschränkung ihrer Freiheiten nahmen die meisten als selbstverständlich hin. Wer gut arbeitete, würde belohnt werden. Und für eine Behandlung als Menschen, dafür, daß er sie nicht diskriminierte, nicht enteignete, ihre Häuser nicht der Plünderung und die Frauen nicht der Vergewaltigung überantwortete wie so viele seiner „Kollegen“ – dafür würden sie ihm treu dienen, ihn am Ende vielleicht sogar lieben lernen als Herrscher. Wie wenig doch dazu gehörte, einen Menschen glücklich zu machen, der alles bedroht wußte, was ihm teuer war. Dvensky machte sich keine Illusionen – die Bedrohung, die die Bevölkerung an ihn kettete, würde kaum jemals zu existieren aufhören. Und so würde auch das Band zwischen ihm, seinen Nachfolgern und seinen Untertanen erhalten bleiben. So wie er sie, brauchten sie ihn – so einfach war das.

Einen Augenblick dachte er an seine eigenen Kinder. Er hatte nicht gelogen – er rief diese Menschen nicht nur aus Machtgier nach Bryant. Sicher, er wollte hoch hinaus, und dafür brauchte er sie. Aber mehr noch wollte er seinen Kindern und Nachfolgern etwas hinterlassen, etwas, das bleibend war. Er wollte eine Machtbasis schaffen, die sich behaupten konnte. Aus dieser Welt sollte ein Reich werden, daß die Nachbarplaneten direkt oder indirekt dominierte, und das unangreifbar für lokale Rivalen war – für die Großmächte aber ein nützlicher Verbündeter im Chaos der Marken. Im Grunde mußte er Victor für seine dilettantische Politik danken. Dank des Prinzen Dummheit waren die Marken erst entstanden, und dank seines Bürgerkrieges würden sie keinesfalls so schnell durch eine erstarkende Zentralmacht wieder vereinnahmt werden. Man würde solche wie ihn brauchen – nüchterne Machtmenschen mit einer Basis, die als lokale Handlanger fungierten. So waren Kriegsfürsten seines Schlages noch immer am besten gefahren. Es war machbar, anderen war es geglückt – und auch ihm würde es gelingen.
Seine Kinder würden ein Reich erben, daß eine Zukunft hatte. Sie würden das Buch der Herrscherfamilie Bryants weiterschreiben, dessen erste Kapitel sein Werk waren. Konnte ein Mensch mehr erhoffen?

Heute, an diesem Tag, hatte Bryant eine weitere Schlacht gewonnen – bedeutender als die Scharmützel mit seinen Nachbarn. Jeder Mensch, der auf den Planeten kam, um hier eine neue Zukunft zu finden, war ein Schritt in Richtung der Unterwerfung von Dvenskys Rivalen. Das würden diese noch erkennen – aber erst, wenn es zu spät war. Bryant hatte nun 93.127 Einwohner – und Dvensky war diese Zahl noch wichtiger als die Beute seines letzten Raubzuges. Denn hierin, in diesen Menschen, lag die Zukunft – und sein Lebenstraum. Und den würde er sich von niemandem nehmen lassen.

Cattaneo
29.03.2004, 17:56
Ankunft
Im Konferenzraum war reichlich Platz, obwohl augenblicklich mehr als die Hälfte der Mechkrieger Bryants hier versammelt waren. Freilich war diese „mehr als die Hälfte“ nicht sonderlich viel, und wie so vieles war auch dieser Raum einst für ganz anders dimensionierte Aufgaben bestimmt gewesen. Vermutlich hatten in Sternenbundzeiten die Angehörigen der planetaren Miliz hier ihre Briefings abgehalten. Aber diese Zeiten waren vorbei. Heute brachte es selbst Dvenskys stark ausgebauter Militärapparat gerade mal auf ein verstärktes Regiment. Das würde genügen müssen.
Dennoch wäre es töricht von jedem Gegner gewesen, wenn er die Männer und Frauen gering geachtet hätte. Sie alle hatten in den letzten Jahren reichlich Kampferfahrung gesammelt, sie wußten, worum es ging und was ihre Aufgabe war. Sie kannten einander, vertrauten sich weitestgehend, und vor allem hatten sie ihre Loyalität zu ihrer Welt und ihrem Herrscher mehrfach bewiesen. Darauf kam es letzten Endes an.

Der Vicomte von Byrant unterschied sich in seiner Felduniform nicht von seinen Untergebenen. Er wußte sehr genau, wann er der Fürst, und wann er der Milizionär sein mußte. Herrscher, die dies nicht vermochten, entfremdeten sich von der Truppe, oder sie übersahen über den rein militärischen Belangen die mindestens ebenso wichtigen politischen. Beides endete in diesen Zeiten schnell tödlich – und in der Freien Inneren Sphäre herrschten „diese Zeiten“ eigentlich seit dem Zerfall des Sternenbundes. Patriotische Ansprachen waren hier nicht vonnöten – hier war er zum Gutteil der Bataillonschef, der sich mit eiserner Entschlossenheit an die Spitze gesetzt hatte. Seine Stimme klang beinahe gelangweilt, nüchtern – aber die Soldaten lauschten ihr, auch Colonel Thomsen. War er auch sonst Oberbefehlshaber der Bryant Regulars, wenn wie heute der „Schatun“ persönlich an einer Aktion teilnahm, dann ordnete er sich unter. Schließlich verdankte auch er seinen Aufstieg Dvensky.

„Ich fasse noch einmal zusammen: die Sensorenaufklärung unserer Späher haben nichts ergeben, was darauf hindeutet, daß an Bord der Landungsschiffe der Söldner weitere, getarnte Truppen waren. Auch die Bewaffnung ist nicht hochgerüstet. Die aufgetretenen Mechs und Panzer entsprachen den Profilen, die wir bereits vorher ermittelt hatten.“ Dvensky lächelte sarkastisch, als er die Söldner erwähnte, die in seinem Auftrag die Chevaliers überfallen hatten. Dantons Truppe hatte kein gutes Bild geboten. Dann wurde er wieder ernst: „Wir können natürlich nicht völlig ausschließen, daß die Chevaliers auf New Home noch Verstärkung erhalten haben. Wir haben sie zwar nach Möglichkeit überwacht, aber angesichts der angespannten Lage ist eine lückenlose Überwachung natürlich nicht möglich. Wir können auch nicht restlos ausschließen, daß sie nicht während des Fluges zum Sprungpunkt weitere Einheiten aufgenommen haben. Dies ist zwar unplausibel, doch es hat dergleichen schon gegeben.“ Wieder ein leicht ironisches Lächeln: „Nur glaube ich nicht, daß wir unseren Feinden einen solchen Aufwand wert sind.“

Die anderen Soldaten lachten ebenfalls. Viele waren Kinder Bryants, aber sie wußten genau so wie Dvensky, daß ihre Welt wie auch ihre Gegenspieler über den Rang von „local players“ nicht hinauskam. Zumindest im Augenblick. Der Diktator wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war: „Sie alle haben das Bildmaterial studiert. Es scheint so, als ob sowohl eines der Landungsschiffe als auch einige der Mechs leichte und mittelschwere Schäden davongetragen haben. Der Kampftitan ist mit etwas Glück dauerhaft kampfunfähig. Die Bewegungsmuster der Söldnermechs lassen darauf schließen, daß die Chevaliers immer noch erhebliche Probleme mit der Koordination haben – bei der Erfahrung ihrer Piloten und den verschiedenen Herkunftsplaneten eigentlich kein Wunder. Wenn ihr Anführer kein vollkommener Idiot ist, wird er das auch erkannt haben. Dennoch rechne ich nicht damit, daß er alle Probleme so schnell abbauen kann. Besonders in Sachen Koordination verschiedener Waffengattungen können ein paar Wochen Übung einfach nicht ausreichen. Bisher deutet nichts, ich wiederhole nichts, darauf hin, daß die Söldner ein geheimes Abkommen mit unseren Feinden auf New Home haben. Weder wurden die Chevaliers bei unserem letzten Besuch aktiv, noch behinderten die New Home-Truppen die Crusaders. Aber das kann auch nur bedeuten, daß sie es ernst meinen mit ihrer Konspiration, oder die Chevaliers arbeiten für eine dritte Macht. Oder Com Star will sie benutzen, um hier die Macht zu übernehmen.“
Im Krieg galt, wie so oft im Gericht, der Grundsatz: „Schuldig bis zum Beweis der Unschuld.“ Und oft noch darüber hinaus. Es stand einfach zuviel auf dem Spiel, und Verrat ein zu übliches Mittel, um irgendein Risiko einzugehen.

Er wußte, seine Soldaten hatten sich nach Möglichkeit mit den Verhaltensweisen des potentiellen Gegners vertraut gemacht – so weit die Informationen dies zuließen. Er selber hatte alle verfügbaren Aufnahmen mindestens ein halbes Dutzend mal gesehen. Und er rechnete damit, daß zum Beispiel seine Innenministerin bereits an einem Psychoprofil der wichtigsten Offiziere bastelte. Es war nützlich, wenn man zumindest vage Vorstellungen hatte, wie ein bestimmter Mech, ein bestimmter Offizier reagieren würde. Schwachstellen beim Feind, etwa unerfahrene Piloten, vermochte ein erfahrener Soldat stets zu seinem Vorteil auszunutzen. Zum Beispiel die beiden leichten Omnis des Gegners – die waren nicht sehr professionell geführt worden. Auch der Kampftitan hatte Fehler gemacht. Nun, er kannte die Psychogramme der feindlichen Piloten und Offiziere. Dieser Danton schien auch höchst instabile Rekruten zweifelhafter Qualität aufzunehmen. Dvensky jedenfalls hätte sich mit derartigen Mitstreitern recht unwohl gefühlt. Sicher, im Krieg wurde man schnell erwachsen, aber dennoch... Nun, das war nicht sein Problem, sondern Sache dieses Söldlingsführers. So lange er selber sich nicht zu sehr auf die feindlichen Schwächen verließ. Denn im Krieg, wie man so treffend sagte, war nur der Tod eine Konstante – alles andere hingegen Variablen.

Der Vicomte musterte seine Piloten noch einmal kurz. Seine Stimme klang jetzt ernst: „Sie alle wissen, daß dies keine Übung ist. Es könnte sein, daß es nur Routine wird – oder es wird die größte Bedrohung für uns seit Jahren. Seien Sie auf alles vorbereitet. Sie kennen den Plan, aber im Notfall müssen Sie sich einer neuen Situation anpassen können. Das war es – aufgesessen!“
Schweigend salutierten die Männer und Frauen. Dann marschierten sie in grimmigem Schweigen zum Lift, der sie in die Hangars bringen würde. Dieses Schweigen lag freilich nicht nur an der Entschlossenheit. Auf sie alle warteten endlose Stunden der Warterei in abgeschalteten Mechs.

Dvensky klomm die Leiter empor. Er versagte es sich, zu zittern, trotzdem es in der unterirdischen Halle mörderisch kalt war. Tja, wenn er seinen Leuten und sich Mechkrieger-Kampfanzüge verschaffen könnte... Aber bei seinen Finanzen war das einfach nicht drin. Krachend schlug die Luke der 75-Tonnen-Maschine zu. Der Kampfkoloß erwachte zum Leben, als Dvensky den Neurohelm aufsetzte und den Codesatz eingab. Die Heizung des Cockpits lief auf voller Leistung, aber es dauerte lange, ehe es halbwegs erträglich wurde. Und bald mußte die Heizung wieder ausgeschaltet werden – sobald die Mechs heruntergefahren wurden.
Nur so konnte man halbwegs sichergehen, daß der Feind sie nicht würde orten können. Den Piloten blieb nur ein tragbares Heizset, daß die Cockpittemperatur gerade noch erträgliche 10 Grad über Null halten würde. Und endlose Stunden des Wartens.

Der Wetterbericht hatte dabei den Ausschlag gegeben. Für die Nacht vor der Landung war, wie eigentlich immer, Neuschnee vorausgesagt worden. Wollte man es dem Gegner nicht zu leicht machen, so mußten die Mechs der Bryanter zu diesem Zeitpunkt bereits in ihren Deckungslöchern stehen, mit Tarnplanen abgedeckt. Die Verbindung nach außen bestand dann aus einem auf passiven Empfang gestellten Funkgerät – Senden war streng verboten – und einer simplen Sensorenleitung, die jeden Mech mit ein paar primitiven Kameras außerhalb des Verstecks verbanden. Nicht unbedingt optimal, aber dafür kaum aufzuspüren. Bei der Wahl zwischen Tarnung und Bereitschaft gab es selten etwas anderes als einen faulen Kompromiß. So auch hier.
Der Schnee würde die Mechs zusätzlich tarnen und die Spuren verwischen. Bryants Mechs, die den Raumhafen absichern sollten, mußten dann zwar etliche Stunden warten, doch Schlafen war immerhin in Schichten nach vorher festgelegtem Turnus erlaubt. Die Infanterie hatte es besser, sie konnte sich in ihren MTW’s aufhalten. Natürlich hatten die bedauernswerten „Frontniki“ vorher nicht nur ihre eigenen Stellungen sondern auch die „Deckungslöcher“ für die Mechs in den gefrorenen Boden hacken und sprengen müssen. Und auf sie warteten dann ja Schützenlöcher und Schützengräben. Da war ein Panzer oder ein Mechcockpit schon besser. Noch bequemer hatten es nur die Jagdflieger und Raummatrosen. Die Panzersoldaten, die sowieso in der Stadt blieben, hatten es auch leichter – ihre Maschinen mußten nicht abgeschaltet werden, denn eine Ortung war selbst in einer Stadt wie Brein sehr schwierig. Die Luftüberwachung würde Alarm schlagen, wenn die Söldner zu früh kamen, oder an anderer Stelle als angekündigt. Bloß mit der Kälte mußte man fertig werden. Aber so würden es eventuelle Angreifer sehr schwer haben, daß genaue Ausmaß des Aufmarsches zu erkennen. Wenn die Söldner Com Stars ein vergifteter Apfel waren, den man Dvensky offerierte – nun, dann würde er sie eben mit einem Rachen aus Stahl schlucken.

Ihm war durchaus die Ironie der Situation klar. Hier, in seinem Mech, WAR er der Schatun. Der schlaflose Bär, der durch die winterliche Taiga streifte, ruhelos, hungrig, gefährlich. Und wenn dieser Danton und seine Herren ihn jagen wollten...
Es gab viele Geschichten von Jägern, die versucht hatten, den Winterbären zur Strecke zu bringen. Einigen war auch der schlaflose Wanderer nicht gewachsen gewesen – den besten, denen, die das Glück begünstigte. Die meisten Erzählungen aber endeten tragisch.

Cattaneo
29.03.2004, 17:57
Der Morgen begann wie immer. Irgendwo hämmerte jemand gegen ein Stück Eisen – der Laut klang sehr dünn in der frostig kalten Luft. Normalerweise hätte niemand so einer geringfügigen Störung Beachtung geschenkt. Aber die Männer in den Baracken kannten und haßten den Laut, und sie hatten gelernt, ihn nicht zu ignorieren. Schon wenige Minuten später strömten die vermummten Gestalten hinaus in die Kälte. In den wattierten Anzügen wirkten sie unförmig, und hoben sich in ihrem Dunkelgrau von der Schneefläche ab wie Rußflecken auf einem weißen Tischtuch. Was ja auch, wie sie sehr wohl wußten, der Sinn bei der Sache war. Kaum einer warf einen Blick auf die Stacheldrahtzäune und Wachtürme, die das Lager unüberwindlich von der „Freiheit“ abgrenzten. Jenseits der Absperrung lag nichts als eine endlose eisige Wildnis, Kilometer für Kilometer. Selbst im kurzen „Sommer“ gab es hier kein Versteck und keine Nahrung, keinen Unterschlupf vor Regen und anderen Gefahren. Und die Gefahren der örtlichen Fauna kamen hinzu, angefangen von Mücken bis zu wesentlich selteneren „Kostgängern“. Kein Flüchtling, der zu Fuß entkam, würde weit kommen. Dazu kam, daß es sowieso keinen Ort gab, zu dem man hätte flüchten können. In der Wildnis überlebte ein abgemagerter und schlecht ausgerüsteter Häftling nicht lange, in den Siedlungen konnte er nicht untertauchen. Hilfe wurde streng bestraft, und keiner „saß“ in der Nähe seiner Heimat, meistens schaffte man ihn auf die andere Seite des Planeten. Denunziation drohte, und die Angst vor „SMERSCH“ war allgegenwärtig – mehr noch als die Geheimpolizei selber es wirklich war.

Aber in den meisten Köpfen war der Gedanke an Flucht längst erstorben. Sie alle hatten erlebt, wie man Ausbrecher zurückgebracht hatte. Die meisten waren brutal zusammengeschlagen worden, ehe man sie wieder den Gefangenenscharen einverleibte – die gefrorenen oder blutgetränkten Leiber derer, die ihr Leben auf der Flucht verloren hatten, ließ man oft Tagelang zur Abschreckung auf dem Appellplatz liegen. Diese Lektion hatten sie alle gelernt. Dazu überwachten sie sich gegenseitig, denn jeder Brigade, aus der Gefangene flohen, drohten Strafen. Wer aber einen Fluchtversuch verriet, der wurde belohnt, und diese Prämien wurden auch pünktlich „ausgezahlt“. Bei der Vergabe von Aufträgen konnte er auf einen besseren Einsatzort hoffen. Auf Bryant diente man Dvensky. Als Wächter auf den Türmen, als Arbeiter in der Fabrik, als Sträfling – und selbst als Leiche diente man ihm noch, als abschreckendes Beispiel.

Dies hier war ein „Dorf“ der geheimen Bevölkerung Bryants – der etwa 2.000 Strafgefangenen. Sie wurden bei Volkszählungen gesondert geführt, denn sie hatten alle Rechte verloren, auf lange Jahre oder für immer. Gut 70 Prozent der Gefangenen waren normale Kriminelle, denn schon für vergleichsweise geringe Verbrechen konnte man ein Jahr Zwangsarbeit erhalten. Dazu kamen etwa 400 „Ausländer“ – Plünderer und dergleichen, die von den Streitkräften gefaßt wurden. Wer kein Lösegeld zahlen konnte, landete hier, verurteilt wegen Piraterie und schweren Raubes. Denn so definierte das Regime die Suche nach Lostech auf den Sturmkontinenten, wenn man dabei mehr als eine Jagdflinte bei sich hatte. Die kleinste Gruppe der Gefangenen machten die politischen Häftlinge aus. Sie waren zum größten Teil zwar nach normalen Paragraphen verurteilt worden, doch wußten sowohl sie als auch die Richter, daß dies nur Fassade war. Einige von ihnen hatten versucht, geplant, davon geträumt, Bryant zu befreien, andere hatten eher vorgehabt, sich an Dvenskys Stelle zu setzen. Sie alle waren gescheitert, und jetzt dienten sie ihm.

Hastig schlangen sie ihre Nahrung in der Speisebaracke herunter. Wie die harten, kalten Stimmen der Wachsoldaten war der Hunger ständiger Begleiter. Man ließ sie nicht verhungern, aber viel zu essen bekamen sie nicht. Nur so viel, daß sie arbeiten konnten. Außerdem diente der Wunsch nach einer Extraportion als nützliches Mittel zur Disziplinierung. Wie jeden Morgen verlief der Appell reibungslos. Da das Lager mit etwa 500 Insassen noch überschaubar war, gab es keine Probleme. Die Brigaden meldeten den Bestand, dann erfolgte die Aufteilung in Arbeitskommandos. Obwohl es auch im Komplex selber Fertigungsanlagen gab – einfache Arbeiten zumeist – wurden viele auch außerhalb eingesetzt. Die Lastenschweber, die das menschliche Arbeitsvieh transportierten, warteten bereits. Vorher kam nur das übliche „Gebet“: „Ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts gilt als Fluchtversuch – es wird sofort geschossen!“ Und alle wußten, das dies die Wahrheit war. Sie nahmen es hin, wie den Hunger und die Kälte – es war Teil ihrer Welt.
Nur schnell zu den Transportern, die wenigstens etwas Schutz vor dem eisigen Wind boten! Zusammengepfercht wie das Vieh teilten sie die schlechte Luft, aber auch das bißchen Wärme. Für die meisten zählte nur noch, über den heutigen Tag hinwegzukommen. Wenn man 5, 10, oder 25 Jahre abzusitzen hatte in dieser Eishölle, dann blieb für langfristiges Planen kein Platz.

Zwei Transporter – im zivilen Leben für vielleicht ein Dutzend Passagiere ausgelegt – steuerten Brein an. In ihnen warteten die Männer der Brigaden 13, 17, 19 und 20 apathisch auf die Ankunft. Selbst wenn sie in der Lage gewesen wären, das Fahrzeug zu übernehmen – ein Sprung in die Freiheit wäre Selbstmord gewesen – so hätte sie das nicht weit gebracht. Der leichte Hoover-MTW, der die Transporter eskortierte, hatte an Stelle der üblichen MG’s einen KSR-2-Werfer eingebaut bekommen, und war mit Infernoraketen bestückt. Und keiner der Gefangenen machte sich Illusionen darüber, ob die Soldaten zögern würden zu schießen. In die Wachtruppen kamen altgediente und bewährte Polizisten und Milizionäre, Männer und Frauen, die ihre Loyalität bewiesen hatten.

Sch-23 war einer der Gefangenen, einer von 20 Mann der Brigade 17. Wie die meisten seiner Leidensgenossen hatte er den Gedanken an Flucht schon lange aufgegeben. Zu perfekt schien das Überwachungssystem. Ihn interessierte eher, wo man eine zusätzliche Ration, eine Zigarette oder ähnliches organisieren konnte. Das waren Dinge, um die sich die Gedanken der Häftlinge drehten. Freiheit von Dvensky gab es auf Bryant nicht, ob im oder außerhalb des Kerkers – sinnlos, sich gegen Dinge aufzulehnen, die man nicht ändern konnte. Drei Jahre Haft hatten aus ihm einen alten „Lagerfuchs“ gemacht.
Er hatte bei der Raumhafenkontrolle gearbeitet, damals, in einem anderen Leben. Als Kind regimetreuer Eltern und mit einem ordentlichen technischen Abschluß hatte ihm dieser gute Posten offengestanden. Hätte er es bloß richtig zu würdigen gewußt – so sagte er sich jetzt. Sein einziger Fehler war gewesen, daß er sich zu etwas hatte überreden lassen. Einfach für ein paar Bekannte etwas Sonderfracht bei den Freihändlern abholen – mehr nicht. Was tat man nicht, wenn man jung war? Dafür hatte er einige Dinge bekommen, die es hier nur streng rationiert oder gar nicht gab, und er war davon ausgegangen, daß es nur um Luxuswaren von anderen Planeten, Musik, Filme und dergleichen ging.
Was er nicht hatte wissen können, vielleicht auch nicht hatte wissen wollen – diese Narren hatten tatsächlich den Plan gehabt, Dvensky zu stürzen. Eine Organisation, die gerade mal aus vier Studenten, einem Professor – dem Kopf der Truppe – und zwei jungen Milizionären bestanden hätte. In dem Glauben, wenn Dvensky erst tot sei, würde sein System zusammenbrechen und das Volk sich erheben, hatten sie ein Attentat vorbereitet.

Er war dabei der Beschaffer gewesen. Immerhin waren sie nicht so dumm, gleich einen Schmuggler um Sprengstoff in genügender Menge zu bitten – sie hätten ihn auch nicht bezahlen können. Sie hatten erst einen kleinen illegalen Handel aufgezogen, um Schwarzgeld zu horten und einen sicheren Kontakt zu etablieren. Dann erst hatten sie die Sendung in Auftrag gegeben.
Freilich – bei der Verhandlung kam später heraus, daß die „Spinne“ schon das erste feine Vibrieren im Netz gespürt hatte. Sie hatte ihre Beute beobachtet, und als diese sich sicher wähnte – in Wahrheit aber schon vollends verstrickt war – hatte sie zugeschlagen. Der Schmuggler hatte von Anfang an auf ihrer Liste gestanden, mit der sie den Schwarzmarkt kontrollierte, ihn im akzeptablen und überwachbarem Rahmen hielt.

Der Schatun hatte keine Gnade gekannt. Um so weniger, da bei dem Attentat auch die Chefin der Luftwaffe – daß sie Dvenskys Geliebte und Vertraute war, war kein Geheimnis – ebenso wie die „Spinne“ auf der Opferliste gestanden hätte. Die Milizionäre und der Rädelsführer hatte man vor laufender Kamera exekutiert, zwei der Studenten hatten zunächst auch die Todesstrafe erhalten, bevor man sie „begnadigt“ hatte – sie hatten wie ihre Kameraden das Viertelmaß erhalten. Volle 25 Jahre – beinahe Lebenslänglich.
Und der unwissende Dumme – nun, der hatte immerhin 10 Jahre Arbeitslager bekommen.

Jetzt erschien ihm die Freiheit nur noch wie ein Traum. Er hatte in den drei Jahren viel gelernt, weit mehr als in seinem bisherigen Leben. Dinge, die keiner lernen sollte – aber er hatte keine Wahl gehabt.
Vor allem hatte er gelernt, daß Auflehnung nichts nutzte. Versteife den Rücken, und man wird ihn dir brechen, beuge dich, und das Joch wird vielleicht ein wenig leichter zu tragen sein, eine andere Wahrheit gab es hier nicht. Ungebrochener Widerstand – noch etwas, daß es nicht gab.
Inzwischen existierte für ihn nur noch das Heute. Arbeitete man gut, wurde man besser behandelt, bekam mehr zu essen – am Ende sogar „Rabat“. Wer seine Normen übererfüllte, konnte einen Teil der Haftstrafe abarbeiten. Wer schlecht arbeitete, kürzte die Rationen der ganzen Brigade – deshalb sorgte die schon dafür, daß es keine Drückeberger gab, rücksichtsloser als der Knüppel der Soldaten. Ein „Faulenzer“ konnte auch in den Arrest kommen, das hieß Kälte und noch mehr Hunger als sonst.
Und wer Widerstand zeigte – nun, es war durchaus möglich, in einem Schnellverfahren im Lager die Haftstrafe beliebig hochzusetzen. Bis hin zum Todesurteil, das freilich von Brein aus bestätigt werden mußte. Soweit ließ es keiner kommen. Ein Fluchtversuch bedeutete stets mindestens ein zusätzliches Jahr, und zwar in einem schlechten Kommando.

Auch die Gespräche in den Transportern drehten sich um elementare Dinge. Ob man ihnen diesen Sonntag den üblichen Ruhetag streichen würde etwa. Sechs Tage in der Woche elf Stunden Arbeit täglich, zwei Stunden An- und Abmarsch, drei Stunden für Appelle, Essen, Pause – jeder Tag, an dem ihnen etwas mehr Zeit blieb, war sehnlich erwartet. Arbeitete eine Brigade schlecht, konnte man ihr ohne weiteres den freien Tag streichen. Und dann sollte man sich mal beschweren...
Andere diskutierten darüber, ob es bald wieder ein „Geschenk“ gäbe. Geschenke nannte man die Gnadenerlasse aus Brein – zu Feiertagen, die willkürlich festgelegt wurden. Anläßlich eines Sieges, eines offiziellen Feiertages oder bei herausragenden Leistungen wurden Sonderrationen ausgegeben. Sch-23 registrierte sehr wohl, daß einige der Häftlinge auf solche Gnade wie auf richtige Geschenke warteten, gar Dankbarkeit gegenüber Dvensky empfanden – und Wut auf Mitgefangene, die solche Geschenke gefährdeten. So leicht konnte man einen Menschen ködern, wenn er nicht durch einen eisenharten Panzer aus Überzeugungen oder Zynismus geschützt war. Und den hatte nicht jeder. Solidarität, den Willen zum Widerstand – Fehlanzeige. Wie auch, bei einem Konglomerat aus Kriminellen verschiedenster Kategorien, politischen Gefangenen und Ausländern...

Ihr Ziel war eine der großen Baustellen am Rande von Brein. Eine der massiven Wohnkasernen, die in wachsender Zahl entstanden. Wuchtige, massive Bauten – gedacht für die eisigen Temperaturen und Schneestürme, die im Winter oft tobten. Einzelhäuser wären im Bau und der Heizung viel aufwendiger gewesen. Die Menschen waren es zumeist sowieso nicht viel besser gewohnt, viele der Neusiedler kamen von Bürgerkriegswelten. Der Fortgang der Arbeiten wurde streng kontrolliert – wehe, die Häftlinge leisteten schlechte Arbeit.
Einweisung brauchten sie keine, sie waren die Arbeit gewöhnt und kannten sich aus. Die Zivilarbeiter kümmerten sich nicht um die Gefangenen – die waren ein gewohnter Anblick. Unter den wachsamen Augen der Milizionäre machten sich die Häftlinge an die Arbeit. Sie hatten sich gerade warm gearbeitet, als die Sirenen ertönten.

Cattaneo
29.03.2004, 17:58
Natalija Sergejewna Dvenskya war definitiv nervös, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ. Der „diplomatische Dienst“ für ihren Bruder war ihr inzwischen zur Gewohnheit geworden, und dabei hatte sie auch mit durchaus unangenehmen Zeitgenossen zu tun gehabt. Allerdings hatte man sie bisher nicht quasi „vorneweg geschickt“ um mit einer Söldnertruppe zu verhandeln, die an Feuerkraft immerhin gut die Hälfte der gesamten Bryanter Streitkräfte aufzubieten hatten, an einem Punkt konzentriert. Und deren Absichten darüber hinaus als potentiell feindliche eingestuft wurden.
Sie hatte die Beurteilungen des GKVD gelesen. Dieser Denton, oder wie er auch immer hieß, sollte ja angeblich ein Gentleman sein und würde möglicherweise auf eine Geiselnahme verzichten. Ihr Leben wollte sie aber eigentlich nicht darauf verwetten. Immerhin war er ein Mann, der für genug Geld seine Heimat verriet – dem war alles zuzutrauen. Und sie wußte sehr gut, was speziell weibliche Gefangene oft zu befürchten hatten.

Dennoch hatte sie auf den Leibwächter verzichtet, den ihr ihr Bruder – vielleicht in einem Anfall schlechten Gewissens – angeboten hatte. Der würde zur Not auch keinen Unterschied machen, und es kam auf die Botschaft an. Was nicht hieß, daß sie jedes Risiko eingehen würde. Ihr Hold-Out-Laser war bereit, an einer Stelle verborgen die... nun, wenn man dort nachsuchte, dann stand es sowieso zum schlimmsten für sie, wie sie mit mehr als einer Prise Galgenhumor dachte. Sie hatte auch, übrigens nicht zum ersten Mal, „für alle Fälle“ auch eine Zyankalikapsel bekommen, aber sie wußte nicht, ob sie genug Entschlossenheit haben würde, diesen letzten Ausweg zu wählen, auch wenn es zum Schlimmsten kam. Manchmal jagte ihr die kaltblütige Entschlossenheit ihres Bruders sowohl sich selbst als auch anderen gegenüber beinahe Angst ein, und sie fragte sich, wie gut sie ihn eigentlich kannte. So etwas war jedenfalls nicht ihre Sache, auch nicht für ihren Bruder, aber andererseits – vor manchen Dingen hatte sie mehr Angst als vor dem Tod...

Dennoch – sie konnte ja wohl schwerlich kneifen. Sie hätte vor ihrem Bruder das Gesicht verloren, immerhin ermöglichte er ihr ein recht gutes Leben. Und vor dieser..., vor der Chefin der Luftwaffe, wollte sie erst recht nicht eine Blöße zeigen. Die riskierte schließlich immer wieder ihr Leben – wie etwa in diesem Augenblick. Wollte sie zeigen, daß sie nicht weniger verläßlich war, mußte sie das Wagnis eingehen.
Am liebsten hätte sie die Wartezeit kettenrauchend verbracht, aber schließlich hatte sie einen „Auftritt“ vor sich. Sie hätte sich eher auf die Zunge gebissen, als es einzugestehen, aber sie vermißte die beruhigende Präsenz ihres Bruders. Mit seiner kalten Gelassenheit und unerbittlichen Entschlossenheit konnte er oft, nun, ein Gefühl der Sicherheit vermitteln – wenn man auf der richtigen Seite stand.
Oder wenn wenigstens Alexeij an ihrer Seite gewesen wäre – aber der war auf der anderen Seite des Planten, vermutlich gerade in seinem verdammten Panzer, für den Fall, daß die Gegner Bryants die Söldner als Ablenkungsmanöver nutzten. Aus anderen Gründen bedeutete er ihr soviel wie ihr Bruder. Er war ein guter Kamerad, und sie hatte stets mit ihm gut zusammengearbeitet. Zudem fehlte ihm etwas die Aura, die viele Angehörige des „Inneren Zirkels“ geradezu kultivierten. Was das andere anging, was ihr Bruder vielleicht in Bezug auf sie beide plante – nun, da hatte sie sich noch nicht entschieden. Aber sie schloß es auch nicht aus.
Nun, was nicht war, war nicht. Wenn nicht bald etwas passierte, würde sie noch bei ihrem ruhelosen Auf- und Abwandern Löcher im Boden hinterlassen!

Noch einmal rief sie sich die beruhigenden Fakten ins Gedächtnis. Gegen die Söldner war aufgeboten, was Bryant zur Verfügung hatte. Um den Flughafen selber nicht weniger als anderthalb Dutzend Mechs – heruntergefahren und gut getarnt. Dazu Teile eines Infanteriebataillons, ebenfalls getarnt. NICHT so gut getarnt waren zwei Dutzend Haufen Eisenschrott, in einigen waren Feuer vorbereitet worden – auf MAD und IR-Sensoren würden sie dürftig getarnte Panzer und Artillerie vortäuschen. Die Reste des Bataillons, ein komplettes zweites und eine Panzerkompanie waren in Brein selber in Stellung gegangen. Sobald die Lander – sie mußte sich Mühe geben, sie nicht als „feindlich“ zu bezeichnen, angesichts dieses „Theaters“ – in die Atmosphäre eintraten, würde in der Hauptstadt überdies Invasionsalarm gegeben werden. Ihr Bruder hatte das mit seinem typischen Sinn für Humor als Übung bezeichnet, für die es wenigstens einen guten Anlaß gab. In Tscheljabinsk würde es ähnlich aussehen.

Sie wußte, ihr Bruder war da draußen. Perfekt vor feindlichen Blicken verborgen, in 75 Tonnen Stahl und Tod. Sie wünschte sich das erste Mal, sie hätte doch wie er den Umgang mit einem Mech gelernt... Ein solcher Schutz mochte manchmal nützlich sein, obwohl sie den „Zirkus“, den manche um die Kampfmaschinen machten, nie hatte nachvollziehen können. Aber manche brauchten eben GROßES Spielzeug...
In dem Augenblick drehte sich in der Flugkontrollzentrale einer der Techniker halb zu ihr um – auch dies eine Bestätigung ihrer eigenen Position: „Meldung – Landungsschiffe im Anflug. Kein Unregelmäßigkeiten, keine unangemeldeten Sprungschiffe.“
Sie entspannte sich ein wenig – vielleicht um den Bruchteil eines Millimeters.
In ihrer Nervosität überprüfte sie noch einmal ihr Äußeres. Der Pelz und die Mütze waren aus gutem, einheimischen Pelz – außerhalb Bryants konnten nur sehr reiche Männer und Frauen sich dergleichen leisten. Nicht aller Reichtum der Welt lag unter dem Erdboden. Sie waren nicht protzig, aber gediegen.
Keine auffällige Schminke – alles dezent, um ihre Gesichtszüge und die grünen Augen zu betonen. Nichts, was aufdringlich wirkte, natürlich. Ein „Flittchen-Image“ wollte sie bestimmt nicht kultivieren.
Das lange dunkelblonde Haar trug sie offen – auf Schmuck hatte sie verzichtet.
Sie fühlte sich etwas unwohl, ihre Schönheit so zur Schau zu stellen, so dezent es auch immer war. Sie hatte genug glaubhafte Geschichten über Söldner gehört – und mit einigen zu tun gehabt, doch damals aus einer Position der Stärke. Sollte etwas schiefgehen, würde ihr Bruder sie gewiß rächen – daran hegte sie keinen Zweifel – doch nicht retten können.
Und in ihrer unmittelbaren Nähe waren nur je zwei Züge Miliz und Fallschirmjäger. Erstere als allgemeines Sicherheitspersonal auf dem Flughafen – letztere als Begrüßungskommando und Konvoieskorte. Die Fallschirmjäger gehörten zu den besten Soldaten Bryants, aber hier würden sie nur Handfeuerwaffen tragen – und natürlich ein paar Handgranaten. Viel zu wenig, das war klar. Doch wer nicht wagte...

Sie machte ein paar lautlose Atemübungen, um sich zu beruhigen. Diese Meditationsübungen hatten ihr in ihrer diplomatischen Karriere oft gute Dienste geleistet. Ihrem Gesicht war nichts anzumerken – keine Unsicherheit, keine Angst. Wenn man um hohen Einsatz spielte, durfte man sich keine Fehler erlauben.
Aufmerksam verfolgte sie, wie die Bahn der Landungsschiffe überwacht wurde. Die Maschinen hatten offenbar vor, im Äquatorialgebiet in die Atmosphäre einzutauchen, und dann in der Stratosphäre – außerhalb der Reichweite der schweren Stürme in diesen Breiten – nach Brein weiterzufliegen. Was bedeutete, sie durfte sich noch eine ganze Weile gedulden. Zeit, in der sie die Söldner nur beobachten konnte. Sie hätte am liebsten geflucht, aber das paßte nicht zu ihrem Image, also versagte sie es sich.
Sie wußte, überall in Brein wurden jetzt Bunker besetzt, Flakgeschütze nach oben gekurbelt, gingen Panzer und Pak auf Selbstfahrlafetten in Stellung. Ein Reißwolf aus Stahl und Feuer wartete auf etwaige Angreifer. Und sie war gewissermaßen der Köder, um das Wild anzulocken. SEHR beruhigend...

Jetzt begannen die Lander mit dem Eintritt in den Blind Spot. Vom Boden aus waren sie nicht zu überwachen – für die Raumstreitkräfte Bryants mochte das freilich etwas anders aussehen. Die Phase der Blindheit irritierte und verärgerte die junge Frau zusätzlich, denn einen potentiellen Gegner, den man nicht sehen konnte… Sie rief sich zur Ordnung. In der kurzen Zeit und an diesem Punkt – immer noch über den fast menschenleeren Äquatorialkontinenten – konnten die Söldner wirklich wenig Unheil anrichten. Dennoch zählte sie nervös die Sekunden. Gleich mussten sie wieder auf den Bildschirmen erscheinen…
Sie merkte es sofort, daß etwas nicht stimmte. Der Anflug war bisher, soweit sie das beurteilen konnte, problemlos verlaufen – inklusive der Mitteilung an die Söldner, eine Abweichung von der vorgegebenen Flugschneise würde man als „unfreundlichen Akt“ interpretieren. Bei einer Regierung wie der Dvenskys war dies definitiv nicht nur die Androhung einer schriftlichen Beschwerde. Und bei einem Abwurf von Mechs, das wußte sie, würden die Streitkräfte sofort das Feuer eröffnen. Das sagte man den Söldnern wohl nicht – aber wenn diese klug waren, wußten sie es ohnehin.
Bisher war also nichts passiert, aber jetzt schien etwas nicht zu stimmen – schien ganz gewaltig schief zu laufen. „Eines der Schiffe zeigt Anomalien – es trudelt! Steuerdüsen unregelmäßig!“ Dvensky würde dies alles mithören – es gab eine direkte Leitung von der Kontrollzentrale zu seinem Mech, da Funk zu gefährlich war.
Natalija unterdrückte einen wütenden Fluch – einfach großartig! Etwas hatte ja schiefgehen MÜSSEN!

„Abteilung – Deeeeeckuuung!“ brüllte der Truppführer. Die raue Stimme schnitt durch die kalte Luft. Überrascht blickten die Häftlinge auf. So etwas war bisher noch nie passiert. Die blauuniformierten Wachen schienen in Aufregung, der MTW rollte in die Deckung einer Häuserwand.
Gesten trieben die Gefangenen an: „Deckung, ihr verdammten Hurensöhne! Invasionsalarm!“ Die drohenden Gewehrläufe trieben das Arbeitsvieh zu einer Baugrube – dürftiger Schutz, aber wenigstens würde er sie vor Splittern bewahren. Die Wachen gingen in einem Graben in Stellung. Das MG, das die Baustelle überwacht hatte, wurde dort in Stellung gebracht, ebenfalls an einer Wand – um etwas Deckung zu haben. Die zum Schutz vor der Kälte maskierten Gesichter – Häftlinge hatten darauf keinen Anspruch, obwohl man sie sowieso nur mit ihren Nummern anredete – waren unlesbar, aber die Bewegungen zeugten von Erregung. Einige Soldaten überprüften ihre Waffen. Hart und metallisch knirschten die Verschlüsse der Sturmgewehre.

Sch-23 war befehlsgemäß in Deckung gegangen. Gehorsam war ihm zur Gewohnheit, ja Selbstverständlichkeit geworden – zumindest, wenn ein Milizionär mit Waffe oder ein Mithäftling mit Augen und Mund in der Nähe war. Das Häftlingshirn arbeitete freilich fieberhaft – es beschäftige sich mit der alles entscheidenden Frage: „Wie komme ich am besten dabei weg?“ Flucht? Das war keine Option. Wenn es wirklich ein Angriff war – Probealarme für Luftschutz hatte Sch-23 schon erlebt, aber keine Invasionsübung – nun, nur ein Narr hätte gedacht, die Feinde Bryants hätten ein Interesse an Dvenskys menschlichem Arbeitsvieh. Vielleicht würden sie es eher selber verwenden wollen. Und bei einer Flucht war man definitiv in der Schußlinie. Also abwarten und Augen offen halten – das war vermutlich das beste...

Zumindest schienen die Wachposten die Sache nicht minder ernst zu nehmen als die Häftlinge. In ihrem Verhalten war kein Anzeichen, daß sie nur simulierten – Sch-23 war nie Soldat gewesen, aber er hatte einige Dokumentationen über Gefechte gesehen, denn das war eine Unterhaltung, die Dvensky seinen Untertanen bereitwillig bot. Da konnte man zeigen, wie effektiv die eigenen Leute waren – und wie mörderisch die Kämpfe auf anderen Planeten. Nein, die Milizionäre verhielten sich genau so wie Männer, die einen feindlichen Angriff erwarteten. Was sie mit dem MTW und ihrem leichten MG ausrichten wollten war unklar – aber sie schienen bereit, sich zur Not teuer zu verkaufen.

Cattaneo
29.03.2004, 17:58
In der Flugkontrollzentrale herrschte keine Panik – dazu waren die Techniker zu routiniert. Die Hauptperson war schon viel eher mit den Nerven am Ende, ließ sich aber nichts anmerken. Augenblicklich konnte sie nichts tun. Im Sekundentakt kamen neue alarmierende Nachrichten. Offenbar hatte die Luftwaffe Probleme, mit dem Maultier Funkkontakt herzustellen – aber weisungsgemäß verboten sie den anderen Schiffen der Söldner von ihrem Kurs abzuweichen. Zwei Jäger schienen sich Mühe zu geben, das Landungsschiff im Auge zu behalten. Vermutlich war die Kommunikation mit den Söldnern momentan nicht eben von Harmonie geprägt...

