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Ace Kaiser
07.11.2004, 22:35
So. Dies ist die Fingerübung, mit der ich einen Teil von Gestern sowie einen Großteil von heute verbracht habe.
Vorweg eines: Es ist eine Parodie über Animes, die möglichst jedes Genre durch den Kakao ziehen soll.
Wer also mit Animes nichts anfangen kann, sollte hier besser aufhören.
Wer aber gerne meine Texte liest und auch mal gerne lacht... Nun, es sind fast siebzigtausend Anschläge geworden.


Here we go:

Anime Evolution
Episode eins.

Prolog:
Was ist der wichtigste Moment im Leben eines Menschen? Wenn man seinen größten Hass aufbaut oder wenn man die größte Liebe erfährt?
Der Moment also, in dem man am stärksten bewegt wird? Wer kann das schon sagen?
Mein wichtigster Moment kam jedenfalls, als sich für mich die Realität verzerrte.
Realität verzerrte? Richtig. Und das in einem Maße, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.
Und alles begann mit einer kleinen Unwirklichkeit…

1.
Da stand ich also. In eine schwarze Schuluniform mit Mandarinkragen gehüllt, eine braune Aktentasche auf dem Rücken und den genauen Informationen ausgestattet, wohin ich in dem schmucklosen Betonbau mit den großen Fenstern gehen musste und welche Personen ich dort kannte – beziehungsweise kennen sollte.
Die Welt konnte so ungerecht sein. Warum musste ich wieder zur Schule? Und was viel schlimmer war, warum war ich wieder siebzehn? Wie hatte dieses, dieses Ding mir acht Jahre meines Lebens streichen können? Musste ich jetzt mühsam meinen Führerschein neu machen? Und wieso sollte ich schon wieder vier Jahre warten, bis ich ganz hochoffiziell Bier trinken durfte?
Die Welt war ungerecht, und das Ding war Schuld.
Ich erinnerte mich noch gut an diesen Moment am Vorabend, wie ich diese dumme Frage gestellt hatte.
Ich hatte mit einem meiner Freunde – nennen wir ihn Ralf – über Mangas und Animes geredet und dann die unheilvolle Frage gestellt: „Wie würde es wohl sein in einer Welt zu leben, die genau so aufgebaut ist wie ein Manga? Ich meine, mit gigantischen Mechas, mit Magical Girls, Magical Girlfriends, Helden mit übermenschlicher Stärke, und so weiter?“
Dann hatte ich diese Stimme fragen hören: „Du willst wissen, wie es ist in einer Welt zu leben, die wie ein Manga aufgebaut ist? Mann, ich habe ja schon ein paar dämliche Wünsche gehört, aber der kommt in meine Top Ten.“
Das ich die Stimme nicht kannte, hatte mich nicht so sehr irritiert wie der Anblick des Sprechers. Oder vielmehr der Sprecherin. Ein niedliches kleines Mädchen, das aussah, als wäre es zusammen gestaucht worden – was vielleicht die Größe von zehn Zentimetern erklären konnte. Superdeformed nannte man diesen Stil.
Und dieses Mädchen – es hatte übrigens langes, blondes Haar und ein Paar wirklich riesiger, blauer Augen – tippte in eine Art Laptop herum und kaute während dessen auf einem Ende der Schleife herum, welche ihr Haar bändigte.
Auf einmal strahlte sie mich an. „Na, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Dein Wunsch wurde genehmigt.“
„Moment mal, Moment mal, Moment! Was für ein Wunsch? Und wieso genehmigt? Was geht hier vor?“
„Das Göttliche wird deinen Wunsch für dich erfüllen. Es sagt, dieser Wunsch ist so interessant, er wird es auf Wochen, vielleicht sogar auf Jahre amüsieren. Ja, ich weiß, das Göttliche ist etwas egoistisch. Aber dafür erfüllt es auch Wünsche. Und deiner, der mit dem Manga-Universum, den findet es echt klasse. Bereit machen für den Transfer.“
In diesem Moment riss ich meine Augen auf, dass sie sicherlich problemlos mit den extra großen Augen des Dings konkurrieren konnten. Mein gehetzter Blick ging zu Ralf, der mich anstarrte, als wäre ich eine Mischung aus Zombie und Alien.
„Warte, warte, warte! Das habe ich mir doch gar nicht gewünscht! Stopp das!“
Aber das kleine Superdeformte Mädchen hörte gar nicht zu. Sie klappte ihren winzigen Laptop zusammen und streckte ihre Rechte in die Luft. „Manga-Welt, wir kommen!“
Ein gleißendes Licht breitete sich von ihrer Hand aus, umschlang mich… Und dann war gar nichts mehr…

Aufgewacht bin ich dann in einem Zimmer, dessen Wände aus Papier waren. Eine nähere Untersuchung meiner Umgebung förderte drei erschreckende Dinge zutage: Ich war nicht mehr Zuhause, sondern in Tokio.
Ich verstand Japanisch wie meine Muttersprache, was ich daran merkte, dass ich bei dem Report über Mecha-Kriminalität im Fernsehen problemlos mithalten konnte.
Und ich war um gute fünf Zentimeter geschrumpft und um eben acht Jahre verjüngt worden.

Das Zimmer gehörte zu einem großen Haus, welches ich offensichtlich alleine bewohnte. Es hatte einen gut gepflegten Garten mit Teich und war nicht sehr weit von der nächsten Bahnhaltestelle entfernt.
Alleine? Hier? Ich? Meine Verwirrung kannte kaum eine Grenze. Aber ich wusste es einfach. Genau so, wie ich wusste, dass ich nun wieder auf die Oberstufe ging und dass mein Name Akira Otomo war, was ich persönlich als sehr japanisch empfand.
Und noch eine Erkenntnis kroch langsam in mein Bewusstsein. Ich kam zu spät zur Schule!

Von dem Punkt bis hier, kurz vor dem Schultor, spielte sich eine erbarmungslose Jagd nach der richtigen Bahn, nach der Schuluniform und der Schultasche ab, an die ich mich nicht sehr gerne zurück erinnerte. Und nicht unbedingt in der Reihenfolge.
Aber ich hatte es geschafft. Ich, Akira Otomo, 17 Jahre, Blutgruppe A, Freshman auf der Oberstufe mit einem bemerkenswert gutem ersten Platz in der Klassenwertung und einem passablen zehnten in der landesweiten Wertung. Sportlich engagiert im Kendo-Club, im Volleyballteam, beim Baseball und mit weiteren Clubaktivitäten gesegnet wie der Schülerzeitung, dem Schülervorstand und einem Kochkurs.
Verzweifelt legte ich beide Hände vor mein Gesicht. Hatte dieser Akira, also ich, eigentlich einen winzigen Hauch Freizeit neben Schule, Sport und Clubs?
Das klang so typisch nach einem Manga-Idol, dass es fast schon wieder Spaß zu machen versprach.
Wenn ich dieses Ding jemals wieder erwischen sollte, dann… Nun, meine Gedanken über das Superdeformte Mädchen, dass meinen Gedankengang als Wunsch falsch interpretiert hatte, waren alles andere als freundlich.
Vor mir begann sich das Schultor zu schließen. Also setzte ich mich in Bewegung und überschritt es noch rechtzeitig. Wer später kam, das wusste ich auch ohne aus einem einzigen Anime zu zitieren, wurde mit Strafarbeiten gemaßregelt oder musste nachsitzen.
„Du kommst spät, Otomo-Kohai“, mahnte mich die Stimme des jungen Mädchen, welche das Tor gerade schloss. „Als Mitglied des Schülervorstands musst du ein Vorbild sein.“
Ich musterte das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren und dem strengen, beinahe gefühllosen Blick. Kannte ich sie? Sie schien aber auf jeden Fall mich zu kennen. Und die Ansprache als Kohai sagte eindeutig, dass sie mindestens eine Klasse über mir war.
„Entschuldige, Sempai“, erwiderte ich, bevor ich richtig wusste, was ich tat, „es kommt nicht wieder vor.“
„Wartet!“, erklang eine helle, hektische Mädchenstimme, bevor die Schwarzhaarige antworten konnte. Ich drehte mich um und bekam gerade noch mit wie ein blonder Schemen durch die letzte Lücke schoss – genau auf die Stelle zu, an der ich stand!
Einen Moment später rannte etwas in mich hinein und warf mich um. Ich schlug hart auf dem Boden auf und wurde doppelt bestraft, als das, was in mich hinein gerannt war, nun auch noch auf mir landete.
„Es tut mir leid, Akira-san!“, hörte ich die hektische Mädchenstimme erneut. „Bist du verletzt?“
„Hina“, sagte die Schwarzhaarige und trat neben uns. „Erstens solltest du nicht immer so spät kommen, sonst wirst du wieder nachsitzen müssen.“
Ich öffnete die Augen und erkannte ein blondes Mädchen mit langen Zöpfen, dass auf mir hockte, zu der Schwarzhaarigen hoch sah und verlegen beide Zeigefinger gegeneinander drückte – eine Verlegenheitsgeste.
„Tut mir leid, Akane-Sempai“, sagte sie bedrückt. „Aber das Frühstück war so lecker und ich habe den ersten Zug nicht mehr gekriegt und…“
„Wie dem auch sei“, unterbrach Akane sie. Natürlich Akane Kurosawa, die Stellvertretende Vorsitzende der Schülervertretung. Wie konnte ich das nur vergessen? Oder vielmehr, warum wusste ich das?
„Die zweite Sache ist, du solltest langsam von Otomo-san runterklettern.“
Hina starrte aus großen Augen erst Akane und dann mich an. „Tschuldigung!“, rief sie aufgeregt und versuchte aufzustehen. Was dazu führte, dass sie natürlich ausrutschte, wieder auf mich fiel und mich beinahe mit ihrem Busen erstickte. Was für ein Universum war das hier? Eins für hübsche, tollpatschige Mädchen?
Endlich hatten wir unsere Beine entwirrt und ich beschloss, als Erster aufzustehen. Wider erwarten gelang es mir recht gut. Danach reichte ich dem blonden Mädchen die Hand und half ihr hoch, wobei ich peinlich genau darauf achtete, nicht von ihr aus Versehen erneut zu Boden gezogen zu werden.
„Danke sehr“, sagte sie artig, als sie endlich stand.
„Keine Ursache. Sei das nächste Mal einfach früher da“, erwiderte ich, obwohl mir eigentlich ein herzhaftes Idiot auf der Zunge lag. Für einen Moment überlegte ich, für sie ihre Tasche aufzuheben, aber ich sah uns schon im Geiste mit den Köpfen zusammen schlagen. Deshalb schob ich nur meinen linken Fuß unter ihre Tasche und richtete sie auf.
Danach schob ich den Fuß durch den Griff meiner Tasche und machte eine schnelle Bewegung nach oben. Die Tasche flog durch die Luft, schlug ein paar Salti und landete dann, mit dem Griff vorneweg, direkt in meiner rechten Hand. Ich wandte mich um, legte die Tasche auf meinen Rücken und winkte zum Abschied über meinen Rücken hinweg. „Wir sehen uns.“
Ich war kaum ein paar Schritte weit gekommen, als ich Hinas Stimme hörte: „Akira-san ist soo cool.“
Ein schmachtender Seufzer folgte, und für einen Moment glaubte ich, dabei Akanes Stimme erkannt zu haben.
Wenn ich dieses Ding jemals erwischen würde, dann… Nun, meine Gedanken zu diesem Thema waren auf jeden Fall nur für Erwachsene zugelassen.
**
Ich orientierte mich erstaunlich gut innerhalb des Gebäudes und fand meinen Klassenraum auf Anhieb. Und was noch erfreulicher für mich war, bei vielen Gesichtern fiel mir nicht nur der Name der betreffenden Person ein, ich wusste auch, wie ich zu ihr stand.
Da war zum Beispiel die vollkommen unterkühlte Megumi, die in ihrer Schuluniform wirklich gut aussah. Der Rock brachte ihre langen Beine schön zur Geltung, und… Jedenfalls war ich einer der wenigen, mit denen sich Megumi unterhielt. Wir waren Freunde seit Kindertagen, das wollte mir meine neue Erinnerung zumindest weiß machen.
Megumi war mehr als etwas Besonderes. Trotz ihres geringen Alters war sie bereits Pilotin eines Hawks und musste für ihre diversen Einsätze öfter mal die Schule verlassen. Die Erfahrungen mit Zerstörung, Tod und die Möglichkeit, selbst verletzt und getötet zu werden, während sie sich in ihrem Hawk-Mecha mit den gegnerischen, außerirdischen und meist von Verrätern gesteuerten Daishi-Mechas prügelte, hatte sie noch introvertierter und zynischer gemacht, als sie ohnehin schon war. Ich erinnerte mich an den Fernsehbericht vom Morgen. Hatten sie nicht auch ein Bild von Megumi gezeigt, in einem knallengen Druckanzug? Wie war sie genannt worden? Captain?
Jedenfalls war sie an diesem Morgen besonders einsilbig und wechselte nur einen knappen Gruß mit mir.
Warum nahm ich meine neue Erinnerung nur so gut an? Dieses Ding und die Wesenheit, welche dieses Universum erschaffen hatte, das Göttliche, mussten Meister in ihrem Fach sein.

Oder Hazegawa, ein großer, schweigsamer Koloss von eins Neunzig Körpergröße, der nur aus Muskeln und Schweigsamkeit zu bestehen schien. Seine Haare waren feuerrot, und er prügelte sich oft – viel zu oft für meinen Geschmack. Aber das lag daran, dass er immer und immer wieder angegriffen wurde. Er hatte die schlechte Angewohnheit zu gewinnen. Das machte ihn zum Ziel für wirklich jeden Schläger im Distrikt. Ansonsten aber war er wirklich ein netter Kerl. Wenn Kenji Hazegawa nicht eine schlechte Angewohnheit gehabt hätte.
Seit ich ihm mal bei einem Krampf im Bein geholfen hatte, sah er sich als mein persönlicher Beschützer an. Und so sehr ich seine Kampfkraft auch schätzte, seine schweigsame Art und die wenigen Momente Konversation auf wirklich hohem Niveau, er zog eigentlich mehr Ärger an, als das alles wert war. Aber nichtsdestotrotz empfand ich ihn als Freund. Und das nicht nur, weil die Szene darauf programmiert war.
Er begrüßte mich schweigsam und folgte mir in den Klassenraum. Hatte er etwa wieder draußen auf mich gewartet?

Bevor ich mir darüber ernsthaft Gedanken machen konnte, hatte ich plötzlich einen Unterarm am Kinn und mein Rücken machte Bekanntschaft mit der nächsten Wand.
Verblüfft sah ich auf und erkannte – Ralf!
„Du hirnloser Idiot“, zischte er. „Wie konntest du mir das antun? Was habe ich in deiner Animewelt verloren?“
Kenji Hazegawa war verblüfft und wusste nicht, was er tun wollte. Immerhin war Ralf ebenso ein Freund für ihn wie ich.
Besänftigend hob ich eine Hand. „Keine Sorge, Kenji-kun. Wir unterhalten uns nur.“
Kenji nickte und setzte sich auf seinen Platz.
Ralf knurrte mich wütend an. „Unerhalten, eh?“
„Entschuldigung, Yoshi-san“, erklang eine Stimme hinter ihm. Ralf hieß Yoshi? Ich unterdrückte ein Auflachen.
Die Stimme gehörte zu einem kleinen, schüchternen Mädchen namens Shirai. Ami Shirai, um genau zu sein. Auf den ersten Blick konnte man sie wirklich für das halten, was man sah. Ein kleines, schwächliches und kränkliches Mädchen mit langen, zu zwei Zöpfen gebundenen braunen Haaren. Aber wenn man sich vergegenwärtigte, dass sie den Ersten Dan in Karate und den braunen Gürtel in Judo hatte, konnte man es mit der Angst kriegen.
„Yoshi-san, tut das Akira-san nicht weh?“, fragte sie mit traurigen Augen. Eine Art Reflex huschte darüber hinweg und Ralf – nein, Yoshi – wurde ein wenig bleich.
Dann nahm er den Arm von meiner Kehle und winkte beschwichtigend. „Nein, nein, ich wollte Akira nur einen neuen Griff zeigen. Wir sind doch Freunde und würden einander nie wehtun.“ Er boxte mich kräftig in die Seite. „Nicht, Akira?“
Ich legte meine Rechte um seinen Nacken und nahm ihn in den Schwitzkasten. Weit härter, als es für eine freundliche Geste sein musste. „Natürlich nicht, Yoshi. Entschuldige uns, Ami-chan, wir haben was zu bereden.“

Also schleifte ich Ralf alias Yoshi mit mir hinaus. „Du bist also auch hier.“
Yoshi nickte ärgerlich. „Ja. Ich bin auch hier. Yoshi Futabe, siebzehn Jahre alt, Blutgruppe AB Negativ, Sohn eines Anwalts, Mitglied des Schülervorstandes, diverse Clubaktivitäten und Mitglied einer Gruppe, die sich Akiras Zorn nennt. Genau. Nach dir benannt, Alter. Und wie es scheint, bin ich als dein Stellvertreter in dieser Gruppe recht populär.“
Nachdenklich rieb er sich den Nacken. „Okay, ich hätte es weitaus schlimmer erwischen können. Aber musstest du mir das antun? Was soll ich hier? Wie komme ich wieder zurück?“
Ich konnte nur nicken. „Ich weiß es nicht, Ralf. Yoshi. Ich habe mir das hier wirklich nicht gewünscht und ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird. Ich weiß nur eines, ich bin dankbar dafür, dass du hier bei mir bist. Das ist wenigstens eine sichere Konstante.“
Yoshis Widerstand schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Verlegen sah er weg. „Es könnte schlimmer sein. Na, vielleicht macht es sogar eine Zeitlang Spaß.“
„Aber, aber, Otomo-kun, Futabe-kun. Was macht Ihr hier noch draußen auf dem Gang? Ich will euch doch nun wirklich keine Strafarbeit aufgeben müssen.“
Yoshi wurde bleich. Ich bemerkte, wie ein Tropfen Blut aus seiner Nase lief. War er so empfindlich?
Ich wandte mich um – und spürte, wie mir das Blut aus dem Kopf absackte.
Die Frau, die vor uns stand, war Ino-Sensei, unsere Klassenlehrerin. Sie hübsch zu nennen war eine gnadenlose Untertreibung. Sie war der Knaller schlechthin. Groß, schlank, blond, das lange Haar kunstvoll hochgesteckt, mit wirklich hübsch und wirklich eng verpackten Proportionen war sie, nun, perfekt. Sie lächelte uns über den Rand ihrer Lesebrille an und öffnete mit der Rechten die Tür zum Klassenraum. Ihre Stimme war zart und hell und erinnerte an den Gesang besonders begabter Vögel. „Nun aber rein mit euch, ja?“
Als wir darauf nicht reagierten, verschwand das freundliche Lächeln und eine dicke Ader begann auf ihrer Stirn zu pulsieren. Zwischen ihren Augen entstand eine tiefe Falte. „SOFORT!“, blaffte die Lehrerin. Und mit der Stimme hätte sie durchaus im U.S. Marinecorps als Drillsergeant dienen können.
Hastig drängelten Yoshi und ich uns nebeneinander durch die Tür und eilten auf unsere Plätze.
Yoshi strahlte mich an. „Du bist ein Genie, Alter. Du bist ein Genie. Das hier ist das Paradies…“
„Äh, deine Nase blutet.“
„Was?“, fragte er und suchte nach einem Taschentuch. Eine Sekunde später wurden ihm von allen umliegenden Pulten Taschentücher gereicht. Verwundert registrierte ich, dass es vier Mädchen und drei Jungen waren. Und alle hatten einen ziemlich dämlichen Glanz in den Augen.
Yoshi schluckte hart und zog sein eigenes Taschentuch hervor. „Habe schon, danke.“
Er sah in enttäuschte Gesichter, und vor allem bei den Jungen schluckte er erneut.
Ich seufzte leise. Paradies? Paradies für wen, eh?

