Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Dantons Chevaliers 2. Season Hauptthread
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:29
Outreach, Kaserne der Chevaliers
„Also, Herrschaften, hier ist sie!“ Germaine Danton stand auf, ein fettes Grinsen und eine qualmende Zigarre im Gesicht, und hielt einen Computerausdruck hoch.
„Hiermit sind Dantons Chevaliers ab sofort in der Dragonerbewertung aufgestuft von grün auf regulär!“
Die anwesenden Chevaliers bekundeten ihre Zustimmung mit Pfiffen, Jubel und Applaus.
„Und das ist erst der Anfang, Herrschaften. Ab Morgen nehmen wir wieder Bewerbungen an und bringen unsere Einheit auf Soll.
Außerdem kommt uns die Reparatur der BOREAS nicht einmal halb so teuer wie befürchtet. Das bedeutet, ich kann ein paar eurer Sonderwünsche erfüllen.
Sorry, Cliff, aber Rüstungen für die Kommandos sind noch nicht drin.“
Cliff Peterson zuckte die Schultern. „Schon in Ordnung. Immerhin wird mein Platoon auf Kompaniestärke aufgestockt. Das reicht für den Anfang.“
Gelächter erfüllte den Saal.
Germaine nahm die Zigarre aus dem Mund und legte sie in einen Ascher.
„Chevaliers, es ist wie gesagt Geld für ein paar Sonderwünsche übrig. Ich habe letzte Woche nach euren Vorschlägen gefragt, was wir mit den Mäusen alles machen sollen und eine Liste aufstellen lassen.
Hier ist sie. Ganz oben stand: Einen McKenna anmieten. Sorry, aber das käme etwas teuer.
Der nächste Punkt ist die Panzertruppe. Tja, Dolittle, was soll ich dazu sagen? Sie klauen meine Zigarren, haben ein eigenes Einheitslogo. Ihre Leute gehören mit zum Besten, was die Chevaliers zu bieten haben. Bevor Sie losziehen und eine eigene Einheit gründen, erfülle ich doch lieber Ihren Wunsch, die Panzertruppe auf Kompaniestärke zu erweitern.
Die ganze Sache hat nur einen Haken. Sie müssen dafür First Lieutenant werden.“
„Nee, Cheef, so hamwer nich gewettet“, brauste Doc Dolittle auf.
Doch die Panzerfahrer schienen mit der Entscheidung mehr als einverstanden. Sie jubelten, klopften ihrem Chef auf die Schulter und redeten auf ihn ein.
„Übrigens, damit ist kein Einschnitt im Sold verbunden“, erklärte Germaine schmunzelnd.
„Na wenndas so is…“, brummte der Panzerfahrer.
Germaine grinste breit. „Was uns zum nächsten Wunsch bringt. Wie Ihr alle wisst, hat man uns auf Luthien wie versprochen für unsere zerschossenen Mechs Ersatz aus draconischer Fertigung gestellt. Zusammen mit den acht Beutemaschinen von den Ronin können wir damit fast eine ganze Kompanie aufstellen. Wir werden einige der BeuteMechs natürlich verkaufen, aber ich stimme Scharnhorst zu, dass wir die Gelegenheit nutzen sollten, die MechTruppe umzustrukturieren. Wir erweitern die Mechs am Reißbrett mal auf fünfzehn Maschinen. Fünf pro Lanze. Das sollte uns um einiges flexibler machen.“
Der Major nahm die Zigarre wieder auf und deutete auf Doc Wallace. „Belinda, Schatz, ich habe gehört, dass Du bei Lieutenant Harris ein Memo eingereicht hast, dass dir der Weg vom Schlachtfeld zu deinem OP zu lang ist. Außer, unser Lager ist wieder einmal das Schlachtfeld.
Nun, Juliette hat es mal nachgerechnet und meint, ein Medevac-Helikopter wäre genau das Richtige für unser Lazarett.“
„Verdammt gute Idee“, kommentierte Doc Wallace, „könnte glatt von mir sein. Nee, wartet mal, die ist von mir.“ Gelächter antwortete ihr.
„Wir schreiben die Suche Morgen aus. Lieutenant Peterson, ich muß ehrlich sagen, was Sie mit Hilfe von MacLachlan und Decaroux aus Ihren Leuten rausgeholt haben, ist beachtlich. Wie versprochen stocke ich Ihr Platoon auf eine Kompanie auf. Damit rutschen Sergeant MacLachlan und Sergeant Decaroux auf die Posten von Zugführern.
Ich will Ihnen aber noch ein Kuckucksein ins Nest legen, Lieutenant. Eigentlich sogar zwei.
Sie haben sich in Ihrem Rang bewährt, deshalb habe ich vorhin den Befehl unterschrieben, Sie ab sofort zum Captain zu befördern.“
Jubel brach aus. Dem frisch gebackenen InfanterieCaptain wurde auf die Schultern geklopft, dass man meinte, sie müssen brechen. Cliff musste beidseitig Hände schütteln.
„Was uns zum zweiten Kuckucksei bringt. Sergeant MacLachlan, Ihr Platoon wird sich hauptsächlich mit der Sprungtruppenausrüstung abgeben. Wir veranschlagen den Zug auf sechzig Mann. Ich weiß, das ist weit über der Norm, aber es hat sich verdammt bewährt.
Befördern Sie ein paar Ihrer Corporals zu Sergeants, Sergeant-Major.
Sergeant Decaroux. Ich will, dass Sie Ihre Pioniere aus den Kommandos ausgliedern. Ihre Leute werden in Zukunft folgende Sonderaufgaben wahrnehmen: Kommandooperationen, Scharfschützenjagd und –Ausführung sowie Spionage und Gegenspionage. Die Größe des Platoons wird ebenfalls sechzig Mann betragen. Mach das Beste draus, Charlie.
Aber ich gebe hiermit den Befehl, ein drittes Platoon auszuheben. Captain Peterson, im Gefecht haben sich die Infanteristen mit der Pionierausbildung eins als sehr effektiv erwiesen. Bauen Sie ein richtiges PionierPlatoon auf. Sie haben meine Erlaubnis, einen Offizier und Unteroffiziere sowie Schweres Gerät anzuwerben.“
„Sir, nicht, dass das keine gute Idee ist, aber warum werden die Pioniere unter meinem Kommando geführt?“
Germaine grinste breit: „Weil mir Juliette im Nacken sitzen würde, wenn sie den Sold für DREI Captain bezahlen muß.“
Wieder lachten die Chevaliers.
„Dann steht da noch eine Erweiterung unserer Lufteinheiten auf dem Plan. Sorry, Lieutenant Sleipnirsdottir, aber weitere Jäger stehen nicht zur Debatte. Ich werde mich aber mal umhören, ob wir nicht ein paar Kampfhubschrauber kriegen. Das ist besser als nichts.
Wenn Sie aber ein paar Piloten mit eigenen Jägern auftreiben können, überlege ich es mir noch mal.
Okay, Chevaliers hergehört. Ihr wisst, dass wir den Stone Rhino nicht behalten haben. Obwohl mir hundert Tonnen Stahl sicher gut gestanden hätten.
Die Dracs waren dann so freundlich, uns anstelle einer Umrüstung auf K3 ein modernes Mobiles GefechtsHQ zu geben. Vom Restgeld der versprochenen Prämie haben wir uns dann gleich noch einen nagelneuen MechTransporter geleistet.
Ja, genau, das Ding, bei dem MeisterTech Nagy immer diesen gierigen Blick kriegt, wenn er ihn sieht.“
Nagy Isthvan grinste sein breitestes Grinsen. Der MechTransporter hatte ganz oben auf seinem Wunschzettel gestanden. Leider wurde es teilweise von seinem gigantischen Schnurrbart verdeckt.
„Das ist in etwa der Gegenwert der von den Dracs versprochenen Prämie.
Einige werden sich jetzt fragen, wieso wir den Tai-sho trotzdem bekommen haben. Nun, anstatt einen mittelschweren und den schweren Mech ersetzt zu bekommen, haben wir lieber den Tai-sho genommen.
Die anderen drei Mechs, den zerstörten Heuschreck, die Valkyrie und den Fangeisen haben wir wie folgt ersetzt bekommen: einen zwanzig Tonnen schweren Kabuto, der jedem FeindMech besser davonläuft als jeder Heuschreck und mit zwei Vierer-BlitzKSR erhebliche Schläge im Nahkampf austeilen kann; anstatt zwei weitere leichte Mechs zu bekommen haben wir uns dagegen für den Shugenja entschieden. Er wird den zerstörten Schütze ersetzen.
Ausgestattet mit der neuen Mittelstreckenrakete, einer ER-Pepp und zwei S-Lasern ist der 75er Mech groß und gemein.
Selbstverständlich darf ich sowohl für den Tai-sho als auch für Kabuto und Shugenja jeden Monat einen ausführlichen Erfahrungsbericht an die Dracs schicken.“
„Ich denke, das sind die Mechs wert, Onee-chan“, brummte Miko Tsuno beleidigt, die entsprechend ihrer Herkunft aus dem Kombinat recht stolz auf draconische Waffentechnik war.
„Natürlich, Miko-chan“, erwiderte Germaine grinsend. „Sonst hätte ich sie auch nicht genommen.
So, Herrschaften, das war der offizielle Teil. Feiern wir.“
Diese Anregung des Majors wurde freudig aufgenommen. Und sofort in die Tat umgesetzt.
Rebecca, die Geisterbärin, saß zwar an einem Tisch mit den anderen MechKriegern, aber es wirkte so auf Germaine, als würde sie irgendwo alleine sitzen, verloren sein.
Vielleicht bereute sie ihre Entscheidung schon, mit in die Innere Sphäre gekommen zu sein, und sei es nur für ein Jahr. Ihre Tech hatte diese Probleme nicht. Sie amüsierte sich unter den Freigeburten bestens.
Aber sie würde schon auflockern mit der Zeit. Der Tod von Jan Dupree ging ihr nahe, und sie hatte seinen Verlust noch immer nicht überwunden. Es würde noch Wochen dauern, bis sie zu jener arroganten Leichtigkeit zurückgekehrt war, unter der sie bei den Chevaliers gehasst und geliebt war.
Germaine beugte sich zu Manfred Scharnhorst herüber.
Der bemerkte die Bewegung sofort. „Germaine, wir müssen reden. Wenn wir einen Trinärstern aufbauen, muß ich einiges wissen. Soll der Elementarestrahl auf den OmniMechs mitreiten, also unter meinem Kommando geführt werden? StrahlCommander Rowan scheint da nichts gegen zu haben. Und ich brauche dringend noch ein paar gute Lanzenführer.
Miko ist jetzt gut genug für einen eigenen Flügel, aber ich will die Erkundungslanze nicht in ihre Hände geben. Noch nicht.
Und was die Kampflanze angeht…“
„Ich will, dass Rebecca die Stelle kriegt. Ich will, dass sie genau den Job macht, den Jan für uns gemacht hat. Ich will, dass sie in einem Jahr davonfliegt und unser MasterSergeant war.“
Manfred starrte den Freund an. „Weißt du, was du da gerade gesagt hast? Du willst Rebecca zur Lanzenführerin der Kampflanze machen? DIE Rebecca? Das verzogene Clansgör? Ist das dein Ernst?“
„Ja“, erwiderte Germaine trocken.
„Okay, daran habe ich auch schon gedacht. Aber wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist, säge ich sie wieder ab.“
„Gib ihr Mulgrew als Corporal zur Seite. Dann wird sie es schaffen. Immerhin hat Thore Vishio sie bei uns gelassen, damit sie die Zusammenarbeit mit Freigeborenen lernt, frapos?“
„Hey, das war ja perfekt ausländisch, Germaine. Wußte gar nicht, dass Du so gebildet bist.“
„Witzbold“, kommentierte Germaine grinsend. „Also machen wir es so. Den Chef der Erkundungslanze schreiben wir aus. Das wird ein Neuer machen müssen.“
„Darf ich ihn auswählen?“
„Vorsicht, alter Mann. Noch bin ich der Boß“, meinte Germaine und drohte gespielt mit dem Zeigefinger.
„Ja, da hast Du Recht, Germaine.“ In Manfred Scharnhorsts Augen blitzte es. „Noch.“
„Wie bitte meinst Du das?“ fragte Germaine in gespieltem Ernst.
„Na ja, wir haben jetzt so an die vierzehn Clanner in unseren Reihen. Rowan und seine Elis, Rebecca und ihre Tech, ein paar befreite Sklaven, die sich uns angeschlossen haben, SternCaptain Wolf, der ebenfalls bei uns bleiben wird… Hast Du dir schon überlegt, wo du ihn hinsteckst?“
„Ja. Er kriegt seinen eigenen Stern.“ „Moment, wenn ich mal nachzählen darf. Da wäre die Erkundungslanze. Dann die Kampflanze, die Rebecca haben soll. Und ich kommandiere die Kommandolanze. Soweit richtig? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du Wolf die Erkundungslanze geben willst.“
„Nein. Er kommt in die Kommandolanze. Aber er wird eine Untereinheit führen, welche die Elementare transportiert und koordiniert. Ich werde zwei ClansMechs dafür abstellen.“
„Verstehe. Wer hat mehr Erfahrung als Wolf in der Clanskriegsführung, ist aber zugleich kein Freigeborenenhasser? Gute Idee.“
“Ist ja auch von mir.“
Germaine erhob sich. „Entschuldige mich, ich brauche frische Luft. Schatz, hast Du Zeit?“
Belinda Wallace nickte und erhob sich.
Gemeinsam gingen sie vor die Halle. Über ihnen leuchtete der Sternenhimmel der Söldnerwelt.
„Habe ich alles richtig gemacht, Belinda? So viele sind gestorben. Und erneut stehen sie bereit, um unter meiner Führung zu sterben. Kann ich das? Darf ich diese Leute führen?“
„Dafür hast du mich aus der Feier gerissen? Um deinem Selbstmitleid zuzuhören?“ Ihr Tadel war mit gutmütigem Spott unterlegt.
„Verdammt, er fehlt mir, Belinda. Jan kann ich nie wieder ersetzen. Alle fehlen mir.
Der langsame Varrier, die lustige Marie, Sarrak, der Mann, der nicht in einen Heuschreck wollte.“
„Es werden neue kommen, Germaine. Neue, um die du dich sorgen wirst. Bisher hast du deine Aufgabe gut gemacht, sonst wäre ich nicht mehr hier. Und die anderen denken genau so, sonst wären sie auch nicht mehr hier. Mach dich nicht selbst verrückt. Du bist gut. Und du hast verdammt gute Leute da drin. Auch ohne Jan.“ Sie küsste Germaine auf die Wange.
„Und ich liebe dich, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte. Komm wieder mit rein. Wir wollen noch feiern, bevor das Training wieder los geht.“
„Nein, geh du nur. Du hast mich wieder aufgerichtet. Aber ich brauche noch ein paar Minuten.“
„Wie du meinst.“ Belinda Wallace küsste ihn auf den Mund und ging wieder hinein.
Germaine aber sah hoch zum funkeln der Sterne.
Seine Erinnerung kehrte zurück nach Wolcott…
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:31
„Und Sie wollen es sich nicht noch einmal überlegen, Thore Vishio?“
Der Clanner schüttelte unmerklich den Kopf. „Das Angebot ehrt mich, Germaine Danton. Ich wäre gerne ein Teil der Chevaliers. Aber ich befürchte, Sie müssen sich mit den Kriegern meines Clans zufrieden geben, die Ihnen bereits folgen.
Ich werde von hier aus zurück in das Dominium aufbrechen. Ich hoffe, ich habe dort immer noch einen Trinärstern zu führen oder erhalte die Gelegenheit, das Kommando zu verteidigen.
Und das verdanke ich Ihnen, Germaine Danton. Dadurch, dass wir gemeinsam siegreich waren und Dutzenden Solahma zu einem ehrenvollen Ende verholfen haben, überwiegt die Ehre die Schande der Piratenjagd. Erneut habe ich mich als fähiger Krieger erwiesen. Mit etwas Glück wird mir ein Positionstest um den Rang eines StarColonels eingeräumt.“
„Das sind gute Neuigkeiten.“ Germaine verbarg seine Enttäuschung hinter einem breiten Lächeln. Er streckte die Hand aus. „Es war eine Ehre, mit Ihnen zu dienen, Thore Vishio vom Clan Geisterbär.“
Der Bärenkrieger ergriff die Hand und drückte sie fest. „Es war eine Ehre, mit Ihnen zu dienen, Germaine Danton.“
Germaine ließ die Hand des Geisterbären wieder los und salutierte.
Thore Vishio erwiderte den Gruß, drehte sich auf dem Absatz um und ging zu dem Landungsschiff, das ihn ins Dominium zurück bringen würde. Sein Masakari, der Katamaran und die Ausrüstung war bereits an Bord. Germaine wusste aber, dass MeisterTech Nagy vorher noch etliches von den großzügigen Vorräten der OmniMech-Technologie im Tausch ergattert hatte.
Die von ihnen eroberten ClansMaschinen würden somit noch lange einsatzbereit bleiben. Das Bergegut der Piraten tat ein übriges. Auch hier hatte sich die Einheit an ClanTech gut bedient.
Germaine drehte ebenfalls auf dem Absatz um und ging zurück zu den beiden kleinen Lagerhallen, die den Chevaliers erneut als Ersatzkaserne dienten, wie schon beim ersten Mal auf dieser Grenzwelt vor nicht einmal drei Monaten.
War es wirklich schon vorbei? Hatten sie Kenda tatsächlich so schnell besiegt? Die VSDK hatten in ihren Analysen einen mindestens einjährigen Feldzug gegen die Ronin vorausgesagt.
Die ISA hatte in ihren Dossiers sogar Unterstützung für die Söldner gefordert, um Kenda einzukreisen.
Der Wachtposten salutierte vorschriftsmäßig, etwas zu zackig. Sein Gesicht wirkte verhärmt. Er hatte zu jenen Sklaven gehört, die von den Chevaliers befreit worden waren. Daraufhin hatte er sich den Söldnern angeschlossen. Ein Zuhause, in das er zurückkehren konnte, gab es nicht für ihn. Sie, die Chevaliers waren jetzt seine Heimat. Der ehemalige Milizionär war nur einer von gut dreißig Leuten, welche versuchten, die gröbsten Lücken zu füllen, die Kendas Ronin gerissen hatten.
„Na, Jensen, wie gefällt es Ihnen bei uns?“ fragte Germaine beiläufig. Er klopfte seine Felduniform ab und förderte ein Päckchen Zigaretten zutage. Er selbst rauchte nur Zigarren, ab und an, aber es hatte sich sehr bewährt, bei Gelegenheit eine Zigarette ausgeben zu können.
Ein kurzes Blitzen in den Augen zeigte Jan Jensens Überraschung, vom Major, vom Alten angesprochen zu werden. Nach kurzem Zögern griff er nach der angebotenen Zigarette. Germaine kramte ein altes zerbeultes Sturmfeuerzeug hervor und zündete das Tabakröllchen an.
„Gut, Sir. Danke für die Chance.“ Jensen inhalierte den Rauch. Als er ausatmete, war vom blauen Dunst nichts mehr zu sehen.
Danton machte eine abwehrende Handbewegung. „Sie sind erste Wahl, Jensen. Infanterieausbildung in der Miliz, MechAbwehr und dergleichen. MacLachlan muss Ihnen nicht erst beibringen, was Sie zu tun haben.“
Der Rasalhaager nickte bedächtig. „Es sind verdammt viele Infanteristen gestorben. Um mich zu befreien.“ Jensen grinste. „Nicht, dass sie gewusst haben, wer ich bin oder extra wegen mir gekommen wären.
Aber sie haben mich befreit. Und sie sind dafür gestorben. Ich fühle mich verpflichtet, zumindest zu versuchen, diese Lücke zu füllen, Sir.“
„Sie machen das gut, Jensen.“ Germaine klopfte dem Private auf die Schulter. „Weiter so, und Sie werden PFC. Und ich rede mal mit Peterson, ob Sie nicht in die Unteroffizierslaufbahn einschwenken können.“
Germaine klopfte dem Soldaten noch einmal auf die Schulter und ging in die Halle.
Sein Blick ging über die Mechs, die hier aufgestellt waren. Von der ehemaligen Kampflanze war nur noch der Kampffalke übrig, den Manfred Scharnhorst geführt hatte, als er zur Einheit gestoßen war. Die anderen Mechs, der Fangeisen, die Valkyrie und der Heuschreck waren vernichtet worden. Nur Miko-chan hatte das Ende ihres Mechs überlebt. Christian Sarrak und Jason Varrier waren in ihren Maschinen gestorben. Bis heute wusste Germaine nicht, wieso. Waren sie zu nahe dran gewesen? Hatten sie zu wenig aufeinander geachtet? Oder hatte Sarrak den Heuschreck mit einem SturmMech verwechselt?
Nein, das war zynisch gedacht. Letztendlich lag der Fehler wohl an seiner eigenen Strategie. Die leichten Maschinen waren für den Hinterhalt einfach nicht gebaut gewesen. Sie hätten auf dem Hang bleiben und den Gegner mit Entfernungsfeuer eindecken sollen. Anstatt ihn frontal zu attackieren.
Der Major vertrieb die unnützen Gedanken. Daneben erhob sich der Thor. Sein Thor. Sein Thor, den er Clan Jadefalke abgenommen hatte. Am rechten Arm wurde immer noch gearbeitet. Unter dem Cockpit stand nun ein anderer Name. Manfred Scharnhorst.
Daneben erhob sich der Tomahawk von Decius Metellus. Der Marianer hatte eindeutig bewiesen, wie man das Titanstahlbeil und die Sprungdüsen gekonnt einsetzte.
In der Regel galt das Beil als Schwachpunkt der Maschine. Zu viele Piloten waren zu voreilig und versuchten die Waffe in einem Nahkampf einzusetzen, den sie nicht gewinnen konnten. Wer aber wie Metellus warten konnte, der konnte die Waffe sehr effektiv nutzen.
Der Dunkelfalke von Eleni Papastras war so gut wie wiederhergestellt. Mit Hilfe des zerstörten Greifs hatten die Techs den Mech wieder hochgepäppelt. Germaine mochte das Design des Dunkelfalken. Er würde es niemals laut aussprechen. Aber der Dunkelfalke war sein LieblingsMech. Der Quasimodo daneben brauchte hingegen noch etliche Reparaturen. Die Reaktorabschirmung war hinüber, die Torsopanzerung vorne bestand nur noch aus Resten. Die Hauptwaffe, die großkalibrige Autokanone, welche dem Mech die Illusion eines Buckels bescherte, musste ausgewechselt werden. Am Besten wäre ein Feldumrüstpack gewesen, um den Quasimodo mit einem Gaußgeschütz auszurüsten.
Aber diese Liga-Spielereien konnten frühestens auf Outreach besorgt werden. So lange galt der Mech als nicht bereit.
„Zumindest die KommandoLanze ist noch komplett.“
Auch die Kampflanze hatte schwer gelitten. Jan Duprees Greif war nicht mehr zu retten gewesen. Die interne Struktur war so schwer beschädigt worden, dass er nur noch zum ausschlachten getaugt hatte.
Den Schütze von Marie Wennerstein hatte es ebenso böse erwischt.
Nachdem der Mech in der ersten Schlacht mit den Ronin schon ausgefallen war, hatte das CASE die gröbsten Schäden zwar verhindert. Aber er hatte Mikrobrüche zurückbehalten, welche sich als frappierende Schwäche herausgestellt hatten, als Kenda selbst den Schütze mit ein paar Gaußtreffern vernichtet hatte. Das CASE hatte versagt und bevor Marie den Schleudersitz hatte betätigen können, war sie in der Explosion, die auch noch den Reaktor erfasst hatte, umgekommen. Diesmal war nicht viel mehr vom ArtillerieMech geblieben als ein paar Tonnen Panzerung, die untere Rumpfhälfte und ein Arm.
Etwas besser sah da schon der Marodeur von Damien Mulgrew aus. Er hatte die Schlacht leidlich überstanden und war wieder einsatzbereit. Mit Hilfe des neuen Feuerleitcomputers hatte der Mann aus der Peripherie mächtig ausgeteilt und seinem Callsign Sniper alle Ehre gemacht. In Gedanken machte sich Germaine eine Notiz, prüfen zu lassen, ob die Autokanone nicht gegen ein Gaußgeschütz getauscht werden konnte.
Eric Steins Kriegsbeil sah schon schlimmer aus. Germaine war drauf und dran, dem Jungen einen der BeuteMechs anzubieten und diesen hier zu verkaufen. Das hieß, falls er bei den Chevaliers blieb. Eric war der Einheit beigetreten und hatte gesagt, nie wieder ein Kommando führen zu wollen. Bereits einmal hatte er eine ganze Lanze verloren. Nun hatte es seine Flügelfrau erwischt. Germaine konnte es verstehen, wenn der große Schlacks den Neurohelm ein für allemal an den Nagel hängte.
Nun, die Zeit würde zeigen, ob Eric mit dem Tod Maries zurecht kam. Der Chevalier wollte Steel, wie sein Callsign lautete, nur ungern verlieren.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:34
Direkt daneben stand der Großtitan von Yamamoto-kun. Der Verbindungsoffizier des VSDK hatte in der letzten Schlacht als erster aussteigen müssen. Entsprechend gerupft hatte sein Schwerer Mech auch ausgesehen. Aber auf Befehl Germaines hatte die Reparatur des Großtitans Priorität gehabt. Spätestens auf Luthien, wenn Yamamoto-kun sie wieder verließ sollte der Mech einsatzbereit sein.
Die Beutemaschinen schlossen sich nahtlos an.
Der Kriegshammer IIC war soweit ebenfalls wieder hergerichtet worden. Zum Teil dank der Nachschubgüter Thore Vishios.
Auf der linken Brust prangte bereits die braune Cartoonmaus der Chevaliers. Auf der rechten Seite hingegen war unübersehbar das Symbol Clan Geisterbärs angebracht worden. Rebecca hatte keine Zeit verschwendet, um ihren neuen Mech in Besitz zu nehmen. Seit sie gestartet waren, hatte die Clannerin mit ihrer Tech Schicht um Schicht geschoben, um den Kriegshammer einsatzbereit zu bekommen. Nachdem das gelungen war, hatten die beiden begonnen, den Mech umzulackieren. Als der Lack getrocknet war, hatten die zwei ihn poliert. Es war geradezu eine Besessenheit. Aber er demonstrierte eindrucksvoll Rebeccas Anspruch auf diese Maschine.
Der BeuteMaro hingegen war noch immer das Wrack, als dass die Chevaliers ihn auf dem Schlachtfeld geborgen hatten. Die Reparatur lohnte sich laut dem MeisterTech, würde aber immense Kosten verursachen.
Dennoch war ein Marodeur, belegt mit dem Nimbus der Unbesiegbarkeit, in jedem Fall eine Verstärkung. Selbst wenn er wie dieses Exemplar noch mit StandardTech ausgerüstet war.
Auf der Prioritätenliste stand er jedenfalls ganz unten. Dennoch wollte Germaine auf die Reparatur bestehen. Zusammengeflickt verkaufte er sich einfach besser.
Der Hatamoto-chi daneben sah wesentlich besser aus. Dieses Prachtstück draconischer Ingenieurskunst würde einen festen Platz in den Reihen der Chevaliers erhalten. Vielleicht würde sich Eric Stein für diesen Mech begeistern lassen.
Es war einen Versuch wert.
Der Fenris, ein ClanOmni, war bereits lange schon wieder einsatzbereit. Er war den Chevaliers bereits bei der Schlacht auf Thule im Flussbett in die Hände gefallen. Aber Germaine und auch Manfred Scharnhorst hatten nicht ohne zwingenden Grund einen Piloten von seiner eigenen Maschine abziehen wollen und in einen Mech setzen, auf dem er nicht trainiert hatte. Allerdings würde der Fenris ebenso wie der Drac-Mech zur neuen Einheitsaufstellung der Chevaliers gehören.
Was mit dem Derwish IIC geschehen sollte, wusste der Major ehrlich gesagt noch nicht. Der Secondliner war vollgestopft mit ClanTech und den Chevaliers recht glücklich in die Hände gefallen. Die Reparaturen waren weitestgehend abgeschlossen. Der Mech würde sich vielleicht als Ersatzmaschine für Miko-chan eignen. Aber das war eine Entscheidung, die Germaine noch nicht treffen wollte.
Der Großdracon hingegen stand klar auf der Verkaufsliste. Die Technik war veraltet, die Panzerung machte nicht viel her. Und durch etliche Schäden in den Waffen war die Reparatur beinahe noch unrentabler als für den explodierten Schütze.
Der kleine Panther hingegen – Germaine spürte, wie sich seine Nackenhärchen aufrichteten. Der Pilot dieser Maschine hatte ihn abgeschossen. Ihn. Er konnte von Glück sagen, dass er noch lebte. Dieser Panther hatte etwas. Er war klein und gemein. Vorerst setzte der Major diesen Mech in Gedanken auf die Reserveliste.
Die Arbeiten an ihm waren fast abgeschlossen.
Der letzte Mech war der Kriegshammer. Auch ihn umfloss der Nimbus der Unbesiegbarkeit. Der ultimativen Bedrohung. Ein Kriegshammer gehörte zu den wenigen StandardMechs der Inneren Sphäre, die es mit einem fähigen Piloten durchaus mit einem gleich schweren ClanMech aufnehmen konnte.
Was würde das für eine mächtige Lanze abgeben. Kriegshammer IIC, Kriegshammer, Hatamoto-chi, Marodeur. Hm, nein, da fehlte noch etwas mit durchschlagender Artillerie.
Sicher, sie würden nicht alle Mechs behalten. Alleine schon wegen den Unterhaltungskosten für aktive Maschinen. Und wegen der Preise, die sie für die Verkäufe erzielen würden.
Denn so großzügig die Vertragsbedingungen des VSDK auch waren, wer konnte sagen, ob der nächste Auftrag ähnlich lukrativ war? Ein dickes Geldpolster konnte durchaus nicht schaden.
Und dann waren immer noch die Abfindungen für die Hinterbliebenen der Gefallenen…
Germaine seufzte leise. Wenigstens diese Arbeit hatte er hinter sich. Briefe an die Hinterbliebenen zu schreiben. Briefe, denen Zahlungsanweisungen in durchaus großzügiger Höhe beilagen. Was für den Tod eines Freundes, Sohnes, Tochter oder nahen Verwandten kaum ein Trost sein würde.
„Ah, Peterson.“ Germaine winkte den InfanterieOffizier zu sich heran. Cliff Peterson hielt den rechten Arm eng am Körper. Zwar durfte er auf den Verband verzichten, aber die Wunde, verursacht durch einen angeschliffenen Klappspaten, war noch nicht vollkommen verheilt.
Was den Rasalhaager nicht daran hinderte, sich wieder in seine Arbeit zu stürzen.
„Sir? Kann ich was für Sie tun?“
„Wie machen sich Rowan und seine Rebellen denn so?“
„Hm. Gute Frage. Ob Sie es glauben oder nicht. StrahlCommander Rowan und seine Elementare fügen sich sehr gut ein. Keine Streitereien, keine Kreis der Gleichen-Rituale. Nur freundliche Sticheleien und gemeinsames Training.“
„Gemeinsames Training, hm. Gewöhnen Sie sich nicht zu sehr an die fünf Riesen. Captain Scharnhorst und ich haben da noch etwas vor mit ihnen. Wie macht sich StarCaptain Wolf so?“
„Sie meinem Mr. McHarrod? Jetzt wo er wieder in der Inneren Sphäre ist, hat er seinen alten Nachnamen wieder angenommen. Nun, er trainiert viel mit der Infanterie. Seine Kondition ist noch immer lausig. Aber das kriegen wir schon wieder hin. Vergessen Sie nicht, er war ein halbes Jahr Gefangener der Ronin. Ein Wunder, dass er so lange überlebt hat.
Sie sehen ja, was mir passiert ist. Wie müssen die Ronin dann mit Leuten umgegangen sein, die nicht zurückschießen können?“
„Das will ich gar nicht wissen. Machen Sie weiter so, Cliff. Ach ja, haben Sie schon was gehört? Ob uns einige Ihrer Leute auf Outreach verlassen wollen?“
„Sir?“ „Hören Sie, wir werden nach jedem Ende einer Mission jedem Soldaten, Tech und Offizier freistellen, die Chevaliers zu verlassen. Es gibt nichts schlimmeres als unwillige Soldaten zu befehligen. Nein, etwas schlimmeres gibt es. Unwillige Offiziere zu haben, die willige Soldaten drangsalieren.“
„Da stimme ich zu, Sir. Aber nein, ich habe nichts derartiges gehört. Ich werde mal meine Unteroffiziere fragen.“
„Danke, Cliff. Sehen Sie zu, dass es so wenig wie irgend möglich sind. Wir brauchen jeden Veteranen.“
„Ja, Sir.“ Peterson nickte und nahm seinen Weg durch die Halle wieder auf.
„Und, Germaine“, murmelte der Chevalier im Selbstgespräch, „bist du zufrieden? Die Einheit gibt es noch, du hast die bösen Ronin besiegt und selbst kaum Verluste gehabt. Läßt sich alles auf Outreach wieder gerade bügeln.
Verdammt. Kenda-kun, du Narr. So weit hätte es nicht kommen müssen. Du hättest da draußen nicht sterben müssen.“
Die Einheit war versorgt. Der Weg nach Luthien fest gebucht. Die Passage nach Outreach würde diesmal aber eher nicht als Kommandostrecke verlaufen. Ihm blieb nur noch eines zu tun. Eines, was er vor sich hergeschoben hatte, die ganzen Tage und Wochen.
Er würde noch einen Brief schreiben. Einen letzten Brief an Anatoli Kendas Familie. Er würde schreiben, wie der ehemalige Offizier des 9. Pesht-Regiments gestorben war.
Stolz und tapfer bis zum Schluß.
„Willst du den Gewissen damit beruhigen? Braver Germaine. Sie wird den Brief nicht einmal annehmen. Und wenn sie es doch tut, wird sie es als Verhöhnung empfinden. Vielleicht mietet sie ein paar Nekekami an, um dich umbringen zu lassen. Es ist eine Schnapsidee.
Aber du alter Hund kannst eben nicht aus deinem Pelz.“
Seltsamerweise amüsierte ihn dieser Gedanke.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:34
Am Morgen nach der Feier lag der Kasernenhof ruhig im Schein des frühen Morgens hier auf Outreach. Für die Chevaliers schien wieder einmal die Sonne zu scheinen, in vielerlei Hinsicht.
Germaine Danton lächelte bei diesem Gedanken, trotz des Katers, der ihn marterte.
Es war ja auch eine Schnapsidee gewesen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit dem Father auszutesten, was denn nun besser war, Whisky oder Cognac.
Jedenfalls hatten sie zu zweit beide Flaschen geleert. Und Germaine fragte sich unwillkürlich, ob er nicht eigentlich mit Alkoholvergiftung im Lazarett liegen müsste.
War er damit bereits das, was man in Armeeeinheiten hinter vorgehaltener Hand einen „Vielnutzer“ nannte?
Er beschloss, diese bedenkliche Entwicklung im Auge zu behalten.
Die Einheit brauchte einen Kommandeur, der permanent in der Lage war, sie zu führen. Nicht mehr und nicht weniger.
Germaine betrat die Kantine der Chevaliers in ihrer angemieteten Kaserne. Der Chefkoch Leon Decheveux kam sofort um die kleine Essensausgabe herum und rief ein volltönendes „Bonjour, mon Majeur. Quel plaisier pour ma Cuisine.“
Der Ton war etwas laut, fand Germaine. Ein leichter ziehender Kopfschmerz durchzuckte ihn. „Bonjour, Leon“, begrüßte er den Mann mit Vornamen. Ebenso wie er selbst gehörte der Chefkoch zum kleinen Stamm Soldaten und Hilfspersonal, die von der Auflösung der alten Söldnereinheit, Team Stampede übrig geblieben war. Sie beide kannten sich schon seit Jahren. Sie begegneten einander mit Respekt für die Arbeit des anderen.
„Kaffee? Nous avons trois choises nouveau, mon Majeur. Une est directement de New Syrtis, un arrangement de Sergeant Decaroux et Monsieur le Capitaine al Hara ibn Bey.“
Lachend hob Germaine die Arme. „Langsam, langsam, Leon. Mein Französisch ist ganz schön eingerostet. Ich rede zuviel deutsch und englisch und habe zu wenig Gelegenheit, la Mélodie zu sprechen, D´accord?“
„Aber Sie `aben es noch nicht verlernt, mon Majeur. Assievez-vous, s´il vous plait. Den Kaffee von Syrtis, oui ? Dazu vielleicht eine Croissant avec Erdbeermarmelade und frischer Bütter?“
„Oui, merci, mais le Café noir, s´il te plait, Maitre.“
Während der Chefkoch sich aufmachte, das leichte Menu zusammenzustellen, ließ der Major seinen Blick über den Speisesaal schweifen.
Unter den Gästen waren auch die Lieutenants Sleijpnirsdottir und Slibowitz. Die Stuka-Pilotinnen waren beide beim Kommandoüberfall auf ihr Lager verletzt worden. Aber genau wie ihre Maschinen, denen Splitterhandgranaten im Cockpit gar nicht gut getan hatten, waren sie wieder zusammengeflickt worden und nun besser denn je.
Germaine wusste, dass die beiden auf einem Trainingsareal Zeit für Bodenkampfübungen gemietet hatten. Er duldete es, weil er wusste, wie sehr es Sarah und Christine wurmte, verletzt worden zu sein und nichts zur Unterstützung der Einheit in der entscheidenden Schlacht beigetragen haben zu können.
Auch einige Infanteristen waren anwesend. Sie würden die Tageswache übernehmen. Zwei von ihnen waren befreite Sklaven.
Germaine erkannte Jan Jensen. Laut MacLachlan bestand die Möglichkeit, ihm in naher Zukunft einen eigenen Trupp anzuvertrauen, falls der Junge nicht unter Druck zusammenbrach. Bisher verhielt er sich mustergültig, neigte nicht zum Ärger, hatte das Trauma der Sklaverei bisher gut verarbeitet. Einige Dutzend Gespräche mit dem Father kamen hinzu, die ihm und den anderen halfen, diese Erinnerungen ad acta zu legen.
Aber es bestand dennoch die Gefahr, dass er im Kampfeinsatz versagte. Solange Big Mac sich da nicht sicher war, würde Peterson dem Mann nicht die Leben seiner Kameraden überantworten.
In einer stillen Ecke saß Wolf McHarrod. Der MechKrieger hatte in einer Söldnereinheit gedient, war von Clan Geisterbär aufgenommen worden und hatte sich mühsam seinen Weg zurück in den Touman gekämpft. Letztendlich war er sogar, ohne die Chance, je einen Blutnamen zu erwerben, in den Rang eines StarCaptains aufgestiegen und hatte einen Trinärstern befehligt.
Germaine fand es schade, dass er dem überlegten Mann mit der eisigen Miene nicht das gleiche Kommando einräumen konnte. Die Erfahrungen des altgedienten Offiziers lagen so einfach brach.
Aber es konnte nur einen Major geben, und das war er selbst, nicht McHarrod.
Andererseits hatte sich Wolf nicht beklagt und zeigte sich mit der Entscheidung, die Elementare in die kommenden Schlachten zu tragen, mehr als zufrieden.
Immer noch besser, als zum Kinderbetreuen zu den GeschKos abkommandiert zu werden, war sein Kommentar gewesen.
Vor Wolf lagen Konstruktionspläne. Anscheinend ging der ehemalige Geisterbär die Möglichkeiten durch, Haltevorrichtungen an den Mechs der Kampflanze anzubringen. Vor ihm stand ein Teller mit Eiern und Speck satt, daneben ein großer Becher, aus dem dünner Dampf aufstieg.
Wie konnte man am frühen Morgen nur so etwas essen?
Germaine zog einen Notizblock aus der Tasche. Er hatte selbst Arbeit zu erledigen.
Heute würden die ersten Castings anstehen. Soldaten würden vorsprechen und sich für die freien Stellen in der Einheit bewerben.
Einige der Bewerbungen lagen bereits schriftlich vor. Es waren einige gute Leute dazwischen, fand der Major. Aber es war niemand dabei, dem er die Erkundungslanze angeboten hätte.
Erfahrene Leute, Anfänger. Aber Soldaten mit Kommandoerfahrung fehlten.
Woran lag das? Die Einheit war gerade erst in der Dragonerbewertung aufgestiegen, besaß eigene Mechs und sogar ClanTech. Eigentlich musste das Angebot die entrechteten MechKrieger anziehen wie das Licht die Motten.
Andererseits konnte es auch sein, dass etwas vom ersten Auftrag der Chevaliers durchgesickert war. Defacto hatte die Einheit Piraten im Clanraum gejagt. Aber man konnte es natürlich auch so interpretieren, dass sie für Clan Geisterbär gearbeitet hatten.
Na, zumindest hatten sie mit Einheiten dieses Clans Seite an Seite gekämpft. Wenn Germaine unter diesen Gesichtspunkten daran dachte, dass sich Gerüchte schneller ausbreiteten als eine HPG-Nachricht über einen Alpha-Generator, konnte er verstehen, warum einige Bewerbungen hier zu fehlen schienen. Die meisten MechKrieger kämpften eben lieber gegen als mit den Clans.
Germaine dankte artig, als der Meisterkoch das Frühstück neben ihm abstellte. Es hatte Vorteile, der Chef zu sein.
So sah es also aus. Aus dem, was die Chevaliers kriegen konnten, musste er nun das beste heraussuchen. Das bedeutete aber nicht, dass er jedes Wrack mit Kampferfahrung einstellte.
Unter diesen Gesichtspunkten waren ihm junge Leute, die noch formbar waren sogar lieber.
Ganz obenauf stand der Name Marvin Mayhem. MechPilot, entrechtet. Hatte bei verschiedenen Einheiten gedient, war anpassungsfähig und loyal. War nun ohne Anstellung, weil sich seine letzte Einheit aufgelöst hatte. Ihm ging es in Prinzip ebenso, wie es vor nicht einmal einem halben Jahr Germaine und Team Stampede gegangen war. Nur dass der Mann aus der Isle of Skye keine eigene Einheit hatte gründen können.
Vor den Namen schrieb Germaine eine kleine eins. Das erste Gespräch für heute.
James Bishop hieß der nächste Kandidat. Er stammte aus der Liga Freier Welten. Und war Pionier. Na, der kam ja wie gerufen. Dabei hatten die Chevaliers die Ausschreibung nach einem Pionieroffizier noch gar nicht ins Wolfsnetz gestellt.
Der Mann hatte Kampferfahrung, hatte Leute geführt und brachte einiges an Ausrüstung mit.
Vor diesen Namen kam eine kleine zwei. Das zweite Gespräch für heute.
Der nächste Name war Jara Fokker. Recht jung, leidliche Kampferfahrung, brachte einen eigenen ClanMech mit, den sie selbst abgeschossen hatte.
Ihre Pilotenfähigkeiten wurden mit leidlich umschrieben. Aber konnte jemand mit leidlichen Fähigkeiten einen ClanMech erbeuten? Wenn ja, hatte die junge Frau Glück. Und Glück war genau das, was diese Einheit brauchte.
Vor ihren Namen kam eine große, leuchtende drei.
Die nächste Bewerbung waren eigentlich fünf.
Die berühmte Alle oder keine – Bewerbung.
Sie betraf das Angebot an einer MedEvac-Crew nebst Helikopter.
Ein kleines Kürzel auf der Seite informierte Germaine darüber, dass sich die Besatzung des Helis auf Bitte von Stabsärztin Belinda Wallace bewarb. Auch die offizielle Ausschreibung nach einem Rotkreuzheli war noch nicht ins Web gestellt worden.
„Soso, Captain Andrew Malossi und Crew. Scheint so, als würden Sie auf der Wunschliste meines Arztes ganz oben stehen. Hm, eigener Helikopter, eingespieltes Team. Das sieht doch wirklich gut aus. Wenn Ihre Gehaltsvorstellungen noch stimmen, tragen Sie bald das Wappen der Chevaliers auf Ihrem Hubschrauber.“
Vor die fünf Namen kam eine kleine vier. Vorsichtshalber verlegte er das Gespräch auf den frühen Nachmittag. Germaine wollte sie alle zugleich empfangen. Je nachdem, wie sie bei der Bewerbung zusammenspielten, wollte sich der Major entscheiden.
Seufzend legte er den Block weg und widmete sich seinem Frühstück. Zusammen mit dem Papierkram würde ihn diese Arbeit den ganzen Tag kosten.
Aber der Kaffee war wirklich gut.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:35
Der Tag hatte so schön begonnen. Die Chevaliers hatten ihr erstes militärisches Abenteuer überlebt – die meisten zumindest – sie hatten reichlich Beute gemacht und ihren Leumund verbessert.
Das Frühstück hatte hervorragend geschmeckt, der Kaffee war einfach wundervoll und Cindy begrüßte den Chef der Chevaliers mit einem freundlichen Nicken und einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand.
„Der erste Termin steht um elf. Marvin Mayham“, informierte sie Germaine kurz.
Dankbar nahm der Chevalier die Tasse entgegen. „Soll gleich reinkommen, wenn er da ist.“
Germaine betrat sein Büro.
Zwei Personen erwarteten ihn bereits. Er nickte beiden zu und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
„Meine Herren, beginnen wir. Wie Sie wissen, beginnen heute die offiziellen Gespräche für die Einstellungen. Wie mir um tausend Ecken mitgeteilt wurde, ist das Interesse an Stellen bei den Chevaliers eher spärlich. Wir werden nehmen müssen, was wir kriegen können.
Und ehrlich gesagt will ich eher junge Leute anwerben, die wir selbst ausbilden können, anstatt knorrige Veteranen zu nehmen, die wirkliche Söldner sind.
Wir haben die Kenda-Kampagne mit erstaunlich wenigen zivilen Opfern hinter uns gebracht. Und unsere Beute war reichlich. Dies alles wird langfristig zu einem sehr guten Ruf der Chevaliers führen. Ich will es nicht damit verderben, weil wir einen Soldaten in unseren Reihen haben, der auf ausgestiegene Piloten schießt oder tritt.
Manfred, ich werde dir die Piloten nach dem Vorstellungsgespräch sofort runter schicken. Wir können nicht wählerisch sein, deshalb wirst du das Beste aus dem machen, was ich dir schicke.“
Captain Manfred Scharnhorst nickte. „Also eigentlich wie immer.“
Captain Cliff Peterson grinste. „Nur keinen Sarkasmus. Deine Teileinheit hatte keine vierzig Prozent Totalausfälle.“
„Das gleiche gilt für Sie, Cliff. Ich habe heute ein Vorstellungsgespräch mit einem Liga-Veteranen. Pionieroffizier. Wenn ich ihn davon überzeugen kann, dass wir eher Brücken bauen statt sie zu sprengen, nehme ich ihn als First Lieutenant an und lasse ihn einen eigenen Zug aufbauen. Wie besprochen wird er unter Ihnen dienen. Geben Sie ihm die gleiche Chance, die ich Ihnen gegeben habe. Hat sich ja prächtig bewährt.“
Unwillkürlich schielte Peterson auf seine neuen Rangabzeichen. „Ja, Sir. Das stimmt allerdings.“
Manfred kommentierte: „Dem einen seinen Sarkasmus, dem anderen seine Selbstbeweihräucherung.“
„Komisch, ich war doch gar nicht sarkastisch“, konterte Peterson.
„Wie dem auch sei“, beugte Germaine einem längeren Schlagabtausch zwischen den beiden freundlich rivalisierenden Offizieren vor, „ab heute ist der Schönheitsschlaf für die Einheiten vorbei. Ich will, dass Ihre Kompanie mit der Aufteilung beginnt, Cliff. Diese Leute sollen das Grundgerüst darstellen, mit dem wir die Kompanie aufbauen. Außerdem will ich, dass die Leute trainieren. Wir haben eine Menge neuer Erfahrungen aus dem Feldzug mitgebracht. Verbessern Sie die Nahkampffähigkeiten jedes Chevaliers, der dafür bezahlt wird, eine Waffe zu tragen. Erhöhen Sie die Erste Hilfe-Kenntnisse. Lassen Sie so viele freiwillige Chevaliers wie möglich eine umfassendere Sanitätsausbildung durchlaufen. Das Schießtraining gilt ab sofort für jeden Chevalier. Ich will, dass keiner unter hundertsechzig liegt.
Und ich will, dass das Zusammenspiel zwischen den Einheiten noch besser klappt. Wir haben jetzt Elementare und die Panzer werden auf eine Kompanie erweitert. Da müssen wir üben, üben, üben.
Ach, Manfred, Cliff, unterlasst bitte diese Spielchen wie das letzte Mal, als Ihr die Erkundungslanze auf den ersten Trupp angesetzt habt, ja?“
Die beiden Captains grinsten sich an. „War das ein Befehl, Sir?“
„Es war eine Inspiration, meine Herren. Und jetzt gehen Sie gefälligst Ihre Leute schleifen.
Ach, noch etwas. Es kann sein, dass der eine oder andere Rekrut seine Familie mitbringt. Sollte das der Fall sein, will ich, dass wir dafür eine Lösung ausarbeiten.“
„Familien, Germaine?“ Scharnhorst runzelte die Stirn. „Da kann man ja nur hoffen, dass uns der Arkab tatsächlich noch ein drittes Landungsschiff besorgen kann.“
„Al hat mich bisher noch nie enttäuscht“, erwiderte Germaine. „Sie können wegtreten.“
Die beiden Soldaten salutierten und verließen das Büro.
„Cindy, ich würde gerne wissen, warum Lieutenant Dolittle und die Kapitäne al Hara und Ito nicht bei der Besprechung waren.“
„Also, Patrick hat vorhin durchgerufen, er ist da irgend was an seinem Panzer flicken. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, will er entweder einen Atomreaktor installieren oder eine neue Kühlleitung austesten.
Was Ito und al Hara angeht, die haben eine Nachricht hinterlassen, dass sie die Reparaturarbeiten an der BOREAS überwachen. Scheint eine kritische Phase zu sein. Da wollen sie dabei sein. Falls es zu Fehlern kommt, kennen Sie eventuelle Schwachstellen sofort.“
„Hm. In Ordnung. Wann kommt Doc Wallace zurück?“
„Sie sagte, die Aufstockung des Personalbestandes erfordert zwei neue FeldOPs. Für die Auswahl hat sie den ganzen Tag veranschlagt.“
„Mist.“ Soweit zum romantischen Mittagspicknick.
„Germaine, die Herren Mayhem und Bishop sind jetzt hier.“
„Schon? Gut, schicken Sie Mr. Mayhem rein.“
Die Tür öffnete sich. Ein magischer Moment. Germaine hielt viel vom ersten Eindruck, den ein Mensch machte. So wurde der erste wirkliche Eindruck etwas besonderes, selbst wenn man Fotos der Person kannte.
Der Mann, der eintrat, war einen halben Kopf kleiner als er selbst. Aber er wirkte massig. Um nicht zu sagen, fett.
Andererseits war sein Grinsen ehrlich und sein Händedruck fest, sehr fest.
„Setzen Sie sich bitte, Mr. Mayhem.
Aus Ihren Bewerbungsunterlagen entnehme ich ein paar interessante Details. Sie sind entrechtet. Ihre alte Einheit hat sich aufgelöst und alle Mechs verkauft. Hm, das ist Pech.
Hm, LAS, gute Bewertungen Ihrer Kommandeure. Dann der abrupte Rauswurf.
Wechsel nach Outreach. Dienst in den verschiedensten Söldnereinheiten.
Hm, Sie haben ja so ziemlich alles geritten, nur keine SturmMechs.
Selbst die Bewertungen der Söldnereinheiten sind recht gut.
Sagen Sie, warum hat die LAS einen guten Soldaten wie Sie gehen lassen?“
Marvin Mayhems Lächeln erstarb. „Gutes Gedächtnis, Sir.“
„Bitte, was?“ „Na, gutes Gedächtnis, Sir. Sie erinnern sich doch an das Jahr, in dem Archon Melissa Steiner-Davion diesem Bombenattentat zum Opfer fiel.
Damals hatte sich Lady Katherine gerade in Katrina umbenannt.
Nun, als ich das hörte, sagte ich spontan: Es gibt nur eine Katrina.
Das hat mein Kompaniechef gehört.
Als sich der lyranische Teil dann losgesagt hat und das Militär versuchte, sich von Soldaten mit Vereinigten Commonwealth-Gesinnung zu trennen, fiel ihm dieser Spruch wieder ein.
Also wurde mir nahegelegt, meinen Abschied zu nehmen, da ich Archon Katrina gegenüber nicht loyal genug war.
Sie sehen, ein gutes Gedächtnis ist nicht immer von Vorteil.“
Germaine grinste dünn. „Und wie stehen Sie zu der Dame? Ich meine abgesehen davon, dass Ihnen ihre Namensänderung nicht gefällt.“
Mißtrauisch beäugte Mayhem den Major. „Wieso, Sir? Werden die Chevaliers einen Auftrag der Lyranischen Allianz annehmen?
Ich kann Sie beruhigen. Lady Katherine und der Bürgerkrieg sind mir egal. Nur meinen Kompaniechef würde ich gerne mal vor die Rohre kriegen…“
Germaine lachte auf. „Gute Antwort. Und nein, wir haben noch keinen Kontrakt abgeschlossen. Das tun wir erst, sobald die Einheit wieder auf Sollstärke ist.
Ich stelle Sie ein, Mr. Mayhem. Sie kommen im Rang eines Corporals zu uns. Auf welchen der freien Mechs Sie kommen, entscheidet Ihr neuer direkter Vorgesetzter, Captain Scharnhorst. Willkommen bei den Chevaliers.“
Marvin Mayhem ergriff die dargebotene Hand des Majors und schüttelte sie. „Danke, Sir.“
„Ach, lassen Sie sich den Weg zum Quartiermeister und zur Kleiderkammer erklären. Sie erhalten einen neuen Satz Uniformen und dergleichen. Und bitte schicken Sie den Nächsten rein.“
Mayhem strahlte. „Selbstverständlich, Sir.“
Der dickliche Mann verließ das Büro. Germaine machte sich eine kurze Notiz für Manfred, um dafür zu sorgen, dass der MechKrieger ein paar seiner überschüssigen Pfunde verlor.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:35
Der Nächste, der eintrat, nahm Corporal Mayhem beinahe die Klinke aus der Hand. Er klopfte dem Mann freundlich auf die Schulter und gratulierte ihm.
Danach trat er ein, salutierte stramm und sagte: „Sir, James Bishop, Sir. Melde mich zum Vorstellungsgespräch.“
Germaine erwiderte den Salut.
„Setzen Sie sich, Mr. Bishop. Sie bewerben sich um den Posten als Pionieroffizier.
Hm, ja, Ihre Unterlagen sind sehr aufschlussreich. Sie haben an der Marik-Liao – Offensive teilgenommen. Schon mal Kollateralschaden verursacht?“
Für einen Moment wich dem Pionier sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Danach kehrte sie mit Verstärkung zurück. Aber anstatt loszubrüllen sagte der Mann leise und bedacht: „Sir. Ich bin Pionier. Meine Aufgaben umfassen unter anderem Minen sprengen als auch Minen legen. Wenn ich Kollateralschäden verursacht habe, dann ist mir dies erstens nicht bekannt, zweitens war dies nicht beabsichtigt und drittens würde es mir sehr leid tun. Denn dies wäre ein Fehler, wie er einem Profi nicht unterlaufen sollte.“
Danton war beeindruckt. Der Mann hatte sich gut im Griff und war um die Provokation gut herumgekommen. „Respekt. Ich hätte wahrscheinlich nicht so kontrolliert reagiert, Mr. Bishop.“
Der Mann aus der Liga grinste schief. „Ich hantiere mit Sprengstoff. Wenn ich die Ruhe verliere oder mich mein Feingefühl verlässt, bin ich tot. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass Sie mehr eine Reaktion als eine Antwort wollten, Sir.“
„Gut. Wie ich sehe, waren Sie eine sehr lange Zeit ohne Anstellung. Man sucht hier auf Outreach zwar Pioniere, aber die sollen nach Möglichkeit Fallen für Elementare bauen können. Sie haben Kampferfahrung. Und dazu gegen Einheiten des Vereinigten Commonwealths. Das ist beinahe so gut wie Clankriegerfahrungen.“
„Sie sind der erste, der das so sieht, Sir.“ Bishop lehnte sich ein wenig vor. „Die anderen EinheitsKommandeure sagten, Clankriegserfahrungen sind nicht zu ersetzen.“
„Das ist so auch richtig, Mr. Bishop. Sehen Sie, ich war selbst einmal im Einsatz gegen die Clans. Aber ich habe mit Einheiten des Vereinigten Commonwealths gedient. Und ich weiß, dass beide Seiten einander kaum nachstehen. Ich habe selbst mit einer solchen Einheit ein paar Jadefalken gerupft.“
Germaine vertiefte sich wieder in die Lektüre der Bewerbung. „Hm, Erfahrung mit Baumaschinen. Minenlegen, Behelfslandebahnbau, Minen räumen, Trinkwasseraufbereitung, und so weiter. Hier steht, Sie haben einige Zeit Ihren Zug kommandiert, während Ihr Leutenient mit Brandwunden im Lazarett lag.“
„Ja, Sir. War ne eklige Sache. Die Davies sind gute Soldaten. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie mit solchen Schweinereien wie Phosphorgranaten um sich werfen.
Die Granate verminte das Unterholz eines kleinen Waldes, den wir eigentlich von solchen Sachen räumen sollten.
Aber selbst Pioniere haben mal einen schlechten Tag.“
„H-hm. Und? Waren Sie gut?“
„Wie?“ „Na, waren Sie eine gute Vertretung für den Leutenient?“
„Na ja, ich meine eigentlich schon. Und meine Vorgesetzten waren ja der gleichen Meinung.“
„Aha. H-hm. Warum sind Sie raus aus der Einheit?“
Bishops Miene wurde starr. „Meinungsverschiedenheiten. Meine Meinung und die des RegimentsKommandeurs waren verschieden. Ich war der festen Meinung, dass er ein Idiot ist. Und er war der festen Meinung, ich solle es mal als Söldner versuchen.“
Germaine schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Wissen Sie was? Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Vor knapp einem Vierteljahr saß ein junger Sergeant aus Rasalhaag vor mir genau in dem Stuhl, in dem Sie gerade sitzen. Der junge Mann hatte das gleiche Problem gehabt. Nun, um die Geschichte abzukürzen, ich habe dem Mann nicht nur eine Chance gegeben, ich habe ihn auch vor eine Herausforderung gestellt. Ich habe ihn zum First Lieutenant befördert und ihm aufgetragen, eine eigene Infanterieeinheit aufzubauen.“
„Interessant. Was ist aus ihm geworden?“
Germaine lächelte. „Ich habe ihn vor einigen Tagen zum Captain befördert und ihm aufgetragen, die Infanterie um einen Zug Pioniere zu erweitern.
Wenn Sie wollen, gehe ich dieses Risiko gerne erneut ein. Wenn Sie es sich zutrauen, will ich es mit Ihnen versuchen. Bauen Sie mir ein Platoon Pioniere auf. Mit all dem, was Sie so brauchen. Wir haben bereits eine Rumpfmannschaft aus Infanteristen, die zumindest die Pionierausbildung eins absolviert haben.“
Bishop zog einen Notizblock hervor. „Welche Richtung, Sir? Inwieweit soll ich disponieren? Eher in Richtung Erdräumarbeiten oder eher in Richtung Brückenbau oder Verminung?“
„Heißt das, Sie willigen ein?“
„Ich bin hergekommen, weil ich eine Anstellung brauche. Das hier ist besser als alles, was ich erwartet habe. Ich bin Ihr Mann, Major Danton. Also, welche Richtung?“
„Nun, ich gebe zu, von Pionieren habe ich nicht allzu viel Ahnung. Gibt es eine Möglichkeit, in alle Richtungen zu gehen?“
„Natürlich. Aber dann haben wir eine Menge Schweres Gerät, das immer dann rumliegt, wenn das andere benutzt wird. Das muss dennoch gewartet, mitgeschleppt und an Bord von Landungsschiffen verstaut werden, Sir.“
„Das Risiko gehen wir ein. Sorgen Sie für eine umfassende Ausrüstung eines Platoons. Aber bitte, bestellen Sie keinen Brückenbaupanzer.“
Bishop grinste. „Aber eine kleine Pontonbrücke ist doch drin, oder?“
„Mal sehen“, erwiderte Germaine Danton lachend und reichte dem Pionier die Hand. „Willkommen bei den Chevaliers, First Lieutenant Bishop.“
„Danke, Sir.“
„So, sprechen Sie das weitere Vorgehen am besten mit Captain Peterson ab. Er wird gerade auf dem Schießstand sein. Aber vorher lassen Sie sich den Weg zum Quartiermeister und zum Matwart beschreiben und decken sich ein.
Dann sollten Sie mit MeisterTech Nagy reden, damit wir Ihre Ausrüstung zu den Chevaliers schaffen können.“
„Lassen Sie das meine Sorge sein, Sir. Dazu hat man ja Untergebene, um zu delegieren, richtig?“
Der Pionier salutierte, Germaine erwiderte den Gruß.
„Germaine, wir hätten hier noch ein paar Bewerber vor dem Fokker-Termin“, sagte Cindy durch.
„Wir haben noch etwas Zeit. Schick sie bitte rein.“
Als Germaine aufsah, sah er einen Mann vor sich, er war ca. 180cm groß, Dreitagebart, kurze, schwarze Haare. Er war ca. Mitte Vierzig und trug einen Cowboyhut sowie die passenden Stiefel. Ein weiterer Mann im selben Alter mit blonden kurzen Haaren stand neben ihm. Er trug ein altes, vergilbtes T-Shirt mit dem Davion-Symbol. Der dritte war eine Frau, sie war fest gebaut und muskulös. Ihre Haare waren blond und kurz. Um ihren Hals trug sie eine dicke Goldkette mit einem Kreuz.
„Ja, wer sind sie?“, fragte Danton ruhig.
Nur der erste Mann blieb vor ihm stehen, näher als ihm es lieb war, die beiden anderen machten es sich derweil auf den Stühlen bequem.
„Sergeant Battaglini, James Battaglini. Ich hörte sie und ihre kleine Einheit suchen Leute.“
Die Miene des Sergeant war nicht gerade rosig, das Wort Einheit spie er förmlich aus.
„Hinter mit Lance Corporal John Allen und Corporal Christine Gunther. Wir sind Panzerfahrer. Und um es gleich mal vorweg zu nehmen. Wir sind das Beste was sie hier bekommen können. Also wollen wir auch so eingestellt werden. Als Veteran. Wir wären gar nicht hier, aber irgend so ein Witzbold hat unseren Kontrakt mit den Black Thorns platzen lassen. Ansonsten wären wir gar nicht zu so einer kleinen Einheit gegangen. Panzer haben wir dabei, einen Bulldog, 60 Tonnen, falls ihnen der Name nichts sagen sollte.
Ihre Einheit war noch akzeptabel. Schon für die Clans gekämpft, hä? Verrückt.
Also was sagen sie?“
Danton sah den Mann lange an. War er ein Aufschneider, oder er war wirklich so gut? Wenn er wirklich so gut war, dann wäre er ein guter Fang und es war Dolittles Problem mit ihm fertig zu werden.
„Wo haben Sie Ihre Bewerbung?“, fragte er.
„Mein Gott, meine Bewerbung, die liegt bei den Black Thorns. Doch die sind gerade abgereist. Ich sagte doch schon, irgendjemand hat uns einen Falschen Termin gegeben.
Wir sind von den Thorns direkt her gefahren. Unser Panzer steht draußen vor der Tür.
Seien sie nicht so wählerisch, sie haben eine Besatzung vor sich, die man als Elite bezeichnen kann. Panzerfahrer leben mal nicht lange, also sind gute Besatzungen selten.“
Er wandte sich ab und sprach zu seinen Freunden. „Mannomann, Ansprüche stellen die.“
Danton war der Mann langsam zuwider. Er wollte gerade nach Dolittle schicken lassen, sollte der doch entscheiden und sich mit dem rumärgern, als Cindy über die Sprechanlage meldete: „Der First Lieutenant hat gerade durchgegeben, dass er diese Panzercrew gerne in seiner Kompanie haben würde, Germaine.“
Langsam ging Danton ein Licht auf. Dolittle wusste nichts von dem Vorstellungsgespräch. Aber er sagte, dass er die Crew des Bulldog haben wollte.
Sergeant Battaglini hatte behauptet, irgendjemand habe seinen Kontrakt platzen lassen.
`Das Puzzle passt´, dachte sich Germaine.
„Okay, sie werden als Veteran eingestellt, Sie als Sergeant, ihre beiden Kollegen als Corporal. Wir übernehmen Reparatur- und Wartungskosten für ihren Panzer, kommen aber bei einem Verlust nicht auf.“
Der Sergeant biss sich auf die Lippen. „Moment!“ schnauzte er Danton an.
Er drehte sich zu seinem Team um, diese nickten nur missbilligend.
„OK, sie haben gewonnen. Wo müssen wir unterzeichnen?“
Die drei unterzeichneten den Vertrag von den Chevaliers.
„Gut“, meinte Danton, der froh war, als die Tinte auf den Verträgen trocknete. „Fahren sie ihren Panzer in Halle 3. Dort erwartet Sie Lieutenant Dolittle, er wird Sie schon einweisen.“
Die Panzerfahrer verharrten in ihrer Bewegung.
„DOLITTLE? Doc Dolittle sagten sie?“ Battaglini donnerte den Vertrag auf Dantons Pult.
„Dann wundert mich nichts mehr. Halle 3 sagten sie? Den kauf ich mir, diesen Hurensohn.
Wie zum Teufel hat der es zum Lieutenant gebracht? Der kann ja nicht einmal einen Panzer fahren““
Danton widmete sich wieder seinen Papieren und meint noch trocken, als die drei Panzerfahrer aus seinem Büro stürmten: „Aber kommandieren, und mehr muss er nicht.“
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:36
„Germaine, Miss Fokker ist jetzt da.“
„Gut. Sie soll reinkommen.“
Als sich die Tür öffnete, trat eine junge Frau ein, die man wohl treffend nur als Sonntagslaune beschreiben konnte.
Sie war mittelgroß, blond und strahlte Germaine mit ihren blauen Augen an, dass er meinte, direkt in einen Fusionsreaktor zu sehen.
„Sir, ich bin Jara Fokker. Ich und mein Puma suchen eine Anstellung…“
Germaine Danton lächelte die junge Frau freundlich an. Sie nur als hübsch zu umschreiben wäre eine maßlose Untertreibung gewesen. Und anscheinend wusste sie das auch, denn ihre Schläfen waren nicht ausrasiert wie es bei MechKriegern eigentlich üblich war. Und der lange blonde Zopf fiel ihr bis auf den Rücken hinab.
Ihr Händedruck war fest und das Lächeln ehrlich. „Setzen Sie sich doch, Miss Fokker.
Hm, aus Ihren Unterlagen entnehme ich, dass Sie die jüngste Tochter vom alten Fokker sind.
Die Cavalry gibt Ihnen eine recht gute Bewertung in der Mechsteuerung. Aber Ihre Schützenfähigkeiten sollen nicht so berauschend sein.“
Germaine sah auf. „Aber anscheinend hat es dazu gereicht, einen Puma abzuschießen.
Sie haben ihn gleich in Ihrem ersten Gefecht erwischt, steht hier. Da waren Sie sechzehn. Hm, Respekt.
Sagen Sie, warum verlassen Sie die Cavalry?“
„Nun“, erwiderte Jara Fokker verlegen, „Sie sagen ja selbst, die Einheit gibt mir eine gute Bewertung in der Mechsteuerung. Wissen Sie, ich bin quasi das kleine Küken der Einheit. Die anderen haben mich zwar immer hart rangenommen, egal ob im Gefecht oder im Training. Aber ich denke, die gute Bewertung ist übertrieben.“
Abwehrend hob sie die Hände. „Oh nein, Sir, ich bin gut und beherrsche meinen Puma hervorragend. Aber eben nur, weil es eine Clansmaschine ist.
Nein, ich dachte mir, es wäre gut, wenn ich ein paar Jahre in einer anderen Einheit diene, damit ich neue Erfahrungen sammeln kann. Ohne dass mein Vater schützend die Hand über mich hält. Sie verstehen?“
Germaine Danton nickte. „Nur zu gut, Miss Fokker. Sie wollen herausfinden, ob Sie gut sind oder gut geredet wurden.
Sehen wir mal nach. Hm… Ja. Ihr Puma hat die Varianten B und D. Interessant.
Ich denke, wir können sowohl Ihren Mech als auch Sie gut gebrauchen. Da ist eine Scoutlanze, die wir von Grund auf neu aufbauen müssen.
Sie kriegen einen Vertrag als Private First Class. Wenn Sie sich bewähren, ist ein Corporal drin.“
Jara Fokker strahlte. Ein wirklich bezauberndes Lächeln, fand Germaine.
„Das sollten Sie öfters tun, Miss Fokker“, sagte er leise.
„Was, Sir?“ „Lächeln. Es steht Ihnen. Cindy erklärt Ihnen den Weg zum Quartiermeister und zum Matwart. Dort erhalten Sie eine Stube und neue Uniformen. Danach gehen Sie zum Hangar eins und melden sich bei Captain Scharnhorst. Er wird mit Ihnen die Überführung Ihres Pumas absprechen.
Willkommen bei den Chevaliers, Miss Fokker.“
Wieder gaben sie einander die Hand. „Danke, Sir. Ich werde Sie nicht enttäuschen.“
„Ach, eines noch, Miss Fokker.“
„Ja, Sir?“
„Ich weiß ganz genau, wie gut Sie wissen, wie hübsch Sie sind. Und ich weiß auch, dass Sie es bleiben wollen.
Ihre langen blonden Haare können Sie behalten. Aber Ihre Schläfen sind Morgen ausrasiert, wie es sich für einen MechKrieger gehört.“
„Was? Aber…“
„Miss Fokker.“
Jara schluckte hart. „Jawohl, Sir.“ Mit gesenktem Kopf verließ sie Germaines Büro.
„Na, das lief doch besser als ich dachte. Jara Fokker wird ihren Weg schon gehen.“
Cindy kam herein. „Führst du schon wieder Selbstgespräche, Germaine?“
Mit einem Lächeln füllte sie seinen Kaffeebecher nach.
„Ach, nun laß einem alten Mann doch seine kleinen Freuden.
Wann kommt der MedEvac?“
„Nicht vor drei. Du hast also noch die ganze Mittagspause und den halben Nachmittag, den du mit dem Papierkrieg verbringen kannst.“
Kurz besah sich der Kommandeur den Stapel Dokumente, der zur Führung einer Söldnereinheit unabdingbar war. „Ich wusste, es war eine Schnapsidee, Offizier zu werden. Warum hat mir das niemand ausgeredet?“
„Weil“, Cindy drohte mit erhobenem Zeigefinger, „ich jetzt da sitzen würde und den Papierkram machen müsste. Und da mir die Arbeit als Sekretärin bereits reicht, sollte alles so bleiben wie es ist, Germaine.“
„Danke, du bist ein Engel, Cindy.“
Die Sekretärin des Chefs lächelte und ging wieder an ihren Platz. Kurz sah Germaine der zierlichen Frau hinterher. Wer vermutete bei der hübschen Endzwanzigerin denn schon, dass ihr Kostüm aus vier Schichten Kevlar bestand und ihre Schrotflinte immer griffbereit unter ihrem Schreibtisch lauerte?
Kurz vor dem Mittagessen rief Germaine Lieutenant Harris an, seine Stabschefin. „Juliette, wie macht sich das Mobile HQ so?“
„Soweit ganz gut. Wusstest du, dass die Bedienungsanleitung zehntausend Seiten stark ist? Und da soll noch mal einer sagen, die Lyraner wären ein Haufen Bürokraten.
Aber es geht voran. Dieses Ding ist Klasse. Eigener Holotank, klein aber fein, erstklassige KommVerbindungen, sowohl Funk als auch per Kabel. Von innen steuerbare MGs, K3 Mastercomputer. Ich muss schon sagen. Wie konnte ich nur mein bisheriges Leben ohne dieses Baby auskommen?“
Germaine erwiderte trocken: „Vergiss nicht, der Sessel in der Mitte trägt meinen Namen.“
„Hm“, machte Juliette. „Es gibt da diese neuartige Operationstechnik für deinen Mittelohrschaden, Germaine…“
„Juliette“, mahnte der Chevalier lachend. „Macht weiter so. Ich will so schnell wie möglich ein Training mit allen Teileinheiten, um die Funktionen des HQs auszuloten.“
„Wird wohl noch dauern. Die Mechs sind noch nicht auf Soll.“
„Und die Pioniere müssen erst neu aufgebaut werden. Ich weiß. Bleib am Ball.“
„Wie immer. Ich muss weitermachen, Germaine. Und du solltest bei Gelegenheit mal eine Übung mitmachen und deinen Chefsessel einweihen.“
„Okay. Morgen.“
Danton deaktivierte die Verbindung wieder. Wurde bald Zeit für das Mittagessen.
„Germaine? Wenn Du noch etwas Zeit hast, Lieutenant Dolittle hat gerade drei Herren hoch geschickt.“
„Panzerfahrer? Sollen reinkommen.“
Die Tür ging auf. Drei kleine Asiaten betraten den Raum. Einer hatte eine Augenklappe auf dem linken Auge, und die linke Gesichthälfte wies Brandnarben auf.
Der Größte aus der Truppe trat vor, legte eine formelle Bewerbung auf den Schreibtisch und sprach: „Sehl geehlte Hell Danton, Leutnant Dolittle schickte uns. El sagte wil sollen hier anwelben.
Wil walen 5 Jahle tätig bei Kancelor Sun Tzu. 5 Jahle auf Regulator. Hel Leutnant sagen er hat Regulatolen. Er brauchen gutes Team, fül Regulatoren. Wir sind gutes Team. Haben in 5 Jahlen 5 Mechabschüsse und 11 Panzel sowie 5 Kampflüstungen velnichtet. Leider haben keine Panzel mehr. Niemand will uns. Wir haben keine Panzel, haben nicht gekämpft gegen Clans und sind Capellaner. Keine will Capellaner. Dann sahen wil die Ausschreibung von Chevalliees.
Suchen Panzelfahle. Will hoffen, daß wir genommen welden. Haben schon gloße Schulden hiel. Panzel verkauft müssen. Um zu übelleben. Schon 1 Jahl hier auf Dragonel Planet.“
Während der, mit den Brandwunden, im Hintergrund habacht stand und der Dritte erwartungsvoll herübersah, verbeugte sich der Sprecher vor Danton.
Germaine fasste sich ein Herz, er hatte schon weniger Geplagten eine Chance gegeben. Wenn jemand eine Chance verdiente, dann diese Capellaner.
Außerdem waren sie von Dolittle schon vorgefiltert. Danton überlegte kurz, dann holte er den Vertrag heraus.
„Ich werde sie unter einer Bedingung nehmen.“
Die Asiaten sahen den Söldnerkommandanten hellhörig an.
„Sie lernen ein besseres Englisch. Da die Regulatoren, so weit ich weiß noch nicht eingetroffen sind, haben sie etwas Zeit dafür. Bitte unterzeichnen sie hier.
Sie werden als Regulär angestellt. Dolittle wird mir dann schon berichten, falls sie besser sind. Sie Herr Khe Sanh“- Germaine warf einen kurzen Blick auf die Unterlagen-„werden als Corporal eingestellt, Sie, Herr Mu Gai und Sie, Herr Chu Lai, als im Range eines Private.
Es handelt sich um die Standardverträge. Den Panzer bekommen Sie gestellt. Und nun melden Sie sich bei meiner Sekretärin. Sie wird Ihnen den Weg zum Quartiermeister und zum Materialwart zeigen. Danach treffen Sie Lieutenant Dolittle in Hangar 3, er wird Sie in den Dienst einweisen.“
Die drei salutierten korrekt nach capellanischer Art und verließen das Büro. Danton konnte noch die Freude in ihren Gesichtern erkennen, als sie den Raum verließen.
„Hm, ich sollte eine Schule aufmachen. Zusammen mit Metellus und seinem Krieg gegen die Grammatik im englischen würde sich das wirklich lohnen.“
Bei diesem Gedanken grinste der Kommandeur der Chevaliers, schnappte sich seine Schirmmütze und machte sich auf zur Kantine.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:37
Gemächlich schlenderte Germaine nach der Mittagspause durch den Mechhangar. Es war erstaunlich, wie schnell er sich nach einem Leben im Cockpit an eine Karriere außerhalb des Cockpits gewöhnt hatte. Aber so ganz konnte er die Finger von den Giganten nicht lassen.
Sein Schritt führte ihn zu den Neuerwerbungen. Dies waren die mitgebrachten, aber auch die auf Luthien erhaltenen Mechs. Gerade beobachtete Germaine, wie Jara Fokker ihren Puma in der Mechnische einparkte. Die junge Frau hatte nicht zuviel versprochen. Sie beherrschte die Clansmaschine mustergültig.
Daneben stand der fabrikneue Kabuto. Der zwanzig Tonnen schwere Aufklärer roch sogar noch neu. Die ersten Probeläufe hatten die Chevaliers selbst gemacht. Kein Vergleich zu den Mühlen, die sie selbst in die Schlacht geführt hatten. Selbst der Thor, der einst seinen Namen unter dem Cockpit gehabt hatte, war getränkt gewesen mit dem Schweiß, den Tränen und dem Blut vielleicht Dutzender Krieger. Nun auch mit seinem Blut. Mit einem Schaudern erinnerte er sich an den Angriff des kleinen Panthers auf Thule. An seinen Glückstreffer direkt ins Cockpit und an das wahnsinnige Glück, welches ihm nur einen Mittelohrschaden beschert hatte. Anstatt ihn auszulöschen.
Germaine Danton zählte die Mechs durch. Mist. War eine Trinärsternkonfiguration wirklich sinnvoll? Germaine wollte so viele Mechs wie irgend möglich einsetzen und noch ein paar in Reserve haben. Aber ein stehender Mech verursachte Kosten. Da war es besser, ihn auch einzusetzen. Manfred Scharnhorst hatte vorgeschlagen, die Lanzen beim IS-Standard zu belassen und eine vierte, eine neue Kampflanze aufzumachen. Sein heißer Favorit für den Posten des Lanzenführers war Wolf McHarrod. Zusammen mit den Elementaren würde diese Lanze eine Mischung aus Abfang- und Erkundungstruppe werden. Schnell, gemein und hart im nehmen wie im austeilen. Noch war Zeit, die Ränge der Krieger noch lange nicht aufgefüllt.
Aber diese Aufstellung würde Vorteile haben. Jara würde sofort in den Rang eines Corporals rutschen und Flügelführer werden können. Falls Germaine keinen Besseren fand.
Die Nachteile lagen aber auch auf der Hand. Da der Kommandolanzenführer Captain war und der Erkundungslanzenführer als First Lieutenant angefangen hatte, war die Frage, mit welchen Rängen die Führer der anderen Lanzen anfangen würden. Rebecca war als Sergeant Major im Gepräch. Vielleicht würde er sie zum Second Lieutenant machen müssen.
Wolf McHarrod jedenfalls hatte genügend Erfahrung für den Offiziersposten. Er würde ohne weiteres ein guter Lanzenführer werden. Eventuell auch der Stellvertreter für Manfred. Aber das war noch Zukunftsmusik.
Als Jara Fokker ihren Mech abgestellt hatte und den Hangar verließ, nicht ohne von einem Dutzend verträumter Männeraugen verfolgt zu werden, trat Germaine näher.
Er tätschelte den Kabuto wie ein treues Ross am Mechfuß.
„Ja, Kleiner, mir hättest du auch gefallen.“
Neben dem Kabuto, benannt nach dem traditionellen Helm der Samurai, stand der Tai-sho.
Der frisch ernannte Master Sergeant Metellus war für diesen Mech vorgesehen.
Der dritte Mech aus draconischer Fertigung war der Shugenja. Die schwere Maschine war mit der neuartigen Raketentechnologie ausgestattet, die sich Mittelstreckenrakete schimpfte. Ähnlich wie die KSR war sie ungelenkt, bot aber einen ähnlichen Schaden bei größerer Reichweite.
Germaine brannte darauf, den Giganten im Gefecht zu erproben.
Als der die drei Drac-Mechs so nebeneinander stehen sah, kam die Erinnerung zurück.
Die Erinnerung an Luthien.
Flashback:
Germaine Danton kam sich etwas merkwürdig vor. Die Landung auf Luthien, der Zentralwelt, würde die Einheit gut zwei Wochen kosten. Natürlich war die Aussicht, sich wieder einmal die Beine vertreten zu können, verlockend. Aber in der gleichen Zeit hätten die Chevaliers zweimal springen können. Was sie zwei Wochen eher an Outreach gebracht hätte.
Doch einer Einladung aus dem Schwarzen Palast widersetzte man sich nicht. Das stand einem kleinen Söldneroffizier nicht zu.
Yamamoto-kun lächelte ihn an. Er saß in der schweren Limousine gegen die Fahrtrichtung, ihm direkt gegenüber. Mehr nicht. Keine Erklärung, keine Informationsbrocken, nichts.
Nur der lapidare Hinweis, die Limousine würde ihn und seinen Verbindungsoffizier zum Palast der Einheit bringen.
Die Minuten vergingen zäh. Was würde ihn erwarten? Eine Art Generalverhör mit dem Chef der ISA, Direktor Kerai-Indrahar? Was zwar eine hohe Ehre wäre, aber zugleich auch eine tödliche Gefahr.
Eine Art Abschlußbriefing mit dem Oberkommando der VSDK?
Nun, er würde es bald wissen.
Als der Wagen hielt, wurde die Tür beinahe sofort von außen geöffnet. Unwillkürlich versteifte sich Germaine bei dieser Bewegung, aber ein leichtes Kopfschütteln Yamamotos hielt ihn zurück.
Eine junge Frau hatte die Tür geöffnet. Sie trug den traditionellen Kimono und eine schwarze, hochgesteckte Frisur. Sie legte die Hände in den Schoß und verneigte sich. Ihr weiß geschminktes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Konnichi-wa, Sho-sa Danton Germaine.“
Danton stieg aus, sein Verbindungsoffizier folgte ihm. Wieder verbeugte sich die Dame. Kurz glitt Germaines Blick über den Innenhof. Das war also der berühmte Palast? Das Zentrum der Schwarzen Perle Luthien? Beeindruckend.
„Konnichi-wa, Chu-i Yamamoto Ishimoro“, sagte die Dame.
Hastig imitierte Germaine die Verneigung Yamamotos.
„Ich bitte Sie, mir zu folgen. Der Koordinator ist leider verhindert, aber er hat Ihnen wichtiges zu sagen, meine Herren.“
Sie drehte sich um und ging mit kurzen, schnellen Trippelschritten voran. Offensichtlich vertraute sie darauf, dass die beiden Männer ihr folgten.
„Wie jetzt?“ raunte Germaine. „Entweder ist Theorode-sama da oder er ist nicht da.“
„Iie, Danton-kun. Seien Sie geduldig. Ihnen wird eine große Ehre zuteil.“
Gehorsam schloss Germaine also wieder seinen Mund und ging gleichauf mit dem draconischen Chu-i der Hofdame hinterher.
Sie wurden in einen kleinen Garten geführt. Der Weg der Lady führte über eine gewaltige Holzbrücke, die einen nicht minder gewaltigen Gartenteich überspannte. Germaine hatte kein rechtes Auge für die Detailverliebtheit der Draconier, aber ihm fiel auf, wie gut gepflegt der große Garten war.
„Die Fische springen“, raunte Yamamoto leise. „Das bedeutet großes Glück, Danton-kun.“
„Versuchst du mich aufzuheitern, Yamamoto-kun?“ bemerkte Germaine leise.
Vor einer kleinen Holzhütte blieb die junge Frau stehen. Sie zog eine kleine Tür auf, die man nur gebückt passieren konnte. Wieder lächelte sie die beiden Männer an. „Dozo.“
Yamamoto zog seine schweren Armeestiefel aus und tauschte sie gegen ein Paar parat liegender Schuhe.
„Na, das passt ja“, brummte Germaine leise. „Ein geheimes Treffen in der Gartenlaube.“
„Iie, Danton-kun. Dies ist ein draconisches Teehaus. Eine große Ehre. Bitte wechseln auch Sie das Schuhwerk.“
Als sie herein gekrochen kamen, erwartete Germaine ein recht merkwürdiges Bild. Bis auf einen flachen Tisch, vor dem einige Matten lagen, und die beiden Männer, die bereits am Tisch knieten, war der Raum leer.
Am Stirnende, neben einem Kessel, aus dem Wasserdampf aufstieg, hockte ein alter Mann. Sein Gesicht war durch eine schwarze Netzmaske verhüllt. Die linke Seite war leer. Dort lagen zwei Matten aus. Eine blaue und eine graue.
Auf der anderen Seite lag eine violette Matte, womit der Platz zwischen dem Schwarzgewandten und dem zweiten Mann im Raum leer blieb.
Yamamoto bedeutete Germaine, auf der blauen Matte niederzuknien. Sie war dem Schwarzgewandten am nächsten und lag der violetten Matte direkt gegenüber. Das hatte was zu bedeuten. Germaine hätte sonst was gegeben, hätte ihm jemand erklären können, was.
Als sie sich nieder gehockt hatten, begann der Mann am Stirnende zu sprechen.
„Der Koordinator entbietet Ihnen seine Grüße, Major Danton, und seine Glückwünsche sowohl bei der erfolgreichen Jagd als auch für Ihr glückliches Überleben in der Schlacht.“
Yamamoto und der Mann ihnen gegenüber verneigten sich in Richtung der leeren Matte. Hastig tat es der Söldner ihnen nach.
„Der Koordinator bedauert, nicht selbst anwesend zu sein. Er hatte es fest geplant, aber die Vorbereitungen zu Whitting-Konferenz haben ihn zu einem verfrühten Aufbruch gezwungen.
Der Koordinator sagt, dass Ihre Taten sehr hilfreich für das Kombinat waren. Durch Ihre Aktionen konnte nicht nur ein fähiger aber fehlgeleiteter Offizier aufgehalten werden. Es wurden auch wichtige Strukturen jener Organisation aufgedeckt, welche dem Schwarzen Drachen nachgefolgt ist.
Sie können und werden nicht ermessen, wie wertvoll Ihre Dienste für das Kombinat wirklich waren. Ihr schneller und überraschender Triumph über die Ronin unter Kenda-san hat das Vertrauen in das noch frische und fragile Bündnis zwischen Clan Geisterbär und dem Kombinat gestärkt. Ihre Idee einer freien Handelswelt findet den Gefallen des Koordinators.
Für Ihre Taten gedenkt der Koordinator Sie zu belohnen. Diese Zeremonie ist ein Teil dieser Belohnung.“
Was nun folgte, war eine feste Abfolge von Bewegungen, die Germaine nicht kannte und auch nicht imitieren konnte, da er diese Abläufe noch vor Yamamoto und dem Fremden durchführen musste. Danach folgte der Fremde, zum Schluss erst sein Verbindungsoffizier.
Germaine fiel auf, dass die leere Matte behandelt wurde, als würde jemand auf ihr knien. Als auf dem Tisch vor ihr eine Schale mit Tee abgestellt wurde, wusste der Chevalier auch schlagartig, wieso! Diese Matte lag stellvertretend für den Koordinator dort.
Er war ehrlich überrascht. Sein Glück, denn so war er den Einflüsterungen Ishimori Yamamotos, die Handlungen betreffend sehr viel zugänglicher.
Wenn er ehrlich war, konnte er sich kaum noch an Details erinnern. Nur daran, dass er als zweiter einen Tee bekam.
Und das Yamamoto dabei fast die Augen aus dem Kopf gefallen wären.
Als die Zeremonie beendet war, sprach der Schwarzgewandte wieder: „Nun, Sie sind Söldner, Danton-san. Und als Söldner haben Sie eher Sinn für Geld. Oder für Mechs. Um zu beweisen, wie hoch wir den Wert Ihres Sieges einschätzen, hat der Koordinator Anweisung gegeben, wie versprochen Ihre Mechverluste auszugleichen – allerdings mit Mechs aus allerneuester Fertigung. Nehmen Sie dies als kleinen Dank des Drachen.“
Überrascht registrierte Germaine, dass sich sowohl der Fremde als auch Yamamoto nun in seine Richtung verbeugten. Als er diese Geste erwidern wollte, deutete Yamamoto heimlich auf die leere Matte.
Germaine begriff. Oder glaubte es zumindest und verneigte sich in Richtung der Koordinator-Matte.
Als die Zeremonie nach einer halben Stunde beendet war – Yamamoto-kun erklärte ihm gerade, dass man die Teezeremonie für ihn vereinfacht hatte, um die Ästhetik und Würde der Veranstaltung nicht zur Lehrstunden verkommen zu lassen und eine einfache Würdigung des Kriegers und der Chevaliers bleiben zu lassen – verließen sie die kleine Hütte wieder, wechselten die Sandalen gegen Stiefel und folgten erneut der Frau durch den Garten.
„Eine große Ehre“, murmelte Yamamoto leise.
„Ja. Auch wenn der Koordinator nicht selbst anwesend war, so fand ich es doch gegenüber einem kleinen Söldner als große Geste.“
Erstaunt sah Yamamoto den Krieger an. „Du hast es nicht gemerkt, Germaine-kun?“ rief er ungläubig.
„Nein. Was denn?“
„Na. Der vierte Mann im Raum war Franklin Sakamoto, der uneheliche Sohn des Koordinators. Ein Mitglied der Familie des Koordinators war anwesend.“
Für einen Moment fühlte Germaine seine Knie weich werden. „Der… Sohn des… Koordinators?“
Auf vollkommen undraconische Art begann nun der Chu-i zu lachen. „Komm, Germaine-kun. Der Wagen bringt uns als nächstes zu den neuen Mechs der Chevaliers.“
***
Germaine blinzelte ein paar Mal, um wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden. Ishimori Yamamoto hatte das Angebot, den Chevaliers beizutreten abgelehnt und war an seinen Posten in den VSDK zurückgekehrt. Sein Erfolg hatte ihm die Möglichkeit zu Beförderung zum Tai-i eingebracht. Was nur Recht und billig war, fand Germaine.
Aber irgendwie waren sie ohne ihn wieder ein Chevalier weniger.
Der Major sah auf seine Uhr. Das nächste Casting stand an. Die Medevac-Besatzung.
Er verließ den Mechhangar und machte sich auf den Weg zu seinem Büro.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:38
Als Germaine Danton sein Büro betrat, erwartete ihn wie immer eine dampfende Tasse Kaffee. Cindy war ein wahrer Engel.
Ein Blick zur Uhr verriet ihm, dass die Hubschrauberbesatzung bald eintreffen würde.
Germaine nahm Platz und überflog kurz das Dossier über die Einheit.
Ein ausgebildeter Pilot mit ellenlanger Erfahrung im Einsatz.
Eine nicht minder erfahrene Co-Pilotin.
Zwei Sanitäter, die genügend Konflikte und kleinere Kriege gesehen hatten, dass es für vier Leben reichte.
Und ein erfahrener Stabsarzt, dessen Qualifikation sich durchaus mit der von Belinda messen lassen konnte. Alles in allem stellte sich Germaine nur eine Frage: Alle Welt schnitt die Chevaliers. Sie mussten ihre Rekruten quasi zusammensuchen. Der Major hatte nicht besonders viel Spielraum, Bewerbungen abzulehnen. Glückstreffer wie der neue Pionieroffizier waren daher umso willkommener.
Was also wollte dieses exzellent eingespielte Team von den Chevaliers?
„Germaine, die Mannschaft ist jetzt hier.“
Hastig trank der Major seinen Becher leer. „Möchten reinkommen, Cindy.“
Die Besatzung des MedEvac trat ein. Vier Männer, eine Frau.
„Ah“, sagte der vordere, etwas dickliche Mann und eilte freudestrahlend an den Schreibtisch. „Major Danton. Es ist mir eine Ehre, Sie endlich kennen zu lernen.“
Germane erhob sich und schüttelte dem etwas älteren Mann die Hand. „Captain Malossi, richtig?“
„Si, Major, aber ich bevorzuge es, wenn… ah, wenn Sie mich Doktor nenne. Ich bin zwar gezwungen mit diesen Metzgern zu fliegen, aber meine wahre Berufung ist noch immer die Notfallchirurgie.“
Seine Leute murrten etwas, als sie Metzger genannt wurden.
„Oh, meine Manieren. Scusi. Darf ich vorstellen? Dies iste Chief Warrant Officer Pete Gastovski, unsere Pilot.“
Gastovski war ein Farbiger. Seine Haare hatte er sehr kurz geschnitten. In seinem ebenholzschwarzen Gesicht glänzten zwei makellos weiße Zahnreihen, als er Germaine die Hand gab und dazu lächelte. „Angenehm, Warrant Officer.“
„Und hier, das iste Warrant Offiver Melissa Armstrong, unsere zweite Pilot.“
Die junge Frau war in mehrerlei Hinsicht eine Überraschung. Ihr Händedruck war fest, ihr Lächeln ehrlich, wie man an den kleinen Lachfältchen in den Augenwinkeln bemerkte, und ihr gutes Aussehen hätte sie bei der perfekten Figur eher für eine Karriere auf dem Laufsteg passen lassen denn zum harten Job einer Hubschrauberpilotin.
„Und das iste Stabsfeldwebel Bruno Lachner, der Erste Sanitäter an Bord.
Groß, dunkelblond, stahlgraue Augen, duchtrainiert mit einem leichten Bauchansatz. Der Mann war nicht nur laut seines Lebenslauf Lyraner. Wäre der leichte Bauchansatz nicht gewesen, es hätte geschienen, er wäre dafür berufen gewesen, Lyraner zu sein.
„Und der letzte in unserer Runde iste Feldwebel Richy Clancy. Unsere Zweite Sanitäter, si?“
Auch dieser Mann war trainiert und lächelte freundlich. Sein Haarschnitt verwirrte Germaine etwas. Die blonden Strähnen bedeckten beide Ohren. Als Militär war dies für ihn beinahe schon Anarchie. Andererseits war ihm klar, den Medevac gab es nur mit dem ganzen Team oder gar nicht.
Germaine bedeutete den fünfen Platz zu nehmen. Cindy kam herein und fragte sie nach ihren Wünschen. Kurz darauf hielt jeder etwas in der Hand. Für Malossi hatte Cindy sogar einen Espresso gemacht.
„Kommen wir zu Ihrer Bewerbung“, murmelte Germaine, danke, als Cindy ihm nachschenkte und blätterte durch die Akte. „Sie haben einen eigenen Hubschrauber?“
„Si, Major Danton. Er iste eine Black…“
„Schon gut, Captain. Ich meine, Doktor Malossi. Das steht in den Unterlagen. Aber ich kann damit sowieso nichts anfangen. Wäre Ihr Hubschrauber ein Mech, würde mir die Typenbezeichnung mehr sagen.
Sie fünf fliegen seit fünf Jahren zusammen, sehe ich hier. Eigentlich, seit Feldwebel Clancy vom Militär eingezogen wurde.
Hm, Ihre Zahl der geflogenen Einsätze ist beachtlich. Sehr beachtlich. Und Ihre Fleischerquote ist es ebenso. Nur zwölf Prozent Verluste. Das nenne ich effektive Arbeit.
Hören Sie, Doktor Malossi, Meine Stabsärztin Belinda Wallace ist Ihre Bewerbung durchgegangen und hat sich das Ärztekauderwelsch mal angesehen, das hier in der Bewerbung steht. Sie meinte, Sie fünf wären ein hervorragend eingespieltes Team, das mehr als einmal einen Soldaten noch im Helikopter operiert hat und somit wohl sein Leben rettete.
Ihre Qualifikation dürfte in etwa bei Veteran liegen. Vielleicht sogar Elite.
Entschuldigen Sie, aber für welchen Geheimdienst arbeiten Sie?“
„Scusi?“ Dr. Malossi zwinkerte verblüfft.
Melissa Armstrong lächelte sanft. „Andrew, was der freundliche Major meint ist, warum wir uns bei unserer Qualifikation ausgerechnet eine Einheit aussuchen, die regulär eingestuft ist. Er hält es für möglich, dass unser Team der Versuch irgendeines Geheimdienstes ist, seine Chevaliers zu unterwandern. Was ich sogar verstehen kann.“ Sie sah zu Germaine herüber. „Sir, dem ist nicht so. Bei allem Respekt, aber Ihre Einheit ist zu unwichtig, um von gleich fünf Agenten unterwandert zu werden.“
Germaine grinste. „Guter Konter. Bleibt die Kernfrage: Warum die Chevaliers?“
„Nun, es iste so, Major Danton, wir sind eine gute Team. Eine sehr gute Team. Aber die großen Einheiten wollen keine Helikopter und die kleinen haben keine Verwendung für uns.“
„Und die Einheiten, die uns nehmen würden“, brummte Pete Gastovski, „sind nicht ganz das, was wir suchen.“
„Wie meinen?“
„Nun, Sir, es ist so. Wir wissen alles über Ihren letzten – eigentlich den ersten – Einsatz im Clangebiet der Geisterbären. Ich will Sie nicht langweilen. Aber uns hat nicht nur imponiert, wie schnell Sie die Ronin ausgeschaltet haben“, der junge Clancy machte eine Geste, als würde er Papier zusammenknüllen und über die Schulter fort werfen, „uns hat vor allem Ihre Haltung zum Gegner beeindruckt. Sehen Sie, unser Arzt hat den hippokratischen Eid geschworen. Wir sind dazu verpflichtet, jedermann jederzeit und mit all unseren Mitteln zu helfen. Die Einheiten, die uns nehmen wollten, nun, sie halten mehr von der Idee, nur ein toter Feind ist ein guter Feind. Nicht dass es offizielle Berichte geben würde. Das wäre ja schlecht für die Dragonerbewertung. Aber wenn man den einen oder anderen privat trifft und ihm mit ein paar Whiskys die Zunge lockert, dann kommt schon heraus, wie viele Soldaten sich durch einen Löffel bedroht gefühlt haben. Wie viele Gefangene auf der Flucht erschossen wurden. Wie viele feindliche Verwundete als wartefähig vorsortiert wurden und dann verbluteten.
Als wir davon hörten, dass Ihre Chevaliers keinen einzigen Ronin gefangen nehmen konnte, aber wohl etliche Piraten, dachten wir schon, Sie wären wieder so eine Einheit, die durch rücksichtslose Brutalität schnell nach oben kommen wollte.“
„Aber“, nahm Melissa den Faden wieder auf, „nachdem einige Ihrer Leute beim Freigang etwas laut darüber nachgedacht hatten, ob ihr Chef nicht zu gutmütig gewesen war, als er Dutzende Ronin einfach so zu Piraten erklärt hatte und sie somit vom Terminierungsbefehl des Koordinators ausnahm, waren wir sehr angenehm überrascht.“
„Nun“, erwiderte Germaine peinlich berührt, „es ist nicht meine Art, blind Befehle zu befolgen. Ich interpretiere sie lieber.“
„Und genau deswegen glauben wir, dass wir gut zu Ihren Chevaliers passen würden.“
Melissa machte eine alles umfassende Geste. „Vor allem, da Ihre Leute nichts auf die Offiziere kommen lassen. Okay, der Chef war etwas nett zu den Ronin. Aber war er deswegen am Überfall auf das Basislager schuld? Nein. Aber er war mit draußen und hat geholfen den Angriff abzuwehren. Anschließend war er der Erste, der einen verwundeten Gegner versorgt hat.“
Sie sah Germaine direkt in die Augen. „Wir passen sehr gut zusammen, Major Danton.“
Der Chevalier räusperte sich. „Nun ja, Miss Armstrong. Wenn das so ist, denke ich, steht Ihrer Anstellung nichts mehr im Wege.
Wir verwenden ein altes terranisches Rangsystem der Bodentruppen. Das bedeutet, ich werde Sie nicht als Feldwebel und Warrant Officers anstellen.
Dr. Malossi, ich stelle Sie im Rang eines Stabsarztes ein. Aber ich knüpfe eine Bedingung daran. Sie und Ihr Sanitätspersonal arbeitet mit meiner Stabsärztin und den gut vierzig SanTechs im MASH zusammen, solange Ihr Vogel nicht fliegt. Details arbeiten Sie bitte mit Dr. Wallace direkt aus.“
„Akzeptabel.“
„Chief Warrant Officer Gastovski, Sie werden als First Lieutenant übernommen. Dies, weil wir keine Zwischenränge haben und Piloten bei den Chevaliers generell Lieutenant sein sollten.
Warrant Officer Armstrong, Sie werden als Second Lieutenant eingestellt.
Stabsfeldwebel Lachner, Sie kommen im Rang eines Sergeant Majors zu uns.
Und last but not least werden Sie, Feldwebel Clancy im Rang eines Sergeant übernommen.
Zunächst werde ich Ihre Besoldung auf regulär einstufen. Sobald Sie sich bewährt haben, bin ich gerne bereit, über eine neue Besoldung als Veteranen zu verhandeln.“
„Major Danton, im Namen meiner Leute nehme ich an, si?“
„Gut. Willkommen bei den Chevaliers. Die Verträge erwarten Sie draußen bei meiner Sekretärin. Danach lassen Sie sich bitte den Weg zum Matwart zeigen. Und natürlich auch den Weg zum Quartiermeister. Sie werden selbstverständlich den Quartieren unserer SanTechs zugewiesen.“
Germaine schüttelte noch einmal jedem der fünf die Hand und sah noch dabei zu, wie sie die Verträge durchgingen und sehr zufrieden unterschrieben.
Somit verfügten die Chevaliers über einen Evakuierungshelikopter.
Der Rest des Tages gehörte nun dem üblichen Papierkrieg. „Ich hätte als Krüppel ausscheiden und den Papierkram hier Manfred überlassen sollen“, stöhnte der Chevalier und begann mit der Arbeit…
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:39
Drei Tage waren vergangen. Drei Tage, in denen Germaine wahrhaft Großes geleistet hatte.
Was die Chevaliers bekamen, war nicht immer das Beste. Aber es war immer noch genug, um wenigstens ein wenig Auswahl zu haben. Die Techs waren massiv aufgestockt worden. Auch die Infanterie erreichte beinahe Sollstärke.
Nur bei den Mechs und den Panzern haperte es noch, von den neu geschaffenen Pionieren ganz zu schweigen.
Der Major war stolz darauf, dass er bisher mit seinen Entscheidungen richtig gelegen zu haben schien. Wieder einmal nahm die Einheit Formen an.
„Germaine, Mr. Trent wäre jetzt da.“
„Schick ihn rein, Cindy.“
Trent betrat den Raum, nickte in Germaines Richtung. Die Schläfen waren schlecht ausrasiert, ein Hinweis darauf, dass er es gewohnt war, es zur Zeit aber kaum tat, weil es nicht nötig war. Entrechtet, entschied der Chevalier. Na, das konnte noch interessant werden.
„Bitte setzen Sie sich.“ Germaine deutete auf einen freien Platz vor sich.
Trent nahm Platz. „Danke.“
„Möchten Sie einen Kaffee?“
„Nein, danke.“
Germaine warf dem jungen Mann einen kurzen Blick zu, der ihm gegenüber steif auf seinem Stuhl saß und überflog die mitgebrachte Akte. „Also, ihr Name ist Finnegan Trent, geboren 3039 auf Arganda in dem Teil des VerCom der sich nun Lyranische Allianz nennt. Sie traten mit 15 der planetaren Miliz bei und absolvierten dort bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr eine Ausbildung zum Mechkrieger, bis Sie diese kurz vor ihrem Abschluß abbrachen und den Planeten in Richtung Outreach verließen. Seitdem haben Sie sich bei mehreren kleineren Söldnereinheiten als Mechkrieger verdingt. Ist das soweit korrekt?“ Trent nickte.
Danton legte das Dokument langsam vor sich auf seinen Schreibtisch. „Was steht nicht in dieser Akte?“ „Pardon?“
Germaine seufzte und lehnte sich mit vor die Brust gekreuzten Armen zurück. „Sie haben mich schon verstanden. Ihre Referenzen sind gut, sehr gut sogar, aber sie verraten nichts über Sie selbst. Wir können noch Stunden hier verbringen, in denen ich versuche etwas aus Ihnen herauszubekommen oder Sie fangen endlich an etwas von sich aus zu erzählen.“
Finnegan Trent überlegte kurz und nickte dann langsam.
“Gut. Warum haben Sie so jung und vor allem so abrupt ihre Heimat verlassen? In dem Alter gibt es nur zwei Gründe dafür, Abenteuerlust oder ein hübsches Gesicht und ein gebrochenes Herz. Ich würde auf letzteres tippen.“
Trent zuckte sichtlich zusammen. Der Söldner schien in ihm wie in einem offenen Buch zu lesen. „Das ist korrekt“, bestätigte er leise.
Germaine war das noch nicht genug. Er wollte, er musste tiefer bohren. Finnegan Trent konnte das werden, was er in den letzten Tagen zu selten gehabt hatte. Ein guter Wurf.
„Laut ihrer Akte haben Sie an mehreren Einsätzen in der gesamten Inneren Sphäre und auch gegen die Clans teilgenommen, außerdem haben Sie Kommandoerfahrung.“
„Ja Sir, bei meiner vorletzten Einheit nahm ich an einen Überfall auf einen Planeten in der Besatzungszone der Jadefalken teil. Ich habe sowohl als stellvertretender, wie auch als Lanzenführer gedient.“
„Hm“, brummte Danton bestätigend.
„Und nun die Gretchenfrage: Warum ausgerechnet die Chevaliers?“
Der jüngere funkelte ihn an. „Mein Griffin blieb bei dem Claneinsatz auf der Strecke.“
Germaine verspürte Mitgefühl mit dem Jungen – kein MechKrieger war gern ohne Maschine. Also war der Junge entrechtet. Und entrechtete MechKrieger wurden seltener eingestellt, denn welche Einheit hatte schon Mechs über? Die kosteten Wartung, Betreuung, Munition und dergleichen. Da war es besser, Krieger mit eigenen Maschinen zu nehmen. Gingen die verloren, traf es den MechKrieger, nicht die Einheit.
„Seitdem sind sie entrechtet?“, hakte Germaine nach.
Finn nickte ernst. „Ich bekam von meiner letzten Einheit einen Mech gestellt. Als sie sich aus finanziellen Gründen auflösten, wurde die gesamte Ausrüstung verkauft. Ich bin für mehrere leichte wie mittelschwere Maschinen qualifiziert, die genauen Typen finden Sie im Anhang meiner Akte...Gemäß ihrer Annonce suchen Sie Piloten, egal ob mit oder ohne eigenen Mech.“, fügte er kühl hinzu.
Die beiden Männer starrten sich an. „Das stimmt. Gut, das war es auch schon. Geben Sie Cindy im Vorzimmer ihre Mailadresse, wir melden uns bei Ihnen.“
Sie schüttelten sich die Hände, dann verließ Trent den Raum.
„Cindy, mach doch bitte einen Vertrag für Mr. Trent fertig. Wir stellen ihn als PFC ein. Das Ding soll Morgen in der Post liegen.
Und ach ja, gib bitte Manfred Bescheid, dass ich eine Lösung für sein Kabuto-Problem gefunden habe…“
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:40
Warum er sich nicht dazu entschieden hatte, den jungen MechPiloten sofort einzustellen und ihn erst einmal zappeln zu lassen, wusste Germaine hinterher nicht zu sagen. Aber vielleicht hatte der Mann es so erwartet.
Umso größer würde seine Freude sein, wenn er den Vertrag unterschrieb.
Der Nächste auf der Liste war eine Frau. Nein, fast ein Mädchen.
Dawn Ferrow…
Der Lebenslauf las sich sehr interessant. Sie hatte genügend durchgemacht, um ein Dutzend Menschen in den Wahnsinn zu treiben. Dennoch hatte sie nie aufgegeben und war sogar MechPilotin geworden. Zäh. Die Kleine war zäh.
Cindy kam herein und knallte ihm eine Akte auf den Tisch. Sie stemmte sich mit beiden Händen fest auf den Schreibtisch und beugte sich drohend vor.
„Hör zu, Germaine, wir sind seit fünf Jahren Freunde, richtig? Aber ich werde dir heute auf biegen und brechen den Arsch aufreißen, wenn ich Miss Ferrow heulend aus deinem Büro rauskommen sehe.“
„Cindy, du machst mir Angst“, scherzte Germaine.
„Das ist kein Scherz, Herr Major. Dieses Mädchen verdient eine verdammte Chance, und ich will, dass du ihr zumindest nicht wehtust, wenn du sie nicht willst. Der Tod ihres Freundes liegt noch keinen Monat zurück und sie ist immer noch sichtlich durcheinander.“
„Labil?“ hakte Germaine nach.
„Nein. Nur tief verletzt. Ich denke, einige ältere Traumata haben sich durch die jüngsten Ereignisse in ihrem Leben nach oben gekämpft. Was sie jetzt braucht ist Beständigkeit. Keine Ablehnung. Und auf Outreach hat sie davon bestimmt schon genug erfahren.“
Der Chevalier kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Samthandschuhe?“
„Und zwar die sanftesten, die du hast, Germaine. Denn wenn du dir mal die Pilotenwerte ansiehst, dann haben wir hier vielleicht den besten Fang des Tages vor uns. Wenn wir sie stabilisieren können. Ihr Halt geben. Sie fest einbinden.“
„Gut. Ich packe die Samthandschuhe aus.“
„Sehr schön, Herr Major. Sie ist kein so kräftiges Pflänzchen wie Eleni Papastratas, die du eben mal durch dein Büro prügeln konntest und die dich dafür sogar noch respektiert hat.
Sie ist allein. Und das soll sie nicht.“
„Warum das Interesse an ihr, Cindy? Warum ergreifst du so massiv Partei für eine Pilotenanwärterin? Du weißt, ich bin kein Arsch.“
Einen Moment wurde die Sekretärin des Chefs unsicher. Schließlich schlug sie das Dossier auf, welches sie achtlos geworfen hatte. „Hier.“
Germaine las die Passage, welche Cindy deutete. „Vergewaltigung.“
„Ja. Verschleppt von Piraten. Ab dem elften Lebensjahr vergewaltigt. Ich weiß, wie es ist, ein hilfloses Opfer zu sein, Germaine.“
Blut rauschte dem Chevalier in den Ohren, als er den Sinn von Cindys Worten begriff. „WAS? Du bist…? Wann? Wo? Ich lösche sie aus!“
Cindy setzte ein spöttisches Lächeln aus. „Danke, aber zu spät. Schon lange zu spät.“
Sie verließ das Büro wieder. „Sie können jetzt reingehen, Miss Ferrow.“
Dawn Ferrow betrat das Büro. Unsicher, ob sie salutieren sollte, blieb sie im Raum stehen. „Sir, MechKriegerin Dawn Ferrow. Sie suchen gute Piloten und haben eigene Maschinen?“
Germaine deutete auf einen freien Platz vor sich. „Setzen Sie sich, MechKrieger. Und ja, wir suchen Piloten und wir haben Maschinen.“
Dankbar nahm Dawn Platz. Dabei warf sie ihr Haar mit einer Kopfbewegung über die Schulter zurück. Es war ein hübsches Bild, dass ihrer Unsicherheit Lügen spottete.
Dabei fiel Germaine aber etwas auf. Unter dem linken Augen hatte sie sich drei Tränen tätowieren lassen. Sicherlich ob ihres Verlustes.
„Miss Ferrow, diese Tränen… Sie erfüllen den Tatbestand der Selbstverstümmelung.“
„Selbstverstümmelung? Sir, ich…“ Aufgelöst stand die junge Frau auf.
„Aber Sie sind ja noch keine Chevalier. Da will ich das mal nicht überbewerten. Sie haben aber nicht vor, sich weitere sichtbare Tätowierungen zuzulegen?“
„Nein, Sir“, sagte, rief Dawn fast.
„Gut. Wenden wir uns Ihrer Bewerbung zu. Hm. Interessanter Lebenslauf. Mittelschwere Mechs also. Intuitives Verständnis von MechSteuerung. Wir werden das testen. Ich habe da einen Fenris. Der braucht den besten Piloten, den ich auftreiben kann. Trauen Sie sich das zu?“
„Sir? Ist das nicht ein ClanMech?“ „Richtig. Und er braucht einen wirklich guten Piloten. Jemand mit einem intuitiven Verständnis für die Steuerung eines Mechs. Also?“
„Ich… Ich will es versuchen, Sir.“
Germaine schlug mit beiden Handflächen auf den Schreibtisch. „Nein, Miss Ferrow. Entweder Sie tun es oder Sie lassen es. Ein Versuchen gibt es nicht. Wenn Sie unseren Vertrag unterschreiben sind Sie ein Chevalier. Und dann bringen Sie auch die Leistung eines Chevaliers. Wenn nicht in einem Mech, dann in einem Panzer. Wenn nicht in einem Panzer, dann als Infanterist. Wenn nicht als Infanterist…“
„Dann in der Küche?“
Germaine schmunzelte. „Dann in der Küche. Aber ich denke, es wäre Verschwendung, eine Frau mit Ihrem Potential von den Mechs fernzuhalten. Sie bekommen von mir zwei Wochen Zeit, um sich auf dem Fenris zu bewähren.
Wenn Sie ein Chevalier werden wollen, heißt das.“
Dawn sah auf. „Sir. Ich will eine Chevalier werden.“
Innerlich schmunzelte der Major. Nach außen hin zeigte er keinerlei Regung.
„Gut.“ Er streckte ihr die Rechte hin. „Willkommen bei den Chevaliers, Private First Class Dawn Ferrow.
Der Vertrag dürfte bei Cindy parat liegen. Sie wird Ihnen auch den Weg zum Quartiermeister und zum Materialwart beschreiben. Danach melden Sie sich im MechHangar bei Captain Scharnhorst. Er wird entscheiden, wie gut Sie sind.“
Dawn ergriff die Hand und schüttelte sie schüchtern. „Danke, Sir. Und ich werde Sie nicht enttäuschen.“
Als die junge Frau das Büro verlassen hatte, kam Cindy wieder herein. „Du!“ blaffte sie. „Für den Spruch mit der Selbstverstümmelung hätte ich dich umbringen können.“
Nun lächelte sie. „Aber ich habe vergessen, dass der große Germaine ein Herz größer als ein Mech hat. Danke.“
Danton nickte. Hoffentlich hatte sie Unrecht. Ein großes Herz war hinderlich in seinem Beruf.
Der nächste Kandidat.
Ein Panzerfahrer. Natürlich. Wollte Dolittle auf eine Kompanie oder auf ein Regiment aufstocken?
Das lyranische Panzerteam hatte abgesagt. Wollten nicht mit „Clannerfreunden“ zusammenarbeiten.
Schade. Solche Leute hätten den Höllenhunden gut getan. Leute mit Erfahrung wie Sergeant Gordon. Artillerie Sergeant Gordon, sein nächster Termin.
„Sergeant Gordon ist da“, meldete Cindy, „aber halte dich fest wenn er kommt, er hat ein paar Freunde dabei.“
Danton staunte nicht schlecht, als Gordon von zwei Sicherheitskräften der Wolfs Dragoner begleitet wurde und seine Hände in Handschellen lagen. Einer der MP trat vor.
„Sollen wir hier bleiben oder den Raum verlassen? Eigentlich ist er nicht sehr aggressiv.“
„Nehmen sie ihm die Handschellen ab und warten sie vor der Tür, ich wüsste mir schon zu helfen“, sagte Danton amüsiert.
Der Sicherheitsoffizier grinste bloß, wies den anderen an, die Handschellen zu lösen. Sie gingen vor die Tür.
Der Sergeant setzte sich auf den Stuhl vor Dantons Schreibtisch. Er machte nicht gerade einen fröhlichen Eindruck. Er wirkte aber auch nicht so, als ob er ein Verbrecher wäre. Zumindest nicht schlimmer als so einige andere Panzerfahrer bei seinen Höllenhunden. Im Gegenteil, dieser Mann wirkte endlich mal normal in Dantons Augen.
„Sie müssen es ja nötig haben, dass sie die Leute direkt aus dem Knast rekrutieren. Ich habe auch schon viele schlimme Sachen über sie gehört“, sprach Gordon langsam.
„Nun, unser Ruf eilt uns wohl voraus“, wehrte Germaine ab. „Darf man fragen, was sie in das Gefängnis brachte?“
„Schulden, Schulden und eine kleine Schlägerei, in der ein Mensch ums Leben kam. Und wer ist daran schuld? Der Peripheriedreck.“
„Und? Waren sie es?“
„Was spielt das für eine Rolle?“
„Es spielt für mich eine Rolle. Waren sie es?“
„Nein, ich habe diese verdammte Schlägerei nicht mal angefangen.“
„Gut zu wissen, Mörder möchte ich nicht in meiner Einheit haben.“
„Ich sitze ja auch nicht wegen Mord, sondern wegen Sachbeschädigung.“
„Egal, das werde ich im Bericht lesen. Sie haben Erfahrung mit Artillerie. Welche Art von Artillerie?“
„Alles. Von LSR Werfern, über Arrow IV bis hin zum Sniper und Long Tom Geschütz. Ich komme aus dem Tauruskonkordat. War dort in der Armee und habe mich für 4 Jahre verpflichtet. Vier Jahre war ich bei der Ari, nun wollte ich es als Söldner probieren.“
„Das klingt gut in meinen Ohren. Unser Panzerkommandant hat Sie ausgesucht, er wird schon mit ihnen fertig werden.
Wir sind gerade dabei, eine Lanze mit LSR-Lafetten zu besetzen. Später einmal möchte ich gerne die Artillerie ausbauen. Sie würden als Sergeant eingestellt werden und die Lanze führen.“
„Was? Sie nehmen mich? Einen Häftling und einen Peripheriedreck?“
„Nun, mit dieser Vorgeschichte sind sie nicht einmal annähernd so schlimm wie die meisten Panzerfahrer hier. Ich hoffe sie normalisieren diese Bande wieder ein wenig“, lachte Danton.
„Da wäre noch ein Problem. Jemand müsste meine Kaution bezahlen. Dazu bräuchte ich schon mal zwei Monatsgehälter Vorschuss. Ich verspreche Ihnen aber, ich werde sie ehrlich abarbeiten. Und ich werde Ihnen keine Probleme machen.“
Danton sah, wie den Sergeanten wieder Lebensmut erfasste. Er sah klar und deutlich ein Ziel vor sich.
„Das machen wir schon, lassen Sie sich nur Ihre Sachen geben und kommen Sie dann auf unser Gelände zurück.“
Gordon sprang auf, in stillgestanden und schlug zackig einen militärischen Gruß.
„Sir! Sergeant Gray Gordon meldet sich zum Dienst. Wenn sie nicht dagegen haben, würde ich gleich morgen ein Training mit der Infanterie und der Scout Mechlanze anmelden. Ich möchte wissen, in wie weit die Artillerieeinweisung funktioniert und mit Infanterie und MechKrieger ein intensives Trainingsprogramm durchführen. Eine Artillerie schießt nur so gut, wie ihr Einweiser ist, Sir!“
„Nun mal langsam mit den jungen Pferden, Sie gehen ja ran wie Blücher. Holen Sie erst mal Ihre Sachen und lassen Sie sich hier eine Unterkunft und Quartier geben. Ich regle das derweil mit Ihrer Kaution.“
Als Danton gerade das Wort Pferd erwähnt, glaubte er, er hätte im Hof eins wiehern hören. Er braucht wohl mal eine Pause. Vielleicht sollte er mal an die frische Luft gehen.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:40
Der Nächste auf Germaines Liste war ein Tech. Nun, das sollte eigentlich kein Problem sein. Allerdings waren die Bewertungen dieses Techs von seinem letzten Arbeitgeber in einigen Bereichen hervorragend, in anderen niederschmetternd. Anscheinend bekam dieser Mann nicht einmal eine gerade Schweißnaht hin.
„Oh Ihr Götter, ein Spezialist.“
Olliver Mehigaro. Auf die zwei l im Vornamen legte er Wert. Besonderen Wert. Hatte ihm bereits einen Eintrag in seine Akten eingebracht, als er darauf herumgeritten war.
Pedantisch auch noch. Nun, keine schlechte Eigenschaft für einen Tech.
„Germaine, Mr. Mehigaro ist nun da.“
„Soll reinkommen.“
Was immer der Major erwartet hatte, er wurde enttäuscht. Der Mann, der nun sein Büro betrat, war glatzköpfig, aus irgendeinem Grund fröhlich und hatte eine Brille auf der Nase, die seine Augen irgendwie verzerrt wiedergab.
„Sir, MechTech Olliver Mehigaro. Ich melde mich zum Vorstellungsgespräch.“
Germaine reichte dem Mann die Hand. „Major Danton. Setzen Sie sich, Mehigaro.
Wollen Sie etwas trinken, Kaffee, Tee, Wasser?“
Der Mann verneinte.
„Hm. Ich gehe gerade Ihre Akte durch. Dort steht, Sie kriegen nicht einmal eine Schweißnaht gerade hin.“
Mehigaro versteifte sich. „Sir. Erlaubnis offen zu sprechen.“
„Erlaubnis erteilt.“
„Sir. Ich schaffe wirklich keine gerade Schweißnaht. Aber geben Sie mir einen defekten Myomermuskel, und ich baue ihn so um, dass Sie damit Landungsschiffe ins All katapultieren können.
Sehen Sie, ich habe kein Talent für instinktives Arbeiten. Ich bin eher ein intuitiver Arbeiter.“
Verwundert betrachtete Germaine den Mann mit der Brille. Stimmt, seine Akte sagte, dass er Myomer kannte. Inwendig, auswendig.
„Äh“, meinte Mehigaro nervös, „ich bin auch Spezialist für Gyroskope. Mein letzter Arbeitgeber hat mir keine Abfindung bezahlt, dafür erhielt ich ein Reparaturset für Gyroskope. Das würde ich der Einheit natürlich zur Verfügung stellen…“
Der Mann war nervös, das merkte Germaine jetzt noch mehr als bei dessen Eintreten. Aber warum?
„Sagen Sie, Ollie, warum die Chevaliers? Warum nicht die Dragoner, die Elfer, die Eridani oder sonst jemand?“
„Nun“, meinte der Tech und sah zu Boden, „ich habe einige Erfahrungen als MechPilot. Nichts Großes. Aber das ist schon ein Grund für einige Einheiten, mich abzulehnen.
Dann gibt es Söldner, die sich einen Gyroskopspezialisten nicht leisten können oder wollen.
Und bei anderen ist meine Gesinnung… Nun, suspekt.“
„Gesinnung?“ Germaine zog eine Augenbraue hoch. „Politiker kann ich bei den Chevs nicht brauchen.“
„Oh nein, oh nein“, wiegelte Ollie ab. „Nicht politisch. Eher…“
Er druckste und verstummte. „Was, Mr. Mehigaro?“
„Nun, meine… sexuelle Einstellung gefiel manchen Einheiten nicht.“
Der Mann rappelte sich auf, straffte sich und brüllte beinahe: „Sir, ich bin schwul!“
„Na, na, na. Und deswegen machen Sie so ein Geschrei? Wir leben in den Sechzigern.“
Ollie senkte den Kopf. „Die meisten Söldnerkommandeure leben aber eher in den Zwanzigern, Sir.“
Germaine senkte den Kopf, schrieb einiges auf einen Bogen Papier und schob ihn Mehigaro zu,. „Was Sie in Ihrer Freizeit machen, ist mir egal, Mr. Mehigaro, solange es nicht gegen die Gesetze verstößt. Und Sex unter Gleichgeschlechtlichen ist nur auf neunundsechzig Planeten der Inneren Sphäre verboten. Hier, geben Sie das meiner Sekretärin. Sie wird dann den Transfer des Gyroskopsets einleiten. Gehen Sie zuerst zum Quartiermeister und danach zum Matwart.“
„Heißt… heißt das, Sie nehmen mich?“
„Und danach melden Sie sich bei MeisterTech Nagy.“
Olliver Mehigaro sprang auf. Er ergriff Germaines Hand und schüttelte sie. „Danke, Sir, danke, ich werde Sie nicht enttäuschen! Nein, das werde ich nicht!“
Mit dem Zettel in der Hand stürmte der Tech aus dem Büro.
Germaine schmunzelte. Dieser Mann würde sehr gut in die Chevaliers passen.
Der nächste Mann, nun, wie er auf die Bewerbungsliste gerutscht war, konnte sich Germaine nicht erklären. Karel Swoboda. Sohn aus reichem Haus, MechPilot mit eigener Maschine, einem modifiziertem Kampftitan. Gehaltsvorstellungen illusorisch, Rangvorstellungen illusorisch. Er bot keinerlei Erfahrung an und hatte lediglich eine oberflächliche Milizgrundausbildung. Taktische Fähigkeiten waren nicht bekannt. Strategische wahrscheinlich nicht existent.
„Germaine, Mr. Swoboda ist nun da.“
„Schick ihn rein.“
Karel Swoboda war in der Tat das, was Germaine erwartete hatte. Großspurig, dauergrinsend und jovial.
„Ah, Major Danton. Wie ich gehört habe, suchen Sie noch MechKrieger. Nun, eigentlich war ich auf der Suche nach einem Posten als KompanieKommandeur. Aber die Chevaliers haben mich so fasziniert, dass ich ausnahmsweise auch mit einem Lanzenführer zufrieden wäre.“
Germaine zwinkerte. Zwinkerte wieder. War das ein Ewiger Krieger-Holovid und er hatte es nicht mitbekommen? Er entschloss sich, hart und gnadenlos zu sein.
Er stand auf, ergriff seine Feldmütze und winkte den Jungen hinter sich her. „Kommen Sie mal.
Cindy, ich bin ne halbe Stunde weg. Wo ist Peterson, wo ist Dolittle, wo sind die Angels?“
„Peterson ist auf dem Schießstand. Dolittle werkelt im Hangar zwei an den Panzern. Und die Luft/Raumpilotinnen warten ihre Mühlen in Hangar drei.“
„Danke dir.“
Der erste Weg, den jungen Schnösel im Schlepp, führte Germaine zu den Jagdfliegerinnen.
First Lieutenant Sleijpnirsdottir sah kurz auf, als der Chevalier den Hangar betrat. „Hi, Germaine. Kommen Sie zur Inspektion? Die Arbeiten gehen voran. Die Stukas sind bald wieder auf voller Leistung.“
„Danke, Chris, aber das wollte ich gar nicht wissen. Die Inspektion wäre Morgen erst fällig gewesen.
Sagen Sie, wo ist Sarah?“
„Oh. Die steckt in den Turbinen meiner Maschine. Sie wissen schon. Sie geht auf Tuchfühlung mit meiner Mühle. Sarah, der Boss ist da. Komm da mal wieder raus.“
Mit einem schweren Werkzeug schlug sie auf den Flügel der Stuka ein.
Kurz darauf kroch eine vollkommen verdreckte Sarah Slibowitz hervor. „Okay, okay. Hier bin ich schon. Was ist los, Chef? Kriegen wir jetzt doch Verstärkung?“
Germaine schmunzelte. „Wie geht es Ihrer Beinwunde, Sarah? Tut es noch weh?“
„Na, so weh es einem tut, wenn eine MG-Kugel glatt durchfährt und siebzig Gramm Muskelmasse mitreißt. Wächst alles nur langsam zu.“
Germaine deutete auf den erstaunlich ruhigen Karel Swoboda. „Dies ist Mr. Swoboda, ein Anwärter für die Mechs. Sind Sie so nett und zeigen den jungen Mann mal die Narbe?“
Ohne großes Federlesen öffnete Sarah Slibowitz ihren Techoverall, enthüllte dabei alles andere als Militärunterwäsche und zog ihr rechtes Bein hervor. Deutlich sichtbar war die Vertiefung. „Glatter Durchschuß“, kommentierte sie. „Ich hatte einen Blutverlust von zwei Litern. Hätte der Major mir nicht das Bein abgebunden, wäre ich jetzt tot.“
„Na, das passiert halt mal, wenn man mit einem Jäger in die Flak gerät, richtig?“ versuchte es Swoboda mit gekünsteltem Lachen. Seine Augen fixierten eher andere Körperteile.
„Nein, junger Mann, das ist nicht an Bord meines Jägers passiert. Das ist passiert, als ich meinen Jäger erreichen wollte.“
Germaine registrierte zufrieden, wie der Junge zusammenzuckte, „Danke, Sarah, Chris, machen Sie weiter so. Und über Ihre Verstärkung reden wir noch.“
Den jungen Mann im Schlepptau erreichte er nun den Schießstand. Dort erwartete sie bereits Captain Peterson.
Der Mann lächelte freundlich. „Was kann ich für Sie tun, Sir?“
Germaine schmunzelte. „Nun, ziehen Sie Uniformjacke und Hemd aus, Captain.“
„Wie meinen?“ „Es reicht meinetwegen auch, wenn Sie die rechte Schulter entblößen.“
„Oh.“ Peterson verstand. Er zog die Jacke aus und streifte das Hemd über der rechten Seite zurück. Seine Infanteristen waren teilweise neugierig näher gekommen und betrachteten erstaunt die große Narbe.
Auch Karel Swoboda betrachtete die tiefe Narbe mit großen Augen.
„Geht die Heilung voran, Cliff?“
„So lala. Ich bin erst auf achtzig Prozent. Aber mit etwas Glück erhalte ich meine volle Bewegungsfreiheit zurück. Noch ist alles recht steif.“
Mit einem Auge betrachtete Germaine dem Anwärter, mit dem anderen Peterson. „Erzählen Sie doch mal, wie Sie diese Narbe bekommen haben, Cliff.“
Der Captain zuckte die Schultern. Dabei bewegte sich die Narbe. „Nun, ich war im Bunkerkampf. Meine Truppe wurde zurückgedrängt. Feindliche Soldaten griffen meine Stellung an. Und bevor ich mich versah, erschoss ich den Ersten und der Zweite schlug mir mit einem Angeschärften Klappspaten die halbe Schulter ab. Hat verdammt wehgetan.“
Leises Raunen erfüllte die Luft. Die Rekruten waren beeindruckt.
Germaine winkte Karel zu sich und ging nach einem kurzen Grußwort weiter.
Nächster Halt war der MechHangar. Lieutenant Dolittle erwartete sie bereits.
„Isser das?“ meinte der Panzerfahrer leise und beäugte Swoboda neugierig.
„Ja, das ist er. Übernehmen Sie ihn bitte einen Moment. Ich brauche einen Kaffee.“
Germaine zog sich in den Hintergrund zurück und überließ den Rest Dolittle.
Der schlug dem jungen Mann burschikos auf die Schulter. „Na, denn kommense doch mal mit.“
Swoboda folgte dem Panzerfahrer unschlüssig. Sie gingen durch den Hangar, bis sie eine Gruppe Techs erreichten.
Sie arbeiteten an einer Furie. Einer der Techs verlor sein Werkzeug, versuchte sich danach zu bücken, schaffte es nicht und fluchte dabei wie ein Droschkenkutscher.
„Hi, Tom“, begrüßte Dolittle den Tech.
„Ah, Doc.“ Der Mann beruhigte sich beinahe sofort. Nun gelang es ihm, das Werkzeug zu ergreifen. „Was treibt dich her?“
„Oh, ich führe nur einen Neuen herum. Willst du ihm nicht was über dich erzählen?“
Wieder fiel das Werkzeug zu Boden. Aber diesmal fluchte Tom nicht. „Ah, verstehe.“
Er fixierte den Mann. „Sehen Sie mich mal genau an. Was fällt Ihnen auf? Sehen Sie meine Hände zittern? Sehen Sie meinen unkontrollierten Griff? Wissen Sie, dass ich Sie vielleicht in einer halben Stunde vergessen habe?
Vor einem Vierteljahr war ich noch Fahrer eines Panzers.“ Sein Blick ging zu Dolittle. „Des besten Panzers in der Inneren Sphäre. Aber dann… Dann war die Schlacht. Ich wurde verwundet, mein Gehirn blieb länger als fünf Minuten ohne Sauerstoff.
Ich bin kein lallender Idiot geworden. Aber mein vegetatives Nervensystem ist irreparabel geschädigt. Und mein Kurzzeitgedächtnis ist ebenfalls stark geschädigt.
Was von Vorteil ist. Niemand meckert, wenn ich mich mittags zweimal anstelle.“
Dolittle lachte dröhnend, der Tech fiel ein.
Aber die Miene Swobodas näherte sich allmählich einer gewissen Verzweiflung.
Germaine trat aus dem Schatten des Panthers hervor.
„Ich hoffe, Sie verstehen die Lektion, die ich Ihnen erteilen wollte, Mr. Swoboda.“
Der Mann sah zu Boden. Nur kurz sah er auf, fixierte Dolittle und den Tech. „Ich… Ich denke, ich verstehe.“
„Machen wir es kurz. Krieg hat nichts mit Romantik zu tun. Erst Recht nicht als Söldner.
Ich will Sie und Ihren Kampftitan gerne übernehmen. Allerdings als MechKrieger unter der Führung von Soldaten, die bereits einige Schlachten durch gestanden haben.“
Swoboda sah Germaine in die Augen. „Ich… Ich habe die nächsten Wochen noch nichts vor. Vielleicht versuchen wir es miteinander.“
„Na, das ist ein Wort.“
Okay, der Junge war noch nicht ganz von seinem hohen Ross runter. Aber immerhin verstand er jetzt wohl, worum es bei einer Söldnereinheit eigentlich ging…
Und die Chevaliers hatten erneut einen Krieger mit Maschine angeworben.
Germaine nickte den beiden zu und verließ den Hangar wieder.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:45
Als Germaine über den Kasernenhof ging, warf er einen vorsichtigen Blick in Richtung der Panzerfahrer. Neulich hatte er dort ein Pferd wiehern hören. Ein Pferd. Da sich seine schwere Verletzung nicht in Halluzinationen äußerte und er seine überragende Phantasie für andere Zwecke brauchte, schloss er eine Sinnestäuschung aus.
Vielmehr ging er davon aus, dass Dolittle tatsächlich ein Pferd in seine Halle geschafft hatte.
Warum und wozu ging Germaine ebenso wenig an wie das warum oder das woher.
Die Loyalität des Panzerfahrers stand außer Frage. Was immer er tat, er benutzte das Pferd, um der Einheit zu helfen.
Oder seinen Höllenhunden. Was auch für die Einheit war.
So oder so, es wurde zumindest mal Zeit, dass er bei seinem neuen First Lieutenant auf die Matte stieg und ihn daran erinnerte, dass da immer noch ein paar Leute über ihm waren.
Nicht dass Patrick Dolittle dies jemals vergessen würde. Aber das hinderte Germaine Danton nicht daran, trotzdem präsent zu sein.
Auf dem Weg zum Stabsgebäude kamen dem Chevalier die MechKrieger Fokker und Ferrow entgegen. Beide trainierten für einen Platz in der Erkundungslanze.
Die beiden blieben stehen, als sie den Chef erkannten. Aber sie hatten sich beide bereits dem laxen Stil der anderen Chevaliers angepasst. Anstatt großartig zu salutieren, sagten sie nur: „Morgen, Herr Major.“
Jara Fokker tat dies schnoddrig, Dawn Ferrow leise, aber fest.
„Guten Morgen, meine Damen. Irgendetwas Neues?“
Lächelnd schob Jara Fokker ihre Haare nach hinten. Ihre Schläfen wurden sichtbar. „Melde gehorsamst, Private First Class Jara Fokker hat sich wie befohlen die Schläfen ausrasiert.“
Tatsächlich zeigten zwei weiße Stellen an den Schädelseiten, wo einst Haare gestanden hatten.
Germaine glomm plötzlich der Schalk im Nacken. „Na, es verwüstet Ihre Frisur zum Glück nicht. Ach, Private Fokker, was mir gerade einfällt, wir werden demnächst auf lyranische Neurohelme umsteigen.“
Aus großen Augen starrte Jara ihren obersten Vorgesetzten an. „Das ist doch ein Witz!“
Germaine blieb nach außen ernst, innerlich aber grinste er. Zu Recht befürchtete Jara, dass sie sich den Hinterkopf ebenfalls rasieren musste, da der lyranische Neurohelm dort einen zusätzlichen Sensor hatte.
Er runzelte die Stirn. „Wird das hier Befehlsverweigerung, Private?“
Jara schluckte trocken. „Nein, Sir. Wann… wann bekommen wir die Folterinstrumente?“
Germaine grinste. „Sagte ich Neurohelm? Ich meinte Ernährung.“
Ein sichtbares Aufatmen ging durch die junge Frau. „Lieber Sauerkraut als die Frisur noch mehr zu verschandeln.“
Germaine grinste weiterhin, als er seinen Weg fortsetzte. „Weitermachen, meine Damen.“
„Äh, ich hab´s nicht geglaubt, Boss, ich hab´s nicht geglaubt“, rief Jara Fokker dem Major hinterher.
„Ja, ja“, mischte sich Dawn Ferrow kichernd ein. „Wenn du es noch oft genug sagst, glaubst du es am Ende noch selbst.“
Herzerfrischend, junges Blut in der Einheit zu haben.
Als Germaine Danton voller Elan sein Büro betrat, erwartete ihn Cindy wie immer mit einer dampfenden Tasse Kaffee. „Gelber Alarm, Germaine. Ich habe vor zehn Minuten Manfred rein gelassen. Er sieht aus, als hätte er die ganze Nacht kein Auge zugetan. Und er hat den ganzen Arm voller Dokumente.“
Germaine ergriff die Tasse und nickte noch einmal seiner Sekretärin zu. „Wenn ich rufe, schnapp dir deine Schrotflinte und hol mich raus, okay?“
„Witzbold“, schmunzelte sie.
***
Zwei Stunden später saßen beide Männer am Schreibtisch, die Ärmel hochgekrempelt und sichtlich geschafft.