Noch ehe die Lage eskalieren konnte, oder die anderen Söldner landeten, kam das Ende. Das Maultier kam sehr steil herunter, und es sah keineswegs nach einem kontrollierten Anflug aus. Da es von der Bahn abgewichen war, gab es natürlich keinen Sichtkontakt, aber die Meldungen der Bryanter Luftstreitkräfte gaben ein gutes Bild von der Lage. Offenbar würde das Schiff nicht mal auf Zephyrim landen, sondern auf einem der beiden äquatorialen Kontinente, auf Tomainisia. Das hörte sich nach einer ausgewachsenen Katastrophe an, denn selbst wenn sie in einem Stück herunterkamen – und danach sah es nicht gerade aus – würden die Söldner unter den dortigen Umständen möglicherweise nicht lange überleben. Ebenso wie sein Bruder Voltanasia war Tomainisia quasi unbewohnt, mit Hilfe war dort nicht zu rechnen. Geschweige denn ein Funkfeuer für eine Landung oder ordentliche Landebahnen. Die beiden Begleitjäger waren inzwischen wieder abgezogen worden, denn dort braute sich eine ausgewachsene Sturmfront zusammen – es fehlte ihnen überdies einfach an Treibstoff, und sie mussten ja gefechtsbereit bleiben. Es rächte sich, daß man anstatt Zusatztanks Einweg-Raketenwerfer installiert hatte. Andererseits – DAS hatte ja keiner ahnen können...
Sollte das Söldnerschiff allerdings nicht sehr viel Glück haben, dann würde man von ihm nicht mehr als ein Trümmerfeld von mehreren hundert Quadratkilometern Ausdehnung finden. Die Stürme auf Bryants Äquatorialkontinenten waren mörderisch. Deshalb lebten dort auch nur wenige Menschen, nur an den Küsten existierten kleine, meist unterirdische Siedlungen, die den Reichtum von Land und Meer ausbeuteten. Manchmal brachen von dort auch Explorerteams auf. Aber wenn ein Sturm aufkam, konnte man sich nur so tief wie möglich eingraben – und beten…

Natalija fühlte kein besonderes Mitleid mit den Männern und Frauen an Bord des Schiffes. Es waren vielleicht – ein sehr großes Vielleicht – nicht ihre Feinde, aber die Erleichterung überwog. Ihre Freunde waren sie nämlich auch nicht, noch jemand, der für Bryant oder für sie selbst irgendwie von Nutzen war. Das mochte egoistisch klingen, aber man lebte in den Chaosmarken, und hier galt: „Stirb du heute, ich aber erste morgen!“
Der Unfall würde sicherstellen, daß die Söldner keine Dummheiten machen würden. So hoffte sie zumindest. Das war sicherlich sehr selbstsüchtig, geradezu hartherzig, aber andererseits, wenigstens sich selbst brauchte sie ja nicht zu belügen...
Sorgsam tilgte sie jede Spur von Freude, Unsicherheit und anderen unpassenden Emotionen aus ihrem Gesicht und setzte eine Miene voll mitfühlender Besorgnis auf. Die letzten Jahre hatten ihr in dieser Hinsicht einiges an Übung verschafft, und inzwischen hatten ihr schon mehrere Mitglieder der Junta versichert, sie schauspielere erheblich besser als die Besetzung der „Immortal Warrior“ und „Die Steinherzen“-Serien. Was freilich kein SO weit gehendes Kompliment war...
Ja, alles perfekt. Kein übertriebenes Mitleid, das hätte verdächtig gewirkt. Wenn dieser Denton, oder nein, er hieß ja Danton – ein blödsinniger Name, fast so schlimm wie sein Vorname – in ihr zumindest keine Feindin sah, sondern jemanden, der im Rahmen seiner Verpflichtung für Bryant mit den Söldnern mitfühlte, dann hatte sie ihr Ziel erreicht.
Es war Showtime...

Sch-23 war dankbar dafür, daß man sie in diese Grube getrieben hatte. Nicht, weil sie ihnen bei einem Angriff sonderlich viel Schutz bot – aber sie hielt zumindest den kalten Wind etwas ab. Ohne die Bewegung, welche die Arbeit brachte, biß die Kälte empfindlich in Hände und Gesichter. Die Wächter waren ja mit anderem beschäftigt, aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen, und unerwünschte Aufmerksamkeit erregen. Die Gefangenen lagen zusammengekauert – viele hatten wohl mit dem Leben abgeschlossen oder versuchten, aus der Lage das Beste zu machen.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine Bewegung – vorsichtig und verstohlen, beinahe unsichtbar für einen unaufmerksamen Beobachter. Aber nach drei Jahren Lager waren seine Sinne geschärft – so lange es um sein eigenes Überleben ging. Fremdes Leid konnte er hingegen wie jeder Häftling hervorragend ignorieren und übersehen. Langsam drehte der Strafgefangene seinen Kopf um einige Grad zur Seite, damit es niemand bemerkte. Sehen ohne gesehen zu werden, das war immer nützlich.
Aha – natürlich. Ein paar Dumme gab es immer. Offenbar hatten drei der Gefangenen den Entschluß gefaßt, die scheinbar günstige Gelegenheit zur Flucht zu nutzen. Sie gehörten nicht zu seiner Brigade – wenigstens etwas – und wenn er sich recht entsann, dann handelte es sich bei Ka-49 und And-95 um „Ausländer“. Natürlich – die hatten auch am meisten Illusionen über Rettung von außen. Sch-34, der dritte im Bunde, war wie Sch-23 ein „Politischer“. Aber er war noch „neu“, keine acht Monate im Lager, und hatte noch über neun Jahre vor sich. Kein Wunder, daß er auf Flucht sann.

Der Lagerveteran überlegte fieberhaft. Schreien? Das brachte ein paar Sonderrationen ein, aber man stand bei einigen auf der Schwarzen Liste. Mitmachen? Er kannte die drei kaum, und auf der Flucht erhielt man am ehesten eine Kugel. Nein, am besten war hier – nichts sehen. Und irgendwie schien ihm sowieso, als ob einige andere Häftlinge ebenfalls mit wachsendem Enthusiasmus ihre Gesichter in den Grund der Baugrube preßten – sie „sahen nichts“...

Das Donnern in der Ferne war Sch-23 durchaus vertraut. Er hatte es früher, in seinem anderen Leben, oft gehört – Landungsschiffe, die sich dem Raumhafen näherten. Sollten etwa doch...?
Aber eine Invasion Bryants war unwahrscheinlich – die Großmächte kümmerte die Welt nicht, und die Nachbarn hatten genug eigene Probleme. Jeder Versuch einer Eroberung würde vermutlich ihre Kräfte in kaum wiedergutzumachendem Ausmaß verschleißen. Auf eine Erhebung war nicht zu rechnen, eher würden Teile der Bevölkerung mit Dvensky gemeinsame Sache machen – angesichts der Alternativen. In der Chaosmark lauerten die Geier nur darauf, daß ein Planet, ein Herrscher, eine Fraktion Schwäche zeigten. Dann warteten sie nicht einmal mehr, bis er tot war. Wenn Angriff, dann ein Piratenüberfall oder dergleichen. Nein, das bot keinen Ausweg. Aber andere sahen das wohl anders...

In diesem Augenblick – als die Aufmerksamkeit der Posten abgelenkt schien – handelten die drei. Wie auf Kommando sprangen sie auf und rannten los. Sch-23 blickte nicht einmal auf.
Der Alarmruf kam spät – aber nicht spät genug. Vielleicht hatte sich einer der Wachsoldaten zu früh umgedreht, oder er hatte halb im Unterbewußtsein etwas bemerkt. Wie die Häftlinge entwickelten ihre Aufpasser im Laufe der Zeit gewisse Fähigkeiten. Einige der Wächter waren schlimmer als Wachhunde. Jedenfalls drehte sich einer der Milizionäre – das Wachpersonal unterstand dem Innenministerium – um. Das Sturmgewehr kam in einer flüssigen Bewegung hoch: „Stoj!“
Die drei hörten nicht darauf. Zu lockend war die scheinbar nahe Freiheit – nur noch wenige Meter, bis sie hinter einer halbfertigen Mauer in Deckung gehen konnten. Und dann würde man sie kaum verfolgen können, immerhin waren hier ja noch weitere 80 Häftlinge, den drohenden Angriff nicht zu vergessen. Und wenn sie es bis zu den landenden Angreifern schafften – Rettung, Freiheit, ein Ende des Alptraums. Es war nicht mehr weit...
Sie schafften es nicht.
Die Waffe des Postens gab einen bellenden Feuerstoß ab. Keine Warnschüsse – hier wurde sofort scharf geschossen, genau so, wie man es den Häftlingen jeden Morgen versicherte. Keine leeren Drohungen – das hatten sie lernen müssen. Schießen, das konnten die Wachen – sie übten eifrig, und Praxis hatten die meisten auch. And-95 erhielt drei Kugeln in den Ober-, Sch-34 zwei in den Unterschenkel. Ka-49 hatte weniger Glück – er hatte sich beim ersten Schuß hingeworfen, und drei Kugeln verwandelten seinen Hinterkopf in eine blutige Masse – die einzige Freiheit, die seinesgleichen jederzeit finden konnte, auf Bryant wie auf allen Welten der Inneren Sphäre und des Clanraumes. Wer immer sich gegen die Systeme auflehnte – Kugel und Kerker warteten auf ihn.

Keiner der Gefangenen hatte den Kopf gehoben. Sie preßten sich nur tiefer in die Erde, als der Wachposten eine zweite Salve über ihre Köpfe abgab, um jeden Gedanken an Flucht zu ersticken. Auch das Schreien der Verwundeten änderte daran nichts. Brutale Kolbenhiebe zwangen die Flüchtlinge zum Schweigen – und die einzige medizinische Versorgung die sie erhielten war ein notdürftiger Verband, den ein Häftling anlegte, auch das von Schlägen für die Verletzten begleitet. Vermutlich hätten ihre eigenen Kameraden sie in diesem Augenblick auch nicht besser behandelt, denn für Brigade 19 bedeutete der Fluchtversuch den Verlust des freien Tages und eventueller Sonderrationen – und solche geringfügigen Erleichterungen waren auf dieser Welt fast unbezahlbar. Mitleid und Solidarität – das hatte Seltenheitswert, erst recht in der Öffentlichkeit...

Die MTW’s warteten auf sie. In den weißem Tarnanstrich wirkten sie beinahe harmlos. Doch waren sie alles andere, nur nicht das. Sie akzeptierte die helfend entgegengestreckte Hand des Fallschirmjägeroffiziers und kletterte in den Mannschaftsraum. Für die Soldaten war der Empfang von Gesandten nichts ungewohntes – bloß normalerweise bestand dabei nicht die Gefahr, daß das Ganze zu einem Kampfeinsatz ausartete. Die Anspannung war den Gesichtern nur zu deutlich anzumerken – obwohl alle hier in zahlreichen Raids der Bryant Regulars Kampferfahrung gesammelt hatten. Es gefiel ihnen nicht, auf dem Präsentierteller zu stehen. Allerdings – vor der Schwester Dvenskys, offiziell die First Lady des Planeten und eine mögliche Nachfolgerin, die dazu noch eine recht hübsche junge Frau war, konnte man sich natürlich keine Blöße geben. Also blieben die Gesichter steinern, nur die Augen huschten unruhig hin und her. Ein geringer Trost für die Hauptdarstellerin bei diesem Theater, aber dennoch ein Trost. Immerhin war sie nicht die Einzige, die sich Sorgen machte... Wie viele der Soldaten wünschte sie sich beinahe, die Fahrt zur Rollbahn würde noch etwas länger dauern, doch dieser Wunsch wurde nicht erfüllt. Doch jetzt gab es kein zurück mehr, das war sicher.

Natalija sprang mit einer eleganten Bewegung aus dem MTW, der sie vom Gebäude der Kommandozentrale zur Rollbahn gebracht hatte. Hinter ihr schwärmten die Soldaten aus. Mit ihren dunkelgrünen Mänteln und den Pelzmützen, dazu den aufgepflanzten Bajonetten, boten sie zwar einen eher rituellen Anblick – eben wie eine Wachkompanie bei der Begrüßung eines Staatsgastes, eine Ehrenwache oder dergleichen.
Aber die Magazine waren aufgefüllt und die Waffen entsichert. Die Kompaktgranatwerfer unter den Läufen der Sturmgewehre waren ebenfalls geladen, und das nicht mit Feuerwerkskörpern. Und unter den Mänteln waren die Gürtel gut bestückt mit Handgranaten. Panzerbrechende, Brandgranten, hochexplosive Sprengkörper aber auch Rauch und Gasgranaten – die ganze Palette. Sie würden gegen einen Mech nicht viel ausrichten können, aber bei feindlichen Soldaten, selbst Elementaren, sah die Sache ganz anders aus...
Vorerst aber bezogen sie wie bei einem normalen Empfang Aufstellung – die MTW’s hielten sich im Hintergrund. Die Flagge Bryants entfaltete sich, gebauscht durch die Luftwirbel, die von den landenden Schiffe verursacht wurden. Die Schwester des Bryanter Herrschers straffte sich und schritt die Reihen der Soldaten entlang. Die perfekte Kulisse – hoffentlich wußte das Publikum das auch entsprechend zu würdigen. Die junge Frau beobachtete die Entladerampe der beiden „überlebenden“ Söldnerschiffe, registrierte, wie sie sich senkten. Wie dem auch sei, was auch passieren würde, das war ihr großer Auftritt. Jetzt war sie dran...

Ironheart
16.04.2004, 15:50
Leider kommt das hier zeitlich gesehen etwas spät (sprich nochmal zurück auf New Home) Ich bitte das zu entschuldigen...

Logenplätze

Skirmish-Kupferminen, Skirmish-Gebirge, 80 Kilometer nordwestlich der HPG-Anlage Findler
Findler, New Home, Chaosmarken
26. März 3065

Die Skirmish-Gebirgskette war für Findler – und damit für New Home ingsgesamt – mehr als nur eine simple Bergkette. Das Massiv mit den wir an einer Perlenschnur aufgereihten Reihe von Fünf- bis Sechstausendern, erstreckte sich in etwas mehr als 80 Kilometer Entfernung nordwestlich von Findler und bildete eine natürliche Barriere vor den stürmischen Nordwinden und war damit hauptverantwortlich für das eher milde, mediterrane Klima Findler´s.
An guten Abenden leuchteten die mit weissem Gletschereis überzogen Bergkuppen von Findler aus gesehen majestätisch am Horizont und die am Fuße der Berge gelegenen Durmontwälder hatten in früheren, besseren Zeiten als Naherholungs- und Skigebiet für die Bewohner der nahen Metropole gedient. Aber das war seit langem vorbei. Der Tourismus war zeitgleich mit dem eskalierten Bürgerkrieg zum Erliegen gekommen und heutzutage gab es nur noch einige wenige Wagemutige, die den Skirmish zum Skifahren nutzten. Daher waren die meisten der niedlichen kleinen Bergdörfer aufgegeben worden und verfielen zu Geisterstädten.
Aber es gab noch einen Grund, warum der Skirmish für New Home von Bedeutung war: Die Skirmish-Kupferminen. Die ebenfalls in den Walsausläufern des Gebirges gelegenen Minen, die ihre Blütezeit im Grunde auch schon hinter sich hatten, waren einer der wenigen Arbeitgeber der Umgebung. Die Arbeitsbedingungen waren eher dürftig und der Lohn sicher als karg zu bezeichnen. Doch die wenigen, die das Glück gehabt hatten, hier einen Job gefunden zu haben, maulten nicht. Und vor allen Dingen stellten Sie keine Fragen.
Es interessierte Sie nicht, welche der Fraktionen im Moment die Minen kontrollierten, solange Sie zu tun hatten. Und es kümmerte Sie nicht weiter, wer hier landete und startete, solange Sie ihren Gehaltsscheck einigermassen pünktlich erhielten um damit all die hungrigen Mäuler stopfen zu können, die zuhause in Findler auf das Geld angewiesen waren. Sie stellten auch keine Fragen über einen kürzlich hier gelandeten Frachter, der eigentlich nicht nach einem Frachter aussah. Und Sie wurden auch nicht stutzig durch den Anblick von sechs Mechs, die irgendwie gar nicht nach BergbauMechs aussahen und die dem sogenannten Frachter entstiegen um sich dann unbehelligt von den WachBattleMechs Richtung Findler auf den Weg zu machen.

Während die sechs BattleMechs unter der Führung eines Loki laut lärmend entschwanden, schwebte ein kleines Luftkissenfahrzeug die Rampe des Landungsschiffes mit dem bezeichnenden Namen COPPERFREIGTER SEVEN herunter.
Evander Povlsen spähte den Kampfkolossen vorsichtig hinterher und wartete, ob die Wachmechs Sie wirklich passieren liessen. Als ehemaliger Geheimdienstler war er notorisch paranoid veranlagt und hatte dementsprechend kein gesteigertes Bedürfnis am Steuer eines nicht weiter nennenswert gepanzerten Luftkissenfahrzeugs mitten in einem ausgewachsenen Kampf zwischen diesen Kolossen zu landen.
Also wartete er und beobachtete die Szenerie. Es war nicht sonderlich viel los auf dem Landeplatz der Skirmish-Kupferminen und von denen, die hier doch ihren Arbeiten nachgingen, schien kaum jemand Notiz von den Mechs genommen zu haben. Und Evander wusste auch, woran das lag.
Jeder der hier arbeitenden Grubenkumpels musste sich die Frage stellen, warum er mit unnützen Fragen seinen Job und vielleicht auch sein Leben riskieren sollte? Die Drahtzieher, die es geschafft hatten ein vor Waffen nur so strotzendes Landungsschiff als harmloses Frachterschiff zu deklarieren und unbehelligt hier landen zu lassen, hatten anscheinend genau gewußt, wen Sie zu schmieren hatten. Diese Leistung hatte selbst Evander als Ex-Geheimdienstler imponiert, welche Wirkung musste das wohl auf normale Bergbauleute haben? Und wenn so jemand genug Beziehungen, Geld und Macht hatte um etwas derartiges mitten auf einer vom Bürgerkrieg gezeichneten Welt abzuziehen, was war diesem jenigen wohl das Leben eines einfachen Bergbauers wert?
Doch auch wenn das alles gute Gründe dafür waren, warum die gesamte Belegschaft der Kupferminen beim Anblick der BattleMechs nicht in helle Panik verfallen waren, so war Evander auch kein Phantast. Er war sich sicher, dass jede der auf New Home agierenden Fraktionen ihre Spione unter den Kumpels hatten. Und somit würde es wohl doch ein paar neugierige Augen gegeben haben, die dieses wenn auch nur kurzes Auftreten mitverfolgt hatten und entsprechend Meldung machen würden.
Doch das war Evander im Grunde egal. Nach allem, was er mittlerweile von ihrem mysteriösen Mittelsmann – dem Krächzer – gesehen hatte, würde es Evander nicht wirklich wundern, wenn die Meldungen der Bergbau-Spione irgendwie auf dem Wege versanden würden.
Und selbst wenn dies eine Falle sein sollte und die New Homer tatsächlich gemeinsame Sache mit den Chevaliers machen würden, so waren es schliesslich die Crusaders, die die Suppe würden auslöffeln müssen. Evander und sein Partner Dorinel Raducanu würden sich das Ganze in aller Ruhe und in einigem, sicheren Abstand anschauen und höchstwahrscheinlich über alle Berge sein, falls es zum Äußersten kommen sollte.
Doch genau um das herauszufinden waren sie hergekommen und hatten fast zwei Wochen an Bord des Landungsschiffes gesessen und gewartet. Es war endlich an der Zeit herauszufinden, ob die Chevaliers ein doppeltes Spiel trieben.
Und Evander freute sich auf seine Plätze in der ersten Reihe, als er aufs Gaspedel des Luftkissenflitzers trat und sich auf den Weg machte.

Ironheart
16.04.2004, 15:52
Und damit das nicht nochmal passiert, hier noch ein Platzhalter, der wohl zum Teil auf New Home und zum Teil dann auf Bryant spielen wird

Ironheart
16.04.2004, 15:52
Und dieser Platzhalter wird definitiv auf Bryant spielen

Cattaneo
17.04.2004, 11:12
Doppeltes Spiel

Die Mechs der Regulars hatten schnell ihre neuen Positionen erreicht. Dvensky hatte befohlen, vorerst noch in Bereitschaft zu bleiben. Aber er hatte auch dafür gesorgt, daß man den Piloten warmes Essen und Getränke brachte. Auch die anderen Truppen waren Schichtweise versorgt worden. Die Ankunft der Söldner war glatt über die Bühne gegangen, doch bevor er sich nicht selber ein Bild vom Anführer der Söldner machen konnte, wollte er keine Entwarnung geben.
Nun, selbst danach würde er wohl mißtrauisch bleiben.
Fürs erste war er also der einzige, der die wenig kleidsame Kampfmontur hatte ausziehen können. Er trug jetzt die Uniform ohne Rangabzeichen, die eine seiner Standardkostüme darstellte. Um ihn waren die Teile seines Führungsstabes versammelt, die momentan entbehrlich waren. Der Colonel und der Chef der Infanterie waren weiterhin bei den Truppen, die Kommandeurin der Luftwaffe ließ gerade ihre Jäger neu bestücken. Die geringe Mannstärke der Streitkräfte Byrants erforderte es, daß die Offiziere unablässig im Einsatz waren.
Nun, zumindest hatte er von seiner „Bärenhöhle“ aus ständigen Kontakt mit ihnen, und mit den Beobachtern, die diese Chevaliers und Com Stars unterbezahlte Helden im Auge behielten. Sollten sie es doch noch darauf ankommen lassen, wollte Dvensky vorbereitet sein.

Also waren bei ihm nur seine Schwester und die „Spinne“. Aber das genügte eigentlich auch, da es schon nicht anders ging. Er selber verkörperte ja die höchste administrative und militärische Macht, seine Schwester war hier als diplomatische Kraft und Vertreterin des Nordkontinents, und Jegorowa als Geheimdienstchefin stand für die zweite wichtige Stütze seiner Herrschaft.
Dvensky musterte die beiden Frauen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Aber beide brauchte er sie, und auf beide verließ er sich wie nur auf wenige Menschen.
„Also, Natalija, was hältst du von diesem Danton?“
Das Gesicht der jungen Frau zeigte nichts von der Koketterie, mit der sie sonst glänzen konnte. Die Augen waren grübelnd verschleiert, ihr Mund leicht verzogen. Sie hatte viele Masken, wie ihr Bruder auch. Und einen scharfen Verstand, wenn auch nicht ganz seine rücksichtslose Entschlossenheit.
„Ich weiß nicht recht. Ich halte ihn eigentlich für einen ziemlich schlechten Schauspieler. Sein Gebalze mir gegenüber – also ehrlich gesagt wirkte das ein wenig aufgesetzt. Er schien mir zu sehr von einem Extrem zum anderen zu schwanken. So etwas machen eigentlich nur wenige Menschen, und es widerspricht dem, was wir bisher von ihm wissen. Es hieß, er sei mit dieser Ärztin liiert, und wir wissen, daß sie irgend etwas auf New Home abbekommen hat. Glücklicherweise nicht durch uns. Würde so jemand mit mir flirten?“
Dvensky grinste amüsiert: „Wenn du es darauf anlegt, Schwesterchen…“ Dann wurde er abrupt wieder ernst: „Da hast du vermutlich Recht. Entweder er hat uns gegenüber Besorgnis für seine Männer geheuchelt – immerhin möglich. Wenn dieser ganze Absturz nur inszeniertes Theater war. Oder er war wirklich wütend, der Absturz ein glücklicher Unfall für uns, und er hat sein Interesse für dich geheuchelt, damit du vielleicht ein gutes Wort einlegst. Oder alles zusammen. Aber geschauspielert hat er wohl auf jeden Fall.“

Der Diktator machte sich keine Sorgen darüber, daß seine Schwester der „billigen Imitation französischen Charmes“, wie sie es genannt hatte, erliegen würde. Ob sie nun ihr Herz bereits vergeben hatte oder nicht, sie war jedenfalls eine zu ausgefuchste Unterhändlerin, um auf so eine durchsichtige Taktik hereinzufallen. Aber wenn der Söldnerführer glaubte, damit etwas zu erreichen, dann ließ sich das eventuell gegen ihn verwenden.
Dvensky schob diese Gedanken für den Moment zur Seite. Er würde jedenfalls Sorge tragen, daß bei dem Empfang, den er Danton früher oder später geben würde, entsprechend zur Geltung kam. Mochte der Söldling doch weiter sein Süßholz raspeln, ob nun aus ehrlicher Überzeugung oder Hinterlist. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, das galt auch hier...
„Was ist übrigens mit seinem ,Geschenk‘, Major?“ wandte er sich unvermittelt an die Geheimdienstchefin. Doch wie eigentlich immer ließ sie sich nicht überraschen. Manchmal schien es, als habe sie Eiswasser aus Bryants endlosen Gletschern in den Adern.
„Wird gerade verhört. Gründlich, aber nicht auf Dringlichkeitslevel.“ Mit diesem Euphemismus umschrieb die „Spinne“, daß man auf den Einsatz von Folter vorläufig verzichtete. Jegorowa war eigentlich keine Sadistin, sie war nur entschlossen und hatte jegliche Skrupel schon lange der Zweckmäßigkeit geopfert.
„Wenn wir mit ihr fertig sind, wird sie auf einen nachrangigen Posten bei Smersch versetzt. Sie weiß selber, daß sie draußen ,verbrannt‘ ist. Und hat genug Gewissensbisse, um die Maßnahme zu akzeptieren. Schließlich hat sie sich erwischen lassen.“
Dvensky wirkte unsicher: „Denken Sie, man hat sie umgedreht?“ Die Geheimdienstchefin schnaubte verächtlich: „Die Söldner? Sicher nicht! ROM? Ohne Probleme. Aber ich glaube nicht, daß die sich für eine nachrangige Kundschafterin des GKVD interessieren. Selbst wenn wir nicht automatisch mißtrauisch wären, und damit müssen sie eigentlich rechnen, war sie nicht in einer Position, in der sie ihnen viel hätte verraten können. Außer dem, was sie schon auf New Home aus ihr herausbekommen könnten.“

Dvensky nickte: „Machen Sie es so. Und setzen Sie ein Analyseteam auf sie an. Die sollen jede ihrer Beobachtungen unter die Lupe nehmen. Vielleicht haben sie ihr zum Gutteil was vorgespielt, aber man kann selten eine komplette Maskerade entwickeln. Sie muß auch einen Blick auf das wahre Gesicht der Söldner geworfen haben.“ Der Major nickte nur leicht. Sie unterließ es, Dvensky zu sagen, er brauche seiner Großmutter nicht zu erzählen, wie man Eier kocht. Statt dessen ging sie zum nächsten Thema über.
„Haben Sie etwas über das Landungsschiff erfahren?“
Dvensky schüttelte nur den Kopf: „Unsere Jäger haben nur ein ungefähres Areal – und das ist verdammt groß. Sie können wegen dem Wetter auch noch nicht anfangen zu suchen. Das wird einiges an Arbeit geben. Nun, das überlasse ich der Luftwaffe.“

Major Jegorowa schien zu überlegen: „Wenn Danton einen Umsturz geplant hätte, wäre dieser Schachzug unsinnig. Er verzettelt so seine Truppen nur. Und auf Tomainisia nützen ihm die Soldaten nichts. Auch sein Suchtrupp ist für ihn verloren, die sitzen dann erst mal dort fest. Ich habe mir überlegt, daß er vielleicht hofft, dort Lostech zu finden, oder dort eine Basis sucht – aber ich glaube nicht, daß Com Star es gerne sähe, wenn einer seiner bezahlten Hunde auf eigene Faust auf die Jagd geht. Auch wäre es wesentlich klüger gewesen, dann an einem Piratensprungpunkt aufzutauchen und sich ins Zielgebiet zu ,schleichen‘. Das machen sie ja öfter.“ Sie wußte, wovon sie sprach. Ihr oblag ja stets der Verhör gefaßter Plünderer. Es waren mehr als einmal Gruppen durchgekommen. Allerdings nahm die Zahl der Sprungpunkte, deren genauen Position die Bryanter nicht kannten, rapide ab. Mancher, der einmal Glück gehabt hatte, war beim zweiten oder dritten Mal ins Netz gegangen. Ganz ließen sich die Plünderungen aber nie unterbinden.

Auch ihr Vorgesetzter machte nicht den Eindruck, als könne er sich eine Reim aus der Sache machen. Dvensky stellte sich nie dümmer als er war, aber er spielte seinen Leuten auch nicht den Allwissenden vor, hier, im Innersten Zirkel. Seine Augen funkelten kalt – er witterte Verrat, und dann war er am gefährlichsten.
„Ich will, daß diese Söldner gründlich überwacht werden. Sobald einer von ihnen den Stützpunkt verläßt, muß man ihn im Auge behalten. Stellen Sie ein paar gute Observationsteams ab. Und der Stützpunkt wird passiv rund um die Uhr abgehört. Schrägbildaufnahmen von der Luftwaffe – ich werde bei der Luftwaffe anfragen lassen. Und die Lander und Jäger auf dem Flugfeld sollen überwacht werden. Zur Not müssen wir die Rollbahn sofort blockieren, und ihre Maschinen unter Feuer nehmen können!“
Er wußte, daß Jegorowa seine Anordnungen problemlos im Kopf behalten und umsetzen würde, falls sie nicht schon in weiser Voraussicht die nötigen Schritte eingeleitet hatte. Sie war eine gute Geheimdienstlerin, und als solche verabscheute sie es, über sensible Dinge nicht ausreichend Bescheid zu wissen.
Dvensky drehte sich zu seiner Schwester um: „Du bereitest mir den Empfang für diesen Danton vor. Nichts übertrieben protziges, aber er soll merken, daß er mit einem Herrscher spricht. Spiel sein dummes Spiel weiter – vielleicht fällt er selber rein.“ Die junge Frau grinste nur zynisch – was so gar nicht zu ihrem üblichen Auftreten in der Öffentlichkeit paßte. Dann wurde sie ernst: „Bleibt das Problem mit den Abgestürzten und dem Suchtrupp. Wie ist ihr Status, was machen sie, und wie gehen wir dabei vor?“

Dvensky schürzte die Lippen leicht. Milder Tadel lag in seinen Worten: „Es war eigentlich die Aufgabe des GKVD, dies herauszubekommen.“ Jegorowa schluckte es, aber sie schien kein sonderlich schlechtes Gewissen zu haben: „Nun, nicht jede Operation geht glatt. Ich werde mir aber die entsprechenden Agenten mal vorknöpfen. Sie sind momentan in Tscheljabinsk, bei dieser Söldnereinheit. Ich lasse sie mit dem nächsten Flugzeug herbringen. Sowieso möchte ich mich mit ihnen persönlich unterhalten, dabei entdeckt man mitunter Dinge, die unserem Analyseteam in Tscheljabinsk entgangen sind. Dann sehen wir weiter.“ Der Diktator nickte knapp: „Tun Sie das. Und machen Sie dem ,Freelancer‘ klar, daß wir für Geld Ergebnisse erwarten – und zwar in vollem Umfang.“ Er überlegte kurz: „Nun, sie müssen natürlich warten, bis wir ihnen mitteilen, daß Wetter auf Tomainisia habe sich gebessert. Vielleicht können wir den Aufbruch des Suchtrupps noch etwas herauszögern – natürlich nur aus Sorge um ihre Sicherheit. Vielleicht bekommen wir in der Zwischenzeit etwas raus oder finden das Landungsschiff.“ Seine Schwester blickte ihn fragend an: „Soll ich mich bei der Gelegenheit nach Tscheljabinsk begeben? Immerhin hast du mir die Verwaltung dort zugeteilt.“
Dvensky zögerte, vielleicht auch, weil er sich nach den Motiven seiner Schwester fragte. Ihre Beziehung zum Kommandanten des Nordkontinents hatte er nach Möglichkeit gefördert, aber nicht einmal er wußte, ob nun wirklich etwas dran war. Nun, alles zu seiner Zeit...
„Ich brauche dich vorerst hier. Du mußt die ,First Lady‘ spielen. Major Jegorowa ist dafür nicht geeignet,“ die Geheimdienstlerin reagierte mit trockenem Lächeln und einer ironische Verbeugung, „...und Luftwaffe muß vorerst ständig einsatzbereit sein.“ Wenn Natalija verstimmt war, so zeigte sie es nicht. Immerhin hatte sie ja einen Trostpreis bekommen – sie, und nicht die Luftwaffenchefin würde in den kommenden Tagen an erster Stelle stehen. Nicht, daß die beiden einander haßten, aber sie mochten sich auch nicht.
Also nickte sie knapp, fügte aber spöttisch hinzu: „Aber erwarte mal nicht zuviel von mir.“ Dvensky lachte: „Wenn Danton auch nur glaubt, ich würde versuchen, ihn durch dich zu beeinflussen, wenn er uns für so dumm hält, auf ihn hereinzufallen – dann wäre das schon ein gutes Ergebnis. Aber wenn Com Star wie gewöhnlich ein doppeltes Spiel treibt, werden sie keinen Vollidioten genommen haben..."

Und so gingen noch am Tag der Ankunft die nötigen Befehle hinaus. Smersch begann mit der Überwachung, Jegorowa gab ihren Agenten in Tscheljabinsk den Marschbefehl nach Brein, Natalija Dvenskya bereitete sich auf ihren nächsten „Auftritt“ vor, und die Kommandantin der Luftwaffe gab allen verfügbaren Maschinen, auch denen des Explorercorps – die ihr eigentlich nicht voll und ganz unterstanden, aber sie spielte nun einmal die erste Geige vor Ort – den Befehl, mit der Suche zu beginnen. Sobald das Wetter es erlaubte. Bryants gut geölte Überwachungs- und Militärmaschinerie lief an...

Cattaneo
17.04.2004, 11:13
Eine neue Aufgabe

Das Fahrzeug suchte sich seinen Weg. Es fiel ihm nicht schwer, denn auf den verschneiten Straßen Breins war wenig Verkehr. Nur einmal mußte der mit weißem Tarnanstrich versehene MTW stoppen, als vor ihm vier wuchtige Kolosse um eine Ecke bogen. Bryants Panzer waren auf dem Weg zu neuen Bereitstellungen. Zwei leichtere Fahrzeuge, Zwillingsbrüders des Schützenpanzerwagens, folgten der Lanze Tanks.
Povlsen hing seinen eigenen Gedanken nach, die nicht unbedingt optimistisch waren. Seit der Ankunft auf Bryant war bei weitem nicht alles so gelaufen wie erhofft. Daß es seinem Kollegen nicht anders ging – auch wenn sie keine direkten Freunde waren, so hatten sie in den letzten Wochen einiges gemeinsam durchgemacht, und das verband – war da kein Trost. Im Gegenteil. Wenn schon Raducanu, der immerhin im GKVD einen vergleichsweise hohen Rang bekleidete, nicht wußte, was auf sie zukam…
Die anderen Fahrgäste waren auch keine Quelle der Inspiration und Kurzweil. Drei Männer in schlechtsitzender Gefängniskluft mit verbundenen Augen, dazu zwei Milizionäre mit der Statur von Schrankwänden, die ihre schweren Schrotflinten auf eine Art und Weise handhabten, die darauf hindeutete, daß Schusswaffeneinsatz für sie weder ein Novum noch ein psychologisches Problem war. Die Gefangenen schwiegen, was wohl auch klüger so war, und die „Polizisten“ betrachteten die Agenten mit einer Mischung aus Mißtrauen und Berechnung, die alles andere als beruhigend war.

In Gedanken ließ der Lyraner die letzen Wochen Revue passieren. Bei der Ankunft auf Bryant – nicht in Brein, wo man die Chevaliers erwartete, sondern im Zentrum des Nordkontinents, Tscheljabinsk – war nicht gerade der rote Teppich ausgerollt worden. Man hatte die Agenten ein wenig von oben herab behandelt, und eiligst in die Zentrale des GKVD, in der auch Smersch, die politische Polizei, ihr Quartier hatte, geschafft. Dort hatten die Befragungen begonnen. Nicht direkt als Verhöre – jedenfalls keine höherer Dringlichkeitsstufe. Aber es waren doch teilweise ausgedehnte Sitzungen geworden, und man hatte weder ihn noch Raducanu sonderlich freundlich behandelt. Irgendwie schien die Zentrale mit ihnen unzufrieden zu sein.
Man hatte jede Einzelheit ihres Aufenthalts auf Outreach und New Home rekapituliert. Alles, was die Zustände vor Ort und das Verhalten der Crusaders oder Chevaliers erhellte, jede noch so kleine Einzelheit war nachgefragt worden. Nun – Povlsen wußte nur zu gut, daß Geheimdienstarbeit etwas von einem Puzzlespiel an sich hatte, und die damit beauftragten Menschen manchmal zu Pedanterie neigten.
Die Art und Weise, wie man ihn behandelte, war ihm gewiß gegen den Strich gegangen. Aber er wusste, im Moment hatte er nicht viele Möglichkeiten. Hier war er auf dem Spielfeld der Bryanter, und sie bestimmten die Regeln. Mochten sie auch nur eine Hinterwälderwelt sein, mit einem Geheimdienst, der nicht einmal annähernd mit den „Großen“ mithalten konnte, hier auf Bryant gaben sie den Ton an, und er war ihnen ebenso ausgeliefert, wie es ein Bryanter in der Hand eines LNC-Teams gewesen wäre. Also machte er gute Miene zum undurchschaubaren Spiel.

Heute Morgen hatte sich alles geändert. Mitten in einer der üblichen Besprechungen war ein Smersch-Offizier geplatzt, der ihnen knapp den Befehl erteilt hatte, sich für einen Transfer nach Brein bereitzumachen. Er hatte angedeutet, daß die „Majorin“ sie sehen wollte. In dem Kontext war klar, wer damit gemeint war.
Man hatte ihnen keine Stunde Zeit gegeben, sich vorzubereiten. Ein MTW der Miliz hatte sie direkt aus dem ummauerten Komplex abgeholt – ohne, daß jemand von außen hätte beobachten können, wie sie einstiegen. Mitsamt ihrer jetzigen Begleiter hatte man sie zum Flughafen von Tscheljabinsk gefahren. Die Maschine, die sie dort erwartete, war ein alter Planetlifter, zum Großteil mit unterschiedlichster Fracht beladen. Auch hier war das Fahrzeug erst im INNEREN entladen worden, auch hier achtete man darauf, daß keiner die beiden Agenten zu Gesicht bekommen konnte. Nach einem ereignislosen, langen Flug hatte sich das Schauspiel in Brein wiederholt – auch hier war ein Miliz-MTW die Rampe des Flugzeugs hinaufgefahren und hatte seine Last aufgenommen, ohne daß jemand von außen das hätte beobachten können. Povlsen fragte sich, ob es nur wieder die normale Paranoia von Geheimdienstlern und Politpolizisten war, oder mehr dahinter steckte.
Auf dem Flughafen waren die Lander und Kampfflieger der Chevaliers gut zu erkennen gewesen – besser gesagt, ein Teil von ihnen, denn einer, das Maultier, fehlte. Aber darüber hatte man ihnen natürlich keine Auskunft gegeben.
Wie willkommen die Söldner waren, verdeutlichte wohl das rege Treiben auf dem Flugfeld. Die Luftabwehr-Geschütze waren alle irgendwie in Richtung der Lander und Jäger der Söldner gedreht, und in Erdstellungen waren Raketenwerfer aufgefahren. Die Bryanter Jäger glänzten durch Abwesenheit, aber Povlsen hätte darauf gewettet, daß sie irgendwo außer Sicht kampfklar gemachten wurden – um zu starten, sollte es nötig sein. Die Bryanter wollten den Chevaliers wohl keine Chance auf einen Glückstreffer lassen.

Aber all das gab Povlsen keine Aufklärung darüber, was man genau nun von ihm wollte. Er hatte die Umgebung eher aus Gewohnheit beobachtet – ein guter Agent konnte sich Unachtsamkeit nicht leisten. Argwöhnte man in Brein, daß er und sein Partner ein doppeltes Spiel trieben? Dafür gab es keinen richtigen Grund, und man hätte sie dann wohl auch härter angefaßt. Allerdings – für solche Anschuldigungen mußte es bei weitem nicht immer eine plausible Begründung geben.
Nun, bald würde er es erfahren – eine Tatsache, die ihn nicht eben mit Erleichterung erfüllte.
Schließlich passierte der MTW die Tore des Bryanter Regierungskomplexes. Es gab keine Kontrolle, offenbar erwartete man sie. Die Maschine fuhr in eine Tiefgarage eines der Seitenflügel. Povlsen hatte von Raducanu genug gehört um zu wissen, daß sich die unterirdischen Anlagen unterhalb des ganzen gewaltigen Areals erstreckten, oft über mehrere Etagen. Ein Erbe des Sternenbundes, aber heute noch in ständigem Gebrauch. Wenn auch vermutlich teilweise mit anderer Bestimmung als einst.

In einer gigantischen unterirdischen Halle hielt das Fahrzeug. Einer der Milizionäre deute auf die Tür: „Aussteigen.“ Sein schiefes Grinsen war nicht ermutigend. Es war eher das Lächeln eines Mannes, der andere in eine ungewisse Zukunft gehen sah und dabei froh war, daß es ihn nicht selbst traf. Aber das Mitleid ging wohl nicht so weit, daß er seine Waffe auch nur einen Augenblick aus der Hand gelegt hätte. Im Grunde war er ein Symbol für die Behandlung, die Povlsen und Raducanu hier genossen hatten: argwöhnisch, wachsam und undurchschaubar bezüglich dessen, was auf sie zukommen mochte.
Als die beiden Geheimdienstler ausstiegen, wurde sie bereits erwartet. Zwei Soldaten und ein Offizier in Milizuniformen, mit den Abzeichen von Smersch. Die Waffen waren nicht direkt auf die Ankömmlinge gerichtet, aber einsatzbereit. Der MTW fuhr an, während der Smersch-Offizier die Agenten musterte: „Haben Sie Waffen?“ Beide verneinten. Ein leichtes Lächeln huschte über das Gesicht des Polizisten – vermutlich hatte er die Antwort schon vorher gewußt: „Kommen Sie mit.“ Er ging voran, aber seine Soldaten postierten sich hinter Povlsen und Raducanu. Der Lyraner fing einen Blick seines Kollegen aus – der Bryanter wirkte zunehmend nervös. Offenbar konnte er sich einfach keinen Reim auf die Lage machen.