„So, nachdem Futabe-kun versorgt ist“, begann Ino-Sensei, „können wir ja mit dem Unterricht beginnen. Guten Morgen, Klasse.“
Wieder seufzte ich. Ach ja, das war der zweite Nachteil an dieser Welt. Ich musste schon wieder die Schulbank drücken und etwas lernen. „Guten Morgen, Sensei“, sagte die Klasse und ich fiel lustlos ein.

2.
Nach dem Unterricht bei Ino-Sensei verabschiedete ich mich mit Yoshi aus der Klasse. Ich hatte meinen Kragen geöffnet und die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Langsam begann mir diese Welt zu gefallen. Und das machte mir Angst. Yoshi hingegen schien bereits vergessen zu haben, dass er vor nicht einmal einem Tag noch Ralf hieß. Er ging neben mir her, die Augen in stillem Glück zugekniffen und summte vor sich hin. „Oh, Ino-chan. Meine süße Ino-chan.“
„Du wirst eine Menge Herzen brechen, wenn deine Begeisterung für unsere Klassenlehrerin zu offensichtlich wird, Yoshi“, bemerkte ich amüsiert. „Vor allem die armen Jungs werden am Boden zerstört sein.“
Yoshis Gesicht fror zu einer Grimasse aus Entsetzen ein. „Er… innere… mich… nicht… daran!“, erwiderte er wütend.
Yoshi ging mit einer Hand durch sein kurz geschnittenes, blondes Haar – war es vorher auch schon blond gewesen, ich meine so strahlend blond? – und sagte: „Ach, es ist ein Fluch, so gut auszusehen wie ich.“
„Soll ich Amnesty International verständigen, oder kommst du auch ohne internationalen Schutz klar?“
Er verzog das Gesicht zu einer mürrischen Miene. „Danke. Schneller konntest du mich wohl nicht aus meinem Höhenflug holen, was?“
Ich grinste gemein. „Nein, schneller ging nicht.“

Wir waren auf dem Weg zum Raum der Schülervertretung. Ich wollte die kleine Pause nutzen, um mir ein paar wichtige Unterlagen abzuholen. Ein Wunder, dass ich mich sowohl im Unterricht als auch in diesem Leben zurecht fand. Yoshi begleitete mich, weil er hoffte, im Lehrerzimmer Ino-Sensei wieder zu sehen. Beide Räume lagen nebeneinander.
Und schon hatte er wieder dieses selige Lächeln aufgesetzt.
Ich grinste amüsiert. Was mich auf das, was nun kam, vollkommen unvorbereitet machte. Ein Gefühl von Gefahr oder Ernsthaftigkeit ging mir durch den Kopf. Es war eine Mischung aus Eiseskälte und Adrenalinschub. Ich blieb ruckartig stehen. Bedrohung? Von wo?
Vor mir auf dem Boden lag ein Foto mit der Rückseite nach oben. Vorsichtig hob ich es auf. Wirklich, ich hatte ein Gefühl, als würde es sich in meiner Hand in flüssiges Eisen verwandeln.
Als ich es umdrehte, spürte ich, wie mein Blut erneut absackte. Yoshi begann neben mir zu brodeln wie ein aktiver Vulkan.
Nun, ich konnte ihn verstehen, denn das Foto war von uns. Genauer gesagt, wir beide waren in einer, nun, kompromittierenden Situation fotografiert worden.
„Akira. Sag mir, dass wir uns nicht geküsst haben!“, knurrte Yoshi wütend. „Sag mir, dass das Ding eine Fälschung ist!“
Ich drehte und wendete das Foto in meiner Hand und fand eine Notiz auf der Rückseite. Sie bezog sich auf ein Fünferset und trug einen Preis. Fünftausend Yen pro Serie.
„Es ist eine Fälschung, reg dich wieder ab. Eine Fotomontage.“ In gespielter Dramatik imitierte ich Yoshis Geste von vorhin. „Ach, du hast Recht. Es ist ein Fluch, so gut auszusehen.“
„Mach dich nicht über mich lustig! Wer verbreitet überhaupt solche Dinger?“ Wütend sah er sich um, und die wenigen auf dem Flur anwesenden Schüler hatten es plötzlich eilig, mit irgendetwas beschäftigt zu sein.
„Ähm“, sagte ein junges Mädchen, das aus dem Klassenraum unserer Parallelklasse trat und starrte uns aus großen, traurigen Augen an. „Ich kann das Bild für euch wegwerfen, Futabe-kun, Otomo-kun.“
Ich betrachtete sie genauer. Schwarze, lange, offene Haare, Augen groß wie Unterteller, deren feuchter Schimmer selbst einen Stein zum schmelzen gebracht hätte. Und ein unschuldiger Blick, der niemals den Eindruck erwecken würde, dies wäre ihr Foto.
Wissend strich ich mich über mein Kinn. „Wegwerfen? Aber du hast doch fünftausend Yen dafür bezahlt. Hier.“
Das Mädchen wurde puterrot, als ich es enttarnt hatte. Sie senkte den Kopf vor Scham, schaffte es aber dennoch, das Bild zu ergreifen. „Entschuldigt mich“, hauchte sie und lief wieder in ihre Klasse.
„Warum hast du das Foto nicht vernichtet? Jetzt ist es weiterhin im Umlauf“, beschwerte sich Yoshi.
„Weil es nichts genützt hätte. Sie wird kaum die Negative haben. Und selbst wenn wir sie in die Finger kriegen, es würden neue Fotos von uns gemacht werden. Lass ihnen doch ihr Hobby und ihre Träumereien von hübschen, sich küssenden Männern.“
Bei dem Gedanken, dass es nicht bei diesen Fotomontagen bleiben würde, schluckte ich einmal hart und nachdrücklich. Aber auch dagegen konnte und würde ich nichts unternehmen. Hauptsache, ich bekam diese Bilder niemals zu Gesicht. Mehr verlangte ich doch gar nicht.
„Komm jetzt, sonst ist die Pause vorbei.“

Der Raum der Schülervertretung war verlassen. Bis auf eine sehr nachdenkliche Akane Kurosawa, die auf einen laufenden Fernseher starrte. Wieder war ein Bericht über Mechas zu sehen. Und wieder erschien Megumis Gesicht als Porträtfoto, eingeblendet in einen Mecha-Kampf zwischen einem Hawk und einem Daishi. Der Hawk gewann mit Bravour.
Danach blendete der Bericht um und zeigte einen grotesk entstellten Menschen, der von uniformierten Mädchen in kurzen – sehr kurzen – Röcken in einer Art Energiefeld gefangen wurde und sich dort - wieder zurück? - in einen Menschen verwandelte.
„Hallo, Sempai“, begrüßte ich sie freundlich. Sie sah kurz auf und deutete auf einen voll gepackten Schreibtisch. „Deine Sachen liegen da irgendwo, Akira. Hallo, Yoshi.“
Sie seufzte tief und vernehmlich. Und ich wunderte mich. Kein Kohai? Kein San als Namensanhängsel?
„Was bedrückt dich, Sempai?“, fragte Yoshi und lächelte sie an. Dabei schien ein Scheinwerfer ein besonders helles Stück auf seinen weißen Zähnen zu treffen und einen Lichtschein zu verursachen.
Akane wandte sich für dieses Schauspiel nicht einmal um. Was Yoshi nicht wirklich gut aufnahm.
„Das da“, sagte sie ernst. „Die ganze Welt ist ein Tollhaus, und hier ist die Zentrale. Nicht nur, das wir mit Megumi Uno eine Elitepilotin der United Earth Mecha Force auf unserer Schule haben. Ich habe auch Hinweise, dass diese Gruppe Mädchen, die Magischen Youma-Jägerinnen, auf unsere Schule gehen.
Und als wenn das noch nicht genug wäre, haben wir auch noch in irgendeiner Klasse einen wichtigen VIP, der von mehreren Geheimagenten Undercover bewacht wird. Von den anderen Sachen, die die Schülervertretung noch gar nicht aufgedeckt hat, will ich gar nicht erst reden.“
„Verstehe“, brummte ich und ergriff meine Unterlagen. In Wahrheit schwirrte mir der Kopf. Diese Welt schien vielfach bedroht zu sein. Von angreifenden Mechas im Weltraum, von Dämonen hier in der Stadt, und dann schienen noch diverse Geheimdienste miteinander zu konkurrieren.
„Sei unbesorgt, Sempai“, sagte Yoshi und löste wieder dieses Funkeln aus. „Als Mitglied der Schülervertretung werde ich meinen Teil dazu beitragen, um diese Schule zu einem sicheren Hort für alle zu machen, die hier für ihren weiteren Lebensweg lernen wollen.“
Machte er das Funkeln absichtlich? Konnte ich das auch? Ich warf einen kurzen Blick in den nächsten Spiegel und versuchte besonders gut zu lächeln. Der Lichtblitz, der dabei entstand, blendete mich für ein paar Sekunden.

Ich blinzelte, um die hellen Flecken vor meinen Augen zu vertreiben.
Akane sah zu mir herüber. Wo hatte sie die schwarze Sonnenbrille her?
„Bist du fertig mit deinen Selbstversuchen?“, tadelte sie mich.
Ich nickte. „Gut, dann hör zu. Du auch, Yoshi. Wir müssen wissen, wer von unserer Schule zu den Magischen Youma-Jägerinnen gehört und wer der VIP ist. Auch wer die Agenten sind, die ihn beschützen. Es ist immer gut zu wissen, wer potentiell für Ärger verantwortlich sein könnte. Das bedeutet Zeit für Vorbereitungen.“
„Zumindest die Youma-Jägerinnen sollten kein so großes Problem sein. Sie tragen ja nur diese lächerlichen Kostümchen, wenn sie einen Dämon vernichten“, sagte Yoshi leise. „Es sollte ein Leichtes sein, sie dabei zu fotografieren und sie anhand ihrer Gesichter zu identifizieren.“
Akane lachte freudlos. „Meinst du nicht, das hätten wir nicht schon mal versucht? Man kann sich nicht an die Gesichter der Mädchen erinnern, und auf Fotos sind sie auch nicht zu erkennen. Kein Computer konnte die Fotos bisher scharf stellen.“
„Das ist irgendwie unfair.“
Akane lächelte mitleidig. „Willkommen in meiner Welt.“
Die Klingel zur nächsten Stunde beendete die Konversation. „Okay, wir haben ein Auge auf die Situation, Akane-chan. So, wir müssen zurück in unsere Klasse.“
Ich winkte ihr noch mal und wunderte mich noch über die plötzliche Röte ihrer Wangen, da war ich schon mit Yoshi wieder auf dem Gang.
„Warum hast du sie chan genannt? Läuft da was zwischen euch beiden?“, fragte mein bester Freund ernst.
Ich erstarrte. „Habe ich das?“ Nachdenklich kratzte ich mich am Kinn, ohne die Unterlagen zu verlieren.
„Da kann ich wohl froh sein, dass sie mir den Fernseher nicht hinterher geworfen hat, was?“
Yoshi warf mir einen bösen Blick zu. „Mir scheint, bei dir wirkt die gleiche Magie, die auch die Youma-Jägerinnen verschleiert, Alter.“
„Was auch immer. Ab in die Klasse.“
Yoshi setzte wieder sein strahlendes Lächeln auf. „Ja, auf in die Klasse. Ino-chan, ich komme.“

3.
Abgesehen vom Unterricht und den diversen Bedrohungen, die anscheinend irgendwo in dieser Welt lauerten, um dann über mich herzufallen, wenn ich es am wenigsten erwartete, war es eigentlich ganz nett hier.
Ärgerlich war nur, dass ich zur Mittagspause kein ordentliches Lunchpaket mitgenommen hatte und nun auf einem eher geschmacklosen Frühstücksriegel aus einem Automaten herum kaute. Aber das war egal. Mit einem Schluck kalten Tee konnte man es dennoch passabel runter spülen, während man auf dem Dach saß und die treibenden Wolken am Himmel bewunderte.
Es war ein schöner, strahlender Tag, und ich verbrachte die Mittagspause mit einigen Freunden auf dem Dach der Schule. Diese Freunde waren meine Gruppe. Akiras Zorn. Eine Gemeinschaft von Jungen, die gegenseitig aufeinander aufpassten. Die Oberstufe war ein raues Pflaster, und wir Youngster nicht viel mehr als Freiwild. Doch gemeinsam konnten wir uns durchsetzen.
Wir, das waren natürlich ich und Yoshi, dazu Kenji Hazegawa, der schweigsam sein Bento aß, sowie zwei weitere Jungen aus Parallelklassen, die mit uns an die Schule gekommen waren.
Da war einmal der weißhaarige, schmächtige Kei mit der großen Lesebrille. Kei Takahara, Computer- und Bücherwurm, niedlich, aber kaum in der Lage, jemals einer Fliege etwas zu Leide zu tun. Das war aber nur eine Seite seiner Persönlichkeit. Wenn er wütend wurde, hatte es in etwa den gleichen Effekt, sich ihm in den Weg zu stellen wie einer außer Kontrolle geratenen Dampfwalze. Bevor er mit uns zusammen gekommen war, hatte man ihn viel gehänselt, was zu seinem ersten Wutausbruch geführt hatte. Durch das Training mit uns und diverse Gelegenheiten hatte er gelernt, diese Wut zu nutzen und zu steuern.
Und natürlich war da noch Doitsu Ataka, ein strenger, schwarzhaariger Junge von schlankem hohem Wuchs, der selten lachte, und noch seltener unformell war. Seine Eltern hatten ihn traditionell erzogen und es hatte uns einige Mühe gekostet, aus ihm mal ein unverschämtes Grinsen heraus zu locken.
Seitdem taute er ab und an auf. Aber selbst in unserer Gegenwart gab er sich meistens förmlich. Er trug als einziger aus unserer Gruppe eine Brille, die er immer wieder in einer beinahe dramatischen Geste die Nase hinauf schob. Er war nicht gerade der beste Kämpfer in unserer Gruppe, aber ein guter Stratege. Und mit seiner Art, die viele als hochnäsig und arrogant missverstanden, hatte er mehr als genügend Gegner an dieser Schule.
Vor allem die höheren Jahrgänge hatten es auf uns abgesehen. Gut einmal die Woche gerieten sie mit uns aneinander und hatten bisher immer den Kürzeren gezogen. Das war gut zu wissen. Aber so erschreckend banal. Wir, die vorherrschende Schulclique. Ich schüttelte gedankenverloren den Kopf.