„Also noch mal, Manfred, die Fünferlanze funktioniert nicht?“
„Nein, sie funktioniert. Aber ich bin dagegen. Die Rekruten, die wir aufgenommen haben, sind bis auf Rebecca darauf trainiert, in Viererlanzen mit einem Flügelmann zu kämpfen. Wenn wir uns besser eingespielt haben, sollten wir auf dieses System wechseln.“
„Oder ganz sein lassen. Manfred, du weißt, mir geht es darum, möglichst viele Mechs im Dienst zu haben, ohne die Kommandostruktur zu verzetteln. Gerade mit den Elementaren brauchen wir diese Struktur. Es geht nicht anders.“
„Ja, schon. Aber wenn du McHarrod innerhalb der Kampflanze eine Art Unterlanze führen lässt, dann hast du bereits vier Lanzen. Was liegt näher, als vom Fünfer abzurücken und zum Vierer zurückzukehren? Machen wir eine weitere Lanze auf. Die Schlag-Lanze. Geben wir sie Wolf McHarrod und machen wir ihn zum First Lieutenant. Ein Mann mit seiner Erfahrung wird hervorragend die Elis kommandieren und kann ohne weiteres vier Mechs unter Kontrolle haben. Außerdem wird er damit zu meinem Stellvertreter aufrücken. Was mir nebenbei bemerkt sehr recht ist. Okay, wir brauchen dann noch einen Mech und einen Piloten mehr. Damit fehlen uns zwei Piloten. Aber glaub mir, es wird sich lohnen.
Germaine, ich bin dafür sogar bereit, den Thor an McHarrod abzutreten und wieder in meinen Kampffalke zu klettern. Oder ich nehme den Hatamoto und vermache meinen Mech an Miko.“
Nachdenklich strich sich Germaine durch die Haare. „Hm. Ich bin einverstanden. Wir brauchen dann aber noch einen vierten Offizier. Möglichst jemanden im Lieutenant-Rang. Dann müssen wir Rebecca zum Sergeant-Major machen, sonst kommt sie noch auf die Idee, McHarrod zu einem Positionstest um seinen Rang herauszufordern.“
Manfred Scharnhorst nickte schwer. „Ja, das wird Ruhe geben. Wenigstens einige Zeit.
Mulgrew sollten wir dann zum Corporal machen. Erstens hat er es sich schon lange verdient und zweitens brauchen wir ihn weiterhin, um Rebecca zu bremsen.“
„Stell ihn auf eine Katapultstelle“, meinte Germaine und massierte sich die Schläfen. „Sobald es die Vorschriften erlauben, soll er Sergeant werden.“
„Ist notiert. Was ist mit Al und seinem Falconer? Kann ich sie für die Kompanie einrechnen?“
„Um Himmels Willen, der Zorn meiner Frau würde mich vernichten und Sie halbieren, mein lieber Scharnhorst.“ Lautlos war der Arkab eingetreten. In der Hand hielt er eine frische Kanne Kaffe. Unter dem Arm trug er eine Pappmappe.
Er schenkte den beiden Offizieren nach. „Cindy überlegt bereits, ob sie Ihnen beiden nicht besser eine intravenöse Leitung legen soll. Und Doc Belinda lauert bereits mit dem Defibrilator, falls es zum Kreislaufkollaps wegen Koffeinüberdosis kommt.“
Manfred warf dem Arkab einen schiefen Blick zu. „Aber wir sind doch erst in Klausur seit… Drei Kannen.“
„Eben, Manfred, eben.“
Der Araber zog die Mappe unter seinem Arm hervor und legte sie auf den Kompanieplan. „Meine Herren Chevaliers, wenn diese Akte das kleine Problem in der MechKompanie nicht löst, will ich persönlich mit einem Haarpinsel ein neun Meter großes Chevalierslogo auf die ROSEMARIE malen.“
Interessiert öffnete Germaine die Akte. Er ging die Blätter schnell durch und schob dann einen Packen zu Scharnhorst. Der pfiff anerkennend. „Hank Borer. DER Hank Borer?“
„Es kommt noch besser. Die zweite Akte ist von Deadly Denny Dukic, dem kämpfenden Reporter. Habe damals einiges von ihm gesehen, bei den Übertragungen aus Solaris City. Ich habe mich oft gefragt, wieso er so plötzlich von der Mechbühne abgetreten ist. Nach der Sache mit der Presseaktion wäre er doch bestimmt für den Titelkampf zugelassen worden.“
„Er hat wohl den Kontakt mit der Realität nicht verkraftet. Ist eben nicht jedermanns Sache, sich mit Clannern anzulegen, mit einem Mech in einem Tunnelsystem zu kämpfen oder einem fallenden Hochhaus auszuweichen.“
„Manfred, es liegen Bewerbungsschreiben bei.“
„Ich nehme ihn sofort. Und Borer auch.“
Germaine hob eine Augenbraue.
„Nun, wir sollten natürlich fragen, was die beiden die letzten Jahre so angestellt haben. Aber ich glaube, wir sind beide daran interessiert, diese MechKrieger in die Einheit zu holen, richtig?“
Danton nickte. „Al, mein Freund, wo hast du diese Akte her?“
Der Arkab grinste schief. „Ah, mein Freund Germaine, ein Freund von mir betreibt eine Bar in der Innenstadt. Er erzählte mir neulich, sein Partner, ein ehemaliger MechKrieger sehne sich nach der Zeit im Cockpit zurück. Neulich hatte er einen alten Freund zu Besuch. Und der scheint unter dem gleichen Problem zu leiden.
Nun, Georgie bat mich, euch mal die Akten der beiden zu zeigen. Ihre Ansprüche sind natürlich unverschämt hoch, nicht? Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass das Interesse an Mr. Dukic und Mr. Borer so hoch sein könnte.“
„Spötter“, brummte Germaine und unterdrückte ein Grinsen. „Hast Du auch schon einen Termin vereinbart, Al?“
Der Arkab griff sich ans Herz. „Oh, er kennt mich gut, dieser Knabe, er kennt mich gut.
Manfred, Germaine, habt Ihr heute Abend schon was vor? Wenn nicht würde ich die Ausgehuniform hervorkramen, ein paar kleine Scheine einstecken und den Damen raten, das kleine Schwarze anzuziehen. Wir gehen aus. Auf ein sechs plus zwei.“
„Sechs plus zwei?“
„Nun, Manfred, wir drei, unsere Damen und die Herren Dukic und Borer.“
„Und wohin gehen wir aus, mein Freund?“
„Wir wurden für heute Abend ins Hell and Heaven eingeladen.“
„Also das haben die beiden die letzten Jahre gemacht“, murmelte Germaine erstaunt.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:46
Die Reihen der Chevaliers füllten sich. Bis auf zwei MechKriegerränge waren nur noch Techs und Infanterie – vor allem der Pionierzug – unter dem Soll.
Erstaunlicherweise zogen die neuen Chevaliers keine Familien nach.
Das beruhigte Germaine etwas, da dies bedeutete, für diese keine Sorge zu tragen oder gar Schulen einzurichten.
Es beunruhigte ihn aber auch, denn er wusste, über kurz oder lang würden sich Familien, ah… nicht vermeiden lassen. Also wollte er eigentlich die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Die beiden Termine, die er noch auf seinem Castingplan hatte, so nannte man in der Einheit das Vorstellungsgespräch, betrafen einen Bereich, in dem Germaine Danton die Chevs eigentlich nicht hatte vergrößern wollen.
Leider hatte Lieutenant Sleijpnirsdottir ihn genau da gepackt, wo es wehtat, bei den eigenen Worten.
„Wenn Sie jemanden finden, der eigene Maschinen mitbringt“, waren Germaines Worte gewesen. Und sie hatte jemanden gefunden. Genauer gesagt gleich drei Piloten.
Mit eigenen Maschinen. Germaine hatte die Termine zusammenlegen lassen.
Und nun traten sie ein.
Kurz runzelte der Chevalier die Stirn, als statt der erwarteten drei Piloten nur zwei eintraten.
Die beiden, ein Mann und eine junge Frau, salutierten korrekt und nahmen auf seine Bitte hin Platz.
„Ich stelle zu meine Verwunderung fest, dass Sie nur zu zweit sind“, eröffnete Germaine das Gespräch.
Der Mann hob eine Hand. „Mein Partner, Zeal Fire, hat sich dazu entschlossen, seine Bewerbung zurückzuziehen.
Er findet Ihre Moral bezüglich der Clans als nicht akzeptabel.“
Germaine verengte die Augen zu Schlitzen. „Und Sie, Mr. Danté?“
„Nun, Major Danton, ich bin als Söldner groß geworden. Mir ist es egal, wofür wir kämpfen. Oder wer unser Auftraggeber ist. Solange wir die Ares-Konvention einhalten bin ich jederzeit bereit, sogar wie Ihre Chevaliers für Clan Geisterbär zu kämpfen.“
„Das ist eine befriedigende Antwort, Mr. Danté.“
Die junge Dame, Sandrina Gurrow laut der Bewerbung, wirkte erstaunt. „Die Chevaliers haben für Clan Geisterbär gearbeitet?“
„Nun ja, nicht wirklich. Wir haben mit Duldung des Clans in deren Gebiet marodierende Ronin vernichtet. Dabei kam es zur Adoption von Clankriegern sowie einem gemeinsamen Angriff auf die Heimatwelt der Ronin.
Ist das ein Problem für Sie, Miss Gurrow?“
Die junge Pilotin erschrak. „Nein. Oh nein, Sir, so ist es nicht. Ich meine, ich… Es ist nur so, Sir, ich habe noch nie davon gehört, dass Söldner für einen Clan arbeiten. Das ist so unglaublich neu für mich. Dass es so etwas geben kann, erstaunt mich. Damit ist Ihre Einheit ja was ganz besonderes, Sir.“
Germaine schmunzelte. Diese beiden Bewerber versprachen interessant zu sein.
„Widmen wir uns Ihren Bewerbungen. Sie, Mr. Danté, fliegen eine Corsair. Eine mittelschwere Maschine würde gut in unsere Aufstellung passen. Wie Sie wissen verfügen wir bisher nur über zwei Stukas.
Hm, Ihre akademische Ausbildung erfolgte in der Außenweltallianz. Die ist berühmt für ihre guten Jagdflieger. Sie sind mit Auszeichnung abgegangen.
Danach Dienst in der Söldnereinheit in der Ihre Eltern dienten.
Zweistellige Abschüsse, darunter sogar Clanpiloten. Nicht schlecht.
Warum haben Sie Ihre alte Einheit verlassen, Mr. Danté? Was trieb Sie dort fort?“
Jean Danté grinste. „Nicht ich habe die Einheit verlassen. Die Einheit verließ mich. Sie wurde aufgelöst. Nun bin ich auf der Suche nach einer neuen Anstellung. Meine Mühle ist gut in Schuss. Ich habe dreiundzwanzig verifizierte Abschüsse. Ich bin mehr als qualifiziert, bei den Chevaliers zu dienen. Ich bin Veteran, während Ihre Einheit lediglich regulär ist.
Warum, werden Sie fragen, will ein Mann mit meinem aufgesetzten Ego dann zu Ihren Chevaliers?
Ich will es Ihnen sagen. Weil es eben nur ein aufgesetztes Ego ist.
Vo allen Einheiten, die Piloten suchen, sind mir die Chevaliers das liebste, weil sie aus den Resten einer anderen Einheit entstanden sind, so wie ich ein Überbleibsel meiner Einheit bin.
Ich denke, ich kann hier neu anfangen, Sir.“
Germaine runzelte die Stirn. „Und Sie, Miss? Wie ich sehe, haben Sie einen guten Akademieabschluss. Aber Ihnen wurde keine Stelle in einer Hauseinheit angeboten. Woran liegt das?“
Sandrina Gurrows Miene wurde düster. „Männer, Sir, eifersüchtige, zurückgewiesene Männer.“
Jean Danté warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. „Und wahrscheinlich auch noch mit Beziehungen gesegnet. Mein Beileid, Pilot.“
„Danke, Mr. Danté.“
„Oh, sagen Sie Jean.“ „Okay, Jean. Wenn Sie mich Sandrina nennen.“
„Wie dem auch sei“, unterbrach Germaine die sich abzeichnende Unterhaltung. „Ich habe hier auch noch einen Vermerk über eine Schlacht, an der Sie neulich teilgenommen haben. Und die Sie recht siegreich überstanden haben. Sie scheinen recht abenteuerlustig zu sein.“
Sandrinas Gesicht wurde verkniffen. „Mit Verlaub, Sir, wenn Sie darauf hinauswollen, ob ich Befehlen gehorchen kann, dann sagen Sie es offen.
Damals habe ich getan, was ich für nötig hielt. Ich habe während dieses Überfalls eine sehr gute Freundin verloren, aber ich weiß, dass meine Entscheidung richtig war.
Wenn ich… Wenn man handeln kann, aber es nicht tut, weil niemand einem sagt, dass man handeln soll, dann ist man kein Feigling. Nur dumm. Und ich will nicht dumm sein.
Für diese Lektion habe ich teuer bezahlt.“
Germaine nickte beeindruckt. „Sie fliegen einen Stingray, wie ich sehe. Die Maschine ist wieder repariert?“
„Ja, Sir. Der Captain meines Landungsschiffs hat die Reparaturen aus Dankbarkeit befohlen. Er hat sogar gesagt, er will mich mal wieder transportieren, wenn ich mal wieder eine Mitfahrgelegenheit brauche. Er baut seinen Lander gerade für den Transport von militärischen Einheiten um und…“
„Wie dem auch sei. Ich nehme Sie beide. Überführen Sie Ihre Maschinen. Sie werden einen Wing bilden. Sie, Mr. Danté, werden der Wing Leader. Sie werden Auge, Ohren und Aufpasser für unsere beiden Stukas bilden. Ich übernehme Sie beide als Second Lieutenants.
Unterschreiben Sie draußen Ihre Verträge. Danach lassen Sie sich den Weg zum Materialwart und zum Quartiermeister erklären.“
Germaine erhob sich, schüttelte den beiden Piloten die Hand. „Also, willkommen bei den Chevaliers.“
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:47
Als sich die Chevaliers zum „Bewerbungsgespräch“ aufmachten, war es bereits später Abend. Eigentlich genau die Zeit, in der die jüngeren Chevaliers zum tanzen gingen. Und die Älteren wieder kamen.
Oder wie Lieutenant Dolittle gerade erst mit der zweiten Schicht an den Panzern begannen.
Dolittle pfiff begeistert, als er Germaine in seiner Ausgehuniform sah. „Na, da hat Sie Doc Belinda aba fein gemacht, wa?“
Germaine Danton grinste. Der Panzerfahrer hatte bei ihm Narrenfreiheit. Erstens verstand er sein Handwerk und zweitens war er eine Seele von Mann. „Doc, eine Bitte. Bishop hat den Offizier vom Wachdienst. So hundert Prozent ist er in der Rolle noch nicht drin. Wäre also nett, wenn Sie ihm unter die Arme greifen, falls was passiert und Sie zufällig noch auf dem Gelände sind.“
„Aber Cheeef, das geht klar. Aufn alten Dolittle könnense sich verlassen.“
„Ach, Doc, es wird Zeit, dass Sie mich langsam Germaine nennen.“ Danton klopfte dem Panzerfahrer anerkennend auf die Schulter. „Sie leisten wie immer gute Arbeit, Doc.“
Germaine verließ den Panzerhangar und trat hinaus zur wartenden Limousine.
Im Foyer des großzügig ausgelegten Luxusschwebers erwarteten ihn fünf Personen. „Tolles Teil, Germaine“, brummte Scharnhorst und schenkte aus der Minibar einen Whisky ein. „Fehlt nur noch der Pool und die Bowlingbahn. Ein Simulator für MechFights wäre auch nicht schlecht.“
„Na, das wäre doch mal ne Geschäftsidee, was, Al?“
Der Angesprochene Arkab sah lächelnd zu Germaine herüber. „Es wäre wirklich ein Novum, Germaine, mein Freund. Die erste Hundert Tonnen-Limousine.“
„Ich kapier das nicht“, maulte Miko Tsuno. „Warum müssen wir mit dieser lahmen Krücke fahren? Die ist ja nicht mal gepanzert. Bestenfalls kann man das Schiebedach öffnen und daraus feuern.“
„Sag mal, Engelchen, du hat doch nicht etwa eine Waffe eingesteckt?“, argwöhnte Manfred Scharnhorst.
„Nein, Manfred. Der Befehl lautete, ohne Schusswaffen für die Fahrt zum Hell and Heaven bereithalten. Außerdem bin ich auch ohne Waffen gefährlich.“
„Oh ja, das kann ich bestätigen“, raunte Manfred Scharnhorst und beugte sich vor, um ihr einen Kuss aufzudrücken.
„Keine Details, bitte“, stöhnte Germaine. „Und, Esmeralda, Al, wie ist das Eheleben?“
„Eheleben, du hast leicht reden, Germaine“, erwiderte die Raumfahrerin. „Eigentlich hat dieser alte Pirat nur legitimiert, was wir ohnehin seit Jahren teilten.“
Sie knuffte ihrem Ehemann schmerzhaft in die Seite. „Wahrscheinlich bringt es ihm irgendeinen Steuervorteil oder so.“
„Au. Du tust mir Unrecht, mein Schatz. Der einzige Grund, warum ich dich geheiratet habe, ist mein guter Freund Germaine.“
„Ah, so ist das. Hast du ihm also ins Gewissen geredet.“
Abwehrend hob der Chevalier die Hände. „Ich weiß nicht, wovon er spricht.“
„Du missverstehst das, mein fliegender Engel“, sagte Mustafa al Hara Ibn Bey, ergriff Esmeraldas Hände und küsste diese. „Germaine ist deswegen der Grund, weil er uns dieses Zuhause gegeben hat. Für mich der sicherste Ort in diesem unsicheren Universum.“
„Oh, du alter Pirat.“ Esmeralda schmolz regelrecht dahin.
Germaine griff nach seinem Glas und nahm einen vorsichtigen Schluck. Hoffentlich steckten sie nicht Belinda mit diesem Geturtel über die Ehe an. Er selbst war einfach noch nicht bereit dafür. Okay, sie machte ihn glücklich. Richtig glücklich. Aber da war immer noch diese Szene in seinem Kopf, wo er sich beinahe den Schädel weggeschossen hätte. Solange er da nicht drüber weg war, konnte er nicht an eine ernsthafte Beziehung, geschweige denn Ehe denken.
Ob er Belinda sagen sollte, dass er die nächsten Tage einen Termin bei einem bionischen Chirurgen hatte?
„Wie dem auch sei“, warf Manfred hastig ein, als die beiden Raumfahrer beinahe schon in den Nahkampf übergingen und Miko dank ihrer strengen draconischen Erziehung leuchtete wie eine nachglühende Gaußspule, „konzentrieren wir uns auf das Bewerbungsgespräch. Germaine und ich werden es mit den beiden führen, wenn es Recht ist. Al, ich vertraue dir meine Miko an. Ich weiß, sie kann sich wehren.“ Manfred küsste sie sanft auf die Wange. „Aber ich bin doch ganz froh, wenn jemand ein Auge auf sie hat. Immerhin geht sie nicht mit ihrem Mech da rein.“
„Manfred. Wir gehen in eine Szenekneipe. Nicht auf ein Schlachtfeld.“
Al hob die Hand, wie um etwas zu sagen, nahm sie aber wieder zurück, als seine Frau ihm in die Seite kniff.
Als der Wagen hielt, drang leises Raunen von draußen ins Foyer des Schwebers. Als der Chauffeur die Tür öffnete, schwoll es zu einem allgegenwärtigen Gemurmel an. Germaine verließ den Schweber als erstes und half Belinda beim aussteigen. Was er sah, übertraf seine Erwartungen bei weitem. Das Hell and Heaven war geradezu umlagert von Menschen, die geduldig anstanden, um vielleicht eingelassen zu werden. Nur in der Mitte war ein kleiner Streifen ausgespart, markiert durch Absperrungen und einen roten Teppich, über den man relativ ungehindert bis zur Eingangstür kommen konnte.
Germaine wartete, bis die anderen beiden Paare ausgestiegen waren. Er übernahm die Spitze, Manfred ging auf Geleit auf der Rechten, Al ging auf der Linken. In V-Formation gingen sie auf den Concierge zu, der gerade ein Pärchen mit dem Hinweis, die Tische seien alle belegt, wieder in die Schlange schickte.
Innerlich wappnete sich Germaine auf ein längeres Rededuell, doch als der in einen Smoking gekleidete Mann ihn direkt ansah, öffnete er nur einladend die Tür. „Major Danton und Begleitung, Sie werden erwartet.“
Überrascht traten die Chevaliers ein. Ein Riese von Mann erwartete sie bereits. Er nickte ihnen zu und drückte dann einen Knopf an seinem Headset. „Mr. Dukic, Brauer hier. Ihre Gäste sind eingetroffen.“
Danach machte er eine einladende Geste und führte sie durch den halben, sehr gut gefüllten Saal, vorbei an der Bar auf eine Empore, von der man eine sehr gute Sicht hatte.
Der Tisch direkt an der Empore, beinahe an der Bar war unbesetzt. Ein Hinweisschild informierte Germaine, dass dieser für vier Personen reserviert war, für Major Danton und drei Begleiter. Der Chevalier runzelte die Stirn. Der Tisch bot acht Menschen genügend Platz, um nebenbei noch ausgiebig zu Abend zu essen.
Brauer, der Riese, der sie durch den Saal gefüllt hatte, schnippte mit dem Finger. Beinahe sofort kamen zwei Bedienungen herüber und brachten vier weitere Stühle.
Ein Mann in einem Designeranzug kam auf sie zu, unverkennbar älteren Semesters, aber mit Augen, die kraftvoll strahlten, als wäre er keine zwanzig.
„Oh, Al, welche Freude. Wie schön, dass du kommen konntest. Aber ich bin unhöflich. Nennen Sie mich bitte Georgie. Ich bin der Partner von Mr. Dukic.“
Er ergriff Belindas Hand und hauchte einen Kuß darauf. „Doktor Wallace.“
Danach widmete er sich Sergeant Tsuno. „Tsuno Miko-chan.“
Und endlich hauchte er auch einen Kuß auf die Hand von Esmeralda al Hara. „Oh, Esmeralda. Ich habe bereits gehört von diesem schändlichen Verbrechen. Wie konnte Mustafa nur so widerwärtig sein und solch einen schönen, freien Vogel wie Sie in das enge Gefängnis der Ehe sperren? Ich bin entsetzt.“
Er knuffte dem Arkab in die Seite. „Andererseits bin ich aber froh, dass er so eine wundervolle Frau gefunden hat.“ Wieder küsste er Esmeraldas Handrücken.
„Nun lass endlich deine Finger von meiner Frau, alter Pirat“ raunte dieser gerade dem älteren Barbesitzer grinsend zu.
„Ahhhh!“ Mit einem gespielten Ton der Empörung umfasste Georgie Esmeraldas Hand und lächelte schelmisch in die Runde „Mustafa mein Freund, wer bin ich schon, das ich eine so junge Ehe gefährden könnte? Sei´s drum.“ Er wandte sich den beiden Neuankömmlingen zu „Hier sind auch schon die Herren Dukic und Borer.“
„Denny, Hank, darf ich vorstellen, Mustafa Al Hara Ibn Bey und seine Frau Esmeralda. Doktor Belinda Wallace und Major Danton sowie Sergeant Tsuno und Captain Scharnhorst.“ Es folgte das übliche Händeschütteln, wobei Germaine genau darauf achtete, wie die beiden zugriffen. Beide hatten einen ehrlichen, festen Händedruck. Mr. Borer packte sogar zu, als gelte es, ihm ein oder zwei Fingerknochen zu brechen.
„Ich würde sagen, ihr geht dann mal in das Kaminzimmer um euer Gespräch zu führen, während ich die Damen unterhalte, ja?“, sagte Georgie und lächelte die Damen an.
„Nichts da, alter Halunke, ich bleibe auch hier!“ Grinsend hielt Al seiner Frau den Stuhl.
„Na wenns denn sein muß“, erwiderte der Barbesitzer, der den Stuhl für Doktor Wallace bereithielt, und verdrehte dabei die Augen.
„Hier entlang bitte.“ Mr. Dukic deutete auf eine Ecke in Hintergrund des großen Raumes, die mit schweren Vorhängen vom Rest der Bar abgetrennt war.
„Danke“, erwiderte Germaine und drehte sich noch einmal zu den mittlerweile um den Tisch herum sitzenden übrigen Mitgliedern seiner Einheit um. „Dann feiert mal schön während Manfred und ich arbeiten, ja?“
„Machen wir“, antworteten ihm alle fast zeitgleich.
Germaine verdrehte die Augen. Na, dass sie diesen Befehl sofort befolgten, war ja auch kein Wunder.
Geführt von Denny Dukic durchquerten sie erneut den gut gefüllten Saal, auf die abgeschiedene Ecke zu. Was bewog so einen Mann, sein sicheres Leben aufzugeben und wieder in einen Mech zu klettern?
Germaine zuckte die Schultern. Vielleicht da gleiche, was ihn bewog, zu versuchen, ein bionisches Implantat für sein halb zerstörtes Mittelohr zu bekommen.
Alles in allem versprach das Gespräch sehr interessant zu werden.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:47
Das sogenannte Kaminzimmer war erstaunlich isoliert vom Rest der Szenekneipe. Kaum mehr als ein Murmeln drang vom allgegenwärtigen Stimmgewirr und der Musik zu ihnen herein.
Denny Dukic deutete Manfred und ihm auf der Couch Platz zu nehmen, während er und Hank Borer in Sesseln ihnen gegenüber Platz nahmen.
„Möchten Sie etwas trinken? Nur weil wir gezwungen sind zu arbeiten müssen wir nicht leben wie die Clanner.“
Germaine bemerkte ein Funkeln in Dennys Augen, als dieser das Wort Clanner sagte. Der Chef der Chevaliers enttäuschte den Mechkrieger und lächelte freundlich und nichtssagend.
„Danke, ja, ich hätte gerne einen Malt.“
Manfreds Miene war unerschütterlich. Nicht einmal die Augen schienen verraten zu wollen, was der Mann dachte. „Timbiqui Dunkel, bitte.“
Denny Dukic berührte einen Knopf an seinem Headset und gab seine Bestellung weiter. Für sich selbst orderte er ebenfalls einen Scotch. Hank Borer bestellte er einen exotischen Longdrink namens Upstair.
Als die Getränke kamen und der erste Schluck genommen wurde, begann der offizielle Teil vollends.
Germaine eröffnete die Runde und ging die Lebensläufe der beiden Mechpiloten durch. Manfred Scharnhorst stellte immer wieder konkrete Zwischenfragen, wenn er meinte, Danton hätte nicht tief genug gebohrt.
Nach einem Abstecher zur Mechqualifikation kamen sie schließlich zu Solaris VII.
Detailliert ließen sich die Chevaliers die einzelnen Gefechte der beiden Lanzenkameraden erklären, die Konfiguration der gegnerischen Mechs.
Vor allem die Zusammenarbeit mit den draconischen Mechkriegern erweckte Germaines Interesse.
Als das Gespräch kurz auf den Mechstall kam, wurden Dukic und Borer vorsichtig, als gelte es, ein verbales Minenfeld zu durchqueren.
Germaine verzichtete darauf, tiefer zu bohren, behielt dieses Thema aber im Hinterkopf.
„Das sieht doch alles ganz gut aus“, brummte Germaine und nippte an seinem Malt Whisky. „Was meinst du, Manfred?“
„Kommt drauf an. Wie sehen denn so Ihre Vorstellungen aus, meine Herren? Was erwarten Sie für Ihren Dienst bei den Chevaliers?“
„Nun“, eröffnete Denny Dukic diesen Teil des Gesprächs, „ich weiß zufällig, dass Sie noch einen Lanzenführer suchen. Ich würde gerne mit meinem Firestarter II diese Position übernehmen. Im Rang eines First Lieutenant.“
Scharnhorst sah kurz zu Germaine herüber. Der schüttelte den Kopf. „Du hast bereits einen First Lieutenant, Manfred.“
„Aber den Mech könnten wir gebrauchen. Die Modifikationen laut der Unterlagen wäre eine Verstärkung für eine schlagfertige, schnelle Einheit.“
Germaine wechselte das Thema. „Wie sieht es mit Ihnen aus, Mr. Borer? Was schwebt Ihnen denn so vor?“
„Nu, ich will natürlich wieder Flügelmann von Triple-D wer´n. Unh ich will mein´n Tempest mitbringn. Dann wäre so `n Sergeant Major nicht übel.“
Manfred schüttelte diesmal den Kopf. „Sorry, Mr. Borer, aber so einen Quatsch wie einen Tempest in eine Erkundungslanze zu stecken fangen wir gar nicht erst an. Wenn Sie wirklich der Flügelmann von Mr. Dukic bleiben wollen, werden Sie auf einen leichteren Mech umsteigen müssen. Wir haben da noch ein paar Beutestücke, die Ihnen gefallen dürften.“
Unvermittelt wechselte Germaine Danton das Thema. „Sagen Sie, Mr. Dukic, was Mr. Borer seit der Sache auf Solaris gemacht hat, konnten wir der Bewerbung entnehmen. Ich bin sicher, er war eine überqualifizierte Verstärkung für diese Milizeinheit.
Aber wie sieht es bei Ihnen aus? Ich kann nicht glauben, dass Sie nicht mehr getan haben als diese Bar zu führen. Ihre Unterlagen erwähnen zwar eine Operation mit einer unterzähligen Kompanie Mechs im St.Ives-Pakt. Mit einem zugegebenen tragischen Ende. Aber war es das?“
In Erwartung einer interessanten Geschichte lehnte sich Germaine zurück.
„Was haben Sie“, begann Deadly Denny Dukic seine Erzählung, „von der Wilden Acht gehört?“
„Wenig“, kommentierte Manfred. „Kaum mehr als wir Ihrer Bewerbung entnommen haben.“
„Eine Gruppe Mechkrieger mit anarchistischer Befehlsstruktur. Mein alter Kommandeur erwähnte sie immer mal wieder als Beispiel, wie man es nicht machen sollte.“ Germaine lächelte breit. „Nun erzählen Sie schon.“
Dukic nickte. „Nun, ich war Teil der Wilden Acht für den letzten Auftrag, der sie nach Ambergist führte, eine von Frontlinientruppen der Konföderation Capella frisch eroberten Welt. Es sah alles recht simpel aus. Wir sollten versprengte St.Ives-Mechs jagen, die einen Guerillakrieg gegen die Garnison führten. Eigentlich.“
Daraufhin schwieg der Mann eine lange Zeit. Unbewußt griff er sich in seine Jacke, unterband die Bewegung jedoch.
„Was ist auf Ambergrist geschehen?“, fragte Germaine leise.
„Die wilde Acht ist vernichtet worden“ antwortete er kurz angebunden.
„Das ist mir klar, Mr. Dukic, das geht ja auch aus den Unterlagen hervor. Genauso wie daraus hervor geht, dass nur Sie und eine Kameradin mit ihren Mechs entkommen konnten. Ich will von Ihnen aber wissen, WIE es dazu gekommen ist. Haben Sie versagt?“
Wut brach aus Denny hervor und seine Augen verengten sich schlagartig zu Schlitzen.
„Ob ich versagt habe?“, fauchte er den Major an. „Was wissen Sie denn schon...?“
„Eben“, antwortete Germaine sachlich, „ich weiß nichts davon. Und gerade deswegen muss ich mehr darüber erfahren, wenn Sie meinen Chevaliers beitreten sollen.“
Denny Dukic starrte dem Major lange in die Augen. „Nun“, meinte er. Sein Blick wechselte zu Scharnhorst und von dort zu seinem Freund Hank Borer.
„Nun“, sagte er wieder. Ein Ruck ging durch seinen Körper.
Dukic holte tief Luft und begann: „Nun gut, nachdem wir unseren eigentlichen Auftrag, die Zerschlagung der noch immer als Guerilla auf Ambergrist agierenden St.Ives-Truppen schnell und professionell erfüllt hatten, warteten wir eigentlich nur noch auf unseren Lift zurück nach Outreach. Der ganze Einsatz war so gut gelaufen, das ich schon dachte meine ursprünglichen Befürchtungen bezüglich der fehlenden Einheitshierarchie und des mangelnden Trainings seien unbegründet gewesen. Auch für die Konföderation war die Operation sehr positiv verlaufen. Es schien, das der Krieg gegen St.Ives bald beendet sein würde.“ Er blickte sich um und wieder ermunterte ihn Hank mit einem knappen Nicken zum Weiterreden.
„Dann, kurz nach Neujahr 63, meldete man uns den Anflug von feindlichen Landungsschiffen.“
Germaine sah, wie die Augen des Mechkriegers kurz glanzlos wurden. Manfred beugte sich interessiert vor und Hank Borer platzte heraus: „Un? Wer is da nu angeflogen. Machs nich so spannend, ne?“
Denny trank einen Schluck Wasser und flüsterte: „Es waren die 1. St.Ives-Lanciers!“
Ein kurzes Zucken in Major Dantons Augen war dessen einzige Reaktion. Captain Scharnhorst beugte sich unbewusst ganz leicht nach vorne und Hank zog deutlich hörbar den Atem ein.
„Uhhhhf, DIE 1.St.Ives-Laciers? Die mit...“ Hank Borer sprach nicht weiter, aber alle im Kaminzimmer versammelten wussten, wen er meinte. „Ich hätt auch ma` fast gegen ihn gekämpft, ne? Damals auf Solaris, als er noch...“
Dukic warf Hank Borer einen bösen Blick zu. Schuldbewußt murmelte der: „Tschulligung.“ Mt einer Geste forderte er seinen Freund zum weiterreden auf.
„Ja genau, DIE 1.St.Ives-Lanciers. Natürlich hat uns der Kommandeur der Capella-Milizen, die anstatt der regulären Fronttruppen zurückgeblieben waren, sofort zur Abwehr der St.Ives-Truppen „zwangsverpflichtet“. Er wußte, das seine grünen Miliztruppen von vornherein keine Chance gegen diese Elite-Einheit haben würden.
Also hoffte er, das wir – also die wilde 8 - in der Lage sein würden der Schlange den Kopf abzuschlagen. Ich will sie jetzt nicht mit taktischen Details langweilen, aber der Plan sah vor, das die wilde 8 sich auf die Befehlskompanie stürzen sollte, während die Capella-Milizen die Haupteinheiten beschäftigt halten würden.
Doch um einer dreckigen Söldnertruppe nicht den ganzen Ruhm zu überlassen, schloss der Miliz-Kommandant sich mit seiner Befehlslanze unseren beiden Lanzen an, anstatt sich um seine eigenen Truppen zu kümmern.“
„Hört sich nach einem äußerst gewagten Plan an“, unterbrach ihn Manfred. „Warum haben sie nicht dagegen protestiert?“ Germaine nickte bei diesen Worten beiläufig.
„Oh doch, das habe ich, Sir, zusammen mit zwei Kollegen, die es ebenfalls für eine Schnapsidee hielten. Ich denke es war Arroganz und Überheblichkeit, die die meisten Denken ließ, das der Plan tatsächlich machbar wäre.“
„Aber sie sind trotzdem mitgegangen“, hakte Captain Scharnhorst nach.
„Natürlich, was hätte ich denn sonst auch tun können? Ich konnte nur hoffen, dass ich mich irrte und wir nicht sehenden Auges in unser Verderben liefen.“
Wieder trank Denny Dukic einen Schluck Wasser.
„Was ist schief gegangen?“, fragte Germaine leise.
Dukic sah dem Major tief und fest in die Augen. „Die Einheit hätte einen Anführer gebraucht und zwar einen guten. Stattdessen hatten wir derer neun. Uns acht und der Milizkommandeur.
Kaum hatten wir die Befehlslanze in Blick- und Schussentfernung, schienen fast alle nur noch ein Ziel vor Augen zu haben: Kai Allard-Liao. Wie die Verrückten gingen meine Kameraden auf die Jagd nach Yen-lo-wang.“
„Sie nicht?“, kam die kritische Zwischenfrage von Manfred Scharnhorst.
„Naja, ich muss schon zugeben, das mir durch den Kopf schoss, wie es sich wohl machen würde, wenn ich ihn abschiessen könnte. Doch dann sah ich, dass die Befehlskompanie uns förmlich den Weg ÖFFNETE und uns Allard-Liao auf dem Silbertablett zu servieren schien. Irgendetwas sagte mir in diesem Augenblick, das das zu einfach war. Und somit blieb ich stehen und wartete ab, während die anderen nach vorne stürmten. Verstehen sie mich nicht falsch-“ Denny machte eine beschwichtigende Geste mit den Händen „-es war keine Feigheit oder zögerliches Verhalten. Ich hatte einfach nur diesen ...“
Er suchte nach dem richtigen Wort: „Diesen Impuls, stehen zu bleiben. Und wie sich herausstellte, hat mir das wohl mein Leben gerettet. Es ging danach alles sehr schnell, in kürzester Zeit standen nur noch drei unserer Mechs und wir hatten nur vier auf der gegnerischen Seite erledigt.“
Die Augen des Mechkriegers schienen in die Ferne zu gehen, sich zu verlieren in der Vergangenheit. Beinahe enttäuscht dachte Germaine, dass der Mann sich nun in seinen Erinnerungen verlor und damit für die Chevaliers disqualifizierte, als Denny Dukic mit ruhiger, sachlicher Stimme sagte: „Ich denke einfach, das die Lanciers dieses Jagdverhalten nach ihrem Kommandeur auch nicht zum ersten mal erlebten. Tja, das wars dann auch. Der Schlange wurde damit tatsächlich der Kopf abgeschlagen, aber es war der Kopf der Miliz, die fiel, nicht der Lanciers. Zurück zu den Landungsschiffen schafften es schließlich nur zwei von uns in ihren Mechs. Zwei weitere waren in Gefangenschaft geraten und kamen dann auch irgendwann frei, aber natürlich war die Wilde Acht vernichtet worden.“
Denny Dukic atmete tief aus und wieder ein. Er wirkte erleichtert.
Auch Germaine war zufrieden. Da sich Denny Dukic den Ballast von der Seele geredet hatte, war er nur zu gerne bereit, das Vertrauen des Ligisten mit seinem eigenen Vertrauen zu belohnen. Er wechselte einen kurzen Blick mit Manfred. Der nickte unmerklich.
„Ich will Ihnen sagen, wie es ist, meine Herren. Wir haben großes Interesse an Ihnen beiden. Sie wären ein Kandidat für den Posten des Lanzenführers, Mr. Dukic. Aber Sie kriegen bestenfalls einen Second Lieutenant. Ihren Mech übernehmen wir gerne.
Was Sie angeht, Mr. Borer, hat sich nichts geändert. Sie müssen auf einen leichteren Mech umsteigen, wenn Sie Deadly Dennys Flügelmann bleiben wollen. Wir würden Sie in Anbetracht Ihrer Erfahrung als Sarge einstellen.“
Dukic und Borer sahen einander an.
„Major Danton, Captain Scharnhorst, das ist nicht ganz das, was ich und Hank uns erhofft haben, aber doch eine ganze Menge.
Wie lange haben wir Frist?“
„Drei Tage“, sagte Manfred schnell. „Das ist mehr als ausreichend.“
Denny Dukic nickte. „Gut. Drei Tage. Ich denke, wir werden höchstens zwei brauchen, nicht, Hank?“
Der große Schwarze nickte grinsend.
„Herr Major, Captain, ich will mich für dieses Gespräch bedanken. Warum gehen Sie nicht in den VIP-Bereich und spielen etwas? Ich lasse Ihnen Chips aushändigen.
Haben Sie etwas Spaß. Hank und ich werden später dazu stoßen, damit wir uns besser kennenlernen können. Wo wir doch eventuell in der gleichen Einheit dienen…“
Germaine nickte. Die beiden wollten miteinander reden. Er erhob sich. Neben ihm stand Manfred auf. „Gut. Mr. Borer, Mr. Dukic. Dann sehen wir uns ja bald.“
Sie verzichteten auf einen Händedruck, da dies ein Abschiedszeichen gewesen wäre.
Vor dem schweren Vorhang wechselten die beiden Chevaliers einen schnellen Blick.
„Nimm sie“, brummte Manfred leise.
„Um jeden Preis?“
Der Lyraner grinste. „Nein. Das wird ihre erste Lektion in unserer Einheit sein. Wir haben nur einen Chef, und auf den wird gehört.“
Der Riese von Mann trat wieder auf sie zu, eine Hand am Headset. „Wenn Sie mir bitte in den VIP-Bereich folgen wollen, meine Herren.“
Manfred rieb sich die Hände. „Spaß haben wir uns nach der Arbeit auch verdient.“
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:48
Mr. Brauer, der Anführer der Big Bad Boys, der Security in der Szenekneipe, händigte beiden Chevaliers ein paar Spielchips aus. Sie hatten den Wert des Eintrittspreises, was nicht gerade wenig war. Dennoch nicht mehr als eine sympathische kleine Geste.
Als sie an den Tisch zurückkamen, begrüßten die anderen sie freundlich. Belinda warf Germaine einen amüsierten Blick zu. „Und? Können wir zwei weitere Chevaliers begrüßen?“
Germaine Danton zuckte die Achseln. „Es gibt da noch ein paar Formalitäten wie Sold, Mechs und Rang, aber ansonsten denke ich schon. Mr. Dukic war so nett, uns ein paar Spielchips aushändigen zu lassen. Er erwähnte etwas von einem hinteren Bereich.“
Georgie breitete die Arme aus. „Mr. Danton, natürlich deckt das Hell and Heaven ein großes Spektrum an Vergnügungsmöglichkeiten ab. Auch… ah, das Glück auszuprobieren.“
Der alte Grieche erhob sich. „Selbstverständlich werde ich Sie bringen. Wir haben Backgammon, Viererdrax, Roulette, Poker, Baccara, Glücksrad…“
Beim Wort Poker leuchteten Mustafa al Haras Augen auf. Germaine brauchte nicht hinzusehen, um es zu wissen. Kurz nur dachte er daran, wie er mit Al und seinem Schiff, der ROSEMARIE bekannt geworden war.
Auch hier war es ein Pokerspiel gewesen. In einer lyranischen Kneipe. Gegen lyranische Spieler. Damals war Jan Dupree noch mit von der Partie gewesen.
Kurz senkte sich ein Schatten auf Germaines Gesicht. Er vermisste den alten Haudegen sehr. Einen Kameraden zu verlieren war immer ärgerlich. Aber einen Freund zu verlieren tat solange weh, wie man sich an ihn erinnerte.
Germaine würde nie wieder pokern können, ohne nicht in einem oder dem anderen Moment zu glauben, der alte Dupree würde hinter ihm stehen und ihm den Rücken freihalten.
Vielleicht stimmte das sogar. Auf die eine oder andere Art.
Der Chef der Chevaliers erhob sich mit den anderen. „Gut, bringen Sie uns bitte rüber.
Esmeralda, vergiss deine Magherita nicht.“
Die Pilotin sah den Mann an, der Trauzeuge ihres Als gewesen war. In ihrem hübschen Gesicht lag Wehmut. „Danke, aber der Drink ist mir zu bitter. Ich werde mir drüben einen neuen bestellen.“
Schulter zuckend zog Germaine den Stuhl seiner Freundin ab und half ihr beim aufstehen. Bei einer jungen und agilen Frau wie der Ärztin eigentlich unnötig. Aber sie mochte diese kleinen Gesten. Und Germaine mochte es, wenn sie lächelte.
Neben ihm bot Manfred Scharnhorst Miko seinen Arm, um sie zu führen. Eine antiquierte Geste, aber die Wangen der jungen Draconierin leuchteten vor Feuer, als sie den Arm ergriff.
Für sie war diese Handlung etwas so gewagtes, etwas so eindeutiges, was jedermann im Raum zeigte, wie sie für Manfred empfand, dass Germaine sich mit Belinda ganz schön hätte anstrengen müssen, um für ihren Kulturkreis ähnlich spektakulär zu sein.
Manfred Scharnhorst schien dies nicht zu erkennen. Oder er ging darüber hinweg.
Bevor die beiden Zärtlichkeiten oder gar Küsse in der Öffentlichkeit austauschten würden noch Wochen, vielleicht Jahre vergehen. So kumpelhaft sich Miko auch immer gab, so war sie immer noch erzdraconisch erzogen worden. Doch ihre wie im Fieber glühenden Wangen sagten genug.
Germaine wusste nicht, wie weit die Beziehung der beiden gediegen war. Wenn sie allein waren. Wenn sich die Türen hinter ihnen schlossen.
Aber er beschloss, Manfred Scharnhorst irgendetwas zu brechen, wenn er Miko-chan enttäuschen sollte.
Ein Kuss auf seine Wange holte ihn zurück ins Jetzt. Belinda lächelte ihn an. „Kennst du die Geschichte vom Mann, der von einem Wolkenkratzer fiel? Bei jedem Stockwerk sagte er: Bis hierhin ging es gut.“
Verdutzt starrte der Mann die Ärztin an. „Das sage ich mir jeden Morgen, wenn ich neben dir aufwache, Schatz.“
Belinda runzelte die Stirn. „Du hast schon mal bessere Komplimente gemacht, Germaine.“
Hilflos hob Germaine die Arme. „Unsere Beziehung ist ein Großbrand, Belinda, und jeden Morgen hoffe ich, dass er weitergeht. Ich liebe dich. Und genau das macht mir Angst. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich mir diese Gefühle überhaupt leisten sollte.“
„Ah. Verstehe. Midlife Crisis, Herr Major? Falls es dich beruhigt, alter Mann, nicht du hast mich umworben, ich habe dich aufgerissen.“ Sie lächelte kess und zog Germaine mit sich, den anderen hinterher. „Und ich werde nicht zulassen, dass du an uns zweifelst oder unsere Liebe zum Wohle der Chevaliers opferst.“
Gehorsam ließ Germaine sich mitziehen. „Du warst schon immer der aktivere Teil unserer Beziehung, Belinda.“
„Das hat seinen Grund, Germaine.“ Sie blieb stehen, zog den größeren Mann zu sich heran und küsste ihn sanft.
„Schon überredet“, erwiderte der Major.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:49
Im Glücksspielbereich trennten sich die Paare auf. Die Damen holten sich Chips, und Esmeralda ließ es sich nicht nehmen, Belinda und Miko zum Roulette mitzunehmen.
Germaine, Manfred und Al zog es zum nächsten Pokertisch. Dort spielten sie ein paar Runden gegen eine Gruppe VerCom-Söldner, bis Denny Dukic und Hank Borer ebenfalls im Spielbereich auftauchten. Die beiden sahen sich einige Zeit die Spiele der Chevaliers an.
Denny verzog schmerzhaft das Gesicht, als Al nach einem erstklassigen Bluff dreihundert C-Noten zu sich heranzog. Germaine grinste. Dabei war der Arkab noch nicht mal warm.
Der nächste Pott ging an ihn selbst. Es waren aber nur neunzig.
Den dritten räumte Manfred ab. Wieder etwas weniger als Al, nur hundertzehn.
„Wenn die Herren“, begann Denny Dukic, der bemerkte, wie sich immer mehr Bad Boys um den Tisch versammelten, um dem Wutausbruch der Söldner zuvorzukommen, „möchten, wir haben noch einen kleinen Nebenraum mit einem exzellenten Geber. Hank und ich würden gerne mal gegen Sie Chevaliers spielen.“
„Aber natürlich, Mr. Dukic“, sagte Al und begann seine Chips einzustreichen. Er strahlte über das ganze Gesicht.
Auch Germaine und Manfred strichen nun ihre Gewinne ein.
„Gehen wir“, brummte der Major und stand auf.
***
Das Pokerspiel erwies sich schnell als erfreulich abwechslungsreich. Bei jeder fünften Partie wurde das Blatt gewechselt, der Geber sagte die Züge routiniert und kompetent an. Mr. Borer und Mr. Dukic spielten gut, wenngleich Hank Borer nicht gerade das sein eigen nannte, was man allgemein Pokerface nannte.
„Gut, dann gehe ich mal mit 50 rein“ sagte Denny Dukic und eröffnete die Runde mit fünfzig Creds. Genüsslich nippte er an seinem Scotch, während er über den Glasrand die Chevaliers beobachtete. Germaine schmunzelte innerlich. Triple-D, wie der Mann oft genannt wurde, schien genau zu wissen, dass ein gutes Pokerspiel mehr mit Psychologie denn mit Mathe zu tun hatte.
„Die halte ich.“ Manfred warf seinen Beitrag in die Tischmitte. Germaine ging mit. Al erhöhte den Pott um weitere fünfzig. War ja wieder klar. Der Arkab spielte wie immer ganz oder gar nicht. Wer sich an den Pokertisch setzte und einrechnete zu verlieren, hate nach Ansicht des Arabers bestenfalls als Opfer an seinem Pokertisch Platz zu nehmen.
Hank Borer stieg aus. Seiner Miene war deutlich zu entnehmen, dass er ein schlechtes Blatt hatte. Auch Denny stieg aus, zeigte aber mit keiner Regung, ob es Taktik oder schlecht verteilte Karten waren, die ihn aus der Runde zwangen.
Manfred lächelte in die Runde. „Totes Rennen, meine Herren. Ich erhöhe um weitere fünfzig.“
„Die halte ich.“ Germaine warf weitere fünfzig in den Pott.
„Deine fünfzig, Manfred, und noch einmal hundert.“ Der Arkab sah den Captain emotionslos an.
„Okay, die hundert und noch mal hundert.“
Germaine warf sein Blatt hin. Der Pott wurde zu hoch, um mit einem Drilling mithalten zu können. „Ich bin raus. Prügelt euch ohne mich weiter.“
„Hundert“, Al warf zwei entsprechende Chips in den Pott, „und noch mal hundert zum sehen.“
Wenn er sehen wollte, konnte Al kein schlechtes Blatt haben. Aber es war sicher nicht gut genug, denn sonst hätte er den Pott noch etwas in die Höhe geschraubt.
Grinsend legte Manfred seine Karten ab. „Full House mit sieben und Damen.“
Al deckte seine Karten auf. Drilling mit Assen.
„Den Tag muss ich rot im Kalender anstreichen“, brummte Germaine. „Mustafa al Hara ibn Bey hat im Poker verloren.“
Der Araber klopfte Germaine auf die Schulter. „Na, da befinde ich mich doch in allerbester Gesellschaft, was?“
Manfred zog den Pott zu sich heran. „Sprecht da nur für euch selbst, Jungs“, rief er gut gelaunt.
Während der Geber die nächste Runde austeilte, feixte Denny zu Hank hinüber: „Na Hank, deine Pechsträhne hält ja schon eine Weile an heute abend, oder?“
Hank lächelte gequält. „Nuja, 3D. Ich bin halt mehr für ´ne gute Runde Viererdrax, ne? Aber dat traut sich ja wohl keiner?“
„Mr. Borer,“ warf Al Hara Ibn Bey ein „auch wenn ich verrückt sein muss, mich mit einem Marik in Sachen Viererdrax einzulassen: Lassen sie mich wissen wann und wo, und ich bin gerne bereit Ihnen die Gelegenheit zu geben, sich ihr Geld wieder zurück zu holen!“ Bei diesen Worten machte er unter dem leisen Lachen aller eine ausladende Bewegung über den nicht unbeträchtlichen Berg an Chips, der sich mittlerweile vor ihm auftürmte.
„Dat is man ´nen Wort, ne?“ grinste der große MechKrieger mit schlagartig erhellter Miene und hob wie alle anderen die ausgeteilten Karten hoch.
Während Germaine die neuen Karten aufnahm, sah er den Blick Dukic´ auf sich ruhen. Siecher versuchte der Marik wieder einmal, abzusehen, was für ein Blatt der Chevalier gerade aufgenommen hatte. Germaine tat ihm den Gefallen und ließ ein kurzes Stirnrunzeln zu.
Mit etwas Glück würde der Marik glauben, sein Blatt wäre mal wieder nicht das Beste. Mit dieser Strategie war es dem Major bereits drei-viermal gelungen, seine Kollegen und Mr. Borer zu täuschen und auszunehmen. Nur Denny noch nicht, was ihm einige Sorgen bereitete. Der Mann gewann nicht oft, aber er hielt gut mit. Sehr gut. Er hätte gewiss mehr gewinnen können, aber darum schien es dem Marik gar nicht zu gehen. Für ihn war dieses Spiel eher eine Art Charakterstudie, vermutete Germaine.
Germaine deutete ein Lächeln an, als Denny Dukic nach seiner Inspektionsrunde wieder zum Major herüber sah. Triple-D lächelte kaum merklich zurück.
„Also“, begann Manfred und warf fünf Creds zur Eröffnung in den Pott. „Zwei neue, bitte.“
Germaine zog nach, wechselte aber nur eine Karte. Ebenso Al.
Hank Borer tauschte zwei. Denny Dukic benötigte nur eine. Oder er gab lediglich vor, nur eine zu benötigen.
„Zwanzig, zum eingewöhnen“, brummte Manfred und warf den entsprechenden Chip auf den Tisch. Germaine ging mit, erhöhte den Pott jedoch vorerst nicht.
Al erhöhte um weitere zwanzig, was alle mit gingen. In der nächsten Runde setzte Germaine den Pott mit fünfzig fest. Wieder gingen die anderen mit. Nur Manfred Scharnhorst winkte ab und warf sein Blatt auf den Tisch. „Ich bin raus.“
Germaine bemerkte es mit gemischten Gefühlen. „Na dann wollen wir mal. Ich erhöhe um hundert.“
„Deine 100, alter Freund und ich erhöhe um weitere 100.“ Al legte die entsprechenden Chips auf den Tisch und lächelte zu Hank Borer herüber.
Dieser zögerte einen Augenblick, blickte noch einmal kurz auf sein Blatt und entschied dann doch dabei zu bleiben. Kommentarlos klimperten weitere Chips im Wert von 200 C-Bills in die Mitte des Tisches.
Denny Dukic legte die erforderlichen zweihundert auf den Tisch. „Und da wir gerade dabei sind, noch einmal 200!“
Germaines Mundwinkel zuckte ganz kurz nach oben, als er ohne zu zögern nachlegte: „Gut, deine 100, Al. Ihre 200 Mr. Dukic und ich eröffne die nächste Gebotsrunde mit erneuten 200!“
„Huiiiiii!“, machte Manfred. Anscheinend war er froh, noch rechtzeitig abgesprungen zu sein.
Lächelnd legte der Arkab seine Karten hin, allerdings nur um einen Stapel von 600 C-Bills abzuzählen. „Also 200 von Mr. Dukic! 200 von dir, Germaine. Und noch einmal 200 von mir.“
Hank Borer sah skeptisch auf den mittlerweile prächtig angewachsenen Haufen Spielchips. „Wat muss ich jetz` reintun um drin zu bleib`n?“
Der Geber, der dem Spiel bisher stumm gefolgt war, ergriff äußerst geschäftsmäßig das Wort: „Insgesamt 600 C-Bills, Mr. Borer!“
„Najut, dann woll´n ma` nich so sein, ne?“ 600 C-Bills klimperten hinein.
Deadly Denny legte die erforderlichen vierhundert ohne zu zögern in den Pott, erhöhte aber nicht zusätzlich. Germaine bemerkte dies. Und beschloss, den Einsatz gewaltig zu erhöhen. Er warf die zweihundert in den Pott und legte seine Karten gefaltet vor sich ab.
Er legte die Hände ineinander und sah zu Denny und Hank herüber. „Reden wir doch nicht weiter um den heißen Brei herum. Wie schon gesagt haben die Chevaliers außerordentlich hohes Interesse an Ihnen. Korrigieren sie mich bitte, wenn ich falsch liegen sollte, aber es scheint mir, dass Ihr Interesse ebenfalls groß ist.“
Mr. Dukic lächelte zur Antwort. Mr. Borer ließ ein prägnantes Yo hören.
„Wir scheinen nur in einigen Detailfragen auseinander zu liegen und ich möchte nicht riskieren, von Ihnen morgen eine Absage wegen dieser Kleinigkeiten zu bekommen.“
Erkennen blinzelte in Dennys Augen. Er besah sich seine Karten, danach den Pott. „Sie wollen darum spielen?“
Germaine gab sein Pokerface auf und grinste breit. „Genau.“
Der Major lehnte sich leicht zurück und führte seine Idee aus “Falls Sie ein höheres Blatt als ich haben sollten, Mr. Dukic, übernehmen wir sie als First Lieutenant der Scoutlanze in Ihrem Firestarter!“
Denny Dukic nickte nur kurz.
„Falls Sie ein höheres Blatt haben sollten als Ich, Mr. Borer, übernehmen wir Sie als Sergeant-Major in ihrem Tempest! Aber bevor Captain Scharnhorst dazwischen geht und mich kreuzigt,“ fügte er schnell hinzu „müssten sie allerdings akzeptieren nicht Flügelmann von Mr. Dukic zu sein, in Ordnung?“
„Hmmm,“ kam von dem hünenhaften Schwarzen während er seinen blondierten Kinnbart massierte „ich denk dat hört sich fair an, ne?“
„Falls aber ich das beste Blatt haben sollte, treten sie den Chevaliers bei. Und zwar zu den im Kaminzimmer genannten Konditionen! Was halten Sie davon?“
Erwartungsvoll lehnte sich der Major zurück, während seine beiden Kameraden sich angrinsten. Auch Denny und Hank sahen einander an und es war schließlich Hank der lachend antwortete: „Yupp, is´ gebongt. Hab´ zwar noch nie gehört, dat man beim Pokern verpflichtet wird, ne? Aber wat solls! Wenn dat Schicksal es so meint, dann soll´s halt so sein, ne?“
„Tja, von sowas habe ich auch noch nie gehört, aber o.k., ich bin dabei!“ Denny Dukic zuckte kurz mit den Schultern.
Gut, dachte Germaine. In Gedanken ging er seine Karten durch. In diesem Spiel konnten die Chevaliers nur noch gewinnen. Es war nur noch die Frage, ob der Gewinn höher oder niedriger ausfallen würde.
„Gut, da gehe ich doch auch mit, mein Freund“ fügte schließlich der Arkab hinzu.
„Ähhh, Al, eigentlich hatte ich gedacht, du wärst da etwas außen vor...“
„Nichts da Germaine, alter Fuchs. Du glaubst ja wohl nicht dass ich auf meinen Pott verzichten werde, oder? Und keine Sorge, ich werde keinen Captain-Rang von dir fordern, der bin ich ja schon, schon vergessen?“
Major Danton grinste nur und wandte sich dann an Hank: „Gut Mr. Borer, dann zeigen sie doch mal, was sie so haben!“
„Nuja Major, woll´n ma sehn, ob sie ´nen besseres Blatt als ich haben, ne?“ feixte dieser und legte einen Full House mit drei Damen und zwei Fünfen hin.
„Na besser als ich bist Du zumindest schon“ antwortete ihm Denny während er seine Full House mit seinen Drei Siebenen und zwei Assen auflegte.
Germaine verzog keine Miene als er die beiden Full Houses ansah. Er ließ einige Sekunden verstreichen, dann noch ein paar und bemerkte zufrieden, wie Denny kurz zwinkerte.
Langsam, sehr langsam legte Germaine sein Blatt ab. Zuerst die Pik acht, die Pik neun, danach die Pik zehn. Es folgten Pik Junge und Pik Dame. Ein astreiner Straight Flush.
„Second Lieutenant Dukic, Sergeant Borer, dann heiße ich Sie beide hiermit in der Scoutlanze der Danton´s Chevaliers willkommen.“
„Jaaahh“ Manfred reckte die Faust siegreich in die Höhe. Er sprang auf und kam um den Tisch herum, um den beiden Mariks die Hand zu reichen. „Meine Herren! Willkommen an Bord!“
Denny Dukic und Hank Borer wechselten einen Blick und begannen prustend zu lachen. Beide waren augenscheinlich froh, dass das Bewerbungsgespräch ausgerechnet so ausgegangen war. Auch Germaine erhob sich jetzt, und gratulierte den gut gelaunten neuen Chevaliers.
Das Klappern von Spielchips ließ sie alle herumfahren. Mustafa al Hara Ibn Bey war gerade dabei, den prall gefüllten Pott an sich heranzuziehen.
„Hey Al, was machst Du da?“ Das konnte doch nicht wahr sein. Hatte der Arkab etwa ein besseres Blatt als Germaine mit seinem Straight Flush?
„Nun, Germaine, ich hole mir, was mir gehört!“
Seine Karten landeten auf dem Tisch und entblößten Poker mit Königen.
Überrascht schwiegen sie alle. Innerlich beglückwünschte sich Germaine dazu, nicht noch ein oder zwei Runden abgewartet zu haben. So tat der Topf zwar weh, aber war zu verkraften.
Fröhlich pfeifend sortierte der Arkab seine Spielchips.
Captain Scharnhorst war der erste, der seine Sprache wieder fand: „Nun, meine Herren, da haben Sie wohl Glück gehabt, das der Skipper sie nicht auf sein Landungsschiff rekrutieren wollte.“
Die Männer brüllten vor lachen.
„Kommen Sie“, rief Germaine. „Wir wollen es unseren Damen erzählen.“
„Wartet, wartet, wartet!“ Al raffte die letzten Chips in seine Taschen und lief den Chevaliers – den alten wie den neuen – hinterher.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:50
Als Major Germaine Danton an diesem Morgen die Kaserne verließ, bot er ein für seine Begriffe recht ungewöhnliches Bild. Er trug Zivil.
Nun, nicht wirklich Zivil. Es war nicht gerade so, als hätte er sich dazu entschlossen, in Blue Jeans und Schlabberpulli nach Harlech zu fahren.
Er trug einen hellblauen Geschäftsanzug mit Magnetverschlüssen sowie einigen recht praktischen Utensilien wie Karbonfasereinwebungen und Kevlar-Einlagen, die aus dem Anzug nicht nur ein modisches Kleidungsstück, sondern auch eine halbe Rüstung machten.
Sergeant Rowan wartete bereits vor der Kaserne in einem Taxi auf den Chef der Chevaliers.
Germaine Danton stieg ein. „Innenstadt“, wies er den Fahrer des Schwebers an.
Zu Rowan gewandt sagte er: „Danke, dass Sie mitkommen, Sergeant Rowan.“
Der ehemalige Geisterbärsolahma nickte. „Es wäre mir nicht Recht gewesen, wenn Sie alleine in die Stadt gefahren wären, Sir. Wo die Cartoonmaus auftaucht, ist der Ärger vorprogrammiert. Es scheint so, als würden etliche Einheiten den Chevaliers übel nehmen, für die Menschen in der Geisterbärenzone eingetreten zu sein.
Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass es einige als Verrat ansehen, Sir. Was meines Erachtens eine merkwürdige Einstellung für einen Söldner ist.“
Germaine sah dem riesigen Elementar in die Augen. „Sie haben sich anscheinend schon recht gut eingelebt, Rowan. Das ist gut. Und Sie scheinen über gute Informationsquellen zu verfügen. Wie würden Sie die Stimmung bewerten? Gibt es da eine allgemeine Mobilmachung gegen die Chevaliers?“
Der Riese runzelte die Stirn. „Neg. Es ist nur so, dass es einige kleinere Einheiten gibt, die Fehden mit den Clans unterhalten. Von denen haben sich einige entschlossen, nun die Chevaliers einzubeziehen. Wahrscheinlich weil sie glauben, wir wären eine leichtere Beute als ein ganzer Clan.“
„Was ja auch stimmt“, brummte Germaine leise.
„Aber nicht besonders viel leichter.“ Rowan fügte es mit einem breiten Grinsen an.
„Da vorne rechts. Nach zweihundert Meter stoppen Sie.
Rowan, wir werden hier aussteigen. Achten Sie auf Verfolger.“
Als der Wagen hielt, bezahlte Germaine. Die beiden stiegen aus und schlenderten zu einer Straßenbahnhaltestelle.
„Ist das nicht übertrieben, Sir? Ich glaube nicht, dass die Stimmung gegen die Chevaliers schon so negativ ist, dass man uns nach allen Regeln der Kunst ausspäht.
Natürlich sind unsere Führungsoffiziere bekannt. Aber…“
Germaine klopfte dem Riesen auf den Unterarm. „Es sind nicht diese Spinner, die gegen die Clans versagt haben, die ich fürchte, Rowan“, murmelte Germaine. „Es sind meine eigenen Leute. Ich will nicht, dass sie mich verfolgen.“
Rowan nickte. „Ah. Verstehe. Ich habe nichts verraten. Nicht einmal angedeutet. Niemand kann wissen, dass Sie… Sie wissen schon.“
Germaine grinste den Elementar an. „Nein, keiner kann wissen, dass ich zu einem Sie wissen schon unterwegs bin. Aber sie könnten es ahnen.
Und weder lasse ich mir nachspionieren noch möchte ich Freunde verletzen oder noch schlimmer ihnen falsche Hoffnungen machen.“
Als die Straßenbahn kam, stiegen die beiden ein.
Der riesige Elementare erregte natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit. Aber dies war Outreach. Der Punker mit der Hahnenkammfrisur auf der hintersten Sitzbank erregte mindestens ebenso viel Aufsehen. Im Gegensatz zu Rowan genoss es der jedoch.
An der nächsten Station stiegen sie aus, nahmen ein Taxi zur nächsten U-Bahn, fuhren fünf Stationen, nur um wieder ein Taxi zu nehmen.
Danach folgte wieder eine Fahrt mit der U-Bahn.
Einen Moment spielte Germaine ernsthaft mit dem Gedanken, die Notbremse zu ziehen und durch einen Wartungstunnel an die Oberfläche zu kommen. Aber das wäre nun wirklich übertrieben gewesen.
Im Stadtzentrum stiegen sie aus. Die letzten zwei Kilometer gingen sie zu Fuß.
Der Major betrachtete kurz das, was Rowan unter Freizeitkleidung verstand: Lederhose, Lederstiefel, Lederjacke. Alles mehr oder weniger in weiß gehalten. So ganz hatte sich der Riese noch nicht von seinem Geisterbärenerbe getrennt.
„Was macht Ihr Strahl, Rowan? Wie kommen Sie mit Lieutenant McHarrod zurecht?“
Rowan war nicht verblüfft über den Themawechsel. „Gut, Sir. Der Lieutenant versteht sein Geschäft. Ich muss gestehen, die Idee, ihn aufzunehmen war genial. Er versteht, was wir Elementare sind. Und er weiß, wie wir eingesetzt werden müssen. In Verbindung mit uns, Sir, haben wir eine verdammt schlagkräftige Lanze. Grace und Philip schlagen sich am besten. Norton macht mir ehrlich gesagt Sorgen, er hat Schwierigkeiten, sich in das Leben der Inneren Sphäre zu integrieren. Ähnliches gilt für Saya, aber sie gibt sich wenigstens Mühe.
Die Tatsache, dass der Lieutenant ein ehemaliger Abtacha der Geisterbären ist, macht es nicht leichter. Aber ich komme zurecht.“
„Gut. Wenn es dennoch mal Probleme gibt, sprechen Sie mit Sergeant-Major Rebecca. Sie hat genügend Feuer, um Ihre Elementare mitzureißen.“
„Sir, wird da der Lieutenant nicht was dagegen haben?“
„Nein, es war sein eigener Vorschlag. Das hilft uns, sowohl die MechKriegerin als auch Ihre Elementare zu bändigen. Sorgen Sie nur dafür, dass wir keinen verlieren. Ich kann der Kampflanze keinen neuen Anführer schnitzen. Und wir brauchen jeden einzelnen Elementare.“
„Aye, Sir“, erwiderte Rowan schmunzelnd.
Das große Bürohaus war ihr Ziel. Sie nahmen den Lift und fuhren in den neunundvierzigsten Stock. Dort gingen sie ins Treppenhaus und erklammen drei weitere Stockwerke. Oben angekommen setzten sie sich für zwanzig Minuten ohne ein Wort zu wechseln auf die Treppe. Als keine verdächtigen Geräusche erklangen oder ein neugieriger Höllenhund zu ihnen hoch gesprintet kam, gingen sie weiter. Im zweiundfünfzigsten Stock gingen sie in den Westflügel.
In einer Gemeinschaftspraxis kamen sie an.
„Mr. Smith“, stellte sich Germaine vor. „Ich habe einen Termin mit Ihrem HNO.“
Die Empfangsdame lächelte freundlich und sah auf ihrem PC nach. „Ah ja, Privatpatient. Bitte gedulden Sie sich, Mr. Smith. Sie sind etwas früh. Ihr Termin wird wie verabredet um elf Uhr stattfinden. Wenn Sie und Ihr Leibwächter solange im Wartezimmer Platz nehmen würden…“
Die Sekretärin lenkte sie sanft aber bestimmt auf ein Wartezimmer zu. Es war leer. In einer Ecke stand ein Trividempfänger. Eine höfliche junge Dame fragte nach den Wünschen der beiden Männer und brachte kurz darauf zwei Kaffee.
Erfreut stellte Germaine fest, dass die Betreiber der Praxis sogar an Sitzgelegenheiten für Elementare gedacht hatten. Sogar der Kaffee für den Sarge hatte die richtige Dimension.
Schweigend vertiefte sich Germaine Danton in einer uralten Ausgabe von Schöner kämpfen, einem Szenemagazin über die Söldnerei.
Rowan setzte sich neben ihn und schloss die Augen. Seine Hand ruhte dabei auf der Innenseite seiner Lederjacke. Er würde die Eingangstür nicht eine Sekunde unbewacht lassen.
Verwundert stellte Germaine beim umblättern fest, dass seine Hände zitterten. Überhaupt war er sehr nervös. Vielleicht zu nervös. Dabei war es doch nur eine banale Untersuchung.
„Sie können jetzt zum Doktor, Mr. Smith“, gab die junge Dame von eben Bescheid und wies Germaine lächelnd den Weg.
Rowan öffnete kurz die Augen und nickte. Er würde weiter aufpassen.
Eine Stunde später zog sich Germaine seine Anzugjacke wieder über. Sein Gegenüber, Doktor Casoli, studierte seinen Computermonitor.
„Und? Wie sieht es aus, Doc?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Wie, sagten Sie, ist es passiert? Sie saßen in einem Thor und ein Panther hat Ihnen auf Minimaldistanz seine Hauptwaffe in den Kopf gejagt?“
Der kleine Mann grinste. „Sie wissen doch verdammt gut, dass ne PPK ein Headchopper ist.
Sie können froh sein, dass der Thor ein seitlich versetztes Cockpit hat.“
„Doc“, tadelte Germaine schmunzelnd.
„Was soll ich sagen? Einmal Mecharzt, immer Mecharzt. Ich habe mir die Aufnahmen von Ihrem Mittelohr genau angesehen. Dazu die vergleichenden Befunde Ihres Einheitsarztes.
Sagen Sie, leiden Sie noch unter diesen Schwindelanfällen?“
„Nein.“
„Hm. Tja. Das wundert mich nicht. So wie es aussieht… Hm, ich will es für Sie leicht verständlich machen. Haben Sie schon mal eine Innenaufnahme eines Ohres gesehen? Sagen Ihnen Dinge etwas wie Hammer und Amboß, Flimmerhärchen, Kleiner Steiger und dergleichen?“
„Ich weiß, was ein Trommelfell ist.“
„Dann will ich es ganz einfach halten. Sehen Sie, wenn Sie mal einen Blick auf den Monitor werfen wollen. Hier, diese Flimmerhärchen sind für Ihr Hörvermögen verantwortlich.
Diese Kugel hier für Ihren Gleichgewichtssinn. Das Ding wirkt wie ein Gyroskop, und das ist es auch.
So wie ich das sehe, hat der PPK-Blitz bei Ihnen zwei Dinge verursacht. Diese Kugel aus der Fassung getrieben und sie verengt. Dadurch die Störungen im Gleichgewicht. Aber dieser Punkt normalisiert sich schon wieder. Ich denke, in drei bis vier Wochen ist Ihr Gleichgewichtssinn beinahe wieder normal.“
Germaine stand wie elektrisiert auf. „Heißt das, ich kann dann wieder in einen Mech?“
„Nicht so hastig. Wissen Sie, der zweite Punkt ist, nachdem Ihr Trommelfell gerissen ist, hat sich ein Teil der Energie nicht nur hier an der Kugel ausgetobt, sondern auch hier bei den Flimmerhärchen. Diese schwimmen normalerweise in einer Flüssigkeit. Dies verleiht Ihnen überhaupt erst die Möglichkeit, etwas zu hören.
Nun, kurz nach den Schuss war dieser Bereich Ihres linken Ohres ausgetrocknet. Ein Großteil der Härchen verklebte. Sie waren so nahe dran, Ihr Gehör zu verlieren. Aber wenn ich die Unterlagen von Doc Wallace konsultiere, sehe ich eine leichte Besserung. Leider kann ich nicht sagen, ob dies ein kurzfristiger Prozess ist oder ob es ein längerer Vorgang ist. Da regeneriert sich, um es einfach zu sagen, etwas. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie schnell es vonstatten geht.“
„Noch einfacher, Doc.“
„Nun, viele MechKrieger nehmen an, sie brauchen lediglich ihren Gleichgewichtssinn zur Mechsteuerung. Das ist falsch. Die Hörfähigkeit, die Funktion dieser Härchen ist mindestens ebenso wichtig. Sollte sich dieses System um weitere fünfzig Prozent regenerieren, können Sie wieder einen Mech steuern.
Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, ob und wie weit sich die Regeneration fortsetzt.“
„Verstehe.“
„Aber ich kann Ihren Einheitsarzt über meine Untersuchung informieren und ihm erklären, wie er den Genesungsprozess beobachtet.“
„Hilft das beim Prozess?“
Der Arzt runzelte die Stirn. „Nein. Aber ich dachte, Sie würden gerne wissen, wann Sie wieder gesund sind.“
Germaine starrte gerade aus. „Nein“, entschied er. „Doc, danke für die Untersuchung. Ich konsultiere Sie wieder, wenn ich wieder auf Outreach bin.“
Der Arzt hielt Germaine am Arm fest. „Ich weiß was Sie jetzt denken“, zischte er. „Aber das ist falsch. Wenn Sie glauben, sich auf gut Glück in drei Wochen in ein Cockpit setzen zu können, spielen Sie mit Ihrem Leben. Der Schaden ist immer noch groß genug, damit eine Neurorückkopplung Ihnen das Hirn brät.
Also lassen Sie es, bevor Ihnen ein kompetenter Arzt – also jemand der wenigstens halb soviel Ahnung hat wie ich – nicht sagt, dass Sie wieder unter einen Neurohelm dürfen.“
Der Arzt ließ den Chevalier wieder los. „Zahlen Sie bitte am Ausgang. Wenn Sie wollen, können Sie bereits einen neuen Termin vereinbaren. Falls Sie wissen, wann Sie wieder nach Outreach kommen.“
„Oder falls. Ich habe verstanden. Und… Danke, Doc.“
„Oh, keine Ursache. Ach ja, falls Sie da draußen sterben, Mr. Smith, bitte, nicht durch eine Neurorückkopplung.“
Germaine grinste. „Will sehen was ich tun kann.“
Als der Major gezahlt hatte, verließ er mit Rowan das Gebäude wieder. Sie fuhren diesmal sehr direkt zurück zur Kaserne. Wohl wissend, dass es nichts nützte, jemanden abzuhängen, der ihnen bis zum Arzt hatte folgen können.
„Der halbe Tag tut mir bereits leid“, brummte Germaine, als sie durch das Haupttor traten. „In der Zeit hätte ich drei Bewerbungsgespräche führen können.“
Rowan lachte. „Das wäre das erste Mal, dass Sie etwas Unnützes getan haben, Sir. Ich ziehe mich um und melde mich bei Captain Scharnhorst zurück.“
„Gut. Ich werde dieses Zivilzeug auch gegen eine ordentliche Uniform austauschen. Und, Rowan. Danke, dass Sie mitgekommen sind.“
Der Elementare wirkte amüsiert. „Keine Ursache, Sir. Meine Schulden bei Ihnen sind so hoch, es wird Jahre dauern, bis ich sie abgezahlt habe.“ Er drehte sich um und ging zu seiner Unterkunft.
„Und ich will für jeden verdammten Tag dankbar sein“, brummte Germaine leise.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:51
„Oh holdeste aller Frauen“, säuselte Germaine und betrat den neuen Mobilen HQ-Laster der Chevaliers mit einem Lächeln und einem großen Blumenstrauß.
Das Ziel dieser Attacke, Fst. Lt. Juliette Harris, verengte ihre Augen zu Schlitzen.
„Blumen? Gesäusel? Was willst du, Germaine?“
Theatralisch griff sich der Major an die Brust. „Was? Ich etwas wollen? Nur weil ich meiner ältesten Freundin Blumen mitbringe und ihr meine Bewunderung beweise?“
„Ja“, antwortete sie trocken.
Germaine legte den Strauß roter Rosen – langstielig – in Juliettes Arme. „Hier. Heute vor drei Jahren haben wir uns kennen gelernt. Und durften gleich nebeneinander ein paar hundert Meter durch den Schlamm robben. Der alte Bull war hart.“
Juliettes Augen leuchteten, nachlässig in der Verteidigung wurde sie deswegen nicht. „Das weißt du noch, Germaine? Du hast mich damals mitgezogen.
Was willst du, alter Gauner?“
Ergeben seufzend breitete der Major die Arme aus. „Julie…“
„Julie? So hast du mich nicht mehr genannt, seit du mir die Festanstellung von Al und seiner Crew untergejubelt hast. Was ist es diesmal. Hör auf zu säuseln und raus damit.“
Germaine senkte den Kopf und klopfte gegen das Sicherheitsschott.
„Gestatten“, sagte der eintretende Mann und lächelte schüchtern. „Francis van de Merves. Landungsschiffskapitän.“
Juliette legte die Blumen beiseite und starrte den Mann an wie eine Erscheinung. „Was kommandieren Sie, Mr. Van de Merves?“
„Nur ein Maultier, Ma´am.“ Dem Mann war das Thema sichtlich peinlich. „Major Danton sagte, Sie seien die Hauptlösung für meine Sorgen…“
Doch Juliette hörte nur noch mit halbem Ohr hin. Sie arbeitete bereits intensiv an einem Terminal. „…dazu die Faltstraßen und den Minenleger. Nein, den besser nicht. Der wird vielleicht schneller gebraucht als wir es uns wünschen. Dann lieber die Planierraupen und die Pontonfähren.
Ja, das könnte klappen. Wir haben dann sogar noch hundert Tonnen Spiel. Wer hat Sie geschickt, Mr. Van de Merves? Gott, oder dieser schlitzohrige Landungsschiffkapitän Mustafa al Hara Ibn Bey?“
„Gott“, brummte Germaine. „Und deswegen hat Francis auch ein kleines Problem.“
„Ah ja, jetzt rückst du damit raus. Wusste ich doch, dass es das mit den Blumen nicht war. Also. Wie schwer ist das Maultier beschädigt?“
Germaine reichte ihr ein eng beschriebenes Blatt.
„Al´s Handschrift. Ich wusste, dass dieser Halunke drin steckt. Hm. Hm. Hm. Ah, ja. Die Arbeiten sind genehmigt. Dafür gehen aber fünfzig Prozent des Landers in den Besitz der Chevaliers über. Sie können die Anteile wieder rückkaufen, Mr. Van de Merves.“
„Das ist noch nicht alles. Der Captain hat Schulden… Bei… etwas gierigen Geldverleihern.“
Juliette seufzte. „Wieviel?“
Der Major reichte ihr stumm ein weiteres Blatt. Überrascht sah Juliette auf. „DAS… Was haben Sie gemacht? Harlech Freibier spendiert?“
„Zinseszins“, erwiderte der Captain.
„Verstehe. Hm. Wir halten dreißig Prozent Ihres Gehaltes ein zur Tilgung des Darlehns. Kommen Sie Morgen in mein Büro, ich stelle eine Zahlungsanweisung aus.
Aber achten Sie darauf, dass es das gewesen ist. Dass Sie nicht noch mehr bezahlen müssen. Sobald Sie Chevalier sind, ist es das gewesen mit Kontakten zu diesen Leuten. Ich will nicht wegen einer solchen Lappalie wie Geld die ganze Einheit gefährden.“
Der Skipper atmete sichtlich auf. „Verstanden, Ma´am. Ich werde das regeln.“
„Ach und bringen Sie Ihren Lander ins Dock. Wir wollen bald verladen. Jeder Tag zählt.
Jeder Tag ohne Kontrakt kostet bares Geld und reduziert unsere Ressourcen.“
Germaine nickte. „Willkommen bei den Chevaliers.“
Die beiden Männer verließen das Mobile HQ wieder. Draußen wartete Al. „Es scheint ja gut gelaufen zu sein, nicht? Kommen Sie, Francis, ich werde Sie einweisen.“
„Noch was“, hielt Germaine die beiden Raumfahrer zurück. „Falls Sie eine Crew brauchen, ich bin sicher, Captain Ito und Captain Ibn Bey stellen Ihnen gerne ein paar ihrer Offiziere ab. Ich brauche drei Landungsschiffe. Nicht zweieinhalb.“
„Ich wusste, du würdest so etwas sagen, mein alter Freund. Kommen Sie, Francis. Wir müssen uns dringend mal über diese etwas versteckten Frachträume unterhalten…“
Kopfschüttelnd sah Germaine den beiden nach. Beinahe tat ihm Van de Merves leid, aber Al würde den Raumfahrer fortan unter seinen Schutz nehmen. Was nicht das schlechteste war. Andererseits gab es kaum einen verschlageneren Schmuggler als den gerissenen Arkab.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:52
In der Mittagspause schlenderte Germaine mit einem Sandwich in der Hand über das Gelände der Chevaliers.
Lieutenant Bishop ließ gerade das neu gelieferte Material für die Pontonfähren zusammenbauen und wieder zerlegen.
Noch immer hatte er nicht die Sollstärke von sechzig Mann erreicht, aber der Offizier arbeitete hart an sich und seinen Leuten.
„Bishop?“
„Kommandeur anwesend! ACHTUNG!“
Germaine erwiderte den Gruß der Pioniere. „Weitermachen. Kann ich Sie mal sprechen, Lieutenant?“
„Aber sicher, Sir. Jagellovsk, machen Sie weiter.
Was gibt es, Sir?“
„Nun. Wir müssen bald ausrücken, sonst ist die Einheit nicht länger zahlungsfähig. Nein, das ist so nicht richtig.
Wir müssten dann an unsere Reserven. Bisher bezahlen wir die laufenden Kosten von unseren Zinsen, aber was denken Sie, was sechzehn Mechs und drei Landungsschiffe kosten? Von Ihrem Material wollen wir da gar nicht sprechen.“
„Hm, verstehe. Aber mein Material ist noch billiger als ein Mech. Und einiges haben wir selbst zusammengebastelt. Aus Little Nelly zum Beispiel…“
„Nein, darum geht es mir nicht. Ihr gesamtes Material ist genehmigt und verstaut oder wird geliefert.
Was ich wissen will ist, wird Ihr Platoon einsatzbereit sein? Oder soll ich Sie hier lassen und noch etwas trainieren lassen?“
Bishop versteifte sich. „Sir, wenn…“
„Nein, Lieutenant. Denken Sie nicht mit Ehrempfinden, nicht mit Kameradschaft. Denken Sie mit pragmatischen, nackten Zahlen. Wird Ihr Platoon einsatzbereit sein? Sind Sie uns ein Hindernis oder eine Hilfe? Die Chevaliers haben ihre erste Mission überlebt. Sie werden auch eine zweite überleben. Und eine dritte.
Auch wenn ich die Pioniere gerne dabei hätte, ich brauche sie ausgebildet. Bestmöglich ausgebildet.“
Der Lieutenant legte den Kopf schräg.
„Wenn ich Sie gekränkt haben sollte, dann…“
Bishop schüttelte kurz den Kopf. „Ich denke nach, Major Danton. Hm. Wenn ich die Pontonausbildung straffe, dann kann ich Ihnen bis Ende Januar siebzig Prozent Einsatzbereitschaft melden. Das muss reichen. Den Rest lernen meine Jungs und Mädels im Gefecht.“
Die beiden tauschten einen langen Blick aus.
„Okay, das reicht mir, Bishop. Scheint, als wären Sie der neueste Glücksgriff der Chevaliers.“
Der Ligist grinste. „Diese Einheit ist ein einziger Glücksgriff. Es sieht so aus, als würden Sie aus allen Herren Länder die besten und fähigsten Krieger absaugen. Ich bin froh, dabei zu sein, Sir.“
„Oh“, erwiderte dieser peinlich berührt, „nennen Sie mich Germaine. Wenn wir unter uns sind.“
***
Mit Schwung betrat Germaine Danton das Stabsgebäude der Chevaliers. Hatte das kurze Gespräch mit Lieutenant Bishop genügt, den Mann enger an die Einheit zu binden?
Hatte ihn die Erlaubnis, den Major mit Vornamen anzureden beeindruckt? Alles in allem war der Junge ein fähiger Mann, der vielleicht auf dem besten Weg war, ein Captain zu werden.
Er würde die Infanterie übernehmen müssen, falls Peterson ausfiel. Ebenso aber würde Peterson die Pioniere übernehmen müssen, falls Bishop ausfiel.
„Hi, Cindy. Mach eine Notiz. Bis Ende Januar sollen Lieutenant Bishop und Captain Peterson jeweils einen Tag die Woche den Posten des anderen übernehmen.
Ihre Untergebenen haben sie an diesem Tag bestmöglichst zu unterstützen und einen perfekten Diensttag zu begehen.“
Eifrig schrieb Cindy mit. „Gut, ist notiert. Erwartest du wieder das Schlimmste?“
„Etwas in der Art. Noch kann ich Charly nicht zum Lieutenant befördern.
Wo steckt der Knabe überhaupt?“
Cindy kramte kurz in ihren Unterlagen. „Äh, im Moment ist er mit seinem Zug auf Remus auf einem Infanterieübungsgelände und macht eine Achtundvierzig Stunden-Kontraterroristenabwehrübung. Merkwürdig. Aber so steht das hier. Deine Unterschrift ist drunter.“
„Ach, das war heute? Manchmal macht Charly sogar mir Angst. Was sagt mein Terminplan? Haben wir noch Bewerbungen?“
„Hauptsächlich für die Panzer, die Infanterie und die Pioniere. Manchmal denke ich, unsere Einheit ist die einzige, die Pioniere einstellt. Ich habe die Mannschaftsränge gleich weitergeleitet.“
„Gut. Ich bin in meinem Büro und führe etwas Papierkrieg.“
„Germaine“, rief Cindy, aber da war der Major schon in seinem Allerheiligsten.
Hastig zog Tomi Hawk die Beine vom Schreibtisch seines höchsten Vorgesetzten, löschte die brennende Zigarre an seiner Techuniform und stand von Germaines Sessel auf. „SIR!“ rief er mit hochrotem Kopf.
„AsTech Hawk wartet schon seit zwei Stunden auf dich.“ Cindy seufzte und winkte dem jungen Mann, hinter dem Schreibtisch hervorzukommen.
Germaine besah sich die Szenerie. „Aber meinen Whisky haben Sie in Ruhe gelassen, oder, Tomi?“
„Ich mag gar keinen Whisky“, beschwerte sich der Tech kleinlaut.
„Okay, Cindy. Zur Kenntnis genommen.“
Germaine ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf seinen Sessel. Er nahm Platz und bedeutete seinem Gegenüber, ebenfalls Platz zu nehmen. Erst als Cindy das sah, verließ sie einigermaßen beruhigt den Raum.
„Also, Tomi, was kann ich für Sie tun?“
„Ich… Ich…“
„Himmel, AsTech Hawk, ich BEIßE nicht. Oder haben Sie das jemals erlebt in den drei Jahren, in denen wir nun zusammen dienen?“
„Nein, Sir“, gab der Junge noch immer verschüchtert zu.
„Also rücken Sie raus damit. Sie kommen doch nicht grundlos in mein Büro. Wäre es nur um einen Cafe au lait gegangen hätte ich Sie vorne bei Cindy gefunden.“
„Sir, es…“ Wortlos klatschte Tomi dem Major einen Aufnäher auf den Schreibtisch. Es war ein grüner Namensschriftzug, wie er bei den Chevaliers auf die Dienstuniformen genäht wurde. Katrin T. Hawk, las Germaine.
Er sah zu Tomi hoch. „Kitty?“ Tomi nickte. „Hat ihre Einheit verloren?“ Tomi schüttelte den Kopf. „Sie wurde rausgeworfen?“ Tomi nickte. „Weil sie zu eigensinnig ist?“ Tomi schüttelte den Kopf. „Weil sie sich nichts gefallen lässt?“ Tomi nickte, aber langsam.
Er entfaltete einen Brief und legte ihn dem Major hin. Der überflog ihn kurz.
„Ein starkes Stück. Sexuelle Belästigung gibt es überall, dies aber als Privileg auszuüben ist eine bodenlose Schweinerei.“
Germaine gab den Brief zurück. „Also, benehmen Sie sich nicht wie Ihre Schwester. Sie haben einen intakten Kehlkopf. Sagen Sie mir, was das mit mir zu tun hat.“
Tomi wurde rot. „Sir. Ich dachte, weil… Ich dachte, jetzt, wo Kitty keinen Job mehr hat… Und Sie haben doch gesagt, dass… Kurz und gut, Kitty kommt und bringt ihren neuen einsitzigen Heli mit.“
Germaine verschränkte die Hände vor dem Gesicht.
Lange dachte er nach. „Also, Mr. Hawk, ich werde Ihre Schwester wieder einstellen.
Unter drei Bedingungen.
Erstens: Sie fliegt nach meinen Regeln, nicht nach ihren. Von mir aus kann sie einen Geschwindigkeitsrekord nach dem anderen aufstellen, aber sie wird dafür unter keiner verdammten Brücke durchfliegen.
Zweitens: Ich drücke ihr einen Aufpasser auf. Nicht, dass ich ihr nicht traue. Aber wenn sie jemanden um sich hat, ist sie zu abgelenkt, um Unsinn anzustellen.
Am Boden neigt sie noch am ehesten dazu.
Und drittens: Sie trägt ab sofort immer Stift und Papier mit sich. Ich weiß, dass der vernarbte Kehlkopf ihr Schmerzen beim sprechen bereitet.
Aber die meisten meiner Offiziere können eher lesen als Gebärdensprache. Und ich zwinge Kitty eher etwas zu tun, was sie kann, als meine Offiziere etwas zu lernen, was sie kaum brauchen. Ist das akzeptabel, Mr. Hawk?“
Der Tech dachte einen Moment nach. „Ich denke, da wird Kitty zustimmen. Immerhin sind Sie es, Sir. Das ist beinahe so, als hätte es der alte Bull gesagt.“
Ein kurzes Lächeln huschte über Germaines Gesicht. „Gut. Ich erwarte Sergeant Katherine Hawk dann so bald wie möglich zur Kontraktunterzeichnung in diesem Büro.
Außerdem brauch ich die Spezifikationen ihres… Einsitzers. Klein, schnell und wendig mit geringer Frachtkapazität, da brauche ich einfach Details. Weggetreten.“
Tomi stand auf, salutierte und verließ das Büro.
Gemaine sprach durch die Gegensprechanlage: „Cindy, es kehrt eine verlorene Tochter heim. Kitty Hawk kommt zurück ins Nest.“
„Kitty? Wollte sie sich nicht selbst verwirklichen, in einer größeren Einheit und so?“
„Ist das nicht egal? Wir kriegen eine Spitzenpilotin für den Rang eines Sergeants wieder. Bereite die Verträge vor.“
Der Major unterbrach die Verbindung und grinste. Kitty war ein fliegendes Risiko, aber unbestritten ein Genie in dem, was sie tat. Langfristig konnte man vielleicht sogar über eine Lanze nachdenken…
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:55
Als der schwitzende Riese eintrat, erwartete Germaine unwillkürlich einen Schwall schweißgetränkter Luft. Er wurde angenehm enttäuscht.
„Ives de Jaques-Duvall, Sommernote“, stellte er fachmännisch fest.
Der große, breite – sprechen wir es aus, viel zu dicke – Mann grinste. „Richtig, Major. Mein Lieblingsduft. Er harmoniert am besten mit meiner, nun, persönlichen Note.“
Einladend deutete Germaine Danton auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
„Meine Sekretärin meinte, ich solle Sie mir mal ansehen. Hm. Wenn Cindy so etwas sagt, dann muss ich das auch tun. Sehen Sie, Mr. … Kleinweich, ist das richtig? Mr. Kleinweich, ich liebe Teamarbeit. Mit einigen aus meinem Team arbeite ich bereits seit fünf Jahren zusammen. Und wenn die mich auf etwas oder jemanden aufmerksam machen, spitze ich die Ohren. Sie sorgen schon dafür, dass mich Banalitäten nicht belästigen.
Cindy meinte, Sie seien ein… Datenbeschaffer?“
„Hacker“, gab der Mann unumwunden zu und wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn.
„Ein ziemlich guter, sagte sie.“
„Der Beste“, betonte Willem Kleinweich.
Germaine verzog das Gesicht zu einer abschätzenden Miene. „Okay. Eine Arbeitsprobe. Was würden Sie tun, wenn es auf Outreach ein Depot mit nuklearen Waffen gäbe und ich von Ihnen verlangen würde, mir den Eingangscode zu besorgen?“
Willem Kleinweich klappte seinen Laptop auf und tippte etwas ein.
`Himmel!´, ging es Germaine durch den Kopf. `Er wird doch nicht…´
„Es gibt kein Depot dieser Art auf Outreach. Oder es gibt keine Einträge dazu im Wolfsnetz. Die hätte ich gefunden. Damit ist die Frage hypothetisch.“
„Das war sie von vorneherein, Mr. Kleinweich. Also antworten Sie auf meine hypothetische Frage.“
„Nun, ich würde Ihnen den Code besorgen.“
„Gut. Wir knacken also das Depot. Und BANG, eine kleine Söldnereinheit ist plötzlich eine Bedrohung für jeden Nachfolgestaat der Inneren Sphäre.“
„Ist sie nicht. Atomwaffen von der Stufe, von der Sie da gerade sprechen, sind mit speziellen Codes gesichert. Sie dürfen sie anfassen, aber Sie können sie nicht benutzen.“
„Und was ist, wenn ich Ihnen eine Pistole an die Schläfe halte und Sie zwinge, mir die Codes zu besorgen?“
Im Gesicht seines Gegenübers arbeitete es. Was war die richtige Antwort auf die Frage?
Wie musste er antworten, um von den Chevaliers aufgenommen zu werden? Ahnte er, worauf der Major hinaus wollte?
„Was würden Sie tun, Mr. Kleinweich? Was würden Sie tun?“
Als er seinen Laptop zuklappte wusste Germaine, er hatte eine Antwort gefunden.
„Sie würden nie mit Atomwaffen spielen, Major. Es gibt Ja und Nein-Fragen, auf die gibt es eben nur Antworten wie grün.
Und manche hypothetische Fragen sind so hypothetisch, dass sie sich selbst beantworten.“
Lange Zeit saß Germaine da, musterte den Hacker und dachte nach.
„Und?“, fragte der Mann endlich. „Habe ich den Job?“
„Was? Ja, ja. Willkommen an Bord, Mr. Kleinweich. Ich werde Sie in den Stab zu First Lieutenant Harris versetzen. Analyse und SpezOps.
Ich überlege nur gerade, die Kleiderkammer wird mit einer Uniform für Sie kläglich scheitern. Wir werden was anfertigen lassen müssen.“
„Ich hasse Uniformen.“
„Und ich habe genügend zivile Mitarbeiter. Sie treten als KommTech ein. Ihr militärischer Rang ist damit Sergeant. Es hat wohl nicht viel Sinn, Sie zu bitten, etwas abzuspecken, Mr. Kleinweich?“
„Nicht, dass ich es nicht versucht hätte, Sir.“
„Verstehe.“ Germaine Danton stand auf und hielt dem Mann die Hand hin. Sein Händedruck war fest, trocken und warm. „Noch mal, Sergeant Kleinweich. Willkommen bei den Chevaliers.“
***
Eine Stunde später trat Metellus in das Büro seines Vorgesetzten ein. „Na, Zenturio, wie macht sich Ihr neuer Boss?“
Der Mann aus der Marianischen Hegemonie grinste schief. Noch vor einem Vierteljahr hätte er die englische Grammatik verballhornt, um in seinem gewohnten Sprachbild zu sprechen.
„Gut, Imperator. Scharnhorst ist ein fähiger Anführer und ein kluger Taktiker. Ihm fehlt noch etwas die Weitsicht. Aber das ist nichts, was nicht vom Imperator oder Juliette ergänzt werden kann.“
Germaine lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Cindy, bring uns doch bitte was zu trinken. Für mich Kaffee. Und für Decius diese widerliche Trinkschokolade.“
„Widerlich?“ brummte der Marianer und rollte mit den Augen. „Besser als dieses Absinth, welches der Imperator Kaffee schimpft.“
„Jedem das seine“, brummte Germaine und nahm dankbar seinen Kaffee entgegen.
„Ich habe mir schon gedacht, dass es länger dauern wird“, rief Cindy lächelnd und drückte dem Mastersergeant eine Tasse Schokolade in die Hand.
„Sie ist sehr fröhlich heute“, brummte Metellus und blickte über den Rand seiner Tasse zu Germaine herüber. „Fröhlicher als sonst.“
„Ja“, erwiderte Germaine. „Sie war nie ein Kind von Traurigkeit, aber heute ist ihre Fröhlichkeit geradezu ansteckend…“
Germaine Danton stockte bei diesem Gedanken. Er sah in seine Kaffeetasse und von dort zu Metellus. „Zenturio. Du hast ein Auge auf sie.“
„Ja, mein Imperator.“
„Kommen wir zum Thema zurück. Wie machen sich die Höllenhunde?“ Mit der dampfenden Tasse in der Hand lehnte sich Germaine zurück.
„Sehr gut, sehr gut. Das Zusammenspiel mit der Artillerielanze klappt noch nicht besonders, aber der neue Sergeant gibt sich viel Mühe und holt täglich mehr aus seinen Leuten raus.
Ich musste ihm neulich aber erst einmal zeigen, was ein Mastersergeant ist.
Es ist ein Glück, dass ich mich so gut mit Dolittle verstehe. Ansonsten wären die Höllenhunde längst schon eine Einheit in der Einheit.“
Der Major nickte schwer. „Ja, das würde problematisch werden. Ich sollte mal ein paar Tage mit ihm die Rollen tauschen. Auch wenn ich nicht in einen Mech darf, einen Panzer kommandieren werde ich wohl schaffen.“
„Vielleicht“, brummte der Ältere in seine Schokolade. „Aber es ist eine Idee. Die Einheit hat nur einen Imperator. Und der sitzt vor mir.“
Danton nickte. „Richtig. Patrick ist ein feiner Jung, aber wir sollten das den Höllenhunden einbläuen. Nicht, dass er ausfällt und jemand das Kommando kriegt, der glaubt, auf meine Befehle nicht hören zu müssen.
Wie sieht es eigentlich mit Akila und dem alten Dolittle aus? Haben sie sich endlich gefunden?“
Das Grinsen des Marianers wurde breiter. „Neulich haben wir dafür gesorgt, dass die beiden versehentlich in einem Munitionsbunker für vier Stunden eingeschlossen waren. Keine Ahnung, was da drin passiert ist. Aber zumindest konnten sie sich mal aussprechen. Einer der Panzerkommandeure war mir ein williger Gehilfe dabei.“
Germaine nickte. „Man kann es ja auch bald nicht mehr mit ansehen. Die beiden fressen sich ja bald schon mit ihren Blicken auf, und nichts passiert.
Wäre das ähnlich mit mir und Belinda gelaufen, dann hätten wir uns das erste Mal geküsst, als sie mich wieder belebt hat, nach dem Treffer mit der PPK.“
„Ich erinnere mich. Hat wehgetan.“
„Ja, das hat es. Wie machen sich die Pioniere?“
„Hörst du es nicht, wenn sie wieder mal sprengen oder die Faltstraßen malträtieren? Bishop treibt seine Leute an. Jeder soll alles beherrschen können. Ich lasse ihn täglich von Doc Wallace untersuchen, damit er mir nicht zusammen klappt, aber der Kerl ist ein Ross. Hat drei Stunden Schlaf die Nacht und ist frisch wie ein Fisch im Wasser. Sehr belastbar.
Ähnlich sieht es bei unseren beiden Neuzugängen für McHarrods Lanze aus. Nach dem Desaster in der Übung haben sich Miss Fokker und Miss Ferrow zu einem Intensivtraining entschlossen. Die beiden halten mich ganz schön auf Trab. Morgens joggen vor dem Essen. Aufpassen, dass sie auch genügend frühstücken.
Tagesdienst, danach Sim-Übungen. In der Mittagspause Test der Vitalfunktionen.
Es bringt was, sie werden immer besser. Aber noch zwei Wochen, und aus der guten Kondition wird ein Raubbau.“
„Wer führt in diesem Duo das Wort?“
„Miss Fokker.“
Germaine schob dem Marianer einen Zettel zu. „Sag ihr, es ist vorläufig. Ich will sie sehen, wie sie sich bewährt. Aber vorerst gilt es. Beförderung zum Corporal.“
„Das wird sie freuen. Und Miss Ferrow anspornen.“
„Das will ich hoffen. Was sagt deine Freundin über die beiden Neuzugänge bei den Fliegern?“
„Sie behält sie im Auge. Aber die beiden scheinen ein gutes Team werden zu wollen. Allerdings weiß keiner, wie gut…“
„Was uns zu einem weiteren Problem bringt. Kitty.“
Metellus stöhnte gequält auf. „Was hast du mir mit der nur angetan? Sie spricht nicht, sie reagiert nicht, sie fliegt, als hätte sie ein Krebsleiden und könne den Heldentod gar nicht mehr abwarten.“
„Ja, das klingt nach ihr. Aber sie kann nichts dafür, dass sie nicht spricht. Sie hatte als Sechsjährige eine schwere Kehlkopfoperation. Die Ärzte haben während eines Angriffs operieren müssen, der Strom fiel immer wieder aus. Letztendlich wurde der Kehlkopf gerettet.
Halbwegs. Ihr Rachenraum, die Stimmbänder und der Kehlkopf sind stark vernarbt. Sprechen tut ihr im wahrsten Sinne des Wortes weh.
Als sie noch zu Team Stampede gehörte, hatte ich auch meine liebe Mühe mit ihr.
Jetzt, wo sie nach Hause kommt, will ich die Fehler von damals vermeiden. Sie ist zu gut im Heli, um dieses Talent brachliegen zu lassen.“
„Also?“ Metellus trank aus und stellte die Tasse auf dem Schreibtisch ab. „Was tun, sprach Jupiter.“
„Kennst du die Geschichte vom Hund, der nicht zu bändigen war? Verspielt, närrisch und immer auf dem Sprung? Eines Tages war er folgsam, leinengängig und ein Musterbeispiel an Höflichkeit.“
„Gehirnwäsche?“ riet der Marianer.
„Nein. Sein Herrchen ließ ihn die Leine für einen frechen Welpen im Maul tragen. Der kleine Racker beschäftigte den Riesenhund so sehr, dass er gar nicht dazu kam, selbst Kapriolen zu schlagen.“
Germaine schob eine Akte zu Metellus herüber. „Diesen jungen Mann habe ich heute Morgen eingestellt. Ich will ihn mit Kitty zusammenspannen.“
Metellus sah die Akte ein. „Hm. Aufbrausend. Unerfahren. Rechthaberisch. Was soll er bei Kitty machen? Der Ripper ist ein Einsitzer.“
„Oh“, Germaine breitete die Arme aus. „Ich dachte daran, Corporal Frischknecht als… sagen wir Lademeister einzusetzen. Du kennst die Pläne, den Ripper als schnelles Transportmittel für ne Squad von Charlies schwarzen Jungs oder Bishops Sprengstofftruppe einzusetzen. Sie wird jemanden brauchen, der den Leuten sagt, wann sie springen müssen.“
„Und weiter?“
„Sie soll den Jungen fit machen für einen Hubschrauber. Der Junge ist nicht schlecht. Aber ihm fehlt eine erfahrene Hand und viel Übung. All das hat Kitty. Und wenn wir ihr die Leine dieses Hitzkopfs zwischen die Kiefer pressen, wird sie hoffentlich so viel zu tun haben, dass sie selbst etwas ruhiger wird.“
„Sag mal“, brummte Metellus nach einiger Zeit, „wovon träumst du eigentlich ansonsten so?“
„Witzbold“, erwiderte Germaine, öffnete eine Schublade und zog eine Flasche Whisky hervor. Er schenkte jedem in seinen Becher einen Fingerbreit ein.
„Danke, Decius. Ohne dich würde ich diesen Ameisenhaufen nie in den Griff kriegen.“
„Doch würdest du. Aber nicht so gut.“
Die beiden stießen an.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:56
„Ich hätte mir selbst Dienstfrei geben sollen“, brummte Germaine Danton und grinste. Diese Bewegung aber verursachte sofort einen stechenden Kopfschmerz irgendwo in seinem Kleinhirn, weswegen er die Geste sofort unterließ.
Cindy, die gerade mit dem ersten Kaffee des Morgens eintrat, erkannte die Misere sofort. „Alka Selzer oder lieber Aspirin?“
„Nichts von alledem. Sag Leon Bescheid, er soll mir ein paar Liter Wasser raufschicken. Am besten wäre es ja, mit diesem unsäglichen… Whisky weiterzumachen.“
Cindys Miene wechselte von besorgt zu hämisch. „Nun, mon Majeur, du weißt doch ganz genau, dass du exakt sieben Scotch-Sorten gut verträgst, und das sind alles Malts. Bleib doch bei Wein oder Cognac und experimentiere nicht zu viel.“
„Das ist es nicht, Cindy“, brummte Germaine und winkte ab. „Es war schon die richtige Sorte. Nur war eine Flasche definitiv zuviel. Ich hätte nicht versuchen sollen, aufzuholen.“
„Aufzuholen?“
„Na, mit Al, Dolittle und Charly. Die hatten schon jeder ne halbe Flasche Vorsprung.“
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.“
Wieder stahl sich ein Grinsen auf Germaines Miene. Den Kopfschmerz nahm er billigend in Kauf. „Ich konnte ja auch schlecht zurückstehen. Immerhin war es ein sehr besonderer Anlass.“
„Das wird mir zu blöde“, brummte Cindy und stellte den Kaffeebecher auf dem Schreibtisch ab. „Versuch dich lieber mal im Klartext. Gleich kommen wieder ein paar Bewerber.“
„Klartext? Wie wäre es mit: Du brauchst Al nicht mehr zu bessern. Ich denke, er wird ruhiger werden. Sehr viel ruhiger. Ein Kind ist ja auch eine große Verantwortung für ihn und Esmeralda und…“
Vor Schreck ließ Cindy die Kaffeekanne fallen. Ihre Augen begannen zu leuchten und sie hauchte zwischen den vor dem Mund zusammengefalteten Händen hervor: „Esmeralda ist schwanger? Und das erzählst du mir nicht gleich?“
„Habe ich doch“, verteidigte sich Germaine grummelnd.
„Das ist ja… Toll! Ich rufe Belinda an. Und Mel Armstrong. Und Kiki und Sarah. Und Artemis. Wir müssen unbedingt eine Party für Mera geben. Ein Stammhalter für die ROSEMARIE.“
„In deiner Freizeit kannst du planen“, meinte Germaine nüchtern. „Die Schwangerschaft dauert über neun Monate. Das Kind läuft dir nicht weg. Und vor das feiern hat Gott den Dienst gesetzt.“
„Wieder mal typisch Mann. Wisst Ihr überhaupt, was wir Frauen erdulden müssen, damit die Menschheit nicht ausstirbt? Was in uns vorgeht?“ Vorwurfsvoll stemmte sie die Hände auf die Hüften. „Was uns bewegt? Nein. Für euch ist das alles selbstverständlich. Wenn du meine Menstruation hättest, Germaine Danton…“
„Danke, aber die diversen Schussverletzungen reichen mir“, kommentierte der Major.
„Oh. Habe ich fast vergessen. Lebersteckschuß, Lungendurchschuß, diverse Steck- und Durchschüsse in den Muskeln, Streifschuß am Kopf, PPK-Treffer im Cockpit und dergleichen. Okay, du bist vielleicht die Ausnahme.“
„Cindy“, tadelte Germaine. Er erhob sich und ging zu seiner Sekretärin. Er legte beide Hände um sie und umarmte sie. „Cindy, ma petite, es geht doch nicht um die Rolle oder den Wert von Frauen. Oder den von Männern. Es geht nur um die Chevaliers. Ich wäre der erste, der darum kämpfen würde, der Pate deiner Kinder zu werden. Und ich wäre dankbar dafür, würde mich nur eines Onkel nennen. Wir sind immerhin nahe dran.“
„Ach du“, erwiderte Cindy und errötete.
Germaine Danton ließ sie fahren. „Aber jetzt zurück zur Arbeit. Schick mir den ersten Bewerber rein, sobald er da ist.“
„Okay“, erwiderte sie und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln.
„Ach, und lade doch die Simstein und die anderen MechKriegerinnen zu dieser Party auch ein. Aber verzichte bitte auf Rebecca…“
Cindy nickte. „Ich denke dran. Dein erster Termin dürfte gleich kommen. Und trink deinen Kaffee. Er kühlt schnell ab.“
Als Cindy den Raum verließ, meldete sich erneut der pochende Kopfschmerz. Frauen. Sie liebten Auftritte. Nur waren es für sie keine Auftritte, sondern Liebesbeweise.
Germaine nahm sich fest vor, Kommtech Kleinweich ernsthaft ins Gespräch zu nehmen, um ihn auf ein, zwei Eigenheiten seiner Sekretärin hinzuweisen. Sicher war sicher.
Als Giovanni DaVolta eintrat, hatte sich Germaine bereits in die Akte des Mannes und seiner Einheit vertieft. Es tat ihm bereits jetzt in der Seele weh, nicht wenigstens ein paar seiner Krieger aufnehmen zu können.
In der Kaserne nannte man den Alten entweder eine herzensgute Seele oder einen sentimentalen Idioten. Alle Sprüche liefen aber stets darauf hinaus, dass er ein etwas weiches Herz hatte.
„Setzen Sie sich, Capitane. Sie kommandieren also die T-Frogs. Eine Einheit leichter Mechs.“
Der Mann grinste schief, wie es wohl nur Italiener konnten und nickte gleichzeitig enthusiastisch. „Si, Magiorre. Esse iste eine gute Kompanie. Aberre eben nur Legerre.“
Germaine sah dem Mann in die Augen. Der Capitaine schien recht anständig zu sein. Für einen Soldaten. Dies entsprach auch den Recherchen der letzten Tage, die Germaine hatte anfertigen lassen.
„Ich will es kurz machen, Capitane. Ich kann Ihre Kompanie nicht unter Vertrag nehmen.“
„Si, das war mir klar. Aberre bestehte die Chance…“
„Außerdem habe ich bereits sechzehn Mechs im Gepäck. Ohne Landerkapazitäten kann ich keine weitere Lanze mitnehmen.“
Der Offizier senkte den Blick. „Comprende. Nun, es war wenigstens wert die Versuch, si? Scusi. Ich werde nun wieder gehen und…“
„Allerdings“, begann Germaine und fesselte damit die Aufmerksamkeit des Offiziers.
„Allerdings?“
„Allerdings können Ihre T-Frogs und meine Chevaliers… ah, voneinander profitieren.
Sehen Sie, bei unserem ersten Auftrag habe ich eine Stammbesatzung in dieser Kaserne zurückgelassen. Zehn Mann. Gerade mal ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Aber diesmal gedenke ich alle mitzunehmen. Auch meine Sekretärin.
Deswegen läuft der Mietvertrag der Kaserne dennoch weiter.
Nun, um es auf den Punkt zu bringen, ich brauche jemand, der die Kaserne für mich bewacht. Zumindest bis der Vertrag im März ausläuft. Dieser Jemand könnte natürlich die Mechhangars benutzen, die Munition aufkaufen, die wir nicht mitnehmen können – zum Vorzugspreis, versteht sich – und auf den kaserneneigenen Schießständen üben…
Wenn Sie also Interesse hätten, nun, für diesen kleinen Dienst wären Sie mindestens drei Monate Ihre laufenden Kosten los.“
DaVolta starrte Germaine mit offenem Mund an.
Unsicher fügte der Chevalier hinzu: „Nur, wenn Sie wollen.“
„SI!“ rief der Mann aus Leibeskräften. Er sprang auf und ergriff Germaines Hand. „Si, Maggiore Danton. Ich nehme dankend an. Das iste mehr, als ich ssu hoffen gewagt habe. Es rettet uns nicht, aber esse gibt uns eine Atempause.“
„Gut“, meinte Germaine und lachte. „Dann schaffen Sie Ihre Mechs am Ersten Januar auf unser Gelände. Wir rücken gegen Anfang Februar ab. Bis dahin teilen wir uns das Gelände hier. Unsere Techs könnten sich austauschen.“
„Si. Und grazie, mille grazie!“
Der stürmische Mann umarmte Germaine und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Der ertrug es mit stoischer Ruhe und einer ungewohnten, selten gespürten inneren Herzlichkeit.
Nach einigen weiteren belanglosen Worten stürmte der Capitane aus Germaines Büro.
„Ich wünsche Ihren T-Frogs viel Glück“, brummte er.
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:57
Sein Name war Ragnar Sagrudson. Er war groß, breit gebaut und dem Klischee der Rasalhaager entsprechend blond. Zumindest dunkelblond.
Auffällig war sein Dreitagebart. Er war gepflegt. Keiner von diesen Bärten, die man sich wachsen ließ, wenn man ein paar Tage frei hatte oder sich wieder mal von einem durchsoffenen Wochenende erholen musste. Nein, er war gepflegt. Die Konturen waren scharf abgegrenzt, sauber herausrasiert.
Dieser Mann kulitivierte seinen Bart und stutzte ihn vermutlich täglich auf das richtige Maß.
Was sagte das über ihn aus? Die intelligenten Augen ließen Germaine vermuten, dass dies für ihn nur eine weitere Herausforderung war. Eine von wie vielen?
Während der Mann genussvoll an seinem Espresso nippte, ging der Major die wichtigsten Daten durch. Geboren in Rasalhaag, fünfzig vor den Clans geflohen. Sieben Jahre später mit neunzehn Eintritt in die KúngsArmee, bzw. in die örtliche Miliz.
Ausgeschieden auf eigenen Wunsch als Feldwebel.
Der Chevalier runzelte die Stirn. Irgendwie hatte er ein Déja-Vu. Eine ähnliche Akte hatte er vor nicht einmal einem Jahr vor sich liegen gehabt, handelnd von einem jungen Feldwebel, der von missgünstigen Vorgesetzten aus seiner Stellung gemobbt worden war.
Der Mann war heute Captain. Ein guter, wie Germaine fand.
„Das ist ein interessanter, aber nicht ungewöhnlicher Lebenslauf. Nicht in diesen Tagen.“
Sagrudson grinste. „Ich bin kein Einzelfall, soviel steht fest.“
„Beleibe nicht. Sagen Sie, Mr. Sagrudson, warum sind Sie aus der Miliz ausgetreten? Sie schienen auf dem besten Wege zu sein, eine ordentliche Karriere als Unteroffizier zu haben.“
Der Mann nickte. „Sehen Sie, Major Danton, das ist richtig. Aber ehrlich gesagt bin ich nicht in die Miliz eingetreten, um dabei zuzusehen, wie ComStar über unsere Planeten wacht. Ich dachte eigentlich, ich würde ein paar Mal gegen die Clans kämpfen.“
„Verstehe. Immerhin haben die Clans Sie und Ihre Familie von Stanzach vertrieben.
Aber warum dann die Chevaliers? Haben Sie das rumoren nicht gehört? Unser letzter Auftrag war nicht gegen, sondern für die Clans.“
In einer Geste aus Trotz und Abwiegelung hob der Rasalhaager die Schultern. „Was soll ich sagen? Ihre Chevaliers sind die einzigen, die Zurzeit Pioniere suchen und auch angemessen bezahlen. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass auch diese Einheit früher oder später wieder gegen die Clans ins Feld zieht.“
Germaine grinste. „Gute Antwort.
Hm, werfen wir noch mal einen Blick in Ihre Bewerbung. Hier steht, Sie haben Erfahrung im Fest- und Pontonbrückenbau. Hm, zufällig habe ich da draußen einen Trupp Pioniere, der auf Pontonbrücken ausgebildet wurde. Und natürlich drei Fährbrücken.
Ich sage Ihnen was. Bauen Sie mir eine zusammen, und wenn mir gefällt, was ich sehe, stelle ich Sie als Sergeant für die Brückensektion ein.“
„Das ist ein Wort!“ rief der Rasalhaager und sprang auf. „Fing schon an, steif zu werden.“
Zehn Minuten später war die zwanzigköpfige Brückensektion des 2. Trupps angetreten. Neben Germaine stand Lieutenant Bishop und wies in kurzen, prägnanten Worten auf diverse Eigenheiten dieser Brücke hin.
Sagrudson nickte. Verstehend oder nur, weil es von ihm erwartet wurde?
„Jedenfalls, dann will ich mal sehen, was Sie so drauf haben, Sarge“, brummte Bishop. Er machte eine einladende Geste. „Die Brückensektion hört auf Ihr Kommando.“
Das ließ sich der Rasalhaager nicht zweimal sagen. Er schritt kurz die Reihen ab, besah sich ein paar Rangabzeichen und ließ sich dann die Vorschrift für die Brücke reichen.
Während er las, winkte Germaine Corporal Jagellovsk heran. Die blonde Frau eilte schnell herbei. „Sir?“
„Jagellovsk, machen Sie es ihm schwer. Etwas Pfusch, falsch verstandene Befehle und dergleichen. Nichts Offensichtliches. Verstanden?“
Die ehemalige Infanteristin grinste. „Verstanden, Sir.“
„Wollte ich auch gerade befehlen“, brummte Bishop und zündete sich eine Zigarre an. „Auch eine, Sir?“
Germaine schüttelte den Kopf. „Ich rauche nur alle drei Schaltjahre mal. Und das ist erst wieder bei meiner Hochzeit. Sehen wir doch mal zu, wie der Mann mit Belastung fertig wird…“
***
Fünf Stunden später stand die Pontonbrücke und hätte nun entweder von einem Panzer oder einem Mech in ein offenes Gewässer geschoben werden können.
Sagrudson salutierte vor Bishop und Danton und erklärte die Übung für beendet.
Abschließend fügte er hinzu: „Danke, das hat Spaß gemacht. Auch wenn es mich einen halben Tag für weitere Bewerbungen gekostet hat.“
Bishop runzelte die Stirn. „Hm? Wollen Sie sich woanders bewerben?“
Der junge Rasalhaager riss die Augen auf. „Wie? Habe ich was nicht mitbekommen? In der Vorschrift steht als Bauzeit vier Stunden, elf Minuten. Ich habe aber fünf siebzehn gebraucht. Ich dachte eigentlich, das war es für mich.“
Germaine grinste. „Wenn Sie sich erinnern wollen, ich habe gesagt, bauen Sie mir die Brücke auf, und wenn mir gefällt, was ich sehe…
Rekapitulieren wir. Sie kennen die Mannschaft nicht. Sie kennen das Material nicht. Und Ihre zukünftigen Vorgesetzten waren als Zaungäste anwesend.“
„Außerdem lautete die Anweisung an die Truppe, absichtlich etwas zu schlampen, um zu sehen, wie gut Ihr Organisationstalent ist und wie gut Sie technische Zusammenhänge verstehen“, brummte Bishop und spie den Zigarrenstummel aus. „Mal ganz abgesehen von Ihren Fähigkeiten als Menschenführer.“
„Genau. Also, mir gefällt, was ich gesehen habe. Wenn Lieutenant Bishop keine Einwände hat, nehme ich Sie im Rang eines Sergeants für den 2. Trupp auf. Baustraßen und Brückenbau. James?“
Der Pionier besah sich die fertig gestellte Brücke. „Keine Einwände.“
„Damit sind Sie ein Chevalier“, sagte der Major und streckte die Hand aus.
Ragnar Sagrudson ergriff sie langsam, fast als würde er träumen. „Ich nehme dankend an, Sir. Ich werde Sie nicht enttäuschen. Und Sie erst recht nicht, Lieutenant Bishop.“
„Das will ich Ihnen auch geraten haben, Sarge“, brummte der Ligist. „Der Boß schickt Sie jetzt wahrscheinlich zum Matwart und zum Quartiermeister. Danach haben Sie den Rest des Tages frei. Aber Morgen früh will ich die komplette Brücke sehen sowie dreihundert Meter Faltstraße, die zu ihr hinführen.“
„Abgemacht!“
Verstohlen berührte Bishop den Major an der Schulter. Leise flüsterte er: „Guter Fang, Sir. Noch so ein paar und ich kriege eine Kompanie hin.“
Germaine lächelte und flüsterte zurück: „Im nächsten Krieg, James. Im nächsten Krieg.“
Ace Kaiser
29.03.2004, 12:59
Der kleine Raum war verräuchert. Nein, verräuchert war nicht das richtige Wort.
Der kleine Raum bestand aus einer schmutzig grauen Nebelwand, die in der diffusen Beleuchtung die schattenhaften Bewegungen mehrerer Personen bei einer obskuren, rituellen Handlung ahnen ließ.
Eine der Gestalten riss plötzlich den Arm hoch, verharrte einen Moment und ließ ihn dann mit tödlicher Sicherheit niederfahren, um den anderen den Todesstoß zu versetzen.
„Und das vierte Aß. Ich denke, das sind meine Chips!“
Konturen schälten sich aus dem dichten Dunst. Patrick „Doc“ Dolittle biss energisch auf seine Zigarre und warf seine Karten auf den Tisch. Der frischgebackene Offizier und Kompaniechef nahm den rauchenden Kubaner nur aus dem Mund, um seinen Ärger über seine Zwillinge mit einem Schluck Scotch runterzuspülen. „Anfängerglück“, knurrte er gleichzeitig beim rauchen, trinken und wütend auf sein Blatt stierend.
Der so betitelte grinste spitzbübisch und zog den Pott äußerst genüsslich zu sich heran. „Kommt zu Papa, meine Kleinen. Na, davon kann ich mir ja einen neuen LKT mit KSR-Bewaffnung leisten.“ Der große, blonde Mann, dem das Wort Rasalhaager regelrecht auf die Stirn tätowiert zu sein schien, genoss seinen Erfolg und stapelte die Chips gedehnt und genüsslich aufeinander.
Der dritte in der Runde, ein mittelgroßer Mann mit mürrischer Miene, schob seine Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen und meinte grinsend: „Ich hätte gute Lust, dir zu befehlen zu verlieren, Cliff.“
Der Blonde verharrte konsterniert. „Und was veranlasst dich dazu zu glauben, ich würde so einem Befehl Folge leisten, Germaine?“
Die anwesenden Chevaliers lachten.
Captain Manfred Scharnhorst griff sich die Karten und mischte neu. „Neues Spiel, neues Glück, meine Herren. Wir spielen Arkturuspoker. Mindesteinsatz sind fünf C-Noten. Die dritte und die fünfte Karte sind offen, wer Round the Corner auf der Hand hat, gibt einen aus.“
„Es hat sich schon mal jemand tot gemischt“, brummte der vierte Mann am Tisch, ein äußerst kräftiger Blondschopf, dessen stechender Blick durchaus in der Lage gewesen wäre, von einer lackierten Oberfläche sieben oder acht Schichten abzufräsen. Sergeant Charles Decaroux rauchte eigentlich nicht. Aber in diesem ohnehin verräucherten Zimmer spielte es keine Rolle mehr. Man konnte dem Krebstod nicht entkommen. Also qualmte auch der ehemalige Kommandosoldat aus einer halbvollen Packung Zigarillos, während er immer mal wieder am Cognac nippte, den er sich mit Germaine Danton teilte.
Der fünfte Mann und zugleich zweite Unteroffizier am Tisch hob seine ersten beiden Karten auf und zog die linke Augenbraue hoch. Die Anwesenden wurden sofort misstrauisch. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Decius Caecilius Metellus, dieser mit allen Wassern gewaschene Halunke hier die Basis einer längeren Strategie legte, die in der Einnahme des Potts gipfeln sollte. Und sie waren alle hier ziemlich gute Pokerspieler.
Scharnhorst runzelte die Stirn und biss die Spitze der neuen Zigarre ab. Heute war Veteranentag. Während sich die neuen und alten Chevaliers versammelt hatten, um den zweiten Weihnachtstag zusammen mit Familie und Freunden in der Kantine oder der hergerichteten Halle zu verbringen, hatte Germaine einige seiner Veteranen der ersten Stunde um sich versammelt. Offiziell, um eine alte Pokerserie abzuschließen.
Nicht, dass Germaine die neuen Offiziere wie Bishop oder Dukic gerne schnitt. Aber wie durch ein Wunder hatten sie entweder Dienst oder Aufsicht bei der Feier. Im Mund der Unteroffiziere auch Gelage genannt.
Als das Stückchen Tabak auf den Boden flog – man hatte vereinbart, dass der Sieger des Abends die Reinigung übernehmen würde und strengte sich nun aus reiner Boshaftigkeit an, es dem Betreffenden extra schwer zu machen – brummte Manfred: „Wo ist eigentlich Al abgeblieben? Hat er plötzlich was gegen Poker?“
Germaine lachte auf. Er nahm einen Schluck Cognac und erwiderte: „Du willst wohl mit aller Gewalt verlieren, was, Manfred?“
Wieder lachten die Chevaliers.
„Warum ist Ito eigentlich nicht hier?“ brummte nun auch Metellus.
Germaine zuckte die Achseln. „Zeit und Gelegenheit hat er. Aber auf der Werft gibt es Probleme bei der BOREAS. Also sind er und Al raus gefahren. Die neue Stütze wird angepasst, und ratet mal, was sich herausgestellt hat!“
„Sie passt nicht!“ brummten die anderen im Chor.
„Oui, c´est ca“, meinte der Chef der Einheit und grinste.
„Okay, ich will drei neue“, brummte Dolittle und warf drei Karten auf den Tisch. Seit einiger Zeit duzten sich die Führungsoffiziere der Chevaliers untereinander – solange kein naseweiser Untergebener in der Nähe war, aber sein herziges Cheeeef konnte ihm keiner abgewöhnen.
„Cheef, bevor de nu anfängst und von hinten bohrst, sachichs lieber gleich.
Ich setze zwanzig.
Nu, wie du mitgekriegt hast, gabs da ein paar Probleme mit einem neuen Höllenhund. Hat sich alles hochgeschaukelt. Der Bengel hat im Manöver Mist gebaut, und wollte sich abreagieren. Leider hat er sich den falschen Ort dafür ausgesucht. Die Kantine.“
„Na“, kommentierte Germaine leise. „Mit wem hat er sich denn angelegt? Williams? Leon?“
„Sonja.“
„Hat er seine Lektion gelernt?“
Dolittle begann auf seiner Zigarre rumzukauen. „Siehste, Cheeef, das is mein Problem. Was mach ich mit dem Knaben? Bestrafen? Und ihn damit für die Chevaliers verderben? Oder geb ich ihm noch mal ne Chance?“
Germaine runzelte die Stirn. „Solange Leon nichts anderes sagt, sehe ich das als interne Angelegenheit der Höllenhunde an. Du machst das schon. Priorität haben aber die Mechkekse, das sage ich dir“, scherzte der Chevalier.
„Wieso, war deine Sonderration nicht groß genug?“ witzelte Charlie.
„Wie? Habt Ihr keine zehn gekriegt?“, konterte Germaine mit unschuldigem Grinsen.
Wieder wurde gelacht. Eine Ordonnanz aus der Küche brachte neue Flaschen mit Whisky und Cognac, leerte kurz den Aschenbecher und war sichtlich froh, wieder aus dieser Hölle aus Rauch und Testosteron zu entkommen.
„Jenfalls, auch wenn schon Wetten laufen, dassich die Höllenhunde von den Chevs lösen will, noch sindwer Chevs, und wir greifen keine Kameraden an. Ich habe mich also entschlossen, ihn seinen eigenen Panzer schrubben zu lassen und doppelte Sims für ihn angeordnet, damit er aus seinen Fehlern lernt und sich bewähren kann.“
Germaine nickte. „Gut, Doc. Mach es so. Aber was viel wichtiger ist: Was musste ich da hören? Mein Geheimdienst hat dich dabei erwischt, wie du dir bei einem Juwelier Ringe angesehen hast? Willst du wieder Brautvater spielen?“
Der Höllenhund kaute auf seinem Kubaner herum. „Verdammt effektiv, dein Geheimdienst“, brummte er. „Nee, ich dachte nur, ich kaufe mal ne Kleinigkeit für Akila.“
Wortlos hielt Germaine seine Hand in Cliff Petersons Richtung, der leise fluchend fünfzig C-Noten hineinzählte.
Wieder wurde gelacht.
„Ich gehe mit. Und erhöhe um zehn. Manfred, wie macht sich Deadly Denny? Irgendwelche Heldenallüren?“
„Nein, eigentlich nicht. Er arbeitet hart, konzentriert, und wenn du mich fragst auch etwas zuviel.
Er ist sehr gerecht, also er bevorzugt Sergeant Borer nicht. Ich wollte deswegen schon mit ihm reden und ihm raten, den Riesen wenigstens ab und zu mal bevorzugt zu behandeln. Immerhin sind die beiden Freunde. Und nur wegen seiner Sturheit soll die nicht leiden.
Jedenfalls habe ich mir mal seine Manöver und Sims angesehen. Und mit Miko-chan gesprochen. Die Erkundungslanze ist definitiv gut. Wir können bei ihr auf jeden Fall von Regulär ausgehen.
Wie es im Feld aussieht, tja, es haben alle Erfahrung, sogar Finn.“
„Gut. Wie macht sich Rebecca?“
„Gut. Sehr gut. Richtig gut. Sie ist Clannerin, und ich hasse es, das zuzugeben, aber sie… hat uns was voraus. Nebenbei taut sie aber auch etwas auf und wird… menschlicher. Neulich hat sie tatsächlich mit Seniortech Simstein geredet, ohne stravag, Freigeburt oder savrashii zu sagen. Sie hat nicht einmal die Stimme gehoben.
Ihre Lanze hat gute Werte. Bessere als Jan es damals hatte – Gott habe ihn selig. Das liegt aber vielleicht daran, dass unsere Tech besser geworden ist und dass Mulgrew auch nicht gerade schlechter ist als vor sechs Monaten.“
„Gut“, grunzte der Major und ging die neueste Erhöhung um zehn C-Noten mit. „Wie sieht es bei dir aus, Cliff?“
„Hm, ich bin immer noch nicht sicher, ob ich mich für den Captain bedanken oder deswegen beschweren sollte. Aber hey, ich denke, meine Kompanie leistet gute Arbeit. Die Pioniere machen mir da etwas Sorgen. Dieser Bishop ist einfach kein Mensch. Er ist eine Maschine, die nur ab und an ein paar Tropfen Schmieröl braucht. Unglaublich, mit wie wenig Schlaf er auskommt. Ich habe schon überlegt, ihm Dienstschlaf zu befehlen. Aber das würde er mit sicher übel nehmen.
Sein Neuer ist gut, dieser Sagrudsson. Sehr fähiger Mann. Und das sage ich nicht nur, weil er ebenfalls Rasalhaager ist. Auf jeden Fall werden wir ein erstklassiges Brückenschlagteam haben, Germaine. Also wage es nicht, auf einer Wüstenwelt anzuheuern.“
„Werde mich bemühen“, sagte Germaine in das Gelächter hinein.
„Wie sieht es bei dir aus, Charlie? Qu´est-ce qui ce passé avec tes petites?“
„Ah, rien. Ils sont bien. Nous avons á le Moment…“
„Könnt Ihr mal aufhören zu kauderwelschen?“ brummte Dolittle missmutig. „Sonst rede ich mit Manfred den Rest des Abends nur noch deutsch.“
Charlie hob entschuldigend die Schultern. „Tut mir leid. Ich vergaß, Ihr habt keinen Sinn für die schönste Sprache der Inneren Sphäre.“
„Das wäre Latein“, kommentierte Metellus und hatte die Lacher damit auf seiner Seite.
„Das ist also die ganze Wahrheit. Decius hat unsere Einheit unterwandert, um uns dazu zu zwingen, Latein zur Amtssprache zu machen.“
„Was nicht das schlechteste wäre“, brummte der Marianer zwinkernd.
„Also, wie ich schon sagte, wir haben jetzt sechs Scharfschützentrupps. Sie erzielen gute Werte. Ich habe mich entschlossen, drei ballistisch auszurüsten und drei mit Präzisionslasern. Wenns nichts taugt, kehren wir ganz zu den guten alten Wummen zurück.
Dazu habe ich vier Teams aus Kommandos ausgebildet. Ich habe ihnen alles beigebracht, was ich weiß. Jeder hat jeden aus der Einheit mindestens fünf mal getötet oder ist von ihm getötet worden. Im Training, meine ich. Wir kennen uns und unsere Schwächen. Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt. Wir müssen im Ernstfall sehen, wie gut sie sind. Einige sind ja Veteranen…“
„Hm. Wir sollten aufpassen. Die Chevs sind mittlerweile bekannt und berühmt genug, um den einen oder anderen Geheimdienst dazu zu veranlassen, uns einen Spion einzuschmuggeln. Nicht, dass Loki so blöd wäre, uns einen von ihnen ausgerechnet als Kommando unterzuschieben. Aber man weiß ja nie.“
„Verstehe.“
„Und, Decius? Probleme beim Herz der Einheit?“
Der Marianer legte sich gerade eine Pepperoni auf ein Stück Schokolade. Beim Versuch, beides zugleich zu essen, verharrte er. „Imperator?
Keine Probleme. Sie werden nur alle langsam unruhig. Wir brauchen was zu tun. Uns geht nicht nur das Geld aus, nach und nach verlieren wir auch die Geduld.
Zum Beispiel Fokker und und ihre Flügelfrau Ferrow. Die beiden sind plötzlich so ehrgeizig, dass sie den letzten Funken ihrer Freizeit trainieren wollen. Sie wollen auf Teufel komm raus Lieutenant McHarrod beweisen, was sie drauf haben. Ich habe ihnen strenge Auflagen auferlegt. Wenn sie ihren Teller nicht aufessen und die Sonne nicht scheint, dürfen sie nicht spielen gehen.
Desweiteren habe ich die freie SimZeit beschränkt. Wenn sie zu oft und zu lange drin sitzen, werden die Fehler zunehmen. Mit den Fehlern kommt die Frustration. Und damit noch mehr Training. Und irgendwann zweifeln sie an sich selbst…
Wer mir keine Sorgen bereitet ist unsere Fluglanze. Lieutenant Sleijpnirsdottir macht einen wirklich guten Job. Gurrow und Danté fügen sich gut ein. Wir haben da eine wirklich nette Truppe beisammen. Ich wünschte mir nur, wir hätten sechs von ihnen.“
Germaine legte seine Karten ab.
„Was ist? Gibst du auf?“ Manfred sah den Major ungläubig an. Der Pott war doch erst bei hundertfünfzig C-Noten angelangt.
„Was ist mit Kitty? Macht sie irgendwelchen Ärger?“
Dolittle grinste breit. „Nichts gegen dieses Mädchen. Die ist ganz nach meinem Herzen. Schnell, zielgerichtet und direkt. Na, der Aufpasser war eine gute Idee, finde ich. Sie scheint Corporal Frischknecht geradezu adoptiert zu haben und schnürt ihm beinahe die Stiefel zu.
Aber sie ist ein Aß in der Luft…“
„Wollte ich auch gerade sagen“, meinte der Marianer. „Nur hätte ich nicht so übertrieben. Sie fügt sich jedenfalls ziemlich gut ein. Was ich Anfangs gar nicht erwartet hatte. Ich nehme an, sie gibt sich besonders Mühe. Dir Zuliebe, Imperator.“
Der Major nickte.
„Noch irgendwelche Probleme, von denen ich wissen sollte?“
„Warum fragst du?“ Manfred schien nervös. Warum setzte der Kerl nicht? Immerhin hatten sie hier ein Spiel!
„Weil ich einen Kontrakt in Aussicht habe…“
Kurz redeten alle Chevaliers durcheinander. Der Major hob die Hand. Es wurde still.
„Es ist ein ganz besonderer Kontrakt. Er hat einen Vorteil und einen Nachteil.
Vorteil eins, wir würden mit ihm in der Lage sein, gegen Clan Jadefalke zu kämpfen. Ihr könnt mir glauben, mit denen habe ich noch eine Rechnung offen. Nichts würde ich lieber tun, als ihnen kräftig die Flügel zu stutzen. Der Kontrakt wird vom Arc Royal Devensiv-Kordon angeboten, wir wären also nicht in den Bürgerkrieg involviert. Was ich persönlich sehr begrüße.“
Wieder redeten die anderen Chevaliers durcheinander.
„Und? Wo ist der Haken?“, wollte Cliff Peterson wissen.
„Der Haken ist, meine Herren, Kontraktbeginn ist erst im November. Die Konditionen sind sehr gut, auch die Bergungsrechte. Nur… Unser Geld wird nicht so lange reichen, geschweige denn die Geduld unserer Leute.“
Betretenes Schweigen machte sich breit.
Dolittle klatschte in die Hände. „Na, dann müssen wir eben einen Zwischenkontrakt annehmen. Mann, wir sinnd nur einen dämlichen Sprung vonner Chaosmark entfernt. Da müssen wir doch nen leichten Halbjahreskontrakt absahnen können.“
„In der Tat. Ich habe sogar was in Aussicht. Aber das könnte uns mehr kosten, als der Kontrakt vielleicht einbringt…Der Auftraggeber ist ComStar.“
„Junge, Junge, erst die Geisterbären, jetzt ComStar. Wann kämpfen wir für die Hanse oder Blakes Wort?“, witzelte Manfred leise.
Germaine zögerte merklich bei den nächsten Worten. „Es gibt da eine Geheimklausel. Ich durfte sie nur lesen, nachdem ich zugestimmt habe, dass wir zumindest den Auftrag ohne die Klausel annehmen.“
Gespannt hingen die anderen Chevaliers ihrem Chef für fünf Minuten an den Lippen.