Ihr Weg führte sie über zahlreiche Treppen, ein verschlungener Pfad, den ein Uneingeweihter wohl kaum gefunden hätte. Auch das mochte wieder ein psychologischer Kunstgriff sein, sie zu verunsichern. Aber schließlich erreichten sie doch ihr Ziel – eine massive Tür. Der Smersch’ler nickte ihnen zu: „Gehen Sie `rein.“
Povlsen straffte sich, und auch Raducanu strich seine Uniform glatt. Jetzt kam es drauf an…
Povlsen war sich keiner richtigen „Sünde“ bewusst, doch in der paranoiden Welt der Geheimdienste, in den Systemen der Inneren Sphäre, die alle unter einem starken Sicherheitsdilemma litten, konnten selbst geringfügige Verdächtigungen fatale Folgen haben. Besonders in solchen Regimen wie dem von Bryant.
Das Zimmer war nüchtern eingerichtet – zweckmäßig, sonst nichts. Die Frau hinter dem massiven Schreibtisch passte genau ins Bild. Eher unauffällig, jedoch mit Augen, die von Intelligenz und Wachsamkeit kündeten – nicht jedoch von Gnade. Sie trug keine offen sichtbare Waffe – doch vermutlich hatte sie eine in Reichweite, und die Wachen vor der Tür waren sicher in Bereitschaft. Zudem waren „Heldentaten“ in so einer Situation mit die dümmsten Dinge, die ein Mensch machen konnte.
Major Jegorowa nahm die Ehrenbezeigung ihrer „Gäste“ schweigend zur Kenntnis. Da sowieso keine Sitzplätze vorhanden waren, erübrigte sich die Frage, ob sie sie zum setzen auffordern würde. Allerdings mochte dies auch ein Hinweis sein – sonderlich hoch im Kurs standen sie nicht.

„Sie fragen sich sicher, warum Sie hier sind.“ Ihre Stimme klang kalt und gelassen – emotionslos. „Ich will Sie nun nicht länger im Unklaren lassen. In meinen Augen haben Sie schandhaft schlecht Arbeit geleistet, und ich frage mich, wie der Schaden wieder gutgemacht werden kann – und was ich mit Ihnen anfangen soll.“ Sie schnitt jeden eventuellen Einwurf mit einer Handbewegung ab: „Ja, schlechte Arbeit. Ihre Infiltration auf Outreach war gut vorbereitet, ohne Zweifel. Aber die von Ihnen erbeuteten Informationen sind NICHT die gewünschten. Dabei hatten Sie nun wirklich alle Vorteile auf Ihrer Seite. Sie hatten beste Ausrüstung, die Kasernen waren kaum belegt. Dennoch haben Sie nichts Genaueres über die Absichten der Chevaliers herausfinden können.“ Sie musterte die beiden eindringlich: „Ich will es nicht übertreiben – in unserem Geschäft gibt es keine Erfolgsgarantie. So gesehen könnte man auch von einer Verkettung unglücklicher Umstände sprechen, denen vorzubeugen Sie freilich versäumten. Aber Ihr Abgang macht aus einer Unterlassung eine handfeste Dummheit.“ Immer noch war ihre Stimme kalt und gelassen.
„Was denken Sie eigentlich, wo Sie sind? Bei einem Agentenfilm? Ihre unsinnigen Aktionen haben einen Aufruhr veranlasst, der dem letzten Dragoner klargemacht haben dürfte, daß auf ihrer Welt Leute unbekannter Herkunft geheimdienstlich tätig sind. Selbst wenn nicht – nach SO etwas müssen die Dragoner einfach die Sicherheit erhöhen. Die Folgen für weitere Operationen unsererseits brauche ich Ihnen wohl nicht auszumalen. Und sollten sie dahinter kommen, daß wir dafür verantwortlich sind, wird es uns schwer fallen, auf Outreach weiter unsere Geschäfte abzuwickeln. Dazu haben Sie den Chevaliers klargemacht, daß sich jemand brennend für sie interessiert. Wer könnte das wohl sein?“
Die Geheimdienstchefin schüttelte den Kopf: „Ihre Aktion war unüberlegt und hätte leicht schief gehen können. Sie war spektakulär und reine Effekthascherei und hat uns nur geschadet. Und zusätzlich hat sie nicht einmal die gewünschten Ergebnisse gebracht. Jetzt sind die Chevaliers hier, sie sind sicher mißtrauisch, gerade, wo wir es am wenigsten gebrauchen können. Wenn sie ein falsches Spiel treiben, werden sie sowieso auf der Hut sein – aber umso mehr wenn sie argwöhnen, wir würden sie schon seit Outreach überwachen.
Eines ihrer Landungsschiffe ist aus ungeklärten Gründen abgestürzt, und wir wissen nicht, was sie planen und ob der Absturz nicht eine Finte ist. Dies ist nicht allein Ihr Fehler, aber Sie tragen erheblichen Anteil an unserem Dilemma. Der Count ist mehr als verärgert. Ich hoffe, Sie können mir einen guten Grund nennen, warum Ich Sie, Evander, nicht ohne eine C-Note zum Teufel schicken sollte, und Sie, Dorinel, auf einen Büroposten als Hilfskraft abschiebe.“

Die Stimme der Majorin war das eindrucksvollste bei ihrer kleinen Ansprache. Sie wurde nicht einmal lauter, zählte nur kalt Fakten und Einschätzungen auf. Das war kein spontaner Wutausbruch, sondern vielmehr alles wohlkalkuliert. Und kaum ein Schlupfloch für die beiden Agenten. Povlsen war einerseits erleichtert – man hatte ihn, zumindest bisher, nicht irgendwelcher abstrusen Dinge angeklagt. Er sah seine Arbeit bei weitem nicht so schlecht, aber er verstand auch teilweise, warum Jegorowa so reagierte. Andererseits aber wollte er keineswegs mittellos abgeschoben werden. Fieberhaft überlegte er, denn es ging zwar nicht um seinen Kopf, aber doch um nicht wenig Geld und seinen „guten“ Ruf. Mit der Majorin zu diskutieren war nicht unbedingt ratsam – das war beim Geheimdienst wie beim Militär. Glücklicherweise hatte er noch etwas in der Hinterhand.
„Entschuldigen Sie, Major, aber es gibt da einen Umstand, der die Lage grundlegend ändern konnte.“ Die Geheimdienstlerin kniff leicht die Augen zusammen. Vermutlich haßte sie Überraschungen, in ihrem Beruf kein Wunder. Doch sie nickte dem Lyraner zu.
„Ich habe einen Peilsender bei einem der Chevaliers einschleusen können. Vielleicht können wir damit ihr Landungsschiff aufstöbern und so herausfinden, was sie treiben. Oder wir geben die Information an Danton weiter und lullen ihn so über unsere Kooperation ein.“
Jegorowa verzog den Mund: „WAS wir tun überlassen Sie mir, Agent. Und ich hoffe Ihnen ist klar, daß dieses Kuckucksei auch bei den Chevaliers in Brein seien kann – wo die sind, wissen wir ohnehin. Zudem vermisse ich den Umstand in Ihren Berichten.“
Povlsen hätte sich auf die Zunge beißen können. Natürlich, der Kontrollfetischismus der höheren Geheimdienstchargen. Man ließ den eigenen Leuten zwar etwas Spielraum, aber wehe sie maßten sich mehr an, als man ihnen eingeräumt hatte. Deshalb erklärte er hastig: „Zu dem Zeitpunkt schien es mir unwichtig. Vergessen Sie nicht, wir konnten von der Entwicklung nichts wissen. Es sollte nur eine Versicherung meinerseits sein gegenüber diesem Ducic.“

Die „Spinne“ schien zu überlegen. Dann akzeptierte sie die Erklärung offenbar: „Dann haben Sie ja Glück gehabt. Besagter Mechkrieger ist anscheinend unter den Vernissten. Sein Mech ist nicht aufgetaucht, wir gehen also davon aus, daß er an Bord des Maultiers war.“ Sie lächelte dünn: „Das ist ein Grund, wegen dem ich es mir überlegen kann, mein Urteil über Ihre Arbeit abzumildern. Ein Anfang.“ Der Unterton war klar – sie verlangte mehr.
Für einen Augenblick sammelte die Frau, der man ihr Amt kaum angesehen hätte, ihre Gedanken: „Also gut. Sie werden das mit der Luftwaffe abklären. Ich will, daß die Chevaliers geortet werden. Aber mit aller Vorsicht, wir wollen nicht, daß sie wissen, daß wir ihnen auf der Fährte sind. Sollten sie ein falsches Spiel spielen – die Chancen sind immer noch sehr gut, daß von ihnen nichts blieb als ein paar hundert Quadratkilometer Metallschrott – dürfen wir sie um keinen Preis vorwarnen. Sobald sie geortet werden, schauen wir uns das an. Am besten mit den Crusadern – dann können wir hinterher immer noch sagen, das wären Plünderer oder Piraten, die offenbar nach Lostech suchten und mit den Chevaliers zusammenstießen. Falls uns die Chevaliers betrügen ist Diplomatie sowieso überflüssig.“
Sie nickte den beiden Agenten zu: „Sie gehen zurück nach Tscheljabinsk. Vorher sprechen Sie mit den Leuten der Luftwaffe. In Tscheljabinsk werden Sie sich mit den Crusadern anfreunden, denn wenn wir sie in den Einsatz schicken, gehen Sie als Verbindungsoffizier mit, mit ein paar unserer Infanteristen. Seien Sie wachsam, ich traue diesen Söldnern auch nicht ganz über den Weg. Ihr Chef war bei Com Star. Es ist unwahrscheinlich, daß beide Truppen Teil eines Planes gegen uns sind, doch bei den Kuttenträgern weiß man nie.“

Damit waren sie, wenn auch nicht gerade huldvoll, so doch in Gnade, entlassen. Povlsen fragte sich indes langsam, ob seine Entschluß, für die Bryanter zu arbeiten, wirklich so klug gewesen war. Sicher, es lag zum Gutteil auch am verdammten Pech beim Einbruch. Diese dämlichen Söldner!
Nun, er hatte eine Aufgabe, und für sein Konto sah es momentan wieder etwas besser aus – nur darauf kam es an.

Cattaneo
21.05.2004, 08:49
Der Zorn des Bären

Erst als sich die Türen des Fahrstuhls endgültig und unwiederbringlich geschlossen hatten, gestattete sich Dvenskys Schwester einen tiefen Atemzug. Knapp, so verdammt knapp. Um ein Haar hätte das alles in einem Blutbad enden können.
Selbst wenn sie jemals wirklich vorgehabt hätte, mit dem Söldneroffizier etwas anzufangen – die letzten Minuten hätten wohl jede Frau von derart närrischen Gefühlen kuriert. Sie für ihren Teil hätte Gemaine Danton für die Verlagerung in eine psychiatrische Anstalt empfohlen, wenn sie in der Sache etwas zu sagen gehabt hätte. Der Dummkopf hatte beinahe einen Krieg heraufbeschworen – zusätzlich zu seinem eigenen Tod. Er hatte wohl nicht vermutet, daß jedes Wort aus dem Konferenzzimmer an die Wachen weitergegeben wurde. Dvensky sparte sich auf diese Art und Weise die Zeitverzögerung, selbst Alarm auszulösen, wenn etwas schief ging.
Sie hatte schon gefürchtet, nach dieser idiotischen Drohung würden die beiden Wachposten mit gezogenen Pistolen den Raum stürmen. Vermutlich hatte auch nicht viel gefehlt. Ihr Bruder hätte wohl um ein Haar das Codewort erwähnt – und dann wäre eine Eskalation unvermeidlich gewesen. Mit den Söldnern, vermutlich auch mit Com Star. Sie kannte die Männer und Frauen der Eliteeinheit – wenn sie nicht so gut ausgebildet gewesen wären, Danton wäre mit einer Kugel im Hinterkopf bei seinem Wagen angekommen. Sie mochten es nicht, wenn man ihre Heimat bedrohte. Und wenn man sie für dumm verkaufte, schätzten sie das auch nicht.

Aber die Soldaten konnten ihr relativ egal sein. Es ging augenblicklich um erheblich wichtigere Dinge. Und die standen vermutlich deutlich auf der Kippe. Also schritt sie energisch aus, bis sie das Büro ihres Bruders erreicht hatte. Sie ahnte schon, welcher Anblick sich ihr bieten würde. Sie täuschte sich nicht.
Das Gesicht des Diktators war wachsbleich. Er saß an seinem Schreibtisch, die Fäuste waren geballt, verkrampft. Die Augen funkelten wütend. In Augenblicken wie diesem war er am gefährlichsten. Wenn er sich nicht so unter Kontrolle gehabt hätte... Sein Ausbruch vor wenigen Minuten war reines Theater gewesen. Der Herrscher von Bryant gefiel sich nur selten in der Rolle des tobenden Despoten. Seine augenblickliche Haltung aber, die war echt – und weitaus bedrohlicher als jeder donnernde Wutausbruch.
Dvensky war es gewohnt, von den großen Mächten von oben herab behandelt oder ganz übersehen zu werden. Es gefiel Natalijas Bruder nicht, aber er wußte, daß seine Position nun einmal nicht besser war. Doch hier, in seinem Palast, auf seiner Welt, herausgefordert zu werden, dazu noch von einem ordinären Söldnerhauptmann, das war etwas anderes. Mehr als er bereit war, im Normalfall zu akzeptieren.
Die junge Frau schwieg zunächst einmal. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß er sich schnell wieder unter Kontrolle haben würde. Außerdem – im Grunde ging es ihr nicht viel anders. Die Erinnerung, wie selbstgerecht und arrogant dieses Stück Dreck sich aufgeführt hatte, ließ auch in ihr Wut aufkommen. Für wen hielt sich denn dieser Danton? Er war hier Gast, und hatte sich als solcher zu benehmen. Seine Zirkusnummer war ein Schlag ins Gesicht der Souveränität Bryants, ob er seine Drohung nun ernst gemeint hatte oder nicht. Sicher, wenn seine Leute wirklich abgestürzt waren, dann war Sorge gerechtfertigt. Aber keineswegs solche Drohungen. Er hätte Dvensky auf Knien anflehen können - aber das hatte er nicht getan. Ein solcher Versuch hätte vielleicht sogar etwas gebracht. Dvensky hätte vermutlich einer Rettungsmission zugestimmt. Allerdings einer unter Aufsicht der Regulars. Er war ja an einem offenen Bruch mit den Söldnern nicht wirklich interessiert gewesen. Er hätte versucht, möglichst viel aus der Situation herauszuholen.

Außerdem, wenn dieser Danton seine Bande nicht besser unter Kontrolle zu haben glaubte, dann war dies seine Schuld. Als Kommandeur war man für die Taten der Untergebenen in vollem Umfang zuständig, ob man sie nun anordnete oder nicht verhindern konnte, weil man unfähig war, die Disziplin zu wahren.

Langsam entkrampfte sich der Diktator wieder. Er blickte seine Schwester kurz an – fast entschuldigend. Sie gehörte zu den wenigen Menschen, gegenüber denen er hin und wieder Nerven zeigte. Er hatte seinen Zorn zwar nicht abgelegt, aber die Kontrolle über ihn zurückgewonnen.
„Ich denke, die Implikationen sind klar.“ meinte er kalt. „Com Star kooperiert ganz klar mit den Chevaliers. Als ihre Kontraktgeber hätten sie etwas wie das eben mit schärfstem Protest unterbinden müssen. Schon die Drohung müßte ausreichen, den Kontrakt zu kündigen. Der Adept war hingegen nicht einmal ernstlich überrascht. Ich gehe davon aus, daß er von der Sache wußte. Nun gut...“
Natalija räusperte sich: „Möglicherweise betrachtet sich Com Star wegen der Ausweisung nicht mehr als zuständig." gab sie zu bedenken. Ihr Bruder winkte ab: "Die Chevaliers sind dennoch ihre Leute. Sie haben sie ausgewählt und hierhergeschaft. Was würde das wohl über ihre Kompetenz und ihre Kontrolle über ihre Schlägerbanden sagen?" Die junge Frau nickte, freilich nicht ganz überzeugt. Dann, etwas zögernd, da sie sich der Reaktion nicht sicher war, fügte sie hinzu: ,,Danton erwähnte mir gegenüber, er habe seine Drohung nicht ernst gemeint.“ Ihr Bruder starrte sie an. Sein Gesicht verzog sich wieder zu einer Grimasse: „Dieser verdammte Hurensohn! Ernst oder nicht ernst, ich werde nicht zulassen, daß so ein Schwein denkt, es könne mit allem durchkommen. Wenn es ein Bluff war, dann ist dieser Danton entweder extrem verzweifelt oder von einer Dummheit, die schon gemeingefährlich ist. Meinte er es ernst – und auch das würde ich nicht ausschließen wollen – dann ist er eindeutig psychopathisch. In jedem Fall ist er eine Gefahr für Bryant. Und wir wissen hier, wie man mit Gefahren umgehen muß...“
Die junge Frau holte tief Luft: „Bitte, Leonid. Ich würde ihn am liebsten auch von hier bis Tscheljabinsk treten. Aber wir können es uns nicht leisten, ihn jetzt schon zu unserem Feind zu machen – bloß weil er anscheinend nicht ganz zurechnungsfähig ist. Er mag irrational handeln. Aber seine Truppen sind ernst zu nehmen. Und ein Konflikt mit Com Star noch mehr.“
Dvenskys Augen funkelten – doch dann lächelte er: „Kluges Schwesterchen. Du hast Recht. Ich darf mich nicht von meinen Gefühlen lenken lassen. Ja, vielleicht ist er einfach nur verzweifelt, oder auch nur dumm. Aber wenn ich könnte...“ Bei diesen Worten nahm seine Stimme beinahe einen knurrenden Klang an. Wenn er könnte, er hätte vermutlich Danton mit Freuden erdrosselt.

„Ich kann die Chevaliers jedoch nicht als Gäste betrachten – nicht DANACH. Auch wenn ich es ihnen vielleicht vorspielen muß, an den Tatsachen ändert sich nichts. Sie haben deutlich gemacht – ob Täuschung oder nicht – daß ihnen an guten Beziehungen zu uns nichts liegt. Nun, wie sie wollen. Dann werden wir mal sehen, ob wir ihnen nicht einige Überraschungen bereiten können.“ Natalija atmete auf. Angesichts der Lage war nicht ganz auszuschließen gewesen, daß ihr Bruder eine Entscheidung getroffen hätte, die er später bereute. Wenn er etwas als Gefahr für „seinen“ Planeten ansah, dann handelte er stets schnell, entschlossen – und brutal. Aber dazu würde es hier nicht kommen. Noch nicht.
Sie nahm den Ball auf: „Ich nehme an, Major Jegorowa wird ohnehin schon mit der Beobachtung begonnen haben. Vielleicht sollten wir das noch etwas intensivieren.“ Dvensky nickte: „Nicht nur das. Ich werde auch unsere Truppen einen Angriff zumindest vorbereiten lassen. Und wir lassen zudem einige Einheiten aus Tscheljabinsk kommen. Nicht zuviel – es darf weder Aufsehen erregen, noch unsere Stellungen dort zu sehr schwächen. Aber wir müssen auf alles vorbereitet sein.“ Natalija verzog leicht die Lippen. Das würde in Tscheljabinsk nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen werden. Und sie war ja selber für die Stadt mitverantwortlich. Allerdings – das Gros der Chevaliers war hier. „Hätten sie wirklich eine Chance gehabt, solche Schäden anzurichten?“
Ihr Bruder zuckte mit den Schultern: „Ich weiß nicht. Große Schäden auf jeden Fall. Ich glaube nicht, daß sie wirklich alle Panzer hätten ausschalten können. Ich weiß nicht, ob sie es wußten, aber unsere Mechs waren ebenfalls in Bereitschaft, abzüglich meines eigenen. Die hätten die Chevaliers sicher gestoppt. Aber Mechwaffen tragen weit, und ein Kampf mitten in der Stadt... Außerdem, der Söldnerdreck hat genug Werfer, um schwere Schäden anzurichten. Wir konnten es einfach nicht riskieren. Nicht dafür, und nicht jetzt.“ Es fiel ihm offenbar schwer, dies einzugestehen, und für einen Augenblick kehrte die Wut in seine Augen zurück.
Natalija wußte, daß Dvensky die Drohung, seine Stadt zu zerstören, nie verzeihen würde. Dazu hatte er zu lange, zu hart daran gearbeitet, die Welt aufzubauen. Abgesehen von eventuellen paternalistischen Anwandlungen - immerhin waren die Leute hier nicht nur seine Untertanen, er stammte auch von hier - war all dies der Stoff, aus dem er seinen Lebenstraum gezimmert hatte. Und wie jeder Mensch würde er nicht hinnehmen, daß jemand diesen Traum zerstörte. Er konnte dies gewiß weit weniger vergessen als jede etwaige Beleidigung der eigenen Person. Danton hatte sich ihren Bruder zum Feind gemacht – vermutlich ohne dies zu ahnen. Ein weiterer Beweis, wie wenig gesunden Menschenverstand dieser Söldner hatte. Oder wie sehr er die eigenen Bedürfnisse - seinen Traum von der eigenen Einheit - den Wünschen anderer Menschen überordnete und nicht wahrnahm, wann er eine Grenze überschritt, die metaphorisch gesehen ein Todesstreifen war.

„Nun, genug davon.“ meinte der Schatun. Er schüttelte den Kopf: „Das ist etwas für die große Lage. Ich denke, die anderen werden mir zustimmen.“ Auch Natalija zweifelte daran nicht. Was immer sie von den anderen Mitgliedern der Junta auch persönlich hielt – auf Bedrohungen reagierten sie in der Regel alle einmütig. Dvensky hielt sie selber zum Gutteil aus diesen Besprechungen heraus. Sie nahm es ihm nicht einmal übel – sie war kein Militär, und ihr Ehrgeiz ging auch nicht in diese Richtung. Mit Diplomatie und Verwaltung hatte sie nun wirkliche genug Arbeit, die dazu noch nicht minder wichtig war.
„Er wollte übrigens mit mir Essen gehen.“ meinte sie. Dvenskys Gesicht verzog sich ungläubig: „DANACH? Selbst wenn der Mann es nicht ernst meinte, für wen hält der sich denn eigentlich? Er muß wirklich nicht ganz bei Verstand sein! Oder droht man heutzutage als Einleitung eines Abendessens der Dame an, ihr Haus anzuzünden und ihre Angehörigen abzuschlachten – und sei es im ,Spaß‘? Und überhaupt, wer ist er denn? Nichts als ein Söldner, Chef einer Bande halbausgebildeter Schläger!“ Dann legte der Diktator den Kopf schief: „Moment einmal. Hieß es nicht, er sei dauerhaft mit ihrer Fleischerin, dieser Ärztin, liiert? Und da lädt er dich einfach so ein? Was verspricht er sich denn davon?“
Natalijas Stimme klang zynisch: „Möglicherweise ist er die eigenen Dauerrationen satt und will mal heimische Kost probieren. Abwechslung, du verstehst? Oder er hat sich mit ihr überworfen. Wiewohl – bei seinem Charakter ist das natürlich undenkbar.“ Dvensky lachte bellend, wurde dann aber wieder ernst: „Oder...“ führte er ihre Gedanken zu Ende: „Er verspricht sich was davon. Einfluß, nehme ich an. Vielleicht Informationen.“ Er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch: „Kein Treffen in der Com Star Basis. Nicht nach DEM hier. Das wäre zu gefährlich, und man würde vielleicht mißtrauisch werden, wenn du zu entgegenkommend bist. Ein Restaurant in der Stadt – wir werden wohl auch ein ordentliches haben.“ Leichter Spott schwang in seinen Worte mit. Der Gastronomiebetrieb war nicht eben hochentwickelt. Dennoch, es gab auch einige gute Speiselokale, in die diejenigen gingen, deren Arbeit ihnen genug Geld für diesen Luxus einbrachten. Zumeist gab es dort einheimische Spezialitäten aus allen vier Kontinenten und den Meeren Bryants, doch zu hohen Preisen auch importierte Waren. „Aber sei nicht zu entgegenkommend. Sonst wird er mißtrauisch.“

Die Diplomatin kicherte: „Weiter als bis nach Hause lasse ich mich bestimmt nicht bringen. Jedenfalls nicht ins Bett. Und auch nichts im Auto – aber ich glaube sowieso nicht, daß er DARAUF aus ist.“ Der Diktator grinste nur verächtlich: „Bei dem Mann wäre ich mir bei gar nichts sicher. Nun, meinen Segen hast du – inklusive einem Tritt dorthin, wo es richtig weh tut, sollte er sich zuviel herausnehmen.“ Seine Schwester seufzte leise: „Und wen wirst du hinter mir her hetzen?“ Sie wußte automatisch, daß ihr Dvensky ein paar Aufpasser mitschicken würde.
Der Count überlegte nicht lange: „Vier in Zivil. Und ein Team Sondermiliz etwas im Hinterfeld. Die Chevaliers haben auch eigene Kommandos. Nicht, daß sie etwas versuchen. Du als Geisel...“
Natalija fröstelte leicht. Der Unterton Dvenskys war für sie nicht schwer zu deuten. Ihr Bruder liebte sie, daran hatte sie keine Zweifel. Aber wenn er würde wählen müssen zwischen ihr und Bryant...
Dann würde er sich entscheiden – und jeden zu Tode hetzten, der Hand an sie legte.
Sie mochte solche aufregenden Spiele nicht. Andere junge Frauen mochten nach „Abenteuern“ gieren, aber ihr hätte ein Leben in dem bescheidenen Luxus, der ihr als Schwester des Herrschers auf dieser Zustand, vollauf genügt. Nun, ein paar andere Dinge gehörten natürlich auch dazu – aber nicht das. Dennoch – es war nicht die erste Maskerade, die sie spielte. Und Danton – wie wenig sie von ihm hielt – war nicht einmal der schlimmste. Sie mußte bloß aufpassen, daß sie nicht eine Variable übersah und auf einmal eine Rechnung präsentiert bekam, die sie weder einlösen konnte noch wollte. Aber im Grunde war sie zuversichtlich. Wenn Danton sie für manipulierbar hielt – nun, dann würde er erkennen müssen, daß sie im Grunde auf ihrem eigenem Gebiet keine leichtere Gegnerin war als ihr Bruder...

Cattaneo
21.05.2004, 08:49
Verstärkung

In der Einsatzzentrale des Raumhafens von Brein herrschte eine Atmosphäre angespannter Erwartung. Die Belegschaft ging ihren Pflichten nach, doch die Bewegungen hätten auf einen Beobachter noch konzentrierter gewirkt, als sie es sonst waren. Immer wieder huschten die Augenpaare zu den Monitoren, immer wieder gingen Anfragen hinaus und wurden Meldungen entgegengenommen. Jeder in der Zentrale wußte, auf dem weitläufigen Flugfeld selber herrschte eine ähnliche Anspannung. Und das war möglicherweise noch gefährlicher, denn die Leute dort spielten an den Reißleinen von 85-Milimeter Luftabwehrgeschützen und reaktiven Salvenwerfern. Eine falsche Meldung, ein mißverstandener Befehl konnten eine Katastrophe auslösen. Zwar in erster Linie nicht für die eigenen Leute, doch die Folgen konnten fatal sein. Dvensky hatte glasklare Befehle gegeben, und der Schatun galt nicht als Mann, der Versager sonderlich schätzte. Vor allem in so wichtigen Angelegenheiten.
„Achtung Potemkin, Landefreigabe Alpha. Aufsatzpunkt A-3-3. Lage?“
Die antwortende Stimme war in ihrem ruhigem Tonfall ein auffälliger Kontrast zu der Situation im ,Tower‘ des Raumhafens. Der Sprecher war allerdings über die prekäre Lage auch nicht ganz so gut informiert: „Alles in Ordnung, setzten jetzt auf. Und paßt auf, daß eure Dinger nicht zur Unzeit losgehen!“
Der Kommunikationsoffizier überging die flapsige Antwort – er war sogar zu nervös, um sich aufzuregen. Statt dessen blickte er wieder auf eine Außenkamera. Sie zeigte zwei Kugelförmige Raumer. Ein Beobachter, der sich die Szenerie aus der Luft betrachtet hätte, hätte bemerkt, daß diese Raumschiffe voll im Schußbereich der Werfer und Flak lagen – und jedes Geschütz war in ihre Richtung gekurbelt. Während die Bryanter Infanterie weitestgehend in Deckung gegangen war, zielten ihre Mörser und Salvenwerfer aus gedeckten Stellungen auf die „Gäste“. Und die Soldaten meinten es ernst. Sie hatten eindeutige Befehle. Jede potentiell feindselige Handlung der Chevaliers – und das fing bei einem nicht genehmigten Jägerstart an – konnte eine fatale Kettenreaktion auslösen.

An Bord des Landungsschiffes, wegen dem zum Gutteil eine solche Nervosität herrschte, machten sich die Offiziere und Soldaten vermutlich weniger Gedanken – mit einer Ausnahme. Der Kommandeur der Einheit, Major der Panzertruppen Alexej Nikolajewitsch Tereschkow, hatte seine Order vom Staatschef persönlich bekommen. Und die waren nicht geeignet, ihn in Sicherheit zu wiegen. Ihm behagte schon die Aussicht nicht, einen beträchtlichen Teil der Truppen von Tscheljabinsk abzuziehen. Immerhin hatte er vorher schon eine Mechlanze abgegeben. Aber Dvensky war in der Hinsicht eindeutig gewesen. Dazu hatte er, und dies tat er nur gegenüber seinen engsten Vertrauten, seinen Entschluß begründet. Bedauerlicherweise in einer Art und Weise, die Tereschkow dazu zwang, dem Herrscher Bryants zuzustimmen. Die möglichen Konsequenzen waren äußerst beunruhigend.
Da der Anführer der feindlichen Söldner entweder auf offene Konfrontation setzte oder seine Bande von Marodeuren nicht einmal annähernd unter Kontrolle hatte, war es leider unumgänglich, daß die Garnison von Brein gestärkt wurde. Auch wenn dies bedeutete, daß in Tscheljabinsk nur noch ein Teil der alten Streitmacht verblieb. Und er selber, eigentlich militärischer Kommandeur des Nordkontinents, war zusätzlich nach Brein befohlen wurden. Nun, zumindest war auf die Ablösung Verlaß. Major Tereschkow wußte, daß sein Kollege Netschajew ein mehr als kompetenter Offizier war. Und er hatte ihm einen ausgearbeiteten Notfallplan hinterlassen, um Tscheljabinsk gegen einen eventuellen feindlichen Raid abzusichern. In diesem Augenblick, während er auf dem Weg nach Brein war, legten die Infanteristen des 2. Infanteriebataillons der Bryanter Regulars vermutlich immer noch Sprengfallen an den Rändern der Straßen ,seiner‘ Stadt aus. Die Kanalisation der Stadt war längst in die Verteidigungsplanungen integriert worden, und wer einen Gullideckel überfuhr, auf den wartete mitunter eine böse Überraschung...
Zudem waren ja noch mehr als 20 Panzerfahrzeuge und ein Dutzend Mechs zurückgeblieben, dazu eine Staffel Hubschrauber. Ein Teil der Mechs würde freilich unter Umständen nicht ewig bleiben. Nicht zum letzten Mal verfluchte Tereschkow die begrenzten Mittel, die ihm zur Verfügung standen.
Netschajew ging auch nach Tscheljabinsk, um von dort die Suche nach den abgestürzten Söldnern zu organisieren. Er war der Experte in der Regierung und Armee, wenn es um die äquatorialen Kontinente ging, auf die Dvenskys Anspruch eher Absichtserklärung als echte Realität war. Um die Söldner aufzuspüren, und gegebenenfalls ihre Leichen den unersättlichen Aasfressern zu überantworten, war er der geeignete Mann. Und er stellte offenbar ein Team von Jägern für alle Fälle zusammen. Männer und Frauen, die so manchen Sturm überlebt hatten – fast jeder von ihnen hatte einen Kameraden an die Wildnis oder die Plünderer verloren. Er würde es schaffen, wenn überhaupt jemand auf diesen gewaltigen Landmassen sein Ziel finden und es gegebenenfalls vernichten konnte.

Die Erschütterungen, die ein Landungsschiff beim Aufsetzen durchliefen, waren ihm schon seit langem vertraut. Er hatte manche Gefechtslandung mitgemacht, wenn man über die Rampe herab rollte, und noch den Geruch von verbrannter Erde – und Schlimmerem – riechen konnte, nachdem Jäger und Landungsschiffe mit Bomben, Geschützen und Napalm die Landungszone gesäubert hatten. Er wußte wie es war, fast sofort im Kampf zu stehen, und dies war im Augenblick eigentlich nicht zu erwarten. Dennoch – er war nervös, nervöser als bei all den früheren Gefechtslandungen. Früher war die Einheit sein Zuhause gewesen. Die Männer neben ihm im Panzer, die oftmals unrasierten, verdreckten Gesichter, sie hatten so etwas wie eine Familie gebildet. Er hatte sich immer um sie zuerst gekümmert, damit sie überlebten. Die Welten, auf denen er kämpfte, waren ihm gleichgültig gewesen, wie auch die Menschen. Er hatte mit unbewegtem Herzen zugesehen, wie manches Mal die Panzer seiner Einheit sich blutige Bahn durch Dörfer und Städte gebrochen hatten, wenn Häuser von Granaten zerfetzt wurden, oder das MG am Turmluk eine Salve abfeuerte, um eine Demonstration zu zerstreuen. Zuerst über die Köpfe weg – doch manchmal auch mitten hinein.

Manches hatte sich in den letzten Jahren geändert. Gewiß, noch immer waren die Panzerfahrer ,seine Jungs‘. Aber an die Stelle der Einheit war diese Welt getreten. Er hatte gelernt, was es hieß, eine Welt, eine Stadt Heimat zu nennen. Wurzeln zu haben, die man nicht einfach mit sich nehmen konnte. Das war anders als das, was er früher gekannt hatte, und gewisser Weise war es auch mehr. Er durfte nicht zulassen, daß dieser Heimat Gefahr drohte. Wie er früher jede Bedrohung seiner ,alten‘ Heimat eliminiert hatte, so war es heute nicht anders. Es stand zuviel auf dem Spiel. Er war noch ein junger Rekrut gewesen, als er das erste Mal aus einem brennenden Tank hatte ausbooten müssen. Er hatte es als einziger geschafft. Als er dann zurückkehrte, und die verkohlten Leichen seiner Kameraden sah – Menschen, die ihm nahestanden wie Bruder und Schwester – hatte er das erste Mal wirklich begriffen was Verlust bedeutete. Und glaubte er Dvensky, dann drohte dieser Verlust wieder – diesmal seiner neuen Heimat. Er würde dies nicht zulassen.

Der gewaltige Hangar reichte aus für ganze Kompanien an Kampfkolossen – doch das halbe Dutzend Fahrzeuge sah bedrohlich genug aus. Hier war genug Feuerkraft vereint, um fast jeden beliebige Mechlanze zu zerschmettern, vor allem im Straßenkampf. Zu dem es vielleicht kommen würde.
Tereschkow musterte seine Soldaten. In ihrem Kombinationen, mit den Autopistolen am Holster und den schweren Helmen, die zur Gefechtsmontur gehörten, boten sie einen durchaus bedrohlichen Anblick. Sie waren Kinder dieser Welt, oder wie er Menschen, die hier eine Heimat gefunden hatten. Er konnte sich auf sie verlassen.
Eine letzte Erschütterung kündete von Aufsetzen. Aus den Lautsprechern erklang die Freigabe: „Landung erfolgt, Schott klar.“
Der Major nickte seinen Untergebenen zu: „An die Maschinen!“
Über die Rampe des Seeker – das Landungsschiff war eine leicht modifizierte Variante für den Transport auch von schweren Panzern – ratterten die Kampfkolosse. Das Fahrzeug des Mechpiloten galt als König des Schlachtfeld, doch jeder dieser Publikumslieblinge hatte vor Fahrzeugen wie denen Tererschkows mehr als Respekt. Sie konnten selbst den schwersten Sturmklasse-Battlemechs Paroli bieten.
Nacheinander rückten sie aus. Zwei Shukov, zwei Zerstörer, und am Schluß zwei Raketenwerfer der Konjew-S III-Klasse. Nicht weniger als 440 Tonnen Stahl und Tod. Der Major, der im Führungspanzer saß, grinste schief. Das würde die Söldner doch ein wenig durcheinanderwirbeln. Wenn ihr Anführer kein kompletter Idiot war.
Ihnen entgegen kamen nur drei MTW’s. Auf einem, ungeachtet des Schnees, saß eine Gestalt in Tarnuniform. Major Netschajew grüßte seinen Kameraden, den er in Tscheljabinsk ersetzen würde.

Für einen „Einheimischen“ war nicht zu übersehen, daß in Brein Alarmbereitschaft herrschte. Es war mehr Miliz auf der Straße als sonst, und die Gesichter der Passanten verrieten ihre Beunruhigung. In mehr als einem Augenpaar leuchtete sogar Freude, als die Kampfkolosse sich ihren Weg bahnten. Tereschkow setzte sich aus wohlkalkulierter Berechnung dem eisigen Wind aus, und grüßte lässig, aber nicht herablassend, vom Turm seines Shukov. Es galt auch, den Untertanen Sicherheit vermitteln und dabei nicht zu sehr die Nähe zum Volk aus dem Auge verlieren. Auch wenn es teilweise eine rein imaginäre Nähe war. Aber das war Teil jeder Herrschaft. Gewalt und Furcht vor der Gewalt allein konnten schlecht regieren. Man mußte den Menschen etwas bieten. Das zumindest hatte er vom Schatun und dessen Schwester gelernt.

Die Befehle an seine Truppen waren schnell gegeben. Sie würden sich in Bereitstellung halten. Sollte sie Lage sich verschärfen oder gar eskalieren, würden sie schnell im Einsatz stehen können. Es gab genug gedeckte Unterstände in Brein. Einige mochten früher ganz anderen Zwecken gedient haben, doch Dvensky war Opportunist. Was er gebrauchen konnte, setzte er ein.
Der Major meldete sich selber sofort bei seinem Herrscher. Viel Neues über das hinaus, was ihm verschlüsselt bereits mitgeteilt worden war, gab es nicht. Zumindest in militärischer Hinsicht. In anderer hingegen...
Dvenskys Stimme klang ruhig, ohne eine deutbare Emotion: „Falls Sie sich fragen sollten, Major, wo meine Schwester ist, so muß ich Ihnen da etwas mitteilen. Es haben sich einige Veränderungen und Entwicklungen ergeben, die der Klärung bedürfen.“ Der Panzeroffizier verkniff sich nur mühsam eine überraschte Äußerung. Bisher hatte Dvensky niemals etwas über die Zusammenarbeit – oder mehr – zwischen seiner Schwester und Tereschkow gesagt. Jedenfalls nicht in dessen Gegenwart. Warum hatte der Herrscher es sich anders überlegt?
Gab es etwas, daß er mißbilligte, oder wollte er Klarheit schaffen?
Dvensky lächelte nun, kaum merklich: „Doch setzen Sie sich doch, Major. Das könnte etwas schwieriger zu erklären werden. Und ich will, daß Sie es verstehen, denn ein Fehler könnte für uns alle unangenehme Folgen haben.“ Ohne sich um die nun unverkennbar sichtbare Irritation seines Untergebenen angesichts dieser düsteren und kryptischen Worte zu kümmern, nahm der Diktator Platz und nickte seinem Gegenüber fast freundlich zu. „Es handelt sich um folgendes...“

Cattaneo
21.05.2004, 08:50
Botschaften

Der Hoover-MTW näherte sich vollkommen offen dem Tor der HPG-Anlage. Angesichts seines heulenden Triebwerks wäre Heimlichkeit auch wenig sinnvoll gewesen. Die Maschine trug, wie alle Fahrzeuge Bryants zu dieser Jahreszeit, einen weißen Tarnanstrich. Der Turm mit den Bordwaffen wirkte alles andere als harmlos. Aber heute hatte das Fahrzeug einen friedlichen Auftrag – so sollte es zumindest sein.
Direkt am Eingang des Geländes der Com Star Einrichtung stoppte der Transporter. Eine Seitenluke wurde aufgestoßen, und mehrere Gestalten kletterten hinaus. In ihren dunkelgrünen langen Mänteln wirkten sie nicht sehr gefährlich, doch handhabten sie ihre leichten Waffen mit einer Routine, die von einiger Erfahrung kündete. Schweigend bezogen sie Stellung. Der Anführer, ein Leutnant, überprüfte rasch die Formation seiner Soldaten. Seine einzige Waffe war eine wuchtige Pistole im Hüftholster. Er war einen raschen Blick auf seine Uhr, dann straffte er sich. Die Stunde des Sonnenuntergangs, die in dieser Jahreszeit sehr früh kam, war noch nicht angebrochen, doch sie war nicht mehr fern.
Er war erfahren genug, um keinerlei Unsicherheit zu zeigen. Auch wenn er den Menschen in der Anlage nicht über den Weg trauen mochte, unterließ er es, die Mauern auf Verteidigungsstellungen zu mustern und so sein Mißtrauen zu verraten. Er wußte, andere, bessere Augen beobachteten die Anlage Tag und Nacht, bei jedem Wetter und aus allen Richtungen. Ihnen entging kaum etwas. Seine Aufgabe war eine andere.
Auf die Minute genau wurde das schwere Tor geöffnet. Die sieben Gestalten, die man durch das – für die Jahreszeit fast obligatorische – Schneegestöber erkennen konnte, waren in Kälteanzüge gehüllt. Eine zwingende Notwendigkeit für Aussenweltler. Die Soldaten straften sich.
Als sich die Neuankömmlinge näherten, salutierte der Leutnant. Es war eher ein routinierter Gruß, keiner, der von einer sehr großen Ehrerbietung zeugte. Der junge Offizier war weder instruiert worden, noch war er willens, es mit dem Respekt zu übertreiben. ,Höflich, korrekt – aber auf gleicher Augenhöhe.‘, so hatte man ihm gesagt. Seine Stimme hatte den leicht rauhen Klang eines Menschen, für den Standard-Englisch nicht die Muttersprache war: „Major Danton?“ Auf das Nicken des offenkundigen Anführers neigte der Bryanter leicht den Kopf: „Ich bin Leutnant Pikalew. Es ist meine Aufgabe, Ihnen und Ihren Männer das Geleit zu geben.“ Er wies mit einer Handbewegung auf den MTW: „Nach Ihnen.“
Dies alles war im Grunde nur die Fortsetzung der Politik der letzten Tage. Dvensky schien jedenfalls darauf zu verzichten, einen Versuch zu wagen sich anzubiedern. Der Ton, falls es überhaupt Kommunikation gab, war sowohl von seiner Seite wie generell im bryantischen Staatsapparat korrekt aber kühl. Die Aufforderung, an einem Manöver der bryantischen Verteidigungsstreitkräfte – die bei weiten micht nur der Verteidigung dienten – teilzunehmen war in ähnlich trockener Art erfolgt. Wie auch das Empfangskomitee jegliche Wärme vermissen ließ. Und der MTW war zwar beheizt und geräumig – die vierzehn Personen hatten hier reichlich Platz, normalerweise drängte sich hier ein Vielfaches an Soldaten – aber eben nur eine schmucklose Kriegsmaschine. Andererseits, Bryant war nicht Tharkad oder New Avalon.