„…ist unglaublich!“, wetterte Yoshi, „Auf dieser Fotomontage küssen wir uns! Könnt Ihr euch das vorstellen? Weiber, pah. Womit die ihre Freizeit verbringen, will ich gar nicht so genau wissen.“
Doitsu schob seine Brille wieder die Nase hinauf und bemerkte mit dem Ansatz eines Schmunzelns: „Das kannst du ihnen aber nicht verdenken, Yoshi. Du bist nun mal der hübscheste Schüler an dieser Schule.“
Wütend fuhr Yoshi auf. „Verwende nie wieder das Wort hübsch im Zusammenhang mit mir, klar?“
Nun lächelte Doitsu. Es war ein trotziges, herausforderndes Lächeln. „Was, wenn ich es doch tue?“
„Ruhig, Jungs, ruhig“, sagte Kei und ging dazwischen. „Wegen der Mädchen und ihrer Marotten muß man sich nicht aufregen. Außerdem gibt es auch solche Fotos von dir, Doitsu.“
Der steife Schüler erstarrte. „Von… mir?“
„Ja, einen Satz, wie du Akira küsst, einen Satz, wie du Yoshi küsst, drei Sätze, wie du…“
„Moment, Moment, wieso weißt du so gut darüber Bescheid?“, hakte ich nach.
Kei grinste in die Runde. „Na, ratet mal, wer die Nachbearbeitung dieser Fotos übernimmt.“
Spontan standen Douitsu, Yoshi und ich auf.
„Regt euch nicht auf, Jungs“, beschwichtigte Kei. „Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer und verdient an den Fotos. Ratet mal, warum ich euch in letzter Zeit so oft einladen konnte. Außerdem, solange ich die Fotos bearbeite, wissen wir wenigstens immer, welche Art von Fotos im Umlauf sind, ne?“
„Du verlogener, kleiner Halunke!“, rief Yoshi und nahm den Kleineren in einen Schwitzkasten. „Da hast du also das Talent und die Software und sagst uns gar nichts?“
Er zog aus seiner Uniformjacke zwei Fotos hervor. „Hier, kannst du mein Foto mit dem von Ino-Sensei übereinander legen und es so drehen, dass wir uns küssen? Ja? Ja?“
„Na, der hat sich aber schnell wieder beruhigt“, kommentierte Doitsu amüsiert.
„So ist er halt, unser Yoshi“, murmelte Kenji leise. „Er sieht in allen Möglichkeiten das Beste – vor allem für sich.“
Wir lachten über den Scherz des Riesen. Und ich wollte schon etwas erwidern, als plötzlich Sirenen aufklangen.
Doitsu seufzte leise. „Evakuierungsalarm. Schon wieder. Wahrscheinlich ist wieder ein Daishi durchgebrochen.“
„Hey, verstehe ich das richtig? Die United Earth Mecha Force hat einen oder mehrere Mechas des Gegners durchgelassen?“
„Sieht ganz so aus. Und anscheinend hat er Kurs auf Japan. Kommt, die Schutzräume bleiben nur ein paar Minuten offen.“ Doitsu erhob sich und ging vor. „Wahrscheinlich werden sie sowieso wieder irgendwo in der Stratosphäre abgefangen und wir werden von Verwüstungen verschont. Dafür wird es aber spektakuläre Bilder in den Nachrichten geben.“

Ich nickte und schloss mich den anderen an. Bis ich den Hubschrauber bemerkte. Verwundert betrachtete ich die schlanke Maschine und wusste sofort, dass ich es mit einem Leichten Bell-Transporter zu tun hatte. Die Flugmaschine hielt genau auf dieses Dach zu.
Das erstaunte mich einen Moment. Bis Megumi auf dem Dach erschien. Schweigsam stellte sie sich neben mich und sah der langsam näher kommenden Maschine zu.
Plötzlich sah sie mich direkt an. „Du hast dich also entschieden?“
Alarmiert sah ich sie an. Entschieden? Wofür?
Der Hubschrauber kam näher und begann über dem Dach zu schweben. Eine Strickleiter wurde herab gelassen. Megumi erklomm die ersten Sprossen.
„Viel Glück, Megumi-chan“, sagte ich laut genug, um den Rotor zu übertönen.
Sie sah mich an mit ihren zynischen Augen und ich spürte ihre Linke am Kragen meiner Schuluniform. „Für den Schutzraum ist es jetzt zu spät. Du fliegst besser mit, Akira.“
Meine Gedanken jagten sich. Und bevor ich mich versah, kletterte ich hinter Megumi die Strickleiter hinauf, die ganze Zeit darauf bedacht, ihr nicht unter den Rock zu sehen. Obwohl das fast unmöglich war. Und gefangen von der Idee, diese Hawk-Mechas aus der Nähe zu sehen, vielleicht einen Kampf direkt mitzukriegen.
Als wir in der Kabine waren, ruckte der Helikopter an und flog los.
Wortlos öffnete Megumi ihre Uniformbluse und zog sie aus. Ich stand da und starrte sie sprachlos an.
Megumi öffnete ein Staufach und zog einen blauen Druckanzug hervor. Sie warf ihn mir zu. „Anziehen.“ Für sich zog sie einen roten hervor. Sie öffnete den Verschluss ihres Rocks und ich erwischte mich dabei, wie ich sie immer noch anstarrte. Peinlich berührt wandte ich mich um und begann mich ebenfalls auszuziehen. Und bevor ich mich noch fragen konnte, warum ich einen Druckanzug tragen sollte, trug ich ihn auch schon.
Megumi trat von hinten an mich heran und half mir mit den Verschlüssen. „Das kommt alles mit mehr Übung“, erklärte sie mir und drehte mich um, damit sie den Kragenwulst versiegeln konnte.
Peinlich berührt sah ich zur Seite. Hatte sie nicht zuerst ihre eigenen Verschlüsse schließen können? Sie trug zwar noch einen BH, aber selbst im Badeanzug blitzte nicht mehr Haut bei einem Mädchen.
„Nun tu nicht so, als hättest du noch nie ein halbnacktes Mädchen gesehen“, tadelte sie mich und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Das war das erste Mal an diesem Tag.
„Ein halbnacktes Mädchen oder eine halbnackte Megumi, das ist ein himmelweiter Unterschied, Megumi-chan.“
Sie errötete, und auch diese Reaktion an ihr sah ich heute zum ersten Mal. Verlegen betätigte sie ihre eigenen Verschlüsse.
„Wohin fliegen wir überhaupt?“, fragte ich.
„Wir fliegen zu unseren Mechas, Akira.“
„Unseren Mechas?“, fragte ich misstrauisch. „Unseren?“
„Unseren“, bestätigte sie.
„Oh-oh…“

3.
Der Hubschrauber brachte uns zu einer Basis der United Earth Mecha Force. Das Besondere an dieser Anlage, war, das sie in fünf Kilometer Höhe über der Erde, genauer gesagt über dem Pazifik schwebte.
„Das ist die untere Plattform der Titanen-Basis“, sagte Megumi leise. „Sie ist mit OLYMP verbunden, ihrer…“
„Ihrer Schwesterplattform in einer stationären Höhe von einhundert Kilometern. Damit befindet sich OLYMP nominell in der Exosphäre, der äußersten Schicht unserer planetaren Atmosphäre, in einer Dichte, die man aber schon als Teil des Weltraums ansieht. Fünf so genannte Orbitallifts sorgen für einen Materialverkehr zwischen der Titanen-Basis und OLYMP. Jeder einzelne hat eine Kapazität von einhundert Tonnen. Dazu kommen zwei kleinere Lifte, die für den Personenverkehr ausgelegt sind. Jeder von ihnen kann zugleich zwanzig Menschen transportieren. Sowohl die Titanen-Basis als auch OLYMP unterhalten Wartungs- und Startmöglichkeiten für die Mechas der United Earth Mecha Force, die Hawks, die Eagles und die Sparrows. Die meisten Mecha-Operationen finden aber im Weltraum statt, alleine um die Materiallieferungen vom Mond zu eskortieren.
Auf der Titanen-Plattform sind permanent achttausend Soldaten aus neunzehn Nationen sowie zwanzig Mechas verschiedener Klassen stationiert.
Auf OLYMP hingegen arbeiten fünfzigtausend Soldaten und Zivilpersonen aus über vierzig Nationen unter Aufsicht der United Nations. OLYMP ist nicht nur in der Lage, über hundert Mechas aller Klassen zu warten und zu versorgen, die Plattform verfügt auch über die Kapazitäten zur Wartung der Fregatten und Zerstörer der YAMATO- und MIDWAY-Klasse, die im Raumgebiet um Erde, Mond und Mars operieren. Eine weitere Basis dieser Art, die ARTEMIS, die mit der erdnahen Plattform APOLLO verbunden sein wird, ist im Bau und soll über die doppelte Kapazität verfügen und den Bau neuer Schiffe ermöglichen, die im Vergleich zur MIDWAY-Klasse die Größe von Kreuzern haben sollen. Planungen zum Bau der neuen Klasse sind schon fertig. Habe ich etwas vergessen?“
Megumi nahm die Flut an Informationen gelassen hin. „Du solltest vielleicht auch noch erwähnen, dass die Titanen-Plattform über zwei Staffeln Atmosphäregebundener Jagdflieger vom Typ HAWKEYE verfügt. Du bist immer noch gut informiert. Respekt“, stellte sie fest, während ein großer Schatten vor uns auf dem Meer sichtbar wurde. Ich sah aus dem kleinen Fenster hoch und erkannte den Grund. Wir näherten uns der Titanen-Plattform. Mir schauderte bei der Erkenntnis, dass das Mistding einfach nicht größer werden wollte, obwohl der Hubschrauber nicht nur verdammt schnell flog, sondern auch noch mächtig stieg. Wie groß war das Mistding?
Das Wissen, das mir vorhin über die Anlage zugeflossen war, half mir mit den richtigen Angaben aus. Das Mistding war kreisrund, etwa einhundert Meter stark und maß einen stolzen Kilometer.
Ihr Gegenstück OLYMP hingegen war dreimal so groß.
Zwei Hawk-Mechas fielen vor uns herab, bremsten auf ihren an den Beinen befestigten Sprungdüsen ab und flankierten uns links und rechts. Die einem Menschen nachempfundenen Hände winkten zu uns herüber. Dann zogen die Mechas wieder nach oben und verschwanden in Richtung der Plattform.

Nur wenige Minuten später schleusten wir auf der Plattform ein. Ich hatte kaum neben Megumi den Hangarboden betreten – es war lausig kalt, weil das Tor noch nicht geschlossen worden war und ein kräftiger Jet kalte Luft herein pumpte und nicht besonders standfeste Zeitgenossen umzuwerfen drohte – da drückte mir schon jemand einen Helm mit blauem Visier in die Hand. Er war kunstvoll mit blauen Blitzen übersäht. Auf der Stirnseite stand: Blue Lightning.
Megumi erhielt einen roten Helm, auf dem Lady Death stand.
Die Anwesenden sahen zu uns herüber und brachen plötzlich in Applaus aus.
Ich runzelte die Stirn. „Du bist ganz schön beliebt, Captain“, murmelte ich in Megumis Richtung.
„Natürlich bin ich das. Ich bin der derzeit beste aktive Elitepilot“, erwiderte sie und betrat einen Expressaufzug. „Aber dieser Applaus galt nicht mir.“
Wir verließen den Aufzug knapp unter der Oberfläche der Plattform.
Wie viel Zeit war mittlerweile vergangen? Zehn Minuten oder mehr, seit der Hubschrauber uns abgeholt hatte? Es war aber eindeutig zuviel Zeit, um einfach einem Durchbruch von Mechas in Richtung Tokios zu erklären. Die wären längst da und hätten bereits begonnen, mit dem Tokio Tower zu spielen.
Megumi führte mich über ein Laufband, welches wir ironischerweise entlang liefen, zu einem der Personenaufzüge nach OLYMP. Seltsam, ich hätte mich auch ohne ihre Hilfe hier sehr gut Zurecht gefunden.
Der Aufzug begann langsam Fahrt aufzunehmen und Megumi sagte noch: „Halt dich fest, Akira.“
Da beschleunigte der Orbitallift aber schon und warf mich fast zu Boden. Neben uns patrouillierte ein Sparrow-Mecha, einer der schnellsten Kampfroboter, über den die Erde verfügte. Aber er blieb nach kurzer Zeit zurück.
„Der Orbitallift fährt in einer Röhre in einem künstlichen Vakuum“, erklärte Megumi sachlich.
„Verstehe. Dadurch gibt es keine Reibung. Ohne Reibung keinen Widerstand und wir können sehr schnell aufsteigen. Wie lange werden wir brauchen?“
„Für fünfundneunzig Kilometer? Etwa acht Minuten, inklusive Abbremsmanöver.“
Ich pfiff anerkennend. Und sah nach draußen. Das Blau des Himmels ließ bereits etwas nach und verdeutlichte mir, dass wir bereits durch die Stratosphäre schossen und dabei waren, die Ozonschicht zu passieren. Ich sah zur Erde hinab und konnte beinahe zusehen, wie die Inseln und die Titanen-Plattform unter mir schrumpften.
Ein silbriger Schleier legte sich über die Fenster der Kabine. Ich wusste, dies war ein Schutz gegen kosmische Strahlung, die uns in dieser Höhe ohne Ozonschicht weit härter traf als auf der Erdoberfläche.
Acht Minuten. Die zu einem Ritt in den Weltraum wurden. Ich spürte mein Herz vor Aufregung klopfen, aber längst nicht so stark wie ich erwartet hatte. Es kam mir fast wie Routine vor.
Über uns erschien ein fernes Blinklicht, zu dem sich weitere Lichter gesellten. Schnell wurden die Lichter mehr und ich erkannte erste Details von OLYMP. Wir rasten geradezu auf die Plattform zu und ich befürchtete für einen Moment, an ihr zu zerschellen.
Dann aber wurden wir merklich langsamer, und als wir in die Untere Ebene von OLYMP einfuhren, hielt die Kabine sanft an wie ein normaler Personenlift in einem zehnstöckigen Haus.

Der Orbitallift öffnete sich und entließ uns in einem Wirbel aus Hektik.
Techniker, Piloten und Soldaten rannten an uns vorbei, aber Megumi schritt entschlossen in dieses mittlere Chaos. Natürlich, als Elite-Pilotin kannte sie ihren Weg.
Wir traten auf ein Laufband, welches wir auch wieder laufend bewältigt hätten, wenn es nicht vollkommen überladen gewesen wäre.
Von dort kamen wir zu einem Hangar, in dem gerade mehrere Hawks starteten.
Ein Techniker nahm uns in Empfang. „Ich habe Ihren Mecha bereit machen lassen, Captain Uno. Und Blue Lightning steht Ihnen selbstverständlich zur Verfügung, Sir.“
Mich beschlich der eigentümliche Verdacht, dass er mich mit dem Sir meinte.
„So kommt er also wieder nach Hause“, erklang eine Stimme über mir. Ich wandte mich suchend um und erkannten einen früh ergrauten Mann, dessen Blick aber scharf und fest war. Er trug keine Uniform, nur einen schwarzen Geschäftsanzug. Aber es stand außer Frage, dass er auf OLYMP das sagen hatte. Die Personen um ihn herum, Leibwächter, hohe Offiziere, Sekretärinnen und Melder, waren bestenfalls Statisten, solange er dort stand.
„Vater“, sagte ich leise und knirschte mit den Zähnen. Für einen Moment, für einen winzigen Moment war ich knapp davor gewesen, auf diese Animewelt herein zu fallen. Dem Konstrukt zu glauben. Das ich nicht in einem obskuren Wunsch gefangen, sondern tatsächlich der Sohn dieses Mannes war. Und darüber hinaus ein ehemaliger Elite-Pilot eines Hawks, der bei der ersten Angriffswelle der Daishi-Mechas geholfen hatte, den Feind vernichtend zu schlagen – in einem Alter von vierzehn Jahren.
Mein Blick ging zu Megumi. Die aufgesetzte Erinnerung verriet mir, dass ich sie für die Hawks rekrutiert hatte. Sie hatte es nie gesagt, aber mein Ausstieg aus der Einheit musste sie damals sehr verletzt haben.
„Denk dir nichts dabei, alter Mann“, sagte ich nonchalant und winkte zum Balkon hoch. „Das wird keine permanente Einrichtung. Ich wollte nur neben der Schule ein wenig Zeit mit Megumi verbringen.“
Vater lachte. Eikichi Otomo, Direktor, Konstrukteur und militärischer Oberbefehlshaber von OLYMP und Titanen-Plattform. „Du kannst nicht ewig vor deinem Schicksal fliehen, Akira.“
Ich sah zu ihm hoch und lächelte. Dabei entstand wieder dieses Gleißen, das ich im Raum der Schülervertretung erzeugt hatte. Ein Raunen ging durch die Leute auf dem Balkon. „Aber ich kann es versuchen, alter Mann, nicht?“
Megumi sah zu mir herüber. Ein Techniker hatte bereits ihren Helm angelegt und diverse Anschlüsse angebracht. „Du verspätest dich, Akira.“
Ich schenkte dem alten Mann auf dem Balkon noch ein provozierendes Zwinkern und trat dann zu der Freundin aus Kindertagen.

Ein Techniker trat an mich heran und nahm mir mit zitternden Händen den Helm ab. „Es… Es ist mir eine Ehre, heute für Sie da sein zu dürfen, Colonel.“
Colonel? Meinte er mich? Soweit ich wusste, war ich als First Lieutenant ausgeschieden. Da war was von einer Beförderung gewesen, ja, aufgrund meiner hohen Abschusszahlen und so. Aber hatte ich gleich drei Ränge übersprungen?
„Schon gut. Machen Sie einfach einen ordentlichen Job“, erwiderte ich. Himmel, der Mann war zehn Jahre älter als ich, starrte mich aber an als wäre ich ein Popstar.
Im Hintergrund startete ein Wing Eagles. Die schwer bewaffneten ArtillerieMechas würden uns auf lange Reichweite unterstützen.
„Da kommt Lady Death“, kommentierte Megumi beinahe tonlos. Ein mächtiger, humanoider BattleMecha kam aus einer Bodenluke gefahren. Er hatte mächtige Schulterschilde, die den Maskenförmigen Kopf schützten, in den die Sensoren untergebracht waren.
Auch die Beine waren mit zusätzlichen Schilden versehen worden und auf dem Rücken dominierten mächtige Triebwerke. In der Hand hielt der Mecha eine gewaltige Lanze, die, wie ich wusste, sowohl Stoßwaffe als auch Energiekanone war. Nur wenige konnten mit der Artemis-Lanze effektvoll umgehen. Megumi musste eine von ihnen sein.
Dahinter fuhr ein vollkommen in Blau gehaltener Mecha der Hawk-Klasse aus einer Luke.
Nur Gesicht und Augen waren in einem kräftigen Rotton gehalten. Auch seine Schultern und Beine waren mit Schilden geschützt. Fast hätte man ihn und Lady Death für Zwillinge halten können. Aber seine Bewaffnung war eine andere. Er trug zwei Breitschwerter in den Händen. Es fiel einem normalen Piloten schon schwer, eine Herakles-Klinge zu beherrschen. Und ich sollte beide benutzen?
An diesem Punkt fand ich es eine sehr gute Idee, mich sehr genau daran zu erinnern, wie man dieses Ding steuerte und die Waffen benutzte. Der Boden unter unseren Füßen hob plötzlich ab und näherte sich den beiden Mechas ungefähr auf Leibesmitte. Dort öffneten sich Mannsgroße Luken für uns. Das Cockpit war natürlich an der bestgeschützten Stelle untergebracht und nicht im verletzlichen Kopf.

„Weißt du noch, wie es geht?“, fragte Megumi beiläufig.
Ich grinste sie durch mein blaues Visier an. „Das ist wie Fahrrad fahren. Man verlernt es einfach nie. Sobald ich mit dem Computer meines Mechas verbunden bin, übernimmt er die grobe Steuerung. Aber meine Instinkte, Reflexe und Gedanken bestimmen die Richtung und das Kampfverhalten. Der Hawk wird zu einer Verlängerung meiner selbst.“
„Gut. Dann lass uns fliegen. Wir sind spät dran.“
Ich nickte und stieg in meinen Mecha. Dort setzte ich mich in den pneumatischen Sessel, schnallte mich an und sah dabei zu, wie der Techniker die Anschlüsse meines Anzugs und Helms mit dem Hawk verband.
Als er fertig war und sich das Cockpit geschlossen hatte, erwachte der Mecha zum Leben.
„Guten Tag, Colonel Otomo. Blue Lightning ist hocherfreut, Sie wieder an Bord begrüßen zu dürfen. Lassen Sie Blue Lightning einige Informationen zur aktuellen Lage abgeben. Es befinden sich zwei Div…“
„Blue“, fuhr ich dem Mecha dazwischen. „Colonel?“
„Vielleicht sollten wir erst einmal starten.“ „Natürlich, Colonel.“
Ich konzentrierte mich auf eine Bewegung. Blue feuerte sein Triebwerk und begann zu schweben. Ich drehte mich in Gedanken auf das Haupttor und der Mecha vollführte die Bewegung nach. Die Synchronisation war noch nicht perfekt, aber besser als ich nach drei Jahren erwartet hatte.
Vor mir huschte ein roter Schatten auf das Tor zu und trat durch den Energieschirm in den Weltraum hinaus. „Wo bleibst du, Akira?“
„Ich komme ja schon“, rief ich, konzentrierte mich auf Beschleunigung und hoffte, nichts Wichtiges zu zerstören, wenn ich gleich voll aufpowerte, ohne über vollständige Synchronisation zu verfügen. Doch ich hatte Glück. Der Abflug gelang relativ gut.