„Unmöglich“, kommentierte Scharnhorst leise. „Ich würde mindestens volles Bergerecht und zwanzig Prozent mehr Sold verlangen.“
„Aber es klingt nach Spaß. Wäre gutes Gelände für die Panzer. Wennmer die Hammerlanze mit den Elis mitnehmen, könnten wir zusammen mit den Pios das Gelände optimal nutzen.“
Dolittle rieb sich die Hände. In Gedanken schien er bereits dort zu sein.
„Letztendlich bist du der Chef, Imperator. Du rufst, wir folgen. Aber du weißt, das wird schwierig.“
„Schwierig“, brummte Germaine, „wird es, es den anderen Chevaliers zu erklären, ohne etwas durchsickern zu lassen oder unsere Leute vor den Kopf zu schlagen.
Aber ihr findet, es ist möglich?“
Nacheinander nickten die anwesenden Offiziere.
„Und danach geht es den Jadefalken an den Kragen“, rief Manfred Scharnhorst geradezu fröhlich.
„Falls wir diesen kleinen Zwischenauftrag überleben“, brummte Charlie.
Germaine nahm seine Karten wieder auf. „Ich erhöhe um fünfzig…“
Ace Kaiser
29.03.2004, 13:02
Die Berichte sahen gut aus. Die Einheit näherte sich der Abmarschbereitschaft. Die Leute waren loyal – was wohl an den Veteranen lag, die den Neuen immer wieder predigten, wie hart die letzte Kampagne gewesen war, aber dass sie nie das Gefühl gehabt hatten, in Stich gelassen worden zu sein.
So war es letztendlich. Wollte man was über Moral oder Kampfkraft einer Einheit erfahren, musste man es direkt bei den einfachen Soldaten tun.
Nicht, dass alle zufrieden gewesen wären. Miesepeter, Quertreiber und Pseudointellektuelle gab es in jeder Einheit. Und meistens saßen diese auf Posten, die es schwer machten, diese Soldaten aus der Truppe zu entlassen.
Aber sie waren weit in der Minderheit. Und die neuen Rekruten waren mehr als bereit, ihren Offizieren einen recht beachtlichen Vertrauensvorschuss zu geben.
Auch wenn sie zwar wussten, dass man bald abfliegen würde, aber keiner zu sagen wusste, wohin es gehen würde. Germaine umklammerte seine extra große Kaffeetasse, nahm einen Schluck und dachte an den Auftrag:
Als sich der Helikopter in die Seite legte, hielt sich Germaine instinktiv fest, auch wenn er eigentlich wusste, der Sechspunktgurt würde ihn sicher auf dem Platz im Laderaum halten.
Die Anspannung in seinem Gesicht musste deutlich zu sehen gewesen sein, denn Kitty, seine Pilotin, lächelte leicht.
„Hooo, Kate“, brummte Germaine in sein Bügelmikrofon, „du sollst uns unter dem Radar durchfliegen, und nicht unter dem Erdboden.“
Kathrin Hawk drückte den Heli zwischen zwei niedrige Hügel hindurch und schrieb etwas auf das an ihrem rechten Oberschenkel befestigte Klemmbrett.
`Kann noch tiefer´, stand dort zu lesen.
Germaine grinste. „Besser nicht, Kate.“
Die Pilotin verzog den Mund zu einer Schnute. Da sie selten, ja eigentlich nie sprach, hatte sie sich eine intensivere Mimik zugelegt. `Nicht Kate. Kitty´, schrieb sie.
„Ich überlege es mir. Und, wie läuft es? Hast du deinen Bengel schon mal ans Steuer gelassen?“
Kitty schüttelte energisch den Kopf und hielt die fünf Finger der rechten Hand hoch. Aha, also wollte sie noch fast ne ganze Woche warten, bevor sie Corporal Frischknecht die Gelegenheit geben wollte, sich am Steuerknüppel zu beweisen.
„Und? Hast du dich schon wieder eingelebt? Es sind ja nicht mehr allzu viele vom Team Stampede dabei. Leider. Diese Jadefalken…“
Kitty kritzelte wieder etwas auf ihr Klemmbrett.
`Nicht ablenken´, las Germaine. `Sag lieber, warum ich dich fliege.´
Das war Kitty. Immer geradeheraus.
„Nun, Kate, das seinen Grund. Wir beide fliegen nämlich zu einem Treffen mit einem potentiellen Auftraggeber. Und für diesen Job brauche ich jemanden, der verschwiegen ist. Das war eine der Bedingungen für dieses Treffen.“
Wieder schrieb Kitty etwas auf ihr Klemmbrett, während der Helikopter über flaches Land in geringer Höhe dahin raste. `Verschwiegen? Sehr witzig, Germaine.´
Der Major winkte ab. „Du weißt, wie ich das meine. Ich brauche jemanden, der selbst unter Folter nicht verraten würde, wo wir waren und wen wir getroffen haben. Und natürlich jemanden, der mich notfalls da raus schießen kann, falls es eine Falle ist.“
`Denkst du, es ist eine Falle?´
„Es ist zumindest möglich. Deswegen solltest du auch die Waffen deiner Mühle aufmunitionieren.“
`Wer ist es?´, fragte sie.
Germaine schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er alleine für dieses Gespräch einen Vorschuss von zehntausend C-Noten gezahlt hat.“
„Wow!“ krächzte Kitty.
Der Chevalier pflichtete ihr bei. „Das kannst Du laut sagen. GAZ?“
`Fünf Minuten.´
„Nur nicht hetzen, Kate. Nur nicht hetzen.“
Kitty hob einen älteren Zettel wieder hoch und zeigte ihn Germaine.
`Nicht Kate. Kitty.´
Germaine lachte.
Die Stelle, auf der sie landeten, lag inmitten einer weitläufigen Tundra. Germaine war sich sicher, wenn der Helikopter nur weit genug aufstieg, hätte man die Erdkrümmung Outreachs beinahe makellos in alle Himmelsrichtungen verfolgen können.
In fünfzig Metern Entfernung parkte ein einsamer Swiftwind. Eine Person in einer weißen Uniform erwartete sie. Geduldig wartete sie die Zeit ab, bis die Rotoren des ChevaliersVTOLs zum Stillstand gekommen war, dann kam sie näher.
„Halte mir den Rücken frei, Kitty“, brummte Gemaine und stieg aus.
Auf halber Strecke begegneten sie sich. Sein Gegenüber war eine Frau. Ende vierzig, weiße Uniform der ComGuards mit dem Demipräzentorzeichen und der römischen Zahl neun am Kragen.
Germaine salutierte. „Major Germaine Danton von Dantons Chevaliers.“
Die Frau erwiderte den Gruß mit dem linken Arm. Erst jetzt bemerkte der Offizier, dass die ComGuard den rechten Arm so gut wie gar nicht bewegte.
„Demi Andrea Hallas, 39. Division, zur Zeit ROM zugeteilt.“ Sie bemerkte den Blick des Söldners auf ihren Arm. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Kleiner Unfall mit Blakes Wort.“
„Verstehe.“
Die ComGuard zog mit der Linken einen kleinen Kasten aus ihrer Uniform. „Darf ich, Major?“
Der Chevalier nickte und breitete die Arme aus.
Demi Hallas ging mit dem Gerät die Konturen seines Körpers ab. „Negativ“, brummte sie.
Germaine zog nun seinerseits ein Messgerät aus der Uniform. „Darf ich?“
Einen Moment schien die Guard verwirrt, dann breitete auch sie die Arme aus.
„Nichts“, stellte Germaine enttäuscht fest. „Wird unser Gespräch also nicht einmal protokolliert?“
Hallas schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Major. Es bleibt alles unter uns beiden. Sie haben natürlich die Erlaubnis, das Ergebnis dieser Besprechung Ihren Offizieren mitzuteilen, aber ich bitte Sie, dabei niemals meinen Namen zu erwähnen oder wie Sie zu den Informationen gekommen sind, die ich Ihnen geben werde.“
Germaine nickte.
„Bevor wir beginnen, Herr Major – ich meine mit dem eigentlichen Auftrag – müssen wir eine Formalität erledigen. Ich kann und werde Sie über den eigentlichen Auftrag erst unterrichten, wenn Sie den Tarnauftrag angenommen haben, also bei ComStar in Lohn und Brot stehen.“
Die Kiefer des Majors begannen zu mahlen. „Erzählen Sie.“
„Nun, ich weiß durch die Arbeit unseres Ordens, dass die Börse Ihnen einen Garnisonskontrakt mit Angriffsrechten auf Clan Jadefalke im Arc Royal Devensiv-Kordon vermittelt hat. Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber der Kontrakt beginnt erst in gut zehn Monaten, richtig?“
Germaine schüttelte den Kopf. „Elf.“
„Nun, das ist eine lange Zeit. Eine zu lange Zeit für eine Söldnereinheit wie Ihre. Zudem stehen Sie ja auch unter Druck. Sie wurden auf regulär aufgestuft. Wenn Sie sich jetzt auf der faulen Haut ausruhen, anstatt diese Aufstufung zu rechtfertigen, könnten Ihre Chevaliers wieder grün werden. Richtig?“
Germaine nickte. „Und was können Sie dagegen tun, Demi Hallas?“
„Nun“, erwiderte die ComGuard gedehnt, „ich hätte da was Kleines für Sie. Nimmt bestenfalls ein halbes Jahr in Anspruch und ist nur einen Sprung entfernt.“
„Chaosmark“, brummte Germaine Danton leise.
Demi Hallas nickte mit einem Lächeln. „Chaosmark“, bestätigte sie. „Ich weiß nicht, inwieweit Sie Ihre Ohren an der Tagespolitik haben, aber neben dem Bürgerkrieg geht das Leben in der Inneren Sphäre weiter. Blakes Wort versucht, die Stellung von ComStar in der Inneren Sphäre zu unterminieren. Der Orden verspricht sich dadurch natürlich eine Verbesserung seines Rufs als fanatisierte Sekte.
Und er sieht darin eine Möglichkeit, in eine bessere Ausgangsposition zu kommen, um uns verdammte Häretiker vom ComStar ein für allemal auszulöschen.“
„Scheint so, als wäre der Ruf gerechtfertigt“, scherzte Germaine.
„Nun, wie dem auch sei. Nachdem wir bereits das Magistrat Canopus verloren haben und vielleicht auch noch die Konföderation Capella verlieren werden, versucht Blakes Wort, nun rund um Terra die Hyperpulsgeneratoren unter seine Kontrolle zu bringen.
Blakes Worts neuester Erfolg ist die Einladung von drei Welten in der Chaosmark, anstelle von ComStar die Beta-HPGs zu betreiben.
Wir könnten natürlich um diese Welten kämpfen. Alles was wir machen müssten, wäre die Nachrichtenverbindung zu kappen und drei, vier Divisionen in Marsch zu setzen.
Da wir Beweise haben, dass diese Entscheidung für Blakes Wort nicht ganz… freiwillig war, wären die planetaren Regierungen vielleicht sogar dankbar für diese Intervention.
Aber man hat sich dagegen entschieden. Die Welten Bryant, New Home und Epsilon Indi werden von unserem Personal geräumt.
Zuerst gehen die ComGuards. Das Zivilpersonal aber wird die Anlagen instand halten, bis die Einheiten von Blakes Wort eintreffen. Um die Anlagen bis dahin nicht ungeschützt zu lassen – wir wollen den Blakeisten so wenig Stoff für Propaganda bieten wie irgend möglich – haben wir für Epsilon Indi die Söldnereinheit Karyns Angels angeheuert, die den HPG beschützen und das Zivilpersonal aus dem System eskortieren.
Für New Home und Bryant aber brauchen wir noch eine entsprechende Einheit. Dabei dachten wir an Sie, Major Danton. Ein eingespieltes Verbundwaffenbataillon mit ClanTech und erfahrenen Offizieren. Das ist genau das, was wir brauchen. Wenn Sie annehmen, werden Sie Ende Februar nach New Home springen. Dort übergeben Sie das HPG bis Anfang März und springen nach Bryant. Das dortige Blakeistenkontingent wird Ende April eintreffen.
Anschließend evakuieren Sie das ComStar-Personal und begleiten es aus dem System hinaus.
Sie erhalten volles Bergerecht. Dies vor allem, da wir mit keinem Kampf rechnen. Die restlichen Parameter entsprechen dem Standard. Plus einem kleinen Bonus von zwanzig Prozent dafür, dass die Chevaliers so kurzfristig verfügbar sind. Der Kontrakt und damit die Bezahlung endet, sobald Ihr Kontingent hier wieder auf Outreach eintrifft.
Wenn Sie akzeptieren, werde ich Morgen ganz offiziell vorbeikommen und Ihnen diesen Kontrakt unterbreiten.“
Germaine dachte einen Augenblick nach. Der letzte Kontrakt war wesentlich lukrativer für die Chevs gewesen. Aber dieser Kleinkontrakt war genau der Lückenfüller, den die Einheit brauchte, um zu überleben.
„Die Chevaliers akzeptieren diesen Auftrag.“
Einen sehr langen Moment sahen sich die ComGuard und der Major in die Augen.
„Gut. Dann kommt jetzt die geheime Komponente Ihres Auftrags, Herr Major.
Es gibt einen Grund, warum wir diese beiden Welten Blakes Wort überlassen. Wenn sie den Garnisonsdienst übernehmen, haben wir drei ihrer Einheiten wenigstens in Sichtweite, quasi unter Kontrolle.
Dabei ist uns aber ein Fehler unterlaufen.
Ich will nicht zu weit ausschweifen, aber wenn Sie sich die Meteorologischen Eigenheiten Bryants, ihrer eigentlichen Zielwelt ansehen, werden Sie erkennen, dass dieser Wüstenklumpen von Stürmen regelrecht zerwühlt ist.
Zu Sternenbundzeiten war das anders. Satelliten sorgten mit großen Laseranlagen dafür, spezielle Tief- oder Hochdruckgebiete zu erzeugen, um Stürme bereits im Keim zu ersticken oder abflauen zu lassen. Diese Hochtechnologie ermöglichte die Besiedelung der äquatorialen Landmassen. Mit der Vernichtung der Satelliten endete diese Episode und die Bevölkerung floh auf die gemäßigten Kontinente oder wanderte aus.“
„Moment“, warf Germaine ein. „Wollen Sie mir da erzählen, zu Sternenbundzeiten hat man Kampfsatelliten eingesetzt, um das Wetter zu kontrollieren?“
Demi Hallas schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Major. Keine Kampfsatelliten. Die Wettersatelliten Bryants waren wesentlich kleiner, genauer, ausgestattet mit Hochleistungscomputern. Man munkelt sogar von künstlicher Intelligenz. Aber dafür gibt es keine Beweise.“
„Sie reden hier von Anlagen, die kleiner sind als gewöhnliche Kampfsatelliten, aber in der Lage sind, planetare Hoch- und Tiefdruckgebiete zu erzeugen. Und dann wollen Sie mir erzählen, es wären keine Waffen? Oder das man sie zu Waffen pervertieren könnte?“
Ein feines Lächeln umspielte den Mund der Guard. „Jackpot, Herr Major. Genau das ist unser Dilemma. Würde es noch entsprechende Satelliten geben, wir würden sie ums Verrecken nicht Blakes Wort überlassen. Mit der Kapazität der Titan-Werften könnten sie diese nachbauen und in kürzester Zeit Dutzende, ach was, hunderte reproduzieren. Es wäre Wahnsinn, dies den religiösen Spinnern zu überlassen.“
„Es gibt noch einen“, schloss Germaine messerscharf.
„Es… es gibt Hinweise darauf, ja.“ Demi Hallas zeigte Anzeichen von Nervosität. „Ein geheimes ROM-Kommando wurde vor einem halben Jahr darauf angesetzt, herauszufinden, ob die Produktionsanlagen der Wettersatelliten zerstört sind.
Leider haben Dvenskys Leute sie erwischt. Die ROM-Agenten wurden aber nicht enttarnt und über Umwege gelang es uns, sie frei zu kaufen.
Einem Sprungschiff gelang es früher, freizukommen. Es führte sämtliche Berichte des Sektionskommandeurs mit sich.
Diese sind erschreckend. Nach seinen Erkenntnissen durch restaurierte Daten aus freigelegten Computerkernen gibt es eine verschüttete Tiefbunkeranlage in Leipzig, einer der zerstörten Äquatorialstädte, in der an einem Prototypen für eine neue Generation Satelliten gearbeitet wurde. Wir wissen nicht, wie weit diese Arbeiten gediehen sind.
Aber weder das Material noch die Computerdaten dürfen in die Hände der Bryanter geraten. Oder noch schlimmer, in die Hände von Blakes Wort. Sie verstehen?
Ihre Einheit hat sich um Pioniere erweitert. Die Scoutlanze besteht aus schnellen, guten Einheiten und die Panzer und die Infanterie eignen sich sehr gut dazu, in einer zerstörten Stadt zu kämpfen, egal wie das Wetter ist.“
„Kämpfe?“
„Ja glauben Sie, die Bryanter werden Sie ohne Aufsicht in den Trümmern wühlen lassen? Oder die Blakeisten? Aber das müssen sie. Dieser Teil Ihrer Operation muss geheim bleiben.“
Demi Hallas trat so nahe heran, dass ihre Nase beinahe den Hals des Majors berührte. „Wie Sie es machen, ist mir egal. Aber finden Sie den Prototyp. Finden Sie alles, was mit dem Prototyp zusammenhängt. Bringen Sie es mir oder zerstören Sie es.“
Germaine sah auf die Frau herab. „Ich finde Mittel und Wege. Was ist unsere Belohnung, wenn wir Ihnen den Satelliten bringen? Falls es ihn gibt.“
„Falls es den Satelliten gibt, Herr Major, bekommen Sie einen Bonus, der der Gesamtsumme Ihres Soldes für den offiziellen Auftrag beträgt.
Falls es Pläne gibt, gilt der gleiche Bonus.
Falls Sie uns beides bringen, kriegen Sie den doppelten Bonus.
Und? Nehmen Sie an?“
Der Chevalier dachte nach. Tausend Dinge gingen ihm durch den Kopf. Die wichtigste Erkenntnis dabei war aber, dass seine Leute nicht nur einen Kontrakt brauchten, sondern auch einen Kampf. Wenn sie dabei ein paar Worties erwischten, umso besser.
Einmal ganz davon abgesehen, dass es äußerst unklug war, eine solche potentielle Waffe in die Hände der Fanatiker zu geben.
„Ich nehme an. Und falls Sie mal jemanden für den Sturm auf Terra brauchen…“, scherzte der Major.
„Gut. Ich bin Ihre Kontaktperson für den Zusatzauftrag. Der eigentliche Auftrag wird ganz regulär über die Kontraktkommission laufen.
Sollte ich ausfallen“ – sie deutete auf ihren verletzten Arm – „sollten Sie einen Brief in allerbester Schönschrift an den Ex-Präzentor Martialum Anastasius Focht schicken.
Wählen Sie als Titel den Schriftzug `Belle and Beast´.
Focht wird Sie anschließend kontaktieren und den Bericht einfordern. Er wird auch die Bezahlung übernehmen. Zwischen mir und ihm gibt es keine mittelnden Personen. Trauen Sie in dieser Sache niemandem.“
Demi Hallas streckte die Linke zum Handschlag aus. Germaine ergriff sie mit seiner Linken und drückte sie fest. „Abgemacht. Und gute Besserung. Ich sehe Sie Morgen in meinem Büro.“
Germaine salutierte ein letztes Mal und stapfte davon.
Im Heli angekommen hielt ihm Kitty ihr Klemmbrett hin. `Hast vergessen zu fragen, was wir kriegen, wenn es weder Pläne noch Satelliten gibt´, stand dort.
Der Major betrachtete den Zettel, dann die weite Einöde, in der gerade der Swiftwind verschwand, und begann zu lachen. „Da fahren wir hier extra raus, in die tiefste Einöde, wo man jeden Lauscher auf hundert Kilometer sehen kann, und du liest mir von den Lippen ab.“
`Keine Sorge´, kommentierte Kitty. `Ich verrate nichts.´
„Daran habe ich nie gezweifelt. Lass uns fliegen, Kitty.“
***
Wie sollten sie die Suche beginnen? Wie Truppen auf den Äquatorialkontinent bringen? Wie die Geschichte vor Dvensky geheim halten? Und wie die Worties auf Abstand halten?
Eine Idee nahm in Germaines Kopf Gestalt an und formte sich zu einem Plan.
„Was kann die SKULLCRUSHER wohl alles zuladen?“, brummte er und begann zu rechnen…
Ace Kaiser
29.03.2004, 13:03
Langsam und genüsslich trank Germaine Danton aus seinem Glas. Entgegen seiner Gewohnheiten enthielt es keinen Alkohol. Es war ein einfacher Fruchtsaft.
Heute, auf der Silvesterparty der Chevaliers wollte er einen kühlen und vor allem klaren Kopf bewahren. Zuviel konnte passieren. Zuviel schief gehen.
Obwohl, bisher sah es ganz gut aus.
Die Big Bad Boys taten einen guten Job. Und die ihnen zugeteilten Infanteristen durften zwar nichts trinken, aber hatten auch ihren Spaß.
Zu Zwischenfällen war es bisher nicht gekommen. Aber Germaine erwartete zumindest ein klein wenig Ärger.
Aus diesem Grund hatte er Sergeant Rowan und seine Elementare, Corporal Grace, Philip, Saya und Norton auch gebeten, sich nahe der Tür zu platzieren – nur für den Fall der Fälle.
Aber bisher schienen Brauer und die Bad Boys gut alleine klar zu kommen.
Dass Sergeant-Major MacLachlan freiwillig die Wache in der Kaserne übernommen hatte, beunruhigte den Major etwas. Seit Jan Dupree gestorben war, hatte sich der Infanterist stark verändert. Er war immer noch ein Zigarrenrauchender, Whiskytrinkender und fluchender Leuteschinder. Aber er suchte oft die Gesellschaft von Father O´Hierlihy auf. Ob er in dessen Predigten Trost fand? Oder in dessem exzellenten Whisky?
Auch andere Dinge machten ihm Sorgen.
Trent war ebenfalls freiwillig zurückgeblieben. Verdammt. Germaine hatte sich fest vorgenommen, mit dem jungen Kabuto-Piloten etwas Zeit zu verbringen. Er hatte einiges mit dem Mann vor, und er wollte wissen, inwieweit er dies verwirklichen konnte.
Aber Finnegan Trent hatte die Wache mit Private Fokker getauscht. Mist. Und das, wo Jara Fokker doch im neuen Jahr als allererstes erfahren hätte sollen, dass sie bis auf weiteres als WingLeader in den Rang eines Corporals befördert worden war. Dann eben irgendwann im Januar.
Dass Rebecca nicht auf diesem ausschweifenden Vergnügen der Dekadenz war, wie die Geisterbärin zornig zu sagen pflegte, wenn die Sprache auf die Feier kam, war abzusehen gewesen. Dennoch wünschte sich Germaine von der jungen Clankriegerin etwas mehr Integration in die Truppe.
Im Geheimen nährte er die Hoffnung, dass sie nach einem Jahr immer noch bei den Chevaliers war. Und vielleicht nie wieder ging.
Und Kitty… Germaine verstand sie nicht. Die Pilotin hatte ihrem Obersten Vorgesetzten sehr direkt zu verstehen gegeben, dass sie wegen ihrer Verletzung nicht an der Feier teilnehmen würde. Bullshit. Das hatte sie früher auch nie gestört. Wenn sie etwas wollte, hatte sie es immer gesagt. Wenn sie es nicht wollte, ebenso. Aber sie hatte nie eine Ausrede vorgeschoben oder ihren vernarbten Kehlkopf gleichsam wie eine Waffe abgefeuert.
Warum also kam sie nicht?
Sein Blick glitt zu Jara Fokker, die mit Corporal Frischknecht zusammen saß. Eifersucht vielleicht? Nein. Nicht Kitty. Wollte sie ihrem Lademeister einfach einen Abend gönnen, an dem er nicht unter ihrer Fuchtel stand? Möglich, aber keine Erklärung.
Germaine beschloss, Tomi Hawk auszuhorchen, ihren Bruder.
Die Anwesenden bereiteten dem Major eigentlich noch mehr Sorgen. Angefangen bei Decius Metellus, der so unverzichtbar für Germaine geworden war wie seine rechte Hand, und seinem streitendem Widerpart, Deadly Denny Dukic.
Ihre vollkommen gegensätzliche Auffassung von Menschenführung ließ sie immer wieder gegeneinander rasseln. Und dies jedes Mal heftiger.
Verdammt, er wollte keinen von beiden verlieren. Dukic war ein begnadeter Pilot, und die Analysen seiner Lanze zeigten eindeutig, dass sie eine Spitzeneinheit werden würde.
Decius Metellus aber war der Mastersergeant. Sein Mastersergeant. Jeder gute Offizier wusste einen guten Unteroffizier zu schätzen. Und der Marianer war der perfekte Unteroffizier.
Selbst wenn damit ein Adelstitel verbunden gewesen wäre, niemals hätte Decius Metellus das Offizierspatent auch nur mit der Zange angefasst.
Die Maxime Germaines aber war Kooperation. Gegenseitiges Lernen. Respekt und ergänzendes Handeln. Die beiden Streithähne aber waren auf Konfrontationskurs.
Längst ging es nicht mehr darum, heraus zu finden, welcher von beiden die bessere Methode der Menschenführung betrieb. Längst war es persönlich.
Und damit wurde es Zeit für Germaine, die beiden vor die Wahl zu stellen. Beide gehen oder beide bleiben. Dazwischen gab es nichts. Er brauchte sie beide, aber Grabenkriege in der Einheit zu vermeiden hatte sich gut bewährt.
An einem ruhigeren Tisch erkannte Germaine Manfred Scharnhorst, wie er Miko-chan einen flüchtigen Kuss gab. Diese Szene jagte sofort einen Stich durch sein Herz. Nur mühsam machte er sich bewusst, dass der eine sein Stellvertreter und die andere nicht seine kleine Schwester war. Außerdem liebten sie sich. Aber Germaine fand nur schwer aus seiner Haut raus. Er war nun mal ein elender Beschützer und Mach es allen Recht-Typ.
Daneben saßen Sagrudsson und Bishop. Sie unterhielten sich leise miteinander. Ein gutes Dutzend ausgetrunkener Gläser bildete einen Turm. Sagrudsson veränderte diesen Turm permanent, fügte lautstarke Erklärungen hinzu. Bishop stellte Zwischenfragen, veränderte den Turm selbst oder nickte bestätigend.
Bei den beiden war der neue Pionierzug der Chevaliers jedenfalls in besten Händen.
Genau so, wie die Panzerfahrer bei Dolittle in allerbesten Händen waren.
Und in einem abschließbaren Nebenraum, aus dem mehr Lärm hallte, als im Hauptraum des H&H produziert wurde.
Aber so waren sie eben, die Panzerfahrer.
Der Major grinste. Ob Patrick Dolittle jemals herausfinden würde, wer ihm heimlich die Babyschuhe in den Panzer gelegt hatte – einen auf seinen Platz, einen auf Akilas?
Etwas weiter saßen die Simsteins zusammen mit Mulgrew und Peterson zusammen und diskutierten leise. Sie warteten darauf, dass die Band wieder spielte und schlugen die Zeit mit einer hitzigen Diskussion darüber tot, wie man den Hauptmann, einen der neuesten OmniMechs der Lyraner am besten ausschaltete.
Seine vierköpfige Luft/Raumjägerabteilung hatte geschlossen die Bar genommen und begann nun mit einem systematischen Bombardement, indem es die geleerten Gläser zu einem Bombenteppich zusammenstellte. Dabei taten sich Danté und Gurrow besonders hervor, indem sie die Zahl der Gläser im Akkord erweiterten.
Germaine grinste. Eigentlich hatte er bei Icecream Slibowitz seinen Master Sergeant zu sehen erwartet.
Doch der stand bei Pater O´Hierlihy und folgte einer leisen Diskussion mit Kapitän al Hara und seiner schwangeren Frau Esmeralda. Irgendwie war sie sogar noch schöner als sonst, fand Germaine.
Charly stand direkt am Kalten Buffet und redete intensiv auf Sonja ein, die gute Seele der Küche. Die Köchin seufzte schließlich zum Steinerweichen und holte unter dem Tisch eine Flasche Cognac hervor. Eine vom guten Stoff, den Leon Devereux sonst nur für ein paar besonders erlesene Speisen verwendete.
Charly grinste triumphierend zu Germaine herüber und deutete auf einen der angrenzenden Räume. Eine klare Einladung, zu einer sich gerade sammelnden Pokerrunde zu stoßen.
Germaine schüttelte leicht den Kopf, lächelte aber.
Sergeant Borer kam Charly entgegen, legte die Hand um seine Schulter und ging mit ihm zu dem abgelegenen Raum. Sie schwatzten miteinander.
Kurz darauf kamen auch Dolittle und Al heran und verschwanden hinter besagter Tür.
Es kribbelte dem Major in den Fingern, alleine schon wegen dem guten Cognac.
Aber er blieb eisern.
Wieder ließ er seinen Blick schweifen. Olliver Mehigaro war nicht zu entdecken. Was Germaine nicht wirklich verwunderte. Der auffällige Mann hatte das Talent, vollkommen unauffällig in einer Menge zu verschwinden. Vielleicht sollte er den Chevaliers noch eine Geheimdienstabteilung angliedern und Olli als ersten Agenten heuern.
Er schmunzelte bei diesem Gedanken.
Bis er Denny Dukic sah. Sein Gesicht drückte Wehmut aus. Er blickte in den Saal.
Es war, als wolle er sagen: Es war schön bei euch.
Germaine wollte gerade aufstehen und den Lieutenant zu sich winken. Aber dies wäre die falsche Entscheidung gewesen. Der Mann musste begreifen, dass es einzig und allein an ihm lag, inwieweit er sich bei den Chevaliers integrierte. Hoffentlich merkte er es schnell.
Wolf McHarrod unterhielt sich angestrengt mit seinen drei Lanzenkameraden. Dabei wirkte eine von ihnen abgelenkt. Dawn Ferrow sah geradezu melancholisch in die Luft.
Es musste doch eine Möglichkeit geben, der begabten Mechkriegerin wieder eine Aufgabe zu geben. Ernster zu werden. Und fröhlicher. Germaine wollte ihr helfen, wusste aber nicht wie.
Eleni Papastratas schien das erste Mal seit Wochen wirklich ausgeglichen zu sein. Kein Streit lag in der Luft, die Energie der kleinen Frau ließ nicht den Tisch schmelzen. Sie war fröhlich und lachte. War sie vielleicht verliebt?
Jara Fokker hatte einen eher geistesabwesenden Gesichtsausdruck, da sie immer wieder ihre zweite Unterhaltung mit Frischknecht weiter führte.
Der Skipper der TOTENKOPF, Francis van de Merves, unterhielt sich mit Ito, dem Skipper der BOREAS. Beide schienen vom Trubel um sie herum kaum etwas mitzukriegen. Aber immerhin schienen sie sich zu amüsieren.
Karel Svoboda, der neureiche verzogene Junge, hatte seine Allüren mächtig zurückgeschraubt, fand Germaine, als er ihn an einem Tisch mit Eric Stein entdeckte. Der große Mechkrieger haßte nichts so sehr wie leeres Gerede. Es war bezeichnend, dass er sich in der Nähe des Kampftitanpiloten wohl zu fühlen schien.
Marvin Mayham, der den nagelneuen Shugenja der Einheit übernommen hatte, saß ebenfalls am gleichen Tisch. Er grinste bis über beide Ohren, während er versuchte, seine Aufmerksamkeit zwischen einer der „höheren Töchter“ und den beiden Pilotenkollegen aufzuteilen.
Belinda Wallace legte ihm die Hand auf die Schulter und deutete auf eine Gruppe direkt unter der Balustrade, auf der ihr gemeinsamer Tisch stand. Dort hatte sich die Besatzung des Rettungshelikopters zusammen gefunden.
Stabsarzt Malossi unterhielt sich angeregt ausgerechnet mit Tomi Hawk, der zwischen dem Arzt und Melissa Armstrong, der zweiten Pilotin, eingekeilt war.
Verwundert registrierte der Major, dass sich der Tech und die Pilotin anscheinend an den Händen hielten.
Lachner und Clancy, die beiden Sanitäter, ignorierten das etwas zu offensichtlich und scherzten mit First Lieutenant Gastovski, dem Piloten des MedEvac.
„Hättest du das je gedacht?“ Belinda schien sehr gute Laune zu haben. „Ausgerechnet Tomi. Dabei hatte ich immer den Eindruck, Mel Armstrong hätte freie Auswahl unter allen freien Männern bei den Chevaliers. Sogar du hast sie angehimmelt.“
Germaine lächelte seine Freundin an und gab ihr einen Kuss. „Nun, sie ist nun mal eine sehr schöne, dazu freundliche und herzliche Frau. Ich hätte es mir durchaus vorstellen können, mit ihr etwas anzufangen.“
Belinda verzog die Lippen zu einem Schmollmund. „Aha.“
Der Major zog Belinda zu sich herüber und umarmte sie von hinten. Während er ihren Hals küsste – das mochte sie besonders – hauchte er: „Und warum soll ich mich mit der Zweitbesten begnügen, wenn ich die beste bereits habe?“
„Alter Schmeichler“, erwiderte sie und biss sich auf die Unterlippe, als Germaine eine besonders empfindliche Stelle gefunden hatte.
Germaine lehnte seinen Kopf an ihrem an. Nachdenklich sah er wieder den Balkon hinab. „Wir sollten bald mal runter gehen. Mit den Leuten sprechen. Nähe zeigen.“
„Mehr Nähe als auf dem Kasernengelände, wo du jeden Tag drei, vier Runden drehst, um deinen Offizieren über die Schultern zu sehen?“, spottete sie.
„Glaubst du, ich gehe ihnen auf die Nerven?“, fragte der Major bestürzt.
Belinda lächelte und küsste den Major nun ihrerseits. „Sei unbesorgt. Die Leute mögen dich und respektieren dich. Die meisten sind schon einmal für dich durch die Hölle gegangen. Sie werden es wieder tun.“
Germaine brummte missmutig.
„Was?“, fragte Belinda leise.
„Ach, es ist nichts. Nur… Warum sind Willem und Cindy nicht da? Was hat sie aufgehalten?“
„Germaine. Die beiden sind frisch verliebt. Was erwartest du? Als wir beide miteinander angefangen haben, da haben wir auch jede freie Sekunde genutzt, wenn du dich daran erinnern mögest.“
„Tun wir das nicht immer noch?“, erwiderte der Major.
„Eben.“ Belinda küsste ihn erneut. „Also lass den beiden die gemeinsame Zeit. Ich weiß, so richtig ist dir Willem nicht Recht. Aber vertrau Cindy einfach. Sie weiß was sie tut. Frauen tun das im Allgemeinen.“
„Ja“, erwiderte Germaine gequält. „Aber…“
„Pscht, Herr Major. Schluss. Themawechsel.“
„In der Tat“, erwiderte Germaine, als sein Handy klingelte. Während er mit einem Ohr hinhörte, bemerkte er, wie die Bad Boys das Hell and Heaven verließen, die als Wachen eingeteilten Chevalier-Infanteristen das Lokal betraten, nur um kurz darauf wieder mit den Elementaren vor den Laden zu gehen.
Doch das bekam er nur mit einem Ohr mit. Ungläubig verfolgte er die schlechten Nachrichten.
„Belinda, ich muss los. Ärger in der Kaserne. Du hast das Kommando hier.“
„Ärger, Germaine?“
„Ich weiß nichts näheres, anscheinend ein Einbruch. Ich schnappe mir Manfred, Dolittle und Charly und sehe mir das mal an.“
Er gab ihr einen Abschiedskuss. Und begrüßte seine Entscheidung, nüchtern zu bleiben.
Er sammelte seine Offiziere ein, verließ das Lokal durch einen Hinterausgang und fuhr sofort zurück zur Kaserne.
Ace Kaiser
29.03.2004, 13:04
Es gab Sachen, die Germaine Danton hasste. Und zwar wirklich hasste. Nachts in einem Polizeirevier stehen und einen seiner Leute rauszueisen hasste er nicht – wenn er dafür jemanden zusammenfalten konnte.
Der Diensthabende Offizier, ein Lieutenant, sah den zornigen Major in seine Dienststelle rauschen. Er verdrehte die Augen, während er seine Kühlweste löste. Sicherlich hatte er Dutzendfach mit aufgebrachten Söldneroffizieren zu tun. Aber er war noch nie einem Germaine Danton begegnet.
„Ja?“, ergab sich der Dragoner seufzend in sein Schicksal. „Was kann ich für Sie tun?“
„Holen Sie mir Ihren Vorgesetzten her.“
„Was? Ich bin der ranghöchste Offizier hier, Sir.“
„Holen… Sie… mir… Ihren… VORGESETZTEN HER!“, blaffte Germaine Danton. Charles Decaroux, der Kommandosoldat, grinste breit, als Dolittle und Scharnhorst erschrocken den Kopf einzogen. Sie hatten den Boss noch nie richtig brüllen gehört. Das er es konnte, und das er darin besser als Decius Metellus war, musste sie entsetzen.
„Ich…“, begann der Dragoneroffizier, mit den Resten seiner Autorität als Teil der Dragonersicherheit kämpfend, „ich…“
„SOFORT!“, blaffte Germaine und ließ keinen Widerspruch zu.
„J-ja, Sir.“
Der Lieutenant verschwand in seinem Büro. Er führte ein paar hektische Telefonate. Als er zurückkam, sagte er: „Sir, wenn Sie wollen, können Sie in meinem Büro warten. Captain Spencer ist auf dem Weg hier her.“
Die vier Chevaliers betraten das kleine Büro und belegten es mit Beschlag. Charlie fand ziemlich schnell die Kaffeemaschine, Dolittle inspizierte den Inhalt der Zigarrenkiste. Und Scharnhorst tauschte mit dem Lieutenant eisige Blicke aus. Der Dragoner verlor und sah betreten zu Boden. Germaine wanderte unruhig vor dem Schreibtisch auf und ab.
Ein übernächtigter Mann in Zivil betrat die Polizeistelle. Der Lieutenant eilte hinaus, informierte den Vorgesetzten grob. Der Mann, wohl Captain Spencer, nickte mehrmals. Seine Miene wurde hart. Als er das Büro betrat, sah er die Chevaliers nicht einmal an. „Morgen.“
Er bekam keine Antwort, was ihn doch sehr verwunderte.
„Nun“, sagte er, als er hinter dem Schreibtisch Platz genommen hatte, „ich kann verstehen, dass Sie Ihre Leute gerne wieder hätten. Aber bis die Untersuchungen abgeschlossen sind – alleine die Anklagepunkte belaufen sich auf drei Seiten – muss ich sie wohl noch hier behalten und…“
Germaine Danton griff in seine Uniformjacke und knallte die Hand auf den Schreibtisch des Captains. Als er sie wieder weg zog, waren zwei Hundemarken zu sehen, wie die Identifikationsschildchen gerne genannt wurden.
„Zwei meiner Leute sind TOT!“, blaffte er wütend. „TOT, verdammt. Einer meiner Schweber ist schrottreif, zwei meiner Mechs sind interniert. Nebenan steht mein einziger Kampfhelikopter.“
„Sie kennen die Vorschriften. Bewaffnete Einheiten sind in Outreach nicht gestattet.“
„Die Einheiten“, sagte Germaine eisig, „jagten gerade zwei Einbrecher, die auf unserem Gelände zwei Infanteristen getötet und fünf zum Teil schwer verletzt haben. Leider gelang ihnen die Flucht. Leider flohen sie mit einem meiner Schweber. Leider taten sie uns nicht den Gefallen, auf das Schießgelände zu fliehen! Leider sind sie direkt nach Harlech rein gefahren!“
„Und ab da übernimmt die Dragonersicherheit. Sie wissen das, Major Danton. Sie sind nicht das erste Mal auf Outreach.“
„Und?“ Demonstrativ sah sich der Major um. „Wo sind diese Bastarde? Wo, Captain? Wo?“
„Sie“, gab er leise zu, „sind uns im Straßengewühl entkommen.“
„Na toll, Glanzleistung der Dragonersicherheit.“
„Es ist nicht unsere Schuld. Die Mecheinheiten waren nicht mehr nahe genug dran, um den Schweber zu erwischen.“
„Und dann verbieten Sie meinen Leuten, die Jagd auf sie fortzuführen? Der Kabuto hätte den Schweber einholen können – weit vor der Stadt! Dann wären diese Bastarde NICHT in eine dicht bevölkerte Straße gerast. Dann hätten sie NICHT ein Dutzend Zivilisten zum Teil schwer verletzt. Dann wäre ich jetzt NICHT im Unklaren, wer da meine Leute getötet hat!“
„Zugegeben. Aber der Grundsatz bleibt bestehen. Nur die Dragonersicherheit hat in der Stadt Waffengewalt. Ich verstehe ja Ihren Standpunkt. Aber gerade Ihre Helipilotin flog direkt in Harlech ein.“
„Und? Hat sie irgendetwas beschädigt? Oder zerstört? Wenn ich richtig informiert bin, hat sie einen der Schwerverletzten noch ausgeflogen, damit er in unserer Kaserne verarztet werden konnte. Sehe ich das falsch?“
„Das wird sich auch mildernd auswirken. Das sie ohne zu zögern Zivilisten geholfen hat. Und ich denke, wir können beweisen, dass der Chevaliers-Schweber in der Tat von Dieben besetzt war und die Schäden, die er anrichtete nicht auf die Kappe der Chevaliers gehen.“
„Beweisen Sie, was Sie wollen. Ich will meine Leute zurück. Und, verdammt, ich will meine Waffen wieder.“
„Nach dem Prozess gerne. So lange muss ich Ihre Leute leider einsperren.“
„Sofort“, beharrte Germaine.
„Das… bei allem Verständnis für Sie und Ihre Einheit, Sir, das kann ich nicht tun.“
„Hören Sie, Sergeant Rebecca ist Clankriegerin. Glauben Sie wirklich, nach zwei Tagen ist noch viel von Ihrem Gefängnis über? Sergeant Hawk ist extrem gewalttätig. Wenn sie ein paar Tage nicht in ihrem Flieger sitzen kann, brechen ihre Aggressionen durch. Dann radiert sie aus, was Rebecca übrig lässt.
Und MechKrieger Trent, nun, er hat einen Fehler. Er hat zwar gelernt, wie man waffenlos tötet. Aber niemand hat ihm beigebracht, wie man waffenlos verletzt. Sie werden eine Menge Freude an den dreien haben.
Vergessen Sie nicht, wir sind die Chevaliers. Wir haben zur Zeit einen verdammt schlechten Ruf auf Outreach. Es gibt sicher genügend Leute in Ihrem Bau, die sich nur zu gerne mit einem Chevalier anlegen. Wollen Sie mich nach dem zehnten Toten anrufen?“
Germaine und der Captain starrten sich in die Augen.
„Nun gut.“ Der Captain öffnete die Zigarrenkiste und bot den Anwesenden an. „Ich gebe zu, die Chevaliers haben keine Beschädigungen angerichtet und sogar geholfen, die Folgen der Amokfahrt zu beseitigen.
Zudem hat die Dragonersicherheit die Einbrecher nicht gefasst. Und ich will ehrlich zu Ihnen sein, Sir. Das waren Profis. Wir haben laut Bericht Blut gefunden, es ist aber nicht in unseren Datenbänken verzeichnet. Wir werden sie also aller Voraussicht nach nicht erwischen.
Was also schlagen Sie vor?“
Germaine steckte die Zigarre an und begann auf einer Seite herumzukauen. „Erstens: Das internierte Gerät wird freigegeben. Es ist Eigentum der Einheit.“
„Gut. Das kann ich veranlassen.“
„Zweitens: Die Anklagen gegen meine Leute werden fallen gelassen. Jede einzelne.“
„Gut. Geben Sie mir dafür eine Woche, und Ihre Leute haben wieder eine reinweiße Weste.“
„Drittens: Geben Sie mir meine Leute zurück.“
„Das kann ich nicht…“
„LASSEN SIE MICH AUSREDEN! Meine Infanterie übernimmt sie und inhaftiert sie auf dem Kasernengelände bis zum Ende der Ermittlungen. Ob ich sie festhalte oder Sie sie festhalten, das dürfte wohl egal sein. Nur bei mir reißen sie keinem die Köpfe ab.“
Der Captain schluckte hart. „Okay. Ich gebe sie ab. Aber ich kriege Ihren Kopf, wenn irgend etwas passiert, verstanden?“
Germaine lächelte kalt. „Einverstanden.“
Captain Spencer führte kurz ein paar Telefonate. „Der Richter ist einverstanden. Also gut. Ich lasse sie frei. Ihre Techs können die Hardware ab sofort jederzeit aus dem Hangar der Sicherheit abholen. Nur den Schweber würde ich gerne noch eine Zeitlang behalten. Spurensicherung.“
„Gut.“ Germaine brummte zufrieden. Er streckte die Hand aus. „Und danke, Sir.“
Captain Spencer ergriff die Hand und schüttelte sie kurz. Er grinste. „Keine Ursache. Ich habe was übrig für Freunde Clan Geisterbärs.“
Eine halbe Stunde später, das neue Jahr war bereits acht Stunden alt, kamen Rebecca, Trent und Hawk aus der Polizeistation. Draußen erwarteten sie zwanzig Chevaliers. Unter ihnen fast alle Offiziere.
Die Chevaliers hatten ein Spalier zu einem von zwei Infanterietransportern gebildet. Als die drei durch gingen, applaudierten die Chevaliers ihren Kameraden.
Trent strahlte, als diverse anerkennende Klopfer auf seinen Schultern landeten.
Kitty lachte lautlos, als sie ihren Bruder erkannte, der aus der Formation ausbrach und sie in den Arm nahm.
Und Rebecca zeigte für einen Moment einen Anflug von Schmunzeln, als Germaine Danton ihr anerkennend zunickte.
„Einen Moment, Germaine“, brummte Manfred, als die anderen einbooteten. „Meinst du das ernst? Trent kann waffenlos töten? Davon stand aber nichts in seiner Bewerbung.“
Der Major zuckte die Achseln. „Na, irgendwas musste ich Spencer doch erzählen, damit er unsere Kameraden am liebsten heute noch loswerden will, oder? Seien wir lieber froh, dass er so umgänglich war.“
Die beiden Offiziere stiegen ein. Die eigentliche Arbeit begann erst jetzt. Aber Germaine war froh, dass er nun alle seine Kids wieder beisammen hatte.
Ace Kaiser
29.03.2004, 13:05
Demi-Präzentor Ares Darebi sah Dvensky verzweifelt an. Für den Großgewachsenen Schwarzen, der gewohnt war, über eine ganze Brigade zu kommandieren, ein mehr als ungewöhnlicher Anblick.
„Ich flehe Sie an, Dvensky, überlegen Sie es sich noch mal! Hören Sie nicht auf diese Spinner von Blakes Wort. Verlassen Sie sich für den Schutz des HPGs weiterhin auf meine ComGuards!“
Die Miene des Herrn über eine ganze Welt blieb kalt und wächsern wie das Klima hier auf dem Südkontinent von Bryant.
Darebi versuchte es erneut. „Wir haben den HPG so lange beschützt. Sie wissen, was wir können. Eine lückenlose Kommunikation mit der Inneren Sphäre ist überlebenswichtig – die ComGuards garantieren dafür. Und das schon seit Jahren.
Alle haben Sie im Stich gelassen. Das Vereinigte Commonwealth, die Lyranische Allianz, die Konförderation Capella.
Nur wir sind geblieben.“
Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch den Schatun.
Sofort verstummte Darebi in Erwartung einer Antwort.
„Nun, Demi, das stimmt. Sie haben uneingeschränkt Recht. Aber Blakes Wort hat mir etwas angeboten, was ich von ComStar noch nie gehört habe.
Für den Fall eines Angriffs haben sich die BlakeGuards dazu verpflichtet, Übergriffe auf die Bevölkerung zu verhindern.
Kann ich selbiges von Ihnen erwarten, Demi Darebi?“
Die Gedanken des ComGuards jagten sich. So hehr die Worte Dvenskys auch klangen, Schutz der Bevölkerung, es war eine Einmischung. Eine Einmischung in die internen Belange einer eigenständigen Nation.
Zudem mögliche Angriffe nicht gerade unprovoziert passieren würden.
Epsilon Indi und New Home waren wiederholt von Bryants Elitekadern angegriffen und bestohlen worden.
Eine entsprechende Antwort war schon lange überfällig.
„Sie wissen, dass ich das nicht kann. Es wäre eine Einmischung weit über die Neutralität ComStars hinaus.“
`Außerdem´, dachte Darebi, `würde es große Teile deiner Truppen freistellen, wenn wir deine Bevölkerung beschützen. Du könntest deine Angriffe noch weiter verstärken, während die Guards hier mit ihrem Wort gebunden stehen und für deine Verbrechen bezahlen müssen – damit es nicht deine Bevölkerung muss´.
„Dann“, begann der Schatun, „haben wir uns nichts mehr zu sagen, Demi Darebi. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie fristgerecht meine Welt verlassen.“
Nur mühsam unterdrückte der ComGuard seinen Zorn. Stattdessen schlug er die weiße Kapuze hoch und salutierte streng. „Sir.“
Als sich der Demi zum gehen wandte, erklang noch einmal die Stimme Dvenksys.
„Ach, Demi, eines noch. Natürlich begrüße ich die Lösung, dass eine Söldnereinheit die HPGs beschützt, während Ihre Guards bereits abgezogen, die BlakeGuards aber noch nicht eingetroffen sind. Die Reibereien zwischen Ihnen erspare ich meiner Heimat gerne.
Aber sagen Sie, warum kommt diese Söldnertruppe ausgerechnet von New Home?“
Darebi drehte sich nicht einmal um. Er lächelte nur unter seiner Kapuze. Eines wusste er genau: Egal, was er sagte, er konnte Dvensky nur in seiner Meinung bekräftigen. „Da gibt es keinen Grund, Sir. Die ComGuards ziehen nun halt früher von New Home ab als von Bryant. Es ist logisch, dass die BlakeGuards also zuerst in New Home einziehen.
Ich dachte, dieses Arrangement würde angemessen sein.
Es hat absolut nichts mit den neuesten Spannungen zwischen den beiden Welten zu tun.“
Darebi konnte beinahe fühlen, wie Dvenskys Blick auf ihm ruhte. Wie sich der Blick geradezu in seinen Rücken, seinen Schädel bohren wollte, um seine geheimsten Gedanken lesen zu können. Aber den Gefallen tat der Guard dem Bryanter nicht.
„Sir.“ Forsch marschierte er aus.
***
Akoluth Delaware trat lautlos aus dem Schatten eines schweren Vorhangs hervor. Seine Rechte ruhte noch immer auf seinem Strahler. Es hatte ihn einiges an Mühe gekostet, den verdammten Ketzer nicht einfach niederzuschießen, aber lehrte Blake in seinen Schriften nicht selbst, dass niemand für ewig verloren war und jedem im Leben zwei Chancen eingeräumt wurden, um den rechten Pfad zu finden?
Kurz zupfte er an seiner Robe, dann ging er zu Dvensky und neigte respektvoll das Haupt. „Blakes Segen mit Ihnen, Herr Präsident.“
Dvensky sah ihn mit kalten Augen an. „Und mit Ihnen Akoluth Delaware. Sind Sie zufrieden?“
Wieder verneigte sich Delaware respektvoll. „Ja, das bin ich. Darebi, dieser unflexible Kommisskopf, hat genauso reagiert, wie ich es erwartet habe. So sieht also ein Mann aus, der den wahren Glauben verloren hat und nun nur noch einen Mech anbetet.
Allerdings…“
Dvensky horchte auf. „Allerdings?“
„Allerdings, Herr Präsident, macht mir wirklich eine Sache Sorgen. Es stimmt, dass wir auf New Home zuerst das HPG übernehmen. Hätte ComStar dies vorgeschlagen, dann würde ich irgendeine Teufelei vermuten. Aber so…
So glaube ich fast, als würden unsere eigenen Wünsche gegen uns selbst geführt werden.“
„Wissen Sie schon, wer das HPG übernehmen wird?“
„Es ist eine relativ neue Einheit. Sie nennt sich Dantons Chevaliers. Eine Verbundwaffentruppe von der Größe eines verstärkten Bataillons. Sie erhielt neulich erst die Aufstufung auf regulär. Sie wird mehr als ausreichend sein, um das HPG zu schützen, bis die BlakeGuards eintreffen.“
Dvenskys Miene blieb starr. Doch Delaware wusste, dass seine Spitze ihr Ziel gefunden hatte. Mehr als ausreichend. Also weit stärker als sie sein musste. Wozu rekrutierte ComStar eine solche Einheit? Steckte da nicht noch weit mehr dahinter?
„Ihre Meinung, Akoluth Delaware?“
„Es dürfte Sie interessieren zu hören, worin der frühere Auftrag der Chevaliers bestand, Herr Präsident.
Sie haben auf dem Gebiet des Geisterbärendominiums draconische Ronin gejagt, die auf sieben Welten die Bärenmilizen in Atem gehalten haben.
Niemand hat erwartet, dass die Chevaliers so schnell erfolgreich sein würden. Am allerwenigsten wir, denn dadurch wurde leider die Kontaktaufnahme unseres heiligen Ordens mit ihrem Anführer unterbunden.“
Dvensky hob eine Augenbraue. „Blakes Wort hat Interessen an der Clansfront?“
„Blakes Wort hat als einziges Interesse das Überleben der Menschheit, Herr Präsident.
Und wenn dies dazu führt, dass es nötig wird, die Clans mit Agenten zu infiltrieren, dann werden wir dies tun.
Wenn es uns dabei gelingt, dem einen oder anderen Clan ein paar schmerzhafte Hiebe zu verpassen, umso besser.
In Zusammenarbeit mit Anatoli Kenda wäre uns dies sicherlich auf Jahre hinaus gelungen. Nun müssen wir erst unsere eigenen Strukturen etablieren.“
„Warum waren die Chevaliers so schnell erfolgreich?“, fragte Dvensky unvermittelt.
„Nun“, ein spöttisches Lächeln legte sich um Delawares Züge, „sie haben den Ronin eine Falle gestellt. Sich verwundbar gezeigt und als offensichtliche Beute dargestellt.
Kenda konnte dem nicht widerstehen und hat dafür einen hohen Preis bezahlt.
Die Chevaliers sind den Ronin sogar bis in ihren Bau gefolgt. Dies war ihr Ende.“
Wieder hob Dvensky eine Augenbraue.
Delaware nickte. „Und diese Einheit, Herr Präsident, ist nun auf dem Weg hierher. Wir sollten sie im Auge behalten.“
Dvensky starrte den Blakeist an. „Wir haben keinerlei Anhaltspunkt zu glauben, dass die Chevaliers sich gegen Bryant richten werden.“
„Wir haben aber auch keinen Anhaltspunkt dagegen, Herr Präsident, wenn ich dies höflich anmerken darf.“
Die Miene Kendas wirkte, als wäre sie aus Stein gemeißelt worden.
Delaware war zufrieden. Er hatte erfolgreich Zweifel in seinem Herzen gesät. Schon bald würde diese seinem Orden zum Vorteil gereichen.
„Herr Präsident.“ Delaware verneigte sich und zog sich leise zurück.
Ace Kaiser
02.04.2004, 00:28
1.1.3065
Outreach, Harlech,
Kaserne der Chevaliers:
„Also, meine Herren, ich muss ja wohl nicht betonen, dass letzte Nacht nicht gerade ein Ruhmesblatt für die Chevaliers war, insbesondere für den Wachzug! Wenn Mr. Kleinweich nicht seinen Laptop mit unserem allgemeinen Computersystem kurzgeschlossen und einige Sicherungen eingebaut hätte, dann wäre der Einbruch in unsere Kaserne nicht einmal entdeckt worden!“ Major Danton schritt im Besprechungszimmer auch und ab, unfähig, seiner brodelnden Emotionen Herr zu werden. „Dabei muss ich mich jetzt bei Willem entschuldigen, er wollte immer bessere Sicherheitsprogramme, aber ich dachte, der Wachzug müsste ausreichen! Wie auch immer, Willem ist schon dabei, die Sachen durchzusehen, ob und welche Dateien gestohlen oder gelöscht wurden. Was mich zum nächsten Punkt bringt! Leutnant Dukic, Master Sarge Metellus!“ Danton fixierte die Angesprochenen einige Sekunden lang, ehe er weiter sprach. „Ich möchte, dass sie zusammenarbeiten und versuchen, soviel wie nur möglich über diesen Überfall in Erfahrung zu bringen. Spurensuche, Vernehmungen, was immer auch dazu gehört! In einer Woche möchte ich einen Bericht!“
Unbehaglich rutschte Second Lieutenant Dukic auf seinem Platz herum. „Sir, wenn ich…“
„Überfordert Sie dieser Auftrag, Lieutenant?“
„Nein, Sir, ich meine nur…“
„Master Sergeant Metellus, fühlen Sie sich überfordert oder meinen Sie irgendetwas?“, fragte Danton barsch.
Der Marianer straffte sich. „Nein, mein Imperator.“
„Gut. Der Befehl bleibt bestehen. In einer Woche spätestens habe ich den Bericht. Für diesen Zeitraum haben Sie meine Erlaubnis, Ihre Arbeit an Ihre Stellvertreter zu delegieren.
Wenn Sie zwei den Bericht früher vorlegen können, bin ich auch einverstanden.“
Danton sah beiden Männern in die Augen. Beide nickten schließlich.
„Gut.
Sergeant-Major MacLachlan, Sie haben mehrere Verletzte und zwei Tote in der Einheit. Um Terry Koszarek tut es mir besonders leid. Der Mann war nicht nur Ihr Stellvertreter, er hatte auch großes Potential. Und mit Corporal Williams fehlt uns nun auch noch der Führer des Ersten Trupps.
Ich habe bereits den Einstellungsstopp aufgehoben und die beiden Stellen neu ausgeschrieben.
Ich hoffe, wir kriegen so kurz vor unserem Einsatz einen wenigstens halbwegs vernünftigen Ersatz für diesen guten Unteroffizier.
Ich habe außerdem mit Lieutenant Harris gesprochen. Juliette?“
Die Angesprochene stand auf. „Was die Verwaltung angeht, werden die Vorgänge während der Neujahrsnacht als Kampfhandlung gewertet. Es ist vielleicht nur ein kleiner Trost, aber die Familie des Sergeants bekommt aus dem Hinterbliebenenfond der Chevaliers die volle Rente und den Einsatzzuschlag.
Gleiches gilt natürlich für Corporal Williams.“ Sie setzte sich wieder.
Germaine nahm den Faden wieder auf. „Wie gesagt, ich versuche, möglichst gute Leute für Ihren Zug zu kriegen, Sergeant.“
Er sah zu Stabsärztin Belinda Wallace herüber, welche die medizinische Abteilung der Chevaliers anführte. „Wie geht es den Verletzten, Doc?“
Wallace erhob sich. „PFC Koopmans kriegen wir definitiv wieder hin. In einer Woche darf sie aufstehen und nach einem Monat Aufbautraining kann sie wieder eine Waffe in die Hand nehmen und zu ihrem Trupp zurückkehren. PFC Carlton habe ich heute Morgen wieder für leichten Dienst tauglich geschrieben. Der Durchschuß hat sich nicht entzündet.
Corporal Chun hat eine leichte Gehirnerschütterung von dem Versuch, dem Schwebepanzer mit einem beherzten Sprung gegen die Hangartür aus Stahl auszuweichen. In einer Woche ist er wieder auf Damm.
Rekrutin Szturik wird ebenfalls in einer Woche wieder leichten Dienst verrichten können. Die Kugel hat ihren Arm nur angekratzt und die Elle angebrochen. Nichts besonderes.
Es hätte vom medizinischen Standpunkt wesentlich schlimmer kommen können.“
Germaine sah zu Nagy Isthvan herüber.
Der MeisterTech erhob sich und sagte: „Wään, Kommaundörr errlauben, meine Tächs hauben die beiden Mächss und den Heli bereits wieder aubgeholllt. Aulle drei sind einsautzberäät.“
„Nur mein Pegasus ist noch interniert“, beschwerte sich Dolittle lautstark. „Das verzögert das gesamte Training meiner Einheit. Wie soll ich denn das Zusammenspiel meiner Ari mit den schnellen Jagdschwebern trainieren, wenn mir einer der Schweber fehlt? Und dann müssen wir ihn auch noch zusammenflicken, Cheeeef, je früher wir ihn wiederkriegen, desto besser. Außerdem ist eine Panzercrew ohne Panzer sehr launisch.“
„Kann ich mir vorstellen. Überstellen Sie einen Teil Ihrer Leute Captain Peterson für eingehendes Schieß- und Nahkampftraining, Doc Dolittle. Das dürfte einiges überbrücken. Ich denke, Sergeant Decaroux wird sich Ihrer Panzerfahrer gerne annehmen.“
Der angesprochene blonde Hüne grinste leicht.
„Was uns zu Ihnen bringt, Sergeant Rebecca, Sergeant Hawk und Corporal Finn. Sie haben letzte Nacht sehr gute Arbeit geleistet.
Wie Sie wissen habe ich der Polizei versprochen, Sie auf dem Gelände zu internieren. Nun, ich pflege mein Wort zu halten. Aber das Gelände ist natürlich groß. Sie dürfen sich ab sofort frei auf dem Kasernengelände bewegen, sowie auf dem Schießständen. Sie dürfen Ihre Fahrzeuge weiterhin führen, sind aber vom Wachdienst befreit.
Ich verlasse mich auf Ihr Ehrenwort, dass Sie Ihre Aufgaben in der Einheit weiterhin wahrnehmen, das Gelände aber nicht verlassen.“
Die drei nickten.
„Wenn Sie nicht mehr haben, meine Damen und Herren, ist die Besprechung beendet!“
Die Offiziere, Abteilungsleiter und Unteroffiziere gingen auseinander, nur Captain Scharnhorst blieb noch. Mit zweifelnder Miene betrachtete er seinen Vorgesetzten. „Germaine, hältst du das für eine gute Idee? Dukic und Metellus sind doch wie zwei unterkritische Massen. Wenn du sie zusammenführst, werden sie eine kritische, die nur darauf wartet, zu explodieren!“ Danton warf sich auf einen Stuhl. „Ich hoffe, die zwei sind Profi genug, um zusammen zu arbeiten, Manfred. Wenn nicht, dann ist es besser, jetzt Bescheid zu wissen. In diesem Falle kann ich sie nicht in meiner Einheit brauchen! Ich würde sie nur ungern verlieren – Dukic ist ein verdammtes Genie, wenn es um Strategie geht, und Metellus ein Ass in Taktik. Aber besser ohne die Beiden, als dass im Gefecht ein Streit ausbricht.“ Scharnhorst lächelte verzweifelt. „Du willst dich von beiden trennen, wenn sie versagen? Nicht nur von einem?“ Plötzlich wurde Dantons Gesicht hart, steinern - was bei ihm eher selten vorkam. „Ich kann NIEMANDEN brauchen, der nicht mit ALLEN, die ich einstelle, arbeiten kann. IST DAS KLAR, Manfred?“ Darauf gab es für Manfred Scharnhorst nur eine Antwort. „Glasklar, Major! Aber...“ „Ich auch“, unterbrach Danton. „Ich hoffe auch, dass sie zusammen arbeiten können!“
Nachdenklich rieb sich Germaine Danton den Nasenrücken. „Verdammt. Ich brauche sie alle beide.“
Scharnhorst nickte.
Ace Kaiser
02.04.2004, 00:31
Der vierte Januar 3065 brachte wenig erfreuliches für Germaine und die Chevaliers.
Zwar waren die Mechs wieder im Besitz der Einheit. Zwar hatten sie auch den Heli von Kitty wieder bekommen. Zwar würde der Pegasus-Schwebepanzer bald folgen.
Aber zwei Mann waren tot, mehrere verletzt.
Die mussten ersetzt werden, und das so schnell wie möglich. Germaine Danton hatte es zuletzt gesehen, wie sehr die allgemeine Stimmung gegen die Chevaliers geschwenkt war.
Die letzten Bewerbungen, mit denen sie die Reihen hatten schließen können, waren geradezu spärlich geflossen. Es hatte letztendlich gereicht, gut, aber er machte sich wenig Hoffnungen, die immens großen, gerissenen Lücken erneut schließen zu können. Nicht auf Outreach. Vielleicht auf New Home, wo die Chevaliers weder auf ihrer Silvesterparty angegriffen noch auf offener Straße das Opfer einer versuchten Vergewaltigung wurden.
Und der normale Bürger, nun, es hatte was von vorauseilendem Gehorsam, dass die Chevaliers mehr und mehr geschnitten wurden.
Das Leben der Söldnereinheit verlagerte sich in die Kaserne. Urlaubsanträge wurden schon lange nicht mehr gestellt.
Ausgang bis zum wecken kaum noch genutzt.
Die Sache hatte eine gute und eine schlechte Seite. Die gute war, dass dieser permanente Druck die Soldaten zu einer effektiven Einheit zusammenschweißte.
Die schlechte war, dass Germaine ernsthaft überlegte, Outreach den Rücken zuzukehren und das nächste Mal einen Kontrakt auf Galatea zu suchen.
Nach der Bryant-Sache würden sie sowieso direkt in den ARD-Kordon aufbrechen, aber sobald dieser Kontrakt ausgelaufen war, standen sie vor der Frage, ob ein Jahr Kampf gegen die Jadefalken ein Vierteljahr Kampf für Clan Geisterbär vergessen machen konnte.
„Germaine? Die Wache meldet einen Bewerber für die Infanterie.“
„Ist gut, Engel. Sobald er im Stab ist, schick ihn rein. Und mach mir doch noch mal eine Kanne mit der leckeren Rostocker Mischung. Immer nur New Avalon wird auf die Dauer zu eintönig.“
Ein Bewerber. Damit hatte Germaine nicht gerechnet, zumindest nicht so schnell. Sein Blick ging durch das Büro. Die Einbrecher hatten verdammte Arbeit geleistet, aber die Techs der Chevaliers hatten ihr Bestes gegeben, um die Verwüstungen im Stabsgebäude und vor allem hier in seinem Büro zu flicken. Das Ergebnis war, dass der Schreibtisch im Moment nur aus der Platte bestand und sämtliche Unterlagen in Kisten hinter ihm lagerten. Germaine drehte den Chefsessel und suchte nach dem Raster der Infanterie.
„Er ist jetzt da“, meldete Cindy.
„Soll reinkommen.“
Die Tür ging auf und Germaine fand den Raster. Er drehte sich wieder mit dem Sessel um und musterte den Eintreffenden.
„Nun, wie ich höre, suchen Sie Arbeit?“ `Und das bei den Chevaliers. Bist du verzweifelt oder neu angekommen´?
„Ja, Sir. Hier sind meine Papiere, Sir.“
Der mittelgroße Mann mit dem weißblonden Haar reichte Germaine einen Stapel Unterlagen sowie einen versiegelten Umschlag.
Kurz musterte der Major das Gesicht seines Gegenübers. Es war recht weich, ihm fehlten jegliche kantige Züge. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er daran dachte, dass der Mann, laut Unterlagen Markus van Roose, sehr schnell die Aufmerksamkeit der ledigen weiblichen Chevaliers auf sich lenken würde. Falls Germaine ihn nahm.
Die Unterlagen waren sehr interessant und zeugten davon, dass er es bei van Roose nicht mit einem Anfänger zu tun hatte.
Die Bewertung im versiegelten Umschlag ließ Germaine kurz mit der Stirn runzeln. Der Sergeant musste schlechte Erfahrungen mit Vorgesetzten gemacht haben, wenn er die Sicherheit seiner Untergebenen über den Befehl eines Offiziers gestellt hatte.
Ein guter Offizier kümmerte sich um seine Leute. Aber er wusste auch, dass er sie manchmal einer Gefahr oder sogar dem Tod aussetzen musste, damit die Einheit überlebte.
Germaine überlegte kurz. Das Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor, aber er konnte es nicht einordnen.
„Was wissen Sie über die Chevaliers, junger Mann?“, fragte Germaine geradeheraus.
Markus van Roose grinste leicht. Ungefragt setzte er sich und begann zu erzählen. Zuerst was er an Fakten über die Einheit wusste. Danach die Gerüchte, die er für wahrscheinlich genug hielt um wahr zu sein. Danach die Gerüchte, die so verrückt waren, dass sie stimmen konnten – aber es seiner Meinung nach nicht taten.
Germaine nickte, grunzte bestätigend und nickte.
„Na, dann wissen Sie ja, worauf Sie sich bei den Chevaliers einlassen.“
Markus von Roose lächelte erneut. „Ja, Sir. Das weiß ich. Es ist ein sehr glücklicher Zufall, dass ich ausgerechnet auf die Chevaliers gestoßen bin.
Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Sir, ich denke, ich passe gut in Ihre Einheit.“
Der Major dachte kurz nach.
„Beim Überfall in der Silvesternacht wurde einer meiner besten Leute getötet. Sergeant Terry Koszarek war nicht nur ein guter Soldat. Ich habe ihn auch zu meinen Vertrauten gezählt.
Das sind verdammt große Fußstapfen, in die Sie da rein treten.
Zudem war Koszarek stellvertretender Zugführer von Sergeant Major MacLachlan.“
„Heißt das, Sie nehmen mich?“
„Das heißt, ich habe gar keine andere Wahl. Sie sind das allerbeste, was ich für diesen Posten kriegen kann. Ich wäre ein Idiot, Sie wieder gehen zu lassen.
Cindy, bring bitte einen Standard-Vertrag. Sergeant bei der Infanterie. Bezahlung regulär mit Prämien.
Je nachdem wie gute Leistungen Sie bringen, desto höher wird Ihre Besoldung werden.
Auf gute Zusammenarbeit, Sergeant van Roose.“
„Auf gute Zusammenarbeit, Major Danton.“
***
„Das wäre alles, AsTech Myers!“ Zdenek Dukic legte seinen Schreibstift auf den Tisch. „Sagen sie bitte AsTech Harlan, wir wollen ihn in einer Stunde sprechen. Danke für ihre Offenheit!“ AsTech Myers ging erleichtert, und Dukic massierte mit den Fingern seine schmerzenden Schläfen. „Das gefällt mir nicht, Decius Caecilius! Diese Leute, die wir hier unter Druck setzen, sind überwiegend, wenn nicht alle Unschuldig. Und wir dringen in ihr Privatleben ein, sezieren alles, was sie getan haben, nehmen ihnen einiges, sogar alles von ihrer Würde!“ Verwundert blickte Metellus von seinen Notizen auf.
„Ja, ja, Master Sarge. Es ist notwendig. Aber es muss mir keinen Spaß machen – und es macht mir ebenso wenig Freude wie ihnen – nehme ich an!?“
Metellus brummte. „Natürlich macht es keinen Spaß! Ich wundere mich nur über ihre Aussage, weil ...“
„Weil ich sonst ein verdammtes A...hloch bin, der seinen Männern zu viel zumutet? Heilige Sch...e! Haben sie schon einmal einen Mann verloren, nur weil er zu wenig vorbereitet war und ein Vorgesetzter hat befunden, er wäre es? Und obwohl Sie es besser wissen, stellen Sie die Person in die Feuerlinie?“
Metellus bleckte die Zähne. „Mehr als einmal, Leutnant Dukic. Mehr als einmal! Noch nicht einmal richtig die Ausrüstung ausgefasst, und schon in der ersten Linie stehend! Ein wahres Wunder, dass es nicht mehr waren!“
Dukic blickte auf. „Aber – als Unteroffizier waren sie doch nicht direkt dafür Verantwortlich!“ Metellus knabberte an seinem Schreibstift. „Ich war Primus Pilum in der marianischen Legion. Das übersetzt man mit ‚erster Speer’ und bedeutet, dass ich die Legion kommandierte. In der Legion gibt es nicht so viele Offiziere, nur den Feldherrn und seine Legaten. Und die Legaten sind mehr oder weniger die Boten des Feldherrn. Er sagt, WAS wir tun müssen, und ich befehle, WIE es getan werden soll. Die Zenturionen sind alles ‚nur’ Unteroffiziere.“
Dukic musterte Metellus mit neuem Respekt. „Dann haben Sie einen Job gemacht, der in der FIS einem Offizier zukommt?“
Der Marianer quälte sich ein Lächeln ab. „Nein, Lieutenant, in der FIS machen Offiziere Unteroffiziersarbeit!“
Trotz quälender Kopfschmerzen lächelte Dukic zurück. „Nun, dann wissen sie ja, was ich meine!“ Metellus warf seinen Stift nun auf den Schreibtisch. „Ja, Leutnant. Trotzdem – wenn sie ihren Männern ab und zu ein Lob zukommen lassen könnten, natürlich nur, wenn sie es sich verdienen, und weniger brüllen würden – die Leute legten (beachten sie bitte den Konjunktiv), also, sie legten sich viel mehr ins Zeug. Wir nannten das Zuckerbrot und Peitsche! Nicht nur das eine oder das andere – aber in Kombination funktioniert es wirklich gut. Und jetzt entschuldigen sie mich bitte, Lieutenant, meine Augen bekommen schon einen Gelbstich. Soll ich Ihnen nachher vom Automaten einen Kaffee oder so mitbringen?“
Dukic kniff die Augen zusammen. „Bitte! Und Sarge – Danke! Ich werde mir Ihre Argumente durch den Kopf gehen lassen!“
An der Tür drehte sich Metellus noch einmal um. „Und ich werde im Auge behalten, dass Sie um das Beste für ihre Männer bemüht sind!“
7.1.3065
Outreach, Harlech,
Kaserne der Chevaliers
„Also, meine Herren, was haben Sie für mich?“ Germaine saß gespannt in seinem Sessel und musterte seine Offiziere.
Dukic und Metellus blickten sich an, und der Lieutenant nickte. „Nicht sehr viel, Major. Wir haben alle Spuren untersucht und alle Mitglieder der Chevaliers vernommen. Nichts! Keine goldene Pistolenkugel, kein in die Wand geritztes ‚C’ oder ähnliches ...“
„Sie wissen schon, Sarge, dass der ‚lone Fibie’ und der ‚Corvo’ nur Comic-Helden sind!?“, unterbrach Captain Peterson den Marianer.
„Der Master Sergeant ist sich dessen bewusst!“, knurrte Dukic. „Aber scheinbar gibt es hier Leute, die Ironie nicht einmal erkennen, wenn sie ihnen ans Bein pinkelt!“
Alle blickten erstaunt auf Zdenek Dukic. Der Leutnant ergriff Partei FÜR den Master Sergeant – und das einem Offizier gegenüber.
Nur Danton strich sich über seine Bartstoppeln. Irgendwann musste er sich entscheiden. Weiter glatt rasiert – oder einen Bart stehen lassen. Mit Bart sähe er vielleicht würdevoller aus, andererseits – egal. Befriedigt registrierte er, dass die Feindschaft zwischen Dukic und Metellus zu schlafen schien.
„Wie der Master Sergeant bereits ausführte, haben wir leider keine hieb- und stichfesten Spuren oder Beweise finden können. Wir wissen nur, WIE es geschehen ist und WARUM. Wir fanden heraus, auf welchem Weg die Einbrecher die Kaserne betraten und wie sie sie wieder verlassen konnten. Das Warum ist ziemlich Augenscheinlich. Es ging dabei wohl eher um Diebstahl, die Löschungen waren nur dazu da, Mr. Kleinweich zu beschäftigen, damit die Dateien überspielt werden konnten. Wäre das Eindringen unbemerkt geblieben, wäre es aller Wahrscheinlichkeit nur beim Diebstahl geblieben – und wir hätten vielleicht nie etwas davon bemerkt.“
Metellus nickte. „Wir sind auch ziemlich sicher, dass die Einbrecher keinerlei Hilfe von Innen hatten – unsere Leute sind allesamt Unschuldig. Leider war auch nie eine Bestechung geplant, denn niemand ist an irgendjemand heran getreten, um etwas in dieser Richtung zu versuchen! Auch hier, keine Spuren! Es waren Profis am Werk!“
Major Danton nickte. „Dann haben wir also wirklich nichts! Na schön, dann...“
„Bei allem schuldigen Respekt, Sir!“ Dukic erhob sich halb aus dem Sessel. „Wir haben doch etwas, wenn auch nichts Beweisbares!“
„Oh!“ Germaine blickte erfreut auf. „Dann fahren sie bitte fort, Leutnant!“
Dukic verneigte sich dankend. „Der Sarge und ich sind uns einige, dass das WIE und das WARUM zum WER führen könnte, wenn wir .... wie nannten sie es gleich, Sarge?“
„Occams Rasiermesser, Lieutenant. Wer mit dieser Theorie nicht vertraut ist, sie besagt, dass die einfachste Erklärung, die alle Eventualitäten abdeckt, auch die wahrscheinlichste ist. Deduktive Logik, wie sie auch Mister Holmes benutzte. Und wie dieser so schön sagte: ‚Wenn wir alle Unmöglichkeiten ausschließen, so ist der Rest das Richtige.“
„Das klingt gut. Und wohin hat sie diese Logik geführt?“ Major Danton lächelte wirklich erfreut. Sein Plan war wieder einmal aufgegangen, die Chevaliers würden keinen Mann an einen persönlichen Streit verlieren. UND die zwei hatten – sozusagen als Draufgabe – zumindest eine Theorie anzubieten. Mehr, als er geglaubt hatte, aber weniger als erhofft! Nun, man konnte nicht alles haben.
„Es bleiben nach unserer Meinung nur zwei wahrscheinliche Szenarien übrig. Entweder, jemand will uns einer Rache wegen ans Leder oder – das Geheimnis unseres nächsten Auftrages ist keines mehr! Tut mir leid, alles andere wäre zu weit hergeholt, aber vielleicht fällt ja einem der Herren an diesem Tisch noch eine Variante ein, auf die wir nicht gekommen sind!“ Metellus zuckte mit den Schultern. „Der Lieutenant und ich haben uns das wirklich gut überlegt. Aber – nobody is perfect! Das war’s von uns, Major. Tut uns wirklich leid, dass wir trotz unserer Bemühungen nicht mehr herausgefunden haben!“
Danton atmete tief durch. „Danke, meine Herren! Mir auch, aber – niemand kann Spuren finden, die nicht da sind!
Nun macht es sich bezahlt, dass wir die eigentlichen Daten unseres bevorstehenden Einsatzes nicht in unseren Computern abgelegt haben.
Was mir gerade einfällt, meine Herren, haben die Techs unter MeisterTech Nagy die Untersuchung des Ultraleichtfliegers, mit dem die Diebe eingedrungen sind, abgeschlossen?“
Der Marianer nickte. „Ja, Imperator.“
„Gut. Dann falten Sie ihn zusammen. Das Ding ist mit einer Stealthbeschichtung und diversen elektronischen Spielzeugen ausgestattet, richtig?
Ich will, dass Sie das Ding auf Vordermann halten. Danach übergeben Sie es dem Zug von MacLachlan. Sein neuer Sarge soll ein paar Mann darauf üben lassen.
Ich habe irgendwie so eine Ahnung als könnten wir das Ding noch gebrauchen.
Weiter im Text. Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Thunder Frogs? Es wird hier ja alles etwas eng, mit zwölf zusätzlichen leichten Mechs…“
Ace Kaiser
02.04.2004, 00:34
Germaine Danton saß an seinem Schreibtisch in der ROSEMARIE. Trotz der für Landungsschiffen üblichen Enge hatte der Anführer der Chevaliers stets seinen eigenen Raum. Diesmal aber war es noch etwas enger als sonst, da die Söldner diesmal auch ihren Outreach-Stab mitgenommen hatten. Dies bedeutete, er teilte sich sein geliebtes Büro mit seiner Sekretärin Cindy.
Die schlanke Frau kannte ihren Chef in- und auswendig. Deshalb war es ihr ein leichtes, ihrem Boss nicht mehr als unnötig aufzufallen, obwohl sie hier kaum besser als gestapelt waren.
Ein lauter Fluch ließ Cindy in ihrer Arbeit verharren. Wortlos griff sie hinter sich und schenkte eine neue Tasse Kaffee ein, die sie ihrem Chef vor die Nase setzte.
Ohne aufzusehen griff Germaine zu und nahm einen tiefen Schluck. „Na, das fällt diesen Weißkutten ja früh ein“, brummte er. Solange die ROSEMARIE, die BOREAS und die SKULLCRUSHER noch im Anflug auf das Sprungschiff waren, welches sie von Outreach nach New Home bringen sollte, herrschte die normale Schwerkraft von einem Gravo auf den Schiffen. Das war auch gut so. Denn der Chef der Chevaliers hasste Schwerelosigkeit.
„Was fällt den Weißkutten früh ein?“, fragte Cindy und machte sich darauf gefasst, sich einen längeren Monolog über die Praktiken des Ordens Comstars anhören zu müssen.
„Na, das hier. Da fällt denen ein, dass wir doch einen Wachhund brauchen. Und natürlich nicht irgendeinen, sondern einen Veteran von Tukkajyid.
Und als wenn das noch nicht genug wäre, schicken sie ihn direkt nach New Home, anstatt zu uns nach Outreach. Na toll.“
„Es ist ja nicht gerade so, als würden wir gerade abfliegen, oder, Germaine?“, spottete Cindy leise.
Der Chef der Chevaliers brummte nur als Antwort.
„Und es ist ja auch nicht so, als wäre der ganze Auftrag nicht mit der heißen Nadel gestrickt, oder?“
Ein Schmunzeln huschte über Germaines Züge.
„Da!“, sagte Cindy und lächelte.
„Was, da?“
„Da, du hast gelächelt.“
„Das“, dozierte der Major, „soll ab und an vorkommen.“
„Ja, aber man braucht keine zwei Hände, um sie zu zählen.“
„Sehr witzig.“ Germaine schmunzelte erneut. „Okay, okay, du bist schuld. Du hast meine schlechte Laune auf dem Gewissen. Dabei hätte ich sie bitter nötig gehabt.
Denn der Kontaktoffizier ist noch eines der kleineren Probleme.“
„Schmerzt die Verletzung aus dem Manöver noch?“
„Nein, das ist es nicht, Cindy. Ich habe nur das Gefühl, dass sich die schlechten Nachrichten regelrecht häufen, je näher der Auftrag rückt.
Wir konnten zwar den Arrest für Finn, Rebecca und Kitty aufheben, nachdem die Richter eine Entscheidung getroffen haben. Aber wir haben weder den Angreifer der Silvesternacht erwischt noch den Auftraggeber ausfindig gemacht.
Ich habe Al drauf angesetzt, aber er hat kaum etwas herausbekommen. Ich höre immer nur eines von ihm: Es sind Profis. Die Vermutung liegt nahe, dass New Home oder Bryant etwas über uns erfahren wollten. Aber wie passt das mit Leuten zusammen, die man eher bei Lohengrin oder dem MI6 vermutet?“
„Nicht nur die Lyraner und die Davies haben gute Leute.“
„Da hast du wohl Recht. Aber ich behalte die Sache im Hinterkopf.“
„Hm. Hast du noch mehr Probleme?“
„Ich habe Al auch auf die versuchte Vergewaltigung angesetzt. Ich weiß, dem Mädchen hilft das nichts. Rache ist auch nie eine gute Idee. Sie wird so schnell schal.
Aber ich kann nicht tolerieren, dass jemand glaubt, die Chevaliers wären Freiwild.“
„Aber er hat nichts gefunden, richtig?“
Germaine lehnte sich zurück und grinste. „Nein, hat er nicht.“
„Und warum bist du dann so zufrieden?“
„Hm“. Der Major wischte sich das Grinsen aus dem Gesicht. Ernst antwortete er: „Al hat da so seine Kontakte. Einer seiner Geschäftskontakte verwaltet ab sofort fünftausend C-Noten von meinem Konto.“
Cindy starrte Germaine verblüfft an. „Du hast ein Kopfgeld auf die Vergewaltiger ausgesetzt?“
„Ja, das habe ich. Findest du das moralisch verwerflich?“
„Nein, das ist es nicht. Ich finde es nur moralisch verwerflich, dass Patrick nicht alle erwischt hat. Gut, dass du das nachgeholt hast.“
Germaine nickte und widmete sich wieder seiner Arbeit. „Na, das ist doch mal erfreulich. Hier sind die Werte von Peterson. Bishop und seine Pioniere sind mit dem Gerät vertraut und einsatzbereit. Ich weiß zwar nicht, ob wir Fertigfaltstraßen brauchen werden, aber es ist immer gut, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.“
„Wir werden das Bergegerät noch dringend brauchen. Vielleicht auch die Minenräumer.“
„Das will ich nicht hoffen. Ich wollte mich eigentlich auf das Minenlegen beschränken.“
„Hm“, machte Cindy. „Wie sieht es weiter aus? Sind die Panzerfahrer bereit?“
„Natürlich. Dolittle hält seine Leute immer auf Bereitschaft. Er dreht es nur so dass sie meinen, es freiwillig zu tun. Und bevor du fragst, ja, auch die Mechs sind bereit.
Die Hammerlanze mit den Elis sind eine tödliche Mischung. Ich habe lange drüber nachgedacht, und ich denke McHarrod kriegt seine Chance.“
Cindy zwinkerte, bis ihr bewusst wurde, dass der Boss mal wieder abrupt das Thema gewechselt hatte. „Wie immer keine Notizen?“
Germaine nickte. „Wir dürfen uns keine Angriffsfläche erlauben. Wenn wir auf Bryant sind, werden wir unter dem permanenten Verdacht des Shatun stehen. Er hat die Macht und sicher auch die Gelegenheit, uns jederzeit festzusetzen. Wir müssen ihn nicht noch unnötig bestärken und ihm Beweise in die Hände spielen.
Wir haben mit ComStar einen mächtigen Trumpf in der Hinterhand. Aber wir wären nicht die erste Einheit, die der Politik und ihrer eigenen Dummheit geopfert werden würde.“
Cindy runzelte die Stirn. „Hier, die Notiz hat mir Juliette hoch gereicht.“
Juliette Harris, die Stabschefin der Chevaliers hatte für die Dauer der Reise Station im Mobilen HQ bezogen und koordinierte von dort die Reise der Chevaliers. Sie war ein wahres Organisationstalent und hatte Germaine bereits zur Seite gestanden, als er noch Captain bei Team Stampede gewesen war. Bevor die Einheit zusammengeschossen worden war und er die Chevaliers aus dem Boden gestampft hatte.
Germaine nahm den Zettel entgegen und warf einen kurzen Blick drauf. „Ja, die Barauszahlung habe ich unterschrieben. Und?“
„Germaine, Juliette wundert sich, dass du Al außerplanmäßig zwanzigtausend C-Noten zugeschrieben hast. Ehrlich gesagt, sie als deine Stabschefin und ich als deine Sekretärin würden gerne wissen, was das zu bedeuten hat.“
Der Major schmunzelte. „Das ist der Ausbildungsfonds für die Ausbildung des Erstgeborenen des Sohn des Bey.“
„Erzähl das jemandem der sich die Schuhe mit einem Exoskelett zuschnürt, Germaine. Also, warum hat er soviel Geld erhalten?“
Er seufzte und sah seine Sekretärin an. „Also. Es ist doch so. Wir fliegen in die Chaosmark, richtig? Und New Home ist nicht nur Teil der Chaosmark, nein, Bryant überfällt diese Welt und Epsilon Indi regelmäßig. Ich erwarte auf diesem Planeten nur einen kurzen Zwischenstopp ohne große Probleme. Da unser Ziel auf Bryant liegt, müssen wir auch auf diese Welt unsere Aufmerksamkeit lenken.“
„Das ist noch keine Antwort, Germaine“, tadelte Cindy.
„Gemach, Gemach, ma Petite, je vais finir. Also, kurzer Aufenthalt auf New Home, wir klatschen uns ab mit den BlakeGuards und weiter nach Bryant, wo wir einen brandgefährlichen Geheimauftrag haben, der direkt unter der Nase eines sehr misstrauischen und gewaltbereiten Herrschers stattzufinden hat. Mit Als Hilfe plane ich…“
„Eine Täuschung wie gegen Kenda? Mir ist jetzt nicht ganz der Zusammenhang klar. Oder soll er wieder Luxusartikel kaufen, um sie unter die hiesige Bevölkerung zu bringen?“
„Das wird er sowieso machen“, schmunzelte Germaine. „Das hat nichts mit den zwanzigtausend zu tun. Nein, das Geld ist für etwas anderes gedacht. Er wird auf New Home seine Kontakte als Händler nutzen um… Nun, er wird mit dem Geld Informationen kaufen.“
„Was, bitte?“ „Informationen. Und nach Möglichkeit Informationen, mit denen Dvensky was anfangen kann.“
„Was, bitte?“ „Und wenn die Kacke am dampfen ist, dann verkaufen oder schenken wir Dvensky diese Informationen, um von uns abzulenken. Soweit der Plan.“
„Du greifst aktiv in die Politik ein? Und verdammt noch mal, du lieferst einen Planeten an einen Nachbardespoten aus?“
„Wenn du es so sehen willst, Cindy… Ich sehe es eher so, dass mir meine Einheit wichtiger ist als eine Information, welche der Schatun sowieso bekommen wird, nur eben Monate später. Wir bieten sie einfach frischer an.“
„Machen wir es uns hier jetzt nicht etwas einfach? Ich meine, einen Union auf einem Stern Jadefalkenmechs landen zu lassen war schon eine verrückte Idee. Aber vor Dvenskys Augen eine Mission wie die Bergung des Satelliten zu veranstalten und ihn mit den frischesten Nachrichten von New Home abzulenken ist…“
„Ja?“
„Wenn ich es mir genau überlege, einfach genial.“
„Danke“, brummte Germaine und widmete sich wieder der Arbeit.
„Ach, übrigens, wie war das gleich noch mal, Olliver Mehigaro hat eine Qualifikation als Mechkrieger?“
„Wie kommst du jetzt darauf, Germaine?“
„Nicht so wichtig. Stimmt das?“
„Nein. Er ist ein passabler Pilot, aber er könne keinen Barghest treffen, der ihm auf die Gauss geschnallt wird. Wir haben Tests mit ihm gemacht. Er hat ein verteufelt schlechtes räumliches Sehen. Na, wenn er auf seine Brillengläser klettert, kriegt er ja auch Atemnot wegen der dünnen Luft.“
„Aber die Mechführung ist in Ordnung? Das werde ich mir merken. Irgendwann wird diese Information sehr nützlich sein.“
„Hoffentlich nicht bereits auf New Home.“ Cindy warf Germaine einen skeptischen Blick zu und schenkte Kaffee nach.
Ace Kaiser
02.04.2004, 00:36
Nachdenklich nippte Germaine Danton an seinem Kaffee. Den Chevaliers, seiner Einheit standen unruhige Zeiten bevor. Seit dem Überfall in der Silvesternacht hatte Germaine den Gedanken abgelegt, dass dieser Auftrag auch nur annähernd einem Spaziergang gleich kommen könnte.
Es war ohne weiteres möglich, dass es ein einziges, großes Fiasko wurde. Die Vernichtung der gesamten Einheit. Und ihm oblag es, genau das zu verhindern.
Solange sie auf dem Flug zum wartenden ComStar-Sprungschiff waren, welches sie vom Nadirsprungpunkt nach New Home bringen würde, herrschte an Bord eine gefühlte Schwerkraft, die in etwa einem Gravo entsprach, also einfacher Erdschwere.
Sobald die ROSEMARIE, die BOREAS und die SKULLCRUSHER am ComStar-Invasor angedockt hatten, würde freier Fall vorherrschen – im Volksmund auch Schwerelosigkeit genannt.
Dann würde Germaine seine große Keramiktasse gegen eine Trinkschale eintauschen müssen – damit nicht neunzig Prozent des Kaffees anstatt in seinem Mund sonst wo landeten.
Aber der Major hasste diese Dinger. Sie erinnerten ihn an Schnabeltassen. Und seit der Sache mit seinem Mittelohr hasste er jedes Zeichen von Schwäche.
Wütend schob er den Gedanken beiseite.
„Also, das ist der Plan. Ich weiß, es wird schwierig. Vielleicht zu schwierig. Aber vergesst nicht, unser Ziel ist es nicht, den Planeten zu erobern oder Blakes Wort zu vernichten.
Wir wollen den Satelliten. Okay, die ComStar-Techniker und das HPG müssen wir auch noch beschützen.“
Leises Gelächter klang auf.
„Doc“, sagte Germaine und sah Dolittle an, „du übernimmst das Kommando über die Gruppe Leipzig.
Entschuldigen Sie, Lieutenant Dukic, fassen Sie das bitte nicht als Zurücksetzung auf. Ich kenne Ihre Erfahrungen in Stadtgefechten ebenso wie jeder andere, der vor zwei Jahren Nachrichten von Solaris gesehen hat. Aber eine Stadt ist nun mal Panzer- und Infanteriegebiet.“
Dolittle schob seine Zigarre vom rechten in den linken Mundwinkel und brummte: „Aye, Cheef, wir komm schon klaaa. Ich sach Denny nich wie er seine Eimer zu fahrn hat und er sacht mir nich, wie ich’s mit meinen Wannen mache.“
Dzenek grinste zu Doc Dolittle herüber. „Ja, Sir, ich und Lieutenant Dolittle werden schon klar kommen.“
„Gut. Lieutenant Bishop, ich werde Sie beim Hauptkontingent behalten. Ich weiß, die Bergungsoperation fällt in Ihr Ressort, aber ich will den Schatun nicht zu offensichtlich darauf hinweisen, was wir vorhaben. Wenn zwei meiner Kommandooffiziere fehlen, ist er schon misstrauisch genug. Fehlen drei… Na ja.
Delegieren Sie an Sergeant Sagrudsson.“
„Aye, obwohl es mir nicht schmeckt, Sir.“
„Sie bekommen Ihre Chance, Bishop. Sie bekommen Ihre Chance. Ihre Kenntnisse im Minensperren legen werden für uns wahrscheinlich noch sehr wichtig werden.“
Der Ligist nickte schwer und machte sich ein paar Notizen auf einem Block. Er begann bereits mit der Planung des Einsatzes seines Stellvertreters.
„Manfred.“ „Germaine?“ „Kumpel, wir haben den schwersten Part von allen. Ich werde ganz offiziell auftreten und eng mit Dvensky zusammenarbeiten.“
Gelächter der Anwesenden klang auf.
„Währenddessen“, setzte der Chevalier seinen Gedanken ungerührt fort, „musst du die Einheit beisammen halten und ein paar… Fäden im Hintergrund spinnen.
Ich bin sicher, der Count erwartet von uns Ärger. Wir sollten ihm einiges dazu liefern. Nicht genug, um uns von seiner Welt zu schmeißen. Nur genug, um von Leipzig abzulenken.“
Manfred Scharnhorst, Captain der Mechtruppen, nickte. „Ich habe mir da so einiges von Al abgeschaut. Ich denke, ich kriege da was hin. Hier ein paar Geschenke, dort Gespräche mit subversiven Studenten, mir fällt schon was ein.“
Germaine grinste. „Notfalls tu dich mit Al zusammen. Der Arkab bringt hier jedem noch was bei.
Peterson. Sie übernehmen die Leitung des Rettungsteams, welches unsere `abgestürzten´ Leute vom Äquatorialkontinent bergen will. Ich erweise Ihnen damit einen Bärendienst, denn auf diese Truppe werden Dvensky und seine Leute besonders aufmerksam achten. Ihre Aufgabe ist es, die Gruppe Leipzig zu retten. So langsam wie möglich, um Dolittle und Dukic die Zeit zu erkaufen, die sie für die Bergung brauchen. Wir kennen den ungefähren Standort des ehemaligen Forschungszentrums, aber wir haben keine Ahnung, on die Daten, die wir haben wollen, nicht in ein paar hundert Meter Tiefe in einem befestigten Bunker liegen.
Es kann durchaus sein, dass sich auch noch Agenten von Blakes Wort einmischen.
Wir wären Idioten, wenn wir glaubten, sie wären nicht bereits auf Bryant.“
„Ich sehe zu, was ich tun kann, Sir.“
„Gut. Was uns zu dir bringt, Kiki. Deine vier Jäger werden eine endlose Zeit der Langeweile erleben. Aber dazwischen wird eine Menge Schrecken liegen.
Wenn wir von Bryant verschwinden, kann es passieren, dass wir heiß abhauen. Trainier deine Leute auf Eskortmissionen und Langstreckenabfangen. Okay?“
Die Pilotin nickte. „Geht klar. Werden wir auch zur Bekämpfung von Bodenzielen eingesetzt?“
„Vernachlässigt dieses Training besser nicht. Aber hofft, dass es nicht dazu kommt. Denn dann sitzen die Chevaliers ganz tief im Mist.
Okay, Herrschaften, das war es. Ich habe gleich noch einen Termin und einige von euch müssen noch die neuen Codenamen festlegen. Hopp, an die Arbeit.
Ach und Dolittle, Peterson, ihr tauscht heute mal wieder die Plätze und trainiert die Arbeit des anderen, okay? Und kein rum Gemurre. Ich bin hier immer noch der Boss.“
„Solange du so guuute Zigarren hast, Cheef, habich da auch nichs gegen“, grinste Dolittle und nahm sich noch eine aus der Box am Schreibtisch.
„Ich halte das für keine gute Idee, Sir. Die Panzerfahrer schießen eh schon viel zu gut mit den Karabinern. Wenn ich die jetzt noch trainiere…“
„Ha, ha“, meinte Patrick und klopfte dem grinsenden Infanterist auf die Schulter. „Träum weiter, Junge.“
Germaine lächelte still, als die Offiziere scherzend den Raum verließen.
Sie waren ein Team. Sein Team. Selbst dass nun einige neue Offiziere dazu gekommen waren, geschweige denn von den neuen Leuten für die Ausfälle und für die Erweiterung der Chevaliers, hatte die Geschlossenheit der Einheit nicht beeinträchtigt.
Anfangs hatte der Major befürchtet, das frische Blut würde Probleme in die Einheit bringen. Nun, sie hatten kurz davor gestanden, von regulär wieder auf grün abgestuft zu werden. Aber Ärger in der Einheit hatte es nicht gegeben.
Decius Metelle leistete als Master Sergeant wirklich eine verdammt gute Arbeit. Er hatte seinen Zeigefinger immer direkt am Puls der Soldaten.
Und die anderen Offiziere waren handverlesen und brannten darauf, das in sie gesetzte Vertrauen zu bestätigen.
Was hätte wohl Jan zu alldem gesagt? Der ehemalige Master Sergeant der Chevaliers hatte auf der Heimatwelt der Ronin einen dreckigen Tod gefunden. Halb verbrannt und langsam verblutend war er elendig verreckt. Zu sterben war niemals schön. Aber solch einen Tod wünschte Germaine nicht einmal seinen Feinden.
Teufel, selbst Kenda war durch einen sauberen Cockpittreffer gefallen!
Germaine Danton drückte den Gedanken beiseite. Was war schon richtig, was war falsch? Seit des Ersten Nachfolgekrieges war die Innere Sphäre ein beständiger Unruheherd, ein Sammelsurium von kleinen und allerkleinsten Konflikten. Die Menschen der Sphäre hatten es keine hundert Jahre geschafft, mit ihren Nachbarstaaten in Frieden zu leben. Konflikte, und sei es nur zwischen zwei Handelshäusern, waren ständig an der Tagesordnung. Die größeren Kriege, wie der derzeit laufende Bürgerkrieg zwischen Steiner und Davion, kehrten immer wieder periodisch wieder, als läge es ein großer Regisseur im Hintergrund darauf an, die Zeiten interessant zu halten.
Wenn er es nicht besser gewusst hätte, Germaine hätte geglaubt, ComStar wäre zu seiner alten Taktik zurückgekehrt, zu warten bis sich die Nachfolgerstaaten gegenseitig in die Steinzeit gebombt hätten, um die Menschheit dann endlich und ein für allemal zu vereinen.
Aber auch dies war kein Gedanke, der ihn im Moment beschäftigen sollte.
Ja, wären die Clans unter sich nicht mindestens ebenso zerstritten wie die Nachfolgerstaaten, wäre ein von ihnen errichteter Sternenbund unter der Ägide des perversen Eugeniksystems nicht eine noch größere Farce als der Sternenbund der Whitting-Konferenz gewesen…
Germaine Jadefalke, hm. Der Klang hatte etwas. StarCaptain? Vielleicht sogar StarColonel?
Ohne Blutnamen? Unwahrscheinlich.
Ein Klopfen an der Tür riss den Chef der Einheit aus seinen Gedanken.
„Herein.“
Olliver Mehigaro sah zur Tür herein und blinzelte Germaine durch seine dicke Brille an. „Sir, ich soll mich bei Ihnen melden?“
Der Major nickte und deutete auf den freien Platz vor dem winzigen Schreibtisch. „In der Tat, Olli. Platzen Sie sich.“
Unsicher setzte sich der Tech. Die Nähe zum Chef machte ihm sichtlich zu schaffen. Gerüchteweise hatte er ja sogar schon Probleme nur mit Doreen Simstein zu sprechen. Und jetzt beim Major zu sitzen, musste ihn unter großen Druck setzen.
„Olli“, begann Germaine ungerührt, „ich habe da so einiges von Cadet Simstein gehört.“
Der AsTech druckste verlegen. „Sir, wenn Sie die Simübung meinen…“
„Genau die meine ich. Sie haben mich sehr überrascht, Olli. Ich habe mir die Aufzeichnung angesehen. Hm, Respekt, Sie haben ein gutes Gefühl für die Bewegung eines Mechs.“
Danton erhob sich und begann seine Uniformjacke aufzuknöpfen. Er ging zum Spind und zog ein Handtuch hervor.
„Um ehrlich zu sein, ich habe eine Idee, seit Sie zum Vorstellungsgespräch in meinem Büro waren. Ich hatte sie nur eine Zeitlang aus den Augen verloren, bis mich Fasterman wieder daran erinnert hat.“
Germaine hängte die Jacke weg und öffnete die Hose. „Nun will ich diesen Gedanken endlich weiterverfolgen. Das heißt, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Olli.“
Kurz sah der Major zur Seite. Auf der Stirn des Techs waren Schweißperlen zu sehen. In seinen Augen standen Verwirrung und Panik. „Äh, Sir, Sie… Nun, Sie sind nicht mein Typ. Nicht, dass ich…“
Germaine grinste. Stimmte ja. Der junge Tech hatte sich als homosexuell geoutet. Auf welche Gedanken konnte man denn noch kommen, wenn sich der Chef vor einem auszog?
„Ich kann Sie beruhigen, Olli. Sie sind auch nicht mein Typ. Ich bevorzuge große schlanke Frauen.“ Mit einem Augenzwinkern zog der Major eine Kühlweste aus dem Schrank und warf sie Olli zu. „Machen Sie sich fertig, AsTech. Wir wollen doch mal sehen, ob wir nicht zu zweit einen annehmbaren MechKrieger abgeben.“
„Äh, Sir?“, fragte Olli, begann sich aber gehorsam auszuziehen.
„Nun, Sie können einen verdammten Mech steuern, aber Sie treffen kein Scheunentor auf zehn Meter mit einer PPK.
Ich darf nicht unter einen Neurohelm, ohne mir ein paar tausend Synapsen durchzubraten.“
„Ah“, machte Olli. „Sie wollen, dass wir zusammen den Mech steuern. Ich bewege ihn und Sie feuern die Waffen.“
„Richtig, AsTech. Sehen Sie, das ist keine Spielerei von mir. Dahinter steckt schon tieferer Ernst. Es ist nicht so, dass ich mit Gewalt zurück ins Cockpit will. Okay, vielleicht doch.
Aber wir sind zurzeit in der unschönen Lage, dass wir ebenso viele Mechs wie MechKrieger haben. Wir haben nicht einen einzigen Anwärter in Reserve.
Es kann jederzeit passieren, dass ein Pilot ausfällt. Oder dass wir eine Maschine erobern. Eine Maschine, die wir vielleicht dringend brauchen. Was dann?“
„Hm. Verstehe. Aber nicht besonders viele Mechs sind darauf ausgelegt, dass ein Pilot und ein Bordschütze mitfährt. Da käme ja in der Einheit nur der Kampftitan in Frage.“
„Nein“, korrigierte Germaine, „das ist so nicht richtig. Mit ein paar Umbaumaßnahmen kann MeisterTech Nagy in jeden Mech über sechzig Tonnen ein provisorisches Tandem einbauen. Es ist nur eine Frage der Gelegenheit und der Notwendigkeit. Und der Möglichkeit.
Deswegen werden wir heute, Morgen und die nächsten Tage jeden Tag eine Stunde im Sim verbringen, um zu sehen, ob wir zusammenpassen, Olli.“
Der AsTech erhob sich und schlüpfte ungelenk in die Kühlweste. „Sir, es ist mir eine große Ehre, dass Sie mir die Gelegenheit geben wollen, mich als Krieger zu beweisen. Aber eine Frage: Wer kriegt die Abschüsse?“
Germaine lachte. „Halbe-halbe, einverstanden?“
Olli grinste und ergriff die dargebotene Rechte. „Einverstanden.“
Germaine zog zwei Bademäntel aus dem Spind und reichte eine dem Tech.
„Auf, Olli. Gehen wir spielen.“
Ace Kaiser
02.04.2004, 00:40
„Drehen! Jetzt!“
Der Torso des Kriegshammers schwang herum und brachte den rechten Arm ins Spiel. Germaine feuerte instinktiv, aus dem Gefühl heraus, ohne auf die Feuerlösung zu warten. Sofort schickte er eine 6er Salve KSR hinterher.
Die Antwort des Steppenwolfs ließ nicht lange auf sich warten. Ein Treffer mit der Schweren Autokanone sprengte auch noch den letzten Rest Panzerung vom rechten Arm ab und ließ die interne Struktur entblößt zurück. Noch so ein Treffer, und der Arm war mitsamt der PPK verloren.
Olli kämpfte einen Augenblick mit dem Gyrokreisel des Schweren Mechs, behielt aber die Oberhand. Schnell warf er die Maschine in einen schwerfälligen Trab, um dem Steppenwolf-Piloten das treffen zu erschweren.
Erneut feuerte Germaine die PPK, bevor wieder die Autokanone einschlug und den Arm abriss. Der plötzliche Masseverlust ließ den Achtzigtonner gefährlich schwanken, aber der Tech, der nun auf der Pilotenliege kauerte, behielt erneut die Kontrolle über seine Maschine.
Mit Genugtuung registrierte Germaine zwei Dinge. Nummer eins war, dass der letzte PPK-Treffer mittig im Torso gesessen hatte und den Fusionsreaktor tüchtig einen mitgegeben hatte. Ein weiterer Treffer in der Region würde den Feindmech ausschalten.
Die andere war, dass sich Olli Mehigaro mittlerweile sehr gut auf die Ansprüche eines Mechs unter Feuer eingestellt hatte. Zudem lernte er sehr schnell, wie er die Maschine zu bewegen hatte, damit Germaine auf dem Bordschützenplatz immer wieder einen guten Treffer landen konnte.
Als der Kriegshammer nach einem Ausholschritt taumelnd wieder auf den alten Kurs einschwenkte, feuerte Germaine erneut die KSR ab. Zwei gingen vorbei, eine traf das Cockpit. Zwei sprengten Panzerung vom Arm mit der AK. Die vierte aber jagte genau in die Torsobresche und zertrümmerte den letzten Rest Reaktorabschirmung.
Es dauerte nur einen Augenblick, dann erstarrte der Mech. Ohne Stromversorgung versagten die Myomermuskeln den Dienst. Kurz darauf flog das Cockpit auf und der gegnerische MechKrieger rettete sich vor dem Kollaps seines Fusionsreaktors.
Keine Sekunde zu früh, denn der Reaktor ging durch. Die gebändigte Reaktionsmasse pflegte nicht sehr lange in diesem Stadium zu sein, Fusionsreaktormasse fiel schnell in sich zusammen, sobald der Prozess als solcher beendet worden war. Aber es reichte noch, einen Teil des Mechs zu zerreißen und silbrig glitzernde Bahnen gen Himmel zu schicken, die dem Piloten so nahe kamen, dass man meinte, das Plasma würde ihm über die Beine lecken.
Der Bildschirm wurde übergangslos dunkel. Germaine löste die Gurte, welche ihn auf der Liege gehalten hatten und klopfte Olli anerkennend auf die Schulter.
Die Simulatorkapsel wurde von außen geöffnet und ein grinsender Manfred Scharnhorst sah hinein. Seine Magnetsohlen klackten leise, als er für seinen Kommandeur Platz zum aussteigen machte.
„Nicht schlecht, wirklich nicht schlecht. Wenn die Sim gegen einen Gegner, der fünfundzwanzig Tonnen weniger wiegt, auch in Zukunft so gut läuft, dann könnt Ihr euch ja bald mal an einen gleich starken Mech wagen.“
Germaine Danton nickte knapp. „Ja, wir werden besser, zugegeben. AsTech Mehigaro macht große Fortschritte.“
Scharnhorsts Kiefer klappte nach unten. Hatte Germaine ihm nicht zugehört? Oder nahm er diese kleine Spitze wirklich derart nonchalant hin?
„Ach, übrigens, Olli, wir werden die nächste Sitzung verschieben müssen.
Wir springen in acht Stunden nach New Home, da werde ich noch einiges zu tun haben. Außerdem steht auch noch die Verleihung der Codenamen an.“
„Codenamen? Kriege ich auch einen?“, fragte der Tech hoffnungsvoll.
Germaine Danton schmunzelte bei derart viel Feuer. „Nein, AsTech Mehigaro, Sie bekommen keinen Codenamen. Für Sie gilt wie für jedes Mitglied seiner Teileinheit, dass er den Codenamen seines Vorgesetzen erhält.“
„Und wenn wir nun doch in einem Mech ins Gefecht ziehen, Sir?“
„Dann, AsTech, werden wir unter Knave agieren. Das ist mein alter Codename.“
„Ich hätte aber einige viel bessere auf Lager.“
„Ich habe nicht gesagt, dass dieses Thema zur Diskussion steht“, erwiderte Germaine etwas schärfer als beabsichtigt. „Wir tun das hier für die Einheit, nicht zu Ihrer oder meiner Unterhaltung. Deshalb werde ich nicht über den Codenamen streiten. Und als ranghöchster Chevalier habe ich sowieso den längeren Atem.“
Olli senkte den Kopf. „Ja, Sir. Verstehe. Darf ich dann wegtreten?“
„Sie dürfen, AsTech. Und noch mal, gute Arbeit heute.“
Olli salutierte schlampig und ging mit klatschenden Magnetsohlen duschen.
„Fasst du den Jungen nicht zu hart an?“, fragte Manfred leise.
„Findest du? Ich denke nicht. Wenn ich ihm zuviel Leine gebe und wir wirklich mal in einen Mech müssen, Manfred, dann kann ich mich nicht drauf verlassen, dass er tut was ich ihm sage. Ich habe immerhin zehn Jahre Gefechtserfahrung. Ich will nicht, dass Olli aus einem Gefühl heraus handelt und taktische Fehler begeht, die ihn gefährden, mich gefährden, die Einheit gefährden. Ihm muss von vorne herein klar sein, worauf er sich eingelassen hat.“
„Okay. Ich verstehe deinen Standpunkt. Aber fass ihn trotzdem nicht so hart an. Er ist nun mal ein Tech, kein MechKrieger. Wir können mehr als froh sein, dass er dieses Risiko überhaupt auf sich nimmt.“
„Ja, schon gut. Schon gut. Ich werde die Rangfolge zwischen uns klären und danach gibt es eine Zeitlang nur Zuckerbrot statt Peitsche.
Verdammt! Hätte ich damals auf Thule nur nicht diesen dämlichen Panther übersehen. Hätte ich mich damals nur nicht abschießen lassen.
Dann bräuchte ich diesen Jungen jetzt nicht auf eine Gefahr vorzubereiten, in die er normalerweise nie geraten wäre.“
„Darüber zu lamentieren bringt nichts, Germaine. Und du weißt das auch. Sei lieber froh, dass Du dennoch einen Weg gefunden hast, wieder in ein Cockpit zu steigen, ohne dir die Synapsen weg zu brennen. Du hättest ja auch zu Dolittle in einen Panzer steigen können, oder?“
„In einen Panzer? Weißt du wie eng die Dinger sind? Dagegen ist das Cockpit einer Wespe geräumig.“
Die beiden Männer lachten.
„Also, ich gehe jetzt duschen. Wir sehen uns dann bei der Codenamenvergabe.“
Scharnhorst nickte. „Damit wären unsere Neulinge endgültig integriert.“
„Hoffen wir es.“
Die beiden Offiziere klopften sich noch einmal gegenseitig auf die Schulter und verließen den Simulatorraum.
Eine Stunde später stand Germaine Danton im nagelneuen Mobilen HQ der Einheit. First Lieutenant Juliette Harris führte den Chef der Chevaliers persönlich durch die Reihen der KommTechs.
„Man kann über die Dracs sagen was man will. Aber dieses Mobile HQ hat jedes Extra, das man sich wünschen kann. Jeder einzelne Sitzplatz kann in bis zu fünf internen Gesprächskreisen integriert werden, wir haben drei Holotische, die Möglichkeit für K3 besteht – was aber wenig sinnvoll ist, solange nur der Tai-sho K3-fähig ist.
Außerdem hat jedes Arbeitspult einen integrierten Minikühlschrank.“
„Hm. Minikühlschrank? Haben die das Ding von den Lyranern geklaut?“
Juliette Harris beugte sich vor und öffnete eine kleine Klappe neben einem nicht besetzten Arbeitspult. Sie zog eine Packung Ora-Ora hervor, stach den Strohhalm ein und begann zu trinken. „Oh, das macht durchaus Sinn. Hier drin kann es schon mal etwas warm werden. Vor allem während eines Gefechts kriegt man dann ne trockene Kehle. Dann ist es natürlich gut, wenn ein KommTech seinen Platz nicht zu verlassen braucht, um sich etwas zu trinken zu holen.“
Germaine Danton grinste schelmisch. „Aber das ganze macht dann ja nur Sinn, wenn die KommTechs auch den Gang zur Toilette sparen. Haben die Sitze ein eingebautes Klo?“
„Spötter“, brummte Juliette, ging aber nicht näher drauf ein.
Sie führte den Major zum größten Holotank und deutete auf einen Sessel, der mit dem Tank verbunden war. „Hier, Germaine, das ist deiner. Der beste Platz im ganzen Theater. Hier läuft alles zusammen. Von diesem Sessel aus kannst du alle Chevaliers in einem Umkreis von zwanzig Klicks dirigieren. Jetzt wo du endlich diese fixe Idee los bist, deine Einheit im Feld führen zu müssen…“
„Fixe Idee ist gut.“ Germaine sah seine Stabschefin missmutig an. „Aber vielleicht hast du Recht. Vielleicht sollte ich mich wirklich mit diesem Platz vertraut machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich wirklich mit AsTech Mehigaro in einen Mech klettern muss, ist ja nicht gerade hoch.“
Der Chevalier nahm Platz. „Hm. Nicht übel hier. Juliette, der Wagen ist gerade kaum besetzt. Aber können wir trotzdem eine Simulation fahren? Ich will das Baby mal ausprobieren.“
Die Offizierin nickte. „Okay. Simulieren wir ein Verbundwaffengefecht auf Doppellanzenstärke. Dafür dürfte die Zeit noch reichen. Gegner: Ein Stern Elementare.“
Der Holotisch flammte auf und erschuf eine virtuelle Landschaft.
„Das Mobile HQ erwartet Ihre Befehle, Sir.“
„Okay. Los geht’s!“ Germaine konnte es nicht leugnen, es ersetzte keinen Mech, begann ihm aber Spaß zu machen.
Drei Stunden später stand Germaine auf einem kleinen Podest in Frachtraum 1 der ROSEMARIE, neben ihm standen die Teileinheitskommandeure. Sein Blick ging über die angetretenen oder frei herumschwebenden Chevaliers in den blauen Uniformen und auf die Monitore, welche die Chevaliers in den Landungsschiffen BOREAS und SKULLCRUSHER bei ähnlichen Versammlungen zeigten.
„Chevaliers“, begann der Major, „bevor ich zur Codenamensvergabe komme, möchte ich noch einige Worte in eigener Sache sagen.
Es ist noch nicht lange her, da standen wir in einem Gefecht auf Leben und Tod. Wir standen einem erbarmungslosen Feind gegenüber, der keine Gnade gewährte und auch keine erwartete. Wir siegten, aber viele Kameraden fanden den Tod. Bedauerlicherweise auch Nichtkombattanten. Dies erinnert uns alle immer wieder daran, dass unser Beruf einer der Gefährlichsten in den Nachfolgestaaten ist. Niemand ist sicher. Keiner ist gefeit. Ich, Captain Scharnhorst, MeisterTech Nagy, Ihr alle, jederzeit kann es uns treffen.
Ursprünglich hatte ich geplant, mit diesem ComStarauftrag der Einheit genügend Geld zu verschaffen, um die Zeit bis zum Kontrakt an der Jadefalkengrenze zu überbrücken.
Aber seien wir ehrlich: Wir fliegen in die Chaosmarken und ob wir wollen oder nicht, wir können jederzeit in einen Kampf verwickelt werden, der nicht der Unsere ist.
Wir kommen nicht als Freunde. Weder nach New Home, noch nach Bryant. Wir kommen als Gäste. Als misstrauisch beäugte Gäste. Eigentlich unerwünschte Gäste.
Ich will solch ein Debakel wie gegen Kendas Ronin nicht wieder erleben müssen.
Jene von euch, die erst auf Outreach zu uns stießen hatten sicher eigene Gefechte, eigene Erfahrungen mit Tod und Vernichtung und wissen vielleicht, was wir durchgemacht haben.
Aber Ihr sollt eines wissen. Ab jetzt seid Ihr vollwertige Chevaliers, und die Alten stehen zu euch, so wie sie mir und den Offizieren der Einheit folgen.
Wir sind ein Team. Und gemeinsam werden wir es wieder raus aus den Chaosmarken schaffen, egal, ob wir wirklich nur langweiligen Garnisonsdienst schieben oder gegen Partisanen oder Blakes Wort kämpfen müssen.
Solange wir einander vertrauen und zusammenhalten, werden wir es schaffen.“
Germaine hob die Arme, um die aufbrandende Zustimmung und den Applaus zu beenden.
„Noch etwas, Chevaliers. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich seit unseren letzten Rekrutierungen auf Outreach mit Sicherheit ein paar Agenten in unsere Reihen geschlichen haben. Ich rechne fest damit, dass zumindest das Kombinat ein großes Interesse daran hat, wie sich unsere Einheit entwickelt.
Aber auch die Bürgerkriegsparteien werden ein Auge auf uns haben wollen, jetzt wo die Chevaliers auf regulär aufgestuft wurden.
Liebe Spione, Agenten und Datenhacker. Ich weiß, Ihr macht nur euren Job. Und Ihr habt sicher auch gute Gründe dafür, für euer Vaterland die Chevaliers auszuspionieren.
Aber zwei Tipps von mir: Erstens, lasst euch nicht erwischen, sonst behandeln wir euch wie jeden anderen Spion zu jeder anderen Zeit in jeder beliebigen militärischen Einheit.
Und zweitens, schadet nicht meinen Chevaliers. Sendet eure dämlichen Berichte soviel Ihr wollt. Aber schadet der Einheit nicht.“
Germaine ließ seinen Blick über die anwesenden Soldaten streifen. Kaum einer senkte den Blick, viele hatten eine bestätigende, grimmige Miene aufgesetzt. Nicht dass der Major erwartet hätte, einen Spion mit einem Blick ausfindig zu machen.
Aber er hatte die nicht unberechtigte Hoffnung, dass sich eventuell in seiner Einheit befindliche Agenten fortan auf reine Beobachtung beschränken würden.
Nicht, dass er dieser Hoffnung großartig trauen würde…
„Kommen wir aber zum Höhepunkt des heutigen Abends. Im Gegensatz zur ersten Codenamenvergabe Mitte letzten Jahres werden wir heute wesentlich mehr Namen vergeben.
Dies ist eine uralte Tradition und hat weniger mit den Funkrufzeichen zu tun.
Obwohl wir dank unseres neuen Mobilen HQs über die allermodernsten kryptographischen Techniken für den Funk verfügen, werden wir dennoch öfter mal die Funkrufzeichen ändern.
Die Codenamen, die heute vergeben werden sollen zu einem nicht unerheblichen Teil die Kommunikation untereinander egalisieren.
Neu dürfte eines für euch sein: Jede kämpfende Teileinheit bekommt einen Eigennamen.
Dennoch gilt weiterhin, dass der Name des Lanzen- oder Zugführers für die gesamte unter ihm dienende Truppe gilt.“
Hinter Germaine Danton erwachte ein Bildschirm. Dort wurde die Organisationsstruktur der Chevaliers aufgezeigt. Ganz oben standen der Stab, die Unterstützungstruppen und die Landungsschiffe.
Darunter aufgesplittet die Kämpfenden Einheiten und die aufgesplitteten Züge.
Bei Piloten und Mechkriegern wurden noch einmal eigene Callsigns vergeben.
„Einige Codenamen bleiben uns natürlich erhalten, andere wurden modifiziert.
Deshalb werde ich, obwohl ich Zurzeit keinen Mech führe, mein Callsign Knave behalten.
Ansonsten aber gilt für mich der Codename des Stabes: HOME BASE.
Die Landungsschiffe werden dementsprechend benannt. Al, mein Freund. Deine ROSEMARIE behält ihr FIRST BASE. Kapitän Ito, auch die BOREAS behält ihr SECOND BASE. Kapitän Van der Merves, Ihr MAULTIER bekommt damit logischerweise das Callsign THIRD BASE. Was uns vor ein riesiges Problem stellt, wenn wir noch einen Lander dazu kriegen.“
Leises Gelächter erklang.
„Machen wir mit den Unterstützungstruppen weiter. Doktor Wallace behält selbstverständlich ihr SAINT. Das hat ihr und den Sanitätern Glück gebracht.
MeisterTech Nagy, der Name MAGUS wurde mehr als einmal bestätigt. Man hat mir zwar auch den Namen PLATZENDER KRAGEN nahe gebracht, aber er ist mir einfach zu lang.“
Der MeisterTech schien dem zweiten Rufnamen sogleich Ehre machen zu wollen. Er besann sich aber und lachte dann lieber dazu. „Wou Rrrächhht sie hauben, dau Rrrächhht sie hauben, Särrr.“
Germaine erwiderte das Grinsen.
„Kommen wir zu den Luft/Raumjägern, zu denen ich, Sergeant Hawk und Captain Malossi mögen es mir verzeihen, auch die beiden Hubschrauber der Einheit zähle.
Zuallererst habe ich die Ehre, Ihrer Einheit den alten Namen wiederzugeben, First Lieutenant Sleijpnirsdottir: Ab sofort heißt Ihre Staffel wieder FALLEN ANGELS.
Sie selbst bekommen daher wieder Ihr altes Callsign KIKI.
Second Lieutenant Slibovitz, ich weiß, Sie haben Ihr Callsign ICECREAM vermisst. Ab sofort dürfen Sie es wieder tragen.
Second Lieutenant Danté, Ihre Kameradinnen haben sich an die alte Tradition erinnert, bei der die Kameraden über den Codenamen entscheiden. Sie haben darauf bestanden, Ihnen folgendes Callsign zu geben: HELLBOY.
Und Second Lieutenant Gurrow, man hat Sie bereits ein Dutzend Mal so genannt, deswegen denke ich, dies ist Ihr richtiges Callsign: HOTSHOT. Machen Sie das Beste draus.“
Die Fliegerstaffel schienen mit ihren Signs zufrieden.
Gespannt lauschten die Hubschraubercrews auf ihre Codenamen.
„Katrin Tyra Hawk, fortan heißt Ihr VTOL SNEAKER. Leise die Truppen ins Ziel bringen und leise wieder rausholen.
Doktor Malossi, Sie dürfen es etwas lauter angehen lassen. Ihr Sign: CHRISTOPHER, nach dem Heiligen, der die Reisenden beschützt.“
Der Major machte eine Kunstpause und sah zu Captain Peterson herüber. „Ihr als nächstes? Gut.
Unsere Infanteriekompanie bekommt einen eigenen Namen: Die MUSKETIERE, in Anlehnung an unser Wappen, die Cartoonmaus.
Captain Peterson, Sie behalten natürlich Ihr Callsign HAMMER.
Sergeant-Major MacLachlan. Bei Ihnen bleiben wir natürlich bei AMBOß.
Und Sergeant Decaroux: SHADOW stimmt heute mehr denn je für Ihre Kompanie.
Neu ist das Callsign für die Pioniere. Lieutenant Bishop: Sie heißen fortan DIGGER.
Weiter im Text.
Doc, Ihre Panzerleute nennen sich ja seither schon immer DANTONS HÖLLENHUNDE. Nichts liegt mir ferner, als dies nicht zu bestätigen.“
„Was anneress hätte ich auch nicht erwartet, Cheeeef“, brummte Patrick Dolittle und schob die obligatorische Zigarre im Mund herum. „Lass ma hörn, wie der Rest von meinen Kids heißen soll.“
„Gerne. Du hast vier Lanzen, First Lieutenant.
Die erste, also deine Lanze heißt fortan nach deinem Spitznamen: DOC.
Die Scoutlanze nach Mike McLoyds waghalsigen, rasanten Fahrstil HERMES.
Die Kampflanze trägt Sergeant Niedermeyers schlechter Angewohnheit zu treffen Rechnung: GRIM REAPER.
Und die Artilerielanze unter Sergeant Gordon wird fortan ARCHER heißen. Zufrieden, Doc?“
„Das ich das noch mal erlebe. Das der Cheef mal auf meine Bedürfnisse eingeht.“
Wieder wurde gelacht.
„Kommen wir zu den Mechs.
Captain Scharnhorst, wir haben einen Einheitsnamen für die Mechs gefunden: Der Vorschlag kam vom Mastersergeant: DANTONS DAEMONIS. Ich fühle mich geehrt.
Bei der Kommandolanze sieht es wie folgt aus: Du behältst natürlich dein Callsign TANK.
Und Decius Metellus sein PILUM.
Cadet Simstein hat einige Stunden damit zugebracht mich zu überreden, dass er auch weiterhin FASTERMAN gerufen wird. Na meinetwegen.
Etwas Mühe hat mir hingegen Private Svoboda gemacht. Bis er selbst ein Callsign vorgeschlagen hat: SNOB. Ich sehe, Sie machen sich, Karel.
Die Erkundungslanze.
Second Lieutenant Dukic, niemals hätte ich Ihnen Ihr altes Callsign genommen. Auch bei uns haben Sie drei D im Namen: TRIPLE-D.
Sergeant Borer, ich denke, mit SOL als Anspielung auf Ihre Solaris-Zeit kommen Sie ganz gut weg.
Miko-chan. Natürlich behältst Du dein SAKURA. Das hast Du dir verdient.
Und Private Trent: Uns ist nichts Besseres eingefallen. Sie heiße ab sofort FINN.
Kampflanze. Sergeant Rebecca. Ihr Callsign hat eine gewisse Tradition. Sie heißen weiterhin FANG.
Corporal Mulgrew, Sie behalten weiterhin Ihr SNIPER.
Corporal Stein, Sie behalten natürlich ebenfalls Ihr STEEL.
Und Private Mayhem, auch Sie bekommen Ihr ureigenstes Callsign zurück: MARV.“
Wieder ließ Germaine Danton den Blick über den Raum schweifen.
„Die Schlaglanze.
First Lieutenant McHarrod, wir fanden alle, dass für Sie ein LUPO angebracht ist.
Corporal Papastratas, wir werden Sie auch weiterhin ARTEMIS rufen.
Corporal Fokker, was soll ich sagen? Drei Offiziell eingereichten Ersuchen und fünf persönlichen Bittstellungen habe ich nichts entgegenzusetzen. Natürlich heißen Sie auch bei uns weiterhin SPARROW.
Private Ferrow, auch Sie haben sich ein eigenes Sign gewünscht, dass zu Ihnen passt. Nun gut. Wir, die Offiziere der Chevaliers entsprechen Ihrem Wunsch. Fortan heißen Sie TEAR.
Möge dies fortan die einzige Träne in Ihrem Leben sein.
Und Sergeant Rowan, Sie und Ihre vier Elementare haben wir nicht vergessen.
Es ist ein Callsign, das für Sie alle fünf gelten wird. Es sollte sowohl Ihren Charakter als auch Ihren Aufgaben entsprechen. Letztendlich fiel die Wahl auf STRIKER.
Ich denke, das passt am Besten zu Ihnen.
Das war es auch schon.“ Germaine deutete auf den Bildschirm hinter sich, wo die Codenamen enthüllt worden waren. „Und ich hoffe, Sie sind alle zufrieden.“
Bestätigende Worte, vereinzelter Jubel klang auf. Dazu stetig anschwellender Applaus.
Am Höhepunkt des Lärms hob Germaine Danton wieder die Hände.
„Wir haben noch vier Stunden bis zum Sprung nach New Home. Dies ist vielleicht die letzte Gelegenheit, um – wie es Lieutenant Dolittle immer so nett formuliert – die Sau rauszulassen.
Ich befehle hiermit auf allen drei Landungsschiffen Dienstpause bis zum Sprung.
Unsere kulinarischen Künstler haben ein Barbeque auf allen drei Landungsschiffen bereitet. Zudem hebe ich das Alkoholverbot für diese vier Stunden auf.
Ich wünsche viel Spaß. Und, Chevaliers, bei der Maus, lasst uns feiern.“
Wieder klang Applaus auf, gefolgt von Pfiffen und lautem Jubel.
Als die Köche das Barbeque in den Frachtraum schoben waren die Chevaliers gar nicht mehr zu halten.
„Na, das habe ich doch gut gemacht, oder?“, brummte Germaine seinen Offizierskollegen zu.
Die nickten bestätigend oder bejahten leise.
„Bleibt nur eins zu hoffn, Cheeef“, sagte Dolittle laut genug, damit die anderen ihn über den Lärm der beginnenden Feier hören konnten. „Hoffentlich haste Unrecht und dies wird nicht unsere letzte Feier für ne lange Zeit.
Aber falls doch, habt Ihr den schon mal probiert?“
Dolittle öffnete seine Uniformjacke und zog eine Flasche Glengarry Black Reserve hervor.
„Wer holt die Gläser?“, fragte Germaine lachend.
Ace Kaiser
02.04.2004, 00:56
Die sieben Delinquenten versuchten verzweifelt, vor Germaine stramm zu stehen. Das war schwierig, wenn sie in der Schwerelosigkeit ihre Magnetstiefel nicht benutzen durften.
Der Chef der Chevaliers hatte beide Hände, die Ellenbogen aufgestützt, vor dem Gesicht gefaltet und beobachtete über deren Rand die angetretenen Infanteristen, Techs und Panzerfahrer. Peterson und Dolittle lehnten wie beiläufig und leger, wie man es nur konnte, wenn man den Aufenthalt in Schwerelosigkeit über Jahre gewöhnt war, an den Wänden zur Linken und zur Rechten. Peterson schien zu dösen, aber sein scharfer Blick fixierte die Angetretenen unter dem Rand seiner Augenlider.
Dolittle machte es etwas offensichtlich. Er betrachtete die Meute und schüttelte den Kopf.
„Meldung“, befahl Germaine leise.
Die Angetretenen gaben nacheinander Rang, Name, Dienstnummer und Teileinheit aus, das im besten gebrüllten Kasernenstil.
Als die Reihe durch war, nickte Germaine zufrieden.
„Sie wissen, warum Sie hier sind? In diesem Büro? Direkt vor meinen Augen?“
Einige der Chevaliers erwiderten den Blick fest, wenn auch nur kurz. Die meisten sahen betreten zu Boden, was in der Schwerelosigkeit eine Drehung um die Querachse auslöste.
„Sie sind hier, weil Sie mein Vertrauen missbraucht haben, Herrschaften. Ich weiß, was einige von Ihnen sagen wollen. Es ist ja nichts passiert und so.
Richtig. Denn wäre was passiert, dann würden wir das nicht hier im Büro klären, sondern vor dem Kriegsgericht.“
Die leise gesprochenen, deutlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Einige keuchten erschrocken auf.
„Ehrlich gesagt, ich verstehe Sie nicht. Gefällt es Ihnen in der Einheit nicht? Ist der Dienst zu hart? Geben Sie mir doch bitte eine plausible Erklärung dafür, dass Sie sich maßlos betrunken haben.“
Leise wagten es einige der Angetretenen zu verneinen.
„Ruhe. Die Fragen waren rhetorischer Natur.
Vor dem Sprung nach New Home hatte ich das Alkoholverbot aufgehoben. Warum haben Sie sieben diese Erlaubnis missbraucht? Warum haben Sie mich verraten?
Ich gebe zu, ich, Captain Scharnhorst und Captain Peterson haben zusammen mit Lieutenant Dolittle eine halbe Flasche Whisky getrunken.
Aber wir waren anschließend noch dienstfähig. Sie aber mussten im Krankenrevier behandelt und ausgenüchtert werden.
Und das, obwohl Sie wussten, dass Sie acht Stunden später Dienst haben würden. Und sogar diese Zeit hat nicht ausgereicht, Sie auszunüchtern.“
Der Major sah jedem einzelnen in die Augen. „Alkoholverbot für vier Wochen. Freigang gestrichen. Sonderschichten nach Ermessen der Teileinheitsführer. Und einmal die Woche Bluttest bei Doc Wallace. Findet sie auch nur ein Promille, dass weder von einem Medikament noch von einer Infusion stammt, erweitere ich Ihre Bewährungszeit auf das Dreifache.
Ach ja, die Teileinheitsführer dürfen gerne, sehr gerne noch eigene Strafen für Sie festlegen.
Weggetreten.“
Mustergültig drehten sich die sieben Chevaliers um und verließen schwebend, aber in Reihe das Büro.
„Man könnte ja zumindest erwarten, dass sie gesunden Menschenverstand haben“, brummte Germaine leise. „Sie hätten es wenigstens irgendwie vertuschen können. Aber derart offensichtlich Dienstunfähig zu sein…“
Er sah sich seine beiden Offiziere an. „Überprüft bitte das Umfeld dieser Soldaten. Ich will wissen, ob sie einfach nur Pech hatten oder ob ihre Kameraden sie nicht gedeckt haben.
Wenn letzteres der Fall ist, dann will ich, dass Ihr was dagegen tut.
Man darf ruhig mal einen Fehler machen. Aber man darf kein Eigenbrödler sein.“
„Ich werde das nachprüfen. Vier von ihnen stammen ja aus meinem Stall“, brummte Peterson. „MacLachlan hat sein Ohr gut am Puls des Geschehens. Ich werde mich mal wieder mit ihm unterhalten.“ Der Rasalhaager nickte beiden zu und verließ das Büro.
„Was meintest du damit, Cheef? Wenn sie von ihrem Kameraden gedeckt worden wären, hättest du sie nicht bestraft?“
„Auch, Doc. Auch. Aber ich denke auch daran, dass jeder einmal einen Fehler macht und auch machen darf. Dann muss man mit den Konsequenzen leben, aber man muss weiter machen. Aufstehen und wieder laufen.“
„Verstehe“, brummte Dolittle und grinste. „Scheint so, als würde aus dir noch ein verteufelt guter Kommandeur werden, Germaine.“
Der Chef der Panzerfahrer verließ ebenfalls das Büro.
Zurück blieb Germaine mit seinen Gedanken. Einer davon galt einem anderen Menschen, der einen Fehler gemacht hatte, und sich wieder gefangen hatte. Dieser Mensch war Dawn Ferrow.
Seine Gedanken schweiften zurück zu dem Gespräch mit ihr, an ihrem Krankenlager, in der Kaserne auf Outreach…
Ace Kaiser
02.04.2004, 00:59
„Ist sie ansprechbar?“, fragte Germaine leise. Belinda Wallace nickte nur stumm.
„Gut. Dann gehe ich da jetzt rein.“
Doc Wallace legte eine Hand auf die Schulter des Majors, um ihn zurückzuhalten. „Schatz, es… Es ist von medizinischer Seite wichtig, dass sie sich nicht aufregt. Ich weiß nicht, was Du ihr sagen willst, aber tu es möglichst schonend.“
Germaine drehte sich um und sah Belinda in die Augen. „Du denkst, dass ich sie feuern will?“
Unsicher nahm die Ärztin die Hand zurück. „Es läge zumindest nahe.“
Der Major lachte unsicher. „Verzeih mir, Schatz, aber ich vergesse immer, dass wir noch kein ganzes Jahr zusammen sind. Es ist mir immer, als wären wir schon seit der Kindheit ein Paar.
Es gibt viele Seiten an mir, die du noch nicht kennst, Bellie. Und anscheinend eine Seite, der du noch nicht vertraust. Dawn hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, nachdem sie vom Tod ihres Ziehvaters erfahren hat, richtig?
Das ist kein Grund, sie zu feuern. Dieses Mädchen ist nun ein Chevalier, und wenn es in meiner Macht steht, tu ich alles für meine Leute.
Immerhin habe ich den Sprachkurs für Decius Metelle bezahlt. Oder die teure Therapie für Willem genehmigt. Meine Leute sind in diesem Leben alles was ich noch habe. Sie sind meine Familie, und ich kümmere mich um sie, wie es sich für ein Oberhaupt gehört.
Auch wenn sie…“ Germaine sah zu Boden. „Auch wenn sie einmal schwach sind. Ich verstehe das zu gut. Viel zu gut.“
Belinda Wallace starrte ihren Gefährten an. Endlich ging sie auf die Zehenspitzen und küsste ihn. „Danke“, sagte sie. „Danke, dass du du bist, Germaine.“
„Ohne dich wäre ich schon lange tot“, erwiderte der Major und strich der Ärztin eine verirrte Träne von der Wange.