Der Grund, warum man eine so wenig repräsentative Art der Beförderung gewählt hatte, wurde bald sichtbar. Das Fahrzeug verließ die Stadt, und steuerte dann sein Ziel an – ohne sich um den Untergrund zu kümmern. Ein Bodenfahrzeug wäre in diesem Gelände verloren gewesen, aber der Hovercraft fand seinen Weg mühelos. Gefolgt von einer langen Schneewolke, die vom Triebwerk aufgewirbelt wurde, raste die Maschine durch die winterliche Landschaft, die durch die Sichtluken und einen internen Monitor gut zu betrachten war. Bryant hätte den besten Wintersportorten der Erde Konkurrenz machen können, aber Tourismus schien das Letzte zu sein, das die Regierung interessierte. Die Schönheiten der Umgebung konnten viele der Bewohner wohl kaum genießen. Vor allem jene nicht, die gezwungen war, her draußen zu leben. Kurz nur, aber dennoch unverkennbar, war in der Ferne ein Komplex von niedrigen Gebäuden zu sehen. Die meisten schienen niedrige Baracken zu sein, umgeben von mehreren Reihen Stacheldraht. In regelmäßigen Abständen ragten Wachtürme auf, wie Schilfrohre in einem winterlichen See. Er wußte, was das war. Das Gesichts des Leutnants, der ihm seitlich gegenüber saß, war zu gelassen, als daß die Route nicht mit Bedacht gewählt worden war. Das Gelände war weitläufig genug, daß man ohne Probleme einen anderen Weg hätte nehmen können. Eine Warnung und eine Mahnung sollte dies vermutlich sein – Dvenskys Art, sich zu revanchieren. Und natürlich wahrte der Söldner Gelassenheit, doch dies schien den Soldaten nicht zu überraschen. Der Leutnant zeigte vielmehr überhaupt keine Emotionen,

Als sie schließlich ihr Ziel erreichten, mochte eine Dreiviertel Stunde vergangen sein. Inzwischen herrschte schon Dämmerlicht, und es wurde rasch dunkler. Das Fahrzeug hielt in einer Schneewolke an einer niedrigen Hügelkette. In der Ferne, ein paar Kilometer entfernt, und durch den inzwischen nachlassenden Schneefall ganz gut zu erkennen, ragten etliche Gebäude auf. Ansonsten war hier nichts zu sehen, was einer Beachtung wert schien. Der Leutnant sprang auf und riß die Luke auf. Draußen nahmen er und seine Leute wieder Haltung an. Sie schienen darauf zu warten, daß ihre „Gäste“ ausstiegen.
Für einen Moment zögerte Danton. Vermutlich fragte er sich, was dies zu bedeuten hätte, ob es am Ende nicht doch eine Falle für ihn und seine Männer war.
Er hatte anscheinend dagegen entschieden, seine Leute mit schwerer Bewaffnung antreten zu lassen. Im Ernstfall hätte das wohl auch nichts genützt, und er wollte Dvensky vermutlich weder provozieren, indem seine Soldaten wie Besatzer auftraten, noch wollte er den Eindruck zulassen, er fürchte sich. Möglicherweise war dies ein Fehler gewesen.
Aber er wußte sicher auch, daß dies wohl ebenfalls ein Test war. Also stieg er aus, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Bei seinen Untergebenen war die Unruhe freilich durchaus bemerkbar. Der Bryanter Leutnant ließ nicht erkennen was er dachte, aber für einen Augenblick zeigte einer der einheimischen Soldaten ein schmales Lächeln.
Der Führer der Eskorte ging in die Hocke. Er fegte mit seinen Handschuhen Schnee beiseite. Darunter kam eine Luke zum Vorschein. Wenige Handgriffe enthüllten einen gut getarnten Eingang direkt in den Hügel hinein. Der Offizier gab einen Zahlencode ein, und langsam öffnete sich die Luke. Er salutierte: „Bitte hier entlang.“

Der Gang, den man die Chevaliers hinab führte, war nicht beheizt. Kahle Betonwände, abgetreten Stufen – aber die Lichter funktionierten. Die Treppe verlief nicht gradlinig, vermutlich um eine Verteidigung zu erleichtern. Danton war sicher unangenehm bewußt, daß die Prozession – seine Leute umgeben von besser bewaffneten und ortskundigen Bryantern – fatal an eine Gefangennahme oder den Weg zur Erschießung erinnerte. Nach etwa 30 Metern verharrte der Leutnant vor einer massiven Panzertür. Ohne daß er etwas getan hätte, schwang sie lautlos auf. Dahinter lag ein kleiner Raum mit einer zweiten Tür – offenbar eine Art Schleuse, gebaut gegen chemische Angriffe oder gegen die allgegenwärtige Kälte. Diese Anlage war vermutlich auch gegen Elementare zu halten, denn die gepanzerten Infanteristen würden sich in den engen Gängen nur sehr schwer bewegen können. Wie es aussah war dies eine weitere Hinterlassenschaft aus Sternenbundzeiten.
Hinter der zweiten Panzertür aber tat sich ein größerer Raum auf – offenbar ihr Ziel. Der Kontrast war durchaus beeindruckend und zweifelsohne gewollt. Der Raum verfügte über eine ganze Kette von Monitoren, dazu einen geräumigen Kartentisch. Trotzdem eine Anzahl Menschen anwesend war, wirkte er geradezu verwaist. Die Einrichtung war nüchtern, aber die Temperaturen angenehm war.
Danton erkannte sofort Dvensky wieder. Der Schatun trug eine Uniform ohne Rangabzeichen, als einzige Waffe – wie Danton selber – eine Pistole. Neben ihm waren seine Schwester, ein älterer Colonel und ein junger Mann im Majorsrang anwesend. Die ganze Leibgarde bestand aus sechs Mann, die ebenfalls nicht mehr als Seitenwaffen trugen. Sie wirkten allerdings durch und wie Profis.
Dvensky lächelte nicht, als er Danton und seine Soldaten begrüßte. Was bei der Eskorte schon sichtbar geworden war, wurde hier noch einmal betont. Wo Leutnant Pikalew sich eher von gleich zu gleich benommen hatte, da trat Dvensky auf wie jemand, der höheren Ranges war. Was ja so gesehen auch stimmte. Auch Natalija wirkte diesmal distanziert, auch wenn sie Danton ein kurzes Lächeln schenkte. Die beiden anderen...
Colonel Hunt Thomsen Verhalten, der als Kommandeur der Regulars vorgestellt wurde, war ein Ebenbild von Dvenskys Auftreten. Der Major hingegen, der als Alexej Tereschkow von den Panzertruppen vorgestellt wurde, schenkte den Soldaten der Chevaliers sogar ein schiefes Grinsen. Doch als er Danton die Hand gab, drückte er einiges kräftiger zu, als eigentlich notwendig war – und dies bestimmt nicht in freundlicher Absicht. Sein Gesicht blieb dabei neutral, doch für einen Augenblick war in seinen Augen ein kaltes Funkeln, daß Dvenskys Gesichtsausdruck nachgerade freundlich erscheinen ließ.

Der Diktator schien all dies nicht bemerkt zu haben – anders als seine Schwester, die den Blick leicht abwandte. Er kam ungerührt zur Sache: „Ich grüße Sie, Major Danton. Ich freue mich“, doch dabei drückte seine Stimme nicht die geringste Freude aus, „daß Ihre Truppe sich inzwischen auf Bryant eingerichtet hat. Ich bin sicher, wir werden auch weiterhin gut miteinander auskommen. Ich habe Sie heute eingeladen, damit Sie Zeuge eines Manövers der Verteidigungsstreitkräfte von Bryant werden. Immerhin werden Ihre und meine Männer Seite an Seite kämpfen, sollte jemand so wahnsinnig sein, und einen Angriff auf Stadt und HPG-Anlage zugleich zu versuchen.“ Danton nickte nur bestätigend, obwohl er genau wußte, daß Dvensky seine Worte kaum ernst meinen konnte – und vermutlich auch nicht glaubte, daß der Söldner sie für bahre Münze nahm. Der Herrscher Bryants lächelte kaum merklich: „Überdies sind Sie und ich vor allem eines – Soldaten. Und ich denke, es schadet dem gegenseitigen Kennenlernen nicht, wenn wir die Männer in Aktion sehen, die wir ausgebildet haben. Sie haben mir ja bereits einen Eindruck von Ihrer Einheit gegeben.“ Bei diesen Worten strafften sich die einheimischen Offiziere. Der kaum verhüllte Hinweis auf Dantons Drohung am Tage seiner Ankunft schien ihre freundschaftlichen Gefühle für die Söldner nicht eben zu steigern. Doch Dvensky überging auch dies. „Wenn wir uns nun zu den Beobachtungsposten begeben wollen – Major Danton, würden Sie bitte mit Major Tereschkow gehen? Er kann Ihnen das Manöver sicher besser erläutern. Sie haben von seinem Posten die beste Übersicht, und Ihre Soldaten können andere Positionen wählen. Ihr Captain wird meiner Schwester und mir Gesellschaft leisten.“ Der jüngere Offizier neigte leicht den Kopf, dann machte er eine Handbewegung: „Wenn Sie mir bitte folgen würden?“ Danton hatte – wie so oft in der letzten Stunde – eigentlich keine Wahl. Ablehnen hieß Dvensky brüskieren und war zudem Zeichen von Schwäche. Allerdings war er die Spielchen vermutlich langsam leid.

Ironheart
03.06.2004, 11:29
Bleibt bis auf weiteres leer, da falsche Reihenfolge

Cattaneo
08.07.2004, 09:06
Auf dem Weg zum Aussichtsposten – ein kleiner verbunkerter Raum mit Sichtscharten, ausgestattet mit etwas veralteten aber gut gepflegten Sichtgeräten – schwieg der Panzerfahrer. Obwohl er Danton geradezu mit Feindseligkeit begrüßt hatte, wahrte er jetzt eine strikt neutrale Haltung. Oben angekommen erklärte er knapp das Manöver. Seine Ausführungen klangen allerdings wenig nach einer Demonstration von Verteidigungsstärke. Simuliert werden sollte ein Luftangriff und Landung auf ein befestigtes Ziel. Danton wußte – ohne daß er dies natürlich zugegeben hätte – daß man Bryant Ambitionen auf die Herrschaft über seine Nachbarplaneten nachsagte. Entweder Dvensky wollte ihm die bryantische Schlagkraft demonstrieren, oder er wollte seine Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung lenken. Der Söldner gab sich ganz den Anschein, das „Schlachtfeld“ zu studieren. Es handelte sich um eine Reihe Bunkeranlagen und Gebäude, bestückt mit Attrappen. Tereschkow gab allerdings zu, daß die eigenen Attrappen mit den hochwertigen Trainingsstätten großer Armeen nicht mithalten konnten. Man behalf sich mit automatisch gelenkten Scheinwerfern – die waren billig und leicht zu ersetzen, wenn sie wie oft üblich bei derartigen Übungen zu Bruch gingen. Daneben hatte man vermutlich einige Stahlplatten als Panzer- und Mechattrappen verwendet, möglicherweise auch beweglich auf Schienen montiert.

Die Vorstellung begann pünktlich, kaum zehn Minuten, nachdem sie oben angekommen waren. Mit ohrenbetäubendem Donnern jagten die Kampfflieger Bryants heran – direkt über die Hügelkette hinweg, im extremen Tiefflug. Die Tragflächen der Maschinen strotzten nur so von Einwegwerfern und Bomben. Schlagartig erwachte die Abwehr zum Leben und schickte Leuchtstrahlen in den Himmel. Offenbar gab es aber, wie im wirklichen Leben, Schwierigkeiten, die Angreifer im Tiefflug zu erfassen. Von den Tragflächen der Jäger lösten sich, Sternschnuppen gleich, die Raketen. Wo sie auftrafen, da wurde die winterliche Landschaft in Feuer gehüllt. Das Feuer schien akkurat zu liegen, und selbst ein Beinahetreffer erfüllte seinen Zweck. Infernoraketen gehörten zu den tödlichsten Waffen, die Jäger einsetzen konnten.
Auch wenn Danton ein erfahrener Soldat war – der Anblick war durchaus sehenswert. In der hereinbrechenden Dunkelheit bot das Gefecht einen Anblick, dem man eine gewisse grausige Schönheit nicht absprechen konnte. Bei einem echten Gefecht war es unmöglich, dies richtig zu realisieren, aber hier entfaltete die geballte Vernichtungskraft ein atemberaubendes Schauspiel. Umso mehr, als die Kampfflieger Infernobomben folgen ließen. Unablässig feuerten die Bordgeschütze, schalteten eine Geschützstellung nach der anderen aus. Selbst wenn das Gefecht geschönt seien mochte, die Piloten verstanden ohne Zweifel ihr Handwerk. Erst als alle Gegenwehr gebrochen war, ebbte der Angriff ab. Tereschkow, der das Schauspiel ebenfalls aufmerksam verfolgt hatte und anscheinend zufrieden war, lauschte einen Augenblick: „Die zweite Welle kommt.“
Und tatsächlich – das Donnern schwererer Triebwerke, das zunächst kaum zu hören gewesen war, schwoll rasch an. Bald schon übertönte es die Motoren der Jäger. Die Neuankömmlinge kamen aus einer anderen Richtung als die Jäger, und Danton konnte ihren Flug gut verfolgen. Es waren die Leoparden Bryants. Er hatte sie schon einmal in Aktion gesehen – an dem Tag, an dem seine Geliebte so schwer verletzt worden war. Es war kein Angriff Bryants gewesen, der sie getroffen hatte, aber dennoch...
Doch er konnte sich hier, unter den Augen seines „Kollegen“ keine Blöße geben. Also verfolgte er die Bahn der Landungsschiffe. Sie stießen herab mit flammenden Geschützen – wie damals. Was an möglicher Gegenwehr übrig war, das vernichteten ihre Bordwaffen. Und aus den Bordluken – ohne daß die Schiffe ihr Feuer unterbrachen – fielen zwei komplette Kampflanzen Mechs, schweres Gerät. Ohne eine Sekunde zu verlieren formierten sie sich und bildeten einen Angriffskeil. Jetzt erwachte wieder Abwehr – einzelne „Geschütze“, die bisher geschwiegen hatten. Doch die Maschinen konzentrierten ihr Feuer, oder lenkten die Angriffe der Kampfflieger oder Leoparden auf etwaige Ziele. Währenddessen wendeten die Landungsschiffe und kamen zurück.
Beim zweiten Überflug der Lander wurden erneut die Seitenluken geöffnet, und diesmal schwärmte Infanterie aus. Sprungtruppen, abgesetzt direkt in die Gefechtszone. Tereschkow machte Germaine Danton darauf aufmerksam, daß auch auf die Fußtruppen – wenn man sie denn so nennen konnte – Attrappen warteten. Durch die Sichtgeräte konnte man das Vorgehen der Truppen leicht verfolgen. Sie setzten ein buntes Sammelsurium von Waffen ein, dies aber durchaus effizient. Raketen und Flammenwerfer räucherten feindliche Stellungen aus, Scharfschützen gaben dem Vorstoß Feuerschutz. Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Ziele besetzt hatten. Das Hissen der bryantischen Staatsflagge, roter Bär auf weißem Grund, signalisierte das Ende des Manövers. Zum Abschluß donnerten die Kampfflieger und Landungsschiffe noch einmal in Formation über den verborgenen Beobachtungsstand.

Die Botschaft war natürlich nur zu leicht zu entziffern. Es war eine eindeutige Warnung Dvenskys. Offenbar war er nicht bereit, sich noch einmal vorführen zu lassen und drohte indirekt mit Konsequenzen. Und bei der Feuerkraft, die seine Luftwaffe aufzubieten hatte, waren diese Drohungen alles andere als substanzlos. Natürlich konnte das Manöver zugunsten Bryants manipuliert sein – wie es eigentlich Manöver immer waren. Aber die Regulars hatten durchaus den Ruf, nicht nur mit Bluffs zu glänzen. Es war nicht allein die kurzsichtigen Kleinkriege seiner Nachbarn, die Dvensky eine eigenständige und aggressive Politik ermöglichten. Er hatte auch die nötigen Werkzeuge, und ließ sie offenbar nicht einrosten.

Eine Weile schwiegen beide Offiziere. Dann, mit kühler, gelassener Stimme, meinte der Panzermajor: „Man wird uns unten erwarten.“ Danton nickte nur. Er war aus seinem Gegenüber wohl nicht recht klug geworden. Der Söldner wollte sich schon umdrehen, aber etwas im Gesicht des Bryanters ließ ihn zögern. Auf einmal war da wieder diese Feindseligkeit. Der jüngere Offizier musterte Danton kurz: „Noch etwas – und das werde ich nur einmal sagen.“ Seine Stimme klang eiskalt. Nicht einmal drohend, aber voll grimmiger Entschlossenheit.
„Man hat mir zu verstehen gegeben, daß Sie irgendwelche Interessen an der Schwester unseres Souveräns haben. Ich gebe Ihnen den Ratschlag – vergessen Sie es, was auch immer Sie vorhaben.“ Der Panzerfahrer schnitt mit einer Handbewegung jede Entgegnung ab: „Ich will nichts von Ihnen hören. Es interessiert mich nicht. Nehmen Sie es als Warnung. Natalija und ich – wir sind nicht gerade verlobt, zumindest noch nicht. Aber Dvensky hat angedeutet, daß er einer Verbindung zwischen ihr und mir alles andere als ablehnend gegenübersteht. Ich weiß nicht, wie sie über mich denkt, aber das geht Sie nichts an. Ich für meinen Teil werde nicht zulassen, daß Sie irgendwie mit ihr anbandeln. Sie haben ihr nichts zu bieten als einen Haufen zerlumpter Halsabschneider, die nicht mal Ihrem Wort gehorchen. Sie sind, nach allem was ich weiß, doch nichts als eine Landsknechtsseele. Ich will nicht behaupten daß ich Natalijas Traumpartner bin, aber sollte es zum Schlimmsten kommen, was immer geschehen kann, dann können sie und ich diese Welt zusammenhalten. Ich kann ihr die Stärke geben, die Welt ihres Bruders zu halten, sollte es nötig sein. Und ich lasse nicht zu daß Sie dies ruinieren mit Ihrem gespielten Charme, um sich vielleicht bessere Bedingungen zu erhandeln. Sie sollten sich überlegen, ob Sie sich noch mehr Feinde machen wollen.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging.
Danton wusste, daß die Adelshäuser Ehen und Partnerschaften oft nach dem Gebot der Nützlichkeit arrangierten. Sollte Dvensky diese Lektion auch auf sich angewandt haben?

Das Treffen unten im Hauptraum war kurz. Auch diesmal verhielt sich Natalija zurückhaltend. Allerdings huschten ihre Augen fragend zwischen Danton und Tereschkow hin und her. Offenbar war die ganze Situation ihr unangenehm. Aber sie sagte kein Wort in diese Richtung.
Dvensky war die Zufriedenheit anzumerken. Er – und seine Schwester – schienen auf Peterson einigen Eindruck gemacht zu haben. Nun, vermutlich konnte der Herrscher durchaus auch anders auftreten. Selbst gegenüber Danton unterließ er weitere indirekte Drohungen. Ein paar vage Worte deuteten an, daß er hoffte, den Söldner vielleicht in einigen Tagen ein weiteres Mal zu treffen. Aber genaueres behielt der bryantische Diktator für sich. Als die Manövergäste, diesmal gemeinsam, aus dem Bunker traten, bot sich ein völlig veränderter Anblick. Neben dem MTW, der die Chevaliers gebracht hatte, waren vier weitere, kleinere, Maschinen aufgefahren. Sie transportierten vermutlich den Herrscher und seine Begleitung und hatten ein Stück abseits gewartet.
Dvensky sagte noch ein paar lobende Worte zu einem gedrungenen Offizier in Luftwaffenuniform – die Vorstellung hatte ihm zugesagt. Dann drehte er sich zu Danton um: „Da Sie als einer der Ersten an einem unserer Manöver teilnehmen durften, möchte ich Ihnen ein Andenken mitgeben. Wir haben hier auf Bryant die Angewohnheit, unseren Gästen kleine Geschenke zu machen, damit sie die Welt in guter Erinnerung behalten.“ Auf eine Handbewegung hin trat einer der Soldaten an seine Seite und reichte ihm einen kompakten Koffer. Der Herrscher ließ ihn aufschnappen. Dann drehte er ihn, so daß Danton hineinsehen konnte. In dem Koffer war eine Handfeuerwaffe eingebettet – eine schwere Automatikpistole. Zwei Magazine lagen daneben. In den Griff war das Wappen Bryants eingelassen. Der Herrscher lächelte, und dies keineswegs angenehm: „Eine Eigenfertigung. Infanteriewaffen stellen wir zunehmend selber her. Ich denke, sie wird Ihnen gute Dienste leisten. Waffen dieses Modells haben sich bei unseren Truppen bewährt.“ Dann übergab er sein Geschenk. Seine Schwester begnügte sich mit einem leichten Händedruck. Ähnliches galt auch für die Offiziere, wobei in Tereschkows Augen – nur für den Söldner sichtbar – die deutliche Warnung stand, die gesagten Worte nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Dann übernahm wieder der Leutnant der Eskorte und führte die Gäste durch die inzwischen vollkommen eingebrochene Dunkelheit zu ihrem Transporter. Der Rückweg verlief ruhig. Die Landschaft war den Blicken weitestgehend entzogen und lag in eisigem Schweigen da. Nur für einen Augenblick, wie schon Stunden zuvor, war in der Ferne die Drohung zu verspüren, die allen galt, die sich gegen Dvensky stellten. Scheinwerfer wanderten langsam über den Schnee und tauchten die nächtliche Landschaft in gnadenloses Licht. Die Fahrgäste hatten über einiges nachzudenken.

Auf Germaine Danton wartete nach seiner Rückkehr ein Anruf der Schwester Dvenskys. Es waren nur einige wenige Worte: „Ich hoffe, Leonid fühlt sich jetzt quitt mit dir. Deshalb wollte ich, daß du teilnimmst. Es war seine Botschaft. Und bitte, reize ihn nicht noch einmal.“ Das war alles. Wie sie über alles andere dachte, das sagte sie nicht. Er mußte selber herausfinden, was sich hinter dem Augenscheinlichen verbarg. Es gab viele Unterströmungen, und eine falsche Bewegung konnte leicht tödlich enden.

Cattaneo
09.07.2004, 09:07
Reaktionen

Die Meldung, daß die Söldner geortet worden waren, hatte eine ganze Weile auf sich warten lassen. Eigentlich war das noch untertrieben. Die Hoffnung, sie vor dem Aufbrechen des Suchtrupps der Söldner aufzuspüren, hatte sich nicht erfüllt. Und das hatte die Suche noch ein wenig zusätzlich erschwert – man wollte nicht, daß die Chevaliers mitbekamen, wie sehr Dvensky daran interessiert war zu erfahren, was sie so trieben. Außerdem wollte er sich die Option offen halten, mit den „Schiffbrüchigen“ nach Belieben zu verfahren. Nun, glücklicherweise war das Suchgebiet groß, und der Hubschrauber der Söldner war nicht sehr schnell – weitaus langsamer jedenfalls als die Suchflieger Bryants. Und die Bryanter wurden von jedem Start ihrer „Gäste“ informiert, denn immerhin operierte die Maschine von einem kleinen Dorf aus.
Man hatte nicht mit einem schnellen Erfolg gerechnet – schließlich standen die Chancen nicht schlecht, daß von dem Maultier und Inhalt nichts geblieben war, was größer als ein Handteller wäre. Und das zu überwachende Gebiet war sehr umfangreich, die Maschinen hatten einen langen Anflugweg vor sich – zumindest wenn sie wie die Luft-/ Raumjäger von einem anderen Kontinent aus operierten. Deshalb hatte die Luftwaffenchefin auch die halbzivilen Explorer hinzugezogen. Zudem war das Terrain nicht unbedingt das beste für eine Nachsuche. Auch wenn ein abstürzendes oder landendes Schiff zumeist einiges an Spuren hinterließ – so sehr unterschied sich das nicht von einer Sturmschneise. Und davon gab es auf Bryant mehr als genug.
Selbst mit vollen Zusatztanks konnten die Aufklärer nicht sehr lange patrouillieren. Jedes Anzeichen eines der berüchtigten Stürme führte zum Abbruch der Suche und eiligem Rückzug – denn so wichtig der Auftrag auch war, den Verlust einer seiner Jäger konnte sich Bryant einfach nicht leisten. Und ein Tropensturm Marke Tomainisia und Voltanasia war mehr, als selbst ein Jäger ohne weiteres verkraften konnte. Immerhin konnte er ihm davonfliegen. Also hatte man sich auf eine längere Wartezeit eingestellt.

Als dann doch die Meldung kam, daß Signale des eingeschleusten Senders aufgefangen worden waren, herrschte in der Einsatzzentrale sofort erhöhte Alarmbereitschaft. Denn der Umstand, daß es etwas gab, das senden konnte, ließ einen richtigen Absturz unwahrscheinlich erscheinen. Die Nachsuche hatte von Dvensky eine erhöhte Dringlichkeitsstufe verordnet bekommen, und die Soldaten wären nicht Soldaten gewesen, hätten sie nicht gespürt, daß ihr Kommandeur eine Eskalation für wahrscheinlich hielt.
Natürlich konnte den Söldlingen auch eine Notlandung gelungen sein – doch die Bryanter gingen lieber vom Schlimmsten aus. Also folgte der wachhabende Offizier in der Einsatzzentrale schweren Herzens seinen Befehlen und alarmierte dreißig Sekunden später sowohl die Chefin der Luftwaffe und den Regimentskommandeur. Eine weitere Eilmeldung ging nach Tscheljabinsk, von wo ebenfalls nach den Söldnern gesucht wurde. Es war genau halb zwei in der Nacht. Schweren Herzens deshalb, weil er wußte, daß die Pilotin mit Dvensky liiert war. Sollte sie es übel nehmen…
Aber als beide Offiziere wiederum wenige Minuten darauf eiligst den Kontrollraum betraten, der wie so viele wichtige Einrichtungen im zentralen Regierungskomplex von Brein lag, zeigte keiner von beiden Zeichen von Gereiztheit. Der Colonel war sogar mustergültig gekleidet – nun, man sagte ihm auch nach, daß er niemals wirklich außer Dienst war. Major Prokofjewna war etwas nachlässiger angezogen – sie hatte sich offenbar eilig etwas übergeworfen. Aber die schwere Handfeuerwaffe war an ihrem Platz, vermutlich auch aufgeladen und entsichert.

Der Offizier salutierte vor seinen Vorgesetzten, dann machte er Meldung: „Wir haben die Signale im Raum Leipzig geortet. Einer der Explorer ist vor Ort, inzwischen auch einer unserer Kampfflieger. Es besteht aber noch kein Sichtkontakt. Es gab einen kurzen Kontakt, dann brach die Ortung ab. Die Flieger suchen inzwischen.“ Er zögerte: „Das Wetter hat sich etwas verschlechtert, aber ich habe vorerst weitersuchen lassen – angesichts der Dinglichkeit…“ Die Majorin nickte knapp, während die Fingernägel ihrer Rechten auf den Kolben der Sunbeam trommelten. Sie schien nicht sehr glücklich, akzeptierte aber die Entscheidung des Flugleitoffiziers: „Sie sollen aber verschwinden, wenn es kritisch wird. Schrotthaufen am Boden nützen uns auch nichts. Was wissen wir über das Areal?“ Der Offizier zuckte leicht mit den Schultern, ehe er sich zusammenriß, er sprach immerhin mit dem Armeeoberbefehlshaber und der Geliebten des Staatschefs, die dazu noch die Luftwaffe befehligte. Reflexartig nahm er wieder Haltung an: „Nichts Genaues. Es handelt sich dabei um Leipzig, eine alte planetare Großstadt. Wir haben dort vor Jahren mal Nachforschungen angestellt, kurz nach der Unabhängigkeit. Es war aber nicht viel zu finden. Major Netschajew müßte mehr wissen. Die Stadt war stark beschädigt, und offenbar früher bereits mal untersucht worden.“
Er registrierte, wie sich Thomsen angespannt vorbeugte, und erstarrte geradezu zur Salzsäule – ein mustergültiger Soldat. Der Colonel verzog den Mund: „Was machen die Söldner dort? Ein wenig viel des Zufalls, daß sie ausgerechnet in der Nähe eines Ballungszentrums notlanden – ohne dabei mitten IN der Stadt herunterzukommen.“ Was er sagen wollte, war klar. Natürlich konnte dies Zufall sein, aber es war schon recht viel beisammen. Die Chevaliers hatten im Landeanflug Probleme bekommen, aber sie hatten es trotz Sturm geschafft, heil auf den Boden zu kommen – zumindest konnte man das vermuten, denn der Sender galt als nicht sehr robust. Und dann waren sie – trotz der Weite des Landes – genau neben einer Stadt aufgesetzt. Wohlgemerkt nicht innerhalb des Areals, was für sie hätte fatal enden können. Und jetzt trieben sie sich dort rum, anstatt wie eigentlich üblich an einer Stelle zu bleiben und auf Rettung zu warten…
Natürlich mochte es sein, daß sie versuchten, sich zur Küste durchzuschlagen. Aber angesichts der Wetterbedingungen wäre es klüger gewesen, sich einzuigeln und auf Rettung zu hoffen. Würde eine Reisegruppe – bei der ja nicht alle in Mechs saßen – auf offener Fläche von einem Sturm überrascht, dann half nicht einmal mehr beten. Und die Bryanter unterstellten sicherheitshalber sowieso ihren „Gästen“ ein doppeltes Spiel. Aber es mochte immer noch eine Erklärung geben – oder auch nicht.

Ein halblauter Ruf unterbrach das einmütig halb misstrauische, halb nachdenkliche Schweigen: „Flieger melden erneuten Kontakt. Wolkendecke verhindert aber Sichtung.“ Die Majorin nickte: „Sie sollen höher gehen. Wir wollen doch nicht, daß die was mitbekommen. Auf IR-Signaturen und MAD-Abtaster achten.“ Die Befehle wurden weitergegeben.
Aber die Ergebnisse waren nicht ganz die gewünschten.
Minute um Minute verging, dehnte sich zur Ewigkeit. Schließlich war schon eine Stunde verstrichen, während der die Maschinen ihre Kreise zogen. Doch es kam immer wieder nur sporadisch Kontakt zustande. Und das Wetter verschlechterte sich zunehmend, die Nervosität in der Zentrale stieg. Schließlich traf die Kommandeurin der Luftwaffe eine Entscheidung: „Einsatz abbrechen – es wird zu gefährlich. Außerdem werden die sich auch abducken müssen, also dürften sie sowieso nicht mehr zu orten sein. Es lohnt sich nicht, unsere Maschinen zu riskieren.“ Sie war offenbar mehr als nur gelinde verärgert.
Doch vielleicht war dies zu spät geschehen, oder der Pilot hatte einen Fehler gemacht – denn der Explorer unterließ die Standartgemäße Meldung. Zumindest war das, was man von ihm hörte, verstümmelt. Das war nichts ungewöhnliches, denn Funkstörungen kamen immer wieder vor. Doch dann meldete er sich schließlich gar nicht mehr. Und trotz Nachfrage konnte man keinen erneuten Kontakt herstellen.
Das mochte daran liegen, daß es atmosphärische Interferenzen gab. Oder das Funkgerät war defekt. Vielleicht war er auch abgestürzt – oder die Chevaliers hatten etwas gemerkt. Und in diesem Fall war klar, daß sie nicht wollten, daß jemand von ihrem Aufenthaltsort erfuhr. Was nahe legte, daß sie eine Menge zu verbergen hatten.

Die Stimmung war auf einem ziemlichen Tiefpunkt angelangt, als nach einer weiteren Stunde klar wurde, daß der Explorer überfällig war. Die Maschine gehörte Bryant nicht direkt, aber die Majorin nahm jeden Verlust an Material persönlich. Sie hatte einfach zu wenig, um sich so etwas leisten zu können. Mit harter Stimme gab sie den Befehl, alle Maschinen kampfklar zu machen. Für Nachsuche – und für Angriffe. Sollten die Chevaliers hinter dem Verlust stecken, würde sie ihnen die Rechnung präsentieren.
Der Colonel teilte ihre Meinung offenbar: „Ich werde den Vicomte informieren – und unsere Truppen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen.“ Seine Untergebene schüttelte nur kurz den Kopf: „Über die Ortung weiß er ohnehin schon Bescheid. Den Rest kann ich ihm auch gleich sagen. Wie ich das sehe gibt es in spätestens einer Stunde sowieso eine große Lagebesprechung. Bis dahin sollten wir die ersten Schritte in die Wege geleitet haben.“ Thomsen unterließ eine Entgegnung – dergleichen war sowieso nicht sein Stil – und auch der Luftüberwachungsoffizier wußte es besser als zu kommentieren, daß der Regierungschef den Anruf aus der Zentrale offenbar mitbekommen hatte. Gewisse Dinge gingen niemanden etwas an.

Und in der Tat war eine Stunde später versammelt, was von den Kommandeuren anwesend war. Mit Tscheljabinsk war eine Verbindung etabliert worden, denn dort würden vermutlich die ersten Maßnahmen getroffen werden. So, daß die Chevaliers nichts davon mitbekamen. Dvensky hörte sich die Vollzugsmeldungen an, und traf dann seine Entscheidung: „Die Option, den Chevaliers zu erzählen, wir hätten ihre Leute zufällig gefunden, existiert meiner Ansicht nach nicht mehr. Die Umstände machen es immer wahrscheinlicher, daß sie mit der Absicht gelandet sind, uns zu hintergehen. Wir werden also die notwendigen Schritte in die Wege leiten. Dennoch – wir müssen behutsam vorgehen. Wir haben noch keine Sicherheit, und wenn wir übereilt handeln, riskieren wir eine Eskalation.“ Was er freilich nicht auszusprechen brauchte war der Umstand, daß es besser war, eine Eskalation zu riskieren, als auf dem falschen Bein erwischt zu werden. Dieser Schluß war zwar recht rasch gefällt – die Einzelheiten kannten sie ja noch nicht, und noch mochte es vielleicht eine harmlose Erklärung geben. Aber auf Grund des Sicherheitsdilemmas, in dem Dvensky lebte, konnte er sich übertriebenen Langmut nicht leisten. Er mußte handeln.
Die Straßen um das HPG-Zentrum waren sofort mit Signalzünderminen zu sperren – möglichst so, daß die Chevaliers nichts mitbekamen. Die Überwachung sollte verstärkt werden, und man würde Sorgen treffen, daß Scharfschützen und Panzernahkämpfer im Notfall fast sofort in Stellung gehen konnten. Erste Trupps sollten bereits in Bereitstellungen verlegt werden, das Gros konnte innerhalb kürzester Zeit folgen. Die Überwachungsposten sollten in regelmäßigen Abständen überprüft werden, damit sie nicht eventuell ausgehoben wurden. Beim geringsten Anzeichen, daß die Söldner etwas vorbereiteten, war Großalarm zu geben. Die Mechs und Panzer der Bryanter sollten sich noch im Hintergrund halten, aber nicht mehr in ihren regulären Kasernen, sondern an verschiedenen Punkten innerhalb der Stadt – aber es mußte stets mindestens die Hälfte sofort kampfbereit sein. Gleichzeitig sollten gedeckt Mörser und Raketenwerfer postiert werden – diese konnte man im Notfall nicht so schnell nach vorne bringen, also mußte dies bereits jetzt geschehen. Die Vorbereitungen für diese Maßnahmen waren schon Wochen zuvor getroffen worden, noch ehe die Chevaliers überhaupt das System erreicht hatten. Die Flak und Garnisonstruppen waren ohnehin in Bereitschaft, seitdem sich die Lander der Söldner auf den Flugfeld aufhielten. Sollten die Lander versuchen abzuheben oder ihre Jäger auszuschleusen, war in jedem Fall sofort zu schießen – in der Hinsicht war Dvensky bereit, einen offenen Konflikt hinzunehmen. Er konnte den Söldnern einfach keinen Überraschungsvorteil geben. Zuletzt freilich stellte der Diktator noch einmal klar, daß er – noch – keinen Angriff wünschte: „Dennoch will ich nicht gleich mit aller Macht zuschlagen. Wir brauchen Beweise, um Com Star gegenüber unsere Schritte nötigenfalls rechtfertigen zu können. Bisher könnten sie noch alles abstreiten. Wir müssen also herausbekommen, was die Söldner wirklich dort treiben. Und eine Vereinigung so lange wie möglich hinauszögern. Also würde ich sagen, wir schicken die Crusaders nach Leipzig, unterstützt von etwas Infanterie – wie bereits besprochen. Natürlich ohne Abzeichen oder dergleichen. Zur Not können wir immer noch behaupten, daß es sich dabei um Banditen und Plünderer handelte. Sobald sie Bescheid wissen, sollen sie handeln, aber wir müssen vorher informiert werden. Also kein automatischer Angriff – es kann immer noch sein, daß die Söldner nur notgelandet sind. Sollten sie es jedoch nicht sein, wenn da mehr dahinter steckt… Ich würde es vorziehen, wenn die Landungstruppen neutralisiert werden, ohne daß es zum Eklat kommt.“
Natürlich war klar – sollte die Situation eskalieren, so würde Dvensky ohne Rücksicht auf Com Star die Chevaliers zerschlagen lassen. Wenn es erst hart auf hart kam, war für Rücksichten keine Zeit mehr. Aber er wollte dies vermeiden, so lange es möglich war. Es war frustrierend, wenn man sich mit größeren Mächten mit unklaren Zielen herumschlagen mußte.

Seine Untergebenen schienen ihm zuzustimmen. Major Prokofjewna wandte allerdings ein, so lange man versuchte die Sache „diplomatisch“, also ohne offenes Vorgehen, zu lösen, wären ihre Jäger stark eingeschränkt. Zudem gab sie zu bedenken, daß der mögliche Abschuß des Aufklärers als Grund ausreichte, mit gutem Gewissen jeden Chevalier zu füsilieren. Dvensky nickte: „Sollten wir darüber Gewißheit erlangen, dann schlagen wir zu. Sofort, und mit allen Mitteln. Bis dahin, halten Sie die Kampfflieger in Bereitschaft – und jede Bewegung der Söldner hier unter Beobachtung.“ Abschließend wurde nur noch festgelegt, daß einige Angehörige der Smersch die Infanterie begleiten würden. Sollte man Gefangene machen, war es wichtig, sich ihrer „Kooperation zu versichern“. Der Aufbruch der Crusaders hatte Priorität – so bald als möglich sollten sie bei Leipzig mit den Nachforschungen beginnen.
Dvensky rechnete fest damit, daß sich die Krise binnen der nächsten Tage entweder lösen oder vollends eskalieren würde. So lange konnte er seine Truppen in Bereitschaft halten, ohne ein Nachlassen ihrer Effizienz zu riskieren. Die Crusaders würden die Söldner bei Leipzig sicher relativ schnell aufspüren, er rechnete innerhalb der nächsten 24 Stunden mit ihrer Ankunft vor Ort, und dann würde es nicht mehr lange dauern. Selbst die Handvoll Mechs und Panzer, die die Chevaliers aufzubieten hatten, würden ausreichend Spuren hinterlassen. Ihr Landungsschiff würde erst Recht nicht zu verbergen sein. Man würde sie aufspüren. Dann würde man wissen, woran man war. Damit entließ er seine Leute. Sie alle hatten zu tun. Und wenn es zum Kampf kommen würde, dann würden die meisten ihn in der vordersten Linie mitmachen – schließlich ging es um ihren Staat.

Auch nachdem seine Untergebenen gegangen waren, blieb Dvensky noch eine Weile im Konferenzraum sitzen. Es gab da noch eine andere Option. Er schätzte sie nicht sehr, denn für seinen Geschmack war auf seiner Welt mittlerweile viel zuviel fremdes Militär, dessen Verläßlichkeit im besten Fall fragwürdig war. Aber wenn er sie gegeneinander ausspielen konnte, dann schwächten sie sich vielleicht, ohne daß er seine eigenen Mittel opfern mußte. Natürlich war das gefährlich. Die Lage konnte leicht jeder Kontrolle entgleiten, und wenn die andere mitbekamen, daß er sie nur ausnutzte...
Zudem wollte er nicht zu viele seiner Leute nach Leipzig verlagern. Größere Operationen auf den Sturmkontinenten waren riskant, und er würde seine Zentren entblößen müssen. In Brein würde er sowieso alle seine Leute brauchen, wollte er die Chevaliers nötigenfalls schnell und brutal überwältigen. Ein Abrücken wäre auffällig geworden und hätte den Söldnerhauptmann gewarnt. Und so sehr Dvensky diesen Danton für einen geistig labilen Egomanen hielt, so dumm war dieses Großmaul nun wieder auch nicht. Aus diesem Gründ würde die weitere Suche und gegebenenfalls die Vernichtung von Tscheljabinsk aus dirigiert werden.
Er war sich ziemlich sicher, daß sowohl Com Star als auch Blake Wort genau das versuchen würden, was er von ihnen befürchtete – ihn und Danton gegeneinander auszuspielen, während sich die großen Mächte um ihre privaten Interessen kümmerten. Und die waren keineswegs deckungsgleich mit denen Bryants, oder seinen eigenen.
Aber eine andere Wahl blieb ihm nicht. Echte, offene Souveränität war einfach unmöglich für einen Mann mit seinen Mitteln. Zumindest im Augenblick. Er mußte sich anpassen, und im Schatten der großen Konflikte darauf hoffen, seine eigenen Ziele umsetzen zu können. Wenn nicht auf geradem Wege, dann eben um einige Ecken.
Er betätigte die Funkanlage. Die Frequenz, die er einstellte, war nur ihm und einigen wenigen anderen Bryantern bekannt, und zu den Verschlüsselungsalgorithmen, die er aktivierte, hatte nur seine Geheimdienstchefin Zugang. Er schaute direkt in den Bildschirm, und als die Verbindung stand, neigte er leicht den Kopf. Nicht ehrerbietig, aber mit Respekt vor dem Gegenüber: „Der Frieden Blakes sei mit Euch, Adept Delaware. Ich denke, ich habe Informationen, die Sie interessieren dürften.“ Er sah, daß sein Gesprächspartner ihm aufmerksam lauschte. Dvensky gab sich ganz den Anschein eines Mannes, der mit einem geschätzten Verbündeten unterhandelte, obwohl er dem Mann nur unwesentlich mehr traute als Danton. „Wir haben sie gefunden.“

Ironheart
14.07.2004, 15:59
Vorbereitungen für Leipzig

In Tscheljabinsk standen die Zeichen auf Sturm. Und zwar in jeglicher Hinsicht. Während draussen der Wind den Schnee durch die Strassen der kleinen Stadt fegte, bereiteten drinnen in den zumindest etwas wärmeren Unterkünften drei Männer einen anderen Sturm vor. Einen, der den Chevaliers in Leipzig blühen würde.