„Jetzt wären Informationen zur Lage angebracht, Blue.“
„Wie Sie wünschen, Colonel. Wir werden von zwei Divisionen Daishi-Mechas angegriffen, also sechshundert Mechas. Es sind zwanzig Gamma, zweihundertelf Beta und dreihundertachtundsechzig Alpha. Ein weiterer Mecha ist dabei, den wir bisher nicht identifizieren können. Wenn die Divisionen ihren Kurs und ihre Geschwindigkeit beibehalten, werden sie in fünf Minuten in Waffenreichweite der Eagles sein.
Drei Zerstörer unserer Flotte eilen mit Höchstfahrt zurück nach OLYMP, um uns zusätzliche Feuerkraft zu verschaffen und für den Fall, dass der Feind erneut eigene Schiffe einsetzt.
Captain Uno meldet soeben, dass sie das Kommando über die Briareos-Kompanie übernommen hat. Die Kompanien Gyes und Kottos erwarten Ihren Befehl, Colonel.“
Das Hekatoncheiren-Bataillon, die Elite-Einheit der United Earth Mecha Force.
Die Hundertarmigen, fünfzigköpfigen Verteidiger der Menschheit. Sechsunddreißig Mechas mit den besten Piloten, über die die Menschheit verfügte. Und mir boten sie das Kommando an. Ein Drittel der Mecha-Verteidigungsstreitmacht von OLYMP. Mir wurde für einen Moment schwindlig. Der Name bezog sich wie so vieles hier auf die griechische Mythologie und bezeichnete drei Brüder, die Zeus geholfen hatten, die furchtbaren Titanen zu besiegen und im Hades unter Verschluss zu halten. Genauso wollte das Hekatoncheiren-Bataillon Schutz und Wall der Menschheit sein. Ein sehr erstrebenswertes Ziel, fand ich.

„Okay, Hekatoncheiren, hergehört. Gyes bleibt bei mir und hält die Mitte. Kottos übernimmt die linke Flanke und Briareos die rechte Seite. Der Feind wartet mit einem neuartigen Mecha auf, und wir wissen nicht, was er leisten kann. Deshalb seid vorsichtig, wenn Ihr den Delta zum Kampf stellt. Wenn möglich, überlasst ihn mir.
Wir fliegen ihnen entgegen und halten sie somit so gut es geht von der Station fern.
Das Titanen-Bataillon hält hier Wache und vernichtet alles, was an uns vorbei kommen kann.
Ich verlasse mich darauf, dass diese Zahl hart gegen null gehen wird.“
„Roger“, hallte es mit aus fünfunddreißig Kehlen entgegen.
„Na dann los!“

Fünfzig Kilometer von OLYMP entfernt traf die Briareos-Kompanie auf die ersten Daishi-Alpha. Die leichten und schnellen gegnerischen Mechas waren meistens mit menschlichen Verrätern bemannt. Dies war teilweise die einzige Chance der Verräter ihren Wert für den Feind zu beweisen – wenn sie lange genug überlebten, um in einen Beta oder Gamma zu wechseln. Nicht dass mir ein Beta oder Gamma gewachsen war.
Der Gegner war gestellt, und auf der anderen Seite schlug die Kottos-Kompanie erbarmungslos in die Flanke. Noch während der ersten Sekunden der Schlacht vernichteten wir neun Alphas ohne das wir einen einzigen eigenen Verlust erlitten.
Was wussten wir von den Hintermännern der ständigen Versuche, die Erde zu unterwerfen?
Wir nannten sie Kronosier, ihren richtigen Namen hatten sie nie genannt. Sie waren schlanker und größer als es Menschen in allgemeinen waren und sie verfügten über phänomenale Technologie. Über ihre Absichten hatten sie uns hingegen nie im Unklaren gelassen: Die Erde zu unterwerfen und auszubeuten.
Größtes Merkmal waren ihre großen, dunklen Augen und der blasse, fast wie durchscheinend wirkende Teint. Ansonsten hätten es Menschen sein können. Vor allem, was ihre Skrupellosigkeit anging. Sie rekrutierten für ihre Vorhaben Menschen nur zu gerne, anstatt den eigenen Hals zu riskieren. Was bedeutete, auf irgendeine Weise saßen sie nicht nur auf ihren Basen auf dem Mars, sondern auch noch auf der Erde. Irgendwo. Irgendwie.

Die Zeit für Erinnerungen war vorbei. Ich erhielt Gelegenheit, neue zu machen, als ein Dutzend Betas, begleitet von fünfzig Alphas direkt auf mich zu hielt.
„Sir“, erklang eine Stimme und ein kleines Fenster mit dem behelmten Gesicht eines Piloten der Kyes-Kompanie flammte vor mir auf. „Die haben es auf Sie abgesehen. Ziehen Sie sich hinter unsere Linien zurück.“
Ich warf einen Blick auf sein Callsign. Dandy. Er war adliger Engländer und tat hier oben sein Bestes zum Schutz der gesamten Menschheit.
Ich lächelte fein. „Dandy, ich bin hier um zu kämpfen, nicht um mich zu verstecken.“
Bevor der Pilot etwas erwidern konnte, warf ich Blue nach vorne, schwang die Schwerter und hatte die Linie der angreifenden Gegner passiert, bevor sie richtig wussten, wie ihnen geschehen war. Hinter mir detonierten zwei Beta. Ich hatte sie zweigeteilt.
„Wow“, sagte Dandy dazu.
„Trotzdem könnte ich etwas Hilfe gebrauchen“, ermunterte ich ihn. „Gyes zu mir!“
„Roger!“ Die Linie der Piloten setzte sich in Bewegung.
Mit diesem Angriff hatten wir die Reihen zu Briareos geschlossen und hielten nun eine gemeinsame Linie vor OLYMP. Kottos kam immer näher und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie bei uns war.
Neben mir spießte Megumi gerade einen Gamma-Daishi mit ihrer Artemis-Lanze auf und gab gleich noch einen Feuerstoß ab, der einem Alpha direkt dahinter galt. Ich nutzte die Gelegenheit, kam hinter sie und ließ Megumi für mich Sichtschild spielen, bis ich mit Höchstgeschwindigkeit wieder auftauchte und direkt in einen Pulk Alphas raste, die im Clinch mit drei Hawks der Kottos-Kompanie waren. Nachdem ich sie passiert hatte, explodierten vier Daishis im kalten Weltall.
„Beeindruckend. Du hast nichts verlernt, Blue Lightning“, kommentierte Megumi. Es klang irgendwie zufrieden.
„Du aber auch nicht“, erwiderte ich, als sie einen gegnerischen Mecha auf über drei Kilometer Entfernung mit einem Schuss aus der Artemis-Lanze traf und schwer beschädigte.
„Ich bin aber im Gegensatz zu dir immer in Übung.“
„Ich sagte doch“, erwiderte ich mit einem grimmigen Lachen, „das ist wie Fahrrad fahren. Man vergisst es nie, wie so ein Ding zu steuern ist.“

„Kottos meldet einen Totalverlust. Noch ein Totalverlust!“
„Kottos auf meine Linie zurückziehen!“, blaffte ich barsch. Ich ahnte, was passiert war. Der Delta-Daishi war angekommen.
„Holen wir uns ein paar gute Scans von dem Knaben und sehen wir zu, dass genügend von ihm übrig bleibt, damit die Eierköpfe nachschauen können, wie er aufgebaut ist, nicht, Lady Death?“
„Verstanden. Ich werde ihn also nur kastrieren und nicht zerstören“, erwiderte Megumi tonlos.
„Kastrieren, was du für Wörter kennst“, tadelte ich sie. „Sieh einfach zu, dass etwas von dem Ding übrig bleibt. Das reicht mir schon.“
„Dritter Totalverlust für Kottos.“
„Jetzt reicht mir das aber: Kompanie Kottos, absetzten, ich wiederhole, absetzen!“
Die Hawks der Kottos-Kompanie spritzten auseinander und gaben den Weg frei. Der Delta ließ sich nicht lange bitten und brach durch die Bresche, einen ganzen Rattenschwanz Alphas und drei Gamma im Schlepp.
„Kottos, bei Gyes sammeln und neu formieren. Briareos setzt Flankenangriff fort. Dandy, du übernimmst den Befehl. Vernichtet den Feind oder schlagt ihn in die Flucht.
Lady Death, folge mir.“
Ich wendete den Mecha und trat den Schub voll durch. Neben mir tauchte Megumi mit ihrem roten Hawk auf.

„OLYMP Feuerleitkontrolle, Blue Lightning hier. Unbekannter Mecha ist durchgebrochen. Ich wiederhole, unbekannter Mecha ist durchgebrochen. Erbitte Feuerunterstützung durch Eagles.“
„OLYMP Feuerleitkontrolle hier. Feuerunterstützung bestätigt. Verlinken Sie uns mit Ihrem Computer und geben Sie uns Ziele.“
„Roger. Datenstrom verlinkt. Feuert wenn bereit.“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Drei Alphas explodierten einige Augenblicke darauf bereits. Die anderen Mechas des Gegners begannen mit Ausweichmanövern, was es Megumi und mir gestattete, weiter aufzuholen.
Dann begannen die riesigen Impulsgeschütze von OLYMP zu feuern. Zwei Alphas wurden vernichtet, obwohl der riesige Waffenstrahl sie nur gestreift hatte.
„Vorsicht, wir sind auch noch hier!“, beschwerte ich mich. Wieder setzte das Abwehrfeuer der Eagles ein und vernichtete weitere Mechas. Ein Chaos aus Energie, Explosionen entstand vor uns.
Ich drückte, einer Eingebung folgend, meine Maschine nach unten. Gerade noch rechtzeitig, um ein nettes Ortungsbild eines Mechas zu bekommen, der sich aus dem Angreiferpulk gelöst hatte und nun in Richtung Titanen-Plattform fiel.
„Mir nach, Megumi.“
„OLYMP Feuerleitkontrolle hier. Wir bekommen keine Daten mehr von Ihnen, Sir.“
„Der unbekannte Mecha ist ausgebrochen und geht auf Kurs der Titanen-Plattform. Ich nehme mit Lady Death die Verfolgung auf. Mit dem Rest werdet Ihr schon alleine fertig. Ach, und warnt unsere Kollegen da unten.“
„Roger, Colonel.“

Fünfundneunzig Kilometer, teils durch immer dicker werdende Atmosphäre machte aus den drei Mechas lodernde Fackeln. Nicht, dass sie wirklich brannten, aber die Reibungshitze erzeugte einen Feuersturm um uns herum. Nun, so konnten wir den Delta wenigstens nicht verlieren.
Als wir auf fünf Kilometer heran waren, begann die Titanen-Station, Sperrfeuer zu schießen. Megumi und ich mussten unsere Positionen aufgeben, um nicht versehentlich getroffen zu werden. Außerdem stiegen fünf Hawks auf, um den Feind zu stellen.
Was hatte der Gegner vor? Wenn er die Geschwindigkeit und den Kurs beibehielt, würde er mitten in die Titanen-Station hinein rauschen. Das würde er nicht überleben. Und die Plattform würde sich nicht einmal schütteln.
Was wenn der Gegner den Plan verfolgte, die Plattform ernsthaft zu beschädigen oder gar die Orbitallifte zu vernichten? Eine Beschädigung der Lifte würde uns und die Verteidigungsanstrengungen um Monate zurück werfen. Ohne die hochwertigen Ersatzteile von der Erde konnten wir die Überlegenheit unserer Mechas nicht lange durchhalten.

„Ist dir aufgefallen, dass der Delta gar keine Waffe trägt? Er hat die Kottos-Kompanie im Nahkampf angegriffen und drei Hawks mit bloßen Händen erledigt. Dabei hat er doch diesen hübschen Kampfstab auf dem Rücken“, murmelte Megumi.
„Etwas kurz und etwas dick für einen Kampfstab“, erwiderte ich und schalt mich sofort einen Narren. Nun wusste ich, was er vorhatte. Und wie er es tun würde.
Mit einem wüsten Fluch jagte ich Blue so schnell es irgend ging hinab, machte den Mecha schmal und legte die Arme an, um möglichst wenig Luftwiderstand zu bieten. Zu meinem Glück musste der Delta immer wieder dem Beschuss der Hawks und der Waffen der Titanen-Plattform ausweichen und gab mir so die Gelegenheit, aufzuholen.
Als ich endlich mit ihm auf einer Höhe war, griff der Mecha bereits nach dem Stab, der für einen Menschen die Ausmaße eines dreimal übereinander gestapelten Fasses hatte.
Ich passte meinen Kurs an, ging in einen fast horizontalen Flug und rammte den Delta brutal, was mich sicher nicht weniger hart in meinen Sitz trieb als meinen Gegner.
Es kam zu einem Gerangel um das Dreifachfass, auf dem bereits bunte Lichter zu blinken begannen, aber ich gewann. Doch als ich das Fass – oder vielmehr die Bombe – in den Händen von Blue hielt, bekam ich einen Tritt vom Delta mit, der mich Richtung Erdoberfläche trieb. Kurz darauf wurde Blue wieder erschüttert, als der Delta mit Gewalt in mich hinein raste.
„Megumi!“, rief ich und warf der Freundin die Bombe zu. „Du weißt, was du zu tun hast.“
„Roger!“, erwiderte sie und begann zu steigen.
Der Delta wollte ihr hinterher, aber ich verhakte meinen Mech in seinem.
„Wir gehen zusammen in eine andere Richtung, mein Freund.“
Dann passierten wir die Titanen-Plattform und für uns waren es nur noch fünf Kilometer bis zum Erdboden. Mit einem Anflug von Entsetzen sah ich, dass wir mehr oder weniger in Richtung der japanischen Inseln fielen. Das war mal wieder klar. Wenn etwas schief gehen konnte und sollte, würde es das auch. Und zwar in allen Konsequenzen. Nun war ich mir sehr sicher, irgendwo in Tokio aufzuschlagen. Und wahrscheinlich direkt in meiner Schule.

Über mir gab es eine helle Detonation. Ich hoffte, dass Megumi es noch rechtzeitig geschafft hatte, die Bombe hoch genug zu schaffen und weit genug von ihr fort zu kommen.
Und erinnerte mich an meine eigenen Probleme. Der Erdboden kam immer näher und die beiden Mechas taumelten umeinander. Den Delta aber nun los zu lassen würde nur bedeuten, das Ende dieses Kampfes auf später zu verschieben. Sich in den Erdboden zu bohren und zu explodieren war aber auch keine Lösung.
„Blue, hast du eine Idee?“
„Bremsfallschirme. Mit dem zusätzlichen Gewicht des Daishi wird eine weiche Landung aber nicht zu erwarten sein.“
„Besser als nichts!“ Ich löste die Fallschirme aus und ein harter Ruck ging durch Blue, als seine Geschwindigkeit radikal reduziert wurde. Nur mit Mühe behielt ich den Delta im Griff. Der Erdboden kam immer noch schnell näher, aber längst nicht mehr so rasant wie noch kurz zuvor. Allerdings würde ich beim Aufschlag unten liegen, wie eine schnelle Hochrechnung Blues ergab. In Erwartung des Schlages und mit der Erkenntnis, zwar ins Stadtgebiet Tokios, aber nicht auf meine Schule zu fallen, spannte ich mich an.
Es gab ein lautes Poltern, Metall kreischte und Glas brach. Ich wurde herum geschleudert und durchgeschüttelt.
Dann war Stille.
„Blue, bist du noch da?“ „Ja, Colonel, ich bin noch da. Die Schäden an mir sind groß, aber reparabel.“
„Ist der Delta noch in unserem Griff?“ „Ja, Colonel, der Delta ist noch in unserem Griff. Sein Reaktor fährt gerade runter. Der Mecha schaltet ab.“
„Gut. Und wo sind wir gelandet?“
In meinem Blickfeld landeten zwei rote Mechabeine. Die mussten zu Lady Death gehören.
„In meinem Appartementhaus“, kam ihre Stimme über Funk. „Und wenn ich das richtig sehe, hast du gerade mein Appartement mit einem Schulterschild zerstört.“
„Oh“, erwiderte ich. „Tut mir leid. Ist aber immer noch besser, als wenn Trümmer von der Titanen-Plattform hier abgestürzt wären, oder? Blue, mach bitte die Luke auf. Sind hier Waffen im Cockpit?“
„Eine Pistole unter dem Sitz, Colonel.“
„Das hilft mir jetzt auch nicht weiter, Akira“, erwiderte Megumi wütend. „Ich wollte eigentlich nicht in eine Kaserne umziehen müssen.“
„Das brauchst du auch nicht. Du kannst zu mir ziehen. Es stehen viele Zimmer leer und Vater kommt sowieso nie von seinem Olymp herunter.“ Ich nahm die Waffe an mich und kletterte aus der Luke heraus. Es bereitete mir etwas Mühe, auf der immer noch warmen Panzerung Halt zu finden, während ich zu dem Delta herunter kletterte. „Ist immer noch besser als eine Kaserne, oder?“
„Hm“, erklang es über mir. Megumi kletterte ebenfalls aus ihrem Mecha hervor. „Ich nehme dein Angebot an, Akira.“
Für einen Moment wurde mir heiß und kalt zugleich. Meine Gedanken schlugen Kapriolen, als ich daran dachte, nein, als ich mir ausmalte, was alles passieren konnte, wenn wir unter einem Dach lebten. Die meisten Gedanken gefielen mir sehr gut.
Als Megumi mich erreicht hatte, stand ich vor dem Cockpit des Delta-Daishi.
„Und? Wie kriegen wir das Ding auf?“, fragte ich nachdenklich. Ich brannte darauf, den gegnerischen Piloten zu sehen.
„Vielleicht sagst du so was wie Sesam öffne dich?“, scherzte Megumi und schluckte sprachlos, als sich die Luke tatsächlich öffnete.
Ich hob die Pistole und versuchte vorsichtig ins Innere zu sehen. Megumi zog ihre Waffe, eine schwere Schrotflinte.
„Können Sie mich hören?“, fragte ich ins Cockpit, Megumis Waffe ignorierend und bei einigen meiner Phantasien Abstriche machend. „Sie sind hiermit offiziell Gefangener der United Earth Mecha Force. Ihnen wird nichts geschehen, wenn Sie sich ergeben.“
Ich machte den letzten Schritt und sah… Nichts. Der Sessel im Mecha war leer. Hatte sich das Ding selbst gesteuert?