„Ach übrigens“, hielt Belinda den Mann vor dem Betreten des Krankenzimmers noch einmal zurück, „wenn sich jemand umbringen will, schneidet er sich die Pulsadern längs auf, den Arm runter. Nur Leute, die es nicht besser wissen, schneiden parallel zum Handgelenk. Oder solche, die eigentlich lieber leben wollen.“
Ein flüchtiges Grinsen huschte über Germaines Gesicht.
Im Zimmer herrschte Dämmerlicht. Dämmerung, wahrscheinlich das Äquivalent zu Dawn Ferrows momentaner Stimmung.
„Sind Sie wach, Mechkrieger?“,fragte der Chevalier in die Dunkelheit.
„Sir?“, kam es schwach vom Bett.
Germaine folgte der Stimme und ließ sich auf dem Rand des Krankenlagers nieder. „Na, da haben Sie ja ganz schönen Mist gebaut, Dawn“, brummte der Major statt einer Begrüßung.
„Ich…ich…“, stammelte sie.
„Wissen Sie eigentlich, wie viele Chevaliers sich Sorgen um Sie machen? Jara? Sie ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Einheit rauf und runter, von den MechKriegern bis zu den Techs hoffen die Chevaliers auf gute Nachrichten über Ihre Gesundheit. Zurzeit hängen wir die Daten Ihrer täglichen Vitalfunktionen ans Schwarze Brett, damit nicht immer das halbe Bataillon das Krankenrevier stürmt, um nach Ihnen zu fragen.“
Germaine übertrieb absichtlich etwas. Natürlich stürmte niemand das Krankenrevier. Andererseits waren die MedTechs vor dem Aushang am Schwarzen Brett wirklich mit Dutzenden Anrufen mit Fragen nach der MechKriegerin bombardiert worden.
„Ob Sie es nun glauben oder nicht, Dawn, Sie sind sehr beliebt in der Einheit. Und es hat jeden erschrocken, einschließlich mich, als Sie diesen Quatsch gemacht haben.“
Trotz regte sich in der schlanken Kriegerin, Germaine konnte es beinahe sehen, wie er sich über dem Bett zusammenbraute und nach ihm zu greifen drohte.
„Sie können… Sie können das nicht verstehen, Sir. Mein Vater, er… Mein Ziehvater…“
„Oh doch, ich kann.“ Germaine griff in seine Pistolentasche an der Hüfte und zog die Autopistole hervor. „Sie sind nicht die Einzige, die einen schweren Verlust erlitten hat. Beim Kampf gegen die Ronin habe ich fast ein Drittel meiner Einheit verloren.
Und davor, auf Thule, habe ich mir den Lauf dieser Waffe an die Schläfe gehalten und beinahe abgedrückt…“
Erschrocken keuchte Dawn auf. „Was?“
„Ja, glauben Sie es nur. Jeder hat mal einen schwachen Moment in seinem Leben. Und jeder darf diesen Moment auch haben. Aber dann ist es gut, wenn er Freunde hat, die einem wieder aufhelfen. Bei Ihnen war es Jara Fokker, Dawn. Mein Engel war Sergeant Decaroux.“
„W-wieso…?“, hauchte sie leise. Wieso hatte sich der Kommandeur einer eigenen Söldnerkompanie nach dem ersten Sieg über die Ronin auf Thule umbringen wollen?
Die Frage stand im Raum, Dawn brauchte sie nicht auszusprechen.
Germaines Augen wurden alt, als er sich zurück erinnerte. An den Hinterhalt, die fliehenden Ronin-Mechs. Den vorwitzigen Panther, der plötzlich vor seinem Thor auftauchte…
Der direkte Cockpittreffer, die Stunden, Tage , Wochen danach…
„Ich habe einen direkten PPK-Treffer abbekommen, zentral ins Cockpit.
Wäre es eine Clansvariante gewesen, säße ich jetzt nicht hier. Aber die IS-Version reichte schon, um mir ein paar üble Verletzungen zuzufügen.
Unter anderem wurde mein linkes Mittelohr schwer mitgenommen. Ich habe in dieser Schlacht meine Fähigkeit verloren, einen Mech zu steuern, Dawn.“
„Oh. Und deswegen…“ Dawns Hand kam unter der Decke hervor, tastete nach Germaines Hand und legte sich tröstend auf sie.
Die junge Frau verstand gut, viel zu gut, was diese Verletzung für Germaine bedeutete. Und selbst in ihrer Lage versuchte sie noch, ihrem Kommandeur, ihrem Mitkrieger Trost zu spenden.
„Aber ich bin drüber weg, Dawn. Ich habe erkannt, wie einfältig und wie eigensüchtig ich in diesem Moment gewesen war. Sicher, einen Mech zu steuern, bedeutete mir früher alles.
Diese Giganten nicht mehr in die Schlacht zu lenken, nicht selbst eingreifen zu können, ist eine Enttäuschung für mich, die bis auf den Grund meiner Seele reicht.
Aber Selbstmord zu begehen hätte bedeutet, meine Einheit in Stich zu lassen. Meine Freunde in Stich zu lassen. Meine Geliebte in Stich zu lassen.
Ich sah auf und erkannte meine Antwort auf eine Frage, die ich nie gestellt hatte.
Ja, ich musste weiterleben. Ja, ich würde mein Bestes geben. Wenn nicht für mich, dann doch für jene, die mir vertrauten.
Für Sie, Dawn, gebe ich mein Bestes.
Wollen Sie dieses Kapitel Ihres Lebens nicht beenden und mir Ihr Bestes geben?“
Die Hand der MechKriegerin zog sich zurück. „Ich… ich habe daran gedacht, die Einheit zu verlassen, Sir.“
Germaine lachte freudlos. „Sie haben sich hier ein Leben aufgebaut, Dawn. Ein gutes Leben und eine steile Karriere auf einem hervorragenden Mech. Fliehen Sie nicht. Stellen Sie sich der Verantwortung.“
Stille antwortete Germaine.
Endlich sagte Dawn: „Und wenn ich mich versetzen lasse? In eine andere Lanze, eine andere Teileinheit?“
„Und sechs Wochen gemeinsame schwere Arbeit mit Jara auf den Müll werfen? Das Ziel aufgeben, das beste Team der Chevaliers zu werden? Abgesehen davon dürften Sie mit dem Fenris in der Küche ein merkwürdiges Bild abgeben.“
Ein leises Kichern bewies Germaine, dass auch Dawn diese Vorstellung absurd fand. Er wusste aus ihrem Lebenslauf, dass ihre Kindheit nicht nur aus Vergewaltigung bestanden hatte. Auch aus kochen. Sicherlich würde sie eine Bereicherung für Leon und seine Mannschaft sein. Aber es würde ihr, vor allem ihr nicht helfen.
Der Major ergriff die Hand wieder, die Dawn zurückgezogen hatte. „Werden Sie gesund, Dawn. Und kommen Sie zu uns zurück. Zu Ihren Freunden, zu Ihrer Familie.
Ringen Sie Ihre inneren Dämonen nieder und stehen Sie uns wieder bei.
Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass kein Chevalier sterben wird. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Jara nicht fällt.
Aber ich verspreche Ihnen, dass Ihnen dann jeder einzelne Tag fehlen wird, bitter fehlen wird, den Sie nicht mit Jara, mit uns verbracht haben.“
„Ich denke drüber nach, Sir.“
„Das ist doch schon mal ein Anfang“, erwiderte Germaine und erhob sich. „Ich sehe Sie dann im Dienst. Sie im Mech und mich neidisch davor.“
Sie versuchte es zu unterdrücken, aber dennoch begleitete Dawns leises Kichern ihn bis hinter die Tür.
*
Germaines Gedanken konzentrierten sich wieder auf die Gegenwart. Dawn hatte sich gefangen, das war richtig und gut so. Auch die Einheit hatte sich gefangen, von den bitteren Verlusten während des Kampfes gegen die Ronin erholt. Von der Demütigung während der Silvesternacht.
Aber der Major wusste besser als jeder andere, dass der harte Teil ihres gemeinsamen Weges erst noch vor ihnen lag.
Man erwartete die Chevaliers. Und man misstraute ihm.
Und da flogen sie nun, mitten auf eine vom Bürgerkrieg geschüttelte Welt, auf der sich zwei Einheiten seit Jahren gegenseitig belauerten und die zivilen Zustände schlicht ruinös sein mussten, eine ComStar-Einrichtung beschützen, die sie Blakes Wort übergeben sollten, nur um auf jene Welt weiterzureisen, deren Herr die erste Welt seit Jahren überfiel und plünderte.
Allein der Gedanke hieran verursachte beim Chevalier so ziemlich jedes Gefühl der Gefahr, welches er jemals gespürt und entsprechend klassifiziert hatte.
Soviel zum kurzfristigen Auftrag zur Überbrückung bis zum nächsten Kontrakt.
Ace Kaiser
02.04.2004, 22:44
Noch vor drei Stunden hatte Ruhe auf den drei Landungsschiffen der Chevaliers geherrscht – wohlgemerkt die Ruhe vor dem Sturm.
Und der brach nun los. Die Chevaliers befanden sich im Anflug auf New Home.
Germaine Danton lehnte sich in seinem Sitz im Mobilen Gefechts-HQ der Chevaliers zurück und beobachtete das Hologramm der näheren Umgebung.
Das Ziel der kombinierten Einheit war Spina Planetia, ein gigantischer Superkontinent, der sich von Nordpol bis zum Südpol erstreckte. Zwei vor Jahrmillionen von diesem Giganten abgedrifteten, eher unbedeutenden Splitter, die weit kleineren Kontinente Goldwyn und Abergeiht hatten für die Aktion der Söldnereinheit keinerlei Bedeutung.
Ihr Ziel war Mann, die größte Stadt New Homes, aus gestattet mit dem größten Raumhafen des Planeten, der ganzen Region. Ihre taktische Lage zwischen Ausläufern der Great Spine Mountains und dem östlichen Tomasso-Ozean sicherte einerseits wichtige Ressourcen, andererseits bot er den Bergbaufirmen, die selbst in den Zeiten des Bürgerkrieges aktiv waren, exzellente Verschiffungsmöglichkeiten.
Dort würden die Chevaliers ausbooten und den langen, siebenhundert Kilometer weiten Marsch die Küste hinauf nach Findler machen, der planetaren Hauptstadt. An dessen Rand gedrängt befand sich der Beta-HPG, den die Chevaliers beschützen sollten, bis die ComStar-Techniker ihn an Blakes Wort übergeben hatten.
Der direkte Anflug auf Findler wäre einfacher gewesen, aber beide kämpfenden Fraktionen, sowohl die Dreißigste Lyranische Garde als auch die New Home Regulars, also die Stellvertreter von Davion und Liao in diesem Bürgerkrieg, hatten ComStar verboten, den eigenen kleinen Raumhafen in der Nähe des HPG zu nutzen. Beide Seiten befürchteten, dass statt der neutralen Chevaliers eventuell Entsatztruppen eintrafen.
Und keine Seite wollte dabei zusehen, wie blitzschnell frische Truppen in das Patt gebracht wurden, welches rund um Findler regierte. Was die planetare Hauptstadt definitiv zu einer der ruhigsten Zonen des gesamten Planeten machte – relativ gesehen.
Die siebenhundert Kilometer waren in wenigen Tagen zu schaffen. Zeit genug, um die Stärke der Chevaliers einzuschätzen. Und Zeit genug, jede einzelne Bewegung der Söldner misstrauisch zu verfolgen.
Germaine schmunzelte bei dem Gedanken, dass die beiden Kriegsparteien so sehr damit beschäftigt sein würden, auf einen offensichtlichen Verrat der Chevaliers zu warten, dass sie kaum dazu kommen würden, einander die Schädel einzuschlagen.
Die Anwesenheit der Söldner würde eventuell eine Ruhepause einläuten.
„X minus zehn, Germaine.“ Juliette Harris sah zu ihrem Chef herüber. Der nickte.
Er hatte sich für eine heiße Landung entschieden. Wenngleich seine Einheit neutral war, wollte er es nicht riskieren, dass die starken Kräfte rund um Mann die Gelegenheit nutzten, um ihre eigenen Versorgungslager aufzufüllen. Jedem guten Kommandeur musste es bei einer solchen Gelegenheit in den Fingern jucken.
Vielleicht der einzige Grund, warum ihnen die Landung auf dem von den Lyranern bewachten Raumhafen gestattet wurde.
Wie dem auch sei. Noch zehn Minuten bis zum Eintritt in die Anziehungskraft der erdähnlichen Welt.
„Öffne einen Kanal an alle Einheiten. Offen auf drei.
Eins… zwei… Home Base an alle Einheiten. Noch neun Minuten bis Punkt X. Ich weiß nicht was uns auf New Home erwartet, immerhin wird diese Welt von einem Bürgerkrieg erschüttert. Aber wir haben die Lage immer und immer wieder analysiert und den besten Plan für eine Landung aufgestellt. Jeder Offizier hat außerdem mit seinen Soldaten diverse Ausweichpläne trainiert. Selbst wenn wir angegriffen werden, sollten wir weit mehr austeilen können als wir einstecken müssen. Vertraut also auf eure Offiziere und eure Kameraden.
Vorgehen wie besprochen. Die Fallen Angels geben Deckung für den Landeanflug. Rotte Hellboy geht runter, Rotte Kiki gibt hohe Deckung.
Base 2 wirft Triple-D im Orbit ab. Triple-D sichert die Landezone.
Base 1 geht als erstes runter, schleust Tank, Fang und Lupo aus.
Base 3 geht südlich von Base 1 runter und beginnt sofort mit dem Ausschiffen von Digger und seiner Ausrüstung.
Base 1 und 2 schleusen in der Zeit die Höllenhunde aus, die auf weite Sicherung gehen.
Hammer schleust als letzter aus, sichert das ausbooten und den Abmarschkonvoi bis zum Startsignal.
Sneaker kundschaftet derweil die Marschroute aus.
Sobald unser Kram am Boden ist, starten die Landungsschiffe wieder, um auf Goldwyn das Ende unserer Mission abzuwarten.
Die Chevaliers rücken dann in geschlossener Marschkolonne vor.
Unser Weg ist siebenhundert Kilometer lang. Wir werden für diese Strecke drei, maximal vier Tage brauchen. Allerdings führt uns unser Weg über eine gut ausgebaute Strecke für Schweres Gerät.
In Findler angekommen übernehmen wir die Wache am HPG von den ComGuards, die sofort, ich wiederhole, sofort abrücken werden. Ich erwarte von jedem Chevalier in diesen kritischen Stunden allerbeste Leistung.
Das ist unser Terminplan für die nächsten Stunden und meine Planung für die nächsten Tage.
Leute, das da unten ist eine Bürgerkriegswelt. Es kann durchaus passieren, dass wir beschossen werden. Da wir nicht sicher sein können, welche Partei es da auf uns abgesehen hat, ziehe ich es vor, den Angreifer auszurotten, anstatt mich bei Vorgesetzten zu beschweren, welche die Schuld ihrem Kriegsgegner zuschieben.
Bleibt in diesem Fall nichts schuldig, denn ein toter Angreifer kann euch kein zweites Mal attackieren. Aber achtet darauf, die Kollateralschäden niedrig, um nicht zu sagen bei null zu halten.
X minus zwei Minuten. Fallen Angels bereithalten. Home Base Ende und aus.“
Germaine Danton sah sich im Befehlsfahrzeug der Chevaliers um und lächelte zufrieden. „Ich erwarte von jedem hier sein Bestes. Lieutenant Harris.“
„Sir?“ „Gefechtsalarm. Die Fallen Angels sollen starten.“
„Aye, Sir.“
First Lieutenant Harris griff an ihr Headset und gab mit ruhiger Stimme leise Anweisungen. Kurz darauf heulte der Alarm durch die ROSEMARIE alias Base 1.
Die KommTechs brachen in wilde Geschäftigkeit aus, ohne hektisch oder gar panisch zu wirken. Ein leises Rumpeln bewies, dass sie das gravitatorische Feld von New Home erreicht hatten.
Juliette sah herüber. „Fallen Angels gestartet, Sir.“
„Daten auf mein Holo.“
Der Holotank wurde aktualisiert, die blaue Kugel New Homes machte einen regelrechten Sprung auf Germaine zu. Alle vier Raumjäger wurden grün markiert. Unbeschädigt. Ein blauer Rahmen umgab jeden einzelnen. Freundlich, eigene Einheiten.
„Bis hierhin ging es gut“, brummte der Major leise.
Ace Kaiser
02.04.2004, 22:51
Die drei Landungsschiffe wurden von den beiden Stukas eskortiert. Die Schwerbewaffneten, mit hundert Tonnen gewaltigen Überlegenheitsjäger waren ein gutes Argument gegen jeden Angriff.
Dazu kam natürlich noch die Feuerkraft der drei Lander – bei Seeker und Union beachtlich.
Doch noch schien es, als sollte sie an diesem Tag nicht eingesetzt werden müssen.
Germaine Danton lächelte. Es war ein ruhiges, gedankenverlorenes Lächeln.
„Sir“, rief einer der Techs. „Hellboy meldet Boogies am Boden und Bandits in der Luft. Zwei Rotten Luzifer.“
„In Reichweite?“, fragte Germaine leise. Vor ihm wurde der Holowürfel auf den neuesten Stand gebracht.
„Nein, Sir. Die Mechs befinden sich außerhalb der Landezone und die Bandits halten einen Sicherheitsabstand. Sie bestehen auf Einhaltung des Landekorridors.“
„Haben wir den Korridor verlassen? Fragen Sie bei Kapitän al Hara nach.“
„Negativ, Sir. Weder wir noch die Jäger.“
„Dann ist da unten jemand reichlich nervös.“ Der Major legte die Hände unter dem Kinn zusammen und stützte sich darauf ab. „Hellboy soll mir einen genauen Scan der Umgebung bringen. Vorher werfe ich keinen Chevalier ab.“
„Aye, Sir.“
Der Tech reichte die Nachricht weiter. Kurz darauf gingen beide Jäger der Chevaliers zum Tiefflug über und donnerten in nur drei Kilometern Höhe über den Raumhafen hinweg.
„Daten von Hellboy kommen rein, Sir. Boogies wurden identifiziert als Patrouille der Lyraner. Ein Zeus, ein Blitzkrieg, zwei Greif. Befinden sich auf Patrouillekurs um den Raumhafen.
Auf dem Hafen selbst sind keine Boogies zu erfassen.“
„Direktverbindung zu Triple-D.
Hier spricht Home Base. Dzenek, normalerweise würde ich mit ein paar Schiffspepps auf die Stellen feuern lassen, auf denen ich die Schiffe aufsetzen lassen will, um ein paar Ratten aufzuscheuchen oder ein Minenfeld hoch zu jagen.
Die Verdachtsmomente reichen aber nicht dazu aus. Springen Sie wie abgesprochen, aber zur Reserve-LZ kurz vor dem Raumhafen. Von dort arbeiten Sie sich bis zu unseren Liegeplätzen vor. Es sind ein paar Leopard und einige Union da unten, beschäftigt mit Ladearbeiten. Seien Sie aufmerksam, die Dinger bieten einen guten Ortungsschutz für ein paar Kompanien.
Ich werde erst landen, wenn Sie es freigeben, okay, Lieutenant?“
Es knackte kurz in der Leitung, dann sagte der Chef der Erkundungslanze: „Verlassen Sie sich auf mich, Sir.“
Germaine lehnte sich wieder zurück. „ROSEMARIE und SKULLCRUSHER sollen leicht zurückfallen. Gebt der BOREAS fünf Minuten Vorsprung. Das sollte reichen.“
Auf dem Holo konnte der Major sehen, wie sich die BOREAS aus dem Verband löste, vorauseilte und die Mechs in der Stratosphäre abwarf. Danach kämpfte sich der Lander wieder etwas höher, in die Exosphäre zu den anderen beiden Landern.
Der Abwurf verging fehlerlos. Wie erwartet erreichte die Erkundungslanze den Raumhafen.
Für einige Momente wurde es kritisch, als ein störrischer Wachoffizier seine Leute nicht auf den Raumhafen lassen wollte und damit die Befürchtungen Germaines noch bestärkte.
Er war nahe daran, alle drei Lander auf der Ersatz-LZ landen zu lassen, als ein verständiger lyranischer Offizier die Mechs mit einem Machtwort passieren ließ. Doch nun begann die Aufgabe von Lieutenant Dukic erst.
Die Zeit schien sich ins Unendliche zu dehnen. Sekunden wurden zu Minuten. Von einem Nebenpult hörte Germaine einen der KommTechs den Funkverkehr der Erkundungslanze koordinieren. „…gehe weiter vor, Triple-D…Finn folgen…könnte ein Mech sein, Sakura… nur ein Verlade-Exo… messe auch nichts in den Katakomben an…“
„Home Base von Triple-D. LZ ist sauber, ich wiederhole, sauber.“
Der Major nickte einem anderen KommTech zu. Die junge Frau drückte enthusiastisch auf die Sprechtaste ihres Headsets und rief: „An alle Bases, an Fallen Angels, an Triple-D. Grünes Licht, ich wiederhole, grünes Licht. GAZ vier Minuten, ich wiederhole, vier Minuten.“
Die drei Lander begannen die Atmosphäre hinabzuklettern.
Drei Decks tiefer, bei den Mannschleusen, nahm Captain Peterson den Salut von zehn jungen Männern und Frauen an und erwiderte stolz. Er besah sich jeden einzelnen, warf einen schnellen Blick auf die Ausrüstung der Leute. Jeder zweite trug ein schweres ZEUS Sturmgewehr, alle waren mit Shimatzu-MPs, Autopistole, zwei Nadlern, Handgranaten und einem Bowiemesser ausgerüstet.
Die Uhr tickte unerbittlich, belehrte den frisch beförderten Captain daran, dass er nur noch wenige Sekunden hatte. Er sah zu Sergeant Decaroux hinüber, der diese Soldaten ausgebildet hatte. Dieser nickte stolz, zufrieden.
Peterson wollte so vieles sagen. Das er die Sniperteams schätzte, das er den Absprung in der Troposphäre für sehr gefährlich hielt, was viel über den Mut dieser zehn Chevaliers aussagte. Das er auch den Anflug auf die fünf ausgewählten Dächer des Raumhafens mit den Gleitfallschirmen als riskant einschätzte, es aber für die Sicherheit der Einheit für unwiderlegbar hielt, dass sie auf den Dächern der Lagerhallen rund um die Landezone der Chevaliers in Stellung gingen, um notfalls blutige Ernte zwischen eventuellen Angreifern halten zu können.
Er wollte noch mal den Sammelpunkt erwähnen, an dem sie sich auf eigene Faust würden einfinden müssen, wenn die Chevaliers in einem Kampf verstrickt wurden – oder sogar die Landung abbrachen. Er wollte jedem einzelnen in die Augen sehen, gerade denen, die mit ihm auf dem Planet der Ronin im Dreck gelegen hatten. Er wollte tausend Dinge sagen, doch es wurden nur drei Worte: „Gebt euer Bestes.“
„Ja, Sir!“, hallte ihm die Antwort entgegen.
Cliff Peterson wandte sich Decaroux zu, als die letzten Sekunden bis zum Absprung unerbittlich langsam vergingen. „Übernehmen Sie.“
Der Sergeant salutierte. Einen Augenblick später ertönte das Signal.
„Los, los, los!“, blaffte Charles Decaroux. In Zweiertrupps traten die Sniperteams in die Schleuse und sprangen ab. Als das letzte Team in Rekordzeit ausgeschleust war und auf dem Weg zum Boden mit acht Metern pro Sekunde fiel, brummte Peterson: „Viel Glück, Chevaliers.“
Charles Decaroux nickte gewichtig. „Sie sind gut ausgebildet, Sir. Sie werden es schaffen, auch aus einer heißen Landezone.“
Ein Stich ging Peterson durchs Herz. Er dachte daran, dass die zehn Chevaliers beinahe wehrlos waren, solange sie an den Fallschirmen hingen. Er konnte nur hoffen, dass, wenn es eine Falle war, die Fallensteller die hilflosen Springer nicht abknallten wie Zielscheiben, weil sie die größere Beute, die technische Ausrüstung der Chevaliers, nicht vertreiben wollten.
„Sarge, dafür haben wir sie ausgebildet“, erwiderte Cliff und verließ der Bereich mit dem Kommando, um den Rest der Kompanie abzunehmen.
„Jetzt gilt es.“ Germaine Danton warf Juliette Harris einen langen Blick zu. Die junge Frau nickte. „Home Base an alle Bases, an Fallen Angels und Triple-D. GAZ eine Minute, ich wiederhole, eine Minute.“
Die drei Lander fielen nun vollends aus dem Himmel, ergaben sich ganz der Schwerkraft des Planeten. Der Erdboden kam rasend schnell näher. In einer Höhe von achthundert Meter begannen die Triebwerke mit Volllast gegen den freien Fall anzuarbeiten. Bei hundert Meter war aus dem Absturz ein schweben geworden. Nach exakt einer Minute und drei Sekunden setze die ROSEMARIE als zweites Landungsschiff der Chevaliers auf dem Raumhafen von Mann auf.
„Touchdown“, sagte Juliette Harris laut in ihr Kommset. „Die Chevaliers sind gelandet.“
Sie sah zu Germaine herüber. „Sir, kein Ärger in Sicht.“
Noch nicht, hatte Germaine Danton antworten wollen, aber er verbiss es sich. Stattdessen kommentierte er: „Bis hierhin ging es gut.
Ausschleusen nach Plan. Das Mobile HQ reiht sich zum Ausschleusen ein.“
Das war es also. Kein Alarm, keine hektischen Befehle, kein Waffenfeuer. Die Landung war tatsächlich ruhig erfolgt. Beinahe wünschte sich Germaine das Geräusch von abspringenden Panzerplatten, vom Prasseln eines Pulslasers, von den Detonationen eines Schwarms LSRs.
Da hätte er wenigstens gewusst, woran er war.
Rumpelnd setzte sich das Mobile HQ in Bewegung.
Ace Kaiser
02.04.2004, 22:56
Die Ausschleusung der Chevaliers verlief recht ereignislos. Die Mechs flankierten die Lander, während Techs und Infanterie damit beschäftigt waren, Laster, LKT und den MechTransporter zu beladen.
Die Panzer waren auf weite Patrouille rund um den Raumhafen verteilt, während über ihnen die vier Jäger der Chevaliers kreisten – bereit, jeden Feind in den Erdboden zu stampfen, der es wagen würde, auch nur seine Nase zu zeigen.
Nach einer Stunde war die ROSEMARIE zu zwei Dritteln entladen. Auch die anderen Lander waren im Zeitplan. Seufzend erkannte Germaine Danton, dass für ihn im Moment nichts zu tun war. Also nickte er den KommTechs im Mobilen HQ zu. Und stieg aus.
Gekleidet in die einfache Chevaliers-Felduniform ohne Rangabzeichen drehte der Major eine Runde um das Befehlsfahrzeug und blieb stehen, als er die Stadt Mann einsehen konnte.
Krachend erwachte sein KommSet zum leben.
„Was machst du da draußen, Germaine? Kaum lässt man dich für eine Minute aus den Augen…“
Der Major lächelte. „Keine Sorge, Julie, ich sehe mich nur ein wenig um. Und nein, ich habe keine Rangabzeichen angelegt, um es Heckenschützen unnötig leicht zu machen.“
„Na, immerhin etwas. Wenn der Herr jetzt wieder gedenken würden, in das gepanzerte Fahrzeug zurück zu kehren…“
„Nicht so eilig. Ich entferne mich nicht weit. Und Zurzeit werde ich wohl nicht gebraucht, richtig?“
„Hm“, brummte Juliette Harris, die Stabschefin frustriert. „Was siehst du da draußen mit deinen eigenen Augen, was dir hier die Monitore oder der Holotisch nicht zeigen können?“
„Die Wahrheit, Julie, die reine, kalte Wahrheit.“
Germaine ging noch ein paar Schritte. Hundert Meter entfernt luden Techs den Ripper von Sergeant Hawk ab und entfalteten die Flügel. Der Major lächelte und winkte kurz zu Kitty rüber. Die deutete nur auf das Befehlsfahrzeug und gab ihm mit einer sehr direkten Geste zu verstehen, wo er ihrer Meinung nach sein sollte.
Demonstrativ schüttelte Germaine den Kopf.
Kitty Hawk seufzte sichtbar und senkte resignierend den Kopf.
Das amüsierte den Chef der Chevaliers. Obwohl sie kaum etwas sagte, sagen konnte, verständigte sie sich doch meistens besser als jemand, dessen Kehlkopf nicht derart vernarbt war.
„Also“, erklang wieder die Stimme der Stabschefin. „Was findest du da draußen so interessant, Germaine?“
Der Major seufzte und betrachtete wieder die Stadt Mann. Beziehungsweise den Ausschnitt, den er vom Hafen aus sehen konnte. Ein lyranischer LEOPARD, der gerade mit Stahl beladen wurde, behinderte die Sicht etwas.
„Es ist dieser Anblick, Julie. Dieser verdammte Anblick. Mann ist die größte Stadt auf New Home. Sie explodiert fast vor Aktivität. Sie ist eines der wichtigsten Nervenzentren des Planeten. Beiden Seiten sollte daran gelegen sein, dass die Erzfirmen weiterhin über diese Stadt ihre Erze und Mineralien verkaufen, veredeln und verschiffen können. Je nachdem, wem die Firma heimlich gehört.
Aber dann verstehe ich das da nicht.“
Ein Teil der Innenstadt war gut zu erkennen. Germaine zählte auf Anhieb über fünfzig Wolkenkratzer, weitere mochten sich hinter ihren Kameraden verstecken.
Derart große Gebäude zu bauen machte einen enormen Geldumschlag erforderlich. Und einen unendlichen Bedarf nach viel Platz auf kleinster Fläche. Wohnungen, Büros, Verwaltungen.
Geld war hier das Zauberwort.
„Verstehst was nicht?“
„Sie brennen, Julie. Die verdammten Wolkenkratzer brennen. Es sieht so aus, als hätten sie extra ein Dutzend angesteckt, um uns zu begrüßen.“
„Ich bin im Datennetz von Mann und Findler. Was du siehst sind die Ruinen von elf Bürogebäuden, die während einer Anschlagsserie letztes Jahr unbenutzbar gemacht wurden. Was du für Rauch hältst wird Staub sein, der von der aufsteigenden warmen Luft aus den zerstörten Gebäuden gesogen wird. Verantwortlich gemacht wird die Zhangzheng de Guang. Die sind zwar nominell mit den New Home Regulars verbündet, also sprechen wenn du es so willst, beide capellanisch. Aber anscheinend geht es den Zhangzheng nicht schnell genug.“
„Diese Terroristenbanden natürlich. Verdammt, ich habe die Clanfront gesehen. Aber so etwas würde kein Clankrieger freiwillig tun. Es wäre für sie eine Frage der Ehre, wenn nicht der Verschwendung von Ressourcen. Ist es nicht erstaunlich, dass es bei uns Soldaten tausend Anständige gibt, auf die ein Verbrecher kommt, der aber mehr Schaden anrichtet als die tausend zusammen? Blicklos, gewissenlos, gnadenlos, aber mit einer berechnenden, teuflischen Schläue.“
„Ich habe bereits ein Dossier verfasst, Germaine. Es geht an alle Teileinheitsführer raus. Die Zhangzheng und ihre Taktiken. Ich glaube, dass wir mit den Lyranern und den Regulars einen recht sicheren Frieden halten können. Wenn wir Ärger kriegen, dann mit diesen Terroristen, die sich nur ihrem Kanzler verpflichtet fühlen.
Wenn du jetzt bitte wieder einsteigen würdest, Germaine? Wir fahren gleich ab.“
„Ja, ist gut. Ich komme.“
Seufzend, mit einem letzten Blick auf die Stadt, drehte sich der Major um und ging wieder zum HQ zurück. Ein aufmerksamer Beobachter hätte vielleicht den grünen Punkt gesehen, der eben noch auf der Kleidung, knapp über dem Herzen geruht hatte und nun in einem weiten Schwenk über den Beton wanderte.
Ein ferner Schuss drang an die Ohren des Majors, gefolgt von einem zweiten. Er begann zu laufen. Das Tor des Mobilen HQs öffnete sich und hilfreiche Hände streckten sich ihm entgegen. Kaum hatte sich der Befehlswagen wieder geschlossen, eilte Germaine an seinen Platz zurück. „Shadow von Home Base. Bericht.“
„Home Base von Shadow. Ausradierer vier hat Ziel eliminiert. Möglicherweise Scharfschütze mit Beobachter. Ich schicke Sneaker mit ein paar Mann los, um nachzusehen.“
Ein Kribbeln breitete sich von Germaines Nacken bis in den Magen aus. „Negativ. Wir beginnen gerade mit dem Abmarsch der ersten Kolonne. Die zweite folgt, sobald der erste Lander abhebt. Sneaker soll die Ausradierer einsammeln und zurück bringen. Wir verschwinden hier.“
„Verstanden. Shadow Ende.“
„Denkst du, das ist klug, Germaine? Sollten wir nicht besser verifizieren, dass es wirklich ein Scharfschützenteam war? Abgesehen davon, das vielleicht gerade zwei Unbeteiligte erschossen worden sind?“
„Du willst Beweise sammeln?“
Juliette nickte.
„Und für wen? Weder die Lyraner noch die Regulars haben etwas davon, uns eine Überreaktion in die Schuhe zu schieben. Und um für eine Propagandaaktion zum Ziel zu werden sind wir nicht lange genug auf New Home.“
„Und die Söldnerkontraktkommission? Was wenn jemand Anklage erhebt? Ich sehe es ja ein, hier auf New Home wird das berichtet werden, was die eigentlichen Besitzer von Zeitungen und Fernsehen verlangen. Aber auf Outreach werden harte Fakten zählen.“
„Okay. Shadow von Home Base. Sneaker soll eine Runde drehen und Aufnahmen vom eliminierten Scharfschützenteam mitbringen. Ich hätte gerne ein paar gute Aufnahmen der Präzisionswaffe für unser Archiv und die Söldnerkontraktkommission, bevor die Zhangzheng ihr Material wieder einsammelt.“
„Verstanden. Wenn Sneaker Ausradierer drei abholt, werden wir ein paar Bilder schießen. Hochglanz und Silberrahmen?“
„Witzbold“, erwiderte Germaine. „Home Base Ende.“
Juliette nickte zufrieden. Zu ihrer Aufgabe im Stab gehörte auch, ihrer Einheit einen perfekten Leumund zu sichern. Nur so wurde gewährleistet, dass genügend Aufträge vorlagen, aus denen sich die Chevaliers die beste raussuchen konnten.
Germaine lehnte sich zurück. Nun begann der lange Weg nach Findler, zum ComStar-Posten.
Und er war sicher, sie würden noch oft vor der Frage stehen. Schießen, ducken oder stiften gehen…
Achthundert Meter entfernt kreiste ein Hubschrauber über einem niedrigen Schleppdach einer kleinen Montagehalle. Detailliert hielt die Bordkamera die Szene unter sich fest. Ein junger Mann, keine sechzehn Jahre alt, augenscheinlich Capellaner, niedergestreckt durch einen Schuss, der den Brustkorb zerfetzt hatte. Seine Augen starrten ungläubig gen Himmel. In der Hand hielt er ein militärisches Präzisionsfernglas.
Neben ihm ein Mädchen, noch jünger. Der Schuss hatte ihren Hals durchschlagen und sie mindestens ebenso effektiv getötet wie den Jungen mit dem Fernglas. Sie war über dem Griff eines Schweren Lasergewehres zusammengesackt. Beide trugen Zivilkleidung. Neben ihnen lagen offene, leere Nylonsporttaschen. Sie mussten jedem, den sie begegnet waren, vollkommen unverdächtig vorgekommen sein.
Denn welche Bestie würde schon Kinder in einen Kampf mit einem ganzen Bataillon schicken?
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:03
Nachdenklich betrachtete Germaine Danton die Region vor sich mit seinem Feldstecher. Captain Peterson brummte etwas und machte sich Notizen auf der Karte neben sich.
„Die Brücke ist achthundert Meter lang. Die Tragfähigkeit beträgt tausenddreihundert Tonnen. Sie kann fünfhundert Autos tragen, die gleichzeitig über sie hinweg fahren. Ein BattleMech kann sie passieren. Aber er muss sehr vorsichtig sein. Da die Brücke nur zweispurig ist, kann sich ein ungeschickter Pilot schnell in den Seitenseilen verfangen.
Wir können sie ohne weiteres für unseren Marsch nach Findler benutzen, Sir.“
Germaine nickte. „Das dürfte unsere Reise um einen halben Tag abkürzen.
Die Frage ist, warum hat uns ComStar nicht darauf hingewiesen?“
Peterson lächelte. „Nun, Sir, Sie wollten die sicherste Route. Und das ist nun mal die Autobahn.“
„Hm, machte der Major. „Die Brücke überspannt eine Schlucht von vierhundert Meter Breite. Es ist ein recht fruchtbares Flusstal, über Jahrtausende ausgespült von einem Fluss, der Schmelzwasser von den Great Spine Mountains bis in den Tomasso-Ozean schafft.
Der Haken ist, das Flusstal befindet sich fünfzig Meter in der Tiefe.
Stromabwärts überquert die Autobahn den Fluss mit einer recht komfortablen, sechs Meter hohen sechsspurigen Brücke.
Aber dieses Ding hier kann schnell zu einer Falle werden. Sechs Meter ist für keinen BattleMech ein Problem. Aber fünfzig sind für einen Mech ohne Sprungdüsen tödlich.“
„Falls die Brücke vermint ist.“
„Falls die Brücke vermint ist“, bestätigte Germaine Danton nachdenklich.
„Mal sehen, wie ist die politische Lage hier auf New Home? Die Dreißigste Lyranische Garde hält die beiden größten Städte des Planeten sowie einen nicht unbeträchtlichen Teil des Umlandes. Die Regulars hingegen halten einen Großteil der Pässe über die Berge und zwei Drittel der Erzvorkommen sowie die gesamte Westküste des Kontinents Spina Planetia.
Es ist ein recht ausgewogenes Verhältnis. Abgesehen von immer wieder vorkommenden Scharmützeln herrscht Friede. Die Capellaner haben die Ressourcen. Aber die Lyraner halten den Raumhafen. Es muss eine Art stillschweigender Übereinkunft geben, dass die Lyraner die Erzverschiffung nicht behindern und die Capellaner weiterhin Erzabbau zulassen.
Die Unbekannte in unserer Gleichung ist die Zhangzheng de Guang, die örtliche Guerillaeinheit. Sie ist nach Zellen strukturiert und dementsprechend schwer zu fassen.
Zudem sieht sie sich selbst nur dem capellanischen Kanzler unterstellt und beansprucht für sich so etwas wie eine Art Geheimdienstfunktion.
Als neulich ein capellanischer Kompanieführer der Regulars offen von Friedensverhandlungen gesprochen hatte, fand man seine Leiche und die seiner Familie im nächsten Fluss treiben. Der Gedanke an einen Frieden mit den Lyranern, der Gedanke an eine Niederlage wird nicht geduldet. Im Prinzip sind die Zhangzheng ein Kettenhund, bei dem der Herr nicht weiß, wen er beißen wird. Die Guerilla entscheidet selbst, welches ihre Ziele sind. Und da wird die Aufteilung in Zellen ein echtes Problem. Da es keinerlei planetare Koordination gibt, existieren Zellen mit unterschiedlicher Mentalität. Die Mann-Gruppe zum Beispiel ist sehr aktiv und hält einen permanenten Druck auf die Dreißigste aufrecht.
Wir haben alle die zerstörten Bürohochhäuser gesehen.
Die Findler-Gruppe hingegen ist sehr moderat und beschränkt sich meistens darauf, die Regulars bei den gelegentlichen Angriffen einzuweisen, Flugblätter zu verteilen und Plakate mit Hetzparolen aufzuhängen.
Außerdem toleriert die Findler-Gruppe die Tatsache, dass ein Großteil der Dreißigsten aus hier auf New Home geborenen Soldaten besteht, während die Mann-Gruppe diese Tatsache lieber totschweigt und sich dementsprechend bevorzugt auf lyranisch aussehende Angehörige stürzt.“
„Netter Vortrag, Sir. Aber was nützt uns das?“
Germaine kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Ich will damit sagen, dass diese Brücke vermint sein kann. Egal ob es für die Zhangzheng Sinn macht oder nicht. Egal ob der Angriff auf eine neutrale Einheit ein außenpolitischer Fehler ist oder nicht.“
„Ja. Verstehe. Aber wie ich Sie kenne, Sir, wollen Sie trotzdem über diese Brücke, oder?“
Germaine grinste. „Das haben Sie gut erkannt, Peter.
Welches ist noch mal die Grundregel, um über eine Brücke zu kommen, Captain?“
Der Rasalhaager lächelte flüchtig. „Man muss sie nehmen.“
„Und der beste Weg sie zu nehmen ist…“
„…von beiden Seiten.“
„Richtig.“ Germaine drehte sich um und ging zurück zum wartenden Ripper. „Wir werden den Tross hierher umdirigieren. Ich werde es in Kauf nehmen, dass unsere Reise vielleicht plötzlich wieder vier Tage dauert, weil wir wegen einer zerstörten Brücke zurück zur Autobahn müssen.“
Zwei Stunden später stürmte die Erkundungslanze der Chevaliers bis zum Ansatz der Brücke vor und nahm Verteidigungsstellung ein. Gleichzeitig zog der Ripper aus der Schlucht hoch und hielt auf das andere Ende der Brücke hin. Sergeant Hawk ließ den Helikopter in etwa zwei Meter Höhe über einer Wiese schweben und warf zwei der Elementare der Einheit ab, Sergeant Rowan und Corporal Grace.
Danach zog sie wieder in die Schlucht zurück, hüpfte dreihundert Meter Flussabwärts wieder heraus.
Die Elementare sicherten das jenseitige Ende der Brücke.
Nun fuhr ein Luftkissentransporter heran und entließ auf Höhe der Erkundungslanze eine Gruppe Pioniere unter der Führung von Lieutenant Bishop sowie die anderen drei Elementare. Auf allen Aktivpanzerungen prangte gut sichtbar die Cartoonmaus der Chevaliers.
Die neun Spezialisten aus Bishops Team begannen sofort mit der Untersuchung der Brücke auf versteckte Sprengsätze.
Nach einer Stunde intensiver Suche meldeten sie die Brücke als sauber.
Nun folgte die Hammer-Lanze unter Lieutenant McHarrod, überquerte die Brücke und nahm die Elementare auf. Danach stieß die Lanze weiter vor und sicherte einen Punkt einen guten Kilometer die Straße hinauf.
Endlich konnte die eigentliche Übersetzungsoperation beginnen.
Zuerst ging die Erkundungslanze, zwei Lanzen Panzer nahmen ihren Platz ein. Dann folgten die Transporter, die LKT und die Techs mit dem riesigen Mechräumer, der beachtliche Schwierigkeiten hatte, über die für seine Begriffe schmale Brücke zu kommen.
Endlich setzten auch die Panzer über, gefolgt von den anderen beiden Lanzen ChevaliersMechs.
Als der letzte Chevalier die Brücke überquert hatte, ohne beschossen oder in die Luft gejagt zu werden, atmete Germaine Danton sichtlich auf. „Home Base an alle Einheiten. Das war gute Arbeit. Beinahe tut es mir leid, dass es kein heißer Übergang war.“
„Mir nicht“, kommentierte Lieutenant Dolittle heiter. Gelächter antwortete ihm.
***
Der Wachdienst am HPG war alles in allem recht ereignislos. Die Chevaliers waren nun schon drei Tage hier und hatten eine Kompanie ComGuard-BattleMechs abgelöst, die vom HPG-eigenen Raumhafen aufgebrochen waren. Bis die BlakeGuards mit dem neuen TechPersonal eintreffen würden, war noch fast einen Monat Zeit.
Zeit, die Germaine Danton nutzen wollte, um die Zusammenarbeit mit ihrem Verbindungsoffizier zu vertiefen. Der Akoluth war ein erfahrener Veteran von Tukkayjid, aber als Kontaktoffizier hatte er noch einiges zu lernen. Bestes Beispiel war die Tatsache, dass er sie am HPG erwartet hatte, anstatt sie bereits am Raumhafen zu treffen.
Dennoch erwies sich seine Gegenwart als hilfreich.
Hier, im neuen Büro Major Dantons beeindruckte Akoluth Yalom alleine durch seine Präsenz und den kühlen, Kampferfahrenen Blick.
Beeindruckend genug, um Kommandant Getts für ein paar Momente den Atem zu nehmen.
Als die Offizierin der Dreißigsten Garde eingetreten war, hatte auf ihrer Ader noch eine deutliche Ader gepocht, ihre Wut verdeutlicht. Nun aber kühlte sie merklich ab.
Interessiert betrachtete Germaine die Halblyranerin. „Alice Getts, nehme ich an. Bitte, Ma´am, nehmen Sie doch Platz.
Cindy, Kaffee bitte. Oder bevorzugen Sie Tee, Kommandant?“
Die Frau schüttelte kurz den Kopf und warf dem Mann in der weißen Uniform einen flüchtigen Blick zu.
Als sie sich gesetzt hatte, kam der Kaffee auch schon. Dankbar nahm die kleine Offizierin eine Tasse entgegen. Als sie Germaine wieder ansah, sagte sie: „Es ist für mich eine Erleichterung zu sehen, dass uns nicht alle ComGuards verlassen haben. Ehrlich gesagt bin ich kein Freund der Idee, Blakes Wort dieses Beta-HPG zu überlassen. Aber es ist Teil einer Übereinkunft mit den New Home Regulars, was uns die Findler-Zelle weitestgehend vom Hals halten wird.“
Der Major nickte verständnisvoll. Die Findler-Zelle bezog sich auf die örtliche Terrorgruppe.
„Das ist Akoluth Yalom. Ein Veteran der Clankriege und Zurzeit unser Verbindungsoffizier. Er wird diese Welt mit uns verlassen, nachdem wir den HPG an Blakes Wort übergeben haben.“
Getts senkte den Kopf. „Natürlich. Es war zuviel verlangt von ComStar zu erwarten, dass sie einen derart unwichtigen HPG behalten will.“
„Es ist eher eine taktische Entscheidung, Ma´am. Dadurch, dass ComStar die HPGs von New Home, Epsilon Indi und Bryant Blakes Wort überlässt, hat ROM zumindest drei Sektion 2 -Truppen der BlakeGuards besser im Auge. Vielleicht kommen eines Tages bessere Zeiten für Ihre Welt.“
„Vielleicht“, erwiderte Getts und trank einen Schluck Kaffee. „Deswegen bin ich aber nicht hier, Major Danton. Und ehrlich gesagt habe ich eine Frau erwartet.“
Überrascht zog der Chevalier eine Augenbraue hoch. „Himmel, wieso das?“
„Nun, Ihr Vorname, Major Danton. Germaine ist die weibliche Form Ihres Namens, nicht wahr?“
Der Major begann zu grinsen. „Und nun fragen Sie sich, warum ich mit einem Frauennamen herumlaufe? Nun, erstens kann kaum ein Mensch in der Inneren Sphäre französisch. Es fällt also eigentlich nie auf.
Und zweitens ist es nur ein Name. Ein Mantel für meine Persönlichkeit. Und ich kann Ihnen versichern, die ist durch und durch ein Mann.
Drittens sind meine Eltern Schuld. Bei der Eintragung in den Geburtsregister ging mein Vater davon aus ein Mädchen zu haben, wie die Ärzte es vorausgesagt hatten. Und meine Mutter war nicht schnell genug, um ihn zu korrigieren.
Der Name konnte nicht mehr geändert werden. Aber zumindest der Geschlechtseintrag wurde korrigiert. Letztendlich aber kann ich mit dem Namen ganz gut leben.
Neugier befriedigt?“
Kommandant Getts lächelte schief. „Ich denke, an der Clanfront war Ihr Vorname ein oder zweimal recht hilfreich, oder?“
„Ab und zu“, gestand Germaine Danton leise. „Aber kommen wir zu Ihrem Anliegen. Was kann ich für Sie tun?“
Getts Miene verdüsterte sich. „Nun, es geht um Ihre Landung letzte Woche. Die Art, wie Sie New Home betreten haben ist, nun, sehr peinlich für mich und meine Vorgesetzten. Eine Gefechtslandung abzuhalten ist beinahe schon ein offener Affront, der sich politisch schwer auf die Moral unserer Truppen auswirkt. Immerhin haben wir versprochen, den Raumhafen abzusichern. Das Sie dennoch abgesichert gelandet sind ist ein Misstrauensvotum in unsere Fähigkeiten.“
„Da haben Sie Recht, Ma´am“, sagte Germaine leise. „Es ist ein Misstrauensvotum. Und ich werde mich dafür nicht entschuldigen.“
Getts fuhr aus ihrem Sessel auf. „Hören Sie, Major, ich…“
„Nein, Kommandant“, meldete sich Yalom zu Wort. „Der Major hat vollkommen Recht. Nach meiner Ansicht hat er richtig gehandelt. Auf dieser Welt herrscht ein Bürgerkrieg. Auch wenn die Chevaliers im Moment unter der neutralen Flagge ComStars stehen ist eine vernünftige Vorsicht durchaus angebracht. Vor allem, nachdem er unnötigerweise darauf hingewiesen wurde, den Anflugkorridor nicht zu verlassen.
Major Danton musste mit Schwierigkeiten am Boden rechnen, als er diese vollkommen überflüssige Anweisung hörte. Und er hat entsprechend gehandelt.“
Getts wurde rot. „Ist das ein Grund, eine Lanze zur Erkundung abspringen zu lassen und einen Kontrollposten zu terrorisieren?“
Major Danton lächelte leicht. „Terrorisieren? Nein, sehen Sie das bitte als Zeichen meiner Höflichkeit an. Ich hätte meinem Offizier jederzeit befehlen können, den Posten zu umgehen, auch gegen dessen Willen. Stattdessen hat er auf das Einverständnis des Diensthabenen Offiziers gewartet.“
„So kann man es auch sehen“, brummte Getts. „Immerhin war eine Mittelschwere Lanze auf Patrouille in der Region.“
„Und ich hatte vier Luft/Raumjäger über dem Raumhafen“, reagierte Germaine Danton auf die unterschwellige Drohung.
„Wollen Sie die Situation im Nachhinein eskalieren lassen?“, brauste Getts auf.
„Natürlich nicht“, beschwichtigte der Major die Offizierskollegin. „Aber ich will natürlich meinen Standpunkt klar machen. Ich weiß nicht, ob Sie informiert wurden, aber eines meiner Kommandoteams hat es nur knapp geschafft, ein Scharfschützenteam der Zhangzheng auszuschalten. Meine Vorsicht ist also mehr als berechtigt gewesen.
Sehen Sie, Sie haben einen Planeten zu halten. Ich hingegen habe einen Auftrag von ComStar. Den ich erfüllen werde.
Wenn meine Handlungen Ihre Dreißigste Lyranische Garde dabei in Peinlichkeiten gestürzt hat, bitte ich dies zu entschuldigen. Gehen Sie aber davon aus, dass das nicht noch einmal vorkommen wird, wenn ich es verhindern kann. Sehen Sie das als inoffizielle Entschuldigung, Kommandant.
Nichts liegt mir ferner, als im Streit mit Ihrer Garde zu liegen, Kommandant Getts. Außerdem wollen meine Leute auch weiterhin Findler als Erholungs- und Rückzugsraum nutzen wollen.“
„Dann darf ich also auf eine gute Zusammenarbeit hoffen?“, fragte Getts geradeheraus.
„Nun, meine Chevaliers werden sicherlich sehr gut mit Ihrer Garde auskommen, Ma´am. Aber Kampfhandlungen, vor allem mit den New Home Regulars wird es nicht geben, außer sie greifen diesen HPG an.“
„Ich dachte da eher an eine Hilfe bei Piratenüberfällen und dergleichen, Major.“
Germaine dachte einen Moment nach und schüttelte dann den Kopf. „Nein, Ma´am. Solange sie dieses HPG nicht angreifen sind mir die Hände gebunden.“
Getts senkte den Kopf. „Verstehe.“
„Andererseits verstößt es nicht gegen die Neutralität, wenn ich meine SanTechs an Sie ausleihe.“
Getts setzte an, etwas zu erwidern, wurde aber von einem Piepen unterbrochen. Sie bat um Entschuldigung und zog einen kleinen Pager hervor. „Sieht so aus, als würden wir bald die Hilfe Ihrer SanTechs benötigen, Major. Es sind Landungsschiffe im Anflug auf Findler. Sie fliegen unter der Flagge Bryants.“
„Ein Raubzug?“ Germaine stand auf.
„Möglich. Wir haben gerade eine Menge Nachschub in den Lagerhallen am Stadtrand.
Wäre es ein Bruch der Neutralität, mir Ihren Ripper auszuleihen, damit ich zu meinen Truppen stoßen kann, Major Danton?“
Germaine schüttelte den Kopf. „Nein. Natürlich nicht.“
Akoluth Yalom sah sich den Blicken der beiden ausgesetzt und schüttelte den Kopf.
„Gut. Cindy, Alarm für den HPG. Gib Kitty Bescheid, sie hat einen Transportflug.
Funk Kapitän al Hara an, er soll die Luft/Raumjäger bereit machen.
Kommandant Getts, ich wünsche Ihnen viel Glück.“
„Danke, Major.“
Kurz darauf gellten die Alarmsirenen über das Gelände des HPGs.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:05
Als Finnegan Trent durch den MechHangar schlenderte, war er sichtlich zufrieden. Beinahe stahl sich ein Lächeln auf seine ansonsten starren Züge. Der Grund hierfür konnte nur sein Kabuto sein, ein leichter draconischer ScoutMech allerneuester Fertigung. Ein Meisterstück der Ingenieure des Kombinats, was es verwunderlich machte, warum die Chevaliers einen besaßen - wenn man die Einheitsgeschichte nicht kannte.
Die Andeutung eines Lächelns verschwand jedoch, als eine – zugegeben – hübsche Tech mit einem Lächeln, das man eigentlich eher breites Grinsen nennen sollte, wie eine abgefeuerte KSR auf ihn zugeschossen kam.
„Oh, Finnegan“, säuselte sie.
„Tech Judith“, erwiderte Finn höflich, aber distanziert wie immer.
Judith ließ sich davon nicht beirren. Die Finger ihrer Rechten Hand begannen wie die Beine eines eigenständigen Wesens die Brust hoch zu seinem Gesicht zu laufen. „Finnegan“, begann sie wieder und lächelte diesmal richtig. Die Bezeichnung zuckersüß dafür wäre noch reichlich untertrieben gewesen. „Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie toll es mir in der Inneren Sphäre gefällt? Als Tech ist man hier viel mehr geachtet als bei den Clans, die Menschen hier sind viel freundlicher. Auf Teufel komm raus muss man nur im Notfall arbeiten. Aber weißt du, was das Beste ist?“
Finnegan spannte sich an. In seinem Kopf schienen ein paar Dutzend Alarmsirenen gleichzeitig zu schrillen und darum zu wetteifern, welche die lauteste war. Er wusste genau, er sollte es nicht tun, aber bevor er es verhindern konnte, rutschte dem MechKrieger eine Frage raus. „Was?“
Judith belohnte die Frage mit strahlenden Augen. Ihre Wangen bekamen eine deutliche rote Färbung. „Der Sex. Das ist das Beste hier. Das ist nicht so ein verkappter Nahkampf wie bei uns Clannern, nein, das ist mehr zum genießen ausgelegt.“ Sie nahm die Hand von Finns Brust, um die Arme hochzunehmen und sich strecken zu können. Dabei kamen der halb herunter gezogene Reißverschluss ihres Overalls und ihre Brust deutlich in Finnegans Blickfeld.
„Und ich als Clannerin habe hier alle Vorteile auf der Hand“, seufzte sie. „Ich muss mich nicht an dieses verlogene Spielchen halten und Liebe vortäuschen. Für mich geht es nur um Sex, und die Männer wissen das auch. Wenn ich einen will, dann nehme ich ihn mir.“
Judith senkte die Arme und griff um Finnegans Nacken. Sie senkte den Blick und lächelte den MechKrieger verführerisch an. „Infanteristen, Techs und Panzerfahrer habe ich schon zur Genüge gehabt. Mir steht der Sinn jetzt nach einem knackigen, gut durchtrainierten MechKrieger...“
Finnegan Trent schluckte trocken. Seine Augen fixierten Judith wie ein Kaninchen wohl die Schlange ansah, bevor es sich für eine der beiden Möglichkeiten entschied, sofort oder auf der Flucht gefressen zu werden. Judith drückte sich eng an Trent und stellte sich langsam auf die Zehenspitzen. „Und da du ja wie ich weiß noch keinen Sex hattest, seit du in der Einheit bist, tue ich gleich noch ein gutes Werk.“ Als ihre Lippen nur noch einen Hauch von denen des Blut und Wasser schwitzenden Finn entfernt waren, hauchte sie: „Dein Quartier oder meines? Oder vielleicht...das Cockpit deines Kabutos?“
Plötzlich schien es, als würde die Hangarbeleuchtung gedimmt werden. Die Mechs schienen in einem diffusen Licht zu verschwinden.
Gleichzeitig aber entstand in der Nähe des Pärchens eine Präsenz – eine zornige Präsenz, die Judith schauern ließ.
Mit mühsam unterdrücktem Zorn erklang aus dem Gang zu den Mannschaftsquartieren eine Frauenstimme: „JUUUUUDIIIIITH!“
Die Tech wirbelte herum und riss die Augen auf. „Oh, Hallo, Rebecca“, piepste sie kleinlaut.
„Was… machst… du… da… mit… Finn?“ Die Lanzenchefin der Kampflanze kam mit wuchtigen, wütenden Schritten aus dem Gang, die Zähne zornig gefletscht. Alles in allem ein Anblick, der dem Totem ihres Clans, dem Geisterbären, durchaus Ehre gemacht hätte.
„Ich, äh, tja, nun, ich verteidige die Ehre unseres Clans! Genau. Nachdem du bei Finn abgeblitzt bist, dachte ich, ich versuche es mal, und so…“
Es dauerte genau eine Sekunde, bis Judith begriff, dass diese Art der Argumentation ein Fehler war. Ein schwerwiegender Fehler.
Halb versteckte sie sich hinter Trent, halb hob sie abwehrend die Arme. „Nicht, dass das hier ein Wettkampf wäre. Nicht, dass mir was an Finn liegen würde so wie…“
„JUDITH!“, unterbrach Rebecca den Wortschwall ihrer ClansSchwester. „RAUS!“
Die Tech schätzte kurz ihre Chancen ab, einigermaßen unbeschadet zur Tür zu kommen. Die standen anscheinend sehr gut, denn sie zwinkerte Finnegan Trent noch einmal zu und sagte: „Also, wir sehen uns später, Finn, ja?“
Sofort rannte sie los, schlug einen extra großen Bogen um Rebecca und warf die Tür kraftvoll hinter sich zu.
Rebecca sah der Tech geschlagene zwei Minuten hinterher. In dieser Zeit schien sich das Licht wieder zu normalisieren und die bedrohliche Präsenz, die von Rebecca ausging, verschwand nach und nach.
Als sie sich wieder zu Trent umdrehte, der noch immer wie gebannt an seinem Platz stand, lächelte sie verlegen. „Das ist keine ClansArt, aber ich glaube, ich muss mich für meine Tech entschuldigen, frapos? Sie war ja noch nie ein Kind von Traurigkeit. Aber die lockere Art der Chevaliers ist für sie ein gefundenes Fressen. Wenn sie dir zu nahe gekommen ist, Finnegan Trent, werde ich ein ernstes Wort mit ihr reden.“
Finn fasste sich. Er setzte wieder seine neutrale Miene auf, ignorierte den kalten Schweiß auf seiner Stirn und sagte schlicht: „Neg. Das hat sich durch dein eingreifen erledigt, Sergeant Rebecca.“
Langsam setzte sich Finn in Bewegung und passierte Rebecca, ohne sie anzusehen. Deswegen konnte er auch den merkwürdigen Mix an Emotionen nicht sehen, der über ihr Gesicht raste.
Als er beinahe schon bei der Tür war, sagte er aber noch: „Danke dafür übrigens, Rebecca.“
„Finn?“, rief sie ihm hinterher.
Trent ließ die Tür los, durch die er beinahe schon hindurch gewesen war und sah zurück. „Sergeant?“
„Hast du Zeit?“
Fünf Minuten später saßen die beiden auf dem flachen Schleppdach des MechHangars mit einem exquisiten Blick auf die nahe Stadt Findler. Es war noch früh in der Nacht, aber die Lichter der Millionenmetropole zauberten bereits ein buntes Lichterspiel für die beiden MechKrieger. Trent hatte die Arme auf den Knien abgestützt und musste zugeben, dass es ein angenehmer Anblick war.
Rebecca saß direkt neben ihm, nur durch zwei Handspannen von ihm getrennt. Sie sah kurz zu ihm herüber, dann wieder auf Findler. Schließlich räusperte sie sich.
„Finn, ich… Ich glaube, ich muss mich für Judith wirklich entschuldigen. Wir waren, bevor sie ausgeschieden ist, in der gleichen Geschko. Ich fühle mich für sie verantwortlich. Du musst verstehen, Judith hat das Wesen unseres Clans verinnerlicht, vor allem was den offenen Umgang mit Paarungen angeht. Für sie sind die Chevaliers so etwas wie das gelobte Land. Endlich kann sie sich austoben. Und das als Gleichwertige. In unserem Clan wäre sie einem Krieger gegenüber eine Bittstellerin gewesen, egal ob er Infanterist, Panzerfahrer oder gar MechKrieger wäre. Hier aber ist sie eine Gleichwertige.“
„Ich verstehe. Die Gelegenheit verführt sie.“
„Und sie verführt die Gelegenheit, pos.“
Rebecca strich sich durch ihren hellblonden Haaransatz und drapierte ihren Halbmeterlangen Zopf über die rechte Schulter. Das gab ihr etwas Mädchenhaftes, Unschuldiges. Sofern es dies bei einer ClanKriegerin überhaupt geben konnte. „Manchmal“, begann sie und starrte mit feucht schimmernden Augen in die Ferne, „manchmal beneide ich Judith um ihre Leichtigkeit. Ich sage mir immer, ich habe das bessere Los gezogen. Ich bin MechKrieger, diene meinem Clan in den gefährlichsten Kampfmaschinen, die jemals erdacht wurden und werde nach meiner Zeit bei den Chevaliers meine Chance kriegen, um den Rang eines SternCommanders zu kämpfen. So wie es geplant wurde, als man mich… heranzüchtete.
Aber Judith… Sie blüht geradezu, überwältigt mit ihrer Naivität und dieser überschwänglichen Freundlichkeit, die einen benommen macht. Sie lebt, im Gegensatz zu mir.“ Traurig senkte Rebecca den Kopf.
Finn rutschte für einen Moment unruhig auf seinem Platz hin und her. „Du bist eine hervorragende MechKriegerin, Rebecca“, brummte er schließlich in einem Tonfall, als reiße ihm jedes einzelne Wort ein Stück der Eingeweide raus.
„Normalerweise würde ich auf so ein Kompliment nicht reagieren, Finn. Ich weiß, dass ich gut bin. Vielleicht eine der Besten hier bei den Chevaliers. Dafür wurde ich erzeugt, frapos?
Aber aus deinem Mund ist es ein gutes Kompliment. Die Guten lassen sich nur mit anderen Guten messen.“
Nach einigen Minuten des Schweigens rang sich Finn zu einer Antwort durch, die sie beide auf die gleiche Stufe stellte: „Pos.“
Rebecca riss überrascht die Augen auf und sah Trent an, der starr geradeaus sah. Mit dieser einfachen Clansfloskel war Finnegan Trent über die goldene Brücke spaziert, die Rebecca ihm gebaut hatte.
Wieder sah Rebecca traurig zu Boden. „Deswegen bin ich als Mensch dennoch ein Versager. Ich frage mich, ob das so sein soll. Ob ich als ClanKriegerin überhaupt Gefühle haben sollte. Ob ich einfach nicht gelernt habe, so etwas abzuschalten. Oder ob ich fehlerhaft bin.“
Beim letzten Satz ging ein Schauer durch Finns Körper.
„Bei meinem letzten Kampf, damals, gegen die Ronin, war ich kurz davor, durch einen Cockpittreffer zu sterben. Im letzten Moment sprang Jan Dupree dazwischen. Ein merkwürdiger Mann, der in meinem Clan längst in einer Solahma-Einheit stecken würde.
Er rettete mir das Leben, aber er verlor sein eigenes.
Sein…Tod brachte mich fast um den Verstand. Ich bin es gewohnt, meine Kameraden sterben zu sehen. Aber das der alte Mann starb, so schmutzig, so wehrlos, das ließ mein Herz brennen. In dieser Schlacht wurde ich zu einem Dämon. Zu einem wild wütenden Dämon, der nicht aufhörte, bis kein Feind mehr stand.
Danach aber… Danach gab es keine Gefühle mehr. Alles in mir war leer. Jan war fort, und in mir war nur eine einzige große Leere. Ich habe seither nicht einmal um ihn getrauert, obwohl ich mir sicher bin, dass ich es tun sollte. Aber… Ich weiß nicht einmal, wie so etwas geht.“
Finn sah zu der ClanKriegerin herüber. Aus ihren Augenwinkeln rutschten einsame Tränen herab.
„Jeder verarbeitet Trauer anders, Rebecca. Ich habe selbst bereits Dutzende Kameraden sterben sehen und noch mehr Gegner getötet. Und bei jedem war es anders. Doch zwei Dinge habe ich dabei gelernt, egal ob ich getrauert habe, oder ob es ein Kamerad war: Erstens, Trauer braucht seine Zeit. Zweitens, das Leben geht weiter.
Sei dankbar dafür, Jan Dupree gekannt zu haben. Er wird nicht wiederkommen. Aber du lebst, und damit hatte sein Tod einen Sinn.“
Die Tränen flossen nun etwas zahlreicher. Mit mühsam beherrschter Stimme und verzweifelt bemüht, Finn nicht ihr Gesicht zuzuwenden ächzte sie: „Danke, Finn.“
Trent hob seinen rechten Arm, zögerte, zog ihn wieder zurück, streckte ihn wieder aus.
Dann, als würde er etwa sehr heißes berühren, legte er den Arm um Rebeccas Schulter und drückte sie leicht an sich.
Sie schluchzte nicht und sagte nichts. Aber Ihr Gewicht lastete schwer auf dem MechKrieger.
Es war wie eine stille Übereinkunft.
Nach einer endlosen Zeit nahm Rebecca den Kopf von seiner Schulter. „Entschuldige, Finn. Ich hätte mich nicht benehmen dürfen wie ein Geschling. Ich hoffe, ich habe dich nicht beleidigt.“
„Nein“, erwidere Finn und sah wieder starr geradeaus. „Du hast dich nur benommen wie ein Mensch, Rebecca.“
Seltsamerweise hellte das die Stimmung der Kriegerin merklich auf. „Ich hatte also die ganze Zeit mit dir Recht“, hauchte sie.
Finn runzelte die Stirn und sah halb zur Clannerin herüber.
„Weißt du noch, neulich, als ich mich mit dir paaren wollte“, begann sie und versuchte, die Geschichte mit einem schiefen Grinsen zu bagatellisieren, „da habe ich dich von vorneherein für einen guten Krieger gehalten. Deine Leistungen in der Sim und deine Fähigkeiten im Nahkampf waren gut genug für einen Geisterbär. Als ich dich nach unserem Training aufforderte, in mein Quartier zu kommen, da war das…“
Sie sah verlegen zur Seite. „Da war das eigentlich nur der Wunsch, dich näher kennen zu lernen. Aber irgendwie brach da der Clanner in mir durch.
Mir war das Ganze schnell peinlich, weißt du, ich habe mich bereits in meiner alten Einheit selten gepaart und bei den Chevaliers hatte ich noch überhaupt keinen Partner.
Als du nicht gekommen bist, war ich im ersten Moment recht froh darüber.
Aber es war auch eine gewisse Enttäuschung da. Und deine Erklärung war auch nicht gerade dazu geeignet, meine Stimmung zu bessern.
Aber jetzt weiß ich, dass du…“
Finn sah zu ihr herüber. Rebecca erwiderte seinen Blick mit einer Mischung aus Freude, Angst und einem Dutzend weiterer Emotionen. Für beide schien die Zeit still zu stehen.
Ihre Lippen nährten sich einander.
Ein lautes Räuspern ließ die beiden herumfahren.
In der Finsternis, etwa zehn respektvolle Meter entfernt, stand Dolittle. Der Panzerfahrer sah taktvoll zur Seite, aber ein aufmerksamer Beobachter konnte durchaus ein leichtes Grinsen erkennen. „Trent, will dich ja nich´ stören“, brummte er und zündete sich eine Zigarre an, „aber der Cheef sucht dich. Steht neben deinem Mech, faselt irgendwas von K3-Slave und Panzerung dafür reduzieren und so ein Zeug.“
Entsetzt fuhr Finn herum, wobei seine Lippen kurz die von Rebecca streiften. Was sein Entsetzen nur noch mehr vergrößerte. Panikartig sprang er auf und rannte los.
Dolittle aber fing ihn ab, als Finn auf seiner Höhe war. „Hör maal, Großer, du könntest wenigstens Tschüß zur Lady sagen.“
„Oh. OH! Rebecca, ich meine, Sergeant Rebecca Geisterbär, ich muss… Ich meine, ich sollte…Wir sehen uns!“
Dolittle sah dem MechKrieger nach. „Manchmal ist er ein ziemlich hastiger Bursche.
Alles in Ordnung mit dir, Rebecca?“
Die ClanKriegerin erhob sich langsam. „Ja, Lieutenant. Alles in Ordnung. Es könne gar nicht besser sein!“
Ein lautes Piepsen ließ Finn auffahren. Etwas verwirrt blickte er sich in seinem Quartier um, um die Quelle des Geräusches zu entdecken. Der Wecker. Er schaltete ihn aus, verharrte einige Sekunden und ließ sich dann wieder auf die Matratze zurückfallen, um zur Decke Hochzustarren.
Was zum...?
Er rieb sich mit seinen Händen die Augen und stöhnte kurz auf.
Notiz an mich selbst: kein BATTLETECH 90210 mehr bei dienstfrei.
Er brauchte eine kalte Dusche.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:07
Als sich Germaine in seinen Sessel am Holotisch im Mobilen HQ der Einheit warf, begrüßte Juliette Harris ihren Vorgesetzten mit einem Grinsen. „Hallo, Boss.“
„Hallo, Lieutenant. Lage?“
Der Holoprojektor flammte auf und stellte die Situation rund um den HPG und einen Teil der Stadt dar. Die Hammer-Lanze, die zum Zeitpunkt des Alarms Patrouille gehabt hatte, war zum HP zurückgezogen worden und hatte vor den beiden Mechtoren der Anlage Verteidigungsstellung bezogen. Die beiden Küken Tear und Sparrow bewachten den Hinterausgang, während Lupo und Artemis den Hauptzutritt überwachten.
„Status MechKompanie siebzig Prozent. Wir fahren die großen Brocken langsam hoch, aber die Erkundungslanze kommt gleich raus.
Panzer sind ebenfalls zu siebzig bereit. Lieutenant Dolittle hat eine Zigarre zwischen den Zähnen und hält seine Doc-Lanze für einen Ausfall bereit.
Captain Peterson hat kurzfristig das Kommando über die Elementare übernommen und sie auf Scoutmission geschickt, um Archer was zum treffen zu geben, falls wir angegriffen werden.
Scharfschützenteams stehen auf der Mauer bereit, Kommandos und Reguläre haben Sprungtruppenausrüstung angelegt und stehen im Hof bereit.
Unsere Jäger treffen frühestens in zwei Stunden ein.
Pioniere halten sich bereit, um kurzfristig einen Minengürtel um das HPG zu legen.
Kitty ist noch auf dem Weg zur Garnison der Dreißigsten.
SanTechs und Techs stehen bereit. Und die Küche macht Fresspakete, falls es länger dauern sollte.“
„Gut. Feindstatus?“
„Unbekannt. Alles was wir wissen ist, dass Bryanter Landungsschiffe einen MechAbwurf zehn Klicks entfernt gemacht haben. Sie werden von Luft/Raumjägern unterstützt, die den gesamten Luftraum beherrschen.
Die Lyraner geizen mit Informationen, aber es sieht so aus, als wären mindestens zwei Lanzen Mechs in ein Gefecht verwickelt. Die Verteidiger ziehen sich allerdings geordnet zurück.“
„Was ist das Ziel des Angriffs, Lieutenant?“
„Wenn die Mechs weiterhin ihren Kurs halten, sollte ihr Ziel ein schwach verteidigtes Areal mit Lagerhallen sein. Möglicherweise ein Teil der Ressourcen der Dreißigsten.“
„Zwei Lanzen Panzer und alle MechLanzen sollen ausrücken.“
„Aye“, erwiderte Juliette Harris. „HomeBase, hier HomeBase. Tank, Triple-D, Fang ausrücken und Verteidigungskordon einnehmen. Bei Feindbeschuss Feuer erwidern.
Doc, Grim Reaper, Verteidigungskordon verstärken.“
Im Hologramm veränderte sich die Position der Symbole. Die Mechs und Panzer rückten aus.
Germaine lehnte sich zurück. „Wachsam bleiben. Hier wird zuviel geballert. Zu viele Leute sind unaufmerksam und sehen auf das große Feuerwerk. Vor allem an der Hintertür müssen wir jederzeit auf einen Angriff gefasst sein. Die Möglichkeit, den Angriff als Deckung gegen uns zu nutzen, ist einfach zu verlockend.“
„Verstanden. HomeBase, hier HomeBase. Wir bleiben auf Alarm, bis der Angriff vorüber ist. Seid aufmerksam, Chevaliers, und meldet alles Ungewöhnliche sofort an das HQ.
Eine Welle von Bestätigungen antwortete der Stabschefin.
Einer der KommTechs wirbelte auf seinem Sitz herum. „SIR!“
Germaine sah herüber. „Was gibt es, Jonas?“
„Wir haben hier einen verifizierten Beschuss von Luft/Raumjägern oder Landungsschiffen auf der Tahoma/Blackhills-Kreuzung.“
„Ziel?“ „Da gibt es nichts, Sir. Gar nichts. Die Salven haben den Straßenbelag umgegraben und wahrscheinlich ein paar Dutzend Fenster zerstört.“
„Auf mein Holo.“
Die Ansicht wechselte zu einer Straßenkarte. Germaine Danton vergrößerte sie, bis auch das HPG zu sehen war. Er nickte schwer. „Das ist ein möglicher Ausfallweg, um in die Flanke der Bryanter zu kommen.“
„Eine Warnung?“, brummte Juliette Harris leise.
„Eine Warnung. Wir sollen uns nicht einmischen. Aber das hatten wir sowieso nicht vor. Kampftruppen bleiben auf ihren Positionen, bis die Bryanter abgezogen sind. Wenn sie schlau sind, werden sie den Weg, den sie gekommen sind, nicht zurück marschieren und auf den Landern mitfliegen, auf die sie ihre Beute verladen wollen. Das heißt, wir können nachstoßen, sobald die Mechs und Panzer abgezogen sind.“
„Aye. Beobachtung des Feindes?“
„Nein, Julie. Humanitäre Hilfeleistung. Wir bringen unsere SanTechs und den MedEvac ein. Bei so einem Kampf mitten in einer Großstadt wird es Dutzende Tote und tausende Verletzte geben. Nachricht an Saint. Bellie soll sich auf ein Schlachtfest vorbereiten. Außerdem soll sie sich mit den Krankenhäusern der Region absprechen. Wir können Grund- und Hauptversorgung leisten, bis zu einem gewissen Punkt.
Alle tiefen chirurgischen Eingriffe sollten wir aber an die Hospitäler mit den entsprechenden OPs abgeben. Wenn wir aber einen Teil der Verletzten hier versorgen, nehmen wir kurzfristig den Druck von ihnen. Bellie soll die Sporthalle und die Aufenthaltsräume konfiszieren.“
Mit ausdruckslosem Gesicht bestätigte Juliette Harris und gab die Anweisungen weiter.
Germaine Danton schaltete die Holobetrachtung wieder auf die alte Ansicht. Nachdenklich rieb er sich mit den Daumen über die Schläfe. „Alle Achtung, ein sehr gewagter Plan, ausgerechnet die Hauptstadt anzugreifen. Und dann hat der Kerl auch noch Erfolg damit.“
„Noch ist die Einsatzgruppe nicht am Ziel.“
„Seien wir mal realistisch. Die Bryanter sind einfach zu überraschend aufgetaucht und haben zu hart zugeschlagen, zudem sehr schnell die Luftüberlegenheit gewonnen. Was wir hier sehen, ist eine exzellent geplante und noch weit besser ausgeführte Hit and Run-Taktik. Augen auf, wir können hier alle noch was lernen.“
„Major Danton, Tear meldet Kontakt.“
Germaine stellte sich sofort auf die neue Situation ein. „Bericht.“
„Aktive Beaglesonde. Schlecht geeicht.“
Germaine sah seine Stabschefin an. „Ein Beobachter vielleicht. Die Regulars wollen sicher wissen, was hier passiert. Falls sich die Dreißigste eine Blöße für einen Angriff gibt.“
„Also ist da draußen mindestens ein capellanischer Mech. Men Shen, Rabe?“
„Men Shen vielleicht. Die Regulars wurden mit Liga-Mechs aufgerüstet. Aber ich denke, im Bereich Aufklärung verlassen sie sich auf gute alte Hardware aus Capella.“
Germaine Danton dachte einen Moment lang nach. „Sparrow soll mit Tear ausrücken. Der Bastard ist mir mit einem Klick zu nahe an der Basis. Außerdem hockt er auf dem Rückmarschweg vom Ripper. Das mag ich nicht. Lupo soll sich bereithalten, falls sich noch mehr ungebetene Gäste dort befinden. Eine schlecht abgeschirmte Beaglesonde kann auch eine Falle sein.“
„Verstanden.“
Im Hologramm bewegten sich der Puma und der Fenris auf die Stelle zu, an der der Kontakt mit der Beaglesonde verzeichnet war.
„Lupo soll die Umgebung weiterhin beobachten. Nicht dass er mit einem Angriff in der Flanke gepackt wird.“
„Du denkst immer nur das Schlimmste, was, Germaine?“ Lieutenant Harris lächelte zu ihrem Kommandeur herüber.
„Das habe ich von dir, Julie“, erwiderte der Major grinsend. „Von dir und von Clan Jadefalke.“
**
Drei Stunden später war die Lage in allen Bereichen unter Kontrolle. Von den New Home Regulars erwartete Germaine Danton eine saftige Entschuldigung, und die Bryanter waren wie erwartet abgezogen, ohne dem HPG näher als zwei Kilometer zu kommen.
Zwar hatte der Kommandeur der Überfalleinheit die Chevaliers misstrauisch beäugt, aber das war es auch schon gewesen.
Mit sich und der Welt zufrieden ging Germaine durch den MechHangar. Es war eine Abkürzung zum Hospital, in dem er erwartet wurde.
Lautes Gelächter scholl ihm entgegen, als er eintrat. Er folgte dem Geräusch und entdeckte eine große Gruppe Soldaten und Techs aus allen Bereichen, die rund um Jara Fokker und Dawn Ferrow standen und der Erzählung der beiden lauschten.
„Also, ich ging also vor und lud die Waffen auf“, begann Jara.
„Nicht, das wir sie abfeuern wollten“, ergänzte Dawn, „immerhin hat der Chef klar gemacht, dass wir nur schießen sollen, wenn wir auch beschossen werden.“
„Aber man soll ja nie nackt in eine Schlacht gehen, oder? Jedenfalls“, nahm Jara den Faden wieder auf, „sind wir beide raus, flankiert von den Erkundungspanzern, um den fremden Kontakt zu überprüfen. Und als wir endlich nahe genug waren, um mit den Null Punkt Eins-Sensoren eine Ortung machen zu können…“ Null Punkt Eins, der Jargon für die wichtigsten Sensoren in der Kriegsführung, nämlich die eigenen Sinne.
„Da saust doch eine Wand von Raketen auf mich zu. Bevor ich es selbst richtig mitkriege, drehe ich den Puma ein und meide so die meisten Einschläge. Aber zwei Raketen treffen und sprengen Panzerung von meinem rechten Arm.
Der Idiot, der da gefeuert hat, war tatsächlich ein Rabe. Und anscheinend rechnete er sich Chancen aus gegen zwei ClansMechs und eine Lanze Panzer. Jedenfalls habe ich die Ruhe bewahrt und dem MechKrieger auf dem Offenen Kanal zugefunkt: Hier spricht Corporal Fokker von Dantons Chevaliers. Sie befinden sich in einem gesperrten Bereich. Verlassen Sie Ihn umgehend, oder zwei ClansMechs und eine Lanze Panzer werden Sie angreifen.“
Dawn hob in gekünstelter Dramatik die Hand an die Stirn und lächelte schief. „Ja, das war wirklich eine echt coole Sache von dir, Jara. Beschossen werden und sich noch an die wichtigsten Weisungen vom Chef zu erinnern, das ist eine echte Leistung. Aber wenn ich mich recht entsinne, hast du eher das gesagt: Hör mal, du Regular-Heini! Dies ist Chevaliers-Land! Wenn mein Boss es nicht verboten hätte, würde ich dir jetzt meine Konfiguration D in deinen kleinen Mech jagen! Also mach die Biege, solange ich dir diese Mückenstiche nicht übel nehme! Und wehe, du kommst wieder, dann kannst du mich kennen lernen!“
Die Leute lachten und Jara wurde rot. „Na, vielleicht habe ich nicht jedes einzelne Wort richtig wiederholt. Aber sinngemäß habe ich sie gesagt“, verteidigte sie sich.
„ACHTUNG!“ Der scharfe Befehl ließ die Soldaten aufschrecken. Letztendlich hatte doch einer den Chef bemerkt.
Die Chevaliers fuhren herum und nahmen Haltung an.
Germaine winkte ab. „Weitermachen. Sergeant Fokker, Corporal Ferrow, Sie haben da draußen starke Nerven bewiesen. Respekt. Ich denke, Sie haben nicht nur für den besten Wing der Einheit trainiert, sondern auch für den mit dem meisten Eiswasser in den Adern.“
Der Major nickte den Soldaten zu und ging weiter. Als er fast aus dem Hangar raus war, rief Jara erstaunt: „Sergeant? Werde ich befördert?“ Der Rest ging in Jubelgeschrei unter.
Im Hospital des HPG angekommen, der hier am Rande Findlers beinahe eine eigene kleine Gemeinde bildete, wurde der Major von Doktor Sapitz zu einem der Behandlungsräume durch gewunken. Germaine trat ein und wurde mit einem Bild belohnt, wie es skurriler nicht sein konnte. Der Raum war gefüllt mit vier Infanteristen aus Decaroux´ Abteilung, also den Kommandos der Chevaliers. Der Chef selbst, Sergeant Charles Decaroux, saß auf einem Hocker und hatte die Stirn auf beide Hände gestützt. Hinter einer spanischen Wand antwortete Belinda Wallace´ Stimme auf seine leisen Anweisungen.
„Was wird das denn, wenn es fertig wird?“, rief der Major und stürmte durch den Raum, hinter die Wand. Was ihm den Abdruck von Belindas Rechter auf dem Gesicht einbrachte.
Ein erstaunter Blick zu Charles, der das gleiche Mal trug, verwunderte ihn nun doch ein wenig. „Bebe, was ist denn?“
Die Chefärztin der Chevaliers drückte ihren Freund auf die andere Seite der Spanischen Wand. „Draußen bleiben. Das gilt für alle Männer. Sie mag ja ein Spion sein. Aber sie ist minderjährig und eine Frau. Basta.“
„Frag nicht, Germaine, frag nicht.“ Charles schüttelte nur den Kopf. „Eine ebenso beliebte Stelle ist die Achsel, egal welche. Achten Sie auf Beulen in der Achselhöhle, aber drücken Sie nicht zu fest auf.“
„Was… ist… hier… los?“, brüllte Germaine. Da cholerische Ausbrüche beim Major selten waren, hatte er sofort die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
Belinda Wallace kam hinter der Spanischen Wand vor, küsste den Major kurz auf den Mund und erklärte: „Charles hat mir diese junge Frau gebracht, gefesselt und geknebelt und von mir verlangt, sie auszuziehen und nach so genannten Notausgängen zu untersuchen. Also Selbstmordkanülen unter der Haut und dergleichen. Und das tue ich jetzt. Aber selbst wenn sie eine feindliche Agentin ist, ich dulde nicht, dass…“
„Schon gut, schon gut, Bellie. Habe kapiert.
Charlie, klär mich bitte auf.“
„Meine Scharfschützenteams besetzten laut Notfallplan die Zinne der Mauer und beobachteten die nähere Umgebung und den nahen Stadtpark.
Dabei wurde eine junge Frau um die sechzehn entdeckt, die augenscheinlich die Kaserne aus einem Versteck observierte.
Sicherheitshalber habe ich sie von meinen Kommandos hochnehmen lassen. Wir fanden bei ihr eine moderne Kommunikationsausrüstung. Die nahe liegendste Vermutung ist, dass sie für die angreifenden Bryanter ein Auge auf uns hatte. Natürlich gibt es auch noch die Möglichkeit, dass sie von Blakes Wort oder den Regulars ist. Das prüfen wir gerade.“
„Und im Moment wird sie darauf untersucht, ob sie sich selbst töten kann, richtig?“
„So sieht es aus. Da du verdammter Moralapostel mich mittlerweile angesteckt hast, überlasse ich diese Aufgabe Bebe. Normalerweise würde ich es selbst machen, das geht schneller und vor allem präziser.“
„Und du kriegst vor allem mehr von ihrem nackten Körper mit, nicht wahr, Charlie?“, neckte Belinda hinter der Wand.
„Kleine Mädchen interessieren mich nicht. Ich mag ganze Frauen. Wenn Du also mal genug von Germaine hast, Bebe…“
Bevor Germaine auf diesen etwas derben Scherz antworten konnte, rief Belinda: „Hab dich! Unter der Achsel, genau wie vorhergesagt. Damit haben wir zwei. Mehr werden die Bryanter ja wohl nicht gelegt haben, oder?“
„Wir werden alle Punkte noch mal durch gehen, Bebe. Aber ich denke, das war es.“
„Darf ich jetzt den Knebel entfernen?“
„Nein, die Gefahr, dass sie ihre Zunge verschluckt, ist zu groß.“
„Noch“, wandte Germaine ein.
„Mir liegt eine Anfrage vor. Anscheinend hat jemand der Dreißigsten gesteckt, dass wir eine Gefangene haben. Und anscheinend wissen die, dass es kein normaler Bürger ist. Die Dreißigste will unseren Gast haben.“
„Da wirst du doch nicht drauf eingehen, oder?“, rief Belinda entrüstet, die bereits das Schlimmste für ihre Patientin annahm.
„Das hängt von der jungen Dame ab. Wenn Ihr hier fertig seid, steckt sie in eine Chevaliers-Techuniform und bringt sie in mein Büro. Je nachdem, wie unser Gespräch ausgeht werde ich entscheiden, wie ich mit ihr verfahren werde.“
„Ich komme dann mit, Germaine“, brummte Charles leise.
„Darum bitte ich sogar“, erwiderte Germaine grinsend und klopfte dem Elitesoldaten auf die Schulter.
Als er das Zimmer verließ, ging ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er wirklich, wirklich dran gedacht hatte, dieser Posten könne ruhig sein.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:10
„…möchte ich mich für die Hilfe der Chevaliers bedanken, Major Danton. Captain Malossi und sein MedEvac-Team haben sehr gute Arbeit bei der Betreuung und dem Ausfliegen der Schwerverwundeten geleistet. Zudem hat Malossis Team hervorragend vorsortiert, sodass wir wie Sie wissen, mit der Kapazität unserer Krankenhäuser ausgekommen sind und nach den Anfangsschwierigkeiten lediglich einige Brüche und andere nicht so kritische Fälle an Ihr Lazarett überwiesen haben.“
„Das Ganze klingt, als wäre da ein Aber, Professor Antani“, bemerkte Germaine amüsiert.
Der ältere Mediziner, Chefarzt des Helena-Allgemeinhospitals wirkte verlegen. „Sie haben mich ertappt, Major Danton. Zwar stimmt es, dass wir mit der Kapazität der Krankenhäuser auskommen, aber die meisten unserer Ersthelferteams sind gebunden. Dazu kommt, dass vor etwa zehn Minuten eine Gasleitung entlang der Marschroute der Bryanter explodiert ist und wir dringend weitere Teams vor Ort brauchen.“
Germaines Miene wurde hart. „Ich schicke meine Leute nicht in ein Flammeninferno.“
Beschwichtigend hob der Mann die Arme. „Nein, kein Flammeninferno. Nur eine Explosion, keine Sekundärexplosionen, keine Folgeerscheinungen. Und natürlich ein paar hundert Verletzte.“
Die Miene des Majors entspannte sich wieder. „In Ordnung. Ich werde zusätzliche SanTeams bereitstellen.“
„Danke, Herr Major. Sie werden es nicht bereuen.“
„Das will ich hoffen. Auf Wiedersehen.“ Germaine Danton unterbrach die Holoverbindung.
Man merkte schon, dass New Home einmal zum Kerngebiet der Terranischen Hegemonie gehört hatte. Auch nach dreihundert Jahren Nachfolgekrieg und einem harten, blutigen Bürgerkrieg war das Equipment in Findler, der Planetaren Hauptstadt, immer noch weit über dem Standard, der in der Inneren Sphäre als normal angesehen wurde.
„Cindy, gib Kitty einen Alarmruf. Und bring das Lazarett auf Trab. Belinda soll ein paar Notfallteams zusammenstellen. Es gab auf der Strecke der Bryanter einen Gasrohrbruch nebst Explosion, bei dem zusätzliche Helfer benötigt werden.
Eine gute Gelegenheit, um uns die Dreißigste zu Freunden zu machen.“
Der Major deaktivierte die Verbindung wieder. „Wer weiß schon, wann wir die Möglichkeit, Gefallen einzufordern zu schätzen wissen müssen.“
**
„Wir können das nicht zulassen!“ Kwan war aufgesprungen und sah den drei Mitgliedern seiner kleinen Gemeinschaft nacheinander in die Augen. Er sah nicht das was er erwartet oder gar gehofft hatte. Keinen Zorn, keine Wut. Nicht einmal Trotz. Nur Angst.
Angst vor ihm oder Angst vor den Söldnern?
„Wir können das nicht zulassen“, wiederholte er. „Wir können nicht zulassen, dass die Söldner der Mann-Gruppe derart auf der Nase rumtanzen. Wir können nicht zulassen, dass sie hier auftauchen, als könne sie nichts erschüttern. Wir können nicht zulassen dass sie den Eindruck erwecken, die Allmacht des Kanzlers könne sie nicht erreichen.
Wir können nicht zulassen, dass sie…“ Kwan schluckte hart. „Wir können nicht zulassen, dass sie zwei von uns töten, ohne einen blutigen Preis dafür zu bezahlen!“
Er ergriff das Gesicht des Jüngsten der Gruppe und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen. „Robert, Elisa war deine Schwester. Sie wurde ermordet von einem feindlichen Scharfschützen, als sie ihre Pflicht tun wollte. Als sie den verhassten Captain Andrews hinrichten wollte für die Farce, die er mit seinem Bataillon in Mann zelebriert – gegen den Willen des Sohns des Himmels!“
„Lang lebe der Kanzler“, intonierten die drei, aber ohne Feuer.
„Thomas, dein Bruder Ken war ihr Aufpasser, ihr Beschützer. Er wurde erschossen, erschossen ohne einen Funken Gnade.“
„Bruder Kwan“, wandte Thomas ein. „Der Tod meines Bruders ist unverzeihlich. Und der von Roberts Schwester ebenso. Aber müssen wir ihren Tod wirklich hier rächen? Hier in Findler? Wieso warten wir nicht, bis sie wieder nach Mann kommen, wenn sie abfliegen wollen? Dieses Mal werden die Scharfschützenteams auf sie zielen. Dieses Mal werden Minen für ihre Mechs bereit liegen. Dieses Mal werden sie teuer bezahlen für das was sie taten.“
„Und bringen wir die Findler-Gruppe nicht gegen uns auf? Sie beobachten uns jetzt schon argwöhnisch, obwohl wir vorgeben, die verhassten fremden Söldner am HPG nur beobachten zu wollen. Was wenn wir etwas tun, was ihren Zorn erregt?“, wandte Robert ein.
Wütend fuhr Kwan auf. „Wie kannst du es wagen? Wie kannst du es wagen, den Zorn dieser Feiglinge zu fürchten? Diesen Kollaborateuren, die sich augenscheinlich mit den verhassten Lyranern verbündet haben?
Wie kannst du es wagen, den Zorn des Kanzlers als schwächer zu empfinden?“
„Lang lebe der Kanzler“, intonierten die drei.
„Es wäre vielleicht weiser, in Mann auf dem Raumhafen auf sie zu warten“, wandte Thomas erneut ein.
Kwan lächelte. Ruhig, von einem Moment zum anderen. „Wir können aber auch zwei gute Taten zugleich vollbringen. Hört mir mal zu…“
**
Als Kittys Ripper von einer Bö zwischen zwei Wolkenkratzern seitwärts gedrückt wurde, wurde Belinda Wallace auf ihrem Sitz kräftig durchgeschüttelt. Sie sah Corporal Frischknecht, den Lademeister des Rippers an und versuchte nicht so auszusehen, als würde sie bald kotzen wollen. „Ist das immer so bei Sergeant Hawk?“
Der junge Mann, Frischi gerufen, kaute seelenruhig auf einer einheimischen Frucht herum. „Nein, Ma´am. Heute ist ein ruhiger Flug. Und sie ist auch nicht besonders schnell unterwegs.“
„Na, danke“, erwiderte Belinda und konzentrierte sich darauf, ihren Mageninhalt nicht von sich zu geben. Sprungreisen waren ja schon schlimm, aber das hier… Wie hielt Doktor Malossi das nur aus?
„Zehn Sekunden!“, rief Frischi und hakte sich ein. Danach schnallte er sich ab und trat neben eines der Tore. „Keine Angst, Ma´am, der Alte hat dem Sarge gesagt, dass sie landen soll. Ihre MedTechs werden also nicht abgeworfen, obwohl Sarge Hawk meinte, sie könnte damit mehr als drei Minuten Zeit gewinnen, um das nächste Team zu holen.“
„Wie beruhigend“, kommentierte Doc Wallace. Bald würde es also vorbei sein. Dieser Gedanke beruhigte sie tatsächlich.
Als der Helikopter hart aufsetzte, riss Frischi die Tür auf. Die MedTechs schnallten sich und ihre Ausrüstung ab und verließen den Transportraum. Kurz darauf zog der Heli wieder hoch, um das zweite von drei Teams zu holen.
Ein Blick genügte, um Belinda über die Situation zu informieren. In der Straße klaffte ein riesiges Loch. Die Fensterscheiben der Häuser auf einer Breite von zweihundert Metern waren zersplittert. Zwei ziemlich verloren wirkende Rettungswagen versorgten, so gut sie konnten, einige Menschen auf offener Straße. Einer der Sanitäter deutete auf die beiden Häuser, die der Explosion am nächsten gestanden hatten. Doc Wallace nickte.
„Also“, sagte Belinda, während sie sich in Bewegung setzte, „wir rechnen hier mit Schnittwunden, Brüchen, Thoraxtraumata und weiteren Traumata ähnlicher Natur. Kontrolliert jeden Patienten auf ein Thoraxtrauma. Wir bilden zwei Teams, eines für die linke Straßenseite, eines für die Rechte. Wir beginnen bei den Häusern, die der Explosion am nächsten waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten Verletzungen hier passierten, ist recht hoch. Lasst euch von unverletzten Bewohnern helfen und zu den Verletzten führen.
Wenn Ihr fertig seid, nehmt euch das nächste Haus vor.
Atkins, Wilcins, Tageru mit mir. Schneider mit den anderen auf die rechte Straßenseite. Ausführung.“
**
Charles Decaroux brachte die junge Gefangene persönlich, lediglich begleitet von einem seiner weiblichen Kommandos.
Die Bryanterin oder einheimische Agentin sträubte sich nicht. Sie wirkte verstockt, geradezu störrisch, aber wenig kampfbereit. Zumindest in der Beziehung schien ihr Wille gebrochen zu sein.
Germaine Danton sah zum Computerspezialisten der Einheit auf. „Danke, Willem. Sie können jetzt wieder gehen. Danke für Ihre Hilfe bei diesem widerspenstigen ComStar-Terminal.
Ach ja, vergessen Sie nicht, heute Abend zur Nachuntersuchung zu gehen. Belinda hat mir gesagt, es wäre die letzte. Fällt die auch negativ aus, sind Sie vollständig geheilt.“
Der riesige Mann lachte breit. Seit seiner Therapie hatte sich seine anfänglich niedergeschlagene Laune derart gebessert, dass er sein altes Frohgemut teilweise überflügelte. „Danke, Major. Es tut gut, wieder ganz da zu sein.“
Der Computerfachmann warf einen fragenden Blick auf die störrische, gefesselte junge Frau im Chevaliers-Techoverall, vermied es aber zu fragen.
Als Willem Kleinweich das Büro verlassen hatte, nickte Germaine seinem Spezialisten zu. „Nimm ihr die Fesseln ab, Charlie.“
Gehorsam löste der Kommandosoldat die Handschellen.
„Und nimm ihr den Mundknebel raus.“
Charles Decaroux zögerte. „Sie wird wieder versuchen, ihre Zunge runter zu schlucken.“
„Ach“, meinte Germaine und winkte ab, „sie ist sicher klug genug um bemerkt zu haben, dass sie längst auf einem Foltertisch läge, wenn wir glauben würden, dass sie Informationen für uns hätte, die wir unbedingt brauchen.
Außerdem will ich, dass sie mir antworten kann. Denn davon wird es abhängen, was wir mit ihr anstellen.“ Danton sah der trotzigen Gefangenen direkt in die Augen. Sie hielt lange stand, wendete dann aber ebenso trotzig den Blick ab. Schließlich nickte sie.
Charles Decaroux löste den Knebel.
„Von mir werden Sie…“, begann die junge Frau, wurde aber vom Major unterbrochen.
„Name, Rang, Dienstnummer“, bellte er.
Erschrocken fuhr die junge Frau zusammen. „Kalinskaya, Anna, Spezialistin Dritter Klasse. 139-KA-14073047.“
Germaine lehnte sich zufrieden zurück. „Das ist doch mal ein Anfang, Spezialistin Dritter Klasse Anna Kalinskaya.“
**
„Schnell, schnell!“, rief der junge Capellaner und rannte die Treppe hinauf. Belinda raste mit ihrem dreiköpfigen Team hinterher. Eine Schwerverletzte, wenn sie den aufgeregten jungen Mann richtig verstanden hatte. Demnach war seine Mutter von den herumfliegenden Glassplittern der Fensterscheiben während der Explosion schwer verletzt worden und lag nun in einer Lache eigenen Blutes. Takeru bereitete im Laufen bereits eine Kochsalzlösung vor.
Oberstes Ziel waren nun die Blutungen zu stoppen und den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Eventuell mussten sie vorsorglich einige Gefäße abklemmen, obwohl durch den Schock vor allem in den rudimentären Systemen, also Armen und Beinen die Blutzufuhr sicherlich bereits unterbrochen war. Was vielleicht die einzige Chance der Patientin werden würde. Solange im Rumpf und am Kopf keine lebenswichtigen Adern verletzt waren, würde ein Schock für die Sanitäter arbeiten.
Wenn es aber nicht bereits zu spät war. War der Blutverlust bereits zu weit fortgeschritten würde weder die Infusion mit Kochsalz, noch eine Bluttransfusion etwas nützen. Dann würden sie die Frau sterben lassen und sich dem nächsten Patienten zuwenden.
Belinda verzog zynisch das Gesicht. Manchmal kam sie sich in ihrer Professionalität noch kühler, noch berechnender vor als es Germaine als Kommandeur von über dreihundert Menschen manchmal sein musste.
„Da!“, rief der Junge, und blieb neben einer offenen Tür stehen. „Da hinein, schnell, schnell!“
`Warum läuft er nicht weiter vor, wie es normal wäre?´, ging es Belinda durch den Kopf.
Gerade wollte sie in die Wohnung eilen, als der nacheilende Atkins sie brutal aus den Türrahmen schob und den Gang hinein stieß. Hart stürzte Belinda zu Boden. Aus der Wohnung ertönte lautes Fluchen. Eine MPi ratterte und jagte einen Schwarm Hasserfüllte Hornissen dem SanTech hinterher, der eiligst aus dem Türrahmen zu kommen versuchte. Zwei rote Blumen spritzten auf, eine am Oberarm, eine auf der rechten Schulter. Wilcins und Takeru duckten sich auf der anderen Seite gegen die Wand und gingen in die Hocke, um zu verhindern, durch die Wand hindurch erschossen zu werden.
Wilcins zückte seine schlanke Beretta und feuerte blind ein paar Schuss in die Wohnung, während Takeru hastig in sein Funkgerät sprach.
Belindas Blick suchte Atkins. Der Mann stürzte blutend neben ihr zu Boden. Alles schien seit sie aus dem Türrahmen gestoßen worden war, in Zeitlupe zu laufen. Deshalb bekam sie auch mit, dass der capellanische Junge, als Atkins versuchte sich trotz der verletzten rechten Schulter mit der rechten Hand abzufangen, einen schlanken Nadler aus der Hose zog und auf den bewaffneten Wilcins richtete.
Nein! Das waren ihre Untergebenen! Sie war für diese Männer verantwortlich, und sie würde nicht dulden, dass einer von ihnen verletzt wurde, wenn sie es verhindern konnte!
Von einem Moment zum anderen veränderte die Zeit ihren Lauf und verging wieder normal. Gerade rechtzeitig, um Belindas frontalen Rammangriff auf den Jungen mitzubekommen. Sie stieß den Capellaner schwer gegen die nächste Wand und versuchte, ihm den Nadler zu entwinden. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, wie ein runder Gegenstand auf den Gang hinaus fiel. Sie erkannte es als militärische Splitterhandgranate. Geistesgegenwärtig wollte Wilcins danach greifen, aber zwei Kugeln, die so dicht an ihm vorbei sausten, dass sie sein Haar zerzausten, belehrten ihn eines Besseren.
Belinda machte sich klar, dass sie alle vier von der Splitterhandgranate schwer verwundet werden, wehrlos sein würden. Ihren unbekannten Angreifern ausgeliefert.
Dann ging ein Ruck durch Atkins, und der junge MedTech brachte sich kriechend und rollend von der Tür weg.
Eine Explosion in der Wohnung verriet die ganze Geschichte. Der Ruck war ein Tritt gewesen, ein Tritt, der die Splitterhandgranate zurück zum Absender befördert hatte.
Wilcins wollte die Gunst der Stunde nutzen und feuerte ein paar Schuss in die Wohnung ab, während auch Takeru seine Dienstwaffe zog, um ihm Deckung zu geben.
Wer waren diese Angreifer? Warum attackierten sie harmlose Sanitäter? Nein, warum lauerten sie den SanTechs der Chevaliers auf, war die Frage. Natürlich hatte sie schon davon gehört, dass im Bürgerkrieg oder in manchen Häusern Sanitäter nicht als neutral galten, ja sogar legitime Ziele waren. Deswegen waren sie ja auch alle bewaffnet. Aber es war dennoch eine Überraschung, es am eigenen Leib zu erfahren.
Belinda sah ihrem Gegner in die Augen. Wer war er? Was war sein Motiv?
Was war das für ein Zischen?
In den Augen ihres Gegners stand plötzlich jähe Erkenntnis und ein Blick, den Belinda in all den Jahren viel zu oft gesehen hatte. Der Junge starb.
„Lang…lebe…der…Kanz…“
Hätte Belinda ihn nicht gegen die Wand gepresst, er wäre sicher zu Boden gefallen. So aber starb er an Ort und Stelle und wurde lediglich schlaff.
Als der leblose Körper doch ins Rutschen geriet, brauchte die Ärztin eine Weile um zu begreifen, dass er es tat, weil sie mit zu Boden stürzte. Merkwürdig. Warum? Ihr fehlte doch nichts… Das war ihr letzter Gedanke.
„Saint ist am Boden, ich wiederhole, Saint ist am Boden! Fordere MedEvac und Not-OP an.
Zwei Chevaliers insgesamt schwer verletzt. Gebiet ist potentiell feindlich! MedTech Takeru Ende!“
**
Germaine Danton grinste zufrieden. „Danke für Ihre Auskünfte, Spezialistin Kalinskaya. Ich bin froh zu erfahren, dass die Einsatzgruppe von Bryant die Chevaliers nicht als Ziel betrachtet hat. Das hätte mir doch einiges an Magengrimmen bereitet. Immerhin verlegen wir die Chevaliers in knapp drei Wochen nach Bryant. Das war es. Sie können gehen.“
Die junge Frau starrte den Major ungläubig an. „Gehen? So einfach? Wieso?“
„Sehen Sie es als Entschuldigung an, Spezialistin Kalinskaya. Immerhin haben wir Ihre Tarnung auffliegen lassen, obwohl wir eigentlich nicht bedroht waren. Da ist es doch das Mindeste, Sie wieder gehen zu lassen. Sie können jederzeit und ungestört zum Haupttor rausspazieren. Niemand wird Sie aufhalten. Mir genügt es zu wissen, dass wir keine potentiellen Feinde sind.“
Die Agentin stand auf. „Dann werde ich jetzt gehen, Major Danton.“
Der nickte nur. „Ja, ja, viel Spaß noch. Aber benutzen Sie lieber den Hinterausgang. Es hat sich leider rum gesprochen, dass wir eine Bryanter Agentin gefangen genommen haben. Die Menschen in Findler sind nach dem Überfall nicht gut auf solche Menschen zu sprechen. Ach, am besten warten Sie auf die Dunkelheit, und wir bringen Sie mit einem der Transporter raus.“
Langsam setzte sie sich wieder. „Gibt es vielleicht noch einen anderen Weg, Major Danton?“
Interessiert hob der Offizier die Augenbrauen. „Hm?“
„Nun, wie wäre es, da Sie ohnehin nach Bryant fliegen, wenn Sie mich mitnehmen? Immerhin werden meine Einheit und Ihre Einheit in einigen Wochen Tür an Tür leben. Damit könnte ich vermeiden, in Findler unterzutauchen und entdeckt zu werden.“
Germaine nickte. „Ja, diese Möglichkeit besteht. Aber eine Fahrkarte von einem Sonnensystem ins nächste ist nicht gerade billig.“
„Was verlangen Sie?“, kam die Agentin unverblümt auf den Punkt.
„Ich könnte jetzt von Ihnen verlangen, Ihre Eide zu brechen und mir alles zu erzählen, was Sie über den Schatun und seine Truppen wissen.
Aber das ist Wissen, welches mir erst in Wochen nützen wird.
Im Moment aber ist mir mit anderen Sachen mehr gedient. Was wissen Sie und Ihr Geheimdienst über die Truppenstärke der New Home Regulars hier in der Nähe von Findler? Und was über die Stärke der Dreißigsten?“
„Ich stelle ein Dossier zusammen.“
Germaine nickte zufrieden. „Gut. Sergeant Decaroux wird Ihnen ein Quartier zuweisen. Ich erwarte einen ersten Text bis zum Abend. Aber natürlich können Sie uns jederzeit verlassen, wenn Ihnen danach ist. Nur, es tut mir aufrichtig leid, um zu beweisen, dass wir keinen unschuldigen Zivilisten festhalten mussten wir der Dreißigsten Lyranischen Garde ein Foto von Ihnen zur Verfügung stellen.“
Die Spezialistin erhob sich. Sie hatte verstanden. Nun war sie nur noch auf dem Gelände des HPG einigermaßen sicher. Und diese Sicherheit würde sie einiges kosten. Vielleicht mehr als sie zu zahlen eigentlich bereit war.
Kalinskaya nickte und verließ mit dem Sergeant das Büro.
Germaine klopfte nachdenklich mit den Knöcheln auf seine Schreibtischplatte.
Als Cindy hereinkam, um ihm Kaffee nachzuschenken, fragte sie amüsiert: „Was tust du da, Germaine?“
„Ich denke nach. Ich weiß, das ist ein seltener Anblick. Aber im Moment denke ich darüber nach, ob die junge Dame es lieber mit uns versucht oder eher mit der Möglichkeit, in der Millionenstadt Findler unterzutauchen.
Cindy setzte zu einer Antwort an, da flammte der Holowürfel auf. Das Gesicht von Juliette Harris erschien. „Germaine, komm bitte sofort ins Mobile HQ. Wir haben einen Notfall.
Doktor Wallace ist mit ihrem Team in einen Hinterhalt geraten!“
„Erhöhte Alarmstufe für die gesamte Basis!“, rief der Chevalier und sprang auf.
Belinda! Nein! Nicht sie auch noch! Nicht schon wieder!
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:11
Als Germaine Danton den Raum mit finsterer Miene betrat, tat Captain Scharnhorst etwas, was bei den Chevaliers selten geschah. Er rief ein lautes ACHTUNG!, und riss damit alle anwesenden Offiziere und Teileinheitsführer auf die Beine.
Statt wie ansonsten abzuwinken, ließ der Major die Szene auf sich wirken. Mehrere Sekunden vergingen, bevor er sagte: „Weitermachen!“
Die Anwesenden setzten sich.
„Also, was haben wir?“
„Atkins ist außer Lebensgefahr. Er wird in drei oder vier Tagen wieder bedingt Diensttauglich geschrieben. Wallace“, First Lieutenant Harris versuchte, den Namen nicht zu betonen, „ist weiterhin in einem kritischen Zustand. Eine Infektion der Wunden hat die Situation erneut verschlimmert. Sie kriegt die beste Versorgung, die wir haben, Sir.“
Germaine bestätigte das mit einem Kopfnicken.
„Meine Nachforschungen“, begann Sergeant Decaroux, „haben ergeben, dass besagte Wohnung seit Wochen leer stand. Hinweise auf eine plötzliche Anmietung gibt es nicht.
Eine Befragung der Anwohner hat nicht viel mehr ergeben, als das die beiden Attentäter kurz nach der Explosion der Gasleitung „eingezogen“ sind. Ein Zusammenhang zwischen der Explosion und den Einzug ist wahrscheinlich.
Wenn Sie meine Meinung hören wollen, Sir, wurde die Gasleitung hochgejagt. Und zwar nur aus einem Grund: Um Chevaliers herzulocken und dann dort oben entweder gefangen zu nehmen oder zu töten.“
Danton sah seinen Stellvertreter an.
„Wir sind weiter in erhöhter Alarmbereitschaft. Wir haben bereits Communiqués sowohl der Lyraner als auch der Regulars erhalten, in denen sie sich vom Anschlag distanzieren.
Dennoch habe ich sämtliche Urlaubsscheine einziehen und die Zutrittsberechtigung zum Gelände einschränken lassen. Als Urheber des Anschlags sehe ich hier die Zhangzheng de Guang.“
Einige Anwesenden nickten schwer.
Germaine Danton lehnte sich nach hinten, gedankenverloren, so schien es.
„Ich ordne hiermit erhöhte Wachbereitschaft an. Für den Zeitraum der nächsten beiden Wochen darf kein Fahrzeug näher als vierhundert Meter kommen, solange es keine Chevaliersmaus oder das ComStarzeichen trägt. Zivile Angestellte haben uneingeschränktes Zugangsrecht, müssen sich aber einer Untersuchung unterziehen. Jeder ist bestechlich. Jeder kann gezwungen werden, eine Bombe hier rein zu schmuggeln.
Für den Todesstreifen ordne ich Schießbefehl an.“
Ein nervöses Raunen ging durch den Raum. Der Kommandeur hatte hier nicht weniger sanktioniert als die gute alte Erst schießen, dann fragen-Methode. Allerdings nur für den als Schutzzone deklarierten Bereich.
„Ich bin die ganze Sache wohl zu lasch angegangen. War zu nachsichtig. Nachdem ich auf meine Leute geachtet habe, als wir hier auf New Home gelandet sind, habe ich mich wohl einlullen lassen. DAS KOMMT NICHT NOCH MAL VOR! Dies ist Feindesland. Allerschlimmstes Feindesland.
Unser Freundschaftsdienst wurde nicht gewürdigt. Die Leben, die unsere Sanitäter gerettet haben, bedeuten unserem Feind nichts.
Nun, wir wollen nicht ungerecht werden. Aber wir schöpfen die volle Härte unseres Kontrakts aus. Natürlich erwarte ich dennoch, dass sich jeder Chevalier an den geschriebenen sowie den ungeschriebenen Kodex der Einheit hält.
Jeder einzelne abgegebene Schuss wird vor mir verhandelt werden.
Doch bis es soweit ist, sind wir in der Verteidigung.
Besprechung beendet, Ladies und Gentlemen.“
Die Chevaliers erhoben sich und strebten dem Ausgang zu.
„Ach, noch ein paar Dinge. Oder besser gesagt, einige klare Befehle. Sie, meine Herren Offiziere, tragen ab sofort Sorge dafür, dass das pampern aufhört. Ich brauche keine Extrawurst, ich brauche keine verbale Streicheleinheit und ich drohe auch nicht in Schwermut zu verfallen. Machen Sie Ihren Truppen klar, dass ich durch die Umstände sehr gereizt bin. Wenn sie mich nicht weiterhin als das behandeln, was ich bin – nämlich der ranghöchste Offizier – werde ich ungemütlich, Motiv hin, Motiv her.
Sergeant Decaroux bleibt bitte noch.“
Nach einigen Minuten war der Raum leer. Nur noch der Major, der Sergeant und der Verbindungsoffizier von ComStar waren anwesend.
„Akoluth Yalom, ich habe etwas Privates mit Charlie zu besprechen.“
Der ComGuard nickte und verließ den Raum.
Die beiden sahen sich in die Augen. „Keine Bange“, bemerkte Germaine amüsiert. „Ich habe zehn Jahre für meine Rache gelebt. Mein Problem ist nicht, in Schwermut zu verfallen. Mein Problem ist, meinen Zorn zurück zu halten.
Charlie, ich will Belinda nicht verlieren. Aber ich kann ihr nicht helfen.“
Der Mann von New Syrtis nickte schwer. „Deine Anweisungen?“
„In zwei Stunden kommt Icecream mit ihrer STUKA rüber. An Bord ist Al. Niemand außer uns beiden weiß darüber Bescheid.
Ich will, dass du ihn in Empfang nimmst und mit ihm in Findler abtauchst.“
Der Major zog einen Umschlag aus seiner Uniformjacke. „Da drin sind achtzigtausend C-Noten aus meinem Privatvermögen. Das ist euer Startgeld.“
„Willst du Namen oder Köpfe, Germaine?“
„Köpfe!“ Die Augen des Chevaliers wurden kalt. „Auf Kathil hast du mir geholfen, Nummer drei auf meiner Liste zu vernichten.
Diesmal geht es aber nicht nur um mich und kleinliche Rache. Diesmal geht es um eine angeschlagene Bestie, die Glieder im Kampf gegen uns verloren hat. Angeschlagen sind sie immer am gefährlichsten. Schlage ihr das Haupt ab, so schnell es geht.
Ihr beiden habt zwei Wochen Zeit.“
Sergeant Decaroux nickte schwer. „Ich nehme an. Um Bebes Willen.“
„Ich danke dir“, erwiderte Germaine, aber es war keine Wärme in seinen Worten. Nur die Gewissheit, gerade eine unbekannte Anzahl Menschen zum Tode verurteilt zu haben.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:12
Obwohl es spät in der Nacht war, klopfte Sergeant Fokker nur leise an.
„Herein.“
Die junge Frau trat ein und salutierte vorschriftsmäßig vor ihrem höchsten Vorgesetzten.
„Sir, ich melde mich wie befohlen.“
„Rühren, Sergeant. Nehmen Sie Platz. Das hier könnte länger dauern.“
Kurz glomm in Fokkers Augen Unsicherheit auf, als sie zu dem angebotenen Stuhl ging.
Major Danton stellte zwei Tassen auf den Tisch und schenkte Kaffe ein. In beide Tassen kippte er zudem einen kleinen Schuss Rum.
Eine Tasse nahm er selbst, die andere schob er zu Sergeant Fokker herüber.
„Nehmen Sie schon, Sie sehen so aus, als könnten Sie es brauchen.“
Sie griff zur Tasse und trank vorsichtig einen Schluck. Der leichte Alkoholgeruch ließ sie ihre Miene verziehen.
„So, und jetzt schildern Sie mir den ganzen Vorgang mal aus Ihrer Sicht.“
„Ja, Sir.
Mir blieb eigentlich keine Wahl. Als der Lieferwagen kurz an der Sperrzone stoppte, forderte ich ihn auf, den Sicherheitsbereich wieder zu verlassen. Als er anstatt zu reagieren durchstartete, musste ich handeln, Sir. Gemäß Ihrem Befehl und in Anbetracht des Ärgers, den wir mit der Zhangzheng hatten, vernichtete ich den Lieferwagen. Danach bezog ich Position neben dem Wrack, um eventuelle Kommandos oder Selbstmordattentäter, die aus dem Wrack kommen könnten, auszuschalten. Das dies nicht geschah und das Wrack nicht explodierte, hat mich etwas verunsichert. Aber ich habe das Gefühl, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben, Sir.“
Minutenlang sah der Major sie durchdringend an. „Sie wissen, Sergeant, dass ich mir von Ihrer Beförderung einiges erhofft habe?“
Jara Fokker nickte knapp.
„Es war ein gewisses Risiko, mit dem ich die Dienstälteren und rangniedrigeren MechKrieger der Einheit brüskiert habe. Geschweige denn die anderen ranggleichen Chevaliers, die schon länger dienen. Aber ich habe Ihnen vertraut, von dem Moment an, als Sie mit Corporal Ferrow dieses Spezialtraining absolviert haben, um den besten Wing bei den Chevaliers zu bilden. Ich habe Ihren Weg verfolgt, vom Training mit dem Strahl Elementare über die Trainingsgefechte bis hin zum Schlagabtausch mit dem RabeMech der Regulars.“
Langsam trank der Major einen Schluck aus seiner Tasse.
„Sie sind noch reichlich jung, Sergeant. Ich musste mir von meinen Offizieren einiges an Kritik anhören, als ich Sie in diesen Rang versetzt habe.
Aber Erstens bin ich der festen Meinung, dass ein Wing-Leader Sergeant sein sollte.
Und Zweitens glaube ich daran, dass Sie diesen Job auch schaffen.“
Ein kurzes Lächeln huschte über die Züge des Offiziers.
„Danke, dass Sie mein Vertrauen in Sie gerechtfertigt haben, Jara.“
Eine gewisse Erleichterung huschte über das Gesicht der MechKriegerin.
„Und, Sir?“
„Was, und?“
„Und wie geht es jetzt weiter, Sir? Ich meine, was, wenn ich einen Zivilisten abgeschossen habe…“
Germaine Danton schluckte eine harte Antwort runter und sah ihr direkt in die Augen. „Kennen Sie die Geschichte vom Sanglamore-Kadett, der nachts Wache schob und aus Versehen einen seiner Mitkadetten erschoss?“
„Nein, Sir.“
„Nun, der Kadett wurde belobigt, bekam einen Orden und Sonderurlaub.“
„Nachdem er…“
„Ja, nachdem er einen Menschen aus der gleichen Einheit erschossen hat. Ihm blieb keine andere Wahl. Er war auf Wache und der Kamerad gab sich nicht zu erkennen. Zudem lief er auf die Gebäude zu, die der Kadett auf Wache schützen sollte. Der Kadett konnte in diesem Moment nicht darauf spekulieren, dass das nur ein Kamerad war. Die Fakten, die vor im lagen und die Befehle, die er befolgen sollte, waren zu eindeutig. Er musste schießen. Und er schoss. Und er tötete den anderen Kadetten. Ihm blieb keine andere Wahl. Um das Leben seiner Kameraden zu schützen musste er dieses Risiko eingehen. Deshalb wurde er nicht bestraft. Deshalb wurde er belobigt.
Das gleiche gilt für Sie, Jara. Sie konnten nicht anders handeln, Sie mussten so handeln. Deshalb werde ich Captain Scharnhorst mitteilen, dass Sie beim nächsten Appell ausdrücklich belobigt werden.
Wenn Sie da draußen einen dummen Bengel bei einem Streich erschossen haben, oder einen etwas zu waghalsigen Milchmann, dann ist das egal.
Sie hatten Ihre Befehle, und Sie taten Ihre Pflicht. Der Rest liegt bei Ihren Vorgesetzten, nicht bei Ihnen.“
„Das war es also?“, fragte Jara und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Ja, das war es. Mehr kann ich Ihnen nicht geben. Aber Sie sollten auch nicht mehr verlangen, Jara.“
Die junge Frau nickte schwer. „Ja, Sir.“
„Gut. Trinken Sie aus und gehen Sie dann schlafen, Sergeant. Auf Sie wartet Morgen noch mehr Verantwortung.“
„Ja, Sir.“ Jara Fokker trank den Becher leer, erhob sich und salutierte vorschriftsmäßig. Danach verließ sie das Büro.
„Es ist immer hart, erwachsen zu werden, Jara“, murmelte Germaine wie im Selbstgespräch. „Aber du bist auf dem richtigen Weg. Es ist gut zu wissen, dass die Rose der Cavalry auch ihre Dornen hat…“
Nachdenklich lehnte sich der Major in seinem Sessel zurück.
Er dachte an seine eigene Verantwortung, an seine Pflicht. Aber wenn alle seine MechKrieger so verantwortungsvoll handelten, dann konnte er sich durchaus mal eine Nacht Auszeit gönnen.
Seufzend erhob er sich und dachte an Belinda Wallace. Wenigstens diese eine Nacht würde er über sie wachen können.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:14
Anfang drei von drei
Germaine stand keinen Meter vom Operationstisch entfernt.
Ein eisiges, grelles Licht lag auf dem wie tot daliegenden Körper. Der Chevalier streckte die Hand aus, als wolle er danach greifen. Op-Schwestern und Ärzte waren vertieft in die schwere Operation.
„Wie ist es?“, hauchte der Major. „Wird sie es schaffen?“
Eine der Schwestern wirbelte herum. „Warum sollte sie es schaffen? Warum sollte sie es diesmal schaffen? Warum sollte sie mehr Glück haben als ich, Germaine?“
Der Chevalier starrte in das hübsche Gesicht vor sich, erkannte die hohen Wangenknochen und die kleine Stupsnase ebenso wieder wie die tiefen blauen Augen. „Louise-Claire…“
„Warum sollte sie es besser haben als ich? Sie wird sterben, Germaine. Genauso sterben wie ich damals. Du konntest mich nicht beschützen. Du konntest auch Belinda nicht beschützen.“
Germaine verließ die Kraft in den Beinen. Er sank auf die Knie.
Fassungslos sah er mit an, wie die Haare seiner toten Verlobten sich aufbäumten und die OP-Kapuze fortsprengten. Ihre Augen begannen zu leuchten, die Wangen fielen ein. Langsam begann ihre Haut zu zerfallen und das darunter liegende Gewebe freizugeben.
„Ja, du bist nie wirklich über meinen Tod hinweg gekommen, Germaine. Du hast nie wirklich losgelassen. Die ganze Zeit, als du auf der Jagd nach meinen Mördern warst, bist du den Gefühlen aus dem Weg gegangen. Hast dich versteckt, isoliert. Das einzige, was du verspürt hast, war die Rache, die heiße, brennende Rache. Aber was hat es dir genützt? Nichts. Ich bin immer noch tot!“
An einigen Stellen sah man bereits Knochen durchschimmern. Ihr Haar wallte noch ein wenig mehr, schien ein Eigenleben zu entwickeln.
„Und dann lässt du dich wieder auf ein Gefühl ein, wenn auch nur auf ein Halbes, und was passiert? Das was immer passiert, wenn du dich verletzlich machst. Belinda stirbt. Du warst nicht da. Du hast sie sogar da raus geschickt.
Du kannst froh sein, dass Miko nicht schon vor langer Zeit gestorben ist.“
Sie lächelte grimmig, wobei die Stirn den letzten Rest Gewebe verlor.
„Du hast mich nie verlassen. Und jetzt wo du einen billigen Ersatz gefunden hast, verlierst du ihn auch wieder. Deine Liebe ist ein Fluch, Germaine. Ein tödlicher, an dir haftender Fluch.“
Sie lachte irre, ihre Augäpfel machten einem wilden roten Glühen Platz.
Der Chevalier fühlte sich schwach, so entsetzlich schwach. Sein ganzes Leben, seine Existenz schien zwischen seinen Händen zu zerbröseln wie trockene Ackerkrume.
„Wäre ich nie von Sandhurst zurückgekommen. Wäre ich nie in einen Mech gestiegen. Wäre ich nie…“
„Mit Was wäre wenn’s änderst du jetzt auch nichts mehr, Schatz.“ Das skelettierte Gesicht funkelte ihn dämonisch an. „Du hast sie als Ersatz für mich gewählt, und nun bezahlt sie den Preis. Du bist so eigensüchtig, Germaine. So widerlich eigensüchtig. Man sollte die Frauen vor dir schützen.“
„Nein“, begehrte der Mann auf. „Nein, das kann doch nicht die Antwort sein.“ Heiße Tränen rannen über seine Wangen. „Louise-Claire, das ist doch nicht mein Schicksal.“
Die Frau trat näher, nur ein Fingerbreit trennte Knochen und Gesicht voneinander. „Du bist ein Fluch, Germaine. Ein Fluch.“
Der Major senkte den Kopf. „Louise-Claire“, hauchte er, „ich habe dich sehr geliebt. Vielleicht zu sehr. Als diese Bastarde dir das antaten, und du dich nicht mehr erholt hattest – egal in welchem Zustand, ich wollte einfach nur, dass du lebst. Für mich. Für uns.
Doch du starbst, und hast mich in dieser Welt zurückgelassen. Ich habe dich so sehr geliebt, dass all die Liebe, die ich für dich empfand, Hass auf jene wurde, die dich mir fort genommen hatten. Ich jagte ihnen nach und brachte sie zur Strecke, einen nach dem anderen. In dieser Zeit suchte ich nie eine Beziehung. Ich wollte keine.
Aber als der alte Bull mir den Kopf gewaschen hatte, als ich erkannte, das es außerhalb meines Hasses noch ein anderes Universum gab, als ich Verantwortung übernahm…
Da gab ich den Hass auf. Louise-Claire, ich habe dich mehr geliebt als jemals etwas vorher in meinem Leben. Aber du warst fort und ich musste weiterleben.
Nie hätte ich gedacht, mal jemand anderen zu finden. Niemanden, der dich ersetzt. Denn das kann keiner.
Aber jemand, den ich so sehr lieben kann wie dich. Der mein Leben füllt. An meiner Seite ist.
Als die harmlose Flirterei mit Belinda begann, ahnte ich noch nicht, wie sehr ich sie lieben würde. Sie kann dich nicht aus meinem Herzen verdrängen, Lou-Lou, niemand kann das. Aber sie hat einen eigenen Platz in meinem Herzen, der ebenso groß ist wie deiner.“
„Und siehst du, wohin diese Liebe sie geführt hat? In den Tod, wenn sie Glück hat. In ein Leben als Krüppel, wenn sie Pech hat.“ Wild funkelte das rote Glimmen in den toten Höhlen. Wild umpeitschten ihn die schwarzen, langen Haare. Alles wurde dunkel, der Raum verfinsterte sich, es wirkte verloren. Alles wirkte endgültig, bestimmt.
„Das… ist mir egal. Wenn sie nur zu mir zurückkommt.
Louise-Claire, ich hatte dich damals zurückhaben wollen, egal um welchen Preis. Nur wieder in deine tiefblauen Augen sehen, nur wieder deine Stimme, dein Lachen hören…
Es war mir nicht vergönnt.
Ich werde auf Belinda nicht verzichten. Selbst wenn sie ihr Leben im Rollstuhl verbringen muss. Selbst wenn sie nicht einmal mehr meinen Namen sagen kann. Ich liebe sie zu sehr. Ich will sie zurück. Egal in welchem Zustand. Nur soll sie zurückkommen.“
Eine Zeitlang herrschte eisiges Schweigen. Germaine sah zu Boden.
„So ist es also.“ Die zur Dämonin gewordene Frau nahm sein Kinn und zwang ihn, aufzusehen. Germaine sah wieder in tiefblaue, wundervolle Augen. In das wunderschöne Gesicht, das für ihn lächelte. „So ist das also.“
Ein Blick traf ihn, der sein Herz erwärmte. Ein Blick voller Freude und Glück, voller Zufriedenheit. „Ich bin froh“, hauchte die Frau. „Ich bin froh, dass du endlich den Eispanzer um dein Herz abgelegt hast, Germaine. Ich bin froh, dass du wieder lieben kannst. Du hast eine Zukunft. Du hast eine Liebe.“
„Lou-Lou, ich…“ „Nein, Germaine, ich bin Vergangenheit. Ich werde nun gehen. Ab hier findest du den Weg alleine.“
Ein letztes Mal fanden ihre Lippen die des Chevaliers. Dann verschwand alles in einem gleißenden Licht…
„Sir? Major Danton?“, erklang eine bekannte Stimme vor ihm.
Germaine schirmte die Augen ab. „Blenden Sie mich doch nicht direkt mit dem Scheinwerfer an, Atkins.“
„Tut mir Leid, Sir. Ich habe nicht erwartet, dass sich jemand um diese Uhrzeit hier aufhält. Und ich wollte nur einen kurzen Blick auf die Geräte werfen, ohne Licht anmachen zu müssen.“
„Natürlich, Atkins, natürlich.“ Germaine machte Platz vor den Geräten.
Der SanTech überprüfte die Vitalwerte der Ärztin und brummte zufrieden. „Sie ist auf dem Weg der Besserung.“ Er sah Germaine direkt an. „Sir? Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“
Der Major atmete scharf ein – und langsam wieder aus. „Sie ahnen gar nicht, wie in Ordnung, Atkins.“
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:16
Es war ein wunderschöner Morgen. So schön, dass selbst die riesige Schüssel des Beta-HPG wie durch ein Wunder in die herrliche klare Frühlingsluft passte.
Die Vögel sangen ihre Lieder, die Sonne schien klar und warm, verspielte Wolken trieben gemächlich über den Himmel und formten Tiere, Mechs und Waffen.
Verärgert schüttelte Germaine den Kopf. Konnte er denn nur an die Arbeit denken?
„Oh, Olli. Ich meine, SpezTech Mehigaro. Ich weiß, ich habe unser Training die letzten Tage schwer vernachlässigt. Ich sehe Sie heute nach dem Mittag in der SimKapsel. Wir wollen es heute mal mit einem gleich schweren Mech aufnehmen.“
Oliver Mehigaro hielt überrascht im Schritt inne. „Sir? Ich bin mir nicht sicher, ob wir das schaffen.“
Germaine klopfte dem Tech auf die Schulter. „Wir können heute alles schaffen. Einfach alles. Denn heute ist der schönste Tag in meinem Leben.“
Olli legte den Kopf schräg und blinzelte seinen obersten Chef durch die dicken Brillengläser an. „Habe ich etwas verpasst?“ Etwas leiser fügte er an: „Sir?“
Germaine Danton strahlte über sein ganzes Gesicht. „Ja, das ist es, SpezTech. Ich bin heute Morgen aufgewacht und habe beschlossen wieder zu leben. Und das Leben ist wunderschön. Ich werde jede Sekunde, die Gott mir davon zugesteht genießen. Und jetzt fange ich an mit dem, was ich am meisten liebe: Mich um mein Familie kümmern.
Also nach dem Mittag bei den Sims. Und holen Sie sich bei Leon nicht wieder doppelte Portionen.“
Verwundert starrte der Tech seinem Chef nach. „Ja, Sir.“
Germaine ging über den Exerzierplatz vor der Wohnanlage des HPG und grüßte freundlich und vollkommen unmilitärisch jeden einzelnen, sei es nun ein Chevalier oder einer der ComStar-Bediensteten. Selbst Akoluth Yalom, der auf dem Platz an seinem Mech schraubte, ließ verwundert sein Werkzeug fallen, als der Boss der Einheit derart gut gelaunt an ihm vorbei kam.
Ab und an stoppte der Major, um mit dem einen oder anderen ein Schwätzchen zu halten.
Besonders lange redete er mit Dawn und Jara. Die drei lachten schließlich sogar, eine Szene, die man seit Wochen nicht gesehen hatte.
Sergeant Rowan kam aus dem Trainingsbereich und gesellte sich zu seinem Vorgesetzten. Der riesige Elementar schaffte es, neben dem wesentlich kleineren Germaine beinahe so etwas wie unauffällig zu sein. „Guten Morgen, Sir.“
„Morgen, Sarge“, erwiderte Germaine und grinste schief, als der Elementare ob der Kontraktionen in der Sprache des Majors den Mund verzog.
„Entspannen Sie sich, Rowan. Sie sind nicht mehr Clan. Sie sind jetzt Chevalier. Hier darf man auch mal mitter Sprache schludern, wennsen Rest nich vergiss´, eh?“
„Machen Sie es wenigstens nicht absichtlich, Sir“, bat der Riese mit einem resignierenden Kopfschütteln.
„Na, meinetwegen. Was kann ich für Sie tun, Sarge? Kommen Ihre Elementare gut mit den anderen Chevaliers aus? Ich meine, die Prügelei neulich ist doch ein gutes Zeichen.“
„Sie werten die Prügelei von sechs Freigeborenen und meinen vier Elementaren als gutes Zeichen, Sir?“
„Aber ja.“ Germaine blieb stehen und legte eine Hand auf den Unterarm des Riesen. „Sehen Sie es mal von meiner Warte. Der Kampf fand in der Halle auf der Matte stand. Es wurde nichts Wichtiges gebrochen und die Leute haben sich gegenseitig Respekt eingebleut. Und wie ich gehört habe, hat niemand versucht, jemanden zu schlagen der am Boden lag.“
„Ja, schon…“, brummte der Elementare.
„Das heißt natürlich nicht, dass wir sie nicht bestrafen werden. Wir müssen unsere Form der Autorität wahren, nicht wahr, Sergeant Rowan?“
Der Elementare straffte sich und Germaine nahm die Hand zurück.
„Was ordnen Sie an, Sir?“
„Wenn wir hier auf einem ruhigen Posten wären, dann würde ich jetzt befehlen, dass die Leute die Rollen tauschen. Also Ihre Elementare in der Sprungtruppe dienen und die Sprunginfanteristen mit den Elementarerüstungen trainieren.
Aber wie ich gehört habe, dauert es relativ lange, eine Elementarerüstung auf einen normalen Menschen einzustellen. Und wir brauchen einsatzbereite Rüstungen mit fähigen Soldaten in Minuten, nicht in Stunden.“
„Hm. Wir haben vielleicht beim Flug nach Bryant für diese Variante Gelegenheit, Sir.“
„Das dachte ich mir auch. Bis dahin machen wir etwas anderes. Die Elementare werden von den Rüstungen abgezogen. Gemach, gemach, im Einsatzfall können sie natürlich einsteigen. Sie werden der Sprunginfanterie zugeteilt. Und zwar als Truppführer. Sie sollen den anderen Infanteristen vorstehen, sagen wir die letzte ganze Woche, die wir hier sind.“
„Ich verstehe. Wenn wir es richtig erklären können wir es so aussehen lassen, als müssten sich meine Elementare beweisen. Und die Infanteristen müssen beweisen, dass sie bereit sind, die geforderte Leistung zu bringen.“
„Genau. Und ich will, dass Sie das den Leuten auch sagen. Bis auf weiteres übernehmen Sie den Stellvertreterposten von MacLachlan. Sergeant van Roose übernimmt die nächste Woche die Schießausbildung der MechKrieger und Techs. Es wird langsam Zeit, dass die Guten besser und die Schlechten gut werden.“
„Wie Sie befehlen, Sir. Na, dann richte ich mich mal auf eine interessante Woche ein.“
„Pos, Sarge, pos. Mögest Du in interessanten Zeiten leben… Das ist ein alter capellanischer Fluch.“
„Ich verstehe.“ Der Elementare salutierte und ging zu den Bereitschaftsräumen.
Germaine erreichte das Büro. Cindy öffnete ihm die Tür und hielt ihm eine bereits dampfende Tasse Kaffee in die Hand. Auf dem Schreibtisch lag bereits ein leckeres, mit dickem Zuckerguss überzogenes Plunderstück bereit, dem aber die Hälfte fehlte.
Als Germaine sein Büro betrat, starrte er wie gebannt auf das angefangene Kuchenstück.
Auf einem der Besuchersessel saß Kommandant Getts und versuchte die Kaubewegungen hinter einer Hand zu verstecken.
„Tschuldigung, aber ich habe noch nicht gefrühstückt und der Kuchen sah so lecker aus…“
Germaine sah zu Boden. Seine Schultern begannen zu beben. Als er aufsah, lachte er aus vollem Hals.
„Cindy, gib bitte in der Küche Bescheid. Ich will ein Frühstück für zwei Personen haben. Sonja soll was zaubern. Mögen Sie Käse, Kommandant?
Cindy, hast Du dem Kommandant noch keinen Kaffee gebracht?“
Germaine setzte sich und zog die andere Hälfte des Plunderstücks zu sich heran. Er brach sich eine Ecke ab und schob den Rest in Richtung der Lyranerin. „Was du hast, sollst du teilen.“
„Sind sie religiös, Danton?“, fragte die Offizierin verwundert, griff aber zu.
„Nein, mein Einheitsseelsorger ist nur wirklich gut“, bemerkte er verschmitzt.