Evander Povlsen hatte auf einem altmodischen Holoprojekter, der ab und an flackerte als ob er jeden Augenblick den Geist aufgeben würde, die Gegend eingespielt in der das Chevaliers Landungsschiff abgestürzt war. Carter, der Chef der Crusaders und sein stellverteter Allan Smithee waren tief darüber gebeugt und hatten Povlsen´s Äußerungen aufmerksam gelauscht
„Und die Daten von Ihren Luftraumjägern sind korrekt?“ fragte Carter an Povlsen gerichtet.
Polvsen deutete auf die drei rot leuchtenden Punkte. „Ja, dies sind die Positionen an denen wir den kleinen Sender in Mr. Dukics Ausrüstung geortet haben. Wie sie erkennen bewegt er sich, langsam, aber er bewegt sich. Er ist also nicht mehr an Bord der SKULLCRUSHER, wenn diese denn überhaupt noch existiert. Leider konnten Dvensky´s Flieger aufgrund der Stürme keine genaueren Aufzeichnungen bekommen. Der Einsatz musste sogar abgebrochen werden und einer der Aufklärer wird mittlerweile ebenfalls vermisst. Wir haben das Gebiet mittlerweile erneut überflogen, aber wir können weder den Aufklärer noch Dukic orten."
"Dukic´s Signal ist verschwunden? Hat er den Sender entdeckt?"
"Unwahrscheinlich. Die Chevaliers wissen nicht, dass sie einen versteckten Peilsender mit sich herum tragen. D.h. solange sie nicht spezifisch danach suchen, werden Sie den Sender nicht finden."
"Und warum gibt es dann kein Signal mehr?" Carter fixierte den Geheimdienstler aus strengen Augen, doch dieser antwortete in kühl sachlichem Tonfall.
"Es könnte natürlich sein, dass der neuerliche Sturm den Chevaliers dort den Rest gegeben hat. Aber ich persönlich vermute viel eher, dass Dukic und eventuell andere Überlebende sich in die weitläufigen Tunnelsysteme von Leipzig geflüchtet haben und wir sie daher nicht mehr orten können."
Carter nickte langsam. Diese Erklärung erschien ihm auch als die glaubhafteste. Wobei er weiterhin bezweifelte, dass es sich um einen Absturz hielt, doch dass behielt er noch für sich. Eine andere Frage beschäftigte Ihn viel stärker. „Leipzig!?“ Was wollen die Chevaliers in Leipzig? Wenn wir ihre bisherige Route abgestecken und dann eine Prognose über den weiteren Verlauf erstellen und dabei die spezifischen Geländemerkmale mit einfliessen lassen, dann scheinen Sie sich auf diese Hügelkette hier zuzubewegen, richtig? Was wollen Sie da?“
Povlsen nickte bestätigend. „Ja, sie könnten Recht haben. Ich werde ihre Erkenntnisse mit meinen Auftraggebern erörtern. Aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass wir das auch nicht wissen. Es wäre schön, wenn wir das irgendwie herausfinden könnten.“
Povlsen machte eine kurze Pause und schaute von Carter zu Allen und dann wieder zu Carter und wartete auf dessen Reaktion.
„Mr. Povlsen, richten Sie ihren Auftraggebern aus, dass ich meine Crusaders gerne dazu anbiete, um das herauszufinden. Egal wohin die Chevaliers unterwegs sein sollten, selbst bei äußerster Anstrengung werden sie noch einige Stunden in Leipzig brauchen, das Gelände ist äußert schwierig und gefährlich. Mehr als genug Zeit für mich, meine Leute mit der Hammer rüberzufliegen und in Position zu bringen. Wir werden Dukic finden, ihm einen Hinterhalt stellen und uns von Ihm - entweder mit Hilfe des Peilsenders oder durch andere Methoden - zum Aufenthaltsort oder zum Wrack der SKULLCRUSHER bringen lassen."
Povlsen nickte und ihm schien durchaus klar zu sein, von welchen anderen Methoden Carter geredet hatte.
„Ich glaube das lässt sich machen" fuhr Povlsen dann fort "es dürfte schon jetzt fast ausgeschlossen sein, dass dieser Absturz tatsächlich ein Absturz war. Dafür entfernt sich das Ortungssignal zu schnell von der Aufschlagsstelle. Trotzdem brauchen wir eine finale Bestätigung ehe wir die Chevaliers zur Rechenschaft ziehen. Meine Auftraggeber können es sich nicht leisten, Einheiten die formal unter dem ComStar-Banner stehen ohne triftigen Grund anzugreifen. Aber Sie haben auch nicht die Absicht den Chevaliers einfach zu erlauben auf Ihrem Hoheitsgebiet herumzustromern. Halten sie sich bereit Carter, ich denke es wird für uns alle bald losgehen.“
Und mit diesen Worten wandte sich Povlsen mit einem korrekten militärischen Gruß um und ging.

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Major Jurij Iwanowitsch Netschajew, momentaner Kommandeur der Verteidigungskräfte von Tscheljabinsk, knirschte unwillkürlich mit den Zähnen während er sich den Bericht durchsah, den ihm sein Gegenüber vor ein paar Minuten auf den Tisch gelegt hatte.
„Leipzig, hah?! Ich hätte es mir denken können. Diese Hunde wollen tatsächlich an LosTech heran!!!“ Netschajew´s Stimme erhob sich und seine Wut auf diesen Söldnerabschaum nahm stetig zu.
„Was können Sie dort suchen?“ fragte ihn Kommandant Dorinel Raducanu, der ihm den Bericht ausgehändigt hatte und ihm nun ruhig gegenüber sass.
„Alles Mögliche“ antwortete Netschajew, der wie kaum ein anderer Bryanter Offizier mit der Situation auf den anderen Kontinenten ihres Heimatplaneten vertraut war und nun selbst zu überlegen schien. „Hm, alles an Wert müßte eigentlich bereits geborgen sein. Nun, zumindest alles, was noch zu gebrauchen und leicht zu finden war.“ Während der wortkage Infanteriemajor sprach, aktivierte er den Holoprojekter auf seinem Schreibtisch, rief eine topgraphische 3D-Karte des hügeligen Leipzig auf und fuhr dann fort. „Raumhafen, ehemalige Fabriken“ er zeigte auf ein paar entsprechende Punkte auf der Karte „der Flusshafen dürften nur noch nackte Ruinen sein...“
Netschajew versank in Schweigsamkeit und schien zu überlegen, worauf es die Chevaliers abgesehen haben könnten. Doch dann gab er anscheinend auf und lehnte sich kopfschüttelnd zurück. „Nun, Leipzig ist eine der früheren Großstädte Bryants und lockt seit jeher Plünderer und LosTech-Jäger an. Ich glaube sogar, dass die Snords Irregulars vor langer Zeit mal hier gewesen sind…“
Netschajew blickte hinüber zu Raducanu. „Und sie wissen, wo das Landungsschiff der Chevaliers runter gegangen ist?“
„Nicht ganz“ korrigierte Raducanu, und fuhr den missbilligenden Gesichtsausdruck des Majors ignorierend fort „aber unsere Aufklärer haben zumindest einen Peilsender orten können, den wir den Chevaliers auf Outreach unterjubeln konnten. Beim zweiten Überflug hat unser Aufklärer das Signal wieder verloren, aber wir gehen davon aus, dass wir es wiederfinden werden.“
„Und warum konnten die Aufklärer das Landungsschiff nicht finden? Immerhin ist das doch ein Maultier, oder? Sind die nicht auf dem Raumhafen runtergegangen?“
„Nein, den haben unsere Leute überprüft. Die schlechten Wetterbedingungen machen eine Sichtortung einfach so gut wie unmöglich. Und eine Sensorortung bei all den Hügeln, Ruinen usw. ist ebenfalls nicht möglich.“
„Ich verstehe, die Söldnerhunde haben sich also geschickt versteckt.“
„Oder, Sie sind abgestürzt…“ setzte Raducanu hinzu, doch Major Netschajew zeigte mit einem lauten „Bah!!!“ und einer wegwischenden Handbewegung, was er von dieser Theorie hielt. Dann verfiel er wieder in Überlegungen in denen er ein, zwei Minuten regungslos aus dem Fenster starrte.

Er wurde in seinen Gedanken unterbrochen als es klopfte und nach dem knapp gebellten „Herein“ zwei Männer eintraten. Der erste von den beiden trug die Leutnantsuniform der Bryanter Infanterie, war tadellos gekleidet und frisiert und machte alles in allem eine gute wenn auch jugendlich wirkende, Figur. Er trat seitlich an den Tisch heran, salutierte förmlich und blieb dann in starrer Habachtstellung stehen.
Der zweite Mann schien genau das Gegenteil des jungen Leutnant zu sein. Er hatte einen dichten, ungepflegten Vollbart, verfilzte, lange Haare, die den Eindruck machten seit einiger Zeit nicht gewaschen worden zu sein und eine abgewetzte wenn auch wetterfeste Kleidung. Über der rechten Schulter hatte er einen dicken, wattierten Winterparka gehängt und um seinen Hals herum baumelte eine Kette die mit allerlei Zähnen, Knochen und getrockneten Klauen bespickt war. Sein einziger Gruß bestand in einem gequälten Grinsen und einem kurzen Nicken.
„Kommandant Raducanu, darf ich Ihnen Leutnant Theodoros Gavripoulos und Jäger Guy Olivier vorstellen? Leutnant Gavripoulos kommandiert den dritten leichten Zug des zweiten Battalions und Jäger Olivier ist der Anführer von drei Jägern, die Sie begleiten werden. Sie kennen sich allesamt exzellent in Leipzig aus und werden Ihre Scouts und Führer sein.“
Raducanu nickte den beiden kurz zu, dann setzten sich die beiden Männer, nachdem Sie von Netschajew dazu aufgefordert wurden.
„Gut, jetzt da alle da sind, kommen wir zu Ihrem Einsatz“ begann Netschajew und wandte sich an alle drei Anwesenden. „Count Dvensky hat eine Erkundungsmission befohlen. Die Crusaders werden damit beauftragt nach Leipzig überzusetzen, die Skullcrusher zu lokalisieren und zu prüfen, ob sie unbeschädigt ist, d.h. ob der Absturz nur vorgetäuscht wurde. Dann werden Sie sich die Chevaliers vorknöpfen und Ihnen eine Lektion erteilen.“ Netschajew grinste breit, während er fortfuhr. „Wie wir wissen, haben die Crusaders eine persönliche Vendetta gegen die Chevaliers laufen. Ich persönlich würde bevorzugen eigene Truppen gegen diese Verräter zu schicken, aber uns allen ist bekannt, das wir uns nicht so ohne weiteres in einen unnützen Krieg mit den feigen Söldnern der Chevaliers einlassen können. Aber wenn eine andere Söldnereinheit einen eigenen Rachefeldzug ausfechten will, wenn also Abschaum Abschaum prügelt, kann uns das doch nur Recht sein, oder?“
„Major,“ unterbrach Ihn Raducanu „wir haben die sechs Mechs der Crusaders und diesen einen leichten Schützenzug. Auf der anderen Seite vier leichte Mechs und vier schwere Panzer und einen verstärkten Zug Infanterie. Falls das Landungsschiff der Söldner noch intakt sein sollte, und davon sollten wir im Moment ja wohl noch ausgehen, dann haben wir zwar leichte Vorteile auf unserer Seite, aber nicht genug um die Chevaliers in Leipzig zu zerschlagen. Zumindest nicht ohne erhebliche eigene Verluste.“
Leutnant Gavripoulos meldete sich entrüstet zu Wort. „Sir, ich und meine Männer sind voll und ganz in der Lage diesen Auftrag zu erfüllen und…“
Major Netschajew stoppte seinen Zugführer mit einer Handbewegung und bedeutete sich zu setzen.
„Nun, Kommandant. So leid es mir tut, Ihre Aufgabe wird es nicht sein, die Chevaliers in Leipzig zu zerstören. Im Gegenteil, Sie werden nur eine beobachtende Funktion übernehmen und nicht aktiv in das Kampfgeschehen eingreifen. Es sei denn, sie werden angegriffen. Alle anderen offensiven Mittel gegen die Chevaliers sind zunächst ausgeschlossen.“ Netschajew zeigte deutlich, dass er das mehr als bedauerlich fand. „Für einen entscheidenden Schlag gegen diese Bande von Halsabschneidern fehlen uns leider die Mittel und ohne stichhaltige Beweise können wir nicht einfach eine Einheit unter der Flagge ComStar´s zerschlagen. Doch wir können es Ihnen zumindest teuer zu stehen kommen lassen…“
„Was ist der Preis der Crusaders?“ fragte Gavripoulos.
„Volle Bergerechte, Ersatz aller verbrauchter Munition und adäquater Ersatz für 60% Panzerungsschäden. Der Rest ist Risiko der Crusaders. Aber ehrlich gesagt, was kümmern mich die Verluste auf Seiten der Crusaders? Wenn diese ihre Vendetta haben wollen, so müssen sie auch mit den Konsequenzen leben. Sie, meine Herren, haben klare Order unsere Leute aus dem Kampfgeschehen heraus zu halten, es sei denn Sie werden zuerst angegriffen. Lassen Sie die Crusaders die Drecksarbeit machen, klar?“
„Aber Sir, wenn wir gezwungen werden sollten einzugreifen und diesen Chevaliers eine Lektion zu erteilen, dann müssen wir schlagkräftiger…“
„Falls Sie gezwungen werden sollten, gegen diese Söldner“ Netschajew spie das Wort förmlich heraus „vorgehen zu müssen, dann besteht ihre erste Aufgabe darin aufzuzeichnen, dass Sie angegriffen worden sind. Und nichts weiter! Die stärkeren Verbände der Chevaliers sind in Brein und in Tscheljabinsk und hier sind auch die wichtigeren zu verteidigenden Ziele. Ich kann es mir nicht leisten Ihnen mehr Männer mitzugeben und damit die Verteidigung von Tscheljabinsk oder von Brein zu offenbaren. Haben wir uns verstanden?“
„Ja, Sir“ antworteten Raducanu und Gavripoulus zackig, Olivier nickte nur trocken.

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Der eisige Wind fegte durch die Strassen von Tscheljabinsk und der Schnee schien fast waagerecht vom Himmel zu fallen. Evander Povlsen hatte seinen wärmenden Winterparka fest geschlossen und seine Sichtbrille aufgesetzt, welche Ihn zwar automatisch zum Ausländer stempelte – denn echte Bryanter würden so etwas niemals tragen – was ihm aber bei der Kälte vollkommen egal war. Er war sich ohnehin sicher, dass die Hälfte der Tscheljabinsker wusste, dass er nicht zu Ihnen gehörte, so klein wie dieses Kaff hier war.
Evander stapfte durch den Schnee und als er sein Ziel erreicht hatte, öffnete er die Tür zu dem kleinen Lokal „Zum eisernen Bären“. Schon der Name des Lokals zeigte ihm eindeutig, wem gegenüber der Besitzer seine Loyalität bekundete.
Als er eintrat und den schweren Umhang beiseite schob, der die kalte Tscheljabinsker Luft von der warmen, verrauchten und stickigen Luft der Kneipe trennte, empfing ihn der Anblick einer gut besetzten, altmodischen Gaststätte. Linker Hand war ein einfacher Tresen mit knapp zehn Barhockern, von denen nur zwei unbesetzt waren, rechts waren knapp zwanzig fast voll besetzte Tische. An der rechten Stirnwand gab es darüber hinaus noch vier Tische, die in Nischen aus dunklem, einheimischen Holz eingehauen waren. Überhaupt war die gesamte Spelunke in dunklem, schwerem Holz gearbeitet und ein Hauch von Melancholie schwebte in der Luft. Dieser Eindruck wurde von einer alten, leicht leiernden Holovid-Jukebox unterstrichen, die momentan alte Bryanter Folkloremusik zu spielen schien.
Während Povlsen sich langsam seiner Sachen entledigte und auf einen dafür vorgesehenen breiten Gardorobenständer aufhängte, hielt er Ausschau nach seiner Verabredung. Er entdeckte sie dann schliesslich – er hätte es auch nicht anders gemacht – in einer der rustikalen Tischnischen.
Ohne weitere Zeit zu verlieren, ging er die Bar entlang und registrierte sofort, dass er von mindestens drei oder vier Augenpaaren auf seinem Weg dorthin verfolgt wurde, die sich auffällig unauffällig nach ihm umdrehten und ihn musterten. Evander fragte sich, in wie vielen verschiedenen Berichten er morgen auftauchen würde. Sicher war keiner der Geheimpolizisten hier, um ihn zu beschatten. Wahrscheinlich war der Barbesitzer angehalten alle Auffälligkeiten allgemeiner Art zu protokollieren und die restlichen Spitzel verfolgten wahrscheinlich jeder unabhängig voneinander andere als Risikopersonen eingestufte Individuen, die sich in diesem Moment in der Bar aufhielten. Der paranoide Geheimdienstapparat der Spinne hatte damit mehrere parallele Beobachtungen, die sicher fast lückenlos aufzeigen konnten, wer sich wann mit wem getroffen hatte.
Und Evander brauchte sich auch nicht zur Tür umzudrehen, die sich in diesem Augenblick erneut öffnete, um zu wissen, dass sein eigener Schatten gerade die Bar betreten hatte und sich wohl gleich an den Tresen begeben würde. Als ehemaliger Geheimdienstler des LNC hatte er ein Auge für so etwas, zumal der Bryanter Geheimdienst – soviel Wert Sie auch auf Professionalität legten – letztlich doch nur Provinzniveau hatten. In diesem Falle konnte es aber auch sein, dass sie sich auch deshalb nicht sonderlich Mühe gaben, zu verbergen, dass Sie ihn beobachteten, da Sie eh wussten, dass es ihm auffallen würde. Also warum es nicht deutlich zeigen, als Signal sozusagen. Innerlich grinste Evander über die gewohnte schizophrene Geheimdienstlogik und setzte sich grusslos seiner Verabredung gegenüber.
Dieser hatte den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen und war noch tiefer über einem dicken Buch gebeugt, welches er voller Inbrunst zu lesen schien. Einem echten Buch, wie Evander zu seiner Verblüffung feststellte.
Ohne aufzublicken richtete er das Wort an Evander und die krächzende, einem automatisch die Nackenhaare zum Aufrichten zwingende Stimme klang fast schon belustigend. „Und, sind wirchrr jetzt alle anwesend?“
Evander musste ebenfalls lächeln, blickte zur Bar und sah gerade wie sich ein bartloser Jüngling auf einen der freien Hocker platzierte und aus den Augenwinkeln zu Ihnen hinüberstarrte. „Ja, mein Schatten setzt sich gerade. Wo ist Ihrer?“
„Irchrronisch, aberchrr erchrr sitzt dirchrrekt neben dem Ihrchrren!“ Das kehlige Lachen klang eher bedrohlich denn amüsiert, aber brachte die Belustigung des Krächzers gut rüber. Er schien sich ebenso wenig Sorgen um seinen Schatten zu machen wie Evander. Beide waren Profis genug um zu wissen, dass derlei Dinge dazu gehörten.
Dann blickte der Krächzer auf und lächelte Evander aus kalten Augen an, die Narben durch den Hut und einen um den Hals geschlungenen Schal relativ gut verdeckt. Sie beide hatten sich seit Outreach nicht mehr gesehen. Der Krächzer hatte zwar für ihre reibungslose Landung in den Skirmish-Kupferminen auf New Home gesorgt, aber er hatte eine andere Passage zurück nach Bryant gewählt. Warum wußte Evander nicht.

Dann hatte er sich der Krächzer ohne große Geheimhaltung bei ihm gemeldet und um dieses persönliche Gespräch gebeten. Während sich Evander immer noch fragte, was der Krächzer eigentlich von ihm wollte, deutete dieser auf die dick in Leder eingebundene Karte, die vor Povlsen lag und krächzte „Den Inhalt auf Seite Drchrrei kann ich nurchrr empfehlen…“
Evander öffnete Seite Drei der Karte, doch neben den Spezialitäten des Lokals fiel ihm sofort etwas anderes in die Augen. Ein kleines, knapp fingerkuppengroßes, hautfarbenes Kästchen, welches durch zwei hauchdünne Drähte mit einem kleinen Knopfhöhrer und einer hauchdünnen, durchsichtigen Folienmembran verbunden war.
Leicht überrascht blickte Evander kurz zum immer noch schräg grinsenden Krächzer auf. Dann verstand er und stöpselte sich so unauffällig wie möglich den Knopfhöhrer ein und klebte mit einer schnellen Bewegung die Folienmembran auf seinen Kehlkopf. Als er fertig war, sah er, dass auch der Krächzer mit einer solchen Apparatur versehen war. Kaum hatte er den Knopf im Ohr, hörte er auch schon die Stimme seines Gegenübers, ohne dass dieser seine Lippen bewegte. „So, Misterchrr Povlsen, ich hoffe Sie können mich gut empfangen?“ fragte ihn der Krächzer ohne seine Lippen zu bewegen und mittlerweile wieder scheinbar in sein Buch vertieft.
„Warum diese Geheimhaltung?“ fragte Evander, ebenfalls ohne seine Lippen zu bewegen und während er so tat, als ob er weiterhin die Karte las. Dann fiel ihm ihre beiden Beobachter ein, die sicherlich irritiert an der Bar sassen und von Ihrer Position wahrscheinlich nicht sehen konnten, dass Sie beide miteinander verkabelt waren. Für die Beobachter mußte es im Moment so aussehen, als ob sich die beiden nur gegenüber sassen und anschwiegen.
Evander musste vor Anerkennung fast grinsen. Selbst wenn es in dieser lauten Umgebung Wanzen gab, so konnten Sie keine Gespräche aufzeichnen. Ihre Beobachter konnten noch nicht einmal von Ihren Lippen lesen, wenn Sie denn überhaupt über diese Fähigkeiten verfügen sollten. Und Evander war sich sicher, dass das kleine Funkset über einen Scrambler verfügte, der es ohne den entsprechenden Code niemandem gestattete, dass Gepräch zu verfolgen, selbst wenn sich die Spinne die Mühe gemacht haben sollte, alle Funksignale aufzunehmen. Es war also die perfekte Umgebung, um ein Gespräch zu führen, dass ihrer beider Auftraggeber nicht hören sollten. Nur fragte sich Evander, warum?
„Sagen wirchrr einfach, dass ich mich einmal ungestörchrrt mit Ihnen unterchrrhalten wollte…“
„Das hätten wir sicher auch mit etwas weniger Brimborium hinbekommen, oder?“ fragte Evander etwas schnippisch. Wollte sich der Krächzer etwa wie auf Outreach profilieren und ihm zeigen, dass er besser war? Doch sein Gegenüber ging auf die Frage nicht ein. „Ihrchrr Peilsenderchrr leistet Ihnen gute Dienste, nicht wahrchrr?“
„Danke, ich kann nicht klagen.“
„Und jetzt machen Sie sich auf den Weg, um sich um die abgestürchrrzten Chevalierchrrs zu kümmerchrrn…? Wohin genau sind sie unterchrrwegs?“
Evander irritierten die Fragen des Krächzers und seine Augen verengten sich für einen Augenblick. Doch konnte er nicht sogleich antworten, da die Bedienung an den Tisch herangetreten war und nach der Bestellung fragte. Nachdem sie wieder gegangen war, nahm Evander den Faden wieder auf, wobei er das kleine Spielchen weiter mitspielte und vorgab in der Karte zu lesen. „Was soll dieses Fragespiel? Sie sind doch sicher genau so gut eingeweiht wie ich…“ Und augenblicklich schoss ihm dass dazugehörige „Oder?“ in den Kopf, welches er aber nicht aussprach.
Der Krächzer blätterte die Buchseite um und antwortete nicht. Fast dachte Evander, er hätte ihn womöglich nicht gehört.

„Wem gegenüberchrr gilt Ihrchrre Loyalität, Misterchrr Povlsen?“ wechselte er scheinbar das Thema.
„Meine Loyalität gilt meinem Auftraggeber,“ gab Evander vorsichtig zurück.
Ein Lächeln huschte über das vernarbte Gesicht des Krächzers. „Wenn die Spinne dieses Gesprchrräch würchrrde mithörchrrren können, so wärchrre Sie über Ihrchrre Antworchrrt sicherchrr erchrrfrchrreut gewesen. Aberchrr wirchrr beide wissen doch genau, wem gegenüberchrr wirchrr eigentlich verchrrpflichtet sind, nicht wahrchrr Misterchrr Povlsen?“
„Count Dvensky“ nickte Povlsen stirnrunzelnd, weiterhin irritiert darüber, was genau der Krächzer meinte. Wollte er ihn testen und herausbekommen, ob er ein Doppelagent war? Wenn ja, dann war das hier ein äußerst plumpes Vorgehen, mal abgesehen davon, dass Povlsen kein doppeltes Spiel spielte.
Doch der Krächzer schüttelte nur langsam den Kopf. „Nein, Misterchrr Povlsen! Unserchrr beiderchrr eigentlicherchrr Herrchrr ist das Geld, hab ich nicht rchrrecht?“
Povlsen wollte sofort widersprechen, doch er zögerte einen Augenblick und wartete stattdessen mit seiner Antwort. Worauf wollte der Krächzer hinaus?
Die Bedienung kam mit Ihren Getränken, Povlsen und sein „Gesprächspartner“ stiessen an und der Krächzer fuhr über sein Kehlkopfmikro fort. „Wirchrr beide archrrbeiten als Frchrrelancerchrr, also sind wirchrr keinerchrr Rchrregierchrrung, Ideologie, Rchrrelegion, Weltanschauung oderchrr einem derchrr Häuserchrr derchrr Innerchrren Sphärchrre gegenüberchrr bis zum Letzten verchrrpflichtet, oderchrr?“
„Worauf wollen Sie hinaus?“ fragte Evander mittlerweile etwas unruhig. Dieses Reden um den heissen Brei gefiel ihm nicht sonderlich.
„Nun, Misterchrr Povlsen, die Dantons Chevalierchrrs spielen ein doppeltes Spiel, das wissen wirchrr beide nurchrr zu gut. Dvensky´s Interrchrresse darchrran mehrchrr überchrr dieses doppelte Spiel zu ehrchrrfahrchrren ist nur legitim. Aberchrr seine Interrchrressen sind nicht die einzigen auf diesem Planeten…“
Und noch bevor der Krächzer ausgesprochen hatte, fielen die letzten fehlenden Puzzlestücke in Evanders Kopf an die richtigen Stellen. Die exzellente Ausrüstung auf Outreach, die über die Maßen guten Connections auf New Home und jetzt dieses Gebahren…
Evanders Augen weiteten sich ein klein wenig und sein Gesichtsausdruck schien Bände gesprochen zu haben, so dass der Krächzer nicht zu Ende sprach und stattdessen an seinem Getränk nippte.

„Ich sehe, sie verchrrstehen mich, Misterchrr Povlsen. Aberchrr kommen wirchrr jetzt zum Geschäftlichen. Die Spinne trchrraut mirchrr nicht, und das zurchrrecht wie Sie jetzt sicherchrr denken mögen. Ich bin also, wie Sie jetzt wissen, nicht in Ihrchrre neuerchrrliche Operchrration eingebunden. Daherchrr währchrre Ich Ihnen sehrchrr verchrrbunden, wenn Sie mirchrr Ihrchrr neues Ziel mitteilen würchrrden.“
Povlsen war immer noch wie paralysiert und antwortete nicht. Mit einem Mal hatte dieses Gespräch eine vollkommen andere Wendung genommen, als er es gedacht hatte. Fieberhaft überlegte er, das Ganze konnte immer noch ein Test sein, ein Test seiner Loyalität.
„Wie ich berchrreits sagte, bin ich mirchrr bewußt, dass diese Inforchrrmation ihrchrren Preis hat. Und Sie werchrrden sicherchrr erchrrffchrreut überchrr die 50.000 Crchrredits sein, die sie in dem Umschlag Rchrrechts von Ihrchrrem Sitz finden werchrrden.“
Evander hob die Augenbrauen und schaute langsam rechts an sich vorbei. Und tatsächlich konnte er jetzt einen Umschlag erkennen, der in exakt derselben Farbe des Holzes gehalten war, aus dem die Sitzplätze beschaffen waren. Somit hatte man zweimal hinschauen müssen um überhaupt etwas erkennen zu können.
Doch er zögerte und liess stattdessen seinen Blick im Raum schweifen. Die beiden Schatten sassen immer noch stumm am Tresen und bemühten sich entweder nicht weiter ihre eigentliche Aufgabe zu verbergen. Oder Sie waren tatsächlich so auffällig unauffällig für die Augen eines wahren Profis.
„Ich verchrrstehe, dass Sie zögerchrrn, Misterchrr Povlsen. Aberchrr Sie wissen, dass ich Mittel und Wege finden werchrrde, es auch ohne Ihrchrre Hilfe herchrrauszufinden.“
„Warum bemühen Sie diese dann nicht gleich, sondern kommen damit zu mir? Sie riskieren, dass ich zur Spinne laufe und Sie verrate…“
Der Krächzer schaute aus seinem Buch auf und lächelte kurz. Dann beugte er sich wieder über sein Buch. „Zum einen würchrrden die anderchrren Wege eventuell zu lange dauerchrrn. Und zum zweiten: Warchrrum wollen Sie derchrr Spinne etwas verrchrraten, was Sie eh schon weiss? Sie glauben doch wohl nicht, dass das Ihrchrre Position in derchrren Augen auch nurchrr einen Deut` verchrrbesserchrrt, oderchrr? Fürchrr diese arrchrrogante, Möchtegerchrrn-Diktaturchrr sind Sie nichts weiterchrr als ein drchrreckigerchrr Söldnerchrr. Im Grchrrunde nicht besserchrr als die Crchrrusaderchrrs und auch nicht besserchrr als die Chevaliercrrs. Man benutzt Sie und wenn man Ihrchrrer überchrrdrchrrüssig ist…“ Der Krächzer schaute erneut aus seinem Buch hervor und seine kalten Augen sagten aus, was er nicht aussprach.
Er hatte Recht, Povlsen war ein Niemand in den Augen seiner Auftraggeber. Aber er war Profi genug um das zu akzeptieren.
„Wenn ich mich doch in Ihnen getäuscht haben sollte, tut es mirchrr Leid Ihrchrre und meine Zeit verchrrgeudet zu haben.“ Der Krächzer klappte sein Buch zu, legte es vor sich hin und bedeutete der Kellnerin, dass er zahlen wollte.
Evander´s Gedanken überschlugen sich. Auch wenn der Krächzer Recht hatte, so hatte er doch Skrupel seine Auftraggeber zu hintergehen. Er wusste ja noch nicht einmal, was der Krächzer vorhatte.
Die Kellnerin kam und der Krächzer bezahlte, dann blickte er – als Sie wieder gegangen war – noch einmal hinüber zu Povlsen. Dieser wusste, dass er sich jetzt entscheiden musste. Was zählte mehr für Ihn? Geld oder Loyalität?
Der Krächzer entschied, dass ihm die Antwort zu lange dauerte und er beugte sich vornüber um den Umschlag Rechts neben Povlsen an sich zu nehmen. Doch in diesem Augenblick entschied sich Povlsen.
„Warten Sie! Es ist Leipzig! Wir setzen über nach Leipzig, Dukic´s Signal haben wir zuletzt kurz vor den Bloomingdale Heights aufgefangen.“
„Danke, Misterrchrr Povlsen!“ Der Krächzer stand auf, wickelte sich seinen Schal tiefer ins Gesicht, zog grüssend an seinem Hut und ging ohne ein weiteres Wort in Richtung Ausgang.

Povlsen blieb zurück und versank in Gedanken. Er nahm nur am Rande mit, wie einer der beiden Schatten dem Krächzer folgte. Dann nahm Povlsen mit einer ruhigen Handbewegung den Umschlag an sich und öffnete ihn an seiner Rechten – dem übrigen Lokal abgewandten – Seite. Nachdem er überprüft hatte, dass das Geld tatsächlich dort war, steckte er ihn ein und nahm noch einen Schluck von seinem Getränk ehe er ging.
Er konnte sich nicht helfen, aber irgendwie hinterliess das Gebräu bei Ihm einen faden Nachgeschmack.

Ironheart
17.08.2004, 15:59
Böse Ahnungen

Östlich der Bloomingdale Heights
Leipzig, Bryant, Chaosmarken
28. April 3065

Der Sturm war losgebrochen, in zweierlei Hinsicht.
Während die Crusaders ausgeschwärmt waren um das verloren gegangene Peilzeichen von Dukic oder die Skullcrusher – ob nun intakt oder als Wrack – zu finden, näherten sich Povlsen und der Rest der Bryanter in ihrem MTW der alten Sternenbundstadt von Nordosten her. Der Anflug war rau gewesen, sie waren ordentlich durchgeschüttelt worden aber letztlich sicher gelandet. Langsam rumpelnd bahnte sich das relativ schwerfällige, kettengetriebene Fahrzeug einen Weg durch die subtropische Vegetation Tomasianias, wobei Povlsen die einheimische Flora und Fauna nicht kannte und wenn er ehrlich zugeben wollte, auch nicht wirklich kennen lernen wollte.
Stattdessen war er in seinen Gedanken versunken in das gestrige Treffen mit dem Krächzer. Er hatte keine Ahnung, was dieser mit den gestern erhaltenen Informationen anfangen wollte, aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass das noch für Probleme sorgen würde.
Mit einem kurzen Seitenblick schaute er hinüber zu Raducanu, der in dem Mannschaftswagen vorne im Fond neben ihm saß und das Empfangsgerät begutachtete. Dieser grinste komplett in Kampfmontur mit einer entschlossenen Miene zu ihm zurück, was Povlsen mit einem matten Lächeln erwiderte. War das ein schlechtes Gewissen, das sich bei ihm regte?
Er wischte den Gedanken beiseite, er war Söldner und Profi und das gestrige Geschäft war lukrativ gewesen. Hätte die Spinne ihn nicht so herablassend behandelt oder ihm von Anfang an mehr Geld gezahlt, wäre seine Loyalität klarer gewesen. Aber so war es einfach ein lukratives Geschäft gewesen, nicht mehr, nicht weniger.
Dann durchbrachen Sie den östlich von Leipzig gelegenen Wald, indem Sie auf eine Lichtung fuhren, die Ihnen einen kollossalen Ausblick auf die ehemalige Sternenbundstadt bot und Povlsen verdrängte seine dunklen Gedanken. Jäger Olivier und seine Leute hatten Ihnen den Weg gewiesen und sie hatten sich dazu entschlossen hier auf dieser Lichtung inmitten einer Schonung dieser merkwürdig anmutenden blauen Bäume auf Entdeckung der Chevaliers zu warten.
Ihr Auftrag war klar als reine Beobachtung definiert worden, mit ihrem nur leicht gepanzerten MTW hatte es keinen Sinn tiefer in die Stadt vorzudringen und sich unnötig allen möglichen Gefahren áuszusetzen. Sie hatten zwar mit dem Peilsender eine gewisse Frühwarnung, aber dies galt schließlich nur für Dukic, und sie konnten ja noch ungewollt in die Arme anderer Teileinheiten der Chevaliers rennen. Für die Crusaders waren Sie nur ein lästiges Anhängsel und im Notfall würde man sich einen Dreck um das kleine Infanteriekontingent scheren.
Als der Blick auf die wolkenbehangene Stadt frei wurde, hielt der Wagen inne. Starker Regen prasselte auf die Frontscheibe und Jäger Olivier stieg aus dem Wagen aus, kletterte auf das stabile, gepanzerte Dach des Fahrerhäuschens und zückte ein Fernrohr. Povlsen und Raducanu folgten ihm direkt, Leutnant Gavripoulos ließ seine Leute ausschwärmen und die momentane Umgebung nach allen Richtungen sichern, dann kletterte er ebenfalls auf das Dach.
„Schon was entdeckt, Sir?“ fragte er an Kommandant Raducanu gerichtet.
„Nein, wir werden warten müssen“ gab dieser zurück.
„Hier werden wir nicht allzu lange bleiben können“ warf Jäger Olivier ein und zeigte ohne weiteren Kommentar auf eine dunkle Wetterfront, die in einiger Entfernung ihre Blitze gen Boden jagte und bedrohlich näher kam.
Die starken, einigermaßen wetterfesten „Bäume“ in ihrer unmittelbaren Umgebung würden Ihnen zwar ein wenig Schutz vor den Gewittern geben, doch Blitze und umstürzende Bäume waren immer eine Gefahr, der man sich nicht unnötig stellen musste. Der nächste Mechtunneleingang nördlich des Harbour-District lag nicht weit, in den würden Sie notfalls flüchten können. Doch Povlsen hatte eher das Gefühl, dass die Chevaliers sich etwas weiter südlich befanden. Warum nur waren Sie nicht auf der Ordnung. Hatte Dukic den Braten doch noch gerochen?
Und in diesem Augenblick rief der Fahrer des Wagens Ihnen zu, dass Sie einen Kontakt auf dem Radar hatten, dass Sie in Form eines kleinen Köfferchens bei sich führten. Alle auf dem Dach befindlichen Soldaten hechteten hinunter und betrachteten die Anzeige. Das Signal war nur schwach und flackerte häufig auf der dreidimensionalen Anzeige, wahrscheinlich eine Nebenwirkung der Stürme und des nahen Gewitters und doch konnten Sie es gut genug empfangen um Dukics Position auszumachen. Sie waren anscheinend nahe am Liquorice-River und bewegten sich langsam aber stetig in südöstlicher Richtung. So lange konnten sie noch nicht an der Oberfläche sein, der nächste Tunneleingang war keine 500 Meter entfernt.
So weit so gut. Problematisch war nur, dass die Crusaders gerade das Gebiet auch genau in diesem Moment durchkämmten. Daher gabe Raducanu sofort Meldung an Carter, der aber sicher die Chevs auch schon auf seinem Schirm haben dürfte.
„Ich weiss, Ich weiss“ bestätigte dieser auch prompt „wir sind fast in Sie hinein gerannt. Bestätige gegenseitige Ortung. Der Tanz beginnt.“ Fast schon konnte Povlsen das zähnefletschende Grinsen von Carter auf seinem Gesicht sehen und tatscählich, Dukics Signal hatte seinen südöstlichen Weg abgebrochen und bewegte sich nun schnell Richtung Norden, direkt auf die Crusaders zu.
„Carter, verflucht“ Raducanu war sichtlich erbost „Sie sollten beobachten und nicht direkt angreifen. Wie sollen wir jetzt die Skullcrusher ausmachen.“
„Keine Sorge, Jungchen! Dukic wird uns direkt hinführen, ob er nun will oder nicht. Und jetzt lasst mich meinen Job machen, Carter Over and Out.“
Ob es nun das herablassende „Jungchen“ gewesen war, oder die gesamte Antwort gewesen war, jedenfalls schnauzte Raducanu „Carter…, Carter…“ in den Funk aber ohne eine Reaktion zu erhalten. Wütend hämmerte er mit der Faust gegen die Armaturen des MTWs. „Verflucht noch eins, was bildet der sich ein? Wie sollen wir so herausfinden, was die Chevaliers vorhatten?“
„Naja, soviel zum Thema Überraschungsmoment“ kommentierte Povlsen lakonisch. „Aber warts ab, die Crusaders sind den Scoutmechs der Chevaliers immer noch haushoch überlegen. Sie werden Sie zu ihrem Landungsschiff zurückdrängen und sicher den einen oder anderen in ihre Hand bringen, der uns dann schon näheres verraten wird.“ Das fiese Grinsen auf Povlsens Gesicht gab einen kurzen Hinweis darauf, dass er zur Not nicht zimperlich sein würde, um an die Informationen heran zukommen.
„Und wenn ihr Landungsschiff gar nicht mehr existiert.“
Povlsen Grinsen wurde noch einen kleinen Tick fieser. „Dann werden sie zerquetscht werden…“

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Provisorische Vertretung Blakes Wort, Industriegebiet Wolga, Brein
Bryant, Chaosmarken
28. April 3065

Akoluth Delaware saß überlegend in seinem kleinen, miefigen und äußerst provisorisch eingerichteten Büro. Es war zumindest warm, warm genug um den derzeitigen Kälteeinbruch draussen zu halten. Blakes Wort hatte schon vor ein paar Monaten vier kleine Büroräume im relativ neuen Industriegebiet Wolga im Süden der Stadt bezogen. Seitdem offiziell geworden war, dass Blakes Wort die HPG-Anlage Bryants von ComStar übernehmen und betreiben durfte, war Delaware mit einer Handvoll von Verwaltungspersonal bereits gelandet um diese Übernahme vorzubereiten.
Hatte sich Delaware zu Beginn dieser Mission diebisch darüber gefreut, dass Sie es schafften ComStar auch von diesem Planeten zu verdrängen und damit noch einen Teil der Inneren Sphäre in die Nähe des wahren Glaubens zu rücken, so war diese Freude mittlerweile getrübt worden. Getrübt durch den immer gleichen Trott und das ungeduldige Warten auf den Tag X, wenn Sie endlich glorreich die Anlage übernehmen durften.
Erst die Tatsache, dass vor nicht allzu langer Zeit Count Dvensky ihn darüber informiert hatte, dass die über dem Kontinent Tomasiania abgestürzten Chevaliers offensichtlich tatsächlich ein doppeltes Spiel spielten, hatte sich seine Laune wieder ein kleines Stück gehoben, barg das doch zumindest die Möglichkeit auf ein wenig Abwechslung. Seitdem versuchte er zu ergründen, welche Implikationen diese Information für Ihn und für seinen Orden hatte.
Dvensky hatte darauf hingedeutet, dass er gewisse Dinge in Gang gebracht hatte, um die Chevaliers in Leipzig hart zu treffen, ungeachtet der pro-forma Lizenz zur Suche nach LosTech, die dieser jämmerliche Danton als Ablenkungsmanöver, auf das natürlich niemand hereingefallen war, erworben hatte. Delawares Informanten hatten ihm von einer kleinen Mecheinheit von gerade einmal der Größe einer Sektion berichtet, die in Tscheljabinsk stationiert worden war. Um wen es sich genau handelte, wusste der Akoluth noch nicht, aber das würde er bald herausfinden.
Aus dem was Dvensky indirekt angedeutet hatte, vermutete Delaware, dass er diese Söldner gegen die Chevaliers in Bewegung setzen würde. Ob das reichen würde, bezweifelte er allerdings stark.
Natürlich war ihm auch nicht entgangen, dass Dvensky ihn ebenfalls indirekt aufgefordert hatte, eigene Truppen nach Leipzig zu schicken. Er hatte es nicht direkt gesagt und rein offiziell waren ja auch noch keine Truppen von Blakes Wort auf Bryant. Doch Dvensky wäre nicht der Schatun, wenn er nicht schon längst in Erfahrung gebracht hätte oder es zumindest vermuten würde, dass seine Organisation schon einen Teil der Truppen auf Bryant stationiert hatte, um bei eventuellen „Problemen“ schnellstmöglich eingreifen zu können. Zumal diese Truppen auch gelegentliche Ausflüge auf den verlassenen Kontinenten durchgeführt hatten, was den Truppen Bryants sicher nicht vollkommen entgangen war. Dabei hatten Delawares Truppen auch unter anderem Leipzig mehrere Besuche abgestattet, aber ausser einer kleinen Gruppe von LosTech-Plünderern, die sie auch prompt zerschlagen hatten, hatten Sie bisher nichts finden können.
Dvensky hatte die Aktivitäten seines Ordens sicher aus zwei Gründen bislang gewissermassen gebilligt. Zum einen um es sich mit dem großen Orden, der in Zukunft auch ein Partner für Bryant werden würde, nicht unnötig zu verscherzen. Und zum zweiten aus dem wichtigeren Grund, dass Blakes Wort gegenüber dem Schatun den Einsatz dieser Einheiten bei einem möglichen Vergeltungsschlag aus New Home oder Epsilon Indi zugesichert hatte, was die Verteidigungskraft Bryants um ein erhebliches steigern würde.
Doch so ein Verteidigungsfall lag im Moment nicht vor. Delaware konnte den Count zwar gut verstehen, eine solche Brüskierung durch diesen Söldnerabschaum hätte er ebenfalls nicht gerne gesehen. Aber er fragte sich, was es ihm bringen würde seine ohnehin schon relativ bescheidenen Mittel gegen die Chevaliers ins Feld zu führen. Immerhin gehörten diese offiziell zu ComStar. Und auch wenn Sie sich mit diesen irregeleiteten Fanatikern ohnehin schon im quasi Kriegszustand befanden, würde sich Delaware in Teufels Küche begeben, wenn er jetzt den momentanen Waffenstillstand brechen würde nur um sich beim derzeitigen Souverän dieses unbedeutenden Planeten anzubiedern.
Die Gefahr unauthorisiert in ein Hornissennest zu stechen und damit seine Karriere zu gefährden war ihm viel zu hoch.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken und mit einem knappen „Herein“ sah er die Tür aufgehen und einen seiner Adepten den Raum betreten.
„Akoluth Delaware, entschuldigt vielmals, ich weiss ihr wolltet nicht gestört werden, aber man wünscht Sie zu sprechen.“ Der Adept, der die Nachricht überbrachte schien sich fast das Kreuz zu brechen, so sehr bemühte er sich sich vor seinem Vorgesetzten zu verbeugen.
„Wer ist es und was will er?“ Delaware war ungehalten über das stümperhafte Auftreten dieses elenden Arschkriechers.
„Verzeiht mir, Herr, aber das wollte er nicht sagen.“
„Und deswegen störst Du mich? Schick ihn weg, er soll wieder kommen, wenn es ihm wieder einfällt!“
„Herr, er bat mich euch dies hier zu geben.“ Der Adept trat näher heran und übergab seinem Vorgesetzten mit leicht zitternden Händen einen Gegenstand, der in einem weichen Tuch eingewickelt war. Stirnrunzelnd öffnete der Akoluth das weisse Samttuch und förderte ein flaches rautenförmiges Siegel hervor, welches vollkommen unscheinbar wirkte. Auf der rechten Seite war ein numerisches Eingabefeld, ein kleiner Knopf daneben schien in einem satten Grünton zu vibrieren. Daneben blinkte ein zweiter kleiner orangener Knopf und schien sagen zu wollen, dass er gedrückt werden wollte. Akoluth Delaware blickte kurz hoch zu dem Adepten der nur hektisch nickte und mit seinem Finger auf eben diesen Knopf zeigte, den Delaware daraufhin drückte. Ein dreidimensionales Bild baute sich kurz flackernd auf und der Akoluth zuckte kurz zusammen, als er das strenge Gesicht von Alexander Kernoff, dem jetzigen Präzentor ROM, erkannnte.
Kaum hatte er sich an den Anblick gewöhnt, begann das Bild mit einer unverwechselbaren Stimme zu sprechen. „Gegrüßt seist Du ím Namen Blakes! Der Träger dieses Wappens ist von allen Mitgliedern und Einheiten des einzig Wahren Ordens ungeachtet seines Rangs, seiner Position oder seines Namens bevorzugt zu behandeln. Seine Wünsche sind als meine Befehle zu verstehen!
Gesegnet sei der heilige Blake!“
Die dreidimensionale Darstellung von Alexander Kernoff verblasste und Delaware musste unwillkürlich schlucken. Kernoff war als Leiter des Blakes Wort Geheimdienstes ein überaus mächtiger Mann. Einen seiner Leute grundlos abzuweisen, wäre daher alles andere als ratsam.
„Ähmm, bitte meinen Gast doch unverzüglich herein und lass ihn nicht länger warten“ sagte er daher zu seinem Adepten, der sich unterwürfig verbeugte und aus dem Zimmer verschwand. Dann richtete Delaware sich unwillkürlich seine Robe und hielt Ausschau nach eventueller Unordnung in seinem Büro.