Suchend ging mein Blick hin und her. Bis ich das zitternde Bündel Mensch hinter dem Sessel bemerkte. „Sind Sie der Pilot?“, herrschte ich ihn an.
Die Gestalt hob den Kopf und starrte zu mir herüber. Die schwarzen Augen und die sehr helle Haut ließen keinen Zweifel daran, wen ich hier vor mir hatte. Eine kronosianische Pilotin. Die Frau mit dem langen, weißen Haar sah mich angsterfüllt an.
Der Blick aus den tiefen, dunklen Augen berührte mich irgendwie, denn ich musste mehrfach schlucken, um meine Kehle frei zu bekommen. „Verstehen Sie mich? Sie sind jetzt meine Gefangene.“ „Gefangene?“, wiederholte sie.
„Ja, Gefangene. Das bedeutet, niemand darf Ihnen etwas tun. Ich werde das verhindern.“
„Wirklich?“, fragte die Frau und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Wirklich.“
Sie schnellte sich aus ihrer unmöglichen Position in die Höhe, sprang über den Sessel hinweg und rammte mich mit einiger Energie. Erschrocken über den plötzlichen Angriff ließ ich mich fallen und zog sie mit mir. Megumi, die bereits übles befürchtet hatte, riss ihre Waffe hoch.
Ich sah auf. Die Kronosianerin verfolgte keine feindlichen Absichten. Außer, man wollte es ihr als kriegerischen Akt auslegen, dass sie mich zitternd und weinend umklammerte.
„Lonne hat Angst“, heulte sie. „Du beschützt Lonne, nicht wahr?“
„Ja, natürlich. Akira beschützt Lonne, versprochen.“
„Na Klasse“, kommentierte Megumi und schulterte ihre Waffe. „Eben gerade wollte sie noch die Titanen-Plattform sprengen und jetzt versprichst du ihr, sie zu beschützen. Weißt du eigentlich, wie knapp ich der Explosion entkommen bin?“
„Sprengen? Explosion?“, murmelte die Außerirdische verwirrt. Sie löste sich von mir und hob dozierend einen Zeigefinger. „Aber nein. Was Lonne da mitgebracht hat, war ein spezieller Scanner, der den Aufbau von Titanen-Station aufzeichnen und dann mit dem eingebauten Funk direkt zum Mars senden sollte.“
„Dann ist dein Scanner mit eingebautem Funk gerade mit der Kraft von einer Megatonne TNT in der Exosphäre unseres Planeten explodiert“, bemerkte Megumi zynisch.
Die weißhaarige Außerirdische schluckte hart. „Wie viel? Eine Megatonne? Lonne hat… So eine riesige Bombe auf dem Rücken gehabt?“ Übergangslos fiel sie in Ohnmacht und sank in meine Arme.
„Also, entweder ist sie eine verdammt gute Schauspielerin“, kommentierte ich, „oder sie hat nichts von der Bombe gewusst.“
Megumi runzelte die Stirn. „Bei ihrem IQ glaube ich das sofort. Und, was machen wir jetzt mit ihr?“
Ich dachte nach. Lange würde es nicht mehr dauern, bis entweder Bodentruppen oder Einheiten der United Earth eintreffen würden.
Aber hey, dies war eine Animewelt, und ich war mir sehr sicher, dass Lonne wirklich nicht wusste, was sie da befördert hatte. „Etwas richtig dummes, Megumi. Etwas richtig dummes.“
Die Mecha-Kriegerin im Range eines Captains grinste schief. „Ich bin dabei, Akira.“

4.
„Denkst du immer noch, das war eine gute Idee?“, fragte mich Megumi leise.
„Guten Morgen!“, rief Lonne und verbeugte sich freudestrahlend vor Yoshi und den anderen aus meiner Gruppe. „Mein Name ist Lilian Jones. Ich bin ab heute hier an dieser Schule als Austauschschülerin. Akira-sama ist mein Gastgeber.“
„Was denn? Die Schuluniform steht ihr doch gut?“, erwiderte ich grinsend.
Yoshi erwiderte die Verbeugung, während Doitsu, Kei und Kenje die Kinnladen herabfielen.
„Guten Morgen, Lilian-chan“, erwiderte Yoshi. „So, so. Akira ist dein Gastgeber. Heißt das, du wohnst bei ihm?“
Lonne strahlte. „Ja. Ich wohne bei Akira-sama und Megumi-sama.“
Ein böser Blick traf mich, der mich Schlimmes befürchten ließ. Yoshi grinste Lonne freundlich an. „Entschuldige mich bitte. Kei, wärst du vielleicht so freundlich und würdest du Lilian-chan ein wenig herum führen?“
„Nicht doch, nicht doch“, ließ sich Doitsu vernehmen. Er schob seine Brille die Nase hoch, was einen schimmernden Reflex auf den Gläsern auslöste. „Selbstverständlich übernehme ich das.“
„Vielleicht sollten wir uns alle um sie kümmern“, brummte Kenji.
„Alles klar, alles klar, Lilian-chan, folge uns einfach“, rief Kei fröhlich, ergriff die Hand des weißhaarigen Mädchens und zog sie mit sich. Die anderen beiden folgten ihm ohne zu zögern.
Yoshi legte eine Hand um meinen Nacken. Aus der freundschaftlichen Geste wurde aber schnell ein Würgegriff. „Was machst du eigentlich in deinem Riesenhaus, das du vollkommen alleine bewohnst, hä? Eine Austauschschülerin, Megumi-chan…“
„Megumis Appartement wurde gestern zerstört, als diese Mechas abgestürzt sind. Ich habe ihr nur angeboten, bei mir zu wohnen. Platz habe ich doch genügend. Und Lilian ist wirklich eine Austauschschülerin. Auf eine gewisse Weise.“
„Wie ist das denn schon wieder gemeint?“, fragte Yoshi nach und nahm mich stärker in den Schwitzkasten.
„Erkläre ich dir später. Nun lass uns langsam in die Klasse gehen, ja?“
„Richtig. Benimm dich nicht so kindisch, Yoshi-kun. Ich wohne bei Akira. Ich bin nicht mit ihm liiert.“ Megumi sah ihn einen Moment mit starrem Blick an und ging dann vor.
„Irgendwie beruhigt mich das nicht. Okay, hör zu, Akira. Ich ziehe auch bei dir ein. Zumindest so lange, bis die beiden wieder ausziehen, klar?“
„Danke, danke, danke. Du bist ein wahrer Freund. Wann kannst du da sein? Heute noch? Das wäre so gut. Danke. Du rettest mir wirklich das Leben“, rief ich und umarmte Yoshi.
„Äh, Akira“, brummte Yoshi leise. „Akira…“
„Schon gut. Ich war nur so gerührt über deine Hilfsbereitschaft. Also heute Abend bei mir, ja?“ Ich klopfte Yoshi auf die Schulter und ging vor. Warum sollte ich den ganzen Ärger, den diese Situation versprach, auch alleine ertragen? Dafür waren Freunde doch schließlich da, oder?

Ace Kaiser
14.11.2004, 22:53
Anime Evolution
Episode zwei

Prolog:
„Jetzt haben wir dich, Elektrotechniker-Youma. Gib auf. Du hast keine Chance mehr!“, rief das rothaarige Mädchen mit dem blauen Rock. Ihre energische Stimme hallte durch die Nacht.
„Vielleicht nicht gerade überhaupt keine Chance, aber doch nur sehr wenige“, kommentierte das blonde Mädchen mit dem schwarzen Rock.
Die Rothaarige wirbelte herum. „Musst du ihm auch noch Mut machen, Black Slayer? Wir hatten ihn gerade so schön in die Ecke gedrängt!“
Das blonde Mädchen hielt die Zeigefinger aneinander und murmelte: „Tschuldigung.“
„Wo waren wir? Ach ja. Youma, ich werde dir nie verzeihen, dass du diesen harmlosen, hart arbeitenden Elektrotechniker übernommen hast. Auch wenn er meistens schwarz arbeitet, ist das kein Grund, ihn zum Werkzeug deiner finsteren Wünsche zu machen!“ Das Mädchen mit den roten Haaren gestikulierte mit den Fingern. „Ich bin Blue Youma Slayer, und im Namen des Guten vernichte ich dich!“
Die Gestalt um die es ging war ein Mann, der doppelt so groß war wie normal. Seine Haut hatte sich dunkelblau verfärbt und seine Augen waren in ein irre leuchtendes rot getaucht. Er trug in beiden Händen abgerissene Stränge von elektrischen Leitungen, die früher einmal Waffen gewesen sein mochten. Seine ebenfalls blauen Haare waren jedenfalls von einem langen Kampf ziemlich in Unordnung geraten.
Die Rothaarige gestikuliert erneut und vor ihr entstand ein länglicher Metallstab mit einem Juwel an der Spitze. Sie umtanzte den Stab, ließ ihn um sich herum kreisen.
Was sie für den nächsten Angriff des Besessenen nicht wirklich vorbereitete.
Die linke Faust des Youmas krachte neben ihr in den Boden, sie konnte nur mit Mühe ausweichen.
„Ich habe dir gleich gesagt, du brauchst zu lange, um das Szepter der Energie zu aktivieren, Blue Slayer. Nie hörst du auf mich“, beschwerte sich die mit dem schwarzen Rock.
Die Rothaarige rieb sich den schmerzenden Hintern, den sie sich nach einer mehr als harten Landung zugezogen hatte.

Dies war der Moment, in dem ich eingriff. Wütend trat ich auf die Veranda hinaus und rief: „WAS MACHT IHR IN MEINEM GARTEN?“
Die beiden Mädchen starrten mich erstaunt an und auch der Youma, der die Gelegenheit nutzen wollte, um sich die Rothaarige zu greifen, erstarrte.
„Oh. Akira-san!“, rief die Rothaarige erschrocken. „Ich… Das heißt, wir… Ich meine, das ist ein Youma.“
„Das sehe ich!“, blaffte ich gereizt und trat in den Garten hinaus.
„Yaaaaaa! Er trägt einen Yukata!“, rief die Blonde aufgeregt. „Warum habe ich keine Kamera dabei?“
Ich ignorierte diesen Begeisterungsausbruch. „Könnt Ihr nicht woanders spielen gehen?“
„Aber wir sind die Youma Slayer, wir…“, begann die Rothaarige. Als sie aber meinen festen Blick sah, verbeugte sie sich. „Verzeihung, Akira-san.“ Die Blonde fiel ein und verbeugte sich ebenfalls und auch der Youma tat es ihnen nach. Bis er sich für dieses Benehmen reichlich dumm vorkam und mit dem weitermachte, was er gerade vorgehabt hatte.
Ich lief aus dem Stand los und stoppte die Hand, die nach Blue Slayer greifen wollte, mit dem Futteral des Katanas, welches ich mit hinaus genommen hatte. „Wenn hier einer in meinem Garten Gewalt anwendet, dann bin ich das!“, blaffte ich den Youma an.
„Oh, Akira-san, du hast mich gerettet“, sagte die Rothaarige mit schmachtendem Blick.
Ich sah sie mir genauer an. „Kennen wir uns?“
Erschrocken sah sie zu mir hoch. „Nein. Nein, ganz bestimmt nicht. Wir gehen auch nicht auf die gleiche Schule, oder so.“
Der Youma drückte gegen meinen Block, aber ich will es nicht verhehlen, ich hatte ebenfalls einiges an Kraft aufzubieten. Das Trainingsprogramm, welches ich absolvierte, um ein vollwertiger Hawk-Pilot zu bleiben tat da sicher seinen Teil.
Mit der Rechten zog ich das Katana hervor. „Du willst spielen? Von mir aus.“
„Ahh! Nicht, Akira-san!“, rief die Blonde. „Das ist ein Mensch! Er ist nur von einem Youma besessen!“
„So?“, erwiderte ich und zog das Schwert in einer schnellen Bewegung über den Leib des Besessenen. Einige Sekunden geschah nichts. Als dann aber seine Hose rutschte, erschrak der Riese und wandte sich entsetzt ab.
„Sieht tatsächlich so aus. Menschliches Schamgefühl hat er jedenfalls“, bemerkte ich amüsiert. „Also, wenn ich ihm nichts tun soll, behalten will ich ihn auch nicht. Na?“
Die Rothaarige starrte mich an. „Oh. Oh. OH! Ja, natürlich!“
Sie griff zu ihrem Szepter und vollführte wieder diese merkwürdigen Bewegungen.
„Müssen die sein?“, bemerkte ich bissig. „Die hätten dich eben fast das Leben gekostet, Blue Slayer.“
„Sag mir nicht, was sein muß und was nicht“, zischte sie während einer Pirouette.
Vom Stab ging ein Lichtschauer aus, der den Youma regelrecht zu perforieren schien. Übrig blieb der Mensch, der kraftlos zu Boden sank, sowie ein violetter Schemen, der entsetzt aufschrie und sich dann aufmachte, um in der Dunkelheit zu entkommen.

Dies war eine Sekunde, bevor ihn ein Lichtschimmer traf.
Der violette Schemen verging unter fürchterlichem Geschrei. Direkt vor meine Füße fiel ein Pfeil, an dem ein Spruchband befestigt worden war. Um genauer zu sein, ein Bannspruch.
Ich wandte mich um und sah Yoshi in der Tür zum Haus stehen. Er hielt in der Linken einen Bogen und nickte schwer. „Was ich anvisiere, treffe ich auch.“
„Mann, Yoshi, wo warst du die ganze Zeit?“, beschwerte ich mich.
Wütend blaffte er zurück: „Ich habe eben nicht so einen leichten Schlaf wie du! Und den Bannspruch musste ich auch erst noch schreiben, von Pfeil und Bogen mal ganz abgesehen! Also meckere nicht, ja?“
Die Blonde legte ihre Hände ans Gesicht. „Waaah. Yoshi-san und Akira-san wohnen zusammen unter einem Dach!“
Die Rothaarige wurde richtig rot. „Wie jetzt? Wieso? Warum?“
„Was tut das zur Sache? Und überhaupt, was seid Ihr immer noch da? Nehmt den da und verschwindet endlich“, rief ich weit barscher, als ich beabsichtigt hatte.
„Ja, natürlich“, erwiderte Blue Slayer und sah zu dem Menschen herüber, dem der Youma ausgetrieben worden war.
Von meiner Warte aus war die Angelegenheit beendet, und ich ging wieder ins Haus zurück.
„Akira-san!“
Ich wandte mich wieder um. „Was?“
Blue Slayer verbeugte sich tief aus der Hüfte. „Haben Sie vielen herzlichen Dank dafür, dass Sie mein Leben gerettet haben.“
Einigermaßen besänftigt nickte ich und schob das Katana wieder zurück. „Es war zumindest keine unnütze Anstrengung“, kommentierte ich und setzte meinen Weg fort.
Die beiden Mädchen sahen mir einen Moment nach, dann hüpften sie zum ehemals besessenen Menschen, schlüpften je unter eine Schulter und sprangen dann davon.

„Kommst du oder willst du hier bleiben?“, fragte ich leise.
Yoshi starrte erst seinen Bogen, dann mich an. „Ich kann Bannsprüche schreiben. Ich kann Bogenschießen. Ich könnte einen Kronkorken auf zweihundert Meter treffen. Wow. Wow.“
„Und ich steuere einen Hawk gegen außerirdische Mechas. Und? Dies ist eine Anime…“
„Was war denn?“, fragte Megumi verschlafen. Sie rieb sich die Augen und blinzelte uns müde an.
Ich winkte ab. „Schon gut. Die Magischen Youma-Jägerinnen haben in unserem Garten nur einen Youma vernichtet. Wir haben ihnen dabei etwas geholfen.“
„Ich habe einen Bannspruch geschrieben“, berichtete Yoshi stolz. „Und mit nur einem Pfeil die Essenz des Youmas vernichtet.“
„So? Ist er zerstört oder muß ich meinen Hawk anfordern?“, murmelte sie mehr schlafend als wach.
„Nein, nein, alles in Ordnung und der besessene Mensch scheint wohlauf zu sein“, beruhigte ich sie. „Und jetzt geh wieder schlafen, bevor du dich erkältest in diesem… Diesem…“
Ich schluckte hart. Das T-Shirt, welches Megumi zum schlafen angelegt hatte, besaß einen interessanten Nachteil. Es war nicht lang genug.
„So? Dann gehe ich wieder ins Bett.“ Sie gähnte herzhaft und streckte sich.
Dabei wurde ihr Shirt angehoben und ihr weißer Slip blitzte.
Yoshi bekam Nasenbluten. Ich spürte, wie ich rot wurde und drehte mich gerade weit genug weg, um einerseits respektvoll zu sein und andererseits den Ausblick nicht zu verpassen.
Megumi schmatzte zufrieden und drehte sich um. „Morgen trage ich dann einen roten“, murmelte sie.
„Einen roten?“, fragte ich verständnislos.
Sie wandte sich noch einmal kurz um und lächelte beinahe wach zu uns herüber. „Worauf habt Ihr beide mir denn gerade gestarrt, hm?“
Entsetzt sah ich ihr hinterher, bis sie verschwunden war. „Sie hat gelächelt. Richtig gelächelt. Nicht zynisch, nicht halbherzig, richtig gelächelt!“
Yoshi polsterte seine Nase mit abgerissenen Papiertaschentuchfetzen aus. „Dnas lniegt daran, dnas sie fnast noch geschnlafen hat. Dna snind ihre Abwehrmnaßnahmen alle unten.“
„Das kann sein“, erwiderte ich schmunzelnd. Ich ergriff das Katana fester. „Gehen wir auch wieder schlafen, Yoshi. Morgen haben wir viel zu tun.“
„Dnu mneinst dnie Schnule?“
Ich dachte kurz an meinen letzten, eigentlich ersten Einsatz in einem Hawk zurück, der mir eine Außerirdische als Mitbewohnerin beschert hatte. „Nicht nur. Wirklich, nicht nur…“

1.
Als wir uns auf dem Weg zur Schule machten, nahm mich Megumi kurz beiseite. Wir ließen uns hinter Yoshi und Lonne, die als amerikanische Austauschschülerin auftrat, zurück fallen.
„Hör mal, Akira. Deine Idee, Lonne nicht den Streitkräften auszuliefern in allen Ehren. Aber war es wirklich eine so gute Idee, Yoshi zu fragen, ob er mit einzieht?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Hm. Ich halte es immer noch für eine sehr gute Idee.“
Von ihrer nonchalanten, fast unbewegten Art war gerade nicht viel zu merken. Megumi starrte mich an als wäre ich der Youma von letzter Nacht. „Lass mich mal zusammenfassen. Du hast eine feindliche Pilotin bei dir Zuhause aufgenommen, nach der sämtliche Geheimdienste der Welt gerade fahnden. Du hast mich da mit rein gezogen, weil ich sie für dich geschmuggelt habe. Und du weißt noch überhaupt nicht, ob Lonne wirklich so harmlos ist, wie sie scheint. Vor allem nicht, nachdem sie einen Daishi-Prototyp gesteuert hat. Und in dieser Situation lädst du einen Freund ein, bei dir zu wohnen und treibst die Entdeckungsgefahr in die Höhe?“
Ich sah zu, wie sich Lonne und Yoshi unterhielten. Der Gestik des Freundes nach führte er gerade vor, wie er den Bogen abgeschossen hatte, den er in der Nacht für den Bannspruch benutzt hatte. „Beruhige dich, er wird schon nichts herausfinden.“
Megumi entspannte sich leicht.
„Ich habe es ihm längst erzählt.“
Megumi ergriff mich an meiner Jacke und zog mich auf ihre Augenhöhe herunter. „DU HAST WAS?“
„Äh… Ihm alles erzählt?“
Eine dicke Zornesader pochte auf ihrer Stirn. Nun, ich konnte ihr schlecht erzählen, dass sie nur Teil einer Animewelt war, die ich durch einen unbedachten Wunsch erschaffen hatte und das Yoshi in Wirklichkeit mein Freund und Kumpel Ralf war, der versehentlich in diese Welt hineingezogen wurde. Das hätte für sie nicht viel gezählt. „Okay“, sagte sie mühsam beherrscht. „Nenn mir einen Grund, warum du glaubst, dass er uns nicht verraten und damit richtig tief in die Scheiße reiten wird.“
Ich grinste zu ihr herab. „Einer?“ „Einer reicht, aber er muß gut sein.“
„Wie wäre es damit? Wenn er uns hätte verraten wollen, dann hätte er es längst getan, oder?“
Verblüfft ließ Megumi meinen Kragen los. „Ich behalte ihn dennoch im Auge“, brummte sie, wandte sich ab und ging weiter.
Ich verdrehte die Augen in komischer Verzweiflung. Das war gerade noch gut gegangen.