Er breitete die Arme aus. „Also, Kommandant Getts, was kann ich für Sie tun?“
Die Frau verzog das Gesicht, als müsse sie in eine Zitrone beißen. „Zuerst einmal vielen Dank für den schnellen Rücktransport während des Bryanter Angriffs. Aber Sie wissen schon, dass der Flugstil von Sergeant Hawk unter die Ares-Konvention fällt?“
Germaine grinste schief. „Haben Sie Sergeant Hawk gesagt, dass Sie so schnell wie möglich in Ihre Kaserne zurück wollen?“
„Ja…“ „Na, dann haben Sie selber Schuld. Ich wette, das war das schnellste Martyrium Ihres Lebens, nicht?“
„So kann man es auch nennen.“
Es klopfte an der Tür und eine atemlose Sonja trat ein und stellte ein Tablett mit frisch geschnittenem Brot, diversem Aufschnitt und frischem Salat ab. Auch eine Kanne mit Milch stand mit zwei Tassen bereit. Dann griff sie in ihre Schürze und holte eine gold glänzende Frucht hervor. Sie platzierte ihn direkt vor Germaine. „Aufessen“, sagte sie bestimmt.
Germaine nickte. „Ja, Mama.“
„So gefällst du mir, mein Schatz“, neckte sie. Sie nickte noch mal in Richtung von Getts und verließ das Büro wieder.
„Hm, sie muss was geahnt haben. Meine beste Köchin. Hat einen sechsten Sinn dafür, wo ihre Dienste benötigt werden.“
„Sie gehen sehr… Familiär mit Ihren Leuten um, Danton“, stellte Getts fest.
„Nun, ich bewahre eine gewisse Distanz zu den meisten Untergebenen, aber diese Menschen vertrauen mir Ihre Leben an. Und ich vertraue mein Leben ihnen an. Da ist eine gewisse Nähe nach einiger Zeit normal. Ich kenne Sonja seit Jahren.
Doch zurück zum Gespräch. Zugegeben, der Flug war etwas schnell und holperig.“
„Dank Ihres netten Transportangebots war ich in der Lage, mein Bataillon zu erreichen und zu aktivieren. Puh, ich konnte gerade noch verhindern, dass unsere Jäger aktiviert wurden. Sie wären beim Start eine leichte Beute für die Bryanter gewesen. So aber verfügen wir weiterhin über sie. Für den nächsten Angriff.
Na, egal. Jedenfalls bin ich auch hier, um mich im Namen der Stadtväter für die Hilfe Ihres MedEvac zu bedanken. Diese Menschen und Ihre Pioniere, die halfen die Straßen zu räumen haben einigen hundert Menschen das Leben gerettet.
Deshalb bedaure ich es auch aus tiefstem Herzen, was Ihrer Stabsärztin passiert ist.
Ich habe recherchieren lassen und herausgefunden, dass die beiden Toten, die von Ihren Sanitätern besiegt wurden, steckbrieflich gesuchte Terroristen aus Mann sind. Alle weiteren relevanten Daten stelle ich Ihnen zur Verfügung. Die Mann-Abteilung hat bereits eine Fahndung nach dem Rest der Zelle ausgeschrieben.
Wir tun alles, um Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, Major Danton.“
Der Chevalier erhob sich und starrte aus dem Fenster. Noch immer spielte ein Lächeln um seine Lippen, nahm aber dämonische Züge an. „Ich nehme Ihre Hilfe dankend an. Aber lieber wäre es mir, wenn Sie etwas anderes für mich tun könnten.“
„Was könnte wichtiger sein als die Rache für die schwere Verwundung der neutralen Sanitäter? Für Menschen, die selbstlos versucht haben, Leben zu retten?“, brauste Getts auf.
„Ich hatte meine Rache schon.“
Eine Zeitlang schwiegen beide. Germaine wandte sich wieder um und nahm Platz. Er zog ein Brett und ein Messer vom Tablett und begann sich ein Brot zu schmieren.
Wortlos beteiligte sich Getts.
„Ich werde jetzt nicht nach Details fragen. Es gibt eine gewisse Unruhe in der Szene, aber das sind übliche Erscheinungen in diesen Bereichen“, murmelte Alice Getts zwischen zwei Bissen. „So werde ich es zumindest erscheinen lassen.“
„Danke. Sie haben meine Bitte vorweg genommen.“
„Ich bin aber noch nicht fertig. Major Danton… Hm, der Käse ist aber gut. Haben Sie den mitgebracht oder hier auf New Home eingekauft?“
„Ich werde in der Küche fragen lassen. Mit etwas Glück lauert Sonja Ihnen dann beim verlassen der Kaserne mit einem Fresspaket auf.“
„Danke, aber das wollte ich eigentlich nicht sagen. Nun, Major, wir hatten eine lange Zeit, um Sie und Ihre Leute kennen zu lernen. Sie waren nicht wirklich neutral und haben der Zivilbevölkerung Ihre volle Unterstützung zukommen lassen. Eine Sache, die mich und meine Vorgesetzten sehr beschämt hat. Deshalb haben wir mit den offiziellen Stellen der New Home Regular verhandelt. Das Ergebnis ist… Hmmm, der Räucherschinken ist aber auch sehr lecker. Und was für ein tolles Brot. Ich brauche das Rezept für meinen Küchenbullen.“
Sie nahm einen tiefen Schluck Kaffee und sah auf. „Nun, wie es aussieht, kann ich Ihren Aufenthalt ein paar Tage verkürzen. Die Regulars haben zugestimmt, dass Sie Ihre Landungsschiffe die letzten beiden Tage vor dem Start hierher nach Findler verlegen können. Das erspart Ihnen vier Tage Rückweg nach Mann.“
Germaine schenkte beide Tassen mit Milch voll. „Das sind sehr gute Neuigkeiten, Alice. Dafür bedanke ich mich. Sorgen Sie bitte auch dafür, dass die New Home Regulars davon erfahren.“
„Das werde ich.
Ihre nächste Haltestelle ist dann Bryant, richtig? Ich habe noch ein Anliegen. Ich habe es abgelehnt, aber meine Vorgesetzten bestehen drauf.“
Germaine seufzte und trank die Milch. „Nein.“
„Sie haben mich ja nicht mal angehört.“
„Nein. Ich werde keinen Unterkontrakt annehmen um den Bryantern in irgendeiner Form zu schaden. Zudem habe ich auch noch einen Gast in der Einheit, der dem bryantischen Geheimdienst sehr genau berichten kann und wird, was immer ich hier tue.
Zudem verlangt ComStar von uns Neutralität. Ich werde die nicht aufgeben, nicht für ein paar C-Noten.“
„Ich weiß. Aber verstehen Sie bitte, dass ich das Angebot weiter reichen musste.“
„Die Pflicht ist niemals leicht. Ich habe meine eigenen Pläne auf Bryant.“
„Ich wünsche Ihnen viel Glück mit dem Herrscher. Dvensky ist ein schwieriger Gegner. Selbst wenn man neutral ist.“
Germaine Danton nickte und schob sich den Rest seines Brotes in den Mund. „Das bin ich auch, Alice. Das bin ich auch. Endlich wieder.“
„Sagen Sie“, begann Alice Getts nach einiger Zeit, „einer meiner ODs meinte neulich, er hätte einige Ihrer Leute im Lokal Annas Liebe gesehen. Sie wissen schon, was das für ein Laden ist?“
Germaine zwinkerte. „Natürlich. Ich habe neulich mit der Besitzerin sogar einen Mengenrabatt ausgehandelt. Ich habe eine Menge Männer in der Einheit, wissen Sie…“
Den Rest des Frühstücks unterhielten sie sich über ähnliche Belanglosigkeiten.
**
Als die Offizierin gegangen war – nicht ohne freundlich abzulehnen, von Kitty geflogen zu werden, betrat Metellus das Büro.
„Gute Nachrichten, Zenturio. Die Dreißigste Garde erlaubt uns, unsere Lander auf dem kleinen ComStar-Hafen zu parken. Sobald wir also in einer Woche übergeben, können wir gleich weiter fliegen. Koordiniere das entsprechend.“
„Aye, Imperator“, erwiderte der Marianer, setzte sich, schmierte sich in aller Ruhe eine Schnitte und lächelte Cindy freundlich an, als sie mit Trinkschokolade für ihn kam.
Als die Sekretärin mitsamt ihrem Bubenhaften Lächeln das Büro wieder verlassen hatte, brummte Germaine, seine gute Laune für einen Moment verlierend: „Charlie kam heute Morgen zurück. Er hat sechs erwischt, Zenturio.“
„Wir können nicht sicher sein, dass es auch die Richtigen waren, mein Imperator.“
Germaine nickte. „Ja, da hast du Recht. Aber was hast du mir neulich um die Ohren gehauen? Zeichen setzen, etwas tun?“
„Soll ich es durchsickern lassen?“
„Danke. Ich hätte mich geschämt, darum zu bitten, Decius Metelle.“
Germaine senkte den Blick. „Und noch mal wegen neulich. Ich hätte dir einfach in den Arsch treten sollen, als du so mit mir umgesprungen bist, du alter Esel.“
Er sah wieder auf. „Aber danke, dass du es getan hast, mein Freund.“
„Für eine Selbstverständlichkeit erwarte ich keinen Dank, Germaine.“
„Ich weiß. Aber ich fühle mich besser, wenn ich es ausgesprochen habe.
So, wenn du schon mal hier bist, ich denke, es hat lange genug Alarmzustand geherrscht. Schraube die Wachen auf ein normales Maß runter. Nur noch zwei Mechs Patrouille und zwei in Bereitschaft. Gleiches gilt für die Panzer. Ich brauche ausgeruhte Leute, wenn die Wobbies kommen.“
Der Marianer zog die Stirn kraus. „Du erwartest Ärger?“
„Zenturio, ich bin Soldat. Ich erwarte immer Ärger.“
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:20
Alarmsirenen rissen Germaine Danton aus dem Tiefschlaf. Seine Reaktionen waren durch jahrelanges Leben als Soldat konditioniert. Als er noch jünger war, hatte er sich oft nicht die Mühe gemacht, sich anzuziehen und war los gerannt, wie immer er war – in einem Mech war weniger immer mehr. Doch mit der Übernahme einer Kommandoposition hatte er gelernt, sich binnen weniger Sekunden anzuziehen. Er schlüpfte in Hose und Stiefel, griff die Uniformjacke und verzichtete auf ein Hemd. Er lief bereits, bevor der Hosenbund geschlossen war.
„Excuse moi, Cherie, aber ich muss los.“ Ein letzter Blick streifte das kleine Porträtfoto von Belinda Wallace, welches auf seinem Nachttisch stand und die schwere Aufgabe hatte, seine Freundin zu ersetzen, bis sie offiziell aus dem Lazarett entlassen wurde.
Auf dem Gang rannte er halbnackt in einen seiner MechKrieger. Noch während er sich aus dem Gewirr von Beinen und einer Bluse befreite, realisierte er, ausgerechnet das Küken der Einheit umgerannt zu haben. „Halt still!“, blaffte er sie an, damit ihre Bemühungen, wieder auf die Beine zu kommen, nicht länger seine verhinderten. Somit gelang es ihm, wieder aufzustehen.
Danach half er der jungen Frau auf die Beine. „Tschuldigung, Jara, ich habe Sie nicht gesehen! Nun aber ab in Ihren Mech.“
Die junge Frau war hochrot angelaufen und trug ihre Kühlweste vor der Brust fest an sich gedrückt. Bis auf ihre MechKriegershorts war sie nackt. Germaine registrierte das überrascht, noch während er weiter lief.
„Major!“, rief sie ihm nach, aber Germaine hatte bereits das Treppenhaus erreicht. „Das war ein Befehl, Sergeant!“, rief er zurück und wäre beinahe in die zweite Frau gelaufen, ausgerechnet Juliette Harris, die gerade dabei war, ihre Uniformjacke zu schließen.
Germaine grinste schräg, während sie nebeneinander auf das Mobile HQ der Einheit zuliefen.
„Du solltest dir wirklich angewöhnen, Nachts ein Top oder ein Shirt zu tragen, Julie“, neckte er sie.
Lieutenant Harris erwiderte das Grinsen und zog ein Bekleidungsstück von der Schulter des Majors. „Und du solltest nicht mit einem BH auf der Uniform herum rennen, Germaine.“
„Was?“ Germaine Danton stockte im Lauf. „Oh. Oh, verdammt. Der gehört Sergeant Fokker.“
„Wie bitte?“ Juliette Harris erstarrte kurz, setzte ihren Weg nach der Schrecksekunde aber fort.
„Ich habe sie umgerannt, als der Alarm losging. Erinnere mich daran, dass ich ihr das zurück gebe und ihr was Nettes als Entschuldigung kaufe. Blumen oder was süßes.“
„Ich sorge besser dafür, dass das in der Einheit nicht die Runde macht.“ Mit diesen Worten stopfte sie den BH in ihre Uniformjacke. „Ich wäre nicht die einzige, die auf den falschen Gedanken kommen könnte.“
„Was willst du damit sagen?“, erwiderte der Major leise und passierte die Sicherheitsschleuse des HQs. Er warf sich auf seinen Platz, legte das KommSet an und bellte: „Bericht!“
Auch Juliette Harris legte ihr Set an und scheuchte die ankommenden KommTechs durch den Wagen. Die Nachtschicht informierte knapp und schnell über die Geschehnisse.
„Angriff durch Mechs während der Patrouille um den Raumhafen, Sir. Fasterman und Snob sind achthundert Meter von den Landern entfernt“, fasste Juliette zusammen.
Ein Hologramm baute sich vor Germaine auf und stellte die Landschaft dar.
„Angreifer sind: Champion, JaegerMech, Loki. Konfiguration ist nicht klar festzustellen.
Doc-Lanze sowie Sparrow und Tear rücken aus. GAZ eine Minute. Befehle?“
„Drei Angreifer, hm?“ Das Hologramm zoomte heran und zeigte die Schäden, an allen fünf Mechs. „Augen offen halten nach weiteren FeindMechs. Eventuell erwarten uns auch Unterstützungstruppen. Fasterman und Snob sollen die Stellung halten, solange es ihnen möglich ist.
Stell mich auf den Allgemeinen Kanal, Julie.
Hier spricht der Chef. Unsere Raumhafenpatrouille wird von drei Schweren FeindMechs ohne Kennung angegriffen. Weitere Angreifer sind nicht zu erkennen, aber nicht unwahrscheinlich. Tank macht die MechKompanie bereit, hält sie aber für einen Ausfall zurück. Doc macht die Tanks bereit und schickt die Erkundungslanze unter Hermes mit Erkundungsauftrag raus.
Hammer schickt die Infanterie in Position, es sollen Inferno-KSR ausgegeben werden. Shadows Sniperteams beziehen Position laut Notfallplan.
Fallen Angels bemannen die Jets, halten sich aber nur bereit.
Sneaker hält sich bereit, steigt aber nicht auf. Christopher hält sich bereit, steigt aber nicht auf.
Augen auf, Chevaliers, Augen auf.“
Germaine deckte das Mikro mit der Hand ab und winkte Juliette heran. „Also, was meinst du damit?“
„Kannst du dir das nicht denken?“, erwiderte sie schnippisch und deckte ihr Mikro ebenfalls ab. „Der große, väterliche und zudem auch noch kerngesunde Chef, dessen Freundin gerade ans Krankenbett gefesselt ist. Und dann dieses wunderschöne, blutjunge Mädchen, mit dem er regelmäßig schwatzt und scherzt… Und da der Chef nun schon einige Zeit auf dem Schlauch steht und laut der Aussage unserer Kameraden nicht einmal privat in Annas Liebe gesehen wurde… Nun, das könnte gewissen Berichten Vorschub geben. Und wenn man bedenkt, Sparrow ist wirklich sehr hübsch. Da fällt es nicht leicht, Germaine.“
Der Major runzelte die Stirn. „Ach, Quatsch. Ich habe es schon länger ohne ausgehalten als ein paar Wochen. Außerdem, wenn ich da ein Defizit habe, dann komme ich zu dir, nicht, Cherie?“
Er tätschelte ihre Wange, worauf sie rot wurde. „Das wäre ja mal was ganz neues, Mr. Eisklotz“, erwiderte sie.
„Es gibt immer was neues, Julie. Und jetzt gib mir den Funk von Fasterman und Snob auf die Komm.“
Einer der KommTechs drehte sich zu Germaine und Harris um. „Sir, Bestätigungen von allen Einheiten. Shadow meldet Bereitschaft Sniperteams in zwei Minuten. Tank meldet Bereitschaft eine Lanze in zehn, Rest in zweihundertzwanzig Sekunden. Hammer meldet Bereitschaft Infanterie in hundertacht. Doc meldet Bereitschaft Tanks in neunzig, Bereitschaft und ausrücken von Hermes in sechzig Sekunden.“
Germaine nickte als Antwort. Kurz darauf wurde der Funk der beiden MechKrieger eingeblendet.
„Snob hier, der letzte Treffer ging in die Interne!“
„Dreh den Torso! Zeig dem Loki die andere Seite!“
„Dann kann ich die PPK nicht mehr einsetzen, Fasterman!“
„Immer noch besser, als den Mech nicht mehr einsetzen zu können. Ich gebe dir Deckung. Außerdem – AUTSCH, das tat weh! Außerdem kommen da hinten schon Sparrow, Tear und Doc!“
Der Major registrierte auf dem Hologramm, wie mehrere Fehlschüsse das Maultier trafen. Er ballte die Fäuste und unterdrückte ein breites Grinsen. „Julie, gib mir die SKULLCRUSHER auf einer sicheren Leitung.“
Das Gespräch war nach wenigen Sekunden erledigt.
„Jetzt wieder Hauptleitung.“
„Tear hier, wir sind da! Mach Platz, Snob, damit wir freies Schussfeld haben!“
„Ha, können vor lachen. Ich werde hier ganz schön durchgewalkt.“
„Wir sind ja schon in Formation. Ruhig, Snob. Übrigens, du hältst dich für dein erstes Gefecht ziemlich gut. Bist wohl doch kein solcher verwöhnter Arsch.“
„Ich liebe dich auch, Sparrow, heiß und innig. Ich mache aber keinen Film davon. Was? Sie weichen zurück?“
„Muss an unserm Supportfeuer liegen, Snob. Fasterman, Sparrow, haaabt Ihr ne klaaare Erfassung für meine Panzer?“
„Negativ, Doc, negativ.“
Germaine faltete die Hände zusammen und legte sie unter die Nase. Er überdachte die Situation, während die Meldung kam, an Bord der SKULLCRUSHER wäre ein Feuer ausgebrochen.
„Nachrücken, aber vorsichtig. Achtet auf die Flanken. Da draußen beginnt der Stadtwald, und da kann sich ein Dutzend Platoons Infanterie verbergen.
Tank, bereit machen für Unterstützung. Doc, ist Hermes raus?“
„Von Tank, verstanden.“
„Home Base von Doc, Hermes ist raus und erkundet in der Stadt und am Wald. Keine Gegner, keine Ziele.“
„Snob von Home Base, lass den Clanwannen den Vortritt und achte auf deine Interne.“
„Ja, Sir. Rücke in zweiter Linie mit.“
Lieutenant Harris warf Germaine einen vieldeutigen Blick zu. „Guter Junge. Erstes Gefecht und er gerät weder in Raserei noch in Panik. Wenn er jetzt noch bescheidener wäre…“
„Beschuss von der Flanke! Ich wiederhole, Beschuss von der Flanke!“
„Ich sehe es, Sparrow! Warte, ich helfe dir!“
„Ich zeichne Enforcer und Daimyu! Das sind doch keine Regulars oder Zhangzheng!“
„Doc-Kompanie, ausrücken! Tank-Kompanie, ausrücken! Jeweils eine Lanze zurückbehalten! Fasterman, Stellung halten! Snob, raus da! Sparrow, langsam zurück, Tear, Deckungsfeuer! Fallen Angels, bereit machen!“ Angespannt blaffte der Major seine Befehle.
„Sneaker bittet um Erlaubnis, aufzusteigen, Sir!“, meldete einer der KommTechs.
„Sneaker soll aufsteigen, sich aber aus dem Kampf raus halten. Da drin wäre ihre Mühle bestenfalls ne Zwischenmahlzeit. Sneaker erkundet das Umland auf weitere Gefahren.“
„Ja, Sir.“
„Home Base von Doc, ich konzentriere mich maaa auf die beiden Neuankömmlinge!“
„Positiv. Durchhalten, Sparrow.“
„Ja, Sir, gebe mein Bestes.“
„BIN GETROFFEN! KSR GEHT HOCH!“
„Steig aus, Snob, steig aus!“
Germaine ruckte vor, beobachtete das Hologramm genau. Tatsächlich wurde die Miniaturdarstellung des Kampftitans von Snob von internen Explosionen gebeutelt, doch das CASE funktionierte und lenkte den Großteil der Energie nach außen.
„Verdammt, das war die Notabschaltung! Warum funktioniert der Schleudersitz nicht?“
„Snob stürzt! Ich wiederhole, Snob stürzt! Doch nicht direkt aufs Cockpit! JUNGE!“
„Ruhe bewahren, Fasterman. Snob stürzt auf die Seite, nicht aufs Cockpit“, stellte Germaine leise fest.
„Sir, First Base meldet, dass ein FeindMech den Raumhafen überquert. Computeranalyse identifiziert ihn als Wraith.“
„Nur einer?“
„Ja, Sir. Nur ein Mech.“
„Al soll ihn passieren lassen. Seine Waffen dürften größtenteils sowieso noch nicht klar sein.
Tank, mit Reservelanze ausrücken und den Wraith verscheuchen. Was sagen die Lebenszeichen von Snob?“
„Werden kritisch.“
„Verdammt. Christopher ausrücken.“
„Feind zieht sich zurück, ich wiederhole, Feind zieht sich zurück!“
„Home Base, hier Home Base. Chevaliers, laut Notfallplan HPG und Raumhafen sichern. Sneaker, wenn’s geht, folge den FeindMechs und finde was raus über sie. Aber bleib außer Reichweite der Waffen. Und wenn es möglich ist, lass dich nicht erwischen.“
Ein zweimaliges Knacken in der Leitung bestätigte.
„Malossi. Hol mir den Jungen da raus. Ich will nicht, dass sein erstes Gefecht auch sein letztes wird.“
„Ich tue, was in meiner Macht steht, Germaine.“
„An alle. Das war gute Teamarbeit. Macht weiter so, und beim nächsten Mal auf Outreach werden wir auf Veteran hoch gestuft.“
Nicht, dass der Major wirklich daran glaubte. Aber die Chevaliers hatten gerade einen auf die Mütze bekommen. Sie konnten einen Trost gebrauchen.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:22
Jeder HPG in der Inneren Sphäre besaß auf jeder von ComStar betreuten Welt eine Gefechtszentrale.
Warum ausgerechnet der Pseudoreligiöse Orden vor seinem Schisma anscheinend die Eroberung des bekannten Weltraums geplant hatte, interessierte Germaine Danton in diesem Zusammenhang aber wenig.
Vor allem nicht, da er beinahe selbst ComGuard geworden wäre.
Im Moment war er eher dankbar dafür, denn die Gefechtszentrale auf New Home hatte einen Konferenzraum mit der besonderen Eigenschaft, nahezu abhörsicher zu sein. Massive Mauern, gelagert in Kunststoffschalen, die eine Weiterleitung von Schall verhinderten, ein in die Betonstruktur eingelassenes Metallgitter, welches Funk verhinderte, ein interner Generator, der Stromzufuhr von außen unnötig machte.
Und in der Lüftung lief ein starker Störsender, war zudem Kameraüberwacht.
Als der letzte Offizier der Chevaliers eingetroffen war, nickte Germaine der Wache zu.
Die drei schwer bewaffneten Infanteristen nickten, verließen den Raum und versiegelten ihn.
Der Chevalier machte eine lange Kunstpause. Dann sah er auf. Und jedem einzelnen Mann ins Gesicht. „Captain Scharnhorst, Mechs. Kapitän Al Hara Ibn Bey, ROSEMARIE. Kapitän Ito, BOREAS. Captain Peterson, Infanterie. Stabsarzt Malossi, SanTechs. Kapitän van der Merves, SKULLCRUSHER.
First Lieutenant Harris, Stab. First Lieutenant Dolittle, Panzer. First Lieutenant Sleijpnirsdottir, Flieger. First Lieutenant Bishop, Pioniere. First Lieutenant McHarrod, Mechs. Second Lieutenant Slibovitz, Flieger. Second Lieutenant Dukic, Mechs. Second Lieutenant Danté, Flieger. Second Lieutenant Gurrow, Flieger.“
„Das wissen wir alle selbst, Germaine“, kommentierte Scharnhorst. „Worum geht es?“
„Ich stelle fest, dass sämtliche Offiziere der Chevaliers hier versammelt sind. Die Luft/Raumjägerabteilung vor allem deswegen geschlossen, weil sie bei der folgenden Mission eine schwierige Aufgabe zu erfüllen hat.
Sie alle kennen den Auftrag, den ComStar uns für New Home gegeben hat: Den HPG zu sichern, bis er an Blakes Wort übergeben werden kann. Morgen kommen die Blakies, wir packen ein und sind weg.
Sie alle kennen den offiziellen Auftrag, den uns ComStar für Bryant gegeben hat. Ebenfalls den HPG zu schützen, bis er an Blakes Wort übergeben werden kann.
Und die meisten von Ihnen kennen den Geheimauftrag, den ich erhalten habe, und der die Chevaliers für das nächste Jahr sanieren kann.“
Die Flieger spitzten interessiert die Ohren. Sie kannten den Geheimauftrag noch nicht.
„Was ich hier sage, darf um keinen Preis den Mannschaften zu Ohren kommen. Außer uns hier im Raum sind lediglich Master Sergeant Decius Metellus und Sergeant Decaroux informiert. Je weniger Leute vom Plan wissen, desto weniger können ihn auch verraten.
Es gibt eine Ausnahme, aber dazu komme ich später.
Der Geheimauftrag. First Lieutenant Dolittle, bitte.“
Der Panzerfahrer sah erstaunt auf. „Ich, Cheef? Na gut. Für alle dies noch nich wissen, ich gehe mit der Hälfte der Pios unh´ dem schweren Räumgerät auf Bryant n´ bisschen spielen.
Mitkommen werden meine Doc-Lanze, ein Trupp Kommandos mit Scharfschützen unh´ Triple-D.
Unser Auftrag: Auf dem Äquatorialkontinent Tomainisia abschmiern unh´ in der verlassenen Stadt Leipzig nach so nem Lostechgedaddel suchen.“
„Danke, First Lieutenant. Das Lostechgedaddel ist ein Prototyp eines so genannten Sturminhibitors, eines Satelliten, der mit Laserwirkung gezielt Hoch- beziehungsweise Tiefdruckgebiete erschaffen kann, um Stürme zu mildern oder ganz zu verhindern.
Werden genügend Inhibitoren eingesetzt, kann das Klima einer Welt wie Bryant nachhaltig verändert werden. Die Gefahr ist, dass man auf diese Art auch Stürme erschaffen kann.
Da Blakes Wort das HPG übernehmen wird, muss sich ComStar von dieser Welt zurückziehen. Die Nachricht, dass es aber in Leipzig entweder einen funktionsfähigen Prototyp oder baureife Pläne für einen solchen gibt, kam sehr schockierend für ComStar.
Sie alle wissen, dass man schlecht gegen das Wetter kämpfen kann.
Die Folgen wären kaum abzusehen, würde dieser Satellit Blakes Wort überlassen.
Wir kennen die ungefähre Position der Forschungseinrichtung. Es handelt sich um einen Bunkerkomplex unterhalb eines Hochhauskomplexes in der Innenstadt von Leipzig.
Dieses Hochhaus ist leider in sich zusammen gestürzt, wir werden uns durchgraben müssen.
Das wird die Aufgabe für Sergeant Sagrudsson sein, Lieutenant Bishop.
Lieutenant Dolittle wird die Absicherung der Ausgrabung übernehmen.
Wir wissen, dass die Bryanter recht eifersüchtig über die Städte aus der Sternenbundzeit wachen. Es kommt immer wieder mal vor, dass Piraten und Glücksritter versuchen, auf den Äquatorkontinenten etwas davon zu finden. Bryant vergibt dafür Lizenzen oder ellenlange Haftstrafen, behält aber in jedem Fall die Funde ein.
Zudem hat Blakes Wort schon einen uns nicht bekannten Einfluss auf den planetaren Herrscher, Lord Dvensky.
Wenn überhaupt, müssen wir den Fund nicht nur machen, sondern stehlen.
Und ich denke nicht, dass sich Dvensky oder gar Blakes Wort so ohne weiteres die Butter vom Brot nehmen lassen wird.
Durch den Ausfall der Inhibitoren während der Amarisherrschaft hat sich das Klima der Welt wieder auf ihren alten Stand eingependelt. Das bedeutet, dass sehr kräftige Orkane über das Land gehen. Der Einsatz der Leipzig-Gruppe darf maximal zwei Wochen dauern. In dieser Zeit rechnen wir mit einhundertvierzig Milliliter Niederschlag und drei Stürmen. Das wird ein hartes Brot werden, Dolittle, Dukic.
Diese Stürme aber werden auch unsere Operation verdecken. Und uns Zeit geben, zu finden, was wir suchen. Wenn wir es haben, werde ich der Situation entsprechend entscheiden, wie wir weiter vorgehen. Es kann sein, dass wir sofort fliehen müssen. Es kann aber auch sein, dass wir ganz gemütlich auf die Blakies warten können und dann höchst offiziell den Planeten verlassen.“
Germaine griff in seine Uniform und zog einen Zettel hervor. „Für den größten anzunehmenden Unfall, also einen spontanen Angriff auf uns durch die Bryanter, große Verluste und den sofortigen Rückzug habe ich einen Deal gemacht.
Bryant hat drei Monde. Den Innersten, Jarra, den zweiten, Jennu und den dritten, Summersdale. Damit verbunden sind diverse Piratensprungpunkte.
Wenn wir ins System kommen, wird unser Sprungschiff an der Sprungpunktstation sofort aufladen. Falls wir in Schwierigkeiten kommen, macht es einen Sprung zu einem der Piratenpunkte. Auf dem Zettel sind die geheimen Codewörter für je einen der vier Piratenpunkte. Jeder von Ihnen ist berechtigt, das Sprungschiff zu rufen, sollte der Vorgesetzte Offizier ausfallen.
Ist das Sprungschiff einmal gerufen, haben wir nur eine – und nur diese eine Chance, es zu erreichen und das System zu verlassen.
Die Bryanter werden natürlich versuchen, unser Sprungschiff an die Kandare zu nehmen. Sie werden sehr überrascht sein, dass das keinesfalls so leicht ist.“
Der Zettel hatte einmal die Runde gemacht. „Unser prognostiziertes Ziel ist ein Sprungpunkt hinter Summersdale. Die Reise wird dann für uns sehr lang, die Gefahr von der Luftwaffe Bryants gestellt zu werden wird höher. Aber die Gefahr eines Fehlsprungs reduziert sich. Und da zwei der Monde während unseres Aufenthalts Konjunktion haben, können wir in den gravitatorischen Wirbeln unsere Spuren verwischen.
Kapitän van der Merves, wie lief das Feuer an Bord Ihres Maultiers?“
Der Landungsschiffskapitän grinste schief. „Es ist wie befohlen ausgebrochen und hat einen Teil der Schiffselektronik gebraten. Zudem wurde eine Steuerdüse schwer in Mitleidenschaft gezogen. Aber das Schiff dürfte flugfähig sein, falls nichts Unvorhergesehenes passiert.“
Germaine Danton grinste. „Nachdem die SKULLCRUSHER während des nächtlichen Überfalls beschädigt wurde, dachte ich, besser kann es gar nicht gehen. Wir können sicher sein, dass Bryant bereits über den Überfall und den Schaden am Maultier informiert wurde.
Ursprünglich hatte ich Ihren Lander ausgesucht, um die Einsatzgruppe Leipzig ins Ziel zu tragen, weil er der Älteste ist und ein Absturz plausibler ist. Aber mit den vermeintlichen schweren Schäden wird es authentischer. Wie ist der Schaden wirklich?“
Van der Merves grinste schief. „Sir, nicht der Rede wert. Die Schäden an der Steuerdüse haben wir mit Bordmitteln behoben. Ich bringe das alte Mädchen sicher durch jeden Bryanter Sturm.“
„Gut. Sie muss aber auch wieder hoch kommen können. Immerhin befördert sie die kostbarste Fracht, wenn wir verschwinden müssen.“
„Das wird sie, Sir. Verlassen Sie sich auf mich.“
„Gut. Wenn wir Bryant anfliegen und den Blind Spot erreichen, jenen Teil der Atmosphäre, der Kommunikation unmöglich macht, wird sich die SKULLCRUSHER unter Vortäuschung eines schweren Schadens von uns trennen. Da wir ohnehin auf Äquatorialhöhe einfliegen und erst in der Stratosphäre nach Brein, der Hauptstadt weiterfliegen, wird die SKULLCRUSHER gelandet sein, lange bevor wir ankommen. Lieutenant Dolittle, Ihr Team beginnt dann sofort mit der Arbeit.
Sobald der erste Notruf abgesetzt ist, haben Sie die Erlaubnis, alle Chevaliers an Bord über den Plan zu informieren, Patrick.
Sie aber, Herrschaften, lassen Ihre Untergebenen im Ungewissen. Ich will, dass die Situation so authentisch wie möglich ist. Außerdem dürfen weder unsere Elementare noch Sergeant Rebecca etwas von der Aktion erfahren. Ich kenne sie noch nicht lange genug um sagen zu können, ob sie uns für die meisterhafte Operationsverschleierung hochleben lassen oder wegen des Ehrverlusts um meine Kommandoposition kämpfen wollen.“
Leises Gelächter erklang.
„Die Luftwaffe Bryants ist sehr stark. Wenn es hart auf hart geht, sollten wir sie am besten erst spät oder gar nicht starten lassen.
Lieutenant Sleijpnirsdottir, Sie trainieren Bombardements und Geleitschutz bis zum erbrechen. Aber lassen Sie keinen einzigen Tech ahnen, was wirklich vorgeht.“
Wieder sah Germaine in die Runde. „Bryant ist anders als New Home. Hier haben wir es mit zwei Parteien zu tun, die im Clinch liegen.
Auf Bryant liegt die gesamte Macht in Dvenskys Hand. Er, seine Familie und seine Junta, die aus engen Freunden besteht, halten die Zügel fest umklammert.
Jedes falsche Wort, jeder falsche Schritt wird den Verdacht gegen uns schüren. Und glauben Sie mir, wäre ich Dvensky, ich hätte uns schon im Verdacht, bevor wir gelandet sind.
Das bedeutet, wir müssen uns mehr als mustergültig benehmen. Damit sind nicht deine Schwarzmarktgeschäfte gemeint, Al. Ich bin sicher, gegen einen Obolus sind die Behörden gerne bereit, deine Waren zuzulassen.“
Der Arkab grinste. „Geld regiert die Welt.“
„Richtig. Ich wünsche so wenig Kontakt zur Bevölkerung wie möglich. ROM hat uns ein Dossier zur Verfügung gestellt, die Dvensky als totalitären Herrscher beschreibt. Er hält sich vor allem mit Hilfe seines Geheimdienstes und der Miliz an der Macht. Gegner interniert er in Gefangenenlagern, in denen sie oft Jahrelang Frondienst leisten müssen. Es gab in letzter Zeit mehrere Attentatsversuche auf ihn und die Geheimdienstchefin.
Ich erwarte, dass Sie drauf aufpassen, dass nicht ein Chevalier auch nur den Hauch eines Kontaktes zu anderen gewaltbereiten Gruppen aufkommen lässt. Wir haben mit der Wachübernahme am HPG und der geheimen Mission in Leipzig genug mit uns zu tun.
Ich will, dass Sie alle ein Auge auf Ihre Leute haben. Ich will, dass Sie ihnen ständig auf die Finger schauen. Die Hauptstadt ist ein sehr gefährliches Pflaster, und ich will mir nicht von Dvensky diktieren lassen was passiert, und wann es passiert.
Lieutenant Sleijpnirsdottir, Ihr Flieger sind unser Ticket runter von Bryant. Ihre Vögel werden Totalüberwacht. Sie und Ihre Lanzenkameraden haben um jeden Preis Kontakt zu den Bryantern zu vermeiden. Wir werden einige Zivilisten als AsTechs einstellen, um der Spinne die Gelegenheit zu geben, Agenten bei uns einzuschleusen. Diese AsTechs dürfen nicht einmal auf Rufweite an die Maschinen oder unsere Luft/Raumpiloten heran.
Unsere Rolle als Vertreter ComStars und die damit verbundene Neutralität sollte uns einigen Schutz bieten. Es macht uns aber nicht unsterblich. Und dieser Schutz kann schneller aufgehoben werden als uns lieb ist.
Also bleiben Sie wachsam. Sie alle. Noch Fragen?“
Dukic hob die Hand. „Sir, rechnen Sie mit Angriffen auf die Leipzig-Gruppe? Ich meine mit einer konkreten Bedrohung?“
Danton nickte. „Bei dem Angriff vorgestern ist es Sergeant Hawk gelungen, die Angreifer bis zu ihrem Landungsschiff zu verfolgen. Das Schiff startete kurz darauf. Ein startendes Landungsschiff bedeutet, dass irgendwo da draußen ein Sprungschiff wartet. Ein Sprungschiff bedeutet interstellare Mobilität.
Dazu kommt, dass der sechste Mech der geheimnisvollen Angreifer, der Wraith, garantiert nicht zufällig zwischen unseren Landern durchgekommen ist. Er hat Informationen gesammelt. Für wen? Wir können nur raten. Warum? Wir können nur raten. Doch eines ist sicher: Diese Informationen werden irgendwann gegen uns verwendet.
Es liegt nahe, dass dies bereits auf Bryant geschieht. Halten Sie also die Augen offen, Zdenek.“
„Um auf den Angriff zu sprechen zu kommen“, ergriff Manfred Scharnhorst das Wort, „unsere beteiligten MechKrieger waren, nun, sehr geknickt. Vor allem, weil Snob wohl für längere Zeit ausfällt. Mittelohrschaden, wie es aussieht, abgesehen von diversen Brüchen, Quetschungen und Verbrennungen.“
„Kommt mir bekannt vor“, brummte Germaine.
„Jedenfalls hat mich Doc darauf aufmerksam gemacht, dass die Zusammenarbeit zwischen unseren Küken und den Panzern nicht die Beste war. Ich habe mir das zu Herzen genommen und Fasterman, Sparrow und Tear durch den Wolf gejagt. Bis wir auf Bryant landen, werden sie kombinierte Kämpfe üben, dass es ihnen zu den Ohren wieder rauskommt. Seltsamerweise war das für sie eine große Erleichterung.
Ich habe sie im Anschluss noch mal gelobt und festgestellt, dass unsere Gegner mindestens Veteranen waren. Dafür haben sich alle vier Grünlinge recht gut geschlagen.
Auch das haben sie geschluckt. Ich denke, die Moral wird sich dadurch gebessert haben. Ich beobachte die Situation aber weiterhin.“
„Gut, danke, Manfred. Noch Fragen?
Dann können Sie wegtreten, Herrschaften. Die eingeteilten Truppen gehen an Bord der SKULLCRUSHER. Wenn die Wobbies Morgen hier ankommen, will ich nur noch dabei zusehen, wie der Lander von ComStar startet und dann selbst verschwinden. Ich traue diesen Typen einfach nicht.“
Die Versammlung löste sich auf, die Tür wurde wieder geöffnet und die Offiziere der Chevaliers verließen den Raum. Germaine Danton ging als Letzter.
Er nickte einem Sprunginfanteristen zu. „Räuchern Sie den Raum aus. Blakes Wort soll keinen Nutzen daran haben.“
Der junge Mann nickte und stellte sich in die Tür. Kurz darauf trat der Flammenwerfer auf seinem Rücken in Aktion und füllte den Raum mit Feuer. Kein Mikrofon, kein Aufnahmegerät und erst recht keine Hightech aus Sternenbundzeit würde das überleben.
„Soweit so gut“, stellte Germaine Danton fest.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:23
Am Tag des Abflugs saß Germaine in seinem Büro und sah hinaus, wo die ComStar-Techs bereits eifrig damit beschäftigt waren, ihr Equipment zu verladen. Sie ließen nichts zurück. Nichts, was nicht für den Betrieb des HPG unerlässlich oder fest verankert war. Werkzeug? Sollten die Blakies doch selbst mitbringen. Toilettenpapier? Das gute Dreilagige denen überlassen? Niemals!
„Nun, Mr. Swoboda, haben Sie eine Entscheidung getroffen?“ Germaine drehte den Stuhl wieder und sah den MechKrieger an.
Der Junge sah schlimm aus. Eine Verbrennung zweiten Grades zog sich über seine Wange bis über das rechte Ohr. Er hatte fast sein ganzes Haar verloren. Aber es würde wenigstens nachwachsen.
Schlimmer waren die gebrochene linke Hand, der Bruch des rechten Knöchels und die schwere Schädigung seines Mittelohrs. Beim Sturz hatte es ein starkes Feedback gegeben und beinahe Snobs Gehirn gebraten. Bevor das nicht verheilt war, bevor nicht ein erfahrener Arzt sein OK gab, war es das mit der Mechkriegerkarriere von Karel Swoboda. Und der junge Ligist wusste das auch.
„Sir, als ich die Diagnose hörte, war mein erster Gedanke, meine Sachen zu packen und nach Hause zu fliegen. Brüche heilen wieder. Aber vielleicht niemals wieder in der Lage zu sein, einen Mech zu steuern… Kurz und gut, ich wollte aufgeben.
Aber das hätte nur mein Callsign bestätigt, was? Snob. Der verwöhnte, überkandidelte reiche Schönling.“ Spöttisch fuhr er sich über die frisch sprießenden Stoppeln. „Damit ist es wohl auch vorbei.“
Der junge Mann straffte sich. „Sir, ich bin für leichten Dienst tauglich geschrieben. Haben Sie eine Aufgabe für mich?“
Germaine dachte kurz nach. „Ich erinnere mich daran, dass Sie neulich bei der Simübung ein gutes Auge für Geländedetails bewiesen haben. Und in der Schlacht eine Ader dafür, auf Ihre Kameraden zu achten. Wenn Sie nicht aufgeben wollen, Karel Swoboda, dann gebe ich Sie auch nicht her. Egal, ob Sie jemals wieder einen Mech steuern oder nicht, Sie sind ein Chevalier. Melden Sie sich bei Lieutenant Harris. Taktische Analyse.“
„Danke, Sir.“
Die Besprechung war damit beendet, aber der Private stand nicht auf.
„Ist noch etwas?“
„Sir, man hat mir gesagt, mein Kampftitan wäre in zwei Wochen wieder gefechtsklar.“
Germaine lächelte. „Ja, es hat ihn nicht ganz so schlimm erwischt, wie es zuerst aussah. Das CASE hat dem Mech und Ihnen den Arsch gerettet. Ich habe Anweisung gegeben, ihn auf Hochglanz zu bringen, wenn wir ihn zurück schicken.“
„Sir, das wird nicht nötig sein. Wir können die Feuerkraft des Mechs gut gebrauchen, oder? Ich meine, wir Chevaliers.“ Swoboda straffte sich, und es wirkte, als würde er sich häuten. Etwas Altes ablegen. „Sir, Sie und Tech Mehigaro trainieren doch seit Monaten für ein Tandemcockpit. Mein Kampftitan hat eines. Ich weiß nicht, ob ich ihn jemals wieder selbst steuern darf. Aber es wäre mir eine Ehre, wenn Sie ihn solange führen, bis ich weiteres weiß.“
Germaine Danton erhob sich. „Damit habe ich nicht gerechnet. Aber ich nehme Ihr Angebot dankend an.“ Er reichte dem jungen MechKrieger die Rechte.
Diese ergriff und schüttelte sie, um den Transfer zu beschließen.
„Sir.“
Swoboda salutierte, ergriff seine Krücke und humpelte hinaus.
„Ach noch etwas, Corporal Swoboda“, hielt Germaine ihn noch einmal zurück. „Holen Sie sich beim MatWart Ihre neuen Abzeichen ab. Ich war sehr zufrieden mit Ihnen da draußen. Ich bin sicher, Sie können es noch zu was bringen bei uns.“
„Danke, Sir“, erwiderte der frisch beförderte Chevalier.
Germaine sah wieder hinab auf den Hof. Heute würden sie kommen. Die BlakeGuards zuerst, danach die BlakeTechs. Es widerstrebte Germaine Danton, die wertvolle Anlage in den Besitz dieser Pseudogläubigen kommen zu sehen. Aber er hatte eine Mission. Eine wichtige Mission.
**
Am frühen Nachmittag überwachte der Major das Einschiffen der Nonkombattanten der Einheit sowie der Mobilen Ausrüstung. Die Kampfeinheiten hatten einen Verteidigungskordon um den Teil des Raumhafens gezogen, den man selbst beanspruchte. Nur noch zwei Trupps Infanterie schützten den HPG. Sie würden ihre Stellungen aufgeben, sobald die BlakeGuards eintrafen.
Neben Germaine stand Kommandant Alice Getts und besah sich das Treiben. Sie hatte die liebenswerte Aufgabe, Blakes Wort zu empfangen.
„Haben Sie schon einen Kontrakt für die Zeit nach Bryant? Ich bin sicher, wir könnten ein paar mehr Mechs brauchen“, eröffnete sie die Konversation.
„ARD-Kordon, Kommandant.“
Sie hob die Augenbrauen und stellte die Stirn kraus. „Am anderen Ende der Zivilisation. Hm, schade. Hatte mich gerade an Ihre Chevaliers gewöhnt. Wie geht es Ihrer Freundin, Germaine?“
„Sie ist auf dem Weg der Besserung. Der Molosser sagt, sie wird fast wieder vollständig gesund. Äh, Stabsarzt Malossi, meine ich. Ich habe lange überlegt, ob ich sie zur Kur hier zurück lasse. Aber dann wäre sie mir auf eigene Faust hinterher geflogen und hätte mir die Leviten gelesen.“
Getts lächelte. „Klingt nach einer energischen Person. Schade, dass ich sie nicht kennen gelernt habe.“
Über dem Raumhafen erklang eine Sirene. Die letzten Techs, die sich auf dem freien Areal des kleinen Hafens herumtrieben, räumten ihn hastig.
Gerade ging der letzte APC der Chevaliers in Stellung. Das Mobile HQ fuhr rumpelnd in den Laderaum der ROSEMARIE ein.
„Da kommen sie“, brummte Getts leise. „Ich gestehe, ich habe etwas Angst davor, Blakes Wort auf diese Welt zu lassen. Immerhin haben die Regulars gute Kontakte nach Sian, und dort soll Blakes Wort höher im Kurs stehen als ComStar. Aber dies zu entscheiden liegt nicht in meiner Hand. Ich kann nur mögliche Schäden abschätzen und begrenzen.“
Germaine sah sie an. „Alice, ich habe noch nie mit Blakes Wort zu tun gehabt. Zum Teil deswegen, weil ich von Terra stamme und ich es ihnen übel nehme, dass sie meine Heimatwelt besetzt halten. Ich quelle also über von Vorurteilen.
Aber es ist wahrscheinlich wie in allen Organisationen. Einige Blakies möchte man am liebsten in den nächsten Vulkan werfen, andere sind erträglich, und einige möchte man heiraten.
Veränderungen sind auch immer eine Chance. Versuchen Sie, Ihre zu nützen.“
Germaine deutete auf die angetretene Ehrenkompanie Mechs der Dreißigsten. „Geben Sie den Blakies einen Vertrauensvorschuss und sehen Sie zu, wie sich die Dinge entwickeln. Wenn es nicht klappt, passen Sie auf, dass Sie mehr Mechs haben als die. Der Rest findet sich dann schon.“
„Ich werde Ihre Worte beherzigen.“
Eine Stunde später senkte sich ein Breitschwert mit dem Logo von Blakes Wort herab. Zeitgleich booteten die letzten ComStarTechs ein.
Der Lander öffnete sich, und ein Toyama kam herab. Hinter ihm folgten ein Exterminator, ein Marodeur IIC und ein Schütze.
Die vier Mechs stellten sich in einem lockeren Halbkreis auf, der sowohl die New Home Ehrenformation wie auch die Lander der Chevaliers abdecke. Keine wirkliche Gefahr, aber ein deutliches Zeichen von Misstrauen.
Danach folgte ein Mannschaftstransporter, dichtauf ein Jeep.
Beide hielten knapp vor Getts und Danton.
Ein Mann in der alten ComGuards-Uniform verließ den Jeep und salutierte vor den beiden Offizieren. Der Blakes Wort-Aufnäher auf der Schulter sagte alles.
„Demi-Präzentor XIV John Hallie, Blakes Wort.“
Danton und Getts salutierten ebenfalls.
„Kommandant Alice Getts. Dreißigste Lyranische Garde. Willkommen auf New Home, Demi-Präzentor.“
„Danke, Ma´am.“
„Major Germaine Danton, Dantons Chevaliers.“
„Ah, unsere Zwischenlösung. Ich habe schon gehört, was Ihnen hier passiert ist, Major Danton. Ich hoffe, Sie haben auf Bryant eine ruhigere Zeit.“
„Danke, Sir. Wie vereinbart übergebe ich Ihnen das vollständig geräumte HPG.“
„Ich übernehme das vollständig geräumte HPG.“ Der Demi gab dem Transporter einen Wink. Er fuhr auf das HPG-Gelände ein und entließ einen Trupp Infanterie.
Nachdem diese die Chevaliers an den Eingängen abgelöst hatten, fuhr der letzte APC der Söldner aus dem Tor und hielt auf die BOREAS zu.
„HPG übernommen. Danke, Major Danton.“
Wieder salutierten die beiden.
„Ach, noch ein Tipp, Major. Wenn Sie in acht Wochen den HPG von Bryant übergeben… Der neue Kommandant der Ihnen zugewiesenen BlakeGuards ist ein Choleriker und ein Mann von Blakes Wort der Ersten Stunde. Sehen Sie zu, dass Sie ihm keinen Vorwand liefern, Ihnen Ärger zu machen.
Ich rücke jetzt mit meinen Leuten ein. Viel Glück, Major Danton.“
Der Demi setzte sich wieder in den Jeep und fuhr davon, auf das HPG zu.
„Wie ich schon sagte, mit manchen kann man überhaupt nicht“, bemerkte Germaine grinsend.
„Heiraten würde ich ihn trotzdem nicht“, konterte Getts amüsiert.
Die beiden salutierten voneinander und gaben sich danach die Hand.
„Es war nett, Ihre Chevaliers hier zu haben. Richten Sie der Einheit meine Grüße aus. Und von mir ebenfalls viel Glück.“
„Danke. Ihnen ebenso.“
Germaine drehte sich um und fiel in einen leichten Trab. Er hob beide Hände über Kopf und deutete mehrmals auf die BOREAS. Kurz darauf begannen die ersten Panzer mit dem einbooten.
Das Kapitel New Home war Zu Ende.
Leider war dies aber nur ein Vorgeschmack auf das, was die Chevaliers erst erwartete.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:27
Die lange Reise zehrte an Germaine Dantons Nerven. Was ein kleiner Ausflug hatte werden sollen war ein blutiges Gemetzel geworden.
Es hatte nicht einen Chevalier auf New Home sterben müssen. Aber dennoch waren die Wunden, die der Truppe, und vor allem ihm selbst gerissen worden waren, sehr tief.
Vielleicht zu tief.
Einige Chevaliers waren über sich selbst hinaus gewachsen wie Swoboda oder Fokker.
Andere waren an ihre Grenzen gestoßen, wie er selbst.
Manchmal waren Wunden schlimmer als der Tod. Manchmal war das Ziehen der alten Verletzung in der Seite prägender als der tiefe Stich im Herzen, auf einen oder mehrere Freunde fortan verzichten zu müssen.
Er hatte New Home verlassen, in Frieden und im Einklang mit sich selbst. Äußerlich.
Aber in seinem Inneren sah es anders aus.
Eine Woche zum Sprungpunkt, eine Woche zum Planeten. Und sie hatten gerade mal das System Bryant erreicht. Die Zeit dehnte sich ins Unendliche. Der Dienst wurde monoton.
Und die Nächte waren kalt und einsam.
Germaine ertappte sich dabei, wie er an seine Gefährtin dachte, die noch immer geschwächt von der Operation und dann vom harten Raumflug und dem Sprung im Lazarett bleiben musste. Ein aufgetretenes Fieber hatte sie wieder zurück geworfen. Malossi war zuversichtlich, dass es binnen weniger Tage geheilt sein würde. Es hatte Germaine dennoch schlaflose Nächte bereitet.
Nächte, die er genutzt hatte, um seine Pläne voran zu bringen. Nächte, in denen er die Elementare unter Sergeant Rowan persönlich gedrillt hatte – und eine ausgewählte Gruppe um Sergeant van Roose in den fünf Gefechtsrüstungen der Claninfanteristen.
Mittlerweile ging schon das Gerücht um, der Chef hätte sich clonen lassen, um in der ROSEMARIE überall zugleich sein zu können.
Nächte wie diese.
Grinsend legte Germaine ein Full House ab und raffte den Jackpot zu sich heran. Misstrauisch beäugte er die anderen Teilnehmer der mitternächtlichen Pokerrunde in der Kantine der ROSEMARIE, aber niemand schien Anstalten zu machen, ihm den Pott streitig zu machen.
Al war sowieso raus, Zdenek hatte seine Karten bereits offen und verärgert hingeworfen.
Patrick paffte an seiner Zigarre und ließ nicht erkennen, ob sein Blatt mies oder er nur freundlich zum Chef war. Decius Metelle war ebenfalls ausgestiegen.
Und der Letzte in der Runde, Charly, war mittendrin im bieten ausgestiegen.
„Maaan, Cheef“, raunzte Dolittle, „das sinh aber locker hundert C-Bucks. Jetzt weiß ich wenigstens, wie du unseren Sold bezahlst.“
Germaine grinste als Antwort.
„Wo ist eigentlich Captain Peterson?“, fragte Metellus leise. „Der Pendler hätte ihn doch zusammen mit Dolittle und Dukic durch einen kleinen Abstecher zur BOREAS abholen können.“
„Spielt Schach mit Bishop“, erwiderte Al. „Die beiden hocken jetzt schon seit vier Tagen über der gleichen Partie fest.“
„Unh Mannie? Was´n mit dem?“ Dolittle schob die Zigarre in den anderen Mundwinkel.
Germaine grinste anzüglich. „Verschollen.“
„Verschollen?“ Dukic runzelte die Stirn.
Germaine blickte verschwörerisch in die Runde. „Ist schon der zweite Fall. Der erste Verschwundene ist Sergeant Tsuno. Unauffindbar, seit Stunden.“
Der Ligist konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „In dem Fall sollten wir sie auch nicht suchen.“
Germaine nickte, entkorkte die Whiskyflasche und schenkte sich nach. Das Glas wurde voll und die Flasche war nur noch wertloses Glas. Er warf sie nach hinten, direkt in den Mülleimer.
„Gute Wurf“, staunte Charly. „Hast du geübt?“
„Nicht wirklich“, meinte Al und deutete auf die Trümmer einer unglücklichen Flasche, die der Chef der Chevaliers daneben platziert hatte.
„Lacht Ihr nur, lacht Ihr nur.“ Germaine trank einen Schluck. „Tolles Zeug, das.“
„Ist ja auch aus meinen privaten Bestand“, bemerkte Al leise.
Germaine nahm die Karten auf und teilt neu aus.
„So, meine Herren, auf Bryant erwartet uns eine völlig veränderte Situation. Das Klima ist mürrisch, die Umgebung eiskalt, die Menschen fest unter der Fuchtel des Staatsapparates und ComStar knapp davor, von Word of Blake abgelöst zu werden. Alles in allem werden wir uns danach sehnen, in einem Gefecht zu stecken und uns von unseren Reaktoren mal kräftig durchwärmen zu lassen.“
„Dieser Dvensky, was ist das eigentlich für ein Mensch?“, wollte Dukic wissen. „Soweit ich weiß, war er im VerCom ein ziemlich hohes Tier, bevor er sich… nun, selbstständig gemacht hat.“
Charly nahm seine ersten beiden Karten auf. „So wie ich es gehört habe, war Dvensky der höchste VerCom-Offizier auf diesem Eisball, bevor das Chaos ausbrach. Dvensky hat das System erst für Prinz Victor gesichert, danach für Archon Katrina. Aber entweder waren beide zu beschäftigt, oder ein eisiger Dreckklumpen irgendwo inmitten der Chaosmarken war ihnen einfach egal.
Übrig geblieben ist ein Planet mit geringer Bevölkerung, aber starkem Militär.“
„Wenn ich Kommandant Getts richtig verstanden habe“, brummte Germaine dazu, „hat sich Dvensky nicht wirklich von Bryant loseisen können. Irgendwie ist er dort hängen geblieben. Hat die Ordnung gesichert, die Städte verteidigt und sich selbst zum Herrscher ausgerufen.
Er soll keinen schlechten Job machen, denn die Bevölkerung weist Zuwachsraten auf. In einer Gegend, in der die Haupttodesursache der gewaltsame Tod durch einen Mech ist, sind viele anscheinend dankbar für einen Planeten, auf dem ausnahmsweise mal nicht gekämpft wird.
Seinen Militärapparat finanziert er wie es aussieht über die Überfälle auf New Home und Epsilon Indi. Langfristig will er aber wohl an die Bodenschätze der Welt. Die sollen mehr als reichlich vorhanden sein.“
„Also braucht er die Bevölkerung, um diese Ressourcen abzubauen, das Militär, um die Bevölkerung zu schützen und die Überfälle, um das Militär zu finanzieren. Er baut also auf Pump.“
Charly nickte Dukic zu. „So kann man es beschreiben. Aber da gibt es noch etwas anderes. Es scheint, er ist auf den Geschmack gekommen, was das Herrschen angeht. In Findler habe ich Gerüchte gehört, dass sich die Bryanter Truppen über kurz oder lang auf New Home festsetzen wollen.“
„Naaa, klasse. Dann hat die Zhangzheng ja was Neues zum spielen“, brummte Dolittle und holte eine neue Flasche Whisky hervor.
Germaine schien amüsiert zu sein. Er lachte.
„Was ist so witzig, Germaine?“, hakte Al nach.
„Ich dachte gerade daran, wie sich der Schatun – so nennen ihn seine Freunde – auf Bryant an der Macht hält. Er unterhält einen starken Geheimdienstapparat, der wie es aussieht, viel auf das denunzieren gibt. Ich bezweifle, dass es unserem Freund gelingen wird, einen ähnlich starken und erfolgreichen Apparat auf New Home zu errichten, bevor seine Truppen das Erste Mal die Kampfmethoden der Zhangzheng gekostet haben.
Bei zwei rivalisierenden militärischen Systemen ein drittes zu errichten war noch nie eine gute Idee.“
„Kollaborateure gibt es immer. Versprich ihnen ein wenig Macht, und sie verkaufen ihre Großmutter.“
„Ja, sicher, Al. Aber wir haben eine Welt, auf der seit Jahren die Fronten verhärtet sind. Wo sich die meisten Menschen bereits für eine Seite entschieden haben. Der neue Geheimdienst Dvenskys wird hoffnungslos in der Unterzahl sein. New Home wird auf Jahrzehnte ein Verlustgeschäft für ihn werden. Falls er sich so lange halten kann.“
Dolittle betrachtete seine Karten. „Passe. Wie gut, dass ich Söldner geworden bin und so nen Quatsch wie Politik nicht verstehen muss, waa, Cheef?“
„Sag mal, Germaine“, meinte der Marianer und warf eine Karte ab, „lässt du dir einen Bart stehen? Und ist das Pomade in deinem Haar?“
Der Chef der Chevaliers warf drei Karten ab und strich sich über den dünnen dunklen Strich auf seiner Oberlippe. Er hatte Gestern begonnen, ihn zu kultivieren. „Gut erkannt, Zenturio. Ich dachte mir, es wäre mal wieder Zeit für etwas Veränderung in meinem Leben.“
„Veränderung?“ Al hob argwöhnisch die Augenbrauen.
„Ich finde, für einen waschechten Franzosen von Terra bin ich nicht französisch genug. Für unseren neuen Freund sollte ich mich daher richtig ins Zeug legen – damit sein Geheimdienst was zum spielen hat.“
Die Herrenrunde sah sich an – und brach in gellendes Gelächter aus.
„Dann sollte ich vielleicht wieder ins Latein fallen und die Verben ans Ende meiner Sätze stellen“, brummte der Marianer amüsiert.
„Und ich könnte ebenfalls ein wenig rumfranzöseln“, kommentierte Charly grinsend.
„Und ich sollte dann vielleicht den gierigen Arkabhändler spielen, der Luxuswaren zu überteuerten Preisen an die Bevölkerung verkauft“, murmelte Al nachdenklich.
Als er die spöttischen Mienen der anderen Chevaliers bemerkte, fügte er hinzu: „Okay. Vielleicht brauche ich es nicht zu spielen.“
Als die Blicke nicht abbrachen, setzte er hinterher: „Was erwartet Ihr? Ich werde bald Vater. Eine Familie ist teuer. Und man kann sie auch nicht so ohne weiteres abheuern.“
„Wäre ja auch noch schöner“, sagte Dolittle und hob sein Glas. „Auf die Familie.“
„Auf die Familie“, fielen die anderen Chevaliers ein.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:28
Langsam, ganz langsam glitt die scharfe Klinge über die blanke Haut. Das leise Kratzen, welches sie erzeugte, als sie die kleinen Stoppel abschnitt, erfüllte den ansonsten stillen Raum. Es war ein bedächtiger Moment. Der letzte Moment, um innezuhalten.
Noch eine halbe Stunde bis zum Eintritt in die Atmosphäre. Noch zwei Stunden bis nach Brein.
Germaine unterdrückte einen Fluch, als er den Hauch der Ahnung von der Schärfe der Klinge verspürte. Als erfahrener Nassrasierer wusste er sofort, dass er sich geschnitten hatte. Wie groß die Wunde sein würde und wie stark sie bluten würde, wusste er noch nicht. Er konnte nur hoffen, dass es unscheinbar blieb. Unscheinbar genug für die Vertreter Bryants.
Das wäre ein Zeichen von Nachlässigkeit gewesen, dass ihm zum Nachteil gereicht hätte.
„Wie kann ein Mann, der einen Mech steuert, bei so einer simplen Arbeit nur so ungeschickt sein?“, hörte er Belindas Stimme hinter sich.
Germaine drehte sich um, wollte etwas erwidern. Doch er war allein.
Nur seine Einbildung. Er zerdrückte einen Fluch zwischen den Lippen und widmete sich der restlichen Rasur.
Sein dünner Bart nahm Formen an. Kurz überlegte er, sich auch ein Kinnbärtchen stehen zu lassen, bevor die scharfe Klinge über die Stoppeln fuhr und diese Idee für mindestens einen Tag zunichte machte. Aber nein, das war ihm nicht französisch genug.
Er sah in seine Kabine. Dort lag bereits die Uniform bereit. Blau mit grünen Applikationen.
Auf der Schulter die Sterne des Majors. Er hatte sich für die Ausgehuniform entschieden, auf der die Orden prangten, die er in seiner Söldnerkarriere erworben hatte.
Auf jede der vier Auszeichnungen war er sehr stolz. Sie würden hoffentlich Eindruck machen, jedenfalls mehr als die schlichten, dazugehörigen Reversabzeichen für die Dienstuniform.
Mit einem weichen Handtuch frottierte er das Gesicht trocken und entfernte die Reste des Seifenschaums. Danach legte er ein herbes Rasierwasser auf, welches besonders in der Wunde brannte. Wenigstens hatte sie noch nicht zu bluten begonnen.
Er strich sich durch sein schwarzes Haupthaar. Langsam wuchs es sich bis auf Schulterlänge zu Recht. Sollte er vielleicht noch…
Nein, dafür war auf Bryant mehr als genügend Zeit.
Germaine verließ die Nasszelle seiner kleinen Kabine an Bord der ROSEMARIE. Er löschte das Licht und widmete sich der Uniform.
Als Anführer der Chevaliers hatte er das Anrecht auf eine eigene Kabine. Ein Privileg, dass er nur zu gerne nutzte. Selbst in den Zeiten, in denen er mit Belinda zusammen gewesen war, hatte er diese Kabine nie geteilt. Nur das Bett.
Auf dem Bett verstreut lagen Fotos und Dokumente herum, die ihm ein vages Bild über die Kampfkraft der Bryanter Armee darlegte. Al hatte sie besorgt, einiges war aber auch von Kommandantin Getts gekommen.
Er hatte sie in den zwei Wochen des Fluges gründlich studiert. Und war zu der Erkenntnis gekommen, dass er dem Schatun nicht erlauben durfte, in einem eventuellen Konflikt den Ort und die Zeit zu bestimmen.
Wenn es zu einem Kampf kam, was durchaus nicht Germaines Ziel war, dann musste er den ersten Schlag führen.
Und auf jeden Fall die vier Luft/Raumjäger ins Spiel bringen. Irgendwie.
Bedächtig legte er die Uniform an. Strich über die Schirmmütze. Legte das Holster mit der Sunbeam-Laserpistole an. Während er die letzten goldenen Knöpfe schloss, fühlte er die volle Schwere seiner Verantwortung. Die volle Kraft seines Schicksals.
„So schwach bist du doch nicht, Onii-chan“, stellte er sich Mikos Stimme vor. „Gambare. Gib dein Bestes, wie immer.“
Germaine lächelte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann gab es nur wenige Menschen, für die er zu sterben bereit war. Miko-chan gehörte definitiv dazu. Und er wusste, dass sie das Gleiche für ihn tun würde.
Ein letztes Mal trat der Chevalier vor den Spiegel, die Schirmmütze in der Armbeuge.
Er nickte sich selbst zu. „Nun dann, altes Schlachtross, es wird Zeit, dass du dir dein Baguette verdienst.“
**
Mit einem Schritt war Germaine auf dem Gang. Ein paar Meter weiter war der Aufzug zur Zentrale der ROSEMARIE.
Er begegnete einigen Chevaliers auf seinem Weg, die ihm respektvoll Platz machten.
Germaine nickte freundlich, verzichtete aber darauf, einen militärischen Gruß einzufordern.
Als er die Zentrale der ROSEMARIE betrat, gellte ein scharfer Ruf durch das Rund: „ACHTUNG!“
Die Anwesenden sahen auf. „Kommandeur anwesend.“
Germaine nickte Mustafa al Hara Ibn Bey zu. „Weitermachen.“
Er trat zum Kapitän des Unionsklasse-Landers.
„Status?“
„Alle Abteilungen melden grün. Die MechKompanie sitzt in ihren Mühlen, in zehn Minuten wird die Hellboyrotte zu Verstärkung unserer Stukas rausgehen.
Panzer sind bereit, Infanteriezüge sind bereit. Pioniere sind bereit. Falls das da unten eine heiße Landung wird, werden wir den Bryantern was zu fressen geben.“
Germaine nahm auf einem Notsitz Platz. Bald würde er seinen regulären Sessel im Mobilen HQ einnehmen müssen.
„Klingt doch gut. Schalte mich bitte an alle Flieger und an alle Schiffe durch.“
„Meldung“, kam eine Stimme dazwischen. „TRACKERDOG ist soeben gesprungen. Ich wiederhole, unser Sprungschiff hat das System verlassen.“
Ein Raunen ging durch die Zentrale. Germaine runzelte die Stirn. „Was weg ist, ist weg. Kriege ich meine Verbindung?“
Al gab die entsprechenden Befehle. Er warf dem Major einen Blick zu, der sehr neugierig war. Doch Germaine versteckte seine Gedanken hinter einem harten Pokerface.
„An alle Chevaliers. Hier spricht der Chef. Wir werden in wenigen Stunden auf Bryant sein.
Die Situation auf dieser Welt ist eine vollkommen andere als auf New Home. Wir werden hier nicht zwischen zwei kämpfende Parteien geworfen werden.
Stattdessen erwartet uns ein monopolistisches Regime. Gemessen an der Bevölkerungszahl unterhält Bryant eine vergleichsweise starke Armee. Die uns, wenn sie zusammen gezogen ist, durchaus vernichten kann. Wir würden das Gros mit in den Untergang reißen. Aber ich bin nicht scharf darauf, diese Erfahrung zu machen.“
Gelächter ging durch die Zentrale.
„Wir kommen wie auf New Home unter der neutralen Flagge ComStars. Aber anders als auf der letzten Welt bietet uns diese Fahne nicht automatisch die stille Protektion des Herrschers.
Im Gegenteil. Als starke Militärmacht werden wir misstrauisch beäugt werden. Ein guter Vorwand könnte bereits reichen, um das Klima mit den Bryantern zu verschlechtern. Ja, sogar offene Kampfhandlungen ausbrechen zu lassen.
Also, Chevaliers. Benehmt euch mustergültig. Folgt, wenn Ihr in Brein, der Hauptstadt unterwegs seid, den Anweisungen der Ordnungskräfte. Mischt euch nicht in die interne Politik ein. Egal, was Ihr seht, egal wie Ihr provoziert werdet.
Wenn Ihr das Kasernengelände des HPG verlasst, meldet euch ab. Wenn Ihr wiederkommt, meldet euch an. Falls einer oder mehrere in einem Bryanter Knast landen, will ich das schnell genug wissen, um euch noch helfen zu können.
Und zuguterletzt: Seid wie immer bereit für das Unmögliche. Macht der Cartoonmaus keine Schande.
Major Danton Ende und aus.“
Grimmiges Nicken der Zentralebesatzung kommentierte die Rede Germaines. Al klopfte ihm auf die Schulter. „Wird schon schief gehen. Übrigens, soll ich ROSEMARIES BABY ausmotten lassen? Für den Fall der Fälle.“
Germaine dachte an den Falkner des Handelskapitän. Damit hatte Al die Einheit bereits einmal tatkräftig unterstützt. Er würde es wieder tun können und müssen.
„Man kann ja auf jeden Fall mal prüfen, ob die Systeme während der Einlagerung gelitten haben.“
Al grinste frech. „Natürlich. Ich werde das mit meinen eigenen Techs machen. Wir müssen den Bryantern ja nicht gerade auf die Nase binden, dass ich ein großer Junge mit eigenem Spielzeug bin.
Falls unsere kleine Agentin das BABY noch nicht gesehen hat.“
Germaine nickte. Die Bryanter Einsatzagentin, welche sie auf New Home gefangen genommen hatten, durfte sich relativ frei bewegen. Man brachte sie mehr oder weniger als Gastgeschenk mit nach Hause. Sie hatte viel gesehen. Germaine erhoffte sich vom Bericht dieser Frau einen Vorteil gegenüber Dvensky.
Einen Vorteil, der beweisen sollte, dass die Chevaliers tatsächlich nicht mehr waren als eine Söldnereinheit, die eingesetzt wurde, um das HPG zu überwachen.
„Sie ist auf der BOREAS. Unwahrscheinlich, dass sie auch auf der ROSEMARIE herumspioniert hat.
So, ich gehe dann mal, Al. Mach deine Sache gut.“
Der Kapitän der ROSEMARIE nickte. „Du auch, Germaine.“
„Zehn Minuten bis zum Eintritt in die Atmosphäre“, kommentierte jemand.
**
Acht Minuten später schnallte sich der Major auf seinem Platz im Mobilen HQ fest.
„Schneidig“, kommentierte Juliette Harris mit einem Augenzwinkern. „Frisch rasiert und neue Uniform. Wollen wir auf Bryant jemanden beeindrucken?“
Germaine lächelte unergründlich.
Vor ihm flammte der Holotank auf. Die Rotte Hellboy war mittlerweile raus geschossen worden und übernahm die Frontsicherung.
„Mesopause in drei… zwei… eins… Mesopause erreicht.“
Auf Bryant befand sich die Mesopause in einer Höhe von dreihundertachtzig Kilometern. Die anschließende Mesosphäre lag bei zweihundertzwanzig.
Die Stratopause hatte eine Höhe von dreißig Kilometer. Im Übergang zwischen Mesosphäre und Stratopause lag der berüchtigte Blind Spot. Jener Punkt, in dem die Atmosphäre der Welt die Ozonschicht bildete. Und nebenbei eine Dichte erreichte, welche durchaus ein Landungsschiff verglühen lassen konnte.
Dieser Blind Spot war Teil in Germaines Plan. Für mehrere Minuten würden die Lander untereinander nicht kommunizieren können. Und sie würden vom Radar der Bryanter verschwinden. Dies war der Moment, in dem sich die SKULLCRUSHER unter Vorspiegelung eines Defektes absetzen und über dem Zentralkontinent „abstürzen“ würde.
„Nachricht von Bryanter Flugkontrolle. Wir sollen den Anflugkurs über Äquator strikt einhalten.“
Germaine lächelte. „Gruß zurück. Wir weichen keinen Klick von unserer Route ab.“
„Aye.“
„Mesosphäre in drei… zwei… eins… Mesosphäre erreicht.“
„Auf allen Schiffen bereit machen für Touchdown auf Stratopause. An alle Schiffe, an alle Luft/Raumjäger. Viel Glück und möge Gott uns schützen.“
Die Zeit verging kriechend langsam.
Germaine verfolgte auf dem Holo, wie sich die sieben Symbole der grünen Linie über Bryant näherten, die für die Ozonschicht stand. Und damit für den ernsthaften Reibungswiderstand.
„Stratopause in drei… zwei… eins…“
Ein heftiger Ruck ging durch die ROSEMARIE. Sie bockte und schlingerte. Das Hologramm vor Germaine wurde kurzzeitig instabil, erlosch aber nicht. Der Computer errechnete die Positionen anhand der letzten bekannten Daten und extrapolierte sie.
„Kommunikation abgebrochen. Bryant schweigt.“
„Genießen wir die Ruhe“, erwiderte Germaine gelassen.
Es wurde leise gelacht.
Aber das war nur Fassade. Die Zeit ohne den Funk ging allen an die Nieren, obwohl jeder der Anwesenden schon zwanzig oder mehr erfolgreiche Landungen hinter sich gebracht hatte.
Aber sie alle warteten auf die Landung, die eine Landung, die schief gehen würde.
„Funk wieder da. Kontakt zu Bryant, Kontakt zu den Chevaliers. SKULLCRUSHER funkt SOS!“
Erschrocken fuhren die Techs aus ihren Sitzen hoch.
„DISZIPLIN!“, blaffte Juliette Harris. „Status SKULLCRUSHER?“
„SKULLCRUSHER meldet Einbruch in der Hülle. Zwei Steuerdüsen verloren. Feuer an Bord in der Sektion, die bei dem Angriff auf New Home beschädigt wurde, Ma´am.“
„Bryant verlangt Kursänderung der SKULLCRUSHER.“
„Situation erklären“, brummte Germaine. „Fragt nach, ob die Luft/Raumjäger das abstürzende Maultier eskortieren dürfen.“
„Bryanter fordern erneut, dass die SKULLCRUSHER wieder auf Kurs geht.“
„Betonköpfe. Was ist mit den Jägern? Haben wir die Erlaubnis?“
„Sir, uns wird mit Abschuss gedroht, wenn wir den Kurs ändern.“ Die Tech schluckte schwer. In der Zentrale brach Entrüstung aus.
„Ruhe, Herrschaften. Wir bleiben auf Kurs. Wir können der SKULLCRUSHER sowieso erst helfen, wenn sie unten angekommen ist. Extrapoliert den Kurs.“
„Sir“, meldete sich Karel Swoboda zu Wort. „SKULLCRUSHER wird voraussichtlich auf dem Äquatorialkontinent Tomainisia aufschlagen.“
„Die Bryanter unterhalten wegen der klimatisch katastrophalen Zustände keine Truppen auf diesem Kontinent. Das heißt, wir werden einen Suchtrupp los schicken müssen. Dann wäre es nett, wenn wir nicht erst den ganzen Kontinent abgrasen müssen, Corporal. Haben Sie es etwas genauer für mich?“
„Sir, wie es aussieht, wird die SKULLCRUSHER auf einem Kurs abstürzen, der sie an drei Städten aus der Sternenbundära vorbei trägt.
Julich, Rheden und Leipzig. Irgendwo in diesem Bereich wird sie runterkommen.“
„SKULLCRUSHER funkt noch immer SOS.“
„Nachricht an SKULLCRUSHER. Wir schicken so schnell es geht Hilfe. Viel Glück und kommt nicht zu hart auf. Germaine Danton, Kommandeur.“
„Nachricht der Bryanter Flugkontrolle. Die restlichen Schiffe der Chevaliers sollen den Kurs halten. Die SKULLCRUSHER erhält die Sondergenehmigung, auf Tomainisia abzustürzen.“
Germaine schüttelte verständnislos den Kopf. Hier musste wohl alles reglementiert und genehmigt sein. „Bestätigen.“
„Eine Stunde bis Raumhafen Brein.“
Bis zu diesem Punkt lief ja alles nach Plan, ging es Germaine Danton durch den Kopf.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:30
Noch bevor das Freizeichen kam, verließ Germaine das Mobile HQ. Er stellte sich vor das Haupthangarschott, über welches die Mechs an Bord der ROSEMARIE den Lander verlassen würden. Für ihn war es Teil seines Auftritts hier auf Bryant.
Kurz darauf gesellten sich die Elementare unter Rowan und ein Trupp Sprunginfanteristen hinzu.
Es herrschte einiges an Betrieb. Da nur die Offiziere eingeweiht waren, lagen bei vielen Soldaten die Nerven blank.
Immerhin war gerade einer der drei Lander abgestürzt! An Bord eine ganze MechLanze, eine Panzerlanze, der halbe Pionierzug und ein nicht unerheblicher Teil der Hilfskräfte.
Und die Bryanter hatten sie dabei zusehen lassen, wie die SKULLCRUSHER hilflos auf eine Sturmfront zugeflogen war. Nicht einmal die Luft/Raumjäger hatten sie begleiten dürfen.
Vor allem die Panzerfahrer waren aufgebracht. Immerhin war ihre Kommandolanze mit ihrem Chef, Lieutenant Dolittle an Bord gewesen. Und der genoss unter seinen Leuten eine große Verehrung.
Germaine war sich nie ganz klar, ob die Panzerfahrer einen Befehl ausführen würden, der einer Anweisung Dolittles zuwider laufen würde.
Und dieser Moment war die erste Bewährungsprobe in der Kommandostruktur.
Sergeant McLoyd und Sergeant Obermayer hatten entgegen ihrer Befehle die Panzer verlassen, um mit dem Chef zu sprechen. Sergeant Gordon und seine Lanze befanden sich auf der BOREAS. Mit drei nervösen Panzerfahrern hätte sich Germaine auch ungern auseinander gesetzt.
Der Major hörte sich das aufgeregte Geplapper einige Zeit an, bevor er ein scharfes: „STILLGESTANDEN!“ brüllte.
Die trainierten Reflexe gewannen die Oberhand. Beide Soldaten standen stramm.
Germaine besah sich die Panzerfahrer einen Moment. „Sie beide wissen, wo wir gleich landen werden. Sie beide wissen, was uns hier alles passieren wird.
Herrschaften, die Verhältnisse wurden doch schon geklärt, als die Bryanter Flugkontrolle uns jede Kursabweichung verboten hat!“
Beide wollten wieder zu sprechen beginnen, aber Germaine winkte ab. „Bevor ich auch nur ein Wort davon höre, dass ich den Doc und die anderen in der Scheiße sitzen lassen will und euch beide dafür wegen Insubordination einlochen lassen muss, haltet die Klappe und hört zu.
Natürlich gebe ich nicht auf. Natürlich werde ich eher die Hölle gefrieren lassen, als zuzulassen, dass unsere Leute dort drüben elendig verrecken.
Aber leider sind wir Gäste auf dieser Welt. Wir können leider nicht tun und machen, was wir wollen.
Ich verspreche euch aber, eher reißen wir Brein ein als das wir zulassen, dass unsere Kameraden sterben.
Aber das kann ein paar Tage dauern. Ja, Sergeant Obermayer, Sie wollen etwas sagen?“
„Sir, Tage? TAGE? Bis dahin können alle tot sein!“
Germaine schüttelte den Kopf. „Nein, das denke ich nicht. Die SKULLCRUSHER hat nicht nur Kampfeinheiten transportiert, sondern auch einen Großteil unseres Gerätes und der Vorräte. Wenn sie zu hart aufgekommen ist, dann ist es sowieso egal.
Wenn sie es einigermaßen geschafft hat – und danach sieht es aus – dann haben die Überlebenden genügend Ressourcen, um es bis zu unserer Ankunft zu schaffen.
Wir holen sie da weg, bevor die Stürme sie fertig machen. Reicht Ihnen das, meine Herren?“
„Sir“, begann McLoyd, „wie wollen wir vorgehen? Wie wollen wir sie retten?“
„Sobald es möglich ist, schicke ich Sergeant Hawk mit einem Trupp Infanterie und der entsprechenden Ausrüstung rüber nach Tomainisia. Auf diesem Sturmumtosten Kontinent ist das unsere beste Chance, den Lander zu finden. Eventuell stellen uns die Bryanter weitere Helikopter zur Verfügung. Sobald unser Einsatztrupp die SKULLCRUSER gefunden hat, werden sie die Absturzstelle mit einem starken Funkfeuer markieren. Dies wird es einem oder beiden unserer anderen Landern erlauben, einigermaßen sicher zu landen.
Entweder, um den alten Maultier wieder flott zu kriegen, oder um sie auszuschlachten.
Wer den Absturz überlebt hat, wird bis zu diesem Zeitpunkt auch überleben. Hoffe ich. Bitte geben Sie sich damit zufrieden. Mehr kann ich keinem bieten.“
McLoyd lächelte unsicher. Er war ebenso wie Obermayer ein Veteran der Chevaliers der Ersten Stunde. „Nützt es was, wenn ich die Erkundungslanze freiwillig melde?“
„Wir haben immer noch einen Auftrag zu erfüllen“, erwiderte Germaine bestimmt.
Mike McLoyd nickte.
„Ach, noch etwas, meine Herren. Da der alte Patrick es leider versäumt hat, steht der Schwarze Peter nun bei mir. Die Kommandeure unserer drei Panzerlanzen haben alle den gleichen Rang, richtig?“
Die beiden Panzerfahrer nickten.
Germaine Danton seufzte viel sagend. „Einer von Ihnen wird Interimslieutenant. Das ist ein Befehl. Entweder präsentieren Sie mir einen Namen bis zum Abend – und es ist mir egal, ob dieser Name Gordon, McLoyd oder Obermayer lautet – oder ich bestimme selbst einen von Ihnen zum Offizier. Notfalls setze ich Ihnen auch einen Corporal vor die Nase.“
Die beiden tauschten einen flüchtigen Blick aus.
Germaine grinste schief. Die Höllenhunde dürften damit erst einmal beschäftigt sein.
Und hoffentlich vertrauten sie ihm. Gerade Gordon, der zwar von Dolittle ausgesucht, aber von ihm eingestellt worden war.
„Sie können wegtreten.“
McLoyd und Obermayer salutierten kurz und traten ab.
Keine Sekunde zu früh, denn eine Warnsirene meldete die Landung in einer Minute an.
Germaine sah kurz in die Runde. „Ich erwarte professionelles Verhalten von allen. Die Bryanter sollen ruhig sehen, was der Unterschied zwischen Söldnern und Söldnern sind.“
**
Als das Hangartor aufging, war in der langsam aufgleitenden Öffnung nur eine einsame Gestalt zu sehen. Germaine Danton hatte die Daten über Brein ausgiebig studiert und hatte Befehl gegeben, Winterkleidung auszuteilen.
Er selbst hatte nur den dicken blauen Wintermantel und dicke, weiße Fingerhandschuhe angelegt. In der Truppe hingegen kursierten hinzu noch dicke Westen zum unterziehen und gefütterte, beziehungsweise Thermohosen.
Der hochgestellte Kragen des Mantels gab ihm etwas martialisches, fand Germaine Danton. Gefährlich in vielerlei Hinsicht.
Als das Schott zu Boden krachte und damit eine Brücke zum verlassen des Landers baute, deutete Germaine nach hinten. Dies war ein sehr kritischer Moment.
Sergeant Rowan bellte einen Befehl. Die fünf Elementare erhoben sich auf ihren Sprungdüsen in die Luft, flogen am Major vorbei und landeten rund um die Rampe am Boden. Sie trugen volle Bewaffnung, die Maschinengewehre waren bis zum Maximum geladen und die KSR-Werfer bestückt.
Nun bedurfte es nur eines einzigen nervösen Bryanters, um die Landung in einer Katastrophe enden zu lassen. Als nichts geschah, nickte Rowan in Richtung des Landers.
Ein visuelles Zeichen für die Gastgeber.
Germaine Danton nickte und setzte sich in Bewegung. Der Trupp Infanterie begleitete ihn.
Von vorne herein wollte der Major klar machen, dass sie eine gut trainierte, wachsame Einheit waren.
Zwei der Elementare schlossen sich der Prozession an und flankierten sie. Im Ernstfall – der immer noch eintreten konnte – waren die gepanzerten Claninfanteristen die beweglichsten und gefährlichsten, zudem am besten geschützten Einheiten vor Ort.
Ein wenig spekulierte Germaine auch darauf, dass die meisten Soldaten noch nie im Leben einen leibhaftigen Elementare gesehen hatten und dementsprechend überrascht und neugierig waren.
Der kleine Trupp erreichte ein Spalier, gebildet von Bryanter Regulären der Infanterie, die in dicke Winteruniformen gehüllt waren.
„Getarnte Stellungen am Hafen, Infanterienester, Gräben und dergleichen“, flüsterte Juliette Harris über das KommSet, dass sich Germaine ans Ohr geheftet hat. „Wir vermuten, dass sie außerdem noch ein paar Mechs in Bereitschaft haben. Falls wir also etwas orten, dann spring gefälligst Rowan auf den Rücken und komm auf deinen Platz hier im HQ zurück.“
„Da kriege ich aber warme Füße, Julie“, erwiderte Germaine leise. „Da hängen nämlich seine Sprungdüsen.
Beobachte die Umgebung weiterhin. Ich erwarte hier eigentlich nicht soviel Ärger wie auf New Home. Aber bleibe vorsichtig.“
Germaine betrat das Spalier. Die Elementare Norton und Rowan folgten ihm dichtauf durch die Reihe Bryanter Infanteristen. Amüsiert bemerkte Germaine mehr als einen flüchtigen Blick auf die riesenhaften Krieger.
Das Spalier führte zu einer jungen Frau, die offensichtlich das eigentliche Empfangskommitee bildete. Germaine rief die Daten in sein Gedächtnis zurück, die er über die Junta auf dieser Welt in Erfahrung gebracht hatte. Demnach konnte die Frau mit dem langen, blonden Haar vor ihm nur Dvenskys Schwester sein. Sie war die Anführerin des diplomatischen Corps. Und sie übernahm viele offizielle Termine.
Ob sie vom martialischen Auftritt des Söldners beeindruckt war, zeigte sie nicht.
Germaine straffte sich. Es wurde Zeit für ein wenig Schauspielerei.
Ace Kaiser
02.04.2004, 23:32
Flankiert von den beiden Elementaren Rowan und Norton legte Germaine Danton die letzten Meter bis zum Ende des Spaliers zurück. Ohne aufzusehen, begann er: „Mein Name ist Germaine Danton. Ich bin der Kommandeur der Danton´s Chevaliers. Entschuldigen Sie, wenn ich die Begrüßung etwas beschleunige, aber da gibt es noch eine Rettungsmission, zu der wir aufbrechen müssen. Ich…“
Germaine sah auf. Als erfahrener Offizier wusste er natürlich, dass ein Mann immer schlechte Karten dabei hatte, eine Frau zu belügen. Deswegen war seine Stabschefin ja auch eine Frau.
Und deswegen saß in seinem Vorzimmer eine Frau, die zu lange mit Lügen und Halbwahrheiten gelebt hatte, um sie nicht auf drei Klicks gegen den Wind zu riechen.
Deshalb blieb dem Major nicht die Flucht durch eine einfache Lüge. Oder etwas Schauspielkunst. Ihm blieb nichts weiter, als sich so tief wie irgend möglich auf ein Spiel einzulassen, dessen Ende ihm vollkommen unbekannt war.
Die Repräsentantin von Bryant, Natalija Dvensky, Chefin des diplomatischen Corps und jüngere Schwester des Planetaren Herzogs, war nicht nur auf den ersten Blick eine schöne Frau. Ihr goldenes Haar rahmte ihr hübsches, von der Kälte gerötetes Gesicht perfekt ein und gab ihren blauen Augen einen wundervollen Kontrast.
Germaine schätzte ihre Körpergröße auf Mitte eins siebzig. Soweit er dies durch den teuren Pelz erkennen konnte, tat sie sicherlich einiges für ihren Körper. Eine gewisse Attraktivität hatte sich vor allem bei Verhandlungen mit Männern schon immer bewährt.
Germaine verkniff sich ein zynisches Grinsen und ließ ihr Bild auf sich wirken.
Kein Zweifel, diese Frau war nicht hübsch. Sie war schön.
Germaine hasste sich selbst dafür, als er einen Gedanken zuließ. In diese Frau konnte er sich verlieben.
Von da an war es einfach, sich gehen zu lassen. Ein überraschtes, jungenhaftes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er ihr in die Augen sah. An der Art, wie sich ihre Pupillen weiteten, erkannte er, dass ihr diese Reaktion nicht gerade unrecht war.
„Excusez-moi, Mademoiselle, wo sind nur meine Manieren?“ Germaine nahm Haltung an, verbeugte sich steif in der Hüfte. „Major Germaine Danton, zu Ihren Diensten, Mademoiselle.“
Die junge Frau lächelte herzzerreißend süß. „Natalija Sergejewna Dvensky, Diplomatisches Corps von Bryant, Herr Major. Es freut mich, Sie kennen zu lernen.“
Noch immer gebeugt da stehend ergriff Germaine ihre behandschuhte Rechte und tat, als würde er einen Kuss aufhauchen. „Enchanté, Mademoiselle. Isch bin sehrrr errfreut, inmitten des Eises eine Blume von Eurer Schönheit zu sehen.“
Natalija Dvensky errötete leicht. Germaine gab nichts darauf, sie war eine Frau, eine Diplomatin. Aber der Rolle willen ging er darauf ein. Er ließ ihre Hand fahren und lächelte sie an.
„Eigentlich hätte ich von Demi Darebi erwartet, dass er uns empfängt. Nicht, dass ich mit diesem Tausch nicht mehr als zufrieden wäre“, fügte er hinzu.
Natalija Dvensky lächelte erneut und sah kurz verlegen zu Boden. „Demi-Präzentor Ares Darebi erwartet Sie am Hyperpulsgenerator. Da der Raumhafen Staatsgebiet von Bryant ist, hat er hier keinerlei Kommandogewalt. Als autarke Regierung können wir es uns nicht leisten, die Kontrolle über den Hafen zu verlieren. Eine Massierung Ihrer Truppen, Herr Major, und der Kompanie des Demis kommt für uns nicht in Frage.
Entschuldigen Sie unsere Paranoia, Herr Major, aber die Zeiten sind nicht gerade die besten. Und nur wer in den Chaosmarken vorsichtig ist, der überlebt.“
Germaine Danton nickte schwer. „Damit kann ich leben, Mademoiselle.
Dennoch. Ich bedanke mich für das Willkommen, dass Sie meiner Einheit bereitet haben. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich nun ausschiffen lassen und zum HPG marschieren. Danach werden meine Lander mit Teilen meiner Pioniere rüber nach Tomainisia aufbrechen, um unseren abgestürzten Lander zu bergen.“
Ein Schatten huschte über Natalijas Gesicht. „Ich bedaure zutiefst, Herr Major, aber wir können Ihnen nicht gestatten, nach Tomainisia zu fliegen. Auch wenn unsere Interessen an dem Äquatorialkontinent eher nebensächlich sind, so ist er immer noch Staatsgebiet des Herzogtums Bryant.“
Wütend riss der Major die Augen auf. „WAS?“, blaffte er in einer Lautstärke, die man von ihm noch nie in der Einheit gehört hatte.
Die junge Bryanterin zuckte zusammen.
Ihr Entsetzen spiegelte sich kurz in Germaines Miene wieder. Er hob die Arme und begann seine Schläfen zu massieren. „Excusez-moi, Mademoiselle. Aber für einen Moment klang es so, als wollten Sie mir nicht erlauben, meine Leute zu retten.“
Das Entsetzen verschwand aus dem Gesicht der Diplomatin. Wirklich, sie hatte ein sehr gutes Mienenspiel parat. Langsam, geradezu vorsichtig erklärte sie: „Sir! Bryant ist ein autonomer Staat mit autonomer Gesetzgebung. Wir wollen und können nicht jedermann gestatten zu handeln, wie es ihm beliebt. Täten wir das, dann hätten wir bald wieder die Anarchie, die hier geherrscht hat, kurz nachdem die einzelnen Sarna-Welten zur Chaosmark auseinander gebrochen sind. Ich sage ja nicht, dass Sie Ihre Leute nicht retten dürfen. Aber Sie müssen auch mal unseren Standpunkt verstehen. Der Absturz ihres Maultiers ist bedauerlich. Aber – entschuldigen Sie – auch etwas dubios.
Sehen Sie, auf den Zentralkontinenten gab es zu Sternenbundzeiten riesige Städte und Einrichtungen. Noch heute gibt es dort immer wieder Expeditionen und Plünderungen, um Reste der Sternenbundära zu erbeuten. Von unserem Standpunkt aus sieht es so aus, als hätten Sie den Absturz provoziert, um in einer der Städte nach LosTech zu suchen.“
Verlegen biss sich die Bryanterin auf die Unterlippe. Diese betont mädchenhafte Geste drückte nur eines aus: Meine Idee war das nicht, also hasse mich nicht dafür.
Germaine sah zu Boden. „Ich… verstehe Ihren Standpunkt. Wäre ich Herr dieser Welt, dann würde ich wahrscheinlich nicht anders handeln.
Aber trotzdem muss ich meinen Leuten zu Hilfe kommen. Ich kann die Überlebenden nicht auf Tomainisia umkommen lassen. Ich hoffe, Sie verstehen meinen Standpunkt.“
„Ein guter Kommandeur“, sagte sie, „sorgt sich um seine Leute. Natürlich verstehe ich Sie.“
Eine Zeitlang schwiegen sie sich an. Die Elementare rührten sich nicht einen Millimeter. Ebenso wenig wie die Infanteristen der Chevaliers. Aber auch die Ehrengarde der Bryanter schien eher eingefroren zu sein.
„Wieso ist Ihr Maultier eigentlich abgestürzt?“, fragte Natalija Dvensky und durchbrach die unheilvolle Stille.
„Interne Schäden“, erwiderte der Major. „Kurz vor unserem Abflug von Bryant wurde eine meiner Patrouillen feige aus dem Hinterhalt angegriffen. Während der Kämpfe, die mit dem Abschuss eines meiner Mechs endete, wurde die SKULLCRUSHER beschädigt. Es brach Feuer aus. Kapitän van der Merves hatte mir eigentlich zugesagt, dass er sämtliche Schäden, die durch das Feuer entstanden waren, behoben hat.
Aber beim Eintritt in die Atmosphäre hat sich diese… Idee sehr schnell als falsch erwiesen.
Wir wissen nicht, wer uns angegriffen hat. Und wir wissen nicht, warum wir angegriffen worden. Aber aus dem einen Mech wurden gerade fünf, eine Lanze Panzer, Ein Zug Infanterie und Pioniere, Techs und Hilfspersonal. Dazu ein Drittel unserer militärischen Vorräte. Ein verdammt effektiver Überfall.“
Germaine sah der blonden Frau direkt in die Augen. „Ich weiß nicht, wie wir auf einen gemeinsamen Nenner kommen können, aber ich MUSS meinen Leuten zu Hilfe kommen.
Wenn Präsident Dvensky das verhindert, sollte er besser hier und jetzt mit meinen Chevaliers aufräumen. Denn dann werde erst ich eine Meuterei am Hals haben und die Stadt Brein dann eine rebellierende Einheit. Und ich kann es ihnen dann noch nicht einmal verdenken.“
Sie sahen sich eine lange Zeit in die Augen. Abrupt wandte sich Natalija ab. „Warten Sie hier, Herr Major.“
Sie ging zum nahe stehenden MTW, stieg hinein und blieb dort volle fünf Minuten.
Als sie wieder hervor kam, lächelte sie.
„Ich habe mit meinem Bruder gesprochen. Er hat weitreichende Zusagen gemacht. Wir werden einen Teil unserer Luft/Raumjäger für die Suche nach Ihrem Lander einsetzen.“
„Das reicht mir aber nicht. Ich muss meine eigenen Leute einsetzen. Alleine deswegen schon, weil die Motivation Ihres Suchkommandos Natur bedingt gering ist. Lassen Sie mich mit einem Lander übersetzen. Nur mit einem!“
„Das wäre in vielerlei Hinsicht ein Fehler, Herr Major. Erstens werden die Äquatorialkontinente permanent von schweren Stürmen erschüttert. Eine Suche mit einem für diese Stürme sehr anfälligen Lander dürfte Wochen dauern und im schlimmsten Fall noch ein Landungsschiff kosten.“
„Was schlagen Sie vor?“
„Nun, als erstes sollten Sie eine Lizenz erwerben“, erwiderte die Diplomatin mit einem Augenzwinkern.
„Lizenz?“ Germaine Danton war überrascht.
„Ja, eine Lizenz, um auf Tomainisia LosTech zu suchen.“
Germaine runzelte die Stirn. Schließlich grinste er breit. „Abgemacht. Und weiter?“
„Wie ich schon sagte, einen Lander rüber zu schicken wäre fatal.
Aber wir könnten Ihren Ripper verschiffen. Mit einer kleinen Crew sollte es ihm möglich sein, die Absturzstelle zu finden und zu markieren. Danach kann ein gemischtes Kontingent aus Bryantern und Chevaliers mit Landern übersetzen. Die Bryanter natürlich nur, um das gefundene LosTech zu taxieren.“
„Natürlich“, bemerkte Germaine mit einem Schmunzeln. „Ich bin einverstanden. Wann können wir die Truppe los schicken?“
Natalija dachte kurz nach. „Der Wetterbericht meldet eine breite Sturmfront über dem Südmeer und auf Tomainisia. Er wird in vier bis fünf Tagen abflauen. Vorher macht es keinen Sinn, einen Flieger oder ein Boot los zu schicken. Diese Zeit sollte Ihnen reichen, um Vorbereitungen zu treffen, Herr Major.“
„Merci beaucoup, Mademoiselle.“ Germaine ergriff wieder ihre Hand und hauchte die Andeutung eines Kusses auf. „Ich stehe tief in Ihrer Schuld.“
„Dann sind wir uns einig.“
„Dann sind wir uns einig“, echote Germaine.
Der Kommandeur der Chevaliers wandte sich kurz um, sah zur ROSEMARIE zurück und drückte sein Bügelmikrofon an. „Alle Chevaliers ausschiffen. Toybox zu mir.“
Er drehte sich wieder Natalija zu. „Ich habe ein kleines Dankeschön für Sie. Eigentlich sollte es ein Willkommensgeschenk für gute Nachbarschaft sein. Aber ich denke, Sie erkennen in jedem Fall meinen guten Willen an.“
Aus der BOREAS fuhr ein MTW aus, beschleunigte und bremste knapp vor den Spalier stehenden Infanteristen ab. Die Heckklappe ging auf und eine junge Frau in Techuniform - Winterausführung – kletterte heraus.
Sie ging das Spalier entlang, schritt zwischen den beiden Elementaren hindurch und salutierte knapp und exakt vor Natalija Dvensky.
„MyLady, Spezialistin Dritter Klasse Anna Sergejewna Kalinskaya. Ich blieb während der letzten Mission auf New Home zurück. Die Chevaliers waren so freundlich, mich mitzunehmen.“
Germaine nickte der Agentin zu. „Sie sind hier ebenso frei wie auf New Home, Anna. Sie können gehen, wohin Sie wollen.“
„Ja, Sir“, erwiderte sie leise. Sie sah zu Dvensky und sagte: „MyLady, ich bitte um Erlaubnis, wegtreten zu dürfen.“
„Erlaubnis erteilt. Suchen Sie Ihre Verfügbarkeiten auf“, sagte Natalija mit einer Kälte in der Stimme, die jene auf dem Raumhafen noch überbot.
Die Agentin salutierte und marschierte auf den MTW zu.
Germaine sah ihr nach. „Was wird mit ihr geschehen? Immerhin wurde sie im Einsatz gefangen genommen.“
Natalija runzelte die Stirn. Dann lachte sie befreit auf. „Machen Sie sich keine Sorgen, Major Danton. Natürlich werden wir sie verhören, um mehr über New Home und über Ihre Chevaliers zu erfahren. Machen Sie sich da mal keine Illusionen… Germaine.
Aber sie ist trotz allem eine Bryanterin. Und wir können nicht einen einzigen verschwenden. Darauf haben Sie mein Wort.“
„Das beruhigt mich.“ Germaine Danton salutierte stramm. „Ich muss mich nun um meine restliche Einheit kümmern… Natalija. Aber ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit.“
Wieder lächelte sie, mädchenhaft, scheu. Manipulativ. „Darauf freue ich mich auch, Herr Major. Und vor allem freue ich mich, dass Sie kein Barbar mit Steinkeil sind, sondern ein umgänglicher, höflicher Offizier, der sich um seine Einheit sorgt. Offiziere wie Sie findet man sonst nur auf Bryant.“
Germaine zog eine Augenbraue hoch. „Versuchen Sie mich anzuwerben?“, bemerkte er amüsiert.
„Und wenn es so wäre?“
Der Major lächelte. „Dann müsste ich ernsthaft darüber nachdenken…
Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, Natalija. Die Pflicht ruft.“
Germaine Danton salutierte erneut, dann wandte er sich um und schritt durch seine Elementare-Garde. Hinter dem Ehrenspalier löste sich die Truppe auf und suchte die designierten Positionen für das Ausschleusen aus.
Die Techs gaben grünes Licht und die ersten Panzer verließen die BOREAS und die ROSEMARIE.
Darauf folgte der erste Mech, der Tai-sho von Mastersergeant Metellus.
Die Chevaliers waren noch immer eine eindrucksvolle Streitmacht.
**
Eine Stunde später saß Germaine Danton auf seinem Platz im Mobilen HQ. Vorweg fuhren die Schweber der Erkundungslanze. Hinten folgten die MTWs der Infanterie. Der Rest formierte gerade eine Marschkolonne zum HPG.
Germaine starrte in seine Kaffeetasse. Die Bildschirme vor ihm zeigten Aufnahmen der Außenkameras.
Der herbe Nackenschlag traf ihn mehr als unvorbereitet.
„AUTSCH“, entfuhr es ihm. Beinahe wäre ihm der Henkel der Tasse entglitten. „Was soll das, Julie? Bist du sauer, weil ich mit der Dvensky geschäkert habe?“
Die First Lieutenant starrte den Major böse an. „Das wäre auch noch ein Grund für den nächsten Schlag, Germaine. Nein, mir geht es eher darum. Dein verdammtes Dossier für die Panzerfahrer, das bereitet mir Magenschmerzen. Und dann die Pläne für die Infanterie. Wie willst du das alles finanzieren? Kannst du mir das mal verraten?“
Nachdenklich lehnte sich Germaine in seinem Sitz zurück. „Hast du die Außenkameras studiert, Julie? Als wir vom Raumhafen abfuhren und als wir durch dieses Neubaugebiet kamen?“
„Du meinst die versteckten Mechs und die Infanterielöcher? Hartes Brot für uns.“
„Nein, ich meinte die Arbeitskolonnen. Erzähl mir nicht, du hast sie nicht bemerkt.“
„Sträflinge?“ „Sträflinge. Natalija hat mir vorhin gesagt, sie könnten hier auf keinen einzigen Bryanter verzichten. Langsam verstehe ich, was sie meinte.“
„Und was hat das mit deinen Plänen zu tun?“, fragte Juliette Harris.
„Nun, ich kann auch auf keinen Chevalier verzichten. Es wird Zeit, dass ich jedem einzelnen beweise, was mir seine Arbeit bedeutet. Deshalb der Plan. Wir sind eine Familie. Man darf den einen oder anderen schon mal vernachlässigen, Cherie. Aber dann muss es auch Zeiten geben, in denen man das versäumte nachholt.“
Juliette Harris starrte ihren Vorgesetzten an. Sie senkte den Kopf. „Akzeptiert. Irgendwie werde ich das schon finanzieren können.“
„Ach, Julie. Ich habe vor, dich auch zu befördern. Wie klingt das: Captain Juliette Harris?“
„Du spinnst“, erwiderte sie nur.
Germaine lachte rau. „Ach komm. Du bist First Lieutenant, seit wir die Chevaliers gegründet haben. In der Zeit sind alle anderen mindestens einen Rang rauf geklettert. Für dich wird es also Zeit.“
„Du meinst das wirklich ernst, was, Germaine?“, fragte sie leise.
Der Chevalier nickte.
„Ach, tu doch, was du willst“, erwiderte sie und warf die Arme in die Luft. Mit roten Wangen setzte sie sich an ihren Platz und schwieg, bis sie am HPG ankamen.
Germaine Danton lächelte den Rest der Fahrt.
Ace Kaiser
09.04.2004, 12:50
Die Straßen Breins zogen am Konvoi der Chevaliers vorbei. Eintönig grau in grau schloss sich ein Wohnblock an den anderen an.
Die Gebäude waren nicht sehr hoch. Aber sie waren auch nicht gerade ein Wunderwerk an Fröhlichkeit.
„Fernwärme“, kommentierte Germaine Danton, als sie über eine Kreuzung fuhren, über die riesige metallene Rohre ragten. „Sieht so aus, als versorge dieser Dvensky seine Leute so gut er es kann.“
Sein Blick glitt über die wenigen Passanten, die sich auf die Straße wagten. Bei zwanzigtausend Einwohnern nicht gerade viele. Sie waren durchweg gut gekleidet und den kalten Temperaturen angepasst. Ihre Gesichter, die einzigen Körperteile, die man sehen konnte, wirkten weder eingefallen noch abgehärmt.
„Sieht so aus, als versorge dieser Dvensky seine Leute“, wiederholte der Major seine Worte in Gedanken.
Ihm fielen noch einige weitere Details auf. Die Städteplanung Breins war ursprünglich Sternenbundarchitektur gewesen. Aber zusätzliche Bauten an ehemals weiten Kreuzungen machten sie nun leichter zu verteidigen. Kleine Parks entpuppten sich als Stellungen für Mechs und Panzer. Und ironischerweise lagen in einigen Löchern auch ein paar Panzer auf der Lauer.
„Danton hier.“
„Al. Germaine, mein Freund. Ich habe dir etwas Interessantes zu berichten. Nachdem deine Chevaliers das Gelände verlassen haben, gaben die Bryanter ihr Versteckspiel auf. Wir haben sieben Mechs und sechs Panzer gezählt. Die Identifikation und die Suche nach Modifikationen läuft noch. Magnetbandortung sagt zudem, dass noch weitere Mechs und Panzer außerhalb des Raumhafengeländes gelauert haben. Alles in allem zwei Kompanien.
Außerdem sind gerade einige Mannschaftstransporter vorgefahren und haben eine gute Kompanie Infanterie eingeladen.
Scheint so, als hätte unser Freund Dvensky mit dem Schlimmsten gerechnet.“
Germaine grinste grimmig. „Hast du etwas anderes erwartet, alter Gauner?“
„Das Beste kommt aber noch. Wir haben weitere Stellungen gezeichnet, aus denen wir Infrarotortungen und Magnetbandortungen erhalten haben. Wir haben dort ursprünglich konventionelle Panzer oder Geschütze vermutet. In diesen Stellungen gab es keine Bewegung.
Man könnte also davon ausgehen, dass dort immer noch Truppen vertreten sind.“
„Worauf willst du hinaus?“, fragte Germaine amüsiert.
„Nun, einige der Ortungen sind plötzlich verschwunden, nur um später wieder aufzutauchen. Also entweder haben die Bryanter das schnelle Verlegen perfektioniert…“
„Schon klar, Al, schon klar. Behalte die Situation im Auge.“
„Werde ich. Hast du weitere Anweisungen für mich?“
„Ja. Wie abgesprochen lasse niemanden an unsere Luft/Raumjäger ran.
Halte für die Crews der Landungsschiffe so schnell wie möglich eine Information ab.
Meine Führungscrew bereitet gerade eine Namensliste alle Chevaliers vor, die auf der SKULLCRUSHER waren. Wir müssen unseren Leuten von der ersten Sekunde an deutlich machen, dass wir uns um unsere Vermissten sorgen und dass wir alles tun, um ihnen zu helfen.“
„Ist das nicht obligatorisch, Germaine? Vertrauen dir die anderen Chevaliers da nicht?“
Der Major atmete hörbar aus. „Das will ich hoffen. Und vor allem will ich hoffen, dass die Höllenhunde die Nerven behalten. Ich hoffe, ich kriege sie auch ohne Patrick in den Griff.
„Soll ich dir ein paar Kisten Timbiqui zukommen lassen? Die Panzerfahrer mögen den Kram. Ich mache dir einen guten Preis.“
Einen Moment dachte Germaine nach. „Ja. Gib mir alles, was du nicht für deine obskuren Geschäfte verbraten willst.“
„Obskure Geschäfte? Aber Germaine, ich bin ein ehrenwerter Händler mit tiefer Moral.“
„An dem Satz stimmte vor allem der Händler“, bemerkte Germaine schmunzelnd.
Er und der Arkab waren seit über einem Jahr Freunde. Von den Menschen, die nach dem Ende des Team Stampede zur Einheit gestoßen waren, hatte er das alte Schlitzohr mit am nahesten an sich heran gelassen. Bisher hatte keiner den anderen enttäuscht.
„Germaine, mein Freund, ich werde bald eine Familie ernähren müssen.“
„Deswegen sage ich ja, alles was du entbehren kannst. Grüß Esmeralda von mir. Danton Ende.“
„Werde ich. Ibn Bey Ende.“
Mittlerweile hatte der Konvoi die Stadt durchquert. Sie kamen in ein Vorortgebiet, in dem nur niedrige, eingeschossige Häuser standen. Der Beta-HPG kam schnell in Sicht. Die riesige Schüssel der Satellitenantenne war auch nicht zu übersehen.
Das Gebäude, auf dem die Schüssel stand, war von mehreren weiteren Gebäuden umrundet und von einer zehn Meter hohen Mauer eingeschlossen. Im Prinzip sah die HPG-Anlage genauso aus wie die Anlage auf New Home.
Vor der Anlage hatten sechs Mechs in der reinweißen Farbe von ComStar Aufstellung genommen. Auf jedem prangte der ComStar-Stern.
„Sieh an, Demi Darebi ist bereits abmarschbereit. Julie, Anweisung an den Fahrer. An die Spitze setzen und direkt vor dem Henker halten.“
„Verstanden“, erwiderte die Stabschefin der Chevaliers und gab die Anweisung leise weiter. „Eskorte?“
„Bei einem Verbündeten? Nein. Ich hoffe doch, dass ich keine Garde brauchen werde.“ Germaine unterdrückte ein mulmiges Gefühl und bemerkte, wie das Mobile HQ anruckte, um sich von den Transportern und Mannschaftstransportern abzusetzen.
Vor einer Gruppe ComGuards hielt das HQ an. Germaine stieg mit seiner Stabschefin aus.
Sie salutierten vor den vier angetretenen ComGuards.
Der Salut wurde erwidert.
„Major Germaine Danton, Dantons Chevaliers. Ich bin hier, um die Sicherheit des Hyperpulsgenerators und seiner Technikercrew bis zum eintreffen von Truppen und Technikern von Blakes Wort zu übernehmen.“
Der große Schwarze, der etwas vor den anderen Offizieren stand, nickte. „Demi Ares Darebi, ComGuards, 79. Division. Ich übergebe den Hyperpulsgenerator und das ComStar-Gelände hiermit an die Söldnereinheit Dantons Chevaliers.“
Wieder salutierten sie voreinander.
Danach wandte sich Darebi seinen Leuten zu. „Akoluth Wikorsky. Alles bereit machen zum ausrücken. Vollzugsmeldung in zwanzig Minuten.“
„Ja, Sir.“ Die anderen Offiziere traten ab.
In Darebis Augen funkelte etwas. „Sieht so aus, als hätte ich noch zwanzig Minuten Zeit, bevor ich in meinen Henker klettere. Haben Sie Lust auf einen Spaziergang, Herr Major?“
**
„Das ist die Lage. Der Schatun, wie ihn Freunde und Feinde manchmal nennen, führt ein strenges Regiment. Manöver Ihrer Truppen dürfen Sie nur nach Anmeldung durchführen. Flugunternehmen Ihrer Jäger unterliegen ebenfalls einer Anmeldung und Genehmigung durch Dvenskys Leute.
Sie können sicher sein, dass der Bryanter Geheimdienst sein Möglichstes tun wird, um jeden einzelnen Ihrer Schritte im Auge zu behalten. Ich weiß, Sie werden maximal sechs Wochen hier sein. Aber in dieser Zeit kann sehr viel passieren.
Es ist mir mehr als einmal passiert, dass ich einen meiner Leute vor einem Straflager bewahren musste. Man kann hier schnell etwas falsch machen. Und für solche Fehler gibt es nur wenige Strafen.
Straflager oder Tod.“
„Straflager?“, fragte Juliette Harris.
„Straflager. Eine Einrichtung der neuen Regierung. Es handelt sich um Arbeitscamps unter nahezu vollkommener Isolierung der Insassen. Die tägliche Arbeitszeit beträgt für die Insassen schon mal sechzehn Stunden. Die Ruhepausen werden willkürlich gekürzt. Widerstand führt automatisch zur Verlängerung der Strafe oder zur Exekution.
Ein perfides Belohnungssystem führt dazu, dass sich die Strafgefangenen eher auf die Erfüllung ihrer Aufgabe konzentrieren. Die Arbeiten umfassen alles, ist sind aber in der Regel schwere körperliche Arbeiten.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Wer in einem Bryanter Straflager landet, hat dies in der Regel auch verdient. Und durch das Zwangsarbeitsprinzip erhält der Schatun sehr günstige Arbeitskräfte, die helfen, die planetare Ökonomie zu stützen.
Aber ich halte nichts davon, Menschen auf diese Weise wegzusperren und auszubeuten.
Die Lager haben eine hohe Todesrate, und wer seine Strafzeit überlebt, ist auf Jahre nicht mehr in der Lage, sich der Gesellschaft wieder anzupassen.
Einmal ganz davon abgesehen, dass die Gesellschaft ehemalige Sträflinge auch nicht gerade mit offenen Armen empfängt.
Jedenfalls gebe ich Ihnen den guten Rat: Verderben Sie es sich nicht mit Dvensky, wenn Sie keinen Ihrer Leute in einem Lager enden sehen wollen. Außerhalb der Bannzone ist der Präsident das Gesetz. Und da Sie für das neutrale ComStar arbeiten, haben Sie das auch zu respektieren.“
Germaine schüttelte sich. „Das sind ja Zustände wie in der Amaris-Ära.“
„Falls Sie mit dem Gedanken spielen, die hiesigen Zustände zu ändern“, warnte Darebi leise, „vergessen Sie es. Versuchen Sie nicht mehr ins Blickfeld des Schatuns zu geraten, als Sie ohnehin schon sind.“
Germaine nickte betreten. „Ich verstehe. Gibt es noch etwas, was ich wissen muss?“
„Nun, die Bryanter Regulären halten regelmäßig Übungen vor und in der Stadt ab. Dvensky wird dies ankündigen, aber seien Sie dennoch jedes Mal in Bereitschaft. Man weiß nie, ob es eine Übung ist oder ob nicht doch eine Antwort auf die Überfälle auf New Home und Epsilon Indi vom Himmel fällt. Oder Schlimmeres.
Ach ja, eines noch: Wie ich schon erwähnte, ist der Geheimdienst sehr aktiv. Achten Sie darauf, wenn Sie einheimische AsTechs einstellen. Über die Hälfte wird ein Schlapphut sein.
Und falls Sie in der Stadt von Rebellen, Aufständischen oder rebellischen Studenten angesprochen werden: Es ist unter Garantie eine Falle des Geheimdienstes.
Apropos Stadt: C-Noten sind auf Bryant offiziell verboten. Die Geschäfte dürfen sie nicht annehmen. Wenn Sie etwas kaufen wollen, müssen Sie Chipkarten mit der einheimischen Währung tauschen. Es gibt auch Bargeld, aber die Regierung sieht es am liebsten, wenn mit dem Plastikgeld bezahlt wird.“
„Verstehe“, warf Lieutenant Harris ein. „Um die Kaufgewohnheiten zu tracken.“
Darebi nickte. „Sie verstehen Ihren Job, First Lieutenant.
Kommen wir zum nächsten Punkt. Ich habe das von Ihrem Maultier mitgekriegt. Sie wollen Ihren Leuten sicher zu Hilfe kommen.
Seien Sie ausnahmsweise Dvensky gegenüber dreist. Wenn Sie mit ihm wegen der Hilfeleistung verhandeln, bestehen Sie darauf, mit den Landern suchen zu dürfen.
Streuen Sie C-Noten und zeigen Sie sich in Kleinigkeiten kompromissbereit.
Mit etwas Glück dürfen Sie dann überhaupt Tomainisia betreten.“
Germaine runzelte die Stirn. „Strenge Sitten hier.“
„Es sind interessante Zeiten, Herr Major“, erwiderte der Demi-Präzentor. „Außerdem liegt der Gedanke nun mal sehr nahe, dass der Absturz nicht ganz so schlimm war, wie er ausgesehen hat, Herr Major.“
Kurz sahen sich die beiden in die Augen. Darebi duldete keine Insubordination gegenüber ComStar. Danton hatte seine Pflicht zu erfüllen.
„Wie dem auch sei“, setzte der Demi seine Rede fort, „ich wünsche Ihnen viel Glück.
Ach, und achten Sie auf Blakes Wort. Der Orden hat seit einigen Wochen Agenten auf Bryant. Außerdem vermuten wir, dass es ihm auch noch gelungen ist, Truppen herzuschaffen. Seien Sie also auf der Hut.“
„Danke für die Warnung, Demi Darebi“, sagte Germaine Danton.
Ein Signal erklang vom HPG-Gelände. „Meine Leute sind fertig, Major. Sie können gleich einrücken. Viel Glück während Ihrer Zeit auf Bryant. Viel Glück dabei, Ihre Leute zu suchen. Und ziehen Sie den Kopf ein, sobald Sie ein Mann namens Delaware anspricht.“
Die beiden Männer reichten sich die Hand, danach schüttelte der Demi auch Harris die Rechte.
„Danke, Darebi. Ihnen auch viel Glück. Hoffentlich ist Ihr nächster Posten nicht so ein Eisfeld.“
Für einen Moment ließ der ComGuard den Blick wehmütig streifen. „So schlecht war der Dienst hier nicht, Danton. Schwierig, ja. Aber nicht schlecht.“
Sie nickten sich noch einmal zu.
Der Demi erklomm seine Clans-Beutemaschine, Danton und Harris kletterten wieder ins HQ.
Corporal Svoboda hielt jedem eine dampfende Tassen entgegen. „Wärmen Sie sich erst mal auf. Wir haben fast null Grad da draußen.“
Germaine nahm seine Tasse entgegen und trank den herrlich heißen Kaffee in kurzen Schlucken. „Sie wollen wohl wieder befördert werden, was?“, scherzte er.
„Natürlich, Sir. Langfristig will ich es auf Ihren Stuhl schaffen“, erwiderte Svoboda todernst. Er zwinkerte und setzte sich wieder auf seinen Platz.
Auch Harris und Germaine nahmen Platz. Der Major schüttelte den Kopf. „Mist. Für einen Moment dachte ich wirklich, das könnte Karel wirklich schaffen.“
„Anlage ist frei, ComGuards ziehen ab.“
„An alle Chevaliers. Hier spricht der Chef. Einrücken.“
Das HPG war nun Chevaliers-Revier.
Ace Kaiser
14.05.2004, 14:17
Der Bezug der neuen Basis verlief routiniert. Okay, die Einheit war gerade effektiv auf zwei Drittel der alten Stärke geschrumpft. Aber man kannte die Anlage. War man in einem Beta-HPG gewesen, war man in allen gewesen.
Ein gängiger Witz bei den Chevaliers etablierte sich bereits in den ersten fünf Minuten, als ein Tech behauptete, hinter der gleichen losen Wandkachel im Aufenthaltsraum wäre Alkohol versteckt wie jene Wandkachel, die er auf New Home entdeckt hatte.
Routiniert. So konnte man den Einzug beschreiben. Routiniert und bedrückt.
Germaine Danton betrachtete die frische Uniform, die er gerade anlegen wollte.
Nachdenklich strich er über die verstreuten Orden und Kampagnenbänder. Seine Rache hatte ihn einen langen Weg entlang geführt und ihn manche Schlacht bestehen lassen.
Unter den Orden war auch ein zurecht geschnittener Bierdeckel, auf dem ein unbekannter Künstler einen Jadefalken im Sturzflug gemalt hatte, über dem ein Stopp-Zeichen lag.
Die Zweiten Lyraner hatten ihm das Ding nach dem ersten erfolgreichen Überfall auf die Falken geschenkt.
Es war zwar nur Pappe, aber es bedeutete ihm etwas. Weil jene, die es ihm geschenkt hatten, ihm etwas bedeuteten.
Germaine seufzte leise. Er war von dem Leben, dass er für sich erhofft hatte, Lichtjahre weit entfernt. Anstatt Wein in Europa anzubauen führte er eine obskure Mission für ComStar gegen Blakes Wort durch. Sein Leben war seit einigen Jahren das, was man durchaus als interessant bezeichnen konnte.
Und interessant bedeutete auch immer anstrengend.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Belinda Wallace lächelte ich kurz an, während sie begann, sein Hemd zuzuknöpfen. „Und du willst das wirklich tun, Germaine?“
Einen Moment zögerte Germaine mit der Antwort. Dann legte er beide Hände auf die seiner Gefährtin. „Ja, ich werde es tun.“
Belinda Wallace runzelte die Stirn. Sie war seit zwei Tagen wieder im Dienst, und dies war die erste Gelegenheit für die beiden, sich privat zu sehen. „Wie weit wird sie gehen?“
Der Major dachte nach. „Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, wie weit ich gehen werde.“
„Ich verstehe.“ Wortlos knöpfte sie das Hemd ganz zu und griff nach der Uniformjacke.
Als sie ihm den Kragen aufschlug, lächelte sie wieder. „Okay, hier ist der Plan. Unsere Beziehung ist wegen meiner Verwundung zerbrochen. Ich bin störrisch und keinem Argument zugänglich. Als Ärztin und als Chef des SanBereichs arbeite ich perfekt mit dir zusammen.
Aber alles andere… Ich bin einfach zu tief verstört und verzweifelt.
Ich weise dich ab, stoße dich von mir. Lasse dich direkt in die Niederungen der Verzweifelung taumeln. Und ich fühle mich im Recht dabei.“
Germaine sah zu Boden. „Bebe, ich…“
Du bist verstört. Einsam. Du hast alles richtig gemacht. An dir gibt es keine Zweifel. Und das allein sein bekommt dir gerade jetzt überhaupt nicht.
In dieser verletzlichen Verfassung triffst du auf Natalija Dvensky. Eine ohne Zweifel sehr schöne Frau. Eine interessante Gesprächspartnerin und erfahrene Diplomatin. Um dich abzulenken und weil sie dir gefällt, lässt du dich auf eine Flirterei ein. Mir ist das egal. Ich habe genug mit mir selbst zu tun. Ich muss erst mal wieder ich werden.
Wenn aus der Flirterei mehr wird, wenn Ihr beide weiter geht als der Anstand gestattet, nun, von mir aus. Von meinem Standpunkt aus gesehen bist du ein freier Mann.“
„Belinda, ich…“
Die Rechte kam ohne Vorwarnung heran geschossen. Sie traf Germaine hart auf der linken Wange. „Damit wäre das abgeschlossen“, brummte sie zufrieden und legte den schweren Wintermantel um die Schultern des Majors.
Sie gab ihm einen Kuss auf die schmerzende Stelle. „Aber vergiss nicht, dass das Ganze nur ein Planspiel ist. Du willst zu den Unbekannten in der Kalkulation des Schatun noch eine weitere hinzufügen. Du versteckst die Wahrheit in tausend weiteren Wahrheiten.“
Trotz der beträchtlich schmerzenden Wange lächelte Germaine.
„Warum sagst du mir nicht, dass ich nach dem Einsatz zu dir zurückkommen soll?“, fragte der Major im Scherz.
Belinda Wallace sah ihn an. Ein eisiger Schauer ging durch seine Adern.
„Guten Tag, Herr Major“, sagte sie und verließ sein Quartier.
Panik wühlte in seinen Eingeweiden. Hatte sie das getan, um ihm seine Rolle zu erleichtern? Oder meinte sie es womöglich – immer noch – tödlich ernst?
Germaine Danton setzte die Mütze auf. Es wurde Zeit. Zeit, mit dem Schatun zu verhandeln. Zeit, ihn zu blenden, zu täuschen und ihm die Wahrheit zu sagen. Zeit, das zu tun, was Germaine am besten konnte. Sein persönliches Ziel erreichen.
Ace Kaiser
31.05.2004, 13:39
Als Germaine Danton in die Limousine stieg, die ihn zum Palast Dvenskys bringen sollte, warf er einen letzten Blick zurück. Bei ihm war nur Adept Yalom, der Verbindungsoffizier ComStars. Seine Offiziere hatten protestiert, als er diese Entscheidung getroffen hatten.
Aber letztendlich hatte das Argument gewirkt, dass ein weiterer Offizier, falls Dvensky falsches Spiel betrieb, nur zwei tote Offiziere mehr bedeutete. Die Einheit gerade jetzt so intakt wie möglich zu halten, war die oberste Priorität.
Die Stimmung war gedrückt. Viele ließen die Köpfe hängen. Schlimm war es vor allem bei den Höllenhunden, der Panzerabteilung der Chevaliers.
Germaine wünschte sich, er könnte ihnen einfach den ganzen Plan verraten. Ihnen einfach sagen, dass der Absturz fingiert gewesen war und die Landung der SKULLCRUSHER bestenfalls etwas rau gewesen sein mochte.
Doch Geheimhaltung zählte hier noch weit mehr als auf Thule.
Auf seine Offiziere konnte er sich verlassen, das wusste Germaine. Und die Mannschaften. Noch folgten sie. Soldaten gingen gerne den Weg des geringsten Widerstandes. Darin waren sie über die ganze Innere Sphäre verteilt gleich.
Wenn dies aber bedeutete, sich einem Mob anzuschließen und zu randalieren und zu rebellieren, würden sie auch das tun.
Der Chevalier schloss die Tür und gab dem Fahrer Bescheid, dass er los fahren konnte.
Yalom sah den Major mit unbewegter Miene an. „Der Absturz gefällt mir nicht“, sagte der ComStar-Veteran. „Es könnte der Eindruck entstehen, er wäre absichtlich herbeigeführt worden, um in der Nähe einer der großen Städte zu landen und LosTech einzusammeln.“
Germaine lächelte schwach. Dies war also die Generalprobe.
„Natürlich sieht es so aus. Und hätte ich es geplant, dann hätte ich es auch genau so gemacht.
Und anschließend wäre ich zum Herzog gefahren, hätte mich zu Boden geschmissen und laut und klagend um das Leben meiner Leute gebettelt.“
Der Adept zog eine Augenbraue hoch. „Sie fahren zu Dvensky, um ihn um das Leben Ihrer Leute anzubetteln.“
„Gut erkannt“, brummte Germaine, während der Wagen anfuhr. „Was anderes bleibt mir ja auch nicht übrig, oder? Immerhin sind das meine Chevaliers, die da mitten in einen tropischen Sturm abgestürzt sind.“
„Sicher. Alleine um den Schein zu wahren, müssen Sie diesen Gang antreten. Kommen Sie, überzeugen Sie mich. Wenn ich Ihnen nichts glaube, wird der Schatun es erst recht nicht tun.“
Ärgerlich fuhr Germaine aus dem Polster, ließ sich aber wieder zurück sinken. „Es steht mir nicht zu, um das Leben meiner Leute zu schachern.“
„Eindrucksvolle Reaktion. Könnte beinahe echt sein. Aber beim Schatun sollten Sie auf emotionale Gesten verzichten und lieber harte Fakten bringen. Andererseits scheint seine Schwester Sie irgendwie zu mögen. Frauen reagieren auf Emotionen. Zerdrücken Sie ein paar Tränen zwischen den Lidern, das wird sie weich kochen.“ Yalom zwinkerte. „Weiter im Text.“
„Sie wollen also von mir eine logische Erklärung, warum der Absturz nicht geplant war, hm? Gut, dafür kann ich drei Gründe nennen. Um auf Tomainisia etwas zu suchen, benötigt man Monate. Wir aber sind bestenfalls sechs Wochen hier, bevor Blakes Wort uns ablöst.“
„Hm. Sie könnten eine Schatzkarte haben.“
„Eine Schatzkarte? Interessant. Vor allem die Tatsache, dass ComStar uns dann ausgerechnet für die Welt angeworben hat, auf der wir diesen Schatz heben wollen.“
„Punkt für Sie, Herr Major.“
„Der zweite Punkt ist, wir wurden viel zu hastig angeworben, um auf Bryant wirklich LosTech plündern zu wollen. Mein Gott, bevor ComStar uns angeworben hat, kannte ich nicht mal den Namen Bryant. Eine solche Aktion sollte eigentlich etwas mehr Vorlauf erfordern.“
„Sie könnten die Aktion schon seit Jahren planen und jetzt, bei der günstigen Gelegenheit zugreifen“, wandte Yalom ein.
„Jahre, die ich vor der Gründung der Chevaliers hauptsächlich an der Clanfront verbracht habe“, brummte Germaine leise. „Bei den Jadefalken denkt man eher an das eigene Überleben und das Überleben der eigenen Leute. Nicht unbedingt an Schätze. Außerdem, wie soll der Schatz überhaupt aussehen? Er muss groß und wertvoll genug sein, um einen ganzen Lander zu riskieren. Von den Truppen an Bord ganz zu schweigen.“
„Nun, da gibt es nicht viel. Selbst ein Tresor voller Diamanten dürfte ab einem gewissen Aufwand unrentabel werden.“ Yalom nickte gewichtig. „Gutes Argument. Bleiben Sie dabei. Und der letzte Punkt?“
Danton grinste schief. „Nun, da gibt es noch einen äußerst merkwürdigen Überfall auf eine MechPatrouille auf New Home, bei der unbekannte Angreifer einen meiner Leute beinahe getötet hätten. Es war eine Lanze in Sternenbundstärke, die Angreifer waren erfahren und routiniert. Und irritierenderweise hat sich der schnellste und leichteste Mech unsere Landungsschiffe angesehen. Wenn ich es recht bedenke, dann halte ich diesen Angriff für eine Bewaffnete Erkundung. Irgendjemand scheint uns damals genug misstraut zu haben, um einen Fauxpas mit ComStar zu riskieren.
Und zu allem Überfluss wurde bei dem Angriff die SKULLCRUSHER getroffen. An Bord brach ein Feuer aus. Wir waren uns sicher, die Schäden beseitigt zu haben. Aber anscheinend war dem doch nicht so.“
Yalom nickte. „Gut. Mich haben Sie überzeugt. Nun machen wir bei Dvensky weiter. Was ComStar angeht, haben Sie meine volle Rückendeckung.“
Danton schmunzelte. „Können Sie das bitte noch einmal sagen, nur diesmal lauter? Ich möchte sicher gehen, dass die Abhörgeräte im Wagen auch wirklich jedes Wort verstehen.“
Germaine sah, wie der Fahrer zusammen zuckte und lachte leise.
Sie erreichten den Palast. Oder vielmehr die Sternenbundfestung.
In der Tat, ein atemberaubender Anblick. Germaine hatte diesen Klotz bei der Landung gesehen und war beeindruckt gewesen. Der Kasten war hoch, verdammt hoch. Er vermerkte das in Gedanken. Es würde nützlich sein. Später.
Ein riesiges Tor öffnete sich, und es war, als wollte der kleine Wagen von einem Wal verschluckt werden.
Sie fuhren hunderte Meter in die Festung hinein, bis sie in einem riesigen Hangar ankamen.
Danton hatte eine Ehrenformation erwartet, zumindest bewaffnete Wachen, so ein, zwei Dutzend.
Stattdessen erwartete ihn und Yalom lediglich ein kleines Ehrenaufgebot, bestehend aus zwei kräftig gebauten und mit Autopistolen bewaffneten Fallschirmspringer der Elitetruppen Bryants. Zwei Wachen für zwei Gäste. Germaine wertete es als gutes Zeichen.
Vor den beiden Männern stand Natalija Dvensky. Sie trug erneut den teuren Pelzmantel und lächelte Germaine zu, als er die Limousine verließ.
Germaine trat an die Frau heran und lächelte zurück. „Danke, dass Ihr Bruder uns so kurzfristig eine Audienz gewährt. Ich bin sicher, Sie haben einiges dazu beigetragen.“
Natalija sah errötend zu Boden. „In Anbetracht der Dringlichkeit ist das doch selbstverständlich, Germaine.
Adept Yalom. Willkommen auf Bryant. Folgen Sie mir bitte beide. Der Herzog erwartet uns in seinem Privatbüro.“
Sie betraten einen Fahrstuhl. Es dauerte einige Zeit, bis er wieder die Türen öffnete. Germaine hatte den subjektiven Eindruck gehabt, nach oben zu fahren, aber sicher konnte er nicht sein.
Vor allem weil dieser Gang sich nicht besonders von jenem unterschied, in dem sie den Fahrstuhlschacht erreicht hatten.
Natalija Dvensky ging vorneweg, die beiden grimmigen Wächter folgten hinter dem Söldner und dem ComStar-Mann.
Links und rechts huschten unmarkierte Türen vorbei, während sie ausschritten.
Sie betraten einen Seitengang und erreichten mehrere Türen, die von Wachen flankiert waren.
Vor einer blieb sie stehen und sagte: „Der Herzog erwartet uns.“
Die Wache salutierte und bestätigte in Kasernenhoflautstärke fünf, bevor er die Tür öffnete.
Nacheinander traten sie ein. Die Wachen blieben draußen zurück. Germaine schmunzelte leicht. Netter Vertrauensbeweis. Oder war sich der Schatun so sicher in seinem eigenen Bau, dass er die drei Sekunden, welche die Wachen brauchen würden, um in sein Büro zu kommen, nicht fürchtete?
Dvensky saß hinter dem klobigen Schreibtisch, als sie eintraten. Er sah auf. „Ah, Adept Yalom, Major Danton. Willkommen auf Bryant.“
Er erhob sich und streckte den beiden die Hand entgegen. Dem ComStar-Mann zuerst. Was eine bemerkenswerte Geste war für den Herrn einer Welt, der ComStar gerade einen Arschtritt zum Verlassen gegeben hatte.
Oder wollte er die Chevaliers damit treffen?
Sein Händedruck war fest und kräftig. Sein Blick hart und direkt.
„Bitte, nehmen Sie doch Platz.“
Dvenskys Schwester stellte sich hinter dem Schreibtisch auf. Sie zog den Pelzmantel aus und legte ihn auf dem Sims eines großen Fensters, welches direkt hinter dem Schreibtisch war. Germaine zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass es nur ein Bildschirm war, um Besucher über die Position dieses Büros zu irritieren. Das Fenster zeigte eine Szene aus großer Höhe. Zweifellos befand sich das Büro des Schatuns also nicht in den oberen Etagen der Festung.
Außer, er war ein wirklich gewiefter Hund.
Germaine öffnete den schweren Wintermantel und setzte sich.
„Kommen wir gleich zur Sache“, begann der Chevalier. „Ich werde die ROSEMARIE nehmen und so schnell es geht nach Tomainisia aufbrechen.“
„Das kann ich nicht erlauben“, sagte Dvensky trocken und knapp.
Unsicher lachte der Chevalier. „Für einen Moment habe ich doch tatsächlich gehört, dass Sie die Rettungsmission nicht erlauben.“
„Richtig, Herr Major. Ich genehmige den Einsatz Ihres Unions nicht.“
Nervös leckte sich Germaine über die Lippen. Sie waren aufgesprungen. Verdammte Kälte.
„Hören Sie, MyLord, ein Drittel meiner Leute waren an Bord der SKULLCRUSHER, als der alte Lander abgeschmiert ist. Ich weiß nicht, ob es Überlebende gibt. Aber alleine schon wegen dem Material an Bord muss ich darauf bestehen, die SKULLCRUSHER suchen zu dürfen.“
Zog die Erwähnung des selbst verliehenen Adelstitels bei Dvensky? Germaine hatte keine Reaktion gesehen, als er den Schatun MyLord genannt hatte.
„Ich kann es dennoch nicht genehmigen. Sehen Sie es doch mal von meinem Standpunkt aus. Für mich sieht es so aus, als hätten Sie äußerst geschickt eine Abteilung Ihrer Leute auf Tomainisia eingeschleust, um in einer der großen Städte aus Sternenbundtagen nach Lostech zu suchen. Wir unterhalten auf dem Äquatorialkontinent kaum Präsenz, ein paar Messstationen, einige Fischereibetriebe an der Südküste. Einige Plantagen.
Dennoch betrachten wir den Kontinent und alle auf ihm verborgenen Ressourcen als unser ureigenstes Eigentum. Wir bekommen immer wieder Besuch von Plünderern, die meinen, sie könnten sich am Vermögen des Volkes von Bryant bereichern.“
„Das ist ja wohl ausgemachter Schwachsinn. Warum sollte ich meine Leute abstürzen lassen, um ominöses Lostech zu suchen? Warum bin ich nicht gleich mit allen Landern auf Tomainisia gelandet und habe mich dort eingeigelt?“
„Vielleicht, weil Sie Verpflichtungen ComStar gegenüber haben, Herr Major.“ Dvensky betrachtete den Schreiber in seiner Hand.
„Zugegeben. Ich verstehe Ihre Paranoia. Aber verstehen Sie auch meine Situation. Ich muss meinen Leuten zu Hilfe kommen. Dazu bin ich aufgrund meiner Loyalität, meines Diensteides und meiner persönlichen Ehre verpflichtet“, erwiderte Germaine scharf.