Die ersten Gedanken, die ihm in den Sinn kamen, als er den grossgewachsenen Mann mit sicheren Schritten durch die Tür von dem Adepten geöffneten Tür auf ihn zutreten sah, waren Geheimnis, Bedrohung und Gefahr. Das Aussehen des Mitte Dreissigjährigen war grauenhaft und furchteinflössend zugleich. Von der Halskrause aufwärts zog sich eine tiefe Brandnarbe über die gesamte rechte Gesichtshälfte und endete kurz unterhalb des rechten Auges, so dass der dadurch entstandene starrende Blick den Eindruck von etwas fanatischem vermittelte. Die Narbe zog sich weiter über die rechte Gesichtshälfte nach hinten Richtung Nacken und umwölbte ein künstliches rechtes Ohr bevor es wieder im Rücken des Mannes verschwand. Der kahle Kopf verstärkte zusätzlich das bedrohliche Äußere.
Er trug keine Uniform und keinerlei Rang- oder sonstige Abzeichen, die etwas über ihn verrieten. Delaware war sich sogar sicher, dass das Siegel nur durch ihn persönlich aktiviert werden konnte und er somit nicht mit Blakes Wort ROM in Verbindung gebracht werden konnte, sollte er wider erwarten in feindliche Hände fallen.
Der Mann stoppte kurz vor dem Schreibtisch und verneigte sich leicht. „Akoluth Delawarchrre, der Segen Blakes sei mit dirchrr. Ich frchrreue, mich deine Bekanntschaft zu machen.“
Die raue Stimme des Mannes ließ Delaware einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Er wollte der Höflichkeit halber erwidern, dass er sich auch freute, aber er brachte es nicht über die Lippen. Stattdessen nickte er nur, deutete auf den Stuhl vor sich und bot seinem Gast einen Platz an.
„Woher weiß ich, dass Sie dieses Siegel nicht gestohlen haben?“
Das war unorthodox, aber er hatte das Gefühl, dass dieser Mann vor ihm nicht auf Geplänkel aus war und dass das hier kein Freundschaftsbesuch war. Der Krächzer lächelte raubtiergleich, bevor er antwortete. „Derchrr Trchrraum ist stets derchrr Anfang…“
Delaware nickte, dieser Codesatz verriet gemeinsam mit dem Siegel, der sich nur mit der richtigen Codesequenz aktivieren liess, dass er es hier mit einem Mitglied einer Geheimeinheit innerhalb Blakes Wort zu tun hatte. Er wusste zwar immer noch nicht welcher, aber er wusste er würde es nicht herausfinden wenn es ihm der Krächzer nicht verriet, also fragte er erst gar nicht.
„Also, was kann ich für ein so wichtiges Mitglied unseres Ordens tun, Mister…?“
Auch auf die verdeckte Frage nach seinem Namen ging der mysteriöse Fremde nicht ein, sondern kam auch gleich zum Kern der Dinge, so als ob ihm das gelegen kam, keine Zeit mit Geplänkel zu vergeuden. „Ich bin hierchrr wegen derchrr Dantons Chevalierchrrs.“
Delawares Augen weiteten sich augenblicklich, der Fremde hatte mehr als seine Aufmerksamkeit und seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er den Fremden befragte „Was wissen sie von den Chevaliers?“
Ein grausames Lächeln umspielte den Mund des Krächzers und er entnahm eine kleine Datendiskette aus seiner Jackeninnentasche. Diese legte er dem verdutzten Akoluthen mitten auf den Schreibtisch und antwortete dann. „So gut wie alles! Aufstellung, Ausrchrrüstung, Materchrrial…“
„Warum habe ich das nicht vorher erhalten?“ fragte Delaware, obwohl er die Antwort bereits kannte. Blakes Wort-ROM arbeitete unabhängig von den normalen Streitkräften und das auch mit voller Absicht. Man munkelte, dass die Geheimdienstorganisation nicht nur die Feinde des Ordens, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil den Orden selbst beobachteten.
Und dementsprechend fiel auch die Antwort aus: „Weil es bisher nicht notwendig warchrr.“
„Und warum ist es jetzt notwendig geworden?“
Der Krächzer stand wieder auf und ging hinüber zu einem kleinen Holoprojekter, der ein dreidimensionales Bild in die Mitte des Raumes werfen konnte. „Darchrrf ich?“ fragte er fast schon rhetorisch, da er bereits eine weitere Datendisk in dem Gerät platzierte.
Delaware nickte nur und war schon äußerst gespannt, was jetzt kommen würde.

Das 3D-Bild eines Planeten baute sich in der Mitte des Büros auf und Delaware erkannte ihn als den Planeten Bryant. Während sich das Bild komplett aufbaute, begann der Krächzer mit seinen Ausführungen.
„Wirchrr wissen aus urchrralten Unterchrrlagen, die unserchrr Orchrrden in weiser Vorchrraussicht vorchrr derchrr Verchrrnichtung geschützt hat, dass es auf Brchrryant eine Anlage gegeben hat, die eine überchrraus interchrressante Hochtechnologie herchrrgestellt hat. Dieses Lostech hat es zurchhr Glanzzeit dieses Planeten erchrrmöglicht mit den hierchrr tobenden Stürchrrmen ferchrrtig zu werchrrden: Die Sturchrrminhibitorchrren.“ Der Krächzer aktivierte eine Taste des Holoprojektors und die Darstellung eines Satelliten, der in einer Umlaufbahn um einen Planeten kreiste, kam zum Vorschein. Das Bild war nicht mehr ganz einwandfrei und die dreimensionale Darstellung flackerte mehrfach, klares Indiz dafür, dass die Daten uralt und mehrfach restauriert worden sein mussten.
Dann fuhr der Krächzer fort: „Im Laufe der unsäglichen Nachfolgekrchrriege gingen nicht nurchrr die Satelliten und die dazugehörchrrigen Prchrroduktionsanlagen verchrrlorchrren, sonderchrrn auch die Bauzeichnungen und sämtliche Prchrrototypen. Aberchrr wirchrr wissen, dass in derchrr geheimen Forschrrschungsanlage, in derchrr die Satelliten auch entwickelt worchrrden sind, sich noch Kopien derchrr Blaupausen und vielleicht noch ein intakterchrr Prchrrotoryp befindet. Leiderchrr ist aberchrr das Wissen um den Standorchrrt dieserchrr geheimen Forchrrschungsanlage ebenfalls verchrrlorchrren gegangen. Es gibt aberchrr Indizien, die darchrrauf hindeuten, dass ComStarchrr kürchrrzlich wiederchrr auf diese Koorchrrdinaten gestossen sind.“
„Leipzig“ hauchte Delaware auf, indem instinktiv die von Dvensky verratene Absturzstelle mit der Geschichte des Krächzers verband. Diesmal war es an dem Krächzer ein wenig verdutzt zu schauen, hatte er wohl nicht damit gerechnet, dass Delaware wissen konnte, welcher der Orte gemeint war. Doch er fing sich schnell wieder, nickte kurz und fuhr dann fort.
„Da derchrr Abzug derchrr Ketzerchrrtrrchrruppen von Brchrryant kurchrrz bevorchrr stand und sie sich nicht auf die Suche nach diesem Satelliten machen konnten, ohne in einen Krchrrieg mit Dvensky und vielleicht auch mit uns zu gerchrraten, haben Sie die Chevalierchrrs nach Leipzig geschickt und es als Absturchrrz getarchrrnt, womit Sie aberchrr gescheiterchrrt sind. Die Chevs sind also angeheuerchrrt worchrrden, um diesen drchrreckigen Job möglichst heimlich durchrrchzuführchrren.“
Delaware nickte, jetzt machte alles für ihn einen Sinn. Das war also der Grund für die Chevaliers, den Absturz vorzutäuschen. Und bei dem was Sie zu finden erhofften, war es jetzt auch verständlich warum die Chevaliers und damit diese verfluchten Ketzer ein so großes Risikon eingingen.
Der Krächzer fuhr in seinen Ausführungen fort. „Sollten die Chevalierchrrs erchrrwischt werchrrden, würchrrde ComStarchrr jegliche Kenntnis abstrchrreiten, sonderchrrn im Gegenteil die Chevalierchrrs ächten.“
„Dann sollten wir das publik machen und Dvensky sich auf sie stürzen lassen wie einen Falken auf die Maus…“ Delawares Augen leuchteten vor Vorfreude, aber der Krächzer stoppte ihn sofort und energisch.
„NEIN, unterchrr keinen Umständen. Wirchrr müssen den Satelliten selbst in die Hand bekommen, und das letzte was wirchrr dabei wollen, ist publicity.“
„Warum sollte dieser Satellit für uns von solchem Nutzen sein?“ fragte Delaware mit einem etwas verwirrten Gesichtsausdruck. „Selbst wenn wir die Technologie nutzen und neue Inhibitoren bauen und sie an Dvensky verkaufen, soviel ist bei dem gar nicht zu holen. Und es gibt ansonsten nicht so viele Planeten, die unter demselben Problem wie Bryant leiden, daher ist die weitere Absatzmöglichkeit für solch einen Satelliten wohl doch eher begrenzt. Und selbst wenn wir Bryant von Dvensky übernehmen sollten, würde es Jahrzehnte dauern, bis unser Orden davon profitieren würde, oder? Also was wollen wir mit dem Satelliten?“
Der Krächzer betätigte erneut einen Knopf auf dem Holoprojektor und das Bild zoomte noch etwas weiter an den dreidimensionalen Satelliten heran. Die Darstellung wechselte auf die einer technischen Querschnittszeichnung und etwas in der Mitte des Satelliten leuchte rötlich auf.
„Derchrr Satellit ist nurchrr zweitrchrrangig. Es geht uns vielmehrchrr um den leistungsstarken Laserchrr. Die Wissenschaftlerchrr unserchrres Orchrrdens sind sich sicherchrr, das man diesen Laserchrr so modifizierchrren könnte, dass er bei gleichen Ausmassen das zehnfache Leistungspotenzial eines herchrrkömmlichen Schiffslaserchrrs hätte…“
„Das ZEHNfache?“ Delaware schluckte geschockt. Das wäre eine furchterregende Waffe wenn er daran dachte, was die heutigen Schiffslaser bereits in der Lage waren auszuteilen. Sollte Blakes Wort aber sogar noch zehnmal stärkere Laser mit in die Schlacht führen können, dann würde das die Schlagfähigkeit der Raummarine erheblich steigern.
Und umgekehrt bedeutete dies, dass wenn diese Daten in die Hände der Feinde von Blakes Wort fielen… Delaware mochte sich das nicht weiter ausmalen und verstand nun das Interesse von Blakes Wort an den Chevaliers.

„Und wie kann ich Ihnen nun helfen?“
„Sie haben Trchrruppen auf Brchrryant, ich nicht…“
Das war es also, was der Krächzer wollte, Delawares bislang versteckt gehaltenen Truppen. Einen kurzen Augenblick dachte Delaware daran, dem Krächzer vorzuschlagen, vielleicht doch den Count einzuweihen. Sein Zorn über diesen Frevel der Chevaliers zusammen mit all den bisherigen Geschehnissen würde bestimmt unerbittlich sein, und vielleicht würden ihnen die Bryanter dann die Arbeit abnehmen, ohne dass Sie ihre eigenen Truppen würden riskieren müssen.
Mit ein wenig Glück würden die Chevaliers vielleicht sogar in der Lage sein den Bryanter Truppen mehr als nur Paroli bieten zu können, und während sich die beiden Parteien gegenseitig zerfleischen würden, könnten die Blakes Wort-Truppen wie die Kavallerie auf der Bildfläche erscheinen und die Situation retten. Natürlich würden nach einem solchen heftigen Kampf auch zivile Opfer zu beklagen sein müssen und die anstehende Versorgungsnot würde den Widerstand gegen Dvensky, der nicht wie der Diktator sich einbildete vollkommen erloschen war, erneut entflammen.
Notfalls würde Delaware schon selbst dafür sorgen, entsprechende Pläne und Kontakte hatte er bereits in der Schublade.
Und natürlich würde wiederum Blakes Wort großzügig Truppen entsenden um die Situation wieder unter Kontrolle zu kriegen und vorübergehend für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dass diese Unruhen allerdings eine permanente Übernahme der Kontrolle durch Blakes Wort nach sich ziehen würde, wäre aber auch nicht verwunderlich.

Doch andererseits konnte es natürlich auch sein, dass Dvensky, wenn er von Delaware eingeweiht werden würde, die Bauzeichnungen für den Satelliten auch für sich beanspruchen würde, in der Hoffnung eines Tages wieder in der Lage zu sein, diese wieder herstellen zu können und damit Bryants Stürme zu bändigen. Und dann würde er sich vielleicht weigern, die Entwürfe dem einzig wahren Orden zu überlassen.
Nein, das durfte nicht passieren, diese Entdeckung war zu wertvoll um sie einem Provinzler wie Dvensky zu überlassen. Delaware spürte, wie die Erregung ihn langsam packte. Sollte er in der Lage sein, dieses LosTech zu bergen, war ihm Ruhm und Ehre sicher. Und das bedeutete einen raschen Aufstieg innerhalb Blakes Wort. Und wenn er darüber hinaus noch in der Lage sein sollte, die Bryanter gegen die Chevaliers auszuspielen um dann im Anschluss die komplette Kontrolle über Bryant zu übernehmen, wäre ihm sogar ein kometenhafter Aufstieg sicher.

„Gut“ antwortete er dem Geheimdienstler, der geduldig und ohne mit der übrig gebliebenen Wimper zu zucken auf die Antwort gewartet hatte, während Delaware vor sich hinbrütete. „Ich schicke Ihnen eine meine Sektionen I mit.“
Der Krächzer schüttelte den Kopf. „Das ist zu wenig, um die Chevalierchrrs in Leipzig zu verchrrnichten. Schicken sie die zwei anderchrren Sektionen auch gleich mit.“
Delaware brauchte einen Augenblick zu verdauen, dass der Krächzer von allen drei Sektionen wusste, die er heimlich und mit der größtmöglichen Geheimhaltung hatte nach Bryant bringen lassen. Doch dann antwortete er mit sicherem Gesichtsausdruck. „Nein, die beiden anderen Sektionen werde ich hier noch brauchen, nachdem sie den Satelliten in Leipzig erobert haben. Aber seien Sie versichert, ich werde dafür sorgen, dass ihnen genug Truppen zur Verfügung stehen werden, um die Chevaliers zu vernichten. Sowohl in Leipzeig als auch in Brein.“
„Dvensky…?“ fragte der ROM-Agent.
Delaware nickte. „Sie kennen doch das Sprichwort: Wenn zwei sich vernichten, freut sich der Dritte.“

Cattaneo
24.08.2004, 15:10
Die Anspannung war förmlich mit Händen zu greifen. Dvensky schrie nicht, er tobte auch nicht. Der Diktator hatte sich gut genug in der Hand, um seinen Gefühlen nicht freien Lauf zu lassen. Allerdings – hätte er Carter vor sich gehabt, oder auch nur direkten Funkkontakt mit dem Söldnerführer, es hätte leicht anders aussehen können. Doch Dvensky war klar, daß es vollkommen sinnlos war, Major Netschajew anzuschnauzen, mit dem er gerade Verbindung hatte. Der Kirgise befand sich nicht nur auf der anderen „Seite“ Bryants. Er konnte auch einen eventuellen Zornausbruch Dvenskys nicht einmal direkt an die Söldner weiterreichen, denn mit denen bestand im Augenblick kein Funkkontakt. Wieder einmal spielte das Wetter auf Tomainisia verrückt. Und eine solche Stafette von Beschimpfungen wäre denn doch zu lächerlich gewesen. Also begnügte sich der Herrscher Bryants mit eisiger Mißbilligung: „Major, Sie wissen, was zu tun ist. Geben Sie folgendes an unsere Leute vor Ort. Sie sollen äußerste Zurückhaltung wahren. Kein Eingreifen in die Kämpfe, außer zum Selbstschutz. Aber sie sollen alles im Auge behalten. Gründlich. Und BEIDE Seiten. Wenn es Überreste gibt, nachdem sich diese Banditen gegenseitig abgeschlachtet haben, will ich das wissen. Wenn es nur ein paar Mann zu Fuß sind, festnehmen oder neutralisieren. Wenn es Probleme gibt – Kugel ins Genick. Sind es mehr, dann werden wir sehen.“ Netschajews Augen verengten sich. Was bedeutete, daß sie in seinem breiten „asiatischen“ Gesicht fast verschwanden: „Gilt das auch für unsere Verbündeten, wenn sie von den Chevaliers aufs Haupt geschlagen werden?“
Dvensky schnaubte: „Mit solchen Freunden... Nein, VORERST nicht. Aber wir brauchen Koordinaten für einen Luftangriff. Die offenen Gefechte sind zu früh ausgebrochen. Wenn jetzt Crusaders in Gefangenschaft geraten sollten, dann bekommen die Chevaliers sicher schnell aus ihnen alles nötige heraus, wenn die so gut schweigen wie sie kämpfen. Dieser verdammte Idiot! Ich weiß immer noch nicht, ob ich gegen Danton losschlagen kann, und dabei genug in der Hand habe, damit ich Com Star beruhigen kann. Das hat mir dieser Schwachkopf verdorben. Gehen eigentlich nur Psychopathen zu Com Star?“ Er erwartete offenbar keine Antwort.

„Unseren lieben ,Verbündeten‘ werden Sie folgendes sagen, Major! Ich bin äußerst unzufrieden darüber, wie die Aktion abgelaufen ist! Das verstößt gegen unsere Abmachung. Sagen Sie Carter, er habe nicht nur losgeschlagen, bevor wir heraus hatten, was die Chevaliers eigentlich treiben, sondern auch noch sein Überraschungsvorteil leichtfertig verspielt – und nicht einmal substantielle Erfolge erzielt! Es muß ihm klar sein, daß in seinem Geschäft viel von persönlicher Vertragstreue UND Effizienz abhängt, und in beiden Bereichen hat er ein mehr als schwaches Schauspiel geboten! De jure bin ich jetzt berechtigt, die Konditionen betreffs weiterer Versorgung mit Munition, Geld und Bergegut neu zu verhandeln! Ich werde aber vorerst davon absehen, wenn er endlich Erfolge erzielt! Die Chevaliers müssen nach Möglichkeit vernichtet werden, inklusive des Landungsschiffes! Vielleicht kann er dabei ja etwas von der Effektivität zeigen, mit der sich seine Einheit so brüstet! Keine Spuren, keine Gefangenen – außer ein paar, die Smersch übernimmt! Wie er mit diesen Leistungen gegen die Clans überlebt hat, ist mir wirklich schleierhaft! Sagen Sie ihm das!“
Sein Untergebener zeigte keine sichtbare Reaktion: „Das wird ihm nicht gefallen.“ Die Augen Dvenskys funkelten: „Wissen Sie, wie egal mir das ist? Um sich die Allüren einer Primadonna leisten zu können, muß man auch was fertigbringen. Und das hat er hier offenbar nicht.“
Jetzt zeigte der Schatun, der sich sonst durchaus auch einmal umgänglich oder volksnah gab, daß er nicht umsonst diesen Decknamen, den des schlaflosen und raubgierigen Winterbären, erhalten hatte. Carter und Danton hatten ihn – vermutlich unwissentlich – zu sehr unter Druck gesetzt. Jetzt schlug er erbarmungslos zu. Er konnte es sich nicht leisten, daß die Verbindungen zu den Crusaders offenbar wurden. Denn bisher stand nicht fest, ob er etwas vorzuweisen hatte, daß es Com Star unmöglich machen würde, zugunsten der Chevaliers aktiv zu werden.
„Und noch etwas, Netschajew! Machen Sie den Leuten vor Ort Feuer unter dem Hintern. Raducanu speziell. Wenn noch mehr solche Mißgeschicke passieren, darf er die nächsten 10 Jahre auf einem Wachturm des schlimmsten Straflagers verbringen, und das in Sommeruniform! Und sein Kollege darf dann betteln gehen. Wir brauchen Informationen, mit denen wir die Chevaliers bei Com Star anschwärzen können. Daß sie den ,Absturz‘ überlebt haben...“ offenbar glaubte Dvensky inzwischen überhaupt nicht mehr an die offizielle Geschichte, oder er hatte sich endgültig dafür entschieden, sie zu ignorieren: „...reicht da nicht aus. Und, Netschajew, Ihre Helikopter sollen sich startklar machen – zur Not werden wir sie einsetzen müssen, wenn die Crusaders weiterhin versagen.“
„Das hieße...“ „Ich weiß, was das heißt, Major! Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, daß die Vermeidung eines offenen Konflikts mit den Söldnern zunehmend unwahrscheinlich wird. Jetzt müssen wir zuschlagen. Die ,abgestürzten‘ Chevaliers müssen einfach verschwunden bleiben. Ich kann mir nicht leisten, daß irgendjemand zu viele Fragen stellt, sei es Danton oder seine Geldgeber. Was ihren Suchtrupp angeht...“ Dvensky drehte leicht den Kopf: „Die dürfen uns auf keinen Fall dazwischenkommen, während sich diese Idioten in Leipzig herumschießen! Eine Möglichkeit wäre die folgende... Aufenthaltsort herausfinden. Transporthelikopter in Tscheljabinks und bei uns zwei Kampfflieger vorbereiten. Jegorowa, Sie stellen ein Einsatzteam aus Ihren besten Leuten dort zusammen. Smersch und Miliz – wenn wir Fallschirmjäger schicken, fällt das vielleicht jemanden hier auf. Sobald der Ripper das nächste Mal in seiner Basis landet, übernehmen wir ihn. Unser Begleitoffizier wird nach Tscheljabinsk gehen. Keine Überlebenden, die Maschine wird einen Unfall haben...“ Die Geheimdienstchefin schien, oh Wunder, mit den Anweisungen keinerlei moralische Probleme zu haben. Sie gab allerdings zu bedenken: „Die könnten aber Funkkontakt mit ihrer Basis haben. Es bleibt die Frage ob wir alle ausschalten können, ohne daß jemand Alarm gibt. Zumal ich wette, die Chevaliers versuchen unsere Jäger im Auge zu behalten. Und so viele haben wir ja nicht, daß ihnen das so schwer fiele. Außerdem könnte die Meldung von einem Unfall Danton zum Handeln bewegen.“

Dvensky nickte nur düster: „Exakt. Aber bereiten Sie es dennoch vor. Aber dann besser ohne die Jäger, die brauche ich noch. Geben Sie ihren Leuten ein paar SAM mit. Wenn die Sache glatt ginge, würden sie ja das Feuer eröffnen, wenn die Zielpersonen nichts ahnen.“
Er wandte sich wieder an Netschajew: „Nun, Ihre Befehle haben Sie. Ausführung vorbereiten. Und wenn Carter sich aufregt, machen Sie ihm klar daß er von hier nur wegkommt, wenn ICH es will. Ich bin durchaus an einer guten Geschäftsbeziehung interessiert, aber dafür braucht es zwei – er sollte sich also endlich wie ein erwachsener Mensch benehmen. Brein Ende!“
Damit überließ es der Diktator seinem Untergebenen im fernen Tscheljabinsk, mit der Lage dort fertig zu werden. Er tat dies nur ungern – am liebsten wäre er umgehend dorthin geeilt, um die Operationen zu leiten. Aber das ging nicht. Er hatte genug Probleme vor Ort.
„Vorschläge für uns?“ Er blickte in die Runde.
Die Kommandeurin der Luftwaffe zuckte nur mit den Schultern: „Meine Maschinen und Piloten sind bereit. Ein Wort, und wir knöpfen uns den Gegner vor. Wäre mir aber lieber, wenn er vorher ein wenig aufgeweicht wird. Und seine Jäger sollten nicht alle starten können. Mit zwei – auch den Stukas – werden wir fertig, vermutlich ohne ernsthafte Verluste. Kriegen sie alle hoch, wird es schwieriger.“
Der Kommandeur der Panzer und Oberst Thomsen waren einer Meinung: „Erhöhte Bereitschaft für die Truppe. Vermutlich entscheidet es sich innerhalb der nächsten 48 Stunden, ob wir die Sache wirklich ausfechten müssen. Die Leute sind sowieso bereit.“
Dvenskys Schwester blieb still. Sie haßte gewaltsame Auseinandersetzungen, denn die fielen so gar nicht in ihr Ressort. Außerdem konnte sie in solchen Fällen nicht viel tun als zuschauen, und das war nie ein beruhigender Gedanke. Sie hatte in einiger Hinsicht mehr Skrupel als ihr Bruder, aber ihre Erfahrungen als Verhandlungsführerin in den Chaosmarken hatten sie abgehärtet. Nur die Geheimdienstchefin schien noch einen Vorschlag zu haben: „Wir könnten versuchen, uns ein paar Faustpfänder zu verschaffen.“ Der Diktator schaute auf – er hatte sinnend seine schwere Handfeuerwaffe betrachtet, die er schon manches Mal benutzt hatte.
„Was genau meinen Sie?“
„Nun, wenn wir unter einem Vorwand einige Offiziere der Chevaliers, vielleicht auch Danton selber festsetzen könnten, würde das unsere Verhandlungsoptionen verbessern. Ich glaube nicht, daß er vom Ausbruch der Gefechte weiß. Wir überwachen JEDEN Funkspruch, der rein- oder rausgeht. Bisher nichts Verdächtiges. Das wird nicht ewig so bleiben, aber vermutlich wissen wir im Augenblick mehr als er. Wir könnten einige Söldner, die auf Freigang sind – wenn wir genug Zeit haben – einlochen. Dann sagen wir Danton, seine Leute haben sich eine Schlägerei geliefert und er solle gefälligst kommen und sie abholen. Gegen Bußgeld, natürlich – wenn sie nicht wegen Körperverletzung und Rowdytum für vier Monate die Gastfreundschaft unserer Lager genießen wollen. Oder wir bitten ihn unter einem anderen Vorwand her.“ Das Gesicht Dvenskys verzog sich zu einem grimmigen Lächeln: „Das klingt nicht schlecht, könnte man direkt versuchen. So machen wir es. Aber in jedem Fall Feuerbereitschaft bei den Truppen.“ Seine Offiziere salutierten.

„Und noch etwas – ich denke, es ist an der Zeit...“
Dvensky richtete sich auf. Er überprüfte ob seine schmucklose Uniform korrekt saß. Dann drückte er eine Aufnahmetaste.
„Meine lieben Mitbürger.
Ich sehe mich gezwungen, für unsere Welt den Ausnahmezustand zu verhängen. Die Söldnertruppe der ,Danton Chevaliers‘, die unter dem Schutz der Neutralität Com Stars als Gäste zu uns gekommen ist, hat einen hinterhältigen Angriff auf die Souveränität Bryants ausgeführt. Während sie vorgaben, die HPG-Anlage zu schützen, haben Angehörige dieser Truppe einen Versuch unternommen, sich wie gewöhnliche Piraten die Reichtümer unserer Welt anzueignen. Zugleich haben Abgesandte dieser Söldnerbande entweder im Auftrag Com Stars oder im Solde der Offiziersclique von New Home damit begonnen, Untergrundstrukturen für einen Umsturz zu schaffen. Es ist nur der Wachsamkeit unserer Sicherheitsorgane zu verdanken, daß diese Verschwörung ans Licht kam. Auf die bewaffneten Kräfte Bryants wurde das Feuer eröffnet.
Ich habe deshalb unsere Streitkräfte dazu ermächtigt, mit allen Kräften zurückzuschlagen. Wir werden jede Bedrohung unserer teuer erkauften Unabhängigkeit auszuschalten wissen. Jeder Feind, egal woher er kommt, hat auf Bryant nichts zu erhoffen als Tod und Gefangenschaft.
Ich verlasse mich auf euch, meine Mitbürger. Ich weiß, ihr alle liebt eure Heimat. Einmal mehr sammeln sich dunkle Wolken am Horizont. Einmal mehr droht ein Sturm der Gewalt zu zerstören, was wir uns in langen Jahren aufgebaut haben, für uns und vor allem für unsere Kinder. Doch wie wir den Stürmen unserer Heimat getrotzt haben, wie wir uns nicht einschüchtern ließen durch die Unbilden dieser Welt, so haben wir bisher jeden Angriff abgewehrt und werden dies auch weiterhin tun. Ich rufe euch alle auf, nach Kräften zu helfen, die Feinde zu vernichten. Wer unsere Gastfreundschaft für Verrat mißbraucht, hat weder Anrecht noch Hoffnung auf Großmut. Im Glauben an euch, und an unsere Zukunft, bin ich mir gewiß, daß wir siegen werden.“
Er schaltete die Anlage aus: „Aufzeichnung abspeichern. Sicherheitskopie an die Sendeanlagen. Abspielen bei Codewort ,Bagration‘ – Radio wie Audio.“ Er stand auf: „Und lassen Sie meinen Mech vorbereiten.“

Cattaneo
17.09.2004, 09:45
Für die Heimat, für Dvensky

Der ungekennzeichnete Transporter bremste abrupt. Eine Gestalt in grauweißer Tarnmontur sprang von der Ladefläche. Sie trug ein schweres Gewehr – vermutlich einen Zeus-Klon – geschultert. Mit dem Mündungsfeuer-/ Schalldämpfer und dem IR-Zielfernrohr sah die Waffe durchaus martialisch aus. Der Mann drehte sich zu den anderen Insassen um: „Absitzen! Los, los, wir haben nicht viel Zeit!“ Einer nach dem anderen saßen sie ab, in der Mischung aus Eifer und Unsicherheit, die für unerfahrene Truppen typisch war. Sie sahen zwar alle gleich aus in den identischen Uniformen, und die Stahlhelme und Kinnriemen gaben ihnen ein markiges Aussehen, aber in vielen der Monturen steckten halbe Kinder.
Den Truppführer wiesen die Schulterklappen als Sondermilizionär des Innenministeriums aus – ein „Smerschniki“. Es schien ihn wenig zu stören, daß seine „Truppe“ fast ausschließlich aus halbwüchsigen Angehörigen der paramilitärischen Bereitschaft und normalen Polizisten bestand, und daß sie nicht mehr als 30 Mann umfaßte. Er kannte seine Aufgabe, und glaubte sich durchaus in der Lage, sie zu erfüllen.
„Karabinerschützen – ihr besetzt die Häuser. Paarweise abzählen. Erst schießen, wenn ihr ein sicheres Ziel habt, und immer sofort die Stellung wechseln. Raketenwerfer...“ er deutete auf einige Eingänge: „Da, da und da. Sprengladungen und Minen hier ablegen. Und immer dran denken – seht ihr noch Zivilisten, dann macht ihnen Beine.“ Dvensky wollte nach Möglichkeit vermeiden, daß seine Untertanen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Sie folgten ihm, weil er ihnen Schutz versprach, und er hatte nicht vor, seine eigenen Versprechen Lügen zu strafen. Nur so funktionierte Herrschaft verläßlich – als Geschäft zu beiderseitigem Nutzen.
Die ,Soldaten‘ entledigten sich der Bündelladungen und Panzerminen, von denen jeder eine bei sich trug. Dann wurden die Sprengsätze scharf gemacht und jeweils paarweise plaziert. P-Minen verschwanden unter dem Schnee, der die Straße bedeckte. Sonst ein Verkehrshindernis, wurde er jetzt zum Verbündeten. Das leichte Schneetreiben war im Augenblick keine echte Sichtbehinderung. Ein richtiger Schneesturm hätte es schwer gemacht, die eigene Hand zu erkennen. Nun, besser als nichts. Vor allem, wenn die Angreifer von einer Welt kamen, auf der sie selten unter diesen Bedingungen zu kämpfen hatten.
Wie bei vielem hatte man hier nichts dem Zufall überlassen – die Ladungen trugen ebenfalls einen Tarnanstrich und waren damit für die Angreifer nur schwer auszumachen. Auch im MAD-Bereich konnte sie natürlich nicht wissen, ob es eine Mine oder sonst etwas war. Auch hatten die Bryanter nicht vor, die Sprengsätze in der üblichen selbstmörderischen Manier per Hand am Ziel anzubringen. Wenn man die Ladungen per Fernsteuerung auslöste, oder wartete bis jemand auf eine Mine trat, waren diese Waffen immer noch recht effizient. Der Kommandeur nickte, während er immer wieder auf die Uhr schaute. Noch etwa eine halbe Stunde...
Man hatte ihm nur drei KSR-Werfer mit je zwei Spreng- und zwei Infernoraketen übergeben, und die Gewehre der meisten seiner Soldaten waren simple Repetierkarabiner, allerdings mit Zielfernrohren, die auch bei diesem Wetter eine nützliche Hilfe waren. Es war nicht seine Aufgabe, den anrückenden Truppen, wenn sie hier durchkamen, einen heroischen Kampf bis zum letzten Mann zu liefern. Dvensky war bestimmt kein sentimentaler Mensch, doch er scheute sich aus logischen Gründen, daß Leben seiner Soldaten zu vergeuden. Deshalb würden die Vernichtungskommandos – gebildet aus paramilitärisch ausgebildeten Jugendlichen und Erwachsenen sowie normalen Polizisten mit Smersch-Angehörigen als Anführern – den Gegner vor allem verlangsamen. Ihre Aufgabe war es, Mechs und Panzern mit Minen und Raketen bei günstiger Gelegenheit Schläge zu verpassen, und die gegnerische Infanterie in Deckung zu zwingen. Wenn der Feind erst einmal unter Feuer geriet, wirkte sich das fast immer nachteilig auf seine Geschwindigkeit aus, zumal Mechs oft nicht gerne allein in einer fremden Stadt unterwegs waren. Dann würde die reguläre Infanterie und die bryantischen Kampffahrzeuge vorstoßen. Dvensky mußte warten, bis die Stoßrichtung des Gegners feststand, ehe er losschlug – alle Richtungen konnte er gar nicht mit seinen regulären Truppen abdecken.
Der Truppführer nickte. Alles nach Plan, oder zumindest im Rahmen akzeptabler Parameter. Zusammen mit seinem Beobachter, einem Kollegen, machte er sich auf den Weg zu seinem eigenen Gefechtsposten.

Bei Dvensky liefen alle Fäden zusammen. Die Überwachung der gegnerischen Flugbahn wie die Meldungen der bryantischen Verteidigungskräfte, die jetzt ihre Positionen bezogen. Ein weiterer Grund, warum er den Söldnerführer wohlweislich nicht neben sich haben wollte. Er hatte so schon genug zu berücksichtigen. Einen schweren Mech, dem er nicht mal so weit traute wie er ihn werfen konnte, konnte er nun wahrlich nicht in seiner Nähe gebrauchen. Stattdessen hatte er den Söldner zu Tereschkows überschwerer Panzerlanze geschickt. Der Panzermajor würde den Söldner im Auge behalten. Nur der Umstand, daß Dvensky es sich nicht leisten konnte, den Söldling zusätzlich zu verprellen, war es zu verdanken, daß der Diktator überhaupt auf das Angebot eingegangen war. Wenn Danton es ernst gemeint hätte, hätte er sich wohl außerhalb seines Mechs zur Verfügung gestellt. Dvensky traute der mentalen Stabilität Danton seit dem ersten Tag nicht mehr, mochte der Fremdwelter auch durchblicken lassen, es sei nicht ernst gemeint gewesen. So etwas überhaupt zu versuchen war schon verrückt genug. Also mußte Dvensky sich in Acht nehmen. Aber da ließ sich auch etwas machen...
Die Luftwaffe der Söldner war ebenfalls ein ernsthaftes Ärgernis. Er hatte sie auf einen extrem engen Korridor begrenzt mit dem eindeutigen Hinweis, sollten sie ihn auch nur um einen Meter verlassen könne er nicht für ihre Sicherheit garantieren. Aber das war natürlich keine Lösung des Problems. Wenn die auf einmal gegen ihn losschlugen, sah es nicht gut aus. Ihre überschweren Jäger waren mehr als ernst zu nehmende Gegner. Und er hatte nur ein paar Männer mit tragbaren Luftabwehrraketen einteilen können, die die Söldnermaschinen im Auge behalten sollten. Sollten sie freilich ihren Korridor verlassen würde die Flak auch auf sie draufhalten. Aber ob das genügen würde, stand in den Sternen.
Der Chef der Söldner hatte jetzt jedenfalls zusätzlich eine dritte Person mit schwerer Pistole im Cockpit, die nur darauf wartete, daß er etwas Falsches machte. Zudem bestand ständig Funkverbindung, und die Panzer warteten nur auf den Feuerbefehl. Der Söldner mochte oft nicht ganz rational handeln, aber Todessehnsucht hatte er wohl nicht. Also würden seine Leute kaum losschlagen, während er hier war. Danton würde wohl nie erfahren, wie leicht die Sache von Anfang hätte schiefgehen können für ihn und seine Bande von Mietlingen. Als die Meldung kam, daß die feindlichen Schiffe im Anflug waren, und daß bei den Chevaliers offenbar Gefechts- und Startbereitschaft befohlen wurde, hatte Dvensky daran gedacht, Codewort ,Bagration‘ auszugeben. Vor allem, als man ihm Funkkontakt zwischen den Söldnern und der zweiten feindlichen Truppe gemeldet hatte. Ein vernichtender Schlag, so war seine Überlegung gewesen, mitten unter die sich gerade formierenden Landsknechte. Sie kampfunfähig schlagen, mit aller Macht, ehe noch ihre – Verbündeten? – eintrafen. Er hatte sich dagegen entschieden. Die Chevaliers waren immer noch kein leichter Gegner, zumal mit ihren Clanmaschinen. Wenn sie gegen ihn waren, dann würde der Schlag nur begrenzte Wirkung haben, da sie dann wohl vorsichtig seien würden. Zwischen zwei, oder sogar drei, Gegnern eingekeilt, würden die bryantischen Truppen wenig Chancen haben, den Feinden wirksam zu begegnen. Also hatte er erst einmal abgewartet, und seine Truppen kampfbereit gemacht. Eine andere Möglichkeit blieb ihm kaum. Der Schatun lächelte grimmig, obwohl in der Lage nichts Erheiterndes zu finden war. Seine lieben Nachbarn hatten sich also gegen ihn zusammengetan. Erstaunlich, da mußte er sie härter getroffen haben, als angenommen. Andererseits hieß das vielleicht, daß sie sich gezwungen sahen, ihn ernst zu nehmen. Das konnte er vielleicht auch zu seinem eigenen Vorteil nutzen – möglicherweise würden sie es sich künftig überlegen, ihn auch als Bündnispartner in Betracht zu ziehen. Wenn er ihnen erst einmal bewies, WIE ernst er zu nehmen war. Und wenn er ihnen jetzt eine gute Schlacht lieferte, würden sie es sich zweimal überlegen, je noch mal wiederzukommen. Er hatte diesen Schlag nicht kommen sehen. Das Aufklärungsnetzwerk hatte zwar feindliche Truppenbewegungen gemeldet, doch hatten die Annalisten angenommen, es ginge um Umstrukturierungen oder um eine neue Offensive auf New Home. Die Geheimdienstchefin hatte eine Zusammenarbeit beider Bürgerkriegsparteien für unwahrscheinlich gehalten, und Dvensky hatte nie daran gezweifelt, daß sie damit Recht hatte. Es war eigentlich auch widersinnig, was hier passierte. Bekam einer der beiden Angreifer einen Schlag aufs Haupt – und angesichts der Stärke Bryants war dies nicht auszuschließen – dann riskierte die jeweilige Partei für diesen Angriff ihre Stellung auf New Home. Was zum Teufel konnte das wert sein? Man warf sieben Jahre Kampf doch nicht für so eine Schnapsidee weg. Immerhin kämpften die New Home Regulars und die 30. Lyranische Garde seit Jahren um New Home, und das keineswegs immer mit Gentlemenmethoden.
Diese Einschätzung war ein Irrtum gewesen, und Dvensky hatte der Major Jegorowa schwere Vorwürfe gemacht, ehe er in die Schlacht gezogen war. Er sah ein, daß sie mit ihrem Mitteln nicht alles erfahren konnte, aber Dinge wie diesen Angriff MUßTE sie herausbekommen, das war ihre oberste Aufgabe. Wie er sie kannte würden dafür Köpfe rollen. Einige Feindnachrichtenexperten würden in Zukunft als bessere Hilfssekretäre arbeiten dürfen, und auch im Agentennetz in New Home würde es Bewegungen geben. Er mußte allerdings zugeben, daß er nicht zuviel von ihr erwarten durfte. Das Projekt, an dem sie seit sechs Monaten arbeitete, und das für Dvenskys Zukunftspläne von entscheidender Bedeutung war, hatte zusammen mit diesen verdammten Söldnern einiges an Aufmerksamkeit und Mitteln gebunden, die eben anderswo fehlten. Er würde sie natürlich nicht ablösen. Dazu war sie zu nützlich, und dazu eine Weggefährtin quasi von Anfang an. Ohne sie wäre er vermutlich schon vor Jahren einem Umsturz oder Anschlag zum Opfer gefallen, oder bei einem fehlgeschlagenen Beutezug getötet oder gefaßt worden.