„Morgen, Otomo-Kohai“, erklang eine müde Stimme hinter mir.
Ich wandte mich um und erkannte Akane.
„Akane-Sempai, guten Morgen.“ Respektvoll blieb ich stehen und wartete, bis sie aufgeschlossen hatte.
Auch Megumi wartete auf die Stellvertretende Vorsitzende der Schülervertretung.
„Uno-Kohai“, begrüßte Akane die Mecha-Pilotin leise. „Wie ich höre, hattest du neulich großen Erfolg mit deinem Hawk.“
„Sempai. Wie man es nimmt. Man sagt, eine Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt. Doch wir gewinnen, solange wir nicht verlieren.“
„Das Credo der Guerilla“, kommentierte Akane Kurosawa und nickte. „Ein Sieg der Invasoren, und dies wird eine neue Kolonie der Kronosianer.“

Akane sah mich von der Seite an. Unwillkürlich lüftete ich meinen Mandarin-Kragen, der mir eng zu werden drohte. Ein Gefühl der Gefahr beschlich mich.
„Uno-Kohai, ich weiß, dass deine Arbeit sehr wichtig ist und ich bin bereit darauf Rücksicht zu nehmen, dass sich die Kronosianer nicht an die Schulzeiten halten.“
Megumi nickte zur Antwort.
„Aber erkläre mir bitte, warum die Schulleitung die Anweisung bekommen hat, dass Otomo-Sempai in Zukunft jederzeit auf seinen eigenen Wunsch freigestellt werden soll – auch nachträglich?“ Die beiden tauschten einen Blick aus, der mich froh machte, nicht dazwischen zu stehen. Wahrscheinlich hätte mich ein elektrischer Schlag getroffen.
„Wenn du es nicht weißt, Sempai“, erwiderte Megumi, „dann habe ich keine Berechtigung, es dir zu erzählen.“
„So, so.“ Akane wirkte nicht verärgert, aber ihre Augen sprachen eine andere Sprache. Wieder tauschten sie die wilden Blicke aus und unwillkürlich folgte ich den beiden mit einem halben Schritt Abstand.
Plötzlich ergriff Akane meinen rechten Arm und zog mich zu sich heran. „Es gibt einen offiziellen Befehl, der dir verbietet, an unserer Schule neue Mecha-Piloten zu werben, richtig, Uno-Kohai?“
Nun griff auch Megumi zu und umschloss meinen linken Arm. „Das ist richtig, Akane-Sempai.“
Wieder tauschten die beiden diese scharfen Blicke aus. Irrte ich mich, oder drohte der Himmel wirklich dunkel zuzuziehen?
„Aber so wie ich das sehe, hast du jemanden geworben.“ Ihr Griff um meinen rechten Arm wurde fester.
„Nur weil Akira die gleiche Freistellung bekommt, die ich habe, heißt es noch nicht, dass ich ihn geworben habe.“ Auch ihr Griff wurde fester. Und sie hatte die Diskussion – soweit man dies eine Diskussion nennen konnte – auf den Punkt gebracht.
Unwillkürlich musste ich an die Bibel und Salomons Urteil denken, als sich zwei Frauen um ein Baby stritten. Irgendwie hatte ich die Befürchtung, dass Salomons Weisheit an den zweien hier verschwendet gewesen wäre. Keine von ihnen hätte mich für solch ein Urteil losgelassen.
„Das heißt aber nicht, dass Akira nicht seit neuestem in einen Hawk steigt, oder?“, griff Akane an.
Megumis Mund zierte eine spöttische Miene. „Nein, das heißt es wahrlich nicht.“
Wieder tauschten die zwei wütende Blicke aus, und durch die zunehmende Dunkelheit konnte ich gut erkennen, dass zwischen den Augen der zwei tatsächlich eine Art Funkenflug stattfand, der genau vor mir wie eine Wunderkerze strahlte.
„Vielleicht sollten wir uns alle beruhigen“, warf ich ein, „und uns darauf konzentrieren, zur Schule zu kommen. Nicht, dass ausgerechnet Akane-Sempai zu spät kommt.“
Die letzte Bemerkung schien tatsächlich zu ihr durchgedrungen zu sein.
Akane Kurosawa brach den Blickkontakt und lockerte den Griff um meinen Arm etwas. „Das ist richtig, Otomo-Kohai.“ Sie entspannte sich merklich und auch Megumis Griff um meinen linken Arm ließ etwas nach.
Der Himmel klarte bereits wieder auf und der Funkenregen versiegte.

Übergangslos wurde es wieder stockfinster. Erneut tauschten die zwei diesen Blick aus. Der Funkenregen war schlimmer als zuvor. „Aber sollte ich herausfinden, dass jemand an unserer Schule trotz Verbot geworben hat, sorge ich dafür, dass die Werbungen rückgängig gemacht werden und dieser Jemand die Schule verlässt!“, sagte Akane mit fester Stimme.
Ein amüsierter Blick huschte über Megumis Gesicht. „Es steht dir frei, dies zu versuchen, Akane-Sempai.“
Hinter uns zuckte ein Blitz zu Boden, kurz darauf grollte lauter Donner. Das war es dann wohl mit dem schönen Tag.
Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Wie konnte ich aus dieser Situation wieder heraus kommen?

„Akira-san!“, klang hinter mir eine weitere Stimme auf. Erleichtert stellte ich fest, dass es keine Mädchenstimme war. Ich hatte auch keinen Arm mehr, an den sie sich hätte anhängen können, und die Beine wären doch etwas gewagt gewesen.
Eine kleine Hand klopfte sehr hart auf meinen Rücken. Ich sah nach hinten und erkannte Kei Takahara.
Der kleinere Junge grinste in die Runde und schob mich langsam aus der Mitte der beiden Frauen heraus. „Guten Morgen, allerseits. Wenn Ihr nichts dagegen habt, entführe ich euch Akira für ein paar Minuten. Geschäftliches, Geschäftliches.“
Die beiden Frauen ließen überrascht meine Arme los, und ich konnte mir mit Kei schnell einen beachtlichen Vorsprung aufbauen, der uns knapp hinter Lonne und Yoshi brachte.
„Das war knapp“, sagte ich erleichtert und klopfte nun meinerseits dem Einserschüler kräftig auf die Schulter. „Du hast mir das Leben gerettet, Kei.“
Als Antwort erntete ich einen bösen Blick. Ich hielt erschrocken an. Erneut stand mir kalter Schweiß auf der Stirn.
„A…KIIIIIRAAAAA! Bist du des Wahnsinns?“, fauchte der Computerfreak aufgebracht. „Du bist zwar einer der beliebtesten Jungen an unserer Schule und die Schüler würden dir sehr viel durchgehen lassen. Aber musst du gleich drei Frauen in Beschlag nehmen?
Akane gilt als heimliche Prinzessin der Schule, das muss ich dir ja wohl nicht erst erklären. Sie kriegt am Tag mehr Liebesbriefe als ich schreiben könnte. Sie ist so populär, dass man sicher schon in diesem Moment in der Schule weiß, dass du mit ihr zusammen zur Schule gegangen bist. Wahrscheinlich werden gerade die ersten Voodoo-Puppen mit deinem Namen mit Nadeln gespickt.
Megumis stille und abweisende Art macht sie fast genauso beliebt, einmal ganz davon abgesehen, dass sie eines der hübschesten Mädchen der Schule ist. Himmel, sogar die Jungs der oberen Jahrgänge sind hinter ihr her, aber sie hat bisher jeden abblitzen lassen.
Nicht zuletzt ihr Flair als draufgängerische Offizierin der Mecha-Streitkräfte macht sie so populär, dass sie in direkter Konkurrenz zu Akane steht.
Und du gehst mit diesem Eisblock am Arm zur Schule. Ein eindeutigeres Zeichen an ihre anderen Verehrer kannst du wohl kaum geben.
Und dann ist da noch Lilian, die neue Austauschschülerin, die bei dir Zuhause untergekommen ist. Wenn ich mal davon absehe, dass niemand vorher von einem Austausch wusste und dass Lilian an ihrem ersten Schultag von nichts eine Ahnung hatte, aber erschreckend schnell aufgeholt hat, muss ich ehrlich sagen: Bist du wahnsinnig? Lilian gilt als der aufstrebende Star der Schönheit an der Schule, ihr naives Lächeln, ihre Freundlichkeit, ihr langes, weißes Haar, all das macht die Männer – und zugegeben, auch einige Mädchen – richtig verrückt. Sie wohnt bei dir, verdammt. Damit hast du drei Mädchen. Aber nicht irgendwelche Mädchen, sondern die beliebtesten Mädchen aus zwei Jahrgängen. Und eine schläft unter deinem Dach!“ Vorwurfsvoll sah er mich an. „Hat dein Auge gezuckt, als ich gesagt habe, dass eine unter deinem Dach schläft?“
Ich hob abwehrend die Hände. „Äh…“
Blankes Entsetzen glitt über Keis Gesicht. „Wer ist es? Megumi? Oder Akane?“
„Äh…“ Der Blick Keis bekam etwas Dämonisches. Mir war, als würde der Himmel erneut zuziehen und eine unheimliche Energieaura enthüllen, die sich nach und nach um Kei aufbaute. Überschlagblitze zuckten und sprangen zu mir herüber. „Es ist Megumi“, stellte er leise mit einer unheimlichen Sicherheit fest.
„Ihr Appartement wurde zerstört, als Blue Lightning abgestürzt ist“, versuchte ich hastig zu erklären, „da habe ich ihr halt Unterkunft angeboten.“
Von einem Moment zum anderen versiegte die Aura des Freundes. Stattdessen entwickelte er eine Niedergeschlagenheit, eine neue Aura der abgrundlosen Trauer. „Zwei? Zwei schlafen bei dir? Essen mit dir? Lernen mit dir? G… G… G…“
Kei wurde knallrot bei seinem letzten Gedanken.
„Oh“, erwiderte ich und lachte laut, einen Arm hinter dem Kopf verschränkt. „So ist es ja nun nicht. Yoshi ist auch bei mir eingezogen, solange die beiden da sind.“
Kei griff sich an sein Herz. Er starrte zu mir hoch, als hätte ich es ihm gerade in zwei Hälften gehackt. Langsam wandte er sich um und schlurfte traurig davon. „So ist das also. Yoshi gibst du diese unglaubliche Chance. Aber deinen alten Freund Kei, den lässt du außen vor. Du wolltest mir nicht mal was sagen…“
Peinlich berührt folgte ich ihm. „Hör mal, Kumpel, es dürfte etwas viel werden, wenn du auch noch bei mir einziehst. Ich meine, Platz wäre ja da, aber…“
Übergangslos strahlte der Computerfreak mich an. Hatte ich etwas verhängnisvoll Falsches gesagt?
„Wirklich? Du hast noch Platz? Super! Na, dann frage ich doch meine Eltern, ob ich ein paar Wochen bei dir wohnen darf. Keine Angst, ich beteilige mich selbstverständlich an allen anfallenden Arbeiten!“ Er ergriff meine Rechte und schüttelte sie. „Danke. Danke. Du bist ein wahrer Freund.“
Ich schluckte hart. Na, DAS war ja tüchtig daneben gegangen.
Fröhlich pfeifend setzte Kei den Schulweg neben mir fort.
Okay, das hatte ich vermasselt. Aber vielleicht konnte ich noch etwas retten. „Hör mal, Kei, okay, du kannst bei mir einziehen. Aber ich bitte dich, den anderen nichts zu sagen. Freunde hin, Freunde her.“
Kei sah mich an. Ein seltsamer Glanz trat in seine Augen. Für einen Moment wirkte er… Cool. „Glaubst du wirklich, ich will noch mehr Konkurrenz bei Megumi-chan und Lilian-chan haben, Akira?“
Der kurze Moment verging und wir setzten unseren Weg fort. Junge, Junge, der Bengel hatte es aber faustdick hinter den Ohren.

2.
Die erste Unterrichtsstunde hatten wir bei Ino-Sensei, was natürlich gerade für Yoshi ein Grund war, die Augen auf Dauerglanz zu schalten.
Dass er noch vor wenigen Tagen eifersüchtig bei mir eingezogen war, weil Megumi und Lonne unter meinem Dach lebten, interessierte ihn im Moment herzlich wenig.
Als Ino-Sensei ihn aufrief, um an der Tafel etwas zu schreiben, sprang Yoshi von seinem Platz auf und brüllte: „Jawohl, Sensei!“ Es fehlte nicht viel zum Stechschritt, als er nach vorne marschierte.
Ich unterdrückte ein Auflachen bei dieser Szene. Wenn die Lehrerin etwas an seiner Begeisterung merkwürdig fand, so sagte sie es nicht.
Nun, mit der Matheaufgabe waren die beiden jedenfalls erst mal einige Zeit beschäftigt, und ich hatte Gelegenheit, mir meine eigenen Gedanken zu machen.
Mein Blick glitt über die Klasse. Ami Shirai, das kleine, braunhaarige und immer viel zu blasse Mädchen, saß nur einen Pult neben mir. Eigentlich war sie der typische Prototyp für das ewig kränkliche Mädchen, das ohne ein sie begleitendes Notfallteam besser nie das Haus verließ. Aber das war nur äußerlich. In Wirklichkeit war das Mädchen mit den braunen Zöpfen knallhart. Ich hatte sogar Gerüchte gehört, dass sie die einzige weibliche Mädchengang an der Schule kontrollierte und schon sehr erfolgreich vergleichbare Gangs anderer Schulen aufgemischt hatte.
Wie konnte in so einem zarten Ding nur soviel rohe Gewalt stecken? Wie konnte der Anblick nur so täuschen? Ich schmunzelte und dachte an Lonne, die mit glänzenden Augen drei Pults rechts von mir den Unterricht verfolgte. Auch in ihr täuschte man sich leicht, wenn man nur von dem Äußeren ausging. Sie hatte gesagt, dass sie nicht mehr zurück wollte zu jenen, die sie mit einer riesigen Bombe in den sicheren Tod hatten schicken wollen, und ich glaubte ihr.
In gewissem Sinne waren Ami und Lonne seelenverwandt. Man konnte ihnen nicht ansehen, was sie wirklich waren. Wahrscheinlich aber waren sie sowieso beide noch auf der Suche nach ihrem wahren Ich.
Mein Blick schweifte weiter und begegnete einigen Mädchen, die heimlich zu mir herüber gesehen hatten und nun mit hochroten Köpfen hinter ihren Büchern verschwanden, als in mir ein Gefühl der Gefahr entstand. Ich spürte, wie sich die Zeit verlangsamte, meine Sinne beschleunigten. Mein Kopf ruckte in die Richtung, aus der ich die Gefahr erspürte.
Ich sah ein heran fliegendes Stück Kreide mit Kollisionskurs auf meinen Kopf. Hinter den Wellen aufgewirbelter Luft, die die Kreide hinterließ, erkannte ich Ino-Senseis wütendes Gesicht.
Ich bewegte den Kopf nach hinten und sah die Kreide über mich hinweg fliegen, beinahe hätte eines der taumelnden Enden meine Nase gestreift.
Vom Schwung beschleunigt ging mein Kopf noch weiter nach hinten, bis ein zuckender Schmerz mich daran erinnerte, dass immer noch eine Lehne im Weg war.
Meine Augen folgten dem Kreidestück und erkannten ein erschrockenes, blondes Mädchen, dass auf die Kreide starrte, als wäre sie eine angriffsbereite Kobra.
Reflexartig brachte ich meinen rechten Arm ins Spiel und umschloss das Kreidestück Sekundenbruchteile, bevor es auf ihrer Stirn gelandet wäre.