„Was alles zur Tarnung dieses verdeckten Einsatzes gehören könnte.“
Danton ließ den Kopf sinken. „Okay, reden wir mal Tacheless, MyLord.“
Der Major entblößte den linken Unterarm. „Ich nehme an, Sie kennen die Funktionsweise eines Alarmknopfes. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie tief wir hier sind, aber es gibt eine gute Chance, dass das Signal bis zu ComStar durch kommt.
Erlauben Sie mir, meine Leute zu suchen, oder tragen Sie die Konsequenzen!“
Dvensky sprang auf. „Drohen Sie mir hier? Drohen Sie mir hier mit Ihren Söldnern?“, brüllte der Schatun.
Danton sprang ebenfalls auf und stützte sich hart auf der Tischplatte ab. „Jawohl, MyLord, ich drohe Ihnen mit meinen Söldnern! Und wissen Sie auch, warum ich Ihnen drohe? Wenn ich in die Kaserne zurück komme und erzählen muss, dass wir unsere Kameraden auf der SKULLCRUSHER aufgeben sollen, dann habe ich eine Revolte am Hals! Der Führungsoffizier der Panzerfahrer gehört unter den Vermissten! Wissen Sie, was eine Kompanie Panzer in dieser Stadt anrichten kann? Von den MechKriegern und Infanteristen, die mit ihnen sympathisieren, ganz zu schweigen!“
„So, so. Und Sie, als Anführer der Chevaliers, wollen mir erzählen, Sie könnten nichts dagegen machen?“
„Ich würde nichts dagegen machen! Das ist ein Unterschied! Denn in dem Fall würden Sie und Ihre Streitkräfte die Konsequenzen zu Recht tragen, MyLord. Ich würde sie wüten lassen, jawohl, ich würde sie ihre Kameraden rächen lassen, denen Sie, MyLord, nicht mal ein ordentliches Begräbnis zugestehen wollen!
Deshalb trage ich den Alarmknopf! Sobald ich ihn betätige, wird mein Stellvertreter eine zielgerichtete Aktion ausführen. Zuerst radiert er die rund um das HPG in Stellung gegangene Panzer aus. Danach beginnt er mit der Dezimierung.“
Wütend starrte Dvensky den Major an. „Zu diesem Zeitpunkt werden Sie bereits tot sein!“
„Und sicher wird es kein einziger Chevalier überleben, ja. Aber wir werden einen Schaden anrichten, an dem Brein noch in Jahrzehnten laborieren wird.“
„Brein?“, fragte der Schatun. „Die Dezimierung betrifft Brein direkt?“
Germaine beruhigte sich wieder etwas. Er setzte sich und schlug die Beine übereinander. „Die MechKrieger werden Befehl erhalten, die Wohnhäuser und die Infrastruktur zu zerstören. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht als der Söldner in die Geschichte eingehen, der das große Massaker von Bryant verursacht hat. Ziel werden die Neubauten sein. Neubauten, in die Bryant einen Grossteil seiner Ressourcen gesteckt hat. Abgesehen von den militärischen Ressourcen, die noch vernichtet werden.“
„Sie drohen mir also mit Krieg. Dazu mit der Vernichtung ziviler Einrichtungen“, brummte Dvensky.
„Ich drohe nicht. Ich erzähle Ihnen nur, was passiert, wenn Sie mich nicht nach meinen Leuten suchen lassen“, erwiderte Germaine fest.
Dvensky sah zu Adept Yalom herüber. „Wie steht ComStar dazu?“
„ComStar wird sich in dem Moment von den Chevaliers los sagen, in dem der erste Schuss fällt. Da die Einheit diese Attacke zweifellos nicht überleben wird, sind weitere Schritte egal.
Die ComStar-Einheiten, die gerade auf dem Weg zum Nadirsprungpunkt unterwegs sind, werden nicht wieder umkehren, um die Chevaliers zu stoppen. Immerhin wurden wir aus Brein ausgewiesen.“
Der Schatun lehnte sich zurück, faltete die Hände vor dem Gesicht und dachte nach.
„Eines muss ich zugeben, Major, Sie müssen ein Paar verdammt große Eier haben, um mich in meinem eigenen Büro heraus zu fordern. Ich habe große Lust, Sie sofort erschießen zu lassen.“
„Oh“, erwiderte Germaine im Plauderton. „Das beruht auf Gegenseitigkeit. Und nennen Sie mich Germaine.“
„Vielleicht“, meldete sich Natalija zu Wort, „sollten wir wieder auf die Kernaussage dieses Gesprächs zurück kommen. Die Stärke der Chevaliers war uns von vorne herein bekannt. Und wir haben oft genug durchgesprochen, welchen Schaden die Einheit anrichten kann, wenn sie sich gegen uns stellt. Aber das ist jetzt und hier nicht relevant, Leonid.“
Interessiert warf Dvensky seiner Schwester einen Blick zu. „Und was ist deiner Meinung nach relevant?“
Statt zu antworten sah sie Danton an. Sie hielten einige Zeit Augenkontakt, bis der Major wusste, was sie wollte. „Relevant ist folgendes: Ihre Schwester erwähnte vor kurzem, dass Sie an private Investoren Lizenzen vergeben und auf den anderen Kontinenten nach Lostech suchen lassen. Da Sie sich nicht sicher sind, ob meine Leute abgestürzt sind oder plündern – wie wäre es, wenn ich eine solche Lizenz erwerbe?“
Die Antwort des Herzogs klang amüsiert. „Das würde in der Tat einige Probleme aus dem Weg räumen. Hm, Sie sind sich also im Klaren darüber, dass meine Leute jeden Winkel der SKULLCRUSHER durchsuchen werden? Auf Bryant gefundenes Lostech geht zu fünfzig Prozent in unseren Besitz über. Für den Rest erwarten wir eine angemessene Bezahlung. Das kann teuer für Ihre Leute werden.“
„Immer noch besser, als uns gegenseitig abzuschlachten, oder?“, erwiderte der Major.
„Gut. Ich stimme zu. Erwerben Sie eine Lizenz für die SKULLCRUSHER. Die Summe beträgt vierzigtausend C-Noten und hunderttausend C-Noten Kaution, in Anbetracht der merkwürdigen Umstände, mit der diese Lizenz zustande gekommen ist.“
Germaine schluckte hart. „Zwanzgitausend für die Lizenz. Fünfzigtausend Kaution.“
„Sie sind nicht gerade in der Lage, zu verhandeln, Germaine. Dreißigtausend für die Lizenz. Fünfundsiebzig Kaution. Und das ist mein letzter Vorschlag.“
Germaine erhob sich. „Abgemacht.“
Die beiden tauschten einen Handschlag aus. „Was nun die ROSEMARIE angeht…“
„Ich kann Ihnen nicht erlauben, mit dem Union nach Tomainisia zu wechseln.“
Das Gesicht des Chevaliers wurde krebsrot. „Hatten wir das nicht gerade erst?“
„Gemach, Germaine. Gemach. Es gibt einen triftigen Grund dafür. Über Tomainisia bricht gerade das Frühjahr an. Eine Suche mit einem Union ist in dieser Region blanker Unsinn. Die vielen Frühjahrsstürme würden die gigantische Angriffsfläche des Landers nutzen und binnen weniger Tage zernagen oder gegen irgendwelche Berge werfen. Wenn Sie wissen, wo Ihre Leute sind und wenn Sie eine sturmfreie Zeit im Zielgebiet erwarten, können Sie gefahrlos landen. Alles andere wäre Schwachsinn.“
„Hm. Ich habe einen langstreckentauglichen Hubschrauber. Wenn Sie ihn nach Tomainisia bringen, kann er die Suche durchführen. Dazu ein Trupp Infanterie.“
Dvensky grinste breit. „Auch dem kann ich nicht zustimmen.“
Verärgert schlug Germaine auf die Tischplatte. „Es macht Ihnen wohl Spaß, meinen Blutdruck in die Höhe zu treiben!“
„Auch hierfür habe ich einen triftigen Grund, Germaine. Zwischen Tomainisia und dem Zentralkontinent befindet sich gerade ein riesiges Sturmtief. Die Experten erwarten, dass es noch den Rest der Woche anhält. Hochseefahrt wäre im Moment absoluter Selbstmord.
Sobald der Sturm abgeflaut ist, lasse ich Ihren Ripper gerne mit einem Kommando Ihrer Infanterie zu einer meiner Messstationen auf Tomainisia bringen und von dort aus suchen. Zudem aktiviere ich mein Explorercorps. Es handelt sich hier um halbmilitärische Vermessungsflieger, die von privaten Firmen auf den Äquatorialkontinenten zur Lostechlokalisierung eingesetzt werden. Sie werden ebenso ein Auge nach Ihrem Maultier offen halten.“
Germaine brummte zufrieden. „Einverstanden. Also Ende der Woche. Besser als nichts. Ich hoffe, eine Überweisung über ComStar für die Kaution und die Lizenz ist okay für Sie?“
„Selbstverständlich, Germaine.“
Der Chevalier erhob sich und reichte Dvensky die Hand. „Na dann auf gute Zusammenarbeit, MyLord.“
Der Schatun ergriff sie und drückte fest zu. „Auf gute Zusammenarbeit. Und bitte, nennen Sie mich Leonid.“
Der Herzog reichte auch noch Yalom die Hand. Danach verließen sie das Büro wieder.
Natalija Sergejewitsch Dvensky schloss die Tür hinter sich, als sie als Letzte das Büro verließ.
Die beiden grimmigen Fallschirmspringer nahmen wieder ihren Platz am Ende der kleinen Kolonne ein und die Schwester des Herzogs ging erneut vorneweg.
„Ich schulde Ihnen etwas, Natalija“, murmelte Germaine leise.
Wütend sah die blonde Frau den Chevalier an. „Wissen Sie eigentlich, wie knapp Sie und Ihre Einheit der Vernichtung entgangen sind? Haben Sie eine Ahnung, in welche Gefahr Sie sich begeben haben? Können Sie auch nur ermessen, was jetzt gerade passieren würde, wenn Sie diesen verdammten Summer gedrückt hätten? Wie viele Zivilisten bereits gestorben wären?“
„Keine“, erwiderte Germaine und nahm den Alarmknopf vom Unterarm. „Ich habe geblufft.“
Erstaunt blieb Natalija stehen. Sie starrte den Chevalier an. Dann setzte sie ihren Weg fort. „Männer“, knurrte sie. „Männer und ihr übergroßes Ego.“
Danton schmunzelte. „Ich schulde Ihnen immer noch was. Für Ihre Vermittlung, Natalija.“
„So?“ Sie sah über die Schulter zurück. „Dann wünsche ich mir von Ihnen, dass Sie Ihre Zeit auf Bryant verbringen, ohne einen Kleinkrieg anzufangen.“
„Geht es nicht etwas kleiner?“, erwiderte Germaine leise. „Wie wäre es zum Anfang mit einem Abendessen?“
Natalija deutete auf den offenen Fahrstuhl. Es war offensichtlich, dass sie die beiden Offiziere nicht bis in den Hangar begleiten würde.
Als die Türen des Fahrstuhls bereits zu glitten, sagte sie: „Ruf nicht mich an. Ich rufe dich an.“
„Das war kein Ja“, stellte der Adept fest.
„Aber auch kein Nein“, brummte der Chevalier zufrieden und machte in Gedanken einen Haken auf seiner imaginären Liste.
Der nächste Punkt, dachte Danton, als er in der Limousine den Palast wieder verließ, würde ungleich schwieriger werden. Der frisch gebackene Panzerkommandant Mike McLloyd musste offiziell befördert werden. Und anschließend musste Germaine es schaffen, den Veteranen in das Geheimnis um die Einsatzgruppe Leipzig einzuweihen, ohne, dass Mike ihm den Hals umdrehen wollte…
Ace Kaiser
06.06.2004, 15:39
Als Germaine Danton alle verfügbaren Offiziere und Mannschaften zum antreten im Innenhof des HPGs rufen ließ, war es recht frisch, knapp an null Grad.
Dennoch standen die Soldaten exakt und aufrecht in drei Reihen zusammen und bildeten ein U, dessen Öffnung auf den Major deutete. Master-Sergeant Decius Metellus rief die Leute und Offiziere ins rührt euch.
Die Offiziere traten aus und stellten sich vor ihre jeweilige Teileinheit.
Germaine musterte die Angetretenen einige Zeit. Es schmerzte ihn, die Lücken sehen zu müssen, die sonst von Gesichtern gefüllt waren, obwohl er wusste, dass sie nach einem Plan auf Tomainisia gelandet waren. Nach seinem Plan.
„Chevaliers“, sagte Germaine, und seine Stimme trug über den ganzen Hof, „ich komme gerade direkt von Herzog Dvensky. Ich habe mit ihm über das Unglück der SKULLCRUSHER gesprochen. Und wir haben nach einer Diskussion eine optimale Lösung gefunden.
Sergeant Hawk, Sergeant van Roose, austreten.“
Der Master Sergeant hörte den Befehl und wiederholte ihn. Lauter. Sehr viel lauter.
Die beiden Unteroffiziere traten aus der Reihe aus, wendeten vorschriftsmäßig und bauten sich vor dem Major auf. Sie salutierten knapp.
„Sergeant Hawk, sobald das Sturmtief zwischen Brein und dem Äquatorialkontinent abgeflaut ist, wird Ihr Helikopter mit Ausrüstung für einen Monat von einem Schiff des Herzogs nach Tomainisia verschifft. Sie bekommen den Auftrag, die Bryanter bei der Suche nach unseren verschollenen Kameraden zu unterstützen.“
In Kitty Hawks Augen glimmte es auf. Sie verstand sehr gut, was Germaine von ihr verlangte. Den Schein wahren und es dennoch so aussehen lassen, als würde sie intensiv suchen.
„Zu diesem Zweck bilden Sie Suchsektoren im Bereich des Kurses der SKULLCRUSHER und fliegen diese ab. Sobald Sie die Absturzstelle gefunden haben, wird die ROSEMARIE übersetzen – soweit die Wetterlage es zulässt – und der SKULLCRUSHER Hilfe leisten.“
Germaine wandte sich van Roose zu. „Sergeant, Sie werden Sergeant Hawk mit Ihrem Team begleiten und die eigentliche Suche durchführen. Sie werden ein Camp einrichten, es bewachen und die Einsätze koordinieren. Außerdem halten Sie Kontakt zum Bryanter Verbindungsmann, der Sie zweifellos begleiten wird. Ich will es nicht beschönigen, diese Mission wird hart. Tomainisia ist von Stürmen gebeutelt und von Regen durchgeweicht. Aber ich erwarte von Ihnen, dass Sie es sein werden, der unsere Kameraden findet. Nicht etwa die Bryanter.“
Germaine salutierte vor den beiden. „Wieder eintreten.“
Als beide ihre Plätze eingenommen hatten, sagte der Major: „Sergeant McLloyd, austreten.“
Metelle meinte es besonders gut und brüllte die Anweisung besonders laut.
Der Panzerfahrer trat aus und stellte sich vorschriftsmäßig vor Germaine Danton auf. Er salutierte, und Danton erwiderte den Salut.
„In Anbetracht der schwierigen Lage, in der wir uns befinden, insbesondere die Höllenhunde, gebe ich hiermit das Oberkommando über die Panzerabteilung an Sergeant McLloyd.
Sergeant McLloyd, fühlen Sie sich dieser Aufgabe gewachsen?“
„Sir“, der Panzerfahrer brüllte fast, „ich bin dieser Aufgabe mehr als gewachsen!“
„Gut. Nun, Sergeant, es ist gegen meine Überzeugung, die Panzerkompanie erneut von einem Sergeant kommandieren zu lassen. Deswegen ernenne ich Sie für die Dauer der Krise zum Second Lieutenant.“
Der Panzerfahrer schluckte hart. Natürlich, der Alte hatte ihm das schon im Lander angedroht. Aber es war eine Sache, es zu wissen und eine andere, es zu erleben.
„Captain Peterson, Captain Scharnhorst, austreten.“
Diesmal sagte Metelle nichts. Es war nicht üblich bei den Chevaliers, dass Unteroffiziere Offiziersdiensträngen Befehle gaben. Auch wenn – so Metelle – es ab und an nicht schaden konnte.
Die beiden Offiziere traten neben Germaine. „Walten Sie Ihres Amtes, meine Herren.“
Grinsend entfernten sie die alten Sergeant-Abzeichen von Mikes Schultern. Sie zogen die Lieutenants-Abzeichen auf, warfen sich kurz einen belustigten Blick zu und schlugen dann mit aller Kraft auf die Schulter des Panzerfahrers.
„Damit die neuen Abzeichen auch ordentlich sitzen“, brummte Peterson und schüttelte dem frisch gebackenen Offizier die Hand. Auch Scharnhorst ließ es sich nicht nehmen, ihm zu gratulieren.
Als Germaine dem Chef der Scoutlanze die Hand gab, raunte er: „Willkommen bei den Offizieren, Mike. Vergessen Sie nicht, Ihr Gehirn nachher bei Metelle abzugeben.“
Damit bezog er sich auf den allgemeinen Witz, Offiziere würden zugunsten ihres Ranges auf ihren gesunden Verstand, sprich, ihr Gehirn verzichten.
Mike McLloyd grinste breit. „Das werde ich sicher nicht tun, Sir. Ich will für den Doc immerhin mein Bestes geben.“
„Gute Antwort, Mike. Wieder eintreten.“
Als der Panzerfahrer sich umdrehte, um seinen neuen Platz einzunehmen – vor den Panzerfahrern – erklang von den Höllenhunden leiser Applaus, der schnell auf die übrigen Chevaliers übergriff. Es hätte nicht viel gefehlt, und Mike hätte sich vor seinem dankbaren Publikum verbeugt.
„Zum Abschluss“, führte Germaine weiter aus, als es wieder etwas ruhiger geworden war, „weise ich darauf hin, dass Father O´Hierlihy gegen acht eine gemeinsame Ökumenische Andacht für unsere verschollenen Kameraden abhält. Die Teilnahme ist freiwillig. Aber ich möchte Sie alle trotzdem darum bitten, für Ihre Kameraden zu beten.
Lassen Sie wegtreten, Master-Sergeant.“
Caecilius Decius Metellus gab den Befehl weiter, und kurz darauf löste sih die Versammlung auf.
„Ach, Mike, haben Sie noch einen Augenblick?“, fragte Germaine und löste den Lieutenant aus der Traube der Panzerfahrer.
Was Germaine ihm an einem abhörsicheren Ort verraten wollte, würde den Panzerfahrer einerseits erleichtern. Andererseits schwer belasten, denn dieses Wissen konnte und durfte er noch nicht weitergeben.
Die Zahl der Mitwisser wurde vergrößert. Die Gefahr, aufzufliegen ebenso.
Aber letztendlich spielten sie hier gegen Dvensky mit aufgedeckten Karten. Nur konnte der Schatun noch nicht erkennen, was Germaines Karten für ein Blatt ergaben…
Ace Kaiser
12.06.2004, 20:28
Es war ein eiskalter Abend. Die wenigen Privatfahrzeuge auf den Straßen hatten Raureif auf den Fenstern und auch die Limousine, die Germaine Danton aus der Kaserne des HPG abgeholt hatte, kämpfte energisch dagegen an, über zufrieren.
Doch das Wetter gefiel Germaine. Die Nacht war unglaublich klar, hunderte Sterne standen im Frost am Himmel und funkelten um die Wette.
Es hatte den Major während des Wartens nur wenige Minuten gekostet, Sol ausfindig zu machen. Sol, die Heimatsonne. Um sie kreiste die Erde, Terra. Sein Heimatplanet.
Als einer von wenigen Menschen außerhalb des Sol-Systems stammte Germaine nicht nur in dritter, zehnter oder hundertster Generation von der Erde ab. Er war auf ihr geboren worden.
Er war ein waschechter, hundertprozentiger Terraner. Und das kuriose dabei war: Er war nicht einmal Mitglied bei ComStar.
Mit einem Lächeln dachte der Offizier an seine Zeit auf der Erde zurück, als er seinen Eltern seinen Entschluss bekannt gegeben hatte, sich in der Sandhurst Akademie einzuschreiben und ComStar beizutreten. Noch immer war dies für die meisten abenteuerlustigen jungen Menschen auf Terra der beste Weg, um etwas „von der Welt“ zu sehen.
Der religiöse Aspekt war dabei eher nebensächlich. Die echten Terraner waren von tief auf säkularisiert. Nur die in den Nachfolgerstaaten angeworbenen Mitglieder des Ordens nahmen den religiösen Aspekt an und drohten so, religiöse Fanatiker zu werden.
Es wunderte Germaine nur wenig, dass der harte Kern der ComGuards, der am vehementesten gegen Blakes Wort und die Word of Blake-Miliz stand, aus auf Terra geborenen Offizieren bestand.
Für einen Moment legte sich ein Schatten über Germaines Bewusstsein. Die Erde war nun in der Hand von Blakes Wort. Nur wenig später nach seiner Abreise, um seiner Rache nachzugehen, hatten die Wobbies den Planeten hinterhältig überfallen und erobert.
Für Germaine als Sandhurst-Kadett, auch bei abgebrochenem Studium bedeutete dies automatisch eine Einstufung als Spion oder ROM-Agent. Solange die Blakes auf Terra das Sagen hatten, hatte er Einreiseverbot.
In Südfrankreich hatte es auch klare Frostnächte wie diese gegeben. Als Germaine jünger gewesen war – viel jünger, in einem weit entfernten Leben – hatte er nachts oft draußen gelegen. Im Winter auf einer Isomatte und im Sommer auf der blanken Erde, und in den Himmel gesehen, Sternschnuppen gezählt. Dazu hatte er Fruchtsaft mitgebracht, später dann Bier. Germaine zweifelte nicht daran, dass es nur wenige Jahre später noch ein transportabler Grill und ein paar Steaks geworden wären. Vorbei. Er würde seine Familie nur noch wieder sehen, wenn diese Terra verließ. Und ob sie dann zurückkehren durfte, stand auch in den Sternen. Ab und zu erlaubte Word of Blake einen begrenzten Vid-Kontakt, der aber einer strengen Zensur unterlag. Verigraph-Briefe waren ihm auch nicht erlaubt.
Wütend ballte Germaine im Fond der Limousine die Fäuste. Was hatte er schon mit dem religiösen Disput zwischen dem alten und dem neuen ComStar zu tun? Warum mussten die Kleinen immer und immer wieder als Opfer in die Mühlen der Großen geraten?
Warum waren die, die sich selbst zu Großen erklärten, nur so unnachgiebig?
Warum war jeder, der auch nur einen Funken Macht besaß, so versessen darauf, dies andere spüren zu lassen?
Auch er, Germaine, hatte diese Macht. Er befehligte über fünfhundert Menschen.
Aber im Gegensatz zu diesem Bodensatz der Menschheit nutzte er diese Macht nicht aus. Germaine pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Untergebenen. Er war lieber von Freunden umgeben als von bezahlten Soldaten. Er befahl eigentlich nur in zwei Situationen direkt: Im Gefecht, wo sein Wort Gesetz war, wenn die Einheit überleben sollte; in der direkten Konfrontation mit einem anderen Mitglied der Einheit, wenn die Rangfolge klar gestellt werden musste, wenn er sich durchsetzen musste. Was zum Glück selten vorkam.
Die Limousine hielt an. Von außen wurde die Tür geöffnet.
„Herr Major Danton“, begrüßte ihn ein Mann in einem Pelzmantel mit dicker passender Pelzmütze.. Der Knopf in seinem Ohr identifizierte ihn zuverlässig als Agent irgendeiner Sicherheitsagentur. Entweder Personenschutz oder der hiesige Geheimdienst. „Sie werden erwartet. Bitte kommen Sie.“
Germaine nickte, schloss den schweren Mantel und steckte dem Fahrer einen Zehn C-Notenschein zu. „Nehmen Sie. Gehen Sie dafür was trinken, bis ich hier fertig bin. Das Essen wird sicher ein oder zwei Stunden dauern.“
Der Fahrer nahm den Schein unschlüssig entgegen, murmelte aber schließlich: „Danke.“
Germaine Danton verließ die Limousine. Er stand vor dem Eingang einer rustikalen Gaststätte. Der Eingang besaß einen großen Holzeingang und zwei in Holz gefasste Fenster. Das Holz schien Jahrhunderte alt zu sein. Zwei weitere „Geheime“ standen rechts und links neben der Tür. Der Major griff nach dem Aktenkoffer, der neben ihm auf dem Sitz gelegen hatte und folgte dem ersten „Geheimen“ ins Innere der Gaststätte, deren Namen er nicht entziffern konnte. Er war in Kyrillisch geschrieben, was Germaine leider nicht beherrschte.
Die kleine Gaststätte war schlecht besucht, fand Germaine, als er seine Handschuhe auszog und auf einer Ablage nieder legte. Von den zwölf Tischen waren nur drei mit Pärchen belegt. Und die waren sicher auch noch vom Geheimdienst, vermutete der Major.
Der Wirt, ein großer, stämmiger Mann mit einem wild wuchernden Bart, kam hinter seinem Tresen hervor und begrüßte Germaine, als wäre er ein oft und gerne gesehener Gast.
„Willkommen, Herr Major. Ich bin Johannes Strader, Der Eigentümer des…“
Germaine verzog die Augenbrauen, als er den Namen des Lokals nicht einmal akustisch identifizieren konnte.
Darauf lachte der Wirt und legte eine seiner fleischigen Pranken auf die Schulter des Söldners. „Der Name bedeutet Roter Oktober. Der Schatun mag es, wenn wir uns hier in Brein auf unsere Wurzeln in Tikonov besinnen – was für mich leider nicht so recht zutrifft. Ich komme ursprünglich von Alexandria.“
Germaine grinste. „Das erklärt den Namen.“
„Ja, nicht?“, lachte der Wirt und klopfte dem Gast fest auf die Schulter. Ein schwächerer Mann als Germaine wäre dabei vielleicht in die Knie gegangen. „Ich wurde kurz vor dem Ausbruch der Chaos Mark-Krise zur Miliz versetzt. Danach kam ich nicht mehr zurück. Und irgendwann bin ich einfach hier geblieben. Nachdem mir das hier passiert ist“ – Johannes klopfte sich gegen das rechte Bein, wodurch ein hohler Klang entstand – „nahm ich meinen Abschied und machte dieses Lokal auf.“
Als der Major fragend die Brauen hob, erläuterte der Wirt: „Piraten-Überfall. Bin beim aussteigen hängen geblieben. Blieb nicht viel übrig vom Bein. Sie mussten es mir abnehmen. Schade. Ich vermisse die Zeit in meinem Feuerfalken.“
„Dann haben wir was gemeinsam. Ich habe in der Geisterbärenbesatzungszone eine Pepp ins Cockpit gekriegt und ne Rückkopplung durchs linke Mittelohr rein und durchs rechte wieder raus bekommen. Seitdem darf ich auch nicht mehr bei den großen mitspielen.“
Der Wirt lachte. Dann klopfte er Germaine wieder auf die Schulter. „Ein schwerer Verlust. Sie nehmen den aber sehr gelassen.“
Der Major schmunzelte. „Genauso wie Sie, Herr Strader.“
Der Lyraner zwinkerte dem Söldner zu, ging kurz hinter die Theke und kam mit einem Tablett wieder, auf dem zwei Schnapsgläser standen. Eines bedeutete er Germaine, das andere nahm er selbst. „Willkommen in meiner bescheidenen Kneipe. Nastrovje.“
„Kampai“, erwiderte Germaine und stürzte das Getränk die Kehle hinab. Sofort bildete sich ein wohliges Gefühl in seinem Magen aus. „Guter Wodka“, brummte er.
Wieder lachte der Wirt, legte eine Hand um die Schultern des Majors und geleitete ihn zur Tür eines Nebenraums. „Sie gefallen mir. Kommen Sie, ich habe Sie lange genug aufgehalten. Da wartet eine Dame auf Sie.“
Johannes öffnete die Tür und bedeutete dem Major einzutreten.
Als Germaine eintrat, glitt sein Blick über das Ambiente. Rustikal in Holz gehalten. Ein einzelner Tisch mit zwei Stühlen. Der Tisch war mit einer schneeweißen Tischdecke abgedeckt und mit teuer aussehendem Porzellan eingedeckt. Zwei einfache Kerzen unterstützten das dezente indirekte Licht.
Als Germaine eintrat, erhob sich Natalija Dvensky von dem der Tür abgewandten Stuhl und lächelte den Major freundlich an. „Willkommen, Germaine.“
Der Söldner machte sich keinerlei Mühe, sein ehrliches Lächeln zu verbergen. Er trat zu der Schwester Leonid Dvenskys, ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. „Es freut mich, dass Sie auf meine Einladung so schnell geantwortet haben. Sie haben ein sehr geschmackvolles Etablissement ausgesucht.
Ich verdanke Ihrer Fürsprache viel, ma Chére, und ich sollte früh genug damit anfangen, es wieder gut zu machen.“
Germaines Blick glitt kurz über Natalijas Gestalt. Sie trug ein weißes Abendkleid, in dem ihre blasse Haut und das blondgoldene Haar besonders gut zur Geltung kamen. Es war kein Verführerkleid, nein, es bedeckte die Schultern und hatte lediglich einen kleinen Ausschnitt, der einen Teil ihres Busenansatzes freigab.
Ansonsten war es eher auf Figur geschnitten und betonte die Qualität dessen, was sich darunter verbarg.
„Das ist sehr nett von Ihnen, Germaine. Wollen Sie nicht ablegen?“
Germaine nickte, setzte die Aktentasche ab und entledigte sich des schweren Wintermantels. Er hängte ihn an die Garderobe und kam wieder zu dem Tisch zurück.
Natalija reichte ihm ein Glas. „Zur Begrüßung.“
Danton stieß mit ihr an und trank es in einem Zug leer. Danach trat er hinter Natalijas Stuhl und rückte ihn zurecht, als sie sich setzte.
Nachdem er selbst Platz genommen hatte, fragte der Major: „Natalija, entschuldigen Sie, aber macht es Ihnen etwas aus, wenn wir die Helligkeit erhöhen? Sehen Sie, die Atmosphäre ist für ein informelles Abendessen doch eine Spur zu romantisch. Und ich will Ihnen gegenüber nicht aufdringlich wirken.“
Natalija lachte hinter vorgehaltener Hand und sagte schließlich: „Sie haben Recht. Ich denke, der gute Johannes hat da etwas missverstanden, als ich uns für heute Abend angekündigt habe.“
Natalija betätigte eine unscheinbare Sprechanlage. „Bitte etwas mehr Licht, Johannes.“
Kurz darauf glomm das Licht heller.
„Bevor wir beginnen, Germaine, würde ich gerne etwas klar stellen. Ich nehme Ihre Entschuldigung an, aber bitte glauben Sie nicht, ich…“
Der Major nickte. „Natalija, Sie sind eine wunderschöne Frau und der Traum eines jeden ungebundenen Mannes. Aber bitte glauben Sie mir, ich will mich lediglich und aus tiefstem Herzen bei Ihnen bedanken.
Ich gebe zu, ich mag Sie, Natalija. Sie haben ein wundervolles Lächeln und einen scharfen Verstand, wie ich erst wieder im Büro Ihres Bruders bemerken durfte.
Man würde mich wahrscheinlich einen Idioten schimpfen, wenn ich nicht einmal versuchen würde, nun…“ Verlegen sah der Major zur Seite.
„Sehen Sie, gerade erst ist meine Beziehung in die Brüche gegangen. Meine Freundin… Meine Ex-Freundin wurde bei einem Attentat schwer verletzt und verlor dabei die Möglichkeit, Kinder zu gebären. Seither stößt sie mich von sich. Das letzte Wort in dieser Sache ist noch nicht gesprochen, und mir steht nun wirklich nicht der Sinn danach, mich… ah, abzulenken.
Seien Sie also unbesorgt. Ich will heute Abend etwas gewinnen. Aber dies ist ein Freund, keine Geliebte.“
„Ich hoffe, es betrübt Sie nicht, dass ich damit kein Problem habe, Germaine“, stichelte Natalija leise. Sie lächelte zu Germaine herüber, und der Major fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Was?“, fragte die Schwester Dvenskys nach einiger Zeit. „Habe ich da was im Gesicht?“
Germaine erwachte wie aus einer Starre und riss die Augen auf. „Nein. Nein, oh nein, natürlich nicht. Excuséz-moi, ma Chére, c´est mon fault.“
Verlegen sah er zur Seite. „Was gibt es zu essen?“
Natalija kicherte leise und sagte dann in die Sprechverbindung: „Du kannst jetzt servieren, Johannes.“
Zwei Stunden und fünf Gänge später standen Natalija und Germaine am Fenster, tranken Cognac aus bauchigen Gläsern und sahen in den Nachthimmel hinaus. „Eine Sternschnuppe“, sagte sie leise und deutete in den Himmel.
Germaine schmunzelte. „Ein Luft/Raumjäger, der gerade in die Atmosphäre eintaucht.“
„Oh. Aber das! Oder ist das ein Landungsschiff?“
„Nein, diesmal haben Sie Recht. Es ist eine Sternschnuppe. Wollen Sie sich etwas wünschen?“
„Ja. Gut.“ Sie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete fragte sie übermütig: „Wollen Sie wissen, was ich mir gewünscht habe?“
Abwehrend hob Germaine die Arme. „Aber nein. Sie dürfen doch niemandem erzählen, was Sie sich gewünscht haben, bis Ihr Wunsch in Erfüllung geht.“
„Hm“, sagte sie leise. „Wollen Sie sich nichts wünschen?“
„Und Ihnen den Wunsch wegnehmen? Sie haben die Sternschnuppe zuerst gesehen, ma Chére“, erwiderte Germaine schmunzelnd. Er nahm einen Schluck Cognac. In der Kaserne hatte er noch eine Kiste mit besserer Qualität, aber dieser hier war für eine Welt der Chaos-Marken beachtlich gut.
Auch Natalija nippte an ihrem Drink. „Danke, Germaine. Das war ein sehr angenehmer Abend. Wenn ich aber ehrlich bin, habe ich erwartet, Sie würden versuchen, nun…“
Der Major schmunzelte. „Ihr Herz oder Ihr Bett zu erobern? Es war nicht meine Absicht, Natalija, und noch kann ich mich beherrschen. Auch wenn es mir schwer fällt.“
Germaine stellte sein Glas auf der Fensterbank ab.
„Ich habe noch ein Dankeschön für Sie, Natalija.“
Die Chefdiplomatin Dvenskys warf ihm einen unschlüssigen Blick zu. „Ist Ihre Beherrschung schon am Ende, Germaine?“
Der Major reagierte nicht darauf, wenngleich er sich nicht sicher war, was ihn mehr traf. Der Blick oder ihre Worte.
Stattdessen ging er zum Tisch zurück und holte die Aktentasche hervor. Er öffnete sie und schüttete den Inhalt auf den Tisch.
„Nach besagtem Attentat“, erläuterte Germaine, während er Bund um Bund an C-Noten ausschüttete, „schickte ich meinen erfahrensten Mann aus. Er sollte Rache an den Terroristen nehmen. Als er nach einer Woche wiederkam, hatte er eine Kugel in der Schulter und diese Tasche dabei. Das Konto der Chevaliers war ausgeglichen und er gab mir dieses Geld. Er sagte, ich solle damit etwas Gutes tun, um unser beider Karma für das nächste Leben auszugleichen. Einen Teil des Geldes spendete ich im Namen der Einheit einem Fonds für Zivilisten, die sich nach dem Überfall auf Findler eine neue Existenz aufbauen wollten.“
Natalija hob eine Augenbraue. Sie bemerkte sehr wohl die Spitze. Immerhin war es eine Bryanter Einheit, geführt von ihrem Bruder, gewesen, die besagten Angriff ausgeführt hatte.
„Doch ich habe genügend übrig behalten. Vielleicht habe ich was geahnt. Dies hier sind fünfzehntausend C-Noten.“
Stolz deutete der Major auf den Stapel Geldscheine. „Natalija, Bryant macht auf mich den Eindruck, als hätte diese Welt eine starke Gemeinschaft und ein gesundes soziales Netz.
Ich bin sicher, Sie haben einen Witwenfonds oder eine Ausbildungsförderung für Waisen.
Bitte nehmen Sie dieses Geld für einen dieser Zwecke an.“
Natalija kam näher. Ihre Hand strich über das Geld. „Wir haben solche Fonds. Und ich bedanke mich im Namen des Zentralwaisenhaus Brein für diese Spende.
Aber warum spenden Sie es nicht offiziell, Germaine?“
Der Major wandte sich ab, ging wieder ans Fenster. Er ergriff seinen Cognac und starrte wieder ins All. „Weil ich Mist gebaut habe. Als ich Ihren Bruder getroffen habe, pochte nur ein Gedanke in meiner Stirn: Hilf deinen Leuten!
Ich habe entsetzlich überreagiert und den Herzog sicherlich schwer gekränkt.
Und ich bin mir sicher, tief in meinem Inneren sicher, dass Sie es waren, die verhindert hat, dass ich hier das Grab meiner Einheit geschaufelt habe.
Auch das ich jetzt die Chance habe, meinen verschollenen Leuten zu Hilfe zu kommen.
Verstehen Sie, ich habe nichts anderes als diese Einheit. Dies ist mein Leben. Ihnen nicht zu helfen wäre wie auf Teile meines Körpers zu verzichten.
Die direkte Konfrontation mit dem Herzog hat sich unglücklich hoch geschaukelt.
Wir haben uns wieder beruhigt, alle beide, und ich möchte am liebsten den Mantel des Schweigens über diese Sache decken. Ich will es nicht noch einmal hoch kommen lassen und mir wäre es mehr als Recht, wenn Ihr Bruder mich fortan nicht einmal mehr bemerken würde und am Ende des Kontrakts still mit meiner Einheit abreisen ließe, als wären die Chevaliers nie hier gewesen.“
Germaine wandte sich um und sah Natalija in die Augen.
„Ich stehe in Ihrer Schuld und ich habe die Möglichkeit, etwas davon abzutragen. Aber ich will es nicht politisieren, was eine offizielle Spende sicher tun würde.
Inoffiziell, über Sie, Natalija, erscheint mir der beste Weg.
Bitte, erzählen Sie Ihrem Bruder nichts hiervon, Ich will nicht, dass er denkt, ich würde mich in irgendeiner Form frei kaufen wollen.“
Natalija trat an Germaine heran und nahm ihm das Cognac-Glas ab. Sie stellte es auf die Fensterbank zurück, wandte sich dem Major wieder zu.
Die Ohrfeige, die dem folgte, warf seinen Kopf kraftvoll zur Seite.
„Natürlich haben Sie Mist gebaut! Natürlich waren Sie kurz vor der Vernichtung! Und natürlich habe ich Sie und Ihre Einheit gerettet!
Und Ihre Spende ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein in Anbetracht dessen, was mit Brein passiert wäre, wenn Ihre Söldner Amok gelaufen wären!“
„Autsch“, erwiderte der Major und rieb sich die schmerzende Wange.
„Aber ich kann Ihre Beweggründe zumindest nachvollziehen. Immerhin bin ich für eine ganze planetare Bevölkerung verantwortlich. Ich weiß, wie es schmerzt, im Ungewissen zu sein. Ich weiß, wie es ist, wenn man versucht, alles und jeden zu retten. Für jeden einzelnen da zu sein.
Zu wissen, dass da jemand fehlt. Und zu wissen, dass man nichts tun kann um das zu ändern.
Als mein Bruder Ihr Anliegen so rigoros abgelehnt hat, war Ihre Drohung das Dümmste, was Sie tun konnten.
Aber ich denke, Ihre Leute wären stolz auf das, was Sie ihretwillen getan haben.
Bitte, Germaine, versuchen Sie einfach, die nächsten sechs Wochen in Ruhe, Anstand und Würde zu überstehen, kooperieren Sie mit meinem Bruder und erwerben Sie sein Vertrauen.
Vielleicht gehen Sie sogar als Freund – auch wenn Leonid das niemals zugeben würde.“
Sie lächelte leicht und reichte Germaine die Hand. „Ich helfe Ihnen dabei, so gut es mir möglich ist.“
Germaine hielt mit der Linken die schmerzende Wange und schüttelte mit der anderen die Hand der schönen Frau. „Das freut mich zu hören, Natalija.“
Er sah ihr lange Zeit stumm in die Augen. Sie sah zurück.
„Ich muss jetzt los“, riss sich der Major plötzlich los, ließ ihre Hand fahren und eilte zur Garderobe. Er legte den Mantel an und sagte zu der jungen Frau: „Ich gehe dann mal bezahlen. Kann ich Sie mitnehmen oder bringen die Agenten draußen Sie nach Hause?“
Natalija lachte leise. „Für mich ist gesorgt. Guten Abend, Herr Major.“
Germaine verbeugte sich steif in der Hüfte. „Guten Abend, MyLady.“
Er zog die Tür hinter sich zu. Als sie ins Schloss einrastete, gestattete er sich den Luxus, kurz durch zu atmen. Die Situation verwirrte ihn. Diese Frau verwirrte ihn.
Am Tresen erwartete ihn bereits Johannes. Im Lokal war es etwas lebhafter geworden. Die meisten Tische waren besetzt.
Der Wirt schob ein Glas zu dem Major herüber und hielt selbst schon eines in der Hand. „Einen für den Weg?“
Dankbar ergriff Germaine das Glas und trank es in einem Zug aus. Danach las er die Rechnung aus und bezahlte mit einer bryanter Kreditkarte. Er legte zwanzig Prozent Trinkgeld drauf und grinste den Wirt an. „Sie haben hier einen tollen Schuppen, Herr Strader. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich hier mein Offizierskasino einrichte?“
„Herr Major“, sagte der Lyraner und klopfte ihm wieder auf die Schulter, „Sie und Ihre Offiziere sind mir jederzeit willkommen. Zu den offiziellen Öffnungszeiten, versteht sich.“
Der Wirt und der Söldner sahen sich an und lachten gemeinsam. Germaine nahm sich seine Handschuhe und verließ relativ gut gelaunt das Gasthaus.
Zwei Minuten später saß der Major in der Limousine. Er konnte es nicht erwarten, in die Kaserne zu kommen. Denn in seinem Handschuh steckte ein gefalteter Zettel. Wer hatte ihn dort deponiert? Wann hatte er ihn deponiert? Und was stand drauf?
Ace Kaiser
04.09.2004, 17:34
Die eiskalte Luft biss in Germaines Gesicht. Der Major der Chevaliers hielt kurz an, um Atem zu schöpfen und starrte auf die vereisten Straßen von Brein. Jeden Morgen absolvierte der Major seinen Frühsport einmal um das HPG herum. Jeden Morgen biss ihm die Kälte ins Gesicht, bis sich die Haut rot färbte. Jeden Morgen folgten ihm zwei Elementare sowie mindestens zwei offizielle sowie sieben oder mehr inoffizielle Mitarbeiter des Spinnennetzes, wie der hiesige Geheimdienst liebevoll genannt wurde.
Germaine stützte seine Hände auf den Oberschenkeln ab und rang weiter nach Atem.
Den HPG umlief anders als in Findler, der Hauptstadt von New Home, kein Sperrriegel mit einem Kilometer Radius.
Brein war schon früh und hastig in seiner Geschichte an den Bau mit der großen Schüssel heran gewuchert und hielt nun lediglich einen Abstand von einem halben Klick zum Gelände.
Absolut kein Problem für einen Scharfschützen, auf diese Entfernung tödlich zu treffen.
Das galt allerdings für beide Richtungen.
Die Folge dieser Politik war, dass sich Geschäfte und Wohnhäuser, meistens mehrstöckig, rund um das HPG zogen.
Für die Geheimdienstler Bryants boten sich somit mehr als genügend Gelegenheiten, um Beobachtungsposten einzurichten.
Derart misstrauisch wie der Schatun war, hatte er auch gar keine andere Wahl.
Germaine zweifelte nicht daran, dass sich mindestens immer ein Zug Infanterie in Bereitschaft nahe dem HPG hielt. Und das die nächstliegende Kaserne in einer Art permanenten Alarmzustand war.
Diese Situation kannte er nur zu gut. Auf New Home, nach den verhängnisvollen Anschlägen, waren auch seine Chevaliers permanent in Bereitschaft gewesen, was schließlich zu einem deutlichen Nachlassen der Disziplin geführt hatte.
Mit einem Hauch Entsetzen dachte er an die Nacht des Überfalls, an diesen verdammten Loki und die BegleitMechs. Den spritzigen kleinen Wraith, der über ihr Landefeld gelaufen war…
Ein Affront und eine Ohrfeige für seine Einheit.
Germaine zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass Dvensky hinter diesem Angriff steckte. Der Hintergrund dieser Tat enthielt sich ihm, aber den Befehl hatte der Schatun sicherlich gegeben.
Sinnigerweise gab es nicht viele Möglichkeiten, warum Leonid Dvensky auf eine Söldnertruppe schießen lassen sollte, die im Dienste ComStars stand und bald auf den eigenen Planeten wechseln würde.
Ganz oben auf der Liste stand der Verdacht der Kollaboration mit den New Homern, die Dvensky mehr oder weniger regelmäßig überfiel, um sich Ausrüstung und Nachschub zu erobern.
Platz drei auf der Liste war die simple Erklärung, der Schatun sei wahnsinnig. Okay, es war nicht die sinnigste Erklärung, aber Germaine behielt sie dennoch im Auge.
Platz zwei machte ihm zu schaffen. Und schuf ein riesiges Problem. Dvensky hatte auf seine Chevaliers feuern lassen, weil es ihm befohlen worden war.
Wenn ja, wer hatte die Macht, ihm etwas zu befehlen? Die Lyraner? Nein, sie hatten diese Welt ja aufgegeben. Die VerCommies? Dvensky hatte ihnen diese Welt angeboten, die hatten jedoch abgelehnt.
Der Kanzler vielleicht… Das würde passen, denn wenngleich Bryant nicht gerade übermäßige Bodenschätze und nur miserable Lebensbedingungen aufwies, versuchte Sun-Tzu Liao zielstrebig, alle im Dritten Nachfolgekrieg verlorenen Welten wieder unter dem grünen Banner der Konföderation zu vereinigen.
Aber was, wenn es Blakes Wort war? Was wenn sie wussten, weswegen er hier war?
Was wenn sie zwei und zwei zusammen zählten? Die Sturminhibitoren waren Fakt der offiziellen Geschichtsbücher dieser Welt. Jeder Trottel konnte Hinweise auf sie finden.
Hatten die Blakies in ihrer Paranoia ausnahmsweise mal richtig gelegen und geahnt, dass dies die letzte Möglichkeit von ComStar war, eine Hand auf mögliche noch existierende Inhibitoren oder Daten zu legen? Wenn ja, würden sich die Blakies nicht mit diesem einen Angriff zufrieden geben. Nein, sie würden entweder Dvensky gegen ihn aufhetzen und dabei zusehen wie einer vernichtet und der andere geschwächt wurde, oder sie würden gleich selbst angreifen. Wenn sie sauer genug waren. Oder wenn sie ahnten, dass sie die Beute mit Dvensky teilen mussten.
Germaine behielt diesen beängstigenden Gedanken im Hinterkopf.
„Schon wieder einer“, seufzte Norton leise und streckte sich. Seine Muskeln rieben aneinander und es klang beinahe wie ein Schuss, als es laut vernehmlich in seinem Rücken knackte. „Damit haben wir heute drei Aufpasser.“
Grace grinste ihren Strahlkameraden an. „Lass sie doch, wenn sie nichts besseres zu tun haben.“
Norton brummte unzufrieden. „Vielleicht sollte ich diesen Stravags mal das Konzept vom Kreis der Gleichen nahe bringen.“ Der Riese, mit zwei Meter dreißig der größte des fünfköpfigen Strahls Elementare bei den Chevaliers, brummte böse und machte einen Schritt zurück die Straße hinab. Ein kleines Kind auf der anderen Straßenseite versteckte sich rasch hinter seiner Mutter.
Grace lachte lauthals.
Germaine fügte ein Schmunzeln hinzu. Die Menschen hier hatten in ihrem ganzen Leben noch keinen Elementare gesehen, und selbst im Militär der Bryanter waren die wenigsten je mit einer Infanterierüstung aneinander geraten.
Sicher existierten Handbücher, aber es war kein Ersatz für die wirkliche Erfahrung. Germaine wusste, dass er mit den hervorragend ausgebildeten und gut motivierten Elis einen Trumpf im Ärmel hatte.
„Lass sie leben, Norton“, brummte Germaine leise. „Schließen wir lieber die zehn Kilometer ab.“
Der Riese brummte noch einmal böse in Richtung der drei betont unauffällig verteilten Passanten und wandte sich dann um, hinter Germaine und Grace her.
Eine Stunde später saß Germaine geduscht, und mit einer frischen Uniform in seinem Büro. Er ging die ersten Berichte durch und knabberte unbewusst nebenbei von einem Päckchen Salzstangen auf seinem Schreibtisch.
Von der Suchmannschaft gab es bisher nur negative Berichte. Nach zwei Tagen war aber auch nichts anderes zu erwarten, egal wie kompetent van Roose war.
Den Bericht mit der Versorgungslage überflog er nur. Solange sie nur besseren Garnisonsdienst schoben, musste Juliette Harris nur darauf achten, nicht zu teuer einzukaufen. Die meisten benötigten Dinge gab es in Brein.
Dem Bericht von Pater O´Hierlihy hingegen widmete Germaine seine volle Aufmerksamkeit. Er und der Master Sergeant waren für den Major das Stimmungsbarometer der Einheit. Mit ihrer Hilfe wusste Germaine immer, wie es um seine Leute stand.
Der Pater zeichnete kein sehr schönes Bild um die Panzerfahrer. Es hatte sie sehr getroffen, dass ihr Anführer seit über einer Woche verschollen war, und sein Nachfolger bekam die Einheit nicht so gut in den Griff, wie er gehofft hatte.
Bei der Infanterie hingegen gab es keine Probleme. Peterson hatte seine Jungs und Mädels voll im Griff und jagte sie gerade durch ein Programm für ein Sportabzeichen, welches sie während der Freizeit absolvieren sollten.
Was vielleicht daran lag, dass ein fehlender Trupp nicht derart katastrophal bemerkt wurde wie eine fehlende Panzerlanze oder eine fehlende Mechlanze. Der autoritäre MacLachlan und Germaines Freund Charles Decaroux taten ihren Teil, um die Einheit beisammen zu halten.
SeniorTech Simstein und MeisterTech Nagy hielten die Techs gut unter Kontrolle, auch hier gab es keine nennenswerten Konflikte. Wenngleich auch ihnen wie den meisten anderen Chevaliers das Schicksal ihrer verschollenen Kameraden nahe ging.
„Sie sind nicht wirklich ein Problem“, meldete sich Metellus zu Wort, der bisher schweigend vor Germaines Schreibtisch gesessen hatte, in der Hand einen Becher mit heißer Schokolade.
„Was? Worum geht es, Zenturio?“, fragte Germaine nach.
Der Marianer lächelte. „Du hast besorgt drein gesehen, als du den Bericht über die Höllenhunde gelesen hast. Mike Mc Loyd ist vielleicht nicht Dolittle, aber seine Leute werden unter seinem Kommando keinen Streit und erst recht keine Rebellion vom Zaun brechen.“
„Was macht dich so sicher, Zenturio?“
„Nun, erst einmal ist Mike seit Anfang an dabei. Er hat in der Schlacht auf Thule mitgekriegt, wie übel es uns erwischt hat, als du ausgefallen bist, mein Imperator. Er wird sich immer auf dich verlassen.
Und außerdem hat er es bereits bewiesen. Ich war zufällig im Hangar der Panzer, als Salinger meinte, du würdest nicht genügend tun, um Doc und die anderen zu retten.
Mike hat ihm dann breit und lang erklärt, dass du den Count sogar bedroht hast, nur um die Erlaubnis zu bekommen, wenigstens ein Suchteam zu entsenden. Nein, die Höllenhunde sind nicht unser Problem.“
Germaine zog eine Augenbraue hoch. „Das heißt doch, wir haben woanders ein Problem, richtig?“
„Ja, mein Imperator. Tank macht mir Sorgen. Obwohl er in den Plan eingeweiht ist, macht es ihm zu schaffen, von Sakura getrennt zu sein.“
Germaine faltete die Hände vor dem Gesicht und lächelte traurig. „Dann zeigt er mehr Gefühl für meine Nee-chan als ich.“
„Das muß dir nicht peinlich sein, Germaine. Du hast mit dem Schatun auch beide Hände voll zu tun. Aber Scharnhorst hat definitiv ein Problem. Ich empfehle, mal wieder die ganze Kompanie zu einer gemeinsamen Übung heran zu ziehen und etwas Teamgeist zu zeigen. Vielleicht rüttelt ihn das wieder auf.
Einen Kompaniechef, der mehr an seine verschollene Freundin als an seine Einheit denkt, können wir uns nicht leisten.“
„Okay, bereite alles vor für eine Pokerrunde. Alle Offiziere, du, Mike und Sergeant Rebecca. Ich besorge die Getränke.“
Der Marianer nickte. „Rebecca Geisterbär auch?“
„Ja, sie auch. Sie kann mit ihrem Sold sowieso nichts anfangen, dann können wir ihn ihr auch beim pokern abnehmen“, erwiderte Germaine scherzend.
„Unterschätz sie mal nicht. Rebecca hat sich weit besser eingefügt als wir alle je erwartet haben. Nachher zieht sie dir beim Poker die Hosen runter.“
„Sie ist Clannerin“, sinnierte Germaine grinsend, „also kann dieses Szenario modifiziert durchaus…“
Der laute Alarm, der durch die Luft schnitt, unterbrach den Major. Sofort griff er zur Sprechanlage. „Cindy, Bericht.“
„Externer Alarm, nicht von uns ausgelöst. Er kommt von der Raumüberwachung Bryant und hat alle Garnisonen des Planeten durchgerüttelt. Wir wurden automatisch mitalarmiert.“
Metellus und Germaine warfen sich einen bedeutungsschweren Blick zu. „Nachricht an die ROSEMARIE: Die Jäger sollen sich bereit machen für den Katapultstart. Was sagt der Wetterbericht?“
„Unverändert. Hochdruckgebiet, wenig Wind, kaum Schneefall, dichte Wolkendecke.“
„Ideales Wetter für ein Gefecht. Ich komme ins HQ. Alle Mechs und Panzer bemannen, Infanterie auf Position.“
Germaine schaltete ab und begann sich auszuziehen. An seinem Spind wechselte er in die Kühlweste. „Decius Metelle, gib bitte Tech Mehigaro Bescheid, wenn du gehst. Wir treffen uns in fünf Minuten am Kampftitan.“
„Du willst auch mit raus?“, rief der Marianer, der bereits die Tür erreicht hatte,.
„Ohne mich fehlt uns ein Mech, richtig? Entweder schiebt Dvensky einen Angriff vor, um gegen uns vorzugehen, oder wir werden wirklich attackiert, dann ist das HPG eines der lohnendsten Ziele. Richtig?“
„Zugegeben.“ Der Marianer nickte noch einmal und sprintete los.
Germaine warf sich einen leichten Mantel über, zog ein KommSet aus dem Spind und aktivierte es. „Juliette, Bericht.“
„Drei Union-Landungsschiffe im Anflug auf Brein, Sir. Weitere zwei Union und zwei Leopard haben Kurs auf den Nordkontinent Altario gesetzt. AZ voraussichtlich in zwei Stunden. Über Jägerbegleitschutz liegen noch keine Ergebnisse vor. Transponderdaten liegen noch nicht vor. Wir versuchen derzeit anhand der Emissionen der Lander eine Identifizierung, aber das kann noch dauern.“
Germaine eilte durch den Vorraum seines Büros, bemerkte kaum, dass Cindy ihm seinen Holster mit der Autopistole umschnallte und ihm noch einen Glückskuss auf die Wange gab. Er war mit seinen Gedanken bereits ganz woanders. „Fünf Union, dazu zwei Leos. Das reicht für fast zwei Bataillone Mechs in abwurffähigem Zustand.“
„Das scheinen auch die Bryanter zu wissen. Sie jagen gerade alles hoch, was fliegen kann.“
„Eine gute Gelegenheit, mal ihre Luftwaffe durchzuzählen“, merkte Germaine an, während er über den Hof zum MechHangar eilte. Vor ihm verschwanden schon weitere MechPiloten im Hangar, um ihre Maschinen zu bemannen. Unter ihnen Captain Scharnhorst. Vielleicht machte er sich unnötig Sorgen um den Mann.
„Machen wir bereits.“
„Gut. Wir bleiben ruhig, bis wir wissen, was da auf uns zukommt. Danton Ende.“
Er erreichte den Hangar und sprintete zur mächtigen Silhouette des Kampftitans. Tech Mehigaro kletterte bereits auf den Pilotensitz und ließ sich von einem TechKollegen einstöpseln. Germaine erklomm die Stahltreppe und kam auf das Laufband neben dem Mechkopf an. Von hier war es ein Leichtes, den Riesen zu bemannen.
Zwei Bataillone Truppen, da war jemand mächtig sauer. Und Dvensky hatte es sich in letzter Zeit oft genug mit seinen Nachbarn verscherzt, um jemanden sauer genug zu machen.
Das kleinere Kontingent ging also auf Altario nieder. Das bedeutete Tscheljabinsk. Das erfüllte Germaine mit einer gewissen diebischen Freude. Tscheljabinsk, das war das Revier von Major Tereschkov, der derzeit in Brein weilte, um eifersüchtig darüber zu wachen, dass Germaine keine Anstalten machte, sich erneut Natalija Dvensky zu nähern. Derart von der Wirklichkeit in den Arsch gekniffen zu werden gönnte Germaine diesem Idioten aus vollstem Herzen.
Auch wenn er sich seit der Übung, die der Schatun für die Chevaliers veranstaltet hatte, in Bezug auf Dvenskys Schwester ruhig verhalten, sprich kaum mit ihr geredet hatte, so hatte er doch nicht die Absicht, ihr nie wieder unter die Augen zu treten.
Erstens war ihre Gesellschaft zu angenehm und zweitens war Germaine vernünftig – bis zu einem gewissen Punkt. Auch wenn er derzeit keinerlei Interesse daran hatte, in den herrschenden Clan des Planeten einzuheiraten, wurmte es ihn, kleiner gemacht worden zu sein als er war. Und dementsprechend hatte sich eine gehörige Portion Ärger auf den Panzermajor angehäuft.
Germaine schwang sich auf den Schützenplatz im Kampftitan und stöpselte die Kühlweste ein.
Olli Mehigaro befestigte gerade die Sensorpflaster, allerdings zu nervös und fahrig, sodass der Tech ihm helfen musste.
„Ruhig, Olli“, rief Germaine von hinten. „Jeder hat Angst vor einer Schlacht.“
Eigentlich wäre dies eine sehr gute Gelegenheit gewesen, von den verdeckten Avancen an Natalija Abstand zu nehmen und die Sache auf sich beruhen zu lassen, nachdem er den größten Teil dessen, was die Beziehung einbringen sollte, geerntet hatte. Andererseits verdiente Tereschkov eine Lektion. Und zwar eine Lektion, die den Trottel auch wirklich wie einen Trottel aussehen ließ.
„Knave, hier Knave. Was neues über unsere Freunde?“
„Ja, aber du wirst es nicht glauben, Germaine. Die drei Union, die auf Brein zuhalten haben ihre Transponder aktiviert. Es handelt sich um Schiffe der New Home Regulars.“
Germaine runzelte die Stirn. Klar, oft genug geärgert wurden sie ja vom Schatun. Ein Rückschlag war irgendwann unvermeidlich. Und mit einem Bataillon Truppen auf dieser Welt, die nicht unter seinem Kommando standen, war die Gelegenheit mehr als günstig, weil der paranoide Offizier versuchte, gegen alle zu kämpfen oder wenigstens auf alle ein Auge zu haben. Die Regulars wussten das natürlich. Und nutzten es schamlos aus.
„Und die Lander mit Kurs auf Altalia? Sind die zufällig von der Dreißigsten Lyranischen Garde?“
„Die Transponder kommen gerade erst rein. Woher hast du das gewusst, Gemaine?“
Der Major schnallte sich fest und dankte dem Tech mit einem Nicken. „Nun, es sieht ganz so aus, als würden sich die Regulars und die Lyraner für die Überfälle bei Dvensky bedanken wollen. Dazu rücken sie mit etwa gleich großen Kräften ab, um auf New Home das Gleichgewicht zu wahren. Es ist ihre einzige Möglichkeit, um Dvensky Zuhause zu besuchen und ihm zu sagen, dass er nicht erwünscht ist, ohne auf New Home ins Hintertreffen zu geraten. Dazu passt auch, dass die Regulars und die Garde getrennte Ziele auf verschiedenen Kontinenten angreifen.“ Germaines Lächeln wurde eine wütende Grimasse. „Gib mir eine Verbindung zur Garde, Juliette.“
Die Mechs der Schlaglanze bewegten sich bereits aus dem MechHangar heraus, um sich mit Sergeant Rebeccas Wing zu vereinigen, der schon auf Patrouille gewesen war. Weitere Einheiten würden schnell folgen. Draußen orgelten die Scoutpanzer am großen Tor des Hangars vorbei.
„Ich habe die Verbindung. Kommandant Getts ist dran.“
„Gut, stell durch“, befahl Germaine, während das Cockpit versiegelt wurde. Olli wartete, bis die Halteklammern abgezogen wurden, dann bewegte er den Mech vorsichtig aus seinem Wartungsgestell.
Einer der Hilfsmonitore erwachte flackernd zum Leben und zeigte das leicht verwischte Bild einer kaukasischen Frau Mitte Vierzig. „Alice“, sagte Germaine betont freundlich, „normalerweise würde ich jetzt sagen, schön, Sie zu sehen. Aber Sie bringen mich gerade in Teufels Küche.“
Die Gardistin grinste schief. „Zugegeben, Germaine, das weiß ich. Und es ist nicht gerade nett von mir, das weiß ich auch. Aber nachdem Sie den Unterkontrakt mit uns ausgeschlagen haben, muß ich diese Operation ohne Sie durchziehen. Und gibt es einen besseren Zeitpunkt, als wenn der Möchtegern-Count mit Ihnen beschäftigt ist?“
„Und das ist ja das Problem. Dvensky wird mir vorwerfen, ich würde mit Ihnen und den Regulars zusammen arbeiten.“
„Mit uns vielleicht. Aber nicht mit den Regulars. Deshalb ist Brein auch das Ziel des Ersten Bataillons von Ying-Zhang Wu.“
„Das wird den Schatun nicht gerade beruhigen.“
„Entspannen Sie sich, Germaine. Was wir mit dem Count und seinen Truppen anstellen, kann Ihnen doch völlig egal sein. Ich meine, Sie beschützen den Hyperpulsgenerator. Also beschränken Sie sich darauf.“
„Ha, ha. Sehr witzig. Ich kann wohl kaum daneben stehen bleiben, während Sie zwei Großstädte in Schutt und Asche legen.“
Alice Getts wurde ärgerlich. „Stellen Sie uns nicht auf eine Stufe mit dem Schatun, Germaine. Wir werden jedenfalls nicht mit feuernden Waffen durch Wohngebiete traben. Wir haben lediglich vor, ein paar Depots und Waffenfabriken zu vernichten, um die Überfälle zu beenden. Glauben Sie mir, Ihr MedoHeli wird diesmal nicht ausrücken müssen.“
„Das ist mir ein Trost, wenn der Schatun mir die Hölle heiß macht“, presste der Major zwischen den Lippen hervor.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen sich entspannen, Germaine.“ Alice Getts zwinkerte ihm zu. „Ist besser für Ihren Magen. Dreißigste Lyranische Garde aus.“
Der Major starrte lange Zeit wie betäubt auf den Bildschirm, während Olli den Kampftitan neben dem Tai-sho von Metellus anhalten ließ.
„Das bedeutet eine Menge Ärger für uns“, sagte Juliette Harris leise. „Das Kontingent der Regulars schleust Jäger aus. Insgesamt acht Stück. Zusammen mit der Feuerkraft der Lander mehr als genug, um sicher zum Boden zu kommen. Typenbeschreibung folgt.“
Germaine erwachte aus seiner Starre. „Gib mir eine Verbindung zu Dvensky. Und gib sie mir schnell.“
Das Gesicht auf dem Hilfsbildschirm wechselte und zeigte nun den Mann, der diese Welt beherrschte. „Sie!“, sagte der Schatun anklagend.
„Leonid, bitte glauben Sie mir, dass ich hiermit nichts zu tun habe. Es entspricht nicht meinem Auftrag, in keinster Weise. Meine Truppen konzentrieren sich vollkommen auf den Schutz des HPG. Das verspreche ich Ihnen. Sie können sich voll und ganz auf den Gegner konzentrieren. Ich bitte um die Starterlaubnis für meine Jäger sowie um ein Luftgebiet Fünf Kilometer rund um den HPG, der von meinen Piloten als neutrales Gebiet ComStars verteidigt werden soll. Des Weiteren bitte ich darum, die Bannmeile um den Komplex auf zwei Kilometer anheben zu dürfen.“
Germaine war sich sicher, dass der Schatun nun einiges an Kartenmaterial einsehen würde. Dabei musste er erkennen, dass die Chevaliers damit einen großen Wohnbezirk sowie mehrere Fabriken aus der Luft und einen etwas kleineren Wohnblock am Boden verteidigten.
Entweder misstraute der Schatun dieser Situation und glaubte kein Wort davon, was Germaine gesagt hatte und schlug los – oder er erkannte folgerichtig die größere Bedrohung in Form der Capellaner und nahm Dantons Vorlage an, Gebiete an die Söldner zu übertragen und somit weitere Truppen frei zu machen.
„Zeichnen Sie mir Ihre Position, Leonid. Ich stoße zu Ihnen in einem Kampftitan vor und begleite Sie während der Kampfhandlungen.“
Damit gab er sich gewollt als Geisel in die Hand des Schatuns.
„Die Koordinaten kommen“, sagte Dvensky leise.
Germaine atmete auf. Diese Situation war gerettet. Und vielleicht konnte er heute einiges von dem kitten, was er am ersten Tag zerschlagen hatte.
„Olli, tut mir leid, dass ich Sie da mit rein reite. Stoßen Sie auf die Koordinaten den Schatuns zu. Juliette, ich behalte das Kommando. Bleib mit mir in Verbindung.“
„Verstanden, Germaine. Viel Glück.“
„Das wünsche ich uns allen“, murmelte der Major zurück. „Uns allen.“
Ace Kaiser
17.10.2004, 12:34
Als Germaine Danton an Bord des riesigen Kampftitans die Kaserne des HPG-Geländes verließ, war ihm mehr als mulmig. Wie mochte es da erst Mehigaro gehen? Der Junge war nun wirklich alles, aber nicht Kampferfahren. Germaine vermochte einiges von seiner Nervosität durch Erfahrung abzublocken. Der Tech nicht. Wie denn auch? Diese Situation war vollkommen neu für ihn.
Und wenngleich der Major sich noch nie vorher selbst als Geisel angeboten hatte, so kam er doch mit dem Druck besser klar als Olli.
„Folgen Sie den Navpunkten, Olli, und bleiben Sie wo es geht, auf der vorgegebenen Route“, sagte der Major leise.
Der Tech nickte nervös. „Ja, Sir.“
Das war es also. Bryant wurde angegriffen. New Home bedankte sich endlich für die dreisten Überfälle, die Toten und das geplünderte Material. Sowie Germaine es übersah, griffen Elemente der New Home Regulars die planetare Hauptstadt Brein auf dem Südkontinent an, während die 30. Lyranische Garde den Nordkontinent attackierte.
Das machte durchaus Sinn, denn während des Aufenthalts auf New Home hatten seine Chevaliers mit der Garde durchaus gut zusammen gearbeitet. Entweder wollten die Lyraner vermeiden, die Schutztruppe des HPGs zu kompromittieren, oder die Regulars wollten vielleicht einen oder zwei glückliche Schüsse landen.
Germaine schüttelte den Kopf. Solche Gedanken führten zu nichts. Alles was Ihnen blieb, war die Schlacht. Danach standen wieder die üblichen Probleme an. Und diese Probleme hießen in einer immer dünner werdenden Luft die Truppe beisammen halten und zu verhindern, dass die Bryanter angriffen.
Germaine meinte, Dvensky, den Lord dieser Welt mittlerweile gut genug einschätzen zu können, um vorher sagen zu können, was der Mann gerade tat.
Abgesehen davon, dass er seine kostbare Hauptstadt – und zugegeben auch dessen Zivilisten – verteidigte, bereitete er mit tödlicher Sicherheit gerade vor, seine Chevaliers in einem Überraschungsangriff zu vernichten.
Germaine lächelte verächtlich. Das hatte er einkalkuliert. Und zu einem Überraschungsangriff gehörten immer Überraschte. Nicht, dass er wirklich gegen Dvensky und seine Truppen kämpfen wollte. Nein, Blakes Wort wäre ihm tausendmal lieber gewesen. Aber sollte es dazu kommen, er war bereit.
Und seine Vorbereitungen waren weiter gediehen, als Dvensky dies sehen mochte.
Ziel der ganzen Operation war natürlich, die Aktion seiner Leute in Leipzig zu decken, einer verwitterten Großstadt auf dem Äquatorialkontinent Tomainisia. Dort versuchte ein gutes Drittel der Chevaliers unter der Führung von Doc Dolittle, dem Chef seiner Panzerfahrer, aus einem alten Forschungstrakt entweder einen Satelliten oder dessen Pläne zu bergen.
Diese Satelliten wurden Sturminhibitoren genannt und hatten in den Tagen des Sternenbundes die Aufgabe, künstliche Hochdruckgebiete mittels ihrer Breitflächenlaser zu erzeugen, um das Klima dieser Welt zu bändigen. Es war gelungen, und was heute sturmumtoste Wetterhöllen mit subtropischem Klima war, hatte einstmals zur Besiedlung offen gestanden und zu einer prosperierenden Welt geführt. Doch diese Tage waren vorbei.
Lange vorbei.
Heutzutage sah die Lage etwas anders aus. Es gab diesen Prototyp. Irgendwo unter den Trümmern von Leipzig. Und Germaine lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter wenn er daran dachte, was mit diesem Prototyp passieren würde, wenn Blakes Wort ihn in die Hände bekam. Wenn der nicht säkularisierte Teil ComStars diesen Satelliten, diese Laser in die gläubigen Finger bekam. Wenn sie in ihrem religiösen Fanatismus, ausgerüstet mit einem oder zwei Satelliten und ihrem Glauben im Klima einer beliebigen Welt herumpfuschten und damit eine globale Katastrophe hervor riefen, die letztendlich eine ganze Welt auslöschte…
An die andere Variante, eine militärische Nutzung durch die Word of Blake-Miliz wollte er gar nicht erst denken.
„Sir, wir sind fast da“, meldete der Tech von seinem Pilotensitz.
Germaine nickte. „Ruhig jetzt. Ich aktiviere eine Kommverbindung.
MyLord Dvensky, ich bin an den Koordinaten fast angekommen. Ich werde meine Chevaliers weiterhin einen Sicherheitsring einnehmen lassen. Sie sollen sich passiv verhalten, außer sie werden angegriffen.“
„Wenn Sie den letzten Navpunkt erreicht haben“, kam eine Stimme über den Funk, die Germaine nicht sofort einordnen konnte, „deaktivieren Sie Ihren Mech und öffnen die Cockpitluke. Ein bewaffneter Infanterist wird zu Ihnen ins Cockpit steigen und Sie überwachen. Nehmen Sie das nicht persönlich, aber erstens war es Ihre eigene Idee und zweitens befinden wir uns in der Zwickmühle. Immerhin werden wir von New Homern angegriffen und Sie kommen frisch von New Home.“
„Major Tscherenkov“, erwiderte Germaine amüsiert. „Sie dürfen also mein Aufpasser sein. Hm, ich denke, ich kann ganz froh sein, dass der Count nicht die Kapazität hat, sowohl die Angreifer als auch meine Chevaliers anzugreifen, oder?“
„Bilden Sie sich nichts ein!“, blaffte der Major zurück. „Wir haben natürlich die Kapazitäten. Aber wir haben eigentlich vor, sie an der Front einzusetzen. Das wird unsere eigenen Verluste reduzieren und die des Feindes erhöhen.
Dass Ihre Chevaliers so lange still halten, dafür wird der Mann im Cockpit sorgen.“
Der Mech hielt an. Wie befohlen entriegelte Germaine das Cockpit und ließ die Strickleiter herab.
„Außerdem, Danton“, sagte der Panzerfahrer mit einer wirklich grässlichen englischen Betonung, „ist dies Ihre große und einmalige Chance, Count Dvensky von Ihren guten Absichten zu überzeugen. Sie haben hier Gelegenheit, Punkte bei ihm zu machen.“
Das Klappern von Metall auf Metall informierte Germaine darüber, dass der angekündigte Infanterist die Leiter hoch kam.
„Nun, über mein Betragen konnte sich der Count bisher mehrfach beschweren“, gab der Chevalier zu. „Ich gelobe Besserung.“
Ein heiseres Lachen antwortete ihm. „Das will ich Ihnen geraten haben, Danton. Denn wenn nicht, jage ich Sie notfalls mit meinem Panzer bis ans Ende dieser Welt.“
„Sind Sie sich sicher, wer in diesem Fall Jäger und wer Gejagter wäre?“, konterte Germaine und biss sich auf die Zunge. Diesen Konter hatte er sich nicht verkneifen können.
Eine kurze Pause entstand. „Allerdings. Bleiben Sie auf Ihrer Position, bis wir Sie wieder freigeben, Danton. Und benehmen Sie sich.“
Germaine biss sich auf die Zunge, um eine derbe Erwiderung runterzuschlucken. „Tscherenkow. Gute Jagd.“
Dann war Stille auf der Frequenz.
Germaine hatte erwartet, einen stiernackigen Fallschirmspringer zu sehen, der mit einer Shimatzu bewaffnet das Cockpit erklomm. Er wurde bitter enttäuscht. Eine junge Frau in schlichter Infanteristenfelduniform erklomm das Cockpit. Sie hatte lediglich eine gesicherte Pistole im Hüftholster. Als sie sich ins enge Cockpit zwängte, brummte sie: „Es ist saukalt. Machen Sie das Ding zu, Tech Mehigaro.“
„Spezialistin Dritter Klasse Anna Sergejewna Kalinskaya“, bemerkte der Chevalier amüsiert. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir uns einander noch einmal wieder sehen.“
Die Agentin zwinkerte den beiden Männern zu und machte es sich an der Seite so bequem wie möglich. Aus ihrer Felduniform zog sie eine Thermoskanne hervor. „Wunder gibt es immer wieder, Herr Major. Glauben Sie aber nur nicht, dass ich nicht sofort schießen würde, wenn Sie eine Dummheit machen. Ich kenne Sie und Tech Mehigaro ziemlich gut. Das ist der Grund, warum ich hier eingesetzt wurde.“ Sie hielt Germaine einen gefüllten Becher hin. „Importkaffee vom letzten Überfall auf Epsilon Eridani. Sie auch, Olli?“
Mit einem knappen Danke nahm Germaine den Becher an.
Dieser Tag steckte doch voller Überraschungen.
Ace Kaiser
07.11.2004, 15:37
Langsam stapfte der mächtige Kampftitan zurück zum HPG. Alles in allem war Germaine Danton mit der Entwicklung der Dinge recht zufrieden. Der Überfall auf Brein hatte die Verteidiger moralisch aufgeputscht, dass hatte er dem Funkverkehr entnehmen können. Und provisorische Einheiten, die das erste Mal in ihrem Leben zusammen gekämpft hatten, waren nun ein wenig erfahrener. Als Folge konnte Dvensky diese Einheiten straffen und vor allem auch anhand ihrer Erfolge oder Misserfolge besser in seine Planungen einbinden.
Was aber der wichtigere Aspekt für Germaine war – Dvensky war geschwächt worden. Er hatte einiges an erfahrenen Soldaten verloren. Dies hielt ihn hoffentlich davon ab, gegenüber den Chevaliers ein militärisches Abenteuer zu beginnen. Und machte ihn in Zukunft etwas offener für die Wünsche und Sorgen der Chevaliers.
„Sie haben sich heute gut gehalten, Olli“, lobte Germaine den Piloten des BattleMechs.
„Es war ja keine richtige Kampfsituation, Sir“, wiegelte Tech Mehigaro ab.
„Natürlich war es eine Kampfsituation. Wir hätten ohne weiteres in einen Kampf verwickelt werden können, und die ganze Zeit waren Sie in vorbildlicher Bereitschaft. Ich werde einen entsprechenden Eintrag in Ihren Unterlagen machen lassen.“
„Danke, Sir“, erwiderte Mehigaro mit einer Stimme, als wäre er sich nicht sicher ob er dieses Lob akzeptieren sollte. Oder ob es überhaupt ein Lob war.
Germaine grinste. Der junge Tech hatte sich wirklich gut geschlagen. Und Gemaine war sicher, dass sich ihre Zusammenarbeit noch als wirksam heraus stellen würde.
„Tank von Knave, Bericht.“
„Tank hier. Chef, keine Schäden am HPG, keine Schäden an der Kaserne. Keine unserer Einheiten wurde in Kampfhandlungen zwischen Bryanter Regulars und New Home Regulars verwickelt. Wir sind immer noch auf Nominalstärke.“
„Gut. Ich will, das Center Base alle Aufzeichnungen bekommt und bereits mit der Auswertung beginnt. Vor allem die ROMs unserer Vögel dürften uns einen gewissen Einblick in die Schlacht gewähren.“
„Ist bereits in Arbeit, Chef“, kommentierte Captain Scharnhorst. „Juliette ist schon dran. Bis du wieder in der Kaserne bist, hat sie einen ersten Bericht fertig.“
„Das klingt doch sehr gut“, brummte Germaine. „Wir gehen zurück auf Bereitschaft. Die Küche soll Bier ausschenken. Danach befiehl zwei Drittel der Leute in die Betten. Der Rest macht Dienst laut Plan. Die Offiziere sollen mich im Mobilen HQ erwarten.“
„Verstanden, Germaine.“
Der Chef der Chevaliers trennte die Verbindung wieder. „Na, dann geben Sie mal Gas, Olli. Wir wollen nach Hause.“
„Verstanden, Sir“, erwiderte der Tech und schob den Geschwindigkeitsregler noch ein Stück mehr nach vorne.
**
Eine halbe Stunde später stand Germaine Danton vor dem Holotisch im Mobilen HQ und beobachtete den Verlauf der Schlacht zwischen New Home und Bryant, soweit sie es rekonstruieren konnten.
Der Major deutete auf die Landungsschiffe der Regulars. Deutlich war zu erkennen, wie eine Lanze leichter Panzer in Begleitung mehrerer LKTs entgegengesetzt zu Brein die Landungszone verließen. „Was ist mit denen da? Haben sie einen Haken geschlagen und später in der Flanke angegriffen?“
First Lieutenant Harris checkte ihre Daten und ließ die Reaktorsignaturen der Panzer durchlaufen. „Negativ, Sir. Sie sind im Gefecht in der Stadt nicht wieder aufgetaucht.“
„Hm. Wie weit haben wir diese Einheiten beobachten können?“
Sein Blick ging First Lieutenant Sleijpnirsdottir.
Die große Blonde schüttelte energisch den Kopf. „Sorry, wenn ich gewusst hätte, dass die Panzerlanze so interessant ist, wäre ich während des Gefechts ein wenig in ihre Fahrtrichtung ausgebrochen.“
„Nicht so wild. Wann tauchen die Fahrzeuge wieder auf?“
„Gegen Ende der Schlacht, Germaine. Sie kommen aus der gleichen Richtung zurück und fahren direkt in die Lander ein.“
Nachdenklich rieb sich Germaine das Kinn. „Hm. Hm. Die Regulars haben hier ordentlich Prügel bezogen, oder? Eine Lanze leichter Panzer hätte da alles oder nichts bewirken können. Warum wurden sie da raus in die Eiswüste geschickt?“
„Sir, falls es hilft, die Höchstgeschwindigkeit der LKT scheint bei de Rückfahrt abgenommen zu haben“, meldete Juliette Harris leise. „Außerdem ist ihre Flughöhe um vierzig Prozent gefallen.“
„Sieht so aus, als wären sie leer gestartet und gefüllt zurückgekommen, mein Imperator.“
„Das denke ich auch, Zenturio“, brummte Germaine in Richtung des Master Sergeants. „Womit aber wurden sie beladen? Was liegt in dieser Richtung?“
Juliette Harris vergrößerte das Hologramm. Sie hielt inne und sagte: „In dieser Richtung findet man die so genannten Bryanter Straflager. In ihnen werden Schwerverbrecher, Dissidenten und Spione inhaftiert und müssen teilweise lebenslange Haftstrafen unter erbärmlichen Bedingungen abarbeiten.“
Germaine sah in die Runde. „Kann es sein, dass die New Home Regulars eines oder mehrere dieser Lager erobert haben?“
„Es wäre durchaus denkbar. Aber warum?“, hakte Tank nach.
„Vielleicht“, mischte sich McHarrod ein, „wollten sie einige ihrer Leute befreien? Könnt Ihr euch die Wirkung auf die eigenen Truppen vorstellen, wenn sie sehen, dass sie nicht aufgegeben werden? Das man sie holen kommt?“
„Dann werden sie bald eine weitere Strafexpedition starten müssen“, bemerkte Belinda Wallace beinahe amüsiert. „Denn wenn ich die Daten richtig interpretiere, haben die Bryanter eine Menge Gefangene gemacht, die dann auch irgendwann befreit werden müssen.“
„Wie dem auch sei, die psychologische Wirkung ist jedenfalls enorm.“ Germaine kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Aber ich bezweifle, dass das Betondenken von der eigenen Großartigkeit zulässt, dass die bryanter Führung dies erkennt. Geschweige denn akzeptiert.“
Der Major lachte. „Das bietet uns einige Möglichkeiten. MeisterTech Nagy, bitte holen Sie doch das Paket aus dem Lager.“
„Das Paket?“, fragte der MeisterTech gedehnt. „Jauwohl, Härr Maujörr.“
„Was für ein Paket?“, hakte Scharnhorst nach.
Germaine grinste schief. „Lass dich überraschen, Manfred. So kommen wir zum nicht weniger wichtigen Punkt. Wie stark wurden die Regulars geschwächt? Lieutenant Harris?“
**
Am nächsten Morgen, nach einer Nacht, in der Germaine nur wenig Schlaf bekommen und auch nicht gewollt hatte, stand der Chef der Chevaliers im MechHangar der HPG-Kaserne und betrachtete das abgeplante Bündel, welches von einem Munitionsexo auf einen Lastwagen verladen wurde.
Es war lange her, seit er das gesehen hatte, was sich unter der Plane verbarg. Leider von der falschen Seite. In seinen Ohren begann es zu piepen. Mit einem derben Fluch auf den Lippen wandte er sich ab. Keine gute Erinnerung, definitiv keine gute Erinnerung.
In Gedanken wandte er sich seinen verschollenen Leuten zu. Wenn alles nach Plan lief, sollten sie nun schon dabei sein, den Satelliten zu bergen oder zumindest die Pläne aus den uralten Computern der unterirdischen Anlage zu retten.
War die Einsatzgruppe stark genug? Reichten vier leichte und mittelschwere Mechs aus?
Für einen Moment dachte er an den Überfall auf New Home, der von sechs unbekannten Mechs ausgeführt worden war. Ein Fehlschuss auf die SKULLCRUSHER hatte ihm den perfekten Vorwand geliefert, um das Schiff über Leipzig abstürzen zu lassen und somit die Einsatzgruppe direkt ins Ziel zu bringen.
Allerdings waren diese sechs Mechs nicht wieder aufgetaucht. So ganz konnte Germaine es aber nicht glauben, dass diese Maschinen nach ihrem halbherzigen Überfall für immer verschwunden bleiben würden. Sie hatten einen Auftrag gehabt, und Germaine war sich nicht sicher, ob der nun erfüllt war. Wenn diese mittelschweren und schweren Einheiten auf die Einsatzgruppe Leipzig trafen, war er sich nicht sicher, ob eine Lanze Panzer und die Mechs genug waren, um sie aufzuhalten, geschweige denn zu besiegen. Okay, er vertraute Dolittle und setzte große Hoffnungen auf Dukic. Aber manchmal was das nicht genug.
Ein anderer Punkt war Sergeant van Roose mit seinem Suchtrupp. Der junge Mann wurde Vater und hatte ihm einen MechKrieger geklaut. Beim Gedanken an Dawn und ihre Schwangerschaft hellte sich die Miene des Majors unmerklich auf. Beinahe war es, als würde er selbst Großvater werden, wenn nicht gleich Vater.
Er konnte den beiden nicht dafür böse sein, dass sie sich liebten. Er selbst hatte es ja noch gefördert. Und er begrüßte es sehr. Denn diese Entwicklung war phantastisch. Dawn lebte, dabei war ihr Selbstmordversuch noch gar nicht so lange her.
Und Germaine war dankbar dafür, dass die junge Frau wieder aufgeblüht war.
Van Roose war schlau. Er würde schon von selbst verstehen, was die Stunde geschlagen hatte, falls seine Chevaliers enttarnt wurden.
Außerdem wusste Kitty Bescheid. Und sie würde schon ihren Teil tun, um die achtköpfige Einsatztruppe beisammen zu halten.
Trotzdem machte sich Germaine Sorgen. Jeder Tote war wie immer ein Toter zuviel und ein Minuszeichen auf seiner Liste.
„Sir, wir sind dann soweit“, sagte SeniorTech Simstein.
Germaine nickte. „Gut. Ich werde in einem Wagen vorweg fahren. Sagen Sie, hat Ihr Bruder etwas gesagt?“
„Wie meinen, Sir?“ „Weil er immer noch als Kadett geführt wird, meine ich.“
Die Tech lächelte. „Nun, meine Beziehung nimmt mich etwas ein, Sir, und ich komme nicht mehr so oft dazu, mit ihm zu reden wie sonst. Aber es scheint, er hat endlich etwas Geduld gelernt. Er wird auf seinen neuen Rang warten können.“
„Das freut mich zu hören. Und? Wie läuft es zwischen Ihnen und Sniper?“
„Damien und ich kommen gut miteinander aus, danke, Sir.“
Verlegen rieb sich Germaine die Nasenwurzel. „Hören Sie, Doreen, ich weiß, ich habe mich in letzter Zeit wenig um Sie und um Frank gekümmert, und ich weiß, ich hätte einiges, nein, vieles besser machen müssen. Aber ich verspreche, das nachzuholen, wenn wir den ganzen Mist hinter uns haben.“
Die SeniorTech legte eine Hand auf Germaines Schulter. „Hören Sie, Sir. Ich weiß, dass Sie sich um eine ganze Einheit zu kümmern haben. Ich weiß, dass Sie immer noch darunter leiden, wie Ihre Beziehung zu Saint in die Brüche gegangen ist. Und dann noch der ganze Ärger mit Baron Dvensky. Frank und ich verlangen nichts von Ihnen. Von uns sollen Sie keinen zusätzlichen Druck bekommen.“
Germaine nickte schwer. „Ich danke Ihnen dafür, Doreen. Also, lassen Sie uns fahren.“
Die beiden nickten einander zu. Germaine stieg in den leicht gepanzerten Wagen, während SeniorTech Simstein auf den Bock des Lasters kletterte.
Beide fuhren an und Germaine hatte Zeit, sich ausgiebig darüber zu ärgern, wie eiskalt es in dem kleinen Wagen war, trotz der Standheizung.
**
Vor dem Palast des Herrschers erwartete ihn bereits ein übermüdeter Leonid Dvensky.
Germaine verließ den Wagen und reichte erst dem Herrscher und dann seinen beide Begleitern die Hand. Major Tscherenkow zog dabei allerdings ein Gesicht, dass man glauben mochte, er hätte lieber ohne Handschuh in Klingendraht gegriffen als mit dem Söldner Hände zu schütteln.
Die Reaktion von Natalija Dvensky war freundlicher. Weit freundlicher, als Germaine nach den letzten Worten erwartet hatte, die sie gewechselt hatten. Anscheinend honorierte sie die Zurückhaltung, welche der Chevalier ihr gegenüber und auf ihren Wunsch hin pflegte.
„Kommen wir gleich zur Sache, Mylord“, sagte Germaine in Richtung Dvensky gewandt. „Sie sind ein viel beschäftigter Mann und ich will Sie in dieser arbeitsreichen Situation nicht noch mehr kosten.“
Der Major nickte in Richtung der Techs um Simstein, und sie begannen, die Plane zu lösen.
Die Anstrengungen der Techs brachten eine wie neu glänzende Waffe zum Vorschein.
Es war eine als Faustwaffe konzipierte PPK.
Danton deutete herüber und sagte mit leiser Stimme: „Eine Donegal von einem Panther. Voll funktionsfähig und bestens gewartet. Sie können sie jederzeit einsetzen. Es ist ein Geschenk.“
Dvensky betrachtete die schwarz lackierte, seidig glänzende Waffe.
„Was verlangen Sie dafür, Major Danton?“
„Wie ich schon sagte, sie ist ein Geschenk. Um ehrlich zu sein, bin ich sogar ganz froh, dass ich sie ab jetzt nicht mehr mit mir herum schleppe. Es hat etwas so todessehnsüchtiges, finde ich.“
Germaine lachte, als er Verständnislosigkeit in den Augen der drei Bryanter sah. „Entschuldigen Sie, Herrschaften. Dies ist die Armwaffe eines Panther-BattleMechs, die mich vor etwas mehr als einem halben Jahr aus dem Cockpit meines Thor geschossen hat. Ich habe die Waffe abbauen, warten und einlagern lassen. Ein wenig, um mich stets daran zu erinnern, wie knapp ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin. Ansonsten, weil man eine gute Waffe nicht umkommen lassen sollte.
Und ich denke, es ist ein sehr sinnvoller Zweck, wenn ich sie Ihnen schenke, Mylord, um unsere Beziehung etwas zu verbessern.“
Dvensky sah dem Major direkt in die Augen. „Nun kommen Sie schon zur Sache. Die PPK ist doch nur ein Aufhänger.“
„Natürlich, Mylord. Nun, es ist so. Ich bin ein Söldner, wie Sie wissen. Und ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner Einheit ist verschollen. Ich muß mir Gedanken darüber machen, funktionsfähig zu bleiben.
Und Sie, Mylord, haben durch den Angriff der Regulars materielle Schäden in der Stadt erlitten. Nicht unerhebliche Schäden, denn wenn Mechs gegeneinander antreten, bleibt es gar nicht aus.“
„Wie passt das zusammen?“, fragte Dvensky geradeheraus.
„Nun, einem Söldner ist es egal, wo seine Leute herkommen, solange sie sich an ihren Kontrakt halten. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, auf Ihrer Welt zu werben, aber das würden Sie mir sicherlich übel nehmen. Aber ich habe gehört, dass Sie Gefangene gemacht haben. Ich nehme an, dass diese Gefangene in die Lager gebracht werden sollen, wo sie zehn oder zwanzig Jahre Strafdienst schieben dürfen. Nun, ich würde diese Menschen gerne vor die Wahl stellen, entweder die vollkommen berechtigte Strafe für ihren feigen Überfall auf Brein anzutreten, oder fortan zu einem Minimumsold in meinen Diensten zu stehen. Wir hätten beide etwas davon. Ich kann meine Infanterie wieder aufstocken und Sie sind ein paar Dutzend Problemfälle los. Denn Sie werden diese Leute weit mehr aufteilen müssen als Sie Lager haben, um zu verhindern, dass sie zusammen konspirieren.“
Germaine machte eine Pause, um diesen Gedanken sacken zu lassen.
„Ich stelle Ihnen selbstverständlich hiermit meine Pioniere zur Verfügung, um dabei zu helfen, die Schäden in der Stadt zu beseitigen. Außerdem steht mein medizinischer Stab zur Verfügung, um Ihren MedTechs in welcher Form auch immer auszuhelfen. Ich habe zwei wirklich gute Chirurgen in meinem Team.“
Das war sein Angebot. Aufbauhilfe für die Möglichkeit, bei den gefangenen New Homern werben zu dürfen. Natürlich würde Dvensky vermuten, dass die Möglichkeit bestand, dass Germaine lediglich versuchte, die Regulars vor den Lagern zu bewahren. Was irgendwie ja auch stimmte. Allerdings hatte er dafür keinen Auftrag, was der Schatun ihm aber dennoch unterstellen würde. Ob er es aber aussprach, stand auf einem anderen Blatt.
„Unter den Gefangenen ist auch eine MechKriegerin, habe ich gehört“, fügte Germaine hinzu, als Dvensky lange Zeit nicht antwortete. „Corporal Dawn Ferrow hat mir neulich gestanden, dass sie im Zweiten Monat schwanger ist. Lange kann ich sie nicht mehr in einen Mech lassen. Ich kann also einen Piloten mehr als gebrauchen, Mylord.“
Dvensky tauschte einen langen Blick mit Germaine aus, dem der Chevalier standhielt.
„Im Namen Bryants bedanke ich mich für das großzügige Geschenk. Ich nehme nicht an, dass Sie noch weitere solcher… Andenken haben, Major Danton?“
Germaine wusste nicht genau, ob der Count zugriff oder lediglich Zeit kaufte, aber er schlug sofort in diese Kerbe. „Nun, ich habe da tatsächlich einen Schweren Clan-Pulslaser, der zu keinem Mech in meinem Stall passt. Er wäre sicherlich einen MechKrieger wert.“
„Wir melden uns bei Ihnen, Herr Major. Guten Tag.“
Sie schüttelten erneut einander die Hand, und die drei betraten den Palast.
Trotzig schob Tscherenkow seine Hand in die Natalijas, damit Germaine auch genau sah, wem sie gehörte. Bei diesem Verhalten, schmunzelte Germaine leicht.
Kurz darauf kamen zwei Munitionsexos aus den Tiefen des Palast gestapft, um die PPK abzuladen. Germaine nickte schwer. Und er hoffte, dass sich doch noch alles zum guten wenden würde. Immerhin wollte er weder Bryant noch der Familie des Counts irgendetwas Böses. Doch der liebe Leonid sah das sicher etwas anders als er…
Ace Kaiser
02.12.2004, 13:09
Germaine Danton blickte mit ernsten Augen in die Runde. Die Gespräche verstummten. Sein harter Blick wurde erwidert. Lediglich die glimmenden Spitzen von zwei Zigarren verursachten ein knisterndes Geräusch.
„Seid Ihr bereit, Jungs?“, fragte Germaine ernst. Stille antwortete ihm.
Dann zog der Anführer der Chevaliers ab. „So, Round the Corner, meine Herren, und alles in der warmen Farbe meines Herzens.“
„Mist“, kommentierte Captain Manfred Scharnhorst leise und warf sein Bubenpärchen hin.
Mike McLoyd legte sein Blatt ab, das bunt gemischt und völlig wertlos war. „Nichts auf der Hand. Scheint, als hätte ich heute Abend kein Glück.“
Captain Cliff Peterson legte zwei Zwillinge ab, siebener und Asse. „Das Glück ist eine Hure. Irgendwann verlierst du auch noch mal, Germaine.“
Der Major betrachtete den Pott auf dem Tisch vor sich und zog die Münzen zu sich heran. Inmitten dieser Bewegung hielt er inne und sah zu Mustafa al Hara ibn Bey herüber. „Bitte, versau mir jetzt nicht diesen Moment und zieh einen Dreier oder sonst was hohes hervor, ja?“, bat Germaine den Landungsschiffskapitän.
Der Arkab grinste breit, warf aber ab. „Ausnahmsweise habe ich mal nichts auf der Hand, Herr Major.“
Ein letzter zweifelnder Blick ging von Germaine zu Sergeant Charles Decaroux, aber der alte Freund hatte zwar Bildkarten auf der Hand, aber wild gemischt.
Fröhlich pfeifend sortierte der Major seinen Gewinn.
Derweil nahm Mike die Karten an sich und mischte neu. Die Runde war bei weitem nicht komplett, und Mike zudem neu. Außerdem mochte nicht jeder Poker und Mech ärger dich nicht erschien Germaine zu trivial für ein Abendvergnügen unter Männern. Aber mit den Karten konnte der junge Panzerscout sehr gut umgehen.
„Ich frage mich“, setzte Mike an und hielt im mischen inne, „wie es Doc und van Roose geht. Wir haben seit Tagen nichts von ihnen gehört.“
„Es ist jetzt eine Woche her, dass wir hier runtergeprasselt sind und vier Tage, dass ein Frachter van Roose und seinen Trupp nach Tomainisia gebracht hat“, wandte Charly ein. „Würde mich wirklich wundern, wenn wir jetzt schon was hören.“
Vorsichtig mied der Infanterist den eigentlichen Kern des Themas, nämlich die geheime Operation, die Lieutenant Dolittle und sein Kommando in Leipzig, einer alten, verfallenen Sternenbundstadt durchführten. Die Anwesenden hier und noch einige andere in der Kaserne waren eingeweiht, was die Gefahr aufzufliegen drastisch erhöhte.
„Außerdem war ja auch genügend los, oder?“, meldete sich Captain Peterson zu Wort. „Immerhin haben wir in den letzten acht Tagen bereits eine Feldübung der Bryanter miterlebt, einen Angriff der New Homer, standen kurz vor der Vernichtung, weil Germaine sein Handbuch: Wie bin ich höflich zu Despoten nicht auswendig gelernt hat und hat außerdem versucht, die beste Partie des Planeten aufzureißen.“
Die anwesenden Offiziere grinsten. „Genau“, meldete sich Al. „Wie ist es denn gelaufen mit der kleinen Dvensky, Herr Major?“
„Ach kommt“, wiegelte der Chevalier ab. „Ich war nur höflich.“
Charly feixte dem Freund zu. „Also, ich persönlich hätte es sicher schwer, bei so einem Feger wie Natalija nur höflich zu sein. Ein flackernder Kamin, genügend Zeit, dazu ein guter Wein…“
Germaine schüttelte den Kopf. „Charly, Charly, Charly. Ich glaube, einer von uns beiden muß dringend mal seine Hormone abbauen.“
„Stimmt. Ich. Aber das du es nicht musst, Germaine, das ist doch ein deutliches Zeichen, oder?“
Erschrocken sah Germaine auf. „Hey, das ist doch absoluter Quatsch. Hätte ich mit Natalija geschlafen, würde schon längst eine Panzerkompanie im Hof parken und ein gewisser Major mit übergroßem Ego würde mich zum Duell fordern oder gleich in meinem Büro eine Exekution veranstalten.“
„An dem ist vieles übergroß“, sagte Mike lachend. „Seine Fähigkeiten als Panzerfahrer sind jedenfalls vollkommen überbewertet. Ich habe mir die Aufzeichnungen von unseren Fliegern angesehen. Wie der Major werden konnte, ist mir schleierhaft.“
„Na, na, Lieutenant. Ziehen Sie bitte nicht so über einen Kameraden der Bryanter Regulären her, bitte“, mahnte Germaine.
„Man wird ja wohl noch ne eigene Meinung haben dürfen. Immerhin ist das hier ne Demokratie.“
„Seit wann haben wir Demokratie? Bryant ist eine Diktatur und die Chevaliers sind eine militärische Einheit. Ich glaube, dir ist deine Beförderung zu Kopf gestiegen“, stichelte Charly.
Mike winkte ab. „Ich meine diese Runde. Hier wird fair und durch Mehrheitsbeschluss demokratisch entschieden, wer eindeutig zu viel gewonnen hat und beim nächsten Spiel deftig ausgenommen wird. Nicht wahr, Herr Major?“
Germaine grinste. „Du kannst es ja versuchen.“
„Das nächste Mal bringe ich wieder Doc mit, dann qualmen die Karten aber.“
„Vor allem seine Zigarre wird qualmen, fürchte ich“, sagte Manfred leise.
Die Anwesenden lachten.
Mike begann die Karten auszuteilen. „Übrigens, was wissen wir über die Neuen, die wir Morgen abholen werden? Und außerdem, was wir das? Ich meine, zwei hochwertige Mechwaffen für wie viele? Acht Figuren? Ist das nicht ein schlechter Tausch?“
Germaine schüttelte energisch den Kopf. „Ich würde noch weit mehr hergeben, um diese Soldaten vor den Bryanter Straflagern zu bewahren.“
„Bricht da wieder der Altruist in dir durch?“, fragte Manfred amüsiert. „Eine nicht sehr gesunde Einstellung für einen Söldner.“
„Nun, ich gebe zu, das ist ein Gedanke gewesen. Ihr habt alle gesehen, unter welchen menschenunwürdigen Umständen die Gefangenenkompanien her in Brein arbeiten. Egal weshalb sie verurteilt wurden oder welche Verbrechen ihnen zur Last gelegt werden. Das ist pure Ausbeutung und ein Schlag ins Gesicht der Menschenwürde.“
„Ist ja nicht so, als wären die Nachfolgerstaaten auch nur einen Deut besser“, brummte Mike leise.
„Das mag sein, aber wir Chevaliers sind besser. Wir können sie nicht vor den Lagern bewahren und sicher sind genügend darunter, die das Lager auch verdient haben.“
„Hört, hört.“
„Aber die New Home Regulars haben sich für die ewigen Überfälle Dvenskys revanchiert. Ich sehe nicht ein, wieso ihnen der Status von Kriegsgefangenen verweigert wird. Warum sie in diese Lager wandern sollen, obwohl sie ihren Befehlen folgten. Hier können wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir mehren den guten Ruf unseres Bataillons – und glaubt mir, einen auf Ritterlichkeit zu machen kommt bei vielen Kunden gut an. Zumindest bei der Klientel, die wir anstreben.
Und zweitens kriegen wir ausgebildete Soldaten in einer Situation, in der wir wirklich jede Hand brauchen.“
„Trotzdem sind die reichlich teuer. Unsere Pioniere werkeln schließlich in Breins Straßen und flicken das Pflaster quasi zum Nulltarif.“
„Die brauchten eh mal etwas Übung. Alle hatten schon zu tun. Nur unsere Pioniere nicht. Außerdem hat Bishop so die Möglichkeit, die Stadt besser einzuschätzen. Falls wir in Brein kämpfen müssen, aus welchen Gründen auch immer. Es ist dann sehr gut, einen Bauexperten und Pionier bei der Hand zu haben, der…“, Charly zuckte mit den Achseln, „…dann genau weiß, was er wann und wo und wie zu tun hat.“
Die anderen nickten.
„Okay. Wie sieht es aus? Wenn die New Homer Morgen kommen, was sagen wir ihnen?“
„Nun, Mike. Ich lasse ihnen die Wahl. Entweder können sie freiwillig ins Straflager zurückkehren. Oder sie schließen einen Zwangskontrakt mit den Chevaliers. Sie da raus zu hauen war teuer. Deshalb bestehe ich auf einen Kontrakt bindend über drei Jahre.“
Die Anwesenden pfiffen. „Junge, Junge, das sind harte Bedingungen.“
„Wenn sie ihnen nicht gefallen, können sie nur zu gerne hier bleiben“, kommentierte Germaine ernst und nahm sein Blatt auf.
„So gemein und hinterhältig kennen wir dich ja gar nicht, Germaine“, sagte Charly leise und schenkte sich nach.
„Was soll ich machen? Die Gelegenheit ist so günstig und verlockend. Und gerade jetzt wo Dawn jeden Tag ausfallen kann, weil Belinda sie Dienstunfähig für den Mech schreiben wird, können wir einen zusätzlichen Mech gut gebrauchen. Zwei wären natürlich noch besser.“
Al tauschte einen kurzen Blick mit dem Major aus. Auch ohne es anzusprechen wusste der Arkab genau, was Germaine meinte. Da die Landungsschiffe bisher Sperrgebiet für die Bryanter AsTechs gewesen waren, hatten sie sicher auch keine Informationen über den Falkner bekommen, den Al zu besonderen Gelegenheiten steuerte. Und wenn doch so würde sie ein weiterer Mech auf Seiten der Chevaliers sicher überraschen. Vor allem, wenn sie realisierten, wie erfahren der Landungsschiffskipper in seinem Mech war.
„Werden wir hier eigentlich abgehört?“, fragte Peterson plötzlich gerade heraus.
„Durchaus möglich“, brummte Germaine und kippte seinen Drink. „Wenn ich Dvensky wäre, und ich hätte einen arroganten Major auf meiner Welt, der eine Truppe alarmiert, die meine Einheiten fast vernichten könnten, vor allem jetzt nach dem Angriff der New Homer, ich würde alleine auf ihn ein Dutzend Spezialisten ansetzen, die sogar versuchen aus der Farbe seiner Scheiße seine Absichten zu erkennen.“
„Ist es dann nicht eine dumme Idee, eine weitere MechKriegerin zu werben und uns damit in den Augen des Schatuns noch gefährlicher zu machen?“, wandte Mike ein.
„Für Schönheitskorrekturen ist es nun zu spät. Wir können nur zwei Dinge tun. Erstens: So kampfbereit wie möglich zu sein. Zweitens: Darauf hoffen, dass Dolittle und der Rest der Truppe Leipzig gut genug verdaut hat, damit wir das HPG an Blakes Wort übergeben und abdampfen können, um nicht eine Sekunde länger als irgendwie nötig auf dieser Dreckswelt bleiben zu müssen.“
„Der Häuptling hat gesprochen!“, rief Manfred lachend. „Prost, meine Herren.“
Die Männer stießen an.
„Also, ich eröffne. Fünf in den Pott, wer einsteigen will.“
„Du spielst ein riskantes Spiel, Germaine“, murmelte Charly leise. „Nicht, dass mir das nicht gefällt.“
**
Am nächsten Morgen stand Germaine Danton auf dem Innenhof der Kaserne des HPG.
Ein Bryanter Lastschweber hatte vor ihm gehalten und eine Ladung Infanterie entlassen. Bryants Beste. Die Fallschirmjäger.
Ihr Anführer, ein Leutnant, hatte zackig vor Germaine salutiert, ihm gemeldet, dass er acht Gefangene übergeben wolle und sich über die Abwesenheit von Infanterie gewundert.
Germaine hatte dazu genickt, ein Formular unterschrieben und den Leutnant damit entlassen.
Danach hatten die Bryanter die Gefangenen vom Laster geholt.
Drei Frauen und fünf Männer, die in ihrer dünnen Kleidung, die man ihnen gegeben hatte, erbärmlich froren. Dennoch bildeten sie eine einigermaßen geschlossene Linie vor dem Major.
Germaine Danton trat vor die Reihe und musterte die acht Gesichter. Drei der Männer und zwei Frauen hatten asiatische Züge. Die anderen waren Kaukasier.
„Mein Name ist Major Germaine Danton. Ich bin der Anführer und Eigner der Söldnereinheit Dantons Chevaliers. Sicher haben Sie auf New Home von uns gehört.
Ich will es kurz machen. Ich habe Sie acht für einen sehr unvorteilhaften Preis von Count Dvensky gekauft. Ich hoffe, Sie sind es wert.
Aber ich bin kein Barbar. Ich lasse Ihnen als zivilisierter Mensch natürlich die Wahl. Unterschreiben Sie bei den Chevaliers einen Kontrakt zu Standardbedingungen. Oder treten Sie Ihre Haftstrafe in den Straflagern Bryants an.“
„Was ist das denn für eine Wahl?“, begehrte einer der Männer auf.
Germaine sah zurück und erkannte einen der Kaukasier. „Name und Rang, Soldat.“
„Sir. Sergeant Inari. Achtundzwanzig, Infanterie. Ausgebildet für Sprungtruppen und Kommandoeinsätze.“
„Gut, Sergeant. Sie fangen in meiner Einheit nicht als Private an. Sie bekommen die Standardvergütung und die üblichen Leistungen wie jeder andere Soldat bei den Chevaliers auch. So Bedarf besteht und ich von Ihren Fähigkeiten überzeugt bin, Sergeant Inari, werde ich Sie in Ihrem Rang übernehmen. Das ist das beste Angebot, dass Sie auf dieser Welt bekommen.“
„Wissen Sie, Sir“, meldete sich eine der asiatischen Frauen zu Wort, „wie hoch unsere Haftstrafe auf Bryant ausgefallen wäre?“
Germaine trat vor die Frau. „Sie sind?“
„Kim, Sir. Corporal Julianne Kim. Panzerabteilung, Fahrer. Spezialität Schwebepanzer.“
„Nun, Corporal Kim, soweit ich weiß, hätten Sie alle mit bis zu zehn Jahren Straflager zu rechnen. Offiziere mit lebenslänglich.“
Eine der asiatischen Frauen versteifte sich bei diesen Worten.
„Name und Rang.“
„Sir, Second Lieutenant Haruko Yamada, MechPilotin. Spezialisiert auf Scout und Mittelschwer. Vornehmlich Energiewaffen und Raketen.“
„Sie müssten in der Tat mit lebenslänglicher Haft rechnen. Aber keine Bange, ich habe gehört, dass Sie nur zu fliehen brauchen, um gnädig erschossen zu werden. Immer noch besser als sich achtzehn Stunden am Tag tot zu schuften.“
Germaine wandte sich ab und winkte einem Trupp seiner Leute zu, die in einem Kaserneneingang warteten.
„Ich bin in einer prekären Situation. Zwischen mir und dem Count steht es nicht zum Besten. Ach was, die Kacke dampft zwischen uns. Wenn ich Sie aufnehme, müssen Sie sofort bereit sein, normalen Dienst zu verrichten. Sie müssen über hundert Mann ersetzen, die über Tomainisia abgestürzt sind. Und Sie müssen loyal zu dem Mann sein, der Ihren Sold abzeichnet. Zu mir. Sie haben genau jetzt und nur jetzt die Möglichkeit, sich zu entscheiden.“
Germaine sah jedem einzelnen in die Augen.
„Nun? Wer sich für die Chevaliers entscheidet, soll einen Schritt vortreten.“
Erst zögernd, dann aber immer griffiger trat einer nach dem anderen vor. Der Sergeant begann.
Nur die MechKriegerin zögerte. „In was für eine Mühle werde ich gesetzt, Herr Major?“, fragte sie mit Verzweiflung und Angst in der Stimme.
„Ein Clans-ScoutMech, Yamada.“
„Warum sagen Sie das denn nicht gleich?“, sagte sie mit Erleichterung in der Stimme und trat vor.
Germaine nickte zufrieden. „Belinda. Sie gehören dir. Danach zum Materialwart und zum Quartiermeister. Aber zuerst raus aus der Kälte.“
Belinda nickte spöttisch. „Jawohl, Herr Major.“
Sie und ihr Team aus MedTechs führten den Achtertrupp in de Lazarettbereich.
Neben Germaine bewegte sich der Schnee. Charles Decaroux kam unter seiner Tarndecke hervor. Hinter und neben ihm erhoben sich weitere Kommandos und sicherten ihre Waffen wieder. „Einer hat mich bemerkt“, sagte er leise. „Den will ich haben.“
„Darüber lässt sich reden, Sergeant“, erwiderte Germaine lächelnd. „Darüber lässt sich reden.“
Ace Kaiser
14.02.2005, 14:32
Erschüttert starrte Germaine auf die Straßen von Brein. Wie hatte es so schnell so weit kommen können? Die Turbulenzen der letzten Tage konnten es ohne weiteres mit dem einen Tag aufnehmen, an dem die New Home Regulars angegriffen hatten.
Drei Tage, und an ihnen waren Dinge geschehen, die sich Germaine nicht einmal im Traum hatte ausmalen können. Sorge und Verzweiflung beherrschten sein Denken und sein Handeln.
Dies war auch der Grund, warum er nun auf dem Weg zur Dvenskys Festung war. Hoffentlich war der Mann, den seine Feinde Schatun nannten, den logischen Argumenten des Chevaliers zugänglich. Vielleicht war er auch bestechlich. Vielleicht. Die überlebenden Regulars hatte er den Chevaliers ja überlassen. Zu einem horrenden Preis, ja.
Aber ein Leben war für Germaine immer mehr wert als eine Waffe oder ein Werkzeug.
Nun würde er sich Dvensky stellen. Und wenn nötig seine Geisel werden, um den fragilen Waffenstillstand aufrecht zu erhalten, der zwischen ihnen herrschte.
Nachdenklich rieb sich Germaine die Stirn. Wie ging es Dolittle und den anderen? Wie lief die Leipzig-Mission? Was war mit van Roose, der noch nicht wusste, dass seine Freundin von ihm schwanger war?
Und vor allem, wie ging es Miko? Germaine schämte sich dafür, aber in seinen Gedanken nahm die junge Frau aus dem Kombinat eine vorherrschende Stellung ein. Sie hatten zuviel zusammen erlebt. Sie war ihm viel zu sehr ans Herz gewachsen. Ein Fehler, den Söldner eigentlich vermeiden sollten.
Als Germaine bemerkte, dass seine rechte Hand zitterte, griff er hart mit der anderen zu und stellte sie ruhig. Es würde schon alles gut gehen. Es musste alles gut gehen. Nur noch ein paar Tage, und die Lage würde ruhiger werden. Und entweder würden sie aufbrechen, weil die SKULL ihre Mission erfüllt hatte und den Planeten verließ. Oder sie würden auf die Ablösung der Blake-Guards warten und das HPG ordnungsgemäß übergeben.
Defacto aber saßen sowohl seine Chevaliers als auch die ComStar-Angehörigen auf gepackten Taschen. Sie konnten binnen eines Tages verschwinden. Jederzeit.
Und Germaine hätte es längst getan, wenn die Nachrichten von Leipzig geflossen wären. Wenn das erlösende Signal gekommen wäre.
Mittlerweile wäre er sogar schon froh gewesen, wenn Doc Dolittle das Scheitern der Mission eingestanden hätte.
Wieder begann seine rechte Hand zu zittern. Die gleiche Hand, mit der er Belinda Wallace geohrfeigt hatte. Auch das brannte in ihm und ließ ihm keine Ruhe.
Gott, Belinda! Hatte das sein müssen? Seine Hände krampften und in stiller Verzweiflung schloss Germaine die Augen.
Er dachte zurück. An den Beginn. Vor drei Tagen.
1.
Als Germaine an diesem Morgen auf den Innenhof der HPG-Kaserne hinaus trat, stellte er erfreut fest, dass er sich bereits gut an die kalte Luft in Brein angepasst hatte. Er fror kaum, und das obwohl er nicht einmal den schweren Mantel der Winteruniform trug.
Vor ihm marschierten der Puma und der Fenris der Einheit auf das große Tor zu. Wachablösung. Dafür kam Sergeant Rebecca Geisterbär in ihrem Kriegshammer IIC mit ihrem Flügelmann Corporal Mulgrew und dessen modifizierten Marodeur rein.
Germaine winkte zu den beiden ClansMechs hoch und die Maschinen erwiderten den Gruß. Er mochte die beiden, er mochte sie wirklich. Schmerzhaft wurde ihm bewusst, dass er sowohl Dawn als auch die quirlige Jara viel zu nahe an sich heran gelassen hatte.
Aber die Zeit in der Einheit schien beiden gut getan zu haben. Von Dawns anfänglicher Unsicherheit, von ihren Suizid-Tendenzen war nun nichts mehr zu spüren. Sie war regelrecht aufgeblüht, wirkte lebensfroh. Und sie hatte wichtige Entscheidungen für ihr Leben getroffen.
Bei Jara sah es nicht anders aus. Die Verantwortung als Sergeant und FlügelLeader hatte sie reifer gemacht, verantwortungsbewusster. Zum Glück nicht ernster. Aber von dem etwas naiven Mädchen, welches sich mit ihrem Puma der Einheit angeboten hatte, war nun nicht mehr viel übrig. Sie hatte den Sprung zur Frau geschafft und auch den zum Unteroffizier.
Germaine traute ihr ein Offizierspatent nun ohne weiteres zu.
Beides waren tolle Mädchen.
„Ah, Germaine“, begrüßte ihn eine bekannte Stimme.
Er wandte sich um und erkannte Manfred Scharnhorst. Neben ihm ging Wolf McHarrod, der Leiter der Schlaglanze.
„Captain. Lieutenant“, begrüßte er die beiden und tauschte einen Handschlag aus.
Scharnhorst wirkte ernst, als er zu sprechen begann. „Ich habe gerade mit Wolf vereinbart, dass wir die Übungen mit den Elementaren verstärken. Wenn wir sie hier in der Innenstadt mit unseren Mechs schnell an einen beliebigen neuralgischen Punkt bringen können, dann werden ihre Nahkampffähigkeiten Gold wert sein.“
„Du rechnest damit, dass der Schatun uns angreift?“
„Pah“, meinte Manfred und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Dein kleines Ablenkungsmanöver damals hat ihn uns nicht gerade zum Freund gemacht. Und ich bin sicher, wenn er einen ernstzunehmenden Vorteil sieht, uns zu vernichten, wird er es tun.
Aber ich glaube, unser Problem ist ein anderes.“ Manfred griff in seine Hose und zog einen Zettel hervor. „Stell dir vor, was ich in einem meiner Handschuhe gefunden habe, nachdem ich in unserem Stammlokal gespeist habe.“
Germaine nahm den Zettel entgegen und las ihn aufmerksam. Es war das gleiche Papier wie der Zettel, den auch er in seinem Handschuh gefunden hatte. Die Handschrift war auch dieselbe. Wortlos reichte er den Zettel zurück. „Blakes Wort also, hm? Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir ganz und gar nicht.“
Germaine drehte sich um und ging voran. Beide Offiziere folgten ihm. „Wir brauchen Daten über ihre Mechs, deren Anzahl, Modifikationen in der Bewaffnung.“
Ein keuchendes Geräusch ließ den Major wieder herum fahren.
Manfred Scharnhorst starrte ungläubig auf seine Brust. Aus einer Wunde sickerte Blut und der Captain sackte in die Knie ein.
„SCHARFSCHÜTZE!“, gellte Germaines Warnruf auf, während er sich den Freund griff und zurück in Richtung Haus zog. McHarrod griff beherzt die Beine und half.
Der Warnruf hatte die Aufmerksamkeit der anderen geweckt. Techs und Soldaten liefen in Deckung, während sich der Kriegshammer im Torso drehte und das einzige Gebäude fixierte, welches einen Blick in den Innenhof des HPG gewährte.
Ein AsTech wurde getroffen, sackte zu Boden und umklammerte sein blutendes Bein.
Rebecca Geisterbär zögerte nun nicht länger und feuerte einen mittelschweren Laser ab. Eine Wohnung in der obersten Etage wurde blendend hell ausgeleuchtet, als der Laser sein Ziel traf.
Doch das war nur der Anfang. Zehn Sekunden nachdem die Clannerin den Scharfschützen ausgeschaltet hatte, schlug eine Granate auf dem Innenhof ein. Kurz danach eine zweite.
Gewehrfeuer war zu hören und Jaras Mech zog sich langsam zum Haupttor zurück, allerdings ohne zu feuern.
Aus einem Hangar kamen drei Kröten gespritzt, stiegen auf den Sprungdüsen auf die Mauer und von dort hinab.
Germaine handelte automatisch, zog sein Erste Hilfe-Pack hervor und entnahm zwei Kompressen. Zusammen mit Wolf drückte er sie auf die Eintrittswunde im Rücken und die Austrittswunde in de Brust.
Manfred hatte bereits glasige Augen. Auf seinen Lippen stand blutiger Schaum.
„SANI!“, brüllte Germaine. „SANI!“
An der Außenmauer lief Peterson entlang. Der kleine kluge Junge lief nicht direkt über den Platz, das war schlau. Vor allem, weil bereits die nächste Granate einschlug.
Dann erkannte Germaine zwei Elementare auf die Halle zulaufen. Es waren Saya, das Küken der Truppe und Philip.
Auch sie hielten sich an den Wänden, um wenigstens ein wenig Deckung zu haben.
Aber das nützte ihnen nichts, als direkt neben ihnen eine Granate einschlug. Philip war zwischen Saya und der Granate und wurde von Splittern getroffen. Er stürzte und riss die Elementarin dabei mit zu Boden.
Peterson hatte das Geschehen verfolgt und lief nun, ohne auf seine eigene Sicherheit zu achten, direkt zu den Elementaren herüber. Doch bevor er sie erreicht hatte, krepierte eine letzte Granate auf dem Boden und riss den Captain alleine mit der Druckwelle zu Boden.
Danach war es still.
Germaine hoffte und bangte, dass Cliff wieder aufstand, weiter lief. Aber der Mann blieb liegen.
„Sir!“, meldete Rebecca über den Lautsprecher ihres Mechs. „Sergeant Rowan meldet, dass er und seine Elementare die beiden Geschützstellungen ausgeschaltet haben, die uns unter Granatbeschuss genommen haben. Es gab keine Toten, aber viele Verletzte. Lieutenant Harris kommunziert bereits mit dem Bryanter Stab, um dieses Missverständnis aufzuklären.“
„Wachsam bleiben, Rebecca“, ermahnte er die Geisterbärin. Es konnte noch soviel schief gehen. Selbst wenn das Feuer eingestellt war.
MedTechs kamen nun vom Lazarett herüber und teilten sich schnell in drei Teams auf. Captain Malossi erreichte Philip als erstes, inspizierte den Elementare und ließ ihn sofort zurück schaffen. Ein Sanitäter erreichte Peterson und meldete erleichtert Lebenszeichen.
Belinda Wallace erreichte nun ihn, Wolf und den verletzten Manfred. Kurz checkte sie seine Lebenszeichen. „OP“, sagte sie sachlich. „Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.“
„Ger… Germaine…“, hauchte Manfred und versuchte, die Hand des Majors zu ergreifen.
„Ich bin hier, mein Freund.“
„Ger… Es war… Es war eine tolle Zeit…“
„Was redest du da, Idiot? Noch bist du nicht tot!“, blaffte der Major und drückte die Hand des MechKriegers.
„Germaine… Versprich mir, dass du… dass du dich um Miko kümmerst…“
„Natürlich. Das tue ich doch immer.“
„Gut“, hauchte Manfred und schloss die Augen.
**
„WAS BITTE?“, rief Germaine entrüstet.
„Schnell jetzt, wir haben nicht viel Zeit!“, drängte Belinda.
Der Major legte eine Hand an die Stirn. „Moment mal, du willst mir hier doch nicht weismachen…“
„Es drängt! Welchen soll ich retten? Malossi operiert gerade Philip. Er hat eine Menge Splitter im Körper und es wird noch Stunden dauern.
Manfred ist am verbluten und Cliff hat mehrere Splitter in der Lunge und einen in der Herzwand. Keiner von beiden wird ohne Operation diese Stunde überleben. Aber ich kann nur einen operieren.“
„Das kannst du doch nicht von mir verlangen! Es ist dein Job zu entscheiden, welcher Fall Priorität hat“, erwiderte Germaine.
„Ja, aber ich kann es nicht. Ich kann es einfach nicht.“
Die Hand des Majors rauschte heran und gab der Ärztin eine saftige Ohrfeige. Eisig sagte er dazu: „Das ich deine Arbeit tun muß, verletzt mich. Glaubst du nicht, ich habe so nicht schon genügend Belastung?“
Betroffen sah die Ärztin zu Boden.
„Deine Entscheidung, Germaine?“
Der Chevalier fühlte sich, als würde er in ein wirklich tiefes Loch fallen. Er musste hier wählen. Sich entscheiden, welchen Offizier, welchen Freund er rettete. Und welchen er sterben ließ. Er konnte verstehen, warum sich Belinda vor dieser Entscheidung drückte. Aber deswegen fiel sie ihm nicht leicht.
„Scharnhorst“, sagte Germaine tonlos. „Operiere zuerst Scharnhorst. Aber lass deine MedTechs Peterson so lange wie möglich stabil halten. Vielleicht geht die Operation schnell genug und du kriegst deine Gelegenheit noch.“
„Das hätte ich sowieso getan“, merkte Belinda an. Sie wandte sich ohne ein weiteres Wort um und ging zur Vorbereitung. „Captain Scharnhorst in den OP“, gab sie leise Anweisungen. „Befehl vom Major.“
Wütend ballte Germaine die Hände zu Fäusten. Und senkte den Blick.
Aber er hatte keine Zeit hierfür. Er hatte ein Bataillon zu befehligen.
**
„Es tut uns aufrichtig Leid, Herr Major“, säuselte Tereschkow freundlich. „Wir arbeiten bereits daran, herauszufinden, wer der Scharfschütze war, aber ich kann Ihnen versichern, dass es keiner unserer Leute war. Ebenso entschuldigen wir uns für den Angriff mit den beiden Mörserbatterien. Der Batteriekommandeur wird dafür vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Aber Sie müssen zugeben, dass ein Mech, der auf ein Wohnhaus feuert, selbst bei den ruhigsten Soldaten die Finger zucken lässt.“
Germaine schüttelte unwillig den Kopf. Der Major der Panzertruppe war wie immer eiskalt wie eine Hundeschnauze.
„Gut, dann brauche ich ja eine Eskalation nicht zu fürchten. Meine Elementare haben Ihre Geschütze wieder freigegeben. Darf ich fragen, warum Sie so nahe an unserem HPG zwei Mörserbatterien aufgestellt haben?“
„Dürfen Sie nicht. Wir sind nicht auf Ihrem Gebiet, Major Danton“, fuhr Tereschkow ihn an.
Die Verbindung deaktivierte sich. Nachdenklich rieb sich Germaine die Schläfen. „Gut. Gut. Gut. Scheint so, als wollten sich die Bryanter nicht mit uns prügeln. Besser als nichts.
Aber das ist nur der Anfang. Nur der verdammte Anfang.“
Und der Morgen hatte so viel versprechend begonnen…
**
Die darauf folgenden Tage waren unruhig geworden. Studenten hatten gegen die Chevaliers demonstriert. Aufgebrachte Zivilisten hatten Steine nach Chevaliers-Fahrzeugen geworfen. Und einige Zeitungen forderten vom Schatun, gegen die Söldner vorzugehen, da der Angriff auf das Wohnhaus ein Bruch der Ares-Konvention gewesen sei.
Eine offizielle Bestätigung über einen Scharfschützen gab es nicht. Wenn denn bestenfalls die Waffe noch existierte, nachdem der Laser das Appartement ausradiert hatte.
Und das ließ die Breiner Volksseele kochen. Man sprach von einem Komplott, ja von einer offenen Provokation. Und jeder verstreichende Tag bedeutete mehr Druck auf Dvensky, endlich zu handeln.
Deshalb fuhr Germaine in die Festung. Deshalb würde er sich als Geisel anbieten. Inoffiziell. Denn wenn der Kommandeur der Chevaliers in seiner Hand war, konnte dies die öffentliche Meinung beruhigen. Und ihn von einem militärischen Abenteuer abhalten, welches seine Mission, seine eigentliche Mission gefährden würde.
Ace Kaiser
09.03.2005, 23:37
Sie erreichten die Hauptstraße. Zu Zeiten des Sternenbunds war Brein nicht mehr gewesen als ein Außenposten. Eine Stadt, in der es sich leidlich leben ließ, während man auf den anderen Kontinenten wirklich gut leben konnte.
Aber wegen der sehr reinen Luft und den hervorragenden Schneeverhältnissen war die Gegend als Urlaubsort und für Kuren recht beliebt gewesen. Wenn man nicht gerade in den eiskalten Winter geriet.
Germaine schüttelte ärgerlich den Kopf, um diese Gedanken abzuschütteln.
Andere, wichtigere Sachen sollte es gerade sein, die ihn nun vereinnahmen sollten.
Er dachte zurück, während langsam die Festung in Sicht kam, zurück an Vorgestern.
Vor zwei Tagen:
Als Germaine Danton vor seine Offiziere trat, schluckte er hart. Sie waren stark geschrumpft.
Er nickte jedem einzelnen zu, dann setzte er sich an den Konferenztisch.
Dankbar registrierte er, dass auch die beiden Landungsschiffskapitäne al Hara und Ito erschienen waren. Die Piloten fehlten natürlich – die Isolation um sie und damit um ihre Trumpfkarte sollte erhalten bleiben.
„Herrschaften“, begann Germaine und sah auf, „ich habe die traurige Aufgabe, Ihnen von dem Tod zweier unserer Kameraden zu berichten. In der Nacht starb Captain Cliff Peterson im Anschluss an seine Notoperation an schweren inneren Blutungen. Doktor Wallace hat ihn noch mal aufgemacht, um die Blutungen zu stoppen, aber der Körper des Rasalhaagers war bereits zu sehr geschwächt. Er überstand den Eingriff nicht.
Bereits Gestern Abend ist Private Philip verstorben. Die Granatensplitter, die ihn erwischt haben, durchtrennten neben der Wirbelsäule auch wichtige Arterien und verursachten in beiden Nieren schwere Blutungen. Die gerissene Milz und Perforationen an der Lunge vollendeten das Werk. Private Philip hatte nicht wirklich eine Chance.
Ich möchte Sie nun bitten, für unsere toten Kameraden eine Schweigeminute einzulegen.“
Germaine gab einen Corporal der Infanterie ein Zeichen. Der nickte und sprach kurz in ein Headset. Kurz darauf heulten die Alarmsirenen einmal kurz auf.
Überall auf dem Stützpunkt sollte nun die Arbeit ruhen und Techs und Soldaten innehalten.
Nach exakt einer Minute erklang das Signal wieder.
Germaine sah auf. Er blickte in traurige, aber auch zornige Augen.
„Kommen wir zurück zum Dienst. Bishop, die Infanterie gehört vorerst Ihnen. Ich rate Ihnen aber dringend, die taktischen Aufgaben Sergeant-Major MacLachlan und Sergeant Decaroux zu überlassen. Sie sollen den beiden nur den Papierkram abnehmen.“
Leise Lacher erklangen auf den Scherz vom Chef. Der Pionier schmunzelte ein wenig.
„Captain Scharnhorst ist auf dem Weg der Besserung, aber er wird noch mindestens vier Wochen Dienstunfähig sein. Das bedeutet, dass bis auf weiteres oder ich etwas anderes anordne, Sie, First Lieutenant McHarrod, das Kommando über die Mechs übernehmen. Die Kampflanze übernimmt vorerst Kadett Simstein. McHarrod, der Junge ist gut, aber im Feld sollten Sie ihm klar machen, wer das Kommando führt. Sergeant Rebecca Geisterbär wird Stellvertreter. Fragen?“
„Ja, eine, Germaine“, meldete sich Bishop zu Wort. „Wie reagieren wir auf diesen Eklat? Ich meine, in der Truppe brodelt es und…“
„Um Himmels Willen, halten Sie Ihre Leute im Griff, Lieutenant!“, blaffte Germaine aufgeregt. Er faltete die Hände vor dem Gesicht zusammen und sagte leise: „Wir haben ein Riesenproblem, und der Schatun ist nur ein Teil davon. Wir müssen uns jetzt bedeckt halten, ruhig bleiben. Unsere verbliebenen Kräfte sammeln und darauf vorbereiten, das HPG zu beschützen. Wir dürfen jetzt nicht überreagieren, wenn wir nicht die ganze Mission in Gefahr bringen wollen.“
„Was gibt es denn noch außer dem Schatun und seinen Granatenwerfern?“, beschwerte sich McHarrod nachdenklich. „Sie wissen, dass wir eine getarnte Stellung ausgehoben haben. Und Decaroux´ Scharfschützen suchen seit den Morgenstunden nach weiteren getarnten Stellungen. Wir sind regelrecht umringt von Schützenlöchern und weiteren Granatwerfernestern.“
„Trotzdem ist Dvensky unser kleineres Problem. Wenn mich mein Riecher nicht täuscht, dann fängt unser Ärger erst an.“
Er sah wieder in die Runde. „Sergeant Kleinweich hat für mich… Nun, er war etwas in den Netzen von Brein unterwegs. Dabei hat er für mich ein interessantes Dokument aus dem Hauptcomputer des Breiner Raumhafens geladen. Es handelt sich um die avisierten Ankünfte und Abflüge. Unser avisierter Abflug in anderthalb Wochen ist dort eingetragen. Aber nicht die Ankunft der Blakes Wort-Miliz, die uns ablösen soll.“
Aufgeregtes Raunen ging durch die Reihen.
Doktor Malossi meldete sich zu Wort. „Germaine, wollen die Blakies den Beta nun doch nicht, oder was?“
„Es gibt naur zwaii Möglichkeiten“, raunte MeisterTech Nagy. „Sie kaummen später… Oder sie sind schon da…“
Germaine nickte bestätigend. „Das waren auch meine Gedanken. Daraufhin haben wir uns den Raumhafen genauer angesehen und tatsächlich mehrere Frachtaufträge entdeckt, die um nicht näher spezifiziertes Frachtgut gehen, die einen Mech repräsentieren können.
Wir reden hier von mindestens acht Maschinen, die sich potentiell auf Bryant befinden.“
Erschrockenes Raunen ging durch die Reihen seiner Leute.
„Mike, das macht die Sache für uns sehr schwierig. Wenn Blakes Wort wirklich heimlich bereits acht oder mehr Mechs auf diese Welt geschafft hat, ohne uns darüber zu informieren, wird es sehr gefährlich. Ihre Panzer sind dann unsere Trumpfkarte. Erhöhen Sie die Bereitschaft, lassen Sie sie aber keine Patrouillen mehr fahren. Ich will, dass sie sich weiter bedeckt halten.
Bishop, lassen Sie ab sofort vermehrt MechAbwehr trainieren. Und legen Sie draußen so unauffällig wie möglich ein Minenfeld an. Tarnen Sie dafür unseren Minenleger als Panzer. Etwas in der Richtung. Weitere Fragen?“
„Ja, weiß man schon Näheres über den Attentäter?“, fragte Mustafa al Hara Ibn Bey.
„Nun, die Bryanter sind nicht gerade freigiebig mit Informationen, diesen Fall betreffend. Immerhin haben sie zugegeben, dass es sich bei der Wohnung um Staatseigentum handelt und sie unbewohnt war. Abgesehen davon bleibt nach dem Treffer eines Mittelschweren Lasers nicht mehr allzu viel übrig, um etwas zu identifizieren. Rebecca Geisterbär hat sehr effizient reagiert und hervorragend geschossen.
Dennoch haben wir einen Hinweis. Es wurde der gleiche Gewehrtyp verwendet wie damals auf New Home, als wir bei unserer Landung auf dem Raumhafen der planetaren Hauptstadt das Scharfschützenpärchen ausgeschaltet haben.“
„Sie denken also, wir haben es erneut mit der Pro-capellanischen Rebellenorganisation zu tun?“, hakte Malossi nach.
„Ja, das denke ich. Ich weiß nicht, wie es der Zhenshang gelungen ist, hier eine Zelle zu etablieren oder einzuschleusen. Aber wer sonst würde es wagen, auf diesem Pulverfass um sich zu schießen?
Dennoch werde ich das gegenüber Dvensky nicht erwähnen. Sollen sich seine Leute ruhig den Kopf zerbrechen. Falls sie nicht ohnehin wussten, was geschah.“
Ärgerlich schüttelte Germaine den Kopf.
„So, wir versehen weiter Dienst nach Vorschrift. Wenn mein Verdacht sich bewahrheitet, dann haben wir bald nicht nur die Bryanter am Hacken, sondern auch Blakes Wort. Und ich habe keine Lust, zwischen sie zu geraten wie zwischen zwei Mühlsteine. Wir müssen eine Seite ausschalten, aus dem Rennen nehmen, irgendwie.“ Germaine wirkte nachdenklich.
„Ich hätte da eine Idee. Aber dazu brauche ich nachher Decaroux und Koopman. Schicken Sie mir beide nach der Besprechung ins Büro, Lieutenant Bishop.“
„Geht klar, Chef.“
„Wie sieht es mit MechKriegerin Yamada aus? Können wir sie in einem der Mechs einsetzen?“, fragte er in Richtung von Decius Metellus, dem einzigen Unteroffizier in der Runde.
„Sie ist zur Zeit unter Beobachtung bei Doktor Wallace. Drei ihrer ehemaligen Kameraden wurden mit Grippesymptomen eingeliefert. Um eine weitere Ansteckung zu vermeiden, isolieren wir sie und die anderen von der Einheit“, antwortete der.
„Verschwendung. Sieh zu, dass sie Dienst macht, solange sie selbst keine Krankheitssymptome zeigt. Sie soll einen Atemschutz tragen. Würde das ausreichen, um weiteres Streuen eines möglichen Erregers zu verhindern, Doktor Wallace?“
Die junge Ärztin zuckte zusammen, als ihr Name fiel. „Grippe überträgt sich durch Tröpfcheninfektion. Das bedeutet, ein Mundschutz wäre eine gute Vorsorge.“
„Danke, Doktor. Dann ist es beschlossen. Zenturio, drille sie ab sofort auf dem Kampffalke. Sie wird meine Flügelfrau, falls es ernst wird.“
Germaine grinste in die Runde. „Übrigens habe ich etwas sehr witziges erfahren über die Einheit, die Brein angegriffen hat. Danke dafür, Juliette.“
Die Stabschefin der Chevaliers nickte nur anstatt zu antworten.
Germaine sah das als Aufforderung an, seinen Bericht fortzusetzen. „Es scheint, dass wir es lediglich mit einem Rumpf aus New Home Regulars-Offizieren zu tun hatten. Andere Offiziere und Mannschaften kamen von einer Söldnereinheit, die der Kanzler für derartige Aktionen hier und da an seine Getreuen in den Chaosmarken verteilt. Das bedeutet, wir können uns auf die neue Loyalität dieser acht Leute bis zu einem gewissen Punkt verlassen.
Noch Fragen? Nein? Gut. Weggetreten.“
**
Tausend Gedanken gingen Germaine danach noch durch den Kopf, als er wieder in seinem Büro saß. Zum Beispiel fragte er sich, wieso das Verhältnis zu Belinda so schnell und so nachhaltig abkühlen konnte. Und warum sie ihn gezwungen hatte, den jungen Burschen Peterson sterben zu lassen. Das nahm er wirklich nicht gut auf.
Auch dachte er daran, dass ein Trommelfeuer aus Kanonen auf dem Hof zerplatzte, während von allen Seiten Mechs der Bryanter Regulars und der Blakes Wort-Miliz vorrückten.