Der Diktator traute Dantons Beteuerungen natürlich immer noch nicht. Aber es war unwahrscheinlich, daß Danton – oder wer auch immer hinter ihm steckte – einen umfassenden Plan mit allen DREI Parteien ausgeklügelt hatte. Vor allem, der Söldnerführer hatte sich viel zu dumm für jemanden angestellt, der eine wichtige Rolle in einem derart komplexen Verwirrspiel zu übernehmen hatte. Es war klar, daß er Bryant zu schaden trachtete – daran ließen die gemeldeten Aktivitäten seiner Untergebenen auf Tomainisia wenig Zweifel. Außer man nahm an, er sei einfach nur inkompetent und wüßte nicht, daß seine Untergebenen auf eigene Rechnung agierten. Auf jeden Fall aber war es unwahrscheinlich, daß er Teil eines groß angelegten Eroberungsplans mit Hilfe der Bürgerkriegsparteien von New Home war. Vermutlich hatte er eher in irgendeiner Spelunke von einem Plünderer, der Bryants Netzen entkommen war, Flausen in den Kopf gesetzt bekommen. In den Gerüchten erschien der Reichtum Bryants wohl noch größer, und vor allem leichter erreichbar, als er wirklich war. Und jetzt suchten seine Leute wohl auf Gutglück in einer der Städte.
Zumindest redete Dvensky sich das ein. Überzeugt war er nicht davon, aber er konnte einen Kampf gegen alle drei Gegner auf einmal kaum gewinnen. Einen nach den anderen, mit diesem verräterischen Söldner würde er sich auch noch beschäftigen. Oder sollte Blakes Wort das für ihn übernehmen...
Es blieb ihm nur, sich auf das Augenblickliche zu konzentrieren. Auf seinem Taktikbildschirm wurde angezeigt, wie seine Truppen in Stellung gingen.
„Luftwaffe – verhindert um jeden Preis, daß ihre Jäger uns in den Rücken fallen.“ Feindliche Luftherrschaft war etwas, das Dvensky beim Kampf besonders fürchtete. Der Gegner würde in diesem Fall die Möglichkeit haben, die schweren Einheiten Bryants problemlos zu orten und zu bekämpfen. Deshalb hoffte er auf die eigenen Maschinen und auf die Flak. Brein war seit Jahren auf einen möglichen Ernstfall vorbereitet worden, und der Luftabwehr war dabei eine wichtige Rolle zugekommen. Im Nachhinein bedauerte es Dvensky, daß er nicht noch mehr unternommen hatte. Nun, das Vorhandene mußte reichen. Die sechs mittelschweren Jäger Bryants waren im Verbund mit den zwei Leoparden vermutlich in der Lage, eine feindliche Luftherrschaft zu verhindern. Solange sich die verdammten Söldner ruhig verhielten. Sollten die die Fronten wechseln, würden die Bryanter es selbst mit ihrer Flak schwer haben. Netschajew, der im Augenblick die Verteidigung Tscheljabinsks organisierte, war da wesentlich schlechter dran. Aber Dvensky konnte ihm nicht helfen – er mußte sich darauf verlassen, daß der altgediente Infanterist alleine klarkam. Der Diktator verfluchte sich innerlich, daß er Mechs und Panzer nach Brein hatte verlagern lassen. Seine Schwester wie Tereschkow waren dagegen gewesen, und sie hatten offenbar Recht gehabt.

Cattaneo
17.09.2004, 09:46
Überall in der Stadt gingen die bryantischen Kampfgruppen in Stellung. Luftabwehrgeschütze wurden nach oben gekurbelt, die Bataillonswerfer und Selbstfahrpak bezogen Stellung. Dvensky war froh, daß seine Truppe in der Hinsicht gut ausgerüstet war. Anders als viele ,Amtskollegen‘ hatte er nie nur auf die Mechs in ihrer grandiosen Unbezwingbarkeit gesetzt. Es war immer verführerisch, auf eine so machtvolle Waffe zu vertrauen, die zudem in den Händen weniger lag, so daß dort Verrat weniger wahrscheinlich war. Aber wer nur ein Standbein hatte, war leicht zu stürzen. Jetzt würde es dem bryantischen Diktator zu Gute kommen, daß er auch in die Infanterie und Panzer investiert hatte.
Die mobilen Streitkräfte waren in Kampfgruppen unterteilt, meistens aus je zwei Lanzen bestehend, wobei Panzer und Mechs oft gemischt zum Einsatz kamen. Da sich der Kampf in den Straßen abspielen würde, war es nicht eben ratsam, eine ganze Kompanie hintereinander vorrücken zu lassen. Dazu kamen Nahkampfkommandos der Infanterie. Das Netz mußte nur noch ausgelegt werden, und sobald feststand, wo der Gegner vorrückte, würde es sich zuziehen. Der Plan ging natürlich davon aus, daß der Feind mehr vorhatte, als einfach ein paar Gehöfte und Dörfer im Umland zu verheeren. Für diesen Zweck war die feindliche Kampfgruppe zu groß, die Mühen und Risiken eines Sprungs nach Bryant hätten derartig begrenzte Ziele kaum gerechtfertigt.
„Mylord“, meldete sich die Stimme des für die Luftraumüberwachung zuständigen Offiziers: „Landungsposition ermittelt. Koordinaten folgen.“ Auf der Karte leuchtete ein Rechteck auf, auf der dem Raumflughafen entgegengesetzten Seite der Stadt. Nun, das war nur logisch. So vermieden die Angreifer es, in den Beschuß der dort stationierten Geschütze zu geraten. Außerdem hätte dann die Gefahr bestanden, daß sie mit den Chevaliers aneinandergerieten, wenn erst einmal das Flugfeld umkämpft wurde.
Also dann – es ging los...
„Kampfgruppen Eins, Drei bis Sechs – auf Positionen Rot-3 vorrücken.“ Der gewaltige Marodeur setzte sich in Bewegung, an seiner Seite der Victor. Dvensky kommandierte Kampfgruppe Drei – seine eigene Maschine, sein treuer Begleiter, dazu eine Lanze Myrmidon-Panzer und die leichte Lanze der 2. Mechkompanie. Damit hatte er erhebliche Feuerkraft zur Verfügung, und er gedachte sie zu nutzen. Doch der Schatun blieb vorsichtig – mehrere Kampfgruppen wurden noch zurückgehalten. Erst wenn der Gegner wirklich gelandet war, konnte er sichergehen, daß eine taktische Disposition nicht zum Fehler wurde, weil seine Feinde auf einmal ganz woanders absprangen. Der Umstand, daß er sich auf seine Luftwaffe verließ, erlaubte ihm dies. So würde er auch später noch umgruppieren können, ohne dabei das Risiko andauernder Luftangriffe einzugehen. Wenn nur nichts schief ging – die zwei Stukas der Söldner waren ein permanenter Unsicherheitsfaktor.

Der Geheimpolizist setzte sein Fernglas ab. Es sah ganz so aus, als ob er in der Schneise des feindlichen Vormarsches liegen würde. Die Unions setzten gerade zur Landung an. Die gegnerischen Jäger schlugen sich mit der bryantischen Luftwaffe herum – nicht unbedingt sehr erfolgreich, wie es schien. Aber unterstützt durch die Geschütze der Landungsschiffe konnten sie verhindern, daß die Bryanter durchbrachen. Der Mann log sich selber nichts vor. Natürlich hatte er Angst. Aber er war auch Realist, und als solcher schätze er seine Chancen nicht schlecht ein. Ein einzelner Mann mit einem Karabiner war ein Ziel, daß nur schwer auszumachen war. Und die Angreifer würden bald ganz andere Probleme haben. Außerdem hatte er sowieso keine Wahl. Wenn das ein ernstgemeinter Versuch war, Bryant zu erobern – er und seinesgleichen würden zu denjenigen zählen, die von den neuen Herrschern als erste an die Wand gestellt wurden. Und es gab auch auf Bryant selber eine ganze Anzahl Leute – Kriminelle, wertloser Dreck, aber es gab ihn – die Rechnungen zu begleichen hatten. Folglich hatte er allen Grund, sich Mühe zu geben. Mit bemüht ruhiger Stimme begann er, Meldung zu machen.

„Feindliche Maschinen werfen Mechs ab, offenbar um Landung abzusichern. Ich zähle Mechs – sechs bis acht, überwiegend mittelschwere Maschinen. Koordinaten für Landungspunkt sind Alpha-3-Omega-7, Korrekturen folgen.“ Dvensky hörte die Meldungen aus dem Sprechfunkgerät. Jetzt stand es also fest. Jetzt konnte er die restlichen Kampfgruppen in Stellung bringen. Außerdem...“Werfer – Feuer frei nach eigenem Ermessen!“
Er warf einen Blick auf den Luftraumradar. Dort wurde offenbar hart gekämpft. Bevor alles unübersichtlich geworden war, hatte man ihm zwei Trush, vier Transit und zwei Transgressor gemeldet – typische Liao-Maschinen, und keineswegs zu unterschätzen. Er unterdrückte die Sorge um seine Geliebte, die dort oben kämpfte. Er konnte sich eine Ablenkung einfach nicht leisten. Sie war eine gute Pilotin, im Augenblick konnte er für sich nichts tun. Dennoch mußte er sich zwingen, alle Aufmerksamkeit auf den Bodenkampf zu richten, vor allem, da jetzt ein bryantisches Jägersymbol vom Bildschirm verschwand. Das Gesicht des Diktators war wie aus Felsen gemeißelt. Keine Zeit, zu überprüfen wen es getroffen hatte. Doch sollte sie ums Leben kommen, würde er New Home dafür zahlen lassen – und wer sonst noch verantwortlich war.

Der Salvenwerfer war zusammen mit seinen Geschwistern in Stellung gegangen. Der Batteriechef zog demonstrativ an seinem selbstgedrehten Glimmstengel. So etwas war immer gut für die Soldaten – wenn der ,Alte‘ dafür Zeit hatte, konnte es so schlimm wohl nicht sein. Er wußte, auch für sie konnte es ernst werden, denn für den Fall eines Durchbruchs bestand ihre Absicherung lediglich aus ein paar Minen und vier KSR-Schützen. Aber dafür hatten sie auch die Chance als erste loszuschlagen. Das Funkgerät knackte, dann drangen die abgehackten Befehle aus dem Lautsprecher. Ein paar Straßen weiter kläfften mehrere schwere Mörser los – vermutlich auf das selbe Ziel, das man ihm wies. Mit betont gelassener Geste spuckte er die Zigarette aus und gab die Koordinaten an die Richtschützen durch. Dann hob er die Hand, denn diesen Befehl gab der Batteriekommandeur immer noch selber: „Für die Heimat, für Dvensky – FEUER!“ Und mit einem Schlag spien die vier Werfer gut sechzig Raketen aus, die sich mit einem mörderischen Heulen auf flammender Bahn in den Himmel bohrten und dann als tödlicher Regen auf den Feind niedergingen. Die Schlacht hatte begonnen.

Der Smerschoffizier sah, wie im Landungsgebiet die Explosionen aufblühten. Die kleineren Detonationen, wo Raketen einschlugen, und die stärkeren Sprengwolken der schweren Mörsergranaten. Er grinste verzerrt. Kein freundlicher Empfang für die Angreifer. Die Mechs ließen sich davon wohl kaum beeindrucken, doch für feindliche Panzer und besonders für die zumeist nur leichtgepanzerten MTW’s der Infanterie sah die Sache schon erheblich anders aus.
Natürlich war derartiger Beschuß nur so lange möglich, wie die Batterien verläßliche Zielangaben bekamen und die Konfliktparteien noch nicht zu stark ineinander verbissen waren.
Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein, daß die Begrüßung die ungebetenen Gäste schon gestoppt hätte. Leider, wenn auch kaum überraschend, handelten sie genau richtig, stießen so schnell wie möglich vor. So konnte ihnen der Beschuß schlecht folgen. Gerupft waren sie freilich teilweise schon etwas – abgesprengte Panzerplatten, Brandflecken auf der Panzerung, wohl hier und da auch die eine oder andere beschädigte Waffe, angeschlagene Sensoren. Ein feindlicher Po-Panzer war sogar liegengeblieben, ein glücklicher Treffer hatte ihm wohl die Kette abgesprengt und seine Triebräder beschädigt. Die Maschine gab ihren Kameraden Feuerschutz, aber es sah nicht gut aus für sie. So wie es jetzt um sie stand, konnte die Maschine nur kriechen, und hoffen, daß ihr nicht der Rest gegeben wurde, ehe sie den Schutz der Landungsschiffe erreichte.

„Ich zähle etwa anderthalb Dutzend Mechs, die Hälfte davon leicht und mittelschwer.“, meldete die Stimme des unbekannten Beobachters dem Herrscher. „Panzer begleiten sie, etwa ein Dutzend. Überwiegend Kettenfahrzeuge mittleren Kalibers, aber auch vier mittelschwere Schwebepanzer – vermutlich Kondor-L. Infanterie zwischen zwei und vier Kompanien, einige gepanzerte Geschützträger. Bereite Feuereröffnung vor, Ende und Aus.“ Der Diktator Bryants runzelte die Stirn. Was zum Teufel sollte das denn werden? Mit so einer Streitmacht hätte der Feind nicht einmal die normale Garnison Breins überwinden können. Gab es vielleicht doch ein Abkommen mit den Chevaliers? Für die paar Depots, die in diesem Sektor der Stadt lagen, lohnte es sich kaum, so viel zu riskieren. Wie hatte man ihm doch gesagt hatte die Absicht der Angreifer laut des abgefangenen Funkspruchs gelautet? Ein Denkzettel. Denkzettel? Dvensky schüttelte den Kopf. ,Idioten‘ dachte er bei sich. Entweder man führte Krieg oder man ließ es bleiben. Und der Angriff hier war nicht sonderlich gut durchdacht, nicht Fleisch noch Fisch. In der wichtigsten Stellung des Gegners mit unzureichenden Mitteln zuzuschlagen, das bettelte geradezu nach einer Abfuhr. Außer natürlich, es gab da etwas, was er nicht wußte – wie eben diese verdammten Söldnern, die Hölle möge sie verschlingen. Aber jetzt konnte er sowieso nichts gegen sie unternehmen.
Dennoch, er wollte sich lieber keinen Vernichtungskampf mit dem Feind liefern. Eine schwere Schlacht inmitten seiner eigenen Stadt konnte nur ruinös enden. Und mit den Chevaliers im Rücken war es besser, dem Feind mit ein paar harten Nackenschlägen den Schneid abzukaufen, als ihn wirklich zum äußersten zu treiben. Und wenn er ihn ohne richtige Kämpfe loswurde...
Mit wenigen Handgriffen stellte er eine extrem niedrige Funkfrequenz ein, die von den Bryantern normalerweise nicht verwendet wurde. Sie hatte an sich durchaus die Möglichkeit, Tscheljabinsk zu erreichen, da die Ladestation als Relais fungierte. Wenn der Feind nicht völlig unfähig war...
„Hier Bryant Eins an Stein Eins. Ihre Informationen waren korrekt. Feindzahl wie angegeben, Marschrichtung dito. Wir versuchen planmäßig vorzugehen. Bitte bleiben Sie innerhalb des Ihnen zugewiesenen Landungsareals, damit es nicht zu Mißverständnissen kommt. Beutegut werde ich Ihnen wie abgesprochen zur Hälfte zuweisen.“ Dann beendete er die Sendung. Wenn die New Home Regulars die Sendung auffingen, würden sie vermuten müssen, daß ihre ,Verbündeten‘ sie verraten hatten. Natürlich würden sie sich ebenso ausmalen können, daß diese Meldung möglicherweise auch nur gefälscht war. Aber angesichts des massiven Gegenfeuers, dem sie ausgesetzt waren, und dem Umstand, daß ihnen nicht entgangen seien konnte, daß in Brein ein Großteil der bryantischen Truppen standen, würden sie sich vergewissern müssen. Und wenn sie auch nur kurz mit der 30. Lyranischen Garde sprachen, es würde sie verunsichern und ihnen kostbare Sekunden rauben. Und dann würde es noch leichter fallen, ihnen klarzumachen, daß der Besuch auf Bryant keine gute Idee gewesen war. Wenn nur in Tscheljabinsk alles glatt ging.

Cattaneo
17.09.2004, 09:47
Die Schritte der Mechs ließen den Boden erzittern. Die Motoren der gegnerischen Panzer und MTW machten genug Lärm für eine ganze Panzerdivision. In die Kakophonie der Laute des Krieges mischte sich noch das obligatorische Heulen der Salvenwerfer und Mörser, die jetzt, da sie die mobilen Feindeinheiten nur noch begrenzt unter Feuer nehmen konnten, sporadisch die Landungsschiffe aufs Korn nahmen. Und am Himmel tobte die Schlacht der Jäger.
Die Feinde hatten sich in drei Kampfgruppen aufgespalten, die auf parallelen Straßen vorstießen. Jede einzelne war durchaus ernst zu nehmen. Die mittlere, die von acht Mechs und vier Panzern sowie etlichen Kleinfahrzeugen und Infanterie gebildet wurde, hielt direkt auf den Beobachter zu. Der Geheimpolizist ließ das Visier über die feindliche Gruppe wandern. Noch kein eindeutiges Ziel...
Jetzt mußte der erste Mech, ein Heuschreck, eigentlich die vordersten Sprengladungen erreichen. Die Maschine wies bereits einige Beschädigungen auf. Dennoch – für einen Infanteristen war sie mit ihrem mittelschweren Laser und den zwei großkalibrigen Maschinengewehren ein tödlicher Gegner. Der Truppführer zog nervös die Luft ein. Jetzt kam es darauf an, daß seine Untergebenen die Nerven behielten. Angesichts von buchstäblich hunderten Tonnen an Stahl und Vernichtung war dies sicherlich nicht leicht. Sollten sie desertieren, dann würde das auf ihn zurückfallen. Und vor allem – es konnte für Bryant teuer werden. Wo zum Teufel...
Die Explosion tauchte Mech, Straße und Häuser in blutiges Rot. Ein Flammenball blühte am Straßenrand auf, ließ die massiven Gebäude erzittern. Für einen Augenblick verschwand der feindliche Mech im Feuer. Dann, als die Explosion in sich zusammensackte, wurde er wieder sichtbar. Die für einen Mech fragile Kampfmaschine – doch immerhin noch 20 Tonnen schwer – neigte sich zur Seite. Das rechte Bein war zerfetzt und konnte das Gewicht des Torsos nicht mehr tragen. Ein normaler Mech mit Armen hätte sich vielleicht abfedern können, doch der Heuschreck hatte diese Chance nicht. Mit einem donnernden Tosen stürzte er zu Boden.
Im selben Augenblick eröffneten die KSR-Werfer das Feuer. Eine Rakete setzte den liegenden Heuschreck in Brand. Drüben rückten die feindlichen Geschützträger vor, bootete Infanterie aus. Der ,Smerschniki‘ hob sein Gewehr, nun war er an der Reihe.

Es dauerte keine fünf Minuten, dann war der Kampf endgültig eskaliert. Die Plänkerer der Bryanter verlangsamten den Vormarsch des Gegners, konnten ihn aber natürlich nicht aufhalten. Sie zwangen ihn jedoch dazu, vorsichtiger vorzugehen. Ein einzelner Infanterist mit einem Infernowerfer konnte einen 60-Tonnen-Panzer abschießen, Beispiele dafür gab es genug. Die Infanterie, die eigentlich Panzerfahrzeuge vor diesem Schicksal beschützen sollte, war selber ein Ziel für Scharfschützen. Die New Home Regulars gingen sorgfältig vor, und das bewahrte sie vor zu hohen Verlusten, aber dabei verloren sie Zeit. Ihr erstes Ziel, ein mittelgroßes Depot, flog nach kurzem Beschuß in die Luft. Doch ihr zweites Ziel – eine Fabrik für Kleinwaffen – lag, ohne daß sie es wußten, bereits jenseits der Linie, die sie jetzt noch erreichen konnten. Als sie auf ihr Sekundärziel vorrückten, liefen sie genau in Dvenskys Truppe und in Tereschkows schwere Panzerlanze, die von vier Tank-34 unterstützt wurde. Der Panzermajor war über seine Neuerwerbung vermutlich alles andere als glücklich, aber vermutlich würde er auch diese Aufgabe mit gewohnter Effizienz in Angriff nehmen. Sollte Danton also eine Dummheit versuchen... Vielleicht tat er ja sogar was Nützliches, möglicherweise das erste Mal in seinem Leben, indem er gegnerisches Feuer auf sich zog. Das waren jedenfalls Dvenskys zynische Gedanken.
Auch die übrigen schweren Kampfgruppen der Bryanter rückten vor. Frontal griffen die schwersten Kampfgruppen der Verteidiger an, dort waren ihre größten Mechs massiert. An den Flanken gingen Bataillonspak sowie leichtere Mechs und Panzerfahrzeuge zum Gegenangriff über.
Die Diener des Kanzlers schossen zurück und bewiesen einmal mehr, daß die Davionpropaganda von den feigen, unfähigen Capellanern nicht viel mehr als dummes Public-Relation-Geschwätz war. Sie hätten sich niemals gegen die 30. Garde auf New Home halten können, wenn sie inkompetent gewesen wären. Aber diese eisige Welt war nicht ihr übliches Schlachtfeld, und ihr Gegner kannte sich in der Stadt besser aus. Außerdem kämpfte er um seine Heimat, während sie nur mit begrenzter Begeisterung der Möglichkeit entgegensahen, für einen ,Denkzettel‘ ihr Leben zu verlieren. Etliche hätten es vielleicht lieber gesehen, mit Dvensky gemeinsam gegen die 30. Garde zu kämpfen. So lange er sie nicht bis zum Äußersten trieb, waren sie seinen Truppen an Entschlossenheit unterlegen. Und schnell war ihnen klar, daß sie zudem auch noch an Schlagkraft ins Hintertreffen gerieten.

„Gegner hat Vormarsch abgebrochen – geht geordnet auf LZ zurück. Wir drängen nach.“, meldete eine aufgeregte Stimme. Dvensky mußte grinsen. Na also, das schien doch zu klappen. Er löste einmal mehr die beiden ER-PPK aus, die seinem Mech eine enorme Feuerkraft verliehen. Zeit, die Botschaft noch etwa snachdrücklicher zu formulieren:„Werfer – LZ anvisieren. Macht ihnen klar, daß sie hier nichts zu suchen haben!“
Er aktivierte einen weiteren Kanal: „Luftwaffe – bereitmachen zu Passierangriff auf die LZ.“
So kaltblütig und erfahren er war, er konnte nicht vermeiden, daß sich sein Herz zusammenkrampfte, als eine andere Stimme als die erwartete antwortete: „Hier Leutnant Matjewew. Major Prokofjewna wird vermißt. Leutnant Koshin ist gefallen. Erwarte Ihre Befehle, Mylord!“
Dvensky schwieg. Er klammerte sich an die Hoffnung, daß ,vermißt‘ bedeuten mochte, daß die Frau, die in seinem Leben wohl der wichtigste Mensch war, mit dem Fallschirm ausgestiegen oder notgelandet war. Seine Stimme klang dennoch erstickt, trotzdem er wußte, daß er sich keine Blöße geben durfte. Nicht, daß es etwas nützte – die Piloten der kleinen Luftwaffe kannten ihre Kommandeurin so gut wie eine Schwester und wußten, was sie Dvensky bedeutete. Der Herrscher konnte sich ausmalen, wie sie selber empfinden mußten, angesichts des Todes eines ihrer Kameraden und des ungewissen Schicksals ihrer Staffelführerin.
Er biß die Zähne zusammen: „Tiefflugangriff auf Nachzügler. Die Leopard sollen Feuerschutz geben.“ Er wünschte nichts mehr, als die feindlichen Landungsschiffe vom Himmel zu holen, doch er mußte sich beherrschen. Eigene Leute zu opfern für Rache wäre töricht gewesen. Aber sollte sie gefallen sein, dann würde er Rache nehmen. Nicht heute oder morgen – aber dafür umso gründlicher...

Der Smerschoffizier holte tief Luft, dann nahm er Anlauf und sprang durch die Flammen. Nur knapp waren er und sein Kamerad dem feindlichen Beschuß entkommen. Er vergewisserte sich, daß sie noch beisammen waren. Er selber hatte Glück gehabt, aber der Arm des zweiten Geheimpolizisten war bandagiert und am Körper fixiert. Ein Granatsplitter – es würde Wochen dauern, bis der Arm wieder voll funktionstüchtig war. Nun, dafür hatte er nach den Zielangaben des Verletzten einem Panzerfahrer eine Kugel in den Halsansatz verpaßt und mindestens einen Infanteristen des Gegners erschossen.
Sie entkamen rechtzeitig – das Haus, in dem sie in Stellung gewesen waren, brannte inzwischen lichterloh, zumindest in den oberen Etagen. Er konnte die Zivilisten sehen, die sich in Sicherheit brachten. In weiser Voraussicht war es Vorschrift, daß Schutzräume stets mehrere Zugänge hatten. Sie hatten ihre Wohnung verloren, nicht aber ihr Leben. Und der Staat würde sie nicht im Stich lassen, das war die Gegenleistung für ihre Unterordnung.
Ein bißchen hatte er immer noch Probleme es zu glauben, aber sie hatten es überstanden. Er hatte die feindlichen Landungsschiffe – teilweise ziemlich angeschlagen – starten sehen. Es sah nicht so aus, als würden sie so bald wiederkommen. Vor kurzem war dann die offizielle Bestätigung gekommen, daß sich der Gegner zurückgezogen hatte und auf dem Abflug war. Jetzt ging es darum, sich einen Überblick zu beschaffen, was für Schäden der Angriff hinterlassen hatte.
Etliche Gebäude wiesen mittlere bis schwere Schäden auf, aber ganz zerstört war eigentlich nur das brennende Haus, aus dem er sich gerade gerettet hatte. Er atmete erleichtert die frische Luft, dann wies er seinen Kameraden an, sich zur nächsten Verwundetensammelstelle zu begeben. Er mußte nach seinen Soldaten sehen.
Langsam sammelten sie sich – diejenigen, die überlebt hatten.
Zwei halbwüchsige Soldaten hatten ihre alten Karabiner auf eine junge Frau gerichtet. Sie war offenbar capellanischer Abstammung und trug lediglich Kühlweste und Shorts – also war sie eine Mechkriegerin. Ihr Gesicht wies einen Bluterguß auf, vermutlich von einem Kolbenschlag. Pistolenholster und die Messerscheide, Ausrüstungsgegenstände die jeder kluge Mechkrieger bei sich hatte, waren leer. Die leicht geschlitzten Augen blickten angstvoll. Die Gefangene zitterte, denn trotz der Brände war die Luft eiskalt. Vermutlich lag es nicht nur an den geringen Temperaturen.
Gut möglich war, daß sie fürchtete, vergewaltigt zu werden – nur zu oft das Schicksal, das gefangene Soldatinnen wie auch Zivilistinnen in der Chaosmark erwartete. Angesichts dessen, daß gut die Hälfte der Bewaffneten Frauen und viele der Männer noch halbe Kinder waren, bestand diese Gefahr allerdings weniger. Das sah in Hinsicht eines Lynchmordes allerdings schon ganz anders aus. Die Paramilitärs und Polizisten hatten oft hier ihre erste Bekanntschaft mit dem Tod gemacht. Einmal niedergerissen konnte die Tötungshemmung gerade nach dem ersten Gefecht oft sehr leicht überwunden werden. Der Truppführer hätte sich unter anderen Umständen durchaus vorstellen können, die Frau einfach mit einer Kugel ins Genick zu erledigen. Er wußte, wie so etwas ging. Aber er hatte seine Befehle, außerdem war er einfach nur glücklich, daß er davongekommen war. Seine Untergebenen schienen zum größten Teil überlebt zu haben, die Verwundungen hielten sich in Grenzen. Deshalb übernahm er sofort das Kommando, ehe die Situation eskalierte, anstatt ihr einfach ihren Lauf zu lassen: „Zwei von euch – schafft sie nach hinten. Und wehe, sie kommt nicht an, und das unversehrt! Dafür wird es eine nette Prämie geben, wie auch für den Mech! Ihr habt eure Sache wirklich ausgezeichnet gemacht – das werden die sich dreimal überlegen, bevor sie ihre stinkenden Ärsche hier noch mal herbewegen. Eure Familien können wirklich stolz auf euch sein, Jungs und Mädchen. Habt ihnen kräftig in die Eier getreten.“ Eine der Soldatinnen grinste und wies auf die Gefangene: „Die haben ja gar keine!“ Der Offizier lachte, dann wurde er wieder ernst: „Der Rest hilft mir mit den Verwundeten, und wer dann noch nichts zu tun hat, sieht nach ob die Zivilisten Hilfe brauchen. An die Arbeit.“
Und sie gehorchten ihm. In diesem Augenblick war er nur der ,Alte‘, der mit ihnen gemeinsam gekämpft hatte, nicht mehr der ein wenig furchteinflößende Angehörige der Geheimpolizei. Seine Tarnuniform war verdreckt wie die ihre, und sein Gesicht zeigte das selbe erleichtert-ungläubige Grinsen des Soldaten, der dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen war.

Cattaneo
17.09.2004, 09:48
Dvensky hatte sich schnell eine seiner üblichen schmucklosen Uniformen übergeworfen. Er mußte sich dazu zwingen, die nötigen Arbeiten zu erledigen. Die Verlustlisten liefen bei ihm zusammen. Major Jegorowa hatte ihm angeboten, die Arbeit zu übernehmen, doch er hatte abgelehnt. Es war seine Welt, und er mußte sich um sie kümmern.
Neben dem Kommandopanzer Tereschkows hatte er seinen Gefechtsstand eingerichtet – die Maschine hatte die besten Kommunikationseinrichtungen, und er wollte jetzt nicht erst in den Palast zurückkehren. Er mußte sich irgendwie von den quälenden Befürchtungen ablenken.
„Es scheint“, erklang die Stimme der Geheimdienstchefin aus einem der Lautsprecher: „als ob der Gegner nebenher ein Gefangenenlager hätte befreien wollen. Möglicherweise war dies auch sein Hauptziel, dann muß ich mich allerdings darüber wundern, nach welchen Zielsetzungen sie vorgehen. Dort waren einige feindliche Agenten untergebracht, die wir gefaßt hatten. Wir haben elf tote Wachsoldaten des Innenministeriums, acht Schwerverletzte. Etwa 100 Häftlinge geflohen oder vom Gegner evakuiert, mindestens 30 ums Leben gekommen. Die Suche nach eventuell versprengten läuft. Die Truppen des Innenministeriums und die Bereitschaftskräfte melden insgesamt 28 Tote, etwa 60 Verwundete, drei gepanzerte Fahrzeuge verloren.“ Ihre Stimme klang deutlich angespannt. Sie mochte es noch weniger als Dvensky wenn jemand ihren Netzen entkam, außerdem warf das kein gutes Licht auf das System Bryants, das für jede Regelverletzung Strafe versprach. Andererseits konnte man natürlich davon ausgehen, daß sie wußte was die Agenten herausgefunden hatten – Smersch trug seinen Namen nicht umsonst, und der berühmt-berüchtigte Ruf, den die Verhörkeller hatten, war keineswegs aus der Luft gegriffen. Es war ein ernster Rückschlag, und es würde einiges an Anstrengungen erfordern, die geflohenen Häftlinge wieder aufzugreifen. Die meisten von ihnen stellten auf die eine oder andere Art eine Gefahr dar, auch wenn ihre Chancen angesichts der chaotischen, unvorbereiteten Flucht und der Wetterbedingungen nicht zum Besten standen. Dvensky wußte, was auf dem Spiel stand: „Regierungsbefehl, Major, nehmen Sie auf: Wer auf der Flucht unter Waffen angetroffen wird oder sich eines ernsthafteren Verbrechens gegen einen Bürger Bryants zu Schulden kommen läßt, ist ohne Zögern vor Ort zu erschießen. Wer einem Flüchtigen hilft, macht sich der Hilfe für staatsfeindliche Elemente schuldig, mit allen Konsequenzen. Geflohene die sich stellen verbüßen ihre restliche Strafe, bleiben aber sonst straffrei – immerhin waren die Zustände einigermaßen chaotisch, da ist nachvollziehbar, daß sie aus dem Straflager geflohen sind. Und ich verlasse mich darauf, daß die Sache bald vom Tisch ist. Die Bereitschaftsmiliz können Sie von mir grüßen, ich werde bald die Besten ihrer Angehörigen auszeichnen. Setzen Sie die Verbände zu Unterstützung ein – als Wachen und Suchtrupps.“ Die Geheimdienstchefin nahm den halben Tadel schweigend hin: „Wie Sie befehlen!“

Colonel Thomsen hatte ebenfalls die Verluste bereits in Erfahrung gebracht: „Wir haben an Totalverlusten eine Speerschleuder und einen Verteidiger verloren – die können nur noch ausgeschlachtet werden. Vier weitere Mechs brauchen zwischen zwei und vier Wochen Zeit für Reparaturen. Ein Pilot gefallen, zwei mittelschwer verletzt. Die Panzerkräfte melden sechs Tote und elf Verwundete. Wir haben einen Mirmydon und einen Tank-34 verloren. Die Hälfte unserer schweren und überschweren Maschinen sowie ein Drittel der mittelschweren müssen ausgebessert werden, Zeitdauer maximal zwei Wochen, zumeist weniger. Die Infanterie hat 22 Tote zu beklagen, dazu 28 Verwundete. Zwei Bataillonspak abgeschossen.“ Die Verluste der Luftwaffe erwähnte er nicht.
Tereschkow wischte sich mit einer müden Bewegung den Ruß vom Gesicht, bevor er vor dem Herrscher salutierte. Er hatte seine Aufgabe als Babysitter zu Dvenskys Zufriedenheit erfüllt, und sein Panzer hatte zudem nicht schlecht geschossen. Ein wenig geronnenes Blut auf seinem Gesicht und Hals zeigte, daß er sich nicht geschont hatte: „Der Feind hat an Totalverlusten einen Heuschreck und einen Cataphracten eingebüßt – beide reparabel, allerdings dürfte das dauern. Sie haben zudem vier MTW’s oder Geschützträger verloren, einen Condor-L, einen Po und einen Vedette. Zahlreiche weitere Maschinen sind beschädigt worden, auch die Landungsschiffe haben einiges abgekriegt. Wir haben etwa 50 tote Infanteristen geborgen, dazu kommen einige getötete Panzerfahrer. Ich schätze, sie haben gut doppelt so viele Verwundete. Außerdem sind sechs Infanteristen, eine Mechpilotin und einen Luft-/ Raumpiloten gefangengenommen worden, zum Gutteil verletzt, aber nicht lebensgefährlich. Abgeschossen wurden zwei Trush, eine Transgressor ist notgelandet.“
Dvensky hob den Kopf. Seine Stimme klang unnatürlich ruhig: „Unsere Luftwaffe?“
Der Panzermajor senkte den Kopf: „Eine Transit abgeschossen, der Pilot ist gefallen. Panzerschäden an allen anderen, auch bei den Landungsschiffen. Einige Waffen ausgefallen. Major Prokofjewas Corsair ist östlich der Stadt aufgeschlagen, wir suchen noch nach ihr.“
Der Herrscher nickte. Er schien weder fähig, seine Freude über den Abwehrsieg zu zeigen, noch ließ er seine Angst um die Geliebte an die Oberfläche kommen. „Was gibt es von Tscheljabinsk?“

„Major Netschajew ist verwundet – Steckschuß in der Brust. Sein Zustand ist jedoch gut. Die Angreifer, etwa so viele Mechs und Panzer wie bei uns sowie ungefähr zwei Kompanien Infanterie mit zusätzlichen Geschützträgern, unterstützt von einer Luftwaffenstaffel, haben den Raumhafen angegriffen. Wartungskapazitäten für die nächste Zeit deutlich eingeschränkt oder vernichtet, einige Schäden bei den Ersatzteillagern. Wie lange es dauert bis wir wieder voll einsatzbereit sind, weiß ich nicht. Ich fürchte es wird eine Weile dauern, vermutlich mindestens zwei Monate. Bedauerlicherweise wurden auch mehrere Treibstofftanks zerstört, die Brände sind aber inzwischen unter Kontrolle. Wir werden einen Gutteil des Verkehrs nach Brein umleiten und Tscheljabinsk mit konventionellen Maschinen anfliegen müssen. Moderate bis mittelschwere Schäden an den Landungsschiffen. Ein Seydlitz und eine Chippewa von der Flak abgeschossen, vermutet schwere Beschußschäden bei einem der feindlichen Leoparden. Gewisse Schäden an Depots und Kasernen, aber überschaubar.
Die Hälfte unserer Mechs dort sind fürs erste ausgefallen, doch irreperabel ist nur eine Wespe getroffen. Die Pilotin ist gefallen. Außerdem wurden ein Bulldog, zwei Scorpione und ein Saracen sowie eine Pak-SFL abgeschossen, mehrere weitere Maschinen beschädigt. Wir haben etwa 30 tote Infanteristen, 10 Panzerfahrer und 40 Mann der Bereitschaftstruppen und des Innenministeriums verloren, ungefähr 100 Verwundete. Der Gegner hat hingegen anscheinend einiges über 100 Tote zu beklagen. Die meisten haben sie jedoch evakuiert, ebenso ihre Verwundeten. Abgeschossen wurden 2 Regulatoren und ein Manticor, an Mechs haben sie eine Valkyrie eingebüßt. Keine nennenswerten Verluste bei der Bevölkerung, keine schweren Schäden an der Infrastruktur. Mylord – der Angriff dort ist insgesamt gesehen meiner Ansicht nach ebenfalls gescheitert, zumindest wenn man die gegnerischen Verluste in Vergleich zu den erreichten Erfolgen setzt, der Feind hat schwer bezahlen müssen. Die entsprechende Ausnutzung für Propagandazwecke läuft selbstverständlich schon.“
Dvensky nickte schwerfällig: „Wir werden unsere Verwundeten pflegen, und wir werden wieder aufbauen, was sie zerstört haben. Das Volk soll entschädigt werden für seine Verluste. Dann aber werden wie zu gegebener Zeit Vergeltung üben, und mit aller Kraft, und sicherstellen, daß nie mehr Banditen unsere Welt überfallen.“
Die anderen Offiziere nahmen Haltung an: „Jawohl Mylord.“ Dvensky bemerkte sehr wohl die Blicke der niederen Dienstränge. Solche Dinge waren es, die einen Menschenführer beliebt machten, auch wenn er diesmal aus vollem Herzen und nicht aus Berechnung gesprochen hatte. Dies war es, was wichtig war, so redete er sich zumindest ein. Daß er an seine Untergebenen dachte – nicht an den eigenen Ruhm. Auch nicht zuerst an Rache. Nicht einmal an die, die er liebte. Es war die Last der Verantwortung, der Preis, den man für das berauschende Gefühl der Macht zu zahlen hatte. Denn an der Spitze fiel JEDER noch so kleine Fehler – ob echt oder eingebildet – sofort auf. Einer der Gründe, aus dem Prinz Victor vom Throninhaber zum Gärtner und dann zum Putschisten geworden war.
Der Schatun straffte sich: „Major Tereschkow – Sie gehen nach Tscheljabinsk. Ich brauche dort jemanden, der alles organisiert. Natalija wird Ihnen so bald als möglich folgen. Sie haben freie Hand, die Schäden zu beheben – ich verlasse mich da vollkommen auf Sie.“ Der junge Mann salutierte. Er wußte, ebenso wie die anderen Führungsoffiziere, wenn es noch einen Beweis brauchte, daß Dvensky in ihm einen möglichen Nachfolger sah, hier war er. Und auch, daß der Diktator die Zukunft seiner Schwester mit der des Panzerkommandanten in Verbindung sah.