Übergangslos beschleunigte die Zeit wieder auf Normalgeschwindigkeit. Ein leises Raunen ging durch die Klasse. Das Kreidestück in meiner Hand aber schlug aufgrund der Massenträgheit hart gegen meine Finger und ließ sie schmerzen. Ich spürte, wie die Kreide mehrfach brach. Feiner Staub rieselte zwischen meinen Fingern hervor.
Aus meiner unbequemen Position sah ich das blonde Mädchen an. War das nicht Hina? Hina Yamada, dieser niedliche Tollpatsch von neulich? Sie war in meiner Klasse und ich hatte nichts bemerkt? „Alles okay, Hina-chan?“, fragte ich.
Dies löste die Spannung. Ohne jeden Übergang wurde aus der erschrockenen Miene ein strahlendes Lächeln. „Natürlich, Akira-san. Hab vielen Dank.“
Ich nahm die Hand zurück und legte die Reste der Kreide auf meinen Pult, was wieder ein erschrockenes Raunen auslöte. „Keine Ursache.“

Über mir tauchte plötzlich ein wütendes Gesicht auf. Es gehörte Ino-Sensei, und bevor ich mich versah, hatte ich zwei Zeigefinger im Mund, die meine Mundwinkel schmerzhaft auseinander zogen. „Ist mein Unterricht so langweilig, dass Herr Otomo nebenbei träumen und rumflirten muß?“
Flirten? Ich? „Gargl“, antwortete ich. Sicherlich nicht das Klügste in dieser Situation, aber mehr Laute konnte ich nicht bilden, solange die Lehrerin mich malträtierte.
Auf ihrer Stirn pochte eine wütende Ader. „Wird Herr Otomo nun willig meinem Unterricht folgen?“
„Kchhhhh“, antwortete ich.
Das schien Sensei als ausreichende Antwort anzusehen. Sie brummte zufrieden und nahm die Finger aus meinem Mund. „Gut. Otomo-kun. Du bleibst trotzdem nach dem Unterricht noch da.“
Wütend wirbelte sie herum und ging wieder zu ihrem Pult.
„Tut mir leid, Akira-san“, flüsterte Hina bedrückt und drückte die Zeigefinger aneinander.
„Nicht deine Schuld, Hina“, erwiderte ich und kehrte in eine normale Sitzposition zurück.
Ein wütender Blick Inos spießte mich auf. „Hat da nicht jemand versprochen, meinem Unterricht zu folgen?“
„SENSEI!“, rief ich und richtete mich vollkommen gerade auf. Was für meinen Ruf als cooler Bandenführer nicht gerade zuträglich war…
**
Nachdem sich der Klassenraum geleert hatte – Yoshi, der Halunke, hatte mir noch einen Blick aus tiefem Bedauern zugeworfen – kam Ino-Sensei von ihrem Pult herüber, setzte sich auf den Stuhl rechts von mir – links waren die Fenster, falls ich das noch nicht erwähnt habe – und sah seufzend zu mir herüber.
„Akira-chan. Was soll ich nur mit dir machen?“ Sie nestelte an ihrem kunstvoll hochgesteckten Haar und löste es. In einer goldenen Fontäne flutete es über ihre Schultern.
Ich schluckte beeindruckt. Ino-Sensei war eine mehr als beeindruckende Schönheit.
Moment. Hatte sie mich gerade chan genannt?
Sie schlug die Beine übereinander und bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick. Verdammt, musste ihr Rock so kurz sein? Ich wusste kaum, wo ich hinsehen sollte.
„Ino-Sensei, ich…“
„Aber, aber“, erwiderte sie und verzog ihr Gesicht. „Wenn wir alleine sind, kannst du mich ruhig Sakura nennen.“
Ich spürte, wie ich rot wurde. Was wurde das hier? Eine verbotene Liebe zwischen einer Lehrerin und ihrem besten Schüler? Nun, der Gedanke hatte seine angenehmen Seiten, zugegeben. Andererseits hatte ich schon mehr als genug Ärger. Konnte ich wirklich noch mehr gebrauchen?
„S… Sakura-chan?“, bot ich mit stockender Stimme an.
Die Antwort war ein Lächeln. „Du bist der Kreide vorhin gut ausgewichen. Man erkennt hervorragend die Reflexe, die dich zum besten Hawk-Piloten der Erde machen. Beinahe hätte es die arme Hina erwischt. Das hätte mir wirklich leid getan.“
Ich spürte wie sich mir die Kehle zuschnürte. Sie wusste davon, dass ich einen Mecha flog?
„Und die anderen Sachen, die ich da über dich gehört habe, hm. Stimmt es das du mit zwei anderen Schülern zusammen wohnst?“
Nun begann mir aber doch das Herz in die Hose zu rutschen. Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber ich schnappte nur nach Luft wie ein Karpfen auf dem Trockenen.
Ino-Sensei, nein, Sakura beugte sich vor und legte eine Hand auf meine Rechte. Dabei geriet ihr wirklich hübsches Dekolleté in mein Blickfeld.
„Akira-chan, du weißt, ich habe viele Gründe, hier zu unterrichten. Und du bist kein unwichtiger Grund dafür. Doch ich muß dich bitten, unsere Freundschaft nicht auszunutzen. Bitte folge dem Unterricht besser. Du bist doch für die anderen ein Vorbild. Auch wenn du dir selbst so viele Probleme schaffst. Verstehst… Sag mal, wo siehst du eigentlich hin?“
Mein Kopf ruckte hoch und ich sah ihr ins Gesicht. „Was?“
„Oh“, machte sie verstehend.
Unwillkürlich wappnete ich mich für einen weiteren Wutausbruch.
„Hast du mein Dekolleté bemerkt? Der neue Push-Up bringt wirklich einiges, wie man sieht, nicht?“
Nun war ich vollkommen verwirrt. Irgendwie erwartete ich, dass sie nun aufstand, die Türen schloss und wir zwei kurz darauf… Nun, meine Phantasie war groß, wie man an der Erschaffung der Animewelt sehen konnte.
„Gefällt es dir nicht?“, fragte sie enttäuscht.
„Das ist nicht der Punkt“, erwiderte ich mit dünner Stimme.
Sakura lachte leise. „Verkrampf dich nicht so. Ich bin deine Cousine und kenne dich schon seit du klein bist. Du hast schon so oft mit mir gebadet, dass… Ist was, Akira-chan?“
Cousine? Mit ihr gebadet? Natürlich, auf eine verrückte Art machte das Sinn. Sogar viel Sinn. Erleichterung übermannte mich, und ich sank in meine schlampige Sitzhaltung zurück. „Nein, nein, Sakura-chan. Ich habe nur gerade sehr viel um die Ohren. Und erzähle bitte niemandem, dass wir früher zusammen gebadet haben. Ich würde nicht lange überleben“, scherzte ich.
Sakura schmunzelte und strich sich durch ihr langes goldenes Haar. „Das meinst du. Hm, ich weiß, was für einen Ruf ich bei den Jungs an der Schule habe. Einige von ihnen wären sicherlich sehr erleichtert, wenn sie wüssten, dass du mein Cousin bist, für den ich den Babysitter gespielt habe, seit er zur Schule gehen konnte.“

Ich nickte erleichtert. Ihre strahlende Schönheit schien für mich nun in einem ganz anderen Licht. Sie drohte mich nun nicht mehr zu überwältigen, nein, ich hatte Gelegenheit, diesen herrlichen Anblick, den meine Cousine bot, vollkommen zu genießen, ohne dass es in irgendeiner Form peinlich oder sogar gefährlich für mich sein würde.
„Andererseits würden sie die nächste Wand hochgehen, wenn sie wüssten, wie gut wir uns verstehen, und dass wir nicht blutsverwandt sind.“ In ihren Augen lag ein Schimmer, ein gewisser Funke, der mich überwältigte und ihre Schönheit und vor allem ihre Erreichbarkeit wie eine Tonnenlast auf mich herab stürzen ließ.
Von einem Moment zum anderen schwitzte ich wieder Blut und Wasser, und die geschlossenen Türen sowie ihre Hand auf der meinen ließen meine Gedanken erneut rotieren.
„Wo-woher weißt du das mit den beiden Mädchen überhaupt?“, fragte ich in einem verzweifelten Versuch, das Thema wenigstens leicht zu ändern.
Erstaunt sah sie mich an. „Oh? Onkel Eikichi hat es mir gesagt.“
Natürlich. Vater. Dieser alte Schuft hatte meine schlichte Anfrage, der heimatlosen Megumi und ihrer Mitbewohnerin – als die ich ihm Lonne verkauft hatte – Obdach gewähren zu dürfen natürlich breit getreten. Und weitererzählt. Und höchstwahrscheinlich auch noch aufgebauscht.
„Hat er auch erwähnt, dass noch zwei Jungen mit mir dort wohnen?“, erwiderte ich und bemerkte mit Freude, dass dieses Thema einiges von dem Druck nahm, unter dem ich stand.
„Was?“, rief Sakura aufgebracht. „Und ich dachte immer, du… Na ja. Du stehst auf Mädchen…“
Mit vor Zorn hochrotem Kopf sah ich meine Cousine an. „Was du gleich wieder denkst! Yoshi und Kei wohnen ja nur bei mir, damit genau so ein Verdacht nicht aufkommt.“
„Na, das ist aber reichlich daneben gegangen“, murmelte Sakura ernst. „Wie kriegen wir dich aus diesem Dilemma wieder raus?“
Ich fühlte, wie meine Stimmung auf einem Tiefpunkt ankam, denn ich fürchtete mich vor der Lösung, die meine Cousine für mich anbieten würde. Zweifellos würde sie…
„Ich“, begann sie und stand ruckartig auf, „werde intensiv darüber nachdenken.“
Sie beugte sich vor und drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Keine Bange, Sakura-chan findet schon eine Lösung. Halt solange deine Finger bei dir, nicht? Sowohl von Megumi-chan und Lilian-chan als auch von Yoshi-kun und Kei-kun, ja?“
Der erneute Anblick ihres Dekolletés lähmte mich für einen Moment. Als sie aber halb zur Tür war, erwiderte ich: „Das brauchst du mir gar nicht erst zu sagen, Sakura.“
„So? Hm. Darüber muß ich dann wohl auch noch nachdenken“, erwiderte sie, zwinkerte mir noch mal zu und verschwand auf den Gang.
Na toll, und wieder hatte mein Leben in der herbei gewünschten Animewelt noch etwas Tempo zugelegt.

Ace Kaiser
23.11.2004, 22:22
3.
Erschöpft lehnte ich mich an den Maschendrahtzaun. Aktivitäten waren ja schön und gut, aber bis an seine Belastungsgrenze zu gehen bedeutete leider, wirklich bis an seine Belastungsgrenze zu gehen.
Ich war so weit gegangen, wie ich verantworten konnte, und sogar noch darüber hinaus. Damit war ich fertig, ausgepowert, am Boden.
Ich hörte nicht einmal mehr die wütende, uns anfeuernde Stimme des Sensei.
Kurz sah ich auf, aber Sensei begnügte sich damit, die anderen das Baseballfeld auf und ab zu scheuchen. Für den Moment war ich verschont.
Seufzend ließ ich mich am Zaun zu Boden gleiten und versuchte, meinen Atem zu beruhigen. Immerhin war ich wirklich weiter und schneller gelaufen als jeder andere im Team.
Eine Pause hatte ich mehr als verdient.

Für einen Moment, einen wirklich wunderschönen Moment lag ich nur so auf der kalten Erde und genoss die kräftige Sonne, die nach dem Debakel am Vormittag nun stärker als zuvor schien. Doch ich ahnte, dass dieser winzige Augenblick des Glücks, ohne Mechas, Magical Girls, Pflichten als Repräsentant der Schülervertretung und Mitglied einer knallharten Jungengang nicht von langer Dauer sein würde.
Als die Sonne verdeckt wurde, wusste ich, er war vorbei.
Ich öffnete die Augen und sah zwei bemerkenswert schlanke und gut geformte Beine hinauf. Mist, wenn sie nur einen Schritt näher getreten wäre, hätte ich von meiner Position sehr gut unter ihren Rock sehen können.
„Wir müssen reden, Akira“, sagte Megumi leise.
„Könntest du näher treten? Ich höre dich so schlecht“, erwiderte ich.
„Das hättest du wohl gerne“, erwiderte sie, ging in die Hocke und sah mir direkt in die Augen. „Auf mit dir. Wir haben was zu tun.“
Seufzend ergab ich mich in mein Schicksal. Ich erhob mich. „Reden wir hier oder gehen wir außer Hörweite?“
„Wir können hier reden, wir können woanders reden, es ist mir egal.“
„Also dann hier“, entschied ich und setzte mich auf eine leere Zuschauerbank.

Komisch, war die nicht noch vor wenigen Minuten mit kreischenden Mädchen gefüllt gewesen? Und wieso drängten sich selbige Mädchen nun an der Trainerbank zusammen und starrten angstvoll zu Megumi herüber?
„Lass mich raten, du hast nicht gerade viele Freundinnen, was?“, bemerkte ich amüsiert.
„Ich bin Elite-Pilotin eines Hawk, die Fernsehsender beten meine tödliche Präzision rauf und runter, man lauert darauf, dass die Zahl meiner Abschüsse dreistellig wird und meine Ausbildung erlaubt mir, einen Arm oder ein Bein binnen einer Sekunde zu brechen. Natürlich habe ich Freundinnen. Dutzende. Es interessieren sich ja auch alle für elitäre Killermaschinen.“
Für einen Moment fühlte ich mich wirklich schlecht. Denn immerhin hatte ich sie geworben und war schuld daran, dass sie dieses Leben führte. „Tut mir Leid, Megumi-chan.“
Sie winkte ab. Ihre Miene war ausdruckslos wie meistens. „Schon gut. Ich habe mir dieses Leben selbst ausgesucht. Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass ich die meiste Zeit überhaupt zur Schule gehen darf, um wenigstens etwas von einem normalen Leben zu haben.“

Ich war unsicher und tief gerührt. Sie nahm ihr Schicksal nicht nur stoisch hin, sie tat auch ihr Bestes. Was für ein Ekel konnte sie nur für diese tödliche Arbeit anwerben und dann im Stich lassen?
Die Antwort war einfach. Ich. Selbst wenn man mal davon absah, dass dies nur eine Scheinwelt war, die ich mit einem dummen Wunsch erschaffen hatte, so war dieses Verhalten einfach… Einfach… Widerlich.
„Es tut mir leid“, sagte sie unvermittelt und sah zu Boden. „Ich weiß nur zu gut, warum du ausgeschieden bist. Ich habe dich in dieser Entscheidung immer unterstützt, auch wenn es bedeutete, auf meinen besten Freund zu verzichten. Und dann zerre ich dich nicht nur wieder zurück ins Cockpit eines Hawks, bringe dich wieder in Todesgefahr, sondern nerve dich noch mit meinen kleinlichen Problemen.“
„Megumi-chan, so darfst du nicht reden. Nicht einmal denken. Wenn ich es kann, will und werde ich für dich da sein. Apropos für dich da sein. Weshalb wolltest du mich sprechen?“
Verlegen sah die junge Frau zu Boden. „Nun, um die Wahrheit zu sagen, Akira, die Führungsspitze von OLYMP hat nach deiner Rückkehr in den aktiven Dienst einige Übungen anberaumt. Es ist nun schon viel zu lange ruhig geblieben, und wir sollten für alle Fälle gewappnet sein. OLYMP will, dass du dem Nachwuchs etwas von deiner langjährigen Erfahrung beibringst.“

Nun war es an mir, verlegen zu sein. Ich hatte wohl den Respekt gespürt, mit dem man mich auf OLYMP behandelt hatte. Er schien weit tiefer zu greifen, als ich ahnte.
Doch bevor ich mich versah, griffen meine Beißreflexe. „Ist dem alten Tattergreis nicht schon damit geholfen, dass ich wieder in einen Hawk steige? Muss er mich auch noch vorführen?“
„Otomo-sama hat damit eigentlich nichts zu tun“, erwiderte Megumi. „Es war meine Idee.“
Sie sah zu mir herüber, und ich musste kräftig an einem Kloß schlucken, der mir die Kehle zuschnürte.
„Kommst du nach dem Unterricht mit auf den OLYMP?“
Wie konnte ich bei diesen hoffnungsvollen, feucht schimmernden Augen nur nein sagen?
Ich räusperte mich und brach brutal den Blickkontakt ab. „Wenn es für unsere Soldaten ist, die jeden Tag ihr Leben riskieren…“
Für einen Moment glaubte ich, Megumi würde vor Freude einen Luftsprung machen. Zumindest, wenn ich aus ihren strahlenden Augen schloss.
Stattdessen erhob sie sich nur, strich ihren Rock glatt und verneigte sich leicht in meine Richtung. „Danke, Akira. Ich hole dich nach dem Unterricht ab.“
Ich nickte. „Abgemacht.“

Megumi verneigte sich erneut leicht und verließ den Platz.
„Ach, Megumi-chan“, rief ich ihr hinterher.
Sie wandte sich halb zu mir um. „Ja?“
Ich musste grinsen. „Ist es ein roter?“
Über ihr Gesicht huschte ein Lächeln. „Wäre ich vorhin einen Schritt näher getreten, hättest du es selbst herausfinden können, nicht?“
Ich lüftete meinen Kragen. Für meinen Hormonhaushalt war dies definitiv ein verdammt schlechter Tag.