Selbst mit allen Chevaliers wären sie diesem Szenario nicht gewachsen gewesen.
„Germaine? Nachricht von Juliette. Die Empfänger hatten für eine Minute Kontakt mit der SKULLCRUSHER. Der Empfang war nachhaltig gestört, aber wir konnten das Rufzeichen als Third Base eindeutig identifizieren.“
„Danke, Cindy. Das bedeutet, es kann ihnen so schlecht nicht gehen. Haben wir geantwortet?“
„Wir haben es versucht, aber eine erneute Verbindung kam nicht zustande.“
„Okay, versucht es weiter.“
Nachdenklich rieb sich Germaine die Stirn. Der kurze Funkkontakt bewies, dass die Einsatzgruppe den Satelliten gefunden hatte. In drei oder vier Tagen sollte die Operation abgeschlossen sein. Hätten sie bereits alles, wäre der Funkkontakt klar gewesen. So aber sollte er nur eine Vorwarnung darstellen. Um die Chevaliers am HPG auf einen schnellen Rückzug einzustellen.
Nun wurde es Zeit, den Demi des HPGs beizubringen, möglichst heimlich die Sachen zu packen und normalen Dienst vorzutäuschen. Bald würden sie diese Welt verlassen können.
„Germaine, Charly und Private First Class Koopmans sind nun da.“
„Schick sie rein.“
Als die beiden eintraten, deutete Germaine auf zwei Stühle vor seinem Schreibtisch.
Nachdenklich beobachtete er die beiden. „Ich habe zwei Fragen an euch. Die erste an dich, Charly. Können deine Kommandos irgendetwas tun, um möglicherweise Blakes Wort-Mechs aufzuklären?“
„Irgendetwas sicherlich. Habe ich freie Hand?“
„Die hast du.“
Der Mann von New Syrtis nickte. Germaine erwiderte das Nicken zufrieden.
„Und die zweite Frage an Sie, Mareeike. Wie gut fliegt der Drache, auf dem Sie trainieren, in der eiskalten Brein-Nacht?“
Die junge Frau musste unwillkürlich grinsen. „Gut genug, Sir.“
Gegenwart:
Das Haupttor der Festung stand offen wie der Schlund eines Riesen, der drohte, ihn zu verschlingen. Im übertragenen Sinne stimmte das auch.
Die kleine Aufklärung von Charly hatte nicht viel erbracht, dauerte aber noch an. Dafür hatte Willem Kleinweich bei weiteren Recherchen eine Region in Brein erkundet, in der überdurchschnittlich viel Energie verbraucht wurde. Die Region gehörte einer Firma, die hier investierte. Angeblich, denn Germaine vermutete eine Tarngesellschaft für Blakes Wort dahinter. Auffällig genug waren die großen Warenlieferungen, die in diesen Komplex gingen.
Und man musste kein Genie sein, um eins und eins zusammen zu zählen.
Die Operation in Leipzig war kurz davor, ein Erfolg zu werden. Blakes Wort hatte davon Wind bekommen und versuchte nun, die ungeliebten Chevaliers auszuschalten, um selbst die Hand auf die Satelliten zu kriegen.
Soweit so gut. Nun aber musste Germaine eine Partei aus dem Rennen nehmen.
Und dies war der Schatun. Ob ihm die Erklärung schmeckte, dass er sich aus den bevorstehenden Scharmützeln mit Blakes Wort heraushalten konnte?
War er bestechlich? Oder würde ihn Germaines Versuch, sich als Geisel anzubieten, beeindrucken?
Leonid war kein Idiot. Und er hatte fähige Leute, nicht nur seine Schwester. Auf irgendeine Weise musste es Germaine gelingen, dem Schatun die Sache schmackhaft zu machen. Die Demonstrationen einzustellen. Damit die Chevaliers einen freien Kopf hatten, um sich ganz auf die Blakies konzentrieren zu können, ohne befürchten zu müssen, von den Bryantern von hinten angegriffen zu werden.
Eine Möglichkeit gab es bestimmt. Nur welche?
Langsam ballte Germaine die Hände zu Fäusten. Nun wünschte er sich, irgendeine Form von Einfluss auf Dvenskys Schwester zu haben…
Ace Kaiser
20.03.2005, 15:34
Der Empfang für Germaine Danton war eisig. Bei sich lächelte der Major über dieses Wortspiel. Ein eisiger Empfang am eisigen Südpol von Bryant.
Zwei hoch gewachsene Fallschirmjäger nahmen ihn in die Mitte und marschierten ihn zum nächsten Aufzug. Sie fuhren in das Stockwerk von Dvenskys Büro, passierten mehrere Posten und kamen endlich vor ihrem Ziel an. Dort warteten weitere Posten und der Major der Chevaliers wurde aufgefordert, seine Dienstwaffe abzugeben.
Das war neu und zeigte nur zu deutlich, wie sehr das fragile Verhältnis zwischen dem Beherrscher von Bryant und den Chevaliers gelitten hatte.
Im Büro erwartete ihn ein aufmerksam arbeitender Leonid Dvensky. Seine Schwester war ebenfalls anwesend, saß aber still schweigend im Hintergrund.
Germaine wollte sie begrüßen, doch Natalija ignorierte ihn.
Na, wenigstens war dieser Arsch von Panzerfahrer nicht da. Das wiederum beruhigte den Major etwas.
„Was wollen Sie, Germaine?“, fragte Dvensky ohne aufzusehen.
„Meine Einheit“, erwiderte der.
Interessiert sah der Schatun auf. „Ihre Einheit?“ Stumm bot der Diktator von Bryant den Söldner auf, Platz zu nehmen.
Germaine setzte sich und fühlte sich von vielen Augen fixiert, obwohl nur Leonid und seine Schwester anwesend waren. Die Wachen waren draußen geblieben.
Mit einer versteckten Waffe hätte Germaine nun durchaus einen Angriff durchführen können. Aber die Rechte des Offiziers unter der Tischplatte machte nur zu deutlich, dass sie neben einer schussbereiten Pistole lauerte.
„Die letzten Tage“, begann Germaine und stieß den unnützen Gedanken beiseite, „waren sehr schwer für mich. Schwer für meine Einheit und sicher auch für Sie, Leonid.“
Germaine sah auf und fixierte den Blick seines Gegenübers. „Ich habe einen meiner Offiziere verloren. Ein zweiter kämpft noch immer um sein Leben. Die Moral ist am Boden und rund um die Kaserne demonstrieren Ihre Leute gegen mich und meine Truppe. Herrgott, Leonid. Wir sind doch nicht als Besatzer hier. Wir sind nur der Hausmeister für ComStar um den Schlüssel an Blakes Wort zu übergeben.“
„Das wissen wir doch alles schon. Was hat das mit mir zu tun?“, antwortete der Schatun kalt.
„Nehmen wir einmal an, diese… Demonstrationen würden von Ihrem Geheimdienst gelenkt. Und nehmen wir einmal an, rund um den Hyperpulsgenerator würde ein geschlossener Kreis aus Sperrstellungen existieren, die nur darauf warten, auf uns zu feuern, wie der Granatwerfer neulich, den meine Elementare ausgeschaltet haben.“ Er senkte den Blick. „Bevor Schlimmeres geschehen konnte.“
„Weiter“, forderte Dvensky ihn auf. Den versteckten Tadel mit dem Angriff ignorierte er völlig.
„Nehmen wir weiterhin an, dass dies alles geschieht, weil… Nun, sagen wir mal, weil Sie mir nicht trauen.“
Neben dem Schreibtisch unterdrückte Natalija ein Prusten.
„Interessanter Gedanke, Herr Major“, stellte Dvensky mit ausdrucksloser Miene fest. „Und warum sollte ich Ihnen nicht trauen? Glauben Sie, ich habe Verfolgungswahn und sehe in jedem fremden Soldaten eine Bedrohung für Bryant, nur weil alle großen Reiche mich im Stich gelassen haben, nachdem in dieser Region des Weltalls die totale Anarchie ausbrach?“
„Verfolgungswahn zu haben bedeutet nicht, dass man nicht auch wirklich verfolgt wird“, kommentierte Germaine. „Nun gut, warum, hypothetisch angenommen, sollten Sie mir misstrauen, Leonid? Hm, vielleicht weil ein ganzes Bataillon etwas viel ist, um ein einfaches Beta-HPG zu halten. Das hat eher was von einer Invasionsstreitmacht denn von einer Schutztruppe.“
Leonid Dvensky nickte. „Ich muß zugeben, dieser Gedanke kam mir auch.“
Ein Schmunzeln glitt über Natalijas Gesicht. Germaine registrierte es aus den Augenwinkeln.
„Und dann ist da noch der dritte Lander meiner Einheit, der irgendwo über Tomainisia abgestürzt ist. Tomainisia, der Sturmumtobte Kontinent, auf dem sich einige große Städte aus der Sternenbundzeit befinden. Eine Region, in der diverse Schätze und Hightech nur darauf warten, geborgen zu werden. Eine Region, in der es eine regelrechte Industrie gibt, die von den Schatzsuchern profitiert, solange diese Leute den gerechten Anteil der Bryanter Regierung auch entrichten. Ein ganzes Drittel meiner Leute ist dort herunter gekommen, durch einen Defekt an einer Steuerdüse, den sich meine Einheit zugezogen hat, als eine unbekannte Mech-Truppe unsere Patrouillen auf New Home überfiel.
Nun, ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich glaube, das kann ohne Weiteres der Versuch sein, um ein großes Kontingent Leute auf den Kontinent, in eine der großen Städte zu bringen, um dort nach LosTech zu suchen. Es wäre die einfachste Erklärung. Und so plausibel, wenn man bedenkt, wie zielsicher die eigentlich beschädigte SKULLCRUSHER auf Tomainisia abgestürzt ist, oder?“
„Macht es Ihnen eigentlich Spaß, sich selbst den Boden unter den Füßen fort zu ziehen, Germaine?“, bemerkte Dvensky mit ernstem Blick.
„Wir reden doch über einen hypothetischen Fall, oder nicht? Ich meine, die SKULLCRUSHER ist abgestürzt, aufgrund eines Schadens, den eine unbekannte Mech-Truppe verursacht hat. Ich spekuliere nur mit dem Gedanken, dass dies in einen Ihnen unbekannten Plan gepasst haben könnte, Leonid.“
„Dann reden wir mal weiter hypothetisch. Angenommen, jemand hat genau diese Entwicklung geplant. Was dann auch geklappt hat. Die SKULLCRUSHER ist auf Tomainisia, oder? Und eventuell nahe oder in einer großen Stadt aus Sternenbundtagen.“
Germaine nickte dazu.
„Die Frage ist, wäre es dann nicht absolut schwachsinnig, um von dem Schiff abzulenken, dem Herrscher dieser Welt mit einem Amoklauf zu drohen? Wäre es nicht überheblich, arrogant und hirnlos, zudem vollkommen überzogen? Kann ein Kommandeur wirklich so dilettantisch sein und den besorgten Übervater spielen, um damit seine gesamte Einheit zu riskieren?“
Germaine duckte sich unwillkürlich. Er erinnerte sich sehr gut an das erste Gespräch mit Dvensky. Es war nicht wirklich gut verlaufen. Nein, wahrlich nicht. Sie hatten einen Status Quo erreicht, aber Germaine hatte wesentlich mehr einsetzen müssen als er gewollt hatte. Und die Ausbeute war lange nicht so gut gewesen, wie er erhofft hatte. Zudem, das merkte er nun, waren viele der Dinge, die ihm und der Einheit in letzter Zeit passiert waren, darauf zurückzuführen. Auf einen vollkommen verärgerten Leonid Dvensky. Nein, einen um sein Volk besorgten Leonid, der in ihm, Major Danton einen Hitzkopf sah. Einen absoluten, unberechenbaren Hitzkopf.
„Das wäre in der Tat der Fall. Entweder hätten Sie es dann mit einem kompletten Idioten zu tun gehabt“, sagte Germaine leise, „oder mit einem vollkommen verzweifelten Mann.“
Danton schluckte hart. Er hatte damals unbedingt dafür sorgen müssen, dass die SKULLCRUSHER weitestgehend ungestört ihre Mission beginnen konnte. Das Wetter war schlimm genug gewesen und hätte nicht auch noch durch angreifende Mechs ergänzt werden müssen. „Einen vollkommen verzweifelten Mann, der sich um seine Einheit sorgt.“
„Einer Einheit, die, wenn wir weiterhin von dem hypothetischen Fall ausgehen, auf sein Kommando über Tomainisia abgestürzt ist.“
Dvensky sah ihn wütend an. Seine Schwester wandte den Blick ab. Germaine Danton merkte sehr wohl, dass er sich wieder einmal zu weit vorgewagt hatte. Wie so oft in seinem Leben. Und wie sonst auch entschied er sich dafür, vorzupreschen.
„Leonid“, begann Germaine wieder, „meine Aufgabe auf dieser Welt ist es, den HPG an Blakes Wort zu übergeben. Dies und nichts anderes steht mir hier bevor. Auf New Home hatten wir Glück und einen ziemlich umgänglichen Blakes Wort-Milizkommandeur erwischt. Aber dieser Mann gab mir eine Warnung mit: Hüten Sie sich vor einem Akoluth Delaware, einen Fanatiker der alten Schule. Es… Es gibt Hinweise, dass der Attentäter ein Blakes Wort-Mann war. Und meine Leute haben zudem entdeckt, dass die Miliz bereits eine Sektion II an BattleMechs auf dieser Welt hat. Ich weiß nicht, was Blakes Wort hier plant, aber es kann nicht eine geregelte Übergabe des HPGs sein. Mir wäre wohler, sehr viel wohler, wenn ich mich nur um Blakes Wort scheren müsste und nicht auch noch eine halbe Division Bryanter mit KSR-Schulterwerfern in der Seite hätte, die nur darauf warten, dass einer meiner Mechas zu nahe kommt. Oder die meine Minen zählen und Karten von den fertigen Feldern anlegen.“
„Tja“, sagte Dvensky nachdenklich, „was können Sie, Ihrem hypothetischen Fall zufolge, nur getan haben, um Blakes Wort derart zu verärgern?“
„Ja, was könnte ich getan haben? Sicherlich nichts. Abgesehen davon, dass ComStar mich angeheuert hat, hatte ich noch nichts mit Blakes Wort zu schaffen.“
Kurz dachte Germaine nach und lachte auf. „Nein, das stimmt nicht. Ich war auf Sandhurst, habe aber abgebrochen. Vielleicht reicht das den Blakies bereits, um auf mich sauer zu sein. Oder einen feindlichen ROM-Agenten in mir zu sehen.“
„Unwahrscheinlich, dass Blakes Wort gleich eine Sektion II auf so einen kleinen Fisch hetzt“, kommentierte Dvensky amüsiert. Für einen Augenblick schmunzelte er sogar. Die kleine Spitze gegen Germaine gefiel ihm.
„Tja, was kann es dann sein? Ach ja, meine abgestürzten Leute auf Tomainisia. Vielleicht haben die etwas getan? Ich meine, vielleicht widerspricht es den Worten Blakes, dass ein Landungsschiff gegen die Rotationsbewegung auf einen Äquatorialkontinent abstürzt. Wer kann den Blakisten schon in den Kopf sehen?“
„Sehr amüsanter Gedanke. Etwas mehr Hintergrund sollten Sie Blakes Wort schon zugestehen, Germaine. Auch wenn… Einige von ihnen recht verbissen sind“, schmunzelte Dvensky.
Germaine schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht, dass es ihnen um irgendwelche Schätze geht. Ich meine, was wird generell auf Tomainisia geplündert? Zurückgelassener Schmuck, vielleicht etwas Kunst, noch funktionierende Technik, die in der heißen Dampfhölle noch nicht korrodiert ist? Reicht das bereits aus, um Blakes Wort zu verärgern?“
„Sicherlich nicht, außer es ist eine Originalabschrift der Memoiren Blakes“, kommentierte Dvensky leise.
„So sehe ich das auch, Leonid. In unserem hypothetischen Fall kommt so eine Banalität gar nicht in Frage. Die einfachste Erklärung ist vielleicht, dass der hiesige Anführer von Blakes Wort ein ComStar-Hasser ist und die Chevaliers stellvertretend für den säkularisierten Orden bestrafen möchte. Aber ich denke nicht, dass dies so einfach ist. Immerhin ist das hier Ihre Welt, und ohne einen zwingenden, wirklich zwingenden Grund wird der abgespaltete Teil des Ordens nicht versuchen, sich hier eine zukünftige sichere Basis zu nehmen, indem er den Herrscher Bryants verärgert, vor den Kopf stößt oder sogar blamiert, indem er nach eigener Willkür Truppen verlegt und die Verbindungsoffiziere wie arme Verwandte behandelt.“
Kurz nur huschte ein Schatten über Dvenskys Augen. Und Germaine wusste, dass er einen Treffer gelandet hatte.
„Was also suchen Ihre Leute – natürlich im hypothetischen Fall – auf dem Tropenkontinent, Germaine?“, fragte Dvensky leise.
„Nun, um Blakes Wort derart zu verärgern, muß es etwas wertvolles sein. So wertvoll, dass sie nicht einmal dazu bereit sind, es mit Ihnen zu teilen. Oder Sie jemals von der Existenz dieser Sache zu unterrichten.“ Wieder ging ein Schatten über die Augen des Schatuns. Noch ein Treffer.
„Vielleicht“, begann Germaine Danton und setzte alles auf eine Karte, „handelt es sich um ein riesiges Vermögen an Sternenbundwährung. Um Antiquitäten oder teuren Schmuck. Um alte Daten wie den Kernspeicher, den die Gray Death-Legion damals auf Helm gefunden hat. Oder um etwas völlig anderes, was Blakes Wort nur zu gerne monopolisieren würde.“
„Wäre diese hypothetische Sache nützlich für Bryant?“, fragte Natalija leise.
Es war das erste Mal, dass sie sich zu Wort meldete und Germaine fühlte eine große Erleichterung, dass sie es wieder einmal zu seinen Gunsten tat.
„Sie könnte theoretisch so wertvoll sein wie die Orbitalwerft um Kathil“, murmelte Germaine nachdenklich.
„Nützlich? Eine Orbitalwerft wie um Kathil würde uns die Aufmerksamkeit aller uns umgebenden Nationen einbringen. Mit allen entsprechenden Konsequenzen. Wir könnten die Orbitalwerft mit unseren Mitteln nie beschützen“, schloss Natalija.
Germaine atmete erleichtert aus. Trotz allem war diese Frau seine wichtigste Verbündete im Stab des Schatuns. Beinahe wäre Germaine sogar so weit gegangen, sie als Freund zu sehen. Falls sie das jemals zugelassen hätte.
„Das ist nun wirklich theoretisch“, brummte Dvensky ernst. „Eine solche Orbitalwerft kann man nicht auf einem Planeten verstecken. Aber zugegeben, ich würde verstehen, wenn Blakes Wort diese nicht teilen will.“
„Nun“, begann Germaine leise, „kann es nicht etwas anderes auf Tomainisia geben? Etwas, wertvoll genug, um Blakes Wort den jetzigen Aufwand Wert zu sein, wertvoll genug, um theoretisch Lord Dvensky zu verärgern? Gibt es irgendein Artefakt in der Geschichte Bryants, das derart interessant, vielleicht mächtig ist? Zu mächtig, als dass Sie es ruhigen Gewissens auf diesem Planeten belassen könnten, Leonid, um nicht die Aufmerksamkeit zu erhalten, die Natalija angesprochen hat?“
„Wäre dieser hypothetische Fall real“, antwortete Dvensky, „dann wäre dieses Artefakt oder diese Anlage bryantisches Volkseigentum und sollte auch dem Volk von Bryant zustehen. Egal, was Blakes Wort will und egal was ComStar will.“
Neben dem Major keuchte Natalija entsetzt auf, doch der Herrscher dieser Welt gebot ihr mit einem knappen Blick Einhalt. „Auf jeden Fall sollte das Volk von Bryant einen Nutzen haben. Einen großen Nutzen.“
Germaine nickte verstehend. „Was uns wieder zur derzeitigen Situation bringt, Leonid.
Gehen wir einen anderen hypothetischen Fall durch. Was, wenn die Sektion II oder noch mehr Mechs das HPG angreifen, aus welchen Gründen auch immer? Was wenn die Miliz Ihnen sagt, Sie sollen sich raushalten, da es eine interne Angelegenheit innerhalb ComStars ist?“ Germaine fixierte Dvenskys Blick und hielt ihn. „Was wäre besser für Bryant, als dass sich zwei rivalisierende Einheiten gegenseitig schwächen, ohne dass die Regulars auch nur einen Schuss abgeben müssen?“
„Das ist kein reeller Nutzen für uns. In einem hypothetischen Fall, in dem wir zusammen mit Blakes Wort kämpfen, könnten wir abgeschossene Mechs für uns beanspruchen. Das wäre eine Hilfe für uns“, schloss Dvensky und hielt den Blickkontakt.
„Nun, in diesem hypothetischen Fall, würde es zu Kämpfen kommen, hätten die Chevaliers Bergerecht an den abgeschossenen Blakes Wort-Maschinen. Aber ich habe kaum Platz an Bord meiner Lander. Ich würde sie offiziell bergen. Inoffiziell aber könnte ich diese Mechs zurücklassen.“
„Falls Sie in Ihrem hypothetischen Fall gegnerische Mechs abschießen und nicht selbst abgeschossen werden“, bemerkte Dvensky schmunzelnd.
„Ja, das ist natürlich richtig“, erwiderte Germaine grinsend. „Dann lassen Sie mich den Einsatz erhöhen. Ich fand eigentlich immer, dass der Hatamoto Chi nie wirklich in meine Aufstellung gepasst hat. Ich weiß nicht, ich könnte ihn, im hypothetischen Fall natürlich, auf dieser Welt zurücklassen, falls nach den hypothetischen Kämpfen noch etwas von ihm übrig ist.“
„Das ist eine sehr interessante vielleichtige Welt. Vor allem, wenn Blakes Wort die… Sache wirklich alleine regeln wollen würde“, sagte Leonid Sergejewitsch Dvensky nachdenklich, brach den Blickkontakt aber immer noch nicht ab. „Nur leider fehlt mir da noch ein Puzzlestück im Spiel. Wie würde ich mir sicher sein können, dass alles so geschieht, wie wir uns das hier zusammen spinnen, Germaine?“
Der Major versteifte sich. „Nun, Mylord“, begann er, „diese Frage sollten wir näher und ausführlicher erörtern. Ja, ich denke, wir sollten uns mehrere Tage Zeit dafür nehmen, notfalls bis zum Abflugtermin meiner Chevaliers. Lassen Sie uns diesen hypothetischen Fall erörtern, bis mein erster Lander diese Welt verlässt.“
Damit war es heraus. Germaine Danton bot sich als Geisel an. Als Geisel dafür, dass alles so geschehen würde, wie er es gesagt hatte.“
„Das sollten wir vielleicht wirklich. Ein Hatamoto-Chi, sagten Sie, Germaine? Und die abgeschossenen Maschinen von Blakes Wort?“
Danton nickte.
„Und das Mobile HQ, Herr Major“, fügte Dvensky hinzu.
Erschrocken fuhr Germaine auf. „Mylord, ich…“
„Sie haben doch ein komplettes MASH, Germaine, oder? Bisher haben Sie es noch nicht eingesetzt, weil die Einheit sich immer aus den Kasernen versorgt hat“, warf Natalija schnell ein. „Eine nicht gebrauchte, derart hochwertige Ausrüstung wäre doch einiges wert, oder, Leonid?“
Germaine entspannte sich etwas. Er brach den Blickkontakt mit Dvensky und sah zu Natalija herüber. „Es wäre mir eine Ehre und eine Freude, dem Bryanter Volk das Mobile Lazarett meiner Einheit zu schenken. Wenn Sie mir Zugang zu einem Telefon gestatten, kann ich es heute noch in die Wege leiten.“
„Dann ist es abgemacht“, schloss Leonid Dvensky. Er griff in seinen Schreibtisch, zog eine Flasche hervor und dazu zwei Gläser. Beide schenkte er voll und reichte eines dem Major.
Beide kippten sie den scharfen, selbst gebrannten Wodka, der in der Kehle noch nachgären wollte. Aber der Major hatte schon schlimmeren Alkohol getrunken, stärkeren und schärferen. Nur nicht unbedingt ein Wasserglas voll auf einen Schlag.
Als beide ihre Gläser geleert hatten, ergriff Dvensky die Flasche und warf sie gegen die gegenüber liegende Wand. Sie zerbrach nicht, alarmierte aber die Posten vor der Tür, die sofort mit gezogenen Pistolen in den Raum stürmten.
Dvensky lächelte still bei dieser Effizienz. In seiner direkten Umgebung schien er nur die Besten zu dulden.
„Schwester“, sagte er leise, „der Herr Major bleibt für einige Tage mein Gast. Bitte zeige ihm ein adäquates Zimmer und gib ihm jemanden mit, der sich um ihn kümmert.“
„Ja, Leonid“, sagte sie ernst und erhob sich.
Auch Germaine stand auf. Dann verbeugte er sich vor dem Schatun. „Leonid, bitte seien Sie versichert, dass ich zu schätzen weiß was Sie hier tun. Ein ganzes Volk zu beschützen, Bryant alleine wieder aufzubauen ist keine leichte Aufgabe.“
„Das ist es wahrlich nicht. Guten Tag, Herr Major.“
„Guten Tag, Mylord.“
Auf dem Gang gingen die Schwester des Schatuns und der Major nebeneinander. Dicht gefolgt von zwei Fallschirmjägern.
„Was könnte diese hypothetische Sache sein, hinter der Blakes Wort her sein könnte?“, fragte sie unvermittelt. „Und damit automatisch auch ComStar?“
Germaine lächelte leicht. „Was auch immer, Ihnen könnte nur an einer Sache gelegen sein, Natalija, dieses Ding so weit weg wie irgend möglich von Bryant zu wissen, bevor jemand wirklich Gefährliches erfahren würde, dass es diese Sache gibt. Zwei, drei capellanische Kriegerhäuser würden in dem Fall ausreichen, um die Regulars zu vernichten. Oder stelen Sie sich einen Kampf einer Katherinetreuen Regimentskampfgruppe mit ein paar Victortreuen Regimentern hier in dieser Stadt um unsere hypothetische Sache vor. Ich glaube nicht, dass auch nur eine Seite einen erbärmlichen Cent darum geben würde, wem diese Stadt gehört.
Und ich selbst würde mir die Ohren zuhalten, sobald jemand davon spricht, denn das Wissen um diese… Sache wäre beinahe genauso schlimm wie sie zu besitzen.“
„Wir könnten es herausfinden“, erwiderte sie.
„Sie könnten auch die Comstarinterne Streitigkeit Comstarintern lassen und versuchen, die Kollateralschäden gering zu halten. Ich kann das für meine Chevaliers versprechen. Nicht aber für Blakes Wort.“
„Sie sprechen ja schon, als wäre der hypothetische Fall nicht mehr ganz so hypothetisch“, spottete Natalija.
Germaine blieb abrupt stehen. Die junge Frau bemerkte es und hielt ebenfalls. „Was auch immer, ob wahrscheinlich oder möglich. Sie haben mindestens eine Sektion II an Blakes Wort-Mechs auf Ihrer Welt. Damit hat Bryant die Aufmerksamkeit von ComStar und Blakes Wort. Und das ist auch so schon eine sehr gefährliche Sache. Ich würde einen Teufel tun und diesen Akoluthen Delaware mit meinem neuen Wissen konfrontieren. Oder versuchen, aus ihm mehr über diese… Sache heraus zu bringen. Unwissenheit ist manchmal ein Segen, Natalija.“
Erschüttert sah sie ihn an. „Vielleicht doch eine Orbitalwerft?“, scherzte sie.
Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung.
Für Germaine in eine sehr ungewisse Zukunft. Zu ungewiss.
Ace Kaiser
04.04.2005, 22:31
First Lieutenant Juliette Harris betrat den Besprechungsraum. Hier hatten sich alle aktiven Offiziere und Unteroffiziere der Kampftruppe eingefunden. Sogar First Lieutenant Sleijpnirsdottir war extra wegen dieser Besprechung in die Kaserne des HPG von Bryant verlegt worden. Sie hatte eine recht abwechslungsreiche Fahrt durch die Stadt hinter sich.
„Meine Damen und Herren, ich mache es kurz. Sergeant Decaroux, Sie haben das Wort.“
Der Großgewachsene Kommando nickte ernst. „Wir verzeichnen Aktivität in der alten Fabrik, die wahrscheinlich zu Blakes Wort gehört. Große Aktivität. Tanks mit Kühlflüssigkeit werden verlegt, Munition umgelagert und dergleichen.“
Diese Neuigkeit schlug ein wie eine kleine Bombe.
Für zehn lange Sekunden war es so still im Besprechungsraum, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Danach redeten alle zugleich.
„Ruhe!“, blaffte Master Sergeant Decius Metellus.
„Danke, Master Sergeant“, sagte Juliette Harris. Sie sah in die Runde. „Ich brauche wohl niemandem zu erklären, was das zu bedeuten hat. Wir werden über kurz oder lang angegriffen werden. Wir rechnen dabei mindestens mit sechs Mechs, eher mit zwölf. Ob sie Panzerunterstützung haben oder sogar Infanterie können wir nicht sagen. Nur eines, es wird hart werden. Und wir können nur hoffen, dass sich die Bryanter still verhalten werden.“
Juliette seufzte schwer. „Wir haben alle damit gerechnet, dass unsere geheime Mission auffliegt. Wir haben dafür trainiert, um darauf reagieren zu können. Nun ist es soweit.
Das Schlimme daran ist: Wenn Blakes Wort uns hier in Brein angreift, was passiert dann gerade mit unseren Kameraden in Leipzig? Vieles spricht dafür, dass unser Feind beide Teile unserer Einheit zugleich attackieren wird. Vielleicht gibt es unsere Kameraden auch schon nicht mehr.“
„Nun mal nicht gleich so schwarz“, mahnte Christine Sleijpnirsdottir. „Der alte Dolittle ist dabei, also werden sie es irgendwie packen. Er hat es doch immer geschafft. Wisst Ihr noch, wie er dieses Rennpferd in seinem Hangar vor Germaine versteckt hat, um es gegen einen Panzer zu tauschen?“
Einige der Anwesenden grinsten. Die Geschichte war Legende unter den Chevaliers.
„Aber genug von denen. Reden wir von uns. Wie reagieren wir, Juliette?“
„Chris, ich habe absolut keine Idee. Ich bin nicht Germaine, ich… Verdammt, ich koordiniere, aber ich entwickle doch keine Strategien.“
„Das brauchen Sie auch nicht, First Lieutenant“, mischte sich McHarrod ein. „Sie befehlen lediglich, was wir zu tun haben. Den Rest erledigen die Feldkommandeure.“
Mike McLloyd nickte bestätigend.
„Also gut. Der Rahmen ist leicht gesteckt. Der offizielle Kontrakt verpflichtet uns, den HPG zu verteidigen, bis er offiziell Blakes Wort gehört. Danach haben wir die Techniker zu evakuieren. Wir werden uns buchstabengetreu an diese Vorlage halten. Bitten Sie Akoluth Jamison herein.“
„Wir werden den HPG keine Woche lang halten können, Sir“, beendete die StabsChefin ihre Ausführungen für den ComStar-Verwalter der Anlage, „also sollten wir hier so schnell es geht verschwinden, und das mit Ihrer Ausrüstung und Ihren Leuten.“
Der Akoluth schüttelte den Kopf. „Ich glaube es nicht. Ich glaube es einfach nicht. Wie verblendet können diese Fanatiker nur sein? Was erhoffen sie sich davon, den HPG zu erobern, wenn er ihnen sowieso bald gehören wird?“
Juliette hatte eine Erklärung auf der Zunge, schluckte sie jedoch herunter.
„Das ist es also!“, rief Jamison plötzlich und sprang auf. „Die Codes! Natürlich, die Codes! Sie wollen die Hand auf die geänderten Codierungen bekommen! Wir müssen sofort beginnen, sie zu löschen. Wir…“
Harris hob eine Hand. „Sir. Wie lange brauchen Sie dafür? Und wie lange brauchen Sie, um alle Ausrüstungsgegenstände zu verladen, die Ihre Leute mitnehmen sollen?“
„Alles in allem? Die Codes sind mehrfach geschützt. Das wird acht bis zehn Stunden dauern. Die Ausrüstung… Unter Kampfbedingungen dauert es sicher einen Tag.“
„Ein Tag“, murmelte Bishop leise. „Wenn wir sofort anfangen, dann…“
„Wenn wir sofort anfangen, verpassen wir die Gelegenheit, die Worties in eine Falle laufen zu lassen“, sagte Decaroux entschlossen. „Sie können nicht wissen, dass wir von ihrer Anwesenheit und von ihren Vorbereitungen wissen. Aber sie werden es wissen, wenn wir plötzlich den Aufbruch vorbereiten. Es sind zu viele Breiner auf dem Stützpunkt und – Verzeihung, Akoluth Jamison – es könnten Agenten unter dem HPG-Personal sein.“
„Was also schlagen Sie vor, Sergeant?“, fragte Harris ernst.
„Ich schlage vor, dass wir uns leise in Alarmbereitschaft versetzen. Lassen Sie lediglich wie sonst einen Mech patrouillieren. Aber die anderen Piloten sollen in ihren Mechs schlafen. Der Angriff erfolgt diese Nacht, da bin ich mir sicher. Auf diese Weise haben wir unsere Leute unauffällig da, wo wir sie brauchen. Und sobald der erste Schuss gefallen ist, wird es schnell gehen müssen. Mike, deine Panzer werden sicher recht schnell sein. Ihr schlaft ja eh neben dem Hangar.
Lieutenant Bishop, Sie sollten die Patrouillen unauffällig verstärken lassen und den Minenwerfer klar machen lassen. Ansonsten…“
„Ansonsten mache ich mir eine Liste, welcher Teil meiner Ausrüstung verladen werden muß, welcher abmarschbereit ist und dergleichen. Die Koordinierung der Infanterie überlasse ich MacLachlan und Ihnen.“
„Danke, Sir“, meldete sich der Sergeant-Major wortkarg.
„Also bringe ich meine Scharfschützen unauffällig in Position“, schloss Decaroux.
„Was machen wir mit den Breinern?“, fragte die Pilotin nachdenklich.
„Wir schießen erst, sobald auf uns geschossen wurde. Das gilt auch für die Bryanter Miliz“, schloss Juliette Harris ernst.
„Gehen wir auf stillen Alarm und mobilisieren unauffällig unsere Truppen. Der Angriff wird wahrscheinlich tief in der Nacht oder im Morgengrauen erfolgen. Wer patrouilliert in dieser Zeit?“, hakte McHarrod nach.
„Sergeant Fokker, Sir“, sagte Rebecca Geisterbär ernst. „Soll ich sie auswechseln?“
„Nein, denn erstens ist sie eine gute Pilotin“, erwiderte er leise, „und zweitens werden unsere Gegner keinen Verdacht schöpfen, wenn unsere jüngste Pilotin alleine patrouilliert.“
„Sie könnte getötet werden, wenn sie überrascht wird“, wandte Decaroux ein.
„Sie wird nicht überrascht werden“, mischte sich Lieutenant Harris ein. „Informieren Sie sie über den Sachverhalt, McHarrod. Ihre Kommandos, Decaroux, sorgen für den Rest. Alles andere liegt nicht in unserer Hand.“
„Apropos Hand“, meldete sich Mike McLloyd noch einmal zu Wort, „was ist mit Germaine? Ich meine, die Bryanter halten vielleicht still, solange wir auf dieser Welt sind und er bei ihnen eingeknastet ist. Aber ich dachte eigentlich, wir würden ihn mitnehmen.“
Juliette Harris und Charles Decaroux tauschten einen amüsierten Blick.
„Akoluth Jamison, Sie brauchen einen guten Tag, um alles einzupacken? Sie beginnen am Besten beim ersten Schuss. Demnach werden Sie mitten in der Nacht fertig werden. Sergeant Decaroux, starten Sie Operation Falke Morgen um Mitternacht.“
Der Infanterist schmunzelte. „Verstanden.“
„Operation Falke?“, fragte Kiki hoffnungsvoll.
„Wir holen uns unseren Kommandeur zurück“, informierte Harris mit mattem Lächeln. „Kurz bevor wir abfliegen.“
„Das klingt doch gut. Was machen meine Flieger?“, hakte Kiki nach.
„Na was wohl?“, erwiderte Harris. „Nach dem ersten Schuss steigen sie auf und zerbomben alles, was ein Blakes Wort-Logo trägt – innerhalb unserer von Duke Dvensky zugewiesenen Zone natürlich.“
Sie sah in die Runde. „Danke. Sie alle haben mir sehr geholfen. Nach dem ersten Schuss übernimmt First Lieutenant McHarrod die Kampftruppen. Bitte folgen Sie ihm so tapfer wie Major Danton. Und lassen Sie sich nicht töten. Fragen?“
Stille.
„Gut. Dann los.“
Die lange Nacht begann…
Ace Kaiser
09.04.2005, 16:48
Akoluth Delaware ließ sich matt in seinem Sessel zurück sinken. Sie hatten also begonnen. Die Truppen der Wahren Gläubigen in der alten Ruinenstadt Leipzig hatten den Kampf mit den Chevaliers aufgenommen. Das konnte nur bedeuten, dass ROM Recht behalten hatte. Die Chevaliers waren hinter den Sturminhibitoren aus der Sternenbundära her gewesen. Und anscheinend hatten sie diese auch gefunden. Delaware schloss aus, dass sie einer ominösen Schatzkarte gefolgt waren. Vielmehr nahm er an, und das sicher zu Recht, dass die Söldner im Auftrag ComStars handelten. Nur von ComStar hatten die Leute um diesen Danton derart präzise Ortsangaben erhalten können, um den Satelliten binnen weniger Tage zu lokalisieren und zu bergen.
Damit nahmen sich die Mietlinge ein wenig zuviel heraus. Nicht nur, dass sie es wagten, für die Verräter und Dämonen zu arbeiten, nein, sie hielten dem wahren Orden auch die Kraft des reinigenden Feuers vor, mit dem die Innere Sphäre bekehrt und gesäubert werden konnte.
Delaware legte beide Hände vor sein Gesicht. War es also soweit? War es tatsächlich soweit?
Leise begann er zu lachen.
„So beginnt es also“, stellte er atemlos fest. Nur um sich selbst zu korrigieren: „Nein, so endet es.“
Langsam näherte sich seine Hand dem Telefon. Sollte er wirklich? War es soweit? Sicher war nur eines. Nun, da die Chevaliers in Leipzig der Maske der harmlosen Havaristen beraubt waren und kurz vor ihrer Vernichtung standen, sollte, nein, musste das gleiche Schicksal ihren Kameraden in Brein widerfahren. Darüber hinaus musste verhindert werden, dass sie ihren Kameraden zu Hilfe kommen konnten, um den Erfolg von Blakes Wort doch noch in letzter Sekunde zu vereiteln.
Dafür mussten die Kräfte der Chevaliers in Brein gebunden oder vernichtet werden.
Kurz zögerte Delawares Hand vor dem Telefonhörer. Gewiss, der Verrat von ComStar in dieser Sache, die gewollte Täuschung wog schwer, vor allem, nachdem sie so geschickt aufgebaut und durchgezogen worden war. Nur durch das dichte Agentennetz des heiligen Ordens war es gelungen, dieses schändliche Vorhaben zu vereiteln.
Dieser Satellit, nein, diese Waffe musste in den Besitz des Ordens kommen, egal wie.
Egal wie? Dieser Gedanke ließ den Akoluthen erneut zögern. Nein, nicht egal wie.
Fakt war, dass sie die Chevaliers binden mussten, um ihnen die Chance zu nehmen, den Kameraden auf Tomainisia zu Hilfe zu eilen.
Außerdem musste das ach so säkularisierte ComStar davon abgehalten werden, auf irgendeine Weise einzugreifen. Auch der Wunsch von Präzentor St.Jamais, im neugegründeten Sternenbund als Probemitglied aufgenommen zu werden durfte nicht unachtsam torpediert werden.
Er brauchte Argumente, schlüssige Argumente, die sogar den Rat des Sternenbundes überzeugten.
ComStar musste als das hingestellt werden, was es war. Und Blakes Wort musste als der Retter und Befreier erscheinen, der es war.
Also, kam Delaware zu einer Entscheidung, mussten sie die Bryanter Regulars aus den folgenden Kämpfen heraus halten. Ein Angriff der Truppen des Counts gegen die zum Schutz des HPG angeworbenen Söldner war gleichbedeutend mit einem Angriff auf den HPG und würde geahndet werden, mit aller Kraft, über welche die ComGuards in dieser Region verfügten. Damit würden sie nicht nur die Übernahme des Beta-HPG verhindern, nein, sie würden auch eine ihnen gefällige Regierung etablieren können und Bryant auf lange Zeit als Stachel im Fleisch der Flanke des Ordens der Wahren Gläubigen hinterlassen.
ComStar durfte keine offizielle Handhabe gegen Count Dvensky erhalten.
Delaware dachte nach. „Also ein interner Konflikt. ComStar-intern. Wir gegen die Chevaliers. Keine Einmischung von außen und volle rechtliche Absicherung. Aber was ist das Motiv? Was ist unser Motiv?“
Nachdenklich rieb sich Delaware die Schläfe. Sobald der Satellit erst einmal im Besitz der Wahren Gläubigen war, dann würden dennoch Jahre vergehen, bevor aus dem ehemaligen Sturminhibitor eine Waffe entwickelt und diese auf die Flotte verteilt worden war.
ComStar musste in dieser Zeit nur ohnmächtig zuschauen können, wie Blakes Wort die Waffen entwickelte und perfektionierte.
Also musste die Zerschlagung, besser noch die Vernichtung der Chevaliers auf rechtlich einwandfreien Füßen stehen.
Eine offene Anklage vor dem Rat des Sternenbundes durfte nicht gelingen.
In einem aber war sich Delaware sicher. ComStar würde einen Teufel tun und den Großen Häusern verraten, welche gespenstische Waffe die Chevaliers für sie auf Tomainisia bergen sollten. Selbst wenn sie im Besitz des Wahren Ordens war, würden die weltlichen Ketzer auf geheime Aktionen setzen, anstatt die Häuser zu verprellen oder sogar unter ihrem Banner zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen.
Das bedeutete, wenn seine BlakeGuards hier auf Bryant den Satelliten erobern konnten, wenn die Chevaliers in Brein beschäftigt oder vernichtet werden konnten, dann gehörte die Technologie ihnen, ihnen allein. Solange ComStar keine rechtliche Handhabe gegen den Angriff hatte.
Ein schmales Lächeln huschte über Delawares Gesicht, als er erneut zum Telefon griff.
Vor ihm flammte ein Bildschirm auf und zeigte das hagere Konterfei Dvenskys. Der Schatun war sogar so spät am Abend noch in seinem Büro. Manchmal bekam man den Eindruck, der Mann würde nie Schlaf benötigen.
„Der Segen Blakes über Sie, Count Dvensky“, begrüßte Delaware den Herrscher dieser Welt.
„Guten Abend, Akoluth Delaware. Was kann ich für Sie tun?“
Der Akoluth versuchte, ein neutrales Gesicht zu machen. „Ich kann heute etwas für Sie tun. Ich überbringe Ihnen leider eine traurige Nachricht. Es sieht ganz so aus, als wäre das Teilkontingent der Chevaliers an Bord der SKULLCRUSHER nicht abgestürzt. Im Gegenteil. Alle Hinweise deuten darauf hin, dass diese Gruppe Chevaliers gezielt nach Leipzig geschickt wurde, um dort illegal nach LosTech zu suchen.“
Leonid Sergejewitsch Dvensky runzelte die Stirn. „Der Verdacht liegt nahe.“
Delaware nickte. „Die Hinweise sind erdrückend und ich erwarte stündlich die Beweise. Sobald diese vorliegen…“
„Moment, Akoluth Delaware“, unterbrach der Count den anderen. „Ich sollte Sie an dieser Stelle vielleicht darüber informieren, dass Major Danton, der derzeit in meinem Amtssitz als Gast weilt, nach dem Absturz der SKULLCRUSHER sofort eine Bergungslizenz erworben hat. Bis auf die Tatsache, dass das Maultier keinen Verbindungsoffizier an Bord hat, habe ich wenig rechtliche Handhabe gegen die Chevaliers.“
Für einen Moment versteifte sich Delaware. Ergriff der Mann, der heimlich Schatun genannt wurde, hier Partei für die Söldner?
Nein, entschied der Akoluth. Dvensky hasste Mietlinge.
„Nun, dann informiere ich Sie darüber, dass diese Lizenz unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erworben wurde und die Chevaliers niemals vorhatten, ihre Beute taxieren zu lassen. In den Augen von Blakes Wort ist dies mehr als ein Raub. In den Augen von Blakes Wort ist dies sowohl eine Deklassierung ComStars als auch eine beschämende Handlung gegen den wahren Rechtsnachfolger Blakes Wort. Sie wurden belogen und hintergangen, und all dies im Namen von ComStar. Mein Orden kann das nicht gut heißen.“
Eine Zeitlang sahen sich die beiden Männer stumm an.
„Und das bedeutet?“, fragte Dvensky schließlich, obwohl er die Antwort sicher kannte.
„Das bedeutet, dass wir diesen Vorfall, der ComStar-intern geschehen ist, auch ComStar-intern regeln werden. Im Namen von ComStar und Blakes Wort entschuldige ich mich in aller Form dafür, dass die Chevaliers als Beschützer des Beta-Hyperpulsgenerators eingesetzt wurden und verspreche, die Einheit augenblicklich zu maßregeln, die Plünderer aufzubringen und Bryant Ihr Eigentum zurück zu bringen.“
„Falls Sie Hilfe bei dieser Aktion brauchen…“, bot Dvensky leise an, doch der Akoluth unterbrach ihn.
„Wie ich schon sagte, Blakes Wort betrachtet diesen Vorfall als interne Angelegenheit. Es gäbe einen schlechten Ruf, wenn die Schamlosigkeit der Chevaliers bekannt werden würde. Deshalb wollen wir die Sache auch intern regeln, bevor sie Wellen schlägt.
So sehr wir dem verhassten säkularisierten Teil des Ordens einen Hieb auf die Nase gönnen, dieser Vorfall fällt auch auf uns zurück. Denn wir sollen den HPG übernehmen. Und wir können und konnten gegensteuern. Was wir hiermit tun.
Darum bitte ich Sie, Count Dvensky, ziehen Sie Ihre Leute bis drei Uhr Morgens Breiner Ortszeit rund um das HPG ab und lassen Sie den Rest der Aktion von mir regeln. Ich werde die Chevaliers mit unserem Wissen konfrontieren und notfalls maßregeln.“
Zögernd nickte Dvensky. „Wenn dies der Wille von Blakes Wort ist, dann widerspreche ich nicht. Also gut, ich betrachte es als interne Angelegenheit und gebe keine Hilfestellung. Keiner Seite. Bryant ist in diesem… Streit neutral.“
„Ich danke Ihnen für Ihr Entgegenkommen, Mylord. Ach, etwas ist da aber noch. Major Danton, sagten Sie, ist derzeit Ihr Gast? Nun, ist es möglich, dass er… ah, Ihre Gastfreundschaft noch etwas länger genießt? Er ist eventuell der Initiator der Aktion. Wenn er außen vor bleibt, fallen uns eventuell die Untersuchungen leichter, die wir vorzunehmen gedenken.“
Wieder nickte Dvensky. „Major Danton sollte sowieso noch einige Tage mein persönlicher Gast bleiben. Ich sehe keinen Grund, dies nun zu unterbinden.“
Nun nickte auch Delaware gelassen, obwohl der Triumph ihn innerlich hinfort zu spülen drohte. Mit dem Major in der Festung inhaftiert verzichteten die Chevaliers auf ihren Kommandeur und Strategen. Ihr Ende war so gut wie besiegelt.
„Ich danke Ihnen im Namen Blakes und hoffe weiterhin auf eine problemlose Zusammenarbeit, Mylord.“
Dvensky nickte erneut. „Auch ich hoffe auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit zwischen meiner Welt und Ihrem Orden, Akoluth Delaware.“
Der Bildschirm erlosch und Delaware ließ sich nach hinten sinken. Obwohl es keinen Plan für diese Entwicklung gab, so lief doch alles wie am Schnürchen.
Diesmal aktivierte er die Sprechanlage. „Geben Sie Demi-Präzentor Kiluah Bescheid. Die Politik hat ihre Aufgabe erfüllt. Nun ist die Miliz an der Reihe, Taten folgen zu lassen.“
**
Nachdenklich saß Juliette Harris in ihrem Sessel im Mobilen HQ, dem Herzstück der Chevaliers. Es war bereits spät in der Nacht, eigentlich schon fast Morgen, aber sie fand einfach nicht die Ruhe, um sich ablösen zu lassen oder schlafen zu gehen. Schmerzhaft wurde ihr bewusst, dass die ganze Last der Verantwortung nun auf ihrer Schulter lastete. Die Last, die der folgende Angriff erbringen würde.
Die Last, die sonst Germaine tragen musste.
Der Gedanke ernüchterte sie ein wenig, immerhin genug um nach der halbvollen Kaffeetasse zu greifen.
Nach einem Schluck der nur noch lauwarmen Brühe kehrten ihre Gedanken zu dem Freund und Vorgesetzten zurück.
Germaine war in Dvenskys Festung, quasi als lebende Versicherung, dass die Bryanter ihnen nicht in den Rücken fielen, sobald Blakes Wort angriff. Und das Blakes Wort angreifen würde, stand außer Frage.
Sie hatte Charles nicht gefragt, wie er die Lagerhalle, in der sie Blakes Wort vermuteten, überwachte, aber auf irgendeine Art tat er es.
Seine Meldung über gestiegene Aktivität war es nun gewesen, die ihren Plan zustande kommen ließ.
Draußen patrouillierte Jara Fokker, ihr Küken aus der Schlaglanze, das scheinbar unerfahrenste Mitglied der MechTruppen, alleine, ohne Partner.
In der Kaserne war alles ruhig, aber die Mech-Krieger schliefen so heimlich wie es ging in ihrem Maschinen, um so schnell es ging, eingreifen zu können, sobald der Angriff erfolgte.
Daran zweifelte niemand hier.
Die arme Jara. Sie sah wirklich nicht gut aus in letzter Zeit. Ob sie mit dem eisigen Temperament der Breiner nicht klar kam? Oder schockierte sie die Schwangerschaft ihrer Freundin Dawn, die von Doc Wallace vor zwei Tagen von ihrem Mech abgezogen worden war? Egal was, etwas nagte an ihr. Und ohne ihre Freundin konnte ihr niemand helfen, ihre Last zu stemmen. Juliette war niemand bekannt, der mit Jara ähnlich eng befreundet war wie Dawn. Nun gut, Germaine hatte in väterlicher Manier immer ein offenes Ohr für sie, aber er befand sich in Haft.
Ein wenig bereute Juliette es, keine freundschaftliche Beziehung zu der Puma-Pilotin aufgebaut zu haben. Jara hätte sich dann wenigstens bei ihr ausheulen können.
Die Sache mit dem BH damals wäre ein erstklassiger Vorwand gewesen. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie selbst auch die eine oder andere Freundin hätte brauchen können. Denn außer mit Cindy war Juliette mit keiner anderen Frau der Chevaliers besonders warm geworden. Miko vielleicht, aber die war in Leipzig und kämpfte eventuell gerade um ihr Überleben. Belinda? So, wie sie den armen Germaine vorgeführt hatte, fand Juliette ihre Entscheidung, auf Distanz zu bleiben, vollkommen richtig. Dieses falsche Stück.
Wieder dachte sie an Jara. Auf ihrem Bildschirm patrouillierte ihr Mech knapp am Rande der Halbkilometer-Bannzone. Sie würde den ersten Angriff schlucken müssen.
McHarrod vertraute der jungen Kriegerin, missbrauchte sie wissentlich als Lockvogel, war aber dennoch überzeugt, dass sie überleben würde.
Juliette nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Wenn Jara überlebte – wenn sie beide überlebten – dann würde sie sich bemühen, zu der niedlichen blonden Mechkriegerin eine Freundschaft aufzubauen.
Sie sah auf einen anderen Bildschirm, der die Statusanzeigen der Mechs wiedergab. Alle standen im Leerlauf, mehrfach gesichert, damit unbedachte Bewegungen der Schlafenden sie nicht aktivierten.
Nicht alle schliefen. Merkwürdigerweise spielten Sergeant-Major Rebecca, ihre Clansschwester Judith, Damien Mulgrew und Cadet Simstein Karten, anstatt sich auszuruhen.
Dieses Bild erschien Juliette verständlicher als Marvin Marv Mayhem, der tatsächlich die Ruhe zum schlafen fand. Auch First Lieutenant McHarrod hatte keine Probleme, in dieser Situation zu schlafen.
Juliette bewunderte ja die Soldaten, die tatsächlich überall und jederzeit schlafen konnten. Sie selbst kam mit lediglich vier Stunden aus, fünf waren schon Luxus für sie.
Ein anderer Bildschirm zeigte die Panzer. Mike McLoyd und seine Leute campierten direkt neben ihren schweren Maschinen. Sie waren bereit, im Falle eines Angriffs sofort los zu legen.
Übergangslos erhoben sich alle Panzerfahrer, begannen sich zu strecken und zu gähnen und in ihre Stiefel zu schlüpfen. Irritiert sah Juliette auf die Uhr und erkannte, dass es kurz vor vier war. Die Panzerfahrer hatten sich einen Wecker gestellt und beschlossen, rechtzeitig aufzustehen, bevor die Kampfhandlungen begannen, wie es aussah.
Nun, sie hatten nicht umsonst den Namen Dantons Höllenhunde. Auch wenn sie oberflächlich betrachtet laut, ungehorsam, flegelhaft und raufsüchtig wirkten, sie waren sehr stolz auf ihren Status als Panzerfahrer. Und sie leisteten eine Menge, um als Panzerfahrer respektiert zu werden und nicht gegen ihre Kollegen in den Mechs zu verlieren.
Mike war nahtlos in die Fußstapfen von Patrick Dolittle gestiegen und hatte seine Leute in der Krise gut im Griff. Das war ein gutes Zeichen für das Überleben der Chevaliers, fand die Stabschefin.
„Sparrow meldet Beschuss!“, gellte es plötzlich durch das HQ.
Sofort reagierte Juliette. Ihr Blick ging auf das zentrale Holo, auf dem sowohl das HPG als auch das direkte Umland dargestellt wurden. Ein Icon zeigte die patrouillierende Jara Fokker in ihrem Puma.
Drei bisher nicht identifizierte Icons tauchten gerade am Rande auf und wurden sofort rot dargestellt. Rot – feindlich.
Juliette ließ die Situation auf sich wirken, für unendliche drei Sekunden, in denen Jara mit ihren Waffen zurück feuerte.
Blakes Wort war da. Und sie würden sich sicher nicht mit Taktik aufhalten, wenn sie glaubten, die Chevaliers überrascht zu haben.
„Alarm!“, rief sie über den Lärm hinweg. „Sparrrow soll sich zurückziehen, aber den Feindkontakt halten. Nachricht an die Landungsschiffe: Schickt die Jäger raus!“
„Fallen Angels bestätigen. Hellboy und Kiki sind auf dem Katapult, GAZ drei Minuten. Freigabe der Bryanter liegt vor“, meldete Karel Svoboda atemlos. Seine Hände zitterten. Sein zweiter Kampf, und er konnte nichts tun außer seinen Job im Stab.
„Lieutenant Haris“, erklang die Stimme von Wolf in ihrem Headset.
„Lupo?“ „Harris, Sie sitzen an einem Holotisch. Sie haben eine bessere Übersicht als ich. Wenn Ihnen also etwas auffällt, was mir und den anderen helfen kann, raus damit.“
Juliette sah auf die verschiedenen Monitore. Die Scoutlanze der Panzer verließ gerade geschlossen den Hangar, während der Grim Reaper von Sergeant Niedermeyer Probleme zu machen schien. Natürlich im ungünstigsten Augenblick. Aus dem MechHangar schob sich soeben der Tai-sho hervor, dicht gefolgt vom Kriegshammer IIC sowie dem modifizierten Marodeur von Damien Mulgrew. Brachte das Kartenspielen also doch was.
„Hellboy und Kiki sind auf dem Weg. Die Bryanter ermahnen uns erneut, unseren zugewiesenen Korridor nicht zu verlassen. Die Panzer sind zu fünfzig Prozent bereit, die Mechs zu dreißig.
Digger meldet Sprungtruppen und Kommandos zu vierzig Prozent bereit.
Sniper sind in Position. Im Moment spotten sie nach Zielen. Mehr gibt es, wenn ich selbst mehr habe.“
„Verstanden. Halten Sie mich auf dem Laufenden.“ Der Thor, die alte Mühle von Germaine, verließ nun den Hangar, um seiner Lanzenkameradin Jara zu Hilfe zu eilen.
Danach folgte der Dunkelfalke von Artemis.
Juliette drehte sich in Richtung des Kartentischs. Die drei angreifenden Kontakte waren mittlerweile identifiziert worden. Sie fuhren Transponder, und das erschreckte die Stabschefin enorm. Denn dies bedeutete nur eines: Blakes Wort rechnete nicht damit, für ihren hinterhältigen Angriff belangt zu werden.
Ein vierter Kontakt trat nun hinzu und eröffnete ebenfalls das Feuer auf den Puma.
Jara hielt sich gut, erschreckend gut. Torso und linker Arm hatten Panzerung verloren, aber es war noch nicht sehr arg. Den Gegner auf über sechshundert Meter zu halten hatte den Schaden minimiert. Außerdem war sie nur noch wenige Dutzend Meter vom rettenden Innenhof entfernt.
„Identifikation. Angreifer ist laut Transponder Blakes Wort. Ich wiederhole, Blakes Wort. Angreifende Mechs identifiziert. Kontakt Alpha ist ein Raijin, Typenkennung wahrscheinlich RJN101-C. Kontakt Beta ist ein Wyvern, Typenkennung wahrscheinlich WVE-10N.
Kontakt Charly ist ein Kintaro, Typenkennung wahrscheinlich KTO-21.
Kontakt Delta ist ein Lancelot, Typenkennung wahrscheinlich LNC25-01.“
Das ermöglichte ihnen einen ersten Überblick der Lage. Vier angreifende FeindMechs, mittelschwer und schwer. Sie rechneten mit acht, also dachte Juliette nicht daran, sich durch das vermeintliche Ungleichgewicht zugunsten der Chevaliers einlullen zu lassen.
„Weiterer Kontakt“, meldete der OrtungsTech. Ein neuer roter Blip tauchte am Rande der Karte auf. „Es ist ein… Scheiße! Kontakt Ecco ist ein Highlander, Typenkennung wahrscheinlich HGN-736.“
Erschrocken atmete Juliette aus. Ein fünfundneunzig Tonnen schweres Assault-Monster.
Irgendwie konnte sie überdies nicht glauben, dass die Blakies eine derart große Lücken von fünfunddreißig Tonnen zu ihrem schwersten Mech zuließen. Sicher war dort mindestens noch ein weiterer Mech verborgen, um die Sektion zu füllen.
„Erhöhte Aufmerksamkeit auf den rückwärtigen Bereich“, befahl sie ernst. Sie wären nicht die erste Einheit gewesen, bei der ein Feind an die Tür geklopft hätte, um durch den Hintereingang einen Überraschungsangriff durchzuführen.
„SCHEIßE!“, klang ein lauter Fluch über den Gefechtsfunk auf. Jara Fokkers Puma ging getroffen in die Knie. Zwei PPK-Treffer hatten sie herum gewirbelt.
„Schlaglanze ausrücken, Befehlslanze ausrücken“, befahl McHarrod tonlos. „McLoyd, bring deine Scouts und die Artilleriepanzer mit. Wir gehen mit den Blakies spielen. Aber haltet euch von dem Lancelot und dem Highlander fern.“
Der Thor verließ als erster die vermeintliche Sicherheit der Kaserne und trat ins Freie. Sofort feuerte er die Autokanone auf den vordersten FeindMech ab, den Wyvern und wurde mit einem Treffer belohnt. Die Scouts huschten zwischen dem Thor und dem ebenfalls heraus tretenden Dunkelfalke hindurch, fuhren auf die linke Flanke und begannen einen Störangriff auf den Raijin.
Nur um plötzlich Beschuss von der Seite zu bekommen.
„Neuer Kontakt!“, meldete der OrtungsTech. „Kontakt Ecco ist ein Black Knight, Typenkennung wahrscheinlich BL9-KNT.“
„Das sagst du uns reichlich früh“, beschwerte sich Corporal Yassin, die Kommandantin des Saracen der Erkundungslanze der Panzer. Ihr Saracen hatte zwei der Medium Puls Laser abbekommen und war einer PPK nur knapp entgangen.
„Kommt von der Flanke zurück“, befahl Decius Metellus ernst. „Gegen dieses Monster nützt Ihr uns nichts. Archer, wie wäre es mit einem Entlastungsangriff für unsere Kameraden?“
„Kommt sofort“, meldete der Kommandeur der Artillerielanze der Panzer.
Kurz darauf entsandten die vier LSR-Werfer der Artillerielanze von Sergeant Gordon einen ersten Feuerschlag, der in Richtung des Wyvern, des Black Knight und des Raijin ging, aber aufgrund der Entfernung nur wenige Schäden verursachte.
Doch anscheinend reichte es aus, um die drei Mechs anhalten zu lassen. Kurz darauf zogen sie sich aus der Waffenreichweite zurück.
„Sparrow, Hermes vier“, sprach Juliette Harris den Puma und den Saracen an, „ziehen Sie sich zurück und lassen Sie eventuelle Reparaturen vornehmen.“ In Gedanken fügte sie hinzu: Solange wir eine unbeschädigte Basis haben und dies noch tun können.
„Negativ, Home Base“, kam die Erwiderung von Sparrow. „Ich bin noch fit.“
„Die Nacht ist noch lang, Mädchen“, erklang das Anastacia Yassins Stimme. „Da sollten wir für jeden Panzerflicken dankbar sein, den die Techs uns aufschrauben können. Hermes vier kommt rein.“
„Sparrow kommt rein“, meldete nun auch Jara missmutig.
Innerlich atmete Juliette auf. Die erste Runde hatte die junge Kriegerin überstanden.
Vor dem HPG nahmen nun die Mechs knapp vor den LSR-Werfern Aufstellung und warteten auf den nächsten Angriff, während die übrigen Chevaliers bereit waren, zur anderen Seite zu sichern. Oder von wo sonst auch immer der nächste Schlag erfolgte.
„GAZ Hellboy und Kiki eine Minute“, meldete ein KommTech. „Icecream und Hotshot gestartet.“
Dies würde noch eine sehr lange Nacht werden, dessen war sich Juliette sicher.
Ace Kaiser
16.04.2005, 15:16
Demi-Präzentor Aden Kiluah bewegte seinen Highlander vorsichtig durch die ausgewiesenen Straßen von Brein. Feldjäger der Regulars lotsten ihn und seine zwölf Mechs starke Truppe durch die eisigen Straßen der planetaren Metropole. Sie nahmen ausschließlich die verstärkten Straßen, welche die wuchtigen Schritte der bis zu neunzig Tonnen schweren Mechs auch verkrafteten. Brein war mit einem wahren Netz dieser Wege durchzogen, hatte aber auch genügend Straßen und Gassen, in denen ein Mech einsank. Dies war aber nur eine von vielen kleinen Gemeinheiten, die einen Invasor auf Bryant erwartete, was die Söldner der New Home Regulars neulich schmerzhaft erfahren mussten.
Kiluah machte sich seine Notizen, vielleicht würde er diese Informationen irgendwann einmal brauchen.
Trotz der eng beieinander stehenden Häuser erreichten sie das weiträumige und kaum bewohnte Gebiet um den Beta-Hyperpulsgenerator relativ zügig.
Knapp vier Kilometer vor dem HPG ließ Kiluah halten, um ein letztes Mal den Plan zu besprechen.
„Ihr wisst alle, wie wir vorgehen wollen. Zuerst greift eine Hälfte den einsam patrouillierenden Puma an und so Blake es will, vernichtet sie ihn. Eine Clansmaschine weniger, die von den verräterischen Erben Kerenskys gebaut wurde und die Innere Sphäre mit ihrer Anwesenheit besudelt.
Wir halten den Beschuss und ziehen die gegnerischen Mechs aus dem Hangar. Danach attackiert die andere Hälfte unserer Einheit die Anlage über das zweite Haupttor, nimmt den Feind in die Zange und reibt ihn auf. Fragen?“
„Der Wille Blakes spricht durch dich, Demi-Präzentor Aden Kiluah“, meldete sich Adept IV Montjar Jefferson zu Wort, der Pilot des Wyvern, „aber warum greifen wir nicht frontal an? Wir gehen mit Höchstgeschwindigkeit vor, radieren den Puma nebenbei aus, dann springen die sprungfähigen Mechs unserer Einheit in den Innenhof und radieren alles aus, was aus den Hangars kommt. Danach vernichten wir noch die Infanterie und löschen die Verräter von ComStar aus und die Sache ist erledigt. Vier Minuten maximal und Blakes Segen wird auch auf diesem Planeten weilen.“
Aden Kiluah zwang sich mühsam, seine verkrampften Hände wieder etwas zu lockern, bevor er sprach. „Montjar“, sprach er ihn in familiären Ton an, „das ist ein guter Plan und verspricht einen schnellen Sieg. Aber leider geht es hier nicht nur um Kampf sondern auch um Politik.“
Aden ließ den humanoiden Highlander herumfahren und in die nächste Seitengasse zeigen, in der eine Lanze schwerer Shukow-Panzer aufgefahren war.
„Wir können leider nicht so angreifen wie wir gerne möchten, sondern müssen so behutsam vorgehen wie ein Chirurg bei einer Operation. Count Dvensky hat uns eine klare Auflage gegeben, die Kollateralschäden so gering wie möglich zu halten, deshalb müssen wir einerseits aus Richtungen angreifen, in denen unser Feuer und Feindfeuer die Wohngebäude in der Umgebung des HPG nicht beschädigt. Ob dies in der Hitze des Gefechts möglich ist sei dahingestellt, aber eine Evakuierung der betroffenen Häuser hätte die Chevaliers gewarnt.
Und andererseits will ich die Schäden am Beta-HPG so gering wie möglich halten.“
Wieder ballte Kiluah die Hände zu Fäusten und umspannte die Steuersticks mit schmerzhafter Intensität. „Es wäre ein viel zu leichter Sieg für die Ungläubigen, wenn sie den Beta-HPG, der uns sowieso zusteht, mit ihren letzten Zuckungen beschädigen würden.
Ist deine Frage beantwortet, Montjar?“
„Ja, Demi-Präzentor. Aber setzen wir uns nicht der Gefahr durch Luftangriffe aus?“
Für einen Moment dachte der Anführer der Mechtruppe darüber nach.
„Ja“, lautete seine schlichte Antwort. „Aber unsere C3i-Vernetzung wird uns hier einen Vorteil verschaffen. Oberste Priorität muß der Schutz des HPG haben. Die zweite Priorität ist zu verhindern, dass die Bryant Regulars uns zum unpassendsten Zeitpunkt in den Rücken fallen, weil wir zivile Gebäude beschädigt haben.“
„Hältst du das für möglich, Demi-Präzentor?“, fragte Akoluthin Lena Hayes, die Pilotin des Black Knight.
„Der Schatun“, antwortete Kiluah leise, „ist ein gefährlicher Mann, der immer zuerst seinen eigenen Vorteil sucht. Wenn es ihm passt, uns in den Rücken zu fallen, wird er es tun. Solange er eine Regierung auf diesem Planeten stellt oder unterstützt müssen wir ihn als permanente Gefahr betrachten.“
„Aber warum vernichten wir die Ungläubigen nicht gleich mit? Blakes Wille geschehe.“
Kiluah schmunzelte bei diesem Enthusiasmus. „Erstens ist die dritte Sektion II gerade in Leipzig und fehlt uns hier an allen Ecken und Enden. Und zweitens erwarten uns bei den Chevaliers drei Lanzen Panzereinheiten, eine Kompanie Infanterie und eine Kompanie Mechs. Dazu zwei Lanzen Luft/Raumjäger. Außerdem hat uns eine vertrauliche Quelle mitgeteilt, dass das Gelände vor dem HPG unregelmäßig vermint wurde. Ich denke, wir können uns nur mit einem Gegner zugleich herum ärgern. Vernichten wir die Chevaliers. Um das andere Problem werden wir uns ein anderes Mal kümmern. Weitere Fragen?“
Stille antwortete ihm. „Gut. Dann los.“
**
Juliette Harris betrachtete ihre zitternden Hände. Sie hatte schon oft im Gefecht gestanden, aber noch niemals hatte sie soviel Verantwortung getragen wie heute. Selbst als es Team Stampede erwischt hatte, war sie nicht so nervös und verzweifelt gewesen wie heute.
„Germaine“, murmelte sie leise und biss sich nervös auf die Lippen, „wie kannst du mich in so einer Situation allein lassen?“
„Home Base“, erklang die Stimme von First Lieutenant Sleijpnirsdottir über TakKom, „habe hier eine kurze Übersicht, sieht nach den genannten Brocken aus, inklusive eines Shootist und Guillotine, sowie Crockett beim Highlander. Nach der Trefferquote dieses Lancelot zu urteilen, haben die entweder saugute Schützen, oder sie verwenden K3 Computer.“
„Verstanden Kiki, wir achten darauf. Home Base Ende“, meldete KommTech Adams, der die Flieger koordinierte.
„Home Base, Fallen Angels One und Three, Fallen Angels Two und Four schließen auf, GAZ eine Minute, verzeichnen Tangos in eure Richtung kommend, plus sechs, wiederhole, plus sechs Tangos, Typenbezeichnungen folgen. Icecream out.“
Erschrocken sah Juliette auf. Es war klar, dass Blakes Wort sich nicht nur auf eine Sektion II beschränken würde, um das HPG anzugreifen. Aber die zweite Sektion II war zu einem Zangenangriff unterwegs.
„ Roger, Kiki hat verstanden, Home Base, wir machen die Aufklärung und geben euch Deckung, ich empfehle, dass ihr euch die beiden Brocken schnappt, die sind recht isoliert, hier drüben sind die Deckungsfelder zu gut! Fallen Angels werden mal ein wenig aufräumen gehen.“
Juliette hörte dem Funk der Flieger nur noch mit einem Ohr zu, als sich eine neue Stimme meldete. „Sparrow ist im Hangar zusammengebrochen!“
Die Stabschefin der Chevaliers seufzte tief und ließ sich in ihren Sessel sinken. Danach hatte das Mädchen auch schon seit Tagen ausgesehen. Es war Glück für die Chevaliers, dass sie ihre Aufgabe noch hatte erfüllen können und ihren Mech nahezu unbeschädigt vom Schlachtfeld gebracht hatte, bevor sie eingeknickt war.
„Schlafen lassen“, kommentierte Juliette. „Auf dem Schlachtfeld ist sie im Moment ein Risiko. Und wenn Blakes Wort uns nicht in den nächsten Minuten ausradiert, dann wird das hier eine lange Nacht werden. Dann können wir eine halbwegs ausgeruhte Kriegerin auf dem Puma noch gut gebrauchen.“
„Ich stimme zu“, sagte Wolf McHarrod leise. „Haben Sie Neuigkeiten für uns, Home Base?“
„Es sieht so aus, als würde sich eine zweite Sektion II aus der anderen Richtung nähern. Die Frage ist nun, wollen Sie sie eindringen lassen oder treten Sie ihnen entgegen, Lupo?“
„Wir rücken aus. Gegen C3 hilft nicht viel, aber wenn wir unser eigenes Schussfeld einschränken, helfen wir Blakes Wort zusätzlich. Die Infanterie soll auf Springer aufpassen. Ein leichter oder mittelschwerer Mech innerhalb der Mauern kann furchtbare Verwüstungen anrichten.“
„Verstanden, Lupo“, sagte Juliette leise.
„Sergeant Rowan und sein Team rücken mit mir aus. Wollen wir doch mal sehen, ob wir Blakes Wort nicht etwas Neues beibringen können.“
„Hauptsache, es sind keine Veteranen von Tukkayjid dabei. Dann dürften unsere Elementare eine Überraschung erleben.“
„Anders wäre es ja langweilig“, kommentierte McHarrod. Beinahe glaubte Juliette, sein Grinsen sehen zu können.
„Ich brauche so schnell es geht eine Identifikation der anderen sechs Mechs. Tempo, Leute.“
Leise fügte sie hinzu: „Davon hängt das Überleben der Einheit ab.“
**
Nervös marschierte Germaine Danton in seinem Zimmer auf und ab. Vor einer Stunde hatte man ihn geweckt und ihm mitgeteilt, dass die Blakes Wort-Miliz mit einem Angriff auf das Beta-HPG begonnen hatte. Woher die Miliz plötzlich gekommen war und über welche Einheiten sie verfügte war kein Wort verlautet. Es war gut möglich, dass Dvensky davon ausging, dass Germaine dieses Wissen schon besaß. Oder er wollte ihn ein wenig im eigenen Saft schmoren lassen.
Auf einmal kam ihm seine Idee, sich als Geisel anzubieten nicht mehr ganz so gut vor. Ohne Manfred, der noch immer auf Station lag hatten die Chevaliers einen schweren Stand.
McHarrod war ein guter Offizier, aber ein Großteil seiner Erfahrung hatte er als Offizier der Clans gemacht. Die meisten MechKrieger der Chevaliers waren aber nicht auf persönlichen Ruhm aus, sondern auf das Überleben ihrer Kameraden – und selbstverständlich ihr eigenes.
Wie gut hatte sich der ehemalige Geisterbär angepasst?
Germaine ging noch eine Runde. Und dann noch eine. Was war so schlimm daran, ihm einen Zwischenbericht zu geben? Leonid hätte sich wenigstens soweit herablassen können, ihm zu verraten, welchen Grund Blakes Wort für diesen Angriff vorgeschoben hatte.
Ahnte der Schatun überhaupt, dass er nicht mehr Herr im eigenen Haus war?
Mühsam entkrampfte der Chevalier seine Hände. Früher war alles einfacher gewesen. Er war der Rächer und der Rest der Welt die Beute oder einfach nur im Weg. Sandhurst hin, Sandhurst her, er hatte jemanden zu rächen.
Germaine hatte geglaubt, all dies hinter sich gelassen zu haben, nachdem ihn der alte Bull vor die Wahl gestellt hatte, entweder auf seine Leute Achtzugeben oder seiner Rache zu folgen.
Auch nachdem Belinda so schwer verletzt worden war hatte Germaine geglaubt, gehofft, dass dieses Kapitel seines Lebens endgültig vorbei war.
Aber alles hatte sich verändert. Belinda Wallace hatte sich verändert. Aus der einst so stolzen Frau, in die er sich verliebt hatte, war ein ängstliches Mädchen geworden. Ein Mädchen, dass dem Tod ins Auge geblickt hatte – und nun angstvoll zurück wich.
Sie kapselte sich ab, entfernte sich von ihm, und der Anführer der Chevaliers konnte nichts, aber auch gar nichts tun, um es zu verhindern. Erst Recht nicht, solange er hier in der Festung festsaß.
Und dann diese furchtbare Entscheidung, zu der sie ihn genötigt hatte. Cliff oder Manfred. Germaine wischte sich über seine brennenden Augen. Die schlimmste Entscheidung seines Lebens. Er hatte schon oft Leben genommen. Und oft genug hatte er an der Seite von jemandem gekämpft, der im Kontrakt zuvor der Feind gewesen war.
Aber noch nie hatte er entscheiden müssen, wer leben und wer sterben sollte.
Es war so gut wie Cliff Peterson selbst zu töten.
Der Junge hatte so ein phantastisches Potential gehabt. Er hätte es weit bringen können, aber nun war er tot. Tot, weil sich Germaine für den Geliebten seiner besten Freundin Miko entschieden hatte.
Nein, das war ungerecht. Er hatte sich auch für den Kompaniechef seiner Mechs entschieden, zudem für einen guten Freund.
Der Tod von Philip machte die Geschichte nicht gerade leichter. Nicht nur, dass die Chevaliers lediglich über fünf Elementare verfügt hatten, waren ihm die Riesen zu guten Freunden geworden. Auf einen zu verzichten, zu wissen das er tot war, machte Germaine zu schaffen. Wie viele würden Cliff und Philip in dieser Nacht noch folgen?
Und wie viele würden es, weil er, Germaine Danton, sich freiwillig in die Hand des Schatuns begeben hatte, anstatt seine Aufgabe wahr zu nehmen und seine Leute anzuführen?
Noch eine Runde. Eine weitere Runde. Und eine dritte.
Er konnte, er durfte nicht an Leipzig denken. Was dort alles schief gehen konnte… Das letzte Signal war wie eine Verheißung gewesen. Dort war man anscheinend auf dem richtigen Weg. Aber wenn Blakes Wort hier gegen die Chevaliers vorging, dann doch sicher auch auf Tomainisia. Wie stand es um die Kameraden dort?
Germaine vertraute dem alten Dolittle wie kaum einem anderen Menschen. Aber letztendlich war auch der gewitzte Panzerfahrer nur ein Mensch.
Obwohl, er hatte ja Glück für fünf. Wenn er daran dachte, dass er aus der brennenden Little Nelly entkommen war…
Ja, dieser Mann hatte das Zeug zum überleben.
Aber die anderen? Die MechKrieger? Triple-D hatte die Tage vor der Mission reichlich blass ausgesehen. Sein Kumpel Hank hingegen war definitiv ein Fels in der Brandung.
Miko-chan hatte gute Fähigkeiten, aber konnte sie Trent das Wasser reichen? Und wer von den beiden, von den vieren würde auf dem Äquatorialkontinent bleiben, wer würde es zurück schaffen?
Und was war mit der Infanterie und den Pionieren unter Sagrudson?
Im Nachhinein dachte Germaine, dass eine gewaltsame Landung der ganzen Einheit in Leipzig vielleicht die beste Idee gewesen wäre.
Dann diesen verdammten Inhibitor holen und wieder abdampfen, das wäre es doch gewesen.
Aber nein, er hatte ja wieder mal einen auf heimlich machen müssen.
Den Erfolg gegen Kenda und die Ronins fortführen wollen.
„Kenda-kun“, murmelte Germaine leise, „was hättest du gemacht?
Wahrscheinlich wärst du einfach durchmarschiert, was?“
Vielleicht wäre dies wirklich die bessere Variante gewesen, anstatt sich hier Dvensky zum Feind zu machen.
Wenn er Kenda und Leonid verglich, mochten sie auf den ersten Blick gleich wirken. Aber es gab einen gravierenden Unterschied. Dem Draconier war es letztendlich egal ob er starb, solange die Organisation und die von ihm etablierten Zellen weiter existierten.
Dvensky hingegen hatte den Auftrag angenommen, für das Leben Zehntausender einzutreten. Und dies würde jede seiner Entscheidungen beeinflussen.
Germaine hätte das sicher geschickter gegen ihn verwenden können, anstatt ihm mit einer randalierenden Mechkrieger-Kompanie zu drohen.
Wenn dies in die Akte der Einheit kam…
Andererseits hatte der Schatun die Hilfeleistung der vermeintlich Abgestürzten blockiert. Das mochte einiges wieder gutmachen.
Verfahren ging sich der Chevalier mit beiden Händen durch die Haare. Richtig und falsch lag so eng beieinander. Mittlerweile gab es für ihn nur noch wenig Fehler und viel Fehler, denn richtig machen konnte er schon lange nichts mehr.
„Ich muß hier raus“, murmelte Germaine gereizt.
**
Ungläubig fuhr Demi-Präzentor Kiluah herum, als es hinter dem Lancelot aufblitzte.
Waren die Chevaliers irgendwie in seinen Rücken gelangt? Der Kampftitan war noch nicht auf dem Schlachtfeld erschienen. War er es?
„Hier spricht Major Alexej Nicolajewitsch Tereschkow. Blakes Wort-Miliz, Sie verlassen den Ihnen erlaubten Angriffswinkel. Wir werden keine Zerstörungen an Zivilgebäuden oder gar einen Kampf zwischen ihnen erlauben. Bestätigen Sie, Blakes Wort Miliz-Commander.“
Wütend stierte Kiluah auf die beiden Shukow-Panzer. Es wäre nur eine Geste für ihn, herum zu schwenken und mit dem Gauss-Geschütz und der Artemis-unterstützten Zwanziger LSR zu zeigen, wer hier eigentlich das Sagen hatte.
Aber er erinnerte sich an seine eigenen Worte und suchte wieder das Fernduell mit den Chevaliers. Die K3i-Vernetzung brachte ihm bei diesem Kampf Vorteile und klopfte den Gegner weich, bevor sie zum Sturm übergingen.
„Bestätigt, Major Tereschkow. Blakes Wort-Miliz, auf meine Höhe kommen. Weg von der Stadt.“
Es war beschämend, sich derart gängeln zu lassen. Aber er selbst hatte ja zugestimmt. Zugestimmt, die Zerstörungen auf ein Minimum zu beschränken.
„Adept Wolters, alles in Ordnung bei dir?“
Der Pilot des Lancelots meldete sich sofort. „Ich wurde nicht direkt beschossen, Demi-Präzentor. Aber ich hätte nicht übel Lust, mich für…“
„Spar es dir auf. Unser Zangenangriff wurde aufgehalten, das ist im Moment unsere größere Sorge. Wurden alle Mechs identifiziert, die zu den Chevaliers gehören?“
„Negativ. Der Puma ist verschwunden und der Kampftitan hat noch nicht ins Gefecht eingegriffen. Nebenbei fehlt auch noch der Fenris, ein weiterer ClansMech.“
Kiluah fühlte wie seine Hände zu zittern begannen, als er die nächste Frage im Geist formulierte. „Haben die Elementare bereits in den Kampf eingegriffen?“
„Wir beobachten den Thor und den Dunkelfalke, aber auf beiden ist keine Spur zu finden.“
„Das macht dann also zwei leichte Mechs und einen schweren sowie fünf Elementare“, ging der Demi-Präzentor seine Optionen durch. Konnte er nun auf Jeffersons Idee zurückkommen und die sprungfähigen Mechs angreifen, springen und von innen heraus kämpfen zu lassen? Oder würden die Elementare und die drei Mechs ausreichen, um einen solchen Angriff in einem Fiasko enden zu lassen? Mit der Wyvern, der Lynx, die Guillotine, sein eigener Highlander, der Raijin und dem Crockett würden sie eine beachtliche Streitmacht heran bringen. Aber gleichzeitig die bestehende Schlachtreihe entblößen, Unordnung in die eigenen Linien bringen. Andererseits gehörten Wyvern, Raijin, der Crockett und sein Highlander zum K3i-Verbund und würden eventuell horrende Schäden anrichten.
„Luftangriff!“, gellte die Warnung auf. Kiluah suchte sein Ziel und richtete die LSR danach aus. Die beiden Stukas kämpften mit den gleichen Problemen wie er selbst. Sie mussten sich an einen ziemlich engen Korridor halten und konnten sich so nicht frei entfalten. Somit hatten seine Krieger eine gute Chance, die beiden Bomber und die zwei Jäger der Chevaliers Stück für Stück auseinander zu nehmen oder auch mit einem glücklichen Treffer abzuschießen.
Der Computer meldete eine Zielerfassung und kurz darauf sauste ein Schwarm LSR auf ihn herab. Kiluah lächelte kalt.
Seine Artemis meldete Zielerfassung, und bevor ein Drittel der gegnerischen Raketen quer über seinem Rumpf und Kopf einschlug, hatte er selbst zwanzig der Raketen auf die Reise geschickt.
„Wir ändern unsere Taktik. Unsere sprungfähigen…“
„Demi-Präzentor“, meldete ihm eine aufgeregte Stimme, „die Häretiker von ComStar bereiten den Abmarsch vor. Außerdem beginnen Techniker mit dem löschen von Protokollen, Codes und Chiffrieranlagen! Unsere Agenten bitten um Anweisungen!“
Ein herzhafter Fluch kommentierte seine plötzlich absackende Laune. Wenn er noch einen Beweis gebraucht hatte, dass die Chevaliers ihn erwartet hatten, hier war er. Sein Vorgehen war vollkommen berechtigt gewesen. Sie waren dem Gegner überlegen und konnten es sich leisten, ihn mühsam zu zermürben.
„Blakes Wille geschehe“, murmelte er und trat die Pedale der Sprungdüsen durch.
**
Juliette Harris massierte nervös ihre Hände. Der Angriff von der Flanke war erwartet worden, aber nicht in dieser Form. Den sechs gegnerischen Mechs, einer Crab CRB-30, einem Tessen TSN-1C, einem Lynx LNX-9Q, einer Guillotine GLT-5M, einem Shootist ST-8A und als schwerstem Mech einem Crockett CRK-5003-1 hatten sie die vollständige Kampflanze unter Fang und die Panzerkampflanze mit Grim Reaper an der Spitze entgegen werfen können. Zusätzlich hielten sich die Sprungtruppen von Sergeant-Major MacLachlan bereit.
Sie sah kurz zur Uhr. Seit dem ersten Schuss waren erst sieben Minuten vergangen, aber selten wie sonst dehnte sich die Zeit für sie zu einer kleinen Ewigkeit. Himmel, wo war Germaine? Wann kam endlich das Signal?
„Schüsse im Innenhof“, meldete jemand sachlich und kalt. „Einer der Akoluthen wollte eine Handgranate in das Führerhaus einer der Laster werfen, die das Material von ComStar abtransportieren sollen. Er wurde rechtzeitig daran gehindert.“
Juliette schlug beide Hände vor dem Gesicht zusammen. Na toll, ganz toll. Nicht nur, dass sie da draußen zwölf ärgerliche Blakes Wort-Mechs hatten, von denen die Hälfte auf K3i lief, nein, hier drinnen enttarnten sich plötzlich die Schläfer und machten ihnen das Leben schwer.
„Shadow soll ein paar fähige Leute abstellen, die sich darum kümmern.“
„Tear bittet um die Erlaubnis ausrücken zu dürfen, Ma´am“, meldete Corporal Swoboda und sah sie ernst an.
Einen Moment lang kämpfte Juliette mit sich. Tear, genauer gesagt Dawn Ferrow war schwanger und von ihrem Mech abgezogen worden. Andererseits würde die Front um Lieutenant Wolf eine erfahrene Pilotin gebrauchen können, denn die Ausbildung für MechKriegerin Haruko Yamada war mehr als überhastet verlaufen und die Bewegungen des Hatamoto-chi deuteten allzu deutlich darauf hin.
„Sie soll aufsitzen und zu ihrer Lanze aufschließen. Aber sie soll verdammt noch mal vorsichtig sein.“
Swoboda nickte bestätigend.
Germaine, ging es Juliette durch den Kopf, wo bleibst du?
**
„Baka!“, blaffte Yamada und brachte den Hatamoto dazu, trotz des PPK-Treffers an der Hüfte die ungewohnte Maschine aufrecht zu halten. Welcher Teufel hatte sie nur geritten, das Angebot des Yohei anzunehmen und der Einheit beizutreten? Außerdem, was machte sie hier in dem Hatamoto-chi? Sie hatte sich eigentlich auf den niedlichen kleinen Fenris gefreut. Ein mittelschwerer Mech entsprach so sehr viel mehr ihren Fähigkeiten und ihrer Erfahrung als der riesige draconische Mech.
Andererseits war es ein wirklich gutes Gefühl, hier neben dem Tai-sho des Master Sergeants zu stehen und die endlos erscheinenden Waffen abzufeuern.
Sie revanchierte sich bei dem fünfzig Tonnen schweren Tessen für den Treffer mit einem eigenen PPK-Blitz, der Panzerung von seiner Brust schälte.
„Pilum hier. Fasterman, Katana, kommt Ihr einen Moment alleine klar?“
Überrascht sah die junge Frau auf. Alleine?
„Natürlich, Master Sergeant“, antwortete Fasterman. „Ist im Moment sowieso nur ein gegenseitiges Abtasten.“
Yamada stimmte dem zu. Auch sie empfand dieses Gefecht eher als Geplänkel. In einer richtigen Schlacht wären längst ein oder zwei Mechs auf beiden Seiten gefallen.
„Und Sie, Katana?“
Wieder zuckte sie zusammen. Einerseits, weil der Raijin nun auf sie vorrückte und den Hatamoto unter Beschuss genommen hatte, andererseits, weil sie sich an ihren Codenamen noch immer nicht gewöhnt hatte. Kein Wunder. Bis Gestern hatte sie ja auch kaum auf diesem riesigen Ofen trainieren können, weil die Hälfte ihrer Kameraden mit einer Grippe im Krankenrevier lag und sie als mögliche Überträgerin untersucht worden war. „Gehen Sie nur, Pilum“, antwortete Yamada knapp. „Wir halten sie auf.“
„In Ordnung. Fang, hier Pilum. Home Base meldet, dass der Crockett, die Guillotine und der Lynx näher rücken. Wenn möglich, lassen Sie einen oder zwei passieren.“
„Fang hier. Wir halten sie auf.“
„Negativ, Fang. Ich werde mich im Innenhof platzieren. Wäre nett, wenn Sie den Crockett daran hindern zu springen, aber den Lynx können Sie mir ruhig zum spielen lassen. Amboss, bereit?“
„Amboss hier. Sprungtruppen sind bereit.“
Kurz musste Haruko schmunzeln. Ein gefährliches Spiel. Aber irgendwie gefiel es ihr.
„Katana hier. Der Raijin kommt mir jetzt doch bedrohlich nahe!“
Wieder prasselte Geschützfeuer auf sie ein. Die LSR-Träger antworteten für sie, gerieten aber nun in die Schussweite des mittelschweren, sprungfähigen Mechs, was sie veranlasste, sich in Bewegung zu versetzen, um schwerer getroffen werden zu können. Leider minimierte das auch ihre Trefferfähigkeiten.
„Der Aho will durchbrechen!“, blaffte sie wütend und feuerte den mittelschweren Laser und die ER-PPK im linken Arm auf den frechen Mech ab. Leider traf nur der M-Laser, richtete aber nur wenig Schaden auf dem rechten Arm an.
„Um den würde ich mir weniger Sorgen machen, Katana“, rief Fasterman ihr zu. „Denn der verdammte Highlander kommt jetzt auch an!“
Erschrocken checkte sie ihre Anzeigen. Tatsächlich, die sprungfähigen Mechs rückten massiv vor, unter ihnen der Highlander. Ihre nicht sprungfähigen Kollegen versuchten derweil, das Feuer der Chevaliers auf sich zu ziehen.
„Nicht mit mir!“, blaffte Haruko Yamada und feuerte nun auch noch die PPK im linken Arm. Eine Hitzewelle brandete über sie hinweg und sie legte beide KSR-Werfer auf einen neuen Feuerkreis. Wenn der Raijin sie passierte, würde sie ihm ordentlich einen mitgeben.
„Home Base, hier Home Base. ComStar wurde gewarnt und hat die Verladearbeiten eingestellt. Lupo, können Sie die FeindMechs aufhalten?“
„Lupo hier. Wir werden sehen.“
Wieder feuerte Yamada ihre linke PPK ab, traf den Raijin mittig, wurde dafür aber von den beiden schweren Lasern des Black Knight getroffen. Da ging sie hin, die schöne Armpanzerung. Verdammt, wenn sie den Laser und die PPK im rechten Arm verlor, dann büßte sie viel zu viel Schlagkraft ein.
Was war noch mal die Alternative zu den Chevaliers gewesen? Hungern, frieren, hart arbeiten und zwanzig Jahre auf diesem Dreckball bleiben? Hm, vielleicht hatte sie sich falsch entschieden.
Wenigstens spielte der Highlander bei seinem Angriff nicht mit ihr sondern mit dem Thor von Lupo. Der ließ sich nicht lumpen und erwiderte mit PPK und Autokanone.
Gleichzeitig schoss Yamada erneut auf den Raijin und wurde ihrerseits erneut vom Black Knight erwischt. Sie hob den rechten Arm und gab den feurigen Gruß der Blakes Wort-Maschine mit einem PPK-Blitz zurück, der aber lediglich Erde vor der Maschine aufwühlte.
Mist, sie würde Wochen, wenn nicht Monate brauchen, um diesen Mech einwandfrei zu beherrschen. Und dann steckte sie in diesem Gefecht.
Der Raijin grüßte sie mit seiner 6er KSR, als er an ihr vorbei drängte.
Ein kaltes Lächeln umspielte ihre Züge. Sie wandte den Mech herum, wartete auf die Erfassung ihrer beiden eigenen Blitz-KSR und feuerte auf den leichteren Kollegen, als dieser gerade auf seinen Sprungdüsen in die Höhe ritt. Zwölf KSR lösten sich aus den Rohren und jagten auf den Gegner zu. Acht trafen, warfen den Raijin aus der Bahn und schleuderten ihn, wie von einer Titanenfaust ergriffen, in die Mauer rund um den Komplex.
„Archer, ich hätte da was zu tun für Sie“, gab Yamada durch.
„Schon gesehen. Falls er noch mal aufsteht, machen wir ihn fertig“, meldete sich der Anführer der Artillerielanze der Höllenhunde, Gray Gordon.
Hinter ihr erklangen Explosionen. Natürlich, sie hatte fünf FeindMechs den Rücken zugedreht. Es war klar, dass sie auf die gleiche Idee gekommen waren wie sie und die Gelegenheit nutzen würden, um nun ihrerseits in den Rücken zu schießen.
Doch die erwarteten Erschütterungen blieben aus.
„Wann wirst du dich endlich wieder dem Feind zuwenden, Katana?“, blaffte Fasterman. „Ich will hier nicht ewig Kugelfang für dich spielen!“
„Bin ja schon dabei!“, erwiderte sie erschrocken, drehte den Hatamoto ein und erkannte den wuchtigen Marodeur zwischen ihr und dem Black Knight.
„Raus, raus, raus!“, erklang plötzlich die Stimme von Lieutenant Mike McLloyd über Funk.
Seine Crew evakuierte den Hermes, nachdem er von Highlander mit einer Gauß zertrümmert worden war. Zum Glück hielt sich der neunzig Tonnen schwere Mech nicht mit dem Gnadenstoß auf, sondern sprang, nachdem er es bis auf fünfzig Meter an die Mauer heran geschafft hatte.
Verdammt! Ausgerechnet der schwerste FeindMech, und dazu in ihrem Rücken!
„Pilum, hier Fasterman! Sie kriegen Besuch! Der Highlander springt gerade!
**
„WONG!“, entfuhr es Aden Kiluah, als der fünfzig Tonnen schwere Raijin vom Hatamoto mit Blitz-KSR in den Rücken getroffen und wie eine Gliederpuppe zu Boden geworfen wurde.
Zu allem Überfluss landete der Mech auch noch in der Festungsmauer des HPG.
Sofort begannen die LSR-Lafetten der Chevaliers seinem Kameraden den Rest zu geben.
Wütend ballte Kiluah die Hände um die Steuersticks. Im Moment konnte er nichts tun, um Adept XIV Wong beizustehen, falls er überlebt hatte. Der Plan, sein Plan musste Erfolg zeigen.
Als der Hermes vor ihm zu wahnwitzig wurde, versenkte er erst beide Medium Laser und anschließend die Gauß in den gepanzerten Leib des Panzers. Danach setzte er seinen Angriffsweg auf die Mauer fort.
„Gib mir Deckung, Hayes!“, rief er der Pilotin des Black Knight zu. „Kiluah ist auf dem Weg ins Wespennest!“
„Demi-Präzentor, der Tai-sho ist noch nicht bei uns aufgetaucht! Falls er noch im Innenhof ist…“
„Sein Pech!“, blaffte Kiluah wütend und registrierte zufrieden, dass der Sprung nahezu problemlos verlief. Als er im Innenhof aufsetzte, hatte er eigentlich erwartet, mitten in die Verladeaktion von ComStar zu platzen und ein paar der Verräter töten zu können. Stattdessen empfing ihn ein Schwarm KSR.
Wütend sah er sich um und entdeckte zehn Soldaten, die ihre Schulterpacks auf den angreifenden Giganten abgefeuert hatten. Er wollte ihnen nach, sie mit seinen Lasern beharken, als er in der Ferne den Tai-sho bemerkte. Warum wandte er ihm, dem schwersten Feind auf dem Feld, den Rücken zu? Auf jeden Fall würde er es bereuen.
Das war einen Augenblick, bevor der Lynx über die Mauer kam, von hinten umleuchtet von zwei schweren PPK-Treffern und vorne empfangen von den beiden PPKs des Tai-sho.
Der fünfundfünfzig Tonnen schwere Lynx wurde schwer gebeutelt, erwiderte aber das Feuer. Als er gelandet war, hatte er die Mauer im Rücken und somit einen gewissen Schutz. Außerdem würde der Feind nicht mehr lange ein Problem sein, schwor sich Kiluah und richtete den Arm mit dem Gaußgeschütz auf den Rücken des draconischen Mechs aus.
Ihn zu ignorieren würde der letzte Fehler sein, den dieser Soldat je gemacht hatte.
Dann… Dann hallte es dumpf auf seinem Mech. Er hörte Metall kreischen, bemerkte, wie sich sein Gewicht verlagerte. Erneut der dumpfe Hall, dann noch mal.
Und plötzlich sauste eine Klaue über sein Cockpit hinweg.
Kiluah erstarrte. „Ele…“, hauchte er angsterfüllt. „Elementare…“
Nun erschien eine der Rüstungen direkt vor seinem Sichtfeld. Der V-förmige Sichtschlitz schien ihn böse anzufunkeln, während die Kralle an der Cockpitpanzerung riss. Deutlich erkannte er das Geisterbärenlogo auf dem KSR-Werfer wieder.
Übergangslos erinnerte er sich an den Kampf, damals auf Tukkayjid. An die Schlacht gegen die Geisterbären, den Schandsieg, den dieser Clan gegen die stolzen ComGuards erreicht hatten. Er erinnerte sich daran, wie sein Mech von den riesigen Elementare geentert worden war. Wie sie sein Cockpit aufgerissen hatten. Er glaubte noch immer den scharfen Geruch seines Angstschweiß zu riechen, sein verbrennendes Fleisch, als ihn der Laser des genetisch veränderten Infanteristen streifte. Wie er in Panik seine Pistole zog und schoss und schoss und…
„NEIN! GEH WEG! GEH WEG DA!“
Verzweifelt versuchte Kiluah den Elementare von seinem Cockpit abzuwischen, fort, nur fort von ihm! Er bewegte die Maschine um die eigene Achse, ließ die Arme auf den eigenen Torso schlagen.
Doch da gesellte sich ein zweiter Rüstungsträger dazu und half dem ersten, die Sichtscheibe aufzubrechen. Auch sein Sichtschlitz funkelte zu ihm herein, bedrohlich, eiskalt!
„NEIIIIN!“, brüllte er und schlug nach seinem eigenen Cockpit.
Die Elementare benutzten ihre Sprungdüsen und rasten davon, während der Arm immer näher kam.
Dann krachte es laut.
***
Ace Kaiser
25.04.2005, 23:12
First Lieutenant Juliette Harris versuchte krampfhaft, das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken. Es gelang ihr nicht. Sie verschüttete mehr von dem Kaffee als sie wirklich trank.
„Germaine, verdammt, ich kriege viel zu wenig Sold für diesen Scheiß“, murmelte sie nach dem zweiten vergeblichen Versuch, etwas zu trinken.
In Gedanken machte sie sich eine Notiz, dem Major eine Solderhöhung für sich unterzuschieben.
„Lage?“, brachte sie leise hervor.
„Nachdem der Highlander gefallen ist, hat sich der Lynx schwer beschädigt zurück gezogen. Mitten in diese Absatzbewegung sind die Fallen Angels gestoßen und haben definitiv einen weiteren schweren Brocken beschädigt.
Wir haben also zwei verifizierte Abschüsse und mindestens vier schwer beschädigte Feindmechs. Die Infanterie hat den Highlander gesichert, aber vom Piloten ist nicht mehr viel über.“ Karel Swoboda wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Die Fallen Angels haben übrigens eine Rüge von den Bryant Regulars erhalten. Der letzte Angriff hat Zivilgebäude beschädigt. Kiki sollte viel vorsichtiger sein, ansonsten haben wir es nicht mehr mit zehn Feindmechs, sondern mit vierzig zu tun, von den Panzern mal ganz abgesehen.
Blakes Wort hat sich zurückgezogen und die Ortungsreichweite verlassen.“
Juliette legte beide Hände an die Stirn und dachte nach. Zwei vernichtete FeindMechs, der Highlander und der Raijin, dazu einer eventuell von Icecream zerstört und mindestens drei, unter ihnen der Lynx, beschädigt. Blakes Wort zog sich zurück, wahrscheinlich um Reparaturen und Neuausrüstungen durchzuführen. Nun, da die Karten verteilt waren, brauchten sie ja auch nicht mehr auf den Überraschungseffekt hoffen und konnten bequem auf den nächsten Zug der Chevaliers warten. Sie langsam zermürben und dann angreifen, wenn sie begannen, sich zum Raumhafen zurück zu ziehen.
„Die Mechs sollen im Umschichtverfahren rein kommen, ebenso die Panzer. Die Infanterie soll rollierend Pause machen. Die Küche soll warmes Essen und vor allem Kaffee austeilen. Die Scharfschützenteams sollen ebenfalls rollierend pausieren.
ComStar kann wieder mit dem aufladen beginnen. Die Kommandos sollen die Arbeiten so gut es geht absichern. Ach, und bevor ich es vergesse, ich will, dass dieses verfluchte Appartement beobachtet wird, das uns in den Innenhof sehen kann.
Der Cheftech soll sich überdies mal die beiden Feindmaschinen ansehen, ob da noch was zu machen ist. Ich schätze, wir haben ein oder zwei Stunden, die sollten für provisorische Reparaturen reichen.
Vielleicht können wir auch Ersatzteile aus den Gegnern bergen.“
„Ich kümmere mich darum, Chef.“ Svoboda nickte ihr zu und setzte sich wieder an sein Pult.
Wie sehr hatte sich der extravagante junge Mann doch verändert, seit er auf New Home verwundet worden war. Wie sehr hatte er sich angestrengt, Verantwortung übernommen, sich verbessert. „Nein, Karel. Überlassen Sie das Kotranova. Für Sie habe ich eine besondere Aufgabe.“
Corporal Svoboda sah interessiert zu ihr herüber. „Jederzeit, Chef.“
„Gut. Nutzen wir die Kampfpause dafür. Ach, Karel, wie geht es eigentlich Ihrem Beinbruch?“
**
Den ersten Schlagabtausch hatten sie überstanden. Gut. Aber dafür einen Panzer und ein Besatzungsmitglied verloren, die anderen beiden verletzt. Sie konnten von Glück im Unglück reden, dass es mit Mike McLloyd zwar den neuen Anführer der Höllenhunde aus seinen Panzer aber nicht aus dem Rennen geworfen hatte. In diesem Augenblick ließ sich Mike in Mobilen HQ der Einheit verarzten und koordinierte seine verbliebenen elf Panzer von dort.
Haruko Yamada grinste schief unter ihrem Neurohelm, während sie den Hatamoto zum bewaffnen und Panzerung flicken zurück in den MechHangar schaffte. Sie war die Nummer zwei auf der Liste. Schlimmer als ihre Maschine hatte es nur Fasterman erwischt, der sie gegen ein paar Dutzend Raketen gedeckt hatte, während sie den Raijin abgeschossen hatte. Das wäre ein schlechter Tausch gewesen, alleine von der Tonnage her.
Aber sie war nun einmal eine Vollblutmechkriegerin und hatte sich solch eine Gelegenheit nicht entgehen lassen können. Einmal ganz davon abgesehen, dass der agile Springer im Innenhof noch verheerender hätte wüten können als der Highlander.
Kurz schluckte Yamada hart, als sie den gigantischen Koloss von neunzig Tonnen in einer der Wartungsnischen sah.
Die Techs entfernten gerade die sterblichen Überreste des Piloten. Viel hatte der Mann nicht von sich übrig gelassen, als er die eigene Faust auf sein Cockpit gedroschen hatte.
Sergeant Rowan stand mit seinen drei Elementaren in voller Rüstung vor dem Giganten. Yamada zoomte heran und erkannte, dass sie sich gegenseitig etwas auf die Rüstungen malten. Es sah ganz so aus wie die Silhouette des Highlanders. Also beanspruchten die genetisch verbesserten Infanteristen den Abschuss für sich.
Yamada schauderte beim Anblick dieser Giganten. Sie hatte das Kombinat verlassen, um nicht mehr gegen die Clans kämpfen zu müssen. Soweit hatte das geklappt. Aber war es nicht blanke Ironie, dass sie nun Seite an Seite mit ihnen kämpfte?
Außerdem hatte die Einheit übermäßig viel ClanTech, fand sie. Bisher hatte das noch nicht zu Wartungs- oder Reparaturengpässen geführt, was entweder auf eine Menge Geld oder einfallsreiche Techs schließen ließ.
Sie hatte genügend Chevaliers in den letzten Tagen kennen gelernt, um der zweiten Möglichkeit eine Chance zu geben.
„Hätte ich euch doch nur ein Jahr früher kennen gelernt“, murmelte sie leise und folgte den Anweisungen eines glatzköpfigen Techs mit zwei Leuchtstäben und der dicksten Brille, die sie je gesehen hatte, in eine freie Wartungsnische.
Sofort begannen die Techniker mit ihrer Arbeit, öffneten das Cockpit und halfen ihr heraus.
„Der Wolf erwartet alle Krieger im Besprechungsraum, Private“, informierte sie der gleiche Tech von vorhin. Ollin oder Oli hieß er, wenn sie nicht irrte.
Yamada nickte dazu und schlüpfte in ihren Chillsuit. Die Nacht auf Bryants Südkontinent war eisig kalt, und sie hatte keine Lust, sich die Grippe wirklich noch einzufangen.
Der Besprechungsraum war gut gefüllt mit Infanterie-Unteroffizieren, MechKriegern und Panzerfahrern, dazu untergeordnete Dienste. Der Rest, die MechKrieger auf Patrouille mit Video, die Panzerfahrer und anderen Unteroffiziere per Funk waren zugeschaltet.
Ebenso Mike McLloyd und die Stabschefin aus dem Mobilen HQ.
Jemand drückte ihr einen Becher dampfend heißen Kaffee und ein Gebäckstück mit einer dicken Zuckerkruste in die Hand, was sie dankbar annahm. Den Zucker und das Koffein würde sie noch übelst brauchen.
„Ich will es mal fix auf den Punkt bringen. Wir haben mächtig Schwein gehabt“, eröffnete McHarrod die Runde. „Für einen Moment sah es für mich wirklich so aus, als würden die Blakies Schäden am HPG riskieren und mit ihren schnellen Mechs rein springen, um den Abmarsch unserer Mechs zu verhindern. Damit hätten sie uns vernichtet, aber große Schäden an der Anlage in Kauf genommen.
Zum Glück haben sie sich für einen langsamen Vormarsch entschieden.
Kommen wir zur Soll-Seite. Sergeant Fokker ist zusammen gebrochen. Sie ruht sich unter ärztlicher Aufsicht aus und wird frühestens in drei Stunden wieder in ihren Mech steigen können. Des Weiteren haben wir Lieutenant McLloyds Panzer verloren sowie ein Crewmitglied.
Unsere Jäger haben gut ausgeschenkt, wurden teilweise aber sehr empfindlich getroffen. Hellboy und Icecream mussten zurück zum Raumhafen, um ihre Mühlen flicken zu lassen. Aber man kann wirklich sagen, für uns ging das glimpflich ab.
Doch machen wir uns nichts vor. Wir werden hier aus zwei Gründen mit Samthandschuhen angefasst. Einerseits, weil unsere Freunde von den Regulars keinen Unterschied dabei machen, wen sie abknallen können, sobald er ihnen auf die Füße tritt. Andererseits, weil wir hier auf etwas sitzen, was die Blakies haben wollen. Einen funktionsfähigen, mehrere hundert Milliarden C-Noten wertvollen Beta-Hyperpulsgenerator.
Der richtige Tanz für uns beginnt, wenn wir uns zum Landungsschiff zurückziehen müssen.
Denn dann heißt es nicht nur Kampfmaschine gegen Kampfmaschine. Dann haben wir unsere unterstützenden Truppen, die wir beschützen müssen, sowie das Personal von ComStar. Außerdem werden wir keine Route durch die Stadt nehmen dürfen. Im Gegenteil, wir müssen in das nahe gelegene Flusstal ausweichen und einen Bogen von fünf Klicks schlagen. Die Wälder und Hügel dort machen das Gelände sowohl für uns gefährlich als auch für die Luft/Raumjäger unübersichtlich.“
„Ich bin ganz froh darüber, dass wir nicht durch die Stadt gehen. Stadtkampf ist die Hölle“, meldete sich Sniper zu Wort. „Außerdem können wir da draußen endlich mal richtig ballern und müssen nicht darauf achten, dass wir ein Wohnhaus treffen.“
„Dummkopf. Wir werden dort dauernd auf etwas zu achten haben. Nämlich unsere eigenen Leute, während die Blakies den Rücken frei haben!“, blaffte Yamada auf.
Sie fühlte die Blicke der Anwesenden zu ihr herum schwenken und versuchte sich so klein wie möglich zu machen.
„Ganz Recht, Private Yamada“, sagte McHarrod ernst. „Die Alternative wäre nicht nur groß angelegte Verwüstungen in Brein zu riskieren, sondern sich auch dem Feuer der Regulars auszusetzen.
Kommen wir zur Haben-Seite. Wir haben den Raijin und den Highlander abgeschossen. Das reduziert die Zahl unserer Gegner auf zehn. Leider reichen diese zehn immer noch aus, um uns die Hölle heiß zu machen, jetzt wo wir selbst nur noch zehn Mechs haben. Wenn wir Adept Yalom mitrechnen.“
Der schweigsame ComStar-Verbindungsoffizier nickte von seinem Platz herüber. Seinem Gesicht war keine Regung anzusehen.
„So wie ich das sehe, werden die Blakies den ganzen Tag über Störangriffe durchführen, ein paar Hitn Run-Angriffe, um uns nicht zur Ruhe kommen zu lassen und um unsere Jäger oben zu halten und langsam zu erschöpfen. Aber auch um Zeit zu erkaufen, um ihre eigenen Maschinen zu reparieren. Der Lynx konnte entkommen und wird wohl in diesem Moment geflickt werden. Die Fallen Angels haben zwei weitere Mechs schwer beschädigt, aber wir wissen nicht wie schwer. Die ROM zeigen auch einen möglichen Abschuss an, aber die Bryanter schweigen zu diesem Thema. Sie geben uns keinerlei Unterstützung. Aber das hatten wir ja auch nicht erwartet.
Unser Aufbruch wird gegen Mitternacht erfolgen. Wir verlassen das HPG mit Marschgeschwindigkeit und folgen dem Flusslauf. Dazu brauchen wir weder einen Korridor noch die Erlaubnis der Bryanter für.
Wir folgen dem Fluss etwa drei Kilometer und kommen dann an einer Furt wieder hoch. Dies ist ein kritischer Moment, denn von dort an haben wir eine Strecke von fünf Kilometern zu bewältigen, die über ebenes, einsichtiges Land führt.“
„Gutes Gelände für die Jäger“, warf Hotshot über Videoverbindung ein.
„Und sehr gutes Gelände, um Jagd auf die Zivilfahrzeuge zu machen“, erwiderte McHarrod.
„Dies sind die Pläne der nächsten Stunden. Ich sage es euch gleich, es wird hart, sehr hart. Wir werden kaum Ruhe finden und eventuell schon in dieser Phase Kameraden verlieren.
Und dann folgt erst der Kräfteraubende Abmarsch. Es wird höllisch. Fragen?“
„Ja, hier.“
„Corporal Ferrow. Schön, dass Sie wieder in Ihrem Mech sitzen. Was haben Sie auf dem Herzen?“
Die junge Frau rang sichtlich mit sich. „Was ist mit dem Major? Was ist mit unseren Leuten auf Tomainisia?“
Lupo strich sich über sein Kinn. „Der Major wird kurz vor unserem Aufbruch zu uns stoßen. Und unsere Leute auf Tomainisia… Wir werden nach unserem Start vom Breiner Raumhafen nicht in den Orbit aufsteigen, sondern rüber nach Tomainisia fliegen. Falls die SKULL nicht aus eigener Kraft hoch kommt, werden wir an Chevaliers an Bord nehmen, was wir können und dann mit unseren Kameraden diese Welt verlassen. Wir werden eher Gerät als Freunde hier zurück lassen.“
Ferrow schien beruhigt, aber Yamada sah dennoch ihre Hände zittern.
„So. Herrschaften. Jeweils eine Lanze Mechs und eine Lanze Panzer patrouilliert. Den Anfang machen Lanze Fang und Lanze Grim Reaper. Der Rest ist in Bereitschaft. Esst etwas, versucht zu schlafen, bleibt warm. Weitere Fragen?“
„Ja, hier.“
Erstauntes Raunen ging durch den Raum, ein gutes Dutzend Blicke ging an Yamada vorbei zur Tür. Auch sie sah sich um und erkannte ein bekanntes Gesicht. Doch sie hatte es noch nicht in Kühlweste und Chillsuit gesehen.
„Können Sie vielleicht noch einen Kampftitan gebrauchen, Sir?“
Wolf McHarrod grinste breit. „Sind Sie nicht etwas eingerostet, Corporal?“
„Es wird schon irgendwie gehen. Mein Bein ist jedenfalls wieder fit.“
Yamada atmete innerlich auf. Selbst mit einem schlechten Piloten bedeutete der Kampftitan, auf dem eigentlich der Major und einer der Techs reiten sollten, eine echte Verstärkung.
Es rettete nicht gerade die Lage, zugegeben. Aber es war eine Verstärkung.
Ace Kaiser
04.05.2005, 12:59
Germaine Danton wanderte in seinem Zimmer auf und ab. Die frühe Nacht war vergangen, der Tag hatte ihn passiert mit der Zähigkeit von Kaugummi. Jede einzelne Sekunde war wie eine Bombe gewesen, die in seinem Kopf explodiert war. Die Sorge um seine Leute hatte ihn völlig im Griff. Je länger er hier war, desto dümmer erschien ihm die Idee, sich als Geisel anzubieten, um die Neutralität der Bryant Regulars zu sichern.
Die Uhr in seinem Raum zeigte Bryanter Lokalzeit. Es war nach neunzehn Uhr und damit bereits stockfinster auf den Straßen der Hauptstadt.
Wenn alles nach Plan verlief, würden seine Chevaliers in wenigen Stunden zum Raumhafen aufbrechen und mit dem ComStar-Personal diese Welt verlassen.
Unwillkürlich griff sich Germaine an die Brust. Unter der Uniform trug er einen Spezialanzug, den er brauchen würde, um beim Rückzug dabei sein zu können. Ebenso wie eine Doppelrolle Monodraht…
Er würde nicht darauf warten oder darauf vertrauen, dass Leonid Dvensky ihn gehen ließ. Nein, sicher nicht, und deswegen würden einige Soldaten des Schatun sterben müssen oder zumindest verletzt werden.
Aber es gab ein höheres Ziel für ihn, die Sicherheit seiner Einheit, seiner Leute.
Wütend raufte sich Germaine die Haare. Es war alles so ungewiss, so undeutlich. Wie war die Lage in Leipzig? Wie stand es um das HPG? Nach der letzten Meldung, Blakes Wort hätte die HPG-Anlage angegriffen hatte ihn keine Neuigkeit erreicht.
Gut, die teilweise befestigte Anlage bot eine gute Ausgangslage für die Verteidigung, und eine Kompanie Mechs, unterstützt von vier Luft/Raumjägern sowie Panzern und Infanterie sollte es möglich machen, standzuhalten. Aber die Gefahr war der Rückzug zum Raumhafen.
Dvensky würde niemals dulden, dass sie sich durch die Stadt, auf der Abkürzung zurückzogen, denn dies hätte bedeutet, dass die Blakisten einen Stadtkampf erzwingen würden. Nein, ihre Flucht würde aus der Stadt hinaus führen, über offenes Gelände. Ein schönes Gebiet für Luft/Raumjäger, aber eine Scheiß Situation, wenn man zehn oder mehr zivile Wagen zu beschützen hatte.
Germaine konnte sich vorstellen wie die Blakies vorgehen würden. Scheinangriffe den ganzen Tag und die ganze Nacht über, um seine Chevaliers nicht zur Ruhe kommen zu lassen und müde zu machen. Danach Stellungsausbau auf der vermuteten Fluchtroute, die Dvensky wahrscheinlich auch noch weiter leiten würde.
Und dann begann das eigentliche Übel an der Situation. Die Chevaliers hatten etwas zu beschützen, die Blakies brauchten nur die Wagen mit ComStar-Logo abzuschießen, um aus diesem Kampf als Sieger hervor zu gehen. Und sich vielleicht noch den einen oder anderen Mech zu holen, vielleicht einen LKT voll mit Infanterie, einen Panzer oder einen Jäger.
Ohne eine gute Führung, ohne einen erfahrenen Mann an der Spitze würde es in einem Massaker enden. Und solange Scharnhorst im Lazarett lag, führte McHarrod die Chevaliers.
Ausgerechnet McHarrod. Nicht, dass Germaine an dessen Kompetenz zweifelte, eine Kampfeinheit zu führen. Aber er war Jahre bei den Clans gewesen, und die neigten nicht gerade dazu, ihren niederen Kasten besondere Priorität einzuräumen.
Und alte Gedanken wurde man nur sehr schwer los, das wusste Germaine selbst am besten.
Wieder warf Germaine einen Blick auf die Uhr. Noch eine Stunde. Noch eine unendlich lange Stunde. Dann würde er gezwungen sein, aus seiner Uniform zu schlüpfen. Die Körperpartie mit der falschen Haut zu öffnen und den Monodraht hervor zu holen. Und dann würde er zwei oder mehr erwachsene Männer ermorden müssen. Das würde Dvensky ihm schwerlich verzeihen, vielleicht sogar das Risiko eingehen, mit seinen Luft/Raumjägern die startenden Lander anzugreifen, oder noch schlimmer, die Verladeoperationen anzugreifen und seinerseits ein Blutbad anzurichten.
Verzweifelt ballte Germaine die Hände zu Fäusten. Er hasste Verantwortung, hatte sie immer abgelehnt, hatte stets nur für seine Rache gelebt. Doch nun trug er Verantwortung, für Menschen, die er mochte, ja, liebte, und er wollte sich dieser Verantwortung stellen. Ein für allemal stellen. Dazu musste er hier raus.
Als es an seiner Tür klopfte, sagte er automatisch herein. Es gab nur einen Menschen, der einerseits die Berechtigung hatte, diese Tür zu passieren und andererseits ein wie auch immer geartetes Interesse hatte, ihn zu besuchen. Natalia, die Schwester des Counts.
„Herein“, sagte Germaine leise.
Die Tür öffnete sich, und eine kleine, schwarzhaarige Frau betrat den Raum. Ihre dunklen Augen funkelten intelligent und erfassten in einer einzelnen Sekunde sämtliche Details.
Germaine kannte sie nicht, aber unwillkürlich spürte er die Gefahr, die von dieser Frau ausging.
Für einige Sekunden musterten sie sich gegenseitig, versuchten einander einzuschätzen.
Germaine schätzte sie auf Mitte, vielleicht Ende vierzig. Ihre Augen zeigten kein Zögern, keine Angst. Was den Verdacht nahe legte, es mit einer Führungskraft aus Dvenskys Riege zu tun zu haben.
„Guten Abend“, sagte Germaine nach langem Zögern. „Nehmen Sie doch Platz, wer immer Sie sind.“
Die Frau schüttelte den Kopf und zog ihre Dienstwaffe. Sie entsicherte die Pistole, hielt den Lauf jedoch auf den Boden gerichtet. „Wenn Sie einverstanden sind, Major Danton, würde ich lieber außerhalb Ihrer körperlichen Reichweite bleiben.“
Germaine verstand, verstand viel zu gut. „Wie Sie wünschen. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Wasser? Wodka?“
„Wie wäre es mit der Wahrheit?“, erwiderte die Frau und fixierte ihn kalt.
„Fangen wir vielleicht mal mit Ihrem Namen an, Ma´am.“
Ein kurzes, zynisches Schmunzeln glitt über ihre Züge. „Mein Name ist Jelena Feodorowna Jegorowa. Ich befehlige die Bryanter Miliz im Range eines Majors.“
„Dann sind wir ja ranggleich“, erwiderte Germaine ernst.
„Damit dürften unsere Gemeinsamkeiten auch enden“, schloss die Frau und nickte in Germaines Richtung. „Können wir dann anfangen?“
Der Mann von Terra wog seine Optionen ab. „Miliz, hm? Ich denke nicht, dass es etwas gibt, was ich Ihnen sagen könnte, was Leonid nicht schon weiß.“
Die Frau lächelte nun, und bei diesem Lächeln ging es Germaine kalt den Rücken runter. Diese Frau war ein Eisblock, berechnend und aalglatt. „Ich habe diese Pistole nicht zum Spaß mitgebracht, durchgeladen und entsichert, Major. Von Ihren Antworten auf meine Fragen wird es maßgeblich abhängen, ob Sie die nächsten fünf bis zehn Minuten überleben.“
„Leonid dürfte nicht sehr erfreut darüber sein, wenn Sie mich erschießen“, konterte Germaine.
„Leonid gib einen Dreck auf Sie und würde Sie lieber heute als Morgen selbst erschießen“, erwiderte sie ernst. „Sie sind ein Schmerz im Arsch, seit Sie hier gelandet sind und Sie haben ihm offen damit gedroht seinen großen Traum zu vernichten. Wenn der Geheimdienst Sie bei Ihrer geplanten Flucht erschießt wird es Orden regnen.
Da wir das nun geklärt haben, können wir endlich anfangen?“
„Wer sind Sie wirklich?“, hauchte Germaine.
„Nun, sagen wir, die Aufgaben der Miliz sind vielschichtig. Auch Geheimdienstarbeit gehört dazu. Vielleicht haben Sie schon mal meinen Spitznamen gehört: Die Spinne.“
Der Chevalier schwieg erschüttert. Diese Frau war die meistgefürchtete Person auf dieser Welt. Wer einmal in ihr Netz geriet, so hieß es, kam darin um. Sie kannte keine Skrupel und keine Angst. Allein die Sicherheit Bryants war ihr wichtig. Germaine erkannte sehr genau, dass er vielleicht wirklich nur noch fünf Minuten zu leben hatte.
„Was wollen Sie wissen, Major?“
„Wie ich schon sagte, die Wahrheit. Und wenn es geht die ganze Wahrheit und das lückenlos. Vor allem interessiert mich, was Ihr Begleitkommando in Leipzig sucht. Nein, nein, reden Sie sich nicht raus. Ihr Teilgeständnis gegenüber Leonid hat viel zu tief blicken lassen. Wohinter ist Blakes Wort her? Und warum mischt eine kleine, frisch gegründete Söldnereinheit da mit?“
Mühsam zwang sich der Chevalier, die geballten Fäuste zu öffnen. Er schätzte kurz die Entfernung zu Jegorova ab, aber die Frau hob nur unwillkürlich ihre Pistole an, um ihm zu verstehen zu geben, wer hier das Sagen hatte.
„Meine Leute suchen im Auftrag ComStars einen so genannten Sturminhibitor. Er ermöglicht einen gewissen Einfluss auf Großwetterlagen auf Atmosphäre-Planeten. Es dürfte klar sein, dass ComStar nicht will, dass Blakes Wort Wetter als Waffe missbrauchen kann.“
„Ich habe nichts von einem derartigen Auftrag gehört“, erwiderte sie. „Auch wenn es plausibel klingt.“
„Natürlich haben Sie nichts davon gehört. Der Auftrag erging direkt über einen Mittelsmann von Anastasius Focht an mich.“
„Das lässt sich schwer nachprüfen“, erwiderte die Spinne und wippte mit dem Lauf der Waffe auf und ab. „Es würde aber erklären, warum Blakes Wort eine Sektion II nach Tomainisia geflogen hat, um eine angebliche Superwaffe zu finden.“
Germaine erstarrte, als Jegorova ihm diesen Fetzen Informationen vorwarf wie einem Hund einen Brocken Fleisch. Zudem war das nicht gerade eine gute Nachricht.
Sie runzelte die Stirn, fixierte Germaines Augen. „Das ist alles? Darum sind Sie auf diese Welt gekommen? Sie wollen einen Sturminhibitor bergen?“
„Bevor Blakes Wort dies tut, ja“, gestand Germaine Danton leise.
„Die Geschichte klingt so unglaublich, dass sie schon wieder echt sein könnte. Warum hat sich ComStar nicht mit einem der Wracks zufrieden gegeben? Oder Blakes Wort?“
„Nun, wir suchen natürlich nicht irgendeinen Sturminhibitor. Wir suchen einen Prototyp, der kurz vor dem Amariskrieg in einem Labor in Leipzig entwickelt worden war.
Wir kennen das Potential dieses Prototypen nicht, aber es kann durchaus sein, dass er wirklich die Wunderwaffe ist, die Blakes Wort zu finden versucht.“
Die Spinne hob die Hand mit der Pistole und deutete zwischen Germaines Augen. „Peng. Herr Major, ich hätte gute Lust, Sie hier und jetzt zu erschießen und Ihre Reste ins Meer zu werfen. Sie sind den Ärger, den wir Ihretwegen hatten, nicht einmal ansatzweise wert.“
„Ich entschuldige mich dafür.“
„Andererseits haben wir keinerlei Interesse daran, uns durch diesen Prototyp zur Zielscheibe für die großen Mächte der Inneren Sphäre zu machen. Es ist schlimm genug, dass wir ComStar gegen Blakes Wort eintauschen müssen.“
Langsam senkte sie die Waffe wieder. „Es gibt nur einen Prototypen?“
Germaine nickte. „Und die Pläne.“
„Können Ihre Leute beides von dieser Welt schaffen und dafür sorgen, dass es niemals wieder hierher zurückkehrt?“
„Warum überlassen Sie den Sturminhibitor nicht Blakes Wort?“, fragte Germaine geradeheraus. „Es wäre ein schöner Einstand beim neuen Verbündeten, oder?“
Wieder lächelte Jegorova kalt. „Mein lieber Major, wir beide unterscheiden uns nicht besonders in unserer Mentalität. Sie nehmen als Söldner den Auftrag an, der Ihnen am lukrativsten erscheint. Und ich arbeite mit den Leuten zusammen, die mir die besten Ergebnisse für Bryant bringen. Wenn dies bedeutet, mit einer Organisation zusammen zu arbeiten, die ich aus tiefstem Herzen verabscheue, so tue ich das. Aber ich muß es weder lieben noch muß ich mehr als notwendig dafür tun.“
Sie sah Germaine noch einmal tief in die Augen. Dann sicherte sie ihre Waffe und steckte sie weg. „Sie werden von dieser Welt verschwinden und nie wieder kehren. Tun Sie das doch, werde ich Sie nicht erschießen, sondern mit Genuss und persönlich zu Tode quälen. Und diesen verdammten Prototyp, ich will ihn nicht einmal in der Nähe von Bryant haben.
Haben Sie das verstanden?“
Germaine nickte schwer.
„Ach, und was Ihren Stealth-Drachen angeht, der jede Sekunde auf der Festung angeht, den können Sie behalten. Ich werde ihn meinen Agenten vom Sold abziehen.“
„Sie waren das? Sie sind in meine Kaserne eingebrochen?“, fragte Germaine, nicht wirklich erstaunt.
„Es hatte kein Blutbad werden sollen. Anscheinend hatte ich nicht die besten Leute angeworben und auf Sie angesetzt. Das tut mir Leid. Als Ausgleich biete ich Ihnen eine Information an. Einer meiner Agenten hat einem Ihrer Offiziere einen Peilsender untergeschoben. Unglücklicherweise ist dieser Offizier gerade in Leipzig und zudem schein Blakes Wort von diesem Sender zu wissen. Ich denke, Sie müssen sich beeilen, Herr Major.“
„Denny“, hauchte Germaine in jäher Erkenntnis.
„Ach, noch etwas. Ich habe mir erlaubt, Ihnen Ihre Flucht ein wenig… Zu begünstigen. Im Ausgleich verzichten Sie doch bitte darauf, einen meiner Leute zu töten, ja? Und übernehmen Sie auch gleich ein wenig Verantwortung. Geheimdienstarbeit hat viel mit Misstrauen zu tun, aber auch mit Loyalität.“
Jegorova öffnete die Tür und ließ eine junge Frau ein.
„Sie“, sagte Germaine ernst.
Die junge Frau in der schmucklosen Uniform ohne Rangabzeichen salutierte. „Spezialistin Dritter Klasse Anna Sergejewna Kalinskaya.“
„Sie haben die Spezialistin auf New Home enttarnt und damit verbrannt. Zudem ist das Misstrauen ihr gegenüber in der Einheit recht groß. Sprich, eigentlich sollte sie offiziell in diesem Moment Dienst in einem Gefangenenlager tun. Ihre Karriereaussichten auf dieser Welt sind… Nun, nicht existent.“
Germaine musterte die junge Frau. „Ich verstehe. Sie wollen, dass ich sie mitnehme.“
„Wie ich schon sagte, Geheimdienstarbeit hat auch mit Loyalität zu tun. Ich habe versprochen, mich um Anna zu kümmern, aber hier hat sie keine Zukunft mehr. Sie hat aber mehrere Wochen in Ihrer Einheit verbracht, und ich denke, es ist nicht der schlechteste Platz.“
„Ein annehmbarer Preis“, murmelte Germaine.
„Sie wird eine Karriere bei Ihnen haben“, stellte Jegorova mit kalter Stimme fest.
„Das wird sie.“
„Gut. Die Spezialistin wird Sie auf das Dach bringen und Ihnen helfen, mit Corporal Koopmans wieder zu starten. Danach wird sie direkt zu den Landern fahren, bevor ihr… Verrat bemerkt werden wird. Sie werden bis dahin dafür gesorgt haben, dass sie an Bord gehen kann.“
Wieder nickte Germaine.
„Dann ist alles gesagt. Kehren Sie nie zurück, Major Danton.“ Jegorova nickte der jungen Agentin ein letztes Mal zu und verließ den Raum.
Es vergingen zehn Minuten, in denen sich Germaine und die Bryanterin nur stumm gegenüber standen. Dann öffnete die Frau die Tür. „Der Drachen ist gelandet, Herr Major. Wir müssen gehen.“
Germaine Danton nickte und schälte sich aus seiner Uniform. Langsam begann er den schwarzen Neoprenanzug darunter zu schließen. „Bereit.“
**
Der Weg zum Dach war nicht weit. Niemand begegnete ihnen und das Dach selbst war nicht bewacht.
Germaine und Anna hatten Mühe, den gut getarnten Gleiter zu finden, aber danach ging alles ganz schnell.
Als die Hand von Corporal Koopmans mit der Waffe im Anschlag hoch schnellte, winkte Germaine ab. „Ruhig. Sie ist auf unserer Seite, Corporal.“
Misstrauisch musterte die Infanteristin die Frau. „Ich habe leider nur einen weiteren Helm.“
Der Major schmunzelte. „Sie wird einen anderen Weg nehmen.“ Er nahm den Helm entgegen und setzte ihn auf. Dann trat er unter den Drachen und half, ihn zum Dachrand zu tragen.
„Einmal HPG, bitte.“
„Macht mit Trinkgeld zehn achtzig, Sir“, erwiderte Mareike.
Germaine wandte sich noch einmal um und sagte: „Gehen Sie auf die ROSEMARIE, Anna. Man wird Sie erwarten.“
Dann stießen sie sich ab, fielen meterweit in die Tiefe, nur um sich doch zu fangen und durch die kalte Nachtluft zu segeln. Es ging weiter.
Noch war das letzte Kapitel für die Chevaliers auf Bryant nicht geschrieben.
Ace Kaiser
28.05.2005, 16:46
Prolog:
Es war nur ein einziger Sprung bis nach Outreach, von Bryant aus gesehen. Aber um diesen Sprung machen zu können, um überhaupt so weit zu kommen, hatten die Chevaliers einen großen Preis bezahlen müssen.
Germaine Danton salutierte vor Manfred Scharnhorst, seinem Stellvertreter. Der Mann saß im Rollstuhl, aber im Allgemeinen hatte er das Attentat auf sich gut verdaut. Und irgendwann würde er wieder damit beginnen dürfen, seine körperliche Kraft und seine Beine wieder trainieren zu dürfen.
Manfred erwiderte den Salut mit einem Ernst im Blick, der Germaine unwillkürlich schaudern ließ. Dann trat der Chef der Chevaliers an den Freund heran, beugte sich vor und umarmte ihn kurz. „Werde schnell wieder gesund, Junge.“
Scharnhorst grinste. „Und du pass gut auf Miko auf, sonst mache ich dir die Hölle heiß, verstanden?“
Germaine schluckte trocken. Er antwortete nicht, klopfte aber dem Captain noch einmal auf die Schulter.
Sein nächster Posten war Patrick Dolittle. Auch er saß im Rollstuhl, aber es war schon ein mittelschweres Wunder, dass genügend von ihm übrig war um in einem Rollstuhl zu sitzen.
Schweigend gab er Dolittle und seiner Frau die Hand. „Wenn du es dir mal anders überlegst, du alter Halunke, dann…“, begann Germaine, wurde aber von Doc Dolittle unterbrochen.
„Germaine, lass mich erst mal wieder gesund werden. Die Verbrennungen und die Brüche sind nicht von schlechten Eltern und ehrlich gesagt freue ich mich auf freie Zeit mit meinem Schatz, waaa, Cheef?“
Germaine lachte unterdrückt, als der Chef der Panzerfahrer wieder in sein altes Sprachschema zurückfiel. Auch ihn umarmte er herzlich und wandte sich dann Akila zu. „Auf Wiedersehen?“, fragte er leise.
„Auf Wiedersehen“, antworte die Panzersoldatin und umarmte den Major ihrerseits.
Danach trat Germaine vor Second Lieutenant Dukic. „Zdenek, ich…“
„Sagen Sie doch einfach Denny, Sir“, murmelte der Chef der Scoutlanze amüsiert. „Sir, ich weiß es zu schätzen, was Sie sagen wollen. Aber ich muß erst mal ein paar Dinge hinter mich bringen. Ich muß Hank nach Hause bringen. Ich muß…“
Denny senkte den Kopf. „Ich bin süchtig, Sir. Und bevor ich das nicht in den Griff kriege, habe ich kein Recht, hier zu sein. Meine Sucht hat soviel Schaden verursacht, ich habe so viele Menschen auf dem Gewissen…“
„Nein, Denny, haben Sie nicht. Sie wurden reingelegt. Reingelegt vom Bryanter Geheimdienst. Reden Sie sich nichts ein. Sie müssen nicht stärker sein als alle anderen. Nur stark genug. Einfach nur stark genug.“
In den Augen des Lieutenants schimmerte es feucht. „Danke, Sir“, hauchte er.
Germaine gab ihm die Hand und klopfte ihm auf die Schulter.
Dann trat er vor Belinda Wallace. „Doktor. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie Ihre Patienten sicher und in bestmöglichstem Zustand nach Outreach bringen.“
„Das versteht sich von selbst, Sir.“
Germaine versuchte in ihren Augen Emotionen zu finden, die verschütteten Gefühle für ihn. Aber da war nichts. Seit sie ihn hatte entscheiden lassen, ob er Scharnhorst oder Peterson retten lassen sollte, war da nichts mehr. Ihre Beziehung war in diesem Moment gestorben, das wusste Germaine. Dennoch tat es ihm weh, sie so gehen zu sehen. Es tat ihm weh, sie abmustern zu sehen. Er wollte sie umarmen, sie anflehen, bei ihm zu bleiben. Aber ihre kalten Augen hielten ihn auf Distanz. Letztendlich salutierte er nur vor ihr und das auch nur ein einziges Mal, ohne ihre Antwort abzuwarten.
Danach sah er Cindy in die Augen, seine Sekretärin. „Mach einen guten Job bei den Neuanwerbungen. Wir brauchen Piloten und Infanterie, ja?“
Die elegante Frau lächelte sanft und umarmte Germaine. „Wir sehen uns schon bald wieder und dann werden die Chevaliers stärker sein als je zuvor.“
„Das werden sie“, sagte Germaine und reichte Willem Kleinweich, der wie selbstverständlich neben ihr stand die Hand. „Passen Sie gut auf Cindy auf.“
„Das brauchen Sie nicht extra zu betonen, Sir“, erwiderte der schwergewichtige Mann.
„Ich weiß. Deswegen habe ich ja auch darauf verzichtet Ihnen einen fürchterlichen Tod anzudrohen“, sagte Germaine grinsend.
Der Nächste vor den er trat, war Kapitän van der Merves, der Skipper der SKULLCRUSHER.
„Ihre Crew hat hervorragende Arbeit geleistet, Kapitän“, stellte Germaine fest.
Der junge Mann grinste schief. „Und sie wurde hervorragend bezahlt, Sir. Die gute alte SKULL braucht einen oder zwei Monate in der nächsten Werft, dann fliegt sie wieder und macht die Innere Sphäre unsicher.“
„Ich kann…“, begann Germaine leise.
„…Den Kontrakt verlängern? Danke, Sir, aber wir bringen die anderen Chevaliers runter nach Outreach und nehmen danach einen anderen Kontrakt auf. Irgendetwas Harmloses wie lyranische Truppen nach Kentares IV transportieren oder so.“
Gegen seinen Willen musste Germaine lachen. „Sie machen das schon, Kapitän. Und falls Sie sich doch anders entscheiden sollten…“
Der Mann nickte ernst. „Ein Chevalier zu sein bleibt irgendwie hängen, egal was man danach tut“, sagte er ernst mit einem Seitenblick auf Doc Wallace.