Das Heulen der Sirenen, daß in der ganzen Stadt zu hören war, schwoll auf einmal an, als ein Krankentransporter aus einer der Straßen bog. Er und seine Geschwister waren überall unterwegs, um Verwundete in die zivilen und militärischen Verbandsstellen zu schaffen. Die Notversorgung Bryants war für Kriegsfälle vorbereitet worden, und das zahlte sich jetzt aus.
Die Offiziere blickten irritiert auf – das Fahrzeug kam doch wohl kaum wegen der Kratzer, die einige von ihnen aufzuweisen hatten. Die Hecktür wurde aufgestoßen, und dann trat eine Gestalt in Luftwaffenuniform heraus. Sie schwankte, hielt sich aber aufrecht. Der Herrscher machte zwei Schritte auf sie zu.
Major Prokofjewa lächelte, ungeachtet der Schmerzen, die sie haben mußte. Ihr Gesicht war bandagiert, und die Montur stand offen, so daß man erkennen konnte, daß sie unter ihrem Hemd einen dicken Verband um den Oberkörper trug. Sie salutierte fahrig: „Melde mich wieder zurück, Mylord.“ Dann stöhnte sie auf, als Dvensky sie in die Arme nahm. Sofort ließ der Herrscher sie los. Er blickte den Sanitäter an, der neben der Verletzten stand. Seine Stimme klang wütend: „Warum habt ihr sie nicht ins Krankenhaus gebracht?!“ Der Mann wurde bleich, aber die Majorin lachte leise: „Weil ich ihnen angedroht hatte, ansonsten sind sie nach meiner Genesung die beweglichen Zielscheiben auf meinem nächsten Manöver, darum!“
Dvensky lachte, und das war wahrhaft selten: „Nun, das verstehe ich. Aber jetzt ein dienstlichen Befehl, und den wirst du befolgen, Major: Abmarsch ins nächste Hospital, und dort bleibst du bis sie dich freigeben – und keine ,Überredungsversuche‘ wie den hier.“ Die junge Frau drückte seine Hand: „Zu Befehl, Mylord.“

Ironheart
17.09.2004, 17:43
Platzhalter

Cattaneo
12.11.2004, 09:43
Aufgaben und Pflichten

Die Wachposten nahmen Haltung an, als die Dvensky sie mit seiner Begleitung passierte. Die Gesichter unter den Kampfhelmen waren ausdruckslos, geradezu maskenhaft – wie immer. Nun, wenn man es genau nahm, seitdem der Angriff erfolgt war, und die Gefahr bestand, daß sich in der Umgebung staatsfeindliche Elemente herumtrieben, schienen die bryantischen Elitesoldaten noch ,einen Zahn zugelegt zu haben‘, was Wachsamkeit und Einschüchterung betraf. Egal ob nun Fallschirmjäger oder SMERSCH- beziehungsweise Polizei-Elitekommandos. Viele von ihnen waren zusammen mit anderen Einheiten auf der Jagd, und besonders die Kräfte des Innenministeriums hatten noch Punkte gegenüber der Armee gutzumachen.
Die Gänge waren hier unten wie immer eisig kalt. Dvensky verschwendete selten etwas – und wenn es Besuchern ein wenig fröstelte, um so besser. Sein Gesicht verriet, daß er tief in Gedanken versunken war. Zunächst achteten seine Begleiter seinen Wunsch nach Stille. Aber dann machte sich seine Schwester leise bemerkbar – wenn auch nicht an den Herrscher selber.
„Übrigens Major... Du kannst meine Hand ruhig loslassen, er ist weg.“
Major Tereschkow grinste – was erwidert wurde – und löste den Griff. Doch sowohl er als auch Natalija fuhren überrascht zusammen, als Leonid Dvensky plötzlich bellend auflachte. Offenbar hatte er mehr von seiner Umgebung mitbekommen, als sie vermutet hatten. Er musterte seine Untergebenen: „Ich hatte mich schon gefragt, wann du es ihm sagst. Aber zweifelsohne beherzigt unser wackerer Major nur den Grundsatz, daß man eine Rolle am besten glaubhaft spielt, wenn man sich richtig in sie hinein versetzt.“ Der Panzeroffizier schien ein wenig zu erröten – bei der Kälte war das aber schwer festzustellen – und stimmte in das Gelächter der Geschwister ein. Dann wurde er wieder ernst.

„Was halten Sie von der Sache, Leonid? Ich habe ehrlich gesagt meine Bedenken. Zum einen – entweder dieser Danton hat seine Truppe wirklich nicht im Griff, oder er lügt uns was vor. Zum anderen - mir ist nicht wohl bei dem Gedanken ihm kampffähige Soldaten zu geben.“
Der Herrscher lächelte geringschätzig, wobei seine Verachtung nicht seinem Gesprächspartner galt: „Wie man es nimmt. Ich bin ja auch der Meinung, daß sogar unsere Musterexemplare des Neuen Soldaten, die mit ,Immortal Warrior‘ aufwachsen, GEWISSE Dinge auch irgendwann lernen. Nämlich daß kleine Kinder nicht wie kleine Battle Mechs gebaut werden, und WIE sie entstehen. Und vor allem, wie man sich dagegen vorsieht, daß es zur Unzeit geschieht. Wenn Danton nicht mal dahingehend für Ordnung sorgen kann – und der Wegfall einer Pilotin in einer Truppe ohne Ersatzleute ist kein Kinderspiel – dann sitzt er wirklich nicht fest im Sattel. Oder die Pilotin war nicht die klügste in der Einheit, das soll ja auch mal vorkommen.“
Tereschkow nickte: „Aber wenn es stimmt, und sie ist wirklich schwanger – geben wir ihm dann Ersatz? Wir würden riskieren, daß er so eine Schwächung seiner Truppe, die uns nur gelegen kommen könnte, wieder wett macht. Oder die Gefangenen unter der Hand an die New-Home-Ratten weitergibt. Dann dürfen wir sie beim nächsten Mal wieder abschießen. Bei den Infanteristen ist mir das relativ egal, aber die Mechkriegerin und der Jagdpilot...“
Der Diktator schien dem halb zuzustimmen: „Mag sein. Allerdings, nach der Aktion werden sie nicht viel überschüssiges Material haben drüben. Und Ersatz beschaffen – das kostet Zeit und Geld. Etwas, daß sie bald nicht mehr haben werden, bei den Einbußen. Die Ersatzteile könnten wir gut gebrauchen.“
Natalija mischte sich ein. Sie sah wenig erfreut aus, vielleicht war ihr das Thema unbequem: „Ich denke allerdings, es gibt einige Leute die sich mit unseren Gästen gerne mal unterhalten würden. Und das dauert, oder sie sind für Danton vielleicht nicht mehr ganz... verwendungsfähig.“ Sie verschleierte durch die Euphemismen nur ungenügend ihr Unbehagen. Natürlich wußte sie um die Bryanter Methoden, wenn es darum ging Ergebnisse zu erzielen. Die waren ja weiß Gott nichts ungewöhnliches – MI, ISA, Maskirovka, Secura, LNC, sie alle folterten. Vermutlich mit mehr Einfallsreichtum, aber keinesfalls mit geringerer Skrupellosigkeit. Aber auch wenn so etwas Gang und Gebe war, es mußte ihr ja nicht gefallen.

Major Tereschkow drückte kurz ihre Schulter. Vielleicht teilte er ihre Gefühle, aber die Jahre in Dvenskys Stab hatten ihn den bitteren, aber oft auch verführerisch süßen Geschmack des Wortes „Notwendigkeit“ gelehrt. Anders als Dvensky wußte er wohl nichts von dem Staatstheoretiker, der diesen Begriff als erster zum obersten Gebot erhoben hatte, vor gut 1500 Jahren. Aber er folgte seinen Lehren.
Dvensky registrierte, daß seine Schwester nichts gegen die Berührung zu haben schien. Soso...
Aber das mußte warten. Nun, wenigstens ETWAS, das nach Plan lief.
„Das muß Major Jegorowa entscheiden. Wenn sie denkt, es lohnt sich, etwas nachzubohren, dann kann sich Danton seine Ersatzteile...
Zur Not halten wir ihn noch ein paar Tage hin. Aber kein physischer Zwang, nichts, was dauerhafte Schäden hinterläßt. Und vielleicht kann sie etwas herausfinden oder ausdenken, was uns in Sachen Gefangene weiterhilft.“ Wie oft fungierte Natalija als menschliches Notizbuch. Sie hatte bisher nie den Ehrgeiz gezeigt, WIRKLICH an der Spitze dieses Teils der Regierungsarbeiten zu stehen. Obwohl sie an ihnen teilhatte und von ihnen wußte.
„Glaubst du wirklich, er will jetzt gut Wetter machen?“ fragte sie ihren Bruder.
Der lächelte verzerrt: „Damit ich ihn nicht anfalle, oder damit du ihn ranläßt? Keine Ahnung. Aber ich habe weiterhin meine Zweifel. Immer wenn er einen Schritt nach vorne macht, um uns zu beruhigen, gibt es wieder andere Anzeichen, die ganz was anderes sagen. Wir haben einige Neuigkeiten von diesen jämmerlichen Kreuzrittern gehört. Es scheint, als würden sich die Chevaliers in Leipzig erstaunlich gut auskennen. Man könnte meinen, die ganze Suchaktion sei von langer Hand geplant. Und daß er davon nichts gewußt hat...“
Tereschkow zuckte mit den Schultern: „Er hat ja – wenn es stimmt – nicht mal gewußt, daß einige seiner Piloten noch nicht über das Bienen-und-Blumen-Stadium hinaus sind, oder besser, nur im praktischen Teil...“
Die etwas grobere Sprache entsetzte die einzig anwesende Frau in keiner Weise. Sie hatte schon das ,Vergnügen‘ gehabt mit Leuten zu verhandeln, die in jedem Satz zumindest einmal bei Gott und dem Teufel fluchten. Inzwischen filterte sie Dinge, die ihr nicht gefielen, einfach raus, so lange sie nicht von Belang waren. Jetzt aber kicherte sie. Mit der Art bissigen Humors konnte sie durchaus etwas anfangen – auch wenn ihr das nicht jeder zugetraut hätte, vor allem wenn sie sich arglos gab.

„Was mir Sorgen macht, sind die moralischen Aspekte.“, kam Tereschkow wieder auf den Kern des Problems zurück. „Unser Staat lebt davon, daß wir die Leute schützen. Sie müssen sich sicher fühlen. Wenn wir jetzt das Pack, das versucht hat uns zu überfallen, laufenlassen, wie wird das wirken? Eine Übertretung bedeutet Strafe, und wenn sich DIE einfach so davonstehlen können...“
Dvenskys Gesicht hellte sich auf: „Gesprochen wie ein echter Politiker, meinen Glückwunsch. Du begreifst, wie ich sehe, daß es ein Leichtes ist, eine Schlacht zu führen – im Vergleich zu einem Staat. Aber du machst dich wirklich gut. Muß wohl an der Lehrerin liegen, oder an ihren Methoden.“
Jetzt lief Natalija Dvenskya rot an – wenn auch unnötigerweise, wie sie sich selber sagte. Tereschkow kam ihr zu Hilfe: „Nun, an der Lehrerin ist nichts auszusetzen, aber wir beide lernen bei dir, oh Wolfssonne Bryants.“
Was der Diktator mit einem erneuten Gelächter quittierte. Er schien überhaupt weit lockerer als in den letzten Wochen, verglichen mit seinem üblichen Auftreten. Vielleicht hatte die siegreiche Schlacht – trotz aller Verluste – und die glückliche Rettung seiner Geliebten seine Stimmung beeinflußt.
„Aber du hast Recht.“, nahm er den Faden wieder auf.
„Doch...“, und bei diesen Worten lächelte er leicht: „...jetzt will ich dir zeigen, daß es immer noch etwas zu lernen gibt. Wir werden das Ganze nicht kleinreden, aber auch nicht an die große Glocke hängen. Wir verkünden, die Söldner hätten den Wunsch geäußert, die Gefangenen zu übernehmen. Ich bin bereit das zu gewähren, wenn sie uns dafür tatkräftige Hilfe leisten, die Schäden zu beseitigen und unsere Streitkräfte wieder verteidigungsbereit zu machen. Zwar wäre es wünschenswert, die Gefangenen ihrer gerechten Strafe zuzuführen, aber das Wohl der Einwohner Bryants geht vor. Deshalb werde ich die Söldner dazu auffordern, im Gegenzug nicht nur Ersatzteile für unser Militär zu liefern, sondern auch die Schäden an Bausubstanz und Infrastruktur zu beseitigen. Überdies werden Strafkommandos verstärkt mitwirken.“ Der Diktator nickte vor sich hin.
„So werden die Söldner uns beim Wiederaufbau helfen, und WIR werden das Lob dafür einfahren. Ich gestehe den Leuten Rachegefühle und den Wunsch nach Gerechtigkeit zu, appelliere aber an ihre Solidarität mit den Streitkräften und vor allem ihren geschädigten Mitbürgern.“
Natalija überlegte: „Das könnte klappen. Ich würde aber vorschlagen, daß wir deinen Plan etwas modifizieren. In Tscheljabinsk haben wir keine Helfer – wie wäre es, wenn wir einen Teil der hiesigen Strafgefangenen verlagern? Am besten die Ausländer, die können auch in Tscheljabinsk nicht auf Hilfe rechnen. Und der Aufbau dort geht dann schneller. Auch wenn wir dort keine Helfer zweifelhafter Verlässlichkeit haben. Zudem kühlen wir die Gemüter ab, die wegen der Flucht aus dem Lager beunruhigt sind.“
Ihr Bruder blickte sie traurig an: „Ich sehe schon, ich werde langsam alt. Bald wird mein kleines Schwesterlein mich beerben.“ Die junge Frau grinste: „Ja, GROßER Bruder.“
Aber die Heiterkeit auf ihrem Gesicht verschwand, als sie sah wie sich die Miene ihres Herrschers und Bruders veränderte: „Wir werden es so machen, wie du gesagt hast, Natalija. Das ist die eine Seite. Aber neben dem Zuckerbrot muß immer auch die Peitsche sein. Es gibt Leute, die warten nur darauf, daß wir Schwäche zeigen. Und denen werden wir eine Lektion erteilen.“

Cattaneo
12.11.2004, 09:48
Das Geschenk der Danaer

Zwei Tage später, Brein
Das Zimmer der ,Spinne‘ sah nicht gerade so aus, wie man sich das Reich einer Geheimdienstchefin vorstellte. Allerdings, wie stellte man sich so etwas eigentlich vor? Der Raum war nüchtern und zweckmäßig eingerichtet, aber neben der unverzichtbaren Staatsflagge und dem Wappen des Dienstes hatte Major Jegorowa auch einige Landschaftsbilder aufhängen lassen, die unter anderem den kleinen Ort zeigten, in dem sie zur Welt gekommen war. Und daß die Chefin der Bryanter In- und Auslandsspionage in ihrem Raum einen Teekocher hatte, paßte wohl auch nicht ganz zum Bild, das man sich normalerweise von ihr machte. Die schwere Pistole mit dem wuchtigen Magazin, die auf dem Schreibtisch lag, die hätten wohl die meisten erwartet.
Major Jegorowa sprach wie immer ruhig, fast leise. In dem selben Tonfall hatte sie nach dem Umsturz die Liste der Leute verlesen, die nicht vor ein ordentliches Gericht gestellt werden sollten, sondern gleich an Ort und Stelle ,erledigt‘ wurden. Sie sprach selten anders, und gerade deshalb hörte man ihr aufmerksam zu. Wenn man klug war – und das Glück oder Pech hatte, ihr gegenüberzusitzen.

„Ich habe es mir gründlich überlegt. Für den Außendienst sind Sie nicht mehr zu gebrauchen, das ist ja wohl klar. Auf New Home schon gar nicht, und damit ist auch das Risiko gegeben das jemand anders davon erfährt.“ Die junge Frau nickte. Damit hatte sie gerechnet. Im Geheimdienst waren die Spielregeln einfach – wenn man Mist baute, war man draußen. Dann hatte man noch Glück, wenn man zu den eigenen Leuten zurückkehren konnte, und nicht dauerhaft gesiebte Luft atmete. Oder Schlimmeres.
„Ich erwarte, daß Sie dies nicht als Strafe betrachten, sondern als Herausforderung Ihrem Lande möglichst gut zu dienen – wie wir alle es tun. Ich habe mich entschlossen, unter anderem weil mir auch eine Bitte um Ersatz vorliegt, Sie mit sofortiger Wirkung vom GKVD zu SMERSCH zu versetzen. Sektion Vier, Wachaufgaben. Ihren alten Rang behalten Sie. Ihren genauen Stationierungsort erfahren Sie noch zu gegebener Zeit, der Abteilungsleiter stellt gerade die Pläne zusammen.“
Anna Sergejewna Kalinskaya mußte an sich halten um den Kopf nicht sinken zu lassen. Halb und halb hatte sie etwas derartiges erwartet. Es war einerseits eine Rüge für ihr Versagen, aber auch ein Tadel für die ganze Spionageabteilung New Home – die den feindlichen Angriff nicht hatte aufdecken können. Sie war zum GKVD gegangen, weil der Beruf der ,Kundschafterin‘ nicht nur nach Abenteuer klang, sondern auch neben hohem Risiko Karrierechancen und Prestige bedeutete. Abteilung Vier bei SMERSCH hingegen war die Verwaltung der Arbeitslager und Gefängnisse. Zwar war es nicht die ,schlechteste‘ Abteilung. Die Mitarbeiter wurden keineswegs innerhalb der Organisation als Parias gesehen, und die Bevölkerung fürchtete und mißtraute ihnen weniger als etwa der Abteilung Innere Sicherheit, der größten und stets gegenwärtigen Einheit der Geheimpolizei. Auch konnte man bei guten Leistungen – wenn die unterstellten Brigaden gut arbeiteten, es keine Ausbrüche oder Revolten gab, kurz gesagt alles gut lief – durchaus belohnt werden. Aber ihr Traum vom Ruhm und vom abenteuerlichen Dienst für ihre Heimat war ausgeträumt. Zumindest fürs Erste. Sie hatte das Leben im Untergrund fast genossen, und es würde ihr fehlen. Aber sie ließ sich nichts anmerken, obwohl sie ihre Zweifel hatte, daß sie die ältere Frau täuschen konnte.
Major Jegorowa nahm die schweigende Einsatzbereitschaft mit leichtem Lächeln zur Kenntnis. Ein Lächeln, das so kalt war wie der Wind Bryants: „Aber vorher gibt es noch etwas zu erledigen. Ich habe Ihrer Akte entnommen, daß Sie in der paramilitärischen Bereitschaft geschult wurden. Einer der Gründe, warum ich Sie für geeignet halte. Melden Sie sich jetzt in Zimmer 327, beim exekutiven Leiter der Abteilung Vier-Sieben.“
Anna Kalinskaya wurde bleich. Unterabteilung Vier-Sieben oblag der Strafvollzug. Mit Betonung des Wortes Vollzug, oder besser, Vollstreckung. Doch dann stand sie auf und salutierte, drehte sich um und ging.

Die Geheimdienstchefin nickte leicht. Um so besser. Wenn Sie sich geweigert hätte...
Nachdem man die junge Agentin abgehört hatte, stand für Jegorowa fest, daß diese nicht mehr so verläßlich war, wie es das GKVD erforderte. Geteilte Loyalität oder Schuldgefühle waren ein Luxus, den sich eine Agentin einfach nicht leisten konnte. Folglich würde man sie ,unschädlich machen‘, und zugleich ihre Loyalität nicht nur prüfen, sondern auch festigen. Gewisse Dinge ließen einem Menschen keine Wahl mehr – dann gehörte er dazu. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen...
Vor der Geheimdienstmajorin lag ein gutes Dutzend Bögen Papier. Namen, Paßphotos, etwas Text. An jedes Blatt war ein zweites angeheftet – ein Urteil, gesiegelt mit dem Staatswappen Bryants und Dvenskys persönlicher Unterschrift. Ein halbes Dutzend ehemaliger Kriminelle, vier Ausländer – Piraten und Schatzsucher – und drei Politische. Sie alle waren recht bald nach ihrer Flucht aus dem Lager wieder aufgegriffen worden. Einige hatten Widerstand geleistet, andere hatten versucht etwas zu stehlen, ein Fahrzeug etwa, um aus der Stadt zu entkommen. Drei waren bei gewaltsamem Raub aufgegriffen worden...

Diesmal hatte die Justiz Bryants noch schneller und härter als ohnehin schon gearbeitet. Sie hatte ohne weiteres die Befugnis, Strafen massiv hochzusetzen. Auch und gerade im Schnellverfahren. Und da den Richter einiges an Deutungshoheit zukam, lauteten die Anklagepunkte und Urteilsbegründungen diesmal auf ,Terrorismus‘, ,Bildung bewaffneter Gruppen gegen den Staat‘ und dergleichen.
Von den etwa 30 gefaßten Sträflingen hatte ein halbes Dutzend die Strafe verdoppelt bekommen, andere, die sich gestellt hatten, waren ohne viel Aufhebens zurückgeführt worden in ein anderes Lager. Die dreizehn hier aber – die waren zum Tode verurteilt worden. Und Dvensky hatte die Gnadengesuche abgelehnt. In einem Innenhof liefen bereits die Vorbereitungen. Wieder würde ein Kapitel abgeschlossen werden – ein für alle mal.
Die Geheimdienstchefin war über Skrupel in der Hinsicht längst hinaus. Warum auch? Dvensky machte nur nach, was ihm die Nachfolgefürsten vorlebten, in wesentlich größerem Maße. Der Einsatz von Gewalt zur Herrschaftserrichtung, zum Ausbau und zur Erhaltung der Macht war in der Freien Inneren Sphäre nicht weniger alltäglich als bei den Clans. Wenn auch die Methoden oft etwas subtiler waren. Sie griff zum Telefon, wählte eine Nummer: „Hallo? Ja, Jegorowa. Ist das Präparat eingetroffen? Was, schon da? Ausgezeichnet. Ja, fangen Sie sofort an.“
Sie lächelte erneut. Noch eine Sache, die ausnahmsweise nach Plan zu laufen schien. Nun, dann blieb nur noch eines, Dvensky Bescheid zu sagen.
„Mylord – Sie können Danton Bescheid geben. Morgen bekommt er seine neuen Rekruten.“

Die Stimme des Nachrichtensprechers klang scharf, geradezu schneidend.
„Drei Tage nach dem heimtückischen Überfall sind die Aufräumungsarbeiten in vollem Gange. Mylord Dvensky hat den durch die gegnerischen Truppen obdachlos gewordenen Einwohnern Notunterkünfte zuweisen lassen, die Lebensmittelversorgung läuft auf vollen Touren. Bald können die ersten Familien in ihre in Stand gesetzten alten Wohnungen zurückkehren, oder sie erhalten neue Quartiere angewiesen. Auf Wunsch des Herrschers und gegen die bereits erwähnten Zugeständnisse haben sich auch die Söldner Com Stars bereit erklärt, an den Arbeiten teilzunehmen. Die Bevölkerung nimmt ihre Hilfe dankbar in Anspruch.
Zur gleichen Zeit wird einmal mehr deutlich, wie entschlossen Bryant mit seinen Feinden umgeht. Entflohene Schwerstverbrecher, die versuchten, die Verwirrung nach dem Angriff für ihr abscheuliches Treiben zu nutzen, trifft die volle Härte des Gesetzes. Diesmal hat selbst Mylord Dvensky darauf verzichtet, von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch zu machen. Er erklärte, er sei nicht willens, dem Wunsch nach Gerechtigkeit im Wege zu stehen.“
(Bildwechsel – ein Hof, Gefangene auf einem Haufen, angetretene Milizionäre von SMERSCH, von hinten aufgenommen. Dann Blick auf eine Hand, die einen Kolben umschließt, den Lauf entlang.)

„Tod durch die Kugel lautet das Urteil, und es wird sofort vollstreckt. Es gibt keine Gnade für Menschen, die Krieg und Not für ihren primitiven Vorteil nutzen wollen. Mord, Plünderung, Vergewaltigung – in Zeiten des Krieges kann es darauf nur eine Antwort geben.
(Die ersten drei Gefangenen werden vor das Peleton geführt. Kurz Nahaufnahmen der Gesichter, die unrasiert und bleich sind.)

„Vermutlich bereuen sie jetzt ihre Taten. Doch dafür ist es zu spät, und ihr Bedauern gilt wie immer nur der eigenen Person, niemals ihren Opfern. Bryant gibt auch Menschen, die einen Fehler begangenen haben, eine zweite Chance. Doch wer dieses Angebot so schändlich ausschlägt, darf nicht endlos auf Großmut hoffen.“
(Wieder Blick auf die Soldaten – nie Gesichter im Bild, sondern Stiefel in Reihe, Hände die Repetierhebel der Karabiner zurückreißen, ein Blick auf die Schützenlinie von der Seite. Dann Großaufnahme einer Hand in Handschuh, die sich zum Signal hebt.)

„Gerechtigkeit wird geübt werden – Großmut für den, der aufrichtig Besserung gelobt. Doch wer unser Feind sein will, der ist dem Untergang geweiht. Mylord Dvensky sagte: ,Es ist niemals leicht, ein Leben auslöschen zu lassen. Gerade ich, als Herrscher und Soldat, weiß dies. Aber manchmal ist es notwendig, wenn Menschen sich so eindeutig als Feinde Aller entpuppen. Wie Piraten sind sie vor allem eines – Feinde der gesamten Menschheit. Ich habe vom Volk das Mandat erhalten es zu schützen, und ich sehe diese Aufgabe als Verpflichtung. Und wer dieses, wer unsere Volk bedroht, den werden wir zerschmettern. Sei es ein Mann oder eine Armee.’
Und während weitere Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, suchen die Organe des Innenministeriums und der Armee unablässig nach den letzten flüchtigen Verbrechern. Es gibt kein Entkommen für sie, nirgendwo bietet sich ihnen eine hilfreiche Hand. Sie haben sich als Feinde der Menschheit entpuppt, und als solche werden sie behandelt.“
(Mündungsfeuer aus den Gewehren, von weitem sieht man, wie die drei Gestalten zurückgeworfen werden und im Schnee liegen bleiben, der sich rasch rötet. Wieder Blick aus der Perspektive eines der Schützen – erneut werden die Waffen durchgeladen…)

Cattaneo
09.03.2005, 08:57
Vor dem Sprung

Dvensky ließ das Scherenfernrohr langsam von einer Seite auf die andere wandern. Durch das Objektiv betrachtet, schienen die Mauern der HPG-Anlage Com Stars zum greifen nahe. Auch wenn es von hier aus nicht möglich war, in den Hof zu sehen, so würde niemand die Anlage auf dieser Seite verlassen können, ohne daß er von hier aus gesichtet wurde.
Der Diktator trat vom Fernrohr zurück. In seiner schmucklosen Tarnuniform, die keinerlei Rangabzeichen aufwies, war er allerhöchstens durch seine Erscheinung erkennbar. Sein ganzer Begleitschutz bestand aus zwei Soldaten, die identische Tarnanzüge wie er trugen. Sie hatten – ebenso wie er – weiß gestrichene militärische Scharfschützengewehre. Allerdings trugen sie diese schußbereit, während der „Schatun“ seine Waffe geschultert hatte. Da auch sie kräftig gebaut waren, war es für einen zufälligen Beobachter nahezu unmöglich, den Diktator auf Anhieb ausfindig zu machen. Das einfach Auftreten war nur zur Hälfte Berechnung. Natürlich war es auch eine psychologische Botschaft an seine Soldaten. Zum einen sollte es ihnen zeigen, daß die Lage ernst war. Zum anderen verstärkte es ihre Identifikation mit ihm und damit mit dem System, für das sie kämpften. Doch neben diesen Gründen handelte er auch aus Vorsicht so. Er traute den Leuten auf der anderen Seite der Mauer nicht weiter als er einen ihrer Mechs hätte werfen können. Und so sehr er auch ansonsten Risiken einging – lebensmüde war er sicher nicht. Ein großer Auftritt wäre geradezu eine Einladung für einen Zwischenfall gewesen. Natürlich war er an der Verschärfung der Lage nicht unschuldig, aber wenn diese Söldner eben mit eindeutig feindlicher Absicht nach Bryant kamen, würde er den Teufel tun und vor ihnen kuschen. Für solche Besucher hatte Dvensky sein Militär geschult und aufgebaut. Er nickte zufrieden:
„Gute Arbeit. Die Tarnung ist fast perfekt, und das Sichtfeld ausgezeichnet.“

Der Unteroffizier, der hier offenbar das Sagen hatte, grinste breit. Lob von Oberbefehlshaber war immer gut und mochte sich in seiner Akte niederschlagen. Seine schwarze Haut machte nur zu deutlich, daß er kein geborener Bryanter war – die „Eingeboren“ waren überwiegend Slawen, auf jeden Fall fast alles Kaukasier. Dvensky gehörte jedoch nicht zu denen, die irgendwelche rassistischen Vorurteile pflegten. Er war Pragmatiker, und wer für ihn kämpfte, der mochte eine beliebige Hautfarbe oder Augenform haben. Die Leistungen entschieden, und die Loyalität.
Den Postenführer schien es wenig zu stören, daß seine „Truppe“ im Augenblick aus drei Kameraden bestand, deren schwerste Waffen ein halbes Dutzend geballter Ladungen und eine Einweg-Panzerfaust waren. Diese Stellung sollte spähen, nicht kämpfen. Allerdings konnten sie mit diesen Waffen auch einen Elementar ausschalten, wenn sie kaltes Blut behielten. Ihre wichtigste „Waffe“ war jedoch das einfache Telefon, mit dem sie der Artillerie Zielangaben übermitteln würden. Ein Funkgerät würde die Verbindung zu den mobilen Verbänden sicherstellen.
Dvensky überzeugte sich, daß die Waffen in gutem Zustand, die Granaten in Reichweite und die Panzerfaust griffbereit waren. Er klopfte dem Postenführer auf die Schulter: „Weitermachen. Und seien Sie auf alles vorbereitet. Lassen Sie sich nicht provozieren, aber beim geringsten Anzeichen...“ der Mann hatte offenbar verstanden. Der Diktator teilte an die vier Späher Zigaretten aus. Auch dies eine Geste mit Berechnung, denn hierbei handelte es sich um eine importierte Marke, die wesentlich besser war als die bryantischen Tabakwaren. Ein kurzer Gruß, dann machte er sich wieder auf den Weg.

Die drei Männer huschten geduckt dahin. Sie verhielten sich fast so wie im Kampfeinsatz. Dvensky war zwar kein ausgebildeter Scharfschütze, aber er war ein guter Jäger, und zusammen mit seiner Grundausbildung machte ihn das zu einem Gegner, den man auch außerhalb des Mechs besser nicht unterschätzte. Er machte sich natürlich wenig Illusionen darüber, wieviel Chancen er gegen einen wirklich guten Elitesoldaten hatte, oder gar einen Elementar – aber er vertraute auch auf seine beiden Begleiter. Beide waren sie Veteranen, und auf ihre Loyalität konnte er sich verlassen.
Ständig darauf bedacht, jede Deckung zu nutzen, kontrollierten der Diktator und seine Begleiter die Stellungen. Zwei Mörserbatterien, eine Raketenwerferstellung, mehrere Scharfschützen- und MG-Nester. Dazu immer wieder Postenlöcher. Nach dem Zwischenfall vor wenigen Tagen hatte Dvensky die Konsequenzen aus den Ereignissen gezogen. Die Effizienz der Elementare war erheblich gewesen, und er hatte vor, dem einen Riegel vorzuschieben. Jetzt waren überall Deckungslöcher geschaffen worden, mit Schnee verblendete Sandsackbarrieren. Handgranaten, geballte Ladungen und Raketenwerfer lagen griffbereit. Sollten die Elementare so etwas noch einmal versuchen, würden sie einige unliebsame Überraschungen erleben. Selbst ohne den Einsatz der schweren Fahrzeuge, die in Bereitschaft standen, würden sie diesmal wohl nicht weit kommen.

Er brauchte eine geschlagene Stunde – kein Vergnügen in der Kälte, dem Schneegestöber und der Dunkelheit, die Bryant Besuchern wie Bewohnern augenblicklich zu bieten hatte. Aber Dvensky war zufrieden. Der Anblick kampfbereiter Truppen und Fahrzeuge wärmte zwar wenig, aber er beruhigte enorm. Schließlich erreichte der Schatun die drei MTW’s, mit denen er sich der „Wand“ des Kessels, in dessen Zentrum sich die HPG-Anlage befand, genähert hatte. Die beiden anderen Kontrollteams erwarteten ihn bereits. Auch sie bestanden aus je drei Mann mit identischen Uniformen und Waffen. Dvensky ging eben auf Nummer Sicher. Ein knapper Befehl genügte, und die drei Fahrzeuge setzten sich in Marsch, ständig ihre Position im Konvoi verändernd. Zu dieser Zeit und angesichts der Umstände gehörte die Straße ihnen allein.

Eine Stunde später

Der Herrscher Bryants hielt die Hände über den Heizkörper. Für einen Augenblick genoß er die Wärme. Auch wenn er sich nach außen stets den Anschein der Unermüdlichkeit und Stärke, ja Härte gab – die Arbeit zehrte natürlich auch an seinen Kräften, und vor allem die letzten Wochen hatten ihm einiges abverlangt. Vor allem, was Geduld und Nerven betraf. Nun, das brachte die Herrschaft in solchen Zeiten eben mit sich.
Er drehte sich wieder um und musterte seine Vertrauten. Für einen Augenblick runzelte der Herrscher leicht die Stirn, als sein Blick dem seiner Luftwaffenchefin begegnete. Sie hatte soeben ihren Vortrag beendet. Die verbliebenen Maschinen waren einsatzbereit, und die notgelandete feindliche Transgressor wurde mit Hochdruck repariert. Ihre Worte waren knapp und präzise gewesen, und eigentlich war auch der Inhalt den Umständen entsprechend zufriedenstellend. Dennoch...er sah sie nicht gerne hier. Dvensky wäre es lieber gewesen, sie hätte sich weiterhin ausgeruht – ihr Absturz war noch nicht lange her, und auch wenn sie keine ernsteren Verletzungen erlitten hatte... Natürlich ließ sie sich nichts anmerken, aber eben das gefiel ihm nicht sonderlich. Nicht zum ersten Mal kollidierten seine persönlichen Gefühle für sie mit den Anforderungen seines und ihrer Position. Aber die Pflichten duldeten einfach keinen Aufschub, und er wußte das mindestens so gut wie sie. Das fiel freilich nicht immer leicht, und diesmal hatte er sie dringend aufgefordert, sich zu schonen.
Aber in der Hinsicht war er , auch dies nicht zum ersten Mal, sowohl an ihrer Hartnäckigkeit als auch an der Logik ihrer Argumente gescheitert. Die Zeit war einfach nicht danach, „Urlaub“ zu machen. Also hatte er sich dreingefügt. Wenn er ehrlich war – vielleicht revanchierte sie sich so für frühere Ereignisse, als er derjenige gewesen war, der sich exponiert hatte, obwohl es nicht klug gewesen war. In der Hinsicht waren sie sich ähnlich, auch wenn er mehr Ehrgeiz aufwies – und vermutlich sowohl gegen sich als auch gegen andere weniger Skrupel. Nun, auch das war offenbar eine Basis für eine glückliche Beziehung, in dienstlicher wie privater Hinsicht...
Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln, das sie mit leichtem Spott erwiderte. Dann wanderte sein Blick weiter.

Die Innenministerin wartete – wie so oft – nicht erst ab, bis er sie zum Sprechen aufforderte. Ihre Stimme klang wie immer ruhig, fast etwas trocken: „Die Proteste gehen planmäßig weiter. Wir könnten die Lage natürlich weiter verschärfen, doch ich rate momentan davon ab. Illoyale Elemente und Provokateure haben wir selbstverständlich herausgefischt und sichergestellt.“ Dvensky nickte leicht. Er wußte, es wurmte die „Spinne“ immer noch, daß sie das Attentat nicht verhindert hatte.
„Wie wird der Zwischenfall denn eigentlich aufgenommen?“ fragte er. In seinen Worten war keine bewußte Schärfe, aber es war klar, daß die Majorin dies als sanfte Anklage auffassen mußte. Immerhin war sie die Chefin der Gegenspionage. Es war auch ihr nicht ganz klar, wer eigentlich hinter dem Anschlag steckte. Sie war jedoch der Meinung, daß es sich kaum um einen erfundenen Zwischenfall handeln konnte, und auch die Söldner selber steckten wohl kaum dahinter. Bei Com Star – beiden Fraktionen – sah die Sache aber anders aus. Beiden bedeuteten die Soldknechte vermutlich wenig, auch ihren Auftraggebern. Und wenn sie einen Zwischenfall inszenieren wollten...
„In der Bevölkerung tun unsere Gerüchte ihr Werk. Viele glauben, die ganze Sache wäre eine Erfindung der Söldner oder ihrer Auftraggeber. Aber natürlich gibt es auch Leute, die andere Möglichkeiten für denkbar halten. Wir haben da auch noch das Gerücht ausgestreut, möglicherweise würde ein flüchtiger Verbrecher hinter der Tat stecken. Immerhin könnte er sich Vorteil von einem Zwischenfall versprechen, oder er könnte gewillt sein, Com Star für ihre Zurückhaltung zu bestrafen.“ Es war klar, daß sie dies nicht glaubte – aber das hinderte sie natürlich nicht daran, entsprechende Gerüchte auszustreuen.
Dvensky nickte nur. Er wollte das Rätselraten um die Hintergründe nicht wieder anfachen. Der Attentäter war tot, und dank der gewohnt grobschlächtigen Vorgehensweise der Söldner – mit Kanonen auf Spatzen schießen war wohl noch eine gelinde Bezeichnung – waren weitere Untersuchungen an der Leiche oder der Waffe unmöglich. Der Mann, wenn es einer gewesen war, was nicht als selbstverständlich betrachtet werden konnte, Dvensky selber hatte in seinen Truppen etliche weibliche Scharfschützen, hatte offenbar versierte technische Kenntnisse besessen. Nur so hatte er die technischen Überwachungssysteme ausschalten können, die in dem Haus postiert worden waren. Dvensky hatte das Gebäude mit Richtmikros und Objektiven versehen lassen, aber auf menschliche Beobachter verzichtet, um einen Zwischenfall zu vermeiden. Jetzt tat es ihm leid.

„Ich hoffe doch, wir lassen die Sache nicht zu weit gehen.“ meinte die Schwester des Herrschers. Sie wirkte hochgradig nervös. Die Aussicht auf eine weitere Schlacht in ihrer unmittelbaren Nähe behagte ihr gar nicht. Sie wäre wohl lieber in Tscheljabinsk gewesen, wo sie den Wiederaufbau zu koordinieren hatte. Aber im Augenblick brauchte Dvensky sie hier. Was sie damit sagen wollte, war klar. Wenn die Söldner verrückt spielten, würden sie ein Blutbad unter den Demonstranten anrichten. Ihr Bruder schüttelte den Kopf: „Auf keinen Fall. Wir wollen sie unter Druck setzen – aber wann es kracht, das müssen wir entscheiden.“
Er sah ihr an, daß sie keineswegs zufriedengestellt war. Die Demonstrationen waren ein Spiel mit dem Feuer und riskanter, als es Dvensky lieb war. Aber wenn er nicht auf einen direkten Angriff setzen wollte, waren sie die beste Möglichkeit, seine Gegner – nichts anderes waren die Chevaliers mehr für ihn – in Atem zu halten. Und dazu gaben ihnen die Proteste keinen Vorwand, sondern brachten sie vielmehr in Erklärungsnöte. Sein Lächeln wirkte nicht ganz echt, aber hier brauchte er sich selten zu verstellen, und tat es auch kaum: „Mir wäre es auch lieber, wenn das alles hinter uns läge und ich wieder ungestört schlafen könnte.“
Aus irgend einem Grund errötete Natalija Dvenskya leicht und blickte zur Seite. Vielleicht glaubte sie, ihr Bruder machte einen Witz auf ihre Kosten oder spielte auf etwas an. Doch der ging darüber hinweg. Er war mit seinen Gedanken ganz woanders.

Seit genauere Nachrichten aus Leipzig eingetroffen waren, hatte der Diktator die Vorstellung, die Chevaliers seien lediglich als Wachhunde Com Stars nach Bryant gekommen, oder nur ein Teil der Truppe stecke hinter den Vorfällen, restlos verworfen. Für ihn – und ebenso für seinen Stab – war klar, daß die Söldlinge ein doppeltes Spiel spielten, um Bryant zu berauben. Was sie sonst noch an feindseligen Handlungen vorhatten, das war freilich noch nicht abzusehen. Aber Dvensky fürchtete das Schlimmste. Allerdings traute er seinen „Freunden“ auch nicht sehr weit. Die Crusaders hatten ihn verraten – Söldnerabschaum eben. Sie waren ohne eine glaubwürdige Erklärung abgezogen. Alles was sie ausgerichtet hatten, waren offenbar Blechschäden an einigen Chevaliersmaschinen gewesen. Soviel zu ihrer angeblichen Qualität. Nun, er hatte ihnen ein paar nette Abschiedsgrüße hinterher geschickt, und getan was er konnte, um sie zumindest etwas auf Outreach in Mißkredit zu bringen. Viel würde es wohl nicht bringen. Die aufgeblasenen Affen und Kanistergeburten, die sich Wolfs Dragoner schimpften, gaben oft nicht viel auf Beschwerden kleinerer Herrscher – eine Krähe...
Aber das war noch längst nicht alles. Dvenskys Truppen in Leipzig berichteten von unübersichtlichen Schießereien, in die offenbar Mechs von Blakes Wort verwickelt waren. Die Infanterie hielt sich bisher befehlsgemäß heraus, meldete aber Sichtungen an die Ordenstruppen weiter. Es war mehr als wahrscheinlich, daß die Truppen der Gralshüter alter „Ideale“ Com Stars eigene Interessen verfolgten. Zudem waren ihre Mitteilungen an Dvensky mehr als dürftig. Aber er mußte sich das gefallen lassen – einen richtigen Streit durfte er einfach nicht wagen, schon gar nicht jetzt. Dem Diktator war klar, daß die Lage drohte immer mehr aus seiner Hand zu gleiten. Er mußte um jeden Preis verhindern, daß eine der Seiten hier völlig das Ruder übernehmen konnte. Das war sowieso schon immer sein Alptraum gewesen, seit er sich selbständig gemacht hatte. Zwar hatte er Verteidigung und Untergrundkampf vorbereiten lassen, aber ein massiver Angriff konnte ihn sein ganzes Lebenswerk und sein Vermächtnis an seine Kinder kosten. Und es brauchte nicht einmal sehr viel, verglichen mit den Möglichkeiten der großen Mächte.

Aber Ängste konnten nur warnen, sie durften nicht lähmen – ebenso wie Träume anspornen, aber nicht blenden durften. Er konnte nur tun, was in seiner Macht lag.
„Ich denke, es wäre von Vorteil, wenn wir sichergehen könnten, daß die Söldner etwas vorsichtig sind.“ Dvensky sprach nachdenklich, er hatte diesen Gedanken im Innersten Zirkel schon des öfteren erwogen. „Wenn wir ein paar ihrer Leute wegen krimineller Übergriffe oder ähnlichem verhaften könnten...“
Auch das war ein Wagnis. Wer garantierte, daß es nicht zur Eskalation kam? Danton schien mit wahrer Affenliebe an seinen Totschlägern zu hängen, und inwieweit er rational handelte, war für Dvensky unsicher. Jedenfalls unsicherer als ihm lieb war. Andererseits – ein Faustpfand war genau das, was er brauchte. Sollte etwas über die Schießereien in Leipzig durchsickern, dann würde der Söldnerführer vermutlich sofort losschlagen. Immerhin wußte er, daß Dvensky mit Blakes Wort liiert war, und würde eine Beteuerung des Diktators, von nichts gewußt zu haben, wohl ebenso wenig glauben wie der Herrscher Bryants im umgedrehten Falle. Dann würde es darauf ankommen, was Dvensky gegen ihn in der Hand hatte – und wie hart und schnell er zuschlagen konnte. Auch dies war ein Grund, wegen dem jegliche Kommunikation der Söldner nach „draußen“ strickt überwacht wurde. Im Zweifelsfall würde es um Minuten gehen, und der Diktator hatte in den letzten Wochen kaum noch richtig geschlafen, da er jeden Augenblick mit dem entscheidenden Anruf rechnen mußte. Er mußte einfach etwas unternehmen!
Der Herrscher straffte sich: „Major Jegorowa – Sie haben Ihre Befehle. Leiten Sie alles notwendige in die Wege. Was uns andere angeht – wir können uns nur bereit machen.“ Er brauchte nicht auszusprechen, was auf dem Spiel stand, denn das wußten sie alle ohnehin. Und er wußte, auf ihre Entschlossenheit konnte er sich verlassen.