4.
„Der Rang von Blue Lightning ist nebensächlich“, erklang die scharfe Stimme eines Befehlsgewohnten Offiziers in der Halle vor mir. Ich ordnete sie automatisch Commander Steiner zu, dem obersten Militär auf OLYMP.
„Aber dennoch sollten Sie ihm nie widersprechen und ihm aufmerksam zuhören, denn das United Earth Mecha Force Headquarter hört ihm sehr gut zu.
Seine Erfahrung ist größer als die aller Anwesenden hier. Im Hawk kann ihm kaum einer das Wasser reichen, Lady Death vielleicht ausgenommen, wenn sie noch ein paar Jahre trainiert.
Einige von Ihnen haben bereits mit ihm zusammen gearbeitet, als die Bedrohung durch die Kronosier so plötzlich über uns herein brach. Doch die meisten stießen erst später zu uns, nachdem Blue Lightning… Nun, wir reden nicht darüber. Weder intern, noch extern.“
Interessiert spitzte ich die Ohren. In der mir aufgepropften Erinnerung gab es eine große Lücke, und die betraf den Grund meines Ausstiegs aus der UEMF. Schade, um ein Haar hätte ich diese Wissenslücke schließen können.
„Jedenfalls ist Blue Lightning vorerst wieder in den aktiven Dienst zurückgekehrt. Seien Sie dankbar für jeden einzelnen Tag, für jeden einzelnen Flug, denn er wird Ihre Arbeit sehr viel leichter machen. Einige von Ihnen hatten das Glück, mit ihm den Angriff letzte Woche abzuwehren. Da war er aber noch etwas eingerostet.“

Aufgeregtes Raunen schlug mir aus der Halle entgegen. Ich begann zu schwitzen. Sicher, das Handling von Blue war mir sehr leicht gefallen. Aber ich sollte noch mehr drauf haben? Im Geiste verfluchte ich erneut die superdeformte, schwerhörige Wunscherfüllerin, die mich in diese Animewelt verbannt hatte.
Ein Stoß in meinen Rücken erinnerte mich daran, dass ich hier draußen auf dem Gang nicht alleine war. Ich sah zurück.
Megumi deutete mit ärgerlicher Miene auf die Halle. „Eintreten. Salutieren. Ein paar Worte sagen. Okay?“
„Ja, ja. Hey, ich habe Lampenfieber. Kennst du so was nicht?“ Ich seufzte schwer. „Natürlich kennst du so was nicht.“
„Nicht, wenn ich es nicht bin, die im Rampenlicht steht“, erwiderte sie schnippisch und betrat die Halle. „ACHTUNG!“

Ihre sonst so ruhige und leblose Stimme gewann nicht nur an Lautstärke, sie gewann enorm an Schärfe. Ich zuckte kräftig zusammen. Und erinnerte mich daran, was sie von mir erwartete. Also trat ich ein. Und erstarrte. Einhundertzehn Augenpaare waren auf mich gerichtet. Megumi stand am Eingang und salutierte. Die Hände der übrigen Soldaten im Raum flogen hoch.
Wieder erstarrte ich. Warum geriet immer ich in so etwas hinein?
Kurz orientierte ich mich und sah zwei Offiziere, die vor dem Block der Mecha-Piloten standen. Das mussten Steiner und sein Stellvertreter Beauchamp sein.
Ich nickte Megumi zu und nahm neben dem Commander Aufstellung. Dort erwiderte ich den Salut. „Rühren, Soldaten. Captain Uno, eintreten.“
Danach wandte ich mich dem Commander zu. „Sir, ich melde mich zum Dienst.“
Gerührt erwiderte der Mann den Salut. „Rühren, Colonel. Teufel, es ist eine große Ehre, Sie wieder dabei zu haben. Ihr Auftritt letzte Woche passierte genau im richtigen Augenblick. Und trotz Ihres Handycaps…“ Der Commander räusperte sich laut und vernehmlich. „Schon gut.“
Wieder war eine Chance vergangen, in der ich mein Wissen hätte aktualisieren können.

Der Commander deutete auf die angetretenen Soldaten. „Was Sie hier sehen, sind die Piloten der beiden Titanen-Bataillone und die Hekatoncheiren sowie die Ersatzpiloten, die noch in der Ausbildung oder im Auswahlverfahren stecken. Ich wurde von der UEMF ermächtigt, Ihnen jederzeit Überrangorder über die Mecha-Einheiten auf OLYMP zu gewähren.“
Autsch. Ich konnte regelrecht sehen, wie der eigentliche Regimentschef der Einheit sich gerade in den Arsch biss, weil er derart übergangen worden war. Ausgebootet, wann immer es ein Frischling wollte. War es nicht schon übel genug, dass ich einfach die Hekantcheiren an mich gerissen hatte? Der Konflikt mit deren Commander stand mir noch bevor. „Danke, Commander Steiner. Ich fühle mich geehrt.“
Erleichtertes Raunen ging durch die Reihen.
„DISZIPLIN!“, blaffte Beauchamp und machte seinem Ruf als eiskalter Schleifer Ehre.
Sofort verstummten die Piloten.
„Gut, Colonel Otomo. Dann fahren Sie mit Dienst nach Dienstplan fort.“
Ich salutierte vor ihm und versuchte mich an diverse Kriegsfilme zu erinnern. Was tat man jetzt? „Zum Dienst nach Dienstplan weggetreten. Kompaniechefs übernehmen…“, bot ich mit leiser Stimme an.
Daraufhin traten neun Offiziere vor, stellten sich vor ihre Teileinheiten und ließen sie abtreten.

Was mich doch erleichterte. „Für ne Sekunde dachte ich, die hören nicht auf mich“, japste ich atemlos.
„Warum sollten Sie nicht? Sie sind Blue Lightning, die Legende“, kommentierte Steiner. „Die paar Jahre, die Sie wegen… Nun, jedenfalls wissen die Männer und Frauen Ihr Können und Ihre Opferbereitschaft zu würdigen.“
„Danke, Sir.“ Danke, dass er meine Verwirrung mit seinen Andeutungen noch ein wenig konvuser gemacht hatte.
Der Commander nickte mir noch einmal zu und trat dann mit seinem Stellvertreter ab.
Ich atmete erleichtert auf.
„Sir, wir wären dann soweit“, meldete sich Megumi zu Wort.
Ich wandte mich erschrocken um. Die Briareos-Kompanie war noch immer in der Halle. „Bereit wofür?“
Megumi kam ein paar schnelle Schritte näher. „Hast du den Dienstplan nicht gelesen, den ich dir gegeben habe? Es steht eine Übung mit Briareos an.“
Misstrauisch sah ich auf. Nein, ich hatte den Zettel tatsächlich nicht gelesen. „Was für eine Übung?“
**
„Ach, so eine Übung“, murmelte ich, während mein Schutzpanzer die fünfundneunzig Kilometer in Richtung Titanen-Plattform zurücklegte. Die kugelförmige Zelle beschützte mich vor Temperaturen bis viertausend Grad, ideal für einen schnellen Eintritt in die Atmosphäre. Sie verfügte über begrenzte Ortungsgeräte und Stauraum für eine Menge Ausrüstung. Über den Monitor der Ortung erkannte ich zwölf weitere Kapseln die vor oder nach mir aus OLYMP geschossen worden waren. Wir simulierten hier einen High Orbital Jump, um Kommandosoldaten auf ein Atmosphäregebundenes Objekt zu bringen.
Was ich alles drauf hatte…
In sechs Kilometer Höhe würde die Kapsel aufgesprengt werden und mich freigeben. Ich würde zu dem Zeitpunkt in meinem ortungssicheren Thermoanzug und einen speziellen Antiortungsbeschichteten Fallschirm den letzten Kilometer bis zur Titanenplattform zurück bringen. Meine Ausrüstung würde dann in zwei Paketen gebündelt Sekunden vor mir auf der Plattform aufschlagen, was mir eine höhere Bewegungsfreiheit gewähren würde.
In der kalten und noch recht dünnen Luft in fünf Kilometern Höhe war Bewegungsfreiheit eine verdammt wichtige Sache.
Doch bis ich unten war, konnte ich nur eines: Warten.
Warum hatte ich nichts zu lesen mitgenommen? In einem Orbitallift hätte ich nur acht Minuten hinab gebraucht. Aber in dieser Spezialausrüstung dehnte sich die Zeit zu einer kleinen Ewigkeit.

Und dann überschlugen sich die Ereignisse doch wieder. Die Schale sprengte sich auf, die Ausrüstung rauschte an mir vorbei und zog mich mit sich. Ich spürte, wie zusätzlich zur Schwerkraft die Gewichte an meinen Beinen zerrten und war für einen Moment irritiert. Dennoch geriet ich nicht in Panik. In der vorgesehenen Höhe löste ich den Fallschirm aus und bemerkte erleichtert, dass die Titanenplattform unter mir gut zu sehen war. Eine große Wolke war gerade an ihr vorbei gezogen. Hätte sie die Plattform verdeckt, während ich darauf zu gerauscht wäre, hätte ich mich vollkommen auf meine Instrumente verlassen müssen. Und ich vertraute eben lieber meinen eigenen Augen.
Der Fallschirm riss mich schmerzhaft in die Höhe, während die Ausrüstung weiter nach unten wollte. Ergebnis waren zwei Zentimeter mehr Körpergröße und für dich nächsten zwei Jahre garantiert kein Bandscheibenvorfall.

Mit wippenden Knien setzte ich auf der Plattform auf. Einige aus der Briareos-Kompanie waren schon vor mir gelandet, andere folgten gerade. Eilig zählte ich durch und kam auf die erleichternde Zahl zwölf. Es waren alle angekommen.
Ich sammelte meinen Fallschirm ein und verstaute ihn provisorisch. Ein Dutzend frei herum fliegender Fallschirme, auch wenn sie Stealth-beschichtet waren, wären erstens eine ziemliche Verschwendung gewesen und zweitens ein deutlicher Hinweis auf Kommando-Soldaten.
Hinter und neben mir beendeten die Soldaten ihre eigenen Vorbereitungen. Ich nahm meine Ausrüstung auf. Ziel des Unternehmens war es, im Haupthangar mit möglichst wenig eigenen Verlusten eine Zielscheibe zu treffen.
Die Schutzeinheit der Titanenplattform war informiert und alarmiert worden, wusste aber nicht, woher wir kommen würden. Und vor allem nicht wann.
Ich winkte Megumi zu mir heran, ließ trotz der eiskalten und dünnen Luft mein Visier auffahren. Sie tat es mir gleich. Die Kälte biss in ihre Wangen und rötete sie. Nicht unbedingt ein hässlicher Anblick.
„Okay, wir machen es so. Ich nehme eine Hälfte und gehe von Süden vor. Du von Osten. Die Truppe, die zuerst entdeckt wird, macht soviel Spektakel wie irgend möglich, um so viele Wächter von der anderen Gruppe abzuziehen. Verstanden?“
„Verstanden. Funkkontakt im Falle einer Entdeckung?“
„Negativ. Mach einfach nur genügend Krach. Wir müssen ihnen nicht mit Gewalt zeigen, dass eine zweite Truppe im Gebäude ist, ja?“
„Ist gut.“ Megumi schloss ihr Visier wieder, winkte fünf Leute zu sich heran und eilte über die Plattform davon zu einer Personenschleuse am östlichen Rand der Plattform.
Ich winkte dem Rest und wir schlossen nach Norden auf.
**
Meine Hand schoss vor, umklammerte den Mund der einsamen Wache. Ich drückte die stumpfe Seite meines Kampfdolches auf die Kehle des Mannes. „Du bist tot.“
Der vollkommen überraschte Soldat keuchte jetzt erschrocken auf. Er nickte deprimiert.
Ich ließ seinen Mund wieder los und löste die Umklammerung.
Der junge Mann drehte sich zu uns um und fluchte leise, aber herzhaft. „So ein Dreck. Dabei dachte ich immer, mir kann das nicht pass… Colonel Otomo, SIR!“
Ich schlug mir mit einer Hand vor die Stirn. „Tote salutieren nicht, Soldat. Und sie schreien auch nicht. Wollen Sie gegen die Manöverregeln verstoßen?“
„Nein, Sir“, erwiderte der Private kleinlaut.
„Gut. Dann seien Sie jetzt ein guter Toter und liegen Sie tot im Gang.“
„Jawohl, Sir.“
Ich schüttelte fassungslos den Kopf und winkte meine Männer weiter.
„Ach, Sir?“, hakte der Private nach.
„Was ist denn noch? Ich habe hier eine Mission zu erfüllen und eine Plattform zu entern.“
„Kriege ich ein Autogramm von Ihnen?“
„Himmelherrgott, warum das denn?“
„Colonel, seien Sie bitte leise. Auf der Kreuzung sind weitere Wachen. Sie könnten Sie hören“, ermahnte mich Lieutenant Kazama leise.
„Später vielleicht, Soldat. Kazama, Sie haben Recht. Sniper vor. Wir müssen weiter.“
Kurz nickte ich einem schadenfroh grinsenden Schiedsrichter zu, der die Aktion beobachtet hatte. Na, wenigstens der hatte seinen Spaß.

Fünf Minuten und zweihundert Meter weiter hörten wir Schüsse ohne den von uns benutzten Schalldämpfer. Ich sah meine Leute kurz an. „Das ist das Signal. Captain Uno ist aufgeflogen. Wir teilen uns auf und versuchen einzeln durchzukommen. Vergesst nicht, Ziel ist es, die verdammte Zielscheibe zu treffen.“
Die sechs Soldaten bestätigten und verschwanden in verschiedenen Richtungen. Nun mussten wir einen großen Teil unserer Vorsicht aufgeben und sehr viel schneller agieren.

Mit einer automatischen Pistole in der Hand und einem Dolch griffbereit in der Stiefelscheide voran zu kommen war nicht jedermanns Sache. Ein Schuss, und ich flog auf. Der lange Griff zum Dolch, und ich gab meinem Gegner Zeit. Viel zu viel Zeit.
Inzwischen heulte der Alarm durch die Titanenplattform. Ich grinste schief. Dies würde das Chaos vergrößern und der Briareos-Kompanie die Chance auf den Blattschuss geben. Bei dreizehn gut ausgebildeten Männern und Frauen würde es ja wohl einer schaffen.
Dieser amüsante Gedanke lenkte mich für einen winzigen Moment ab, so dass ich, als ich um eine Ecke herum kam, beinahe mit einer Wache zusammen gestoßen wäre. So blieb mir nichts weiter, als mein Entsetzen in Energie für den Angriff umzuwandeln. Mein Gegner zeigte mir den Rücken. Also tat ich das einzig richtige und versuchte ihn zu überwältigen. Die Linke zuckte vor und schloss sich um den Mund und die Rechte…
Die Rechte wirbelte herum, verlor fast die Waffe und schlug dann noch hart und schmerzhaft gegen eine Wand, während meine Ohren von einem schrillen Entsetzensschrei klingelten und mein Körper einen unfreiwilligen Salto machte.
Bevor ich es mich versah, lag ich schon auf dem Bauch, mein linker Arm wurde hart nach oben gerissen, dabei gestreckt, an der Hand gepackt und scharf nach innen gebogen, bis heißer Schmerz durch den Arm und die Schulter fuhr.
Das hatte ich dann wohl vermasselt. Mühsam versuchte ich die Pistole ins Spiel zu bringen, aber ein präziser Tritt nagelte sie mitsamt der Rechten an die Wand.
„Okay, du hast mich“, ächzte ich unter Schmerzen und wandte den Kopf. „Ich gebe a… Hina?“

Der Soldat, der mich so mustergültig überwältigt hatte, obwohl ich ihn definitiv überrascht hatte, der gleiche Soldat, der dafür sorgte, dass ich kaum ein Glied rühren konnte, war das kleine, tollpatschige Mädchen von der Bank hinter mir?
Aus großen Augen starrte sie mich an. „Akira-kun?“ Entsetzt ließ sie mich los. „Akira-kun! Das tut mir leid. Das wollte ich nicht. Ich meine, ich…“
„Schon gut“, brummte ich und zog die schmerzenden Arme ein. „Ist ja immerhin nur eine Übung, oder?“
„Eine… Übung? Akira-kun, was machst du hier?“, fragte sie neugierig.
„Na, das gleiche wie du. Ich bin Soldat. Allerdings auf der OLYMP-Plattform.“ Mühsam drehte ich mich auf den Rücken und massierte meine demolierten Handgelenke.
In Hinas Augen stand eine Mischung aus Entsetzen und Unverstand. „Soldat, ah. Ich dachte, Megumi-san darf keine Schüler anwerben.“
„Hat sie ja auch nicht“, brummte ich und stand langsam auf. Die Pistole landete wieder im Hüftholster. „Aber das ist eine lange Geschichte. Obwohl, du hast Recht. Wie bist du dann zu diesem Verein gekommen?“
Auf der Stirn des blonden Mädchens bildete sich ein dünner Schweißfilm. Sie schluckte hart. „Ach, da fällt mir ein, ich gehöre ja gar nicht zur Übung. Ich darf ja nicht mal hier sein. Tut mir Leid, Akira-kun. Mach nur weiter. So, ich muß jetzt wieder zum Dienst. Tschüss!“

Und weg war sie. Nachdenklich rieb ich mir die Handgelenke. In einem Punkt hatte sie mehr als Recht: Von Rechts wegen durften weder sie noch ich hier an Bord sein.
Amüsiert schüttelte ich den Kopf. Auf die Geschichte war ich sehr gespannt.

Ich arbeitete mich darauf hin weiter vor. Schüsse klangen auf und wurden lauter, je näher ich dem Hangar kam. Die Briareos-Kompanie arbeitete sich also langsam vor, hatte sich aber wahrscheinlich festnageln lassen. Seufzend hebelte ich einen Lüftungsschacht auf und suchte mir aus dem Gewirr der Leitungen einen Weg in den großen Hangar.
Aus einem Lüftungsgitter heraus, zehn Meter über dem Boden hatte ich einen hervorragenden Überblick, sowohl auf die Zielscheibe als auch auf drei kleine Pulks eingekesselter Soldaten.
Mit Megumi waren es acht, die sich wirklich in ihren Deckungen hatten festnageln lassen. Damit gab es noch vier potentielle Soldaten wie ich, die noch eine Chance für den Blattschuss hatten – oder bereits ausgeschaltet worden waren.
Von meiner Position aus hatte ich jedenfalls einen sehr guten Schusswinkel auf die Zielscheibe. Diese Halunken hatten eine Barrikade vor ihr aufgebaut, damit sie aus einer normalen Höhe nicht getroffen werden konnte. Außer man stürmte die Barrikade. Und dort hinter lauerten zwölf Soldaten der Titanenstation, vier oben auf der Barriere, acht unten in Reserve. Eine Handgranate hätte da sicher ihren Spaß gehabt.
Genug analysiert. Ich trat das Gitter auf und fiel zwei Meter in die Tiefe, bevor ich auf der Schulter eines Sparrows landete. Der leichte ScoutMecha gab unter dem Aufprall kaum nach. Das war alles, was ich für einen sauberen Schuss brauchte.
Eine Sirene gellte auf und gab Entwarnung.

Langsam kletterte ich den Sparrow hinab. Megumi kam mit ihren Leuten aus den Deckungen hervor. Sie sah müde und zerschlagen aus. Ich setzte mich auf den Fuß des Sparrows und winkte müde mit der automatischen Pistole. „Hattet Ihr auch so einen Spaß?“, fragte ich leise.
Megumi winkte ab und ließ sich neben mir auf den Boden sinken. „Sauberer Schuss. Kannst froh sein, dass der Sparrow nicht mit dir den Boden geknutscht hat.“
„Och, so ein wenig Risiko gehört schon zum Leben dazu, Megumi-chan.“ Ich zwinkerte ihr zu.
Nun kamen auch die Verteidiger als der Deckung an der Scheibe und aus den anderen Deckungen und Schotts. Die übrigen vier Angehörigen von Briareos wurden entweder frei gelassen oder arbeiteten sich aus ihren Deckungen hervor.
Commander Sikorsky, Chef der Tit