„Vielleicht“, murmelte Germaine, salutierte und trat vor die letzte Gruppe, die er verabschiedete.
Vor dem Sarg von Captain Peterson salutierte er und spürte die Tränen fließen. „Tut mir Leid, Cliff. Es tut mir so Leid. Ich habe dich getötet, aber das ist eine Entscheidung, die ein Vorgesetzter manchmal treffen muß. Ich muß damit leben, aber du bist nun tot. Ich hatte große Hoffnungen auf dich gesetzt, und dann habe ich dir die lebensrettende Operation versagt. Ich…“ Germaine versagten die Worte. Stattdessen salutierte er stumm, während die Tränen seine Wangen benetzten.
Danach trat er vor die anderen Särge, angefangen bei Sergeant Hank Borer über Sergeant Caprese und den Elementare Philip bis hin zu Sergeant Sagrudsson.
Es waren alles Leute mit großem Potential gewesen. Menschen, von denen er sich viel erhofft hatte. Jedem einzelnen schenkte er einen korrekten militärischen Salut, bevor er sich umwandte, vor der ganzen Truppe salutierte. Von dem Geisterbär allerdings würde nur die Asche auf die Reise gehen in der Hoffnung, dass sein letzter Kodax-Eintrag der Chevaliers es ermöglichte, dass seine Asche in die Nährlösung einer neuen Geschko gefüllt werden würde.
„Schiffen Sie ein, Herrschaften. Gute Reise und auf ein baldiges Wiedersehen.“
Vereinzelt kamen die Wünsche zurück, wurde gewunken oder gezwinkert. Danach schnappten sich die Leute ihre Habseligkeiten und begannen auf die SKULLCRUSHER zu wechseln.
Anschließend begannen die Ehrenwachen, die Särge zu verladen.
Germaine hatte sich dazu entschlossen, jeden einzelnen von ihnen, wie es die Tradition der Chevaliers war, mitzunehmen und anschließend in die Heimat schaffen zu lassen.
„Nii-san“, erklang Mikos Stimme neben ihm.
Er wandte sich um, sah die draconische Pilotin an, sah die Sorge um ihn in ihren Augen und musste lächeln. „Es geht mir gut, Miko-chan. Seit langer Zeit geht es mir einfach nur gut.“
„Lügner“, erwiderte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Sie hatte ja Recht. Es war einfach zuviel passiert. Viel zuviel. Aus der vermeintlichen leichten Bergungsmission war ein blutiger Feldzug geworden, in dessen Verlauf sich die Chevaliers einen mächtigen Feind gemacht hatten.
Zu blutig. Germaines Gedanken schweiften zurück, zurück zu den Geschehen, die kaum zwei Wochen her waren.
Und während die SKULLCRUSHER von der ROSEMARIE abkoppelte hing Germaine übergangslos wieder an den Gleitdrachen, neben sich Corporal Koopmans.
1.
Sie waren beide in nachtschwarze Thermosuits gehüllt, um sich gegen die beißende Kälter der Breiner Nacht zu schützen. In einer Höhe von über zweihundert Meter, in der zudem ein wirklich eisiger Wind pfiff, mehr als nötig. Germaine fror trotzdem und er war sich sicher, dass es Mareeike nicht besser erging.
Die junge Soldatin hatte sich mit dem Drachen, den sie von Bryanter Agenten erbeutet hatten, gut arrangiert. Zudem schien sie sich im nächtlichen Brein gut orientieren zu können.
Germaine war auf diesem Flug nicht mehr als nutzloser Ballast.
Sie berührte ihn am Arm, deutete auf den Horizont. Dort flammten Mündungsblitze auf.
Es war also immer noch im Gange. Das erfüllte Germaine mit einer gewissen Zufriedenheit, denn das bedeutete, dass es noch Chevaliers gab.
Sie hielten auf einen gut ausgeleuchteten Bereich in der Nachbarschaft zu, das HPG und Germaine betete, dass die reichlich vorhandenen Soldaten des Schatuns nicht nach oben sahen, sie beide entdeckten und mit einem Glücksschuss vom Himmel holten.
„Ich melde uns jetzt an, Sir“, sagte Mareiike, indem sie ihren Helm gegen den von Germaine presste. Auf Funk hatten sie bisher verzichtet, um sich nicht zu verraten.
Germaine maß die Entfernung, schätzte ihre Geschwindigkeit und nickte.
Kurz darauf aktivierte die Soldatin den Funk und informierte Lieutenant Harris darüber, dass sie nun rein kamen.
Nichts wäre peinlicher gewesen als auf die letzten Meter von den eigenen Leuten abgeschossen zu werden.
Als der Drachen im Innenhof aufsetzte, fühlte sich Germaine für einen Moment unendlich erleichtert. Er war wieder Zuhause. Und sein Zuhause waren die Chevaliers.
„Meldung“, blaffte er als Erstes, als Infanteristen ihm aus dem Geschirr heraus halfen.
„Wir haben die Lage im Griff, Sir. Die ComStar-Leute brauchen noch drei Stunden für ihre Verlade- und Löscharbeiten, aber bei uns fehlt nur noch die Verladung des Lazaretts. Lieutenant McHarrod hat entschieden, dies im letzten Moment zu tun, um die Belastung für unsere Verletzten so gering wie möglich zu halten.“
„Gut“, sagte Germaine ernst und marschierte auf das Mobile HQ zu. „Koopmans, melden Sie sich bei Ihrem Teileinheitsführer. Sagen Sie ihm, ich merke Sie für eine Beförderung vor.“
Die junge Frau schwieg verdutzt.
Als Germaine das HQ erreichte, aufriss und es betrat, klang spontaner Applaus auf.
Stoisch ließ der Major ihn über sich ergehen, bevor er abwinkte.
Juliette Harris trat vor ihn und umarmte ihn fest. „Gott sei Dank bist du wieder da. Ist noch alles dran?“
„Keine Sorge, die Bryanter haben mich gut behandelt. Aber sie haben mich hochkant rausgeschmissen. Und die Chevaliers gleich dazu. Wir haben einen Verbündeten unter den Leuten des Schatuns, aber selbst dessen Wohlwollen endet diese Nacht. Wie ich hörte sind die Vorbereitungen fast abgeschlossen?“
Juliette nickte. Sie deutete auf zwei Holos auf dem Kartentisch. Eines zeigte die nähere Umgebung des HPG, ein anderes die Marschroute zum Raumhafen, wo die Landungsschiffe warteten. „Die Blakes Wort-Miliz plänkelt im Moment, um unsere Abwehr aktiv zu halten und zu ermüden. Eine unserer Stukas hat eine Bruchlandung hingelegt, und kann vorerst nicht eingesetzt werden. Wir haben zwei Ausfälle bisher. Sparrow hatte einen Kreislaufkollaps und Tear wurde übel zusammen geschossen, als sie auf Patrouille war.“
„Du hast Dawn da raus gelassen? Himmel, sie ist schwanger!“, blaffte Germaine.
„Wir sind in einer Notlage!“, erwiderte Harris streng. „Jeder Mech, den wir nicht einsetzen, bringt uns dem Grab ein wenig näher. Da draußen lauert eine Sektion II mit C3i, von den anderen Mechs gar nicht zu sprechen! Außerdem geht es ihr den Umständen entsprechend gut.“
„Okay, darüber reden wir ein andernmal. Ich war nicht da, um diese Entscheidung zu treffen, also sollte ich dazu die Klappe halten. Beute?“
„Zwei, einer davon reparabel. Ein Highlander. Wir vermuten, dass er vom Anführer der Miliz gesteuert wurde. Leider wirkt sich das nicht auf die Fähigkeiten der anderen Piloten aus. Im Gegenteil. Sie sind eher noch aggressiver, wie man an Dawn sieht.
Und unsere Luftüberlegenheit nützt im Moment auch nicht viel.“
Dankbar nahm Germaine einen Kaffee entgegen und ließ sich in seinen alten Sitz fallen. „In drei Stunden brechen wir auf, eher, wenn ComStar grünes Licht gibt. Wo ist Adept Yalom?“
„In seinem Mech. Er beteiligt sich nicht an den Patrouillen, aber er beschützt den Innenhof und seine Kameraden von ComStar.“
Germaine nickte ernst. „Okay. Kriegen wir den Highlander bis dahin wieder aktiv? Du hast selbst gesagt, jeder Mech, den wir nicht einsetzen ist ein Schritt zu unserer Vernichtung.“
„Wir haben ihm bereits ein Ersatzcockpit vom Kampftitan verpasst und die Steuerplatinen gegen Reserven des Tai-sho ausgetauscht. Aber uns fehlt ein Pilot.“
Germaine betrachtete die Karten nachdenklich. Leise merkte er hier und da etwas zum Kurs an, den sie beim Rückzug nehmen wollten. Sprach über mögliche Fallen, Minen und über die letzten drei Kilometer über freies Gelände.
Dann sah er Harris in die Augen und meinte: „Lass den Highlander vorbereiten. Ich werde ihn steuern. Meinen Neurohelm werden wir sicherlich irgendwo herumfliegen haben, oder?“
„Germaine…“, hauchte sie ängstlich. „Aber dein Mittelohr…“
Der Chevalier winkte ab. „Ist wieder ganz. Versprochen.“
Er nahm sich ein KommSet und aktivierte eine Leitung zu allen Chevaliers. „Hier spricht Major Danton von Bord des Mobilen HQ. Hiermit übernehme ich wieder das Kommando über die Einheit. Bereiten Sie sich alle auf den baldigen Aufbruch vor. Es gibt da ein paar Kameraden auf Tomainisia, die wir dringend abholen sollten. Danton Ende!“
Ace Kaiser
26.06.2005, 17:31
„Versuch es jetzt mal, Isthvan!“, rief Germaine aus luftiger Höhe herab.
„Wuirr hauben äääne Rrreauktion, Chef!“, erwiderte der Cheftechniker und bestätigte in seinem harten Akzent, dass die stundenlange Arbeit endlich von Erfolg gekrönt war. Endlich zeigte die 20er Holly LSR wieder Funktion.
„Sehr gut, Isthvan. Sehr gut. Wir machen ne Pause“, rief Germaine noch mal herab, bevor er sich sein KommSet griff und mit dem HQ verbunden wurde. „Knave hier. Es geht voran. Wenn wir in der Dämmerung abrücken, werden die Waffen bereit sein. Ich wünschte nur, ich könnte etwas mit den Sprungdüsen üben. Gibt es sonst was Neues?“
„Sergeant Fokker hat auf eigenen Wunsch wieder ihren Dienst aufgenommen, Sir. Sie kommt bald von ihrer Patrouille herein.“
„Gut. Wie geht es Corporal Ferrow?“
„Der Doc sagt, es geht ihr dem Umständen entsprechend gut, hat ihr aber Bettruhe verordnet.
Wir versuchen ihren Mecha zu bergen und auf den Mechtransporter zu schaffen, denn zum reparieren dürfte es etwas wenig Zeit sein.“
Germaine nickte bestätigend, obwohl er sich darüber im Klaren war, dass sein Gegenüber das nicht sehen konnte. „Okay, Wilson. Geben Sie an McHarrod weiter, dass er die Patrouillen aufrechterhalten soll wie bisher. Und ich will stündlich über den Status unserer drei verbliebenen Flieger informiert werden sowie über den Status von ComStar. Wenn sie abmarschbereit sind, zählt jede Sekunde.“
„Zu ComStar kann ich Ihnen etwas sagen. Adept Yalom hat dafür gesorgt, dass ComStar sich etwas mehr Zeit lässt, sodass sie ebenfalls voraussichtlich in der Dämmerung fertig sein werden.“
„Der Junge denkt ja mit“, murmelte Germaine mehr zu sich selbst. Der Chef der Chevaliers wusste, dass die Blakes Wort-Miliz höchstwahrscheinlich einen Sturmangriff starten würde, sobald die verbliebenen Spione meldeten, dass ComStar die Segel strich. Und genau dem galt es zuvor zu kommen. Nachdem die Miliz ihren Anführer verloren hatte, in dessen altem Mech Germaine gerade saß, konnte man sich auf nichts mehr verlassen. Nicht einmal mehr darauf, dass sie sich an das Verbot von Leonid Dvensky halten würden, nicht in der Stadt zu kämpfen.
„Gut, gut, gut“, sagte Germaine lauter. „Die Elementare um Sergeant Rowan sollen in die Betten. Ich brauche sie frisch, wenn es losgeht.“
„Das wird dem Sarge aber gar nicht gefallen“, erwiderte der KommTech amüsiert.
„Deswegen wird er den Befehl dennoch ausführen müssen. Ach, und Rowan soll sich aus einem der Soldaten, die damals im Vakuum auf den Rüstungen trainiert haben, einen aussuchen, der für den Abmarsch Philips Rüstung übernimmt. Und zwar nur für den Abmarsch. Die Techs haben sechs Stunden für die Anpassungsarbeiten.“
„Verstanden, Sir. Gehen Sie jetzt wieder off?“
Von draußen klang leiser Donner herein. Dem folgte das charakteristische Geräusch reißender Panzerplatten.
„Nur ein Scharmützel, Sir. Der Hatamoto hat sich ein kleines Duell mit dem Shootist geliefert. Nur Panzerschaden auf beiden Seiten.“
„Sie versuchen immer noch uns nervös zu machen, hm? Ich gehe off, ja, aber ich bleibe auf Stand-by. Sagen Sie Sergeant Fokker Bescheid, dass sie sich in meinem Büro melden soll, sobald sie wieder reinkommt. Ich bin solange im Krankenrevier.“
„Verstanden.“
Germaine deaktivierte die Verbindung. Dann kletterte er aus seinem Cockpit hervor und tätschelte die Panzerung des Highlander. „Bist eine gute Mühle. Du wirst einem ungeübten alten Knacker wie mir schon zeigen, wie man das Beste aus dir rausholt, nicht?“
„Das wird er sicher. Aber das nützt nichts, wenn Sie vom Fleisch fallen, mit Verlaub, Sir“, erklang eine energische Stimme hinter ihm.
Germaine wandte sich um und erkannte Sonja. Die große Schwarze hielt mit beiden Händen einen riesigen Korb, in dem in Plastiktüten gehüllt Fresspakete gestapelt waren. „Nehmen!“, befahl sie ernst. „Essen.“
Germaine nickte und nahm sich einen der Beutel. Es waren drei Sandwichs und eine Plastikflasche mit einem isotonischen Drink darin. Ein Apfel und eine einheimische Gemüsesorte, die vom Äußeren an Spargel erinnerte, rundete die Ration ab.
„Sie sind ja schlimmer als mein Master Sergeant, Sonja“, scherzte Germaine.
Die Köchin lächelte sanft, obwohl sie schon seit dem Angriff mitten in der Nacht auf den Beinen sein musste. Die rückwärtigen Dienste mussten oft länger und härter arbeiten, das vergaßen die kämpfenden Truppen meist zu schnell. Seit Ausbruch der Kämpfe jedenfalls schmierte die Küche Toasts, Brote und andere kleine Leckereien und kochte im Akkord Kaffee und Tee für fast vierhundert Personen. „Das muß ja auch so sein. Wir können es uns nicht leisten, unseren Kommandeur schon das dritte Mal innerhalb eines Jahres zu verlieren. Sir.“
Das letzte Wort hatte trotzig geklungen, aber Germaine verstand wie die Frau es gemeint hatte.
„Schon gut, Tadel ist angekommen. Sorgen Sie nur dafür, dass alle ein Fresspaket bekommen. Ach, und sagen Sie Leon doch bitte, er soll Schokolade und Zigaretten an alle austeilen lassen.“
Misstrauisch zog Sonja eine Augenbraue hoch. „Wenn jetzt noch die Anweisung kommt, Steaks für alle zu braten, sollte ich mir eine kugelsichere Weste anziehen.“
Germaine lachte kurz über den Einwand. Es war allgemein bekannt, dass die Einheiten versuchten, ihre Soldaten in guter Stimmung in eine Schlacht zu schicken. Deshalb gab es bei vielen ein Festmahl vor dem Gefecht.
Ein alter lyranischer Witz wollte nun wissen, dass die Art des Essens Aufschluss über die Mission oder deren Gefahr erlaubte. Gutes Bürgerliches Essen all you can eat zum Beispiel deutete auf eine gefährliche Mission hin. Schnitzel, Steaks und Pfannkuchen satt hingegen auf eine wirklich gefährliche Mission. Gab es allerdings Kaviar, Quillar in fünf Geschmacksrichtungen und andere importierte Leckereien, dann war es definitiv ein Himmelfahrtskommando. Schokolade wurde in etwa zwischen eins und zwei angeordnet.
Germaine nickte Sonja zu und murmelte ein: „Sie machen das schon.“
Dann verließ er die Wartungsempore.
Auf dem Weg zur Krankenstation begegneten ihm sehr viele Chevaliers. Er registrierte erstaunt, dass die Männer und Frauen erschöpft wirkten, aber bei seinem Erscheinen einen Energieschub zu erhalten schienen, der sie schneidig salutieren ließ. Germaine erwiderte jeden Salut sachlich und schnell, aber doch korrekt.
Er konnte sie ja verstehen. Mit Manfred war ein wichtiger Anführer ausgefallen und Dolittle blieb noch immer verschollen. Dazu war der liebe Major in der Hand des Schatuns gewesen.
Das er nun wieder über den Kasernenhof wanderte, einen Mech vorbereitete, den sie erst vor wenigen Stunden erbeutet hatten und das Kommando wieder übernahm, erleichterte viele, vor allem die Veteranen des ersten Feldzugs gegen Kendas Ronins.
Germaine betrat das Revier. Im ersten Moment erwartete er Hollys Stimme zu hören. Aber die Krankenschwester war gegen die Ronin gefallen. Ein Verlust, den Germaine nicht wirklich gut verkraftet hatte. War damals schon der Bruch zwischen ihm und Belinda passiert? Hatte er da schleichend seinen Anfang genommen? Germaine schüttelte heftig den Kopf, um sich von diesen Gedanken zu befreien.
„Welches Zimmer hat Corporal Ferrow?“, fragte er die Diensthabende Krankenschwester. Die junge Frau wirkte nervös. Immerhin standen sie alle im Kampf und ein guter MedTech stellte sich in so einer Lage auf jede Menge Arbeit ein.
„Die drei, gleich neben Captain Scharnhorst“, antwortete sie mit zittriger Stimme.
„Danke“, erwiderte Germaine und ging weiter.
„Sir!“, hielt die Tech ihn zurück. „Schön, dass Sie wieder bei uns sind.“
„Ganz meine Meinung“, erwiderte der Major und lächelte der Frau freundlich zu.
Germaine hielt sich nicht mit anklopfen auf. Um genau zu sein konnte er sich gar nicht erklären, wie er es so lange ausgehalten hatte, ruhig zu bleiben, seit er von Dawns Niederlage erfahren hatte. Aber als guter Kommandeur hatte er sich zuerst um andere Dinge zu kümmern. Aber endlich, endlich konnte er seine Sorgen zeigen.
Er trat ein und hatte augenblicklich Dawns volle Aufmerksamkeit. Sie war allein und als sie ihn sah, begannen ihre Lippen zu zittern.
Germaine trat an ihr Bett heran und umarmte sie sanft. Beinahe sofort begann die junge Frau zu schluchzen. „Hab´s vermasselt“, klagte sie leise. „Der verdammte Black Knight. Ich wollte mich doch gar nicht soweit rausziehen lassen. Ich wusste ja nicht, dass er schon wieder repariert war. Ich… Der Tessen hatte mich unter Feuer. Und ich wusste ja, dass er zu schwer für mich war“, erzählte sie unter Tränen, immer wieder von schwerem Schlucken und Schluchzen unterbrochen, „aber Katana hatte ihn ja schon weich geprügelt. Also bin ich raus, aber nur bis zu den Minen. Doch das hat dem Black Knight schon gereicht und bevor ich mich versah, haben sie zu zweit auf mich geschossen und…“ Ihre Stimme versagte, während sie sich in Germaines Uniform krallte.
„Es ist gut, Dawn. Es ist alles gut. Dir ist nichts passiert, dem Kind ist nichts passiert. Und den Mech können wir wieder flicken.“
„Ja, aber es ist ein Fenris, eine Clansmaschine! Sie ist wertvoll…“
„Und verdammt schwierig zu warten. Wir haben sowieso viel zu viele Clan-Mechs in unserer Aufstellung. Die laufenden Kosten werden uns über kurz oder lang noch auffressen. Ist vielleicht ganz gut, wenn wir einen weniger haben. Falls wir den Fenris doch nicht wieder repariert kriegen, dient er uns eben als Ersatzteillager“, murmelte Germaine und versuchte seine Worte so wahr wie irgend möglich klingen zu lassen. „Außerdem ist der Tag, an dem mir ein Mech wichtiger ist als der Mensch in ihm der Tag, an dem mich jemand erschießen sollte. Denn dann bin ich das geworden, was ich seit Jahren vernichten will.“
Germaine schluckte hart, um seine eigenen schlechten Gedanken zu bekämpfen. Drei Namen standen noch auf seiner Liste. Drei. Auch wenn er sich nun in erster Linie um seine Leute sorgte, vergessen war es nicht.
„Ich habe mit Al gesprochen. Auf dem Raumhafen steht ein Kurita-Lander. Ein Overlord mit Kurs Vereinigte Sonnen. Er wird ebenfalls diese Nacht starten. Ich… Ich denke, damit bist du schon auf halbem Weg Zuhause, Dawn. Jedenfalls kennt Al den Kapitän, und er hat versprochen, gut auf dich acht zu geben. Bezahlt ist auch schon alles. Du musst nur noch bei ihnen einsteigen, zu deinem Bruder fliegen. Und natürlich musst du zurückkommen. Das musst du mir versprechen. Ich will doch meinen Neffen kennen lernen. Oder meine Nichte.“
Erst war Dawn bei Germaines Worten entsetzt gewesen, doch nach dem Scherz am Schluss musste sie gegen ihren Willen lachen. „Versprochen“, hauchte sie.
„Ich weiß leider nicht, ob ich dir Sergeant van Roose nachschicken kann. Wahrscheinlich werde ich das nicht, denn ohne Captain Peterson brauche ich fähige Leute wie ihn. Aber ich werde dafür sorgen, dass er dir jeden Tag schreibt. Und wenn ich jeden einzelnen Tag eine Alpha-Nachricht bezahlen muß.“
Übergangslos umarmte Dawn dem Major fester. Wieder brach sie in Tränen aus. „Ich will nicht weg“, hauchte sie. „Ich will es nicht. Aber…“
„Aber du musst deinen Bruder sehen. Du hast nun zwei Familien. Und in beiden bist du stets willkommen. Deswegen sagte ich ja, dass du wiederkommen sollst. Nach der Geburt.“
Der Major beendete die Umarmung und sah sie mit Stolz an. „Du hast dich sehr verändert. Du bist stärker geworden. Sicherer. Du bist auf einem sehr guten Weg. Die neue Dawn gefällt mir sehr. Auch ein Grund, warum du wiederkommen sollst. Ich will wissen, wie du in einem Jahr ausschaust.“
„Ich verspreche es“, hauchte sie leise.
Germaine stand auf, streichelte die junge Frau noch einmal über die Wange und verließ das Zimmer. Er hatte nicht gelogen. Jedes seiner Worte war wahr gewesen. Und so sehr seine Professionalität auch dagegen war, sich so sehr auf eine Untergebene einzulassen und seine Emotionen kühl danach fragten, ob der Major verliebt war, er konnte nicht anders. Seine Gefühle für Dawn waren stark, aber nicht von der Art, wie sie van Roose für sie verspürte. Ein großer Bruder-Komplex vielleicht.
Was ihn zu seinem zweiten Termin brachte.
Nach einem kurzen Abstecher an Manfred Scharnhorsts Krankenrevier, der von Doc Wallace nach fünf Minuten unterbrochen worden war, weil der Captain einzuschlafen drohte, kam Germaine in sein Büro.
Cindy vernichtete gerade ein paar unwichtige Akten, die nicht mitgenommen werden sollten. Ihr Lebensgefährte ging ihr dabei zur Hand.
„Ist sie schon da?“, fragte der Major leise.
„Sie sitzt da drin und zittert wie Espenlaub, das arme Ding“, erwiderte Cindy ernst. „Sei pfleglich mit ihr, ja?“
„Natürlich.“
Germaine trat ein. Jara sprang auf und wollte salutieren, aber der Major ergriff ihre Schultern und drückte sie wieder auf den bequemen Sessel zurück. „Sitzen bleiben, Sergeant. Dieses Treffen ist informell.“
Er nahm auf seinem Sitz hinter dem Schreibtisch Platz und sah Jara lange in die Augen, bevor er zu sprechen begann. „Okay, ich bringe es auf den Punkt. Mädchen, du isst zuwenig.“
Überrascht und verwirrt starrte Jara den Major an. „Was? Ich… Wie?“
„Du isst zuwenig. Ich habe mir dein Krankenblatt kommen lassen. Und da steht, dass du vier Kilo abgenommen hast. Verdammt, Jara, du bist doch nur Haut und Knochen. Vier Kilo sind bei dir eine Welt. Ich kann ja verstehen, dass der Stress im Moment sehr hoch ist. Und jetzt wo Dawn für die Geburt ihres Kindes abreist ist es auch nicht leichter für dich. Aber Schatz, deswegen bist du doch in Zukunft nicht allein. Wenn du Sorgen hast, oder Probleme, was es auch sein soll, dann kannst du immer zu mir kommen. Oder zu Cindy, wenn dir das lieber ist. Diese Tür steht für dich immer offen.
Aber auf keinen Fall will ich, dass du so was in dich hinein frisst und dann zusammen klappst. Es sind schon Menschen an so etwas gestorben, Jara. Und ich will einen Arm verlieren wenn ich dabei zusehe wie es dir passiert.“
Die MechKriegerin sah Germaine aus großen Augen an und brach in Tränen aus.
Es war ein harter, heftiger Weinkrampf, der sie schüttelte und verkrampfen ließ. Germaine stand auf, kam um den Schreibtisch herum und legte eine Hand auf ihre Schulter, was die Krämpfe etwas dämpfte. Nach ein paar Minuten hatte sie sich soweit beruhigt, dass sie dem Major von ihren Sorgen erzählen konnte. „Mein Vater… Meine Einheit, sie…“, begann die Puma-Pilotin und sprach sich die Sorgen der letzten Wochen von der Seele. Und die ganze Zeit hörte Germaine schweigend zu und ließ seine Hand auf ihrer Schulter.
Als sie geendet hatte, sah sie zu dem Major auf. „Das war alles“, hauchte sie.
„Dummkopf. Warum bist du nicht früher zu mir gekommen?“, tadelte er sie und legte eine Hand in ihren Nacken. Er drückte ihren Kopf gegen sich, woraufhin Jara erneut weinte, aber nicht mehr so schlimm. „Ich bin immer für dich da. Das verspreche ich dir.“
Germaine schluckte hart bei diesen Worten. Denn damit, das erkannte er sehr gut, hatte er sich so weit von seiner Rache verabschiedet wie es ihm möglich war. Dies war seine Einheit. Dies waren seine Leute. Seine Familie, sein Leben. Und auch wenn die Mitglieder wechselten, starben und kamen, er wollte für sie alle da sein. Und für einige von ihnen besonders. Kurz ging sein innerer Blick zu Miko, die draconische MechKriegerin, die er quasi adoptiert hatte. Für sie fühlte er ähnlich wie für seine anderen Mädchen.
Und für sie hatte er sich geändert. Sehr geändert. Und das zu seinem Vorteil, hoffte er.
„Geht es?“, fragte er leise.
Jara nickte stumm. „Okay, Schatz. Dann gehst du jetzt duschen, was essen und legst dich sechs Stunden hin. In sieben Stunden ist die Abschlussbesprechung vor dem Aufbruch. Ich brauche dich und den Puma als schnellen Späher und ich will, dass du für den Abmarsch fit bist. Kriegst du das hin?“
„Ja, Sir“, erwiderte sie.
„Als ich dich zum Sergeant gemacht habe“, sagte Germaine leise, „habe ich viele Chevaliers vor den Kopf gestoßen. Viele meinten fähiger zu sein als das junge blonde Mädchen, das nur Partys im Kopf hat. Viele dachten auch wir hätten eine Affäre und die Beförderung wäre deine Belohnung dafür. Aber ich will heute einen sehen, einen einzigen Chevalier, der dir deine Beförderung missgönnt, nachdem du nach einem kompletten Kreislaufzusammenbruch wieder in deinen Mech gestiegen bist, um deine Pflicht zu tun. Jara, du bist eine Chevalier. Und du bist eine, auf die ich sehr stolz bin.“
Germaine zog sie hoch, trocknete ihre Tränen mit einem Taschentuch ab und sagte: „Und jetzt gehen Sie schlafen, Sergeant. Draußen sind ein paar Mechs der Blakes Wort-Miliz, die wollen eine Tracht Prügel. Außerdem kann es immer noch sein, dass Lord Dvensky wieder sein eigenes Spiel spielt. Dafür müssen Sie ausgeruht sein. Verstanden?“
Jara sah ihn an und in ihren Augen leuchtete ihre alte Kraft. Sie salutierte schneidig vor ihm und sagte: „Jawohl, Sir.“
Dann trat sie ab.
„Ach, Jara“, hielt sie der Major zurück und zog ein Kleidungsstück aus seinem Spind, das er der blonden Kriegerin zuwarf, „zieh das lieber an. Erstens ist es draußen etwas kalt für das Cockpit-Outfit und zweitens sollst du den Jungs nicht zu sehr den Kopf verdrehen.“
Sie wurde rot und entfaltete den großen Frotteemantel, auf dem das Chevalierslogo prangte. Im Jargon wurde sie auch oft Abschwitzdecke genannt.
„Aber wenn ich damit aus deinem Büro komme, Chef, dann…“
Germaine grinste. „Lass sie doch reden. Erstens wissen wir es besser und zweitens sind diese Gerüchte schon alt und uninteressant.“
Jara nickte knapp. Dann streifte sie den Mantel über und verließ das Büro.
Zurück blieb Germaine Danton. Sein Lächeln gefror auf den Lippen. Das war der angenehme Teil seiner Arbeit als Vorgesetzter und Freund gewesen. Was nun folgte war der unangenehme Teil. Der, der mit Tod und Zerstörung zu tun hatte.
„Al? Beginnt mit den Vorbereitungen. Wir kommen wie geplant rein. Ach, und… Motte doch deinen Falkner aus, ja? Nur für den Fall, dass wir ihn brauchen.“
Ace Kaiser
03.07.2005, 23:28
Germaine Danton ließ seinen Blick über die Anwesenden streifen. Die MechKrieger und wichtigsten Offiziere waren in diesem Raum versammelt, ausgenommen die KIampflanze, die mit Hilfe der Artillerie-Panzer die Patrouille aufrechterhielt.
Der Major konnte es nicht verhehlen, er war stolz auf seine Leute. Und dies zeigte er auch in seinen Augen durch ein strahlendes, selbstbewusstes Leuchten.
„Herrschaften“, begann er mit einer Stimme, die den ganzen Raum erfüllte, „wir hauen hier ab!“
Je nach Temperament nickten die Chevaliers, klatschten oder pfiffen begeistert.
Germaine hob eine Hand und unterbrach den kleinen Tumult. „Um exakt zwei Uhr siebenunddreißig Ortszeit werden die ComStar-Transporter fertig beladen sein und sofort losjagen. Lupo, deine Leute und die Elis übernehmen die Front. Ich übernehme den Oberbefehl über die Kommandolanze und decke mit ihr die Flanken. Fang deckt den rückwärtigen Bereich.“
Der Blick des Majors ging zu dem Chef der Panzer. „Mike. Deine Leute fahren im Konvoi mit. Eure Aufgabe ist es, uns Blechdosenfahrer immer dort zu unterstützen, wo ihr gebraucht werdet. Das bedeutet eine Menge Stress und wenn Ihr gerade vorne ein Gefecht hattet, werdet Ihr vielleicht hinten schon gebraucht. Die Aufteilung der einzelnen Lanzen überlasse ich dir. Aber habe ein Auge drauf, dass wir immer eine ausgewogene Mischung aus Nahkämpfern und Fernkampfwaffen haben.“
Der frisch gebackene Lieutenant nickte schwer.
„Bishop, Ihre Pioniere haben die Arbeit hinter sich. Es kann sein, dass wir noch einmal den Minenwerfer brauchen. Und halten Sie ein wenig Donner-LSR bereit, aber ansonsten ziehen Sie mit Ihren Leuten einfach den Kopf ein und warten Sie auf die Ankunft in den Landern. Die Kommandos und die Sprungtruppen teilen sich auf die Fahrzeuge auf. Wir teilen tragbare KSR aus. Kein Wagen soll unbewacht sein.“
Bishop nickte.
„Herrschaften, wir haben einen weiten Weg vor uns. Der Konvoi kommt nur so schnell voran wie sein langsamstes Mitglied. Das bedeutet dass Blakes Wort uns locker überholen und einen Hinterhalt legen kann, sobald sie gemerkt haben, dass wir ausrücken. Auf Hilfe von Count Dvensky brauchen wir nicht zu hoffen. Im Gegenteil, wir müssen sogar drauf achten, dass ihm ein Angriff auf uns nicht vorteilhaft erscheint. Er war für uns ein Feind, seit wir hier gelandet sind. Und er ist ein Feind geblieben. Behaltet das immer im Hinterkopf. Vor allem, wenn wir aus der Stadt heraus sind, bedeutet das für uns noch lange keine Sicherheit. Einer der Luft/Raumjäger wird uns permanent Deckung geben, aber auch das bedeutet nicht automatisch Sicherheit.
Der Bogen, den wir um die Stadt schlagen müssen, wird uns viel Zeit kosten. Zeit, in der wir verletzlich sind. Das alte Flussbett bedeutet für uns eine sichere Marschroute, aber auch die Möglichkeit, in eine exzellente Falle zu laufen. Die letzten Kilometer über offenes, weites Land aber werden unser eigentliches Problem sein. Nicht nur wir Krieger werden in dieser Zeit leicht getroffen, nein, auch die LKTs, die wir eigentlich beschützen wollen.
Und machen wir uns doch nichts vor, der erste Schuss eines Blakes Wort-Milizionärs geht zuerst auf einen zivilen Wagen von ComStar und dann erst auf uns.
Also bleibt wachsam.“
Germaine machte eine lange Pause, um der Küchencrew die Möglichkeit zu geben, jedem erneut ein Essenspaket auszuteilen. Katana, die Neue, betrachtete etwas indigniert das Viertelpfund gebratener, daumengroßer Fleischklopse, die den Kriegern schnell Energie bringen sollten. Aber sie sagte nichts.
„Wie ich schon sagte, erwarten Sie alle keinen Spaziergang. Es wird hart und ich wäre enttäuscht, wenn es nicht so wäre. Denn das würde bedeuten, dass ich Blakes Wort überschätzt habe. Und das glaube ich nicht. Oder Dvensky. Auch das glaube ich nicht.
Außerdem bedeutet dies noch lange nicht den Abschluss unserer Mission. Denn danach erwartet uns noch der Sprung nach Tomainisia. Dort, genauer gesagt in der ehemaligen planetaren Hauptstadt Leipzig erwarten uns unsere Kameraden. Sie haben ihren eigenen Auftrag ausgeführt und warten nun nur noch darauf, dass wir zu ihnen stoßen. Wir alle bis auf Sie, Corporal Ferrow. Am Raumhafen wechseln Sie wie besprochen auf den Drac, der Sie in die Vereinigten Sonnen bringen wird, um Ihre Babypause anzutreten.“
Für einen Moment war Germaine überrascht über die Reaktion der anderen weiblichen Soldaten im Raum. Er hatte gedacht, dass die Information über Dawns Schwangerschaft allgemein bekannt gewesen war. Aber so wie die Damen sich nun gebärdeten, konnte er das nicht wirklich glauben.
Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, fügte Germaine an: „Doc Wallace. Der Corporal fährt bei Ihnen mit. Ich hoffe doch sehr, dass Blakes Wort das Rote Kreuz respektiert.“
„Das hoffen wir alle, Sir“, erwiderte Belinda mit dünnem Lächeln.
„Nach dem Hopser nach Tomainisia“, sagte Germaine mit unberührter Stimme, „haben wir uns Dvensky mit Sicherheit richtig zum Feind gemacht. Das bedeutet, bereits wenn abzusehen ist, dass wir nicht direkt ins Weltall durch starten haben wir jederzeit mit Angriffen zu rechnen. Ernst zu nehmenden Angriffen, die unsere Lander und Jäger beschädigen, ja, zerstören können.“
„Wäre es dann nicht klug, am Raumhafen erst einmal die gegnerischen Flugeinheiten auszuschalten?“, fragte Eleni Papastratas alias Artemis.
„Nicht wirklich. Seit wir auf dem Raumhafen aufgesetzt haben, befinden sich dort genügend Artillerieeinheiten, um einem startenden Union das Leben wirklich zur Hölle zu machen. Wir haben nicht die Zeit und vor allem nicht die Ausdauer, um einem permanenten Beschuss lange Widerstand zu leisten. Da ist es einfacher mit dem Feind in der Luft umzuspringen.
Außerdem weiß ich aus zuverlässiger Quelle, dass das Topaß des Gegners während der Kämpfe mit den New Home Regulars verletzt und damit noch immer dienstuntauglich ist.“
„Wenigstens eine gute Nachricht“, brummte MacLachlan.
„Und eine weitere folgt sofort.“ Germaine nickte schwer. „Ursprünglich sah der Einsatzplan von ComStar vor, Bryant zu verlassen und uns hinter dem dritten Mond zu verstecken, bis ein turnusmäßig erscheinendes Sprungschiff am Nadir der bryanter Sonne materialisiert, das jede Woche einmal erscheint.
Aber dank Sergeant van Roose haben wir eine andere, schnellere Möglichkeit. Fragen Sie mich nicht wie, aber seit drei Tagen wartet ein ziviles Sprungschiff zwischen dem zweiten und dem dritten Mond auf uns. Beide Welten stehen in Konjunktion und haben die Ankunft des Schiffes verschleiert. Sobald wir es erreicht haben, springen wir nach Outreach. Für einen Teil von uns bedeutet es dann, auf die Dragonerwelt zu fliegen. Der Rest wird zum ARDC weiterfliegen, unserem eigentlichen Auftrag entgegen.
Fragen?“
Niemand stellte eine Frage oder hakte nach. Aber es herrschte allgemeines Erstaunen über die vorausschauende Planung des Alten.
„Gut. Dann lasst uns fertig werden.“
**
Akoluth Delaware war irritiert. Nicht nur, dass er sechs seiner Mechs abgegeben hatte, für eine Mission, über dessen Fortgang oder gar Erfolg er keinerlei Informationen hatte, nein, die Söldner wagten es, seinen anderen beiden Sektion II ernsthaften Widerstand zu leisten. Nein, der Verlust von zwei Mechs und zudem seines kommandieren Offiziers, Dem-Präzentors Kiluah, hatten den Angriff entscheidend geschwächt.
Akoluthin Hayes, die Pilotin des Black Knights, war nicht annähernd so effektiv wie Aden Kiluah, im Gegenteil, sie war eine zögerliche und übervorsichtige Person und bevorzugte einen überlegten Kampfstil, den Delaware für dieses Gefecht als überhaupt nicht angebracht empfand. Was sprach dagegen, auszurücken, in die Kaserne einzufallen und die Chevaliers zu zerquetschen?
Hätte Kiluah diese Methode von Anfang an und nicht so halbherzig verfolgt, wäre er möglicherweise am Leben und zudem siegreich.
Aber der Idiot hatte sich ja umbringen lassen. Und zudem verstand Delaware zu wenig, viel zu wenig vom MechKampf, um sich effektiv und mit ruhigem Gewissen über Hayes hinweg zu setzen und seine eigenen Befehle durch zu drücken. Es wäre Wahnsinn gewesen und er wusste das. Schuster, bleib bei deinen Leisten, hatte der selige Blake einstmals gesagt und das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als dass er selbst bei der Diplomatie blieb und Hayes den Angriff führte.
Die junge Frau stand vor seinem Pult. Ihre Augen schienen in der Halbdunkelheit zu glühen. Tatsächlich aber reflektierten ihre Pupillen nur den Reflex von Delawares Zigarrenglut.
Nervös zog er an dem Stumpen, wie er es nur sehr selten und unter größtem Druck tat. Dann nickte er langsam. „Ich gebe Ihnen die Agenteneinheit, Akoluth Hayes. Setzen Sie diese zwanzig Mann weise ein.“
Die junge Frau atmete erleichtert auf. „Danke, Akoluth Delaware. Ich werde Sie nicht enttäuschen.“ Sie wandte sich um und wollte gehen, doch Delaware hielt sie noch einmal zurück. „Ach, Akoluth Hayes…“
„Sir?“
„Hayes, wenn es irgendwie geht, geben Sie Dvensky einen Grund, auf unserer Seite in den Kampf einzugreifen. Und zerschießen Sie die schönen Mechs nicht zu sehr. Wir könnten damit unseren Bestand aufstocken oder unseren Verbündeten friedlich stimmen.“
Wieder blitzte es in ihren Augen auf. Erwartungsvoll. Aufgeregt. „Ich habe verstanden, Sir. Blakes Wille geschehe.“
„Blakes Wille geschehe“, intonierte der Akoluth und entließ die MechKriegerin.
Als sie sein Büro verlassen hatte, lehnte sich Delaware weit nach hinten. Wenn er doch nur endlich Nachrichten aus Leipzig bekommen hätte…
**
„Ist mein Black Knight wieder klar?“, blaffte die Akoluthin, als sie den geheimen MechHangar der Miliz betrat. Der Hangar hatte eine Kapazität, um eine Sektion III permanent zu versorgen. Ursprünglich war die hier stationierte Einheit dazu gedacht, den Planeten notfalls gewaltsam zu übernehmen. Zu wichtig waren diese Welt und New Home mit der strategisch günstigen Lage zur Mammonwelt Outreach mit den fünf Regimentern der Clan-Häretiker und Todfeinde, den Dragonern. Und zu offensichtlich lagen die Pläne der Führung des heiligen Ordens vor ihr. Warum diese Welt gewaltsam nehmen? Ein nutzloser, unterbevölkerter Eisbrocken mit mäßigen Ressourcen? Nein, da musste etwas hinter stecken. Etwas wichtiges – so wichtig, dass Demi-Präzentor Kiluah bei Erfolg seine Beförderung zum Präzentor sicher in der Tasche gehabt hätte. Nun war er tot, die letzten Daten aus der C3i-Vernetzung waren eindeutig gewesen.
Und nun war es an ihr, ihrem ehemaligen Vorgesetzten Ehre zu erweisen und Blakes Worts Wille auf dieser Welt zu erfüllen.
„Der Fliegerangriff hat große Schäden verursacht“, begann der ChefTechniker. „Eigentlich müssten wir die Armwaffen austauschen, aber…“
„Ist mein Black Knight wieder klar?“, hakte sie nach, mit starrem, aber fanatisch loderndem Blick.
„Wir haben die Panzerung ergänzt, aber wir übernehmen keine Garantie für die Reparaturen an den Waffensystemen“, sagte der ChefTechniker ernst.
„Das reicht mir“, rief sie und lief auf die Hebebühne zu, die sie in ihr Cockpit hieven würde.
„Passen Sie dennoch auf!“, rief der ChefTech ihr nach. „Wir haben getan, was wir konnten, aber lassen Sie sich dennoch nicht am rechten Arm treffen! Die Panzerung ist…“
„Sie muß nur lange genug halten, bis wir die Häretiker vernichtet haben!“, rief die Milizionärin herab. „Die Söldner nehmen wir uns danach vor!“
Der Tech schluckte hart. Er verstand diese Aussage sehr wohl.
„Ich übernehme das Kommando“, sagte sie, kaum das der Neurohelm richtig saß. „Wie lange braucht der Lynx noch für die Reparatur?“
Wolters, der Pilot des Lancelots meldete: „Selbst wenn wir nur die Panzerung flicken wird er noch einen halben Tag hier stehen müssen. Damit sind wir nur neun Mechs. Wir…“
„Neun Mechs sind mehr als genug für diese Verräter und Ungläubigen“, hauchte Hayes leise. Sie löste ihren Mech aus dem Reparaturbay und ließ ihn einen Schritt vortreten. „Er soll nachkommen so bald es geht. Der Rest folgt mir!“
Klarmeldungen trafen bei ihr ein und ließen sie kurzfristig auf einer Euphoriewelle schwimmen. Kurzfristig, bis sich der Gedanke an die Verräter von ComStar wieder in ihre Gedanken schlich. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. „Aden… Ich werde deinen Tod rächen!“
**
Als Germaine die Pflaster des Neurokontakts a seinem Körper spürte, erfüllte ihn eine gewisse Euphorie. Es war eine Mischung aus Angst, Aufregung und Zufriedenheit. Dies war sein Platz. Hier gehörte er hin.
Als er den schweren Neurohelm aufsetzte, zögerte er nur einen winzig kleinen Moment. Als dann der vertraute Druck auf seinen Schultern ruhte und ein leichtes Feedback ein kurzes Schwindelgefühl auslöste, hätte er beinahe befreit aufgelacht.
Langsam löste er sich aus dem Wartungsgerüst. Vor ihm auf dem Boden standen die beiden Chefs der Wartung, Istvan Nagy und Doreen Simstein. Beide sahen sehr zufrieden zu ihrem Werk empor. Germaine konnte es ihnen nicht verdenken. In Rekordzeit eine Ersatzkuppel für einen Kampftitanen an einem Highlander anzubringen, zu panzern und auch noch einigermaßen dicht zu bekommen war eine Leistung, die gewürdigt gehörte.
Germaine hob den rechten Arm zum Salut für die Krieger der Zweiten Reihe.
„Keine Probleme. Unsere Arbeit war erfolgreich“, sagte er über die Lautsprecher.
Die beiden nickten. Doreen hielt ihm den gehobenen rechten Daumen hoch. Dann kletterten sie an Bord des vorletzten LKTs, der zusammen mit anderen Maschinen hier in der Halle mit laufenden Motoren wartete. Germaine drehte vorsichtig ein und ließ das Neunzig Tonnen-Monster als Erster den Hangar verlassen.
Draußen waren ComStar-Mitarbeiter eilig damit beschäftigt, die letzten Reste ihrer Ausrüstung auf die eigenen Fahrzeuge zu schaffen und abmarschbereit zu werden.
Noch sicherte die Kampflanze und die Artilleriepanzerlanze die Nord- und die Südeinfahrt, doch sobald der Tross formiert war, würden sie ihre Plätze am Heck einnehmen.
Germaine hoffte wirklich, dem Gegner damit eine Überraschung zu bieten und wenigstens einen kleinen Vorsprung zu gewinnen, der ihnen erlauben würde, die Stadt zu verlassen.
Er setzte sich auf die vordere rechte Flanke, den Tai-sho von Metellus direkt hinter sich wissend. Auf der anderen Seite hatten Frank Simstein und Karel Svoboda Aufstellung bezogen, als die LKTs den MechHangar verließen und zwischen die beiden Mechs fuhren. Die Kampfpanzer verließen den eigenen Hangar und reihten sich zwischen den zivilen Fahrzeugen ein. Aus einer Seitenstraße kam das mobile HQ hervor und beanspruchte einen Platz im vorderen Drittel. Der MechTransporter, auf dem bereits Dawns Mech Platz gefunden hatte, gelangte ins hintere Drittel. Den Abschluss würde die Kampflanze machen. Germaine hoffte wirklich, dass das reichen würde.
Auch das Hospital evakuierte. Die am schwersten Verletzten, unter ihnen Scharnhorst würden von Malossi und seiner Helikoptercrew ausgeflogen werden.
Germaine hatte dies auch Dawn angeboten, obwohl er die Antwort schon gekannt hatte. Sie war recht harsch ausgefallen. Aber auch das hatte den Major sehr zufrieden gestellt.
Nun trafen die Klarmeldungen en gros ein. Ein letztes Mal wurde abgezählt. Die Pioniere aktivierten schnell noch ein paar automatische Kameras, bevor auch sie einstiegen.
Dann traf auch das Okay von Bishop ein.
Germaine wandte den Oberkörper dem Helikopter zu. „Fliegen Sie los, Captain Malossi.“ Der Pilot und Arzt der Chevaliers ließ sich nicht lange bitten und startete den Helikopter.
Daraufhin wandte sich der Major wieder in Marschrichtung um. Der Molosser, wie der Doc in Anspielung auf eine riesige, aber sanfte Hunderasse oft genannt wurde, würde ein paar Schleichwege durch die Stadt nehmen und dadurch hoffentlich unbeschadet den Raumhafen erreichen. Zumindest die Bryanter hatten das Rote Kreuz bisher respektiert.
„Abmarsch!“, gab Germaine das erlösende Kommando. Die Schlaglanze unter McHarrod reagierte sofort. Die nunmehr drei Mechs sprinteten vom Gelände und hielten auf die Bresche im Häuserwald zu, welche die Chevaliers in die freie Wildnis nehmen würden.
Nach und nach ruckten die Fahrzeuge an und dann war es an Germaine, auch den Highlander in Bewegung zu setzen. Langsam verließen sie den Innenhof, gewannen draußen aber schnell an Geschwindigkeit. Mit fast fünfzig Klicks die Stunde hastete der Konvoi auf die Bresche zu.
In der ganzen Zeit befürchtete Germaine einen Überfall in der Flanke. Tatsächlich hatte er den Raijin ein paar Mal in der Ortung. Aber anscheinend fühlte er sich nicht in der Lage, eine derart kompakte Gruppe anzugreifen.
Der Major der Chevaliers konnte sich vorstellen, was jetzt auf den Kanälen des Gegners los war, wie hastig Anweisungen gegeben und wieder verworfen wurden, während sie von der eiskalten, stockfinsteren Nacht umschlungen wurden.
Er gönnte Blakes Wort diese Panik und Hektik. All das würde sich zu ihrer aller Vorteil auslegen.
„Germaine? Die Kameras reagieren!“, kam eine Meldung von Juliette Harris.
„Gib es mir durch“, sagte er leise und beobachtete die Bilder von drei Kameras auf seinen Hilfsmonitoren. Die erste Kamera zeigte den Blick von der Außenmauer. Die Blakes Wort-Miliz rückte mit drei Mechs, dem Wyvern, den Black Knight und der Crab auf das Gelände vor. Zwei LKTs folgten ihnen dichtauf. Infanterie?
Aber warum hatten die Milizionäre sie dann nicht schon früher eingesetzt?
Neben den schweren Schritten des Black Knight gingen mehrere Minen hoch. Kurz blieb der Riese stehen und feuerte mehrere Ladungen ab, die weitere Teile des Minenfeldes vernichtete.
Schade. Germaine hätte es zu gerne gesehen, wenn sich die Milizionäre durch Unachtsamkeit weiter beschädigt hätten.
Kurz darauf erlosch das Bild von Kamera eins.
Die zweite war im Hof stationiert. Der Raijin war nirgends zu sehen, Germaine nahm an, dass er den Auftrag bekommen hatte, mit seiner immensen Geschwindigkeit Kontakt zum abmarschierenden Pulk der Chevaliers zu halten.
Die beiden LKTs hielten an und bewaffnete Kommando-Soldaten mit Gesichtsmasken und Shimatzu-MPs stürmten in die Gebäude. Kamera drei zeigte, wie sie in den Kontrollraum des HPG kamen, mit ihren Waffen herumfuchtelten und sichtlich enttäuscht waren, keine Ziele vorzufinden.
Germaine lächelte kalt, während er einen unscheinbaren Knopf auf seinen Armaturen drückte.
„Bumm.“
Für ein paar Sekunden gab er sich der Illusion hin, die riesige Schüssel des Beta-HPGs würde in diesem Moment ihrer Standfestigkeit beraubt werden und dank ihres Eigengewichts in den Innenhof sacken und dabei sowohl das Kontrollgebäude als auch die drei Mechs im Innenhof vernichten.
Aber leider war das nur der Schalter für die Reinigungsanlage der Cockpitscheibe.
Und so gerne Germaine einen solchen fetten Knall auch gesehen hätte, er hatte viel zuviel Respekt vor dem ehrwürdigen Begriff LosTech. Abgesehen davon dass jedes zerstörte HPG eine maßlose Verschwendung war – solange man diese Technik nicht nachbauen konnte war jeder einzelne, ob Beta, ob Alpha, ein immenser Schatz, den man abseits aller Streitigkeiten der Nachwelt erhalten musste. Diese Dinge waren viel zu kostbar für die ganze Menschheit und sogar Blakes Wort respektierte das.
„Wir haben das Delta erreicht“, sagte Wolf McHarrod auf direkter Leitung. „Ich lasse jetzt Sergeant Rowan ausschwärmen und die Hänge absuchen, bis Ihr aufgerückt seid.“
„Verstanden. Haltet gut die Augen offen“, gab Germaine zurück.
McHarrod enthielt sich einer Antwort. Aber der Major konnte sich das verkniffene Grinsen gut vorstellen, welches der ehemalige Geisterbär-Leibeigene nun gerade zum Besten geben würde.
Germaines Blick schwenkte zum fernen Raumhafen herüber, der neben dem Lichtermeer von Brein in der Ferne funkelte. Ihr Ziel war so weit, so endlos weit entfernt.
Er fasste die Steuerknüppel fester. Sie würden ihr Ziel erreichen. Und dann würden sie diesen Eisball verlassen. Ein für allemal!
**
Der Angriff kam überraschend und war vorbei, bevor Germaine es überhaupt richtig mitbekommen hatte. Zwischen den LKTs und Panzern im Konvoi fuhren schlecht gezielte KSR hernieder, richteten aber kaum Schäden an. Bevor Fasterman und Snob reagieren konnten, war der Kintaro, der für den Beschuss verantwortlich war, wieder vom Kamm des Flussbetts verschwunden.
Sie konnten von Glück sagen, dass der Feind nicht nahe genug gewesen war, um einen wirklich sauberen Schuss auf die Fahrzeuge abzugeben.
„Nicht nervös machen lassen“, raunte Germaine auf Lanzenkanal den beiden MechKriegern zu. „Das war nur eine Begrüßung. Sie sind da und sie werden uns auf den Fersen bleiben.“
„Sollen wir nicht auf die Hänge klettern, Sir?“, fragte Fasterman drängend. „Da oben können wir viel effektiver Feuerschutz geben.“
„Nein, Frank, bleiben Sie beim Konvoi. Da oben sind Sie zu weit vom Rest entfernt und verzichten auf die überlappenden Feuerfelder. Außerdem haben Sie ja gesehen, dass wir außer Reichweite für sichere Schüsse sind.“
„Aber können wir nicht wenigstens die Elementare auf den Absätzen patrouillieren lassen?“, hakte Snob nach.
„Das ist eine schlechte Idee, Karel“, erwiderte Germaine. „Wollen Sie die gepanzerten Infanteristen zu Zielscheiben machen, weil sie immer gleichen Kurs und gleiche Geschwindigkeit wie der Konvoi halten müssen?“
Sich überlappende Schussfelder waren nach Germaines Erachten wirklich ihre beste Chance. Das Flussbett war recht breit und würde ihnen Gelegenheit bieten, das Feuer einer MechLanze zusammen zu legen, eventuell auch das einer Panzerlanze. Dazu kamen die Fallen Angels, von denen Hellboy bereits über ihnen kreiste, während die anderen beiden nur noch auf den Befehl zum ausschleusen warteten.
Germaine hätte die Flieger effektiver einsetzen können. Tat es aber nicht, weil er sie noch für den Flug nach Tomainisia bitter benötigte. Sehr bitter benötigte.
„Verstehe, Sir“, maulte der Pilot des Kampftitans.
„Halten Sie einfach gut die Augen auf. Und wenn Sie merken, dass der Gegner mehr vorhat als eine Stippvisite – drauf!“
„Ja, Sir!“, erwiderte der junge Mann, nun wesentlich enthusiastischer.
Germaine verkniff sich ein zynisches Grinsen. Wenn er daran dachte, dass er Snob bereits einmal abgeschrieben hatte… Der Junge hatte ein erstaunliches Comeback hinter sich und war auf dem Weg, ein wirklich guter Soldat zu werden. Vielleicht sogar auf dem Weg ein guter Anführer zu werden, aber das würde die Zeit zeigen.
Aufgeregte Rufe auf den Funkkanälen riefen Germaine in das Jetzt zurück. „Knave, hier Knave. Bericht!“
„Lupo hier. Wir haben einen Verlust, ich wiederhole, wir haben einen Verlust!“
„Bestätigen Sie, Lupo!“, blaffte die Stimme von Harris über die Leitung.
„Bestätige den Verlust eines Luftkissentransporters von ComStar. Bitte um Erlaubnis, den Konvoi anhalten zu dürfen und die Überlebenden zu bergen.“
Tausende Gedanken jagten Germaine durch den Kopf. Seine militärischen Erfahrungen und seine Ausbildung in Sandhurst kollidierten heftiger miteinander als ansonsten. Die Spitze des Konvois musste in einer schlecht überschaubaren Ecke stecken, wenn es Blakes Wort gelungen war, einen ComStar-LKT abzuschießen, ohne sich vorher mit der Schlaglanze anzulegen.
Germaine hatte nun zwei Möglichkeiten. Entweder den Rest der Einheit die Gefahrenstelle schnell passieren zu lassen oder anzuhalten, zu allen Seiten zu sichern und damit vielleicht in eine vorbereitete Falle zu tappen, die schon ein Fahrzeug unter seinem Schutz gekostet hat.
„Major Danton!“, blaffte Yalom empört. Der wortkarge Verbindungsoffizier vom ComStar hatte es schnell und einfach auf den Punkt gebracht.
„Erlaubnis erteilt. Saint und MAgus vor zur Bergung von Überlebenden. Hellboy soll näher heran kommen, um für uns zusätzliches Auge zu spielen. Chevaliers, wir igeln uns ein paar Minuten ein.“
Demonstrativ wendete Germaine den Highlander der Felswand zu, die sich links von ihm erhob und richtete die Waffenarme auf den Sims. Hinter ihm kamen die Fahrzeuge zum stehen, während sich zwei Fahrzeuge mit dem roten Kreuz auf der Seite nach vorne drängelten.
Die Techs und Ärzte begannen sofort mit der Bergung der Überlebenden und arbeiteten schnell und effektiv. Dennoch wurden die knapp sieben Minuten sehr lang für Germaine.
„Abschlussbericht“, meldete sich Doc Wallace zu Wort. „Sieben Tote, elf Verletzte, davon zwei schwer. Drei unter Schock.“
„Soll ich Malossi anfordern“?, fragte Germaine.
„Nein, sie werden es schaffen. Unnötig, den Helikopter zu gefährden“, antwortete die junge Frau müde.
Germaine hatte eine spitze Anspielung darauf auf der Zunge, wie sie ihm die Entscheidung über Leben und Tod seiner Offiziere aufgezwungen hatte, aber er schluckte sie runter. Es wäre sinnlos gewesen und hätte nur die Nervosität gesteigert, unter der sie alle standen.
„Weiter“, kommentierte er, nachdem die Medo-Teams und die Techs ihr Okay gegeben hatten.
Wieder setzte sich der Konvoi in Bewegung und ließ die fatale Engstelle schnell hinter sich.
Kurz vor der Auffahrt auf den Sims und dem Weg zum Raumhafen ließ Germaine erneut halten. Die Schlaglanze ging vor, ließ die Elementare absteigen und die Umgebung untersuchen. Germaine zweifelte nun nicht mehr, dass die FeindMechs aufgeholt hatten. Aufgeholt und voll aufmunitioniert, eventuell vollständig repariert. Zehn Maschinen gegen seine elf, davon fünf im C3i-Verbund.
„Oben ist alles sauber, Sir“, meldete Lupo.
Germaine ließ die Worte auf sich wirken, bevor er sich seinerseits meldete. „Gut. Bleiben Sie wachsam, McHarrod.
An alle Chevaliers. Uns steht nun das schwierigste Teilstück bevor, über freies, offenes Land. Dies wird eine schwierige Phase, die uns große Verluste bringen kann. Dennoch – werdet nicht hektisch. Lasst das Ganze nicht zu einem Rennen in die vermeintliche Sicherheit verkommen. Löst die Formation nicht auf und hört auf eure Vorgesetzten.
Einen Wagen mit ComStar-Personal haben wir schon verloren. Einen zweiten oder dritten wollen wir gar nicht erst verlieren. Bleibt bei den Wagen, wenn es nötig ist kämpft, aber kehrt zurück, sobald Ihr euch zu weit entfernt. Und denkt daran, dies ist erst ein Teil unserer heutigen Arbeit. Wir müssen noch immer zum Nachbarkontinent rüber und unsere Kameraden raus hauen. Verstanden?“
„Verstanden!“, hallte es ihm entgegen.
„Gut. Dann los, Chevaliers.“
Kurz darauf donnerten metallische Füße in den gefrorenen Boden, gruben sich schwere Räder in Eis hinein und zischte gefrorene, eisige Luft auf Luftkissenfeldern über das Land.
Ace Kaiser
04.07.2005, 12:52
„Yehaaa!“, kam es von Lieutenant Mike McLloyd, als sein Pegasus mit Höchstgeschwindigkeit über den Hang preschte, leicht abhob und aus einem Winkel von sieben Grad wieder zu Boden stürzte.
Als hätte er damit ein Zeichen gesetzt, taten es ihm die anderen Mitglieder der Scoutlanze nach und bald war das Funknetz der Chevaliers von wüstem Gebrüll erfüllt.
Germaine ließ sie gewähren, denn die Jungs und Mädels brauchten nun ein Ventil. Etwas, um Spannungen abzubauen, Frust über Bord zu werfen und weiter zu machen.
Er selbst löste im vollen Lauf die Sprungdüsen des Highlander aus und hüpfte den Sims hinauf. Während des Sprungs betete er freilich inständig darum, dass er sich nicht blamierte und mitsamt dem Neunzigtonner hinlegte. Erstens wäre das Gelächter dann groß gewesen und zweitens wären die zu erwartenden Beschädigungen nicht von schlechten Eltern gewesen.
Doch es ging alles gut, mehr oder weniger geschickt landete er neben Katana in Scharnhorsts Hatamoto, die seine Kommandolanze verstärkte. Kurz hatte Germaine mit dem Gedanken gespielt, den schweren Mech McHarrod zuzuteilen, ihn aber wieder verworfen. Der Hatamoto war zu langsam für die agilen Mechs der Schlaglanze.
Die Schlaglanze stellte das unter Beweis und lief dem Konvoi vorweg. Als sie einen guten Klick Distanz aufgebaut hatten, gaben sie ihre ursprüngliche Richtung auf und fächerten einen halben Klick auseinander. Zugleich rasten die vier Panzer der Scoutlanze seitlich davon, um den Aufstieg der langsameren Fahrzeuge zu schützen. Mike und Aaron Pearl in den Pegasen eins und zwei nach links gut einen halben Klick, sowie Jack Meyers Harraser und Anastasia Yindis Saracen nach rechts.
Das Ergebnis eines sehr langen Trainings. Fünfhundert Meter war für die meisten Waffensysteme der Inneren Sphäre die Distanz für einen sauberen Schuss. Alles darüber hinaus musste entweder Glück, eine Extremreichweitenvariante oder Artillerie sein.
Dadurch, dass sich die Schlaglanze und die Scouts der Panzer derart auffächerten, setzten sie sich selbst der Gefahr aus getroffen zu werden, aber zugleich stellten sie fest: Wollt Ihr auf den Konvoi schießen, müsst Ihr erst bis auf unsere Höhe vorrücken!
Germaine grinste zufrieden. Bis hierhin ging es einigermaßen glatt.
Adept Yaloms Mech patrouillierte derweil den Abhang auf und ab, bis die restlichen sieben LKT mit dem ComStar-Stern auf der Flanke sicher die Höhe erreicht hatten.
Der Major konnte es dem Veteran der Clankriege nicht verdenken, dass er sich nun primär um seine Kollegen kümmerte. Eigentlich verlangte es Germaine sogar; somit konnten sich die Chevaliers auf Wichtigeres konzentrieren und mussten nicht auch noch den schweigsamen Krieger integrieren.
Die letzten Wagen, Pioniere und Küche kamen hoch, während Germaine mit Decius Metellus Wache hielt. Danach folgte die Kampflanze, die unter Rebeccas Führung enorm gewonnen hatte. Insgeheim wünschte sich der Major, dass die junge Wahrgeborene auf die vollkommen unsinnige Idee kam, nicht wieder in ihren Clan zurück zu kehren.
„Es sind alle oben. Komm nach, Fang“, meldete Germaine.
„Verstanden. Die Kampflanze rückt nach, Knave.“
Kurz glitt ein Schmunzeln über das Gesicht des Majors. Codenamen waren bei den Clans eher selten. Dennoch hatte sich die Geisterbärin bereits gut angepasst und benutzte die Bezeichnungen schon unbewusst.
Wenigstens diesen Part hatten sie hinter sich gebracht. Nun blieb nur noch der Run auf den Raumhafen. Zehn Klicks über offenes Land. Ein höllischer Ritt. Und der Konvoi, der bereits versuchte, zu der Schlaglanze aufzuschließen, hatte sich bereits bedenklich gedehnt.
Germaine erwartete einen Angriff, genau jetzt in der Flanke, trotz der bereit stehenden Panzer, genau jetzt, wo die Verteidigungslinien überdehnt waren. Ein massiver Einbruch und dann Feuer auf die zivilen Wagen.
„Jetzt gut aufpassen, Grim Reaper und Archer“, rief Germaine Peter Niedermeye, Chef der Kampflanze und Gray Gordon, Anführer der Artillerielanze zu.
Nun würde es sich zeigen, ob die Panzer, die im Konvoi mitfuhren, schnell genug ausscheren konnten, um jedem Feind zu begegnen.
„ORTUNG!“, gellte Rebeccas Ruf auf. Germaines Blick ging zu seinen Anzeigen. Tatsächlich. Zwei rote Punkte identifizierten Hitzequellen von… Hinten!
Germaine ließ den Mech herumwirbeln, hob die Arme mit den Waffen, versuchte für die LSR ein Ziellösung zu bekommen, als das Eis des Flusses unter enormer mechanischer Belastung aufbrach und den Wyvern entließ. Neben ihm schoss der Lynx in die Höhe.
Beide mittelschweren Maschinen ritten auf ihren Sprungdüsen parallel zu den Chevaliers den Abhang hinauf und feuerten was ihre Waffen hergaben.
Germaine reagierte bereits und zog hinter dem Wyvern eine lange Garbe mit seinen Harmon M-Lasern hinterher, verdampfte aber nur Schnee und gefrorene Erde. Neben ihm schoss Metellus eine PPK ab und hatte mehr Glück. Sie traf und schubste den Lynx aus der Bahn. Der Mech verlor den linken Arm, konnte aber noch eine Salve abgeben, bevor er sich herum warf und wieder ins Flussbett sprang. Zwei weitere PPKs blitzten auf, als Rebecca mit ihrem Kriegshammer IIC eingriff und den spritzigen Wyvern zu fassen zu kriegen versuchte.
Auch Germaine beteiligte sich erneut und feuerte nun das Gaussgeschütz ab, etwas über den Kopf gezielt, falls der Miliz-Mech von der Gewalt der PPKs fort springen wollte.
Tatsächlich tat ihm der Wyvern den Gefallen, wurde mittig in die Torsopanzerung getroffen und meterweit davon geschleudert. Leider erwies sich der Pilot als Könner, löste die Sprungdüsen aus und landete ebenfalls im Flussbett.
Rebecca bewegte den Kriegshammer schon wieder ins Flussbett hinab, aber Germaine hielt sie zurück. „Nein, Fang. Es könnte eine Falle sein.“
„Aber Sir, es sind nur ein Wyvern und ein Lynx und…“
„Sie sind zu schnell für unsere schweren Brocken!“, erwiderte Germaine ernst. Strategisch gesehen hatte er es versaut. Er hätte für genau diesen Fall ein oder zwei flinke Einheiten hinten halten sollen, anstatt die schweren und langsamen Sachen hier zu konzentrieren. Sein Fehler. Ein tödlicher Fehler.
„Bericht, Pilum“, hauchte er tonlos, während der Highlander wendete und auf das Malheur herab sah.
Der Marianer bewegte seinen Mech ein wenig den Hang hinab, um den Miliz-Mechs deutlich zu machen, dass der Trick mit dem Eis nur ein einziges Mal funktionierte und sagte: „Sie haben einen Küchenwagen abgeschossen.“
Germaine schloss entsetzt die Augen. Ausgerechnet die Küche. Die Küche! Die harmlosesten Nonkombattanten der ganzen Einheit. „Wie schlimm ist es?“
„Wir können es noch nicht sagen. Pioniere und MedTechs sind bereits unterwegs. Ich habe den Konvoi stoppen lassen.“
„Es ist gut, Pilum“, bestätigte Germaine den Befehl.
Langsam wendete er seinen Highlander so weit, dass er auf den noch immer rauchenden Wagen sehen konnte. Einige Menschen lagen wie Gliederpuppen verrenkt im Schnee, während andere saßen und vor Angst und Schrecken nicht fähig waren sich zu bewegen.
Dazwischen lagen Tote, zum Teil verbrannt oder anderwegs fürchterlich entstellt.
Germaine schloss die Augen. Verdammt. Leon! Sonja! Er wusste noch nicht wen es alles erwischt hatte, aber für die Moral der Einheit würde dieser Überfall, dieser eine Treffer ein echter Schlag ins Kontor sein. „Und dann sind sie auch noch entkommen“, hauchte Germaine so leise, dass das Kehlkopfmikrofon nicht ansprach.
Unter ihm begannen die Sanitäter mit der Bergung.
Und er hatte Angst vor der Verlustliste.
„Augen auf, Chevaliers!“, rief er seinen Leuten zu. „Gerade jetzt sind wir verletzlich!“
Betätigungen liefen bei ihm ein.
„Feindkontakt!“, gellte es beinahe sofort darauf.
Wieder wurde ein roter Punkt angezeigt und ziemlich schnell als Crab identifiziert.
Die Maschine eilte mit hoher Geschwindigkeit auf Jaras Puma zu und eröffnete bereits aus großer Entfernung das Feuer aus dem M- und dem L-Laser.
Jara Fokker nahm die Herausforderung an und hielt nun ihrerseits auf den schwereren Miliz-Mech zu.
Artemis setzte ihren Dunkelfalke in Bewegung, aber Germaine hielt sie zurück. „Auf Position bleiben, Artemis. Es könnte eine Ablenkung für einen Flankenangriff sein.“
„Aber Sir, Sparrow ist…“
„Sparrow ist die Rose der Chevaliers“, sagte Germaine leise. „Und der Pilot der Crab wird sehr schnell eines merken: Jede Rose hat ihre Dornen.“
„Da kommt der Flankenangriff“, meldete Metellus.
Ein Blick auf den Bildschirm bestätigte die Worte des Marianers. In schnellem Tempo kamen vier FeindMechs heran, um die Chevaliers in der Flanke zu nehmen. Der Bordcomputer identifizierte die Angreifer als Tessen, Kintaro, Black Knight und Shootist. Mittlerweile gute alte Bekannte, ging es Germaine mit einem Schmunzeln durch den Kopf.
Zwei hinter ihnen, einer in der Flanke, vier auf der anderen Seite, das machte noch mal drei wirklich fette Brocken irgendwo auf ihrem Kurs.
„Fallen Angels, starten“, kommandierte Germaine und schickte damit die restlichen drei Flieger der Einheit auf Kurs.
Derweil hatten die vier Angreifer die beiden Scouts erreicht. Der Tessen bremste ab und legte sich mit den beiden Panzern an, während der Rest durchbrach.
In diesem Moment ließ Archer seine Lanze vorpreschen. Und kaum das sie in Waffenreichweite kamen, begannen die LSR-Plattformen mit ihrem Bombardement. Fasterman und Snob reagierten ebenfalls und liefen auf Abfangkurs.
Aus größter Distanz feuerte Fasterman seine PPKs und die Medium-Laser im schnellen Wechsel ab und suchte sich ausgerechnet den Kintaro als Gegner aus, während die Autokanone des Kampftitans dem Black Knight mit einer Garbe direkt vor seine Füße unmissverständlich zu verstehen gab: Bis hierher und nicht weiter.
Mit Entsetzen sah Germaine, wie einer der agilen Pegasi getroffen wurde. Der andere nutzte diesen Moment dazu, um seine Zähne schmerzhaft in dem Rücken des Tessen zu beißen, aber dennoch hatten die Chevaliers gerade einen Panzer verloren.
Der Black Knight ließ sich von dem Beinahetreffer des Kampftitans ebenso wenig aufhalten wie durch zwanzig LSR-Treffer und eröffnete nun seinerseits das Feuer auf eine LSR-Plattform. In einer wahren Lichtorgie zerriss der Angreifer eine der Plattformen. Als die eingelagerte Munition hoch ging, beeilten sich die anderen LSR-Träger, um Distanz aufzubauen. Damit öffneten sie dem angreifenden Mech eine Gasse auf die Wagen des Konvoi.
Dies war der Moment für die Infanterie. Die Männer und Frauen des Ersten Zuges saßen ab und rannten dem Angreifer entgegen. Ohne Zögern, ohne Angst. Und bevor sich der Black Knight versah schossen zwanzig KSR auf ihn zu.
Dieser Wolke aus Stahl und Gefechtsköpfen hatte der fünfundsiebzig Tonnen schwere Mech nichts entgegen zu setzen, also setzte er sich seitlich ab, nur um fünf, sechs, sieben Treffer zu kassieren. Die Infanterie ließ nicht locker, blieb aber schnell zurück. Der Black Knight erwies sich als launischer Verlierer und ließ seine Laser zwischen die tapfere Infanterie fahren. Mit Zornverzerrter Miene sah Germaine dabei zu, wie drei seiner Leute regelrecht verpufften, als das Wasser ihrer Körper vergast wurde.
Nun hatte Fasterman den Gegner erreicht, entschied sich aber für den Kintaro als Gegner.
Unterstützt durch die neu formierten LSR-Wagen ging er den Feind an und setzte ihm mit PPKs und Autokanone mächtig zu, während Snob dem Tessen klar machte, dass der letzte Pegasus nicht alleine war.
„Wir sind abmarschbereit“, meldeten die SanTechs.
„Langsam aufrücken und erneut stoppen“, befahl Germaine. Sie hatten heute schon zu viele Leben verloren. Wenigstens die toten Körper ihrer Kameraden wollten sie noch bergen.
Der Shootist nutzte die Tatsache, dass er nicht beachtet wurde und brach durch, kam schnell auf dreihundert Meter heran.
Hier stellte sich ihm aber Artemis mit ihrem Dunkelfalke entgegen und feuerte eine Salve LSR und KSR auf ihn ab, setzte mit dem M-Laser nach. Der Shootist taumelte, bedankte sich aber für das Geschenk mit einer Salve seiner Autokanone.
Ungläubig sah Germaine dabei zu, wie das Cockpit des Dunkelfalke zerplatzte und der geköpfte Mech haltlos in den Schnee fuhr.
Verdammt, Artemis!
Der Shootist wollte sich nun wieder dem Konvoi zuwenden, wurde aber von zwei Dutzend KSR empfangen. Wie im Rausch feuerte die Infanterie auf den FeindMech und zwang ihn mit über zwanzig Treffern zu Boden. Doch das reichte den Soldaten noch nicht. Ohne Kletterausrüstung erklommen sie den gefallenen Giganten, während ihre Kameraden weitere KSR hinein pumpten.
„Verdammt, Home Base, was ist mit dem Ersten Zug los?“, blaffte Germaine, dem bei dieser Aktion Angst und Bange um seine Leute wurde.
„Sie…“, begann Juliette Harris und musste mehrmals hart schlucken, bevor sie sprechen konnte, „sie haben MacLachlan verloren.“
Das war es also. Einer der drei verdampften Soldaten musste der Sergeant-Major gewesen sein. Nach Peterson hatten sie nun auch noch den alten Sergeant verloren.
Neben den wütenden Soldaten landeten zwei Elementare-Rüstungen, anscheinend vom Rücken des gefallenen Dunkelfalke. Sie stürzten sich auf das Cockpit und halfen ihren schlechter geschützten Kameraden, den Feind zu stellen.
Ein Laserblitz wanderte über die vordere Rüstung und der gepanzerte Gigant antwortete mit einer vollen Salve aus seinem MG.
Danach senkte sich über diesen Teil der Schlacht tödliche Stille.
Der Tessen hatte mittlerweile festgestellt, dass die Neuankömmlinge eine Nummer zu groß für ihn waren. Er setzte sich langsam ab, dabei immer versuchend, sowohl Snob als auch den Pegasus auf Distanz zu halten, gleichzeitig aber für den Kintaro und den Black Knight eine Gasse offen zu halten.
Der Kintaro ging noch einmal in den Nahkampf mit Fasterman, kam nahe genug für einen Schlag aufs Cockpit, bekam allerdings schweres Feuer von der Seite.
Jara Fokker war ihn ihrem Puma heran und bohrte ihre Waffen in die Seite des Gegners. Dies war der letzte ausschlaggebende Grund für den Feindpiloten, aufzugeben und stiften zu gehen. Sich gemeinsam sichernd zogen sich die drei Piloten aus den Linien der Chevaliers zurück. Doch Germaine konnte nicht aufatmen, wollte nicht. Zu sehr hatten die Chevaliers verloren, gelitten.
„Bericht“, hauchte er leise, während der Konvoi wieder hielt, diesmal um nach Überlebenden des zweiten Pegasus zu suchen, verletzte Infanteristen aufzunehmen und den Dunkelfalke der Einheit zu bergen.
„Wir haben Artemis verloren, Hermes zwei und Archer vier“, meldete Juliette Lewis leise.
„Außerdem einen Küchenwagen, fünf Tote, neun Verletzte. Keine neuen Verluste bei ComStar.
Auf der Haben-Seite stehen ein zerstörter Shootist und eine erledigte Crab.“
Germaines Blick glitt für einen Moment, einen winzigen Moment zum Crab herüber, der mit rauchendem Cockpit im Schnee lag und mit seiner auslaufenden Kühlflüssigkeit einen schmutziggrünen Fleck um sich verbreitete. Dann sah er sich den Puma genauer an, erkannte die schweren Gefechtsschäden und den halb abgetrennten rechten Arm.
„Gratuliere zum Abschuss, Sparrow“, sagte Germaine leise und in einem gewollt neutralen Ton.
„Er hat mich halt unterschätzt“, antwortete sie sachlich, mit mühsam zurückgehaltenen Emotionen.
Das haben wohl viele hier, auch Chevaliers, ging es Germaine durch den Kopf, aber er sprach es nicht aus.
„Weiter. Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Wer Munition braucht, soll jetzt Bescheid geben.“
Germaine setzte seinen Highlander in Bewegung. „Und lasst die Miliz-Mechs hier liegen. Sie sind ein Geschenk für Count Dvensky.“
„Verstanden“, hallte es ihm entgegen.
Germaine hatte zuversichtlich klingen wollen und hoffte, das es auch geklappt hatte. Doch in seinem Inneren sah es ganz anders aus. Erst die beiden Mechs, die unter dem Eis gelauert hatten, dann die beiden Flankenangriffe. Die Verluste, diese verdammten Verluste. Die Küche, zum Henker. Und MacLachlan. Germaine glaubte, sein Herz krampfe sich zusammen und hielt sich die Brust. Das waren alles Freunde gewesen. Gute Freunde, viele noch aus den Anfangstagen der Chevaliers. Gewiss, es kamen immer wieder neue hinzu. Aber die Toten brachte nichts wieder zurück. Und alles was die Lebenden konnten war, dem Gegner ausreichend zurück zu bezahlen.
Germaine erreichte den gefallenen Shootist. Und ließ den Highlander drauf treten. Eine sinnlose Geste, aber sie tat so verdammt gut.
Hinter ihm vollführten auch Snob, Fasterman und Pilum diese Geste wie ein Ritual.
Ace Kaiser
05.07.2005, 12:22
Nach und nach setzte sich der Konvoi nach dem Ende der Bergungsarbeiten wieder in Bewegung. Mit einem Schaudern betrachtete Germaine die Wracks der LSR-Lafette und des zweiten Pegasus.
Aaron Pearl, der Kommandant hatte es nicht mehr raus geschafft. Von ihm war nicht mehr genug übrig geblieben, um ihn zu bergen.
Ähnlich übel sah es bei der LSR-Lafette aus. Dinh Uoc, der Fahrer hatte es raus geschafft, war aber vom Druck der hoch gehenden Munition getötet worden.
Mehr Glück hatte Thi Thuen, die Richtschützin gehabt. Sie und Walt Whitman hatten es noch in die Deckung einer Bodenmulde geschafft, bevor es das spektakuläre Feuerwerk gegeben hatte.
Und dann war da noch Eleni Papastratas, Artemis. Ihr Dunkelfalke konnte nahezu unbeschädigt geborgen werden, aber die Pilotin war bei einem Cockpittreffer gefallen.
Germaine ballte die Hände zu Fäusten. Verdammt, dieser kleine Überbrückungsauftrag kostete sie mittlerweile mehr als die Chevaliers eigentlich zahlen konnten!
Und über die Verluste auf Tomainisia wusste er auch noch nicht Bescheid. Ihm graute ehrlich gesagt vor dem, was ihn dort erwartete. Denn ehrlich gesagt konnte sich der Major nicht vorstellen, dass Blakes Wort dort nicht aktiv war. Immerhin hatte ihm Jegorova, die Spinne, ja gesteckt, dass ihr Geheimdienst einen seiner Leute mit einem Sender ausgestattet hatte. Selbst in dem Gewühl tropischer Stürme würde der Sender irgendwann einmal geortet werden.
Bei diesem Gedanken griff eine eiskalte Hand nach seinem Herzen und presste es zusammen. Verdammt, er hatte Freunde in der Einheit! Gute Freunde!
Der Gedanke daran, dass Miko oder Patrick was passieren konnte, ließ seine Hände zittern.
Verdammt, Doc. Er erinnerte sich noch gut daran, wie Dolittle dieses Rennpferd besorgt hatte, um es gegen einen neuen Panzer zu tauschen. Die Panzerfahrer hatten es damals mit einem Geschirr zur Hallendecke gezogen und Germaine hatte so getan, als sehe er es nicht.
Jedenfalls so lange dies möglich war, also der Zosse keine Äpfel fallen ließ.
Und das waren nicht die einzigen Verrücktheiten, die… Leben in die Einheit gebracht hatten.
Als die Reihe an ihm war, setzte er den Highlander in Bewegung, den Torso auf die linke Flanke gedreht und die Waffen feuerbereit.
Zwei Mechs hatten die Blakeisten bisher noch nicht wieder eingesetzt aber nun auch zwei verloren. Germaine machte sich nichts vor. Bisher hatten sie die C3i-Vernetzung noch nicht wieder zum tragen gebracht, aber das konnte durchaus genug sein, um weitere Zivilisten zu töten oder noch ein, zwei Mechs heraus zu picken.
Germaine wollte das nicht, aber eine Regel hatte sich wieder einmal bestätigt: Es gab keine Sicherheiten im Gefecht, die Abläufe waren dynamisch.
Er konnte nur eines tun, sein Bestes geben und hoffen, dass es reichte.
„Sparrow hat gute Arbeit geleistet“, sagte Metellus über ihren Privatkanal, als sie den Mech passierten, den Jaras Puma zerrissen hatte.
„Sie hat mächtig leiden müssen, aber die Crab hat gelernt, dass ein ClansMech einen Gewichtsvorteil locker wieder aufwiegt.“
„Das ist es nicht alleine. Die Rose hat Dornen und wer unvorsichtig ist und sie unterschätzt muß bluten“, erwiderte Germaine.
„Warum hast du ihr nicht geholfen, Germaine?“, kam es von Metellus.
Der Major hatte diese Frage erwartet. In der Einheit war es allgemein bekannt, dass er Jara sehr mochte. Und er wusste sehr wohl, dass einige ihm nachsagten, er würde mit der jungen Frau schlafen und sie hätte ihre Beförderung zum Sergeant nur so bekommen.
„Sie brauchte keine Hilfe, Decius Metelle. Sie brauchte ein Erfolgserlebnis. Dringender als ein Ertrinkender Wasser. Sie musste dieses Metallmonster selbst ausschalten, mit ihren eigenen Fähigkeiten, ihrem Können. In letzter Zeit ist die Welt über sie zusammen gebrochen. Und sie musste lernen, dass es da immer noch eine Konstante gibt. Ihre eigenen Fähigkeiten.“
„Sie hätte sterben können“, warf der Marianer dem Chef der Chevaliers vor.
„Sicher. Und das kann sie immer noch. Wir alle können sterben. Aber letztendlich war es eine taktische Entscheidung. Eine Frau in einem Puma, die schon erfolgreich gegen die Clans gekämpft hat gegen einen Miliz-Offizier in einer Crab, der sich während der Belagerung des HPG nicht besonders hervor getan hat. Sie hätte durch einen Glückstreffer sterben können. Aber die Chancen waren klar auf ihrer Seite.“
„Wenn du es so siehst“, brummte der Marianer amüsiert.
Die Landungsschiffe kamen in Sicht und auch schnell näher. Germaine atmete erleichtert auf, als das Gelände des Raumhafens immer näher rückte. Und als die Schlaglanze endlich auf dem Gelände des Hafens stand, atmete Germaine erleichtert auf.
An der ROSEMARIE stand Mustafa al Hara ibn Bey und winkte in seinem Falkner die Wagen weiter. Wieder setzte sich die Schlaglanze in Bewegung, um die Nonkombattanten von ComStar und den Chevaliers sicher zu geleiten.
Nun erreichte auch Germaine mit der Mitte den Hafen. Ihn erwartete eine Doppelreihe Milizpanzer der Bryanter.
„Heute ist ein sehr schöner Tag“, kam es über den offenen Funk.
Germaine hielt seinen Mech neben dem linken Shukow an und sah herunter. In der offenen Luke saß ein bryanter Offizier und grinste zu ihm hoch.
„Sind Sie das, Tereschkow? Was freut Sie denn so?“
„Natürlich bin ich das, Söldner. Um nichts in der Welt hätte ich mir nehmen lassen, Ihren Abflug mit zu erleben. Deshalb ist es ja so ein schöner Tag. Steigen Sie in Ihre Lander und kommen Sie bitte niemals wieder.“
Germaine richtete unwillkürlich den rechten Arm mit der Gauß auf den Panzer aus und bekam sofort eine Feuerlösung. Es wäre ein Leichtes gewesen, den einen Meter durchmessenden Titanstahlball auf den kleinen Panzer zu jagen. Von Tereschkow würden nicht einmal Atome übrig bleiben, wenn die Kugel, auf Überschall beschleunigt, ihn direkt traf.
Der Offizier verzog keine Miene, als er in die Mündung der riesigen Waffe sah.
„Nett“, kommentierte er. „Ich wünschte, ich hätte Gelegenheit gehabt, Ihnen die Mündung meiner Waffen zu zeigen.
„Ich würde jetzt wirklich sehr gerne abdrücken, mein lieber Freund“, säuselte Germaine und ließ den Lauf noch ein wenig mehr nach vorne rücken.
„Was hindert Sie daran?“, forderte der Major der Miliz den Chevalier heraus.
„Natalija würde mir das niemals vergeben. Und das sind Sie einfach nicht wert.“
Zufrieden sah Germaine dabei zu, wie der Milizionär der Bryant Regulars rot wurde, vor Ärger und Scham und wandte den Mech ab. Dieser kleine Disput ging nach Punkten an ihn.
Eine Explosion riss ihn aus den Gedanken. Mitten zwischen ihnen ging eine Salve ungelenkter KSR hoch und verfehlte einen Wagen mit dem ComStar-Logo nur knapp.
Germaine versuchte sich zu orientieren. „Knave hier, Bericht!“
„Home Base, hier Home Base. Die letzten beiden Mechs, die bisher nicht in die Gefechte auf der Ebene eingegriffen haben, der Crockett und die Guillotine greifen uns auf der linken Flanke an!“
„Verdammt!“, entfuhr es Germaine. Er wusste eine Sache: Den Verantwortlichen ging es jetzt nur noch darum, so viele ComStar-Leute wie irgend möglich zu töten.
„Schützt die Wagen! Setzt das Einladen fort!“
Beide Mechs kamen aus einer Lagerhalle geschossen. Der Crockett versuchte ins offene Ladedeck der ROSEMARIE zu schießen, aber beide schweren Laser und die Autokanone zerschrammten nur die Panzerung.
Germaine warf den Highlander herum, eröffnete mit der Gauß das Feuer, schruppte aber nur Panzerung vom Crockett.
„Feuer einstellen!“, erklang Major Tereschkows Stimme über den offenen Kanal. „Dies ist bryanter Eigentum, und ich lasse niemanden hier kämpfen, keine Chevaliers und auch keine Blakes Wort-Miliz!“
Neben Germaine wurde eine LSR-Lafette getroffen, aber glücklicherweise nicht vernichtet.
„Können vor lachen!“
„Feuer einstellen, oder wir eröffnen das Feuer auf Sie!“, hielt der Major dagegen.
Germaine sah die näher tobenden Mechs, sah ihr präzises Feuer, das gerade über einen Luftkissentransporter der Infanterie tanzte.
„Chevaliers, beladen fortsetzen, aber Feuer einstellen. Beschützt die zivilen Fahrzeuge um jeden Preis, aber erwidert nicht das Feuer.“
Zögerlich bestätigten die Chevaliers.
Den Crockett und die Guillotine störte dies freilich nicht. Sie kamen schnell auf zweihundert Meter heran und feuerten weiter.
Ein ComStar-Fahrzeug konnte nur gerettet werden, weil sich Sparrow mit ihrem Puma mitten in die Salve des Extremreichweitenlasers warf. Der Treffer gab ihrem Arm den Rest und kostete sie viel, viel zuviel Panzerung und der FeindMech setzte mit KSR nach.
Germaine war zu weit entfernt um ihr zu helfen, viel zu weit. Die abgefeuerten KSR aber würden dem bereits stark angeschlagenen Mech den Rest geben und Jara würde sterben.
„Letzte Warnung!“, blaffte Tereschkow wütend.
In diesem Moment trat der massige Tai-sho zwischen Jara Fokker und die heran fliegenden Kurzstreckenraketen und nahm die volle Salve mit der noch immer unbeschädigten Frontpanzerung.
„Ziehen Sie sich zurück, Sergeant Fokker. Ihr Mech wird ja nur noch vom Glauben zusammen gehalten. Wir regeln das hier schon“, sagte Metellus über die Kompanieleitung.
„Verstanden, Sir!“, klang Jaras Stimme auf und sie hörte sich seltsam erfrischt an.
„Sie lassen mir keine Wahl!“, zischte Tereschkow und ließ die beiden Shukow und die Bulldog das Feuer auf die beiden anrückenden Mechs eröffnen.
Dies störte sie nicht besonders. Zwar schwankte der Crockett unter den Einschlägen, setzte seinen Sturmlauf aber fort. Wieder erwischte er einen ComStar-Wagen, und nur das beherzte Eingreifen des Verbindungsoffiziers verhinderte das Schlimmste.
Leider kostete es Yalom so viel, wie er nur bezahlen konnte. Ein glücklicher Treffer schlug durch die interne Struktur und ließ seinen Reaktor hoch gehen.
Von seiner Position konnte Germaine nicht gut sehen, was die Sechsersalve M-Laser angerichtet hatten und ob es der ComGuard noch schaffte auszusteigen. Aber die silbrige Fontäne, mit der sich der Mech verabschiedete sprach Bände.
„Regeln Sie das, oder ich nehme es doch selbst in die Hand!“, blaffte Germaine den Major an. „Lange halte ich nicht mehr still!“
„Ich tu ja was ich kann!“, kam es von Tereschkow zurück. „Also halten Sie die Klappe, Mietling!“ Wie zur Bestätigung seiner Worte brach der Crockett in den Knien ein und verlor den linken Arm.
Plötzlich aber bekam der Partisan Tereschkows selber Feuer. Eine KSR-Salve schlug in seiner Flanke ein und hob den schweren Panzer einen guten Meter in die Höhe, nur durch den Explosionsdruck.
„TERESCHKOW!“, brüllte Germaine.
„Bin noch da, bin noch da“, hörte Germaine die von schwerem Husten unterbrochene Stimme des Panzerfahrers. „Was zur Hölle war das?“
Germaine wandte seine Aufmerksamkeit dem Eisfeld zu und sah das Dilemma. Die restlichen Mechs der Blakes Wort-Miliz kamen im gestreckten Galopp angelaufen. Nun wollten sie es wissen. Und der Black Knight hatte sich ausgerechnet Tereschkow heraus gepickt, unterstützt vom Kintaro.
Es wäre nun so einfach gewesen. Das Feuer der beiden Mechs betrachten, dabei zusehen wie der Panzer in Flammen aufging oder explodierte. Hatte Tereschkow ihm nicht befohlen, nicht zu feuern? War er nicht selbst Schuld an seinem Schicksal? Gierige Laserfinger griffen nach dem angeschlagenen Panzer und eine weitere Salve KSR raste auf ihn zu. Das würde definitiv sein Ende bedeuten.
„Verdammt!“, blaffte Germaine missmutig und war schon auf den Pedalen der Sprungdüsen.
Doch ein geschicktes Manöver zog den Panzer in einen vorbereiteten Graben und rettete ihn so vor dem Ende.
„Dürfen meine Leute jetzt endlich schießen?“, blaffte Germaine, um seine Erleichterung zu überdecken, dass dem Bryanter nichts passiert war.
„Hier spricht Count Dvensky. An alle Einheiten der Bryant Regulars. Die angreifenden Truppen von Blakes Wort sind als Renegaten zu betrachten und dürfen bekämpft werden. Die Chevaliers erhalten ebenfalls Feuerfreigabe.“
„Danke, Leonid“, knurrte Germaine und zog das Fadenkreuz der Gauß über den Black Knight und drückte ab.
Auf dem Raumhafengelände geschah nun Unglaubliches. Verborgene Stellungen erwachten zum Leben, Artillerie aus gut gesicherten Positionen feuerten ihre Ladungen ab. Eine mittelschwere Lanze Panzer fuhr in den Rücken der beiden Miliz-Mechs und feuerte was die Kanonen hergaben. Zusammen mit dem Wirkungsfeuer der nicht gerade wenig überraschten Chevaliers verschwanden die angreifenden Mechs hinter einer Wand aus Feuer. Die drei Piloten der Luft/Raumjäger der Chevaliers verstärkten das Inferno zusätzlich.
**
Fünf Maschinen der Blakes Wort-Miliz hatten letztendlich das Feuer eingestellt und waren abgezogen. Für Germaine kam es einer Beleidigung gleich, dass der Wyvern, dieses zähe kleine Mistding, die Überlebenden anführte. Germaine ballte die Hände zu Fäusten. Vielleicht sollte er selbst noch mal da raus gehen und… Und einen schwerfälligen Mech gegen die mittelschweren da draußen führen? Nach den Beschädigungen? Mühsam entkrampfte er die Hände wieder.
Kurz sah er zu den Verladearbeiten herüber. Selbst Al in seinem Falkner war zurück an Bord, der letzte Wagen, ein LKT der Infanterie rumpelte an Bord.
Neben den Landungsschiffen ragte der persönliche Mech von Leonid Dvensky empor.
„Eine Frage, Mylord“, fasste sich Germaine ein Herz. „Wie steht es um Ihre Beziehung zu Blakes Wort, nach diesem Massaker?“
„Nanu?“, kam die amüsierte Stimme des Schatuns herüber. „Sorgen Sie sich etwa um Bryant? Vielleicht hätte ich… Egal. Machen Sie sich mal keine Sorgen und fliegen Sie endlich heim. Ich habe mit dem Vertreter von Blakes Wort, Akoluth Delaware, eine Vereinbarung getroffen. Der Angriff auf den Raumhafen kann nur als barbarischer Akt gewertet werden. Der Befehl dazu spricht gegen die Ares-Konvention. Deshalb hat Delaware die kämpfenden Einheiten aufgefordert, das Feuer einzustellen und die Piloten der dennoch feuernden Maschinen zu Renegaten erklärt.“
„Politik“, murrte Germaine. „Er hat seine Piloten geopfert, um auf Bryant weiterhin im Geschäft bleiben zu können.“
„Stimmt. Aber wenn man eine ganze Welt am laufen halten muß, sollte man nicht kleinlich sein.“
Germaine stimmte dem Schatun innerlich zu. „Vielleicht… Vielleicht hätten wir auf dieser Basis starten sollen, Mylord, und nicht mit einer Konfrontation.“
„Vergebenen Chancen nachzutrauern ist idiotisch. Genauso idiotisch wie Ihr Auftritt damals“, kommentierte der Schatun amüsiert. „Nun hauen Sie schon ab, bevor ich Sie noch anwerbe.“
Germaine hob den rechten Arm des Highlanders zum Gruß und gab Katana, die ihren Hatamoto verlassen hatte, das Zeichen zum einbooten. Wie versprochen ließ er ihn als Beute für den Schatun zurück. Dafür hatte er sich entschlossen, den Highlander zu behalten.
Er öffnete die Außenlautsprecher und sagte: „Trauern Sie dem Ding nicht nach, Haruko“, sagte er zur draconisch stämmigen Pilotin. „Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einer mittelschweren Maschine? Einem Dunkelfalke zum Beispiel?“
Die frisch angeworbene Pilotin sah zu ihrem kommandierenden Offizier hoch. „Alles ist besser als entrechtet zu sein, Sir. Und der Dunkelfalke ist ein zäher Brocken.“
„Dann ist es abgemacht“, erwiderte Germaine.
Als sich hinter ihm und Yamada die Hangartore schlossen, wollte er aufatmen, aber es war noch nicht vorbei.
Er bewegte den Highlander in den vorgesehenen Kokon. „Al, hier ist alles gesichert. Du kannst starten.“
„Kommst du auf die Brücke?“
„Für den kurzen Hüpfer? Ich helfe lieber bei den Reparaturen. Kann ja immerhin sein, dass wir die Mechs noch brauchen, wenn wir der SKULL zu Hilfe kommen.“
„Verstanden. Dann muß ich dir den frischen Kaffee eben bringen lassen.“
„Du bist so gut zu mir“, säuselte Germaine.
„Hey, flirtest du etwa mit mir? Das wird meiner Frau nicht gefallen.“
Germaine verkniff sich ein Schmunzeln. „So hübsch bist du auch wieder nicht. Nun bring uns schon weg.“
„Ah, du brichst mir das Herz“, kam es von al Hara ibn Bey, bevor er den Befehl zum Start gab.
Die beiden Lander erhoben sich auf ihren Düsen und setzten sich dann schwerfällig Richtung Norden in Bewegung.
Die drei einsatzbereiten Luft/Raumjäger flankierten sie.
Noch war es nicht vorbei. Noch nicht.
Ace Kaiser
10.07.2005, 15:07
Akoluth Delaware saß im Hauptbüro des Hyperpulsgenerators. Dies beinhaltete einige Vorteile. Die theoretisch vollkommene Übersicht über die Anlage war nur einer davon. Ein weiterer war die Möglichkeit einer Direktverbindung zum nächsten Alpha-HPG und die damit verknüpften Möglichkeiten.
Und genau diese Sache machte ihm nun Angst.
Denn es existierte eine Direktverbindung – zu niemandem geringeren als Cameron St. Jamais persönlich. Delaware hatte noch nie die Ehre gehabt, persönlich mit ihm zu sprechen, und nun gestattete es ihm der wahrscheinlich mächtigste Mann von Blakes Wort per Direktverbindung.
Er versuchte ruhig zu bleiben und keine Angst zu zeigen, aber wie konnte er das, nach diesem totalen Fehlschlag?
„Die Operation endete in einem Fiasko. Nachdem Demi-Präzentor Kiluah gefallen war, übernahm Adept IV Lena Hayes in ihrem Black Knight das Kommando. Sie setzte auf eine aggressive Strategie, die vor allem darauf abzielte, ComStar zu treffen. Leider mussten die Truppen mehr einstecken als austeilen und obwohl diverse Fahrzeuge mit ComStar-Personal vernichtet wurden, muß ich die Aktion als Fehlschlag werten. Lediglich fünf Mechs der Truppe konnten zurückkehren. Auf den Rest, abgesehen vom Highlander hat Lord Dvensky nach dem offenen Angriff auf den Raumhafen Anspruch erhoben.
Adept Montjar Jefferson hat die überlebenden Einheiten anschließend vom Raumhafen fortgeführt und beginnt in diesem Moment in dieser Anlage, die wir in Besitz genommen haben, mit den Reparaturen.“
St. Jamais schwieg eine lange Zeit, so lange, dass Delaware schon fürchtete, die Verbindung sei unterbrochen und er redete zu einem Standbild.
„Was ist mit der Leipzig-Operation?“, fragte der Präzentor Martialum unvermittelt.
„Ich habe keine genauen Kenntnisse über den Operationsverlauf, aber wir müssen annehmen, dass Lord Dvensky sich eingemischt hat. Außerdem sind die Chevaliers nicht auf dem Weg in den freien Raum, sondern fliegen nach Tomainisia. Wir müssen annehmen, dass auch dieser Teil der Operation unzureichend verlaufen wird.
Das wird auch bedeuten, dass die Superwaffe, von der Ihr Agent mir berichtete, womöglich ComStar oder noch schlimmer den Bryant Regulars in die Hände fällt.“
„Ein Satellit, der das Wetter kontrollieren kann“, sagte St. Jamais und hielt ein eng beschriebenes Blatt hoch. „Ein Prototyp, dessen Laser zehnmal so stark sein sollen wie ein Schwerer Schiffslaser. Hm.“
Bei all diesen schlechten Nachrichten fürchtete Akoluth Delaware schon das Schlimmste. Präzentor Martialum konnte, ja durfte mit diesem Ergebnis nicht zufrieden sein.
„Demi-Präzentor Norad Delaware, ich vertraue dir hiermit das Beta-HPG Bryant an. Du bist lange genug vor Ort und kennst die lokalen Herrscher am besten. Du wirst das HPG beschützen und die üblichen Dienste anbieten. Und du wirst mit den fünf Mechs auskommen müssen, die Demi-Präzentor Aden Kiluah dir überlassen hat. Dies wird sich für eine lange Zeit nicht ändern. Aber du wirst diese Aufgabe meistern. Richtig?“
Überrascht, ja beinahe panisch starrte Delaware den anderen an. „D-demi-Präzentor? DEMI? Aber Präzentor Martialum, ich habe mindestens zwei Sektion II Mechs verloren, der Sturminhibitor befindet sich wahrscheinlich in der Hand von ComStar und unsere Truppen haben mit den Bryant Regulars gekämpft!“
St. Jamais grinste den Untergebenen an. „Willst du nicht befördert werden, Norad Delaware?“
„Nein, das ist es nicht, Präzentor Martialum. Ich habe es nur einfach nicht verdient!“
Aus dem Grinsen des mächtigsten Mann von Blakes Wort wurde ein Schmunzeln. „Nun, die Verluste an Mechs, Kriegern und anderem Material müssen wir Aden Kiluah und Lena Hayes anlasten, da du keine direkte Kontrolle auf die Taktik der Mechkrieger hattest. Stimmst du mir soweit zu?“
Delaware nickte stumm und noch immer grenzenlos überrascht.
„Die Verluste in Leipzig gehen ebenfalls nicht auf dein Konto. Einer… Einer meiner Agenten hat seine Befugnisse ausgereizt, also muß ich dies meinem Büro anlasten, oder?“
Wieder nickte Delaware. Es klang wie die ganze Kette an Ausreden, die er sich selbst zurecht gelegt und wieder verworfen hatte, weil er nicht feige sein wollte.
„Der Sturminhibitor, Prototyp hin, Prototyp her, lass ihn doch ComStar haben. Man sagt, ein Gewitter enthält die Macht von tausend Atombomben. Aber kann man diese Macht freisetzen? Es ist wesentlich einfacher auf die Zerstörungskraft einer einzelnen Atombombe zu vertrauen als zu hoffen, dieses Potential nutzen zu können. Lass sie ruhig mit dem Wetter spielen. Und glaube nicht, dass ComStar diese Laser in Kriegsschiffe einbauen kann.
Ich habe die letzten bekannten Unterlagen der Forschungsabteilung übergeben. Man hat mir gesagt, dass eine Steigerung der Leistung möglich ist. Aber die Konstruktion des Lasers macht einen engen Fokus unmöglich, der für einen Einsatz als Waffenstrahl unbedingt nötig wäre. Also lass sie mit dem Wetter spielen. Vielleicht wird das Klima auf Tukkayijd dann etwas angenehmer sein, wenn wir diese Welt in Besitz nehmen.“
Sprachlos starrte Delaware auf die Projektionsfläche. Ihm wurde auf einmal der Abstand zwischen ihm und St. Jamais bewusst. Sie beide trennten Welten.
„Und was Count Dvensky angeht, nun, bist du stark, so erscheine schwach. Bist du schwach, so erscheine stark.
Überlass ihm die abgeschossenen Mechs. Natürlich nicht sofort. Zögere, protestiere, schimpfe. Aber überlass sie ihm. Allerdings schärfe deinen Agenten ein, dass sie dich genauestens darüber informieren, welcher Mech wann einsatzbereit ist und welcher Pilot ihn steuern wird. Ich verlange komplette Dossiers.“
Delaware nickte hastig. „Erscheine schwach, wenn du stark bist? Präzentor Martialum, fünf Mechs der Klassen Schwer und Mittelschwer sind…“
„Ich lasse dir ein gutes Buch zukommen, Norad Delaware. Lies es aufmerksam. Es heißt: Die Kunst des Krieges von Sun-Tzu, einem chinesischen General der prästellaren Geschichte. Es ist… Sehr interessant.
War das dann alles, Demi-Präzentor Norad Delaware?“
„J-ja, Präzentor Martialum! Das war alles.“
„Gut. Dann wünsche ich dir viel Erfolg auf Bryant, Demi-Präzentor. Diese Welt wird noch einmal wichtig werden, also achte darauf, dass wir dort unsere Präsenz behalten.“
„Das werde ich…“, sagte Delaware hastig, aber da war die Verbindung schon weg.
Delaware lehnte sich zurück und dachte über das Gespräch nach. St. Jamais hatte ihn defacto freigesprochen und ihn nicht nur befördert, sondern auch diese Anlage anvertraut. Allerdings, was konnte an diesem Sturmumtobten Felsklotz mitten im Nirgendwo derart wichtig sein, dass Blakes Wort derartige Verluste tolerierte, ohne das jemandes Kopf rollte?
Nein, ein Kopf würde rollen, da war sich Delaware sicher. Der geheimnisvolle Sonderagent mit der Krächzstimme würde sich verantworten müssen.
Delaware machte sich klar, dass es nur deshalb nicht sein Kopf war, weil er Bryant kannte. Wie nur hatte ihm diese Tatsache Rang und Ansehen gerettet? Weil ComStar sich mit den Chevaliers hier blamiert hatte? Nein, das wog Lena Hayes Aktion am Raumhafen wieder auf.
St. Jamais besaß natürlich einen viel besseren Überblick über die Pläne und Aktionen des Ordens als ein kleiner Demi-Präzentor, gestand sich der Mann ein und schmunzelte über den Fakt, wie schnell er den neuen Rang in Gedanken übergestreift hatte. Pläne, in denen Bryant irgendwann eine Rolle spielen würde. Aber eine Rolle als was?
„Outreach“, murmelte Delaware leise. Die Welt war nur einen Sprung entfernt und sowohl Epsilon Indi als auch New Home, auf denen Blakes Wort ebenfalls die HPGs übernahm, waren ebenfalls nur einen Sprung entfernt.
Ihm schwindelte kurz, als er meinte, einen Hauch dessen zu erhaschen, was der Orden wirklich plante und schob es deshalb weit von sich. Er deklarierte es in Gedanken als unmöglich und schob es in den hintersten Winkel seines Gedächtnis, bis es gebraucht werden würde. FALLS es gebraucht werden würde.
**
„ORTUNG!“, gellte der Ruf von Hotshot auf. „Ich messe Waffenfeuer an der vermuteten Position der SKULLCRUSHER an! Außerdem meldet die Ortung die Präsenz einer metallischen Masse an, die einem Overlord entspricht!“
„Waffenfeuer bedeutet zumindest, dass dort unten noch jemand lebt“, murmelte Germaine äußerlich beherrscht. „Brecht die Funkstille. Fallen Angels, schaut euch die Situation an, greift aber noch nicht an, okay? Icecream übernimmt den Befehl.“
„Ihr habt den Major gehört, Kids. Klebt schön an meiner Flanke. Wir gehen schnell rein und schnell wieder raus.“
Germaine nickte zufrieden. Information war Munition, hatte er mal auf Sandhurst gehört. Er hielt diesen Ausspruch für richtig.
„Alarm für die Landungsschiffe. Alarm für die Streitkräfte. Ich bin in meinem Mech.“
Al nickte ihm zu. „GAZ fünf Minuten. Ich halte dich auf dem Laufenden, mein Freund.“
„Danke, Al.“
Germaine hetzte aus der Zentrale der ROSEMARIE, die er für den letzten Teil des Anflugs besucht hatte. Nun beeilte er sich, wieder in seinen Highlander zu kommen.
Ha, sein Highlander. Kaum hatte er zehn Stunden auf dieser Liege verbracht, schon vereinnahmte er ihn. Machte sogar schon Pläne, den C3i auszubauen und den zusätzlichen Platz für LSR-Munition zu nutzen.
„Geht es los, Sir?“, fragte Katana.
„Es geht los. Zumindest wird da unten noch gekämpft. Kann sein, dass wir was zu tun bekommen. Schade, dass Sie nicht mitkommen können, aber so schnell kriegen wir den Dunkelfalke nicht repariert und geeicht.“
Die Draconierin hetzte neben dem Major zur MechBay. „Schon in Ordnung. MeisterTech Nagy und SeniorTech Simstein können Wunder vollbringen, aber für ein neues Cockpit brauchen sie mindestens einen Tag. Ich werde zusehen, dass ich woanders hilfreich bin.“
„Das nenne ich gutes Engagement. Ich merke Sie für den Corporal vor.“
Die junge Kriegerin blieb stehen. „Darum geht es mir nicht, Sir.“
„Ist mir doch egal“, erwiderte der Major mit einem Zwinkern und erklomm die Treppe, die zu seinem MechKokon führte.
„Knave hier. Bericht.“
„Erreichen Landezone in zehn… acht… Messen noch immer den Overlord sowie Mechs an.“
„Gut, Icecream. Achtet auf IFF. Homebase, wie sieht es bei euch aus?“
„Base Three meldet sich. Die Einsatztruppe wurde vor dem Lander festgenagelt, von Blakes Wort und Bryant Regulars.“
„An alle. Bereit machen. Ich wiederhole, bereit machen. Juliette, versuche den Anführer der Regulars ans Rohr zu kriegen und überzeuge ihn davon, seine Leute zurück zu ziehen!“
„Ich werde es versuchen.“
„Drei… zwei… eins… Wir sind drüber weg. Ortungsdaten kommen rüber. Bitte um Erlaubnis, mit Hellboy und Hotshot den Overlord angreifen zu dürfen.“
„Erlaubnis erteilt. Ein, maximal zwei Anflüge“, blaffte Germaine, während er die Anschlüsse an Arme und Beine klebte, die Kühlweste einstöpselte und den Neurohelm einem letzten Check unterzog.
„Abbrechen, abbrechen, abbrechen!“, brüllte Juliette über die offene Leitung. „Overlord ist nicht feindlich, ich wiederhole, Overlord ist nicht feindlich! Corporal Trent ist an Bord und meldet, dass der Overlord unseren Leuten helfen will!“
„Angriff abgebrochen“, kam die erleichterte Stimme von Sarah Slibowitz über den Funkkanal. So ganz hatte ihr ein Clinch mit einem Overlord anscheinend auch nicht behagt. „Befehle?“
„Sichert unseren Anflug“, befahl Germaine und schloss das Cockit. „Wir kommen unseren Leuten ja ebenfalls zu Hilfe.
Auf geht’s, Chevaliers!“
Dutzende Stimmen antworteten ihm.
**
Germaine Danton stand auf dem freien Platz vor der SKULLCRUSHER und blinzelte in die tief hängende Abendsonne. Die ewigen Stürme legten eine Pause ein und gestatteten den Chevaliers, das Malheur in Ruhe aufzuräumen.
„Zwei Verluste in der Doc-Lanze“, sagte Juliette Harris leise. „Dazu zwei Verluste in der Triple-D – Lanze. Doc lebt, liegt aber im Koma. Saint ist aber zuversichtlich, ihn bald in ein künstliches Koma zu versetzen. Seine Verletzungen sind schwer und es ist noch nicht abzusehen, ob er gelähmt bleiben wird, aber wenigstens lebt er.
De Pioniere und die Infanterie haben ebenfalls leiden müssen. Es hat Sagrudsson erwischt, dazu neunzehn Mann der Infanterie und der Pioniere. Sergeant Caprese wird gerade operiert, aber sie wird es schaffen. Zudem haben wir über zwanzig tote Infanteristen von Blakes Wort und neun der Bryant Regulars geborgen. Wir bahren sie auf und überlassen sie den eintreffenden Regulars, die sich für den Abend angemeldet haben.“
Germaine betrachtete dieses Schlachtfeld und schüttelte den Kopf. Erneut hatte er sich verkalkuliert. Erneut waren die Verluste verheerend und blutig geworden.
Er schüttelte erneut den Kopf und ging auf eine Gruppe zu, die etwa abseits stand und diskutierte. Anführer dieser Gruppe war Nigel Martyn, der Kapitän des Overlords.
Die beiden Männer tauschten einen kurzen Gruß aus und gingen dann gemeinsam ein paar Schritte. „Ich habe über Ihr Angebot nachgedacht, Kapitän. Nun, wir können Sie tatsächlich hier raus bringen. Entweder fliegen Sie mit uns. Zwischen dem zweiten und den dritten Mond wartet ein ziviles Sprungschiff der Invasor-Klasse. Und es hat noch drei Dockkrägen frei.“
Ein kleines Arrangement von van Roose, dachte Germaine bei sich, sprach es aber nicht aus.
„Oder Sie warten noch eine Woche, dann kommt ein ComStar-Kriegsschiff hier vorbei. Es sollte eigentlich uns auflesen, aber das hat sich nun erledigt. Wenn ich Ihnen die Codes überlasse, mit denen wir uns anmelden sollen, werden Sie sicher mitgenommen.“
Kurz, für einen winzigen Moment dachte Germaine zurück an den Zettel, den er damals in Brein in seinen Handschuhen gefunden hatte. Nach dem Treffen mit Natalija Dvensky. Der alte Wirt war also ROM-Agent oder arbeitete ihnen zumindest zu.
Und er hatte sein Leben riskiert, um ihm und den Chevaliers einen Weg nach Hause offen zu halten.
„Verzeihen Sie, Germaine, aber wenn Sie nichts dagegen haben, fliegen wir gleich mit Ihnen mit.“ Martyn blieb stehen und musterte den Chevalier neben sich. „Ich habe gehört, van der Merves will Sie verlassen. Was denken Sie unter diesen Gesichtspunkten über mein Angebot?“
„Ich nehme es natürlich an“, sagte der Major leise. „Begleiten Sie die Chevaliers bis ins neue Einsatzgebiet. Dort sehen wir dann weiter. Dann werden Sie sich entscheiden, ob Sie wirklich bei den Chevaliers bleiben wollen und ich werde mich entschieden haben, ob ich Sie haben will.“
„Das klingt fair. Ich mache Ihnen auch einen guten Preis für die Mechs und die Purifier.“
Germaine verzog die Miene zu einem sauren Schmunzeln. „Das ist übrigens auf der Soll-Seite einer Geschäftsbeziehung mit Ihnen, Kapitän Martyn. Haben Sie schon mal dran gedacht, dass Blake-ROM ein Interesse daran haben könnte, Ihren Kopf auf einem Fahnenmast aufzukröpfen?“
Martyn grinste schief. „Deshalb bin ich ja so froh, dass Sie in den ARD-Kordon fliegen. Weit, weit weg von diesen – pardon – religiösen Spinnern.“
„ROMs Arm reicht weit.“
„Aber alles jammern hilft nicht. Ich habe mich so entschieden und ich habe gehandelt. Nun trage ich die Konsequenzen.“ Martyns Blick strich über die ausgebrannten Lastwagen vor ihnen. Zwischen den Wagen liefen noch immer Chevaliers herum auf der Suche nach vermissten Kameraden und brauchbarem Material. „So wie Sie sich entschieden haben und nun entsprechend handeln.“
„Akzeptiert, Kapitän.“
Sie kamen ein paar Schritte näher an die Wagen heran. Martyn blieb unschlüssig stehen und meinte dann: „Ich denke, das ist Ihr Bier. Das geht mich noch nichts an. Viel Glück.“
Germaine nickte und trat näher. Vor ihm saß Evander Povlsen auf dem Asphalt, neben der Leiche eines Mannes, der nur der Krächzer genannt wurde. Etwas abseits stand Dzenek Dukic und starrte auf die Leiche eines anderen Mannes hernieder, der Raducanu hieß. Beide waren bereits hergerichtet und warteten darauf, abtransportiert zu werden.
Als Denny sah, wer da angekommen war, nickte er einer Gruppe zu, die etwas abseits um zwei Männer in Kühlwesten standen. Dann kam er näher. Einer der Männer in Kühlweste löste sich aus der Menge und kam ebenfalls heran.
Gleichzeitig teilte die Küche erneut Essensrationen aus. Dabei ging sie neutral vor. Jeder bekam Nahrung und Getränke, egal, ob er zu Blakes Wort oder zu den Chevaliers oder wer weiß wozu gehörte. Sofern er feste Nahrung aufnehmen konnte.
„Sie sind Povlsen?“, fragte Germaine den verletzten Mann vor sich.
„Ja“, erwiderte der tonlos.
„Sie und Raducanu sind für den Einbruch in meine Kaserne verantwortlich?“
„Ja.“
Denny war heran, wollte etwas sagen, aber Germaine bedeutete ihm zu schweigen. „Und Raducanu hat Lieutenant Dukic einen Peilsender untergeschoben?“
Erstaunt sah der Agent den Major an. „Was? Woher…?“
„Die Spinne hat es mir verraten, Povlsen“, sagte Germaine mit einem blassen Lächeln.
Nun brach der Agent zusammen. „Das war es dann wohl“, murmelte er tonlos.
Germaine konnte ihn verstehen. Von seiner Vorgesetzten verraten zu werden warf kein besonders gutes Licht auf seine Zukunft. Überdies würde sein Versagen hier in Leipzig auch nicht gerade für ihn sprechen.
Denny starrte den Mann mit weit aufgerissenen Augen an. Dann sah er den Major an und in seinem Blick stand alles: Verzweiflung, Entschuldigung und der Wille zur Sühne.
Auch der andere Mann war nun heran. Er machte in seinen schmutzigen Klamotten nicht viel her, aber er erkannte die Situation und schmunzelte dazu. „Scheint so, als hätten Sie nur noch eine Möglichkeit, Evander“, sagte er leise. „Nämlich zu entscheiden, wer Sie töten darf.“
„Ich weiß ja, ich weiß!“, fauchte der Agent.
„Bah. Was für eine Verschwendung“, fuhr ihm Germaine in die Parade. „Anstatt zu sterben sollten Sie lieber mal Ihre Schuld gegenüber den Chevaliers abtragen. Dadurch würden sie wenigstens leben.“
Erstaunte Blicke trafen den Major. Und der Erstaunteste kam von Povlsen selbst.
Germaine deutete auf den Toten. „Ist das der Blakes Wort-Agent?“
„J-ja, Sir“, stotterte Povslen, übergangslos aufgeregt.
„Solchen Typen werden wir sicher noch zu Dutzenden begegnen. Ich brauche irgendetwas Wirksames dagegen, Insider, Abwehrmaßnahmen. Kriegen Sie das hin, Evander?“
„N-nicht alleine. Ich…“
„Ich werde für ein Team sorgen. Falls Sie Ihre Loyalität für Bryant auf die Chevaliers übertragen können, heißt das.“
Der Agent sah Germaine an und brach übergangslos in Tränen aus. Er greinte und starrte auf seine Hände. Dann sah er zu seinem toten Partner herüber.
Wieder starrte er auf seine Hände, bevor er Germaine hoffnungsvoll in die Augen sah. „Kann… Kann ich ihn mitnehmen?“
„Natürlich können Sie das. Lassen Sie sich von Kommandos aus der ROSEMARIE helfen. Und melden Sie sich nach dem Start in meinem Büro, Evander. Ich will Ihnen jemanden vorstellen, den ich… in Brein angeworben habe.“
Germaine winkte den beiden anderen Männern und entfernte sich von dem Bryanter, der erneut in Tränen ausgebrochen war und nun leise vor sich hin schluchzte.
„Da geht sie hin, die Vergangenheit dieses Mannes“, sagte der Mann in der Kühlweste spöttisch. „Wenn er schlau ist, ergreift er die Chance für die Zukunft.“
„Ist das aber klug? Ich meine, er hat Chevaliers getötet und…“, warf Denny ein.
„Das ist das Gute an uns Söldnern, Zdenek.“
„Dzenek, Sir.“
„Was? Ach, das lerne ich nie mehr. Ich meine, Hey, wir sind Söldner. Unser Gegner von heute ist der Verbündete von Morgen. Povlsen wird hart arbeiten müssen und viel beweisen, bevor er akzeptiert wird. Aber da er keine andere Wahl hat, wird er es schaffen. Und ich denke, ein Mann, der in mein Stabsgebäude einbrechen und fliehen kann, muß verdammt fähig sein.“
„Sie sind wirklich ein Söldner“, grinste der dritte Mann.
„Nein, ich hasse nur Verschwendung. Ich hätte ihm auch einfach eine Kugel in den Kopf geben können, aber das hätte mich ja Geld gekostet. So aber kriege ich eine relativ günstige Kraft mit Erfahrung als Verstärkung für mein Team.“
Germaine beobachtete, wie der Leichnam von Raducanu auf einen LKT verladen wurde.
„Apropos Team. Triple-D, was haben Sie mir zu sagen?“
Der Mechkrieger atmete durch und begann zu erzählen. Von seiner Rekog-Sucht wie Raducanu ihm den Peilsender als Inhalator untergeschoben hatte und was in Leipzig passiert war, bis hin zu der Passage, wie er in den Tunneln Lowcomb und seine Truppe getroffen hatte. Und bis zu dem Punkt, wo er Hank hatte sterben sehen.
„Die Crusader, sagten Sie?“ Germaine schalt sich einen Idioten. Das alles ergab ein ziemlich eindeutiges Bild. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. „Ich glaube, hier ist jemand, der unbedingt eine Einheitsfehde aufbauen will.“
„So sehe ich das nicht, Sir. Als Carter hörte, für wen wir arbeiten, da…“
„Unsinn!“, schnitt Germaine ihm das Wort ab. „Unser nächster Auftrag ist nicht für ComStar. Meinen Sie, die Crusader nehmen darauf Rücksicht? Nein, ich denke, wir müssen sie im Auge behalten, bevor sie eine zweite, eine dritte Gelegenheit nutzen werden.
Vielleicht sollten wir sie auch suchen, stellen und vernichten.“
„Vielleicht“, sagte Denny leise.
„Vielleicht“, bestätigte Germaine. Dann wandte er sich dem dritten Mann zu. „Mr. Lowcomb, ich bin Ihnen und Ihren Leuten zu Dank verpflichtet. Sie haben vielen hier das Leben gerettet.“
Der Mann verzog das Gesicht zu einem Grinsen. „Dann hält es sich ja die Waage. Denn Mr. Dukic hat vorher uns gerettet.“
Germaine schmunzelte dazu. „Nun, in meinem Dank ist eine Passage nach Outreach enthalten, für Sie und Ihre Leute, Mr. Lowcomb.“
„Danke, das ist sehr nett, Sir. Aber ich würde mich besser fühlen, wenn wir Sie für eine Passage bezahlen würden. Nicht, dass wir in Ihrer Schuld stehen und Sie uns noch für die Chevaliers anwerben“, meinte der Mann mit einem Zwinkern.
„Wäre das denn so schlecht?“, fragte Germaine.
„Nein, schlecht sicher nicht. Aber ich habe keine Zeit mehr.“ Übergangslos wirkte der Mann alt. Alt und abgespannt. „Einfach keine Zeit mehr.“
Er war Germaine einen kleinen Filzbeutel zu.
Der Major öffnete ihn und starrte auf eine Faust von Diamanten. Erstaunt sah er John Lowcomb an.
„Für die Passage, Major Danton. Und nein, machen Sie sich keine Sorgen darüber, dass dies vielleicht unser Notgroschen ist. Wir kommen schon klar.“
„Himmel, was haben Sie denn in dieser Stadt gesucht?“, fragte Germaine entsetzt. Dann musste er schmunzeln. „Oder vielmehr, was haben Sie gefunden?“
„Etwas, was man nicht essen und auch nicht trinken kann“, erwiderte Lowcomb mit einem wehmütigen Lächeln. „Das war eine schwierige Lektion für mich. Doch ich denke, ich habe sie gemeistert.“
„Das freut mich zu hören. Na los, schaffen Sie Ihr Material an Bord der SKULLCRUSHER.“
„Ich danke Ihnen, Herr Major.“
Lowcomb nickte in Germaines Richtung und lief dann los.
„Sir, was mich angeht, ich…“
„Ich mache Ihnen nur einen Vorwurf, und den auch nur halbherzig“, erwiderte der Chevalier. „Ihre Rekog-Sucht. Der Rest stand außerhalb Ihrer Kontrolle. Und halbherzig deshalb, weil… Weil ich Alkoholiker bin und es bisher nie geschafft habe, damit aufzuhören. Ich verstehe Sie nur zu gut.“
Denny zeigte es nicht, wenn er vom Geständnis überrascht war. Stattdessen meinte er: „Dann müssen Sie verstehen, wenn…“
Germaine seufzte. „Hier wird immer ein Platz für Sie sein, Zdenek. Na los, regeln Sie Ihre Dinge.“
„Danke, Sir.“
Germaine sah dem jungen Mann nach und schmunzelte. Obwohl ihm eher zum weinen zumute war. Sie hatten so viel geopfert, so viel verloren. Und wofür?
Er trat neben Miko Tsuno, die gerade beobachtete, wie der Sturminhibitor auf einen unbeschädigten Laster der Pioniere verladen wurde.
„Nii-chan“, begrüßte sie ihn.
„Geht es dir gut, Mädchen?“, fragte Germaine besorgt.
Sie senkte den Kopf und atmete aus. „Jetzt ja, Nii-chan.“
Sie wirbelte herum und warf sich Germaine in die Arme. „Ich bin so froh, dass du endlich da bist, Nii-chan. Jetzt habe ich keine Angst mehr.“
Germaine umarmte sie und konnte nichts weiter tun als stumm hier zu stehen und dabei zu beobachten, wie der Inhibitor langsam in Richtung SKULLCRUSHER gefahren wurde.
Sie hatten ihren Auftrag erfüllt. Sergeant van Roose hatte van der Merves die Pläne bereits übergeben können und die Überlebenden waren geborgen worden.
Einer seiner Pioniere hatte sich als ROM-Agent ComStars zu erkennen gegeben und darum gebeten sein Team – oder zumindest die wenigen Überlebenden mitzunehmen.
Die anderen Verwundeten und Toten bargen sie gerade.
Und alles was den Chevaliers noch blieb war mit den Überlebenden ins Reine zu kommen.
Wie sollte er Akila gegenüber treten, wenn er sie an Patricks Krankenlager besuchte? Wie sollte er van Roose erklären, dass Dawn bereits auf dem Weg nach Hause war? Wie sollte er Miko begreiflich machen, was mit Manfred passiert war?
Und wieso war es nur ein so angenehmes Gefühl sie zitternd und schluchzend in den Armen zu halten?
„Sir, haben Sie eine Minute?“, sprach ihn jemand an.
Germaine löste sich von Miko, die nur nickte und ging ein paar Schritte auf Finnegan Trent zu. „Finn?“
„Sir, ich… Ich habe gehört, die Techs hatten auch Verluste. Ich… Ich meine, Jaras persönliche Tech, sie…“
Germaine sah dem stockenden Mann in die Augen. Dann legte er in einer väterlichen Geste eine Hand auf seine Schulter. „Wenn Sie sich für sie verantwortlich fühlen, sollten Sie sie nach Hause bringen. Ich entlasse Sie auf eigenen Wunsch aus der Einheit. Aber hier wird immer ein Platz für Sie sein, Finn.“
„Ich… Werde nicht mehr zurückkehren.“
„Ich weiß. Aber es war wichtig für mich, es zu sagen“, schloss Germaine und bot dem Piloten des zerstörten Kabuto die Hand an.
Zögerlich ergriff Trent diese und drückte sie fest.
„Der Lancelot und der Raijin werden gerade geborgen“, murmelte der Major wie beiläufig. „Ich sehe Sie nicht gerne ohne Mech, Finn. Wie wäre es, wenn Sie mir den Raijin abkaufen? Ich mache Ihnen einen guten Preis.“
„Kompensieren Sie Ihre Schuldgefühle?“, fragte Trent.
„Richtig. Also nutzen Sie das aus“, sagte er ernst.
„Ich… denke drüber nach.“
Die beiden nickten einander zu, dann ging der MechKrieger zurück zum Lander.
Haruko Yamada trat neben ihn und starrte mit ihm auf die brennenden Wracks.
„Was gibt es, Katana?“
Die junge Frau zuckte kurz zusammen. „Ich habe mich noch immer nicht an das Callsign gewöhnt“, gestand sie.
„Das kommt mit der Zeit. Auch ich musste mich an Knave erst gewöhnen, glauben Sie mir“, schmunzelte der Chevalier.
Die junge Draconierin nickte. „Das werde ich wohl. Aber ich habe eine Frage. Sir, was Sergeant Tsuno angeht, wissen Sie, dass…“
„Katana!“, blaffte Germaine.
Wieder zuckte die Frau zusammen, diesmal aber heftiger.
„Ich muß jetzt drei wichtige Chevaliers besuchen, und jeder einzelne Besuch wird schwer fallen. Sehr schwer. Darum lassen Sie doch bitte Miko Tsuno Miko Tsuno sein.“ Er sah der Draconierin in die Augen. „Bitte.“
„Wakarimassu.“ Sie nickte ernst.
„Sie kriegen den Dunkelfalken vielleicht doch nicht“, wechselte Germaine das Thema. „Kapitän Martyn hat da vielleicht etwas Interessanteres mitgebracht. Da müssen wir noch drüber reden. Wenn Sie sich gut bewähren.“
„Das werde ich, Sir. Das werde ich.“
**
Germaines Gedanken kehrten in die Realität zurück. Noch immer stand er im Hangar der ROSEMARIE, während die letzten Särge auf die SKULL verladen wurden. Juliette Harris begleitete auf eigenen Wunsch Cindy und Scharnhorst. Sie meinte, sie bräuchte Abstand von realen Kampfsituationen. Germaine konnte es ihr nicht verdenken wenn gleich die Anführer aller drei Waffengattungen ausgefallen waren. Er gestand ihr die Zeit auch zu.
Dann erhaschte er einen letzten Blick auf Akila, wie sie Docs Rollstuhl mit Geschick über einen Wulst bugsierte.
Das erste Treffen hatte er mit ihr gehabt und bis zum Start hatte sie sich an seiner Brust ausgeweint. Es war kein Wort gewechselt worden, doch das Krankenblatt von Patrick Dolittle war Hoffnung pur und die Tränen Zeichen ihrer Erleichterung gewesen.
Das zweite Treffen hatte er mit van Roose gehabt, kurz bevor sie die Atmosphäre von Bryant hinter sich gelassen hatten, begleitet von zwei Luft/Raumjägern der Regulars, die sie mit spöttischen Kommentaren wie sich doch bitte nicht noch mal zu verfliegen verabschiedet hatten. Der junge Sergeant war auf der Brücke gewesen, hatte Koordinatensätze für das Rendezvous mit dem Sprungschiff angegeben und dabei auf ein Holo gestarrt, das einen Overlord auf dem Weg zum Nadir-Sprungpunkt dargestellt hatte.
Germaine war dabei gewesen, als die Ankunft einer Blakes Wort-Korvette am Zenitsprung gemeldet wurde und hatte das erleichterte Aufatmen von Martyn über die Komm gehört.
Und er hatte van Rooses Tränen gesehen. Er hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und dankbar hatte der Sergeant diese Geste angenommen.
Der dritte Besuch war auf der Krankenstation erfolgt, kurz vor dem Sprung. Dort hockte Kitty und starrte auf den aufgebahrten Leichnam ihres Bruders. Ihre Augen waren leer und in der kalten Luft hatten sich ihre Lippen bereits bläulich verfärbt. Germaine hätte sich fast mit ihr geprügelt, nur um sie wieder aus dem Kühlraum der Krankenstation heraus zu bekommen.
Sie hatte das erste Mal etwas gesagt, seit langer Zeit und ihm ein Ich bin Schuld! an den Kopf geworfen.
Germaine hatte sie da an der Schulter ergriffen und sie durch geschüttelt und so lange auf sie eingeredet, bis ihr die Idiotie ihrer Worte bewusst geworden war.
Er hatte Tomi gemocht, und er hatte nichts tun können, um ihn zu retten. Oder Sonja. Oder Molly St. Jones. Und er hatte nun nicht auch noch Kitty verlieren wollen.
Und als dieses Argument in ihr Bewusstsein gerückt war, da… Da hatte sie erneut etwas gesagt. Rau und krächzend war ein leises danke über ihre Lippen gekommen.
Kurz senkte Germaine den Blick, dann sah er wieder auf. „Führungsoffiziere versammeln sich im Besprechungsraum“, befahl er über Komm.
Er selbst ging langsam in diese Richtung, und als er ankam, war der Raum schon gut gefüllt.
Er übernahm das Stirnende und sah in die Runde.
„Was ich jetzt tun werde, gehört zu den angenehmeren Aufgaben eines Kommandeurs.
Sergeant Battaglini, ich befördere Sie hiermit mit sofortiger Wirkung zum Kommandeur der Höllenhunde. Außerdem bekommen Sie den Rang eines First Lieutenant.“
Überrascht sprang der Panzerfahrer auf. „Was?“
Mike McLloyd klopfte ihm auf die Schulter. „Du machst das schon.“
„Aber er, aber Mike, ich meine…“
„Es ist der letzte Befehl von Doc“, schloss Germaine. „Aber Sie bleiben in Ihrem Rang, Mike. Sie werden sein Stellvertreter.“
„Verstanden, Sir“, erwiderte der Panzerfahrer grinsend.
„Patrick Dolittle wird nachträglich zum Captain befördert und erhält die entsprechende Abfindung.
Juliette Harris wird ebenfalls zum Captain befördert und Sie alle werden mir zustimmen, dass das lange überfällig war.“
Diverses Kopfnicken bestätigte das.
„Sergeant-Major Rebecca Geisterbär. Ich befördere Sie hiermit wegen sehr guter Leistung zum Second Lieutenant. Und ich hoffe, Sie bleiben der Einheit noch lange erhalten.“
„Was? Ich…“ Sie nickte. „Ich bedanke mich, Sir. Aber es ist ungewohnt für mich einen Rang zu erhalten, ohne darum gekämpft zu haben.“
„Aber das haben Sie doch, Rebecca. Jeden einzelnen Tag, jede einzelne Minute. Sie haben Schweiß und Blut dafür vergossen. Und Sie haben mich ertragen“, schloss First Lieutenant McHarrod grinsend.
„So gesehen haben Sie Recht“, erwiderte Rebecca und lächelte raubtierhaft. Ihre Clannernatur kam in diesem Moment voll durch und auch McHarrod grinste dieses Lächeln.
Bevor das Ganze zu einem Revierkampf zwischen zwei Bestien werden konnte, sagte Germaine: „Sergeant van Roose wird hiermit zum Interimslieutenant befördert und leitet ab sofort die Infanteriekompanie. First Lieutenant Bishop, Ihr Pionierplatoon wird ab sofort ausgegliedert und als eigenständige Einheit geführt.
Sergeant Decaroux, melden Sie sich nachher mit Povlsen und Kalinskaya nachher in meinem Büro. Wir haben etwas zu besprechen.“
Aufgeregtes Raunen klang von den anwesenden Infanteristen auf. Mit den Beförderungen hatte Germaine definitiv Staub aufgewirbelt.
„First Lieutenant Sleijpnirsdottir, Sie werden mit sofortiger Wirkung zum Captain befördert. Die Fallen Angels als Einheit werden belobigt. Ach, und wenn wir gerade dabei sind, Second Lieutenant Slibowitz, ich befördere Sie zum First Lieutenant.“
Germaine klatschte in die Hände, als das Geraune der Infanterie und der Flieger zu laut wurde.
„Weitere Beförderungen, Belobigungen und Prämienzahlungen erfolgen in den nächsten Tagen. Ruhen Sie sich dennoch nicht auf der faulen Haut oder dem Ruhm aus, sondern arbeiten Sie hart an Ihrer Ausrüstung und Ihrem Ausbildungsstand. Besonders die Flieger haben viel zu tun, oder?“
Kiki nickte schuldbewusst. Ihre Stuka hatte es ordentlich mitgenommen. Wochen der Reparatur lagen vor ihr und den Techs.
„Dann los.“
Langsam leerte sich der Besprechungsraum. Als er alleine war, ging Germaine zu einem Schrank und holte eine halbvolle Flasche Scotch hervor, dazu ein schweres Glas. Er schenkte es zu einem Viertel voll und betrachtete die blasse Flüssigkeit lange Zeit.
Dann schüttete er den Inhalt des Glases in die Flasche zurück und verstaute beides wieder.
„Keine Zeit“, murmelte er. „Einfach keine Zeit. Es ist soviel zu tun. Soviel zu tun.“
Seine erste Aufgabe würde es sein, dafür zu sorgen, dass van Roose den versprochenen Brief an Dawn schrieb.
Dieser Gedanke ließ Germaine schmunzeln.
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